Jean-Baptiste Louvet de Couvray Volksrepräsentant bei der gesetzgebenden Versammlung und dem National-Convent Leben und Abenteuer des Chevalier Faublas – Dritter Band Sechstes Buch Am nächsten Tage fühlte ich mich sehr unruhig und war entschlossen Justine um jeden Preis zu sehen. Ich sprach von meiner Schwester, die zu besuchen ich beabsichtigte. Der endlose Streit wollte eben wieder beginnen, als der Hausherr in's Hotel hereinfuhr. Herr von Lignoll kam ins Zimmer seiner Frau hereingestürzt und rief schon von weitem, als er uns erblickte: »Wünschen Sie mir Glück, meine Damen, ich bringe von Versailles das Patent zu einer Pension von zweitausend Thalern.« »Für wen?« fragte die Gräfin. »Für mich,« antwortete Herr von Lignoll mit vergnügtem Gesicht. »Mein Herr, das freut mich sehr, weil es Ihnen so großes Vergnügen macht; aber was ist denn eine Pension von sechstausend Livres für Sie?« »Ich habe keine größere erhalten können.« »Sie verstehen mich falsch,« entgegnete sie in einem frostigen Tone, der wunderbar gegen die Freude ihres Gemahls abstach. »Weit entfernt, mich darüber zu beklagen, dass die Pension zu klein sei, wundere ich mich nur, dass Sie sich darum beworben haben. Sie, mein Herr, der mehr als zwölfmalhunderttausend Livres in liegenden Gütern besitzt und dem ich beinahe das doppelte in die Ehe mitgebracht habe.« »Madame, man ist nie zu reich. Es ist wahr,« sagte der Graf sich die Hände reibend, »dass sich eine Menge von Mitbewerbern eingefunden hatte; ich war nicht der einzige Begünstigte. Auch von Apremont, dem ein einziges seiner Landgüter zwanzigtausend Thaler trägt. Dann Flainville.« »Dieser hat die reiche Erbschaft seines Vaters durch Wucher vervierfacht!« »Auch ein Herr von Saint-Prée ... doch nein! ich irre mich, dieser hat nichts erhalten.« »Wie Schade!« »Sie kennen ihn?« fragte mich die Gräfin. »Ja, Madame, ein alter Offizier voll Verdienst und Muth! Sie würden die Narben, von denen er bedeckt ist, nicht ohne Bewunderung sehen; und die Erzählung des vielfachen Unglücks, das sein Vermögen zu Grunde gerichtet hat, würde Sie sehr interessieren.« »Er ist arm?« rief sie. »Sehr arm; doch hat man wenigstens die Billigkeit gehabt, den ältesten seiner Söhne in die Kriegsschule und seine jüngste Tochter nach Saint-Cyr aufzunehmen.« »Hat er viele Kinder?« »Noch drei andere, sie leben mit ihm in einem Dorfe von Languedoc, so sagte man mir.« »Hören Sie, mein Herr, ist es nicht etwas abscheuliches, wenn Höflinge, die im Überfluss leben, dieser unglücklichen Familie ihre letzten ehrenhaften Mittel rauben?« Sie drehte sich gegen ihren Gemahl: »Schämen Sie sich nicht?« »Schämen? weshalb?« antwortete der Graf. »Wenn dieser Herr unglücklich ist, so beklage er sich; wenn er vergessen ist, so mag er sich zeigen. Was thut er in seiner Provinz, er komme nach Versailles, soll man ihn denn aufsuchen? er hat unglückliche Feldzüge mitgemacht; nun gut! sind nicht zehntausend Offiziere verwundet, wie er? ist er nicht geheilt wie sie? bei Hofe muss man Freunde, Geduld und Aufdringlichkeit haben. Wenn Herr von Saint-Prée dies Alles hat, so wird die Reihe schon an ihn kommen.« Die Gräfin versetzte mit Lebhaftigkeit: »Aber ohne Sie wäre die Reihe vielleicht an ihn gekommen.« Herr von Lignoll wollte einen hochfahrenden Ton annehmen und antwortete: »Wie kindisch Sie doch sind! Sie haben nicht die mindeste Weltkenntnis. Vorausgesetzt, ich hätte mich, um diesem Herrn Platz zu machen, gutmüthig zurückgezogen; andere minder Zartfühlende würden ihn verdrängt haben. Ohnehin, wenn man im Leben sich durch die vielen Privatrücksichten binden lassen wollte, so würde man nie an sich denken.« Frau von Lignoll erröthete, erblasste, stampfte mit dem Fuße. »Brumont, Sie hören ihn! das sind Sachen, die mich in Verzweiflung bringen! mein Herr, ich kenne, wie Sie richtig sagen, weder die Welt, noch das menschliche Herz, noch, Gott sei Dank, die Kunst der einschmeichelnden Beredsamkeit; aber ich höre auf mein Gewissen! es ruft mir zu, dass Sie heute den Minister beschwatzt, den König betrogen und den Unglücklichen bestohlen haben!« »Madame, der Ausdruck –« »Ja, mein Herr, bestohlen!« Ihr Gemahl wollte hinausgehen, sie hielt ihn zurück; und in einem Tone, der ruhig schien, fuhr sie fort: »Wenn Sie nicht binnen einiger Tage ein Mittel finden. Ihrer Pension zu Gunsten des Herrn Saint-Prée zu entsagen, so erkläre ich Ihnen, dass ich ihm selbst jedes Jahr auf indirectem Wege und in der Form des Schadenersatzes zweitausend Thaler zukommen lassen werde.« »Wie es Ihnen beliebt, Madame; Sie können dies ungeniert thun! es ist höchstens das Drittheil der jährlichen Summe, die Sie sich zu Ihren Privatausgaben vorbehalten haben.« »Schmeicheln Sie sich nicht mit solchen Hoffnungen, mein Herr! ich werde diesen Theil meines Einkommens nicht berühren. Obgleich ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig bin, so freut es mich doch. Ihnen zu wiederholen, was ich schon hundertmal gesagt habe. Ich würde kein Vergnügen haben, zwanzigtausend Franks auf eine thörichte Weise für meine Toilettenkleinigkeiten zu verschwenden, so lange es auf Ihren Gütern Unglückliche gibt, die kein Brod haben. Ich werde meine Ersparnisse nach meinem Herzen anwenden. Was die Schuld betrifft, die Sie soeben gegen Herrn Saint-Prée eingegangen haben, so werden Sie es mir überlassen, dieselbe mit unsern gemeinschaftlichen Gütern zu bezahlen; wenn Sie mir allein die Sorge überlassen, so werde ich meine Diamanten verpfänden und wenn ich diese einmal um Ihretwillen nach Mont-de-piété gegeben habe, so werden wir sehen, ob Sie dieselben nicht auslösen.« »Nein, Madame!« »Sie wagen Nein zu sagen! ich wiederhole Ihnen, dass ich es will, und dass es so geschehen wird. Herr Graf, wir wollen in Frieden leben, glauben Sie mir, treiben Sie mich nicht zum Äußersten: Ich habe Verwandte, ich habe Freunde. »Meine Scheidung würde nicht schwer halten, da ich wichtige Gründe habe, und diese Scheidung würde nicht schwer auszuwirken sein. Sie werden meine Person leicht entbehren können, das weiß ich wohl, aber der Verlust meines Vermögens könnte Ihnen bittern Kummer bereiten. Hörst Du, liebe Brumont, denn ich kann es nicht verschweigen. Du siehst hier den gefühllosesten und geizigsten Menschen von der Welt. Alle Tage muss ich mit ihm streiten, um Knickereien oder Ungerechtigkeiten zu verhindern. Seit den sechs Monaten, die wir beisammen wohnen, habe ich nie das Vergnügen gehabt, ihn einmal, nur ein einziges Mal, einem Unglücklichen etwas geben zu sehen! sein einziges Glück besteht in Schätzesammeln, sein Gold ist sein Gott! heute, da er seine Reichthümer vermehrt hat, lebt er nur der Hoffnung, sie morgen auf's neue zu vermehren; und fragen Sie mich, für wen? für Seitenverwandte; denn, dass es Arme gibt, weiß er nicht; und Kinder wird er nie haben, wenn nicht anders eine unglückliche Charade –« Seit einer Viertelstunde war die Gräfin sehr in Zorn; auf einmal fing sie an, wie eine Närrin zu lachen. Indes fuhr sie nach kurzem Nachdenken fort: »Wenn nicht anders eine unglückliche Charade die Stelle eines geliebten Kindes vertritt; übrigens hat er Ursache, sie zu lieben, seine Charaden, denn es kostet ihn nichts, sie zu machen. »Lieber Graf, am letzten Herbst wünschte ich, eine Reise nach Gatinois zu machen. Sie haben mich durch Hochzeitsbesuche aufgehalten, und ich habe erfahren, dass Sie seitdem auf meinem Gute gewesen sind und wünschen, dass ich es nicht erfahren soll. Jetzt, da ich Sie kenne, beunruhigt mich dieser geheimnisvolle Besuch wegen meiner Gutsbauern. Mein Herr, ich verlange, dass nichts in ihren Verhältnissen geändert wird; ich verlange, dass die Lehnsleute der Marquise von Armincourt nicht darüber sich zu beklagen haben, dass sie der Gräfin von Lignoll zugefallen sind. Meine gute Tante erzog mich unter diesen Leuten, sie lehrte mich sie zu lieben, zu achten und durch ihren Wohlstand reich, und durch ihr Glück glücklich zu sein. Ich erinnere mich noch mit Wonne daran, wie sie mir sagte: Eleonore, findest Du es nicht sehr angenehm, in Deinem Alter so viele Kinder zu haben, als in diesem Dorfe Bewohner sind? Ja, es sind meine Kinder, und ich will wieder unter sie treten, ich will ihnen als gütige und mütterliche Herrin entgegenkommen, ihre Arbeiten aufmuntern, ihre Feste anordnen, die Bälle eröffnen, die fleißigen Burschen belohnen und die hübschen Mädchen bekränzen.« Noch vor einem Augenblick hatte die Gräfin gelacht, jetzt sah ich ihre Augen sich mit Thränen füllen. »Mein Herr,« fuhr sie zum Grafen gewendet fort; »morgen reise ich.« »Morgen! Madame, es ist zu früh, die Jahreszeit ...« »Verzeihen Sie, mein Herr! der Frühling, der im Anzug ist, bringt uns die schönen Tage zurück, es ist herrliches Wetter. Morgen reise ich nach meinem Landgute in Gatinois ab, bleibe dort einige Tage, komme zurück, um meine Tante abzuholen, deren Geschäfte bis dorthin beendigt sind, und bringe dann einige Wochen in der Franche-Comté zu, denn auch dort habe ich Schützlinge.« »Aber. Madame –!« »Mein Herr, ich reise morgen ab, und damit Punktum! ich werde Fräulein von Brumont mitnehmen. Wenn Sie gerüstet sind, so werden Sie mitreisen. Haben Sie aber Geschäfte, genieren Sie sich nicht! ich bedarf weder zu meinen Arbeiten, noch zu meinen Vergnügungen eines Mannes, der gleich unfähig ist, zum Glücke eines Menschen beizutragen, als sein Unglück mitzufühlen.« In diesem Augenblick gab sie Befehl, dass man ihr Gepäck und ihren Reisewagen rüste. Herr von Lignoll erhob sich und entfernte sich sehr unzufrieden. Die Gräfin vergoss einige Thränen, ich sah die zärtlichste Theilnahme auf ihrem Gesichte leuchten, wo der Ausdruck des Zornes soeben erloschen war; mein Herz wurde von dem wonnigen Gefühle durchdrungen, von dem das ihrige lebhaft bewegt schien. Einige Minuten, nachdem er sich entfernt hatte, kam Herr von Lignoll ins Zimmer der Gräfin zurück. Zum Glück hatte ich die Riegel vorgeschoben. »Sie haben sich eingeschlossen?« rief er. »Ja, mein Herr,« antwortete sie. »Warum denn?« »Weil wir unsere Charaden wieder anfangen.« »Ist dies ein Grund, warum ich nicht hineinkommen kann?« »Ob es ein Grund ist! ich glaube wohl. Ich habe Ihnen bereits gesagt, mein Herr, dass ich nicht gestört sein will, wenn ich komponiere! Kommen Sie in einer Viertelstunde wieder, bis dahin ist die Lection vielleicht zu Ende.« »Eleonore, meine bezaubernde Freundin, soeben hörte ich Dich mit Entzücken Deinem Gemahl Tugenden predigen, die ich anbete. Du bist mir theuerer geworden. Du scheinst mir hübscher.« »Eben so wie Du jetzt sagst, hat auch meine Tante immer zu mir gesagt, ein Ausdruck von Güte schmücke ein Gesicht besser, als alles Geschmeide der Welt. Sie hatte also Recht, da mein Geliebter dieselbe Bemerkung macht.« »Oh, wie vergnügt bin ich!« rief sie fröhlich, »gut und mitfühlend zu sein, wenn mich dies in Deinen Augen wirklich liebenswürdiger macht! Sieh, Faublas, ich werde es mit jedem Tage mehr sein! Siehst Du, mein Freund, ich habe meine Fehler, wie jeder Mensch; ich bin lebhaft, herrisch, jähzornig; man könnte mich für boshaft halten, im Grunde gibt es keine bessere Frau, als mich; ich bin Goldes wert. Alle Tage wirst Du neue Eigenschaften an mir entdecken, das sage ich Dir. Du wirst sehen! morgen führe ich Dich auf mein Landgut; ist es Dir lieb?« »Ich bin entzückt, meine kleine Freundin.« »Warum klein? nicht so sehr, glaube ich. Ich hoffe, es wird Dir Vergnügen machen mit mir zu reisen, mein theurer Freund.« »Großes Vergnügen, ganz gewiss! Um auf die Frage zurückzukommen, die Du soeben an mich stelltest, so bin ich entzückt, mit Dir auf's Land zu gehen, aber wenn Du willst, dass ich morgen abreise, so musst Du zugeben, dass ich heute, und zwar allein, zu Adelheid gehe.« Hier fing unser Streit wieder an, der diesmal ganz zu meinem Vortheil endigte; ich hatte sogar das Glück, der Gräfin begreiflich zu machen, dass sie mir ihren Wagen nicht zu geben brauche. Man ließ einen anständigen Fiaker vorfahren, dem ich zuerst Adelheids Kloster angab, aber einige Schritte vor dem Hotel befahl ich meinen Phaëton, mich heimlich zu Justine zu führen. Dieselbe war noch im Bette, wo Herr von Valbrun mit ihr plauderte. Dennoch riefen beide sogleich: »Herein!« als man mich meldete. Ich wurde wie ein intimer Freund empfangen. Ich weiß nicht, ob der Vicomte ganz frei von Eifersucht, mich so gerne bei seiner Geliebten sah, wie er es mir versicherte; aber das weiß ich, dass Frau von Montdesier sich vergeblich anstrengte, Herrn von Valbrun nicht merken zu lassen, dass sie den Chevalier ihm vorzog. Als ich von meinen Angelegenheiten zu sprechen anfing, sagte sie mit Bedauern, dass sie mir keine Nachrichten von der Marquise mitzutheilen habe, und sie erklärte sich gern bereit, ihr zu wissen zu thun, dass ich mit Frau von Lignoll nach dem Schlosse M. reise. Der Vicomte versprach mir seinerseits, der Baronin nicht zu sagen, an welchem Orte er mich getroffen habe. Wenn ich in meiner neuen Verkleidung vor ihr erschienen wäre, so hätte dies meiner Adelheid großes Herzeleid gemacht, und von mir wäre es eine unnöthige Unvorsichtigkeit gewesen. Ich begnügte mich im Wagen ein kleines Billet zu kritzeln, das ich der Pförtnerin zustellen ließ, und worin ich Fräulein von Faublas benachrichtigte, dass ihr Bruder sich auf einige Tage auf's Land begebe. – Wir reisten am anderen Tage in aller Frühe ab, Frau von Lignoll und ich; der Graf, der durch einige Geschäfte zurückgehalten war, machte uns Hoffnungen, dass er uns vor acht Tagen nicht werde besuchen können. Ich kann die Freude nicht beschreiben, die meine junge Freundin empfand, als sie sich mit mir auf der Landstraße sah; auch mich ergötzte diese Reise, das lässt sich leicht erklären, denn wenn man mit einer jungen, reizenden Frau, die man liebt, allein in der Post fährt, so vergisst man im jugendlichen Leichtsinn Alles um sich herum und lebt eben nur dem glücklichen Augenblick. Es war ungefähr fünf Uhr, als wir in ihrem Schlosse ankamen, das mehr als zwanzig Meilen von Paris entfernt war. Wir hatten nicht zu Mittag gespeist, ich fühlte ein lebhaftes Verlangen, mich zu Tisch zu setzen, allein die Gräfin bestand darauf, dass wir zuerst die Zimmer besichtigten, welche man für ihren Besuch in Bereitschaft setzte. Sie traf die Verfügung, dass Fräulein von Brumont ihr Schlafzimmer mit ihr theile. Inzwischen hatte sich die Nachricht von unserer Ankunft in den Dörfern verbreitet, die der Gräfin gehörten, und noch an demselben Abend fand ein großer Zusammenlauf in's Schloss statt. Frau von Lignoll empfing Alle. Sie war gleich gütig und besorgt für das Wohlergehen ihrer Dorfkinder. Alle zeigten eine bescheidene Zuversichtlichkeit vor Frau von Lignoll. Alle wünschten sich Glück zur Rückkehr der Gräfin, bedauerten aber die Marquise von Armincourt nicht zu sehen, sie baten den Himmel, der Nichte die Wohlthaten zukommen zu lassen, womit die Tante sie überhäuft hatte. Um meine reizende Freundin gedrängt, überschütteten sie die Weiber mit Danksagungen und Lobeserhebungen, die Mädchen bedeckten sie mit Blumen, die Kinder stritten sich um die Ehre, ihr Kleid zu küssen. Würdig der Liebe, die sie einflößte, hatte Frau von Lignoll alle Namen behalten; sie richtete an den alten Thibaut eine freundliche Danksagung, an die gute Jakobine eine verbindliche Frage, ein schmeichelhaftes Kompliment an die junge Adele, eine süße Liebkosung an den kleinen Lukas. Sie erkundigte sich mit unruhiger Theilnahme nach dem Stand der allgemeinen Angelegenheiten; wahrlich! man hätte sie für eine Mutter halten sollen, die soeben in den Schoß ihrer glücklichen Familie zurückgekehrt ist. »Eleonore,« sagte ich zu ihr, »meine theuere Eleonore! Sie verdienen der Gegenstand der allgemeinen Freude zu sein, denn Sie scheinen sie lebhaft zu fühlen.« »Sehr lebhaft, mein Freund, das versichere ich Dir! ich bin bis zu Thränen gerührt. Nie hat mich den ganzen Winter über die interessanteste Tragödie so stark ergriffen. Sage mir doch, warum so viele wohlhabende Leute, die auf ihren Landgütern niemanden einen Dienst erweisen, in Paris in die Theater laufen, um sich durch erdichtete Leiden rühren zu lassen?« »Sie werden durchaus nicht gerührt, meine Freundin, nur der dritte Stand weint im Theater. Die sogenannten Gebildeten wissen nicht einmal, wann der Schauspieler da ist; sie gehen in die Logen, um sich zu belorgnetieren und in den Gängen zu begrüßen. Sie sehen ein, dass sie dort kein Vergnügen haben; aber sie betäuben auf einige Augenblicke die Langweile, die sie tödtet.« »Du hast Recht, ich selbst habe es einige Male zu bemerken geglaubt; auch ist mein Entschluss gefasst. »Ich werde den größten Theil des Jahres auf meinen Gütern zubringen, und das Geld zu wohlthätigen Zwecken anwenden, das mich eine Loge in jedes der drei Theater kosten würde.« »Ah! meine Freundin, wie kurz werden Dir dann die Tage sein! wenn Du immer den Unglücklichen beistehst, so wirst Du keinen Augenblick zu verlieren haben. Was die Vergnügen betrifft, wirst Du dabei doch viel gewinnen, glaube ich; interessante Scenen werden Dich aufsuchen.« »Nun gut!« rief sie, »ich bin entschlossen, ich werde auf meinen Gütern bleiben, vorausgesetzt, dass Du mich nicht verlässt, Faublas: versprich mir, dass Du mich nicht verlässt, dass Du mir treu bleibst.« »Warum sollte ich es nicht sein, meine reizende Freundin? wo konnte ich mehr Tugenden finden und dabei so viele ...« Mehr konnte ich nicht sagen. O, meine Sophie! eine Erinnerung hinderte mich zu vollenden. »Du wirst mich also immer lieben?« versetzte Frau von Lignoll ganz leise. »Immer, liebste Freundin!« »Du wirst Dich immer nur mit mir befassen?« »Nur mit Dir ... aber sehen Sie doch, Frau Gräfin, wie diese Bäuerinnen so hübsch sind.« »Und wie gesund diese guten Leute aussehen,« antwortete sie, »ich bin überzeugt, dass von hier aus viele schöne und gesunde Kinder kommen, weil die Eltern mit ihrem Lose zufrieden sind.« Während ich mit der Gräfin diese Unterhaltung führte, waren mehr als hundert Gedecke auf einen ungeheuern Tisch, der in einem beleuchteten Saal aufgestellt war, gebracht worden. Die Geiger waren soeben angekommen; eine ungeduldige, rund um uns aufgestellte Jugend erwartete das Zeichen. Frau von Lignoll nahm die Hand eines hübschen Jungen; ich that dasselbe, und der Ball begann. Die Stunde des Abendessens kam zu früh für die Tänzerinnen und ihre Liebhaber, aber zur Zufriedenheit der Mütter und Väter, die sich in solchen Fällen viel lieber zu Tische setzen, als die Kinder. Frau von Lignoll wünschte, dass ich mit ihr beim Gastmahle bliebe. Wir zogen uns zurück, als die Gäste mehrere Gesundheiten auf ihre Wirtin und die geliebte Tante ausgebracht hatten, und die Greise Loblieder auf Bachus, und die jungen Leute Hymnen auf den Liebesgott sangen. Ich kann sagen, dass ich, durch die Vergnügen der vorhergehenden Nächte etwas erschöpft, im Laufe dieser kein anderes Vergnügen hatte, als ruhig zu schlafen. Herr von Lignoll hätte an meiner Stelle weder mehr, noch weniger gethan; übrigens bin ich weit entfernt, mich dessen zu rühmen, im Gegentheil, ich mache mir Vorwürfe. Es war noch nicht Mittag; seit mehreren Stunden führte mich die Gräfin in ihrem Parke herum; ein englischer Garten lud uns ein, im Schatten eines dichten Gehölzes einige Ruhe zu genießen; ein wahrer Zephyr fächelte sanft die Blätter der Ceder und der Weide, des Ahorns und des Lerchenbaums, der Platane und der Akazie. Unter ihren in einander geschlungenen Zweigen besangen tausend Vögel den Frühling und seine Vergnügungen; ein in seinem Laufe etwas langsamer gewordenes Büchlein liebkoste mit seiner silbernen Welle die Blumen, die seine Ufer bekränzten. In einem dunkeln Gebüsche von ineinandergeflochtenen Syringen und Rosensträuchern, Geissblatt, Hagedorn, war eine geheimnisvolle Grotte, das letzte Asyl der Liebe. Voll Freude gehe ich hinein; und wie groß war mein Erstaunen, als ich am Eingang die Aufschrift lese: Charadengrotte. »Charadengrotte,« rief ich. »Ja,« sagte die Gräfin; »man braucht zu fragen,« setzte sie, aus vollem Halse lachend, hinzu, »ob der Herr Graf sich letzten Herbst hier übte?« Dann fuhr sie mit ernstem Ton hinzu: »Faublas, wagtest Du wohl, sie zu betreten, diese Grotte?« Ich hatte die Kühnheit, mit ihr in diesen Ort der Lust hineinzutreten; ein Moosbett, wie von der Hand der Venus bereitet, nahm die beiden Liebenden auf ... einige Minuten hörten wir nicht mehr die Vögel, den sanften Zephyr, die Welle ... Die glückliche Grotte hatte ihren Namen verdient; und vielleicht hätten wir sie noch weiter darin bestätigt, als die Annäherung eines Uneingeweihten uns nöthigte, unseren Zärtlichkeiten ein Ende zu machen. Es war abermals Herr von Lignoll, der uns durch sein plötzliches Dazwischenkommen überraschte. »Ah! Ah!« lachte er, »waret Ihr hier mit der Arbeit beschäftigt?« »Ja, mein Herr; haben Sie es mir denn nicht gestattet?« »Ganz gewiss!« »In diesem Falle muss Ihnen der Ort gleichgiltig sein.« »Vollkommen gleichgiltig, aber Madame. Sie haben eine sehr verlegene Miene; wäre ich zu ungeschickter Zeit gekommen?« »Zu ungeschickter Zeit – nein – nicht gerade – wir beschäftigten uns mit Ihnen.« »Wie, bei der Verfertigung einer Charade?« »Wir machen nie eine solche, ohne dass Sie dabei betheiligt wären.« »Inwiefern das?« »Das wie kann ich Ihnen nicht erklären. Kurz, geben Sie sich zufrieden! es handelt sich nur um eine Kleinigkeit, welche Sie ein wenig betreffen sollte, aber in der That nicht ein wenig, ja nicht im mindesten betrifft.« »Auf Ehre, Madame, das ist dunkel! ich begreife jetzt rein nichts mehr davon.« »So muss es auch sein, mein Herr; aber vielleicht erfahren Sie es eines Tages ... Doch genug von den Charaden! Sie sind sehr schnell gekommen, mein Herr; haben Sie Ihre Geschäfte so rasch abgemacht?« »Madame, ich habe sie nicht abgemacht. Ich gedenke übermorgen abzureisen. Ich kam, weil es mich drängte, Sie vorher zu sehen, und dann auch, um dieses Gut in Augenschein zu nehmen, das seit einer Anzahl von Jahren ziemlich schlecht verwaltet wird.« »Ziemlich schlecht? nie werden Sie es besser verwalten. Ich verlange keine Änderung.« »Indessen werden doch einige kleine Reformen vorgenommen werden müssen.« »Nicht eine! ich erkläre Ihnen zum voraus, dass ich es nicht dulde, mein Herr,« fuhr sie fort, indem sie die Grotte verließ; »Sie haben vielleicht eine Charade zu verfassen? wir lassen Sie allein.« »Aber, Madame! wenn der Ort Ihnen Vergnügen macht, so ist das Gehen an mir.« »Nein, nein, bleiben Sie!« antwortete sie lachend, »wir sparen es für ein ander Mal auf, und ich kann Ihnen den Trost geben, dass wir nichts davon verlieren werden.« Nach Tische schlug mir Frau von Lignoll vor, mit ihr zu fahren. Im ersten Dorfe traten wir bei einem Pächter der Gräfin ein; sie sagte zu ihm: »Bastian! Du bist gestern nicht zum Nachtessen zu mir gekommen; ich komme heute auf ein Vesperbrod zu Dir.« Der gute Mann schlug verwirrt die Augen nieder. Seine nicht so ängstliche Frau erwiderte: »Mein Mann meinte, dass er sich die Ehre nicht geben wolle, unsere gnädige Frau zu besuchen, weil er mit seinem Kummer ihrem Herzen nicht weh thun wollte; und er schwört darauf, dass sie nichts davon weiß.« »Eben, weil ich nichts davon weiß, muss ich es sogleich erfahren. Schnell, Bastian, erzähle mir Dein Anliegen; wir sind alte Freunde; komm, setz' Dich hierher und rede!« Der gute Pächter ließ sich noch eine Weile zureden und erklärte sich dann: »Ich habe meinen Pacht erneuert; Ihr Verwalter hat den Pacht erhöht.« »Erhöht, um wie viel?« »Um hundert Pistolen.« »Bastian, sprich die Wahrheit, was erwarbst Du jährlich bei mir?« »Zwei tausend Franken.« »Und Du hast also jetzt nicht mehr, als hundert Pistolen Einkommen?« »Nein, Madame!« »Und bist Vater von fünf Kindern, nicht wahr?« »Seit wir die gnädige Frau nicht gesehen haben, hat mich Gott mit einem sechsten gesegnet.« »Schöner Segen für einen armen Teufel, der nur tausend Franken erwerben soll!« Sie wandte sich gegen mich: »Der Vater, die Mutter, sechs Kinder! und um Alles zu ernähren, zu logiren, zu kleiden, hundert elende Pistolen! ich weiß, dass das streng genommen in diesem Lande keine Unmöglichkeit ist; aber niemals einen Freund bewirten zu können, nie ein Huhn im Topfe zu haben, sich jederzeit auch die geringste Ausgabe versagen zu müssen, und endlich nach Jahren von Arbeit und Sparsamkeit nichts vor sich gebracht zu haben, um den Söhnen eine häusliche Einrichtung, den Töchtern eine Mitgift geben zu können, nein, gute Leute, nein, das darf nicht sein! Ich bitte Sie, liebe Brumont, thun Sie mir den Gefallen, Lafleure zu sagen, dass er sogleich meinen Geschäftsführer benachrichtige, ich sei hier und erwarte ihn!« Als ich wieder zurückkam, sprach die Gräfin: »Sei ruhig. Bastian, fasse Muth und bringe mir Rahm! Fräulein Brumont und ich lieben ihn beide sehr.« Er brachte zwei Teller voll. Die Gräfin aß mit dem größten Appetite und wir wetteiferten beide beim Essen, als der Geschäftsführer ankam. Sogleich wurde das Gesicht der Gräfin wieder ernsthaft. »Ich möchte gerne wissen, mein Herr, wie Sie, ohne mich zu fragen, den Pachtschilling dieses rechtschaffenen Mannes erhöht haben?« »Madame, ich kenne die Absichten des Herrn Grafen.« »Ich verstehe. Aber Sie haben nicht daran gedacht, dass dieses Mittel, ihm den Hof zu machen, mein höchstes Missfallen erregt. Hören Sie, ich will die Sache mit Herrn von Lignoll nicht besprechen; Sie haben den Fehler gemacht und Sie müssen ihn wieder verbessern. Wenn morgen Vormittag kein neuer Pachtschein in meinen Händen ist, der Alles auf den alten Fuß setzt, so haben Sie das letzte Mal im Schlosse geschlafen.« »Madame!« »Keine Gegenrede! gehen Sie!« Mann, Frau und älteste Tochter warfen sich der Gräfin zu Füßen und benetzten ihre Hände mit Thränen. Hingerissen von dem Drang der Begeisterung, stürzte ich mich in ihre Arme, drückte sie an meinen Busen, gab ihr viele Küsse und rief aus: »Anbetungswürdiges Kind, wie wirst Du mir so theuer!« »Liebe Freunde,« sagte sie zu den Pachtleuten, »das ist zu viel, steht auf, steht doch auf! wenn die Dankbarkeit eine Schuld ist, so hat Brumont sie für Euch bezahlt. Alle Reichthümer der Erde könnten das Vergnügen, das ich empfinde, nicht aufwiegen.« Wir gingen fort, begleitet von den Segenswünschen dieser guten Leute. Noch lange in die Nacht hinein schwebte mir das Bild vor Augen, welches mir der Anblick auf die glückstrahlende Gesichter der Familie bot, und dieses verdankte ich einem Engel mit goldenem Herzen, die trotz ihrer kleinen Fehler mich an meine theuere Sophie erinnerte. Als wir aufwachten, war es heller Tag. Frau von Lignoll schlug mir eine Spazierfahrt vor. Wir sollten ihren Mann besuchen, der auf die Jagd gegangen war. Ich nahm den Vorschlag an; wir fuhren ab. Bald, vielleicht eine halbe Stunde vor dem Schloss, stiegen wir aus, weil die Gräfin einen Hügel mit mir ersteigen wollte. Schon näherten mir uns seinem Gipfel, und die Leute der Gräfin waren ziemlich weit hinter uns, als wir zu unserem Erstaunen einen Reiter in vollem Galopp daher sprengen sahen. Er hielt neben uns an und betrachtete uns neugierig. »Was will dieser Mensch?« fragte die Gräfin. »Ich habe einen Brief an Fräulein von Brumont zu übergeben.« »Her damit!« rief die Gräfin. »Ich soll ihn dem Fräulein von Brumont selbst einhändigen.« »Ich bin's.« Er entgegnete ihr: »Nein, Sie sind es nicht! der ist es,« sagte er auf mich deutend. »Wie der! Sie irren sich, mein Lieber!« »Ja, der!« Er gab mir das Briefchen und flog eben so schnell wieder davon, als er gekommen war. Ich erbrach den Brief und las. »Was gibt's denn, Faublas?« schrie sie. »Du erbleichst?« »Nichts, nichts, meine Theuere!« »Zeige mir das Billet!« »Unmöglich.« Bevor ich ihre Absicht errathen konnte, riss sie mir das verhängnisvolle Papier aus der Hand und steckte es in ihre Tasche. Wir stiegen den Hügel wieder herab und schlugen den Weg zum Schloss ein. Trotz meiner inständigen Bitten konnte ich sie nicht zur Herausgabe des Briefchens bewegen. Auf ihr Zimmer zurückgekehrt, schloss sich die Gräfin mit mir ein. Sodann eilte sie unversehens in ein Toilettenkabinet, dessen Thüre sich hinter ihr schloss, und nichts verhinderte sie den verhängnisvollen Brief zu lesen. Es war eine Aufforderung, die so lautete: »Du warst lange Fräulein Duportail, jetzt bist Du Fräulein von Brumont. Immer habe ich in Deinem Angesicht gelesen, dass Du es zur Aufgabe Deines Lebens machen würdest, Ehemänner zu täuschen und Frauen zu verführen. Es hing nur von mir ab einen zweiten in das Interesse meines Streites zu ziehen, indem ich Dein Geheimnis bekannt machte; aber Du könntest glauben, ich fürchte mich. Wenn Du nicht in Wirklichkeit ein Weib geworden bist, so begibst Du Dich in drei Tagen, vom 10. laufenden Monats März, in den Forst von Compiègne, mitten in den zweiten Querweg links. Ich werde mich dort von 5 bis 7 Uhr abends aufhalten, ohne Freund, ohne Bedienten, und keine andere Waffe mitbringen als meinen Degen. Unterzeichnet: Der Marquis von B...« Frau von Lignoll war noch keine zwei Minuten verschwunden, als sie zurückkam und sich in meine Arme stürzte. »Du musst Dich stellen, mein Freund,« rief sie mir zu, »Du musst! ich bin nicht so sehr Weib, um Dir einen Rath zu geben, der gegen Deine Ehre läuft. Wir essen jetzt zu Mittag und reisen dann, nicht wahr?« »Ja, meine Theuere!« »Am zehnten! heute ist der neunte; Du hast vierzig Stunden zu machen. Kein Augenblick ist zu verlieren. Sprich doch!« »Ja, meine Freundin.« »Gut denn, wir werden heute Nacht in Paris ankommen. Du wirst morgen Abend um fünf Uhr in Compiègne sein und ehe es Nacht wird, den Marquis umbringen, versprich mir es'« »Ja, meine Beste.« »Aber lass Dir's ja nicht einfallen, ihn zu fehlen. Tödten musst Du ihn wenigstens, denn er ist im Besitz unseres Geheimnisses. Du begreifst doch die Gefahr? Du begreifst?« »Ja, meine theuere Freundin.« »Und dennoch ist es eine sehr grausame Sache, einem das Leben zu rauben!... den Mord eines Menschen auf sich zu laden! Nein, Faublas, nein! tödte ihn nicht, verwunde ihn nur und lass Dir sein Ehrenwort geben, dass er seinen Mund hält. Hörst Du?« »Ja, meine Eleonore.« »Und dann kehrst Du sogleich zurück und versicherst mich, dass die Sache abgemacht ist. Ich erwarte Dich in Paris. Du musst aber sogleich zurückkehren.« »Ja, meine Freundin.« »Oder ich begleite Dich; das kann sehr leicht geschehen.« »Ja, meine Freundin.« »Was, es ist zum Wahnsinnigwerden, er sagt immer ja, er antwortet mir, ohne mich zu hören.« Ich hörte sie wohl, aber ich verstand sie nicht. Entsetzt über die Leiden, die mir drohten, dachte ich verzweiflungsvoll daran, dass ein Duell mich zum zweitenmal des Vaterlands berauben, meinen Freunden, der Marquise, meiner Schwester, meinem Vater – ach, meiner Sophie – und muss ich es noch sagen, dieser kleinen lieben Frau von Lignoll, die ich jeden Tag liebenswürdiger und interessanter fand, entreißen sollte! »Faublas,« fuhr sie fort, »Faublas, sage mir doch, was Dich beunruhigt; bist Du darum niedergeschlagen, dass Du mich einige Tage verlassen musst? auch ich, mein lieber Freund, bin darüber trostlos; aber diese Abwesenheit wird nicht von Dauer sein, ich sehe Dich übermorgen wieder, nicht wahr? so rede doch!« »Ja, meine Freundin.« »Sie sprechen dieses ja noch immer mit demselben Tone aus, mein Herr! Sie hören mich nicht!« »Ja, meine Freundin.« »Großer Gott! in welcher Zerrüttung er ist! Ist es möglich in solchem Grade? aber wie? wenn es wirklich geschähe! wenn es umgekehrt der Fall sein sollte, wenn Herr von B... es wäre, der ihn tödtete; doch nein, das kann nicht sein. Mein Geliebter ist der gewandteste und tapferste aller Männer, ... Faublas, Du bringst ihn um, sage ich Dir, Du musst ihn umbringen, antworte mir doch!« »Ja.« »Noch einmal dieses verwünschte, verzweifelte Ja, mein Herr!« »Enden Sie, Leonore, Sie thun mir weh!« »So sprich doch mit mir, sprich doch, sage mir, mein Freund, was Dich beunruhigt!« »Was mich beunruhigt? Du kannst noch fragen? Leonore, ein Duell!« »Er hat Recht; großer Gott! Bei der Strenge des Gesetzes, das jetzt herrscht, müsste er Frankreich verlassen, fliehen, um nicht abermals in Banden geschlagen zu werden, oder in die Bastille zu wandern, die er nur durch ein Wunder so bald verließ, was sage ich, verließ; nur den aufopferndsten Bemühungen der Marquise, die ihn ebenfalls liebt, gelang es, ihn frei zu bekommen, und jetzt sollte es die Rache des beleidigten Gemahls sein, der ihn abermals zwingen will, Frankreich zu verlassen.« »Frankreich verlassen! mein Freund, verlass es nicht, komm zu mir. Du bist besser bei mir aufgehoben, als in der Fremde. Und wenn man Dich verhaftet, noch einmal einkerkert, uns auf ewig trennte! Ach, Faublas, ich bitte Dich, lass Dich nicht verhaften; lass Dich nicht in den Kerker führen, erwarte nicht die, welche Dich ereilen wollen. Kehre schnell nach Paris zurück! fliehe zu Deiner Freundin! Und wenn sie es wagen, Dich bis in mein Haus zu verfolgen, wenn sie es wagen, lass nur mich machen, sie sollen es mit mir zu thun haben. Faublas, ich vertheidige Dich, Du mich, wir werden zu Zweien sein.« Madame Lignoll gab mir in ihrer äußersten Bewegung tausendmal einen andern, fast immer den gleichen Rath, wovon ich nicht einen benützen konnte. Man unterbricht sie endlich, indem man einen Besuch anmeldet. »Ich bin nicht da,« schreit sie. »Madame,« antwortet man ihr, »der Herr Pfarrer.« »Der Herr Pfarrer! schickt ihn nicht weg; er soll eintreten.« Sie öffnete schnell die Thüre. »Würdiger Mann, Sie kommen sehr gelegen; ich wollte Sie eben einladen lassen. Ich frage Sie nicht, was Sie mit dem Gelde angefangen haben, das meine Tante Ihnen bei ihrer letzten Reise zurückgelassen hat; ich verkenne ebenso wenig Ihre Weisheit als Ihre Rechtlichkeit. Zudem sah ich schon in den zwei Tagen meines Hierseins, ja, ich sah Behagen in allen Wohnungen und Dank auf jedem Gesichte. Mein Herz ist befriedigt. Ach! und doch will ich Ihnen nicht verhehlen, dass ich einen doppelten Kummer habe; Sie wissen, die Frau Marquise hat es niemals zugegeben, dass irgend jemand auf ihrem Gut sich von Taglohn nähren müsse. Ich erfahre, dass der arme Anton in dem Fall ist.« »Man versichert, er sei ein braver Junge, der nie das Unglück verdiente, wodurch er zu dem traurigen Lose eines Handlangers herabsank.« »Man hat Recht, Frau Gräfin.« »Wohlan denn, kaufen wir ihm einige Joch Landes, dass der redliche Mann sein eigenes kleines Feld zu bebauen habe. Ferner schmerzt mich, dass ich gestern auf einem Spaziergange bemerkte, wie in der untern Gasse die vierte Hütte rechts in Trümmer fiel; sie gehört, wenn ich nicht irre, dem Winzer Duval; der gute Greis hat vielleicht nicht die Mittel, sie wieder aufzubauen. Es ist die alte Wohnung seiner Väter, er hat zufrieden darin gelebt, ich will, dass er ruhig darin sterbe. Wir wollen einige Louisd'ors dafür ausgeben. Was die Querstraße betrifft, die zunächst in die Stadt führt, und die meine Tante theilweise hat pflastern lassen, so konnte ich sie noch nicht in Augenschein nehmen, aber ich glaube nicht, dass man schon weit damit gekommen ist.« »Nein, Madame.« »Ei, desto schlimmer! die armen Leute, welche bei jedem Wetter ihr Getreide in die Stadt führen müssen, büßen zuweilen ihre Pferde auf diesem abscheulichen Wege ein, und waten bis zum Kniee im Schmutz. Das ist ihrer Gesundheit und ihrem Beutel zugleich nachtheilig. Wären wohl zwölfhundert Franken hinreichend, diesen Weg zu vollenden?« »Ich glaube, Frau Gräfin.« »Wohlan, er soll in diesem Jahre fertig sein!« Sie nahm eine Feder, schrieb einen Augenblick, dann ging sie auf den ehrwürdigen Geistlichen zu. »Hier, Herr Pfarrer, ist ein Schein auf 4000 Franken für meinen Geschäftsführer; Sie werden zuerst die Summe davon abziehen, deren Verwendung wir soeben besprochen haben, und den Rest sodann an die Bedürftigsten verteilen. Ich brauche mich nicht zu entschuldigen, dass ich Ihnen dadurch so viele Mühe mache; ich weiß, meine Kinder sind auch die Ihrigen; glauben Sie mir, dass ich mit Freuden Ihre Sorgen dafür theilen würde; aber eine dringende Angelegenheit ruft mich nach Paris zurück.« »Sollte es ein Unglück sein?« rief der würdige Mann aus; »Sie haben Thränen in den Augen, Frau Gräfin, Ihre Farbe hat gewechselt. O, mein Gott, sei gerecht, sende dieser edelmüthigen Frau nur Glück! der Niedergang ihres Wohlstandes würde hundert Familien in Noth zurückwerfen. O, mein Gott! für wen wolltest Du die Reichthümer aufbewahren, wenn Du sie denjenigen entzögest, die den besten Gebrauch davon machen, und wer auf der Erde dürfte Glück fordern, wenn es für so viele Tugenden nicht gewährt würde?« Einige Stunden nach dem Abgange des guten Priesters kam Herr von Lignoll von der Jagd zurück; er begann eine lange Geschichte zu erzählen von allen schönen Schüssen, die er gethan hatte, als ihm Madame ankündigte, dass wir sogleich speisen und abreisen würden. Der Graf nahm diese Nachricht mit Erstaunen, aber zugleich mit Vergnügen auf; er sagte uns, dass, obwohl er sich vorgenommen hätte, erst am folgenden Tage nach Paris zurückzukehren, er dennoch seine Abreise um einen Tag beschleunige des Vergnügens wegen, unser Begleiter zu sein. Die Gräfin, welche lieber mit mir allein gereist wäre, machte einige Versuche, ihren Mann zu geringerer Höflichkeit zu bewegen. Unglücklicherweise hatte er bereits berechnet, dass diese gemeinschaftliche Rückfahrt einige Reisekosten ersparen würde, und Madame war offenbar nicht der Meinung, dass es hier am Platze sei, ein Machtwort zu sprechen. Und allerdings war sie sehr bald durch eine bessere Veranlassung genöthigt, ein »ich will es« sagen zu müssen. Wir standen eben vom Tische auf, als der Geschäftsführer zu seiner Gebieterin kam, um den Grafen zur Unterzeichnung des neuen Pachtbriefes von Bastian zu ersuchen. Herr von Lignoll weigerte sich anfänglich; Madame gerieth sogleich in Zorn. Die Erörterung war lebhaft und Herr von Lignoll unterzeichnete mit einem tiefen Seufzer. Endlich waren wir reisefertig; das ganze träumerische Wesen von Frau von Lignoll bewies mir hinlänglich, dass sie an die Leiden dachte, die unserer Liebe drohten, und dennoch glaubte ich, dass ich noch unruhiger, noch trauriger war, als sie. Dieser durch gerechte Gesetze verbotene, durch tyrannische Ehre befohlene Kampf, dieses unheilvolle Duell, zu dem ich mich begab, quälte mich entsetzlich. Irgend eine süße und grausame Ahnung sagte mir dabei, dass ich mich dem interessantesten Augenblicke meines Lebens nähere, dass einige Minuten mich in die peinlichste Lage versetzen würden, worin sich ein allzu gefühlvoller Mann jemals befunden hat, der von den Ereignissen und seinen Leidenschaften zugleich bekämpft wurde. Wir hatten zwei Stunden Wegs zurückgelegt. In der Ferne entdeckte ich die Stadt Montcourt und nahe bei uns das Kloster Fromonville. Frau von Lignoll fühlte sich unwohl, die Art dieses Unwohlseins machte mich vor Unruhe und Vergnügen zittern. Es war ein starkes Herzklopfen. Welche Freude und welcher Schmerz für mich! meine Leonore war Mutter! sie war es ganz gewiss! aber ich sollte sie verlassen! ich sollte mich schlagen! und in drei Tagen vielleicht sah ich mich genöthigt, Alles auf einmal zu verlassen! Alles! Geliebte, Kind, Vaterland! und meinen Vater! und meine Sophie! ... Sophie, die ich nicht mehr allein, aber immer anbetete! So wogte mein Geist in tausend verschiedenen Gedanken umher, so empfand meine Seele tausend verschiedene und entgegengesetzte Gefühle. Und das war ein schwaches Vorspiel der schrecklichen Gemüthsbewegungen, die meine Geliebte mit mir theilen sollte. Ihr Gemahl rieth ihr zuerst und ich selbst drang in sie, einen Augenblick ihre Berline zu verlassen und sich ein wenig durch eine Bewegung zu erholen. Sie kannte die Gegend und erklärte uns, dass sie sich wirklich stark genug fühle und der Wunsch hege, die Brücke von Montcourt gehend zu erreichen, wo sie ihrem Kutscher uns zu erwarten befahl. Sie wollte nicht zugeben, dass ihre Frauen, die in einer Kalesche saßen, ausstiegen und sie begleiten. Wir verließen die große Straße und gingen durch das Dorf Fromonville hinab bis zur Klause dieses Namens. Die Gräfin hatte den Arm des Herrn von Lignoll abgelehnt und stützte sich auf den meinigen. Wir gingen langsam über den grünen Rasen, der hier den Rand des Kanals bedeckt. Immer noch leidend, neigte Leonore das Haupt auf meine Schulter herab, und hin und wieder entfuhr ihr ein zärtlicher Seufzer, eine sanfte Klage. Ihr schmachtender, aber befriedigter Blick schien, indem er mir anzeigte, dass sie die Ursache ihres Übelbefindens kenne und liebe, nicht mein Mittleid, sondern meine Liebe zu fordern. Und, ich gestehe es, minder erschreckt durch die Gefahren ihres Zustandes, als hingerissen von dem Glück Vater zu sein, betrachtete ich mit mehr Vergnügen als Furcht die Veränderung in diesem lieblichen Antlitz, das durch seine interessante Blässe nur noch lieblicher geworden war. Beide mit uns selbst hinlänglich beschäftigt, konnten wir nicht die anmuthige Landschaft sehen, die Herr von Lignoll bewunderte. Plötzlich trifft ein Schmerzensruf, ein einziger Schrei aus einem bürgerlichen Hause, das ich sogar nicht bemerkt hatte, mein Ohr und dringt bis in mein Herz. Götter! welche Stimme! Ich stürze fort, bemerke durch Gitter, die mich zurückhalten, an dem andern Ende eines großen Gartens unter einer dichten Allee eine junge, dem Augenschein nach ohnmächtige Person, die von zwei Frauen in ein ziemlich entferntes Gartenhaus, dessen Thore sogleich hinter ihnen zufallen, weggetragen wird. Die Züge der Unglücklichen hatte ich nicht wahrnehmen können, aber ich sah ihre langen braunen Locken, die bis zum Boden herabwallen! ich sah jenen bezaubernden Wuchs, der nur ihr angehören kann! und diesen Schmerzensruf ganz besonders, ihn glaubte ich wieder zu erkennen. Ja, zum zweiten Male glaubte ich jenen verzweifelten Seufzer zu hören, jenen unwillkürlich hervorbrechenden Klageton, als im Kloster der Vorstadt Saint-Germain barbarische Menschen mich hinderten, sie in meine Arme zu schließen. An das wohlverschlossene Gitterthor, das ich gewaltsam zu öffnen suchte, mich klammernd schrie ich: »Sie ist krank!« und hörte kaum Frau von Lignoll, die mich zu berücksichtigen bittet, dass auch sie krank sei. Eine vorübergehende Bäuerin, die meine Unruhe bemerkte, sagte zu mir: »Das macht, weil sie krank ist.« »Wer?« »Eine junge Frau oder Fräulein.« »Wie heißt sie?« »Möcht's gern sagen, aber weiß es selber nicht.« »Diese Frauen, wer sind denn die?« »Ja, so, merke schon! denken's Jungfer, diese Frauenzimmer, sie schwatzen nicht, wie wir andern Leute.« »Wie?« »Wie? zum Kukuk, weiß nicht wie, und unser Pfarrer, der alles Lateinisch kann, trotz seines Meßbuches kann doch davon nicht mehr abnehmen, als meine Tasche da, dass ist Euch ein Kauderwälsch, wo der Teufel kein Wort verstehen thäte.« »Sind Männer in dem Hause?« »Zeitweise, mitunter sieht man einen, der aussieht, als wäre er der Vater zu Allen.« »Ist er alt?« »Nicht alt, mit Verlaub! aber ein gesetzter Mann.« »Spricht er französisch?« »Der? o, weit gefehlt! er thut den Mund nicht auf; das ist, mit Respekt zu melden, ein Bär, Jungfer! wenn ich ihm nahe komme, schaut er drein, als ob er mich fressen wollte. Und dann hat er auch noch einen Bedienten, der auch kein heuriges Häsle mehr ist, und kauderwälscht wie die Andern.« »Wie lange wohnen diese Leute hier?« »Ei, es sind drei oder vier –« Frau von Lignoll, außer sich, ließ sie nicht ausreden. »Schweig, Schwätzerin! gehe Deines Wegs; und Sie, Mademoiselle, gedenken Sie hier zu bleiben, bis es Nacht wird? bis dass wir uns verloren haben?« Der Graf, der glücklicherweise den wahren Sinn dieser zweideutigen Worte: bis dass wir uns verloren haben , nicht verstand, suchte sie vergeblich zu beruhigen und ihr klar zu machen, dass wir uns unmöglich, selbst bei Nacht, auf einer Landstraße verlieren könnten. Alles umsonst; sie wird unruhig, weint, schreit. »Mein Freund, verstehen Sie mich denn nicht?... Grausamer! können Sie mich so verlassen? sollte ich genöthigt sein, in meinem gegenwärtigen Zustande das Mitleid der Vorübergehenden anzuflehen?« Ich blickte Frau von Lignoll an und seufzte. Es war nicht mehr jenes interessante Gesicht, worin das lebhafte Vergnügen den schwachen Schmerz überwog; jeder ihrer Züge schien zerstört. Glühender Zorn blitzte in ihren Augen; blasser Schrecken entfärbte ihre Stirne; ihre wankenden Kniee trugen sie nur mühsam; sie zitterte an allen Gliedern. Was sie mir soeben gesagt hatte, und der Zustand, worin ich sie sah, riefen mich endlich wieder zur Besinnung zurück. Plötzlich bestürzt mich der Gedanke an die Menge der Gefahren, die uns an diesem gefährlichen Ort, wo ich verstockter Weise beharrte, umringen. Hat mich mein Ohr nicht getäuscht, betrügt mich die Bewegung meines Herzens nicht, so ist es meine Sophie, die ich soeben gehört, die ich gesehen; gewiss hat sie diesen Verzweiflungsruf ausgestoßen, als sie unter der betrügerischen Verkleidung ihren treulosen Gemahl erkannte. Da meine Gemahlin in diesem Hause ist, so wohnt Duportail bei ihr; der verkleidete Liebhaber der Frau von Lignoll wird auf den ersten Anblick von demjenigen wieder erkannt werden, der so oft die Metamorphosen des Geliebten der Frau von B... gesehen hat, und mein unbeugsamer Schwiegervater wird, sobald er mich bemerkt, gleich morgen sein Versteck verändern, und mir meine angebetete, obwohl verrathene Gattin entführen. Herr von Lignoll endlich, der mich bereits gefragt hat, welches Interesse ich an diesen Frauenzimmern nehme, der davon spricht, über die Verhältnisse dieser Fremden Nachrichten einzuziehen, und gesonnen ist in das Haus einzutreten, Herr von Lignoll kann beim ersten Wort einer eben so leichten als verderblichen Erörterung das doppelte Geheimnis meines Geschlechtes und meines Namens entdecken. Alle diese schrecklichen Betrachtungen erfüllten mich auf einmal mit Grausen; und bei meinem plötzlichen Entsetzen mache ich, um mich von dem Gitter zu entfernen, eine rasche Bewegung, und mich zu der Gräfin wendend, welche noch ganz zitternd dastand, erfasse ich ihren rechten Arm, ebenso die linke Hand ihres besorgten Gemahls, und ohne erst zu fragen, ob dieser mir folgen will, oder ob Leonore die Kraft dazu hat, reiße ich beide eiligst über zweihundert Schritte von dem gefährlichen Hause mit fort. Hier halte ich an, ungewiss wende ich mich, und mein trauriger Blick verweilt auf dem Orte, dem ich fliehe; denn alle Umstände zwingen mich zu dieser Flucht, die um so nothwendiger erscheint, als die junge Gräfin durch die Entdeckung unseres Geheimnisses der größten Gefahr, ich aber der tiefsten Schmach ausgesetzt wäre. In welchem Lichte müsste ich vor den Augen ihres Gemahls erscheinen, wie eine passende Erklärung für mein Benehmen finden? konnte ich wohl mein Geschlecht und meinen Namen leugnen? war ich nicht auf dem Weg, einem beleidigten Ehemann Genugthuung zu geben? und wer kann überhaupt den Ausgang eines Duells voraus bestimmen, hängt nicht unser Leben an einer einzigen unberechneten, ja zufälligen Bewegung ab? Alle diese Gedanken stürmten zugleich auf mich ein und ließen mich keinen festen Entschluss fassen. Ein naher Pappelwald verbirgt mir zu meinem Glücke die Mauern, wo ich in Verzweiflung zurückgelassen, was mir das liebste auf der Welt ist! mein Herz erstarrt; ich brauche meine Thränen nicht mehr zu verbergen, denn ich habe keine mehr zu vergießen. Indes drängt mich die Gräfin, welche behauptet, dass ihr ein rascher Gang wohlthuend sei, sie bei der Fortsetzung ihres Ganges zu unterstützen. Zu gleicher Zeit soll ich meine junge Freundin führen, die jeden Augenblick umzusinken im Begriff ist, meine äußerste Verwirrung verbergen, und auf genügende Weise dem Herrn von Lignoll antworten, der sich bemüht uns nachzukommen und mich beharrlich ausfragt. Wir kommen in Montcourt an. Die im höchsten Grade ermüdete Gräfin wirft sich in ihren Wagen und öffnet den Mund nur, um dem Kutscher die höchste Eile bis Fontainebleau anzubefehlen, wo wir Postpferde nehmen wollten. Auch Herr von Lignoll, der seine Kräfte erschöpft zu haben scheint, denn er ist außer Athem und keuchend, verhält sich in der Wagenecke gedrückt ganz still, um die Ruhe desto besser zu genießen. Endlich kann ich ungehindert meinen düstern und kummervollen Gedanken mich hingeben. Wohin führt mich dieser eilende Wagen? Warum kann ich mich nicht gewaltsam emporraffen aus meiner grausamen Lage? Was habe ich abermals gethan, um den Schmerz meines Vaters und meiner theueren Freundin Frau von B..., die mir so tiefgehende Ermahnungen machte, zu erneuern. Und meine angebetete Sophie, die seit länger als vier Monaten von mir getrennt lebte. O, gewiss! sie rief mich täglich unter Thränen herbei; aber die Qualen der Trennung konnten ihr doch durch die tröstende Vorstellung versüßt werden, dass ein treuer Gatte mit ihr seufzt. Jetzt sieht sich die Unglückliche gezwungen, zu sagen, dass der Undankbare sie verlässt und flieht. Ja, flieht! in Begleitung einer andern Frau, die ihn ebenso zu lieben scheint, denn das hat sie an der ganzen Hingebung erkennen müssen, mit welcher dieselbe sich an ihren treulosen Gatten schmiegte. Und er – auch er schien Alles um sich vergessen zu haben, so innig und selig blickte er auf sie herab. Wodurch hat dieses edle Alles aufopfernde Wesen diese grenzenlose Zurücksetzung verdient? ohne Zweifel, liebte sie diesen Morgen noch den Urheber ihrer Leiden; diesen Abend aber sah sie sich verrathen, sie musste ihn hassen, den sie leider ihren Gatten nennt, denn seiner unwürdig sieht sie ihn abermals mit Weiberkleidern angethan in Begleitung einer jungen von ihm verführten Frau; und was soll dieser Mann bedeuten, der ihnen folgte, sollte Faublas leichtsinnig genug sein, um abermals einen Ehemann zu betrügen? Was würde ihr Vater dazu sagen, wenn er es wüsste? So jagen sich meine Gedanken pfeilschnell an meiner gequälten Seele vorüber! O, Sophie, Sophie! wenn Du in meinem Herzen läsest, dann könntest Du mich nur bedauern, mir verzeihen und mich fort lieben. Wohl ist Deine Rivalin um mich; aber die Liebe, welche ich Dir versprochen, und die, wie sie nun sieht, ich wirklich für Dich, meine unglückliche, meine vergötterte Sophie habe. Diese Liebe verursacht ihr unsägliche Schmerzen. Sie ist um mich; aber in welchem Zustand, große Götter! eben vergoss sie einen Thränenstrom, eben that sie sich, um nicht in Vorwürfen auszubrechen, entsetzliche Gewalt an, dass sie ja kein einziges Wort der Klage an mich richte ... Ihre Augenlider haben sich gesenkt, eine schmerzliche Ermattung drückt sie nieder, die Starrheit des Todes hat sie betroffen! meine theuere Leonore, wie beweine, wie liebe ich Dich! Was sage ich da? o, meine Sophie, tröste Dich! wenn der Augenblick gekommen ist, dann sollst Du sehen, ob ich zwischen meiner Gattin und meiner Geliebten noch wähle! Meine Gattin, kannst Du mir meinen Leichtsinn, meine Schwäche verzeihen? Du weißt ja, dass Faublas kühn und muthig seinem Feinde entgegenzutreten stets bereit ist, aber mein jugendliches Feuer hat mich zu mancher Thorheit hingerissen, welche ich stets bereut habe; aber leider zu schnell vergaß ich alle Vorsätze, die mir meine Pflicht und Treue vorschrieben, und die ich ernstlich zu fassen glaubte. Leonore, Du dürftest mir kein Verbrechen daraus machen, dass ich Dich für meine Sophie verlasse; sie ist nicht minder anmuthig als Du. Sie besitzt Deine Tugenden, sie hat meine Schwüre. Der Priester hat unsere Hände zusammengefügt, sie ist vor Gott mein angetrautes Weib; hätte ihr grausamer Vater uns nicht getrennt, dann, theuere Leonore, würde ich nie Gelegenheit gehabt, Dich so ganz mein eigen zu nennen; doch fürchte nicht, dass Dein grausamer Geliebter Dich plötzlich verlassen könne. Wäre es möglich, dass Dein Geliebter entartet genug wäre, um zu vergessen, dass er Dich zur Mutter gemacht hat? nein, meine Freundin! nein! bisweilen werde ich insgeheim kommen, um mit Dir Dein Missgeschick zu beweinen. Zwar werden wir keinen Tag mehr unter demselben Dache zubringen, aber die seligen Stunden, die ich Deiner zarten Liebe und Hingebung zu danken habe, bleiben unauslöschlich in meinem Herzen eingeschrieben. Wer wird Erbarmen mit meiner Lage haben? wer wird meinen ewigen Zweifeln und Bedenklichkeiten ein Ziel setzen? o, wer wird es verhindern, dass meine unglückliche Empfindsamkeit die beiden beinahe gleich verehrten Gegenstände meiner Liebe für immer elend macht? aber wohin verirre ich mich wieder? Unseliger, nicht um eine Theilung zwischen ihnen handelt es sich; ich muss sie beide verderben. Ich habe nur nach Paris zu reisen; niemals vielleicht werde ich Fromonville wieder sehen. Mich ruft die Ehre nach Compiègne, wohin ich zu suchen eile ... nicht den Tod ... furchtlos werde ich den Grafen und den Marquis wegen der gleichen Beleidigungen gegen mich vereint sehen. Nicht den Tod fürchte ich, sondern die Verbannung, die jetzt für mich schrecklicher ist als dieser. Schreckliche Macht der öffentlichen Meinung! um einen mit Recht aufgereizten Gegner zu opfern, verlasse ich zwei geliebte Frauen zugleich; die unbeugsame Ehre ist es, die mich zu diesem verhassten Opfer verurtheilt! Die Gewissheit der schrecklichsten Todesqualen hätte mich nicht dazu bestimmen können, ein barbarisches Vorurtheil zwingt mich! »Fräulein,« rief mit einem Mal Herr von Lignolle, »werden Sie wohl diese da errathen?« Ich erwiderte leise: »Möge das ganze Geschlecht der Charaden zur Hölle fahren!« und laut: »Sie wählen Ihre Zeit schlecht, mein Herr, ich bin jetzt eben erschrecklich dumm und verschlagen.« »Da sieht man die Weiber,« erwiderte der Graf. »Daran erkenne ich sie! sie sind feig wie die Hasen, bei dem kleinsten Unwohlsein glauben sie schon den Tod zu sehen. Ich bin Ihnen sehr verbunden für das Mitgefühl und die große Besorgnis, welche Sie in Betreff der Gräfin an den Tag legen; aber dadurch gleich den Verstand zu verlieren, entschuldigen Sie, ich will Sie durchaus nicht beleidigen, dies scheint mir denn doch ein bischen übertrieben. Die Gräfin ist mehr durch die Furcht vor ihrem Übel, als durch das Übel selbst geplagt; denn es ist nicht etwa eine Krankheit, die sie hat, es ist im Grund nur ein Übelbefinden, wie es einem oft auf dem Lande im Frühling, und überhaupt bei ungewöhnlicher Anstrengung zustößt; und auch Sie, Fräulein, machen ein Wesen mit ihr. Sie tragen sie ja förmlich und bedenken nicht dabei, dass Sie sich selbst weh thun können, und was bleibt am Ende mir übrig, als für sie beide zu sorgen, und das ist doch etwas zu viel von mir verlangt; ich sage nichts, wenn die Nothwendigkeit es gebietet, aber es selbst herbeizuführen, das hieße doch etwas zu wenig Rücksicht für meine Person an den Tag zu legen. Ich weiß ja, dass die Gräfin auf Sie, mein Fräulein, so viel hält, sie ist in Sie so verliebt, dass sie ganz zu vergessen scheint, die Gemahlin eines andern zu sein. »Es hat Alles seine Grenzen, was wird die Welt dazu sagen, wenn die Gräfin von Lignoll ganz in der Liebe zu ihrer Gesellschafts-Dame aufgeht. Doch ich sehe schon, dass meine Rede sie Beide zu sehr aufregt, und das war durchaus nicht meine Absicht. »Es scheint mir, dass es bei der Gräfin vielleicht nur ein Übermaß von Gesundheit, ein Niederschlag von Säften, von vortrefflichen wohlthätigen Säften, von gutem Humor, wie die Ärzte sagen ... kurz, das wird klar. »Sie sehen nun wohl, dass der Zustand meiner Frau nicht beunruhigend ist. Indessen ist sie höchst betrübt; warum? weil ihre Seele angegriffen ist; und ihre Seele ist angegriffen, weil die Weiber einmal so sind. Weiber, ich sage so, denn auch Sie, Fräulein, gehören dazu, ich glaube wenigstens, und weil Sie die Gräfin nach meiner Überzeugung lieben! so kümmern Sie sich ob ihrem Kummer und werden fast toll darüber, wie Sie selbst sagen. Ich lese wieder in Ihrem reizendem Gesicht, dass Sie mit meiner Aussage nicht übereinstimmen. »Ich kann mir wohl denken, dass meine Sache nicht so ganz buchstäblich zu nehmen ist. Immerhin aber ist es wahr, dass Sie meine Charade nicht enträthseln können, weil auch Ihr Gemüth angegriffen ist, und so hängen die größten geistigen Operationen von den kleinsten Affekten der Seele ab.« »Möglich, mein Herr! aber ich bitte Sie, mich meinen Träumereien zu überlassen.« Mehr als einmal musste ich ihm die nämliche Bitte wiederholen, ehe wir nach Paris kamen. Kaum hatte die Gräfin ihrem Manne gestattet, einen Augenblick in ihr Zimmer einzutreten, als sie sofort auch ihre Kammerfrau wegschickte, und allein mit mir geblieben in meine Arme fiel. »Faublas, täuschen Sie mich nicht! ist nicht sie es, die Sie wiedergefunden haben?« »Ja, meine Freundin, sie ist es!« »Wie unglücklich bin ich! ... antworten Sie mir; wäre es möglich, dass Sie die Absicht hätten, mich zu verlassen?« »Dich zu verlassen, Leonore! ich möchte wissen, wie es möglich wäre, dass wenn man von Dir geliebt wird, man auch nur im Entferntesten die Absicht haben könnte, Dich zu verlassen.« »Und doch, mein Geliebter, fühle ich, dass Deine ganze Seele nur nach dieser Andern hindrängt! Ach, Faublas! warum musste ich Dich erkennen, um zu gleicher Zeit so glücklich, und auch so namenlos unglücklich zu sein!« »Geliebte Leonore, wer könnte leben, ohne Dich anzubeten, ohne von dem Verlangen, Dich wiederzusehen, verzehrt zu sein?« »Eben das sage ich mir auch, wenn ich an Dich denke, und ich denke unaufhörlich an Dich, mein theuerer Freund; bist Du entschlossen, von Compiègne hieher zurückzukehren, ohne Dich aufzuhalten, ohne sonst wohin zu gehen?« »Ohne sonst wohin zu gehen! und meine Gattin?« »Nun, Ihre Gattin?« »Meine Sophie, die ich schon so lange nicht umarmt habe; seit jener Zeit, wo man sie gewaltsam von mir getrennt, habe ich ihre geliebte Stimme nur in jenem verzweiflungsvollen Schrei vernommen, der so tief in meine Seele drang, dass ich mich wohl als den Zerstörer ihres Glücks, ja ihres Lebens ansehen kann.« »Er will sie aufsuchen; wie glücklich ist sie, seine Gattin zu sein, gesetzliche Ansprüche zu haben, weil sie in einer Kirche »Ja« gesagt hat, denn dies ist der ganze Unterschied. Wie sie hast Du mich auch betrogen, hast Du mich verführt. Ich grolle Dir nicht, ich bin zufrieden, ich bete Dich an wie sie; ich sehe in Dir mein ganzes Glück, meinen Himmel, ich glaube ohne Dich nicht mehr leben zu können, ich klammere mich mit allen Fasern meines Herzens an Dich an. Du gehörst mir, und dieses beklemmende Gefühl, glaubst Du, es bedeutet nichts? es ist ein Kind!... Ich beklage mich nicht darüber, ich sage nicht, dass es mich ärgert, im Gegentheil, mein Zustand wird mich kompromittieren, bloßstellen, zu Grunde richten vielleicht, ich weiß es; aber mögen sie mir meinen Rang und meine Reichthümer nehmen, ich willige von ganzem Herzen ein, wenn sie mir nur meine Freiheit und meinen Geliebten lassen; ja, Alles wohl erwogen, bin ich entzückt, Mutter zu werden; es ist erstlich ein Vortheil, den ich über Deine Sophie habe, und zweitens musst Du mich mehr lieben, denn ich liebe Dich über alle Maßen. »Und dennoch. Undankbarer, der Sie sind, wagen Sie daran zu denken, mich in meinem jetzigen Zustande zu verlassen!« »Aber, meine Freundin, bedenken Sie, dass ich selbst nicht weiß, was aus mir werden wird; diesen Abend, ohne Zweifel, ist nicht mehr davon die Rede, nach Paris zurückzukehren, sondern Paris zu verlassen.« »Umsonst suchen Sie mich zu hintergehen; zu Fromonville hoffen Sie ein Asyl zu finden! ...« »Aber, theuere Leonore, beruhige Dich!« »Keine Ausflüchte, ich errathe Ihre Absichten.« »Ich schwöre bei meinem Leben und meiner Ehre, dass ich nichts Böses im Sinne habe.« »Ich erkläre Ihnen, mein Herr, dass wenn Sie nach Fromonville gehen, ich Ihnen folge. Ich erkläre Ihnen, dass ich mit Ihnen nach Compiègne abreise, dass ich mich an Ihre Sohlen hefte, dass ich Sie unzertrennlich wie Ihr Schatten begleiten werde. Treuloser, Sie sollen, ich schwöre es, kein anderes Mittel haben, sich meiner zu entledigen, als indem Sie mich neben Ihren Gegner niederstrecken!« »Um Gotteswillen, beruhigen Sie sich, hören Sie!« »Ich höre nichts. Sie wollen mich verlassen, ich werde Sie wider Ihren Willen behalten; ja, selbst Gewalt will ich brauchen. Wir gehen mit einander nach Compiègne, das ist abgemacht; und was Fromonville betrifft, wenn ich Sie an der Rückkehr dahin nicht verhindern kann, so hoffe ich meinerseits, dass Sie mich ebenso wenig hindern können, Ihnen dahin zu folgen. Zudem sind wir noch nicht so weit! ein guter Degenstoß kann Sie gar leicht abhalten, so gar hurtig nach Fromonville zu laufen! Große Götter! was habe ich gesagt! nein, Faublas, nein! Mein Freund, wehre Dich gut, wir werden nachhersehen, ob Sophie oder ich den Sieg davon trägt; wehre Dich so gut wie möglich, lass Dich nicht verwunden, wie in Deinem ersten Zweikampf, tödte ihn lieber, ja, ich bitte Dich, tödte ihn! mein Freund, ich werde dabei sein, werde Dir mit meinem Rathe helfen, mit meinen Zurufen Dich ermuthigen. Du wirst Dich unter meinen Augen schlagen. Du wirst unüberwindlich sein. Nun, so antworte doch!« »Was soll ich denn antworten, wenn Sie nur Ihre blinde Erregung hören, wenn Sie die unsinnigsten Anschläge machen? Leonore, meine theuere Leonore, sage mir, ist es möglich, dass Du entschlossen bist und nach Compiègne kommen willst, um Dich und mich, durch Deine Gegenwart bei diesem verhängnisvollen Duell, zu Grunde zu richten? Bedenke das Aufsehen!...« »Es ist möglich, denn es wird geschehen!« »Meine Freundin, sei doch vernünftig! vorausgesetzt, Du ertragest die Anstrengungen dieser zweiten Reise, vorausgesetzt, wir hätten das unbegreifliche Glück, dass niemand Frau von Lignoll erkenne, wie sie im Postwagen mit dem Chevalier Faublas herumreist; kann ich, ich frage Dich selbst, kann ich dulden, dass Du Zeuge einer blutigen Scene werdest, während Dein bedenklicher Zustand so viel Schonung fordert?« »So viel Schonung, ganz recht! eben darum muss ich Ihnen nach Compiègne folgen. Eben darum dürfen Sie nicht nach Fromonville reisen. Was würde aus mir werden, wenn ich, getrennt von Ihnen, Sie Ihrem Gegner und vielleicht gar meiner Rivalin gegenüber wüsste? jeden Augenblick des Tages würde ich gequält von der tödtlichsten Unruhe, meinen Geliebten untreu oder sterbend sehen. Ach! auf welche Art man mir ihn entreiße, wenn ich ihn verlieren soll, was liegt mir an dem Leben? Faublas, ich flehe Dich darum, habe Mitleid mit mir, mit Deinem Kind, mit Dir selbst; fürchte meinen Wahnsinn, überantworte mich nicht meiner Verzweiflung ... Faublas, ich beschwöre Dich, versprich mir, dass Du morgen Sophie nicht besuchen wirst; versprich mir, dass ich diesen Abend den Marquis mit Dir sehen werde!« Sie warf sich zu meinen Füßen, die sie umklammerte und mit Thränen benetzte. Der gefühlloseste Mann hätte ihr nicht widerstehen können. Ich versprach ihr Alles. Obgleich wir mit dem ersten Scheine des Morgens abreisen mussten, so konnten wir uns doch nicht entschließen, bis zu seinem Anbruch aufzubleiben. Frau von Lignoll bedurfte der Ruhe. Wir legten uns zu Bett. Auf kluge Weise ließ ich den peinlichen Erregungen eines allzu langen Tages die süßen Erregungen einer allzu kurzen Nacht folgen und die Gräfin von so vielen Anstrengungen ermattet, schlief endlich tief ein. Das hatte ihr unglücklicher Liebhaber, dem ein zartes Erbarmen eine Lüge entrissen hatte, und den die gebieterische Notwendigkeit zum Wortbruch zwang, nur erwartet. Der verhängnisvolle Tag brach endlich an. Bei der schwachen Helle seines ersten Strahles lüftete ich vorsichtig meine Decke; mit vorsichtigen und bemessenen Bewegungen glitt ich leise bis zum Rand des Bettes; schon berühren meine Füße sachte den Boden, die Decke wird sanft zurückgelegt, und bald wird auf diesem Lager, wo noch unlängst die beglückte, jetzt noch schlummernde Liebe von meinen Armen umschlossen, vom Gott des Schlafes auf ihre zauberschönen Augenlider geküsst, durch den sicheren Besitz ihres Geliebten beruhigt und in glückliche Träume eingewiegt sein. Beim Erwachen wird die verlassene Liebe, klagend und seufzend nach demselben rufen. Ich habe mich langsam angezogen, weil ich es geräuschlos thun musste. Inzwischen bin ich fertig, im Begriff abzureisen; welch trauriges Gefühl übermannt mich; ich trete in das Schlafzimmer, bestimmt für Fräulein von Brumont, in jenes Zimmer, das zur kleinen Treppe führt, und ich fühle mein Herz schwach werden. Unentschlossen bleibe ich stehen; unruhig kehre ich zurück, will fliehen und nähere mich... großer Gott! hätte ich mich getäuscht? hat sie nicht einige Worte gesagt, hat sie nicht meinen Namen genannt? Faublas, ihren Freund Faublas ruft sie, mit schwacher bebender Stimme. Liebenswürdiges, theueres Kind, arme Kleine!... ein Traum verkündigt Dir meine Flucht, ein trauriges Traumbild quält sie, und es täuscht sie nicht! Gerührt, trostlos, neige ich mich über sie; mein Mund sagt ihr ein leises Lebewohl: meine Lippen haben die ihrigen sanft berührt, eine Thräne ist in ihren offenen Busen gefallen; gewaltsam raffe ich mich empor, werfe noch einen letzten Blick auf Leonore, und nun bin ich auf der geheimen Treppe. Mein Unstern wollte, dass ich in dem Hofe Herrn von Lignoll begegnen musste, der schon in den Wagen stieg. »Ei! so früh,« redete er mich an. »Ja, mein Herr, ich gehe aus.« »Wie, ohne die Gräfin?« »Sie ist ermüdet, sie schläft; sie weiß, dass ich auf vierundzwanzig Stunden ein Geschäft habe.« »Allein? zu Fuß?« »Ich werde einen Fiaker nehmen.« »Mein Fräulein, ich werde Sie an den Ort Ihrer Beschäftigung führen.« »Aber, mein Herr, das würde Sie stören. Sie haben Eile.« »Hat nichts zu sagen.« »Erlauben Sie doch.« »Ich thue es nicht anders.« Während ich mich mit Herrn von Lignoll herumstreite, um seinen Artigkeiten zu entgehen, kann die Gräfin erwachen und einen schrecklichen Lärm machen. Dieser Gedanke entscheidet. Ich werfe mich in den aufgedrungenen Wagen, Herr von Lignoll steigt hinein, und ersucht mich seinem Kutscher den Weg anzugeben. Zuerst wollte ich das Kloster meiner Schwester nennen; aber Alles wohl erwogen, hielt ich es für besser, mich zu Frau von Fonrose führen zu lassen. Wir langen an der Thüre der Baronin an, ich steige aus dem Wagen, und als ich eben in das Haus treten wollte, verließ es der Herr Baron incognito. Er erkennt mich und ruft aus: »Endlich finde ich Dich! also der Zufall musste es thun...« Bestürzt unterbreche ich ihn: »Mein Vater, dieser Herr, den Sie in seinem Wagen sehen, ich habe die Ehre Ihnen denselben vorzustellen, ist der Graf von Lignoll, der Gemahl jener jungen Dame, im deren Hause ...« Der Graf, welcher uns gehört hat, springt eiligst heraus, wirft sich meinem Vater an den Hals und wünscht ihm Glück, eine Tochter zu haben, die jede Charade zu lösen im Stande ist. Dann fährt er fort: »Wir geben sie Ihnen auf vierundzwanzig Stunden zurück; aber wir hoffen, dass Sie uns morgen das Vergnügen schenken werden, sie persönlich zu uns zurückzuführen.« Mein Vater wehrt sich dagegen; Herr von Lignoll wird dringend und erklärt: »Fräulein von Brumont muss zurückkommen, denn meine Gemahlin ist krank.« Bereits ungeduldig geworden, erwidert der Baron: »Das thut mir leid, aber –« Herr von Lignoll unterbricht ihn: »Sie brauchen nicht ängstlich zu werden; es ist weiter nichts! ein Unwohlsein, ein Herzklopfen; es rührt, glaube ich, daher, dass sie in den letzten Tagen zu viel Bewegung gemacht hat, in Gesellschaft mit Ihrem Fräulein Tochter, die in der That stark, behend und ausdauernd scheint, auch sehr kräftig gebaut ist; die Gräfin dagegen hat noch kein so ausgebildetes Nervensystem; kurz, wie ich sage, es ist nichts.« Indem er sprach, blickte mein Vater ganz erstaunt von Einem auf den Andern. Herr von Lignoll fuhr, ohne darauf zu achten, eifrig fort: »Es würde in der That sehr ernsthaft werden, wenn Fräulein von Brumont nicht zurückkäme, da dies meine Frau, die sie bis zum Wahnsinn liebt, höchst betrüben würde. Ihre Seele würde angegriffen, mein Herr; und wenn die Seele einer Frau angegriffen wird, so kann kein Ehemann mehr mit ihr aushalten.« »Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, dass ich nichts versprechen kann.« »Ich verlasse Sie nicht, ohne Ihr Wort zu haben.« »Aber ich bitte!« »Und ich, Herr von Brumont, wiederhole meine Bitte.« Hingerissen durch seine Heftigkeit, ruft der Baron: »Jetzt, mein Herr, lassen Sie mich in Frieden!« Dann warf er mir einen erzürnten Blick zu und sagte zu mir: »Ist es nicht schrecklich, dass ich fortwährend compromittiert werde?« Ich zitterte, ich stürzte mich in seine Arme: »O, mein Vater! erinnern Sie sich an das Thor Maillot.« Durch diese Worte gewann er wieder so viel Kaltblütigkeit, um sogleich Herrn von Lignoll verbindlichst zu danken und sich zu entschuldigen. Indes blieb dieser immer noch sehr erstaunt über den Zorn, den der angebliche Herr von Brumont hatte durchblicken lassen. – Um ihm jeden Zweifel in dieser Beziehung zu nehmen, glaubte ich mich verbunden, ihm ganz leise und mit geheimnisvollem Ton folgenden hinterlistigen Aufschluss zu geben: »Frau von Fonrose hatte Ihnen gesagt, dass gewisse Familienangelegenheiten meinen Vater nöthigen, unbekannt in diesem Lande zu leben, und Sie verlangen, dass er Sie besuche! Sie vergessen sich so weit, ihn laut bei seinem Namen zu nennen!« »Ach, wie bedauere ich meine Unbesonnenheit,« sagte sogleich der Graf zum Baron. »Und ich meine Lebhaftigkeit!« erwiderte dieser. »Sie spotten!« fällt Herr von Lignoll ein; »ich habe Unrecht, aber dessen ungeachtet, sagen Sie mir doch, warum verweigern Sie Ihr Fräulein Tochter meiner Frau; so versprechen Sie wenigstens, sie uns wieder zu schicken.« »Ich verspreche,« entgegnete der Baron, »fortan Sorge zu tragen, dass Sie die Höflichkeiten, womit Sie mich überhäufen, nicht zu bereuen haben.« »Sei es! ich reise zufrieden; aber Sie haben keinen Wagen, wollen Sie, dass ich Sie nach Hause fahre?« Jetzt nahm ich das Wort: »Sehr verbunden! ich muss mit der Baronin sprechen; ich hoffe, mein Vater wird mich wieder zu derselben hineinbegleiten; wir haben ihr etwas Geheimes zu sagen.« Er fuhr weg. Als sein Wagen ein wenig ferne war, stiegen wir in einen Fiaker, wobei ich, da wir von dem Ende der Vorstadt Saint-Germain nach dem Vendômeplatz fuhren, Zeit erhielt, in meine Träumereien zurückzufallen. In tiefe Verzweiflung darüber versenkt, wo meine gestern im Stich gelassene Gattin sich jetzt befinden möchte, wo bald meine diesen Morgen verrathene Geliebte sein werde, gab ich mir Mühe das Aussehen zu haben, die Vorstellungen meines Vaters aufmerksam anzuhören, die derselbe an mich verschwendete. Leere Töne schlugen an mein Ohr; aus dieser Lethargie rissen mich erst die letzten Worte der langen Zurechtweisung: »Du denkst nicht an das Unglück der von Dir verlassenen Sophie.« »Nein, ich vergesse sie nicht, nein! ihr Unglück ist groß, ohne Zweifel, aber es wird nicht lange dauern. Morgen, ja, morgen ... und Sie, mein Vater, wissen nicht, dass heute – ach, Verzeihung! ich weiß nicht, was ich rede. Mein Vater, Sie steigen hier aus, Sie wollen Adelheid besuchen?« »Ja, mein Sohn!« »Was mich betrifft, so werde ich mich in diesem Aufzug nicht am Sprachgitter zeigen. Ich werde in unser Hotel zurückkehren, meinen Anzug ändern und dann ... Adieu! mein Vater! o, Sie, den ich eben so sehr liebe, als Adelheid, adieu!« »Wie, mein Freund, wirst Du mich nicht aufsuchen?« »Mein Vater, umarmen Sie mich doch, verzeihen Sie mir allen Kummer, den ich Ihnen verursache.« »Von ganzem Herzen, mein Freund! aber ich bitte Dich doch –« »Ganz gewiss, ich wollte recht gerne vernünftig werden; aber ich bin unwillkürlich gezwungen so zu handeln, wie Sie es nicht billigen würden. Nicht wahr, Sie werden meine Schwester in meinem Namen umarmen?« »Gleich hernach wirst Du Deinen Auftrag selbst ausrichten.« »Ja, mein Vater, morgen will ich so thun, wie Sie es wünschen.« »Was sagt er da? wirst Du toll?« »Wahrlich, ich spreche sinnlos. Adieu! es thut mir leid, Sie zu verlassen! In einer Stunde sollen Sie Nachricht von mir haben.« Ich kam in unser Hotel an, Jasmin stand an der Thüre Wache; der Spitzbube lächelte, als er mich als Fräulein sah, und sagte, Frau von Montdesier hat diesen Morgen schon zweimal hergeschickt, um zu erfahren, ob ich vom Lande zurück sei, und lasse mich ersuchen, gleich nach meiner Ankunft in ihr Haus zu eilen. »Gut! das taugt zu meinen Plänen. Schnell, Jasmin, frisiere mich!« »Als Mann, Fräulein?« »Ja, als Mann.« Es war schnell geschehen. »Jasmin! Feder, Tinte und Papier.« »Gleich, Herr!« »Gut! Während ich schreibe, bringe schnell alles nöthige herbei, um mich vom Kopf bis zum Fuß anzukleiden.« »Als Mann? gnädiger Herr?« »Ja! sodann sattelst Du mein und Dein Pferd.« »Ich werde meinen Herrn begleiten?« »Ja! und zwar gleich!« »Um so besser, so werde ich Unterhaltung haben. Ohne Zweifel führen wir irgend einen Streich aus.« »Jasmin, Du wirst mir meinen Degen geben.« »Ah, um so schlimmer! sehr schlimm, wenn mir uns schlagen; denn wir werden jemanden tödten. Der arme kleine Marquis, ich glaube ihn immer zu sehen – da – krach – ich sehe ihn zur Erde stürzen. Übrigens war es sein Fehler, denn wir schonten ihn; das war schrecklich! wenn der nicht todt ist, so war ihm die Seele mit Pechdraht in den Leib genäht.« »Zum Teufel, Jasmin! spute Dich, mir haben keinen Augenblick zu verlieren. Besonders plaudere nicht!« »Lieber sterben, als Sie verrathen, Herr!« Inzwischen schrieb ich an meinen Vater. Ich gab ihm über Sophiens Verborgenen Aufenthalt alle möglichen Aufschlüsse. Mein Brief endigte mit den Worten: »Reisen Sie, mein Vater! ach, ich flehe Sie an, reisen Sie sogleich nach Fromonville! dass Ihnen Duportail nur nicht noch einmal entkommt! welche Beweggründe er haben mag, suchen Sie meinen Schwiegervater auf, sprechen sie mit ihm, überreden Sie ihn! er gebe uns seine anbetungswürdige Tochter heraus! bringen Sie meine theuere Adelheid mit, ich bitte Sie darum! Die beiden Freundinnen werden froh sein, sich wieder zu sehen; Adelheid's Gegenwart soll Sophie die Rückkehr des Faublas verkündigen, die zarten Liebkosungen der Schwester mögen sie auf die Entzückungen des Bruders vorbereiten, des Bruders, den sie innig liebt, und von dem sie angebetet wird! Mein Vater! sorgen Sie doch ja dafür, dass sie ohne Gefahr auf unsere nahe bevorstehende Vereinigung vorbereitet wird! Sie ist gegenwärtig in Verzweiflung, die Freude würde sie tödten. Mein Vater, ich lege in Ihre Hände mein theuerstes Interesse! ich empfehle Ihnen das Verehrungswürdigste, das Schönste, das Beste, was es in dieser Welt gibt; ich empfehle Ihnen meine heißgeliebte, meine angebetete Gattin! Ach! dass ich nicht selbst nach Fromonville fliegen kann! ich gehe anderswohin. Brauche ich Ihnen noch zu sagen, dass eine unerlässliche Ehrensache es von mir heischt? Indes erschrecken Sie nicht! morgen Vormittag werde ich bei meinem Vater, bei meiner Sophie sein; ich schwöre es bei ihr und bei Ihnen!« Ich kleidete mich an, und siegelte den Brief; ein vertrauter Mann wurde beauftragt, ihn in Adelheid's Kloster zu tragen, und meinem Vater einzuhändigen. Jasmin erhielt Befehl, mich am Thore Saint-Martin zu erwarten, und ich eilte zu Frau von Montdesier. Dort traf ich nicht Frau von B..., sondern den Vicomte von Florville. »Endlich da!« sagte er. Ich entschuldigte mich, dass ich ihn habe warten lassen, und danke der Marquise, dass sie mich in dem Augenblicke habe zu sich berufen, wo ich über die Mittel verlegen war, das Glück einer Unterhaltung von wenigen Minuten mit ihr zu genießen. Ich fügte bei, dass ich vom Lande eine große Neuigkeit mitbringe. »Und welche denn?« »Ich habe Sophie gesehen.« Sie erblasste und rief: »Nicht möglich!« Kurz, ich nannte das von Duportail erwählte Versteck, und wie ein glücklicher Zufall mich es habe entdecken lassen. Die Marquise hörte mich mit sprachlosem Erstaunen an; ich bat sie flehentlich, doch sogleich Leute nach Fromonville zu schicken, welche Duportail beobachten und überall hin verfolgen sollten; denn ich zitterte bei dem Gedanken, mein Schwiegervater könnte abermals die Absicht haben und Mittel finden, meinem Vater zu entgehen. »Wie,« fragte sie mit zitternder Stimme, »Sie gehen nicht selbst dahin?« »Ich kann nicht; eine wichtige Angelegenheit ruft mich anderswohin.« Mit ruhiger Miene und festerem Tone rief sie nunmehr aus: »Wie? Frau von Lignoll hatte schon so viel Herrschaft erlangt?« »Nicht Madame Lignoll entreißt mich Sophien; eine unerlässliche Pflicht ...« »Vollenden Sie – oder darf ich nicht wissen?« »Glauben Sie, theuere Mama, dass ich untröstlich bin, ein Geheimnis vor Ihnen zu haben.« »Genug, Chevalier! ich bin nicht indiscret in Sie zu dringen, und Sie mit Fragen zu belästigen. Ich will gerne glauben, dass diese Zurückhaltung nicht auf meine Kosten geht. Ich werde sogleich strengen Befehl geben, dass Duportail von heute Abend an auf's genaueste beobachtet wird, und ohne dass ich es weiß, keinen Schritt thun kann, ich selbst will – oder in meiner Abwesenheit die kleine Montdesier,« fügte sie mit einem tiefen Seufzer bei. »In Ihrer Abwesenheit, Madame? Sie verlassen Paris?« »Zur Stunde, mein Freund!« »Welches Unglück für mich! wie schmerzt es mich, Sie zu verlieren, in diesem Augenblick besonders, wo Ihr Rath und Beistand mir so nöthig gewesen wäre. Wo gehen Sie denn hin?« »Zuerst nach Versailles!« »Nach Versailles in diesem Rock! ... Mama, das ist, wie mir scheint, der englische Frack, den Sie angehabt haben am Tage, als wir mit einander in Saint-Cloud waren?« »Möglich!« sagte sie und stellte sich ungewiss dabei; »ja, ich glaube, ja!« »Und von Versailles reisen Sie nach –?« »Chevalier, mit Bedauern sehe ich mich genöthigt Ihre eigenen Ausdrücke zu wiederholen: Glauben Sie, dass ich untröstlich bin, ein Geheimnis vor Ihnen zu haben.« »Aber, noch einmal, wird die Reise lange dauern?« »Vielleicht, mein Freund, vielleicht!« sagte sie mit zitternder Stimme, »und eben darum wünschte ich lebhaft, bevor ich diese Reise antrete, Ihnen Lebewohl zu sagen.« »Ihr Lebewohl, Mama? meine theuere Mama! Sie beunruhigen mich. Sie scheinen traurig ... bitte, vertrauen Sie mir.« Sie unterbrach mich: »Achten Sie mein Geheimnis! ich habe nicht versucht, in das Ihrige einzudringen; und ich will es auch nicht. Gehen Sie, Faublas, gehen Sie, und kommen Sie zufrieden zurück, wenn es möglich ist. Ich kann mich nicht erklären, ich kann nicht sagen, welches Ereignis sich vorbereitet, welche Befürchtungen mich beunruhigen, welche Wünsche ich in mir trage! aber, mein Freund, mein liebenswürdiger Freund, wie grausam wäre es, wenn das Schicksal bestimmt hätte, dass wir uns nicht mehr sehen sollten.« »Großer Gott, Sie seufzen! Sie haben Thränen in den Augen!« »Adieu, Faublas, allzutheuerer Sohn! ich verlasse Dich nur mit Schmerzen; erinnere Dich daran, wenn ein großes Unheil geschieht. Vergessen Sie nicht, dass die Marquise von B... Sie durch einen Verrath verloren, und selbst das Opfer eines Elenden wurde, der sich Ihren Freund nannte. Besonders vergessen Sie nicht, dass dieselbe für immer die zärtlichste Freundschaft bewahrt hat, die zärtlichste,« wiederholte sie, mir die Hand drückend. Sie gab mir einen Kuss und verschwand. Ich blieb in großer Bestürzung über das eben Gehörte stehen; und im ersten Augenblicke meines Erstaunens wiederholte ich einige Ausdrücke, die der Frau von B... entschlüpft waren: »Gehen Sie und kommen Sie zufrieden zurück ... wie grausam wäre es, sich nicht mehr zu sehen!« Kein Zweifel, Frau von B... weiß, dass ich mich schlagen werde, und kennt meinen Feind. Es scheint, als wisse sie Alles, was mit mir die letzte Zeit vorgegangen ist; doch Muth, theuerste Freundin, Sie werden mich wiedersehen! Sie werden mich wiedersehen, Frau von B..., zweifeln Sie nicht! als Sieger werde ich aus einem Kampf hervorgehen, dessen Preis Sie sind. Unvorsichtiger Marquis, welche Tollkühnheit, Faublas auf das Feld der Ehre zu fordern? welche Verwegenheit, ein so wohlvertheidigtes Leben anzugreifen? Das Schicksal von drei herrlichen Frauen hängt an dem meinigen. Die hereintretende Justine hatte vielleicht ebenfalls die Absicht, mir in ihrer Art einige Ermuthigungen zu geben; aber es war schon zu spät, so dass ich nicht mehr verstehen konnte, selbst wenn ich gewollt hätte. Am Thor Saint-Martin traf ich meinen Bedienten, der mir bis Bourget folgte; hier befahl ich ihm, mein Pferd nach Paris zurückzuführen, und nahm Post. Vor fünf Uhr abends befand ich mich in dem Wald von Compiégne an dem bezeichneten Ort. Es schien, dass ich der Erste eintraf. Ich ging hier seit einigen Minuten auf und ab, als plötzlich zwei Männer mich anfielen und mir die Pistole an die Brust setzten. Sie fragten mich, ob ich Edelmann sei. Ich nahm keinen Augenblick Anstand, mit Ja! zu antworten. »In diesem Fall,« sagten sie mir, »haben Sie die Güte, Herr, diese Maske über Ihr Gesicht zu legen, und hier als Zeuge eines Zweikampfes zu bleiben, den zwei Personen hohen Ranges im gegenwärtigen Augenblick mit einander ausfechten werden. Geben Sie Ihr Wort, sich keine einzige Bewegung, kein einziges Wort während des Vorgangs zu erlauben, und was immer sich ereignen möge, tiefes Stillschweigen darüber zu beobachten.« »Ich rühme mich nicht, meine Herren, ein Mann hohen Ranges zu sein, aber in Wirklichkeit besitze ich neben einigem Reichthum einen alten Namen; ich selbst habe hier ein Stelldichein, um mich zu schlagen. Sie täuschen sich vielleicht, vielleicht werde ich der eine von den beiden Mitspielern der unglücklichen Scene sein, zu deren ruhigen Zuschauer Sie mich machen wollen.« »Bald, mein Herr, werden Sie wissen, wie sich dies verhält; inzwischen legen Sie diese Maske an, und geben Sie Ihr Ehrenwort.« Man begreift, dass ich Alles that und versprach, was sie wollten. Beinahe eine Stunde war verflossen, seit ich mich in dieser Lage befand, die mich zu beunruhigen anfing, als ich ein Geräusch am Ende der Allee, die in die Hauptstraße mündete, zu hören glaubte. Einen Augenblick darauf sah ich von derselben Richtung eine Postchaise in den Querweg, auf dem ich mich befand, einfahren. Ein junger Mann sprang mit leichter behender Bewegung heraus; ihm zur Seite befanden sich zwei andere. Ich wollte auf sie zuschreiten, aber meine beiden Wächter begnügten sich, mich zurückzuhalten, indem sie sagten: »Dies ist der entscheidende Moment, denken Sie an Ihr Versprechen!« Indessen schritt der Unbekannte, immer noch sorgfältig begleitet, mit festem Schritt und freiem Anstand gegen uns vor. Je näher er kam, umso deutlicher glaubte ich die Züge eines jungen Mannes, den ich erst kürzlich gesehen hatte, wieder zu erkennen. Als er ganz nahe war, ging einer meiner Wächter auf ihn zu, bat ihn, stehen zu bleiben, und sprach zu ihm: »Ein Mann von Ehre hält sich für tödtlich beleidigt von Ihnen und verlangt auf der Stelle Genugthuung. Fällt er in diesem Zweikampfe, so soll kein Sterblicher je etwas erfahren, stirbt er nicht an seinen Wunden, so verpflichtet er sich, sogleich nach seiner Heilung an eben diesen Ort zurückzukehren, um den Kampf fortzusetzen, der nur durch den Tod eines der beiden Gegner geschlichtet werden kann. Gehen Sie die nämlichen Verpflichtungen ein und schwören Sie bei Ihrer Ehre, sie zu erfüllen!« »Wie?« erwiderte der junge Mann, »Mylord Barington ist beleidigt, dass ich England verlassen habe, ohne mich von seiner erlauchten Gemahlin zu beurlauben? es ist doch nicht zu leugnen, dass diese Ehemänner allenthalben ein sonderbares Volk sind! dieser Gemahl von jenseits des Kanals besonders scheint mir von erster Stärke zu sein; verlangt er denn, dass ich ewig für seine hinschmachtende Hälfte glühen sollte? zudem, wenn er Groll gegen mich hegt, warum hat er es mir nicht in seinem Vaterland gesagt? warum hat er sich nicht sogleich nach Brüssel begeben? warum erst nach sechs Wochen in diesem Aufzuge erscheinen, mich in meinem Vaterlande im ersten Augenblicke, da ich es wieder betrete, anfallen?... Tod und Teufel! ich hoffe indes, dass wir uns nicht boxen werden.« Nach Stimme, Gesicht, heitern Redensarten und höhnischem Lächeln konnte ich nicht mehr zweifeln, dass Rosambert vor mir stehe. Jetzt erst begann ich die befremdende Wahrheit zu ahnen. O, Frau von B..., wie klopfte mein Herz für Dich! ach, ich hütete mich wohl, durch Geberden oder Worte mein äußerstes Erstaunen und tiefes Entsetzen auszudrücken; mich band mein Schwur. Sofort bot man Rosambert ein Pferd, das er besteigen sollte, und eine Pistole, die man ihn selbst zu laden ersuchte. Der Graf schwang sich auf's Pferd, und während er seine Waffe lud, sagte er zu seiner Umgebung: »Ja, ganz recht, das ist die bei den Herren aus Albion so beliebte Kampfart... Die Pistole abgerechnet, bin ich seiner Lord-Herrlichkeit großen Dank schuldig, denn er macht mich um tausend Jahre jünger. In der That, meine Herren von der Tafelrunde! die heldenhafte Parade, die uns der Ehrenmann hier spielen lässt, gleicht auf's Haar dem Abenteuer des Königs Arthur. Wie die Helden seines Zeitalters, haltet Ihr die Reisenden auf der Landstraße an, um sie mit vielem Anstand zu zwingen, eine Lanze für Euch zu brechen.« Und seine Blicke auf mich heftend, fuhr er fort: »Dieser so zierlich aufgeputzte Kavalier, der so einzeln dasteht, kein Wort spricht, sich nicht in Euere Großthaten mischt, ist ein artiges Dämchen, das ich befreien muss, oder irgend eine hohe Prinzessin, als Mann verkleidet; mir wäre das lieber! und der Riese, den ich befehden soll? der berühmte Riese, wo ist er denn?« Der Fremde, der bis jetzt das Wort geführt hat, sprach zu Rosambert: »Herr Graf, schwören Sie die genannten Bedingungen zu erfüllen!« »Auf Ritterwort, Ihr Herren!« rief er aus. Einer meiner Wächter gab einen Schuss als Zeichen. Sogleich sahen wir einen Reiter mit verhängtem Zügel von der andern Seite der Allee dahersprengen. Rosambert erwartete ihn bewegungslos; aber sei es, dass er sich selbst allzuviel zutraute, sei es, dass er nicht alle in solcher Lage nöthige Kaltblütigkeit beibehielt, er gab Feuer auf seinen noch allzuweit entfernten Feind und fehlte ihn. Der Andere dagegen bewies mehr Geschicklichkeit und Unerschrockenheit, schoss beinahe sogleich, aber doch zuletzt. Die Kugel pfiff an Rosamberts Ohren vorüber, nahm eine seiner Haarlocken mit und traf seinen Hut, dass er in die Luft flog; der Graf, ihn wieder aufnehmend schrie: »Das wird ernsthaft! nach meinem Gehirn zielt sie die schöne Maske!« Zwar hatte sein Gegner wie ich eine kurze Larve vor dem Gesicht; aber ich konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, als ich den englischen Frack erkannte, worin die Marquise in Justinens Wohnung vor mir erschienen war. Der Vicomte von Florville, denn ich zweifelte nicht mehr, dass er es war, hatte sein Pferd wieder herum geworfen und galoppierte wieder gegen das Ende der Allee, woher er soeben gekommen war. Rosambert, der ihm mit den Augen folgte, fuhr fort: »Gewiss der Nationalfrack Mylords; aber bei St. Georg nicht sein Umfang! Meine Herren,« fügte er mit ärgerlichem Tone bei, »ich hätte der englischen Nation nicht zuzumuthen gewagt, dass diese Tapfern es im Brauch haben, sich mittelst Maskeraden und Stellvertretungen zu schlagen. Kurz, ich will es versuchen und hätte ich es auch mit dem geschicktesten Schützen der drei Königreiche zu thun; ich will versuchen, mich so zu betragen, dass ein Fremder, und wäre es der höllische Teufel, sich nicht rühmen kann, über einen Fremden, das heißt über einen Franzosen, einen gefahrlosen Sieg davongetragen zu haben ... O, Du, der niemals einen Vogel im Fluge fehlte, mein theuerer Faublas, wo bist Du? warum habe ich nicht zur Züchtigung eines Verräthers und zur Ehre Frankreichs in diesem Augenblick Dein festes Augenmerk und Deine sichere Hand!« Als der Graf seine Waffe wieder geladen hatte, wurde ein neues Signal gegeben. Rosambert hielt diesmal nicht still, er spornte scharf, und die beiden Gegner, die sich ungefähr in der Mitte der Bahn begegneten, schössen in einer Entfernung von fünf oder sechs Schritten. Der Graf streifte nur den Halskragen seines Feindes, der ihm die rechte Schulter zerschmetterte, dass er zu Boden stürzte. Der Sieger, welcher sich sogleich demaskierte, zeigte dem erstarrenden Besiegten das Gesicht der Frau von B... »Hier, Elender,« rief die Marquise, »sieh her, erkenne mich, vergeh' vor Schande; ein Weib ist's, die Dich opfert! Du hattest nur Muth und Gewandtheit, sie zu beschimpfen!« Rosambert schien einen Augenblick vom Schmerz seiner Wunde und Schimpf seiner Niederlage zu Boden gedrückt; plötzlich heftete er auf die Marquise ein wirres Auge. Bald aber richtete er mit erstickter Stimme die gebrochenen Worte an sie: »Wie! schöne Dame – Sie sind es, die ich wiedersehe – welch ein Glück Sie haben, mich so kampfunfähig zu machen! Indessen freute mich unser letztes Zusammensein mehr – und Sie – auch. Schelmin! – was Sie auch immer darüber sagen mögen! Undankbare! war es recht – hier, auf diese Weise – einen guten jungen Mann – außer Kampf zu setzen – der erst kürzlich von Paris nach Luxemburg reiste – um Ihnen einen süßen Zeitvertreib zu gewähren!« »Rosambert,« erwiderte die Marquise, »umsonst möchtest Du Deine Wuth und Deinen Schmerz verbergen; der Himmel ist gerecht! ich kann mir zu einer doppelten Rache Glück wünschen; Deine bereits begonnene Züchtigung kann nicht gleich vollendet werden. Gedenke unserer Bedingungen! gedenke, dass mein Feind ein Geheimnis durchaus bewahren, und mir mein Opfer hieher zurückbringen muss.« Der Graf, seinen Kopf mit Anstrengung erhebend, wandte ihn gegen mich: »Dieser junge Mann ist gewiss der Chevalier Faublas!« Ich nahm meine Maske ab, und war bei ihm. Er schloss seine Augen, um sie nach einer Weile wieder zu öffnen, und indem er vor Schmerz aufstöhnte, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme zu mir: »Umarmen wir uns zuerst. Sie hat mich besiegt, mein Freund, erstaunen Sie nicht darüber, es ist nicht das erstemal. Und Sie, Faublas, Sie waren hier, während ich Ihren Namen anrief. Sie wünschten mir Unglück – aber ich verzeihe Ihnen ... Ach, sie ist so reizend! kommen Sie – zu mir nach Paris, und wenn ich es nicht mehr lebend erreiche – wenigstens um mich begraben – zu lassen.« Nach diesen Worten schloss er die Augen und verlor das Bewusstsein. Die Marquise nahm mich jetzt bei Seite und sagte: »Chevalier, verzeihen Sie mir das Geheimnis, worin ich Sie ließ, in Betreff der Gefahr, der ich mich aussetzen wollte, und die List, mittelst der ich Sie zu meinem Zeugen machte. Mein Geliebter hatte die Beschimpfung gesehen; mein Freund musste bei der Genugthuung anwesend sein. Ich weiß es wohl, Faublas hätte immer noch so viel Anhänglichkeit für mich gehabt, dass er freiwillig meine Sache zu der seinigen gemacht hätte; aber vielleicht hatte er mich nicht für genug fähig gehalten, dieselbe allein auszufechten. Indes,« fügte sie mit einer Mischung von Freude und Stolz bei, »habe ich soeben bewiesen, dass seit sechs Monaten kein Wagnis über meine Kräfte geht, seit ich geschworen habe, nur meiner Rache zu leben; Sie, mein noch stets gleich geliebter Freund, Sie sollten durch die Vollendung dieser Rache durch eine schwache Frau, wie die Welt uns ja immer nennt, in Erstaunen gesetzt werden. Jetzt, Faublas, erklärt sich Alles für Sie, was zweideutig und dunkel in meiner Rede von heute früh enthalten war. Sie fühlen wohl, welcher Furcht ich mich hingegeben fühlte, als ich mit Thränen in den Augen Sie, mein theuerer Freund, fragte, ob es nicht grausam sei, sich vielleicht nie mehr zu sehen. Sie begreifen, welche Art von Unruhe mich überkommen musste, als mir Sophiens Gatte die Nachricht gab, dass er sie wieder gefunden habe. Ach, glauben Sie mir, ich habe gleich eingesehen, dass Duportail Sie auf der Straße von Montcour hätte wiedererkennen müssen, und ich würde wahrhaft untröstlich sein, wenn diese Reise nach Compiégne ihm Zeit gegeben hätte, Ihnen Ihre Gattin noch einmal zu entführen. Faublas, wenn dieses Unglück geschehen ist, so begehen Sie nicht die Ungerechtigkeit, Ihre Freundin darüber anzuklagen. Gestehen Sie zu meiner Rechtfertigung, dass mir in dem Augenblick, wo ich unter dem Namen des Herrn von B... Ihnen die vorgebliche Herausforderung einhändigen ließ, nicht die leiseste Andeutung gegeben war, dass Sie von Frau von Lignoll zurückkehrend, Sophie wieder finden würden. Sagen Sie sich, dass es diesen Morgen nicht mehr nöthig war, Sie nach Fromonville zurückzuschicken, weil Sie trotz äußerster Anstrengung doch nicht vor meinen getreuen Emissären hätten dort ankommen können, die ich mit dem ausdrücklichen Befehl dahin abschickte, alle Schritte des Herrn von Duportail zu verfolgen, wenn er es bereits verlassen hätte. Jetzt, da Sie nichts mehr zurückhält, gehen Sie und –« Frau von B... wurde von einem durchdringenden Schrei unterbrochen, der aus Rosamberts Postchaise, welche auf dem Querweg seitwärts in einiger Entfernung von der Hauptstraße stehen geblieben war, herzukommen schien. Wir eilten dem Geschrei zu; bei dem Verwundeten blieb nur der Chirurg, der ihn verband, zurück. Als wir näher kamen, sahen wir hinter dem Wagen des Grafen ein Cabriolet, worin eine Frau händeringend und laut wehklagend, sich befand. »Es ist geschehen, man hat ihn umgebracht!« Als sie mich aber erblickte, rief sie mit einem Freudenschrei: »Da ist er! da ist er!« dann mit schmerzlichem Ton: »Treuloser! es ist also wahr, dass Sie die Unmenschlichkeit begingen, meinen Schlaf zu benützen ... ?« Die Marquise fragte mich leise, ob das die kleine Gräfin sei? Ich antwortete »Ja!« indem ich meine Geliebte umarmte. »Ist es vorbei?« fragte diese mich. »Ich hörte mehrere Schüsse fallen. Was sind das für Leute, die mich angehalten? Sie wollten sich ja mit dem Degen schlagen! ich zittere am ganzen Leibe! ich bin außer mir vor Schrecken. Wo ist Dein Feind? bist Du Sieger? er sollte ja niemand mitbringen, woher diese ganze Gesellschaft? diese Waffen? diese Masken?... mein Freund, ich bin zufrieden. Dich zu sehen! wie fürchtete ich mich! Grausamer, ich hasse Dich, dass Du mich so herzlos verlassen hast!« So bewies Frau von Lignoll durch die Verwirrung in ihren Fragen auch die Verwirrung ihrer Gedanken. Leicht kann man sich die Zerrüttung ihres ganzen Wesens vorstellen. In ihrem bald schmachtenden, bald düsteren, bald funkelnden Blick hätte man nacheinander und beinahe zugleich die süßen Täuschungen der Hoffnung, die schmerzliche Schwärmereien der Furcht, die Trunkenheit glücklicher, die Wuth verrathener Liebe lesen können; man konnte sehen, wie in ihrem Gesichte, dessen erstaunliche Beweglichkeit mich entsetzte, die heftigsten Leidenschaften sich bekämpften, jede Muskel schien von convulsivischen Erregungen gefoltert, wie der Blitz zuckte der Reflex jedes Gefühls darüber hin. »Könntest Du es glauben,« fuhr sie fort, »ich könnte schlafen, als Du nicht mehr da warst! ich könnte schlafen bis zum Mittag! aber welcher Schlaf, großer Gott! welche grausenerregende Traumbilder störten ihn! Du entflohst mir jeden Augenblick, und ich sah um mich nur furchtbare Gegenstände; den Marquis, die Marquise, Deine Frau! – Deine Frau? – ich bin Deine Frau! nicht wahr, mein Freund? verstehst Du, vergiss das nicht; und der Marquis, Hast Du ihn getödtet?« »Nein, meine theuere Freundin!« »Auf!« sagte Frau von B..., bei welcher diese Unterredung ohne Zweifel Besorgnisse hervorrief, »auf, Florville, zu Pferd! zu Pferd! mir haben keine Zeit zu verlieren.« »Was meinen Sie, Zeit verlieren?« rief die Gräfin aus, mit einem fürchterlichen Blick auf den Vicomte, »verliert er seine Zeit, wenn er bei mir ist? wer ist dieser unverschämte Mensch?« fragte sie mich. »Ein Verwandter des Herrn von B...« »Wahrlich, mein Freund, alle diese Leute machen mir Furcht. O, was ich seit gestern leide! ohne Unterlass zittern zu müssen, für mich! für ihn! unaufhörlich mit dieser Nebenbuhlerin zu thun zu haben, die mir ihn entführen will! mit diesem Feind, der sein Leben bedroht!« Sie wandte sich voll Angst in ihren Blicken zu mir und fragte: »Du hast ihn verwundet?« »Nein, meine Freundin, beruhige Dich!« »Du hast ihn nicht verwundet, und ich habe es Dir doch so sehr an's Herz gelegt! aber wie? er ist noch gar nicht da, der Marquis?« »Florville,« sagte Frau von B... wieder, »die Stunden entfliehen, die Nacht ist nahe.« »Ei, warum mischt sich denn dieser Fremde hier ein?« unterbrach die Gräfin ... »Faublas, höre ihn nicht, bleibe hier, was leide ich seit gestern! wie vernichtend wird die Liebe, wenn sie glücklich zu sein aufhört; wie unerträglich scheinen ihre Qualen, wenn sie nicht getheilt werden!« »Was sagst Du, meine Leonore? mein Herz blutet ob Deiner Pein!« »Ja, dann gut! wenn das ist, so bin ich schon getröstet; ich bin zufrieden; gehen wir.« Ich wiederholte: »Gehen wir!« »Chevalier,« rief die Marquise, »vergessen Sie, dass eine dringende Pflicht Sie ruft?« »Ah! Sie haben Recht!« »Nicht in Paris werden Sie erwartet.« Ich machte mich aus den Armen der Gräfin los, und aus dem Schlage ihres Cabriolets sprang ich auf das Pferd, das mir die Marquise anbot. »Er will sich schlagen!« rief Frau von Lignoll. »Ich will ihm folgen, ich will bei diesem Kampfe gegenwärtig sein!« Der Vicomte antwortete schnell, um sie zu beruhigen: »Seien Sie außer Sorgen, es hat keine Gefahr für ihn, dieser Kampf ist zu Ende.« »Zu Ende?« wiederholte sie schmerzlich, »also nach Fromonville? der Undankbare verlässt mich noch einmal! der Abscheuliche opfert mich!« Sie wollte mir nacheilen, die Leute des Vicomte hielten sie zurück. Sie stieß einen Angstschrei aus, und fiel ohnmächtig in ihr Cabriolet zurück. Ach, wer hätte nicht dieses allzu empfindsame Kind beklagt! wen hätten ihre Schmerzen nicht gerührt, wer hätte über die Gefahr, die sie bedrohte, nicht gebebt? Die Marquise machte keinen Versuch, mich vom Absitzen und Einsteigen in den Wagen der Gräfin abzuhalten. Ich war sehr gerührt, als ich Frau von B... sich sorgsam um Frau von Lignoll bemühen sah. Mit einer Hand hielt sie den Kopf meiner Geliebten, mit der andern riechendes und belebendes Salz an die Schläfen; sie trocknete mit ihrem Taschentuch den kalten Schweiß, der über ihre Stirne rann. »Armes Kind!« sagte sie, »schauet her, wie diese Augen geschlossen sind, die kaum noch von hellem Glanze strahlten! welche Blässe ihre Wangen bedeckt, die von so zartem Roth angehaucht waren! armes Kind!« »Mein Gott! Sie ängstigen mich, meine Freundin! Glauben Sie, dass ihr eine unmittelbare Gefahr drohe?« »Gefahr? vielleicht. Die Gräfin hat einen heftigen Charakter und scheint Sie schon sehr zu lieben.« »O, ja, sehr! zudem fühlt sie seit gestern ein leichtes, aber oftmaliges Unwohlsein, Herzklopfen.« »Sie wäre schon in diesem Zustande! ah, desto besser!« rief Frau von B... mit einer Aufwallung von lebhafter Freude; dann unterdrückte sie sogleich diese erste Bewegung und fuhr mit theilnehmender Stimme fort: »Desto besser für Sie ... nicht für jene! ... für sie ist es ein befremdendes Ereignis, das sie sehr bloßstellt! und ich, bin ich nicht auch zu beklagen? In welcher Verlegenheit befinde ich mich ... hier ist eine, die schon vor Furcht, ich konnte sie verlassen, stirbt! dort ist eine, die verzweifelt, weil ich sie schon verlassen habe! Sagen Sie mir doch, was ich thun soll, geben Sie mir ein Mittel an.« »Kaum noch,« fiel sie ein, »forderte ich Sie zur Abreise auf; jetzt gestehe ich, dass ich an Ihrer Stelle mich sehr gehindert fühlen würde. Ohne Zweifel müssen Sie Ihr Herz befragen, aber auch dabei die Umstände zu Rathe ziehen.« »Mein Herz befragen? ich finde darin nur Unentschlossenheit, Kämpfe! die Umstände zu Rathe ziehen? sind sie nicht auf beiden Seiten gleich beunruhigend, dringend, gebieterisch? o, meine Freundin, ich beschwöre Sie, haben Sie Erbarmen mit meiner wahrhaft grausamen Lage; enden Sie meine Befangenheit, rathen Sie mir! was könnte ich Ihnen sagen? handelt es sich nur um die Gesetze der Pflicht, so ist nichts mehr zu erwägen. Und doch ist es gewiss grausam, die Gräfin in ihrem jetzigen Zustande zu verlassen! sie ist sehr heftig, und die arme Kleine liebt Sie... wie man Sie lieben muss, allzu sehr! – In diesem Augenblick abreisen, heißt sie solchen Gemütsbewegungen preisgeben, die ihr das Leben kosten können. Es scheint wahrscheinlicher, dass Sophie, von sanfterem Charakter und seit lange an Ihre Abwesenheit gewöhnt, die Verlassenheit mit minder Ungeduld tragen wird ... Und doch möchte ich nicht dafür haften. Es ist aber auch möglich, dass Ihre Gattin, sich durch Ihr Ausbleiben verlassen glaubend, darüber in Verzweiflung ist.« »In Verzweiflung!« »Ja,« wiederholte mit schwacher Stimme Frau von Lignoll, die sich wieder erholt hatte, »in Verzweiflung, ja, ich fühle es genau, dass ich meiner Handlungen nicht mehr bewusst wäre, wenn ich Sie nicht mehr in meiner Nähe hätte, Faublas. Sie werden mich nicht mehr verlassen? Sie werden wohl daran thun; bleiben Sie hier, ich will es, bleiben Sie!« Sie sagte zur Marquise: »Und Du, schrecklicher Fremder,, verlasse uns! Grausamer, meine Leiden finden Dich fühllos! Du hast also nie des Mitleids jemands bedurft? Du hast also nie geliebt?« »Wenn Sie wüssten, wem Sie diese Vorwürfe machen,« erwidert der Vicomte, ihre Hand ergreifend; »wenn Sie wüssten, dass Frau von Lignoll, obwohl sehr unglücklich, doch weniger zu beklagen ist, als der Unglückliche, der zu ihr spricht! auch mich hat diese Liebe verzehrt, auch ich habe ihre vorübergehende Freude und Sehnsucht kennen gelernt. Gräfin! Sie haben noch viel zu erdulden, wenn Sie so viel erdulden müssen, als ich!« Hier begegneten meine Augen denen der Marquise; ich sah Thränen darin glänzen und ihr Blick machte mein Herz erbeben. »Wäre es wahr,« fuhr sie mit mehr Heftigkeit fort, »wäre es wahr, dass eine erzürnte Gottheit die menschlichen Schicksale regiert, und ihre köstlichen Geschenke auf's Ungleichste vertheilt? Wie! junger, allzu hoch begünstigter Mann! die anziehende Grazie, der verführerische Geist, die beneidenswerten Talente, die bewunderungswürdige Schönheit, die den Augen gefallende und die Seele gewinnende Hingebung; alle diese Eigenschaften und tausend andere, deren Verein vielleicht nie in einer Person geglänzt hat, als in Dir; wie? ein unbarmherziger Gott hätte sie Dir nur zur Verzweiflung Deiner Nebenbuhler und zur Qual Deiner Geliebten ertheilt? und die Beständigkeit, diese einzige Tugend, die Deinen übrigen abgeht, die Beständigkeit hätte er Dir nur darum verweigert, dieser eifersüchtige Gott, damit auf der Welt für keine Frau die Hoffnung einer großen Glückseligkeit ohne eine Beimischung von Kummer bestehe, und in keinem Manne das Muster der Vollkommenheit!« Die Gräfin hatte die Marquise mit einer Mischung von Aufmerksamkeit und Erstaunen gehört. »Wer Sie auch seien,« sprach sie zu ihr, »Ihnen ist er gar wohl bekannt, Sie sprechen von ihm, wie ich selbst von ihm sprechen könnte, das versöhnt mich ein wenig mit Ihnen; aber erlauben Sie, dass wir Sie verlassen. Gehen wir, Faublas, gehen wir! ... nun! Sie antworten nicht? Sie wollen nicht?« Immer im Kampfe mit verschiedenen Besorgnissen und Wünschen, warf ich auf die Marauise einen Blick, worin meine Unentschlossenheit und Rathsbedürftigkeit zu lesen war. Der Vicomte verstand mich und erklärte sich: »Wahrlich, ich würde nicht länger zaudern, sondern nach Fromonville gehen.« »Nach Fromonville?« unterbrach die Gräfin. »Morgen,« entgegnete die andere, »und diesen Abend würde ich mit Frau von Lignoll nach Paris zurückkehren.« »Das ist einmal ein guter Rath,« rief die Gräfin. »Ich billige sehr den letzten Theil; und Du, Faublas?« »Ich auch, meine Leonore.« In ihrem Freudenrausche umarmte Frau von Lignoll die Marquise; und ich gestehe, dass ich einige Minuten lang ein lebhaftes Vergnügen fühlte, als die Hände dieser beiden reizenden Frauen vereinigt in meinen glücklichen lagen. »Mein Herr,« wiederholte die Gräfin, zu dem Vicomte gewandt, »wir werden Ihnen jetzt Lebewohl sagen; aber erlauben Sie mir zuvor eine Frage, die ich aus Eifersucht an Sie thun werde; ich bin eifersüchtig und mache kein Geheimnis daraus. Soeben weinten Sie fast; Sie sind unglücklich in der Liebe, und der Chevalier ist Schuld daran. Haben Sie die Güte, mich wissen zu lassen, bei wem der Chevalier Ihr Nachfolger geworden ist...« fuhr Frau von Lignoll, welche den wahren Grund der auffallenden Verlegenheit der Marquise nicht ahnen konnte, fort. »Sie werden seiner Freundin verzeihen, dass sie der Überzeugung ist, er verdiene den Vorzug; aber zum mindesten glaube ich, ohne Ihnen ein Kompliment zu machen, dass Sie der Mann dazu waren, um eine Frau eine Zeitlang in ihrer Wahl unschlüssig zu machen ... mein Herr,« fügte sie noch bei, »ich bitte Sie ein freiwillig gegebenes Vertrauen zu vollenden; fürchten Sie nichts für Ihr Geheimnis, Sie haben ja das meinige.« »Madame,« antwortete der Vicomte, der sich endlich zu der Antwort auf die ihn in Verlegenheit setzende Frage entschlossen hatte. »Im Augenblick geistiger Verwirrung beklagt man sich über alles mögliche.« »Ach, ich bitte Sie, sagen Sie mir doch, welche Geliebte Ihnen Faublas abwendig gemacht...« »Madame, ich bin, wie Ihnen dieser Herr soeben gesagt hat, ein Verwandter des Herrn von B..., dessen Gemahlin ich anbete...« »Sprechen Sie mir nicht von dieser Gemahlin, ich verabscheue sie!« »Sie sind also eine Undankbare, denn jene liebt Sie.« »Wer hat Ihnen das gesagt?« »Sie selbst.« »Kennt sie mich?« »Sie hatte das Vergnügen, Sie zu sehen und zu sprechen.« »Wo das?« »Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben.« »Gut denn! ja, sie hat Unrecht mich zu lieben; denn ich wiederhole Ihnen, ich verabscheue sie.« »Darf man Sie um den Grund fragen?« »Den Grund?... Es ist ein gefährliches Weib.« »Ihre Feinde behaupten es.« »Eine Ränkeschmieden.« »Die Hofleute sagen es vielleicht so.« »Nicht schön genug, um so viel Lärmes von ihr zu machen.« »Die Frauen sind vielleicht dieser Ansicht.« »Zudem sehr zuvorkommend.« »Es fehlt ihr weder an Reizen noch an Geist. Warum sollte man ihr nicht einige Liebesabenteuer hingehen lassen?« »Einige! sie hat deren tausend gehabt.« »Nennt man bestimmte Personen?« »Ich will es doch glauben! ich, die ich nicht viel in die große Welt komme, weiß deren drei von ihr.« »Und welche, erlauben Sie?« »Den Grafen von Rosambert.« »Er ist ein großer Geck, und sie hat ihn immer verleugnet.« »Eine schöne Widerlegung!... Faublas.« »O! der da! ich habe nichts dawider. Der dritte?« »Herr von ***.« »Herr von ***!« wiederholte die Marquise bald erblassend, bald erröthend. »Ja, der neue Minister, dem sie sich hingab, um des Chevaliers Freiheit zu erhalten. Es thut Ihnen wohl weh, was ich da sage?« »Herr von ***!« wiederholte die Marquise mit geringerer Verwirrung und auffallenderem Erstaunen, »das ist eine sehr neue Anschuldigung.« »Natürlich, weil die Geschichte nicht alt ist.« »Aber hat man denn zum mindesten auch Beweise?« »Wie soll man welche haben? Sie haben keine Zeugen dazu genommen.« »Und trotzdem, Madame, wagen Sie es zu versichern?« »Weil alle Welt es versichert, mein Herr.« »Alle Welt? Chevalier, Sie wussten also ...?« »Vicomte, man hat es mir gesagt, aber ich glaube es nicht.« »Einerlei!« entgegnete sie mir missvergnügt, »Sie mussten mich davon in Kenntnis setzen.« »Ja,« sagte die Gräfin, »es heißt einem artigen Manne einen Dienst erweisen, wenn man ihn über das Benehmen einer Kokette aufklärt, die ihn betrügt. Mein Herr, ich bedauere Sie aufrichtig, dass sie in die Schlingen dieser Person gefallen sind; Sie scheinen ein besseres Los zu verdienen... aber auf meine Angelegenheiten zu kommen: verursacht Ihnen der Chevalier keine Besorgnisse mehr?« »Sie verzeihen, Madame!« »Sehen Sie die Marquise öfter?« fragte sie mich fixierend. »Bisweilen.« »Sehen Sie, mein Herr; Sie gehen also bisweilen dorthin? ... Er ist also noch in sie verliebt?« »Ich denke noch ein wenig.« »Sehen Sie, mein Herr, Sie sind in sie verliebt!« »Übrigens,« fuhr die Marquise fort, »hat man sich in dieser Beziehung durchaus nicht an mich zu wenden; ich bin dabei interessiert, ich sehe vielleicht nicht richtig.« »O, Sie sehen es gut, nur zu gut... Faublas, verlassen Sie sich auf mich! ich werde es zu verhindern wissen, dass Sie diese Kokette besuchen und lieben,« sich an Frau von B... wendend, sagte sie: »Nach der Scene, bei der Sie soeben Zeuge waren, brauche ich Sie nicht um Stillschweigen zu bitten, ich rechne darauf, denn Ihr ganzes Benehmen, mein Herr, lässt mich zu Ihrem Vortheil schließen ... wäre für einen Dritten Platz in meinem Cabriolet, so würde ich mir ein wahres Vergnügen daraus machen. Ihnen denselben anzubieten; ich gestehe Ihnen, dass es mir erwünscht wäre, unsere Freundschaft enger zu knüpfen. Besuchen Sie mich in Paris. Der Chevalier wird mich verbinden, wenn er Sie bei mir einführt; oder besser. Sie kommen allein; Sie brauchen doch niemand vorgestellt zu werden. Kommen Sie, und ich verspreche Ihnen, wenn es Ihnen allzu wehe thun sollte, niemals schlecht von der Marquise zu sprechen, obgleich es eine arge Frau ist.« Wir fuhren weg. Ich gab dem Postillon, der uns nach Croix-Saint-Quen, wo die Gräfin ihn gemietet hatte, fuhr und der reinen Mund zu halten versprach, einige Louisd'ors. Auch Frau von Lignoll glaubte die Discretion ihres Bedienten Lafleur, den sie notgedrungen zum Reisebegleiter genommen hatte, und der deshalb in unsere Liebe eingeweiht war, erkaufen zu müssen. Indessen überschüttete mich meine junge Freundin mit Liebkosungen, die ich ihr zurückgab, mit Vorwürfen, die ich nicht mehr verdiente, und mit Fragen, auf die ich keine Antwort zu geben im Stande war. Umsonst stellte ich ihr vor, dass sie zufrieden sein müsse, ihren Geliebten weder todt, noch verwundet, noch zur Flucht aus dem Vaterland gezwungen zu sehen; sie war über das Geheimnis missvergnügt, wozu mich jenes Ehrenwort, das ich nach ihrer Meinung nicht hätte geben sollen, verband! Das Gespräch fiel natürlicherweise auf den Vicomte von Florville. »Er ist sehr liebenswürdig, dieser junge Mann,« rief die Gräfin aus, und schien dabei sorgfältig den Eindruck zu beobachten, den diese Unterhaltung auf mich machte, »sehr liebenswürdig.« »Er hat Anmuth.« »Viel.« »Anstand.« »In der That!« »Ein sehr angenehmes Gesicht.« »Ja, sehr.« »Eine sanfte Stimme, wie Du.« »Die seinige ist jedoch allzu hell; es fehlt etwas darin.« »Er ist noch gar jung.« »Ohne Zweifel.« »Wie alt kann er sein? sechzehn Jahre?« »Höchstens.« »Dessenungeachtet,« fuhr sie mit affektiertem Wesen fort, »ist er reizend.« »Reizend.« »Er scheint voll Geist und Gefühl.« »Alles, wie Du sagst, meine Freundin.« Ich war so einsilbig, aus Furcht, zu viel zu sagen; und stellte mich völlig gleichgiltig, um jeden möglichen Verdacht zu entfernen. »Wäre es Ihnen nicht gefällig, mir anders zu antworten?« rief Frau von Lignoll aus. »Warum, meine theuere Freundin?« »Ihre Kaltblütigkeit bringt mich zur Verzweiflung.« »Meine Kaltblütigkeit?« »Ja, ich gebe mir den Anschein, diesen jungen Mann bemerkt zu haben; ich sage viel schönes von ihm, und das greift Sie nicht im mindesten an?« »Ich weiß nicht, warum ich mich ärgern sollte.« »Eben darüber beklage ich mich. Sie zeigen nicht die geringste Unruhe!« »Wahrlich, meine Freundin, weil ich nicht den geringsten Grund dazu habe,« erwiderte ich lachend. »Warum das, mein Herr? warum sollten Sie nicht ein wenig eifersüchtig werden? ich, ich bin es sehr!« »Leonore, ich wiederhole Dir, der Vicomte kann mich nicht in Angst versetzen.« »Lachen Sie nicht, mein Herr! ich kann es nicht leiden, dass man lacht, wenn ich vernünftig spreche. »Sagen Sie mir doch gefälligst, warum soll Sie der Vicomte nicht eifersüchtig machen?« »Warum? ... weil er ein Kind ist.« »Und Sie? sollte man nicht meinen, Sie wären ein Greis!« »Ferner gründet sich meine Zuversicht auf die Achtung, die Du mir einflößest.« »Achtung! nicht so viel Achtung, mein Herr, und mehr Liebe! ich habe es oft sagen hören, zu einer Zeit, wo ich nichts davon verstand; und jetzt, wo ich es verstehe, fühle ich, dass es nur zu wahr ist; man ist nicht sehr verliebt, außer wenn man sehr eifersüchtig ist. Werden Sie eifersüchtig, wenn Sie mir gefallen wollen.« »Geben Sie sich doch zufrieden, Madame, ich gestehe Ihnen, dass ich nicht ruhig blieb, während Sie den Vicomte mit so viel Aufmerksamkeit musterten.« »Recht,« unterbrach sie mich mit einer Umarmung, »recht so! das nenn' ich mir reden, das hätten Sie gleich sagen sollen. Übrigens sei außer Sorge, Faublas! gewiss, ich bewunderte den Vicomte nur, um Dich noch mehr zu bewundern; ich dachte, er ist recht nett, dieser junge Mann, recht nett. Aber mein Geliebter ist es noch mehr. Mein Geliebter hat ein ebenso reizendes Gesicht, und sein Wuchs ist schöner. Man bemerkt in seinem Wesen, in seiner Haltung, in seiner ganzen Person etwas mehr Imponierendes, Stolzeres, das Achtung gebietet, ohne abzuschrecken. Geist, Gefühl, Unerschrockenheit, kann er diese Eigenschaften in solchem Grade besitzen wie Du? wie Du, der mich den ganzen Tag lachen und hin und wieder weinen macht! ... auch bin ich sehr zufrieden, denn Du spottest nicht wie die übrigen Männer, die unserer Thränen lachen. Du, der weinen kann ... Bitte, sei ganz ruhig! ich erkläre Dich diesem schönen Jüngling um so mehr überlegener, als es mir allen andern, die ich schon gesehen habe, zu sein scheint. Sage mir, liebt Dein Vater den Vicomte?« »Sehr.« »Gut! er sollte Deine Schwester mit diesem jungen Manne vermählen. Das gäbe ein herrliches Paar.« »Ei, seht doch, ein sehr einfacher Gedanke, und doch ist er mir noch niemals eingefallen.« »Je nun, und dennoch sehe ich ein Hindernis dagegen; der Vicomte ist in diese Marquise vernarrt. Schade! sehr Schade!... ei, weißt Du, warum ich ihn zu mir eingeladen habe? Ich will Dir's sagen, denn ich kann nichts verbergen. Er ist eifersüchtig auf Dich, weil er in Frau von B... verliebt ist, er wird es mir gestehen, wenn Du zu ihr gehst.« »Gut ausgesonnen.« »Gewiss! ich lasse mich durch Ihre erheuchelte Lustigkeit nicht irre führen; Sie lachen nicht aus vollem Herzen. Ich hatte es mir immer vorgenommen, Sie an Besuchen bei dieser schlimmen Frau zu verhindern, und der Zufall bietet mir da ein Mittel, das zu vernachlässigen unverzeihlich wäre.« Indes kamen wir vorwärts, auf Paris zu, es war aber auch die Straße nach Fromonville. Sophie! meine Sophie, noch einmal war ich im Begriff, in dem Hause Deiner Nebenbuhlerin eine jener Nächte zu suchen, die ich so kurz fand; aber vergib! wahrlich ich dachte weniger an das Vergnügen der nächsten Nacht, als an die Wonne des darauffolgenden Tages, wo ich in den Armen meiner Gattin endlich das höchste Glück, nach dem ich mich so lange sehnte, kosten könnte. Freue Dich, meine Sophie! zwar allerdings empfange ich in diesem Augenblick einen Kuss von Frau von Lignoll, allerdings ist diese süße Gunst die Vergeltung für einen Seufzer, den Leonore meiner Brust entsteigen sah; aber, o, meine Sophie, freue Dich! dieser so zärtliche Seufzer galt nicht ihr! Wir stiegen aus dem Postwagen in Bourget, dem Dorfe, wo ich Jasmin zurückgeschickt hatten die Pferde der Gräfin waren dort in einem Gasthofe stehen geblieben. Wir ließen sie anspannen und waren rasch in Paris. Man begreift, dass Faublas jetzt gekleidet, wie er es immer hätte sein sollen, ohne Veränderung seines Anzuges nicht in das Hotel der Frau von Lignoll als Fräulein von Brumont sich begeben konnte; wir entschlossen uns also, bei Frau von Fonrose abzusteigen. »Grausame Kinder!« sprach die Baronin, »woher kommt Ihr?« sagte Frau von Fonrose zur Gräfin. »Ich begab mich zur Stunde des Mittagessens in Ihre Wohnung und war sehr bestürzt durch die Nachricht, dass Sie, durch die Flucht des Fräulein von Brumont in Verzweiflung gesetzt, ausgefahren seien, um dieselbe aufzusuchen. Schon,« fuhr sie zu mir gewendet fort, »waren einige Stunde verflossen, seit Ihr Vater, in Begleitung seiner Tochter, des Fräulein von Faublas, mir einen Besuch abstattete. Beide reisten nach Fromonville ab, überzeugt, dass Sie zu einem Duell gereist seien. »Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ein theuereres Interesse, als die Ehre, Sie hätte verhindern können, sich zu den Füßen Ihrer Gattin zu werfen. Beide zitterten für Sie; beide, ich darf es Ihnen nicht verschweigen, werden in peinlicher Angst schweben, wenn Sie nicht sehr bald sich zu ihnen begeben werden.« Schon dachte die Gräfin nicht mehr an ihr kaum begonnenes Mahl. Sie fiel der Baronin in die Rede und erklärte ihr barsch, dass sie nicht zugebe, dass ich sie verlasse; dabei äußerte sie ihr höchstes Erstaunen, wie Frau von Fonrose, die sich doch für ihre Freundin ausgebe, sich erlauben könne, in ihrer Gegenwart ihrem Geliebten dergleichen Rathschläge zu ertheilen. Die Baronin war über eine Rechtfertigung gar nicht in Verlegenheit. »Sie sind in den Sohn verliebt,« sagte sie, »ich liebe den Vater. Der Baron Faublas würde mir nimmer verzeihen, wenn ich unter so ernsten Verhältnissen mich dazu hergegeben hätte, seinen Sohn von ihm entfernt zu halten. Zudem, mein theueres Kind, was fordern Sie von dem Chevalier? dass er unnöthiger Weise allen Anstand und alle Pflichten verletze! denn weit entfernt, ihm eine Schlechtigkeit zu rathen, ich sage nicht, dass er Sie verlassen soll, sondern dass er Sophie aufsuche, sie zurückbringe und es dann mache, wie die Leute von Welt, wie die besten Ehemänner, welche die Liebe zu ihren Maitressen mit den Rücksichten, die sie ihren Gemahlinnen schuldig sind, zu vereinigen wissen. Sich anders zu betragen hieße Sie zu Grunde richten. So frage ich nur, ob zum Beispiel der Chevalier fortwährend bei seiner Geliebten wohnen kann, wenn seine Frau anwesend ist? ob er auf diese Weise die Verzweiflung der einen und die Gutherzigkeit der andern ins Tagesjournal drucken lassen soll? vorausgesetzt, dass Sie durch Ihre Leidenschaft verblendet genug wären, um von ihm diese Übertreibung zu erwarten, und er schwach genug. Ihnen nichts abzuschlagen, so frage ich: ob nicht die ganze Welt bald erführe, dass Herr von Faublas sich in Ihrem Hause zum Fräulein gemacht hat, weil er in dem seinigen nicht Mann sein wollte. Ich spreche nicht von Herrn von Lignoll. Hoffen wir, dass der Schutzgott der Liebenden für diesen Ehemann thun möge, was er gewöhnlich für die andern thut; hoffen wir, dass dieser würdige Gemahl der letzte in Paris sein werde, der erfahre, dass Ihr ihn hier zum Tagesgespräch gemacht habt; aber wird seine Familie ruhig dem unaussprechlichen Hohne zusehen, womit ihn jeder Tag überhäufen müsste?« »Seine Familie, was liegt mir an seiner Familie?« antwortete die Gräfin, welche bis dahin den klugen Ansichten der Baronin nur Thränen und viele sinnlose Ausrufungen entgegengesetzt hatte. »Was Ihnen daran liegt?« antwortete Frau von Fonrose. »Wohlan denn! wie ist es möglich, dass Sie sich vorstellen können, den Chevalier zurückzuhalten, trotz dem Willen seiner Frau, die jedenfalls gegen einen solchen Skandal reklamieren wird, trotz der unauslöschlichen Geschwätze Ihrer Tante, die jeden Morgen ihre Grundsätze vor Ihnen auskramt, trotz dem Publikum, dem eifersüchtigen, inkonsequenten, indiscreten Publikum, das unablässig von den Thorheiten einen Lärm macht, die es verschweigen, und Anstößigkeiten wieder aufführt, die es begraben sollte. – Dem Publikum, das vor Niemand Achtung hat, und da es sich selbst nicht achtet, die Ehemänner, welche es bedauert, dem Gelächter Preis gibt, die Frauen, welche es schmäht, beschützt, und streng die Fehler verurtheilt, woran es sich dennoch täglich ergötzt und für seine Bosheit Nahrung findet; endlich trotz dem Baron, der ...« »Trotz Gott, und der Welt, Madame!« »Welche Antwort! haben Sie den Verstand verloren? oder glauben Sie, ich übertreibe? der Baron, von dem ich Ihnen soeben sprach. Sie kennen ihn nicht! er ist der Mann dazu, wenn Sie ihn so weit treiben, seinen Sohn in Ihrem Schlafzimmer abzuholen!« »Und ich, wenn man mich rücksichtlos zum äußersten treibt...« »Was werden Sie thun?« »Ich werde mich umbringen.« »Ein schönes Auskunftsmittel! ich bedauere Sie... ich bedauere Sie, weil Sie nicht fühlen, dass es besser ist, für einen Augenblick ein kostbares Gut zu opfern, um es darnach wieder zu finden und ungehindert zu besitzen, als sich dem Tod durch Reue über seinen Verlust auszusetzen, indem man es einige Tage zu lang behält.« Frau von Fonrose redete noch, als wir eine Karosse in den Hof einfahren hörten. Es konnte nur die des Herrn von Lignoll sein. Ich hatte kaum Zeit, meine Freundin zu umarmen, ein Stück Huhn zu ergreifen und mich in das Ankleidezimmer der Baronin zu retten. Einen Augenblick nachher hörte ich den Grafen diesen Damen einen guten Abend wünschen. Erstaunt, dass seine Frau, die selten in der Stadt speiste, morgens um drei Uhr noch nicht zurück war, hatte er vorausgesetzt, sie speise bei der Baronin und befinde sich unwohl. Er fragte sie, ob sie Fräulein von Brumont noch während des Tages gefunden habe. »Ja, mein Herr,« erwiderte die Gräfin, »und ich hoffe, dass sie zu mir zurückkehren wird.« »Sie wird gewiss zurückkommen,« antwortete er, »weil ich es ihren Herrn Vater habe versprechen lassen. Inzwischen bedenken Sie, wie spät es ist. Nehmen Sie einen Platz in meinem Wagen und kommen Sie!« »Sehr verbunden!« erwiderte sie trocken; »ich gedenke nicht vor Tag heim zu gehen.« Leicht hätte ich das Ende dieser Unterredung, die mich ziemlich nahe berührte, anhören können. Sophie, theuere Interessen beschäftigen bereits meine Gedanken. Deine Nebenbuhlerin ist nicht mehr an meiner Seite; nur ihre Stimme schlägt bis an mein Ohr und dringt nicht bis an mein Herz, das voll ist von Deinem Angedenken! Sophie kaum erst habe ich Dich wiedergesehen, ohnmächtig hinsinkend! ich habe Deine Reize betrachtet, und Deine Verzweiflung ist bis in mein Innerstes gedrungen; ich habe gebebt über all das Elend, das Du erträgst; der Gedanke des Glücks, das mich an Deiner Seite erwartet, hat mich durchzittert. Wer nur mit einiger Aufmerksamkeit diese meine Abenteuer liest, muss sich erinnern, dass mich vor Kurzem eine hübsche Kammerfrau eben in dem Kabinet, worin ich mich befinde, frisiert und angeputzt hat. Er muss sich erinnern, dass ich an jenem Tage von dem Wunsche, die Gräfin wiederzusehen und dem Baron auszuweichen, gedrängt, mich durch eine geheime Treppe in den Hof der Frau von Fonrose führen ließ. Jetzt im Gegentheil, um meinen Vater aufzusuchen und meiner Geliebten zu entfliehen, suche ich tastend denselben Weg in diesem Theile des Hauses, dessen Gänge mir ein wenig bekannt sind. Schon bin ich auf der geheimen Treppe, dann im Hof und auf der Straße. Voll zärtlicher Bekümmernis hatte Herr von Belcourt geahnt, was kein anderer Vater hätte voraussehen können. Da es nicht unmöglich wäre, hatte er bei seiner Abreise geäußert, dass besondere Gründe mich nach der Hauptstadt zurückzukehren zwingen könnten; so musste der Schweizer die ganze Nacht wachen, um mich zu erwarten, und mein Bedienter eine Postchaise in Bereitschaft halten. Man liebte den Baron und seinen Sohn allzusehr, um die Befehle des einen und die Interessen des andern zu vernachlässigen. Am Hotel anlangend, brauchte ich nur in den Wagen zu steigen, und mein treuer Jasmin wollte mir durchaus vorreiten. Daher fand ich auf jeder Station bereitstehende Pferde; die Postillone, Dank meiner Freigebigkeit, bedauerten es nicht, zu früh aufgeweckt worden zu sein; sie betitelten mich: Monseigneur! und wir eilten, als hätten wir Flügel. Die Morgenröthe erschien, welche mir den schönsten Tag versprach. Das ist dieselbe Straße, die ich vorgestern in entgegengesetzter Richtung so schmerzlich bewegt zurücklegte. Welch glückliche Veränderung meiner Lage haben sechs und dreißig Stunden hervorgebracht! Ich darf nicht unter fremdem Himmel den Verlust meines Vaterlandes beweinen; nehme die Gewissensbisse nicht mit mir, meinen Gegner geopfert zu haben, der mich mit gerechter Rache verfolgte. Zu Fromonoille wird mich mein nun getrösteter Vater an seine Brust drücken! dort wird auch meine endlich getröstete Gattin in meinen Armen liegen, um endlich nach so langen Leiden und Prüfungen jenes Glück zu genießen, welches ihr treues Herz verdient. Es scheint mir eine Ewigkeit zu dauern, ich eifre den Postillon zu immer erneuerten Schnelligkeit an, indem ich ihm zurufe: »Zu, zu, Postillon!« Ich male mir in der Postchaise, die wie auf Windesflügel dahin eilt, ein seliges Wiederfinden aus. Ich bedeckte im Geiste meine geliebte Sophie mit glühenden Küssen, umarme ihre Kniee und ernte den Lohn meiner äußersten Zärtlichkeit... Ist es wahr, dass Adelheid dort sein wird? können wir Adelheid nicht zurückschicken, wie? wird man bis zur Nacht warten müssen? das wäre allzulange... Diese Nacht! nie werde ich eine köstlichere verlebt haben! wie langsam mich diese Pferde weiterbringen!... Postillon, zu doch! Und morgen, morgen werde ich wieder auf dieser Straße sein! – Aber ich werde Sophie bei mir haben! ich werde meine Gattin nach Paris zurückbringen! sie in mein Vaterhaus einführen! Hymens Kammer, neben der des Cölibats, die dann verlassen sein wird, für immer verlassen! nie werde ich mich aus dem Gemach meiner Gattin entfernen! dort werde ich meine Tage, mein Leben zubringen! immer und immer wieder werde ich die lange Erzählung der Leiden, die sie während meiner Abwesenheit betroffen, anhören! und ich, ich werde ihr hundertmal Alles, was ich erduldet, alles Unglück, das mir zugestoßen, erzählen... Alles? nein! ich werde ihr nicht sagen, wie bedauernswürdig die Marquise ist, und welch zärtliches Mitleid ich ihr bewahre. Sophie, von Natur aus argwöhnisch, könnte darüber unruhig werden, und ich will ihr nicht bloß die allerstrengste Treue halten, sondern auch die Unruhen der Eifersucht ersparen. Ebensowenig werde ich ihr von der Gräfin reden. Die arme Gräfin, wie einsam muss sich dieselbe zur Stunde fühlen; wie traurig ist sie wohl, sie weint, verzweifelt, beschuldigt mich der Treulosigkeit! wahrlich, ich hätte ihr wenigstens einige Worte des Trostes sagen, sie benachrichtigen, sie vorbereiten sollen ... Wie rasend dieser Mensch mit mir dahinfährt! Postillon, Du stürmst wie der Wind! Einen Augenblick! halt einen Augenblick! wohin führst Du mich so schnell?« »Villeneuf-Saint-George, Euer Gnaden,« erwiderte er seine Pferde anhaltend, »Straße von Fontainebleau, Straße von Fromonville.« »Von Fromonville? gut! »Voran denn! welcher Teufel hält Dich auf?« »Wie Sie befehlen, Monseigneur!« »Schau, wie viel Zeit Du verlierst! schneller gefahren!« »Bald langsamer, bald schneller! Sie widersprechen sich ja! bis jetzt fuhr ich immer im schnellsten Galopp, ich kann es nicht besser machen.« »Du hast Recht, mein Freund; aber ich bitte Dich doch sehr, fahre schneller!« Das verabscheuungswürdige Gefährte rollte noch sieben tödliche Stunden lang. Endlich sehe ich die Brücke von Montcourt, und auf der Brücke von Fromonville zwei geliebte Personen. Bald empfange ich ihre Küsse und theile ihre Freude. Eine fragt mich, ob ich keinen gefährlichen Stoß erhalten, die andere, ob ich Frankreich verlassen müsse. »Nein, meine theuere Adelheid, ich bin nicht verwundet! nein, mein Vater, wir werden unser Vaterland nicht verlassen; aber eilen wir, ich bitte Sie! Wie vielen Dank bin ich Euch schuldig! Ihr habt sie verlassen, um mir entgegen zu gehen? und sie! wo ist sie geblieben? kommt, fliegen wir! bringt ihr den Gatten wieder. Wie, mein Vater, Sie schlagen mit bestürzter Miene die Augen nieder? wie, meine Schwester, Du weinst? Ist Alles verloren? Ist Sophie nicht da, hat sie uns verlassen, lebt sie nicht mehr?« »Sie lebt,« ruft der Baron, »aber Du wirst sie nicht finden!« »Sie liebt Dich,« fällt meine Schwester ein, »aber...« »Ich verstehe Euch, zum drittenmal raubt ihr Vater sie mir!« Beide antworten nur mit einer stummen Geberde; beide besorgt, den Folgen des ersten Ausbruchs zuvorzukommen, verhindern, dass mich meine Verzweiflung das Leben koste. Mein Vater bemächtigt sich meiner Pistolen und meines Degens. Adelheid umfasst mich mit zitterndem Arm, um ihren Bruder, der erbleicht und wankt, zu halten. »Theuere Schwester, Du bist nicht stark genug, lass mich meinem Schmerz über!« Faublas fallt beinahe sterbend auf denselben Rasen, den er vorgestern kaum berührte, als er, um einer nun verlassenen Geliebten zu folgen, eilenden Fußes seine Gattin floh, die er heute vergeblich zurückgesehnt! »Adelheid! ach, ich beschwöre Dich, habe Mitleid mit Deinem Bruder ... mein Vater! lassen Sie mich sterben ... Sie ist mir entführt! sie glaubt mich schuldig! Sophie weiß nicht, wen ich für sie verlassen; Sophie weiß nicht, dass ich die Hälfte meines Lebens geben würde, um ihr die andere Hälfte weihen zu dürfen! sie ist entführt, sie glaubt mich schuldig! lasst mich sterben!« Indessen hielt mich Adelheid in ihren Armen und verschwendete die zärtlichsten Liebkosungen an mich. Die Thränen, die ich sie vergießen sah, versüßten die Bitterkeit derer, die ich selbst vergoss, und mein Vater besänftigte meine Schmerzen, indem er sie heilte. »Allzu theuerer und unglücklicher Sohn,« sprach er, »werden denn ohne Unterlass die glühendsten Leidenschaften Deine stürmische Jugend foltern? und will der Unstern, der sich seit einiger Zeit Dir die grausamsten Lehren zu geben bemüht, will der Unstern mir fortan nur die harte Pflicht übrig lassen, Dir entweder allzu schwache, oder ganz nutzlose Tröstungen anzubieten? o, mein Sohn, ich beklage Dich, aber Du bist auch mir einiges Mitleid schuldig.« »Mein Vater, weiß man zum mindesten nicht, was aus ihr geworden ist? weiß man nicht, auf welcher Straße Lowzinski sie entführt? Sie antworten mir nicht! es ist also wahr, dass ich sie gänzlich verloren habe, dass keine Hoffnung mir übrig bleibt. Berge und Thäler trennen uns jetzt; vorgestern noch habe ich sie hier gesehen! hier, meine geliebte, theuere Schwester, von da aus kannst Du es sehen, das Gitter, das ich mit meiner Hand erschütterte, das ich hätte zerbrechen sollen... Deine Freundin war hier! hier war sie, meine Heißgeliebte! jetzt trennen uns unbekannte Orte! Sophie! meine Sophie! ein verfolgender Gott regiert unsere Liebe. Scheinen möchte es, als ob er Dir bisweilen Deinen Gatten zeige, nur um Dich die Qual über seine Abwesenheit desto schmerzlicher fühlen zu lassen. Beinahe ist es mir, als ob dieser verfolgende Gott mir bisweilen gestattet Dich zu sehen, nur um in meiner Seele die Verzweiflung über Deinen Verlust, Du heißgeliebte Gattin, wieder zu erwecken: ja, der Grausame nähert uns einander von Zeit zu Zeit, um sich mit teuflischer Lust daran zu weiden, indem er uns wieder trennt. »Ich eile nach Luxemburg, meine Geliebte folgt mir dahin; wenige Stunden darauf findet sie ihren Vater wieder. »Sie wissen es recht gut, welch unseligen Schmerz, welche gräßliche Verzweiflung sich meiner bemächtigte, als man mir meine geliebte Gattin entriss, und wer hat es gethan, ihr Vater; wenn man es bedenkt, ist das die Liebe, die er zu seinem einzigen Kinde hat? Wie hat er gejammert, wie hat er nach seiner geliebten Dorliska geseufzt, sie herbeigesehnt, und wenn er sie endlich nach unsäglichen Mühen und fast vergeblichem Hoffen wieder findet, was ist das für ein Beweis seiner zärtlichen Liebe, indem er seiner Tochter ihren Gemahl, mir meine Gattin raubt. »Unter tausend Gefahren dringe ich bis zum Kloster, das sie einschließt; ich wage mein Leben, um sie zu sehen, ihr Anblick ist mir nur einen Augenblick gestattet, denn wieder werde ich gewaltsam von ihr getrennt. »Endlich führt mich ein glücklicher Zufall an ihren neuen Kerker, sie erblickt mich an der Seite der Gräfin, und ein Schmerzensschrei beweist mir, dass mich meine Gattin noch liebt, dass sie mich erkannt. – »Ich sehe sie sterbend hinsinken, ich kann nicht zu ihr gelangen und versuche es vergebens in den Garten, den ein mächtiges Gitterthor einschließt, zu gelangen. Man trägt sie hinweg. »In demselben Augenblick entsinne ich mich, dass mich die Ehre ruft... Die Ehre? ja, ich glaubte es wenigstens, so wurde es mir wenigstens vorgespielt. »Unheilbringende Marquise, nicht zum erstenmale bringst Du mir Unglück! Die gebieterische Ehre reißt mich fort, und als ich zurückkehre, habe ich Alles verloren! »Sophie ist mir entführt! ist's möglich, kann ein Vater so grausam, so gefühllos sein? der Barbar! welchen Vorwurf kann er noch seiner anbetungswürdigen unglücklichen Tochter machen? welchen Fehlers klagt er mich an, den nicht meine Heirat wieder gut gemacht hätte? welchen Verbrechens, das mein Unstern nicht gesühnt? warum verlangt er, dass zwei liebende Gatten, von vergeblicher Sehnsucht verzehrt, dahin sterben? warum will er diese beiden jungen Leben in dasselbe Grab stürzen? o, mein Vater! mein Vater!« »Diesmal,« sagte der Baron, »hat sich Duportail nicht von uns entfernt, ohne mich von seinen Beweggründen und seinen Entschlüssen zu unterrichten, Ein Brief, den er für mich hinterlassen ...« »Ein Brief! oh, geben Sie her, mein Vater!« »Mein lieber Sohn, gewinnen wir erst das nächste Dorf.« Ich musste mich seinem Willen fügen. Wir traten in einen Gasthof von Montcourt ein. Der Baron wollte selbst den Brief meines Schwiegervaters lesen; aber er musste endlich meinen Bitten nachgeben, und händigte mir den Brief ein. Ich las folgende für mich so demüthigende Zeilen: »Weil Ihr Sohn abermals meinen Aufenthaltsort entdeckt hat, weil er mit hartnäckiger Verstocktheit sein Opfer überall hin verfolgt: so muss ich Sie, Herr Baron, endlich von dem ganzen Unglück meiner Tochter unterrichten; ich muss Ihnen Abscheulichkeiten mittheilen, deren man einen jungen Edelmann kaum für fähig hält. »Sie wissen, in welche beinahe unvermeidliche Schlinge Sophie gezogen wurde; Sie werden nie vergessen, wo und wie der unglückliche Lowzinski seine ersehnte Dorliska wiederfand, seine selbst im Schöße des Vergehens mehr zu bemitleidende, als strafbare Dorliska. »Baron, die Entführung dieses nicht minder achtbaren als unglücklichen Kindes war nicht die größte Frevelthat Ihres unwürdigen Sohnes ...« »Die größten Frevelthaten Ihres unwürdigen Sohnes! welche Ausdrücke! welche schreckliche Lüge! Sie selbst, mein Vater, Sie selbst müssen über diese Beleidigung empört sein... Herr Baron, ich schwöre Ihnen, sie soll in dem Blute des Verleumders abgewaschen werden... »Doch was sage ich? er ist Ihr Freund, ist der Vater Sophiens ... Beruhigen Sie sich, mein Vater! beruhige Dich, Schwester. Verzeihen Sie der ersten Aufwallung von Überraschung und Zorn, verzeihen Sie.« »Gib,« sagte der Baron zu mir, »gib her, dass ich diesen Brief zu Ende lese.« »Oh, nein! ... gestatten Sie...« Ich las weiter: »An demselben Tage, als ich ihm meine Tochter gab, in demselben Augenblicke, als Alles zu ihrer Vereinigung bereit war, höre ich auf der Hauptstraße nach Luxemburg einen Fremden nach dem Chevalier Faublas fragen; und trotz ihrer neuen Verkappung erkenne ich diejenige, welche zuerst Ihren Sohn in der fluchwürdigen Kunst, Frauen zu verführen und Ehemänner zu betrügen, ausbildete. »Sie eilte ohne Zweifel nach einem zwischen ihnen verabredeten Plan herbei, den Mörder ihres Gatten an seinem Verbannungsort aufzusuchen.« »Großer Gott!... mein Vater, ich schwöre, dass nichts daran ist; ich wusste nicht, dass die Marquise mir nach Luxemburg folgen wollte, mir war es unbekannt.« »Mein Sohn, ich glaube es gerne, ich weiß, wie dieses unselige Weib verblendet ist.« »Oh! mein Vater, wie sehr müssen Sie mit mir fühlen.« »Ich kann Dich einer so abscheulichen Handlungsweise nicht für fähig halten. Aber er ist Vater, und zwar ein unglücklicher Vater, wir müssen ihn entschuldigen, beklagen, ihn wiederzufinden und zu überzeugen suchen!« »Weiter! lies weiter.« »Bei dieser verderblichen Erscheinung ahne ich alles Elend, das meiner theueren Dorliska droht; ich sehe nur ein Mittel, sie der dringenden Gefahr öffentlicher Schande und Verstoßung zu entreißen; und doch gehe ich in die Kirche, noch ungewiss, ob ich einen mir selbst außerordentlich scheinenden Schritt thun soll. »Eine verwegene, nichts als heilig achtende, nichts scheuende Nebenbuhlerin erscheint beinahe zugleich mit uns vor dem Traualtar. Vor dem Antlitz Gottes, der die Schwüre der Verlobten empfängt, fordert sie ihn auf, die seinigen allen zu brechen! »Indessen, was hoffte er, Ihr grausamer Sohn, der würdige Zögling eines schamlosen Weibes, der elende Verführer einer wehrlosen Jungfrau? was hoffte er, als er die eine der achtungswerten Abgeschiedenheit, die durch ihre Tugenden so reizend wurde, entriss, als er von der andern die beispiellose Aufopferung einer verderbten Welt, deren Abgott sie war, verlangte? Was er hoffte! sich zum Schauspiel von ganz Europa zu machen; sich zu berauschen in dem Ruhme, an den nämlichen Triumphwagen ein verführtes Mädchen und eine ehebrecherische Gattin zu fesseln, seine beiden Geliebtinnen an gleiche Schande zu gewöhnen; Fräulein von Pontis von Ort zu Ort zu führen, und sie mit der Marquise, wie einen verbuhlten Liebhaber, so die öffentliche Schande und Verachtung theilen zu lassen!« »Fräulein von Pontis die öffentliche Verachtung mit der Marauise von B ... theilen! welche Lüge! welche Lästerung!« »Das waren seine Pläne, denen ich zuvorgekommen bin, die ich zerstört habe. Dank meiner Wachsamkeit Dorliska wurde gerettet! aber die Ereignisse haben alle meine Verdachtsgründe gerechtfertigt. »Nie hat man erfahren können, was aus der Marquise während der sechs Wochen, die Ihr Sohn in der Umgegend von Luxemburg zugebracht, geworden ist; ohne Zweifel lebten sie zusammen ...« »Ist das wahr?« fragte mich Adelheid. »Ja, liebe Schwester, wahr ist, dass Frau von B ... mich von Zeit zu Zeit besuchte, aber ich wusste nicht, dass sie es war.« »Wie hätten Sie das nicht gewusst, mein Bruder?« »Das kann ich Dir nicht erklären.« »Diese Antwort, theuerer Bruder, ist mir zu dunkel.« »Du zürnst mir auch, liebe Schwester?« »Wohl muss ich es.« »Warum willst Du noch dieses zu meinem Leid fügen?« »Was mich kränkt, ist, dass Herr von Duportail bisweilen Recht haben muss, sonst dürfte er Ihnen wohl nicht solche Vorwürfe machen.« »Ich sehe, liebe Schwester, dass Du mich ganz verdammst.« »Ich thue es mit schwerem Herzen.« »Aber Du thust es dennoch!« »Wohlan, mein Bruder, enden wir!« »Man sah sie mit frecher Stirne wieder bei Hofe erscheinen; Ihr Liebhaber war ja in der Hauptstadt. »Wenn alle ihre Ränke nicht zu verhindern vermochten, dass der Chevalier ins Gefängnis wanderte: so weiß doch Jeder, dass sie ihn daraus befreite, indem sie sich preisgab.« »Davon, mein Vater, kann ich mich nicht überzeugen.« »Unbesonnener! lies, so lies doch!« »Es sind überspannte Beschuldigungen.« »Kannst Du Dich nicht so weit beherrschen?« »Wie meinen Sie das, lieber Vater?« »Ich glaube doch, dass ein Mann ein so pflichtvergessenes Weib von sich weisen kann.« Mein Vater, der erzürnt war, gebot mir weiter zu lesen. Und ich musste gehorchen. »... Und welchen Gebrauch hat er von seiner Freiheit gemacht? Da Sophie nicht wiederkehrte, musste eine andere an ihre Stelle treten. »Der Chevalier Faublas ist nicht der Mann, sich mit einer einzigen Eroberung zu begnügen. »Zwei zugleich, zwei Geliebtinnen mindestens sind unentbehrlich. Nur das ist mir unbegreiflich, dass Ihr Sohn es nach der Wiederentdeckung meines Aufenthalts wagte, mit einer neuen Nebenbuhlerin, die er Sophien vorzieht, vor ihr zu erscheinen.« »Die ich ihr vorziehe! wie konnte ich solches thun? es ersetzen mir doch alle Frauen der Welt meine geliebte, meine angebetete Sophie nicht. »Ach, mein Vater, wenn Sie müssten, wie sie mich liebt, wie theuer ich ihr bin.« Der Vater fiel mir in die Rede: »Bedenkst Du auch, mein Sohn, was Du mir da sagst?« »Ich weiß, dass ich Unrecht habe, mein Vater, ich habe Unrecht, aber ich befinde mich in der peinlichsten Lage. »Verzeihung, hundertmal Verzeihung!« Ich las den Brief, der mir meine Schwächen, meinen jugendlichen Leichtsinn in ihren ganzen vernichtenden Anschuldigungen eines gequälten Vaterherzens vor die Augen hielt: »... Dieser unpassende. Schritt, dessen Beweggründe ich nicht ahne, schließt offenbar irgend ein anderes Gewebe von Abscheulichkeit und Treulosigkeit in sich, dessen Ausgang erst die Zukunft lehren wird. Wer ist jener Mann von reifem Alter, der sie begleitete? ein unglücklicher Gatte, den er mit Hohn und Schande überhäufen, oder ein vertrauender Vater, dessen Freundschaft er verrathen wird. »Baron, auch Sie sind Vater, aber Sie scheinen nie daran denken zu wollen. Ich werde ohne Rückhalt reden ... Ihre Nachsicht ist nicht zu entschuldigen. »Mein Freund, denn so darf ich Sie ja noch immer nennen. Sie standen mir bei in meinen kummervollsten Tagen, wenn mein Herz zu brechen drohte, haben Sie mich immer aufgerichtet und mich mit der Hoffnung getröstet, ich würde eines Tages meine verlorene, heißgeliebte Tochter wiederfinden. »Ich habe sie wiedergefunden, ach! in welchen Verhältnissen! und wäre Ihr Sohn ein mit treuen und ehrlichen Grundsätzen erzogener junger Mann gewesen, dann wäre es nicht so weit gekommen. Ich werde keine bloßen Höflichkeitsformeln gegen Sie beobachten. Mein Freund, fürchten Sie bald blutige Thränen weinen zu müssen! fürchten Sie, dass der endlich seiner Schonung müde Himmel die Unthaten seines Sohnes und die übermäßige Schwäche des Vaters zugleich strafe! fürchten Sie, dass er eines Tages in seinem Zorne meiner Tochter einen Rächer und der Ihrigen einen Verführer schicke!« »Einen Rächer seiner Tochter!« »Duportail, ich werde ihn sehen, diesen Rächer, den Du mir ankündigst, er zögert zu lang zu kommen. Faublas wird ihn aufzusuchen gehen!« »Beruhige Dich,« rief der Baron aus, »Du hast mir soeben versprochen...« »Wie! mein Vater, nicht nur zufrieden damit, mir zu drohen, wagt er es noch, meine Schwester zu beschimpfen! »Einen Verführer meiner theueren Adelheid!« »Siehst Du, mein Freund, wie uns die Leidenschaften inconsequent und grausam machen können; schon der Gedanke, Adelheid könnte verführt werden, versetzt ihren Bruder in Wuth; und er verzeiht die Empörung demjenigen nicht, dessen Tochter, die so tugendhaft war, dennoch zu den strafbarsten Ausschweifungen einer sträflichen Liebe hingerissen wurde! »Faublas spricht davon, sich gegen seinen Schwiegervater zu waffnen; und dennoch dachte Lowzinski in Luxemburg nicht daran, an einem fremden Verführer die Verirrungen seiner Dorliska zu rächen.« »Erlauben Sie, mein Vater, dass ich endlich seine Entschlüsse erfahre.« »Mein Beispiel sei Ihnen wenigstens eine nützliche Mahnung; ich selbst trug zu den Verirrungen des Chevaliers bei, und obwohl nur unfreiwillig darin verflochten, sah ich mich doch bald dafür gestraft. Alles Leiden, das mich niederdrückt, kam von diesem undankbaren jungen Manne und seiner verderblichen Maitresse her, deren verbrecherischen Umgang ich ruhig zusah. »Bald in einen ungerechten Streit verwickelt, hatte ich den Kummer, das weiseste Gesetz eines Landes, das mir gastfreundlich war und mir auch meine Freunde und sogar ein Vaterland gegeben, zu verletzen. »Ach! wie viel weniger zu bedauern als ich, ist die angebetete Gattin, deren tragisches Ende ich vor zwölf Jahren beweinte. »Sie schläft ruhig in den Wäldern von Sula. »Ein frühzeitiger Tod entriss sie mir, sie hatte nicht den Schmerz des traurigen Missgeschicks ihres Gatten und ihrer Tochter zu erleben. »Dir, o ewige Vorsehung, sei Dank, deren Fügungen immer zu segnen sind! Dank sei Dir, allweise Vorsehung, selbst in Deiner Strenge! Du wolltest, dass Lowzinski Lodoiska überlebte, um eines Tages Deiner missbrauchten Tochter beizustehen. »Ach, es ist leider zu spät; aber um wenigstens ihre vollständige Schmach und die ihr drohende Erniedrigung zu verhindern, um Dorliska vor der äußersten Demüthigung zu retten, die ihr der herzlose Verführer zugedacht. »Ja, meine entehrte Tochter wurde nicht herabgewürdigt, meine Tochter kann noch der Trost, die Freude, der Stolz ihres Vaters werden.« Hier unterbrach mich mein Schluchzen einen Augenblick, Adelheid weinte ebenfalls; da aber der Baron Miene machte, den unheilvollen Brief wieder an sich zu nehmen, so that ich mir Gewalt an, seinen traurigen Inhalt zu Ende zu lesen. »– Baron, ich habe Ihnen Rechenschaft von meinen nur zu gerechten Beweggründen gegeben, es bleibt nur noch übrig, dass ich Ihnen meinen unveränderlichen Entschluss mittheile. »Von dem unauffindbaren Verstecke, wohin ich mich flüchte, werde ich immer meine Augen offen haben auf meinen Verfolger. Meine Dorliska ist mir unendlich theuer; denn ich bete in ihr das lebende Ebenbild einer bis zu meinem Tode unvergesslichen Gattin an. Urtheilen Sie nun selbst, ob ich nicht bestrebt sein muss, ihr glühend ihr höchstes Glück zu wünschen. »Ach! mit welcher Freude würde ich ihrem Glücke, ihren theuersten Wünschen selbst die mir angethanen Beschimpfungen aufopfern. Aber derjenige, der seine Geliebte verführt hat, wird seine Frau nur dann erhalten, bis er sie verdient haben wird; und obgleich Ihr Sohn die Jugend Sophiens missbrauchte, wird er meine Erfahrung nicht täuschen. Der Chevalier versuche also nicht, mich zu täuschen, indem er sich verstellen wollte. Ich habe ihn zu gut kennen gelernt, ich habe zu sehr seine ränkevolle Maitresse fürchten gelernt, um mich durch den Anschein betrügen zu lassen. »Wahrlich, er würde sich nun vergebliche Mühe geben, sich anscheinend gut gesittet zu benehmen; ich werde stets und mit vollem Rechte in seinem Betragen nur Heuchelei finden, so lange die Marquise auf dieser Erde lebt; denn dieses Weib ist ein Dämon, der diesen wankelmüthigen, jungen Mann nicht freigeben wird, bis sie ihn in den Abgrund des Verderbens gestürzt haben wird. Wie, sollte ich meine theuere Tochter auch mit hineinreißen lassen, um diesem pflichtvergessenen Weibe den völligen Sieg über diese zarte unschuldige Seele genießen zu lassen? Soll ich vielleicht zusehen, wie sie hohnlachend ihren sündhaften Körper vorbeugt, um den letzten Seufzer eines sich zu Tode quälenden Herzens anzuhören? »Baron, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! sollte Faublas noch so glänzend von seinen Verirrungen zurückkommen, er wird dennoch Sophien nicht wiedersehen, bis der Himmel in seiner großen Gerechtigkeit die Einsperrung oder den Tod der Frau von B ... befohlen hat. Aber es ist eine Thorheit von mir, mich durch diese schmeichelhaften Voraussetzungen verblenden zu lassen. »Die Besserung dieses jungen Mannes wird wohl nie eintreffen. Gott, der so große Fehler nicht ungestraft lassen kann, hat ohne Zweifel der Marquise eine schreckliche Katastrophe vorbehalten. Aber das Beispiel ihrer Züchtigung, und wenn dieselbe selbst noch an diesem Tage sich vollziehen würde, möchte dennoch zu spät für Ihren Sohn kommen. Er, der anfänglich verführt wurde, ist selbst zum Verführer geworden und wird in Gesellschaft von seiner würdigen Freundin sich mehr und mehr verschlechtern. »Ich versichere Sie, Herr Baron, dass ich ohne Unterlass arbeiten werde, meine Tochter von der verderblichen Neigung zu heilen, denn leider hat sie ihr junges Herz ganz dem Manne ihrer ersten Neigung hingegeben, und nur ihre engelgleiche Sanftmuth ist es, die sich in den väterlichen Willen fügt, und mit kindlicher Liebe und Ergebung sich von ihrem treulosen Gatten durch mich fern halten lässt. Aber derselbe Gott, der die Schlechten verfolgt, wacht über die Gerechten. »Wenn ihr Verfolger, dessen zügellose Leidenschaften ihn gewiss eines Tages in einem Zweikampfe mit einem betrogenen Ehemanne werden fallen lassen, endlich gestorben sein wird, dann wird meine Sophie, die in ihren eigenen Augen wieder erhobene Sophie, zu einem neuen Leben wieder auferstehen; meine Vatersorgfalt wird zur Heilung der Wunden ihres Herzens beitragen. Es werden wieder schöne Tage kommen auf all' die Stürme, die ihr junges Leben getrübt, und meine Dorliska wird auf mich alle ihre, wenn auch minder lebhaften, um so zärtlicheren Neigungen übertragen. »Der glückliche Augenblick wird erscheinen, wo ihre Vernunft ihr bestätigt, was ihr vortreffliches Gemüth ihr bereits gesagt. Eine Tochter, wie sie, hat keinen Verlust zu bedauern, wenn ihr ein Vater bleibt, wie ich einer bin. »Ich bin mit einer Achtung, an der die Vergehungen Ihres Sohnes nichts verändert haben, Herr Baron, Ihr Freund, der Graf Lowzinski.« Erstaunen, Unruhe, ja selbst Verzweiflung hatten mich während dieser langen und grausamen Vorlesung aufrecht erhalten. Nachdem ich dieselbe beendigt hatte, nahm ich alle meine Kräfte zusammen, um den Baron zu fragen, wie weit man meiner Frau gefolgt sei; und sobald er mir gesagt, dass man ihre Spur bei La Croisière verloren habe, fiel ich in Ohnmacht. Diese Ohnmacht dauerte nur kurze Zeit. Ich erholte mich wieder durch die liebevollen Bemühungen meiner Schwester; und bei der Stimme meines Vaters fasste ich wieder Muth. Mein Vater schmeichelte mir durch eine Hoffnung, die er vielleicht selbst nicht hatte. Er drang in mich, in Gemeinschaft mit ihm und meiner Schwester selbst Nachforschungen zu beginnen, die, wie er meinte, gewiss glücklicher ausfallen würden. Während er mit mir sprach, zog ein Papier, das fast unter meine Füße fiel, meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Es war der Brief meines Schwiegervaters, den der Baron, der sich ganz mit meinem Zustande beschäftigte, an sich zu nehmen vergaß. Ich trachtete, mich seiner zu bemächtigen, ohne dass er es bemerkte. Es gelang mir mit ziemlichem Glücke, und ich fühlte mich zufrieden, als ob ich den größten Schatz erworben hätte. Er war schrecklich, dieser Brief; aber er war ungerecht; ich fand mich darin sehr misshandelt; man sprach darin in jeder Zeile von Sophie. Ich hatte also wieder dieses so grausame und zugleich so theuere Schreiben. »Ach! Faublas; ach! Unglücklicher, wo musstest Du es verlieren und widerfinden!« Indessen drohte ein unvorhergesehenes Ereignis, uns in Montcour zurückzuhalten. Als wir eben in den Wagen stiegen, um wenigstens bis zu dem Dorfe Croisière zu gelangen, fühlte sich Adelheid sehr krank, denn ihre zarte Gesundheit ertrug den Kummer und das Leid nicht, die ihr das Unglück ihres Bruders verursachten. Meine theuere Adelheid konnte die Reise nicht weiter fortsetzen. »Mein Vater,« sagte ich, »die Thürme, die Sie hier sehen, ich erkenne sie wieder, es sind die Thürme von Nemours. »In höchstens zwanzig Minuten sind wir in dieser Stadt, wo wir jeden Beistand, dessen meine Schwester bedarf, finden werden.« Wir stiegen daselbst in einem Gasthofe ab. Kaum waren wir eine Viertelstunde um unsere theuere Adelheid bemüht, welche sehr erschöpft schien, als ein Kurier nach mir fragte. Er übergab mir folgendes, von unbekannter Hand geschriebenes Bittet: »Der Herr Chevalier wird von Seiten des Vicomte Florville benachrichtigt, dass Herr Duportail, der vorgestern in La Croisière mit der Post angekommen war, sie inzwischen zu Montargis um Mitternacht wieder genommen hat.« »Kommen Sie, mein Vater, eilen mir! fliegen mir!« »Ist Ihre Schwester im Stande, uns zu folgen,« sagte er, »kann ich sie, meine Tochter, krank und allein in einem Gasthause lassen? Erwäge dies, mein Sohn, es ist eine Unmöglichkeit.« »Sie haben Recht, mein Vater! Wie leid thut es mir, dass ich sie verlassen muss, es schmerzt mich umsomehr, da ich einen großen Theil der Schuld an ihrem Leiden trage. »Mich ruft aber ein so dringendes Interesse, mein Vater, dass ich Sie bitten muss, mich auf der Stelle abreisen zu lassen, nur mein Bedienter soll mich begleiten ... »Sie haben meine Pistolen und meinen Degen; geben Sie dieselben dem Jasmin und verbieten Sie ihm, mir sie anzuvertrauen. Ich will alle Ihre Befehle befolgen, mein Vater, glauben Sie übrigens, diese Vorsicht ist unnütz, ich werde mich hüten. Ihnen und meiner theueren Schwester einen neuen Kummer zu bereiten. »Geben Sie mir meine Waffen wieder und seien Sie ruhig; ich werde mich ihrer weder gegen mich, noch gegen meinen Schwiegervater bedienen. Ich gelobe es Ihnen feierlichst. »Fürchten Sie nichts von meiner Lebhaftigkeit, wenn ich ihm begegne. Wenn ich ihm nicht begegne, so fürchten Sie nichts von meiner Verzweiflung. Sophiens Gatte wird seine angebetete, heißgeliebte Frau von ihrem Vater nur durch eine schnelle Rechtfertigung, durch Bitten, wenn es sein muss, durch Thränen zurückerhalten ... Ich entsage jedem anderen Mittel. »Ihr Sohn, ob er auch seinen Schwiegervater nicht auffinden könnte, sei es, dass er ihn ungerecht und stets unbeugsam finde, und sollte er auch für immer unglücklich bleiben, er wird dennoch für seine Schwester und für Sie, mein Vater, leben. »Faublas verspricht dies seinem Vater! Der Chevalier schwört es auf Ritterwort.« Herr von Belcourt, der große Besorgnisse zu bekämpfen hatte, konnte nicht so schnell, als ich es wünschte, einen Entschluss fassen. Vielleicht fürchtete er die Gefahr, einen jungen, ungestümen Mann neuen Missgeschicken, die ihm drohten, zu überlassen. Ohne Zweifel war er endlich durch die Furcht unüberlegter Schritte, wozu mich meine schmerzliche Ungeduld treiben könnte, wenn er mich eigensinnig bei sich zurückhielte, bewogen, mich reisen zu lassen. Er bewilligte mir dennoch die so dringend nachgesuchte Erlaubnis. Ich musste ihm mehreremale das Versprechen erneuern, dass, wenn ich glücklicherweise irgend eine Entdeckung gemacht hätte, ich ihn sogleich benachrichtigen solle, im entgegengesetzten Falle sofort zurückzukehren, sobald weitere Nachforschungen vergeblich waren, was auch sehr wahrscheinlich eintreffen würde. Auf alle Fälle müsse ich ihm jeden Tag Nachrichten von mir zukommen lassen. »Lebe wohl, meine Schwester, meine theuere Adelheid, lebe wohl, o, wie bin ich trostlos. Dich in diesem Zustande, in dem Du Dich befindest, verlassen zu müssen. »Mein Vater, Sie werden die Güte haben, mir jeden Tag einen Bericht über ihr Befinden zu senden, ... nicht wahr?« Während ich derart um die Gesundheit Adelheid's sorgte, war die meinige nicht besser. Zwei Tage ausgefüllt durch peinliche Reiseermüdungen, wenigstens achtzig Meilen, die ich in weniger als sechsunddreißig Stunden zurücklegte, mehrere Nächte unter Liebesspielen durchmacht, alles das musste meine Kräfte erschöpft haben. Ich fand nur noch Hoffnung in meinem Muthe. Als mir Abend um sieben Uhr, trotz der Mühe, die wir uns gaben, in Montgaris ankamen, fanden wir kein einziges Pferd in den Postställen. Dasselbe Unglück war mir im Puy-la-Lande begegnet; aber ich hatte den Postillon von Fontenay zum Weiterfahren genöthigt. Der Schlingel weigerte sich aber, trotz meinen Anerbietungen, meinen Bitten, meinen Drohungen fortzufahren, er bewies mir, die Verordnung in der Hand, dass ich ihn unter keinen Umständen nöthigen könne, zwei aufeinanderfolgende Station zu überspringen. Mein Bedienter rief während dessen alle Teufel zu unserem Beistand. Ich zog Erkundigungen ein. Der Postmeister sagte mir, dass in der That ein Herr von reiferem Alter, ein sehr junges Fräulein und zwei ausländische Frauen ankamen, um Mitternacht Pferde von ihm verlangten; er fügte hinzu, sie hätten sich nur auf eine halbe Stunde von da seitwärts fahren lassen, und seien dann ausgestiegen. Ich fragte den Postillon, der sie gefahren hatte. Da mir dieser Mensch nicht sagen konnte, was aus ihnen geworden war, so erbot er sich wenigstens, mich gerade an den Ort zu führen, wo er sie verlassen hatte. Ich war genöthigt, zu Fuß dahin zu gehen; welcher Überwindung bedurfte es meinerseits; obgleich todesmatt, entschloss ich mich doch dazu ... ach, und es war vergebliche Mühe, Niemand hatte meine Sophie gesehen. Traurig, trostlos, aber unmöglich meiner letzten Hoffnung zu entsagen, stellte ich mir vor, dass Herr Duportail aus Furcht, verfolgt zu werden, und mittels eigens dazu bestimmten Vorspanns einen langen Umweg machen konnte, um dann wieder die Post aufzunehmen und derselben Straße wieder zu folgen. Ich schickte Jasmin, um auf der nächsten Post Pferde zu holen, und befahl ihm, sie so schnell als möglich in den Gasthof von Montgaris zu bringen, den ihm der Postillon bezeichnete. Als ich ankam, fragte mich die Kellnerin: »Wünschen Sie ein Nachtessen, mein Herr?« »Ich hätte es sehr nöthig, aber ich habe nicht die geringste Lust darnach. Ich will ein Zimmer, Licht und man lasse mich in Ruhe!« Als ich allein gelassen war, quälten mich meine unruhigen Gedanken. Wohin soll ich gehen, um sie zu suchen? Der Augenblick naht, der meine letzte Hoffnung zerstören soll. Duportail hat sechsunddreißig Stunden Vorsprung vor mir. Es scheint, als habe er nichts versäumt, um meinen Verfolgungen zu entgehen. Ich werde sie nicht wiederfinden. Sie müssen sich Alle verschworen haben, um mich zu verderben. Dieser unverschämte Postmeister, der nicht einmal ein Pferd in seinen Ställen hatte, dieser Schurke von einem Stallknecht, der mich um keinen Preis weiterfahren will. Aber Jasmin bringt mich noch mehr als sie Alle in Verzweiflung! Er kommt nicht zurück... die kostbaren Augenblicke verstreichen... Ich werde sie nicht mehr treffen. Auch der Zufall kämpft mir entgegen. Frau von B... muss sich einem verdrießlichen Geschäfte, diesem Duell, dem ich unbewusst beiwohnen musste, unterziehen, wo ich ihrer so mächtigen Hilfe bedarf. Meine Schwester muss krank werden in dem Augenblicke, wo der Baron meine einzige Stütze blieb. Es ist vorüber. Mein Glücksstern, der über meinen Unternehmungen aufging, hat mir seinen Einfluss entzogen. Die Zeit der glücklichen Erfolge ist auf immer entschwunden. Sonst kam Fortuna meinen geringsten Wünschen entgegen; jetzt gefällt es ihr meinen wichtigsten Vorhaben zu widerstreben. Ich, dessen Schicksal noch vor einem Jahre Jeder beneidete, ich soll der Gegenstand des allgemeinen Mitleides werden? Ja, ich bin wahrlich der unglücklichste der Männer ... Ich werde sie nicht wiedersehen! – Nicht nur damit zufrieden, sie mir zu entführen, bemüht er sich wie er selbst sagt, um ihre Heilung. Er legt mir tausend Abscheulichkeiten bei. Kann sie auch nur einen Augenblick glauben, dass ich deren fähig wäre? Sollte sie mich verachten oder gar hassen? Sophiens Hass und ihre Verachtung würden mich vernichten! Gibt es wohl Jemand, der jemals unglücklicher in der Liebe war? Kaum hat eine Frau mich bevorzugt und meine Theilnahme erregt, so erklären ihr alle Menschen zugleich einen grausamen Krieg. Was hat Frau von B ..., die Alle anklagen und verfolgen, denn so tadelnswertes gethan? – – Sie hat mich zu sehr geliebt; und dieses Verbrechen werden sie ihr nie verzeihen. Man fordert von mir, sie nicht mehr zu sehen, ja sogar sie zu verabscheuen. Ein allzu früher Tod wird ihr gewünscht! welche Grausamkeit! Ich fürchte, man wird in blinder eifersüchtiger Wuth auch die Gräfin angreifen... Die schöne Eleonore, sie betet mich an, und ich liebe sie innig... Die Gräfin! sie fühlt sich Mutter! o, mein Kind, mein Kind! Ha! nie, nie, wird ihn mein Vater seinen Sohn nennen, meine Sophie wird ihm nicht verzeihen, Adelheid ihm ihre Liebkosungen versagen, er wird nicht den Namen von Faublas fühlen ... und seine Geburt kostet vielleicht seiner Mutter Ehre und auch Leben!... So wird mir also die Liebe, die mir Vergnügungen und Glück versprach, nur bittere Reue zurücklassen. Ich Unglücklicher! ich werde Allen, die mich geliebt haben, das Leben kosten. Doch nein, ich will diesem traurigen Schicksal zuvorkommen, indem ich meinem Leben durch Selbstmord ein Ende mache. Ja, das wird das Schicksals Verbrechen sein. So will ich meine drei Geliebten retten, durch die Trennung meines Schicksals von dem ihrigen. Sie werden mich vergessen und weiter leben können. Es wird für die Welt das Andenken an meine Aufopferung bleiben. Ach! möchten ein Mal, ein einziges Mal, zwei Liebende, würdig es zu sein, zwei wahr Liebende, einen Augenblick an meinem Grabe weilend, sich dessen erinnern, dass ich meine Irrthümer durch einen selbstgewählten Tod gesühnt habe; dann werden sie mir wohl eine Thräne weihen, mir ihr Mitleid nicht versagen, und denken: Dieser hochherzige junge Mann starb für Viele! hätte er nicht verdient, nur Eine lieben, und für ihr Glück leben zu können? möchten zwei Liebende es sagen, Leonore und Sophie es wiederholen, und meine Manen werden getröstet sein. Aber mein Vater, wer wird ihn trösten? Mein Vater! warum überlässt er mich mir selbst in diesen fürchterlichen Augenblicken ... Warum duldet er, dass man mir Sophie entrisst? ... Duportail, Du wirst sie mir wiedergeben... Du wirst sie mir wiedergeben, oder Dein Blut! – Wahnsinniger, Du sprichst davon, ihn zu zwingen, und Du kannst ihn nicht einmal wiederfinden in seinem Versteck, das er unauffindbar nennt, Lowzinski trotzt Deinen ohnmächtigen Drohungen, wie Deinen Nachforschungen! Du musst sterben. Bittere Reue über ein unwiderruflich verlorenes Gut, grausamer Wunsch nach einer unmöglichen Rache, wie unerträglich seid Ihr mir! wie zerreißt Ihr mein Herz, das für sanfte Leidenschaften gemacht ist. Vergeblich trachte ich, mich Euerer Wuth zu entziehen, von schrecklichen Gedanken verfolgt, von Furien umgeben. Sind das Gewissensbisse? Welche Aufregung bewegt mich? ich fühle außerordentliche Kräfte in mir! Ich fühle eine meinen Kräften gleiche Wuth in mir. Diese Hölle, wie sie die Welt nennt, ich kann sie vernichten. Ich kann mich unter ihre Trümmer begraben, ich kann es! ich will es! Unglücklicher! was willst Du thun?... halt ein! Leonore, die Du opfern willst!... und Sophie! Sophie! Deine Geliebte, Dein Kind. Dein Weib, die Marquise auch; sie bitten Dich, sie zu schonen... Dein Vater und Deine Schwester umfassen Deine Kniee. Meine Hand zittert, meine Kräfte verlassen mich! – Da ist dieser Brief, worin mein ungerechter Schwiegervater mir mein tragisches Ende vorhersagt! Abermals verfalle ich auf die Unglück weissagende Stelle: »Er muss, wenn er nicht selbst seinem Leben ein Ende macht, durch Feindeshand fallen! er muss vor der Zeit sterben!« Barbar! Deine Vorhersagungen sind Befehle, Befehle, denen ich eben nachkommen will! aber Du selbst, Tyrann, wirst mir nicht einiges Mitleid versagen, wenn Du sehen wirst, dass ich den verhängnisvollen Befehl ausführe, und ihn durch meine Thränen ausgelöscht habe. Wie traurig ist die Stille, die mich umgibt! wie schrecklich dieses tiefe Schweigen. Das Bild der Verzweiflung und des Todes! Warum bin ich hier allein? Wo ist denn meine Schwester? Was kann meinen Vater zurückhalten? Was macht die Marquise? Meine Leonore, was ist aus ihr geworden? Wie kommt es, dass sie sich nicht vereint haben, um zu verhindern, dass Lowzinski mir Sophien entreiße, oder ihn zu zwingen, sie mir wiederzugeben?... Alle verlassen mich zu gleicher Zeit, alle Tröstungen fehlen mir auf einmal. Ich habe keine Eltern mehr, keine Geliebte, keinen Freund! Wohlan, mir bleibt nur der Tod! Der Tod, er ist weniger schrecklich, als die Lage, in der ich mich befinde. O, mein Vater! so vergaß ich meine Versprechungen, dass eine der Pistolen, die Du mir zurückgegeben hattest, auf dem Tische neben Duportails's Brief lag. Ich empfand ein eigenthümliches Vergnügen, abwechselnd das Urtheil und das Werkzeug des Todes anzusehen. Ganz in den letzten Anfall von Verzweiflung gestürzt, empfand ich keinen Kampf, keine Gewissensvorwürfe und keinen Schrecken mehr; meine Stunde hatte vielleicht geschlagen! Plötzlich geht die Thüre auf, ich traue meinen Sinnen nicht, sehe ich recht, wer ist's, der auf mich zustürzt und mich umarmt, wen drücke ich an meine Brust und überhäufe sie mit Liebkosungen und Danksagungen. »Sieh,« sagte sie, »Du machst mir mit Willen den größten Kummer, ich eile herbei, um Deine Leiden zu trösten; Du entfliehst mir, so oft Du kannst, und ich werde nicht müde, immer die Erste wieder zu Dir zu kommen.« Einen Augenblick habe ich gehofft, die Theuerste von den dreien zu umarmen, denn meine Sinne waren bereits verwirrt. Bald gewährte ich aber, dass es nicht meine Sophie war, die zu mir sprach und die höchsten Zärtlichkeiten an mich verschwendete. Es war die Frau, die fast ebenso jung, hübsch, gefühlvoll und unglücklich wie die meine war. Ich fand Frau von Lignoll. Ich vergaß, dass ich mir vor einem Augenblicke noch, das Leben nehmen wollte; ich vergaß meine Verzweiflung, meinen Kummer, meine Sehnsucht nach meiner geliebten Sophie. In meinem Ungestüm hielt ich sie zärtlich in meinem Arme geschlossen, und trank der Liebe höchste Wonne aus ihren schönen Augen. Konnte ich noch daran denken, mich in einen ewigen Schlaf einzuschläfern? Eine andere Luft, als die der Vernichtung, mochte schon mein Blut sieden, und das Fieber der Verzweiflung wandte sich ganz zum Vortheile der Liebe. Jeder weiß, in welchem schlechten Zustande sich das Meuble befindet, welches gewöhnlich den Hauptbestandtheil eines Gasthauses für Reisende bildet. Wer aber könnte wohl die Gräfin oder den Chevalier nicht entschuldigen, dass ein und dasselbe Verlangen sie trieb, sich auf dem einzigen und genug einfachen Lager, das sich in dem Gasthauszimmer befand, von den überstandenen Aufregungen und Müdigkeiten der Reise auszuruhen? Ich könnte hier zur allgemeinen Rechtfertigung bemerken, dass die Ruhebetten, die dem Gotte Morpheus immer die angenehmsten sind, es nicht für Venus sein müssen. Ich würde diese delikate Sache mit Stillschweigen übergehen, wenn die Reihenfolge der Ereignisse mich nicht nöthigte, dieselbe zu erzählen. Ich muss sagen, dass hier von Seite der beiden Liebenden eine wahrlich unverzeihliche Unaufmerksamkeit, verblendeter Leichtsinn vorkam, denn es befanden sich in diesem Kabinete nicht einmal Vorhänge, und Faublas hätte zum mindesten die Thüre für Unberufene verschließen sollen. Wir gaben uns ganz dem Feuer der Liebe und ihrem Opfer hm, welche wir der Göttin darbrachten, in deren Schutz wir uns begaben, als die Thüre unvermuthet aufging und Jemand rasch eintrat. Eine Stimme, die zugleich den Ton des Erstaunens und des Schmerzes zu haben schien, eine Stimme, die ich zu erkennen glaubte, ließ anfangs diesen ganz einfachen Ausruf ertönen: »Mein Gott! was sehe ich?« Ach! ich hatte nicht einmal die Kraft, eine Bewegung zu machen, um diejenige anzublicken, welche zwei Liebende so störte. Ich sah nichts mehr. Sei es, dass diese mir theuere Stimme eine schnelle Verwandlung in meinem ganzen Wesen hervorrief, oder sei es vielmehr, dass die Natur endlich durch so viele außerordentliche Anstrengungen, die in so wenig Tagen zu rasch und heftig aufeinanderfolgten, zu schwach blieb, um den letzten Kraftaufwand der Liebe zu überstehen; ich fiel bewusstlos in die Arme der Gräfin, die selbst in demselben Augenblicke in eine Art wünschenswerter Ohnmacht verfiel, und sich so auch außer Stand befand, mir beizustehen. Das Geräusch einer rumpelnden Berline brachte mich wieder zur Besinnung. Ein günstiger Mondschein gestattete mir, in allen ihren Einzelnheiten die neue Lage, in der ich mich befand, zu übersehen; ich fand sie in der That erträglicher, als meine plötzliche Krankheit. Man hatte mir die Kleider meines Geschlechts genommen, mir Frauenkleider gegeben; ich war in dem Wagen auf dem Rücksitz gebettet. Madame Lignoll, die an meiner Seite in der Ecke zusammengedrückt war, trug den größten Theil meines Körpers, der für sie eine wahre Last war. Mein Kopf ruhte auf ihrem Busen; mit ihren beiden Händen bedeckte sie meine eiskalte Stirne; sie erwärmte mein Gesicht durch Thränen und Küsse; der belebende Hauch einer Liebenden erfrischte meinen fast kaum fühlbar gewordenen Lebenshauch. Ihr gegenüber saß auf dem Vordersitze ein junger Mann, dessen reizendes Gesicht die untrüglichen Zeichen einer großen Aufregung trugen, und stützte meine Beine, indem er sie auf seinen Knieen ruhen hatte; er war leicht über mich gebeugt und versuchte die sanfte Wärme seiner Hände den meinen mitzutheilen. Die ermüdendste Stellung schien seinem Muthe ein Leichtes zu sein. Er erwartete mit Unruhe, aber ohne Ungeduld, dass sein Freund endlich die Augen öffnen, und alle Pflege, die er ihm angedeihen ließ, mit einem Blicke belohnen sollte. Ich sagte mit schwacher, aber vernehmbarer Stimme: »Guten Abend, meine Leonore!... und Sie, meine... (ich nahm mich zusammen) theuerer Freund, lieber, großmüthiger Florville, guten Abend.« Beide antworteten mir durch ihre Liebkosungen, durch ihre Thränen, durch den rührenden Ausdruck ihres Kummers und ihrer Hoffnungen. »Vicomte, ich hatte mich also nicht getäuscht? Sie waren es, der uns überraschte?« »Ich war es,« unterbrach er mich mit einem tiefen Seufzer. »Wahrlich, ich bin noch ganz beschämt. Glücklicherweise wusste der Herr beinahe schon –« »Frau Gräfin, übergehen wir es mit Stillschweigen, und trösten Sie sich, es ist nun einmal geschehen, obzwar Ihre Sorglosigkeit eine große war, nehmen mir an, Ihr Gemahl; oder sonst Jemand anderer wäre anstatt meiner so unvermuthet eingetreten und hätte Sie in dieser höchst gefährlichen Lage getroffen. »Zum Glück hat das Schicksal mich, den besten Freund des Chevaliers, herbeigeführt, und somit laufen Sie keine weitere Gefahr, vor der Welt in ein böses Licht gestellt zu werben.« »Mein Herr,« sagte Frau von Lignoll, »ich beschwöre Sie noch einmal, das tiefste Schweigen darüber zu beobachten, vor Allem bei der Marquise von B ..., ich beschwöre Sie, denn ich müsste sonst Kummers sterben.« Der Vicomte antwortete mit herbem Tone: »Die Frau Gräfin kann auf die unverletzlichste Diskretion rechnen.« Die Gräfin wandte sich an Faublas, sagend: »Dieser Herr kam Ihnen zuerst zu Hilfe; er erbot sich auch bereitwilligst, sich die Mühe zu geben, um Sie anzukleiden, denn die Schicklichkeit erlaubte mir doch nicht –« Da der Chevalier zu lachen anfing, sagte der Vicomte: »Jetzt fangt er auch noch zu lachen an.« »O, umso besser!« rief die Gräfin mit einem Freudenschrei; »ohne Zweifel leidet er weniger.« »Gewiss, ich bewundere ihn, seine Heiterkeit verlässt ihn nie! Faublas lacht immer! aber zuweilen weint er auch.« »Mein Geliebter kann weinen!« Der Vicomte sagte: »Ich kenne meinen theueren Freund, er ist zwar von leichter, aber dennoch tieffühlender Denkungsart stets bereit, dem Glücke Anderer sein eigenes zu opfern.« Frau von Lignoll schien sehr gerührt, dann umarmte sie mich zärtlich und sagte: »Mein Freund, Sie lachen, dass ich in Ihren Armen überrascht noch von Anstand spreche; aber trotzdem habe ich Recht; konnte eine Frau, die übrigens noch ganz verwirrt war, Sie in einem Gasthause, vor einer Menge auf Ihren Unfall herbeigelaufenen Leute ankleiden? Der Vicomte hatte mir den größten Gefallen erwiesen, indem er diese Dienstleistung übernahm, er ist uns beiden zu gleicher Zeit zu Hilfe gekommen. Dank Ihrem Freunde, haben die Fremden meinen unordentlichen Zustand nicht bemerkt, die Lästigen haben sich schnell zurückgezogen, in einem Augenblicke waren Sie vom Kopf bis zu Füßen umgekleidet. Man konnte keinen sorgsameren mitleidigen Freund, keine aufmerksamere und geschicktere Kammerfrau finden. Wahrlich, Herr Vicomte, Sie besitzen im höchsten Grade das Talent, sehr rasch Frauen zu bedienen und anzukleiden.« Ich hörte mit geheimem Vergnügen, wie die Gräfin sich in Lobeserhebungen über die Marquise ergeht, immer denkend, sie habe es mit dem Vicomte zu thun. »Lieber Vicomte, Sie sind in der That der edelmüthigste, der zartfühlendste Freund. Wie soll ich Ihnen meinen Dank ausdrücken?« »Schonen Sie sich,« sagte der Vicomte, »vermeiden Sie jede Art von Aufregung.« »Ist mein Diener zu Ihnen gekommen, fand er Sie in diesem Gasthause?« »Nein, mein Freund.« »Wie mein Vater und meine Schwester werden mich, unvorbereitet auf meinen Unfall, ankommen sehen?« »Schweigen Sie; ich weiß, dass sie in Nemours sind; wir werden sie morgen früh benachrichtigen lassen.« »Morgen!... Wo führen Sie mich hin?« Ich weiß nicht, was mir geantwortet wurde, denn ich verfiel abermals in meine Lethargie. Ich erkannte das Schloss Gatinais wieder. Das Gemach der Frau von Lignoll, ihr Bett, das glückliche Bett, wo Leonoren's Geliebter erst unlängst zwei glückliche Nächte mit ihr zugebracht hatte. Da war es, wo jetzt Fräulein von Brumont gequält von Herzenskummer und physischen Schmerzen unsäglich litt. Florville jammerte zur Rechten meines Lagers. Ich sah zu meiner Linken einen nicht minder Mitleids werten Gegenstand; es war meine Leonore mit aufgelösten Haaren, blassem Antlitze, die Augen verzweiflungsvoll gegen den Himmel gerichtet; es war meine Leonore, die auf dem Bettrande mehr hingestreckt als sitzend, mit Schluchzen rief: »Der Grausame! wenn er zum mindesten nicht von seiner Frau spräche! aber er sehnt sich nach meiner verhassten Nebenbuhlerin; und beständig nennt er diese Frau von B..., deren Namen ich nicht hören kann! er nennt sie fast ebenso oft als mich, seine Leonore! Ich glaubte nur gegen die Liebe zu Sophien ankämpfen zu dürfen, und ließ mir nicht träumen, dass er für die Marquise eine so tiefe und wahre Neigung empfände! aber wie ist es möglich, dass er so vielseitig liebe? ich kann nur einen Mann anbeten! ich kann nur ihn vergöttern, den Undankbaren, der mir Alles ist, ohne ihn ist die Welt mir so öde und traurig wie das Grab! welche Frau würde ich zu fürchten haben, wenn er mir gleiche Liebe erwiederte?« »Ach, Madame,« fiel der Vicomte ein, »er ist in Ihrem Hause! Sie haben schon über die, welche Sie Rivalinnen nennen, den Vortheil, dass sie Mutter sind, bald werden Sie den noch größeren Vorzug haben, dass Sie sein Leben retteten. Er ist bei Ihnen, sind Sie nicht überglücklich?« »Ja,« rief sie mit Entzücken aus, »sein Leben, welches seine Frau in Gefahr brachte, welches die Marquise verkürzt hatte, ich werde das Glück haben, dieses Leben zu verlängern, und vielleicht sogar es zu verschönern. Ich will sein Leben retten! »Aber werde ich es vermögen? wenn das Übel so fortschreitet, wenn sich dieses Fieber verdoppelt, wenn er, wie eben vorher in einem Anfall sein Bett verlassen, aus diesem Zimmer hinaus will, zu Sophien, die er zu sehen, Frau von B ..., die er zu hören glaubt, eilen will, wo finde ich die Mittel, ihn zurückzuhalten, ich, die ich so schwach bin!... ein so trauriger Abend, eine so ängstlich durchwachte Nacht, ich fühle mich gänzlich erschöpft. Sie, Herr Vicomte, Sie haben mehr Kraft und mehr Geistesgegenwart als ich; dennoch scheinen Sie auch sehr ermattet und niedergeschlagen. »Ach! sollte sein Freund, wie seine Geliebte keinen Muth mehr haben? Oh, mein Gott! gib uns Kraft, sieh mein Herz und dann richte! richte! habe Mitleid mit einer schwachen Sterblichen. »Wenn jedoch meine Bitte nicht erhört werden sollte, wenn Faublas unterliegt? »Wenn er unterliegt, werde ich mir wenigstens nicht seinen Tod vorzuwerfen haben, vielmehr wird es seine Frau und seine unwürdige Geliebte sein, die Marquise von B ... »Die Erinnerungen an Sophie verursachen ihm in der That heftige Unruhe; aber die Erinnerung an Frau von B... verfolgt, quält, entflammt, ja, sie tödtet ihn! »Ich will hingehen und dieses schändliche Weib aufsuchen und sie tödten, dann werde ich auf das Grab meines Geliebten gehen, ich werde nicht mehr weinen, ich werde mich erdolchen!« So theilte mir Madame Lignoll in ihrem Schmerze mit, in welcher Gefahr ich schwebe. Jedoch ich war außergewöhnlich müde, und um mir einige Erleichterung zu verschaffen, suchte ich mich in meinem Bette etwas aufzurichten. Meine beiden Pflegerinnen warfen sich sofort über mich, als sie mich diese Bewegung machen sahen. Sie vereinten ihre Kräfte, um mich zurückzuhalten. »Warum wollen Sie Ihre Freundin verlassen?« sagte die Marquise. »Bleiben Sie da,« rief die Gräfin, »bleiben Sie! hören Sie!« »Eleonore, meine theuere Geliebte, ich will nicht fortgehen; sei ruhig.« »Ach!« sagte sie, mich umarmend, »Du erkennst mich also wieder? bleibe da, ich werde Sorge tragen, damit Du Alles, was Du begehrst, bekommst, es soll Dir an nichts fehlen!« Ich wandte mich an Frau von B ... »Und auch Sie, fassen Sie Muth, meine edelmüthige Freundin.« »Er ist noch im Delirium,« unterbrach Frau von Lignoll. »Im Gegentheil,« antwortete die Marquise, »ich glaube, er ist wieder ganz zu sich gekommen!« »Mein theuerer Florville,« fragte der Chevalier, »wie viel Uhr ist es nun?« »Mittag!« »Wie, Mittag?... Gräfin, haben Sie meinen Vater benachrichtigen lassen? haben Sie jemand ausgesandt, um sich nach dem Befinden meiner Schwester zu erkundigen?« »Ja, mein Freund, und man sollte schon wieder da sein,« antwortete sie. In demselben Augenblicke hörte man Geräusch auf dem Gange; es war Lafleur, der aus Nemours zurückkam. Die Gräfin ging rasch, um ihm die Thüre zu öffnen, die sie sogleich wieder schloss, nachdem der Bediente eingetreten war. Er hatte meinen Vater gesehen; meine Schwester befand sich bei weitem besser. Der Baron wollte am Abend der Frau Gräfin einen Besuch abstatten. »Sehr gut, Lafleur,« sagte sie. »Julien, dem ich befohlen, nach Paris zu reiten und Herrn von Lignoll von unserer Ankunft hier zu unterrichten, ist Julien sogleich abgereist?« »Vor zwei Uhr, morgens, gnädige Gräfin.« »Gut, mein Lieber, verlass uns; nimm dieses Geld und sei verschwiegen.« Frau von B ... schien seit einigen Minuten in ernsten Gedanken versunken. Endlich brach sie das Schweigen, um Frau von Lignoll einen nicht ganz uneigennützigen Rath zu geben. »Glücklicherweise,« sagte sie, »ist es nicht mehr nöthig, dass wir alle beide bei ihm bleiben. Wird es die Frau Gräfin nicht gut finden, sich ganz angekleidet auf das in das Kabinet gestellte Feldbett zu legen?« »Aber Sie, mein Herr...« »Was mich anbelangt, so hat es keine Eile,« fiel der Vicomte ein; »ich bin sichtlich weniger ermattet als Sie; übrigens werde ich diesen ganzen Nachmittag Zeit dazu haben. »Sie, Madame, müssen den Besuch des Barons empfangen.« Die Gräfin erklärte, dass sie mich nicht verlassen wolle, und ich glaube, dass die gewandtesten Vorstellungen und Bitten der Marquise nichts genützt hätten, wenn ich dieselben nicht mit meinen lebhaften Zureden unterstützt hatte. Frau von Lignoll gehorchte uns nicht eher, bis wir ihr versprochen hatten, sie nicht über zwei Stunden schlafen zu lassen. Es trat einen Augenblick Schweigen und Ruhe ein, worauf sich der Vicomte geräuschlos erhob und einige Gänge durch das Gemach mit leichtem Schritte machte. Er schaute, ich weiß nicht unter welchem Vorwande, durch das Glasfenster des Kabinets, wo die Gräfin ruhte; dann kam er zurück, um seinen vorigen Platz auf dem Bettrande wieder einzunehmen, und sagt mit halblauter Stimme: »Sie schläft.« Mit unruhiger Stimme fügte er hinzu: »Chevalier, ich habe Ihnen tausend Dinge zu sagen; aber hüten Sie sich, mich zu unterbrechen, verhalten Sie sich ruhig und hören Sie mir bloß zu.« Nachdem Madame B ... sich einen Augenblick bedacht und gesammelt, nahm sie eine meiner Hände, die sie in den ihrigen festhielt, und blickte mich zärtlich an. »Ach!« fuhr sie endlich fort, »urtheilen Sie selbst, ob ich nicht Grund habe, das Schicksal anzuklagen! seit sechs Monaten, ja für immer wohl, zur Reue verurtheilt, zu Leiden und Gleichgiltigkeit, sah ich nur noch einen möglichen Trost, den, wenigstens in etwas zu Ihrem Wohlergehen beizutragen. »Ich würde gern mein Theuerstes für meinen Freund opfern, denn durch mich hat er auch sein Liebstes auf Erden verloren! »Bin ich nicht unglücklich genug? Seit langer Zeit dürfen Sie mich nicht mehr lieben, Faublas; künftig werden Sie mich hassen.« »Ich, Sie nicht mehr lieben?« »Sprechen Sie doch nicht so laut.« »Weshalb beschuldigen Sie mich einer solchen Lieblosigkeit?« »Sprechen Sie nicht, mein Freund, es regt Sie auf. Faublas. Sie werden mich hassen,« wiederholte sie mit zitternder Stimme; als sie sah, dass ich im Begriffe war, sie zu unterbrechen, fügte sie rasch hinzu: »Doch, nein, nein! Sie würden zu ungerecht sein, weil Sie mich nicht mehr strafbar finden wollen, wiederholen Sie sich zu meiner Rechtfertigung, was ich Ihnen im Walde von Compiègne gesagt habe. »Es liegt mir daran, dass Sie keinen Groll gegen mich hegen.« »O, geliebte Freundin, die Sie mir immer theuer waren, glauben Sie mir, ich bewahre nur die Erinnerung einer unvergleichlichen Großmuth und Zartheit, und soll ich es sagen? einer Lie...« Ich wollte das Wort aussprechen, aber die Marquise hinderte mich daran, indem sie mir ungestüm in's Wort fiel: »Einer Freundschaft, welche nur mit dem Leben enden wird. Ich verstehe, aber sprechen Sie nicht, Faublas! hüten Sie sich, ich wiederhole es noch einmal, vor jeder Aufregung. Lassen Sie mich allein reden. Lassen Sie mir das Glück, Ihnen zu zeigen, wie sehr ich mich seit unserer Trennung im Walde mit Ihnen beschäftige. Von der Angst gequält, dass ich das grausame Ereignis, das ich befürchtete, nicht mehr zu verhindern im Stande sein werde, beeilte ich mich wenigstens früh genug anzukommen, Ihnen meine Sorgfalt und Freundschaft anzubieten.« Sie fügte mit traurigem Tone hinzu: »Es ist wahr, dass ich mich vergebens bemühte, denn Sie tröstete ja schon die Liebe: ein geliebtes Weib...« »Oh, sagen Sie das nicht, denn wahrhaftig, ich weiß selbst nicht, was ich denken soll!« »Was? Sie lieben Frau von Lignoll nicht eben so sehr als Sophie?« »Eben so sehr als Sophie? nein, gewiss nicht. Weder Frau von Lignoll, noch –« Ich glaube, ich wollte sagen, weder Frau von B...; sie hinderte mich daran. »Aber mein Herr, schreien Sie doch nicht so sehr: muss ich es Ihnen denn hundertmal wiederholen? Faublas, Sie werden die Gräfin aufwecken. »Ich weiß nicht mehr, was ich Ihnen gesagt habe.« »Dass Sie sich überstürzt haben, um herbeizueilen, mich zu trösten.« »Nicht Sie zu trösten, sondern Ihnen zu helfen, Chevalier. In der That, seit Frau von Lignoll Sie mit sich genommen hat, seit Rosambert ...« »Ei! was ist denn aus dem geworden?« »Ich habe ihn noch in Compiègne, in dem Hause eines Freundes, den ich dort habe, unterbracht.« »Eines von Ihren Freunden, von Ihren?« »Von meinen! der Wundarzt sprach von der Gefahr eines Transports nach Paris; ich wünschte nicht, dass man ihn die Beschwerden einer Reise ertragen lasse; ich habe es nicht geduldet, dass man ihn in ein Gasthaus bringe; er hätte da vielleicht nicht alle nöthige Hilfe gefunden; und in seinem Zustande würde ihm der Mangel an Pflege den Tod verursacht haben. »Der Elende hat ihn verdient; aber von meiner Hand hätte er ihn empfangen sollen; das Schicksal hat anders entschieden, noch ist meine Rache nicht gestillt, ich weiß zu gut, dass er mich noch weiter verfolgen wird, um mich zu demüthigen und mir zu beweisen suchen wird, dass er mir nie verzeiht. Sie ihm vorgezogen zu haben, ihm, der aller Frauen Liebling und von ihnen verzogen, es nie begreifen kann, dass es auf der Welt eine gäbe, die seine Huldigungen verschmäht. »Ich aber will dem Zufall nicht seine Züchtigung anvertrauen, denn diese steht nur mir allein zu!« »Aber hören Sie, theuere Freundin, fürchten Sie die Folgen dieses sonderbaren Duells nicht? sind Sie der Verschwiegenheit dieser Leute, die Sie gebrauchten, auch sicher?« »Ich habe mich gewöhnlicher Mittel bedient, die nicht schlecht sind, mein Freund, ich habe das Geheimnis sehr theuer gekauft! ich habe nebst dem Golde weder Versprechen noch Drohungen gespart.« »Diese Vorsichtsmaßregeln reichen nicht immer aus.« »Still doch, lieber Freund. »Ich musste in die Hauptstadt zurück, wo ich einige Stunden verlor; aber sobald ich mich frei sah, eilte ich nach Fromonville, wo ich vor Ihnen anzukommen glaubte, weil Sie die Nacht bei der Gräfin zubringen sollten. – Auf halbem Wege begegnete ich einen meiner Emissäre, der mir den Bericht über das, was seine Kollegen in Montour entdeckt hatten, nach Paris bringen wollte. Er hatte auf seinem Wege die Reisenden genau beobachtet. Aus seinen verschiedenen Berichten, die er mir machte, ersah ich nicht ohne Erstaunen, dass Sie einen großen Vorsprung vor mir hatten, und auch dass Frau von Lignoll einige Stationen vor mir voraus war. »Bei dieser Nachricht verdoppelte ich die Eile, und wenn ich im Puy-la-Lande Pferde gehabt hätte, war ich noch vor der Gräfin zu Montargis.« »Oh! ja, aber sie kam zuerst an; und gerade dafür bin ich Ihnen vielen Dank schuldig, vor Allem viel Verzeihung... »Denn Sie haben uns in dem Augenblicke überrascht, als...« »Chevalier, ich muss Sie hier ernstlich verwarnen, in der Zukunft mehr auf Ihrer Hut zu sein. Bedenken Sie, welch' namenlose Schmach für die Gräfin, wenn ein Fremder so unvermuthet eingetreten wäre; wie haben Sie es vernachlässigen können, diese Thüre zu schließen?« »Wie es kam, weiß ich selbst nicht, die Ursache davon aber ist, weil...« »Chevalier, verschonen Sie mich mit Einzelnheiten und halten Sie ein, ich bitte darum, es sei nie zwischen uns wieder die Rede von dieser Begegnung.« »Erlauben Sie, Frau Marquise...« »Ich erlaube nichts. Sie werden von diesem Abenteuer nicht mehr sprechen, wenn Sie für mich noch einige...« Die Marquise hielt einen Augenblick ein, um den treffenden Ausdruck zu suchen. Anfangs sprach sie das Wort Achtung aus; das Wort Rücksicht sprach sie nur mit zagender Stimme aus. »Ja, theuere Freundin, ich hege für Sie viel Achtung, viel Rücksicht, viel Lie..« »Freundschaft; ich verstehe Sie, vollenden Sie nicht! Faublas, ich bin jetzt vollständig entschädigt, es fehlt zu meiner Ruhe nur noch die Gewissheit Ihrer vollständigen Genesung. Und jetzt werden Sie nach meinem Willen handeln; ruhen Sie, suchen Sie zu schlafen, nur eine Viertelstunde... ich bitte darum, ich will es.« Sie legte mich sanft zurück in meine Kissen und indem sie einen Kuss auf meine Stirne hauchte, ließ sie mir ihre Hand, die ich zärtlich an mein Herz drückte, indem ich sagte: »Hätten Sie mir nicht den Befehl dazu gegeben, ich würde mich bald genöthigt gesehen haben, Sie um Erlaubnis zum Schlafen zu bitten.« Der peinliche Schlaf, in den ich verfiel, dauerte nicht lange. Ich erwachte aus meinem Schlummer mit einer solchen Heftigkeit, dass die Marquise darüber betroffen war; ich überraschte sie in Thränen über einem Schreiben, das sie meinen Blicken zu entziehen trachtete. »Was beginnen Sie da?« wagte ich zu fragen, »was ist das für ein trauriges Schreiben, das Ihre Thränen fliehen macht?« »Warum fragen Sie, mein Freund, warum soll ich es Ihnen sagen?« antwortete sie seufzend. »Ich sehe genau, dass die Zeit vorbei ist, wo Sie Ihrem Freunde alle Geheimnisse anvertrauten, wo ihm keines verborgen blieb.« »Geheimnisse für Sie!« sagte sie. »Wenn ich eines habe, so kann es nur eines sein, und dieses, Faublas, würden Sie leicht errathen; aber dann müssen Sie mit eben so viel Rücksicht als Zartheit es mir bewahren helfen.« »Nennen Sie mir Ihren Kummer, ich werde mich bestreben, ihn zu lindern.« »Und wenn dieser Kummer jetzt unheilbarer ist als je?« »Oh, meine theuere Freundin, was muss ich thun?« »Beruhigen Sie sich, mein Freund! ich beschwöre Sie, fragen Sie mich nicht, verlangen Sie nichts von mir zu wissen, überlassen Sie mich allein und ganz meinem Schmerze; lassen Sie mich weinen. Klagen und Thränen! das ist meine letzte Hilfe! und dennoch habe ich mich fähig geglaubt, geduldig die harten Prüfungen auszuhalten, die unglücklicher Frauen wartet! ich war so stolz, mich für immer gegen die Ungerechtigkeiten der Menschen und die Verfolgungen des Schicksals gewaffnet zu halten. »Unsinnige, die ich war! heute bin ich wenigstens von der Wahrheit überzeugt, dass es leicht ist, für die Rache oder den Ruhm einen Augenblick sein Leben einzusetzen; aber es ist nicht leicht mit gleicher Standhaftigkeit wiederholtes unerwartetes Unglück zu ertragen.« Ich wollte reden, aber sie legte, um mich daran zu hindern, ihre Hand auf meinen Mund. Ich nahm diese immer sanfte und schöne Hand und küsste sie. In diesem Augenblicke trat Frau von Lignoll aus ihrem Kabinet, wo ich sie eingeschlafen wähnte. Meine erste Bewegung war die Marquise zurückzudrängen. Diese in kritischen Fällen immer sehr gefasste Frau behielt mehr Geistesgegenwart als ich. Überzeugt, dass es zu spät war, wollte sie weder ihre Hand zurückziehen, noch ihre Haltung verändern; sondern schien aufs Höchste um mich besorgt zu sein. »Sie würden mich bis Morgen haben schlafen lassen,« sagte die Gräfin. Dann den Vicomte ansehend, fügte sie hinzu: »Was geht hier vor, was fehlt Ihnen?« »Herzklopfen,« antwortete er kalt. »Herzklopfen!... aber Sie weinen, sind Sie wirklich leidend, ist es gefährlich?« »Für den Augenblick nicht, es wird wohl vorübergehen.« Nun wandte sich die Gräfin zu mir: »Wie fühlen Sie sich, mein Freund?« »Ich fühle mich bedeutend besser, Dank Euerer sorgsamen Pflege.« »Weil Du mich siehst?« »Weil ich die wieder sehe, die mir theuer ist, die, der ich zu viel Kummer verursacht, die, deren zärtliche Sorgfalt über meinem Leben macht...« »Genug!« fiel Frau von B ... ein, mir die Hand drückend, »sie versteht Sie, ihre Sorgfalt ist belohnt.« »Gewiss! ich verstehe ihn,« rief Frau von Lignoll und umarmte mich. Obzwar die Gräfin den Wunsch äußerte, mich reden zu lassen, schwieg ich dennoch still. Was hätte ich noch sagen können? ich hatte mich so ausgesprochen, dass Jeder zufrieden sein musste. Das Unangenehme war, dass Herr von Lignoll viel früher kam, als man ihn erwartete. Julian, der abgesandt war, um ihn von unserem Aufenthalt hier zu benachrichtigen, war ihm auf dem Wege begegnet. Er erkundigte sich nach mir und meinem Befinden mit vielem Interesse, aber die Miene, mit der er die Marquise anblickte, machte mich unruhig und bestürzt. »Der Herr ist ein Freund von Fräulein von Brumont,« sagte ihm die Gräfin, die wie ich seine Unruhe und sein Erstaunen bemerkte. »Ein Freund?« wiederholte er. Die Marquise nahm schnell das Wort: »Ein Jugendfreund.« »Der Herr ist von Adel?« »Ich bin Vicomte.« »Vicomte von ...« »Von Florville.« »Dieser Name ist mir ganz neu.« »Kann man alle Namen wissen und Jeden kennen?« »Ohne mir zu schmeicheln, es gibt wenige, die ich nicht kenne.« Er nahm einen Stuhl und betrachtete die Marquise mit verächtlicher Miene, indem er sagte: »Aber es scheint, dass Ihre Familie nicht von altem Adel ist.« »Der Ahnherr meines Großvaters fuhr in des Königs Kutschen.« »Mein Herr, ich bin ihr unterthänigster Diener,« hier war Herr von Lignoll aufgestanden und machte der Marquise eine tiefe Verbeugung. »Sie scheinen noch sehr jung zu sein,« sagte er zu ihr. »Ich bin noch nicht volljährig.« »Auch nicht nahe daran, es zu werden.« »Ich werde meine Großjährigkeit bald erreicht haben.« »Welchem Zufalle verdanken wir das Glück, den Herrn bei uns zu empfangen?« fragte er die Gräfin. »Welchem Zufall? aber weil, weil –« Der Vicomte, der die Verlegenheit der Gräfin sah, beeilte sich zu erwidern, die Sache verhalt sich nähmlich so: »Schon lange macht mir Fräulein von Brumont Hoffnung, mir die Ehre zu erweisen, bei mir ein Mittagessen anzunehmen. »Bis nun hatte sie gezögert Wort zu halten, weil es so zu sagen eine Reise erfordert, zu mir zu kommen...« »Wo wohnen Sie denn, Herr Vicomte?« »In Fontainebleau. Ich verlebe dort acht Monate im Jahre. Ich habe ein Gemach im Schlosse.« Herr von Lignoll verbeugte sich. Ich hörte die Marquise mit einem Vergnügen, das mit Staunen vermischt war, sprechen; diese Frau, die kaum noch, ich weiß nicht welches neue Unglück beweinte, und ihrer Verzweiflung zu widerstehen suchte! ist es wohl dieselbe, die ich einen Augenblick später mit bewunderungswürdiger Kaltblütigkeit die Gräfin täuschen sah? Jetzt sehe ich sie mit fester Stimme, ruhiger Stirne und mit dem Tone der Wahrheit sich zu Herrn von Lignoll wenden und ihm eine wahrscheinliche und geistreiche Fabel erzählen. Sie wusste ihr Gesicht nach Umständen zu verändern, ihrer Haltung eine Festigkeit zu geben, die imponierte und worunter sie ihre Leidenschaften verbarg, sich endlich zur Herrin ihrer selbst zu machen. Diese Frau rechtfertigte die hohe Meinung, die ich von ihren Talenten und ihrer seelischen Kraft hatte. Sie fuhr fort, indem sie Herrn von Lignoll betrachtete: »Gestern endlich ist das Fräulein gekommen...« »Ah, sieh da!« rief der Graf aus, indem er sich an mich wandte. »Das ist also die unaufschiebbare Sache, die Sie zwang auf vierundzwanzig Stunden zu verreisen! Sie verließen die Gräfin, um eine Vergnügungsreise zu machen, und sie musste das Bett hüten, ein ziemlich bedeutendes Unwohlsein verurtheilte sie dazu; wenn ich an der Stelle der Frau von Lignoll gewesen, so würde ich Ihnen nicht verzeihen.« Die Marquise versetzte: »Das Fräulein kam, und um mein Glück vollkommen zu machen, brachte sie auch die Frau Gräfin mit.« »Wie,« sagte Herr von Lignoll, »Sie haben bei einem jungen Manne, den Sie nicht einmal kennen, und der Sie nicht eingeladen hatte, zu Mittag gespeist?« »Lassen Sie das Moralisieren,« sagte die Gräfin, »mein Herr, und hören Sie lieber die Geschichte zu Ende.« »Sie können gar nicht glauben, wie sehr mich die Gesellschaft dieser Damen gefreut hat,« sagte der Vicomte; »aber meine Freude dauerte nicht lange. Nachmittags fühlte sich das Fräulein auf einmal sehr unwohl; wir dachten, dass es nicht von Bedeutung sein wird, aber abends nahm das Übel zu. Sie können sich wohl denken, dass wir zuerst in große Verlegenheit geriethen, denn es ist beinahe unmöglich, dass ein junges Fräulein, noch dazu wenn sie krank ist, bei einem Junggesellen bleibe. »Glücklicherweise schlug die Frau Gräfin, die sehr viel Geistesgegenwart hat, vor, das Fräulein hierher bringen zu lassen, und sie war so gütig, mich zum Begleiter anzunehmen ...« »Aber bitte, sagen Sie mir gütigst, warum denn lieber hierher als nach Paris?« sagte der Graf zu Frau von Lignoll. »Warum? – fragen Sie den Herrn Vicomte!« Dieser fiel sogleich in die Rede und sagte: »Weil es dorthin vierzehn tödtliche Meilen zu machen gewesen wären und von Fontainebleau bis hierher nur sieben sind.« Der Graf, der diesen Grund nicht schlecht fand, schwieg einige Zeit still; er schien Herrn von Florville und Fräulein von Brumont zu beobachten. »Da Sie ein Freund des Fräuleins sind,« sagte er, »so müssen Sie auch Charaden lösen können!« »Ja, mein Herr,« versetzte die Marquise, »aber ich muss mich erst etwas sammeln, denn es ist bekannt, dass der Herr Graf von Lignoll sehr geistreiche und oft sehr schwierige Charaden aufzulösen gibt; ich muss daher bitten, mich für jetzt zu entschuldigen, wenn es beliebt.« Herr von Lignoll machte eine sehr verständnisvolle Miene und nahm die Gräfin bei Seite; und sprach sehr eifrig mit ihr. Da wir neugierig waren, zu erfahren, was er ihr sagte, so horchten wir aufmerksam. »Madame,« sagte er, »dieser junge Mann da ist nicht der Freund Ihrer Gesellschaftsdame.« »Wer sollte er denn sein?« »Er ist ihr Geliebter, Madame.« »Wahrlich! eine herrliche Idee, die Sie da haben!« »Lachen Sie nicht, Madame, Sie wissen, dass ich mich darauf verstehe.« »Ich weiß, dass Sie es behaupten.« »Und ich glaube, dass man über Fräulein von Brumont wachen muss.« »Wirklich, mein Herr?« »Man muss sie streng bewachen.« »Das ist meine Absicht.« »Dieser Vicomte ist jung, hat ein hübsches Gesicht, scheint Geist zu haben und Lebensart... ich finde an ihm, ich weiß nicht was sehr ausgezeichnetes. Ich habe ihn irgendwo gesehen, er hat ganz die Miene eines Verführers, Madame.« »Mein Herr, ich bewundere den Scharfsinn, womit Sie in einer Viertelstunde die Leute durchschauen.« »Das ist die Kenntnis des menschlichen Herzens, Gräfin.« »Man muss wahrlich Ihren Geist bewundern, mein Herr!« »Ich fürchte,« sagte der Graf, »die kleine Brumont ist schon die Beute dieses jungen Mannes da!« »Gut, dann müssen mir auf der Hut sein.« »Was war es vorgestern mit ihr?« »Sie ist des Tags über bei ihrem Vater gewesen.« »Sind Sie dessen gewiss?« »Ja, ich glaube wenigstens auf ihr Wort bauen zu dürfen.« »Aber, gestern dieses Mittagmahl auf dem Lande? das gleicht doch genau einem abgekarteten Streich, zum mindesten.« »Ich weiß nicht, was Sie damit meinen, Herr Graf?« »Madame, ein abgekarteter Streich ist so viel als eine voraus besprochene Sache, begreifen Sie nun?« »Noch nicht genau.« »Wenn sich zwei Liebende verständigen, sich irgendwo zu treffen.« »Wir waren aber zu drei.« »Daher bin ich auch überzeugt, dass Sie sie viel gestört haben, als Sie dorthin reisten.« »Habe ich übel daran gethan?« »Gewiss, denn Sie hätten mich vorher um Rath fragen sollen.« »Weiter, mein Herr!« »Madame! ich habe schon mehrere Proben der Neigung, die dieser junge Mann für das junge Mädchen hat.« »Ich bitte, theilen Sie mir Ihre Beobachtungen mit.« »Ich sehe es seinen Augen an, dass sie geweint haben, seine Seele ist angegriffen, weil sein Liebchen krank geworden ist; also liebt er Fräulein von Brumont.« »Ihre Logik ist kräftig, mein Herr.« »Seine Seele muss sehr angegriffen sein, weil er meine Charaden nicht lösen wollte. Lachen Sie nicht, Madame!... dies ist ernsthaft; betrachten sie näher die Aufführung Ihrer Gesellschaftsdame; geben Sie ihr für immer ihren Abschied, oder wenn Sie nicht wollen, dann verlassen Sie sie keine Minute.« »Mein Entschluss ist gefasst, ich will sie lieber nicht verlassen.« »Diesen jungen Mann,« sagte der Graf, ernsthaft die Gräfin ansehend, »will ich höflich bitten, sich nach Hause zurückzubegeben.« »Nein, mein Herr.« »Aber Madame.« »Kein aber! ich will es nicht.« »Desto schlimmer für Sie, Madame! Sie lassen sich fangen, diese jungen Leute werden Ihnen eine bedeutende Nase drehen, ich sage es Ihnen voraus.« Etwas unzufrieden über seine Frau, aber sehr zufrieden mit sich selbst, verließ Herr von Lignoll das Zimmer. Die Gräfin wandte sich gegen den Vicomte und sagte ihm den herzlichsten Dank; sie sagte zu ihm: »Sie haben mich sehr geschickt aus der äußersten Verlegenheit gezogen. Sie sind nach Faublas der geistreichste, liebenswürdigste Mann von der Welt.« »Glauben Sie mir, Madame,« sagte er zu ihr, »verlieren Sie nicht die Zeit, mir Komplimente zu machen. Sie sind noch von einer nahen Gefahr bedroht, wo Sie bedacht sein müssen, sich derselben zu entziehen. Der Graf ist hier, der Baron wird herkommen, wenn sie einander begegnen, können sie gegenseitig eine Erklärung haben, deren Folgen Sie fürchten müssen.« »Sie haben Recht, lieber Vicomte, aber welches Mittel ergreifen?« »Herrn Faublas sagen, dass er nicht kommen möge.« »Ich bin sehr geneigt, ihn zu sehen, mit ihm zu sprechen.« »Finden Sie ein Mittel, Herrn von Lignoll zu entfernen.« Sie ließ ihn rufen und sagte ihm, dass sie einige Stücke Wildpret wünsche. Erfreut über die Bitte, aß der Graf schnell zu Mittag und ging auf die Jagd. Die Marquise, nunmehr ganz ruhig, nahm auf dem Feldbett des Kabinets den Platz ein, den Frau von Lignoll eine Viertelstunde vorher eingenommen hatte. Kaum hatten wir eine Viertelstunde die Annehmlichkeiten des Zusammenseins unter vier Augen genossen, als wir beide, die Gräfin und ich, sehr heftig erschraken, denn es wurde ungestüm an die Thüre gepocht. Wir waren nicht wenig erstaunt, denn Herr von Lignoll kehrte schon von der Jagd zurück! er schrie: »Öffnet! öffnet schnell! ich bringe Euch Madame Fonrose, welche uns eben besuchen wollte, als ich aus dem Park heraustrat; welches Glück!« Die Gräfin eilte zur Thüre. »Einen Augenblick, meine theuere Eleonore, ich will Dir nur sagen, dass Du mit Frau von Fonrose nicht von dem Vicomte sprichst?« »Warum?« »Sieh, theuere Freundin, ich hatte Dich darauf vorbereiten sollen; aber Du weißt ja, ich war so krank, dass ich nicht daran dachte. Der Vicomte und die Baronin sind geschworene Feinde. Es scheint, dass Florville, der ihr den Hof machte, dabei nicht übel behandelt wurde, aber sie sind sehr schlecht von einander geschieden, sie verabscheuen sich. »Öffne jetzt, denn man klopft noch immer. Vor Allem habe Acht auf das, was Du sagen wirst. Sprich nicht vom Vicomte.« »Nein, nein, sei ruhig.« Indem der Graf eintritt und sich rasch umsieht, sagt er: »Wo ist denn der Vicomte?« »Still, mein Freund, ich bitte!« Herr von Lignoll betrachtet die Gräfin mit Erstaunen. »Habe ich Sie gestört, Madame?« »Durchaus nicht.« Die Baronin tritt zu Faublas. »Ei, dieses liebe Kind, wie geht es, mein Fräulein?« »Es ist nichts, Frau Baronin sind sehr gütig, ein wenig Fieber.« »Um so besser für uns Alle, besonders für Ihren Vater.« »Ich hoffte, dass mein Vater kommen würde.« Der Graf fiel ihm in die Rede, sagend: »Ihr Herr Vater ist ein sehr sonderbarer Mann, mein Fräulein.« »Sie kennen meinen Vater nicht, mein Herr!« »Was wollen Sie dazu sagen? Er bemerkt mich von weitem; springt plötzlich aus seinem Wagen und flieht feldeinwärts, als hätte er den Teufel gesehen. Wir sind doch keine Wilden, dass wir uns derartig geberden sollten.« »Wir hatten Ihnen schon hundertmal gesagt, dass Herr von Brumont geheime Geschäfte hatte.« »Was, auf meinem Gute?« »Nein, aber in der Umgegend.« »Ah, ich verstehe, meine Liebe, bei Herrn von Florville vielleicht?« »Still doch!« Faublas wendet sich lebhaft zur Baronin, welche Frau von Lignoll erstaunt anblickt: »Durch welchen Zufall ist die Frau Baronin auf diesem Landgut?« »Die vergangene Nacht kam ein Bote, der mir die Nachricht brachte, dass Ihr Herr Vater meine Dienste dringend nöthig habe.« »Ach, ja, ich erinnere mich nun, ist meine theuere Adelheid besser?« »Bei weitem besser!« Die Gräfin, die zu Faublas getreten ist, sieht ihn bedeutungsvoll an: »Sprechen Sie nicht so viel, schonen Sie sich.« »Wie eine Nacht sie verändert hat, finden Sie nicht Herr Graf?« »Eine Nacht? sagen Sie mehrere, Madame! Denn täuschen Sie sich nicht, die Krankheit kommt von länger her. Diese beiden Damen haben sich wahrend ihrer ersten Reise hierher zu sehr den Vergnügungen hingegeben, den ganzen Tag über sind sie in dem Park herumgelaufen und Gott weiß welchen Ermüdungen sie sich ausgesetzt haben; des Nachts... ach, es war viel ärger bei Nacht« Die Gräfin unterbricht ihn lachend: »Mein Herr, glauben Sie der Frau Baronin etwas neues zu sagen?« Der Graf scheint sie nicht zu beachten und fährt fort: »Des Nachts schlafen sie in einem Kabinete... und werden Sie es glauben, statt zu schlafen, thun sie nichts als flüstern. Sie thun nur das. Ich hörte sie sehr gut, denn sehen Sie, wir sind nur durch diese Tapete getrennt. Es wird doch jeder einsehen, dass wenn man sich des Tags über so abmühet und sich bei Nacht nicht ausruht, man das sichere Mittel gefunden hat, um sich zu tödten; auch hat sich die Gräfin, als sie wieder nach Paris zurückkam, sehr leidend gefühlt. Sie klagte über häufiges Herzklopfen.« Die Baronin wendet sich rasch zu Madame Lignoll und sagt: »Nehmen Sie sich in Acht, Frau Gräfin.« Der Graf, welcher diese Ermahnung entzückt anhörte, stimmt der Baronin bei: »Auch ich meine, sie sollte sich in Acht nehmen, und vielleicht, wenn sie bei uns geblieben wäre, statt zu diesem Herrn von Florville zu gehen.« »Aber ich bitte Sie, mein Gemahl, schweigen Sie doch!« Faublas neigt sich zur Baronin, die sehr erstaunt scheint, und sagt ganz leise zu ihr: »Sie sind durch Nemours gekommen?« »Ei nun, lieber Faublas! Ein Geheimnis.« Der Graf fährt fort, seine Behauptung aufrecht zu halten: »Ja, wenn sie nicht beim Vicomte gespeist hatte.« Gräfin: »Ob er nicht schweigen kann!« Baronin: »Ich höre, diese Damen wollen mich nicht ins Geheimnis einweihen, ich muss ihnen also sagen, dass ich schon darin eingeweiht bin. Ich weiß, das Sie gestern in Fontainebleau speisten, der Herr Graf hat es mir gesagt.« »Frau Baronin kennt den Vicomte?« fragte Faublas. »Ob ich ihn kenne, er ist ein hübscher Junge, der Anstand und Geist hat, trotzdem hat er doch einen schrecklichen Fehler; der Herr Graf hat mir gesagt, der arme junge Mann ist nicht stark im Artikel der Charaden!« Die Gräfin, die aus allen Kräften lacht, sagt zu ihrem Gemahl: »Deswegen vielleicht sind Sie ihm böse.« »Aber wo ist der Vicomte,« sagte Madame Fonrose, »kann ich ihn denn nicht sehen?« »Gewiss, Madame, wenn Sie ihn sehen wollen, so treten Sie ein.« »Ich möchte wissen, ob er sich viel verändert hat, seit ich ihn nicht sah.« Der Vicomte lag auf dem Ruhebette im Kabinet und schlief. Als die Baronin eingetreten war, hörte ich folgende Worte: »Ja, dieses Gesicht ist hübsch genug, aber es ist gerade das, welches ich kenne. Nun, ich wagte kaum, es zu vermuthen. Das Abenteuer schien mir zu unglaublich.« »Erwachen Sie, schöner junger Mann, kommen Sie, Herr Vicomte, sehen Sie die Gesellschaft ein wenig ... Wohlan, ich will Ihnen die Hand geben.« Sie gab ihm den Arm; denn Frau von B... noch im Stehen schlafend, hielt sich kaum aufrecht. Frau von B... erschien, von der Baronin von Fonrose unterstützt, oder vielmehr gezogen, in dem Zimmer, wo wir uns befanden. Siebentes Buch Die Marquise wirft anfangs um sich und auf sich einen befremdenden Blick. Was verursacht ihr dieses Erstaunen? Endlich ist sie mit einem Mal wieder zur Besinnung gekommen, ein letzter, schneller, prüfender Blick überzeugt sie, dass hier von keinem Traum mehr die Rede sein kann, und dass sie wirklich in die Hände ihrer tödtlichsten Feindin gefallen war. Übrigens war es weniger schwer, Frau von B... zu überrumpeln und anzugreifen, als sie einzuschüchtern und zu demüthigen. Die Marquise begann den Kampf; Frau von Fonrose erhielt den ersten Streich. Marquise : »Obgleich ich mich mehr nach Ruhe, als nach einem Besuche sehne, Frau Baronin, so bin ich doch entzückt. Sie zu sehen.« Baronin : »Entzückt, das ist viel gesagt. Ich glaube, der Herr Vicomte übertreibt.« Marquise : »Madame ist so bescheiden.« Baronin : »Der Herr ist so höflich.« Gräfin (zur Baronin): »Sie sind es nicht; warum haben sie ihn aufgeweckt, ich hatte Sie doch darum gebeten, es nicht zu thun, Madame, ich sage Ihnen, dass es mir sehr missfallen würde, wenn Sie hier einen Auftritt mit ihm veranlassten.« Indessen schien die Marquise, erstaunt über die Worte der Gräfin, durch ihre Blicke von mir eine Erklärung zu verlangen. Ich wollte sie ganz leise geben, die Baronin kam mir zuvor. Die Baronin sich zwischen die Marquise und Faublas werfend: »Nicht doch, nicht doch, wenn's beliebt. Ich zweifle nicht daran, dass Sie sich viele Dinge zu sagen haben; aber Sie müssen laut sprechen. Nun, das stört Sie, ich glaube wohl, dass es Ihnen sehr ungelegen kommt? aber Herr Vicomte, Sie sind doch so gewandt.« Marquise : »Madame irrt sich. Niemand versteht sich besser darauf als Sie; Ihre Erfahrung –« »Lang, man sollte meinen, ich wäre hundert Jahre alt.« »Verzeihen Sie, ich habe Madame verletzt.« »Durchaus nicht.« »Ach, wie bedauere ich.« »Sie haben keinen Grund dazu, denn das Übel ist nicht groß.« Sie wendet sich zu Faublas: »Schönes Fräulein, Sie sprechen nichts?« »Ich höre, ich leide und warte.« Die Gräfin lebhaft: »Und ich auch, ich warte mit großer Ungeduld auf das Ende dieser Geschichte.« Der Graf sagte ganz verlegen: »Ich für meine Person verstehe bis jetzt noch nicht viel von dem Handel; nur so viel sehe ich, dass Sie alle sehr aufgeregt sind.« Die Baronin wendet sich zu Madame von Lignoll und zu Faublas: »Dieser Streit ist Ihnen lästig. Fassen Sie Muth, er wird nicht lange dauern, ich bin überzeugt, dass der Herr Vicomte die Güte haben wird, ihn sogleich zu beendigen, indem er sich von uns verabschiedet.« Der Graf lebhaft: »Endlich bin ich auf der Spur. Sie haben auch meine Meinung. Dies ist eine Liebschaft des Fräuleins.« Die Gräfin sieht mit blitzenden Augen die Baronin an und sagt mit erstickter Stimme: »Madame, Sie wagen es, in meinem Hause jemand, gegen den ich die größten Verbindlichkeiten habe, so zu behandeln?« Die Baronin lacht laut auf, indem sie sagt: »Ich, Gräfin, will nur, Sie mögen sagen, was sie wollen, Ansprüche auf Ihre Dankbarkeit erwerben; ich will Sie von diesem Herrn befreien.« »Welcher Eigensinn!« »Werden Sie nicht böse! Sehen Sie, ich berufe mich auf den Vicomte, er wird selbst zugeben, dass mein Vorschlag der beste ist.« »Madame, Ihr Betragen ist sonderbar, es lässt keine Entschuldigung zu; und hätte der Herr Vicomte auch noch so viele Treulosigkeiten gegen Sie begangen.« »Treulosigkeiten, er?« »Ja, Madame, er! glauben Sie, ich wisse nicht, dass er Ihr Liebhaber gewesen ist?« »Er, mein Liebhaber?« Der Graf unterbricht die beiden Frauen: »Bst! sprechen wir nicht hievon. Ich liebe solche Unterhaltungen durchaus nicht.« Die Gräfin sieht ihren Gemahl streng an: »Mein Herr, ich bewundere Sie! handelt es sich denn darum, ob Sie etwas lieben, oder nicht?« . Madame Fonrose, die noch nicht zu lachen aufhörte: »Er, mein Liebhaber! das wäre eine lustige Geschichte! Gräfin, sagen Sie mir doch, wer Ihnen dies eingeredet hat? »Die kleine Brumont, ohne Zweifel!« sieht Faublas lächelnd an, »wahrlich, ein sehr schlaues Mädchen! werden Sie wohl den Muth haben, diese spasshafte Anklage in meiner Gegenwart zu wiederholen?« »Warum nicht, Madame, wenn Sie mich dazu nöthigen.« »Gut geantwortet!... Und Sie, Herr Vicomte, werden Sie es ebenfalls vor mir behaupten wagen? Wahrhaftig, um das Abenteuer vollends ganz komisch zu machen, fehlt nichts mehr als dies.« Die Marquise fasst sich gewaltsam: »Madame, es gibt Eroberungen, die ein junger Mensch aus Eitelkeit bekannt macht, es gibt Glück in der Liebe, das er aus Rücksicht für die zweite Person nicht gesteht. Ich überlasse Ihnen zu entscheiden, ob ich indiskret sein kann.« »Wahrhaftig, Herr Vicomte, ich begreife, dass Sie in peinlicher Verlegenheit sein würden, wenn Sie alle Ihre Eroberungen gestehen müssten, ohne Kompliment: ich glaube, dass deren ziemlich viele sind; Sie gehen in Versailles auf schönen Wegen, man weiß davon...« Der Graf scheint sich zu besinnen. »Bei Gott! aber in Versailles war es, wo ich dies Gesicht sah, aber wie wird mir denn, ich bin ganz verwirrt,« ergeht mit unruhigen Schritten auf und ab für sich gestikulierend. Die Baronin steht rasch auf, sieht Faublas bedeutend an, zieht ihre Uhr und sagt: »Ich habe Eile. Der Herr Vicomte wird wohl nicht zu Fuß gehen; ich bitte ihn, mich zu meinem Wagen zu begleiten, wo er die Güte haben wird, einen Platz anzunehmen. »Ich verpflichte mich, ihn bis Fontainebleau zurückzuführen; ist das nicht anständig?« »Ich bin sehr verbunden für die gütige Anerbietung der Frau Baronin, aber wenn die Frau Gräfin erlaubt, so bleibe ich hier!« Die Gräfin ihm die Hand reichend, welche er küsst: »Sie haben Recht, Herr Vicomte« »Er hat Recht, ohne Zweifel, und Sie haben wohl Ursache, ihm beizustimmen,« sagte die Baronin ironisch. »Und Sie, Herr Vicomte, hoffen, dass ich Sie hier lassen werde?« »Ich sehe wenigstens nicht ein, Madame, wie Sie mich zwingen könnten, zu gehen?« Die Baronin nähert sich sehr leidenschaftlich der Marquise: »Welche Frechheit! bedenken Sie doch, dass ich nur ein Wort zu sagen brauchte.« »Sie werden es nicht sagen.« »Wer wird mich hindern?« »Ein klein wenig Überlegung! Sie haben mein Geheimnis, ich weiß es wohl; aber sehen Sie um sich, und sagen Sie mir, welchen Vortheil diejenigen daraus zögen, denen Sie es anvertrauen könnten?« Die Gräfin leise zu Faublas: »Was bedeutet das, ich kann den Sinn dieses Wortwechsels nicht begreifen.« »Theuere Freundin, das geht Deinen Gemahl an, ich werde es Dir nachher erklären.« Die Marquise tritt zur Baronin und spricht halblaut in sehr freundschaftlichem Tone: »Die Gräfin ist leidenschaftlich, sie würde sich in ihrer Aufregung verrathen, ich bitte um ihretwillen um Gnade.« »Ich werde Mittel finden, Herrn von Lignoll zu entfernen, beruhigen Sie sich.« »Herr Graf, zwei Worte!« »Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Frau Baronin.« Die Marquise beobachtet aufmerksam alle Personen, und sagt zur Gräfin: »Dulden Sie diese Vertraulichkeiten nicht.« Mehr bedurfte es nicht, um diese reizbare Frau anzueifern, und sie rief leidenschaftlich: »Ich will nicht, Frau Baronin, dass Sie mit ihm reden!« »In diesem Falle bitte ich Sie um Entschuldigung, ich wollte ja nur, dass Sie uns einen Augenblick gönnten.« Die Marquise, welche Frau von Fonrose nicht aus den Augen verliert, leise zur Gräfin: »Leiden Sie nicht, dass sie sich entfernt.« »Ich will nicht, Frau Baronin, dass Sie sich entfernen, bleiben Sie, ich bitte, und Sie auch nicht, mein Gemahl!« Der Graf halblaut: »Gehen Sie, Sie brauchen es mir nicht zu sagen! kein Wort entgeht mir, ich sehe wohl, dass die Baronin, obzwar sie sich Gewalt anthut, eine affektierte Seele hat! Was aber diesen Jungen betrifft, da er Credit beim Minister hat, so fühle ich wohl, dass er sich nicht beklagen soll, bei uns schlecht behandelt worden zu sein. Ja, ich kenne die Welt; ein Mann, besonders aber der Gebieter des Hauses, weiß immer zu imponieren. Deshalb muss ich bleiben, damit es zu keinem Auftritt kommt.« Alle riefen einstimmig: »Bleiben Sie!« Die Baronin stellt sich resigniert: »Nun, da alle Welt es will, so bleiben Sie doch. Das wird sehr spasshaft, ich müsste einen sehr schlechten Humor haben, wenn ich mich nicht belustigte;« dabei lachte sie aus ganzen Kräften. »Gräfin, reichen Sie mir die Hand! Sie hintergeht man, und mir spielt man recht böse mit.« Alle riefen: »Erklären Sie sich!« Der Graf, der sich mit pfiffiger Miene die Hände rieb und selbstbewusst den Kopf neigte, sagte, sich an seine Gemahlin wendend: »Ich ahnte es,« und sagte zu der Gräfin: »Man hintergeht Sie. Doch möchte ich die ganze Geschichte gerne erfahren; erklären Sie sich doch, Baronin.« »Wahrlich! man weiß recht gut, dass ich mich nicht erklären kann, deshalb muss ich Geduld und Muth haben.« Sie nimmt einen Stuhl und setzt sich. Die Marquise hat es gesehen und sagte: »Madame hatte zu thun, wichtige Geschäfte, wie es scheint.« »Diese Bemerkung ist unartig, mein Herr, indes verzeihe ich Ihre Unhöflichkeit aus Rücksicht auf Ihre Verlegenheit. »Ich sah mich genöthigt. Sie in Eile von hier zu entführen und Sie mitzunehmen, da man sich jedoch nicht entschließen kann, Sie scheiden zu sehen, so verlange ich wenigstens, dass man mir erlaube, das Glück zu haben, bei Ihnen zu bleiben.« Die Gräfin, in sehr üble Laune durch diesen Entschluss der hartnäckigen Baronin versetzt, erwiderte närrisch: »Wie Ihnen beliebt!« Da der Graf beständig eine beobachtende Stellung bewahrt, sagt die Marquise zu ihm: »Der Herr Graf wird doch nicht immer stehen wollen?« Sie beeilt sich, ihm einen Sitz anzubieten. »Ich bin äußerst verbunden.« Alle nehmen Platz um mein Bett. Das Betragen eines Jeden war wirklich eigenthümlich. Die Gräfin theilt ihre liebevolle Sorgfalt zwischen der Marquise und mir; wenn sie sich zuweilen zu erinnern scheint, dass Frau von Fonrose da ist, dann lässt sie ihre Unzufriedenheit durch eine schmollende Miene oder ein unhöfliches Wort fühlen. Auch Herr von Lignoll vernachlässigt die Baronin gänzlich, seine ganze Aufmerksamkeit ist Herrn von Florville zugewendet, diesem jungen Manne, der so viel Credit beim Minister hat. Er bemächtigt sich seiner und verschwendet alle erdenkliche Liebenswürdigkeit an ihn. Der Vicomte nimmt die Danksagungen von Madame mit Bescheidenheit und die Schmeicheleien vom Grafen beinahe mit Würde auf. Nach der vollkommenen Sicherheit, die er zur Schau trägt, würde man fast sagen, er vergesse seine Gefahren und seinen Gegner; aber je weniger er daran zu denken scheint, umso mehr glaube ich, dass er sich damit beschäftigt. Von Zeit zu Zeit wirft Florville einen stolzen, gebieterischen, triumphierenden Blick auf die Baronin. Es scheint, die Marquise thäte besser, ihre Vortheile über ihre Feindin, die das Schlachtfeld noch nicht geräumt, nicht zu überschätzen. Die Baronin macht sich auf Kosten aller lustig. Sie straft den Grafen, der sie unhöflich verlässt, nur damit, dass sie enthusiastisch alles lobt, was er sagt; sie rächt meine Treulosigkeiten gegen sie nur durch einen verstohlenen Blick. Sie setzt dem ungerechten Zorn der Gräfin nur ein langes Gelächter entgegen, und den majestätischen Blick ihrer stolzen Rivalin weist sie mit einem bitteren und drohenden Lächeln ab. Ich sehe sie einen Augenblick sich sammeln und nachdenken; dann erhebt sie sich, geht auf den Korridor, ruft einen ihrer Leute, gibt ihm einige Befehle, und während sie zurückkommt, sagt sie ziemlich laut: »Mein Kutscher soll sich bereit halten!« Bei diesem Befehle schlug mein Herz überfreudig. »O, mein guter Genius, der Du die Marquise beschützest, ich danke Dir, der Sieg ist unser.« Herr von Lignoll fordert Florville auf, die Charaden nicht zu vernachlässigen. Plötzlich hören wir einen Schuss im Hofe fallen. Herr von Lignoll stürzt hinaus, die Gräfin will ihn zurückhalten; Frau von Fonrose hindert sie daran mit den Worten: »Es ist nichts! nichts als eine soeben erfundene List, Ihren Gemahl wider Ihren Willen zu entfernen und wider Ihren Willen Ihre Nebenbuhlerin zu vertreiben.« »Meine Nebenbuhlerin?« »Ja, unglückliches Kind, das Sie sind! sich so betrügen zu lassen! betrachten Sie doch diesen angeblichen Jüngling. »Ist es möglich, an seinen Zügen, an seinem Wuchse das Weib zu verkennen, an dieser Gewandtheit, dieser Falschheit, namentlich an dieser unbegreiflichen Kühnheit, ist es möglich, dass Sie sie verkennen? ... « »Die Marquise von B ... große Götter!« »Mein Freund,« sagte die Marquise, sich zu Faublas wendend; »ich verlasse Sie wider Willen; aber ich werde Nachricht von Ihnen erhalten.« Zu Frau von Fonrose mit drohendem Tone: »Baronin, rechnen Sie auf meine Erkenntlichkeit, übrigens achten Sie mein Geheimnis! hüten Sie sich vor dem Versuch, mich durch Verbreitung dieses Abenteuers lächerlich zu machen und wie es sonst Ihre Art ist, mich bloßzustellen, und sich selbst dabei auf den Tugendspiegel herauszuspielen. »Adieu, Frau Gräfin! wenn Sie billig genug sind, gegen den Vicomte von Florville keinen Groll zu hegen, so verspricht er Ihnen, Ihre Schwachheiten nicht aufzudecken!« Sie ging hinaus, gefolgt von der Baronin. Um sich eine richtige Vorstellung von dem Wuthausbruch der Gräfin zu machen, müsste man ebenso leidenschaftlich, ebenso jähzornig, wie sie sein. Im Anfang that das Übermaß des Erstaunens dem Übermaß der Wuth Einhalt; allein die schreckliche Ruhe war kurz und der Ausbruch furchtbar. Ich sah Frau von Lignoll schaudern und erbleichen; ihr ganzer Körper schien von krankhaften Bewegungen durchzuckt, ihre Lippen zitterten, das Auge flammte, das arme Kind wollte schreien und konnte nur dumpfe Seufzer vorbringen; sie riss sich die Haare aus, in ihr reizendes Gesichtchen grub sie die Nägel, dass Blut unter denselben hervorkam. Ich versuche aus dem Bette zu gehen, ich stürze mich ihr zu Füßen. »Leonore, meine theuere Leonore! höre mich doch!« Sie stößt mich von sich und mit verzweiflungsvoller Stimme schreit sie vor Leidenschaft zitternd: »Du willst Ihr folgen? nun gut, geh doch, geh, Treuloser, und lass Dich nie mehr vor mir sehen!... Wer kann Dich hier noch zurückhalten? sie erwartet Dich! »Geh, erfreue Dich bei ihr meiner Schmach! und Deiner Undankbarkeit! Geh, aber bedenke, dass, wenn ich Euch beisammen finde, so werde ich Euch beide tödten.« Sie hatte meinen Arm ergriffen, den sie aus Leibeskräften schüttelte, bis ich auf meine Kniee fiel. Ein Schrei entrang sich ihrer Brust; es war nicht mehr ein Schrei der Wuth. Bereits war an die Stelle des Zornes Angst und Befürchtung um mein Leben getreten. »Leonore, wie kannst Du glauben, dass ich ihr in diesem Zustande folgen wolle? Ich wollte Dich um Verzeihung bitten. Dich zu trösten suchen; Leonore, höre mich, beruhige Dich, ich bitte Dich dringend! aus Liebe zu mir, aus Liebe zu Dir selbst, schone so viele Reize, womit Dich die Liebesgötter geschmückt, hüte Dich, ihr herrliches Werk zu verderben, welches geschaffen ist, um tausend Liebkosungen und wonnige Freuden Deinen Geliebten zu verschaffen.« Schon sah ich, wie ihr Gesichtchen sich durch einen milden und lieblichen Ausdruck verklärte. Wenn man das Unglück gehabt hat, seine Geliebte zu erzürnen, so muss man sie sogleich wieder zu beruhigen suchen; und wer in einem solchen Falle nicht im Stande ist, zu handeln, muss wenigstens sprechen; man muss, wenn man nichts besseres thun kann, die lebhaften Liebkosungen durch leidenschaftliche Lobeserhebungen ergänzen, und den schmeichelnden Reden alle die Wärme geben, die man in die tröstenden Handlungen gelegt hätte. Meine gefühlvolle Freundin vergaß, durch meine Worte gerührt, ebenso durch die Angst, in die sie meine Lage versetzte, das ihr angethane Unrecht. Dem sei wie immer auch, wenn ich über die Ursache im Zweifel war, so konnte ich doch die Wirkungen nicht bezweifeln. Frau von Lignoll hob mich auf, unterstützte mich und half mir wieder in's Bett zu steigen; dann setzte sie sich neben mich, neigte sich über mich und verbarg ihr Gesicht an meinen Busen, den sie mit ihren Thränen benetzte. Bei dem Geräusch, das Frau von Fonrose, als sie wieder hereinkam, machte, änderte die Gräfin ihre Stellung. »Guter Gott, wie finde ich Sie zugerichtet, was haben Sie mit Ihrem schönen Gesichte gethan, welche Grausamkeit konnte dasselbe so entstellen? Madame, ich habe Ihnen hundertmal gesagt, eine hübsche Frau kann in ihrer Verzweiflung weinen, mit ihrem Liebhaber Streit anfangen und ihren Mann quälen, aber sie muss immer sich selbst und ihre Person berücksichtigen, besonders ihr Gesicht schonen. Ich ahnte es übrigens, dass Sie in der ersten Aufwallung viel unüberlegtes und tolles Zeug machen würden. Ich konnte nicht bei Ihnen bleiben.« »Diese Frau von B ..., was ist aus ihr geworden?« fragte Frau von Lignoll. »Sie hat vornehm meinen Wagen ausgeschlagen, dessen sie nicht bedurfte. Der bequeme Vicomte hatte sich bei Ihnen vollständig eingerichtet. Er hatte in Ihrer Domestikenstube einen Lakai, wohlverstanden ohne Livrée, zwei Pferde in Ihrem Stall.« »Welch' eine Frau!« rief die Gräfin mit großer Lebhaftigkeit; »welche Kühnheit in ihrem Benehmen und in ihren Reden! Ich treffe sie in Compiègne, sie sagt mir, sie sei ein Verwandter des Marquis von B ... und Sie auch, mein Herr, Sie haben es mich glauben gemacht, Sie haben mich unwürdig betrogen; was wollte sie in Compiègne thun? antworten Sie. Sie sprechen nichts, Sie sind ein Verräther! gehen Sie, entfernen Sie sich! Ich habe Ihnen geglaubt, in meiner Vertrauensseligkeit! sie verfolgt uns auf der Straße, sie trifft uns in Montargis, sie findet mich – in welchem Zustand, in Ihren Armen, Treuloser, große Götter! daher dieser Ausruf der Bestürzung und des Schmerzes; es lässt sich leicht denken, denn unmöglich ist es, dass ein Weib einen solchen Anblick ertragen kann, welches sich diesem treulosen Manne selbst zum Opfer hingegeben hat, glaubend, dass sie ihn beglückt. Doch schweigen wir darüber, denn unauslöschlich ist die Schmach, die ich selbst über mich brachte. »Ich werde mein Leben lang Thränen der Reue darüber vergießen. Was mich aber am meisten zur Verzweiflung bringt, ist der Gedanke, dass, wenn ich einige Augenblicke später gekommen wäre, ich meine unwürdige Nebenbuhlerin in den Armen eines Treulosen überrascht hätte.« Ich wollte die Gräfin beruhigen, sie aber fuhr fort: »Ich glaube jetzt überzeugt zu sein, dass er Alle liebt, denen er begegnet, Marquise oder Gräfin, Grisette oder Kammerfrau, was liegt daran, wenn es nur eine Frau ist.« Indem sie sich leidenschaftlich zu Faublas wendet, sagt sie: »Wie viele Geliebten brauchen Sie denn? versuchen Sie nicht, sich zu rechtfertigen! Sie sind ein Mann ohne Zartgefühl, ohne Ehrgefühl, ohne Treue! Trachten Sie sich zu entfernen, so schnell als möglich, und lassen Sie sich nicht mehr vor mir blicken.« Die Gräfin gerieth allmählich wieder in ihre ersten Wuthausbrüche; ich fürchtete nur, dass ihr Gemahl nicht zurückkäme. Die Baronin, der ich meine Befürchtung mittheilte, beruhigte mich. »Dieser angebliche Wilddieb, denn für einen solchen hält ihn Herr von Lignoll, ist in meinen Diensten. Er hat gute Beine, und ist ein sehr gewandter Bursche. Ich habe ihm vorausgesagt, dass Herr von Lignoll ihn verfolgen wird, und dass er ihn so weit als möglich auf Abwege führen soll. Ich stehe Ihnen dafür, dass er ihm zu schaffen machen wird, und dass wir noch einzige Zeit vor uns haben.« Frau von Lignoll hörte uns nicht und fuhr fort: »Sie überrascht mich, sie gibt sich das Ansehen, mich zu beklagen und mir dienstgefällig zu sein. Ich Thörin, die ich bin; ich richte tausend schmeichelhafte Komplimente an sie, und zugleich lächerliche Danksagungen, der Herr Vicomte lässt mich sprechen; er thut noch mehr, er verneigt sich, um meiner zu spotten; und Sie, Frau Baronin, warum haben Sie es mir nicht sogleich gesagt, als Sie sie erkannt hatten?« »Ich kann nicht glauben, dass dies Ihr Ernst sei, liebe Gräfin, als ob ich Sie nicht kennen würde, um zu wissen, dass keine Rücksicht Sie zurückgehalten hätte, und dass Sie sogleich Lärm gemacht hätten und vergessen, welche Bedenken Sie zwingen, vor Ihrem Gemahl sich zu mäßigen.« »Ich hätte diese Schamlose vor der ganzen Welt entlarvt und sie gedemüthigt.« »Verzeihen Sie, Madame, dass ich Sie unterbreche, aber ich denke, es wäre besser gewesen, wenn Sie, statt zu Ihrer Unterhaltung mit ihr zu streiten, sie von Ihren Leuten zum Fenster hinauswerfen ließen.« »Ach, ja, ich hätte dieses einfache und ganz sanfte Mittelchen, das weder Lärm noch Skandal macht, anwenden sollen!« »Der Betrüger!« rief die Gräfin mich ansehend; »er hat uns beide zum besten gehabt; er hat mir im Vertrauen gesagt, diese Frau sei Ihr Liebhaber, ja, liebe Baronin, wenn er mir gestanden hätte, dass Sie früher einmal ein Mann gewesen wären, so hätte ich ihm auch geglaubt.« »Ihre verblendete Liebe, die so vieles schon gewagt, lässt es beinahe vermuthen.« »Er missbrauchte mein Vertrauen auf eine zu schändliche Art; aber er soll mich nicht mehr betrügen, nicht mehr verrathen! er entferne sich, er gehe! ich verabscheue ihn, ich will ihn nicht mehr sehen!« »Aber bedenken Sie doch, liebe Gräfin, er kann ja in diesem Zustande nicht gehen.« »Wenn ich daran denke, dass die verhasste Marquise die ganze Nacht dagewesen ist; bei mir, bei ihm, und einen großen Theil des Tages noch dazu. Ich habe sie allein gelassen, eine Stunde lang, und als ich ihn fragte: mein Herr, sagen Sie mir, was haben Sie mit einander gethan? sprechen Sie; was ist vorgegangen, so lange ich schlief? antwortete er: »Nichts, meine theuere Freundin, wir haben geplaudert.« »Denken, Sie nur, mit welch frecher Stirne, diese Heuchlerin mir dies zu sagen wagte. Ja, ja, geplaudert, sie hoffe nicht mich auf's neue zu hintergehen. »Und Sie Faublas, sagen Sie die Wahrheit, sagen Sie, was Sie mit einander gethan haben; ich verlange es.« »Gräfin,« fiel die Baronin lachend ein, »Sie beschuldigen ihn eines Verbrechens, dessen man ihn, ohne Beleidigung, seit mehr als vierundzwanzig Stunden gänzlich unfähig halten kann.« »Unfähig, er? niemals! »Mein Herr, als ich eintrat, wo Sie mich vermuthlich noch schlafend wähnten, hatten Sie einen Anfall von Schwäche; und ihre Hand lag auf Ihrem Herzen, sie war über Sie gebeugt, indem sie wahrscheinlich ihre Stellung rasch geändert, sie ist sehr kühn, diese abscheuliche Marquise, dass sie solches wagte, mich in der Nähe wissend. »Mir gehört Ihr Herz, niemand als mir! was sage ich? der Undankbare! der Flatterhafte! er gibt sich jedermann hin – ich bin sicher, dass während meines Schlafes ... Ja, ich bin dessen sicher, aber ich erwarte das Geständnis aus Ihrem eigenen Munde, Sie Treuloser, ich fordere es, ich will lieber nicht mehr an meinem Unglück zweifeln, als in der schrecklichen Ungewissheit bleiben. Faublas, sage, was Ihr mit einander gemacht habt? Siehst Du, wenn Du es gestehst, so werde ich Dir verzeihen. »Gestehe, oder ich schicke Dich fort.« »Warum denn sie fortschicken,« sagte Herr von Lignoll hereintretend. »Dies wäre nicht recht, es thut mir sogar leid, dass ich weggegangen bin, denn Sie haben den Vicomte fortgeschickt.« »Den Vicomte... mein Herr, ich erkläre Ihnen ein für allemal, dass Sie seinen Namen niemals vor mir aussprechen sollen.« »Aber Madame, was fehlt Ihnen denn? Ihr Gesicht...« »Mein Gesicht gehört mir, mein Herr, ich kann damit Alles machen, was mir gefällt; kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten.« »Gut denn, Madame; aber ich bereue es dennoch, dieses Zimmer verlassen zu haben; man hat meine Abwesenheit benützt.« »Sie hat nicht lange gedauert,« bemerkte die Baronin, »Sie sind merkwürdig schnell wieder zurückgekehrt. Freilich, man muss bedenken, dass Sie als Herr des Hauses sehr unruhig sein mussten, denn die Begebenheiten waren auch nicht auf das freundlichste gestellt, als Sie Ihr Haus verließen.« »Ich habe mich des Vicomts erinnert, und wollte ihm meinen besondern Schutz anbieten.« Die Gräfin, die sich ununterbrochen mit Faublas beschäftigt, ohne ihren Gemahl zu beachten: »Warum es nicht gestehen?« »Aber, Madame, ich schwöre, dass kein wahres Wort daran ist.« »Gestehen Sie, oder ich schicke Sie fort.« Der Graf, der die letzten Worte gehört, wendet sich zu Faublas: »Nun ja, gestehen Sie es, geben Sie Madame diese Genugthuung, was können Sie dabei verlieren?« Die Baronin sagt lachend zum Grafen: »Wissen Sie, was das Fräulein gestehen soll?« »Vermuthlich, dass der Vicomte ein sehr liebenswürdiger junger Mann ist.« »Was wollen Sie damit sagen, Herr Graf?« »Ist dies nicht klar? ich will sagen, dass das Fräulein offenbar den Vicomte sehr liebenswürdig findet, (zur Gräfin:) und eigentlich ist dies kein Grund sie wegzuschicken.« »Ich bitte Sie, mein Gemahl, lassen Sie mich. (Zu Faublas:) Gestehen Sie es.« Der Graf wiederholt die letzten Worte seiner Gemahlin, indem er sich ebenfalls zu Faublas wendet: »Oh! ich bitte Sie, gestehen Sie es. Sehen Sie, wir sind Alle darüber einig. Sagen Sie es dem Vicomte in meinem Namen, und vergessen Sie nicht hinzuzufügen, dass sein Weggehen mir viel Verdruss bereitet hat; versichern Sie ihn, dass es uns immer ein großes Vergnügen sein wird, so oft er die Güte hat uns zu besuchen, sei es in Paris, oder auf einem meiner Landgüter.« Die Gräfin unterbricht hier ihren Gemahl: »Wenn er es jemals wagt, sich bei mir blicken zu lassen, so lasse ich ihn durch die Bedienten zur Thüre hinauswerfen.« »Aber ich begreife Sie nicht, meine liebe Gemahlin, soeben führten Sie seine Sache mit so viel Wärme; ich bitte Sie, widersprechen Sie sich doch wenigstens nicht so sehr.« »Aber Sie selbst, mein Herr,« unterbrach die Gräfin, »waren noch vor einer Stunde einer ganz anderen Ansicht.« »Ja, meine Theuere, seit einer Stunde hat sich Alles verändert.« Die Baronin scheint sich ganz der Ansicht des Grafen anzuschließen. »Oh, ja.« Der Graf (zur Baronin): »Nicht wahr, Madame? Sie haben einige Welterfahrung; und ich wette, dass Sie die Gründe errathen, die mich dies Alles aus einem andern Gesichtspunkt betrachten lassen. Im Anfange glaubte ich, dieser Herr von Florville, obschon aus einer ziemlich guten Familie, habe, wie die meisten jungen Leute seines Alters, nur eine sehr geringere Haltung in der Welt; auch sah ich nicht, wozu diese Neigung des Fräulein von Brumont führen sollte; doch das ist ihre Sache, und wir werden uns nicht in so delikate Sachen mengen. »Sie sagen mir, dass der Vicomte in Versailles etwas gelte, dies verändert meinen ganzen Plan! ich lasse mich nicht in Euere kleinlichen Zwistigkeiten ein, ich mische mich nicht in Frauenhändel; ich glaube auch, dass ich mich berechtigt finde, zu untersuchen, ob die Mittel, die dieser junge Mann zu seiner Beförderung gebraucht, von zarter Natur sind; die Hauptsache ist, dass sie wirken. »Ich muss aufrichtig sagen, das« es mir scheint, als ob Herr von Florville von dieser Seite nichts zu wünschen übrig lässt. »Somit ist dies eine sehr kostbare Bekanntschaft für Fräulein von Brumont, die daran denken muss, ihr Glück zu gründen. Für mich aber ist es von großer Wichtigkeit das meinige zu vermehren.« Die Gräfin ist während dieser Rede ihres Gemahls in größten Zorn gerathen, und sagt mit bebender Stimme: »Sie thäten besser, mit allen Ihren Berechnungen aufzuhören. Ich bin dessen schon müde, und wiederhole Ihnen, dass ich nichts mehr hören will von dieser ...« hier unterbricht sie die Baronin sehr schnell, indem sie ihr einen bedeutungsvollen Blick zuwirft. »Warum sind Sie denn so aufgebracht gegen den armen Vicomte? (Sie wendet sich zu Herrn von Lignoll:) »Sehen Sie nur, wie sie ihn jetzt behandelt.« »Wahrhaftig, Frau Baronin, daran sind Sie Schuld! ich bereue sehr, dass ich weggegangen bin; aber um auf meine Pläne zurückzukommen. Sie wissen, dass man sich in Versailles immer unter den Bittenden einfinden muss.« »Ich glaube, Herr Graf, Sie hatten es doch nicht nöthig, sich unter die Zahl der Bittenden zu mengen, denn es kommen auch sehr häufig Fälle vor, wo man nichts erhält.« »O, nein, Madame, durch Zudringlichkeit erhält man immer etwas.., wenn man Freunde hat, das versteht sich von selbst; und ein Beweis hiefür ist diese Pension, die ich kürzlich herausgeschlagen habe. Aber meine Gemahlin hat verlangt, ich solle sie Herrn von Saint-Prèe abtreten. »Oh! das macht mir großen Kummer; wahrlich, ich muss es gestehen. Die Gräfin ist ein Kind, das vom Werte des Geldes nichts versteht; sie denkt, bei einer Rente von zwanzigtausend Thalern braucht man keine Wohlthaten vom König. Sie, Madame, die ihr ganzes Vertrauen besitzt, sollten ihr Vorstellungen darüber machen.« Die Gräfin, welche nicht an dem Gespräche ihres Gemahls mit der Baronin Theil nimmt, ist während dieser Zeit zu Faublas getreten und sagt sehr laut: »Alles, was Sie mir sagen können, ist vergebens, ich lasse mich nicht länger durch Ihre Lügen hintergehen; aber ich will, dass Sie Ihr Unrecht bekennen. Gestehen Sie, oder ich schicke Sie aus dem Hause.« Der Graf hat die letzten Worte der Gräfin gehört und sagt ziemlich laut zur Baronin: »Suchen Sie ihr auch begreiflich zu machen, dass sie, statt Fräulein von Brumont fortzuschicken, ihre Artigkeiten, Aufmerksamkeiten, Rücksichten und Zärtlichkeiten gegen sie verdoppeln und besonders Herrn von Florville veranlassen soll, so oft als möglich zu kommen.« Die Gräfin erhebt sich wüthend und sagt zu ihrem Gemahl: »Mein Herr, Sie haben ihre eigenen Zimmer, haben Sie die Güte mich in den meinigen in Ruhe zu lassen.« »Ja, wir sind hier nicht am rechten Orte,« sagt die Baronin ebenfalls aufstehend, »man unterbricht uns jeden Augenblick; gehen wir, Herr Graf!« »Sei es denn, ich thue es gerne, Madame, denn man kann hier kein vernünftiges Wort sprechen, aber ich will, bevor ich gehe, diesen beiden einen guten Rath ertheilen. (Zu Faublas:) Sie, mein Fräulein, gestehen Sie es! denn wenn es sich nicht so verhält, so muss es doch so werden, und wir Alle glauben es; und am Ende werden Sie es doch thun müssen, alle Prüderie wird Ihnen nichts helfen. Wir kennen dies, es ist eine Schwäche der Frauen, das Gefühl, welches sie ganz beherrscht, vor der Welt zu leugnen; sehen Sie, mein Fräulein, Alles das endet immer mit einer Niederlage des schönen Geschlechts. Und Sie, Madame, entlassen Sie Ihre Gesellschaftsdame nicht, sie mag gestehen, oder nicht gestehen, denn ich kenne die Affektionen Ihrer Seele, Madame; eine Stunde später würden Sie untröstlich sein. Was den Vicomte betrifft, so will ich jetzt nichts mehr von ihm sprechen, aber ich behalte es mir vor.« Wir blieben allein. Frau von Lignoll bestand darauf, mir das Geständnis meines angeblichen Fehlers zu erpressen; und ich beharrte auf der Wahrheit, weil ich wohl einsah, dass eine Lüge nichts weniger als nothwendig sei. In der Verzweiflung, alle meine Versicherungen nutzlos zu sehen, machte ich einen letzten Versuch, den der Erfolg krönte. »Meine theuere Freundin, ich wiederhole Dir und ich schwöre es Dir, dass ich nur selten an die Marquise und immer nur an Dich denke; seit Du mir angehörst, gehört Frau von B... mir nicht mehr an. Anders war es früher, wo ich noch nicht das Glück hatte Dich zu kennen, und wo ich ganz in ihre Netze gefallen war, denn sie hat keine ihrer Verführungskünste gespart, um mich ganz in ihre Gewalt zu bekommen. »Seitdem ich aber durch Dich, meine anbetungswürdige Leonore, beglückt bin, habe ich Alles um mich her vergessen und Du allein sollst nun über mein Leben oder Sterben entscheiden. »Siehst Du, Geliebte, denn nicht meine Leiden, die ich durch Deinen Irrwahn zu erdulden habe, wie mich die Glut meiner Liebe verzehrt, wenn ich in Deiner Nähe weile, könnte ich mich bei Dir auch nur im Gedanken mit ihr beschäftigen? wäre es möglich, dass ich mich nach ihren Vorzügen sehnte, während ich Dich von tausend Eigenschaften glänzen sehe, die ihr fehlen, erscheinst Du mir nicht hübscher durch Deine aufblühenden Reize, Deine naive Holdseligkeit, Deine pikante Unüberlegenheit, als sie durch ihre großen Manieren und ihre stolze Würde? Ihr fehlt eine Seele wie die Deine, mitfühlend und edel; glaubst Du, ich könne die Freude Deiner Lehnsleute bei Deiner Rückkehr, die Dankbarkeit Deiner Pächter, die Lobsprüche Deines ehrwürdigen Pfarrers vergessen? Ich habe Dich in der ganzen Schönheit Deines edlen und großmüthig denkenden Geistes, in der ganzen Engelsmilde Deines Herzens kennen gelernt. »Ich war Zeuge davon, mein Herz hat sich daran geweidet. Ich habe es gesehen, dass Du bei Deinen Untergebenen der Gegenstand der allgemeinen Verehrung bist. »Du bist eine wohlthuende Vorsehung für alle diese armen Leute, die von einem tiefen Dankgefühl für Dich durchdrungen sind und zu Dir wie zu einer Heiligen aufblicken. »Und Dein Geliebter sollte der einzige sein, den Deine Tugenden unempfindlich ließen, den Deine Güte undankbar machte? glaube es ja nicht. Siehst Du, meine heißgeliebte Freundin, ich wollte, dass es mir gestattet wäre mit Dir, meine Leonore, fern von jeder Verführung, mein Leben in der Hütte zuzubringen, welche die Gräfin von Lignoll für den alten Duval aufbauen ließ. »Höre auf Dich zu beklagen, höre auf eine allzuschwache Nebenbuhlerin zu fürchten und mich zu beargwöhnen. »Ich habe noch einen Rest van Freundschaft für die Marquise, aber Dir gehört mein Herz, meine zärtliche Liebe, es ist wahr, dass ich früher bei ihr einige süße Augenblicke genossen habe, aber seitdem habe ich bei Dir ganze Tage voll Wonne genossen, glaube mir, Theuere, Frau von B... könnte mir jetzt vielleicht noch Vergnügen anbieten; aber Du, meine Leonore, Du allein kannst mich glücklich machen.« Ich sah, wie ihr reizendes Gesicht nach und nach bei meiner feurigen Rede seinen Ausdruck änderte. Sie beugte sich über mich, küsste mich auf den Mund, indem zwei heiße Thränen dabei an meine Wange fielen. Ich schlang meinen Arm um ihre Taille und zog sie sanft zu mir herab; so verharrten wir längere Zeit, bis sie mir durch ihre ganze Hingebung bewies, dass sie mit mir versöhnt sei. Sie schien ganz in Wonne aufgelöst zu sein. So zwischen zwei fast gleich verführerischen Nebenbuhlerinnen beschäftigt, denen aber die Natur ihre köstlichen Gaben sehr verschieden ausgeheilt hatte, vergaß ich eine noch begünstigtere Frau, die allein alle Tugenden und alle Reize in sich vereinigte und über alle Vergleiche unendlich erhaben war; ich vergaß Sophie, und in meiner Verirrung ging ich sogar so weit, Wünsche gegen unsere Wiedervereinigung zu hegen. Je schuldiger ich mich übrigens gegen meine Frau machte, um so mehr Grund zur Zufriedenheit hatte meine Geliebte. Die Gräfin umschlang mit ihren schönen Armen meinen Hals, indem sie mich wiederholt küsste. »So hättest Du im Anfang sprechen sollen, dann hättest Du mich gleich überredet. Da Du mich liebst, und sie nicht liebst, so bin ich zufrieden; da Du keine Untreue gegen mich begangen hast, so verzeihe ich Dir alles übrige.« »Aber ich verzeihe Dir, meine theuere Leonore, eines nicht: Du hast in Deiner blinden Leidenschaft das beste meines Gutes, Dein schönes Gesicht nicht geschont.« »Wirst Du mich deshalb weniger lieben?« »Nicht diese Frage sollst Du an mich richten. Du weißt zu gut, dass von diesem keine Rede sein kann, meine Liebe zu Dir wird ewig dauern, keine Macht der Erde kann sie schwächen, kein Ereignis dies heilige Gefühl aus meinem Herzen auslöschen. Aber versprich mir, meine angebetete Leonore, versprich mir nie mehr so leidenschaftlich zu werden!« »Aber auch Du, Faublas, versprich mir, mich nie mehr zu erzürnen!« »Auf meine Ehre, ich verspreche es Dir!« »Recht so!« sagte sie lachend, »siehst Du, wie gut ich bin, ich gelobe Dir nicht mehr böse zu werden.« In diesem Augenblick kam der Graf zurück. »Gott sei gelobt!« rief er, »sie hat gestanden!« »Was sagen Sie, sie hat gestanden?« rief die Baronin erstaunt. »Ganz und gar nicht,« rief die Gräfin, ihre Händchen in einander schlagend, und sah den Grafen freudenstrahlend an. »Wie,« versetzte Herr von Lignoil, »und Sie sind so guter Laune?« »Eben weil sie es nicht eingestanden hat,« erwiderte die Unbesonnene. »Das verstehe ich nicht!« rief der tiefe Beobachter. »Ich werde wenigstens die Wahrheit des Grundsatzes daraus entnehmen, dass die Seele einer Frau in ihren Launen unergründlich ist.« »Ich,« sagte Frau von Fonrose, »werde nichts daraus schließen; aber ich gehe ruhig und zufrieden.« Als sie uns am anderen Tage wieder besuchte, war Herr von Lignoll nicht mehr im Schlosse. Briefe aus Versailles hatten ihn am frühen Morgen bestimmt, uns sofort zu verlassen; und obschon wir keine so große Vorstellung von der Wichtigkeit der Geschäfte hatten, die ihn an den Hof zurückriefen, wenn er sich auch zurückhalten ließe, so machten wir doch keinen Versuch ihn zurückzuhalten. Aber die Baronin, statt ihre Freundin zu beglückwünschen, störte ihre Freude; mein Vater hatte Frau von Fonrose beauftragt, mich nach Nemours zurückzuführen, wo mich mit ihm meine theuere Adelheid erwartete, die sich von ihrem Unwohlsein bereits vollständig wieder erholt hatte. Das erste Wort der Gräfin war, dass wir uns von nun an nie mehr trennen werden; und als die Baronin sie aufmerksam gemacht hatte, dass mein Vater Rechte über mich habe, so sagte Frau von Lignoll, meine Gesundheit gestatte noch keine Reife. Ferner erklärte sie, dass sie weit entfernt, mich gehen zu lassen, so lange noch Gefahr für mein Leben vorhanden sei, fest entschlossen sei, selbst über meine Wiedergenesung zu wachen, und dass Niemand sie veranlassen würde, sich von ihrem Geliebten zu trennen, bevor er vollständig wiederhergestellt sei. Nachdem Frau von Fonose Bitten, Vorstellungen und Drohungen umsonst versucht hatte, reiste sie, ziemlich missvergnügt über die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen, ab. Am andern Tage kam mein Vater selbst, um mich aufzusuchen. Sobald er gemeldet war, schickte die Gräfin ihre Bedienten weg und lief ihm entgegen. »Sehen Sie,« sagte sie in freudigem und liebkosendem Tone zu ihm, »treten Sie in dieses Zimmer, Sie werden dort Ihren Sohn finden, er liegt nicht mehr im Bett, er hat gut geschlafen, seine Kräfte kehren wieder zurück, er ist viel besser. Sie verdanken seine Erhaltung meiner Wachsamkeit und seine Wiederherstellung meinen Bemühungen; ich habe ihn aus seiner Verzweiflung gerettet, durch mich lebt er, nun soll er auch für mich leben, einzig für mich und für Sie, mein Herr, das gebe ich zu, aber nur für Sie.« Der Baron wandte sich an mich und sagte sehr ernst: »Zu welchen Schritten nöthigen Sie einen Vater, der Sie liebt? haben Sie mir das versprochen? musste ich hier meinen Sohn wiederfinden?« Frau von Lignoll unterbrach ihn lebhaft: »Hätten Sie ihn lieber todt in Montargis gefunden? als ich dort zu ihm kam, war er allein, im Wahnsinn, und hatte eine Waffe in der Hand. Mein Herr, ich wiederhole Ihnen, ich habe ihn aus seiner Verzweiflung gerettet. Ach! und doch war es nicht der Schmerz über meinen Verlust, was seine Vernunft verwirrte.« Mein Vater richtete wieder das Wort an mich: »Da gestern Frau von Fonrose Dich nicht zurückbringen konnte, so komme ich heute selbst.« »So hören Sie mich doch,« rief Frau von Lignoll, »würdigen Sie mich doch eines Wortes der Erkenntlichkeit, oder doch wenigstens der Höflichkeit; wenn Sie meinen Diensten den Dank versagen, der ihnen gebührt, so haben Sie wenigstens für mein Geschlecht die Rücksichten, die es verdient.« »Um mich für Ihren Schuldner zu halten, Madame, müsste ich bloß Ihre Handlungen wissen und Ihre Beweggründe nicht kennen. Sie haben alles für diesen jungen Mann gethan, nichts für mich. Was Fräulein von Brumont betrifft, so kenne ich sie nicht; ich kenne nur den Chevalier von Faublas und den Gatten Sophiens, den ich abzuholen komme.« Sophiens Gatten! nein, mein Herr! den meinigen, ich bin seine Frau und Ihre Tochter. Verzeihen Sie mir die Unbesonnenheiten, die ich das letztemal beging, als ich bei Ihnen war, entschuldigen Sie meine Unerfahrenheit und meine Lebhaftigkeit; erinnern Sie sich bloß, dass ich Sie liebe, und dass ich ihn anbete. »Sehen Sie, ich sehnte mich so sehr, Sie wieder zu sehen. Sie zu sprechen... Ich will Ihnen Alles sagen. »Seit einigen Tagen ist eine große Veränderung vorgegangen, eine glückliche Veränderung, die Bande, die mich an ihn knüpfen, sind unauflöslich; Sie werden einen Enkel haben; hören Sie mich, suchen Sie nicht, Ihre Hand zurückzuziehen. »Es ist sein Kind, es ist gewiss das seinige, seien Sie dessen versichert; es gehört nicht Herrn von Lignoll. Ich betheuere Ihnen, dass mich vor Faublas Niemand geheiratet hatte. Fragen Sie ihn, wenn Sie glauben, dass ich lüge.« »Unglückliches Kind!« sagte endlich der Baron, der vor größter Überraschung bisher kein Wort gefunden hatte. »Welcher Wahnsinn treibt Sie! und wie können Sie mir solche Geständnisse thun?« »Gerade Ihnen muss ich sie thun. Ihnen, der in mir bloß die Geliebte seines Sohnes sieht, Ihnen, der bloß die unüberlegten Streiche und Schwachheiten der Frau von Lignoll kennt, und deshalb sie hart beurtheilt. In meiner Unwissenheit verstand ich von Allem nichts, gar nichts, mein Herr, ich hatte von einer jungen Frau bloß den Namen. Zweifeln Sie daran, denn ich sehe, dass Sie meine Worte bezweifeln, fragen Sie Faublas, der wird es Ihnen sagen. Und begreifen Sie, wie eine junge, ganz einfache, ganz unschuldige Person, die von der Ehe nichts, nicht einmal ihre Rechte weiß, ihre Pflichten hätte kennen und achten können. Ich nahm einen Liebhaber, wie ich einen Gatten genommen hatte, ohne Überlegung, ohne Neugierde, aber doch, ich gestehe es, bestimmt durch den Wunsch, sobald als möglich eine Schmach zu rächen, die man mir als unverzeihlich geschildert hatte. »Warum hat sich nicht einige Monate früher derjenige gezeigt, durch den mein Leben beginnen sollte! warum ist er nicht in die Franche-Comté gekommen, wo ich bei meiner Tante weilte; warum ist er damals nicht gekommen! ich hätte ihm mein Vermögen, meine Hand, meine Person und mein Herz gegeben! und wäre seine rechtmäßige Gattin geworden! und mein ganzes Leben lang die glücklichste der Frauen und zugleich die besonnenste gewesen. »Ein Anderer bewirbt sich um mich; welcher Unterschied, große Götter! man stellt ihn mir vor, man sagt zu mir: dieser Herr wirbt um Deine Hand, er passt für Dich.« »Ich werde eine Frau, aber jetzt zeigt es sich, dass ich mit Herrn von Lignoll nicht leben kann, da er die Pflichten eines Gatten nicht zu erfüllen im Stande ist. Was thun in diesem misslichen Falle, die Scheidung von Herrn von Lignoll zu verlangen, denn der Geliebte meines Herzens, dem ich mich ganz hingegeben, ist bereits auch durch unlösliche Bande mit einer andern vereint, welche zu lösen weder Sie, noch Ihr Sohn den Muth hat. Sie sehen demnach, Herr Baron, dass ich auf immer genöthigt bin, den Mann, den ich verabscheute, und den Liebhaber, den ich anbete, zu behalten. »Jetzt, da ich Ihnen eine getreue Schilderung meiner Lage entworfen habe, werden Sie kein ungerechtes und unangenehmes Vorurtheil mehr gegen mich nähren.« »Madame,« antwortete mein Vater in theilnehmendem Tone. »Ich bin geschmeichelt durch Ihr Vertrauen, obschon Sie es mir höchst unbesonnen schenkten; ich begreife, dass Ihre außerordentliche Hastigkeit Ihnen in gewissen Fällen zur Entschuldigung dienen kann, und ich will Ihnen auch nicht verhehlen, dass Ihre Geständnisse mich durch Ihre Freimüthigkeit gerührt haben. Sonst habe ich Ihre Verirrungen getadelt, jetzt beklage ich Ihre Leidenschaft, aber sicherlich erwarten Sie nicht, dass ich sie jemals billige; wenn ich auch noch so viel Nachsicht für Sie hätte, so würde die Welt Sie doch verurtheilen. Meine Pflicht aber ist es, Sie zuerst durch freundschaftlichen Rath zu den ihrigen zurückzurufen; wenn Sie nicht auf mich hören, dann haben Sie die traurigen Folgen sich nur selbst zuzuschreiben. »Ich aber werde meinen Sohn zur Erfüllung seiner Pflichten nöthigen, und wenn es sein muss, selbst Gewalt anwenden. »Faublas gehört Ihnen ebensowenig an, als Sie Faublas angehören, und wie Sie trotz der Liebe, die Sie zu ihm fühlen, nicht aufhören können, die Frau des Herrn von Lignoll zu sein, ebenso wenig können die häufigen Treulosigkeiten, deren sich der Chevalier gegen Sophie schuldig gemacht hat, nicht machen, dass er nicht mehr ihr Gemahl ist. »Frau von Faublas hat sein Wort; Fräulein von Pontis hat seine Liebe!« Frau von Lignoll rief mit Thränen erstickter Stimme: »Nein, mein Herr, nein! denn er betet mich an; er sagte es mir soeben noch. Ich will gerne zugeben, dass er der Gatte einer andern ist, aber gestehen auch Sie Ihrerseits, dass ich unbestreitbare Rechte auf ihn habe! und dennoch wie beneide ich das Los der Frau von Faublas, wie sehr ist sie besser daran als ich. Sie muss stolz sein, dass sie ihn zum Gatten hat, seinen Namen zu tragen, seinen so theueren Namen. Die allzuglückliche Sophie, sie ist es, die ihn vor der ganzen Welt ihren theueren Gatten nennen darf. »Ich arme, beklagenswerte Frau, durch was habe ich diese Qualen verdient, einen ungeliebten, unwürdigen Mann an meiner Seite haben zu müssen?« »Hören Sie mich an, Frau Gräfin und lassen Sie sich begreiflich machen, dass Sie einen muthigen Entschluss fassen müssen, um über Ihre unglückliche Leidenschaft zu triumphieren, hören Sie auf, den Gegenstand derselben zu sehen. »Sie müssen dieses einzige Mittel versuchen, um dem äußersten Unglück, das Sie bedroht, zu entgehen.« »Eher sterben!« »Gräfin, ich muss Sie betrüben; aber kurz, ich muss es Ihnen sagen, die Umstände legen auch mir peinliche Pflichten auf. Wenn ich Ihnen zu dem schmerzlichen Opfer gerathen habe, und Sie von der Nothwendigkeit, es zu bringen, überzeugt habe, so darf ich nichts vernachlässigen, Sie dazu zu zwingen.« »Große Götter!« »Ich nehme den Chevalier sogleich mit.« »Nein, Sie werden ihn nicht fortnehmen! nein, Sie werden diese Herzlosigkeit nicht begehen!« »Ich nehme ihn fort, es muss sein!« »Wer zwingt Sie dazu?« »Die Nothwendigkeit, ihn allzu mächtigen Verführungen zu entreißen.« »Und Sie hätten den Muth, mich zur Verzweiflung zu bringen?« »Ich werde den Muth haben. Sie sich selbst zurückzugeben.« »Sie wollen eine Frau ihres Geliebten berauben?« »Und Sie wollen einen Vater seines Sohnes berauben?« »Ich?« antwortete sie äußerst schnell. »Durchaus nicht. Bleiben Sie hier! wer hat Ihnen gesagt, dass Sie weggehen sollen? Bleiben Sie bei uns. Sie werden mich dadurch glücklich machen, denn ich liebe Sie sehr; aber er liebt sie noch mehr. Bleiben Sie bei uns, ich werde Ihnen ein sehr bequemes, sehr schönes Zimmer geben: und was Ihr Fräulein Tochter betrifft, so habe ich auch Zimmer für sie, sie mag kommen und Frau von Fonrose auch und die ganze Familie mag sich bei mir niederlassen, ich habe Platz genug, Alle will ich aufnehmen – nur Sophie nicht.« Sie wendete sich an mich, indem sie mir zurief: »Vereinigen Sie doch Ihre Bitten mit den meinigen, dass er bei uns bleibt.« Mein Vater, der sich von seinem Staunen nicht erholen konnte, sagte: »Erlauben Sie, dass auch ich mich jetzt erkläre!« »Man braucht keine lange Reden darüber zu halten,« sagte sie sehr lebhaft; »man antwortet einfach: »Ja, Nein.« »Meine Madame, der Chevalier muss mit mir gehen.« »Sie bestehen also darauf?« »Es ist unumgänglich nothwendig.« »In diesem Falle gehe ich mit ihm. Wir reisen alle.« »Madame, Sie verlieren den Kopf.« »Warum das, wenn ich bitten darf, mein Herr?« »Faublas, schicken Sie sich an, mir zu folgen.« »Lassen Sie sich das ja nicht einfallen, mein Freund,« sagte sie zu mir, dann wandte sie sich wieder an meinen Vater: »Mein Herr, Sie werden mich mitnehmen, oder werden Sie ihn nicht mitnehmen!« »Gräfin, in welche Verlegenheit bringen Sie mich? ich werde wohl Gewalt brauchen müssen.« »Gewalt? diesmal, Herr Baron, sind Sie nicht in Ihrem Hause! Ich würde meine Leute rufen.« »Madame, wenn ich meinen Entschluss noch nicht unwiderruflich gefasst hätte, so würde das, was Sie soeben sagten, ihn vollends bestimmen.« »Wenn ich Sie beleidigt habe, Herr Baron, so ist es in aller Unschuld geschehen, ich schwöre es Ihnen, bedenken Sie, dass eine liebende Frau zu Ihnen spricht, ein Kind, das Ihnen gehört und Ihrem Sohne, Ihre Tochter. Sie, den ich so gerne Vater nennen möchte, nehmen Sie mir meinen Geliebten nicht fort. Herr Baron, ich bitte Sie dringend. Wenn Sie wüssten, in welcher Angst ich vierundzwanzig Stunden neben seinem Bette in tödtlicher Pein zugebracht habe, wie oft ich für seine Tage gezittert habe, und nachdem ich ihn durch meine Sorgfalt in's Leben zurückgerufen habe, könnten Sie die grausame Undankbarkeit haben, uns zu trennen? Nehmen Sie ihn nicht fort; Sie missen nicht, wozu ich in meiner Verzweiflung fähig wäre! haben Sie Mitleid mit einer Unglücklichen,« sagte sie, sich zu seinen Füßen werfend, »ja, hauptsächlich um meines Kindes Willen flehe ich Sie an!« »Was machen Sie?« antwortete er mit unsicherer Stimme; »stehen Sie auf, Madame.« »Sie sind gerührt,« fuhr sie fort. »Warum sich dagegen sträuben? stoßen Sie mich nicht zurück, wenden Sie Ihr Gesicht nicht ab! sagen Sie nur ein Wort.« Mein Vater war in der That sehr gerührt, und konnte nicht mehr sprechen; allein er machte mir ein Zeichen, das plötzlich den Thränen der Gräfin Einhalt that und ihre Rührung in Zorn verwandelte. »Ich durchschaue Sie,« rief sie, sich erhebend; »Sie beklagen mich scheinbar und dabei verrathen Sie mich.« Der Baron fasste sich gewaltsam, indem er sagte: »Mein Sohn, haben Sie mich nicht verstanden?« »Nein,« antwortete sie, »und er wird Sie nicht verstehen, weil er nicht treulos und hartherzig ist, wie Sie!« »Chevalier, verlassen Sie dieses Zimmer.« »Hüte Dich, Faublas, es zu thun.« »Mein Sohn, ein Vater bittet Dich, aufzubrechen! ja, ich befehle es Dir!« Die Gräfin, die auf meiner Miene die Absicht zu gehorchen las, rief: »Ich verbiete es Dir!« Ich sagte: »Wem von beiden mich unterwerfen? O, meine Leonore, mit Verzweiflung im Herzen verweigert Dir Dein Geliebter Gehorsam; aber wie kann ein Sohn sich den Befehlen seines Vaters widersetzen?« Frau von Lignoll, die überrascht und untröstlich war, mich aufstehen zu sehen, und nach der Thüre zu gehen, wollte mir folgen; der Baron vertrat ihr den Weg, sie wollte die Klingel ergreifen, er hielt sie zurück, sie hoffte wenigstens rufen zu können, er legte ihr eine Hand auf den Mund; in diesem Augenblick sank sie ohnmächtig auf den Lehnstuhl, den ich soeben verlassen hatte. Ich wollte umkehren; mein Vater, der mir den Arm reichte, führte mich gewaltsam fort; wir gingen hinab. In unserem Wagen erblickte ich eine Frau, die sich den Blicken der Fremden zu entziehen schien. Ich erkannte Frau von Fonrose. Der Baron sagte zu ihr: »Es ist kein Augenblick zu verlieren; eilen Sie zu Ihrer Freundin, die unwohl ist; was uns betrifft, so haben wir große Eile, wir können Sie unmöglich erwarten. Bleiben Sie über Mittag bei der Gräfin, und bitten Sie sie auf den Abend, Sie in ihrer Berline zurückzuführen.« Die Baronin verließ uns sogleich und wir fuhren sofort weg. Mein Vater blieb lange in tiefes Nachdenken versunken; dann sagte er halblaut: »Armes Kind, ich beklage sie.« Hierauf heftete er seine Blicke zärtlich auf mich und sagte in festem Tone, wiewohl noch mit zitternder Stimme: »Mein Sohn, ich verbiete Ihnen, Frau von Lignoll wiederzusehen.« In Nemours traf ich meine liebe Adelheid, deren Schmerz dem meinigen ganz gleichkam. O, meine Sophie! ich hatte sie verloren, und obschon Frau von Lignoll mir mit jedem Tage theuerer wurde, so behauptete sie doch noch immer den Vorzug in meinem Herzen. Als die Baronin Fonrose am Abend wieder zu uns kam, erzählte sie uns, wie große Mühe sie gehabt hatte, die Gräfin aus ihrer Ohnmacht aufzuwecken, noch mehr aber kostete es ihr, sie zu überzeugen, dass sie durchaus nicht hierher kommen dürfe, um einen unnöthigen Auftritt mit uns anzufangen. »Ich halte diese kleine Gräfin für fähig, alle möglichen Tollheiten zu begehen, und deshalb, Herr Baron, denke ich es gerathen, dass Sie es erlauben, dieser Junge möge doch zuweilen diesem Kinde einigen Trost bringen. Wohl wird es immer schwierig sein, von ihr loszukommen.« Mein Vater, den ich in diesem Augenblicke aufmerksam beobachtete, beantwortete diese Ansicht der Baronin mit keinem Zeichen weder der Bewilligung noch des Verweigerns. Am andern Tage kehrten wir nach Paris zurück, wo bereits drei Briefe mich erwarteten. Der erste kam von Justine; den zweiten hatte meine Leonore geschrieben, den dritten musste ich rathen, von wem er kam. »Herr Chevalier! »Ein armer, junger Mann ist am Sterben; aber er sagt, dass es ihm Vergnügen machen werde, wenn er sich von Ihnen verabschieden könne, und dass er Ihnen etwas wichtiges zu sagen habe; dass Sie aber aus Groll ihn vielleicht nicht werden besuchen wollen, und er zittert deshalb vor Angst; deswegen beauftragte er mich, Sie darum zu bitten. Nach einer Gewohnheit des Naturgesetzes erträgt man bei einem Kranken, der in den letzten Zügen liegt, alle seine Launen; und was Sie anbelangt, Sie, der wie jedermann sagt, mit einer sehr hübschen Lebensart ausgerüstet sind, Sie müssten eine sehr harte Seele im Herzen haben, wenn Sie eine solche Kleinigkeit einem Freunde abschlagen wollten, der nicht ohne Gleichgiltigkeit gegen Sie ist. In Folge dessen erwarte ich Sie, um Sie meinem Herrn vorzustellen, damit Sie ihm seine Lust zu sprechen wieder kommen machen, und dass Sie ihn wieder ein wenig in den Ton des Lachens bringen, ihn, der immer gute Spässe machte und jetzt so traurig aussieht, wie die Nachtmütze meiner seligen Großmutter Robert, welche vor Gott ist. Dafür werden Sie gut daran thun, ihm während des Sprechens bald da, bald dort einige gute und kräftige Umarmungen zu geben, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, dass dies ihm wohlthun würde. Dessenungeachtet sage ich, dass Sie die Aufmerksamkeit werden haben müssen, sich in Acht zu nehmen, dass Sie ihn nicht ersticken, weil er im ganzen Leibe sehr schwach ist. Endlich, zum Schluss, die Zeit dringt, weil die Chirurgen bestreiten, dass er von einem Augenblick zum andern in meinen Armen vergehen könnte wie ein Licht. Dies ist der einzige Grund, warum es ihm schlechterdings unmöglich sein würde, lange auf Ihre Bequemlichkeit zu warten; was er nun thun würde, geschehe durchaus nicht aus Unhöflichkeit, noch aus allzu großer Ungeduld, sondern weil, sehen Sie, wenn der von oben uns ruft, man ohne alle Umstände die Gesellschaft verlassen muss; deswegen werde ich Ihnen, wenn Sie es wollen, morgen seinen Wagen schicken, dessen er sich nicht mehr bedient, seitdem er nicht mehr aus seinem Bette gekommen ist. Mittelst dessen erwarte ich Sie mit festem Fuße, womit ich bin ehrerbietigst Herr Chevalier Ihr unterthänigster und gehorsamster Diener Robert, sein Kammerdiener.« Nachdem ich diesen ebenso komischen als traurigen Brief gelesen hatte, rief ich Jasmin: »Geh sogleich zu Frau von Montdesier.« »Ah, ich weiß, gnädiger Herr, die, welche Sie immer warten lassen; sie lässt immer nach Ihnen fragen.« »Ich lasse ihr für das Billet danken und ihr sagen, dass sie der Person, die sie zum Schreiben veranlasst hat, mein Kompliment melde und derselben Person diesen Brief hier übergebe; mach' sie darauf aufmerksam, dass er »Robert« unterzeichnet ist; doch warte, ich will ein Couvert darüber machen. Du verstehst mich, an Frau von Mondesier musst Du dies übergeben.« »Ja, mein Herr.« »Von da gehst Du zu der Frau Gräfin von Lignoll.« »Ah! diese hübsche kleine Brünette, so drollig und so flink, die Ihnen letzthin im Boudoir so eine tüchtige Ohrfeige gab, diese Frau muss Sie sehr lieben, gnädiger Herr.« »Ja, aber Du hast ein allzu gutes Gedächtnis ... höre mich an! Du gehst nicht selbst zu Madame; Du fragst nach ihrem Lakaien Lafleur und sagst ihm, dass ich seine Gebieterin anbete.« »Ich glaube, gnädiger Herr, er weiß es bereits.« »Du hast Recht.« »Gut! also ist es nothwendig, dass Herr Lafleur und ich gute Freunde werden. Gnädiger Herr, wenn ich ihm ein Glas Wein vorsetzte?« »Auch zwei, wenn Du willst; auf meine Gesundheit. Du verstehst mich, Jasmin?« »O, ja, Sie sind der liebenswürdigste und großmüthigste Herr.« »Sage Lafleur, dass ich Frau von Lignoll besuchen werde, sobald ich mit Frau von Fonrose berathen haben werde, und meine Frauenkleider wieder bekomme, um ohne Wissen meines Vaters das Hotel verlassen zu können. Endlich wirst Du zu Herrn Grafen von Rosambert gehen.« »Auch ein sehr lustiger Herr, es thäte mir leid, wenn ich ihn nicht mehr sehen sollte.« »Sprich mit Robert, seinem Kammerdiener, und sage ihm, dass ich trotz meiner Schwäche seinen Gebieter morgen besuchen werde. Ich nehme sein Anerbieten, mich im Wagen abzuholen an. Robert soll ihn mir um zehn Uhr morgens schicken.« »Ja, mein Herr!« »Und nun gehe!« »Wie Sie befehlen, Herr Chevalier!« »Wie, Jasmin, Du willst in meiner Livrée zu Frau von Lignoll?« »Sie haben Recht, mein Herr; ich muss ein bürgerliches Kleid anziehen, ich Dummkopf.« »Jasmin, Du sagst überall, dass ich nur deshalb nicht schriftlich geantwortet habe, weil ich noch sehr matt und leidend bin.« »Ja, mein Herr!« »Warte, wenn mein Vater fragt, wo Du seiest, so werde ich ihm sagen, ich habe Dich zu Herrn von Rosambert geschickt; von den zwei andern Commissionen sagen wir ihm nichts.« »Ohne Zweifel, Frauenangelegenheiten gehen nur Sie an. Ihr Herr Vater braucht davon nichts zu wissen, oder zu erfahren; aber es wird ihm auffallen, dass ich so lange ausbleibe, und dann wird er mich auszanken.« »Nun ja, mein Lieber, Du hörst ihn geduldig an und erwiderst kein Wort.« »Es wird mir wohl schwer fallen, denn ich lasse mich nicht gerne zanken, wenn ich meine Schuldigkeit gethan.« »Willst Du denn mir zu Gefallen nichts auf Dich nehmen?« »Ihnen zu Lieb, mein gütiger Herr, will ich mir hundert böse Worte sagen lassen. Sie werden sehen!« Mein braver Bediente hielt Wort; er kam ganz außer Athem zurück, und weit entfernt, sich das leiseste Murren zu erlauben, als der Baron ihn wegen seiner Langsamkeit zur Rede stellte, gestand er edel, er habe sich unterwegs ein Vergnügen erlaubt. Es war doch ein guter Junge, mein Jasmin! was würden nicht viele junge Leute von Familie um einen Bedienten, wie er ist, geben! Mein Vater verließ diesen Abend mein Zimmer erst, als er mich eingeschlafen sah. Ich erwachte mit Tagesanbruch. Wie groß war mein Erstaunen, als ich den Brief Duportails noch einmal lesen wollte, und ihn nicht mehr fand! ich ließ meine Frauenkleider bringen, ich suchte alle Taschen aus; das kostbare Papier war nirgends zu sehen. Ich habe dies unglückselige Schreiben bei Frau von Lignoll gelassen!... und wenn es in ihre Hände gefallen ist! große Götter! Rosamberts Leute holten mich sehr früh ab. Robert öffnete mir das Schlafzimmer seines Gebieters. »Sie können ein wenig mit ihm sprechen,« sagte er traurig zu mir, »er ist noch nicht ganz todt; aber er wird es nimmer lang treiben, der arme junge Mann! Oh! ich bitte Sie, mein Herr, bestätigen Sie alle seine Gedanken.« »Mit wem sprechen Sie?« sagte der Graf mit leiser Stimme. »Dies ist der Herr Chevalier von Faublas.« Als er meinen Namen nennen hörte, erhob Rosambert seinen Kopf mit Anstrengung, und mühsam brachte er die Worte hervor: »Ich sehe Sie wieder! ich werde also den Trost haben, Ihnen meine letzten Empfindungen mittheilen zu können, ich will Ihnen Alles anvertrauen. Kommen Sie, Faublas, treten Sie näher. Oh! diese romantische, diese rachebrütende Amazone, die wegen eines gesellschaftlichen Scherzes einen ihrer standhaftesten Anbeter ins Grab schickt; man muss sie bewundern!« Rosamberts Stimme, die anfangs kaum vernehmlich war, belebte sich auf einmal, sie wurde fest und deutlich. »Diese Frau von B ...,« fuhr er fort, »welche die Welt und ihre Gebräuche, die Galanterie und ihre Gesetze, die Rechte unseres Geschlechts und die Privilegien des ihrigen so gut kennt; musste ich nicht mit Gewissheit voraussetzen, dass sie und ich, Dank dem Erfolge meines letzten Attentats! von nun an ganz quitt gegen einander sein würden? Faublas! was wollen Sie! ich ließ mich hinreißen, ich hatte bloß das süße Vergnügen vor Augen, die kunstgewandte Person wieder zu treffen, die mir auf zwanzig lustigen und treulosen Auswegen entwischt war. »Die Betrachtungen, die mich hätten zurückhalten können, stellten sich meinem, ganz von seinem bizarren Racheplane eingenommenen Geiste gar nicht vor; und erst nachdem ich meine Geliebte wieder besessen, erkannte ich mich einiges Unrechts gegen meinen Freund schuldig. »Welch fürchterliche Züchtigung hat jedoch dieser zu entschuldigende Fehler nach sich gezogen! welcher Feind hat Faublas' Streit aufgenommen! o, wie hat er sich gerächt! Sagen Sie, theuerer Freund, verdient Rosambert dafür, dass er Ihnen unüberlegter Weise einigen vorübergehenden Verdruss bereitet hat, im dreiundzwanzigsten Jahre zu sterben, und von eines Weibes Hand zu sterben?« Diese letzten Worte wurden mit so schwacher Stimme ausgesprochen, dass ich meine ganze Aufmerksamkeit zusammennehmen musste, um dieselben zu verstehen. Mein Herz wurde vom Mitleid bewegt. »Rosambert, ich beklage Sie.« »Dies ist nicht genug,« antwortete er; »Sie müssen mir verzeihen.« »Ich verzeihe Ihnen von ganzem Herzen.« »Schenken Sie mir wieder Ihre frühere Freundschaft.« »Sehr gerne!« »Und mich alle Tage besuchen, bis zu dem Tage, der mein Ende sein wird.« »Welcher Gedanke! die Natur hat in unserem Alter so viele Hilfsquellen! hoffen Sie.« »Wahrlich, man hofft immer,« unterbrach er mich; »aber dies hindert nicht, dass man an einem schönen Morgen von seinen Freunden Abschied nehmen muss. Faublas, wiederholen Sie mir, dass Sie mir verzeihen.« »Ich wiederhole es Ihnen.« »Dass Sie mich lieben wie früher!« »Wie früher!« »Geben Sie mir Ihr Ehrenwort darauf.« »Ich gebe es Ihnen feierlichst.« »Besonders versprechen Sie mir, dass Sie, ohne der Marquise etwas zu sagen, mich bis zu meinem letzten Tage gewiss besuchen werden.« »Rosambert, ich verspreche es Ihnen auf Cavaliersehre!« »Nun gut,« rief er lustig; »Sie werden mir noch mehr als einen Besuch abstatten. Robert, öffne die Läden! zieh die Vorhänge vor, setze mich aufrecht. Chevalier, Sie gratulieren mir nicht? ist mein Kammerdiener nicht ein Mann von Talent, was sagen Sie zu seinem Styl? wissen Sie auch, dass sein Brief mich zehn Minuten Nachdenken gekostet hat? gestern haben mir die Ärzte angekündigt, dass ich gerettet bin. Herr Robert hat sogleich die Feder ergriffen. »Nun, Faublas, warum diese ernste und frostige Miene? sollte es Ihnen unangenehm sein, zu wissen, dass ich diesmal noch davonkommen werde? wenn Sie mir heute verziehen, geschah es nur unter der Bedingung, dass ich morgen nicht mehr unter den Lebenden sein werde? Sollten Sie finden, dass sie mich nicht genug bestraft habe, diese heroische Frau, die mich zur Erde geworfen? sollte sie mich nothwendig tödten? Es thut mir leid, dass sie sich ihr kleines Unglück so tief zu Herzen genommen hat. Weil ich sie einmal in ihrer eigenen Kunst überwunden hatte? Es ist wahr, dass sie sich den unsterblichen Ruhm erworben hat, die Schultern des Herrn von Rosambert beinahe zu zerschmettern; dies ist ohne Zweifel große Ehre für sie, aber Nutzen sehe ich keinen. »Sehen Sie, Faublas, ich sage es Ihnen im Vertrauen, und vielleicht wird es Ihnen die Marquise selbst einmal gestehen, indem sie die Art unserer Kämpfe änderte, hat Frau von B... sich selbst ein größeres Übel zugefügt als mir. Damit ist's aus, ich darf auf diese Art nie mehr mit Frau von B ... meine Kräfte messen. Venus wird uns nie mehr zu ihren süßen Übungen rufen, von nun an wird Mars unsere Kämpfe anordnen, statt der Liebesgötter werden wir die Furien zum Zeugen haben und statt eines Boudoirs die breite Heerstraße.« »Wie, Rosambert, Sie wollen noch einmal Ihr Leben aussetzen. Sie wollen sich mit einer Frau schlagen?« »Sie meinen also, Faublas, dass ich eigentlich nicht dazu verpflichtet sei?« »Ich glaube allerdings, dass Sie, lieber Rosambert, nicht verpflichtet sind, denn Sie haben der Ehre Genüge geleistet.« »Wohlan, Faublas! beruhigen Sie sich. Dies ist auch meine Meinung, ich lasse lieber meinen heldenhaften Gegner sich meiner Niederlage rühmen, als dass ich mich mit dieser Frau einlasse, um sie in die andere Welt zu schicken und selbst wieder in's Ausland zu wandern. Sie wissen, dass ich Duelle nicht liebe, ich glaube wahrlich, dass, wenn ich mich noch einmal schlagen müsste, ich den Tod der Langweile einer zweiten Verbannung vorziehen würde. Großer Gott, das abscheuliche Land, aus dem ich komme, das gepriesene England, wie traurig es ist. Gehen Sie nach London und suchen Sie dort unsere Manieren und unsere Moden, sonderbar travestiert oder auf lächerliche Art übertrieben, wieder zu erkennen. Gehen Sie, Faublas! und möchten Sie ihre Automaten von Stutzern bilden, ihre Bildsäulen von Frauen beleben können; ja, ich wette, dass Sie in den Armen einer Engländerin in der zweiten Nacht Überdruss finden würden. Was gibt es auch Frostigeres, als die Schönheit, wenn ihr nicht die Grazien Bewegung und Leben verleihen? was gibt es Langweiligeres, wenn die Liebe nicht durch ein wenig Flatterhaftigkeit und Koketterie lustig gemacht wird? Diese Lady Barington zum Beispiel ist eine Venus, aber ... Ich fühle mich heute zu ermattet, denn ich denke, ich habe schon zu viel gesprochen; morgen will ich Ihnen die Geschichte unserer Verbindung erzählen; die noch dauern würde, wenn ich nicht durch einen neuen und pikanten Spass ihr Ende beschleunigt hatte. »Chevalier,« fuhr er fort, mir die Hand reichend, »es war mir Bedürfnis, Sie wiederzusehen und Frankreich wiederzusehen. Mein glückliches Vaterland, ich sehe es wohl, ist das einzige Land der Freude. Wir haben zwar nicht das Recht, unser Paris zu richten; aber wir beginnen jeden Morgen am Toilettentisch einer schönen Dame, wir treffen uns abends im Theater und die scandalöse Chronik des Tags würzt unsere allzukurzen Soupers. Es ist nicht der Adel ihres Benehmens, wodurch sich unsere Französinnen auszeichnen; sie haben, was weniger Bewunderung erregt und mehr anzieht, die Taille, die Gestalt, die Lebhaftigkeit der Nymphen, die Zwanglosigkeit, den Geschmack der Grazien, sie bringen die Kunst zu gefallen und den Wunsch, sie Alle zu lieben, mit auf die Welt. Es ist wahr, dass man ihnen vorwerfen kann, sie wissen in der Regel nichts von jenen großen Leidenschaften, die in London binnen weniger als acht Tagen eine romanhafte Heldin in's Grab liefern, dagegen wissen sie, wie man eine Intrigue anfangen und zur Zeit beendigen muss; sie verstehen es mit List auszuweichen. vorzurücken, um zu kämpfen, zurückzutreten, um anzuziehen, ihre Niederlage zu beschleunigen, wenn ihnen daran liegt, sie gewiss zu machen; sie aufzuschieben, wenn sie den Preis erhöhen wollen; mit Anmuth zu bewilligen; einen Geliebten durch Koketterie zu fesseln. Ach! es war mir Bedürfnis, mein Land wiederzusehen. Ja, mit jedem Tage überzeuge ich mich mehr, dass es mir nur in meinem Lande vergönnt ist, Liebchen zu finden, die abwechselnd flatterhaft und zärtlich, leidenschaftlich und weise, furchtsam und kühn, rückhaltend und schwach sind; Liebchen, die im Besitze der großen Kunst sich jeden Augenblick unter einer verschiedenen Gestalt zu reproducieren, uns tausendmal trotz aller Beständigkeit die pikanten Freuden der Untreue kosten lassen; heuchlerische, betrügerische, und selbst ein wenig perfide, geistreiche, anbetungswürdige Liebchen, wie Frau von B.... Nur den glücklichen Frauen von Versailles und Paris ist es vergönnt, junge Männer zu treffen, die galant sind ohne Anmaßung, schön ohne Fadheit, gefällig ohne Niederträchtigkeit, oft indiscret; aber nur aus Leichtsinn, unbeständig, wenn sich ihnen Gelegenheit bietet; Verführer aus Instinkt, wenn sie sehen, dass man sich leicht verführen lässt, oder gar gewissermaßen entgegenkommend; außerdem unermüdlich in Liebesbeweisen, mit einem weiblichen Gesichte, einer bescheidenen Miene, bis zur Verwegenheit unternehmend; junge Männer, die ohne jemals allzuviel auf ihre feurige Lebhaftigkeit oder Gelegenheit des Ortes oder die Zugänglichkeit der Personen zu bauen, die eine durch tiefes Gefühl, die andere durch Fröhlichkeit, wieder eine andere durch Kühnheit überwinden; die argwöhnische und furchtsame Emilie in ihrem Salon selbst, wo jedermann zu jeder Stunde eintreten kann; die kokette Arsinoe nicht weit von dem Ehebett, wo ihr Eifersüchtiger wacht, die unschuldige Zulma sogar im Grunde des engen Alkovens, wo ihre wachsame Mutter kaum eingeschlummert ist – junge Männer, die, begünstigt durch die weichherzigste Empfindsamkeit gar wohl zwei bis drei Frauen zugleich anbeten können; Liebhaber endlich, vollkommene Liebhaber, wie Faublas und, verzeih' mir's Gott! ich wollte sagen Rosambert, aber ich will aus Rücksicht für uns beide schweigen.« Aus diesem galanten Gemälde erkannte ich Rosamberts Pinsel und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Mein Freund, soll die Unterhaltung allein auf meine Kosten gehen?« fuhr er fort; »kommen Sie, setzen Sie sich und erzählen Sie mir nun auch etwas! sagen Sie mir, was ist aus der schönen Sophie geworden?« »Ach! meine theuere, angebetete Sophie!« »Unglückseliger Gatte, ich verstehe Sie.« »Mein Freund, Sie wissen also nicht, was Alles vorgegangen ist, wie viel Glück, und ach! wie viel Unglück zugleich auf mich eingestürmt ist? Diese Abenteuer werden, so hoffe ich, Ihr lebhaftes Interesse erregen.« »Aber, sagen Sie mir, lieber Faublas, was ist mit Ihrer Nebenbuhlerin vorgegangen?« »Welcher Nebenbuhlerin?« »Ja so,« rief er lachend, »ich vergaß eigentlich zu sagen, Nebenbuhlerinnen?« »Ich dachte Sie noch zu schwach, lieber Rosambert, für so viel Sarkasmus.« »Er tritt in die Welt mit allen Mitteln, sich auszuzeichnen, und gleich sein erstes Abenteuer ist ihm ein Beweis hierfür! es muss wohl sein, dass sich die Frauen um ihn reißen, glücklicher Sterblicher! ... lassen Sie hören, wie viele sind ihrer?« »Eine, mein Freund.« »Eine! wie! die Marquise hält Sie noch immer gefesselt?« »Die Marquise ... hören Sie, lieber Graf, lassen wir die Marquise! ich höre nicht gerne, wenn Sie von ihr sprechen.« Meine Antwort war etwas gereizt und verkündete eine Bewegung von übler Laune, die jedoch bald wieder vorüber war, denn ich liebte Rosambert immer noch, und seine Heiterkeit verführte mich jederzeit. Aber umsonst richtete er hundert Fragen an mich, um zu erfahren, was mir Alles seit unserer Trennung begegnet sei; ich hatte den Muth, alle meine Geheimnisse vor ihm zu bewahren; denn das Vertrauen war noch nicht wiedergekehrt. »Ich sehe, dass ich Ihr Vertrauen verloren,« sagte er endlich, als ich mich anschickte, wegzugehen; »bedenken Sie aber, dass ich von nun an, ohne fragen zu müssen, alles erfahren werde, was Sie thun. Dank Ihren Verdiensten, sind Sie jetzt eine zu bedeutende Person, als dass das Publikum sich nicht neugierig erkundigen sollte, was aus Ihnen wird, und mir auch ihre vielfachen, glücklichen Abenteuer erzählt; Chevalier,« fügte er mit plötzlich ernst gewordenen Stimme hinzu: »Ich hatte es für meine Pflicht, Ihnen sagen zu müssen, wenn Sie Ihre Gattin lieben, so trauen Sie der Frau von B... nicht. Ihre Gattin wird, darauf wollte ich wetten, nie eine furchtbarere Feindin haben. »Leben Sie wohl, Faublas! auf morgen, denn ich verlasse mich auf Ihr Wort; und vergessen Sie dies ja nicht, die Marquise darf nicht wissen, dass Ihre Freundschaft mir wieder geschenkt ist. Adieu!« Ich war kaum zu Hause angelangt, als mir ein Billet von Frau von Montdefir zukam; durch diesen ließ mir die Marquise sagen, dass der Graf, dessen Transport die Ärzte vorgestern erlaubt hätten, nicht in einem so gefährlichen Zustande sein müsse, als es der Brief von dem angeblichen Kammerdiener schildere. Deshalb bat mich Frau von B..., ich möge Herrn von Rosambert den gewünschten Besuch nicht machen. »Sagen Sie der Marquise, dass ich ihrem Wunsche gehorche und den Besuch nicht machen werde.« So lautete die hinterlistige Antwort, die ich dem zu spät gekommenen Boten mitgab. Der Gedanke an Sophie verfolgte mich unaufhörlich und tausend schmerzliche Betrachtungen bestürmten mich, als ich allein war; aber ich muss dessenungeachtet gestehen, dass die süße Hoffnung, bald meine Leonore zu umarmen, und vielleicht auch, denn warum soll ich meine innersten Empfindungen verschweigen, vielleicht auch das Verlangen, die Marquise wiederzusehen, dass diese Hoffnung mein Unglück ein wenig mildern und meine Wiederherstellung befördern sollte. Die sich stets wiederholenden Botschaften von Lafleur und Justine waren mir ein deutlicher Beweis, dass ich von beiden Seiten fast mit gleicher Ungeduld erwartet wurde. Durch die vielfachen Hindernisse, die mir von allen Seiten entgegengestellt wurden, meine Leonore zu umarmen und ihr meine Zärtlichkeiten zu beweisen, wurde meine Leidenschaft noch viel feuriger. Mein Vater, gerührt durch das Unglück, das ich ihm gestehen durfte, aber unempfindlich gegen meine geheimen Leiden, trauerte mit mir über Sophiens Verlust und verschloss das Ohr gegen die schlecht unterdrückten Klagen, die mir Leonorens Abwesenheit entlockte. Trotz meiner Bitten, trotz der Vorstellungen der Baronin, beharrte mein Vater diesmal unerbittlich darauf, mir keinen freien Augenblick zu lassen. Des Morgens kam er und setzte sich in meinem Zimmer hin, und des Abends begleitete er mich auf die Promenade. Meine langsame Wiedergenesung wurde auf diese Art um acht lange Tage verlängert. Der neunte Tag war der Gründonnerstag. Dieser prächtige Morgen versprach, dass der letzte Tag in Longchamps ausgezeichnet schön sein würde. Frau von Fonrose, welche kam, um bei uns Mittags zu speisen, schlug eine Spazierfahrt in das Boulogner Wäldchen vor. »Wir wollen den Chevalier mitnehmen,« sagte sie zu meinem Vater. Ich war zu unglücklich, um die rauschenden Vergnügungen auszusuchen, und war im Begriff Einwendungen zu machen. Ein Blick von der Baronin bedeutete mir, dass ich annehmen sollte; und als der Baron uns einen Augenblick allein ließ, machte sie mir folgende Mittheilung, die mir um so angenehmer war, je weniger ich sie erwartet hatte. »Hören Sie, Chevalier, sie geht hin, weil sie hofft, dass Sie auch hinkommen.« »Die Gräfin?« »Ei! wer denn? wäre Ihnen vielleicht die Marquise lieber?« »Nein, nein! die Gräfin, ich werde das Glück haben, sie zu sehen?« »Sie zu sehen, ist das Alles, was Sie verlangen?« »Was ich verlange, ja... weil es unmöglich ist zu ihr zu gelangen, ohne auf Hindernisse von Seite ihres Gemahls und meines Vaters zu stoßen.« »Und wenn es nicht unmöglich wäre zu ...?« »Ich wäre im Himmel.« »Im Himmel,« wiederholte sie, »nun gut. Sie gehen also in den Himmel; aber in diesem Falle müssen wir uns erst verständigen, was Sie auf der Erde zu thun haben. Sie hören ja nicht?« »Oh, ich bin ganz Ohr.« »Ich glaube es.« »Also aufgemerkt. Sie erscheinen auf Ihrem Fuchsen. Wenn Sie dann in einiger Entfernung von dem Kabriolet, in dem Ihre Freundin sitzt, mehreremale herumvoltigiert haben, und die Gräfin sich nach Herzenslust in dem Vergnügen hat berauschen können. Sie mit unendlicher Grazie Ihr hübsches Pferd tummeln zu sehen, dann aber werden ihre Pferde Reißaus nehmen, sie werden dem flüchtigen Wagen mit den Augen folgen; aber einen Augenblick nachher wird auch Ihr Pferd durchgehen, jedoch nach einer andern Seite, mein Herr.« »Nach einer andern Seite?« »Ja, beruhigen Sie sich übrigens. Nach langen Umwegen, nach Verlauf einer Stunde wird das Thier, das nicht ganz unvernünftig ist, Faublas gerade dahin bringen, wo seine Leonore ihn erwartet; Sie errathen?« »In ihr Hotel vielleicht?« »Welcher Einfall! meinen Sie das wirklich im Ernst? »In das meinige, junger Herr, Sie werden dort niemand finden, als den Schweizer und meine Agathe, zwei brave Leute, die nichts sehen, nichts sagen und nichts hören, als was uns gefällt, Leute, für die ich Ihnen bürge.« »Bei Ihnen! welchen Dank!« »Ich hoffe,« sagte sie in ernstem Tone, »ich hoffe, daß Sie sich als vernünftige Leute betragen werden. Wenn ich glauben könnte. Sie würden bloß Kindereien machen, so würde ich Ihnen nur den Zutritt in meinen Salon gestatten. Aber ich kenne Sie beide,« sagte sie lachend, »Sie werden Ihre Zeit zu wichtigeren Dingen anwenden. Hier haben Sie den Schlüssel zu meinem Boudoir, lieber Faublas, aber verrücken Sie nicht alle meine Meubel! Meine Frauen, die an keine Unordnung gewohnt sind, wüssten nicht, was sie denken sollen. Mein Ruf! – Ich halte sehr viel auf meinen Ruf.« Herr von Belcourt kam wieder herein; wir sprachen noch mehr von Longchamps und ich äußerte große Lust, daselbst zu Pferde zu erscheinen. Mein Vater bemerkte, zu starke Bewegung könnte mir schädlich sein, doch machte er keine Einwendung mehr. Ich bat ihn, mich bis an das Thor Mailbot in seinem Wagen mitzunehmen. Jasmin erwartete mich erst am Anfang des Waldes mit meinem Pferde Ich verließ den Wagen des Barons. Sogleich suchte ich Frau von Lignoll und begegnete sie auch bald, und bald sah sie mit unbeschreiblicher Freude, Ihren Geliebten an ihrem Wagen vorbeikommen. Ich hatte nicht nur das Vergnügen, sie zu bewundern und von ihr ebenfalls mit großem Wohlgefallen betrachtet zu werden, sondern ich hörte auch noch andere Vorübergehenden rufen: »Ach, diese reizende Frau!« Hätten die, welche ihr dies für mein Ohr so süße Kompliment machten, mir einige Aufmerksamkeit zugewendet, so hätten sie bemerken müssen, dass ich ihnen durch ein Lächeln dankte, das ihnen zu antworten schien: »Es ist meine Leonore, sie gehört mir.« Nur ein Bedienter, ihr verschwiegener Lafleur begleitet sie. Ihr Wagen ist ganz einfach, es ist das kleine Kabriolet, das sie mir in den Wald von Compiégne brachte. Sie ist gekleidet, wie sie es gewöhnlich zu Hause ist, nur allein ihre Reize hat sie als Schmuck; dieses weiße Kleid, das mit der Zartheit ihrer Haut wetteifert, mit welchem Vergnügen sehe ich an ihr statt der Diamanten, diese Blumen, rührende Symbole ihrer kaum begonnenen Jugend, diese frühen Veilchen und diese Rosenknospen, von denen man glauben sollte, sie seien kunstlos in ihr Haar geworfen. Mit welchem Vergnügen erkenne ich mitten unter dieser Pracht die einfachste und bescheidenste Equipage, und in derselben die junge Wohlthäterin von tausend Lehnsleuten. Aber wo hat ihr der Zufall einen Platz angewiesen? Wie, kommt sie in diese doppelte Reihe von prächtigen Wagen? Welche Göttin trägt der reiche Phaeton, der vor ihr fährt? Ich komme an den herrlichen Wagen, eine Frau zeigt sich darin in allem Prunk ihres Putzes, in allem Glanz ihrer Schönheit. Ihr Anblick legt jedermann das Schweigen der Bewunderung auf; sodann erheben sich die kurzen Ausrufungen der Begeisterung; es folgt ein leises Gemurmel; dann hört man alle sich wiederholen: »Ja, da ist sie; sie ist's, die Marquise von B ...!« Ich ritt mehreremale an dem Wagen der Frau von B ... vorüber; sie gab sich den Anschein, mich nicht zu bemerken; ich wieder hatte die Discretion, sie nicht zu grüßen; aber offenbar war sie begierig zu wissen, ob ich ihr zu lieb da sei, und ließ ihre unruhigen Blicke auf alle Seiten herumschweifen. Sie kehrte sich um und erkannte Frau von Lignoll in ihrem bescheidenen Kabriolet, die sie mit einem huldvollen Lächeln beehrte. Es schien, als ob sich Frau von B... in der Nähe der Gräfin, deren eifersüchtige Lebhaftigkeit sie kannte, nicht ganz sicher fühlte. Wenigstens ist sicher, dass sie in diesem Augenblicke die Reihen verließ, um etwas mehr oben wieder einzulenken. Vielleicht wurde sie zu dieser Art von Flucht auch dadurch bestimmt, dass sie nicht weit von ihrem Wagen ihren Gemahl bemerkte, der gerade auf mich zu kommen schien. Meine erste Bewegung war, schnell umzukehren, um ihm auszuweichen; allein nach einiger Überlegung befürchtete ich, unnöthig genug, er möchte mich der Feigheit beschuldigen, und beschloss daher, meinen Weg fortzusetzen; ich glaubte sogar, nur noch im Schritt reiten und den Feind, der herannahte, stolz anblicken zu müssen. Doch war ich, wie man sich denken kann, fest entschlossen, Herrn von B ... vorüberziehen zu lassen, wenn er mich nicht anrede. Er redete mich an: »Herr Chevalier, ich bin entzückt über den glücklichen Zufall...« »Vollenden Sie nicht. Herr Marquis, ich verstehe Sie; aber was bedeutet das Wort Zufall, wenn ich bitten darf? Es ist, so scheint es mir, nicht ganz unmöglich mich zu begegnen; und wer immer es auch sei, der mir etwas Dringendes zu sagen hat, ist immer sicher, mich zu Hause zu treffen.« »Wohlan, ich wollte zu Ihnen gehen.« »Wer hat Sie daran gehindert?« »Wer? meine Frau.« »Mein Herr, ich glaube also sagen zu müssen, dass die Frau Marquise Unrecht gehabt hat.« »Nicht ganz in einer Beziehung. Sie hat ihre Gründe.« »Welche Gründe?« »Mich zu bewegen, dass ich diesen Besuch unterbleiben ließ; ich hatte die meinigen, zu wünschen, dass ich Sie irgendwo treffen möchte, Herr Chevalier.« »Diese Begegnung ist also, wie Sie sagten, sehr glücklich?« »Ja, weil ich mit Ihnen eine Erklärung haben werde.« »Sogleich, Herr Marquis, wenn Sie wollen.« »Verlassen wir das Gewühl.« »Verlassen... aber ich bitte sehr um Verzeihung.« »Und warum nicht?« Beim Weggehen glaubte ich nicht umgehen zu können, Frau von Lignoll zu grüßen, und ihr wo möglich durch Zeichen bemerklich zu machen, dass ich bald zurückkommen werde. »Sie sehen beständig nach dieser Seite,« sagte Herr von B ..., »offenbar ist es diese hübsche junge Frau im Phaeton, die Sie beschäftigt? Ich störe Sie.« »Ich bitte, Herr Marquis, lassen Sie doch den Scherz.« »Ich scherze nicht! bleiben wir hier.« »Hier, aber Herr von B..., der Platz scheint mir unpassend.« »Warum? niemand wird etwas hören.« »Aber, alle Welt wird uns sehen können!« »Was liegt daran?« »Was daran liegt! doch wie Ihnen beliebt, mein Herr... Sie haben vermutlich Ihre Pistolen?« »Meine Pistolen?« »Ohne Zweifel! weder Sie noch ich haben Degen.« »Aber sagen Sie mir um Himmels Willen, Herr Chevalier, wozu denn Pistolen und Degen?« »Wie! wozu? ist denn nicht davon die Rede, uns zu schlagen?« »Uns zu schlagen! im Gegentheil, mein Herr; ich bereue es mich schon einmal mit Ihnen geschlagen zu haben.« »Gut! und das sagen Sie, mein Herr?« »Es reut mich Ihnen einen bösen Handel gemacht zu haben.« »Ah! Sie sind wahrlich zu gütig.« »Ihre Verbannung verursacht zu haben.« »Ah! ah! welche Ritterlichkeit!« »Und in der Folge Ihre Gefangenschaft.« »Herr Marquis, Sie werden einsehen, dass ich Ihre edle Denkungsart nicht errathen konnte...« »Ich suchte Sie, lieber Chevalier, seit Sie aus der Bastille gekommen sind.« »Wahrhaftig, Sie sind allzu gütig!« »Und, wie ich Ihnen bereits gesagt habe, ich wäre selbst in Ihre Wohnung gekommen, wenn meine Frau ...« »Die Frau Marquise hat sehr wohl gethan, es Ihnen abzurathen; dies wäre allzu viel gewesen, ich hätte es nicht verdient.« »Ich weiß nicht! ein Mann von Bildung kann eine Beleidigung nicht zu schnell und zu vollständig wieder gut machen. Dies ist einmal meine Meinung. Junger Mann, Sie haben eine verdrießliche Erfahrung in dieser Beziehung gemacht; ich bin lebhaft, ich fahre bei einem Worte auf, ich ärgere mich, ehe es zu einer Erklärung kommt; aber gleich im nächsten Augenblicke besinne ich mich wieder und gestehe mein Unrecht offen ein. Alle meine Freunde werden Ihnen dies sagen. Ich bin im Grunde genommen ein guter Teufel.« »Herr Marquis, ich glaube das mit vollkommener Überzeugung.« »Gut! mein lieber Chevalier, so sagen Sie, dass Sie mir verzeihen.« »Sie spotten!« »Sagen Sie es, ich bitte Sie.« »Nie könnte ich ...« »Sie werden mir nie verzeihen? Hören Sie mich. Ich habe Ihnen mein Unrecht eingestanden, ich darf Ihnen nun auch meine Verdienste nicht verheimlichen; ich habe Sie aus der Bastille befreit.« »Sie, Herr Marquis?« »Ja, ich! ich habe mich meiner Frau zu Füßen geworfen, um von ihr zu erlangen, dass sie sich Ihre Befreiung angelegen sein ließ.« »Und Sie haben sie dazu bestimmen können?« »Wohl kostete es mir einige Mühe; aber ich muss gestehen, dass ihr auf mein dringendes Bitten die Sache sehr am Herzen lag, Sie hat den neuen Minister mit einem Eifer zugesetzt, Sie können sich davon gar keinen Begriff machen.« »Man sagt, die Frau Marquise stehe gut mit dem neuen Minister?« »Ganz vortrefflich! Sie schließen sich ganze Stunden lang mit einander ein. Meine Frau ist wahrlich eine Frau von Verdienst; als ich sie heiratete, erkannte ich es sogleich, ihr Gesicht versprach viel, und die Marquise hat Alles gehalten, was ihr Gesicht versprach. Apropos, wünschen Sie vielleicht eine Anstellung, eine Pension, oder dergleichen?« »Ich bin Ihnen für Ihre große Güte wirklich sehr verbunden!« »Sie brauchen nur zu sagen! eine einzige geheime Unterhaltung meiner Gemahlin mit dem Minister...« »Danke tausendmal!« »Um wieder auf unser Gespräch zurückzukommen ... aber Sie hören ja gar nicht auf mich.« »Ich betrachte da unten die alte Dame, ist es nicht die Marquise von Armincour?« »Ich kenne sie nicht, Herr Chevalier.« »Ja, sie ist es, Herr Marquis, wenden wir uns nicht mehr nach dieser Seite.« »Ich verstehe! Sie möchten dieser alten Frau nicht gern den Hof machen, gestehen Sie nur offen, junger Mann.« »Es ist, wie Sie selbst sagen, Herr Marquis.« »Um also wieder auf uns zurückzukommen, so habe ich Sie also aus der Bastille befreit; und dann hatte ich nicht schon meinen Lohn empfangen? hatten Sie mir nicht diesen prächtigen Degenstoß beigebracht?« »Ich war untröstlich, dazu genöthigt zu werden, das versichere ich Sie.« »Oh! es war ein Meisterstoß, das! wissen Sie auch, dass ich beinahe daran gestorben wäre?« »Glauben Sie auf meine Ehre, Herr Marquis, das hätte mir zeitlebens Kummer gemacht.« »Sie wären mir also nicht böse?« »Durchaus nicht.« »Warum weigern Sie sich in diesem Falle mir zu verzeihen?« »Ich thue es von Herzen gern.« »Herr Chevalier, ich bin darüber entzückt.« »Und Sie, Herr Marquis, Sie verzeihen mir also ebenfalls?« »Ob ich Ihnen verzeihe? Sie haben ja, nach der Erklärung meiner Frau selbst, in diesem Handel nur sehr unbedeutend gegen mich gefehlt. Es war ja nicht der Rede wert.« Anfangs schien mir diese Unterhaltung langweilig, jetzt reizte sie meine Neugierde; aber ich erinnerte mich, dass Frau von Lignoll meine Rückkehr mit großer Ungeduld erwarten musste, und wenn ich noch länger auf mich warten ließ, gewiss eine Unbesonnenheit begehen könnte. Ich sagte daher: »Herr Marquis, wir sind jetzt mit einander einverstanden, mischen wir uns wieder unter die Menge.« Wir thaten es auch, und Frau von Lignoll schien entzückt zu sein, mich wieder zu sehen. Ihr reizend jugendliches Gesicht strahlte vor Freude als sie mich so heiter und gesprächig an der Seite des Herrn von B ... sah, der den Faden des Gesprächs wieder aufnehmend, zu mir sagte: »Sie haben sich der Marquise und mir gegenüber sehr wenig zu schulden kommen lassen, nicht mehr, als jeder andere junge Mann.« »Nicht wahr, mein Herr, jeder andere hätte an meiner Stelle ebenso gehandelt?« »Ohne Zweifel! Aber dieser Herr von Rosambert hat sich bei der ganzen Geschichte sehr schlecht benommen, auch werde ich ihm in meinem ganzen Leben nicht mehr gut. Auch Herr Duportail hat sich seinerseits einige kleine Vorwürfe zu machen. An jenem unglückseligen Tag, als ich Euch allen in den Tuilerien begegnete, musste Herr Duportail mehr Geistesgegenwart beibehalten, mich bei Seite nehmen und mir zu wissen thun, dass die Ehre und Ruhe einer ganzen Familie ihn zu dieser Lüge nöthige; auch hätte Ihr Fräulein Schwester sehr wohl gethan, mir ein Wörtchen ins Ohr zu flüstern; aber die junge Dame hatte Angst, Ihr Vater war da! Sie, Herr Chevalier, sind mir kein Vertrauen schuldig; aber hüten Sie sich wohl der Marquise zu grollen; ich habe ihr ihre Geheimnisse nicht abgerungen und dann hat sie mir dieselben nicht aus Schwatzhaftigkeit anvertraut. Ich halte die Marquise für unfähig eine Unüberlegtheit oder eine Indiscretion zu begehen. »Ich beschuldigte meine Frau, oh! ich habe sie hundertmal um Verzeihung gebeten und werfe es mir jetzt alle Tage vor; ich beschuldigte meine Frau, die sittsamste Frau! wäre sie das nur aus Grundsatz, so könnte man ein Misstrauen fassen; aber bei ihr,« fügte er sehr leise hinzu, »ist die Sittsamkeit begründet, denn, würden Sie es glauben? aus reiner Gefälligkeit schenkt mir Frau von B... von Zeit zu Zeit eine Nacht, mir, der ich doch ihr Gemahl bin und sie anbete! und dennoch beschuldigte ich sie. »Ich habe auch die Ungerechtigkeit begangen. Sie, Herr Chevalier, des Mangels an Muth zu beschuldigen. Ein junger Mann kann aber bei seinem ersten Auftreten in einem Ehrenhandel nicht genug Festigkeit zeigen; und bei diesem, ich habe es auch der Marquise gesagt, die sich genöthigt sah es anzuerkennen, haben Sie sich in jeder Beziehung wie der tapferste Mann gezeigt. »Sie sind voll Herz! und wer sich darauf versteht, sieht in Ihrer Physiognomie, dass Sie ein Mann von Herz sind. »Ich habe große Achtung für Sie, und meine Frau auch. Sehen Sie, lieber Chevalier, ich möchte Sie bitten, uns zu besuchen, allein das Publikum ist so dumm, diese Bemerkungen, die man von allen Seilen hört; es ist wahrlich unausstehlich! »Wenn es der allgemeinen Kritik einmal beliebt hat, einer Frau einen Geliebten zu geben, so geht sie nimmer davon ab. Ich finde eine Menge Leute, die mir bloß aus Gefälligkeit nicht widersprechen, wenn ich versichere, ich sei kein so kurzsichtiger Gemahl, und dulde kein Einmengen in meine Rechte. Ich habe Ihnen bereits gesagt, wie viele Gründe mich an die Sittsamkeit der Frau von B ... glauben machen. »Es ist noch ein Grund vorhanden, der mir allein so stark scheint, als alle andern zusammen. Ich lasse mir zuweilen beikommen, mich im Spiegel zu besehen, und ich finde in meiner Physiognomie keinen Zug, keinen einzigen Zug, der verkündet, ich könnte ein Schwachkopf sein. »Aber, sehen Sie doch, junger Freund, sehen Sie doch diese junge Dame in diesem Kabriolet, das heißt ein Gesicht! das heißt ein herrliches Weibchen! weit weniger geputzt als die andern, und doch weit hübscher, und sie sieht nicht aus wie eine Courtisane, wahrlich es ist eine Frau von Stande! ich kenne diese Livrée! Übrigens ich bin erfreut Ihnen sagen zu können, dass diese Dame schon lange auf uns sieht, und viel und oft ein kleines Zeichen mit ihrem Fächer auf unsere Seite gegeben. »Sehen Sie, sollte man nicht meinen, sie wollte mit uns sprechen?« Wirklich verlor Frau von Lignoll die Geduld und suchte mir durch ihre Zeichen verständlich zu machen, dass ich mich endlich um jeden Preis dieses zudringlichen Cavaliers entledigen solle, um ungesäumt mit ihr am Orte des Rendezvous zusammenkommen, wohin sie, des Wartens müde, schleunigst sich begeben wolle. Mehrere Male zeigte sich die Gräfin, von ihrer natürlichen Leidenschaft hingerissen, ganz außerhalb ihres Wagens. Frau von Montdesier, die sich auch in ihrem prachtvollen Phaeton in der Reihe befand, bemerkte die ungeduldige Bewegung einer Nebenbuhlerin; sie konnte nicht sehen, dass Frau von Lignoll es war, die ihr meine Aufmerksamkeit raubte, aber ohne Zweifel vermuthete sie es. Um ihrer Sache gewiss zu sein, ließ sie sogleich ihrem Jockey den ein wenig allzu kühnen Befehl geben, die Reihen zu verlassen und dem Wagen vorzufahren. Er gewann einen Vorsprung, und Justine, die jetzt Frau von Lignoll erkannte, erlaubte sich, sie mit einer unverschämt vertraulichen Miene zu grüßen; sie wagte es sogar ein ungezogenes und lautes Gelächter anzuschlagen, indem sie dieselbe affektiert ansah. Ich war empört, ich wollte der frechen Person entgegen; aber die Gräfin ließ mir keine Zeit dazu; zu lebhaft, um eine solche Beleidigung gelassen zu ertragen, rief die Gräfin sogleich »Platz!« trieb ihr Pferd an, schlug mit der Peitsche der Frau von Montdesier ins Gesicht und hing sich zugleich so geschickt und so fest an den leichten Phaeton an, dass eines seiner Räder in Stücke zerbrach. Der Wagen stürzte und die Schöne fiel heraus. Ich fürchtete im ersten Augenblicke, dass sie ihr Gesicht ganz zerschlagen hatte. Glücklicherweise schützte es Justine durch eine geschickte Bewegung ihrer Arme, so dass sie mit einigen leichten Verletzungen an den Händen ihr bereits misshandeltes Gesicht vor andern Unbill rettete. Aber durch einen Zufall, welcher komisch war, geschah es, dass die Füße der Nymphe, ich weiß nicht wie, oben am Wagen hängen blieben; nun konnte in dieser Stellung nichts die Unterröcke hindern, auf die Schultern herabzufallen, und da ein boshafter Zephyr zu gleicher Zeit die feine Leinwand lüftete, die allein noch auf der weißen Haut geblieben war, so zeigte Frau von Montdesier den unaussprechlichen Theil ihres schönen Körpers. Die ganze Versammlung gab bei dieser Erscheinung ihren Beifall durch anhaltendes Händeklatschen zu erkennen. Dessen ungeachtet sprangen einige junge Leute dem trostlosen Mädchen bei; und ich selbst durch das rührende Schauspiel ihres Unglücks sogleich besänftigt, stieg ab, um ihr Hilfe zu leisten. »Warten Sie,« sagte Herr von B... zu mir, »ich gehe mit Ihnen, denn ich beklage die Arme, und ich wiederhole es Ihnen, ich habe dieses Gesicht schon irgendwo gesehen.« »Ich kenne sie auch ein wenig, von Ihnen aber zweifle ich, ob Sie sie jemals gesehen!« Als ich in Justinens Nähe kam, hatte man sie bereits wieder auf ihre Füße gestellt. »Ach!« rief sie, wie sie mich erblickte, »Herr von Faublas, wie hat sie mich zugerichtet!« Ich unterbreche sie und sage ganz leise: »Mein liebes Kind, Du hast es nicht besser verdient.« »Ach, Herr von Faublas, ich bin in Verzweiflung.« Ich wandte mich wieder an den Marquis und sagte mit ernstem Tone: »Herr Marquis, wenn wir uns von der Menge los zu machen suchten.« »Ich bin es zufrieden,« antwortete er mir; »aber sagen Sie mir doch, wie es kommt, dass Sie so vielen Leuten bekannt sind?« »Sie wissen ja, hier zu Lande wird man binnen vierundzwanzig Stunden berühmt; unser Zweikampf, meine Verbannung, meine Gefangenschaft...« Er unterbrach mich: »Habe ich mich nicht getäuscht? ist das nicht mein Name?« »Ja. Ihr Name ist es, und hören Sie, unzählige Personen rufen ihn.« »Unzählige« antwortete er mit großer Freude. »Alle diese Leute da sind sehr erfreut, uns beisammen zu sehen. Ja, ich sehe auf ihren Physiognomien, dass sie sehr erfreut sind. Es ist sehr erfreulich für sie, von unserer Versöhnung überzeugt zu sein.« Sie waren sehr belustigt, denn sie lachten aus vollem Halse; und man sah, dass es Herr von B ... war, dem ihre spöttischen Beifallsbezeugungen galten. Der Marquis schien sich darüber sehr zu freuen. Es gelang mir endlich nicht ohne große Mühe, mir durch die lichter gewordenen Reihen einen Weg zu öffnen. Hier verabschiedete ich mich vom Herrn von B ..., der sich nicht von mir trennen wollte. Als ich aber vorgab, noch einmal nach der schönen Dame im weißen Kleide sehen zu müssen, sah er mich mit Bedauern so schnell als möglich davon reiten. Es war Zeit, dass ich kam; der Frau von Lignoll wurde jeder Augenblick lang. Sobald sie mich sah, überhäufte sie mich mit Vorwürfen. »Meine theuere Leonore! wie ungerecht Sie sind! ist es denn meine Schuld, wenn diese Frau die Verwegenheit hat?« »Ja, es ist Ihre Schuld. Warum kennen Sie solche Geschöpfe? warum haben Sie um dieser Frau von Montdesier Willen eine Untreue an mir begangen?« »Gut, Sie wollen einen bereits vergessenen Streit wieder auffrischen.« »Vergessen? nie! mein Leben lang werde ich nicht vergessen, dass ich thörichterweise dieser Unverschämten die Hand geküsst habe, die sich heute geltend zu machen wagt.« »Sie haben sie dafür gestraft; Sie haben ihr Gesicht verunstaltet.« »Ich hatte sie umbringen sollen.« »Es hat wenig gefehlt; sie ist von ihrem Wagen heruntergefallen.« »Heruntergefallen!« rief die Gräfin mit großer Unruhe. »Mein Gott! ich habe sie vielleicht gefährlich verletzt?« »Nein, aber ...« Hier beeilte ich mich, um Frau von Lignoll vollends ganz zu beruhigen, ihr Justinens Unfall zu erzählen; und mein kurzer, aber treuer Bericht ergötzte die in ihrer Lustigkeit und in ihrem Zorne gleich lebhafte Gräfin. Ich fürchtete, sie möchte vor Lachen ersticken. Ich schloss sie in meine Arme in der festen Überzeugung, dass die Stunde der Versöhnung gekommen sei. Ich täuschte mich, die grausame Leonore stieß ihren Geliebten zurück. »Sie werden immer der undankbarste der Menschen sein. Seit einem Jahrhundert vergehe ich vor Liebe und Ungeduld.« »Und dennoch überlässt er mir die Sorge, auf einen Plan für unsere Vereinigung zu denken.« »Meine geliebte Freundin, ich habe vergeblich mehrere versucht.« »Endlich finde ich ein günstiges Mittel, ich fliege nach diesem Longchamps, das mich langweilt, ich fliege dahin, um Faublas zu sehen, einzig allein, um ihn zu sehen. Er stellt sich wirklich ein, aber nur um Gelegenheit zu haben, um meinen beiden Nebenbuhlerinnen den Hof zu machen.« »Leonore, ich schwöre Dir, dass dem nicht so ist.« »Und um seiner Treulosigkeit die Krone aufzusetzen, ordnet der Abscheuliche alles so an, dass ich, deren Herz vor Eifersucht zerrissen ist, gerade zwischen meine zwei Todfeindinnen zu stehen komme.« »Wie, auch daran soll ich Schuld sein?« »Auch darin werden Sie mich zu bereden suchen, Sie Heuchler, dass der Wagen der Frau von B ... aus bloßem Zufall vor den meinigen kam.« »Leonore, ich gebe Dir mein Ehrenwort, dass ich von der Gegenwart dieser beiden Frauen keine Ahnung hatte.« »Sie hat wohl daran gethan, dass sie sich davon machte, diese Frau von B ..., Sie aber haben wohl daran gethan, ihr nicht zu folgen; ich hatte es schon halb und halb vermuthet. »Aber wenn es geschehen wäre, wenn Sie ihr gefolgt wären, so hätte ich Euch beiden eine Lection gegeben, die Ihr gewiss nicht vergessen hättet.« »Sie irren sich bedeutend, meine theuere Freundin, denn wenn ich ihr zu lieb gekommen wäre, so hätte ich ihr unbedingt folgen müssen, das liegt doch klar am Tage, aber ich hatte keine Ahnung von ihrer Gegenwart und kümmerte mich auch wenig darum.« Sie besann sich einen Augenblick und umarmte mich dann sogleich. Auf einmal rief sie: »Nein, nein, ich bin noch nicht überzeugt! Sie ließen mich hier eine Viertelstunde warten, weil Sie der Frau Montdesier zu Hilfe kommen mussten!« »Nein, meine theuere Freundin, ich würde lang durch diesen lästigen Cavalier aufgehalten.« »Ah, dieser Herr, der mit solchem Feuer mit Ihnen sprach, und dem Sie mit solchem Vergnügen zuzuhören schienen?« »Vergnügen, nein. Sie irren sich, es war das Gegentheil, ich trachtete auf alle mögliche Art von ihm loszukommen.« »Was sagte Ihnen denn so schönes dieser Herr?« »Er unterhielt mich von meiner Schwester.« »Er kennt sie?« »Ja, es ist ein Verwandter.« »Nun diesmal glaube ich Ihnen, weil ich ihn genau betrachtete, um mich zu überzeugen, ob es nicht wieder eine verkleidete Frau sei. Sie sollen mich nicht mehr hintergehen, ich werde genau acht geben.« Ich wollte der Unterhaltung eine andere Richtung geben; deshalb sagte ich: »Sage mir, liebe Leonore, hast Du Deine Tante nicht in Longchamps gesehen?« »Nein, ich sah nur Dich. »Aber Sie, mein Herr, haben allen Aufmerksamkeiten schenken können, die Sie umgaben.« »Ich habe der Marquise Aufmerksamkeiten geschenkt, weil es mir vorkam, als sehe sie auf Dich.« »Zum Glück für uns hat sie ihre fünfundzwanzigjährigen Augen nicht mehr.« »Leonore, wenn sie mich dennoch erkannt?« »Dies, mein lieber Faublas, wäre ein großes Unglück; aber wir wollen das Beste hoffen. Bis jetzt war uns der Liebesgott stets günstig gesinnt.« Bereits hatte die Gräfin einen sanfteren Ton angenommen, was mich sehr erfreute, denn es zeigte mir deutlich, dass sie von meiner Unschuld überzeugt sei; auch nahm sie die Versicherungen meiner treuen Liebe mit Entzücken entgegen, und ich es daher zu wagen versuchte, ihr die Beweise davon zu geben; aber wie sehr war ich überrascht, als ich sah, dass sie dieselben ausschlug. »Nein, nein!« sagte sie im Tone unerschütterlicher Entschlossenheit, »lassen wir das, mein Freund, es ist Alles umsonst, ich gewähre Dir heute keine derartige Gunst. Du scheinst betrübt über meine Weigerung?« »Weil Du mich nicht mehr liebst, wie früher!« »Du täuschest Dich, mein Freund, ich liebe Dich jetzt weit mehr als früher, mein Zustand hat dazu beigetragen, dass ich auf der Welt kein anderes Wesen mehr als Dich lieben kann, dieses Gefühl kannst Du nicht begreifen, es kann es überhaupt kein Mann, und wäre er auch der liebenswerteste, der einsichtsvollste, der klügste von Allen – in diesem Punkte seid Ihr doch Alle gleich – Egoisten. Wende Dich nicht ab, mein über Alles Geliebter, ich sehe, dass Du zürnest, und doch kommen mir diese Worte aus der Tiefe meines Herzens.« »Meine angebetete Leonore, früher hat nie eine Weigerung von Deiner Seite stattgefunden.« »Ja, Du scheinst zu vergessen, dass mich gewisse Umstände dazu nöthigten, der wichtigste vor Allen war Deine Krankheit; wie kannst Du nur vergessen, dass eine Frau, die für das Leben eines geliebten Mannes zittert, ihm ein Verlangen verweigern kann?« Und meine sehr kluge Freundin ließ mich meinen Kopf auf ihre Kniee legen, um mich mit ihren Liebkosungen zu überhäufen. »Faublas, Du musst nicht traurig sein, das thut mir weh. Weißt Du noch, mein Freund, wie ich Dir erzählte, wie unsäglich unglücklich ich an jenem Tage war, wo Du in meinen Armen das Bewusstsein verloren hast? Deine Krankheit hat Dich aber seitdem noch sehr geschwächt; Deine Wiedergenesung fängt erst an, willst Du sterben? dann aber müsste auch ich sterben. Ach, ich bitte Dich, Faublas, lass uns so spät als möglich sterben, damit wir uns so lange als möglich anbeten können. Warum lachst Du, sehe ich denn so lächerlich aus, wenn ich vernünftig rede? Faublas, mein lieber Faublas!« fügte sie nachlässig hinzu, nachdem sie mir den zärtlichsten Kuss gegeben hatte, »es ist für mich schwer genug, meinen eigenen Verlangen zu widerstehen; wenn ich aber auch über die Deinigen triumphieren soll, so kann ich nicht über meine Kräfte mehr gebieten.« Meine anbetungswürdige Leonore misstraute sich mit Recht; denn nach einigen Augenblicken des Zauderns und des Schweigens sagte sie mit schwacher Stimme: »Siehst Du, mein Freund, welch' schwaches Weib ich bin; bei meinem Hiehergehen hatte ich mir geschworen, dass es nicht vorkommen soll, und ich wollte auch, dass es jetzt nicht geschähe; ach, siehst Du, was die Liebe nicht alles vermag, sie triumphiert über alle unsere gefassten Vorsätze. – Oh! schwache Sterbliche, die wir sind!« – Da ich nun ihre Niederlage bekannt mache, so sollte ich auch ihre Siege gestehen. Trotz all meiner Bitten, konnte ich meine zartfühlende Freundin nicht bewegen, sich zum zweiten Male zu ergeben. »Reizende Freundin! die Stunden des Glücks verfließen sehr schnell; wir müssen uns trennen.« »Schon jetzt?« »Wenn ich zu spät käme, so wäre es mir unmöglich, Herrn von Belcourt eine unwahrscheinliche Geschichte zu erzählen.« »Höre, Faublas, wir verlassen uns auf drei Tage.« »Warum auf drei Tage?« »Morgen gehe ich auf Gatinois.« »Ohne mich! was willst Du dort thun?« »Ach! leider ohne Dich, Dein Vater wird Dich nicht fortlassen.« »Vielleicht könnte sich doch ein Ausweg finden!« »Wie traurig wird dieses Fest für mich sein! als ich glauben durfte, mein Geliebter werde es durch seine Gegenwart verschönern, machte ich mir ein so bezauberndes Bild davon.« »Sage mir, Geliebte, was ist das für ein Fest?« »Alle Jahre am Ostertage erhielt das Rosenmädchen aus meinen Händen der Sittsamkeit Krone. Aber dieses Jahr, wo ich nur mit Zögern diese schöne Handlung begehen kann, da ich mir leider, ach, sagen muss, dass ich nicht berechtigt einen Preis auszutheilen, den ich selbst am unwürdigsten bin zu erhalten. »Es scheint, als ob es Dir unlieb wäre, was ich da sage, lieber Faublas, geh, beruhige Dich! ich habe keine Gewissensbisse, keine Reue. Nur wenn ich mich erinnere, was Dein Vater für Reden an mich gehalten hat, überrasche ich mich oft nachdenkend über die zahllosen Gefahren. Beruhige Dich, so lange Du mich liebst, sollst Du nicht fürchten, dass ich Dich verlasse; und wenn Du mich nicht mehr lieben wirst, dann werde ich in meiner Verzweiflung meine letzte Hilfe finden. Du bist betrübt! Siehst Du, mein Freund, komm her und umarme mich, komm, lass unsere Thränen zusammen fließen! morgen reise ich ab; am Sonntag ist das Fest vorbei; am Montag in aller Frühe kommt Alles zurück. Ich nehme außer meiner Tante Frau von Fonrose mit, die uns sehr liebt, sie und ich sinnen irgend eine glückliche Kriegslist aus, die Dich am Montag Abend Deiner Leonore wieder schenken soll.« Obzwar es schon spät war, und die Marquise mich erwartete, obgleich mein Vater über meine lange Abwesenheit ungeduldig werden musste, so konnte ich mich doch nicht von Leonore trennen und hundertmal wiederholte ich mein Lebewohl, ehe ich sie verlassen konnte. Wir fanden doch endlich die Kraft, uns zu trennen, und ich eilte zu Justine, um Frau von B... zu treffen. Die Marquise empfing mich mit sehr trauriger Miene, sie reichte mir dennoch ihre Hand, die ich mit vielem Feuer küsste. »War es durchaus unmöglich,« sagte sie mit unendlich sanfter Stimme, »dass Sie mich einige Augenblicke weniger lange warten ließen?« Dann ohne meine Antwort abzuwarten, nahm sie eine freundlichere Miene an, blickte mich sehr wohlgefällig an und sagte: »So wie ich sehe, sind Sie nun wieder ganz hergestellt; sollte man es glauben, dass Sie vor zwölf Tagen so gefährlich krank waren. Die Frauen, die heute über Ihr Erscheinen in Longchamps so entzückt waren, konnten gewiss nicht vermuthen, dass noch vor einigen Tagen zwei liebende Frauen an Ihrer Genesung verzweifelten. Haben Sie gar nicht an die kleine Montdesier gedacht, die vergeblich die Ankündigung Ihres geheimen Besuches erwartete...?« »Ach, beschuldigen Sie mich nicht! ich habe Ihrer Einladung unmöglich Folge leisten können. Mein Vater hat mich auf allen meinen Wegen begleitet, auch heute war er mit mir in Longchamps.« »Haben Sie mich dort nicht gesehen?« fragte sie mit einer Art von Unruhe. »Ja, ich habe Sie nicht gegrüßt, weil ich fürchtete...« »Ich dachte es gleich, dass Sie mich wohl erkannt haben, und dass Sie nur aus Discretion mir auswichen.« »An diesem Zuge erkenne ich Sie, empfangen Sie meinen tiefsten Dank, Frau Marquise, für Ihr großmüthiges und zartfühlendes Benehmen; aber sagen Sie mir, warum hatten Sie sich nur einen Augenblick auf dieser Promenade gezeigt, deren erste Zierde Sie waren?« »Die erste? nein, das glaube ich nicht! übrigens habe ich mich erst in dem Augenblicke entfernt, wo ich die Menge sich um Sie drängen sah.« »Dann haben Sie ja Justinens Unfall mit angesehen?« Ein Lächeln flog über die Lippen der Marquise. »Ja, ich habe ihn auch mit ansehen können, ihren Unfall,« sagte sie. Und in sehr ernstem Tone fügte sie hinzu: »Ich möchte auch wissen, ob dieser Unfall sie auch gehörig gewitzigt hat? es wäre mir sehr lieb, wenn Sie mir von ihr sagten, was Sie davon halten; deshalb wollen wir sie erwarten, wenn Sie sich hier nicht allzusehr langweilen.« Wir brauchten nicht lange zu warten, denn in demselben Augenblicke öffnete man ihr Vorzimmer. Ein galanter Kavalier sprach sehr laut zu ihr: »Die jungen Leute haben mich mit Ehren überhäuft, mein Begleiter gewann einen großen Vorsprung vor mir. Als ich dies sah, bin ich einzig und allein um Deinetwillen, mein Kind, nach Longchamps zurückgegangen; Deine Physiognomie hatte Eindruck auf mich gemacht.« »Täusche ich mich,« sagte Frau von B.. , »oder ist dies nicht mein Gemahl?« »Sie täuschen sich nicht, denn an seiner Stimme, wie an seinen Worten glaube ich ihn ebenfalls zu erkennen.« »Er ist's! er ist's! eilen wir zu entkommen!« Es war kein Augenblick zu verlieren; wir eilten nach der Thüre, die zu dem Bijoutier führte. »Ich habe meinen Schlüssel nicht, was habe ich gemacht, ihn zu vergessen!« Ein sehr hoher, aber sehr schmaler und zum Glück ziemlich tiefer Kasten in einem Winkel neben dem Kamin bot uns eine letzte Zufluchtsstätte. Frau von B... stürzte sich zuerst hinein. »Schnell! Faublas!« Ich hatte kaum Zeit mich nach ihr hineinzuwerfen und die Thüre zu schließen. Sie traten in das Zimmer, das wir verlassen hatten. »Ja,« fuhr er fort, »Deine Physiognomie hatte Eindruck auf mich gemacht; ich starb vor Sehnsucht, Dich zu sprechen.« »Sie haben mich also erkannt?« »Auf der Stelle! aber wie kannst Du eine solche Frage an mich stellen, der ich alle Gesichter auswendig weiß?« »Weil dieser glänzende Wagen, der große Staat, in dem ich war, dies Alles mich wohl unkenntlich machen konnte.« »In den Augen eines Andern, wohl möglich; aber in den meinigen! Du hast also vergessen, was für ein großer Physiognom ich bin? was die Equipage betrifft, so sage mir doch um Gotteswillen, wer der prachtliebende Sterbliche ist, der sich für Dich ruiniert? der Chevalier Faublas vielleicht?« »Ei, ja! ein närrischer Frauenknecht!« »Hören Sie die Unverschämte?« »Schweigen Sie!« sagte die Marquise, »hören wir weiter.« »Aber es scheint mir,« sagte Herr von B..., »dass Du in Longchamps ihn lange lorgniertest?« »Ich, ihn? diesen Maulaffen! Sie, mein Herr, waren es, den ich angesehen habe.« »Ich gefalle Dir also?« »Diese Frage! Wem gefallen Sie nicht?« »Es ist wahr, dass ich die glücklichste Physiognomie von der Welt habe; wem ich begegne, der liebt mich, noch heute hast Du in Longchamps die Freude sehen können, die meine Gegenwart bei ihnen Allen hervorbrachte. Ja, Alles war sehr vergnügt.« »Niemand war es mehr, als ich, das versichere ich Sie.« »Dennoch, liebe Kleine, ist Dir ein ziemlich unangenehmes, fatales Abenteuer zugestoßen. Aber, sage mir, wer ist diese junge Frau, die Dich so misshandelt hat?« »Eine kleine Hexe.« Der Marquis fuhr fort: »Sie hatte einen Bedienten mit Livrée.« »Diese Livrée war vermuthlich entlehnt.« »Dein hübscher Phaeton ist sehr beschädigt, wie mir scheint.« »Es ist mir um so unangenehmer, als es ein Geschenk von einer Dame aus meiner Bekanntschaft ist.« »Du musst dieser Dame große Gefälligkeiten erweisen, dass sie Dir solche Geschenke gibt.« »Das können Sie sich wohl vorstellen; wenn es nicht eine so alte Bekanntschaft wäre, dann könnte sie lange schmeicheln und mir zureden, ich würde mich ihr zu liebe nicht schon so manchen großen Unannehmlichkeiten ausgesetzt haben.« »Aber verständigen wir uns, mein Engel; willst Du mich als Geliebten annehmen? Du musst aber Dein Boudoir nicht an Damen Deiner Bekanntschaft leihen.« »Ich will es Ihnen sagen: Es ist eine Dame von Stand, von hohem Rang; sie ist zu Hause geniert.« »Ich verstehe! es ist abermals ein Einfaltspinsel von Ehemann, dem man eine Nase dreht.« »Oder drehen will, Herr Marquis.« »Die Intrigue fängt also erst an?« »Im Gegentheil sie ist alt... das ist eine Geschichte, Herr Marquis.« »Erzähle! erzähle! der Bericht von den Streichen, die sich dumme Ehemänner spielen lassen, macht mir immer unendlich viel Spass.« »Die Dame hat den jungen Mann früher gehabt; aber er hat sie wegen einer andern aufgegeben; sie will ihn aber nicht theilen und will ihn wieder haben.« Hier murmelte die Marquise: »Die schamlose Lügnerin.« »O, meine schöne Mama! schweigen Sie doch!« und ich wagte es ihr leise einen Kuss zu geben, den sie nicht umhin konnte anzunehmen. »Eben deswegen,« sagte Justine, »gestattet sie ihm noch nichts; aber der Augenblick naht, wo sie ihm Alles gestatten wird.« »Du bist also ganz ins Geheimnis eingeweiht?« »Nein, diese Frau ist zu misstrauisch und zu fein, sie sagt mir fast nichts; aber ich sehe wohl an ihrem Benehmen, dass sie sehr verliebt in diesen jungen Mann sein muss. »Worüber lachen Sie, Herr Marquis?« »Ich denke darüber nach, dass es für mich, der ich ein so großer Physiognom bin, sehr interessant sein müsste, das Mienenspiel dieser beiden Verliebten zu studieren, wenn sie beisammen sind. Wahrlich, Du solltest mir einmal dieses Vergnügen verschaffen.« »Ihnen! unmöglich, Herr Marquis.« »Warum? ich werde mich irgendwo verstecken.« »Unmöglich, sage ich Ihnen.« »Höre einmal, wenn ich unter Dein Bett schlüpfte; oder in einen Kasten! Du hast Kästen hier?« »Sie sehen, dass ich welche habe.« Hier nahm die Unterhaltung eine wahrhaft schreckliche Wendung; es war mir nicht wohl zu Muthe, und ich fühlte, dass die Marquise zitterte, indem sie mich krampfhaft bei der Hand fasste. »Warte!« rief der Marquis. Es war ein glücklicher Zufall, dass er gerade auf denjenigen zuging, der auf der andern Seite des Kamins stand, und als er die Thüre geöffnet hatte, sagte er: »Genau so brauche ich es. Ein starker Mann könnte nicht darin aushalten, aber ich werde mich hier nicht schlecht befinden. Durch das Schlüsselloch könnte ich die handelnden Personen nach Herzenslust betrachten. Komm, Justinchen, lass Dich erweichen, ich werde Deine Gefälligkeit gut bezahlen und das Geheimnis bewahren.« »Wenn die Sache nicht ganz unmöglich wäre, so würde ich es der Seltenheit wegen thun.« »Ist die Dame schön? sage es mir aufrichtig.« »Hübsch, so, so! sie ist nicht übel; aber sie hält sich für wunderschön!« »Ihr seid Alle gleich, jede halt sich für unvergleichlich schön; und der verliebte Ritter?« »Oh! der ist reizend, wirklich reizend, und als Eroberer bekannt.« »Ist er schöner als der Chevalier Faublas, dann wäre er unwiderstehlich.« »Er ist nicht schöner, aber eben so schön.« »Weißt Du auch, liebe Kleine, dass ich auf den Chevalier eifersüchtig bin, denn ich glaube, dass er alle Frauen, die in seine Nähe kommen, durch seine Vorzüge bezaubert.« »Ich denke, Herr Marquis, Sie sind vielleicht noch eifersüchtig auf ihn wegen der Frau Marquise.« »Nein, aber Du, mein Kind, scheinst in Betreff seiner Vorzüge etwas näheres zu wissen, solltest Du vielleicht selbst...?« »Sie thun mir Unrecht, Herr Marquis, obzwar ich mich stets sehr zu wehren hatte, denn dieser junge Mann ist von einer Aufdringlichkeit, die lästig werden kann.« »Früher aber schien ich zu bemerken, dass er Dir doch nicht ganz gleichgiltig war.« »Früher halte mein Geschmack keine bestimmte Richtung; dennoch habe ich immer Neigung zu Ihnen gehegt, Herr Marquis.« »Ich glaube es wohl. Ich sage Dir, mein Gesicht bringt bei allen Frauen dieselbe Wirkung hervor.« »Sie haben Recht, Ihre Gemahlin, zum Beispiel, betet Sie an!« »Ich weiss es, ja, sie betet mich an; aber weißt Du auch, dass nämlich in die Länge nichts langweiliger wird, als diese Anbetung. Frau von B... kann für schön gelten, immerhin; aber immer dieselbe Frau! immer! außerdem ist die Marquise bei all' ihrer Zärtlichkeit in einem gewissen Punkte sehr spröde; und ich kenne an der Liebe nichts Langweiligeres, als die ewige Ziererei.« »Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung: Sollten Sie vielleicht nicht ein wenig selbst Schuld daran sein?« »Du irrst, mein Täubchen, Du wirst Dich selbst vom Gegentheil überzeugen. Ich bin jung, ich brauche Vergnügungen, Zerstreuungen. »Ich speise bei Dir zu Nacht. Und wo ich zu Nacht speise, da schlafe ich auch, meine Königin.« »Hier, Herr Marquis?« »Ich finde es so traulich und behaglich hier, und bleibe hier, nirgends sonst, das versichere ich Dir!« Wir hörten eine Börse auf den Kamin fallen. »Lassen Sie uns sogleich in den Speisesaal gehen,« sagte Justine. »Warum denn in den Speisesaal? Bleiben wir hier, wir sind da eben so gut; lass ein Geflügel bringen. Geh, mein Engel! vor und während des Abendessens können wir einander tausend interessante Sachen mittheilen.« Frau von Montdesier läutete ihrem Jockey. »Man bringe schnell zwei Couverts und lasse niemand herein.« So waren mir denn beide in diesem Kasten eingesperrt, zwar an Raum gebrach es uns nicht darin, aber wir hatten die Aussicht eine ganze Nacht daselbst zuzubringen. Ich befand mich dabei sehr gut, denn da ich der Marquise eine bequeme Stellung geben wollte, so schloss ich sie in meine Arme. Welcher Mensch hätte bei den allmächtigen Reizen einer so dringenden Versuchung, wie diejenige war, der ich unterlag, nicht sein Herz unruhig schlagen, und alle seine Lebensgeister in Aufruhr gerathen und sein Blut in Wallung zu gerathen gefühlt; Frau von B... selbst! ach! welche Tugend wäre hier nicht unterlegen! – Meine ersten Liebkosungen versetzten sie jedoch in eine mit Schrecken vermischte Überraschung. »Faublas, ist's möglich! können Sie jetzt daran denken?« Der Marquis, glücklicher in seiner Liebe, als ich, zwang mich meine Bemühungen einzustellen. Es war jetzt eine Stille im Zimmer, die uns verrathen hätte, wenn ich mir die geringste Bewegung erlaubte. »Schöne Freundin, es scheint mir. Ihr Gemahl begeht eine Untreue an Ihnen.« »Was liegt mir daran; ich bitte Sie, mein Freund, meine wahrhaft ärgerliche Lage nicht zu missbrauchen; an allem Andern liegt mir nichts.« Diese Vertraulichkeiten wurden auf einmal durch die Rückkehr des kleinen Bedienten unterbrochen; er brachte den Tisch; wir hörten, dass er ziemlich nahe an unsern Kasten gestellt wurde. Sobald das Essen aufgetragen war, schickte Justine ihren Jockey weg. »Jetzt sind wir frei,« sagte sie zu Herrn von B ... »schwatzen wir! Herr Marquis, ich bin entzückt, Ihnen anzugehören. Dies ist eine Eroberung, die ich zu sehr wünschte, als dass sie mir hätte entgehen können; aber warum gelingt es mir so spät? durch welchen Zufall haben Sie mir gar keine Aufmerksamkeit geschenkt, so lang ich bei Ihnen wohnte?« »Ach, im Hause meiner Frau, wo denkst Du hin?« »Ich bitte Sie, Herr Marquis, seien Sie aufrichtig, alle Männer machen es so! Sie lieben mich jetzt, weil ich etwas bin und keine dienende Stellung mehr einnehme.« »Du scherzest! habe ich nicht deutlich in Deiner Physiognomie gesehen, dass Du etwas werden würdest? Justine, ich versichere Dich, dass ich von jeher auf Deinem Gesichte gesehen habe, dass Du Glück machen würdest. Ich habe mir stets gesagt: ich bemerke in der Miene dieses Mädchens, ich weiß nicht was, was mir am Ende noch gefallen wird.« »Aber erinnern Sie sich gütigst, Herr Marquis, dass Sie mich sehr barsch aus Ihrem Hause fortschickten.« »Ich war im Zorn. Man wollte mich glauben machen, meine Frau hintergehe mich. Aber es war reine Verleumdung, denn Frau von B... hat mir die nothwendigen Aufschlüsse gegeben. Fräulein von Faublas, die ein sehr aufgewecktes junges Mädchen ist, hatte den Namen Duportail angenommen, um in einem Amazonenkleide auf den Ball zu gehen. Also hat die Marquise mit dem Fräulein von Faublas Bekanntschaft gemacht; das Fräulein hat in dem Bett von meiner Frau geschlafen. Am andern Tage begleiteten wir das angebliche Fräulein Duportail zurück; sie war genöthigt, uns zu ihrem angeblichen Vater zu führen; aber wir trafen dort ihren wirklichen Vater, der sie behandelte, wie man ein Mädchen behandelt, dessen Aufführung nicht ganz gut ist. Jetzt kenne ich ihn, diesen Baron von Faublas! ich habe zweimal Gelegenheit gehabt, seinen Charakter und seine Physiognomie zu prüfen; es ist ein lebhafter, auffahrender, bisweilen brutaler Mann, der nichts von Schonung weiß. »Wäre es der Jüngling gewesen, den wir so verkleidet zurückgebracht hätten, so hätte er gerufen: »Es ist mein Sohn!« »Also war es das Fräulein Duportail, das abends in der Amazonenkleidung kam; und am andern Tag...« »Am andern Tag? nein, es war ihr Bruder.« »Ihr Bruder, ich weiß es ganz genau.« »Aber hat man Ihnen auch gesagt, warum ihr Bruder?« »Weil Herr von Rosambert ihm zusprach, diesen schlechten Spass zu machen. Herr von Rosambert hatte seine Gründe; er war in meine Frau verliebt und wüthend nur Verachtung zu finden; er wollte sich rächen. Er schickte daher den Chevalier in den Kleidern seiner Schwester zur Marquise; und den Umstand benützend, kam er am Abend zu meiner Frau und fing einen Auftritt an, einen schrecklichen Auftritt, der sie auffallend kompromittieren konnte. Dieses Betragen Rosamberts scheint mir ehrlos; auch werde ich den Herrn Grafen in meinem Leben nicht wieder sehen.« »Aber, sagen Sie mir, Herr Marquis, was ist aus Fräulein von Faublas geworden?« »Fräulein von Faublas! sie hat sich zuerst mit Herrn von Rosambert und dann mit andern in die engsten Verbindungen eingelassen. Sie gab Diesem Rendezvous und Jenem Rendezvous, das bin ich fest überzeugt. Ich habe einen Brief gefunden, den sie an einem sehr verdächtigen Orte gelassen hatte, und sie selbst, das lose Vögelchen, habe ich in der Gegend des Boulogner Wäldchens gesehen.« Der Marquis hörte nicht auf zu sprechen; aber nachdem ich Alles von ihm erfahren hatte, was ich so sehr zu wissen wünschte, hörte ich auf, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Ein dringenderes Interesse gebot mir eine angenehme Beschäftigung. Frau von B... in einer ungünstigen, oder mindestens unbequemen Stellung, überdies durch die Furcht gehört zu werden, gefesselt, wagte keine starke Bewegung und sagte: »Faublas, mein Freund, lass mich wenigstens wissen, ob sie nicht auf ein Geräusch aufmerksam gemacht, unser Versteck entdecken werden. Trachte zu sehen, in welcher Ordnung sie am Tische sitzen!« »Justine vorn.« »Gegen diesen Kasten?« »Ja.« »Und der Marquis?« »Kehrt uns den Rücken.« Kaum hatte ich dies gesagt, als die Marquise schneller als der Blitz sich aus meinen Armen losmacht, unsere Thüre heftig aufstößt, sich aus dem Kasten hinausstürzt, auf den Tisch losrennt, ihn umwirft und... bereits sehe ich nichts mehr. Die Thüre ist gegen mich zurückgeworfen, die Kerzen sind ausgelöscht, ich kann das Geräusch von fünf oder sechs sehr schnell gegebenen Ohrfeigen hören: ich kann Frau von B... mit festem Tone also sprechen hören: »Sie, kleines Geschöpf, das ich aus der Hefe des Volks und des Elends hervorgezogen habe, es steht Ihnen wohl an, die tiefe Ehrfurcht zu vergessen, die Sie Ihrer Wohlthäterin schuldig sind, und die Privataufführung derselben zum Gegenstand Ihrer geheimen Gespräche, Ihrer unverschämten Neugierde und Ihrer frechen Bemerkungen zu machen. »Besonders finde ich es sehr keck, dass Sie meinen Gemahl zu liederlichen Orgien verleiten. Und Sie, mein Herr, dies ist also der Preis, womit Sie meine grenzenlose Anhänglichkeit bezahlen? ich dachte mir wohl, dass einige Eroberungspläne Sie nach Longchamps führen, ich habe Sie verfolgen lassen, man hat Sie gesehen, ich selbst habe Sie unter dem Gefolge einer Buhlerin gesehen, und auch im Begleitung eines jungen Menschen, mit dem Sie aus Rücksicht für mich nie weder öffentlich noch unter vier Augen sprechen sollten; man hat Sie zurückgehen sehen, um diese Person wegen ihres Unfalles zu trösten, den sie sich durch ihre Frechheit zugezogen hatte. Sie haben sie dann im Triumphe nach Hause geführt. »Und Sie, mein Fräulein, mögen wissen, dass, wer sich gewerbsmäßig verkauft, der muss darauf gefasst sein, dass sich seine Dienerschaft vom ersten besten bestechen lässt. »Ich war in diesem Zimmer versteckt, wo ich Sie, mein Herr, bald mit Ihrer Geliebten ankommen sah, ich war diesmal fest entschlossen, mir endlich den sichern Beweis von Ihren täglichen Treulosigkeiten zu verschaffen; und ich habe mir diese Beweise verschafft, ich darf mich jetzt nicht mehr wundern. »Dieses hübsche Mädchen ist Ihrer Zärtlichkeit so würdig. Indes beruhigen Sie sich! ich werde nie mehr weder über Sie noch über das Fräulein zornig werden; es reut mich sogar bereits, dass ich mich in der ersten Bewegung eine Gewaltthat gegen sie erlaubt habe. Diese Scene, das verspreche ich Ihnen, wird die letzte sein, die sich die eifersüchtige Marquise erlauben wird; und um mich fortwährend Ihrer äußerst verbindlichen Ausdrücke zu dienen, meine Anbetungen werden Sie nicht mehr belästigen. Herr Marquis, erinnern Sie sich des Tages, da leere Gerüchte und gehässiger Argwohn von Ihrer Seite mich anklagten! wenn ich mich nicht gerechtfertigt hätte, wenn es mir nicht gelungen wäre. Sie von meiner Unschuld zu überzeugen, so waren Sie im Begriff, von Ihren Rechten Gebrauch zu machen. Nun denn, mein Herr, Sie haben soeben hier auf Justinens Sopha über sich selbst das Urtheil gefällt. »Ich erkläre Ihnen, dass ich von nun an einsam, aber frei leben werde. Sie indes, Herr Marquis, werden jetzt noch ein wenig glücklicher, als vorher, unbelästigt so viele Maitressen haben, als Ihnen beliebt, alle Frauen, denen Sie gefallen, alle Mädchen, die Ihnen gefallen ... diese hier ausgenommen. Ich will dieser Ihre Freigiebigkeit nicht zu gut kommen lassen und das ist meine einzige Rache. »Ich sage entschieden, dass wenn sich das Fräulein noch ein einziges Mal erlauben sollte, Sie in ihrem Hause zu empfangen, ich sie unbarmherzig fortführen lasse. »Mein Herr, ich schmeichle mir, dass Sie die Güte haben werden, mir den Arm zu reichen, um mit mir ins Hotel zurückzukehren.« »Ja, ich verstehe Sie, Frau Marquise!« rief Justine, die, als sie den Marquis und seine Gemahlin bis ins Vorzimmer zurückbegleitet hatte, sich allein glaubte; »ich verstehe Sie, Sie werden mich für dieses Opfer gehörig entschädigen; meine Sachen werden um so besser gehen, weil ich dann Herrn von Valbrun behalten werde.« Während Justine mit sich selbst sprach, blieb ich in dem Kasten, erstaunt über das, was ich gehört hatte. »Ah! ein schöner Auftritt!« und Justine fing an aus Leibeskräften zu lachen. »Wie hätte ich ahnen können, dass diese Frau hier wäre, in diesem Kasten!« Sie öffnete ihn und fand mich darin. »Ha! und der Andere auch! Mein Gott, ich vergehe vor Lachen! der Auftritt schien mir schön, aber so ist er noch weit besser! wie, Herr Chevalier, Sie waren hier! wie, wir waren zu vier! Ich hoffe, mein Herr, Sie haben eine so schöne Gelegenheit, Ihre Rechte wieder zu erlangen, nicht unbenutzt gelassen?« »Justine, sprich mir nicht davon! Du siehst mich noch ganz erstaunt über ihre Geistesgegenwart, über ihre glückliche Kühnheit; durch eine teuflische List, eine Weiberlist, hat sie mir den Sieg entrissen, den Sieg, dessen ich mich schon sicher glaubte.« »Dies thut mir wirklich leid, es wäre so noch spasshafter gewesen. Indes ist dies kein Unglück. Wenn ich es geahnt hätte, dass Sie, Herr von Faublas, ganz in der Nähe wären... »Wissen Sie aber, dass mich der Gedanke an diese prächtige Rache entzückt... hier, fast unter den Augen seiner Frau; aber es geschah früher auch unter den Augen des Gemahls, dass die tugendhafte Dame Sie, Herr Chevalier, anbetete, wie sie es vorhin dem Marquis so komisch zu verstehen gab! »Ah! das ist eine Musterfrau! sie hat ihm wüthende Erklärungen gemacht! er hat harte Wahrheiten gehört, der arme Mann! sie hat ihm nicht einmal Zeit gelassen, wieder zu sich zu kommen. Ich wollte, Sie hätten wie ich das Gesicht gesehen, das er machte; die Augenbrauen in die Höhe, der Mund offen, die Augen starr; ich wette, dass er nach Hause kommt, ehe er die Kraft findet, ein Wort zu erwidern.« In jeder ihrer Hände eine volle Geldbörse wiegend, fügte Frau von Montdesier hinzu: »Was mich besonders freut, ist, dass ich mich bereichern werde, der Mann zahlt mich, um mich zu liebkosen, und die Frau, um mich zu schlagen.« »Wie so, das verstehe ich nicht recht.« »Ich habe diese da auf meinem Sopha erhalten; diese hier hat mir die Frau Marquise, ehe die Kerzen wieder angezündet wurden, auf eine sehr geschickte Art mit der einen Hand gegeben, während sie mir mit der andern diese kleinen Ohrfeigen versetzte, die mir mehr Angst als weh gethan haben. Herr Chevalier, wenn Ihre Gräfin die Schläge, die sie gibt, wenigstens auch so bezahlen würde.« »Justine, ich denke, der Marquis und seine Gemahlin sind schon weit genug, dass ich mich entfernen kann. Gute Nacht!« »Wie! wirklich! was ist aus der Liebe geworden, die Sie für mich hatten?« »Die Liebe ist schwach geworden, meine Kleine, oder vielmehr sie ist entschwunden.« »Ach, suchen Sie doch, dass sie eines Tages wiederkehre,« sagte sie nachlässig, sich im Spiegel betrachtend; »und wenn sie wiederkehrt, so kommen Sie damit zurück. Sie werden immer gut aufgenommen werden; aber ehe Sie gehen, essen Sie doch wenigstens ein bischen.« »Du hast Recht, ich sterbe vor Hunger... doch nein, es ist schon spät! mein Vater muss unruhig sein; lebe wohl, Justine!« Sobald ich mich am Thore des Hotels zeigte, rief der Schweizer: »Da ist er! da ist er!« Ebenso wiederholte Jasmin auf der Treppe. »Ist er nicht verwundet?« fragte mein Vater, der auf mich zueilte. »Nein,« rief ich; »Sie haben mich also unter der Masse mit Herrn von B... gesehen?« »Ja, ich habe Dich gesehen, mein Sohn, ich habe mich umsonst angestrengt, mir einen Weg zu Dir zu bahnen; seit drei langen Stunden, dass ich wieder hier bin, sterbe ich vor Unruhe. Was ist Dir denn begegnet? wie hat Dein Gegner Dich so lange aufgehalten?« »Die Sache verhält sich so: als wir uns der Menge entziehen konnten, waren wir beide sehr erhitzt.« »Du hast ihn vielleicht getödtet?« »Nein, nein, mein Vater, aber er hat mich genöthigt ...« »Abermals ein Duell?« »Ganz und gar nicht, mein Vater! hören Sie doch das Ende! er hat mich genöthigt, ihn nach Saint-Cloud zu begleiten, zu einem Freunde, den er dort hat, und bei diesem Erfrischungen einzunehmen...« »Und deshalb bin ich hier vor Angst beinahe vergangen, während Du Dich belustigtest?« »Hören Sie, mein Vater! Herr von B... hat nur einen Kummer, den, dass er mir arg mitgespielt hat; er ist untröstlich darüber und hat mich zwanzigmal um Verzeihung gebeten; er liebt mich; er ehrt mich, ebenso wie Sie, mein Vater; ich bin beauftragt, Sie seiner Achtung zu versichern.« Mein Vater gab sich Mühe bei diesen Worten ernsthaft zu bleiben; da es ihm aber nicht gelang, kehrte er mir den Rücken. Frau von Fonrose, die nicht dieselben Gründe hatte, an sich zu halten, überließ sich ihrer Heiterkeit nach Herzenslust. Ihre Blicke bedeuteten mir jedoch, dass sie begreife, wo ich Erfrischungen eingenommen habe. Nachdem sie genug gelacht hatte, verließ uns die Baronin. »Ich gehe,« sagte sie zu uns, »weil ich morgen bald aufstehen muss, um auf das Schloss der kleinen Gräfin zu reisen.« Man weckte mich um sieben Uhr des andern Morgens, um mir ein Billet von Justine zu übergeben; der Inhalt lautete: »Herr Chevalier! Der Vicomte von Florville ist bei mir, um mir diesen Brief zu diktieren. Es thut ihm sehr leid, dass dringende Angelegenheiten ihn gestern verhindert haben, mir in Ihrer Gegenwart zu sagen, was er von meinem Betragen gegen die Frau Gräfin halte. Ein Mädchen meiner Art muss wahrhaftig den Kopf verloren haben, um die unverschämte Frechheit zu haben, eine Frau von ihrem Range öffentlich zu beschimpfen. Meine tolle Schamlosigkeit hätte auch Herrn von Florville bloßstellen können, weil, wenn Sie ihn nicht genau kennen würden, Sie, Herr Chevalier, vielleicht den Verdacht gefasst hätten, er habe Antheil an dieser gehässigen Aufführung. Indes verzeiht mir der Herr Vicomte für seine Person; aber er zweifelt, ob Sie zu gleicher Nachsicht geneigt sind; und er kündigt mir an, dass, wenn Sie mir nicht verzeihen, der schwache Schutz des Herrn Valbrun und anderer, obschon gewichtigere Rücksichten es nicht hindern werden, dass ich heute Nacht nach... gehe. Herr von Forville hat die Güte, mir die Demüthigung zu ersparen, dieses Wort zu schreiben. Ich bin mit Reue, mit Angst, mit Ehrfurcht u.s.w. Montdesier.« »Melde dem Herrn Vicomte meine tiefste Hochachtung, armes Kind, und versichere ihn meiner ganzen Erkenntlichkeit; aber sage ihm, dass seine Besorgnisse ungegründet seien, dass es mir nie einfallen könnte, von ihm zu glauben, er wäre im Stande, Mittel, wie die gestrigen, und ein Mädchen wie Dich zu gebrauchen, um die Frau Gräfin zu ärgern. Du wirst nicht ermangeln, hinzuzufügen, dass ich Dir verzeihe aus dreifacher Rücksicht, auf den Hieb, auf den Fall und auf die Ohrfeigen von gestern. Indes es geschah Dir wohl, meine Kleine!« Inmitten dieser sonderbaren Ereignisse kam die Erinnerung an meine Sophie in meine Seele; dieser Gedanke verbannte alle übrigen jugendlichen unüberlegten Schritte, wozu mich nicht nur mein allzu leidenschaftlicher Charakter, aber auch die Eifersucht der beiden Nebenbuhlerinnen antrieb. O, meine Gattin, die ich immer gleich heiß geliebt, und mit jedem Tag sehnlicher herbeiwünschte, wann wirst Du kommen, um durch Deine Gegenwart die lebhaften Eindrücke zu schwächen und zu zerstören, die auf den Geist und das Herz Deines jungen, gegen so viele Versuchungen zu schwachen Gemahls die Zärtlichkeiten und die Reize Deiner Nebenbuhlerinnen ausüben? Was vermag ein Sterblicher gegen das Geschick? In demselben Augenblicke, wo ich die schönsten Entschlüsse fasste, bereitete sich mein böser Genius vor, mir mehrere Treulosigkeiten aufzuerlegen, von denen, ich muss es gestehen, es ungerecht wäre, sie ganz nur mir allein zur Last zu legen. Frau von Fonrose, die ich schon ferne glaubte, kam gegen Mittag und kündigte uns an, eine leichte Unpässlichkeit habe sie in der Stadt zurückgehalten, daher sie mit uns zu Mittag speisen wolle, und sogleich wurde beschlossen, nach Tisch einen Spaziergang in die Tuilerien zu machen. Ich lehnte die Partie ab. Vor Tisch sagte Frau von Fonrose, die mein Vater einige Augenblicke mit mir allein gelassen hatte, zu mir: »Sie haben wohl daran gethan, dass Sie nicht mit uns gehen wollten; freuen Sie sich, heute Abend werden Sie Frau von Lignoll sehen.« »Ist es wohl möglich? welches Glück!« »Hören Sie und danken Sie mir; diesen Morgen, als ich an meiner Toilette saß, ist mir ein prächtiger Gedanke gekommen; ich eilte zur Gräfin, um ihr denselben mitzutheilen; aber wie sie schon immer zu rasch ist, war sie es auch diesmal und ich fand sie nicht mehr zu Hause, sie war bereits abgereist. »Sogleich bin ich zu der alten Tante gegangen und habe ihr mitgetheilt, Fräulein von Brumont habe eben erst die Erlaubnis erhalten, nach Gatinois zu gehen, und ersuche die Frau Marquise durch mich, ihre Reise um einige Stunden aufzuschieben und sie in ihrem Wagen aufzunehmen.« »Und warum nicht in dem Ihrigen?« »Eine schöne Frage! weil ich mich aufopfere! damit Sie auf's Land gehen können, muss ich zu Hause bleiben. »Nach dem Concert nehme ich Ihren Vater mit mir, und ich habe, um ihn die ganze Nacht aufzuhalten, ein Mittel, das ich Sie errathen lassen werde, junger Herr! Der Baron wird um so weniger Schwierigkeiten machen, als er, von der Entfernung der Frau von Lignoll unterrichtet, von keiner Gefahr sprechen kann, Sie sich selbst zu überlassen. »Der Baron wird bleiben, das verspreche ich Ihnen; ich verpflichte mich sogar ihn den ganzen morgigen Tag bei mir zu behalten. Morgen werde ich es so einrichten, dass er erst um Mitternacht nach Hause kommt; sorgen Sie dafür, dass Sie jedenfalls vor neun Uhr wieder da sind. »Sobald Ihr Vater und ich fort sind, wird Agatha kommen und Sie frisieren und ankleiden. »Sie fahren dann unverweilt zu Frau von Armincour. Vergessen Sie ihre Adresse nicht.« »Fürchten Sie nichts, meine edelmüthige Freundin; wie können wir Ihnen aber für so viele Aufopferung danken? Ich weiß gewiss, dass die Gräfin auch meine Gefühle der Dankbarkeit theilt.« »Mein lieber Chevalier, halten Sie mich nur nicht für allzu selbstlos, etwas wird dabei doch auch für mich abfallen; oder scheine ich Ihnen denn zu matronenhaft, als dass ich dabei nicht auch ein kleines Vergnügen für mich bereit hielte? Oh, Ihr Verliebten seid doch Alle gleich, und denkt nur an Euch! »Es wird vielleicht sechs Uhr, bis Sie wegfahren, doch werden Sie immer noch zeitig genug ankommen, um eine glückliche Nacht bei der Gräfin zu haben. Morgen werden Sie beim Feste der Frau von Lignoll zur Seite stehen, die etwas matt sein dürfte und der es schwer ankommen wird, die Hausfrau zu machen. Es gibt nun einmal keine Freude ohne Leid, und ich bin überzeugt, dass ihr blasses Gesichtchen Ihnen interessanter erscheinen wird. »Aber Geduld! auch Sie werden Ihre Strafe haben; denn Sie dürfen dem Hauptessen nicht beiwohnen; ich bin zwar untröstlich darüber, Ihnen dies sagen zu müssen. »Schlag zwei Uhr müssen Sie Post nehmen; Chevalier, versäumen Sie das ja nicht, achten Sie auf die Bitten Ihrer unbesonnenen Geliebten nicht! bedenken Sie, dass Sie die Gräfin bloßstellen würden, mich aber beleidigen, und sich selbst auf immer die einzige Hilfe rauben, die Sie bei Ihrer Freundin, wie ich Ihnen eine bin, haben.« Als mein Vater zurückkam, war die Baronin genöthigt das Gespräch zu ändern. Es ging Alles so glücklich, wie Frau von Fonrose mir angekündigt hatte. Vor fünf Uhr war Faublas verkleidet, und Fräulein von Brumont wurde schlag fünf Uhr bei der alten Marquise gemeldet. Ich sah dort ein schlankes, aufgeschlossenes, ziemlich großes Mädchen, das auf seinen fünfzehnjährigen Wangen bloß die frischen Farben der Natur hatte und mich zu dem Ausrufe veranlasste: »Ein hübsches Mädchen, Frau Marquise.« »Es ist eine Cousine der Gräfin, Fräulein von Mesanges. Ich habe sie aus ihrem Kloster geholt, um sie auf dieses Fest mitzunehmen.« »Das Fräulein wohnt dieser Feierlichkeit vielleicht das erste Mal bei?« »Aber sagen Sie mir, waren Sie gestern nicht mit der Gräfin in Longchamps?« »Nein, Madame.« »Ich habe dort jemand gesehen, der viele Ähnlichkeit mit Ihnen hatte,« versetzte die Marquise. »Wo dies, Madame?« »In Longchamps.« »Dies ist wohl möglich,« sagte ich gleichgiltig; es galt jedoch der alten Marquise jeden Verdacht auszureden, und ich bemühte mich deshalb, das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, und sagte daher: »Es ist wirklich ein reizendes Mädchen, und schon heiratsfähig.« »Wir denken auch darauf,« erwiderte die alte Witwe. »Und Sie, mein Fräulein?« fragte ich. »Ich,« antwortete Agnes, verlegen die Augen niederschlagend und ihre Hände kreuzend, »ich! ach, das geht mich nichts an; man hat mir nur gesagt, dass man mir es sagen würde, wenn es Zeit ist.« »Ja,« rief die Marquise, »wir werden es ihr sagen, wenn es Zeit sein wird, und Sie in Kenntnis von unserem Vorhaben setzen. Fräulein von Brumont wird mit Ihnen sprechen. Den Tag vorher werden Sie mit ihr sprechen, nicht wahr?« »Ich werde stets bereit sein Ihnen zu dienen, Frau Marquise.« »Es soll ihr nicht dasselbe Unglück begegnen, wie meiner armen Nichte. Es könnte ihr leicht begegnen. Wahrlich, sie weiß noch gar nichts. Aber ich ersuche Sie, sie zu belehren.« »Mit vielem Vergnügen.« »Noch nicht jetzt, aber wenn der Augenblick wird gekommen sein, bitte ich Sie Ihr ganzes Talent darauf zu verwenden.« »Die Frau Marquise kann sich auf mich verlassen.« »Ja, ich weiß es gut, und ich kenne kein gefälligeres, kein klügeres Mädchen als Sie.« Wir machten uns bereit zu gehen, und als wir in den Wagen stiegen, konnte ich nicht umhin die Bemerkung zu machen, dass Fräulein von Mesanges ein hübsches Bein und einen sehr kleinen Fuß hatte. Und unterwegs konnte ich nicht umhin, zuweilen meine Augen länger, als nöthig gewesen wäre, auf einem sehr verrätherischen Spitzentuche ruhen zu lassen, welches den zarten Busen meines reizenden vis-à-vis verhüllen sollte. Ich konnte nicht umhin, ganz leise zu mir zu sagen, dass der glückliche Sterbliche zu beneiden sein wird, der dieses liebliche Wesen sein eigen nennen wird. Fräulein von Mesanges, sei es nun aus Instinkt oder aus Sympathie, schien viele Freundschaft für mich zu haben, sie hatte sich mir schon innig angeschlossen, als wir ins Schloss kamen. Hier schlief Alles, nur eine einzige Kammerfrau wachte noch wegen der Frau Marquise und ihrer jungen Verwandten. Die Gräfin hatte Sorge getragen, ihren werten Gästen ihr eigenes Zimmer vorzubehalten; ihre Tante sollte ihr Bett bekommen, ein anderes war für die Cousine im anstehenden Kabinet aufgeschlagen. Was Fräulein von Brumont betrifft, so hatte man sie nicht erwartet. Alles war im Schlosse besetzt, denn alle Jahre zur Zeit dieses Festes empfing die Marquise ihre ganze Familie bei sich; aber diesmal brachte jeder noch andere Freunde mit und deshalb war Mangel an Platz. Mein erstes Wort war, man solle die Gräfin wecken. Die alte Marquise wurde fast böse, als ich diesen Vorschlag machte; sie sagte, es sei unzart, ihre Nichte zu stören, und junge Leute könnten wohl beisammen schlafen und müssten nicht wegen einer Nacht solche Einwendungen machen. Das junge Mädchen meinte, es wäre sehr unterhaltend die ganze Nacht mit einander zu plaudern, und es müsste nicht jeder besonders in einem Bette schlafen. Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich zu meiner Leonore gelangen könnte, aber die Tante gab strengen Befehl, ihre Nichte nicht zu stören und uns beide, Fräulein Mesanges und mich, zu entkleiden; ich musste darauf bedacht sein diesem Befehle eine Opposition zu stellen. Ich sah, wie die Kammerfrau die Tante bereits ihres ganzen Toilettschmuckes beraubt hatte. Unter welchem Vorwand konnte ich ihren allzu gefährlichen Dienst ausschlagen? Ich entkleidete mich daher schnell und lief nach dem Kabinet; und schon hatte ich den Fuß in das nette Bett gesetzt, wo die Fräulein von Mesanges und von Brumont die Nacht über neben einander zubringen sollten. Aber zu meinem großen Schreck hatte sich die Tante anders besonnen. Sie halte sich wahrscheinlich an mein bekanntes Talent, alles zu erklären, erinnert, und sie fürchtete vielleicht, ich möchte ihre Agnes über manche Sachen aufklären, wo sie dachte, es sei noch zu früh. »Ich habe mir die Sache überlegt, Fräulein von Brumont, und Sie müssen bei mir schlafen!« Ich war nicht wenig über diesen Vorschlag empört, ebenso war es aber das junge Mädchen. »Wie! meine gute Tante, aus Furcht, wir möchten ein wenig geniert sein, setzen Sie sich der Unannehmlichkeit aus, eine schlechte Nacht zuzubringen?« »Ängstige Dich nicht, meine kleine Agnes; Du weißt, dass ich einen ausgezeichneten Schlaf habe.« Ich versuchte eine letzte Einwendung: »Wie! Frau Marquise, Sie hatten die außerordentliche Güte für mich zu erlauben, dass ich mit Ihnen schlafe und Sie belästige?« »Durchaus nicht, mein Engel! Sie werden mich gar nicht belästigen, dieses Bett ist ja sehr groß, und wir werden uns sehr gut darin befinden. Ich versuchte meine freundlichen Vorstellungen zu wiederholen, wurde aber durch ein rauhes und gebieterisches »Ich will es!« unterbrochen. Ich musste mich entschließen, so schnell als möglich dieser Aufforderung nachzukommen, um keinen Verdacht zu erregen, denn es war wirklich eine sehr kritische Lage, und ich musste alle Vorsicht anwenden, um Faublas allen Augen zu entziehen, deshalb eilte ich trotz eines mächtigen innern Sträubens, das nette Lager eines reizenden Kindes zu verlassen und das große und bequeme einer sechzigjährigen Matrone zu theilen. »Kommen Sie näher, meine Liebste, kommen Sie näher,« sagte sehr zärtlich Frau von Armincour. »Nein, Frau Marquise, nein, ich würde Sie belästigen.« »Sie werden mich nicht belästigen, mein Herzchen.« »Ich habe die Ehre Ihnen gute Nacht zu wünschen, Frau Marquise.« »Sie sind also sehr schläfrig?« »O, sehr! ich kann meine Augen kaum aufhalten.« »Nun denn, genieren Sie sich nicht, es ist Platz da ... aber wo sind Sie denn? warum ganz auf dem Rande des Bettes?« Sie machte eine starke Bewegung; wenn meine Hand die ihrige nicht aufgehalten hätte, guter Gott! was hätte sie entdeckt. »Ach, Madame, berühren Sie mich nicht, ich werde sonst sehr nervös.« »Beruhigen Sie sich, ich wollte nur wissen, wo Sie sind; aber ganz nach Bequemlichkeit, legen Sie sich doch wieder.« »Gute Nacht, Madame!« »Aber, meine Kleine, bleiben Sie doch nicht ganz auf dem Rande, warum dieser Eigensinn, warum nicht näher rücken? es ist mehr Raum da, als man braucht.« »Ich habe die Ehre Ihnen gute Nacht zu wünschen, Frau Marquise.« »Wie viel Uhr kann es sein?« »Ich weiß es nicht, Madame, aber ich wünsche Ihnen gute Nacht.« Endlich hatte die gesprächige Tante die Güte, mich nun auch das so lebhaft gewünschte: »Gute Nacht!« hören zu lassen. Dieses »gute Nacht!« freute mich sehr, denn es zu hören wünschte ich sehnlichst. Sobald die Marquise zu schnarchen anfing, schien es mir, als ob man mit leiser Stimme rufe: Meine liebe Freundin! Ich glaubte, es sei ein Spiel meiner aufgeregten Einbildungskraft. Ich erhob den Kopf und lauschte auf das geringste Geräusch: ein zweiter Ruf mit gedämpfter Stimme traf mein Ohr. »Liebe Freundin, können Sie schlafen?« »Nein, wahrhaftig, ich kann nicht, und ich dächte, es wäre viel unterhaltender, wenn mir mit einander schwatzen würden.« »Wenn Sie dies glauben, so kommen Sie doch.« »Von Herzen gern; aber die Marquise?« »Trösten Sie sich, Fräulein von Brumont, wenn sie schnarcht, so ist es ein, Zeichen, dass sie schläft. Sie riskieren nichts; kommen Sie!« »Von Herzen gern, liebe Freundin; aber Sie sind eingeschlossen, ich kann nicht zu Ihnen!« »Gewiss, man schließt mich immer ein, ich hätte sonst Angst –« »Wie soll ich denn hineinkommen?« »Die Frau Marquise hat mich eingeschlossen und den Schlüssel in ihre Tasche gegeben. Sie können denselben aber in Finstern leicht finden, am Fuße ihres Bettes auf dem zweiten Lehnstuhl links.« Ohne das geringste Geräusch zu machen, fand ich den Lehnstuhl, die Tasche, den Schlüssel, das Schloss. Ich fand meine liebe Freundin, die mich in ihrem Bett empfing, um zu plaudern. Das liebenswürdige Kind! Ich fing meine Belehrungen auf eine sehr geschickte Art bei meiner naiven Freundin anzuwenden; bald ging ich zu einem Thema über, welches das Mädchen in Verwunderung versetzte. Ich weidete mich an ihrer Neugierde, ihrer Unruhe und süßem Irrthume. War es nicht sehr grausam, das Schlachtfeld in dem Augenblicke verlassen zu müssen, wo mein Sieg sich entschied? und doch musste es sein. Die Marquise, die plötzlich aus ihrem ersten Schlafe aufweckte, wurde unruhig und murmelte die Worte: »Mein Gott! es ist ein Traum! Meine Kleine, Sie haben mich plötzlich aufgeweckt.« »Grollen Sie mir nicht, Frau Marquise!« »Ach! ich will Ihnen meinen Traum erzählen!« »Aber, Madame, Sie werden dann nicht mehr einschlafen können.« »Ich kann es, sobald ich es will, sagen Sie mir, mein Engel, woher nimmt man doch, was man in den Träumen sieht? Die Scene war hier; ich träumte, ein junger Mann umfasste mich mit Gewalt.« »Frau Marquise! welcher Mensch könnte doch diese Kühnheit haben?« »Rathen Sie.« »Ich war es nicht.« »Nein, Sie konnten es nicht sein, aber offenbar war es Ihr Bruder ...« »Ich habe keinen Bruder.« »Ich sage nicht, dass Sie einen haben, meine Liebe, man träumt alle Tage, was in der Wirklichkeit nicht ist. In meinem Traume war es Ihr Bruder, denn er glich Ihnen auf's Haar!« »So verzeihen Sie mir denn dieses neue Unrecht.« »Sie scherzen, Fräulein, erstens sind Sie nicht Schuld daran, und dann ist das Unglück auch nicht groß! aber hören Sie, dies ist nicht Alles.« »Wie, der Freche hätte vielleicht die Kühnheit gehabt auf's Neue anzufangen?« »Nein, ich habe ihn bald mich verlassen gesehen, um in dieses Kabinet zu gehen.« »In dieses Kabinet?« »Ohne meine Erlaubnis, verstehen Sie?« »Ohne Ihre Erlaubnis – ?« Ich war in einer wahren Todesangst, dieser den Umständen so angemessene Traum, hatte die Marquise ihn wirklich gehabt? war es eine späte Warnung, welche die unvorsichtige Ehrenhüterin durch diesen Traum erhielt, oder hatte diese Dame den angeblichen Traum erfunden, um mir deutlich zu verstehen zu geben, dass mein Vergehen entdeckt sei, dass nur eine vollständige Unterwerfung es sühnen könne? Bei diesem letzten Gedanken nahm ich meinen Muth zusammen, um durch einige gewandte Fragen über die wahren Absichten der Frau von Armincour ins Klare zu kommen. »Ist es Ihr Ernst?« »Ganz Ernst, mein Herzchen, ja, ich hörte!« »Sie hatten mir auch gesagt, Sie hätten gesehen? wie konnten Sie ohne Licht sehen?« »In meinem Traume war es Tag.« Diese im einfachsten Tone gegebene Antwort gab mir meinen Muth wieder. »Gute Nacht, Frau Marquise!« »Nun denn, mein Kind, da Sie es durchaus wollen, gute Nacht!« Mit diesen Worten schlief sie wieder ein und bald hörte ich ihr Schnarchen auf's neue. Nun wusste ich auch, dass die süße Schäferstunde bald kommen wird; es war das glückliche Signal, wieder zu meiner reizenden Freundin zurückzukehren. Leise schlich ich zurück, schon lüftete ich mit unendlicher Vorsicht die Decke, als auf einmal das günstige Schnarchen aufhörte. Eine dicke, rauhe Hand, die mir wie die der Proserpina erschien, fasste mich im Genick und hielt mich eine Zeit lang fest. »Einen Augenblick!« sagte endlich die Tante, »ich gehe mit Ihnen.« Sie kam in der That, aber nur, um die Thüre sorgfältig wieder zu schließen. »Schlafen Sie, mein Kind! schlafen Sie!« rief sie der kleinen von Mesanges zu, »und haben Sie Geduld, mir werden Sie bald verheiraten.« »Aber, Frau Marquise,« antwortete die liebe Kleine, »ich bin noch nicht heiratsfähig!« »Ja! ja!« antwortete die Marquise, »kleine Spröde! Sie sehen aus, wie wenn Sie nicht daran dächten! dies wird mich nicht hindern, dass man die Sache in Ordnung bringt, und zwar so bald als möglich. Und Sie, erfahrenes Fräulein!« fügte sie hinzu, mich an der Hand zu ihrem Bette führend, »sehen wir! ob Sie wirklich nur für die Jungen wachen können.« Einen Augenblick herrschte Stille, dann fragte mich die gute Tante mit ihrer rauhen Stimme, die sie so sehr als möglich zu sänftigen suchte, ob ich ihren Traum vergessen habe, ob ich bloß einen Theil davon in Erfüllung bringen wolle? ah! ich dachte an ihren Traum! ich dachte an die Notwendigkeit durch Aufopferung meiner selbst ein größeres Unglück zu verhüten. Durfte ich es wagen, mir auf diese Art den ganzen Hass der Frau von Armincour zuzuziehen, durch eine Beleidigung, die keine Frau verzeiht, ihrer Rache Fräulein von Mesanges aussetzen, die so zu sagen auf der That ergriffen worden war, und meine theuere, ohne Zweifel ebenfalls compromittierte Lignoll, so blieb mir also zur Rettung meiner zwei Geliebten und meiner selbst nichts mehr übrig, als eine großmüthige Aufopferung. Ich fing nun an Zärtlichkeiten an Madame Armincour zu verschwenden, wohl wissend, dass sie nur auf diese Art zu besänftigen sei; und während ich an meine Leonore dabei dachte, vergaß ich die unliebsame Lage. »Welche Lebhaftigkeit!« rief höhnend die Marquise. »Sachte, mein Herr! sachte! verhalten Sie sich ruhig an meiner Seite! ich habe Ihnen eine Bosheit anthun können; man ist in jedem Alter, und ich in jedem Augenblicke lustig, wenn es sich nicht um meine Leonore handelt; aber dies hieße den Scherz ein wenig zu weit treiben, wenn ich nicht annehmen wollte, was Sie mir in Ihrer Großmuth anbieten!« »Madame!« »Ohne Zweifel werden Sie dieses Kind heiraten?« »Madame!« »Antworten Sie ehrlich: Wollen Sie nicht?« »Von Herzen gern!« »Oh! ja, er würde die ganze Familie heiraten, nicht wahr?« »Von Herzen gern, wie ich Ihnen sage, aber –« »Sehen wir Ihr, aber –« »Ich kann nicht.« »Sie sind verheiratet, nicht wahr?« »Ja, Madame.« »Es ist so, es ist also gewiss. Es ist etwas Entsetzliches, junge Mädchen zu verführen, die man nicht heiraten kann; denn sie ist verführt, ich vermuthe es!« »Madame, hören Sie mich an!« »Sprechen Sie, mein Herr! was geschehen ist, ist geschehen; da lässt sich nicht mehr helfen.« »Frau Marquise, werden Sie mir nicht böse, ich will Ihnen Alles erzählen.« Die gute Verwandte, die meine Darstellungen mit häufigen Ausrufungen unterbrach, sagte, als ich nichts mehr vorzubringen hatte: »Dies ist sehr sonderbar und vermindert das Übel ein wenig. Mein Herr, ich verlange von Ihnen das tiefste Geheimnis, und ich rechne noch auf einen Rest von Ehrenhaftigkeit.« »Rechnen Sie darauf, Frau Marquise.« »Sie sehen ein, dass ich dieses Kind nicht bald genug verheiraten kann, die Sache ist nicht schwer; das Mädchen ist hübsch und hat Vermögen. Sie wird so bald als möglich unterbracht werden; und da Sie vielleicht in der Welt von dem Thoren sprechen hören werden, der sich entschloss sie zu heiraten, so lassen Sie sich nicht einfallen, etwas zu erwähnen.« »Seien Sie vollkommen ruhig! ich sehe wohl ein, dass dieses Abenteuer ganz unter uns zweien bleiben muss.« »Gut, mein Herr! ich werde zu dem Mädchen nichts sagen, denn was sollte es auch nützen? es ist eine kleine Thörin, die ohne es zu wissen, einmal das große Mädchen gespielt hat; dies ist Alles. Lassen wir ihren lächerlichen Irrthum! nur damit sie ihn weder mittheilen, noch bemerken kann, werde ich Sorge tragen, sie und ihre gute Freundin, denn Sie, mein Herr, haben sich doch als solche betragen, ihrem Kloster zu empfehlen, möglich, dass Sie dort noch andere finden werden. Wenn Sie es jedoch für passend halten, so könnten wir ihre Cousine mit in das Geheimnis ziehen.« »Ihre Cousine?« »Ja, Frau von Lignoll.« »Nein, nein, ich bitte Sie inständigst, Frau von Armincour, thun Sie es nicht, es könnte unangenehme Folgen haben.« »Sie wollen es nicht? es ist wahr, dass sie zu lebhaft ist, um discret zu sein.« »Ohne Zweifel, Sie haben vollkommen Recht, Frau Marquise.« »Übrigens interessiert sie Ihr Betragen vielleicht so sehr, dass ...« »Oh! durchaus nicht.« »Nicht? verzeihen Sie, mein Herr, ich weiß jetzt, dass das junge Mädchen, das ihr Alles erklärt hat, ein sehr hübscher Kavalier ist; und Sie wollen, ich solle mich immer noch von Ihnen hintergehen lassen?« »Madame!« »Lassen mir dies! es ist ein sehr zarter Artikel, auf den wir zur Zeit zurückkommen werden. Mein Herr, ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Ruhen Sie, wenn Sie wollen, aber glauben Sie, dass ich nicht mehr einschlafen werde und alle Ihre nächtlichen Ausflüge verhindern will.« Von dieser Erlaubnis machte ich um so lieber Gebrauch, da mir nach dieser glücklichen, aber auch zugleich verhängnisvollen Nacht der Schlaf wirklich eine große Notwendigkeit war. Man ließ mich seine Annehmlichkeiten nicht lange genießen; die ersten Strahlen des Tages führten Frau von Lignoll zu uns. Sie kam in unser Zimmer, mit freudigem Ausdrucke in ihrem lieben Gesichte, welches ich über mir geneigt sah, als ich meine Augen öffnete, denn ich wurde durch ihre Küsse aufgeweckt. »Du bist da, liebe Brumont! welches Glück, ich erwartete Dich nicht. Soeben erfahre ich zufällig –« Sie ging an die Glasthüre, die zu dem Kabinet führte, und durch die Scheiben sehend, sagte sie: »Meine liebe Tante, Sie haben sehr wohl gethan, dass Sie meine kleine Cousine ganz allein hierher gelegt haben.« »Nicht ganz, meine Nichte.« »Warum, ich bitte, erklären Sie mir dies.« »Weil ich eine schlechte Nacht gehabt habe.« »Und sie haben meine Cousine eingeschlossen, das ist noch besser.« »Besser wie so?« »Habe ich besser gesagt, meine Tante? ich spreche gedankenlos; denn welche Gefahr könnte ihr drohen?« »Ohne Zweifel! in einem Zimmer, wo bloß Frauen sind.« »Warum sind Sie denn erst um zwei Uhr morgens gekommen, meine Tante?« »Weil ich Ihnen dieses liebe Kind bringen wollte, meine Nichte.« »Wie gütig Sie sind!« »Sehr gütig, nicht wahr?« »Brumont, warum haben Sie mich denn nicht wecken lassen?« »Grollen Sie ihr nicht, ich habe es nicht zugegeben.« »Sie haben sehr Unrecht gethan, meine liebe Tante, denn sehen Sie nur, wie verstimmt und traurig meine liebe Freundin ist.« »Du sprichst nichts, meine kleine Brumont, Du bist so schweigsam? sieh, es thut mir ebenfalls leid.« »Was thut Dir leid, meine Nichte?« »Dass Sie beide so schlecht geschlafen haben.« »Du hattest also noch ein Bett für das Fräulein?« »Sie hatte das meinige getheilt, liebe Tante.« »Eben das habe ich nicht gewollt, meine Nichte.« »Sie hätten dann besser geschlafen und wären nicht gestört worden.« »Ja, aber Du, mein Kind?« »Wir vertragen uns ganz gut beisammen, glauben Sie mir.« »Und doch ist sie eine sehr schlimme Bettgenossin.« »Finden Sie dies, meine liebe Tante? Sie sind also belästigt worden?« »Wahrlich, wenn dies jede Nacht begegnete; in meinem Alter!« Frau von Lignoll wurde durch den spöttischen Ton, womit die Tante diese Worte sprach, vollkommen beruhigt. Die gedankenlose Nichte sah die Sache bloß von der spasshaften Seite. »Aber Du, Brumont,« rief sie mich umarmend, »Du musst eine gute Nacht gehabt haben? meine Tante hat Dich wohl nicht am Schlafen gehindert. Du bist verdrießlich, und ich auch, glaube es. Ich bin untröstlich, dass man Dir mein Zimmer nicht gezeigt hat. Das Alles ist aber doch sehr lustig, Dich so zu sehen da ... neben der Tante, verzeih' mir, aber ich kann mich nicht mehr zurückhalten.« Sie brach in der That jetzt in ein schallendes Gelächter aus, das sie einige Zeit zurückgehalten hatte, ihre Lustigkeit war so stark und andauernd, dass sie sich endlich auf's Bett werfen musste. »Der Tollkopf lacht so herzlich, dass man ordentlich Lust bekommt mitzulachen,« sagte die Marquise, und lachte beinahe noch mehr als die Gräfin. Was konnte ich anderes thun, als einstimmen? unser lustiges Trio machte so viel Lärm, dass Fräulein von Mesanges davon erwachte. Sie klopfte an ihr Fenster. »Liebe Lignoll,« sagte die Marquise, »öffne diesem Kinde; nimm den Schlüssel aus meiner Tasche.« Die Gräfin öffnete, und ohne in das Kabinet zu gehen, rief sie ihrer Cousine guten Morgen zu, und setzte sich dann wieder neben mich auf den Rand des Bettes. Die kleine Mesanges flog gerade auf mich zu und sagte mich umarmend: »Guten Morgen, liebe Freundin!« »Was ist denn das?« rief die Gräfin überrascht und geärgert; »was sollen diese Vertraulichkeiten und dieser Name, den Sie ihr gegeben? wissen Sie, dass ich nicht will, dass man Fräulein von Brumont umarme, und dass sie niemandens liebe Freundin ist?« »Gut, liebe Lignoll,« rief die Marquise, »gut! verweisen Sie diese Kleine ein wenig, das will gleich Alles mitmachen.« Agnes, die kühner wurde, rief: »Niemandens, liebe Freundin! das ist lustig! ich weiß vielleicht nicht, dass dies meine liebe Freundin ist.« »Was sagen Sie dazu, Fräulein Brumont?« »Aber, meine Cousine,« versetzte Frau von Lignoll, »nehmen Sie doch ein Tuch um, Sie sind ganz nackt.« »Und warum das?« entgegnete die Andere; »es sind ja keine Männer da.« Die Marquise sah sie streng an und sagte in rauhem Tone: »Nein, es sind keine Männer da! aber es sind Frauen da, Frauen, verstehen Sie? kleine Thörin!« Sie nahm sie bei der Hand, schaute ihr scharf in die Augen und sagte streng: »Was haben Sie denn heute Nacht getrieben, sie sehen so blass aus.« »Nichts habe ich getrieben, ich habe nicht einmal geschlafen.« »Warum haben Sie nicht geschlafen?« »Warum? weil ich immer Achtung gab, um zu sehen, ob ich Sie nicht schnarchen hörte.« »Schnarchen! dieser Ausdruck! Sie hören also gerne schnarchen?« »Das eben nicht; aber weil man Langeweile hat, wenn man ganz allein in einem Bette ist, und sich doch gerne mit etwas belustigen möchte.« So sprechend, spielte sie mit einer meiner Haarlocken. Auf einmal versetzte ihr die leidenschaftliche Gräfin einen derben Schlag auf die Hand; und sie an den Schultern nehmend, führte sie die Kleine in ihr Kabinet zurück, den Befehl wieder holend, ein Halstuch umzunehmen. Die Marquise gab ihr Beifall: »Ja, liebe Lignoll, lehre sie Anstand. Thue mir den Gefallen und hilf ihr, sich anzukleiden, damit sie schneller fertig wird und wir sie wegschicken können, denn ich muss mit Dir sprechen.« Die Gräfin und ihre Cousine kamen beide schnell wieder in das Schlafzimmer zurück; es war genau zu sehen, dass Frau von Lignoll die Kleine aus dem Wege haben wollte. Die Marquise schickte sie in den Park, um sich daselbst zu ergehen; aber Fräulein Mesanges schien mich mit den Blicken aufzufordern, ihr zu folgen; ich hütete mich aber, denn das Benehmen der Gräfin schien mir etwas verdächtig; sollte sie etwa Verdacht haben? Als Fräulein Mesanges sich entfernt hatte, sagte die Marquise: »Komm, meine Nichte, und setze Dich hier zu mir; aber sieh doch auch mich zuweilen an; Du hast bloß für Fräulein von Brumont Augen, sie scheint mir nicht in ihrer gewöhnlichen Stimmung zu sein.« »O, nein!« sagte Frau von Lignoll mich umarmend; »sie ist verstimmt, dass man sie nicht zu mir geführt hat; sie hat sicherlich viel Achtung und Freundschaft für Sie, meine liebe Tante; aber da sie mich besser kennt, so hätte sie, ich wollte wetten, die Nacht lieber an meiner Seite zugebracht.« »Bilden Sie sich nicht zu viel darauf ein, liebe Gräfin, wenn ich es zugegeben hätte.« »Weshalb nicht, liebe Tante?« »Ich will mich näher erklären, meine Nichte. Es würde mir in der That sehr wünschenswert sein, wenn Sie das angebliche Fräulein nicht so vollkommen gut kennten.« »Das angebliche Fräulein, wie soll ich das verstehen?« »Meine Nichte, ich will Ihnen etwas sagen, dass Sie überrascht! Ich erkläre Ihnen, dass dieses hübsche Mädchen ein Mann ist.« »Ein Mann, sind Sie dessen gewiss, meine Tante?« »Gewiss, und er selbst soll mich Lügen strafen, wenn ich nicht streng bei der Wahrheit bleibe. »Dieses Fräulein ist ein Mann! ich habe unglücklicherweise mehrere Gründe, nicht mehr daran zu zweifeln. Noch mehr! ich weiß jetzt seinen wahren Namen; und Alles sagt mir, dass er auch Ihnen seit geraumer Zeit nicht unbekannt ist, meine Nichte. Gestern um fünf Uhr ging ich nach Longchamps, wo ich mit großer Verwunderung Sie antraf. Sie halten mir aber am Morgen Ihre Begleitung rundweg abgesagt, unter dem Vorwande einiger wichtigen Geschäfte. Sie haben mich nicht einmal bemerkt, Madame, weil Sie Ihre Augen bloß für einen Kavalier halten, der seinerseits unaufhörlich auf Sie sah. Dies machte mich aufmerksam auf ihn. Es war das Fräulein von Brumont in Mannskleidern, oder wenigstens ein Bruder von ihr, dessen Gesicht durch seine vollkommene Ähnlichkeit Ihre Aufmerksamkeit, wie die meine, erregte. Es kam, unmittelbar nach Ihrem Wagen, ein anderer noch schönerer, in diesem saß ein junges sehr elegantes Mädchen, das ebenfalls diesen jungen Mann lorgnettierte. Ich denke, liebe Nichte, dass diese Frau Sie nicht sehr liebt, denn sie hat sich eine Frechheit gegen Sie erlaubt, wofür Sie dieselbe gehörig gestraft haben, worüber ich herzlich gelacht habe. Aber während ich lache, erhebt sich ein großer Lärm; ich frage, was das zu bedeuten habe, als man mir sagt: Diese allgemeine Aufregung gelte einem jungen Kavalier, der durch sein außerordentliches Abenteuer schon bekannt sei. Es ist das Fräulein Duportail, der Liebhaber der Marquise von B... Sie können sich meine Verwunderung denken; sogleich gehen mir die Augen auf, ich erinnere mich an tausend beunruhigende Umstände, ich muss mir sagen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass der Liebhaber der Marquise auch der Geliebte der Gräfin ist. Ich darf aber kein zu schnelles Urtheil über eine Nichte fällen, die ich achte. Ich werde sehen, ich werde nach Gatinois kommen. Doch nein, am gewünschten Tag kommt die gefällige Frau von Fonrose zu mir und macht mir in aller Freundschaft den Vorschlag, Ihnen den Herzensfreund zuzuführen. Entzückt über einen für meine Pläne günstigen Zufall, sehr entschlossen, das Fräulein in der Nähe zu beobachten und die Sache so einzurichten, dass kein Verdacht auf mich fällt, nehme ich den Vorschlag an. Er glaubt, da Sie schon zu Bette gegangen, wenigstens das Lager der kleinen Mesanges theilen zu dürfen. »Eine Stunde später ertappe ich ihn, so zu sagen, auf der That. Er gesteht mir seinen Namen nicht, nach welchem ich auch nicht frage, aber sein Geschlecht kann er nicht leugnen. »Endlich kommt der Morgen; und damit mir keine Ungewissheit mehr in dieser Beziehung bleibe, decke ich den vollständigen Chevalier von Faublas auf.« Mit diesen Worten deckte sie mich wirklich auf; denn mit einem schnellen Griff riss sie die Bettdecke weg, warf sie mir auf die Füße und zog sie dann sogleich wieder bis an meine Schultern herauf. Der Augenblick war kurz, aber entscheidend. »Jetzt, meine Nichte,« rief die Marquise, »hoffe ich, dass Sie keinen Zweifel mehr hegen. Ich sage dies in Voraussetzung, dass Sie möglicherweise vorher welche gehabt haben. Aber gestehen Sie,« fuhr sie fort, mir eine derbe Ohrfeige mit derselben Hand gebend, die mich soeben fast nackt den verwirrten Blicken der Frau von Lignoll ausgesetzt hatte: »Gestehen Sie, dass Herr von Faublas ein unverschämter Schlingel sein muss, da er heute hierher kam, um aus dem einzigen Grunde, weil er nicht mehr bei der Nichte schlafen konnte, bei der Tante zu schlafen.« »Meine Tante,« rief die Gräfin etwas launisch, »warum schlagen Sie ihn so arg? Sie werden ihm weh thun.« »Ich bitte Sie, das ist noch zu wenig. Dies ist eine Gunst. Frau von Lignoll, jetzt, da Sie es immer unter dem Vorwand der Unwissenheit ablehnen können, müssen Sie sogleich diesen Herrn bitten, aufzustehen, ihn ohne Skandal aus dem Hause schaffen und es ihm auf immer verbieten.« »Ihn aus dem Hause schaffen, meine Tante? nein, das kann ich nicht! ich muss Ihnen sagen, es ist mein Geliebter, den ich anbete.« »Und Ihr Gemahl, Madame, was wird der dazu sagen?« »Mein Gemahl? Faublas ist es auch, ich habe keinen andern als ihn.« »Wie, meine Nichte, ist es nicht schon fünf Monate her, dass Herr von Lignoll Sie geheiratet hat?« »Geheiratet, nie, er ist dazu nicht befähigt – nun wissen Sie es; und ich bitte, mich mit dieser lächerlichen Zumuthung zu verschonen.« »Also dieser glückliche Vogel ist es, der ...« »Ja, meine Tante, er ist's, er wird es immer sein und nie ein anderer, als er.« »Aber, um Himmelswillen, meine Nichte, Sie sind ja in einem anderen Zustande, und werden es nun auch nicht mehr lange verleugnen können; wie wollen Sie es aber machen, lassen Sie mich doch einen Augenblick mit Ihnen sprechen. Sie hören gar nicht auf mich. Leonore, Sie lieben mich also nicht?« »Ich liebe nur ... ach! doch! ich liebe Sie auch.« »Nun denn! so lass mich doch aussprechen! sage mir, Unglückliche, wie willst Du es machen, um Deinen Zustand zu verbergen?« »Ich werde nichts verbergen.« »Aber Ihr Gemahl wird Sie fragen, wer es war...« »Ich werde ihm antworten, dass er es war.« »Und wenn er aber nie bei Dir des Nachts war, wie willst Du es ihm glauben machen?« »Oh! aber eben deswegen wird er mir glauben.« »Wie eben deswegen? meine Nichte, wir verstehen uns falsch! Du bist so lebhaft.« »Und Sie, meine Tante, Sie sind es vielleicht nicht?« »Ich bitte, meine Nichte, thue mir den Gefallen und erkläre mir, wie man es thun kann, um einen Mann, der seine Frau nie geheiratet hat, zu überzeugen, dass er dennoch ... ob das nicht zum Verzweifeln ist?« »Aber, meine Tante, thuen Sie mir selbst den Gefallen, mir zu erklären, warum Sie meinen, ich werde dem Herrn von Lignoll eine dumme Vorstellung machen?« »Du sagst es selbst, meine Nichte.« »Ganz im Gegentheil!« »Ach! ich begreife endlich; er, das ist der Herr?« »Wenn ich sage er, so ist er es.« »Meine Nichte! Wie! Sie wollen selbst offen Ihrem Gemahl ankündigen, er sei durch Sie ...« »Was er zu sein verdient.« »In einer Beziehung sage ich nicht nein, meine Nichte ...« »In allen möglichen Beziehungen, meine Tante.« »Ah! das ist etwas Anderes. Madame, ich kann Ihre ungeordnete Aufführung nicht billigen.« »Meine Tante, haben Sie auch bedacht, dass ich noch jung bin?« »Kommen mir auf die Hauptsache zurück. Wenn Dein Gemahl ärgerlich wird?« »So werde ich seiner spotten.« »Wenn er Dich einsperren lassen wird?« »Er wird es nicht können.« »Wer wird ihn daran hindern?« »Meine Familie, Sie und er.« »Deine Familie wird gegen Dich sein. Ich, ich liebe Dich zu sehr, um Dir jemals das geringste Leid anzuthun; aber bei einem so unglücklichen Handel werde ich wenigstens genöthigt sein, neutral zu bleiben. Also wird Dir bloß der Chevalier bleiben.« »Wenn er mir bleibt, so verlange ich nichts mehr.« »Ja, er wird Dir bleiben ... um Dich zu vertheidigen; aber wird er es können? Meine Nichte, ich will Sie das einzige Mittel lehren, das Ihnen noch übrig bleibt.« »Wir wollen sehen.« »Madame, Sie müssen sich so bald als möglich von Herrn von Lignoll heiraten lassen.« »Aber das kann nicht sein.« »Warum? erklären Sie mir doch.« »Weil es nicht sein kann; aber wenn es auch sein könnte, so möchte ich nicht. Jetzt, meine Tante, weiß ich, was es ist; nie wird Ihre Nichte in den Armen eines Mannes sein!« »Doch ist er einer.« »Er, meine Tante!« rief sie leidenschaftlich; »er ist mein Geliebter!« »Ihr Geliebter! das ist ein guter Grund, den Sie Ihrem Gemahl vorbringen können.« »Ich nehme an, der Grund sei schlecht, so ist doch wenigstens gewiss, dass er noch besser ist, als eine schlechte Handlung. Ist das nicht eine unwürdige, eine abscheuliche Treulosigkeit, sich kalt unter zwei Männer zu theilen, um den einen mit mehr Bequemlichkeit zu verrathen und den andern in Verzweiflung zu bringen? denn, das bin ich gewiss,« rief sie mich umarmend, »er würde verzweifeln.« »Wenn Sie jedoch auch mich hören wollten, Madame, so würden Sie sehen, dass Ihre Tante Ihnen weder zur Liederlichkeit noch zur Untreue räth. »Sie haben mich unterbrochen, als ich Ihnen sagen wollte, dass Sie, indem Sie sich von Herrn von Lignoll heiraten lassen, sogleich einen andern Lebenswandel anfangen und diese Intrigue abbrechen müssen.« »Liebe Tante, sagen Sie eine Leidenschaft, die, ich fühle es, die Bestimmung meines Lebens ist!« »Eine Leidenschaft, die Ihr Unglück sein wird, wenn Sie nicht auf Ihrer Hut sind.« »Kein Unglück mit ihm, meine Tante.« »Höre, meine Nichte, ich bin eine gute Frau, ich lache gerne; aber das geht über den Spass hinaus. Sieh nur, wie viele Gefahren Dich umgeben.« »Ich kenne keine Gefahren, wenn es sich um ihn handelt« »Und Dein Gewissen, Leonore?« »Mein Gewissen ist ruhig.« »Ruhig? das ist nicht möglich. Sie, die sonst nie logen, lügen jetzt ... Höre, Leonore, ich liebe Dich wie mein Kind und ich habe Dich immer vergöttert, nur zu sehr vielleicht; aber suche Dich zu erinnern, dass ich mir stets angelegen sein ließ. Dir die besten Grundsätze beizubringen. Höre, meine Tochter, Du wirst heute das Rosenmädchen krönen ...« »Oh! sprechen Sie nicht davon!« rief sie in die Arme ihrer Tante stürzend und ihre Hände ergreifend, »oh, sprechen Sie nicht davon!« »Frau Marquise,« rief ich, durchdrungen von ihrem traurigen Ton, womit sie diese Worte aussprach; »mir allein dürfen Sie Vorwürfe machen; entschuldigen und beklagen Sie sie, machen Sie ihr das Herz nicht schwer.« »O, meine Kinder!« antwortete sie, »wenn Ihr mich bloß weich stimmen wollt, so wird Euch das nicht schwer werden; man bringt mich zum Lachen, wie man mich zum Weinen bringt! Lasst uns alle drei weinen. Du erinnerst Dich des letzten Jahres? zu derselben Zeit, an demselben Tage sagte ich zu Dir: Leonore, ich bin mit Dir sehr zufrieden; aber bald, meine Tochter, werden andere Zeiten andere Verbindlichkeiten herbeiführen, die Dich anfangs verführen, bald aber Dir vielleicht peinlich sein werden.« Bei diesen Worten verließ die Gräfin rasch ihre demüthige Stellung und wiederholte in dem lebhaften Tone: »Die Dich anfangs verführen werden! wie hätten sie mich verführen sollen? man ließ sie mich nicht kennen lernen. Sie, Frau Marquise, Sie, die mir jetzt von Pflichten spricht, hätten Sie mich nicht bei Seite nehmen und zu mir sagen sollen: Mein armes Kind! ich sage Dir zum voraus, dass sie Dich aufopfern werden, ich sage Dir, dass sie Deine Unerfahrenheit durch blendende Versprechungen täuschen; willst Du um den Vortheil, einige Monate früher bei Hofe zu erscheinen und vorgestellt zu werden, willst Du die einzige und wahre Freiheit, die Freiheit Deines Herzens zum Opfer bringen? Hast Du vielleicht so große Eile mich zu verlassen? siehst Du, es ist nicht mehr Zeit, Deine Tugend auf Deine Unwissenheit zu gründen; und da sie Dich hintergehen wollen, so muss ich Dich aufklären. Ich glaube, meine liebe Leonore, dass Du nicht nur einen Gemahl brauchst, sondern einen Geliebten. »Nichtsdestoweniger besteht man darauf, Du sollest Herrn von Lignoll heiraten. Du zählst noch nicht sechzehn Jahre, er hat sein fünfzigstes zurückgelegt; Deine Jugend wird kaum anfangen, wenn sein Herbst vorüber sein wird; wie alle alten Wüstlinge wird er kränklich, schwach und eifersüchtig werden. »Meine Tante konnte aber nicht ahnen, dass mir in meinem Unglücke wenigstens der Trost bleiben sollte, dass mein angeblicher Gemahl nie fähig ist, es zu sein ...« »Nie fähig, meine Nichte!« rief sie weinend. »Nie, meine Tante!« »Pfui, der garstige Mensch!« »Sie konnten es nicht ahnen. Hätten Sie mich aber gewarnt und mir dieses Alles gesagt, dann hätte ich gerufen: Ich will nichts von Euerem Herrn von Lignoll! ich will nichts von ihm wissen! ich will lieber als Mädchen sterben! o, ich hätte mich vielleicht umgebracht, aber sie hätten mich nicht vor den Altar geführt!« »Nie fähig!« wiederholte die Marquise weinend; »ach, der garstige Mensch! ach! arme Kleine, was willst Du thun, nie fähig! ... dann ist es ganz anders! das verändert viel ... Doch nein, es verändert nichts. Mein liebes Kind, Du bist bloß noch ein wenig mehr zu beklagen. Leonore, Du musst dessen ungeachtet sogleich und auf immer dem Chevalier entsagen.« »Ihm entsagen? lieber sterben!« »Wahrlich! ich kann nicht stärker klopfen,« rief die kleine von Mesanges, die wir nicht gehört hatten. »Gehen Sie spazieren,« antwortete ihr die ungeduldige Gräfin. »Aber ich komme eben von dort her.« »So gehen Sie noch einmal.« »Aber ich bin müde.« »Setzen Sie sich auf den Rasen.« »Ach! aber ich habe Langweile, so ganz allein.« »Sind wir da, um Dich zu unterhalten?« fragte die Marquise. »Nicht Sie, aber meine liebe Freundin.« »Ihre liebe Freundin? Gehen Sie, Fräulein, erwarten Sie mich im Salon!« »Ach, ja! denn ich höre, dass schon sehr viele Leute auf sind.« »Gehen wir.« »Schon viele Leute auf!« versetzte Frau von Armincour, »es ist Zeit, dass wir auch aufstehen, und dass dieses Fräulein sich ankleidet und nach Hause geht.« »Nach Hause geht, meine Tante?« »Ja, meine Nichte! glauben Sie denn, es sei möglich, dass sie sich bei diesem Feste zeige?« »Wer kann sie denn daran hindern?« »Wie, sind nicht fünfzig Personen hier, die gestern in Longchamps waren, und sie erkennen würden, so gut ich Sie kenne?« »O, nein!« »Sagen Sie nicht nein! Es ist außer Zweifel, und Sie wären verloren.« »Was liegt daran, wenn er nur nicht geht.« »Wenn ich Sie so sprechen höre, so bin ich ganz trostlos.« »Wie, meine Tante, bin ich nicht die Herrin im Hause?« »Gewiss, Madame, Sie müssen ihn entlassen, es ist Ihre Pflicht.« »Meine Pflicht, höre ich dies Wort wieder!« »Rasch!« unterbrach sie die Marquise, mir dabei ein Tuch auf die Nase werfend, »man muss einen Entschluss fassen, denn mit meiner Nichte kommt man nie zurecht.« Madame Armincour kleidete sich schnell und flüchtig an und rief: »Guter Gott! was fällt mir ein! jedermann würde fragen, wo dieses Fräulein geschlafen habe, jedermann würde erfahren, dass es ... da war. Würde man nicht sagen, ich hätte es auch mit diesem Flattersinn zu thun? ich wäre für heute die Heldin des Abenteuers, eines galanten Abenteuers, nach zurückgelegtem sechzigsten Jahre! das hieße etwas spät anfangen. Madame, Sie sehen wohl ein, dass es sich weniger davon handelt, einen Spott von mir abzuwenden, als Ihren Ruf zu retten. Ich werde nicht dulden, Frau Gräfin, dass Sie in meiner Gegenwart seine Kammerfrau sind; ich werde ihn wenigstens eben so schnell und eben so anständig ankleiden, als Sie thun könnten. Haben Sie keine Furcht.« So lange meine Toilette dauerte, war ein sehr lebhafter Streit zwischen der Tante, die durchaus meine Entfernung verlangte, und der Nichte, die das nicht zugeben wollte. Man meldete der Frau von Lignoll, ihr Erscheinen sei nothwendig, um einige letzte Anordnungen in Bezug auf das Fest zu treffen. »Ich bin sogleich wieder bei Dir,« sagte sie zu mir. Einen Augenblick nachher verließ mich auch die Tante und kam vor der Nichte zurück, die jedoch nicht lange ausblieb. Ungefähr eine Viertelstunde verstrich, und ich brauche nicht zu sagen, dass der wieder angefangene Streit immer hitziger wurde, als man die Gräfin auf's neue störte. Genöthigt mich abermals zu verlassen, versprach sie mir sogleich wiederzukommen. Aber kaum war sie hinausgegangen, als die Tante zu mir sagte: »Mein Herr, ich halte Sie für etwas weniger unvernünftig als sie; Sie müssen einsehen, wie sehr Ihr längeres Hierbleiben die Gräfin compromittieren kann; weichen Sie der Nothwendigkeit, geben Sie meinem Verlangen und wenn es Noth thut, meinen Bitten nach.« Nachdem sie dies gesagt, zog sie mich fort und führte mich durch mir unbekannte Gänge in eine Art von Kutscherhof, wo ihr Wagen mich erwartete. Als ich hineinstieg, führte der Zufall Fräulein von Mesanges herbei. Ganz erstaunt fragte sie: »Meine liebe Freundin, Sie gehen?« »Ach, ja, meine liebe Freundin; empfehlen Sie mich, ich bitte, Ihrer Cousine.« »Ich werde nicht ermangeln.« Die Marquise macht unserem Zwiegespräch ein Ende, indem sie rasch dazwischenfuhr: »Was suchen Sie hier, mein Kind, sehen Sie zu, dass Sie fortkommen ...« Ich hörte nichts mehr, weil der Kutscher, der seine Befehle hatte, blitzschnell davonfuhr. Er führte mich bis nach Fontainebleau, wo ich Post nahm. Es war kaum vier Uhr abends, als ich nach Paris kam. Frau von Fonrose hielt mir Wort. Mein Vater hatte sich noch nicht zu Hause gezeigt, und ich benützte einige freie Augenblicke, um meine Frauenkleider abzulegen und Rosambert zu besuchen. Ich fand ihn weit besser; er konnte bereits ohne Unterstützung in seinem Zimmer herumgehen und sogar mehrere Male die Runde in seinem Garten machen. Der Graf überhäufte mich gleich bei meinem Erscheinen mit Vorwürfen. Ich entschuldigte mich bei ihm, dass ich jeden Morgen zu ihm schickte, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. »Aber Sie hatten versprochen, selbst zu kommen.« »Mein Vater hat mich beständig gehütet und ist mir nicht von der Seite gegangen.« »Dies hat Sie nicht gehindert, andere Ausgänge zu machen. Übrigens gebe ich zu, dass die kleine Gräfin den Vorzug verdient.« »Die kleine Gräfin?« »Frau von Lignoll, ja! habe ich Ihnen nicht gesagt, dass von nun an jede Dame, deren Geliebter Sie sind, öffentlich bekannt würde?« »Woher wissen Sie dies Alles, lieber Rosambert?« »Ich bin wahrhaft entzückt, dass die Marquise eine ihrer würdige Nebenbuhlerin hat; denn die Gräfin soll anbetungswürdig sein. Leider ist es noch ein Kind ohne Erfahrung, ohne Kunst, ohne Bosheit. Die Marquise wird sie erdrücken, sobald ... Unter Anderen, ich mache Ihnen mein Kompliment! Sie stehen außerordentlich gut mit Herrn von B. ...! fürs erste hat ihn ganz Paris mit Lachen an Ihrer Seite gesehen! und dann macht der vortreffliche Ehemann keinen Hehl daraus, dass Sie ein herrlicher Junge seien, und damit die Sache ja komisch genug wird, sagt er zu jedem, der es hören will, ich sei ein unwürdiger Mensch. Er ist erbost auf mich, sehr erbost, wie man versichert; vielleicht führt es abermals zu einem Duell. Aber Sie wissen davon, Chevalier. Der Marquis hat lange mit Ihnen gesprochen.« »Der Marquis hat mir sehr Vieles gesagt.« »Nun denn, Faublas, erzählen Sie mir wenigstens einiges! es ist mir ein Bedürfnis zu lachen und Sie müssen Alles versuchen, um einen in der Wiedergenesung begriffenen Freund zu belustigen.« »Ich muss Ihnen gestehen, lieber Rosambert, dass ich weit entfernt bin, Sie auf Kosten der Marquise zu belustigen; und ich wiederhole Ihnen sogar, dass ich Sie nur ungern von ihr sprechen höre.« »Sie haben Unrecht; ich bin in diesem Augenblicke mehr als je ihr enthusiastischer Bewunderer. Diese Frau verbindet mit ihren vielen sonstigen Vorzügen eine staunenswerte Klugheit. Staunen Sie nicht auch wie ich, dass sie berechnet, im Falle ich ihr entginge, ich ihrem Gemahle nicht entgehen könnte? Chevalier, Sie werden Zeuge sein.« »Zeuge?« »Ja, in nächster Zeit.« »Sie haben mir doch gesagt, dass Sie nicht nach Compiègne zurückkehren wollen.« »Seien Sie ruhig, wir sind dahin übereingekommen, daß ich mich nicht mehr mit der Marquise schlage. Wie können Sie mich noch für dumm genug halten, der bizarren Laune dieser Frau nachzugeben, die sich in den Kopf gesetzt hat, sie dürfe wackere junge Leute mit den Waffen angreifen? je mehr ich darüber nachdenke, umsomehr wird es mir klar, dass man der öffentlichen Sicherheit wegen dem Übel in seinem Entstehen Einhalt thun muss; wahrlich dies gäbe ein zu gefährliches Beispiel, da brauchte Eine nur in die Mode zu kommen, die ihre Liebeshändel mit Pistolenschüssen beendet; denken Sie, welches Gekrach man dann jeden Tag um Paris herum hören würde.« Rosambert, der mich lächeln sah, machte hundert Witze und hundert Fragen über diejenigen, die er meine Maitressen nannte. Ich gab mich am Ende gutwillig seiner Heiterkeit hin, allein seine Neugierde wurde nicht befriedigt. Mein Vater kam erst zwei Stunden nach mir zu Hause an. Er gab mir zu verstehen, dass es ihm leid thue, mich den ganzen Tag allein gelassen zu haben. Ich dankte ihm herzlich für seine allzugütige Sorgfalt, die er für seinen Sohn hege. Er fragte mich, wie ich die Nacht zugebracht habe. Um nicht zu lügen, antwortete ich: »Gut und schlecht, mein Vater.« »Träumtest Du vielleicht von Deiner Frau?« »Mein Vater, wann werde ich Nachrichten von ihr erhalten?« »Du weißt, wie viele Leute ich ausgeschickt habe, und in vierzehn Tagen gedenke ich selbst mit Dir abzureisen.« »Warum nicht früher?« »Aber,« versetzte er mit verlegener Miene, »ich bin nicht vorbereitet; übrigens müssen wir warten, bis Du Dich besser befindest, und bis die schönen Tage wieder gekommen sind.« »Die schönen Tage! werden Sie, fern von Sophie, jemals wiederkommen?« Während ich so zu meinem Vater sprach, hoffte ich dennoch einiges Glück auf den morgenden Tag. Es war dieser lebhaft ersehnte Montag, der meine Leonore und mich einige Augenblicke vereinigt sehen sollte. Ach! unsere süßen Erwartungen waren getäuscht. Frau von Fonrose, die meinem Vater abends einen kurzen Besuch machte, fand Gelegenheit, mir zu sagen: »Es ist nicht möglich! ihre Tante ist diesen Morgen zu ihr gekommen und bleibt noch bei ihr.« Am Dienstag war es ebenso, und am Mittwoch hatte ich wenigstens den Trost, ein Billet von Justine zu erhalten. Es sagte mir, dass ich mit dem Hauptschlüssel das Hofthor und alle Thüren eines kleinen neuen Hauses, am Eingang der Straße du Bac, neben dem Pont-Royal öffnen könne. Der Herr Vicomte ersuche mich, abends um sieben Uhr dort zu sein. Gut! Frau von B.., hat also keinen Groll gegen mich. Seit Donnerstag hatte ich nichts von ihr gehört; dieses lange Schweigen nach unserem Abenteuer fing an mich zu beunruhigen. »Du bist ja freudig bewegt, mein Sohn, hast Du so gute Nachrichten?« fragte mein Vater eintretend. »Ich sehe das schöne Wetter und freue mich, denn ich denke diesen Nachmittag einen Ausgang machen zu können.« »Mit mir, ja.« »Wieder mit Ihnen, mein Vater?« »Mein Sohn, welch ein Ton!« »Verzeihen Sie; aber Sie wollen mich doch nicht durchaus zum Sklaven machen? mich sogar hindern, einen Freund zu besuchen?« »Ich glaube an den Besuch bei einem Freund nicht.« »Ich werde den Vicomte besuchen, mein Vater.« »Herrn von Valbrun, meinetwegen; aber dann?« »Ich verspreche Ihnen keinen Fuß in das Haus der Gräfin zu setzen!« »Gib mir Dein Wort!« »Ja, mein Ehrenwort.« »Gut, ich verlasse mich darauf.« Und ich küsste meinem Vater die Hände und umarmte ihn. Ich war so ungeduldig zu erfahren, was die Marquise mir zu sagen hätte, dass ich mich vor der bestimmten Stunde zum Rendezvous einstellte. Ich hatte alle Muße das Haus zu besehen, das ich hübsch, bequem und gut meubliert fand. Besonders bemerkte ich zwei an einander stoßende Schlafzimmer, die ich noch heute zu sehen glaube, und die mir stets in Erinnerung bleiben werden. Herr von Florville stellte sich mit Einbruch der Nacht ein und kam zu mir in eines der kleinen Zimmer. Sogleich umfasste ich ihre Kniee. »Ja,« sagte die Marquise, »erbitten Sie die Verzeihung Ihrer Freundin, die Sie beschimpft und genöthigt haben, eine Verwegenheit zu begehen.« »Aber, meine schöne Mama, warum haben Sie mich auch ...« »Ich glaube,« unterbrach sie mich, »ich glaube wahrhaftig, er will mich fragen, warum ich ihm Widerstand geleistet habe! bedenken Sie, mein Herr, dass Sie um Gnade einzukommen haben, statt Ihre Beleidigungen zu erneuern. Chevalier, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, warum wir uns hier sehen. Sie sehen ein, dass ich nach dem grausamen Auftritt vom letzten Donnerstag nicht mehr ohne äußerste Unklugheit wieder zu Justine gehen konnte.« »Ohne Zweifel! dieser Auftritt war sehr ärgerlich.« »Chevalier, Sie sagen mir nichts mehr von Sophie. Sagen Sie mir aufrichtig, lieben Sie Ihre reizende Gemahlin nicht etwas weniger?« »Sie können vermuthen, Frau Marquise, dass ich Sophie weniger liebe?« »Sprechen Sie, verbergen Sie mir keine Ihrer Empfindungen; Sie haben mir Ihr Vertrauen versprochen.« »Ich liebe Sophie weit mehr, Frau Marquise, mit jedem Tage mehr, ich bete sie an! es scheint, dass die Abwesenheit meine Liebe noch vergrößert!« »Aber Frau von Lignoll, wie steht es um diese –« »Ach, ja! sie ist mir unendlich theuer! und verdient sie es nicht? ich frage Sie selbst; Sie haben sie gesehen?« »Es ist wahr, dieses Kind ist ziemlich hübsch und hat einen guten Charakter. Man hatte mich in Beziehung auf sie falsch berichtet. Übrigens bin ich bereits sehr zurückgekommen von den ungünstigen Vorurtheilen. Sie, Chevalier, Sie finde ich jedoch sehr sonderbar, dass Sie Zärtlichkeit, sogar Liebe für zwei Frauen haben ...« »Sagen Sie für drei, schöne Mama.« »Nein,« rief sie lebhaft, »dies ist unmöglich!« »Ich versichere Ihnen ...« »Versichern Sie nichts! man gibt täglich einer reizenden Gemahlin den Vorzug; wenn sie entfernt ist, sehnt man sich nach ihr, dann, mein lieber Freund, kann es wohl geschehen, dass man einen besondern Gefallen, eine sehr lebhafte Zuneigung für eine liebenswürdige Frau in sich verspürt; aber für zwei! das wird mir immer unbegreiflich erscheinen! nein, nie werde ich begreifen, dass der Geliebte der Gräfin zu gleicher Zeit der meinige sein kann; das werde ich nie verstehen!« Ich betrachtete sie aufmerksam, sie betrachtete mich ebenfalls, gewiss ahnte sie aus der Verlegenheit und Unentschlossenheit, die sie an meinem ganzen Wesen bemerken musste, keine günstige Antwort; ich sah sie erblassen und ihre Stimme zitterte. »Diese Unterhaltung scheint Ihnen nicht angenehm zu sein,« versetzte sie sogleich; »sprechen wir von etwas anderem ... Ist es auf dem Lande schon schön?« »Auf dem Lande?« »Ja, Sie sind am Samstag Abend dort gewesen und am Sonntag zurückgekommen – eine sehr kurze Reise. Sagen Sie mir, ich bitte Sie, was ist mit einem Fräulein von Mesanges?« »Was meinen Sie, Frau Marquise?« »Ist Ihnen dieses Kind nicht auch schon unendlich theuer geworden?« »Unendlich theuer! wodurch?« »Erstens ist es eine Dame, der beste Grund für Faublas! und für's zweite wäre es sehr auffallend, wenn Sie gelegentlich in den Fall gesetzt, mit der alten Armincour und dem Fräulein von Mesanges eine Nacht zuzubringen, nicht letzterer den Vorzug gegeben hätten. Auch vorausgesetzt, die Wahl sei Ihnen nicht gelassen worden, so weiß ich, dass Sie wohl im Stande wären, wenn Sie in demselben Gemache schliefen, ganz sachte das Zimmer der Alten zu verlassen, um in das Kabinet der Jungen zu schlüpfen ... Sie werden roth. Sie sprechen kein Wort?« »Madame, wenn diese Details wahr wären, wer könnte sie Ihnen mitgetheilt haben?« »Wenn sie wahr wären, ei, lieber Freund, diese Voraussetzung gefällt mir sehr. Faublas, versuchen Sie nicht, zu lügen; Ihre Miene und Ihre Haltung, Ihr Schweigen und Ihre Worte, Alles verräth Ihre Schuld. Faublas, ein sehr merkwürdiger Zufall hat mir nur ein Stückchen von dem Gemälde sehen lassen, er hat mir Einzelnheiten in die Hände gespielt; aber Sie müssen wissen, dass sobald man mir nur ein wenig vermuthen lässt, ich im Stande bin, das übrige hinzuzudenken. Ich weiß nicht genau, ob Sie der jungen Person die ganze Nacht haben widmen können, oder bloß eine Stunde; wie dem auch sein mag, ich setze die gute Anwendung der Zeit bei Ihnen voraus. Ich wundere mich nicht mehr, dass es sich bereits darum handelt, die Kleine zu verheiraten, ich begreife, dass dies jetzt in mehr als einer Beziehung dringend sein kann. »Ich versichere Sie übrigens,« fuhr sie im ernsthaften Tone fort, »bin ich weit entfernt, Ihnen die Geheimhaltung dieses Abenteuers zum Vorwurf zu machen; in diesem Falle wäre die Indiskretion eine wahre Perfidie, deren ich Sie unfähig glaube. Ich bin überzeugt, dass Sie über dieses Alles ein tiefes Schweigen beobachten werden; ich bin überzeugt, dass Sie Herrn von Rosambert nichts davon gesagt haben.« »Sie wissen doch Alles, Madame, und müssen vortreffliche Diener haben, die getreulich allen meinen Schritten folgen; ich sehe daraus, dass Ihnen mein Wohl sehr am Herzen liegen muss; empfangen Sie daher, theuere Mama, meinen tiefgefühltesten Dank für Ihre treue Sorgfalt. Ich weiß wirklich nicht, wodurch ich so viel aufopfernde Freundschaft verdient habe, denn dass ich Ihnen schon viele Unannehmlichkeiten bereitet, ist gewiss, und ich schäme mich in meine Seele hinein, vor Ihnen zu stehen, was aber Herrn von Rosambert betrifft, so kennen Sie ihn doch sehr gut nicht.« »Oh, nur zu gut!« »Ich glaube es; Sie haben ihn am Sonntag besucht.« »Am Sonntag?« »Wie, irre ich mich in diesem Tage oder –!« Ich näherte mich der Marquise und sagte die Hände faltend: »O, meine großmüthige Freundin! verzeihen Sie mir.« »Wenigstens,« fügte sie hinzu, »bedenken Sie, dass Sie Ihre Ehre darauf verpfändet haben, meinem neuen Kampf mit meinem Feinde anzuwohnen.« »Erlauben Sie, meine theuere Mama, dass ich Ihnen sage, dass Ihr Feind nicht ...« »Sein Wort halten will, ich werde ihn, bei Gott, schon dazu zu zwingen wissen. Faublas, wäre es möglich, dass diese Züchtigung Ihnen heute weniger gerecht und weniger wünschenswert erscheine? Sprechen Sie, Ihre Wünsche werden das Schicksal des Kampfes entscheiden. Ich schwöre es Ihnen, ich will lieber von der Hand des Grausamen sterben, wenn ich weiß, dass Sie mir eine Thräne weihen, als ihn tödten, wenn er eines Bedauerns gewürdigt wird. »Ich glaube, Sie wissen gar nicht, wie sehr ich ihn hasse, den Abscheulichen! denn alle meine Leiden sind von ihm gekommen, die ich nicht ertragen kann,« wiederholte sie weinend. »Vor seinem feigen Attentat in dem Dorfe Hollriß war ich noch nicht ganz unglücklich; ich hatte bloß mein Glück und meinen Ruf verloren. Undankbarer!« fuhr sie fort, »musst Du ihn nicht eben so sehr verabscheuen, als ich Dich liebe?« Frau von B... floh erschreckt über ihre eigenen Worte. Ich folgte ihr und war schon im Begriffe, sie zu erreichen, da wandte sie sich gegen mich um und sagte, ihre Worte mit einer ernsten und strengen Miene begleitend: »Mein Herr, wenn Sie es wagen, mich zurückzuhalten, so werden Sie mich in Ihrem Leben nicht mehr sehen.« Auf ihrem Gesichte malte sich ein so wahres Entsetzen, und in ihrer Haltung lag etwas so Entschiedenes, dass ich es nicht wagte ihr Gehorsam zu verweigern. Sie entfloh mir. Als ich zu Hause kam, fragte mich Frau von Fonrose mit boshaftem Tone, wie sich der Herr Vicomte befinde. Ich gab ihr sehr ausweichende Antworten, und sie musste wohl merken, dass ich diesen Punkt gerne mit Stillschweigen übergehen möchte. Sie wurde etwas friedlicher gestimmt als sie meine Niedergeschlagenheit bemerkte; auch hatte sie mir bloß unglückliche Nachrichten zu überbringen. Frau von Lignoll, die schon seit einigen Tagen von verschiedenartigen Unpässlichkeiten befallen war, fühlte sich heute ernstlich unwohl; es war ihr unmöglich, das Zimmer zu verlassen, und ich konnte sie nicht besuchen, weil Frau von Armincour, offenbar entschlossen, nichts zu vernachlässigen, um ihre Nichte von einer gefährlichen Leidenschaft zu heilen, soeben erklärt hatte, dass sie erst um Johannis in ihr Franch-Comté zurückkehren werde; auch hatte sie von Frau von Lignoll ein Zimmer in ihrem Hotel verlangt, was die Nichte nicht hatte ausschlagen können. So verstrichen ungefähr vierzehn Tage, während deren meine Leonore und ich keinen andern Trost hatten, als Jasmin zu Lafleur und Lafleur zu Jasmin zu schicken. Achtes Buch Während dieser unglückseligen zwei Wochen hörte ich nichts von Frau von B... auch aus der Provinz erhielt ich keine Nachricht, die mich eine baldige Entdeckung des neuen Gefängnisses Sophiens hoffen ließ. So in allen großen Interessen meines Lebens im Stich gelassen, hatte ich nur noch traurige Tage und lange Nächte. Endlich lud Frau von Fonrose Vater und Sohn zugleich zum Mittagessen bei sich ein. Schlag sieben Uhr abends verließ ich unter irgend einem Vorwande den Salon der Baronin und begab mich auf mir bekannten Umwegen nach ihrem Boudoir, dessen Thüre mir die Gräfin öffnete. Ach! nach langen Kämpfen war Tags zuvor beschlossen worden, dass ich nur zwanzig Minuten bei meiner Leonore bleiben sollte. Ich überschritt die Erlaubnis nur um eine Viertelstunde. Auch hatte ich kaum Zeit, sie zu bewundern, sie zu umarmen, ihr ein Wort zu sagen; ihr zu sagen, dass sie mir mit jedem Tage theuerer wurde, dass ich sie über Alles liebe und nur in ihrem Besitze glücklich sein könne; denn sie erscheine mir mit jedem Tage hübscher und begehrungswürdiger. Auch sie hatte kaum Zeit, mir zu schwören, dass sie in meiner Abwesenheit nicht lebe, dass ihre Zärtlichkeit immer zunehme, und dass ihre Liebe bis zu ihrer letzten Stunde immer gleich bleiben werde. Man sprach sehr lebhaft im Salon, als ich zurückkam; der Wortwechsel hörte auf, sobald ich erschien. Wahrscheinlich hatte die Baronin kein besseres Mittel gefunden, meinen Vater so zu beschäftigen, dass er meine allzulange Abwesenheit nicht bemerken möchte, als indem sie einen tüchtigen Streit mit ihm anfing. O, göttliche Freundschaft! Du warst dem schwächeren Geschlechte gegeben, um ihm beizustehen, das stärkere betrügen zu helfen, und Du würdest fortwährend das Glück unserer Frauen sichern, wenn Du länger unter ihnen bestehen könntest. Das glückliche Rendezvous, das ich soeben erhalten hatte, erweckte in mir ein lebhaftes Verlangen, trotz Leonorens Tante und trotz meines Vaters, die sich mit einander verschworen zu haben schienen, ein längeres Beisammensein zu verschaffen. Ich fasste in der Nacht einen kühnen Plan, der am andern Morgen die ganze Zustimmung der Baronin hatte und am Schlusse desselben Tages ins Werk gesetzt wurde. Beim Erwachen hatte ich mich über eine heftige Migräne beklagt, über Tisch stellte ich mich sehr leidend und endlich Abends hatte ich so gewaltige Schmerzen, dass der Baron selbst mir rieth, schlafen zu gehen. Sobald mein Vater mich eingeschlafen sah, verließ er mich, und kaum war er fort, so schlief ich nicht mehr. Sogleich wurde, Dank meinem verständigen Bedienten, ein Friseur geheimnisvoll in mein Zimmer geführt; Dank meinem gewandten Jasmin, der meine Kammerfrau vorstellte, aber bereits eine bewunderungswürdige Fertigkeit erlangt hatte, wurde ich von Kopf zu Fuß als Fräulein Brumont sehr anständig gekleidet. Der sehr unachtsame und sehr discrete Schweizer sah mich nicht aus dem Hause gehen, und ein schlechter Fiaker führte mich sogleich zu Frau von Fonrose. Es war beinahe Mitternacht. Wir hatten es für zweckmäßig erachtet, nicht früher zur Gräfin zu gehen, um die Marquise nicht mehr bei ihr anzutreffen. Auch hatte Frau von Fonrose, die mich zu Herrn von Lignoll begleitete, die große Aufmerksamkeit, ihren Wagen nicht in den Hof fahren zu lassen, um niemand in seiner Ruhe zu stören. Es war niemand mehr bei der Gräfin, als ihre Frauen und ihr Gemahl; ihre Tante war, wie wir gehofft hatten, zu Bette gegangen. »Wie? so spät,« sagte der Graf. »Wir wollten,« antwortete die Baronin, »da wir anderswo aufgehalten waren, nicht mehr zu Ihnen kommen, aber Fräulein Brumont sehnte sich so sehr nach der Frau Gräfin, das wir uns dennoch entschlossen zu kommen. Das Fräulein kann so spät nicht mehr in ihr Kloster gehen; sie hat die Gastfreundschaft, die ich ihr angeboten, nicht angenommen und es vorgezogen, Sie auf diese Nacht wieder um das kleine Zimmer zu bitten, das sie in viel glücklicheren Zeiten bewohnte.« »Sie hat wohl daran gethan,« erwiderte er. »Sehr wohl!« rief meine Leonore; »sie möge nur so oft als möglich kommen und mich so angenehm überraschen.« »Ihr Herr Vater hat Sie also ins Kloster gebracht?« fragte der Graf. »Ja, mein Herr.« »In welches?« »Ich bitte um Verzeihung, es ist mir nicht erlaubt, Besuche anzunehmen.« »Ich verstehe,« fuhr er ganz leise und in geheimnisvollem Tone fort; »dies geschieht wegen des Vicomte.« »Man kann doch vor Ihnen nichts geheim halten.« »Oh! das wusste ich wohl, weil die Affektionen der Seele mir genau bekannt sind. Aber auffallend ist mir, dass ich diesen jungen Mann zu Versailles vergebens gesucht habe; niemand kennt ihn dort.« »Ich habe Ihnen bereits gesagt,« fiel die aufmerksame Frau von Fonrose ein, »dass er wirklich bei dem Minister etwas gilt, sich aber selten bei Hofe zeigt.« »Und ich habe Sie gebeten, in meiner Gegenwart nie mehr von ihm zu sprechen,« rief die Gräfin, die sehr zornig war und den Grafen und Frau von Fonrose zum Teufel gewünscht hätte. Sie musste aber leider trotz ihrer Ungeduld sich in ihr Schicksal ergeben. »Unter Anderm!« versetzt der Graf, »ich habe mich über Sie zu beklagen.« »Warum, Herr Graf, wenn ich bitten darf?« »Vor vierzehn Tagen kommen Sie nach Galinois zu diesem Feste und reisen am Morgen ab, ohne Adieu zu sagen.« »Ich habe aber doch Auftrag gegeben, Ihnen zu sagen, dass dringende Befehle meine Rückkehr nach Paris nothwendig machten.« »Und die Charaden,« fuhr er fort, »wie steht es mit diesen?« »Ziemlich schlecht seit einigen Wochen; habe ich gestern wieder ein wenig angefangen, aber so wenig!« »Um so schlimmer! Hören Sie, mein liebes Fräulein, Sie müssen trachten, die verlorene Zeit wieder einzubringen!« »Ja, gewiss, ich werde trachten, auf der Stelle, mein Herr!« »Bedenken Sie nur, da ist Ihre Schülerin, die Sie vernachlässigen, nehmen Sie sich in Acht, man wird böse werden, man wird Sie entlassen und dann mich an Ihre Stelle wählen.« »Nein, mein Herr,« antwortete Frau von Lignoll lebhaft, »machen Sie sich darauf keine Rechnung! dies wurde mir noch nicht lange vorgeschlagen, allein ich habe mich mit Bestimmtheit dagegen erklärt.« »Wie so, Madame? hat Ihnen vielleicht das Fräulein diesen sonderbaren Vorschlag gemacht?« »Nein, Gott sei Dank.« »Ich sage Ihnen, Madame, es wird vielleicht noch dazu kommen. Sie werden sehen,« fügte er mich auf die Schulter klopfend hinzu, »Sie werden sehen, dass es auf die Länge ein ermüdendes Geschäft ist.« »Für Sie,« versetzte seine Frau; »was Fräulein von Brumont betrifft, so bin ich gewiss, dass es ihr nicht zu viel wird; ist es nicht so, meine Liebe?« »Ganz gewiss, Frau Gräfin! diese ganze Zeit habe ich sehr gelitten, dass ich Ihnen keine Lection ertheilen konnte.« »Wenn dem so ist!« unterbrach Frau von Fonrose, »so gehe ich, damit Sie, mein Fräulein, der Frau Gräfin eine Lection geben können.« »Ich halte Sie nicht auf,« versetzte ihre Freundin, »denn ich fühle Lust zu schlafen.« »In diesem Falle,« sagte Herr von Lignoll, »werde ich die Frau Baronin bis in ihren Wagen zurückgelegen und mich dann auf mein Zimmer begeben. Gute Nacht, meine Damen!« Die Gräfin schickte sogleich ihre Frauen weg, und sobald wir allein waren, warf sie sich in meine Arme und bezahlte meine glückliche List mit hundert Liebkosungen und den hingebendsten Zärtlichkeiten. Was den gewöhnlichen Geliebten anbelangt, so kennt er nur die Stunde des Genusses; die begünstigteren Anbeter ihrer Geliebten wissen nur von der darauf folgenden Stunde; das ist die Stunde einer süßeren Innigkeit, der besser gefühlten Bewunderungen, der überzeugenderen Versicherungen, der bezaubernden Geständnisse und der zärtlichen Herzensergießungen und der wonnigen Thränen. Da erinnert sich das junge Paar mit gleichem Interesse seiner ersten Zusammenkunft, seines ersten Sehnens, da freut es sich der Gegenwart, die es entzückt, und freut sich so vieles trotz so mancher Hindernisse erlangten Glückes, es sieht von Liebesglück berauscht in der Zukunft nur eine lange Reihenfolge schöner sonniger Tage und überlässt sich mit vollem Vertrauen den Träumereien der Hoffnung. »Ja,« sagte Leonore, »Sie haben den besten, den herrlichsten Plan ausgedacht; wir werden zusammen leben und sterben können. Ich packe meine nothwendigsten Sachen zusammen und nehme bloß meine Juwelen mit; ich will nicht, dass sich dieser Herr von Lignoll beklagen kann, wir hätten ihn im geringsten beeinträchtigt; wir verlassen Frankreich und lassen uns nieder, wo Du willst; jedes Land wird mir schön erscheinen, wo Du bist. Meine Diamanten sind wenigstens vierzigtausend Thaler wert; wir verkaufen sie und kaufen uns in einer hübschen Gegend ein Haus, nein, eine Hütte, Faublas, wenn nur eine Person darin wohnen kann, denn wir sind doch nur eine.« »Wie Du sagst, meine reizende Freundin, wir werden nur eine Person sein.« »O! wie glücklich ich bin, dass Du meinem Plan beistimmst, mein Geliebter.« »Und wie konnte ich anders, da Du mir denselben so reizend darstellst?« »Umarme mich, mein einzig Geliebter!« »Leonore, verliere Dich nicht zu sehr in Illusionen, bedenke die Wirklichkeit, sie ist das Gegentheil von Deinen zauberisch schönen Bildern, ach, meine theuere Freundin, warum sind wir beide gebunden durch unlösliche Bande, warum hat das Geschick uns zusammengeführt, um uns all das Glück zu gewähren, welches die grausamen Menschen mit Gewalt zerstören wollen?« Während ich sprach, schien sie in ihren Gedanken versunken kaum auf mich zu hören, und setzte ihre reizenden Plaudereien fort: »Wir werden einen Garten haben, er wird groß sein, wir werden ihn anbauen lassen ... siehst Du, wir werden einen hübschen Bauer an eine hübsche junge Bäuerin verheiraten; wir werden ihnen unsern Garten geben; sie werden ihn für sich anbauen und uns daraus nehmen lassen, so viel wir für unsere Nahrung brauchen. Was meinen Putz anbelangt, werde ich nicht wohl sehen, wie ich mich einrichten muss, um Dir zu gefallen.« »Du wirst mir auf alle Art gefallen!« »Also,« sagte sie mich umarmend, »wir werden nur Eines in der Hütte sein, das Geld, das Du anlegst, wird uns mehr als hundert Louisd'ors tragen; werden wir dann nicht unendlich reich sein?« »Ja, meine Leonore, wie Du sagst, wir werden reich sein.« »Wir werden kaum die Hälfte unseres Einkommens für uns verbrauchen; und mit der andern Hälfte können wir noch einigen armen Leuten aufhelfen.« »Anbetungswürdiges Kind.« »Mein Plan gefällt Dir also, Faublas?« »Er bezaubert mich.« »Wie glücklich ich bin, eine Erfindung zu haben, ich habe Dir noch nicht Alles gesagt; die Hauptsache kommt noch.« »Lass sehen, meine Geliebte.« »Ich werde ein Kind haben, Dein Kind, welches ich mehr als mein Leben lieben werde, und welches ich für's erste lehren werde, Dich von ganzem Herzen zu lieben. Dies sind meine Zukunftsträume, Faublas,« fuhr sie fort; »ich war gewiss, dass sie Deine Beistimmung haben werden.« »Meiner Zustimmung konntest Du sicher sein, mein Engel.« »Wir werden also den Rest unseres Lebens zusammen zubringen. Wir werden ohne Hindernis uns bis zu unserem letzten Seufzer anbeten. Frau von Armincour wird mich nicht mehr mit ihren unnöthigen Vorstellung quälen. Dein Vater wird Dich nicht mehr meiner liebenden Zärtlichkeit entreißen können!« »Mein Vater, was sagst Du, Leonore? ich sollte ihn verlassen?« »Und warum nicht, verlasse ich ja auch meine Tante!« »Mein Vater liebt mich innig.« »Meine Tante liebt mich auch nicht weniger. »Übrigens wenn sie wirklich alle die Freundschaft für uns hegen, die uns beide zeigen, so wird sie nichts hindern, zu uns zu kommen. Ich habe gedacht, dass wir ihnen vom Orte unserer Zurückgezogenheit aus unseren unveränderlichen Entschluss melden könnten; wenn sie kommen, so ist unser Glück nur um so größer; wir lassen ihnen dann eine Hütte neben der unsrigen bauen. Sollten sie aber unseren Bitten, bei uns zu leben, widerstehen, so ist es deutlich daraus zu ersehen, dass sie uns verlassen haben; wir werden dann im Schoße der Liebe unsere undankbaren Familien vergessen und uns einander die ganze Welt sein. Einer für den Andern leben, nur einen Willen haben.« »Was Du mir da Alles in Deiner Liebe vorschlägst, ist wohl kaum möglich durchzuführen, und dann bedenke, meine theuere Freundin, ich sollte meinen Vater verlassen und meine Schwester, kann ich das?« »Deine Schwester kann auch kommen; wir verheiraten sie an einen ehrlichen jungen Mann, der nicht ihr Vermögen, sondern ihre Person heiraten und sie glücklich machen wird. Warum dieses Schweigen, Faublas, warum diese Traurigkeit, wenn ich Dir doch ein stilles und friedliches Glück anbiete?« »Meine Freundin, Du siehst mich von Dank durchdrungen. So viele Beweise Deiner so zärtlichen Liebe würden die meinige noch vergrößern, wenn dies möglich wäre; aber wenn ich ernstlich darüber nachdenke, so muss ich Dir gestehen, dass es unmöglich ist, diesen Plan auszuführen; lass Dir erklären, mein Engel, dass dies Alles wie ein schönes Märchen klingt und man es mit Entzücken anhört; aber das Herz blutet bei der sichern Voraussetzung, dass die Verwirklichung dieses schönen Traumes unmöglich ist.« »Unmöglich! warum?« »Leider aus mehreren Gründen!« »Ich kenne einen, und der ist wohl der hauptsächlichste.« »Und welcher, willst Du mir ihn nennen?« »Undankbarer! Deine Liebe zu Sophie?« »Ich spreche nicht von meiner Frau.« »Aber Dein Herz spricht nur für sie.« »Du denkst also nicht an die Menge von Unglücklichen, welche Deine Wohlthätigkeit aufrecht erhält, deren einzige Hoffnung auf Deiner Hilfe beruht?« »Wird ihnen geholfen werden, wenn ich aus Verzweiflung sterbe? Ja, ich muss sterben, wenn Du nicht einwilligst mich von hier fortzuführen!« »Du denkst nicht an das Aufsehen, das Deine Flucht erregen würde? Alle Welt würde über Verrath schreien, man würde Deine Opfer eine Thorheit, Deine Leidenschaft eine Ausschweifung nennen. Willst Du, dass Dein Andenken in Deiner Familie verflucht, in Deinem Vaterlande entehrt sei? Bedenke dies Alles, meine angebetete Leonore.« »Was liegt mir daran!« »Wir werden wohl einen andern Ausweg suchen müssen.« »Es fehlt mir doch auch an Entschuldigungen nicht. Du kennst ja das ganze Unglück meiner liebleeren Ehe, was liegt mir an dem nichtigen Urtheil der Welt, die mich nicht kennt, und an dem ungerechten Hasse meiner Verwandten, die mich aufgeopfert haben!« »Sage mir, Geliebte, hoffst Du, dass Frau von Armincour sich jemals dazu verstehe, ihrer von der öffentlichen Stimme verurtheilten Nichte in ein fremdes Land zu folgen?« »Auch daran liegt mir nichts! was liegt mir an meiner Tante, wenn es sich um meinen Geliebten handelt. »Du willst vielleicht, dass ich mich nach der Zeit zurücksehne, wo ich bloß meine Tante liebte? wo ich eigentlich mein Unglück noch gar nicht kannte. Warst nicht Du es selbst, der es mir begreiflich machte, und mir das wahre Glück der Liebe, höchste Wonne kennen lehrtest, und nun willst Du mich treulos verrathen. Nein, Faublas, hoffe nicht mich von meinem Vorhaben abzulenken!« »Fasse Dich, theuere Leonore, mache mir keine Vorwürfe, die mich betrüben, ja die mich namenlos unglücklich machen. Ich muss Dir sagen, was unvermeidlich nothwendig ist, dass ich Dich zu bedenken bitte, dass wir beide als Kinder, Unterthanen und verheiratete Leute der dreifachen Gewalt unserer Familien, des Fürsten und des Gesetzes keineswegs entgehen können. Gegen diese vereinigten Kräfte, meine Leonore, gibt es auf der Welt kein einziges Asyl für zwei Liebende.« »Kein Asyl? ich werde eines finden, reisen wir immerhin fort, verkleiden mir uns tüchtig, nehmen wir andere Namen an und verbergen wir uns in dem elendesten Dorfs; man wird uns dort nicht aufsuchen; und wenn man kommt, so werden wir gegen unsere Verfolger ein letztes Mittel haben, wir werden uns tödten. Ja, zusammen leben oder sterben! und ich will, dass Du mich entführst!« »Leonore, und unser Kind?« »Unser Kind! ja, Du hast Recht,« rief sie in Verzweiflung, »was thun?« »Uns einer ebenso grausamer als unumgänglicher Nothwendigkeit unterwerfen, meine Freundin – meine allzuunglückliche Freundin. Erinnerst Du Dich dessen, was Deine Tante Dir neulich vorschlug?« »Und auch Du, Faublas, gibst mir diesen schrecklichen Rath! mein Geliebter fordert mich auf, mich in die Arme eines Mannes zu werfen.« »Leonore, es erscheint mir nicht minder peinlich, als Dir dieses Opfer! es ist schrecklich, denn es ist eine um so traurigere Aufgabe, da Du selbst wissen musst, das Alles nur gegenseitiger Trug ist.« »Es ist schrecklicher als der Tod, mein theuerer Freund.« »Leonore! denke an unser Kind.« Sie konnte vor Schluchzen nicht mehr antworten. Ich hielt dies für den günstigsten Augenblick, ihr die Menge Gründe, die sie bestimmen mussten, auseinander zu setzen. »Dies Alles mag sein,« sagte sie endlich; »aber glaubst Du, dass Herr von Lignoll je –?« »Dann bleibt uns kein anderes Mittel, als einen discreten, gewandten, gefälligen Arzt ins Geheimnis zu ziehen, der Dir die Heirat befehle.« »Wo einen solchen Mann finden?« »Überall! unsere Doktoren sind Männer von Ehre, gewöhnt Familiengeheimnisse zu bewahren, und in den Haushaltungen Frieden zu erhalten.« »Du forderst also, dass ich mich einem Fremden anvertraue?« »Einem Fremden! nein, wahrlich, das wird durchaus nicht nothwendig sein. Ich will den Arzt herbeischaffen. Trockne Deine Thränen, meine Leonore! ach, mein Herz blutet ebenso, wie das Deinige.« »Ich werde mich aufopfern,« sagte sie schluchzend. Es gelang mir endlich, ihre Unruhe zu beschwichtigen; aber ich strengte mich vergeblich an, sie über das Unglück zu trösten, das sie bedrohte, sich von ihrem Gemahl scheinbar lieben zu lassen. Sie weinte in meinen Armen bis vier Uhr morgens; da ich sie dann verlassen musste, kamen wir überein, dass ich am nächstfolgenden Tage ihr den Arzt zuführen, und dass die darauf folgende Nacht das Opfer gebracht werden sollte, wovon selbstverständlich Herr von Lignoll unterrichtet werden musste. Ich hatte, ganz mit dem Wunsch beschäftigt, sie sehen, und in ihr Zimmer zu gelangen, darauf vergessen, wie ich die Mittel erlangen könnte, wieder aus demselben herauszukommen. »Meine theuere Freundin, ich denke etwas spät daran; wie fange ich es an, um wieder nach Hause zu kommen?« »Ach, Du willst gehen, mein Freund?« »Ja, aber ich habe bloß Frauenkleider. Ein so geputztes Mädchen, das morgens vier Uhr ganz allein durch die Straßen geht, muss sehr verdächtig erscheinen; die Wache wird mich verhaften, und ich habe keine Lust, wieder nach Saint-Martin gebracht zu werden.« »Wenn es bloß dies ist,« antwortete sie, »dann brauchst Du Dich nicht zu beunruhigen, warte, ich wecke Lafleur; dieser spannt ohne Lärm ein Pferd vor das Kabriolet; in Begleitung meines Bedienten werde ich Dich selbst bis vor Dein Haus zurückführen; wir sind dann länger beisammen. Diesen Vormittag werde ich Herrn von Lignoll sagen, Du habest durchaus vor Tagesanbruch wieder in Dein Kloster gehen müssen.« Es musste sofort ans Werk geschritten werden. Lafleur, der uns gänzlich ergeben war, zeigte vielen Eifer, uns zu dienen. Als wir so weit bereit waren, gab uns Lafleur persönlich zu wissen, dass wir uns auf den Weg begeben sollten. Nun hielt ich sie in meinen Armen, die theuere Last, sie schmiegte sich so zärtlich an mich, als ob sie mich nimmer verlassen wollte; als wir vor meinem Hause ankamen, dachte ich, sie wolle mich durch ihre glühenden Küsse ersticken. Sie verließ mich erst in dem Augenblicke, als mein treuer Jasmin auf das verabredete Zeichen herbeikam, um mir das Thor des Hauses zu öffnen. Ich warf mich in mein Bett. Es war zehn Uhr, als der Baron mich weckte. Er fragte mich, ob meine Nacht gut gewesen sei. »Vollkommen gut, mein Vater!« »Und Deine Migräne?« »Die verursacht mir allerdings noch einige Schmerzen; aber dennoch wollte ich mir zuweilen Nächte, wie meine letzte, mit mehrtägigen Leiden erkaufen.« Während ich noch sprach, führte mein guter Genius Herrn von Rosambert zu mir. Mein Vater der den Grafen seit seinem unglücklichen Kampfe am Thor Maillot nicht wiedergesehen hatte, überhäufte ihn mit Höflichkeiten. Der Graf erwiederte dieselben und ich hatte das Vergnügen zu sehen, wie sich die Beiden längere Zeit vertraulich unterhielten. Endlich verabschiedete sich der Baron. Allein bei mir geblieben, fing Rosambert seine Klagen auf's neue an: »Sie hatten mir Ihr Ehrenwort gegeben, und doch sind abermals vierzehn Tage vergangen.« »Sie sehen, lieber Rosambert, mein Vater geht nicht von meiner Seite. Ich könnte zu Ihnen gehen, aber nur in seiner Gesellschaft.« »Dieses würde mir wenigstens das Vergnügen verschaffen. Sie zu sehen.« »Ohne Complimente, Rosambert! gestehen Sie, dass der Besuch des Barons Sie nicht sehr erfreuen würde. Der Baron ist sehr liebenswürdig, aber er ist mein Vater. Sie lieben die Gesellschaft junger Leute.« »Ich ziehe sie allerdings vor ... Chevalier, wissen Sie auch eine große Neuigkeit? Sie erinnern sich vielleicht einer gewissen sehr dienstfertigen Gräfin, die sich, als ich Sie das erste Mal auf den Ball führte, meiner bemächtigte, um Sie der Frau von B... zu überlassen?« »Allerdings erinnere ich mich ihrer, sie ist ziemlich hübsch.« »Sagen Sie mir das nicht; niemand weiß es besser als ich. Diese Gräfin war lange Zeit die beste Freundin der Marquise; man versichert, die beiden Frauen haben ein gleiches Interesse gehabt, sich zu schonen; dessen ungeachtet sind sie jetzt entzweit. Ihr Bruch hat großen Lärm in der Welt gemacht; man hört sehr verschiedene Urtheile darüber. »Als ich dieser Tage der Marquise von Rosambert, meiner Mutter, meinen ersten Besuch machte, traf ich die liebenswürdige Gräfin bei ihr, die mir unendlich viel Freundschaft erwies; ich konnte ohne Mühe sehen, dass sie sich um meine Freundschaft bewarb, um sich durch meine Allianz zu verstärken.« »Ah, Rosambert, Sie sind sehr zu gelegener Zeit gekommen; ich wollte Sie eben schriftlich bitten, mir einen wichtigen Dienst zu erweisen.« Ich verhehlte ihm von meinen Abenteuern mit Frau von Lignoll bloß das, wobei Frau von B... betheiligt war; ich erzählte ihm viel von der Tante und der Nichte und hütete mich wohl, ihm aber ein Wörtchen von der Cousine zu sagen. Meine so abgekürzten Berichte lieferten ihm nichtsdestoweniger ungemein viel Stoff zu Scherzen, und nachdem er seiner Heiterkeit freien Lauf gelassen hatte, sagte er endlich: »Ich fühle mich bereits kräftig genug, um hübsche Kranke zu besuchen; übrigens ist es ja unmöglich, einen so lustigen Auftrag auszuschlagen, wie derjenige, womit Fräulein von Brumont mich beehrt; morgen wird sie mich bereit finden, bei der Gräfin ihr Vertrauen zu rechtfertigen; morgen wird sie mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu gestehen, dass der geschickteste Doktor keine besseren Maßregeln hätte ergreifen können, als ich, um dem schwachen Herrn von Lignoll die Ehre der Vaterschaft zu sichern.« Kurz darauf, als sich Rosambert entfernte, besuchte uns die Baronin. Ich war überrascht, sie folgendermaßen zu meinem Vater sprechen zu hören: »Herr von Lignoll hat seine Frau nicht geheiratet, das ist eine Thatsache, die jedermann weiß; und dennoch ist seine Frau in einem andern Zustand, wie Sie wissen, Herr Baron; denn mit diesem Geständnisse, womit sie Sie in Erstaunen gesetzt hat, hätte sie, ohne der Frau von Armincour Dazwischentreten, unverzüglich und mit derselben Offenheit ihren Gemahl erfreut. Es handelt sich jetzt davon, die Unbesonnene, die man beklagen muss, zu retten; hierzu gibt es nur ein Mittel, nämlich den unwürdigen Gemahl zur Vollziehung seiner ehelichen Pflicht zu nöthigen, was keine leichte Sache ist; aber noch mehr Mühe kostet es vielleicht, Frau von Lignoll zu bestimmen, dass sie es zugibt. Nur der Vater ihres Kindes ist im Stande, die betrübte Mutter zu diesem Entschlusse zu veranlassen, wozu, wie jedermann, der den Geliebten und den Gemahl kennt, einsehen muss, Muth gehört. »Ein Arzt muss herbeigezogen werden und dies Gutachten auszusprechen, der Gemahl wird es hören, und die Tante wird auf die Vollziehung betreffs der Erfüllung der ehelichen Pflichten bei Herrn von Lignoll dringen. Erlauben Sie daher, Herr Baron, dass ich morgen früh Ihren Sohn verkleidet hier abhole, um ihn zu Frau von Lignoll zu führen; Fräulein von Brumont wird den Tag über dort bleiben, und auf den Abend werde ich sie Ihnen wieder bringen. Am andern Tage jedoch wird sie nothwendigerweise noch einen Augenblick dahin zurückkehren müssen; die unglückliche junge Frau wird durchaus eines tröstenden Wortes ihrer Freundin bedürfen. Doch wird Ihr Sohn, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, zum Mittagmahle zu Ihnen zurückkommen.« Der Baron schwieg eine Zeit lang, in ernsthaften Betrachtungen versunken. »Madame,« sagte er endlich, »versprechen Sie mir, diesen jungen Mann keinen Augenblick zu verlassen?« »Ich verspreche es, mein Herr.« Er wandte sich an mich und sagte mit ernstem Tone: »Du kannst noch einmal die Kleider des Fräulein von Brumont anziehen; aber bedenke, dass Du dieselben dann auf immer ablegen musst.« Kaum hatte sich Frau von Fonrose eine Viertelstunde von uns entfernt, als mein Vater durch die kleine Post ein Schreiben bekam. Bei Durchlesung desselben nahm der Baron eine düstere Miene an, er schien sehr aufgeregt zu sein und rief mehrere Male: »Wahrlich, dies ist sehr möglich.« »Haben Sie vielleicht eine unangenehme Nachricht erhalten, mein Vater?« »Unangenehm! ja, mein Sohn.« »Es handelt sich nicht von Sophie?« »Von Sophie! nein, durchaus nicht!« »Auch nicht von meiner Schwester?« »Auch nicht von Deiner Schwester; adieu mein Sohn, schlafe wohl diese Nacht, so wie die letzte; morgen und auch übermorgen noch erlaube ich Dir Deine Frauenkleidung wieder anzulegen; aber es sei auch das letzte Mal, verstehst Du mich wohl?« Am andern Tage war die Baronin schon vor Mittag bei Frau von Lignoll; auch ich fand mich zur selben Zeit ein. Mein Arzt ließ nicht lange auf sich warten. Niemand hätte in seinem neuen Aufzuge den Freund des Chevaliers erkannt. Es war nicht mehr dieser elegante, unbesonnene, unruhige junge Mann, voll Feuer, Anmuth und Liebenswürdigkeit; es war ein hübscher, galanter, honigsüßer Doktor, beinahe bezaubernd wie sie Alle sind. Er ging gerade auf meine Leonore zu. »Dies ist die Kranke! man braucht sie mir nicht zu zeigen! doch was ist diese Krankheit? wo will sie ihren Sitz haben? auf einem Gesicht und Augen, wie diese, es ist kaum möglich; man muss das tückische Übel gut kennen, um es da zu suchen. Aber Geduld, wir werden es schon vertreiben. »Schöne Dame, sehen wir den Puls. Ah! die hübsche Hand! die bezaubernde Hand!« er küsste sie. »Was machen Sie, Doktor?« sagte die Gräfin lachend. »Ja,« antwortete er, »ich weiß wohl, dass die Andern ihn befühlen, ich, ich höre ihn; durch diese feine Haut hindurch könnte ich ihn sogar sehen. »Ihr Puls ist sehr aufgeregt, meine schöne Dame, es ist etwas da, was ihn zu schnell gehen macht, Madame beklagt sich über Herzklopfen, glaube ich?« »Das ist nicht anders, seit einiger Zeit schlafe ich schlecht.« Der Doktor näherte sich dem Grafen und sprach leise einige Worte zu ihm, die er mit einem Blick auf die junge Frau begleitete. »Frau Gräfin müssen sich meinen Verordnungen fügen, der Herr Gemahl wird dafür sorgen, dass dieselben genau angewendet und wiederholt werden. Sie dürfen das Mittel, welches ich dem Herrn Grafen gerathen, nicht verabsäumen; denn es ist eine vollständige Vollblütigkeit; beunruhigen Sie sich aber nicht wegen Ihrer Krankheit, wir wollen dieselbe schon beheben und uns des guten Erfolges freuen.« Bei diesen Worten stützte der Doktor seinen Kopf mit beiden Händen und schien lange nachzudenken; dann betrachtete er die Gräfin mit der größten Aufmerksamkeit. »Auf Ehre!« rief er aus, »das verstehe ich nicht, denn es ist eine Mädchenkrankheit, und doch ist diese schöne Dame die Frau Gräfin.« Er wendet sich zu Herrn von Lignoll ganz leise, aber sehr deutlich, so dass wir kein Wort verlieren. »Sagen Sie mir aufrichtig, Herr Graf, Sie vernachlässigen also Ihre reizende Frau sehr?« Wir konnten die Antwort des Eheherrn nicht hören; aber Rosambert fuhr fort: »Es muss wohl sein; denn da ist Vollsäftigkeit und Vollblütigkeit, und wenn Sie die Sache nicht in Ordnung bringen, so wird unfehlbar die Gelbsucht eintreten, und dann kann auch eine Katastrophe folgen! Sie müssten die Mitgift herausbezahlen, nehmen Sie sich wohl in Acht.« Herr von Lignoll wird plötzlich sehr blass und sagt mit zitternder Stimme: »Ich versichere Sie, Herr Doktor, es handelt sich mir hier nicht um die Mitgift, ein anderer sehr wichtiger Grund, den anzugeben mir durchaus nicht möglich ist.« Rosambert wendet sich zu Frau von Lignoll. »Wie lange sind Sie denn verheiratet?« »Bald acht Monate, Herr Doktor.« »Acht Monate! aber da sollten Sie ja schon ... Herr Graf, schnell ein Kind für Madame; noch diesen Abend, oder ich stehe nicht für die Folgen!« Die Marquise von Armincourt ist zu Faublas getreten und sagt leise zu ihm: »Empfangen Sie meinen Dank, denn Sie haben den Arzt unterrichtet, und meine Nichte zu dem einzigen Entschluss vermocht, der sie retten kann; fügen Sie zu dieser Wohlthat die hinzu, sie nie wieder zu sehen, seien Sie ein Mann von Ehre.« Herr von Lignoll legt seine Hand auf Rosamberts Schulter: »Lieber Doktor, aber ...« Rosambert in freundschaftlichem Tone: »Kein aber! sehen Sie doch die Gräfin, wie reizend – oder sollte Madame nicht wollen?« Die Gräfin mit Thränen in den Augen: »Ich ...« Da ich den Augenblick herannahen sah, wo sie sich weigern würde, so trat ich ganz nahe an sie heran, und sagte mit bewegter Stimme leise zu ihr: »Leonore, denke an mich.« Sie heftete ihre Augen zärtlich auf mich und sagte, ihre Hand in die meinige fallen lassend, mit einem tiefen Seufzer das verhängnisvolle: »Ich will es.« Rosambert zu Herrn von Lignoll: »Sie will es, was haben Sie zu sagen?« Frau von Armincour mit Schluchzen: »Dass er nicht kann.« Rosambert, der sich Mühe gibt, sein Lachen zu unterdrücken und sein Äußerstes aufbieten muss, um ernst bleiben zu können: »Dass er nicht kann! das wird man mir nie begreiflich machen. Ein Widerwille ist nicht denkbar; diese Frau ist bezaubernd! es ist auch nicht physische Schwäche, Sie sind noch ganz, jung. Wie alt etwa? sechzig Jahre?« Herr von Lignoll erwidert, etwas beleidigt: »Nicht über fünfzig, mein Herr.« Rosambert einlenkend: »Da sehen Sie! und hätten Sie auch das Doppelte, so sind das Reize, die einen achtzigjährigen wieder munter machen könnten.« Die Baronin, die während der ganzen Zeit eine stille Beobachterin gespielt, bemerkt etwas sarkastisch: »Ja, Doktor; aber erlauben Sie eine Citation: »Man sagt, dass die Natur nicht allen Alles schenkt, Dass großen Geistern, die in keinem Dienst sonst weichen, Versagt die Gabe ist, zu schaffen ihresgleichen. Destouches, der verheiratete Philosoph.« Der Graf wurde durch die plötzliche Ankunft seines Bruders, des Vicomte von Lignoll und Schiffskapitäns, überrascht. Der ungeduldige Seemann stürzte sich ins Zimmer seiner Schwägerin, ohne zu warten, bis man ihn angemeldet hatte. Er war ein Mann von sechs Fuß fünf Zoll, verhältnismäßig dick und stark, eine Art Herkules; mit schwarzem Haare, einem großen Schnurrbart, einem langen Degen, das wildeste Gesicht von der Welt, alle Geberden eines Grenadiers, ganz die Haltung eines Haudegens; er rief mit lauter Stimme: »Guten Tag, mein Bruder; guten Tag, jedermann!« Der Graf antwortete auf diesen Gruß mit befangenem Tone: »Guten Tag, mein Freund, ich stelle Dir hier den Doktor Rosambert vor, der gekommen ist, um ...« »Wer ist denn hier krank?« fragte der Kapitän verwundert. »Ihre Frau Schwägerin,« sagte Rosambert. »Sie ist krank, diese Frau, bei Gott, Bruder, Du überraschst mich ja, es ist vielleicht um so besser. Beim Blitz! wir werden sehen; aber da muss eine gewaltige Veränderung bei Dir vorgegangen sein, denn bis jetzt war ich vom Gegentheil überzeugt, nun denn, ich gratuliere, Frau Schwägerin, und lassen Sie ihm nur einen recht kräftigen kleinen Burschen werden! Donner und Hagel, einen kleinen Lignoll, wird das ein Aufruhr werden. Alle meine Kameraden sollen auf das Wohl dieses kleinen Schlingels sich gütlich thun! Lass die Trinkgelage auf einander folgen, mein Bruder, dass die Welt auch sieht, die Lignoll's sind keine engherzigen Seelen, wenn es gilt die Keller aufzumachen, um den neuen Stammhalter leben zu lassen. Umarmen Sie mich, liebe Schwägerin, das nenne ich ein freudiges Willkommen!« Die Baronin spricht leise zu Fräulein von Brumont, die dem Kapitän soeben einen drohenden Blick zugeworfen hat: »Ich glaube, Ihnen schon von diesem Halbmenschen gesprochen zu haben; seine Ankunft hier scheint mir nichts Gutes zu bedeuten. Doch Geduld und Mäßigung.« »Nun, Doktor, was verordnen Sie denn der Frau Gräfin?« »Sie macht mir weniger Sorge, als Ihr Herr Bruder, denn er ist nicht ganz so, wie er sein sollte.« »Hören Sie doch, Herr Doktor, es ist vielleicht ganz schön, was Sie da sagen, aber mich soll der Teufel lothweise zerreißen, wenn ich ein Wort davon verstehe.« »Und doch ist die Sache klar; ich will es Ihnen übrigens noch erklären. Der Leib der Frau ist krank, weil der Geist des Mannes sich zu gut befindet. Ich hatte für die Gesundheit der Frau verordnet, dass sie ein Kind bekomme.« »Dass es jetzt der Fall sein wird, muss man sich wirklich Glück wünschen, weißt Du auch, mein Bruder, dass boshafte Leute sagten, Deine Frau bedürfe hierzu Deiner nicht?« Fräulein von Brumont, die ganz entrüstet aufgestanden war, sagt voll Unmuth: »Wissen Sie auch, Kapitän, dass, wenn alle Marineoffiziere Ihnen glichen, es sehr verächtliche Herren wären?« »Mein kleines Fräulein, sollten Sie vielleicht einen Bruder haben?« »Und wenn ich einen hätte?« »Wenn ihrer auch dreißig wären, so würde ich einen nach dem andern bitten, hinter das Karthäuserkloster zu kommen.« »Kapitän, ich glaube trotz Ihrer fürchterlichen Miene, dass der Erste, der sich dort einstellte, allen Andern den Gang ersparen könnte.« »Sie sind sehr glücklich, dass Sie bloß eine Frau sind,« sagte der Kapitän sehr verächtlich. Ich wollte hitzig antworten, als die Baronin, die mich unaufhörlich beobachtete, ganz leise zu mir sagte: »Um Gottes Willen, mäßigen Sie sich, bedenken Sie, dass es das Wohl Ihrer Leonore gilt.« Indes hatte Frau von Lignoll mit der Lebhaftigkeit, die man an ihr kennt, ihrem Schwager bedeutet, dass, wenn er fortführe, so unehrerbietig von ihr zu sprechen, sie ihn ersuchen müsse, sogleich ihr Haus zu verlassen. »Achte nicht darauf, was sie sagt, lieber Bruder,« rief der Graf; »es ist ein Hitzkopf.« Rosambert, der mit Unruhe diesem Zweigespräch gefolgt, sagt zum Kapitän: »Mein Herr, wer immer das unverschämte Wort zu Ihnen gesagt haben mag, das Sie soeben äußerten, der hat gelogen; ich bin der Mann, der das versteht, und ich werde, wenn man es verlangt, sogleich unterzeichnen, dass die Frau Gräfin ganz im Gegentheil ihres Mannes hierzu sehr bedarf.« Herr von Lignoll unterbricht dieses Gespräch und sagt zum Kapitän lachend: »Du verstehst Chemie, betrachte einmal diese Arzenei; ich habe die ganze Flasche bis auf den Rest ausgetrunken.« Nachdem der Kapitän das Gefäß geschüttelt und einige Tropfen getrunken hatte, rief: »Donner und Wetter, welcher Dummkopf hat Dir diese Pferdekur befohlen?« »Ein Dummkopf der Doktor, da muss ich doch Einspruch machen.« »Nach diesem Mittel zu urtheilen, ist der Herr Doktor etwas radical, wenn ich den fünfundzwanzigsten Theil nähme, so müsste ich rasend werden.« Graf Lignoll, der sich die Hände reibt: »Und doch ist nur mein Geist daran Schuld.« »Donnerwetter,« rief der Kapitän, »mein armer Bruder, ich bin froh, dass Du dieses Genie ganz allein für Dich genommen hast; denn, wenn man so rechnet, so hast Du von der frühesten Jugend an Genie gehabt. Ich wollte sagen, zu jeder Zeit hat sich mein älterer Bruder in Beziehung auf das schöne Geschlecht als ein schwacher Held gezeigt.« Frau von Armincour zornig: »Wenn Sie das wussten, warum haben Sie denn zugegeben, dass er eine Frau nahm?« »Ei, meine gnädigste Marquise; warum hätte ich denn meinen Bruder hindern sollen, eine vortheilhafte Heirat zu schließen?« »Das ist aber eine schändliche Berechnung, Herr Kapitän, wissen Sie auch, dass meine Nichte dem Herrn Grafen recht viele Hörner aufsetzen sollte?« »Wahrhaftig!« versetzte der Kapitän, »man sagt, dass sie auf diesen Gedanken gekommen sei; aber ich will ihn ihr aus dem Kopfe treiben, ich bin ausdrücklich deshalb ins Land zurückgekommen.« Frau von Armincour wendet sich zum Kapitän mit zürnender Stimme: »Und Du, Herr Eisenfresser, ich wollte, dass jemand aus meiner Bekanntschaft Dir so viele Degenstöße gebe, als meine Nichte hunderttausend Livres Rente hat.« Kapitän mit drohendem Tone hohnlachend: »Dieser jemand aus Ihrer Bekanntschaft? sagen Sie mir seinen Namen, gute Dame!« »Seinen Namen, Sie werden ihn vielleicht nur zu bald erfahren.« »Gut, ich will sehen, übrigens, mein Bruder, sei auf Deiner Hut, hier, lese diesen Satz in einem Briefe, den ich im Hafen von Brest bekommen habe: »Man sagt, dass Dein Bruder seine Pflichten in der Ehe nie vollziehen könnte, und dennoch ist Deine Schwägerin in anderem Zustande; wie kommt es –?« »Dieser Brief ist unterzeichnet Saint-Leon, einer meiner Freunde, wie Du weißt. In höchstem Zorn nehme ich Post; ich komme an und steige bei Saint-Leon ab. »Er sagt mir, er habe nicht geschrieben. Ich zeige ihm das Papier, er beweist mir, er habe nicht geschrieben, indem er es nicht für seine Handschrift anerkennt, und behauptet, dass man ihn bloß nachahmen wollte.« Die Baronin neigt sich zu Fräulein Brumont und sagt leise: »Ich fürchte sehr, dass es ein Streich von Ihrer Marquise ist. Herr Kapitän, zeigen Sie mir diesen Brief.« Der Kapitän gibt ihr denselben; nachdem sie ihn aufmerksam geprüft und zurückgegeben hat, sagt sie zu ihm: »Wenn Sie ein vernünftiger Mann sind, so frage ich, welchen Glauben die Anschuldigungen eines Fälschers verdienen?« »Gut! gut! ich will nicht alles glauben; aber wo Rauch ist, dort ist auch Feuer. Ich gedenke mich einige Tage hier festzusetzen; und sehe ich einmal einen schmachtenden Ritter ihr nahe kommen, dann will ich meiner lieben Schwägerin seine Ohren in die Tasche legen.« »Herr Kapitän,« sagte Fräulein von Brumont, »ich habe von Ihnen gehört, Ihr Name ist mir bekannt; Sie haben ihn unglücklicherweise zu berühmt gemacht. Frankreich hat, das weiß man wohl, keinen tüchtigeren und allgemein bekannteren Raufer als Sie; glauben Sie aber, dass es im Königreiche noch einige junge Leute gibt, die, ohne wie Sie aus ewigem Morden ein Gewerbe zu machen, gar wohl im Stande sind, mit Ihnen zu kämpfen und vielleicht Sie zu züchtigen. An der Gräfin ihrer Stelle würde ich es wenigstens versuchen; heute Abend noch würde ich, durch Ihre Drohungen bestimmt, einen Geliebten annehmen, und ich würde mir unter den jungen Leuten vielleicht den schwächsten auswählen.« Rosambert ruft mit Enthusiasmus: »Nein, den jüngsten, aber den furchtbarsten; einen hübschen Jungen von außerordentlicher Gewandtheit, merkwürdiger Kraft und seltener Unerschrockenheit; und ich, Frau Gräfin, wollte mein Leben daran setzen, dass dieser im Gegentheil die Ohren des Kapitäns nach Hause brächte, im Falle Sie dieselben verlangten.« Die Baronin fällt rasch in diese Rede ein: »Ja, aber sie würde sie nicht verlangen, nicht wahr, Gräfin? Sie würden sie nicht verlangen. Sie würden die Drohungen eines Raufbolds nur mit der verdienten Verachtung strafen.« »Was liegt mir an der Verachtung von medisanten Frauen; gar nichts, inzwischen will ich Ihnen anzeigen, meine verehrten Damen, dass ich mich hier festsetzen werde, um meine Beobachtungen darnach einzurichten.« »In diesem Hotel? daraus wird nichts, mein Herr Schwager!« »Wie, mein Bruder, ich werde nicht bei Dir wohnen?« Gräfin : »Ganz gewiss nicht, denn ich werde es nicht zugeben.« »Und Du, mein Bruder, Du antwortest mir nicht. Du bringst sie nicht zum Schweigen? ah! Du lassest Dir von einer Frau befehlen! Donnerwetter, ich möchte an Deiner Stelle sein, nur vierundzwanzig Stunden lang der Mann einer solchen Schwärmerin, ich wollte ihr den Kopf zurechtsetzen. Na, werden Sie nur nicht böse, Frau Gräfin, ich werde nicht gegen Ihren Willen dableiben, aber ich werde mich gegen Ihren Willen in derselben Straße einquartieren; und rechnen Sie darauf, dass ich Sie überwachen werde. Es wird wohl nicht meine Schuld sein, wenn es Ihnen gelingt, eine kleine – zu werden.« Bei diesen Worten, die eine so grobe Beleidigung gegen die arme junge Frau enthielten, wurde dieselbe so wüthend, dass sie dem brutalen Kapitän statt aller Antwort einen Leuchter an den Kopf warf, den sie gerade unter der Hand halte. Ich sah den Augenblick kommen, wo der liebe Schwager Schlag für Schlag zurückgeben wollte. Mit der linken Hand hielt ich seinen aufgehobenen Arm, und mit der rechten nahm ich den Riesen beim Kragen und stieß ihn so kräftig weg, dass er das ganze Zimmer entlang bis an das Fenster zurücktaumelte, das er zerbrach. Hätte der Balkon den Kapitän nicht aufgehalten, so wäre er auf die Straße hinabgestürzt. »Bravo, meine liebe Brumont, bravo!« rief Frau von Armincour; »man muss ihn züchtigen, diesen groben Schlingel, der mich zu Tode ängstigt, der mein Kind beschimpft und es schlagen will!« Ich bedurfte keiner Aufmunterung von Seite der Marquise, ich war so wüthend, dass ich, als ich auf dem Lehnstuhl den Degen des Herrn von Lignoll bemerkte, den er da gelassen hatte, auf denselben zustürzte, um zu ergreifen. Rosambert, der bei diesem skandalösen Auftritt allein einige Kaltblütigkeit behielt, sprang auf mich zu: »Halten Sie ein, wenn Sie den Degen ziehen, so sind Sie verrathen.« Der Kapitän sah mich, bei den Trümmern des Fensters stehend, mit großen Augen an; in seinem Gesichte sprach sich eine nicht beschreibliche Verwunderung aus, er lachte dann plump auf und sagte: »Hat mich dieses Äffchen auf den ersten Stoß dahin gesetzt! hat sie Eisenarme, oder bin ich bloß noch ein Strohmann? Donnerwetter! so ist's, wenn man unvermuthet gepackt wird! ein Kind kann einen schlagen! aber dieser Degen, den sie gegen mich ziehen wollte! was hätte ich denn genommen, um mich zu vertheidigen, was meinen Sie, mein Fräulein?« Endlich glaubte er aufstehen zu müssen: »Leben Sie wohl, meine reizende Dame, ich werde der guten Aufnahme gedenken, die ich bei Ihnen gefunden habe. Ich gehe nicht weit und werde die Augen über Ihre Aufführung offen halten, das ist jetzt meine Sache, nehmen Sie sich sein in Acht!« Mit diesen Worten ging er hinaus. Madame Lignoll sagte mit sehr gereizter Stimme zu ihrem Gemahl: »Mein Herr, ich bewundere Sie, wahrlich Sie hätten mich umbringen lassen, ohne einen Schritt zu meiner Vertheidigung zu machen!« Er antwortete ihr mit befangener Miene: »Ach, ich bitte um Verzeihung; aber ich war so erstaunt, und konnte das Alles gar nicht begreifen; dann war auch mein Geist anderswo. »Ich denke den Plan zu einem neuen Gedichte aus; es wird acht Verse haben... vielleicht bringe ich es auf zwölf. »Wahrlich, ich will das Lob rechtfertigen, das der Doktor meinem Genie schenkt, wie er sagt, ich will, dass dieses Werk ein kleines Meisterstück sei, wie er die andern nennt; und deshalb bitte ich Sie, mich zu entschuldigen, um ungesäumt daran zu arbeiten.« Als er fort war, sahen wir Alle einander einige Minuten lang schweigend an; jeder von uns war erstaunt über die Gegenwart und besorgt über die Zukunft. Frau von Fonrose sprach zuerst, um uns große Vorsicht anzuempfehlen; die Marquise rief, der Chevalier dürfe ihre Nichte nie mehr sehen; ihre Nichte betheuerte, dass sie lieber sterben, als mir entsagen wolle; ich versicherte meine Leonore durch einen liebevollen Blick meiner unerschütterlichen Sündhaftigkeit und gelobte, dass ihr Schwager mir demnächst für die Unverschämtheiten, die er sich gegen sie erlaubt, die Unruhe, in die er uns zu versetzen wage, Rede stehen solle. »Dies ist ein sehr falscher Vorsatz,« sagte Rosambert endlich; »mein Freund, Sie müssen im Interesse Aller Ihre Empfindlichkeit gegen den Vicomte verhehlen. Sie haben nichts zu thun, als den Lauf der Dinge abzuwarten. Madame wird sich, wenn sie einmal ihren Zustand nicht länger verbergen kann, ihrem Gemahl anvertrauen, und dieser wird, wie so viele andere, wohl oder übel, die Sache auf die leichte Schulter nehmen, und das Kind anerkennen. Der Kapitän wird schreien, das gebe ich zu, aber dann, Faublas, ist es Zeit, dass Sie sich zeigen; Sie sagen diesem Seemann, der nichts von Lebensart weiß, zwei Worte, und ich kenne Sie! die Sache wird bald im Reinen sein.« Nachdem die ganze Gesellschaft Rosambert's Rath als sehr weise anerkannt hatte, dankte mir Frau von Armincour mit Schluchzen, dass ich ihre Nichte vertheidigt hätte, bat mich sie immer zu vertheidigen, und ersuchte mich, mich zu entfernen, um nie wiederzukehren. »Arme Kinder,« fügte sie hinzu, als sie uns auch weinen sah, »Euer Unglück geht mir sehr zu Herzen, aber es muss sein!« »Ach! Herr von Rosambert, warum ist dieser hier nicht ihr Gemahl? Sie liebt ihn so sehr.« »Komme heute Abend,« sagte Leonore ganz leise zu mir, »um Mitternacht, wir haben uns tausend Sachen zu sagen, komme!« »Ja, geliebteste Freundin, ja.« »Etwas früher, weil die Marquise zur Verlöbnis einer Verwandten gehen muss und erst spät zurückkommen wird.« Sie hatte sich trotz ihrer Tante und der Baronin in meine Arme geworfen, sie hatte mich an ihren Busen gedrückt, liebkoste und küsste mich unzähligemal, als ob sie eine Ahnung hätte, dass sie das Fräulein von Brumont nie wieder sehen solle. Wir schieden mit Thränen von einander. »Ach! Frau Baronin,« sagte ich mich an dieselbe wendend, »bleiben Sie wenigstens noch einige Zeit bei ihr und suchen Sie sie zu trösten.« »Gerne, lieber Chevalier,« antwortete sie. »Herr von Rosambert hat seinen Wagen, er führe Sie zurück; in einer Stunde treffe ich Sie bei dem Baron.« »Sie ist eine beklagenswerte Frau,« sagte der Graf zu mir; »denn sie scheint Sie von Herzen zu lieben?« »Glauben Sie, Rosambert, dass ich sie nicht liebe?« »Eine schöne Frage! ich weiß wohl, dass Sie Alle lieben.« »Oh! diese ist ganz nach meinem Herzen; ich gebe ihr den Vorzug.« »Vor Sophie vielleicht?« »Nein, nicht vor Sophie.« »Vor Frau von B...« »Ja, mein Freund.« »Um so besser!« rief er; »um so besser für mich! das rächt mich! aber um so schlimmer für dieses liebenswürdige Kind; denn daher kommt gewiss der Hass, den die Marquise gegen sie hat.« »Hass, gegen Leonore?« »Ganz gewiss! Glauben Sie, eine andere als Frau von B... könne diesen pseudonymen Brief an den Vicomte geschrieben haben?« »Ach! Rosambert, halten Sie sie einer solchen Abscheulichkeit für fähig?« »Lieber Freund, Sie haben noch immer eine zu gute Meinung von dieser Frau.« »Und Sie, mein Freund, haben eine zu schlechte Meinung von ihr. Thuen Sie mir den Gefallen, und sprechen wir von etwas anderem.« »Gerne! ich will Ihnen jetzt eine Nachricht mittheilen, die Sie erfreuen und in Staunen setzen wird. »Ich heirate morgen.« »Und diese Nachricht soll mich in Staunen setzen? Ihre Gesundheit ist wieder hergestellt; es ist klar, dass Sie heiraten werden.« »Glauben Sie nicht, dass ich scherze; ich heirate in allem Ernst.« »In allem Ernst?« »Ja, lieber Freund, eine kirchliche Trauung.« »Unmöglich! man hat noch nicht davon sprechen gehört.« »Und doch ist die Sache schon mehr als vierzehn Tage im Werk. Man hat mir das Ehrenwort abgenommen, dass ich Niemand davon sagen wolle. Die nächsten Verwandten haben sogar die Dispensation von der kirchlichen Bekanntmachung erkauft. Auch meine Mutter hat mir Stillschweigen anempfohlen, sie fürchtet, diese vortheilhafte Ehe möchte mir durch eine Indiskretion entgehen.« »Ich erhole mich nicht von meinem Staunen, wie Rosambert sich hat entschließen können, in seinem dreiundzwanzigsten Jahre zu heiraten.« »Die Marquise, meine Mutter, hat mich gebeten, mich nicht zu weigern diese Ehe einzugehen, sie hat mich beschworen, und ich habe mich zuletzt erweichen lassen. »Heute Abend unterzeichne ich den Vertrag, morgen heirate ich zwanzigtausend Thaler Rente und ein hübsches Mädchen.« »Ich kann mir wohl denken, dass mein Freund Rosambert nur ein hübsches Mädchen heiraten wird.« »Allerdings, zwar ist das Gesichtchen ein wenig albern, und eine Unschuld! zum Todtlachen.« »Wie alt ist das Mädchen?« »Nicht ganz fünfzehn Jahre.« »Ihr Name?« »Sie werden ihn übermorgen erfahren.« »Warum erst übermorgen, ist es denn so geheim?« »Hören Sie, lieber Faublas, kommen Sie des Morgens zu mir. Sie müssen ohne alle Umstände dem Frühstück einer Neuvermählten anwohnen; nichts Schöneres, als eine ganz jung vermählte Frau, die in ihrem Gange ein wenig geniert ist, mit matten Augen und allen Zeichen des Staunens in der Miene. Sie lachen?« »Ja, denn Sie erinnern mich an jemand.« »Er hat Recht. Ich bin in der That kindisch! ich quäle mich, ihm etwas vorzumalen, das er besser kennt als ich? hat er nicht die reizende Lignoll und die schöne Sophie gesehen? und was weiß ich, vielleicht noch andere, von denen er mir nichts gesagt hat! Aber gleichviel, Chevalier! Sie werden eine neue Art von Vergnügen haben. Sie können interessante Beobachtungen anstellen und sich selbst Rechenschaft geben, was Sie bei einer frisch geheirateten Agnes empfinden, an deren kleinen geheimen Schmerzen und reizenden Verlegenheiten Faublas diesmal nicht schuldig ist. Ich habe mir meine Pläne ausgedacht, und mag kommen was immer, ich verspreche, diskret zu sein; wenn die junge Frau eine Herzensangelegenheit hat, so wird sie schrecklich ungeschickt sein müssen, wenn ich es merken soll, das versichere ich Ihnen. Ich glaube, dass man seine Vergehungen nicht besser wieder gut machen kann, Chevalier! man kann nicht besser anfangen! Ihnen steht frei, zu thun, was Sie wollen.« »Mir! Rosambert! oh! möchte jedermann Ihre glückliche Bande so achten, wie Faublas! Ich habe nie verführt, ich bin immer hingerissen worden; die Marquise war meine erste Neigung; Sophie ist meine einzige Leidenschaft; Frau von Lignoll wird meine letzte Liebe sein.« »Gott höre und behüte Sie!« Rosambert hatte wichtige Angelegenheiten zu Hause in Ordnung zu bringen; ich begleitete ihn, wir verplauderten gegen zwei Stunden, und die Zeit schien mir nicht lang, denn der Graf gestattete mir, ihn beständig von meiner Leonore zu unterhalten; endlich führte man mich in das Hotel zurück. Frau von Fonrose kam aus dem Zimmer meines Vaters, als ich eintrat; der Baron schien sehr aufgeregt; die Baronin war blass und zitterte. »Nun denn!« rief sie mit schlecht verhehltem Ärger. »Wir wollen sehen, dass die Verzweiflung über diesen Verlust uns nicht um den Verstand bringt. Sie hier, schönes Fräulein? reichen Sie mir die Hand bis an meinen Wagen ... Chevalier, wenn Sie Ihre grausame Marquise bald sehen, so sagen Sie ihr, dass ich sie zu Grunde richten werde, und müsste ich mit ihr zu Grunde gehen.« Als ich meine Frauenkleider abgelegt hatte, setzten wir uns zu Tische. Mein Vater und ich, obschon keiner von beiden mehr Appetit hatte. »Mein Vater, Sie essen nicht?« »Mein Sohn, ich bin trank vor Ärger und Verdruss; aber auch Du rührst nichts an.« »Ich habe meine Migräne.« »Deine Migräne, ich rathe Dir darauf zu verzichten; sie wird Dir diesmal nicht gelingen, lies den letzten Satz dieses Briefes, den ich durch die kleine Post erhalten habe.« »Man glaubt auch Sie, Herr Baron, davon benachrichtigen zu müssen, dass Fräulein von Brumont die letzte Nacht bei Frau von Lignoll zugebracht hat, und dass abermals Frau von Fonrose sie dahin geführt hat.« »Ein anonymes Schreiben, mein Vater!« »Sehr wohl! Frau von Fonrose wird mein Vertrauen nicht länger missbrauchen ... sie wird mich nicht mehr verrathen, die undankbare Baronin. Mein Sohn,« fuhr er fort, meine Hände in die seinigen nehmend, »habe ich es nicht vorausgesagt, dass Sie dieses unglückliche Kind am Ende ins Verderben stürzen würden?« »Wen, Sophie?« »Nein, Frau von Lignoll, wie ist sie zu retten?« »Oh! sprechen Sie nicht davon! seit diesem Morgen suche ich zitternd nach einem Mittel, sie dem Unglück zu entreißen, das sie bedroht. Ich quäle mich umsonst, ich bin in Verzweiflung.« »Ihr Schwager ist angekommen? Sie haben bereits einen fürchterlichen Auftritt mit einander gehabt? Mein Sohn, kennen Sie den Kapitän?« »Per renommée, mein Vater.« »Wissen Sie auch, dass der Vicomte von Lignoll oft in die Fußstapfen des St. Georg getreten ist?« »Ich will es glauben.« »Wissen Sie, dass dieser Mensch sich vielleicht zweihundertmal geschlagen hat?« »Um so schlimmer für ihn!« »Dass er nie verwundet worden ist?« »Doch ist er ohne Zweifel nicht unverwundbar!« »Dass er viele Familien zur Verzweiflung gebracht hat?« »Mein Vater, was liegt Ihnen daran?« »Dass sein Degen schon viele der hoffnungsvollsten Jünglinge weggerafft hat?« »Mein Vater, vielleicht könnte ein einziger ganz unbekannter junger Mensch sie Alle rächen.« »Mein Sohn, der Kapitän muss nothwendig in Bälde erfahren, dass dieses Fräulein von Brumont der Geliebte der Frau von Lignoll ist. Ich gestehe, dass es ihm vielleicht schwerer wird, zu entdecken, dass das Fräulein von Brumont der Chevalier von Faublas ist; aber endlich ... früh oder spät, alles scheint darauf hinzuweisen, dass er entdeckt wird. Mein Sohn, was wirst Du dann thun?« »Was zu thun sein wird, mein Vater, erlauben Sie mir es zu sagen, das ist eine sonderbare Frage.« »Gott behüte!« rief er, »dass ich Deinem jungen Muth zu nahe treten wollte! ich gestehe Dir sogar,« fügte er lachend und mich umarmend hinzu, »dass die stolze Einfachheit Deiner Antwort mir außerordentlich viel Vergnügen gemacht hat, und ich bin zuweilen stolz auf meinen Sohn, denn ich habe auf ihn meine ganze Seele gesetzt. Du weißt nicht, welcher Genuss es für mich war, als ich Dich, kaum ins Jünglingsalter getreten, in allen Deinen Übungen keinen Gleichen mehr haben sah, ich wünschte mir Glück zu einem solchen Sohne. Jedoch, ich gestand es mir gar bald mit einer Art von Ungeduld und nicht ohne einiger Unruhe, dass Deine Überlegenheit noch nicht die rechte Weihe erhalten habe. Du hast aber Deine erste Probe, ich darf es wohl sagen, mehr als gut bestanden. Hätte der Zorn diesen Herrn von B..., der als Fechter einen Namen hat, weniger geblendet, er hätte Dich am Thor Maillot verwunden können, als Du mit erstaunenswerter Geschicklichkeit, mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit den feindlichen Stahl wie ein bloßes Floret zurückweisend, in diesem ungleichen Kampfe ebenso viel Gewandtheit als Kraft, ebenso viel Tapferkeit als Großmuth an den Tag legtest. Da erkannte ich wahrlich, dass Faublas bei seiner Unerschrockenheit und Fertigkeit nie einen Sieger finden würde. Heute jedoch versetzt mich Deine Beherztheit in lebhafte Unruhe; erlaube mir daher eine Bitte, mein Freund.« »Sie, mein geliebter Vater, werden doch nicht Ihrem Sohne eine Bitte vortragen.« »Und doch muss ich Dich bitten, Deinem Feinde nicht entgegen zu gehen und ihn zu erwarten; wenn er Dich aufsucht, so wirst Du Deine Pflicht thun. Nichtsdestoweniger ersuche ich Dich dringend, den Kampf nur unter der ausdrücklichen Bedingung einzugehen, dass beide einen Zeugen mitbringen können. »Ich will Deinen zweiten Ehrenhandel sehen, der gefährlicher ist, als der erste; ich will Dich durch meine Gegenwart aufmuntern, als Sieger zurückzukehren. Hüte Dich wohl, gegen den Vicomte von Lignoll die großmüthige Schonung zu haben, die Du gegen den Marquis von B... zeigtest. Es fehlte wenig, ich werde das nie vergessen, dass Deine Großmuth mich meinen Sohn gekostet hätte. Bei dem Vicomte wirst Du nicht mit einer bloßen Schramme davonkommen; denn er hat nie andere als tödliche Stöße geführt, und ich wiederhole Dir, er ist ein sehr wilder und zügelloser Mensch; aber seine Bravour, die dem Staate hin und da nützlich ist, lässt ihn unantastbar erscheinen. Deshalb, mein Sohn, wenn der Augenblick gekommen sein wird, ihn zu bekämpfen, dann, ich beschwöre Dich, denke an Deinen Vater, an Deine Schwester, an Deine Sophie, an Frau von Lignoll, wenn es sein muss. Dann tödte zu Deiner eigenen Sicherheit, zum wohl Aller, zur Genugthuung für hundert Familien das Opfer, dessen Blut der Himmel fordert. »Dieser Kapitän macht sich ein grausames Vergnügen daraus, den Tod zu geben, deshalb ist es an der Zeit, dass ein Rächer komme, um ihn zu züchtigen; stoße unbarmherzig zu, reinige die Erde von einem Ungeheuer! und Deine Jugend wird für die Ruhe der Menschen nicht ganz verloren gewesen sein ... aber,« rief der Baron. »Es kommt mir ein wahrhaft beunruhigender Gedanke. Seit allzu langer Zeit haben Reisen, Krankheiten, mehrere Unglücksfälle Dich genöthigt, Deine Übungen gänzlich zu vernachlässigen. Schon mehrere Monate hast Du kein Floret mehr in der Hand gehabt. Mein Gott, wenn Du etwas von dieser außerordentlichen Behendigkeit verloren hättest, die man bewunderte, und die sich hauptsächlich durch Gewohnheit erhält; wenn Du nicht mehr den schnellen Blick, die sichern Bewegungen hättest! mein Gott, wenn Du nur noch ein Fechter zweiten Ranges wärest! versuchen wir es mit einander, aber es wäre gut, wenn wir es sogleich thäten; wo sind Deine Florets? oh! ich bitte Dich, gib sie! wäre es nur um mich zu beruhigen. Ich bitte Dich, mein Freund, gib schnell. »Ich bedauere, dem Angriff keinen gleichen Widerstand entgegensetzen zu können, aber ich werde mich wenigstens so gut vertheidigen, als ich kann.« »Und nun, mein Sohn, bin ich gerüstet; aber Du musst mich deshalb nicht schonen, ich ersuche Dich ernstlich alle Kräfte zusammenzunehmen.« »Sie wollen es, mein Vater, ausgelegt, denn!« In zwei Minuten parierte er zwanzig Stöße und erhielt dreißig! »Gut,« rief er, »vollkommen gut! besser als je; wahrlich sehr gut! »Diese Geschmeidigkeit, diese Kraft und Schnelligkeit! wie der Blitz, das heißt tüchtig drein schlagen,« fuhr er fort, mehrere Male mit der Hand über die Brust fahrend. »Hast Du mir aber gewaltige Stöße versetzt, die mir hätten weh thun können, mir aber recht viel Vergnügen gemacht haben. Thue mir aber einen andern Gefallen! nimm Deine Pistolen, geh in den Garten und übe Dich im Schießen.« Ich gehorchte; er rief mich zurück und sagte: »Ich kann Dir nicht schnell genug eine Nachricht mittheilen, die Dich äußerst erfreuen wird. Am Samstag reisen wir, wenn nichts dazwischen kommt, wir reisen ab, um Sophie zu suchen. »Meine geliebte Sophie, ach! mein Vater, wie entzückt mich diese Nachricht, am Samstag, welch ein Glück, wahrlich, es überwältigt mich fast, meine theuere Gattin, werde ich Dich wiederfinden, um Dich endlich nach so langer und grausamer Trennung zu umarmen und ewig treu zu hüten.« Ich ging hinab in den Garten, um über mein bevorstehendes Glück nachzudenken, in den beseligendsten Gedanken zu schwelgen. Aber was sage ich? und was wird aus Frau von Lignoll werden? meine Leonore verlassen! sie jetzt verlassen! unmöglich, wer wird mir einen Ausweg zeigen aus diesem düstern Labyrinth? Ich begab mich eilends in das Zimmer meines Vaters. »Denken Sie nicht daran abzureisen, ebenso wie ich nicht daran denken will; ich habe darüber nachgedacht, und bin entschlossen zu bleiben; denn wie sollte ich eben so feig als treulos, mich aus Paris entfernen, während der Kapitän mich hier aufsucht? Ich sollte Leonore in dem Augenblick verlassen, wo ihre Feinde sich um sie sammeln! denken wir nicht an diese Reise, Herr Baron! ich versichere Sie, dass dies nicht geschehen wird; meine Ehre verbietet es mir.« Mein Vater war so verblüfft, dass er nicht antworten konnte. Und ich ohne abzuwarten, bis er von seiner ersten Überraschung zurückkomme, um sich zu erklären, lief auf mein Zimmer und verschloss mich, um daselbst zu schreiben, wie folgt: »Meine liebe Leonore, meine reizende einzig geliebte Freundin, ich bin in Verzweiflung! wir werden uns heute Abend nicht sehen. Mein Vater weiß Alles. Deine Tante muss besser unterrichtet sein, als Du glaubst; denn sie kann meinem Vater die genaue Nachricht zugeschickt haben, die uns eine glückliche Nacht raubt. Ach! so ist es denn wahr, dass alle Welt sich gegen zwei Liebende vereinigt! und sich zu Deinem Verderben verschworen hat, und mich in der theuersten Hälfte meiner selbst anzugreifen wagt! sei übrigens ruhig, Faublas bleibt Dir. Faublas betet Dich an! Dein Geliebter wird, gehe es wie es wolle, lieber sein Leben verlieren als Dich verlassen. Das schwört bei seiner Liebe Dein bis in den Tod getreuer Faublas.« Weiter schrieb ich an die Marquise: »Meine schöne Mama! Sollte ich Sie durch irgend eine neue Unbesonnenheit beleidigt haben? es sind achtzehn tödliche Tage, seit ich des Glücks beraubt bin, Sie zu sehen. Ach! verzeihen Sie mir, wenn ich schuldig bin, und wenn ich es nicht bin, so haben Sie die Güte, Ihr Unrecht anzuerkennen und wieder gut zu machen; schenken Sie mir morgen eine Stunde! Meine schöne Mama, Sie haben mir Rath, Freundschaft, Hilfe, Schutz versprochen; das Alles nehme ich jetzt in Anspruch. Mein Vater will mich in fünf Tagen mit sich nehmen, um Sophie aufzusuchen, und ich muss diese Reise, die noch vor kurzer Zeit der Gegenstand meiner heißesten Wünsche war, heute mehr als den Tod fürchten. Sie, meine schöne Mama, die Sie für Alles ein Mittel haben, sollten Sie dagegen keines ausfindig machen können? Ich bitte Sie dringend, mich in so misslichen Umständen nicht mir selbst zu überlassen. Ich bitte Sie mir morgen Ihren Rath nicht zu versagen, nach welchem mich richten zu wollen ich Ihnen verspreche. Ich bin mit dem lebhaftesten Danke, mit der zärtlichsten Freundschaft, mit der tiefsten Hochachtung Ihr Faublas.« »Höre Jasmin! geh schnell zu Lafleur und zu Frau Montdesir. Zieh Dein bürgerliches Kleid an, ergreife die gewöhnlichen Maßregeln und sieh Dich wohl um, ob Du auf Deinen Gängen von niemand gefolgt wirst.« »Gnädiger Herr,« sagte er zu mir bei seiner Zurückkunft; »Frau von Montdesir hat mir versichert, dass sie sehr ärgerlich sei, die Ehre Ihres Besuches nicht mehr zu haben, dass sie aber Ihr Billet, das man seit mehreren Tagen erwarte, sogleich besorgen wolle, und dass Sie morgen früh Antwort erhalten würden.« »Recht gut, Jasmin, aber warst Du denn nicht bei Lafleur? dies hättest Du zuerst besorgen müssen.« »Das habe ich auch gethan, mein Herr, aber ich bringe keine Antwort, ich hatte ihm Ihr Billet zugestellt, er sagte zu mir: »Jasmin, liebst Du die Prügel?« »Nicht sehr!« habe ich geantwortet. »Nun denn! mein lieber Freund, hat er erwidert, siehst Du in dem Café da gegenüber von unserem Hotel diesen baumlangen Offizier?« »Sein Auge gefällt mir nicht,« habe ich geantwortet. »Mein lieber Freund,« sagte er, »ich glaube, dass er Dich mit diesem Auge soeben bemerkt hat. Rette Dich schnell, wenn Du nicht meine Gebieterin und Deinen Rücken in Gefahr bringen willst.« »Darauf, mein Herr, habe ich nichts mehr geantwortet, sondern, ohne es mir zweimal sagen zu lassen, habe ich mich auf meine Beine gemacht und bin nun hier.« »So dass ich also, Dank Deiner Tapferkeit, keine Nachrichten von Frau von Lignoll habe.« »Gnädiger Herr, Sie hätten auch keine bekommen, wenn ich mir von diesem Teufel hätte meinen Rücken blau schlagen lassen.« »Du musst jedoch noch einmal hingehen.« »Ja, auf den Abend! bis dahin ist dieser Riese vielleicht nicht mehr da.« Am andern Tage in aller Früh bekam ich ein Billet von der Marquise, folgenden Inhalts: »Ja, ich werde diese Reise zu verhindern trachten; aber hatte ich nicht Recht, wenn ich sagte, dass Ihre Sophie Ihnen weniger theuer sei? dem sei wie ihm wolle, da Sie den Wunsch ausdrücken, so werden wir uns auf den Abend um sieben Uhr an dem Ihnen bekannten Orte treffen können.« Ich rief meinen Bedienten. »Jasmin, fasse Muth! gestern Abend hättest Du, wenn Du nicht nachlässig gewesen wärest, noch einmal, zu Lafleur gehen können; geh dennoch jetzt hin und sieh nach, ob der Kapitän beständig auf seinem Posten ist.« Leider war er bereits auf seinem Posten. Mein guter Jasmin, der sich, durch meine Vorwürfe gestachelt, dennoch auf den Weg begab, kam ganz lendenlahm nach Hause. »Diesmal, mein Herr, bin ich bis in den Hof gedrungen; aber der große Teufel ist mir sogleich über die Schultern gefallen.« »Er hat geschrieen: »Zu wem willst Du?« »Zu Ihnen nicht, mein Herr,« antwortete ich. »Man darf nicht hinein, was willst Du?« »Warum wollen Sie mich hindern hineinzugehen? sind Sie der Schweizer?« »Er hat sich für den Augenblick begnügt, mir mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, dass ich den Himmel für eine Bassgeige ansah. Und dann habe ich geschrieen, und ich habe wohl daran gethan, denn wenn nicht Lafleur und alle seine Kameraden gekommen wären und mich aus den Händen des Grobians gerissen und zum Thor hinausgeschoben hätten, ich glaube, ich wäre nicht lebendig aus dem Hofe gekommen.« »Welche Roheit!« »Gnädiger Herr, ich habe mich nicht geniert, ihm zu sagen, dass mein Herr durchaus nicht zufrieden sein werde mit der Behandlung.« »Was hat er geantwortet?« »Immer ärger zuschlagend, hat er geschrieen: »Dein Herr? sein Name? sein Name?« »Du hast ihn nicht gesagt?« »Nein, mein Herr! und wenn er mich auf der Stelle erwürgt hätte!« »Nun gut! ich will ihm meinen Namen sogleich selbst sagen!« »Gut!« rief Jasmin, der mich meinen Degen ergreifen sah, »stoßen Sie ihm eines in die Seite, wie diesem kleinen Herrn von B..., der so wild war.« Ich eilte auf die Treppe; aber zum Glück war der Baron unterwegs und hielt mich auf. »Faublas, wohin so schnell mit diesem Degen?« »Wissen Sie auch, mein Vater, dass er es wagt, meinen Bedienten anzuhalten und zu schlagen?« »Also, mein Sohn,« antwortete mein Vater mit großer Kaltblütigkeit, »Sie sind schneller bereit, Ihren Bedienten zu rächen, als Ihre Geliebte; also will, um eine Beleidigung, die bloß ihn allein angeht, zu bestrafen, der Geliebte der Frau von Lignoll sie verrathen und zu Grunde richten.« Diese vernünftigen Vorstellungen brachten mich sogleich wieder zur Besinnung. Ich rief Jasmin, er solle meinen Degen wieder in Empfang nehmen. Der Baron sah, dass ich ausgehen wollte, und sagte daher zu mir: »Nein, gehe auf Dein Zimmer zurück! ich komme auch, ich habe mit Dir zu sprechen, wir bedürfen beide einiger Zerstreuung; wir können uns keine angenehmere verschaffen, als die Gesellschaft Deiner Schwester. Ich habe soeben nach Adelheid geschickt; ich denke sie bis Freitag Abend zu behalten.« »Warum nicht länger?« »Wir reisen am Samstag ab.« Bei diesen Worten beobachtete mich der Baron. Da die Stunde herannahte, wo ich erfahren sollte, was Frau von B... zur Hintertreibung meiner Reise zu thun gedachte, so vermied ich die Erklärung, die mein Vater suchte. Ich antwortete bloß: »Samstag, ja, am Samstag ... lebe wohl, mein Vater!« »So bleibe doch! Deine Schwester kommt in einer Viertelstunde!« »Ich muss ausgehen, mein Vater!« »Ich will nicht, dass Du ausgehst, sage ich Dir, und dabei bleibt es, verstehst Du mich, mein Sohn!« »Es ist aber eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit.« »Mein Sohn, willst Du mir ungehorsam sein?« »Wenn ich nicht anders kann!« »Ich verstehe Dich! ich werde also Gewalt brauchen.« Mit diesen Worten verließ er mein Zimmer und schloss mich darin ein. Du wirst Gewalt brauchen? und ich List! ich öffnete das Fenster, es war bloß ein Erdgeschoss, ich sprang hinaus und eilte mit der Schnelligkeit eines Vogels über den Hof und kam, immer rennend, bald zu Frau von Fonrose. »Unglücklicher!« sagte sie, »was wollen Sie hier thun? heute Früh hat mir der Kapitän seinen abscheulichen Besuch gemacht. Er hat mich in dem höflichen Tone, den Sie an ihm kennen, gefragt, was ein gewisses Fräulein von Brumont macht, deren fleißige Besuche bei Frau von Lignoll der Welt Anlass zu so vielen Witzen geben. Nicht ohne Mühe habe ich diesem schrecklichen Schwager begreiflich gemacht, dass die Aufführung seiner jungen Schwägerin mich nichts angehe, dass ich ihm, dem Herrn Kapitän, keine Rechenschaft über mein Betragen schuldig sei, und dass er mich gar sehr verbinden würde, wenn er nie mehr einen Fuß in mein Haus setzen wollte.« »Und meine Leonore, haben Sie sie gesehen?« »Im Gegentheil. Ich habe sofort zu ihr geschickt, um ihr mehr Vorsicht anzuempfehlen, und besonders, dass sie sich hüten solle hierher zu kommen. Ich wollte eben die traurige Pflicht erfüllen, Ihnen dies mitzutheilen. Und sehen Sie, ich halte Sie für den Augenblick nicht auf, denn ich muss Ihnen gestehen, dass ich eine neue Unhöflichkeit von diesem rohen Menschen fürchte, der uns so zur unrechten Zeit über den Hals gekommen ist. Chevalier, Sie gehen nicht sogleich nach Hause zurück?« »Nein! warum?« »Ich hätte Sie gebeten, einen Augenblick noch zu bleiben.« Sie läutete einem Bedienten, dem sie geheime Befehle gab. Ich achtete damals wenig auf diesen fatalen Umstand, dessen ich mich seither oft erinnert habe. »Ich wollte,« fuhr sie fort, »Sie bitten ... aber Sie können dies eben so gut auf den Abend besorgen, Sie bitten, dem Herrn Baron viel Verbindliches von mir zu sagen; denn obschon wir mit einander gebrochen haben ...« »Ganz gebrochen?« »Auf immer! und doch ist Ihre treulose Frau von B... an allen unsern Verdrießlichkeiten schuld.« »Sie glauben, die Marquise wäre im Stande gewesen, diesen Brief an meinen Vater zu schreiben?« »Ja, und auch an den Vicomte von Lignoll.« »Unmöglich, ich kann es nicht glauben.« »Wie Ihnen beliebt, mein Herr,« antwortete sie sehr trocken. Was mich anbelangt, so erlauben Sie, dass ich nicht daran zweifle, und dass ich mein Betragen darnach einrichte.« »Adieu, Frau Baronin!« »Ohne Adieu, Herr Chevalier!« Hatte mir die kritische Lage, in der wir Alle uns befanden, einen grundlosen Schrecken eingejagt? Als ich in der Straße du Bac ging, schien es mir, als würde ich gefolgt. Der Vicomte ließ nicht lange auf sich warten; als ich ihn erblickte, war ich vor Freude ganz berückt. »Schöne Mama, Sie haben das Costüm von Saint-Cloud angezogen? ich erkenne es immer mit Entzücken! es erinnert mich jedesmal ...« »An Sachen, deren man nicht mehr gedenken darf.« »Die ich in meinem Leben nicht vergessen werde! aber warum haben Sie mich seit vierzehn Tagen so grausam vernachlässigt?« »Ich wartete, bis Sie mir schrieben; ich will Ihnen durchaus nicht aufdringlich werden.« »Wie könnten Sie es je werden, theuerste Freundin?« »Ich weiß nicht; aber ich sehe Sie ganz für die Gräfin eingenommen! Frau von Lignoll hat so viel Geist, so viele Reize!« »Es ist wahr, was Sie da sagen, sehr wahr.« »Sie müssen daher die Gesellschaft aller andern Frauen sehr abgeschmackt finden!« »Ich finde tausend Freuden in der Gesellschaft der liebenswürdigsten von Allen!« »Ja, der liebenswürdigsten von Allen! nach Sophie, nach der Gräfin? Chevalier, folgen Sie mir, lassen wir die Complimente, erzählen Sie mir lieber, was Sie bekümmert.« Die Marquise hörte mich unaufhörlich mit der größten Aufmerksamkeit, aber oft mit trauriger und zuweilen mit zerstreuter Miene an. Nachdem ich die lange Geschichte meiner Verlegenheiten und Besorgnisse zu Ende gebracht, konnte ich nicht umhin, zu ihr zu sagen: »Was mich vollends zur Verzweiflung bringt, ist, dass man Sie zu beschuldigen wagt, Sie hätten diese zwei sehr abscheulichen Briefe geschrieben.« »Wer wagt es, ich vermuthe nur, dass zwei Personen das sind; der Graf Rosambert und Frau von Fonrose, meine zwei ärgsten Feinde.« »Und wären es auch Ihre Freunde, ich würde ihnen nicht glauben; meine schöne Mama, nun sagen Sie mir gütigst, wie werden Sie meine Reise hintertreiben?« »Faublas, es muss Ihnen von Versailles ein Paket zukommen, dessen Inhalt Ihnen hoffentlich Vergnügen machen und auch wahrscheinlich die Pläne des Barons ändern wird. Sollte Ihr Vater jedoch hartnäckig auf der Reise bestehen, so thun Sie es mir sogleich zu wissen. Morgen Früh werden Sie dieses Paket erhalten, bis dahin lasse ich Ihnen Ihre neugierige Ungeduld.« »Und Sie versichern mich nicht, dass dieses Mittel, wozu Sie mir helfen wollen, unfehlbar sein müsse. Liebste Mama, Sie hören mich nicht mehr. Sie denken an etwas ganz anderes!« »Ja,« rief sie aus ihren tiefen Träumereien erwachend. »Sie müssen die Gräfin sehr lieben?« »Ach, sehr!« »Mehr als Sie mich liebten!« »Aber ... ich weiß nicht – ich kann nicht –« »Ihre Ungewissheit, Ihre Verlegenheit beweist es mir. Mehr!« wiederholte sie traurig. »Es ist wahr, dass meine Leonore sich Rechte auf meine Zärtlichkeit erworben hat, wie keine andere – aber ich betrübe Sie, schöne Mama.« »Durchaus nicht, warum sollte ich mich betrüben, dass Sie Ihre Geliebte Ihrer Freundin vorziehen? sprechen Sie! wie hat sie sich Rechte auf Ihre Zärtlichkeit erworben, wie keine andere?« »Sie fühlt sich Mutter.« »Grausamer!« rief sie mit äußerster Lebhaftigkeit; »ist es meine Schuld, wenn ...« Frau von B ... sprach nicht aus. Sie hinderte, ihr zu Füßen zu fallen; und um meine Antwort nicht zu hören, legte sie ihre Hand auf meinen Mund, die ich küsste. Endlich erhob sich die Marquise, deren Blick zärtlich und deren Teint lebhaft wurde, sie schickte sich an zu gehen. »Sie wollen mich schon verlassen, theuerste Freundin?« »Ich muss,« antwortete sie, sich meinen Liebkosungen entwendend und mit festem Tone hinzufügend: »Meine Augenblicke sind gezählt; die Zeit wird mir fast zu kurz, ich habe ein Opfer gebracht, indem ich Ihnen mehr, als ich sollte, davon schenkte. Adieu, Chevalier!« »Ich muss mich Ihrem Willen fügen, da Sie mir verbieten Sie noch weiter aufzuhalten, so sage ich mit tiefbetrübtem Herzen: leben Sie wohl, schöne Mama!« Ich führte sie die Treppe herunter, und als sie unten ankam, sagte sie sehr traurig: »Sieh man einmal den Undankbaren, er frägt mich nicht einmal, wann er kommen könne, um mir zu danken!« »Ich wagte es nicht zu fragen; aber da Sie so überaus gütig sind es mir zu gestatten, so frage ich denn: wann, geliebte Mama, soll ich kommen?« »Endlich sind Sie etwas bei der Sache.« »Ah! verzeihen Sie, wenn ich zerstreut war, ich beschäftigte mich im Geiste ...« »Mit etwas ganz anderem, ohne Zweifel!« »Wohl mit etwas anderem; aber doch mit Ihnen. An welchem Tag, schöne Mama? an welchem Tag?« »Freitag werde ich Ihnen einen Augenblick widmen können.« »Soll es wieder zu derselben Stunde sein?« »Vielleicht ein wenig später! nach Einbruch der Nacht, das wird klüger sein.« Erst eine Viertelstunde nach dem Vicomte verließ ich das Haus. Ich glaubte, als ich auf die Straße trat, nicht weit von mir entfernt abermals den lästigen Argus zu bemerken, der mich schon vorher beunruhigt hatte. Was mich in meinem Verdacht bestärkte, war, dass der ungeschickte oder furchtsame Spion schnell eine andere Richtung einschlug, als er sah, dass ich gegen ihn zurückging. Als ich nach Hause kam, war ich fest überzeugt, dass der Kapitän mir mit nächstem seinen Besuch machen werde. Mein Vater empfing mich mit Worten: »Wie konnte es Dir nur einfallen zum Fenster hinauszuspringen, und dabei es riskieren, ein Bein zu brechen?« »Ich hatte auch mein Leben riskiert, warum treiben Sie mich zu Extremitäten, die unheilvoll werden können? Mein Vater, Sie müssen es wissen, der Tod ist für mich in diesem Augenblicke wünschenswerter als Sklaverei. Ehe ich mich übrigens in Ihre Gewalt zurückbegebe, erkläre ich Ihnen auf's bestimmteste, dass ein Angriff auf meine Freiheit ein Angriff auf mein Leben ist. Eine von mir auf's zärtlichste geliebte Frau umschweben eben jetzt tausend Gefahren und ich sollte sie schutzlos allen ihren Verfolgern preisgeben und dieselben auf ihr Verderben sinnen zu sehen? Gestatten Sie mir Ihnen zu sagen, dass Sie als der grausamste ihrer Feinde ihr ihren einzigen Trost, ihre einzige Stütze rauben wollen, indem Sie mich zur gänzlichen Thatenlosigkeit zwingen. Herr Baron, wenn dies noch Ihre Absicht ist, wenn Sie noch ein Mittel haben, mich in meinem Zimmer einzuschließen und mich nöthigen, darin zu leben, so mögen Sie nur wissen, dass der Kapitän mich in Bälde hier aufsuchen wird. Ich erkläre Ihnen, dass ich dann bei Allem in der Welt, was mir theuer und heilig ist! ich schwöre, dass keine Rücksicht mich dann bestimmen wird, gegen den Kapitän ein Leben zu vertheidigen, das Ihre Hartherzigkeit von nun an für Frau von Lignoll wertlos und ihren Liebhaber verhasst gemacht hat; jetzt entscheiden Sie über mein Schicksal, es liegt in Ihren Händen.« Meine Schwester, die mit wachsender Theilnahme zuhörte, rief: »Er wird gewiss thun, wie er sagt; wenn es sich um eine Frau handelt, so kennt er uns nicht mehr. »Ich glaube indes, dass er keinen größeren Fehler begehen kann, als sich umbringen zu lassen. Mein Vater,« rief sie die Hände faltend, »sperren Sie ihn nicht ein, ich bitte Sie inständigst, thuen Sie es nicht!« Während Adelheid sprach, ließ der Baron seine Blicke voll Schmerz auf mir ruhen. Ich sah die Augen meines Vaters sich mit Thränen füllen; meine Schwester küsste bereits seine Hände. Ich aber rief von Schmerz und Kummer überwältigt: »Ach! mein Vater! beklagen Sie Ihren Sohn; verzeihen Sie ihm wegen seines Unglückes, was er zu Ihnen gesagt hat, und den Ton, womit er es gesagt hat, haben Sie Mitleid mit meinem aufbrausenden und unglücklichen Gemüthe; bedenken Sie, dass, wenn er nicht in Verzweiflung wäre, Faublas Ihrer so theueren Autorität, Ihren immer heiligen Befehlen nie widerstreben würde.« Mein Vater stützte seinen Kopf auf seine Hände und sann lange auf eine Antwort. »Mein Sohn,« sagte er endlich, »versprechen Sie mir nie wieder zur Gräfin zu gehen.« »Unmöglich, mein Vater!« »Noch zur Baronin, noch zum Kapitän.« »Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, dass ich weder zur Baronin noch zum Kapitän gehen werde. Ich schwöre dies zu halten, so wahr ich Ihren Namen trage. Ich will zu keiner dieser beiden Persönlichkeiten gehen, das ist aber auch Alles, was ich versprechen kann.« Mein Vater antwortete nichts, aber von diesem Augenblicke an erhielt ich meine Freiheit vollkommen wieder. Gleich nach dem Souper ging ich auf mein Zimmer und rief Jasmin. »Gib mir Deinen runden Hut, meinen Mantel, meinen Degen.« »Wohl, mein Gebieter! ich sehe, dass Sie trotz der Meinung des Herrn Barons meiner Meinung sind. Sie glauben, dass man sich sobald als möglich dieses großen Teufels entledigen muss, Sie haben Recht; aber ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass er eine sehr schwere Faust hat, ich weiß davon zu erzählen, das hat jedoch auf meinen Gebieter keinen Bezug, der wird ihm wohl mit seinem Degen zu parieren missen.« »Beruhige Dich, Jasmin, ich gehe nicht zum Kapitän, mein Freund!« »Mein gnädigster Herr, ohne allzu große Neugierde, wohin gedenken Sie zu gehen? könnte nicht ich eher Ihre Gänge besorgen?« »Ich will selbst einen Versuch machen, mit Lafleur zu sprechen. Geh' nicht zu Bette, erwarte mich!« »Wie, mein Herr, Sie nehmen mich nicht mit?« »Höre, Jasmin, Du bist ein Hasenfuß, ich kann den großen Teufel, wie Du ihn nennst, begegnen, und Du hättest Angst.« »In Gesellschaft meines Herrn! nie! in Ihrer Gesellschaft wollte ich mit einer ganzen Kneipe Händel anfangen; und da fällt mir ein, er hat vielleicht einen Bedienten, mein Herr, mit Ihrer Erlaubnis will ich den Bedienten recht durchprügeln, während Sie den Herrn umbringen.« »Wohlan, diese Entschlossenheit erfreut und bestimmt mich! ich nehme Dich mit. Aber sage mir, Jasmin, was nimmst Du denn da für einen Prügel mit?« »Der Bediente könnte zufällig auch einen Degen haben und ich weiß nicht damit umzugehen.« »Lass diesen Stock, Jasmin, oder Du bleibst hier.« »Lieber begleite ich Sie, gnädiger Herr, und nehme bloß meine Arme mit.« Diese Bereitwilligkeit meines Bedienten war nicht ohne Vortheil für mich. Wir gingen aus dem Hause, und da mir sehr viel daran lag, bald anzukommen, so machte ich große Schritte, ohne um mich zu sehen. Kaum hatten wir die Straße Saint-Honoré betreten, als eine Frau des Weges kam, Jasmin anhielt und ihn um den Weg nach dem Vendômeplatz fragte. Bei dem Klang dieser Stimme wandte ich mich plötzlich um. »Großer Gott! ist es möglich, meine theuere Leonore, welch ein Wagnis so ganz allein des Nachts auf der Straße, wohin wolltest Du, Geliebte?« »Welches Glück, dass ich Dich treffe, ich wollte zu Dir gehen, Faublas.« »Auch ich war auf dem Wege zu Dir zu gehen.« »Höre, Geliebter, befreie mich schnell!« fuhr sie fort, indem sie mir einen kleinen Handkoffer übergab, »es ist mein Schmuckkästchen. Ich wollte es Dir bringen und zu Dir gehen, damit wir auf der Stelle abreisen.« »Abreisen, wohin?« »Wohin Du willst.« »Wie, wohin ich will? bedenke doch, uns halten tausend Bande zurück, die uns fesseln!« »Oh! komm, mein Geliebter, komm ohne Zögern, nach Spanien, nach England oder in irgend eine Wüste; wohin Du willst, sage ich Dir.« »Was denkst Du? ich habe zur Ausführung dieses kühnen Planes keine Vorbereitungen getroffen.« »Keine Vorbereitungen? welche braucht man denn?« »Liebe Leonore, wir können einen Gegenstand von dieser Wichtigkeit hier nicht besprechen. Du wolltest zu mir gehen? komm, mein Engel, komm, lass uns noch eine glückliche Stunde genießen.« »Ich glaube, Du thätest besser daran, mich zu entführen, ohne eine Minute zu verlieren.« »Jasmin, gehe schnell zu dem Schweizer, verlange von ihm den Schlüssel zu dem kleinen Gartenthore, und öffne es uns. Es darf uns niemand in das Haus treten sehen. Du gibst dem Schweizer zwei Louis für das Geheimnis.« »Gnädiger Herr, ich bin nicht so reich.« »So versprich sie ihm in meinem Namen.« »Oh! dies ist so gut, wie wenn er sie schon hätte.« »Jasmin, ich verspreche Dir ebenso viel, aber lauf!« Die geheime Thür wurde uns bald geöffnet und wir gelangten ungesehen auf mein Appartement. »Wie vergnügt bin ich!« rief die Gräfin, Besitz von meinem Zimmer nehmend; »wie glücklich bin ich! von heute an bin ich wirklich seine Frau. Wie gut wir hier aufgehoben wären, aber in der Hütte werden wir noch besser sein. Faublas, Du musst mich entführen, es muss durchaus sein; lass Dir einmal die Begebenheiten des heutigen Tages erzählen. Der Kapitän ist in aller Früh gekommen und hat einen schrecklichen Auftritt mit mir angefangen. Er hat nichts eiligeres zu thun gehabt, als Herrn von Lignoll aufzuklären, dass ich mich in Wahrheit in einem anderen Zustande befände, und dass Fräulein von Brumont gewiss ein verkleideter Mann sein müsse. Er hat geschworen, dass er ihm in Bälde auf die Spur kommen werde, und dann den Unverschämten, der es wage seine Schwägerin zu lieben, zu den Schatten schicken wolle.« »Und was hat Dein Gemahl dazu gesagt?« »Mein Gemahl! warum nennst Du ihn meinen Gemahl? Du weißt es wohl, dass er es nicht ist; also was Herr von Lignoll dazu sagte? Er schien ganz und gar nicht zufrieden.« »Und was hast Du geantwortet?« »Ich habe geantwortet, dass wenn Fräulein von Brumont möglicherweise ein Mann sein könnte, ich es dann nur meinem glücklichen Sterne zu danken hätte, und dass, wenn jemals ein Freund zu mir gekommen wäre, mein angeblicher Gemahl dies wohl verdiente. Meine Tante hat gerufen, ich hätte Recht; sie hat meine Partie ergriffen.« »Ich glaube es wohl.« »Als die beiden Brüder weg waren, hat die Marquise sehr geweint; sie wollte mich durchaus wieder in ihre Franche-Comté mitnehmen. Sieh, wie theuer Du mir bist, mein Geliebter, ich habe ihren Vorschlag hartnäckig verworfen. Faublas, ich will lieber, dass Du mich entführst. Ich weiß, dass der Garstige sich in einem Café aufgestellt.« »Ich weiß es.« »Ich wollte nicht zu Dir schicken, denn ich will nicht, dass Du Dich mit diesem Kapitän schlägst; ich verzeihe ihm seine Beleidigungen; ich vergesse sie, ich vergesse die ganze Welt; wenn Du mich nur entführst, wenn Du mir nur bleibst, und ich das Bewusstsein habe. Dir angehören zu dürfen. Ich wollte wenigstens der Frau von Fonrose ein Wort schreiben, als sie mir sagen ließ ...« »Ich weiß es, und Alles, was diese Frau betrifft, ist sehr geeignet, über dieselbe ein kurzes Urtheil zu fallen.« »Siehst Du, dies ist auch eine garstige Frau, die Baronin! sie hat uns so lange gedient, als unsere Liebe, die für sie bloß eine etwas lustigere Intrigue war, als eine andere, ihr einigen Spass machen konnte; jetzt, da sich Gefahren zeigen, verlässt sie uns. Aber was liegt daran! wenn Du mir nur bleibst.« »Für immer, meine Leonore.« »Endlich ist die Nacht gekommen. Ich habe schnell gespeist und meine Tante auf ihr Zimmer geschafft. Meine Frauen haben mich wie gewöhnlich ausgekleidet; aber sobald sie mein Schlafzimmer verlassen hatten, bin ich schnell in dieses Kleid geschlüpft, und habe über eine kleine Treppe den Hof und das Hofthor erreicht. Lafleur, wie wenn ich ihm einen Auftrag ertheilte, verlangte, man solle öffnen, ich bin unbehindert hinausgekommen und habe Dich begegnet; nun hindert Dich nichts, dass Du mich entführst.« »Du irrst, meine Theuere! im Gegentheil, es stellt sich Alles in den Weg. Wir brauchen einen Wagen, eine Verkleidung, Waffen, einen Pass.« »Ah! mein Gott! so soll ich diese Nacht nicht entführt werden. Nun denn, Faublas, so höre! wir bleiben hier bis zu Tagesanbruch bei einander, dann verbirgst Du mich in irgend einem Winkel dieses Hotels; den Tag über kannst Du die nothwendigen Vorkehrungen treffen, und in der Mitte der nächsten Nacht reisen wir ab.« »Unmöglich, meine Freundin.« »Warum sollte es unmöglich sein?« »Du bedenkst nicht, dass bei einer so schwierigen Unternehmung allzu große Eile immer schadet.« »Während ich die Mittel finde, siehst Du nur Hindernisse.« »Höre, meine Freundin, Du kannst Deinen Zustand noch wenigstens drei Monate lang verleugnen und verbergen.« »Der Undankbare will mich nicht eher entführen, als bis er dazu gezwungen ist.« »Die Sache ist nicht so dringend, sollen wir uns deshalb ins Unglück stürzen?« »Sage mir, mein Geliebter, wozu sollen wir unser Glück um drei Monate aufschieben?« »Du, meine Leonore, die Du ein so gutes Herz hast, könntest Du, wenn es nicht die äußerste Noth erfordert, könntest Du ein Glück wünschen, das die zärtlichste Schwester und den besten der Vater zur Verzweiflung bringen würde?« »Ich bin wahrlich sehr unglücklich, denn er will mich nicht entführen.« »Meine Freundin, ich schwöre Dir, dass alle diese mächtigen Rücksichten mich nicht mehr aufhalten werden, sobald der Augenblick gekommen sein wird, sie Dir aufopfern. Ich schwöre Dir, dass ich dann, und müsste ich selbst zu Grunde gehen, weder mein Kind verlassen werde, noch seine Mutter, die ich anbete. »Aber erlaube, dass ich mich so spät als möglich von denjenigen trenne, die am würdigsten sind, meine Liebe mit Dir zu theilen, erlaube, dass ich, wenn ich sie verlasse, um Dir zu folgen, wenigstens das tröstende Bewusstsein mitnehme, ihnen ihren schweren Kummer nicht freiwillig verursacht zu haben.« Die Gräfin, die abermals ihrer süßesten Hoffnung entsagen musste, vergoss bittere Thränen; ihr Schmerz war so heftig, dass ich im Anfang an der Möglichkeit sie zu beruhigen verzweifelte; aber was vermögen nicht bei einer so leidenschaftlich liebenden Frau die zärtlichen Liebkosungen ihres Geliebten? Diese Nacht, welche die Liebe uns schenkte, schien uns nur einen Augenblick zu dauern. »Der Tag ist schon im Beginne,« sagte Frau von Lignoll, »und ich frage Dich nun, wie ich es anfangen soll, um wieder nach Hause zu kommen.« Ich musste einen Augenblick nachdenken, denn die Frage brachte mich wahrlich in Verlegenheit; endlich sagte ich: »Kleiden wir uns schnell an! ich will Dich vor das Hotel der Frau von Fonrose begleiten, werde mich aber hüten mit Dir hineinzugehen. Die Baronin wird glauben, Du seiest bloß deswegen so früh gekommen, um mit ihr über mich zu sprechen. Du wirst sie von Deinem Geliebten unterhalten, und sie mag sagen, was sie will. Du leistest ihr getreulich Gesellschaft, bis Dein Kabriolet ankommt.« »Mein Kabriolet, wer wird es mir bringen?« »Lafleur, den ich benachrichtigen werde.« »Und wenn der Kapitän schon auf seinem Posten ist?« »Beeilen mir uns! er ist kaum so zeitlich früh auf demselben. »Wenn er übrigens da ist, so habe ich meinen Degen; ich will mir den Herrn Kapitän schon vom Leibe halten; was willst Du, meine reizende Freundin, es gibt kein anderes Mittel. Aber wann und wie werde ich Dich wiedersehen? Leonore, ich will nicht, dass Du abermals bei Nacht allein und zu Fuß auf die Straße gehst! ich will das nicht! meine Freundin, ist es nicht hundertmal passender und ungefährlicher, wenn ich Dich aufsuche? kann ich nicht bisweilen gegen Mitternacht zu Dir dringen?« »Ja,« antwortete Leonore mich umarmend; »aber ich kann es auf diese Art einrichten; warte, komm nicht in der nächsten Nacht, meine Maßregeln möchten noch nicht getroffen sein.« »Möchtest Du mich nicht mit Deinem Plane bekannt machen, meine geliebte Leonore?« »Du sollst Alles erfahren, komm am Freitag zwischen elf und zwölf Uhr.« Der Tag begann zu grauen. Wir gingen ohne Geräusch hinab, und zur kleinen Gartenthür hinaus. Alles ging über alle Erwartung gut von statten. Ich sah die Gräfin das Hotel der Baronin betreten und eilte, um Lafleur aufzuwecken, in das Hotel des Herrn von Lignoll; dort befahl ich Lafleur, in einer Viertelstunde längstens um seine Gebieterin zu fahren. Ich kam nach Hause zurück, ohne dass mir im mindesten etwas Unangenehmes begegnet wäre. Um acht Uhr morgens erhielt ich folgenden Brief: »Schon lange, Herr Chevalier, suche ich eine Gelegenheit, um meine Unrecht gegen Sie und den Baron wieder gut zu machen; mit Entzücken habe ich die erste ergriffen, die sich darbot; ich bitte Sie es Ihrem Herrn Vater zu versichern. Ich glaube übrigens, dass der König für das Regiment *** keine bessere Acquisition machen konnte, als einen jungen Mann, wie Sie, da es ausgemacht ist, dass Sie die vielversprechendste Physiognomie von der Welt besitzen. Ich habe die Ehre u. s. w. Der Marquis von B...« Einen Augenblick nachher trat mein Vater in mein Zimmer; er hielt mehrere Papiere in der Hand, und ich sah die größte Freude sich auf seinem Gesichte spiegeln. »Ich erhalte es eben von Versailles!« rief er, mich umarmend. »Man hat gewollt, dass es mir zugeschickt werde, und dass ich Dir, mein Sohn, zuerst Glück wünschen solle; ich bin für diese zarte Aufmerksamkeit unendlich verbunden. »Ja,« fügte er hinzu, als er sah, dass ich näher trat, um zu lesen, »das ist Dein Patent als Kapitän bei dem Dragonerregiment ***, das gegenwärtig zu Nancy in Garnison liegt, und hier der Befehl, auf den ersten Mai, also in vierzehn Tagen bei demselben einzutreffen. »Faublas! ich habe Ihnen mehr als einmal den unentschuldigten Müßiggang vorgeworfen, der Ihre Talente nutzlos machte, und ich hatte im Sinn, endlich selbst die nöthigen Schritte zu thun, um Sie in den Stand zu versetzen, der Ihnen allein zusagt; ich bin entzückt, dass es Ihnen so schön gelungen ist, mir zuvorzukommen. Dein glücklicher Stern, mein Sohn, schenkt Dir zum voraus, was meine lebhaften Bemühungen sicherlich nicht sogleich erlangt hätten, einen höheren Grad und die Hoffnung eines gewissen Avancements. Leider muss ich fürchten, dass Du bei dieser Gunstbezeugung einen andern Grund zur Freude findest: unser gemeinschaftlicher Reiseplan ist nun vereitelt. Dein Aufenthalt in der Hauptstadt um eine ganze Woche verlängert. Aber wenn es wahr ist, dass Du Dich darüber freuest, so bedenke, mein Sohn, wenigstens, dass nichts Dich vom Gehorsam gegen die Befehle des Ministers entbinden kann, und dass Du in vierzehn Tagen bei dem Regiment einzutreffen hast; dann werde ich meinerseits Paris verlassen und allein dahin gehen, wohin wir zusammen gehen sollten!« »Welche Güte! mein Vater, und welche Erkenntlichkeit.« »Ich verspreche Dir, Sophie mit demselben Eifer und mit derselben Gewissenhaftigkeit zu suchen, wie Du selbst gethan hättest.« »Und Sie werden sie finden, mein Vater, Sie werden sie finden.« »Ich wage es wenigstens in Folge dieses Ereignisses zu hoffen. Ich zweifle nicht daran, dass Faublas in Bälde die Gunst des Fürsten rechtfertigen wird. »Man muss glauben, dass Herr Duportail in seiner Zurückgezogenheit die Nachricht von dieser glücklichen Änderung erhält, die ihm viele andere verkündigen wird, und dass er dann seine Tochter dem ihrer würdig gewordenen Gatten nicht länger vorenthält.« »Ah! mein Vater, welche Ermuthigung geben Sie mir!« »Adelheid ist bereits aufgestanden, Faublas, sie will in meinem Zimmer frühstücken; ich war im Begriff, Dich rufen zu lassen. Ich habe nicht die Indiskretion gehabt, diese Papiere Deiner Schwester zu zeigen; Du sollst ihr die fröhliche Nachricht selbst mittheilen.« Ich empfing die Glückwünsche Adelheids, als mein Bedienter mit verstörtem Gesichte hereinkam und mir sagte, es frage jemand nach mir. »Wer ist es, Jasmin?« »Gnädiger Herr, er ist es.« »Erkläre Dich deutlicher, wer er?« »Der große Teufel.« »Was bedeutet diese Benennung, Faublas? von wem will er sprechen?« »Mein Vater, ich will ihn empfangen.« »Wozu dies Geheimnis, sollte es vielleicht der Kapitän sein, nein, mein Sohn, bleibe! er mag eintreten.« Sobald Jasmin uns verlassen hatte, rief der Baron: »Dies ist also der entscheidende Augenblick! O, mein Freund! erinnere Dich der Bitten, die ein Vater an Dich gerichtet hat und die er Dir jetzt wiederholt; denke an Deinen Vater, der freudig sein Leben für Dich hingibt!« Adelheid lief erschreckt hinzu: »Umarme Deine Schwester und vergiss sie nicht.« Ich umarmte sie, als der Kapitän eintrat. »Ich sehe ihrer zwei!« rief er höhnisch; »welche ist das Fräulein von Brumont?« Auf meine Schwester zeigend, erwiderte ich: »Kapitän, diese hier. Hatten sie vorgestern nicht auf dem Balkon der Gräfin gesetzt?« Mein Vater sagte zu Adelheid, die mit Erstaunen dem ganzen Vorgang zuschaute: »Verlasse uns, meine Tochter, ergehe Dich im Garten.« Als meine Schwester fort war, ergriff der Kapitän, der mich die ganze Zeit über mit vieler Frechheit angesehen hatte, aufs neue das Wort: »Das ist also der Chevalier von Faublas, von dem man so viel spricht! wie kann sich das einen Namen in den Waffen erworben zu haben? Das scheint ja kaum zu athmen; wenn das etwas mehr ist als ein Weibchen, so ist es höchstens ein halber Mann!« »Kapitän, setzen Sie sich doch, so können Sie mich mit mehr Muße betrachten.« »Donnerwetter! Du willst spotten, glaube ich! kennst Du mich nicht? weißt Du nicht, dass der Vicomte von Lignoll niemals die dumme Verhöhnung von Deinesgleichen, noch ihre unverschämten Gesichter duldete? weißt Du nicht, dass die stolzesten vor ihm ihre Kühnheit verloren haben; dass er ohne Mühe tüchtigere Leute, als Du bist, geopfert hat?« »Kapitän, ist es die Art der Tapfern Ihres Schlags, dass sie den Feind, den Sie nicht überwinden zu können fürchten, einzuschüchtern suchen? es ist mir sehr angenehm Ihnen sagen zu können, dass dieses vortreffliche Mittel Ihnen bei mir nicht viel helfen dürfte.« »Gift und Tod!« rief der Vicomte außer sich vor Zorn. Doch fasste er sich und sagte mich bei der Hand nehmend: »Es ist fast nicht möglich, dass sich unter dem Himmel ein junger Thor fand, verwegen genug, einen Bruder, den ich liebe, zu entehren und sich zu erfrechen, die Hand an mich zu legen und mich ins Gesicht zu beleidigen, es ist mir lieber, dass Du es bist, als irgend ein Anderer. Zu oft sprach man in meiner Gegenwart von Deiner Gewandtheit und Deiner Unerschrockenheit. Ich werde aber nie zugeben, dass sich ein anderer Name neben dem meinigen erhebe; ich hatte im Sinn, einmal ausdrücklich deswegen nach Paris zu reisen, um es Dir zu sagen.« »So danken Sie dem Zufall, der mich zu Ihrem Beleidiger gemacht hat, und Ihnen die Ehrlosigkeit eines Duells erspart, dessen einziger Grund Ihre maßlose Sucht nach falschem Ruhm gewesen wäre.« »Donnerwetter! ich bin sehr ungeduldig zu erfahren, wie Du es machen wirft, um die Kühnheit Deiner Worte durchzuführen; je mehr ich Dich ansehe, je weniger kann ich mich überreden, dass Du Dein Renommé verdienst.« »Zur Sache also, Kapitän! Sie verlangen Beweise, nicht wahr?« »Gewiss! aber solltest Du Dich vielleicht nicht rühmen wollen, den Vicomte von Lignoll gefordert zu haben?« »Warum sollte ich mich dessen rühmen? welche Ehre könnte mir daraus erwachsen? habe ich mir jemals ein Geschäft daraus gemacht, jemand zu fordern?« »Ich sage Dir, dass ich geschworen habe, bei jedem Rencontre den Kampf anzubieten.« »Ich habe keine andere Eide gethan, als ihn niemals auszuschlagen.« »Nun denn, so wähle die Waffen.« »Sie sind mir alle gleich.« »Also den Degen! ich sehe meinen Gegner gerne in der Nähe.« »Ich werde mich bemühen, Ihnen nahe genug zu sein, Kapitän.« »Wir werden sehen, mein kleines Herrchen. Der Ort?« »Ist mir ziemlich gleichgiltig: das Thor Maillot, wenn Sie wollen?« »Das Thor Maillot, meinetwegen! aber diesmal wirst Du dort nicht den Marquis von B ... vor Dir haben.« »Vielleicht!« »Tag und Stunde?« »Heute und sogleich.« »Das hast Du gut gesagt!« rief er mich auf die Schulter klopfend; »gehen wir!« »Kapitän, Sie haben Ihren Wagen?« »Nein, ich gehe immer zu Fuß.« »Doch werden Sie sich entschließen müssen, in dem Wagen des Barons einen Platz anzunehmen.« »Warum das?« »Weil wir einen Ihrer Freunde suchen werden.« »Und wozu einen meiner Freunde?« »Ich meinerseits nehme einen Zeugen mit.« »Einen Zeugen, wo ist er?« »Hier, der Baron von Faublas.« »Dein Vater? er komme, wenn er es räthlich findet; aber er rechne nicht auf mein Mitleid.« »Herr Vicomte,« erwiderte der Baron mit großer Kaltblütigkeit, »je mehr ich Sie höre, umsomehr überzeuge ich mich, dass Sie das meinige nicht verdienen.« »Haben Sie das gehört, Kapitän?« jagte ich ihn fest anblickend. »Ja, doch!« antwortete er mit verächtlicher Miene. »Gehen wir,« sagte mein Vater; »und ich hoffe, dass wir bald zurückkommen werden.« Wir suchten Herrn von Saint-Leon auf, einen Freund des Kapitäns, ebenfalls Marinenoffizier. Er war das Gegentheil des Vicomte von Lignoll, ebenso höflich, als sein Freund es nicht war; er begegnete meinem Vater und mir mit der ausgesuchtesten Artigkeit, und versuchte es sogar mit einigen Worten der Versöhnung begütigend einzulenken, ging aber von diesem Vorhaben ab, als er sah, dass jede Vermittlung zwischen dem Vicomte und mir nutzlos wäre; denn mir beide waren fest entschlossen, eher zu Grunde zu gehen, als zurückzuweichen. Wir kamen vor dem Thore Maillot an und waren soeben ausgestiegen; mein Gegner halte die Hand an seinen Degen gelegt, schon war der meinige gezogen; auf einmal stürzten sich mehrere Reiter, die uns seit einigen Secunden im stärksten Galopp gefolgt waren, auf den Kapitän, umringten ihn mit dem Rufe: »Im Namen des Königs und der Herren Marschälle von Frankreich befehle ich Ihnen, mir Ihren Degen zu übergeben,« sagte der eine von ihnen. »Ich muss Sie bis auf neue Ordre überall begleiten.« Der Kapitän wurde wüthend, dennoch wagte er keinen Widerstand zu leisten. »Du hast sehr behutsame Freunde,« sagte er sich gegen mich wendend, »danke ihrer großen Wachsamkeit! sie wird Dich einige Tage länger am Leben erhalten, aber bloß einige Tage.« Ich ging mit meinem Vater zurück, und als wir vor Rosamberts Hotel vorbeikamen, da fiel es mir ein, dass dieser Tag für meinen glücklichen Freund der zweite nach seiner Hochzeit sei, und dass ich mit der neuen Gräfin frühstücken sollte. Ich verabschiedete mich von meinem Vater und ließ mich bei dem Herrn Grafen anmelden. Er empfing mich in seinem Salon. »Rosambert, ich komme Ihnen Glück zu wünschen, und ich stelle mich auf Ihre Einladung ein.« »Verzeihen Sie,« antwortete er, »Sie werden bloß mit mir frühstücken; die Gräfin ist müde, sie ruht aus.« »Ich verstehe. Sie sind zufrieden mit Ihrer Brautnacht!« »Ja, sehr zufrieden!« »Mein Freund, dieses Lächeln ist nicht ganz natürlich, Ihre Heiterkeit scheint mir etwas erzwungen zu sein; was haben Sie, was stört wohl?« »Ein garstiger Streich, lieber Faublas, den mir Ihre Marquise gespielt hat, gewiss es kommt von ihr, ich wollte es wetten!« »Was ist es denn?« »Ich erhalte soeben den Befehl einzutreffen.« »Bei Ihrem Regiment, und ich auch.« »Wie, Sie auch?« »Mein Freund, ich bin Dragoner-Kapitän.« »Kapitän! ah! empfangen Sie mein Kompliment. Umarmen wir uns! Ihr Regiment wird keinen jüngeren, braveren und hübscheren Offizier haben. Also entschließt sich die Marquise endlich, etwas für Sie zu thun?« »Ich bewundere Sie, lieber Rosambert, wer hat Ihnen gesagt, dass Frau von B ...« »Ich gestehe, dass es noch lustiger wäre, wenn ihr Gemahl es gethan hätte.« Ich antwortete nichts. Ich hatte es nicht gerathen gefunden, den Brief des Marquis Rosambert zu zeigen. »Gleich als Kapitän in ein Kavallerieregiment einzutreten, dies ist kein schlechter Anfang, ich hoffe. Sie werden weit kommen, lieber Faublas, die Marquise wird schon weiter für Ihre Avancements sorgen. Wo liegt Ihr Regiment, Chevalier?« »In Nancy.« »In Nancy! warten Sie doch, sollte ich mich täuschen? nein, nein ah! ich wundere mich jetzt nicht mehr.« »Ich begreife Sie nicht, was denn, ich kann es mir nicht denken.« »Faublas, das sind ungeschickte Geheimnisse, die mehr schaden als nützen. Wie können Sie glauben, dass ich nicht wissen soll?« »Aber was, lieber Graf?« »Dass Frau von B... ganz in der Nähe von der Hauptstadt Lothringens ein sehr schönes Landgut besitzt, das sie schon lange nicht gesehen hat. Sie gedenken ohne Zweifel die ganze schöne Jahreszeit dort zuzubringen; und so oft es Ihnen belieben wird, werden Sie von Ihrem Oberst einen kleinen Urlaub von vierundzwanzig Stunden erhalten, so dass die Marquise Sie ganz nach Herzenslust haben kann, und keine Concurrenz mehr zu fürchten braucht. Sie hat wirklich das beste Mittel gefunden, dass Sie weder Sophie aufsuchen, noch Frau von Lignoll beistehen können.« »Ich soll meiner Leonore nicht beistehen können?« »Wohl, mein Freund, dem ist so, haben Sie nicht Befehl alsbald einzutreffen?« »Es ist auf den ersten Mai!« »Also in vierzehn Tagen.« »Dabei gewinne ich eine ganze Woche, indem mich mein Vater mit sich auf die festgesetzte Reise mitgenommen hätte.« »Was soll Ihnen das für einen Vortheil bringen, welche große Änderung kann wohl eine Woche bringen?« »Die Erfahrung lehrt uns, dass noch in kürzerer Zeit sich so manches ereignen kann, das Keiner vorausgesehen hätte.« »Faublas, das heiße ich einmal sich über seine Lage blenden. Sie müssen doch wissen, dass hier Sachen vorliegen, gegen welche sich nicht ankämpfen lässt. Außer, Sie führen einen sogenannten Hauptstreich durch, und sehen Sie sich um, mein junger Heißsporn, gäbe es nicht doppelte Bande zu sprengen, und wer von Ihrer Familie würde dann auf Ihre Seite treten? – ich glaube Keiner.« »Schweigen Sie, mein Freund, schweigen Sie! rauben Sie mir nicht diese Täuschung, die mich aufrecht erhält.« »Sagen Sie mir, wird Frau von Lignoll weniger unglücklich sein, wenn Sie dieselbe um acht Tage später verlassen?« »Rosambert, wie grausam Sie sind, darf man mir den Abgrund zeigen, wenn ich schon an seinem Rande stehe?« »Wird die Gräfin der Rache ihrer Feinde weniger ausgesetzt?« »Sie sind streng in Ihrem Urtheil, und dennoch muss ich Ihnen Recht geben, sie wird zu hart verfolgt, und welcher Tyrann dieser Kapitän, der sich unerlaubte Gewalt erlaubt. Er ist diesen Morgen gekommen, mir waren im Begriff, uns zu schlagen, mein Vater diente mir als Zeuge, ihm der Kapitän Saint-Leon, als plötzlich eine Wache vom Marschallgericht kam.« »Eine Wache! für ihn? und Sie haben keine?« »Nein, mein Freund!« »Ich glaube, das würde Sie bei Ihren Ausgängen geniert haben; es wäre Ihnen nicht mehr möglich gewesen, die Marquise incognito zu besuchen.« »Wenn man Sie hört, Rosambert, so sollte man glauben, es geschehe Alles in der Welt nur durch die Marquise.« »Mein Freund, der Löwe, der seit einigen Wochen tief eingeschlafen schien, ist wieder erwacht; ich sehe Frau von B... jetzt Alles um sich her in Bewegung setzen, seit acht Tagen sind sehr bösartige Gerüchte über das Fräulein von Brumont in Umlauf gekommen.« »Woher dies Alles, ich kann es mir nicht erklären.« »Wissen Sie nicht, Faublas, dass auch ungefähr zu derselben Zeit dem Kapitän ein unheilvoller Brief zukam?« »Ist es möglich?« »Gestern erfahre ich von sicherer Seite den Bruch Ihres Vaters und der Baronin von Fonrose. Heute erhalten Sie das Patent; und ich muss abreisen, ohne wie Sie eine Gnadenfrist von vierzehn Tagen zu haben! ich muss am 21. dieses Monats beim Regiment sein, und muss übermorgen meine Abschiedsbesuche machen; aber welchen Zweck hat sie dabei? denn sie thut nichts ohne Absicht, die kunstreiche Marquise. Wenn ich nicht Alles errathen darf, so begreife ich wenigstens, dass sie bereit ist, große Schläge zu führen, aber weil sie unsere Versöhnung weiß und sich nicht verbergen kann, dass der Mann, der sie am besten kennt, am geeignetesten sein muss. Ihnen gegen sie mit seiner Börse, seinen Ratschlägen, und wenn es durchaus nothwendig wäre, seinem Arm zu dienen, dass die Frau Marquise denjenigen ihrer Feinde, den sie für den gefährlichsten hielt, weil er der beste Ihrer Freunde ist, nicht schnell genug beseitigen zu können glaubte, deshalb diese ganze Machination mit dem Militär. Oh! diese Weiber, welche Geschicklichkeit besitzen sie, wenn es heißt eine ihrer boshaften Launen durchzuführen. Ihre Geschmeidigkeit im Schmeicheleien und Gunstbezeugungen aller Art wissen sie dann anzuwenden, und wehe dem Manne, der schwach genug ist, sich durch diese geschickt gelegten Fallen irreführen zu lassen. Frau von B ... ist im vollsten Sinne des Wortes Weib, nachdem sie den Feind zu Boden geworfen, behält sie ihren Groll noch bei, und –« fuhr er fort sich mit der Hand über die Stirne streichend, »ganz neuerdings habe ich zu bemerken geglaubt, dass der Pistolenschuss, womit sie mich beehrte, sie nicht hindern würde, von Zeit zu Zeit einige Bosheiten anderer Art gegen mich zu verüben. Sie gehen, mein Freund? ich gebe mir keine Mühe, Sie zurückzuhalten, denn, ich gestehe es, ich bedarf einen Augenblick der Einsamkeit.« »Sie sind schlecht aufgelegt, lieber Graf!« »Ein wenig.« »Vermuthlich dieser Befehl, abzureisen!« »Dies und andere Sachen!« »Die ich nicht missen kann?« »Oder die zu missen nicht der Mühe weit ist; eine Kleinigkeit, nichts, weniger als nichts. Indes hat man mir hundertmal gesagt, und ich habe es nicht glauben wollen, auch die beste Laune kann auf einen Augenblick getrübt werden. Was wollen Sie? es ist eine kleine Wolke, die man vorüberziehen lassen muss.« »Rosambert, Sie sprechen wie ein Orakel! ich will wiederkommen, wann Sie verständiger sind. Leben Sie wohl!« »Adieu, Faublas!« »Sie werden der Neuvermählten wenigstens meine Empfehlungen melden und mein Bedauern, dass ich nicht das Glück haben konnte, ihr meine Glückwunsche darzubringen.« »Auf den Abend werden Sie die junge Gräfin sehen, auf den Abend bringe ich sie Ihnen.« »Beinahe wäre ich gegangen, ohne nach ihrem Namen zu fragen; wie ist der Familienname Ihrer Gemahlin?« »Von Mesanges,« antwortete er. »Von Mesanges!« rief ich. »Wohlan, lieber Faublas! was hat Sie denn so in Staunen gesetzt?« »Nichts, der Name hat mich frappiert, ich habe in der Provinz einen Bruder von diesem Fräulein kennen gelernt.« »Sie hat keinen Bruder.« »Also war es ein Vetter. Leben Sie wohl, mein Freund!« »Nein, nein, Chevalier! hören Sie doch! wenn Sie den Vetter gekannt haben, haben Sie zufällig auch die Cousine gekannt?« »O, nein; warum?« »Ach! wegen nichts. Sehen Sie, Faublas, Sie müssen Nachsicht haben, ich bin heute bitter dumm!« Ich ging schnell von dannen, damit Rosambert nicht auf meinem Gesichte die allzu große Heiterkeit sah, die dem Staunen Platz machte. Mein Vater erwartete mich mit Ungeduld. Als ich in sein Zimmer trat, hörte ich ihn zu meiner lieben Adelheid sagen: »Aber liebstes Kind, wenn dem so wäre; würdest Du mich dann so ruhig sehen? Komm doch, mein Sohn,« rief er mir zu, als er mich bemerkte, »Deine Schwester ist trostlos. Sie behauptet, es sei Dir ein Unglück zugestoßen, das ich ihr nicht gestehe.« »Oh, mein Bruder!« rief sie, »ich wäre gestorben, wenn Du nicht zurückgekommen wärst.« »Es fällt mir eben ein,« sagte der Baron, »Dich zu fragen, was aus dem Briefe des Herrn Duportail geworden ist?« »Ich hatte ihn aufbewahrt; aber in Montargis habe ich ihn verloren, am Abende, wo ich unwohl wurde. Ohne Zweifel hat ihn Frau von Lignoll gefunden; ich wagte es nicht mit ihr davon zu sprechen; ich wundere mich nur, dass sie mir nie davon gesagt hat.« Noch an demselben Abend brachte uns Rosambert seine Frau. Kaum war sie zur Thür eingetreten, so blieb die Frau Gräfin ganz überrascht stehen, als sie meine Schwester erblickte, welche sie früher nie gesehen hatte. »Kommen Sie doch,« sagte ihr Gemahl zu ihr, »was hält Sie denn zurück?« »Wahrlich!« antwortete sie ihm, immer meine Schwester ansehend, »ich glaube, sie ist da.« »Wer, meine geliebte Agnes, wer?« »Ein Fräulein, die ich für meine liebe Freundin hielt.« »Sie kennen das Fräulein?« Während dieses kurzen Zweigesprächs fragte ich mich, was ich zu thun hätte, damit die junge Frau sich nicht ganz verrieth. Mich einen Augenblick entfernen, hieße meine Schwester den gefährlichsten Fragen, den peinlichsten Vorwürfen der Gräfin auszusetzen, der ich ohnehin bald einen neuen Grund zur Verwunderung geben würde, indem ich nicht umhin konnte, bald im Salon zu erscheinen. Ich ging der jungen Gräfin entgegen und begrüßte sie ehrerbietig; sie stieß einen Schrei aus, verlor alle Haltung und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als sie mich erblickte, und ließ ihre Blicke unaufhörlich bald auf meiner Schwester bald auf mir ruhen; ich sah deutlich, dass der Zweifel, welches von uns beiden ihre liebe Freundin sei, sie beunruhigte. Rosambert rief: »Das nenne ich eine wahre Wiedererkennung, merkwürdig, ganz auffallend! aber es scheint mir, dass ich bei dieser sonst sehr ergötzlichen Scene nicht die schönste Rolle spiele.« Mein Vater wandte sich zu mir und fügte mit halblauter Stimme: »Abermals Verwechslungen! abermals ein galantes Abenteuer!« »Sie kennen also das Fräulein?« versetzte der Graf, meine Schwester seiner Frau zeigend. Diese antwortete: »Oh, mein Gott, nein; ich kenne das Fräulein von Brumont gar nicht!« »Von Brumont!« wiederholte Rosambert. »Also,« fuhr er fort, sich vor die Stirne schlagend, »kein Zweifel mehr! ich bin bereits, was man einen Ehemann nennt, ein wahrer Ehemann! ich bin es! ich war es sogar schon vor der Hochzeit. Das Wie werde ich vielleicht eines Tages erfahren.« Mein Vater fühlte den Grafen abseits und machte ihn auf die Gegenwart seiner Tochter aufmerksam. Der Graf sagte: »Ich sollte nicht so viel Aufsehen machen, aber sehen Sie, Herr Baron, so gut man auch vorbereitet sein mag, eine solche Wahrnehmung versetzt einem dennoch einen sehr empfindlichen Schlag. Dieser junge Mann kann sich rühmen, dass nicht einer seiner Freunde ihm entkommt.« Rosambert fragte mit boshaftem Lächeln die arme junge Frau: »Madame, Sie haben also das Fräulein nirgends gesehen?« »Nirgends, mein Gemahl! nicht einmal bei meiner Cousine von Lignoll.« »Weshalb frage ich auch. Sehr gut! Frau Gräfin, sehr gut! es ist genug! Der Chevalier wird mir das übrige selbst erzählen.« Nach diesen Worten des Grafen setzte sich die Gesellschaft, und die Unterhaltung drehte sich um gleichgiltige Gegenstände. Rosambert that sich während dieser Zeit die größte Gewalt an, um seine Unruhe über die fortgesetzte Aufmerksamkeit zu verbergen, womit sie mich betrachtete. Endlich fing sie zu lachen an. Ihr Gemahl fragte sie um die Ursache. »Ich lache, weil er lacht, ich kann es Ihnen nicht sagen, ich weiß nicht, warum er lacht.« Umsonst wollte der Graf den kleinen Kummer, den sein Missgeschick ihm bereitet hatte, nicht merken lassen, und er hielt es für das beste, aufzubrechen. »Adieu!« sagte er zu mir und ohne Groll; »wird man Sie morgen sehen, kann man Sie Abend zu Hause treffen?« »Ja, mein Freund!« »Sie können demnach auf meinen Besuch zählen.« Die Gräfin sagte beim Weggehen: »Ich bin Ihnen recht böse! Sie haben mich brav angeführt.« »Bst! bst!« rief Rosambert; »Madame, man sagt solche Sachen nicht in Gesellschaft, namentlich wenn der Gemahl zugegen ist.« Am andern Tage um 6 Uhr kam der Graf zu mir, die Gräfin aber brachte er nicht mit. Er trat mit schallendem Gelächter in mein Zimmer und rief: »Was mir meine kleine Frau erzählte, ist unendlich lustig, sage ich Ihnen; und vor ihr habe ich des Anstandes wegen eine ernsthafte Miene beibehalten; jetzt, da ich bei Ihnen bin, erlaube ich mir zu lachen. Sie sind für komische Abenteuer geboren.« »Rosambert, wenn Sie eine Antwort wünschen, so erklären Sie sich nur.« »Dieses Mal bin ich klar; wenn Sie mich aber nöthigen, so werde ich es noch mehr sein!« »Wie Ihnen beliebt.« »Nun denn, so hören Sie: meine Frau hat mir gesagt, dass sie, ehe sie meine Frau wurde, Ihre Frau gewesen sei.« »Rosambert, ein Wort, wenn ich bitten darf, wenn die Geschichte sich so verhält, so bin ich nicht so dumm indiscret, sie ihrem Gemahl zu erzählen.« »Aber, lieber Faublas, ich ersuche Sie bloß zu hören. Frau von Rosambert hat mir erzählt, dass Sie das Glück gehabt haben, bei der alten Witwe von Armincour zu schlafen; dass Sie in eben derselben Nacht das Bett der Marquise verlassen haben, um in dem des Fräuleins von Mesanges zu plaudern. Chevalier, gestehen Sie doch, dass wenn die junge Frau mir eine Geschichte aufgebunden hat, sie sehr hübsch zu erfinden weiß, und erlauben Sie, dass ich lache.« »Mein Freund, weit entfernt das zu vermehren, will ich mit Ihnen lachen.« »Beantworten Sie mir diese ernste Frage, lieber Faubias, haben Sie vielleicht dieses Abenteuer der Frau von B ... anvertraut?« »Wie kommt Ihnen diese Idee, lieber Rosambert, kennen Sie mich nicht hinlänglich, um zu wissen, dass ich in diesem Punkte nie eine Frau bloßstellen würde?« Der Graf sagte mit nachdenkender Miene: »Ich muss anerkennen, dass die Marquise in ihrer Rache wirklich großmüthig ist. Jetzt, da sie mich mit einer angehenden Frau statt einem Mädchen beschenkt hat, so hat sie die Sache wieder gut gemacht, und eine Rente von zwanzig tausend Thalern dazu gegeben. Chevalier, wenn Sie meine edelherzige Freundin sehen, so danken Sie ihr in meinem Namen, ich bitte Sie. Sagen Sie ihr, dass ich im Anfang nicht ganz unempfindlich gegen das kleine Unglück gewesen sei, mich durch eine dumme Heirat der Masse beigesellt zu sehen; aber fügen Sie hinzu, dass meine Schwachheit nicht lange gedauert habe, und dass ich mich jetzt recht gut in die Sache füge. »Besonders vergessen Sie nicht, sie zu versichern, dass ich trotz meines eigenen Unglücks mich mehr als je in der Stimmung fühle, der unglücklichen Ehemänner zu spotten. Faublas, gehen Sie mit mir?« »Wohin? Machen Sie Hochzeitsbesuche?« »Nein, Abschiedsbesuche, weil ich morgen abreisen muss.« »Und Sie wünschen, dass ich Sie begleite?« »Ich speise in der Vorstadt Saint-Honoré zu Nacht; wir steigen auf den Elysäischen Feldern aus; aber glauben Sie ja nicht, dass ich Sie deswegen mitnehme, um Sie zu hindern, dahin zu gehen, wohin die Liebe Sie rufen könnte. »Sagen Sie mir, lieber Freund, glauben Sie, dass der unglücklichen Gräfin kein anderes Mittel übrig bleibt, als sich in den Schoß ihrer Familie zurückzuziehen und auf Trennung zu klagen, wenn Herr von Lignoll sie quält?« Als Rosambert noch sprach, war es beinahe Nacht geworden und wir befanden uns auf den Elysäischen Feldern, gegenüber dem Hause des Herrn von Beaujon. Herr von B ... kam aus dem benachbarten Hause. Sobald er mich sah, ging er auf mich zu, als er aber Rosambert erblickte, kehrte er wieder um. Dieser sagte zu mir: »Er weicht uns aus; gehen wir zu ihm und lassen wir einen so schönen und günstigen Augenblick nicht unbenutzt.« Umsonst bemühte ich mich, Rosambert zurückzuhalten; sein unglückliches Geschick riss ihn hin. »Herr Marquis, Sie fliehen uns?« »Es ist wahr, dass ich Sie wenigstens nicht suche,« antwortete er sehr trocken. »Schon viele Leute haben mich versichert, dass Sie sehr erbittert auf mich seien; ich möchte doch sehr gerne die Gründe erfahren, weshalb.« »Glauben Sie, ich werde mich genieren, sie Ihnen zu sagen? Guten Tag, Herr Chevalier,« fuhr er fort mir die Hand reichend; »gestern erhielten Sie ohne Zweifel von Versailles ein Paket zugesandt.« »Ja, sein Patent,« fiel Rosambert ein; »er hat es erhalten.« »Ich habe es erhalten, Herr Marquis, und bin Ihnen sehr verbunden für diesen Beweis Ihrer Freundschaft.« »Sollte die Frau Marquise ihrerseits die Sache nicht auch ein wenig betrieben haben?« bemerkte der Graf. »Warum nicht? die Marquise ist eine vortreffliche Frau, geneigt, jedermann Dienste zu erweisen, jedermann, nur Sie ausgenommen!« »Ich möchte die Gründe wissen!« »Herr Graf, wenn man sich für so liebenswürdig halt, dass keine Frau ihm widerstehen kann, und wenn man eine tugendhafte begegnet, voll Liebe für ihren Gemahl...« »Verzeihen Sie, ich kenne deren so viele, dass ich nicht weiß, von welcher Sie sprechen.« »Von der meinigen, mein Herr!« »Von der Ihrigen! ja! wenn man dieser begegnet, so scheitert man. Sie haben gut reden, Herr' Marquis, Sie, der niemals scheiterte.« »Keine schlechten Witze, Herr Graf: ich weiß wohl, dass Sie glücklicher waren bei einem Fräulein Duportail. Ich weiß auch, dass am Tage nach der Nacht, die das Fräulein von Faublas im Bette der Marquise zugebracht hat, Sie am andern Tage, um sich zu rächen, den Bruder in den Kleidern der Schwester zu meiner Frau gebracht.« »Wahrlich, ich bin sehr boshaft!« rief der Graf laut auflachend, »welche Spitzbüberei habe ich mir gegen die Frau Marquise zu Schulden kommen lassen! ja, das sind meine Streiche! das...« »Ich glaube,« unterbrach ihn Herr von B ..., der immer mehr aufgeregt wurde, mit vieler Heftigkeit, »ich glaube, er wagt es noch, meiner zu spotten! nicht zufrieden mit dieser ersten Perfidie, Herr Graf, haben Sie noch die Niederträchtigkeit gehabt –« »Zum Teufel! das wird ernsthaft.« »Wer zuletzt lacht, lacht am besten, Herr von Rosambert, denn ich liebe die spöttischen Geberden nicht, das sage ich Ihnen.« »Und ich liebe die drohenden nicht, Herr Marquis.« »Sie benützten die Gegenwart des verkleideten jungen Menschen, um mit meiner Frau vor mir den unverschämtesten Auftritt anzufangen; erfahren Sie denn, was ich von Ihrem Betragen gegen die Marquise denke: es ist nach meiner Überzeugung eines Mannes unwürdig und vertragt sich nicht mit seiner Ehre, und folglich,« fügte er, die Hand an seinen Degen legend, hinzu, »folglich sollen Sie mir Rede dafür stehen.« »Wahrlich, das ist noch das Spasshafteste, doch ich gestehe Ihnen, dass ich es erwartete.« »Meine Herren!« rief ich, »was wollen sie machen? Ich kann diesen Kampf nicht zugeben.« »Immer habe ich in seiner Physiognomie gelesen, dass er ein schlechter Witzmacher ist, aber ich hätte nicht geglaubt, dass er ein so schändlicher Mensch ist.« »So, es kommt immer schöner. Sie sind ja ganz außer sich, Herr Marquis, ich erkenne Sie nicht mehr. Ich habe Sie für den besten, den sanftmüthigsten aller Menschen gehalten.« Bei diesen Worten, die im spöttischesten Tone ausgesprochen wurden, nahm Herr von B ... den Degen in die Hand. Ich konnte mich eines traurigen Vorgefühls nicht erwehren beim Anblick dieses Stahles, der sich bald mit Rosamberts und bald darauf mit noch theuerem Blute färben sollte. Ich drängte Rosambert zurück; mich zum Marquis wendend rief ich: »Herr Marquis, ich bitte, beruhigen Sie sich!« »Lieber Graf, Sie werden sich nicht schlagen.« »Lassen Sie doch, Faublas,« antwortete mir dieser; »es thut mir leid, dass ich dazu genöthigt bin, aber die Sache war doch unvermeidlich. Wenigstens ist es kein Duell, sondern nur ein Rencontre, und ich habe von dem Marquis unendlich viel sehr lustige Sachen erfahren.« »Wenn Du nicht sogleich vom Leder ziehst,« schrie Herr von B ...« der sich vor Wuth nicht mehr kannte, »so erkläre ich Dich überall für einen Feigen, und inzwischen zerhaue ich Dir das Gesicht.« Rosambert fing an zu lachen: »Es wäre Schade! man könnte dann in meinen Zügen die garstigen Streiche nicht mehr sehen, die ich gegen eine sittsame und tugendhafte Frau, voll Liebe für ihren Gemahl, mir zu spielen erlaubte; ist es nicht so, Herr Marquis?« Jetzt that Rosambert, um sich aus meinen Armen loszumachen, fortwährend lachend einige Schritte rückwärts, und ging sogleich mit dem Degen in der Hand auf Herrn von B... los. Sie schlugen sich kräftig mehrere Minuten lang; allein der Graf unterlag. »Der Himmel ist gerecht!« rief Herr von B ...; »so müssen Alle zu Grunde gehen, die mich beschimpfen, ich will so schnell als möglich die nöthige Hilfe herbeischicken, bleiben Sie bei ihm.« Der Graf lag auf dem Boden ausgestreckt, er winkte mir mich zu bücken und ihn zu hören. Mit schwacher Stimme sagte er zu mir: »Mein Freund, ich bin schwer verwundet: ich glaube nicht, dass ich diesmal davonkomme. Faublas, es ist nur zu wahr, dass...« Rosambert konnte nicht ausreden; er verlor das Bewusstsein. Ich suchte mit mehreren durch den Lärm des Kampfes herbeigezogenen Personen das Blut meines unglücklichen Freundes zu stillen, als die Chirurgen ankamen. Man schaffte ihn eilends in seine Wohnung. Welcher Anblick für seine junge Frau! Die Wunde wurde untersucht; wir erhielten von den Chirurgen nur die beunruhigende Antwort: »Man kann Nichts sagen, ehe der dritte Verband abgenommen ist.« Als ich nach Hause kam, sagte ich schmerzerfüllt zu meinem Vater: »Er ist am Sterben.« »Wer, mein Sohn, von wem sprichst Du?« »Der Graf von Rosambert; der Marquis hat ihm soeben einen tödlichen Degenstoß versetzt.« Mein Vater war sehr erschüttert bei dieser Nachricht, er versetzte:»Möge er wenigstens niemand mehr weiter verfolgen!« »Ich hoffe, mit diesem traurigen Ereignis ist die Sache beigelegt.« »Dieses Unglück wird die Aufmerksamkeit des Publikums wieder auf Dich, mein Sohn, lenken.« »O, mein Bruder!« sagte Adelheid, »ich weiß nicht genau, wie Ihre Aufführung ist; aber seit einiger Zeit sehe ich, dass Ihnen nur Unglück zustößt.« Die Nacht, die auf diesen verdrießlichen Tag folgte, war für mich sehr unruhig; ich hatte nur schreckliche Träume, die meinen Schlummer störten, ich erwachte mit beklemmtem Herzen, und um die traurigen Bilder zu verscheuchen, suchte ich alle meine Gedanken auf den glücklichen Tag zu richten, der für mich heranbrach, der mir in der Gesellschaft des Vicomte von Florville einige süße Augenblicke und in den Armen meiner geliebten Leonore das ersehnte Verlangen bringen sollte. Umsonst jedoch bemühte ich mich meine trüben Ahnungen zu bannen; meine Seele war von tiefer Betrübnis erfüllt. Ach, er kam in der That zu früh, dieser Freitag, der mir nur Glück zu verheißen schien! er kam zu früh dieser schreckliche Tag, auf den noch schrecklicheres Unglück folgte. Am nächsten morgen ging ich sehr zeitlich zu dem Grafen; er hatte eine sehr schlechte Nacht, die ununterbrochen vom glühenden Fieber und Bewusstlosigkeit langsam dahinschlich. Man nahm sicher an, dass die Wunde tödlich sei. Nach Tisch besuchte ich ihn wieder; aber leider mit der festen Überzeugung, ihn nicht mehr genesen zu sehen. Um sieben Uhr Abends verließ ich sein Hotel, um in die Straße du Bac zu eilen. Ich sah dort nicht den Vicomte von Florville; Frau von B ... war es, die ich antraf, Frau von B ..., wie in den Tagen von Longchamps, in der ganzen Pracht ihrer Schönheit. Wie bezaubernd war sie! Die erste Bewegung überwältigte mich derart, dass ich ihr zu Füßen fiel. Die Marquise neigte sich über mich mit unendlich viel Zärtlichkeit und Liebe, sie schloss mich aufhebend leidenschaftlich in ihre Arme. »Meine schöne, angebetete Mama, erlauben Sie mir, Sie meiner vollkommenen Erkenntlichkeit zu versichern. Die Papiere, die Sie mir versprochen hatten, habe ich erhalten.« »Haben sie die gewünschte Wirkung hervorgebracht...?« »Ja, mein Vater denkt nicht mehr daran, mit mir zu reisen; indes gestehe ich Ihnen, Eines beunruhigt mich, dass ich Paris so schnell verlassen muss. Wäre es nicht möglich die Sache noch einige Tage aufzuschieben?« »Im Gegentheil,« rief sie; »ich fürchte sehr, Sie könnten unverzüglich Befehl erhalten, noch früher abzureisen. Man spricht stark von Krieg, die meisten Offiziere sind bereits wieder eingerückt.« »Mein Gott, was soll ich thun?« Sie unterbrach mich lebhaft: »Sie sagen mir nichts von dem unglücklichen Ereignis von gestern Abend?« »Scheint es Ihnen wirklich unglücklich, Frau Marquise?« »Können Sie mich fragen? musste Rosambert von der Hand des Herrn von B... fallen? Also hat das Schicksal noch einmal meinen Muth und meine Hoffnungen verrathen!« »Klagen Sie das Schicksal nicht an.« »Lieber Faublas, Sie können das tief verletzte Gefühl einer gedemüthigten Frau nicht begreifen.« »Ihr Muth, theuere Freundin, wurde durch den Erfolg des Kampfes bei Compiègne belohnt, und durch das gestrige Rencontre sind alle Ihre Hoffnungen in Erfüllung gegangen. Des Grafen letzten Worte, ehe er das Bewusstsein verlor, waren: »Faublas, versichern Sie Frau von B ... wenigstens, dass ich nicht gestorben sei, ohne die aufrichtigste Reue wegen meines abscheulichen Verfahrens gegen sie ...« »Der beklagenswerte Rosambert hatte nicht mehr die Kraft weiter zu sprechen.« »Und doch, Faublas, um wie viel größer wäre mein Glück gewesen, wenn ich selbst mit dem Blute meines Feindes die erlittene Beleidigung hätte tilgen können! Was sagte ich?« fügte sie hinzu, ihre brennende Lippen auf die meinigen drückend: »Was liegt an meiner Rache? bin ich jetzt nicht vollkommen gerechtfertigt? bist Du mir nicht Deine ganze Achtung und sogar gleiche Zärtlichkeit schuldig ...« Ich war entzückt und berauscht von ihren Liebkosungen und verschwendete an ihr die meinigen. »Nun denn! es sei!« rief sie sich gänzlich hingebend; »möge endlich die Liebe siegen! seit zwei Monaten setze ich ihr allen Widerstand entgegen, dessen eine Sterbliche fähig ist. »Möge die Liebe nun auch über meine Vorsätze triumphieren; möge sie mir wieder einige Augenblicke übergroßen Glücks bei dem angebeteten Geliebten schenken, und müsste ich den Undankbaren sogar in meinen Armen nach Sophie rufen und nach Frau von Lignoll sich sehnen hören! müsste ich endlich dieses Glück eines Tages mit meinem Leben bezahlen!« Mehr sagte sie nicht; unsere Seelen floßen zusammen. Plötzlich trat eine unerwartete Katastrophe ein. Die Thüre des Zimmers, in welchem wir uns befanden, öffnete sich schnell. »Glauben Sie es jetzt?« sagte Frau von Fonrose zu Herrn von B ... Dieser, der nicht länger an seinem Unglück zweifeln konnte, wurde wüthend. Er stürzte sich mit dem Degen in der Hand auf einen Unbewaffneten, der noch überdies, da man ihn in der größten Unordnung überraschte, außer Stand war sich zu vertheidigen. Die Marquise, meine allzu großherzige Geliebte, warf sich zu rasch der drohenden Waffe entgegen; der Marquis stieß zu... große Götter! Frau von B ... widerstand anfangs der Gewalt des Stoßes, und in demselben Augenblicke zog sie zwei geladene Pistolen aus ihrer Tasche und streckte die Baronin zu ihren Füßen nieder. Sie sagte zu ihrem Gemahl: »Sie haben soeben mein Leben bedroht, das Ihrige steht in meiner Hand! ich will meinen Tod, der ohne Zweifel nahe ist, nicht rächen; aber,« fügte sie, sich auf mich stützend, hinzu, »ich erkläre Ihnen, dass ich entschlossen bin, ihn gegen Alle zu schützen.« Trotz meiner angestrengten Bemühungen, sie aufrecht zu erhalten, sank sie in ihre Kniee, stützte sich auf ihre rechte Hand und überreichte mir die Pistole, die sie in der linken hielt: »Hier, Faublas ...! Und Sie, Herr von B ..., wenn Sie einen Schritt gegen ihn thun, so möge er Sie abhalten.« Kaum hatte sie das gesagt, als sie in meine Arme sank, wo sie das Bewusstsein verlor. Der Marquis dachte nicht mehr daran, mein Leben zu bedrohen; der unglückliche Degen war bereits seinen Händen entsunken. »Ich Unglücklicher,« rief er mit allen Zeichen der höchsten Verzweiflung, »was habe ich gethan, wohin fliehen? wo mich gegen mich selbst zu vertheidigen; wo mich vor mir selbst verbergen? Ich flehe Euch an. Ihr andern, verlasst sie nicht, wendet ihr Euere Sorgfalt und Hilfe zu... Mein Gott! wie da hinauskommen?« Nur mit Mühe fand er die Thüre, so verstört und verzweifelt war er. Frau von Fonrose, deren untere Kinnlade ganz zerschmettert war, lag in todesähnlicher Ohnmacht. Eine große Menge Menschen, die ich nicht kannte, kamen herbei; ebenso mehrere Wundärzte. Die Baronin wurde nach Hause getragen; aber den Transport der unglücklichen Marquise wagte man nicht zu unternehmen. Wir nahmen sie zu vier und trugen sie sterbend auf dasselbe Bett, wo einige Minuten zuvor ein Opfer der Göttin der Liebe gebracht wurde. O, Götter! rächende Götter, wenn dies Gerechtigkeit heißt, so ist sie sehr grausam. Die tiefe Wunde war in der linken Brust, neben dem Herzen. Frau von B ... überlebt vielleicht die Nacht nicht mehr. Man legte ihr den ersten Verband auf; da erwachte sie aus ihrer langen Ohnmacht. »Faublas!« stöhnte sie; »wo ist Faublas?« »Hier bin ich,« sagte ich verzweifelnd. »Madame,« gebot der erste Wundarzt, »sprechen Sie nicht.« »Und müsste ich auf der Stelle sterben,« antwortete sie, »so muss ich jetzt mit ihm sprechen,« und mit ersterbender Stimme brachte sie die unterbrochenen Worte hervor: »Mein Freund, Sie werden wieder kommen; Sie werden mir nicht durch gleichgiltige Leute die Augen zudrücken lassen; Sie werden meine letzten Seufzer empfangen. Aber verlassen Sie mich auf einige Augenblicke, eilen Sie! der geheime Verhaftsbefehl wird ohne Zweifel demnächst nach Versailles kommen; retten Sie schnell die unglückliche Gräfin, wenn es noch Zeit ist.« Ich stürze sogleich fort, ich fliege durch die Straßen. Meine Leonore, sie wollten sie einsperren! zuvor müssen sie mir das Leben nehmen! aber wenn der schreckliche Befehl bereits vollzogen ist, dann ist keine Hoffnung mehr! Die unglückliche Gräfin wird darüber zu Grunde gehen! und ich wäre also genöthigt, sie zu überleben? ich! wer könnte mich hindern, ihnen ins Grab zu folgen? Von diesen traurigen Gedanken niedergedrückt gelange ich in das Hotel der Frau von Lignoll. Ich rufe Lafleur, eile über den Hof, steige die geheime Treppe empor und klopfe an der Thüre des Fräulein von Brumont an. Man öffnet. Welches Glück! es ist die Gräfin! ein Freudenschrei ertönt; sie ruft: »Schon so früh, mein Freund?« »Meine Leonore, ich zitterte, es möchte zu spät sein. Komm!« »Wohin? was ist geschehen?« »Komm mit mir! Deine Freiheit ist bedroht.« »Was sagst Du, meine Freiheit? ich sollte Dich, mein Geliebter, nicht mehr sehen?« »Was suchst Du?« »Meine Diamanten.« »Sie sind bei mir; Du hast sie nicht wieder nach Hause genommen.« »Meine Tante ist im Salon, ich will ihr schnell Lebewohl sagen.« »Nein, Leonore! Frau von Armincour würde Dich mit sich nehmen wollen, und Du musst mit mir gehen. Die Angst der Marquise könnte uns verrathen, es ist besser, wenn sie eine Zeit lang nicht weiß, was aus Dir geworden ist. Beeilen wir uns, es ist kein Augenblick zu verlieren.« Wir steigen ohne Geräusch die Treppe hinab. Unter dem Schutze der Nacht schlüpft die Gräfin bis unter das Hofthor. Hier klopfe ich, nachdem ich vorsichtig meinen Hut über die Augen gedrückt, an das Fenster des Schweizers; ich bin derjenige, der soeben mit Lafleur gesprochen hat, er öffnet mir das Thor. Frau van Lignoll ist auf der Straße, ich stürze mich ihr nach, sie ergreift meinen Arm, wir eilen so schnell als möglich. Alles, was um uns hervorgeht, setzt uns in eine wahre Todesangst; wir erreichen endlich den Vendômeplatz. Da wir durch die Gartenthüre ins Hotel gingen und uns sogleich auf die kleine Treppe begaben, so konnte uns niemand bemerken außer Jasmin. Mein Diener brachte Kerzen. »Guter Gott!« sagte Frau von Lignoll, »ich habe Blut an den Händen! ... Faublas, die Ihrigen sind voll davon!« Ich konnte einen Schrei des Entsetzens nicht zurückhalten und brach plötzlich in Thränen aus: »Leonore, meine theuere Leonore; dieses Blut, es ist das Blut einer Liebenden! Sei auf Deiner Hut, der Tod um mich trifft oder bedroht die Gegenstände, die meinem Herzen am theuersten sind. Wache über Dich!« »Faublas, welche Reden! und welche Verzweiflung!« »Meine Freundin, die Marquise hat sich ihrem Gemahl entgegengeworfen, der mich tödten wollte, und so den unglücklichen Stoß selbst empfangen.« »Ah! der Grausame!« »Sterbend hat sie ihre letzten Kräfte zusammengenommen, um mich von der Gefahr zu unterrichten, der Du ausgesetzt bliebst.« »Wie danke ich ihr!« »Sie bat mich bald zurückzukommen, um ihren letzten Seufzer zu empfangen.« »Arme, beklagenswerte Frau! Du musst schnell hingehen, ich gehe mit Dir.« »Unmöglich! es sind so viele Leute um sie herum!« »Gut denn! so gehe allein, geh, tröste ihre letzten Augenblicke; sage ihr, dass mein Hass erloschen ist, dass ich über ihr Unglück tief betrübt bin ...« »Meine theuere Leonore, Du hast das Herz eines Engels. Ich will trachten, so bald als möglich zurückzukommen. Jasmin, ich vertraue Dir die Frau Gräfin an, ich empfehle sie Dir, Du bürgst mir für sie.« Ich brauchte kaum einige Augenblicke, um von dem Vendômeplatze bis an die Straße du Bac zu gelangen. Als ich zur Marquise kam, umgaben ein Mann und mehrere Frauen ihr Bett. Als sie mich eintreten sah, sagte sie mit schwacher Stimme: »Jedermann gehe hinaus. Man lasse uns allein!« Der Arzt stellte ihr vor, dass sie nicht sprechen sollte. »Eine letzte Unterredung mit ihm!« antwortete sie, »dann können Sie mich behandeln, wie Sie wollen.« Er wollte etwas entgegnen; aber ein befehlendes Zeichen schloss ihm den Mund. »Ist sie gerettet, mein Freund?« »Sie ist bei mir.« »So lange noch ein Athem in mir ist, fürchten Sie nichts mehr für die Gräfin.« Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen in ihr Kissen zurück; sie gab mir ein Zeichen, meine Hand in die ihrige zu legen, dann sagte sie mit gebrochener Stimme: »Faublas, beklagen Sie mein trauriges Geschick, und wenn Sie je einen Funken von Liebe für mich fühlten, so weihen Sie meinem Andenken eine Thräne der Versöhnung und des Mitleids. Meine Brieftasche ist da; suchen Sie darin das unglückselige Schreiben, das meine schlimmsten Entschließungen beschleunigte. Nehmen Sie den Brief Ihres Schwiegervaters zurück; ich weiß ihn ganz, jetzt bedarf ich seiner nicht mehr. »Ich gelobte mir in meiner Verzweiflung, dass Sophie Ihnen nicht mehr zurückgegeben werde, und dass auch Frau von Lignoll die Qualen kennen lernen sollte, die ich allzulange geduldet habe. »Ihr Schwiegervater ist sicherlich in Paris; aber in dem sicheren Versteck, den er seit mehr als einen Monat gefunden hat, und allen meinen Nachforschungen entging. »Ich fand in Frau von Lignoll eine gefürchtete Nebenbuhlerin. Lafleur, der sich aber an mich verkaufte, stattete mir alle Tage Berichte ab. Es schien mir dringend nothwendig, Ihrer Verbindung mit der Gräfin unüberwindliche Hindernisse in den Weg zu legen. »Ich ließ den Kapitän kommen: er suchte schnell in Versailles einen geheimen Haftbefehl nach, den man ganz bereit hielt; Frau von Lignoll sollte eben verhaftet werden, sie sollte ihre Freiheit nur auf einige Tage verlieren, man musste ihr bald das Landgut ihrer Tante in der Franche-Comté als Gefängnis anweisen. Aber nach dem Aufsehen, das ihre Haft gemacht hätte, durften Sie sie doch nicht mehr sehen. »Endlich wären Sie nach Nancy gereist; in der Umgebung dieser Stadt sollten mir uns begegnen; unter dem glücklichen Himmel Lothringens sollte ich meinen Geliebten und meine schönen Tage wieder finden. Welch eitle Pläne! ach, ich Unglückliche! als ich Dir mein Leben zu widmen hoffte, wartet meiner der Tod. »Es ist um mich geschehen! ich sehe mein Grab offen, ich muss mit sechsundzwanzig Jahren hinabsteigen.« Sie konnte nicht weiter reden, sie wurde von einer tiefen Ohnmacht befallen. Der Arzt eilte auf mein erstes Rufen herbei; er bat mich dringend mich zu entfernen, wenn ich nicht den Augenblick des Todes beschleunigen wollte. Ich entfernte mich tief betrübt. Bei meiner Rückkehr rief Frau von Lignoll: »Du bist sehr lange ausgeblieben! ist sie todt?« »Nein, meine Theuere, noch nicht; aber es geht zu Ende!« Ich hatte große Mühe, die Gräfin zu beruhigen. Sie vergoss Thränen des Mitleids über das Unglück der Frau von B ... Eine glückliche Nacht war uns noch gestattet, während welcher meine Leonore, indem sie mir unaufhörlich ihre Zärtlichkeit bewies, mich beständig von ihrer Entführung unterhielt, die unumgänglich nothwendig wurde. Wir kamen dahin überein, dass ich am nächsten Tage alle nöthigen Vorbereitungen treffen werde und dass die nächste Nacht zu unserer Flucht bestimmt sei. Immer voll Zuversicht glaubte sich Leonore schon fern von ihrem Vaterlands und ich, dessen Geist durch heimliche Unentschlossenheit noch beunruhigt war, sah mit Zagen in die Zukunft und wagte es nicht, meine Blicke auf die Gegenwart zu richten. Ich sah unaufhörlich Frau von B ... auf dem Todtenbette! O, mein Vater! o, meine Schwester! o, meine Sophie! Ich gab mir vergebliche Mühe, den quälenden Gedanken an Euch zu beseitigen. Als der Morgen kam, drängte es mich zur Marquise zu gehen. Ein trauriges Schauspiel bot sich meinen Blicken. Es war eine schlimme Vorbedeutung, die den unglücklichsten Tag meines Lebens bezeichnen sollte. Als ich in das Zimmer der Marquise trat, hatte sie die Augen verdreht und sagte sehr schnell: »Ja, das ist mein Grab; aber dieses andere, für wen bestimmt Ihr es? Wo ist Faublas?« rief sie mehrere Male mich anblickend; »wo ist Faublas? eilt, benachrichtigt ihn, dass meine Feinde ihn ermorden wollen ... dass der Marquis und der Kapitän ... der Kapitän! er naht! er schleppt die arme Kleine! komm doch, Faublas, schnell! was hält Dich auf? komm ihr doch zu Hilfe. – Es ist nicht mehr Zeit, es ist um sie geschehen! Götter! große Götter! für sie haben sie dieses Grab neben dem meinigen gegraben.« Sie sank zurück. Ich hörte sie nur noch einige undeutliche Worte murmeln, die meinen Schmerz verdoppelten. Der Arzt sagte zu mir: »Mein Herr, ich darf Ihnen die Wahrheit nicht verhehlen; es ist unmöglich, dass sie bei diesem schrecklichen Fieber noch lange aushält.« Ich ging zu Rosambert, er fing an, einige Hoffnung zu geben; doch wagte man noch nichts zu verbürgen, und ich konnte die Erlaubnis nicht erhalten, mit ihm zu sprechen. Ich lief in ganz Paris herum, um mir die vielen zur Entführung der Frau von Lignoll nothwendigen Dinge zu verschaffen; und ich weiß nicht, welch schmerzliches Gefühl mir sagte, dass sie im Begriffe sei eine lange Reise anzutreten. Es schien mir während der Vorbereitungen zu unserer gemeinschaftlichen Reise, als sei ich von einem peinlichen Traume gequält, der bald zu Ende gehen musst; aber eine geheime Stimme sagte mir, dass das Erwachen schrecklich sein sollte. Bei meinem Zurückkommen in das Hotel fand ich Frau von Armincour bei meinem Vater. Sie war in einem Zustand fürchterlicher Aufregung, und fragte mich, was ich mit ihrer Nichte gemacht hätte. Wir hatten uns mit Leonore auf den Besuch und die Fragen der Marquise vorgesehen, ich sollte ihr antworten: »Madame, Ihre Nichte ist in Begleitung eines Freundes, dessen Muth und Treue ich kenne, abgereist. Sie will in der Schweiz ein Asyl suchen; sie hat die Schweiz gewählt, weil es nicht sehr entfernt von Ihrer Franche-Comté ist.« »Lieber Chevalier, wie vielen Dank bin ich Ihnen schuldig! ich eile ihr nach, meiner theueren Nichte! Sagen Sie mir aber, wie haben Sie es gemacht, um sie ihren Feinden zu entreißen? niemand hat sie im Hotel erblickt. Niemand hat sie hinausgehen sehen! Es war kaum eine Viertelstunde, dass ich sie gesprochen hatte, als man kam, um sie zu verhaften. Sie ist gerettet! ... aber wie! tausend Gefahren bedrohen sie noch! wenn sie auch ihren Verfolgern entgeht, was wird aus ihr werden, fern von ihrer Heimat, fern von demjenigen, den sie bis zur Anbetung liebt? Ach! junger Mann, junger Mann, Sie haben mein Kind in einen Abgrund von Elend gestürzt!« Nach diesen Worten stand Frau von Armincour auf und entfernte sich weinend. Ich eilte nach dem vierten Stockwerk zur Frau von Lignoll, die den ganzen Tag über in dem kleinen Zimmer meines Bedienten verborgen bleiben musste. »Meine geliebte Leonore, ich habe Alles vorbereitet; nichts scheint unsere Flucht zu hindern; halte Dich auf die Nacht Schlag zwölf Uhr bereit.« »Faublas, warum sprichst Du denn mit mir, ohne daran zu denken, was Du sagst? warum diese immer befangene Miene? warum dieses immer so traurige Gesicht, wenn der Augenblick naht, der uns vereinigen muss, um uns nicht mehr zu trennen, um mit einander leben und sterben zu können?« »Soeben ist Frau von Armincour weggegangen, sie war sehr vom Schmerz niedergebeugt.« »Ich weiß es, dass sie hier war, denn ich habe sie von diesem Fenster gesehen.« »Meine Leonore, der Baron erwartet mich, ich muss durchaus bei Tisch erscheinen; ich werde mich so bald als möglich davon machen und wieder heraufkommen, um mit Dir zu speisen.« »Ja, geh, Faublas, und komme bald zurück! so lange ich Dich sehe, bin ich ruhig; sobald Du nicht mehr da bist, sterbe ich vor Ungeduld.« Sie umarmte mich, ich ging hinab. Mein Vater sah mich alle Speisen ausschlagen; er hörte mich ihm nur einsilbig antworten, und bekümmert mich ansehend, sagte er: »Du hast Deinen Vater und Deine Schwester nicht verlassen, um Deiner Geliebten zu folgen, wir wollen Dir auch getreu zur Seite stehen und Dich in Deinem Unglück trösten. »Ich habe von Dir erfahren, mein Sohn, dass Herr von Rosambert vorgestern im Duell mit Herrn von B ... erlegen ist; aber weiter hörte ich erzählen, dass der Marquis bei einem andern Rencontre an einem theueren Feinde eine fürchterliche Rache geübt hat. Mein Sohn, früh oder spät müssen alle Gegenstände unserer unerlaubten Neigung zu Grunde gehen; aber kannst Du nicht ein dauerndes Glück hoffen. Du, dem der Himmel vielleicht Deine anbetungswürdige Gattin wieder schenkt, deren Götze Du bist, und gute Angehörige, die Dich lieben?« Der Baron sprach noch, als man ihm einen Brief zustellte. »Gütiger Gott!« rief er ihn lesend, »Du hast bereits Erbarmen mit ihm! hier, mein Freund, lies selbst.« »Endlich hat die Marquise die Strafe für ihre Verbrechen empfangen, und die unglückliche Gräfin ist nunmehr für Ihren Sohn verloren. Ihr Sohn ist jetzt, ich will es glauben, unglücklicher, als er jemals strafbar war; und die Schule des Lebens muss ihn auf immer gebessert haben. Sagen Sie ihm, dass ich ihm in zwei Stunden seine Gattin zurückbringe, und dass, wenn er ganz würdig ist, sie zu besitzen, der Tag der Wiedervereinigung unserer Kinder beständig unter meine schönsten Tage gezahlt werden soll. Graf Lowzinski.« Freudiges Entzücken war meine erste Bewegung; ich rief: »Welches Glück, welches unverhofftes Glück.« Als ich einen Augenblick nachdachte, da fühlte ich die Gefahren meiner neuen Lage, und in Verzweiflung über dieselbe rief ich: »Mein Gott! welchen Ausweg aus diesem Bedrängnis.« »Was hast Du denn, mein Bruder? was fehlt Dir?« »Nichts, meine Schwester!« »Woher kommt die außerordentliche Aufregung, in der ich Dich sehe, mein Sohn, erkläre Dich.« »Sie fragen mich, mein Vater! Frau von B ... liegt in den letzten Zügen! tausend Gefahren umschweben Frau von Lignoll, und Sie können noch fragen! Allerdings bete ich meine Gemahlin an, aber in welchem Augenblick wird sie mir wieder geschenkt! Sie wissen nur den geringsten Theil meines Kummers, der auf meinem Herzen lastet! ... Mein Vater, ich bedarf sehr gänzlicher Ruhe, auch Du, meine theuere Adelheid, erlaube, dass ich mich frei meinen Träumereien überlasse, und deshalb bitte ich Euch, lasst mich allein, ganz allein bis zur Ankunft meiner Sophie.« »Wohin eilst Du, mein Bruder?« »Auf mein Zimmer, um Jasmin zu rufen; dann will ich in den Garten gehen. Folgt mir nicht, ich beschwöre Euch!« In zwei Stunden soll Sophie zurückkehren, und ich soll heute Nacht mit Frau von Lignoll abreisen, in demselben Augenblick, wo mir die Liebe in den Armen meiner Gattin das Glück vorbereitet. Ich Undankbarer, welchen Wunsch wage ich für Sophie zu hegen. Wohl weiß ich es, welche von diesen zwei bezaubernden Frauen ich vorziehe; aber wer wird mir sagen, von welcher ich am meisten geliebt werde? Dennoch muss ich heute, um das Glück der Einen zu sichern, die andere in Verzweiflung stürzen! möge hundertmal lieber Frau von Lignoll zu Grunde gehen! Wenn ich aber Leonore nicht entführe, so ist sie verloren, entehrt, von ihrer eigenen Familie, so wie von der Familie ihres Gemahls. Auf mich hat sie ihre Hoffnung gesetzt; wenn ich sie verrathe, wie soll das enden! Sollte ich am Tage, wo meine Sophie mir wiedergegeben wird, die Flucht mit ihrer Nebenbuhlerin ergreifen, und so meine Frau im Stich lassen? wenn ich mit Leonore entfliehe, so stirbt meine arme verrathene Gattin vor Kummer. Was soll ich Unglücklicher also thun? soll ich mich durch einen raschen Tod meinen schrecklichen Verlegenheiten entziehen, und so durch ein Verbrechen ein Leben beendigen? Wenn ich mich opfere, so überlebt mich keine von beiden. Ich muss mich meinem Schicksal unterwerfen; das Gesetz selbst legt mir die Pflicht zu leben auf. Ich muss unter zwei beinahe gleich theueren und heiligen Gegenständen ein Opfer auswählen. Große Götter! Ihr habt mir das liebendste Herz und die leidenschaftlichsten Sinne gegeben; Ihr habt gewollt, dass ich mehrere Frauen, die ausdrücklich geschaffen sind, um dem Auge zu gefallen und die Seele zu entzücken, zugleich begegnen sollte; ich habe sie alle zusammen angebetet. Dies ist Alles; wenn ich je gefehlt habe, so liegt die Schuld an Euch! Wenn ich meine Leonore nicht entführe, so ist sie verloren; meine Sophie, wenn ich sie verlasse, stirbt vor Kummer. Welcher Mensch wäre an meiner Stelle nach den heftigsten Kämpfen stark oder vielmehr grausam genug, um sich entscheiden zu können? Wenn mir wenigstens jemand mit hilfreichem Rathe zur Seite stehen wollte! Mein Bedienter, der unbemerkt herbeikam, riss mich aus meinen Betrachtungen. »Gnädiger Herr! Madame, die Sie von diesem Fenster aus bemerkt, wundert sich, dass Sie allein in diesem Garten spazieren gehen und sie allein in meinem Zimmer lassen, und bittet Sie sogleich hinaufzukommen.« »Nun denn, so sage ihr, ich werde sogleich kommen, geh!« »Nehmen Sie sich in Acht, gnädiger Herr; dort unten kommt der Herr Baron und Fräulein Adelheid.« »Kehre zu Frau von Lignoll zurück, ich folge Dir.« Ich ging gerade auf meinen Vater zu. »Oh, ich bitte Sie inständig, lassen Sie mich frei nachdenken und weinen, lassen Sie mich allein mit meinem Schmerz. Ich werde das Hotel nicht verlassen, seien Sie ruhig! und Sie werden mich wieder sehen, sobald Sophie erscheinen wird.« Als mein Vater und meine Schwester den Garten verlassen hatten, versank ich auf's Neue in meine schrecklichen Träumereien. Jasmin riss mich zum zweiten Male heraus: »Gehen Sie schnell hinauf, gnädiger Herr.« Als ich eintrat, rief Leonore: »Ich muss also wiederholt nach Dir schicken?« »Meine Geliebte, glaubst Du, Deine Tante sei schon abgereist?« »Warum diese Frage?« »Ich dachte, dass Frau von Armincour Dich hätte mitnehmen können.« »Mich mitnehmen! mit Dir?« »Mit mir, das hätte sie wohl nicht gewollt, ich wäre Euch nachgefolgt.« »Wie! dann wären wir nicht mit einander abgereist?« »Meine Freundin, wenn dies unmöglich wäre?« »Wer könnte es hindern? Du selbst sagtest mir vor einer Stunde, es wäre Alles bereit.« »Vor einer Stunde wusste ich noch nicht, und konnte auch nicht ahnen ...« »Was konntest Du nicht ahnen?« »Nichts, meine Leonore! – Schlag zwölf Uhr werden wir Paris verlassen.« Ich konnte mich nicht fassen, und als sie meine Verzweiflung sah, und nach deren Ursache fragte, wiederholte ich die Frage: »Glaubst Du, Deine Tante sei schon abgereist?« »Was liegt mir an meiner Tante?« rief sie. »Habe ich deshalb mein Glück und meinen Ruf aufgeopfert, um mit Frau von Armincour davon zu gehen? habe ich mich ihr zu Lieb allen Arten von Unglück ausgesetzt? Faublas, je näher der entscheidende Augenblick heran kommt, um so unschlüssiger sehe ich Dich werden. Nicht Dein Vater allein ist daran schuld! nicht der Tod der Frau von B ... presst Dir Thränen aus. Undankbarer! Du zitterst Dich in eine Einsamkeit zu begraben, wohin Sophie nicht dringen könnte! Mein Herr, erinnern Sie sich, dass ich meine Flucht beschlossen hatte, ehe sie nothwendig war; überzeugen Sie sich wohl, dass nicht das Verzweifelte meiner gegenwärtigen Lage es ist, was mich nöthigt im Auslande eine Zufluchtsstätte zu suchen. Wenn Sie aber keinen andern Grund haben, mit mir zu kommen, als den, mich dem Zorn meiner Familie zu entziehen, so können Sie bleiben.« Die letzten Worte der Frau von Lignoll steigerten meine Verwirrung auf den höchsten Grad. Je näher der Abend heranrückte, um so stärker fühlte ich meine schmerzliche Ungeduld und meine heimlichen Kämpfe. Ich ging und kam unaufhörlich von dem Zimmer meines Vaters in die Kammer meines Bedienten, Alle, die ich begegnete, nach der Zeit fragend und fortwährend auf meine Uhr sehend, bald fand ich die Zeit zu kurz, bald klagte ich sie einer unerträglichen Langsamkeit an. Endlich, als der Tag sich neigte, fuhr ein Wagen in den Hof des Hotels. »Verzeihe, meine Leonore, da ist ein Besuch, den ich empfangen muss, ich bin im Augenblick wieder bei Dir.« »Ein Besuch!« rief sie. Mehr hörte ich nicht; ich stürzte mich in den Corridor; Jasmin erwartete hier meine Befehle. »Geh schnell hinauf und lass sie nicht aus Deinem Zimmer.« Ich stieg schneller als der Blitz die Treppe hinab, und fand im Vorhofe die schönste der Frauen seit sieben Monaten noch schöner geworden. Sie warf sich in meine Arme. »O, mein Geliebter! wäre mir dieser glückliche Tag nicht fortwährend versprochen worden, nie, nie hätte ich den Qualen der Abwesenheit widerstehen können!« Mein Schwiegervater umarmte mich. »Warum wurde mir nicht vergönnt, Euer beider Glück früher zu gründen?« sagte er zu mir. Adelheid, entzückt vor Freude, theilte sich mit mir in die Liebkosungen ihrer lieben Freundin, und mein Vater drückte in glückseliger Wonne seinen Freund Herrn Duportail an seine Brust. Wir gingen Alle zusammen in die Wohnung des Barons. Die Glückseligkeit meiner Sophie, das Glück unserer Väter zu schildern wäre unmöglich. Eine ganze Stunde verstrich wie ein Augenblick; während dieser Zeit war die unglückliche Frau von Lignoll fast gänzlich vergessen. »Ich täusche mich nicht! Ich höre schreien,« sagte der Baron. Ich sprang auf, denn ich erkannte die Stimme Leonerens. »Verzeihung, ich verlasse Sie auf eine Minute.« Ich traf die Gräfin in einem schrecklichen Zorn. »Endlich sind Sie da! mein Herr, bin ich Ihre Gefangene? Ihr unverschämter Bediente wagt es, mich mit Gewalt zurückzuhalten! Sie haben Zeit genug gehabt, Ihren Besuch zu empfangen!« fuhr Frau von Lignoll fort; »ich hoffe, dass Sie mich jetzt nicht mehr verlassen.« »Man erwartet mich zum Souper.« »Es ist zu früh! überdies brauchen Sie heut nicht zu Nacht zu speisen. Wann reisen mir ab?« »Leonore, ich bitte Dich um einen Tag, nur einen Tag.« »Einen Tag! der Treulose!« Sie stürzte sich gegen die Thüre, ich hielt sie zurück. »Lass mich,« rief sie, »ich will hinaus.« »Hinaus, um Dich zu Grunde zu richten!« »Ich will hinab! ich will mit ihm sprechen! ich will ihm sagen, dass ich Deine Frau bin!« »Ich beschwöre Dich, geliebte Freundin, bedenke, was Du über uns Alle für ein schreckliches Unglück durch diese unüberlegte und zugleich wahnsinnig leidenschaftliche Handlung heraufbeschwören würdest.« »Treuloser! Sophie ist hier! ich habe sie aus dem Wagen steigen sehen. Ich habe sie an ihrer Taille, an ihren Haaren erkannt! wie schön sie ist; wie unglücklich ich bin! so nahe schon wähnte ich mich am Ziele meiner sehnlichsten Wünsche, und nun sehe ich alle meine beglückenden Träume in Trümmer zusammenstürzen. »Der Grausame verlangt von mir einen Tag, ich soll da bleiben verborgen vor aller Welt, während er in den Armen einer Nebenbuhlerin ... Einen Tag, nicht einmal eine Stunde! Höre, Faublas,« fuhr sie mit der größten Heftigkeit fort; »liebst Du mich?« »Mehr als mein Leben, ich schwöre es Dir.« »So rette mich! ich sage Dir, es ist kein Augenblick zu verlieren, wir müssen sogleich abreisen.« »Sogleich! bist Du von Sinnen?« »Es ist bereits finstere Nacht; gewinnen wir die nächste Station und das erste Gasthaus; dorthin kann uns Jasmin unsere Postchaise bringen.« »Meine Leonore!« »Ja oder nein!« »Aber theuerste Freundin!« »Ja oder nein!« wiederholte sie. »Bedenke, dass es für den Augenblick unmöglich ist.« »Unmöglich! Du Treuloser; erinnere Dick, dass Du mir den Tod gegeben hast!« Sie hielt in der rechten Hand einen Dolch verborgen, den sie sich in die Brust stieß. Obschon ich ihren Arm etwas spät aufgehalten hatte, so wurde doch die Gewalt des Stoßes sehr dadurch geschwächt. Jedoch das Blut floss bald reichlich, und die Gräfin fiel in Ohnmacht! o, Himmel! o, Himmel! dies fehlte zu meinem Unglück. »Geh, Jasmin, hole schnell den ersten Wundarzt! führe ihn zu der kleinen Gartenthür herein. Eile Dich, mein Freund!« Ich suchte der Flau von Lignoll Hilfe zu leisten. Welche Freude folgte auf meine Todesangst, als ich mich überzeugte, dass ich durch das Aufhalten des Armes der Gräfin den Stoß glücklich abgewendet hatte; das Eisen hatte, statt in die Brust zu dringen, nur eine kleine Wunde verursacht; nichts destoweniger konnte ich die Wunde nicht verbinden. Plötzlich rief der Baron: »Faublas, werden Sie nicht herabkommen?« »Sogleich, mein Vater!« Wie konnte ich meine Leonore verlassen, bevor sie den Gebrauch ihrer Sinne wieder erhalten hatte? ich blieb bei ihr und rief sie hundertmal vergebens. Endlich fing sie jedoch an, einige Lebenszeichen von sich zu geben, als der Baron im Tone der höchsten Ungeduld zum zweitenmale rief: »Kommen Sie nicht herab?« »Einen Augenblick! mein Vater, einen Augenblick!« Ich war zu Tode erschrocken, als ich den Baron, statt in sein Appartement zurückzukehren, gegen Jasmins Zimmer heraufkommen hörte. Ich hatte kaum Zeit mich des unseligen Dolches zu bemächtigen, die Thüre zuzuschlagen und mich dem Baron entgegenzustürzen. Um eine wahrscheinliche Entschuldigung zu haben, stellte ich ihm sogleich vor, dass ich trotz der Rückkehr Sophiens dennoch das Bedürfnis habe allein zu sein. Wir gingen zur Gesellschaft zurück. »Er hat geweint!« rief meine Frau. Sie sagte ganz leise zu mir: »Ich weiß, mein Gemahl, das Andenken an Frau von B ... kostet Ihnen diese Thränen! Ich verzeihe Ihnen, und gewiss es schmerzt mich wahrlich, dass sie so unglücklich geendet. O, mein Vielgeliebter, ich werde mich bemühen. Dir Alles zu ersetzen, was Du verloren hast, und ich werde Dich so lieben, dass Du von nun an keine andere mehr lieben kannst.« Alle meine Lieben trösteten mich und verschwendeten ihre Liebkosungen an mich; aber dieselben waren mir unerträglich. Endlich nachdem eine Viertelstunde unter den heftigsten Kämpfen verstrichen war, siegte meine Aufregung über alle Rücksichten; ich stürzte mich nach der Thüre mit dem Rufe: »Lassen Sie mich, lassen Sie mich allein!« Ich stieg hinauf und traf in dem Gange des vierten Stockes einen Wundarzt, der mich mit meinem Bedienten erwartete. Ich steckte den Schlüssel in das Schloss, die Thüre öffnete sich von selbst. Ich erinnerte mich die Thüre verschlossen zu haben. »Es ist wahr,« sagte Jasmin, »das Schloss taugt nichts.« Ich trat in das Zimmer, Frau von Lignoll war nicht mehr darin. Guter Gott! was war aus ihr geworden? wohin kann sie gegangen sein? Ich stürze mich hinaus, ich begegne auf der Treppe meiner Schwester, meiner Frau, ihrem Vater und dein meinigen, ich dringe mich durch sie hindurch. »Wohin eilst Du, mein theuerer Gemahl?« ruft Sophie in großer Bestürzung. »Sie wiederzufinden, sie zu retten, oder mit ihr zu sterben!« Ich befragte den Schweizer; er antwortete mir: »Es ist vielleicht zehn Minuten, dass sie hinausgegangen ist, ich habe geglaubt, es sei eine Frau, die Madame mit sich gebracht habe.« Eine Frau, die Schutz gegen den Regen unter dem Hofthor suchte, sagte: »Ich habe soeben mit dem armen Kinde gesprochen! sie sah fürchterlich aufgeregt aus, sie schlug den Weg nach den Tuilerien ein, die arme Kleine wird recht durchnässt sein.« Was meine Angst wirklich verdoppelte, war dieses furchtbare Unwetter, das sich eben entlud. Donnerschläge und Blitze kamen aus den schwarzen Wolken. Alles flüchtete einem sichern Asyle zu. Ich stürze mich auf den Weg und erfahre, dass sie die Richtung gegen den Pont-tournant eingeschlagen; ich eile dahin, ich finde dort einen Invaliden auf der Wacht; er sagt: »Sie ist zweimal um das Wasser herumgegangen, dann ist sie auf die große Terasse gestiegen.« Ich eile auf die Schildwache der Brücke zu. In diesem Augenblick, ich glaube es noch zu hören, schlug es auf dem Theatinerthurme neun Uhr. Ich rief: »Schildwache! eine junge hübsche, weißgekleidete Frau, den Kopf mit einem Tuche umwickelt, haben Sie dieselbe gesehen?« »Sie ist da,« antwortete er mir kalt, und streckte den Arm aus, um nach dem Fluss zu zeigen. »Wie da?« »Allerdings! sie hat sich soeben hinabgestürzt; man sucht sie bereits.« Und ohne nur einen Augenblick zu zögern, stürze ich mich der Unglücklichen nach. Im Anfang widerstehe ich kaum dem wüthenden Wasser, das sich öffnet, braust und mich fortreißt. Endlich habe ich meine Kräfte gesammelt, und in den Wogen, die mich umdrängen, suche ich auf gut Glück, was die Schiffer auch suchen. Auf einmal zuckt ein Blitz über dem Wasser. Bei der Helle, die er verbreitet, bemerke ich einen lichten Gegenstand, der aber sogleich wieder verschwindet. Schnell tauche ich unter, erfasse die Gestalt und bringe sie ans Ufer zurück. Ewige Götter! wen bringe ich zurück! Ist dies meine Geliebte! Ich sinke neben ihr nieder, die Verzweiflung und die Erschöpfung haben mich überwältigt; ich verliere das Bewusstsein. Die Grausamen haben mich soeben ins Leben zurückgerufen; sie fragen mich, wohin man diese Frau bringen solle; sie fragen mich nach ihrer Wohnung, nach ihrem Namen. »Was liegt Euch daran?« Man antwortet mir, man müsse sie untersuchen, es sei vielleicht noch möglich sie zu retten. »Sie zu retten! mein ganzes Vermögen würde nicht hinreichen, einen so großen Dienst zu bezahlen! Schnell! Vendômeplatz. Doch nein! welches Schauspiel, welcher tödtlicher Schrecken für die Meinen! Straße Du Bac, es ist naher, Straße du Bac.« Frau von Lignoll wurde in das Schlafzimmer neben demjenigen getragen, in welchem Frau von B ... noch athmete. Die Marquise war sogar wieder vollständig zu sich gekommen. Sie erkannte meine Stimme, sie winkte mich zu sich heran. »Was ist das für ein Lärm?« fragte sie mich mit fast erloschener Stimme. Ich wollte antworten, als ich den Grafen von Lignoll in Begleitung zweier Unbekannten eintreten sah. »Da ist er!« rief er ihnen zu, auf mich zeigend; und einer dieser Herren näherte sich mir sogleich mit den Worten: »Ich verhafte Sie im Namen des Königs.« Die Marquise hörte diese Worte und rief: »Ach! Faublas, mein Untergang wird auch den Deinigen nach sich gezogen haben!« »Ja, Unglückselige!« rief ich in einem Anfall von schrecklicher Verzweiflung, »durch Deine schreckliche Leidenschaft liegt dort ein Opfer. Leonore ist todt. Ach, warum bin ich nicht selbst am Tage gestorben, da ich Dich kennen lernte! oder vielmehr warum hat Dich nicht damals der gerechte Himmel niedergedrückt unter der Last ...« Sie unterbrach mich. »Unbarmherzige Götter, Ihr müsst zufrieden gestellt sein! Euere grausamste Rache ist in Erfüllung gegangen! ich sinke mit den Flüchen Faublas beladen ins Grab!« Sie sank auf ihr Bett zurück und starb. Und als ich wieder ins andere Zimmer kam, wo die Ärzte Frau von Lignoll umgaben, sagte einer von ihnen: »Warum sie vor aller Welt entkleiden. Es ist kein Mittel mehr, sie ist todt.« Zu gleicher Zeit verlor ich das Bewusstsein. Damals besonders war es eine große Unmenschlichkeit, mich ins Leben zurückzurufen. Ja, meine Sophie, wenn ich jetzt bei Strafe, durch einen schnellen Tod von Dir getrennt zu werden, nur auf eine Stunde in denselben Zustand versinken müsste wie zu jener Zeit. Urtheile, meine geliebte Sophie, was ich gelitten habe! Ich wollte lieber Dich verlassen und sterben! Der Baron von Faublas an den Grafen Lowzinski. 3. Mai 1785. Ich bin entzückt, mein Freund, dass Ihr König, gerecht in seiner Güte, Sie in Ihr Vaterland zurückgerufen hat, und Ihnen neben seinem Schutz Ihre Ehrenstellen und Güter zurückgeben will. In welchem Augenblick aber haben Sie mich verlassen wären mir nicht Ihre und meine Tochter geblieben, ich wäre unter meinem Kummer erlegen. Ich habe Ihnen gemeldet, dass sie ihn zehn Tage im Schlosse von Vincennes behalten und dann auf meine Bitte in ein Irrenhaus nach Picpus geschafft hatten. Endlich haben sie sich des unglücklichsten der Väter erbarmt und mir erlaubt, meinen Sohn zurückzunehmen und zu Hause zu pflegen. Als ich ihn aufsuchte, erlag ich fast meinem Schmerz, denn er hat weder seinen Vater, noch meine Adelheid, noch auch Ihre Sophie erkannt. Sein Wahnsinn ist vollständig, er ist schrecklich er hat nichts als schauderhafte Bilder vor den Augen; er spricht von nichts als von Mördern und von Gräbern. Dies ist also die Folge meiner strafbaren Schwäche. Von einem Augenblick zum andern erwarte ich aus London einen für Krankheiten dieser Art berühmten Arzt. Man sagt, dass niemand meinen Sohn kurieren werde, wenn es der Doktor Willis nicht kann. Er komme denn, er schenke mir meinen Sohn wieder und nehme dafür mein ganzes Vermögen. Mein Sohn wird wenigstens nicht mehr an sein Lager gefesselt werden. Ich habe ein Zimmer auspolstern lassen, wo seine Wärter Tag und Nacht ihn hüten müssen; ich habe ihn seine erstaunten Wächter in den vier Winkeln seines Zimmers herumschleppen sehen. Wenn dieser schreckliche Wahnsinn noch einige Tage dauert, so ist es um meinen Sohn und um mich geschehen. Erst vorgestern sind Ihre liebenswürdigen Schwestern von Briar zurückgekommen, und haben in meinem Hotel eine Wohnung neben der ihrer Nichte bezogen. Ihrer Nichte, der armen unglücklichen Frau von Faublas! was soll ich Ihnen von ihrem Schmerz sagen? er gleicht dem meinigen. Leben Sie wohl, mein Freund. Bringen Sie Ihre Geschäfte zu Ende und kehren Sie bald zurück. Derselbe an denselben. 4. Mai 1785, um Mitternacht. Willis ist in der letzten Nacht angekommen; er hat den ganzen Morgen mit den Wächtern bei seinem Kranken zugebracht. Um zwei Uhr hat er zu mir gesagt, dass meinem Sohne eine Ader geöffnet werden solle, dass er ihn aber dann, um seine erste Probe zu machen, nothwendig fesseln lassen müsse. Der Unglückliche ist also aufs neue gefesselt; und in seiner äußersten Vorsicht, deren ganze Zweckmäßigkeit der Erfolg bewiesen hat, verlangte Willis, dass die Wächter des Kranken in einiger Entfernung von ihm in seinem Zimmer blieben. Um sechs Uhr abends, als alles bereit war, ist Sophie zuerst eingetreten. Er sah sie mehrere Minuten lang starr an, ohne ein Wort zu sagen; aber sein Gesicht wurde allmählig ruhiger und sein Auge nach und nach sanfter. »Endlich sind Sie da,« sagte er, »ich sehe Sie wieder! Sie sind mir wieder geschenkt, meine allzu großmüthige Freundin, nähern Sie sich, nähern Sie sich doch!« Entzückt vor Freude ging Sophie mit offenen Armen auf ihn zu. »Hüten Sie sich!« rief der Doktor; und mein Sohn wiederholte sogleich: »Hüten Sie sich wohl! ... ja, meine schöne Mama, hüten Sie sich wohl. Der grausame Marquis erwartet nur diesen Augenblick, um Sie zu tödten. Indes Sie sind da, welches Glück! ich glaubte Sie todt. »Die tiefe Wunde war in der linken Brust neben dem Herzen.« Dann trat Adelheid zitternd auf ihre Freundin zu; sie unterstützten sich gegenseitig. »Sieh da, die Kleine!« rief er mit sehr sanftem Tone aus. »Du besuchst mich mit Deiner Gebieterin! ... sprich, Justine! sage, warum Du, die ich immer so fröhlich sah, mir jetzt so traurig erscheinst? – Aber das ist, glaube ich, Fräulein von Brumont? Ja, es ist ein Schatten, der mich zu erschrecken kommt!« – Sogleich befahl Willis meiner Tochter, sich zurückzuziehen. Der Kranke, aufmerksam gemacht, wiederholte: »Ganz recht, ziehen Sie sich zurück – und Sie auch, Frau Marquise, die Unglücksstunde naht. Die Baronin weiß, dass Sie hier sind; Ihr grausamer Gemahl ... ich bin unbewaffnet, er könnte Sie meuchelmorden! allzu edelmüthige Freundin, ziehen Sie sich zurück – Halt, noch einen Augenblick! gib mir erst meine Leonore wieder! gib sie mir wieder! wo nicht, so zerreiße ich Dich mit eigenen Händen.« Sophie ergriff die Flucht; ich zeigte mich allzu schnell. Sobald er mich sah, schrie er mit entsetzter Stimme: »Der Kapitän! Du kommst hierher, mir Deine Schwester zu entreißen und zu erwürgen! warte!« bei diesen Worten nahm er einen so gewaltigen Schwung, dass seine Bande zerrissen. Hätte ich mich nicht sogleich seiner Raserei entzogen, hätten seine Wärter ihn nicht in meiner Verfolgung aufgehalten, so wäre der Vater von Sohnes Hand gefallen. Sophie, Adelheid und ich hörten im benachbarten Zimmer zu. Er schien wieder ruhiger zu werden; aber gegen die Neige des Tages gab er Zeichen einer heftigen Bewegung, die sich mit dem Hereinbrechen der Nacht immer mehr steigerten. Endlich sprach er in einem Tone, der uns vor Furcht und Entsetzen beben machte, deutlich die Worte: »Die Winde sind entfesselt! der Himmel steht in Feuer! die Woge brüllt! welcher Donnerschlag! neun Uhr! – sie ist da!« Er wollte hinausstürzen, seine Wärter hielten ihn. »Warum mich aufhalten? seht Ihr sie nicht über die Fluten hervortauchen? »Und auch Sie, mein Vater! meine Schwester, Sophie, auch Du! die ganze Welt verschwört sich gegen sie; wohlan, trotz der ganzen Welt werde ich sie retten!« Die Männer vermochten kaum ihn zurückzuhalten; eine starke Viertelstunde kämpfte er unter ihren Händen und als ihn die Fieberhitze, welche ihm die wunderbaren Kräfte verlieh, plötzlich verließ, fiel er bewusstlos hin. Er schläft fest, aber welch ein Schlaf! nur zu gut sieht man, dass grässliche Traumbilder ihn quälen! O, mein Sohn! mein theuerer Sohn! – strenger Gott, sei gerecht! ist er nicht allzu hart gestraft? Soeben habe ich eine lange Unterredung mit Willis gehabt. Ich bin unendlich mit der Behandlung zufrieden, die er meinem Sohn angedeihen lässt. Erwarten Sie die Genesung des Kranken von der Geschicklichkeit des Arztes, auf ihr beruht alle unsere Hoffnung. Adieu, mein Freund! Derselbe an denselben. 6. Mai 1785, 10 Uhr abends. Im Dorfs Dugny, nahe bei Burget, drei Stunden von Paris, habe ich ein Haus gefunden, das für die Zwecke von Willis passend schien. Es ist von einem weitläufigen englischen Garten umgeben, durch den ein ziemlich breiter, aber untiefer und ruhig fließender Bach läuft. Seine Ufer sind mit Pappeln, Trauerweiden und Cypressen bepflanzt. Am diesem Orte scheint anfangs Alles zur Erweckung freudiger Erinnerungen beizutragen, jedoch muss die Schönheit des Aufenthaltes, sein stilles Ansehen und die reine Luft, die man dort athmet, in kurzem die heftigen Leidenschaften besänftigen und die Seele zu zarter Melancholie stimmen; hier haben wir Alle uns diesen Morgen eingewohnt. Des Abends glaubt mein Sohn, wie gewöhnlich bei Sonnenuntergang, den schrecklichen Sturm zu sehen, und die Unglücksglocke schlagen zu hören. Wie gewöhnlich wiederholt er die grässlichen Worte: »Neun Uhr! sie ist da!« Schon warf sich in Fieberanfällen der Unglückliche den Tod dieser Frau vor, welcher zu Hilfe zu eilen wir ihn hinderten, als Sophie, in einem benachbarten Zimmer verborgen, dem Rath des Arztes gehorsam aus allen Kräften rief: »Warum ihn aufhalten? man öffne alle Thüren! er sei frei!« Sogleich schwingt er sich hinaus; eilt schneller als der Blitz hinab, und plötzlich den Bach bemerkend, wirft er sich hinein. Wir folgten ihm in einiger Entfernung, und ich selbst hielt mich zur Hilfe bereit, im Fall uns ein neues Unglück bedrohen sollte. Er schwamm gegen zwanzig Minuten, immer in der Nähe der Brücke, von der er sich hinabgestürzt hatte. Endlich kehrte er seufzend ans Ufer zurück. Er vertiefte sich ins dichteste Gebüsch, und beobachtete lange ein dumpfes Stillschweigen. Dann sprach er plötzlich: »Wenn Du nicht mehr zurückkehrst, so will ich Dir hier ein Grab graben.« Dann schien er zu lauschen, und da er nichts hörte, als die Worte, die jemand auszusprechen wagte: »Sie ist todt,« so rief er aus: »Ach! warum es mir gleich verkünden?« Er fiel in Ohnmacht, wir trugen ihn in sein Schlafzimmer. Leben Sie wohl, mein Freund! wann kehren Sie zurück, um unsere Leiden mitzutragen? Beinahe hätte ich vergessen, Ihnen eine Neuigkeit mitzutheilen. Ehe ich Paris verließ, erfuhr ich, dass Frau von Montdesir nach Saint-Martin geführt worden ist. Ich vermuthe, und nicht ohne Grund, dass dieses eine Wirkung des gerechten Grolls des Herrn von B ... ist. Derselbe an denselben. 7. Mai 1785, Mitternacht. Während des Tages fand weniger Aufregung statt: man hörte ihn nicht so oft von der Marquise und dem Kapitän reden, aber diesen Abend um die fatale Stunde kehrte das schreckliche Traumbild zurück. Jetzt rief Sophie, wie abends zuvor: »Warum ihn aufhalten? man öffne alle Thüren! er sei frei!« Wie abends zuvor stürzte er sich in den Bach; aber ans Ufer zurückgekehrt, fand er in dem dunklen Gebüsch einen schwarzen Marmorstein, den Willis hatte dahin bringen lassen. Anfänglich stöhnte er; dann sahen mir ihn langsam und zitternd sich nähern. Endlich las er beim Schein einer an die Cypresse angebrachten Lampe sehr deutlich diese Inschrift: Hier liegt die Gräfin von Lignoll. Sogleich warf er sich auf das Grabmal, er stieß einen langen Seufzer aus, aber fiel nicht in Ohnmacht. Man hatte in der Nähe des Steins mehrere Polster hingelegt, auf welche er sich nach einer leidenvollen Stunde ausstreckte und einschlief. Dann breitete man sanft mehrere Decken über ihn. Sein Schlaf schien nicht so qualvoll, wie gewöhnlich. Ich habe zwei Cartele für ihn erhalten; eines von dem Vicomte von Lignoll, das andere von dem Marquis von B ... Ach! wann wird mein Sohn im Stande sein, seinen Gegnern Genugthuung zu geben? Adieu, mein Freund! Derselbe an denselben. 9. Mai 1785, sechs Uhr morgens. Hoffen wir, mein Freund, schon sind einige glückliche Veränderungen eingetreten! morgens bei Tagesanbruch kehrte er selbst in sein Schlafzimmer zurück. Untertags schlief er einige Stunden. Abends bei Sonnenuntergang sah er den Sturm nicht; aber mit tiefer Bewegung sprach er: »O, mitleidige Gottheit, wirst Du mich also heute vergessen? Der Augenblick naht, eile mir zu Hilfe, befreie mich von meinen Feinden.« Sophie rief sogleich: »Er sei frei!« Er äußerte einige Zeichen von Freude, stieg ohne allzugroße Hast hinab und nahm den Weg zum Bache; aber mitten auf der Brücke hielt er inne und ließ einen traurigen Blick über die Wasser gleiten. »So ruhig und so grausam!« sprach er mit einem tiefen Seufzer. »Ach! wehe mir!« Als er in das Gebüsch trat, stöhnte er, seufzte zum wiederholten Malen und küsste das Grabmal; dann sahen mir ihn sich wieder erheben und etwas suchen. Endlich brach er einen Cypressenzweig ab und schrieb auf den Sand rings um den Stein: Hier liegt auch die Marquise von B ... Die Nacht brachte er in dem Gebüsche zu; und als ob er das Licht fliehen wollte, kehrte er mit Tagesanbruch in sein Schlafzimmer zurück. Derselbe an denselben. 15. Mai 1785. Willis scheint nun den dringendsten Theil seiner Kur glücklich vollendet zu haben; seit sechs Tagen kehrte das grässliche Trauerbild nicht wieder zurück. Völlige Geistesabwesenheit ist noch immer vorhanden, aber die Raserei ist ganz vorüber; und wenn ich mir nicht schmeicheln darf, dass mein Sohn je wieder zur Vernunft kommt, so bin ich wenigstens schon gewiss, dass wir seinen Tod nicht zu beweinen haben werden. Das Andenken an den Marquis und den Kapitän quält ihn selten; und wenn er von ihnen spricht, so thut er es nicht mehr mit derselben Wuth. Er bedroht Willis nicht mehr, er schlägt seine Wärter nicht mehr, die natürliche Sanftmuth seines Charakters hat wieder die Oberhand. Auch sein Gedächtnis beginnt zurückzukehren, aber einzig für Gegenstände, die sich unmittelbar auf die Marquise und besonders auf die Gräfin beziehen. Der Undankbare unterhält sich niemals weder von seinem Vater, noch von seiner Schwester; indes geht der Name Sophie bisweilen über seine Lippen. Sollte er uns wieder erkennen? ich wage nicht es zu hoffen, und Willis erklärt, es sei noch nicht Zeit, uns vor dem Unglücklichen zu zeigen. Alle Abende geht er auf die Stimme seiner Frau in den Park zu seufzen; aber weinen kann er nicht, auch in tiefe Traurigkeit verloren, ist er noch weit entfernt von sanfter Melancholie. In der letzten Nacht jedoch hat er mehrmals das Grabmal verlassen und in den benachbarten Alleen sich ergangen. Nicht ohne lebhaften Kummer mussten wir bemerken, dass er die düstersten wählte, mit großen Schritten lief und so oft er die Dorfglocke schlagen hörte, mit plötzlichem Schauder an den Rand des Wassers eilte und höchst beunruhigt hinabblickte, ob sich nichts auf der Oberfläche des Wassers zeige. Willis, immer bereit, den Vorstellungen seines Kranken zu schmeicheln, wenn er darin keine Gefahr fand, hatte neben das Grabmal der Gräfin das der Marquise setzen lassen. Ich weiß nicht, warum ihr unglücklicher Geliebter nicht beide Denkmäler im demselben Gebüsch haben wollte; aber immer hat er den zuletzt gesetzten Marmorstein mit Erde bedeckt; immer hat er neben den der Frau von Lignoll auf den Sand geschrieben: Hier liegt auch die Marquise von B ... Ich bin in Furcht, ich härme mich ab, ich finde die Zeit lang. Willis sucht mich zu beruhigen; er versichert mir, dass Alles auf's beste gehe, dass man nichts übereilen dürfe. Wohlan denn! ich muss mich fügen; aber Ihre Tochter, sowie die meinige, bedürfen mit mir ihres ganzen Muthes. Man hat mir wissen lassen, Herr von Rosambert wird von seiner Wunde genesen; aber bei dem Tode der Frau von B ... müssen sich sehr schwere Anklagen gegen ihren ersten Liebhaber erhoben haben. Er hat alle seine Hofämter verloren, und man versichert, dass die Offiziere seines Corps ihm schreiben lassen mussten, sie wollen nicht länger mit ihm dienen. Adieu, mein lieber Freund! Derselbe an denselben. 16. Mai 1785, 9 Uhr abends. O, mein Freund, wünschen Sie uns Glück! Ihre Tochter, Ihre anbetungswürdige Tochter hat uns Alle gerettet! Diesen Abend ruft sie: »Er sei frei!« und plötzlich stürzt sie fort, gelangt vor ihrem Gemahl in das Gebüsch und verwehrt ihm den Eintritt. »Was suchen Sie?« fragt sie ihn. Ohne sie anzublicken erwidert er: »Ein Grab.« Und Sophie entgegnet ihm: »Warum ein Grab suchen, mein Geliebter? Deine Sophie ist nicht gestorben. Er ruft aus: »Das ist die hilfreiche Stimme!« und seine Augen zu ihr aufschlagend: »Sophie! Götter! meine Sophie!« Besinnungslos fällt er in ihre Arme, sie hält ihn. Wir wollen ihn wegtragen. Willis eilt herbei: »O, nein! die glückliche Kühnheit der Liebe hat seine Heilung begonnen; die Liebe vollende dieselbe, und die Natur sei hilfreich dabei! lassen wir bei diesem schon mächtig gerührten Jüngling alle Minen auf einmal sprengen! Sie, sein Vater, bleiben hier; Sie, seine Schwester, treten hinzu! er soll bei seinem Erwachen Alles, was seinem Herzen theuer ist, um sich versammelt finden.« Faublas öffnet die Augen. »Meine Sophie!« ... ruft er aus. »Mein Vater!–meine Adelheid! Sagt, woher kommt Ihr denn? – wo sind mir? Ich habe einen schrecklichen Traum gehabt, der mir unendlich lang zu dauern schien. Einen Traum! ach, meine Leonore! ach, Frau von B...!« Seine Gattin drückt ihn an ihre Brust, bedeckt ihn mit Küssen und wiederholt: »Mein Geliebtester, Deine Sophie ist nicht gestorben.« »Sophie!« sagt er, »Sophie wird mir mehr wieder geben, als ich verloren habe. Sophie! oh! wie strafbar bin ich!... Und auch Ihr Alle, verzeiht mir meine Undankbarkeit und den Kummer, den ich Euch gemacht habe.« Er fällt uns zu Füßen, er will sprechen, er kann nicht. Endlich brechen Thränen hervor. Schluchzen erstickt seine Stimme. Willis thut einen Freudenschrei »Es ist geschehen! er ist gerettet, er ist unser! ich schwöre, dass er unser ist.« Indessen hat er sich wieder erhoben, er fühlt sich sehr schwach. Auf die Arme seiner Frau und Schwester gestützt, geht er langsam nach dem Hause zurück. Er überschreitet die Brücke, ohne in den Bach zu sehen; dann aber wendet er das Haupt, wirft einen Blick auf das Gebüsch, von dem wir ihn entfernen. »Erbarmen,« sprach er zu uns, »habt Erbarmen mit einem Rest von Schwäche; zerstört dieses Grabmal nicht.« Soeben haben wir ihn zu Bett gebracht; gleich darauf ist er tief eingeschlafen. Ihre anbetungswürdige Tochter hat uns Alle gerettet. Derselbe an denselben. 18. Mai 1787, nachts 11 Uhr. Er hat achtunddreißig Stunden ununterbrochen geschlafen, und seit er wieder erwacht ist, spricht und thut er nichts, das nicht voll Besinnung und Gefühl wäre. Zwar überlässt er sich von Zeit zu Zeit grausamen Erinnerungen; aber ein Wort von seinem Vater, eine Liebkosung von seiner Schwester, ein Blick von seiner Frau verscheuchen seinen Trübsinn. Kurz, Willis verlangt sogar, dass man sich bemühe den Genesenden zu zerstreuen, aber er verbietet, dass man seine nächtlichen Spaziergänge störe. Nur Sophie ist es gestattet in den Park zu gehen. Diesen Abend ist er in dem kritischen Augenblick hinabgegangen und ohne den Bach zu betrachten, langsam allenthalben umhergewandelt. Am Ende jedoch hat er sich in das Gebüsch begeben. Sophie erwartete ihn dort. »Komm, mein Geliebter, wir wollen zusammen weinen.« »Es ist wahr,« sprach er, »dass dieses Denkmal meinem Schmerz gefällt; aber es muss eine Inschrift haben.« – »Machen wir sie, mein Freund. Ich habe meinen Bleistift bei mir, diktiere, ich will schreiben; wir werden sie dann einsticheln lassen.« »Hier liegt die Gräfin von Lignoll. Sie starb im 17. Jahre ihres Lebens. Hier liegt auch die Marquise von B ... Sie starb im 26. Jahre, im höchsten Glanz ihrer Schönheit. Beklaget die Marquise von B ... Beweinet Frau von Lignoll. Beweinet am meisten ihren Geliebten, der sie überlebt hat.« »Mein Geliebter, Deine Sophie ist nicht gestorben.«– »Ich Unsinniger!« rief er aus; »streiche diese letzten Worte.« Die lieben Kinder sind zusammen zurückgekehrt. Jetzt ist Faublas ebenso tief eingeschlafen, als ob er die letzte Nacht gewacht hätte. Leben Sie wohl, mein Freund! kehren Sie doch zurück, kehren Sie zurück, um unsere Freude zu theilen. N. S. Die Baronin von Fonrose ist, sagt man, ganz unkenntlich. Man versichert, dass sie trostlos über die Entstellung ihres Gesichts sich auf immer in ein altes Schloss in Vivarais einschließen will. Diese Frau hat mir viel übles gethan. Derselbe an denselben. 18. Juni 1785, 10 Uhr morgens. Er hat seine Kräfte, seine Fülle, seine Frische wieder erlangt; aber immer ist er gedankenvoll und melancholisch. Alle Abende geht er in den Park, um bei dem Denkmal zu weinen. Jetzt, da der bedenkliche Anfall ohne Zweifel keine gefährliche Folgen hat, darf ich Ihnen nicht länger eine schreckliche Angst verschweigen, die uns an einem Tage der letzten Woche mein Sohn verursacht hat. Der Tag war sehr heiß geworden; bei Sonnenuntergang gab es ein Gewitter. Als Faublas das Sausen des Windes hörte, schien er sehr bewegt; er konnte nicht ohne Zittern die Sturmwolken sehen; beim ersten Donnerschlag stürzte er sich in das Wasser; aber sogleich gewann er das Ufer wieder und rief uns Alle herbei; er weinte viel. Die folgende Nacht verlief ruhig, und wenn Sie Tags darauf meinen Sohn gesehen hätten, so wäre es Ihnen unglaublich gewesen, dass er abends zuvor einen so heftigen Anfall gehabt habe. Willis hat mir keine trügerischen Hoffnungen gemacht; er hat mir erklärt, dass Faublas vielleicht in seinem ganzen Leben keinen Donnerschlag hören könne. Besonders hat er mir aufgetragen, meinen Sohn niemals nach Paris zurückkehren zu lassen, weil es möglich wäre, dass er beim Anblick des Pont-Royal in den schrecklichen Zustand wieder zurückfiele, dem wir ihn mit so großer Mühe entrissen haben. Ihm die Rückkehr nach Paris nicht zu gestatten! wo werden wir denn wohnen? auf meinem Landsitz? oder vielleicht in Warschau? Der Vorschlag, den Sie mir in Ihrem letzten Briefe gemacht haben, mein Freund, verdient reifliche Erwägung. Mein Vaterland, das Land meiner Väter verlassen, um in dem Ihrigen mit meinen Kindern mich festzusetzen! ich verlange Bedenkzeit von Ihnen. Inzwischen übrigens, bis ich einen Entschluss fasse, empfangen Sie, mein theuerer Lowzinski, meine besten Glückwünsche, dass Ihnen endlich Ihr Name, Ihre Güter, Ihre Ämter, Ihre Würden auf einmal zurückgegeben sind. Boleslaw und Ihre Schwestern schwimmen in Freude; er spricht von nichts, als Sie aufzusuchen. Ich fühle wohl, dass, wenn ich mit meiner Adelheid in Frankreich bleiben will, ich auf meinen Sohn verzichten muss, denn niemals könnten Sie sich entschließen, von Lodoiska's Tochter getrennt zu leben. Ich weiß es wohl, dass mit ihrem Geist, ihrem Vermögen und ihrer Schönheit meine Adelheid überall eine vortheilhafte Verbindung finden wird; aber einen alten Namen in Frankreich zurücklassen! mich von dem Grabmal meiner Väter entfernen! ich verlange von Ihnen Bedenkzeit dazu. Vorgestern habe ich meinem unglücklichen Sohne wahrlich unabsichtlich einen großen Kummer bereitet. Sie erinnern sich vielleicht jenes reichen Kästchens, das uns Jasmin am Tage der fürchterlichen Katastrophe in Faublas Zimmer zugestellt hat. Der ebenso verschwiegene als treue Bediente wollte mir nie sagen, woher diese Diamanten kamen; vorgestern habe ich sie meinem Sohne gezeigt; er brach sogleich in Thränen aus. Dieses Schmuckkästchen war das seiner Leonore. Ah! wie bedauere ich, es nicht errathen zu haben. Er küsste jedes Stück in dem Kästchen eines nach dem andern; dann rief er in großer Aufregung: »Jasmin, bringe dies sogleich dem Herrn Grafen von Lignoll; sage ihm, dass ich das mindest reiche, aber kostbarste Stück für mich behalten habe; sage ihm in meinem Namen, dass der Kapitän eine Memme sei, wenn er nicht komme, den Ehering seiner Schwägerin von mir zurückzuverlangen.« Vielleicht war dies der Augenblick, meinem Sohne das Cartel des Vicomte zu zeigen; aber ich fürchtete, der junge Mann, dessen schreckliche Leidenschaft ich kenne, möchte dadurch allzu sehr angegriffen werden. Soeben erfahre ich, dass die Marquise von Armincour in der Franche-Comté von einer gefährlichen Krankheit befallen ist; ich fürchte, ihr Kummer möchte sie tödten. Die arme Frau! sie betete ihre Nichte an, und die Kleine war wirklich sehr schön und verdiente es. Ich werde mich wohl hüten, meinem Sohn etwas von den Gefahren der Tante zu sagen; er wirst sich das Unglück der Nichte bitter genug vor. Willis hat eingesehen, dass dieser feurige und unglückliche junge Mann einer Beschäftigung bedürfe, und dass er einen würdigen Gegenstand brauche, um seine Melancholie vorerst zu fixiren und dann zu zerstreuen; er rieth ihm, die Geschichte seines Lebens niederzuschreiben. Ihre Tochter ist damit einverstanden, ebenso auch ich. Gestern ist Willis nach London abgereist; er wollte nichts annehmen; ich habe ihn genöthigt, mir seine Brieftasche anzuvertrauen, in die ich meine Einkünfte von vier Jahren in Bankscheinen gelegt habe. Dies ist eine der Gelegenheiten, wo man bedauert, nicht zehnmal reicher zu sein. Ich begleitete ihn eine Strecke Wegs. Gehen Sie, Willis! nehmen Sie die Segnungen einer ganzen Familie mit, und verdienen Sie einstens die Segnungen eines ganzen Volkes. Auch Ihre Tochter ist wieder glücklich; ihr Geliebter und ihr Gatte sind ihr heute Nacht wieder geschenkt worden. Unsere glücklichen Kinder sind nun für immer vereint. Leben Sie wohl, mein Freund! Derselbe an denselben. 26. Juni 1785, abends vier Uhr. Ich nehme Ihre Vorschläge an, mein Freund, ich bin beinahe genöthigt dazu. Heute wurde in aller Frühe meinem Sohne ein Kabinetsbefehl zugestellt, der ihm gebietet, seine Reisen ins Ausland binnen vierundzwanzig Stunden zu beginnen. Ich komme von Versailles; ich habe meine Freunde gesehen, ich habe die Minister gesehen; es scheint, dass Faublas Verbannung auf eine lange unbestimmte Zeit beschlossen ist. Wie Schade! wenn mich nicht die Vaterliebe blendet, so war dieser junge Mann bestimmt, in seinem Vaterlande etwas zu werden. Ich habe vierzehn Tage für die nöthigen Vorbereitungen zu unserer Reise verlangt; sie wurden mir nur unter der Bedingung bewilligt, dass der Chevalier diese ganze Zeit über das Haus in Dugny nicht verlasse. Noch vierzehn Tage, mein Freund, dann reisen wir Alle zusammen ab, und sind sobald als möglich bei Ihnen. Adieu! Ich sage Ihnen nichts von der Ungeduld Ihrer Tochter; Dorliska schreibt Ihnen mit jedem Courier. Der Chevalier von Faublas an den Vicomte von Lignoll. 6. Juli 1785. Der Herr Baron hat mir soeben erst Ihr Billet mitgetheilt, dass ich schon lange wünschte. Kapitän, Frau von Lignoll, die Ihre Wuth zu Grunde gerichtet hat, ist noch nicht gerächt; die Zeit scheint mir lang! Wenn übrigens Ihre Ausforderung nichts als plumpe Injurien und unverschämte Prahlereien enthielte, so würde ich nicht darüber staunen! aber ich kann Ihre raffinierte Grausamkeit nicht genug bewundern. – Sie verlangen, dass Vater und Sohn sich an demselben Tage und in derselben Stunde gegen die beiden Brüder schlagen! Sie verlangen es? seien Sie zufrieden. Der Baron und der Chevalier von Faublas werden sich am 15. d. M. in Kehl einfinden, wo sie bis zum 16. den Grafen und den Vicomte von Lignoll erwarten werden. Auf Wiedersehen! Derselbe an den Marquis von B... 6. Juli 1785. Herr Marquis! Der Herr Baron hat mir soeben Ihr Billet zugestellt, das ich nur mit sehr schwerem Herzen beantworte. Wenn Sie es durchaus verlangen, so werde ich am 17. d. M. in Kehl sein, wo ich mich bis zum 20. aufhalten werde; aber meine feurigsten Wünsche gehen dahin, dass Sie, zufrieden die Versicherungen meines lebhaften Bedauerns hiermit zu vernehmen, Paris nicht verlassen möchten. Ich habe die Ehre u. s. w. Der Chevalier von Faublas an den Grafen Lowzinski. Kehl, 14. Juli, morgens zehn Uhr. Mein theuerer Schwiegervater! Bin ich nicht sehr zu beklagen? Alle, die ich liebe, wollen aus übel verstandener Großmuth ihr Leben aufopfern, um das meinige zu retten; gleich als ob von zwei Liebenden oder zwei Freunden der Unglücklichste nicht derjenige wäre, der den andern überlebt. Diesen Morgen kommen die beiden Brüder an. Der Graf von Lignoll gibt bei meinem Anblick einigen Zorn zu erkennen; allein er erblasst, seine Stimme, zittert, und an seiner Haltung sehe ich unschwer, dass der Herr Graf von seinem Bruder genöthigt, ein Zeichen der Kraft von sich zu geben, lieber keine Erklärung mit mir zu haben wünschte. Der Kapitän wirft mir einen wilden Blick zu und sagt in einem ebenso drohenden als ironischen Tone: »Ich bin der, der die Ehre haben will, Dich zu den Schatten zu schicken.« Übrigens erkläre ich allen Beiden, dass unser Kampf ein Kampf auf Leben und Tod ist. »Deshalb,« fuhr er mit einem Blick auf meinen Vater fort, »wehe dem, der bloß einen Weichling oder einen Gecken zum Sekundanten hat. »Chevalier, ich erkläre Dir, dass ich, sobald ich Dich getödtet habe, meinem Bruder helfen werde, diesem Herrn den Garaus zu machen« (er zeigt auf meinen Vater). Ich ergreife die Hand des Barbaren, ich drücke sie ihm kräftig. »Abscheulicher! und ich sollte Dir nicht Dein verruchtes Leben entreißen?« Mein Vater und ich lassen Ihre Schwestern, die meinige und Sophie unter der Aufsicht Boleslaws und entfernen uns mit unsern zwei Gegnern. Kaum außerhalb der Wälle steigen wir aus. Ich ziehe meinen Degen; oh, meine Leonore, Deine Manen schreien nach Rache, empfange das Blut, das fließen wird! Der Kapitän ruft: »Warum verlangst Du nicht auch, das man Euch in dasselbe Grab werfe?« Er kommt auf mich zu; wir beginnen einen wüthenden Kampf, der lange vollkommen gleich ist. Indes hatte mein Vater seit mehren Minuten einen leichten Sieg über den Grafen von Lignoll erhalten; aber zu ehrenhaft, um gegen den Kapitän die schrecklichen Bedingungen zu erfüllen, die der Kapitän indes selbst vorgeschrieben hatte, bleibt mein Vater ein ruhiger Zuschauer meiner immer größeren Anstrengungen. Endlich wird der Vicomte getroffen; aber mein Degen stößt auf eine Rippe und zerbricht. Mein Gegner, der mich beinahe entwaffnet sieht, glaubt ein leichtes Spiel zu haben; glücklicherweise ist sein Arm geschwächt, und ich kann seine Stöße noch mit dem Stumpf, der mir geblieben, parieren. Erschreckt durch die Ungleichheit des Kampfes stürzt sich mein Vater, mein allzugroßmüthiger Vater zwischen uns. »Halt!« ruft er mir seinen Degen gebend, »Du wirst Dich seiner besser bedienen, als ich.« Während er spricht, bietet er dem Vicomte seine Seite bloß. Der Vicomte stoßt zu! er wollte zum zweiten Male stoßen, als ich ihn mit dem schon von seines Bruders Blut gerötheten Degen bedrohe und nöthige, einzig an seine Vertheidigung zu denken ... Der Unmensch, ich habe ihn gestraft! er hat sich im Staube gewälzt, während der Baron, die Augen gegen Himmel erhoben, sich noch mit seiner rechten Hand und seinen Knieen hielt. Der Wütherich, er ist todt; aber vor seinem letzten Seufzer hat er den Sohn ohne Wunde die schleunigste Hilfe dem Vater zuwenden sehen. Herr Gott im Himmel, stehe mir bei, mein theuerer Vater ist in Gefahr; beklagen Sie mich! Liebe, unglückselige Liebe, wie viel Unheil hast Du über uns Alle gebracht! Der Courier reist ab. Ach, beklagen Sie Ihre Kinder; sie lieben Sie alle, sie sind Alle in tiefer Trauer. Ich bin mit aller Hochachtung u. s. w. Faublas. Derselbe an denselben. 17. Juli 1785, morgens zehn Uhr. Mein theuerer Schwiegervater! Sophie schreibt Ihnen regelmäßig jeden Morgen; Sie wissen, dass die Wunde des Barons nicht gefährlich ist, wie man anfangs sie dafür hielt; Sie wissen gewiss auch schon, dass wir uns in vierzehn oder zwanzig Tagen wieder auf den Weg werden begeben können, glücklich genug, mit dem grausamen Verdruss, uns einige Wochen später mit Ihnen zu vereinigen, davon zu kommen. Vernehmen Sie jedoch das günstige Ereignis von heute. Sophie, Adelheid und ich hatten die Nacht bei dem Baron zugebracht; meine Schwester und meine Frau waren beide gleich erschöpft, soeben schlafen gegangen. Ich wartete, um Sophie zu folgen, bis eine der Tanten meinen Platz an dem Bette des geliebten Kranken einnähme, den wir durchaus keinen Augenblick fremder Pflege überlassen wollten; es war höchstens sieben Uhr morgens. Auf einmal setzt mich mein Bedienter mit der Nachricht in Erstaunen, dass jemand unter vier Augen mich zu sprechen wünsche. Mit Recht unruhig sagt der Baron zu mir: »Befehlen Sie ihm, mir die Wahrheit zu sagen. Es ist der Marquis?« »Jasmin, ich verbiete Dir zu lügen. Ist es der Marquis?« »Gnädiger Herr, nicht er selbst fragt nach Ihnen, aber er lässt Ihnen sagen, dass er Sie hinter dem Walle erwartet.« »Mein Sohn,« ruft mein Vater, »Du hast Herrn von B... schwer beleidigt, aber ich brauche Dir nur ein Wort zu sagen; wenn Du nicht in einer Viertelstunde zurück bist, so sterbe ich vor Ende dieses Tages.« »In einer Viertelstunde werden Sie mich wiedersehen, mein Vater!« Ich umarme ihn und entferne mich. Bald habe ich meinen Gegner gefunden. »Herr Marquis, ich schmeichelte mir mit der Hoffnung, dass Sie nicht kommen würden.« Er blickte mich mit düsterer Miene an, und ohne mich einer Antwort zu würdigen, legte er sich aus. Ich stoße einen Schrei aus: »Dieser Degen! es ist derselbe?« ... »Ja,« sagte er, »und zittere!« Sogleich ziehe ich den meinigen und stürze mich auf ihn, in der Absicht, ihn bloß zu entwaffnen. Nach einigen Minuten habe ich das Glück, den unheilvollen Degen zehn Schritte weit wegzuschleudern. Ich stürze mich fort, ergreife ihn, komme zum Marquis zurück und setze ein Kniee auf die Erde mit den Worten: »Erlauben Sie mir, diesen Degen zu behalten, nehmen Sie den meinigen mit nebst der Versicherung, die ich Ihnen erneuere...« Er unterbrach mich: »Ah! muss ich ihm abermals das Leben verdanken?« Mit diesen Worten stieg er zu Pferd und verschwand. Ich bin mit Hochachtung u. s. w. Der Vicomte von Valbrun an den Chevalier von Faublas. Paris, 15. Oktober 1786. Schon allzulange haben Sie uns verlassen, mein lieber Chevalier; aber müssen wir außer Ihrem Verlust auch Ihre Gleichgiltigkeit beklagen? Haben Sie denn bei Ihrem Abschied aus Frankreich alle Ihre Freunde vergessen? warum beobachten Sie auch das tiefste Stillschweigen gegen einen Mann, der Ihnen nie den geringsten Anlass zur Klage gegeben hat? machen Sie Ihr Unrecht gegen mich wieder gut; und wenn Sie nicht wollen, dass ich Sie des Undankes beschuldige, so geben Sie mir mit dem nächsten Courier recht ausführliche Nachrichten von sich und Ihrer Familie. Die öffentliche Stimme hat mir gesagt, dass Sie im Begriff seien, die Memoiren Ihrer Jugend zu vollenden. Ich habe geglaubt, dass Sie mit Vergnügen die jetzigen Verhältnisse einiger Personen erfahren würden, deren Sie in der Geschichte Ihrer Liebesabenteuer oft gedenken müssen. Die Marquise von Armincour lebt, von untröstlichem Gram verzehrt zurückgezogener als je auf ihrem Landgut bei Franche-Comté. Die Baronin von Fonrose, die entsetzlich geworden ist, geht nicht mehr aus ihrem alten Schlosse zu Vivarais. Der Graf von Rosambert hat sich ebenfalls genöthigt gesehen, die große Welt zu verlassen; die Gräfin ist zu Ende des achten Monats ihrer Ehe niedergekommen. Herr von Rosambert, den bei allem seinen Unglück seine Heiterkeit nicht verlässt, behauptet scherzhaft gegen jeden, der es hören will, der kleine Junge seiner Frau habe große Ähnlichkeit mit Fräulein von Brumont; er würde, fügt er hinzu, alles in der Welt darum geben, wenn Herr von Lignoll, dem keine Affection der Seele entgehe, der Frau von Rosambert den Puls fühlen könnte, wenn man es wage, vor ihr von dem Chevalier von Faublas zu sprechen; oder wenn Herr von B..., der sich so gut auf Physiognomien versteht, das Gesicht dieses Kindes prüfen könnte. Der Lafleur, der in den Diensten der Unglücklichen stand, deren Namen ich Ihnen nicht schreiben werde, war Kammerdiener des Witwers geworden; allein er ließ sich beikommen, seinen Herrn zu bestehlen, der aber die Diebe nicht liebt und ihn deshalb in die Hände der Gerechtigkeit lieferte. Justine hat seit vier Monaten ein öffentliches Haus verlassen, wo die etwas strenge Behandlungsweise sie nicht eben schöner gemacht hat; das arme Kind wusste nichts Besseres zu thun, als die Köchin und das Faktotum einer Madame Leblanc zu werden, die Frau eines Arztes in Faubourg Saint-Marceau. Man versichert in diesem Stadtviertel, dass Gebieterin und Dienerin öfters ausgehen, die halbe Stadt zu magnetisieren. Der Graf von Lignoll, den Ihr Herr Vater nicht sehr gefährlich verwundet hatte, lebt strotzend von Genie mehr als von Gesundheit. Nichtsdestoweniger haben Spötter das Gericht verbreitet, der Herr Graf habe sich im letzten Frühjahr einfallen lassen die Wunderarzenei des Doktors Rosambert zu trinken, und habe dann vierundzwanzig Stunden lang einige Lust verspürt, sich wieder zu verheiraten; allein er habe in dieser kurzen Zeit keine Frau finden können, die unglücklich genug gewesen wäre, ihn zu wollen. Übrigens müssen Sie wissen, dass seine Charaden fortwährend Europa entzücken. Der Marquis von B... befindet sich gut; er ist noch immer, wie er selbst sagt, ein sehr guter Teufel; doch er geräth in Wuth, so oft er eine Physiognomie trifft, die der Ihrigen gleicht; übrigens ist er mit der seinigen immer noch zufrieden und bedauert sogar zuweilen die seiner Frau. Leben Sie wohl, lieber Chevalier! ich erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld, u. s. w. Der Chevalier von Faublas an den Vicomte von Valbrun. Warschau, 28. Oktober 1786. Ich bin, mein lieber Vicomte, außerordentlich erfreut, dass Sie mir Nachrichten geschickt, die ich wünschte, und da Sie den verbindlichen Wunsch aussprechen, zu erfahren, was aus uns geworden ist, so beeile ich mich, es Ihnen mitzutheilen. Seit fünfzehn Monaten bewohnt unsere Familie in Warschau den Palast des Grafen Lowzinski; fünfzehn Monate sind wie ein Tag verstrichen. Mein Schwiegervater steht bei dem Monarchen in der höchsten Gunst. Mein Vater, der beste der Väter, lebt glücklicher durch das Glück seiner Kinder, als durch sein eigenes Glück. Unsere Adelheid hat sich dieser Tage den Woywoden von *** zum Gatten ausersehen, einen jungen Mann, dessen glänzendstes Lob in den zwei Worten ausgesprochen ist: Er scheint mir ihrer würdig zu sein. Ich selbst bin Vater, vor nicht ganz vier Monaten hat mich Sophie mit dem hübschesten Jungen von der Welt beschenkt. Meine Sophie, die erste Zierde des Warschauer Hofes, wird mit jedem Tage anbetungswürdiger. Ich genieße im Schoße des Familienlebens ein Glück, von dem ich während meiner Verirrungen keine Ahnung hatte. Indes beklagen Sie mich, ich habe mein Vaterland verloren und kann bei der Armee der Republik keine Stelle annehmen; ich muss vielleicht auf mein ganzes Leben dem Stande entsagen, zu dem ich geboren schien. Alle Bemühungen der Kunst, alle Bemühungen meiner Vernunft vermögen nichts gegen ein geliebtes Fantom, das mich verfolgt und dessen häufige Erscheinungen mich quälen. O, Frau von B...! Sind Sie nur deshalb für Ihren Geliebten ins Grab gestiegen, um sich ohne Unterlass an seine Fersen zu heften? Wenn nur ihr Schatten allein mich verfolgte! aber die rächenden Götter haben Faublas zu noch theuereren und traurigeren Erinnerungen verurtheilt. Wenn in einer Sommernacht der Südwind sich erhebt, wenn der Donner sie zerreißt, dann höre ich eine unglückselige Glocke ertönen, ich höre einen fast unmenschlichen Soldaten zu mir sagen: »Da ist sie!« Plötzlich von einem unüberwindlichen Entsetzen ergriffen, von einer thörichten Hoffnung getäuscht, renne ich zu der brausenden Woge; ich sehe mitten in den Wellen eine Frau sich abkämpfen ... ach, eine Frau, die ich weder vergessen, noch erreichen darf. Oh, beklagen Sie mich! Doch nein. Sophie bleibt mir. Statt mich zu beklagen, beneiden Sie mein Los und sagen Sie nur, dass es nur für Menschen von glühendem Gefühl, die in ihrer ersten Jugend den Stürmen der Leidenschaft preisgegeben waren, nie mehr ein vollkommenes Glück auf Erden gibt. Ende.