José Echegaray Der große Kuppler Drama in drei Akten und einem Vorspiel Personen Don Julián Garagarza, Großkaufmann Doña Teodora, dessen Frau , Don Severo, Juliáns Bruder Doña Mercedes, dessen Frau Pepito, deren Sohn Ernestode Acedo, Schriftsteller Ein Arzt Eine Vermieterin Rueda, Sekundant Ein Zweiter Sekundant Genaro, Diener bei Garagarza Ort der Handlung: Madrid, Zeit: 18.. Vorspiel Ein geschmackvolles Arbeitszimmer bei Julián Garagarza. Geöffnete Mitteltür mit aufgezogener Portiere. Hinter der Mitteltür ein erleuchteter Korridor, von dem eine Treppe in das oberste Stockwerk führt. Rechts von der Mitteltür ein großer Bücherschrank, darauf die Büsten von Calderon und Cervantes; ein Sofa mit Tisch und Stühlen; eine elektrische Klingel. Links von der Mitteltür eine Säule mit der Herme von Dante, dahinter Blattpflanzen. Rechts vorn ein Kamin mit flackerndem Feuer und einer Stutzuhr; vor dem Kamin Sessel und Fußbank; rechts zwischen Kamin und Bücherschrank ein Stehspiegel. Links hinten eine Seitentür. Links vorn über Stufen zu einem Fenster, ein Sessel, ein Telefon. Links zwischen Fenster und Tür ein Sessel und ein Rauchtisch. In der Mitte des Zimmers ein Arbeitstisch mit Büchern, Papieren, Zubehör, brennender Lampe und Arbeitsstuhl; vor dem Arbeitstisch eine Causeuse. Es ist Abend. Erster Auftritt Ernesto allein Ernesto sitzt in großer Unruhe hinter dem Mitteltisch, blickt nachdenklich vor sich hin, versucht zu schreiben, doch wirft er bald die Feder fort Nein! Das war es nicht, das ist es wieder nicht! Ich kann meine Gedanken nicht zum Ausdruck bringen! Wahrhaftig, man könnte toll werden! Ich sehe meinen Stoff, er lebt, er bewegt sich, ich sichte ihn, doch wenn ich ihn fassen, ihn auf das Papier bringen will, verflüchtigt er sich; er schwindet mir unter den Händen, er zerfließt in nichts. Er steht auf Dieser unermeßliche Abgrund zwischen Wollen und Vollbringen! Pause Wie oft bin ich in ruhigen, glücklichen Stunden in diesem Zimmer auf und ab gegangen, Pläne im Kopf, klopfenden Herzens, mit heißer Stirn, während ich vor mir in nebelhaften Umrissen die sonderbarsten Gestalten sah. Und nach ihrer kaum vernehmbaren Stimme glaubte auch ich ein Dichter zu sein. Wie war ich von einer beständigen Furcht gequält, daß mir diese Traumbilder entwischen könnten, wie griff ich zur Feder, um diesen Gestalten eine feste Form zu geben, wie sehr ängstigte ich mich, diese Stimmen zum Sprechen zu bringen. Er geht sinnend auf und ab Oh, diese Ohnmacht der Ausführung! Mit jedem Federstrich gestaltete ich meine Gedankenbilder anders. Nicht mein Wollen, nicht das, was ich gesehen und gehört hatte, schrieb ich nieder. Es waren Worte, Worte, nichts als Worte! Er bleibt am Fenster links stehen Und wenn man verzweifelt, wenn es geschieht, daß zwischen Eingebung und Ausführung die Gedanken erlahmen und absterben, dann wagen jene sich heran, die es besser wissen wollen – die Nörgler –, um einem zu sagen: du bist noch zu jung, zu erregt, du mußt austoben! Du mußt warten, der Most gärt noch zu stark, erst in Jahren wird er guter Wein. Er lacht bitter In Jahren – ja, ja –, wenn die Kraft erlahmt und die Jugend dahin ist. Den Ton ändernd Und dennoch, ich muß es versuchen, es muß mir gelingen. Er will sich wieder an den Mitteltisch setzen. Teodora Garagarza , vornehme, elegante Erscheinung, erscheint in Theatertoilette, einen Schleier über dem Kopf, ein Cape um die Schultern, in der offenen Mitteltür unter der Portiere. Zweiter Auftritt Ernesto, Teodora zu seiner Linken Teodora auf der Schwelle Darf ich eintreten? Ernesto wendet sich lebhaft um Teodora! Teodora Ihre Tür war nicht geschlossen, ich sah Licht bei Ihnen und komme, Ihnen einen guten Abend zu sagen. Doch Sie arbeiten, da will ich nicht stören und wünsche Ihnen nun eine gute Nacht. Sie wendet sich zum Gehen. Ernesto Aber nein! Sie stören mich nicht im geringsten. Ich wollte arbeiten, doch mir fiel wieder einmal nichts ein. Aber wo ist denn Ihr Mann? Teodora tritt an Ernesto vorüber vor den Spiegel rechts und legt Schleier und Cape ab. Ernesto ist ihr behilflich Er ist noch auf einen Augenblick zu seinem Bruder hinaufgegangen. Irgendeine wichtige, eilige Angelegenheit. Er wird sich nicht lange aufhalten. – Also nichts zustande gebracht? Dann hätten Sie besser daran getan, mit uns ins Theater zu gehen. Ernesto lächelnd Habe ich denn soviel versäumt? Teodora scherzend Das nicht. Es war wie gewöhnlich: weder gut noch schlecht. Ernesto führt sie zur Causeuse vor dem Mitteltisch, Teodora nimmt dort Platz. Ernesto geht um den Tisch und setzt sich auf den großen Stuhl hinter dem Mitteltisch Nun also? Wie war's? Teodora zögernd Hätten Sie uns begleitet, wäre ich der Mühe enthoben gewesen, unseren Freunden und Bekannten, die uns in der Loge aufsuchten, zu begründen, weshalb Sie zu Hause geblieben sind. Ernesto ernst Interessiert man sich wirklich ein wenig für mich? Teodora etwas verlegen, mit dem Fächer spielend Wir erregen oft mehr Interesse, als wir denken, und vielleicht auch mehr, als wir verdienen. Es war ein unausstehliches Gefrage. Sie ahmt im folgenden die Stimmen und die Art der Fragenden nach ›Nun, gnädige Frau‹, wichtig sagte die eine, ›allein hier? Wo ist Ernesto‹? ›Zu Hause, er arbeitet.‹ ›Ernesto‹, höhnisch fragte der zweite, ›Ihr liebenswürdiger, unzertrennlicher Begleiter ist doch nicht krank?‹ ›Gott sei Dank, nein, er sitzt zu Hause und arbeitet.‹ Und endlich ein Dritter, mit komischer Würde der witzig sein wollte, schwang sich zu den Worten auf: ›Die Sonne ohne ihren Schatten?‹ Ich bilde mir natürlich bei meiner gewohnten Bescheidenheit ein, heiter daß ich die Sonne bin und Sie der Schatten sind. Ernesto macht eine abwehrende Handbewegung Und so kam einer nach dem anderen. Schließlich verlor ich die Geduld, und als sie das bemerkten, lächelten sie so sonderbar, daß ... sie hält inne Doch sprechen wir von etwas Anregenderem als von diesen rücksichtslosen Leuten. Pause, dann schnell Von Ihrem Drama. Ernesto Das finden Sie anregender? Und ich soll davon sprechen? Alles ist noch ein unklares Durcheinander, wüst und dunkel. Doch ich werde mich zur Klarheit durcharbeiten. Was ich höre und sehe, scheint mit der Idee meines Stückes in unmittelbarer Verbindung zu stehen, selbst die Äußerungen dieser unerträglichen Streber, die, wie Sie selbst gehört haben, sich über mich so sorgfältig und eingehend erkundigten. Bitter Ich glaube, sie alle werden eine Rolle, eine Hauptrolle in meinem Drama spielen. Teodora neugierig So haben Sie also Ihren ersten Entwurf geändert? Ernesto Wieso? Teodora Sagten Sie uns nicht, der Grundgedanke Ihres Stückes sei aus Dantes Hölle, die Begebenheit der Francesca da Rimini? Ernesto unbefangen Ja und nein. Diese Begebenheit wird nicht mehr die Grundlage meines Werkes bilden, aber mit ihr im engsten Zusammenhang stehen. Teodora Dann habe ich mich also unnötig bemüht. Ich gestehe offen, daß ich nach Ihrer gestrigen Äußerung jene Stelle in der Göttlichen Komödie zum erstenmal gelesen habe, und es beschämt mich, sie nicht völlig verstanden zu haben. Ernesto lächelt Sie lächeln über meine Schwerfälligkeit? Ernesto Gewiß nicht. Ich nehme sogar an, daß der größte Teil meiner Zuhörer – wenn ich überhaupt welche haben werde – nicht wissen wird, um was es sich handelt. Ich werde deshalb meinem Drama einige Strophen hinzufügen, die diese Stelle aus der Hölle wiedergeben und alles klären. Teodora erhebt sich Haben Sie diese Strophen zur Hand? Ernesto ist ebenfalls aufgestanden, geht nach dem Bücherschrank rechts hinten und entnimmt ihm ein Buch Ja, gewiß. Langweilt es Sie auch nicht? Teodora schüttelt lachend den Kopf Ich habe als Motto Dantes Worte gewählt: ›Quel giorno piu non vi leggemo avante‹, ›An jenem Tage lasen wir nicht weiter‹, und habe es ›Galeoto‹ genannt. Teodora setzt sich auf den Sessel vor dem Kamin rechts Lesen Sie mir die Verse vor, bitte! Ernesto steht mit dem Buch vor ihr. Teodora verfolgt aufmerksam jede seiner Bewegungen. Die im Kamin lodernde Flamme beleuchtet die Gruppe. Ernesto liest So lasen sie zur Kurzweil die Legende; Sie ahnten nicht, daß der Gefühle Drang Durch Liebesgluten – stärker und behende Als sie's gedacht – den schwachen Geist bezwang. Im wachen Traume, der erfreut den Schläfer Und in sein Herz dringt – das zu springen droht Vor Lust und Wonne –, irrt umher der Schäfer: Von treuer Lieb' gefesselt Lanzelot! Ginevra liebt dich, sprach's in ihm mit Beben. Wie blöde bist du, Armer, hast kein Wort! Genieß' in dieses Weibes Bann dein Leben, Was sie dir bietet, folg' ihm fort und fort! Da war ein andrer, Höherer am Orte Für den verschüchterten, verliebten Mann, Der stillgeschäftig öffnete die Pforte, Der unerwartet brach den schwachen Bann! Zu dieser wonnevollen, süßen Stunde Der Mittler König Galeoto war, Der gern gefällig zu dem Herzensbunde Vereinigte die beiden ganz und gar. Er rieb sich seine Hände, schlich von hinnen, Als er die zwei Verliebten einig fand, Als sich die schönste aller Königinnen Und Lanzelot in Liebesqualen wandt. Wie er erschauert, seiner selbst nicht mächtig, Der Ritter kühn, in heißer, toller Glut: Das war die Sünde! Jetzt war er verdächtig! Er neigt sich zu ihr, Lipp' auf Lippe ruht! Auch sie umfing ihn minniglich und heiter, Es traf ihn glühend ihr verliebter Blick! – An jenem Tage lasen sie nicht weiter, Das Buch verkuppelte sie dem Geschick. Pause Teodora flüstert vor sich hin ›An jenem Tage lasen sie nicht weiter.‹ Sie trocknet sich mit ihrem Tuch die brennenden Lippen. Pause. Plötzlich erwacht sie wie aus einem Traum Ah, nun verstehe ich. Aber welche Beziehung besteht zwischen Galeoto und Ihrem Stück? Ernesto Galeoto ist die Hauptperson. Ohne seine Gelegenheitsmacherei wäre die Königin Ginevra geblieben, was sie war: ein pflichtgetreues, ehrbares Weib, und der kühne Lanzelot wäre wehmütigen Herzens fortgezogen, um in neuen Heldentaten seine unglückliche Liebe zu vergessen. Seine Rede steigert sich Aber dieser Galeoto ist es, der die Schuldlosen zusammenführt, der das Holz zum Scheiterhaufen schleppt, der das Feuer daran legt und sich dann mit stillem Lachen in Sicherheit bringt. Galeoto, der Zwischenträger, ist der wahre Schuldige des Trauerspiels, für den die anderen mit ihrem Leben büßen, mit ihrem Glück zahlen. Er ist nicht bloß der Strafbare in meiner Tragödie, sehr ernst nein – er ist auch der Schuldige fast in allen Dramen des menschlichen Lebens. Teodora horcht nach außen Ich höre jemanden auf der Treppe, es wird mein Mann sein. Sie steht auf und geht ihrem Mann entgegen. Ernesto legt das Buch auf den Mitteltisch und geht zur geöffneten Mitteltür Wir sind hier, Julián! Julián Garagarza ein Mann in den besten Jahren, der weniger auf den idealen als auf den praktischen Wert des Lebens sieht, sich stets freundlich und gut gelaunt gibt, erscheint in Frack und weißer Binde im Korridor, wo er Hut und Mantel ablegt. Er tritt ein. Dritter Auftritt Teodora rechts, Julián in der Mitte, Ernesto links Julián sich die Handschuhe ausziehend, zu Ernesto Nun, mein Junge, wie geht's? Bist du zufrieden mit deinem Abend? Hast du etwas fertiggebracht? Er klopft ihm leutselig auf die Schulter, begrüßt dann seine Frau. Ernesto Leider nein! Eben habe ich deiner Frau meinen Kummer gebeichtet. Ich habe zwanzig Seiten geschrieben und ebensoviel zerrissen. Vielleicht bin ich zu streng gegen mich selbst. Julián Das ist niemand, der sich bemüht, das Ziel seiner Wünsche zu erreichen, oder im engeren Sinne auf deinen Fall bezogen, der danach strebt, das verschleierte Bild seiner Sehnsucht zu enthüllen. Nicht den Mut verlieren, und nicht unnötig hartnäckig sein, lieber Junge! Wenn du merkst, daß dir die Gedanken nicht zufließen wollen, so suche dich zu unterhalten. Du hättest mit uns ins Theater gehen sollen, es war lohnend, und viele haben nach dir gefragt. Teodora setzt sich auf ihren vorigen Platz. Julián geht während des Gesprächs in der Mitte auf und ab. Ernesto setzt sich am Fenster rechts Ich weiß, Teodora erzählte mir, welchen überraschenden Anteil man an mir nimmt. Julián Ganz natürlich. Die Leute sind gewohnt, uns immer zu dritt zu sehen; wir gehen zusammen aus, wir wohnen zusammen, wir sind in den Augen unserer Umgebung die Unzertrennlichen. Wenn einmal einer fehlt, erwacht die Neugierde. Ich weiß nicht, wie oft ich schon unsere Beziehungen erklären mußte: daß du mein Sohn nicht bist, es gar nicht sein kannst! Er faßt lustig Teodora unters Kinn. Teodora, leicht verlegen, wehrt ihn mit dem Fächer ab ›Zweifellos ist er Teodoras Bruder?‹ ›Ich bedauere, nein!‹ ›Der Sohn eines nahen Verwandten?‹ ›Ganz und gar nicht! Weder verwandt noch verschwägert. Er ist der Sohn eines alten lieben Freundes, der mir ein Bruder war – nichts mehr und nichts weniger. Ernesto ist uns ein junger redlicher Freund, den ich wie meinen Sohn liebe, und der, wie ich denke, auch für uns eine wahre und innige Zuneigung hegt.‹ Ernesto steht auf und reicht ihm beide Hände Sie sind ein ausgezeichneter Mann, Julián. Julián wehrt ihn ab Laß, ich bitte dich! Ernesto gerührt Ihre Heiterkeit, Ihre Milde, Ihre Liebenswürdigkeit, Ihr ... Julián unterbricht ihn Ich bitte dich, laß es gut sein! Du schuldest mir keinen Dank. Selbst wenn ich dir den größten Dienst der Welt erweisen könnte, trüge ich nur die Zinsen meiner Schuld an deinen vortrefflichen Vater ab. Was ich bin, was ich habe, ihm schulde ich es. Ernesto macht eine ablehnende Handbewegung Und wenn du das nicht gelten lassen, wenn du dich durchaus als meinen Schuldner betrachten willst, sei unbesorgt, ich werde dich als gewandter Geschäftsmann schon ausnützen. Ich habe zu deinen Fähigkeiten ein unbegrenztes Vertrauen, und wenn ich dich zu fördern versuche, so ist das ein Luxus, den ich mir erlauben kann. Sprich mir also nicht mehr von deinen vermeintlichen Pflichten, arbeite an deinem Drama, das ist gescheiter. Wie weit bist du denn damit? Er setzt sich auf die Mittelcauseuse. Ernesto nimmt neben ihm Platz, seufzt Es wird wohl nichts werden. Julián Was sagst du? Wie soll ich das verstehen? Ernesto Die Idee meines Stückes schien mir für eine dramatische Entwicklung geeignet zu sein, aber sobald ich meine Gedanken gestalten will, werden sie widersinnig und unausführbar. Die erste Unmöglichkeit: die Hauptperson des Dramas, die Triebfeder der Handlung, die alles belebt, um die sich alles dreht, diese Person, die schließlich die Katastrophe herbeiführt, kann gar nicht auf die Bühne gebracht werden. Teodora steht auf, geht langsam im Hintergrund auf und ab, bleibt öfter stehen und wirft einen Blick auf die Bücher und Schriften, die auf dem Mittelschreibtisch liegen Warum nicht? Ist sie abstoßend, widersinnig, unleidlich, unwahrscheinlich? Ernesto wendet sich um zu ihr Nicht mehr und nicht weniger als jede andere Person. Nicht gut, nicht schlecht, nicht unwahrscheinlich. Aber ich wage es der öffentlichen Meinung gegenüber nicht, sie auftreten zu lassen. Julián Wo haben wir also dann die Schwierigkeit zu suchen? Ernesto Keine Bühne hat Raum genug für meine Person. Julián komisch entsetzt Doch nicht etwa ein mythologisches Drama? Mit Riesen und Titanen? Ort der Handlung: Ossa oder Pelion? Ernesto lachend Titanen wohl, doch nach moderner Art. Ort der Handlung: hier oder in jeder beliebigen anderen Stadt. Julián Wenn du willst, daß ich dich verstehen soll, drücke dich deutlicher aus. Wer also ist deine Hauptperson? Ernesto Die Menge, die Öffentlichkeit, jeder, die öffentliche Meinung. – Wählen Sie den Namen, der Ihnen am besten gefällt. Julián schüttelt den Kopf und lacht Die ganze Welt? Du hast recht, dafür sind auch unsere größten Bühnen viel zu klein. Doch gerade herausgesagt, du hast dir für ein Erstlingswerk eine hübsche Aufgabe gestellt. Ernesto Sie sehen nun, wie recht ich hatte, und werden es mir nachfühlen können, weshalb ich so oft meine Feder mutlos beiseite warf. Julián O nein! Wenn wir uns gewisse Urbilder und Charaktere aus der Menge als Vertreter der Leidenschaften herausheben – solche, die die ganze Welt bewegen –, dann sehen und verstehen wir auch ›alle Welt‹ mit allen ihren so grundverschiedenen Gestalten. So sind alle großen Dichter zu Werke gegangen. Entscheide dich für Allerweltsvorbilder, dann werden wir wissen, was du willst. Ernesto Das ist für mein Stück unmöglich. Julián Und warum? Ernesto Weil ich auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoße, die meine Gedanken stören, anstatt sie zu beleben und zu kräftigen. Nicht dieser oder jener ist gemeint – von der Hydra mit den tausend Köpfen, die man Welt nennt –, der an meiner Handlung teilnimmt, nein, die ganze Welt, dieser und jener ist es. Ein harmloses Wort, zwei unschuldige Blicke, die sich begegnen, ein Lächeln um den Mund, alles zusammen gestaltet meine Handlung. Nicht der einzelne – die leidenschaftslose, nicht boshafte, nicht gehässige, ganz gleichgültige Menge, kurz: die ganze Gesellschaft macht mein Stück. Ein einziges unkluges Wort, ein hämisches Lächeln, ein bedeutungsvoller Blick genügen, die Entscheidung herbeizuführen. Alle diese kleinen Nichtigkeiten wachsen zusammen und tauchen plötzlich als erbärmliche Verleumdungen auf, die die Ehre beflecken und das Eheglück zerrütten. Jeder handelt für sich, ohne schlechte Absicht, und das Ende ist doch – allgemeine Vernichtung und Zerstörung. Teodora bleibt hinter dem Schreibtisch stehen, lehnt sich über ihn und hört aufmerksam zu Solange ich einem einzelnen alle diese Züge gebe, wird's der herkömmliche Theaterbösewicht. Lasse ich ihn aber den Ausdruck einer ganzen Gesellschaftsklasse sein, dann hält man im natürlichen Rückschluß diese ganze Gesellschaft für angefault und schlecht. Und das möchte ich gar nicht sagen. Ich will im Gegenteil beweisen, daß Unbedachtheit, Nachlässigkeit und Sorglosigkeit, von einer ganzen Menge zusammengehäuft, den Untergang der einzelnen bringen. Julián wendet sich um zu Teodora Begreifst du dies? Teodora Ungefähr. Julián Nun, dann bist du klüger als ich. Eine Person mit hundert Köpfen, die nicht schlecht ist, doch Schlechtes tut und Unglück aus Sorglosigkeit heraufbeschwört, das überschreitet mein Begriffsvermögen. Zu Ernesto Vielleicht werde ich es verstehen, wenn ich das Drama auf der Bühne sehe. Wenn mich augenblicklich deine erhabene Phantasie überflügelt, das Menschliche in deinem Stück werde ich schon begreifen, und ich verspreche dir, mich ganz vorzüglich zu unterhalten, wenn eine hübsche Liebesgeschichte darin vorkommt. Ernesto steht auf Da haben Sie die zweite Schwierigkeit: in meinem Stück gibt's keine Liebesgeschichte. Julián Dann schreib's überhaupt nicht. Ernesto Und doch sind Liebe und Eifersucht die Angelpunkte meiner Handlung. Teodora hört das Folgende mit gesteigertem Interesse. Julián aufstehend Wieder was Neues! Von Liebe ist keine Rede, und die Liebe spielt die Hauptrolle? Ernesto Ja, so ist es. Ich habe in meinem Stück keinen Liebhaber eines jungen Mädchens oder einer jungen Frau, und doch ist die Liebe der Mittelpunkt vom Ganzen. Julián Dann mußt du, um wahrscheinlich zu sein, ungewöhnliche Dinge vorführen. Ernesto Im Gegenteil. Die Vorgänge in meinem Drama müssen so gewöhnlich und alltäglich wie nur irgend möglich sein. Nichts ereignet sich äußerlich, die dramatische Entwicklung vollzieht sich lediglich im Seelenzustand der Personen, bricht sich langsam Bahn, dringt in den Verstand, erfaßt das Gemüt und untergräbt schließlich den Willen. Julián ungläubig Wie willst du denn das alles darstellen? Das ist keine Aufgabe für einen Bühnendichter, das ist ein philosophisches Problem. Ernesto Und trotz alledem kann es dramatisch sein. Julián Dann mußt du mit einer außerordentlichen Geschicklichkeit den Knoten zu knüpfen und zu lösen wissen. Ernesto Ich löse ihn überhaupt nicht. Im Augenblick seiner Verknüpfung fällt der Vorhang, und das Stück ist aus. Julián Mit anderen Worten, es ist zu Ende, wenn es beginnen soll. Ernesto So ist's. Julián Dann schreibe lieber das andere Drama, das da beginnt, wo deines zu Ende ist. – Und wie heißt es ? Ernesto Auch das weiß ich noch nicht. Julián Was! Verwundert Noch keinen Titel? Mein lieber Junge, du bist ein unverbesserlicher Träumer. Ein Theaterstück, in dem die Hauptperson nicht auftreten kann, ohne Liebesverwicklungen, ohne Handlung und mit alltäglichen Vorgängen, das in dem Augenblick beginnt, wenn der Vorhang zum letztenmal fallt, und das noch keinen Namen hat? Er schüttelt den Kopf Wie du weißt, erwarte und hoffe ich viel von dir, doch heute muß ich dir sagen, du bist auf dem Holzweg. Schreib' etwas anderes, wähle einen anderen Stoff, wenn ich dir raten darf! Und jetzt komm mit uns, trink' ein Gläschen Punsch, leg' dich dann zu Bett, schlaf tief, und morgen gehen wir auf Rebhuhnjagd. Meinst du nicht auch, Teodora? Teodora tritt an Ernestos linke Seite Gewiß, Julián hat ganz recht. Kommen Sie mit uns. Ich habe Ihnen ganz aufmerksam zugehört, doch ich glaube wirklich, Sie stellen sich vor eine unmögliche Aufgabe. Ernesto nach einigem Nachdenken entschlossen Nein und nochmals nein! Ich bin meiner Sache sicher. Es ist ein Drama, und ich muß es schreiben, wenn nicht jetzt, so doch gewiß später. Und je länger ich darüber spreche, je mehr begreife ich es, und der Ablauf wird sichtbar. Ohne Zweifel, ich stehe vor der Wahrheit! Entschlossen Noch heute abend, gleich jetzt gehe ich an die Arbeit und beginne von neuem. Er steht in Gedanken versunken. Teodora und Julián sind, während Ernesto spricht, in den Hintergrund gegangen, wo Julián seiner Frau das Cape umlegt. Teodora leise Ist dir vorhin im Theater das Betragen meiner Schwägerin nicht aufgefallen? Sie war so sonderbar und will mich morgen unter vier Augen sprechen. Julián leise Ja, ganz recht. Auch meinen Bruder Severo fand ich übellaunig, nervös, überreizt. Auch er will mit mir reden – ich habe beide zu Tisch gebeten. Teodora leise Vortrefflich. Sie tritt von links vor Ernesto Also bis morgen! Gute Nacht, Ernesto. Sie reichen sich die Hand. Julián tritt von rechts vor Ernesto Nun, gute Nacht, mein lieber Junge, mögen dir die Musen beistehen, wenn sie dich besuchen. Ernesto begleitet beide bis zur Treppe hinten; Julián und Teodora steigen die Treppe hinauf. Vierter Auftritt Ernesto allein Ernesto kommt zurück, erregt Wie brennen mir die Augen. Wie schwül ist's hier! Er geht zum Fenster links, öffnet es und bleibt dort stehen. Mondlicht fällt ins Zimmer Ah, wie tut es wohl, wenn die linde Nachtluft mir die Stirn umstreicht. Pause Nein, ich verzichte nicht. Ich werde einen Körper aus tausend zerstreuten und verschiedenen Ur-Teilchen bilden, werde beweisen, wie etwas Fürchterliches gleichsam aus dem Nichts entsteht – aus einem Nichts, wie aus dem Achselzucken des einen, dem Lächeln des anderen, der zweifelhaften Frage eines Dritten und dem unschuldigen Blick eines Vierten. Kleinigkeiten und Nichtigkeiten sollen sich zu einer Lawine ballen, die herabrollt, sich vergrößert und schließlich Tod und Entsetzen verbreitet. Mit einer verächtlichen Handbewegung aus dem Fenster über die Stadt Ich will euch zeigen, wie ihr es durch eure Tuscheleien anstellt, aus einer Wahrheit eine Lüge zu drehen, wie ihr die reinste und unschuldigste Seele vergiftet, wie jene Leute, die sich heute im Theater so eifrig nach mir erkundigten, nur die Vorläufer der Verleumdung sind und welches Verderben über solche Verleumdung hereinbricht. Drohend Wehe euch Zungen, die ihr jetzt schlaft und von neuen Lügen träumt! Er verläßt das Fenster und geht an den Schreibtisch in der Mitte Wie sie sich beistehen, unbewußt, zu der großen Arbeit der Zerstörung, wie sie sich unüberlegt um den guten Namen bringen, wie sie sich beschmutzen und verkuppeln! – Verkuppeln? – Jawohl! »Der große Kuppler« könnte ich mein Drama nennen, wenn dieses Wort nicht zu anstößig wäre. Und doch! Jetzt hab' ich's. Pause. Er überlegt Ich habe den Titel! ›Galeoto.‹ Steigernd ›Der große Galeoto.‹ Er schüttelt den Kopf. Pause. Nun mit Nachdruck ›Galeoto!‹ Er setzt sich an seinen Schreibtisch und beginnt zu schreiben. Erster Aufzug Ein geräumiger Salon bei Julián Garagarza. Im Hintergrund rechts hinter einer Glaswand ein Speisesaal mit Doppeltür; in dem Speisesaal eine gedeckte Tafel mit sechs Stühlen; in der Ecke rechts ein Kamin, in der Mitte ein Büfett. Hinten in den Ecken vor der Glaswand zwei dekorierte Blumenständer, daneben Sessel. Im Hintergrund links ein Balkon, zu dem einige Stufen hinaufführen; zwei Korbsessel auf dem Balkon, Aussicht auf den Park. Tür zum Speisesaal rechts ganz hinten. Tür rechts hinten, Tür rechts vorn. Tür links vorn. In der Mitte ein Rundsofa, ein Kronleuchter darüber. Auf der rechten Seite ein Teetisch, daneben zwei Sessel; elektrische Klingel und Druckknopf für die elektrische Beleuchtung. Auf der linken Seite an der Wand ein hoher Spiegel, davor ein Sofa mit ovalem Tisch, zwei Sesseln und einem Doppelsitz. An den Wänden einige Bilder, die Landschaften darstellen. Es ist Nachmittag und wird später dämmerig. Erster Auftritt Teodora und Julián Garagarza Teodora steht auf dem Balkon und blickt nach links in den Park Wie schön und mild der Abend ist. Über den Bäumen im Park hängt die Dämmerung des schwindenden Tages. Sic wendet sich nach rechts Und dort, welch herrlicher Sonnenuntergang: Goldgesäumte Wolken am Purpurhimmel! Wenn, wie die Dichter sagen, der Himmel ein Spiegel der Zukunft ist, so erwarten uns schöne Tage. Sie wendet sich zu Julián Du antwortest nicht, Julián? Julián sitzt auf dem Rundsofa, stützt den Kopf in die Hand; er ist zerstreut Was meintest du? Teodora verläßt den Balkon und geht zu ihm Du bist zerstreut, bekümmert! Was fehlt dir? Julián Nichts, nichts Besonderes. Pause Mir geht so viel im Kopf herum, Geschäfte aller Art. Teodora Diese fortwährenden Geschäfte! Warum mühst du dich denn noch immer so ab? Unser Vermögen reicht aus, du hast genug gearbeitet; genieße jetzt die Früchte deiner Mühen in Ruhe und Frieden. Julián steht auf, streichelt ihre Wange und fährt ihr übers Haar Du sprichst wie ein Kind. Jemand wie ich kann sich nicht so plötzlich zurückziehen, wie du ahnungslos meinst, und ich fühle mich wirklich noch zu jung, um untätig zu sein. Ich muß die Beschäftigung haben. Gleich nach dir ist es noch immer die Arbeit, woran ich am meisten hänge. Teodora geht mit Julián Arm in Arm auf und ab; zärtlich Ich will dir ja deine Arbeit nicht verleiden, ich fühle mich glücklich, wenn sie dich befriedigt. Seit einiger Zeit jedoch scheinen dich schwere Sorgen zu quälen. Julián unterbricht sie Du irrst, mein Kind. Teodora Nein, Julián, du bist schweigsam und ernster als sonst. Das beunruhigt mich, und eben deshalb bitte ich dich, genieße das Deine, tu' nicht mehr, als du mußt. Was macht dich denn so traurig und so mürrisch ? Julián Du irrst, Teodora! Wenn ich dich glücklich weiß, bin ich froh, denn nur du in deiner Liebe läßt mich zufrieden sein. Teodora Also doch drückende Geschäftssorgen? Julián Gewiß nicht. Ich habe das Geld nie gering geschätzt, doch war es mir auch niemals übermäßig wichtig. Wenn es mir zukam, geschah es fast wie von selbst, denn was man nicht groß beachtet, sucht uns auf. Ich bin reich und habe mein Vermögen so gesichert, daß ich es nicht mehr verlieren kann. Verstehst du, was ich meine? Teodora nickt Die Zeit unvernünftiger Spekulationen liegt hinter mir. Mit Schrecken denke ich oft an meine Waghalsigkeiten zurück. Es ist jetzt zwanzig Jahre her – aber es kommt mir vor, als wäre es heute. Damals ging es nicht allein um mein Besitztum, nein, auch meine Ehre und mein unbefleckter Name standen auf dem Spiel. Ich wäre ruiniert gewesen, wenn mich nicht der alte brave Juan de Acedo, Ernestos Vater, mit seinem ganzen Vermögen, mit einem Riesenkredit gestützt hätte. Er bleibt stehen, sehr ernst Ihm allein verdanke ich meinen geretteten ehrlichen Namen, ihm verdanke ich alles, was ich besitze. Teodora Es macht dir Ehre, daß du es nicht vergessen kannst und immer wieder mit mir darüber sprichst. Sie tritt vor ihn Aber jetzt, jetzt ist es doch vorbei. Deine Schuld ist abgetragen, die Sache ist erledigt. Julián Soweit sie mit Geld beglichen werden kann, ja, aber meine moralische Schuld kann ich niemals tilgen. Teodora führt Julián nach links zu dem Doppelsitz, wo beide Platz nehmen Und was du für seinen Sohn getan hast und noch jetzt tust? Julián Ist nur meine Pflicht und Schuldigkeit! O hätte doch Ernestos Vater später das gleiche Vertrauen zu mir gehabt, wie ich einst zu ihm. Hätte er mir rechtzeitig seine Lage offenbart, ich hätte mit ihm noch in vernünftige Bahnen einlenken können. Doch er war zu stolz, und dieser übermäßige Stolz, der weder Grenzen noch Vernunft kennt, ist das einzige Erbe an seinen Sohn. Ein recht unpraktisches Vermächtnis für unsere nüchterne Zeit! Er brachte es nicht über die Lippen, daß das einst so glänzende und angesehene Haus in seinen Grundfesten erschüttert war, und so wurde der Zusammenbruch unvermeidlich. Es war mir bekannt, daß er Verluste erlitten hatte, doch niemals war zu erwarten, daß er in solch namenlosem Elend sterben und daß Ernesto, den wir für reich hielten, über Nacht gänzlich verarmen werde. Teodora Bist du nicht sofort nach Barcelona gefahren, nachdem du den wahren Sachverhalt erfahren hattest? Hat dir nicht Ernesto zugeben müssen, die Erbschaft seines Vaters anzutreten? Julián Ja, ich tat es, aber Ernesto hat es mir gewiß nicht leicht gemacht. Hätte es ihm sein sterbender Vater nicht auferlegt, mir unbedingtes Vertrauen entgegenzubringen, ich glaube nicht, daß er jemals meine Gastfreundschaft angenommen hätte. Und wie das enden soll, das ist es allein, was mich beunruhigt. Er steht auf. Teodora Ich begreife dich nicht. Verzeih', daß ich dir sage: Es ist nicht mehr als billig, daß du für Ernesto alles tust, aber was noch weiter? Julián Du sprichst eben wie eine Frau. Fühlt er sich wohl bei uns? Ich bezweifle es stark. Teodora Warum nicht? Seit Jahresfrist wohnt er bei uns, er gehört zu uns. Wir sind ihm so sehr zugetan wie er uns, und er ist so glücklich – so glücklich, wie er es nur sein kann. Julián Meinst du wirklich? Hm! Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Schon seit einigen Wochen bemerke ich, daß seine Stellung bei uns seinem Zartgefühl widerstrebt. Er empfindet unser Entgegenkommen als eine schwere Last, es drückt ihn nieder, daß er immer nur empfängt, ohne je etwas vergelten zu können, und ich vermute, er wird uns eines schönen Tages unter irgendeinem Vorwand verlassen. Deshalb meine Unruhe, denn Ernesto ist ein Träumer und für das praktische Leben nicht gewappnet. Nun weißt du, was mich bewegt. Ich suche nach einem Mittel, ihn dauernd an unser Haus zu binden, so fest, daß eine Trennung unmöglich ist – und ich glaube es gefunden zu haben. Teodora steht auf Beunruhige dich deshalb nicht. Er ist vernünftig, begabt und klug, er wird seinen Weg allein gehen. Julián schüttelt den Kopf Es kommt im Leben häufig anders, als wir's glauben. Teodora Voraussichtlich wird er sich eines Tages verlieben und heiraten. Wir suchen ihm ein junges hübsches Frauchen aus und leben zu viert ebenso glücklich und zufrieden, wie wir es bisher zu dritt getan haben. Julián Glaubst du wirklich? Ernesto kommt niedergeschlagen von rechts vorn. Zweiter Auftritt Julián rechts, Ernesto in der Mitte, Teodora links Julián leise Da kommt er! Er sieht nicht gerade sehr fröhlich aus. Zu Ernesto Guten Abend! Ernesto grüßt zerstreut Guten Abend – Julián – Teodora – Julián geht auf ihn zu Wie geht es dir? Ernesto bleibt in der Mitte stehen Mich bedrückt etwas, und es ist mir lieb, daß ich euch hier beisammen finde. Zu Teodora Halten Sie mich für undankbar, sagen Sie mir, daß ich Ihre Güte nicht mehr verdiene – ich werde nicht widersprechen. – Was schulde ich euch beiden, euch, die ihr mir Vater und Schwester ersetzt! – Versteht ihr mich denn nicht? Macht mir's doch nicht so schwer. Ich habe keine Berechtigung dazu, bei euch weiterzuleben wie bisher. Teodora Wer wird so sprechen! Ernesto zitternd Teodora – Teodora Du beleidigst uns. Julián mit Vorwurf Ernesto! Ernesto Beurteilt mich nicht falsch. Es ist wahr, ihr habt mich wie den eigenen Sohn behandelt. Und dennoch widerstrebt es mir, in einer solchen Weise hier weiterzuleben. Seelisch verkomme ich dabei. Die lieben Freunde und ihre musternden Blicke, wenn man uns zusammen sieht, sind mir Rutenstreiche. Noch einmal: ich habe kein Recht mehr an euch. Julián Willst du das Andenken an deinen Vater mißachten? Ernesto Ich weiß, was Sie sagen wollen. Allein ich habe alles überlegt und kann meiner quälenden Gefühle nicht Herr werden. Eure Freundschaft erdrückt mich, und wenn auch eure Herzlichkeit mein Verhältnis zu euch adelt, die Welt, die unsere idealen Beziehungen nicht kennt, muß uns in unserem unbegreiflichen Zusammensein verurteilen. Er setzt sich erschöpft auf das Rundsofa und stützt den Kopf in die Hand. Julián und Teodora geben sich ein Zeichen, ihn aussprechen zu lassen. Ernesto fährt nach einer Pause fort; seine Rede steigert sich in Ton und Tempo bis zum Schluß Ich kann aus dieser Wirrnis keinen Ausweg finden. Ich treibe schiffbrüchig umher wie auf den Wogen des Meeres. Seine Untiefen fürchte ich nicht, wohl aber den festen Boden unserer Erde. Die starken Arme kämpfen gegen die Wellen, gegen üble Nachreden gibt es kein Mittel. Da erlahmt die Kraft. Er hebt seine Hände hoch, als wolle er etwas ergreifen Ich kann es nicht fassen, was mir entgegentritt. Ich will meinen Gegner sehen, seinen Körper fühlen, seinen giftigen Atem spüren, seinen Zorn erkennen, und sterbend will ich ihn verachten! Lange Pause. Julián berührt seine Schulter Du träumst! Zärtlich Wer sollte es wagen, dich –? Ernesto Wer es wagen sollte? Alle! Nicht der eine oder der andere, nicht eine einzelne Person, die ich zur Verantwortung ziehen könnte, nein, die ganze unfaßbare Allgemeinheit, welche die Luft, die wir atmen, unmerklich mit kleinsten Teilchen ihres Giftes durchsetzt. Julián Du übertreibst. Ernesto Glauben Sie? Darauf will ich Ihnen antworten: Wenn man mich im Theater in Ihrer Loge sieht, oder in Ihrem Wagen, an Ihrem Tisch, so stellt dieser oder jener die ironische Frage: ›Der junge Ernesto, den man beständig mit Julián Garagarza und seiner Frau zusammen sieht, ist ohne Zweifel ein naher Verwandter von ihm?‹ – ›Nein!‹ – ›Sein Geschäftsteilhaber ?‹ – ›Ganz und gar nicht !‹ – Aber wer ist es dann? Und die Antwort ist ein nichtswürdiges Schweigen, das nicht allein mich beleidigt, sondern auch Sie! Er steht auf. Julián tritt ihm entgegen Du übertreibst. Wer sollte es wagen –? Ernesto Wer? Man braucht nicht weit zu suchen. Julián Nenne einen Namen – einen einzigen nur! – Du schweigst. Siehst du wohl, es ist nur Einbildung. Ernesto O nein! Sie haben Fleisch und Blut, man kann sie mit Händen greifen. Julián dringender So nenne mir eine Person. Ernesto Mehr als eine, wenn Sie es wollen, und ich brauche nicht einmal das Haus zu verlassen – eine Treppe höher. Julián verwundert Mein Bruder? Ernesto ruhig Ja, Ihr Bruder Severo und seine Frau Mercedes – und deren Sohn Pepito – und alle anderen. Julián Laß die Leute reden, was sie wollen. Ich weiß, mein Bruder mischt sich gern ungefragt in alles ein. Ernesto Er wiederholt nur, was er von den andern hört. Julián Wer wird auf das müßige Geschwätz der Leute achten. Gerede ist ohne Bedeutung – Tatsachen entscheiden. Ernesto Aber Worten folgen Taten! Es wird oft zur traurigen Wahrheit, was zunächst eine boshafte Lüge war. Julián Das sind Selbstquälereien. Ich verstehe einzig, daß dich die Kaffeehausweisheit drückt und du nach Mitteln suchst, ihr die Stirn zu bieten. Du sehnst dich nach einer unabhängigen Stellung, die dich vor übler Nachrede schützt. Ernesto zuversichtlich Da hast du recht. Julián Und wenn ich sie dir bieten könnte? Ernesto freudig Wie soll ich das verstehen? Julián ergreift Ernestos Hand und geht mit ihm nach links, wo sie an dem Sofatisch Platz nehmen. Teodora wirft im Hintergrund einen Blick in den Speisesaal Was ich dir sage, ist ernstgemeint. Es handelt sich nicht um ein verkapptes Almosen. Ich bin in den Jahren, wo man sich die Geschäfte erleichtern möchte. Ich suche jemanden, dem ich Vertrauen schenken kann, der mir Arbeiten besonders schwieriger Art abnimmt, für die ich keinen anderen unter meinem Personal zur Verfügung habe, kurz, einen tüchtigen und sympathischen Sekretär. Dieser Plan beschäftigt mich schon lange, und gerade heute wurde mir von einem Geschäftsfreund aus London wieder ein junger Mann empfohlen. Wenn ich dich nun so ansehe, wird mir klar, daß ich nicht mehr in die Ferne zu schweifen brauche. Du bist der rechte Mann dazu. Ernesto bewegt Lieber, lieber Julián! Julián Es ist keine leichte Aufgabe. Du wirst tüchtig arbeiten müssen, und ich wäre nicht im geringsten überrascht, wenn die Biedermänner, deren Gerede du fürchtest, sich zuflüsterten, daß ich dich schonungslos ausbeute. Ernesto abwehrend Aber Julián! Julián Wie gesagt, du wirst dich gehörig für mich abrackern müssen, aber du hast auch keinen besseren Freund als mich. Er steht auf und reicht ihm die Hand Schlägst du ein? Ernesto ist ebenfalls aufgestanden und drückt Julián lange und herzlich die Hand Machen Sie mit mir, was Sie für richtig halten. Teodora hat sich den beiden genähert und stellt sich dann zwischen sie Haben wir ihn bezwungen? Ernesto freundlich Mühelos wie immer! Julián geschäftsmäßig Und nun will ich nach London schreiben, daß die Stelle besetzt ist. Ernesto verneigt sich Auf Wiedersehen, mein Herr Privatsekretär! Er geht ab nach rechts hinten. Die Dämmerung ist hereingebrochen, der Salon verdunkelt sich mehr und mehr, nur vom Park her leuchtet noch etwas Sonnenschein. Dritter Auftritt Teodora, Ernesto zu ihrer Linken Ernesto mit einigen Schritten nach links hinten zum Balkon, von neuem zweifelnd Und doch! Wie mich sein Wohlwollen bedrückt! Kann ich denn meine Schuld jemals ausgleichen? Teodora geht ihm nach und bleibt dann dicht vor ihm stehen Nur nicht den Mut verlieren, Ernesto! Mein Mann ist verständig, er löst sich nur aus einer großen Verpflichtung, wenn er Sie entgegenkommend und liebevoll behandelt. Don Severo und Dona Mercedes kommen unauffällig von links vorn. Vierter Auftritt Die Vorigen, Severo, Mercedes; dann Genaro Severo und Mercedes bleiben, von Teodora und Ernesto unbeachtet, vorn stehen und folgen mit fieberhafter Neugierde deren Worten. Teodora und Ernesto stehen im schwindenden Licht der untergehenden Sonne vor den Stufen des Balkons, den sie später betreten. Der vordere Salon ist dunkel. Severo und Mercedes halten sich dort verborgen. Ernesto zu Teodora Sie sind die Güte selbst. Teodora Ach, und Sie sind ein großes Kind. Versprechen Sie mir jetzt, nicht länger so trüben Gedanken nachzuhängen. Ernesto ruhig und sanft Ich verspreche es Ihnen. Teodora und Ernesto betreten den Balkon. Mercedes sieht Severo bedeutsam an und flüstert Wie dunkel, kein Licht. Severo ebenso Immer die beiden allein. Mercedes ebenso Und immer so vertraulich. Ernesto auf dem Balkon, laut Leider bin ich oft zu unbeholfen, um auszusprechen, was ich fühle, aber seien Sie versichert, Teodora, könnten Sie mir ins Herz sehen, Sie würden darin lesen, wie es zärtliche Liebe und Dankbarkeit für Sie hat. Mercedes flüstert Was sagt er da? Severo ebenso Ich kann kein Wort verstehen. Teodora und Ernesto sprechen leise hinten auf dem Balkon weiter; ihre Umrisse zeichnen sich scharf ab. Mercedes leise Siehst du sie? Ernesto reicht Teodora die Hand. Severo ebenso Gewiß! Wie sie sich die Hände geben. Ich kann es nicht länger mit ansehen! Teodora auf dem Balkon, laut Ich glaube Ihnen ja. Aber Sie müssen auch Menschen, die Sie lieben, nicht mit Empfindlichkeiten quälen. Ernesto Ich verspreche es Ihnen. – Wie meine Stirn brennt! Teodora Die frische Abendluft wird Ihnen wohltun. Beide setzen sich auf die Balkonsessel. Severo leise Hast du's gehört? Mercedes ebenso Kein Wort ist mir entgangen. Severo ebenso Diese Schamlosigkeit geht zu weit. Mercedes ebenso Man muß aber auch nicht gleich das Schlechteste denken. Teodora ist nicht vorsichtig genug. Aber dieser Ernesto sollte den Verstand für alle beide haben. Severo Mag mein Bruder blind sein, meine Augen sind offen, und ich werde meine Pflicht tun. Er tritt einige Schritte nach hinten; laut Nun, Teodora, du scheinst uns gar nicht zu bemerken. Teodora kommt von dem Balkon herunter in den Salon Severo, Mercedes! Sehr freundlich Ich freue mich, euch bei mir zu sehen. Mercedes etwas spitz Du scheinst vergessen zu haben, daß wir heute abend bei euch essen sollten? Teodora unbefangen Ganz und gar nicht. Entschuldigt mich nur, daß ich meine Zeit verplaudert habe. Gleich soll Licht gemacht werden. Sie geht nach rechts zur elektrischen Klingel und drückt auf den Knopf. Mercedes späht nach dem Balkon. Severo mit Nachdruck Meinst du, daß wir das Licht zu scheuen hätten? Teodora lacht So wenig wie wir. Scherzend Aber siehst du nicht, wie schön ich mich für euch gemacht habe? Diener Genaro kommt von links vorn. Teodora zum Diener Genaro, Licht! Diener geht nach rechts, drückt auf den Knopf der elektrischen Anlage. Es wird hell. Diener geht ab, woher er kam. Mercedes für sich Ihre Unbefangenheit ist gut. Ernesto kommt vom Balkon in den Salon herunter. Severo spielt den Erstaunten Da ist ja noch jemand! Ernesto! Sie begrüßen sich Sind Sie schon lange hier? Ernesto zeigt nach dem Park Ich habe mir die schöne Aussicht angeschaut. Severo spöttisch Nach Sonnenuntergang? Das wird nichts Großartiges gewesen sein. Ernesto wendet sich zu Teodora. Severo leise zu Mercedes Er sucht nach Ausflüchten. Es war die höchste Zeit! Laut Aber wo steckt denn mein Bruder? Teodora Er erledigt eine Korrespondenz. Severo Dann werde ich zu ihm gehen. Ich habe ihm vor Tisch noch etwas mitzuteilen. Er geht ab nach rechts hinten. Fünfter Auftritt Ernesto, Teodora, Mercedes Die beiden Damen setzen sich auf das Rundsofa. Ernesto bleibt rechts vor ihnen stehen. Mercedes zu Ernesto Ich glaube, mein Sohn erwartet Sie oben. Ernesto verwundert Mich? Das ist wohl ein Irrtum. Er sieht nach der Tür rechts vorn. Mercedes Ich kann ihn nicht mißverstanden haben. Leise zu Teodora Ich habe dir etwas zu sagen. Teodora ebenso So sprich! Mercedes leise Allein, unter vier Augen. Auf Ernesto zeigend Schick' ihn weg. Teodora ebenso Ich verstehe dich nicht, doch wenn du glaubst – laut Ernesto, wollen Sie mir einen Gefallen tun? Ernesto eilig Mit tausend Freuden. Teodora Pepito wollte uns Karten für die Wohltätigkeitsvorstellung besorgen. Würden Sie ihn fragen, ob er sie bekommen hat? Ernesto Gewiß. Ich gehe sofort. Er wendet sich zum Gehen. Teodora Nehmen Sie's aber auch nicht übel? Ernesto Warum denn nicht? Er lacht vertraulich Sie wollen mich ja doch nur los sein. Er geht lächelnd ab nach rechts vorn. Sechster Auftritt Teodora und Mercedes auf dem Rundsofa sitzend Teodora Was gibt's also? Heraus damit! Du hast mich mit deinen rätselhaften Andeutungen beinahe beunruhigt. Mercedes als wenn sie nicht daraufhört Es handelt sich auch um ernste Dinge. Teodora Um was denn? Etwa um uns? Mercedes Ja, um Julián, Ernesto und dich. Teodora Um uns drei. Mercedes ergreift Teodoras Hände Glaubst du, daß ich dich lieb habe, Teodora? Teodora verwundert Ich bin davon überzeugt. Aber um mir das zu sagen, hast du mich Ernesto doch nicht gehen heißen? Was ist also geschehen? Mercedes Hoffentlich noch nichts. Aber ich muß ernstlich mit dir reden, denn ihr steht vor einem Abgrund, den ihr nicht zu ahnen scheint. Teodora bestürzt Wer? Wir? Mercedes Ihr drei. Teodora Wir drei? Wer ist der Dritte? Mercedes Du, dein Mann und – Ernesto. Teodora dringend Rede endlich und foltre mich nicht länger. Mercedes Mein guter Mann ist der einzige Bruder Juliáns, wir gehören zusammen und sind verpflichtet, uns gegenseitig mit Rat und Tat beizustehen. Morgen habe ich vielleicht deine Ratschläge nötig, Teodora, heute biete ich dir die meinen an. Teodora drängend Drücke dich endlich deutlich aus, ich verstehe dich nicht. Mercedes ernst Es ist eine heikle Sache. Immer wieder habe ich dich warnen wollen, fand aber nicht den Mut dazu. Als mir heute Severo gesagt hat, daß er meine Ansicht teilt, nämlich die Ehre seines Bruders zu schützen, wollte ich nicht länger zögern. Diesem beständigen Getuschel, diesem höhnischen Lächeln, diesen tellergroßen Augen, diesen Schändlichkeiten muß ein Ende gemacht werden. Teodora steht aufgeregt auf Du quälst mich. Wozu denn die vielen Umschweife? Mercedes Du solltest nicht verstehen, was ich dir nur andeuten kann? Teodora Nein, ganz und gar nicht. Sie geht an Mercedes vorüber nach links. Mercedes steht ebenfalls auf Daß man sich über deinen Mann lustig macht, daß er lächerlich und – schonend verächtlich erscheint? Teodora zornig Julián ist kein Mann der blassen Furcht, und wenn einer dieser Buben unter seine Hände käme –! Sie versucht sich zu beruhigen und setzt sich auf das Sofa links. Mercedes fällt ihr ins Wort Dann würde er Mühe haben, sie zum Schweigen zu bringen, denn alle Welt lacht über ihn. Teodora Alle Welt sagst du? Aber weshalb nur? Komm doch einmal zu Ende! Mercedes besänftigend Sieh mal, Teodora, du bist jung und unerfahren, du begehst in deiner Harmlosigkeit vielleicht Dinge, die leicht mißdeutet werden können. Pause Verstehst du mich jetzt? Teodora ungekünstelt und offen Weit weniger noch als vorher. Mercedes Du kennst die Verworfenheit gewisser Männer noch nicht. Für einen Witz opfern sie den Ruf einer Frau und die Ehre eines Mannes. Glaube deiner treuen Freundin: Der junge herzlose Mensch ist deiner nicht würdig. Wärmer werdend Handle entschlossen und vernünftig, so daß dieser Ernesto dein Haus meiden muß. Teodora aufgebracht Ah, nun verstehe ich dich endlich! Das also war es! Aber wer ist schändlicher? Der solche Verleumdungen erfindet, oder der sie – wiederholt? Sie steht auf und geht an Mercedes vorüber nach rechts. Mercedes Aber Teodora. Teodora regt sich in der Folge immer mehr auf Genug. Wer meinen Beziehungen zu Ernesto etwas Unrechtes nachsagt, ist ein Narr oder ein Schurke! Ernesto ist von meinem Mann wie ein Freund und Bruder aufgenommen worden, und wie einen Freund und Bruder lieb' ich ihn. Niemals hat auch nur der Schatten eines unlauteren Gedankens unsere Beziehungen getrübt. Meine Freundschaft, meine schwesterliche Liebe brauchen vor niemandem zu erröten. Ich bin stolz auf meine Empfindungen, die mir kein Mensch zu einem Verbrechen stempeln wird. Sie sollen es nicht wagen, meine Ehre anzutasten und mein Haus und meinen Mann mit Hohn und Spott zu verunglimpfen. Sie weint. Mercedes geht auf sie zu Aber so beruhige dich doch, weine nicht! Ich habe ja niemals an ein Unrecht geglaubt, ich kenne dich doch zu gut. Aber andere kennen dich nicht, sie sehen dich mit andern Augen an, darum meide wenigstens den Schein, von dem ich weder dich noch deinen Mann noch Ernesto freisprechen kann. Du bist eine junge Frau, Julián ein alter Mann, und deine Vertraulichkeit mit einem jungen leidenschaftlichen Menschen, einem Träumer, ist unmöglich. Er ist immer ›der Dritte‹ zwischen euch. Ja, mein Kind, so geht's zu in der Welt. Sie sucht Erklärungen für Unerklärliches, und an nicht gerade schmeichelhaften Erörterungen ist da kein Mangel. Es ist begreiflich, es ist natürlich, daß man darüber spricht. Man spricht und spricht, man lacht und stößt sich an, sobald sich dein Mann nur blicken läßt. Teodora entsetzt Ich bin sprachlos! Wenn sie mich mit Schmutz bewerfen, mag es sein, mein Gewissen ist rein. Sehr ernst Aber daß sie meinen Mann in diesen Schmutz hineinziehen – Julián, den edelsten aller Menschen – ah pfui! Wenn ich es ihm nur wenigstens verbergen könnte. Mercedes Im Gegenteil, er muß es erfahren, und Severo sagt es ihm gerade in diesem Augenblick. Teodora in höchstem Zorn Verflucht seien die schmutzigen Lippen, die uns in den Staub der Gemeinheit ziehen wollen, verwünscht sei jeder, der mir nicht glaubt. Niemals habe ich etwas so Schlechtes auch nur gedacht. Sie wankt und stützt sich auf einen Sessel rechts Aber man will mich ja schuldig haben. Und es gelingt ihnen, mich zu erniedrigen, mich mit Schreckbildern zu erschüttern. Julián und Severo erscheinen in diesem Augenblick von rechts hinten. Siebenter Auftritt Teodora rechts, Julián in der Mitte, Mercedes links, Severo hinter ihnen. Julián ruft in großer Aufregung Teodora! Teodora stürzt Julián mit einem lauten Aufschrei entgegen und fällt ihm um den Hals. Pause An diesem Herzen ist dein Platz. Teodora bricht bei ihm zusammen Mein Julián! Julián Beruhige dich, mein liebes Kind. Er führt sie liebevoll nach dem Rundsofa in der Mitte und läßt sie sich setzen; dann mit Vorwurf zu Severo und Mercedes Also dahin habt ihr es schon gebracht! Aber ich schwöre es, wer ihr noch einmal Tränen bringt, der soll es mir bezahlen, und wäre es mein eigener Bruder. Severo auf der rechten Ecke, etwas gereizt Der Zorn verblendet dich, aber er soll mich nicht daran hindern, meine Pflicht zu tun. Ich habe dich gewarnt, und ich bedauere es nicht. Julián Du hast wohl andere Pflichten zu erfüllen, als das Geschwätz der Gasse in mein Haus zu tragen. Severo Es ist meine Pflicht, die Ehre und Reinheit deines Namens zu bewahren, denn er ist auch der meine. Julián sehr zornig Vergiß nicht, daß deine Frau zugegen ist! Severo ebenso Vergiß nicht, daß wir Brüder sind! Teodora bittend Beruhige dich, Julián, ich bitte dich. Sie steht auf und schmiegt sich zärtlich an ihn. Julián zieht sie an sich. Ernesto kommt von rechts vorn. Achter Auftritt Die Vorigen, Ernesto, dann Pepito, dann Genaro Ernesto noch an der Tür, für sich Sie und er? Nein, es ist keine Täuschung! Sollte es wahr sein, was ich fürchtete, und wovon mir Pepito erzählte? Er wendet sich mit einigen Schritten nach hinten. Pepito kommt von rechts vorn, geht zwischen Teodora und Mercedes hindurch, sieht Julián und Teodora in der Umarmung Sieh an, ein Ehe-Idyll! Daran kann man sich ein Beispiel nehmen. Zu Teodora Hier, schöne Tante, die versprochenen Karten für die Wohltätigkeitsvorstellung. Er zieht sie hervor und überreicht sie. Teodora Danke, Pepito! Ernesto tritt vor, zwischen Severo und Julián; leise und voll Teilnahme zu Julián Was fehlt Teodora? Julián kurz Nichts. Ernesto wie vorher Sie sieht blaß aus und hat geweint. Julián abweisend Was kümmert dich meine Frau! Das ist meine Sache. Pause. Ernesto und Julián messen sich mit einem Blick. Ernesto tritt mit wehmütigem Lächeln zurück Es wirkt schon. Pepito leise zu Mercedes Er weiß nicht, was er will. Ich habe mit ihm über Teodora gesprochen, und er hätte mich beinahe umgebracht. Er wendet sich zu Teodora hin, laut Du bist wirklich beneidenswert, liebe Tante! Du hast nicht allein einen Mann, der dich vergöttert, nein, du hast auch einen Freund, der für dich durch's Feuer geht. Ernesto ärgerlich Pepito! Pepito fährt lachend fort Du hättest ihn sehen sollen, wie er sich aufführte, als ich ihm einige harmlose Bemerkungen mitteilte, die ich gelegentlich gehört hatte. Ernesto tritt wieder vor, zwischen Julián und Teodora, wie oben Ich bitte dich dringend, Pepito, laß deine Scherze, wenn du mich nicht verärgern willst. Ich bin nicht in der Stimmung dazu! Zu Julián Lieber Freund, ich habe mir überlegt, was wir vorhin besprachen. Sie werden mich vielleicht undankbar schelten, aber ich muß Ihnen offen bekennen, daß ich mich der Stellung, die Sie mir angeboten haben, nicht gewachsen fühle und zu meinem großen Bedauern darauf verzichten muß. Julián mit aufrichtigem Erstaunen Aber warum dieser überraschende Wandel? Ernesto Ich habe mir alles reiflich überlegt. Ich bin ein Dichter, ein Träumer, kein Stubenhocker! Meine Gedanken treiben mich hinaus in die Ferne! Ich will reisen, die Welt sehen, mir draußen im Kampf des Lebens die Ruhe zu erringen streben, die mir notwendig ist nach meinem gegenwärtigen Treiben. Zu Severo gewandt Was meinen Sie, Don Severo? Stimmen Sie mir nicht bei? Severo Ich kann Ihnen nicht widersprechen. Julián Aber das ist doch die reine Abenteuerei! Reisen ist bald gesagt, aber als praktischer Mann möchte ich dich fragen: Woher nimmst du das Geld dazu? Wohin willst du? Ernesto mit scharfer Betonung Ohne Sorge! Ich werde mich schon durcharbeiten. Hier kann ich nicht länger bleiben, das fühle ich deutlich und klar. Und da wir uns trennen müssen, machen wir's uns nicht schwer und machen wir's kurz. Er wendet sich zu Teodora, die links von ihm steht. Meine teure Freundin, ich zerreiße das Band, das uns bis heute vereinigt hat, nicht leichten Herzens. Verzeihen Sie, daß Sie unter meiner Eigenliebe, die das Kopfschütteln der Leute heraufbeschwor, gelitten haben. Ich werde Ihre unendliche Güte niemals vergessen. Er reicht ihr die Hand. Teodora ergreift sie schnell und wendet sich dann traurig mit zwei Schritten nach hinten ab. Die Dämmerung tritt ein. Severo flüstert vor sich hin Sie benehmen sich recht zwanglos. Ernesto zu Julián Und auch Sie, reichen auch Sie mir die Hand! Oder glauben Sie wirklich, daß ich Ihnen weh getan habe? Julián bewegt, indem er Ernesto an sich zieht Nein, mein Sohn, ich glaube es nicht. Verzeihe mir, wenn ich einen Augenblick – doch sprechen wir nicht mehr davon, mein lieber Junge. Du bleibst bei uns, uns zuliebe und dem Geschwätz der Leute zum Trotz! Ich lasse dich nicht in die Welt ziehen. Ernesto macht eine abwehrende Bewegung Nein, widersprich mir nicht, dein Vater befiehlt es dir! Du bleibst bei uns, und alles bleibe beim alten! Nicht wahr, Teodora? Betonend Ganz wie es bisher gewesen ist? Er wendet sich zu Severo und Mercedes, etwas ernster im Ton Ihr habt mich verstanden, Severo, Mercedes und du, Pepito, der du so gern weiterträgst, was sich die anderen zuflüstern. Sag's den braven Leuten, daß es neben der Verleumdung auch ein Vertrauen gibt, an das ihre niedrige Gesinnung nicht heranreicht, das nie erschüttert werden kann. Und jetzt zu Tisch. Ernesto, gib meiner Frau den Arm. Genaro erscheint hinten im Speisesaal und trifft Vorbereitungen. Es wird hell im Speisesaal. Ernesto überrascht Teodora! Teodora ebenso Ernesto! Julián bestimmt So wie es immer war. Zu Pepito Du deiner Mutter. Zu Severo Du mußt dich mit mir begnügen. Zu Ernesto und Teodora, die sich gegenüberstehen Was zögert ihr? Besinnt euch nicht lange! Ich möchte nur, daß die Mauern dieses Hauses von Glas wären, damit die ganze Welt es sehen könnte, wie sich Ernesto und Teodora die Hand reichen und wie wir heimtückisches Geschwätz verachten. Genaro erscheint auf der Schwelle des Speisesaals Es ist angerichtet. Julián fröhlich Gehen wir! Genießen wir das Leben den anderen zum Trotz, die sich so große Mühe geben, uns zu Tode zu ärgern. Pepito reicht seiner Mutter den Arm. Ernesto führt Teodora bis zur Tür des Speisezimmers, wo er stehenbleibt, um Pepito und Mercedes vorangehen zu lassen. Teodora zu Pepito und Mercedes Verzeihung, ich bin zu Hause. Pepito und Mercedes treten in den Speisesaal. Ernesto und Teodora folgen, indem sie leise miteinander sprechen. Severo lächelt bitter, leise zu Julián Das hast du ja ganz ausgezeichnet gemacht. Sieh nur, wie sie sich in die Ohren flüstern, wie vertraut sie miteinander sind. Julián leise, mit einigem Verdruß Sie werden schon wissen, wovon sie reden. Ernesto und Teodora blicken sich um, bevor sie den Speisesaal betreten. Severo wie vorher Meinst du? Und jetzt suchen sie dich. Julián Glaubst du wirklich? Severo ernst Werden dir denn endlich einmal die Augen aufgehen? Wirst du denn nicht irgendwann Vernunft annehmen ? Julián in ärgerlichem Ton Laß mich in Ruhe! Du wirst mich niemals dahin bringen, an Torheiten zu glauben. Julián und Severo folgen den anderen in den Speisesaal. Zweiter Aufzug In Ernestos einfachem, sehr bescheidenem Mietzimmer. Im Hintergrund rechts ein Alkoven, der durch Gardinen geschlossen werden kann; sie sind zu Anfang geöffnet. Es sind ein Kleiderspind, Bett, Stuhl und ein Waschbecken zu sehen. Links Mitte eine Tür als allgemeiner Eingang, links daneben ein Garderobenständer. Rechts vorn ein Fenster mit dürftiger Mullgardine, ein großer Schreibtisch, davor ein Stuhl; ein Büchergestell mit Büchern; auf dem Schreibtisch zwei Photorahmen, in dem einen das Bild Juliáns, der andere ist leer; Dantes Göttliche Komödie liegt aufgeschlagen, Manuskripte, ein Leuchter mit Licht, daneben verbranntes Papier. Links vorn eine Tür, weiter hinten ein Fenster, zwei Stühle. Es ist Tag. Erster Auftritt Julián und Severo werden von der Vermieterin durch die Tür links Mitte hereingeführt Julián zur Vermieterin Der Herr ist nicht zu Hause? Vermieterin Nein, er ist gerade weggegangen. Severo Das tut nichts. Wir werden warten. Ich denke, Ernesto wird bald zurück sein. Vermieterin Das ist gut möglich, der Herr liebt die Pünktlichkeit. Severo Schön, Sie können gehen. Wir werden solange hierbleiben. Vermieterin Ja, mein Herr. Sie geht ab nach links Mitte. Zweiter Auftritt Julián, Severo links von ihm Julián hat sich inzwischen umgesehen Was sagst du zu einer solchen Einrichtung? Severo Mehr als einfach. Julián Einfach? Warum es nicht zugeben? Es ist das unverhüllte Elend – und hier hat der Sohn meines Wohltäters, der an Luxus und ausgesuchten Geschmack gewöhnt ist, wochenlang gehaust. Und wir kommen jetzt, um ihn von hier fortzutreiben? Nein, das kann ich nicht mit ansehen, daß er in die Welt geht wie ein Ausgestoßener. Ich schäme mich meiner Schwäche, ich beklage es, daß Verleumdung und der Bosheit Zischeln mein Vertrauen haben erschüttern können. Doch ich habe mich besonnen, mich selbst wiedergefunden, ich lasse es mit Ernesto nicht zum Äußersten kommen! Ich werde, wenn nötig, den armen Menschen mit Gewalt zurückhalten. Severo ging bisher ungehalten links auf und ab, setzt sich jetzt ungeduldig auf den Stuhl links. Julián Ich wäre ein Feigling, wenn ich in verwerflicher Schwäche ruhig zuschauen könnte, wie der Sohn meines Wohltäters durch mein Verschulden zugrunde geht. Severo streng Verzeih, aber du übertreibst deine Verpflichtung zur Dankbarkeit. Es ist mir bekannt, was du dem Vater dieses jungen Mannes schuldig bist, ich weiß, daß du alles Erdenkliche tust, um deine Schuld an seinem Sohn abzutragen. Unterstütze ihn, gib ihm die Hälfte deines Vermögens, ich werde es begreiflich finden, aber ... Julián unterbricht ihn Du weißt sehr wohl, daß er viel zu stolz ist, um dergleichen anzunehmen. Severo kopschüttelnd Dann hast du dir aber nichts vorzuwerfen und wirst nur bedauern, daß es dir sein Eigensinn unmöglich gemacht hat, etwas für ihn zu tun. Alles hat seine Grenzen, auch deine Verpflichtungen. Sie enden da, wo die Ehre deines Hauses gefährdet wird. Julián gefühlvoll Ich würde dir ja gern glauben, wenn du imstande wärest, mir durch eine einzige Handlung Ernestos zu beweisen, daß meine Ehre, die ich höher schätze als mein Leben, bedroht ist. Severo Euer ständiges ungezwungenes Beisammensein! Es genügt den bösen Mäulern. Kann es dir etwas nützen, wenn ich an euch glaube? Du lebst in der Welt und mit der Welt, und sie ist stärker als du. Du hängst von ihr ab wie wir alle, und ihr Urteil ist ohne Berufung, auch wenn es falsch ist. Die Welt wendet sich nun einmal von allem ab, was gegen Brauch und Herkommen ist; sie sucht ihre Erklärungen und findet sie stets mit Leichtigkeit, denn das willkommene Schlechte liegt ja immer so nahe. Und wenn sie nun sieht, daß in der Ehe eines älteren Mannes mit einer hübschen jungen Frau ein Dritter auftaucht, ein netter, interessanter junger Mann, der bald in vertraulichen Beziehungen zu dieser Frau steht, dann sucht die Welt eben die allbekannte Erklärung, und der liebe Mann spielt in ihren Augen die gewöhnlich lächerliche Rolle. Julián ist nach dem Fenster rechts gegangen und stellt sich so, daß er seinem Bruder den Rücken zukehrt. Severo erhebt sich und folgt ihm, scharf den Blick auf ihn gerichtet. Julián zuckt die Achseln Dein Achselzucken wird daran nichts ändern. Die Welt ist nun einmal, wie sie ist. Sie ist erbarmungslos und geht über einen jeden zur Tagesordnung über. Der Geschmähte unterliegt, wird getreten und ist bald vergessen. Ernesto hat unser Haus verlassen, und alles ist gut. Ich müßte lügen, wenn ich sagen sollte, daß ich Kummer über seinen Entschluß empfände, sein Glück in der Ferne zu suchen. Julián mit einem bitteren Ausdruck Du entwickelst ja recht löbliche Grundsätze – das muß ich dir lassen! Du hältst also eine reine Neigung zwischen einem jungen Mann und einer hübschen jungen Frau für undenkbar. Die Freundschaft ist aber kein leerer Wahn! Muß Tugend, wenn sie sich ungewöhnlich zeigt, wie ein niedriges und schimpfliches Laster behandelt werden, weil dies eben das Gewohnte ist? Entrüstet Man möchte an Gott und der Welt verzweifeln! Und das Traurigste ist, daß ich mich selbst dieser verderblichen Einflüsse nicht erwehren kann. Ich spreche es laut und unumwunden und jedermann vernehmlich aus: ›Sie lügen und verleumden, die Erbärmlichen!‹ Und doch flüstert mir in meinem Innersten eine Stimme zu: ›Wenn sie nicht lügen –‹ Er stockt. Severo wird aufmerksam ›Wenn ich der Verblendete wäre?‹ Pause Wenn sie recht behielten, alle die anderen? Das Vertrauen ist ein schlechter Verteidiger in der Festung der Ehre. Niedergeschlagen Wir können unsere Gefühle nicht beherrschen. Die widersprüchlichsten Gedanken in mir bekämpfen sich und zermartern mich. Severo halb tröstend Du wirst ruhiger werden, wenn erst Land und Meer zwischen euch liegen. Julián zuckt zusammen, doch sammelt sich schnell wieder Du glaubst also noch immer, daß ich ihn ziehen lassen werde? Wenn nicht meine Pflicht, so müßte ihn meine Vernunft zurückhalten. Severo Ich begreife dich nicht. Julián Es ist doch nicht so schwer, mich zu verstehen. Seitdem Ernesto unser Haus verlassen hat, fühle ich mich niedergeschlagen. Teodora hat kein freundliches Gesicht mehr bei mir gesehen, keine ruhige Stunde gehabt, kein liebevolles Wort gehört. Das muß sie doch bemerkt haben, sie muß sich doch sagen: ›Was ist denn geschehen? Womit habe ich denn diese Behandlung verdient?‹ Pause, dann unruhig Und nichts kann mich ihr in einem günstigeren Licht erscheinen lassen. Wir entfernen uns stündlich mehr voneinander; mit unserer unbeschwerten Beziehung und unseren vertrauten Gesprächen ist es vorüber. Selbst der Klang unserer Stimmen ist ein anderer geworden. Ich spreche in Mißtrauen und Verbitterung, sie in Trauer und Bekümmernis. Severo nachdenklich Wenn du dir selbst in einem so klaren Licht erscheinst, dann ist es erst recht deine Pflicht, dich zu beherrschen. Julián niedergeschlagen Wenn ich es nur könnte! Ich weiß, daß es ein Unrecht ist, an ihr zu zweifeln, und bin darüber halb wahnsinnig. Dabei wird mein Verlust zu seinem Gewinn. Ich bin der Eifersüchtige, der Tyrann, der Menschenfeind – und er, der das Feld geräumt hat, gewinnt in den Augen der Welt als der Hochherzige und Liebenswürdige. Die Menge fährt unbekümmert mit ihrem Klatsch fort, und die beiden, die es überall aus dem Getuschel heraushören, zu jeder Stunde und an jedem Ort, daß sie sich lieben, glauben endlich selbst daran. Severo Wenn es so ist, gibt es ein besseres Mittel, als die beiden zu trennen? Dein Widerstand ist mir unbegreiflich. Julián immer verzweifelter Der Unbegreifliche bist du! Er soll in die Welt hinaus, vielleicht dem Elend preisgegeben, während wir hier in ruhiger Behaglichkeit am warmen Herd bleiben? Ich soll in den Augen Teodoras als der undankbare, selbstsüchtige Mann erscheinen, als der eifersüchtige Narr, der seiner Ruhe und Bequemlichkeit das Lebensglück eines hilfsbedürftigen Freundes opfert? Ich soll ohne Einspruch hinnehmen, daß ihre Gedanken ihm übers Meer folgen, daß sie ihn in ihren Träumen als ein Opfer menschlicher Undankbarkeit sieht, das Haupt mit der Dornenkrone der Entsagung geschmückt? Du willst, daß ich in ihrem Angesicht die Spuren heimlicher Tränen entdecke, die sie um ihn vergießt, um den Verstoßenen, den Unglücklichen, den Geliebten? Er bricht auf dem Stuhl am Schreibtisch rechts zusammen. Pepito kommt durch die Tür links Mitte. Dritter Auftritt Julián auf dem Stuhl am Schreibtisch. Severo bei ihm. Pepito noch an der Tür links Mitte Severo leise Beruhige dich, man kommt! Pepito sieht Severo und Julián beobachtend und lächelnd an. Severo mit einigen Schritten nach links Du bist's. Was führt dich hierher? Pepito für sich Aha, sie wissen alles. Er kommt nach vorn in die Mitte. Severo steht am Fenster links. Julián sitzt in Gedanken versunken auf dem Stuhl am Schreibtisch rechts. Severo zu Pepito Nun, was gibt's? Pepito Ohne Zweifel komme ich in derselben Angelegenheit, die euch hierher geführt hat. Guten Tag, Onkel! Guten Tag, Vater! Ich bin eigentlich erstaunt, daß ihr die Geschichte schon wißt. Aber freilich, der Auftritt im Café hat auch zu großes Ärgernis erregt. Severo überrascht, vom Fenster weg mehr nach der Mitte gehend Was meinst du denn? Pepito stellt sich verwundert Wie, ihr wißt noch nicht –? Julián ist aufmerksam geworden, steht auf Alles – oder doch wenigstens das Wichtigste davon. Pepito Ich habe mir's gleich gedacht, daß sich der Skandal wie ein Lauffeuer verbreiten würde. Julián Alle sprechen davon. Nur über die Einzelheiten ist man verschiedener Meinung. Was weißt du davon, Pepito? Sehr ironisch Es ist dir ja immer bekannt, was sich zuträgt, und deine Mitteilungen sind auch stets zuverlässig. Pepito brüstet sich O ja, wenn man herumkommt und von allem hört! Julián seine Ungeduld zügelnd Wie steht es also? Pepito Schlecht, sehr schlecht, besonders für Ernesto. Er geht an Severo vorüber nach links. Julián beiseite Was mag denn nur geschehen sein? Laut und scheinbar unbefangen Wirklich? Meinst du nicht, daß sich die Sache noch beilegen lassen wird? Pepito Ich glaube kaum. Auf Wunsch der Parteien haben die Sekundanten zur Entscheidung gedrängt ... Julián nervös Die Sekundanten? Wahrscheinlich weil er schon morgen abreisen will. Schnell Doch wir müssen es verhindern, beides, das Duell und die Abreise. Severo ist Julián nähergetreten, leise Was ist denn das für ein Duell? Julián leise Still! Laut Ich hoffe Ernesto zu einer versöhnlichen Haltung umzustimmen, und auch sein Gegner wird vernünftig sein. Ein vorschnelles Wort kann man ja zurücknehmen. Pepito steht nachlässig am Fenster links, wendet sich um Ein vorschnelles Wort? Du scheinst doch nicht recht unterrichtet zu sein. Du müßtest sonst wissen, daß Ernesto im Café den Grafen von Nebreda in Gegenwart vieler Zeugen geohrfeigt hat. Julián mit gekünstelter Fassung Weil der Graf gelogen hat. Pepito Immerhin. Aber die Beleidigung war eine öffentliche und so schwere, daß ich keine Möglichkeit sehe, das Duell zu verhüten, zumal der Graf keinen Scherz versteht und als ein guter Schläger bekannt ist. Die Bedingungen sind auf Leben und Tod – aufs Messer bis zur Kampfunfähigkeit. Julián in grosser Aufregung Das weiß ich. Aber es muß doch noch eine Möglichkeit geben ... Pepito Wie man in den beteiligten Kreisen meint, kaum. Julián sucht jetzt von Pepito Näheres zu erfahren Ich kann immer noch nicht begreifen, wie sich Ernesto so durch seinen Jähzorn hat hinreißen lassen? Pepito Er ist, wie Sie wissen, sehr nervös, und dabei hat ihm auch sein heißes Blut schon manchen Streich gespielt. Er hatte sich mit einem Freund im Café verabredet, der gute Beziehungen zum Ausland besitzt und ihm ein Empfehlungsschreiben geben wollte. Er sitzt ganz allein an seinem Tisch und achtet wenig auf die lustige Gesellschaft junger Leute an einem Nebentisch. Da hört er plötzlich seinen Namen und eine spöttische Bemerkung über seine Abreise. Er wird aufmerksam und vernimmt nun den Namen einer Dame in Verbindung mit dem seinen. Es fallen gehässige Bemerkungen unter höhnischem Achselzucken, die allgemein schallendes Gelächter hervorrufen. Das war zuviel! Das Blut schießt ihm ins Gesicht, er erhebt sich, ergreift den jungen Grafen Nebreda am Handgelenk, und, vor Wut zitternd, sagt er mit heiserer Stimme: ›Elender, du lügst! Widerrufe!‹ Ihr könnt euch den Auftritt vorstellen! Ein Todesschweigen. Der Graf, blaß vor Zorn, erhebt die Hand zum Schlag. Aber Ernesto kommt ihm zuvor und trifft ihn mit der geballten Faust ins Gesicht. Der Graf will die Beleidigung erwidern, doch die Anwesenden werfen sich dazwischen und trennen die Wütenden. Julián in fieberhafter Spannung Und der Name der Dame? Pepito schweigt verlegen. Julián auffahrend Teodora! Ich wußte es! Er bricht auf dem Stuhl am Schreibtisch rechts zusammen und stützt den Kopf in die Hände. Severo leise und vorwurfsvoll Pepito! Er geht auf Julián zu Julián, fasse dich! Julián matt Du hast recht, ich brauche Ruhe. Meine Frau ist beleidigt, und ich erlaube niemandem, für ihre Ehre einzutreten. Das ist meine Sache. Er steht auf, zu Severo Darf ich auf dich zählen, Severo? Severo Du kannst immer auf mich zählen. Julián in der Mitte, streng zu Pepito Nun gib Antwort auf meine Fragen. Wann soll das Duell stattfinden? Pepito Heute nachmittag drei Uhr. Julián Wer sind die Sekundanten? Pepito Ich kenne beide. Alcaraz und Rueda. Julián Auch ich kenne sie. Bleib hier, bis Ernesto kommt. Und schweige über alles, was hier vorgefallen ist – hörst du! Er wendet sich an Severo Komm mit, Severo. Severo Wohin? Julián schnell Zum Grafen von Nebreda. Die Verleumdung hat sich bis zu dieser Stunde vor meinen Augen versteckt, sie war überall und nirgends. Ich fühlte sie, doch habe ich sie nicht festhalten können. Endlich fasse ich einen, er hat Fleisch und Blut. Ich halte ihn fest, er soll mir nicht entschlüpfen, der Kerl! Komm, gehen wir! Er geht mit Severo ab nach links Mitte. Vierter Auftritt Pepito allein Pepito geht auf und ab, bleibt gelegentlich stehen Mag mein Onkel sagen, was er will, eine Torheit war es, mit Teodora und Ernesto unter einem Dach zu wohnen. Ernesto ist ein Feuerkopf, ein Romantiker, der wohl einem hübschen Weib den Kopf verdrehen kann. Mag er auch schwören, daß nichts geschehen ist, daß ihn einzig und allein die reine Zuneigung fesselt, daß er sie wie eine Schwester und ihren Mann wie seinen Vater liebt. Ich denke anders und habe doch auch schon manches in der Welt gesehen. Einer hübschen Cousine und einem ebenso hübschen Cousin traue ich nicht über den Weg. Und nehmen wir einmal an, daß es wirklich so ist, wie er sagt: was sollen die Leute von der Sache denken und warum ist sie in aller Munde? Wer kann denn vorschreiben, Gutes anzunehmen? Sehen sie die beiden nicht immer zusammen, im Theater, im Konzert, auf der Promenade, auf der Spazierfahrt? Unvorsichtig sind sie auf alle Fälle gewesen. Und wenn sie auch nur ein einziges Mal allein zusammen ausgegangen wären und hundert Personen hätten sie gesehen, so ist es, als wären sie nicht an einem Tage, sondern an hundert verschiedenen Tagen beobachtet worden. Wer hat sich zu vergewissern, ob diese Frau und dieser Mann nur einmal oder oft zusammen gesehen worden sind? Fragt die Menge nach Zuneigung oder brüderlicher Liebe? Pause Alle erzählen nur, was sie gesehen haben, und darin lügen sie nicht. Der eine hat sie gesehen – der andere – ein Dritter – ein Vierter ein Fünfter meldet sich – und so geht es fort bis ins Unendliche! Jeder hat sie eben gesehen. Da ist's vorbei mit den Rücksichten, und der Verdacht wird zur Gewißheit. Pause Man kann nicht mehr von der reinen Liebe der beiden überzeugt sein, denn töricht erscheint es, in Teodoras Nähe zu leben, ohne sie zu lieben. Er geht nach rechts und setzt sich an den Schreibtisch Mag Ernesto ein Dichter, ein Philosoph, ein Mathematiker oder sonst etwas sein, er bleibt immer nur Mensch – und sie – sie das schöne, verführerische Weib! Es reicht gerade hin zu einem Fehltritt! Er sieht sich um und macht mit den Händen eine entsprechende Bewegung Diesen vier Wänden hat Ernesto seine innersten Gedanken anvertraut, und lange hätte ich nicht zu suchen, um Schuldbeweise zu finden. Vielleicht auch Beweise vom Gegenteil wer kann's wissen. Er sieht auf den Schreibtisch Aber schon diese Photorahmen geben zu denken. Der eine ist leer, und in dem anderen sehe ich Julián. Er nimmt den leeren Rahmen in die Hand Aus diesem leeren Rahmen haben doch früher die schönen Züge meiner Tante den Dichter begeistert. Warum hat er das Bild herausgenommen? Um es zu vernichten – oder um es mit dem Platz auf seinem Herzen zu vertauschen? Nun, es wird sich ja bald zeigen. In Gedanken verloren Kleine Teufelchen flattern durch den Raum, spinnen unsichtbare Fäden und klagen ohne Erbarmen den mit sich ringenden Philosophen an. Er erblickt auf dem Tisch das aufgeschlagene Buch, nimmt es zur Hand und blättert darin; dann spöttisch Immer das Buch auf derselben Seite aufgeschlagen. Er liest Dantes Göttliche Komödie. Und immer die Episode der Francesca da Rimini! Wie soll man das verstehen? Entweder liest Ernesto niemals darin, oder laut auflachend er liest immer dasselbe. Er sucht auf dem Schreibtisch herum Hier Spuren, die von Tränen herrühren. Verraten sie mir sein Geheimnis? Onkel, Onkel! Wie schwer ist es, verheiratet zu sein und ein ruhiges Leben zu genießen. Er nimmt ein Stück verkohltes Papier vom Tisch Ein Papier, zu Asche verbrannt, und doch noch Schriftspuren? Er hält es gegen das Licht und bemüht sich, die Schrift zu entziffern. Ernesto kommt von links Mitte. Fünfter Auftritt Pepito, Ernesto links von ihm Ernesto bleibt überrascht stehen Pepito! Was machst du denn da! Pepito steht auf, verlegen Ein Stückchen verbranntes Papier, das mir aufgefallen war. Ernesto ist inzwischen nach vorn gekommen, nimmt ihm das Papier ab; nachdem er es betrachtet hat, gibt er es ihm zurück Ich kann mich nicht mehr erinnern, was es war. Pepito Es waren Verse. Sie werden dir bekannt sein! Er liest mit großer Schwierigkeit Das – Feuer –, das – in mir – brennt – Ernesto unterbricht ihn unwillig Laß! Pepito legt das Papier auf den Schreibtisch und lehnt sich auf seinen Stuhl Wie du willst! Ernesto geht an Pepito vorbei zum Schreibtisch rechts und sieht auf die verkohlten Reste Ein Symbol des Lebens. Einige Schmerzensschreie und ein bißchen Asche. Pepito bleibt hinter seinem Stuhl stehen Es waren doch Verse? Ernesto Ja. Unwillkürlich fließen sie mir oft in die Feder. In Gedanken Aber gestern abend habe ich nicht gearbeitet. Pepito Und nur um deiner Feder zu Hilfe zu kommen, um dich in die richtige Stimmung zu versetzen, suchst du Begeisterung hier im Buche des Meisters? Er zeigt nach dem Dante auf dem Schreibtisch Es ist ein großartiges Werk, dem man die Bewunderung nicht versagen darf. Gleich hier die Episode der Francesca da Rimini ... Ernesto ironisch und ungeduldig Du bist heute ja recht wißbegierig. Pepito Ich sah das Buch aufgeschlagen und fand eine Stelle, die du mir erklären mußt. Francesca und Paolo lesen eine Liebesgeschichte zusammen bis zu der Stelle, wo der Verfasser von der Liebe des Lanzelot und der Königin Ginevra spricht. Er klopft auf das Buch Das Feuer der Verse reißt den jungen Mann in seiner Liebestollheit hin, die Königin zu küssen. Er fixiert Ernesto Du nennst dein Drama ›Galeoto‹. Wer aber ist dieser Galeoto, der sich gerade in dem Augenblick rettet, wo sich die Liebenden in die Arme sinken? Ernesto mit einigen Schritten nach links Galeoto ist der Vermittler zwischen Lanzelot und der Königin. Er ist der erbärmliche Unterhändler, der den Unschuldigen nachspürt, sie anklagt, sich dann mit einem Hohngelächter in Sicherheit bringt, ohne sich über die Strafe zu beunruhigen, die seine armen Opfer treffen wird. Der große Ehrenhändler menschlicher Seelen, das ist Galeoto. So nennt ihn Dante in seinem Buch, das Francesca mit ihrem Schwager liest; in jenem Buch, das ihre Liebe entstehen, sie ihre Pflichten vergessen läßt, das sie schließlich zur Verdammnis fuhrt. Und ich nenne mein Stück ›Galeoto‹, weil in ihm dieselbe dunkle Macht die Katastrophe herbeiführt. Mein Galeoto ist keine wirkliche, keine lebende Person, er ist eine Personifizierung der Gesellschaft, die durch ihre Kleinlichkeit und die niedrige Gesinnung diese beiden reinen Seelen gewaltsam zusammenführt, die deren Unbeflecktheit durch gemeinen Argwohn vergiftet, die das Böse in diese unschuldigen Herzen sät, die sie so wütend anklagt und verleumdet, daß sich beide schließlich schuldig in die Arme fallen müssen . Eindringlich und gesteigert Eine Wolke von Bosheit umgibt sie, die sie von allen anderen trennt, eine Lawine von Verleumdungen überschüttet sie, und im großen Unglück vereinigen sie sich und gehen als Schuldige unter. Und die Gesellschaft, die Urheberin ihres Falles, jubelt, sie hat ja so recht gehabt! Pause Verstehst du nun, was ich der Welt vorführen will? Man kann mein Stück auspfeifen, was tut's? Ich habe mich ausgesprochen und rühre vielleicht doch diesem oder jenem an die Seele. Pepito nach einer Weile Und bedenkst du denn nicht, daß du vor einem Duell stehst? Weißt du denn nicht, daß der Graf von Nebreda eine sehr gute Klinge führt? Ich meine, das wäre jetzt wichtiger, als an dein neues Stück zu denken. Ernesto Ich denke so: Wenn ich den Grafen töte, hat die Welt die Wette gewonnen; tötet er mich, so bin ich der Gewinner. Pepito Deine Ruhe ist wirklich unheimlich. Ernesto Vor dem Unabänderlichen bin ich immer ruhig. Pepito neugierig Also gibt es keinen Ausweg mehr? Ernesto sehr gelassen Keinen. Pepito Wann? Heute um drei Uhr? Ernesto wie oben Um drei Uhr. Pepito Hast du einen guten Ort? Die Zeit ist schlecht gewählt. Ernesto Beruhige dich; wir werden ungestört bleiben. Hier über uns ist ein leeres Atelier mit Oberlicht. Der Hauswart hat uns für klingende Münze die Schlüssel zur Verfügung gestellt. Die Sekundanten sind benachrichtigt, die Waffen werden bereit sein. Pepito lauscht nach links Mitte Still! Ich höre jemanden im Vorzimmer. Vielleicht deine Sekundanten? Ernesto geht nach hinten und horcht an der Tür links Mitte Nein, es ist noch zu früh. Pepito aufmerksam Es spricht jemand. Eine Frauenstimme? Die Vermieterin kommt von links vorn. Sechster Auftritt Die Vorigen, Vermieterin an der Tür Vermieterin zu Ernesto Es ist jemand da, der Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen möchte. Ernesto Ich habe leider wenig Zeit. Wer ist es? Vermieterin wichtig Eine Dame. Ernesto Das ist sonderbar. Pepito nachlässig Ist sie hübsch? Vermieterin Ich kann es nicht sagen. Auf dem Flur ist es ziemlich dunkel, und sie ist dicht verschleiert. Sie scheint sehr aufgeregt zu sein, sie sprach schnell, und ihre Stimme zitterte. Sie wird sich nicht abweisen lassen. Ernesto zu Pepito Wer zum Teufel mag das denn sein? Pepito Gleichviel, du mußt sie empfangen. Es scheint doch von Wichtigkeit zu sein, was sie dir anzuvertrauen hat. Er nimmt seinen Hut Ich lasse dich allein. Zu allem andern wünsche ich dir Glück. Zur Vermieterin Worauf warten Sie denn noch ? Vermieterin zögernd Ich weiß noch nicht, ob der Herr die Dame empfangen will? Pepito Natürlich. Lassen Sie sie nur eintreten. Sonst aber ist der Herr für niemanden zu sprechen. Mit Nachdruck Hören Sie, für niemanden. Vermieterin zuvorkommend Ich verstehe. Pepito Leb wohl, Ernesto! Er gibt ihm ausdrucksvoll die Hand und geht zur Tür links Mitte. Vermieterin öffnet ihm. Pepita geht ab nach links Mitte. Vermieterin entfernt sich nach links vorn. Ernesto geht nach seinem Schreibtisch Was mag man von mir wollen? Und eine Dame? Teodora erscheint in der Tür links vorn. Siebenter Auftritt Ernesto, Teodora links von ihm; dann Pepitos Stimme. Teodora bleibt auf der Schwelle stehen. Ernesto begrüßt sie Sie wünschen mich zu sprechen. Haben Sie die Güte, näherzutreten. Teodora zieht den Schleier ab. Ernesto äußerst überrascht Teodora! Er verbessert sich Gnädige Frau –! Teodora so aufgeregt, daß sie kaum Worte finden kann Wo – ist – Julián? Ernesto erstaunt Ich weiß nicht. Teodora wie oben Ich muß ihn sprechen – und zwar hier. Ernesto Beruhigen Sie sich, gnädige Frau. Teodora in höchster Unruhe, halblaut Ich muß ihn – augenblicklich – ich will ihm schwören – Mercedes hat mir gesagt, daß er mit Don Severo zu Ihnen gegangen sei, daß ich ihn hier sicher finden werde... Ernesto tritt näher Gut, so erwarten Sie ihn hier. Teodora unruhig Hier? Ernesto geht nach der Tür links Mitte, horcht einige Augenblicke und kommt dann wieder nach vorn Ich weiß das Vertrauen, mit dem Sie mich ehren, zu schätzen, fürchten Sie nichts, gnädige Frau. Seien Sie unbesorgt und setzen Sie sich! Teodora ablehnend Ernesto, es gab eine Zeit – ach! – sie ist leider entschwunden–, wo ich so sorglos in Ihr Zimmer trat wie in das eines Bruders. Ja, in diesem Augenblick – ich fühle es deutlich und klar hat die Abschiedsstunde geschlagen. Damals hätte ich dem scheidenden Freund arglos mit Wehmut die Hand gegeben, die ganze Welt hätte meine Zuneigung sehen können. Jetzt schleiche ich mich verschleiert zu Ihnen, ich komme mir vor wie eine Verbrecherin, meine Hände zittern, ich ängstige mich bei dem Gedanken, daß uns ein Fremder hier überraschen könnte. Weshalb? Weshalb? Erklären Sie es mir, Ernesto, weshalb? Ernesto steht wie gebannt und wendet den Blick nicht von ihr Gnädige Frau, ich kann Ihnen darauf nicht antworten. Dieser Veränderung gegenüber bin ich ebenso mut- und trostlos wie Sie. Auch mir ist klar, daß sich ohne unser Verschulden ein Abgrund zwischen uns aufgetan hat. Ihn zu überbrücken, finde ich kein Mittel. Wenn sich jetzt unsere Hände berühren, sind unsere Gedanken andere als damals. Und was mich am schmerzlichsten trifft, ist die Überzeugung, daß ich meinem Wohltäter, meinem besten Freund, die Ruhe geraubt habe, daß ich die Veranlassung bin, daß auch andere um mich leiden – wie Sie, gnädige Frau – Teodora unterbricht ihn Sprechen Sie nicht von mir. Ja, ich habe qualvolle Nächte durchlebt. Es hat mich gefoltert bis zum Wahnsinn, es hat mich fast aufgerieben, Julián an mir zweifeln zu sehen. Und doch empfand ich keine Bitterkeit gegen Sie. Sie haben keine Schuld – und wenn Julián an mir und meiner Liebe irre wird, Sie trifft sein Vorwurf nicht. Ernesto verzweifelnd Ich kann es nicht fassen! Wie kann ein Mann an einer Frau, wie Sie es sind, zweifeln? Teodora Es drückt ihn schwer. Entschuldigen Sie ihn, klagen Sie ihn nicht an. Ernesto Ich ihn anklagen? Ich? Den armen Julián? Ich begreife es nur zu gut, wie ihm die Eifersucht am Herzen nagt. Es gibt ja Menschen, die an Gott und der Welt zweifeln. Wer reich ist, verteidigt sein Geld und bewacht es mißtrauisch. Besäße ich die übernatürliche Gewalt, Sie zu gewinnen, bei meinem Leben, Teodora, ich würde auch zweifeln. Lärmende Stimmen links Mitte . Teodora fährt entsetzt zusammen Still, man kommt! Ernesto sieht nach seiner Uhr Unmöglich. Teodora plötzlich freudig bewegt Julián! Ich erkenne seine Stimme. Und er ist nicht allein. Sie eilt nach hinten, ihm entgegen. Ernesto versucht sie respektvoll davon zurückzuhalten, horcht links Mitte an der Tür. Nein – bleiben Sie! Teodora Wen kann er bei sich haben? Ernesto flüstert ihr zu Wenn er nicht allein ist, dann treten Sie durch diese Gardine in den Alkoven. Er führt sie nach dem Alkoven rechts Mitte und horcht dann wieder an der Tür links Mitte Bleiben Sie, es ist wieder ruhig. Vielleicht hat die Wirtin den Besuch abgewiesen. Er wendet sich wieder zu ihr Wie Sie zittern! Er ergreift ihre Hände. Teodora Ich sterbe vor Angst. Die Zeit geht dahin – und... Ernesto Ja, die Zeit verrinnt, und ich vergesse ganz, daß wir hier nicht zusammen bleiben können. Ich erwarte – Freunde, die ich nicht abweisen kann. Teodora Ich weiß es. Ernesto erstaunt Wie können Sie das wissen? Teodora Meine Schwägerin hat es mir gesagt. Sie wollen sich meinetwegen schlagen. Aber ich werde es nicht dulden. Ernesto Man hat Sie beleidigt, verleumdet! Ich habe Ihre Sache zu der meinen gemacht, und nun betrifft sie nicht mehr Sie – sie geht nur noch mich alleine an. Teodora Nein! Stets uns beide! Und wenn ich Ihnen befehle... Ernesto Ich würde Ihnen blindlings folgen, verfügen Sie über mich, über alles, was ich besitze – nur nicht über meine Ehrenpflicht! An jener Grenze, wo die Ehre gebietet, endet Ihre Macht über mich. Teodora Auch dann, wenn das Ärgernis über das Gerede, welches das Duell verursachen muß, die Verleumdung nur noch unterstützen und ihre Erbärmlichkeit bekräftigen wird? Ernesto Das Ärgernis ist schon da, es kann nicht größer werden. Nichts wird es ganz unterdrücken, man kann es nur noch abschwächen durch die Strafe, der ich mich freiwillig unterziehe. Teodora zögernd Und Julián? Ernesto Nun? Teodora Glauben Sie, daß es ihm so gleichgültig sein wird, einen anderen für die Ehre seiner Frau eintreten zu sehen? Ernesto Ich habe nicht das Recht, die Frau meines Wohltäters zu verteidigen, und ich maße mir keine fremden Rechte an. Es ist nicht von Ihnen die Rede, sondern einzig und allein von einer Dame, die in meiner Gegenwart beleidigt worden ist. Ich habe diese Beleidigung gehört, ich bin der Freund dieser Dame, ich war zur Stelle, ich habe dem Beleidiger die wohlverdiente Züchtigung erteilt und mich um nichts anderes gekümmert. Teodora sehr schmerzlich bewegt Es wird Ihnen nicht schwer werden, mir zu beweisen, daß Sie im Recht sind, ich würde gegen Ihre Begründung doch nicht ankämpfen können. Aber sind Ihnen denn meine Empfindungen so gänzlich gleichgültig? Ernesto, ich bitte Sie, haben Sie Mitleid mit mir, Sie dürfen sich nicht schlagen – Sie können es auch nicht, wenn Sie nur ein wenig Rücksicht auf mich nehmen wollen. Ernesto Und ich beschwöre Sie, machen Sie mir das Duell nicht zu Unmöglichem. Es muß stattfinden – und es wird stattfinden – die Beschimpfung kann nicht ungesühnt bleiben. Und wenn ich zurückträte, würde die Welt sagen: Der Feigling verkriecht sich! Julián würde sich statt meiner schlagen, und was hätten Sie dabei zu gewinnen? Der Ausgang eines Zweikampfes ist unsicher, nur zu oft, beinahe immer, gibt er dem Verleumder recht! Was liegt an mir. Pause Wer wird mich beklagen? Ich stehe allein... Teodora zaghaft Sie wissen nicht, wie weh Sie mir tun – wie heiß meine Gebete für Sie zum Himmel stiegen ... Ernesto traurig Man betet für die ganze Welt, nur einen einzigen beweint man. Teodora fassungslos in Tränen Sehen Sie mich an, und haben Sie Mitleid mit mir. Ernesto will sich ihr nähern, bleibt plötzlich mit einer leidenschaftlichen Bewegung wie angewurzelt stehen. Draußen links Mitte Stimmen und Geräusch. Teodora zeigt nach der Tür links Mitte. Dann flüsternd, sehr rasch. Ernesto eilt nach der Tür links Mitte Es ist jemand da. Teodora ebenso Man verlangt dringend Einlaß. Ernesto zuckt zusammen Ja! Er weist mechanisch nach dem Alkoven rechts Mitte Dorthin, Teodora! Verbergen Sie sich! Teodora außer sich Was? Ich soll mich verbergen? Juliáns Verdacht wird sich nur noch vergrößern. Ernesto Julián? Nach links Mitte zeigend Und wenn dies nicht Ihr Mann wäre? Teodora wiederholt wie betäubt Wenn dies nicht mein Mann wäre? Ernesto fieberhaft Es sind die Sekundanten, schnell! Er drängt sie nach dem Alkoven rechts Mitte. Teodora sich vergessend, schreit in tiefer Leidenschaft auf Sie dürfen sich nicht schlagen, Sie müssen leben! Ernesto mit großer Festigkeit Hassen Sie mich meinetwegen, verachten sollen Sie mich nicht! Teodora vollständig gebrochen und willenlos Barmherziger Gott! Ernesto drängt Teodora nach dem Alkoven. Teodora gibt willenlos nach und verschwindet hinter der Gardine. Die Stimmen draußen links Mitte haben sich verstärkt. Ernesto schließt die Gardine, macht einige Schritte nach links. Pepito ruft draußen Ernesto! Ernesto! Anscheinend zur Vermieterin Gehen Sie zum Teufel! Ich muß ihn sprechen! Er stürzt aufgeregt durch die Tür links Mitte ins Zimmer. Achter Auftritt Pepito, Ernesto links von ihm Ernesto überrascht Um Gottes willen, was ist geschehen? Pepito Das Fürchterlichste, was du dir denken kannst. Ein schreckliches Unglück! Julián hat von dem Duell gehört und ist dir zuvorgekommen. Er hat den Grafen aufgesucht und ihn durch eine tödliche Beleidigung gezwungen, sich mit ihm zu schlagen. Er ist hier gewesen, man hat ihn nicht eintreten lassen. Deine Zeugen haben ihm sekundiert. Ernesto in größter Aufregung Sie haben sich geschlagen? Pepito Wie zwei Besessene! Er zeigt nach oben Hier über uns. Ernesto mit einem scheuen Blick auf den Alkoven, seine Bewegungen ängstlich und nervös Er ist verwundet? Pepito Tödlich. Ernesto erschrocken Nicht so laut, Pepito! Um Himmels willen, leiser! Die Tür links Mitte öffnet sich. Pepito Da bringen sie ihn schon. Julián wird von links Mitte hereingeführt, stützt sich auf den Arm seines Bruders Severo. Der Arzt, Rueda und der zweite Sekundant folgen. neunter Auftritt Pepito, Severo, Arzt, Julián, Ernesto, Rueda, Sekundant Ernesto stürzt auf Julián zu, fällt aufs Knie und ergreift Juliáns Hand Julián, mein Freund, mein Wohltäter, mein Vater! Julián mit schwacher Stimme Laß gut sein – mein guter Junge – wir haben unsere Pflicht getan – du die deine – und ich – die meine. Ernesto in Verzweiflung O es ist entsetzlich! Severo stützt Julián und drängt Schnell! Schnell! Er spricht leise mit dem Arzt und nimmt dessen Anordnungen entgegen. Ernesto kniend Vater! Severo Der Schmerz überwältigt ihn. Ernesto wie abwesend Nebreda, dieser Schurke, er soll mir für zwei zahlen. Severo Der Arzt befiehlt schnell ins Bett! Pepito zu den anderen, indem er nach dem Alkoven zeigt Das Bett steht im Alkoven, hinten an der Wand. Ernesto ganz in Gedanken versunken, kniet noch immer vor Julián Nebreda! Severo Die Tollheiten sind zu Ende. Ernesto faßt sich Tollheiten? Wir werden sehen! Er steht auf und geht nach dem Hintergrund. Severo Der Kranke soll auf das Bett gelegt werden, in den Alkoven. Ernesto bleibt plötzlich wie angewurzelt stehen Wo? Wohin? Severo zeigt nach dem Alkoven Dorthin. Pepito Ja. Ernesto stürzt vor die Gardinen und deckt sie mit seinem Körper Halt, nein! Severo verwundert Du verweigerst uns das? Wie soll ich das verstehen? Pepito Bist du wahnsinnig? Severo Siehst du nicht, daß er uns sonst unter den Händen stirbt? Ernesto kämpft in heller Verzweiflung, mit erstickter Stimme Dort nicht –! Julián zu Ernesto Was sagst du, mein Junge –? Du verweigerst mir –? Er richtet sich mit Anstrengung auf und sieht Ernesto durchdringend an. Ernesto Zweifeln Sie an mir? Er geht ein paar Schritte nach vorn und will Julián die Hand geben. Severo benutzt diesen Augenblick, eilt nach hinten und öffnet die Gardinen Es muß sein! Pepito tritt zu Julián, um ihn zu stützen. Teodora wird in dem Alkoven rechts Mitte sichtbar. Zehnter Auftritt Pepito, Julián, Severo, Arzt, Teodora, Ernesto, Rueda, Sekundant Severo prallt zurück. Severo und Pepito Was ist das? Rueda Eine Frau? Ernesto dreht sich um, in schrecklichster Bestürzung Allmächtiger Gott! Pause. Fast gleichzeitig. Teodora stürzt leidenschaftlich und schluchzend nach vorn zu Julián Julián! Nein, du zweifelst nicht an mir! Julián sieht sie mit äußerster Anstrengung an, ergreift die Hände Severos und Pepitos, die ihn stützen Wer ist das? Er richtet sich auf. Pause. Dann mit einem fürchterlichen Aufschrei Teodora! Er bricht ohnmächtig zusammen. Dritter Aufzug Derselbe Salon wie im ersten Aufzug. Der Speisesaal hinten ist geschlossen. Auf den Tischen rechts und links brennen Lampen. Es ist Abend Erster Auftritt Pepito allein Pepito tritt rechts hinten ein, geht quer durch den Salon und bleibt vor dem Tisch links stehen Sollte der bedenkliche Zustand wirklich vorüber sein? Armer Julián, du dauerst mich. Dein Leben steht auf dem Spiel. Du wirst es verlieren wie deine Ehre und deinen guten Ruf. Vor den Augen der Welt zerrinnen beide wie Nebel. Zum Teufel mit allen Dichtungen, wir erleben hier im eigenen Haus ein Drama, das uns Skandal und Niederträchtigkeit genug einbringt. Was war das heute für ein entsetzlicher Tag. Pause Wir hätten ihn nicht hierher bringen sollen, der Weg war zu weit, seine Kräfte sind erschöpft. Freilich war es sein Wunsch. Er wollte unbedingt aus diesem Zimmer fort, in dem Teodora – Er wendet sich um nach links vorn. Die Tür links vorn öffnet sich Wer kommt? Ach, meine Mutter! Mercedes kommt durch die Tür links vorn. Zweiter Auftritt Pepito, Mercedes links von ihm Mercedes stürzt in heftiger Aufregung auf Pepito zu Nun? Pepito Die Schmerzen haben sich verringert, er ist ruhiger. Mercedes Was meint der Arzt? Pepito Er ist ungehalten darüber, daß Julián nicht auf ihn gehört hat und nicht da blieb, wo er war. Das Hinabtragen auf der Treppe, die Stöße im Wagen haben seinen Zustand verschlimmert. Er sagt, daß es kaum noch Hoffnung gäbe. Mercedes geht händeringend im Zimmer auf und ab Es ist fürchterlich. Pepito setzt sich auf das Rundsofa Der Arzt hat gut reden, aber welcher Ehrenmann, in dem noch irgendein Lebensfunke glimmt, hätte in jenem Hause bleiben wollen? Mercedes Und was sagt der Vater? Pepito Er ist geistesabwesend. Zum erstenmal in meinem Leben flößt er mir Angst ein. Wir wissen ja alle, wie sehr er Julián liebt, aber daß ihn Zorn und Schmerz derart niederbeugen würden, das hätte ich nie geglaubt. Er sitzt am Bett seines Bruders, läßt seine Hand nicht aus der seinen, und Julián liegt wie ein Toter da, mit großen starren Augen. Nur manchmal stößt er heiser ›Teodora‹ hervor. Dann bleibt er wieder lange unbeweglich, als wenn alles Leben aus ihm gewichen wäre. Plötzlich erfaßt ihn eine unbeschreibliche Unruhe. Er ist kaum im Bett festzuhalten, er will zu ihr, zu ihm, die ihn erwarten, wie er meint. Nur mit großer Mühe gelingt es dem Vater, ihn davon abzubringen. Dann krampfen sich die Finger, mit seinen wilden Blicken, seinem zerrauften Haar sieht er wie ein Wahnsinniger aus. Mercedes Es ist entsetzlich. Und der Vater? Pepito Er gibt sich die größte Mühe, ihn zu beruhigen. In seinen milden, rührenden und versöhnlichen Worten wird er nur manchmal selbst vom Zorn übermannt. Dann ruft er unwillkürlich und drohend: ›Die Elende! Der Kerl!‹ und versinkt dann selbst in starres Nachdenken, bis ihn ein neuer Anfall seines Bruders bestürzt. Pause Aber wo ist Tante Teodora? Mercedes Wo soll sie sein, bei mir oben. Pepito Immer noch? Mercedes Wäre es menschlich, hätte ich das Recht, sie um diese Stunde aus dem Haus zu weisen? Selbst wenn sie schuldig wäre, würde ich ihr mein Mitgefühl nicht versagen können. Und sie ist unschuldig, Pepito, ich bin davon überzeugt. Sie ist ein törichtes Kind, aber ein Verschulden trifft sie nicht. Pepito ärgerlich Jawohl, ein Kind –, vorwurfsvoll das in Unschuld und Einfalt den Mann in den Tod treibt. Mercedes Wenn du sie sähest, würdest du milder urteilen. Es ist dein Freund, der Dichter, der Träumer, der Idealist, der die Schuld an allem trägt. Was mag wohl aus ihm geworden sein? Pepito Weiß ich es! Vielleicht irrt er unter den Folterqualen seines Gewissens auf den Straßen umher. Vielleicht arbeitet er zu Hause bei traulichem Lampenschein an seinem Meisterwerk, an seinem ›Galeoto‹. Genaro kommt von links vorn. Dritter Auftritt Die Vorigen, Genaro Genaro meldet Don Ernesto! Mercedes überrascht Welche Unverfrorenheit! Pepito steht auf, entrüstet Wir sind nicht für ihn zu sprechen. Genaro an der Tür Ich habe Don Ernesto gesagt, daß der Herr krank sei und der Arzt alle Besuche untersagt habe –, aber der junge Herr besteht darauf, vorgelassen zu werden. Nur auf einen Augenblick, meinte er. Er läßt seinen Wagen warten. Pepito beratschlagt mit seiner Mutter Was sollen wir tun? Mercedes Tu, was du für richtig hältst. Pepito nach einer Pause, steht in der Mitte Lassen Sie ihn eintreten. Zu seiner Mutter Ich werde ihm selbst die Tür weisen. Genaro läßt Ernesto links vorn eintreten und schließt hinter ihm. Vierter Auftritt Mercedes rechts, Pepito in der Mitte, Ernesto links vorn Mercedes setzt sich auf einen Sessel rechts. Pepito bleibt in der Mitte. Beide beachten Ernesto nicht, nachdem er durch die Tür links vorn eingetreten ist. Ernesto nach einer Pause, leise Das ist heute mein Empfang? Und weshalb? O mein Gott! Er tritt näher. Pepito abweisend zu Ernesto Don Ernesto, Sie begreifen... Ernesto Ich errate, daß Sie mir die Tür weisen wollen, doch ich wüßte nicht, warum. Die Jugend hat freilich ihre Eigenart, doch ihr sicheres Gefühl für Recht und Unrecht ist nicht anzuzweifeln. Oder zweifeln Sie wirklich an mir, Pepito? Pepito plötzlich verändert Nein, Ernesto, wenn ich dich höre und sehe, ist es mir unmöglich, dich für schuldig zu halten. Aber ich bitte dich herzlich, leidenschaftlich geh fort von hier! Wenn etwas von deiner alten Freundschaft mir noch geblieben ist, so säume nicht länger! Pause Wenn dir hier jemand begegnete – mein Vater vielleicht – Schmerz und Zorn würden ihn rasen lassen – es käme zu einem neuen Auftritt – ich flehe dich an, Ernesto! Ernesto steht unbeweglich und starrt vor sich hin. Pepito fährt nach einigem Schweigen mit Wärme fort Du hast dich vorhin nicht vergeblich auf meine Jugend berufen. Ich glaube dir, aber die anderen werden dir nicht glauben. Die Welt denkt – und spricht wie der Graf von Nebreda. Ernesto Dem habe ich für's erste das Sprechen verleidet. Pepito erstaunt Du hast dich mit ihm geschlagen? Mercedes steht auf und tritt näher. Ernesto Er hatte den Saal noch nicht mit seinen Zeugen verlassen. Ich war in meiner Wohnung allein geblieben, immer das schreckliche Bild vor Augen, wie ein Mensch, der auf den Tod verwundet ist, von zwei Männern aus meinem Zimmer geschleppt wird, wie ihm eine bleiche Frau ohne Besinnen folgt. Da hörte ich über mir Schritte, und es durchzuckte mich wie ein Blitz, daß ich den Grafen vielleicht noch treffen könnte. Wie ein Besessener stürzte ich die Treppe hinauf – er stand mir gegenüber – wir zogen die Degen – die Klingen kreuzten sich. Dann warf sich einer der Sekundanten plötzlich mit erhobenem Arm zwischen uns und rief: ›Genug!‹ Der Elende war kampfunfähig zusammengebrochen. Mercedes Tot? Ernesto zögernd und unsicher Ich weiß nicht. Mercedes wendet sich schaudernd ab. Ernesto fährt mit steigender großer Wärme fort Haben Sie Mitleid mit mir, gnädige Frau! O sagen Sie mir – Julián, mein Freund, mein Wohltäter – lebt er noch? Sprechen Sie es aus, daß er noch am Leben ist. Es ist nicht auszudenken, wenn er sterben müßte. Ich will ihn sehen. Mercedes Das ist unmöglich. Pepito Gänzlich ausgeschlossen. Ernesto Ich muß ihn sehen. Er darf nicht sterben, bevor er mir nicht sein Vertrauen wiedergeschenkt hat. Mercedes nachdrücklich Um Himmels willen, sprechen Sie leise! Ernesto Hüten Sie sich, gnädige Frau! Wenn man einen Menschen ächtet wie mich, wenn man ihn ins Verderben geradezu hineinsetzt, kann es nicht allein für ihn, sondern auch für alle anderen gefährlich werden. Ich habe nichts mehr zu verlieren, denn ich habe in diesem Kampf gegen ironisch ›alle Welt‹ die Freundschaft, die Liebe und die Ehre eingebüßt. Man kann mir nichts mehr nehmen. Pepito Ich bitte dich, Ernesto, nimm dich zusammen. Wenn er deine Stimme hörte... Ernesto schnell einfallend O daß er sie hören könnte! Doch ich fürchte, mein Ruf wird schwerer zu ihm dringen als der Widerhall des Geschwätzes, das Echo der Verleumdung, das jetzt aus allen Häusern bis auf die Gassen tönt. Sarkastisch ]a, ja, man erzählt sich interessante Neuigkeiten. ›Julián hat seine Frau erwischt!‹ ›Mit wem denn?‹ ›Natürlich mit Ernesto!‹ Lautes Lachen! ›Und Ernesto hat sich ihm mit dem Degen in der Hand entgegengestürzt und hat ihn tödlich verwundet.‹ Das Lachen hört nun zwar auf. Pause Aber jetzt erwacht die Neugierde, man wünscht Einzelheiten zu hören, und da erheben sich die Stimmen meiner Freunde! ›Das war keine Hinterlist, Ernesto hat seinen Wohltäter im ehrlichen Zweikampf verwundet‹ Und so kommt es, daß sich Gerüchte und Verleumdungen verbreiten und vergrößern, daß sie sich widersprechen und die Wahrheit immer mehr verhüllen, anstatt sie zu offenbaren, denn ›wo man Rauch spürt, muß es brennen‹ Zu Mercedes Nehmen Sie das Niederträchtigste, das Schmutzigste, was es auf der Welt gibt, was am meisten beschimpft, entehrt, erniedrigt, mit einer Wendung nach links und Sie werden sich erst dann von dem eine Vorstellung machen können, was man über uns spricht. Mercedes horcht nach rechts Still! Ich höre jemanden! Sie eilt nach rechts vorn, blickt durch die Tür und kommt schnell zurück; leise zu Pepito Versuche unter allen Umständen ihn wegzuschicken. Es ist Teodora. Ernesto der das letzte Wort gehört hat, wendet sich zu ihr Wer kommt? Pepito nimmt den fast willenlosen Ernesto am Arm und will ihn fortführen Komm, Ernesto! Ernesto sieht vor sich hin Teodora? Plötzlich ausbrechend Ich muß sie sprechen, zu ihren Füßen will ich die Verzeihung erflehen... Mercedes Ernesto, es ist unmöglich, bedenken Sie... Ernesto unterbricht sie Bedenken? Was ist da noch zu bedenken? Vielleicht, daß die ›Welt‹ uns noch einmal zusammen sähe? Gut, es soll sein! Niemals will ich sie wiedersehen, niemals mehr soll mein Erscheinen die Ehrbarkeit dieser Frau verdunkeln. Pepito führt ihn Laß dir raten. Du weißt, ich meine es gut mit dir. Er zeigt nach der Tür des Speisesaals hinten Erwarte mich dort, bis ich dich rufe. Ernesto läßt sich geistesabwesend, willenlos geleiten Es ist mir recht, mach's wie du willst. Er verschwindet in der Tür des Speisesaals hinten. Fünfter Auftritt Mercedes, Pepito links von ihr Mercedes Sieh nach deinem Vater. Laß mich allein mit ihr. Ich werde ihr ins Gewissen reden, wie sie es nicht erwartet. Pepito Gut. Ob es aber helfen wird? Ich bezweifle es beinahe. Mercedes Geh nur. Pepito Wie du meinst. Er geht ah nach rechts hinten. Mercedes Jetzt zu meinem Plan! Sie setzt sich auf das Rundsofa in der Mitte. Teodora kommt ängstlich von rechts vorn und geht, ohne daß sie Mercedes bemerkt, nach der Tür zu Juliáns Zimmer rechts hinten. Sechster Auftritt Teodora, Mercedes links von ihr Teodora Wie beängstigend still es hier ist. Sie weint. Mercedes wendet den Kopf nach Teodora Teodora! Teodora hört nicht und hält ihr Taschentuch vor den Mund, um ihr Schluchzen zu verbergen. Mercedes lauter Teodora! Teodora erschrickt, wendet sich um Ha! – Du bist's! Sie geht auf sie zu Mercedes steht auf Weine nicht! Tränen machen das Vergangene nicht ungeschehen. Teodora Sag mir die Wahrheit. Wie geht es? Mercedes Etwas besser. Teodora zweifelnd Ist es auch wahr? Mercedes Ja. Teodora geht an Mercedes vorüber nach links Ich würde mein Leben für ihn geben, wenn ich alles ungeschehen machen könnte. Sie setzt sich an den Sofatisch links Ich schwöre es dir, daß ich an nichts Arges gedacht hatte – du sprachst mir von einem Duell. – Ich wollte es um jeden Preis verhindern. Du hast mir gesagt, wo ich meinen Mann finden würde. Ach, daß ich ihn gefunden habe! Und daß ich ihn so habe finden müssen! Mercedes lauernd Dachtest du denn nicht auch ein wenig an Ernesto? Teodora unbefangen Gewiß. Es wäre ja unmenschlich, nicht an ihn zu denken. Der Graf von Nebreda ist stadtbekannt als einer der besten Schläger. Mercedes Für den Grafen ist nichts mehr zu fürchten. Teodora überrascht Wieso ? Mercedes Er ist verwundet, vielleicht schon tot. Teodora in leidenschaftlicher Freude Ernesto hat ihn gerächt? Ich habe nichts anderes von ihm erwartet. Mercedes etwas spitz Was sagst du da? Teodora betont schärfer Du mißtraust mir immer noch? Der arme Ernesto ist also ohne weiteres auf einmal in meinen Augen ein Elender – und es soll mir sogar verboten sein, seinen Mut zu bewundern? Und warum, frage ich dich? Weil ich durch meine Unbesonnenheit die Ursache des Unglücks gewesen bin ? Weil Julián uns nicht geglaubt hat? Was hat denn Ernesto so ganz und gar Unverzeihliches getan? Antworte mir! Ich bitte dich! Mercedes Du bemitleidest ihn also. Teodora Aufrichtig. Mit fester Stimme Und warum sollte ich nicht? Mercedes eindringlich Sei vernünftig – sei vernünftig – das Mitleid ist der gefährliche Weg zum Abgrund der Liebe! Teodora steht auf Wollt ihr uns denn mit aller Gewalt dahin drängen? Ihr werft uns ja gegenseitig förmlich in die Arme! Mercedes O nein! Ich will dir nur ins Gewissen reden – wie eine Mutter, wie eine Freundin. Teodora nach und nach steigernd Warum wiederholst du mir denn dann immerzu: ›Du liebst ihn, und er liebt dich?‹ Mit Betonung Ich schwöre dir, daß es nicht so ist. Aber ihr alle, wie ihr da seid, ihr umnebelt meine Vernunft, ihr laßt mich zweifeln an mir selbst und der Wahrheit. Ihr verdreht die Wahrheit zur Lüge und werdet – ich sehe es kommen – die Lüge noch zur Wahrheit machen, wenn ihr so fortfahrt! Mercedes boshaft Du gestehst also...? Teodora entrüstet Ich? Ich habe gar nichts zu gestehen! Mein Verstand ist ungetrübt, meine Vernunft hell und klar und ich wiederhole dir offen und ehrlich: Ich habe für Ernesto niemals etwas anderes als die reinste Zuneigung einer Freundin empfunden. In meinem Herzen gibt es keinen Raum für ein sündiges Gefühl, denn ich liebe meinen armen, bedauernswerten Mann – sie richtet sich auf und spricht mit voller Wärme ich liebe ihn von ganzem Herzen, mit aller Kraft des tiefsten Gefühls. Mercedes Das soll ich dir glauben? Teodora gesteigert Hörst du es denn nicht? Mercedes Und du liebst Ernesto wirklich nicht? Teodora Glaubst du es denn noch immer nicht? Leidenschaftlich Nein, nein und nochmals nein! Sie ändert den Ton Wie empört wäre ich früher über eine solche Frage gewesen! Aber du und die Deinen, ihr alle habt mich schon so vor mir selbst erniedrigt und empfindungslos gemacht, daß ich alles hinnehmen und über mich ergehen lassen muß. Und jetzt tut, was ihr wollt. Glaubt mir oder mißtraut mir weiter! Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll. Wir müssen ja mit aller Gewalt schuldig sein, ich und dieser bedauernswerte Ernesto. Mercedes höhnisch Dieser bedauernswerte Ernesto? Du kennst seine Erbärmlichkeit nicht. Teodora edelmütig Ich kenne seinen offenen und ehrlichen Charakter. Er verehrt meinen Mann... Mercedes lacht auf Er hintergeht ihn. Teodora Das ist ausgeschlossen. Mercedes Er liebt dich. Teodora zornig Das ist nicht wahr. Mercedes Es ist wahr! Wenn du ihn nur gesehen hättest – hier, soeben hier an dieser Stelle... Teodora erstaunt Wie? Mercedes gleichgültig Ja, hier, vor einigen Augenblicken. Und sein Schmerz und seine Verzweiflung, sein Trotz und sein Mut, seine Haltung, sein ganzes Sein, alles gellte uns die Worte in die Ohren, die seine Lippen gewaltsam verschlossen hielten: ›Ich liebe dich, Teodora – dich – und keine andere.‹ Teodora völlig vernichtet Ah! Wenn du wahr sprächest... Mercedes Ich spreche die Wahrheit. Ich bin älter als du, du kannst meiner Erfahrung trauen. Teodora gefaßt Ist denn wirklich des Jammers noch kein Ende? Wie kam er denn hierher? Mercedes Ich weiß nicht mehr unter welchem Vorwand. Teodora Und er ist fort ? Mercedes Nein, er wartet da drinnen. Sie zeigt nach der Tür des Speisesaals hinten. Teodora Er soll gehen, ich will ihm niemals mehr begegnen. Mercedes Du mußt ihn wiedersehen, denn du selbst wirst ihn gehen heißen. Teodora nach einer Pause, ruhig, als wenn sie über ihre Handlungsweise nachgedacht hätte Ja, das werde ich tun! Mercedes Ich bleibe bei dir, ich unterstütze dich, wenn du meiner bedarfst. Teodora Ich brauche keine Stütze, ich kenne meine Pflicht. Ich bitte dich, mich mit Ernesto allein zu lassen. Mercedes macht eine Bewegung Oder hast du mir noch weiteren Klatsch mitzuteilen? Bist du mit deinen Verdächtigungen noch nicht zu Ende? Ich weiß ganz genau, was ich zu tun habe. Niemand hat das Recht, an mir zu zweifeln, weder Ernesto noch du! Mercedes Wie sprichst du denn auf einmal, Teodora? Teodora gebieterisch und mit Hoheit Geh', laß uns allein. Mercedes reicht ihr nach einer Pause die Hand Ich vertraue dir. Sie geht nach der Tür des Speisesaals hinten und öffnet Don Ernesto! Meine Schwägerin wünscht sie zu sprechen! Sie geht ab nach rechts vorn. Teodora setzt sich rechts vorn auf einen Sessel und wendet das Gesicht ab. Ernesto erscheint auf der Schwelle der Tür zum Speisesaal und tritt langsam in den Salon, wo er im Vordergrund stehenbleibt. Siebenter Auftritt Teodora, Ernesto links von ihr Teodora fest, mit gelassener Stimme Gehen Sie – ich bitte Sie, ich befehle es Ihnen! Ernesto Man hatte mir schon vorhin gesagt, daß ich gehen solle. Beide schweigen, haben nicht den Mut, sich anzusehen. Ernesto Und Sie wiederholen es mir jetzt? Teodora macht, noch immer ohne ihn anzusehen, eine bejahende Bewegung Haben Sie keine Furcht, Teodora, ich werde Ihren Wunsch erfüllen. Traurig Andere würden mich nicht so gehorsam finden. Mit Härte Von Ihnen ertrage ich alles, jede Kränkung, jede Beleidigung! Teodora beinahe weich Ich, Sie beleidigen? Nein, Ernesto, wie können Sie das glauben? Sie sieht ihn noch immer nicht an Doch Sie begreifen... Ernesto Alles begreife ich. Teodora abgewandt, in großer Bewegtheit Leben Sie wohl und seien Sie glücklich! Ernesto Leben Sie wohl! Er zögert zu gehen. Teodora bleibt noch immer abgewandt. Ernesto entfernt sich von ihr, kehrt plötzlich um und nähert sich wieder. Teodora bemerkt es, doch wagt sie nicht, ihn anzusehen Könnte ich um den Preis meines Lebens das Unrecht, das ich wahrlich absichtslos Ihrem Mann zugefügt habe, gutmachen, könnte ich alles Üble mit meinem Herzensblut tilgen, bei Gott, ich schwöre es Ihnen, ich würde keinen Augenblick zögern! Das Mißtrauen in Ihrer Seele, die Blässe Ihrer Wangen würden dann schwinden wie die stumme Verzweiflung Ihres Blickes, die Tränen in Ihren Augen. Teodora unruhig auf ihrem Sessel für sich Großer Gott! Mercedes hat wahr gesprochen. Ernesto Und Sie haben kein Wort des Abschieds für mich ? Nicht ein einziges? Teodora ringt nach Atem Leben Sie wohl, ich verzeihe Ihnen alles, was Sie getan haben. Ernesto Was ich getan habe? Teodora mit erheuchelter Strenge Ja! Ernesto In diesem Ton sprechen Sie mit mir? Auch Sie? Teodora bewegt Hören Sie nicht auf meine Stimme, fragen Sie mich nicht nach Gründen, leben Sie wohl! Ernesto Ist es möglich? Auch Sie? Teodora Mein letztes Wort: lassen Sie mich allein. Ernesto Sie jagen mich also aus Ihrem Haus? Teodora zeigt nach rechts hinten, mit bebender Stimme Mein Mann stirbt dort, und ich, ich sterbe hier. Sie steht auf, schwankt und hält sich an der Lehne des Sessels. Ernesto eilt herbei, um sie zu stützen Teodora? Teodora tritt an ihm vorüber nach links Berühren Sie mich nicht, Ihre Hand befleckt mich! Ernesto Mußte es denn dahin kommen? Auch Sie schmähen mich? Ohne ein einziges Wort des Mitleids stoßen Sie mich zurück und nehmen mir alles, was mich bis jetzt aufrecht erhalten hat: Ihre Verzeihung, Ihre Achtung. Auch für Sie bin ich nun der Erbärmliche, für den die ganze Welt mich hält. Diese grausame, boshafte und mitleidslose Welt, über deren gedankenlosen Unverstand ich mich hätte erheben können! Aber daß auch Sie, die reinste Frau, die ich kenne und für die ich mit Freuden mein Leben lassen würde, daß auch Sie mich verdammen – das ist zuviel! Mit größtem Schmerz Das ist zuviel! Teodora wendet sich ihm halb zu Ich darf mit Ihnen in diesem Augenblick nicht sprechen. Später! Lassen Sie mich, haben Sie Mitleid mit mir! Pause Bedenken Sie – Sie zeigt nach rechts hinten, wo Julián liegt . Ernesto O wäre ich an seiner Stelle! Ein Todesstich in der Brust ließe mich weniger leiden als Ihre Verachtung. Teodora Vergeben Sie mir, wenn ich Sie beleidigt habe. Ernesto freudig und schnell Alles verzeihe ich Ihnen – doch sagen Sie mir die Wahrheit. Glauben Sie wenigstens an meine Aufrichtigkeit, an meine Treue? Antworten Sie mir, ich flehe Sie auf den Knien darum an. Er kniet zu Teodoras Füßen. In diesem Augenblick öffnet sich die Tür rechts hinten. Severo erscheint auf der Schwelle. Achter Auftritt Ernesto rechts, Severo in der Mitte, Teodora links. Dann Juliáns und Mercedes' Stimme Severo empört sich Verflucht seien diese Elenden! Teodora entfernt sich rasch von Ernesto; tiefbewegt Ach! Severo! Ernesto hat sich schnell erhoben und ist nach rechts gegangen. Teodora steht am Sofatisch links. Severo in der Mitte, nähert sich Ernesto und flüstert ihm mit erregter Stimme zu Sie sind ein Schurke! Hinaus! Er zeigt nach links vorn. Ernesto zuckt zusammen An diesem Ort und in diesem Augenblick habe ich für Sie keine Antwort. Severo dreht ihm den Rücken zu Sie haben hier allerdings nur zu schweigen und zu gehorchen. Ernesto eigensinnig Sie haben mich wohl mißverstanden. Ich denke nicht daran, Ihnen zu gehorchen. Ich bleibe! Severo außer sich Sie bleiben? Wie? Habe ich auch recht gehört? Ernesto unerschütterlich Jawohl! Nur die Herrin des Hauses kann mir die Tür weisen, nicht Sie, der Sie mich grundlos beleidigen. Wenn ich schon im Begriff war, dieses Unglückshaus zu verlassen, so sind Sie es und Ihre Schmähungen, die mich veranlassen, meinen Entschluß zu ändern. Severo wie vorher Nun, dann zwingen Sie mich, Sie mit Gewalt zu entfernen. Ernesto Darauf kann ich es ankommen lassen. Er geht ihm in drohender Haltung entgegen. Teodora eilt zwischen beide; würdevoll Solange mein Mann lebt, ist dies mein Haus, und kein anderer als er oder ich hat hier Befehle zu erteilen. Zu Ernesto Verzeihen Sie, was sich hier ereignet hat. Mit Wärme Und um meinetwillen: Bleiben Sie nicht länger! Ernesto bestürzt Sie wünschen es? Teodora Ich bitte Sie darum. Ernesto verneigt sich tief und wendet sich nach dem Hintergrund. Severo aufgebracht Vor meinen Augen! Die Schamlosigkeit dieser Frau übersteigt noch die Kühnheit dieses Elenden. Er geht zornig auf Teodora los. Ernesto bleibt stehen und betrachtet mit steigender Bewegtheit die folgenden Vorgänge. Severo gebraucht für Teodora das in diesem Falle verächtliche du Du wagst es, in meiner Gegenwart diesen Menschen noch flehentlich zu bitten? Du wagst es, noch die Stirn zu erheben? Vergißt du, daß ich dir verboten habe, diese Schwelle zu überschreiten, diese Schwelle, die mit Blut deines Mannes getränkt ist? Er faßt Teodoras Hand Warum bist du zurückgekehrt? Teodora zuckt zusammen und fällt auf den Sessel rechts nieder. Ernesto stößt Severo zurück und stellt sich schützend vor Teodora; zu Severo Du wagst es? Du beleidigst eine Frau, die du ohne Verteidigung wähnst? Du irrst dich! Sie hat einen Verteidiger. Er steht vor dir! Severo Das sollst du mir mit deinem Leben bezahlen. Ernesto außer sich vor Zorn Mit meinem Leben? Nehmen Sie es, wenn Sie es vermögen, doch zuerst, so wahr ein Gott lebt, müssen Sie diese Frau auf den Knien um Verzeihung bitten. Teodora will ihn zurückhalten. Ernesto weist sie mit einer leichten Handbewegung zurück Sie glauben ja an einen Gott, der alles geschaffen hat! Gut! Wie Sie Ihre Knie vor dem Altar Gottes in Demut neigen, so müssen Sie sich vor Teodora niederbeugen! Teodora steht auf Um Gottes willen! Ernesto packt in wildem Zorn Severo und zwingt ihn zu Boden Zu Boden! Knie nieder! Teodora ganz verzweifelt Es ist genug, Ernesto! Severo windet sich am Boden und stöhnt Hölle und Teufel! Ernesto triumphierend So, zu ihren Füßen! Teodora Nicht weiter! Sie zeigt tieferschüttert nach Juliáns Zimmer. Ernesto läßt Severo los, der sich erhebt und nach links taumelt. Teodora führt den völlig willenlosen Ernesto an sich vorbei nach der rechten Ecke. Julián in seinem Zimmer rechts hinten Laß mich! Mercedes ebenso Um Himmels willen! Julián, geh nicht! Die Tür rechts hinten wird aufgerissen. Julián, der sich nur mit großer Mühe aufrecht halten kann, erscheint, blaß wie ein Sterbender. Mercedes folgt ihm und versucht ihn zu stützen. Neunter Auftritt Die Vorigen, Julián, Mercedes. Teodora und Ernesto stehen beide dicht zusammen, unbeweglich in der Ecke rechts vorn. Julián Das Pärchen zusammen! Ah! Mein Ohr hat mich nicht getäuscht. O die Verräter! Er will auf das Paar rechts vorn zustürzen, seine Kräfte verlassen ihn, er schwankt. Severo eilt herbei und stützt ihn Julián Sieh, wie sie fast ineinander verschlungen dastehen! Ernesto und Teodora treten auseinander Und sie wagen es nicht, sich mir zu nähern, sie wagen es nicht! Teodora macht zögernd einige Schritte zu ihm hin, dann bleibt sie stehen Näher – noch näher! Teodora weint und bleibt unbeweglich stehen Julián! Julián befehlend Näher sage ich! An mein Herz! Teodora will ihm in die Arme fallen. Julián schleudert sie mit einem Stoß von sich, so daß sie zu Boden stürzt Nieder mit dir auf die Erde, du Treulose! Jetzt könnte ich dich zertreten, wie du es hundertfach um mich verdient hast. Aber der wahre Schuldige steht dort. Er zeigt auf Ernesto; gebieterisch zu ihm Komm her! Hierher! Teodora erhebt sich unauffällig und wendet sich mit einigen Schritten nach rechts hinten. Ernesto tritt einige Schritte näher Ja, Sie sind unwürdig getäuscht, schmählich betrogen worden, aber bei der Seele meines Vaters, ich bin der Schuldige nicht! Julián dem das laute Sprechen schwerfällt Schweige du! Entehre nicht den reinen Namen meines Freundes. Willst du unverfroren leugnen, was alle Welt weiß ? Ernesto sehr entschlossen Alle Welt lügt, und ich allein sage die lautere Wahrheit. Ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist. Er wendet sich zu Teodora Was können wir tun ? Julián kann sich kaum länger halten, zu Severo Du siehst es, da, vor meinen Augen verständigen sie sich. Ernesto Sie sehen Gespenster in Ihrer Fieberglut. Julián Ja, im Fieber, das mich verzehrt. Komm näher! Ernesto tritt an ihn heran. Julián sieht ihn durchdringend an Kein Blick des Bedauerns! Deine Augen sind trocken. Mercedes Beruhige dich, schone dich, Julián! Julián Und so habe ich euch nun vor mir, alle beide! Gesteht es vor Gott und den Menschen, bekennt und gesteht es offen, daß ihr euch liebt! Mit der Liebe des Verbrechens und der Schande! Ernesto ruhig Es ist nicht wahr. Julián keuchend Du lügst! Und ich werde dir das Brandmal deines Verrates auf die Stirn drücken – bald, wenn Gott will, mit der Klinge. – Er schleppt sich an Ernesto ganz nahe heran Jetzt mit der Faust, Bube! Er stürzt auf Ernesto zu und schlägt ihn mit der letzten Anspannung seiner Kraft ins Gesicht. Ernesto mit fürchterlichem Aufschrei Ah! Er taumelt zur Seite, macht besinnungslos eine drohende Bewegung, als wolle er sich auf Julián werfen, krampft die Hände und bleibt unbeweglich stehen. Teodora, Mercedes und Severo mit dem Ausdruck des größten Entsetzens. Lange Pause. Julián ist völlig entkräftet. Mercedes und Severo stützen ihn. Severo Du tötest dich! Komm! Sie führen Julián nach seinem Zimmer rechts hinten. Julián bleibt auf der Schwelle stehen, wendet sich um und spricht mit brechender Stimme Ich sterbe – ja – aber ich bin gerächt! Schande über Schande! Er wird von Severo und Mercedes in sein Zimmer gebracht. Zehnter Auftritt Teodora, Ernesto links von ihr; dann Stimmen Ernesto hat sich nach dem Rundsofa geschleppt, wo er zusammenbricht Mein guter Vater, das ist nun deinem Sohn geschehen, und von ihm, deinem treuen Freund! Ich bitte dich, Vater, sage es mir, was nützt es uns auf dieser Welt, unsere Pflicht zu tun und ehrenhaft zu bleiben, wenn Schimpf und Schande für Ehre, Treue und Redlichkeit unser Lohn ist? Antworte mir, denn ich finde keine Gedanken mehr, und mein Hirn umnachtet sich. Teodora blickt ihn tief mitleidig an, geht zu ihm und reicht ihm beide Hände. Ernesto steht auf. Beide blicken sich stumm und wehmütig an. Im Zimmer Juliáns rechts hinten unbestimmtes, unheimliches Geräusch, dem Schreckensrufe folgen. Severo rechts drinnen Allmächtiger! Mercedes ebendort Zu Hilfe! Pepito ebendort Schnell! Teodora Was gibt es denn? Ernesto Er stirbt. Teodora will zur Tür hineilen. Ernesto hält sie zurück, ruhig und fest Wohin? Teodora Zu ihm. Ernesto Unmöglich. Teodora Ich muß ihn sehen. Ernesto steht in der Mitte des Salons, Teodora rechts hinten vor der Tür zu Juliáns Zimmer. Pepito erscheint auf dessen Schwelle und verweigert ihr den Eintritt. Severo hinter ihm. Elfter Auftritt Pepito, Severo, Teodora, Ernesto Severo Niemand wird diese Schwelle überschreiten! Zu Pepito Sorge dafür, daß diese Frau mein Haus verläßt, im Augenblick, ohne Mitleid, ohne Erbarmen. Laß dich weder durch ihre Tränen noch durch die Fürbitten deiner Mutter rühren! Beeile dich, daß sie fortkommt! Teodora verzweifelt Ich muß ihn sehen. Severo streng Gut! Du sollst ihn sehen. Er nimmt sie bei der Hand, führt sie nach der Tür rechts hinten und öffnet Juliáns Zimmer Da, schau hin! Teodora taumelt zurück Julián, mein armer Julián! Tot! Sie bricht zusammen. Ernesto in tiefster Trauer Ja, unglücklicher Julián, armer väterlicher Freund. Severo nach einer Pause Nun ist's genug! Mein heiliger Schmerz soll durch die Gegenwart der beiden Schuldigen nicht entweiht werden. Pepito, du hast meine Befehle gehört, vollziehe sie! Pepito tritt nach der rechten Ecke vor, versucht seinen Vater zu beschwichtigen Aber Vater! Severo hart Wenn du zu schwach bist, dann werde ich's selbst tun. Ernesto außer sich Genug! Er zeigt nach der Tür rechts hinten Da liegt ein edler Mann, ermordet durch eure blöde Schändlichkeit. Und hier seht ihr eine tief unglückliche Frau, eine unschuldige Frau, der Verzweiflung und Schmerz den Verstand geraubt haben. Weder der Tod dort er zeigt wieder nach rechts hinten noch dieses verlorene Leben hier auf Teodora weisend vermögen euch einen Funken Mitleid zu geben. Mit roher, tierischer Gewalt stoßt ihr sie zurück. Wir widerstreben nicht mehr - ihr sollt den Platz behaupten - freut euch eures falschen Sieges! Severo macht eine Bewegung, als wolle er Teodora anrühren. Ernesto zu Severo mit großer Kraft Niemand wage es, diese Frau anzurühren! Von diesem Augenblick an - ist sie mein - mein ganz allein! Pepito und Severo in großer Bewegtheit Die ›Welt‹ hat es gewollt, es ist gut, ich beuge mich ihrem Spruch. Die ›Welt‹ hat uns mit Gewalt zusammengehetzt, wir sind vereint. Komm, Teodora! Er geht an Severo vorüber, tritt zu ihr und richtet sie auf Komm! Euer Bann soll uns auf immer vereinen! Severo So kommt es also doch endlich zum Sieg der Wahrheit. Pepito Der Elende! Ernesto Eure Verachtung erreicht mich nicht mehr. Ja, jetzt habt ihr recht. Nein, nicht allein ihr, alle haben recht! Ihr habt das Letzte an mir verübt, und ich fühle, daß ich zu allem fähig bin. Da habt ihr Leidenschaft, da habt ihr Liebe, was wollt ihr noch mehr? Ihr habt alles erreicht. Mit stolzem Ton Ich fürchte nichts mehr auf dieser Welt, mag sie weiter erfinden, was sie will, ich bin auf alles gefaßt. Erzählen Sie nun, was Sie wollen, und jede Ihrer Neuigkeiten wird in der Stadt ihr Echo finden. Nun habt ihr uns da, wo ihr uns wolltet. Mit scharfem Vorwurf Diese Frau war unschuldig wie das Licht der Sonne. Meine Freundschaft für den hochherzigen Mann, der jetzt nicht mehr lebt, ist ohne Vorwurf. Von ganzem Herzen verzeihe ich ihm die Schmach, die er mir zugefügt hat. Ich schwöre, daß wir unschuldig waren, ich schwöre es vor demselben Gott, der nun jenen richtet, wie er uns einst richten und rein erfinden wird. Für euch jedoch sind wir schuldig - schuldig so wie ihr es gewollt habt! Und nun gestehen wir es ein. Unsere strafbare Liebe flammt in unseren Herzen empor vor diesem Körper, der noch nicht einmal erkaltet ist. Geht nun hin und schreit es in alle Winde, daß ihr doch recht hattet. ›Triumphiert!‹ Und wenn man euch fragt, wer das Unheil angerichtet hat, so seht euch selbst an, stellt euch vor den Spiegel, ihr alle seid die Schuldigen! Ein jeder von euch ist, wie Dante sagt, ein Galeoto, ein Kuppler! Zu Teodora Und nun gehört sie mir. Komm, Teodora! Der Schatten meiner geliebten Mutter senkt sich aus seligen Höhen zu dir hernieder. Mit Würde und warmem Ton Komm, Teodora, mein unglückliches, heißgeliebtes Weib! Der allgerechte Himmel wird sie und mich in unserer letzten Stunde richten! Er führt Teodora, die ihm willenlos folgt, durch die Tür links vorn fort. Ende