Die Maikönigin Ein Volksleben am Rhein von Ernst Dronke   Erstdruck: Verlag Lorck Leipzig 1846   1. Der Morgen im Walde. O Maienzeit, o du rosige Zeit, Wo die Erde sich schmücket in güldenem Kleid, Es ruhen die Berge, die rauschenden Flüsse schäumen, Die perlenden Blumen im Walde nicken in Morgenträumen, Und im Busche singet mit süßem Schall Von der Liebe Lust die Nachtigall.         Juchhe! O Maienzeit, o du rosige Zeit, Wie wird dem Burschen das Herz so weit, Zu ziehen, zu wandern mit freien, frischen Sinnen, Wer bliebe da noch länger in den öden Mauern drinnen. O du süßeste Jungfer Nachtigall, Grüß meinen Schatz viel tausendmal,         Ade! Von der Höhe seines Kammes zieht sich das Gebirge in Kuppen und Tälern mehrere Meilen weit langsam abdachend hinab bis zu jenen Bergwänden, welche den Rhein einschließen. Diese Bergwände, so hoch sie auch erscheinen, bilden doch erst den Anfang des eigentlichen Gebirges. Wer vom Rhein aus, an den Schlot des Dampfbootes gelehnt, diese wilden, dunkeln Riesenhäupter betrachtet, die so trotzig gegen den Himmel emporragen, der malt sich gewiß in träumender Bewunderung das Bild aus, welches dort oben ein Blick in das weite, offene Land gewähren müsse; aber einmal auf diesen Höhen angelangt, sieht er mit Staunen die neuen, höher und höher aufsteigenden Gebirgszüge, deren grüne Eichenleiber mit den dunkeln Fichten- und Tannenkronen ihn immer weiter in die Ferne verlocken. Der Weg zieht sich fortwährend bergan, bald steiler, bald ebener. Manchmal verschwindet er dem Auge an der Ecke eines Hügels oder senkt sich auch auf eine kleine Strecke in eine Waldschlucht; aber in weiter Ferne sieht man ihn wieder, eine weiße Schlange, über die dunkeln Riesenkuppen schleichen. So geht es, wie gesagt, mehrere Meilen lang, bis man auf der Höhe des Gebirgskammes angelangt ist. Auch dort begrenzen wieder die rings zerstreuten Hügelreihen das Panorama der weiteren Umgegend; nur eine einzige Kuppe, die sich hoch und einsam von dem Rücken des Gebirges erhebt, verspricht noch dem Wanderer den letzten Ersatz für sein mühseliges Steigen. Auf dem Hauptweg, welchen die Fahrgleise der Bauernwagen zeichnen, zieht gleichförmig das Alltagsleben an dieser stolzen Kuppe vorüber, aber ein schmaler, in dem Schatten der Eichen und Buchen halbversteckter Fußsteig, den der müde Wanderer trotzdem nicht scheuen möge, führt grade und steil hinauf nach der freien Höhe. Dort findet dein Leib Ersatz in einer erquickenden Rast an dem Stamm der bemoosten, hundertjährigen Eiche, während dein Geist weidet in reichem, schwelgerischem Genuß; dort siehst du ein Bild, so unermeßlich, so zauberreich, wie es nur die Natur dir malen kann. Da liegt es unter dir hingestreckt, das helle gesegnete Land, weit, weit hinaus, soweit der trunkene Blick nur schweifen kann, unter dir all die blauen, duftigen Höhen, die dunkeln Täler und Schluchten, die grünen Matten, aus denen vereinzelt ein weißes Meiergehöft oder das Gold einer Kirchturmspitze dir in der Sonne entgegenblitzt, und weit, weit in der Ferne, dort wo der blaue Himmel mit dem Horizont der Berge ineinander schwimmt, dort, siehst du? – ein dünner, silberner Streif, der aus den Bergen heraustritt und dann wieder hinter ihnen verschwindet, – das, das ist der Rhein, der von diesen ewig jungen Höhen nicht ohne den letzten, grüßenden Sehnsuchtsblick scheiden will. So hoch, so frei stehst du hier über dem Treiben der Menschen! Rings um dich her nur die große, herrliche Natur, verklärt von der Ruhe des schaffenden Glücks; kein fremder Ton, der ihr tiefes, seliges Schweigen durchbricht, nur das Summen der Käfer, der Sang der Vögel und das heimliche Weben in dem Laub der Bäume flüstert zu dir, und auch in dein Herz zieht dieser Frieden ein: – denn hier siehst du nur Glück und Seligkeit, hierher dringt nicht der Egoismus der Krämerwelt, hier hörst du nicht den Schrei aus jenen Stätten, wo der Mensch die Not und den Jammer hineintrug, jenen Schrei, der die Welt durchzittert und in ihren Grundfesten erbeben macht! Auf diesem Berge war es. Die tiefste Ruhe lag noch auf der schlummernden Erde. Graue Dämmerung beschattete die Weite, die Waldkuppen in Nähe und Ferne träumten dichtverhüllt in der Decke des Nebels, kein Luftzug unterbrach die fromme, heilige Stille. Gleich einem schlafenden Kinde lag die stumme Natur in ihrem reinen Frühlingskleide da. Jetzt zuckte ein Leuchten an dem östlichen Horizont auf. Eine leichte, durchsichtige Röte wurde dort sichtbar, die den weißen Nebel verklärte und das Dunkel des Himmels allgemach weiter erhellte, und zugleich flog ein Hauch wie der Atemzug eines vom Traum Erwachenden über die Berge. Die hohen Bäume schauerten auf, ihre Äste reckend und die frischen Häupter schüttelnd; die Vögel, die droben im Laub saßen, zogen ihre Köpfchen aus den Flügeln, durch deren Federn der leise Stoß des Weckers geweht war, bliesen die Federn dichter auf und schauten sich langsam um: Es begann lichter und immer weiter hin Tag zu werden. Den fernen Osten säumte schon hoch der funkelnde Purpur des Morgengoldes, und droben, grade in der Höhe, blaute der helle Himmel, von fliegenden roten Wolkenstreifen durchzogen. Nur in den Tälern kämpften noch die geballten Nebel miteinander, und am westlichen Himmel zitterte ein bleicher, versinkender Stern. Und allmählich begann es jetzt auch lebendig zu werden in den erwachenden Räumen. An dem Stamm der hundertjährigen Buche, wo das dunkle Moos der einen Seite seltsam gegen die silbergraue Rinde der andern abstach, lief behend und schweigend ein schwarzköpfiges Vögelchen hinauf und pickte mit seinem langen, spitzen Schnabel sein Futter aus den geborstenen Ritzen; oben im Laub erscholl ein Zwitschern und Rufen wild durcheinander, dem unten im Tal und noch weiter in der Ferne Antwort gegeben wurde, und jetzt rauschte es eben in den Büschen, als ob eine leise, vorsichtige Hand die Zweige auseinanderbiege. In der Schlucht, die von der Höhe hier wieder hinunterführt und die eigentliche Aussicht in die weite Gegend eröffnet, zwischen den Baumstämmen und den grünen Hecken, trat ein Reh heraus. Einen Augenblick blieb es stehen und atmete das frische Wehen der Luft ein; dann setzte es in mutwilligen Sprüngen über die Steine der Schlucht, welche die fallenden Bergwasser losgerissen hatten, als wollte es die neugestärkte Kraft seiner zierlichen Läufe versuchen. Oben blieb es wieder stehen, mächtig atmend und mit seinen großen, klugen Augen hinausblickend in das unermeßliche Bild der Ferne; dann schritt es, das Haupt gebeugt, als ob es in dem Gras und den Waldkräutern suche, ein paarmal um die Buche, indem es sein weiches Fell an dem Moos des Stammes rieb und die Knöchel seiner schmalen Läufe in dem Tau der Gräser netzte. Fast schien es, als ob es sich hier noch einmal ein Lager bereiten wolle. Plötzlich aber hielt es an. Seine Nüstern öffneten sich weit, sein langer Hals reckte sich spähend vor, der halberhobene Vorderfuß senkte sich nicht auf den Boden. Einen Augenblick stand es so, unbeweglich. Dann kehrte es mit einem kurzen Sprung um, und mit zurückgeworfenem Kopf und vorgedrängter Brust flog es über die Büsche und verschwand in der entgegengesetzten Richtung des Waldes. Der Baumläufer, der sich an der Buche höher hinaufgemacht hatte, flog erschreckt von dannen, und auch oben im Laub schwiegen mit einem Mal die lauten Stimmen. Indem hörte man unten in der Richtung, von wo der Fußsteig auf die Höhe führte, eine helle, männliche Stimme, und die Töne eines fröhlichen Liedes zogen durch diese grünen Hallen. Die Sträucher, durch welche das fliehende Reh gesetzt, zitterten noch leise, als der Sänger schon auf der Höhe hier anlangte. Der Angekommene warf ein Ränzchen, welches er auf dem Rücken trug, in den Rasen und ließ sich am Fuß der Buche nieder, wo er, ohne sein Lied zu unterbrechen, die leuchtenden Augen in die weite Fernsicht schweifen ließ. Die aufgehende Sonne vergoldete eben die Kuppe, und die Bäume rauschten, und ein Bächlein, das man zuvor nicht gehört, murmelte heimlich unter den Gräsern und Sträuchern. Der Gesang des Wanderers zog dazwischen hinaus auf dem Wehen des Morgens, das Rotkehlchen in dem wilden Fliederbusch begann erst schüchtern und vorsichtig, dann aber mit lautem Jubel einzufallen, und bald schmetterten oben wieder alle die lauten Konzertstimmen. In dem hellen Auge des Wanderers spiegelte sich das Bild der weiten blühenden Gegend, auf seinem Antlitz lag der Widerschein dieser heiligen Morgenfreude. Es war nichts Fremdartiges, nur eine einige Verklärung in dem Ganzen dieses Stillebens. Der Wanderer öffnete nach einiger Zeit der Ruhe, noch immer singend, sein Ränzchen und zog aus demselben ein Frühstück, das er dann zu verzehren begann. In der Tiefe wurden abermals menschliche Stimmen laut, diesmal aber so lärmend, daß sie selbst das tausendstimmige Konzert in den Bäumen übertönten. Der Lärm kam von allen Seiten und näherte sich immer mehr, man konnte schon an dem Schaukeln der jungen Baumwipfel die Richtung der Ankommenden entdecken. Plötzlich brach denn auch ringsum aus allen Hecken ein Trupp Knaben wie eine wilde Herde hervor. Auf der Höhe angelangt, blieben sie stehen, und indem ihre Augen auf das weite Panorama der vor ihnen liegenden Gegend fielen, stießen sie wie auf Verabredung ein lautes, tobendes Geschrei aus. Einige Mützen flogen in die Luft und blieben in den Zweigen hängen; ein Teil der kleinen Bande stürzte vorwärts, um vorn auf dem Plateau den bessern Platz zum Lagern einzunehmen. Auf halbem Wege aber blieben sie wieder stehen; sie sahen ziemlich überrascht aus, als sie gewahrten, daß sie nicht allein waren. Die vordersten standen mitten im Lauf still, die übrigen drängten auf sie zu, einige Nachzügler kamen aus dem Walde gesprungen und sahen nicht ohne Mühe, indem sie sich auf die Zehen stellten, über die Schultern der ersten. Es hatte sich ein dichter, murmelnder Halbkreis aus dem zerstreuten, lärmenden Trupp gebildet, um den Fremden zu betrachten. Indem kam ein Mann an, der der Hirt dieser wilden Herde zu sein schien. Ein wunderliches Geschöpf. Der dicke Kopf, der so tief und beinahe fest eingeschraubt in den Schultern saß, das spärliche und doch lang herabwallende Haar, auf welches eine Zeugmütze mit großem viereckigem Schirm gedrückt war, die Brille mit den riesigen Gläsern, die ein Dritteil des Gesichts bedeckte, ein langer, bis auf die Knöchel reichender Rock und ein, wie es schien, für den Notfall auf die ganze Gesellschaft berechneter ungeheurer Regenschirm, den der kleine Mann schleppte, gaben seiner Erscheinung einen höchst drolligen Anstrich. Der Pädagog, denn als solcher verriet sich der Kleine auf den ersten Blick, kam langsam die Höhe herauf, indem er sich auf den Regenschirm stützte, und rief schon von weitem mit einer dünnen, schrillen Stimme: »Nun, Kinder, was schaut ihr da? Habt ihr etwa eine Eidechse gefangen?« Ein höhnisches Gelächter der kleinen Bande war die ganze Antwort, welche zugleich über das Ansehen des Pädagogen Aufschluß gab. Der kleine Mann schien jedoch keinen Wert darauf zu legen, sondern trat mit ruhigem Gleichmut an sie heran. Der Anblick des Fremden an diesem Ort in der Frühe überraschte ihn auch. »Guten Morgen, Herr!« sagte er, an den Baum tretend, wo der Wanderer saß, und zog die Kappe, unter welcher winterliche Streifen zwischen dem sorgfältig aufgesteckten Haar sichtbar wurden. »Guten Morgen! Sehr erfreut, einen Gesellschafter in dieser wundervollen Morgenstille zu finden; bewundern wahrscheinlich auch die prächtige Gegend. Ist ein herrlicher Genuß, das. Die Knaben haben Sie hoffentlich nicht gestört?« Der junge Mann nahm bei dem Gruß des Pädagogen sein Mützchen ab, warf die dunkeln dichten Locken aus dem Gesicht und richtete seine hellen Augen auf den Fragenden. »Sie sehen, ich lasse mich nicht stören«, sagte er, ruhig sein Frühstück weiter verzehrend. In der Tat hatte er nur, als der tobende Lärm der ausgelassenen Schuljugend zuerst aus der Tiefe aufstieg, unwillkürlich nach seinem Wanderstock gegriffen; beim Anblick des ersten Vortrabs der Bande aber ließ er den Stock wieder fallen und sah unbekümmert vor sich hin. Der Pädagog pflanzte sich jetzt neben dem Sitzenden auf, indem er sich an seinen Regenschirm lehnte, den er in das Gras gebohrt hatte. »Es ist wahrscheinlich auch Ihr Zweck, die schöne Jahreszeit zu einer Fußreise zu benutzen«, sagte er mit einem neugierigen Blick auf seinen unbekannten Nachbarn. Das Ränzchen des jungen Wanderers und sein weißleinener Staubkittel über dem kurzen Tuchrock konnten ihn dessen gewiß machen. »Ja, die schöne Jahreszeit und noch andere Dinge haben mich hierher ins Land getrieben«, erwiderte der andere. »Wollen Sie vielleicht an meinem Frühstück teilnehmen? Ich habe zwar nichts mehr zu essen, aber ein Schluck Wein steht Ihnen zu Diensten.« »Ich danke Ihnen, ich trinke niemals Wein«, sagte der kleine Mann mit komischem Ernst. »Ich kenne mich darin, ich werde leicht aufgeregt, da ich ohnedies lebhaftes Blut habe.« Damit hing er seine Kappe auf den Regenschirm und setzte sich an die Seite des Wanderers. »Ich bin mit den Knaben da auf einer kleinen Fußreise begriffen, wozu die Ferien uns die Veranlassung gaben«, fuhr er redselig fort. »Die Feiertage über wollen wir im Lande hier herumstreifen. Wenn Sie hier bekannt sind, können sie mir am besten Rat geben, wie ich die Zeit auf die Gegend verwende, um alles Merkwürdige zu besuchen und zu sehen.« »Das Merkwürdigste ist wohl die Schönheit der Gegend selbst, sonst werden Sie wenig finden, was einen Forscher wie Sie, Herr Professor, interessieren könnte. Sie werden schwerlich Überreste aus der römischen und heidnischen Zeit entdecken, nur unter dem Volk …« Der Pädagog hatte bei der Anrede »Professor« seinen Nachbarn zweifelhaft angesehen, jetzt aber fiel er ihm freudig ins Wort. Der Gedanke ließ nichts anderes in ihm aufkommen. »Unter dem Volk, das ist's, was ich meine. Ich interessiere mich gerade fürs Volk. Sie glauben nicht, mit welchem Eifer, mit welcher Liebe ich schon mein ganzes Leben dem Volk zuwende!« »So, da tun Sie wohl dran«, sagte der andere trocken. »Kennen Sie denn die Lage des Volkes wohl?« »Die Lage, wieso? Ich kenne seine Mundarten auf Jahrhunderte zurück, ich habe mich dem Studium derselben fast ausschließlich gewidmet und habe manchen glücklichen Fund getan, manche bessere Variante in den bisher verbreiteten Volksliedern entdeckt. Meine Verdienste um diese Seite des Volks sind anerkannt, mein Freund.« »Das Volk ist Ihrem edlen Streben zu Dank verpflichtet«, erwiderte sein Nachbar mit unveränderter Miene. »Die Wissenschaft, mein Freund, die Männer der Wissenschaft haben mich anerkannt, Professor Lachmann Karl Lachmann (1793-1851), Altphilologe und Germanist. hat mich zitiert, Sie kennen Professor Lachmann in Berlin?« – »Nein.« »Professor Lachmann ist eine Autorität in solchen Sachen, und wenn er sagt, daß ich Verdienste um das Volk habe trotz Simrock Karl Simrock (1802-1876), Germanist und Dichter… Sie kennen doch Simrock?« »Nein«, lautete wieder die lakonische Antwort. Der Pädagog hatte im Eifer bei der Ausführung seines Lieblingsgedankens vertraulich die Hand auf den Arm seines Nachbarn gelegt, jetzt aber zog er sie wieder zurück und betrachtete den jungen Wanderer mit starrer Verwunderung. »Nun, es tut nichts«, sagte er dann gutmütig. »Ich wollte Ihnen das nur mitteilen, um Ihnen zu zeigen, daß mein Streben für das Volk wirklich kein eitles ist. Auch verknüpfe ich es bei dieser Reise mit meinem Vergnügen«, setzte er hinzu, indem er sich vorsichtig umsah, ob keiner der Knaben hinter ihm stehe. Diese aber hatten sich zum Teil in den Wald zerstreut, teils die Bäume erklettert, nur ein Häufchen von drei oder vier saß eine Strecke weit davon im Gras, den Rücken gegen ihn gewendet. »Ich mache nämlich mit den Knaben eigentlich eine Vergnügungsreise, deren Kosten sie natürlich zahlen müssen«, fuhr er leiser fort, »habe aber dabei die Absicht, mich im Volke nach seinen schönsten Elementen, den Liedern und Sagen, umzusehen, um so meinen Gönnern einen neuen Beweis meiner Tätigkeit und volkstümlichen Richtung zu geben. Seine Majestät, unser allergnädigster König Gemeint ist Friedrich Wilhelm IV., der von 1840 bis 1857 regierte. nämlich, die so viel bewundernswürdigen Sinn für die mittelaltrige Romantik hegen und so viele, schöne Teilnahme für demgemäße Entwicklung des Volks beweisen, haben mir zu meinem Gehalt eine Zulage von zweihundert Talern zu gewähren geruht, um mir mein Streben zu erleichtern. Eine Anerkennung …« »Zweihundert Taler! Es wird doch viel für das Volk getan! Welches Opfer für die Staatskasse, zweihundert Taler von den Steuereinkünften der Untertanen wieder auf die historischen Denkmale des Volksgeistes zu verwenden!« »Nicht wahr?« sagte der Pädagog, erfreut, daß der andere auf seinen Gedanken einging. »Ich sage Ihnen, unsere hohe Regierung tut viel in echter, richtiger Weise für das Volk. Und … sehen Sie … darum auch wäre es mir erwünscht, unter dem Volke in dieser Gegend meine Ausbeute machen zu können …« »Ausbeute, jawohl«, sagte der andere ruhig; »Sie machen ja in Volksartikeln; aber nur nach oben.« Der Pädagog hörte oder verstand ihn nicht. »Einige Volkslieder auf dieser Reise einzufangen«, fuhr er wie im Selbstgespräch fort, »welches Glück, welcher Triumph! Ich jage ihnen nach, wo es immer sei, und eine Ahnung sagt mir, daß der Erfolg diesmal meine Erwartungen übertreffen wird. Ich höre, ich träume nichts als Volkslieder. Vorhin hörte ich unten im Tale ganz deutlich eine ferne, helle Stimme eine einfache, echt volkstümliche Melodie singen, ohne daß ich mir sagen konnte, woher sie kam; ich glaube, es war nur ein Spiel meiner Phantasie, aber ich hörte es ganz deutlich.« Sein Nachbar sah ihn bei diesen Worten mit mutwilligem Lächeln an und sang statt aller Antwort eine Strophe seines Liedes. »O Maienzeit, o du rosige Zeit, Wie wird dem Burschen das Herz so weit, Zu ziehen, zu wandern mit freien, frischen Sinnen, Wer bliebe da noch länger in den öden Mauern drinnen. O du süßeste Jungfer Nachtigall, Grüß meinen Schatz viel tausendmal,         Ade!« Die Töne schwebten durch die grünen Hallen, und der Scheidegruß des letzten Wortes zog lang und langsam hinaus in die offene, weite Ferne. Der Pädagog hatte dem Sänger starr in den Mund gesehen; jetzt, als sich derselbe erhob und lachend sein kleines, schwarzes Schnurrbärtchen strich, sprang er auf und rief: »Das war's! Das war's! Und … gewiß Sie kennen noch mehrere! Sie werden mir sie mitteilen und mir beistehn …« »Volkslieder zu suchen?« lachte der andere. »Ich selbst führe den Artikel nicht, aber wenn wir, wie es scheint, für eine Zeitlang Reisegefährten bleiben sollten, werde ich Sie vielleicht an die Quelle verweisen können.« »An die Quelle von Volksliedern?« sagte der Pädagog, seinen Nachbarn zweifelhaft betrachtend. »Gedrucktes kann mir nichts nützen.« »An die Quelle von Volksliedern, ich meine an Leute aus dem Volk.« »Was … Sie! Sie kennen Leute mit Volksliedern … alte Leute, nicht wahr?« fragte der Kleine mit wiedererwachter Lebhaftigkeit. – »Alte und junge Leute … ob mit Volksliedern, weiß ich freilich nicht, wenigstens mit Liedern, die Sie nur im Munde des Volks finden.« »Nun, wie sollten denn das andere sein? Lieder, die das Volk im Ausfluß seines frischen, gesunden Lebens macht, und in denen es seine Empfindungen, sein Freud und Leid, seine Erinnerungen an die vergangenen Zeiten bewahrt?« – »Wenn Sie das Volk kennten, Herr Professor Zitat, so würden Sie wissen, daß dasselbe bei seinem Leben wahrlich keine Anregung finden kann, Lieder auszuhecken. Die sogenannten Volkslieder sind vielmehr nur von Müßiggängern verfaßt und bei Gelegenheit von Kirchweihen, Hochzeiten, Jahrmärkten aufs Volk übergegangen, das dann im Laufe der Zeit aus manchem schlechten Poeten ein schönes sogenanntes Volkslied gemacht hat.« Der Pädagog wollte seine Verwunderung ausdrücken, daß der Nachbar seinen Namen wisse; aber die letzte Bemerkung desselben ging ihm zu sehr ans Herz, als daß er sich nicht sogleich hätte darüber Luft machen sollen. »Das muß ich am besten wissen! Ich studiere schon so lange die Volkselemente, um zu wissen, was volkstümlich ist. Ja, selbst meine Schulknaben da wissen das zu unterscheiden. Ich habe ihren jungen, lenksamen Geist auf diese wunderbaren, belehrenden, nährenden Plätze der Vergangenheit geführt, da ja auch unser erleuchtetes Gouvernement diese Richtung vorzugsweise gegen die Teilnahme an der Gegenwart begünstigt. Die Jungen sind mit Leib und Seele darauf eingegangen, sie haben mir alle möglichen Denkmale des Volksgeistes, die sie nur aufgabeln konnten, freilich öfter auch Unnützes, mit besonderem Eifer zugetragen, sie hängen an mir wie an keinem andern ihrer Lehrer, sie tun, was ich verlange, und würden durchs Feuer für mich gehen.« »Indes vergessen sie, wie es scheint, auch die Befriedigung der modernen Gelüste nicht.« Der Pädagog sah nach der Richtung, die ihm die Hand seines lächelnden Gefährten zeigte, und Schrecken, Abscheu und Verlegenheit spiegelten sich auf seinem Antlitz. Der kleine Haufe, welcher einige Schritte weiter den Rücken hierher gekehrt saß, bot ein unerwartetes Schauspiel. Die vier Knaben hatten eine Tabakspfeife angeraucht und dieselbe von Hand zu Hand gehen lassen, so daß jeder von ihnen seinen Anteil bekam. Der starke Geruch des Tabaks verflog in der frischen Morgenluft, aber die Gesichter der Knaben bewiesen, daß sie das ungewohnte Vergnügen nicht ganz bewältigen konnten. Vielleicht war der Tabak von solchem, der nur im Freien auf hohen Bergen geraucht werden kann; kurz, den jungen Anfängern perlte nachgerade der Schweiß auf der Stirn, und ihre bleichen Gesichter verrieten, daß ihr Mut zu wanken begann. Der Pädagog schritt langsam auf den Trupp zu. Es schien, als ob er in seiner verletzten Autorität durch eine besondere Würde imponieren wolle, eigentlich aber war er nur in Ungewißheit, wie er die Sache anfangen sollte. Er trat schweigend vor die Schuldigen hin und betrachtete sie mit ernstem Ausdrucke, ohne ein Wort zu sagen. Der Knabe, der eben die Pfeife bekommen und dessen Mienen am meisten angegriffen schienen, benutzte diesen Moment, um die Pfeife fallen zu lassen. Der Professor sah ihn fortwährend sprachlos an; hatte aber auch der Knabe den Mut zum Rauchen verloren, so hatte er doch noch den Mut zum Trotzen. Er sah seine Kameraden an und begann erst leise und dann im Chor mit ihnen laut aufzulachen. »Was ist das?« sagte der Professor, indem er mit einer Bewegung der Hand, die zugleich den Befehl des Aufhebens ausdrückte, auf die glühende Tabakasche im Gras zeigte. Die Knaben, statt aller Antwort, sahen sich wieder untereinander an, indem sie ein bei ihren Gefühlen nur gezwungenes Gelächter ausstießen. »Was soll es sein?« sagte der ertappte Schuldige. »Tabakasche, sehen Sie das nicht?« Der Pädagog aber kehrte sich nicht an den Übermut, da ihn die steigende Blässe des kleinen Bengels eines andern belehrte. Er hob den Tatbestand des Verbrechens auf und betrachtete ihn. Plötzlich verschwand die ernste Würde aus seinen Mienen, und er lief zu seinem jungen Gefährten zurück. »Sehen Sie«, rief er triumphierend aus. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, welche Begeisterung für die Volkslieder ich in diesen jungen Seelen angefacht? Sogar in dem Augenblick, wo sie auf das Schändlichste die Gesetze der guten Gewohnheit und Sitte überschreiten, können sie diesen Sinn nicht verleugnen. Da sehen Sie!« Und der kleine Mann streckte die aufgefangene Pfeife zu ihm empor und zeigte auf den weißen Kopf, der in jämmerlicher Schrift einen Spruch darbot: »Der junge Bursch von echtem Korn, Was fragt er viel nach Rat von Tor'n, Er freut sich sehr Hinter der Stadtmauer,         Bei einer Pfeif Tobak!« Der junge Wanderer konnte ein Lachen nicht unterdrücken, aber die bleichen Gesichter und der schwankende Gang der jungen Verbrecher gaben ihm Veranlassung, davon abzubrechen und den Pädagogen zum Weiterziehen zu ermahnen. Es dauerte aber noch eine geraume Zeit, bis der kleine Mann seine kleine Herde zusammengetrommelt hatte. Einige saßen auf den Bäumen und schnitten ihm Gesichter, als er ihnen befahl, herunterzusteigen. Andere hatten sich im Wald zerstreut und waren so wenig aufzufinden, daß auch die nach ihnen ausgesandten ausblieben. Der junge Wandersmann, der sein Ränzchen schon aufgenommen hatte, legte es wieder nieder, indem er den Professor mit seinen hellen Augen mutwillig anlächelte. Dann aber versuchte er selbst ein Mittel, die junge Bande herbeizuholen, welches auch bald bessere Folgen hatte. Er hatte den wenigen zurückgebliebenen Knaben ein Wort ins Ohr geflüstert, worauf diese jauchzend in den Wald sprangen und bald mit einzelnen der Entflohenen zurückkehrten. Währenddessen standen die beiden auf der Höhe, und der Professor, der jetzt wieder Muße fand, sich mit seinem Nachbarn zu beschäftigen, fragte, indem er ihn mit stolzer Sicherheit betrachtete: »Sie nannten vorhin meinen Namen; kannten Sie mich schon früher?« »Nein, Herr Doktor Zitat«, sagte der andere lächelnd; »ich sah Sie heute zum ersten Mal.« »Sie haben vielleicht in einem Journal oder Konversationslexikon eine Schilderung über mich gelesen, woraus Sie mich wiedererkannten?« fragte der kleine Mann ruhig mit der echten Eitelkeit eines Gelehrten. »Nein, Herr Professor«, sagte der andere wieder, »ich lese weder unsere langweiligen Journale noch die Konversationslexika, die ihre Lücken mit Lügen ausfüllen.« »Nun! Woher kennen Sie mich? Wer sind Sie denn?« sagte der Pädagog offenbar überrascht. »Woher ich Sie kenne?« lachte der andere. »Das vermuten Sie nicht. Ich erkannte Sie allerdings aus Schilderungen, aber nur aus mündlichen. Einer Ihrer früheren Schüler, mit dem ich zusammen studierte, hat uns zuweilen abends auf der Kneipe von Ihnen unterhalten. Sie sehen, Ihr Ruf und Name pflanzt sich auch durch Traditionen fort.« Der Pädagog nahm eine sehr kalte, gemessene Miene an. »So! Ich hätte mir das denken können«, sagte er stolz. »Sie sind also Student … wie heißen Sie denn?« »Wie ich heiße? … hm, ich denke, das kann Ihnen gleichgültig sein. In der Tat weiß ich auch kaum selbst, ob ich meinen Namen mit Recht noch führen kann.« »Wie!« schrie der kleine Mann, »Sie wissen nicht, wie Sie heißen?« Der Student lachte bei diesem Ausruf des Schreckens von neuem in mutwilliger Weise laut auf. »Ja, Herr Professor«, sagte er endlich, »es kommt darauf an, welche Nachrichten mir von Hause werden. Ich bin nämlich nicht wie Sie auf einer Ferienreise, sondern auf einer unfreiwilligen Wanderschaft begriffen. Man hat mich von der Universität, wie man so sagt, gemaßregelt.« »Relegiert!« sagte der Professor, einen Schritt zurücktretend, »sprechen Sie es nur aus, junger Mann!« »Nein, nicht relegiert«, sagte der andere. »Die väterliche Weisheit unseres Senats hat mir nur das Bürgerrecht aufgekündigt und den guten Rat gegeben, mich vier Meilen im Umkreis nicht blicken zu lassen. Und das alles bloß deshalb, weil ich einen von Soldaten gemißhandelten Kameraden blutend auf der Gasse fand und zum Beistand desselben ›Burschen heraus‹ rief.« »Ah!« rief der Professor, »Sie haben ›Bursch heraus‹ gerufen!« Der Student trat dem Professor, der zurückwich und ihn durch seine große Brille mit würdevollem Ernst betrachtete, einen Schritt näher. »Ja … das habe ich getan«, sagte er geheimnisvoll; »aber es haben das auch vor mir andere gerufen, und nicht jedermann weiß, daß selbst Herr Professor Zitat diesen fürchterlichen Ausruf gebraucht hatte.« »Ich!« schrie der kleine Mann zurückspringend, »Herr! Sind Sie verrückt?« »Hören Sie, Herr Professor«, erwiderte der andere mit unverändertem Ernst, »ich will Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe kommen. Erinnern Sie sich noch, wie ein paar Ihrer Schüler in der Unterrichtsstunde mit Knallerbsen nach Ihnen warfen und sich der verdienten Strafe durch die Flucht aus dem Schulzimmer entzogen? Damals, Herr Professor, setzten Sie den Schuldigen nach, die sich in den Hof flüchteten und an einem gewissen Orte daselbst, dessen Tür sie hinter sich zuzogen, verbargen. Sie, Herr Professor, rüttelten an der Tür des famosen Verschlags, und als die kleinen Schlingel all ihre Kraft zum Widerstand aufboten, riefen Sie in gerechtem Zorn: ›Burschen heraus, Burschen heraus!‹« Der Pädagog hatte beim Anfang dieser Rückerinnerung die Augen weit geöffnet; jetzt aber zog er die Augenbrauen zusammen und sagte mit drolligem Zorn: »Das ist ein schlechter Spaß, mein Herr, ich hatte eine bessere Meinung von Ihnen gefaßt! Es tut mir leid, drum gehen Sie westwärts, ich will ostwärts gehen.« »Wie können Sie den schlechten Spaß so übelnehmen«, sagte der Student mit anscheinender Reue, indem er die Augen niederschlug. »Ich hätte so sehr gewünscht, Sie in dieser Gegend auf einige Elemente des Volks aufmerksam zu machen, die bis jetzt den Forschungen entgangen zu sein scheinen. Da ich hier in der Nähe so gut wie zu Hause bin, Verwandte und Bekannte habe, so hätte es mich stolz gemacht, wenn Sie unsere Gegend durch Entdeckung einiger Volkslieder und Volkssagen bekanntgemacht hätten.« »Das ist etwas anderes«, sagte der kleine Mann; »ich bin nicht unversöhnlich, und diese Äußerung gibt mir die frühere gute Meinung von Ihnen zurück. Sie sind also gewiß, mir in der Entdeckung von Volksliedern behilflich sein zu können?« »Ich hoffe es«, sagte der Student feierlich. »Wir werden nach der Mittagszeit an einem Ort ankommen, wo mein Onkel eine Besitzung hat. Ich gedenke, die Feiertage dort zuzubringen, und wenn Sie wollen, können Sie von dort Ihre weiteren Ausflüge machen. Sie werden an meinem Onkel einen gastfreien Mann finden, und die Bekanntschaft kann Ihren Untersuchungen von Vorteil sein: Sie können von dieser Höhe dort drüben hinter jenen fernen Hügeln den Kirchturm des Ortes sehen.« Der Pädagog faßte seinen Nachbarn vertraulich unter den Arm, während er der angedeuteten Richtung folgte. »Ich wollte in dieser Gegend die Eltern einiger meiner Knaben besuchen«, sagte er gutmütig; »ich nehme daher Ihren Vorschlag an, der mich nicht weiter von meinem eigentlichen Plan abzieht. Ich werde von dem Gute Ihres Onkels aus die Besuche in der Umgegend machen.« Der Student versicherte ihn mit großer Artigkeit der Freude, die es ihm mache, mit dem gelehrten Manne zusammenbleiben zu können und drang darauf, nunmehr zum Aufbruch zu schreiten. Der Professor setzte sein Käppchen wieder auf und zog den Regenschirm aus dem weichen Boden; der Student warf sein Ränzchen über den Rücken, schwang seinen Stock in der Luft und rief in die grünen Hallen hinaus: »Nun heran, ihr Jungens! Wir wollen einmal sehen, wer zuerst unten am Wege angekommen sein wird!« Der kleine Trupp hatte sich eben ganz zusammengefunden; auf diesen Ausruf stürzte er laut schreiend die Höhe wieder hinunter und war im Augenblicke hinter den zitternden Sträuchern und Bäumen verschwunden. Der Professor sah sich im Augenblick allein. »Diese Tollköpfe!« murmelte er für sich hin; »ich muß eilen, ihnen nachzukommen, sonst hat sie am Ende dieser Brausewind entführt.« Mit diesen Worten schritt er langsam, mit seinem Regenschirm den glatten Boden sondierend, zwischen den hohen Buchen den Fußsteig hinab. Er hatte nicht bemerkt, wie es hinter ihm seltsam in den Büschen rauschte und ein Weib auf die Höhe trat, welches neugierig und vorsichtig nach dem unten verhallenden Lärm der Knaben lauschte. Als es stiller wurde, und sie sich allein glaubte, schritt sie wieder in die Büsche bis zu einem großen Waldschlag, wo sie von einigen gefällten Weißbuchen die jungen Reiser abschnitt und sammelte. Es war eine tiefe, heilige Stille auf diesem Platz. Nur aus der Ferne hörte man das Schlagen der Drossel, und aus einer hohen, weitästigen Eiche, die mitten auf dem Räume stand, fiel zuweilen kleines Laub, welches der Sprung eines Eichhörnchens abgelöst hatte. Und doch hörte das Weib in dieser Stille das Nahen eines Schrittes nicht, welcher aus dem Moos des Waldes herüber nach diesem Raum kam. Sie hatte ein starkes Häuflein von Reisern schon gesammelt und neben sich aufgehäuft; aber die Hast und Heimlichkeit ihrer Beschäftigung schützte sie nicht vor Beobachtung. Ein Mann mit einer Flinte auf dem Rücken und einer Jagdtasche an der Seite seines grünen, schmutzigen Kittels war aus den Büschen getreten und näherte sich jetzt langsam und vorsichtig dem Weibe. Diese letztere stand eben gebückt über den Zweigen eines gefällten Baumes und bemühte sich, noch einige Reiser abzureißen. Ihr Äußeres drückte die tiefste, traurigste Armut aus. Ihr grober, wollener Anzug war zerrissen und verschiedenfarbig geflickt, ihre nackten Füße schienen nach der Gleichgültigkeit, mit der sie die spitzen Gräser und Reiser betrat, nicht sehr an Bekleidung gewöhnt zu sein; ein Tuch verhüllte den Kopf, und ein anderes, altes, armseliges war um Hals und Brust geschlungen. Der Mann rückte seine Kappe etwas höher und blickte über das Laub des gefällten Baumes hinüber; als er aber trotzdem ihr Gesicht nicht erkennen konnte, trat er plötzlich mit raschem Schritt hervor. Das Weib ließ im Schrecken ihre Reiser fallen und fuhr auf. »Was macht Ihr da, Holzdiebin, he?« rief der Mann, indem er sie an der Schulter packte. »Reiser zu Besen stehlen, nicht wahr? … Habt Ihr einen Schein, daß Ihr hier sammeln dürft?« Die Frau warf einen blöden Blick auf den Sprecher und sagte dann mürrisch, indem sie sich aus der Hand des andern zu befreien suchte: »Nun, man wird doch wohl die Reiser suchen dürfen, wo man sie findet. Wachsen sie etwa nicht für alle? … Wovon sollen die armen Leute sonst noch leben – he? – Gehört das wohl auch dem reichen Pack?« Der Mann hielt seine Hand fester auf die Schulter des Weibes. »Also du hast keinen Schein, he? – und die Reiser hast du doch zum Besenbinden holen wollen!« rief der Waldwärter. »Und wenn ich mir Besen daraus hätte machen wollen«, schrie das Weib, »was geht's Ihn an? – Gibt Er mir etwa sonst zu leben?« »Ins Hundeloch will ich dich bringen, großmäulige Hexe … denkst du, mit deiner Frechheit bei mir loszukommen? – Einen Schein hast du nicht, Holz hat sie hier zusammengestohlen, also marsch! Nur noch ein freches Wort, und du sollst meine Hundspeitsche fühlen!« Dabei griff er mit der rechten Hand seitwärts in die Waidtasche, aus der er eine geflochtene Lederpeitsche zog, während er mit der linken Hand die Frau fester bei der Schulter hielt. »Au! au!« wimmerte das Weib, plötzlich den Ton ändernd. »Mein Arm! Mein Arm! … Lassen Sie mich doch los, Herr Franz! Was habe ich Ihnen denn getan, Herr Franz? Um die lumpigen paar Reiser werden Sie eine arme Frau doch nicht ins Unglück bringen. Es wird einem doch, weiß Gott, sauer genug, durch den Verkauf der Besen sein Brot zu verdienen.« Der Waldwärter schüttelte die Peitsche in seiner Hand, um sie auseinanderzurollen; da ihm dies aber nicht gleich gelang und er das Weib nicht loslassen wollte, gab er ihr mit dem dicken, kurzen Stiel der Peitsche einen schallenden Schlag über den Rücken. »He! wirst du jetzt gehen?« rief er auf das laute Klagen des Weibes. »Ich will dir die Frechheiten gegen einen Beamten vertreiben!« »Ach, Herr Franz«, weinte das Weib; »haben Sie doch Mitleid. Ich habe ja nicht gewußt, daß man keine Reiser hier suchen dürfe. Wenn der Wald den vornehmen Leuten gehört, so können sie den Armen doch die paar Reiser lassen. Sie holen sie ja doch nicht selbst.« Statt aller Antwort schüttelte der Waldwärter heftig an seiner Peitsche. »Haben Sie doch Erbarmen, Herr Franz!« rief das Weib bei dieser Bewegung, heftiger weinend, und ihr Auge, dessen stumpfer Ausdruck ihren Blödsinn aussprach, folgte ängstlich den Bewegungen des Mannes. »Haben Sie doch Mitleid, Herr Franz! Ach Gott, Herr Franz …!« Aber der Waldwärter hatte in diesem Augenblicke das Ende der Peitsche gelöst und schwang sie zu einem neuen Schlage, das Weib stieß einen wilden Schrei aus und entriß sich mit einer heftigen Bewegung seinen Händen. Die Peitsche fuhr ihr klatschend über den Kopf, da sie einen Schritt weit eben entsprungen war. Aber diesmal schrie und klagte sie nicht, sondern floh in wilder Hast in den Wald. Der Waldwärter folgte ihr mit einem grimmigen Fluche, aber seine Peitsche erreichte die Fliehende nicht, und sein Rufen schien dem Weibe nur größere Schnelligkeit zu verleihen. Er war nur wenige Schritte hinter ihr und blieb ihr ziemlich gleichmäßig auf dem Fuße. Das Weib flog über die Anhöhe, welche die frühen Wanderer zuvor verlassen. Einen Augenblick schien es, als ob der Verfolger beim Aufsteigen des Weges sie einhole; aber das Weib sprang plötzlich seitwärts ab dem Tale zu. Der Peitschenschlag, zu dem der Verfolger beim Nahen eben wieder ausgeholt, fiel schallend an einem Baumstamm nieder, – dann ein heftiger Fluch, ein Fall und das Donnern eines Schusses in dem Widerhall der Höhen war das Werk eines Momentes. Der Waldwärter war bei einer plötzlichen Wendung über eine Baumwurzel gestolpert, und beim Fall hatte sich die Flinte entladen. In wildem Ingrimm raffte er sich auf und untersuchte das Gewehr; als er es unversehrt fand, folgte er der Richtung, in welcher die Fliehende entkommen war. Einige Blutstropfen, die frisch in dem Moos perlten, ließen ihn vermuten, daß das Schrot sein Opfer getroffen habe, und die Hoffnung, das Weib zu erhaschen, beflügelte wieder seinen Lauf. Das leichte Wölkchen des Pulverdampfes wirbelte noch langsam durch das junge Laub, und sein Schatten zitterte im Sonnenschein auf dem grünen Boden. Auf der Höhe lag wieder die tiefe Ruhe des Morgens. Die Sonne erhellte das weite Bild der Ferne, die Bäume rauschten und die heimliche Quelle murmelte, und die Drossel, die bei dem Schuß erschreckt davongeflogen, begann wieder in der Ferne zu schlagen. Das Echo auf den Höhen verstummte, und die lauten Stimmen in dem Laub der Eichen und Buchen wurden nach den Unterbrechungen fremder Störnis von neuem lebendig. 2. Der Hofbesitzer. »Sehet, Oheim, bemerk' ich nun das, und sinne darüber, Nun, so spiel' ich halt auch mein Spiel und denke daneben Öfters bei mir: es muß ja wohl recht sein, tun's doch so viele! Freilich regt sich dann auch das Gewissen, und zeigt mir von ferne Gottes Zorn und Gericht und läßt mich das Ende bedenken: Ungerecht Gut, so klein es auch sei, man muß es erstatten. Und da fühl' ich denn Reu' im Herzen; doch währt es nicht lange. – – Raubt der König ja selbst so gut als einer, wir wissen's.« Goethe, Reineke Fuchs. Auf dem Hof vor dem großen, steinernen Herrenhaus stand der Verwalter und sah einem Bauern zu, der eben die Pferde vor seinen Wagen geschirrt hatte. Auf dem Wagen lagen die frisch gebrochenen Steine hoch aufgehäuft, so daß die Achse fast zu brechen schien, und die beiden kräftigen Pferde vermochten kaum, das Fuhrwerk von der Stelle zu bringen. Der Verwalter sah ihm einige Zeit schweigend, die Hände in die Taschen seiner Jacke gesteckt, zu. Als aber der Bauer trotz seines Schreiens und Peitschenknallens das Fuhrwerk nur eben zum Tor hinaus gebracht, ging er ans Hoftor. Der Weg ging draußen ziemlich steil hinauf das Dorf entlang; und die Pferde blieben instinktmäßig einen Augenblick schnaufend stehen. »Schämt Ihr Euch nicht, fauler Kerl«, rief er dem Bauern zu. »Mit den zwei Pferden da wollt Ihr die Last bis hinunter nach dem Rhein bringen? Wenn's ans Bezahlen kommt, werdet Ihr unverschämt genug sein, vier Pferde in Rechnung zu bringen. Aber solch habsüchtig Pack kann nicht genug verdienen; lieber schinden sie ihr eigenes Vieh und brauchen einen Tag länger unterwegs, als daß sie Vorspann nehmen.« »Was! einen Tag länger!« rief der Bauer, der seine Pferde doch einen Augenblick verschnaufen lassen wollte. »Meine Gäule haben's nicht nötig, länger als einer von den anderen, wenn der auch vier Pferde nimmt, unterwegs zu bleiben. Wenn meine Braunen erst einmal im Zug sind, halten sie Schritt mit jedem.« Damit trieb er sie wieder an, indem er schreiend und knallend seine Peitsche schwang. Die Pferde zogen mit ungeheurer Anstrengung und gelangten endlich auch auf die Höhe des Weges, der von dort eine Zeitlang abwärts führte. Der Verwalter sah ihnen nach und kehrte dann auf den Hof zurück, indem er noch über die Unvernunft der Leute murrte, die ihre Tiere so quälten. Auf dem Hof rief er einen Knecht, der eben nach dem Stall ging. »Ist der Georg noch nicht aus dem Steinbruch zurück?« fragte er. »Die neuen Steine müssen doch herein, sie werden vor den Feiertagen noch abgeholt.« Der Knecht sagte, daß der Erwartete noch nicht zurückgekommen sei. »Er hat schon gestern«, fügte er hinzu, »beim Aufladen in den Brüchen selbst helfen müssen, weil einer von den Arbeitern krank ist. So werden sie ihn vielleicht heute wieder aufgehalten haben; er ist schon vor einer Stunde hingefahren.« »Der Georg hat in den Brüchen nichts zu tun«, schalt der Verwalter; »er hat bloß draußen die Steine aufzuladen. Wenn einer von den Arbeitern krank ist, so kann der Werkmeister für einen neuen sorgen und braucht nicht einen von den Knechten aus dem Hause zu nehmen. Es ist aber gut, daß ich das weiß; ich werde morgen beim Auszahlen des Wochenlohns den Abzug für den einen Arbeiter nicht vergessen. Wenn ich das nicht erfahren hätte, würden einem die Leute den Lohn für den fehlenden Kranken mit angerechnet und unter sich geteilt haben.« »Ach nein, Herr Verwalter«, sagte der Knecht; »die Steinbrecher sind alles ordentliche Kerle. Sie haben unter sich ausgemacht, wenn einer von ihnen krank wird, so wollen die andern für ihn mitarbeiten und lieber länger dort bleiben, um dem Kranken seinen Lohn zu erhalten.« »Das geht mich nichts an«, sagte der Verwalter. »Der Werkmeister bekommt für soviel Leute Wochenlohn, als er in den Brüchen hat; fehlt einer, so ist das seine Sache. Ich werde dafür den Lohn nicht wegschmeißen. Wenn man solche Sachen einführen wollte, würden einem alle Tage Leute ausbleiben.« »Ja, Herr Verwalter, das ist wohl wahr«, sagte der Knecht; »aber wenn die Leute soviel arbeiten als an andern Tagen, wo sie vollzählig waren, um ihrem kranken Kameraden den Lohn zu bringen: Das wäre doch hart, wenn Sie ihnen da noch den Lohn abziehen wollten. Der Georg sagte gestern, daß die Leute anderthalb Stunden länger gearbeitet, als sie im Kontrakt stehen hätten.« »Ja, ich kenne das Längerarbeiten«, sagte der Verwalter mürrisch. »Alle Zucht und Kontrolle ginge dabei zum Teufel. Daß ich ein Narr wäre! Nein! Ich habe auf die Zahl der Arbeiter Kontrakt gemacht, und je weniger da sind, desto weniger wird bezahlt.« Der Knecht murmelte etwas und ging in den Stall zurück; der Verwalter wandelte noch einige Zeit über den Hof, indem er gedankenlos vor sich hin pfiff. Ab und zu sah er dabei nach der großen, steinernen Treppe, die zum Herrenhaus hinaufführte. Als jetzt endlich die Haustür oben geöffnet wurde, und ein kleiner untersetzter Mann auf den Treppenvorsprung trat, rückte der Verwalter seine Kappe und rief hinauf: »Der Georg ist noch nicht zurück, Herr Stempel. Soll ich vielleicht die letzten Steine noch aufladen lassen?« Der kleine Mann oben lehnte seinen Ellbogen auf das eiserne Treppengeländer, indem er mit der Hand die wenigen weißen Haare seines kahlen Hauptes strich und mit der andern gemütlich die Zähne stocherte. »Was macht denn der Georg so lange in dem Steinbruch?« rief er herunter. »Die Leute werden jetzt schon so faul, Gott weiß, was soll das erst im Sommer, in den Hundstagen werden. Und der Georg ist noch einer von den besten. Den haben gewiß die Steinbrecher auch wieder mit in den Krug verführt.« Der Verwalter ging langsam die steinerne Treppe hinauf, um sich besser bei seinem Herrn aussprechen zu können. »Wir werden die Arbeiter etwas kürzer halten«, fuhr der Herr eben wie im Selbstgespräch fort; »nicht allein versaufen sie ihren eigenen Verdienst, sie verführen uns auch die Knechte.« Der Verwalter, der oben angekommen, rückte noch einmal seine Kappe und sagte leiser als zuvor: »Nicht allein das, Herr Stempel, sie versuchen, uns auch zu betrügen. Schon gestern, und wer weiß wie lange vorher, sind sie nicht vollzählig, und doch wird der Werkmeister für alle den vollen Lohn verlangen.« »So, es fehlen welche?« erwiderte der Gutsbesitzer, seinen Verwalter pfiffig betrachtend. »Einer«, sagte der Verwalter, mit den Augen blinzelnd. »Sie sagen, er wäre krank; aber das ist eine Ausrede, und wenn wir die gelten lassen wollten, würden uns alle Tage welche ausbleiben. Daß sie uns aber zu betrügen suchen, das beweist das, daß sie nichts davon sagen und auch keinen neuen annehmen.« »Sie werden ihnen morgen den Abzug dafür machen«, sagte der Gutsherr. »Deshalb also bleibt der Georg so lange aus; wahrscheinlich sind die Steine nicht bereit, und doch müssen sie vor den Feiertagen fort. Wenn die Fuhrleute sie morgen nicht hier finden, soll ich sie wohl im Hof behalten? – Da würden meine Gäste aus der Stadt ihre Wagen draußen vor dem Tor stehenlassen können; eine schöne Geschichte, das!« Die Erwähnung der Gäste aus der Stadt, die den Gutsbesitzer gewöhnlich zu Pfingsten, zur Kirchweihe und im Herbst zur Jagd besuchten, machte auf den Verwalter offenbar einen sehr günstigen Eindruck. Er wußte, wie sehr es sich sein Herr bei solchen Gelegenheiten angelegen sein ließ, den Fremden ein besonderes Schauspiel von seinem Glänze und Glücke zu geben. »Halten Sie mir die Leute etwas kürzer«, wiederholte der Gutsherr; »bei dem schlechten Wert der Bausteine kann man ohnedies den bisherigen Lohn nicht fortgeben, ohne sich zu ruinieren. Ich habe schon früher daran gedacht.« Der Verwalter sagte, daß er selbst nach den Steinbrüchen gehen wolle, um sich über den Stand der Arbeiten Überzeugung zu verschaffen. Dann, als der Gutsbesitzer sein Frühstück durch eine Promenade in dem großen Garten hinter dem Hause verdauen wollte, ging er wieder in den Hof hinab. Der Knecht, den er vorhin um den Georg befragt, kam eben mit einem andern aus dem Stall; er gab demselben einige Aufträge und Verhaltungsbefehle und schlenderte dann langsam zum Hoftor hinaus. Als er durchs Dorf ging, begegneten ihm mehrere Bauernfrauen und alte Arbeiter, die den Verwalter des gnädigen Herrn in ihm grüßten. Ein paar Kinder, die an dem Brunnen spielten, sahen ihm gaffend nach; der Mann schritt stolz im Gefühl seiner kleinen Macht vorüber. Auf der Höhe draußen vor dem Tor schlug er einen Fußweg durch die frischen, blühenden Felder ein. Die Gegend war fruchtbar und schön hier. Die reichen Felder zogen sich weit hinaus, nur an Abhängen von fetten Wiesen durchbrochen; weiter hin dunkelten die Forste der Berge. Das üppige Land mußte hinreichen, um eine weit größere Bevölkerung zu ernähren; aber die Felder ringsum gehörten Herrn Stempel, der sie den Bauern in hoher Pacht gegeben. In benachbarten Ortschaften herrschten ebenfalls einige Gutsbesitzer. Die Jagd in den Feldern und Waldungen aber hatten die Herren untereinander gepachtet. Der Verwalter wanderte eine Zeitlang fort, indem er zuweilen prüfende Blicke auf die Felder warf. Der Weg, welcher eine Wendung des Fahrwegs umging, stieg langsam bergan, und erst auf der nächsten Höhe gewahrte man endlich in der Ferne die Stelle, wo der Steinbruch lag. Ein hoher Abhang bewies, wieviel schon aus dem Boden dort gewonnen sei; weithin liefen noch Gänge, in denen Arbeiter beschäftigt waren, und die ungeheure Ausdehnung der Felsen ließ noch auf lange Jahre der reichsten Nutzbarkeit schließen. Diese Brüche gehörten dem Hofbesitzer, der zum Ausbrechen der Steine Leute aus andern Gegenden gezogen hatte. Schon sein Vater hatte den Bruch, wenn auch nur mäßig, ausgebeutet, und da er kein großer Spekulant war, auf einem mäßigen Gewinn erhalten. Herr Stempel aber, der das Geschäft in größerem Maßstabe betreiben wollte, war im Laufe der Zeit ausgebreitetere Verbindungen eingegangen; der Handel mit den Bausteinen erstreckte sich bald nicht mehr allein auf die Umgegend; der Besitzer nahm Agenten weit und breit an vielen Hafenorten an, und die Steine wurden mit großem Erfolg nach allen Gegenden vertrieben. Dadurch hatten sich, wie gesagt, auch mehr und mehr Arbeiter nach dem Dorf gezogen, die sich dort anbauten und, solange die Ausbeute der Brüche vorhanden war, ihr Auskommen zu haben schienen. Herr Stempel hatte sich jedoch zuletzt mit einem dazu ersehenen Meister eingelassen, einen bestimmten Lohn für jeden Mann ausgemacht und sich soviel Arbeiter bedungen, als er den Bestellungen gemäß verwenden zu können glaubte. Es waren aber bereits in der Hoffnung auf Arbeit eine größere Zahl in dem Dorfe angesiedelt, und diese Leute sahen sich daher gezwungen, um jeden Preis einen andern Lebenserwerb zu ergreifen. Nach einigem Bedenken hatte sich der Gutsbesitzer dazu verstanden, ihnen seine Felder zur Bearbeitung zu überlassen. Er selbst stand sich nicht schlechter dabei, und außerdem hatte er nunmehr für den Fall, daß er einmal für einige Zeit Arbeiter in den Brüchen bedürfte, die Leute vorrätig. Als der Verwalter auf dem Hügel angekommen war, gewahrte er in den Brüchen einen dichten Knäuel und ein ungewöhnliches Rennen und Bewegen. Etwas Genaues ließ sich in dieser Entfernung nicht unterscheiden. Er wollte mit rascheren Schritten sich hinwenden, als er auch einen einzelnen Mann, den er bald an der Kleidung für einen Arbeiter erkannte, auf dem Fußweg eiligen Laufes herannahen sah. Indem er stehenblieb und sich den Grund der Bewegung zu erklären suchte, ward er von der andern Seite durch ein Lärmen von Stimmen wieder abgezogen. Ein großer Trupp kam auf dem breiten Weg auf das Dorf zu. Der Verwalter betrachtete sie neugierig, und obwohl er die einzelnen nicht unterschied, sah er doch, daß es keine Bewohner des Dorfes oder der Umgegend seien. Sollten es schon Fremde, erwartete Gäste zu den Pfingstfeiertagen sein? Es schien ihm nicht so, da er gewohnt war, dieselben in anderem Aufzuge kommen zu sehen. Zudem verschwanden in dem Augenblick die Herannahenden in einer Senkung des Weges, so daß der Verwalter sie nicht ferner mehr beobachten konnte. Er wartete auf der Höhe, wo sie bald näher vor seinen Augen vorbeikommen mußten; dann wandte er sich wieder nach der Richtung der Steinbrüche zu. Der Arbeiter, den er vorhin bemerkt, kam auf dem Wege eben auf ihn heran. »Was gibt es?« fragte er, als er den atemlos Laufenden erkannte. »Ist etwas vorgefallen in den Brüchen?« »Ach, Herr Verwalter, der Georg!« war alles, was der andere hervorbringen konnte. »Nun, was ist denn mit dem Georg? Kannst du nicht sprechen, du Tölpel?« sagte der Verwalter ungeduldig. »Der Georg, ich weiß es selbst nicht; aber er liegt in den Brüchen, es ist ein Haufen Steine über ihn gefallen!« »So!« sagte der Verwalter giftig, »wer ist daran schuld als die Leute, die ihn dort zurückbehalten haben, wo er nichts zu tun hat! Wir wollen sehen! Wir wollen sehen! Das kommt von dem Betrügen und der Faulheit der Leute … das soll euch eingetrichtert werden! Der Georg, der Großknecht vom Hof! Nein, es ist zu arg!« »Ach, Herr Verwalter«, sagte der andere, »weiß Gott, es ist wahrhaftig niemand schuld daran. Die Steine waren fest gelegt wie immer, und auf einmal, Gott weiß, wie es kam, fiel die ganze Reihe zusammen und auf den Georg, der unten im Gange stand. Es wußte keiner, wie ihm geschah; erst der Werkmeister sprang hinunter und rief uns zu, ihm zu helfen. Als wir ihn herauszogen, war er ganz voll Blut und ohnmächtig. Ich glaube, der Arm, die Beine sind gequetscht, aber er lebt wenigstens noch.« »Wer heißt ihn aber da hinuntergehen!« rief der Verwalter, mit dem Fuße stampfend. »Hat er etwas da zu suchen? Nein! Nur die Steine hat er aufzuladen! Aber ihr habt ihn dazu beredet, weil seit gestern wieder einer von euch fehlt und ihr das Geld einstecken wollt. Nun, ihr werdet schön ankommen bei dem Herrn!« »Sehen Sie, Herr Verwalter«, sagte der Arbeiter verzagt, »der Anton ist krank, und da sagte der Werkmeister, daß wir lieber eine Stunde länger arbeiten sollten, um dem Kranken seinen Tagelohn zu geben. Es könne das ja jedem von uns auch passieren, meinte der Werkmeister. Wir waren es auch zufrieden, und weil nun der Georg gut Freund mit dem Anton ist und auch früher, wie Sie wissen, Steinbrecher war, hat er gestern und heute von selbst ab und zu einmal bei der Arbeit geholfen.« »Ja, der Georg ist gut und dumm genug, sich dazu herzugeben«, erwiderte der Verwalter. »Das hat er jetzt davon. Aber mit euch wird der Herr wohl auch ein Wörtchen reden. Was stehst du noch hier, kannst du nicht den Chirurg holen?« fuhr er den Arbeiter an. »Ich war gerade auf dem Wege, Herr Verwalter«, sagte der andere; »aber da Sie mich fragten, wollte ich Ihnen doch sagen, was vorgefallen sei. Ich will mich jetzt beeilen.« »Rindvieh, das!« murmelte der Verwalter ihm nach. »Eine schöne Geschichte, grade der Georg, der Georg! Nun, das wird ein schönes Gewitter bei dem Herrn setzen.« Indem er sich umdrehte, um langsam dem Arbeiter auf den Hof nachzufolgen, gewahrte er jetzt die fremden Wanderer, die er zuvor schon aus der Ferne erblickt hatte. Ein Trupp Knaben marschierte Arm in Arm kolonnenweise voraus; hinter ihnen folgten zwei Erwachsene, ein kleiner Mann, dessen Äußeres der Verwalter trotz seiner düstern Stimmung sehr possierlich fand, neben ihm ein schlanker, hochgewachsener junger Mann. Der Verwalter betrachtete den letzteren mit Aufmerksamkeit. »Straf mich Gott, es ist Max!« sagte er für sich. »Aber welche Gesellschaft führt er da bei sich? Wenn der ganze Trupp dem Herrn Onkel ins Haus fallen soll, wird es auch keine üblen Feiertage geben.« Somit schritt er langsam weiter den Weg hinunter; es schien aber, als ob man ihn dort ebenfalls entdeckt habe. »Hoi ho! Herr Verwalter!« schallte es von drüben und eine Mütze wurde in der Luft geschwenkt. »Herr Max! … Jawohl! Ich habe Sie gleich erkannt«, rief es zurück. »Der Teufelskerl«, lachte er für sich; »er wird die Ferien wahrscheinlich hier zubringen … nun, das wird wieder ein ausgelassenes Leben werden, Gott steh uns bei.« Ein neuer Ruf von drüben, dem ein fürchterliches Hurra der Knaben folgte, tönte zu ihm herüber. »Ja, ja, ich komme schon«, antwortete der Mann, indem er seine Schritte beflügelte. Der Student aber kam ihm entgegengesprungen und schüttelte ihm derb die Hand; ihm folgte langsam der Professor; die Knaben waren plötzlich, wie ein Schwarm Bienen, an dem Rande des Grabens am Wege niedergefallen. »Nun, wie geht's, Alter?« sagte der Student. »Werden wir diesen Herbst wieder jagen wie im vorigen Jahr … wissen Sie oben im Forst, wo ich den Wolf schoß? Aber, was rede ich vom Herbst; zuerst haben wir ja die Pfingstfeiertage vor uns. Da wird's wohl wieder voll sein beim Onkel, he? … Was macht der Alte? … Ist er gesund? … Zecht er noch brav mit den Landpfaffen? Die werden wohl auch alle aus der Umgegend die Feiertage dasein? … Und ein Maibaum, he? einen Maibaum gibt's doch? … Wir tanzen doch? … Und, à propos, meine Cousine Lolo«, fügte er heimlicher hinzu, »was macht sie? Ist sie zu Hause?« Der Verwalter hatte all die Fragen mit stummem Lächeln aufgenommen, nur dann und wann mit einem: »Gut! Gut! – jawohl!« einfallend. »Ihr Herr Onkel wird sich freuen, daß Sie kommen, Herr Max«, sagte er endlich, als er zu Worte kam; »wird sich freuen, gewiß! daß er jemanden hat, der ihm bei den Angriffen der fremden Gäste zur Seite steht. Sie wissen ja, wie das da zugeht. Und Ihre Cousine … nun, was die sagen wird, weiß ich freilich nicht«, sagte er verschmitzt. »Sagen Sie ihr auch nichts, Verwalterchen, daß ich da bin. Ich will vom Garten hereinkommen und sie erschrecken.« – »Verstehe, verstehe«, erwiderte der andere, »aber … wen zum Teufel bringen Sie denn da mit?« »Ja so!« sagte der Student, »das hätte ich fast vergessen. Ein Schullehrer mit seinen Jungen, der eine Rundreise durchs Land macht«, fügte er hinzu, indem er den herankommenden Professor beim Arm nahm. »Es wird Zeit sein, daß wir ins Dorf kommen«, sagte der Verwalter, nachdem er den Pädagogen in seiner Weise begrüßt; »die Knaben sind wahrscheinlich doch müde und hungrig. Sollen wir uns nach dem Haus aufmachen?« Der Pädagog, der sich fortwährend mit seinem Regenschirm beim Gehen stützte, war mit dem Vorschlag gleich einverstanden. Ihn lockte der Gedanke, sich bequem ausruhen und eine wohlfeile Güte antun zu können. Die Knaben erhoben sich wieder und marschierten wie zuvor reihenweise voraus. Einige hatten sich unterwegs aus Weidenrinde Pfeifchen geschnitten und begannen jetzt eine so wilde Musik, daß bei ihrem Eintritt die Dorfjugend verwundert und mit höhnischem Lachen nebenher lief. Hinter ihnen folgte der Verwalter mit dem Professor, welcher letztere bereits wieder Fragen nach Volksliedern und andern antiken Volkstümlichkeiten tat. Der Student war auf einem andern Wege um das Dorf gegangen und hatte sich über eine niedrige Mauer heimlich in den Garten des Gutsherrn geschwungen. Nach Verlauf einer halben Stunde saß der Pädagog mit dem Hofbesitzer und dessen Verwalter zusammen bei einem Glase kräftigen Rheinweines. Herr Stempel liebte es, auch bei Fremden seinen Verwalter in den Kreis zu ziehen, was unter anderem ihn bei seinen Standesgenossen in den Ruf eines humanen, freisinnigen Mannes gebracht hatte. Der Pädagog, der im Walde den Trunk aus der Flasche des Studenten verschmäht hatte, sprach jetzt, wo seine Schüler nicht zugegen waren, dem Becher ziemlich eifrig zu, ohne Aufregung zu besorgen. Die Knaben waren in einem großen Saal im Erdgeschoß untergebracht, wo sie sich zuerst mit Speise und Trank erquickten und auch jetzt ihre ausgelassene Natur nicht verleugneten. Das Zimmer, in dem sich die Männer befanden, war in sehr eleganter, großstädtischer Weise ausgestattet. Man sah, daß Herr Stempel, obwohl er anhaltend auf dem Lande wohnte, doch die großen Bequemlichkeiten des Lebens in der Stadt mit diesem Aufenthalt zu vereinigen wußte. Eine Haushälterin und ein schmuckes Dienstmädchen räumten eben das Essen ab, als der Gutsherr und sein Verwalter sich die Zigarre anzündeten. »Also Sie beschäftigen sich mit der Aufsuchung von alten Liedern«, sagte der dicke Herr, behaglich auf dem Sofa sich reckend und die weißen Haare vom Nacken über das kahle Haupt streichend. Offenbar wunderte es ihn, daß ein Mann, unter dessen Schülern sich Kinder aus den reichsten, vornehmsten Gutsherrschaften der Umgegend befanden, sich mit solchen Lappalien beschäftige. Der Pädagog bemühte sich, ihm das Verdienstvolle seines Bestrebens auseinanderzusetzen und führte die Unterstützung an, die ihm seitens der Regierung zuteil geworden. »Ich bin gar nicht für solche mittelalterlichen Geschichten«, sagte der freisinnige Mann; »wenn ich mich um Sachen des Volks bekümmere, so ist es seine materielle Lage. Die Lage der Arbeiter, die bei mir sind, kümmert mich mehr als ihre Lieder. Sie arbeiten für mich, und ich sorge daher auch, soweit ich kann, dafür, daß sie ihre Arbeit ordentlich und zufrieden verrichten können. Wenn die Regierung in dieser Weise auch für das Volk sorgte, statt auf unnütze Geschichten Geld zu verwenden, so würde es besser sein. Es sind viele Leute da, die nichts zu arbeiten haben; für die muß der Staat sorgen. Jeder sorgt für seine Leute; die einzelnen können nicht auf alle in jeder Weise Rücksicht nehmen.« Der Pädagog wiegte sich unbehaglich auf seinem Stuhl; er hatte sich nie um solche Sachen bekümmert und wußte daher keine Antwort zu geben, aber es war ihm, als ob er diese Worte oder ähnliche schon irgendwo gehört oder gelesen hätte. Der Verwalter warf auf seinen Gutsherrn einen vielsagenden Blick; dieser aber fuhr ruhig und bedächtig fort, indem er sich manchmal in den Zähnen stocherte. »Man muß nur die Sache anzufangen wissen«, sagte er, das wiegende Nicken des Pädagogen für Zustimmung nehmend. »Man spricht soviel von Pauperismus Massenarmut. und Proletariat, aber ich bin gewiß, wenn jedermann für seine zugehörigen Leute ordentlich Rücksicht nimmt und der Staat sich der übrigen annimmt, ist alles in Ordnung. Ich kümmere mich viel, sehr viel um die Lage der Arbeiter«, fuhr er mit Sicherheit fort, »und ich weiß auch, daß es besser ist, sich nach unten der Leute anzunehmen als nach oben.« »Ja, Sie hängen von den Leuten da unten und ihrem Einfluß ab, wie wir Beamte und Staatsleute von denen oben«, sagte der Professor, dessen gerötetes Gesicht und unterdrücktes Gähnen auf das Bedürfnis der Ruhe schließen ließ. »Das kommt auf dasselbe hinaus.« Der Gutsbesitzer warf einen etwas überraschten Blick auf den Sprecher und sagte dann: »Wenn Sie noch einige Tage hier verweilen sollten, was mir nur Vergnügen bereiten würde, so können Sie sich überzeugen, daß es Leute genug unter den Reichen und Angesehenen gibt, die sich mit warmem Interesse über das Wohl des Volks und über die Mittel, die ihnen für ihren eigenen Wirkungskreis zu Gebote stehen, beraten. Sie werden sehen, wie solche Volksfreunde, echte Volksfreunde, ihre Versammlungen halten und zu wirken suchen.« »Ja … jawohl, es scheint mir doch, obwohl ich von diesen Sachen nichts verstehe«, sagte der Altertümler schläfrig, »daß mit dem bloßen Wirken einzelner für ihre Leute noch nichts für die Masse der übrigen, zahllosen Unglücklichen getan sei; und wenn der Staat sich auch der Arbeitslosen annimmt, so werden doch seine Mittel nicht ausreichen, da die Zahl derselben, wie es heißt, so bedeutend anschwillt, – dagegen eine immer kleinere Zahl von Begüterten entsteht, und die Einnahmen des Staates wie seine Ausgaben für Heere, Beamte und hohe Herrschaften dieselben bleiben. So scheint es mir wenigstens«, sagte der kleine Mann, jetzt wirklich gähnend; »ich kann aber auch unrecht haben.« Der Hofbesitzer sah ihn mit steigender Überraschung an und nahm einen Schluck aus seinem grünen Römer, um sich zur Antwort zu sammeln. Als er aber das Glas hinsetzte und sein Blick von ungefähr auf die Wand fiel, gewahrte er in dem dort hängenden Spiegel ein lächelndes Gesicht, dessen Augen mit keckem Spott auf ihn gerichtet waren. Eine leise Verlegenheit sprach sich auf dem Antlitz des Gutsherrn aus, und er ließ das Gespräch fallen, das an diesem Tage auch nicht wieder aufgenommen wurde. Die Anwesenheit des so leise und unbemerkt Hereingetretenen gab ihm am besten und natürlichsten Gelegenheit zu anderem Gespräch. Er legte sein volles, glänzendes Gesicht über die Stuhllehne zurück und rief: »Ah! Sieh! … Bist du da, Max? – Der Verwalter oder vielmehr der Herr Professor sagte mir schon, daß du da seist. Du bist durch den Garten gekommen, nicht? Aber wo ist denn Lolo, die hat sich ja noch gar nicht sehen lassen?« Der Student begrüßte seinen Onkel und befriedigte kurz seine Frage nach manchem Vergangenen und Fernen. Es lag aber noch immer der leise, kecke Spott, mit dem er das belauschte Gespräch gestört hatte, in seinen Blicken, und der Gutsherr schien trotz seiner teilnehmenden Neugierde unter diesen Blicken sich verlegen und befangen zu fühlen. Endlich stand der Altertümler auf, indem er nach Ruhe auf die Strapazen der Wanderung verlangte. Der Verwalter nahm den Gutsherrn hinaus, um ihm das Unglück des Knechtes mitzuteilen; der Student aber, der ihm einen Augenblick nachgesehen, drehte sich rasch um und ging durch den Hausflur nach der Hintertür, die in den Garten führte. 3. Lolo. Die Rosen und die Lilien schauen voll Neid Auf deiner schönen Wangen Lieblichkeit. Der Garten des Gutsherrn war eher einem ungeheuren Park ähnlich. Die Blumen- und Gemüsebeete zogen sich hinter dem Hause eine kleine Anhöhe hinauf; dazwischen blühende Obstbäume, und oben weiter links, auf einem Hügel, Weinreben, über denen eine kleine offene Tempelhalle emporragte. Weiter hinaus aber kam man nur in schattige Laubgänge, verborgene Plätzchen zwischen den Büschen, kleine Wiesenräume und künstliche Grotten. Der Gutsherr hatte diesen Teil des Gartens in eine romantische, naturwüchsige Unordnung einkleiden lassen, welcher jedoch der harmonischen Einheit halber die Kunst wieder Schranken setzen mußte. Auf einem grünen Rasenhügel, zu dem man sich den Weg selbst durch die dichten Hecken bahnen mußte, ragten drei schlanke Pappeln nur wenige Schritte neben einigen Pfirsichbäumen auf; die weiße Birke stand mitten unter wohlgehegten Sirenenhecken, und zwischen durch sah man auf einem kleinen Rasenraume die Fraxinus pendula , Traueresche. deren hängende Äste ein so heimliches stilles Versteck bildeten. Die Unebenheit des Bodens in diesem Teil hatte dem Gutsherrn vortrefflich zur Ausführung seines romantischen Planes hier gepaßt. Der Garten lag höher als der Hofraum und führte erst durch die sanfte Abdachung der Blumen- und Fruchtbeete zu der Hintertür des hohen Hauses hinab. In dem dichteren Teil jener wilden Anlagen hatte sich eine Schar von Singvögeln eingenistet, und in den stillen Nächten hörte man weithin in der Umgegend das Schlagen der Nachtigall, die sich jahraus jahrein hier einfand. Der laute Gesang nahm hier kein Ende, und wenn in der frühen Morgendämmerung das weiche Lied der Nachtigall erstarb, begann auch schon der hell tönende Frühgruß der Goldamsel. Zwischen den Blumenbeeten ging ein Paar hinauf. Ihre Blicke streiften die Beete, und das junge Mädchen zeigte ihrem Begleiter die Blumen, die sie gepflanzt oder die sie mit Vorliebe pflegte. Dazwischen aber schienen sie sich, wenn auch nicht immer in Worten, von etwas anderem noch zu unterhalten. Wenn sie die Blicke erhoben und ihre Augen sich begegneten, lächelten sie still. Das Mädchen war schlank gewachsen, und die Weichheit ihrer Bewegungen gab ihr einen zauberhaften Reiz. Es lag etwas von der gazellenartigen Leichtigkeit des Rehes in diesen Bewegungen; vielleicht auch war dies die Bedeutung, in welcher der junge Mann das Mädchen sein Rehchen nannte. Ihr Antlitz war so weiß wie das Haupt der Lilie, vor der sie standen, und auf ihren Wangen lag wie ein Hauch das Rosenrot des flaumigen Pfirsichs. Ob sie wußte, wie schön sie war? Sie schützte ihr Gesicht nicht gegen die Strahlen der schon höher gerückten Sonne. Ihre dunkeln, lebhaften Augen mit dem großen Blick und das Lächeln der kleinen, purpurfarbigen Lippen schienen der Gefahr nicht nachfragen zu wollen. In zwei langen Flechten hing das dichte, kastanienbraune Haar über den Nacken, und die Spitzen derselben, mit dem roten Band durchflochten, spielten bei jeder Bewegung leise um sie her. Nur wenn der Kuß der Sonne zu sehr darauf brannte, strich sie mit ihrer kleinen weißen Hand über den Scheitel. Die beiden waren die Beete langsam hinaufgewandelt und wandten sich jetzt links den Weinhügel hinauf, wo sie den offenen Tempel betraten. Vor ihnen breitete sich das weite Bild der Umgegend aus. Auf der einen Seite das Dorf mit seinen Lehm- und Ziegeldächern und dem spitzen Kirchturm der kleinen Kirche; ringsum nach allen Richtungen die grünen Felder mit den Wiesenabhängen und den fernen, dunkeln Waldeshöhen, weit in der Ferne riesenhaft, gigantisch der langgezogene Rücken des Gebirges. Das Mädchen lehnte sich an eine der Säulen des Tempels, indem sie die Hand gegen das Sonnenlicht schützend über die Augen hielt und mit der andern dort hinüber zeigte. »Siehst du, Max, dort über jene Berge bist du herübergekommen«, sagte sie hinausblickend. Der Student trat an sie heran und sagte, indem er eine ihrer Flechten erfaßte und damit spielte: »Ja, Lolo … dort herüber; ich wollte, ich brauchte gar nicht wieder zurück.« Das Mädchen warf einen schelmischen Blick auf ihn, indem sie das Köpfchen halb herumbeugte. »Weshalb, Max?« fragte sie; »bleibst du nicht lange bei uns?« »Ich weiß es nicht«, erwiderte der Student; »wenn du mich nicht hinausjagst.« »Das kommt darauf an, wie du dich aufführst«, lachte Lolo, indem sie zwischen den roten Lippen zwei Reihen perlweißer Zähne sehen ließ; »die Feiertage über will ich es versuchen. Den Montag gehen wir wieder in den Wald das Maifest feiern helfen; wenn du dann mitwillst und die Zeit nicht verschläfst …« »Oho, Lolo, – wer war im vorigen Jahr zuerst bei der Hand und hat das andere geweckt?« »Geweckt hast du mich nicht«, sagte das Mädchen. »Ich hörte dich wohl im Garten singen, aber ich öffnete meine Vorhänge nicht, wiewohl ich schon bereit war. Ich ließ dich vielmehr absichtlich in dem Glauben, daß ich noch schliefe und lief durch den Hof zur Seitentür des Gartens hinein.« »Und ich hatte dich trotzdem gesehen«, fügte Max hinzu, indem er die Flechte um den Hals des Mädchens schlang; »ich sah dein weißes Kleid durch die Büsche leuchten und kam dir unbemerkt rasch auf einem andern Weg entgegen. Da liefst du erschreckt davon, aber ich holte dich ein und fing dich, wie ich dich jetzt gefangen habe.« Und damit lachte er auf, indem er das Ende der Flechte festhielt und mit der andern Hand sie umfaßte. »Ach, Max!« rief sie plötzlich, indem sie das Köpfchen abwandte und mit der Hand ans Auge griff. »Was ist, – was ist dir?« sagte der junge Mann, sie loslassend und den erhobenen Arm erfassend. Lolo sagte, daß sie etwas ins Auge bekommen, und Max verlangte es zu sehen, um ihr helfen zu können. Das Mädchen wendete ihm ihr Antlitz zu und beide sahen sich tief und ruhig in die Augen. Max vermochte in dem klaren, leuchtenden Spiegel nichts zu entdecken als sein eigenes Bild. Aber er hielt sie fest, indem er vorgab, daß ein Härchen darin sei. So standen sie beide einen Augenblick da, in ihre Blicke versunken. Plötzlich aber riß sich das Mädchen los und flog lachend den Hügel hinunter; die einzelne Flechte tanzte wild in der Luft, dann war sie in den Büschen verschwunden. Max war der Hinterlist nicht gewärtig gewesen, und er folgte ihr erst, als das Gelächter ihn dessen überzeugte. Aber ihr weißes Kleid verriet ihm wie damals ihren Aufenthalt, und er erhaschte sie in einem der dicht verschlungenen Laubgänge der entlegeneren Anlagen. »Max! … Max!« rief sie abwehrend, als seine Hand sie erfaßte und seine Locken ihre Schultern berührten und sein Atem ihre Wange streifte. »Max, willst du artig sein oder …« Ein heißer Kuß verschloß ihr den Mund. Über ihr Antlitz flog eine hohe Purpurröte, und sie entwand sich rasch seinem Arm. Aber ihr Auge glänzte dabei, und ihr Händchen zitterte auf dem ergriffenen Arm des anderen. Max hielt sie fest. »Was … oder?« sagte er siegreich. »Willst du mich fortjagen?« Das Mädchen löste die Flechte wieder von dem Hals ab, indem sie die Augen niederschlug. »Wenn du wieder so anfängst, darfst du nicht mit zum Maifest«, sagte sie leise. »Und die Maiblümchen?« fragte Max, sich zu ihr beugend. »Soll dein Glas diesmal leer bleiben?« »Wenn du mir welche bringen willst, kannst du sie ja allein holen«, sagte das Mädchen, ihre Augen tiefer unter den Wimpern bergend, in leisem Bangen. »Und die Vergißmeinnicht! – du hast mir versprochen, daß du mir jedesmal, wenn ich wiederkomme, ein frisches Kränzchen davon mitgeben wolltest. Das alte, obwohl vertrocknet, hat das ganze Jahr auf meinem Zimmer gehangen.« »Dann werde ich dir, ehe du fortgehst, frühmorgens einmal welche suchen«, sagte sie im selben versteckten Tone. Max hielt sie um den schlanken, weichen Leib umfangen und beugte den Kopf zu ihr, um ihr ins Antlitz zu sehen. »Bist du böse, Lolo?« flüsterte er mit bittendem Tone. Das Mädchen schlug ihre großen Augen zu ihm auf und sah ihn einen Augenblick ernst an. Dann aber zog ein leises Lächeln um ihre Lippen. Sie legte ihren Arm auf die Schulter ihres Gefährten und drückte seinen Kopf an ihr Gesicht, um ihm die Worte ins Ohr zu flüstern: »Ich bin dir nie böse, Max!« Der andere erhob seinen Kopf und sah ihr freudig in das lächelnde, strahlende Antlitz; dann zog er sie weich und inniger an sich, ihre Blicke leuchteten ineinander, und ihre Lippen begegneten sich zu einem langen glühenden Kuß. »Lolo! – Lolo!« rief es eben in der Ferne. »Mein Vater ruft nach mir, – komm«, sagte sie hastig, indem sie noch in leisem Erröten das Haar strich. – Der Gutsherr, dem der Verwalter den Unglücksfall des Knechtes eben mitgeteilt hatte, war in den Garten getreten und kam zwischen den Blumenbeeten hinauf. Da er nicht wußte, wo er das Mädchen suchen sollte, war er dort stehengeblieben, indem er aufs Geratewohl rief. »Ich komme schon, Vater!« hörte er die helle Stimme des Mädchens ertönen, und während er noch nach der Seite hin, woher er sie dem Ruf nach erwartete, sich umdrehte, kam sie auf ihn zugesprungen. Max folgte ihr auf dem Fuß nach. »Schöne Geschichten das«, sagte der Alte mit schlecht unterdrücktem Ingrimm. »Da haben sie eben den Georg ins Dorf gebracht; wie sieht der aus, – blutig, zerschlagen, – Gott weiß, ob er davonkommt! Aber das kümmert mich nicht; aus dem Dienst soll er auf jeden Fall, ich habe es schon dem Verwalter gesagt, und die Steinbrecher sollen auch daran denken!« »Was ist denn, Vater?« sagte das Mädchen, erschrocken über den zornigen Ausdruck des Sprechenden. »Hat der Georg eine Schlägerei mit den Steinbrechern gehabt?« »Eine Schlägerei? … ja, das fehlte noch«, sagte der Alte, indem er seinen zerbissenen Zahnstocher zornig in den Kies des Weges warf. »Die faulen Halunken haben ihn verführt, in den Brüchen bei der Arbeit zu helfen, und da hat ihm der Teufel zum Dank eine Ladung Steine auf den Pelz geworfen. Aber es soll den Kerlen schlecht bekommen, die mit ihren faulen Geschichten mir den Arbeitslohn von mehr Leuten, als ihrer wirklich sind, ablisten wollen!« Das Mädchen schwieg, da sie wußte, daß der Alte viel auf den Georg hielt, der ihm als Großknecht auf dem Hofe, als Gärtner und, wenn er ausfuhr, als Kutscher diente. Indem war auch Max herangekommen, und als er den Zusammenhang erfuhr, suchte er dem verwundeten Knecht das Wort zu reden. »Das gefällt mir vom Georg«, sagte er; »wenn die armen Leute für einen kranken Kameraden einstehen wollen, um ihm seinen Lohn zu bringen, und er hilft ihnen dabei, so ist das nur schön und lobenswert von ihm.« »Ja, – was hat er jetzt davon?« sagte der dicke Herr ergrimmt. »Jetzt liegt er nun da, weiß Gott wie lange, und was will er machen, wenn er lahm und elend vom Bett aufsteht? In meinen Dienst soll er mir nicht wieder kommen.« »Sie werden ihn nicht fortschicken, Onkel«, sagte der Student ernst. »Das wäre eine schlechte Belohnung seiner Dienste.« »So … bin ich ihm etwas schuldig?« sagte der Gutsherr in fortwährender Aufregung. »Bin ich etwa verpflichtet, ihn zu erhalten, wenn er unbrauchbar wird, und wäre es in meinem Dienst geschehen? Kann ich ihn nicht entlassen, wenn ich will?« »Wenn Ihnen aber ein Pferd oder ein Hund unbrauchbar wird, so sorgen Sie doch für das Tier«, sagte Max, seinen hellen Blick auf den Gutsbesitzer richtend. »Glauben Sie nicht, gegen Ihre Knechte und Arbeiter auch Verpflichtungen zu haben?« »Nicht einmal eine moralische Pflicht habe ich hier«, rief der Gutsherr, seine Hände in die Hosentaschen drückend; »nicht einmal eine moralische Pflicht, wie ihr Leute es so meint! Hat ihn der Fall nicht getroffen, wo er ihn der Ordnung nach gar nicht treffen konnte? Er mag sich an die Leute halten, für die er dort in die Gruben gegangen ist; ich hab's ihm nicht geheißen, im Gegenteil oft genug verboten. Ich bin wahrhaftig nicht hart gegen die Leute, aber Ordnung muß sein! Das tut der Staat auch. Wenn Leute anderes tun, als ihres Amtes ist, so setzt er sie ab, und sie mögen sich an die wenden, für die sie sich geopfert haben.« Der Student wollte etwas erwidern, aber der bittende Blick seiner Cousine verschloß ihm für jetzt den Mund. Alle drei gingen sie schweigend dem Hause zu, wo Lolo, die die Aufsicht der Hauswirtschaft führte, allerlei besorgen sollte. Im Hausgang flüsterte sie dem jungen Mann heimlich die Worte zu: »Er meint es so schlimm nicht, nur darfst du ihn nicht reizen; morgen früh will ich selbst nachsehen, da sollst du mitgehen.« Damit sprang sie leicht die Treppe hinunter, um in den Keller zu gehen. Max ging mit seinem Onkel in das Wohnzimmer, wo ihnen der Pädagog entgegentrat. »Ah – mein junger Freund«, rief er. »Dieser Schlummer hat mich erquickt, und ich möchte gern den Rest des Nachmittags noch benutzen. Sie haben mir versprochen, mir zu Volksliedern zu verhelfen; wäre es Ihnen gelegen, mich mit Leuten der betreffenden Art bekannt zu machen?« »Jetzt, Herr Professor«, sagte der Student trocken, »möchte es wohl nicht an der rechten Zeit sein. Das Volk hat den Tag über seine Beschäftigung, der es nachgehen muß; Sie werden sich wohl bis zum Sonntag gedulden müssen, wo Sie die Leute selbst am besten erforschen können. Am zweiten Feiertag aber feiern sie das Maifest, dem Sie beiwohnen können; es wird Sie vielleicht interessieren.« »Das Maifest … ein besonderes Volksfest, nicht wahr?« rief der kleine Mann. »Das Volk, das heißt die Burschen und Mädchen aus dem Dorf ziehen da in der Frühe in den Wald«, erwiderte der Gutsherr statt des andern. »Dort fällen sie einen Baum, den Maibaum, wozu die Gemeinde die Gerechtigkeit hat, und den sie im Dorf gegenüber von der Linde an der Kirchtüre aufstellen. Das ist so die Sitte, weil die Kirchweihe eigentlich mit dem Erntefest zusammenfällt, und sie die erstere um diese Zeit verlegt haben. Das Volk will hier im Dorf keinen Tag weniger zum Faulenzen haben als an andern Orten, wo die Kirchweihe später als das Erntefest fällt. Damit haben sie auch die alte Gewohnheit erhalten, eine Maikönigin zu wählen.« »Eine Maikönigin!« rief der althochdeutsche Liederjäger mit leuchtendem Auge. »Die Burschen wählen dort im Walde eine Königin für ihr Fest, welches, beiläufig gesagt, die ganze Woche dauert«, sagte der Gutsherr. »Sie wird gleich im Walde gekrönt mit einer Krone von allerlei Frühblumen, welche die Mädchen unterdessen im Walde zusammengesucht. Dann wird sie im Triumph ins Dorf zurückgebracht, mit Musik sogar, die sich das übermütige Volk mit hinausnimmt; abends wird das Fest unter der Linde eröffnet. Die Maikönigin muß sich selbst einen Tänzer suchen, mit dem sie den Reigen unter der Linde beginnt; dann geht der Zug ins Wirtshaus, wo die Nacht durch, wie die folgenden Abende, getanzt wird. Die Maikönigin aber darf die ganze Woche mit keinem anderen als mit dem selbstgewählten Tänzer tanzen. Früher galt diese Wahl für Verlobung, und auch jetzt nehmen die alten Weiber und abergläubischen Bauern dieselbe für eine Vorbedeutung künftiger Heirat. Dadurch, daß sie es glauben, geht es freilich auch zumeist in Erfüllung; zudem nimmt sich die Erwählte wohl nie einen Tänzer, ohne vorher mit ihm einig zu sein.« »Das ist eine schöne alte Sitte!« rief der Pädagog begeistert. »Und … und kommen dabei noch besondere Gebräuche vor, volkstümliche meine ich, alte Lieder, welche in früherer Zeit dazu vorhanden waren?« »Nichts dergleichen«, lachte der Student. »Sie finden wohl, wie ich Ihnen schon sagte, viele Lieder im Munde des Volks, ob aber Volkslieder, weiß ich nicht; Sie müßten sich denn an die alte Sibylle Susanne wenden.« »Eine alte Sibylle! … und das sagen Sie mir erst jetzt, junger Mann!« rief der Pädagog vorwurfsvoll. »Keinen Augenblick säume ich länger, Sie werden mich zu ihr führen, Sie haben es mir versprochen!« »Sachte, – sachte«, erwiderte der andere. »Die alte Susanne ist nicht sehr zugänglich und besonders gegen Unbekannte am wenigsten höflich. Nur meine Cousine, die Tochter des Herrn Stempel, vermag mit ihr zu verkehren; die Alte ist närrisch in sie verliebt, weil sie früher, in glücklicheren Zeiten«, sagte er mit einem Seitenblick auf den Besitzer, »Lolos Amme war. Sie müssen daher erst mit dieser sprechen, daß sie Ihnen behilflich ist. Aber ich glaube, daß Sie bei der alten Susanne zum Ziel kommen; sie singt fast den ganzen Tag ganz seltsame Lieder, – es ist nämlich nicht richtig hier! bei ihr.« Und er zeigte mit bedeutsamer Gebärde auf seine Stirn. Der Professor starrte ihm groß und freudig ins Gesicht; diese letzte Bemerkung schien ihn nicht irrezumachen. »So … so«, sagte er mit gelassener Spekulation; »ich glaube, das sind die besten. Unzweifelhaft haben ihre Weisen und Lieder volkstümlichen Inhalt, denn bei ihnen wenigstens sind sie gewiß der Ausdruck der ursprünglichen, unverfälschten Herzenssprache des Volks!« Der Student drehte sich bei diesen Worten, nachdem er den Professor einen Augenblick sehr ernst betrachtet, kurz und ohne Antwort um. Der Pädagog bemerkte seine Entfernung erst, als er aus seinen Träumen auffuhr und ihn anreden wollte. »Also Ihr Fräulein Tochter«, wandte er sich an den Gutsherrn, indem er ihn in eifriger Verfolgung seines Gedankens beim Rockknopfe ergriff, »Ihr Fräulein Tochter wird so gütig sein, mich zu der Sibylle zu bringen, nicht wahr?« »Ich will es ihr sagen, daß Sie auf den Kram von alten Liedern so viel Wert legen und so erpicht darauf sind«, erwiderte der Gutsherr, der sich noch mit den Gedanken an den kranken Knecht beschäftigte, gleichgültig. »Ob Sie aber mit zu der Alten gehen können, ist eine andere Frage. Am besten wird's sein, wenn Sie doch durchaus auf der Bekanntschaft bestehen, daß man sie herlockt; Lolo wird sie schon dazu bewegen, daß sie ihre verrückten Lieder singt, und Sie können dann in der Nähe zuhören.« 4. In der Hütte. Sie kam zu uns in Regen und Wind Und küßte mit Gierde unser Kind; So wild an seinen Lippen sie hing, Daß es bitterlich zu weinen anfing. Hat sie gedacht an vergangene Stunden? K. Beck. Am obern Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen, abgesondert von den übrigen. Die Lehmwände desselben waren morsch und an einigen Stellen eingesunken. Gegen den Wind schützte es zwar die Anhöhe, hinter welcher es verborgen lag, aber das Dach schien auch nicht geeignet, einem starken Angriff standzuhalten. Der Lehm darauf war zerbröckelt und das Stroh bis zum Giebel hinauf schadhaft. Zwei Fenster neben der Eingangstür ließen allein Licht in den inneren Raum fallen; an einem waren zerbrochene Scheiben mit Papier verklebt. Das ganze Gebäude enthielt nur den Raum zur ebenen Erde. Durch die Haustür trat man sogleich in ein Gemach; von einem Hausflur war hier keine Rede. Nach dem anderen Raum führte eine Vermittlungstür aus diesem ersten Gemach. Hintenhinaus lag die Küche, doch sah man nur selten aus dem Schornstein dieses Gebäudes Rauch aufsteigen. Diese Hütte, so abgelegen von den Wohnungen der Bauern, dem Blick des Wanderers, der von dieser Seite das Dorf betrat, entzogen durch die Anhöhe und das Laub einiger mitleidiger Bäume, diese Hütte konnte nur die Stätte eines jammervollen, elenden Daseins sein. In dem vordem Gemach war es schon dunkel, obwohl drüben auf den Höhen noch die Lichter der untergehenden Sonne spielten. In der Dämmerung erkannte man an der hinteren Wand dieses Gemachs ein Strohlager, auf dem der verhüllte Kopf eines Mannes sichtbar war. Über ihm lag eine Decke, die mit dem vorjährigen Laub der Bäume ausgefüllt war. Ein tiefes Atmen von dieser Stelle verriet den unruhigen Schlummer des Kranken. Plötzlich fuhr er wie im Traum zusammen und stieß einen leisen, ächzenden Klagelaut aus. Bei diesem Ton wandte sich eine Gestalt ihm zu, die bis dahin schweigend und anscheinend bewegungslos in der Nähe der Fensteröffnung gestanden hatte. Der Kranke machte jedoch keine weitere Bewegung, sondern fiel in seinen früheren Schlummer zurück; das Weib wandte den Kopf wieder ab, und fuhr in ihrer früheren, stillen Beschäftigung weiter fort. Über ihrem groben, wollenen Kleid lag ein altes Tuch auf der einen Schulter; die andere hatte sie entblößt und war bemüht, in dem matten Dämmerlicht eine schmerzende Stelle an derselben zu entdecken. Ein paar helle Blutstropfen rieselten leise herab, als sie mit ihrer Hand an der Stelle herumdrückte. Das Weib verzog keine Miene dabei. Aber sie mühte sich doch vergebens, die eigentliche Wunde zu erspähen, wie sehr sie auch den Kopf zurückbeugte und die Schulter niederzudrücken versuchte. »Warum der Anton auch gerade jetzt krank ist!« murmelte das Weib für sich. Dann trat sie an das Lager und beugte sich über den Schlummernden, indem sie ihn leise beim Namen rief. Bei dieser Bewegung fiel ihr das Tuch vollends von der Schulter. Einen Augenblick blieb sie schweigend knien und betrachtete den Kranken, dann wollte sie eben ihr Rufen noch einmal wiederholen, als sie an der Tür ein Geräusch hörte. Mit einer hastigen Bewegung raffte sie das Tuch auf, schlang es schnell und fast mit Heftigkeit um die Schultern und begann mit einem seltsamen prahlerischen Gange im Gemach auf und ab zu gehen. Ihre Lippen bewegten sich zu einem leisen, singenden Murmeln, ihre Augen sahen gleichgültig und stumpf nach der Decke, aber ihr Ohr lauschte sorgsam und ängstlich nach dem Geräusch vor der Tür. Als sich dieselbe jetzt öffnete, wendete sie den Kopf mit so offener Überraschung, daß man hätte glauben können, sie wäre auf nichts gefaßt gewesen. Beim Anblick der eintretenden Person aber stampfte sie ärgerlich mit dem Fuße und drehte sich kurz um, indem sie ihren Spaziergang wieder begann. Die Eintretende war ein Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren. Ihr ärmliches Äußere, ihre nackten Füße, die gebeugte Haltung des Kopfes und des ganzen Körpers sprachen hinlänglich ihr trauriges Los aus. Und das Los, welches ihr unter den Menschen zuteil geworden, schien auch von der Natur, wo möglich, bestätigt worden zu sein. Ihre Gestalt war klein und mißgeschaffen; der Hocker auf ihrem Rücken und die ähnliche, unnatürliche Erhabenheit der Brust verhinderten wohl zumeist das Aufrichten des Kopfs, diesen Vorzug, den die Natur dem Menschen vor dem Tiere gegeben. Nur ihr Auge litt nicht unter der gedrückten Erscheinung ihres äußeren Wesens; der volle, warme Blick desselben sagte, daß ihre Seele nicht ganz ihrem Leben zum Opfer geworden. Dies Mädchen, die Tochter der alten, blödsinnigen Susanne, brachte ihre Tage in den Steinbrüchen des Herrn Stempel zu, wo sie für einen geringen Tagelohn den Schutt wegfahren mußte, der sich von der Arbeit dort aufhäufte. »Guten Abend, Mutter«, sagte das Mädchen leise. »Wie geht es dem Anton? … Ist er besser?« Die Blödsinnige gab keine Antwort, sondern warf einen Blick, der Stolz und Verachtung ausdrücken sollte, auf sie herab und setzte ihren Gang schweigend fort. Das Mädchen schien an solche Bewillkommnungen gewöhnt zu sein, denn sie sagte nichts, und auch in ihrem Auge sprach sich kein Vorwurf aus. Schweigend trat sie an das Lager und kniete dort nieder, indem sie den Schlummer des Arbeiters belauschte. Die Blödsinnige war währenddem wieder ans Licht getreten, um nach ihrer verwundeten Schulter zu sehen; jetzt rief sie das Mädchen heran. »Komm her, Anne«, sagte sie mit einer heiseren Stimme, »komm her und sieh nach, ob du das Zeug herauskriegst. Nimm dir das Messer dazu.« Das Mädchen war aufgesprungen und zu ihr getreten. Als sie die Schulter der Alten dem Licht zukehrte und die kleinen Wunden des Schrotschusses erkannte, stieß sie einen leisen Schrei aus. »Jesus Maria, Mutter! … was ist das? … wer hat das getan?« rief sie voll Angst. »Der Hund!« murmelte die Alte; »der Teufel soll's ihm einsegnen! Kann er den armen Leuten nicht die paar Reiser für Besen gönnen? Sollen die Reichen das auch noch haben? Ich möchte wissen, was sie einem zuletzt noch lassen; sie werden uns bald nichts mehr zu nehmen haben als den Mist, auf dem wir krepieren.« »Das war Franz, der Waldwärter!« sagte das Mädchen mit zitternder Aufregung. »Die Pest über die Kanaille!« rief das Weib heftiger. »Wenn ich's ihm eintränken könnte! Au! … wie das brennt!« Das Mädchen hatte eine Haarnadel von ihrem Kopfe genommen, um die Schrotkörner aus den Wunden zu ziehen; bei dem Schmerzensruf der Alten aber hielt sie inne. »Nun? … weshalb machst du nicht fort, einfältige Gans?« fuhr die Blödsinnige sie an. »Wie stellst du dich wieder! Ach, wenn der Anton nur wenigstens bei der Hand sein könnte!« Das arme Mädchen fuhr wieder fort, eine der Wunden vorsichtig und sanft zu untersuchen, und nach längerer Bemühung rollte die kleine Kugel endlich in ihre Hand. »Ich will Wasser holen, – warten Sie einen Augenblick, Mutter!« rief sie forteilend. »Bleib! – bleib!« antwortete die Alte. »Sieh erst zu, daß du das andere Zeug auch fortnimmst.« Die Wunden waren allerdings nicht tief, und allmählich, wenn auch mühsam und von manchem Ruf der Verwundeten begleitet, war dem Mädchen das Werk gelungen. Es war aber auch gerade Zeit, denn draußen dämmerte es schon, und in der Hütte konnte man kaum noch sehen. »Ich will die Wunden jetzt auswaschen und Ihnen Leinwand darauf legen«, sagte das Mädchen; »aber es ist schon so dunkel, wollen Sie nicht die Lampe anstecken?« »Die Lampe … die wird auch noch brennen!« murrte die Alte. »Hast du Geld?« »Wir bekommen ja morgen erst den Lohn. Es wird vielleicht bis morgen noch gehen.« »Ja … und morgen! – Dein Lohn ist was Rechts … und dem Anton, der krank ist, wird's auch was eintragen«, murrte die Alte weiter. – »So ein Hundeleben, – 's ist auch der Mühe wert. Den Grund und Boden haben sie schon für sich allein genommen, aber das ist noch nicht genug! – auch schaffen und uns abrackern müssen wir für das reiche Pack! 's ist der Mühe wert damit, daß man zuletzt doch im Elend umkommt.« »Die andern Steinbrecher haben gesagt, daß sie für den Anton mitarbeiten und ihm morgen seinen Lohn geben wollten«, sagte Anne begütigend. »So. Ja, die Steinbrecher sind doch brave Kameraden; das würden sie in den Herrenhäusern gewiß nicht tun, obwohl alles Elend nur zu deren Bestem ist! – Nun, so sieh nach Licht!« Das Mädchen holte eine kleine Blechlampe herbei und versuchte, den dicken, trockenen Docht anzuzünden. Aber nach einem Augenblick trüben Flammens verlosch er wieder. »Das geht nicht«, sagte das Mädchen. »Wollen Sie nicht lieber mit vor die Türe kommen, Mutter; im Freien sieht man vielleicht noch.« »Ja, – daß uns die Leute wohl auch sehen, die vorbeikommen«, lachte die Blödsinnige auf. »Es ist schon gut so, – es wird doch heilen.« »Aber es blutet noch«, sagte das Mädchen. »Ich will da ein Stück von meinem zweiten Hemd abreißen und Ihnen darüber binden. Wir können ja hinter das Haus gehen.« Die Alte folgte jetzt dem Mädchen, welches aus einem alten Kasten das beste der beiden, ihr von der Not des Winters noch gebliebenen Hemden nahm, um der Mutter einen Verband daraus zu machen. Als sie zur Tür gingen, die in die Nebenkammer und von da hinten hinaus ins Freie führte, hörten sie draußen vor der Hütte flüstern, und gleich darauf klopfte es an die Scheibe. Die alte Blödsinnige horchte; draußen aber rief eine helle, liebliche Stimme: »Mutter Susanne! … Mutter Susanne! … Bist du zu Hause?« Die Blödsinnige war mit einem Sprung zur Haustür hinaus und ließ ihre Tochter allein. »Da bin ich … da bin ich, mein Schätzchen! … Was willst du von der Mutter Susanne? Komm herein … setz dich und erzähle mir. Es wird doch bald zu kühl hier werden.« »Ich danke dir, Mutter Susanne«, erwiderte Lolo, »ich wollte bloß bei dir fragen, wie's ginge … was macht der Anton?« »Gut … gut … mein Kind! Und der Anton ist auch wohl. Nein, er ist krank, wollt ich sagen. Und wie geht es dir, mein Kind? – Du gehst ohne Hut, du wirst dich erkälten, mein Engel. Wart, – wart, – ich will dir etwas umtun, damit dir die frische Abendluft nichts schadet.« Und sie riß das Tuch von ihrer verwundeten Schulter, um dem Mädchen den Kopf einzuhüllen. »Ich danke dir … ich danke dir, Mutter Susanne«, sagte das Mädchen lächelnd; »und die Anne? … Was macht meine Milchschwester Anne? … Ist sie zu Hause?« »Ich weiß nicht … ich habe sie nicht gesehen«, sagte die Blödsinnige. »Aber warum willst du das Tuch nicht überschlagen, Kind? … So komm doch wenigstens herein.« »Ich habe keine Zeit, Mütterchen, es ist Besuch im Hause. Ich wollte dir nur sagen, daß du morgen früh zu mir kommen sollst; ich will dir allerlei für die Wirtschaft geben. Ich kann mich nicht aufhalten und muß gleich wieder fort, – der fremden Gäste wegen; also morgen, nicht wahr? Wenn die Anne nach Hause kommt, grüße sie von mir.« »Ich will mit dir gehen, Kind«, sagte die Alte neben ihr hertrippelnd; »es wird dunkel und es könnte dir etwas zustoßen. Wer weiß, was dir begegnen kann.« »Nein, – bleib nur zu Hause, Susanne; es ist ja nicht weit, und«, flüsterte sie, »ich habe schon Begleitung.« »Nun denn, gute Nacht, Kind, ich werde morgen kommen«, sagte die Alte, »obwohl ich gar nicht gern in die vornehmen Häuser gehe. Aber bei dir ist das was anderes, mein Kind.« Als das Mädchen sich einige Schritte weit entfernt und den Arm ihres Begleiters genommen hatte, lief ihr die Blödsinnige noch einmal nach, um ihr wiederholt Ermahnung zu geben, daß sie sich in acht nehme. Das Mädchen beruhigte sie mit freundlichem Lächeln und ging dann das Dorf hinab dem Herrenhofe zu. Die Blödsinnige sah ihr nach, bis sie hinter der Linde am Brunnen des Dorfes verschwunden war; dann kehrte sie langsam in die Hütte zurück. Währenddem hatte hinter der Tür die arme Anne gestanden, und da die Alte bei ihrem raschen Ausgang die Türe nicht zugezogen, war ihr kein Wort von dem Gespräch entgangen. Als die Blödsinnige in das dunkle Gemach wieder zurückkam, schritt sie eine Zeitlang schweigend in ihrer Art und Weise auf und ab. Das Atmen des Kranken verriet seinen festen Schlummer; sonst hörte sie nichts. Plötzlich aber fiel ihr die Dunkelheit auf, und sie rief: »Anne! … Anne! … He, warum machst du kein Licht? … Denkst du nicht daran, daß wir Licht brauchen? Ich möchte wissen, wozu du im Hause bist. Du mein Gott, wie doch die Kinder einen behandeln, wenn man alt wird!« Eine Bewegung in der Ecke des Gemaches verriet die Gegenwart Annens. »Wir haben kein Öl mehr, Mutter«, sagte sie ganz leise, mit trüber Stimme. Diese Worte weckten in der Blödsinnigen die Erinnerung an das frühere Gespräch, und sie antwortete mürrisch: »Und kein Geld … ja, ich muß für alles sorgen, Reiser zu Besen suchen und von den Halunken auf mich schießen lassen. Es tut niemand etwas für die alte Susanne … wenn nicht noch das Mädchen aus dem Herrenhaus wäre!« Anne erwiderte ihr nicht; erst nach einiger Zeit bat sie die Blödsinnige, mit ihr hinauszugehen, daß sie ihr die Wunden verbände. Unter einem Baum, im trüben Dämmerlicht des Abends, zupfte die arme Tagelöhnerin aus dem Stück Leinwand Charpie, Watteähnlicher Verbandsstoff. legte sie dann in die offnen Stellen auf der Mutter Schulter und band ein Tuch darüber unter dem Arm durch. Dann gingen sie in die düstere Behausung des Jammers zurück. Es wurde immer dunkler und dunkler draußen. Erst spät stieg der Mond auf, und die Schatten der Bäume und Häuser zeichneten sich groß auf der stillen Gegend ab. In der Hütte wurde es darum um nichts heller. In einer Ecke hatte sich die Blödsinnige auf einen Sack voll Laub niedergelegt, und wie im Traum flössen zuweilen abgebrochen leise, singende Worte von ihrem Munde. Entfernt von ihr, in einer andern Ecke, saß die arme Anne, den Kopf an die Wand gelehnt. Ob sie schlief, kann ich euch nicht sagen. Vielleicht war es ein leiser Halbschlummer, in dem sie lag, denn sie richtete den Kopf nach jener Seite, sooft der Kranke sich unruhig stöhnend herumwarf. Zuletzt ward es stiller und stiller in dieser Stätte des Elends. Auch der Kranke schlief ruhiger. In der Ferne wetterleuchtete es, und ein Blitz erhellte das Gemach; sein flüchtiger Schein ließ Annens Gesicht erkennen. Ihr Auge war unberührt vom Schlummer, aber zwei große Tränen rollten über ihre Wangen. – Lolo hatte sich Max auf dem Gang zur Begleitung mitgenommen. Beim Weggang jetzt schritten sie eine kleine Weile schweigend nebeneinander, dann sagte Max mit tieferm Ernst in seiner Stimme: »Es ist doch seltsam, mit welcher rührenden Zuneigung diese alte Blödsinnige an dir hängt.« Das Mädchen schmiegte sich in der Abendkühle dichter an ihren Begleiter an. »Es ist wahr«, sagte sie nachdenklich, »und ich fühle mich selbst durch diese Zuneigung an die arme Alte gefesselt, zumal ich eigentlich die unschuldige Veranlassung ihres traurigen Zustandes sein soll.« Max sah ihr fragend und überrascht ins Antlitz. »Du weißt, daß sie meine Amme war, da meine Mutter bald nach meiner Geburt starb. Susanne war damals durch den Tod ihres Mannes, der Werkmeister in den Steinbrüchen meines Vaters war, plötzlich in eine traurige, hilflose Lage versetzt und bot sich selbst meinem Vater als Amme für mich an. Zu diesem Zweck mußte sie ihre beiden Kinder in fremde Pflege geben. Das jüngste, meine Milchschwester Anne, säugte sie zwar noch eine Zeitlang nebenher; da mein Vater aber aus Besorgnis für mein junges Leben dies nicht lange mehr zugeben wollte, mußte sie Anne früh entwöhnen. Indes behielt sie dieselbe doch immer noch in der Nähe, da eine Bäuerin aus dem Dorf sie angenommen hatte; das ältere Kind, einen Knaben von einem Jahr, hatte sie drüben in der Nachbarschaft unterbringen müssen, bei Leuten, die es, wie sich später zeigte, bloß aus Habsucht um der paar Taler willen getan hatten, die Susanne von dem Ammenlohn erübrigte. Sie hielten Susannens Knaben auf eine erbärmliche Weise, und als die Arme eines Sonntags mit mir hinüber nach dem Dorf wandelte, um nach ihrem Kinde zu sehen, fand sie dasselbe in dem elendesten, jammervollsten Zustande. Die Angst trieb sie von nun an öfter hinüber, und es kann sein, daß diese Gemütsstimmung, diese Besorgnis, welche die Liebe für ihr Kind nur erhöhte, auf ihre Gesundheit jetzt schon einen üblen Einfluß übte und durch die Steigerung desselben die Katastrophe allmählich vorbereitete. Gewiß ist, daß Susanne damals von Tag zu Tag stiller und trübseliger wurde, so daß mein Vater, welcher der gewöhnlichen Elternängstlichkeit nach eine frische, singende Amme verlangte, schon auf ihre Entfernung dachte. Es war aber schon so weit gekommen, daß der arme Knabe Susannens augenscheinlich dem Ende seines Siechtums von Stunde zu Stunde näherrückte. Nur Susanne selbst wollte nicht daran glauben, obwohl sie nunmehr, von Angst über das elende Aussehen des Kindes getrieben, tagtäglich heimlich hinübereilte. So kam sie zuletzt dazu, als dasselbe in entsetzlichen Krämpfen mit dem Tode rang. Die Mutterangst ließ sie alles andere vergessen. Die halbe Nacht blieb sie an seinem Lager sitzen, indem sie es mit starrem Auge betrachtete, und erst als das Kind in ihren Armen gestorben war, brach ihre Kraft, die sie mit übermenschlicher Anstrengung bis dahin aufrechterhalten, zusammen. Aus ihrer Ohnmacht erwachte sie nie ganz; das Licht der Vernunft war in ihr ausgelöscht. Mein Vater nahm sie nicht wieder ins Haus. Aber merkwürdigerweise hatte sich die ganze Mutterliebe der armen Blödsinnigen mir zugewendet, während sie sich um ihr zweites Kind, die arme Anne, fast gar nicht kümmerte. Das hat sich bis heute noch so erhalten, und wie die Leute sagen, ist sie gegen ihr eigenes Kind gleichgültig bis zur Stumpfheit. Ich bin es daher eigentlich, die ohne ihre Schuld der armen Anne die Liebe ihrer Mutter gestohlen hat.« Sie waren bei dieser Erzählung beim Brunnen an der Linde angekommen und blieben hier stehen. Max blickte sinnend in den großen, steinernen Behälter, in den das Wasser von oben aus der eisernen Röhre sprudelte. »Ich dachte, Anton sei der Sohn der alten Susanne?« fragte er in Gedanken versunken. »Anton ist der Brudersohn Susannens«, erwiderte das Mädchen. »Er ist zu ihr gezogen, um sie mit seiner Arbeit zu unterstützen, da es ihr doch kläglich ging und die arme Anne auch nicht viel verdienen kann.« »Jetzt ist er krank, und dein Vater wird ihn entlassen«, sagte der Student mit einem spöttischen Lächeln. »Glaube das nicht, Max«, entgegnete das Mädchen eifrig; »mein Vater meint es nicht so, wenn er auch im ersten Augenblick zornig scheint. Er wird vielleicht, solange der Anton krank ist, einen anderen Arbeiter annehmen lassen; aber wenn es dem Anton wieder bessergeht, wird er ihn doch nicht zurückweisen. Du sollst sehen, er schlägt es mir nicht ab, wenn ich ihn darum bitte, und solange der Anton krank ist, soll auch für ihn gesorgt sein.« »Ja, du bist ein gutes, frommes Mädchen, Lolo«, sagte der Student mit leuchtenden Augen, »und machst vieles gut, was …« »Nein, Max«, sagte das Mädchen, ihre Finger auf seine Lippen legend, »sprich so häßliche Gedanken nicht aus, wenn du mich liebhast. Mein Vater ist wohl streng im Geschäft, aber du tust ihm unrecht, wenn du ihn für einen harten Menschen hältst.« Max pfiff eine leise Melodie vor sich hin, wie man zu tun pflegt, wenn man einen Ärger in sich nicht aufkommen lassen will. »Ich glaube, die arme Anne wird sich demnach auch nicht sehr glücklich fühlen bei ihrer verrückten Mutter«, sagte er nach einer Weile. »Das arme Kind sieht ohnedies so gedrückt und still drein, als ob ein geheimer Schmerz oder ein Gefühl der Beschämung an ihr nage.« »Es mag sein, daß das von ihrem unglücklichen Fall herrührt«, erwiderte Lolo. »Als damals ihre Mutter noch in der ersten Heftigkeit ihrer Geisteszerrüttung umherlief, mußte Anne der Pflege jener Bäuerin überlassen bleiben, da man sie der Tollen nicht anzuvertrauen wagte. Die Mutter freilich fragte nicht danach; Anne aber, die bei den Fremden nicht so ganz die richtige Aufmerksamkeit fand, tat in diesem zarten Alter einen Fall, welcher ihr für immer diese Mißgestalt des Körpers zuzog. Es ist traurig«, fuhr sie mit wehmütigem Lächeln fort, »wie sich manches Mal so vieles Elend der Hütten an ein junges Leben der Reichen knüpft. Ich habe mich oft eines leisen Schauers und Tränen schmerzlicher Rührung nicht erwehren können, wenn ich später hörte, wie die blödsinnige Susanne, während sie ihr eigenes Kind gleichgültig verkümmern ließ, so oft plötzlich in unser Haus gedrungen und mit wilder Leidenschaft an meiner Wiege gehangen habe, daß ich erschreckt zu weinen anfing.« Die beiden standen eine Weile so in ihren Gesprächen. Die Dämmerung sank tiefer auf die Gegend. Im Dorfe war es still, nur der Brunnen rauschte, und in der Linde flüsterte es heimlich von dem letzten Hauch des scheidenden Tages; weit in der Ferne in einem andern Dorf bellte ein Hund. »Komm, setze dich hierher, mein Rehchen, der Abend ist so schön«, sagte Max, indem er das Mädchen auf den hölzernen Sitz unter der Linde zog. In dem Garten des Gutsbesitzers fing eben die Nachtigall an zu schlagen, und der schmelzende Ton zog weit hinaus durch die weiche, bebende Nacht. Die beiden Liebenden blickten träumerisch hinaus, lange Zeit fanden sie kein Wort in ihren vollen, still versunkenen Seelen, nur ihre Hände ruhten ineinander, und Lolos Haupt lehnte an der Schulter ihres Gefährten. Max beugte sich über sie und küßte ihr dunkles Haar, ihre weiße Stirn. Lolo drückte ihm leise die Hand und richtete ihr großes, sanftes Auge zu ihm auf. Der aufgehende Mond schimmerte durch die Zweige der Linde auf ihre Gesichter. Sie saßen noch lange dort in der heimlichen Stille. Was sie jetzt flüsterten, – ich weiß es nicht. Es hat es niemand gehört als die kleinen Vögel, die oben im Laub träumten und am andern Morgen so hell und freudig sangen wie sonst noch nie. 5. Anne. Auf der weiten, reichen Erde Sieht sie sich allein, verraten, Trübe zieht ihr junges Leben Seitwärts an des Glückes Pfaden. Sonne hat das Licht verloren Für die Armut, gottverlassen, – Willst, die dich zur Qual geboren, Fluchend du die Eltern hassen? Der Gutsbesitzer hatte seinen ersten Zorn über den Unfall des Knechtes überwunden. Der Verwundete war ins Haus gebracht worden und lag in der Kammer, die er hier mit ein paar Kameraden teilte. Herr Stempel hatte sogar seinen eigenen Wagen in das benachbarte Landstädtchen geschickt, um den Arzt holen zu lassen, und erkundigte sich teilnehmend nach dem Befinden des Kranken. Von einem Wegjagen desselben war zwar jetzt keine Rede mehr, denn im Grunde hielt der Herr nicht geringe Stücke auf den so brauchbaren Menschen; statt dessen aber hatte sich sein Groll gegen den armen Arbeiter gerichtet, dessen Krankheit die unschuldige Veranlassung gewesen war, daß Georg in den Steinbrüchen sich aufgehalten und das Unglück davongetragen hatte. Er gab dem Werkmeister den Auftrag, nach den Feiertagen den Platz Antons mit einem andern Arbeiter zu besetzen, da die gehäuften Bestellungen dies nötig machten; seinem Verwalter dagegen befahl er, den Anton abzulöhnen und den Lohn für die unbenutzten Tage in Abzug zu bringen. Er fand seine gleichmütige Stimmung durch diesen Akt der Genugtuung wieder, zumal ihm der Arzt erklärte, daß der Unfall des Knechts nicht viel zu bedeuten habe, und in baldiger Zeit die Herstellung versprach. Im Herrenhaus war es im Augenblick wieder stille. Der Pädagog, der am Morgen in einem heimlichen Versteck die unzusammenhängenden Lieder der alten Blödsinnigen nachgeschrieben und mit seinem Funde höchst befriedigt schien, war um die Mittagszeit mit seinen Knaben aufgebrochen, um in der Nachbarschaft bei einer anderen gutsherrlichen Familie einzufallen, aus welcher sich zwei Knaben unter seinen Zöglingen befanden. Die Schilderung der Pfingstfeier, wie sie im Dorf gebräuchlich war, hatte jedoch seinen Sinn für das Volkstümliche zu sehr verlockt, und er versprach beim Abschied, den folgenden Tag zu dem gastfreien Hause zurückzukehren. Der Mittag verstrich im Herrenhause ziemlich eintönig. Herr Stempel war beschäftigt, die Bücher und Rechnungen einzusehen und dem Verwalter das Geld für die Arbeiter auszuzahlen. Auf den folgenden Tag, den Pfingstsonntag, erwartete man die Gäste aus der Stadt. Lolo war mit Anordnen von mancherlei Vorbereitungen in der Wirtschaft beschäftigt; Max, der sich allein sah, hatte einen Gang in den nahen Wald unternommen. Gegen Abend kam er zurück mit einem dichten Strauß Maiblumen bewaffnet, die er in Lolos Zimmer heimlich tragen wollte. Auf der Treppe aber begegnete ihm das Mädchen, und er sah sich lachend gezwungen, das Geheimnis herauszugeben. Lolo lachte ebenfalls vergnügt, indem sie ihm einige Waldblüten aus den Locken zog, die sich auf der Streiferei durch die Hecken dort festgesetzt hatten. Von einer Belohnung, die er sich leise flüsternd erbat, wollte sie jetzt nichts wissen, sondern entfloh lachend die Treppe hinauf. Sie wolle eben nach Susannens Hütte gehen, rief sie ihm von oben zu; in einer Stunde könne er sie dort abholen. Hinter der Hütte, in dem kleinen Eckchen von unfruchtbarem Boden, welcher zu dem Grundstück gehörte, saß die Tochter der Blödsinnigen. Die untergehende Sonne leuchtete in ihr bleiches, kummervolles Antlitz. Ihre Hände bewegten mit mechanischer Schnelligkeit die Drahtstöcke, mit welchen sie ihrem kranken Vetter Anton eine längst bedürftige, neue Fußbedeckung stricken wollte; ihr Auge war auf die dunkeln, fernen Waldkuppen gerichtet, die sie in tiefer, träumerischer Vergessenheit betrachtete. »Übermorgen!« seufzte sie leise; »übermorgen ziehen sie dort hinaus, die Glücklichen, und ich werde zu Hause bleiben bei dem Kranken und bei der Mutter. Ach, – ich wollte es ja gern dulden, wie sehr ich mich auch hinaussehne in den freien Wald, wohin ich doch nur das eine Mal im Jahr komme; ich wollte es mir ja gerne versagen, wenn nur …« – aber sie hielt inne in Gedanken und setzte erst nach einer Weile hinzu: »ach … mir ist im Haus immer so trüb zumut.« Sie ließ die Arbeit einen Augenblick in ihrem Schoß ruhen und senkte das Haupt sinnend auf ihre Brust. »Sie werden die Maikönigin wählen; Anton sprach davon, daß es vielleicht die Lisbeth sein werde. Er hoffte wahrscheinlich, ihr Tänzer zu werden, aber nun kann er nicht dabeisein. Und ich auch nicht. Es ist auch vielleicht besser; es kümmert sich doch niemand um mich, und ich würde in ihre Freude schlecht passen.« In ihren trüben Gedanken versunken, stand sie von dem Stein auf, auf dem sie gesessen, und schritt mit den nackten Füßen über den steinigen Boden dem kleinen Heckenzaun zu. Im Dorfe wurde es laut, da die Arbeiter Feierabend gemacht und eben zurückgekehrt waren. Einige singende Stimmen hallten zu ihr herüber. »Sie freuen sich der Feiertage, und sie haben recht; das Pfingstfest ist das einzige, was ihnen ganz gehört.« Als sie jetzt ihren Arm auf einen gekürzten Stamm in der Dornhecke stützte, sah sie einen Mann auf die Hütte zukommen. Es war der Werkmeister. »Was macht der Anton?« rief derselbe von drüben, als er das Mädchen gewahrte; »ich habe dich schon in den Brüchen danach fragen wollen.« »Ich danke Euch, Meister«, erwiderte die Arbeiterin; »es geht ihm seit heute morgen etwas besser, aber er ist noch schwach von dem Blutsturz. Der Arzt, den das Fräulein aus dem Herrenhaus herübergeschickt, sagte, daß er vor vier Wochen an keine Arbeit und überhaupt an keine schwere Arbeit mehr denken könne. Gott weiß, es ist ein trauriger Trost, aber er ist doch wenigstens außer Lebensgefahr. Wollt Ihr nicht hineingehen, Meister, er sitzt auf seinem Bett.« »Nun, man muß nicht gleich den Mut verlieren«, tröstete der Mann, an den Zaun tretend. »Vorläufig bring ich dir hier seinen Lohn; gib ihm den und sag ihm, daß der Herr ihm denselben schicke. Das wird ihm vielleicht auch wieder Mut geben.« »Es ist aber nicht wahr, Meister; Ihr braucht Euch nicht zu verstellen«, sagte das Mädchen mit einer Träne im Auge. »Der Verwalter, bei dem ich mir zuvor, als ich fertig war, meinen Lohn holte, hat mir alles gesagt. Der Herr hat dem Anton den Lohn für die letzten Tage, wo er nicht arbeiten konnte, abziehen lassen, und das Geld ist somit von Euch, Meister, und den übrigen Arbeitern. – Ich habe schon gestern gehört, daß ihr länger darum bei der Arbeit geblieben, aber der Herr Stempel hat Euch heute den Zuschuß für den fehlenden Arbeiter nicht bewilligt, und ihr habt also das übrige von eurem eigenen Lohn hinzugetan.« »Nun, was ist dabei«, sagte der Werkmeister gutmütig, »sollen Kameraden untereinander nicht zusammenhalten? Neulich war ein Mann aus der Stadt hier, der erzählte, daß sie dort Sparkassen und Krankenkassen und dergleichen von den Ersparnissen ihres Lohns bildeten, um im Fall der Not etwas für sich zu haben, denn die Reichen und Vornehmen, denen unser Schweiß und Blut das Geld in die Kästen bringt, tun nichts für die Arbeiter. Soviel trägt's nun bei uns nicht, aber alle zusammen können wir doch so viel aufbringen, um einen kranken Kameraden ein paar Tage lang zu unterstützen.« »Ja, wohl … Schweiß und Blut!« wiederholte das Mädchen. »Von all seinem Schweiß hat der Anton nichts gehabt, als daß er sein elendes Leben von Tag zu Tag hinziehen konnte; nun hat er in der anstrengenden Arbeit auch sein Blut hingegeben, und – was hat er davon? Daß sie ihn liegenlassen wie einen Hund! Nur ihr, seine braven Kameraden, die ihr selbst kaum das Notdürftige habt, teilt mit ihm. Schweiß und Blut! Und doch ist es noch nicht alles, was sie uns nehmen«, sagte sie mit einem Blick nach dem Fenster der Hütte, wo der beturbante Kopf der emsig hantierenden alten Blödsinnigen zuzeiten kam und verschwand. »Ja, es ist nicht anders«, entgegnete der Werkmeister. »Wir sind zum Lasttragen da; wer kann's ändern?« Die kleine Bucklige erhob ihren Kopf und sah ihn mit ihren großen Augen an. »Es ist viel Elend auf der Welt, und die Armen haben recht zu klagen, daß sie überhaupt geboren sind«, sagte sie nachdenkend. »Es ist mir manchmal recht trüb und finster zumute, wenn ich das bedenke, wie viele schon vor uns auf der weiten Welt zugrunde gegangen sind und wie viele, viele noch immer zugrunde gehen auf jedem kleinen Fleckchen Erdboden, und niemand weiß davon. Man sollte gar nicht daran denken, denn der Gedanke kann einen zum Fluch bringen gegen alles, was damit zusammenhängt. Und wer es ändern kann? … Nun, ich habe manchmal meine eigenen Gedanken dabei! … Das zum wenigsten weiß ich, daß es von Rechts wegen geändert werden müßte, denn so viele Menschenleben können nicht zum elenden Verderben bestimmt sein.« Der Steinbrecher blickte über den Zaun das arme mißgeschaffene Arbeitermädchen an, dessen dunkles Auge in dem Widerschein ihres Seelenausdrucks höher erglänzte. Er schüttelte nachdenklich das Haupt und sagte: »Ich glaube, daß du recht hast, Anne; aber ich weiß nicht, wie es geändert werden sollte. Es ist doch einmal die Ordnung so, die anderen haben die Macht.« Das Mädchen sah ihm fortwährend groß und sinnend in die Augen. »Die Macht!« wiederholte sie. »Sie haben uns schwach gemacht, das ist ihre ganze Macht. Hier in der Hütte und daneben in denen und weiter hinauf und im nächsten Dorf und in allen Städten, es sind das alles keine einzelnen Fälle des Elends und der erbarmungsvollen Not, obwohl sie die Nachbarn als einzelne Fälle betrachten und mit den einzelnen Mitleid haben. Nein, Meister, das ist ein allgemeines Übel … und die schlechten Verhältnisse sind schuld daran, Meister. Wenn aber soviel Hunderttausende an denselben Verhältnissen elend zugrunde gehen, muß man sie auch ändern können – so denke ich, Meister! Nur müßten die Leute zuerst auch einsehen, daß sie alle an denselben Verhältnissen zugrunde gehen und daß sie alle zusammen eine Sache haben. Das ist die Hauptsache, und damit wird's schon geändert werden. Aber die Leute sehen das nicht ein; der eine denkt, der schlechte Arbeitslohn sei es, der ihn sein Leben lang zu keinem frohen Tag kommen lasse; der andere meint, der Mißwachs auf seinem kleinen Stück Land sei daran schuld, daß er mit Weib und Kind nun darben müsse; jeder sieht nur sein eigen Leid und nicht die Verhältnisse, die den Arbeitslohn herabdrücken oder einer ganzen Familie zu einem kleinen Stück Land am Ende gar nichts lassen. Und das ist unsere Schwäche, die die Reichen stark macht. Die Reichen werden wohl wissen, warum so viele elend sind; 's ist, weil die Reichen alles in der Tasche haben, Meister.« »Nun, nun … man muß auch nicht gleich so in der Verzweiflung hinausfahren«, tröstete der Steinbrecher in seiner Weise. »Es wird wohl mit dem Anton auch besser werden, und wenn er auch nicht gleich wieder an die Arbeit kann … nun, ich denk, wenn er es dem Fräulein sagt, wird die sich für die Zeit euer annehmen.« »Ja … Almosen um Gottes willen«, sagte das Mädchen bitter lächelnd, »das ist das Ende von dem Abrackern in Elend und Mühsal, und man muß Gott danken, wenn es nicht noch schlimmer endet. Nein, Meister … ich habe manchmal, wenn ich daran denke, einen Ekel vor dem Leben. Ich bin überhaupt gar nicht gern unter den Menschen und möchte am liebsten immer draußen im Walde umherstreifen. In den grünen, stillen Gehegen ist mir wohl, ich kann stundenlang dort allein in der frommen Heimlichkeit sitzen, wo kein Menschentritt hinkommt, und dem Gesang und dem fröhlichen Treiben der Waldvögel zuschauen; die Vögel verspotten einen wenigstens nicht. Manchmal aber, wenn ich zu Hause so für mich sitze, da kommt's mir vor, als sollte ich der Qual selber ein Ende machen.« »Gott steh uns bei, Anne. Wie kannst du so sündhafte Gedanken haben! Denkst du nicht an deine Mutter, die du auch ernähren und ehren sollst?« Das Mädchen richtete den Kopf höher zu ihm empor, so daß an ihrem Kinn eine tiefe, breite Narbe sichtbar wurde, die allem Anschein nach von einem stumpfen, schweren Instrument herrührte. Ihre Antwort aber wurde durch einen schallenden Ruf aus der Hütte unterbrochen. – »Anne … Anne!« tönte die Stimme der alten Susanne. »Wo steckst du wieder? … Soll ich dich etwa wieder mit der Heugabel holen!« Das Mädchen sah den Steinbrecher mit einem eigentümlichen Lächeln an, als auch die alte Blödsinnige schon herausfuhr. »Nun, – was machst du da … ah, – Ihr seid bei ihr, Meister«, rief sie herbeikommend. »Was man seine Not hat, wenn man alt wird, Ihr glaubt es nicht, Meister! Alles muß man allein tun, keines hilft und kümmert sich um die Alte. Ist das ein Elend!« »Ihr tut der Anne unrecht!« rief der Arbeiter herüber. »Sie wollte Euch eben den Lohn für den Anton bringen.« »So, nun so gib her! … Und weshalb hast du das nicht gleich getan, wo du mir deinen eigenen brachtest? Das müssen einem also auch erst fremde Leute sagen! Aber wollt Ihr nicht hereinkommen, Meister?« Der Werkmeister trat in die Hütte, wo er den Arbeiter, geschwächt von dem Anfall, welchen ihm die schwere Arbeit zugezogen, auf seinem schlechten Lager sitzend fand. Er sprach mit abgebrochener, matter Stimme, und wiewohl der Werkmeister ihm Trost und Mut zusprach, mochte er doch selbst nicht ganz der Zukunft gewiß sein. Beim Weggehen drückte der Werkmeister dem Kranken die Hand und versprach, bei dem Herrn zu bitten, daß ihm der Wochenlohn vorderhand weiter ausgezahlt würde, da die Arbeiter keinen neuen an seiner Statt annehmen, sondern lieber für ihn länger arbeiten wollten. – »Das wird nun freilich nicht lange vorhalten können«, sagte er draußen für sich. »Für einige Zeit ginge das wohl an, aber der arme Teufel sieht jämmerlich elend aus, und wer weiß, ob er je wieder an die Arbeit denken kann. Das wird traurig in der Hütte hergehen! Wenn er nichts mehr arbeiten und verdienen kann, sind sie auf das bißchen Verdienst der armen Anne angewiesen, denn die Alte ist wahrlich zu nichts imstande.« Er blickte noch einmal um und sah das bucklige Arbeitermädchen noch am Zaun stehen und seinen Gruß mit ihrem stummen, traurigen Lächeln erwidern. »Das arme Kind!« murmelte er für sich; »sie hat wohl recht, sich über ihr Los zu beklagen. Gott besser's! Ich weiß nichts mehr für sie zu tun, aber es sind die einzigen nicht.« Anne hatte sich wieder auf den Stein hinter der Hütte gesetzt und ihre Arbeit vom Boden aufgenommen. Sie mußte tief in ihre Gedanken versunken sein, denn sie hatte nicht bemerkt, wie an den Zaun, wo der Werkmeister zuvor gestanden, eben wieder jemand herangetreten war und sie betrachtete. »Guten Abend, Anne«, sagte eine weiche, liebliche Stimme. »Sieh, wie du fleißig bist; du bemerkst einen gar nicht.« Das Arbeitermädchen erhob überrascht über die neue Störung ihren Kopf und errötete leicht beim Anblick der Lauscherin. »Ach! Fräulein Lolo … Sie sind da«, sagte sie befangen; »Sie schenken uns die Ehre! … Ich habe Sie gar nicht kommen gehört.« »Ich war gestern abend schon hier«, erwiderte Lolo, indem sie die Hecke auseinanderbog und in den kleinen Raum trat; »du warst nicht zu Hause.« »Meine Mutter hat es mir gesagt«, entgegnete die andere aufstehend; »es hat mir leid getan, daß ihr nicht früher …«, aber die Lüge wollte nicht ganz über ihre Lippen, und sie setzte verwirrter und höher errötend hinzu: »Ich hatte Sie so lange nicht gesehen, Fräulein.« »Nun, – das ist deine Schuld, Anne«, sagte das Mädchen freundlich lächelnd; »du weißt mich ja zu finden, und es ist unrecht, daß du nicht wenigstens sonntags kommst, wenn du nicht arbeitest. Aber bleibe nur sitzen«, fügte sie hinzu, indem sie die Arme sanft auf ihren harten Ruhesitz drückte; »laß dich nicht stören, ich bleibe vor dir stehen und wir plaudern zusammen. Ist deine Mutter zu Hause?« Lolo hatte mancherlei auf dem Herzen, aber sie wußte nicht, wie sie damit herausrücken sollte. Sie hatte ihren Vater in betreff Antons hartnäckiger gefunden, als sie anfangs erwartete. Der Gutsbesitzer wollte nach dem, was der anwesende Arzt über den Zustand des Arbeiters gesagt, um so weniger von Weitersorge wissen. Daß er ihn in den Steinbrüchen wieder verwenden könnte, war, wenn er auch wollte, nicht mehr möglich, ohne einem neuen Anfall über kurz oder lang entgegenzusehen; deshalb hatte er auch auf Anwerbung eines neuen Arbeiters bestanden. Ihn als Tagelöhner ab und zu zu verwenden, wenn sein Zustand sich soweit gebessert, hatte er zwar nicht gradezu verweigert; allein, es war voraussichtlich, daß dem Armen dadurch zu seinem und der Seinigen Unterhalt nicht genügend geholfen war. Lolo hatte sich daher selbst zur stillen Hilfe entschlossen. Da der Arbeiter aber vorerst gar nichts erwerben konnte, hatte sie eine kleine Summe aus ihrer Sparkasse mitgenommen, womit der Familie für die nächste Zeit ausgeholfen war. Aber sie wagte nicht, das Geld ihrer Milchschwester anzubieten, aus Furcht, die bei Mißgeschaffenen und Unglücklichen so vorherrschende Empfindlichkeit zu verletzen. Einen andern Plan hatte sie noch für die weitere Zukunft der Hüttenbewohner. Sie wollte Annen, die bei ihrer verschwerlichen Arbeit in den Brüchen ohnedies sowenig verdiente, zu sich ins Haus nehmen. Unter dem Vorwand, daß sie ihr bei Anordnungen in der Wirtschaft und als Kammermädchen zur Hand gehe, sollte ihrer armen Milchschwester ein besseres Los geschaffen und Gelegenheit zur Unterstützung der Mutter und des Arbeiters gegeben werden; da sie selbst außerdem die alte Blödsinnige zu unterstützen gewöhnt war, so schien hiermit dem Schicksal der Unglücklichen einstweilen vorgebeugt. Mit aller Vorsicht rückte sie jetzt mit diesem Plan bei Annen heraus, indem sie sagte, daß das Mädchen, welches sie bisher dazu verwendet, zu sehr in der übrigen Wirtschaft in Anspruch genommen würde und sie sich ohne solche Unterstützung nicht behelfen könne. Anne ließ bei diesem Vorschlag die Arbeit voll Überraschung in den Schoß fallen und sah das Fräulein mit feuchtem Blick an. Aber die hohe Glut, die alsdann plötzlich in ihr bleiches Antlitz schoß, belehrte Lolo, daß das Arbeitermädchen den Grund ihres Planes durchschaut hatte. »Es ist mir so am liebsten, ich weiß mir nicht anders auszuhelfen«, sagte das Fräulein, ihr freundlich zuredend. »Mit meinem Vater habe ich schon gesprochen, der ist es zufrieden; mir aber erweist du einen Dienst damit.« Die Arbeiterin sah das Fräulein gerührt an. Offenbar neigte ihr Herz sich dem Vorschlag zu, der ihrer traurigen Lage in der Hütte ein Ziel steckte; aber der Stolz der Armut kämpfte dagegen, und eine Stimme flüsterte in ihrem Innern: Das sind die Reichen! Sie geben einen Tropfen großmütig von dem zurück, was sie in Eimern genommen; glauben an einem gutmachen zu können, was sie an hundert andern Unglücklichen verschuldet! – Aber dieser Gedanke zerschmolz vor dem warmen, freundlichen Blick Lolos. »O … Fräulein«, stammelte das arme Mädchen verwirrt, »ich weiß nicht … Sie sind so gütig! Wahrlich … ich weiß nicht, ob ich es annehmen kann.« »Nun, was ist dabei zu besinnen?« redete ihr Lolo sanft zu; »was du im Hause versäumst, werde ich gutzumachen suchen. Das versteht sich von selbst; es ist meine Schuldigkeit, wenn du mir das zuliebe tun willst. Dabei kannst du ja doch jeden Tag deine Mutter und Anton besuchen.« Die Erwähnung ihrer Mutter schien in dem Mädchen ein besonderes Gefühl zu erwecken, und sie lächelte in leiser Bitterkeit. »Ich würde meine Mutter doch wohl öfter in dem Herrenhaus sehen!« »Also du nimmst es an? … Du sagst es mir zu? Das ist schön!« entgegnete das Fräulein. »Du kannst gleich morgen hinüberziehen, dann gehen wir übermorgen früh zusammen hinaus in den Wald zum Maifest … nicht wahr? Du gehst doch gerne in den Wald, ich weiß das.« »Ach, – Fräulein, … wahrhaftig, ich weiß nicht, Sie sind so gut, und ich möchte es wohl annehmen, aber ich weiß nicht …« »Nun, es ist abgemacht, denk ich«, lächelte Lolo, »und morgen früh erwarte ich dich. Es kommen Gäste, da kannst du mir gleich helfen; und morgen abend beraten wir, wie wir uns bei der Feier recht vergnügen wollen. Ich lasse dir noch heute dein Zimmer neben dem meinigen zurechtmachen, denn morgen ist keine Zeit dazu, und übermorgen heißt es früh aufstehen. Wir wollen die ersten sein, nicht wahr? – und die besten und schönsten Blumen suchen, um die Maikönigin zu schmücken. Mit deiner Mutter will ich selbst sprechen, und dem Anton soll deine Pflege auch ersetzt werden. Es ist also abgemacht, denk ich; nicht wahr?« Das arme Arbeitermädchen erbebte leise unter diesen Worten, die ihre liebsten Gedanken aussprachen, und errötete und erbleichte abwechselnd. Lolo legte zutraulich ihre kleine Hand auf das grobe Tuch, welches die Schultern der Kleinen bedeckte, und sah ihr liebreich in die Augen. »Es ist abgemacht?« wiederholte sie. »Gewiß, du wirst kommen!« Die Antwort Annens wurde durch ein Geräusch hinter der Hecke unterbrochen, welches der Sprung eines Mannes über den Zaun verursachte. »Sieh! … Da bist du ja, Lolo«, rief Max lachend. »Ich sah vorn zum Fenster herein, und da ich dich nicht fand, kam ich, dich hier zu suchen. Guten Abend, Anne«, wandte er sich an das Arbeitermädchen, indem er ihr die Hand entgegenstreckte; »du kennst mich doch noch?« Anne war aufgestanden, indem sie leicht erblaßte. Jetzt mußte sie dem Angekommenen die rauhe, gebräunte Hand geben, deren Zittern Max in der seinigen fühlte, und erwiderte mit einer plötzlichen dunklen Glut im Gesicht: »Wie sollte ich Sie nicht mehr kennen, Herr Max, da Sie doch jedesmal in den Ferien bei Ihrem Onkel sind.« »Freilich«, entgegnete Max, »und wir haben ja schon als Kinder miteinander gespielt. Weißt du noch, wie wir im Garten herumrannten und zu Ostern die Ostereier suchten und zu Weihnachten den Christbaum abplünderten?« Das Mädchen nickte leise mit dem Kopf, indem sie mit niedergeschlagenen Augen vor sich hinsah. Lolo aber sagte lächelnd. »Ja … ist sie bei uns nicht wie zu Hause? Und doch wollte sie sich anfangs weigern, als ich sie bat, hinüberzuziehen und mir in der Wirtschaft zu helfen.« »Nun, und weshalb nicht?« sagte Max freundlich. »Wenn wir auch nicht mehr die alten Streiche ausführen, so werden wir uns doch in anderer Weise vergnügen können. Wir können im Haus und im Garten treiben, was wir wollen; wird es uns aber zu eintönig oder wollen wir langweiligen Gästen aus dem Wege gehen, so ziehen wir hinaus in den Wald. Morgens, wenn im Hause noch alles schläft und die Täler noch rauchen, können wir schon oben auf den Bergen sitzen und unter den Bäumen beim Sonnenaufgang unser Frühstück verzehren. Macht dir das kein Vergnügen, Anne?« Anne hatte die Augen nicht zu erheben gewagt, sondern sah still vor sich hin; aber die fliegende Röte ihres Gesichts verriet ihre Bewegung. »Ja, – ich werde es wohl annehmen müssen, Fräulein Lolo«, erwiderte sie leise; »ich werde es wohl annehmen, da Sie so freundlich gegen mich sind. Aber ich habe doch noch Bedenken, ob ich das so bald schon kann. Ich müßte mich doch auf mancherlei vorbereiten, ehe ich im Herrenhaus erscheinen kann.« Lolo verstand den zaghaften Blick der armen Arbeiterin, welcher verlegen ihre nackten Füße gestreift hatte. »Was wären dabei noch lange Bedenken«, entgegnete sie liebreich. »Die Vorbereitungen kannst du morgen bei mir machen, wo du alles finden sollst. Stelle dich nur recht früh ein; auf meinem Zimmer sind wir ungestört und können alles beraten, was du mir von Bedenken mitteilst. Schicke nur heute abend noch deine Mutter hinüber, damit ich es statt deiner mit ihr abmache. – Also … nicht wahr, auf morgen früh?« sagte sie, ihr die Hand reichend. Anne lispelte ihr kaum hörbar ihre Einwilligung zu, und Lolo schickte sich zum Weggehen an. »Adieu, Anne«, sagte Max, ihr ebenfalls die Hand reichend; »so wären wir denn also von jetzt an wieder unter einem Dache und werden uns wohl vertragen, – denke ich.« Anne errötete tiefer, als sie ihre Hand in die des jungen Mannes legte und sie dann schnell wieder zurückzog. Dann, als sie den Blick zu Lolo aufschlug und das Auge derselben auf sich gerichtet sah, erbleichte sie wieder, und in ihren Zügen sprach sich eine plötzliche Verwirrung aus. Sie vermochte nicht, den Abschiedsgruß der beiden zu erwidern. Max schritt langsam das Dorf hinunter, um auf Lolo zu warten, die einen Augenblick noch zu der alten Blödsinnigen in die Hütte getreten war, um ihr das Geld zu geben und Annens Entfernung vorzubereiten. Als der junge Mann sich wartend nach ihr umdrehte, sah er Lolo an der Türe der Hütte stehen; bei ihr die alte Susanne, welche, nach ihren Gesten zu urteilen, das Mädchen wieder mit den Ausdrücken ihrer Zärtlichkeit überhäufte. An der Hecke hinter dem Häuschen stand Anne, die sich jedoch bei seinem Anblick mit einer plötzlichen, hastigen Bewegung abwandte und wieder ihren alten Platz auf dem Stein einnahm. In diesem Augenblick rief die alte Blödsinnige nach ihr, damit sie dem Fräulein für ihre Güte danken solle. Lolo, welche dem Mädchen diesen Akt der Beschämung ersparen wollte und den Ausruf Susannens nicht mehr verhindern konnte, entfernte sich, rasch auf Max zulaufend. Anne befolgte jedoch den Ruf ihrer Mutter nicht. Sie war aufgesprungen und trat hastig in die dunkle Küche, indem sie mit dem Rücken ihrer Hand über die Augen fuhr. Sie weinte. 6. Die Pfingstfeier der Volksfreunde. Ich bin der Herr, du bist der Knecht, So ist es gut, so ist es recht! Altes Lied. Die Glocken hallten am frühen Morgen zu dem ersten Festtage. Die Sonne war hell in sonntäglichem Glänze an dem blauen Himmel aufgestiegen, auf den Wäldern und den weiten Fluren lag eine heilige Ruhe. Die Bauern in ihren säubern Festtagskleidern, die Mädchen mit ihrem bunten Putz, das Gesangbuch in der Hand, zogen der bemoosten kleinen Kirche zu, die auf einer Anhöhe über das Dorf emporragte. Als die Glocken leise anschlagend verhallten, trat der Pfarrer an den Altar, und oben auf dem Chor stimmte der Vorsänger das Lied an, in welches die ganze Gemeinde dann einfiel. Auch Herr Stempel war in der Kirche. Der freidenkende Mann wollte seinen Bauern ein gutes Beispiel geben, damit sie nicht den Freibrief ihrer Armut auf das Jenseits vergäßen und gleich ihm den Himmel auf der Erde suchten. Herr Stempel besuchte dreimal sehr regelmäßig im Jahr die Kirche, zu Pfingsten, am Erntefest und zu Weihnachten; dies waren zugleich die Tage, an denen er den Pfarrer zu Tisch bei sich hatte und ihm jedesmal Lobeserhebungen über seine vortreffliche Predigt machte. Hinter ihm kniete Lolo, die mit Max zusammen in das Gesangbuch sah. Über den Zügen des Mädchens lag eine liebliche Verklärung. Ihr Antlitz leuchtete von dem frischen blühenden Ausdruck ihrer Empfindung, und ihre sorgfältige, aber einfache Tracht, die sie zu Ehren des Festes unter fremden Gästen gewählt, gab ihrem natürlichen Reiz eine heilige, andächtige Färbung. Ob sie aber ihre Andacht aus dem vor ihr liegenden Buch und nicht in ihrer ganzen Herzensstimmung seit den letzten Tagen fand, ist zu bezweifeln. Der Hauch ihres Nachbarn bewegte die Wellen ihres dunklen Haares, und ihr klares, glänzendes Auge streifte wohl öfter über die Blätter des Buches hinweg. Neben ihrer schlanken, so weich eingegossenen Gestalt kniete auf der anderen Seite die Tochter Susannens. Das arme, mißgeschaffene Arbeitermädchen schien den vollen, seligen Frieden nicht ganz zu teilen. Sie blickte bisweilen zerstreut nach der Seite und vergaß, in dem Gesang mit fortzufahren. Aber das Äußere der armen Kleinen hatte sich unter Lolos Fürsorge zu ihrem Vorteil verändert. Eine einfache, bessere Kleidung als sie bisher gewohnt war, verhüllte ihre Glieder und ließ trotz ihrer Mißgestalt einzelne kleine Vorzüge an ihr hervortreten. Der weiße Kragen über dem buntseidenen Halstüchlein ließ sich in einiger Entfernung kaum von der Weiße ihres Halses unterscheiden, und zum ersten Mal konnte man die Schönheit und stolze Fülle ihres sorgfältig geordneten Haares erkennen. Als sie an Lolos Seite aus der Kirchentüre schritt und die Blicke der einzelnen Gruppen von Bauern auf sich gerichtet sah, senkte sie verlegen den Blick und fühlte, wie eine hohe Glut in ihr Antlitz schoß. – In dem Herrenhaus begann unterdessen ein eifriges Wirtschaften. Die Mägde rannten über die Treppen der Küche zu und wieder zurück nach den Vorratskammern und dem Keller; auch den Hof hatten die Knechte in aller Frühe geräumt und gekehrt und standen jetzt in ihren sauberen Sonntagsjacken in einiger Entfernung an den Remisen und Ställen, von wo sie die Wagen der ankommenden Gäste betrachteten. Herr Stempel befand sich in einem großen, eleganten Vorgemach, wo er sich mit dem Pfarrer, dem ersten der Gäste, unterhielt. Der kleine, dicke Gutsherr hatte sich heute eine besondere, imponierende Würde angeeignet; sein volles Gesicht glänzte wohlgefällig in der weißen, zierlich geknüpften Halsbinde; das graue, gelichtete Haar, welches er so kunstvoll vom Nacken aus über das glatte, rötliche Haupt zu ziehen pflegte, war heute mit einer dunklen Perücke bedeckt, die ihm ein jugendliches Ansehen gab; unter der kurzen, reichen Weste und dem schmalen modernen Frack zeigte sich das Embonpoint, Spitzbauch. welches der ehrwürdige Herr bei lebhaften Gesprächen wie zur Beruhigung zu streichen pflegte. Ab und zu ging er in das Nebenzimmer, um dort nach den Anordnungen zu sehen. »Man muß den Leuten immer auf den Fersen sein«, sagte er zu dem Pfarrer, der seine lange, schwarze Gestalt über eine Stuhllehne gelegt hatte. »Wenn keine Hausfrau da ist, glauben die Leute, ihrem Schlendrian nachgehen zu können; meine Tochter ist zu gut gegen sie.« »Um ihnen Gehorsam abzunötigen, ist der Ernst und die natürliche Strenge einer älteren Hausfrau am geeignetsten«, nickte der Pfarrer beistimmend. »Sie haben an Ihrer Seligen eine vortreffliche Frau verloren«, fügte er salbungsvoll hinzu; »indes steht Ihre Tochter trotz ihrer Jugend dem Hauswesen musterhaft vor.« »Nur zu gut ist sie gegen das Volk, nur zu nachsichtig!« eiferte der Gutsherr. »Sie haben keinen Respekt vor ihr und tun alles nur so gleichmütig hin. In einem großen Haushalt muß alles wie am Draht flink und ineinander gehen; dazu aber müssen die Leute angepoltert werden.« Die ersten Gäste kamen eben an, eine gutsherrliche Familie aus der Nachbarschaft. Herr Stempel bewillkommnete den Mann mit großer Emphase und machte der Dame galante Komplimente. Der Sohn, ein Knabe, der eben ins Jünglingsalter treten wollte, ging währenddem mit unsicheren Schritten an dem Spiegel vorbei, um an den Pfarrer einige Worte zu richten. Der junge Mensch war lang aufgeschossen und hatte, wie man ersehen konnte, erst kürzlich zum ersten Mal begonnen, seine ungeschlachte Gestalt zu zivilisieren. Seine Beinkleider, in denen sich bei jedem Schritt die spitzen Knie abdrückten, waren mit Sprungriemen auf die entsetzlichste Weise straff gezogen; sein Kopf saß steif in einer ungeheuren Krawatte, die er augenscheinlich noch nicht lange trug, vielleicht erst zu dieser Vorstellung von der Mutter erhalten hatte; der angehende Mann konnte sich nämlich in seiner neuen Würde nicht bewegen und war genötigt, zu jeder Bewegung des Kopfes seine ganze Gestalt zu gebrauchen. Jetzt kamen auch Lolo und Max herein, um die Fremden zu begrüßen. Lolo mit ihrer lächelnden Freundlichkeit und dem einfachen, bescheidenen Geschmack wurde der Gegenstand einer stillen Kritik bei Madame; der junge Mensch studierte während der Unterhaltung mit Max sehr aufmerksam die Frage, wie derselbe wohl sein Halstuch geknüpft. Die beiden Gutsherren unterhielten sich währenddem über den Stand ihrer Felder. Nach einiger Zeit füllte sich das Gemach mit neuen Fremden. Gäste aus der Nachbarschaft und zuletzt aus der entfernten Stadt kamen an; die Gruppen unterhielten sich laut und lachend. Einige hatten sich seit dem letzten Fest in dem Hause des Herrn Stempel nicht gesehen und besprachen gegenseitig die späteren Ereignisse, welche ihrer pfahlbürgerlichen Existenz durch Tradition und Botenläuferei zugekommen waren; in andern Kreisen sprach man über Politik, und Herr Stempel, der sich bald zu diesen gesellte, entwickelte ein liberales Fortschrittsprinzip, indem er das Bedürfnis und die Notwendigkeit, von oben Konzessionen zu erhalten, aussprach, dagegen aber gegen diejenigen eiferte, welche unten im Volk wirken wollten. Es sei eine durchaus schädliche und unglückliche Ansicht, sprach er unter Beistimmung seiner Zuhörer aus, wenn man auch im Volke das Licht der Aufklärung herumtragen wolle; wenn auch die Vernünftigen und Gebildeten, wie er sagte, über viele Lächerlichkeiten hinaus seien, so dürfe man doch dem Volke die Sachen nicht in den Kopf setzen; das Volk müsse an Gott und seine Regierung glauben, sonst höre alles auf, die Leute würden sich nichts mehr gefallen lassen, und das Licht der Aufklärung würde zur Brandfackel für das Gebäude der ganzen Gesellschaft werden. Die Beteiligten hörten mit großer Zufriedenheit zu, und es wurde von manchen nicht so ganz leise und versteckt, als daß es der Gutsherr nicht hätte verstehen sollen, die Vermutung ausgesprochen, daß Herr Stempel, von dessen wahrem Liberalismus man das Beste erwarten konnte, wohl als Abgeordneter bei dem nächsten Provinzial-Landtage erscheinen werde. Endlich schnitt der Gutsherr die einzeln geführten Fäden der Unterhaltung ab, indem er die Versammlung zum Tisch zu schreiten ersuchte. Er bot einer ältlichen Dame aus der Nachbarschaft, deren kühner Kopfputz billig bei ihrem Eintritt allgemeines Aufsehen verursacht hatte, den Arm und führte mit großer Galanterie und Grazie den Zug der Gesellschaft nach dem Speisesaal an. An der langen Tafel, die sich dort mit großen Aufsätzen und Anstalten den Augen darbot, wurden die Plätze genommen, wie sie der Gastgeber durch kleine Zettel auf den Servietten verteilt hatte. Herr Stempel thronte am obern Ende; er hatte die Serviette um den Hals geknüpft und sein strahlendes Gesicht, sein galantes Lächeln und seine Zuvorkommenheiten gegen seine beiden Nachbarinnen und die Antworten und Witzworte, mit denen er sogar die Unterhaltung am andern Ende der Tafel bedachte, zeigten, wie sehr es dem gemütlichen Mann in diesem Kreise und diesen Anstalten wohl-behagte. Gegenüber, am entgegengesetzten Ende, saß der Verwalter, den Herr Stempel dorthin gewiesen, wo er den aufwartenden Mägden und Dienern zur Hand sein konnte; so erfüllte er seinen Zweck und verschaffte dem Gutsbesitzer Gelegenheit, sich als einen vorurteilsfreien Mann zu zeigen. Max saß neben dem Pfarrer und war bemüht, das Glas desselben stets von neuem zu füllen, wenn er ihm durch Anstoßen und Toaste Vorwand zum Trinken gegeben hatte. Der geistliche Herr schien sich durch die Anekdoten des Studenten in eine sehr feurige Stimmung versetzt zu fühlen und begann, zum großen Erstaunen einer Nachbarin, mit seinem Studentenleben zu renommieren. Max' Augen hatten gleich beim Beginn Lolo gesucht; er gewahrte sie in einiger Entfernung neben einem ziemlich einfältig aussehenden Landjunker, der sie mit faden Schmeicheleien und Süßigkeiten überschüttete. Die Mutter des jungen Menschen sah ihm mit stolzer Zufriedenheit zu und berechnete wahrscheinlich in diesem Augenblick, auf wieviel sich die Revenuen Einkünfte. des Mädchens nach dem Tode des alten Herrn belaufen würden. Der Champagner löste die Zungen der Gesellschaft. Herr Stempel, dessen volles Gesicht sich allmählich mit immer dunklerem Purpur gerötet, erzählte Anekdoten, die er jedesmal selbst mit einem ungeheuren Gelächter begleitete. Seine Augen waren kleiner geworden, und er hatte bereits zwei oder dreimal in der Zerstreuung über seine Perücke gestrichen, wie er es sonst mit seinem dünnen Haupthaar zu tun pflegte; jetzt, da er bemerkte, daß er seine Perücke damit bereits verschoben hatte, wollte er sie in jovialer Laune gänzlich vom Haupt nehmen, wenn er nicht, wie er erklärte, seine beiden Nachbarinnen dadurch in Schrecken setzte. Am meisten ging auf seine Spaße der Pfarrer ein, dessen Laune der seinigen bereits gleichkam. Der Gutsherr sagte, daß er ihn für seine Geselligkeit gerne ans Herz drücken wollte, wenn ihm das Aufstehen nicht so unbequem wäre; als der Pfarrer aber lachend mit dem Glase in der Hand zu ihm herankam, trank er herablassend Brüderschaft mit dem vortrefflichen Gesellschafter und küßte ihn derb und schallend auf die brennenden Wangen. Nachdem die Männer alsdann beim Kaffee ihre Zigarren angezündet, wurde ein Gang in den Garten nach den Mühseligkeiten der Tafel für angemessen gefunden. Die Gesellschaft zerstreute sich in den verschiedenen Gruppen, wie sie sich eben zusammenfanden, durch die Gänge der Anlage. Nur der Gutsherr und der Pfarrer blieben zurück an der Tafel, deren Freuden sie dem Genuß des frischen, heiteren Maitags vorzogen. Max hatte vergebens versucht, an Lolos Seite zu gelangen; ihr Tischnachbar fesselte sich an ihre Seite und ließ nicht ab, sie nach seiner Art mit Aufmerksamkeiten zu verfolgen; einige junge Mädchen, die sich allem Anschein nach gerne selbst von dem Landjunker in dieser Weise bedacht gesehen hätten, wichen ebenfalls nicht von ihren Schritten. Max löste sich daher bald von der Gesellschaft ab und suchte auf einem Umweg nach dem Hause zurückzugelangen, wo er sich auf seinem Zimmer auszuruhen gedachte. Als er aber in den Hausgang trat, ward er durch ein tobendes Geschrei von dem Hofe her angehalten. »Gott, steh uns bei!« lachte er für sich. »Das ist die wilde Jagd des verrückten Liederfängers.« Als er in eins der vorderen Zimmer trat und zum Fenster hinaus auf den Hof sah, bemerkte er die Knaben des Pädagogen, welche sich in ihrer Weise von der Wanderung auszuruhen suchten. Einige waren auf und in die Wagen der Gäste geklettert und trommelten mit ihren Beinen singend darauf herum; andere kamen eben die Treppe herauf, wo ihnen der Pädagog voranging, und Max hörte gleich darauf an dem bewillkommnenden Lachen seines Onkels, daß sie in dem Speisesaal ihren Hafen gesucht und gefunden hatten. Einige trugen grüne Kränze um die Mützen, andere hatten sich auf dieselbe Weise Girlanden und Schärpen über die Schultern geschlungen. Die ganze Versammlung hatte etwas Naturwüchsiges, Volkstümliches – wie der Pädagog gesagt haben würde – in ihrer Erscheinung. Als Max in den Saal zurücktrat, saß der Professor bereits an der Seite des jovialen Gastgebers, der ihm ein volles Champagnerglas unter die Nase stellte. Der ehrwürdige Altertümler versenkte seine Blicke in das perlende Getränk und zog den lieblichen Duft desselben ein; aber er gewahrte in dem Augenblick, daß die Augen der Knaben, welche über die Reste der Torten und des Konfekts hergefallen waren, seine Lüste beobachteten, und er schob das Glas wieder zurück, indem er sagte, daß er keine aufregenden Getränke zu sich nehmen dürfe. Max verstand den Blick des armen Lehramtssklaven und führte die Knaben nach einer Weile mit sich fort in ein anderes Gemach. Der Gutsherr, der Pfarrer und der Pädagog saßen nunmehr ungestört allein an einer einsamen Tafel, und das Lachen, womit der Altertümler die Spaße der anderen aufnahm, sein langsames, feinschmeckendes Schlürfen und das Blinzeln seiner Augen bewiesen bald, wie wohl er sich in dieser freien, ungezwungenen Stimmung fühlte. Der joviale Gutsherr und der nachsichtige Seelsorger neckten den gutmütigen, kleinen Mann, der nichts übelnahm, und belustigten sich an seinem drolligen Wesen. »Ich darf unmöglich mehr trinken«, sagte der Erziehungskrämer, während er dem Gutsbesitzer das leere Glas zum Füllen hinhielt; »es wird wirklich zuviel, wenn ich denke, daß ich morgen in aller Frühe aufstehen muß, um das Maifest im Walde mit ansehen zu können.« »Ja so, Sie wollen das Maifest mit ansehen«, lachte der Gutsherr; »es ist ja wahr, ich hatte es beinahe vergessen, daß Sie allem verrückten Unsinn nachlaufen, den Sie nur unter dem Volke finden können.« »Verrückter Unsinn!« rief der Pädagog voll Eifer, indem er in der Vergessenheit sein Glas mit einem Zug leerte. »Verrückten Unsinn nennen Sie die dunklen, geheimnisvollen Elemente, aus denen allein sich die Eigentümlichkeit der Volksstämme konstruieren läßt! Oh! mein Verehrtester …« »Nun, beruhigen Sie sich«, lachte sein Nachbar lauter, »konstruieren Sie, soviel Sie wollen, ich habe nichts dagegen. Wenn Sie aber wie ich täglich mit dem Volke in nahe Berührung kämen, so würden Sie seine Eigentümlichkeit nicht so hochpoetisch, sondern sehr prosaisch in Schnapstrinken und Verdummung finden.« Der Volksenthusiast füllte in großer Aufregung sein Glas und das seines Nachbarn und sagte zornig: »Nun, freilich, Champagner trinken sie nicht, und die Bildung kommt ihnen auch nicht im Traum zugeflogen. Daran sind sie aber nicht selber schuld, und grade die Poesie ihrer Volkstümlichkeit, welche sie sich von früher bewahrt, spricht für die Schönheit ihrer ursprünglichen Elemente.« »Erlauben Sie«, sagte der Gutsbesitzer ruhig; »das Volk ist allerdings an seiner Verdummung schuld, denn es lernt nichts, und ebenso könnte es besser mäßig leben, statt sich durch den Branntwein zu demoralisieren.« »Es gibt aber doch Leute, die sich trotz solcher Ansichten die Vorliebe der Arbeiter für den Branntwein, dessen die Leute in Ermanglung von etwas Besserem bedürfen, sehr wohl zunutze zu machen wissen.« Der Gutsherr hatte den Eintritt seines Neffen, der sich hinter seinen Stuhl gestellt, nicht bemerkt, und er lehnte überrascht seinen Kopf zurück, als er dies hörte. Der Pfarrer, welcher wußte, daß der Gutsbesitzer den Arbeitern einen Abzug am Wochenlohn machte und ihnen dafür Branntwein aus seiner eigenen Brennerei lieferte, erwiderte nichts darauf; der Pädagog jedoch, welcher den Hauptvorwurf dieser Worte nicht verstand, griff seinen eigenen Sinn heraus. »Ja, was sollen denn die Leute anderes trinken?« sagte er, dem Studenten zunickend. »Sie haben doch das Bedürfnis, sich nach ihrer anstrengenden Arbeit zu stärken, und ihre Mittel erlauben ihnen nichts anderes.« »Ich habe auch nichts gegen den Genuß des Branntweins überhaupt gesagt«, warf der Gutsherr absprechend ein; »aber zur Mäßigkeit und Sparsamkeit sollen sich die Leute gewöhnen, statt all ihren Verdienst in Branntwein zu versaufen. Da die Leute aber selbst das Einsehen nicht haben, so werde ich von nun an selber dafür sorgen. Ich werde sie demnächst anhalten, daß sie eine Sparkasse errichten, damit sie im Alter und bei Krankheiten auch etwas haben, und will sie ihnen in Gottes Namen selbst verwalten, obschon ich mir nichts wie Schererei damit auf den Hals lade. Ich werde jedem zu diesem Zweck einen kleinen Abzug machen, der in die Kasse fließt. Wer damit nicht einverstanden ist, der kann gehen; die Leute sind ja freiwillig und nicht als Sklaven in meinem Dienst. Aber ich will nicht haben, daß sie alt und krank ohne Hilfe sind, und sie werden wohl später selbst einsehen, daß es nur zu ihrem Besten ist.« Der Pfarrer nickte beifällig zu diesen Worten, während Max mit einem eigentümlichen Lächeln auf seinen Onkel herabsah. Die Erwiderung, welche er auf den Lippen hatte, wurde jedoch durch die Ankunft neuer Gäste abgeschnitten. Es waren dies mehrere Landgeistliche aus der Umgegend, welche am Morgen ihren Pflichten nachgehen mußten und deshalb erst jetzt zur Nachfeier des Festmahls eintrafen. Ein kleiner, dicker Herr mit glänzendem Gesicht wischte sich keuchend den Schweiß von der Stirn und betrachtete wohlgemut das Schlachtfeld der Tafel; einige andere hagere, ernste Gesichter legten ebenfalls bei diesem Anblick die strengere Würde ihrer Amtsmienen ab, und die ganze Gesellschaft ließ sich auf die Bewillkommnung des festthronenden Gastgebers an dem Tisch nieder. Die Unterhaltung währte laut und lange; die Gesichter wurden erhitzter und die Reden ungezwungener. Endlich gab der Gutsbesitzer seinem Neffen ein Zeichen, ihm den Verwalter zu rufen. Während Max darum hinausging, legte der Gutsherr mehrere Goldstücke auf den Tisch, mit denen er bei solchen Gelegenheiten zu dem Klingelbeutel seiner geistlichen Freunde beisteuerte; dann, als der Verwalter gekommen war, ließ er sich von demselben von seinem Sitz aufrichten und nach seinem Zimmer führen. Auf die Gastfreunde verübte jedoch sein Weggang nicht die geringste Störung der Feier. Nachdem sie ihm auf seinem schweren, langsamen Gang verschiedentlich eine gute Ruhe gewünscht, setzten sie sich enger an der Tafel zusammen, und der Jubel begann von neuem. 7. Der Maibaum. Es holten die Burschen und Mädchen die Mai'n aus den grünen, duftigen Hallen, Blaublümchen am Hut und am Mieder vorauf mein Lieb, o du Schönste von allen. Der zweite Festtag lag still und feierlich auf der Gegend. Graue Dämmerung webte noch in den Abhängen der Berge und Forste, aber die Sonne glänzte bereits an dem blauen, lachenden Himmel, und über die Felder stieg der leise, frische Hauch der Morgenluft. Die Lerche flog wirbelnd in die Luft; die Bäume im Walde schauerten auf und rauschten in der geheimnisvollen Weihe der Frühstunde. Ringsum Stille und heiliger Friede. Es war schon eine geraume Zeit, daß Lolo das Herrenhaus verlassen hatte. Im Dorfe krähten eben die Hähne, als das Gartenpförtchen sich öffnete und Lolo mit Max und Annen heraustrat und alle drei zu dem Versammlungsort unter der Linde eilten. Lolo trug einen breiten, großen Stohhut mit rundem Rand, aber sie hatte ihn nicht auf ihr Haupt gesetzt, sondern er hing mit dem roten Band über den Arm geknüpft an ihrer Seite; Max hatte über seinem kurzen, grünen Rock eine Waidtasche hängen, durch deren gestrickte Decke man die Formen einer Flasche und verschiedener anderer Gegenstände erkennen konnte. Er schloß das Gartenpförtchen wieder ab, während Lolo mit Annen am Arm vorauseilte, und folgte alsdann schneller den leichtfüßigen Schritten der Mädchen. Die hellen Blicke der frühen Wanderer zeugten für die frische, ungetrübte Freude an ihrem Unternehmen. Einen Augenblick darauf waren sie hinter der nächsten Wendung dem Versammlungsorte zu verschwunden, und das Herrenhaus lag wieder still mit geschlossenen Läden; auch der helle Gesang, der sich bald darauf im Dorfe erhob und allmählich weiter dem Walde zu verhallte, weckte hier niemanden; nur im Pfarrhause, wo der Zug vorüberkam, blickte ein verschlafenes Gesicht heraus, und eine schwarze Gestalt streckte sich gähnend, als das Glöckchen zur Frühmesse läutete. Max war an der Tür des Pädagogen gewesen, um ihn zu wecken; aber der kleine Mann hüllte sich mit lallendem Knurren dichter in seine Decke, sobald der Student sich wieder entfernt hatte. Sein festes, regelmäßiges Schnarchen verkündete bald, daß der Volksenthusiast nach den Anstrengungen des vorigen Tages noch sehr der Ruhe bedurfte; als er erwachte und mit seinen großen, schwer geöffneten Augen Erinnerung suchend um sich blickte, war der Zug schon längst hinter den letzten Anhöhen, die man von seinem Wege hier noch sehen konnte, verschwunden. Die Burschen begannen die Wanderung mit ihren Liedern und sangen sie immer wieder von neuem, sobald nur eine einzelne Stimme damit anstimmte. Es verstand sich von selbst, daß sie darüber ihre anderen Angelegenheiten nicht außer acht ließen. Man konnte aus den einzelnen Gruppen erkennen, welche Neigungen sich geltend gemacht hatten. Die Sänger vergaßen über ihren Liedern keineswegs, der Nachbarin, um deren Leib sie den Arm geschlungen hielten, in die Augen zu sehen und ihre manchmal derben Spaße und Liebesneckereien jetzt bei ihnen anzubringen. Die Mädchen schlugen auch nicht in zimperlichem Erröten die Augen nieder, nur hin und wieder gab eine dem Allzudreisten einen Schlag, der indes durch das begleitende Lachen weder Zorn noch Empfindlichkeit ausdrückte. Lolo befand sich mitten im Zuge zwischen Max und Anne. Die Weise, wie die Bauernmädchen sie bewillkommnet, sprach am besten dafür, wie das Fräulein aus dem Herrenhause durch ihre Leutseligkeit das scheue, mißtrauische Fernhalten der Leute gegen alles Vornehme zu überwinden gewußt hatte. Jetzt ging sie so leicht und ungezwungen in ihrem weißen Kleide, den breiten Strohhut auf ihr Haupt gedrückt, zwischen den Leuten mit den kurzen Jacken und roten Miedern umher, als ob nie ein Unterschied zwischen ihnen bestanden oder bestehen könne. Ihre langen Zöpfe ruhten, vorn über die Schultern gelegt, in der Hand ihres Begleiters, der mit dem roten Zipfelband derselben spielte, während ihr Arm in dem seinigen lag; ihre helle silberne Stimme klang in den Gesang der anderen, mit deren Liedern sie gewiegt und auf erzogen war; auf ihren Zügen sprach sich der volle Ausdruck ihrer inneren zufriedenen Freudigkeit, ihrer Teilnahme an dem stillen Glück ihrer Umgebung aus. Max, welcher den Bauern gleichfalls von seinen häufigen Besuchen zur Kirchweihe und zum Erntefest bekannt war, schritt an ihrer Seite voll offenen Glücks, daß er frei und ungehemmt vom Zwang der Städter mit seiner Liebe zusammen war. Anne war, wie sonst, ernster und schweigsam; aber auf ihren Mienen lag die stille Freudigkeit des Bewußtseins, sich in einem besseren Los und in freier Ausübung ihrer verborgensten, liebsten Gedanken zu wissen. Das arme Mädchen lächelte selig vergnügt, als Lolo beim Eintritt in den Wald sie danach fragte, ob sie noch die Einwilligung zu dieser Wanderung bereue; aber sie schlug verlegen die Augen nieder, als Max sich ebenfalls an ihrer lächelnden Zufriedenheit weidete. Der Weg durch den Wald zog sich nach dem Fuß jener Anhöhe, auf welcher Max zuerst mit dem Pädagogen zusammengetroffen war. Die Schatten der hohen Eichen und Buchen fielen über die Fahrgleise des Bodens, wo zwischen den Gräsern und dem Moos an den Baumstämmen noch der Nachttau auf den kleinen Glockenblumen lag. Lolo hatte sich allgemach einen duftigen Strauß gepflückt und an das Band ihres runden Hutes gesteckt. Einige Mädchen waren nicht so glücklich im Auffinden gewesen wie das helle Auge Lolos; andere, nicht so flink, waren zurückgeblieben und kamen erst an, als der ganze Zug die Höhe erstiegen hatte. Die Gruppen lagerten sich in dem Gras, wo einige Tage zuvor die Knaben des Pädagogen herumgejagt waren; Max mit Lolo saß unter demselben Baum wie damals und zog aus seiner Waidtasche das Frühstück, womit ihn Lolo für sie beide und Anne bedacht hatte. Der Student gab einem der ihm zunächst Lagernden eine Flasche, die alsbald weiterwanderte, und als sie zuletzt leer zurückkam, von diesem lachend weit hinaus in die Büsche geschleudert wurde. »Siehst du, Lolo, hier auf dieser Anhöhe war es, wo ich neulich bei meiner Ankunft Rast machte«, sagte Max heimlich zu ihr, indem er ihr verstohlen die Hand drückte und in die klaren, tiefen Augen sah. »Als ich die Spitze des Kirchturmes dort weit in der Ferne unterscheiden konnte, dachte ich an dich und sagte mir, daß du in dem Augenblick dort dahinter vielleicht unter den Blumen im Garten wandeltest. Und es war so, du warst zu derselben Zeit, wie du nachher erzähltest, im Garten gewesen; meine Gedanken waren früher um dich, als meine müden Füße mich zu dir tragen konnten.« Lolo lächelte, indem sie den Druck ihres Nachbarn leise erwiderte, und sagte, die Hand wie zum Schutz gegen einen Sonnenstrahl über die Augen haltend: »Und ich, ich habe zu derselben Zeit bei mir daran gedacht, ob du nicht diesmal auch die Ferien bei uns zubringen würdest.« Der Student beugte sich tiefer über sie, indem er anscheinend eine Blume aus dem Gras brach. »So sind unsere Gedanken einander als die Boten der Herzen begegnet. Wie oft und lange vorher habe ich sie nach dir ausgeschickt«, flüsterte er. »Weißt du?« Küsset dir ein Lüftelein Wangen oder Hände, Denke, daß es Seufzer sind, Die ich zu dir sende. Tausend send' ich täglich aus, Die da wehen um dein Haus, Weil ich dein gedenke. – Als er die Augen aufschlug, begegnete er dem Blick Annens, die an Lolos Seite saß. Sie wandte sich verlegen ab, als sie sich beobachtet glaubte, und stand auf, wie es schien, um mit einigen der Mädchen zu sprechen, die sich eben zum Blumensuchen sammelten. Auch Lolo erhob sich nunmehr, um daran teilzunehmen. Die Mädchen zogen jetzt allein in mehreren Gruppen tiefer in den Wald. Die vorrückende Zeit mahnte sie, die Blumenkrone zum Festschmuck der Maikönigin herbeizuschaffen. Dann, als die fröhlichen Stimmen weiter und leiser in den Büschen verhallten, traten die Burschen zusammen, um gleichfalls ihrer Pflicht für das Fest zu genügen. Einige zerstreuten sich in entgegengesetzter Richtung in den Wald, um nach ihrem Gutdünken aus den entfernteren Tannenschlägen einen Baum zu suchen, der schlank und hoch zum Maibaum im Dorfe am besten geeignet wäre. Der Zuruf, die prüfenden Meinungen der streitenden Stimmen erfüllten geraume Zeit die zuvor noch So stillen Hallen. Währenddessen standen die übrigen, älteren in einer dichten, heimlichen Gruppe und berieten sich heimlich darüber, wem sie die Krone des Festes diesmal zuteilen sollten. Mehrmals machten sich lauter die verschiedenen Interessen und Neigungen einzelner geltend; aber die tiefere, längere Rede eines älteren Arbeiters, dem die übrigen aufmerksam zuhörten, schien zuletzt über die übrigen Meinungen den Sieg davonzutragen. Max war unter dem Baum sitzen geblieben, wo ihn Lolo verlassen; ein neues lärmendes Ereignis, welches die Beratungen jener schiedsrichterlichen Gruppe vollends abschloß, veranlagte ihn, sich jetzt zu erheben. Unten am Fuße der Anhöhe war der Wagen angekommen, welcher den Maibaum nach dem Dorfe fahren sollte; mit ihm die Musik, die zur Einholung desselben bestellt war und jetzt mit den Instrumenten die Anhöhe heraufkam. Die Ankommenden ließen sich vorerst ins Gras nieder, da die Sitte den Beginn der Musik erst nach vollbrachtem Fällen des Baumes erlaubt; ein Fäßchen, welches langsam jetzt heraufgerollt wurde, gab ihnen Veranlassung, mit den wartenden Bauernburschen ein Vorfest zu beginnen. Als Max die Zurüstungen betrachtete, fiel sein Blick auf einen Mann, der gleichfalls mit dem Wagen angekommen war und jetzt hinter der Bauerngruppe hervortrat. Es war der Waldwärter Franz, der die Wahl des Baumes erst bestätigen mußte, damit das Interesse des Forstes nicht darunter leide. Die Brauen des jungen Mannes zogen sich in leisem Ernst zusammen, als er dem Auge dieses Menschen begegnete, und auch der Waldwärter ging schweigend, ohne Gruß und Blick an dem Studenten vorüber. Das Rufen der rückkehrenden Burschen, welche die Tanne ausgewählt, zog die Gruppen bald wieder ab. Der Baum, welcher in einem dunklen, dichten Schlag stand, wurde erst lange von dem Wärter geprüft, ob seine Jugend nicht noch zu schonen sei und statt dessen lieber ein älterer, ohnedies zum Fällen bereits bestimmter Stamm geopfert werden solle. Als die Bewilligung des Wärters indes gegeben, begannen die Äxte einiger junger Burschen ihr Werk. Der schlanke, schöne Baum bebte und rauschte stöhnend bis in seine Krone; seine Äste schwankten und klammerten sich in das Laub seiner Nachbarn; aber zuletzt verkündete ein lautes, dröhnendes Krachen, daß die Schläge der Angreifer sein Mark getroffen. Das Seil, welches oben um seinen stolzen Stamm geschlungen war, wurde heftiger von dem jauchzenden Trupp in Bewegung gesetzt, noch ein banger, knarrender Ton, und der König dieser Wälder stürzte jäh, die Zweige einiger kleiner Schmarotzerbüsche mit sich reißend, zu Boden. Die Burschen sprangen auf seinen gefällten Leib, und die letzten raschen Axtschläge beraubten ihn seines grünen Schmucks bis an die kleine Krone, die wie zum Hohn seiner nackten, kahlen Größe noch blieb. In dem Augenblick, wo sein stolzes Haupt auf den grünen, zitternden Boden schlug, stimmte die Musik ihren tönenden Triumph an, in welchen sich der laute Jubel der Dorfbewohner mischte. Die Rinde des Stammes ward abgeschält und der Baum alsdann hinunter auf den Wagen geschafft. Bei der Rückkehr auf der Anhöhe ließ sich der Zug wieder ins Grüne nieder, und der Kranen des kleinen Fasses war jetzt lebhafter in Bewegung. Max saß neben einem Burschen, der in den Brüchen seines Onkels arbeitete, und die gutmütige Zudringlichkeit desselben wollte ihn mehr als reichlich bedenken. »Es kommt ja von Herzen, was wir bieten, wenn es auch nicht viel ist«, sagte der Bursche, »und Sie nehmen wohl vorlieb, denn sonst würden Sie sich mit uns niederen Leuten gar nicht abgeben. Sie und das Fräulein sind immer so freundlich gegen uns; es ist einem gar nicht so fremd zumute dabei, als ob Sie zu den Vornehmen gehörten. Aber da, der Waldwärter Franz! … Meine Hand sollte eher verdorren, ehe ich dem zu trinken anbieten würde. Daß der auch immer dabeisein muß! … Er bleibt aber dabei, wenn sich auch niemand um ihn kümmert.« »Was habt ihr denn gegen den Mann?« sagte Max forschend zu seinem Nachbarn; »die Leute sehen ihn alle nicht sonderlich an, wo er nur hinkommt.« »Was wir gegen ihn haben? Nichts, Herr Max, gar nichts!« eiferte der Bursch. »Aber weil er ein Lump ist, der die Leute schikaniert und verfolgt, wo er kann, darum wollen wir nichts von ihm wissen. Etwas gegen ihn haben … Gott behüte uns! Aber mit einem Lumpen, mit so einem hochnäsigen Schuft sich abzugeben, der sich noch etwas darauf zugute tut, daß er die Leute schikanieren darf … das kann einem niemand zumuten.« »Ja freilich, es mag böses Blut gegen ihn setzen«, sagte Max, »indes ist er daran doch selber nicht schuld, es ist einmal sein Beruf, zu dem ihn die Regierung angestellt hat, und wenn er einen Waldfrevler faßt oder sonst armes Volk bei dergleichen packt und vielleicht malträtiert, so geschieht das in seinem Amt; er muß das tun, so hart es auch die armen Leute trifft.« »Den Teufel auch!« erwiderte der Bursche barsch. »Wenn er sich zu solchen Dingen hergibt, die, wie Sie selbst sagen, hart und ungerecht gegen die armen Leute sind, so handelt er doch auch hart und ungerecht, gleichviel in wessen Auftrag, und er muß es sich gefallen lassen, wenn ihn die Leute dann auch als einen Lump behandeln. Sie mögen sagen, was Sie wollen, Herr Max, Sie können ihn selbst nicht leiden.« »Das hat nun freilich mit seinem Amt nichts zu schaffen«, murmelte Max für sich hin, als er den Waldwärter eben vorübergehen sah. – Ein Rufen am andern Ende der lagernden Gruppe verkündete das Nahen der Mädchen. Ein großer, grüner Kranz, durchflochten mit roten und blauen, lang flatternden Bändern, den die vordersten der Ankommenden trugen, war zum Schmuck des Maibaumes bestimmt; bald kamen auch die Blumenleserinnen mit einer zierlichen, aus den schönsten, frischesten Waldblumen gebildeten Krone. Die Musik fing eben wieder an zu spielen, und die Mädchen ließen sich zu den einzelnen Gruppen nieder. Max sah sich nach Lolo um. Aber sein Auge fiel zuerst auf Annen, die in diesem Augenblick aus dem Kreis ihrer Gefährtinnen hervorgetreten war und sich plötzlich dem Waldwärter Franz gegenübersah. Eine dunkle Glut schoß in das Gesicht des armen Mädchens, und gleich als hätte sie auf eine Schlange getreten, tat sie mit dem Ausdruck des Schreckens und Abscheus einen Schritt zurück. »He, bist du da?« sagte der Waldwärter boshaft lachend, indem er ihr näher trat; »sage deiner Mutter, daß sie sich in acht nehmen soll! Das letzte Mal ist sie mir entkommen, obgleich ich dort unten an den Bäumen noch die Blutstropfen von ihr fand; aber das nächste Mal werde ich sie besser treffen.« »Was ist das? … Was soll das heißen!« riefen mehrere Stimmen. »Er wagt der Anne zu drohen! … Hier, wo wir in unserer Gerechtigkeit sind! … Wie kannst du dir herausnehmen, unser Fest zu stören?« Es traten mehrere Männer heran, und drohende Blicke und Worte erhoben sich gegen den Waldwärter. »Laßt ihn! … Er wird mir nichts tun«, sagte das arme Mädchen mit einem verächtlichen Blick auf den Waldwärter, welcher in dem Sturm, der sich gegen ihn erhob, die Hand an sein Messer legte. »Er wird sich nicht an mir zu vergreifen wagen, obwohl es nicht seine erste Heldentat an hilflosen Weibern wäre!« – »Herbei, herbei!« riefen mehrere, die eine ernstliche Störung des Festes verhüten wollten. »Die Maikönigin soll gekrönt werden!« Im Nu war bei diesem Ruf die drohende Gruppe vor dem Waldwärter zerstoben, der sich einen Augenblick lang dem stolzen Blick des Studenten gegenübersah. Der ganze Haufe strömte nach dem offenen Plan der Anhöhe, wo die Feierlichkeit stattfinden sollte. »Kommen Sie … kommen Sie«, sagte die Stimme Annens, indem sie Max in das Gedränge riß, welches ihn mit fortzog. »Lassen Sie ihn, es wäre der Mühe nicht wert!« Die Mädchen sonderten sich nunmehr ab, indem sie sämtlich einen großen Kreis bildeten. Ihre Köpfe waren tief gesenkt wie bei jenem Spiel, welches Goethe besungen hat. Vgl. »Ein zärtlich-jugendlicher Kummer« (Sesenheimer Lieder) und das Mariagespiel in Dichtung und Wahrheit, 2. Teil, 6. Buch. Die Gruppe der Männer und Burschen hatte einem Arbeiter, dessen jetzige Frau, seine damalige Pfingsttänzerin, im vorigen Jahr zur Maikönigin gewählt worden war, die Krone in die Hand gegeben, die er an seiner Seite versteckt hielt. Darauf zogen sie langsam in einer doppelten Reihe um den Kreis der Mädchen, indem sie das folgende Lied dazu sangen: »König, König ist der Mai! Steht er droben auf den Bergen, Jauchzen auf die kleinen Lerchen, Sehnt und schmückt sich weit das Land, Das gesegnet seine Hand. König, König ist der Mai! König, König ist der Mai! Kommt er so ins Land gegangen, Schmückt er bräutlich alle Wangen, Doch zur Schönsten tritt er hin: Sei du meine Königin! König, König ist der Mai!« In dem Kreis der Mädchen versuchte manches Haupt, neugierig seitwärts zu blicken, ob sie vielleicht den Würdenträger erspähen könne. Aber die Hand eines eben vorübergehenden Burschen drückte ihr das Haupt wieder tiefer; manche von den Burschen taten es wohl auch ohne Veranlassung, bloß um die Harrende zu necken. Endlich, nachdem der Gesang zu Ende war, blieb der Zug der Männer stehen. Den Mädchen klopfte das Herz höher in der Erwartung, ob der hinter ihr Stehende wohl die Krone auf ihr Haupt drücken würde; plötzlich aber ließ sie alle der laute Ruf der Burschen aufblicken: »Unsere Königin! Hoch! Hoch!« Die Musik fiel rauschend ein, der Jubel erscholl laut und anhaltend, als wolle er kein Ende finden, und durch die zitternden, rauschenden Waldeshallen zog es fort in den weiten, luftigen Morgen: die Maikönigin! – Hoch! Hoch! Die Mädchen blickten im Kreise umher nach der Gekrönten. Es war Lolo. Auf ihrem dunkeln Haare prangten und wiegten sich die kleinen, weißen Frühlingskinder des Waldes, eine leise Röte stieg auf ihrem Antlitz auf, und ihr Auge lächelte in stiller, harmloser Freude. Die Mädchen und Burschen zogen nun paarweise einen neuen Kreis, in dessen Mitte allein die Königin stand, und sangen die letzte Strophe ihres Liedes. »Königin des Maies du! Schönste, Schönste du von allen. Laß dir unsern Gruß gefallen, Waldes Rauschen, Vögleins Klang Tönt in unsern Festgesang: Königin des Maies du!« Lolo lächelte den nickenden Grüßen der Mädchen zu, aber ihr Auge begegnete immer wieder mit inniger Freude dem stumm beredten Ausdrucke des Studenten. Die Blicke des ganzen Kreises hingen mit voller, ungeteilter Bewunderung an den schönen, still verklärten Zügen des Mädchens; nur einer sah mit heimlichem Ärger und Neid auf die Feier des zufriedenen Völkchens. Das war der Waldwärter Franz. Er stand hinter der Reihe, welche also Hand in Hand die Maikönigin umzog, und sein lauernder Blick haftete hämisch lächelnd auf der schlanken Gestalt dort in der Mitte. Der Gesang war eben zu Ende, und die Mädchen wollten sich Lolo nähern, um ihr die Blumen-Attribute fester ins Haar zu flechten, während die Männer in Gruppen umherstanden. Es hatte keiner bemerkt, wie der Waldwärter sein Gewehr von der Schulter nahm und leise oben in die Zweige richtete. Erst der Schuß schreckte sie auf, und ein leiser Schrei Lolos verriet ihnen die Bosheit. War es Zufall oder Geschicklichkeit des Schützen: Ein Vöglein, dessen dunkelrote Kehle vorher noch so fröhlich in den Jubel der Dorfbewohner eingestimmt hatte, fiel aus den Zweigen, unter denen Lolo stand; die Blumenkrone der Maikönigin rollte zur Erde, und ihr weißes Kleid färbte sich gerade auf der Brust, in der Nähe des Herzens, mit den roten Tropfen des gemordeten Vögleins. Der Zorn der Männer machte sich nach einem Augenblick überraschten Schweigens desto heftiger gegen den Urheber der boshaften Störung Luft, und er wäre diesmal wohl nicht so leichten Kaufes davongekommen. Allein, er ließ den Überraschten keine Zeit zu der beabsichtigten Züchtigung und sprang raschen Laufes in den Wald. Einige Burschen rannten ihm zwar eine kleine Strecke weit nach, und ein Stock flog dicht hinter seinen Füßen nieder; aber der schnelle, erprobte Läufer hatte bald einen immer größeren Vorsprung gewonnen, und nur aus der Ferne hallte noch seine laute boshafte Freude über die gelungene Tücke. Das Fest wurde indes durch diesen Vorfall nicht ernstlich unterbrochen. Lolo standen zwar die Tränen in ihren großen Augen, als sie die Tropfen auf ihrer Brust und das tote, noch warme Tierchen in ihrer Hand betrachtete; allein, der Zuspruch der Mädchen, die ärgerlich drohenden Worte der Männer gegen den Entflohenen, und vor allem die flüsternde, liebreiche Stimme eines, der sie wie zum Schutz an sich gezogen, beruhigten sie bald wieder. Die Mädchen schmückten sie darauf in der üblichen Weise, während die Männer im Grase lagerten und hin und wieder einer oder der andere von dem Zapfer einen Trunk verlangte. Dazwischen spielte die Musik abwechselnd ihre Stücke. Als die Mädchen ihr Geschäft vollendet, bildeten sich wieder die einzelnen Gruppen, wie sie die Neigungen zusammenführten; einige saßen im Gras, andere wandelten in der Entfernung zwischen den Bäumen umher. Es war noch eine kurze Rast, welcher dann der Aufbruch zur Rückkehr ins Dorf folgen sollte. Die Sonne war höher gestiegen, und die Schatten der Bäume lagen still und regungslos in der lautlosen Mittagsschwüle da. Der Weg führte noch eine weite Strecke durch den kühleren Wald, und man konnte jetzt den Aufbruch wagen, um weiter am Nachmittag den Baum im Dorfe aufzustellen. Die Musik zog voraus die Anhöhe hinunter, die Paare, die Maikönigin mit Max an der Spitze, hinterdrein. Unten, wo der Wagen harrte, wurde noch einmal haltgemacht, um den Zug von neuem zu ordnen. Die Musik eröffnete ihn; dann folgte der Wagen mit den geschmückten, bebänderten, laubbekränzten Pferden, welche den Maibaum zogen; hierauf kam der Zug, den Lolo und Max begannen und dann in aufsteigender Folge die älteren Paare schlössen. So ging es fort, abwechselnd unter Musik und fröhlichem Gesang, dem Dorfe zu, wo die Jugend schon ein bis zwei Stunden früher dem Zug entgegensah und sich in den Gassen und auf den Feldwegen umhertummelte. Unterwegs wurde indes der Zug noch einmal aufgehalten, und zwar, wie es fast den Anschein hatte, in Veranlassung eines Unglücksfalles. Als man an einer einzeln liegenden Meierei vorüberkam, wurden die fröhlichen Wanderer von einem Knecht angegangen, einen Fremden, der hier vom Pferde gestürzt, mit ins Dorf zurückzunehmen. Max, der mit Lolo in einem sehr heimlichen Zwiegespräch vertieft war, erkannte, da er jetzt aufsah, das Reitpferd seines Onkels, und während er noch den Knecht befragte, erschien in der Haustür des Gehöfts die hinkende Gestalt des Pädagogen. – Der volksliebende Altertümler hatte bei seinem Erwachen sich unmöglich in den Gedanken finden können, daß so ganz in der Nähe ein Volksfest, vielleicht mit volkstümlichen Zeremonien, stattfände, ohne daß er es besuche und seine Studien damit bereichere. Sein Zorn darüber, daß er es verschlafen, war groß; aber die Sache war nun einmal nicht mehr zu ändern. Das einzige, was sich tun ließ, bestand darin, die Wanderer mit einer schnelleren Gelegenheit einzuholen. Der Pädagog bestürmte den Gutsherrn, ihn dorthin fahren zu lassen, wo das Fest stattfände; in seinen bebrillten Augen schimmerte dabei etwas wie eine Träne, er drückte ein Mal über das andere Mal dem Gastfreunde bewegt die Hand, und zum ersten Mal in seinem Leben gab er einem seiner Knaben eine Ohrfeige, weil derselbe mit zu einem Volksfest wollte. Der Gutsherr vermochte indes nicht seiner Bitte zu willfahren, da seine beiden Wagen, welche die Landgeistlichen in der Nacht von dem Feste zurückgebracht, noch nicht wieder heimgekehrt waren. Da entschloß sich der unglückliche Pädagog zu dem Unerhörten: Er bestieg das Reitpferd des Gutsbesitzers. Die Steigbügel wurden höher geschnallt und der Professor in den Sattel gehoben; ein Knecht führte das Pferd hinaus vor das Dorf, wo der Weg nicht mehr zu verfehlen war, und überließ dann den Reiter, der sich an den Sattelknopf klammerte, seinem Schicksal. Herr Stempel hatte recht, wenn er sagte, daß selten jemand dem Volke ein so großes Opfer gebracht. Es war das Ungeheuerste, was dem Professor zugemutet werden konnte, und es lag sicher etwas Rührendes in der Entsagung, mit welcher der unglückliche Reiter seinem Pferde die Steigbügel in die Seiten schlug und dann unwillkürlich die Augen schloß. Eine Zeitlang schien es ganz gut ablaufen zu wollen; das Pferd trabte munter in den frischen Morgen hinaus, und der Professor lobte schon seinen kühnen Entschluß, der ihm bis jetzt nur ein ächzendes Stöhnen bei jedem Stoß des Sattels abzwang. Bald aber schien das Pferd, welches keinen Reiter fühlte, seinen Spaziergang für beendigt zu halten; es machte mit einer kurzen Wendung kehrt und wollte den Rückweg nach seinem Stalle einschlagen. Der Pädagog aber sträubte sich dagegen mit einer bewunderungswürdigen Hartnäckigkeit; er klopfte dem Tiere den Hals, indem er ihm wie einem seiner Schüler zuredete; dann wieder, als das nicht fruchtete, riß er nach rechts und links an den Zügeln und hämmerte mit seinen Beinen, deren Unaussprechliche von dem Rütteln des Sattels sich bereits bis über die Knie emporgezogen hatten, auf den Leib des Pferdes. Das Tier machte darauf einen Versuch, sich dieser Unbequemlichkeit zu entledigen, der vollständig gelang; es bäumte sich leicht, schlug dann kurz hintenaus, und der ehrwürdige Pädagog kugelte im Staub des Weges, wohin Hut und Brille ihm vorangegangen waren. Auf dem Meierhof, der nur wenige Schritte entfernt lag, hatte zum guten Glück ein Knecht gestanden und diese Szene mit angesehen. Als er herbeieilte, fand er den Pädagogen, den sein Schenkel schmerzte, noch da liegen; das Pferd war ebenfalls am Ort stehengeblieben und betrachtete verwundert das Resultat seines kleinen Mutwillens, der ihm sonst nur die Sporen und einen Peitschenhieb einzutragen pflegte. Der Knecht ergriff es mit leichter Mühe beim Zaum und half dem unglücklichen Reiter auf die Beine. Der arme kleine Mann hinkte am Arm seines Retters nach der Meierei, aber trotz seiner Schmerzen wollte er sich doch nur eine kleine Rast gönnen und dann den Versuch, das Volksfest zu erreichen, erneuern. Die Leute des Gehöfts aber machten ihn darauf aufmerksam, daß er im glücklichsten Falle den Zug bereits auf dem Rückwege antreffen werde, da um diese Zeit die Feier wohl schon vorüber sein und die Dorfbewohner sich zum Aufbruch rüsten würden. Diese Mitteilung versetzte den armen Pädagogen, der sich also vergebens aufgeopfert, in tiefe Niedergeschlagenheit, und er willigte schweigend in jeden Vorschlag, den ihm seine Pfleger machten. Die Leute fürchteten wohl, daß ihm ein neuer Unfall zustoßen könne, wo Hilfe nicht so nahe wäre; der Professor sollte daher so lange auf dem Meierhof ausruhen, bis der Zug ankäme und ihn mit sich fortführte. So fand ihn der Zug der anderen. Der Pädagog hatte sich zwar keinen Schaden zugefügt, obwohl er noch immer hinkte und den schmerzenden Teil seines Körpers rieb. Aber die Hauptsache, welche den kleinen Mann trostlos machte, war der Gedanke, das Volksfest versäumt zu haben. »Ah, – mein junger Freund«, erwiderte er auf das teilnehmende Befragen des Studenten, »ich habe mich nicht verletzt, körperlich wenigstens nicht, aber mein Geist leidet darunter, daß ich diese schöne Gelegenheit zu volkstümlichen Studien verloren habe. Sie hätten mich auch ernstlicher aus meinem Schlafe heraustreiben sollen, und wenn Ihnen das nicht möglich schien, … denn das Fleisch ist schwach«, seufzte er, »so hätten Sie mich meinetwegen schlafend auf den Wagen packen können. Wenn ich selbst einen Schlaf der Siebenschläfer geschlafen und während der ganzen Feier im Walde fortgeschlafen hätte, es würde mich der bloße Gedanke, bei einem Volksfest gewesen zu sein, für alle Wirklichkeit entschädigt haben. Und jetzt, – oh! – ich bin zum Spott der Leute und meiner Knaben geworden!« Max beruhigte ihn und versprach ihm eine getreue Schilderung der Feier, womit sich der kleine Mann endlich zufriedenzugeben schien. Es ward beschlossen, das Reitpferd neben den Wagenpferden anzubinden, den Professor aber auf den Wagen, auf den Stamm des Maibaums zu setzen. Somit brach der Zug wieder auf. »Es ist gut, es steht mir vor Augen, als ob ich dabei gewesen wäre«, sagte der Pädagog erfreut über die Schilderung, welche ihm Max während des Weiterziehens zu geben suchte, und der er mit vorgebeugtem Leibe von seinem Sitz aus zuhörte. »Und auf der Anhöhe war es, wo wir uns neulich trafen? Auch die Lokalität steht mir vor Augen, ich werde einen vortrefflichen Artikel daraus spinnen können.« »Ja, Herr Professor, auf der Anhöhe war es«, erwiderte Max mit mutwilligem Lächeln; »wissen Sie aber auch, woher der Sage nach diese Anhöhe entstanden ist?« »Ah! Sie haben eine Volkssage über die Entstehung jener Anhöhe?« rief der Pädagog, indem er ihm ohne Rücksicht auf seinen schmerzenden Teil mit einer raschen Bewegung näher zu kommen suchte und bei dem Ruck einen leisen Wehruf ausstieß; »ah! Sie wissen … heraus damit! – Wollen Sie mich denn foltern?« »Nun, – es ist schnell erzählt, – vielleicht auch nicht einmal etwas Besonderes dabei«, entgegnete Max. »Zur Zeit, wo noch Riesen und heidnische Götter in dieser Gegend wohnten, soll einmal einer dieser Riesen eine schöne Königstochter entführt und, als er sich von den Rittern des Königs verfolgt sah, mit ungeheueren Felsblöcken nach ihnen geworfen haben. Eines dieser Felsstücke fiel auf die Köpfe von fünfhundert der verfolgenden Reiter, die darunter begraben wurden; das ist der Fels jener Anhöhe, und noch heute will man am Jahrestage des Ereignisses Stimmen und ein klirrendes Getöse dort unter der Erde gehört haben. Wahrscheinlich kämpfen dann die Geister der Ritter mit dem des Riesen; nur ist es schade, daß niemand den Jahrestag des Ereignisses kennt.« – »Das tut nichts! Das hat nichts zu bedeuten!« rief der Pädagog, »fahren Sie fort!« »Das ist die ganze Geschichte«, lachte der andere; »der Riese zog mit der Königstochter weiter, wahrscheinlich nach Spanien oder einem andern Lande. Von ihm aber schreibt sich außerdem der Volkssage nach ein See her, den Sie mehrere Meilen landeinwärts finden werden; der Riese soll dort ein gewisses Bedürfnis befriedigt und in dem Felsboden diesen See gebildet haben.« »Sehr gut!« sagte der Professor schmunzelnd, »diese Sage ist, wie ich gewiß weiß, bisher noch unbekannt, ich werde sie Lachmann mitteilen.« – Der Zug hatte sich unterdessen dem Dorf genähert. Die Dorfjugend kam ihm entgegengelaufen und zog vor der Musik her, die jetzt wieder zu spielen begann. Im Dorfe selbst schlössen sich die Knaben des Pädagogen an, welche beim Anblick ihres Meisters, wie er auf dem Baum ritt, ein jubelndes, höhnisches Gelächter ausstießen. So gelangte der Zug nach dem Platz vor der Kirche, wo der Maibaum der Linde gegenüber aufgestellt werden sollte. – Eine Stunde lang war Rastzeit, während welcher die Wanderer sich zerstreuten, um ihr Mittagsmahl einzunehmen und die älteren Leute zur weiteren Feier im Dorf abzuholen. Bei dem Baum blieb eine Wache zurück, welche für das Versäumnis ihres Herdes von allenthalben mit Speise und Trank entschädigt wurde. Auch die Knaben blieben dabei zurück, indem sie lärmend und erwartungsvoll sich hier die Zeit zu vertreiben suchten. Schon nach einer halben Stunde stellten sich einzelne des Zuges wieder ein, und allmählich kamen aus allen Hütten und Häusern die Abgesandten. Der Zug ordnete sich von neuem und bewegte sich in der früheren Weise mit klingendem Spiel der Runde nach durch das ganze Dorf. Erst als sie auf den Platz zurückkehrten, wurde zur Erhebung des Maibaumes geschritten. Der grüne, bebänderte Kranz wurde unterhalb der Krone befestigt, der Stamm nach der Öffnung im Boden gerichtet und dann mit Stricken und Stangen emporgearbeitet. Während er noch in der weiten Öffnung schwankte, fielen unter Lärm und Zuruf auch schon die sicheren Schläge auf die Keile, welche ihn festhielten. Jetzt stand er da, schlank und stolz, die Bänder flatternd im Winde und mit leise rauschender Krone. Die Musik fiel ein, und das Jauchzen des ganzen gedrängten Kreises flog durch die Lüfte. Der Zug der früheren Wanderer machte dreimal die Runde um ihn, während die übrigen Dorfbewohner im weiteren Kreise standen. Dann hielt er still, die Musik begann einen Tanz zu spielen, und die Mädchen führten die Maikönigin unter den Festbaum. Einen Augenblick stand Lolo errötend an den Stamm gelehnt, während die Mädchen sich in den Kreis zurückzogen; dann schritt sie vor, ging einmal an den Reihen vorüber und reichte dann ihrem Vetter Max die Hand zum Tanze. Das Paar flog über den Plan, dann folgten ihnen die der übrigen Burschen und Mädchen. »Ein schönes Paar, das!« murmelten einige der älteren Leute, als sie Max und Lolo nachsahen. »Bei denen ist die Prophezeihung, daß die Maiwahl auch ihre Herzenswahl sein werde, längst ausgemacht.« »Ja, es ist aber eine andere, böse Vorbedeutung dabei geschehen«, lachte eine Stimme hinter ihnen. »Der Königin ist im Walde ihre Krone entfallen, und Blut ist auf ihrem Herzen.« Als die Alten überrascht sich umblickten, sahen sie den Waldwärter Franz das Dorf langsam hinuntergehen nach der Gegend, wo Susannens Hütte stand. 8. Der Waldwärter. Und bist du jung, so habe acht Und denk an deines Jungherrn Macht, Er gibt dir Arbeit, gibt dir Brot, Du kämpfest um der Deinen Not. – Armsünderlieder. In Susannens Hütte war es still an diesem Tage, wie auch sonst; die alte Blödsinnige war ausgegangen, indem sie den kranken Arbeiter sich selbst überließ; Anne hatte, wie wir wissen, das Herrenhaus bezogen, wo sie dem Fräulein als Kammermädchen und Wirtschafterin zur Hand gehen sollte. Susanne hatte ihre Entfernung nicht vermißt. Die alte Blödsinnige hatte sich von jeher nie sonderlich um ihre Tochter gekümmert und würde sie auch jetzt höchstens gebraucht haben, wenn sie einen Ableiter des scheltenden Zornes gesucht hätte. In der Hütte war es daher einsam und still. Der kranke Anton saß auf seinem Lager gelangweilt und verlassen, während die übrigen Dorfbewohner dort unter dem Maibaum jubelten. Sein Zustand erlaubte ihm nicht aufzustehen, und doch fühlte er sich gerade heute leichter und freier und somit doppelt von der Einsamkeit um sich her bedrückt. In dem Gemach herrschte das trübe Dämmerlicht, welches nie, auch am hohen Mittage nicht, ganz aus demselben schied. »Wo die Alte nur wieder steckt!« murmelte Anton, indem er an seinem Nägeln biß. »Sicherlich ist sie im Herrenhaus, und ich kann mich hier im Dunkeln langweilen, während sie dem Fräulein nachläuft! Ach, mein Gott! – Und die Anne könnte wohl auch einmal herkommen und nach mir sehen. Solange sie hier war, wußte sie mich doch immer zu pflegen.« Es vergingen einige Minuten des tiefsten Schweigens, währenddes der Arbeiter still seinen Gedanken nachhing. »Es ist um des Teufels zu werden!« rief er dann plötzlich aus. »Auch die hat mir das Fräulein nun wieder entzogen, die Alte und die Tochter, und mich lassen sie elend hier umkommen. Das ist der Dank dafür, daß man sich plagt und schinden läßt, um dem Kind des vornehmen Mannes Reichtümer herbeizuschaffen!« »Wer so dumm ist, sich dazu herzugeben, verdient es nicht besser!« sagte lachend eine fremde Stimme. Der Arbeiter sah sich halb erschrocken um und betrachtete den Waldwärter, der in der Türe stand, einen Augenblick mit schweigendem Zweifel. »Wie kommst du hierher? Was willst du hier?« polterte er dann auf. »Wer hat dich herkommen geheißen?« »Du wirst nicht ungehalten darüber sein«, sagte der Waldwärter, mit spöttischem Lächeln hereintretend, »da du dich eben so sehr über deine Einsamkeit und über die Leute, die daran schuld sind, beschwert hast. Die Anne ist bei dem Maifest im Dorfe, wo die Narren so jubeln, weil sie das Fräulein zur Maikönigin gemacht.« »So, … das Fräulein ist also zur Maikönigin gewählt«, murrte der Arbeiter für sich hin, »überall und immer …« »Ist sie den armen Leuten im Wege, he?« lachte Franz, als der andere innehielt. »Warum sprichst du deine Gedanken nicht aus? … Hast du doch eben laut genug darüber geflucht, daß sie dir sowohl die Aufmerksamkeit und den Beistand Susannens wie die Pflege Annens wegstibitzt.« »Wer heißt dich denn horchen?« fuhr der Arbeiter wieder auf, »mache, daß du fortkommst! Ich bin doch lieber allein als mit dir zusammen!« »Soll ich dir vielleicht die alte Blödsinnige schicken, die auf der Gartenmauer im Herrenhaus sitzt, um die Rückkehr ihrer schönen, lieben Maikönigin abzuwarten? Sie fürchtet sich nur vor dem Geschrei der Kinder, die immer hinter ihr dreinziehen, sonst wäre sie wohl gar unter den Maibaum gelaufen, um sich dort an dem feinen Kinde zu weiden und es zu hätscheln. Aber sie sitzt, wie gesagt, auf der Gartenmauer, um sich die Ankunft des Fräuleins ja nicht entgehen zu lassen. Die Alte würde auch nicht früher zu dir kommen, wenn ich es ihr Sagen würde; du kannst ihr das nicht zumuten, jetzt, wo sie alle Gedanken nur auf die Liebkosungen des vornehmen Fräuleins richtet, es würde ihr ja alle Freude verderben, wenn sie statt dessen an deinem Krankenbett sitzen sollte. – Und Anne? – Nun, ob die kommen wird, weiß ich noch weniger. Ich glaube, sie ist froh, daß sie aus der Hütte fort ist. Ich kann es ihr auch nicht verdenken, daß sie lieber dort in dem vornehmen Hause als hier in dem Elende bleiben will.« Der Arbeiter fuhr mit der Hand an sein Kopfkissen, um sich höher aufzurichten, und schlug dann in zorniger Aufregung mit der Faust auf die Decke des Lagers. »Willst du mich umbringen, du Hund, mit deinen verfluchten Reden!« schrie er erbost. – »Geh zum Teufel und laß mich in Ruhe! Ich habe nichts mit dir zu schaffen, und wenn du nicht gehst … Oh, daß ich nicht aufstehen kann, um dir das Hirn einzuschlagen! Aber schreien will ich, wenn du nicht gehst, schreien, daß die Leute herbeikommen und dich hinauswerfen, du Schuft!« »Daß du nicht aufstehen kannst, wer ist schuld daran?« lachte der andere boshaft. »So schrei denn, damit du von neuem den Blutsturz bekommst, den du in den Steinbrüchen deines gnädigen Herrn dir geholt hast. Es ist ohnedies vielleicht besser, daß du auf diese Art zu Ende kommst, als daß du langsam im Elend verdirbst. Zum Arbeiter taugst du doch nicht mehr, und dein Herr wird dich sicher nicht wieder aufnehmen, auch nicht als Tagelöhner; das hat er vorgestern dem Verwalter und den Knechten gesagt. Die Arbeiter aber, welche dir vorgestern deinen Wochenlohn vollgemacht, werden dir auch nicht immer Geld geben können, denn sie verdienen für sich selber kaum genug.« »Die Arbeiter hätten mir den letzten Wochenlohn gegeben? Das ist eine elende Lüge!« rief der Kranke auffahrend. »Der Werkmeister hat der alten Susanne meinen Wochenlohn gegeben, und gesagt, daß der Herr das Geld für die letzten paar Tage dazugelegt hätte!« »Weil er ein Narr ist und auf den Namen deines Herrn Gutes tun will, dessen er sich schämt«, lachte der Waldwärter; »vielleicht hat er geglaubt, daß du es nicht annehmen würdest, wenn du wüßtest, daß deine Kameraden dir es geben, die selber nichts haben.« »Und warum hätte ich es nicht annehmen sollen von meinen Kameraden?« sagte der Kranke in sich kämpfend. »Die Reichen geben einem nichts. Hätte ich vielleicht verhungern sollen? Aber nein, ich würde es nicht angenommen haben« rief er plötzlich mit neuer Heftigkeit; »ich würde lieber verhungert sein, wenn ich das gewußt hätte. Ich brauchte mich wenigstens dann nicht zu schämen!« »Wirst du nun noch länger mit deinen Gedanken hinter dem Berge halten, bei denen ich dich überrascht habe?« fragte der Waldwärter näher tretend. »Schuft, der du bist!« rief der andere in wachsendem Zorn. »Es ist nicht wahr, was du mir gesagt hast! Du hast mich belogen, um mich gegen meinen Herrn aufzureizen, gegen den du von alters her einen Haß hegst!« »Ja, – ich hasse deinen Herrn«, sagte der Waldwärter ingrimmig, indem er den Kolben seines Gewehres auf den Boden stieß; »ich hasse ihn, weil er schuld an meinem Unglück ist, weil er schuld ist, daß ich ein Lump geworden und von den Leuten verachtet bin! Ich hasse ihn und gäbe mein Leben drum, wenn ich ihn im Elend und Unglück verderben sehen könnte! Aber dazu ist freilich keine Aussicht, solange es solche Tröpfe gibt wie ihr, die sich für ihn zu Tode rackern und lieber selber verderben.« Der Kranke betrachtete den flammenden Zorn in des anderen Angesicht mit überraschtem Schweigen. Der Waldwärter aber fuhr ihn an: »Du Tropf fragst, ob es wahr sei, daß er dir den Lohn abgezogen? Ich sage dir, bei den Gebeinen meiner Mutter, es ist wahr, was ich dir gesagt! Und wenn es nicht wahr wäre, bist du darum besser daran? Hast du dich nicht dein Lebtag in seinen Steinbrüchen geplagt und gequält? Was hast du davon? Solange du für ihn so gearbeitet, hattest du einen Lohn, von dem du grade die Woche zwischen Leben und Sterben vegetieren und die Lumpen für deinen Körper kaufen konntest! Sogar von diesem Lohn hat er dir Abzüge gemacht und statt dessen Branntwein aus seiner Brennerei gegeben, den du anderwärts zehnmal billiger und besser hättest kaufen können. Jetzt, wo du von seinem Dienst elend geworden, läßt er dich krepieren wie einen Hund. Und ist er nicht reicher und immer reicher geworden von eurem Schweiß, hat er nicht seine Güter gebessert und vermehrt und lebt in Saus und Braus? Und du fragst nach einer solchen Lumperei, ob es wahr sei, daß er dir von neuem einmal einen Abzug gemacht! Ist dein ganzes Leben neben dem seinen nicht der beste Beweis, daß der Arbeiter von seinem reichen Herrn um den Preis der Arbeit bestohlen und betrogen wird?« Der Kranke sah mit stummem Nachdenken auf den Waldwärter, der aufgeregt durch das Gemach auf und nieder schritt. »Ich glaube, du hast recht«, sagte er düster, »aber wer kann das ändern? Laß mich mit dem Gedanken in Ruh; es ist mir, als ob du mich zu etwas Bösem verführen wolltest.« Der Waldwärter setzte sich auf einen Schemel neben dem Lager des Kranken, der ihn noch immer sinnend betrachtete. »Was hast du denn für Grund zum Haß gegen den Gutsherrn?« fragte Anton neugierig auf die frühere Äußerung des anderen. »Du sagtest, er wäre schuld an deinem Unglück?« Der Waldwärter rückte seinen Schemel näher und sah den Arbeiter mit einem eigentümlichen Lächeln an. Seine Stimme klang kalt und schneidend, als er antwortete. »Du bist ein Tropf«, sagte er langsam; »was geht es dich an, wie viele und wie sie unter dem Druck der Reichen zugrunde gehen? Ist es nicht genug, daß es überhaupt der Fall ist? Hat nicht jeder einzelne das Recht auf ein ehrliches Leben, und sind es nicht Verhältnisse der erbärmlichsten Scheußlichkeit, daß einem dies Recht entzogen werden kann? Aber ich will dir meine Geschichte erzählen; es tut mir selber wohl, mein Herz einmal ausschütten zu können, bevor ich es ganz vergrabe.« Draußen sank die Sonne schon tiefer und die Dämmerung in dem Gemach der Hütte wurde dichter und trüber. Das große Auge des Waldwärters leuchtete unheimlich, und der kalte, veränderte Ton seiner Stimme hallte seltsam in den öden Wänden. Der Arbeiter fühlte sich befangen und bewegt; sein Blick hing an dem düsteren, lodernden Auge des anderen, und er lauschte in erwartungsvollem Bangen, während der Waldwärter seine Geschichte erzählte. * An dem Totenbette einer Frau stand ein Knabe von zehn bis elf Jahren. Die Verstorbene war seine Mutter, deren rauhes Äußere mit dem groben Kopftuch die Arbeiterin verriet. Der Mann dieser Frau war ein Jahr zuvor gestorben, – infolge eines Blutsturzes, den ihm die anstrengende Arbeit zugezogen hatte. Der Knabe hatte damals an ihm keinen Vater, die Frau keinen Gatten verloren; der Mann hatte sich um beide nie viel gekümmert. Er teilte seinen Verdienst mit ihnen, und sie hatten zu leben, solange er lebte. Frühmorgens ging er an die Arbeit; mittags kam er zum Tisch, wo ihm seine Frau eine Suppe vorsetzte; dann ging er wieder an die Arbeit und kehrte erst spät am Abend zurück. Aber weder bei Tisch noch abends sprach er viel mit seiner Frau; gewöhnlich wurde nur ein Gruß gewechselt. Um den Knaben bekümmerte er sich noch weniger, wiewohl das Kind seinen düsteren Ernst mit Liebkosungen und Herzlichkeiten zu verscheuchen suchte. Weder die Frau noch der Mann klagten über einander bei dritten. Es schien, als wäre die Mißstimmung, die ihre Herzen trennte, nach außen erstorben, als wäre sie abgetan, versenkt in ihrem Inneren, und die beiden Gatten füreinander kaum vorhanden. Sie handelten nach ihrem Innern, die äußere Berührung war mechanisch, wie im Leben unter Fremden. Sie konnten und durften so handeln, aber sie dachten dabei nicht an das Kind. Dieser Knabe war also aufgewachsen, fremd, ohne Liebe; er sah von seinen Eltern nichts als ihr äußeres, verschrumpftes Dasein. Sein Herz zog sich scheu in seiner Brust zusammen; es verbarg sich tiefer und tiefer vor dem Schauer jener lieblosen Kälte. Der Knabe wurde düster und menschenfeindlich, noch ehe er die Menschen kannte. Nie sah man ihn mit den andern Kindern des Dorfes spielen, wie es die Jugend gewöhnt ist; stets ging er teilnahmslos und schweigend an ihnen vorüber. Seine Seele war zur Hälfte erstorben, ehe er ins Leben trat. – Die Leute sahen die leise, schweigende Mißstimmung durch diese Hütte ziehen, ohne daß sie sonderlich darauf geachtet hätten. Manche schüttelten wohl den Kopf und meinten, daß die Familie wohl nicht glücklich wäre. Glücklich! – Diese Leute verstanden von dem Verhältnis nichts, ja sie sahen nicht einmal etwas davon. Als einst ein Bekannter den Arbeiter fragte, ob er sich mit seiner Frau veruneinigt, sagte der Mann mit großem, ruhigem Erstaunen: »Veruneinigt? Ich wüßte nicht Weshalb. Es ist ja im Hause alles stets in Ordnung.« Die Kurzsichtigen fanden das auch und glaubten, daß die schneidende Kälte in dem Verhältnis nur so eine Abspannung oder gleichförmige Ruhe sei. An die Fröhlichkeit ihres ersten Zusammenlebens, an die frühere Munterkeit des Arbeiters und Lieblichkeit des Mädchens dachte niemand zurück; wenn es vielleicht auch geschah, so hielten sie die Änderung ihrer Stimmung für Folge der Sorgen. So war das Verhältnis der beiden ein ruhiger Wasserspiegel, unter dem niemand den ausgebrannten Vulkan vermutete. Der Knabe, dessen junges Leben in diesem harten Boden Wurzel schlug, fand nichts, gar nichts von Nahrung seiner Seele, von Pflege seines Herzens. Die Knaben im Dorf hielten ihn für einen Heimtücker und behandelten ihn danach, wenn er sich einmal sehen ließ. Dadurch wurde er auch heimtückisch; sooft er konnte, verdarb er den übrigen ihr Spiel und ihr Vergnügen und hatte eine boshafte Freude an ihren Tränen und ihrem steigenden Groll. Hatte man ihn lieben gelehrt? Er war einsam und ohne Liebe aufgewachsen, und es war kein Wunder, daß er an Ungeselligkeit und liebloser Bosheit Gefallen fand. Als sein Vater starb, weinte er nicht; er kannte ihn ja nicht, und das Blut allein macht die Eltern noch nicht aus. Sie begruben den Mann still und einfach. Es war niemand dabei, dessen zitternde Hand eine Scholle auf den versenkten Sarg geworfen hätte. Die Frau saß ruhig in ihrer Hütte, wo einige Nachbarinnen sie besucht hatten, die sie trösten wollten und bald wieder verließen; der Knabe war in den Wald gegangen, wo er Vogelnester zerstörte und den Vöglein ihre Eier wegnahm. Aber der Tod des Mannes hatte dennoch Einfluß auf das Leben der Zurückbleibenden. Die Frau war genötigt, selbst und allein für ihren Unterhalt zu sorgen, und es fiel ihr schwer. Sie hätte es vielleicht etwas besser haben können, wenn sie in den Steinbrüchen der gutsherrlichen Familie Handdienste hätte tun wollen; aber sie wies diesen Gedanken mit Heftigkeit zurück. Auch auf den Herrenhof selbst wollte sie nicht, wie ihr der Pfarrer bei seinem Besuch vorschlug und seine Fürsprache dazu anbot. Sie wollte weder als Arbeiterin noch als Magd dort abhängig sein, wie sie sagte, sondern selbst ihren Erwerb suchen, wo es und wie schwer es auch immer sei. Es war ihr in der Tat schwer, und sie darbten manchmal; aber die Frau murrte nicht. Sie tat Dienst bei den Bauern und im Wirtshaus des Dorfes; war die Zeit vorbei, wo sie hier Beschäftigung finden konnte, so suchte sie sich durch Besenbinden in der Nachbarschaft ihr Brot zu verschaffen. Die Leute gaben ihr wohl aus Mitleid, wenn sie konnten, in der Erntezeit und sonst zu tun; aus Mitleid ließ der Wirt im Dorfe die Gläser und Zimmer von ihr reinigen; aus Mitleid kaufte man ihr in der Nachbarschaft ihre schlecht gebundenen Besen ab. Es war eine traurige Existenz für die Frau, und sie trug sie nicht lange. Als sie auf dem Krankenbett lag, rief sie ihren Sohn herbei. Der Knabe, der nicht wußte, was diese Vorbereitung zu bedeuten habe, kam mit zweifelhafter Neugierde heran und fragte, was sie ihm zu sagen habe; die Mutter mochte fühlen, wie lieblos diese Worte in solchem Augenblick in dem Munde ihres Kindes klangen; sie rückte sich mühsam den Kopf höher und warf einen langen Blick auf den Knaben. Dann aber lehnte sie sich wieder mit einem Seufzer zurück; sie mußte ja wissen, wer das Herz dieses Kindes erstickt, wer ihm jede Liebe geraubt habe. Der Knabe fragte darauf ungeduldig von neuem, was sie ihm mitzuteilen habe; er wollte hinaus aus der drückenden Kammer, wo ihm das Sterbebett keine besondere Stimmung einzuflößen schien. »Bleibe, mein Sohn«, sagte die Kranke ruhig; »es ist doch das letzte Mal, daß ich mit dir spreche, du kannst mir diese paar Augenblicke opfern.« Der Knabe gehorchte und setzte sich gleichmütig an dem Lager nieder, indem er den Ellbogen auf die Knie stützte und dabei an den Nägeln kaute. »Ich will dir von deinen Eltern erzählen, von mir und deinem verstorbenen Vater«, sagte die Sterbende seufzend. »Ich möchte das nicht für immer mit mir hinunternehmen, damit du nicht vielleicht später, wenn du an deine Erziehung denkst, deine Eltern verfluchst. Auch sollst du dich nicht dem übergeben, der uns alle elend gemacht hat.« Der Knabe sah ihr ruhig in die Augen, während er auf das ihm unverständliche Rätsel lauschte. Die Kranke aber erzählte ihm nunmehr in langsamen und oft abgebrochenen Worten, wie sie zuerst mit seinem Vater bekannt geworden. Damals war sie ein schönes und lebhaftes, harmloses Geschöpf gewesen. Sie liebte den Arbeiter, der um sie freite, aufrichtig, und die Leute, welche sie am Sonntag zusammen gehen sahen, hielten sie für ein glückliches Paar. Der Arbeiter war in den Steinbrüchen des Herrn Stempel beschäftigt, und sein Verdienst, Wenn auch nicht bedeutend, versprach doch für den notwendigen Unterhalt beider in einem bescheidenen Haushalt auszureichen. Als sie sich verheirateten, zogen sie in eine der Hütten, welche an jenem Ende des Dorfes nach der Richtung der Steinbrüche lagen. Die junge Frau stellte sich abends an die Türe der Hütte, um von ferne schon die Rückkehr ihres Gatten von seinem Tagewerk beobachten zu können. Ihr Glück, ihre stille häusliche Freude dauerte ungetrübt einige Wochen fort. Eines Tages stand die Frau des Arbeiters eben vor ihrer Tür, als der junge Herr, der damals die Besitzung seines verstorbenen Vaters angetreten hatte, aus den Steinbrüchen von einer Besichtigung zurückkehrte. Er war ermüdet und trat zu der jungen Frau in die Tür, indem er sich, den Schweiß von der Stirn trocknend, ein Glas Wasser ausbat. Dabei hielt er sich eine kleine Weile auf, indem er mit der hübschen Frau scherzte und ihr in die Wangen kniff. Die Frau lachte und ließ sich seine Unterhaltung gefallen; war er nicht der gnädige Herr, und konnte sie ihn wohl zurückweisen? Als er sie jedoch umarmen wollte, wußte sie sich seiner Zudringlichkeit bescheiden und doch nachdrücklich zu entziehen. Die junge Frau verschwieg ihrem Manne am Abend diesen Vorfall; sie hatte sich dabei nichts vorzuwerfen und wollte ihm einen unnützen Ärger ersparen. Einige Tage darauf trat der Gutsherr nach einem Spaziergang abermals bei ihr ein. Die junge Frau errötete diesmal bei seinem Anblick; sie wußte, was sie nach jenem Vorfall von ihm zu erwarten habe, und dies Bewußtsein gab ihrem Wesen eine leise, ängstliche Befangenheit. Der Gutsherr betrachtete sie in ihrem Erröten mit lächelndem, besonderem Ausdruck; er scherzte und unterhielt sich eine Weile ruhig und gemessen mit ihr, aber die Frau zitterte heimlich unter seiner Gegenwart. Erst allmählich rückte er ihr näher, und seine lüsterne Begier sprach sich deutlicher in seinen Blicken aus. Die Frau nahm endlich ihren ganzen Mut zusammen und verwies ihm mit ernsten, ruhigen Worten, durch die nur das Beben ihrer Stimme klang, ein für allemal sein Benehmen. Da ließ der vornehme, junge Mann plötzlich seine Maske fallen. Er erklärte ihr rund und unumwunden seine Absichten und fügte die Drohung hinzu, daß er im anderen Falle ihren Mann aus der Arbeit entlassen werde; dann schied er, um ihr einige Tage Bedenkzeit zu lassen. Die junge Frau blieb in düsteren Gefühlen der Angst und Verzweiflung zurück. Sie wagte es nicht, ihrem Gatten den Vorfall zu gestehen; mußte er nicht glauben, daß sie früher schon dem Gutsherrn Gelegenheit zu diesem Plan gegeben? Und was sollte sie tun? Sie vermochte den Gedanken nicht auszuführen, daß sie ihre Pflicht gegen den Mann, den sie liebte, verletzen solle. Aber mußte sie nicht fürchten, daß der Gutsherr seine Drohung erfülle, daß er dem Arbeiter die Mittel ihres Unterhalts entziehe und sie beide dem Elend preisgebe? Nein, sie glaubte nicht daran, daß er es tun würde, sie hielt ihn dieser teuflischen Rache nicht fähig; es war nur eine Drohung, eine Versuchung, die er ihr bot, und sie wies sie zurück. Einige Tage wich sie dem Gutsherrn aus. Sie besuchte ihren Mann in den Brüchen, ging zu den Nachbarinnen und behielt, wenn sie sonst zu Hause sein mußte, eine Freundin bei sich. Der Gutsherr kam ein- und zweimal wieder; als er aber ihre Absicht merkte, blieb er gänzlich weg. Die junge Frau freute sich schon ihrer List und hoffte, daß der Herr sie auf diese Weise vergessen und seine Absichten aufgeben werde. Aber sie täuschte sich. Der Gutsherr hatte um diese Zeit die Arbeiten in den Brüchen vergrößert, weil er dem Geschäft eine weitere Ausdehnung geben wollte. Er zog neue Arbeiter aus anderen Gegenden heran; viele auch folgten von selbst, in Hoffnung auf dauernden Erwerb. Das Dorf füllte sich mehr mit Steinarbeitern, – vielleicht zu sehr, als daß der Besitzer sie alle regelmäßig hätte verwenden können, während die ungleiche Zeit den Handel unregelmäßig und schwankend machte. Dies letztere wenigstens war der Vorwand, unter dem der Gutsbesitzer plötzlich eine Anzahl ablöhnen ließ. Unter ihnen befand sich der Mann dieser Frau. Die Abgelöhnten sahen sich mit einem Male außer Verdienst, und ihr elendes, verkümmerndes Ende war vorauszusehen. Da erbarmte sich der vornehme junge Mann, übergab einem Teile von ihnen seine Felder zu bewirtschaften, nahm andere auf sonstige Art in Tagelohn und unterhandelte mit einem Werkmeister ein für allemal auf eine feste Zahl von Arbeitern, die er dauernd beschäftigen wolle. Die Leute priesen seine Menschenfreundlichkeit. Er hatte auf diese Art sie alle vor Arbeitslosigkeit geschützt, solange sie brauchbar waren; die Arbeiterzahl war fest ausgemacht und konnte bei lebhafterer Zeit durch die neuen Tagelöhner vergrößert werden, so daß auch die letzteren gleich jenen auf längere Dauer gesichert waren. Unter keinem von diesen Teilen befand sich aber der Mann, welcher sich durch die Widerspenstigkeit seiner Frau den Groll des Herrn zugezogen hatte, und obwohl der Werkmeister für den fleißigen Arbeiter selbst ein gutes Wort einlegte, wollte er doch nichts von Überschreitung der festen Zahl wissen. Die beiden Gatten sanken allmählich tiefer und tiefer in Dürftigkeit; der Frau aber bemächtigte sich überdies eine düstere, stumpfe Niedergeschlagenheit. Sie, welche durch ihr heiteres Gemüt die Sorgen und Lasten ihrem Manne so oft versüßt hatte, wurde stumm und trübsinnig; in dem traurigen Blick ihres Auges lag ein Vorwurf, eine bange, heimliche Angst und Unruhe, und kaum vermochte sie jetzt, wenn ihr Gatte sie liebreich trösten und mit Hoffnungen aufrichten wollte, demselben in die Augen zu sehen. Sie glaubte an seine Hoffnungen nicht, sie wußte, warum sie nicht erfüllt würden; aber sie schwieg darüber. Und doch schien es, als ob das Vertrauen des Mannes sicherer gegangen wäre als das ahnungsvolle Bangen der Frau. Nach längeren Wochen, als das Elend der Hütte höher und höher gestiegen war, kam eines Tages der Werkmeister freudig herein, indem er dem Gatten die Nachricht brachte, daß der Herr infolge größerer Bestellung ihm jetzt den Auftrag gegeben hätte, den Mann wieder als Arbeiter anzunehmen. Fast erschrak die Frau dabei; es war, als ob eine innere Stimme sie vor der plötzlichen, unerwarteten Sinnesänderung wie vor einem Unglück warnte, und doch wußte sie sich nicht zu sagen, warum sie für dies anscheinend reuige Gutmachen einer Übereilung dem Herrn in ihrem Herzen nicht innig danken sollte. Erst als Tage und Wochen vergingen, ohne daß sie den Gutsherrn wiedersah, begann sie in die Freudigkeit ihres Mannes einzustimmen und sich mit heißem Dank in die Besserung ihres Loses zu finden. Aber ihre Ahnung hatte sie doch nicht getäuscht. Wie zufällig trat eines Tages der vornehme junge Herr abermals in ihre Hütte, und die Dankesworte auf ihren Lippen verstummten bei dem Anblick des spöttischen Lächelns, mit welchem der Herr ihre Rede abschnitt und sie fragte, ob sie sich jetzt besonnen habe? Nun erst mit einem Mal durchzuckte sie wie ein Blitz die Erkenntnis seines ganzen wohlüberlegten Plans. Es war die sichere Berechnung ihres Verfolgers, daß die Wiederkehr des Glückes sie geschmeidiger als das Unglück selbst für die Erneuerung seiner Drohung machen werde. Sie hatte das Unglück bitter gekostet, aber bitterer noch wäre ihr nach dem kurzen Traum des Glückes das Erwachen zu neuem Jammer gewesen, und diesmal führte die Berechnung den Menschenkenner zu seinem Triumph. Die Frau wurde düster und scheu, das Gefühl ihrer Schande nagte an ihr, und sie floh, sooft sie konnte, die Gegenwart ihres Mannes. Kein Zuspruch, kein liebreicher Versuch desselben, sie zu erheitern, vermochte den quälenden Vorwurf ihres Herzens zu betäuben; ja seine Liebkosungen machten sie nur düsterer und stiller; mußte sie sich nicht doppelt verächtlich und schuldig dabei fühlen? Aber das war noch nicht alles. Ihrem inneren Leid wurde die Krone aufgesetzt, als der Mann eines Tages früher von der Arbeit zurückkam und ein Blick ihm die Entfremdung und anscheinend kalte Zurückgezogenheit seiner Frau erklärte. Er sprach nichts; kein Wort, kein Blick verriet seine Gefühle; nur als sie laut weinend ihm zu Füßen fiel und ihre ganze Seele entschleiern wollte, stieß er sie kalt mit dem ruhigen Scheidewort zurück: Es ist gut, ich weiß genug! Von nun an war das Leben der beiden füreinander innerlich abgeschlossen. Äußerlich blieb es scheinbar ruhig und ungestört, denn der Mann wollte des öffentlichen Geredes willen von einer Trennung nichts wissen. Als ob nichts vorgefallen, ging die Regelmäßigkeit des Haushaltes ihren Gang. Der Mann brachte den Erlös seiner Arbeit allwöchentlich nach Hause, wo ihm die Frau für die Lebensbedürfnisse sorgte; aber nie mehr fiel zwischen beiden ein anderes Wort, als es dies äußere Leben nötig machte, nie, – auch da nicht, als der Hausstand durch die Geburt eines Knaben vermehrt wurde. Die Frau nahm das Kind einstmals auf den Arm und hielt es ihm entgegen, indem sie die Hand beteuernd aufs Herz legte und mit tränendem Auge zu ihm aufblickte; aber der Mann drehte sich stumm und ohne sie anzuhören mit kaltem gleichgültigen Blick von ihr ab. So wuchs der Knabe auf, ungeliebt, verstoßen von seinen Nächsten, lieblos, feindselig gegen alle. Als ihm die sterbende Mutter dies sein Geschick erzählte, sah er ihr kalt und ungerührt ins Auge. »Und du hast mich auch verstoßen und warst doch meine Mutter?« fragte er sie ernsthaft. Die Erinnerung ihres langen freudlosen Lebens, das sie selbst verhärtet hatte gegen alle Gefühle, sprach sich in den tiefgefurchten Zügen ihres Gesichts aus. Sie wollte auf den Vorwurf des Knaben etwas erwidern, aber ihre zunehmende Schwäche warf sie wieder zurück. »Höre«, sagte sie mühsam, »meine Augenblicke sind gezählt; ich habe dir das Schicksal deiner Eltern und das deine mitgeteilt, damit du meinem letzten und – einzigen Rate gehorchst. Halte dich fern von den Häusern dieser Reichen, mache dich nicht abhängig von ihrem Gold, mit dem sie nicht bloß das Leben der Armen ins Elend schleudern können, mit dem sie auch ihre Seelen zu vergiften vermögen! Das Schicksal deiner Eltern und das deine haben es dir gezeigt. Hörst du mich? Werde zu allem, was du willst, aber nicht zum Arbeiter für jene, die dich erdrücken können, wenn sie Lust haben. Und … und fluche nicht deinen Eltern … denke, daß es ein anderer war, der ihren Bund zerriß und dich … unser Kind also in Elend und Lieblosigkeit aufwachsen ließ, denke daran und … bete für mich … und deinen Vater, der zum Dank … in der Arbeit für unsern Verderber … seinen Tod finden mußte … bete für ihn, denn … Gott ist mein Zeuge … er war dein Vater!« Der Knabe blieb eine Zeitlang schweigend und nachdenkend an dem Lager stehen und drückte dann der Toten die Augen zu. Er war sehr blaß, und es ging in diesem Augenblicke viel, wozu andere jahrelange Erfahrung brauchen, in seiner Seele vor. Dann schweifte er zwei Tage lang einsam im Walde umher und ließ sich vor niemandem sehen. Als er zurückkam, zeigte er sich noch boshafter und menschenfeindlicher als früher. Aber er vergaß doch oder verachtete den Rat seiner Mutter. Eine Zeitlang arbeitete er auf dem Hofe des Gutsherrn; vielleicht, weil er keinen anderen Ausweg fand, seinen Hunger zu stillen. Aber die Knechte und Mägde beschwerten sich über seine ränkevolle Bosheit, die jede ihrer Freuden durch eine Tücke zu stören oder zu trüben wußte, und wenn er ihnen irgendeinen Schabernack antun konnte, es gewiß nicht versäumte. Der Gutsherr jagte ihn daher vom Hofe. Den Tag darauf aber trat er in Dienste des alten Waldwärters, den er bei seinen Wanderungen begleitete; und als einige Jahre darauf der alte Wärter gestorben war, gaben ihm die Behörden dessen Stelle. Sein Beruf brachte ihn weniger mit den Dorfbewohnern zusammen, und er schweifte auch selbst lieber im Walde umher, als daß er mit Menschen verkehrte. Seine Bosheit hatte hier weniger Spielraum. Aber wenn er im Dienst mit ihnen zusammenkam, trat er ihnen voll Anmaßung und schneidenden Hohnes entgegen, und gegen etwaige Frevler verfuhr er mit Haß und grausamer Strenge. Mehrmals gebrauchte er seine Waffen gegen solche armen Leute, doch gewöhnlich mit Vorsicht, daß ihm die Behörden nichts anhaben konnten. Er wußte wohl, daß er trotzdem auch in diesem Stande ein Sklave war und daß seine Vorgesetzten ihm ebensowohl wie ein reicher Herr seinen Arbeitern seine äußere Existenz vernichten konnten, nachdem seine moralische schon vernichtet war durch seinen Beruf und die Verachtung der Leute. Einmal traf er mit dem Gutsherrn zusammen, der von seinem Jagdrevier zurückkehrend einen kürzeren Weg durch den königlichen Wald einschlug und mit seinem Gewehr durch den Forst ging, während sein Hund in den Büschen jagte. Der Waldwärter schoß das Lieblingstier des reichen Herrn nieder und lachte in boshafter Freude über die ohnmächtige Wut des anderen. Dann, als der Wärter ihm auch die Flinte abnahm, kam es zu einer Szene, wobei der Waldwärter den Grund seines Unglücks und seinen ganzen, glühenden Haß gegen jenen enthüllte. »Ja, ich bin ein Lump!« schloß er seine zornentflammte Anrede, in welcher er den lang aufgehäuften Groll seines Herzens ausschüttete. »Ja, ich bin ein Lump, wie du sagst, und doch bin ich besser als du, der mich dazu gemacht! Nicht ich bin der einzige, dem du durch die Macht deines Geldes ein friedliches Leben geraubt hast! Gehe hin und sieh, wie sie ihr Leben genießen und sterben, während du, der mit ihrem Schweiß Handel treibt, während du dich auf seidenen Kissen in üppigen Lüsten wälzest! Ihr Leben, ihrer aller Leben hast du gestohlen, um dein eigenes größer zu machen! Ein Lump bin ich; und der Verachtung der Leute hast du mich preisgegeben; denkst du, ich frage nach der Achtung dieser Tröpfe, welche dir freiwillig ihr Leben zum Opfer bringen? Denkst du, daß ich nicht lieber hier draußen im Walde bin als unter jenen Tröpfen, die mich an das Elend meiner Eltern erinnern und meine Bosheit aufreizen? Aber ich will daran erinnert, ich will gereizt sein, damit ich dich nicht vergesse, dich, dessen Macht meine Eltern elend und mich zum Lump machen durfte! Ja, sieh mich an und rolle die Augen; dieser Gedanke einzig und allein treibt mich dahin zurück, und ich schwelge in der tröstenden Hoffnung, daß auch diese Tröpfe dereinst zur Einsicht kommen und daß ich dich enden sehe in Not und Verzweiflung, wenn die rote Rache über deinem Haupte loht!« * Der Waldwärter Franz hatte seine Mitteilungen mit steigender Erregung und tiefer, ergriffener Stimme dem kranken Arbeiter vorgetragen. Nach den letzten Worten über die Szene zwischen ihm und dem Gutsherrn schwieg er erschöpft; der Kranke hörte das Fliegen seiner pochenden Brust und sah das düstere Flammen seiner Augen, aber er wagte ihn nicht zu stören. Es entstand eine lange, bange Pause zwischen ihnen, während welcher der Waldwärter seine Fäuste an die Stirn drückte und den Kopf tiefer auf die Knie sinken ließ. »Du bist der einzige, dem ich das erzählt«, sagte er langsam, nachdem er einen Gang durch die Stube gemacht und sich dann wieder neben ihn niedergelassen hatte; »und diese Mitteilung tut meinem erbitterten Herzen wohl. Du weißt nun, was ich gegen deinen Herrn habe, und wenn du kein Tropf bist, weißt du dasselbe auch von dir.« »Ja, 's ist wahr mit dem Elend, aber ich weiß auch, daß mit deiner Rache nichts gebessert wird«, murmelte Anton. »Tor, gibt ein Augenblick der Rache nicht Ersatz für Jahre, für ein ganzes Leben voll Elend? Ist eine süße Stunde nicht mehr wert als hundert traurige Jahre? Dein Elend ist dir gewiß, du verschlimmerst also nicht einmal etwas durch den Genuß der Rache.« Das Zwielicht draußen im Dorf wurde duftiger grau, als nach dem Verschwinden der Sonne hinter den Bergen nur noch eine rote Glut den westlichen Himmel färbte. In dem Gemach war es unheimlich und düster, nur die tiefe, gedämpftere Stimme des Waldwärters klang unverständlich zwischen den öden Wänden. »Geh! … Laß mich in Ruhe«, sagte zuletzt Anton unruhig; »ich will nichts damit zu schaffen haben.« »Aber den Gutsherrn davon in Kenntnis setzen … he!« erwiderte mit grimmigem Lachen der andere; »willst du das?« »Laß mich los!« rief der Kranke, indem er seinen Arm von dem eisernen Druck des Waldwärters zu befreien suchte, aber ermattet von der Anstrengung zurücksank. »Siehst du, mein Junge, daß du in meiner Gewalt bist?« lachte der andere boshaft. »Willst du nun sprechen? Denkst du, den Gutsherrn durch Mitteilung dir gewogen zu machen? Hast du vergessen, wie die reichen Leute den Armen und Arbeitern ihren Dank zahlen?« »Laß mich los! Willst du mich morden?« rief Anton, während er neue, verzweifelte Anstrengungen machte und seine Brust in steigender Aufregung höher ging. »Laß mich los! Ich werde gegen niemand sprechen, gegen niemand, ich schwöre es dir.« Der Waldwärter betrachtete ihn einen Augenblick schweigend in der Dunkelheit, indem er sich über ihn beugte, und stand alsdann kaltblütig auf. »Ich glaube fast selbst, daß du gegen niemand mehr sprechen wirst«, murmelte er für sich. »Es wird wohl bald keine Gefahr mehr damit haben.« Der Kranke war zurückgesunken und lag mit geschlossenen Augen und hochfliegendem, ängstlichen Atemholen auf dem Lager. Durch die Stille hörte man in der Ferne den Jubel der Dorfbewohner, welche eben mit der Musik unter dem Maibaum weg nach dem Wirtshaus zogen. Auf der Gasse näherten sich Stimmen älterer Leute, die in ihre Hütten zurückkehrten. Der Waldwärter nahm sein Gewehr und verließ das Gemach durch die Hintertür, wo er dann über die Hecke sprang und im Dorfe verschwand. Der Kranke blieb allein. Eine Zeitlang lag er schweigend in fieberhafter, halb besinnungsloser Unruhe; dann, als die Angst seiner Gefühle sich steigerte, tastete er umher und rief. Aber es war vergebens! »Sie haben mich verlassen … sie lassen mich allein … sterben, wie einen Hund«, murmelte er vor sich hin. »Anne und die Alte … keine ist da …« Eine heftige Erschütterung seiner Brust riß ihn zu einem Schrei der letzten Verzweiflung auf; dann sank er besinnungslos zurück. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür der Hütte und, erschrocken über den Angstschrei des Kranken, flog das Arbeitermädchen herbei. Ein dunkler Blutstrom quoll aus Mund und Nase des Kranken und befleckte Annens Kleider, die an seinem Lager niedersank. Das arme Mädchen nahm mit zitternder Angst seinen Kopf in die Hände und richtete ihn mit klagenden, liebreichen Worten empor. Aber ihr Auge irrte ratlos durch das dunkle Gemach; zu helfen wußte sie nicht. Die Ströme des Blutes wurden allmählich schwächer, und der Kranke lag schwer und welk in ihrem Arm. Nach langen, ewigen Minuten, die Anne in dieser qualvollen Lage verbrachte, schlug endlich der Kranke mit einem matten Blick das brechende Auge auf und starrte sie langsam an. »Anton, ich bin es, beruhige dich«, stieß die Arme in ratloser Angst aus; »Gott, mein Gott! Was kann ich tun? Und ich kann dich doch so nicht verlassen! Aber sei ruhig, Anton! Die Mutter muß wohl bald kommen und Hilfe herbeischaffen!« Aber die Mutter kam nicht. Das Mädchen saß in steigendem, verzweifeltem Bangen an dem Lager, wo sie nicht helfen konnte und das sie nicht zu verlassen wagte. Nach langen entsetzlichen Minuten bewegte der Kranke langsam die Lippen, und das Mädchen beugte sich zitternd mit gespannter Aufmerksamkeit über ihn. »Höre mich«, flüsterte er gebrochen; »geh … zu Herrn … Stempel und … sag ihm … daß er … sich … in acht nehmen soll … Der Wald …« Die Worte erstickten in einem letzten, heftigen Anfall, welchen die schwachen Kräfte des Kranken nicht überdauerten. Sein Körper zuckte zusammen, und das Mädchen ließ ihn mit einem bangen Schrei fallen. Der Arbeiter des Herrn Stempel war tot. 9. Scheiden und Meiden. Und hat dir Gott ein Lieb beschert, Und hältst du sie recht innig wert         Die Deine: Es wird nur wenig Zeit vergehn, So wirst du doppelt einsam stehn,         Dann weine, ja weine! Lolo stand in ihrem Zimmer, nachdem sie sich auf die Festlichkeiten des vorigen Tages eine längere Ruhe gegönnt hatte. Die Sonnenstrahlen blickten durch die halbgeschlossenen Jalousien und webten spielend durch das trauliche Zwielicht des Gemaches. Durch das geöffnete Fenster zog von draußen die frische Morgenluft. Lolo hatte sich in einen weiten Morgenmantel gehüllt, über den in langen, dichten Wogen ihr aufgelöstes Haar fiel. Vor ihr auf dem Sofa lag weinend die arme Anne. Das Fräulein war bemüht, sie zu trösten und ihr, soviel sie konnte, den Vorwurf auszureden, welchen sich Anne selbst machte. »Gewiß, es wäre nicht so gekommen«, weinte die Tochter der Blödsinnigen, »wäre ich bei ihm gewesen. Ich hätte ihm helfen und beistehen können; aber so kam ich zu spät, wo er elend, verlassen und hilflos in seinem fürchterlichen Zustande liegengeblieben war.« »Aber deine Mutter?« fragte Lolo sanft; »war deine Mutter nicht bei ihm? Was kannst du dafür?« »Meine Mutter war hierhergegangen, um Sie bei der Rückkehr vom Fest zu sehen, Fräulein«, erwiderte die Arbeiterin leise. »Sie war auch nach dem Vorfall nicht von der Stelle zu bringen.« Lolo seufzte tief und setzte sich neben Annen, indem sie ihren Arm um die Schultern derselben legte und sie liebreich tröstete. »Beruhige dich, armes Kind! Du hast dir keinen Vorwurf zu machen; und ist es nicht die Bestimmung aller zu sterben? Sei nicht so trostlos in deinem Schmerz, sieh, dein Leid steckt mich selber an. Ich möchte dir gerne helfen, aber ist so etwas zu ändern?« »Ich weiß, ich weiß«, erwiderte die Arme, indem sie zu dem Fräulein aufsah, in dessen Wimpern zwei Tränen hingen; »ich weiß, Sie sind gut und möchten mir helfen, aber was kann man dem Schmerze wohl für Trost geben?« »Teilnahme, mein armes Kind; Teilnahme lindert ihn, und wahrlich, ich nehme teil an deinem Leid. Es tut dem Herzen immer wohl, Mitgefühl zu finden und sich einem anderen Herzen ausschütten zu können. Warum hast du dich mir gestern abend nicht entdeckt, ich würde bei dir geblieben sein und dich beruhigt haben. Du warst so schnell von dem Feste verschwunden, und als ich nach Hause zurückkehrte, hattest du dich bereits niedergelegt. Ich war an deinem Bett, aber du schienst zu schlafen.« »Ich wollte Ihre Freude nicht stören«, entgegnete das arme Mädchen; »und als ich Sie kommen hörte, drückte ich mein Gesicht in die Kissen, um Ihnen meine Tränen zu verbergen.« Lolo stand auf und machte einen Gang durchs Zimmer, während ihr Herz in widerstrebenden Gefühlen heftiger klopfte. Sie suchte die Arme immer von neuem und vergebens zu trösten und zu beruhigen, und die beiden Mädchen blieben lange, lange in dieser Weise zusammen, ohne darauf zu achten, wie die Sonne höher stieg und der Morgen weiterrückte. Spät erst wurden sie durch ein Klopfen aus ihrem traurigen Zusammensein aufgestört. Es war der Gutsbesitzer, der nach seiner Tochter rief, weil der Pädagog abziehe und sich ihr empfehlen wolle; nachher hätte er selbst noch etwas mit ihr zu sprechen, rief er von draußen. »Komm, beruhige dich, armes, treues Herz!« sagte Lolo, indem sie Annen sanft aufrichtete und ihre eignen Tränen auf das Haar der Arbeiterin fielen. »Komm, wir wollen uns ankleiden und den Nachmittag allein in den Wald gehen; dein Schmerz wird ruhiger da draußen werden, und heute abend bleibst du bei mir in meinem Gemach. Ich will nur auf einen Augenblick hinunter zu meinem Vater.« »Und … und … was der Anton zuletzt noch sagte«, rief die Arbeiterin lebhaft, indem sie ihr tränenfeuchtes Gesicht erhob, mit heimlich aufschluchzender Stimme, »ich soll Ihren Vater warnen … vom Wald sprach er dabei … ich weiß es nicht, ich konnte ihn nicht mehr verstehen!« »Was wird es sein«, erwiderte Lolo sanft, »das Fieber … aber ich will es meinem Vater sagen, wenn es dich beruhigt, du arme, treue Seele. Komm, trockne deine Tränen, ich will mich ankleiden und hinuntergehen zu dem Fremden.« – Der Pädagog wandelte unterdessen mit Max im Garten umher, während die Knaben sich auf dem Hof zum Auszug rüsteten. Der Professor erzählte seinem jungen Freunde, daß er den Rückweg über zwei andere benachbarte Gutsherrschaften nehmen und auf einer derselben den folgenden Abend übernachten wolle; dann aber werde er ungesäumt nach Hause zurückkehren, wohin ihn jetzt seine Berufspflicht rufe. Der junge Mann, der zum öfteren nach den Fenstern seiner Cousine geblickt hatte, nahm jetzt, als der Pädagog nicht länger mehr harren wollte, herzlichen Abschied von dem Kleinen und versprach, wenn er durch die Stadt käme, bei ihm vorzusprechen. Nachdem der Altertümler darauf auch dem Gutsherrn Lebewohl gesagt und von diesem wiederholt auf den Herbst und das nächste Jahr eingeladen worden war, trat er in den Hof, wo er eine kurze Anrede an die Knaben hielt, welche mit einem wilden Geschrei derselben aufgenommen wurde. Dann zog der ganze Trupp fort durch das Dorf. Max hatte sich in die Tempelhalle auf dem Gartenhügel gestellt und sah, wie draußen auf dem Felde der Pädagog noch einmal nach dem gastfreien Hause sich umwandte. Der Student winkte ihm mit seinem weißen Taschentuch zu, dem eine ähnliche Begrüßung von Seiten des kleinen Altertümlers folgte; die Knaben schwenkten und warfen ihre Mützen in die Luft, und der frische Morgenwind trug ein dumpfes wirres Stimmengebraus herüber. »Diese tolle Brut!« sagte der Student für sich. »Wie sie dem kleinen Mann zu schaffen machen, es ist ein Greuel. Aber dieser ehrwürdige Herr setzt sich darüber hinweg, und das ist das Beste, was er tun kann; die Jugend macht den Leuten immer zu schaffen, und wenn sie größer werden, werden sie anderen zu schaffen machen.« Als er sich umwandte, um ins Haus zurückzukehren, sah er den Gutsherrn eben die Anhöhe herauf auf sich zukommen. Er blieb einen Augenblick stehen und erstaunte leise bei sich über die ernste Amtsmiene, in die sich das Gesicht seines Onkels gekleidet hatte. Sein Erstaunen aber wuchs, als er bemerkte, daß diese imponierende Würde auf ihn selbst gezielt war. »Es ist gut, daß ich dich treffe«, begann der Gutsherr mit ungewöhnlichem Ernst; »ich habe mit dir zu sprechen, und es ist besser hier, wo wir allein sind.« Über das offene Antlitz des Studenten flog ein ruhiges Lächeln, während er erwartungsvoll und schweigend seinen Onkel ansah. »Ich habe heute morgen einen Brief in betreff deiner erhalten«, fuhr der würdige Herr fort; »du errätst ohne Zweifel, weshalb?« »Ich wüßte nicht«, – erwiderte der andere ruhig; »wie kann ich vermuten, welche Korrespondenzen du über mich führst?« »Korrespondenzen über dich?« entgegnete der Onkel mit Spott. »Ich glaube nicht, daß das nötig wäre, wenn man es auch beabsichtigen sollte; die Nachrichten erhält man ja amtlich.« Diesmal war es an dem Studenten, verlegen zu werden, und eine leise Röte stieg auf seinem Gesicht auf. »Aha! Meldet sich das böse Gewissen endlich?« sagte der Onkel mit lächelndem Hohn. »Jetzt fällt es dem jungen Herrn wohl nicht ein, den Klugen über Dinge zu spielen, die ihn nichts angehen? Es wäre wohl, wie jetzt an den Tag kommt, überhaupt besser gewesen, wenn er sich mehr mit seinen Studien beschäftigt hätte, um derentwillen ihn sein Vater auf die Hochschule schickte.« »Das böse Gewissen?« entgegnete der Student ruhig; »ich bin mir nichts Bösen bewußt. Willst du mir nicht mitteilen, was du mir zu sagen hast?« »So, nichts Bösen bewußt?« sagte der Onkel. »Ist es etwa nicht wahr, daß der junge Herr von der Universität weggejagt worden ist? Da lies, was mir dein Vater schreibt, der nicht einmal weiß, wo du dich aufhältst. Wenn du etwa bei mir wärst, schreibt er mir, solle ich dich fortweisen, damit er dich endlich wiederbekommt. Es wird ein fröhliches Wiedersehen sein!« »Nun gut, so schicke mich fort, wenn du willst; ich mag dir nicht zur Last fallen. Was das Wegjagen von der Universität betrifft, so hat das seine Richtigkeit, und ich werde es vor Leuten die sich darum zu bekümmern haben, zu vertreten wissen; mein Verhältnis zu meinem Vater aber geht niemanden etwas an.« »So recht … so recht«, rief der Gutsherr im Ärger über die Ruhe des andern; »ganz wie die Mutter, meine selige Schwester, welche die Erziehung des Bürschchens auf dem Gewissen hat. Die war auch schon im väterlichen Hause so einzig, so emanzipiert von allen Begriffen und Vorurteilen unseres armen Menschenverstandes. – Nun, sie hat auch ihre emanzipierte Rücksichtslosigkeit im späteren Leben gebüßt.« »Onkel!« rief der Student auffahrend. Der Gutsherr wendete verlegen und als ob er fühle, wie er zu weit gegangen, den Brief in seiner Hand um. »Du wirst mir also den Gefallen tun und zu deinem Vater zurückkehren, da er mir das ans Herz legt.« »Ich werde gehen, sobald es dir beliebt, morgen, noch heute … je eher, je besser«, sagte der Neffe stolz. »Ich glaube auch, daß es am besten ist, so schnell wie möglich; dein Vater wird sich um dich ängstigen, da er nicht weiß, wo du bist!« sagte der Gutsherr wieder spöttisch. »Seit der Nachricht vom Universitätsamt hat er nichts von dir gehört, und was er von dort gehört hat, mag ihm nicht sonderlich zur Beruhigung dienen. Schwerlich wird er dich deshalb auf die Hochschule geschickt haben, damit du die Zeit beim Weine und Bier, bei guten Freunden und Dirnen zubrächtest. Und das scheint dein Leben dort gewesen zu sein.« »Es gibt auch Leute, die sich für sehr anständig und honett halten und sich doch die Gesellschaft von Zechbrüdern und Dirnen, wenn auch in der Stille des Landlebens, suchen.« Der Onkel sah den Studenten halb erschrocken und nachdenklich an; dann aber polterte er heftig heraus. »Es wird noch ein schlechtes Ende mit dir nehmen«, rief er, den Brief in der Hand zerknitternd; »ich werde dich noch eines Tages durch deine Ansichten in großes Unglück gebracht sehen. Wahrhaftig, ich bin doch auch ein freisinniger Mann und will den Fortschritt, aber es muß auch eine Grenze haben. Und feinen Vater wirst du durch eine solche Zukunft notwendig zum äußersten zwingen, denn er wird sich als Beamter durch Duldung solchen Treibens in seiner Familie nicht selbst der Regierung verdächtig machen wollen. Überhaupt ist er noch viel zu nachsichtig gegen dich gewesen. Wenn er sich aber endlich von lossagt, was willst du dann anfangen? Dein mütterliches Vermögen ist unter den Händen deines Vaters, der nicht zu wirtschaften verstand, sehr zusammengeschmolzen; eine Stellung wirst du dir im Leben nie erwerben und also höchstens ein kümmerliches Dasein fristen.« »Meine Zukunft geht in diesem Falle niemanden etwas an«, erwiderte Max stolz, indem er seinem Onkel kalt in die Augen sah. »Ich habe, wie ich glaube, doch so viel Kraft, um mir mein Auskommen selbst zu erwerben, und ich werde in solchem Falle wohl eher durch die Welt kommen als Leute, deren ganzes Verdienst in ihrem Geld und Eigentum besteht, und die, wenn man ihnen dies Geld nähme, nichts anzufangen wüßten.« »Diese verächtlichen Geldleute, deren Geld und Erbe aber durch eine Heirat immer ein willkommener Fund sein würde, nicht wahr?« Dem Studenten schoß eine dunkle Glut ins Antlitz, und er betrachtete seinen Onkel einen Augenblick fest und schweigend. »Wenn ich wegen Lolo hierherkam, so geschah es um ihrer selbst willen, nicht aber unter dem Gedanken an ein Erbe, an welchem der Schweiß und das Blut von hundert verkümmerten Menschen hängt. Ich habe um so weniger daran gedacht, als ich ja die Weise des Vaters kannte.« »Und was sollte denn das Scharwenzeln und Liebäugeln?« erwiderte der Gutsherr zornig. »Das Mädchen in der Umgegend ins Gerede bringen und ihm so bei anderen schaden, – nicht wahr? Das ist das humane Verfahren solcher Herren. Es ist nur gut, daß Lolo selbst so vernünftig ist und nach den Nachrichten, die wir heute bekommen, von dem jungen Herrn nichts mehr wissen will.« »Es ist gut, – ja!« lächelte der Student bitter, »und ich werde fernerhin zu deinen Besorgnissen keine Veranlassung mehr geben. Meine Sachen sollen schnell gepackt sein, und ich werde in einer Stunde deinem Hause für alle Zukunft den Rücken gekehrt haben.« Damit drehte er sich, ohne auf seinen Onkel noch einen Blick zu werfen, um und ging den Hügel hinunter nach dem Hause zu. Der Gutsherr folgte ihm langsam. Als er ins Haus trat, begab er sich nach dem Zimmer seiner Tochter, um diese ebenfalls ins Gebet zu nehmen. Die Tür war jedoch verschlossen und Lolo mit Annen bereits ausgegangen. Der Gutsherr, welcher verhindern wollte, daß sich das Mädchen mit ihrem Vetter vor seinem Abschied noch bespreche, fragte eine der Mägde nach ihr und hörte, daß sie einen entgegengesetzten Weg nach dem Walde eingeschlagen habe. So war er beruhigt und wandelte im Hofe auf und nieder, um das Weggehen des Studenten zu erwarten. Max hatte unterdessen sein Ränzchen gepackt. Aber er wollte nicht scheiden, ohne noch einmal von Lolo Abschied genommen zu haben. Leise schlich er an ihre Tür und klopfte. Drinnen glaubte er ein Geräusch zu hören, in der Tat aber war es nur das Wehen des Windes, welcher die Gardinen bewegte. »Lolo!« rief er leise mit weicher Stimme, als er keine Antwort erhielt. »Lolo, willst du nicht aufmachen und mir Lebewohl sagen?« Aber es blieb alles still. Max lauschte und rief sie immer wieder, leise, mit ihren süßesten Namen. Kein Laut, keine Bewegung antwortete ihm. Dann erhob er sich stolz mit heimlichem Zorn, indem er eine Träne zwischen den Wimpern zerdrückte. »Es ist also wahr, sie will nichts von mir wissen«, grollte er bitter in sich hinein; »sie gönnt mir nicht einmal den letzten Abschied, und um solcher Lapperei willen! Nun, es ist gut … es ist gut so; ich hätte das voraus wissen können. Das Blut verleugnet sich ja nicht.« Er dachte nicht an ihre Liebe, an die tausend und tausend kleinen Beweise ihrer Zärtlichkeit, die sie ihm gegeben; er sah in seinem Zürnen nur dies einzige bange Leid, welches sie seinem Herzen jetzt zufügte, und klagte sie auf das eine hin an. So ungerecht, so egoistisch ist die Liebe. Aber als er sein Ränzchen von seinem Zimmer geholt und hinunter wollte, vermochte er es doch nicht, so an ihrer Tür vorbeizugehen. Noch einmal blieb er stehen und rief sie leise und sanft und bat, ihm doch Wenigstens die Hand aus der Tür zu reichen, und die hellen Tränen rollten ihm bei jedem Worte über die Wangen. Aber es blieb still und stumm wie zuvor, und mit bitterem Groll seine Tränen trocknend wandte er sich ab. Auf der Treppe begegne ihm der Verwalter, den er fragte, ob Lolo vielleicht ausgegangen sei; dieser aber hatte sie nicht gesehen und meinte, daß sie wohl noch auf ihrem Zimmer sein müsse, da sie bei der preise des Pädagogen noch nicht angekleidet gewesen wäre, Max ging schweigend hinunter. In dem Hof sah er seinen Onkel stehen, der ihn erwartete. Der junge Mann bezwang sich, indem er zu ihm trat und ihm zum Abschied die Hand reichte, und fragte noch einmal nach Lolo. Der Gutsherr antwortete, daß sie auf ihrem Zimmer sei. Der Student erwiderte weiter nichts und schritt durch das Hoftor das Dorf hinunter. Auf der Gasse begegneten ihm einige Bauersleute, die ihn kannten und ihm beim Anblick seiner Reiserüstung eine fröhliche Wanderschaft wünschten. Max dankte ihrem Gruß, indem er sich zu einer lächelnden Freundlichkeit zwang. Aber sein Herz war voll von den Gefühlen dieses Scheidens, welches das letzte sein sollte. Er ging langsamer und langsamer, und seine Schritte wurden kleiner, je weiter er das Dorf hinauskam. Draußen blieb er noch einmal lange stehen und blickte zurück. Das Herrenhaus, welches höher lag, ragte über die Hütten des Dorfes, und er konnte Lolos Fenster sehen. Die Jalousien waren noch geschlossen. Einmal glaubte er, eine weiße Gestalt dahinter zu sehen, aber wieder waren es nur die Gardinen gewesen, mit welchen der Wind durch das offene Fenster spielte. Kein Tüchlein wehte, kein letzter Abschiedsgruß der weißen Hand Lolos winkte heraus. Mit einem bangen, tiefen Seufzer kehrte sich dann der Scheidende um und wanderte seinen Weg fort. Währenddessen war Lolo mit der armen, niedergebeugten Anne einen kürzeren Weg zur anderen Seite des Dorfes hinausgegangen. Die beiden Mädchen wandelten durch die grünen, lachenden Felder dem Walde zu, von dessen Bergesgipfel man einen weiten Blick über die ganze Gegend hatte. Lolo bemühte sich, die arme Arbeiterin zu trösten, deren Stimmung auch allmählich vor dem Glänze des herrlichen Morgens sanfter wurde. Unterwegs schweiften sie, im Walde angekommen, zwischen den hohen Bäumen umher, wo sie Sträuße suchten, und indem sie sich abwechselnd mehr oder minder voneinander entfernten, vereinigten sich ihre lauten Stimmen mit dem Gesang der Vögel und dem geheimnisvollen Rauschen der frischen Morgenlüfte in dem Laub des Waldes. So kamen sie später, als der gerade Weg sie geführt hätte, auf dem Berge an, wo sie sich in das Grün des Mooses niederließen. »Sieh, wie schön es hier ist«, sagte Lolo, indem sie ihren Arm um die andere schlang. »Den Sommer über wollen wir, sooft es geht, am Morgen Ausflüge auf diese schönen Berge machen. Du wirst dich allmählich über das harte Geschick trösten, welches dich betroffen hat, und dich ruhiger in dein neues Leben finden.« Die beiden Mädchen saßen lange hier unter den Bäumen, während ihre Blicke über das Bild der weiten Umgegend flogen. In dieser Ruhe, welche der Friede, der stille, fromme Ausdruck der Natur ihren Herzen und Mienen aufprägte, konnte man sie für zwei Schwestern halten, deren innige Zärtlichkeit sie in unschuldiger Freude hier vereinigte. Plötzlich rief Anne aus, indem sie auf eine ferne, kaum erkennbare Gestalt zeigte, die langsam weit hinter dem Dorf den Fahrweg verfolgte: »Sehen Sie, – dort! Fräulein, – auf dem Wege zieht ein Wanderer; fast sollte man ihn der Gestalt nach, soweit man es erkennen kann, für Ihren Vetter Max halten. Er hat weder den Gang noch das Ansehen eines der Dorfbewohner.« »Wie sollte der jetzt dahin kommen?« sagte Lolo unruhig. »Du mußt dich täuschen; es läßt sich ja auch kaum mehr als die Gestalt selbst erkennen.« Beide sahen eine Zeitlang stumm und forschend nach dem fernen Punkt; plötzlich aber stießen sie beide wie auf einen Moment einen Ausruf aus. Der Wanderer war in diesem Augenblick stehengeblieben und hatte ein Ränzchen, welches er auf dem Rücken trug, abgeworfen, um sich am Rand des Weges niederzulassen. Diese Bewegung ließ ihn den Mädchen einen Moment lang in deutlichen Umrissen erscheinen. »Er ist es! – Es ist Max!« erscholl es zu gleicher Zeit aus beider Munde. »Aber was soll das bedeuten?« fügte Anne lebhafter hinzu; »er ist zur Abreise gerüstet; sollte er das Haus Ihres Vaters verlassen haben, ohne Ihnen etwas zu sagen?« Lolo antwortete nicht. Sie war plötzlich von ihrem Sitz aufgesprungen und starrte einen Augenblick auf den fernen Punkt; dann aber rannte sie mit ängstlicher Hast den Berg hinunter nach jener Richtung zu. Anne folgte ihr mühsam. »Fräulein, Fräulein! Ach mein Gott, es ist ja zu weit, Sie können ihn nicht erreichen«, rief sie ihr nach. »Ich will in das Dorf zurückkehren und nach ihm fragen. Sie können ja den Wagen anspannen lassen, um ihn sicherer einzuholen!« Aber Lolo hörte nicht. Mit der Behendigkeit eines Rehes rannte sie den Berg hinunter zwischen den Bäumen und Sträuchern hindurch, welche die Zipfel ihres Kleides und ihre langen, wildflatternden Haarflechten streiften. Es war ein vergebliches Mühen, diese ängstliche Jagd um die verlorene Liebe. Bevor sie noch die Tiefe des Berges erreicht, sah sie den Wanderer von seiner kurzen Rast sich wieder erheben, sein Ränzchen über den Rücken werfen und seinen Weg weiter verfolgen. Erschöpft, mit hochfliegender Brust und vor Erregung leuchtenden Augen blieb sie einen Augenblick, an einen Baum gelehnt, stehen; dann aber erhob sie ihre Stimme zu einem bangen, lauten Ruf des geliebten Namens. Nur das Echo dieser Berge antwortete ihr, und der Ton ihrer Stimme verflog in dem Rauschen der Bäume. Der ferne Wanderer setzte seinen Weg gleichmütig fort, der Ruf jagte nur ein Vöglein auf, das erschrocken aus dem nächsten Busche von dannen flog. Lolo begann von neuem zu laufen, und ihre sanfte, weiche Stimme erhob sich nochmals und immer wieder zu dem wehmütigen, verzweifelnden Ruf ihres Herzens. Zuletzt, da sie sah, wie all ihre Mühe vergebens war, sank sie unter der Last ihrer Anstrengung ermattet zu Boden, und die Tränen stürzten mit gewaltsamer Heftigkeit aus ihren Augen. Anne erreichte sie keuchend und mit Mühe, und es war ein rührender Anblick, wie das arme Kind der Hütte, welches zuvor selbst noch so sehr des Trostes bedurfte, jetzt bei dem Ausbruch der trauernden Liebe niederkniete und den Schmerz derselben zu lindern suchte. Lolo erlag unter dem plötzlichen, ungemessenen Ausbruch ihres Leides; ihre Stimme schluchzte, während sie ihr Antlitz in den kleinen, weißen Händen verbarg, und ihr Herz zuckte unter dem Gram und Weh ihrer Liebe. So saß sie da in dem stillen, waldigen Grunde, ein blutendes Reh, das seine Wunde tief in die fernste Einsamkeit trägt. »Komm, – komm!« rief sie dann plötzlich aufspringend, »wir wollen ins Dorf, wir wollen ihm nach, ich werde von meinem Vater die Wahrheit verlangen.« Anne ließ sich von der bedrängten Hast der Liebenden fortziehen, und beide eilten dem Herrenhause zu, welches zwei Tage vorher noch so viel Glück in sich einschloß und jetzt der Herd der Trauer und tiefen, heimlichen Leides geworden war. 10. Die Nacht und ihre Gesellen. »Es sitzt auf seinem Dache Im roten Kleid die Rache.« – Die Dämmerung war dem tieferen Dunkel des Abends gewichen. Im Dorf war es still, nur in der Ferne schlugen die Hunde an, und vom oberen Ende des Dorfes hallten die Töne der Musik, welche im Wirtshaus spielte. Einer der Knechte hatte Herrn Stempel gemeldet, daß er bei der Rückkehr vom Tanz den Waldwärter in verdächtiger Weise um das Haus habe schleichen sehen. Der Gutsherr schickte mehrere Leute aus und sah selbst in den Ställen und auf dem Hofe nach; da aber nirgends weder von dem Waldwärter noch in anderer Weise etwas Verdachterweckendes bemerkt wurde, so glaubte man, daß der Waldbeamte wohl nur zufällig, vielleicht zu einem weiteren Gang, vorübergekommen sei, und Herr Stempel begab sich nach seinem Gemach. Bald darauf wurde das äußere Hoftor geschlossen, und die Knechte und Mägde gingen ebenfalls zur Ruhe. Die Musik im Wirtshaus tönte noch eine Zeitlang durch die Stille der Nacht; bald aber hörte man auf den Gassen die singenden, lauten Stimmen der heimkehrenden Dorfbewohner, und es wurde ringsum stiller und stiller. Das Herrenhaus lag stumm und dunkel mit seinen großen Umrissen da; nur aus einem der Fenster, die nach dem Garten gingen, schimmerte ein mattes Licht. – Lolo hatte den Rest des Tages in banger Trauer auf ihrem Zimmer zugebracht. Ihr Vater hatte ihrem Ansuchen wegen des Wagens nicht willfahrt, indem er vorgab, daß die Pferde anderweitig gebraucht würden, und sie hatte sich still und schweigend in das Geschick finden müssen, allein, in der Einsamkeit ihres Herzens der entflohenen Liebe nachzuweinen. Jetzt saß sie bei dem matten Dämmerschein ihrer Lampe auf ihrem Lager und starrte trostlos vor sich hin. Ihre schönen langen Haare waren aufgegangen und flössen in dichten Wellen über Hals und Schultern; ihre Händchen waren gefaltet wie zum Gebet, und ihre Lippen bewegten sich hin und wieder unter den leis hinausziehenden Träumen ihres vollen Herzens. Anne hatte sich nicht zurückweisen lassen, sondern sich in demselben Zimmer unweit des Fräuleins niedergelegt, und ihr tiefer, ruhiger Atem bewies die Festigkeit ihres Schlummers. Lolo blickte mit schmerzlichem Lächeln nach ihr hin und sank dann zurück, indem sie ihr bleiches Gesicht in die Kissen drückte. Die Gewalt ihrer Gefühle überkam sie wieder mit ihrer ganzen Macht, und aus dem Schluchzen und leisen Aufzucken ihrer Stimme klang nur verstohlen und krampfhaft manchmal der Name des entfernten Geliebten. Aber Max hörte sie nicht, sondern seufzte und weinte gleich ihr in der Ferne um sie. Die Ermattung des Körpers siegte zuletzt über die Unruhe ihrer Seele, und allmählich sank auch in dies Gemach des Leides die tiefe Stille der Nacht. Die Lampe flackerte trüber auf; dann, als die Flamme an dem trocknen Docht keine Nahrung fand, erstarb sie ganz. – Es war um Mitternacht, als die Gestalt eines Mannes sich über die Gartenmauer schwang und langsam und vorsichtig dem Herrenhaus zuschlich. In der weiten Umgegend war kein Laut mehr zu hören, der Schlaf lag über der ganzen Gegend. Der Fremde blickte einen Augenblick nach den Fenstern des dunklen Gebäudes; es war alles ruhig, nur das Geräusch seiner leisen Schritte knisterte über den Kies des Weges. Als der Eindringling an den Mauern des Hauses vorüberschlich, konnte man an dem tiefen Atemholen die Aufregung seiner Brust gewahren. Seine Augen glänzten in düsterem Feuer, während er die dunkle Nacht zu durchforschen suchte, und seine Hand zitterte, als er sich weitertastete und jeden Augenblick vorsichtig lauschend wieder stehenblieb. Der Hofraum war von dem Garten an der Seite des Herrenhauses durch einen niedrigen, schmalen Bretterzaun getrennt, so daß die Mägde vom Hof aus nicht erst durch das Haus mußten, wenn sie im Garten etwas zu holen hatten. Der Fremde überstieg jetzt diese Umzäunung und wandte sich nach der Seitenmauer des Hauses, wo einige Stufen zum Keller hinabführten. Die Tür an demselben war mit einem großen Schloß wohl verwahrt, und der Fremde versuchte längere Zeit seine Kraft vergebens daran. Zuletzt zog er ein kurzes Messer aus seiner Tasche, dessen Klinge er zwischen die Seiten des Schlosses einzwängte, um die Fügungen desselben auseinander zu treiben. Das Eisen knarrte und widerstand lange der kräftigen Hand des Angreifers, aber allmählich fühlte er doch, wie es sich immer mehr bog, und jetzt endlich konnte er in das Gewerk eingreifen und die schließende Feder erfassen. Während er sie zurückschob und zugleich das Gehäuse am Henkel niederdrückte, fiel es mit leisem Ton zu Boden. Einen Augenblick stand der Mann regungslos und lauschte, ob das verursachte Geräusch niemanden herbeizöge. Aber es blieb ringsum still wie vorher. Nunmehr hob er die eiserne Klammer, an welcher das Schloß gehangen, aus dem Ring, öffnete leise die Tür und schritt die Stufen hinunter. Zwei oder drei Stufen tiefer blieb er noch einmal stehen, um zu lauschen; dann, als es noch immer ruhig blieb, lehnte er die Tür hinter sich zu. Dichte Finsternis umgab ihn ringsum. Nunmehr zog er ein kleines Feuerzeug aus der Tasche und strich es über die Mauer, deren dunkles Gestein plötzlich von den Streifen des Phosphors erhellt wurde. Dann zündete er an dem brennenden Holz ein kleines Talglicht an und schritt hinunter in die Tiefe des Kellers. In dem hohen Gewölbe lagen die Fässer voll Spiritus und Branntwein, welche der Gutsherr aus seiner Brennerei zog. Die langen Reihen auf ihren Lagerhölzern blickten gleichsam verwundert und drohend dem Eindringling stumm und grau entgegen, der langsam, vorsichtig das Licht in der erhobenen Hand haltend, an ihnen vorüberschritt. An der entgegengesetzten Seite befand sich eine andere Treppe mit hölzernem Geländer und hölzerner Tür, welche aus dem Inneren des Hauses hierher führte. Nach dieser Treppe richtete der Fremde seine Schritte. Er befestigte sein Licht an das Geländer, nahm dann eins der kleineren Fässer und schleppte es die Stufen hinauf bis an die Holztür, wo er es hinstellte und den Spund auszog. Die klare Flüssigkeit strömte an den Reifen des Fasses herunter über die Treppe; der Mann trat rasch zurück, nahm sein Licht und öffnete darauf noch in hastiger Eile die Spunde mehrerer dort liegender größerer Fässer. Der Inhalt derselben füllte geräuschlos den Boden des Kellers, und der Strom folgte den schnellen Schritten des Fremden auf dem Fuße nach. An der Treppe, auf Welcher er hereingekommen, blieb er auf der ersten Stufe stehen. Sein Körper bückte sich nieder, und seine Hand hielt das Licht an den flüssigen Brennstoff, den er entfesselt hatte. Die aufschießende Flamme schlug an ihm empor und sengte ihm Kleider und Haare. In einem Nu war das ganze Gewölbe von einem einzigen blauen Feuer erhellt, und die Flamme leckte bereits jene innere Treppe ab, an deren Tür der Fremde das erste, kleinere Faß aufgestellt hatte. Mit einem Sprung war der Brandstifter die Stufen hinauf, zog die Tür hinter sich zu und verschwand auf dem Wege, den er gekommen. Auf der Gartenmauer blieb er einen Augenblick sitzen und blickte mit teuflischer Freude zurück nach dem Ort des Unheils, von wo ein heller Widerschein ihn bereits von dem Gelingen seines Planes vergewisserte. Die Nacht war ruhig und still; kein Geräusch verriet Leben in dem weiten Umkreise. Jetzt schlugen die hellen Flammen aus den untern Fenstern des Herrenhauses, und ein Knistern und Prasseln verriet das Umsichgreifen des Feuers. An der Seite des Hauses, dem Durchgang des Gartens zu, stand ein Stall, dessen morsches Dach bald von den ausbrechenden Flammen ergriffen wurde, und der dröhnende Fall eines Balkens und das ängstliche Brüllen des Viehes weckte zuerst einige Knechte. »Feuer! – Feuer!« erscholl jetzt der laute, ängstliche Ruf durch die Stille des Dorfes. Die erschrockenen Bauern stürzten aus ihren Hütten auf die Gasse, wo ihnen der helle Schein der lohenden Glut plötzlich und grell in die schlaftrunkenen Augen fiel. Die dunkelrote Flamme von dem Dach des Stalles und aus den untern Fenstern des Herrenhauses erhellte weithin die nächtliche Dunkelheit, und die Rauchwolken wälzten sich dicht und grade in schwarzen Massen durch die lautlose Luft. Nur aus dem Innern des Hausflurs, von der Seite des Kellers, schoß das glänzende, weißblaue Licht der brennenden Spirituosen Stoffe zwischen den übrigen Flammen hindurch. Der Hofraum füllte sich mit den ratlosen Bauern und Arbeitern, die mehrere Momente lang in die furchtbare Verheerung blickten, ohne zu wissen, wie sie dem Elemente Trotz bieten sollten. Endlich erschien eine kleine Spritze, die einzige, welche das Dorf besaß. Aber es war keine Hoffnung, mit den geringen Kräften der tobenden Wut des Elementes Einhalt gebieten zu können. Jetzt galt es nur noch, einen Teil vor dem Umsichgreifen der Flammen zu schützen und das Leben der Inwohner zu retten. Die lauten, rufenden Stimmen des Volkshaufens mußten ihnen allen die Nähe der Gefahr kundgetan haben, wenn es nicht das Geräusch der allmählich weitergreifenden Verheerung schon getan hatte, – oder wenn es nicht bereits zu spät war. Der Gutsherr war bei dem ersten Lärm der Knechte aufgesprungen. Als er ans Fenster trat und den hellen Widerschein über der ganzen Umgegend gewahrte, sprang er entsetzt in leichter Bekleidung durch das Fenster in den Garten hinab. Der Verwalter hatte sich durch das Erdgeschoß ebenfalls noch gerettet; die Knechte und Mägde kamen aus ihren Kammern, die teilweise in den Nebengebäuden lagen, herbei. Von allen Inwohnern des Gehöfts fehlten nur zwei: die Tochter des Gutsherrn und ihre Milchschwester, die arme Anne. Herr Stempel rannte mit dem Verwalter nach dem Hof und ließ die Dorfspritze nach dem Garten bringen. Auf dem Gesicht des verhärteten Mannes malte sich jetzt die Angst und das Entsetzen, und er blickte in verzweifelnder Ratlosigkeit nach den Fenstern hinauf, wo sein Kind lag. Über die Treppe nach ihrem Zimmer zu gelangen, war nicht mehr möglich, denn im Innern des Hauses wütete das Feuer in ungehemmter, entfesselter Macht. Jetzt wurde die Spritze vom Garten aus nach den Fenstern des obern Stocks gerichtet. Eine der Jalousien war halb geöffnet, und man konnte eine weiße Gestalt erkennen, die an der Fensterbrüstung niedergesunken war; das Geschrei der unten Versammelten vermochte indes die Ohnmächtige nicht zu erwecken, und ein leichter Rauch, welcher aus dem Fenster aufwirbelte, zeigte, wie groß die Gefahr und wie schnell die Hilfe nötig war. Die Löschanstalten begannen ihr Werk; der Wasserstrahl rauschte und schoß unaufhörlich durch das halbgeöffnete Fenster, dessen Scheiben er zertrümmert hatte, in das Gemach, und der trostlose Vater sandte Knecht auf Knecht nach Leitern zur Rettung. Lolo war nach der Ermattung, welche das Leid des Herzens auf ihren Körper ausgeübt hatte, in einen tiefen, festen Schlummer gesunken. Sie träumte vielleicht von ihrem fernen Geliebten, und nur das schmerzliche Aufzucken ihres Herzens verriet, daß auch noch im Traum die Unruhe und Wehmut ihrer Seele sie nicht verlassen habe. Ein lauter, durchdringender Schrei ließ sie erwachen, und ihre langsam aufblickenden Augen sahen Annen, welche das Rufen der Leute und ein brandiger Geruch im Gemach vom Lager aufgerissen hatte, am Fenster beim Öffnen der Jalousien niedersinken. Der Schreck jagte sie empor, aber sie hatte nicht die Kraft mehr, das Fenster zu erreichen. Der dichte Qualm umnebelte ihre Sinne und erstickte den Hilferuf auf ihren Lippen; mit einem kurzen, wimmernden Laut sank sie vor ihrem Bett zu Boden. Die Bogen des Wasserstrahls, welche ins Zimmer schössen, brachten sie zuerst wieder zur Besinnung; sie fühlte, wie trotz der rauschenden Wassermassen der Boden heißer und heißer unter ihr wurde und durch die Ritze der Tür der Rauch dichter und dichter hereinquoll. Mühsam suchte sie sich nach dem Fenster zu schleppen, aber die Kraft verließ sie noch einmal und in ohnmächtiger Angst sank sie zusammen. In diesem Augenblick waren unten die Knechte mit einer Leiter angekommen und legten sie nach der Anordnung des bangen Vaters an das Fenster an. Ein Knecht bestieg eben die ersten Sprossen, als ein Weib den Haufen zerteilte, den Mann von der Leiter zog und mit der Behendigkeit einer Katze hinauflief. Die überraschten Dorfbewohner sahen der blödsinnigen Susanne mit bangem, tiefem Schweigen nach, und die Spritze hielt einen Augenblick in ihren Bemühungen inne. Die Blödsinnige schwang sich in das Fenster und nahm die weiße Gestalt, die ihr hier zunächst lag, leicht wie ein Spielwerk in ihren Arm. Schon hatte sie den Fuß wieder auf die Fensterbrüstung gesetzt, als sie plötzlich die Ohnmächtige wieder losließ und tiefer in das Gemach verschwand. Die kurze Bewegung hatte die unten Harrenden in der Gestalt der Ohnmächtigen die arme Anne, die Tochter der Blödsinnigen, erkennen lassen; aber sie hatten kaum Zeit, über das seltsame Verfahren der Mutter sich aufzuhalten, als Susanne auch wieder in dem Fenster erschien. In ihrem Arm trug sie gleich einem Kinde das bewußtlose Fräulein. Der Vater ließ bei diesem Anblick einen Ruf der Freude ertönen, und die Blödsinnige trat mit ihrer Last sicher in langsamen Schritten die Leiter herunter. In diesem Augenblick wurde auch das ganze Gemach von einem glänzenden Lichtmeer erhellt, und das Feuer, welches sich durch die unterbrochene Tätigkeit des Löschapparates nicht mehr gehemmt sah, ergriff die ringsum stehenden Gegenstände. Ein Schrei des Entsetzens flog aus aller Munde, als sie Annen noch immer leblos am Fenster liegen und das Feuer sich ihr nähern sahen. Die Spritze begann mit erneuter Macht ihr Werk. Aber es war nunmehr keine Hilfe gegen das wachsende Element mehr möglich, und Anne war verloren, wenn ihr nicht schnelle Rettung von diesem Ort des Verderbens zuteil wurde. Die blödsinnige Mutter war von der letzten Sprosse gestiegen und legte ihre gerettete Last einige Schritte weiter in das Gras, indem sie sich bemühte, die Bewußtlose ins Leben zurückzurufen; um das Weitere bekümmerte sie sich nicht. Der Gutsherr kniete ebenfalls an der Seite seiner Tochter nieder und suchte sie mit freudigen Gefühlen wieder aufzurichten. Da faßte sich einer der Knechte ein Herz und stieg, während die Spritze unablässig über sein Haupt hin und an seinen Schultern vorüber die Wasserbogen in das Gemach sandte, hinauf, um die arme Verlassene zu holen. Es gelang ihm schwer und mühsam, trotz seiner angestrengten Kraft, aber es gelang doch. Es war in der Tat die letzte höchste Zeit, denn kaum war er mit ihr auf der Erde angekommen, als auch der Boden des Zimmers mit donnerndem Geprassel drinnen zusammenstürzte. Eine dunkle, lohende Glut schoß nunmehr an den Trümmern empor, und aus allen Enden des Daches loderten die Flammen auf. Die Spritze schwieg. An Unterdrückung des rasenden Elements war nicht mehr zu denken; konnten sie doch von Glück sagen, daß sie die gefährdeten Menschenleben soweit gerettet hatten. Lolo erholte sich bald in den Armen ihres Vaters und unter den tätigen Händen der Blödsinnigen. Als sie aber wie aus einem bangen Traum in die hellen Flammen des Gebäudes starrte und wenige Schritte von sich die Gruppe um die leblose Anne erblickte, raffte sie sich auf und stürzte an die Seite der geopferten Armen. »Anne! – Anne! – Du!« stieß sie schluchzend heraus, indem sie die Hände der schrecklich Verstümmelten ergriff. Sie beugte sich über die Leblose nieder und blickte lange und bewegt in das bleiche, von Brandwunden entstellte Gesicht der Sterbenden, deren leises, stöhnendes Atmen das baldige Ende ihres Kampfes verriet. Ihr Herz war voll von den schmerzlichen Empfindungen, welche die Erinnerung an das ganze Lehen und Ende dieses Opfers der Armut in ihr hervorrief. Die alte Blödsinnige stand gleichmütig dahinter; nur die Freude über die gelungene Rettung des Fräuleins blickte aus ihren stolz aufleuchtenden Augen, die unverwandt an derselben hingen. Der Gutsherr, dessen Angst sich nunmehr zufriedengegeben, sah düster in die aufsteigenden Flammen, welche sein stolzes Gebäude in Schutt und Asche legten. Seine Gefühle waren bereits wieder einzig und allein auf die materielle Seite dieses Ereignisses gerichtet; seine Tochter und das unglückliche Opfer beschäftigten ihn nicht mehr. Er hatte seine gewohnte Umsicht wiedergefunden und einen reitenden Knecht nach der nächsten Gutsherrschaft gesandt, dem er dann später mit seiner Tochter zu Wagen folgen wollte, um für die nächste Zeit ein standesgemäßes Unterkommen zu finden. Die Spritze war auf seine Anordnung wieder beschäftigt, die übrigen Ställe und Nebengebäude vor dem Weitergreifen des Feuers zu sichern. Während er so dastand und in tiefem Groll mit dem Geschick haderte, welches ihm nach so langen glücklichen Jahren diesen Schlag versetzte, weckte ihn plötzlich ein lautes, gellendes Gelächter aus seinen Träumen. Als er sich umsah, gewahrte er den Waldwärter Franz, der oben auf der Anhöhe des Gartens in der Tempelhalle stand. Die Flammen warfen ihr helles Licht auf seine hohe Gestalt in dem kurzen Waidrock, die gespenstisch in dieser Beleuchtung aus dem dunkeln Hintergrunde hervortrat, und der entsetzte Gutsherr konnte die boshafte, triumphierende Freude befriedigter Rache in seinen Zügen erkennen. Der eine Arm war drohend erhoben, der andere schwenkte das Gewehr, während sein wildes Lachen durch die Lüfte gellte. »Mein Wort! – mein Wort! – Ich hab es dir gelöst!« rief er herüber. »Ich habe das Leben meiner Mutter und mein Leben gerächt! Sieh! – Sieh in die Flammen, welche deine zusammengeraubte Habe verzehren, sie sind mein Werk; – ich habe dich zum Bettler gemacht!« »Fangt ihn! – Bringt mir ihn lebendig!« schrie der Gutsherr mit dem Fuße stampfend, während einige der Bauern der Anhöhe zuliefen. Aber es war zu spät. Ein neues, höhnisches Gelächter antwortete ihm, dann hallte ein Schuß durch die nächtliche Stille. Als die Bauern die Anhöhe erreichten, fanden sie den Waldwärter in seinem Blute schwimmend. Die Kugel war ihm mitten durchs Herz gegangen und hatte seinem Leben auf der Stelle ein Ende gemacht. 11. Schluß. Max hatte die Nacht auf einem Dorfe Rast gemacht und erfuhr beim ersten Erwachen den stattgehabten Unglücksfall. Voll Besorgnis kehrte er auf diese Nachricht wieder zurück, um, wenn auch nicht mehr zu helfen, so doch die Überzeugung zu holen, daß keinem seiner Angehörigen ein Schaden dabei zugestoßen sei. Der Student dachte nicht mehr an die erlittene Behandlung; eine bange, teilnehmende Angst beflügelte seine Schritte. Auf der Brandstätte traf er seinen Onkel, der von dem benachbarten Gute, auf welchem er Zuflucht gesucht, am frühen Morgen zurückgekehrt war, um die Wegräumung des Schuttes anzuordnen. Lolo hatte er dort zurückgelassen. Der Gutsherr empfing seinen Neffen durch die Stimmung, in welche ihn das Ereignis versetzt hatte, noch unfreundlicher und zurückstoßender und beantwortete die bewegte Frage nach seiner Tochter barsch, daß sein Neffe sich nach ihr nicht zu erkundigen habe. Max kehrte sich schweigend von ihm ab. Einen Tag lang blieb er noch im Wirtshaus des Dorfes und besuchte am Nachmittag die Hütte der alten Blödsinnigen, wo er die Leiche der geopferten Anne lange mit schweigendem und düsterem Ernst betrachtete. Am folgenden Morgen trat er den Rückweg an. Der Gutsherr hatte sich wieder zu seinen benachbarten Standesgenossen begeben, und Max wollte daher um so weniger den Umweg über das Gut machen, wo Lolo sich aufhielt, als er die Besitzer nur oberflächlich kannte und namentlich dem Junker seit der letzten Anwesenheit im stillen nicht recht gewogen war. Zudem sagte er sich in bitterer Erinnerung an den letzten Abschied, daß es doch wohl fruchtlos wäre, seine Verlorene aufzusuchen. So wanderte er traurig und einsam von neuem hinaus, in seinem Herzen nichts mehr von all dem reiben Glück als den Traum einiger kurzer, schöner Tage. – Herr Stempel baute das Herrenhaus bald wieder in der alten Pracht und Üppigkeit auf und hat jetzt seinen Handel weiter als je ausgedehnt. Lolo hat einige Jahre später den Junker des benachbarten Ritterguts geheiratet, der an jenem Pfingstfest sich so angelegentlich um sie bemühte. Wie man sagt, hatte Herr Stempel ein großes Kapital zum Aufbau und zur Herrichtung des Hauses von dem Vater des Junkers erhalten. – Anne liegt an der Kirchhofsmauer an jener Stelle begraben, wo die Zweige einer hohen Linde über die Mauer ragen und ihren Schatten auf den Hügel werfen. Der einfache, graue Stein ohne Inschrift, der dort steht, verrät nicht, welch ein treues Herz darunter gebrochen. Es besucht niemand ihr Grab, es spricht niemand mehr von ihr; nur die kleinen Vögel singen allmorgens über ihr in den Zweigen, und die Linde wirft ihre Blüten auf sie herab. So ging es an ihr in Erfüllung: »Sie gruben sie ein in tiefem Grunde, Das treueste Herz in weiter Runde. Sie gruben sie ein ohne Sang und Klang, Nur die Bäume rauschten den Grabgesang, Und um sie wird niemand traurig sein Als nur die kleinen Waldvögelein.«