Willy Seidel Das siebenköpfige Tier I Wo das Wasser noch nicht das Rad der Mühle getrieben, trug es noch die Verpestung der Fabriken in sich: erst später, lange hinter der Mühle, klärte es sich im Grün der Wiesen wie eine sündige Seele, die sich läutert unter dem Himmel. Auf die Mühle zu, dem Zickzack des Wassers bedächtig folgend, das sie durch sanfte schwäbische Hügellandschaft führte, schritten zwei Spaziergänger. Das wohlwollende glatte Gesicht und die ein rundes Bäuchlein umhüllende Soutane des einen deuteten auf geistlichen Beruf, während der andere mit Anzeichen höheren Beamtentums nicht hinterm Berg hielt, als da waren: Backenbart, goldene Brille und abgezirkelte Grandezza beim Aufsetzen des Knaufstocks. – An diesem prangenden Julisamstag hatten sie beide in einer Waldschenke gespeist und waren nun auf dem Rückweg in die Kreisstadt. Da wurden sie aus ihren beschaulichen Gedanken gerissen. Eine kleine Rotte von Häuslerjungen brach aus dem Wald und lief ihnen voll Erwartung voraus. »Was gibt's ?« rief der Pfarrherr. – »In der Mühle ischt wieder Krach!« schrien sie zurück; und vorwärts stoben sie, wie um den Beginn einer Zirkusvorstellung nicht zu versäumen. – D. Hilarius Degele stand still, entfaltete sein Taschentuch, barg sein gerötetes Gesicht darin und blickte dann leise seufzend mit seinen guten Augen nach der Mühle hinüber. »Was soll's denn da geben?« erkundigte sich der Stadtamtmann Egidius Matterlin. »'s ist unser Ketzer«, sprach Degele in drolliger Verzweiflung. »Der alte Hader; wahrscheinlich mit dem Knecht oder der Tochter. Zwar Stühle und Töpfe fliegen wohl nicht herum; aber genug irre Worte, um selbst ein Juristenhirn wie Ihres zu verrücken. Ich muß da wieder einmal eingreifen; 's ist meine trübe Pflicht. Dieser Reibedanz! Gott wird ihm das Fell noch gerben und Handschuhleder daraus machen, dem schwarzen Gemeindeschaf. Arbeitsam sonst und friedsam – aber der Sparren! Der wunderliche Sparren!« »Ein Phantast, dieser Mühlentischler ?« »Gott bewahre Sie! Haben Sie noch nichts gehört? Aber 's ist denkbar. Er hat weder Anverwandte noch Freunde und fällt sich nur selbst zur Last. Offenste Bereitschaft hab' ich schon verschwendet an den Verstockten. Bestechendstes Argument gesetzt gegen das krause Wesen. 's ist leichter, eine Kuh in den brennenden Stall zu treiben als diesen Elenden in den Kirchenschoß. – Doch setzen wir uns. Unter das Bäumchen dort.« »So laß uns denn, o Phaidros, der Ruhe pflegen unter jener schattenspendenden Platane«, zitierte der Humanist. »Also, was gibt's mit dem verrückten Tischler?« »Dies ist ein verkrüppelter schwäbischer Kirschbaum«, sagte der Pfarrer aufschnaubend, »und die Angelegenheit ebenso unhellenisch. Unter Maria Theresia – so sagt man mir – waren die Vorfahren dieses Gotthold Reibedanz ausgewandert. Nach Siebenbürgen. Von dort kommt auch er. Von jeher war er verbissen, in unfrohem Ehrgeiz; das hat man dort nicht gern. Gott ist denen gefälliger, die sich freudig tummeln. Die anderen, die Seine Gnade herabzwingen wollen mit finsterer Gewalt, die lehnt Er ab. Der Meister hat allerlei angedeutet; so reime ich mir's zusammen. Als er Geld gehamstert hatte, geschah ihm das, was er ›Erleuchtung‹ nennt. – Ich nenn's Verfinsterung. Freilich, besser noch so eine Art Glauben als überhaupt keiner; darum habe ich mich abgegeben mit ihm.« »Das war tolerant, Hochwürden.« »Um die Seelen zu erfassen, muß man sie erst volllaufen lassen vom Irrtum. Ein reifer Irrtum fällt dann vom Stengel wie eine faule Frucht. Der Irrtum wird mürbe; der Meister reift mir entgegen. Zwischendurch ist so lautes Unwesen nur ein – Umweg zu uns.« »Was für ein Sektierer ist er denn ?« »Einer der Unglücklichen, die sich Neu-Irvingianer nennen. Statt des Kreuzes hängen sie in den Betsaal die Symbole der vier Evangelisten: Engel, Löwe, Stier und Adler. Ich habe mich, recht widerwillig, befaßt mit ihren Doktrinen. Der Meister verweist mich auf ihr Blättlein; ›Zepter Juda‹ nennen sie's. Eine arme Näherin – so heißt's darin – bezeichnete zwölf Mannsbilder als Apostelwiedergeburten. Vom Spirito Sancto, so verkündete sie hochtrabend, sei sie geküßt, und sie sei demnach ihrer Sache gewiß und sicher. Und da unser Herr übergegangen sei in die Apostel, so sei auch jeder der sotanen Männer ein Teilstück, sozusagen ein christliches Zwölftel. Der brave Tischler läßt sich durchaus nicht überzeugen, daß hier ein fieberkranker Schwarmgeist, ein ekstatischer Blaustrumpf mit dem Dogma umspringt, als sei es Großmutters löcheriger Regenschirm; daß es einen schmunzeln macht, wie sie aus ein paar schlichten Gemütern sozusagen eine Heiligenkonkurrenz aufrufen will. Als ob nicht von Sankt Petro die legitime Kette liefe, angeschmiedet vom Herrn an Seinen Fels!... Und wie sie ihre Favoriten im Rundschreiben an Welt- und Kirchenbehörde ankündigt, ist nicht ohne Selbstbewußtsein. Diese zwölf Apostel, sagt sie, würden nie sterben. – Sie raten recht, Matterlin; sie sind doch gestorben, soweit sie reif waren. Aber man half sich. Man stattete sie etwas besser aus. Man gab ihnen die Macht der ›Versieglung‹; in jede Lücke springt nun ein neuer Kandidat mit den ›Geistesgaben der Urkirche‹; der Heilige Vater ist daher im vorhinein eine anmaßende Überflüssigkeit. Wenigstens sagt das Meister Reibedanz. Er selbst –« der Pfarrer kicherte – »ist der Apostel Johannes.« »Also«, meinte der Stadtamtmann, »nicht gerade der allerbescheidenste Posten. Mit dem Symbol des Adlers.« »Spricht fast für ihn. – Die einfältige Seele: das Beste ist ihm gut genug. Einmal im Jahr fährt er nach Ruppin in apostolischer ›Mission‹ und ›versiegelt‹ dort Hinz und Kunz; teilt aus vollem Säckel ›ewige Seligkeit‹ aus. Mit mir diskutiert er gern, wenn's ihn packt; läßt mich gelten als Kollegen von der Irrtumspartei, der Mitleid verdient. – Doch, Matterlin, mich dünkt, wir schaffen's nicht mehr in rechter Zeit zur Stadt; brechen wir jetzt auf. Ich habe mich ohnedies etwas zu warm geredet für einen Diener Gottes. Ich müßte es mir aufsparen. Ich brauche meinen Zorn bald genug wieder ungeschwächt für den Menschen, denn er schickt mir die Kleine nicht zur Kommunion.« Sie schritten fürbaß. II »Wann spürtet Ihr denn zuerst Eure ›Erleuchtung‹, Meister?« fragte Molk, der Knecht, mit hämischem Unterton und sehr laut. Der Tischler Gotthold Reibedanz gab dem Balken, den das Sägeblatt des Blockgatters kreischend durchtanzt hatte, einen Stoß. Das dicke Brett fiel in einer Wolke gelben Holzstaubs klappernd auf die Seite. Molk und sein Brotherr standen sich mit hängenden Armen gegenüber. Reibedanz wischte sich mit dem Handrücken schweißverklebtes Sägemehl von der Stirn. Der Schuppen wurde durchtost vom Rhythmus des leerlaufenden Gatters, an dem die Pleuelstange der Welle stieß und zerrte. Der Tischler liebte die Frage des Knechtes; wohlvorbereitet traf sie ihn. »Molk«, sagte er rauh und ebenso laut und krauste die Hakennase, »das ist vierzehn Jahre her, in Ungarn, da sagte unser HErr zu mir, träumenderweise: ›Nimm die Zara zu dir, das Zigeunermensch, die Verworfene.‹ – Da droben liegt sie nun.« Er deutete mit dem Daumen nach dem Kirchhof am Hügel. »›Du bist mein Lieblingsapostel‹, hat Er mir weiter gekündet. ›Noch ist der Heilspfad dunkel. Aber Johann der Evangelist hat sich zur Wiederkunft erkoren deinen Leib. Üb' Sanftmut!‹ – Und die Zara ist bei mir, den Kopf voll Münzen wie ein Rabennest und das Hemd gänzlich offen auf der Brust. Weg von mir, Versucherin! Geprügelt hab' ich sie und den Hobel nach ihr geworfen. Schachmatt hab' ich ihn gesetzt, den Satan, auf Geheiß des HErrn. Da ward sie zahm. Ihre Seele hab' ich verwaltet für ihn, so gut ich's vermocht. Bis Er sie hinwegnahm von mir.« »Sie muß einen Narren gefressen haben an Euch.« »Was da! Vor ihrem Buhlen floh sie. Der wollt' sie umbringen, weil sie seinen Eßtopf mit dem Rock gestreift. Derlei Aberwitz herrscht noch bei den Heiden. Sie war geächtet, und ich hab' mich ihrer erbarmt.« »Und habt sie aus Erbarmen gefreit.« »Jawohl. Was lacht Ihr so töricht ? Gefreit hab' ich sie und versiegelt.« »Was heißt das, Meister ?« »Ich als Apostel« – der Meister hob jetzt seine Stimme zum Singsang – »darf versiegeln. Das ist meines Amtes, und wen ich versiegle, der wird teilhaft der ewigen Seligkeit. So erspart' ich dem HErrn die Mühe der Läuterung; sauber ging sie ein zu Ihm. Fort war das Heidentum, ganz fort.« Er war bleich, und sein Schnurrbart zitterte. »Und das Kind, Molk – mir anvertraut vom HErrn –, das Kind der Sünde, auch dieses hab' ich versiegelt.« Molk kratzte sich den Kopf. Um die Schlafenszeit setzte der Knecht sich auf einen Bretterstapel und schmauchte. Da kam, in der Dämmerung, das Kind Seraphine, das »Kind der Sünde«, um die Ecke. Mit kleingekniffenen Augen musterte er sie und erkannte das sprossende Weibtum der Vierzehnjährigen; die beim Schlendern leicht sich wölbenden Hüften; die kecke kleine Brust unter der blauen Schürze. Sie trat näher und peitschte mit einer Weidengerte die Luft. Die kurze Oberlippe gab dem halboffenen Mund was Zutrauliches. Zwei Schneidezähnchen schimmerten hervor. Das Kinn war flach; und so schien das Gesichtlein zu schnuppern, zu kosten. Sommerfleckig war der Sattel der spitzen Nase; darüber floh die Stirn rasch ins düsterrote Haar, das wie Glutgezüngel die schuldlose Verderbtheit der Züge rahmte. Sie hieb sich mit der Gerte an die Wade und schnitt eine Reihe von kleinen Grimassen dabei. Auf seine einladende Gebärde hin schwang sie sich auf den Stapel und ließ die Beine baumeln. »Der Vater«, sprach sie, und ihre Stimme war sehr hell und süß, »der Vater, Molk, hat er Euch von seiner Erleuchtung erzählt?« »Hat Sie's gehört, Jungfer ?« »Ja. Und von der Mutter.« »Sag' Sie, Jungfer ... war Ihre Mutter eine Zigeunerin?« »Freilich, Molk. Sie ließ das Zaubern nicht. Vater war sehr bös mit ihr.« Nach einer Pause sagte Molk: »Seltsam.« Stockend erst, dann eifriger sprach Seraphine: »Ich hab' mich immer gefürchtet vor ihr. Wenn ich's Vater sagte, daß sie zauberte, dann prügelte er sie, und dann ging mir's selber schlecht. Der liebe Gott schickte ihr ein Bauchgrimmen, als sie am Weihnachtsabend gezaubert; daran mußte sie sterben. Aber das ist schon vier Jahre her, und der liebe Gott wird ihr wohl verziehen haben. – Manchmal half es ja auch, was sie tat.« »Was tat sie denn ?« »Sie hatte immer das Heidentum, sagt Vater. – An Neumond, denkt, da sang sie die Nacht durch in ihrer Sprache; das sollte die bösen Geister verscheuchen während des Mondwechsels, und das Apostelwesen von Vater, sagte sie, wäre nicht stark genug, und sie wollte ihm helfen. Das ärgerte Vater, und er sang gegen sie an; noch lauter. Überall hat man's gehört, und ich schämte mich. Und wenn mir was fehlte, schmorte sie Kräuter mit Igelschmalz; das mußte ich essen. Einmal« – das Kind wurde immer lebhafter – »kam sie mit einer lebenden Fledermaus. ›Schließ die Augen‹, sagte sie. Ich spür' ein Getropf auf dem Leib, und da blinz' ich und seh', sie erwürgt die Fledermaus.« Ein Schauer lief durch Seraphines Körper. »Das war eine große Sünde. Ich konnte Mutter lang nicht leiden. Sie quälte ja Gottes Kreatur.« »Des Teufels Kreatur«, sagte Molk bedächtig. »Aber half es der Jungfer ?« »Es half, aber ich konnte nicht froh sein. Sie küßte mich, so heftig, wißt Ihr, Molk, als ob sie auch mich wollte würgen und ihren Groll auslassen an mir, weil Vater nie lieb zu ihr war und sie immer nur ins Gebet nahm. Ich hatte Angst vor ihr, und doch mußt' ich tun, was sie sagte. Und damals zur Weihnacht... Sie zieht mich fort in den Wald, bei hohem Schnee, halbwegs auf den Hügel. Da bindet sie einen Weiden- und Tannenschößling zusammen und begräbt's im Schnee. ›Was machst du, Mutter?‹ frag' ich. – ›Halt den Mund‹, sagt sie ganz heiser, ›sonst bläst's dir den Verstand zum Mond. Ich mach die Hochzeit der Bäume.‹ Da seh ich auf einmal einen Schatten wie einen Baum, riesig groß, viel schöner als den Christbaum, und die Sterne sind drin die Lichtlein. Nun fangen drunt' die Glocken zu läuten an; mit eins ist er weg, der Baum, und sie sagt: ›Jetzt darfst reden. Das war der Allsamenbaum. Der bringt Glück.‹« »Und kam's drauf, das Glück ?« »Eitel Unglück. – Wir essen zur Nacht, und sie kriegt erschrecklich Bauchgrimmen, und nichts will helfen. Vater sitzt am Bett und redet auf sie ein wegen ihres Heidentums und versiegelt sie mit Apostelbildlein. Da ruft sie mich und sieht mich so bös an mit den schwarzen Augen. ›Du hast's ihm verraten‹, spricht sie, ›und nun muß ich sterben. Aber froh soll er dein nicht werden. Ich leg' einen Fluch auf dich‹, schreit sie und speit nach mir. ›Du sollst meine Hündlein hüten dein Leben lang.‹ – ›Mutter!‹ schrei ich, ›ich hab's nicht verraten.‹ Aber sie murmelt nur noch und ist bald tot. Sagt, Molk: was hat sie wohl gemeint mit ihren Hündlein ?« Seraphine schwieg und nahm eine Haarsträhne zwischen die Lippen. Molk sah sie von der Seite an. Sie schlang die Arme ums emporgezogene Knie. Molks Hand senkte sich bebend und schloß sich um dies runde Knie wie um eine Frucht. Plötzlich, als verbrenne er sich, zuckte er hinweg und starrte in die Dunkelheit, als lausche er. Dort unter dem Hause lief das Wasser. Es schoß über ein Wehr von schlammgrün zerfaulten Brettern und trieb im verengten Bett Schaumwirbel unter das Rad. Molk sah einen kleinen Schatten, der sprang dort hin und wider, und dann einen zweiten, einen dritten... Er spuckte aus und sprach bedächtig: »Ich weiß, Jungfer, was die Mutter gemeint hat. Das braucht Sie nicht zu wissen; Sie wird's innewerden.« »Was ist's damit, Molk ? Sagt mir um Jesu willen...« »Bet' Sie, Jungfer. – Bet' Sie!« III Der Pfarrherr Hilarius Degele kam den erlengesäumten Bach entlang geschritten. Seraphine erschrak, als sie die Soutane erkannte; schnell huschte sie die Speichertreppe hinauf, beugte sich übers Geländer und lauschte. Der geistliche Herr betrat den Flur. Da niemand ihn zu hören schien, ging er zurück und riß am Klingelzug. Molk kam hervor, stotterte überrascht sein »Gelobt sei Jesus Christus« und nahm ein zerstreutes Kreuzeszeichen in Empfang. »Ist der Meister da ?« fragte der Pfarrer. Molk bat ihn unterwürfig in die Stube. Seraphine spitzte das Ohr. Die Tür schloß nicht dicht; so konnte sie vieles vom Gespräch verstehen. Sie hörte die Stimme des Sektierers, ihres Vaters; hörte, wie diese nach anfänglichem ehrerbietigem Murmeln zu schriller Fistel stieg. »Es steht im Propheten Hesekiel, Hochwürden... Also spricht dort Jehova: ›Ich will die Ägypter zerstreuen unter die Heiden, und in die Länder will ich sie verjagen.‹« – Die Rede ging offenbar um die verstorbene Zara, seine Frau. – »Verjagt war sie von ihresgleichen, Hochwürden; doch ich hab' sie gerettet.« »Sie ist keineswegs bei Gott. In der Hölle brennt sie, Eure Zara. Habt Ihr sie damals versehen lassen mit der kümmerlichsten Wegzehrung ? Nein, Ihr wart trotzig wie ein Maultier, Meister, betet für sie. Betet recht, wie es sich gehört. Ihr häuft Sünde auf Sünde. Warum habt Ihr das Kind neulich abgehalten, zur Kommunion zu kommen? Wollt Ihr vielleicht sagen, Eure ›Versieglung‹ sei besser als der Leib des HErrn? Es wird sich rächen. Die vier Apostel hängt Ihr in die Stube, aber der Gekreuzigte fehlt.« Nun klang des Tischlers Singsang: »Wir dürfen uns kein Abbild machen von ihm. Im Geist hab' ich Ihn. An Seiner Brust hab' ich damals geruht und ruh' ich noch. Mir hat er den Verräter gewiesen, den Judas...« Hier lachte der Pfarrer, aber es war ein zorniges Lachen. »Ha!« rief er, »ich vergaß. Ihr seid ja selbst der Apostel Johannes. Und unsere ganze Heilslehre, unsere ehrwürdige Kirche, ist auf dem Holzweg. – Ach, du Armseliger! Du pflückst dir ein Wort aus der Schrift und spielst damit wie ein unmündiges Kind!« »Hochwürden, in allem Respekt, den ich schulde; aber meine Erkenntnis...« »Was da Erkenntnis! Ich hab' mich mit Eurer Ketzerei befaßt. Anders kann ich's nicht nennen; so helf' mir Gott. Einer armen Näherin drüben in Amerika verdankt Ihr's; einer lungensüchtigen Geistesgestörten. Ja, Meister: da ist leicht in Zungen reden, wenn das Fieber rast im schwächlichen Körper. Das ist Satans Ohrenstuhl, und er macht sich's bequem. Seid Ihr blind? Das ist kein loderndes Pfingsten; eine rußende Kerze ist's! Wartet nur, daß Euch Sankt Peter den Schlüsselbund um die Ohren schlägt, wenn Euresgleichen sich anmaßt, als Apostel wiederzukehren und im Namen des HErrn Unfug zu treiben. Denn solche Wiederkehr gibt's nur einmal, und zwar zu Rom, und diesem Stellvertreter offenbart Er sich; nur diesem habt Ihr Euch zu fügen! – Ha! ›Geistesgaben der Urkirche.‹« – Seraphine hörte, wie der Pfarrer schallend auf den Tisch schlug. – »Wollt Ihr wissen, was die wahre Kirche ist ? Drüben in der Stadt steht sie. Bemüht Euch nur hinein. Man wird Euch allerfreundlichst den Weg weisen. Auf Eurer Hoffart läßt sich Holz hacken! Aber gebt acht, einmal fährt das Beil auch in den Hackklotz... Eh! Der Heilige Vater ein Usurpator!« Er lachte laut auf. »Wer das ist, und ein kläglicher dazu, das seid Ihr; ein kleiner Dieb am Altar, wenn Ihr's schon wissen wollt.« »Hochwürden! Laßt mich meinen Weg gehen; ich laß Euch den Euren.« »Wie das ? Hör' ich recht ? Ihr verlangt noch Toleranz ? – Die faulende Frucht seid Ihr, die sich lösen wird vom Stengel. Und wenn Ihr mit unverdauten Brocken der Schrift um Euch werft wie ein Papagei – sind dann nur meine Ohren daran schuld, daß mich nichts rührt an Eurem falschen Latein? Daß ich Eure Sprache nicht verstehe ?« Seraphine hörte schwere Schritte. Der geistliche Herr ging erbost auf und ab. Und dann hörte sie, wie ihr Vater etwas vom Wandbord holte und wie ein gewichtiges Argument dröhnend auf den Tisch warf. »Meine Sprache müßtet Ihr eigentlich verstehen, Hochwürden«, sagte der Tischler leise, fast listig. »'s ist kein zu großer Unterschied mit Eurer Sprache. ›Unverdaute Brocken‹, sagt Ihr, ›der Schrift?‹ Ha, verdaut, wunders gut verdaut! Bebrütet hab' ich sie« – der Meister schien sich an die Stirn zu tippen – »ein halbes Menschendasein lang, und der Wundervogel ist ausgekrochen: die Erleuchtung.« »Wie will es sich wehren, das arme Heilige Buch, wenn Ihr's verdreht und verdeutelt?« »Ah! Verdeutelt? Sagt, Hochwürden, ist nicht das, was der heilige Johannes sagt, klipp und klar? Seit er wiederkam in mir, fiel's mir von den Augen wie Schuppen. Sonnenklar, ja, ist meine Sendung!« »Und die wäre?« »Den Drachen zu bekämpfen. Den alten Feind. Doch der ist schwer zu fassen. Er versteckt sich – ›groß Macht und viel List ...‹ Er geht um heutigestags, fürchterlicher und gefährlicher denn je. Helft mit!« Er zischte. »Dann packen wir ihn.« »Mann! Ihr redet ja von der Apokalypse! Den würdigsten Kirchenvätern hat der Kopf geraucht beim Versuch, sie zu deuten, und Ihr faselt davon, sie sei Euch sonnenklar!« »Ja, Hochwürden, lest sie doch! Lest sie schlicht, wie sie geschrieben steht! Er gibt uns selbst den Fingerzeig, den Drachen zu packen. Seht doch, um Lebens und Sterbens willen, Kapitel dreizehn.« Seine Stimme wurde Singsang. »... ,und sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner, und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung.‹ Und hier weiter: ›Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Stuhl und große Macht. Und ich sah seiner Häupter eines, als wäre es tödlich wund; und seine tödliche Wunde ward heil.‹ Wer Ohren hat, zu hören, der höre! Man schlug ihm ein Haupt in Trümmer, dem siebenköpfigen Tier, und es ward wieder heil. Man muß ihm wie der Schlange zu Lernäa mit einem Streich die Häupter insgesamt abtöten. Dann ist Friede auf Erden, und der Drache« – er lachte kreischend auf – »kann sich hinter den Ohren kratzen; der ist kaltgestellt.« »Nun gut«, sagte der Pfarrer nach einer Pause erschöpft, »um auf Euer Gewäsch einzugehen ... Wie und wo wollt Ihr's denn finden, das Tier?« »Suchet, dann werdet Ihr finden. – Es mag nicht fern sein. 's ist die Gabe und Eigenschaft solchen Tiers, daß es Verwirrung anstiftet unter Menschen. Wo Ihr also eine ausnehmende Verwirrung solltet gewahren, da nehmet – Gift darauf; da steckt das Tier in der Nähe.« »Dann müßte es ja«, sprach der geistliche Herr mit schallender Folgerichtigkeit, »eben hier in diesem Hause ehestens zu finden sein!« »Es war da. – Gewißlich war es da!« bestätigte der Tischler, anscheinend, ohne den Hohn zu bemerken. Er fügte heiser flüsternd hinzu: »Die Zara ... sie hat gewußt davon. Aber sie ist nun in der Seligkeit, wenn Ihr sie auch zehnmal der Hölle wollt überantworten. Und ich bin Gefäß St. Johannis ... Da ist kein Platz und keine Heimstatt für das Tier. Kein Seelenfutter. Hehe.« Der Pfarrer schien nun genug zu haben von dem Thema. »Wenn Ihr schon«, sagte er bündig, »dem armen Evangelisten keine Ruhe gönnen wollt, so nehmt ihn Euch vor in seinem Evangelio und nicht in der Offenbarung. Ihm war sie eine – Euch noch lange nicht. Ich für meine demütige Person kann nur beten zu Gott, daß sie mir halbwegs eine werde. – Nun aber: warum habt Ihr das Kind nicht geschickt zur heiligen Kommunion?« »Das Kind ist mein.« »Nicht nur Euer. Gott ruft es. Gott beansprucht es.« »Man kann mich nicht zwingen.« »Ihr werdet's zu spüren haben.« »Sankt Josef war auch Zimmermann gleich mir und ward gesegnet.« »Recht so. – Nehmt nur Sankt Josef noch als Kollegen hinzu. So wird's immer erbaulicher.« Der Pfarrer schien stehenzubleiben, dann sagte er bedeutsam: »Vergeßt nicht, was ich sagte von der Hoffart. – Und von der faulen Frucht.« Man hörte ihn seufzen; er riß die Tür auf, und Seraphine sah von oben seine Tonsur schimmern, während er mit zornigen Schritten das Haus verließ. IV Molk erwachte in seiner Kammer; es war Mitternacht. Es war gegen alle Gewohnheit und Vernunft, daß er erwachte. Es mochte ein Traum gewesen sein, der ihm im Schädel gespukt; ein Bild, das sich nicht recht vertrug mit seinem taktfesten Schnarchen ... Und mählich trat des Meisters Töchterlein aus dem Dunkel. Er lag und stierte zur Decke; dann schloß sich seine Hand schier krampfhaft zur Faust. Er dachte an ein Knie, das diese Hand ausgefüllt mit Glätte und Rundung. Das kleine Fensterviereck schimmerte. Draußen hing der Mond auf der Höhe der Bahn, und die weiße Scheibe durchtränkte alles mit Verzauberung. Das Schlapfen des Rades zog durch die schwarze Erregtheit des Hauses, Knacken war im Holz; die Bretter lebten – und das Wasser, das Wasser drunten gluckste und redete wie ein Sermon der Warnung, der kein Ende findet. Plötzlich war es Molk, als höre er leichte Schritte auf der Treppe zum Speicher. Er setzte sich auf. – Ja, die Bretter krachten unter nackten Sohlen; es klang wie winzige Schüsse. War das Seraphine? Was hatte sie jetzt, zu nachtschlafender Zeit, auf dem Speicher zu suchen? Wenn das Kind mondsüchtig war und umging, so mußte man achthaben, daß ihm kein Unglück zustieß. Er schlüpfte in seine Drillichhose und ging leise aus der Kammer. Richtig: dort oben schimmerte Weißes. Das war Seraphine. Sie trat in den Speicher; er folgte. Offenbar schlief sie, denn sie schien das lautere Krachen seiner Schritte nicht zu hören. Als er hinaufkam, saß sie schon dort bei der runden Luke und starrte hinaus. Sie war im Hemd; der Mond durchdrang es und machte den dunklen Umriß ihres jungen Leibes erkennbar. Langsam kroch sie noch näher zur Luke und beugte sich hinaus, als werde zum Ruf der Käuzchen eine silberne Fangleine geworfen – herab sich spindelnd von der Himmelskugel. Als Seraphine so fast mit halbem Leibe draußen hing, erfaßte und rüttelte er sie. Sie fuhr zusammen; dann kam Besinnen in ihre Augen. »Ach, Ihr seid es, Molk«, flüsterte sie. »Ich hab' nicht schlafen können«, sagte er rauh. »Da hab' ich die Jungfer hinaufgehen hören und seh nun, daß Sie Anstalten macht, in den Mond zu fliegen. Da Sie aber im Kohlbeet gelandet wär', statt im Mond, und sich die Rippen gebrochen hätt', hab' ich Sie noch eingefangen.« Seraphine lachte lautlos und schüttelte das Haar, das ganz dunkel aussah im silbernen Dämmer. Glatt und gelenkig entwand sie sich seinem nur zögernd weggleitenden Arm, sich wieder niederhockend bei der Luke. »Ihr mögt es glauben, Molk, oder nicht, ich hab' wirklich geschlafen und weiß nicht, wie ich hier heraufgekommen bin. Nun aber« – und ihr zischelndes Stimmlein geriet sacht ins Singen – »sind wir wach, hellwach, und können beten zusammen.« Molk schob den Arm wieder heran und fing sie ein. »Geb' Sie den Ton an«, flüsterte er – und das Wort klang heiser –, »bei dem Gebet, Jungfer.« Er riß die sich leicht Anschmiegende auf seinen Schoß. Sie stieß einen spitzen Schrei aus; ihr Körper ward wie aus Holz. Und während seiner plumpen Liebkosung spürte er auf einmal einen Biß. Einen scharfen Biß an der Schulter. Mit grollendem Laut ließ er sie fahren; zappelnd strebte sie hinweg; ihre Brüstlein zitterten von gejagtem Atem. Aber sie floh nicht. Schier lauernd, die Oberlippe gekraust mit vorgestrecktem Kopf, eines neuen Angriffs gewärtig wie ein halbzahmes Tier, beobachtete sie ihn. Zwei Blutströpfchen versickerten in seinem Hemd. »Gott's Donner, Jungfer, was macht Sie da!« zischte er. »Sie ist des Teufels! Hat Ihre Mutter Sie das gelehrt?« Eine Träne, wie eine silberne Perle, glomm auf dem weißen Antlitz auf. »Verzeiht mir, Molk«, klang es leise wie herübergeweht. Er bewegte die Lippen. »Zigeunerbrut«, sagte er unhörbar. Doch dann lachte er wegwerfend und sprach: »Komm Sie näher. Ich tu Ihr nichts.« Sie rührte sich nicht. »Mutter«, sagte sie nach einer Weile und schüttelte wie grübelnd den Kopf. Er sah, daß alles in dem kleinen Gesicht lebendig wurde; wie das Näslein bebte; wie der dunkle Schopf hin und her rückte, als lausche sie. Auch er horchte auf. Die Minuten rannen, und aus all den unbestimmten Geräuschen, die das Haus gebar, schälten sich bestimmte Laute. Harte, kleine, tastende Laute. Wie zögerndes Schaben, wie mahlendes Knistern. – Der Mond baute eine weiße Gasse quer durch den Speicher. Und in diesem hellen Band saß auf einmal – eine Ratte. Seraphine wiegte den Kopf, als habe Schlafsucht sie wieder übermannt. Die Ratte verhoffte; ihre schwarzen Äuglein glitzerten. Das Mädchen stieß eine Art von Lockruf aus, mit halbgeschlossenen Augen. Es ging wie eine Lähmung aus von ihrer Gebärde: Molk starrte und rührte sich nicht. Sichernd, schnuppernd – dann wieder sprunghaft, kam die Ratte näher. Und mit derselben Anheimgabe, mit der sie ins Silber hatte hineintappen wollen und allem ans Herz sinken, was da unter dem Monde lebte – mit demselben Armspreizen, mit dem sie wie schwimmend hatte aus der Luke dringen wollen – ohne eine Spur von Ekel oder Abscheu schob Seraphine die Hand dem nächtlichen Tier entgegen. Und das Erstaunlichste geschah: es schreckte nicht zurück, sondern ward zusehends zahmer. Seraphines Bein hielt völlig still, als der Besuch an ihm emportastete mit klammernder Klaue und sich hinaufschwang in die Mulde, die das gespannte Hemd über dem Schoß formte. Sanft erweiterte das Kind die Mulde. Die Ratte, ein großes graues Tier, nun auch vom Mond versilbert wie alle Kreatur, hob ihren pendelnden Kopf mit den putzigen Bartgrannen, und ihr Schnüffeln und winziges Fauchen ward hörbar – während Molks Atem schier stehenblieb vor entsetztem Staunen. Seraphines nackter Arm schob sich übers Knie mit offenen Fingern: sie streichelte die Ratte. Das Tier ward keineswegs vergrämt, sondern blieb, tastete im Kreis und rollte sich rund zusammen, den Schwanz mit leisem Schnurren um sich ziehend ... Still und gleichmäßig waren die Streichelbewegungen Seraphines – dann tat sie etwas nie Dagewesenes. Sie ergriff die Ratte mit hohlen Händen und hielt sie hoch. Sie hing ihr in den Händen wie erschlafft ... Sie setzte sie neben sich. Einen Augenblick verharrte die Ratte wie verdutzt. Dann schoß sie davon. Die Augen Molks traten aus dem Kopf. »Gott steh mir bei«, stieß er hervor. »Kann Sie hexen?« Beim Klang seiner Stimme fuhr sie zusammen, als ob sie aus tiefstem Schlaf schrecke. Plötzlich lachte sie leis und süß and sprach: »Molk, hab' ich geträumt? Mir war so, ich spielt' mit – Mutters Hündlein!« Eine Gänsehaut überlief ihn. »Nun«, sagte er und ermannte sich, »jetzt ist Sie's ja innegeworden, Jungfer, welcher Art diese Hündlein sind. Ein schönes Vermächtnis der Frau Mutter! 's ist Satans Spielzeug, und ich werd' schauen, daß Sie die Hände davon läßt. Ich werd' die Hündlein vertilgen.« Da fragte Seraphine in wehem Ton: »Ihr werdet sie vertilgen?« »Darauf kann Sie sich verlassen«, bestätigte er grimmig. »Wo ich auch ihrer habhaft werd'.« »Dann muß ich Euch hassen, Molk.« Er schüttelte sich und lauschte. Es huschte in den Ecken; es wanderte. – »Sind ihrer grausam viel«, flüsterte er. »Ob sie wohl ihren König haben hier?« »Ihren König?« »Jawohl. Den füttern und dem dienen sie. Davon werden sie so zahm. Und er – er wird groß davon und bekommt viele Köpfe.« »Saht Ihr ihn schon einmal, Molk?« »Gott soll mich bewahren! Gesehen hab' ich ihn nie. Wo er sich zeigt, gibt's Krankheit und Mißwuchs. Den letzten erschlugen sie in Eßlingen in Württemberg beim Förster; der starb nachher an der Pockenseuche. Man sagt, der König stirbt nicht. Er wird andernorts wieder lebendig.« »Macht Euch nicht zum Narren, Molk. 's ist Altweibersprache.« »So nimmt Sie des Teufels Partei, Jungfer?« Er sprach jetzt laut und grob, wie in Angst, und zog sich von ihr zurück. »Geh' Sie hinab; wasch' Sie sich. Und bet', bet' Sie recht von Herzen! Mag sein, daß dann der HErr den Fluch nimmt von Ihr.« V Am folgenden Nachmittag saß Seraphine wiederum auf dem Speicher, an der Luke, und blickte hinaus. In ihren hellgrauen Augen spiegelte sich die Landschaft. Ackerdunst trieb herein. Langsam verließen ihre Augen den fernen Hügel und glitten von den Korn- und Rapsfeldern zu den Gemüsebeeten des Vaters, wo weißer Falter lautloses Wimmeln war. Das ewige leise Klopfen des Mühlenrades durchdrang das Haus. In der Sägerei setzte das metallene Kreischen ein; das schlurfende Stampfen: nun waren der Vater und Molk wieder in der Werkstatt. Der Ton spindelte sich hoch und endete mit einem Sturz ins Leere. Seraphine wälzte sich auf den Rücken und entschlummerte. In dem Wespennest, das über ihrem brandroten Haar im Gebälk hing, geschah leises papierenes Knistern: betreut von schon entschlüpften Schwestern, wanden die reifen Larven sich und sprengten die Deckel ihrer Wandlungssärglein. Eine der Neugeborenen fiel herab und spazierte in den Ausschnitt des kattunenen Kleidchens der Schläferin; durchirrte das Tal der jungen Brust und fand nicht hinaus. Und während dies geschah, hatte Seraphine einen seltsamen Traum. Sie sah eine Gestalt auf einem Thron; sah Zepter und Zacken einer Krone und wußte untrüglich, daß dieser Gestalt jede Macht über sie gegeben sei. Zu beiden Seiten der großen Krone entstanden nun wie Knospen je drei weitere Krönlein, und zu ihrem Erstaunen bewegte sich die ganze Häupterschar. Plötzlich beugte sich der mittelste, größte Kopf zu ihr herab, als ob er sie ... küssen wollte. Sie lag wie gelähmt und zog sich dann, mit letztem Willen, jäh zusammen. Da stach die verirrte Wespe sie in die Brust. Mit einem Schrei sprang sie empor und riß das Kleid von der Schulter: da waren Stich und rote Schwellung; und beides mengte sich mit dem schaurigen, nur mählich verblassenden Traum. In der harz- und fäulnisgeschwängerten Schwüle stand sie völlig schlafbenommen. Da stieg's wie süße Qual in ihr empor und beklemmte ihr die Brust; ihr Kopf schwamm in Fieber. Im Sonnendunst formten sich hagere, dunkelbraune Hände, die sie gierig betasteten. Eine Fledermaus, zerdrückt über ihr, piepste; mohnrot fiel es wie sengende Tropfen auf ihre Haut. Sie stammelte: »Mutter!« – und fühlte sich von schwarzen, dumpf riechenden Flechten eingehüllt, und Goldmünzen klirrten in diesen Flechten. Während sie niedersank, verebbte der erregende Traum. Stumpf hockte sie eine Weile. Dann, völlig wach, fuhr Seraphine mit der Hand über die Stirn. Ihr war, als werde sie emporgehoben. Als zerre etwas an ihren kraftlosen Knien, lenke sie in die Schatten des Gerümpels. Mühsam wand sie sich durch die morschen Stapel. Mit einem Ruck stand sie still. Ein Ton drang ihr entgegen; er kam zwischen den hundertjährigen Dachsparren hervor von dorther, wo sie auftrafen auf den Speicherboden. Ein Zirpen ... wie Wasserrieseln. Schweiß netzte ihren Rücken. Mit fast versagender Kraft zerrte sie Brett nach Brett vom Stapel herab; es war dickes Eschenholz. Endlich fiel Licht in die Ecke, aus der Zirpen drang, und Gestank schlug ihr entgegen. – Sie spähte hinein. Wie Nestvogelbrut erkannte sie sieben Häupter. Pendelnd, witternd, aufgestört. Aus dreieckigen Mäulern scholl ein schriller Ton. Perlmutterne Zahnpaare blinkten in Bärten aus verstaubtem Stichelhaar. Und alle Augenpaare, gierig und tintenschwarz, funkelten ihr zu. Sie blickte bebend, doch wie festgebannt, herab. Dann schob sie ein Brett über das Rattennest und kletterte zurück; tief in Gedanken. – Scheu schlich sie von nun ab hinauf, mit Brot und Milch, und schob's unters Brett. Mit angehaltenem Atem lauschte sie, wie's zugriff dort drinnen; wie's eifersüchtig zwitschte, sich knuspernd atzte. VI »Molk!« rief der Tischler. Er saß in der Wohnstube, und die Bibel lag aufgeschlagen vor ihm. Als der Knecht von draußen hereinkam, schob er die runden Brauen in die schmale Sektiererstirn und riß sich gedankenvoll am fahlen Schnurrbart. – »Setzt Euch, Molk.« »Ein Sermon, Meister?« »Kein Sermon, Molk. – Ich muß Euch berichten« – und der Tischler kicherte in sich hinein, so daß der Adamsapfel ins Hüpfen kam –, »daß ich den Ansturm des Sendboten abgeschlagen hab', des Sendboten von der anderen Partei. Den Diener des Usurpators.« »Ich versteh' Euch schwer.« »Den Pfaffen; daß Ihr's genau wißt.« Molk sah seinen Brotherrn nachdenklich an. Er war ein schlichter Mensch, aber er merkte doch, daß hier etwas Seltsames im Werke war. Er starrte in die bleichen Augen des Tischlers, in denen ein fragwürdiger Humor glitzerte. »Ihr meint«, fragte er tastend, leise vorwurfsvoll, »Hochwürden Degele?« »Den mein' ich. Ich hab' ihm die Offenbarung erläutert. Ich muß sie wohl verstehen. Meint Ihr nicht? Wenn überhaupt jemand sie versteht, dann muß doch ich sie verstehen!« »Ich dachte, Ihr hättet aufs Tischlerhandwerk studiert, Meister, und nicht auf Gottesgelahrsamkeit.« »Stellt Euch nicht dümmer, als Ihr seid, Molk.« »Ich bin durchaus nicht dumm, Meister. Aber warum solltet Ihr denn die Offenbarung Johannis besser verstehen als Hochwürden Degele?« »Weil ich die Offenbarung, Molk, selber geschrieben habe. Deshalb hab' ich auch so gewaltige Oberhand über den Diener des Usurpators.« Molk wiegte das Haupt. Er war, wie gesagt, ein schlichter Mensch; doch dieses war auch ihm zuviel. »Wenn Ihr sie selbst geschrieben habt, die Offenbarung, dann könnt Ihr ja mehr als Garn spinnen. Aber ich glaub's Euch nicht.« Der Meister schlug die Bibel auf und zog eine kolorierte Postkarte hervor. »Ich will nicht debattieren mit Euch«, sagte er wegwerfend. »Von der Erleuchtung seid Ihr allzu weit entfernt! Wäret Ihr mit in Ruppin gewesen letzthin, so hättet Ihr Augen gemacht. Da haben sie mir das Gewand geküßt. Seht hier«, er zeigte ihm die Karte mit dem Buntdruck, »hier ist der Apostel Johannes. Prägt's Euch ein.« Er blätterte weiter in der Bibel und zog eine Photographie heraus. Darauf war er selber dargestellt, mit segnender Geste und in wallendem Gewand; offenbar ein Bettlaken. – »Und nun«, sagte der Tischler, »vergleicht die Bilder. Seht Ihr die Ähnlichkeit? Ich bin älter, freilich. Der Gottesjüngling hat Locken, duftende Locken.« Er schnalzte mit der Zunge. »Die wachsen nicht mehr auf meinem alten Schädel. Aber die Nase ist dieselbe, und die Augen, ich möchte sagen, das ganze Mienenspiel ist dem meinen gänzlich ähnlich und verwandt – er könnt' schier ein Sohn sein von mir. Aber 's ist so, daß ich ein Sohn bin von ihm, und hier drinnen haust er« – er riß sich die Jacke auf und schlug sich schallend auf die mageren Rippen –, »süß und milde.« »Ihr sprecht so selten sanft, Meister. Sonst eifert Ihr und zankt.« »Auch dem Heiligen lief zuweilen die Galle über ob der Einfalt der Menschen. – Aber nun, Molk, hier hab' ich das Bildlein. Ich kann Euch versiegeln damit; dann seid Ihr teilhaft der ewigen Seligkeit.« »Nein«, sagte Molk jetzt heftig und trotzig, »ich halte nichts davon. Ihr habt Eure Tochter auch versiegelt, und trotzdem ist sie eine Hexe.« Der Tischler fuhr auf; seine Augen blitzten gehetzt. »Nehmt Euch in acht. Was sagt Ihr da?« »Jawohl«, ereiferte sich Molk. »Eine Hexe. – Die Ratten fressen ihr aus der Hand wie die Hündlein. Und Eure Frau, die Zigeunerin, habt Ihr auch versiegelt, und trotzdem hat sie den Fluch gelegt auf Eure Tochter.« Der Tischler war grau im Gesicht. Er schloß die Augen wie in Pein und reckte sich langsam in die Höhe. Er öffnete die Augen wieder; sie brannten. »Wo ist die Verlorene?« stöhnte er heiser. »Sie wird wohl wieder auf dem Speicher hocken. Da könnt Ihr sie finden.« »Führt mich, Molk.« Er schwankte ein wenig. »Ich werd' sie fragen, vor Euch.« Dem Knecht wurde die Sache nun bedenklich. »Fragt sie doch lieber beim Abendbrot«, schlug er zögernd vor. »Dann seid Ihr milde. Jetzt seid Ihr im Zorn.« »Nein, nein«, stammelte der Tischler. »Ich bin nicht im Zorn. Aber eine Seele gilt es zu retten. Die Versieglung ist durchbrochen ... Da heißt es, nicht verziehen, nicht hintanhalten das Gute.« Er packte den Knecht am Arm. »Geht mit, geht auf der Stelle mit.« Mißmutig fügte sich Molk. Leise stiegen sie die Speichertreppe hinan. Seraphine, in ihrer hockenden Stellung vor dem Bretterstapel, schrak zusammen, fuhr herum und taumelte dann zurück. Der Vater und der Knecht standen hinter ihr. – Doch wie benahm sich denn der Vater? Gotthold Reibedanz stand vorgebeugt und stierte in das Loch zwischen den Brettern. Sein Kiefer hing lahm herab; seine Augen quollen hervor, und seine Hände, mit gekrümmten Fingern, zitterten – so, als ob er tödlicher Gefahr ins Auge sähe. Und nun formten seine Lippen fast tonlos stockende Worte, wie von übermenschlicher Anstrengung hervorgewürgt: »Das siebenköpfige Tier!« »Meister«, sagte Molk besänftigend, »seid gefaßt, um Christi willen. Was gibt's denn da drinnen?« Auch er beugte sich nun und blickte unter den Bretterstapel. Sein Ausdruck veränderte sich seltsam. Schaudernd hielt er sich die Nase zu. Große Furcht malte sich in seinen Zügen. »Der Rattenkönig«, murmelte er. »Schlagt ihn beileibe nicht tot, Meister. Der Förster schlug ihn tot – Ihr wißt doch, der zu Eßlingen – und hatte zu büßen dafür. Wir tun das Geschmeiß in einen Sack und bringen's in den Wald.« Der Tischler stand noch immer da wie ein Berauschter. »Das ... Tier ... der ... Apokalypse!« tönte es hohl aus ihm hervor mit einer Stimme, die ihm gar nicht zu gehören schien. Langsam drehte er sich und starrte Seraphine an. Diese wich zehn Schritt zurück, gegen die Speicherluke hin. Denn nach der Treppe war ihr der Weg verstellt von den Männern. – »Was redet ihr von Ratten – ihr Verworfenen, ihr Sünder! Ratten hab' ich mit Gift gefüttert mein Lebtag. Die Hündlein der Zara – haha – und sie selbst, das Zigeunermensch, hab' ich mit dem gleichen Gift gefüttert. Ausgerottet hab' ich die Sünderin, und ausrotten werd' ich ihre Brut. Dem HErrn opfern.« »Vater!« schrie Seraphine schrill. »›Und doch beteten sie‹« – sang der Irre weiter – »›den Drachen an, der dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich? Und wer kann mit ihm kriegen?‹« – Er brüllte auf und torkelte auf die Tochter zu. »Lästerung! Auf jedem Haupt eine Lästerung! Hinweg, Verfluchte! Hinweg, Bastard der Sünde! Der faule Brodem der Sünde stinkt aus diesen Brettern. Der Drache hat Macht hier – der Drache ...« »Meister!« Molk eilte ihm nach und packte ihn um die Brust von hinten wie mit einer Zange. Der Tischler wehrte sich und entwickelte Riesenkräfte; Schaum tropfte ihm vom Mund. Währenddessen langte Seraphine bei der Luke an und ließ sich lautlos ins Leere gleiten. Man hörte drunten ihr dumpfes Aufschlagen. Oben, im Speicher, dröhnte das Geräusch eines erbitterten Kampfes, der im Poltern des stürzenden Bretterstapels plötzlich erlosch. VII Seraphine genas nach langem Siechtum. – Das Kohlbeet, darauf sie gefallen, hatte den Sturz gemildert. In ihren Delirien ängstete sie noch verschiedene Male jenes frühere Traumbild: die Gestalt auf dem Thron. Sie war nun von der Farbe schmutzigen Purpurs. Sechs Krönlein, zerbeult wie Blech, rutschten herab vor ihren Augen. Die Krone des mittelsten Kopfes, des größten, war in ihn hineingetrieben; sie hing über einer versteinten Grimasse. Die tümpelschwarzen Augen glänzten flehend; dann wandelten sie sich zu toten Kohlen. – Einmal noch, vor dem endgültigen Verblassen des Alpdrucks, zuckte das geschändete Tiergesicht empor und schnappte nach ihr – in halberstorbener Art, als wolle es letzten Atemzug zurückschlürfen aus ihrer Hand. Der Pfarrer D. Hilarius Degele, der Wackere, kam oft und saß an ihrem Bett. Man hatte sie bei den Vinzentius-Nonnen untergebracht. Sein Zuspruch und das geruhige Leben dort gaben ihr Frieden und auch Gesundheit wieder. – Der Tischler Gotthold Reibedanz lebte noch um die Wende des Jahrhunderts im Irrenhaus bei Stuttgart. Man berichtet von ihm, daß er sich sanft und fügsam geführt habe, seinem Zimmermannsberuf still und arbeitsfreudig hingegeben. Kurz: er war ein Musterkranker. Woran der selbsterkorene Heilige, dessen Wesen anschmiegsame Gefolgschaft war – gehegt von der ihm zugewandten Teilnahme des Sanftesten – wohl auch seinen Anteil gehabt.