Erich Randal. Historischer Roman aus der Zeit der Eroberung Finnlands durch die Russen im Jahre 1808 von Theodor Mügge     Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn \& C ie. 1856.     Erstes Kapitel. An einem schönen Septembertage des Jahres 1807 segelte ein kleiner Lugger, der aus den Scheren von Stockholm kam, über den Bottnischen Meerbusen und näherte sich, als es Abend werden wollte, dem weit zerstreuten Gewirr größerer und kleiner Eilande und Felsklippen, welche unter dem Namen »Aland-Inseln« bekannt sind. Damals war eine bewegte Zeit auf Land und Meer. Die schwedische Hauptstadt lag voll Soldaten, welche nach Süden und Westen zogen, denn klägliche Nachrichten waren aus Pommern eingelaufen. Stralsund war von den Franzosen erobert, der Feldmarschall Toll hatte auch Rügen an den Marschall Brune übergeben müssen, die ganze schwedisch-deutsche Provinz befand sich somit in den Händen der Franzosen und zahllose Gerüchte liefen umher, daß diese siegreichen Feinde schon dabei seien, die dänischen Inseln zu besetzen, Kopenhagen von den Engländern zu befreien und dann in Schweden einzudringen. – Der König Gustav Adolph der Vierte war krank vor Zorn und Ärger aus Rügen zurückgekehrt und lag in Karlskrona danieder, was aber mehr Gelächter und Spott als Theilnahme in Stockholm bewirkte. Eben war auch die Nachricht eingetroffen, daß Kopenhagen sammt der Flotte von den Engländern erobert worden sei und obwohl man dies Schicksal den Dänen aus alter Erbfeindschaft von Herzen gönnte, stimmten doch viele in das Geschrei über die englische unerhörte Gewaltthat und Schandthat, das bald in ganz Europa wiederhallte. – Die Gesellschaft jedoch, welche in dem kleinen Lugger der finnischen Küste entgegenfuhr, ließ sich von aller dieser Trübsal nicht anfechten. 2 Sie hatte einen fröhlichen Tag verlebt ohne sich um andre Dinge, als um ihr vergnügliches Beisammensein zu kümmern. Das Wetter blieb schön und hell, nur wurde der Wind mit der Abendnähe schwach und trieb das flinke Boot langsam noch vorwärts, während die Sonnenkugel rothfunkelnd ihre Bahn beschleunigte, die See mit ihrer Gluth übergoß und den unermeßlichen Halbkreis dunkelnder Küsten und Kuppen in Gold und Feuer tauchte. Der kleine Lugger glitt noch eine Zeit lang näher an die äußersten Vorposten dieser nackten und verworrenen Massen, welche, aus dem Schooße des Meeres aufsteigend, ihre rothen Arme und Köpfe in den glänzenden Himmel streckten und den Schiffern zu winken schienen, dann aber fielen seine hohen lateinischen Segel zusammen, die Raaen schwankten an den Masten und das Fahrzeug taumelte nach rechts und links, ohne sich weiter vorwärts zu bewegen. Am Bord befanden sich drei junge Herren und eine schöne junge Dame, welche gemeinsam eine Lustreise nach Abo und weiter in's finnische Land machen wollten. Der älteste der Herren war der Baron Arwed Bungen, die Dame seine Schwester Ebba. Ihr Vetter, Gustav Lindström, Lieutenant in der königlichen Marine, hatte den Lugger und die Mannschaft gestellt; der vierte endlich war ein russischer Graf, Alexei Serbinoff, welcher seit längerer Zeit in Stockholm verweilte und durch den russischen Gesandten Alopäus mehreren edlen schwedischen Familien befreundet wurde. Mit dem Baron Bungen stand er im innigen Verhältniß und da er zugleich als ein feuriger Verehrer des schönen Fräuleins galt, mochte er um so lieber die Einladung angenommen haben, beide Geschwister nach Finnland zu begleiten, zu einem Edelmann und Verwandten, der lange schon diesen Besuch erwartete. Als das Boot nicht weiter vorwärts wollte, befanden sich die drei Herren auf dem schmalen Hinterdeck, wo sie unter Scherz und Gelächter den Lehnstuhl der jungen Dame umringten. Die Diener, welche sie auf die Reise mitgenommen, waren zwei Tage zuvor mit dem Marktschiff nach Abo gefahren und sollten dort ihre Herrschaften anmelden. Die Herren hatten es übernommen, die Dame zu beschützen, zu bedienen und zu unterhalten, und da man am Abend wenigstens in Satingo oder in einem andern guten Hafenplatz zu 3 landen dachte, auch überzeugt war, am folgenden Tage in Abo zu sein, vermehrte dies Alles die heitere Reiselust der kleinen, ganz auf sich selbst gewiesenen Gesellschaft. Das milde sommerliche Wetter und der leichte günstige Wind hielten alle Unannehmlichkeiten einer Seefahrt entfernt. Man konnte fortgesetzt auf dem Verdeck bleiben, das Mittagsmahl dort aus den mitgenommenen Vorräthen halten und in zwangloser Freiheit sich allen Einfällen guter Laune überlassen. Erst als das kleine Schiff immer matter fortschlich und endlich seine Flügel ganz hängen ließ, während die Inseln zurückzuweichen schienen, unterbrachen einige ernsthaftere Betrachtungen die unbekümmerte Munterkeit. Ein kühlerer, feuchterer Hauch wehte über das Wasser und in duftiger Ferne bildete sich eine Nebelbank, die am westlichen Horizont leise heraufstieg. Die junge Dame legte den Mantel um ihre Schultern und beobachtete einige Minuten lang aufmerksam das Meer, die fallende Sonne und die beleuchteten Landstücke. Ihre stolzgewölbte Stirn paßte zu den großen dunkelblauen Augen voll Geist und Leben, welche das ganze Gesicht beherrschten. Ein muthwilliges Lächeln schwebte um ihre Lippen, rasche Bewegungen zeigten von leichter Erregbarkeit ihrer Empfindungen und der gesammte Ausdruck ihrer Züge war ein glücklicher und wohlthuender. Ich bin der Meinung, sagte sie, nachdem sie ihre Beobachtungen beendigt hatte, daß wir statt vorwärts rückwärts gehen. Wo bleibt Satingo, mein tapferer Admiral, und was bedeutet dies Geschaukel unseres Linienschiffes? Der Seeoffizier gab keine sehr trostreiche Antwort. Der Wind ist viel zu sehr nördlich geworden um den Strich auf Satingo halten zu können, erwiederte er. Wir befinden uns weit davon und werden von der Deining geschaukelt, während keine Kraft mehr in unsern Segeln ist. Somit treiben wir zurück, weil die Strömung aus allen diesen Inselkanälen uns entgegen kömmt. Und welche Folgen, mein lieber Vetter Gustav, werden deine weisen und wahren Belehrungen für uns haben? Der Seemann bemühte sich nachdenklich umherzuschauen und sagte dann: Wir werden eine Sommernacht auf dem Meere umherschwimmen 4 und wenn es morgen, wie ich aus den Windstreifen vermuthe, stark aus Norden bläst, statt in Abo in Gustavsvärn oder in Ekenäs landen. Eine Sommernacht, wie diese, in so vortrefflicher Gesellschaft wachend und fastend zu verleben, ist so verlockend, daß ich nichts dagegen einzuwenden habe, rief Ebba, die sich schalkhaft verbeugte. Wie malerisch sind diese feurigen und rosigen Inseln, die, in der Ferne betrachtet, sehr viel paradiesischer aussehen, als es in der Nähe der Fall sein mag. Trotz der Scherze, welche diesen Äußerungen folgten, waren die Aussichten auf die Nacht doch nicht besonders einladend. Der kleine Lugger bot geringe Bequemlichkeiten, Feuer ließ sich nicht anmachen. Die Kajüte konnte allein der jungen Dame eine Schlafstätte bieten. Es wäre sehr fatal, sagte Baron Arwed endlich, wenn wir morgen nicht in Abo anlangten. Wagen und Pferde würden uns vergebens erwarten, unser ganzer Reiseplan würde zerstört sein; auch hat es wenig Angenehmes in dieser Nußschale schlechtes Wetter zu erleben. Das Lachen würde dir vergehen, du übermüthiges Mädchen. Nichts Warmes zum Mittag haben, nicht einmal vier oder fünf armselige Schüsseln, ist ein schrecklicher Gedanke, erwiederte sie mit komischem Ernst. Das hat gar nichts zu sagen, fiel der Seemann ein. Wenn man in solchem Loch von Kajüte eingesperrt wird, vor Übel und Weh nicht den Kopf aufheben kann und bald in die Wolken fliegt, bald in Abgründe stürzt, vergeht alle Sehnsucht nach irdischen Genüssen. Still, still! winkte ihm Ebba zu. Siehst du nicht, wie Graf Serbinoff bei dem Gedanken daran schon erblaßt? O! sagte der junge Cavalier lächelnd, wir Russen sind allerdings nicht für dies unbeständige, treulose Element geboren, dennoch versuchen wir es, bis es gelingt es zu beherrschen. Wo wir feststehen können, sei es im Eis und Schnee des Nordens oder unter dem Sonnenbrand der Steppe, wird uns so leicht Niemand übertreffen; für das Salzwasser jedoch, so hat schon Peter der Große gesagt, taugen die Russen nicht, obwohl – Nun? fragte das Fräulein, als er inne hielt. Obwohl aus jedem Russen Alles gemacht werden kann, was der Czar befiehlt, rief Arwed lachend. 5 Nein, obwohl Peter der Große selbst bewiesen hat, daß ein kräftiger Wille Alles vermag, erwiederte Serbinoff. Man muß sein Ziel nur immer fest verfolgen, dem Glücke vertrauen und alle Mittel benutzen, fuhr er mit einem vielsagenden Blick auf die schöne Dame fort, so wird man siegen und überwinden. In unserer gegenwärtigen Lage scheint es mir daher das Beste zu sein, wenn Herr Lindström, unser Admiral, die Segel ganz einziehen und seine Mannschaft zu den Rudern greifen läßt. Es kommt mir vor, daß wir eines jener Eilande dann erreichen könnten, ehe uns die Nacht völlig überfällt. Der junge Seemann gestand lachend ein, daß dies auch seine Absicht gewesen und daß er nur zu seiner Belustigung allerlei Besorgnisse aufgestellt habe. Auf seinen Wink fielen die Segel und vier lange Ruder setzten das Boot in Bewegung. Seid ohne Furcht, sagte er dann, in einer Stunde werden wir Land haben. Alle diese kleinen Inseln besitzen gute Hafenplätze und unsere Ruder bringen uns bald an irgend einen sichern Ort. Wohin aber? fragte Arwed. Wer weiß es? erwiederte Lindström. Dort in der nebligen Tiefe, die Insel mit der Doppelspitze, ist wahrscheinlich Kokar, die größte von allen, und wenn es möglich wäre dahin zu gelangen, träfen wir beim Voigt oder Schreiber ein gutes Nachtquartier, allein wir werden auf einer der nähern Landbrocken bei einem Fischer oder Kathenmann wenigstens einen Heusack und einen Feuerherd finden. Das ernsthafte Schweigen des Barons wurde mit einem Ausbruch allgemeiner Lustigkeit auf seine Kosten beantwortet und während dessen näherte sich das Boot langsam den schwarzen Punkten, die in großer Zahl aus der See aufstiegen. Waldleisten wurden sichtbar, einzelne hohe Bäume standen auf Hügelkronen und schwebten in der violetten Bläue der durchsichtigen Luft und deren falbem Schimmer; dann aber wurden die dunkelnden Schleier, welche sich leise darüber deckten, immer fester und dichter. Nähe und Ferne verschmolzen darin und endlich lag Alles eingewickelt in denselben lichtlosen Mantel der Nacht; nur die Ruder schlugen Funken aus dem Wasser. Jemehr die Finsterniß zunahm, um so mehr stockten auch die Gespräche der Reisenden, alle Gedanken richteten sich auf den Ausgang ihrer Irrfahrt und alle 6 Augen strengten sich an, etwas von einer nahen Küste zu erkennen oder andere ähnliche Entdeckungen zu machen, welche, als ergötzliche Täuschungen erkannt, die Munterkeit belebten. Was ist das! rief endlich Serbinoff. Ich sehe einen hellen Schein. Alle betrachteten den matten Punkt, der bald klarer wurde, bald wieder verschwand. – Es ist ein Licht, sagte der Seeoffizier, das in einem Hause brennt, und grade aus laufen wir in eine Bucht ein. Ich erkenne deutlich rechts und links die Schatten der Hügel, welche sie einfassen. Wahrlich, das Schicksal meint es gut mit uns! rief Baron Arwed nach einer langen Beobachtung. Es ist wirklich ein Licht und vor uns liegt ein Haus, in welchem ein höher civilisirtes Wesen seinen Wohnsitz nahm, da die Fischer umher dergleichen Luxus nicht treiben, sondern sich von ihren Herdfeuern leuchten lassen. Und Arwed wittert schon die Behaglichkeit dieser höheren Civilisation, lachte seine Schwester. Er riecht die wohlthuende Nähe eines guten Bratens und fühlt die behagliche Wärme eines Dunenlagers voll weicher Kissen. Der Baron ließ sie spotten, er wußte, daß jeder damit zufrieden war, als das Boot ein Pfahlwerk berührte, an welchem einige Fischerkähne lagen. Wenige Minuten später stiegen die vier Reisenden erwartungsvoll ein steiles Ufer hinauf, das sie zwanzig oder dreißig Fuß hoch auf einen ziemlich ebenen Platz führte. Das Licht, das noch immer leuchtete, gab ihnen an, wohin sie sich zu wenden hatten, und bald befanden sie sich an einem Gehege, das einige Bäume, Strauchwerk und Gras enthielt; hinter diesem aber lag das Haus, dessen Anblick, so weit es sich erkennen ließ, ihre Erwartungen bedeutend herabstimmen mußte. Es war ein unbedeutendes Balkenhaus, nicht viel anders wie die Wohnungen der Bauern und Fischer im Norden gewöhnlich sind; allein es hatte doch ein oberes Stockwerk, das den allermeisten Hütten dieser Art fehlt, und eben aus einem der kleinen viereckigen Fenster in der Höhe schimmerte das Licht herab. So viel war jedenfalls gewiß, daß es das Beste blieb, nicht unfruchtbar zu philosophiren, sondern so bald als möglich Einlaß zu begehren, und dies Gefühl begleitete die praktische Entschiedenheit des 7 Seeoffiziers, der ohne langes Bedenken die Thüre schüttelte und sein lautes Hollah! hören ließ. Nach einigen Augenblicken schon zeigten sich die guten Wirkungen. Das kleine Fenster wurde geöffnet und Jemand, der sich herausbeugte, fragte, wer da sei? Vier Leute von einem Boot, die um Aufnahme bitten, rief Lindström zurück. Der Eigenthümer schien sich zu bedenken. Meine lieben Freunde, sagte er dann mit sanfter Stimme, dies Haus ist dürftig und klein, es kann Euch wenige Gastfreundschaft gewähren. Wir sind auch mit Wenigem zufrieden, versicherte Lindström. Wer seid Ihr denn? fragte die Stimme nach einem neuen Besinnen. Macht nur auf! schrie der Seemann ungeduldig. Wir wollen Euch unsern Faden schon abspinnen. Meine lieben Freunde, erwiederte der Eigenthümer in derselben bittenden Weise, stört nicht meinen Frieden. Ich bin ein alter Mann, ein beinahe achtzigjähriger Greis. Solltet Ihr es nicht wissen, so sage ich Euch, ich bin der Pfarrer Axel Jönsson. Wenn Ihr ein Boot in der Bucht habt, so bleibt bei diesem. Es ist eine milde Nacht, in welcher der Mensch keines Hauses bedarf. Alle Wetter! rief der Offizier lachend, er hält uns für Landstreicher oder Freibeuter. Ehrwürdiger Herr, sagte sein Verwandter, der es für Zeit hielt sich einzumischen, Ihr Rath wäre ohne Zweifel der richtigste und beste, wenn wir gewöhnliche Seeleute wären. Dies ist jedoch nicht der Fall, obenein aber begleitet uns eine Dame, welche wir Ihrer Obhut und Hilfe empfehlen. Eine Dame, wiederholte der Geistliche, und es sind keine gewöhnlichen Seeleute? O, ja – ja! ich höre es an ihrer Sprache. Warten Sie einen Augenblick, ich will thun, was ich kann. Das Licht verschwand, dann knarrten die Stufen einer Treppe, harte Schritte polterten darauf. Es lebe die Schönheit! rief Serbinoff. In dem entlegensten Winkel der Erde wird ihr gehuldigt. Selbst dieser alte zähe Priester empfindet ihre Macht und eilt herbei, ihr seine Thür zu öffnen. 8 Dafür, erwiderte Ebba, will ich auch die Erste sein, ihm zu danken, und die Kappe ihres Mantels vom Kopf nehmend, trat sie auf die Schwelle, eben als die Thür sich aufthat. Der Lichtschein fiel in ihr anmuthiges Gesicht, allein die Wirkung entsprach nicht ihren Erwartungen. In seinen groben langen Rock gehüllt, stand der alte Priester, das Licht vor sich ausgestreckt, und starrte das schöne Fräulein an, als erblickte er etwas Schreckliches. Klein und ausgedörrt von Gestalt, fiel sein langes weißes Haar bis auf seine Schultern nieder. Doch in seinen faltigen verwitterten Zügen schien das Blut lebendig zu werden und seine weit geöffneten Augen blieben vor Bestürzung oder Erstaunen so unbeweglich, als er selbst. Wir haben Sie erschreckt, ehrwürdiger Herr, sagte Ebba. Vergeben Sie unser störendes Eindringen. Wir kommen von Stockholm, fiel ihr Bruder ein, die Nacht hat uns überrascht. Ich bin der Kammerherr Baron von Bungen. Diese Dame ist meine Schwester. Diese Herren sind meine Freunde. Gewähren Sie uns ein Obdach, Herr Jönsson, wir werden Ihnen dankbar sein. Der Greis verbeugte sich und während er seine Gäste beleuchtete, wurde sein Gesicht mild und demüthig. Er zweifelte nicht daran, daß sie die seien, für die sie sich ausgaben. Ihre Gestalten und Mienen sagten ihm eben so wohl, wie ihre modischen Kleider, daß sie zu der oben stehenden Gesellschaft gehörten. Die Herren in ihren weiten Überwürfen von niederländischem Tuch mit großen Stahlknöpfen, den kleinen Hüten, um welche eine Goldschnur lief, und den gebundenen zusammengerollten Haaren, sahen eben so ungewöhnlich vornehm aus, wie die stolzblickende junge Dame in ihrem reichbesetzten kurzen Mantel. Sein starres Erstaunen machte einer bittenden Freundlichkeit Platz und indem er sein Wohnzimmer öffnete, sagte er: Halten Sie meinem Alter die Unbehilflichkeit zu Gute und seien Sie willkommen in meinem armen Hause. Alles, was es bieten kann, soll Ihnen gern zu Diensten stehen. So leuchtete er voran und die Gäste folgten ihm nach. Geschäftig zündete er noch ein schmales Licht an, das er auf einen Drahtleuchter stellte, und beantwortete dabei die Fragen, welche an ihn gerichtet wurden. 9 Haben Sie keine Familie, Herr Jönsson? fragte Arwed. Ich wohne allein hier mit einer Magd, die mit mir alt geworden ist, erwiderte er. Ein Streckchen davon stehen ein paar andere Wohnungen, welche gute Nachbarn inne haben. Dann muß es einsam genug hier sein, fuhr Arwed fort. Auch Reisende und Verirrte wie wir, werden nicht oft bei Ihnen ansprechen. Lange Zeit ist vergangen, sehr lange Zeit, wiederholte der Greis mit seinem sanften Lächeln, seit Fremde hier einsprachen. Diese kleine Insel liegt zu entfernt von der Straße, welche Schiffe und Boote gewöhnlich berühren. Erlauben Sie, daß ich jetzt gehe und meine Dienerin benachrichtige. Sie hört ein wenig schwer und wird in ihrer Kammer sitzen, ohne etwas von Ihrer Ankunft zu wissen. Wir wollen sorgen, was wir Ihnen vorsetzen können, aber – es schien ihn etwas zu überkommen, woran er bis jetzt noch nicht gedacht hatte, und während er verlegen vor sich niederblickte, fuhr er leiser fort: Sie werden Nachsicht haben müssen, es wird wenig sein – sehr wenig, denn unser Leben ist genügsam; doch, fuhr er muthiger fort, Sie werden in der Hütte der Armen keine reichbesetzte Tafel suchen. Ein wenig Hammelfleisch, ein paar Fische, auch Brod – ich glaube nicht, daß Karina mehr in ihrem Schranke besitzt; nein, ich glaube wirklich nicht. Er bot seine kleinen Vorräthe mit liebenswürdiger Güte an, während Arwed's Augen durch das Zimmer schweiften. Es war niedrig, seine Holzwände schienen einmal blau angestrichen, was freilich schon lange her sein mußte. Allein es sah doch reinlich darin aus. Ein Tisch von Fichtenholz stand in der Mitte, schwerfällige Stühle aus demselben Stoff und ein großer brauner Schrank bildeten das übrige Geräth. An den Wänden, nahe der Decke, liefen Bretter hin, auf denen Bündel trockener Pflanzen und Kräuter lagen; auf dem Schrank aber stand die Bibliothek des Pfarrers, eine bescheidene Zahl dunkler und vergilbter Bücher und Hefte. Alle diese Schätze musterte der Kammerherr mit scharfen raschen Blicken; sie besaßen jedoch weit weniger Anziehungskraft für ihn, als die Reihe Tassen, Gläser und Geschirre, welche er über dem niedern Herd in der Ecke neben der Thür entdeckte. Irre ich nicht, rief er erheitert, so erblicke ich dort ein Ding, das wie eine Theekanne aussieht? 10 Es ist eine solche, erwiederte der Pfarrer, der sie mit dienstfertiger Hast herunter holte. Als ich zum letztenmal in Abo war, ja damals vor fünfzehn Jahren, als unser glorreicher König Gustav die große Berathung der Geistlichkeit in Abo über Kirchenverbesserung halten ließ und Bischof Wallquist, der Staatssecretär, selbst zu uns kam, damals habe ich sie gekauft. Allein, fuhr er sich besinnend zögernd fort, Thee, meine lieben Herren, nein, damit wird es nichts sein. Meine guten Nachbarn bringen mir zur Winterzeit wohl dergleichen vom Krämer aus Satingo mit, doch jetzt – ich fürchte wirklich – er lächelte demüthig vor sich hin. Sorgen Sie nicht darum, ehrwürdiger Herr, fiel Ebba ein. Wir sind mit Thee und Speisen hinlänglich versorgt. Alles, was wir bedürfen, beschränkt sich auf heißes Wasser. Herrliches, wohlschmeckendes, süßes Wasser besitze ich in Fülle! rief der alte Priester voller Freude, daß er etwas zu geben hatte, das er rühmen konnte. Durch Gottes Güte haben wir einen so schönen Quell in der Nähe, wie er weit umher nicht gefunden wird. Karina soll den großen Kessel sogleich aufsetzen. Als er sich mit diesem Versprechen entfernt hatte, brach die Belustigung der Gesellschaft über die verschwenderische Großmuth des Pfarrers und über ihre eigenen Bedrängnisse los. Auf mein Wort! lachte der Baron, der alte Graf Fersen, der die beste Tafel in ganz Stockholm führt, hätte uns seine feinsten Weine nicht lüsterner empfehlen können. Welch ein Glück, daß der glorreiche König Gustav die finnische Geistlichkeit nach Abo berief, fiel Serbinoff ein. Würden wir sonst eine Theekanne hier gefunden haben? Ein prächtiger alter Bursche! rief der Seeoffizier. Bei diesem vortrefflichen Wasser und der gesunden Luft dazu, ist er ausgetrocknet wie ein October-Häring. Richten wir uns ein, sagte Arwed, und lege ein Jeder Hand an's Werk, um diese Hütte in einen Feenpalast zu verwandeln. – Ich hoffe, unsere Abenteuer werden uns noch lange Stoff zum Lachen geben. 11 Dienen wir unsrer schönen Gebieterin und erfüllen wir ihre Befehle, erwiederte Serbinoff. Sollen wir die Sessel, Decken und Geräthe aus dem Lugger holen? Den Speisekorb nicht zu vergessen, rief Arwed. Und die Flaschen vor allen Dingen! fügte Lindström hinzu. Unter Lärm und Gelächter wurde Serbinoff's Vorschlag verworfen und mit dem Frohsinn der Jugend und der übermüthigen Sicherheit des Reichthums, der sich daran ergötzt, einmal des Spasses wegen die Entbehrungen der Armuth zu theilen, der Beschluß gefaßt, sich mit den vorhandenen Bequemlichkeiten zu begnügen. Die jungen Männer vereinigten sich, den breitesten dieser plumpen Holzschemel mit Seegraskissen zu polstern, dann führten sie Ebba im Triumph zu diesem Throne der Schönheit und nun eilte Lindström in die Bucht hinab und kehrte von zwei Männern begleitet zurück, welche den Korb mit allen Resten des Schiffsproviants, sammt Weinflaschen und Arrak trugen. – Bald war die Tafel geordnet und als Alles bereit war, schleppte die taube Magd einen Eisenkessel voll dampfenden Wassers herbei, das jubelnd empfangen, sich nach wenigen Minuten in Thee, Grog und Punsch verwandelte. Die Theekanne, Gläser und Tassen des Pfarrers und seine grob bemalten irdenen Teller, welche manches Jahr in ihren stillen Winkeln ein beschauliches Dasein verträumt hatten, wurden zu ihrem Erstaunen herunter geholt und zum Klingen und Springen genöthigt; endlich aber erhöhte Karina abermals die Lust, welche sie nicht begreifen konnte, durch einen hölzernen Korb voll harter Brodkuchen und eine Schüssel voll geräucherter Flundern und Makrelen. Über alle diese Leckerbissen waltete das schöne Fräulein als sorgsame Wirthin und die arme Hütte, die trüben Binsenlichte, sammt allen andern Schattenseiten dieser Irrfahrt waren vergessen. Erst nach einiger Zeit fiel es der frohen Gesellschaft ein, daß der greise Hausherr bei ihrem Mahle fehlte. – Ein seltsamer alter Kauz ist es jedenfalls, sagte der Seemann. Als ich aus der Bucht zurückkehrte, stand er oben in seiner Kammer am Fenster und sah so still und starr in die Nacht hinaus, als wolle er Eulen fangen. 12 Er ist christlich arm und demüthig, meinte der Kammerherr, und hat aus Bescheidenheit sich zurückgezogen. Schwerlich hat er jemals in seinem Leben andern Besuch gehabt, als von Fischern und ähnlichen Burschen. Er scheint zu der Klasse von Narren zu gehören, spöttelte Serbinoff, die mit der besten Laune Alles genießen, was der Herr ihnen gegeben, und ihm so dankbar dafür sind, daß sie ein patriarchalisches Alter erreichen. Ebba nahm sich des verlachten Greises an. Er sieht so ehrwürdig und gut aus, sagte sie, daß ich gewiß bin, er kann uns Alle mit seinen Tugenden beschämen. Wenn er uns erzählen wollte, was er sein langes Leben über gethan, würden wir dies ein reiches und thatenvolles nennen müssen, dem jeder nacheifern sollte, so viel er vermag. Ein neues Gelächter antwortete ihr. Wir wollen ihn rufen lassen, erwiederte Arwed, er wird wenig genug zu erzählen wissen. Du sollst erfahren, kleine Schwärmerin, wie er sein eintöniges Dasein hingebracht hat; allein ich sage es dir im Voraus, es wird nichts darin sein, was selbst für dich des Bemerkens werth wäre. Unser Besuch, fuhr er dann fort, soll aber wenigstens für ihn, so lange er noch lebt, ein Quell freudiger Erinnerungen bleiben. Wir wollen ihn speisen und tränken, und wollen ihn achten und ehren, wie sein Alter und seine Tugenden es verdienen. Geh' hin, Gustav, und bitte ihn, unser Mahl und unsre Gesellschaft zu theilen. Ich will ihn in aller Höflichkeit aus seinem Neste holen, lachte der Seemann. Vielleicht weiß der alte Bursche uns dafür mit einigen alten Geschichten und Schnurren aufzuwarten. Bald darauf kehrte er mit dem Pfarrer zurück, den er in der obern Kammer vor einer Kiste gefunden hatte, in welcher er umher suchte. Als der Greis die Thür öffnen hörte, richtete er sich auf und steckte etwas in seine Tasche, das Lindström nicht erkennen konnte. Bescheiden dankte er für die Einladung und ging hinab zu seinen Gästen, die ihn zuvorkommend empfingen. Arwed rückte ihm selbst einen Stuhl an seine Seite, der junge Offizier mischte ihm ein großes Glas Portwein, Serbinoff schob die Flasche mit dem Arrak vor ihn 13 hin und Ebba bot ihm Thee und Speisen, auch dankte sie dabei mit herzlichen Worten für seine Güte und seinen Beistand. Wenn die muntern Herren jedoch die Meinung hegten, mit diesem demüthigen alten Mann sich belustigen und Scherze treiben zu können, so hatten sie sich geirrt. Er war mild und furchtsam in seinem Wesen, lächelte sanftmüthig zu ihren Äußerungen, die ihn heimlich aufziehen sollten, zu ihren Witzeleien, deren Sinn er vielleicht nicht verstand; allein was er sagte blieb immer verständig und ohne zu wollen, gab er manche Antworten, welche treffend genug ihn vertheidigten. Dabei sah er sich von der schönen Dame unterstützt, die zu seinem Beistand immer bereit war, und deren Blicke und Mienen so viele Theilnahme und Wohlwollen ausdrückten, daß er mit dankbarer Freudigkeit oft lange seine Augen auf ihr ruhen ließ. Sie leben jedenfalls geraume Zeit schon an diesem abgelegenen Orte? fragte der Kammerherr nach einer Weile. Länger als ein halbes Jahrhundert, antwortete er. Wie haben Sie diese Abgeschiedenheit ertragen können? fuhr Arwed fort. Sind Sie hier geboren? Auf Notö, einer anderen kleinen Insel, welche näher an der finnischen Küste liegt. Aber Ihrem Namen nach, sind Sie nicht vom finnischen, sondern von gutem schwedischen Blut, fiel der Offizier ein. Alle Menschen sind Gottes Kinder, erwiederte der alte Mann sanft lächelnd. Ich freilich bin von schwedischer Abkunft, wie manche Andre, die hier wohnen. Seit die See einst diese große Einspülung bildete und mehr als tausend kleine Fels- und Landbrocken übrig ließ, haben sich nach und nach viele schwedische Familien hier angesiedelt. Die Ureinwohner der Alandinseln sind also nicht von schwedischem Stamme? fragte Serbinoff. Nein, mein Herr, es sind Finnen, und vor der Zeit Erich des Heiligen sollen diese Inseln ein eigenes freies Reich gebildet haben. Einen Seeräuberstaat, sagte Arwed. Es waren die ärgsten Räuber in der Ostsee, und diese zahllosen Felsnester und Schlupfwinkel ganz dazu geschaffen, um sich und ihre Beute zu verbergen. 14 Zu ihnen kam jedoch auch die heilige Lehre Christi am frühesten und machte sie besser und menschlicher, fiel der alte Pfarrer ein. Als in Finnland und Carelien noch Jahrhunderte lang blutgierige Heiden hausten, wurde hier das göttliche Wort schon gepredigt, und die frommen Könige Schwedens bauten Kirchen und Bethäuser. Auch die kleine Kirche, welche mir anvertraut ist, stammt aus dieser eifrigen Zeit. Dafür, lachte Arwed Bungen, haben diese frommen Könige auch immer die Alandinseln als eine Art Kammergut betrachtet, mit deren Einkünften sie ihre Prinzen ausstatteten. Ein treuer und anhänglicher Sinn ist überall zu finden, erwiederte der Geistliche. Große Herren aus reichen und mächtigen Familien sind auf diesen meist sehr dürftigen kleinen Landstückchen nicht angesessen, doch niemals hat es hier Verräther gegeben, die mit den Landesfeinden sich eingelassen und ihres Königs Macht und Leben bedroht hätten. Der Kammerherr lächelte und blickte seinen Freund Serbinoff an, der einen scharfen Blick auf den alten Mann warf. Der junge Seemann aber rief lebhaft: Es ist wahr, unsre besten Matrosen kommen von den Alandinseln, und wo es je gegolten hat zuzuschlagen, sind sie immer mit voran gewesen. So rauh und unfruchtbar diese Klippengewinde sind, steckt doch ein Schatz für uns darin. Was sollten die guten Hausfrauen in Stockholm anfangen, wenn die kecken Burschen nicht ihre Küche mit den besten Fischen und ihre Öfen mit dem besten Holze versorgten? Arwed unterbrach dies Gespräch, das ihm nicht zu behagen schien, mit der Frage an den Pfarrer, ob er immer so allein gelebt habe? O, nein! erwiederte dieser sanftmüthig den Kopf schüttelnd, ich hatte eine liebe gute Frau, hatte auch zwei schöne Kinder. Der Herr hat sie zu sich genommen, und ich warte nun, bis er mich wieder mit ihnen vereint. Erzählen Sie uns etwas aus Ihrer Lebensgeschichte, Herr Jönsson, sagte der Baron. Alt wie Sie es sind, müssen Sie Manches zu berichten wissen. 15 Mein Leben, erwiederte der Greis demüthig, ist so still verlaufen, daß ich wenig davon zu erzählen weiß. Mein Vater war Kirchenmann in Notö, meine Mutter trieb einen Kramhandel, ich selbst hatte von jung auf die Sehnsucht, einmal ein Diener Gottes zu werden, und ich wurde darin bestärkt durch den alten Pfarrer in Notö, der mich lieb gewann und mich unterrichtete. Mit seiner Hilfe gelang es mir die Schule in Abo zu besuchen, während dessen aber rief ihn der Tod ab, und seine Tochter, mit der ich aufgewachsen, fand eine Zufluchtstätte bei meiner Mutter. Als ich mein Studium beendigt und meine Prüfung bestanden hatte, machte es sich, daß ich bald auf dieser entlegenen Außeninsel mein jetziges Amt erhielt. Es war ein geringes Einkommen damit verbunden, darum meldeten sich wenige Bewerber, allein es genügte, daß ich meine liebe Natta hierher führen konnte und Gottes Güte war mit uns. Zwanzig Jahre voll Glück und Frieden habe ich hier mit ihr verlebt. Niemals haben wir Noth gelitten, immer hat der Herr uns Zufriedenheit und Herzensstille geschenkt. Und wie ertrugen Sie es, als Ihnen dies Glück genommen wurde? fragte Ebba voll mitleidiger Theilnahme. Warum wurden Sie nie an einen andern bessern Platz versetzt? rief Arwed zu gleicher Zeit. Ich hatte es einigemale versucht, erwiederte der Pfarren, allein es gelang mir nicht. Später als Natta und meine Kinder mich verlassen hatten und man mir eine andere Stelle anbot, schlug ich diese aus. Wohin sollte ich gehen? Ich mochte mich nicht mehr von diesem armen Hause trennen, das all mein Glück gesehen hatte, und dann, mein liebes Fräulein, sagte ich mir, daß ich Gottes Schickungen standhaft ertragen müsse, als ein Mann und als ein Christ, gehorsam Seinem Willen und andern Mühseligen ein Beispiel. – Und gnädig hat Er mich geleitet auf allen meinen Wegen! fuhr er freudig fort. – Noch bin ich rüstig bis in mein hohes Alter. Wenn Seine Hand mich schlug hat sie mich auch gesegnet und mir manche Freude geschenkt. Meine Gemeine liebt mich wie einen Vater, die Geplagten wie die Glücklichen kommen zu mir und öffnen mir ihre Herzen, in Freude und Leid suchen sie mich. So gehen meine Tage hin. Zur Sommerzeit erfreut mich mein Gärtchen und mein kleines Feld. Ich kenne jede 16 Knospe und jeden frischen Halm und meine Augen sind noch so klar und stark, daß ich manche Schrift und manches Blatt lesen kann, welche ich mir für den Winter aufspare. Aber fühlen Sie nicht dennoch zuweilen die Qualen der Einsamkeit, die Ungeduld der Ermüdung, die Unzufriedenheit mit solcher Abgeschiedenheit von aller Welt? fragte der Baron. Muthig im Glauben und geduldig im Vertrauen sollen wir Alle sein, sagte der Greis mit seinem stillen Lächeln. Wer aber in diesem einsamen Lande wohnt, wo die Meisten mit einer harten Natur und harten Schickungen um ihr täglich Brod ringen, der darf nicht zweifeln und nicht verzagen. Nein, ich habe niemals Ermüdung und Verlassenheit empfunden. Wenn mein Herz seine schwachen, schweren Stunden hatte, habe ich es aufgerichtet durch Glauben und Vertrauen. Die in der großen Welt leben, setzte er mild hinzu, umringt von vielen andern Menschen, mancher irdischen Hilfe nahe, die wissen nicht wie in Einsamkeit und Verlassenheit der Glaube an Gottes allmächtige Nähe ein Hort ist, der ihnen große Kraft verleiht. Ich kann es wohl denken! rief der Kammerherr, und um seine Lippen zuckte ein verächtliches Lächeln. Dieser Glaube hat von jeher Wunder gethan, dennoch aber muß ein strebsamer, geistigregsamer Mensch in solcher Lage oft nicht wissen, was er beginnen soll, und an der Eintönigkeit eines solchen Daseins verzweifeln. Nicht wissen, was er beginnen soll? erwiederte der alte Pfarrer lebhafter, denn der starke Wein regte ihn an. O! mein lieber Herr, ich habe sehr viel zu thun, kein Tag vergeht mir ohne Arbeit. Wenn das Wetter es erlaubt, besuche ich meine Nachbarn weit umher auf allen den kleinen Inseln, wo oft nur eine Familie oder auch zwei oder drei wohnen. Zur Winterzeit kommen sie zu mir und der Versammlungsort für Alle ist dann die Kirche, welche ein halbes Stündchen von hier am Strande liegt. Dort sehen und sprechen sich dann alle fernen und nahen Freunde, da wird berathen und abgethan, was Jeder dazu aufsparte, und wenn das Wetter nicht gar zu wild ist, die Schneestürme und das eisige Meer nicht gar zu arg wüthen, bleibt so leicht Keiner zu Haus. 17 Und was thut der Herr Pfarrer, wenn die Schollen draußen aneinander rasseln und bersten, oder Schnee und Eis, Nebel und Finsterniß sich zu einem schrecklichen Brei zusammenrühren und das Tageslicht kaum eine Stunde dauert? lachte der Seemann. Ei, mein lieber junger Herr, sagte der alte Mann, auch dann gibt es nicht selten viel für mich zu thun. Es kommt wohl, daß ein armer Leidender mich begehrt, der unter Schmerzen auf seinem Lager liegt, und ich mache mich auf und habe unter Gottes Schutz wohl manches Mal in Nebel und Nacht bei dem Krachen des Eises und dem Donner der See einen schlimmen Weg zurückgelegt. In diesem Lande gibt es auf viele Meilen keinen Arzt, so thue ich denn auch als solcher was ich vermag. Und damit, fuhr er fort, seine freundlichen Augen hell und groß aufmachend und glückselig lächelnd, habe ich manchen Trost und manche Hilfe gebracht. Sehen Sie dort oben auf den Brettern die Kräuter und Pflanzen, welche ich in der Sommerzeit sammle. Durch Gottes Hilfe gedeiht auch hier allerlei Heilsames, das kranken Menschen wohl thut. Meine gute Karina reinigt und trocknet die Blätter, Blumen und Wurzeln und wir bereiten daraus Wundbalsam und Frostsalbe, Mittel gegen Fieber und Gliederschmerzen. Da laufe ich an guten Tagen, suche umher in Wald und Felsspalten, die Kinder begleiten mich, helfen mir und ich lehre sie Manches verstehen und begreifen, was sich ihren jungen Gemüthern einprägt. So vergeht meine Zeit sehr schnell und das ist mein Leben. Arm und gering zwar, allein wir können ja nichts thun, als getreulich erfüllen, wozu uns der Herr bestimmt hat. Nein, ehrwürdiger Mann! rief Ebba, bewegt von dieser Herzensmilde, Ihr Leben ist weder arm noch gering zu achten, denn es ist der edelsten Menschenliebe geweiht. Welche Entsagung, welche Opferfreudigkeit gehören dazu! Keine große Sache ist es, fuhr sie lebhaft fort, wenn wir den Bedrängten von unserm Überfluß geben, Sie aber, der Sie Ihr ganzes Dasein den Armen und Verlassenen weihen, Sie gehören zu den Helden der Menschheit, deren Thaten Niemand kennt, die aber dennoch in Gottes Buch leuchtend aufgezeichnet stehen. Sie reichte ihm in schöner Begeisterung ihre Hände und der alte Priester blickte demüthig und beschämt und doch mit Innigkeit seine 18 Freundin voll dankbarer Liebe an. – Ihr Bruder winkte dem Grafen Serbinoff zu und griff dabei nach seinem Glase. Stoßen wir darauf an, rief er, daß dieser ehrwürdige Held noch lange beglückt und beglückend weiter lebe, bis die ganze Menschheit, frei und erlöst von allen Plagen, den großen Bruderbund der Liebe geschlossen hat. O! sagte der Greis, indem er den feurigen Wein trank und seine Augen glänzend aufhob, mein Werk wird bald vollbracht sein, aber ich werde nicht sterben ohne den Glauben mitzunehmen, daß die Menschen besser werden. Ein vortrefflicher Glaube! rief Baron Arwed. Die gläubigsten Menschen aller Zeiten haben dafür geschwärmt, bis jetzt sind die Fortschritte aber noch immer wenig merklich geblieben. Nicht unmerklich, nicht gering sind diese Fortschritte, bester Herr, antwortete der alte Mann freudig. Nein, nein, lesen wir nur in alten und neuen Geschichten, wie jedes Jahrhundert, jedes Geschlecht weiter gekommen ist. Unter meinen Augen habe ich es bemerken können, wie das Licht der Aufklärung, die das Licht der Wahrheit ist, an Helligkeit zunimmt, wie Aberglauben und Gewalt sich vermindern. Ja, was noch vor dreißig Jahren von den Mächtigen straflos verübt wurde, kann jetzt nicht mehr vorkommen. Gewiß nicht! lachte der Kammerherr mit dem bittersten Spott. Sonst würde unser geistvoller und frommer König, welcher so eben den verruchten Franzosen und ihrem teuflischen Kaiser Pommern überlassen müßte, nicht so herrlich und gerecht regieren. Doch was kümmern Sie die Welthändel, Herr Jönsson, Ihr stilles und wohlthätiges Leben hat glücklicher Weise nichts damit zu schaffen. Was fragen Sie nach Reichstagen, nach Preßfreiheit, nach Verboten und Befehlen, die unser gnädigster Herr erläßt, um uns vor der sündhaften Pest revolutionärer Gedanken zu bewahren. In Ihre Verborgenheit dringt nichts davon. Gewalt und Verbrechen der Mächtigen kennen Sie nur vom Hörensagen. Der alte Mann sah sinnend vor sich nieder und stützte sein weißes Haupt in seine Hand, bis er aufblickte und seine Augen auf Ebba ruhen ließ. Er betrachtete sie fast mit demselben Ausdruck, wie damals, als er sie zuerst sah. In seinem Gemüth schienen Erinnerungen 19 zu arbeiten, die ihm Kummer und Furcht machten, und seine Hände zusammenfaltend sagte er leise: Dennoch habe ich diese Gewalt einst dicht in meiner Nähe gesehen und wohl muß es Gottes Wille sein, der Sie zu mir geführt hat und solche Worte in Ihren Mund legt. Ja, Sie mußten kommen, ich wußte es, als ich dies unvergeßliche Gesicht erblickte. Einige Minuten lang blickten die Herren ihn und sich selbst verwundert an, als sie den alten Pfarrer so reden hörten. Ihre fröhliche Laune gab unwillkürlich einer ernsteren Stimmung Raum, als sie ihn näher anschauten. Etwas Geheimnißvolles und Gespenstisches lag in seinen Augen, die in ihrer Starrheit die Gedanken des alten Mannes zu begleiten schienen und sich mit Schrecken vor dem füllten, was seinem innern Schauen sich zeigte. Wenn ich Sie recht verstehe, sagte Arwed, das Schweigen unterbrechend, so ist Einer unter uns, dessen Gesicht Sie an Vergangenes und Erlebtes erinnert und, täusche ich mich nicht, so muß es meine Schwester sein, Herr Jönsson. Der Pfarrer nickte ihm zu ohne zu sprechen. Aber es ist unmöglich, daß Ebba jemals früher in Ihre Nähe gekommen sein kann, fuhr der Baron fort, denn sie macht zum ersten Male eine Reise übers Meer. Ich weiß, daß es unmöglich ist, erwiederte der Pfarrer, denn was ich Ihnen erzählen will, hat sich vor mehr als dreißig Jahren, also zu einer Zeit zugetragen, wo diese junge edle Dame noch nicht geboren war. Dennoch habe ich sie gesehen, wie dies jetzt geschieht; dieselbe feine und schlanke Gestalt, dasselbe edle und liebliche Gesicht, Zug für Zug wie damals, wo ihre Augen mich voll Angst und heißer Liebe anblickten, als ich ihre Hand in die Hand ihres Gatten legte. Wie? Ein Ehebündniß wurde geschlossen? fragte Arwed ungläubig und verwundert. – Wo, Herr Jönsson? Hier auf dieser Insel? Auf dieser Insel, in tiefer Nacht und unter Umständen, die mich lange Zeit mit Kummer und Entsetzen erfüllten, antwortete der alte Mann. Ein Abenteuer! rief der junge Offizier, die Gläser füllend. Heraus damit, wir hören Alle gern dergleichen. 20 Erzählen Sie, Herr Jönsson, sagte Serbinoff lächelnd. Sie haben uns gut vorbereitet, um schreckliche Dinge zu erfahren. Ja, ja, murmelte der Greis vor sich hinblickend, es soll geschehen. Niemand würde es sonst erfahren, und seine Augen zu Ebba aufhebend fuhr er fort: Ihnen will ich es erzählen, deren Anblick mich so lebhaft an jene schreckliche Nacht erinnert und deren Erscheinen in meiner Einsamkeit mir den Glauben gibt, daß ich thue was ich soll. So wahr mir Gott helfe! es ist Alles so geschehen, wie ich sage, und noch weiß ich, daß ich an jenem Abend einen Spaziergang auf die hohen Felsklippen gemacht hatte und dort die Sonne in das blutig rothe Meer tauchen und verschwinden sah. Es war kalt, denn es war am dritten November des Jahres 1772. Nach langen Regentagen war leichter Frost eingetreten, doch lag kein Schnee, wohl aber hing der Himmel voll grauweißlicher Wolken, die der hohle Wind in dunkle Wände zusammenjagte. Das Jahr 1772 war das erste Regierungsjahr König Gustav's nach der Revolution, sagte der Seemann. Richtig, fuhr der Pfarrer fort. Am 24. August hatte der junge König in Stockholm den Reichsrath gefangen gesetzt, dessen Gewalt zerstört und sein königliches Ansehen hergestellt. Eben damals gelangten die ausführlichen Berichte, Proclamationen und Schriften über dies Ereigniß auch in meine Abgeschiedenheit, und es war viele Freude über die That des Königs bei den armen Leuten; denn die neue Regierung versprach eine gute und gerechte zu sein, die Lasten zu erleichtern, nirgend Gewalt und Unrecht zu dulden. Die Herrschaft des hohen Adels aber, der im Reichsrathe saß und Land wie König regierte, war nicht beliebt; man hoffte jetzt von dem jungen, ritterlichen Fürsten eine neue glückliche Zeit. Die nicht gekommen ist, fiel Arwed ein. Gott weiß es, nein! antwortete der Greis. Mögen die es verantworten, von denen man sagt, daß sie alles Gute hinderten, die mit Ränken und Verleumdungen den König umgarnten, sich gegen ihn verschworen und ihr Vaterland den Feinden verriethen. Damals aber glaubte der größte Theil der Menschen, der junge kühne Fürst werde Schweden groß und glücklich machen, und was man von seiner 21 Güte, seinem Edelmuth und seiner Lust zu allem Guten und Rechten erzählte, mußte die immer hoffenden Gemüther der Menschen ergreifen. So saß ich denn auch an jenem Abende lange an dem Schranke dort und las, wie König Gustav sein Reich neu ordnete und verwaltete. Wie er viele alte Mißbräuche abschaffte, den Bedrückten zum Recht half gegen ihre Dränger, wie kein Bittender ungehört von ihm ging und wie er in der Muttersprache zu Jedermann sprach, was seit dem großen Karl kein Schwedenkönig mehr gethan hatte. Mein Herz war freudig gestimmt, und die Wehmuth meiner Seele verschwand seit langer Zeit zum ersten Male vor den Gedanken an die freudigen Hoffnungen meines Landes und Volkes. Kaum war ein Jahr vorübergegangen, seit ich meine arme Natta begraben hatte. Ich war ein einsamer Mann, allein ich vergaß meinen Kummer über die frohe Hoffnung, noch eine Zeit zu erleben, wo die Menschen auf eine höhere Stufe der Gesittung treten, Gott ähnlicher, gerechter und besser sein würden. Während ich diesen – ach! ich weiß wohl – träumerischen Betrachtungen nachhing, war es spät geworden und draußen heulte ein Sturm, unter dessen Stößen das Haus knarrte und ächzte. Ich hörte den Donner der See, die ihre Wogen an die Klippen warf, und erkannte dankbar mein Glück, in Sicherheit vor der Wuth der Elemente zu sein. Plötzlich war es mir als würde hart an meine Thür gepocht, und es war keine Täuschung, denn die Schläge wiederholten sich; deutlich hörte ich auch meinen Namen rufen. Ich meinte nicht anders, als daß ein Fischerboot sich vor dem Sturme in die kleine Bucht geflüchtet habe, und die Männer darin, erstarrt von Kälte und harter Arbeit, Obdach bei mir suchten. Eilig ging ich hinaus und öffnete; kaum aber war dies geschehen, als ein fremder Mann hereintrat, dem mehre Andere folgten, welche Laternen trugen. Der Fremde war in einen Pelzrock gehüllt, dessen aufgeschlagener Kragen dicht um sein Gesicht gebunden war; allein es war kein Schaafpelz, wie dieser gewöhnlich bei unsern Landleuten ist, sondern von kostbarer Verbrämung. Auf seinem Kopfe saß ein kleiner Hut mit breiter Goldtresse, den er tief in die Stirn gedrückt hatte. Sein 22 Anblick schreckte mich, ehe ich jedoch etwas äußern konnte, sagte er im rauhen Tone: Sind Sie der Pfarrer Axel Jönsson? Ja, mein Herr, erwiederte ich. Ich will mit Ihnen sprechen, folgen Sie mir, fuhr er fort, und bei mir vorübergehend trat er in dies Zimmer. Auf dem Heerde dort glimmte noch das Feuer, und indem er seinen einen Fuß auf den Rand setzte, die Kohlen zusammenstieß und die Gluth anfachte, beugte er sich nieder und wärmte seine Hände. Einer der Leute, die ihn begleiteten, kam ebenfalls herein, setzte eine Flasche auf den Tisch und entfernte sich. Der Herr sah aus wie ein Kriegsmann. Gewaltig groß und kräftig war sein Körper und seine funkelnden Augen jagten mir Furcht ein. Von seinem Gesichte konnte ich wenig erkennen, nur daß es harte strenge Züge hatte, die dem rauhen und befehlenden Tone seiner Stimme entsprachen. – Ich stand überrascht, ohne zu wissen, was ich von diesem seltsamen Besuche zu erwarten hatte; da aber einige Zeit verging, ohne daß er Miene machte, mich anzureden, ordneten sich meine Gedanken. Wahrscheinlich, sagte ich, so freundlich ich konnte, haben Nacht und Sturm Sie überfallen. Was meine schwache Hilfe vermag, steht gern zu Ihren Diensten. Lassen Sie das, unterbrach er mich, ehe ich enden konnte. Nehmen Sie zwei Gläser von dem Brett da, öffnen Sie die Flasche und schenken Sie ein. Ich wagte nicht ihm zu widersprechen; schweigend that ich, was er begehrte. Als es geschehen war, trat er an den Tisch, nahm das eine Glas und deutete auf das andere. Trinken Sie! sagte er. Auf Ihr Wohl, mein Herr! sprach ich mich verneigend. Es war starker süßer Wein, derselben Art, wie dieser hier vor mir steht. Er rollte wie Feuer durch meinen Leib. Noch ein Glas! rief er mit derselben harten Stimme und mit so befehlenden Blicken, daß meine Weigerung davor verstummte. – Nehmen Sie, es ist kalt draußen; Sie müssen warm werden, fuhr er fort. Ohne Zweifel, sagte ich, nachdem ich getrunken hatte, liegt ein Schiff in der Nähe, mein Herr, das unter dieser Insel Schutz gesucht hat. 23 Ich erhielt keine Antwort, denn er ging nach dem Herd und kehrte erst nach einigen Minuten wieder zu mir zurück. Sind Sie jetzt gestärkt und erwärmt genug, um mir zu folgen? fragte er, indem er vor mir stehen blieb und mich ansah. Ich soll Ihnen folgen, mein Herr? fragte ich. Wohin? Um ein heiliges Amt zu verrichten. Ist es ein Kranker oder Sterbender, der mich begehrt, war meine Antwort, so bin ich immer stark genug, um seinem Rufe zu folgen. Um so besser! rief er nach einem kurzen Bedenken, während sein Gesicht sich wie zu einem Lachen verzog. Kleiden Sie sich an, ich gebe Ihnen zehn Minuten Zeit dazu. Nehmen Sie Alles mit, was nöthig ist, um eine Trauung zu verrichten. Eine Trauung? fragte ich. Wo soll diese geschehen? In der Kirche, erwiederte er. Das Brautpaar erwartet Sie. Ich sah ihn voller Erstaunen an. Wenn ich eine solche heilige Handlung unter so besondern Umständen vollziehen soll, antwortete ich endlich, so muß ich erwarten, daß Sie dazu die nöthigen Befehle meiner kirchlichen Obern besitzen. Er schlug an seine Hüfte, daß es klirrte. Hier ist mein Befehl! schrie er auf, dem Sie Folge leisten werden. Seien Sie verständig, fügte er dann gelassener hinzu, und fügen Sie sich ohne Widerrede, so wird Ihnen kein Leid geschehen, im Gegentheil, ich werde Sie reichlich belohnen. Sie haben nichts weiter zu thun, als die Trauung wie es Brauch ist zu verrichten. Weigern Sie sich nicht länger, es würde Ihnen nichts helfen; fragen Sie auch nicht weiter, jedes Wort ist überflüssig und gefährlich. Er sah so finster und ingrimmig aus, daß ich ihm das Schlimmste zutraute, und da ich ohne Schutz war, aller Gewaltthat preisgegeben, suchte ich nicht länger durch offene Weigerung, sondern durch Darstellung der Schwierigkeiten ihn zu erweichen. Wenn ich Ihren Willen auch erfüllen wollte, begann ich, so bin ich doch ohne allen Beistand. Der Kirchendiener liegt krank danieder, die Kirche ist öde und dunkel. Der Weg dahin bei Sturm und Nacht sehr beschwerlich. 24 Es ist Alles bereit, für Alles gesorgt, unterbrach er mich. Sie werden Beistand finden, so viel Sie bedürfen. Eilen Sie jetzt und ziehen Sie Ihren Kirchenrock an. Sie gingen wirklich? fragte Ebba, die aufmerksame Stille unterbrechend. Ich ging, erwiederte der Pfarrer, denn was sollte ich thun? – Nach einigen Minuten war ich bereit und folgte ihm hinaus, wo die Männer mit den Laternen warteten und uns begleiteten. Der Mond, unter Wolken verborgen, die in wilder Hast über den Himmel jagten, verbreitete ein neblichtes, mattes Leuchten. Ein heftiger Wind fegte über die Klippen und brachte feine hagelartige Schneekörner, die er in unsere Gesichter warf. Dazu begleitete uns das Brausen der See, welche ihre weißköpfigen Wogen stürmisch übereinander stürzte. Als wir an den Strand gelangten, wo der Weg zur Kirche hinläuft, bemerkte ich in der Ferne mehrere schwankende Lichter, und ich zweifelte nicht, daß sie an den Masten eines großen Schiffes brennen mußten, das zwischen den beiden Inseln Anker geworfen hatte. Ich wagte jedoch keine Frage; denn er hatte mir streng zu schweigen geboten. In seinen Pelz gehüllt, ging er vor mir her ohne Wort und Laut, wie einer der schrecklichen Riesen, die unter dem Meere wohnen und nächtlich heraufsteigen, um diese Inseln zu durchwandern, ehe die Sonne aufgeht, die sie in Fels verwandelt. Als wir die Düne erreicht hatten, hinter welcher die Kirche liegt, sah ich jedoch noch weit helleres, näheres Licht; denn das Gotteshaus war erleuchtet und schimmerte weithin durch die Nacht. Voll ängstlicher Neugier erreichte ich es. Nein, es war kein Traum, es war Wirklichkeit und Wahrheit, obwohl mein Kopf davor schwindelte. Der alte Leuchter, welcher in der Mitte hängt, und von Sten Sture, dem frommen Reichsverweser, hierher geschenkt sein soll, war mit Kerzen besteckt; auch auf dem Altare brannten diese; allein noch mehr als dies Alles, überraschte und entsetzte mich die Versammlung, in welche ich trat. Denn alle Bänke waren mit Menschen gefüllt. Lautlos saßen sie da, graue, düstre Schatten, ihre Gesichter in Kappen verborgen, ihre Leiber in dunkle Röcke gehüllt. Alle, die ich erkennen konnte, trugen um ihre Hüften kurze Schwerter, 25 mehrere auch hatten Pistolen in den Gürteln. Ich zweifelte nicht, daß dies das Seevolk von dem großen Schiffe sei; aber ein Zagen ergriff mich, denn in welche Hände war ich gefallen? – War dies eine Rotte Räuber oder waren es Kriegsleute und wohin gehörten sie? Friede war damals überall, und die Jahreszeit viel zu spät, um zu glauben, daß ein königlicher Kreuzer draußen liege. Meine ängstlichen Gedanken wurden von dem Herrn unterbrochen, der mich hieher geführt hatte und der Anführer dieser Männer sein mußte; denn ich sah wohl, wie alle vor ihm wichen. Treten Sie an Ihren Platz, sagte er dicht an meinem Ohr. Thun Sie Ihre Pflicht, doch hüten Sie sich vor Allem, was nicht dazu gehört. Die Reihen der Männer, welche den Kirchgang füllten, öffneten sich auf seinen Wink; dennoch aber blieb ich stehen, als ich wenige Schritte gethan. Mein Haar sträubte sich und mein Herz stand still vor Furcht und Bangen. Was sahen Sie? fragte Arwed. Eine Gruft, ein offenes Grab! murmelte der alte Mann, der mit dem Entsetzen seiner Erinnerungen in die Gesichter seiner erregten Zuhörer blickte. Der Boden im Kirchengange war tief aufgewühlt, die schweren Steine, welche ihn bedeckten, auf einen Haufen zusammengelegt. Hauen und Hacken, welche diese tiefe Grube geschaffen hatten, lagen auf der andern Seite, sammt Trümmer, Schutt und Sand, welche mühsam herausgeschaufelt waren. Warum war dies geschehen? Für wen war diese schreckliche Gruft bestimmt? Indem ich dies dachte, hob ich die Augen auf und ich erhielt eine Antwort, die in meinem geängstigten Herzen wiederhallte. Auf der vordersten Bank, dicht an dem Altare erblickte ich das Brautpaar. Welch ein Anblick war das! Umringt von den düstern, harten, in ihre Kappen gehüllten Männern, sah ich einen jungen Mann von edlen, ernsten Gesichtszügen. Er war sehr bleich, doch auf seiner hohen Stirn lag stolze Furchtlosigkeit oder Verachtung, und seine Augen blickten kühn und drohend umher. Seiner Kleidung nach mußte er von hoher Geburt sein, denn sein Rock bestand aus röthlich schimmerndem Sammet, bedeckt mit goldener Stickerei. Sein Haar war gepudert und gebunden, eine funkelnde Nadel hielt die Schleife seines Halstuches und an seinen Fingern 26 steckten mehrere Ringe. Wie der Anblick dieses unglücklichen Mannes mich aber auch ergriff, noch viel mehr rührte und ängstigte mich die junge Frau, welche an seiner Seite saß. So voller Reiz der Jugend und Schönheit glaubte ich nimmer eine gesehen zu haben. Weiße schwere Seide umfloß ihren schlanken Leib, in ihren dunkelblonden Locken steckte ein Gewinde von blitzenden Steinen, darüber saß die grüne Brautkrone und der lange Schleier von silberdurchwirktem Stoff. In dem Augenblick, wo mich starke Arme ergriffen und mir vorsichtig über die Gruft halfen, schlug sie ihre Augen zu mir auf, und es war mir, als fülle sich ihr schönes Gesicht mit unaussprechlicher Angst und Noth. Gleich darauf aber wandte sie den Kopf zu ihrem Geliebten, und ihre Mienen drückten nun die zärtlichste Liebe und eine Begeisterung aus, welche über alle Schrecken triumphirte. Ich war so verwirrt und betäubt von dem, was ich sah, daß ich keines Wortes mächtig die beiden Gestalten mit gefalteten Händen und starren Blicken anschaute. Sie kamen mir vor wie Engel des Lichts, die von Dämonen gepeinigt wurden, und waren sie nicht Märtyrer für den schönen Glauben ihrer Seelen? War diese Gruft nicht für sie bestimmt? Sollte nicht eine entsetzliche Gräuelthat an ihnen verübt werden? Eine blutige Geschichte entsprang mit Gedankengeschwindigkeit in meinem Gehirn. Man hatte sie hieher geschleppt – wer, o Allmächtiger! wer es that, wußtest du allein. – Man verhöhnte sie, wie der Heiland einst verhöhnt wurde mit der Krone von Dornen, indem man sie vor den Altar schleppte, den Segen der Kirche über ihren Bund sprechen ließ, um sie gleich darauf zu erwürgen. Gerechter Gott, rief Ebba. Was geschah? Ich sah die verhüllten Wachen mit blanken Schwertern zu ihren beiden Seiten stehen und ich wollte meine Stimme erheben, als der grimmige Mann, der mir gefolgt war, meinen Arm zusammen preßte und mit solcher Wildheit mich bedrohte, daß ich verstummte. Was konnte ich Einsamer, Schwacher, gegen mehr als hundert Bewaffnete thun? Wie konnte ich hoffen, daß mein Widerstand, auch wenn ich mich opferte, diesen Unglücklichen helfen würde? – Ohne ein Wort 27 streckte der Fremde den Arm nach dem Altare aus, an welchem ich meinen Platz, einnehmen sollte, und ich fand dort Alles bereit, die Decken gelegt, das Crucifix zwischen die brennenden Kerzen gestellt, Bibel und Gebetbuch davor aufgeschlagen. So begann ich denn nach den Vorschriften der Kirche die Trauung und richtete meine heißen Bitten zu dem Gewaltigen, der allein helfen konnte, dies Paar in seinen gnädigen Schutz zu nehmen, es vor seinen Feinden zu bewahren, und ihm Glück und langes Leben zu verleihen. Alles war still. Die düstern Gestalten verschwanden vor meinen Blicken; ich sah nichts, als die beiden Liebenden, welche Hand in Hand vor mir saßen, selig lächelnd und ihres Sieges gewiß. Mit entzücktem Tone hörte ich ihr Ja! durch die Kirche klingen und als sie die Ringe wechselten, strahlten ihre Augen wie in überirdischer Verklärung. So neigten sie sich, um den Segen zu empfangen und ich erflehte ihn aus inbrünstiger Tiefe; aber wer will Gottes Wege ermessen, wer will zweifeln, wenn er unerhört bleibt? – Kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen, als ich von mehreren dieser verkappten Männer umringt und hinaus geführt wurde, wo mich ihr Anführer schon erwartete. Sie können jetzt in Ihr Haus zurückkehren, sagte er, vorher jedoch geloben Sie in meine Hand unverbrüchliches Stillschweigen über Alles, was hier geschah. Besinnen Sie sich nicht, fuhr er in drohendem Tone fort, es möchte Sie gereuen! Geloben Sie mir, mit Niemanden darüber zu sprechen, auch keinerlei Nachforschungen anzustellen. Nur wenn Sie mein Verlangen erfüllen, werden Sie diesen Ort verlassen. Lebendig! flüsterte eine Stimme mir zu und schaudernd sah ich auf die dunkeln Gestalten, welche wenige Schritte von uns standen, wie ich meinte dazu bestimmt, mir die Rückkehr unmöglich zu machen. Ein Stoß von einer dieser Klippen in die brüllende See und Alles war gethan. Niemand hätte viel nach dem Verschwundenen gefragt, oder wenn mein zerschellter Leichnam aufgefunden wurde, hätte man den einsamen trübsinnigen Pfarrer als einen Verunglückten, oder als Selbstmörder begraben. 28 Ich leistete den Eid, und als es geschehen war, drückte er ein schweres Päckchen in meine Finger. Nehmen Sie dies, sagte er, aber hüten Sie sich, Ihr Wort zu brechen. Ich würde Sie finden, wo es auch sein möchte. O, mein Herr! erwiederte ich flehend. Gott, der Alles sieht und weiß, er sieht auch uns. Haben Sie Mitleid, erbarmen Sie sich! Fort! unterbrach er mich mit wilder Heftigkeit, fort! Sehen Sie sich nicht um, wenn Sie leben wollen! – Er stieß mich von sich und als ich einige Dutzend wankende Schritte gemacht hatte, hörte ich ein verworrenes Geschrei, das aus der Kirche kam. – Gott, mein Gott! rief ich in meiner Herzensangst, meine Arme zu dem nächtlichen Himmel ausstreckend und auf meine Knie sinkend, schütze sie, rette sie, du Hort aller Verfolgten! Ein Schrei, noch wilder, noch entsetzlicher, drang in mein Ohr und ich sprang auf und lief wie im Wahnsinn davon, ohne mich zu besinnen, ohne anzuhalten, bis ich endlich inne ward, daß ich weit von meiner Wohnung umherirrte! Der Sturm hatte mir meinen Hut genommen, Schnee fiel dicht auf mich nieder, als ich endlich, Fiebergluth in allen Adern, mein Haus erreichte. Es war mir, als hörte ich durch das Brausen der See den Donner der abgefeuerten Kanonen, aber von dem Schiff war nichts zu entdecken, als ich nochmals hinaus auf die Klippen lief und endlich warf ich mich auf mein Lager, verzweiflungsvoll meine Hände ringend, hadernd mit dem Allerbarmer, voll Zorn und Schaam gegen mich selbst, daß ich so schwach und elend war. Und Sie thaten nichts zur Entdeckung des Frevels? fragte Ebba nach einer langen stummen Stille. Drei Tage lang lag ich in meinem Bett, sagte der Greis demüthig, dann raffte ich mich auf und ging zur Kirche. Der Sonntag war gekommen, ich mußte mein Amt verwalten; dieser Gang war einer der schrecklichsten, den ich je gethan. Zitternd trat ich über die Schwelle des Gotteshauses. Meine Augen irrten scheu und suchend umher, doch nichts war zu entdecken. Die großen Steine lagen noch da, wo sie immer gelegen, jede Spur von dem, was hier geschehen, war sorgfältig entfernt. Es war als hätte ich geträumt. 29 Wissen Sie auch gewiß, daß es kein Traum war? fragte Serbinoff, lächelnd. Ich befand mich allein mit dem alten Kirchendiener, fuhr der Pfarrer fort, ohne diese ungläubige Einsprache zu beachten, und ich suchte meine verstörten Sinne zu sammeln. Nur zu gut wußte ich, daß ich das Alles erlebte, zu gut, daß ich wirklich sah, was ich gesehen, und wenn ich etwa noch hätte zweifeln mögen, so erhielt ich ein anderes Zeichen der Bestätigung. Als ich an den Stühlen stand, auf denen das unglückliche Paar gesessen, schimmerte hinter der Leiste derselben etwas Weißes hervor und als ich es aufhob, erkannte ich einen Handschuh von zarter Feinheit. Ich habe ihn bewahrt bis auf diese Stunde, und er sowohl wie die Rolle mit den Goldstücken, der Blutlohn, den ich niemals anrühren mochte, sind Zeugen der Wahrheit. Das ist entsetzlich! rief Ebba. Sie besitzen den Handschuh noch? Hier ist Beides, erwiederte der Greis und aus seiner Tasche nahm er einen Beutel, aus welchem er zunächst einen vergilbten Frauenhandschuh, mit Silberfäden gestickt, hervorzog, dann eine Papierrolle, die zermürbt in seiner Hand auseinander brach und eine Anzahl Goldstücke auf den Tisch fallen ließ. Alle starrten von Grauen ergriffen darauf hin. Holländische Ducaten, so wahr ich lebe! rief der junge Offizier. Eine schmale, kleine Hand hat zu diesem Handschuh gehört, sagte Serbinoff. Das Fräulein hatte ihn aufgenommen und streifte ihn an ihre Finger. Er paßt, als gehörte er dir, bemerkte ihr Bruder. Legen Sie ihn fort, sagte Serbinoff. Wir haben in Rußland den Glauben, daß es Unglück bringt, ein Kleidungstück von Einem anzulegen, der gewaltsam um sein Leben kam. War es denn so? Ermordete man sie wirklich? Wenn sich Alles so verhält, wie dieser würdige Herr uns mittheilt, ist allerdings wenig daran zu zweifeln, war seine Antwort. Wer that es? Wer wagte ein so grauenvolles Verbrechen? 30 Was das Erste anbelangt, sagte der Graf, so scheint allerdings eine mächtige Person den Befehl dazu gegeben zu haben, der von dem Befehlshaber eines Kriegsschiffes vollzogen wurde. Kein Offizier wird sich zu solcher Schandthat gebrauchen lassen, fiel Lindström ein. Wenigstens wohl kein schwedischer, verbesserte der Baron. Und diese Unglücklichen – wer konnten sie sein? fragte Ebba. Müssen es denn Unglückliche gewesen sein? erwiederte Serbinoff. Weit eher glaube ich, daß es Staatsverbrecher waren, die vielleicht den Zorn einer hohen Person besonders reizten und deren Rache auf sich zogen. Einer solchen Rache ist nur eine Frau fähig, flüsterte lächelnd der Baron. Ich glaube zu verstehen, was Sie andeuten, antwortete Serbinoff. Katharina die Zweite war eine große Herrscherin, ihre Leidenschaften waren eben so gewaltig, allein sie war immer großmüthig; nie hat man gehört, daß sie sich an einem treulosen Geliebten rächte. Mit Alexei Orloff oder Gregor Potemkin war freilich weniger zu spaßen, und unmöglich wäre es nicht, daß einer dieser allgewaltigen Männer eine treulose Geliebte und ihren Buhlen auf diese Weise strafte. Allein, warum mit dem zärtlichen Paar bis an diese entfernte, fremde Küste schiffen? In welcher Sprache redete der Fremde mit Ihnen, Herr Jönsson? Er sprach schwedisch, sagte der Pfarrer. Das ist kein Beweis, fiel Lindström ein. Sie selbst verstehen ja schwedisch, und im russischen Heere befinden sich manche Offiziere finnischer Abkunft, besonders auf der Flotte, denen das Schwedische Muttersprache ist. Die übrigen Leute haben Sie nicht sprechen gehört? Alle waren still und stumm, erwiederte der Greis. Allein das Brautpaar antwortete doch ein deutsches Ja, fuhr Serbinoff fort, und würde man einen kirchlichen Act hier vollzogen haben, wenn sich beide nicht zu der hier herrschenden Landeskirche bekannten!? Diese Gründe waren triftig genug, dennoch überzeugten sie weder den Kammerherrn noch seine Verwandten. Es ist unmöglich, sagte Arwed, daß bei unsern Zuständen, auch fünfunddreißig Jahre 31 zurückgeblickt, eine solche Gewaltthat verborgen bleiben konnte. Was glauben Sie selbst davon, Herr Jönsson? Ich weiß es nicht, erwiederte der demüthige Mann. Wohl ein Jahr lang und darüber ließ ich mir aus Abo die Zeitung von Stockholm schicken, doch umsonst forschte ich darin, ob eine Familie ihre Angehörigen vermisse, oder irgend eine Andeutung mir eine Spur verschaffen könnte. Es war Alles vergebens. Eine solche Andeutung mußte sich finden, fiel Arwed ein. Wenn die Ermordeten nur einigermaßen zu den obern Ständen gehörten, war es unmöglich, daß sie spurlos verschwinden konnten. Vielleicht aber waren es Dänen, fuhr er nachdenkend fort. Was konnte zu jener Zeit des dänischen Absolutismus und seiner blutigen Hofkabalen nicht geschehen. Wenn man nicht wüßte, daß die schöne Mathilde in ihrem Kerker starb und Struensee's Kopf auf einem Pfahl vermoderte, könnte man glauben, es sei die unglückliche Königin selbst gewesen. Ein banges Schweigen folgte seinen Worten. Die ärmlichen Lichte warfen ihren flackernden, düstern Schein auf den Handschuh und auf die verstörten Gesichter. – Thaten Sie denn niemals etwas, das Ihnen Gewißheit verschaffen konnte, was in der Kirche geschah? fragte der junge Seemann endlich. Was sollte ich thun? erwiederte der Pfarrer. Nicht Furcht vor dem was mir geschehen konnte war es, das mich abhielt die Gruft anzurühren, welche jene Unglücklichen bedeckte, sondern Furcht neues Unheil heraus zu fordern, das leichter Unschuldige als Schuldige treffen konnte. Wer diese That auch anstiftete, ein mächtiger Gebieter auf Erden war er gewiß, den schwerlich ein Gesetz, das Menschen gemacht, erreichen konnte. So stellte ich Gott die Rache anheim, der den Missethäter längst wohl vor seinen Richterstuhl geladen hat, um sein Urtheil zu sprechen. Das Grab wurde somit niemals aufgedeckt? Niemals eine Nachforschung angestellt? fragte Ebba. Wie hätte ich die schweren Steine heben und unbemerkt eine Untersuchung ausführen können? erwiederte der Geistliche. Und was – setzte er seufzend hinzu – was konnte es helfen? 32 Dann fordere ich Euch auf, Ihr Herren, sagte das Fräulein, nicht von hier zu gehen, bis wir Alles erforscht haben. Bravo! rief der junge Seemann aufspringend, gleich auf der Stelle wollen wir an's Werk. Vier rüstige Bootsleute werden die Steine bald fortschaffen; ein paar Eishacken liegen in dem Lugger; Schaufeln liefert uns der Herr Jönsson, so haben wir was wir brauchen. Die Bedenken gegen diesen Vorschlag waren bald überwunden. Das Schaurige und Grausige dieser nächtlichen Untersuchung eines Verbrechens, das so lange verborgen geblieben, reizte durch das Geheimniß, welches darüber schwebte, die jungen Gemüther noch mehr auf, und wenn auch der bedächtige Baron Arwed die romantische Erregtheit seiner Schwester und seines Verwandten nicht theilte und ihre Empfindungen ihm weit ablagen, so hatte er andere Gründe, um nicht dagegen zu sein. Es war ein unterhaltendes Abenteuer, dessen Entdeckung Aufsehen machen mußte. Der König selbst konnte sich dafür interessiren, und daraus ließen sich vielleicht Vortheile ziehen, die Herr von Bungen zu benutzen dachte. Er stimmte daher ein unter der Bedingung, daß der ehrwürdige Pfarrer nichts dagegen habe, da sein Beistand und seine Erlaubniß nothwendig seien. Was Sie thun wollen, erwiederte der demüthige Greis, werde ich nicht hindern. Hat der Herr Sie zu mir geführt, damit ich Ihnen diese traurige Begebenheit mittheile, so wird sein Wille auch weiter geschehen, und wenn ich bedenke, daß morgen am Tage ein Zulauf von Neugierigen stattfinden würde, so scheint es mir besser, die Untersuchung in der Stille der Nacht zu beginnen. Damit war die Einigung erreicht und eine halbe Stunde genügte für den jungen raschen Seemann, um die Schiffsmannschaft mit Hacken und Spaten zur Stelle zu schaffen. Der Pfarrer rüstete sich, seine Gäste zu begleiten und Ebba war nicht zu bewegen, von dem nächtlichen Zuge abzustehen, wie sehr auch Serbinoff in sie drang. Warum wollen Sie sich dieser Expedition anschließen, sagte er, die in keinem Fall etwas Erfreuliches bietet. Muß man denn immer nur dem Erfreulichen zueilen wollen? erwiederte sie. 33 So viel man irgend kann, ja, war seine Antwort. Das Unangenehme und Widerliche drängt sich uns von selbst genugsam auf, ohne daß wir ihm zu entgehen vermögen. Ich wollte, dieser alte Mann hätte uns mit seiner halb vergessenen Geschichte verschont, sie verdirbt uns den Abend und die Nacht, vielleicht noch manchen Tag. Ich bin ihm dankbar, sagte Ebba, und glaube, was er von dem Willen einer höhern Macht sagt. Denn, ist es nicht mehr als Zufall, daß wir zu ihm kamen? Ist es nicht seltsam, daß ich mit jener unglücklichen Frau Ähnlichkeit genug besitze, um seine lang geschlossenen Lippen zu öffnen, und glauben Sie nicht, daß jene höhere Macht uns dazu bestimmt hat, dies Verbrechen zu enthüllen? Serbinoff lächelte ungläubig. Ich hoffe und wünsche, sagte er, daß Alles, was Sie denken, sich nicht erfüllt, und bin noch immer der Meinung, uns nicht mit Dingen einzulassen, die Uns so wenig angehen. Was haben wir davon, wenn wir wirklich in einer Grube ein paar Gerippe finden? Am besten immer dann noch, wir scharren sie ein und machen es wie dieser würdige Pastor, der die Rache dem Himmel überläßt. Sollen wir uns mit einer Criminalgeschichte einlassen? Herr Erich, Ihr ritterlicher Vetter, befindet sich wahrscheinlich jetzt schon in Abo, um sein großmüthiges Versprechen wahr zu machen, Sie mit finnischer Herzlichkeit zu empfangen. Kümmern wir uns also um die Gegenwart und um die Zukunft; doch ich sehe, meine Gründe fruchten nichts; wenn jedoch meine Bitte Ihnen etwas gilt, theures Fräulein Ebba, fügte er schmeichelnd hinzu, so stehen Sie wenigstens von dem Vorhaben ab, uns zu begleiten. Nacht, Kälte, Aufregung und Schrecken könnten Sie krank machen. Eben erschien der Geistliche in seinen Mantel gehüllt, den großen Kirchenschlüssel und seine Laterne in der Hand. Nein, erwiederte Ebba entschlossen, ich gehöre nicht zu den Furchtsamen und Schreckhaften. Es ist mir so, als müßte ich gehen und ich will es thun, was meine Augen auch sehen mögen. Es war eine schöne, stille Nacht. Die Sterne funkelten matt am Himmel, tiefe Ruhe und Dunkelheit lagerten auf Land und Meer. Der Pfarrer mit der Laterne ging voran, dir Übrigen folgten ihm erwartungsvoll und stumm ihren Gedanken nachhängend. Zuweilen 34 nur, wenn aus den Lerchen- und Birkenbüschen ein Nachtvogel plötzlich aufflatterte, schracken sie zusammen und wenn der Luftzug dürres Geblätter um ihre Füße rascheln ließ, folgten ihm ihre scheuen Blicke nach. Der Weg war nicht weit und nicht beschwerlich. Von der hügeligen Bodenerhebung führte er an den sandigen Strand hinunter, über welchen phosphorisch leuchtend die langen Meerwellen rollten; dann traten hinter einem dünenartigen Wall die Umrisse der kleinen Kirche hervor. Es war ein wetterschwarzer uralter Bau, welcher Jahrhunderte überdauert hatte. Auf der thurmartig vorspringenden Spitze drehte sich ein rostiges Fähnlein, das mit heiserem Geknarr den seltenen Besuch empfing. Der Pfarrer öffnete die enge Thür, und seine Laterne aufhebend verbreitete er einen gespenstischen Schimmer über eine Anzahl verdunkelter Holzbänke und Sitze, welche eben so alt und zermürbt zu sein schienen, wie dies niedere Gotteshaus. Langsam ging er den schmalen Gang zwischen den Bänken herauf und hinter ihm polterten die schweren schallenden Schritte der Bootsleute, die nicht wußten, was hier geschehen sollte, doch gehorsam den Befehlen ihres Offiziers gefolgt waren. Die alte Kirche war leer von allem Schmuck, nur auf dem Altare im Hintergrunde stand ein vergoldetes hölzernes Bild des Heilandes am Kreuze, und von der Decke herab schimmerte der verblindete Armleuchter, den der alte Mann in seiner Erzählung erwähnt hatte. Die Blicke richteten sich auf ihn und flogen forschend durch den dunkeln öden Raum, welcher mit dumpfiger Luft gefüllt war. Ein Grauen aber lief durch alle Herzen, als der Pfarrer jetzt stehen blieb, wo der Gang vor dem Altare mündete, und seine Laterne niederhaltend mit dem Finger vor sich hindeutete. – Hier ist es, sagte er mit hohler Stimme. Dies ist die Stelle! Einige Minuten lang betrachteten Alle schweigend den verhängnißvollen Platz. Er unterschied sich durch nichts von dem übrigen Theil des Fußbodens. Überall war dieser mit ziemlich großen und unregelmäßigen Rollsteinen von Granit bedeckt, die durch langen Gebrauch abgeschliffen und eingedrückt, seit der Zeit hier zu liegen scheinen, wo die ersten Erbauer sie mit frommem Eifer herbeigeschafft und fest gefügt hatten. Das Schauerliche dieser schweigenden Betrachtung wurde 35 vermehrt durch das leise Geflüster des alten Geistlichen, der auf die vordersten Stühle deutend seine Darstellung jener schrecklichen Nacht vervollständigte. Dort saß das unglückliche Paar, sagte er, und diese Bänke waren mit ihren Verfolgern gefüllt. Neben dieser Gruft lehnten sie lautlos mit ihren Werkzeugen, um den letzten Schrei der Angst mit Schutt und Gestein zu ersticken. Welch Brautbett! welch Sterben! murmelte Ebba. Und dort standen sie um den Sitz der Opfer in dichten Reihen, die blanken Schwerter in ihren Händen, den Wink ihres Anführers erwartend, und jedes meiner Worte, jedes Gebet, jeder Segen, den ich über sie aussprach, brachte sie ihren Mördern näher. O, mein Gott! welch Entsetzen erfüllte mich, der ich dies Alles sah, ohne es ändern zu können, der ich in Todesangst endlich mein letztes Amen sprach, während sie sich innig umfaßt hielten und verklärt über alle Schrecken triumphirten. Hier war es – hier stand der entsetzliche Mann, und ich sehe ihn noch, wie er diese Unglücklichen voll Wuth und Hohn anschaute, weil sie seinen Qualen trotzten. Der Kammerherr ließ seine Uhr repetiren, diese schlug zwölf Male, es war Mitternacht. Vorwärts denn, sagte er. Reißt die Steine auf und zögert nicht länger. – Auf seine Anweisung gebrauchten die Matrosen ihre Werkzeuge, und bald hoben sich die Platten und wurden zur Seite gerollt. In kurzer Zeit war eine Öffnung gemacht, groß genug, um die Schaufeln zu handhaben, welche Sand und Geröll ohne Beschwerde aufhoben, und je weiter die Grube sich vertiefte, um so höher stieg die ängstliche Erwartung derer, die am Rande stehend hinunterblickten. Die Laterne des Pfarrers leuchtete zu dieser Arbeit und schickte ihr düsteres Licht aus dem Schacht herauf in die übergebeugten Gesichter. Ein dumpfes Gemurmel, dann und wann unterbrochen von einem lautern Schall, den ein fallender Stein oder ein antreibendes Wort erregten, lief an den Wänden des Gebäudes hin und prallte hohl davon zurück. Mit heißen Augen blickte die junge Dame nachsinnend in die Finsterniß, und aus den fernen Ecken und Winkeln schienen Schatten zu schlüpfen, die sich zu langen Reihen namhafter Wesen sammelten, welche auf den knarrenden Bänken sich niederließen. 36 Es war ihr, als verkörperte sich die ganze schreckliche Erzählung des alten Mannes, als sähe sie vor dem Altare einen Schleier wehen und eine schöne junge Gestalt richtete sich auf und wandte den Kopf nach ihr hin, während ihre Arme einen Mann an sich preßten, der seine stolzen Augen voll Schmerz und Liebe zu ihr erhob. Sie wußte wohl, daß dies Alles ein Spiel ihrer erregten Phantasie sei, und jene Gestalten sich nach den Vorstellungen bildeten, die sie von ihnen erhalten hatte; dennoch aber überließ sie sich lange Zeit diesen Täuschungen. Sie sah die breite Stirne des Verlorenen, seine festen starken Züge, die verachtende Kühnheit auf seinen zusammengepreßten Lippen, den Kummer und den Zorn, welche finstere Schatten über dies edle Gesicht jagten. In ihrem Herzen glühte ein seltsames überwältigendes Bangen und Sehnen, und weit ihre Augen öffnend, erkannte sie in seinen Armen sich selbst, die voll Muth und Zuversicht mit dem Geliebten sterben wollte. Alexei Serbinoff legte seinen Arm um sie, denn sie lehnte sich an ihn, und leise ihre Hand drückend, beugte sich der hohe schöne Mann zu ihr nieder und beobachtete sie forschend und lächelnd, als erriethe er, was ihre Gedanken beschäftigte. In dem Augenblicke jedoch, wo er sie anreden wollte, drang ein Geschrei aus der Grube und einer der Arbeiter, der seine Hacke fortgeworfen hatte, sprang bestürzt daraus hervor. Das Grausen, das dieser Schrei und diese Flucht verbreiteten, war lähmend und erstarrend. Die Laterne lag umgestürzt, sie war im Erlöschen, keiner der übrigen Arbeiter aber hob sie auf. Alle hatten sich so weit als möglich zurückgezogen. Haarsträubendes Entsetzen schien auch über sie gekommen zu sein, und nur der Zuruf ihres Offiziers hielt sie ab, ihren Kameraden zu folgen. Was gibt es da? rief Lindström hinunter. Ein Arm, Herr, ein Kopf! antwortete der Matrose zaghaft. Hat er dich gebissen, du Narr? fuhr der Seemann fort. Halt die Laterne hoch. Nimm deine Hacke, schlag die Erde an der Seite fort. Was ist das? Ein Strick, Herr, und hier – hier! Was noch? 37 Zwei Menschen mit Stricken zusammengebunden! riefen die Männer, deren Muth sich nicht vermehrte. Die Lebenden blickten schaudernd auf diese Todten. Da lagen sie, eine braune halb verzehrte Masse, ihre Umrisse von dem schwachen Lichte umspielt, ihre Glieder noch halb von Schutt bedeckt und doch nur allzu deutlich erkennbar, auf welche entsetzliche Weise sie geendet hatten. Baron Arwed fand zuerst die Sprache wieder. Wir müssen diese unglücklichen Reste herausschaffen lassen, sagte er. Das ist kein Anblick für dich, Ebba. Gehen Sie, Serbinoff, führen Sie meine Schwester fort. Herr Jönsson wird Sie begleiten, Überlassen Sie mir und Gustav die Sorge, alles Weitere zu thun. Der Pfarrer saß mit gefalteten Händen und gesenktem Haupte auf den Steinen neben der Gruft und schien eben so wenig wie die junge Dame geneigt zu sein, dieser Anordnung Folge zu leisten. Ihre Blicke folgten dem jungen Offizier, der, da er sah, daß seine Leute zögerten Hand anzulegen, selbst in die Grube sprang, und dessen Worte nun laut zu ihnen heraufschallten. Er hatte die Laterne ergriffen und beleuchtete den schrecklichen Fund in der Nähe. Bei Gott! rief er, sie sind mit Hals und Brust zusammengeschnürt. Tüchtige getheerte Schiffsbänder sind es, aber – eine Pause folgte – die angstvoll Athmenden sahen, wie er eine der Hacken nahm, diese gebrauchte, dann sie wegwarf, mit den Händen zufaßte und in ein helles anhaltendes Lachen ausbrach, das wie höllisches Hohngelächter in der finstern Kirche wiederhallte. Im ersten Schrecken glaubte Arwed Bungen, sein armer Vetter habe plötzlich vor Entsetzen den Verstand verloren, und sein Wahnsinn theile sich den Schiffsleuten mit, die ihren Offizier mit kräftigen Lungen unterstützten. Herr des Himmels! schrie er, von dem grellen Gegensatz der Extreme im äußersten Grade bestürzt, was ist geschehen? Ein abermaliges Gelächter antwortete ihm. Faßt an! faßt an! hörte er unten rufen. Olaf, hierher und laß sie nicht zerbrechen. Zwei allerliebste Gesichter, so wahr ich lebe! Jetzt auf mit ihnen – hoch! – und im selben Augenblick stiegen zwei Körper aus der 38 Gruft hervor, streiften an Arwed hin, der vor ihnen die Flucht ergriff, und fielen vor dem Fräulein und dem alten Pfarrer nieder. Halt ein! schrie Lindström zugleich, indem er aus der Grube sprang und ungemäßigt weiter lachte. Verdammt will ich sein, wenn ich jemals einen tolleren Spaß erlebte! Stiert mich doch nicht so wild an. Da liegen die Gemordeten, das zärtliche Pärchen. Weine, Ebba, weint Alle; aber nein, zu Odin mit den verruchten Mördern! Lacht, lacht! es ist das Einzige und Beste, was wir thun können. Er stieß mit dem Fuß an die Gestalten und hielt die Laterne darüber. Seht Ihr es denn noch nicht? fuhr er in derselben Weise fort. Zwei Puppen sind es, aus Segeltuch zusammengenäht, mit Werg ausgestopft und mit Reefbänder übereinander geschnürt. Wo zum Henker! Pfarrer Jönsson, wo sind die lieblichen Augen und alle die kostbaren Schönheiten? Schock Tonnen Teufel! Wer ist hier zumeist angeführt? Wer ist der, der ausgelacht werden muß? Und es war und blieb so, wie der Offizier sagte. Es waren zwei ausgestopfte Puppen von menschlicher Größe, die sich in dem trocknen Sande dieser Gruft gut genug erhalten hatten. Der jähe Umschlag vom Furchtbaren zum Lächerlichen wirkte überwältigend auf Alle. Nach einigen Minuten war das Trauerspiel zur Posse verwandelt, das Entsetzliche wurde verspottet, die hochherzige Begeisterung, dies grauenvolle Verbrechen zu enthüllen, verlacht, und über den alten Pfarrer brach eine Fluth von Hohn und Vorwürfen zusammen, welche er mit seiner geduldigen Demuth ertrug, ohne sich zu vertheidigen. Schweigend und mit gefalteten Händen stand er an dem Rande der Gruft, nachdenklich bald diese, bald die ausgescharrten Körper betrachtend. Er allein schien, was er sah, noch immer nicht begreifen zu können, und wenn Einer in dieser Gesellschaft seine Zweifel theilte, so war es sicher nur Ebba Bungen. Sind diese elenden Puppen nicht etwa hingelegt, um andere Nachforschungen zu hindern? sagte sie, und liegen die nicht tiefer begraben, welche wir suchen? Nein, nein! erwiederte Lindström. Wir sind bis auf den Felsboden gekommen, darunter ist nichts als der harte Stein. 39 Die Komödie ist aus und wir können nach Haus gehen, fiel Arwed ein. Meinen Sie es nicht, Herr Jönsson, oder glauben Sie, daß dies eine Leichensteingruppe für die armen Schlachtopfer ist, welche Tyrannei und Willkür der Gewaltigen hier schlachteten? Mein theurer Herr, erwiederte der alte Mann sanftmüthig, meine Augen sehen, was diese Grube enthält, und eine große Angst ist von mir genommen; dennoch aber weiß ich das Räthsel nicht zu lösen. Sehr schwer kann es nicht mehr sein, lachte der Baron. Ich denke mir, ein lustiger Kapitän, der eine eben so übermüthige Gesellschaft junger Taugenichtse am Bord hatte, machte sich ein Fastnachtsvergnügen auf Ihre Kosten. Ein paar ausgeputzte Puppen wurden in die Kirchenstühle gesetzt und Sie dann herbeigeholt, wie Sie es beschrieben haben. Hätten Sie schärfer hingeschaut, hätten Sie die Wechselbälge erkennen müssen. Mein lieber gnädiger Herr, sagte der alte Mann, es waren lebende Menschen, die dort saßen. Nun gut, fiel Serbinoff ein, so gehörten sie zu der Gesellschaft, welche die Rollen unter sich vertheilte und endlich diese Stellvertreter hier versenkte. Wir können nichts Besseres thun, als sie ihrer gestörten Ruhe zurückliefern und mit gutem Humor davongehen. Machen Sie ein lustiges Gesicht, alter Herr! schrie Lindström, den greisen Priester schüttelnd. Eine Rotte so lustiger Jungen, wie je auf Salzwasser schwamm, hat Sie ins Gebet genommen. Werft sie in das Loch, so schnell Ihr könnt, rief er seinen Matrosen zu, und laßt uns gehen. Friede sei mit ihren Seelen! Bei einem heißen Glas Punsch soll Alles vergeben und vergessen sein. Axel Jönsson lächelte sanftmüthig und ließ sich fortführen. Gerne, sagte er, will ich denen vergeben, die mir so vielen Kummer machten; dennoch aber, fügte er leise flüsternd hinzu – dennoch –. Er schwieg still, denn die Herren lachten allzu übermüthig. Fröhlicher gestimmt, als sie gekommen waren, wanderten sie den Strand entlang, und als sie das Haus des Geistlichen erreicht hatten, wurde Karina's eiserner Kessel nochmals in Bewegung gesetzt, bis Wein und Lust ein Ende nahmen. 40 Ein lichter Streif dämmerte im Osten, als die Bootsleute erschienen und berichteten, daß ihre Arbeit beendet und Alles in Ordnung gebracht sei. Sie wurden belohnt und fortgeschickt, dann sagte Arwed: Ich glaube, daß wir sämmtlich mit dem Ende unseres Abenteuers zufrieden sein und leichten Herzens einige Stunden schlafen können. Auch Sie, ehrwürdiger Herr, werden fortan vergnügt die alten Steine im Kirchengange betrachten. Eines aber scheint mir dringend nöthig, um nicht boshaften Menschen Stoff zu Spöttereien zu liefern. Schweigen wir unverbrüchlich über die Begebnisse dieser Nacht und geloben wir uns, Niemanden ihre Geheimnisse zu offenbaren. Zum Henker ja! rief der junge Offizier, wenn es in Stockholm bekannt würde, daß wir eine Nacht lang toll und wild eine alte Kirche durchwühlten, um gräßlich ermordete Menschen zu finden, und zuletzt ein paar jämmerliche Graspuppen fanden, würde es an Hohngelächter nicht fehlen; obgleich die Narren schwerlich klüger gewesen wären, als wir. Serbinoff mischte seine lustigen Bemerkungen ein. Man gibt sich zwar heut zu Tage viel mit Geisterseherei ab, sagte er, indem er lächelnd nach dem Fräulein blickte, und romantische Naturen glauben an geheimnißvolle Mächte, an Ahnungen, Bestimmungen und andere göttliche Zeichen. Diesen hohen Mächten müssen wir besonders dankbar für die Lehre sein, welche sie uns ertheilten, und gewiß nehmen wir uns künftig in Acht, mehr von ihnen zu halten, als sie selbst es thun. Während er dies sagte, bemerkte er, daß Ebba heimlich mit dem alten Geistlichen sprach, und er zweifelte nicht daran, daß sie ihn tröstete und noch immer nicht zu den Bekehrten gehöre. Er sah auch, wie sie den fatalen Handschuh nahm und einsteckte, und lachend rief er seinem Freunde zu: Ihr seid ein seltsames Volk! Trotz Eures kalten Landes habt Ihr eine zu heiße Phantasie, die immer Euer Unglück gewesen ist. Man nennt Euch die Franzosen des Nordens, und auf diesen Titel seid Ihr stolz. Wer wollte auch die vielen großen Eigenschaften leugnen, welche damit verbunden sind, aber die Phantasterei klebt Euch auch damit an und alle Prophetenstimmen gehen daran verloren. 41 Was wollen Sie mit diesen geistreichen Anmerkungen behaupten? fragte der Baron. Daß wir morgen einen langen Tag vor uns haben, erwiederte Serbinoff, und den Rest der Nacht nicht unnützer Weise verplaudern sollen. Zu Bett denn und ein fröhliches Erwachen! Mögen alle gute Geister Ihren Schlaf behüten, Fräulein Ebba, und alle romantische Gespenster verscheuchen! Unter Scherzen und Gelächter suchten die Gäste ihre Lagerstätten, welche der Pfarrer ihnen bereitet hatte, so gut er es vermochte, und sie schliefen, bis die Sonne hell in ihre Fenster schien, das Rauschen der Bäume sie aufweckte, und der Seeoffizier mit lautem Halloh! sie zur Eile trieb, weil der feinste Wind, den es geben könne, sie erwarte. Nach einer Stunde waren sie am Bord des kleinen Luggers, der, als er die Bucht hinter sich hatte, seine großen Segel weit aufbauschte und einen Schaumstreifen durch die dunkelblauen Wellen zeichnete. Bis an den Strand hinab hatte der gute, friedliebende Greis die Scheidenden begleitet, Niemand aber hatte heut noch ein spöttelndes Wort für ihn. Der Abschied war ein herzlicher und dankbarer. Seine Segensworte schallten ihnen nach, und als das Boot dem fernen Inselgewirr zuflog und darin endlich verschwand, erblickten sie, so lange dies möglich war, auf der hohen Klippe seine dunkle, unbewegliche Gestalt. Zweites Kapitel. Am Nachmittage lag Abo vor den Reisenden. Der Wind war fortgesetzt günstig geblieben, das Wetter ausnehmend schön, die Fahrt angenehm; dennoch wurde sie ermüdend durch die Eintönigkeit des Charakters aller dieser Eilande, welche immer denselben Wechsel von 42 niedern Felswänden und Lagern, Hügeln, Buchten, flachen Ufern, Schluchten voll dunklem Wald und kleinen grünen Thälern zeigte. Da und dort wurden Bauern- und Fischerhäuser sichtbar, und zuweilen schob sich eine Gruppe derselben dichter zusammen. Eine etwas großartigere Natur begann jedoch erst näher an der finnischen Küste, und diese selbst trat zuletzt mit Vorgebirgen und steil aufsteigenden Landzungen, hinter welchen sich höhere Berge blicken ließen, vor die Augen der seemüden Gesellschaft. Als diese den Sund von Rimito erreichte, mehrten sich die kleinen und größeren Fahrzeuge, welche demselben Ziele entgegen gingen. Ein Fluß mündete zwischen Hügelketten und vor ihm ankerten eine Anzahl Handelsschiffe unter verschiedenen Wimpeln und Flaggen. Klippen, welche kaum aus dem Wasser ragten, zeigten an, daß die Fahrt gefährlich werde und die großen Schiffe nöthige, nicht weiter den Fluß heraufzugehen, sondern ihre Ladungen hier außen zu löschen und einzunehmen. Auf der Landspitze, wo Meer und Land zusammenstießen, lag ein gezacktes Gemäuer, das der Seeoffizier die Festung Abohus nannte, und vor ihr schwankten mehrere Kanonenboote und flache Fahrzeuge der Scheerenflotte langsam auf und ab, die Buge gegen den abfließenden Strom gewandt, der rasch sein Wasser in den weiten Seekessel trieb. Es ist der Aurajocki, sagte Lindström, und dort liegt die alte Schwedenstadt Erich's des Heiligen, der meines Erachtens sehr wohl gethan hätte, auch dem Flusse einen guten schwedischen Namen zu geben. Noch viel besser wäre es gewesen, erwiederte Arwed, wenn er der Stadt selbst einen guten Hafen hätte verschaffen können. Der Bach oder Fluß ist jedoch dazu weder breit noch tief genug. Abo wird niemals zu einer großen Handelsbedeutsamkeit kommen können. Jedoch versorgt es das Land, und wie unter den Blinden der Einäugige König ist, so ist es der Mittelpunkt alles geistigen und materiellen Lebens und Strebens der Finnen. Man hat wenig für dies weite Gebiet bisher gethan, wie ich glaube, sagte Serbinoff. Jahrhunderte lang, war Arwed's Antwort, ist es wie eine Eroberung behandelt worden, dann hat es das Schicksal gehabt, das 43 Colonien und abgetrennte Provinzen gewöhnlich trifft. Man läßt sie von Gouverneuren regieren, fordert hohe Abgaben und Lasten, benutzt alle vorhandenen Mittel so viel man kann, kümmert sich jedoch nicht um Gedeihen und Fortschritte mehr, als durchaus nöthig ist. Die Finnen sind nun überdies eine eigenthümliche Menschenrace. Wären sie schwedischen Stammes, so würden sie wenigstens so weit sein, wie unsere Bauern. Eigensinnig sein wie ein Finne, ist bei uns zum Sprichwort geworden. Sie hängen an alten Gebräuchen und Sitten so fest, wie an ihrer schrecklichen Sprache. Im Innern des Landes wird diese allein gesprochen, und so viele Mühe man sich auch gegeben hat, durch Kirche und Schule ihre Bekehrung ins Schwedische zu vollenden, so gibt es doch große Districte, wo es schwer wird, sich verständlich zu machen. Denken Sie sich nur ein Land, das nach der Schätzung wenigstens 5 bis 6000 Quadratmeilen groß ist, dabei fast ans nördliche Eismeer reicht, mit Wäldern, Sümpfen, einer unermeßlichen Menge großer und kleiner Seen und mit Wüsteneien gefüllt, die oft so gut wie gänzlich unbekannt und unerforscht sind, und Sie werden eingestehen müssen, daß die Civilisation der einen Million Menschen, welche auf diesem mächtigen Raume wohnt, große Schwierigkeiten findet. Die Sprache ist ganz verschieden von der schwedischen? fragte Serbinoff weiter. So verschieden selbst in ihren Dialecten, erwiederte Arwed, daß der Finne aus dem Süden den aus dem Westen oder Norden kaum versteht. Es ist auch auf diesem Boden in alter Zeit ein Völkertreiben und Völkerwandern gewesen, fuhr er fort. Die allerrohsten Menschenzeiten spiegeln sich darin ab. Hirtenstämme, verdrängt aus milderen Ländern, suchten in diesen Sümpfen und Wäldern Zuflucht; doch auch sie wurden ihnen streitig gemacht von Savolaxern, Carelern und ähnlichen liebenswürdigen Wesen in Thierfellen und Helmen, aus ihren struppigen Haaren geflochten. An den Südküsten und im Osten vermischten sie sich, im Norden blieb der uralte finnische Stamm rein und wandert dort noch jetzt mit seinen Rennthieren auf und ab, während südwärts nach und nach mit schwedischer Beihilfe die 44 Civilisation Fortschritte machte, an der Küste Städte entstanden, der Ackerbau in Aufnahme kam und schwedische Einwanderer sich festsetzten. Auch der schwedische Adel kam und hat einen finnländischen Adel gebildet, sagte Serbinoff lachend. Es gibt große, reiche Güter genug in Finnland! rief Lindström dazwischen. Viele alte Familien sind hier angesessen. Er hat Recht, fiel Arwed ein. Durch die Kriegszüge kam ein kriegerischer Adel herüber, der großen Grundbesitz erhielt und reich wurde. Sie werden sich davon überzeugen können. Diese Finnländer, wie sie sich gern nennen, sind sehr stolz auf ihr Vaterland. Wie alle Schweden, sagte Ebba, und indem sie auf eine Kirchenspitze deutete, auf welche eben ein heller Sonnenblitz fiel, fügte sie hinzu: Dort liegt Abo und sein berühmter alter Dom! Ihr Bruder bestätigte es. Bei einer Wendung des Flusses kam die Stadt zum Vorschein, überragt von gelben, nackten Hügeln, die den Hintergrund schlossen, während an den Ufern, im Thale und an den aufsteigenden Lehnen sich Häuserreihen hinzogen. – Abo ist jetzt eine neue und eine russische Stadt mit geraden, breiten Straßen, niedrigen Häusern und Bauwerken von Stein, nachdem der große Brand vom Jahre 1827 fast nichts übrig gelassen hatte, als verkohlte Trümmerhaufen; zu jener Zeit aber, wo der kleine Lugger den Aurajocki hinaufsegelte, an dem rechten Ufer hinfuhr, dessen Abhänge sich mit den Gärten und Wohnungen der Kaufleute, der Beamten, der Universitätsprofessoren und mancher reichen Einwohner bedeckten, und endlich an dem Bollwerke des innern Hafens landete, waren die engen Straßen mit alten hohen Holzhäusern besetzt. Ein lebendiges Gewimmel von kleinen Last- und Lustfahrzeugen aller Art füllte den Fluß, ein Menschengewühl die anstoßenden Kais. Abo versorgte Stockholm und zu Zeiten halb Schweden mit Korn und Fleisch sammt allerlei Producten, welche Ackerbau und Viehzucht, Wald und Jagd liefern, und immer waren Hunderte kleiner Schaluppen und Boote beschäftigt, hin und her zu fahren, Güter zu holen und zu bringen, dabei auch den Verkehr mit den großen Handelsschiffen zu vermitteln, welche nicht durch die Klippengewinde des Flusses bis vor die Stadt kommen konnten. Männer und Weiber in weißen und blauen Jacken, rothe 45 oder braune Mützen auf den dicken Köpfen, oder auch ihr langes Haar in strehnig geflochtenen Doppelzöpfen weit über den Rücken hängend, führten die Ruder, und zwischen ihnen hin flogen die leichten Jollen der Matrosen. Aus den Packhäusern wurden Waarenballen auf und niedergewunden und über die Pflastersteine rasselten viele kleine zweirädrige Karren, bespannt mit eben so kleinen Pferden, welche vom Lande herein Vorräthe gebracht hatten und deren Eigenthümer dafür andere eingekaufte und eingetauschte gute Dinge mit nach Haus nahmen. Es war ein Markttag gewesen, der die Geschäftigkeit erhöhte und mancherlei Besuch aus größerer Ferne herbeiführte. Viele Landleute in weißen, kurzen Röcken oder graublauen Jacken, blondhaarige, rüstige Gestalten, liefen lärmend umher. Ihre Weiber und Mädchen prangten in weiten Faltenschürzen und rothen Strümpfen, und zwischen diesen Gruppen strichen Soldaten in blauen und gelben Umformen, Dragoner und Jäger mit aufgeschlagenen und spitzen Hüten, schwarzröckige Studenten und geistliche Herren in Schnallenschuhen und seidenen Zwickelstrümpfen. Junge Offiziere äugelten nach den Fräulein hin, das unter seiner Kappe hervor lebhafte Blicke auf alle Gegenstände richtete und mit seinen Begleitern eben so lebhafte Worte wechselte, endlich lustwandelten Damen und Herren zwischen geschäftigen Handelsleuten, ehrbaren Bürgern und kräftigen Seemännern, Kinder schrien halbtrunkenen, zankenden und singenden Bauern nach, kurz es war der Lärm eines thätigen Hafenplatzes, der freilich keine Weltbedeutung besaß, aber doch ein ganz anderes Bild bot, als die öde Stille, welche jetzt dort herrscht. Als das Boot zuletzt sich einer Landungsstelle näherte, erblickte Arwed, durch sein Glas schauend, seinen wartenden Diener, neben diesem aber stand ein junger Mann, in welchem er sogleich seinen Verwandten vermuthete. – Da ist Erich! rief er, es ist Alles in Ordnung. Wir werden morgen gleich weiter können; doch, auf mein Wort! er sieht schmuck aus, unser halbwilder Vetter. Sie wissen, Serbinoff, daß dieser junge Mann uns noch niemals in Stockholm besucht, und alle unsere Einladungen ausgeschlagen hat. Er hält es mit dem heimathlichen, ländlichen Stillleben und verachtet Kunst und Wissenschaft, erwiederte Serbinoff. 46 Das will ich nicht behaupten. Er hat in Abo studirt, soll sogar eine Art Gelehrter sein, denn er hat sich, wie ich von anderer Seite gehört habe, viel mit Alterthümern und allerhand Forschungen über Finnland beschäftigt. Auch soll er Musik und Sprachen treiben und mehrere derselben vortrefflich sprechen, wie denn überhaupt die Finnen ein vorzügliches Geschick dafür besitzen. Die Finnen, sagen Sie, antwortete Serbinoff. Ihr Vetter ist doch jeden Falls von reinster schwedischer Abkunft. Das ist er allerdings, erwiederte der Baron, aber seines Vaters Schwester hat einen Mann geheirathet, der sicher mehr finnisches als schwedisches Blut in seinen Adern hatte. Einen Obersten Waimon, der in englischen Kriegsdiensten und lange in den amerikanischen Colonien war. Eine Art Abenteurer, dessen Nachkommen in der Nähe von Halljala leben und von denen mein Vetter Erich, als von seinen liebsten Freunden spricht. Aber sehen Sie da! Ebba ist rascher als wir dabei, unsern Vetter zu bewillkommnen. Wirklich hatte das Fräulein, von Lindström begleitet, schon das Boot verlassen und Beide eilten auf den jungen Mann zu, der ihnen entgegen kam. Serbinoff richtete seine Blicke auf ihn und eine unmuthige Empfindung stieg in ihm auf. Der Fremde war ungemein kräftig und dabei doch zierlich von Gestalt. Ohne übergroß zu sein, besaß er eine stattliche Leibeslänge. Seine Brust war außerordentlich breit, dennoch aber sein Wuchs schlank und biegsam. Nie hatte Serbinoff ein Gesicht gesehen, das ihn so eigenthümlich, obwohl nicht eben in angenehmer Weise, fesselte. Er selbst war, was körperliche Vorzüge anbelangt, ein Mann, der es mit Vielen aufnehmen konnte und seines Übergewichtes sich bewußt blieb. Vielleicht zum erstenmale in seinem Leben empfand er jetzt einen gewissen Neid gegen einen andern Mann, wozu freilich kommen mochte, daß dieser ein Verwandter Ebba's war. – Sein Haar war roth, aber von jenem goldigen Roth, wie es Tacitus an den Ureinwohnern des Nordens schildert, seine Gesichtszüge männlich fest ausgeprägt und gebräunt vom Leben in Luft und Sonnenschein; wie Sonnenschein schimmerten auch die hellen durchsichtigen Augen, welche einen feurigen und stolzen Geist ankündigten. 47 Alexei Serbinoff war nahe genug, um zu hören was Ebba sprach und was er antwortete. Endlich, mein lieber Erich! rief sie ihm die Hände entgegenstreckend und ihre Stirn nach der Sitte zum Kusse bietend, endlich sind wir zur Stelle. Da ist mein Bruder Arwed, und dies ist Gustav Lindström. Wie die Vorstellungen täuschen können, fuhr sie ihn betrachtend fort. Ich hatte mir nach Ihren Briefen ein ganz anderes Bild von Ihnen gemacht. Der finnische Edelmann, der die Stirn seiner schönen Cousine mit seinen Lippen berührte, hörte lächelnd an, was sie sprach, dann antwortete er mit einer höflichen Verneigung: Das kommt daher, weil ich nicht Erich bin. Als Ihr Schreiben uns Ihre nahe Ankunft meldete, war Erich auf einer Reise begriffen. So wurde mir das Glück zu Theil, Sie in Abo zu empfangen. Und wer – wer sind Sie denn? fragte Ebba überrascht, indem sie ihre Hände zurückziehen wollte. Ich bin Otho Waimon, sagte er. Sie sollen mir Ihre Hand nicht entziehen, Cousine Ebba, meiner Kühnheit nicht zürnen; ich mache, wie Erich selbst, meine Rechte als ein Verwandter und Freund geltend. Seine bittende Höflichkeit wirkte eben so versöhnend wie seine männlich sichere Haltung. Er wechselte mit dem Offizier einige bewillkommnende Worte, und Arwed, der inzwischen herbeigekommen war, entfernte mit weltmännischem Geschick sogleich jede Verlegenheit, die etwa aus dieser Verwechselung zurückbleiben konnte. Er umarmte den jungen Mann, freute sich seiner unverhofften überraschenden Bekanntschaft, nannte ihn Freund und Vetter, lachte über den Irrthum seiner Schwester, zog diese ins Gespräch, und stellte den Grafen Serbinoff als einen intimen Freund vor, der Finnland und finnisches Leben kennen zu lernen wünsche, ein liebenswürdiger Cavalier und ein eben so ausgezeichneter Jäger sei. Nach einigen Scherzen darüber fragte er dann, ob der Herr Reisemarschall auch für einen gastlichen Empfang gesorgt habe, und auf die Antwort desselben, daß die besten Zimmer des besten, das heißt des einzigen Gasthauses zum schwedischen Löwen, schon seit gestern von ihm mit Beschlag belegt wurden, bat er ihn erfreut, seiner Schwester den 48 Arm zu reichen, befahl seinem Diener, was zu befehlen war, und folgte mit Serbinoff den Vorangehenden nach. Nun, das ist meiner Treu lustig genug, sagte er zu diesem, daß wir den Sperling für die Drossel hielten, aber was thut's. Es scheint ein rühriger frischer Bursch zu sein, der uns wenigstens gut unterhalten und versorgen wird. Sie hatten nicht weit zu wandern, denn das Gasthaus befand sich in der Nähe, ein großes altes Gebäude, in dessen untern Räumen Bauern und Schiffer zechten und sangen, und auf dessen mit Ziegelsteinen gepflasterter Flur ein Gewirr von Fässern, Kisten und Kasten wild durch einander lag, umlagert von den Gruppen ihrer Eigenthümer: Marktleute der verschiedensten Art mit Frauen und Kindern, bellenden Hunden und aufflatternden Hühnern, sammt anderm Federvieh, das aus verschiedenen Tonarten den Lärm vermehrte. Gasthöfe waren damals im ganzen Norden eine ziemlich unbekannte Sache, sie haben sich überhaupt erst in neuester Zeit und in den größten Städten in etwas verbesserter Gestalt eingerichtet. Damals konnte man lange umhersuchen, um zu einem Nachtquartier zu kommen, das der fremde Reisende höchstens bei dem Posthalter fand, der ihm vielleicht sein eignes Bett abtrat. Nach Abo kamen aber doch zuweilen Leute, die keinen Gastfreund und keine Empfehlung besaßen, welche ihnen solchen auf der Stelle verschaffte, und deßhalb gab es hier einen Gasthof, der einige größere und kleinere Kammern zu vermiethen hatte. Nachdem das Labyrinth von Menschen, Thieren und Geräthen glücklich überwunden war, erkletterte die Gesellschaft eine steile, schmale Treppe, welche sie in das obere Stockwerk des Hauses brachte. Das Gebäude war geräumig genug, um einen breiten Mittelgang zu gestatten, der die verschiedenen Gemächer trennte, unter denen die größten mit der Aussicht auf Fluß und Hafen von Otho Waimon in Besitz genommen waren. Sie hatten allerdings fast leere Wände und boten nicht die geringsten Bequemlichkeiten, welche man jetzt von der allergewöhnlichsten Herberge fordern würde, allein sie sahen doch freundlich aus, denn sie waren reinlich gehalten, nach der Landessitte mit Tannennadeln bestreut, und die sinkende Sonne schickte ihr rothes Licht durch die geöffneten Fenster. 49 Es thut mir leid, sagte der junge Mann entschuldigend, daß ich Ihnen kein besseres Quartier bereit halten konnte; da wir jedoch morgen früh weiter wollen, glaubte ich, daß es am besten sein würde, wenn ich Sie bäte, damit vorlieb zu nehmen. Es wird uns nichts weiter übrig bleiben, erwiederte Arwed lachend, und weil wir eben nichts Besseres haben, begnügen wir uns sehr gern mit dem, was zu erreichen ist. Eine vortreffliche Aussicht, fuhr er fort, indem er an ein Fenster trat, hoffentlich macht sich die Einsicht noch besser. Gewiß gibt es doch einige Betten und Decken in diesem vortrefflichen Hause. Ich zweifle nicht daran, erwiederte Otho, daß Sie gute weiche Betten erhalten. Und nach den verschiedenartigen Dämpfen und Dünsten zu urtheilen, welche von unten zu uns aufsteigen, scheint es mir, als gäbe es auch eine Küche hier? Ich habe dafür gesorgt, daß, was überhaupt zu bekommen ist, auf Ihrem Tische nicht fehlen wird, sagte Otho. Eine bessere Neuigkeit können Sie uns nicht mittheilen, rief der Baron erfreut, denn wir haben frugale Tage verlebt, und sehnen uns nach den finnischen Fleischtöpfen. Dann erlauben Sie mir, erwiederte der junge Mann höflich, daß ich den Wirth antreibe, seine Pflicht zu thun. Noch einen Augenblick, mein bester Cousin! rief der Baron ihm nach, ich muß mich doch nach Ihrer Familie erkundigen. Ich weiß, daß Ihr Vater Erich's Tante heirathete, und ich dadurch die Ehre habe, mit Ihnen verwandt zu sein. Ihre Familie ist eine aus England oder Schottland eingewandert? Nein, mein Herr Cousin, erwiederte Otho höflich, meine Familie ist eine echt finnische, die von den ältesten Zeiten an im Lande war. Aber sich in Kriegsdiensten vielfach verdient gemacht hat, fiel der Baron ein. Auch das nicht, sagte der starrköpfige Waimon. Mein Vater war allerdings ein Kriegsmann, mein Großvater aber hat Handel getrieben, und meine übrigen Vorfahren, setzte er lächelnd hinzu, waren Bauern im Tavastlande und in Savolax. 50 Als er sich entfernt hatte, zuckte Baron Arwed spöttisch die Schultern. Seine Schwester hatte sich in ein Nebengemach zurückgezogen, er war mit seinem Freunde allein. Dieser junge liebenswürdige Vetter, der uns plötzlich aus den Wolken fällt und durchaus ein Bauer sein will, sagte er, scheint durchdringende Verständigkeit zu besitzen. Doch auf Reisen muß man genügsam sein, und unser Eintritt in Finnland ist so übel nicht; auch ist es ein von vielen achtbaren Leuten gerühmter angenehmer Aufenthalt. Es gibt vortreffliches Wild in diesen Wäldern, dazu die schönsten Lachsforellen und Bläulinge in der Welt, nicht minder sind die finnischen Köche wegen ihrer Torten berühmt. Gustav der Dritte wußte das zu würdigen; er hat häufig Abo besucht. Überhaupt haben unsere Könige sich immer gern nach Finnland begeben und nicht etwa des Betens und Fastens wegen, wie der heilige Erich, mein theurer Serbinoff. Er fuhr fort, in dieser Weise über die Annehmlichkeiten einer in finnischer Weise wohlbesetzten Tafel zu sprechen, während Serbinoff wenig davon zu hören schien, denn er hatte sein Taschenbuch hervorgezogen, in welchem er umherblätterte. Die Gastfreundschaft in Finnland steht aber auch auf einer noch höheren Stufe, als selbst in Schweden, fuhr Arwed auf und abgehend fort. Die Rittersitze und Schlösser des Adels sind selten leer von Freunden und Gästen gewesen, so lange die alte gute Zeit im Lande war. Gustav der Dritte, der vielgeliebte und vielgehaßte, hatte seine getreuesten Anhänger unter diesen vergnügungslustigen, heitern, allen Freuden der Tafel und allen Lebensgenüssen nachjagenden finnischen Herren. In Schweden wurde er verflucht und verachtet, in Finnland vergaß man, daß er den Adel gedemüthigt, das Land in Schulden gestürzt, das Volk verknechtet hatte, denn wahrlich, liebenswürdiger, verführerischer konnte Phöbus Apollo selbst nicht sein. Jetzt freilich hat sich Manches auch in dem lustigen Finnland geändert, allein es ist immer noch viel davon übrig geblieben, und wenn Erich Randal auch nur der Schatten seiner Vorfahren ist, wird er uns genug zu schaffen machen. Wir werden wohlthun, einige Erkundigungen einzuziehen, sagte Serbinoff aufblickend; aber nehmen Sie sich in Acht. 51 Vor wem? fragte Arwed. Vor diesem rothhaarigen Burschen. Arwed lachte. Ihnen scheint er nicht zu gefallen? sagte er. Im Gegentheil, erwiederte Serbinoff, er gefällt mir so gut, daß ich um seine Freundschaft mich bewerben werde. Das wird Ihnen nicht schwer fallen bei diesem da, der so viele Natürlichkeit und Einfalt besitzt. Ich müßte mich sehr irren, sagte Serbinoff, oder er fühlt sich von uns Beiden nicht sehr angezogen. Von mir nicht schon um dessentwegen, weil ich ein Russe bin. Das schadet jedoch nichts, wir werden uns dennoch näher kommen. Wenn man Zwecke verfolgt, muß man alle Steine und Stöcke zu benutzen suchen, und dabei sind die härtesten und unbiegsamsten oft die besten. Seien Sie freundlich zu ihm, auch wenn das Abendessen nicht besonders ausfällt. Menschen wie dieser, keck, kräftig und eingebildet, verachten nichts mehr als sogenannte Verweichlichung. Da kommt er, lassen Sie mich mit ihm reden. Otho trat wieder herein und Graf Serbinoff schlug sein Buch zu und ging ihm mit gewinnender Freundlichkeit entgegen. Nun, begann er, ihm die Hand reichend, ich sehe es Ihnen an, Sie bringen keine erfreulichen Nachrichten aus der Küche. In der That, nein, erwiederte der junge Mann verlegen lächelnd. Das ganze Haus ist noch voller Gäste, und was das Übelste ist, diese haben sämmtliche Vorräthe aufgezehrt. Der Kammerherr konnte sich nicht enthalten, trotz der Warnungen seines Freundes, seinen Unwillen merken zu lassen. Sie hätten gleich Hand darauf legen sollen, statt sich mit Versprechungen zu begnügen, sagte er verdrießlich. Was soll denn nun geschehen? Serbinoff und Ebba, welche eben wieder hereintrat, lachten über diesen Ärger und versuchten einige Vorschläge, wie man dem Hungertode entgehen könne. Otho dagegen sah ihn mit einem Blicke an, der allerdings etwas von der Verachtung enthielt, die ihm Serbinoff prophezeit hatte. Beruhigen Sie sich, sagte er hierauf, ich denke, daß ich dennoch mein Versprechen halten kann; wenn nicht hier im Hause, so doch an einem andern Ort. 52 Darf ich fragen, Herr Waimon, fiel Graf Alexei ein, ob Sie in Abo bekannt sind? Ich bin ziemlich gut darin bekannt, war die Antwort. Dann wissen Sie vielleicht, fuhr Serbinoff fort, indem er sein Taschenbuch wieder herausnahm, wo ein gewisser Samuel Halset wohnt. Dieser Name schien die Verwunderung des jungen Mannes zu erregen. Sam Halset, sagte er, der Großhändler, wenn Sie den meinen. Ohne Zweifel ist es derselbe. Ich habe einen Brief an ihn, für den Fall, daß ich Geld nöthig hätte. In unserer jetzigen Verlegenheit wäre es vielleicht so übel nicht, seine Bekanntschaft noch heut' zu machen, und die finnische Gastlichkeit, welche so viel gerühmt wird, auf die Probe zu stellen. Es trifft sich wie eine Schickung, erwiederte Otho, denn ich kam, um Ihnen denselben Vorschlag zu machen. Halset ist mit mir verwandt, er war ein genauer Freund meines Vaters und wird die Ehre, Sie in seinem Hause zu sehen, hoch anschlagen. Ist es Ihnen gefällig, so sende ich meinen Diener zu ihm, und während dessen benutzen wir den Tagesrest, den Dom von Abo zu betrachten. Es ist das einzige alte Baudenkmal der Stadt, die keine andere Merkwürdigkeit besitzt. Alle waren damit einverstanden, des Kammerherrn Gesicht erheiterte sich wieder. Thun Sie das, mein lieber Cousin, sagte er beistimmend, es ist gewiß das Beste. Der Dom ist sehr alt, lieber Serbinoff, er stammt aus der frühesten Zeit des Christenthums und wenn es weiter nichts ist, so kommen wir doch aus dieser Höhle. Ich habe einmal etwas über diese merkwürdige Kathedrale gelesen, es soll mancherlei Sehenswerthes darin sein. Wenn Erich hier wäre, erwiederte der junge Mann, so könnte er Ihnen ein besserer Führer sein als ich. Ich verstehe nichts Von dem drei- oder vierfach verschiedenen Baustyl darin, doch ist er voll alter Denkmäler und Andenken der Vergangenheit, welche anziehend genug für Fremde sind. O, richtig, fiel Arwed ein, es ist die Grabstätte für viele berühmte Personen und Familien aus dem finnischen Adel. Ich erinnere 53 mich, daß auch die Randal's dort eine Art Kapelle haben, und da wir zu ihnen gehören, ist es schicklich, daß wir unsern todten Verwandten einen Besuch abstatten, wenn wir so nahe bei ihnen sind. So verließen sie das lärmende und dumpfige Haus, und Niemand kümmerte sich um sie; denn die Gaststuben und die Flur waren noch immer voll schreiender, trinkender und singender Menschen. Mitten darunter saß auf einem Kasten an der Thür ein junger Bursch in blauer Jacke und schwarzer, eckiger, fest auf dem Kopfe liegender Mütze. Die Jacke war mit dichten Reihen kleiner blanker Knöpfe besetzt, um den Hals trug er ein grellfarbig buntes Tuch und an der Seite hing ihm in einer Lederscheide ein Messer mit langem Horngriff. Auf Otho's Wink sprang er aus der Gruppe von Mädchen und lustigen Burschen hervor, welche er vortrefflich unterhalten haben mußte; denn ihre lachenden und erhitzten Gesichter hingen an seinem Munde und seinen hellen Augen. Er stellte rasch das Glas fort, das er in der Hand hielt, und betrachtete, während Otho mit ihm sprach, dessen Begleiterin mit Blicken, in denen Neugier, mit einer gewissen Schelmerei gemischt, sich unverkennbar kund gab. Die fremden Herren verstanden nicht eine Sylbe von dem, was ihr Führer mit ihm verhandelte; denn es waren völlig fremdklingende Laute, welche damit endeten, daß der junge Mensch seinen Freunden und Bekannten auf den Tonnen, Kisten und Packen ein paar eben so unverständliche Worte zurief, die mit einem allgemeinen Geschnatter und Gelächter beantwortet wurden, worauf er mit einem Satze aus dem Hause sprang und davon eilte. Ist dies Ihr Diener? fragte Arwed, und seine Schwester fragte zu gleicher Zeit, ob er in finnischer Sprache gesprochen habe? Otho bejahte Beides. Sie sprechen also diese Sprache? fuhr Ebba fort. Besser als jede andere, erwiederte er, denn es ist meine eigentliche Muttersprache. Das dürfen wir nicht gelten lassen, erwiederte das Fräulein. Finnland ist ein schwedisches Land, und die süße schwedische Sprache soll nicht von Ihnen verleugnet werden. 54 Ich verleugne sie auch nicht, erwiederte der junge Mann; doch denken Sie nicht gering von unserm uralten Erbe. Sie ist die Sprache des Gesanges und der Dichtkunst. Wissen Sie, womit mein Diener Jem diese ganze Gesellschaft unterhielt, die ihm so lustig zulachte und zuwinkte und ihn gewiß sehr ungern davon gehen sah? Er besang den Markt, das prächtige Wetter und alle Herrlichkeiten und Schönheiten, welche hier beisammen waren, allein es fehlte gewiß auch nicht dabei an Spöttereien; denn dieser Hang zur Satyre bildet immer die beste Würze zur allgemeinen Belustigung. Herr Jem ist somit ein Naturdichter, sagte Ebba. Und dabei ein netter Bursch, der wohl im Stande ist, den Mädchen die Köpfe zu verdrehen, fügte Arwed hinzu. Wir haben von beiden keinen geringen Vorrath, erwiederte Otho wohlgefällig umherblickend. Sehen Sie alle diese Landleute an, ob nicht die meisten schlanke, kräftige und tüchtige Gestalten sind. Er hätte uns eigentlich bitten können, ihn zunächst zu betrachten, flüsterte der Kammerherr seiner Schwester zu, indem sie weiter gingen. Wie steht es denn mit Ihnen? fragte er laut. Haben Sie auch etwas von der poetischen Nationalbegabung abbekommen? Sehr wenig, antwortete Otho, ich vermuthe jedoch beinah, daß der unbekannte Stammvater meines Geschlechts ein berühmter Dichter gewesen ist. Sie müssen wissen, fuhr er zu dem Fräulein gewandt fort, daß der verehrteste und erste der alten Götter meines Volks kein wilder Gott der Schlachten und des Krieges war, sondern ein schöner Jüngling voller Abenteuerlust, der mit seiner Harfe die Welt durchzog und viel Merkwürdiges erlebte, ehe er von dem Christengotte überwältigt wurde. Dieser Gott des Gesanges, der Dichtkunst und des belebenden Feuers hieß Wainemonen. Ich glaube daher, daß mein Name eine Ableitung davon ist und mein Urvater ihn auf würdige Weise erwarb. Vielleicht auch, sagte Serbinoff, war dieser liebenswürdige Gott selbst ihr Stammvater, eben so wohl, wie schon manche berühmte Familie ihre Abstammung von Jupiter oder Odin herleitete. Möglich, lachte der junge Finne, in diesen Ton einstimmend, jedenfalls ist es meine Pflicht, mich solcher Abstammung würdig zu zeigen. 55 An dem Ufer des Flusses gesellte sich Lindström zu ihnen, der seine Schaluppe in Sicherheit gebracht hatte und nun vergnügt betheuerte, daß er vier Wochen lang ganz vergessen wolle, daß es Salzwasser in der Welt gäbe. Er hing sich an Waimon's Arm und ließ sich von diesem das Paradies beschreiben, nach welchem er trachtete. Er wollte reiten und jagen, fischen und tanzen und das alte Schloß Halljala wo möglich auf den Kopf stellen. Nach einem Wege durch mancherlei krumme und enge Gassen der alten Stadt, die nichts Einladendes enthielten, näherten sie sich dem Dome, einem unförmigen alten Bauwerk aus Backsteinen. Ein niederes Portal bildete den Eingang, und durch die hohen trüben Fenster fiel das rothe Abendlicht herein und beleuchtete die Fahnen und Wappenschilde, verrostete Helme und verdunkelte Bilder, welche an Pfeilern, Altären und in den Seitenkapellen aufgehängt waren. Dieser erste christliche Tempel Finnlands war schon seit Jahrhunderten der Begräbnißplatz für sehr viele Geschlechter des finnischen Adels. Statuen von Marmor und Erz lagen hinter rostigen Gittern, und mancherlei goldiger Schmuck und verstäubte Pracht dämmerte aus den Ecken und Nischen. Ich denke, wir empfinden sämmtlich einigen Überdruß an Nachforschungen in alten Kirchen, lächelte der Kammerherr, und geben uns mit ihnen so wenig als möglich ab. Sie selbst haben wohl hier keine Ahnen aufzusuchen, Herr Waimon? Nein, erwiederte Otho. Meine Ahnen haben zwar sehr wahrscheinlich auch diesen Dom bauen helfen, allein als überwundene Sclaven und um die Steine herbeizuschleppen. Ihre Gebeine sind im Urwalde oder in den heiligen Kreisen Jumala's, des Weltengottes, Staub geworden. Wo ist die Kapelle der Freiherren Randal? fragte Arwed. Hier, erwiederte der junge Mann, indem er ein Gitter öffnete. Was ich von diesen Denkmälern weiß, will ich Ihnen mittheilen. – Das Marmorbild eines gewaltigen Ritters in voller Rüstung lag auf einem Sarkophag von demselben Stoff; ihm zur Seite aber befand sich die Gestalt einer Dame, in eine lange faltige Robe gehüllt, einen gezackten Spitzenkragen um den Hals und Armbänder um ihre Hände, 56 welche zum Gebet über ihre Brust gefaltet waren. – Dies ist der Freiherr Hompus Randal, sagte Otho, und neben ihm sehen Sie seine Gemahlin Signa. Er kam mit Birger Jarl nach Finnland und hat die Heiden in Tavastland und Carelien so tapfer ausgerottet, daß er großen Besitz am Pajänesee empfing und dort das feste Schloß Halljala erbaute. Einer seiner Enkel, Erich, Karl Knudson's Feldherr und des Königs Statthalter, ließ diese Denkmäler von einem italienischen Meister anfertigen. Jene schwarzen Säulen dort nahm Klas Randal den Russen ab, als er mit Karl dem Neunten nach Nowgorod gezogen war. Bei ihm liegt sein Sohn Thomas, der unter Gustav Adolph die finnische Brigade nach Deutschland führte, und hier in der tiefen Gruft ruht eine lange Reihe seiner Nachkommen. Ein edles Haus, sagte Arwed, nach einigen Minuten schweigender Betrachtung. Man sage was man will; dem Todten ist es freilich gleichgiltig, ob er unter einem Mooshügel oder unter einem Marmorblock liegt, die aber, welche lebendig daneben stehen, haben denn doch einige Unterschiede zu machen. Ein solches Andenken weckt den Stolz der Enkel. Es sagt ihnen, daß vor Jahrhunderten schon ihre Vorfahren geachtet und bedeutend aus dem großen Haufen hervorragten und daß sie zu den Ersten und Angesehensten gehörten, deren Namen und Thaten noch jetzt im Munde des Volkes fortleben. Wenn das wahr wäre, erwiederte Otho lächelnd, wenn das Volk die Thaten derer kennte und bewahrte, denen Bildsäulen und kostbare Grabmäler errichtet wurden, so möchte die Ehrfurcht vor den Mächtigen und Gewaltigen nicht besonders dadurch vermehrt werden. Was sollen die jetzt Lebenden daran loben oder preisen, daß dieser Mann aus Marmor Tausende seiner Mitmenschen gemartert und geschlachtet hat; dieser andere da, der es mit Karl dem Neunten hielt, seinen rechtmäßigen König und seine Freunde und Verwandten verrieth, um sich mit deren Gütern zu bereichern? Wer weiß noch etwas davon? Die Gaffer gehen gedankenlos vorüber, das Grab verhüllt Grausamkeit und Schande. Wie man aber auch über Menschen und Menschenwerth denken mag, fuhr er lebhaft fort, als der Baron schwieg, so ist es doch ein gutes Zeichen, daß das ärmliche Kreuz der Gerechten oft länger 57 aushält, als der stolzeste Marmor. Sehen Sie dort die verwitterte Tafel in der Wand. Jeder Bettler wird Ihnen sagen wer dort liegt und mit Ehrfurcht den Namen aussprechen, während er von allen diesen Statuen nichts weiß. Wer ist es? fragte Ebba. Ein Weib, von der man nichts Großes weiß, als daß sie mit unwandelbarer Treue an dem Mann hing, der sie geliebt, und den sie niemals verrieth und verließ, als die Ersten und Größten ihn verließen, verriethen und mordeten. Katarina Mönsdotter liegt dort, eine Frau aus dem Volk, ein armes Soldatenkind, das Erich der Vierzehnte auf den Thron erhob, von dem er heruntergestürzt wurde durch die, denen man Statuen errichtet hat. Der Kammerherr war durch diesen Widerspruch gereizt und beleidigt, um so mehr, da er bemerkte, daß seine Schwester dem rücksichtslosen Sprecher wohlwollend zunickte. Serbinoff gab ihm jedoch ein heimliches Zeichen, nicht weiter zu streiten, und um dies zu vermeiden, sagte er: Sie haben unzweifelhaft Recht. Die Nachwelt ist zwar nicht immer ein gerechter Richter, allein dennoch der einzige, der den Verkannten und Verschmähten zum Rechte hilft und die Mächtigsten nicht verschont. Was kümmert mich die Nachwelt und was hat man von ihren weisen Urtheilen, rief Lindström, der sich jetzt auch einmischte, besonders wenn man zu denen gehört, die weder ein Kreuz noch einen Stein von ihrem Dasein auf Erden hinterlassen. Wer weiß etwas von den vielen Millionen Wesen, die Jahr aus Jahr ein kommen und gehen? Für guten Ankergrund muß man sorgen und sein Schiff flott halten in allen Stürmen. Ist es zum Wrak geworden, so ist es gleichgiltig, wo die Trümmer ihr Ende nehmen. Sehr wahr! sagte Serbinoff. Marmor und Erz zerfallen in Staub, aller Nachruhm verweht; dagegen sind alle Lebendigen ohne Unterschied darauf angewiesen, für ihr Wohlbefinden zu sorgen, so lange sie fühlen und empfinden, und darum dächte ich, wir thäten dies auch, denn es wird finster in diesem alten Gemäuer und die Gespenster wachen auf. 58 Die alten Gräber umher gaben aus ihrem Dunkel die Worte zurück, Niemand hatte jedoch bemerkt, daß ein kleiner gelenkiger Mann in die Kirche getreten und nahe herangeschlichen war, der jetzt plötzlich zu sprechen begann. Erschrecken Sie nicht, meine besten Herren und gnädiges Fräulein, sagte er, indem er seinen Hut abnahm und sich mit einer Schwenkung gegen Alle verbeugte. Ich bin durchaus kein Gespenst, sondern ihr unterthäniger Diener, Samuel Halset. – Von Ihnen, Vetter Otho, fuhr er dann ohne Unterbrechung fort, war es in keinem Falle gut gethan, daß Sie nicht sofort diese edlen und willkommenen Gäste mir zuführten. Das Gasthaus genügt wohl als Nothbehelf, wenn ein Reisender ganz ohne Freunde ist, allein an einem Markttage und obenein für eine vornehme Dame aus Stockholm ist es nicht zu empfehlen. Ist denn der alte Sam so heruntergekommen, daß man seine Schwelle vermeiden muß, Otho Waimon? Ich sage, wir wollen einen Gang machen, der Dir nicht gefallen soll. Aber Friede, Herr, Friede! denn ich bin ein friedlicher Mann und ein dankbarer Mann, darum bin ich selbst gekommen, weil der Schelm, Jem, mir sagte, es wären fromme Leute aus Stockholm im Dom, welche sich hungrig beten wollten, damit sie meinem Abendessen alle Ehre anthun könnten. Er fing herzlich zu lachen an und rief dazu: Ich hoffe somit, meine besten Herren, daß der Bursche wenigstens darin Recht hat, daß Sie Lust zum Essen mitbringen; aber es war nicht Recht, Otho, nein, es war nicht Recht! Mein Haus ist groß genug, und es muß gut gemacht werden durch eine lange Einkehr. Ich wollte Ihnen keine Beschwerde verursachen, sagte der junge Mann, da wir morgen früh unsern Weg fortsetzen. Keine Beschwerde verursachen? rief der Kaufmann, ist das finnische Sitte? Und morgen früh weiter reisen, obenein ins Tavastland hinauf, ohne in Abo auszuruhen? Das geht nicht an, meine lieben Herren; es bringt kein Glück, aus der Stadt des heiligen Erich zu gehen, ohne sich darin umgeschaut zu haben. Aber die Leute von den Bergen und Seen glauben, es sei bei ihnen am schönsten in der ganzen Welt. Bleiben Sie ein paar Tage bei uns, edles Fräulein, 59 es gibt noch mancherlei Gutes hier unten, und meiner Mary könnte nichts Lieberes geschehen, als das gnädige Fräulein zu bedienen. Seine freundliche Einladung fand von allen Seiten den verdienten Dank, aber auch bestimmte Ablehnung, da die Weiterreise nicht länger verzögert werden könne. Samuel Halset ließ sich jedoch so leicht nicht befriedigen. Während er mit seinen Gästen die Kirche verließ, bemühte er sich, seine Verlockungen zu erneuen, und zählte ihnen alle Herrlichkeiten auf, welche in Abo zu sehen waren. Sie müssen die neuen Anlagen besuchen, den botanischen Garten, die Universität und die schönen Aussichten vom Hafen. An Gesellschaften fehlt es uns nicht, wir haben viele junge Herren und Damen von feinen Sitten. Offiziere und Regierungsmänner, Gelehrte und Kaufleute und dazu an die dreihundert Studenten. Abo ist immer eine Stadt gewesen, wo es munter hergeht, um so mehr in dieser fröhlichen Zeit. Warum nennen Sie diese Zeit fröhlich? fragte Arwed. Ei, mein bester Herr Baron, erwiederte der Kaufmann, weil man sich so wohl darin fühlt. Erst heut sind Nachrichten gekommen, die besonders große Freude erregen. Der König ist glücklich zurück aus Pommern. Ist es nicht wahr? Und die deutsche Provinz ist in den Händen der Franzosen, Stralsund ihnen übergeben. Es ist ein Vertrag geschlossen worden, daß auch Rügen geräumt wird, also hat das gräuliche Blutvergießen sein Ende erreicht. Es ist jedoch kein Friede geschlossen worden, sagte der Kammerherr. Die Engländer sind noch immer unsere Verbündete. Dem Himmel sei Dank! rief der kleine Handelsherr lustig lachend, hätten wir diese Engländer nicht, so ginge uns der letzte Verbündete, das Meer, aus dem Sack. Der Kaiser von Rußland hat mit den Franzosen Frieden gemacht. In Tilsit haben sie sich umarmt; Napoleon hat mit Alexander in einem Zelte geschlafen. Ganz Deutschland ist den Franzosen nun untergeben, das ganze Europa bis auf England. Und bis auf Schweden, sagte Ebba. 60 Es ist wahr, es ist wunderbar richtig! nickte Halset. Es ist ein energischer Mann, unser König. Ganz wie Karl der Zwölfte, nur daß er noch keine Schlachten gewonnen hat. Eh, es wird schon kommen, fuhr er pfiffig blinzelnd fort, es geht Alles gut, Alles vortrefflich! Wir lieben unser Vaterland und ehren unsern König, der dem Napoleon nicht nachgeben will. Darum lob' ich ihn, sagte Lindström. Ein Schwedenkönig hat wahrlich nicht nöthig, sich vor dem Franzosen zu bücken. Recht so! lachte der alte Herr, es ist eine Freude zu sehen, wie stolz er ist. Ist es wahr, Herr Kammerherr, daß am Hofe kein französisches Wort mehr gesprochen werden darf? Es ist allerdings wahr, erwiederte Arwed. Sehr gut, ganz wie es sein muß, damit wir das Ausländische ablegen, rief Halset. Somit, meine werthen Gäste, lassen Sie uns echte Schweden bleiben. Treten Sie ein in mein bescheidenes Haus und möge es Ihnen darin gefallen. Mit diesem Wunsche öffnete er eine Gitterthür, welche zu einem Vorgarten führte, hinter dem ein ansehnliches Gebäude lag, mit einem Balkon versehen, der auf Säulen von Holz ruhte und mit breiten Fenstern, deren mehrere hell erleuchtet waren. Ein Diener, der einen blitzenden Doppelleuchter trug, kam ihnen entgegen und die breite Treppe hinauf leitete Samuel Halset das Fräulein, der er seinen Arm bot, in das obere Geschoß, wo seine Tochter die Fremden erwartete. Mary Halset hatte sich zu diesem Empfange mit Seide und Gold geschmückt, aber ihr erster Anblick war wenig geeignet, sie für die Tochter ihres Vaters zu halten. Der kleine bewegliche Mann in seinem braunen Klappenrock, dem runden freundlichen Gesicht, den blauen lebhaften Augen darin und dem weißlichen Haar, das einen dicken Puderstrich quer über seine Stirn gezogen hatte und an beiden Seiten seines Kopfes zwei gewaltige Wülsten bildete, war ganz verschieden von seiner blassen und schwarzen Tochter, die so ernst und schweigsam schien, wie er munter und beweglich. In ihren Zügen lag etwas Finsteres und Verschlossenes. Dichte Augenbrauen von besonderer Breite gaben ihr ein fast männliches Ansehen und paßten 61 zu den dunkeln Augen, deren durchdringender Blick nichts Angenehmes hatte. Ihr Vater stellte sie seinen Gästen vor, die es an üblichen Begrüßungen und höflichen Worten nicht fehlen ließen, ohne dadurch eine vermehrte Belebung der stillen schwarzen Gestalt bewirken zu können. Mary Halset führte das Fräulein zu dem Ehrenplatze auf dem großen hochbeinigen Sopha, der im Zimmer stand, fragte nach ihrer Reise in kalter förmlicher Art und ließ Ebba sprechen und erzählen, während sie diese aufmerksam musternd betrachtete. Um die übrigen Gäste ihres Vaters schien sie sich gar nicht zu kümmern. Es stand eine gedeckte Tafel in dem großen Zimmer; auf silbernen Armleuchtern brannten viele Kerzen und die sauber mit französischen Tapeten bedeckten Wände, wie alle Einrichtungen des Hauses zeigten an, daß Samuel Halset ein wohlhabender Mann sei. Nach der Sitte reichte einer seiner Diener Wein und Backwerk umher, um das Willkommen im Hause zunächst zu trinken, dann nöthigte der verjüngte Handelsherr zum Platz nehmen an seinem Tische, und vertheilte seine Ermunterungen nach allen Seiten. Dem Kammerherrn und dem russischen Gräfin theilte er seine Tochter zu, er selbst nahm das Fräulein in Beschlag und nun begann ein Mahl, mit dem Arwed sehr zufrieden sein konnte, denn es fehlte nichts um dies zu bewirken. Wir leben in einfach bürgerlicher Weise, sagte Halset sich entschuldigend, und haben keine Umstände machen können, aber wenn wir auch durch die Gnade unseres verehrten Königs von mancherlei leichtsinnigen französischen Gerichten befreit worden sind, welche sonst wohl mit französischen Schiffen auch zu uns kamen, so haben wir doch noch einige Ecken und Winkel in unsern Kellern, wo alte bestaubte Franzosen verborgen lauern, denen wir als gute Patrioten die Hälse brechen müssen. Seine Weine aus Bordeaux und der Champagne wurden damit eingeführt und der lustige Handelsherr hatte immer neue Scherze in Bereitschaft, um die gute Laune seiner Gäste anzuregen. Dabei war er gut unterrichtet, sowohl über das, was in der Welt vorging, wie über nahe liegende Angelegenheiten, und Alles was er sagte gab sich bündig und verständig. 62 Die Reise, welche von seinen Gästen am nächsten Tage gemacht werden sollte, war ein Gegenstand, über den er längere Zeit sprach und Otho Waimon mit Neckereien überschüttete. Es ist ein vortreffliches Land da oben, rief er endlich, aber die Menschen darin haben von je her wenig getaugt. Die alten Tavasten waren hartnäckige eigensinnige Leute, und die neuen sollen nicht besser sein. Dabei stieß er mit Otho an und warnte seine Nachbarin sich vor ihm zu hüten. Glauben Sie, daß ich es nöthig habe? fragte Ebba. Halset betrachtete sie mit schelmischem Augenzwinken. Meiner Treu! schrie er, ich glaube es. Sie haben etwas in Ihrem Gesicht, was so aussieht als liebten Sie ein rasches Pferd, einen jähen Pfad und einen wilden Busch, und hat er Sie erst dort oben, so wird er Ihnen so viele romantische Schönheiten zu kosten geben, daß Glück dazu gehört, um sich den Kopf von Schwindel frei zu halten. Sein Lachen erhielt den gutmüthigsten Ausdruck durch seine Geberden, aber Ebba bemerkte doch, daß Otho sich Zwang anthat, um seine Gleichgiltigkeit und Freundlichkeit zu behaupten. In seinen Augen loderte zuweilen ein Feuer auf, das eine ganz andre Antwort gab, wie seine Lippen, welche betheuerten, daß noch Niemand Schaden genommen, den er geführt. Ist das Land denn so wild und gefährlich? fragte der Kammerherr. Es ist meistentheils eher ein edler Garten zu nennen, erwiederte der junge Mann. Aber, wie ich sagte, bewohnt von den Nachkommen der allergrimmigsten Heiden, fiel Halset ein, die noch jetzt voller Einbildungen stecken und sich nicht einmal entschließen können, die christliche schwedische Sprache zu sprechen, sondern lieber bei der altfinnischen bleiben, welche sie weit über alle andern stellen. Nichts ist natürlicher für den Finnen, als daß er seine Sprache liebt und ehrt, erwiederte der junge Mann. Thäte das ein Jeder, und meinte es aufrichtig und ehrlich mit seinem eigenen Blut, so würde Manches besser sein, was schlecht ist. Genug, genug! rief Halset lachend, wir wollen nicht darum streiten. Unsere werthen Gäste werden bald selbst erfahren, wie es in den 63 Thälern und Bergen an Pajänesee hergeht und da sie sich nicht zurückhalten lassen, wüßte ich Keinen, der ihnen ein besserer Gefährte sein könnte, als Otho Waimon. Damit brach er das Gespräch ab und winkte einen Diener herbei, der eine große Schale voll starken Punsch vor ihn hinstellte, welcher nach dem Landesgebrauch den Schluß des Mahles machen sollte. Pfeifen wurden umhergereicht, die Damen standen auf und überließen es den Herren, ungestörter über Politik und was sie sonst wollten zu plaudern. Die Thüren des Balkons wurden geöffnet und die beiden jungen Mädchen traten in die milde Nacht hinaus. Ein lauer Wind fächelte durch die Bäume, der Himmel hing voll großer funkelnder Sterne und unter ihnen lag die Stadt in Dunkel und Stille. Nur auf dem Flusse blitzte da und dort ein Licht von einem Schiffe, ein Boot mit einer Leuchte am Mast zog rasch den Strom hinab und in der Ferne verhallte der Gesang von Männern, ihr Rufen und Lachen. Wie schön ist es hier! sagte Ebba, um das Schweigen zu unterbrechen. Sie werden morgen gutes Wetter haben und bedürfen es auch, erwiederte Mary. Sind die Wege beschwerlich? Es sind zum Theil enge felsige Straßen zwischen hohen Bergen. Sie kennen also das Land? Ich habe eine Zeit lang darin gelebt. Wo? In Halljala? Wenigstens in der Nähe. Dann kennen Sie auch meinen Verwandten Erich, sagte das Fräulein. Sie müssen mir von ihm erzählen, denn ich habe ihn niemals gesehen. Ich weiß wenig von ihm, erwiederte sie. Er muß ein Sonderling sein, der in seinem Hause ein eigenthümliches Leben führt. Was ich von ihm gehört habe, sagte Mary, berechtigt mich zu glauben, daß er sehr edel und groß denkt. 64 Sie sahen ihn also öfter? fragte das Fräulein nach einem kleinen Schweigen. Ja, er kam häufig zu uns – zu der Familie Waimon. Dort lebten Sie. Die Familie wohnt nicht weit davon? Nicht weit. Aber auch auf dem Lande? Es gibt dort keine Städte, nur Kirchspiele, zerstreute Häuser und Höfe oder Güter. Herr Waimon besitzt ein solches Gut? Ein kleines Gut, das ihm gehört, seit seine Mutter todt ist. Wie heißt es? Louisa. Nach einer Frau benannt. Nach seiner Mutter. Herr Otho Waimon ist deren einziger Erbe? Nein. Er hat also noch mehrere Geschwister? Eine Schwester. Wie heißt sie? Louisa. Ist sie schön? fragte Ebba nachsinnend. Davon ist nichts zu besorgen, erwiederte Mary im fast höhnend scharfem Tone und indem sie von dem Geländer zurücktrat, fügte sie hinzu: Der Wind wird heftiger, das gnädige Fräulein könnte sich erkälten. Ist es Ihnen gefällig, so gehen wir hinein. Die kurzen, gewaltsam abgepreßten Antworten und das ganze Benehmen dieser schweigsamen Jungfrau waren nicht geeignet, in Ebba die Lust zu vermehren, diese Unterhaltung fortzusetzen. Eine widerwillige Empfindung regte sich in ihr, und ohne den Faden von neuem aufzunehmen, blieb sie eine Zeit lang neben ihrer stummen Nachbarin sitzen und überlegte, was sie von ihr gehört hatte. Während dessen war die Unterhaltung der Herren weit lebhafter gewesen und hatte mit Hilfe der feurigen Getränke an Zwanglosigkeit zugenommen. Sie erzählten von Stockholm, von dem Könige, der sich selten dort sehen lasse, und jetzt wohl bald wieder bei dem Manne 65 verweilen werde, dem er sein ganzes Vertrauen schenke, nämlich bei dem alten Feldmarschall Toll. Die höhnenden Witzeleien in der Hauptstadt, Toll habe den König in der Tasche und lasse ihn nur heraus, wenn er ein neues lächerliches Kunststück vor ganz Europa produciren solle, wurden mit andern ähnlichen Geschichten nicht vorenthalten. Serbinoff allein blieb zurückhaltend. Es ist wunderbar, was Alles aus einem Menschen werden kann! rief der Handelsherr endlich, indem er seine schlauen Augen umherblitzen ließ. Ich habe den berühmten Feldmarschall gekannt, als er noch ein kleiner Landrichter war, den man seiner lustigen Streiche wegen absetzte. Im Jahre 1772 aber, wo er Gustav dem Dritten bei der Revolution half, wurde er ein großer Herr, und das muß man sagen, er hat das Allermeiste dazu gethan, daß das Ritterhaus gedemüthigt wurde und endlich Keiner mehr etwas in Schweden zu sagen hatte, als der herrliche ritterliche König. Daher auch behaupten manche Leute, erwiederte Arwed, daß, wenn Gustav der Dritte diesen berühmten General nicht kennen gelernt hätte, er noch sehr lange regiert haben würde. Fiel der General nicht während der Regentschaft in Ungnade? fragte Serbinoff. Er zumeist und zunächst, sagte der Kammerherr. Als Gustav der Dritte auf dem Maskenballe im Opernhause von Stockholm, am 10. März 1792, von dem fanatischen Narren Ankerström niedergeschossen wurde, bat er auf seinem Sterbebett noch seinen Bruder, den Regenten, alle seine Günstlinge in ihren Stellen zu lassen, ganz besonders aber bat er für Toll und empfahl ihn als den Getreusten der Getreuen. Kaum aber saß der Herzog Karl in dem königlichen Stuhl, so wurde Toll mit allen Andern abgelohnt und die Wirthschaft des Freiherrn Reuterholm begann. Die Freimaurer und Wunderthäter verbreiteten sich über Schweden, der Stein der Weisen sollte gefunden werden, die Sterne sollten Gold und Seligkeit verschaffen, auf der schwedischen Erde aber ging es um so nichtswürdiger her. Unglücklicher Weise regierten die Sterndeuter und Propheten nur vier Jahre lang, rief Halset, sonst wären wir sämmtlich selig geworden, da bekanntlich kein Reicher das Himmelreich erlangt. 66 Glauben Sie denn jetzt außen bleiben zu müssen? fragte Arwed lachend. Da unser glorreicher König den alten Toll wieder hervorgeholt hat, sobald er zur Regierung kam und diesen tapfern und berühmten General, der niemals eine Schlacht gewonnen, als seinen ersten Rathgeber hält, so sind meine Hoffnungen wieder gewachsen, erwiederte der lustige Handelsherr. Dem Himmel sei Dank dafür, daß wir endlich die barbarische deutsche Provinz los sind, und der Himmel segne Finnland, das so glücklich ist, von dem Kriegslärm nichts zu sehen und zu hören! Es sind wenige Soldaten in diesem Lande? fragte Serbinoff den jungen Waimon, der neben ihm saß. Nur die eingetheilten Regimenter, antwortete dieser; im Ganzen vielleicht neun- bis zehntausend Mann. Wir hätten gar keine nöthig, sagte Halset, denn wer wollte Finnland etwas anhaben? Die es möchten, haben sich oft schon die Finger daran verbrannt, rief Lindström. Es ist Alles in bester Ordnung, fuhr der Kaufmann fort. Die Flotte liegt abgetakelt in den Häfen und die jungen Seeoffiziere machen Reisen in die finnischen Wälder, um Bären zu fangen. Aber weckt den schwedischen Löwen nicht auf, es ist kein Spaßen mit ihm! Wart nur ein Weilchen, sagte Lindström, in das Gelächter einstimmend, es wird sich wohl noch etwas zusammenbrauen, wo die schwedische Flotte sich wieder einmal zeigen kann. In Karlskrona ging das Gerede, daß der König unsern Admiral Olaf Cronstedt zum Commandanten in Sweaborg ernannt hat. Das ist ein Name und das ist ein Mann, bei dem jedem Schweden das Herz hüpft, denn wo wäre ein schwedisches Herz, das dabei nicht an die Svensksundbucht dächte und an den 9. Juli 1790. Wenn es jemals wieder den verdammten – Still! rief Arwed ihn unterbrechend. Ei was, lachte der junge Mann sich besinnend, ich will Niemand beleidigen, aber wenn in Finnland und Schweden vom Reichsfeinde 67 die Rede ist, gibt es kein Kind, das nicht wüßte, wer damit gemeint wäre. Lassen Sie ihn, sagte Serbinoff, denn er spricht die Wahrheit und warum sollte er sein patriotisches Gemüth nicht erleichtern? Jahrhunderte lang haben die beiden Nationen sich bekämpft. Ich stoße mit Euch an, ihr Herren, daß die Russen nie wieder die Finnen sich gegenüber sehen mögen. Die Gläser klangen und nach einer Auswechselung freundlicher Worte verwickelte sich der junge Offizier in ein langes Gespräch über die berühmte Veste Sweaborg, über deren Unüberwindlichkeit und über die Flotte in ihrem Hafen, welche den besten und bedeutendsten Theil der gesammten schwedischen Scheerenflotte ausmachte. Er gerieth dabei in Streit mit seinem Verwandten, der es tadelte, daß ein Admiral zum Befehlshaber einer Festung gemacht werde, auch in Streit mit Otho, welcher kürzlich in Sweaborg gewesen war und Klagen über allerlei Mängel gehört hatte. Mitten in dieser lebhaften Unterhaltung stand Graf Serbinoff auf und nachdem er mit Halset einigemale auf und niedergegangen war, traten Beide auf den Balkon hinaus und blieben unter dessen Thür stehen. Es ist mir lieb, Herr Halset, sagte Serbinoff hier mit gedämpfter Stimme, daß der günstigste Zufall mich zu Ihnen führte. Auf jeden Fall würde ich nicht aus Abo gegangen sein, ohne Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich war von Ihrer Ankunft im Voraus benachrichtigt, erwiederte der Kaufmann, wußte auch, daß Waimon Sie und Ihre Begleiter erwartete, und würde mich bei Ihnen eingefunden haben, selbst wenn der trotzige Bursche Sie nicht zu mir gebracht hätte. Daß der Gasthalter im Löwen gar nichts für ihn aufgehoben hatte, fügte er leise lachend hinzu, geschah, weil ich es so wollte. Hängt es so zusammen? versetzte Serbinoff. Herr Waimon schien ungern genug Ihrer Gastfreundschaft entgegen zu kommen. Halten wir uns nicht bei ihm auf, fiel Halset ein. Ich kann Ihnen mit wenigen Worten sagen, warum er und seine gesammte Sippschaft mir aus dem Wege gehen. Sein Vater war mein Jugendfreund, es besteht auch Verwandtschaft zwischen uns. Wir passen 68 jedoch nicht zusammen, so ist Trennung in unsere Freundschaft gekommen. Ich habe meinen Freund, den Baron Bungen, begleitet, sagte Serbinoff, um Finnland kennen zu lernen und mit einflußreichen, klugen Männern Verbindungen anzuknüpfen. Einfluß hat dieser junge Mann wohl so wenig wie Rang und Ansehen. Sagen Sie das nicht, erwiederte Halset. Unter dem Landvolk im Tavastland gibt es keinen der bekannter wäre als er, denn in Künsten und Geschicklichkeiten, welche solche rohe Menschen lieben, ist er Allen voran. Dazu kommt seine Verwandtschaft mit dem Freiherrn Randal, der noch mehr gilt, denn das Volk läuft zu ihm wie zu einem Wunderthäter, obwohl er weit eher ein Narr genannt werden müßte. Ist er reich? fragte Serbinoff. Was, reich! antwortete Samuel Halset, indem er seine Stirn in Falten zog. Viel haben die Waimons nie besessen, aber auch nichts gethan, um ihr Gut klug und ordentlich zu mehren. Sie sind so wenig reich, wie Erich Randal, obwohl dem ein großes Besitzthum gehört. Für Ihren Zweck kann jedoch Nichts besser sein, als Sie halten sich an den Freiherrn. Sie sind jung und fein gebildet, er ist eine Art Gelehrter, sanftmüthig und gutherzig, Sie werden schon sehen; leichtgläubig, wenn man sein Herz aufregt, und großmüthig, was man so nennt. Es ist eine alte Familie, eine der ältesten und angesehensten, auch eine der reichsten, wenn Großvater und Vater besser gewirthschaftet hätten und dieser Haus zu halten verstände. Ihre Mittheilungen sind mir sehr schätzbar, sagte Serbinoff, ich werde sie zu benutzen wissen. Sehen Sie sich die Menschen und die Dinge an, fuhr Halset fort. Ich denke, der junge gelehrte Herr wird Ihnen gefallen, und wenn Sie meine Hilfe brauchen können, so komme ich. Ich werde es nicht vergessen. Zunächst, Herr Halset, sagen Sie mir jedoch, ob ich Geld von Ihnen bekommen kann, wenn ich es brauche? Geld, so viel Sie haben wollen, Herr Graf. Und ob ich meine Briefe durch Sie befördern lassen kann, fuhr Serbinoff leiser flüsternd fort. 69 Darauf bin ich vorbereitet, antwortete der Handelsherr, indem er in seine Tasche griff und ein schmales Stück Papier herausholte. Stecken Sie das ein, es ist die Adresse eines Mannes, dem Sie Alles was Sie wollen unter meiner Aufschrift übergeben können. Es wird sicher in meine Hände gelangen. Und nun erzählen Sie mir etwas über die Stimmung hier in Abo? Was denkt man von den letzten Vorgängen? In Pommern? Man gönnt es ihm von ganzem Herzen und gönnt ihm noch mehr. Dem Könige. Er hat also auch hier wenige Freunde? Wie kann der Freunde haben, der weder die Wahrheit hören noch das Rechte und Richtige jemals thun will? Jede Woche bringt beinahe irgend eine verkehrte Handlung, irgend einen Vorfall oder Befehl, der Ärger oder Lachen erregt. Das Volk auf dem Lande selbst und die untergeordnete arbeitende Klasse erzählt sich schon von seinen Tollheiten und schimpft wenigstens auf den Krieg und auf unnöthige Lasten und Plackereien. Und die Beamten, die Soldaten? Wenn er es verstände, sich eine Partei zu machen, wie es sein Vater verstand, sagte Halset, wenn er so liebenswürdig, geistreich und liederlich wäre, wie der es war, so würden ihm die Schweden Manches verzeihen; allein der steife Hochmuth, der seine Gebote und Befehle für göttliche Gebote hält und keinerlei Einsicht zugänglich ist, sein pedantisches Wesen, seine Frömmelei und sein in Narrheit ausartender Eigensinn, Alles zusammen kann nur abschrecken und erbittern. Ich habe ihn kennen lernen auf dem Reichstage vom Jahre 1800 und später bei Deputationen. Gewalt und Willkür gegen alles Recht und, was noch schlimmer ist, gegen alle gesunde Vernunft, setzten damals durch, was der König und sein böser Geist Toll wollten; doch damit nicht genug, wurden die, welche für ihr gutes Recht männlich sich erhoben hatten, obenein vor das Hofgericht gestellt, um als Empörer und Hochverräther gestraft zu werden. Seit jener Zeit wußte jeder, was er zu erwarten hatte. Eine Willkürwirthschaft zehnmal ärger als zu seines Vaters Zeiten. Handel und Wandel zerstört, Druck und Elend überall. – Alte Geschichten, Herr Graf, alte Geschichten! unterbrach 70 er sich, wir könnten lange dabei stehen bleiben. Sehen Sie umher, hören Sie selbst, es wird Ihnen nichts verborgen bleiben. Unzufriedener Adel, unzufriedene Beamte, mißmuthige Offiziere, Sorglosigkeit, schlechte Wirthschaft und Unordnung überall. Ich höre von Ihnen, erwiederte Serbinoff, was ich in Stockholm von vielen Seiten vernahm, und was speciell der Kammerherr Bungen mir bestätigte. Der Kammerherr! flüsterte Halset leiser, indem er seine grauen Augenbraunen in die Höhe zog und pfiffig lächelnd nach dem Tische sah. Er gehörte früher zur französischen Partei, nun zur russischen, was jetzt freilich dasselbe ist, Sein Vater war einer der Lieblinge Gustav's des Dritten, und wenn der jetzige König ihn nicht zurückgesetzt hätte – Er ist ganz mein Freund, fiel Alexei ein. Seinen Einleitungen verdanke ich es, in bester Weise Finnland besuchen zu können. Und seine Schwester – ein schönes Fräulein! erinnert mich – hm! hm! murmelte Halset mit einem pfiffigen Lächeln auf den russischen Grafen. Sie wird neues Leben in das alte Schloß bringen. Die schwedischen Damen treiben gern Politik und haben manchen harten Kopf schon mürbe gemacht. Diese da scheint mir wohl geeignet, auch eine Rolle zu übernehmen, wenn sie will. Wir wollen erwarten, was geschieht, sagte Serbinoff. Die Politik der Frauen folgt mit seltenen Ausnahmen immer dem Zuge ihres Herzens. Eine feine Bemerkung, rief Halset, viel Glück auf den Weg! Romantisch genug ist es an dem Pajänesee, zu den schönsten arkadischen Scenen ausgerüstet. Sie werden diese durch Ihre Gegenwart verherrlichen, wenn ich darum bitte. Gewiß, aber noch Eines, ehe wir gehen. Sie werden mit dem Adel in der Umgegend bekannt werden. Versäumen Sie es nicht, oder veranstalten Sie es so, daß der Freiherr Wright dabei nicht fehlt. Das ist ein Mann, den Sie brauchen können. Er wird dazu bereit sein, Ihnen zu dienen. Die beiden Herren kehrten zu ihren Freunden zurück, und nach ewiger Zeit wurden die letzten Gläser geleert. – Muß denn 71 geschieden sein, sagte Halset, so wollen wir von unseren edeln Gästen doch nicht ohne die Hoffnung Abschied nehmen, sie bald wieder zu sehen. Bleibt der Herbst so gut, wie er sich anläßt, so kommen wir bald nach Halljala hinauf; ich bringe meine Tochter mit, und die frohen Tage sollen dann sobald kein Ende nehmen. Die herzlichsten Grüße, mein lieber Otho, die aller herzlichsten Grüße, an alle meine theuern Freunde, aber was ich gesagt habe, dabei bleibt es. Hüte sich Jeder vor ihm, denn er ist ein Finne, und keinem Finnen darf man trauen. Nach einer Reihe ähnlicher Abschiedsscherze erfolgte endlich der Aufbruch, den der Diener des Großhändlers mit einer Stocklaterne eröffnete. So behütet erreichte die Gesellschaft das Wirthshaus, das jetzt so still und dunkel war, wie die ganz in Nacht gehüllte Stadt. Drittes Kapitel. Am nächsten Morgen, als der Tag dämmerte, waren Pferde und Wagen bereit. Otho Waimon und sein flinker Diener Jem vertheilten das Gepäck und trafen alle nöthigen Anordnungen. Die Wagen waren leicht und schmal, mit hohen Rädern und flachen Sitzen, denn, obwohl bis nach Tavastehuus eine ziemlich breite und gute Straße führte, kannte man doch damals in Finnland keine andere Wagenart, als zweirädrige Karren oder fest auf den Axen liegende Halbwagen, welche außer einem schützenden Hinterdeck sehr geringe Bequemlichkeiten boten. – In einem solchen Halbwagen, welcher zwei Sitze hatte, nahmen die vier Reisenden Platz, vorn aber auf einem vorspringenden Brett setzte sich Otho in eigener Person als Führer und Lenker des Fahrzeugs. Ihm nach folgte dann ein Karren mit dem Diener des Barons und der Dienerin seiner Schwester und hinter Beiden saß Jem auf Koffern und Kasten und ließ seine Peitsche lustig knallen. 72 Die Fahrt nach Tavastehuus währte den ganzen Tag über und je länger sie dauerte, je höher stieg das Land auf und jemehr entfaltete sich der eigenthümliche Charakter desselben. Anfangs lief die Straße nördlich an der Küste hin und die Blicke der Reisenden schweiften über das Meer in der Tiefe zu ihrer Rechten und über die unermeßliche Inselmenge, welche aus bleichen Nebeln aufstieg und darin verschwand. Endlich durchbrach die Sonne alle Hüllen und im Thale lag die rauchende Stadt, vor ihr der blaue strahlende Seeschild mit weißen Segeln bedeckt und von hohen Vorgebirgen eingefaßt, landwärts dagegen winkten höhere Berge, hellgrüne Abhänge, Waldleisten und die wohlgepflegten Gärten und Fruchtfelder fleißiger Menschen. In den Schooß dieser Berge zog die Straße hinein und oft ging es steil an Wänden hin, deren Granitmassen fast senkrecht abfielen; oben jedoch dehnte sich dann das Land zu Ebenen aus, welche wellig sich an neue Berge schlossen, und dieser Boden war von großer Fruchtbarkeit, denn überall wurde eine reiche Ernte eingebracht. Wenn der Weg an den Rändern dieser Ebenen hinführte, blickten die Reisenden zuweilen dicht neben sich in Thäler hinunter, malerisch mit Felsen besetzt, an denen dichter, schöner Wald hing, während ihr Grund mit dem üppigsten Gras bedeckt war. Rothbraune und bunte Heerden weideten dort, Glockengeläut und Geschrei der Hirten schallte zu ihnen auf und mischte sich mit dem Rauschen und Brausen eines Baches, der aus tiefem Gerinn seinen Schaum aufsprühte und endlich wohl einen jähen Sprung von Fels zu Fels machte. Überall war das Land hier auch besser bewohnt als die schwedischen Herren es gedacht hatten. Nicht allein lagen manche kleinere und größere Häuserzeilen am Wege, die den Kern der Kirchspiele bildeten und aus deren Mitte die Kirche auf erhöhter Stelle hervorragte, über die Felder zerstreut und an Gehängen und Waldsäumen konnte man noch viele einzelne Höfe von sehr verschiedener Größe entdecken. Alle diese Häuser waren von Balken erbaut und rothbraun gefärbt, bald langgestreckt, mit einer Reihe unregelmäßiger kleiner Fenster versehen, bald dürftig und niedrig; zuweilen aber erhob sich darunter ein stattliches Pfarrhaus oder ein großer Rittersitz mit hohem Dach und breitem Vorhof, umringt von Gärten und weit hinlaufenden Äckern. 73 Sollte man es glauben, rief Lindström erstaunt, daß ein Land so tief im Norden wie dieses so vortreffliche Früchte aller Art tragen kann. Selbst Weizen, der in Schweden nur auf einigen Stellen fortkommt, wird hier in Feldern gezogen, die man nicht abzusehen vermag. Wie mag es zugehen, daß solche Frucht hier zum Wachsen und Reifen gelangt? Die Gelehrten, erwiederte Otho, suchen mancherlei Gründe dafür auf. In der Menge der Gewässer, in der Nähe des Meeres und in der West- und Südküste finden sie die Ursachen größerer Wärme und glücklicheren Gedeihens. Ich halte dafür, daß, weil alle diese Thäler und Ebenen sich meist gegen Süden öffnen und senken, weil Wald und Berge sie nordwärts schirmen und weil unser Boden häufig ein fetter von Pflanzenerde durchdrungener ist, lohnt er auch gedeihlich des Menschen Fleiß. Und das haben die alten Tavasten schon in früher Zeit gewußt, fuhr er fort, denn als alles innere Land noch Wildniß war und nur Hirten und Jäger darin umherzogen, bauten sie schon Korn und Gerste, regierten den Pflug, und hatten, wie die alten Schriften sagen, ein Land inne, das einem großen Garten glich. Mit einem Garten läßt es sich noch heut vergleichen, sagte Ebba freundlich. Sie haben den schönsten Theil noch nicht gesehen, antwortete er. Noch sind wir nicht in dem Gebiete der Seen, die eine so eigenthümliche Schönheit Finnlands bilden. Ich hoffe, mein Vaterland wird Ihnen noch besser gefallen, wenn wir Tavastehuus hinter uns haben und der edle Pajäne uns seine klaren Fluthen entgegenrollt. Die Begeisterung in seinem Gesichte war eine natürliche, und stand ihm eben so gut wie Alles, was er that. Überhaupt konnten die Reisenden mit ihrem Führer zufrieden sein und sie waren es auch, nur der Kammerherr hatte sichtlich kein besonderes Gefallen an dessen Wesen, das zu seinem eigenen so wenig paßte. Die raschen und rücksichtslosen Antworten, das stolze Behaupten seiner Meinungen und die kecken Widersprüche, welche dieser junge Mensch gegen Alles erhob, das ihm nicht behagte, hatten von Anfang an bei dem Baron ein Mißbehagen bewirkt, das, wie immer, gegenseitig war. Otho ließ es 74 jedoch an Höflichkeit und Aufmerksamkeit nicht fehlen. Er kannte jeden Berg, jeden Bach, jeden Weg und jedes Thal, und während er Land und Menschen schilderte, von Sitten und Gebräuchen erzählte, und sich den heitersten Plaudereien überließ, lenkte er die feurigen Rosse mit vollendeter Geschicklichkeit oft dicht an gefährlichen Tiefen vorüber oder Anhöhen hinab, die in gestrecktem Galopp zurückgelegt wurden. Dem Kammerherrn wurde zu Zeiten ängstlich dabei, und seinen Begleitern mochte es heimlich eben so gehen, allein Otho beruhigte sie, ehe sie zu Worte kamen. In unsern Bergen fahren wir rasch, sagte er. Pferde und Wagen sind dazu geschaffen, selten oder nie kommt ein Unglück vor. Die Pferde selbst sorgen dafür; sie gehen vorsichtig abwärts, so lange sie eine Gefahr wittern, und greifen erst dann aus, wenn sie gewiß sind, wohlbehalten unten anzukommen. Mitten in Nacht und Nebel finden sie ihren Weg; man kann getrost ihnen die Sache allein überlassen. Darum genügt auch ein Kind, das meist den Reisenden mitgegeben wird, und unsere Damen nehmen unbesorgt die Zügel in die Hand und machen oft tagweite Fahrten ohne alle Begleitung. Ist das Land so sicher? fragte der Graf. Sie werden finden, erwiederte der junge Mann, daß viele Thüren keine Schlösser haben. Aber die Raubthiere? Unter diesen, sagte Otho lachend, haben die zweibeinigen von je an den Finnen den meisten Schaden gethan, und werden von ihnen auch zumeist gefürchtet. In unsern Wäldern gibt es viele Bären und Luchse, das Ellen schweift in den großen Sümpfen von Savolax im Norden umher, Wölfe schickt uns Rußland besonders zur Winterzeit oft in ganzen Schaaren, darum nennt sie das Volk auch wohl gemeinhin die Russen. Von Allen aber ist nichts zu besorgen, denn man kennt sie und hier in diesen angebauten Gegenden kommt solch wildes Gethier selten mehr vor. Wie? rief Lindström, sollen wir keine Bärenjagden machen? Nur Geduld, antwortete sein Freund, es wird auch daran nicht fehlen, zunächst jedoch wollen wir in Somero, das vor uns liegt, ein friedliches Mahl halten. 75 So geschah es, und zur Überraschung der Reisenden brachte Jem eine Kiste herbei, welche Herr Halset am frühen Morgen vor der Abreise geschickt hatte. Sie war mit Wein und Speisen gefüllt, und erregte keine geringe dankbare Zufriedenheit mit dem vorsorglichen Geber. Ein höchst liebenswürdiger alter Herr! sagte der Baron. Dieser Portwein ist der beste, den es geben kann. Er besitzt, wie ich meine, ein eben so großes Vermögen, als guten Geschmack. Sam Halset gilt als der erste und reichste Großhändler in Abo. Womit treibt er Geschäfte? fragte Lindström. Vornehmlich mit Getreide. Er kauft von den Gütern, macht Vorschüsse auf die Ernten, besitzt selbst mehrere Schiffe und bedeutende Grundstücke. Ohne Zweifel ist er ein angesehener Mann im Lande? Wie es nicht anders sein kann, wenn man reich ist, antwortete Otho. Warum nennen Sie ihn Sam? wollte Ebba wissen. Es ist eine Abkürzung seines Namens in der Volkssprache. Und diese Tochter ist sein einziges Kind? Er hat kein anderes. Irre ich mich nicht, begann Serbinoff, so hörte ich von ihm, daß er mit Ihnen verwandt sei. Hat er es erwähnt? so darf ich nicht nein sagen. Er ist also ein Finne, da Sie dies von sich selbst behaupten. Ohne Zweifel, erwiederte Otho lächelnd. Und seine Tochter jedenfalls eine reiche Erbin, rief der Seeoffizier. Schade, daß ich nicht in Abo bin, ich würde versuchen, ihr die Zunge zu lösen. Ich glaube kaum, daß es dir gelingen würde, erwiederte der Kammerherr. Sie müssen diese schweigsame Dame ja besser kennen, als wir, Herr Waimon. Ist sie immer so stumm und einsylbig? Immer der Gegensatz zu ihrem Vater. Weiß es Gott! Sie haben Recht, aber bei alledem ist dieser Gegensatz interessant genug. Ich hoffe, Sie selbst empfinden etwas davon. 76 Meine Empfindungen, erwiederte der junge Mann aufstehend, beschränken sich darauf, daß wir noch einen langen Weg nach Tavastehuus haben, und unsere Pferde warten. Mit dieser scherzenden Antwort entfernte er sich, aber es war deutlich genug, daß er Fragen überhoben sein wollte, die ihm nicht behagten. Ich will jede Wette verlieren, sagte der Kammerherr spöttisch lachend, wenn er sich nicht vergebens angestrengt hat, diesem schwarzen Bilde Empfindungen beizubringen. Gestern Abend schon habe ich bemerkt, wie er über den Tisch fort zuweilen sie voll schmachtender Betrübniß ansah, und wie sie ihn dafür mit Blicken belohnte, so kalt und hart wie finnischer Granit. Dann mußt du jedenfalls ein aufmerksamer Beobachter gewesen sein, erwiederte Ebba. Warum denn nicht? lachte er. Wenn der alte lustige Papa sie mitbringt, soll es meine Aufgabe sein, mit Gustav um die Wette mich ihrer anzunehmen, für den Fall sich keine bessere Beschäftigung für mich findet. Gesprochen wie ein Cavalier, der verdient hätte, zur Zeit Gustav des Dritten ein würdiger Gefährte Armfeld's und des berühmten Gefolges gewesen zu sein, das den Zug nach Italien mitmachte, sagte Ebba. Ein Zug nach Finnland ist vielleicht noch lohnender, mein Schwesterchen. Aber da kommt unser Reisemarschall. Alles ist in Ordnung. Wir jagen, wenn auch nicht durch Citronenhaine, doch dem Glück entgegen. Citronenhaine waren allerdings hier nicht zu finden, aber Serbinoff, der Italien kannte, versicherte, daß manche dieser lieblichen Landschaften einen italienischen Charakter besaßen, und dies, fügte Otho hinzu, sei schon häufig von Reisenden behauptet worden. Eine Hochebene dehnte sich weit hin aus, von den schönsten Abwechselungen begleitet. Bald wurde sie von Thälern durchschnitten, die äußerst fruchtbar sein mußten, und dann hoben sich mächtige Felsen und Berglagen mitten darin empor und rundeten sich um klare runde Seebecken, an deren Ufern Mühlen und mannigfaches Gebäu standen. Der Wald 77 zog in Büschen und langen Strecken auf den Höhen hin und über ihn hinaus starrte nacktes Gestein. Ungeheure Blöcke lagen zuweilen chaotisch über einander gestürzt, plötzlich aber verschwand alle diese Wildheit vor einer milden, schönen Natur, welche der rege Menschenfleiß sich unterthan gemacht hatte. Jenseits Tamala zog die Straße dann auf ein neues Bergplateau, durchstickt von unzähligen zerstreuten Höfen und Häusern, und Waimon nannte viele bei ihren fremdklingenden Namen. Sie sehen daran, sagte er, daß in das Innere des Landes die schwedische Bevölkerung sehr wenig eingedrungen ist. An den Küsten klingt Alles schwedisch. Dort haben sie die Städte erbaut und ihnen germanische Namen gegeben, sich auch in vielen von ihnen gegründeten Colonien festgesetzt; je weiter aber hinauf, je mehr verschwindet der Schwede und seine Sprache. Die Beamten und was zu ihnen gehört sind aber doch Schweden, sagte der Kammerherr. Nur das gewöhnliche arme Volk ist bei seiner eigensinnigen Unwissenheit geblieben. Die Beamten, die Richter, die Priester und wer überhaupt zu den Herrschenden und Angesehenen gezählt sein möchte, erwiederte der junge Mann, spricht schwedisch und ist meist auch Schwede, oder möchte es sein; denn nicht wenig eitle Thoren gibt es, hier wie überall, die sich von Volk und Vaterland lossagen, um zu scheinen, was sie nicht sein können. Die Regierung aber, berichtigte Arwed, macht keinen Unterschied zwischen Finnen und Schweden. Alle haben gleiche Gesetze, gleiche standesmäßige Privilegien, und was im Mutterlande Schweden als Recht gilt, gilt auch in Finnland. Seit Gustav Adolph's und Christinen's Zeit, erwiederte Otho dies bestätigend, haben Unterschiede und Verfolgungen nach und nach aufgehört. Finnland erhielt damals schwedisches Recht, und edle Männer, wie Graf Peter Brahe, nahmen sich der Verlassenen an. Es galt nicht mehr für Schande und Unehre, ein Finne zu sein. Einzelne Familien kamen durch Handel und Kriegsdienste empor, andere lernten etwas auf der neu gestifteten Universität in Abo und auf den 78 Schulen, allein eine Verschmelzung der beiden Nationalitäten hat doch nicht stattgefunden und wird auch nimmer erfolgen. Warum kann es nicht geschehen? fragte Serbinoff. Weil's ander Blut und ander Fleisch ist, sagte der junge Mann, und weil die Finnen immer noch etwas von dem uralten Geist ihrer Väter haben. Dort liegt Tavastehuus, fuhr er dann fort, viele Menschenalter lang der christliche Vorposten im Lande der freien Heiden. Mancher Priester ist von hier ausgezogen mit Kreuz und Schwert, ohne wieder heimzukehren; mancher fromme Ritter schlachtete zur Ehre Gottes die tapfern Kinder Jumala's in ihren Schlupfwinkeln am Pajänesee und es hat lange gedauert, ehe sie überwältigt wurden. Sie müssen sich von meiner Schwester Louisa davon vorsingen lassen. Sie kennt einige alte Lieder von ganz merkwürdigem Klang und Inhalt, die obenein eine Art Familieneigenthum sind, denn einer meiner Vorfahren, der ein großer Häuptling und Kriegsführer war, spielt darin eine Rolle. Ei, sagte Arwed spöttelnd, so gehört Ihre Familie also doch zu dem ältesten Landesadel. Wenn es bei den Finnen einen Adel gegeben hätte, so wäre es wie Sie sagen, lachte Waimon, allein da haben Sie gleich einen wichtigen Unterschied meines Volkes mit allen andern Völkern. Es gab nie einen Fürsten, nie einen Adel bei ihm, ja, wir haben in unserer Sprache nicht einmal einen Ausdruck dafür. Alle Finnen waren unabhängige, freie Männer, die Keinen über sich dulden mochten. Das ist eben nichts Besonderes, mein lieber Freund, antwortete Arwed, denn alle rohen Volksstämme haben in den Anfängen ihres gesellschaftlichen Verbandes mehr oder minder auf ähnlicher Stufe gestanden. Auch in Schweden waren es in den frühesten Zeiten die Bauern, welche den König wählten, und wenn er ihnen nicht gefiel ihn wieder absetzten, auch wohl tödteten. Bis dies in späteren Zeiten der Adel übernahm, fiel Otho ein. Sei es, wie es sei, König wie Adel haben die Finnen erst durch ihre Herren, die Schweden, erhalten und es war ein Geschenk, das meinem Dafürhalten nach uns schlecht genug bekommen ist. 79 Aufrichtigkeit gehört jedenfalls auch zu den finnischen Tugenden, sagte der Kammerherr stolz lächelnd. Wir haben Manches lernen müssen, erwiederte Otho, doch immer noch nicht gelernt, unsere Meinung zu verbergen. Wenn man jung ist hat man gern das Herz auf der Zunge. Was immer besser ist als wenn, wie das finnische Sprichwort sagt, Hyji das Herz verzehrte. Sie müssen wissen, daß Hyji der Gott der Falschheit und der Lüge ist. Eine Antwort des Barons wurde unterdrückt, denn Serbinoff mischte sich ein, indem er die Schönheit des Thales pries, das sich vor ihnen öffnete, und auf die malerischen Fernsichten aufmerksam machte, welche ein Schloß im Hintergrunde und einige kühn geformte Bergspitzen gewährten. Es war in der That ein breites reizvolles Thal, das zwischen zwei waldigen Hügelketten hinzog. Das Schloß mit seinen gewaltigen Thürmen und zackigen Mauerkronen schaute düster und gebietend auf die langgestreckte Stadt, welche in einer breiten mit Weiden und Birken besetzten Straße sich ausdehnte. Freundliche Häuser standen zu beiden Seiten und von oben sahen die grünen Berge neugierig herein. Vor manchen Thüren befanden sich Vorplätze, mit Steinen ausgelegt und mit Bänken besetzt, auf welchen die Hausbewohner arbeitend und schwatzend beisammen saßen. Schmucke Dirnen mit farbigen Miedern und langen blonden Doppelzöpfen arbeiteten am Brunnen und schwatzten lachend mit Soldaten von der Schloßbesatzung; als aber die Wagen daherrollten und den Staub hinter sich aufwirbelten, stand Mancher auf und grüßte freundlich die reisenden Leute. Dies Schloß ist also noch eine Festung und wohlbewacht, fragte Serbinoff, als er die Zugbrücken und Schildwachen sah. Ehemals war es ein Bollwerk für die schwedischen Eroberer, erwiederte Otho, jetzt hat es sicher nicht viel zu bedeuten, obwohl es von Kanonen und Soldaten vertheidigt wird. In Finnland gibt es nur eine starke Veste, das ist Sweaborg, sagte Lindström, das Gibraltar des Nordens, wie man es mit Recht nennt. Unser ganzes Land ist eine Festung, meinte Otho. Mit seinen Wäldern, Felsen, Seen und Sümpfen ist es unüberwindlich. 80 Und doch ist es öfter schon erobert worden, erwiederte der Graf lächelnd. Ich meine dies auch nur, wenn die Vertheidiger danach sind, fuhr der junge Mann fort. Was helfen alle Mauern und Wälle, wenn es an Muth und Geschick dahinter fehlt, oder wenn Verräther darinnen sind. Hier in diesem alten Schlosse liegen Waffen genug. Es ist ein Waffenplatz für Kriegsvorräthe. Warum gibt man die Gewehre nicht dem Volke, warum übt man es nicht, da doch seit Jahren Krieg ist? Man hat die meisten Soldaten aus dem Lande gezogen, um so mehr sollte man daran denken, das Volk wehrhaft zu machen. Das paßt jedoch nicht zu dem Soldatenwesen, wie es jetzt ist. Sind die Bauern nicht gute Schützen und mit Büchsen und Gewehren zur Jagd versehen? fragte Serbinoff. Einzelne wohl, sagte Otho, allein bei weitem nicht Alle. Der Bauer hat überhaupt keine Zeit zu jagen; zur bloßen Lust thut er es selten. Die meisten sind zu arm, zu abhängig und zu arbeitsam. Wenn ein Volk für seine Rechte und seine Unabhängigkeit einstehen soll, muß es dazu ausgebildet werden, das hat man hier jedoch niemals gethan und thut es auch jetzt nicht, obwohl man es nöthig genug hätte. Oftmals ist es vorgeschlagen worden, den Finnen eine ganz militärische Organisation zu geben. Hätte Gustav der Dritte länger gelebt, so wäre es vielleicht dazu gekommen, jetzt ist nicht daran zu denken. Was gilt nicht jetzt in Stockholm für revolutionär, gefährliche Neuerung und französischen Unfug! Die Wagen hielten vor der Thür des Kaufmanns, welcher zugleich Posthalter war, und in seinem netten Hause fanden die Reisenden alles zu ihrer Aufnahme bereit. Das Erste aber, womit der dienstfertige Wirth sie überraschte, war ein Brief, den er Otho überreichte und den dieser sogleich erbrach. Ein Schreiben von Erich, sagte er, und hier ist ein anders an den Herrn Kammerherrn Bungen. Er ist zurück in Halljalahaus und hat, wie er schreibt, Pferde nach Hormola geschickt, damit, wenn es den Herrschaften beliebt, sie morgen den Weg von da ab zu Rosse machen können. Die Fahrstraße wird eng und führt durch Sumpf und Dickicht, es gibt jedoch einen schönern Weg auf den Höhen am 81 Pajäne, der grade auf das alte Schloß zuführt und zu den schönsten gehört, den man nehmen kann. Dann wählen wir diesen und steigen in den Sattel, sagte Ebba. Ich hoffe, daß wir Alle damit zufrieden sind. Otho schaute sie freundlich an. Es geht über manchen schroffen Kamm, sagte er, und Sie wissen was Sam Halset Ihnen gerathen hat. Ich weiß auch, erwiederte sie, daß Sie ihm antworteten, noch Niemand habe Schaden genommen, der Ihnen vertraute. Und das ist Wahrheit! rief er, indem seine Augen aufleuchteten. Wenn Sie nicht zu ermüdet sind, so möchte ich Ihnen den einzigen Punkt zeigen, um welchen Tavastehuus wirklich den Ruf seiner Schönheit verdient. Der Kammerherr hatte den Brief gelesen und faltete ihn zusammen. Erich schreibt mir, daß er unglücklicher Weise zu einer Gesellschaft eingeladen war, auf ein Gut, das dem Freiherrn Wright gehört, als unser Schreiben anlangte; daß er somit seinem Freunde Otho herzlich danke, daß dieser den Brief erbrach und sofort nach Abo fuhr. Man hat ihn jedoch benachrichtigt und er ist zurückgekehrt und hat der Familie Wright auf ein andermal unsern gemeinsamen Besuch versprochen. Das ist also die nothwendige Reise, Herr Waimon, von der Sie uns sagten? Es ist allerdings eine Reise, antwortete Otho, denn man braucht einen Tag jenseit des Pajäne, um nach Liliendal zu dem Freiherrn Wright zu kommen. Wir sind Ihnen großen Dank schuldig, fiel Ebba ein, und dieser vermehrt sich durch jeden neuen Beweis Ihrer Güte. Ich bin nicht müde und gewiß gehen wir Alle gern und sehen was Sie uns zu zeigen haben. Darin hatte die junge Dame sich jedoch getäuscht. Ihr Bruder erklärte ziemlich mürrisch, keine Lust zu spüren, sich noch mehr zu ermüden und Serbinoff wollte ihn nicht allein lassen als er hörte, daß eine Berghöhe erstiegen werden müsse. Nach einer längeren Unterhandlung, welche Otho geduldig abwartete, ließ sich Ebba nicht zurückhalten, mit ihm und Lindström allein zu gehen, obwohl ihre Hartnäckigkeit die üble Laune des Kammerherrn vermehrte. Kaum war dieser mit seinem 82 Freunde allein, als er seinen Mißmuth auch nicht länger zurückhielt und ihn lebhafter äußerte als es sonst seine Gewohnheit war. Ich muß gestehen, sagte er, dieser junge vorlaute Mensch wird mir in einem Grade unbequem, daß ich sehr froh sein werde, wenn wir von ihm befreit sind. Alles was er spricht ist mir zuwider und was er thut, hat einen solchen Grad von Anmaßlichkeit und Selbstgenügsamkeit, daß es unerträglich ist. Serbinoff saß am Tische und schrieb in sein Taschenbuch. Sie haben ganz recht, erwiederte er ohne sich stören zu lassen, allein Sie können ihn nicht los werden, und da dies nicht geschehen kann, denn er ist der intimste Freund Ihres Vetters, so thun Sie wohl, sich an diese Großsprechereien und Albernheiten zu gewöhnen. Ich belustige mich daran, im Übrigen ist er sehr nützlich und hat eine Menge Bemerkungen gemacht, welche sehr gut zu brauchen sind. Ich werde mancherlei von ihm erfahren, und werde ihn benutzen, wie er benutzt werden muß. Man muß nicht immer das hören wollen, was man gern hört, bester Freund, vielmehr die unangenehmsten Menschen sogar zuweilen aufsuchen, um aus dem was sie vorbringen sich ein Urtheil zu bilden. Darf ich fragen, welches Urtheil Sie sich aus dem Geschwätz dieses rohen und übermüthigen Burschen gebildet haben? Ich habe es hier niedergeschrieben, erwiederte Alexei, hören Sie zu: Es gibt in Finnland eine sogenannte Volkspartei, die allerlei phantastische Träume über Nationalität und nationale Freiheit hat. Diese Partei haßt die Schweden ebenso sehr wie die Russen, ist jedoch jedenfalls nicht stark, da das Volk auf einer zu untergeordneten Bildungsstufe steht, um was die Führer wollen zu begreifen. Indeß gehören zu diesen nicht allein geborne Finnen, sondern auch Schweden, welche, ihren Ursprung verleugnend, sich als Finnen betrachten und Finnland selbständig, frei, am liebsten wohl zur Republik machen möchten. Ist das Ihr Ernst? fragte Arwed verwundert lachend. Mein vollkommener Ernst, erwiederte der Graf. Es gehört zu dieser nationalen Partei gewiß ein guter Theil jener eingebornen Schweden, welche sich, wie sie selbst sagen, gern und mit Stolz Finnen nennen. 83 Die jedoch, so viele ich deren kenne, nichts weniger als Republikaner sind. Das mag sein, antwortete Serbinoff kaltblütig, allein, mein Freund, selbst die Schweden haben republikanische Anlagen genug und dieser heißblütige junge Mensch, der Ihnen erwiederte, daß, wenn zuerst die Bauern die Könige beseitigten, welche ihnen nicht gefielen, der Adel dies Geschäft später übernommen habe, hat damit bestätigt, was ich behaupte. In eurer blutigen Geschichte waren von jeher die Könige abhängig vom Volks- oder vom Adelswillen. Mit dem Adel im Bunde, unterdrückten sie die uralte Gleichheit und Freiheit. Kühnen Regenten gelang es dann wohl, sich wieder auf das Volk oder auf ihr Schwert oder auf beide zu stützen, den Adel zu bändigen und ziemlich unbeschränkt zu herrschen. In Karl dem Zwölften erreichte diese königliche Gewaltherrschaft ihren Gipfel; als er in den Laufgräben vor Fredrickshall sein Ende fand, bemächtigte sich der Adel der Regierung und nahm Rache für das, was er erduldete. Damals bracht ihr mit dem Königthum und gabt seinen getreuen Dienern und Gehilfen eine furchtbare Lehre, als ihr Karl's Minister und innigsten Freund, den Grafen Görz, hinrichten ließet. Bis Gustav der Dritte auftrat, habt ihr dann eine republikanische Patricierwirthschaft getrieben, wie diese je in Rom, Venedig, Florenz oder in einer andern mittelalterlichen Republik möglich wurde. Wäret ihr, ich meine der schwedische Adel, klüger und einiger gewesen, so hätte eure oberste Herrlichkeit länger dauern können, allein geldgierig und ehrgeizig bekämpfte der Adel sich selbst, beneidete sich um Ansehen und Stellen, haßte sich mit aller Wuth des Parteihasses und verkaufte sich und seinen Einfluß an Frankreich und an Rußland. Diese Herren Reichsräthe und ihr Anhang, diese Parteien der Hüte und der Mützen, haben es Gustav dem Dritten leicht gemacht, mit ihnen fertig zu werden, denn er konnte sich bald einen Anhang schaffen und war gewiß, daß das Volk auf seiner Seite stand und Beifall klatschte, als er der aussaugenden republikanischen Adelswirthschaft ein Ende machte. Er hat es aber nicht hindern können, erwiederte der Kammerherr, daß, als er unbeschränkter Herr zu sein glaubte, und im Jahre 1780 Rußland angriff, seine eigenen Generale und Obersten ihm den 84 Gehorsam aufkündigten, weil er einen auswärtigen Krieg nicht ohne Zustimmung des Reichstags anfangen durfte und es dennoch gethan hatte. Das ist wirklich geschehen, erwiederte Serbinoff lachend, und Rußland wird diesen trefflichen pflichtgetreuen Offizieren immer dankbar sein müssen, denn der ganze Feldzug und die ganze Überraschung Rußlands gingen dadurch verloren. Vielleicht wäre es wirklich möglich gewesen, daß ein schwedisches Heer damals bis nach Petersburg vordringen konnte. Die Verschwörung der Generale und Obersten, oder der sogenannte Angelabund, zerstörte alle Pläne. Aber, mein Freund, was war die Folge davon? Der König demüthigte den Adel gänzlich. Im Jahre 1772 hatte er sein Werk halb gethan, im Jahre 1789 machte er es besser. Er warf euch seine Sicherheitsacte auf den Tisch und ließ zum Ritterhause hinauswerfen und in die Gefängnisse stecken, wer ihm widerstand. Von dieser Zeit an war er unbeschränkter König, und wie ging es den Thoren, welche den Angelabund gestiftet hatten, offenen Ungehorsam ausübten und sich doch nicht mehr zu thun trauten? Sie wurden als Hochverräther zum Tode verurtheilt, hingerichtet, verbannt, in Kerker geschleppt. Niemand wagte es mehr, sich auf Landesrechte und Privilegien zu berufen. Aber zu diesen Gewaltthaten klatschte das Volk nicht Beifall, sagte Baron Arwed, und ihnen hat Gustav der Dritte seinen Tod zu danken. Ein Fanatiker mordete ihn, der seinen Lohn dafür auf dem Schaffot empfing, dessen That die Abneigung des Volks gegen den Adel vermehrte und der nichts bewirkte, als eine Befestigung der königlichen Macht. Wohin hat es diese jetzt in Schweden gebracht? Dahin, sagte der Kammerherr leise lächelnd, daß ein Blödsinniger schalten und walten kann, wie es ihm beliebt. Sehr wahr! Besser also jedenfalls, wenn man bei Zeiten daran denkt, sich zu retten und mit Leuten zu verbinden, welche Verdienste zu würdigen wissen, antwortete Serbinoff in derselben Weise. Was jedoch die Volkspartei in Finnland betrifft, fuhr er lauter fort, so ist diese von ganz anderer Art. Ihr Republikanismus stammt aus den Ideen der französischen Revolution, den Ideen der Menschenrechte, der Gleichheit und dem übrigen Unsinn. Wir würden schöne Tiraden hören, wenn wir diesem Waimon den Mund öffnen wollten, ich zweifle aber 85 gar nicht daran, daß der Gebieter von Halljala, Ihr edler Vetter, noch viel verderbter ist, wie dieser hier. Meinen Sie? antwortete Arwed, mechanisch aus seinem Nachsinnen aufblickend. Würde Herr Otho sonst mit solcher Verehrung und Bewunderung von ihm sprechen? Dieser junge Fant ist viel zu ungestüm und kurzsichtig, um etwas Anderes verehren zu können, als Vorbilder in welchen er sich selbst geläutert und geheiligt wieder findet. Ich täusche mich gewiß nicht, wenn ich voraussehe, daß wir verwirrte Köpfe finden und mit harten Steinen mahlen sollen. Das käme allerdings unerwartet, sagte Arwed. Sie wissen, ich kenne ihn nicht, und eine Reihe Jahre sind vorübergegangen, wo wir uns nicht um einander kümmerten. Sein Vater war so ergrimmt über den Gewaltstreich Gustav des Dritten vom Jahre 1772, daß er nie wieder nach Stockholm kam. Mein Vater im Gegentheil schloß sich der Partei des Königs an und gewann dessen Gunst. Als die Verschwörung der Generale, eben jener Angelabund, gegen Gustav zu Stande kam, waren mehrere Verwandte der Randals darin verwickelt; einer derselben, der Oberst Freiherr Hästenskö, wurde sogar hingerichtet. Damals reiste mein Vater im Auftrage des Königs nach Halljala, denn der Angelabund hatte in den unzufriedenen Familien viele Anhänger, und wäre es zu einer Untersuchung gekommen, würde mehr als ein Kopf gefallen sein. Der König dagegen war großmüthig oder klug, er wollte nichts davon wissen. Mein Vater kam voller Verdruß von dieser Reise zurück, und obwohl ich damals noch ein halbes Kind war, erinnere ich mich, daß er in seinem Ärger äußerte, der König habe keine schlimmeren Feinde als die Sippschaft in Halljala, welche niemals anders werden würde. – Seit jener Zeit hörte jede Verbindung zwischen uns auf, und erst im letzten Jahre, als Otho's Mutter, die Schwester des alten Freiherrn Randal, starb, wurden wieder Briefe gewechselt. Sie hatte Ebba einige Schmucksachen vermacht, Geschenke unserer Mutter, denn sie lebte in ihrer Jugend längere Zeit in unserem Hause. Bald nach ihrem Tode starb Erichs Vater und auch er hinterließ Ebba ein Erbe, nämlich einen Heimat, das heißt einen finnischen Meierhof. 86 Was bewog ihn zu solchem köstlichen Geschenke? fragte Alexei. Es ist nichts, so viel ich weiß, als eine kleine Insel im Pajänesee, erwiederte Arwed; ich glaube jedoch, der alte Herr hat sich von der Romantik seiner Jugend dabei überfallen lassen. Meine Mutter war seine erste Liebe und jene Insel soll sie besonders reizend gefunden, haben. Dies Paradies also, wo er mit der Mutter geschwärmt, hat er der Tochter vermacht! rief Serbinoff spottend. Ein Andenken an selige Stunden; vielleicht aber hatte er dabei noch eine andere Absicht. Die beiden Herren blickten sich an und verstanden sich. Möglich wäre es wohl, sagte der Kammerherr, daß er auch daran dachte, indeß versichere ich Sie, daß der Briefwechsel zwischen meiner Schwester und Erich zwar freundschaftlich und verwandtschaftlich betrieben würde, keineswegs jedoch eine Spur wärmerer Theilnahme enthält. Was mich betrifft, so wissen Sie, daß ich nur Ihrem Wunsche nachkam, als ich diesen Besuch einleitete, den wir jetzt ausführen. Wofür ich Ihnen immer von Neuem dankbar bin, erwiederte Alexei. – Er stellte sich einen Augenblick ans Fenster, sah hinaus und trommelte an die Scheiben, dann ging er bis an die Thür, öffnete diese ein wenig und kehrte um. – In diesen verdammten Holzhäusern ist man niemals sicher allein zu sein, sagte er mit gedämpfter Stimme. Ein Wort noch ehe wir abbrechen. Sie wissen, wie hoch ich Ihre Schwester verehre und welche Hoffnungen ich hege. Lassen wir uns jedoch Zeit, alle Verhältnisse zu überblicken, und beschließen Sie dann in voller Freiheit was Ihnen nöthig scheint oder nothwendig wird. Antworten Sie nichts darauf, wir müssen etwas älter werden, um diesen Gegenstand wieder aufzunehmen, und jetzt lassen Sie uns die Spaziergänger aufsuchen. Während dieser vertrauten Mittheilungen zwischen den beiden Freunden hatten Ebba und ihre Begleiter die Stadt verlassen und die waldige Anhöhe erstiegen, welche sich zur Linken erhob. Ein anmuthiger Weg führte zunächst zwischen Gärten und Fruchtfelder hin, dann verengte er sich zu einem Fußpfad, der ziemlich steil und in mannigfachen Windungen um zerstreute Blöcke und vorspringendes Gestein aufwärts führte. Die Stadt und das alte Schloß lagen bald tief unter ihnen 87 und dies gewährte mit seinen hohen, runden Thürmen, Halbmonden und gewölbten Thoren manchen fesselnden Anblick. Sind Sie niemals in Stockholm gewesen? fragte Ebba. Nicht in Schweden, nicht in Stockholm, erwiederte Otho. Auch mag ich Beides niemals sehen. Sie müßten es dennoch besuchen, gab das Fräulein zurück, denn Stockholm ist der Sammelplatz der Bildung, der Kunst, der Wissenschaft und aller Cultur unseres Landes. Ich will von allen diesen schönen Dingen nichts wissen, lachte Otho, denn was haben Sie uns Gutes gebracht? Sind die Menschen dadurch besser geworden, ist die Welt glücklicher? Glauben Sie, daß die Bewohner der Städte an Weisheit und Tugend der ganzen übrigen Menschheit vorleuchten? Die Städte erschlaffen und verweichlichen. Was ist Bildung?! Die Verfeinerung des Lebens, der Durst nach Genuß, die Verachtung der einfachen Sitten, die Schwelgerei des Reichthums und die Gier nach Geld und was Geld verschaffen kann. Griechenland und Rom sind untergegangen, als die Bildung dort so weit gelangt war, daß die alte Kraft und Freiheitslust an der gebildeten Entnervung starb. Wir lesen hier auch den Tacitus, Cousine Ebba. Erich ist so gelehrt wie der beste Professor. Ich habe im Winter ebenfalls Zeit genug meine Nase in allerlei Bücher zu stecken und meine kleine wohlunterrichtete Schwester Louisa ist ein so lieblicher Elf, wie er je im Mondschein über Heiden tanzte. Dennoch ist wenig Gefühl für Bildung in uns Allen. Es wird Ihnen wunderbar zu Muthe werden bei solchen Wüstenbewohnern, doch wir werden Alle sorgen, Ihnen so viele Freude zu machen, wie wir es vermögen. Sein Geplauder blieb trotz der kecken Widersprüche neckend und harmlos, und seine Augen leuchteten so lebhaft, daß Ebba ihm gerne in derselben Art antwortete und unter lachend geführtem Streite über die Vorzüge der Bildung, der feinen Sitte und der schwedischen Civilisation der Hügelkamm erstiegen wurde. Oben war dieser gekrönt von mächtigen Fichten und durchwachsen von dichtem Gebüsch, bis plötzlich daraus hervortretend das Fräulein auf einem Felsenaltan stand, der über einer fast senkrechten Wand mehrere hundert Fuß hoch hing. Es war, als sei ein Vorhang aufgezogen worden, so überraschend 88 breitete sich ein schönes Panorama vor den Beschauern aus. Am Fuß des Granitfelsens zog ein klares Wasser hin. Stadt und Schloß glühten im Abendschimmer; die grüne breite Gasse des Thals, gefüllt mit Menschenleben mannigfacher Art, lag lieblich ausgestreckt, voll Frucht und Gedeihen. Zur Linken schweiften die Blicke über ein weites Land mit solchem Wechsel mannigfacher Scenerie gefüllt, daß jeder empfängliche Sinn davon berührt werden mußte. Wald und Fels, Schlucht und Ebene, Land und See mischten sich wunderbar. Ein Gewimmel von kleinen Thälern ließ sich bis in die Ferne verfolgen, unterbrochen von Flächen, in denen der rosige finnische Granit die letzten Sonnenstrahlen auffing. Eine unermeßliche Zahl großer und kleiner Seen durchstickte das farbenvolle Gewand mit Silberbändern und hielt es mit Silberfäden zusammen, bis alles Licht und aller Schmelz sich in nebelumhüllten Bergen verlor, die ihren tiefgeschweiften Bogen um den Hintergrund spannten. O, das ist schön! rief Ebba nach einigen stillen Minuten und ihre Augen überschauten entzückt dies reiche Bild, ihre Lippen lächelten unter dem Eindruck dieser edeln Natur, welche so friedlich und so glücklich die Nacht erwartete. Selbst der junge Seeoffizier mußte in diesen Ausruf einstimmen; obwohl er zuletzt meinte, daß das Schönste in der Welt doch immer das Meer bleibe, wenn man nichts sähe als Himmel und Wasser, gefielen ihm dennoch diese Seespiegel ausnehmend. Wir haben Seen genug, sagte Otho, die den Meeren wenig nachgeben und auf welchen Stürme zuweilen toben, welche sich Ihre volle Achtung erwerben würden. Hinter den Bergen dort, liegt der Pajäne; auf mehr als zwanzig Meilen streckt er seine Arme und Buchten nach allen Seiten aus. Morgen werden wir ihn sehen, möge er Ihnen gefallen und Ihr Aufenthalt an seinen Ufern Ihnen ein bleibendes frohes Angedenken sein. Er verbeugte sich vor der jungen Dame, an welche er diese höflichen Worte richtete, als wollte er beweisen, daß es ihm trotz aller Spötterei über die Nachtheile der Bildung doch nicht an weltmännischem Wesen und Formen fehle, als er aber Ebba's muthwilliges Lächeln bemerkte, fügte er hinzu: Und das ist ehrlich gemeint, schöne 89 Cousine. Erich erwartet Sie voller Freude und meine Schwester Louisa wird die Zeit kaum hinbringen können, bis sie Ihnen entgegenfliegt. Ich bin Ihnen dankbar für so viele Güte, aber ich begreife doch nicht, Cousin Otho, erwiederte Ebba, daß eines schwedischen Mädchens wegen so viele Freude bei Ihren Verwandten sein könnte. Sie wollen mich für das strafen, was ich gegen Schweden gefrevelt, rief er lachend, doch was geht das uns an? Ihre Mutter war die Jugendfreundin meiner Mutter. Dürfen wir uns nicht freuen, wenn Sie zu uns kommen, und haben die Kinder nicht ein gewisses Recht, die Freundschaft ihrer Eltern wieder aufleben zu lassen? Gewiß, das haben sie, sagte das Fräulein, und indem sie ihm die Hand reichte fuhr sie fort: Wir wollen gute Freundschaft halten, Cousin Otho, bei allem ehrlichen Streit zwischen uns, und, obwohl es in Schweden viele weit schöneren Gegenden und Naturschönheiten gibt, als diese sind, die Schweden mir auch weit besser gefallen als – mit Ihrer nachsichtigen Erlaubniß sei es gesagt – alle Finnen, welche ich bisher gesehen und nicht gesehen habe, so finde ich doch Finnland weit schöner als ich dachte und die Menschen darin, obwohl Barbaren, weit gebildeter und freundlicher, als sie selbst es gelten lassen wollen. Haben Sie Dank, erwiederte er, und nehmen Sie meine Versicherung, daß wir Alles versuchen wollen, um Ihr Urtheil noch mehr zu unsern Gunsten umzuwandeln. Gut, mein schöner Herr. Ich dagegen werde nicht aufhören, meine Urtheile zu vertheidigen. Damit erklären Sie mir also den Krieg. Es ist mir, versetzte sie, als würde dieser wenigstens bald zwischen uns ausbrechen. Wohlan denn! rief er übermüthig, wir wollen den Kampf nicht fürchten und dennoch Freunde sein. Doch setzen wir uns in Frieden diesmal noch auf diese Bank; ich habe öfter schon hier ausgeruht und immer that ich es gern. Es war ein Sitz nahe an dem Absturz errichtet, dort saßen die drei Pilger längere Zeit und Otho bezeichnete ihnen den Weg, den sie morgen einschlagen würden. Er nannte die Seen und die fernen 90 Berge, von denen manche sich steil und spitz erhoben, endlich aber sprach er von seinem eigenen Leben und von Vielem, was damit zusammenhing. Wir wohnen, sagte er, wie Sie sehen werden, auf einem kleinen Gute, eigentlich nichts weiter als ein großer Bauernhof oder Heimat, der an der Seebucht, dem Schlosse Halljala gegenüber liegt, und dies ist fast zu jeder Zeit schnell zu erreichen. Mein Vater hat den Hof gekauft, er hat dort gelebt, ich bin auf ihm geboren worden und habe diese süße Heimat nie verlassen. Das ist auch ein uralt schwedisch-germanisches Wort von schöner Bedeutung, erwiederte Ebba, daß der Wohnsitz jeder Familie, ihr Feld und Haus, Heimat genannt wird. Hätten die Schweden nur nicht so Vielen dafür die Heimat genommen, als sie das Wort nach Finnland brachten, erwiederte er. Ich wenigstens bin ihnen dankbar, sagte Ebba, denn wenn es nicht geschehen wäre, würde ich nicht hier bei Herrn Otho Waimon sitzen, auch würde dieser alle Kunst und Wissenschaft verspottende junge Herr nicht gezwungen worden sein, schwedisch zu lernen, um nach Abo in die Schule geschickt zu werden. Was das anbelangt, rief Otho lachend, so bin ich nicht allzu lange dort gewesen, denn ich konnte es nicht aushalten und lernte blutwenig. Aber meine Mutter, Cousine Ebba, war ja selbst von Ihrem Blut, und diese theure Mutter wurde meine liebste Lehrerin. Von ihr weiß ich das Meiste, das ich achte und hoch halte. Sie war also eine gelehrte Dame. Gelehrt! antwortete er spottend; muß man denn gelehrt sein, um viel zu wissen? In der Zeit ihrer Jugend hielt man nicht viel vom Lernen. In Stockholm hatte man ihr etwas von dem dort üblichen französischen Geplapper angewöhnt, und zwischen Halljalahaus und Louisa wandelt noch heutigen Tages ein altes Gespenst umher, das ihr allerlei grausame Künste beibrachte, als da Lesen und Schreiben sind. Ihm habe ich und meine Schwester ebenfalls zu verdanken, was wir beide davon wissen. Also mit Zöglingen der Geister haben wir es zu thun, Gustav, sagte das Fräulein zu dem jungen Offizier. 91 Es wird ein alter Schulmeister sein, von der Art, wie sie auch bei uns zu Lande hin und her wandern, war Gustav's Antwort. Getroffen! fuhr Otho fort. Ein alter Schulmeister, ein alter Vagabond, der sein Leben lang hin und her irrte, und noch jetzt keine Ruhe in seinen Beinen hat. Meine Mutter lernte von ihm viele Sagen und Geschichten, von denen er voll steckt, und lernte die finnische Zither spielen. Alle diese Kunst und Wissenschaft ist auf uns übergegangen, wenigstens auf meine Schwester. O! Alles was sie that war gut, Alles was sie sagte war mir Gesetz. Ihr Wollen und Walten war wie Gottes Walten, und wer ihr nahe kam, der ehrte sie. So von meiner Mutter erzogen, bin ich ein einfacher Landmann, ein Heimatmann geworden, der auf seinem Stückchen finnischer Erde leben und sterben will, und das soll immer mein höchster Wunsch sein. Ihr Vater lebt nicht mehr? sagte Lindström. Er starb, antwortete Otho, als ich kaum zwölf Jahre alt war, nun hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Als er so alt war wie ich jetzt bin, ging er außer Landes in fremde Kriegsdienste nach England, und kehrte aus den amerikanischen Colonien zurück, eben als diese ihren Freiheitskampf begannen. Mein Großvater war damals gestorben. Mein Vater wollte sein Erbe verkaufen und nach Amerika zurückkehren, allein es kam anders mit ihm. Er lernte meine Mutter kennen, blieb im Lande, warf den Degen fort und wurde ein Bauer. Die Leute sagen, daß ich ihm an Gestalt und Wesen gleiche, und das freut mich; denn Alle, die ihn kannten, loben ihn noch und lieben ihn. Erich, der einige Jahre älter ist als ich, weiß mehr von ihm, und wenn er von ihm spricht; geschieht es mit einer Hochachtung, die er wenigen Menschen schenkt. Unser Vetter Erich scheint sehr stolz zu sein. Stolz, sagte Otho, ja das ist er, sehr stolz, aber mild und wärmend wie Frühlingssonnenschein. Meiner Mutter edler Geist ist auf ihn übergegangen; er hat ihre Ruhe, ihre sanftmüthige Entschlossenheit. Sie werden ihn kennen lernen, und dann vielleicht werden Sie mir Recht geben. – Er hielt inne, und nachdem er einen Augenblick lang lächelnd in ihr Gesicht geschaut, stand er auf und mahnte an die Rückkehr. 92 Sehen Sie wie die Nacht aus der Tiefe steigt und mit ihren dunkelblauen Armen an dem Felsen aufklettert! rief er aus. Täglich kämpft der Gott alles Lebens, Wainemonen, mit dem schwarzen Adler, dem er die Eier nahm und daraus Sonne, Mond und Sterne schuf. Die Flügel des ungeheuren Vogels bedecken dann den Himmel und löschen alles Licht aus. Zuweilen scheint es, als müsse der Gott erliegen, allein seine Harfe und seine Lieder, seine helle Stimme und die feurigen Pfeile seiner Augen verscheuchen immer wieder das Ungethüm. So steht es in unsern alten Sagen. Lassen Sie uns gehen, Cousine Ebba, der böse Mahilainen möchte kommen, ehe wir es denken, und ein schwedischer Fuß ist nicht dazu gemacht, um leicht und sicher selbst über diese Gesenke zu gleiten. Ich werde Ihnen beweisen, daß ein schwedischer Fuß sich vor den steilsten und beschwerlichsten Pfaden nicht fürchtet, erwiederte Ebba. Sie sollen Gelegenheit genug dazu bekommen, sagte er, jetzt aber stützen sie sich auf mich. Sie schlug es aus und folgte ihm steile Stufen hinab, welche in den Fels gehauen, über glatte Lager abschüssig niederliefen. Zuweilen stand er still und streckte ihr die Hand entgegen, sie nahm diese jedoch nicht an. Herr Samuel Halset hat mich zu eindringlich vor Ihrem Beistande gewarnt, rief sie ihm zu, und ich bin gewohnt, mir immer selbst zu helfen. Das höre ich gern, erwiederte er. Selbst muß man sich helfen, aber rufen Sie den bösen Sam nicht an, sein Rath war niemals gut. Da kommt Ihr Bruder und sein russischer Freund. Sie laufen Beide als gäbe es Heldenthaten zu verrichten. Im Augenblick strauchelte das Fräulein, doch Otho hielt sie in seinen Armen fest, trug sie über das glatte Rollstück fort und führte sie dann sicher hinab, eben als Serbinoff und der Kammerherr unten anlangten. 93 Viertes Kapitel. Am nächsten Morgen wurde die Reise fortgesetzt und die Wagen verfolgten nun eine nördlich laufende Straße, die in das bergige Land des Pajäne führte. Die Fröhlichkeit der Reisenden unterstützte der schöne Tag, welcher hell und warm dies Land beschien, dessen romantischer Reiz sich vermehrte, je weiter sie es kennen lernten. Die Hügelgewinde stiegen höher auf, felsige Gipfel und mächtige Steinmassen sprangen kühn daraus hervor, die Fruchtfelder und Ebenen aber wurden kleiner und durchbrochener und der Wald, welcher die Höhe bedeckte, begann nach und nach auch in die Thäler niederzusteigen. Ohne den Charakter der fruchtbaren Landschaft aufzuheben, erhielt diese immermehr ihr eigenthümliches Gepräge, diesen sonderbaren Wechsel von Wildheit, hervorgebracht durch jähen Fels und düstre, dichte Wälder, durch brausende Wasser, welche in tiefen Betten über zahlloses Gestein schäumten und durch ein wunderbares Gemisch von steilen Höhen und eben so steilen Senkungen, welche sich endlos folgten. Je weiter in's Land hinein, je länger dauerten diese Unterbrechungen und je enger wurde die Straße, welche zuweilen durch lange Hohlwege führte, zuweilen von dichtem Wald eingeschlossen wurde. Gigantische Tannen, Eschen und Birken streckten sich nicht selten darüber hin und brachten eine Dämmerung hervor, die mit dem blendenden Sonnenschein der offenen Stellen wechselte. Langes Moos füllte dann die Ritzen und Spalten der Steinlager, und das Wasser, welches davon niedertropfte, durchweichte den Boden, der unter den Hufen der vorüberjagenden Rosse zerspritzte. Das Alles ist nur ein Anfang, sagte Otho, als der Baron von den finnischen Sümpfen sprach. Wer diese kennen lernen will, muß sie jenseits des Pajäne in Savolax und Carelien suchen. Jene großen, oft viele Meilen langen und breiten Sümpfe sind von anderer 94 Art als diese Pfützen. Wer Muth und Lust hat, eine Heerde Ellen-Hirsche zu sehen oder gar mit ihnen anzubinden, fügte er mit einem schalkhaften Seitenblick auf das Fräulein und den Seemann hinzu, der muß sich darauf gefaßt machen, nasse Füße und den Schnupfen zu bekommen. Ich denke mich vor diesen finnischen Vergnüglichkeiten zu bewahren, erwiederte Baron Arwed. Alles wilde und halbwilde Gethier ist mir zuwider, und ich habe niemals begreifen können, wie man Tage lang sich abmühen kann, um ein armseliges Geschöpf endlich zu tödten, oder sich gar von ihm tödten zu lassen. Aber das Ellen gibt vortreffliche Braten, sagte Lindström. Dann wollen wir uns einen solchen verschaffen, ohne uns zu erkälten, antwortete Arwed. Unser Vetter Erich ist wahrscheinlich ein eben so großer Jäger, wie Sie, Herr Waimon? Sie täuschen sich, erwiederte Otho lachend. Erich theilt ganz Ihre Ansicht. Er jagt nicht? Nein. Das freut mich von ihm zu hören. Doch nicht etwa aus Liebe zur Bequemlichkeit oder aus Scheu vor Wind und Wetter, sondern weil er alles Blutvergießen haßt und jedes lebendige Wesen bei ihm Schutz findet. Er ist also, wie es scheint, ein frommer Christ, sagte Serbinoff. Sind das nur fromme Christen, die das Blutvergießen hassen, erwiederte Otho, so gibt es deren wenige auf Erden. Wie soll man denn die nennen, die das Blut ihrer Mitmenschen in Strömen vergießen; glorreiche Fürsten, die ihre Unterthanen haufenweis ihrem Ehrgeize, ihrer Eroberungssucht oder ihren eigensinnigen Launen schlachten. Auf diese kecke Frage erfolgte keine Antwort. Die beiden vornehmen jungen Herren lächelten, endlich aber sagte der Kammerherr: Allerdings ist der Krieg der furchtbare Bruder der Jagd und die Jagd ein grausames, rohes Vergnügen. Bah! rief Waimon, seine Peitsche schwingend, daß der Knall von Fels und Wald wiederhallte, während er zugleich seine Rosse 95 bändigte. Jagd und Krieg sind auch Gottes Werke, und so lange es wilde Thiere gibt, und Menschen gibt, die sich dazu gebrauchen lassen, auf Wink und Befehl andere Menschen zu morden, wird es mit beiden kein Ende nehmen. Und dies wird vermuthlich so lange dauern, sagte der Baron spottend, bis die Wölfe mit den Schaafen auf die Weide gehen, und die Menschen wieder in paradiesischer Unschuld neben ihnen wandeln. Oder, erwiederte Otho, eben so lustig, bis die Schaafe endlich so klug werden, sich zusammenthun und die Wölfe todt beißen, auch die Menschen es mit ihren Wölfen eben so machen. Eine glückliche Aussicht, mein lieber Waimon, lachte Arwed, aber wer sollte meinen, daß Sie in diesen Wäldern und Sümpfen zu solchen Weltanschauungen kommen können. Danach zu urtheilen, dürfte die Stimmung im finnischen Herzogthum überhaupt nicht sehr günstig über unsere jetzigen Zustände lauten. Kummer und Thränen sind überall zu finden, antwortete Otho, denn mancher Mutter Kind ist in die Regimenter gesteckt, die nach Deutschland oder gegen die Dänen marschirten und kehrt wohl nimmer zurück. Die Steuern und Abgaben wachsen, die Armuth nimmt zu, Land und Volk kommen zurück und Alles das warum? Sind wir von einem Feinde bedroht worden? Nein, man hat sich einen Feind geschaffen. Weil der König den Kaiser der Franzosen nicht mein lieber Bruder nennen will, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, dieser Napoleon Bonaparte sei das siebenköpfige Ungeheuer der Offenbarung Johannis, dessen Pestilenz er ein Ende machen müsse, darum müssen Schweden und Finnen seit Jahren hergeben, was sie haben. Herr Waimon gehört, wie wir merken, zur französischen Partei, sagte Serbinoff, und diese ist wahrscheinlich hier stark genug vertreten. Ich bin meine eigene Partei, erwiederte Otho. Im Übrigen ist es wahr, der König hat Wenige, die ihm anhängen. Die es am meisten thun sollten, denen er Gutes gethan hat, die meinen es am Übelsten mit ihm. Auf Dankbarkeit, Cousin Otho, darf kein Mensch, am wenigsten aber ein König rechnen, sagte das Fräulein. 96 Und warum nicht? fragte er. Dankbar ist selbst das Thier für Wohlthaten und hängt mit Treue seinem Herrn an, warum soll der Mensch allein Güte mit Bosheit vergelten? Aber das ist auch nicht der Fall. Der bei weitem größte Theil der Menschen ist besser als man sagt, und es gibt Beispiele genug, die das beweisen. Sehen Sie den Burschen dort hinter uns, den Jem. Er ist sehr arm, doch nicht um eine Tonne voll Speziesthaler würde er mich verrathen. Ich habe ihm einmal einen Dienst geleistet, als Einer, der weit über ihm steht, aber doch ein Schelm ist, ihn in Schande bringen wollte; dafür habe ich ihn gewonnen mit Leib und Leben. Man sollte nun denken, Fürsten, die so viel Lohn und Ehre zu bieten haben, müßten die allertreusten Freunde und Diener besitzen. Wenn es nicht der Fall ist, was kann die Ursache sein? Ich will Ihnen sagen, wie meine Mutter urtheilte, fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt. Fürsten, sagte sie, sind Wesen, welche sich von der übrigen Menschheit abgetrennt haben, dafür trifft sie die Nemesis, selten oder nie einen Freund zu finden. Ihre Günstlinge, die sich um sie drängen, sind ihre Schmeichler und die Werkzeuge ihres Willens; treu bleiben sie nur, so lange die Sonne des Glücks ihren gnädigen Herrn bescheint, den sie verlassen und verrathen, sobald der Himmel sich verfinstert, oder eine andere aufgehende Sonne ihnen mehr Lohn verspricht. Der Baron zuckte verächtlich mit den Lippen und über sein kaltes, blaßes Gesicht flog ein Ausdruck feindlichen Hohns; allein Serbinoff ließ ihn nicht zu einer Antwort kommen. Es scheint mir zweifelhaft, sagte er lächelnd, ob die Fürsten oder ihre Umgebungen bei dieser Charakteristik übler fortkommen, jedenfalls aber hat Herr Waimon die Lehren seiner Frau Mutter gut behalten und König Gustav, der, wie man sagt, die Deutschen und die Finnen zumeist lieben soll, hat wenigstens bei Ihnen nicht auf Anerkennung dafür zu rechnen. Er liebt die Deutschen und Finnen mehr als die Schweden, rief Lindström, weil diese unterthäniger gehorchen. Der stolze, schwedische Freiheitssinn hat allerdings schon schöne Proben seiner Kraft und Stärke abgelegt, antwortete Otho lachend. Mit seiner Hilfe sind wir Alle dahin gekommen, daß es keinen andern 97 Willen im Reiche gibt, als den Königswillen. Was aber Finnland und die Liebe der Finnen betrifft, so weiß ich wahrlich nicht, warum diese so anhänglich sein sollte. Dies ist ein erobertes Land, für dessen Wohlfahrt wahrlich von je an, so wenig als möglich geschah. Seit Jahrhunderten sind wir beständig in Gefahr gewesen, einem andern Herrn zuzufallen, denn Rußland und Schweden haben von uralter Zeit an um diese Beute gestritten. Erst als Karl der Neunte die Russen vom Ladogasee jagte und das ganze Becken des finnischen Meerbusens, bis an die Polengrenzen, in Besitz nahm, war es endlich entschieden, daß wir schwedisch blieben, und bis zu Peter des Großen Zeit war die Schwedenherrschaft gesichert. Von da ab geht der Kampf von Neuem an. Finnland wurde erobert, sieben Jahre lang war es eine russische Provinz, bis es Peter im Frieden von Nystadt im Jahre 1721 an Schweden zurückgab. Er begnügte sich mit Lievland, Esthland, Ingermannland und Karelien, aber er behielt die Schlüssel von Finnland, Wiborg und Kerholm, und überließ es seinen Nachfolgern sich mehr zu holen. Das ausgeplünderte, verbrannte, verwüstete Land, in welchem kaum noch zweihunderttausend Menschen dem Tod entronnen waren, fiel den alten Besiegern der Finnen wieder zu. Seit dieser Zeit jedoch sind die Schweden der bedrohte Theil geworden. Da Sie die Geschichte Ihres Landes und Volkes so gut kennen, sagte Graf Alexei, werden Sie zugestehen müssen, Herr Waimon, daß die Beherrscher Rußlands keinen Angriff auf Finnland weiter machten. Nein, erwiederte Otho. Der Krieg von 1741 war einer, den die Finnen der übermüthigen Adelspartei zu danken hatten, die in Schweden unter französischem Einfluß regierte. Die Russen sollten abgehalten werden, sich in den österreichischen Erbfolgekrieg zu mischen, dafür wurden mit französischem Golde die Taschen der schwedischen Reichsräthe gefüllt, welche zur französischen Partei hielten, während russisches Gold die russische Partei fütterte. Jedenfalls, lächelte Serbinoff, wäre diese Fütterung allgemein wohlthätiger gewesen, wenn der Krieg dadurch vermieden wurde. Um uns ohne Blut zuletzt zu verkaufen durch euren erdrückenden Einfluß, sagte der junge Mann, um dem ganzen Schwedenreiche 98 endlich dasselbe Schicksal zu bereiten, das dem Polenreiche ein Ende gemacht hat. – Die schwedischen Reichsherrn wollten das abgetretene Stück Finnland und Wiborg wieder erobern, das war für die Finnländer genug, ihre Kriegslust und Tapferkeit anzufachen. Und was war das Ende? fragte Alexei. Ach, erwiederte Waimon lebhaft, die Kaiserin Elisabeth benutzte damals zuerst ein Zaubermittel, das von wunderbarer Wirkung gewesen sein würde, hätten die Finnen daran glauben können. Elisabeth's Manifest forderte das finnische Volk auf, sich von dem schwedischen Joche zu befreien, und der russischen Hilfe und Großmuth zu vertrauen. Sie schilderte mit brennenden Farben alles Unrecht und alle Gewalt, welche die Finnen ertragen hatten von den Feinden und Verderbern ihres alten Stammes, und bot ihnen an, unter russischem Schutz künftig ein eigenes Reich in vollkommener, politischer Unabhängigkeit zu bilden; einen freien Staat mit jeder beliebigen Regierungsform. Das war allerdings verlockend genug, sagte der Graf, und zu verwundern bleibt es, daß es keinen Anklang fand. Durchaus nicht, denn man kannte die zu gut, die solche schöne Dinge fast umsonst feil boten, antwortete Otho mit freimüthiger Unerschrockenheit. Hat man nicht später dasselbe Spiel mit den Polen gespielt? Hat dieselbe grausame Politik nicht die leichtgläubigen Griechen damit mehr als einmal zum Aufstande getrieben, wenn es zum Kriege gegen die Türken ging, und hat man sie nicht immer zuletzt der fürchterlichsten Rache der Türken überlassen, wenn sie nichts mehr nützen konnten? Diese Zeiten sind jetzt vorüber, lächelte Serbinoff ohne gereizt zu scheinen. Gottes Gnade, fuhr Otho fort, hat den Finnen eine tüchtige Portion Mißtrauen und Zähigkeit mit auf den Weg gegeben, dadurch wurden sie vor den Folgen arger List bewahrt. Zum Überfluß machte der schwedische Reichsrath ein Gegenmanifest bekannt, in welchem russisches Wesen und Treiben erbaulich dargestellt wurden. Eines aber erreichte Rußland damals dennoch. Von Bewaffnung des finnischen Volkes war in Stockholm nicht mehr die Rede. Im Gegentheil, alle 99 Waffen wurden den Finnen fortgenommen, und als General Löwenhaupt, der würdige Reichstagsmarschall und Oberfeldherr, von dem es unentschieden geblieben ist, ob er mehr Verräther oder Verrathener war, sein Heer den Russen überliefert hatte, eroberten diese zum andernmale ganz Finnland ohne Widerstand zu finden. Was jedenfalls für das finnische Volk das Beste war, bemerkte Alexei. Wenigstens wurde dies jetzt nicht wie von Peter des Großen Soldaten, gemordet und gebraten, sagte Otho; auch wurden nicht Tausende, wie damals, als Leibeigene nach Rußland geschleppt, wo ihre Nachkommen noch jetzt zu finden sind, sondern die Kaiserin streute Wohlthaten aus, weil sie Finnland schon als ihr Eigenthum betrachtete. Alle Finnen, welche in dem gefangenen, schwedischen Heere dienten, wurden mit Güte oder Gewalt nach Haus geschickt, den finnischen Bauern wurde Getreide gespendet, am Besten aber kamen die Festungscommandanten fort, welche über Hals und Kopf die ihnen anvertrauten Plätze den Russen überlieferten, wie auch die pflichtgetreuen Beamten, welche sich nicht genug beeilen konnten, in demüthigen Briefen an die Kaiserin diese als ihre erhabene Beherrscherin anzurufen. Ist das wahr? Alle diese Schande wahr! rief das Fräulein. Niemand wird es leugnen können, sagte Otho. Manche hohe Offiziere, Herren aus vornehmen alten Familien, aus schwedischen Familien, verkauften und verhandelten sich den Russen und diese führten eine halb russische, halb finnische Verwaltung ein. Ganz Finnland ward russische Provinz und schwur der Kaiserin den Eid der Treue. Von der versprochenen Selbständigkeit und Unabhängigkeit war natürlich nicht mehr die Rede. Aber um so mehr von der Milde und Großmuth, erwiederte Serbinoff, mit welcher die Kaiserin im Frieden zu Abo abermals Finnland zurückgab, das ihr Niemand mehr entreißen konnte, und nur den Landstrich bis zum Kymenestrom behielt, welcher noch jetzt die Grenze bildet. Das waren, erörterte Otho, allerdings nur zweihundert Quadratmeilen finnisches Land, welche abermals verloren gingen, allein mit 100 ihm wurden alle schwedischen Grenzfesten Nyschlott, Friedrichshavn und Willmanstrand abgetreten. Finnland lag jetzt, jedem russischen Einfall Preis gegeben, als sichere Beute da. Man hat dafür gesorgt, ihnen einen anderen harten Bissen in den Weg zu werfen, rief der junge Offizier. Sweaborg ist nicht vergebens seit jener Zeit aufgebaut, und viele Millionen Thaler dafür verwandt worden. Die Großmuth der Kaiserin war auch nicht weit her, sagte Waimon. Ihr Verwandter, der Herzog Adolph Friedrich von Holstein, mußte zum Thronfolger ernannt werden, und über dies hatte sie schwere Kriegsverwicklungen mit den größten europäischen Mächten zu fürchten, welche Einspruch gegen die Eroberung thaten, die abermals weiter vorbereitet, auf bessere Zeiten verschoben wurde. Sie müssen gerecht sein, Herr Waimon, lächelte der Graf, und eingestehen, daß, wie Rußland diesen Krieg nicht verschuldete, es auch in dem letzten Kriege von 1788 der angegriffene Theil war. Mit Freuden will ich das bestätigen, antwortete Otho. Gustav der Dritte war ehrgeizig genug, um den Plan zu fassen, das Stück Finnland wieder zu erobern, das Rußland abgerissen hatte. Er fing an in Schweden durch sein zügelloses Leben und seine Verschwendungen verhaßt zu werden; durch Kriegsruhm dachte er das Mißvergnügen zu ersticken, und für solchen Ruhm ihrer Könige sind die Schweden von je an so empfänglich leichtsinnig gewesen wie die Franzosen. Zudem dachte er Geld dadurch zu bekommen, denn Katharine hatte Feinde genug, die vor ihrer Arglist bangten, und eben damals war sie in den Türkenkrieg verwickelt. Gutes hatte der Schwedenkönig auch von ihr nicht zu erwarten. Wenn sie mit Polen und Türken fertig war, konnte er wohl denken, daß Finnland an die Reihe kommen würde. So brach er denn, wie es eroberungslustige Fürsten thun, und wie es die größten seines Jahrhunderts Ludwig der Vierzehnte und Friedrich von Preußen gethan haben, die Gelegenheit vom Zaun, um über den verlegenen Nachbar herzufallen. Wäre er der Mann danach gewesen, so hätte es ihm glücken können, Petersburg zu erobern und Kronstadt zu zerstören, statt dessen spielte er Komödie in seidenen Kleidern und rothen Schuhen, umringt von seinen Sängern und lustigen Freunden, 101 die mit ihren tollen Possen den Unwillen und Ekel aller ernsten, verständigen Männer erregten. Unter diesen ernsten Männern verstehen Sie ohne Zweifel die Obersten des Heeres, welche sich gegen den König verschworen, sagte der Kammerherr, Das waren die schlimmsten Verschwörer wahrlich nicht, erwiederte der junge Mann. Es waren Männer darunter von reinem Charakter, die ihr Vaterland innig liebten, und der König handelte gegen die Landesgesetze, wie es seine Art war. Er durfte ohne Zustimmung der Reichsstände keinen Krieg führen. Die Obersten waren daher im Rechte, wenn sie der Verfassung treu blieben und ihm zeigten, daß auch ein König die Gesetze heilig halten muß. Wäre er ein großer Fürst und Feldherr gewesen, wie die alten eisernen Wasa's, so würden seine Generale bei alledem ihm willig gefolgt sein, oder wäre er ein Mann gewesen, wie Karl der Elfte, so kühn und schlau, so hätte er wie dieser gewußt, wie man vom Reichstag erlangen kann, was man will; aber dieser König war von Allem etwas und darum nichts Ganzes. Leichtsinnig und sorglos, nichts achtend und nichts glaubend, umringte er sich mit einer Rotte Günstlingen und Lieblingen, welche zehnmal schlimmer waren, als die Obersten vom Angelabunde, Menschen, die seine Ausschweifungen theilten, die das Land in Schulden und Noth stürzten, das Volk herunter bringen halfen, ihn selbst aber dennoch verriethen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot. Solche Beschuldigungen, antwortete der Kammerherr, beruhen gewöhnlich auf Verleumdungen und Übertreibungen. Die unverständige, einsichtslose Menge glaubt gar zu gern, was sie nach ihrem Geschmack findet. Wer Karl den Elften, diesen Tyrannen und rohen Bauer, loben kann, der freilich muß Gustav schmähen, dessen feiner Geist und liebenswürdige künstlerische Natur ihm nicht behagen können. Alles was wir an Kunstbildung und Kunstverständniß, an Politur und geistiger höherer Entwicklung besitzen, ist Gustav des Dritten Werk. Er unterstützte Gelehrte, Dichter und Künstler, er sammelte Kunstwerke und wissenschaftliche Schätze, liebte und förderte Gesang, Musik und dramatische Kunst, so daß nach langen Zeiten zum 102 erstenmale wieder der schwedische Name mit Achtung und Anerkennung in Europa genannt wurde. Karl der Elfte, sagte Otho lachend, wird ein Tyrann genannt, weil er dem Adel und dem Reichsrath auf die Finger klopfte, aber der Bauer nennt ihn heut noch den Bauernkönig, denn dem Volke that er Gutes und die Landesgesetze hat er niemals verletzt. Gustav der Dritte hat Reichsrath und Adel ebenfalls hart mitgenommen und ihnen die Gewalt entrissen; aber der Unterschied zwischen ihm und Karl ist der, daß Bauer und Bürger ihn zuletzt eben so verabscheut haben, wie der Adel, denn trotz seiner Genialität und liebenswürdigen künstlerischen Natur preßte er das Land aus, und schonte und scheute nichts, wo er sich Geld verschaffen konnte, um es in Schwelgereien und verschwenderischem Tand zu verprassen. Ja, er schämte sich nicht, das Volk durch den Branntwein gänzlich zu demoralisiren, denn er verkaufte jeder Hütte das Recht, dies Gift zu brennen, und an dieser Branntweinpest krankt Schweden seitdem und wird sich kaum je wieder davon erholen. Wissen Sie, fuhr er lebhaft fort, indem er sich zu dem geärgerten Baron umwandte und ihn mit seinen kühnen Augen furchtlos anschaute, seit wann in Schweden das allgemeine Verderben begonnen hat? Seit dem Tode oder dem Morde Karl's des Zwölften, also seit beinahe einem Jahrhundert. Von jener Zeit an, als der Reichsrath und die Adelsparteien sich der Regierung bemächtigten, wurde Alles käuflich und es geschahen die schändlichsten Dinge; nicht von der unvernünftigen Menge, sondern von denen, die sich rühmen, mit Verstand und Einsicht besonders gesegnet zu sein. Wer hat früher etwas von schwedischem Verrath, von Verkäuflichkeit, Bestechlichkeit und so nichtswürdiger Entartung gehört, wie sie in jener Zeit schaamlos zum Vorschein kamen? In jedem Kriege brachten seitdem die Verräther mehr Unglück über uns, als die Waffen der Feinde, und ist es in dem letzten Kriege etwa anders gewesen? Hat Gustav der Dritte mit aller seiner ritterlichen Genialität es hindern können, daß bestochene russische Spione ihn umgaben, oder daß Menschen, die er mit Wohlthaten überhäufte, Alles, was er that, den Russen verriethen? Liefen nicht auch diesmal wieder hohe Beamte und Offiziere, feine Leute von Bildung und Kunstgefühl, geschmückt mit Titel und Orden, zu dem 103 Feinde über? Erst vor wenigen Tagen habe ich einen Mann gesehen, den Oberst Jägerhorn, welcher jetzt zur Besatzung von Sweaborg gehört, dessen Bruder, ein Liebling des geistvollen Königs, ihn verrieth und zu den Russen endlich desertirte, sammt andern Herren in goldgestickten Sammetröcken. Wenn ich nicht zu der gedankenlosen, leichtgläubigen Menge gehörte – er lachte auf und vollendete nicht, was er sagen wollte. – Wenn's wieder so kommt, fuhr er statt dessen fort, werden Sie sehen, was geschieht. Das unverständige Volk wird, wie immer, bereit sein, Gut und Leben für seine gnädigen Herren in die Schanze zu schlagen, die Verräther aber werden eben so wenig fehlen, und es kann Einem zuweilen vorkommen, als seien sie schon da und in voller Arbeit. Damit endete diese Unterhaltung, welche der Baron nicht länger fortsetzen mochte. Sein bisheriges Lächeln war einem ärgerlichen Ernst gewichen, und eine Wolke von Zorn lag in den kleinen tiefen Falten über seinen Augen. Der Weg senkte sich ziemlich steil in ein Thal hinab, das einen fesselnden Anblick gewährte, und es dem hilfreichen Serbinoff leicht machte, durch einige bewundernde Ausrufungen und Fragen die Aufmerksamkeit seiner Reisegefährten diesen Landschaftsbildern zuzuwenden. Ein Kirchspiel drängte sich in der Mitte des Thals zusammen, und streckte seine rothen, freundlichen Häuser von dort aus weit über den reichen Anbau, jenseits aber stiegen hohe Felsen auf, eingefaßt von einem mächtigen Waldgebiet, das den ganzen Horizont begrenzte. Nur zur Rechten schimmerte in der Tiefe ein breites Gewässer. Da ist der Pajäne! rief Otho, und hier unter uns liegt Hormola, wo wir rasten werden. Dort das Haus vor der Kirche ist die Posthalterei; aber wahrlich, da stehen die Pferde schon, Erich's Pferde, welche uns erwarten, und was ist das – ich dachte es wohl – da steht er selbst, um seine Gäste zu empfangen. Alle Augen richteten sich auf das Haus, an dessen Breitseite mehrere Pferde mit tief gebeugten Hälsen ihr Mahl zu halten schienen, während nicht weit von ihnen auf einem der großen Steine an der Thür ein Mann saß, der mit seinem Stocke Linien oder Worte auf den Boden malte. Es schien eine Zeit lang, als beachtete er das 104 Rollen der Wagen nicht, denn erst als diese ziemlich nahe waren, sah er auf und nach einem langen prüfenden Blicke erhob er sich von seinem Platze und that einige Schritte, indem er seinen Hut abnahm und die Winke und Grüße seiner Verwandten erwiederte. Neugierig wurde er von diesen angeschaut, allein ohne Zweifel waren sie sämmtlich in ihren Erwartungen getäuscht, denn dieser letzte Sprößling des alten ritterlichen Geschlechts hatte nichts von der Heldenlänge und kriegerischen Stärke seiner Väter, welche im Dome zu Abo schliefen. Ebba hatte seinen Briefen nach wenigstens einen jungen, lebhaften Mann vermuthet, und die Bewunderung und Liebe, mit welcher Otho von ihm erzählte, setzten in ihren Vorstellungen ein Bild zusammen, dem dieser vielbelobte Vetter in keinem Zuge glich. Ihrem Bruder und seinem Freunde erging es jedoch nicht besser. Arwed konnte sich nicht enthalten, Serbinoff zuzuflüstern: Gut, daß wir ihn haben, so werden wir endlich diese schwatzende Elster los, aber daß der die Jagd nicht liebt, oder in irgend einer Art gefährlich werden kann, glaube ich gern. Sie sprangen aus dem Wagen und der Kammerherr zunächst umarmte den Freiherrn. Mein theurer Erich! rief er, wie lange habe ich mich nach dieser Stunde gesehnt. Ich mache von meinem Rechte Gebrauch, dich Freund und Vetter zu nennen, und hier ist meine Schwester Ebba, eben so entzückt, wie ich selbst, dich endlich zu sehen, hier sind Graf Serbinoff und Gustav Lindström. So hast du uns Alle, bester Vetter, doch unser erstes Wort muß ein herzlicher Dank sein, daß du so weit von deinem Hause uns erwartest. Umringt von den hohen kräftigen Gestalten dieser jungen Männer sah der Freiherr noch kleiner und zarter aus, als er war. Sein Gesicht hatte scharfe feste Züge, das braune Haar fiel reich ohne Band und Puder auf eine hohe, eckig harte Stirn, unter welcher zwei klare tiefliegende Augen einen eigenthümlichen Schimmer sanftmüthiger Freundlichkeit verbreiteten. In damaliger Zeit trugen die jungen Herren vom Adel entweder glänzende Kleider von Sammet und Brokat oder sie waren mit Spornstiefeln, Jagdrock, Waidmesser und aufgeschlagenem Tressenhut versehen, und hätte Erich Randal in dieser Tracht seine Verwandten empfangen, so würde sein Äußeres mehr Beifall 105 gefunden haben. Statt dessen erschien er schwarz und einfach, eher wie ein Dorfkaplan, denn wie ein Freiherr gekleidet. Sein Hut hatte weder eine Goldschnur noch eine Borde, es war ein breitgekrämpter niedriger finnischer Bauernhut, und was noch ärger war, er trug nicht einmal Reitstiefeln, sondern seine Füße steckten in Schuhen mit dicken Sohlen. Als er seine schöne Muhme auf die Stirn küßte und ihre Hand festhielt, wurde die Freude in seinem Gesicht und in seinen Augen heller und lebendiger. Alles, was ich über das Glück sagen könnte, Sie hier zu sehen, begann er dann, würde immer hinter dem, was ich empfinde, zurückbleiben. Leider war es mir nicht vergönnt, Sie von Abo aus in mein einsames Haus zu begleiten, so will ich denn versuchen, Sie so lange als möglich darin festzuhalten, als einen theuern vielgewünschten Gast. Seine Stimme klang äußerst wohllautend, und sein Lächeln verschönte das scharfe starke Gesicht. Die höfliche Gemessenheit seines Wesens hatte etwas schulmeisterlich Bedächtiges, das er selbst dann nicht verlor, als Serbinoff mit der Gewandtheit und Feinheit, die ihm eigen war, seinen Besuch entschuldigte, und Lindström mit seemännischer derber Fröhlichkeit sich einmischte. Wir wollen dein altes Schloß so laut und lustig machen, wie es je in seiner Jugend gewesen sein mag, rief der junge Offizier. Wir wollen tanzen und schmausen, jagen und trinken, bis du froh sein wirst, uns wieder heim zu schicken. Dieser Tag, mein lieber Gustav, wird niemals kommen, erwiederte Erich. Lindström sah ihn übermüthig an. Mag es gemeint sein, wie es will, fuhr er fort, ich bin damit zufrieden. Aber du bist ein gelehrter Mann, wie ich gehört habe, und siehst, bei meiner armen Seele, auch darnach aus. Solche Herren lieben Ruhe und Stille. Nach dem Kleide darf man nicht urtheilen, versetzte Erich lächelnd. Du sollst mit dem Keller und der Küche meiner Einsiedelei zufrieden sein. Wein und Jagd werden uns nicht fehlen. Vortreffliche Aussichten! fiel Arwed ein. Der liebenswürdige Einsiedler hat doch gewiß auch dafür gesorgt, daß die Schönheit seinem einsamen Herde nicht fehlt. 106 Sie kommt mit dir, antwortete Erich, indem er Ebba anblickte, darum ist dieser Tag mir ein dreifach gesegneter. Was ich bis jetzt davon in meiner Nähe besaß, siehst du dort. Sie waren dem Hause zu gegangen, aus welchem so eben Otho hervorsprang, der an seiner Hand ein junges Mädchen führte, das noch auf der Grenze erster Jungfräulichkeit zu stehen schien. Ihr schlanker Körper in Mieder und Jäckchen gehüllt, war elfenartig leicht und das rosige, frische Gesicht schimmerte glückselig unter dem kleinen Strohhut mit flatternden rothen Bändern, der wie ein Vogelnest auf ihrem Kopfe saß, von welchem reiche Flechten in ihren Nacken fielen. Dies liebliche Geschöpf, das wie ein Maitag aussah, der alle Blüthen aufweckt, lief mit einem Freudenschrei auf Ebba zu, schlang seine Arme um sie und betrachtete sie mit Blicken, welche vor Liebe und Freude funkelten. Es ist meine Schwester Louisa, sagte Otho. Und du bist Ebba! rief Louisa. Wie bist du schön, wie liebe ich dich! Dulde es, daß wir dich verehren und habe mich auch ein wenig lieb. Das will ich, theure Louisa, das will ich recht von Herzen, erwiederte Ebba, überrascht und gerührt von diesem Empfange, an dem die Herren sich lächelnd ergötzten. Aber Louisa ließ sich dadurch nicht stören. Sie plauderte erzählend und betheuernd weiter, wie sie, seit ihr Bruder fortgereist sei, keine Ruhe gehabt, wie sie über die Seebucht gefahren sei noch am späten Abend, als Erich zurückgekommen, und wie sie vor Freude und Glück ganz närrisch geworden, als sie hörte, daß sie ihn hierher begleiten solle. Erich steigt selten zu Pferde, sagte sie, er geht lieber, aber ich besitze ein Pferd, mein Bruder hat es mir geschenkt und abgerichtet. Es ist so sicher und klug, daß es niemals strauchelt und irrt. Du sollst es reiten, meine schöne liebe Ebba, dort steht es schon mit seinen Muschelzäumen und wartet auf dich. Jetzt aber komm, du mußt ausruhen und speisen von dem, was da ist. Die kurze Zeit, welche die Reisenden verweilten, um auszuruhen und sich zu erfrischen, reichte hin, um im freundlichen Beisammensein das Fremde eines ersten Begegnens zu überwinden. Die gewandten 107 Formen der beiden Herren, welche daran gewöhnt waren, sich im Gewühl eines vielgestaltigen Lebens zu bewegen, halfen eben sowohl dazu, wie die anregende und vertrauliche Weise, mit welcher Ebba sich ihrem Vetter zu nähern wußte, der trotz seiner Bescheidenheit und Einfachheit bald ein günstiges Urtheil hervorrief. Was er sagte war verständig und seine Unterhaltung nicht ohne Reiz. Seine ungekünstelte Höflichkeit trug den Ausdruck der Herzensgüte, und an seiner Freude über den Besuch seiner Verwandten konnte Niemand zweifeln, der in sein lächelndes Gesicht sah. Noch mehr als mit ihm beschäftigten und vergnügten sich Alle mit der liebenswürdigen Louisa, welche nicht wußte, wie und wodurch sie ihre Herzensgefühle den lieben Gästen recht deutlich machen sollte. Sie versprach ihnen alle mögliche Lust und Herrlichkeit, Wasserfahrten und kleine Reisen, Feste und Besuche, und ihre Erzählungen und drollige Äußerungen wurden von den Liebkosungen unterbrochen, mit denen sie sich an Ebba zurückwandte. Die Pferde waren inzwischen durch Otho's Fürsorge in Bereitschaft gesetzt, und als die Wagen mit den Dienern die Fahrstraße eingeschlagen hatten, welche nach Halljala führte, mußte Ebba das schöne graue Thier besteigen, das Louisa selbst herbeibrachte. Es war von der echten nordischen Bergrace, deren unermüdliche Ausdauer und Sicherheit berühmt genug sind. Seine schlanken, schwarzen Füße, der schwarzborstige Kamm auf dem schön gebogenen Hals und die feurigen Augen unter dem dichten Haarbüschel auf seiner Stirn kündigten einen stolzen und muthigen Renner an. Louisa klatschte jubelnd in die Hände, als sie die schwedische Dame keck und gewandt im Sattel sitzen und die rothen mit Schlangenmuscheln besetzten Zäume ergreifen sah, dann hob sie Otho auf den Rücken eines wilden Ponys, und nun bewegte sich der Zug der Reiter rasch durch das üppig grüne Thal. Eine Zeit lang folgten sie dem Laufe eines Baches, und nichts konnte anmuthiger sein, als an diesem sonnenhellen Tage, unter dem schönsten Himmel, in milder, erfrischender Luft über einen blumenvollen Grund frohgelaunt dahinzujagen. Bald aber stiegen vor den Reitern steile Waldhügel auf und zwischen diesen öffnete sich eine Schlucht, durch welche der Bach im immer schnelleren Sturze dem See zueilte. Ein Pfad lief schmal daran hin und über nacktes, nasses Gestein stieg 108 er jäh hinauf bis zu dem Waldgebiet, wo Tannen und Lärchenbäume sich mit zahllosen Wurzeln um mächtiges Steingetrümmer klammerten. Die Pferde konnten hier nur einzeln gehen, ihr Hufschlag widerhallte auf dem nackten Fels, mit kräftigen Sätzen halfen sie sich über die hochkantigen Lager- und Rollsteine fort. Erich Randal war als Führer an der Spitze geblieben, und wenn sein Vetter Arwed heimlich über ihn gelacht hatte, wie er sehr wenig ritterlich stolz im Sattel saß, so mußte er dagegen eingestehen, daß der junge Freiherr mehr körperliche Gewandtheit besaß, als er ihm zutraute. Er sprang plötzlich aus den Bügeln auf einen Felsblock, ließ sein Pferd reiterlos laufen und stieg mit Hilfe seines Stockes sehr schnell und ohne Anstrengung bis auf die Berghöhe. Das ist die beste Art zu reisen für mich, sagte er, als er endlich neben Ebba herging, und hier haben Sie gleich ein Beispiel der eigenthümlichen Beschaffenheit unseres Landes. Fruchtbare schöne Thäler und plötzlich mitten darin steile Granitmassen, ungeheure über einander gerollte Felsstücke, Bergwälder und diese unendliche Zahl großer und kleiner Seen, welche alle Tiefen ausfüllen. Aber es ist keine großartige Natur, erwiederte Ebba, indem sie schelmisch nach Otho blickte. Nein, erwiederte Erich, gewaltige Gebirge mit Gletschern und gigantischen Felsspitzen gibt es in ganz Finnland nicht. Sie finden hier mehr idyllische Reize, murmelnde Bäche, üppige Thäler und Matten, deren Gras- und Blumenschmuck oft wunderbar reich und schön sind. Unsere Berge kommen von Norwegen herüber. Von den Quellen der Tana streicht ihre Hauptkette, die Maanselkberge, durch Osterbottnien und wirft ihre drei großen Arme nach Osten, Westen und Süden. Über zwölfhundert Fuß steigt kein Gipfel auf und hier in Tavastland erreichen die höchsten kaum sechshundert Fuß. Für bescheidene Ansprüche ist das immer genug, lachte Ebba. Wir sind auch damit zufrieden, liebe Muhme, sagte Erich. Hätten wir Gletscher und hohe Gebirge, so würde Finnland so unfruchtbar sein, wie ein großer Theil Schwedens und Norwegens; statt dessen aber sind unsere Berge fast überall mit Wald bedeckt und unsere 109 Thäler und Ebenen liefern bis in den hohen Norden noch mancherlei Getreide. Eine harte Natur, antwortete die junge Dame, bringt auch harte und kräftige Männer hervor, die so leicht nicht verweichlichen. Erich lächelte sanftmüthig. Darauf hin, entgegnete er, möchte ich dennoch wünschen, daß auch die rauhen und unfruchtbaren Theile unseres Landes, die großen Sümpfe und die mit Kieseln und Muschelsand bedeckten Flächen die gütige Natur unseres schönen Tavastlandes annähmen. Es ist also nicht überall so wie hier? fragte Serbinoff. Nein, gewiß nicht, sagte Erich. Leider gibt es noch viele Einöden und Wildnisse, obwohl der größte Theil des Landes eines guten Anbaues fähig ist und es nur an Menschen fehlt, die den Segen ausbeuten möchten. Vielleicht auch an einer Regierung, die es verstände, diese Schätze zu heben, fiel Arwed ein. Auch daran allerdings, war Erich Randal's Antwort. Wenn die Regierung den Aufschwung des Ackerbaues kräftig unterstützte, wenn sie Ansiedler ermunterte, in den Städten die Industrie belebte, wenn sie für gute Einrichtungen, gute Straßen und Canäle sorgte, mittelst welcher die Systeme unserer Seen, wie die Natur sie schon geordnet, verbunden und geregelt würden, so könnte dies Land einen nie geahnten Aufschwung nehmen. Aber dazu gehört viel Geld, Herr Randal, sagte Serbinoff. Allerdings Geld, doch noch mehr Wohlwollen, Fürsorge und Weisheit, und diese haben leider zu sehr und zu lange uns gefehlt. Der Krieg hat Finnland immer wieder von Neuem entvölkert, zerstört, was mühsam kaum geschaffen ward, und während die Regierung immer größere Forderungen stellte, bemühte sie sich zu wenig, auch die Hilfsquellen des Landes zu vermehren, um seine Bewohner in den Stand zu setzen, in Zeiten der Noth den Staat zu unterstützen, ohne dabei selbst zu verarmen oder zu verkümmern. Während dieses Gespräches waren sie über den Bergrücken fortgezogen, und jetzt öffnete sich der Wald und zeigte zu ihren Füßen das große unabsehbare Seebecken des Pajäne, eines der mächtigsten 110 unter allen finnischen Gewässern. Meerartig dehnte der See sich aus und kaum waren an der gegenüberliegenden Seite die hohen waldigen Gewinde zu erkennen, welche ihn umringten. Große und kleine Inseln, bald felsig und zackig, bald fruchtbar ausgebreitet und mit einzelnen Häusern und Hütten besetzt, unterbrachen die tief blaue schimmernde Fluth. Da und dort ließ sich ein Fischernachen sehen, doch nirgend ein Segel, nirgend ein Schiff und nirgend ein belebter Ort. Einsam zwischen den granitnen Mauern und Klippen wogte das bewegliche Element, das sonst so gern die Menschen anlockt. Es ist allerdings so, sagte Erich auf eine Bemerkung seines Verwandten über diese Stille, kein Ort von einiger Bedeutung findet sich hier; denn nirgend wird Handel getrieben, der die Menschen vereinigt und zur gemeinsamen Thätigkeit antreibt. Der Pajäne ist über fünf und zwanzig Meilen lang und bis vier Meilen breit. Er ist mit reichen und fruchtbaren Thälern umgeben, welche sich gegen den See öffnen; unermeßliche Wälder bedecken diese Berge, und seine Wasser verbinden sich mit einer Reihe anderer großer Seen, bis sie endlich dem Kymenestrom zufließen, der jetzt unsere Grenze gegen Rußland bildet. Der Kymene führt diesen ganzen Wasserreichthum in fünf Armen ins Meer. Wäre der industrielle Sinn geweckt, so würde unser Holzhandel, welcher immer mehr abnimmt, mit Hilfe dieser flüssigen Straßen rasch zunehmen. Schiffe würden in diesen großen Becken erscheinen und die Getreidemassen hinunterführen. Diese gewaltigen Bergfesten würden das schönste Bauholz liefern, freilich aber müßten Canäle und Schleusenwerke gebaut werden; denn es fehlt uns nicht an Wasserfällen und Hindernissen, welche zunächst wegzuschaffen sind. Sie scheinen mit allen diesen Verhältnissen sehr genau bekannt zu sein, sagte Serbinoff. So viel ich es vermochte, erwiederte Erich, habe ich mich zu belehren gesucht. Haben Sie niemals große Reisen gemacht, wie dies der finnische Adel gern thut? fragte das Fräulein. Ich habe nur Finnland, mein nächstes Vaterland, bereist. 111 Und nirgend in der Welt ist es schöner! rief Louisa. Gottes Paradies kann nicht schöner sein, wie es am Pajäne ist. Und wo ist es am Pajäne am schönsten? fragte Serbinoff. An der Halljalabucht, antwortete sie, ohne sich zu bedenken. Sie werden mir Recht geben müssen, wenn Sie diese sehen. Dann müssen wir eilen, sagte er, denn wer möchte nicht so schnell als möglich im Paradiese wohnen. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung und mehrere Stunden lang währte dieser Lustritt an den Ufern des herrlichen Sees, der den lieblichsten Wechsel seiner malerischen Umgebungen und Fernsichten bot. Bald eilten die muthigen Rosse mit ihren frohen Reitern durch schöne Gründe und Thäler, bald durch lange Felsengassen, unter dem Gemurmel klarer Bäche oder unter dem Rauschen der Wasserfälle, die aus Bergspalten und Wald hervorbrachen; bald wieder ging es steile Hügel hinauf über ungeheure Blöcke und Steinmassen, die von Giganten übereinander gewälzt schienen. Der See verschwand zu Zeiten hinter Vorgebirgen und Klippen, dann trat er von neuem hervor und zeigte sich in überraschenden Verwandlungen. Hier verengte er sich und zeigte deutlich die weiten lachenden Auen der jenseitigen Ufer und dann wieder reichte sein Wasserspiegel bis an den sinkenden Horizont, der darin niedertauchte. Gleich den Fjorden des Nordens schickte er seine Arme tief in klippige Wände, welche ihn nackt und kühn umringten, doch nicht lange und die Reiter gelangten zu klaren, schönen Buchten, die von weit hängenden Birken und hohen Laubbäumen träumerisch eingeschlossen in tiefer Ruhe lagen. Endlich lief der Weg durch eine mit dichtem Tannenwald bedeckte Halbinsel, und Otho bemerkte, daß dies der eigentliche Charakter des finnischen Landes sei. Hier freilich ist es Spaß und Spiel, sagte er, aber noch gibt es in dem gesegneten Finnland Pfade, welche oft viele Meilen lang durch undurchdringliche Wälder und Sümpfe laufen und nur von den leichten raschen Füßen unseres Volkes betreten werden können. Da die Finnländer so rasche Füße besitzen, erwiederte Ebba spöttisch, so müssen es vortreffliche Tänzer sein. 112 Wir sind von unseren schwedischen Freunden mit vielen vortrefflichen Dingen beschenkt worden und haben nach ihrer Pfeife uns drehen gelernt, erwiederte er, allein zum Tanzen haben sie uns bei alledem nicht bringen können. Merkwürdig genug ist es, fügte Erich Randal hinzu, daß ein dem Gesange und der Dichtkunst so ergebenes Volk wie die Finnen gar keine Neigung zum Tanz besitzt. Es gibt keinen Nationaltanz, keine Festlichkeit, wo junge Leute sich schwenken möchten. Man sollte meinen, erwiederte Ebba, indem sie nach Otho blickte, daß es solchen jungen Leuten an Tact und Gefühl mangelt. Oder sie fürchten sich vor dem Schwindel, versetzte er rasch. Oder es ist Furcht vor der schwedischen Pfeife, sagte Serbinoff. Sollen wir keinen Ball haben! rief der Seemann. Schöne Louisa, ich kann's nicht glauben, und was soll aus Ebba werden, der besten Tänzerin in Stockholm! Wenn Sie den Freiherrn Wright besuchen, fiel Otho ein, werden Sie Ihre Sehnsucht zu Genüge stillen können, Cousine Ebba. Die jungen Offiziere aus Swartholm und Helsingfors besitzen so viel Tact und Gefühl, daß sie vom Abend bis zum Morgen damit ausreichen, und die russischen Herren aus den Grenzplätzen, welche man häufig dort antrifft, geben ihnen darin nichts nach. Vielen Dank für diese frohe Nachricht, mein lieber Cousin, erwiederte sie. Ich verliere die Hoffnung nicht, daß die Bildung in Finnland Fortschritte macht. Heh, Erich, rief der Kammerherr, du hast uns noch nichts von dem Freiherrn Wright erzählt. Wohnt er weit von dir? Ziemlich weit, jenseits des Pajäne, in der Nähe von Heinola. Er ist ein entfernter Verwandter meiner Mutter. Du stehst also in fortgesetzter Verbindung mit ihm? So lange meine Mutter lebte, sagte Erich, war dies mehr der Fall als jetzt. Er besucht mich jedoch zuweilen, und da seine Tochter so eben in sein Haus zurückkehrte, konnte ich seine Einladung nicht ausschlagen. Ohne Zweifel eine junge reizende Tochter? fragte Arwed lächelnd. 113 Eine Wittwe. Sie heirathete vor einigen Jahren einen Herrn Gurschin, welcher damals russischer Civilgouverneur in Willmanstrand war. Später hat sie mit ihm in Petersburg gelebt und jetzt ist er gestorben. Ist sie Ihnen bekannt, Serbinoff? fragte der Kammerherr? Dem Namen nach, erwiederte Alexei gleichgiltig. Die russische Grenze ist, wie es scheint, nicht weit von dem Landsitze des Freiherrn? Man kann in einem halben Tage bis an die schönen Wasserfälle des Kymene gelangen. Commandirt der Freiherr nicht das Regiment Nyland Dragoner? fragte Lindström. Der Oberst ist sein Bruder, sagte Erich. So bald es meinen lieben Gästen gefällig ist, wollen wir nach Liliendal fahren. Dort aber liegt mein stilles altes Haus vor uns und heißt Sie willkommen. Die Waldhöhe öffnete sich vor ihnen und unten schimmerten See und Land weit aufgethan. Der Pajäne bildete hier einen seiner großen Wasserknoten; mit einer tiefen breiten Bucht drängte er sich in ein schönes von Bergen umringtes Thal. Vor den Reisenden aber lag auf dem Abhange ein alterthümliches Bauwerk, von einem hohen runden Thurme überragt. Nach einer Viertelstunde ritten sie durch das gewölbte Thor, über welchem das Wappen der Freiherrn Randal aus verwitterndem Stein hervorsah. Fünftes Kapitel. Mit einigem Sinn für die Reize eines ländlichen Aufenthalts und mit Gefallen an einem Wohnhause, das noch manche Spuren einer längst vergangenen Zeit an sich trug, konnten sich die Gäste des Freiherrn wohl bei ihm behagen. Auf dem erhöhten Boden, der sich zur Bucht des Pajäne hinabsenkte, stand das Schloß mit hohem 114 schwarzen Dach und schaute noch immer gebietend über Land und See. Der älteste Kern war durch den Anbau niederer Flügel vergrößert worden und durch das Abbrechen der festen Mauern an der Südseite hatten die letzten Besitzer Gärten geschaffen, welche bis zum See hinunterreichten. Landwärts dagegen standen die alten Schutzwehren noch und schlossen mit dem hohen runden Thorthurm einen geräumigen Hofplatz ein, in welchem die Wirthschaftsgebäude des jetzigen adligen Gutes Halljala standen. Ausgedehnte Felder bezeugten, daß dies kein unbeträchtlicher Grundbesitz sei. Eine weite Landschaft öffnete sich zur Linken und zeigte im Hintergrunde das Kirchspiel Halljala mit seinen zahlreichen zerstreuten Häusergruppen und Höfen, welche das ganze Thal füllten. Zur Rechten schweifte der Blick über die Wasserspiegel des mächtigen Pajäne auf Wälder und Berge, die in kühner Nacktheit spitze Gipfel in den Himmel streckten, südlich aber dehnte sich die breite schöne Seebucht aus und jenseits derselben schimmerten zwischen den Einschnitten der hohen Ufer lichtgrüne Auen und unter Bäumen versteckte Menschenwohnungen. Erich Randal hatte für seine Gäste so viel er konnte gesorgt und ihnen die besten Zimmer seines Hauses eingeräumt. Im Anfange dieses Jahrhunderts wußte man jedoch selbst in den größten Städten Europas noch nicht viel von dem Luxus an Geräthen und Bequemlichkeiten, welche jeder nur einigermaßen Bemittelte sich jetzt zu verschaffen weiß; in diesem entlegenen Norden war daher um so weniger auf mehr als das Nothwendigste zu rechnen. Dennoch fanden sich zum Erstaunen des Grafen Serbinoff hier mancherlei Gegenstände von alterthümlicher Pracht und nicht unbedeutendem Werthe. Er sah Teppiche, welche einst sehr kostbar gewesen sein mußten, Marmortische mit geschnörkelten Beinen, Armstühle mit verblichenen Damastbezügen von flandrischem Gewebe, einen großen Spiegel sogar und einige Schränke bedeckt mit kunstvollem Schnitzwerk, wie es das sechszehnte Jahrhundert in größter Vollkommenheit hervorgebracht hat. Vergebens sann er darüber nach, wie dies Alles hiehergekommen sei. Am nächsten Morgen vereinigte sich die Gesellschaft in der großen Halle des Schlosses, welche als Wohn- und Familienzimmer 115 wahrscheinlich seit den ältesten Zeiten gedient hatte. An den Wänden hingen alte Familienbilder in schwarzen Rahmen, ritterliche Gestalten in Harnisch und Spitzenkrause, und zwischen ihnen prangten ungeheure Hirschgeweihe, vielleicht noch Theile ihrer Jagdbeute, welche sie einst mit Händen von Fleisch und Bein selbst hier aufhängten. – Der letzte Sprößling dieses kriegerischen Geschlechts, der seinen Vätern so unähnlich war, kam seinen Gästen mit derselben Einfachheit und sanften Freundlichkeit entgegen, mit welcher er sie gestern empfing, und führte sie zu dem Eichentische, wo das Frühstück bereit stand. Ein flinkes Mädchen in dunklen Faltenröcken und rothen Strümpfen brachte mit einem Knix eine Silberplatte herein, auf welcher der Kaffee dampfte, und hinter ihr erschien ein stämmiger alter Bursche in seinem finnischen kurzen weißen Rocke mit Schüsseln voll Fleisch und Backwerk, sammt Flaschen und Gläsern in Fülle. In dem ungeheuren Kamin brannte ein mächtiges Feuer von großen Holzscheiten, dabei aber war die Thür geöffnet, welche nach dem Garten führte und weite Fernblicke auf die sonnenhelle Landschaft erlaubte. Zu beiden Seiten fiel das Licht durch zwei hohe Bogenfenster herein, deren oberer Theil aus farbigem Glas und prächtiger alter Glasmalerei bestand. Otho und seine Schwester haben mich gestern Abend schon verlassen, sagte Erich, und sind an ihren eigenen Herd zurückgekehrt. So muß ich denn allein versuchen, meine lieben Gäste mit dieser Einsamkeit zu versöhnen. Eine prächtige Einsamkeit, erwiederte Arwed, obwohl ich, aufrichtig gesagt, sie nicht für immer theilen möchte. Man muß für das Leben eines Landmannes erzogen sein und Neigung dazu haben, war Erich's Antwort. Sind Sie denn so erzogen worden, und stimmen Ihre Neigungen so sehr damit überein? fragte das Fräulein. O, gewiß! erwiederte er. Ich wüßte in Wahrheit nicht, was ich Anderes sein sollte. Sie haben in Abo studirt und hätten, wie es gewöhnlich junge Edelleute thun, in den Staatsdienst eintreten sollen. 116 Ich habe allerdings die Schule in Abo besucht, versetzte er; allein meine Studien beschränkten sich auf einige Wissenschaften, welche mir besonders zusagten. Mein Lebenslauf, fügte er mit seinem sanften Lächeln hinzu, ist überhaupt mit wenigen Worten erzählt. Meine Mutter verlor ich schon sehr früh, meines Vaters Schwester, die Tante Louisa, welche mit dem Obersten Waimon, Otho's Vater, verheirathet war, erzog mich nun mit ihren eigenen Kindern. Mit Otho gemeinsam besuchte ich dann die Schule in Abo, bis ich zu meinem Vater zurückkehrte, der meine Unterstützung nöthig hatte. Und nun wohnen und leben Sie hier ganz allein? Ich habe Gesellschaft an Otho und seiner Schwester, habe auch einige Freunde in der Nähe und bin immer beschäftigt. Seltsames Leben für einen jungen Edelmann! rief Arwed lachend. Seine Väter haben an Königstafeln gesessen, sind die Ersten voran in jedem Kampfe gewesen und haben den Staat regieren helfen. Er regiert den Pflug, verachtet Schwert und Jagdspieß und unterhält sich lieber mit Bauern als mit schönen Frauen. Den letzten Vorwurf verdiene ich nicht, erwiederte der Freiherr, indem er auf Ebba blickte; aber meine Vorfahren werden es mir verzeihen, wenn ich ihrem Beispiele nicht folge und, wie mein Vater es gethan, lieber als schlichter Landmann zufriedener und glücklicher lebe, als es die Meisten unter ihnen gewesen sind. Bei dieser Vertheidigung erblaßte der Sonnenschein, welcher in die Halle fiel, und die alten Bilder an den Wänden schienen zürnend auf ihren schwachherzigen Enkel zu sehen. Sagen Sie mir doch, Herr Randal, fragte Graf Serbinoff, der das prächtige Farbenspiel der gemalten Fenster betrachtete, woher diese köstliche Arbeit stammt, die ich nicht genug bewundern kann. O, sagte Arwed, wenn die alten tapferen Freiherren dort ebenso gedacht hätten, wie unser friedlicher Vetter, würden diese merkwürdigen Fenster so wenig Schloß Halljala geschmückt haben, wie Teppiche aus Flandern, venetianische Spiegel und künstlich geschnitzte deutsche Schränke. Sie werden wissen, lieber Freund, daß während des dreißigjährigen Krieges die schwedischen Heere bis über den Rhein in die Niederlande vordrangen. Manche Stadt und manches 117 Schloß fielen in ihre Hände, und die schwedischen Offiziere fanden darin so Vieles nach ihrem Geschmack, daß sie sich nicht wieder davon trennen konnten. Während des langen Krieges besuchten nun die Frauen regelmäßig ihre Männer in den Winterquartieren und nahmen zum Frühjahr alle die schönen Sachen mit nach Haus, welche ihre fleißigen Ehemänner gesammelt und aufgespeichert hatten. Es ist unglaublich, welche Menge alter Kostbarkeiten und Geräthe der verschiedensten Art auf diese Weise in ganzen Schiffsladungen nach Schweden gekommen sind, wo sie sich noch zum Theil in den Schlössern und Familienhäusern vorfinden. Damals befehligte nun auch ein Oberst Randal eine finnländische Reiterbrigade und, wie Sie bemerken, hat er als verständiger Hausvater für sich zu sorgen gewußt. Mit den Ledertapeten aus irgend einem deutschen Fürstenschlosse hat er seine Zimmer bekleiden lassen, ein flandrischer Graf hat vielleicht die Teppiche, Tische und Sessel geliefert, ein reicher Bürger aus Augsburg oder Regensburg die schönen Schränke, und seine Dragoner packten diese herrlichen Fenster aus irgend einer bayerischen oder böhmischen Abtei mit geübter Sorgfalt ein; denn sie sind vortrefflich erhalten angekommen. Ist das wirklich so geschehen? fragte Serbinoff, in das Gelächter, das diese Erklärung erregte, einstimmend. Es ist Alles so geschehen, erwiederte Erich, eben darum aber bestärken mich diese im Kriege zusammengeraubten und übel erworbenen Dinge in meinen Vorsätzen, ein friedlicher Landmann zu bleiben. Du verabscheust also wohl Krieg und Blutvergießen? fragte der Seeoffizier, welcher bisher sich eifrig mit den Schüsseln und Flaschen beschäftigt hatte. Von ganzem Herzen, lieber Vetter Lindström. Was sollen wir aber thun, wir Soldaten? Sollen wir davonlaufen, wenn es zur Schlacht geht? Das wäre ohne Zweifel das Beste, was ihr thun könntet, sagte Erich. Ich würde es jedenfalls so machen. Ein anhaltendes Gelächter, begleitet von Spöttereien, antwortete darauf. Niemand dachte daran, daß Erich Randal größeren Muth 118 bewies, als diejenigen, welche an ihre Tapferkeit glaubten. Ebba blickte ihn unmuthig an und sagte dann stolz lächelnd: Ich bin zwar kein Mann, Cousin Erich; dennoch würde ich vor den Feinden meines Vaterlandes niemals davonlaufen. Und das sagt er Angesichts seiner Ahnen in diesem Saale, wo gewiß oft ihre Schwerter klirrten und ihre Hörner schallten, fiel der Kammerherr ein. Hängst du im Ernste solchen arkadischen Träumen nach, während ganz Europa in Waffen steht und der Schlachtendonner von der deutschen und dänischen Küste leicht einmal bis in diese Berge dringen könnte? Ich glaube nur, er weiß von dem Allen wenig oder nichts. Zeitungen kommen wohl nicht hierher, oder du liest sie nicht? Ich kann es nicht leugnen, sagte Erich, daß Zeitungen eine unbekannte Sache in meinem Hause sind. Die Reichszeitung von Stockholm kommt zwar zu unserem Propst, dem Doctor Ridderstern in Halljala, da aber nichts darin steht, als was die Regierung zu sagen erlaubt, mag ich um so weniger damit zu thun haben. Es ist allerdings kläglich, die Wahrheit erfährt man nicht, erwiederte Arwed; denn die Presse ist so gut unterdrückt wie jede freie Bewegung. Weder ein französisches noch ein deutsches Blatt darf mehr ins Land, ja die unschuldigsten Bücher werden mit Beschlag belegt. Ich kann aber doch nicht denken, Erich, daß du so gänzlich ohne Antheil an den Zuständen deines Vaterlandes fortlebst. Gewiß nicht, versetzte der Freiherr. Ich beklage von ganzem Herzen die unglücklichen Vorgänge, von denen ich höre; allein da ich nichts daran zu ändern vermag, so denke ich so wenig als möglich daran. Du beschäftigst dich mit angenehmeren Gegenständen. Das thue ich wirklich, sagte Erich freundlich. Und was verstehst du darunter? Ich habe, wie du siehst, kein unbedeutendes Hauswesen, fuhr der Freiherr fort. Darin gibt es fortgesetzt zu thun und zu bessern. Meine Wälder erstrecken sich weit hinauf am Pajäne, ich beschäftige viele Leute mit Holzfällen; denn ich habe einen Holzhandel angefangen und bin mit Handelsleuten in Borga in Verbindung getreten. Seit Jahren habe ich auch eine Baumschule angelegt und 119 Obstbaumzucht über die ganze Umgegend verbreitet. Mein Vater schon besaß das Vertrauen vieler seiner ländlichen Nachbarn. Die Bauern und kleinen Leute kamen von weit und breit zu ihm, um sich Rath und Beistand in ihren Unternehmungen und Sorgen zu holen. Auch diese Erbschaft ist auf mich übergegangen, und macht mir Freude; denn ich sehe, daß ich manches Gute dadurch bewirke. Eine sehr edle und lohnende Thätigkeit, welche ich gewiß nicht tadeln will, antwortete Arwed; allein das soll doch nicht ausschließen, daß ein Mann deines Standes und deiner Ansprüche sich um Sachen kümmert, welche zu seinen Pflichten gehören. Meine Pflichten, mein lieber Arwed, lächelte Erich Randal, unserer aller Pflichten sind, wie ich denke, die, daß wir unser Leben für uns selbst sowohl wie für unsere Mitmenschen so nützlich und freundlich machen, wie wir es vermögen. – Er stand auf, und ohne daß der ruhige und sanfte Ausdruck aus seinem Gesichte verschwand, legte sich ein ernsterer Schatten darauf. Ich bin unfähig, mich mit Politik und was sich damit verbindet, einzulassen, fuhr er fort, dafür gibt es kluge und ehrgeizige Männer genug in Schweden. Aber denken Sie nicht daran, Cousin Erich, sagte das Fräulein, daß Sie ein geborener Staatsmann sind, ein schwedischer Freiherr, der im Ritterhause seinen Platz und sein Recht zu behaupten hat? Daran denke ich wirklich nicht, liebe Muhme Ebba, erwiederte er, denn es würde mir wenig Freude gewähren im Ritterhause zu sitzen, weil ich im Voraus davon überzeugt bin, dort eine sehr klägliche Rolle zu spielen. Gott tröste uns! rief das Fräulein mit großer Lebhaftigkeit; welche Rolle haben Ihre Väter dort gespielt? Es muß hier in der Nähe irgend einen Gegenstand geben, spottete der Seeoffizier, bei dem es ihm besser gefällt. Ein Gegenstand, der ihn fesselt, wie Armide den kühnen Rinald, sagte der Kammerherr. Und der ihn alles Andere vergessen läßt, fügte das Fräulein lächelnd hinzu. Erich machte diesen Neckereien ein Ende, indem er die Hand seiner Muhme ergriff, und diese in einen Nebensaal führte. Sehen Sie 120 hier, sagte er, das ist der Gegenstand, der mich fesselt, und dem ich gern meine Zeit widme, wenn meine Arbeiten es zulassen. Es war ein Büchersaal mit großen Schränken, welche eine bedeutende Zahl Bände enthielten. Neugierig betrachteten die Verwandten diesen Schatz, der zum Theil aus den Werken großer Naturforscher und aus Geschichtswerken der Engländer, Franzosen und Deutschen bestand. Daneben fanden sich Ausgaben der alten Classiker und die Werke der Dichter Schwedens und der modernen Nationen. Auf einem Tische lag Alexander von Humboldt's vor wenigen Jahren in Paris erschienenes berühmtes Buch über Amerika, und auf anderen Tischen, auch auf den breiten Fensterbrettern, standen ein paar Erd- und Himmelskugeln, ein großes Fernrohr und mehrere andere den Beschauern unbekannte Instrumente. Endlich fanden Sie große Mappen mit getrockneten Pflanzen, und Kasten mit allerhand Gestein gefüllt. Das ist ja eine wahre Hexenküche! rief der Kammerherr lachend. Hast du das Alles selbst zusammen gesucht? Mit nicht geringer Mühe, erwiederte Erich. Es sind Pflanzen, welche in Finnland wachsen, und Steine und Mineralien, welche unser Boden aufzuweisen hat. Manches darunter ist sehr merkwürdig, fuhr er freundlich erklärend fort. Dies ist Marmor von seltener Schönheit, der, wenn wir an Industrie zunehmen, für viele kunstvolle und theure Gegenstände benutzt werden könnte; eben so würden unsere Eisen- und Kupfererze zu Ansehen gelangen, um so mehr, da die Finnen ein ganz besonderes Geschick von alter Zeit her für Eisenarbeiten haben. Die Pflanzen aber werden, wenn man weiß wie und wo sie am besten wachsen und gedeihen, noch leichter nützlich, denn nichts befördert überhaupt die allgemeine Wohlfahrt eines Volkes so sehr, als die Kenntniß der Natur, welche uns lehrt, wie wir sie benutzen sollen. Also mit solchen Mittel beschäftigst du dich, um die Menschen zu beglücken und aufzuklären, rief der Kammerherr spottend, und glaubst damit mehr zu bewirken als mit Reichsrath und Politik. Bücher, Pflanzen und Steine sollen das Vaterland aus aller Noth retten! Die Kenntniß der Natur wird wenigstens mehr dazu thun als sämmtliche Reichsversammlungen bisher gethan haben, erwiederte Erich. 121 Wenn die geistigen Kräfte der Menschen geweckt werden, fügte er mit seinem sanften Lächeln hinzu, werden die tyrannischen Fürsten und ihr Anhang von Willkür und Gewalt von selbst verschwinden. Die einzige Sicherheit menschlicher Wohlfahrt liegt darin, daß gemeinsame Bildung und Gesittung nach und nach von sich abthun, was rohe Zeiten geschaffen haben. Alles, was Erich Randal weiter sagte, bestärkte seine Verwandten darin, daß er ein eigenthümlicher Sonderling sei, der sich in seiner Abgeschiedenheit seltsame Grillen in den Kopf gesetzt habe. Aber er war doch so gutmüthig und von so sanfter Gemüthsart, daß es Vergnügen machen konnte ihn anzuhören, um darüber zu lachen und zu spotten, andererseits hatte seine immer gleiche Höflichkeit und Ruhe etwas, das eben so wohl Achtung abnöthigte, als seine Kenntnisse, wenn diese überhaupt in einer Zeit Achtung verschaffen konnten, wo die höheren Stände noch immer geringschätzig genug darüber dachten. Ein Gefühl dieser Geringschätzung gegen einen Mann, der so wenig wie ein Freiherr dachte und handelte, hatte sich ohne Zweifel Allen eingeprägt, und würde sich noch mehr geltend gemacht haben, wenn nicht die Diener und die Gutsangehörigen Erich Randal's ihrem jungen Herrn einen hohen Grad von Ergebenheit bewiesen hatten, der deutlich zeigte, wie sehr sie ihn verehrten. Er führte seine Gäste in der Umgegend umher, bis in das Kirchspiel hinab, an manchen kleinen Häusern vorüber, und überall kamen die Bewohner mit freundlichen Gesichtern und Grüßen und dem unverkennbaren Ausdruck der Zuneigung herbei, um ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen. – Von dem hochliegenden Kirchplatz aus war das ganze Thal zu überblicken, und wie ein reicher großer Garten dehnte es sich bis an die fernen Berge aus. Die Häuser von Balken erbaut trugen meist Dächer mit Rasenstücken bekleidet, welche mit ihrem lichten Grün und blauen und rothen Blumen eben so viele kleine Gärten bildeten. Am Fuße der Höhe aber, auf welcher die Kirche lag, stand ein großes wohlgebautes Haus, und eben trat ein stattlicher Herr daraus hervor, der hinaufblickte, als er die Stimmen hörte, sich aber sogleich wieder zurückzog, ohne die Fremden bemerken zu wollen. 122 Seiner schwarzen Tracht und seinem Ansehen nach war es der Geistliche des Ortes; er war zugleich auch der erste Mensch, der, wie es schien, wenige Höflichkeit besaß. Es ist der Propst Ridderstern, sagte Erich lächelnd, er gehört zu einer alten Familie. Ich müßte mich irren, erwiderte Arwed, oder dieser geistliche Herr ist stolzer als der Freiherr Randal. Wie unsere Geistliche zuweilen sind, versetzte Erich. Sie bilden einen mächtigen Stand, der große Rechte und Vorrechte besitzt, wichtigen Einfluß ausübt, und es nicht gerne sieht, wenn man sich diesem nicht unterwirft. Wir müssen ihm unseren Besuch machen, sagte der Kammerherr, da er nicht zu uns kommen will. Nach allen Regeln der Etikette, fügte Ebba hinzu. Und Sie werden einen Mann finden, der Ihnen gefallen wird, antwortete Erich. Er besitzt viele Weltkenntniß, und hat diese auch auf Reichstagen und Concilien geltend gemacht. Sie stiegen den Hügel hinab und erreichten einen Weg, der mit Vogelbeerbäumen besetzt war, die voll rother Dolden hingen. Das Pfarrhaus lag hinter einem geräumigen Vorplatz groß und behaglich, und trug alle Zeichen der Sauberkeit und des Wohlstandes. Eine Dienerin empfing die Fremden an der Thür und begleitete sie in ein schönes, mit allen Bequemlichkeiten ausgestattetes Zimmer; hier erschien bald darauf der Propst, der in Eile seinen weißen Kragen angelegt hatte. Eine selbstbewußte Würdigkeit lag in seinem langen Gesicht, dessen harte, kalte Züge maschinenartig von Freundlichkeit belebt wurden. In gewählten Worten drückte er sein Vergnügen über den Besuch aus, nöthigte zum Sitzen, dankte dem Freiherrn für die Ehre, welche er ihm verschaffte, und war bald im Gespräch über die Reise der Gäste und über die neuesten Weltereignisse, welche er weit besser kannte als sein unkriegerischer und unpatriotischer Nachbar. Nach einigen Minuten erschien die Dienerin mit Zuckergebackenem und gutem, französischen Wein, und ihr folgte die kleine runde Frau des Propstes in einer thurmhohen Haube mit grellen Bändern nach 123 der neusten Mode, begleitet von mehreren halberwachsenen Töchtern, die so schnell als möglich in ihr Bestes gesteckt und herausgeputzt waren. Die Gespräche wurden nun allgemein. Die Damen befreundeten sich leicht, denn die kleine runde Frau war in Stockholm erzogen worden, und wußte viel davon zu erzählen und zu fragen, ihre Kinder zu rühmen und von ihrem ältesten Sohn zu sprechen, der als Jäger-Fähnrich zur Besatzung von Sweaborg gehörte. Der Propst vervollständigte dies, indem er bemerkte, daß der Oberst von Jägerhorn, der das Regiment commandire, ein Verwandter sei, und daß er die Freude gehabt habe, diesen lieben Freund erst kürzlich bei sich zu sehen. Der Kammerherr dachte bei diesem Namen an die Äußerungen des jungen Waimon, und erklärte sich im Stillen, wo dieser den Obersten gesehen habe. Er blickte Serbinoff an, allein dieser versicherte eben der Frau Propstin, daß ihr Zuckergebäck von unnachahmlicher Vortrefflichkeit sei, und um seinerseits auch etwas zu thun, rühmte Baron Arwed die Vortrefflichkeit des Weines, den man von solcher Güte selten, selbst in Stockholm finde. Damit versorgt mich mein sehr werther Freund Halset, antwortete der Propst, indem er den Namen scharf betonte, allein ich fürchte, daß wenn man in Stockholm fortfährt unseren einzigen wahren und natürlichen Bundesgenossen als ärgsten Feind zu behandeln, wir bald dies schöne labende Getränk gänzlich entbehren müssen. Ich höre mit Vergnügen, sagte Arwed, daß auch Sie, mein hochwürdiger Herr, die Meinung theilen, welche in Schweden so allgemein ist. Glauben Sie denn, erwiederte der Geistliche stolz lächelnd, daß wir in Finnland nicht dieselben patriotischen Gefühle haben? Die Schweden sind die Franzosen des Nordens! Der große Napoleon selbst hat dies von uns gesagt, und in seinem berühmten Briefe an den König hat er es auf's tiefste bedauert, daß die edle schwedische Nation, sie, welche unter allen Völkern den Franzosen am nächsten stehe, gegen Frankreich kämpft, das seit den ältesten Zeiten die Schweden als Brüder betrachtet. Im Munde dieses steifwürdigen Herrn klang die Berufung auf den nordischen Franzosentitel, der freilich damals ein Lieblingswort der 124 meisten Schweden war, lächerlich genug, und in Serbinoff's Augen schimmerte ein Spott, den er nicht ganz unterdrücken konnte. – Bei der französischen Lebendigkeit der schwedischen Nation, sagte er, und deren feurigem Geiste läßt sich wohl erwarten, daß eine Änderung der bisherigen Politik erfolgt. Propst Ridderstern hob seinen langen Kopf auf und richtete die kalten Augen auf den Grafen. Sie haben vielleicht schon gehört, sagte er, was ich heut erst durch eine Mittheilung aus Abo erfuhr. Der Kaiser von Rußland, Ihr Kaiser, mein Herr, der zum Heile der Welt ein so inniger Freund des größten aller Menschen, des Kaisers Napoleon, geworden ist, hat eine dringende Aufforderung an seinen Schwager, unsern König, ergehen lassen, das Bündniß mit England aufzugeben und Frieden mit dem glorreichen Helden Europa's zu schließen. Der Kaiser Alexander, erwiederte Serbinoff, ist ein so edler und hochbegabter Fürst, daß es das Ziel seiner Wünsche sein wird, diesen Frieden zu vermitteln. Ich zweifle auch nicht, fügte er hinzu, daß der König diese innigen Wünsche wohl aufnehmen werde, da das ganze schwedische Volk diesen Frieden für ein Glück hält. Der Propst zuckte die Achseln und lächelte in seiner mechanischen Weise. Gott möge es geben! rief er salbungsvoll, wir in Finnland wünschen gewiß am meisten die Segnungen des Friedens, denn der Krieg verwildert die Gemüther und vermehrt nicht allein Armuth und Verbrechen, sondern er begünstigt auch Sittenlosigkeit und Gottlosigkeit. Sie bewohnen aber doch ein wohlhabendes, schönes Land, sagte der Kammerherr, und so weit ich die Menschen darin bis jetzt gesehen habe, scheinen sie mir aufgeweckt und gutmüthig zu sein. Die Finnen sind im allgemeinen ein Volk das manche gute Eigenschaften besitzt, erwiederte der Propst, allein sie haben immer noch zu viel von dem störrigen und widersetzlichen Geiste ihrer Väter in sich, und wie jene in Zucht und Ordnung gehalten werden mußten, so ist dies ihnen auch jetzt noch beständig nöthig. Ah, ich merke, lachte der Kammerherr; auch hier gibt es Klagen über Unglauben, Neuerungen und über die Böcke unter den Schaafen. 125 Böse Beispiele thun dabei leider sehr viel, antwortete der Geistliche, und dies Volk, das zum Spott und zur Verachtung mehr als zu sehr geneigt ist, glaubt allzugern, was seinem Leichtsinn zusagt. Sie werden länger bei uns verweilen, und es wird mir immer Vergnügen gewähren, Sie in meinem armen Hause zu sehen, um Ihnen meine Hochachtung zu beweisen. Er stieß mit seinen Gästen an, und das Gespräch wandte sich auf andere Gegenstände, aus welchem sich ergab, daß der Propst ein sehr bedeutendes Einkommen durch große Ländereien besaß, dabei reiche Kirchensteuern bezog, dennoch aber nicht damit zufrieden schien. – Nach einiger Zeit endete der Besuch mit der höflichen Einladung, ihn bald zu erneuen, und indem der Geistliche Erich die Hand reichte, fügte er hinzu: Sie wissen, mein lieber Freiherr, daß ich Ursach habe nicht zu Ihnen zu kommen, um so aufrichtiger werden Sie mir willkommen sein, denn es ist gewiß mein Wunsch, Ihnen zu beweisen, daß ich Ihr Freund bin. Nur die Gottlosen sind mir zuwider. Die Spötter und Verächter sollst du meiden, sagt der Apostel. Warum will er nicht zu dir kommen? fragte der Kammerherr, als sie sich aus dem Bereich des Pfarrhauses befanden. Otho's wegen, antwortete Erich. Der Propst machte schon vor Jahren Zehntenrechte an dem Gute geltend, das Otho jetzt gehört, und wurde damit abgewiesen. Dann gab es noch andere Gründe, fügte er lächelnd hinzu, welche die gegenseitige Abneigung vergrößerten. Ein junger Mensch, Jem Olikainen, der jetzt Otho's Diener ist, wurde von dem Propste eines Vergehens beschuldigt, das ihn in's Zuchthaus gebracht haben würde. Otho trat jedoch für ihn auf, und bewies die Grundlosigkeit des Verdachts; bald darauf erschien ein Spottgedicht, wie es hier gewöhnlich geschieht, wenn etwas vorkommt, das Aufsehen erregt; denn Sie müssen wissen, daß dies die gewöhnliche Art der Rache unter den Finnen ist. Sie rächen sich nicht mit Messerstichen, nicht mit Brand und Mord, sondern sie besingen ihren Feind und geben ihn dem allgemeinen Gelächter preis, was oft mit mehr Witz und Feinheit geschieht, als man es einfachen Landleuten zutrauen sollte. 126 Eine vortreffliche, gemüthliche Sitte! rief der Kammerherr. Es erschien also ein Spottgedicht auf den Propst und der Verfasser desselben war Herr Otho Waimon. Wenigstens glaubte Herr Ridderstern, daß er damit gemeint sei, und daß Otho es gemacht habe. Seit dieser Zeit hat sein Widerwille gegen meinen Vetter sich gehäuft, und einen Theil davon auch auf mich übertragen. Er sieht aus wie ein echter Pfaffe, rief der Seeoffizier, und ich gönne es ihm von Herzen, wenn Otho ihn derb gepeitscht hat. Er soll uns das Lied vorsingen, Ebba, damit wir auch darüber lachen können. Am Nachmittage fuhren sie über die Seebucht zunächst nach der Insel, welche Ebba als Vermächtniß erhalten hatte. Erich wollte seiner Cousine ihr Eigenthum übergeben. Er selbst führte den kleinen Kahn, der eben groß genug war, die Gesellschaft aufzunehmen, und regierte die beiden Ruder mit mehr Geschicklichkeit und Kraft, als ihm zugetraut wurden. Der schöne See lag spiegelklar und ruhig, in bedeutender Tiefe noch ließ sich sein röthlicher Felsengrund erkennen, und die Schaaren flüchtiger Fische verfolgen, welche vor der Menschennähe davon eilten. Die Tiefe Bläue des Himmels, der über diesem weiten Wasserbecken hing, vermehrte dessen ungetrübten Reiz und herrlich säumte sich daran das grüne, reiche Waldgebiet, von Sonnenglanz und Sommerluft in weichen, warmen Armen getragen. Diese Seen, sagte Erich, nehmen uns freilich einen großen Theil fruchtbaren Boden, aber sie geben unserm Lande dafür ein eigenthümliches romantisches Gepräge, zugleich auch Speise vollauf, denn es wimmelt darin von den schönsten Fischen aller Arten. Wären diese Seen nicht vorhanden, so würde uns das Beste fehlen. Man sieht an ihnen, wie merkwürdig diese Schöpfung ist. Ganz Finnland ist aus Granit gemacht, auf diesem liegt die fruchtbare Pflanzenerde, welche Millionen Jahre nöthig hatte, ehe sie sich zu solchen Lagern ansammeln konnte. Überall aber bricht durch Wald und Feld dennoch der Fels hervor, und diese Seen liegen in tiefen Schaalen von Granit, welche, wie die alten Sagen melden, den Göttern einst als Trinkschaalen dienten, und dazu auch von ihnen geschaffen und geformt wurden. 127 Nur schade, fiel Ebba ein, daß das finnische Wasser so sanftmüthig ist, wie das finnische Blut. In unserer Natur wechselt häufig die Ruhe mit plötzlicher Leidenschaft, erwiederte Erich. Wenn der Sturm von den Luhangabergen über den Pajäne rast, würden Sie Ihre Meinung ändern. Ähnlich sieht es mit den Menschen aus. Nur Sie, Cousin Erich, machen eine Ausnahme. Sie haben Recht, erwiederte der Freiherr lächelnd. Ich bin, wie ich glaube, unveränderlich derselbe, auch werde ich es bleiben. Er stieß den Kahn an's Land, denn die Insel war erreicht, und bot Ebba seine Hand. Hier ist Ihr Besitzthum, sagte er, wo unsere Eltern einst glückliche Tage verlebten, die ihrer Freundschaft gewidmet waren. Möge alles Glück wiederkehren und Sie begleiten, theure Ebba. Lange habe ich mich auf diese Stunde gefreut, wo ich Ihnen diese Ruhesitze und Plätze zeigen würde, die meinem Vater immer so werth gewesen sind und nun für mich neuen Reiz erhalten. Es ist Alles erhalten, wie es war, und Einer ist noch unter den Lebendigen, der Ihnen von Ihrer Mutter und von alten Zeiten erzählen kann. Er leitete sie den Weg hinauf, durch deckendes Gebüsch und unter hohen Bäumen fort, bis sich ein schöner Rasengrund zeigte, der, ein Oval bildend und von Laubholz fast ganz umschlossen, nur an einer Seite sich öffnete. Im Hintergrunde lag unter tief hängenden Birken ein Haus ganz mit leuchtender Birkenrinde bekleidet und mit einem kleinen Vordach versehen, das, von weißen Säulen getragen, zierlich und einladend aussah. Immergrün rankte an den hellen Fenstern auf und Sonnenschein fiel auf die flüsternden langen Zweige der Birken, die sich vor ihnen neigten und ihrer jungen Herrschaft leises Willkommen entgegen rauschten. Still und schön sah der nordische Meierhof in seinem waldumschlossenen Frieden aus. Die abgeschlossene Ruhe umher, und nur da, wo dieser Kreis sich öffnete, ein weiter Blick über den See fort auf Wälder und blaue Berge, erregten Empfindungen und Gedanken in Ebba, denen sie schweigend sich überließ, während ihre Augen mit feuchtem Glanz umherschauten. 128 Plötzlich drückte sie ihres Vetters Hand, und als sie in sein klares freundliches Gesicht sah, lächelte sie ihm zu, wie nie vorher. Das Alles ist also mein! rief sie aus. O! wie schön ist es hier, wie danke ich Ihnen, lieber Erich. Meine Mutter hat hier gewohnt und ist glücklich gewesen. Sie muß glücklich gewesen sein, denn was kann ein Mensch mehr vom Glück verlangen, als eine Heimat voll Frieden und treue Herzen, die ihn bringen und theilen. Dank, tausendmal Dank! Auch ich will hier wohnen, wie meine Mutter. Sie werden zu mir kommen, wie Ihr Vater kam. Louisa wird meine Freundin sein, wie ihre Mutter meiner Mutter Freundin war. Schöne heitere Tage sollen uns vereinigen, so lange – so lange menschliches Geschick es uns erlaubt, setzte sie leiser hinzu. Erich hielt ihre Hand fest, seine Augen ruhten auf ihr, es war, als sprächen Freude und Kummer zugleich daraus. Wir müssen nicht daran denken, erwiederte er, daß Glück enden kann, nur so kann man es rein genießen. Arwed und seine Begleiter traten jetzt aus den Gebüschen hervor und schon von weitem rief der Kammerherr: Das ist wahrlich ein allerliebster Aufenthalt; so recht gemacht, um an die Märchen von wilden Wasserfeien zu glauben, die mit solchen Paradiesen aus den Fluthen aufsteigen, arme Sterbliche verlocken und mit ihnen dann zehntausend Klafter tief versinken. Wäre es ein Unglück zu nennen, wenn krystallne Mauern sich plötzlich um uns aufthürmten? fragte Ebba. Sie ist schon angesteckt von den idyllischen Träumen, die über dieser Zauberinsel schweben, lachte Arwed. O! ich kann mir wohl denken, daß unsere Mutter ihrer Zeit hier auch im Sonnen- und Mondenschein geschwärmt hat, aber nach einer Anzahl kurzer Erdentage ist sie doch wieder nach Stockholm gefahren und leider niemals zurückgekehrt. Sie hatten sich dem Hause genähert, auf dessen Schwelle sie einen alten Mann entdeckten, der sich damit beschäftigte, aus abgeschälten buntgefärbten Weidenruthen einen Korb zu flechten. In seinem grauweißen sackartigen Rock saß er da, ohne sich stören zu lassen, und seine breitschulterige, gekrümmte Gestalt sah so ungefügig aus, daß 129 der Kammerherr, als er ihn erblickte, seine Spötterei fortsetzte, und seiner Schwester zurief, daß dort schon ein dienender Gnom oder Wassermann sie erwarte. Es ist der alte Schulmeister Lars Normark, sagte Erich, derselbe Mann, von dem ich Ihnen erzählte, daß er Ihre Mutter gekannt hat, denn er war der erste Lehrer meiner Eltern ebensowohl, wie er der meine gewesen ist. Während Erich sprach, sprang plötzlich ein schöner gelb und bunt gesprenkelter Hahn, der neben dem Greis gesessen haben mußte, auf seine Beine, reckte den Hals, schlug mit den Flügeln und stieß ein gellendes Hahnengeschrei aus. Lars Normark richtete zugleich seinen Kopf in die Höhe und legte seine Arbeit bei Seite. Es war ein dicker mächtiger Kopf, den er auf seinen Schultern trug. Schneeweiße Augenbrauen saßen über seinen runden Augen, welche schlau und schelmisch umherblickten, und als er seine breitgeränderte grobe Filzkappe abnahm zog sich um seinen Schädel ein Kranz eben so weißer Haare. Guten Tag, Erich Randal, sagte er, der Anrede zuvorkommend, und ohne aufzustehen, sind das deine Gäste? Feine Herren, willkommen in Halljala, und eine feine Dame. Gott behüt's, Fräulein, Gott behüt's! Sei stille Hans, ducke dich, mach' dein Compliment vor den Herrschaften. Ja, Lars, erwiederte der Freiherr, während der Hahn gravitätisch sich verneigte, hier sind meine längst erwarteten Freunde und meine Muhme Ebba Bungen, die ihr Eigenthum in Besitz nehmen will. Frisches Blut! rief der Schulmeister, der das Fräulein mit seinen runden hellen Augen schelmisch anschaute; stolzes schwedisches Blut. Das alte Herz lacht auf, wenn man es ansieht. Gott behüt's, Fräulein Ebba, gebt dem alten Lars Eure weiße Hand. Er streckte seine knochige dicke Tatze aus und nickte ihr zu, indem er den Mund beinahe bis an die Ohren öffnete und ein Gebiß zeigte, das einem Wolf Ehre gemacht hätte. – Ehe! sagte er, die Finger der jungen Dame festhaltend, bringt das Glück zurück nach Halljalaschloß, schönes Fräulein, daß es wieder einmal lustig darinnen hergeht, der alte Lars in der Halle am Feuer sitzen kann, seine Pfeife pfeifen läßt und seine Fibeln aus dem Sack holt. 130 Ich will thun, was ich vermag, guter Lars, erwiederte Ebba, eben so wohl über diesen drolligen Auftritt lachend, wie ihre Begleiter. Es kann sein, Hans, antwortete der Alte seinem Hahn zunickend, es kann aber auch nicht sein. Der Mensch sagt oft, ich will, und er will nicht; ja spricht der Mund, und das Herz sagt nein. Das Wort ist nichts als ein Hauch, und Eure Augenbrauen sind zusammengewachsen, schöne Dame, so war es bei Eurer Mutter auch. – Aber macht, daß Ihr hinüberfahrt nach Louisa, sie warten dort auf Euch und das finnische Blut ist ein heißes Blut, der finnische Wind ein falscher Wind. Gott behüt's, daß ich ein echter Schwede bin! Alles ist echt und fest an dem alten Lars. Fahr' fort mit deinen Gästen, Erich Randal. Es hängen Windwolken über dem See und Wind ist deine Sache nicht, Freiherr Erich. Der Hans meint es auch so. Eh', Hans, hab' ich Recht? Das ist ein sonderbarer alter Bursche! rief Arwed. Mein alter Freund Lars ist über achtzig Jahre alt, sagte Erich, doch in Gemüth ist er noch jung und immer bereit, seine gute Laune zu beweisen. Sein Rath, nach Louisa hinüber zu fahren, ist jedoch jedenfalls gut, denn leicht könnte es sein, daß der Wind sich aufmacht. Dies also, liebe Muhme Ebba, ist Ihr freies Eigenthum, und wenn Sie es bei schönen Tagen bewohnen wollen, können wir alle Einrichtungen dazu treffen. Er führte sie in den wenigen Gemächern umher. Sie waren mit Matten belegt, die Wände mit neuen Tapeten bekleidet, welche er aus Abo kommen ließ, und was er an passenden Geräthen besaß, hatte er schon herüberschaffen lassen. Tische und Stühle, von Weidenruthen zierlich geflochten, erklärte Erich als Arbeiten des alten Künstlers, der auf der Schwelle weiter schaffte, ohne sich mehr um den Besuch zu kümmern. Das Lob und den Dank des Fräuleins nahm er kopfnickend in Empfang und sagte dann zu seinem Hahn: Es steht Alles wieder so, Hans, wie damals und sie schlug eben so in die Hände, als sie es sah und dankte dem guten Lars, der noch nicht der alte Lars war! Regen kommt nach Sonnenschein und es vergeht Alles in dieser Welt. Macht fort, Ihr Herren, und Gott behüt's, schönes Fräulein. 131 Ich will Euch das Haus bewachen; wenn Ihr wiederkommt, sollt Ihr's fertig finden. Seht zu, wie es Euch gefällt im finnischen Land. Gut, mein lieber Lars, erwiederte Ebba, ich nehme an, was du mir versprichst, und hoffe, wir werden uns besser befreunden, als es jetzt geschehen kann. Mach dein Compliment, Hans, sagte Lars, und indem der Hahn sich duckte, nahm er selbst seine Kappe ab. Morgen ist auch ein Tag, rief er, und nach morgen kommen viele Tage. Kommt bald wieder und vergeßt es nicht. Es ist echt schwedisch Blut in mir und in dem Hans da. Sie schieden froh gelaunt von dem alten Mann, der ruhig sitzen blieb und sein Geflecht wieder aufnahm. Der Hahn war auf seine Schulter geflogen und krähte ihnen gellende Abschiedsgrüße nach, die ihr Gelächter vermehrten. Wo stammt dies alte Original denn eigentlich her? fragte der Kammerherr. Ist er wirklich von schwedischer Abkunft, wie er sich rühmt? Die Untersuchung dürfte schwierig werden, erwiederte Erich. Sein Vater soll in Normark gewohnt haben. Seine Mutter ist aber sicher ein finnisches Mädchen gewesen. Den Krieg vom Jahr 1742 machte er als ein junger Bursche in einem finnländischen Regimente mit, und focht tapfer in der blutigen Schlacht von Willmanstrand, wo viertausend Finnen und Schweden einen ganzen langen Sommertag über gegen die dreifache Zahl Russen kämpften, bis endlich kaum tausend Mann entkamen. Er ist jedoch glücklich mitentkommen, lachte Arwed. Lars erzählt von seinen Abenteuern wunderbare Geschichten, fuhr Erich fort; gewiß ist, daß, als das schwedische Heer in Helsingfors die Waffen streckte, auch Lars zu den finnischen Soldaten gehörte, welche der russische Marschall Lascy nach Haus schickte. Seit dieser Zeit wurde er ein Schulmeister, wie sein Vater einer gewesen sein soll; das heißt, er lief von Hof zu Hof durch das ganze Tavastland und lehrte die Kinder den Katechismus, auch wohl etwas lesen, daneben aber erzählte er ihnen die schönsten und wunderbarsten Geschichten und Sagen, denn sein Kopf steckt ganz voll davon, wie auch von alten Liedern, meist aus der Heidenzeit, die sich im Volk erhalten haben, 132 Otho's Mutter und mein Vater waren seine besonderen Freunde und seine Zuneigung zu ihnen hat sich auch auf uns übertragen. Er lebt also bei Euch als ein altes Erbstück. Er kommt und geht, wie es ihm gefällt, sagte Erich, denn er ist überall willkommen. Den alten Schulmeister Lars, oder den Pfeifer von Normark, wie sie ihn häufiger noch nennen, kennt jeder hier im Lande und keine Hochzeit und kein Fest kann geschehen, wo er nicht dabei wäre. Mit seinem Hahn! rief Lindström. Hat man je gehört, daß ein vernünftiger Mensch mit einem Hahn umherzieht! Den besitzt er schon seit vielen Jahren, und das Thier unterstützt ihn bei seinen lustigen Streichen. Im Grunde ist es also ein Possenreißer und Landstreicher, sagte Serbinoff. Man muß es nicht so hart beurtheilen, erwiederte Erich. Er kann auch verständigen Rath geben in seiner Weise. Die Bauern hören auf ihn wie auf ein Orakel, und da er an viele Orte zu vielen Menschen kommt, ist er zugleich eine Art wandernder Zeitung, aus der sie allerlei Neuigkeiten und gute Lehren erfahren. Seltsames Land! rief der Graf lachend, wo man die Zeitungen verbietet und dergleichen zweibeinige frei umherlaufen läßt. In Rußland würde man es ihm nicht gestatten? fragte Ebba. Ich glaube kaum. Weil Lars dort ein Leibeigener sein würde, sagte der junge Offizier. Hier aber ist er ein freier schwedischer oder finnischer Mann so gut wie wir Alle, und das ist ein Glück und ein Recht, das uns noch Niemand angetastet hat und auch nicht antasten wird. Das Eiland war bald betrachtet, denn es enthielt nichts als das Haus und die schönen Baumgruppen, welche dies umgaben. Erich führte seine Freunde daher bald zu dem Kahne zurück und fuhr mit ihnen über die Bucht nach dem jenseitigen Ufer, wo Waimon's Besitzung lag. Als das Fahrzeug sich eine Strecke vom Ufer entfernt hatte, schallten plötzlich die Klänge einer Pickelpfeife ihnen nach, und sie erblickten den Schulmeister auf einem Felsblock am Ufer sitzend, den Hahn auf seiner Schulter und an seinen Lippen die Pfeife, welche er mit Geschicklichkeit zu brauchen verstand. Er blies ein Lied, 133 das Ebba sehr gut kannte, ein altschwedisches Lied, das sie von ihrer Mutter gehört und gelernt hatte und das in Smoland ein Volkslied war. – Ihr Bruder kannte es auch und erzählte Serbinoff die Geschichte der Entstehung des Liedes. Wo es nur der alte Taugenichts gehört haben mag, lachte er. Ich glaube beinahe, er hat es von der Zeit her behalten, wo es meine Mutter hier sang. Meine Mutter war eine Smoländerin, und Ebba ist dort in Wärend geboren. Smoland ist noch romantischer, mein lieber Erich, als Finnland, es ist berühmt durch seine Felsen, Wälder, Seen und Wasserfälle, und Wärend ist der Kern aller Romantik. Darum sind die Smoländer auch sehr stolze, trotzige Bursche, die sich rühmen, von den alten Riesen, den frühesten Bewohnern Schwedens, abzustammen, sich besser dünken als alle anderen Leute, immer ihr Messer an der Seite tragen und in dem Rufe stehen, ihr Vaterland über Alles zu lieben. Auch die Mädchen daselbst sollen dieselben Tugenden besitzen. Man sagt ihnen nach, daß sie die schönsten im ganzen Reiche sind, dabei eben so stolz und tapfer als die Männer, und daß sie alle Zweifler beschämen, die es wagen, Frauentreue zu verlästern und nicht daran zu glauben; denn die Weiber von Wärend sind im ganzen Norden als über alle Maßen treu berühmt. Ich weiß nicht, fuhr er lachend fort, ob dieser Ruf noch jetzt seine volle Kraft hat; allein er ist wenigstens wohlberechtigt erworben worden. Denn es begab sich einst, daß die Dänen, unsere lieben Nachbarn, in Wärend einen Besuch machten, als alle Männer nordwärts gezogen waren, wo sie den Feind erwarteten. Schlau wie immer hatten die Dänen die tapferen Smoländer fortgelockt und glaubten nun plündern und brennen zu können, wie es ihnen gefiele; allein was geschah! die Mädchen von Wärend bewaffneten sich und zogen unter Führung einer tapferen Jungfrau, welche Blenda hieß, den Dänen entgegen, schlugen sie und befreiten das Land. Aber ach! Blenda's Geliebter, der Hauptmann der Feinde, fiel im Kampfe von ihrer Hand, und somit konnte sie dann als treue Braut nichts Anderes thun, als sich auf seiner Leiche selbst zu erstechen, um mit ihm in einem Grabe zu ruhen. 134 So lautet diese rührende Sage und darum nennen sich die Mädchen von Wärend noch heute Blenda's Schwestern. Darum haben sie auch heute noch die Sitte und das Recht, den Streitgürtel mit dem Messer darin zu tragen, und wenn das Vaterland in Gefahr geräth, sind sie berufen, zu den Waffen zu greifen und als Heldinnen auszuziehen, was sie jedoch zeither unterlassen haben. Ebba antwortete nichts auf die muthwilligen Scherze, welche die Erzählung ihres Bruders begleiteten. Sie ließ ihre Hand nachsinnend und lächelnd in das Wasser sinken, das den Bord des kleinen Kahnes umspielte. Nimm dich in Acht! rief Arwed, daß deine Hand nicht plötzlich von einem Raubfische weggeschnappt wird. Eher, sagte Ebba aufblickend, mag sie verloren gehen, ehe ein Mädchen aus Wärend sie einem Feinde seines Vaterlandes reicht. Ein Windstoß zog, als sie dies sagte, plötzlich über die Bucht hin und kräuselte das Wasser, das unruhig sich aushöhlte. Erich arbeitete aus aller Kraft, und das Schwanken des Kahnes reichte hin, um alle Aufmerksamkeit darauf zu richten; denn die Wellen fingen an zu schlagen, der breite Pajäne nahm eine düstere Färbung an. Alle Wetter! rief der Kammerherr, der alte Gaukler hatte also doch Recht mit seiner Warnung. Was fangen wir an? Erich ist nicht stark genug, um gegen den Sturm zu kämpfen. Erich gab darauf keine Antwort, aber seine Kraft verdoppelnd gewann der Kahn bald eine vorspringende Landspitze und den Schutz des Ufers, und endlich erreichte er wohlbehalten einen Landungsplatz, in dem Augenblicke, wo oben auf der Höhe Otho mit seiner Schwester erschien, die unter freudigem Rufen sich näherten. Unter Scherzen über den Spuk des Sees und über Erich's Stärke legten sie den kurzen Weg zurück, der zu dem Wohnhause der Geschwister führte, das nicht viel besser als ein großes Bauernhaus aussah und sich von diesem im Äußern nur dadurch unterschied, daß die Baumstämme, aus denen es erbaut war, noch eine Bekleidung von übereinander gelegten schmalen Brettern hatte, deren grauweißer Anstrich ihm besondere Sauberkeit verlieh. Rund umher lag ein großer Garten, mit Blumen, Obstbäumen und Gemüsepflanzungen 135 versehen. Feldstücke und Wiesenflächen dehnten sich dahinter aus und zogen bis zu waldbedeckten Bergen fort. Eine Anzahl Hütten stand näher und ferner unter weißleuchtenden Birken und auf den Rasengründen weidete zerstreutes buntgeflecktes Vieh, das sein Glockengebimmel hören ließ. Das Haus des finnischen Gutsherrn war geräumig und wohnlich, doch in seinen Einrichtungen sehr einfach. Die weißen Dielen mit Tannennadeln bestreut, die Wände, statt mit Tapeten bedeckt, mit Ölfarbe bestrichen, die Geräthe von dem festen Holz der nordischen Birke kunstlos gefertigt. Doch nicht in diesen niedrigen Stuben, sondern im Garten und im Schatten und Schutze des Hauses bewirthete Louisa ihre Gäste, wo die schönste Aussicht nach allen Seiten hin frei war. Das also ist Ihr Eigenthum, mein lieber Waimon, sagte der Kammerherr. Ein schöner Besitz, wenigstens dem Ansehen nach, und ziemlich bedeutend. Es ist nicht allzuviel, erwiederte der junge Mann; allein es genügt mir, um nach meinem Geschmack zu leben. Ich glaube nicht, daß Sie den Geschmack unseres Vetters theilen, fuhr Arwed fort; ich meine, Sie besitzen keinen Büchersaal zur Erholung. Meine Erholungen sind von anderem Schlag, antwortete Otho. Ich will Ihnen auf der Stelle zeigen, wie es damit steht. Er führte die Herren in ein Zimmer, an dessen einer Wand eine Anzahl verschiedenartiger Angelruthen, Fischspeere, Netze und Geräthe lagen und standen, wie sie zum Fischfange gebraucht werden, dann öffnete er einen Schrank an der anderen Seite, in welchem mehrere Gewehre, Büchsen und Pistolen hingen, endlich eine Thür, hinter welcher in der daranstoßenden Kammer verschiedene Sättel und reich beschlagenes Zaumzeug bewahrt wurde. Also Jäger, Fischer und Reiter, sagte Arwed, und Alles, wie ich überzeugt bin, in größter Vollkommenheit. Wie es sich für einen Mann paßt, der sein Leben zwischen Seen und Wäldern hinbringt, sagte Otho, und von frühster Jugend an darauf hingewiesen ward. Mein Gut hat wenig fruchtbaren Acker, 136 mein Vater schon trieb hier Viehzucht und Pferdezucht, verkaufte seine Thiere weit umher, handelte ein und stand mit den Kaufleuten in Verbindung, die nach Stockholm, nach Wiborg und Petersburg unser Fleisch und unsere Rosse schicken. Und solchen Handel treiben Sie ebenfalls? Otho bestätigte es. Seine großen Weiden begünstigten seine Unternehmungen, und ohne Rückhalt erzählte er, wie er seine Geschäfte betreibe, magere Thiere einkaufe und sie fett nach der Küste schicke, seine Pferde verhandle und die besten besitze, welche zu haben seien. Zur Bekräftigung führte er die Herren in seine Ställe und zeigte ihnen einige der schönsten Thiere, die von dem Kammerherrn sowohl, wie von Serbinoff sehr gelobt wurden. Serbinoff war ein Kenner, und was er von der Pferdezucht verschiedener Länder erzählte, von den Vorzügen der verschiedenen Racen und von seinen eigenen Gestüten, die er auf seinen Gütern im südlichen Rußland besaß, hatte großen Reiz für Otho. Die beiden jungen Männer, so verschieden sie auch waren, besaßen dennoch Ähnlichkeit genug, um eine Zuneigung zu empfinden, welche aus ihren verwandten Eigenschaften entsprang. Beide waren von großer schöner Gestalt, beide liebten männliche Übungen und besaßen ohne Zweifel Geschicklichkeit darin. Das feine gewandte Wesen des Grafen war doch zugleich ein offenes und freies, und aus seinen Mittheilungen erfuhr Otho, daß Serbinoff noch jetzt Capitain in der Reitergarde sei und als solcher den Feldzug von 1805 und die Schlacht bei Austerlitz, als Adjutant des Generals Buxthövden mitgemacht habe. Sein Vertrauen wuchs dadurch, weil seine Theilnahme sich vermehrte, und Serbinoff hatte sichtlich dasselbe Wohlgefallen an ihm. Noch ehe sie zurückkehrten, sprach sich dies in der Einladung Otho's aus, sobald der Graf es wollte, mit ihm einen Ritt durchs Land oder einen Jagdzug an den oberen Pajäne zu machen, wo dieser mit seinen Fortsetzungen in die Wildnisse von Savolax tritt, überhaupt aber recht oft nach Louisa zu kommen und seine Dienste in Anspruch zu nehmen, was Serbinoff mit Freundlichkeit und Dank annahm. Als sie dann wieder in den Garten traten, wo Erich mit den beiden jungen Mädchen zurückgeblieben war, sahen sie, daß die 137 Gesellschaft sich vermehrt hatte. Ein alter Herr stieg so eben von seinem Pferde, das so kräftig und breitbrustig war wie er selbst, und neben ihm sprang von einem kleinen muthigen Thiere ein junger Mensch, in dem sich der Jüngling noch mit dem Knaben stritt. Der alte Herr in seiner festen Haltung, seinem blauen zugeknöpften Rocke, dem dicken Zopfe, zu welchem sein Haar zusammengebunden war, und dem starkknochigen Gesicht sah unverkennbar soldatisch aus; der Knabe an seiner Seite in blonden Haaren, leicht gerötheten Wangen, leicht beweglich und elastisch, hätte einem Künstler zum Bilde eines Ganymed dienen können. Serbinoff sowohl wie der Kammerherr blickten mit Wohlgefallen hin, wie er anmuthig und behend, gleich einem geschickten Voltigeur, mit einem kecken Satze aus dem Sattel war und gleich darauf die kleine Louisa haschte und küßte, wie er in Erich's Arme flog und vor dem fremden Fräulein sich sittig verbeugte. Der alte Herr ging langsam hinter ihm her und stützte sich auf einen Stock, denn er hinkte; aber seine Stimme hatte keinen Schaden gelitten, sie schallte kräftig genug herüber, begleitet von seinem markigen Lachen, als Otho's Schwester ihm entgegenlief und beide Arme um seinen starken Körper schlang. Holla! rief der alte Herr, du Elf', du kleiner Nix, mein sonnig Mädchen, willst den alten Invaliden gefangen nehmen? Hast ihn schon erobert, er läuft dir nicht mehr fort. Und da ist ja der Gelehrte. Oho! Erich Randal! Er hat seine Bücher vergessen, der gelehrte Herr, um in einem schönern Buche zu lesen. Mit dieser artigen Wendung nahm er den dreieckigen abgeschabten Hut von seinem grauen Haar und begrüßte das fremde schwedische Fräulein. Es ist der Major Munk, sagte Otho, ein alter tapferer Soldat, der auf einem Gütchen, eine Stunde aufwärts am Pajäne, sein Invalidengehalt verzehrt. Mein Vater war sein Freund. In der Schlacht in der Wiborger Bucht sprengte er sich mit seiner Bombenschaluppe in die Luft, um nicht in die Hände der siegenden Russen zu fallen. Er wurde jedoch lebend und fast unbeschädigt gerettet und konnte die Schlacht im Svensksund, sechs Tage später schon wieder mitfechten, wo er jedoch übler fortkam; denn sein Bein wurde lahm geschossen. Der Knabe ist sein jüngster Sohn Magnus, ein 138 prächtiger Wildfang. Ich denke, der Major wird Ihnen gefallen, er ist ein sehr ehrenwerther gradherziger Mann. Sie waren während der Aufschlüsse in den Garten getreten, wo der alte Soldat ihnen die Hände schüttelte und freundliche Worte sagte. Ich bin von Lomnäs herübergekommen, begann er, weil ich gehört hatte, Sie seien endlich bei uns angelangt, und weil ich neugierig war, was uns Stockholm diesmal schickt. Sie müssen wissen, meine lieben Herren, fuhr er lachend fort, daß es ein altfinnisches Wort ist, aus Stockholm kommt nichts Gutes; doch sie machen es zu Schanden, und es ist mir eine wahre Freude, daß Sie dem Gelehrten da unter die Bücher gefahren sind. Oho! Erich Randal, jetzt heißt es ein finnländischer Freiherr sein, wenn eine schöne Cousine im Hause ist; aber der alte Invalide muß ihm Unterricht geben. Bei Odin's Bart, es ist kein Feuer mehr in der Jugend! Mit ritterlicher Galanterie reichte der alte Soldat dem Fräulein seinen Arm und führte sie zu dem Ehrensitze im Schatten des Hauses, wo sich Alle bald um die große Tafel vereinigten, auf welcher Louisa ihre Gäste mit duftigem Kaffee, schönen Früchten und dem schönsten Waizenkuchen bewirthete. Die Stunden verrannen während dieses fröhlichen Beisammenseins sehr schnell, denn jeder trug dazu bei, sie zu verkürzen, und bald gab das heitere Geplauder zwischen Louisa und Magnus, in welches sich Serbinoff und Ebba mischten, Gelegenheit zu Scherz und Lachen, bald wieder wurden ernstere Gespräche zwischen den Herren angeknüpft, welche auf Landesverhältnisse und Zustände und auf die großen Weltbegebenheiten Bezug hatten, die damals so gewaltige Erschütterungen bewirkten. Otho sorgte dann dafür, daß es seinen Gästen an süßem feurigen Punsch und Grogg, diesen im Norden so allgemein beliebten Getränken, nicht fehlte und auf die Mitte des Tisches stellte er eine blanke Schaale, gefüllt mit fein geschnittenem Tabak, sammt weißen kurzen Tonpfeifen, die unter dem Namen »holländische Pfeifen« in ganz Europa geschätzt und verbreitet waren. Der Major war auch gleich dabei sich in dichte Wolken zu hüllen, nachdem er vorher das Kraut mit Kennerblicken untersucht und, wie er bemerkte, sich überzeugt hatte, daß es nicht von Erich Randal's Gewächs sei. 139 Sie wissen doch, sagte er mit einem schelmischen Blitzen seiner grauen Augen, daß der Gelehrte da ein Tausendkünstler ist, der alle mögliche Kunststücke versucht. Bald glaubt er, daß aus unsern Wiesen und Seen Eisen gewonnen werden kann, genug, um gewaltige Schmelzöfen anzulegen und Dannemora's Gruben die Spitze zu bieten, bald hat er Marmorbrüche entdeckt, die Italiens Marmor überflüssig machen, und dann wieder bringt er neue Pflanzen zum Vorschein, Früchte aller Art, Bäume, wie sie nur in Deutschland fortkommen; endlich aber hat er auch sogar Amerika den Rang abgelaufen, denn er hat unser glückliches Finnland mit Tabak beschenkt, wie dieser, seiner Meinung nach, in Virginien und Cuba nicht besser zu finden ist. Gott bewahre aber jeden Christenmenschen vor seiner Freigebigkeit! rief er herzlich lachend, denn ein schrecklicheres Gewächs hat der gute finnische Boden noch niemals aufwachsen lassen. Es ist Verleumdung! erwiederte Otho zum Schutze seines Freundes, auf dessen Kosten gelacht wurde. Vielen Leuten schmeckt Erich's Tabak vortrefflich, in manchen Gärten wird er gepflanzt und ich weiß einen gewissen Major, der es ganz heimlich eben so gemacht hat. Ja, Ihr Beide, sagte der Invalide drohend, Ihr, die Ihr so unähnlich seid wie Milch und Blut oder wie Feuer und Wasser, paßt dennoch zusammen wie der Stahl zum Stein. Der übermüthige Bursche hier, der das wildeste Wetter nicht scheut und ohne Noth kein Buch in die Hand nimmt, preist und rühmt Alles, was der Gelehrte da ausheckt, als stamme es von Gott Vater selbst her. Was er ausheckt, erwiederte Otho, ist immer noch etwas gewesen, das gut war und Ehre brachte und dabei hat er nicht allein seinen gesunden Kopf, sondern auch gesunde Füße behalten. Wart', du Bösewicht! schrie der Major, willst du mir mein lahmes Bein vorwerfen? Gewiß nicht, sagte Otho, ich meine nur, es bringt nicht allein Ehre, für seinen König sich lahm schießen zu lassen, sondern auch Ehre, für sein Volk Rüben zu bauen und Tabak zu pflanzen, dabei aber immer munter auf den Füßen zu sein. Major Munk sah mit einem grämlichen Blick auf seinen zerschossenen Fuß und sagte dann lebhaft: Ich würde es dennoch wieder 140 thun, wenn das Vaterland in Gefahr geriethe und Ihr, die Ihr darüber lacht, Ihr würdet es eben so machen. Das Herz kehrt sich mir um, wenn ich höre, wie es jetzt zugeht. Wie die deutsche Provinz verloren gegangen ist und die Franzosen in Stralsund sitzen. Geben Sie sich zufrieden, spottete der Kammerherr, allem Anschein nach werden sie dort nicht sitzen bleiben. Denn sobald die Engländer das Meer räumen, wozu sie so eben Anstalt treffen, nachdem sie die dänische Flotte genommen haben, werden die achtzigtausend Franzosen leicht auf die dänischen Inseln übersetzen und wenn der Winter den Sund mit Eis bedeckt, eben so leicht in Schweden einen Besuch machen. Da wird man sie empfangen, wie es sich gehört! rief der Major. Wie ich glaube, mit offenen Armen, als längst erwartete Freunde, lachte Arwed. In Stockholm ist man ganz entzückt von dem Gedanken französischen Besuch zu bekommen. Schämt Euch! sagte der alte Soldat, schämt Euch! Ein Feind in Schweden und wenn es die himmlischen Heerschaaren wären und Gott Vater selbst commandirte sie in eigener Person, kann von schwedischen Männern nimmer mit offenen Armen empfangen werden. Man meint in Stockholm, die Franzosen seien niemals des schwedischen Volkes Feinde gewesen, antwortete der Kammerherr. Seit den ältesten Zeiten waren sie Schwedens Bundesgenossen. Der König, sagt man, führt Krieg mit ihnen, so auch einige seiner Generale und Günstlinge, Männer wie Toll und Armfeld, sammt einem paar Dutzend anderer guten Leute; das gesammte Volk dagegen sei voller Widerwillen gegen diese Feindschaft. Das ist ein spitzfindiger Unterschied! schrie der alte Soldat. Mit wem mein König Krieg führt, der ist des Volkes und Landes Feind, und wenn es auch anders gewünscht werden möchte, Gott besser's! so hilft es doch Alles nichts. Es ist und bleibt der Feind; dringt er in's Land, so muß er geschlagen werden, so lange ein Arm aushält. Wenn das möglich wäre, antwortete der Kammerherr, so bliebe es freilich das Beste; allein übermächtige Feinde muß man sich nicht auf den Hals ziehen und das Land nicht durch solche Kriege in Noth und Schaden bringen. Wo war ein Grund dazu, – so raisonnirt man in Stockholm – um mit Frankreich in Krieg zu gerathen? Wo 141 war die Macht, es mit Erfolg zu können, und wo war der Geist und die Feldherrnkunst, welche dazu gehören? Haß gegen den großen Mann, der an der Spitze Frankreichs steht, sagt man, hat den König dazu verleitet. Er allein wollte ihn nicht als Kaiser anerkennen, als ganz Deutschland nichts dagegen zu sagen wagte. Beinah zwei Jahre lang verließ er Schweden, um in Deutschland am Rhein zu leben und die deutschen Fürsten gegen Napoleon zu verbünden. In unserm Vaterlande wurden inzwischen die letzten Reste alter Freiheit unterdrückt, während er Pläne schmiedete, wie Frankreich wieder unter die Herrschaft der Bourbons zurückgebracht werden könnte. Wie es ihm dabei erging, haben wir genugsam erfahren. Leider hatte Niemand eine größere Meinung von seiner Macht, als er selbst, darum wurde Manches schlimm, was er gut machen wollte. So schickte er seinen Adjutanten nach Paris, um Napoleon zu befehlen, den Herzog von Enghien frei zu lassen, aus Furcht vor dem Zorn des Schwedenkönigs, aber der unglückliche Herzog wurde darum nur um so schneller erschossen. Der Moniteur machte ihn für seinen Franzosenhaß endlich öffentlich lächerlich, damit kam er nach Schweden zurück und wurde mit den bittersten Spöttereien empfangen. – Statt aber davor zu erschrecken, danach zu fragen, was durch des Volkes Mund Gottes Stimme sei, zog er nach Pommern in den Krieg, den das Volk verfluchte, und wie wurde dieser Krieg geführt? – so jammervoll unfähig und unwürdig, daß der Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte. England, das überall dem großen Napoleon Feinde aufstachelt und sie mit seinem Golde bezahlt, hat auch den kleinen König von Schweden bestmöglichst benutzt und gibt ihm dafür jährlich einige hunderttausend Pfund, die Gott weiß wo bleiben. So steht es, Major Munk, das hört man auf allen Gassen, und wo ist bei dem Starrsinn des Königs auf Änderung zu hoffen, da er auf nichts hören will, als auf seinen Willen. Der Major stützte sich nachdenkend und betrübt auf seinen Krückstock. Hat er denn keine treue Männer, die es redlich mit ihm meinen? fragte er. Die Männer, mit denen er sich umringt, sind mit wenigen Ausnahmen die unfähigsten, die es geben kann, so wird behauptet, oder 142 es sind Günstlinge und Höflinge, welche Alles gut heißen, was der Herr befiehlt, oder endlich solche, die ihn noch mehr antreiben. Man darf nur die Namen Zibet, Ugglas, Wachtmeister, Rosenblad oder Toll aussprechen, um in ganz Schweden Spott und Verwünschungen zu hören. Die fähigsten Männer haben sich zurückgezogen, um nicht mehr zu sehen, was sie doch nicht ändern können. Mit Unrecht, sagte der Major. Der Adel hat zwar viele Ursach, um dem Könige zu zürnen, wo es aber so steht, wie jetzt in Schweden, ist es dennoch seine Pflicht dem Lande zu helfen, wie er kann. Da ist keine Hilfe möglich, erwiederte der Kammerherr. Manche, die ihre Dienste angeboten haben, sind zurückgewiesen worden und wer sich nicht in alle Launen und Gebote des Königs schicken kann, ist überhaupt unmöglich. Sind Sie denn nicht auch in des Königs Diensten? fragte Munk. Ich gehöre ebenfalls zu den Unmöglichen, sagte Arwed Bungen lächelnd. Mein Vater, das ist bekannt genug, war einer der treusten Diener Gustav des Dritten, bis an sein Lebensende. Ich habe bei seinem königlichen Sohne weniger Glück gehabt. Im auswärtigen Amte, wo ich eine Zeit lang arbeitete, bin ich überflüssig geworden und in die Nähe Seiner Majestät gelange ich ebenfalls nicht mehr, da ich nicht genug bewandert in der Bibel bin, um die Auslegungen der Offenbarungen Johannis zu begreifen. Was soll es denn aber werden? fragte der alte Soldat. Was will der König jetzt beginnen? Irgend eine neue Thorheit, meinen die Leute in Stockholm, antwortete der Kammerherr. Es gibt keine, die er nicht fertig brächte. Ein Blick voll Unwillen drang unter den grauen Wimpern des Majors hervor. Es ist jammervoll, daß es dahin kommen kann, sagte er, wie mit sich selbst sprechend. Auch sein Vater hat Gewalt und Unrecht begangen und hat es auf ihn vererbt; dennoch war er ein anderer Mann. Sein Vater war ein kluger Mann, sagte der Kammerherr. Ein ritterlicher König, dem Sie ja auch gedient haben, Major. 143 Der Invalide antwortete nicht, er ließ seine Pfeife so gewaltig dampfen, daß er wie in Wolken saß. – Nun, fuhr Arwed fort, vielleicht kommt uns das Heil bald von einer andern Seite. Sie wissen doch, daß Kaiser Alexander mit dem großen Napoleon Frieden und Freundschaft geschlossen hat. Es unterliegt auch keinem Zweifel mehr, daß Rußland nächstens mit England offen brechen wird, um sich ganz auf Seite der Franzosen zu stellen. Die Engländer haben ihre Barbarei so weit getrieben, Kopenhagen zu verbrennen und die dänische Flotte zu rauben. In Stockholm herrscht die größte Entrüstung darüber, denn so wenig wir auch die Dänen lieben, ist es doch empörend wie dies hochmüthige brittische Krämervolk keine Gewalt scheut, um alle Meere zu beherrschen und alle Völker zu unterjochen. Kaiser Alexander kann auf keinen Fall länger zusehen, wie Dänemark behandelt wird und wie die englischen Flotten und Heere die Ostsee als ihr Eigenthum betrachten. In Stockholm wollte man daher wissen, daß vor wenigen Tagen der König einen Brief seines Schwagers, des Kaisers Alexander, erhalten hat, der ihn dringend einladet, das englische Bündniß aufzugeben, mit Frankreich Frieden zu schließen und gemeinsam mit Rußland und Dänemark, kraft der noch bestehenden Verträge über die nordische Union, die Ostsee von dem englischen Übermuth zu befreien. Aber der König will nicht, sagte der Major. Ich weiß es nicht, versetzte der Kammerherr, allerdings besorgt man, daß bei dem starrsinnigen Hasse des Königs gegen Napoleon und die Franzosen die eindringlichsten Vorstellungen nichts fruchten werden. Nun, Gott helfe ihm, daß er dabei bleibt! rief der alte Soldat, ich will's von ganzem Herzen hoffen. Es thut nichts, wenn Sie anderer Meinung sind, Baron Bungen, fuhr er fort, indem er den Kammerherrn anblickte, ich will Ihnen sagen, warum ich meine Meinung habe. Es ist noch nie etwas Gutes aus Rußland und Dänemark für uns gekommen und wird auch niemals geschehen. Darum sollte ich meinen, es könnte keinen Schweden geben, der von dort her Heil für sein Vaterland erwarten kann. 144 Baron Arwed hätte diese herbe Äußerung wahrscheinlich durch eine Spötterei vergolten, die schon in seinem Gesicht zu lesen war, es mochte ihm jedoch nicht unlieb sein, daß er nicht dazu gelangte, denn Serbinoff näherte sich mit Louisa und Otho und der Sohn des Majors eilte ihnen voran in das Haus und kehrte gleich darauf mit einem Instrument zurück, das Form und Ansehen einer kleinen Harfe hatte. Louisa wird uns einen Gesang zum Besten geben, sagte Otho, Graf Serbinoff besteht darauf, und ich sagte Ihnen schon, Cousine Ebba, daß sie einige alte Lieder weiß, die aus der Heidenzeit sich fortgeerbt haben. Singe uns das Lied von Lully, deinem tapfern Ahnherrn, mein Schwesterchen, und von der Mütze des Bischofs Heinrich. Louisa nahm die Harfe in ihre Hand und ihre feinen Finger flogen über die Saiten. Sanft klingende und verhallende Töne begleiteten ihre liebliche weiche Stimme, allein es war nicht der altfinnische Volksgesang, den ihr Bruder gefordert hatte, sondern nach den ersten Accorden neigte sie sich grüßend und lächelnd und begann in schwedischer Sprache ein Lied, dem alle ihre Gäste beifällig horchten. Sie sang, wie hier aufgeschrieben steht: Seid willkommen! seid willkommen! Am Pajäne ist es schön. Wo die blauen Wellen schlagen, Wo aus Wald die Felsen ragen, Zum Pajäne müßt ihr gehn. Seid willkommen! seid willkommen! Am Pajäne steht mein Haus. Tretet ein, ihr lieben Gäste, Nehmt, wir geben euch das Beste, Scherz und Lust, Gesang und Schmaus. Seid willkommen! seid willkommen! Am Pajäne wohnt das Glück. Nimmer mögt ihr von uns scheiden, Laßt die Welt mit ihren Freuden, Zum Pajäne kehrt zurück. 145 Herrlich, mein Mädchen, herrlich! einen wackern Sang hast du für unsere Freunde gemacht, rief Otho, als seine Schwester die Harfe sinken ließ, Ebba's Hände drückte und sich an sie schmiegte, daß das Fräulein mit innigen Blicken sie küßte. Und Dank, fiel Arwed ein, unseren wärmsten und lebhaftesten Dank der lieblichen Sängerin für ihre Einladung in dies gastliche Haus. Wird der Fremdling auch immer darin willkommen sein? fügte Serbinoff hinzu, indem er sich lächelnd zu ihr neigte. Louisa heftete ihre leuchtenden Augen auf den schönen, großen Mann. Machen Sie den Versuch, sagte sie, ich fürchte nur, daß wir den vornehmen Herren aus der großen Welt zu wenig zu bieten haben. Meine Schwester hat wohl Recht, meinte Otho, unsere Herrlichkeiten sind bald erschöpft, das soll uns jedoch nicht abhalten, uns zu bemühen, so viel zu geben als wir vermögen. Freilich, fuhr er neckend fort, indem seine Augen Ebba suchten, wir sind unbehilfliche Barbaren, und unser armseliges Land voll Wälder, Seen und Sümpfe läßt sich nicht mit andern schöneren vergleichen. Aber wir wollen doch fröhlich sein, nach finnischer Art. Lieder singen und Blumen winden versteht Louisa, und wer mit mir zu Pferde steigen und ein Gewehr in die Hand nehmen will, die Angel oder den Fischerspeer, und am Abend ein volles Glas, der soll von Allem das Beste haben, das ich besitze. Diese Aufforderung fand von allen Seiten Dank und Antwort. Wer nicht mit uns jagen, lachen und trinken will! rief Lindström, der kann mit Erich in Halljala studiren. Oder mit Ebba in Arkadien leben, fügte der Kammerherr hinzu. Doch weder Ebba noch Erich befanden sich nahe genug, um dies zu hören. Sie waren den Gartenweg hinabgegangen, und betrachteten von einer freien Stelle aus den abendlichen Himmel, der ein anziehendes Schauspiel bot. Er schien den friedlichen und glücklichen Verheißungen zu verspotten, welche Louisa's Gesang füllten, denn wie Kriegs- und Feuersgluthen loderte es im Westen und verbreitete sich weit über das Firmament. Ein ungeheurer Brand schien Halljala in 146 Flammen zu setzen; Felder und Wälder hüllten sich in funkelnde Gewänder und die Wasser des großen Sees schienen Blut geworden. – Lange schaute Ebba in diese wunderbare und schreckende Pracht, bis sie endlich leise vor sich hin sagte: Ist das der Friede, der uns hier erwartet? Verkündigt sich so das Glück, das am Pajäne für uns blüht? Der Friede, der uns Glück gibt, wohnt in uns, antwortete Erich's Stimme neben ihr. – Sie blickte in seine klaren Augen, die mit tröstender Macht sie anschauten; lächelnd und beruhigt reichte sie ihm ihre Hand. Sechstes Kapitel. Einige Tage lang war das Wetter stürmisch und regnerisch, so daß Erich Randal's Gäste sich wenig außerhalb des Schlosses zeigen konnten. Nur Serbinoff und Lindström ließen sich nicht abhalten, die Geschwister in Louisa aufzusuchen, der Kammerherr aber schrieb inzwischen abwechselnd Briefe, oder er saß vor dem großen Kamin in der Halle und starrte in die lodernden Flammen, dachte über seine Pläne und Absichten nach und horchte zuweilen mit einem halb lauernden, halb pfiffigen Lächeln nach dem Büchersaale hin, aus welchem Erich's und Ebba's Stimmen sich hören ließen. Ebba Bungen hatte mehr gelernt, als die meisten jungen Damen ihres Standes. Die Zeiten der Königin Christine waren zwar vorüber, wo Gelehrsamkeit eine Modesache am schwedischen Hofe geworden war, und die Hofdamen sich lateinisch unterhielten; Ebba's Kenntnisse beschränkten sich darauf, daß sie französisch und englisch verstand, auch ein wenig zeichnete und mancherlei Dichterwerke gelesen hatte. Die Vorzüge eines guten Gedächtnisses wurden bei ihr von den Vorzügen einer gebildeten Urtheilskraft und einer regen Phantasie überragt, wodurch sie mit großer Lebendigkeit Alles zu ergreifen und sich anzueignen verstand. Während es draußen regnete, saß sie bei Erich und 147 durchblätterte mit ihm seine Bücher, stritt mit ihm über die Größe der Dichter, tadelte seine Vorliebe für Shakespeare, spottete über seine Bewunderung der deutschen Poeten, und behauptete mit patriotischer Standhaftigkeit, daß nichts in der ganzen Welt sich mit Dalin, mit Kelgrén und mit Bellmann vergleichen lasse. Das sind die Folgen, sagte Ebba endlich, wenn man sich um sein Vaterland nicht bekümmert und so wenig Antheil an dessen Schicksale und Ereignisse nimmt. Ich will wetten, Vetter Erich, Sie wissen nicht einmal, daß unsere junge Poeten so eben in Upsala einen Sängerbund gestiftet haben, und daß der junge Atterbom diesen gegründet hat? Ich weiß in der That nichts davon, versetzte er. Und Sie wissen auch nicht, daß Esaias Tegnér den ersten Preis in Gothenburg mit seinem Liederkranz gewonnen hat? Das weiß ich wirklich ebenfalls nicht, sagte er lächelnd. Und was wissen Sie denn von dem Schatz unserer alten Volkslieder und Sagen? Sehr wenig, liebe Muhme Ebba. Ein schönes Bekenntniß! rief sie aus. Mit den Deutschen, den Italienern, den Engländern und Franzosen ist der sehr gelehrte Herr vertrauter, als mit den Dichtern und Schriftstellern seines eigenen Volkes und Landes. Es kommt daher, erwiederte der Freiherr, weil wir in Finnland viele eigene Sagen und Lieder haben und weil die westlichen großen Nationen uns, wie in vielen Dingen, so auch in der Dichtkunst voraus sind. Das sollen Sie nicht sagen, Vetter Erich! rief sie strafend. Niemand ist uns voraus, und selbst wenn es so wäre, dürfen wir es nicht zugeben. Ich sehe wohl, fuhr sie dann fort, daß ich dazu beitragen muß, Ihren Stolz auf das schwedische Vaterland lebendiger zu machen, und das will ich thun, sobald ich in meinem Eigenthum wohne. Kommen Sie dann zu mir, so wollen wir lesen und streiten, bis ich Sie überzeugt habe. Ich werde Ihnen Vieles gern glauben, liebe Muhme Ebba, erwiederte er. 148 Alles sollen Sie mir glauben, sagte sie. Ich werde nicht eher aufhören, bis Sie ganz gläubig geworden sind. O! antwortete er mit seiner wohlklingenden, weichen Stimme, ich fühle schon jetzt eine Anwandlung dazu. Baron Arwed bog sich zurück. Er konnte bemerken, daß Erich seine Hand auf die Hand seiner Schwester gelegt hatte, welche er an seine Lippen zog, und leise nickte er vor sich hin, als sie im fröhlichen Ton fortfuhr: Ihre Anwandlungen, Vetter Erich, nehme ich dankbar, als von guter Vorbedeutung und auf Abschlag an. Glauben Sie, daß das böse Wetter anhalten wird? In dieser Jahreszeit pflegt es zuweilen lange anzuhalten. So wollen wir die Anwandelungen möglichst gut benutzen, sagte Ebba, und uns darin stärken, indem wir recht viel beisammen bleiben. Der Büchersaal wird uns die beste Gelegenheit geben, und wenn Sie Ihre Freundin mit seinen Schätzen bekannt machen wollen, wird sie gern Ihre dankbare Schülerin werden. Es wird mir große Freude machen, wenn Sie mir erlauben, recht viel bei Ihnen zu sein, antwortete er. Bestimmen Sie, liebe Muhme, womit wir unsere gemeinsamen Studien beginnen wollen. Ebba machte ihm den Vorschlag, mit ihr Hume's englische Geschichte zu lesen, welche sie früher schon einmal angefangen hatte. Er war bereit dazu, aber er wandte ein, lieber einige der besten Dichterwerke zu wählen. Bleiben wir bei Hume, erwiederte sie, ich liebe die englische Geschichte, weil diese so manche Ähnlichkeit mit der schwedischen bietet. Freiheitsliebende Männer treten darin zahlreich auf, welche mit Gut und Blut sich der Tyrannei widersetzen und nicht verzagen, sich nicht in einen fernen stillen Winkel zurückziehen, wenn ihre Rechte und die Rechte ihres Volkes bedroht werden. Lassen Sie uns die Abschnitte über die Geschichte der Stuart's lesen, Vetter Erich. So phantasielos trocken dieser Geschichtschreiber auch ist, so wunderbar ergreifend sind doch seine scharfen Urtheile und seine Schilderungen einzelner berühmter Männer, welche so furchtlos herrlich von ihm aufgefaßt und dargestellt werden. 149 Es ist ein sehr düsteres, blutiges Gemälde, antwortete Erich, gefüllt mit allen Gräuelthaten des politischen und religiösen Fanatismus. Aber was war das Ende! fiel Ebba ein. Das Volk verjagte seine Peiniger und befestigte seine Rechte. Mit Hilfe eines fremden Prinzen, der seinen nahen Verwandten plötzlich überfiel, nachdem er durch allerlei Künste ihn bis zum letzten Augenblick getäuscht hatte. Für Recht und Freiheit, rief das Fräulein, mag auch ein fremder Fürst einem unterdrückten Volke willkommen sein. Doch dieser Prinz verließ England nicht wieder, er wurde König darin, fuhr Erich fort. Im Übrigen haben Sie Recht, Muhme Ebba. England entschlüpfte der Tyrannei der Stuart's nur dadurch, daß der staatskluge Statthalter von Holland sich des bedrängten protestantischen Volkes annahm. Hätte er dies nicht gethan, so würde mit Hilfe der Soldaten und Beamten England ganz demselben Absolutismus verfallen sein, den Ludwig des Vierzehnten Beispiel über den größten Theil Europa's brachte. Lassen Sie uns also sehen, was der Skeptiker Hume darüber sagt. Ich für meinen Theil glaube jedoch, daß es in England mit der Freiheit des Volkes noch immer sehr mißlich aussieht, und auch überall damit so lange übel bestellt sein wird, bis es gelingt, die Menschen überhaupt menschlich besser und geistig freier zu machen. Ich habe es! flüsterte der Kammerherr vor sich hin, als sie im Büchersaal an zu lesen fingen. Er hat mir auf den rechten Weg geholfen. So geht es, auf diese Weise läßt es sich machen. Lange Zeit überließ er sich seinem Nachsinnen, endlich aber wurde er durch die Vorstellungen, welche ihn überkamen, so erfreut, daß er in den Büchersaal ging, an der Unterhaltung und Beschäftigung Theil nahm und ungemein liebenswürdig und fröhlich war. Am Abend, als er mit seiner Schwester sich allein befand, da Erich seine Hausgeschäfte abthat, nahm er die Stunde wahr, um ihr vertrauliche Mittheilungen zu machen. Nun, sagte er nach der passenden Einleitung, wir sind zwar erst kurze Zeit hier, doch immer schon lange genug, um uns auf ein Urtheil einzulassen. Wie bist du zufrieden, Ebba? 150 Sehr gut, erwiederte sie. Das heißt kurz und bündig geantwortet. Wie gefällt dir Erich? Mehr als ich dachte. Das klingt delphisch orakelhaft. Wir wollen keine Umschweife machen, Ebba. Mir ist etwas gewiß geworden. Was ist dir gewiß geworden? Etwas, das ich so eben auch in deinen Augen lese, kaum also noch zu sagen brauche, obwohl ich es thun will. Er beugte sich zu ihr hin und sagte leise: Es wird wenige Zeit hingehen, so wird Erich Randal dich fragen, ob du immer in Finnland oder bestimmter gesagt in Halljala wohnen möchtest. Das Fräulein schwieg einige Augenblicke. Wenn er fragt, werde ich ihm Antwort geben, sagte sie dann. Das heißt, ich soll erwarten, bis es geschieht, erwiederte der Kammerherr, und im Ganzen genommen ist das sehr vernünftig; indeß will ich dir einige Andeutungen geben. Das sonderbare Geschenk, das dir hier gemacht wurde, ist, wie ich jetzt klar einsehe, nicht ohne Absicht dargebracht. Es hat dir Gelegenheit geben sollen, dich nach Halljala zu bringen, da Erich schwerlich nach Stockholm gekommen wäre, um deine Bekanntschaft zu machen. Der alte Randal hatte in seinem Herzen immer noch einen Funken Jugendliebe aufbewahrt, und da unsere Mutter seine Neigung unbelohnt ließ, hat er mit einer gewissen Schwärmerei in grauen Haaren den Gedanken genährt, ihre Tochter möge einst seinen Sohn dafür besser belohnen. Sprich mit Ernst und Achtung von ihr und von ihm, Arwed, sagte das Fräulein. Mit aller möglichen Achtung, fuhr ihr Bruder in demselben spöttelnden Ton fort; warum sollte ich es auch nicht? Wir sitzen in seiner Halle, wo er wahrscheinlich oft seinen Eingebungen nachhing, und ich habe nichts dagegen, wenn sie sich erfüllen, im Fall du selbst nichts dagegen hast. Als er keine Antwort erhielt, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort: Erich's Vermögen ist, trotz aller seiner Sonderbarkeiten, immer noch kein geringes; seine Familie gehört zu den ältesten und besten, er ist der letzte Zweig eines großen Stammes. Körperlich besitzt er zwar 151 keine besonderen Vorzüge; allein wenn eine kluge feine Frau aus dem Bauern einen Freiherrn macht, wenn sie die Verirrungen ihm austreibt, wird auch seine geistige Befähigung ihr Ersatz dafür bieten. Wir befinden uns in Zeiten und Verhältnissen, wo ein Mann wie Randal, dem so bedeutender Grundbesitz gehört und dem das Volk umher anhängt, eine Rolle in der Welt spielen kann. Es wird so nicht bleiben, wie es jetzt ist. Ereignisse werden kommen, müssen kommen, die Schweden von Grund aus erschüttern, und dabei kann man nicht im Winkel sitzen und Bäume pflanzen oder Steine sammeln. Was sind es für Ereignisse, die du kommen siehst? fragte das Fräulein. Davon laß uns für jetzt noch schweigen, antwortete er. Wer kann wissen, wie weit die Thorheiten dieses Königs ihn und uns noch bringen. Erich hat sehr edle Eigenschaften. Er ist großmüthig, doch schwach und ohne Ehrgeiz. Über einen solchen weichen und furchtsamen Charakter kann eine Frau mit kühnem und lebhaftem Geist große Gewalt erlangen, und ich müßte mich sehr irren, fügte er lächelnd hinzu, wenn du nicht auf dem besten Wege dazu wärest. Lies und studire mit ihm, rege seinen Verstand und seine Phantasie auf, führe einige Zeit, wenn du willst, ein Schäferleben mit ihm auf dem Liebeseiland dort im See und erfülle endlich, was sein Vater vorbereitete, im Fall du es kannst; aber, Ebba, sieh dich vor. Du bist keine Frau, die in diesem fernen Winkel der Erde, in diesem alten Hause, wo Hompus Randal's Geist umherwandelt, leben und sterben kann. Mache dir keine phantastischen Illusionen. Du wirst es nicht thun, denn du bist zu klug dazu. Warum, erwiederte sie, in die Flammen des Kamins schauend, sollte ich hier nicht leben können? Scherze nicht, sagte er, ich weiß, daß du es nicht kannst und nicht willst. Wie du dich nicht erniedrigen wirst, keinen gemeinen Menschen, keinen Bauern lieben wirst, so wirst du auch nicht mit einem solchen in Dunkelheit und Vergessenheit leben. Du bist für die ersten Kreise des Landes erzogen und gehörst ihnen an. Ist dein Vermögen auch nicht bedeutend, so wird deine Zukunft doch immer eine 152 glänzende sein; denn du wirst deine Wahl darnach treffen können. Serbinoff – Er murmelte den Namen zwischen seinen Lippen und schwieg still, als seine Schwester ihm einen schnellen stolzen Blick zuwarf. Der Kammerherr horchte nach der Thür hin und fuhr dann fort: Ein paar Worte nur noch, da wir Zeit haben. Ich habe über Serbinoff nichts zu sagen, was du nicht wüßtest; aber ich bin überzeugt, daß es nur von dir abhängt, ob du Stockholm mit Petersburg vertauschen willst. Was sagst du dazu? Nichts, erwiederte sie. Nichts? lächelte er. Dein Herz wäre also bis jetzt ganz unbetheiligt, ganz frei geblieben? Es ist wenigstens mein freies Eigenthum. Ganz recht, sagte er; aber Niemand darf sein Eigenthum verschwenden, Jeder muß es vielmehr so nützlich wie möglich anlegen. – Wir wollen in einiger Zeit weiter darüber sprechen, Ebba, jetzt nur soviel: Sieh zu, ob der Schloßherr von Halljala deiner würdig ist. Ist es der Fall, will ich mit Freuden ihn umarmen; wenn aber nicht, fügte er ihr in's Ohr flüsternd hinzu, so bleibt dir eine andere bessere Wahl. Er konnte in dem Gesicht seiner Schwester keine Antwort lesen, obwohl er sie mit diplomatischer Kunst beobachtete; aber er sah mit geheimer Genugthuung, daß von dieser Zeit an Ebba's Freundlichkeit und Zutraulichkeit zu Erich sich verdoppelte, und während der nächsten Tage, die an Unfreundlichkeit dem ersten wenig nachgaben, ließ er sie so viel als möglich allein mit ihm, um ihre vertrauliche Annäherung nicht zu stören. Und dies Beisammenleben hatte Zeit, sich fester zu gestalten, denn Serbinoff und Lindström kehrten so schnell nicht zurück. Otho hatte sie in seinem Hause festgehalten, und erst als das Wetter sich besserte, fanden sie sich wieder ein, begleitet von den Geschwistern und einem Gefolge anderer Freuden, als die, welche der Büchersaal bisher gegeben hatte. Die Halle des alten Schlosses klang jetzt von fröhlichem Gelächter und lustigen Einfällen, der alte Major Munk kam mit seinem Sohne sammt einigen Gästen aus der Nähe; so daß die Diener des Hauses, erstaunt über die ungewohnte 153 Geselligkeit, sich ihre Vermuthungen mittheilten, welche mit dem schönen Fräulein aus Stockholm und ihrem jungen Herrn in naher Verbindung standen. Es ist richtig, sagte der alte Olaf in der Küche zu der Haushälterin Ulla. Zu Odin will ich gehen, wenn's nicht wahr ist! Zu Odin will ich gehen, heißt in Finnland so viel, als in anderen Ländern: der Böse soll mich holen, und ist eine der landesüblichen kräftigen Betheuerungen. Die Haushälterin stemmte daher den Arm in die Seite, sah den alten Diener boshaft an und antwortete: Wenn Odin dich wollte, hätte er dich längst; aber was soll wahr sein? Eh, sagte Olaf grinsend, wahr soll sein, daß der erste Schnee vielleicht noch nicht gefallen sein wird, so wirst du ganze Schüsseln Weizenkuchen mit Honig backen, und es werden nicht Bratspieße genug in deiner Küche sein und nicht Feuer genug auf dem Herde, um all die Braten fertig zu machen, die Erich Randal, Gott segne ihn! von dir verlangen wird, Ulla. Meinst du wirklich, fragte die stämmige Frau, daß es mit ihm und mit dem schwedischen Fräulein dahin kommen wird? Und als Olaf mit geheimnißvoller Miene ihr zuwinkte, fügte sie hinzu: Stolz und schön genug sieht sie aus, um in Schloß Halljala zu befehlen, wonach sich manche Dame schon vergebens gesehnt hat; aber wenn es eine Finnländerin wäre, wäre es doch besser. Es ist aus Stockholm noch nie viel Gutes nach Finnland gekommen. Das Sprichwort war allgemein genug, und der Anklang blieb nicht aus; denn die Hausleute, welche sich neugierig umherstellten und horchten, gaben beistimmende Zeichen. Allerlei Zweifel mischten sich ein und allerlei Urtheile wurden gefällt, die jedoch ziemlich einstimmig günstig für das Fräulein lauteten, deren Glück übermäßig gepriesen wurde. Denn ein höheres Glück als das, welches Ebba nachgesagt wurde, schien den Dienern Erich Randal's nicht denkbar. Wenn aber das schwedische Fräulein auch mit Hilfe ihrer Freundlichkeit und Schönheit so ziemlich Gnade in den Augen der Dienerschaft des Freiherrn fand, so ging es ihren Begleitern keineswegs eben so gut. Mit finnischer Freimüthigkeit und finnischer Spottlust 154 machten sie sich über den Kammerherrn her, der in seiner herrischen Weise ihr Wohlwollen nicht besonders erworben hatte; der russische Graf aber war ihnen, schon weil er ein Russe war, Gegenstand tiefer Abneigung, wenn sie auch eingestehen mußten, daß er wie ein Hirsch auf seinen Beinen sei und wie ein Luchs biegsam und gelenkig umherspringe. Weit größeres Lob und allgemeine Zustimmung wurde dann dem jungen Seeoffizier zu Theil. Das sei Einer, meinten die hübschen Mädchen mit den langen blonden Flechten und rothen Bändern, der das Herz auf dem rechten Flecke habe und die Zunge wie ein Wiesel zu gebrauchen wisse. Der thue nicht, als sei er vom Himmel gefallen, und nur dazu da, daß andere gute Leute sich vor ihm bücken und seine Hände küssen sollten. Der lache und scherze mit Jedem, wisse Jedem Etwas zu sagen oder zu fragen, wobei man lachen und freundlich sein müsse, und fluchen könne er, so prächtig fluchen, so viel Schock Tonnen voll Teufel in einem Athem, daß man nichts Lustigeres in der Welt hören könnte. Nach vielem Hin- und Herreden, Zweifeln und Einwänden aller Art kam der Rath in der Küche aber doch immer wieder zu dem Schlusse, daß es allerdings eine ernste Sache mit ihrem jungen Herrn sei. Denn, sagte Olaf, hat je Einer ihn so gesehen, wie ich ihn jetzt gesehen habe? Hat je Einer ihn gesehen, daß er Stundenlang bei einem Mädchen sitzt und Beide lesen aus einem Buche und streiten und drücken sich die Hände und sehen sich an und lachen, bis sie sich wieder streiten? Und Herr Erich, der bei aller seiner Sanftmuth Etwas an sich hat, das dem wildesten Burschen die Mütze vom Kopfe nimmt, der läßt sich schelten, als müßte es so sein, und es scheint ihm besonders zu gefallen, wenn sie ihn so recht stolz mit den funkelnden Augen ansieht. Hochmüthig ist sie, sagte Hela, die Stubenmagd, den Kopf trägt sie im Nacken, und besser wäre es immer, es wäre finnisches Blut in ihr. Gestern, als es so heftig regnete, ging sie in Sturm und Guß in den Garten bis an den See, um zu sehen, ob der Pajäne Wellen schlagen könnte. Herr Erich mußte mit, er mochte wollen oder nicht, aber der langnasige Kammerherr war der Klügste, der blieb am Feuer sitzen und lachte, was er lachen konnte, als sie Beide triefend 155 wiederkamen. Es wäre schön gewesen, meinte sie; alle Berge, voll düstrer Nebel, nur so da und dort eine lichte Stelle, wo man die schäumenden Wellen sehen konnte. Herr Erich hat zu thun gehabt, sie abzuhalten, sich in den kleinen Kahn zu setzen, und der Kammerherr lachte noch mehr und rief: das macht sie immer so, das nennt man – ja ich weiß nicht mehr, wie er es nannte, ich denke, er sagte, es wäre römisch. Römisch oder russisch! brummte Olaf, aber es paßt sich nicht für uns; und wenn ich es machen könnte, wollte ich ihr einen anderen Bräutigam verschaffen. Meiner Treu! einen, der sich nichts daraus macht, wenn sie römisch würde und im wilden Wetter ins Wasser oder in die Luft führe. Es wäre ihm recht, in Odin's Namen! es wäre ihm recht. Ulla und ihre Untergebenen mochten wohl wissen, wen er damit meinte. Sie nickten sich zu und ihre Gesichter drückten ihren Beifall aus. Wer weiß denn aber auch, ob es wahr ist, sagte die Haushälterin bedächtig. Die schwedischen Herrschaften sind die Gäste des gnädigen Herrn Erich's. Es sind lauter Vettern und Muhmen, die vertraulich zusammen umgehen, wie's Verwandte thun; aber bis zum Heirathen ist immer noch weit ab, und ein altes Sprichwort sagt: ein Huhn legt dem andern nicht gern sein Ei ins Nest. Sie haben ihre Heimlichkeiten zusammen, meinte Olaf, mit wichtiger Miene umhernickend, ich habe allerlei davon gehört. Damals, zur Zeit, wo der selige alte Herr noch jung war – nuh! es ist wer weiß wie lange her – muß in Schloß Halljala ein lustig Leben gewesen sein. Es ist schade, fuhr er fort, daß der Schulmeister nicht hier ist, der könnte uns davon erzählen. Wo sitzt der denn wieder, fiel Ulla ein, ich habe in Ewigkeit nichts von ihm gehört. Kaum jedoch hatte sie dies gesagt, so wollte eine höhere Macht ihre Sehnsucht sofort befriedigen; denn plötzlich ließ sich draußen vor der Thür ein helles Pfeifen hören und dazu stimmte ein Hahn aus vollem Halse ein. Da ist er! schrie die ganze Gesellschaft, und so war es. Die Thür ging auf und es zeigte sich die kurze stämmige Gestalt Lars Normark's, der einen kleinen Quersack über der Schulter und in der 156 Hand einen tüchtigen Dornstock trug, auf welchem sein Hahn saß, der lustig mit den Flügeln klappte und seine wohlbekannten Freunde mit Glucksen und Halsausstrecken bewillkommnete. Der rothe Kopf des Schulmeisters, in welchem sich die schelmischen blauen Augen nach allen Seiten drehten, nickte inzwischen eben so lebhafte Grüße, und er hatte genug zu thun, um alle Hände zu schütteln und alle Fragen zu beantworten. Der Hahn sprang von dem Stocke auf den Tisch, wo er gravitätisch auf und nieder spazierte und mit seinem Schnabel auf das Holz schlug, indem er den Futter suchenden Ton seines Geschlechts hören ließ. Hast Recht, Hans, sagte Lars Normark, es wird immer schlechter in der Welt. Ehrliche Leute finden überall leere Tische, denn es sorgt Jeder für sich. Gib's ihnen deutlich zu verstehen, was du meinst, mein Junge. Gib's ihnen aus dem Grund deiner Gefühle. Der Hahn fuhr geduckt und emsig hin und her, als wollte er Etwas entdecken, was nicht zu finden war. Dann nahm er seine Pfote und kratzte sich den Kopf, was allgemeines Gelächter erregte. So ist's verständlich! rief der Schulmeister. Du kannst nichts finden. Es wird sich noch Mancher auf Erden hinter den Ohren kratzen, dem der Magen weh thut und der auf seinem Tische nichts bemerkt. Aber es kommt, Hans, es kommt Alles, man muß nur Geduld haben und warten können. Siehst du wohl, wie sie laufen und das Beste für dich bringen. Fass' zu, alter Hans, fass' zu, und laß dir nichts fortnehmen, was du hast. Es soll sich Keiner nehmen lassen, was er mit Händen und Zähnen festhalten kann, weder Mensch noch Vieh. Mit dieser weisen Lebensregel legte der Schulmeister sein Bündel und seinen Stock ab und setzte sich an den Tisch, der in Eile mit mancherlei eßbaren Dingen besetzt worden war. Die Haushälterin hatte ihren Speiseschrank geöffnet. Olaf hatte eine große Flasche voll süßem starken Bier geholt, andere hilfreiche Hände brachten Brod und Branntwein herbei, so daß nach wenigen Minuten Lars Normark ganz behaglich hinter einem Haufen trefflicher Lebensmittel saß, welche sein Hahn getreulich bewachte und gelegentlich mit ihm theilte. Es war auch verwunderlich anzuschauen, wie dieser seltsame Kamerad, dessen 157 Geschlecht sonst sehr einfach lebt, nichts verschmähte, was sein Herr ihm zuschob, und nicht allein Fleisch und Fisch verschlang, sondern zur größten Belustigung aller Zuschauer wohlgefällig seinen Schnabel auch in das Bier tauchte und von dem Branntwein kostete. Der Teufel steckt in dem Thiere! schrie die hübsche Hela. Ist es nicht Hexerei, daß ein unvernünftiges Vieh, das auf den Hof gehört, solche Gelüste haben kann? Lach' sie aus, Hans, lach' sie Alle aus! antwortete der Schulmeister und der Hahn stimmte eine Art Gelächter an, indem er sich auf seine Zehen so übermüthig, als ihm möglich, aufrichtete. Es ist mit den Thieren wie mit den Menschen, was sie aus sich machen, das sind sie, fuhr Lars fort. Ich habe mehr als Einen gekannt, Mädchen, der auf dem Hofe geboren wurde und dazu bestimmt schien, in einem Hofwinkel zu sterben, aber es wurde ein Bischof oder ein Freiherr und ein großer Herr daraus. Bist eine schmucke Dirne, Hela, trotz deiner Wollröcke und deiner nackten Beine. Wenn Einer käme, streifte dir seidene Strümpfe auf, feine Schuhe mit rothen Hacken, und ein Kleid dazu, das bis auf die Erde reichte, setzte ein Hütchen mit Bändern auf deine Zöpfe und zöge dir weißes Leder über deine rothen Hände, was würden die Leute schreien? Der Teufel ist in die Hela gefahren, wie kann der unvernünftige Matz vom Hofe solche Gelüste haben? Ein schallendes Gelächter folgte auf Hela's Kosten, die roth bis an die Ohren wurde, nur der Schulmeister blieb ernsthaft. – Siehst du wohl, Hans, sagte er, so geht es in der Welt. Was nicht so ist, wie die Menschen es gewohnt sind, da steckt allemal der Teufel darin. Du hast deinen gesegneten Verstand gebraucht, darum bist du herauf gekommen und kein ordinäres Vieh geblieben; macht es Alle so, so wird's lauter Freiherren und Fräulein in Finnland geben. Und warum soll's denn auch nicht so sein? rief er seine schalkhaften Augen umher werfend, kommt der Eine etwa mit einem seidenen Rocke auf die Welt und der Andere in Lumpen gewickelt? Weinen rettet nicht aus Gefahr, Klagen nicht aus bösen Tagen. Scharf ist des Fleißigen Werkzeug, aber des Thoren Messer bleibt stumpf, und wer Weizenkuchen essen will, der sehe zu, daß er sich Körner sammelt. Körner, Hans, süße Körner, damit es an Hochzeitskuchen nicht fehlt. 158 Nachdem der Schulmeister diese Sprichwörter voll altfinnischer Weisheit zum Besten gegeben, that er einen langen Zug aus dem Bierkrug und sein Hahn lachte dazu hell auf. Meinst du denn, Lars Normark, fragte Olaf mit der pfiffigen Bedächtigkeit eines Mannes, der eine gewichtige Frage thut, die er sich längst beantwortet hat, meinst du denn wirklich, daß nächstens Hochzeitskuchen in Halljalaschloß gebacken wird? Was meinst du, Hans? schrie der Schulmeister seinen Famulus an. Sage es ihnen, was du meinst. Der Hahn schüttelte sein Gefieder und wackelte mit dem Kopf, während er sich niederduckte und aufblies. Er sagt nein! rief die Haushälterin vergnügt in die Hände schlagend. Ei du Schelm! fuhr Lars fort, willst du klüger sein als ein Freiherr. Gleich spring' auf deine Beine und tanze den Hochzeitstanz. Er zog seine Pfeife hervor und begann eine lustige Weise anzustimmen, kaum aber war er im Zuge, als die Thür sich aufthat und Erich Randal mit allen seinen Gästen hereintrat. Die Töne waren bis in die Halle gedrungen, und auf dem Hofe hielten Diener die gesattelten Rosse, denn eben wollte die Gesellschaft dem alten Major einen Besuch machen; als jedoch die Klänge der Pickelflöte die Anwesenheit des Schulmeisters anzeigten, erinnerten diese Ebba an den wunderlichen alten Mann, und Louisa rief, daß sie ihn sehen und ihm sagen müsse, wie lieb sie ihn habe. Als die Herrschaften hereintraten, wichen die Mägde achtungsvoll zurück, Lars Normark aber zog nicht sogleich seine Pfeife von den Lippen. Er blies mit vermehrter Kraft weiter, bis der Vers zu Ende war, und dann, eben als Louisa ihn erreichte und mit fröhlicher Stimme: Guten Tag, alter Lars, guten Tag, lieber Lars! rief, zog er seinen breitkrämpigen Hut von dem glänzenden nackten Schädel und blickte das schöne Mädchen mit großer Freude und Zärtlichkeit an. Behüt's Gott, du schmuckes Fräulein! sagte er, bist du auch hier und denkst an den alten Lars? Freilich, Lars, antwortete sie, und da ich dich hörte, bin ich gekommen, um mit dir zu zanken. Wo bist du gewesen, als es so böses Wetter war? 159 Regentropfen haben noch niemals einen Menschen todtgeschlagen, mein Töchterchen, lachte der alte Mann. Ich und der Hans, wir laufen darunter fort. Aber seht den Schelm da. Es ist heidnisch finnisch Wesen in ihm. Gott behüt's! daß wir vom echten schwedischen Korn sind, Freiherr Randal, Gott behüt's! Der Ausruf galt seinem Hahn, welcher nicht sobald Otho erblickt hatte, als er mit einem Satze vom Tisch auf dessen Schultern flog, seinen Kopf an ihn drückte und ihm alle nur möglichen Beweise seiner Zuneigung ertheilte. Otho streichelte ihm dafür das glänzende Gefieder, und gab ihm in finnischer Sprache allerlei Liebesnamen, welche Hans mit dem größten Wohlgefallen zu hören schien. Alle beschäftigten sich jetzt mit dem klugen Thiere, und als es herauskam, daß er eben einen Hochzeitstanz tanzen sollte, rief der Kammerherr: Den müssen wir sehen; allein wir haben hier zwei junge Damen, und es fragt sich, welcher von beiden es zunächst gelten soll. Er warf seiner Schwester einen schalkhaften Blick zu und Ebba sagte lächelnd: Der Hahn ist ja in alter Zeit schon ein Prophet gewesen. Willst du zu meiner Ehre den Tanz machen, kluger Hans, so laß dich erbitten. Augenscheinlich aber hatte das störrische Thier keine Lust dazu, und als Erich ihm ermunternde Vorstellungen machte, schmiegte er sich nur um so dichter an Otho und schüttelte trotzig den Kopf, was zu vielem Gelächter und lustigen Bemerkungen Anlaß gab. Wir sind somit von ihm verworfen, sagte Ebba, er zieht Louisa vor. O! du abscheuliches Thier! rief das kleine Fräulein. Komm her, Hans, komm zu mir, thue es um meinetwegen. Der Hahn blieb jedoch so eigensinnig wie er war und rührte sich nicht, als aber Serbinoff sich einmischte und nach ihm greifen wollte, gerieth er in Zorn. Seine rothen Augen rollten, er stieß ein kampflustiges Geschrei aus und seine Halsfedern sträubten sich grimmig auf. Er will von Euch Allen nichts wissen, sagte Otho. Jetzt, Hans, zeige Ihnen, daß ich allein dein Vertrauen besitze, und wenn du Prophetengabe hast, so laß mir diese zu Gute kommen. Nimm deine Pfeife, Lars, der verständige Hans wird sich nicht länger weigern. 160 Und so geschah es, denn kaum hatte der Schulmeister begonnen, als der Hahn auf den Tisch flog und ohne sich länger nöthigen zu lassen seinen Tanz begann. Er hob und setzte seine Füße nach dem Tact, drehte sich rechts und drehte sich links, neigte sich vor Otho, breitete seine Flügel aus und zog sie wieder zusammen, blickte zu ihm auf und nickte dazu, verdrehte die Augen und machte die wunderlichsten Sprünge, zum unendlichen Ergötzen der Hausleute und unter dem Gelächter der Herrschaften, bis das Lied zu Ende war und Hans ein helles Freudengeschrei anstimmte. Auserwählter des Götterboten! rief der Kammerherr, wir werden sehen, ob die Propheten lügen. Nun zunächst für eine schöne junge Braut gesorgt, bester Freund, oder ist diese schon vorhanden und braucht nur aus der Verborgenheit hervorzutreten, um uns zu überraschen. Man kann eher zu einer Braut kommen, als zu einem Pferd, sagen die Finnen, antwortete Otho, und da unsere Pferde draußen warten, finden wir vielleicht auch die Braut darauf. Ein sehr feines zartes Sprichwort, lachte Arwed, aber ein Wort zur rechten Zeit, wenn wir noch nach Lomnäs wollen. Sie nahmen Abschied von dem Schulmeister, der von Erich eingeladen wurde, in Halljala zu verweilen. Das Gesinde drängte sich an die Thür, sah die Herrschaften aufsteigen und aus dem Hof sprengen, Lars aber blieb sitzen und vor ihm saß sein Hahn, den er nachdenkend in Bekümmerniß anschaute. Hast es nicht anders machen können, Hans, sprach er zu ihm, du würdest es sonst gethan haben. Wainemonens Stimme spricht aus Wind und Wellen, aus Bäumen und Thieren zu dem Menschen, aber sie verstehen ihn nicht mehr. Da fliegen sie hin auf ihren schnellen Rossen und lachen über dich. Junge, schöne Leiber, junge, starke Glieder. Doch ehe ein Jahr um ist, werden sie in Hiisi's Armen liegen. Meinst es so, Hans, meinst es so? Keiner wird den Hochzeitstanz tanzen, nur er allein, meinst du so? Ilmareinen webte einen dunkeln Schleier von Duft um ihre Köpfe. Ich sah ihn flattern, wie Spinnenfäden am Herbstabend umschlang er sie. Hast es 161 gesehen, Hans, waren es die schwarzen Fäden aus Tuomala, dem Reiche der Schatten? Der Hahn nickte ernsthaft dazu, und Lars Normark legte seine Hand auf ihn, und murmelte seinen Kopf senkend: In Tuomala gehen wir Alle ein. Jumala's Frieden erwartet alle seine Kinder. Siebentes Kapitel. Das alte Schloß Halljala blieb zwar der Sammelplatz für die Gäste des Freiherrn, den größten Theil ihrer Zeit verlebten diese jedoch jenseits des Wassers in dem einfachen Hause am See, wo sie immer willkommen waren, und Lieder, Lust und mannigfache Zerstreuungen fanden. Auf Otho's schnellen Pferden durchstreiften sie das Land, oder er führte sie mit Angeln und Netzen in den See hinaus zum fröhlichen Fischfang, oder sie zogen mit seinen grauen Hunden in Erich Randal's Wälder zur Jagd, und ihre Hörner schallten durch das Thal von Halljala zum Ärger des Propstes Ridderstern, der jedesmal sich in sein Haus flüchtete und dafür sorgte, daß sich seine Familie nicht blicken ließ, wenn die Jagdgenossen vorüber kamen. – An anderen Tagen führte Louisa ihre Freunde wohl zu einer der nackten Felsspitzen, welche aus der großen Hügelkette aufragten, die einen weiten Halbkreis um die Seebucht bildete, und es begann ein lustiges Steigen und Klettern um den Preis, der Erste zu sein. Seltsamer Weise geschah es dabei, daß Erich Randal, wenn er wollte, von Niemand übertroffen wurde. So kühn, gelenkig und stark seine Gegner waren, so thaten sie es ihm dennoch an Ausdauer und Überwindung großer Schwierigkeiten nicht gleich; doch nur in besonderen Fällen, oder wenn Ebba ihn dazu aufforderte, verstand er sich dazu, an einem Wettkampfe Theil zu nehmen und Andern den Sieg streitig zu machen. Oft, wenn die Gesellschaft an einem schönen Wasserfall oder an einer der Waldeinsamkeiten am Pajäne lagerte, wurden 162 von den jungen Männern Kampfspiele aufgeführt, bei denen Ebba und Louisa, als Preisrichter, Kränze und Sträuße, welche sie gewunden, an die Sieger vertheilten. Bei allen diesen Spielen, welche es auch sein mochten, fand es sich, daß Otho und Alexei Serbinoff zwei sich völlig würdige Gegner waren, die in Kraft und Gewandtheit, wie in künstlerischer Ausbildung derselben, Keiner dem Andern wichen. Schien Serbinoff von noch stärkerem Gliederbau, so war Otho dafür noch beweglicher. Verstand jener regelrechter mit dem Schwert zu fechten, oder gelang es ihm, einen Stein weiter zu schleudern, so war dieser Meister mit der Kugelbüchse und in den Springspielen, die von der finnländischen Jugend überhaupt viel geübt wurden. Auch Lindström zeigte sich voll Kraft und Ruhmeslust, und diese drei jungen Männer, die Repräsentanten drei verschiedener Volksstämme, thaten häufig bei diesen olympischen Festen ihr Bestes für die Ehre ihrer Stammesgenossen und für den Beifall der Zuschauer. Der Kammerherr betrachtete ihre Anstrengungen gewöhnlich von einem dichten Moospolster aus durch sein Lorgnon und bespöttelte die ungebührlichen Erhitzungen. Der junge Magnus Munk dagegen bedauerte nichts schmerzlicher, als daß er noch nicht groß und alt genug sei, um sich mit solchen Widersachern messen zu können. Vergingen die Tage fröhlich, so waren die Abende noch angenehmer. An Otho's gastlichem Tisch gab es keine seltnen und köstlichen Speisen, allein selbst der verwöhnte Kammerherr fand immer Einiges, das ihm behagte, und dazu kam die heitere Geselligkeit als besondere Würze. Otho hat nicht umsonst seine Schwester einen Elf oder Nix genannt, Louisa verdiente in der That diese Namen. Mit Jedem wußte sie zu scherzen und zu lachen, Jedem etwas Freundliches und Gutes zu sagen, und wenn die feine behende Gestalt die Gäste umschwebte, ordnend und dienend, immer bereit zu heiterster Regsamkeit, war es wirklich, als berührten ihre Füße kaum den Boden und als tanze sie auf den Sonnen- und Mondstrahlen, die den Schmelz ihrer Augen und ihre rosige Haut so wunderbar durchsichtig machten. Einen besondern Reiz jedoch erhielt die kleine Louisa noch durch ihren süßen Gesang und durch den Schatz alter Lieder, welche sie auf der Zither zu begleiten wußte. Die finnische Kandele ist ein ziemlich 163 unvollkommenes Instrument. Bespannt mit fünf dünnen Saiten erregte sie, als die schwedischen Herren sie zuerst sahen, das spottende Lächeln des Kammerherrn. Ich bin doch neugierig, flüsterte er Serbinoff zu, was die kleine Hexe aus diesem Ding, daß nicht viel größer als eine Violine ist, mit ihren Fingerchen herausquälen wird; aber zu seinem Erstaunen klangen die sanften Töne und Accorde äußerst angenehm und paßten vortrefflich zu Louisa's Gesang. Das ist das älteste Instrument, das wir in Finnland haben, sagte Otho. Wainemonen, unser Apollo, hat diese Zither erfunden und seine göttlichen Finger rührten zuerst ihre Saiten mit solcher wundervollen Macht, daß die wilden Thiere begierig aus den Wäldern kamen, die Lüfte still standen und das Meer unbeweglich blieb, um den Gott zu hören, der selbst so gerührt von seiner Erfindung war, daß Thränen aus seinen Augen rollten. Und so entstanden, wie es in den Sagen weiter heißt, die Perlen, welche noch jetzt zuweilen in unseren Seen gefunden werden. Leider, erwiederte Arwed, ist diese schöne Zeit jetzt vorüber. Alles noch so rührende Sentiment bringt nichts hervor, als laues Wasser. Wainemonen, fuhr Otho fort, suchte lange vergebens nach einem Menschen, der seine Kandele spielen konnte. Die harten scharfen Griffe der Hirten brachten keine reinen Töne hervor. Darum schnitzte der Gott aus dem weißen Holze der Bergfichte schmale Stäbchen, mit denen noch jetzt unsere Landleute meist die Drähte schlagen; wer aber zu den Auserwählten gehört, dem führt Wainemonen noch immer die Finger und legt besonderen Zauber in seine Hand. Er würde nicht vergebens nach einem Herrscher im Reiche der Töne gesucht haben, fiel Serbinoff ein, wenn er gehört hätte was wir hörten. Lieblicher, süßer hat Wainemonen seine Lieder selbst nicht singen können. Doch die Thiere der Wildniß kommen nicht mehr, lachte Louisa, und die Wellen des Pajäne stehen nicht mehr. Aber die Herzen stehen still, rief Alexei Serbinoff, das hat der Gott nicht bewirken können. Das war nicht die einzige Schmeichelei, welche der russische Graf dem kleinen finnischen Fräulein sagte. Er zeigte sich ihr besonders 164 zugethan und je mehr dies deutlich wurde, um so mehr schien er sich vor Ebba zurückzuziehen, der er so lange gehuldigt hatte. Zwischen ihm und Otho wurde die Befreundung dabei immer inniger, was wohl zum guten Theil davon herrühren mochte, daß beide die persönlichen Eigenschaften hochschätzten, welcher jeder von ihnen an dem Andern bemerkte, und wie hätte Otho auch nicht Zuneigung für einen Mann empfinden sollen, der so stark, so kühn und gewaltig war, als er selbst, dabei unermüdlich rüstig im Ertragen von Beschwerden, vor keinem Wagniß erschreckend, immer bereit zur Jagd, zum Streit und zu jeder männlichen Lust. Dabei aber war Serbinoff auch weit umher gewesen in Krieg und Gefahren und wie in seinen tiefblauen Augen eine unerschütterliche Entschlossenheit blitzte, so lag doch darin auch wieder so viel Feines, Kluges und Einnehmendes, daß Otho nie einen Menschen gesehen zu haben glaubte, der ihn so angeregt und eingenommen hatte. Daß es ein Russe sein mußte, wunderte ihn noch mehr. Er war mit angestammtem Mißtrauen gegen Alles was Russe hieß geboren worden, auch hatten sämmtliche Russen, die er bisher gesehen, nichts daran geändert. Das slavische Geschlecht hatte ihm bisher eben nur seine wenig einladenden Gestalten und rohen Gesichter gezeigt, welche gegen die schlanke Gliederung und die edleren Formen des finnischen Volks unvortheilhaft abstachen. Jetzt sah er an Alexei Serbinoff plötzlich ein Menschengebild, das einen fast idealischen Eindruck auf ihn machte. So ritterlich, so schön geformt hätte er niemals einen Russen geglaubt, und dieser heitere kühne Mann kam ihm mit allen Zeichen der Freundschaft entgegen; er empfand ohne Zweifel ganz dasselbe Wohlgefallen an ihm. Es währte nicht lange, so fand sich eine Gelegenheit, wo Otho freimüthig seinem neuen Freunde gestand, was in ihm vorging. Serbinoff sprach davon, daß er in einiger Zeit abzureisen gedenke, daß es ihm aber leid thun würde, wenn es bald geschehen müsse. Und was könnte Sie dazu bewegen? fragte Otho. Die Verhältnisse, erwiederte der Graf. Ich bin, wie Sie wissen, nicht mein eigener Herr, sondern noch immer im Dienste meines Kaisers. 165 Sie werden also wieder nach Stockholm zurückkehren? fuhr Otho nach einem Schweigen fort. Das glaube ich nicht, war die Antwort, indeß hängt Alles von dem Verlauf der politischen Ereignisse ab. Mein Cousin, Graf Romanzoff, hat die Absicht, einen Diplomaten aus mir zu machen; meinen Neigungen nach bin ich jedoch lieber Soldat. Rußland hat ja soeben Frieden mit den Franzosen geschlossen, meinte der junge Finne. Was thut das? antwortete Alexei. Langer Friede ist jetzt unmöglich und wenn es wahr ist, was man sich erzählt, wenn Napoleon zu dem Kaiser Alexander in Tilsit gesagt hat: wir Beide, mein Herr Bruder, sind bestimmt Europa zu theilen und es zu beherrschen, werden wir noch Krieg in Hülle und Fülle haben. So leicht und scherzend der Ton war, in welchem er dies hinwarf, so machte es doch auf Otho einen ernsten Eindruck. Er schwieg nachdenkend still, Serbinoff aber fuhr nach einigen Augenblicken fort: Rußlands Aufgabe ist es, den großen slavischen Volksstamm zu vereinen und die Türken aus Europa zu jagen, wohin sie nicht gehören. Asien ist ihre Heimat, in Europa sind sie fremde Eroberer und werden es bleiben, bis sie wieder hinaus geworfen werden. Sie wissen dies auch selbst so gut, daß sie nicht einmal in europäischer Erde sich gern begraben lassen. Und aus dem Türkenreich soll dann ein Russenreich werden, antwortete Otho. Wo bleiben die Griechen, denen das Land eigentlich gehört und die doch wahrscheinlich auf ihre Auferstehung hoffen? Stehen sie denn nicht von den Todten auf, sagte Serbinoff, wenn wir sie aus dem Joch ihrer Eroberer und Unterdrücker erlösen? Rußland herrscht über fünfzig Volksstämme, es ist jedoch weit entfernt, ihnen seine Sitten, seine Gesetze, seine Einrichtungen oder gar seine Religion und seine Sprache aufzuzwingen. Im Gegentheil, es schützt und unterstützt die Eigenthümlichkeiten der Nationalitäten, ob aber der Regent, der Kaiser oder König, aus russischem oder germanischem Blute entsproßte, das, lieber Freund, ist im Grunde doch ziemlich einerlei, obenein wenn der Landesherr doch ein Fremder ist, wie zum Beispiel in Finnland. Sehen Sie nachdem russischen Finnland, nach 166 Wiborg hin. Ich glaube nicht, daß die Einwohner dort sich unglücklich fühlen, ja ich möchte behaupten, daß sie nicht geneigt sind, unter schwedische Herrschaft zurückzukehren. Es war das erstemal, daß Serbinoff über politische Verhältnisse sprach, und er brach auch bald davon ab, da Otho einsylbige Antworten gab, welche deutlich zeigten, daß er mit seinen Gedanken zurückhielt. Was der Graf behauptete, war mannigfach anzufechten. Allerdings hatte der russische Theil des finnischen Landes viele Vortheile, geringe Abgaben, verbriefte Rechte erhalten und die alterthümlichen Gesetze und Einrichtungen nicht verloren; bei alledem blieb der tiefverwurzelte Haß gegen die Russen in der Volksmasse auch jenseit des Grenzstroms rege genug und eben dadurch, daß ein Theil der Finnen unter russische Herrschaft gekommen und von seinen Brüdern losgerissen war, hatten sich Abneigung und Mißtrauen noch mehr geschärft. Ein so freiheitsliebender und von seines Volkes unterdrückten Rechten überzeugter feuriger junger Mann, konnte Serbinoff's Behauptungen, so weit diese Finnland betrafen, nicht zugeben, allein er war höflich genug, oder vorsichtig genug, lieber zu schweigen und nur mit einigen Worten zu erwiedern, daß Fremdherrschaft überhaupt schwerlich einem Volke, so lange es nicht verknechtet sei, gefallen könne. Ich gebe Ihnen recht, versetzte Serbinoff; wenn jedoch ein Volk nicht selbständig sein kann, wenn es zu schwach und zu klein ist, oder heruntergekommen, wie die Polen, zerstückt und zerspalten wie die Deutschen, oder wenn es von je an als Provinz erobert und von einer schlechten Regierungswirthschaft danach ausgebeutet wurde, so ist es jedenfalls besser, sich einem großen mächtigen Staate anzuschließen. Ein solcher Staat besitzt wenigstens die Mittel Gutes zu thun, alle Kräfte anzuregen und statt zu vernachlässigen und auszusaugen, öffnet er seinen Unterthanen zahlreiche Hilfsquellen. Es ist ein Glück, mein lieber Freund, einer großen Nation anzugehören, die nach allen Seiten hin schützen, befördern und belohnen kann; doppeltes Unglück aber muß es genannt werden, in einem verarmten kleinen Staate geboren zu sein, der einmal eine große Rolle in der Geschichte gespielt hat, von diesen Erinnerungen immer noch gepeinigt wird, und immer noch den äußeren Schein ehemaligen Glanzes erhalten will. Die Folge davon 167 sind übermäßige Ausgaben, ein Überheben, das bis zur Lächerlichkeit ausarten kann und dessen Sünden zumeist auf das Volk zurückfallen, das für den Leichtsinn und die Verblendung seiner Fürsten büßen muß. – Ihre Familie, Herr Waimon, hat nun nicht einmal, wie ich glaube, an dem Glück der in Schweden lange herrschenden Adelskaste Theil genommen. Ihr Vater war nicht im Dienste des Staates? Nein, erwiederte Otho. Mein Vater war in englischen Diensten und kehrte aus Amerika nach Schweden zurück, eben als Gustav der Dritte zum Thron gelangte. Er lernte den König noch als Kronprinz kennen und wie man mir gesagt hat, war er eine Zeit lang viel in dessen Nähe, während des ersten Jahres seiner Regierung. Als der König jedoch die Soldatenrevolution machte und mit Hilfe der jungen Offiziere und einer Anzahl Männer meist von schlechtem Ruf, seine eigene Gewaltherrschaft an Stelle der Gewaltherrschaft des Reichsraths setzte, verließ mein Vater Hof und Hauptstadt, verzichtete auf jede Anstellung und Gunst, und kam hierher in sein eigentliches Vaterland, wo er auf dem Gute lebte, das er uns hinterlassen hat und ein Bauer wurde, wie seine Vorväter gewesen sind. Ihr Vater muß ein entschlossener, und wie ich denke, besonders begabter Mann gewesen sein, da er nicht allein solche Beschlüsse fassen, sondern auch die Schwester eines Freiherrn heirathen konnte. Inzwischen ist es selten, daß ein Soldat sein Schwert in einen Spaten verwandelt und in Ruhe damit den Boden umgräbt. Sie haben Recht, sagte Otho, denn nach Allem, was ich hörte, ist mein Vater wirklich nur durch seine große Liebe zu meiner Mutter an dieser Scholle festgehalten worden. Mehrmals wollte er das Land verlassen und vielleicht hinderte ihn nur sein frühzeitiger Tod daran. Und Sie, lächelte Serbinoff, der Sie der Sohn eines tapferen und ehrgeizigen Soldaten sind, haben Sie denn so große Lust auf Ihrer Scholle zu leben und zu sterben? Ich bin dafür geboren, antwortete der junge Mann, will aber doch nicht leugnen, daß zuweilen das Blut meines Vaters sich in mir regt. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, sagte Alexei. Treten Sie in russische Dienste, Sie sollen darin willkommen sein. Mehr als ein kühner talentvoller Soldat hat in Rußland die höchsten Ehren 168 und die höchsten Stellen erworben. Wir fragen nicht nach Abstammung und Ahnen, wir fragen nach den Verdiensten. Es ist lächerlich, zu glauben, Geburt berechtige an die Spitze gestellt zu werden; Bildung, Kenntnisse, Geschicklichkeit stehen bei uns höher als aller Zufall, ererbter Adel und Reichthümer. Wenn Sie wollen, wird es Ihnen nicht fehlen. Ich bin so vertraut mit dem General Buxthövden, daß es mir leicht sein wird, Ihnen einen Platz in seiner Nähe zu verschaffen, unter seinen Ordonnanzoffizieren; dort werden Sie bald den Krieg lernen und sich auszeichnen können. Auf mein Wort, Herr Waimon, ich müßte mich sehr irren, oder Sie werden rasch Ihr Glück machen und wer weiß welchen hohen Rang einnehmen, denn in Rußland gibt es keine Schranken für den befähigten Geist. Überlegen Sie das, lieber Freund. Otho hatte diese verlockende Einladung nachdenkend angehört, als Serbinoff schwieg erwiederte er: Ich will mir keine Bedenkzeit ausbitten, Herr Graf, sondern Ihnen sogleich antworten. Mein Vater hatte im Jahre 1788, als das schwedische Heer sich gegen Gustav den Dritten empörte und die Generale und Obersten mit den Russen einen Waffenstillstand abschlossen, einigen Antheil daran gehabt. Ihre Kaiserin lud ihn dafür ein, nach Rußland zu kommen und ihr zu dienen, allein mein Vater schlug es aus, obwohl er wußte, daß das Racheschwert über seinem Haupte schwebte. Ich kann niemals einer Fürstin Treue schwören, sagte er, die meines Vaterlandes gefährlichste Feindin ist, auch kann ich selbst kein Russe werden, denn ich bin ein freigeborener freiheitsliebender Mann, der an Menschenrechte und Volksrechte glaubt. So schlug es mein Vater ab, und seine Gründe sind meine Gründe. Ich bin mit der Abneigung gegen Rußland, russisches Wesen und russische Sitten aufgewachsen; vergeben Sie mir, daß ich dies so offen ausspreche. Verwundert bin ich über mich selbst, daß ich einen Russen achte, vertraue, ihm meine vollste Zuneigung weihe. Denn das thue ich, Graf Serbinoff, und bekenne, daß ich noch niemals einem fremden Manne mit solcher Freundschaft angehangen habe, wie Ihnen. Und diese Freundschaft, antwortete der Graf lächelnd, indem er Otho's Hand nahm und sie herzlich schüttelte, ist doch nicht im Stande, 169 die Macht der Vorurtheile zu zerstören? Sind wir nicht ein großes Volk, das größte und mächtigste in der Welt? Gehört uns nicht die Zukunft? Gehört uns nicht die Herrschaft über Europa? Ich sage Ihnen, auch Frankreich, auch dieser Heros Napoleon wird zuletzt vor uns in den Staub sinken. Und ist es denn so verwerflich, einem solchen Volke anzugehören, der Diener eines Herrn zu sein, in dessen Reiche die Sonne nie untergeht? – Sind wir aber etwa Barbaren, wenn wir die vielen Millionen verschiedenartiger Menschen nach ihren Zuständen behandeln? Rußland ist ein jungfräuliches Land, das in das moderne Culturleben erst eintritt, doch seine ungebrochene Kraft mitbringt, um sich seinen eigenen Weg über Schutt und Trümmer verlebter Staaten und Völker zu bahnen. Gehen Sie nach Petersburg, bester Freund, sehen Sie was dort geschieht; sehen Sie den großen liebenswürdigen Beherrscher dieser ungeheuern Länder, die ihm unterworfen sind, überzeugen Sie sich, daß wir keinen tyrannischen, launenhaften Herrn haben wie er in Schweden, Ihrem Freiheitslande, thront, der jeden guten Rath von sich stößt, kein Gesetz achtet, das er nicht macht, keiner Vernunft Gehör gibt und in frömmelnder Phantasterei Verderben über sein Volk bringt. Gehen Sie hin, lieber Waimon, sehen Sie sich den Kaiser an, der von dem Republikaner Laharpe erzogen wurde, sehen Sie sich die Russen an, und beurtheilen Sie, ob Sie wirklich einen Haufen stumpfsinniger Sclaven finden. Unsere Russen, fuhr er fort, haben so viel Verstand von ihrem Schöpfer bekommen, daß sie Alles lernen können und zu Allem geschickt sind, was man von ihnen verlangt. Leibeigenschaft und Peitsche sind freilich schreckliche Namen, allein, wie lange ist es denn her, daß in Frankreich diese Dinge nicht mehr bestehen, und in Deutschland bestehen sie noch, in dem aufgeklärten Preußen sind die Bauern hörige Leute, welche der Stock in Ordnung hält. Es wird eine Zeit kommen, mein Freund, wo auch in Rußland nur freie Leute wohnen, die der Peitsche nicht mehr bedürfen. Die Morgenröthe dieser Zukunft ist schon angebrochen, sie wird den Vorurtheilen gegen Rußland ein Ende machen. Warum sollen edle freiheitliebende Männer nicht für die Fortschritte der Menschheit Hand an's Werk legen helfen? Warum sollen sie nicht für ein Volk arbeiten, das kräftig nach oben strebt? 170 Warum sich nicht ein neues Vaterland suchen, wenn das alte verrottet und undankbar ist? Gehört der Mensch denn nicht der Menschheit, gehört er nur einem bestimmten Stamme an, von dem er, wie ein Blatt oder wie ein Baumzweig, sich nicht losreißen kann ohne zu verdorren? Bedenken Sie das Alles wohl. Rußland bietet kühnen, strebenden Männern ein weites Feld für den höchsten Ehrgeiz. Wir werden öfter noch davon sprechen können, und vielleicht ändern sich Ihre Ansichten. Ich wünsche es sehr, weil ich Ihre Freundschaft mit aufrichtiger Freundschaft vergelte. Während die jungen Männer unter solchen Gesprächen auf der Jagd nach den Schaaren von wildem Geflügel umherschweiften, das zur Herbstzeit die Gewässer des Pajäne bedeckte, waren Ebba und Louisa meist beisammen in dem Hause am See oder auf der Insel, wo Erich Randal ihnen Gesellschaft leistete. – Louisa hörte neugierig, was ihre Freundin ihr aus der großen Welt erzählte, die sie nicht kannte, und sie vergalt es durch Mittheilungen aus ihrem Leben, das so still und einsam vergangen war. Der Mittelpunkt aller Geschichten Louisa's war ihre Mutter, und voll begeisterter Liebe ehrte sie den heiligen Schatten, der immer noch über diesen Räumen schwebte. An jenem Tage, wo Otho mit seinen Freunden jagte, hatte sie Ebba in die Zimmer ihrer Mutter geführt, und ihr die Reliquien gezeigt, welche darin bewahrt wurden. Alles war noch so erhalten wie bei ihrem Leben, und obwohl mehr als ein Jahr seitdem verflossen, lag noch auf dem Tische eine angefangene Arbeit neben welken Blumen; auf dem großen Schranke am Fenster ihre Bücher mit angesteckten Zeichen sammt beschriebenen Blättern und einem Schreibzeug, daneben aber lehnte eine der großen Harfen, wie sie das Volk gewöhnlich hat, und Jouhi-Kandele nennt. Wer nicht wußte, daß die Eigenthümerin dieser einfach ausgeschmückten Gemächer auf immer von ihnen geschieden war, hätte gemeint, sie schlafe hinter den weißen Vorhängen des Bettes. Mit leisen Schritten, als fürchte sie die Schlummernde zu wecken, ging Louisa ihrer Freundin voran, und mit gedämpfter Stimme sprach sie zu ihr und zeigte ihr alle die Schätze theuerer Erinnerungen, alle die Stellen, 171 wo der letzte Abschied, der letzte Kampf stattgefunden, und die letzten Worte der Liebe und des Segens ihr und Otho geworden waren. Deine Mutter, theure Louisa, muß eine vortreffliche Frau gewesen sein, sagte Ebba. O! daß sie noch lebte und ich um ihren Segen bitten könnte. Leider bin ich, als meine Mutter abgerufen wurde, noch zu jung gewesen, um von ihr etwas über jene Zeit zu erfahren, wo innige Freundschaft sie mit deiner Mutter vereinte. Aber hat sie denn nicht oft davon gesprochen, hat sie dir nichts von Christina Bungen erzählt, und einen Segen für mich hinterlassen? Nur an jenem letzten ihrer Tage, wo sie meinem Vetter den Schmuck übergab, welchen sie für dich bestimmt hatte, sprach sie von dir und deiner Mutter. Dort auf dem Stuhle saß Erich's Vater, wir alle um ihn her und Lars in der Ecke dort, hielt die Harfe in seinen Händen, welche dann und wann leise klang. – Sie sprach so fest und klar wie in guten Tagen zu uns, ordnete was geschehen sollte, und vertheilte nach der Sitte Angedenken für alle ihre Freunde. Trost und Liebe waren auf ihren Lippen. – Dann befahl sie mir den Schrank dort zu öffnen und ein Fach aufzuziehen, das sie mir bezeichnete. Als ich nicht damit fertig werden konnte, mußte Lars mir helfen. Er nahm das rothe Kästchen heraus, und sie lächelte ihm leise zu, als sie es öffnete und die Goldgehänge und blitzenden Steine betrachtete. Du kennst das, mein alter Freund, sagte sie, und weißt was sie bedeuten. Darauf gab sie Erich das Kästchen und bat ihn, es an Ebba Bungen in Stockholm zu senden, der Tochter ihrer liebsten Freundin. Das war das erstemal, daß sie deinen Namen nannte. Erich erfüllte diesen Auftrag erst nach einiger Zeit, sagte Ebba. Ich erhielt das Vermächtniß deiner Mutter zugleich mit der Nachricht vom Tode seines Vaters und was dieser für mich hinzu gefügt. Es war eine schwere Zeit, antwortete Louisa. Erich's Vater starb meiner Mutter schnell nach, und vermehrte unsere Betrübniß. Damals war Mary Halset bei uns, und ihr Vater kam und machte uns viel zu schaffen. Bei dem Namen Halset fiel Ebba das finstere, einsylbige Fräulein aus Abo ein. Ich habe diese Mary Halset kennen gelernt, auch ihren Vater, sagte sie. Warum machte er euch zu schaffen? 172 Höre, sagte Louisa, ich bin aus dem Ganzen nie recht klug geworden, und Mary ist ein ernstes Mädchen, sie hat mir niemals ihr Vertrauen geschenkt, auch war ich zu jung vielleicht dazu. Sam Halset ist unermeßlich reich, sie sagen, er sei der reichste Mann in ganz Finnland. Mein Vater war mit ihm verwandt, und zwischen ihnen soll ein Versprechen gewesen sein, wie dies häufig bei uns ist, Halset's Tochter sollte meines Bruders Frau werden. Otho wurde auch nach Abo gethan, um in Sam's Schreibstube zu sitzen, aber dafür ist er nicht geschaffen. Eher würden alle rothe Felsen im Tavastlande Schreibfedern werden und der Pajäne zu einem Tintenfasse, ehe er hinter den Rechenbüchern alt würde. Es dauerte kein Jahr, so war er wieder hier, und was dann geschehen ist, weiß ich nicht, doch Halset kam öfter, und längere Zeit lebte Mary bei uns. Als meine Mutter von uns geschieden war und Erich's Vater auf seinem Bette lag, kamen sie beide wieder, und es entstand ein großer Streit. Ein Streit? fragte Ebba. Worüber stritten sie? Das kleine Fräulein öffnete schlau ihre schimmernden Augen. Ja, worüber stritten sie, ich kann es dir nicht sagen, aber es war ein böser Streit. Halset forderte Geld von Erich's Vater, und weißt du was ich glaube? Was glaubst du? Ich glaube, er wollte Mary sollte Erich heirathen, denn sie hatte ihn gern, viel lieber als Otho. Als sie bei uns wohnte, habe ich es bemerkt. Und er? fragte Ebba leise. O! – Erich ist zu jedem Wesen gut, fiel sie ein. Er ist immer mild und sanftmüthig. Dann wundert es mich, erwiederte das Fräulein, daß er die liebenswürdige Dame ausgeschlagen hat. Du kennst ihn nicht, sagte Louisa. Seine Güte zwingt Andere nach seinem Willen zu thun, man kann ihm nicht widerstehen. Es ist gar eigenthümlich mit ihm, sie beugen sich Alle, auch Sam Halset hat sich gebeugt. Er hat seinen Wunsch, wenn er diesen wirklich hegte, aufgegeben und sich mit Erich versöhnt. 173 Versöhnt, das weiß ich nicht, antwortete Louisa, den Kopf schüttelnd. Er ist nicht wieder bei uns gewesen, obwohl er öfter in der Nähe war. Dann wohnte er bei dem Propst in Halljala; Mary hat ihn niemals wieder begleitet. Da dein Bruder, wie du mir sagst, eigentlich für Mary bestimmt war, sagte Ebba, und solche Versprechungen immer heilig gehalten werden, wundert es mich, wie eine so eigenthümliche Lösung stattfinden konnte. Ich weiß es nicht, erwiederte Louisa, doch Otho ist stolz, und um alle Schätze der Welt würde er Mary nicht nehmen. Du kannst es glauben, fuhr sie fort, er hat es mir selbst gesagt, als ich ihn fragte, was daraus werden würde. Nichts, antwortete er. Sam Halset ist ein alter Gauner, Mary aber mag mich nicht, und wie könnte ich daran denken, um ein Mädchen zu werben, die kein Herz für mich hat? Möchtest du jemals einen Mann nehmen, nur weil er reich oder vornehm wäre? Und darauf sagtest du gewiß, daß du dies niemals thun würdest, fiel Ebba ein. Ich sagte, daß ich es wie meine Mutter machen würde, die nach ihrem Herzen gewählt hat, und mein Vater war kein Freiherr, ein finnischer Mann, ohne Reichthum und Namen. Hat denn dies stolze freiheitliebende Herz keine Wahl getroffen? fragte Ebba, indem sie das schöne Kind umarmte. Louisa machte eine abwehrende Bewegung und sah so schelmisch dabei aus, daß Ebba lachte. Einige Vorbereitungen dazu sind doch wohl schon getroffen, forschte sie. Es gibt einen jungen Herrn, den du gern siehst, und ich kenne Einen, der nirgend lieber ist, als bei dir. Eine dunkle Röthe überflog das liebliche Gesicht des kleinen Fräuleins. Was du nicht Alles weißt, rief sie, indem sie sich an Ebba's Hals warf, aber ich weiß auch Etwas, das ich verrathen könnte. Alle Leute in Halljala erzählen sich davon, und Meinen, lange werde es nicht mehr dauern. Was meinen Sie? Daß in Schloß Halljala die Hochzeitskerzen bald brennen werden, und eine Braut unter der Krone geht, flüsterte Louisa zärtlich zu ihr auf. 174 Ebba neigte sich zu ihr nieder, ihre Küsse schlossen ihr den Mund. Plötzlich wurden Hufschläge unten laut, und Stimmen ließen sich hören. Ebba glaubte das rauhe Halloh des Majors zu vernehmen. Da kommt er! rief sie. Erich ist es nicht, erwiederte Louisa. Nein, aber der, den du erwartest. Sie eilten an das Fenster. Ein Reiter hielt unten, doch nicht der alte, grauhaarige Invalide, nicht sein blonder Sohn, sondern Serbinoff, dem der Wind durch die schwarzen glänzenden Locken fegte, als er grüßend seine Kappe schwenkte und seine feurigen Augen hinauf blickten. Hinter ihm kamen seine Jagdgenossen, die im Triumph einen Hirsch schleppten, der ihre Beute geworden war. Ihr frohes Gelächter und ihr Geschrei mischte sich mit dem Bellen der Hunde und dem Jubel der Hausleute, welche den glücklichen Jägern helfend entgegensprangen. Louisa riß sich los und flog die Stufen hinab, sinnend folgte ihr Ebba nach. Achtes Kapitel. Der Garten des Propstes Ridderstern zog an dem Hügel hinauf, auf welchem die Kirche stand, und von dort aus ließ sich der See nach allen Seiten hin überblicken. Eine Geisblattlaube bildete ein schönes geschütztes Plätzchen und in dieser saß Herr Ridderstern, seine Pfeife rauchend und in einem Briefe lesend, als er Schritte in der Nähe hörte. Er warf einen Blick durch das Geblätter und entdeckte den fremden russischen Herrn, aber er ließ sich dadurch nicht stören. Seine buschigen Augenbrauen dichter zusammenziehend, vertiefte er sich anscheinend noch mehr in seiner Beschäftigung und hörte erst auf, als Serbinoff vor ihm stand. 175 Wenn Sie mir verzeihen wollen, daß ich Sie unterbreche, sagte der Graf mit seiner geschmeidigen Höflichkeit nach der ersten Begrüßung, so nehme ich bei Ihnen Platz. Ich muß bekennen, antwortete Herr Ridderstern, indem er nach seiner Gewohnheit seine Stirn in Falten zog und sehr würdig aussah, daß ich Sie schon seit einiger Zeit erwartet habe. Vergeben Sie mir diese Verzögerung, fiel der Graf ein. Ich sehnte mich täglich danach, Sie wiederzusehen, denn nichts kann mir angenehmer sein als Ihre Belehrungen; allein ich wünschte dies Glück allein zu genießen und mußte daher abwarten, bis sich die Gelegenheit günstig zeigte. Der Propst lächelte beifällig. Heut also fand sich diese günstige mir so schmeichelhafte Gelegenheit, sagte er. Ja. Die beiden jungen Damen sind in der Obhut des Freiherrn, Herr Otho Waimon aber hat mit meinen Freunden den Major Munk aufgesucht. Ich habe mich davon los gemacht und denke dies zu benutzen. Zunächst, Herr Propst, berufe ich mich auf die Empfehlung Ihres Freundes Halset. Kann ich Ihnen Briefe übergeben, welche sicher in seine Hände gelangen? So sicher, als wenn Sie selbst der Überbringer wären. Serbinoff zog ein Päckchen aus der Tasche und übergab es dem Geistlichen. Ich vertraue es Ihrer Güte an, sagte er, und versichere dagegen, daß ich diese niemals vergessen werde. Haben Sie Nachrichten aus Abo erhalten? Ich lese so eben einen Brief meines lieben guten Halset, antwortete der Propst. Er schreibt mir, daß er bald uns in Halljala besuchen will. Auch eine Neuigkeit steht darin, welche von Stockholm herübergekommen ist. Der König soll in einen erbitterten Briefwechsel mit seinem Schwager, dem Kaiser Alexander, gerathen sein und dessen Anerbieten, ihn mit dem großen Napoleon auszusöhnen, in heftiger Weise abgelehnt haben. Er soll sogar Willens sein, es mit Ihrem edlen Kaiser eben so zu machen, wie mit dem Könige von Preußen, als dieser sich mit Napoleon versöhnte. Damals schickte er den schwarzen Adlerorden nach Berlin zurück, jetzt soll der Annenorden nach Petersburg gesandt werden. 176 Dergleichen läßt sich wohl voraussehen, erwiederte Serbinoff lächelnd. Ich bedaure diese Hartnäckigkeit, die zu seinem und Schwedens Unglück ausschlagen muß. Wie denkt die Geistlichkeit in Finnland darüber? Sie denkt, sagte der Propst, seine Hände faltend, wen der Herr züchtigen will, den schlägt er mit Blindheit. Sehr wahr, ehrwürdiger Herr! Die vornehmsten Stützen jedes Thrones sind Geistlichkeit, Adel und Heer, und nur ein Blinder wird diese Stützen schwächen und unsicher machen. Ganz anders denkt und verfährt unser erhabener Kaiser. Sehen Sie hinüber nach Wiborg in das russische Finnland. Die Einkünfte der Geistlichkeit sind dort vermehrt, ihr Ansehn ist befestigt worden. Alle Privilegien sind verbürgt. Es gibt wenige Geistliche, welche nicht mit Orden und Gnaden bedacht wären. Der Kaiser ist ein großmüthiger, weiser und von Gott gesegneter Monarch, sagte der Propst in seiner salbungsvollen Art. Er weiß seine Freunde und Diener zu schätzen und zu belohnen, erwiederte Serbinoff, und unter den gegenwärtigen Umständen, wo es leicht sich begeben könnte, daß außerordentliche Ereignisse einträten, würde es Niemand bedauern, der dieser Großmuth und Weisheit vertraute. Der Propst nickte ihm beifällig zu. Ich habe von meinem lieben Freunde Halset schon vernommen, sagte er dann, daß Sie Finnland kennen zu lernen wünschen, um sich von allen unseren Verhältnissen zu unterrichten. Was ich dazu beitragen kann, um Ihr Vorhaben zu unterstützen, soll mit Freuden geschehen, Herr Graf. Wahrscheinlich aber werden meine Urtheile vielfach von denen abweichen, welche Sie bis jetzt hörten; denn im Schlosse zu Halljala, oder in Louisa, sind Ansichten und Grundsätze heimisch, wie sie nicht von mir getheilt werden können. Serbinoff drückte ihm verbindlich die Hand. Ich bin nicht hierher gekommen, Herr Ridderstern, war seine Antwort, um verdorbene Naturphilosophen oder wilde Aufschößlinge und deren Schwärmereien und Prahlereien zu hören. Weit lieber sind mir verständige klarblickende Männer von Welterfahrung, welche ohne alle Phantasie die Dinge betrachten, wie diese sind. 177 Wir sind ganz eines Sinnes, versetzte der Geistliche erfreut, und ich sehe, daß ich nicht nöthig habe, Sie vor Ihrer Umgebung zu warnen. Um so mehr werden Sie mich verbinden, wenn Sie mir Ihre Ansichten über das, was wahr und falsch ist, offen mittheilen, sagte Graf Alexei. Was Finnland im Allgemeinen betrifft, so ist das Volk, wie ich schon von Ihnen hörte, zum Ungehorsam geneigt und moralisch verwildert. Allerdings ist dies hier der Fall, wo es dazu aufgehetzt wird, war die Antwort, tiefer hinein in die großen Einsamkeiten des Nordens ist es folgsamer und demüthiger, auch der Kirche anhänglicher. Die Eroberung Finnlands ist eigentlich niemals ganz vollendet worden. Man hätte die Sprache ausrotten, die alten Sitten und Gebräuche zerstören müssen. Die schwedische Bevölkerung blieb jedoch an den Küsten und in dem nördlichen Theile des Landes stecken, das Innere ließ sie wie es war. Der Adel gründete Rittersitze, aber seine Bauern und Pächter verharrten in ihrer finnischen Starrsinnigkeit und Wildheit. Dazu kamen die vielen Kriege und endlich das sogenannte Licht der Aufklärung. Alle Leibeigenschaft wurde aufgehoben, schwedisches Recht eingeführt, zwischen Finnen und Schweden sollte kein Unterschied mehr sein, und obwohl die Schweden sich bis auf diese Stunde ihres Blutes rühmen und die finnische Abkunft ein Makel ist, den keine schwedische Familie gern duldet, kam es doch dahin, daß manche Finnen sich aus dem Bauer- oder Krämerstande höher aufschwangen, ihre Söhne sogar in Ämter und Würden brachten; oder wohl gar, wie es in Halljala geschehen ist, mit den Töchtern des Adels sich verheiratheten. Das ist aber doch gewiß ein ziemlich seltener Fall, fiel Serbinoff ein. Allerdings ein seltener Fall, über welchem auch jetzt noch ein gewisses Dunkel schwebt, lächelte Herr Ridderstern. Denn der Obrist Waimon erschien plötzlich hier mit der Dame, die seine Gattin geworden war. Wie meinen Sie das? Woher kam er mit ihr? fragte Alexei. 178 Ich habe, was ich davon weiß, viel später gehört, fuhr der Propst fort, denn ich habe den Obersten nicht mehr gekannt; von Halset weiß ich jedoch, daß die Heirath in Stockholm erfolgte, und seinen Äußerungen nach wurde die Familie dadurch überrascht. Man hat mir erzählt, daß der Freiherr Randal, der Vater des jetzigen, aufs innigste diesen Schwager geliebt habe, wandte Serbinoff ein. Das mag wohl sein, versetzte der Propst, denn sie paßten zusammen, und die Frau des Obersten bildete die beste Vermittlung. Sie haßten Alle die Regierung und den König, verließen niemals ihre Besitzungen, nahmen aber so lebhaften Antheil an dem Aufstande von 1788, daß ein Prozeß gegen sie eingeleitet wurde, der ihnen Güter und Leben gekostet hätte, wenn er nicht niedergeschlagen worden wäre. Ich glaube, daß sie dadurch nicht gebessert wurden, lachte der Graf. Gewiß nicht. Ein großer Theil des finnländischen Adels hat seine Abkunft in so weit vergessen, daß er sich gern Finnen nennt und eine besondere Nationalität beansprucht. Manche lernen die finnische Sprache, und in solchen Köpfen ist der Gedanke aufgewacht, Finnland sei keine Provinz des schwedischen Reichs, welche man beliebig regieren und verwalten könne, sondern wenn nicht größer so doch reicher als Schweden selbst, dabei von einem ganz von jenem verschiedenen Volke bewohnt, das wohlberechtigt sei, ein eigenes Reich oder doch ein Nebenreich zu bilden. Ich habe davon gehört, sagte Serbinoff. In Halljalaschloß sind diese Ansichten von den Eltern den Kindern überliefert worden, sie sind damit aufgewachsen und haben sie zu verbreiten gesucht. Tavastland ist der reichste Theil Finnlands, die Bauern sind aber trotz dessen meist arm und verkommen, nur in Halljala sind sie wohlhabend und übermüthig geworden. Als der Oberst Waimon sich in Louisa niedergelassen hatte, fingen die Umtriebe an, um aus dem abergläubischen Landvolke freie denkende Menschen zu bilden, wie sie es nannten. Nicht allein Lasten wurden den Bauern abgenommen, sondern auch Grund und Boden billig verkauft und verschenkt. Man ließ Leute aus der Fremde kommen, welche den 179 Ackerbau besser verstanden, neue Geräthschaften zur Bestellung mitbrachten, neue Arten zu säen und zu ernten. Die Kartoffel wurde aus Deutschland eingeführt, Bauernschulen wurden angelegt, Unterstützungen erhielten Alle, die sich darum bemühten, und große Geldsummen wurden verschwendet, um allerlei Verbesserungen in Gang zu bringen, Mühlen zu bauen, Wege in die Wälder zu bahnen. Und die Bauern fanden, daß es ihr Vortheil sei. Der finnische Bauer ist so eigensinnig wie ein Stier, bei alledem aber hat er Verstand genug, um zu begreifen, was sein Vortheil ist. Hier war es obenein kein schwedischer Freiherr, sondern ein Mann seines Stammes, der ihm zeigte, wie es gemeint sei. Der Freiherr selbst, der solchen Schwager besaß, stieg damit in ihrem Vertrauen, und seine Schwester, des Obersten Frau, wurde fast abgöttisch von ihnen verehrt; denn sie ging in die Hütten, beschenkte die Kinder, belehrte die Weiber und sang finnische Lieder auf der Zither, was jeden Finnen glücklich macht. Ich habe es selbst gesehen, wie sie in dieser Art ihr Wesen trieb und dabei von ihren Kindern sowohl, wie von einem Landstreicher unterstützt wurde, der in dem ganzen Tavastlande bekannt ist. Sie meinen den alten Schulmeister? Denselben. Vertrauen Sie ihm niemals, fordern Sie ihn zu keinem Dienste auf und suchen Sie ihn eben so wenig durch Belohnungen zu gewinnen. Es ist ein lästerlicher Schelm, immer bereit Unfug anzurichten und Possen zu treiben, hinter denen sich seine Bosheit verbirgt. Kaum hatte der Propst dies gesagt, als eine helle Stimme sich hören ließ, die eines jener Volks- und Bauernlieder sang, an denen Finnland so reich ist. Über der Laube, auf der Höhe des Hügels, lief dicht an dem Gartengehege ein Fußsteig, auf welchem der Sänger daherkam, welcher endlich durch das Geblätter erblickt werden konnte und kein Anderer war, als Lars Normark selbst. Er trug seinen Ranzen auf der Schulter und hielt seinen Knotenstock in der Hand. Rund und roth schaute sein schlaues Gesicht unter dem groben niedrigen Hut, aus dem weißen Kittel hervor und blickte in den Garten hinab. 180 Spricht man vom Bösen, so ist er nicht weit, murmelte Herr Ridderstern. Länger als ein halbes Jahrhundert zieht der Kerl schon umher, ohne sein Ende zu finden. Lars war stehen geblieben, als habe er diese anzügliche Bemerkung gehört. Ohne seinen Gesang zu unterbrechen, musterte er die Laube und wiegte seinen dicken Kopf. Plötzlich aber wechselte er die Sprache und statt der finnischen Worte brauchte er schwedische, in welche er sein Lied übersetzt hatte. Serbinoff sowohl, wie der Propst verstanden genau, was er sang: Ich war noch jung, ich war noch klein, Da fiel der Russe ins Land. Er nahm die Kuh, er nahm das Schwein, Nahm Alles, was er fand. Meinen Vater hat er geschlagen todt, Meine Mutter hat er verbrannt. Die Bäche fließen so blutig roth, Roth ist der finnische Sand. Lauf in den Wald zu dem wilden Thier, Du armer Knabe, flieh. Bär und Wolf haben Mitleid mit dir, Ein Russe hat es nie. Die Messer nehmt und wehrt ihn ab, Das Heulen laßt jetzt sein. Der Sumpf hat Raum für manches Grab, Werft Russ' und Verräther hinein. Länger wollte Herr Ridderstern nicht zuhören. Er stand auf, trat aus der Laube und sah mit strenger Miene zu dem Schulmeister hinauf, der seinen Hut vom Schädel riß und vergnügt den geistlichem Hirten angrinste. Gott behüt's, hochwürdiger Herr! schrie er, es geht nichts über einen feinen Octobertag und ein fröhlich Gesicht. Gott behüt's! und während er sprach, kroch der Hahn aus dem Quersack, setzte sich auf den Gartenzaun und fing ein helles Gekrähe an. 181 Richtig, Hans, gibst dein Wort auch dazu, fuhr Lars lachend fort. Das Wetter ist fein und die Gesichter sind froh; denn die Ernte ist gesegnet eingebracht im ganzen Tavastland und der Preis ist heuer gut, darum wird's weiße Kuchen und fette Braten vollauf geben. Hast du nichts Besseres zu thun, rief der Propst hinauf, als hier zu stehen und mir die Ohren vollzuschreien. Wirklich, Herr, sagte Lars, ich weiß nichts Besseres, als das edle Lied vom Jahre 1714 zu singen. Es ist allerlei Gerede im Lande. Die Hexen fliegen durch die Luft, man hört's rauschen an allen Orten und vom Berge Tyrian Wuori ist der alte Gott Turri ausgezogen und trompetet und paukt alle Nächte, daß den Leuten die Haare aufrecht stehen. Aber es ist gut schwedisch Blut in mir und in dem Hans. Gott sei Dank! echt schwedisches Blut! Geh deiner Wege und störe mich nicht länger, sagte Herr Ridderstern. Und nächster Tags wird's ein Fest in Halljala geben, fuhr der Schulmeister fort. Es gibt Bärenfleisch in dem Kessel, Propst, die fette Zeit ist da. Und indem er seinen Hahn auf die Hand hüpfen ließ, sang er dazu: Kommt und schmaust vom Waldesapfel, Otho ladet euch zum Feste. Sieh', Telervo Tapio's Tochter Bringt die honigsüßen Händchen. Mielicki streicht den Mund ihm, Jumala gönnt euch das Beste. Damit zog der Schulmeister weiter und wartete nicht ab, was dem grimmigen Stirnrunzeln des Propstes folgen möchte, der ihm eine Zeitlang nachblickte und dann zu seinem Gaste zurückkehrte. – Was sang das alte Geschöpf von Otho und Tapio's Tochter mit honigsüßen Händchen? fragte Serbinoff. Er bestätigt, was ich Ihnen mittheilte, erwiederte der Geistliche, daß das Heidenthum in Finnland niemals ganz überwunden wurde; dem bei Allem, was die Finnen thun, rufen sie auch jetzt noch ihre 182 alten Götter an, und sie haben zahllose Gesänge zu ihren verschiedenen Festlichkeiten, zu Ernten, Hochzeiten und Kindtaufen, die ganz heidnisch lauten. So haben sie auch noch ein heidnisches Bärenfest, das jeden Herbst gefeiert wird. Irgendwo im Walde ist eine Bärenhöhle entdeckt, und sie ziehen hinaus, fangen und tödten den Bären unter den seltsamsten, unsinnigsten Gebräuchen und Gesängen. Hiisi, der finnische Teufel und Schirmherr aller wilden Bestien, wird darin angerufen. Mielicki und Tapio sind Waldgötter; Jumala, der Weltenschöpfer, spielt auch seine Rolle. Die Götter sind überhaupt zahllos, Ausgeburten des rohsten Aberglaubens, der die meisten Finnen noch immer beherrscht. Sie werden sehen, wie es zugeht; denn Ihre Freunde werden dabei nicht fehlen. Aber was hat Otho damit zu thun? fragte der Graf. Wissen Sie noch nicht, erwiederte Herr Ridderstern, daß das finnische Volk dem Bären diesen Namen gibt? Otho heißt eigentlich Breitstirn und ist ein besonderer Ehrenname für Menschen, welche an Gewalt und Rohheit dem Bären gleichkommen. Es ist gut, daß Herr Otho Waimon diese Erklärung nicht hört, sagte Serbinoff lächelnd. Möchte er sie hören, ich würde nichts davon zurücknehmen. Wie ich Sie vor diesem Landstreicher gewarnt habe, so warne ich Sie vor seinen Beschützern. Sie werden inne werden, daß ich Recht habe, ich kenne sie Alle. Hörten Sie, was der alte Kerl von den Russen sang? Es wird eine Zeit kommen, wo er nicht mehr dergleichen singen wird, sagte Alexei. Solche Lieder vernimmt man seit einiger Zeit mehr als je. Dabei soll der finnische wilde Jäger, der Gott Turri, der, wenn dem Lande Krieg und Unglück droht, nächtlich durch die Lüfte mit allerlei Kriegslärm zieht, sich wieder hören lassen. Wenn es auch wahr ist, daß ein Theil des Adels anders denkt, so ist es doch eben so wahr, daß von manchen Seiten der Russenhaß geflissentlich angefacht wird, der in dem Volke von alter Zeit her festsitzt. Die dies thun, sind größtentheils Schweden; dort aber – er deutete nach dem See hin – sind es Finnen, die von einem freien Finnland träumen, die finnische 183 Sprache zur Landessprache erheben möchten, und aus diesem schmutzigen heruntergekommenen Stamm ein Volk bilden wollen. Ein erhabener Gedanke, sagte Serbinoff, der aber leider wenig Segen bringt. Herr Otho wird verehrt und Herr Erich ist eine Art Heiliger dabei geworden; wenn aber Halset zufassen wollte, wie er es könnte, würde dem Freiherrn wenig übrig bleiben; denn er treibt es noch ärger als sein Vater. Herr Halset kommt, wie Sie mir sagten, bald? fragte der Graf. Ich denke ja. Er macht außerordentliche Getreideeinkäufe in diesem Jahre und seinen Schreiben nach hat er Lieferungen für die Regierungsmagazine in Helsingfors übernommen. Eben in dieser Angelegenheit verweilt Oberst Jägerhorn jetzt in Abo und wird mich bei seiner Rückreise wieder besuchen; denn ich habe die Ehre, mit dem Obersten verwandt zu sein. Herr von Jägerhorn ist, wie ich vernommen habe, einer der ausgezeichnetsten Offiziere in der finnischen Armee, sagte Serbinoff. Ein kluger, einsichtsvoller Mann, erwiederte der Propst, dabei von großer Welterfahrung und Menschenkenntniß. Der Oberst gehört zur Besatzung von Sweaborg? Er commandirt die Jäger von Nyland. Es würde für Ihre Absichten gewiß recht gut sein, wenn Sie Jägerhorn kennen lernten, und gerne würde ich dazu beitragen. Ich danke Ihnen, hochwürdiger Herr, von ganzem Herzen, erwiederte Serbinoff. Mit Freuden nehme ich Ihren Beistand an, den ich hoch zu schätzen weiß. Die vertrauliche Unterredung zwischen den beiden Herren wurde von jetzt ab längere Zeit leiser fortgeführt und erst beendet, als der Propst den Grafen bis auf die Höhe begleitet hatte. – Wenn Sie mich besuchen wollen, sagte Herr Ridderstern, können wir uns hier oben öfter finden. Aber noch eine Frage. Ist es wahr, was sich die Leute umher in ihrer neugierigen Geschwätzigkeit erzählen, daß Fräulein Ebba Bungen Halljala nicht wieder verlassen wird? 184 Ich bin der Vertraute dieser jungen Dame nicht, erwiederte Serbinoff; allein es könnte wohl sein, daß die Geschwätzigkeit Recht behielte. Es ist finnische Art so, fuhr der Geistliche fort. Auch für Sie hat man schon gesorgt. Auch für mich? Das ist erfreulich! Der Propst lächelte ihm vertraulich zu. Nun, sagte er, es ist so übel nicht gemeint; die kleine Louisa ist ein artiges Kind. Doch nehmen Sie sich in Acht, mein theurer Herr. Wovor? Vor wem? Vor Nebenbuhler. Sie haben einen solchen, der sehr erzürnt über Ihre Anwesenheit ist. Wen meinen Sie? fragte Serbinoff ernsthafter als es nöthig schien. Sollte es Ihnen entgangen sein, daß der junge Herr Magnus Munk das nächste Recht auf Louisa zu haben glaubt? Ich will es wahrlich dem Jungen nicht streitig machen, rief der Graf lachend, obwohl er zunächst an die Ruthe denken sollte. Die Kinder sind zusammen aufgewachsen, sagte Herr Ridderstern, und man hat immer angenommen, daß sie einmal ein Paar geben würden. Der Major hat es sich fest in den Kopf gesetzt, und gewiß war es auch immer der Wunsch der Familie. Wir haben noch nicht von diesem alten Soldaten gesprochen. Er ist von anderem Schnitt als die Phantasten dort, und doch ist er ihnen ähnlich genug. Seinen Schwager, den Obersten Hästenskoe, ließ Gustav der Dritte erschießen, als einen der Hauptanstifter des Angelabundes. Hästenskoe war auch so ein Schwärmer, der mit Waimon und Randal innig befreundet war. Munk focht tapfer für den König, als jedoch der Krieg zu Ende ging, nahm er seinen Abschied und zog auf das kleine Gut Lomnäs. Seit dieser Zeit hat er in beständigem Streit mit den Waimons und Randals gelebt, hat ihre Grundsätze bekämpft und verspottet; ist aber dennoch ihr getreuster Nachbar und täglicher Gesellschafter geblieben. Alles, was der König thut, vertheidigt er, wenn er auch darüber flucht und schimpft. Schweden geht ihm über Alles und Rußland – 185 Wünscht er zur Hölle, fiel Serbinoff lachend ein. Ich weiß auch dies zu schätzen, würdiger Herr, und mich danach zu richten. Man muß jedem Narren seine Kappe lassen, so auch diesem vortrefflichen Major, dem ich niemals zumuthen werde, anders zu sein, wie er ist. Er verabschiedete sich, und zwischen den Espenbüschen, welche den Fußsteig einfaßten, gelangte er bald an das Seeufer in die Nähe des Schlosses. Der Abend goß sein letztes Licht über das Thal von Halljala und deckte rosigen Frieden über alle die kleinen längs den Berglehnen zerstreuten Hütten. Über dem See stand der Mond in reiner Himmelsbläue, aus welcher ein mattes Gefunkel die ersten leise zitternden Sterne ankündigte. Der See lag in tiefer Ruhe ausgestreckt wie ein schlafender Riese unter seinem erzenen Schild. Lichte Säume hingen an den nackten Berghäuptern von Lugano, und an den Spitzen der hohen Bäume auf der Insel in der Bucht bildete das Geblätter goldig rothe Kränze. Serbinoff blieb einen Augenblick stehen und betrachtete Thal und See. Man hätte glauben können, daß er nicht unempfindlich gegen diese Reize sei; doch seine Gedanken beschäftigten sich mit ganz anderen Dingen. Der Propst ist ein kluger Mann, murmelte er endlich vor sich hin, der seinen Vortheil erkennt; mit diesen Herren Republikanern aber muß man eine andere Sprache sprechen, wie sie ihren Thorheiten angemessen ist. Speck gibt es für alle Mäuse. Hat doch die Kaiserin Elisabeth ihn schon zu bereiten verstanden, und hat es doch schon damals Dummköpfe gegeben, die sich daran fingen; warum also nicht jetzt, wo die Franzosen ihre Feuerbrände ausgestreut haben. Ich werde ein Republikaner sein, den Keiner übertrifft, fuhr er lachend fort; fehlt es mir etwa an republikanischen Tugenden? Bin ich nicht der Freund und Gefährte eines finnischen Pferdehändlers, eines philosophischen bäuerischen Dorfjunkers und der Günstling einer Dorfschönheit, die meinetwegen einen Schuljungen und einen Schiffsfähnrich zurücksetzt? Er belustigte sich mit diesen Vorstellungen, bis er in den Garten des Schlosses gelangte und von der Insel herüber die Töne einer Querpfeife, begleitet von dem Gesange einer weiblichen Stimme, herüberschallten. 186 Eine Zeit lang hörte Serbinoff dieser Musik zu. Die Ruhe war so groß und die Luft so rein, daß ihm nichts davon entging. Das Mondlicht fiel heller glänzend auf den See, und es war ihm, als stiegen die Nixen aus ihren Korallengrotten und flüsterten ihre Zauberlieder in sein Ohr. – Endlich als der Gesang verhallte, trat er in einen der schmalen Kähne, und wohlvertraut mit dem Gebrauch der Ruder glitt das kleine Fahrzeug schnell durch die Fluth. Kein falscher Schlag und kein Geplätscher verriethen ihn, bald befand er sich im Schatten der hohen Bäume der Insel, und unbemerkt landete er an der Stelle, wo die Steintreppe hinauf führte. Nach einigen Minuten schlich er durch die Büsche bis in die Nähe des Maierhäuschens, dessen Thüren weit geöffnet waren, und auf dessen Herde ein helles Feuer brannte. Vor diesem saß der Hahn, seinen Hals in die Federn zurückgezogen, und schaute philosophisch ernsthaft in die Flamme, ein weiser Denker, der sich nicht an das lustige Gelächter des Leichtsinns kehrte, der draußen im Mondschein seine schwermüthigen Betrachtungen verspottete. Denn auf der Schwelle, wo dies feine Himmelslicht durch die Zweige und Dolden der Ebereschenbäume rieselte, und sich mit dem Feuerschein des Herdes vermischte, stand Louisa, den philosophischen Hahn anschauend, dem sie allerlei Spöttereien zurief, welche er nicht im Geringsten beachtete. Dann trat sie heraus, blickte über den Rasengrund fort, und zu den Sternen hinauf. Der Mond beleuchtete ihr Gesicht, und glänzte an ihrem reichen Haar, das bis auf den Rücken niederrollte. Über ihre Schulter hing an einer breiten Silberborte die Kandele, und ihre Finger berührten die Saiten, daß sie leise klangen. So schön war ihr Lächeln, so lieblich zart und schön ihr Gesicht und ihre Gestalt, daß Serbinoff es nicht wagte, hinter dem Baume, der ihn verbarg, seine Hand hervorzustrecken, um sie festzuhalten. – Wirklich, sagte er in sich hinein, sie haben so unrecht nicht, dies reizende Kind mit einem Sylph zu vergleichen. Die erste Liebe in sein Herz zu bringen, ist entzückend zu denken. Louisa ging bei ihm vorüber, doch plötzlich wandte sie sich um; ihr scharfes Ohr hatte ein Geräusch gehört. Wer ist da? rief sie. Wer kann es sein? Ein Unwillkommener! antwortete Serbinoff, indem er hervortrat. 187 Sie – Sie! rief Louisa mit strahlendem Gesicht ihm ihre Hände entgegenstreckend. Ich dachte es, doch wie grausam Sie sind. Wissen Sie nicht, wie lieb wir Sie alle haben? Alle, Louisa? fragte er, ihre Hände nehmend und küssend. Gibt es keine Ausnahme? Ich weiß keine, antwortete sie treuherzig. Mein Bruder Otho sprach heut noch so viel zu Ihrem Lobe und ich – Nun Sie, meine theure Louisa? O, ich – ich stimmte ihm bei, lachte sie fröhlich. Da Sie es wissen wollen, Herr Alexei, so hören Sie es noch einmal. Ja, ich stimmte ihm bei. Das ist das Schönste, das ich hören kann, antwortete der Graf, nur zweifle ich. Woran zweifeln Sie? fiel sie ein als er schwieg. Ich zweifle, ob ich immer so beglückt sein werde. An seinen Freunden soll Niemand zweifeln, rief sie ihm zu, sondern wie es in unseren alten finnischen Liedern heißt: Ilmareinen vertrauen – das ist der Gott der Lust, des Glücks und der Hoffnung, Herr Alexei. Ilmareinen muß man anrufen, der die Herzen lenkt und keine Falschheit duldet; jeden Abend aber muß man den Mahisets Geschenke geben, dann flüstern sie Nachts denen, die Böses an uns thun wollen, gute Gedanken ein. Eine vortreffliche Einrichtung, um seine Feinde in Freunde zu verwandeln, lachte Serbinoff. Aber wer sind diese lieblichen Wesen, welche ihren Schützlingen so kostbare Dienste leisten? Stille, stille! flüsterte Louisa ihm geheimnißvoll zuwinkend. Die Mahisets sind überall; es sind die kleinen Unterirdischen. Im Walde tanzen sie ihre Ringeltänze, im Mondschein baden sie im Wiesentau und durch die Häuser trippeln sie bei Nacht, holen Milch und Brod und Früchte, die man für sie hinstellt, und bringen Glück dafür hinein. Wen sie lieben, dem erfüllen sie alle Wünsche, und wer sich Abends nach allen Winkeln neigt und mit dem Spruch, den sie gern hören, ihnen seine Bitten zuflüstert, dem dienen sie dafür. In Freude und Glück gehen seine Tage hin, alles gedeiht unter seiner Hand, und Niemand kann ihm Leid zufügen. 188 Und diese guten Mahisets sind die Freunde meiner schönen Freundin, somit kann ich mich auch auf sie verlassen, scherzte Serbinoff weiter. O, gewiß! rief Louisa. Wer in ihrem Schutze ist, an dem haben die bösen Capeetas keinen Theil mehr. Vor denen also muß man sich hüten? fragte er. Gar sehr! Wenn Hiisi, der Gott der Finsterniß und des Schreckens, durch die eisigen Wälder und Nebel seiner gräulichen Wohnung schreitet, entstehen die Capeetas aus dem Dampfe seines Athems. Wie Schneeflocken wirbeln sie durch die Lüfte, bis an den Mond auf, doch kein Auge kann sie sehen. In die Brust der Menschen dringen sie und winden sich um ihre Herzen. Daraus entstehen die bösen Vorsätze, die Lügen und alle Übel; wen aber die guten Mahisets beschirmen, dem dürfen sie nicht nahen. Und meine kleine Freundin Louisa ist immer von diesen guten Mahisets umringt; sie erfüllen alle ihre Bitten. Louisa blickte mit einem entzückten Lächeln zu ihm auf. Wirklich, flüsterte sie, heut erst habe ich sie angerufen, und sie haben sich gnädig gezeigt. Welche Gnade war es denn, die sie so freigebig gewährten? Ich will es Ihnen sagen, Herr Alexei. Als Sie mit meinem Bruder gingen, war es mir nicht lieb. Ich hätte gewünscht, Sie wären bei Ebba und bei mir geblieben. Und ich rief zu den Mahisets und sagte: Geht ihm nach und behütet ihn. Leise, ihr lieben Kleinen, schleicht euch an sein Ohr und flüstert ihm zu, daß er zurückkehren möge, weil wir ihn erwarten. Und als ich es hinter dem Baum rauschen hörte, da riefen feine Stimmen mir zu: Er ist da, wir haben deine Wünsche erfüllt? Das haben die guten Mahisets gethan, Herr Alexei, und ich danke euch schön dafür, ich danke euch! Während sie sich im Kreise voll süßer Demuth neigte, überkam den stolzen, ungläubigen Mann eine wunderbare Rührung. Er, mit seiner rechnenden Schlauheit, seinem Spott und seiner Verachtung gegen einfältiges Wesen, abgehärtet vor allen Gefühlseindrücken, er stand vor dem Kinde, das in seiner Unschuld ihm sein Herz aufthat, zaghaft wie ein Anfänger. Er wußte, daß er nur den Arm auszustrecken brauchte, und diese lieblichen Lippen hätten sich seinen Küssen 189 nicht geweigert. Das süße Geheimniß des Lebens, das Geheimniß der Liebe schwebte um ihren lächelnden Mund, es leuchtete aus ihren Blicken, die so wonnig schalkhaft ihn betrachteten, daß eine Empfindung tugendhaften Mitleids, vielleicht zum erstenmale in seinem Leben, ihn anwandelte. Ahnungslos über die reine Freude ihres Herzens empfand Louisa ein nie empfundenes Glück in der Nähe dieses Mannes, ohne zu wissen warum, und ohne zu untersuchen woher es kam. Serbinoff hätte mit einem Schlage die Binde von ihren Augen reißen, die Gluth der Leidenschaft durch ihre Adern jagen können, allein er scheute davor zurück in der Anwandlung seines Gewissens, eben so schnell jedoch sagte ihm auch seine Klugheit, daß es thöricht, selbst gefährlich sein würde, ein Liebesabenteuer mit einem kaum zur Jungfrau herangereiften Mädchen zu beginnen, deren Freunde und Verwandten die Entdeckung gewiß nicht spaßhaft finden würden. Wäre Louisa älter und klüger gewesen, hätte er sich weniger besonnen, aber er bedachte viel zu gut, daß Unterricht dazu gehört, um eine schuldlose Seele zur Verstellung und Lüge abzurichten. Er brach daher die Art der bisherigen Unterhaltung ab, und erzählte ihr, daß er sich von seinen Begleitern getrennt habe und zurückgekehrt sei, weil er sich ermüdet fühlte. Es waren vielleicht die guten Mahisets in meinen Beinen, fügte er lachend hinzu, vielleicht aber auch zu enge Schuhe. Nachdem ich von diesen mich befreit, bin ich nun hier frisch und munter eingetroffen, angelockt von dem Gesange, der mir den Weg zu dieser glücklichen Insel zeigte. Lars Normark ist gekommen, antwortete Louisa, und Ebba verlangte von ihm, daß er das alte schwedische Lied blasen mußte, das ihre Mutter so oft gesungen hat. Und wo ist Fräulein Ebba? Mit Lars ist sie nach der Spitze der Insel gegangen. Da ist es schön. Es liegt ein hoher Stein dort, von ihm schaut man weit über den Pajäne hinaus. Wir wollen gehen und sie aufsuchen, schlug Serbinoff vor, und zustimmend eilte sie voraus. Wie ein Elf schwebte sie vor ihm her, neckend und lachend, während der Wind leise ihr Haar bewegte, ihre 190 Gewänder die kleinen Füße umspielten, welche kaum den Boden zu berühren schienen, und die Zither unter ihren Fingern klang. Serbinoff erinnerte sich eines Märchens, das er einmal gelesen hatte, von einem Königssohne, der in einem Zauberwalde verirrt, von der Tochter des Magiers gerettet wurde, die singend vor ihm herzog, und alle die Ungeheuer einschläferte, welche zu beiden Seiten auf ihn zufuhren, und ihn zerreißen wollten. Als er aus dem Walde war, fiel er vor ihr nieder, flehte sie an ihm zu folgen, und seine Königin zu sein. Und sie that es und floh mit ihm. Alexei lächelte bei seinen Gedanken, und seine Blicke verfolgten das liebliche Geschöpf. Er überlegte, was ihm dabei weiter einfiel, und murmelte vor sich hin: Der Königssohn heirathete eine Prinzessin, wie es sich schickte, und die Tochter des Magiers lief zuletzt in den Zauberwald zurück, wo sie von den Ungeheuern zerrissen wurde. Das war das Ende der Geschichte, die aber jedenfalls ihre schönen und rührenden Seiten hat. Als er dies sagte, kehrte Louisa zu ihm um und zog ihn in den Schatten der Bäume. Die Klippe lag vor ihnen und der weite und unbegrenzte See dehnte sich in dämmernde Fernen aus, die wie Träume sich auf ihn legten, und ihn bewegungslos machten. Von dem Steine herab stieg Ebba begleitet von einem Mann, der mit ihr Hand in Hand ging, und bald von Serbinoff erkannt wurde. Es ist Erich, flüsterte Louisa. Ganz heimlich ist er gekommen. Wir wollen ihn nicht stören, sagte Serbinoff. Langsam kamen die beiden näher heran, und blieben an der Biegung des Weges stehen. Ebba blickte nach dem See zurück. Das ist der schönste Platz, den es gibt! rief sie laut. Lars hat mir gesagt, daß es der Lieblingsaufenthalt meiner Mutter war, auch der meine ist es. An dieser Stelle hatte Ihre Mutter von meinem Vater Abschied genommen, theure Ebba, antwortete Erich mit seiner sanften, tiefen Stimme. Auch wir wollen dort Abschied nehmen, wenn wir scheiden müssen, fiel das Fräulein ein. 191 Aber was sie ihm versprach hat sie nicht gehalten, fuhr er fort. Sie ist nicht wieder zurückgekehrt. Sind wir armen Menschen denn immer so die Herren unseres Schicksals, daß wir halten können, was wir versprochen? erwiederte sie. Drängt sich zwischen unseren Willen und dessen Erfüllung nicht oft die Gewalt der Verhältnisse, der nichts zu widerstehen vermag? Klagen Sie meine Mutter nicht an, Erich. Sie würde Wort gehalten haben, ein fremder Wille zwang sie zu vergessen und zu gehorchen. Ich klage nicht an, theure Ebba, antwortete er, ich habe Ihnen Alles gesagt, was ich darüber denke. Mein Vater hat seine Jugendliebe treu bewahrt; offen habe ich Ihnen gestanden, was sein letzter Wunsch war. Möge der Himmel geben, daß die Gewalt der Verhältnisse sich nicht auch zwischen uns stellt. Das fürchte ich nicht, sagte sie, wenigstens können es nicht Verhältnisse sein, unter denen meine Mutter litt. Ich werde mich niemals zu einer Verbindung zwingen lassen, die meinen Neigungen entgegen ist. Verkaufen und verhandeln lasse ich mich nicht, wäre der Preis auch noch so hoch und verlockend. Da ich nichts zu bieten habe als mich selbst, entgegnete er mit seiner freundlichen Ruhe, so bleibt nur übrig zu erforschen, ob ich im Stande bin, Ihre Neigung zu gewinnen. Ich achte Sie, lieber Erich, ich schätze Sie sehr hoch, der guten und edlen Eigenschaften wegen, die Sie im so reichen Maße besitzen, fiel sie warm und lebhaft ein. Haben Sie Dank für dies freundliche Urtheil, erwiederte er. Geben Sie mir Zeit, fuhr sie fort, um noch mehr hinzuzufügen. Ich werde warten, antwortete er sanftmüthig lächelnd, und werde Ihr getreuer Freund bleiben, theure Ebba, mag Ihre Entscheidung auch gegen mich ausfallen. Glänzende Vorzüge werden Sie nie an mir entdecken, allein auch keinen erborgten Schimmer. Diese letzten Worte schienen das Fräulein zu einer schnellen Antwort zu bewegen. Glauben Sie mir, sagte sie, daß mein Herz sehr ruhig bei solchen glänzenden Vorzügen bleibt. Ich weiß den 192 äußern Schein gut genug von dem innern Werth zu unterscheiden und habe lange genug in der großen Welt gelebt, um Anstrich und Politur darin kennen zu lernen. Nein, Erich, ich weise Alles, was Sie andeuten könnten, von mir zurück. Ich bin nach Finnland gekommen, frei von geheimen Wünschen oder Hoffnungen; es gab Niemand, der mir diese eingeflößt hätte. Und auch hier erwachten diese nicht? fragte er leiser. Hier! Was soll ich Ihnen sagen – das ist eine grausame Frage! die ich mit nein beantworten muß. Ein lautes Hahnengeschrei schallte von dem Häuschen her, und mehrere Stimmen ließen sich hören. Das ist Otho, sagte Erich. Ihr Bruder ist mit ihm zurückgekehrt. Wir wollen ihnen entgegengehen. Serbinoff trat mit Louisa aus dem Versteck hervor. Ihre Absicht, Ebba zu überraschen, war vereitelt worden. Der Inhalt des Gesprächs, das sie mit angehört hatten, war von der Art, daß Beide fühlten, es sei unmöglich gewesen, es zu unterbrechen, oder sich jetzt als unfreiwillige Zeugen zu stellen. Zwar hatte Louisa nicht Alles verstanden, allein dennoch genug, um zu wissen, warum es sich handelte; Serbinoff dagegen wußte um so besser, daß Ebba's letzte Antworten Bezug auf ihn selbst hatten, und daß sie in einer Weise gegeben wurden, die ihm wenig schmeichelhaft war. Ein schönes Abenteuer haben wir zusammen bestanden, lachte er, indem er Louisa's Arm in den seinen legte. Was thun wir jetzt damit? Wir müssen thun, als wüßten wir nichts davon, antwortete sie. Meinen Sie? Und müssen am Ufer fortgehen, damit man nicht bemerkt, daß wir hier waren. Sie haben Recht, meine kleine Freundin, sagte Serbinoff, der sich über ihre Antworten freute. Wir müssen, uns geloben, darüber zu schweigen und nichts zu verrathen. Können Sie das? Ihre Augen hefteten sich betheuernd auf ihn. Ich kann schweigen, erwiederte sie, denn es würde Erich und Ebba gewiß unlieb sein, wenn sie erführen, daß wir ihre Geheimnisse anhörten. Liebesgeheimnisse, flüsterte Serbinoff, ihre Hand an sich drückend, sind die zartesten und heimlichsten auf Erden. Die Blume der Liebe blüht nur im Verborgenen. 193 Louisa! rief Otho mit starker Stimme, und durch die Büsche fliehend antwortete ihr Freudengeschrei. Serbinoff folgte langsam nach. Nun wir werden ja sehen, sagte er, ob dies Elfenkind nicht auch einige der üblichen Tugenden anderer Evastöchter besitzt. Ein guter Anfang ist jedenfalls gemacht. Neuntes Kapitel. Am zweiten Tage darauf wurde das Herbstfest oder Bärenfest gefeiert; alle rüstigen jungen Männer von Halljala versammelten sich dazu, frohlockend und jauchzend in übergroßer Freudigkeit, sobald der Morgen anbrach, denn es galt zunächst den Festbraten aus dem Walde zu holen, den feisten Bären, der dabei nicht fehlen durfte. Auch Erich Randal war mit seinen Gästen bereit, sich dem Zuge anzuschließen. Otho mit Louisa fehlten nicht. Mitten unter dem Männerhaufen aber stand der Schulmeister Lars, seinen Quersack auf dem Rücken, seinen Knotenstock in der Faust und den Hahn auf seinem Arm, von wo aus dieser, seine Federn putzend und muthig umherblickend, von Zeit zu Zeit einen hellen Schrei hören ließ. Die meisten der Anwesenden betrachteten das kluge Thier mit Vergnügen und lachten ihm allerlei neckende Fragen über das Glück des Tages zu, manche aber sahen ihn auch scheu und ernsthaft darauf an, und ihre Mienen drückten genugsam aus, daß sie wenigstens irgend einen Kobold oder dergleichen darin vermutheten. Die Versammlung war übrigens wohl geeignet, die neugierige Aufmerksamkeit der fremden Gäste zu erregen. Die Männer trugen fast sämmtlich ihre dicht auf dem Haar liegende schräge Mütze oder Pitnilka, darüber den breiten niedrigen Hut. Ein kurzer Wollenrock flatterte über ihrer Knopfjacke, und die weiten blauen Hosen waren an den Halbstiefeln festgebunden, welche nach finnischer Sitte um die Knöchel geschnürt wurden. Meist waren es kräftige, gelenkige Gestalten, manche darunter vom schönsten 194 Ebenmaß und einnehmenden Gesichtszügen. Ihre lichten Augen drückten Schelmerei, ihre hohen Stirnen Verstand aus und ihre langen Piken und scharfen Beile wurden so gewandt von ihnen geschwungen, daß nicht leicht Einer es besser machen konnte. Doch nicht allein Männer befanden sich in dieser Schaar, welche sich auf dem Schloßhof sammelte, auch Weiber und Mädchen stellten sich ein mit allerlei Scherz und Gelächter und guten Wünschen, welche ihren Helden Muth machen sollten. Mehr als eine trug auf ihren langen Zöpfen eine seidene Mütze mit bunt gesticktem Deckel und um ihren Hals ein seidenes Tuch von leuchtender Farbe. Das knappe Mieder von Baumwolle war mit rothen Bändern geschnürt, und die selbstgesponnenen dunklen Röcke mit zackigen rothen Kanten gerändert. Es sah gar nicht übel aus, wie ein paar hübsche Dirnen in dieser schmucken Tracht umhersprangen, ihre weißen Zähne zeigten und mit mehr Gewandtheit, als sonst dem Landvolk eigen, sich ihren Verfolgern zu entwinden wußten. Im Allgemeinen jedoch waren auch hier die Männer bei weitem schöner, als das weibliche Geschlecht. Lars Normark hatte inzwischen einen Bekannten getroffen, mit dem er sich länger einließ, als mit anderen, und welcher auch von den Übrigen sich merklich unterschied. Wie es selbst unter Lappen und Hottentotten junge feine Herren gibt, die sich durch Gestalt und Tracht auszeichnen und die Bewunderung aller Schönen zu erwerben wissen, so auch hier Jem Olikainen, Otho's lustiger Diener, der Löwe von Halljala, mit welchem Keiner im Kirchspiel sich messen konnte. Sein jugendliches Gesicht, seine schlanke Gestalt und die feurigen tiefblauen Augen verschafften ihm jedoch nicht allein den Preis, mehr noch die ländliche Koketterie, welche er zur Schau trug. Seine Mütze war von Sammet mit Seidenschnüren besetzt, sein Hut saß schief darüber und im Bande steckte eine Auerhahnfeder; an seinem Jäckchen blitzten die Knöpfe wie Silber, und im Gürtel trug er zwei Messer mit glänzenden Griffen. Dazu schwang er einen doppelschneidigen Speer, auch hing über seiner Schulter eine buntverzierte Ledertasche, aus welcher der geschnitzte Griff eines Beils hervorsah. Nun, Vater Lars, rief er den Schulmeister an, einen schönern Tag zum Bärenfeste kann es nicht geben. Hast du den lieben 195 Honigschmauser gesehen? Hat er dir nicht Grüße für mich aufgetragen? Ist es etwa ein Liebchen, wie das Schoßhündchen Tapiolama's, der Waldgöttin, oder gehört er wohl gar zu den Schatten, mit denen Turri, der wilde Jäger, nächtlich vom Savolax über den Pajäne jagt? Bei unserem Mütterchen! Lars Normark, ich wünschte, er käme grade her aus Hiisi's Wäldern, denn ich habe meinem süßen Schätzchen Fulla sein zuckersüßes Händchen versprochen. So halt es auch, antwortete der Schulmeister. Was meinst du dazu, Hans, wird unser Gevatter sich nicht freuen, den tapfern Jem in seinem Hause zu sehen? Wird er ihn nicht an sein Herz drücken und ihm die süßen Pfötchen schenken? Ist er nicht so ein schmuckes Hühnchen, wie keines im ganzen Tavastlande umherschreit? Der Hahn nickte gravitätisch und stieß dabei eine Art Gelächter aus, das von dem ganzen Kreise schallend wiederholt wurde. Jem sah ein wenig roth darein, aber er warf seinen Hut auf das andere Ohr und den Arm in die Seite stemmend, ließ er sich nicht irre machen. Ich will des Gevatters Vorsänger sein, rief er, und will ihm eine Einladung bringen, wie er sie noch nicht gehört hat. Siehst du wohl, Hans, lachte Lars Normark, siehst du wohl! Sagen's nicht die wüsten Savolaxer und die Spitzbuben in Osterbotten, daß die feinsten Leute im Tavastlande wohnen, die das Gras wachsen hören, und denen die Kühe immer Milch geben? Er verzerrte sein rothes dickes Gesicht voll lustigster Spottsucht und ließ die runden blauen Augen über den ganzen Bauernschwarm fliegen. Die Tavastländer galten in Finnland weit eher als übermüthige, leichtgläubige Menschen, denn als besonders weise, und Lars verfehlte nicht, seinen Lieblingsausruf auch diesmal hinzuzufügen: Schwedisches Blut, echt schwedisches Blut! schrie er. Gott sei Dank, Hans, daß wir beide das echte Blut haben! Seine Freunde in Halljala nahmen ihm den Spott so übel nicht. Hier oben am Pajäne, wo das Land dicht an Savolar und das eigentliche Finnland streifte, wohnte ein hartes stolzes Geschlecht, das sich nicht mehr zu dem Süden rechnete, in welchem die Menschen weichlicher, und mit allerlei Narrheiten begabt sein sollten. Sie hatten auch genug zu lachen und sich zu freuen, als der Lustigmacher fortfuhr: Gebt Acht, Nachbarn und gute Freunde, 196 was sich begeben wird, wenn wir vor des Gevatters Haus kommen. Sobald er seine kleinen freundlichen Augen aufthun wird und Jem Olikainen kommen sieht, wird er vor Erstaunen nießen und schreien. So ein Federhütchen hat er noch nie gesehen, so ein feines Jäckchen möchte er selbst anziehen und in solche weite Höschen möchte er für sein Leben gern seine Beine stecken. Ich will sie ihm anziehen helfen! rief Jem, und will sie ihm zuknöpfen, setzte er hinzu, indem er an seine Pike schlug. Alle Wetter, Hans, siehst du wohl! schrie der Schulmeister unter dem allgemeinen Gelächter. Es wohnen viele kluge Leute im Tavastlande, aber dieser hier fängt den Mondschein in Säcken. Den Gevatter besieht er sich erst in der Nähe, wenn die süßen Tätzchen nicht mehr drücken und das süße Mündchen nicht mehr sprechen kann. Falsch, Vater Lars, deine Rede ist eine Mühle ohne Rad! fiel Jem ein. Habe ich es nicht gesagt, daß ich des Gevatters Vorfänger sein will? Dicht an seinem süßen Mündchen will ich's ihm in die Ohren flüstern, was ich von ihm halte. Nein, Jem, nein! rief neben ihm eines der hübschen Mädchen, das sollst du nicht thun; um meinetwegen sollst du nicht. Wenn die Honigtatzen von rothem Gold wären, möchte ich sie nicht haben. Recht, du Leckermäulchen, recht, du Honigherzchen, lachte der alte Lars. Laß ihn nicht von deiner Seite, damit seine blanke Jacke keinen Fleck und sein hübsches Gesicht kein Loch bekommt. Das Mädchen warf einen bittenden Blick auf den alten Spötter und dann einen ängstlichen auf ihren jungen geputzten Schatz, allein dieser ließ seine kecken Augen um so muthwilliger blitzen. Laßt es mich nur sehen, das Schoßhündchen, rief er, durch Verschieben geht die Zeit verloren und viele Worte macht ein Thor. Da kommt Herr Erich Randal, fertig sind wir Alle. Laß dich nicht erschrecken, meine Fulla, mit meinem Stabe will ich ihm die Zähne stochern. Ein niedliches Geschöpf wird es sein, nicht größer als eine Gans; artig wird es mir folgen, bis es zu deinen Füßen ausruht. Aber Fulla schien trotz dieser prahlerischen Verheißungen des tapferen Jem ihre Sorge nicht los zu werden. Sie mochte keine weitere Einrede versuchen, denn sie sah wohl ein, daß diese fruchtlos 197 bleiben würde, doch ihre Lippen klemmten sich schmerzlich zusammen und ihre Hände falteten sich über der Schürze, denn sie wußte, daß ihr Geliebter sich in keine geringe Gefahr begeben wollte. Des Bären Vorsänger sein hieß so viel, als die Ehre des Angriffs auf sich nehmen, und an seiner Höhle zunächst das alte Lied anzustimmen, mit dem der wilde Geselle an das Tageslicht herausgelockt wurde. Einen solchen Kampf allein zu bestehen, brachte zwar nicht geringen Ruhm, allein es gehörten Glück und Geschicklichkeit dazu, um Sieger zu bleiben, und jedenfalls war es sicherer, wenn, wie es gewöhnlich geschah, die Masse der Spießträger über den grimmigen König der nordischen Wälder gemeinsam herfiel. Das arme Mädchen behielt jedoch keine Zeit, um auf ein Mittel zu denken, den aufgeregten Jem Olikainen in seinen Entschlüssen wankend zu machen; denn der abscheuliche Pfeifer schlug ihn auf die Schulter und brachte eine neue ärgere Neckerei vor, welche seinen Ehrgeiz noch mehr aufregen mußte. Der Hahn mischte sich auch hinein, indem er ein entsetzliches Kriegsgeschrei anstimmte, und im Schloß öffneten sich die Thüren; der Freiherr mit allen seinen vornehmen Gästen und Nachbarn trat heraus, was den Lärm nicht wenig vermehrte. Otho Waimon's große graue Hunde bellten und heulten, Pferde wurden herbeigeführt, viele Stimmen schrien durcheinander, und die Schaar der Jäger drängte sich um die Vortreppe, wo Erich Randal dem alten Lars ankündigte, daß er diesmal selbst bei dem Bärenfang zugegen sein wolle. Es ist recht so, Freiherr Erich, antwortete der Alte. Dein Vater hat oft genug den Jagdspieß in seine Hand genommen und ist der Erste gewesen, der Hiisi und Tapio um Glück anrief. Glaubst du, daß Damen uns begleiten können? fragte Erich. Warum denn nicht? erwiederte der Schulmeister. Es ist echt schwedisches Blut in uns, Gott behüt's, schönes Fräulein! Echt schwedisches Blut, wie es sein muß. Kommt und seht die Felsen von Korpilax, bis dahin können Euch vier gute Beine tragen; steht es dann Euren eigenen beiden nicht an, weiter mitzuwandern, so bleibt und windet Kränze für Otho's süßes Haupt. Er wird es zu Euren Füßen legen, und da steht Jem, der unerschrockene Jem, der 198 geschworen hat, den brummenden Schelm so zahm und fein zu machen wie ein Schoßhündchen. Was sagst du, alter närrischer Lars? rief Ebba lachend, indem sie nach Otho hinblickte. Sie werden heut meinen Namen von vielen Liebkosungen und Schmeicheleien gefeiert sehen, versetzte dieser; aber ich verwahre mich vor allen Verwechselungen. Er wiederholte ihr, was Herr Ridderstern schon dem Grafen Serbinoff darüber mitgetheilt hatte, daß Otho der finnische Lieblingsname für den Bären sei, der eigentlich Kouwon heiße, doch in allen Liedern und Jagdgesängen Otho genannt werde. Und danach hat man Sie getauft, mein armer Vetter? fragte sie spöttisch. Diesen echt finnischen Ehrennamen hat man mir auf den Weg gegeben, erwiederte er. Ein barbarischer Name! Lassen Sie ihn nicht zu Schanden werden, fuhr sie übermüthig fort. Ein herrlicher Name! rief Louisa, an ihren Bruder aufstrebend, indem sie das dichte, leicht geringte Haar von seiner Stirn wischte. Er ist ganz für ihn passend; denn kühn und stark ist er, wie Otho es sein muß, und seht seine breite Stirn, seht, seht, wie seine Augen funkeln! Kampflustig, wie es ihm geziemt! fiel Ebba ein, indem sie ihn anblickte und über den Unmuth spöttelte, den sie in seinem Gesichte zu entdecken glaubte. Ich begebe mich heut in Ihren Schutz, Vetter Otho; denn was ich sonst auch glauben mag, so glaube ich doch, daß ein Otho mich vor dem andern zum allerbesten beschirmen wird. Die Pferde wurden herbeigeführt, die Damen schwangen sich auf, und ihre Begleiter folgten ihrem Beispiele; nur Erich Randal, gestützt auf seinem Bergmannsstocke, blieb seiner Sitte getreu und wanderte rüstig neben den Reitern her. Bald jedoch mußten diese sich sagen, daß Erich schneller und leichter fortkomme wie sie; denn als das Thal von Halljala hinter dem Jagdzuge lag, stieg dieser die steilen Waldhügel hinauf, in deren Gewinde manche Hindernisse zu bewältigen blieben. Aus allen Häusern und Hütten aber liefen Weiber und Kinder herbei, oder sie schrien den Jägern Glückwünsche nach – und 199 auf dem freien Platze hinter der Kirche schienen allerlei Anstalten zu einem Feste getroffen zu werden. Männer, welche die Jagd nicht mitmachten, trieben dort Pfähle in den Boden, die durch Ketten von Laub und Tannenzweigen verbunden wurden, andere bereiteten Sitze und Tische, noch andere gruben ein Loch und legten es mit Steinen aus, wie zu einer gewaltigen Feuerstelle. Daneben stand ein spitziger hoher Pfahl, der ganz mit Feldblumen umwunden war, auf der entgegengesetzten Seite aber lagen Holzvorräthe bei mächtigen Kesseln und Töpfen. Der Kammerherr wäre ohne Zweifel am liebsten zu Haus geblieben; theils jedoch fürchtete er die Spöttereien, theils die langweilige Einsamkeit. Er hatte sich daher dem Zuge mit dem festen Vorsatze angeschlossen, in richtiger Entfernung der Erlegung des Bärs zuzusehen, und es nicht wie der närrische Lindström gemacht, der ein paar lange finnische Jagdspieße mit sich schleppte. Diese Vorbereitungen, bemerkte er, als sie an dem Platze vorüberritten, sehen aus, als würde hier die Abendsonne eine schmausende und zechende Gesellschaft beleuchten. Es ist Alles zum Empfange des theuren Otho eingerichtet, erwiederte Erich. Wenn, was freilich häufig der Fall ist, frühzeitig Schnee fällt, so muß das Bären- und Herbstfest in einem Hause gefeiert werden; ist jedoch, wie in diesem Jahre, das Wetter schön und mild, so geschieht es mit noch größerer Lust im Freien. Und das bedeutet Glück! rief Louisa dazwischen. Das nächste Jahr wird ein schönes reiches Jahr sein. Alle Speicher werden sich füllen, alle Bäume voll Früchte hängen, alle Wünsche erhört werden. Sackamieli, die Göttin der Liebe, sagte Erich, schweift in solchen Jahren, wie es in den alten Liedern heißt, leichtfüßig umher. Unter ihren Füßen sprossen Blumen auf, und sie sammelt diese in ihrem Gewande und wirft sie hartherzigen Mädchen zu, die dann nicht länger widerstehen können. Wahrscheinlich hat die liebenswürdige Sackamieli auch diesen Pfahl mit Blumen bekleidet, und Heil dem, der daran festklebt! fiel Baron Arwed ein. 200 Falsch gerathen! lachte Louisa. Dieser Pfahl ist für Otho bestimmt. Sein Kopf soll darauf gesteckt werden, wenn er ihn nicht behütet. Man muß immer den Kopf auf der richtigen Stelle behalten, sagte Ebba mit einem Seitenblick auf ihren schweigsamen ernsthaften Nachbar. Was meine Sorge sein wird, murmelte Otho Waimon vor sich hin. Und was soll dann mit dem prächtigen Kopf des Herrn Otho geschehen? fuhr der Kammerherr fort. Ei, er wird gekocht, und jeder Finne wird Ihnen sagen, daß es nichts Köstlicheres in der Welt gibt, als wenn er mit seinem süßen Mäulchen und den allerliebsten Ohren aus dem Kessel voll Erbssuppe hervorsieht. Ein helles Gelächter und andere Scherze auf Otho's Kosten folgten, während der Jagdzug an den Höhen aufstieg und das Waldgebiet erreichte. Die Bauernschaar in ihren weißen Röcken zog fröhlichen Muthes voran. Die schlanken rüstigen Männer, hoch von Körperbau, kräftig und doch leicht gegliedert, kletterten an den Bergkanten empor, und malerisch genug sah es aus, als sie zwischen Bergfichten und Sonnenschein sich fortbewegten. Sie schwangen ihre Spieße, und der Wald tönte von einem Gesange, den der Schulmeister auf seiner Querpfeife dann und wann begleitete. Ich muß gestehen, sagte der Kammerherr, daß diese finnischen Bauern ein schönes und starkes Geschlecht sind, und begreife die Vorliebe, welche Gustav Adolph, Karl der Zwölfte und andere kriegerische Fürsten für die finnischen Regimenter hatten, obwohl, was Ausdauer anbelangt, diese von jeher mehr den Schweden zugesprochen wurde. Es hat auch den Finnen niemals daran gefehlt, antwortete der junge Waimon, und wenn über die finnische Unbeständigkeit geklagt wurde, lag die Schuld an denen, die es nicht verstanden, wie man mit Finnen umgehen muß. Und wie muß man denn mit den finnischen Helden umgehen, damit sie die Dauerbarkeit nicht verlieren? fragte Ebba. 201 Man muß Vertrauen zu ihnen haben, sagte Otho, muß sie nicht in ihren Rechten kränken und verspotten; muß glauben, daß sie warme Herzen für Freundschaft, Treue und Ehre besitzen. Die Finnen müssen tapfere Männer sein, erwiederte Serbinoff, als Keiner antwortete, da sie, mit diesen Bohnenstangen bewaffnet, einen Bären angreifen, der, wenn er von starker Art ist, sich nicht allzusehr davor zu fürchten braucht. Sie werden bald sehen, wie man mit ihm fertig wird, versetzte Otho. Man hat das finnische Volk von alten Zeiten her entwaffnet, ihm keine Feuerwaffen gestattet, sogar zu öfteren selbst die Schwerter und Messer verboten, angeblich, um zu verhindern, daß sie in Trunk und Leidenschaft nicht ihre Feste zu Schlachtfeldern machten, in Wahrheit aber, weil man fürchtete, das Volk könnte aufstehen gegen seine Herren. Als Peter der Große in Finnland einfiel und die Finnen erbarmungslos gebraten und geröstet wurden, hatten sie in ihrer Verzweiflung nichts als diese Bohnenstangen, ihre Schlingen und ihre Hunde. Damit wehrten sie sich, so gut sie konnten. Auch im Jahre 1743 fing der Krieg damit an, daß das finnische Volk auf Befehl des schwedischen Reichsraths wehrlos gemacht wurde, statt es aufzurufen gegen den Feind, und noch ist den Finnen meist nichts weiter geblieben als Beil und Spieß, während die Jäger in Savolax und Carelien häufig noch Pfeil und Bogen gebrauchen. Dadurch, fuhr er fort, hat man es dahin gebracht, daß jährlich viele tausend Pferde, Rinder, Ziegen, Hausthiere aller Art von den wilden Bestien zerrissen werden, und trotz des wunderbaren Überflusses von köstlichem Gras und Heu der Viehstand in Finnland ein erbärmlicher ist, weil es unmöglich wird, die reißenden Thiere zu verfolgen und auszurotten. Wer zu viel anklagt, beweist wenig, sagte der Kammerherr lächelnd. Seit Gustav des Dritten Zeiten hat Finnland nicht mehr über Unrecht zu klagen. Es ist mit Sorgfalt damals Alles geschehen, was geschehen konnte. Unter der jetzigen Herrschaft geht freilich Finnland wie Schweden zu Grunde. Wenn man gerecht sein will, versetzte Otho, so hat Finnland über den jetzt regierenden König am wenigsten zu klagen. Er that, was er konnte, ist öfter auch selbst hier gewesen und hat die Liebe der 202 Bauern erworben, die ihn als einen Mann ehren, der kein Unrecht der Mächtigen dulden will. Aus Haß gegen die Schweden hat er es gethan, fiel Ebba ein. Deutsche und Finnland hat er immer vorgezogen. Der Freiheitssinn der Schweden gefiel ihm niemals. Otho unterdrückte die Antwort, welche er geben wollte; aber sie war in seinem Gesichte deutlich genug zu lesen. Als der König vor fünf Jahren hier im Lande war, sagte er, sprach er in Tavastehuus zu den Bauern: Keinem meiner Unterthanen soll Unrecht geschehen. Niemand, wer er auch sei, soll sich unterstehen, die Gesetze zu verachten. Ich selbst stehe unter dem Gesetz. Schöne Worte, lachte der Kammerherr. Als Gustav der Dritte im Jahre 1776 das neue Hofgericht in Wasa einführte, fuhr Otho fort, sagte er zu den Räthen: Berücksichtigt die Vorrechte des Adels; leidet es aber nicht, daß der Bauer unterdrückt werde. – Ein solcher Widerspruch war unlösbar und änderte sehr wenig; erst seit zwanzig Jahren kaum hat sich das Land gehoben, weil es besser unterstützt wurde, weil Männer im Lande selbst aufstanden, die, wie Erich's Vater, Hand ans Werk legten, nach Gerechtigkeit strebten, Einöden urbar machten, Sümpfe trockneten, den Ackerbau verbesserten, die Industrie belebten und die ökonomische Gesellschaft gründeten, die in wenigen Jahren für des finnischen Volkes Wohl mehr gethan hat, als alle Könige zusammengenommen. Das Schweigen, welches dieser trotzigen Rede folgte, wurde von Erich Randal's milder Stimme unterbrochen. Wir dürfen die Vergangenheit nicht mit dem Maßstab unserer Ansprüche messen, sagte er. Manches ist zu verschiedenen Zeiten für unser Vaterland geschehen; allein es blieb ungenügend und ging verloren in den vielen Kriegen und Leiden, welche Finnland immer wieder heimsuchten. Wer die Geschichte unseres armen kleinen Volkes durchblättert, muß erstaunen über sein endloses Unglück; eben so wohl aber muß er erstaunen über den Muth und die Geduld, mit welchen das Schwerste ertragen wurde. Viele hundert Jahre lang war kaum eine Heimsuchung überwunden, und die Wüsten belebten sich wieder, so folgte ein neuer, alles aufkeimende Leben vernichtender Stoß. Fast kein 203 Geschlecht wurde alt in Finnland, ohne Krieg und Kriegesnoth zu erfahren, und daher kommt es, daß unser Vaterland noch jetzt weniger bevölkert ist, als vor alten Zeiten, daß man noch jetzt viele verlassene Höfe findet, über welche Wald wächst und von deren Eignern Niemand mehr weiß. Dieser spärlichen Bevölkerung würden auch die Feuerwaffen wenig helfen, um die Schaaren gefräßiger Raubthiere zu vertilgen. Wie sollte dies da geschehen, wo oft viele Meilen Wald, Sumpf und Einöde zwischen wenigen menschlichen Wohnungen liegen? Erst wenn Finnland einmal von dauerndem Frieden beglückt ist, wenn es zahlreiche Bewohner ernährt, wenn die fruchtbaren Äcker davon Zeugniß geben, dann werden die wilden Thiere, wie überall, so auch hier, der fortschreitenden menschlichen Cultur weichen. Und dies zu bewirken, setzte er lächelnd hinzu, muß unsere Aufgabe bleiben, um dessentwegen lasse ich mich gern auch einen Bauer nennen; denn wenn der Freiherr ein Bauer ist, werden die Bauern endlich Freiherren sein, was ich von ganzem Herzen wünsche. Das Gewinde hoher felsiger Hügel und Felsenmassen rückte näher heran und sah wild und öde auf die Jägerschaar herunter. Der schmale Weg, der durch diese Bergwälder führte, wandte sich jetzt dem Pajäne zu, der mit seinem tiefen Becken diese Felsen spaltet und nach Norden hin sich mit anderen Seen und Gewässern verbindet. Bis hierher hatte deutlich genug die menschliche Hand da und dort sich sichtbar gemacht und durch Niederbrennen des Waldes Raum für neuen Anbau geschaffen. Ganze Strecken waren mit gefällten Stämmen bedeckt, die reihenweise neben einander lagen, andere standen voll abgestorbener Bäume, welche rund um ihre Rinde tief eingehauen ihr verdorrtes Gezweig senkten, während an einigen Orten der Boden schon umgegraben und bestellt war, und nur die hervorragenden Baumstubben bewiesen, daß vor nicht langer Zeit auch hier das grüne Walddach lustig rauschte. Der Kammerherr machte eine Bemerkung darüber, und Erich sagte erklärend: So macht man es in Finnland um Ackerland zu bekommen. Es ist eine gräuliche Holzverwüstung von alter Zeit her daraus entstanden, denn schonungslos sind die schönsten Wälder niedergebrannt und höchstens hat der Bauer Theer und Pottasche damit 204 gewonnen. Jetzt hindert man die Verwüstung so viel es angeht; hier habe ich, wie Sie sehen, die Stämme fällen lassen, um sie auf meinen Sägemühlen zu Balken und Brettern zu schneiden. Das muß kostspielig sein und keinen großen Gewinn bringen, bemerkte Serbinoff. Es würde reichlichen Gewinn bringen, wenn wir Kanäle für unsere Seen und Schleusenwerke hätten, um die Wasserfälle zu vermeiden, und eine leichte Verbindung mit der Küste. Dahin muß es doch endlich kommen, und Finnland wird dann seinen Reichthum verwerthen können. Ich habe diese Industrie begonnen, um zu zeigen, daß es geht, wenn ich auch gegen große Schwierigkeiten kämpfe. Ich gebe vielen Menschen Arbeit, lehre sie, wie sie es machen müssen, und helfe ihnen, wenn sie es nachmachen wollen. Daher ist es natürlich, sagte Ebba mit einem warmen Lächeln, daß alle diese armen Leute mit solcher Liebe Ihnen zugethan sind, Vetter Erich. Es ist schön, ein Wohlthäter der Hilfsbedürftigen zu sein; ich begreife es, warum Sie Ihr Glück darin suchen und finden, und wünschte andere wilde und trotzige Herren, die so gern streiten und hadern, besäßen etwas von Ihrem milden Sinn. Wahrlich, Sie ähneln dem alten Pfarrer Jönsson in Ihrer Menschenliebe. Jönsson? fragte Erich. Kennen Sie einen Pfarrer, der so heißt? Der Kammerherr warf seiner Schwester einen Blick zu, der ihr zu schweigen gebot. Es gab einmal einen alten Geistlichen in Schweden, sagte er, der für die Bauern väterlich sorgte, und den sie dafür wie einen Heiligen verehren. Der heilige Erich ist aber ein Freiherr und kein Pfarrer, und – was ist das? Wer kommt dort? Es war der Schulmeister Lars, der an der Biegung des Weges stand. Sein Hahn krähte laut den Reitern entgegen. Hier gehts hinauf, sagte er, und es ist ein sanfter angenehmer Weg für jedes Wesen mit zwei gesunden Füßen. Baron Arwed blickte nach der Bergwand, welche steil in die Höhe stieg, und er fühlte ein Mißbehagen in allen Gliedern. Gibt es denn keinen Weg, auf dem ein Pferd gehen kann? fragte er. Was meinst du dazu, Hans? fragte der Alte seinen Hahn, der gar nichts darauf antwortete. Es ist echt schwedisch Blut in ihm, 205 rief er, darum vertraut er auf sich selbst. Gott behüt's! schöne Dame, willig genug sind zwei Füße, wenn sie vorwärts wollen. Des Menschen Seele hat Flügel und nimmt den Körper mit, sagen die Finnen. Kommt, kommt! schlagt's dem Otho nicht ab, er wird euch dafür sein Herz schenken. Es ist unmöglich anders in diese Felsen zu gelangen, sagte Erich. Selbst der beste Reiter würde es kaum wagen, da hinauf und hinab zu klimmen. Bleiben Sie lieber hier, Cousine Ebba, oder kehren Sie mit Louisa nach Halljala zurück. Allein das Fräulein sprang in seine Arme und rief fröhlich lachend: Um Otho's Herz muß ich es versuchen, und will nichts scheuen, um es zu erobern. Die Pferde wurden nun unter der Obhut eines Knaben gelassen und Lars Normark stieg voran und führte die Nachfolgenden in einen Spalt der Felsen aufwärts, wo diese am Bequemsten gangbar schienen. Ein Wasser kam von oben, und plätscherte über Gerölle und Blöcke, welche, über einander gestürzt und verwittert, mit Moos, Flechten und Birkengebüsch bewachsen waren. Bald wurde der Spalt so schmal, und so jäh, daß es Mühe kostete, weiter zu kommen. Serbinoff hob Louisa von Stein zu Stein, aber Ebba wies Waimon's Beistand zurück, und wandte sich an Erich, auf den sie sich stützte, während Lars zuweilen seinen langen Wanderstab Beiden zureichte, an dem sie sich hinauf und weiter halfen. Länger als eine Viertelstunde währte das angestrengte Steigen, und mehr als einmal blieb der Kammerherr athemlos stehen und verwünschte diese entsetzliche Jagdparthie. In meinem Leben gebe ich mich nicht wieder dazu her! rief er aus, als er endlich oben stand, und bei alledem ist es ein abscheulich Land. Wenn es noch hohe Gebirge wären wie bei uns in Schweden, doch nein, Hügel sind es, an denen man sich abmüht, weil sie steil wie Mauern in die Höhe gehen, und auf ihnen liegen arme Wüsten. Ebba hatte ihren Hut abgenommen, und ließ den Wind durch ihre Locken wehen. Der Kammerherr hatte Unrecht mit seinen Anklagen, denn auf diesen Felsen war es schöner als man es erwarten durfte. Hohe Bergtannen besetzten in voller Herrlichkeit den weiten welligen Plan, der sich in unbekannte Fernen verlor. Wie Klippen in einem 206 wogenden Meere ragten ungeheure Felsstücke aus dem grünen Walde auf, und stiegen da und dort bis über die Spitzen der Bäume. Manche dieser Klippen waren kahl und von phantastischer Gestalt, andere hingen schief und gebeugt, als wollten sie jeden Augenblick zusammenstürzen, und doch trugen sie auf ihren Scheiteln riesige Stämme, welche manches Jahr schon dort gestanden hatten. Waldwiesen, die vom Sonnenglanz überstrahlt wurden, durchsetzten und trennten dies Felsenmeer, und gaben ihm einen Schimmer idyllischer Lieblichkeit, der um so überraschender wirkte. Die tiefgrünen Flächen waren auch noch immer mit mancherlei Herbstblumen durchstickt, welche im verschiedenartigsten Farbenschmelz schimmerten. Kein rauher Wind hatte sie zerrissen, kein Fuß hatte sie zertreten; lautlos friedlich lag diese Einsamkeit, als gehörte sie einem anderen besseren Himmel an. Daß hier ein grimmiger Räuber hausen sollte war nicht zu vermuthen, kein von Gestrüpp umwucherter Versteck war zu bemerken, kein Thier hatte seine Spuren hinterlassen. Nur von einigen hohen Bäumen kam das Girren wilder Tauben, und der Luftzug brachte dann und wann einen Ton mit, den Otho für das Geschrei des Auerhahns erklärte. – Zur Rechten hob sich in der Ferne eine andere nackte Felsenmauer auf, deren rothe Farbe fast blutig aussah. In ihrer viereckigen Form erschien sie wie ein ungeheures mit Thürmen besetztes Schloß, deren Zinken und Zacken sich drohend kühn in der klaren Luft abzeichneten. Auf Ebba's Frage antwortete Louisa: Das ist Lully's Burg. Weit sieht man von ihr nach allen Seiten hin; alte, grausame Sagen werden von dem Orte erzählt. In diesem Augenblicke erhoben Otho's Hunde an ihren Leinen ein heftiges, kurzes Gebell, und rissen mit Gewalt ihren Führer fort. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf sie. Ihre Nasen suchten auf der Erde umher, die langen Schweife peitschten ihre Weichen, ihre Augen unter dem struppigen Haar blitzten wild und feurig, und Ebba deutete auf einen braunen Hügel, der wie eine Hütte hinter den Bäumen hervorsah. Der Kammerherr fuhr erschrocken zurück, und war im Begriff die Flucht zu ergreifen, als Otho ihn festhielt. Der Bär ist noch nicht da, lachte er, aber er ist hier gewesen, und zwar vor ganz kurzer Zeit, was meine Hunde recht gut wissen. Die Hütte dort wird von 207 einem Staate fleißiger Republikaner bewohnt, denen er seinen Besuch gemacht, doch nach der Sitte großer Herren ihnen und ihren Kindern übel mitgespielt hat. Sehen Sie da, fuhr er fort, es ist ein Ameisenhaufen von der großen, braunen Art, welche in unseren Wäldern lebt, und oft ganze Städte zusammenbaut. Als Feinschmecker liebt der Bär die Ameiseneier so leidenschaftlich, wie unsere Feinschmecker Austern und Caviar; auch macht er sich nichts daraus, wenn seine gebildete Zunge einige tausend Ameisen dabei mit herunter schluckt, deren citronensaurer Geschmack ihm wohl behagt. Dieser hier hat es ungebührlich arg gemacht. Die ganze Seite des Hügels hat er eingerissen, und nach seinen Füßen zu urtheilen, muß es ein gewaltiger Herr sein. Er deutete auf die verschiedene breite, tiefe Löcher in den trockenen Fichtennadeln, auch von den Bauern wurden diese mit Freudengeschrei als die Tatzenspuren des Bären erklärt. Er hat seine Morgenpromenade gemacht, sagte der Schulmeister, und eine kleine Herzstärkung zu sich genommen. Jem, mein Junge, nimm dich in Acht, daß du keine Ameise für den lieben Schelm ansiehst, und sie dich dafür in die Nase beißt. Jem hatte seinen Speer mitten in den wimmelnden Haufen gestoßen, der die Reste seiner Gier fortzuschleppen und zu retten suchte, während viele der kleinen muthigen Thiere sich auf ihren Hinterbeinen aufrichteten, und kampflustig die Stange angriffen. Es ist ein edles, merkwürdiges Thier, Hans, fuhr der alte Mann fort, indem er seinen Hahn festhielt, thue ihm nichts zu Leide. So klein und so schwach es ist, verzagt es doch niemals. Gegen den stärksten und größten Feind vertheidigt es sein Haus und sein Leben, und hört nicht auf damit, bis es verschlungen und zerstampft ist. Es ist nichts dabei zu lachen, ihr Tröpfe. Gott sei Dank, Hans, daß echt schwedisch Blut in uns ist; lernen aber kann ein Jeder etwas davon. Zwei gesegnete Gottesgeschöpfe gibt's in Finnland in Hülle und Fülle, als wollte der Herr im Himmel euch absonderlich daran zeigen, wie ihr sein sollt. Die Biene und die Ameise arbeiten früh und spät, sammeln ohne Rast und ohne Ruh, sind klug und friedfertig, gelehrig und geduldig; wer sie aber angreift, gegen den wehren sie 208 sich unverzagt, mag es sein wer es will, mag's ein Bär sein oder ein Russe. Lars ließ bei dem letzten Worte seine schelmischen Augen umher rollen, und zeigte sein Gebiß. Die Bauern lachten mit ihm, und ihre Blicke hefteten sich auf Serbinoff, der wohl merkte, daß von ihm die Rede sein mußte, obwohl er nicht verstand was der Alte sagte. Und Russen und Bären gibt's leider allzuviel für Finnland, fuhr der Schulmeister fort, darum wollen wir jetzt hingehen und den lieben Honigesser freundlich fragen, ob er nicht mit uns gehen, und andere Speisen kosten will, als arme Ameiseneier. Sicher sitzt er vor seinem Hause, putzt sein Mäulchen und wartet auf uns. Du hast ihn schon dort besucht? fragte Otho. Freilich, Herr, ja freilich! rief Lars. Gestern erst sah ich ihn, spielte ihm ein Tänzchen, und er bat mich zu Gaste. So müssen wir höflich mit ihm umgehen und nichts versäumen, damit wir ihn in seiner Wohnung treffen. Wo liegt diese? Dort oben vor uns, hinter dem hängenden Horn. Ein mächtiges, wie ein Horn gebogenes Felsstück überragte den Wald, welcher den Gesichtskreis umzog. Blöcke und Trümmer bedeckten den Boden und bezeugten die seltsamen Zerstörungen und Zerklüftungen, welche hier in Zeiten, von denen Niemand etwas weiß, stattgefunden haben, und über deren Ursprung, ob durch Feuer oder durch Wasser, die Gelehrten sich noch immer die Köpfe zerbrechen. Je näher an dem steilen Bergkamme, um so gewaltiger und chaotischer wurden die über einander geworfenen Rollsteine und Felsensplitter, und nicht ohne Mühe und nur mit Hilfe ihrer Begleiter gelang es den beiden jungen Damen, diesen zu folgen und die Höhe zu erreichen, auf der abermals eine von vielen Trümmern besäete Ebene sich ausbreitete. Serbinoff widmete dabei seine Dienste ohne Unterlaß der kleinen schnellen Louisa, während Erich Randal von Ebba beschäftigt wurde, und den Kammerherrn zu trösten hatte, der nur aus Besorgniß, allein zu bleiben und ärgeren Gefahren zu begegnen, unter fortgesetztem Klagen und Schmähen sich weiter bewegte. Otho Waimon befand sich, von Lindström begleitet, bei dem Jägerhaufen. Er hatte seine Hunde freigelassen, die jetzt ein wildes Gebell erhoben und über das Gestein setzend voran eilten. 209 Diese entsetzlichen Hunde werden uns den Bären auf den Hals hetzen, rief der Baron in seinem Ärger. Oder er wird sich, wenn er sie hört, so schnell als möglich davon machen, lachte Ebba. Keines von beiden, sagte Erich. Wo er auch sein mag, im Fall er nicht in seinem Lager ist, wird er, sobald er das Gebell der Hunde hört, dahin zurückkehren. Das ist sehr dumm von ihm, meinte Arwed. Er fühlt sich am sichersten in seinem Hause und kämpft am tapfersten auf dessen Schwelle. Es geht ihm also wie manchen Anderen, scherzte Ebba mit einem Blick auf Erich. Er muß in seiner Wohnung angegriffen werden, wenn er seinen Feinden die Stirn bieten soll. Und er hat wohl Recht, lächelte der Freiherr sanftmüthig. So lange er es vermeiden kann, liebt er den Frieden und ist in seiner Art ein Philosoph, der gern ein stilles und beschauliches Leben führt. Denn wie ein Eremit lebt der Bär von Wurzeln, Beeren und Honig, und nur in seiner Noth greift er nach Fleisch. Wie das einladend klingt, lachte das Fräulein, und welch beneidenswerthes Loos! Sechs Monate im Jahre verträumt er, die andern sechs Monate brummt er lieblich und sanftmüthig umher. Aber, Vetter Erich, auch die Träumer und Philosophen werden nicht mehr geduldet, auch sie werden verfolgt und gehetzt; man fragt nicht nach ihren friedlichen und sanftmüthigen Tugenden. Diese sind auch nicht besonders groß, fiel Arwed ein. Haben wir nicht eben erst gesehen, mit welcher Seelenruhe dieser weise Einsiedler den ganzen Ameisenhaufen verschlungen hat, und hat uns Waimon nicht obenein geklagt, daß in Finnland jedes Schaaf und jeder Stier zittern muß? Ein vielstimmiges Geschrei machte diesem Gespräch ein Ende und beeilte die Schritte der Zurückgebliebenen. Als sie sich dem Felsenhorn näherten, sahen sie wie die Bauern in ihren weißen Kitteln von allen Seiten zusammenliefen, während das Bellen der Hunde mit größter Heftigkeit aus dem Walde herüberschallte. 210 Ich wette, sie haben den Meister Braun beim Pelz! rief der Kammerherr. Gewiß nicht, sagte Erich. Otho's Hunde sind von der trefflichsten Art und viel zu klug und gewandt, um sich mit einem Tatzenschlage niederstrecken zu lassen. Ein solcher Hund wird bei Erbschaftstheilungen in Finnland der besten Milchkuh gleich geachtet, die Erben streiten sich eifrig darum. Sehen Sie dorthin, fuhr er fort, indem er in die Ferne deutete, wo auf einem felsigen Abhange sich ein eigenthümliches Schauspiel entwickelte. Ein mächtiges Thier von dunkler Farbe zeigte sich auf dem Rande des Felsen und blieb einige Minuten lang sitzen. Um ihn her flogen die beiden Hunde wie Blitze, bald hier bald dort, wild bellend und immer bereit, sich auf ihren Feind zu stürzen, eben so schnell aber zurückfliehend, wenn dieser eine Bewegung machte. Der Bär schien nicht viel auf den Lärm zu geben. Er schaute bedächtig nach allen Seiten um, leckte seine Tatzen, betrachtete die Menschenhaufen unter den Bäumen mit stoischer Gleichgültigkeit und putzte sich weiter. Plötzlich war Alles verschwunden. Das dunkle Ungethüm rutschte mit wunderbarer Schnelle von dem steilen Abhang nieder, die Hunde mußten einen weiten Umweg machen und die Jäger fielen mit einem neuen Geschrei ein und dehnten sich zu einer langen Linie aus, welche den Raum zwischen den Felsen füllte. Es war ein kesselartiger Grund von geringer Breite, der zwischen den jähen Steinmassen lag, die ihn fast ganz einschlossen. Zwei hohe Fichten, umringt von jungem Aufschuß, wuchsen darin; eine dritte schien vom Sturm vor Jahr und Tag niedergerissen zu sein. Sie lag wie ein gefallener Riese mit ungeheuern zerschmetterten Gliedern auf dem Grunde, den sie zerquetscht hatte. Ihre Wurzeln hatten ein Loch gewühlt und dies verlor sich unter dem Felsen, welcher sich darüber hinbeugte. Ohne Zweifel war dort das Lager des Einsiedlers, der sich jetzt darin verbarg, und einen geschützteren Aufenthalt konnte es kaum geben. Die Hunde standen heulend mit hoch gesträubtem Haar davor, allein sie hüteten sich wohl, auch nur einen Schritt weiter den Weg hinab zu thun, der zwischen den Baumwurzeln sichtlich den Eingang bildete, und wie dem klugen Räuber in diesem 211 Schlupfwinkel überhaupt beizukommen sei, leuchtete dem Kammerherrn am allerwenigsten ein. Er zog seinen Operngucker aus der Tasche und betrachtete den Spalt unter dem Felsen mit Aufmerksamkeit. Ich bin der Meinung, sagte er dann, daß wir abziehen müssen, wie wir gekommen sind, und daß für diesmal der verhängnißvolle Pfahl vergebens mit Blumen geschmückt wurde. Das Loch geht tief und schief unter dem Fels fort, und hätten wir es auch statt mit finnischen Bauern mit den besten Jägern Europas zu thun, so würden wir schwerlich etwas ausrichten. Geben Sie nur Acht, antwortete Waimon, ob diese dummen Bauern ihre Sache nicht besser verstehen, wie die besten Schützen. Mit diesen elenden Bohnenstangen? Mit diesen finnischen Piken, die oft schon wildere Thiere bändigten. Lars Normark stand inzwischen mitten in dem Haufen und vor ihm stand Jem; auf der Schulter saß ihm sein Hahn und in der Hand hielt der Schulmeister einen langen, wohl einen fingerdicken Strick, den er aus seinem Quersack gezogen hatte. Er wand diesen Strick langsam und bedächtig um den Arm des jungen Burschen, und indem er Ring an Ring legte, die Bauern aufmerksam zuschauten und beide umstanden, sang Jem mit kräftiger Stimme ein Lied, das die schwedischen Herren und Damen freilich nicht verstanden, dem sie aber verwundert zuhörten, da es eine eigenthümlich klagende und bittende Melodie hatte. Das Lied war, wie Erich sagte, ein uraltes finnisches Jagdlied, durch welches die Götter zur Hilfe gerufen wurden, und es lautete also: In den Wald bin ich gewandert, Wo Geschäfte meiner harren. Mielicki, Waldeswirthin, Komm und steh' an meiner Seite, Und du schöne Tochter Tapio's Nimm jetzt an den Strick die Hunde. Leise geh' zu Otho's Lager, Streichle leise ihm die Ohren. Um die hellen Augen binde, Um sein Haupt ihm Seidentücher; 212 Hülle seine süßen Tatzen Fest in deine weichen Schleier. Auf die Zähne streich' ihm Honig, Auf die Schnauze weiche Butter; Daß er nicht den Jäger spüre, Meinen Athemzug nicht höre, Wenn in seinen Hof ich trete An des edlen Otho Thron. Während dessen hatte der Schulmeister sein Geschäft beendigt. Der Hahn stieß einen hellen Schrei aus, der ganze Haufe der Jäger hatte den Arm des tapfern Burschen befühlt, der von der Hand bis an den Ellnbogen nun dicht umwunden war, und sie lobten und gaben guten Rath, bis der Schulmeister auf Jem's Schulter klopfte und ihn beifällig am Ohr zupfte. Jetzt, mein Junge, sagte er, laß uns sehen, was du kannst; zeige den schwedischen Herren und dem Russen da, daß du ein finnischer Mann bist. Zeig' ihnen, was ein finnischer Spieß und ein finnisches Beil bedeuten, und schau her, wie der Hans dir zunickt und zuruft. Er würde es nimmermehr thun, wenn er nicht wüßte, daß Mielicki deine Hand hielte. Der Hahn war auf den umgestürzten Baum geflogen, dort schlug er mächtig seine Flügel und wiederholte sein helles Kriegsgeschrei. Während dessen reihten sich die Bauern hinter Jem, die Hunde waren an die Leine gelegt und zurückgeführt, und zum nicht geringen Erstaunen und heimlichen Lachen der fremden Gäste bewegte sich der Zug feierlich bis an den Eingang zur Burg des edlen Otho, wo Alle ihre Hüte abzogen und mit freundlichen Mienen sich neigten und beugten, während sie denselben Gesang anstimmten, den Jem zuerst allein vorgetragen hatte. Baron Arwed hatte sich inzwischen längst einen gesicherten Platz auf einem hohen Felsblock ausgesucht, wohin auf seine Einladung auch Erich und die beiden Fräulein folgten. Der Baron überblickte durch sein Glas den Schauplatz und sagte dann belustigt: Du hast keinen Gefallen am Blutvergießen, Ebba, ich auch nicht, aber ich denke, wir können Beide ganz ruhig sein. Es ist allerdings ergötzlich und romantisch genug, diese heidnischen Jagdlieder und seltsamen 213 urweltlichen Gebräuche im neunzehnten Jahrhundert mitten im finnischen Walde zu genießen, aber ich denke, auch die Bären haben etwas von dem modernen Unglauben unserer Zeit eingesogen und kehren sich nicht mehr weder an Götter, noch an Zaubersprüche. Der Bär liebt die Musik und hört gern Gesang, erwiederte Erich. Dies mag die Ursache sein, daß er sich bewegen läßt, beidem leicht zu folgen. Der Gesang hatte inzwischen ein Ende genommen, nur Lars, der ihn auf seiner Pfeife begleitete, fuhr fort, die sanfte schmeichelnde Melodie weiter zu blasen. Es klingt wirklich ganz verlockend, sagte Serbinoff, der jetzt ebenfalls sich zu den Zuschauern gesellte, aber Herr Otho hat ein hartes Herz. Er schlägt seine Arme darüber und es hilft kein Flehen und Beschwören. Er warf dabei einen Blick auf den Bauernkreis, hinter welchem Otho Waimon mit gekreuzten Armen stand, ohne irgend eine Theilnahme zu äußern. Plötzlich fuhr der Hahn mit dem Hals vor, als wollte er auf einen Feind springen, und in demselben Augenblick ragte aus dem Felsenspalt ein mächtiger Kopf, der seine kleinen funkelnden Augen nach allen Seiten wandte. Der Hahn machte seine kriegerische Bewegung ohne sich weiter zu rühren und ohne aufzuschreien, eben so schweigsam und unbeweglich blieben alle die menschlichen Zeugen. Die fremden Gäste schwiegen aus Überraschung oder aus Furcht, die Jäger, weil sie wußten, daß es nöthig sei, nur die Pickelflöte brachte noch lieblichere, süßere Töne hervor und die runden blauen Augen des alten Schelms füllten sich mit dem wohligsten Behagen. Der Bär wackelte eine Zeit lang her und hin, als ob er zweifelhaft sei, wie er sich benehmen sollte. Er betrachtete die Gestalten seiner Verfolger aufmerksam bedächtig, und einmal verschwand sogar der haarige dicke Kopf wieder; doch eben als der Baron ein Gelächter aufschlagen wollte, zeigte er sich von Neuem und ihm nach folgte der ganze mächtige Körper. Der Jägerkreis an der Grube wich bei seinem Erscheinen zurück und in den meisten Gesichtern drückte sich Erstaunen und Besorgniß aus, denn dies gewaltige Thier übertraf alle Erwartungen. Es war kein Bär von der schwächeren 214 schwärzlichen Art, sondern er gehörte der braunen starken an, die an Wildheit, Größe und Kraft jener bei weitem überlegen ist. Seine ungeheuren Tatzen bezeugten, daß die Tage seiner Jugend vorüber waren, und als er den langen Rachen öffnete, weil Jem mit kühnen Schritten näher trat, wies er ihm deutlich genug die zolllangen untadelhaften Zähne. Jem ließ sich jedoch davon nicht irre machen, er verbeugte sich zierlich und lieblich und begann einen neuen schönen Gesang, den der Bär mit klugem Kopfdrehen wohlgefällig anhörte. Wackerer Otho, Waldesapfel, O! du lieber, schöner, fetter, Sicher bist du es zufrieden, Daß ein tapfrer Mann dich sucht. Bitte dich, zieh' ein die Krallen, Berg' im Zahnfleisch deine Zähne, Denn du willst mich nicht verwunden, Willst nicht schaden deinem Gast. So, nun rühre dich, mein Otho, Komm, du süßer Honigtatzer, Komm, und lass' mit dir mich sprechen. Rühr' dich leise wie das Birkhuhn, Komm, und lass' dich von mir streicheln, Streicheln, wie ein schlummernd Gänschen – Halt, mein Otho, halte still! Während dieses Gesanges war der Bär vor den Gang, der zu seinem Lager führte, herausgekommen, und hatte sich am Eingange niedergesetzt. Drei Schritte vor ihm stand Jem mit vielen Komplimenten und sanftem Lächeln, während er den scharfen Spieß mit beiden Händen umfaßt und bereit hielt. Das ungeheure Thier hielt seinen Rachen weit offen, seine schwärzliche Zunge streckte sich über die Hauzähne, er blinzelte mit den kleinen listigen Augen und nickte dazu. Die ängstlichste Erwartung fesselte alle Zuschauer, aller Augen richteten sich auf diesen seltsamen Auftritt, dessen anscheinende harmlose Friedlichkeit plötzlich sich in grausame Feindschaft und Mordlust 215 verwandelte. Denn bei den letzten Worten seines Gesanges sprang Jem auf den edlen Gevatter los, offenbar in der Absicht, ihm seine Pike in die Seite und wo möglich bis in's Herz zu bohren; allein es zeigte sich jetzt erst, welch ein hinterlistiger, tückischer Geselle dieser biedere Otho war. Statt still zu halten, wie ein schlummernd Gänschen, und von den Zauberliedern eingeschläfert zu sein, parirte er, gleich dem geschicktesten Fechter, den Stoß mit einer seiner Vordertatzen und versetzte der Waffe einen solchen Schlag, daß sie zur Seite flog. In demselben Augenblick aber war es auch um den armen Jem geschehen. Das Ungethüm stand auf seinen Hinterbeinen, umarmte den unglücklichen Jäger, der nicht schnell genug zurückspringen konnte, mit solcher Innigkeit, als wollte es ihn erdrücken, und während er ein schreckliches Gebrüll ausstieß, bedeckte er ihn mit dem heißen Dampfe seines Athems. Eben so schnell war jedoch die Hilfe da. Otho Waimon, aus seiner theilnahmlosen Ruhe aufgeschreckt, riß dem jungen Lindström, welcher ganz betäubt vom Schrecken neben ihm stand, das Beil aus der Hand und mit einem Sprung war er neben seinem unhöflichen Namensvetter, mit einem Schlag nach dessen gewaltigem Kopf bewirkte er, daß der Bär seine Beute fallen ließ und auf seine Vorderfüße niederfiel. Ein Blutstrom sprang ihm zwischen Auge und Ohr auf, aber der Kopf eines Bären wird nicht von einem schwachen schmalen Beile gespalten. Im nächsten Augenblick rannte er in rasender Wuth auf seinen neuen Feind an, richtete sich dicht vor ihm auf, that einen Tatzenschlag nach ihm, der Otho niedergeschmettert hätte, wenn er nicht durch eine blitzschnelle Wendung der Gefahr entgangen wäre. Doch entsetzlicher ließ sich kaum ein Anblick denken, als dies blutige brüllende Ungeheuer, und der kühne Mann vor ihm, den es weit überragte. Das Gebrüll des Bären wurde jedoch von einem Schrei übertönt, der von dem Felsstücke kam, auf welchem Ebba stand. Bleich wie der Tod, ihr Gesicht voll entsetzlicher Angst und doch voller Entschlossenheit, ihre Arme vorgestreckt, war sie im Begriff sich auf den Kampfplatz zu ihren Füßen zu stürzen, als Erich sie festhielt, und während dieser Zeit war der Kampf selbst schon entschieden. Statt ihrer hatte Serbinoff den Sprung gethan und eben als Otho mit 216 seinem Beile dem Bären die Tatze durchhieb, mit welcher er einen neuen Schlag nach ihm führte, durchrannte ihn Serbinoff mit Jem's Lanze. Der ungefüge Körper stürzte zusammen. Zehn andere Speere der herbeikommenden Jäger drangen in seinen Leib. Da lag er ausgestreckt, so lang er war und zuckte zum letzten Male. Mitten unter die Stangen und die schreienden Männer aber flog der Hahn, setzte sich auf den schweigsam ruhenden Kopf des erlegten Feindes und fing ein helles Triumphgeschrei an. Dieser Einfall des klugen Hahnes weckte die allgemeine Lust und das Gelächter der Sieger. Alles war gut abgegangen. Der schönste, stärkste Bär, welcher im ganzen Lande sein mochte, lag hier als ein fetter Braten. Die Bauern geriethen in den höchsten Jubel, schwenkten ihre Hüte und tanzten um den lieben Otho, der, als ein stiller Mann, jetzt geduldig ihre Schmeicheleien in Empfang nahm. Zur Seite saß der alte Schulmeister und hielt auf seinem Schoße den blassen Jem, dessen Schläfe und Brust er mit Branntwein rieb und dabei mit seinem Hahn sprach, der ihn wieder aufgesucht hatte. Es ist Alles in Ordnung, Hans, sagte er, du wirst es sehen, in einer Viertelstunde wird Jem so munter auf seinen Beinen umherspringen, als sei nichts vorgefallen. Ich fühle, wie unter meiner Hand sein Herz schlägt und fühle mit meinen Fingern, daß nichts an seinen Rippen zerbrochen ist; doch hört der Schelm schon Alles, was ich sage, hält's aber für gut, seine Augen noch zuzuschließen, obwohl er keine Ursach dazu hat. Hast wie ein tapferer Mann deine Sache begonnen, Jem, mein Kind, nur das Glück war nicht mit dir, und das Glück, Hans, kann Keiner sich geben oder nehmen. Niemand soll über dich lachen, Jem, und es wird's auch Keiner thun, der gesehen hat, wie du es machtest. Hast auch Keinem Dank zu sagen unter allen den schreienden Burschen, die wie Holzklötze standen, als es Zeit gewesen wäre, drauf los zu springen. Hast also nichts von ihnen zu besorgen, Jem, kannst es ihnen zurückgeben mit reichlichen Zinsen, und wir wollen dir beistehen, ich und der Hans. Verdient Niemand Dank hier, als der schon mehr als einmal bei dir stand, wo eine schwarze Hand über deinem Kopf war. Nicht der Russe etwa, mag Hiisi ihm dafür einen Lohn geben! Frage den Hans, mein Kind, frage den Hans. Der Russe war nicht nöthig, Otho Waimon hätte es allein 217 gethan. Gerade durch's Gelenk war dem Gevatter sein scharfes Beil gefahren, hatte alle Sehnen zerschnitten; sanft wie ein Lämmchen fiel er nieder, als der russische Fuchs ihm auch einen Biß versetzte. Wer ist schlauer als ein Fuchs, schlauer als ein Russe? Trau ihm nicht, Jem, trau ihm Niemand. Jetzt aber hebe endlich dein Gesicht auf und laß es dir nicht nehmen, dem Gevatter den Kranz aufzusetzen. Laß es dir nicht nehmen, mein Kind, seinen Kopf in deinen Topf zu stecken und die besten Stücke in Fulla's Erbssuppe zu schneiden. Der Schulmeister hatte fortgefahren, Jem's Brust und Arme zu reiben, während er ihm diese Ermahnungen zuflüsterte, deren letzte offenbar am besten wirkte. Denn Jem schlug plötzlich seine Augen auf, reckte sich, schüttelte sich, verzog seinen Mund, lachte und sprang auf seine Beine. Ohne ein Wort zu verlieren, aber mit einem schlauen Blick auf seinen alten Freund, nahm er den Kranz von Zweigen, Gras und Feldblumen, welcher neben Lars lag, und in der nächsten Minute war der fette Waldesapfel damit geschmückt. Als Sieger neigte sich der tapfere Bursche mit allerlei komischen Drehungen vor dem stillen bekränzten Schläfer und begann mit lauter Stimme zu singen: Sei gepriesen du, Jumala! Hoher Schöpfer, dich verehr' ich, Weil du mir den schönen Otho Gabst, die edle Waldeszier. Du mein einz'ger, bester Otho, Süßes Goldchen, Blinzelauge, Zürne über meinen Scherz nicht, Diesmal nur vergieb ihn mir. Komm, verlaß dein schlechtes Lager, Dieses Bett von Fichtennadeln Und von armem Heidekraut. Komm, und ruh auf rothen Polstern, Ruh auf seidenweichen Betten, Unter meines Hauses Giebel In dem feinsten Kämmerlein. Auf, mein Otho, auf! und flattre Durch die Luft, wie Birkenblätter, Wie das Eichhorn springt am Eichbaum, So, du schöner, folge mir. 218 Das that der schöne Otho nun zwar nicht, obwohl er durch einen Rundgesang nochmals dazu eingeladen wurde, allein aus Stangen war zu gleicher Zeit eine Art Schleife für ihn gemacht worden, und in gar kurzer Zeit folgte er unter Jubel, Gelächter und neuem Gesang den Jägern, die ihn mit vereinten Kräften zogen, hoben und an manchen Stellen trugen, bis er nicht ohne mancherlei Mühen glücklich aus den Felsen herunter geschafft war, wo ein Wagen schon seiner wartete. Der Freiherr mit seinen Gästen folgte dem Zuge nach, doch diese nahmen an der bäuerischen Lust, welche nun dem Siege folgte, wenig Antheil mehr. Als Serbinoff den blutigen Spieß von sich warf, war das erste, was er that, Otho zu umarmen und einige herzliche lebhafte Worte auszurufen, welche noch lebhafter und dankbarer erwiedert wurden. Die beiden jungen Männer betrachteten sich einige Augenblicke lang voller Freudigkeit, dann drückten und schüttelten sie ihre Hände und Waimon sagte in innigem starken Tone: Das war ein Dienst, den ich Ihnen nie vergessen will, Graf Serbinoff. Nichts war es, eine Kleinigkeit, mein bester Otho, antwortete Serbinoff. Für seinen Freund thut man andere Dinge. Auf dem Schlachtfelde erprobt sich die Waffenbrüderschaft. Wo es auch sein mag, im Leben und im Sterben, versetzte Otho mit jugendlicher Begeisterung, wir wollen als Freunde beisammenstehen. Louisa warf sich in ihres Bruders Arme. Mich darfst du nicht vergessen! rief sie zärtlich. Ich gehöre mit in den Bund. Wir Alle! fiel der Kammerherr ein. Es ist eine alte nordische Sitte, die Waffenbrüderschaft und die Schutzgelöbnisse. Einer schützte des Anderen Haupt gegen jede Gefahr und übergab sich allen Höllengöttern, wenn er je in Zorn und Streit sein Schwert gegen den Freund zöge. Niemals, bei Gottes Thron! niemals! tief Otho, Arm und Augen zum Himmel aufhebend. Vortrefflich! schrie der Kammerherr, mir ist zu Muthe als lebten wir im achten oder neunten Jahrhundert. Aber unsere 219 Freundschaftsschwüre müssen, wie in alter Zeit, auch mit einem vollen Becher besiegelt werden, nach dem ich einiges Verlangen spüre. Da ziehen die Helden schon mit dem Bären ab und der Hahn sitzt obenauf und stimmt ein Hexenlied an. Kann man etwas Romantischeres erleben, als diesen homerischen Kampf? Komm endlich herunter von dem bemoosten Steine, Ebba, und da du poetische Gaben hast, so dichte eine Ode auf die Waffenbrüder in den Felsen von Korpilax. Auf den süßen Herrn Otho, sagte Ebba sich verbeugend, welcher trotz aller Klugheit doch den Kopf nicht auf der rechten Stelle behielt. Sie sprang von dem Steine und hatte ihre fröhliche Laune reichlich wiedergefunden. Ich lobe mir die Friedfertigen und Vorsichtigen, fuhr sie fort. Darum will ich auch nichts mit dem Bund der Waffenbrüder zu schaffen haben. Schützen werde ich mich selbst, sollte ich jedoch des Schutzes benöthigt sein, so habe ich einen tapferen Ritter an meiner Seite, der ohne mit Bellen und Spießen um sich zu hauen und zu stechen und seine Mitgeschöpfe zu beleidigen, jeden Feind zu Schaam und Einsicht bringen wird. Ihre Neckereien wurden durch andere erwiedert und bald war, was erschreckt und geängstigt hatte, unter Scherzen und Fröhlichkeit verschwunden. Die gefahrvollen Auftritte, welche zu einem schlimmen Ende führen konnten, dienten jetzt dazu, das Gelächter zu vermehren, die Helden zu bewitzeln, ihre Abenteuer in Possen zu verwandeln, und weil Alle dabei mithalfen, waren sie sämmtlich auch davon belustigt. Schneller, als sie es dachten, befanden sie sich an der Schlucht, von welcher aus der Jagdzug in diese Wildniß drang und hier erwartete sie neuer Stoff zu übermüthiger Laune; denn der edle Honigtatzer mußte auf seiner Schleife über Hals und Kopf in die Tiefe rutschen und nahm ein halbes Dutzend Jäger mit, welche von den hohen Hügelrändern herabkollerten, dennoch aber glücklich unten anlangten. Ob es auch Beulen und geschundene Glieder gab, der Festjubel wurde dadurch nicht erschüttert, ja er stieg immer höher, denn das Beste, das fette leckere Mahl, sollte erst kommen. Der Bär wurde auf den wartenden Wagen gelegt und festgebunden. Lars Normark stand vor ihm und blies seine Pfeife, rund umher gingen die Jäger, welche 220 immer neue Gesänge in Vorrath zu haben schienen und auf dem edlen Otho spazierte der Hahn mit den stolzesten Siegerschritten umher. Der Zug hatte jedoch, gefolgt von den Rettern, kaum die Höhen von Halljala erreicht, als eine Menge Volk aus dem Kirchspiel, Männer, Weiber und Kinder, ihm entgegenströmte. Alle prangten in ihrem besten Putz; die rothen Tücher der Mädchen flatterten mit farbigen Bändern im Verein. Die Männer hatten Laub und Tannensträuße an ihre Hüte gesteckt und bliesen ihre kleinen krummen Kuhhörner, in deren entsetzlichen Lärm sich wildes Jauchzen und Schreien mischte. Alle stürzten auf den Zug los, an dessen Spitze Jem mit seiner Lanze ging, die er stolz freudig schwenkte. Fulla, das große hübsche Mädchen, das weit vorn unter den Ersten lief, schlug entzückt ihre Hände zusammen, als sie ihren Geliebten unter diesem Panier erblickte. In ihres Herzens Seligkeit rief sie unaufhörlich seinen Namen und wäre ihm rücksichtslos um den Hals gefallen, wenn nicht ein halbes Dutzend Hände sie an den Röcken zurückgezogen hätten. Denn das Fest duldete solche Zudringlichkeit nicht. Es hatte seine bestimmten heiligen Gebräuche, die Niemand unterbrechen durfte. Zunächst gab es ein neues langes Zwiegespräch oder vielmehr neuen Gesang zwischen Jem und einem Manne, welcher den Haufen der Neugierigen anführte und dabei that, als wisse er gar nicht, was geschehen sei. Er stellte ausforschende Fragen, die Jem mit kläglichen Mienen, Achselzucken und Seufzen beantwortete. Anfangs behauptete er, Alles sei fruchtlos ausgefallen, dann, als der Frager sehen wollte, was auf dem Wagen sei, Jumala habe den Jägern eine Otter geschenkt. Als auch das nicht geglaubt ward, berichtete er, es sei ein Schneehuhn, dann ein Auerhahn, hierauf ein Luchs; doch als Alles nichts half, und die Menge den Kreis der Jäger zu durchbrechen begann, sang er zuletzt mit heller Stimme: Keine Otter, noch ein Luchs ist's, Seht ihn hier, den Freudenspender! Wie ein Waldesnebel schwebt er; Kurz der Fuß, das Knie gebogen Rund die Nase wie ein Knäuel. Otho ist's im Festgewande! 221 Ein Jubelruf, von welchem Berg und Thal widerhallte, folgte dieser Aufklärung, und er wiederholte und verdoppelte sich, als der edle Otho in nächster Nähe betrachtet wurde. Die lieblichsten Schmeichelworte, die zärtlichsten Namen wurden an ihn verschwendet, und wie besessen sprangen und tanzten die Jungen und Alten um ihn her, befühlten und streichelten ihn mit lüsternen Blicken. – Die ganze Ceremonie des Empfanges, der Befragung, der Verleugnung der Beute und deren Entdeckung hatte den Bauernhaufen unendlich belustigt, den Kammerherrn dagegen entsetzlich gelangweilt. Er wünschte von Herzen, daß der abgeschmackte Spaß sein Ende erreichen möchte; allein wie sehr sah er sich getäuscht! Der Zug setzte sich zwar in Bewegung und erreichte endlich die Festhütte auf dem Dorfplatze, doch hier ging die sonderbare Mummerei erst recht an. Die ganze Bevölkerung war dort versammelt und mit unendlichen Knixen, Verbeugungen und anderen Ehrfurchtsbezeugungen wurde der edle Otho empfangen. – Der beliebteste Sänger und Dichter des Kirchspiels kam mit der Zither herbei und empfing den werthen Gast mit so zierlichen schönen Versen, begleitet von so zärtlichen Grimassen und Bücklingen, daß auch die, welche seine Worte nicht verstanden, herzlich mitlachen mußten. Dann wurde der arme Honigtatzer aufgerichtet und in höflicher Weise eingeladen, näher zu treten, was ein halbes Dutzend kräftige Männer glücklich bewerkstelligten. Dabei sang der jubelnde Chor in arger Lust und Spötterei: Näher, näher, edler Otho. Aus dem Wege da, ihr Kinder, Fort, ihr Weiber, von der Thüre, Weichet vor dem kühnen Helden, Weichet vor dem stolzen Mann. Fürchte, Otho, nicht die Weiber, Die bestrumpften Mützenträger. In den Winkel muß sich schmiegen, Was da Weib heißt, wenn ein solcher Tapfrer Mann in's Zimmer tritt. Aber wo blieben die rothen Polster und weichen Decken, welche man dem Dulder versprochen hatte? Der Kammerherr sah durch sein 222 Glas über die Köpfe des Volkshaufens fort, welcher die Bank umringte, auf welcher Herr Otho ausgestreckt lag, und er sah, wie der Schelm Jem eine mächtige Axt schwang und das breitstirnige Haupt vom Rumpfe trennte; er sah, wie ein ganzes Rudel dieser blondhaarigen blauäugigen Bösewichte sich auf den Vielgetäuschten warf, ihm das Fell abzog, ihn zerstückte, und er blieb so lange, bis er sah, daß der ungeheuere Kopf in den großen Kessel gesteckt wurde, der, mit der entsetzlichen Erbssuppe angefüllt, schon über dem Feuer brodelte. Dabei sang die Gesellschaft fast ohne Aufhören; in ihren Gesichtern malte sich die heftigste Begier nach dem bratenden, kochenden und schmorenden Bärenfleisch, und aus Grauen vor dem Gedanken, an diesem Kannibalenmahle Theil nehmen zu müssen, lief Herr Arwed Bungen auf und davon und verbrachte den Rest des Tages lieber ganz allein in dem alten Schlosse. Als es spät und finster war, und er in seinem Bette lag, trat Serbinoff endlich herein und setzte sich bei ihm nieder. Nun, theurer Alexei, rief ihm der Kammerherr entgegen, ich danke dem Himmel, daß ich Sie lebendig wiedersehe. Possen! ich habe mit anderen gefährlicheren Feinden schon gekämpft, antwortete Serbinoff. Bei Austerlitz hieb ich einen riesenhaften französischen Kürassier vom Pferde, der Alles vor sich niedermähte und zehnmal grimmiger war als dieser finnische Bär. Bester Freund, versetzte Arwed lachend, dieser Bär war Ihnen im Leben allerdings nicht übermäßig gefährlich, denn der tolldreiste Bursche hatte ihm die Tatze weggehauen, und Sie brauchten nur zuzustechen; allein im Tode, Serbinoff, im Tode wurde er fürchterlich. Haben Sie von der schrecklichen Erbssuppe gegessen? Sie schmeckte vortrefflich! sagte der Graf. Auch kann ich es den alten Göttern nicht verargen, wenn sie in ihrem Paradiese Bärenköpfe und Zungen besonders liebten. Aber diese Schmauserei war wundervoll. Von dem ganzen Bären, so lang und fett er war, sind nichts als die Knochen übrig geblieben. In Euren Sagen, die in der Edda stehen, welche ich einmal zu meinem Vergnügen durchblätterte, habe ich von einem Essen gelesen, welches der Gott Thor mit Riesen hielt, die Alles verschlangen, was aufgetragen wurde, zuletzt sogar auch die Schüsseln, Teller und Tische, das fiel mir bei diesem 223 Feste ein. Zum Nachtische wurde ein Fisch aus dem Pajäne herbeigeschleppt, ein Wels, größer als ein Stör. Vier Männer trugen ihn auf Stangen, doch auch dies Ungeheuer folgte dem Bären spurlos nach, und noch jetzt nagen sie geschäftig an Knochen und Gräthen. Welche thierische Gefräßigkeit! Bah! erwiederte Serbinoff, indem er sich auf die Bettseite seines Freundes lehnte, was kann ein Volk Besseres thun, als sich den Magen füllen. Die ganze Glückseligkeit dieses Lebens liegt im Genießen, und es genießt ein Jeder in seiner Weise. Gönnen wir diesen armen Leuten auch ihr Theil, und seien wir zufrieden, wenn sie in solchen Genüssen noch Glück und Zufriedenheit finden. In Gottes Namen! rief der Kammerherr, nur verschone man uns damit. Ich begreife nicht, wie Sie dabei aushalten konnten. Ich, versetzte Serbinoff, habe dabei mancherlei gelernt. Ich habe gesehen, daß dies Volk ein kindliches und gutmüthiges ist, daß es aus rüstigen abgehärteten Männern besteht, die vortreffliche Soldaten liefern können. Habe auch gesehen, daß die Weiber und Mädchen nicht halb so hübsch sind, als die jungen Burschen; denn beiläufig gesagt, nicht ein halbes Dutzend leidliche Gesichter habe ich unter dem ganzen Haufen entdecken können. Sie verderben ihre Gesichter durch harte Arbeit und den Rauch in den Hütten, die gewöhnlich keine Schornsteine haben, erwiederte der Kammerherr, dabei auch durch die abscheuliche Badstube, welche sich in jedem Hause befindet. Serbinoff lachte. Ich bin in mehreren gewesen, habe mich umherführen lassen und dabei erfahren, daß die Weiber Tage lang darin zubringen, die Männer ebenfalls, alle im natürlichen Zustande. Ländlich sittlich, theurer Freund; und wenn etwas meinen Glauben verstärken könnte, daß Finnland zu Rußland gehört und der große Tschudische Volksstamm ohne Ausnahme uns zunächst verwandt ist, so müßten es diese Badstuben sein, welche man ganz ebenso bei allen russischen Bauern findet. Merkwürdig genug, spottete der Kammerherr, und obenein ein ganz neuer Beweis. Unsere Bauern leben besser, fuhr Serbinoff fort. Otho hat mir erzählt, daß der allergrößte Theil des Volks den Sommer über kaum 224 etwas Anderes genießt als saure Milch mit Buchweizengrütze, sammt den unvermeidlichen Fischen; im Winter aber Buchweizengrütze und Wasser. Dennoch, erwiederte Arwed leiser, glaube ich nicht, daß so leicht ein Finne mit dem bessergenährten russischen Bauer tauschen möchte. Allerdings nein; aber Niemand wird ihn danach fragen, und unter den Flügeln des Adlers wird es ihnen bald besser gefallen als unter den Klauen des Löwen. Ein so kindliches Volk, so heiteren Gemüths, so genügsam, bis auf die entzückenden Stunden ihrer festlichen Gefräßigkeit, dabei jedoch nicht ohne Verstand, bedarf nur guter Rathgeber, zu denen es Vertrauen besitzt. Ich habe mit Vergnügen vernommen, wie viele poetische Anlagen, Lieder, Gesänge und Dichter es hat. In meinem Leben habe ich nichts Abgeschmackteres gesehen! rief Arwed. Dies ganze Bärenfest ist ein Possenspiel der albernsten Art und daß die Finnen seit Jahrhunderten solche Narrheiten treiben, ist der beste Beweis ihrer kindischen Denkweise. Haben wir nicht auch Maskenspiele und Feste genug, die noch viel kindischer und thörichter sind? erwiederte Serbinoff. Hier gilt es doch wenigstens einem guten Braten, der den geschmackvollen Hintergrund bildet. Für mich war dies Fest aber überdies ein Quell für andere nützliche Erfahrungen, fuhr er fort, als der Kammerherr schwieg. Ich weiß jetzt, daß mein theurer Waffenbruder und Freund Otho von allen jungen Leuten weit umher, bis über den Pajäne hinaus, hoch verehrt wird; daß er mit Hilfe seiner Reisen und seines Pferdehandels überall Freunde unter dem Landvolk besitzt, und daß seine heutige Heldenthat bald zehn Meilen in der Runde erzählt und besungen werden wird. Sie hätten dabei sein müssen, Arwed, um einen Sängerkampf zu sehen. Ein paar fremde Bauern aus Savolax hatten sich eingefunden, und als die Fässer voll Bier und starker Getränke, welche der Freiherr geliefert, gehörig wirkten, setzten sie sich den heimischen Dichtern gegenüber, Knie an Knie und Nase an Nase. Die lieblichsten Gesänge, Runen, wie man sie nannte, entströmten ihren Lippen, dabei schlugen ihre zarten Finger die Laute oder Kandele, und zur 225 Abwechselung pfiff der alte Schelm, der Schulmeister, auf seiner schrillenden Pfeife und ließ seinen teuflischen Hahn tanzen. Die Bestie sprang auch heut auf mich los, als ich ihr zu nahe kam, wofür ich ihr den Dank schuldig bleiben werde. Überhaupt, mein Freund, nehmen Sie sich in Acht, sowohl vor dem abscheulichen Thiere, wie vor dem glatzköpfigen alten Burschen. Der Propst sagt, er sei der ärgste Schelm in ganz Finnland, und ich bin gewiß, daß er Recht hat. Der Kerl sieht aus wie ein Spion und hat alle Eigenschaften dazu. Verschlagen, anscheinend sorglos, ein Spaßmacher und Umhertreiber, beobachtet er genau und mißtraut uns. Was die Sänger betrifft, so sangen sie unter unendlichem Jubel von den Thaten, Leiden, Schicksalen und Freuden des edlen Otho, witzelten und spotteten, verherrlichten den heutigen Kampf und begeisterten sich für ihren jungen Helden, meinen Waffenbruder, der ganz besonders zärtlich von dem lustigen Jem gepriesen wurde. Jeder Diener preist seinen Herrn, sagte Arwed. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch gehört, warum Herr Ridderstern mit Waimon so arg verfeindet ist und mancherlei Spott ertragen mußte. Auch diesmal sollten Spottlieder auf ihn gesungen werden, als die Köpfe voll waren; allein Otho hinderte es. Sein Vertrauen zu mir ist so gewachsen, daß er mich vor dem habgierigen Pfaffen warnte, der ein gewissenloser, zu allen schlechten Streichen fähiger Mensch sei. Zu solchen Titeln kann man sehr leicht bei diesem Phantasten kommen, fiel der Kammerherr ein. Was hat er ihm gethan? Geld gefordert? Auch das; allein die Hauptsache ging Otho eigentlich wenig an. Der Propst hat einen Sohn, der jetzt in Sweaborg bei seines Vetters Regiment als Junker steht, dazu hatte er eine Magd im Hause, das artige Mädchen, Fulla, die wir als Jem's Geliebte heut kennen lernten und hübsch genug fanden, um sie anzuschauen. Dasselbe that auch der junge Herr Ridderstern; allein da er in einem Hause mit ihr wohnte, war es ganz natürlich, daß er dabei nicht stehen blieb. Eines Abends spät oder in der Nacht scheint er, gewiß in den besten Absichten, in ihre Kammer gerathen zu sein. Was ihm dort 226 geschah weiß Niemand, aber es ist gewiß, das es ihm übel bekam. Er schrie jämmerlich um Hilfe, denn er wurde von einem Gespenst bearbeitet, das ihm den Hals umdrehen wollte. Zufällig saß der würdige Propst noch bei seinen frommen Studien, oder wie anderseits behauptet wird, mit dem edeln Sam Halset bei einer vortrefflichen Flasche Wein. Die Herren liefen mit Lichtern herbei und überraschten das Gespenst, das zwar eiligst durch das Fenster entschwebte, und nach Gespensterart verschwand, jedoch deutlich als Jem Olikainen erkannt wurde. Dem armen jungen Herrn war das Gesicht schrecklich zerschlagen, und der mit Recht entzürnte Vater machte eine Kriminalklage anhängig gegen den groben Spitzbuben, welcher nächtlich in sein Haus einbrach und von seinem Sohn ertappt und festgehalten wurde. Ohne Zweifel würde Jem das Zuchthaus kennen gelernt haben, wenn sich Otho Waimon nicht eingemischt hätte, der unter Beistand des Freiherrn sich des Burschen nicht allein annahm, ihn schützte, und zu seinem Diener machte, sondern dem Propst auch dermaßen zu Leibe ging, daß dieser seine Klage zurücknehmen mußte und seinen Sohn schnell nach Sweaborg schickte. Damit aber noch nicht genug, wurde die ganze Geschichte in Verse gebracht, und unser theurer Freund hatte vielfaches Ärgerniß zu verdauen, welches bitterlichen Groll in seinem christlichen Herzen zurückließ. Sie belustigen sich daran, Serbinoff, sagte Arwed, allein diese Geschichte hat auch ihre ernste Seite. Sie beweist, wie rücksichtslos dieser hitzköpfige Finne ist, der einem bäuerischen Tölpel zur Liebe die größte Schmach über eine angesehene Familie bringt. Diese Rücksichtslosigkeit hat meinem geliebten Waffenbruder seinen Heldenruf verschafft, antwortete der Graf. Eben um dessentwegen hängen ihm die jungen Leute mit Leib und Leben an, während das weise Alter sich mehr zu dem ehrbaren, ruhigen Freiherrn Erich hingezogen fühlt. Mit diesen beiden, mein lieber Freund, kann man, wie ich überzeugt bin, bei vorkommenden Fällen, sehr bedeutend auf den gesammten Bauernstand einwirken. Doch wie am besten sie für solche Fälle gewinnen? fragte der Kammerherr eben so leise, wie Serbinoff diese letzten Worte gesprochen hatte. 227 Eine kleine Pause trat ein. Es scheint mir fast Zeit zu sein, sagte der Graf dann, daß Sie Ihrer Schwester einige vertraute Eröffnungen machen. Sie werden dies in einer Weise thun, wie es sich für eine romantische Stimmung schickt. Unsere liebenswürdige Freundin schwärmt für Schwedens alten Glanz und Größe, sie haßt den König, der Alles was sie liebt zertritt und zerstört. Wohlan denn, nähren Sie den Haß und die Schwärmerei; zeigen Sie ihr was geschehen muß, um alle schönen Träume zu erfüllen. Und dann? fuhr Arwed fort. Weiter nichts, sagte Serbinoff. Sie haben doch gesehen, wie Ihre Schwester heut in auffallender Weise den ritterlichen Freiherrn begünstigte. Meinen Sie, daß Erich eine Flamme in ihrem Herzen entzündet hat? Flamme entzündet? wiederholte Alexei leise lachend. Possen! So wenig wie diese Wand Feuer schlägt, oder dieser Tisch lebendig wird, so wenig ist dieser Naturphilosoph im Stande, ein Weiberherz in Flammen zu setzen. Es ist eben so lächerlich, ihn verliebt zu denken, wie leidenschaftlich geliebt. Käme es blos darauf an, auf das Herz meine ich, auf Leidenschaft oder verborgene Flammen, so möchte ich behaupten, daß es einen anderen Gegenstand gibt, der weit eher – Er brach ab, und fuhr sich zu dem Bett niederbeugend fort: Doch wie dem auch sein mag, bester Freund, zweifeln Sie nicht daran, Fräulein Ebba hat schon ihre Entschlüsse gefaßt, eben so wohl, wie der Stoiker, den der Herr in seiner Weisheit als Freiherr Randal schuf. Ihre Schwester weiß, daß sein Vater ihm das Versprechen abnahm, ihr seine Hand anzubieten; sie weiß auch, daß Ihre Mutter dies alte Schloß verließ, und ihre Zusage brach, bald und für immer dahin zurückzukehren. Woher wissen Sie das so bestimmt. Ich weiß noch mehr, fuhr Serbinoff fort. Fräulein Ebba hat Ihrem Vetter bekannt, daß sie nach Halljala gekommen sei, ohne irgend eine Flamme im Herzen, und daß sie um keinen Preis sich verkaufen oder verhandeln lassen werde, wie ihre Mutter dies gethan. Sie sind Schuld, Serbinoff, wenn Ebba solche Äußerungen wagt, sagte der Kammerherr, indem er sich aufrichtete. Hätten Sie meinem Rathe gefolgt, sich meiner Schwester erklärt. 228 Sprechen wir nicht davon, fiel Alexei ein; ich glaube nicht an Erhörung, nachdem ich vernahm, in welcher Art ich beurtheilt wurde. Ihre Schwester ist entschieden, dem Freiherrn ihre Hand zu reichen, und die Schuld ihrer Mutter zu versöhnen. Wenn sie das Lamm zu einem Tiger machen kann, wie dies von ihr gehofft wird, müssen Sie ihr helfen. Nach einem neuen Schweigen sagte Arwed: Sie sind sehr großmüthig, Serbinoff; ich habe diese Tugend schon öfter an Ihnen bewundert. Beunruhigen Sie sich nicht darüber, erwiederte der Graf, seine Hand auf Arwed's Hand legend, wir werden sehen, ob mein Calcul das richtige ist. Sie wissen, was ich Ihnen in Tavastehuus sagte, ich kann es noch einmal wiederholen: Ihre Schwester ist mir theuer, theuerer als ich es Ihnen sagen kann. Zwischen uns aber liegen Brandungen und Klippen, welche fortgeschafft werden müssen, wenn unser Schiff nicht stranden und versinken soll. Und eine dieser Brandungen ist die kleine schelmische Louisa? Schaumflocken, die der Wind verweht. Ein artiges Kind! Ein artiges Kind, allerdings, sagte der Kammerherr, allein Kinder besitzen oft lebhafte Einbildung. Sie sind Louisa's erklärter Günstling geworden. In den finnländischen Prärien aufgewachsen, ist sie leichtgläubig wie alle halbwilden Wesen dieser Art. Das würde nicht meine Schuld sein. Glauben Sie nicht, fuhr Arwed fort, daß sie in ihren unschuldigen Träumereien sich schon zuweilen ganz ernsthaft einbildet, immer bei Ihnen zu sein, und zuletzt in Petersburg mit Ihnen als Gräfin Serbinoff einzuziehen? Ich möchte wohl wissen, lachte Alexei leise, welches Gesicht mein Onkel machen würde, wenn ich ihm eine finnische Hexe als Nichte in's Haus brächte. Sie wissen doch, daß die Finnen bei uns unmäßig verachtet und zugleich gefürchtet werden, denn sie gelten sämmtlich als Teufelskinder und Hexenmeister. Verspotten Sie meinen Rath nicht, mein Freund, versetzte der Kammerherr. Sehen Sie sich vor bei dem was Sie thun. Ihr 229 theurer Waffenbruder mit dem Bärennamen und der Bärenstirn möchte bei gewissen Dingen keinen Spaß verstehen. Vielen Dank, sagte Serbinoff im leichtfertigen abweisenden Tone. Ich werde, wie ich hoffe, in jeder Art mit ihm fertig werden. Er hat mir ewige Freundschaft gelobt, Brüderschaft bis in den Tod, allen Rachegöttern sich überantwortet, wenn er je von mir abfallen könne. Diesen habe ich fest, mein lieber Arwed. Ich habe seine Seele, wie es in den alten Zauberbüchern heißt, sie soll mir nicht entkommen. – Halten Sie jetzt den Anderen, Ihren Vetter, und gewinnen Sie Ihre Schwester dafür; ich werde nicht verfehlen Sie zu unterstützen. Jedenfalls werden wir noch einige Zeit hier bleiben. Es ist entsetzlich langweilig, gähnte der Kammerherr. So schlafen Sie, Schlaf ist das beste Mittel gegen Langeweile, lachte Serbinoff. In einigen Tagen wird Halset kommen; wie ich hoffe, bringt er seine Tochter mit. Die dunkeläugige Jungfrau Mary kann Ihnen Gegenstand besserer Unterhaltung werden. Gute Nacht, mein Freund, träumen Sie von ihr! Zehntes Kapitel. Das Bären- und Herbstfest hatte zur Folge, daß die Gesellschaft im Schlosse Halljala von dieser Zeit an sich noch bestimmter in Gruppen theilte, welche bei allem einigen Zusammensein sich doch erkennlich absonderten. Serbinoff suchte, mehr als je, seine Freunde in Louisa auf, Lindström dagegen schloß sich dem alten Major Munk an, und befreundete sich mit dessen Sohn Magnus, welcher ihm im Alter am nächsten stand. Beide bildeten die eifrigen und ergebenen Zuhörer des Invaliden, wenn er von den glorreichen Tagen erzählte, an denen er mitgeholfen, Beide begeisterten sich für ihres Vaterlandes Ruhm und Ehren, und für den soldatischen Geist, der aus dem alten Krieger sprach. Der Kammerherr endlich blieb meist bei seiner Schwester und 230 Erich Randal, welche ihre Studien in der Bibliothek fortsetzten, an welchen Arwed häufig Theil nahm, weil er nichts Besseres zu thun wußte, theils auch, um Ebba in ihren Streiten mit dem philosophischen Vetter zu unterstützen, und ihr bei der Arbeit zu helfen, diesen unbehilflichen Landjunker mit den Zuständen in Stockholm bekannt zu machen und sein Phlegma zu erschüttern. – Das Wetter blieb bis in den November hinein so schön, wie es die ältesten Leute sich nicht erinnern konnten, und diese ungewöhnliche Gunst des Himmels gab eben so wohl Anlaß zu manchen Jagden und Festlichkeiten in der Umgebung, wie zu fortgesetzten Ausflügen über den See und in die Berge. Louisa hatte ihrer Freundin ihr schönes graues Roß dazu überliefert, und häufig erblickten die Leute im Kirchspiel das fremde Fräulein, bald von dem Freiherrn begleitet, bald von Serbinoff und Otho, oder mit allen ihren Freunden vereint, auf den Hügelkämmen hinstreifend und in den Waldsäumen verschwindend. Zuweilen aber sah man sie auch allein, und wenn sie durch das Kirchspiel ritt, standen Männer und Frauen an ihren Thüren und betrachteten die schlanke Gestalt, das feine Gesicht, das lange Kleid mit den blitzenden Knöpfen, und den Hut mit dem grünen Schleier, voller Bewunderung und Theilnahme. Bei ihnen stand es fest, daß die schwedische Dame ihre junge Herrin werden sollte, und kein schöneres Loos auf Erden konnte es geben, als in der Halle von Halljala zu wohnen und zu gebieten. Sie ist es aber auch werth! riefen sich die Nachbarn zu, wenn sie vorbeiritt, und die tiefen Knixe und Grüße mit holdem Lächeln und Kopfneigen beantwortete. Der Pfeifer hat Recht! sagten die Männer. In ganz Tavasteland ist kein Fräulein, das sich mit ihr vergleichen könnte, doch es ärgert sich Keiner so sehr darüber wie der Propst. Seht da, wie er von seiner Thür geht, und thut, als sähe er sie nicht kommen. Ein helles Gelächter entstand auf Kosten des Geistlichen, und einer der trotzigen Burschen fing das Spottlied zu singen an, das auf Ridderstern und seinen Sohn gemacht war. Er hörte es nicht, und das Fräulein trieb ihr Roß die Hügelwand hinauf, an welcher Kirche und Pfarrhaus standen. Die ihr nachsahen konnten bemerkten, 231 daß sie oben eine Zeit lang wartete und umblickte, dann aber ihrem edlen Thiere seinen Lauf ließ, daß es mit großer Schnelle sie den Bergen von Korpilax zutrug. Die kann reiten! schrien sie ihr nach, besser noch wie Otho Waimon's Schwester! Wo ist die kleine Louisa heut? Wo ist der Russe? Wo ist der junge lustige Offizier und der vornehme Herr mit dem Glase statt der Augen, dem der Wind durch die Backen geht? – Heda Jem! Jem Olikainen! was sind das für Sachen? Wo ist dein junger Herr? wo sind seine Gäste? Jem kam die Straße herauf, seinen breitkrämpigen Hut auf dem rechten Ohr, die weiten blauen Hosen stutzerhaft um die Knöchel fest gebunden. Ein Kreis von Neugierigen bildete sich um ihn, denen er viele lustigen Fragen so lustig beantwortete, daß ein ununterbrochenes Gelächter entstand. – Mein Herr ist seit zwei Tagen in Savolax, sagte er, um seine gute Laune zu suchen, die ihm davongelaufen ist. Warum ist sie ihm davon gelaufen? fragte Einer. Aus Ärger, weil Jem so geschickt den Bären gefangen hat! schrie ein Anderer und der ganze Kreis lachte. Jem stimmte gemüthlich ein. Aber warum laßt ihr das schwedische Fräulein so allein reiten? erkundigte sich ein Wißbegieriger. Frage die dort, sagte Jem, indem er zur Kirche hinaufdeutete, wo auf dem Fußpfad eben die hohe Gestalt des russischen Grafen sichtbar wurde, den der Kammerherr begleitete. Am Garten des Propstes standen die beiden Herren still und blickten hinab. Es dauerte nicht lange, so lüfteten sie ihre Hüte. Der Propst stieg die Stufen herauf und begrüßte sie, dann nöthigte er sie ohne Zweifel bei ihm einzutreten, denn sie folgten ihm nach und gingen in dem Garten auf und ab, bis sie im Pfarrhause verschwanden. Die Bauern machten ihre Glossen über den Besuch, und spotteten über die beiden Herren. Was haben Sie bei dem Propst zu suchen, meinten sie, der sich vor ihnen schmiegt, wie ein Vielfraß vor dem Hühnerstall? Habt Ihr gesehen, sagte Jem, wie er Papiere aus seiner Tasche holte und sie ihnen zeigte? Es sind wahrscheinlich wieder Neuigkeiten aus Schweden oder Abo angekommen. Wir wissen es aber auch schon. 232 Was weißt du für Neuigkeiten? fragten viele Stimmen, und Jem wurde noch enger umringt. Ich will's euch mittheilen, fuhr er fort. Neulich stand ich dicht dabei, als Herr Serbinoff mit meinem Herrn sprach. Die Franzosen haben alles Land erobert jenseit der See; haben die Deutschen geschlagen und die Russen. Das ist Recht! schrien ein paar freudige Stimmen. Und die Schweden sind über's Wasser gejagt, es hat sich Keiner vor dem Franzosenkaiser, der Appolio heißt, halten können. Der ganze Kreis schwieg, und Jem fuhr fort: Nun ist der König nach Stockholm zurückgekommen und hat geschworen, er wollt' nicht rasten, bis alle Franzosen und der Appolio in Stücke gehauen wären, und hat durch's ganze Land geschickt, daß neue Mannschaft zusammenkommen soll. Die Bauern sahen sich besorgt an, als wollten sie erforschen, wer von ihnen wohl daran kommen müsse; es war jedoch Niemand, dem man Lust dazu anmerkte. Während dessen aber, fuhr Jem fort, haben die Engländer die dänische Stadt Kopenhagen in Brand geschossen, sind hineingekommen und haben alle dänische Kriegsschiffe nach England geschleppt. Die Gesichter erheiterten sich. Darum werden wir nicht böse sein, rief ein weißköpfiger Alter. Die Dänen haben uns immer in die Beine gebissen, wenn unser König gegen die Russen auszog. Das hat Herr Otho auch gesagt! lachte Jem, aber jetzt ist es noch anders gekommen. Der Franzos hat mit dem Russen Frieden geschlossen, und der Russenkaiser hat nach Stockholm geschickt und dem Könige, der doch sein Schwäher ist, sagen lassen, er möchte es ebenso machen. Darauf haben sie sich Beide gezankt, und der Russe hat dem König gesagt, er müßte es thun, es sei ein alter Contract da, die Engländer nicht in der See hier herum zu dulden, und die Engländer seien Räuber, sie hätten die dänische Flotte gestohlen. Darauf ist der König noch wilder geworden, hat seinen russischen Orden sich abgerissen, an den Russenkaiser geschickt, hat ihm sagen lassen, er möchte ihn nicht mehr an seinen Rock binden, und der Russe hat's ebenso gemacht, hat sein schwedisches Kreuz eingepackt 233 und sich davor bedankt. Es ist ein fürchterlich Geschrei darüber entstanden. Und was hat der König gethan? Hat er Frieden gemacht? fragten die Eifrigsten. Eher, hat er gesagt, sollten ganz Schweden und Finnland zu Grunde gehen, ehe er mit dem Appolio Frieden machte; denn der stamme vom Teufel aus der Hölle. Und hat sich hingesetzt und hat gleich ein neues Bündniß mit den Engländern gemacht, die mit einer großen Flotte und vieler Mannschaft ihm zu Hilfe kommen wollen. Die Bauern sahen sich nachdenklich an. Daß Schweden und Finnland zu Grunde gehen sollten, war ihnen nicht besonders tröstlich. Viele Lasten hatten sie schon zu tragen, und mancher junge Mann wurde seit Jahr und Tag fortgenommen und unter die Soldaten gesteckt. Was wird denn nun das Beste sein? fragte Einer, der sich nachdenklich hinter den Ohren kratzte. Ich will's dir sagen, Peder! schrie eine helle Stimme. Sie blickten Alle um; da stand der Schulmeister mit seinem Hahn im Sack, und gleich war er mitten im Kreise, der Hahn auf seinem Arm. Der alte Landstreicher stützte sich auf seinen Dornenstock mit beiden Händen und sah mit seinen runden Augen unmäßig pfiffig umher. Gehst nach Haus, Peder, begann er, ziehst deinen neuen Rock an, steckst deine Tasche voll Weizenfladen, und machst dich auf den Weg, bis du nach Stockholm vor's Schloß kommst. Da gehst hinein und stellst dich vor den König. Sagst ihm: Herr König, ich bin ein finnischer Mann aus Halljala. Wir haben gehört, daß du dich mit deinem Schwager, dem Russenkaiser, zankst und willst Schweden und Finnland darüber untergehen lassen. Dazu aber haben wir keine Lust, essen lieber Weizenfladen, saure Milch und Fische, so lange und so viel wir können, und haben viele Jahre über genug zu thun, um aus der Noth zu kommen, unsere Äcker zu verbessern und allerlei nützliche Dinge zu lernen von dem guten Schulmeister Lars Normark. Das Gelächter brach aus; doch Lars Normark ließ sich nicht stören: – Also thue uns den Gefallen, Herr König, und laß Finnland nicht untergehen. Mach's mit deinem Schwager aus, wie du willst, 234 nehmt Beide Jeder ein Schwert und seht zu, wer leben bleibt. Was, zum Teufel! haben wir damit zu thun, wenn ihr euch streitet? Was geht es uns an, daß der Eine von euch die Franzosen haben will, der Andere die Engländer? Schlagt euch, so lange ihr Lust habt; wir aber sind friedliche stille Leute, die ruhig leben und arbeiten wollen. Laß uns also ungeschoren, Herr König, nicht eine Hand wollen wir für dich rühren; aber wenn's dir schlecht gehen sollte, komm zu uns nach Halljala. Sollst willkommen sein, sollst Karpfen und Wels essen, und kommst du zum nächsten Herbst, Herr König, soll Jem Olikainen dir einen fetten Bären fangen. Das helle Gelächter wurde allgemein. Die Lustigsten schrien dem Peder zu, er solle sich gleich zur Reise bereit machen; allein der junge Bauer nahm demüthig seinen Hut ab und sagte bittend: Ich bin zu arm, zu jung und zu dumm dazu, solche Botschaft auszurichten. Keiner kann das besser, als der weise Schulmeister selbst; sollte er aber meinen, der König möchte ihn dafür aufhängen lassen, so mag der Hahn hinfliegen, der klüger ist als wir Alle. Was meinst du, Hans, fragte der Alte, willst es thun? Der Hahn schüttelte den Kopf. Meinst es geht nicht? fuhr er fort. O! es ginge wohl, willst du sagen, wenn die Menschen klüger wären und allesammt zu den Königen so sprächen, wie Peder es thun sollte. Der Hahn ließ sein zustimmendes Glucksen hören. – Was soll's denn aber werden, Hans? fragte sein Herr. Der Hahn schlug seine Flügel, sträubte seine Halsfedern und stieß ein trotziges Geschrei aus. Krieg! wie es immer war, Krieg! rief der Alte. Und so wird es immer kommen, Hans; hast Recht, so wird es kommen. An einander fahren werden sie mit ihren Schiffen und Schaaren. Todtschlagen werden sie sich wie das wilde Gethier; aber die Könige werden säuberlich am Leben bleiben. Es schad't nichts, Hans, es schad't nichts! Wir Beide haben schwedisch Blut, sehen die Sache mit an wie tapfere Leute. In Sweaborg geht's lustig zu, kommen Soldaten und Kanonen alle Tage, und jenseit des Kymen wimmelt's schon von Kosaken mit langen Bärten und Husaren, die wie Silber blitzen. 235 Es schad't nichts, Hans, haben sie öfter schon angeschaut und haben uns nicht davor gefürchtet. Bei der Erwähnung der Russen waren die Gesichter wieder ernsthafter geworden. Meinst du wirklich, fragte ein greiser Mann, daß es zu einem Kriege kommen könnte? Der Hans sagt's, antwortete Lars, ich glaub's nicht; denn es ist keine Woche her, so sah ich in Borgo eine große Zahl Kanonen von Eisen und Kriegsmunition, viele Wagen voll, die sollten den Russen zugeschickt werden, weil's ihnen daran fehlte. Es ist Manches dumm in der Welt; aber so dumm werden sie in Stockholm doch nicht sein, und den Russen das Pulver und die Röhre liefern, wenn's zum Kriege gehen will. Bewahr uns Gott vor den Russen! riefen einige Stimmen. Bewahrt euch selbst vor den Russen! erwiederte der Schulmeister. Habt ihr nicht Arme an dem Leib, habt ihr nicht Piken und Messer genug? Habt ihr den Jem Olikainen nicht, der sich vor keinem Bären fürchten thut? Der Scherz erheiterte die Gesichter abermals; Jem aber rückte seinen Hut trotzig über die Stirn und streckte seinen nervigen Arm aus. Laßt die Russen nur kommen! schrie er. Wir werden dann sehen, wo ich bin und wo der Pfeifer sein Lied bläst und sein Hahn dazu schreit. Recht so, mein Kind! lachte der Alte. Bist ein tapferer Bursch, mag ein Bär vor dir stehen oder ein Russe, und hast noch immer gesunde Füße gehabt, wenn du aus einem Fenster springen oder über die Korpilaxfelsen laufen wolltest. Komm, Hans, komm! er geht uns ans Leben. Der arme Jem konnte nichts machen, er mußte in das Gelächter einstimmen. Der Schulmeister aber ging mit seinem Hahn davon und weit durch das Thal schallte seine Pfeife von einem alten Kriegsliede, dessen Melodie er anstimmte. Während dies geschah, war das schwedische Fräulein längst auf ihrem raschen Pferde in den Bergen verschwunden, durch welche ein einziger Weg nördlich hinlief, der jäh auf und absteigend bald über 236 hohe Hügel, bald in tiefe Gründe führte, die von dichtestem Walde umschlossen und bedeckt waren. Leichter Frost hatte den Boden fest gemacht, und wo die belebende Sonne nicht hindrang, lag der Reif weiß und dicht auf den langen niedergedrückten Gräsern. Ebba überließ sich ihren Gedanken, während der Weg sich aufwärts wand bis zu der Höhe der felsigen Bergkette, welche die nördliche Grenze des Tavastlandes bildet. Sie hatte an diesem Morgen ein Gespräch mit ihrem Bruder gehabt, das wohl geeignet war, sie zu beschäftigen. Der Kammerherr hatte ihr einige Eröffnungen gemacht, über welche sie nachsann, und es dem grauen Rosse anheimgab, nach seinem Gefallen den bösen Pfad hinanzusteigen. Einige Male nur schaute sie zurück, weil sie Erich Randal erwartete, der ihr nachfolgen wollte; doch als sie die Höhe erreicht hatte, und der Freiherr nirgend zu erblicken war, that sie keinen Einspruch, als das edle Thier einen Seitenpfad einschlug, der zu dem Kamm des Bergzuges führte. Tief unter ihr lagen die Thäler, linkwärts dehnte sich der Wasserspiegel des Sees aus, und zwischen den Einschnitten ragte Halljala's hoher Thurm hervor. Dunkle Wolken lagerten sich über ihm, während die Berge sonnig glänzten und die bewegungslose Gestalt der schönen Reiterin von dem hellen Lichte bestrahlt wurde. Ihr Schleier flatterte in der scharfen Luft; lautlose Stille herrschte in dem weiten Gebiet, das ihre Augen überblicken konnten; ein unermeßliches Gewirr von rothen Felsen und dunklem Wald, der leblos schwer daran hing und zahllose Linien und Ecken bildete. Er kommt nicht, sagte sie nach einem langen Schweigen. Er hat mich vergessen, warum soll ich darüber zürnen. Vergessen werden ist das Schlimmste nicht, das uns begegnen kann. Sie blickte in den Kranz düstrer Wolken, die über Halljala hingen, und flüsterte halblaut vor sich hin: Wie eine Dornenkrone sehen sie aus, und doch will ich diese auf mein Haupt setzen, und wäre es glühender Stahl, unter dem Hirn und Herz verdorrten. Gleichviel, Arwed hat Recht. Große Zwecke verlangen festen Willen, und das Herz ist nichts als der Sitz aller Schwächen, die uns erniedrigen und verächtlich machen, wenn wir diesem Götzen unser Leben opfern. 237 Sie wandte den Kopf und blickte nach der andern Seite hin, wo eben die Sonne mit voller Macht eine Reihe gewaltiger Felsen beleuchtete, welche hoch aus der Waldnacht aufstiegen. Es war dasselbe Felsenschloß, das sie schon einmal gesehen und das damals ihr von Louisa als Lully's Burg genannt wurde. Heut lag es näher vor ihr, getrennt durch einen tiefen wohl meilenbreiten Grund, über welchen ein Bergsattel lief, der wie eine Brücke zu diesem seltsamen Granitbau führte. Je länger Ebba es betrachtete, je mehr erschien es ihr als ein riesenhaftes Werk, von jenen fabelhaften Kindern der Nacht aufgeführt, die in diesem sagenvollen Norden so viel Seltsames und Ungeheuerliches geschaffen haben. Als sie die Altane und Bogen, die zackigen Mauern und die kühnen Wölbungen betrachtete, fühlte sie lebhaftes Verlangen, diese Wunder näher zu beschauen, und ihre Gedanken wurden eben so schnell zur That, als sie vor sich einen der Pfade bemerkte, die in Finnland häufig die dichtesten und finstersten Wälder und die wildesten Einöden durchkreuzen. Bei ihren zahlreichen Streifereien in Otho's oder Erich's Gesellschaft hatte sie manchen dieser engen Steige kennen gelernt, welche gewöhnlich entfernte und entlegene Höfe oder Thäler verbinden, und statt der Krümmungen und Windungen der Landstraße, geradeaus, ohne Hindernisse zu beachten, durch Sümpfe und Dickichte, jähe Felsen hinauf und hinab, dem Ziele zuführen. Auch hier lief ein solcher über den waldigen Bergsattel und Ebba zweifelte nicht, daß er zu Lully's Burg leiten mußte. Daher war ihr Entschluß auch sogleich gefaßt, und wenige Minuten später eilte ihr Roß zwischen Wänden hoher Tannen hin, wo alle Aussicht schnell verschwand. Es gehörte mehr als der gewöhnliche Muth eines jungen Mädchens dazu, um nicht bald an Umkehr zu denken, denn wenn diese wilde Einsamkeit schon Furcht aufwecken konnte, so war der Pfad selbst keineswegs ein bequemer und gefahrloser. Bald senkte, bald hob er sich, bald stiegen Felslager aus dem Schutt auf, bald verlor sich dieser in Sumpfstellen, die ein verrätherischer Moosteppich bekleidete. An manchen Orten drängte sich der Wald so dicht zusammen und sperrte den Pfad mit einem Gewirr von Wurzeln, Ästen und Zacken, daß viel Gewandtheit nöthig war, um unverletzt durchzukommen, an anderen 238 Stellen aber verschwanden die Bäume vor dem mächtigen Gestein, das in steile Tiefen niedersank. Unten ruhte das Auge auf den Spitzen riesiger Fichten, durch deren geheimnißvolles Rauschen der dumpfe Ton eines Wasserfalles drang, welcher nicht entdeckt werden konnte. Eine Schlucht mit zahllosen grünen Federbüschen gefüllt, die kaum handhoch schienen, in Wahrheit jedoch die schönsten Masten liefern konnten, dehnte sich weit aus bis an den fernen Horizont. Nicht ohne ein banges Gefühl vermochte Ebba dort hinunter zu schauen, schnell jedoch war die Lichtung verschwunden, und ihr Ohr verfolgte den klagenden Ruf der Schneehühner, welche in der Ferne aus dem Dickicht schlüpften und schon ihr weißes Winterkleid angezogen hatten, ihr Auge wandte sich einer weit vorgebeugten gewaltigen Birke zu, zwischen deren wirrem Geäst zwei blitzende Sterne sie anstarrten. War es Täuschung oder Wahrheit, daß ein langgestrecktes katzenartiges Thier dort lauernd lag, war es ein Luchs mit weißer Kehle oder die Hyäne des Nordens, der braune schlanke Vielfraß. Sie konnte es nicht erkennen, denn das Roß schnaubte auf, ein Schauder lief über seine Haut und das Gebiß zwischen den Zähnen bäumte es hoch in die Luft, und rannte dann in gestrecktem Galopp mit seinem Reiter durch Geröll und Gebüsch. Es war zu des Fräuleins Gunsten, daß der Pfad keine bedeutenden Schwierigkeiten mehr bot, auch wehrte sie dem raschen Thiere nicht, seine Kraft und Ausdauer zu zeigen. So wich der Wald denn nach kurzer Zeit zu beiden Seiten und vor ihr lagen die hohen Steine, welche Lully's Burg bildeten. Sie hatte richtig vermuthet, daß der Pfad in diese Veste führen müsse, aber er ging so eng und steil zwischen den natürlichen Mauern in die Höhe, daß sie lange vergebens nach einem andern bequemeren Weg suchte. Überall jedoch stiegen die Felsen senkrecht und bahnlos auf und ihre dunkelrothe Farbe wurde von der Sonne glänzender und saftiger gemacht. Es blieb nichts übrig, als dem Pferde zu gestatten, diesen einzigen Zugang hinaufzuklimmen, der eine Zeit lang zackig und gewunden, dabei kaum breit genug war, das unerschrockene Fräulein ohne Hinderniß durchzulassen, dann aber dehnte er sich allmälig weiter zu einer Gasse und zu einem Thale aus, das zwischen den hohen Granitwällen ruhte. Noch war der dichte Grasteppich hier unversehrt, 239 noch trugen Ellern und Weiden ihre Blätter und zwischen ihnen murmelte ein klarer Quell. Der Himmel glänzte blau darüber und sein belebendes Licht vergoldete nach allen Seiten diesen schönen einsamen Grund und seine Schutzwehren. Verwundert und freudig betrachtete Ebba dies neu entdeckte Land. Die Luft, welche sie athmete, war so rein und köstlich, die Ruhe umher so wohlthuend, der Frieden dieser Einsamkeit so einladend für die Unruhe in ihr, daß ein sehnsüchtiges Gefühl sie überkam, als sie das Pferd an einem Orte anhielt, wo die Felsen fast einen Kreis bildeten, in dessen Mitte eine ungeheure Eiche ihr wunderbar knorriges Geäst ausstreckte. Eichen sind selten in Finnland, namentlich so weit gegen die Mitte des Landes. Nur vereinzelt findet man sie, dann aber zuweilen in solcher Kraft und Majestät, als hätten die Waldgötter alle ihre Zaubermittel daran gesetzt, wenigstens einen dieser stolzen, edlen Bäume groß zu ziehen, um unter seinem Laubdache zu wohnen. Die Eiche, vor welcher Ebba Bungen stand, war von hohem Alter. Die meisten ihrer Zweige hatten Stürme zerbrochen, mit denen sie Jahrhunderte über gekämpft hatte. Von langen Bartmoosen umhängen stand sie wie ein greiser Riese nackt und zerfetzt am Wege, allein ihr Haupt trug noch einen wundervollen Blätterschmuck, so voll und reich, wie in den Tagen ihrer Jugend. Dicht unter dem mächtigen Stamm, umklammert von großen Wurzeln, lag ein vierkantiger Stein, von anderen aufrecht stehenden Steinen eingefaßt, welche ohne Zweifel von Menschenhänden einst hierher gestellt wurden. Gestrüpp und Halme hatten sich darum gerankt, deutlich aber ließ sich noch immer erkennen, daß eine bestimmte Ordnung dabei befolgt ward. Es muß ein Opferplatz sein, der aus den Heidenzeiten stammt, sagte Ebba, als sie den Kreis betrachtete. Der Altar Jumala's, des Herrn des Himmels und der Erde, antwortete ihr eine Stimme, die unter dem Opferstein hervor zu kommen schien. Einen Augenblick schwieg das Fräulein, überrascht und erschrocken, dann aber verwandelte sich ihre Bestürzung in Gelächter. Jumala 240 sendet mir aus seinem Himmel einen Heiligen, den ich näher betrachten muß! rief sie aus, und bei diesen Worten, trieb sie ihr Pferd an und entdeckte Otho Waimon, der an der andern Seite in einer Vertiefung saß, und den Rücken an den Opferstein lehnte. Neben ihm lag sein Gewehr und seine Reisetasche, aus welcher er einige Vorräthe genommen hatte und sein Mahl hielt. Grüß Sie Gott! mein heidnischer Retter, rief sie ihm entgegen, indem er aufstand. Ich komme zur rechten Zeit, um Theil zu nehmen. Hoffentlich hat der liebenswürdige Beherrscher der Wälder, Tapio, welcher verirrten Wanderern gedeckte Tische schickt, für mich mitgesorgt. Das hat er gethan, erwiederte Otho, denn er speist auch die, welche nicht an ihn glauben. Zugleich hob er sie vom Rosse, ließ dies laufen, da er sicher war, daß es sich nicht entfernen würde, und nach wenigen Minuten saßen sich Beide gegenüber. Er zerschnitt mit seinem Jagdmesser die Speisen und schöpfte mit seinem Becher das klare Quellwasser, als sie dürstete. Vortrefflich! rief Ebba von dem Wasser nippend. Habe Dank, guter Tapio, für deinen Nektar! Wie lange waren Sie in den Hallen Ihrer Götter, Cousin Otho? Sie haben mich diesmal nach Savolax begleitet, erwiederte er, und meine Geschäfte gesegnet. Ich glaube es nicht, versetzte sie. Ich glaube vielmehr, daß Sie seit zwei Tagen in den unterirdischen Hallen Jumala's unter diesen Steinen saßen und Weisheit lernten. Weisheit ist allen Sterblichen nöthig, sagte er. Jumala's Geist ruht auf Ihnen, Cousin Otho! rief sie ihm spöttisch zunickend. Fahren Sie fort und entdecken Sie mir, was er Ihnen weiter vertraute. Wenn Sie es wüßten, würden Sie davor erschrecken. Ich erschrecke so leicht nicht, fuhr Ebba muthwillig fort, nicht einmal vor Barbaren, die lieber in Wäldern und Sümpfen umherschweifen, als civilisirten Wesen Gesellschaft leisten. Was sagte der weise Jumala also? Er sagte mir, daß ein Jeder sich hüten solle, ein Opfer der Civilisation zu werden. 241 Ein leichtsinniger Gott! rief Ebba lachend, der also spricht und sich selbst nicht behüten könnte. Der vor Opfern warnt, dicht an seinem verwitterten Altare, wo es greulich genug oft hergegangen sein mag. Jumala war ein milder Allvater, dem man Blumen, Honig, Erstlingsfrüchte und Ähren bot, erwiederte Otho. Die barbarischen Finnen haben niemals blutige Opfer gekannt, während die hochbegabten Schweden in Odin's heiligem Hain jährlich zwölf Jungfrauen schlachteten. Jetzt schlachtet man die Opfer in noch größerer Zahl und auf verschiedene andere Weise, fiel das Fräulein ein, bei alledem aber muß man nicht verzagen und sich nicht schlachten lassen. Wie sehen die Steine dort so roth aus, als flösse Blut an ihnen nieder. Sie heißen auch die Blutsteine, antwortete Otho Waimon, und dieses Thal wird das Thal des Todes genannt. Und diese ganze Steinmasse heißt Lully's Burg? Ja. Diese Eiche die Hompuseiche, oder auch die Eiche des Gerichts. Hat der alte Häuptling hier Gericht gehalten und Recht gesprochen? fragte Ebba. Wie ein Christ und wie ein Ritter, antwortete Otho finster lächelnd, indem er einen stolzen Blick auf den Baum warf. Als Birger Jarl seinen Feldherrn zurück ließ, um das Tavastland zu erobern, zogen sich die bedrängten Heiden endlich hierher zurück, wo Jumala verehrt wurde. Hierher brachten sie Alles, was ihnen lieb war, ihre Kostbarkeiten, ihre Weiber und Kinder, endlich ihre eigenen Leiber, so viel deren übrig geblieben. Lully Wainemonen war ihr Held und ihr Häuptling und er vertheidigte dies heilige Thal mit Tapferkeit. Endlich aber drangen dennoch die Männer in Eisen gehüllt herein, und dort an jenem Felsen wurde so viel Blut vergossen, daß kein Regen und kein Schnee die rothe Farbe jemals wieder abwaschen konnte. Hier an dem Altare Jumala's wurde der letzte Kampf gekämpft. Hompus Randal erschlug den Häuptling Lully. Sterbend wurde Lully auf diesen Opferstein geworfen und verbrannt; um ihn her hingen an allen Zweigen und Ästen der Eiche seine Freunde und Brüder, zur Ehre Gottes aufgeknüpft, und um dessentwegen trägt der Baum bis 242 auf diese Stunde noch des Richters Namen und heißt die Eiche des Gerichts. Ebba hatte schweigend zugehört. Das ist eine fürchterliche Geschichte, sagte sie endlich, obenein wenn sie Jemand von seinen Vorfahren an dieser Stelle erzählt. Aber danken wir Gott, Cousin Otho, daß mildere Sitten die Menschen gebessert haben, und sprechen wir nicht verächtlich von der Civilisation, die doch allein im Stande ist, uns vor ähnlichen Thaten zu behüten. Die Menschen sind nicht besser geworden, versetzte Otho, nur ihre Götzen haben sich geändert. Diese zu befriedigen scheuen sie noch jetzt weder Mord, noch jedwede Schande. Und dennoch sind Sie selbst ein Beispiel dafür, daß eine bessere Zeit gekommen ist, sagte sie. Der fürchterliche Hompus Randal, der sein Schwert in Lully's Blut tauchte, hat es durch all sein Wüthen nicht hindern können, daß sein Urenkel Lully's Enkel aufs herzlichste liebt, und beide so innige Freunde sind, daß der Eine gern für den Andern sein Leben hingeben würde. Das würde ich! rief Otho, indem er seine Augen glänzend aufschlug, das würde auch Erich thun, leichter und freudiger noch als ich. Ich will Ihnen Recht geben, fuhr er fort, wenn auch nur bedingungsweise, denn auch in jenen Zeiten, wo Hompus und mein Urvater lebten, opferte man Gut und Blut für den Freund. Allein der Menschenwerth ist höher gestiegen. Vor einem Menschenalter noch würden Sie dem finnischen Bauer Ihre Hand nicht gereicht haben, wie Sie dies jetzt thun, und Serbinoff, wäre er mit Peter des Großen Heer vor hundert Jahren nach Finnland gekommen, würde weit eher geneigt gewesen sein, mich rösten oder todtprügeln zu lassen, als mich Freund und Bruder zu nennen. Die russische Civilisation hat doch noch einige dunkle Stellen, denen man nicht allzuviel trauen darf, sagte das Fräulein lächelnd und zu ihm aufblickend. Sie ist nicht so abgeschliffen, als manche, die sich höher und besser dünkt, erwiederte er; allein ein so großes Reich, ein so mächtiges urkräftiges Volk hat eine Zukunft, wie kein anderes. 243 Sie sprechen davon, sagte sie, als fühlten Sie Lust, daran Theil zu nehmen. Wenn es so wäre, antwortete er, würde ich nur dem Beispiele anderer Männer folgen, die in Rußland sich wohl befinden. Niemand soll sein Vaterland aufgeben, um auf fremder Erde das Glück zu suchen, antwortete sie mit größerem Ernst. Was ist Glück? rief Otho dagegen, und was hält mich ab, es zu suchen, wo ich es finde? Mein Vater zog auch in ferne Länder unter Palmen und Menschen mit broncener Haut. Und er kehrte zurück, wie ein irrender Vogel, der sein Nest im Norden sucht, fiel das Fräulein ein. Wie lange ist es denn her, Vetter Otho, seit Sie mir stolz erklärten: Auf meinem Hofe will ich leben und sterben, als ein freier Mann, ohne meine Scholle zu verlassen. Ich sagte das, ja, war seine Antwort, doch seit jener Zeit habe ich anders sehen und denken gelernt. Im russischen Heere befinden sich viele tapfere Männer, die, von Tyrannen verfolgt, dorthin flüchteten, wo ein Fürst, den die edelsten Eigenschaften zieren, sie in seinen Schutz nimmt. Wer hat Ihnen das gesagt? fragte sie. Ohne Zweifel, Serbinoff. Er ist ein Russe und liebt Rußland, das wird ihm Niemand verdenken; aber Sie, Cousin Otho, Sie sind ein Schwede. Ein Finne, fiel er ein, ein Kind des unglücklichen Stammes, den jeder gern sein eigen nennen möchte, um ihn als Heloten zum Holzhauen und Wasserschleppen zu gebrauchen. Manche Schweden sind schon in russische Dienste getreten, kein Russe aber hat je einem anderen Herrn gedient. Wahrscheinlich, antwortete das Fräulein, hat Ihnen Serbinoff auch dies gerühmt; aber kann es nicht auch daran liegen, daß ein in der Civilisation so tief stehendes Volk keine Männer besitzt, die in anderen Ländern willkommen wären. Die Schweden, welche sich zu Russen machten, waren meist entartete Söhne ihres Volkes. Können Sie in dem russischen Rock sich ein russisches Gewissen anschaffen? Sie haben eine üble Meinung von den Russen, und doch ist Serbinoff Ihnen so lange befreundet, und an Ihrer Seite zu uns gekommen. 244 Graf Serbinoff ist der Freund meines Bruders. Unleugbar besitzt er durchdringenden Verstand und ist in den Kreisen des hohen russischen Adels erzogen. Er ist so tapfer wie offenherzig, so frisch und kräftig an Körper wie an Geist, sagte er in warmem Ton. Ebba blickte nachsinnend vor sich nieder. Ist das Alles denn Ihr Ernst, lieber Otho, fragte sie endlich, als er schwieg. Könnten Sie wirklich die Absicht haben, uns zu verlassen? Das wäre eine traurige Nachricht. Ihre Stimme war weich geworden, alle Spottlust daraus verschwunden. Als er in ihre Augen sah, die fragend und mit eigenthümlichem Ausdruck auf ihm ruhten, fühlte er einen heißen Strom in seinen Kopf dringen. Für wen traurig? lachte er rauh auf, indem er sich unsicher abwandte. Wer würde sich darum betrüben? Wir Alle, erwiederte sie, und somit auch ich. Wirklich, auch Sie! Tausend Dank, Cousine Ebba. Ein Barbar, wie ich, kann das kaum erwarten. Ein Barbar, wie Sie, kann nur darüber spotten, erwiederte Ebba. Otho hielt ihre Hand fest, es war ihm als fühle er diese leise zittern, im nächsten Augenblick aber befreite sie sich, und fuhr im fröhlichen Tone fort: Sie werden wenigstens doch noch einige Zeit bei uns aushalten, und den Winter über uns Gesellschaft leisten. Arwed hat gestern beschlossen, nicht nach Stockholm zurückzukehren. Und Sie, Cousine Ebba? Ich – nun, ich werde Erich's Wünsche erfüllen, und ebenfalls hier bleiben. Wir werden in einigen Wochen den Freiherrn Wright besuchen, gestern kam eine neue, dringende Einladung. Sie müssen uns dahin begleiten. Das Haus des Freiherrn soll im besten Geschmack eingerichtet und immer voll edler Gäste sein. Sie können sich dort auf die Petersburger noblen Kreise vorbereiten. Die Tochter des Freiherrn, Madame Constanze Gurschin, muß außerordentlich liebenswürdig sein. Sie hat mir ein Briefchen im elegantesten Französisch geschrieben. Sie sprechen doch französisch, Cousin Otho? 245 So schlecht wie es einem Barbaren zukommt. Aber Sie haben Recht, ich will mich bemühen, zu den gebildeten Menschen gezählt zu werden. Und was machen wir mit meiner armen Louisa; fuhr das Fräulein fort, wenn Sie unter die Russen gehen? Doch sie hat einen brüderlichen Freund an Erich, und eine schwesterliche Freundin an mir. Bei uns in Halljala soll sie wohnen, wenn Sie keinen anderen Plan mit ihr haben. Sie also – Sie werden in Halljala wohnen? fragte er. Sobald wir aus Liliendal zurückkehren, wo wir bis Neujahr zu bleiben gedenken. Und dann? Still, Cousin Otho, wir wollen nicht in die Zukunft forschen. Otho Waimon blickte sie sinnend an. Sein Gesicht röthete sich höher und seine Augen schimmerten im lichten Glanz. Endlich nahm er ihre Hand und sagte im festen freundlichen Tone: Ich wünsche Ihnen Glück, Cousine Ebba! reiches endloses Glück, es wird nicht ausbleiben. Warum glauben Sie das? Weil ich Erich kenne. Weil es keinen besseren Menschen auf Erden gibt. Das ist ein gefährlicher Ausspruch, erwiederte sie. Aber schweigen wir davon. Gott weiß allein, was geschehen wird. Doch Sie, lieber Otho, werden Sie immer mein Freund bleiben? Immer mir Glück wünschen? Ihr Freund; ja, gewiß! Und niemals an meiner innigen Theilnahme zweifeln? Ich will mich bemühen, daran zu glauben. Dann versprechen Sie mir, unser Zusammentreffen und unser Gespräch geheim zu halten. Ich verspreche es. Und noch Eines. Auch ich will Niemand sagen, daß Sie ein Russe werden wollen, nur thun Sie nichts, ohne es mir mitzutheilen. Sie sollen nichts thun, Otho! fuhr sie lebhafter fort; ich will nicht, daß Sie diesem Serbinoff allein glauben, ihm allein Vertrauen schenken. Ich verlange es von Ihnen, ja ich – ich! und wenn ich auch 246 nur eine Schwedin bin, so da – sehen Sie mich an, ich befehle Ihnen, daß Sie mir gehorchen. Sie reichte ihm die Hände hin, und ihr schönes, stolzes Gesicht neigte sich zu ihm mit einem Ausdruck so inniger Güte und Besorgniß, dem er nicht widerstehen konnte. Haben Sie mir nicht schon einmal in Tavastehuus versprochen, fuhr Ebba fort, daß wir trotz alles Streites und aller Trennungen treue Freunde bleiben wollen. Ein wunderbares Entzücken überlief ihn, kaum vermochte er es zu bezwingen. Das habe ich versprochen! rief er ihre Hände an seine Lippen drückend und an sein Herz legend, und niemals sollen Sie mich umsonst daran mahnen. Ja, theure Ebba, ich will Ihnen glauben. Möge, wie es in unseren alten Liedern heißt, unter jedem Ihrer Schritte Blumen aufsprossen. Von ganzem Herzen, Amen! antwortete sie, indem sie ihm ihre Stirne zum Kusse bot, und nun – o! da ist Erich! fuhr sie fort indem sie sich umwandte und den Pfad hinabblickte, auf welchem Erich Randal sich näherte. Vielleicht hatte er die vertraute Stellung und Umarmung der beiden gesehen, denn er stand nahe bei ihnen und einige Augenblicke hinter den Weidengebüschen still. Dann jedoch kam er so ruhig und freundlich heran, wie er immer war. Sie haben mich in große Sorge versetzt, liebe Ebba! rief er schon von Weitem; überall suchte ich Sie, und nur durch Zufall gerieth ich endlich auf den Gedanken, daß Sie in Lully's Burg sein würden. Also nicht durch eine geheime Ahnung hierher getrieben? fragte sie lächelnd. In Wahrheit, nur durch einige Spuren Ihres Pferdes. Ein Hofmann sind Sie nicht, Vetter Erich, lachte das Fräulein. Welche schmeichelnde Antwort hätten Sie mir geben können. Ich will auch niemals, weder ein Hofmann noch ein Schmeichler sein, beste Muhme Ebba, antwortete er, seine großen blauen Augen freundlich auf sie heftend. Wahrheit soll immer zwischen uns walten, einfache, ungeschminkte Wahrheit. Was diese auch bringen mag, ist immer leichter zu ertragen, als alle aufgeputzte Täuschung. 247 Nach einigen Erklärungen, welche Otho über sein Zusammentreffen mit Ebba an diesem Orte gab, und einigen Zwischenreden, welche das Fräulein hinzufügte, sagte Erich: Wir werden auf lange Zeit nicht wieder hier beisammen sein, denn bald wird das Thal und alle Thäler und Tiefen unter Schnee und Eis begraben liegen. Sehen Sie die düsteren Wolken, welche sich dort nordwärts zusammenballen? Sie werden über uns hinfahren, wenn wir nicht eilen uns in Sicherheit zu bringen. Welche düsteren Wolken uns auch erwarten, versetzte Ebba lächelnd, so wollen wir doch niemals die Sonne vergessen, welche dahinter scheint. Es ist schon manche Nacht und mancher Winter gekommen, Vetter Erich, und immer ist es wieder Tag und Frühling geworden. Habe ich nicht Recht, wenn ich auf diesen Stein zeige, und dann euch Beide betrachte, daß wir vertrauen und hoffen sollen? Erich legte statt der Antwort, seinen Arm um seinen Freund, und drückte ihn an sich: Bist du denn so hoffnungslos, mein Otho, sagte er, und gibt es etwas, das ich für dich thun könnte? Ich bin nicht hoffnungslos! rief Otho, indem er Erich's Umarmung erwiederte, und nichts kannst du für mich thun, als immer fest auf mich bauen, wie es deine Art ist. Dieser Stein spricht zu uns lauter, als Himmelsstimmen es thun könnten, daß wir einig sein und uns anhängen sollen bis in den Tod. Und dabei will ich mit einschlagen, sagte Ebba, indem sie lächelnd ihre Hand auf die beiden Hände legte. Höre mich, du Geist Lully's, wenn du uns umschwebst, und gib uns ein Zeichen, daß du gerächt und versöhnt bist. In dem Augenblicke beugte sich die Eiche unter einem Windstoß, der über die Felsen in das Thal stürzte. Die Blätter wirbelten hoch auf, plötzlich folgte ein Krachen, und die Krone des alten Baumes brach und fiel auf den Opferstein. Erschrocken standen die drei Geisterbeschwörer und blickten das Wunder und den kahlen abgestorbenen Riesen an, bis Ebba ein fröhliches Gelächter hören ließ. Nun sage Niemand mehr, rief sie, daß es keine Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen unsere Gelehrten sich nichts träumen lassen. Ich verstehe diese Antwort. Die 248 blutige Eiche hat aufgehört zu leben, die nach uns kommen werden nichts mehr von ihr sehen. Der letzte Enkel des grimmen Hompus liegt in den Armen des letzten Enkels Lully's; ihre Liebe hat den Haß versöhnt! Erich betrachtete das abgebrochene Holz und sagte dann: Es ist morsch und mürbe, lange hätte es auf keinen Fall mehr gehalten, doch seltsam genug ist der Zufall, der eben jetzt es zu unseren Füßen schleuderte. Auf diese Weise sind alle Wunder entstanden. Ungläubiger! rief das Fräulein. Nichts ist zufällig, was geschieht, Alles bestimmt sich nach Nothwendigkeiten. Ich glaube daran, daß die alten Götter zu uns gesprochen haben, und lasse mir keine Erklärung des nüchternen Verstandes gefallen. Wir werden schon sehen, wie diese brechende und stürzende Krone noch ausgelegt werden kann; ob Glück, ob Unglück uns damit angekündigt wurde. Da aber dies ein Altar des Weltenherrn ist, so will ich ihm ein Opfer bringen. Sie nahm einige Blätter der Eiche, Gras und Halme wand sie zusammen, und legte sie auf den Stein. Allvater Jumala! rief sie, ihre Hände faltend und ihre Augen aufhebend, sei uns gnädig. Schütze uns vor unseren Feinden und gib uns Glück und Frieden. Zunächst, sagte Erich, mag der alte Gott, der Blumen und Gras so lieb hat, uns auf einige Stunden noch vor Schnee bewahren. So gib, Jumala, daß uns wenigstens heut keinerlei Fährnisse mehr bedrohen, fuhr Ebba, ihre Bitten erneuernd fort. Ich fürchte sehr, fiel Otho ein, der seinen Reisesack zusammengepackt und sein Gewehr aufgenommen hatte, daß Jumala uns diese Gunst versagen wird, denn sehen Sie dort hinaus – er deutete die Felsengasse fort – erkennen Sie noch die Spitzen der Korpilaxberge? Ein düsterer Schleier, welcher sich immer weiter senkte, verhüllte alle Aussicht. In wenigen Minuten, fuhr Otho fort, werden wir in glänzende Silberflocken eingehüllt sein, und nicht eher werden diese aufhören zu fallen, bis ganz Tavastland zwanzig Fuß tief darunter liegt. Otho hat Recht, fügte Erich hinzu, wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir diesen Schneesäulen ungefährdet entkommen wollen. 249 In wenigen Stunden sind alle Hohlwege verweht, und unser Rückzug dann nicht ohne Gefahr. Ebba gab eine muthwillige Antwort, daß sie allen Gefahren an der Seite der Weisheit und der Kühnheit trotze, welche weder vor Bären, noch vor Russen erschräcken; allein sie war doch zufrieden, als Erich ihr Pferd herbeibrachte und sein eigenes dazu, das hinter den Weidenbüschen sich zu seinem Kameraden gesellt hatte, während Otho zu einem der überhängenden Felsen eilte, der sein kräftiges Thier verbarg. Es war hohe Zeit; denn kaum hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt, als ein Flockengewimmel auf ihn niederfiel, und noch hatte er nicht den engen Zugang des Felsenschlosses erreicht, so bedeckte das weiße Leichentuch das Thal, das eben noch so grün und sommerlich gewesen. – Vorsichtig stiegen die klugen Rosse hinunter, und vor ihnen lagen nun die weiten Gewinde der Korpilaxberge; doch wenig ließ sich davon erkennen, Alles hatte sich verändert. Der Himmel war nächtlich düster, ein dumpfes Brausen und Heulen stieg aus den Wäldern und Schluchten auf, der Sturm peitschte den Reitern Eiskörner und dichte Wolken feinen Schnees entgegen, den er wirbelnd durch die Lüfte trieb. Eine so plötzliche Umwandlung der Natur und der Anblick dieser drohenden Einöden mußte erschrecken. – Vielleicht thäten wir besser, sagte Ebba, noch ein wenig zu warten. Nicht einen Augenblick, antwortete Otho. Der Winter tritt mit einem Schneesturm ein, und nur zu gut kennen wir diese Zeichen; er wird Tage lang andauern. Noch vermögen wir den Weg zu finden. Fürchten Sie nichts, folgen Sie mir nach. Nur voran! rief das Fräulein; voran, mein tapferer Retter! Sie werden sehen, daß echt schwedisches Blut den Schnee nicht fürchtet. Otho zögerte nicht, und bald befanden sie sich auf dem Pfad des Bergsattels, wo die Bäume ihnen größeren Schutz gewährten. Anfangs ging es rasch vorwärts, bald jedoch langsamer und bedächtiger, und ohne die genaue Kenntniß, welche der Führer von jedem Hinderniß, jedem Stein und jeder Vertiefung besaß, wäre es kaum möglich gewesen, diese zu vermeiden. Dann und wann wühlte ein 250 Windstoß die Schneemasse auf und fegte sie in Haufen zusammen. Aus dem Geflimmer der blitzenden Krystalle sah Ebba zuweilen dicht neben sich in eine jähe Tiefe hinab, und ihre erstarrenden Finger griffen in die eisbedeckten Mähnen ihres schnaubenden Rosses. Ein einziger Fehltritt, ein Gleiten der Hufe hätte sie hinabgestürzt; aber ein nordisches Pferd gleitet und fällt nicht. Voller Vertrauen blickte sie auf Otho, wie er aus den weißen Nebeln auftauchte, zuweilen neben ihr war und ein tröstendes Wort sagte, das sie mit einem Scherz beantwortete, zuweilen nach Erich umblickte, der den Schluß machte, und ihn erwartete oder ihm zurief, nicht zurückzubleiben. Endlich war der Bergsattel zurückgelegt, und die hohen umdüsterten Felsen traten hervor, Schneewände hatten sich schon an ihren Seiten festgeklammert, an anderen Orten der Sturm sie fortgerissen; schwarze Zacken und Spitzen starrten aus den blendenden Gewändern. Müssen wir dort hinauf? fragte Ebba, als sie sah, daß Otho daran emporzuklimmen begann. Wir müssen hinauf, antwortete er; denn unten ist der Weg schon im Schnee verweht. Wir würden stecken bleiben, wollten wir es wagen. Dann in Gottes Namen! Echt schwedisches Blut fürchtet sich auch vor den Felsen nicht! rief das Fräulein mit neuem Muthe. Aber diese hohe Bergebene, über welche es jetzt fort ging, war zwar vom Schnee so ziemlich entblößt; doch mit schneidender Kälte drang der Sturm auf die Reiter ein. Vor den feinen Eisnadeln half kein Schleier und kein schützendes Gewand; immer grauer und schwerer senkte sich der Himmel, immer dunkler und ungewisser verschmolzen Nähe und Ferne. Die Nacht brach herein, obwohl es noch Tag sein sollte, und durch ihre Schatten huschten die Schatten sonderbarer flüchtiger Gestalten, welche in weiten Kreisen und Sprüngen lautlos die Reiter umjagten. Eine Zeitlang glaubte Ebba, daß ihre Augen, von den Eisnadeln schmerzend und geblendet, sie täuschten, bis sie deutlicher diese dunklen Gespenster erkannte. Was ist das? fragte sie. Wölfe! erwiederte Otho verächtlich. Der erste Schnee hat sie hervorgelockt, sie wittern Roßfleisch und Beute. 251 Die Russen also sind an unseren Fersen, lachte das Fräulein mit Aufbietung aller Kraft. Werden wir ihnen entrinnen? Bald wird das ganze Rudel uns nachheulen wie höllische Teufel, sagte Otho; aber besorgen Sie nichts, es wird ihnen nichts helfen, wir werden wohlbehalten bleiben. Echt schwedisches Blut fürchtet auch die Russen nicht! rief sie, krampfhaft die Zügel haltend. Dort in der Tiefe vor uns liegt Halljala, sagte Otho. Nur eine Stunde noch und wir sitzen in der Halle und lachen über unsere Abenteuer. Wir lachen! Wo ist Erich? Ich sehe Licht! Hier bin ich, antwortete die tiefe sanfte Stimme des Freiherrn. Wo sehen Sie Licht, liebe Ebba? Um mich her, dort – da! Flammen, oder sind es die Augen der Wölfe? Er war bei ihr in dem Augenblick, wo hinter ihnen ein entsetzliches Geheul begann, und dicht vor den Reitern antwortete ein klagendes heiseres Gewinsel. Der Schnee leuchtete genug, um einen großen Wolf zu erkennen, welcher auf seinen Hinterbeinen saß und seinen weiten spitzen Rachen steil aufhob, ohne weichen zu wollen. Ebba sah, wie das gewaltige Thier sich zusammenduckte, als sei es im Begriff einen Sprung zu machen. Sie wollte aufschreien, lachen, rufen: ich fürchte mich nicht! aber ein lähmendes, tödtendes Gefühl überkam sie. Plötzlich zuckte ein Blitz, ein heftiger Knall rollte ihm nach. Der Wolf stürzte zusammen, das graue Roß setzte über ihn fort. Ebba's Hände griffen umher, ihr Körper wankte, sie wäre gefallen, wenn Erich sie nicht unterstützt und festgehalten, Otho die Zügel des scheuen Renners ergriffen hätte. Was beginnen wir nun? rief er in zorniger Verzweiflung. Es war zu viel für schwedisches Blut. Niemals zuviel, niemals! antwortete sie sich erholend, indem sie zu lachen versuchte. Sie haben besseres Vertrauen zu mir, Vetter Erich. Ist der Wolf todt? Er wird nicht wieder nach Ihnen springen, liebe Muhme Ebba. 252 So mag es allen Russen gehen! Lassen Sie die Zügel los, kleinmüthiger Cousin Otho. Wohin jetzt mit uns? Reden Sie, weiser und besonnener Erich. Hier ist die Schlucht, erwiederte Erich, dort geht es hinab. Gleich sind wir auf der Straße und haben Halljala vor uns. In wenigen Minuten waren sie unten. Das Wolfsgeheul verhallte in der Ferne, die Pferde liefen rasch die Höhe hinauf, als plötzlich ein Lichtschimmer ihnen entgegenglänzte. Dort liegt ein Haus! rief das Fräulein freudig auf. Ein Wagen liegt dort, der nicht weiter kann, antwortete Otho. Neben ihm steht ein Mensch mit einer Laterne, die er nach uns zurückwendet. Er hatte mit seinen scharfen Augen den Gegenstand richtig erkannt, welcher bald erreicht wurde. Es war ein Wagen von neuer Art mit einem bequemen bedeckten Sitz. Der Mann daneben, welcher eine große Pelzmütze über Kopf und Ohren gezogen und sich selbst in einen Pelz gehüllt hatte, war so dick beschneit, daß er wie eine Schneepuppe aussah. Als die Reiter dicht herankamen, hielt er seine Laterne hoch zu ihnen auf: So wahr ich lebe! schrie er, es ist der Freiherr Randal, sammt meinem lieben Vetter Otho, und das edle Fräulein Bungen! Habe ich es Ihnen nicht gesagt, hüten Sie sich vor ihm? Ist aber dennoch ein Glück für uns, Freiherr Randal; denn wir bleiben stecken in dem verdammten Schnee, der uns überfallen hat. Herr Halset! sagte Erich verwundert, als er ihn erkannte. Wir wollen Hilfe herbeischaffen. Recht so! rief der Kaufmann aus Abo, aber schnell, Herr Erich. Es ist nicht um den alten Sam, der hält es aus; doch in dem Kasten da sitzt mein Mädchen, meine Mary. – Zeige dich, Mary, stecke den Kopf heraus, rief er, mit der Laterne hineinleuchtend. Bah! Freiherr Randal, sollt sie morgen näher betrachten. Heidnisches, hundisches Wetter! Wir wollen uns ausruhen in Halljala, Gastfreundschaft ansprechen. Schafft ein paar frische Pferde herbei, die uns durch den Schnee schleppen. 253 Aber die Wölfe! sagte Ebba. Es sind Wölfe in der Nähe. Kenne sie, sind meine alten Freunde, lachte Sam. Mit meiner Laterne da halt' ich mir ein ganzes Schock vom Leibe. Sie setzen sich höchstens im Kreise umher und singen ein Klagelied über die schlechte Zeit. Damit kann ich ihnen ebenfalls dienen. Nirgend Geld im Lande, nirgend Ehrlichkeit. Fort, Herr Erich, es kann Alles nichts helfen. Jeder muß sehen, wo er bleibt. Reiten Sie zum Propst heran. Er erwartet uns und wird uns beispringen. Sie sollen bald in Halljala sein, sagte der Freiherr. Ich komme morgen zu Ihnen, bedanke mich für alle Höflichkeit! schrie der Handelsherr ihnen nach. Gute Nacht, hochedles Fräulein! Ein kalter Ritt; doch was thut's, wenn das Herz warm ist. Wickle dich ein, Mary. Gott verdamm' den Nordwind, er bläst durch Nieren und Rippen. Wickle dich ein, Mary es hält nichts wärmer als Fuchspelz und Marder. Hast du das Püppchen gesehen, wie es im Sattel saß mit Kastorhut und Schleier? Ein stattlich Bild, ein feines Fräulein. Wollen morgen ein Wort mit ihr reden, sie hat einen gescheidten Zug im Gesicht. Halt das Herz warm, Mary; laß sie reiten, wir holen sie doch noch ein. Aber da kommen meine alten Bekannten. Hoho! sechs, acht, ein ganzes Dutzend Höllengesindel, lustige Bursche. Heißa! nur heran, immer näher und laßt euch beschauen. Er stellte sich an den Kopf seines schweißnassen Pferdes, ließ die Laterne nach allen Seiten blitzen und lachte den Wölfen nach, als sie scheu davor in die Dunkelheit flohen. Ein finnischer Wolf, sagte er, ist wie ein finnischer Bauer, ein anstelliger kecker Bursch, dem es nicht an feinen Gaben fehlt; aber seine abergläubische Einfalt verdirbt Alles. Nur wenn der große Haufe beisammen ist und der Hunger in den Eingeweiden nagt, ist's gefährlich mit ihnen umzugehen. Setzt euch, ihr Dummköpfe, setzt euch und stimmt eine herzhafte Melodie an. Diese Einladung wurde bereitwillig angenommen, die Wölfe heulten rund umher einen schrecklichen Gesang; allein es währte nicht lange, so kamen Männer mit Pferden und Fackeln aus dem Thale 254 herauf. Propst Ridderstern befand sich bei ihnen. Trotz des Wetters hatte der geistliche Herr sich selbst aufgemacht, seinem Gast zu helfen und ihn zu empfangen, und dies geschah mit vieler Herzlichkeit unter Umarmungen und Freudengeschrei. Elftes Kapitel. Sam Halset's Besuch in Halljala war offenbar kein freudiges Ereigniß, weder für den Schloßherrn, noch für Otho Waimon. Ebba hatte es schon daran merken können, daß Otho das Ende der Unterhaltung bei dem Begegnen am Abend nicht abwartete, sondern weiter ritt und erst im Thale wieder von den beiden Nacheilenden eingeholt wurde. – Jetzt glaube ich es selbst, sagte er, als das Fräulein ihm vorwarf, daß es wenig höflich sei, eine Dame und obenein eine Verwandte ohne Beistand zu lassen – daß die Hompus-Eiche zerbrochen wurde als Warnungszeichen, daß Unheil uns erwarte. Welches Unheil kann Herr Halset mitbringen? fragte sie. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen schon einmal von diesem Manne sagte: es ist am besten, wenn man ihn weder hört noch sieht. Erich schwieg dazu, und nach einigen anderen Fragen, welche in derselben Weise von Otho beantwortet wurden, hielt sie es für das Beste, den Gegenstand nicht weiter zu berühren. Sie dachte an das, was sie durch Louisa's Mittheilungen erfahren hatte, und fühlte den alten Widerwillen gegen die Tochter des alten Kaufmanns dabei erwachen. Auch bei diesem neuen Begegnen hatte Mary sich sonderlich benommen. Kein Wort, kein Gruß war aus der düsteren Wagenecke laut geworden, wo sie sitzen blieb, ohne sich blicken zu lassen. Von einer solchen Vermehrung des gastlichen Kreises in Halljala ließ sich daher allerdings wenig Gutes erwarten. Am folgenden Morgen kam Arwed Bungen zu seiner Schwester, die er zärtlich umarmte und besorgt um ihr Wohlbefinden fragte. 255 Ich bin voller Freude, sagte er, daß das Abenteuer so glücklich abgelaufen ist, und zufrieden, daß der Schnee ihnen überhaupt ein Ziel setzt. Gustav Lindström muß uns verlassen. Er hat Befehl erhalten, sich auf der Stelle in Sweaborg einzufinden, was er dort soll, weiß ich nicht. Der Oberst Jägerhorn ist gestern bei dem Propst angekommen und wird ihn mitnehmen. Ein sehr gewandter Mann, der Oberst, wir werden ihn heut noch sehen. Du hast ihn also schon gesehen? fragte Ebba. Mit Serbinoff. Wir machten einen Besuch bei dem geistlichen Herrn. Traurige Nachrichten aus Stockholm, Ebba. Der König gibt nicht nach. Das ließ sich voraussehen. Allerdings ließ es sich voraussehen, erwiederte er, eben wie sich voraussehen ließ, daß er alle dringenden Vorstellungen, den Reichstag zu berufen, abgewiesen hat. Aber lassen wir jetzt die Politik bei Seite. Ich hoffe, wir werden einige frohe gesellige Tage verleben, da Halset und seine Tochter endlich eingetroffen sind. Sie wurden somit erwartet? Ich denke wohl; denn ich hörte den Propst davon sprechen. Es ist ärgerlich, daß Otho's Unbesonnenheiten solche Zerwürfnisse herbeigeführt haben. Das wird jedoch Herrn Ridderstern nicht abhalten, seine Gäste zu begleiten. Ich denke, Halset wird den Frieden vermitteln helfen. Ich fürchte, das Ansehen dieses würdigen Kaufmanns ist nicht besonders groß in Halljala, erwiederte das Fräulein. Meinst du? lächelte der Kammerherr. Nun, wir wollen abwarten, was er zu Stande bringt. Jedenfalls ist es mir lieb, daß er hier ist, dabei zugleich auch lieb um deinetwegen, da seine Tochter zu deiner Unterhaltung beitragen wird. Ich glaube kaum, daß ich darauf zu rechnen habe, sagte Ebba. Sie ist zurückhaltend, fiel er ein; allein man sagt mir, daß sie äußerst liebenswürdig sein kann. Überdies hat ihr Vater nichts an ihrer Erziehung gespart. Mehrere Sprachen spricht sie mit größter Fertigkeit, und ihre Kenntnisse sind so bedeutend, daß diese selbst von den gelehrten Herren in Abo bewundert werden. 256 Was will diese gelehrte Dame hier in der Wildniß? Du weißt ja, daß sie früher schon hier lebte, erwiederte der Kammerherr, und mit unserm philosophischen Vetter allerlei Studien trieb. Im Ernst, Ebba, ich möchte dir einige Bemerkungen darüber mittheilen. Die ich nicht hören mag, war ihre rasche Antwort, welche in so entschiedenem Tone erfolgte, daß Arwed schwieg. Gut, sagte er, sich bedenkend, ich will nicht weiter davon sprechen, vielleicht hast du selbst auch etwas von Familienangelegenheiten vernommen, die früher hier abgehandelt wurden. Halset ist zu klug, um die Verhältnisse nicht richtig zu erkennen. Nur um Eines bitte ich dich, Ebba, und fordere es um so mehr, da es dein eigener Vortheil bedingt. Fräulein Ebba blickte ihn fragend an. Dein Vortheil ist es, fuhr ihr Bruder fort, wenn wir mit Halset und seiner Tochter uns freundlich stellen. Seine Beziehungen zu Erich sind, wie ich weiß, von solcher Art, daß er, wenn er wollte, ihm große Verlegenheiten bereiten könnte. Halset muß daher bei guter Laune erhalten werden. Leuten seiner Art, reich und anmaßend auf ihr Geld, muß man schmeicheln; überdies ist er angesehen, besitzt wichtige Verbindungen und kann uns treffliche Dienste leisten, wenn Ereignisse eintreten, die wir voraussehen müssen. Ich bitte dich also, tritt seiner Tochter freundlich entgegen. Bewirb dich um ihre Freundschaft, so wird sie auch aufthauen. Vielleicht gelingt dir dies Wunder besser als mir, sagte sie. Arwed blickte sie selbstgefällig lächelnd an. Wir wollen sehen, was sich thun läßt, antwortete er dann. Durchkreuze nur ja nicht meine Absichten, sondern unterstütze mich; doch nun mußt du dich schmücken, denn wir werden bald das Haus voll Gäste sehen. Adieu, Ebba! du hast einen so klaren Verstand, daß ich nichts weiter hinzufüge. Nach einigen Stunden war die große Halle in der That gefüllt mit den verschiedenen Gästen des Freiherrn. Lindström hatte den alten Major und dessen Sohn mitgebracht, Otho kam in Begleitung seiner Schwester und des Grafen Serbinoff, zuletzt erschienen der 257 Propst und seine Gattin, welche ihren Vetter, den Obersten Jägerhorn, sammt Halset und seiner Tochter mitbrachten. Der Oberst war in Halljala nicht unbekannt. Stattlich und lebhaft schritt er daher und begrüßte den Freiherrn mit der Höflichkeit eines Weltmannes. Sein soldatisches Wesen wurde durch die Beweglichkeit seines Körpers gemildert, sein Gesicht besaß frische Farben, und seine klugen Augen, welche mit einem Blick Alles zu sehen schienen, machten den Eindruck, daß sie einem befähigten Mann angehörten. Ebba hörte und sah weniger jedoch auf ihn, als auf Mary Halset, die an ihres Vaters Arme neben ihm stand und, einige Augenblicke lang zunächst von Louisa in Beschlag genommen, mit aller ihr eigenen liebenswürdigen und ungestümen Herzlichkeit umarmt und geküßt wurde. Haben wir dich endlich wieder, beste Mary! rief das kleine Fräulein. Aber wie blaß siehst du aus! du bist doch nicht krank gewesen? Warum trägst du ein schwarzes Kleid? O! damals, als du bei uns wohntest, standen das finnische Jäckchen und Mieder dir weit besser. Das mußt du wieder anziehen, liebste Mary. Wir lassen dich nicht eher fort, bis du wieder roth bist und lachst. Mary beugte sich zu ihr nieder, und es war, als sollte sich sogleich Louisa's Wunsch erfüllen. Das bleiche Gesicht röthete sich und verschönte sich zugleich durch ein Lächeln, welches die strengen Lippen öffnete. Komm her, Mary! rief ihr Vater, wir müssen vor allen Dingen uns bei dem Freiherrn Randal bedanken, daß er uns den Wölfen nicht ganz überließ, sondern für uns sorgte, auch heut uns erlaubt, seine Gäste zu sein. Große Ehre für uns, Freiherr Randal, große Ehre! Haben lange darauf gewartet, haben uns lange nicht gesehen. Er hielt Erich's Hand dabei fest, schüttelte diese und sah so gutmüthig freundlich aus, daß man glauben konnte, er meine es wirklich so. Erich zog seine Hand endlich fort und reichte sie der schweigsamen Jungfrau. Es ist wahr, sagte er, wir haben uns lange nicht gesehen. Seien Sie mir in meinem Hause freundlich willkommen. 258 Er erkundigte sich nach ihrem Wohlsein, ihrer Reise, dem Ungemach, das sie gestern überstanden, und Mary antwortete abwechselnd mit ihrem Vater, der nach seiner Art scherzte und spöttelte. Ebba beobachtete sie genau; allein sie konnte keine Erregtheit in ihrem Gesicht oder in ihren Antworten bemerken. Erich's theilnehmende Freundlichkeit änderte nichts an ihrer ruhigen Kälte, welche höflich gleichgiltig bei allen Fragen blieb, und keine Macht schien diese großen dunklen Augen feurig und lebendig machen zu können. Dennoch kam Bewegung und Ausdruck hinein, als Erich sie zu Ebba führte. Hier ist meine Muhme, die Sie schon kennen und die sich freuen wird, Sie zu begrüßen. Mary that ihre Augen auf und eine feindliche Gluth loderte darin, ein stolzer, fast drohender Blick begleitete die Verbeugung, welche sie dem schwedischen Fräulein machte, der sicher nicht unbeantwortet geblieben wäre, hätte Ebba nicht in demselben Augenblick ihren Bruder bemerkt, der ihr leise zunickte. Ihr heiteres Gesicht erhielt dadurch sein feines und gefälliges Lächeln zurück, und jene Überlegenheit, die sicher und geschickt Mißstimmungen zu beherrschen, und widerstrebende Gefühle zu beschwichtigen weiß. Die schöne vornehme Dame hatte dies früh gelernt, denn sie war in Schulen des Lebens erzogen worden, wo man lächelt, wenn man haßt, und wo die Sprache als Mittel gilt, Gedanken zu verbergen. Bei alledem hatten ihr natürlichen edlen Eigenschaften sich niemals bis zur Heuchelei abgeschliffen, ihr offener Charakter war immer der Lüge fern geblieben. Der Ungestüm, mit welchem sie nicht selten die Wahrheit vertheidigte, wurde oft genug von Arwed getadelt. Als sie jetzt die Tochter des alten Kaufmanns mit Herzlichkeit empfing, und trotz deren einsylbigen Antworten fortfuhr warm und lebhaft zu sprechen, übte sie sich eben so wenig in der Verstellungskunst. Das leidende Aussehen des jungen Mädchens, die krankhafte Blässe ihres Gesichts und ein Zug tiefer Schwermuth darin regten ihr Mitgefühl auf. Sie unterhielt sich so lange mit ihr, bis der Oberst Jägerhorn und Arwed näher traten, und obwohl kein Zeichen andeutete, daß ihre Theilnahme Mary günstiger gestimmt habe, nahm sie sich vor, ihres Bruders Wünschen fortgesetzt nachzukommen. 259 Oberst Jägerhorn belebte den geselligen Kreis durch seine Mittheilungen und die Lebendigkeit seiner Unterhaltung. Er beschäftigte die Damen mit lustigen Begebnissen und Anekdoten, und da er im reichen Maße das besaß, was die Schweden Quickheit, die Franzosen Esprit nennen, die Leichtigkeit nämlich, durch glänzende und überraschende Rede und Einfälle zu fesseln und zu gefallen, rief er bald fröhliches Lachen, bald allgemeines aufmerksames Zuhören hervor. Für die Herren brachte er die neusten politischen Vorgänge mit, welche mancherlei Bemerkungen bewirkten, die der Oberst jedoch nicht vermehrte, sondern höchstens einmal durch ein sarkastisches Mienenspiel, oder durch einen beistimmenden Wink bestätigte. Der König war wirklich wieder nach Schonen gegangen, und saß dort bei seinem alten Vertrauten, dem Feldmarschall Toll. Von Helsingborg aus hatte er die englische Flotte gesehen, welche siegreich aus Kopenhagen heim schiffte, und die gefangene dänische Flotte mitnahm. Von der englischen Armada wurde der König festlich mit Kanonendonner begrüßt, und die englischen Admirale stiegen an's Land und tafelten mit ihm. Von den Unterhaltungen und Toasten, welche bei dieser Gelegenheit gepflogen und ausgebracht sein sollten, erzählte man die gehässigsten und lächerlichsten Dinge. Dem Könige wurde es in Dänemark nicht allein zum Verbrechen gemacht, daß er seine Freude über das Fortschleppen der dänischen Schiffe und die theilweise Vernichtung der dänischen Hauptstadt geäußert hatte, seine eigenen Unterthanen nannten dies Barbarei und Blödsinn, verspotteten ihn als englischen Vasallen und lachten ihn aus, weil er gesagt haben sollte, Paris sowenig als Petersburg lägen weiter von Stockholm, als die schwedische Hauptstadt von jenen Städten. Oberst Jägerhorn erzählte dies und vieles Andere als böswillige Erfindungen. Das Übelste ist, sagte er dann, daß die Dänen dadurch im hohen Grade gereizt wurden, und allerlei Zwistigkeiten schon ausgebrochen sind, welche weitere üble Folgen haben können. In Dänemark hemmt man die schwedischen Postverbindungen, und in Norwegen sammeln sich Soldaten; dabei hat der dänische Gesandte in Stockholm angefragt, ob es wahr sei, daß Seine schwedische Majestät mit den Engländern gemeinsame Sache machen und Seeland besehen wolle, 260 worauf ihm die Antwort geworden ist, daß, wenn der König es nöthig gefunden hätte, Seeland zu besetzen, dies geschehen sein würde. Man möge Seine Majestät nicht in die Lage bringen, es zu bereuen, daß er nicht anders gehandelt habe. Bravo! rief der alte Major Munk, das heißt wie ein Schwedenkönig geantwortet. Die Aufregung ist dadurch natürlich noch höher gestiegen, fuhr Jägerhorn lächelnd fort. Jedenfalls wäre es besser gewesen, wie manche Leute glauben, wenn der König den englischen Antrag wirklich angenommen und Seeland besetzt hätte, wodurch Dänemark vollständig gelähmt, und der Sund frei erhalten worden wäre. Und warum ist dies nicht geschehen, mein lieber Oberst? fragte der Propst Ridderstern mit größter Sanftmuth. Man sagt, Feldmarschall Toll habe es dem Könige widerrathen, antwortete Jägerhorn, weil man dadurch ohne Zweifel sofort in einen Krieg mit Rußland verwickelt worden wäre. Nur keinen Krieg mit unserem besten Nachbar! schrie Sam Halset, mit aller Welt Krieg, nur nicht mit unseren lieben Freunden jenseit des Kymene. Der alte Toll ist ein gescheidter Bursche, grundgescheidt. Den Napoleon ließ er beleidigen, so viel es unserem glorreichen König beliebte, dabei konnten höchstens die deutschen Länder verloren gehen, allein nur nicht unsere allerbesten Freunde in Petersburg, die durch kein Wasser von uns getrennt sind. Und es wird auch nicht geschehen, der alte Toll leidet es nicht, er hält seinem Gustav Adolph die Finger fest. Wenn der Däne zu bellen anfängt, steht der Russe allezeit dahinter um zu beißen, murmelte der alte Invalide, seinen Krückstock aufstoßend. Sapperment! ein Schwedenkönig wird sich nicht fürchten, seine Sache durchzusetzen. Wenn der General Toll wirklich die Besetzung Seeland's gehindert hat, sagte Otho lebhaft, so hat er abermals seine Unfähigkeit bewiesen. Ich verstehe vom Kriegshandwerk nichts, aber auch den größten Laien muß es einleuchten, welche Vortheile damit verbunden sind, und wer so handelt, wie dieser König, der muß entschlossene, furchtlose Schritte thun, oder er verdient den Hohn, der ihn verfolgt. 261 Ihre Meinung hat leider Anhänger genug, erwiederte Jägerhorn, der sich nach dem kecken Sprecher umwandte; ein treuer Unterthan Sr. Majestät darf jedoch dergleichen nicht hören. Meine Meinung, Herr Oberst, ist eine ganz andere, fiel Otho ein. Ich glaube, daß, wenn der König Männer in seiner Umgebung hätte, die ihm Achtung abzwängen und deren Talente und Treue er schätzen müßte, Manches anders und besser sein würde. Ich kann nicht untersuchen, wie die Männer beschaffen sind, denen Se. Majestät jetzt Vertrauen schenkt, sagte Jägerhorn mit seinem sarkastischen Lächeln. Ich muß glauben, daß die höchste Weisheit auch die beste Wahl getroffen hat. Im Übrigen, mein junger Herr, ist es leicht gesagt, was Sie da behaupten, doch außerordentlich schwer ausgeführt. Die trefflichen furchtlosen Männer wachsen eben so wenig auf den Bäumen, wie man einem souveränen Monarchen Minister und Räthe aufzwingen kann, welche er nicht mag. Wir Soldaten stehen weit von aller Politik und Hofgeschichte. Wir erfüllen unsere Befehle und haben mit der Verantwortlichkeit nichts zu thun. Es ist ein unantastbarer Grundsatz, daß der Soldat nicht denken darf. Der alte Major schoß einen Blitz unter seinen dicken grauen Augenbrauen hervor auf den Obersten, welcher gar nicht danach aussah, als glaube er was er sagte. Es ist richtig! rief er, Denken soll ein Soldat nur daran, wie er seines Königs und seines Landes Feinde besiegt. Es haben's aber Manche vergessen, und Niemand sah es ihnen an, was in ihnen saß. Diese derbe Äußerung machte, daß Erich Randal das Wort nahm, um keinerlei Zwist entstehen zu lassen. Die meisten Anwesenden wußten es, daß der Bruder des Obersten Gustav den Dritten verrathen hatte und zu den Russen geflohen war, wo er, zum General gemacht und reich belohnt, noch lebte. Jägerhorn selbst jedoch blieb völlig unbefangen. Wahr und gewiß, bester Major, versetzte er lächelnd, wir haben traurige Beispiele zu beklagen, die man sich nur aus der Zerrüttung unserer Verhältnisse erklären kann. Es wird aber nicht mehr vorkommen! rief der Invalide, indem er treuherzig seine Hand dem Obersten hinstreckte und eine gewisse Beschämung über seine Rücksichtslosigkeit zu fühlen schien. Die schwedische 262 Soldatenehre wird's niemals mehr dulden und Ehre Seiner Majestät! Er hat Einen an die Spitze gestellt, vor dem jeder Schwede, der ihn nennen hört, an den Hut greift. Olaf Cronstedt! einen besseren Namen gibt's nicht im Lande. Ist er da, Oberst? Ist er in Sweaborg angekommen? Der Admiral ist seit einiger Zeit bei uns, erwiederte Jägerhorn, und Se. Majestät hat gewiß die richtige Wahl getroffen, er konnte keinen ausgezeichneteren Commandanten des Landesbollwerks ernennen. Hoffentlich, fügte er mit einem Blick auf Otho hinzu, werden diesmal die Lästerer schweigen. Eh! laßt sie schwatzen, wie sie es verstehen, lachte der Invalide. Olaf Cronstedt's Ruhm und Ehre stehen fest wie unsere Felsen. Habe ich doch selbst schon gehört, wie man's getadelt hat, daß ein Admiral zum Festungscommandanten gemacht wurde. Auch in Stockholm hat es Aufsehn erregt, allein in Sweaborg liegt ja ein sehr bedeutender Theil der schwedischen Flotte, erwiederte der Oberst, und ein Linienschiff ist auch eine Art Festung. Es liegen an hundert und vierzig der besten und größten Schiffe der Scheerenflotte in Sweaborg, sagte Lindström. Wenn der Sieger von Svensksund noch eine Empfehlung bedürfte, fuhr Jägerhorn fort, so würde diese unfehlbar der Ausspruch des Admirals Platen sein können, den ich selbst in Abo sagen hörte, als man einige Bedenken äußerte: Gebt Cronstedt den Oberbefehl in Finnland, gebt ihm dreißigtausend Mann und seine Scheerenflotte, so wird kein Feind uns das Land jemals nehmen. Gott segne den alten Platen dafür! rief der Invalide. Er selbst weiß am besten, was Fechten heißt. Holla! schrie er, seinen Krückstock aufstoßend, laßt sie kommen und wären ihrer so viel wie Sand am Meere. Olaf Cronstedt wird sie fegen. Die göttliche Vorsehung wird sich unserer erbarmen, sagte Herr Ridderstern, seine Hände faltend, daß wir kein Blutvergießen erleben. Bah, Propst! bah, Mann! schrie der Major. Blut muß vergossen werden, ist vergossen worden, so lange die Welt steht. Aber glorreich muß es fließen und eine gerechte Sache muß es sein. Möchte Sweaborg sehen, habe es lange nicht geschaut. 263 Die Festung wird mit größtem Eifer in besten Kriegszustand gesetzt, fuhr Jägerhorn fort. Mangelt's nicht an Pulver und Blei! rief der Invalide, und habt ihr für ein Stück Brod gesorgt, so könnt ihr Jahre lang hinter euren Felsenwällen liegen und die Narren auslachen, die sich abplagen hinein zu kommen. Ich kenne Sweaborg, war da wie es aufwuchs, habe die Arbeiten oft angestaunt und gedacht: Gnade Gott dem, der es wagt seine Gebeine hierher zu bringen. Wie in Abraham's Schooß sitzt ihr drinnen und so lange Sweaborg aushält, ist Finnland nimmer verloren. Hunger allein kann's machen, Herr. Hunger allein. Daß der uns nicht den Magen angreift, lachte Jägerhorn, dafür hat Herr Halset Sorge getragen. Er hat die größten Lieferungen übernommen. Und ausgeführt, Herr, ausgeführt! antwortete Sam Halset. Ich hin fertig mit Allem, ehe Schnee gefallen ist. Habt eure Magazine voll, bis unter die Decken. So scheint es doch, als ob man in Stockholm mißtrauisch geworden ist, bemerkte der Kammerherr. Nur die nothwendige Vorsicht wird beobachtet, erwiederte darauf der Oberst. In Betracht dessen, glaube ich, ist der Admiral Willens, noch einen Theil der Flotte aus Sweaborg nach Abo oder Stockholm zu schaffen. Weil es an Seeleuten fehlt, wird jeder herbeigerufen, der zum Handwerk gehört, und dies ist die Ursach, daß ich morgen auch den jungen Herrn da seinen schönen Cousinen und allen seinen Freunden entreißen werde. Nichts kann mir lieber sein, Herr Oberst, als aufs Meer hinaus und aufs Hinterdeck eines tüchtigen Seeboots, sagte Lindström. Der hat das rechte Zeug um ein Mann zu werden, wie ihn Schweden braucht, rief der greise Soldat wohlgefällig, aber warum wollt ihr denn die Flotte in die Wintersee hinausjagen? Wo könnte sie besser verwahrt sein, als in dem unüberwindlichen Hafen von Sweaborg! Der Oberst zuckte die Achseln. Wir thun, was uns befohlen wird, antwortete er. Der Kriegspräsident Cederström hat, wie ich hörte, dem 264 Admiral die Weisung gegeben, von den Schiffen fortzuschaffen, was sich fortschaffen läßt. Brör Cederström! lachte der Invalide grimmig; ja, das ist der rechte Held, um Olaf Cronstedt zu sagen, was er thun soll. Brör Cederström, der, wie es schon zu Gustav des Dritten Zeiten hieß, zwar einen hübschen Kopf hat, nur leider nichts darin als Dünkel und Einbildung. Der Generallieutenant war Gustav des Dritten Günstling und ist des jetzigen Königs Majestät Minister und erklärter Liebling, versetzte Jägerhorn. Inzwischen glaube ich kaum, fügte er hinzu, indem er in den hellen Himmel blickte, daß die Befehle des Kriegspräsidenten ausgeführt werden können. Wenn wir Frost behalten, muß die Flotte in Sweaborg bleiben. Frost behalten wir, rief der Major vergnügt, ich fühl's an meinen Beinen. Der Schnee geht nicht wieder fort. Es dauert keine Woche, so wird er bis unter die Dächer liegen. Dann darf ich nicht länger verweilen, sagte Jägerhorn, denn ich kann nicht abwarten bis die Schlittenbahn fertig ist. Wir haben in Sweaborg alle Hände voll zu thun bei der verstärkten Besatzung und den Einrichtungen für den Vertheidigungszustand. Aus dem Norden kommen zudem noch mehrere Regimenter. Der alte Soldat sah suchend umher, Serbinoff hatte jedoch mit Louisa die Halle verlassen, die Frau Propstin beschäftigte die anderen Damen am Kamin, wo Sam Halset sich behaglich wärmte und Erich Randal dabei am Knopfloch festhielt. – Ist es denn wahr, murmelte der Invalide, daß die verdammten Moskowiter sich regen? daß Kosakenregimenter in Willmanstrand und Husaren in Fredriksham eingerückt sind und daß es in Wiborg von grünen Röcken wimmelt? Jägerhorn schüttelte den Kopf und lächelte dazu. Es ist allerdings wahr, sagte er, die russischen Besatzungen sind verstärkt worden. Der Krieg mit den Franzosen ist aus, das russische Heer muß vertheilt werden, Garnisonen bekommen. Die Zeitumstände sind aber nicht danach, die Corps zu schwächen oder aufzulösen, wer weiß denn, wie bald sie wieder gebraucht werden? So sind denn auch nach dem russischen Finnland ein paar Brigaden geschickt, die in Petersburg 265 Parade machten und dort keinen Raum mehr fanden. Von einem russischen Heere in Finnland ist jedoch bis jetzt nicht die Rede. Der General Buxthövden, welcher in Wiborg commandirt, hat höchstens über zehntausend Mann zu verfügen. Aber es sollen seit einiger Zeit mehrere andere hohe Generale und Offiziere in den russischen Grenzplätzen sein, häufig auch über den Kymene kommen und in unser Land hinein reiten und fahren. Sollen wir ihnen das Vergnügen wehren, uns mit ihrem Besuche zu erfreuen? erwiederte der Oberst. Es sind nicht mehr Offiziere da, als es sich den Umständen nach paßt. Ein einziger ist kürzlich hinzugekommen, General Suchtelen, ein höchst liebenswürdiger feingebildeter Mann, von großen Verdiensten, den ich persönlich kennen gelernt habe. Eh, Freiherr Randal, das wäre ein Mann für Sie! schrie Sam Halset vom Kamin. Ein Holländer, ein gelehrter Professor, den die Kaiserin Katharina mit großen Ehren nach Petersburg rief, als er in Amsterdam seiner freien Meinungen wegen verfolgt wurde. Ich habe ihn kennen gelernt, letzten Monat in Fredriksham, wo er die Festungswerke besichtigte, und habe ihn wiedergesehen in Sweaborg, wo er dem Admiral seine Aufwartung machte. Kommen die Russen selbst bis dahin? fragte der Major erstaunt. Warum sollen Sie nicht kommen? lachte der Kaufmann. Es ist gut wenn sie kommen, sie können sich die Sache betrachten und Johann Suchtelen versteht's aus dem Grunde. In Holland hatte er große Wasserbauten und Festungsbauten geleitet, in Rußland wurde er an die Spitze vom ganzen Kriegsbauwesen gestellt, wurde Chef der Artillerie und Ingenieurschule und es regnete Gold und Gnaden auf ihn. Der Schwarze möge ihn holen! brummte der alte Invalide. Ich thät's nicht, wenn ich Commandant von Sweaborg wäre; ließe keinen Russen in meine Wälle. Olaf Cronstedt fragt nichts danach, glaub' es wohl; denkt, es ist mir einerlei, seht das Ding von vorn und hinten an, will euch schon pfeffern, wenn es euch gefallen sollte. Wüßte ich aber, daß es so kommen würde; wüßte ich es, Oberst Jägerhorn – Er führe gleich selbst mit nach Sweaborg, der alte Haudegen! schrie Sam Halset. 266 Damit ist es nichts, sagte Munk an seinen Fuß schlagend, ich stehe nicht mehr fest auf meinen Beinen. Habe aber einen Sohn da, meinen Magnus, den müßtet Ihr mitnehmen, Oberst Jägerhorn. Es ist recht! rief Sam, seine Hände reibend. Hätt' ich einen Sohn, ich machte es eben so. Doch hier steht Otho Waimon, der zieht mit allen Bärenjägern aus Tavastland und Savolax euch zur Hilfe, sobald ein Russe sich in Finnland blicken läßt. Dabei würden die Fuchsjäger wohl bessere Dienste thun, versetzte Otho, inzwischen theile ich die Gespensterfurcht nicht. Ein so mächtiger, in ganz Europa bewunderter Fürst, wie der Kaiser Alexander, voller Ehre und Edelmuth, der sein Volk aufklären will und freiheitsliebende geistvolle Männer in sein Land und um seine Person ruft, wird nicht seinen armen Nachbar und Schwager wie ein Räuber hinterrücks bei Nacht und Nebel überfallen. Das kann man allerdings nicht denken, fügte Jägerhorn hinzu; überdies steht der Winter vor der Thür. Der König will nichts von Frieden mit Napoleon wissen, fuhr Otho Waimon fort, der Kaiser Alexander aber hat es dem Franzosenkaiser versprochen, seinen Schwager nachgiebig zu machen. Fürsten und Minister zanken sich häufig in ihren diplomatischen Noten, vertragen sich aber auch wieder und werden die besten Freunde ehe man es sich versieht. Cousin Otho spricht, als wäre er ein russischer Diplomat, oder als ob ein solcher wenigstens ihn in die Staatsgeheimnisse von Petersburg eingeweiht hätte, sagte Ebba lächelnd. Serbinoff ist allerdings meine Quelle, versetzte der junge Mann lebhaft, und warum sollte ich ihm nicht glauben, was so einfach und natürlich ist. Sie haben Recht! rief der Kammerherr, ich stimme dieser Meinung völlig bei. Die Diplomaten zanken sich, Papier und Federn sind willig, der König ist hitzig und eigensinnig, der Federkrieg endet jedoch jedenfalls, wenn es hoch kommt, eben so, wie im vorigen Jahre der Streit Sr. Majestät mit dem Könige von Preußen wegen der Besetzung von Lauenburg. »Da Sie, mein Herr Bruder, auf alle meine Gründe nicht hören wollen, schrieb der Preußenkönig zuletzt, müßte 267 ich Ihnen eigentlich den Krieg erklären; das werde ich jedoch nicht thun, denn es scheint mir unnatürlich und verwerflich. Ich beschränke mich daher darauf, Ihnen mein aufrichtiges Bedauern auszudrücken, Sie nicht überzeugen zu können, daß Sie Unrecht haben, und verbleibe Ihr getreuer Freund und Cousin, Friedrich Wilhelm.« Mit dieser Wendung, welche allgemeinen Beifall fand und Beruhigung brachte, endete das ernsthafte Gespräch und machte einer geselligen Unterhaltung Platz, bis die gastliche Tafel des Freiherrn die Fröhlichkeit noch mehr erhöhte. Die würdige Haushälterin hatte Alles, was sie vermochte, für die Ehre des Hauses aufgeboten, und an Fleisch, Fisch und Speisen das Beste geliefert, was zu erreichen war. Die größten finnischen Leckerbissen an süßen Torten und feinem Gebäck durften nicht fehlen und der alte Olaf schleppte aus dem Keller staubige Flaschen in bedeutender Zahl herbei. Baron Arwed hatte es in gelungener Weise veranstaltet, neben Mary Halset seinen Platz zu nehmen, und während dieses langen Mittagmahles und dem Reste des Tages sah man ihn angelegentlich mit der Tochter des alten Handelsherrn aus Abo beschäftigt, welcher wohl damit zufrieden schien, denn zu verschiedenen Malen stieß er mit dem Kammerherrn an, erzählte ihm lustige Geschichten, lud ihn zum Besuche ein, sobald Zeit und Umstände es erlaubten, und wurde immer heiterer gelaunt, je mehr er aß und trank. Mary selbst blieb auch nicht unempfindlich vor den Artigkeiten ihres Verehrers, der alle seine Gaben zu Hilfe rief, um den schwermüthigen Ernst aus ihrem Gesicht zu bringen und diese blassen Lippen gesprächig zu machen und zum Lachen zu zwingen. Theilweis wenigstens gelang ihm dies zur Verwunderung ihres Vaters, der sich vergnügt die Hände rieb und mit seiner krähenden Stimme ihr zurief: Sagt' ich es nicht, Mary. Es ist ein glückliches Leben in Halljala, und sitzt sich gut hier in dem alten Schlosse. Blühst wie eine Rose, Kind; stoß an mit dem Herrn Bungen, stoß an! Auf daß es immer Glück bringe in seiner Nähe zu sein, und daß in dieser edlen alten Halle immer frohe Gäste beisammen sitzen mögen. Der Trinkspruch wurde freudig aufgenommen, und Sam Halset lief mit seinem Glase zu Erich hinüber, der neben Ebba saß. Daß 268 der alte Stamm der Randal immer neu grüne und blühe! schrie er, und neuer Segen einziehe, neuer Segen, Freiherr! Unter Kranz und Krone! rief der alte Invalide mit einem zärtlichen Wink auf seinen Liebling. Es lebe die Schönheit! fügte Serbinoff hinzu, deren Wunder alle Wunder überdauert. Der Krieg soll leben! schrie der junge Offizier. Die treueste Braut bleibt das Schwert. Hüte dich vor ihrer Umarmung, drohte Ebba. Mag sie mich mit ihren eisernen Händen umklammern, lachte Lindström, immer soll es in Ehren geschehen. Ich lebe und sterbe mit ihr! Für Schwedens Ruhm, für Schwedens Ehre! fiel Major Munk ein. Die Hand her, Magnus. Lieber todt, als ein Verräther an Ehre und Vaterland. Willst es immer halten, mein Sohn? Ja, Vater, und ich möchte es beweisen können, antwortete der Knabe mit dem Ungestüm seiner Jugend. Eine edle, hochherzige Seele! rief der Propst, wohnt in ihm. Auch mein Sohn Paulus ließ sich nicht abhalten, das Schwert umzugürten und auszuziehen, um von den Lorbeeren seines ruhmvollen Vetters Jägerhorn vielleicht ein Blättchen zu erhaschen. Ich habe die Freude zu hören, daß er sich Lob und Achtung erwirbt und zweifle nicht daran, daß Ihnen, Major, dieselbe Freude bevorsteht. Der alte Soldat dankte, aber er machte ein grämlich Gesicht dazu und wandte sich ab, als wollte er nichts weiter von dem hören, was die Frau Propstin zur Verherrlichung ihres Erstgeborenen rühmte, der eben zum Junker befördert worden war, und einen so thatendurstigen Brief geschrieben hatte, daß die Freudenthränen über die Backen der guten Mutter rannen. Der festliche Tag in Schloß Halljala wurde, als der Abend kam, durch ein unerwartetes Ereigniß beglückt, denn plötzlich erhob sich vor der Thür die Musik Lars Normark's, und es war ein lustiger Tanz, den seine Pickelflöte aufspielte. Der alte Landstreicher hatte auch richtig berechnet, welche Wirkung sein Instrument hervorbringen würde, denn 269 kaum klangen die Töne herein, als die jungen Herren eine elektrische Wirkung spürten. Wir müssen tanzen! rief Lindström, einen Abschiedstanz machen. Herbei mit dem Musikanten; er soll aufspielen, was er kann. Der Schulmeister wurde im Triumph hereingebracht. Sein dickes rundes Gesicht sah lachend aus der großen runden Pelzmütze hervor, in welcher sein kahles Haupt geborgen war. Ei, meine edlen Herren und Damen, sagte er, ich will's gern thun. Schöneres können meine Augen niemals sehen, als die alte Halle hier voll geputzter, froher Gäste. Gott behüt's, Fräulein, Gott behüt's! Eure Mutter verstand es auch und Lars Normark spielte ihr auf. Echt schwedisch Blut will tanzen, es versteht kein Finne was rechts davon. Fragt den Herrn Halset danach, ob's ihm je in den Beinen gejuckt hat. Gott sei Dank, daß schwedisch Blut in uns ist; kein Finnenblut, kein Lappenblut. Was meinst du dazu, Hans? Aus seinem Sack kam ein leises Glucksen, ohne Zweifel steckte sein Hahn darin, und mit einem Gesicht voll Schelmerei setzte er sich ohne Umstände am Kamin nieder und rollte seine lustigen blauen Augen furchtlos durch die Halle, wo sie an Halset's Gesicht haften blieben. Der Großhändler war so spaßhaft gestimmt, daß er den Ausfall des Schulmeisters, welcher offenbar auf ihn gemünzt war, nicht unbeachtet ließ. Du bist immer noch derselbe, du alter Narr, sagte er, und könntest tausend Jahre alt werden, würdest dich nicht verändern. Seht, Sami, versetzte Lars, das ist der Unterschied zwischen uns. Ich ändere mich nicht, Ihr ändert Euch dafür alle Jahre. Ich bin der Schulmeister geblieben, habe nichts als den Hans und meine Pfeife. Ihr seid ein reicher Herr geworden. Wer hätte es denken sollen, als Ihr mit dem Karren durch's Land fuhret. Bleib mit den alten Geschichten fort! rief der Kaufmann. Bleib fort! Und seid ein echter Schwede geworden, lachte Lars, der's gemeine Finnisch verlernt hat. Sei still, du alter Sünder, fiel Halset ein. Reiß deine Possen da, wo sie willkommen sind. 270 Ihr habt Recht, Sami, antwortete der Schulmeister, Ihr seid ein vornehmer Herr geworden, der einen Orden hat, einen langen Titel dazu, und eine stolze Tochter. Gott behüt die Jungfrau vor allem schlechten finnischen Blut! Der Kaufmann wandte sich von ihm ab. Er lachte zwar und meinte, ein ärgerer alter Schelm sei nicht auf Erden, aber boshaft blinzelnd drückte er dabei seine Augen zusammen und sein Gesicht war dunkelroth. Im letzten Jahre noch hatte er sich in Stockholm um den Titel eines Commercienraths beworben, und allerlei Mittel angewendet, auch zu einem Orden zu kommen, beides aber war fehlgeschlagen. Der alte Bettler mußte es von Otho oder Erich erfahren haben, und unverschämt, wie er war, trieb er seinen Spott damit. Seinen Grimm darüber verschloß Sam Halset in sich, und nach einigen Augenblicken merkte Niemand etwas davon, aber indem er Erich Randal und Otho umfaßte und lachend rief, sie müßten Beide tanzen oder er wollte es selbst thun, gelobte er sich heimlich, sie sowohl wie diesen alten Landstreicher breit zu treten, wie und wo er es thun konnte. Der Ball, welcher in der Halle in fröhlichster Weise begann, war allerdings ein seltsamer. Otho setzte sich zu dem Schulmeister und begleitete dessen Flöte mit Hilfe einer alten Harfe, welche in Erich's Büchersaal unter den Reliquien des Hauses aufbewahrt wurde. Der Kreis der Damen vermehrte sich durch die halberwachsenen Töchter des Propstes, aber nach und nach wurde die Lust so groß und allgemein, daß selbst der Invalide seinen lahmen Fuß vergaß, die runde Frau des hochwürdigen Propstes Ridderstern ergriff und sich mit ihr herumzudrehen versuchte. Der Glanzpunkt des Abends jedoch trat ein, als Ebba mit ihrem Bruder einen der graziösen Tänze ausführte, welche damals in den feinsten und ersten Kreisen der Hauptstadt üblich waren. Eine Menuette mit allen den zierlichen Drehungen und Wendungen, wie diese jetzt nicht mehr gesehen werden. Lars verstand einen solchen Tanz zu blasen, und verwundert und erfreut sahen alle Gäste mit ungetheiltem Beifall auf dies edle Paar, als plötzlich ein Schrei die Musik 271 unterbrach und eine heftige zornige Stimme mehrere von Wuth erstickte, beleidigende Worte ausstieß. Der Tanz hörte auf, und die aufmerksame Stille verwandelte sich in lebhafte Unruhe und Bestürzung. Die große Halle war nur unvollkommen von einem Dutzend Lichtern und dem Feuerschein des Kamins erhellt, einige Augenblicke lang blieb es daher ungewiß, was vorgegangen sei, und was dieser Auftritt zu bedeuten habe. Man sah den knabenhaften Magnus mit geballter Faust und verzerrtem Gesicht vor Serbinoff stehen, der seine Überraschung zu bemeistern und seine mächtige Gestalt in das nöthige Gleichgewicht zu setzen suchte; denn allem Anschein nach, war er von einem Stoß oder Schlag getroffen worden, der ihn zurückgeworfen hatte. Magnus stand zwischen ihm und Louisa, welche er an der Hand festhielt und seine flammenden Augen drückten einen leidenschaftlichen Grad von Zorn und Entrüstung aus. Bei alledem hatte es etwas mehr Lächerliches als Schreckliches, den schlanken Knaben vor dem gewaltigen Serbinoff in einer Stellung zu erblicken, als wollte er ihn von Neuem anfallen. Wie David Muth hatte, dem Riesen Goliath zu trotzen, so stand das Kind furchtlos vor dem Grafen, der ihn mit einer Hand zu Boden geschlagen hätte, wenn dies seine Absicht gewesen wäre. Allein Alexei Serbinoff gab sich nicht damit ab. Ein einziger entsetzlicher Blick voll dämonischer Rachgier traf den ohnmächtigen Gegner, dann folgte ein verächtliches Lächeln, mit welchem er noch einen Schritt weiter zurücktrat, um denen Platz zu machen, die erschrocken ihm zur Hilfe eilten. Der alte Major und Otho waren zunächst auf dem Platze. Was ist das, Magnus? rief der Invalide. Tritt zurück und fort mit deiner Hand da. Ich will nicht leiden, Vater, daß in meiner Gegenwart eine Dame beleidigt wird, antwortete der Knabe, indem er zögernd dem Willen seines Vaters folgte. Eine Dame beleidigt? Alle Wetter! nein – eine Dame darf nie beleidigt werden, schrie der greise Mann. Aber wer ist beleidigt? Wodurch? – Louisa? – Von wem? Von ihm! antwortete Magnus mit neuer Leidenschaft, wobei er auf Serbinoff deutete. 272 Bei Odins Bart! was hat er ihr gethan? Rede, Magnus! Heraus mit der Sprache. Wer Männer anschuldigt, muß es beweisen. Was war es? Er hat sie umarmt und hat sie geküßt, murmelte Magnus. Hat sie festgehalten und geküßt. Louisa hatte sich zu Ebba geflüchtet und ihren Kopf in den schützenden Armen der Freundin geborgen, jetzt aber richtete sie sich auf, wandte sich um und sagte von dunkler Röthe überflossen: Es ist nicht wahr. Mir ist nichts geschehen. Ich bin von Niemand beleidigt worden. Du bist nicht beleidigt worden? fragte Otho. Wer sollte mich beleidigen? antwortete sie. Graf Serbinoff sprach mit mir über Ebba's Tanz, plötzlich stürzte sich Magnus auf mich, stieß Serbinoff zurück, auch mich zurück, daß ich aufschrie. Thörichter Knabe! sagte Otho entrüstet, du weißt noch wenig, was sich schickt. Eine tüchtige Lehre würde dir dafür gehören. Magnus stand mit weit offnen, flammenden Augen. Er sah Louisa starr an und fragte mit Heftigkeit: Sagst du, daß ich lüge, Louisa? Du lügst! erwiederte sie. Er antwortete nicht, aber die Röthe verschwand von seinem Gesicht. Es ist das erste Mal in seinem Leben, sagte der Major, doch gleichviel, sie muß es am besten wissen. Bitt' um Vergebung, Magnus. Beug' dein Knie vor Louisa und schaff' dir Verzeihung von dem Herrn Serbinoff. Aber der Knabe war nicht dazu zu bewegen. Er stand verstockt bei allen Ermahnungen. Als Serbinoff sich ihm näherte und ihm großmüthig die Hand entgegenstreckte, wich er weit zurück und sagte zornig stolz: Sie haben mich zum Lügner gemacht, ich will es bleiben, nur erniedrigen will ich mich nicht. Rechenschaft sollen Sie mir geben; Rechenschaft, wie sie ein Edelmann fordern kann. Seine Aufforderung hatte ein allgemeines Gelächter zur Folge. Der gewaltige Serbinoff dehnte sich in seiner ganzen Höhe aus und antwortete scherzend: Gut, mein lieber Magnus, ich nehme Ihre Erklärung an, Sie werden Genugthuung haben, doch warten wir, bis die Zeit dazu gekommen sein wird. 273 Schickt ihn nach Jericho, bis ihm der Bart gewachsen ist! schrie der Schulmeister. Was meinst du, Hans. Muß er nicht fort? – Der Hahn war aus seinem Sack gekrochen, sah mit neugierigen Augen auf die Versammlung und begann ein helles beistimmendes Geschrei, das von Lachen und Beifall begleitet wurde. Der unangenehme Auftritt wurde durch Erich's Bemühungen und durch die Beihilfe aller seiner Gäste so schnell als möglich beseitigt. Man scherzte und spottete darüber, jeder suchte in seiner Weise sich damit zu belustigen und von Neuem begann der Tanz, von Neuem erzählte Halset lustige Geschichten und lief bald mit dem Major am Arme umher, bald mit Serbinoff und dem Kammerherrn, allein es war dennoch ein Mißbehagen in die Gesellschaft gekommen; welches selbst dann nicht ganz überwunden wurde, als die großen Silberbowlen voll feuriger dampfender Getränke von den Dienern des Freiherrn hereingetragen wurden. Der alte Soldat zog endlich den Obersten Jägerhorn in eine Ecke und redete heimlich mit ihm. Morgen in der Frühe wollen Sie fort? fragte er. Sobald der Tag graut, Major. Und geraden Weges auf Sweaborg? Geraden Weges ohne Aufenthalt. Wollen Sie einem alten Kameraden einen Dienst leisten, Oberst? Mit tausend Freuden. Fahren Sie morgen zu mir herüber nach Lomnäs. Ihr Weg geht nahe vorbei. Wollen Sie? Ich will, Major, aber – Was Sie da sollen? – Haben Sie in Ihrem Regimente Platz für einen sonst wackern Jungen, wenn er auch eben ein Lügner genannt wurde? Ihr Sohn, Major Munk? Nehmen Sie ihn mit, sagte der Invalide, seine buschigen weißen Augenbrauen zusammenziehend, indem er Jägerhorn's Hände preßte. Er darf nicht länger hier bleiben. Er ist noch sehr jung, versetzte der Oberst zögernd. 274 Er wird älter werden, Oberst. Was der Schulmeister sagte, hat seine Richtigkeit. Er muß fort, bis ihm der Bart gewachsen ist, dann mag er zusehen, wie seine Sache steht. Ob der Lügner auf ihm sitzen bleibt. Aber Major, lächelte Jägerhorn, wir Alle können uns den Zusammenhang denken. Unser kleiner Freund hat eifersüchtige Launen; doch Graf Serbinoff ist von so hoher Geburt, daß er gewiß nichts zu fürchten hat. Mag sein! rief der greise Soldat rauh, und zwischen seinen Zähnen murmelte er vor sich hin: vielleicht um so schlimmer! Fort muß mein Magnus, setzte er dann hinzu; denn mit seinen frohen Tagen ist es hier vorbei. Er wird auch gern zustimmen. Wollen Sie ihn haben, Oberst? Wenn Sie ihn mir geben wollen, ja. Um welche Zeit? Um acht Uhr. Er soll fertig sein. Die Pest über alle Weiber! Ich hätte es nicht geglaubt, daß sie sämmtlich sich gleich wären. Abgemacht, Oberst. Gott besser's! Kein Wort mehr, Keinem ein Wort. Ein Glas noch auf Schwedens Ehre und jedes wackeren Mannes Ehre. Dann ist es Zeit. Er führte ihn an den Tisch, wo es an vollen Gläsern nicht fehlte. Bald darauf aber war der Invalide mit seinem Sohne verschwunden. Trotz Finsterniß und Schneetreiben war er auf und davon. Zwölftes Kapitel. Am nächsten Morgen saß Erich Randal vor einem Haufen Rechnungen und aufgeschlagenen Briefen an seinem Schreibtische in der Bibliothek. Vor ihm standen niedergebrannte Lichte, welche bewiesen, daß er lange schon gearbeitet haben mußte; sein nachdenkendes Gesicht 275 wurde von Zeit zu Zeit von dem Feuerschein der großen Holzscheite beleuchtet, die in dem Ofen brannten, und mehr als einmal schien ihn eine Unruhe zu überkommen, die ihre Schatten auf seine Züge warf, doch bald wieder vor dem Lächeln verschwand, welches versöhnend darin zurückkehrte. Er schrieb Zahlen und Bemerkungen auf ein Blatt, verglich und rechnete und schien damit endlich zufrieden zu sein. Jetzt aber wandte er sich nach der Thür um, legte seine Feder fort und stand auf; denn der, welcher angeklopft hatte und hereintrat, war ein Fremder – es war Samuel Halset. Der Kaufmann erschien eingehüllt in seinen großen Pelz, die Zobelmütze mit breiten Klappen über Kopf und Ohren gezogen. Eh! rief er, die Hand des Freiherrn schüttelnd, da bin ich; bringe scharfe Kälte und warme Freundschaft mit, Freiherr Randal. Wir werden einen langen Winter aushalten müssen, prophezeihe es Ihnen. Haben zu lange bei gutem Wetter gelebt, sind damit über die gewöhnlichen Regen und Schlackenstürme hinausgekommen; daher wird es jetzt frieren in einem Zug weit über Weihnachten hinaus, vielleicht bis März oder April hinein, oder bis zum Mai, bis die Schneeschmelze da ist. Er warf seinen Pelz, da er keinen anderen Platz fand, auf den großen Tisch über die Bücher hin, welche dort lagen, betrachtete diese einen Augenblick, und fuhr dann lachend fort. Es sieht schrecklich gelehrt noch immer hier aus, Freiherr Randal. Hatte beinahe gemeint, die schöne Cousine aus Stockholm würde den ganzen Bücherkram ausfegen und Haubenstöcke oder Kantenkragen in die guten Schränke setzen. Meine Cousine Ebba, erwiederte Erich, beschäftigt sich gern auch mit Büchern und leistet mir oft dabei Gesellschaft. Sam Halset that seine runden Augen auf und zwinkte sie zusammen. Es ist eine Seltenheit bei jungen Damen von so vornehmer Art, und ist um so mehr zu verwundern, weil das gnädige Fräulein zu Pferde sitzt im Sturm und Wetter, tanzt und singt, wie es nicht besser geschehen kann. Wird eine Lücke sein für die jungen Herren in Liliendal, für den Obersten Wright, der ein Kenner ist, und für den Herrn Serbinoff, den es zumeist angeht. 276 O! sagte Erich, glauben Sie das, Herr Halset? Halset rückte einen Stuhl neben ihn an den Schreibtisch, setzte sich gemächlich nieder und legte seine Beine über einander. Ob ich's glaube? fragte er pfiffig blinzelnd, warum sollte ich es nicht thun? Erst in letzter Woche habe ich von Stockholm eine Anfrage bekommen, wie es denn mit der Verlobung stehe? Scheint eine abgemachte Sache zu sein, Freiherr Randal. Meinen da drüben, der Herr Graf wäre einzig nach Finnland gekommen, um das schöne Fräulein nicht zu verlassen. Mit aller Aufmerksamkeit konnte Halset keine Veränderung an dem Freiherrn entdecken, der ihn ruhig anhörte und vor sich hin lächelte. Eh, fuhr er fort, ist aber auch ein feiner Herr von der rechten Sorte. Seine Familie gilt viel beim Kaiser in Petersburg, und reich ist er, allmächtig reich. Bergwerke im Ural und an die hundert tausend Seelen. Eine schnurrige Sache, die Seelenrechnung! Ihre Cousine, Freiherr, gehört dagegen nicht zu den Goldfischen, die in Stockholm überhaupt selten sind. Wir haben Alles in Schweden und in Finnland, nur kein Geld. Geld ist selten bei uns, habe ich Recht, Herr? Er lachte scharf auf und rieb seine dicken Hände. Allerdings haben Sie Recht, erwiederte Erich sanftmüthig. Ich selbst, Herr Halset, bin ein Beispiel für die Wahrheit. Sie haben kein Geld, eh! rief der Kaufmann; ich auch nicht. Leere Taschen, Herr, leere Taschen! es kann nicht anders sein. Er stützte sich auf den Ellenbogen, legte seine Hand unter sein Kinn und beugte sich nach vorn, indem er den Gutsherrn betrachtete. Haben Sie mich erwartet, Freiherr Randal? fragte er. In Wahrheit, nein, sagte dieser; da Sie jedoch gekommen sind, ist es mir lieb, Sie zu sehen, um mit Ihnen über unsere beiderseitige Angelegenheit offen zu sprechen. Ich bin's gerne zufrieden, erwiederte Halset; denn ich liebe ein offnes Wort, will auch nicht damit zurückhalten. Unsere beiderseitige Angelegenheit aber besteht darin, daß ich hier in meiner Tasche eine Reihe verbriefter Pfand- und Schuldscheine habe, zusammen lautend auf ein Capital von mehr als vierzigtausend Bankthalern, die ich 277 nach und nach Ihrem Vater vorstreckte, dazu ein Papier über zehntausend, das heut gezahlt werden soll. Für welche ich mich verbürgt habe, fügte Erich hinzu. Das thaten Sie, nahmen es auf eigene Schultern, und ich war's zufrieden bis auf diese Stunde, fuhr Halset fort. Es ist jetzt die Zeit gekommen, wo ich mein Geld flüssig machen muß. Sie haben mir versprochen, mich niemals zu drängen, erwiederte Erich in seiner ruhigen Weise. Ich habe es versprochen und thue es auch nicht, versetzte Halset. Als Ihr Vater starb, verlängerten wir die Zahlungsfrist auf ein Jahr. Das Jahr ist um, Freiherr Randal. Damals gelobten Sie, wenigstens einen Theil vom Capital zurückzugeben. Ich werde Wort halten, so viel ich es vermag, sagte Erich. Sie wissen, daß ich Holzgeschäfte begonnen habe, die mir Gewinn bringen, auch aus der Ernte dieses Jahres bin ich im Stande, Ihnen Abzahlungen zu machen. Halset lachte. Von alledem werde ich wenig bekommen! rief er. Ihr Holzhandel ist eine faule Speculation, es kann nichts Gutes dabei herauskommen. So lange keine geregelte Wasserstraße da ist, kostet er mehr als er einbringt, und was soll Ihnen von der Ernte übrig bleiben, wenn Sie überall geben, den Leuten Vorschüsse machen, Straßen bauen lassen, Wald roden lassen, viele Arbeiter beschäftigen, die davon leben? Alles das kostet Geld, Herr, viel Geld, und dazu kommen Ihre Neuerungen, Ihre Lust, Tagedieben zu helfen, die es Ihnen nicht lohnen. Sie thun mir Unrecht, antwortete Erich. Mein Vater hat unser Besitzthum damit wesentlich verbessert; ich fahre fort, es zu thun, in der Gewißheit, daß die guten Früchte nicht ausbleiben. Ich verkenne das Gute nicht, fiel Halset ein; aber es sorgt Jeder in der Welt für sich zunächst; geschieht das nicht, verkehrt sich das Richtige ins Falsche. Wo die Herren groß und reich sind, sind die Bauern arm, heißt es in dem alten Sprichwort; aber wo es reiche Bauern gibt, kommen die Herren herunter. Die Bauern in Halljala werden alle Jahr übermüthiger. Wie soll der Herr reich werden, der ihnen sein Gut mit vollen Händen zureicht? 278 Mein lieber Herr Halset, sagte Erich, wir werden über unsere Grundsätze nicht streiten wollen. Das heißt, was Sie thun, geht mich nichts an, oder ich verstehe es nicht, erwiederte der Kaufmann. Ich will's zugeben, Freiherr Randal; doch mein Geld soll dabei nicht länger mitspielen. Die Sache ist, daß ich es brauche, große Lieferungen gemacht habe, von der Regierung auch kein Geld bekommen kann, aber meine Verpflichtungen erfüllen muß. Die Summen, welche Sie von mir zu fordern haben, sind so bedeutend nicht, um Ihnen viel zu helfen, war Erich's Antwort. Überdies haftet ja meine ganze Habe dafür. Es nützt wenig in solcher Zeit! schrie Halset. Wer dem Könige borgt, sollte meinen, er hätte einen ganzen Staat als Sicherheit; was kann es helfen, wenn der Staat immer unsicherer wird. Die Engländer schicken monatlich hunderttausend Pfund Sterlinge, die pünktlich ausgezahlt werden, dazu kommen alle Landeskassen, doch die sind leer bis auf den Boden. Eine neue Grundsteuererhöhung wird eben wieder ausgeschrieben, die Bank hat hergeben müssen, was sie noch an Reichsgeldern besaß; wir aber können bei alledem nichts bekommen. Muß also jeder Kaufmann sein Geld zusammenhalten. Der Grundbesitz verschwindet nicht, erwiederte der Freiherr, und was mir gehört, ist groß genug, um Ihnen keine Besorgniß zu erregen. Der Grundbesitz verschwindet nicht, ein ganzes Land noch weniger, sagte Halset; allein die Besitzer könnten verschwinden, und wenn ein Staat nicht untergeht, so könnten doch, wie dies schon öfter sich begeben, die Regierer ein Ende nehmen. Durch Staatsschulden ist schon mehr als einmal ein dicker Strich gemacht worden, und die neuen Herren haben dann bestimmt: geht hin und laßt euch von dem alten bezahlen. Alte Geschichten, Herr! Jeder muß sehen, wo er bleibt, wenn ein Gewitter am Himmel steht. Sind die Wolken denn so schwarz vor Ihren Augen? fragte Erich. Wir können aufrichtig sprechen, denn wir sehen die Sache von einer anderen Seite an, wie die Herren mit Degen und Orden, versetzte 279 Halset. Der König gibt nicht nach, ist nicht der Mann dazu; hat aber auch den Geist nicht danach, um große Gefahren zu bestehen. Unordnung ist überall, Unzufriedenheit dazu, Haß und Gespött tausendmal mehr als Vaterlandsliebe. Wenn es dem Könige schlecht geht, lachen sie darüber in Stockholm; wenn er unvernünftig handelt, freuen sie sich. Seine Günstlinge werden verachtet, die er liebt, sind verabscheut. Dem Grafen Ugglas haben sie neulich eine todte Eule an seine Thür genagelt und einen Zettel daneben mit einem Wortspiel auf seinen Namen. Die erste sollte so lange geschlagen werden, bis das Ganze zum Letzten würde, nämlich Uggla, die Eule, zum Aas. – Glauben Sie, daß das die Russen nicht wissen? Glauben Sie, daß man in Petersburg nicht genau kennt, wie es in Stockholm und im ganzen Lande aussieht? Wenn's der Adel allein wäre, möchte es noch gehen; allein auch in den Städten, Stockholm voran, ist keine Spur mehr von Achtung oder Liebe, und selbst unter den Bauern, die sonst immer dumm genug sind, fest zu glauben und wenig zu denken, ist das Elend ein Bekehrer geworden. – Wenn nun die Russen darauf bestehen, der König soll die Engländer aus der Ostsee jagen helfen, soll ihnen seine Häfen sperren, wie es in der nordischen Neutralität geschrieben steht, was wird dann geschehen? Die nordische Neutralität ist ja von Rußland selbst aufgegeben worden; es hat sich zuerst mit England verbündet. Aufgegeben wohl, aber nicht aufgehoben, fiel Halset ein. Die Verträge bestehen noch, können alle Tage wieder in Bewegung gebracht werden. Ein Adler thut, was er will, ein Sperber, was er muß, sagt ein altes Sprichwort. Dreißigtausend Russen liegen von Wiborg bis Fredriksham, andere dreißigtausend sind nahe dabei. Wenn's den Russen einfiele, den schwedischen Sperber zu zwingen, daß er thue, was er soll, würde es nicht genug sein, mit sechszigtausend Mann bis Abo und weiter hinauf, bis nach Osterbotten, ja hinüber bis nach Schweden, bis nach Stockholm sogar, zu kommen? Wenn eine solche blutige Gewaltthat wirklich von dem russischen Kaiser beabsichtigt würde, sagte Erich, könnte es allerdings geschehen. Gewaltthat! lachte Halset. Bei hohen Herren gibt's keine Gewaltthaten, sie nennen es Politik, Klugheit, beklagenswerthe 280 Nothwendigkeit, wenn sie Land und Volk in ihre Taschen stecken. Was denken Sie, Herr? Denken Sie nicht, daß es in Stockholm eine mächtige Freude sein wird, wenn die Russen in Finnland einfallen, und die Schweden so lange jagen und todtschießen, bis der letzte am Boden liegt? Es könnte wohl sein, daß es auch solche Verblendete gäbe, sagte Erich. Verlassen Sie sich darauf, fuhr Halset fort. Der Haß gegen den König ist so hoch gestiegen, daß Alles, was ihm zu Leide geschieht, mit Jubel aufgenommen wird. Wenn die Nachricht käme, Cronstedt hat Sweaborg den Russen überliefert, würden Viele vor Lust tanzen, weil's dem Herrn in Haga so ein rechtes Herzleid machen müßte. Es würde ihnen bald selbst leid werden, antwortete Erich. Wenn ein solches Unglück käme, würde Finnland verloren sein. Das würde es sein, versetzte der Kaufmann, aber alles Leidwerden käme zu spät, denn herausgeben thun's die Russen nimmer mehr. Der Leichtsinn ist groß, Freiherr Randal, es kann es Niemand leugnen. Sorge jeder darum für sich. Was würden Sie thun, Herr, wenn uns die Schickung träfe? Was ich thun kann, Herr Halset. Das heißt, Sie würden die Russen als Ihre Feinde betrachten. Ich bin kein Kriegsmann, erwiederte Erich Randal, um, wie ein solcher an die Grenzen zu ziehen, nur mein Leben und mein Eigenthum liegt mir ob zu schützen, wenn ich es vermag. Sollten die Russen wirklich einen Einfall in Finnland wagen, so würden meines Landes und Volkes Feinde ganz natürlich auch meine Feinde sein. Eine solche Antwort habe ich von Ihnen erwartet, lachte der Kaufmann ihm zunickend, und eben um dessentwegen sehe ich nach meinem Gelde. Kündige Ihnen also meine Pfandbriefe, Freiherr Randal, und wie es darin geschrieben steht, soll, von heut ab, binnen drei Monaten spätestens das Geld gezahlt werden. Ich nehme Ihre Kündigung an, erwiederte Erich, da Sie es so wollen. Die zehntausend Bankthaler aber, die mir heut ein Jahr nach unserem Übereinkommen gezahlt werden sollen. Wie steht es damit? Liegen sie bereit, Freiherr Randal? 281 In Wahrheit, nein, sagte Erich, indem er nach seiner Berechnung griff, welche vor ihm lag. Ich habe Ihren Besuch nicht sofort vermuthet, habe daher verschiedene Forderungen noch nicht eingezogen. Eh! rief Sam Halset, Forderungen auch an den großmächtigen Herrn Otho. Im Gegentheil, antwortete der Freiherr. Mein Vetter hat Forderungen an mich zu machen, da seiner Mutter Erbe zum Theil in meinen Händen ist. Der Kaufmann wog seinen Kopf aus der linken in die rechte Hand und verzog sein Gesicht zu einem angenehmen Grinsen. Wir wollen kurz und bestimmt zum Ziele kommen, sagte er. Mein Geld ist fällig, ich könnte sofort Richter und Schreiber anrufen, will's jedoch nicht thun, um alter Freundschaft willen und – um Mary's willen, Freiherr Randal. – Still, fuhr er fort, als Erich sprechen wollte, hören Sie mich bis an's Ende. Wir wissen beide, was geschehen ist zu jener Zeit, als Mary hier war. Der junge Herr Erich war ihr lieber geworden, als jeder andere Mann, und ich will's nicht untersuchen, was er dazu beigetragen hat. Nichts, Herr Halset, was mir zum Vorwurf gereichte, antwortete Erich. Gut, will glauben es machte sich von selbst, wie es bei der Jugend geschieht, fuhr der Kaufmann fort, aber es war die Ursach, daß ich mit Ihrem Vater sprach, und die Folge war, daß ich mein Mädchen mit mir fortnahm. Mein Vater wünschte eine solche Verbindung nicht, sagte Erich sanftmüthig. Er hatte seine Gründe. Hatte Gründe, gut! rief Sam. Wollte nichts mit dem Krämer in Abo zu thun haben; sagte es mir in's Gesicht, ich sei kein Mann für ihn, meine Tochter keine Frau für seinen Sohn. Lassen Sie die Vergangenheit ruhen, Herr Halset, fiel Erich Randal ein, indem er ihm versöhnlich die Hand bot. Mag sie ruhen, kommen wir auf die Gegenwart. Mary ist nicht wieder so froh geworden wie sie war, Freiherr Randal. Ein Kummer ist in ihrem Herzen, ein Schmerz auf ihren Lippen, ihre Gedanken sind immer noch bei dem Manne, der ihr der Beste schien. 282 Sie sagen, was mich tief betrübt, murmelte Erich, seinen Kopf senkend. Ich hätte dem stolzen Freiherrn bald zeigen können, was der Krämer in Abo bedeutet, aber ich that's nicht, fuhr Halset im scharfen Tone fort. Ich verschloß, was ich dachte, in mir, lachte dazu, gab nochmals Geld, als er es brauchte, und wartete meine Zeit ab. Als er starb kam ich und sprach mit Ihnen, nahm alle Ihre Einrichtungen an, steckte Ihre Verschreibungen ein und fuhr nach Haus. Als ich von Mary mit Ihnen sprach, sah ich wohl, wie es in Ihnen kämpfte; that deßhalb keine Frage mehr, kam nach Abo ohne Gruß und Wort. Wir müssen davon abbrechen, Herr Halset, sagte der Freiherr, indem er aufstehen wollte. Nein, versetzte Halset, sitzen Sie still, wir müssen jetzt weiter davon sprechen. Das Jahr ist um, ich bin da, und Mary ist da. Es ist mein einzig Kind, Freiherr Randal. Ich bin alt, will Mary glücklich wissen ehe ich sterbe; will einen Schwiegersohn haben, wie er mir gefällt. Wenn ich Alles hoffen dürfte, Herr Halset, entgegnete Erich mit sichtlicher Überwindung, dürfte ich doch nicht hoffen, Ihren Wünschen zu entsprechen. Warum nicht? fragte Sam. Ich kenne Sie besser wie Sie denken. Ihr Kopf ist klar und ruhig. Sie haben einen Gott gesegneten Verstand bekommen, nur die Leitung fehlt, die richtige Leitung. Und diese Leitung würde ich von Ihnen empfangen, sagte Randal sanftmüthig lächelnd. Will's glauben, ja, und sie ist Ihnen nöthig, Freiherr, wenn Sie nicht untergehen wollen in Sturm und schlimmer Zeit. Wo soll's hinaus mit dem Wesen, das hier getrieben wird? Eine Hand muß da sein, die halten hilft. Meine Hand wird's thun, so alt sie ist, und Mary's Hand dazu. Das sind Ihre wahren und einzigen Gründe nicht, erwiederte Erich. Sam Halset lachte. Nicht? rief er, was denn? – Es ist ein Blick bei Ihnen, der bis in's Innere geht, ist eine schätzenswerthe Gabe an einem so jungen Manne. Will's Ihnen sagen, was ich denke, 283 offen sagen, Freiherr Randal. Es steht in meinem Kopfe fest, Sie sollen mein Schwiegersohn werden; meine Mary soll in Halljala Schloß wohnen, wo sie hinausgeworfen wurde. Ich habe es nicht vergessen, Herr, daß ich ein schwer beleidigter Mann bin. Habe die hochmüthigen Worte nimmer vergessen, die Ihr Vater mir zugeworfen, und die Menschen drüben in Louisa, alt und jung. Meine Mary soll darum hier einziehen und Schloßfrau sein, Erich Randal's Frau; Sam Halset, der Krämer aus Abo, sein Schwiegervater. Der Triumph in Halset's Gesicht heftete sich an seinem lauernden Lachen fest. Es wird geschehen, fuhr er drohend fort, denn es muß geschehen, Freiherr. Der alte Sam hat Geld genug um Halljala zum ersten Rittersitz in Finnland zu machen; Geld genug, alle die Pläne auszuführen, an denen Sie zu Grunde gehen, und Macht genug, um alles Unheil abzuwenden, das bald hereinbrechen wird. Dennoch kann es nicht geschehen, sagte Erich mit leiser, fester Stimme. Kann nicht geschehen? fragte Halset. Eh! meinen Sie? Und Mary – er legte seine Hand um Erich's Arm und beugte sich zu ihm hin – Sie lieben, meine Mary! Ich weiß es. Und wenn Sie tausendmal nein sagten, ich weiß es dennoch! Eine Minute lang antwortete Erich Randal nicht darauf. Seine Augen senkten sich nieder, eine heftige Gemüthsbewegung, von der nichts sichtbar wurde als das leise Zucken seines Arms, den Halset fest hielt, mußte überwunden werden. Als dies geschehen war, sagte er in seiner ruhigen Weise: Wir sind in eine seltsame Lage gerathen, Herr Halset, die mich nöthigt, Ihnen mehr zu vertrauen als meine Absicht sein konnte. Ich fühl's mit Ihnen, versetzte Sam. Öffne Ihnen mein Herz bis auf die Nieren, und möchte es so mit keinem Anderen thun. Es ist aber nothwendig, Herr, es muß geschehen. Ich muß Ihnen sagen, wie es bei mir und Mary steht, was das Mädchen hofft und was ich will. Mary hofft nichts, antwortete Erich. Niemals hat sie Ihnen gestanden, daß ihr Herz mir anhängt, noch weniger würde sie je mit dem zufrieden sein, was Sie mir als ihre Wünsche eröffnen. 284 Eh! rief Halset, woher wissen Sie das? Weil ich Mary kenne, weil ich weiß, daß sie stolz und edel denkt; weil wir uns getrennt haben, Herr Halset, mit dem Bewußtsein, daß diese Trennung eine dauernde sein muß. Und was ist die Ursache, Herr? Wo liegt der Grund? In den Verhältnissen, sagte Erich. Ich werde mich mit meiner Cousine Ebba vermählen, Herr Halset. Ich glaube es nicht! rief Sam boshaft grinsend, und indem er seine Hand ausstreckte fügte er hinzu: Ich will eine Wette mit Ihnen machen, daß nichts daraus wird. Könnte auch nur zu Ihrem Unheil sein. Herr Halset, fiel Erich in einem Tone ein, der eine eigenthümliche Macht ausübte, ich verbiete Ihnen, von meiner Cousine das Geringste zu sagen, das mir nicht gefällt. Ein höhnendes Lachen schwebte in Halset's Gesicht. Meinen unterthänigsten Diener vor dem schönen Fräulein, sagte er, nachdem er sich besonnen hatte. Meinetwegen mag es aller Tugenden Inbegriff sein, allein Tugend ohne Geld ist der Glückliche ohne Hemd. Was wollen Sie mit einer Frau machen, Freiherr Randal, die in dies leere alte Schloß leer einzieht? Besser leer, antwortete Erich ihn streng anblickend, als mit Gold beladen, das mit Wucher und Betrug erworben wurde. Halset richtete sich auf, seine Augen erhielten einen helleren Glanz. Oho! rief er, kommt der Ton daher, junger Herr? Sind ähnliche Worte, die einmal eine Frau gegen mich gebrauchte, deren Sinne nie recht beisammen waren. Otho's Mutter, meine unvergeßliche Tante, gebrauchte diese Worte gegen Sie, Herr Halset, fuhr Erich fort, um ihren Sohn zu vertheidigen, als er es nicht länger in Ihrer Nähe aushalten konnte. Lassen Sie uns schweigen. Ich verspreche Ihnen alle Mittel zu ergreifen, um in kurzer Zeit Ihnen gerecht zu werden. Versprechen und nicht halten, das ist Eure Art, Ihr Herren! sagte der Kaufmann erbittert. Einen Stier faßt man bei den Hörnern, einen Mann bei seinem Wort, Freiherr Randal. Hier steht's geschrieben, am 15. November spätestens zu zahlen, wenn es gefordert wird, 285 und dafür zu haften mit allem beweglichen und unbeweglichen Gut. In einer Woche kann ich die Pfändung bewirken, würde Aufsehen genug machen. Ich biete Ihnen aber nochmals Freundschaft und Gemeinschaft an, biete es Ihnen an aus reinem Herzen und meines Kindes wegen. Mein Vater, sagte Erich aufstehend, hat mir jede Verbindung mit Ihnen unmöglich gemacht, indem er mir das Versprechen abnahm, um meine Muhme Ebba zu werben. Thorheit! rief Halset. Denken Sie nach, Freiherr Randal, ob's nicht bitter Thorheit wäre. Das Weib in Louisa, die Narrheiten genug ihr Leben über trieb, hat zuletzt auch noch diese angestiftet. Kein Wort mehr! rief Erich, und eine zornige Gluth sammelte sich in seinen Augen. Mein Vater und Alle, die Sie kannten hatten Recht, wenn sie nichts mit Ihnen zu schaffen haben wollten. Zwingen Sie mich nicht dazu, Ihnen noch mehr darüber zu sagen; es thut mir leid, daß es so weit gekommen ist. Stille! Freiherr Randal, stille! fiel Halset ein, der sein Gesicht plötzlich zu einem gutmüthigen Lachen zwang, wir wollen uns nicht weiter erhitzen. Was ich zu sagen hatte, aufrichtig und von Herzen, habe ich gesagt, sehe aber ein, es muß jeder von uns seinen eigenen Weg gehen. – Er nahm seinen Pelz und zog ihn an, nahm seine hohe Zobelmütze und band diese fest. Es ist also nichts mit meinem Gelde, Herr? fragte er, als er fertig war. Geben Sie mir nur einige Wochen Zeit, sagte Erich, so will ich es zahlen. Meine Verhältnisse können Ihnen keine Sorge machen. Wenige Jahre werden hinreichen, mir solche Vortheile zu sichern, daß Halljala den doppelten Werth hat. Gut, antwortete Halset freundlich, ich will warten, das heißt bis morgen, länger nicht. Morgen die zehntausend Bankthaler, Freiherr, wie es Recht ist, und in drei Monaten das Übrige. Es thut mir wahrlich leid genug, daß es so weit mit uns gekommen ist, fügte er hinzu; aber es geht nicht anders. In Tavastehuus sitzen Gericht und Richter, die in drei Tagen hier sein können. Sie haben das Recht dazu, sagte Erich ruhig, ich erkenne es an; doch warum wollen Sie mich in solche üble Lage bringen? Das 286 würde wenig großmüthig sein, Herr Halset, um so mehr, da Ihr Geld Ihnen sicher werden soll. Großmüthig? lachte Halset vergnügt. Soll ein Wucherer großmüthig sein? Ein Krämer in Abo hält sein Wort, Herr, Handel und Wandel dulden keine Freundschaft. Ehe er weiter reden konnte, wurde er durch Serbinoff unterbrochen, der die Thür nach der Halle öffnete und plötzlich vor ihm stand. – Unser würdiger Freund hat Recht, sagte er. Er ist ein Mann von strengen Grundsätzen, die unter Kaufleuten so heilig sind, wie göttliche Gebote. Verzeihen Sie mir diese Unterbrechung, Herr Randal. Ich habe unfreiwillig die letzten Sätze Ihrer Unterredung mit Herrn Halset angehört und biete als beiderseitiger Freund meine Vermittelung an. Herr Halset verlangt auf der Stelle von Ihnen Geld; mir macht es das größte Vergnügen, damit auszuhelfen. Weigern Sie sich nicht, so geringe Dienste von mir anzunehmen, theuerer Freund; nur verzeihen Sie meine Zudringlichkeit. Ein Edelmann ist dem andern verwandt, fügte er französisch hinzu, und kann nicht dulden, daß ein Krämer auf seinen Übermuth trotzt. So fein und in so herzlicher Weise, wie Serbinoff seine Hilfe anbot, konnte Erich Randal diese um so leichter annehmen. Sie leisten mir einen großen Dienst, den ich nicht abschlagen kann, sagte er. Herr Halset hat gerechte Forderungen, und sicher bin ich im Stande, alle meine Verpflichtungen zu erfüllen, wenn ich nur Zeit dazu behalte. Ich werde Ihnen diese verschaffen, so lange es Ihnen beliebt, erwiederte der Graf. Zunächst erlauben Sie mir, die fällige Summe zu decken, für alles Übrige leiste ich Bürgschaft und will Ihnen die Mittel anweisen, sich von ihm zu befreien. – Sie verlangen also sogleich den Betrag des Schuldbriefes, welchen Herr Randal ausgestellt hat? fragte er, indem er sich zu Halset wandte. Ja, Herr, erwiederte der Kaufmann, offenbar übel gelaunt über diese Einmischung. Ich verlange sie, weil der Verfallstag da ist. Sehr recht, Herr Halset, sagte Serbinoff; aber würden Sie auf meine Bitte nicht vielleicht einen Wechsel von mir dagegen annehmen, 287 zahlbar auf der Stelle in Stockholm bei dem Herrn von Alopäus, Gesandten meines Kaisers. Halset zögerte eine Minute lang, als besönne er sich, gleich darauf schien er seine Meinung zu ändern. Ich bin es zufrieden, Herr! erwiederte er, indem sich sein Gesicht aufklärte. Wechsel auf Stockholm sind mir willkommen. Dann sind wir schnell einig, fuhr Alexei Serbinoff fort. Holen Sie den Schein heraus, würdiger Freund, auf der Stelle sollen Sie den Wechsel haben. Er setzte sich an den Tisch, ergriff einen Papierstreifen und schrieb, während Sam ein großes braunledernes Taschenbuch hervorzog, unter einer Anzahl Papiere ein bestimmtes auswählte, hineinblickte und es auf den Tisch legte. – Es soll unsere Freundschaft, wie diese jetzt ist und bleibt, nicht stören, Freiherr Randal, sprach er dabei; denn bin ich gleich kein Freund von Großmuth im Geschäft, wo das Mein und Dein in Betracht kommt, so doch in allen anderen Dingen dienstfertig, wie es sein muß, zu Mitmenschen und Christen. Es braucht ein Jeder sein Geld in solcher Zeit mehr noch als sonst. Hoffe, Sie haben das Einsehen dazu, und soll mich freuen, Sie in Abo bei mir zu sehen, oder nächstens in Liliendal; denn ich gehe von hier hinunter nach Helsingfors, und Freiherrn Wright's Haus ist eines, wo man gern ausruht. Ist ein Mann, wie man ihn selten sieht, der Freiherr und seine Tochter – eh! strecken Sie die Hand her, Herr Erich, ist auch eine alte Freundin, die wohl im Stande wäre, Halljala auf einen anderen Fleck zu bringen. In dieser unverschämten Weise, ohne im Geringsten verlegen über seine Lage zu sein, bot er Erich seine Hand, welche dieser nachgiebig annahm. Ich will sehr gern vergessen, Herr Halset, was zwischen uns gesprochen wurde, sagte er, und bitte Sie, dasselbe zu thun. Bin's zufrieden! lachte Halset. Wollen Beide vergessen, nur nicht, daß in drei Monaten, von heut ab, mein Geld auf dem Tisch liegen soll. Hier ist Ihr Wechsel, sagte Serbinoff. Nehmen Sie ihn hin, was aber die weiteren Zahlungen betrifft, so wird der Freiherr Randal wahrscheinlich schon vor der Verfallszeit Ihnen den Betrag überliefern. 288 Um so besser, sagte Halset, das Papier einsteckend, ich bin immer bereit dazu. Jetzt aber, meine lieben Herren, ist meine Zeit um. Propst Ridderstern wartet nicht gern mit dem Frühstück, und Mary hat einen Besuch bekommen, eben als ich sie verließ. Der Herr Kammerherr brachte Bücher, welche er ihr gestern versprochen hat, und das Fräulein Schwester wollte auch bald erscheinen. Ein edler Herr und ein feines Fräulein! Hohe Gnade für einen alten Krämer und Wucherer, rief er herzlich lachend, daß solche Herrschaften so weit sich herablassen. Aber Friede in's Haus, Freiherr Randal. Friede und Freundschaft zwischen uns und ein fröhliches Wiedersehen! – Damit entfernte sich Sam Halset. Ein seltsames altes Geschöpf, sagte Serbinoff, doch ohne Zweifel ein Mensch, vor dem man sich hüten muß; denn er hat ganz das Ansehen eines schlauen Speculanten, der kluge Rechnung mit unverschämter Anmaßung verbindet. Er ist reich, erwiederte Erich, und ist es durch unablässiges Streben nach Geld und Gut geworden. Meinem Vater hat er bedeutende Summen vorgestreckt und ihm manche Dienste geleistet, wobei er freilich besondere Zwecke verfolgte. Gegen Andere ist er hart gewesen, und zu manchem Besitz ist er in einer Weise gekommen, die von Wucherei und Gaunerei sich nicht gut unterscheiden läßt. Um dessentwegen haftet auch mancher Vorwurf auf ihm. Fluch und Thränen, wie nach einem alten Worte Otho einst ihm sagte, und es gibt wohl auch Familien außer der meinigen, welche sich von ihm so viel als möglich zurückgezogen. Ich kann mir denken, versetzte Alexei, daß edle Naturen nicht mit diesem Manne in nähere Verbindung treten mögen. Fort mit ihm, bester Freund, Sie müssen sich von ihm ablösen, und dazu will ich getreulich helfen. Vielen, großen Dank, erwiederte Erich, ihm die Hand drückend. In wenigen Wochen werde ich meinen Schuldschein von Ihnen zurückfordern. Doch, was thun Sie da? Serbinoff nahm das Papier, das vor ihm lag, und riß es in Stücke. Sie werden doch nicht glauben, sagte er, daß ich ein Unterpfand haben will, wie dieser alte Gauner. Zahlen Sie mir das 289 Geld, wann und wie es Ihnen beliebt; aber reden wir nicht mehr von einem so geringen Dienste, den ich Ihnen mit wahrer Freude leistete. Er wandte das Gespräch auf den eingetretenen Winter und auf die Reise, welche sie gemeinsam machen wollten, um einige Wochen lang in dem gastlichen Hause des Freiherrn Wright zu verweilen, und erklärte dabei, daß er nicht wieder nach Halljala zurückkehren werde. Das wird uns Allen sehr nahe gehen, sagte Erich. Vielleicht ändern Sie doch noch Ihren Vorsatz. Wem könnte es näher gehen, als mir selbst! versetzte Serbinoff; allein ich kann es nicht ändern. In Wiborg befindet sich gegenwärtig General Buxthövden, dem ich nothwendig mich vorstellen muß; wäre dies aber auch nicht der Fall, so würde ich vieler Angelegenheiten wegen mich nach Petersburg begeben müssen. Dann lassen Sie uns wenigstens hoffen, daß wir uns bald wiedersehen. Gewiß, mein theurer Freund, rief der Graf, mit freundschaftlicher Wärme Erich's Hand nehmend, wir sehen uns wieder! Verlassen Sie sich darauf. Mein Herz wird mich hierherziehen, sobald ich es möglich machen kann. Er wich dem fragenden Blicke des Freiherrn aus und strich lächelnd das Haar von seiner Stirn. Ich hoffe, fuhr er dann fort, daß, wenn ich wiederkomme, der Schloßherr von Halljala nicht einsam mehr in seiner Halle sitzt, daß meine ersten Worte freudige Glückwünsche für ihn und seine junge schöne Gattin sein werden. Mögen Sie Recht haben, mag es so sein! antwortete Erich. Ein beneidenswerthes Loos, fuhr Serbinoff fort; doch Niemand ist würdiger dafür als Sie, Niemand wird sein Glück so zu bewahren wissen. Glauben Sie mir aber auch, daß Niemand innigeren Antheil daran nehmen kann, als ich es thue. Sie vermehren meinen Dank durch diese Versicherung, antwortete Erich. Es gab eine Zeit, sagte Serbinoff lächelnd, wo ich selbst mancherlei Wünsche hegte, sie ist vorübergegangen und nichts davon geblieben, 290 als meine freudige und innige Verehrung, die mich dauernd beglücken wird. Brechen wir ab davon, ich höre Stimmen in der Halle. Fräulein Ebba ist zurückgekehrt, ihre Verwandten sind bei ihr. Welche liebliche Erscheinung ist Louisa! Ein Zauber der Unschuld umgibt sie, der so göttlich ist, daß alle irdische Leidenschaft davor versinkt. Sie traten in die Halle, wo Ebba mit dem Kammerherrn und Louisa mit ihrem Bruder sich so eben an den Kamin gesetzt hatten. Draußen fing der Schnee wieder an zu treiben, vor ihnen aber loderten die Flammen hell auf und verbreiteten die angenehme Wärme des lebendigen Feuers. – Kaum waren die ersten Begrüßungen erfolgt und Louisa hatte einen der großen Lehnsessel herbeigezogen, auf welchen Serbinoff, dem Winke ihrer Augen folgend, sich niederließ, als ein Bote einen Brief des Major Munk hereinbrachte, den er Erich übergab. Was schreibt der alte Herr? fragte Ebba, als sie in Erich's Gesicht Überraschung bemerkte. »Ich thue Euch Allen hiermit zu wissen,« las der Freiherr, »daß mein Sohn Magnus heut in der Frühe nach Helsingfors abgereist ist mit Oberst Jägerhorn und seinem Freunde Lindström. Er schickt Euch seine Grüße, und ich mache es ebenso. – Bengt Munk.« Ein Schweigen folgte dieser Mittheilung, Niemand mochte über den Knaben sprechen; aber Erich Randal sah in Louisa's Augen statt des Bedauerns eine Freude strahlen, welche er sich wohl zu erklären wußte. Der Kammerherr allein nahm das Wort. Er saß mißmuthig vor dem Feuer und sah auf das Schneetreiben hin. Es wird eine etwas kalte Reise sein! rief er spottend, die dem albernen Jungen das Blut abkühlt; auch lobe ich den raschen Entschluß des Majors. Nach seinem ungebührlichen Betragen konnte er uns nicht mehr gut unter die Augen treten, um so mehr, da er ein verstockter Sünder und Lügner blieb. Das Drillen wird ihm gut thun, und ich denke, wir Alle sind froh, daß er fort ist. Dem alten guten Manne wird es einsam in seinem Hause sein, sagte Ebba. Sein ganzes Herz hing an dem schönen Knaben. 291 Er opfert ihn auf dem Altar des Vaterlandes, lachte Baron Arwed, mit diesem wärmenden Gedanken wird er sich erheitern. Aber geht es uns denn besser? fuhr er ärgerlich fort. Wir sitzen hier auch einsam im Hause, und wer weiß, wann wir hinauskommen? Was werden wir beginnen? fragte er sich dehnend, und wie lange werden wir aushalten müssen? Wir haben gemeinsam der Jungfrau Mary Halset einen Besuch gemacht, sagte Ebba zu Erich, indem sie nach ihrem Bruder blickte. Sie war sehr liebenswürdig, das heißt sehr schweigsam, und sehr geistreich im Zuhören oder in weiser Selbstvergessenheit. Arwed ist ganz entzückt davon; seine Unruhe, bei uns aushalten zu müssen, ist daher leicht zu erklären. Wenn Sie ein Finne wären, fügte Otho hinzu, als der Kammerherr den Muthwillen seiner Schwester unbeachtet ließ, würden Sie nichts lieber sehen als dies Schneewetter, das Brücken über alle Seen und Schluchten baut, Wege über alle Sümpfe schlägt und Finnlands ganze Natur umwandelt. Wer kann sich in diese Schneewüsten hinauswagen! rief Arwed. Man bricht ein, versinkt und kommt elend um. So lange der Schnee fällt, sagte Otho, sitzt jeder Finne gern mit Weib und Kind und Knecht und Magd in seiner Badstube und geht höchstens einmal hinaus, um sich in dem weißen, feinen Mantel abzukühlen. Zugleich aber schärft er seinen Jagdspeer, schleift sein Beil und schraubt einen neuen Stein auf sein altes Gewehr, wenn er ein solches etwa besitzt. Vom Gesimse herunter holt er aber vor allen Dingen zwei lange schmale Bretter, vorn in die Höhe gebogen. Sorgfältig benagelt er sie, wenn sie schadhaft sind, mit Seehunds- oder mit Otterfell und erneut die Riemen, mit denen er diese vortrefflichen Schuhe an seine Füße festbinden will. Du meinst die Schneeschuhe, welche auch in Rußland üblich und selbst in unserer Armee eingeführt sind, fiel Serbinoff ein. Unsere Soldaten aus Carelien und dem hohen Norden sind gewandte Schneeschuhläufer und werden eigen dazu geübt, in ganzen Bataillonen und Colonnen zu manövriren. 292 Ohne besondere Übung verstehen es unsere Bauern vielleicht noch besser, fuhr Otho fort. Sobald der Himmel klar ist und der Schnee eine Kruste bekommt, laufen sie auf den zehn Fuß langen Brettern über die tiefsten Schluchten und höchsten Abhänge. Der Schnee liegt oft bis zwanzig, dreißig Fuß hoch, alle Tiefen sind vollgeweht, auf den eigenen Beinen würde jeder Wagehals einbrechen und versinken, die Bretter aber lassen dies nicht zu. Blitzschnell fliegt der Schneeläufer über die glatte Ebene und steigt mit Hilfe seines Spießes und des stachlichen Fells unter seinen Sohlen steile Höhen hinauf. Das ist die Zeit, um Ellen, Rennthier und Hirsch zu jagen. Ihre spaltigen Hufe helfen ihnen nichts, sie brechen durch und wühlen mühsam durch die weiche Masse, die wie Wüstensand sie umringt und begräbt. Niemand weiß dies besser, als der Wolf, der mit dem Menschen um die Wette sie jagt, sie ereilt und zerreißt. Das weiß auch der Luchs, wenn er seinen breiten langbehaarten Füßen vertraut und in windschnellen Sätzen über die Schneefelder fliegt, die ihn besser tragen als lange schlanke Beine. Das weiß der Vielfraß eben so gut, der aus seinem Schlupfwinkel hervor plötzlich dem geängstigten Thier in den Nacken springt und ihm langsam diesen und die Ohren, seine höchsten Leckerbissen, abnagt. Ein entsetzliches Vergnügen! rief der Kammerherr. Hören Sie auf davon, lieber Freund. Man spricht so viel von der Grausamkeit der Menschen, geht es aber unter den Thieren, ja in der ganzen Natur nicht noch weit schrecklicher her? Erich hat mir erst neulich erklärt, daß die meisten Thiere und Pflanzen unfehlbar den Hungertod sterben, da ihre Ernährung, wenn sie alt werden, ihnen unmöglich wird. Und der Hungertod ist ein sehr schlimmer Tod, lachte Serbinoff. Es ist ernsthaft genug zu denken, sagte Arwed, daß diese Schöpfung, welche doch von einem barmherzigen und liebenden Wesen herstammen soll, dazu bestimmt ist. Wenn Gott selbst so grausam verfährt, was soll der Mensch thun? Er soll der Vernunft, die ihm gegeben, Ehre machen, sagte Ebba, und daran erkennen, daß er besser sei, als Thiere und Pflanzen. Gott hat den Menschen so ausgerüstet, daß er Grausamkeit verachten und 293 sein Alter schützen kann. So soll er das Geschick der Thierwelt überwinden, gerecht und gut und göttlich sein. Leider ist dies ein etwas langer Weg, versetzte Otho. Die vernunftbegabten Wesen handeln oft noch schlimmer, als Luchs und Vielfraß. Aber wer hat je die Grausamen gepriesen? fragte Ebba. Immer hat die Geschichte den Gerechten und Guten ihre Kränze gereicht. Nachdem sie gekreuzigt und verbrannt waren, lachte Arwed. Ich bin daher dafür, daß jeder gute Christ vor allen Dingen sich vor Hunger und Schaden behüte und immer lieber Vielfraß sei, als Rennthier, oder um russisch mit Ihnen zu sprechen, Serbinoff, lieber der Knutenmeister als der Geknutete. Dem Russen wird Niemand Grausamkeit vorwerfen können, antwortete der Graf. Er haßt die Feinde seines Landes und Kaisers nicht mehr, als er muß. Er tödtet sie, aber er quält sie nicht. Jeder Russe, fast ohne Ausnahme, ist milden Herzens und zur Fröhlichkeit geneigt. Unsere Religion befiehlt uns barmherzig zu sein, weil Gott barmherzig ist. Otho drückte ihm freudig die Hand. Du kannst keine Grausamkeit begehen, weil du zu stolz und großmüthig dazu bist, rief er lebhaft aus. Unter solcher Männer Leitung müssen die Russen ein großes edelgesinntes Volk werden. Zur Zeit Peter's des Großen freilich haben sie ärger als die wildesten Thiere in Finnland gehaust, doch zwischen dem Damals und Jetzt liegt ein Jahrhundert. Nein Freund, antwortete Serbinoff, eigenthümlich lächelnd, wir sind im Grunde noch immer dieselben; doch die größte Tugend unsers Volkes ist der Gehorsam. Dadurch sind wir allen andern Völkern überlegen und darum werden Rußlands Fahnen in jedem Kampfe siegreich sein, sein Reich und seine Macht fortgesetzt wachsen. Der Kammerherr bemerkte in dem Gesicht seiner Schwester wie auch in Otho's Augen etwas, das ihm nicht gefiel. Rußland, sagte er, ist in unserm jetzigen Unglück der Hort aller Bedrängten und die Zuflucht aller Unterdrückten. Alexander und Napoleon sind die Schutzherren Europa's gegen die übermüthigen Engländer wie gegen tyrannische Fürsten und deren Gewaltthaten. Ich sehne mich darnach, bei dem Freiherrn Wright vielleicht noch mehrere unserer vortrefflichen, 294 feingebildeten Nachbarn kennen zu lernen, die bis nach Italien ihre unüberwindlichen Adler trugen und doch dabei – gestehen wir es ein – die liebenswürdigsten Gesellschafter sind. Wie lange müssen wir noch warten, bester Otho, ehe die Wege brauchbar werden? In zwei Wochen spätestens werden wir auf der schönsten Schlittenbahn über den Pajäne durch das Land fliegen, erwiederte Otho, und in zwei Tagen können Sie dann alle Ihre Sehnsucht stillen. So haben wir Zeit, es uns möglichst bequem zu machen, sagte Baron Arwed, indem er sich behaglich ausstreckte, die Füße über das Kamingitter legte, die Arme auf die Stuhllehnen und den Kopf in die Polster drückte. Dreizehntes Kapitel. Der Propst erwiederte die Artigkeiten des Schloßherrn von Halljala durch eine Einladung, bei der er seine Abneigung gegen Otho Waimon so weit überwand, daß auch auf diesen und seine Schwester seine Gastfreundschaft sich ausdehnte. Mancherlei Rücksichten bewogen ihn dazu, denn Serbinoff lebte mit den Geschwistern fortgesetzt in inniger Freundschaft und jener störende Unfall, den die wachsame Eifersucht des jungen Munk herbeigeführt hatte, schien nur dazu gedient zu haben, die gegenseitige Anhänglichkeit noch mehr zu befestigen. Es konnte Niemand verborgen bleiben, daß der vornehme Gast sich lebhaft mit dem kleinen Fräulein vom See beschäftigte, und wahrscheinlich gab es außer dem Kammerherrn noch Andere, welche nicht daran zweifelten, daß Magnus keine Lüge gesagt hatte. Aber der unglückliche Knabe war verlacht und vergessen, oder man gedachte seiner nur mit Spöttereien und der alte Invalide saß in seinem einsamen Hause, ohne sich blicken zu lassen. Niemand fühlte Lust dazu, ihn in den Wolken von Tabaksrauch aufzusuchen, in welche er sich und seinen Ärger und Kummer einhüllte. 295 Am wenigsten hatte Louisa Lust dazu, die, während es draußen fast unausgesetzt schneite, in heiterster Weise glückliche Tage lebte. Alexei Serbinoff war bei ihr, beschäftigte sich mit ihr, lachte und scherzte mit ihr von früh bis spät und hörte mit unermüdlichem Wohlgefallen ihre Plaudereien, ihren Gesang und ihre unschuldigen ergötzlichen Einfälle. Wenn er ihr dagegen von den Festen und Palästen in Petersburg, von dem Glanz und der Pracht der hohen Gesellschaft, von all dem Reichthum und den Genüssen erzählte, welche dort unaufhörlich sich aneinander reihten, lauschte sie darauf mit lachenden Augen. Ihre lebhafte Einbildung malte alle diese Wunder aus, nur zuweilen überkam sie mit dem Staunen davor auch eine ungewisse Angst, welche Serbinoff durch seine Betheuerungen fortscherzte, daß alle Pracht und Herrlichkeit doch nur leerer Tand blieben, die ein Soldat, wie er, verachte. Sein natürliches Wesen, seine Einfachheit und Offenheit waren wohl geeignet, diese Versicherungen zu unterstützen. Otho selbst war dabei häufig zugegen und betrachtete dann den Freund und seine Schwester mit Blicken, aus denen seine geheimen Wünsche sprachen. Alexei Serbinoff hatte sein ganzes Vertrauen gewonnen, er verhehlte es Niemand, daß er ihn bewunderte und sich ihm unterordnete. Als ein Musterbild männlicher Kraft und Tüchtigkeit stand er vor ihm, zugleich aber ihm überlegen an Weltkenntniß und Verstand. Unbekümmert um seine Schwester überließ er sie seinem Freunde und gab sich willig den frohsten Gedanken hin, daß keine edlere Hand Louisa beschützen und behüten könnte. Mit ganz andern Augen sah dagegen der Kammerherr diesen Handel des Grafen an. An dem Abend, wo der Propst die Gesellschaft in seinem Hause vereinigte, hatte er mit Serbinoff eine Unterredung. Nun, lachte der Graf, als er Arwed fein gekleidet im Kammerherrnschmuck und einem Orden im Knopfloch hereintreten sah, morgen reist Mary Halset nach Tavastehuus und mit einigen Umwegen werden wir sie im Ballsaale zu Liliendal wieder finden. Sie wollen nicht so lange warten und sind unwiderstehlich, mein Freund; ich sehe Sie als Sieger zurückkehren. 296 Im Ernst, erwiederte Baron Bungen, indem er sich niedersetzte, ich will nicht warten und eben darum muß ich mit Ihnen reden. So fangen Sie an, sagte Alexei, ich werde inzwischen meinen Anzug beenden. Wie weit sind Sie in Ihren Bewerbungen gekommen? So weit dies überhaupt möglich ist bei einer Dame, die ein so stilles und leidenschaftsloses Gemüth besitzt. Glauben Sie denn, daß hinter diesen dunkeln Augen kein Feuer brennt? fragte Serbinoff. Ein ausgebrannter Vulkan vielleicht, erwiederte der Kammerherr, mir jedoch einerlei, ich werde ihn nicht wieder in Thätigkeit setzen. Die Hauptsache ist für mein Ziel nicht unmittelbar sie, sondern ihr Vater. Ist er mit meinem Antrage zufrieden, so bedarf es nur einer bestimmten Erklärung. Halset ist der Mann nicht, Widerstand zu dulden. Dies gegen die Außenwelt gleichgiltige Mädchen wird sich auch gewiß nicht widersetzen. Erzeigen Sie mir also den großen Dienst, den ich von Ihnen erwarte. Nehmen Sie die Gelegenheit wahr und sprechen Sie mit Halset. Sie haben Einfluß auf ihn, führen Sie meine Sache. Zum russischen Commercienrath habe ich ihn schon gemacht, sagte Serbinoff leise und lachend, den Annenorden habe ich ihm auch zugesichert, sobald Buxthövden in Abo einzieht; was ich ihm jetzt versprechen soll, damit er seine Tochter zur Baronin Bungen macht, weiß ich noch nicht. Ich hoffe, daß es keiner allzugroßen Versprechungen dazu bedarf, antwortete der Kammerherr. Möglich, mein Freund, aber dieser alte Schlaukopf verlangt von seinem Schwiegersohn keine Titel, sondern reelle Eigenschaften. Beruhigen Sie sich, fuhr er fort. Sie haben meinem und künftig auch Ihrem Kaiser so wichtige Dienste geleistet und werden diese fernerhin leisten, daß Halset zufrieden gestellt sein wird. Ich werde Ihren Wunsch erfüllen und zweifle nicht an dem Erfolg; bedenken Sie jedoch noch einmal Alles, ehe wir handeln. Halset ist reich, er wird Orden und Titel bekommen, vielleicht sogar den Adel, wenn er will; aber seine schlechten Eigenschaften wird er nicht los. Ehrenvoll wird sein Ruf niemals sein; Hochachtung kann er selbst von denen nicht 297 erwarten, die ihn brauchen, und ein Finne bleibt er, hervorgegangen aus den untersten Schichten der Gesellschaft. Wenn das ein Anstoß sein könnte, versetzte der Baron, so würden wir jede Verbindung mit seinen Verwandten ebenfalls vermeiden müssen. Ihre intime Freundschaft mit den Waimon's ließe sich nicht rechtfertigen, und wenn etwa gar diese so weit ausartete, daß Graf Serbinoff vergäße, daß er mit Finnen zu thun hat – Sie sorgen zu viel um mich, mein Freund, fiel Serbinoff lächelnd ein, ich werde das niemals vergessen. Und dennoch drückt mich eine böse Ahndung, die ich nicht zu überwinden vermag, sagte der Kammerherr. Ich habe heut Nacht einen Traum gehabt, einen wahrhaft teuflischen Traum. Sie flohen vor diesem Finnen, der wie ein Tiger hinter Ihnen her war und auch so aussah, als ob er Sie zerreißen würde. Ich werde niemals vor ihm fliehen, versetzte Serbinoff, doch auch nicht vor dem süßen Kinde, das mir so viele zweckmäßige Zerstreuungen bereitet. Armes Kind! Es dauert mich, flüsterte Arwed. Schonen Sie Ihre Sentimentalität, sagte Graf Alexei, alle Unschuld ist Heuchelei. Diese Kleine hat in einigen Wochen so viel gelernt, das es ohne angeborenes Talent ein Wunder sein würde. Sie ist plötzlich zu der Kunst gekommen, zu täuschen, auf Ausflüchte zu sinnen, ihren Bruder und ihre Freunde zu betrügen, und mit dreister Stirn zu lügen. Als der alberne Junge bemerkte, daß ich sie geküßt hatte, und tölpelhaft auf mich los fuhr, war ich bange, daß sie uns verrathen könnte; allein, sie hat sich bewunderungswürdig benommen, und seit dieser Zeit bin ich überzeugt, daß nichts zu besorgen ist. Sie wird mir immer anhängen, und ich werde dafür ihr Beschützer bleiben, nachdem ich sie erzogen habe. Lassen Sie uns abbrechen und gehen, um Ihnen ähnliche Freuden bei Ihrer Auserwählten zu bereiten. Nach einer Stunde waren die Gäste des Propsts damit beschäftigt, sich in behaglicher Weise allen Genüssen seiner Gastfreundschaft zu überlassen, welche ihnen in reichster Weise geboten wurden. Herr Ridderstern hatte nichts gespart, um den Abschiedsschmaus für seinen Freund Halset so herrlich als möglich zu feiern. Ein paar Amtsbrüder aus 298 der Umgegend waren mit ihren Familien, trotz des Schneewetters, gekommen, denn die Braten und Torten der Frau Propstin hatten solchen Ruf, daß man wohl etwas Ungemach darum ertragen konnte; der Amtsvoigt und der Landrichter ließen sich auch nicht vergebens bitten, mit Frauen und Kindern zu erscheinen, so daß das Haus gefüllt war, und ein gutes halbes Dutzend würdiger Herren, mit stattlichen Schultern und wohlgepflegten Leibern sich an den Tisch setzen konnten, um sich ihren Punsch oder Toddy zu mischen. Unter den ungeheuren Dampfwolken ihrer Pfeifen sprachen sie mit vielem Ernst über die neuesten Welthändel, über den König und über die schrecklichen Aussichten. Der Propst, Halset, und ab und zu auch der Kammerherr und Graf Serbinoff erzählten ihnen mancherlei seltsame Dinge. Bald war es lustig anzuhören, was Se. Majestät für wunderliche Einfälle hatten, bald wieder lief ein gelinder Schauder dabei über die Rücken der wackeren Männer und mit Kopfschütteln und Seufzen wurden Fragen laut, was denn zuletzt aus solchen himmelschreienden Zuständen herauskomme, was aus Land und Volk werden solle? – Die vornehmen Herren wurden mit besonderer Hochachtung betrachtet und gehört, und der russische Graf mit seiner feinen Höflichkeit und Freundlichkeit gewann alle Herzen. Nicht allein die Herzen der Männer, denen er über die sogenannten russischen Rüstungen, von denen schreckende Gerüchte sich verbreiteten, den besten Trost gab, sondern auch wohl noch mehr die Herzen der Damen, weil er diesen seine vorzügliche Aufmerksamkeit zuwandte. Allen wußte er etwas Angenehmes und Schmeichelhaftes zu sagen, und so unwiderstehlich war seine Kunst der Unterhaltung, daß er selbst längere Zeit die schweigsame Jungfrau Mary Halset zum Reden brachte, neben welcher Ebba sich vergebens abgemüht hatte. Bald mit dieser plaudernd und lachend, bald sich an Mary wendend, und in geschickter Weise ihre Antworten zu neuen Fragen und Einfällen benutzend, gelang es ihm ein Gespräch zu entwickeln, das sich hauptsächlich auf das Haus und die Familie des Freiherrn Wright bezog, in welcher sie Alle bald wieder sich zusammenfinden sollten. Ihr Vater ist ein alter Freund des Freiherrn? fragte Serbinoff Mary. 299 Mein Vater, antwortete sie, kennt weniger ihn wie den Obersten, seinen Bruder, der in Abo uns oft besuchte. Ein giltiges Zeugniß für den feinen Geschmack des Obersten, versetzte Serbinoff, der mir nicht umsonst gerühmt wurde. Sein feiner Geschmack, erwiederte sie mit einem Lächeln, das über das blasse ernste Gesicht leuchtete, wird von meinem Vater besser beurtheilt werden können. Oberst Wright ist als unübertrefflicher Weinkenner allerdings sehr berühmt. Es war das erstemal, daß Ebba eine Spötterei von ihr hörte, und die Art, mit welcher sie damit Serbinoff's zweideutiges Compliment zurückwies, gefiel ihr ganz besonders. Heimlich drückte sie ihr die Hand dafür, während Serbinoff die Bemerkung machte, daß ein solcher geisterfüllter Herr und dessen joviale Laune immer das beste Beispiel für seine Freunde seien. In der That, sagte Mary Halset, ihre dunkeln Augen auf ihn richtend, ist der Geist, welcher aus solchen Launen spricht, immer noch manchem anderen Geiste vorzuziehen, der weit verderblicher auf seine Umgebungen wirkt. Am besten also, so wenig Geist als möglich besitzen! rief er mit seiner geschmeidigen Bosheit. Am besten, erwiederte sie, vor dem falschen Geiste sich mit dem altfinnischen Sprichworte zu behüten: Klugheit lernst du auch von dem Bösen, aber das Gute nur von dem Gerechten. Ein langer, lächelnder und doch fast drohender Blick fiel auf Sam Halset's Tochter, die ihn unerschrocken erwiederte. Da Sie die Familie Wright kennen, fragte Ebba, ist Ihnen gewiß auch Constanze Gurschin bekannt, die eben so schön als geistreich sein soll. Ich habe sie früher gesehen, als sie in Abo erzogen wurde, antwortete sie; dann habe ich sie vor einiger Zeit angetroffen, da sie als Wittwe zu ihrem Vater zurückgekehrt war. Und was sagen Sie von ihr? Ein Urtheil zu fällen oder zu bestätigen vermag ich nicht, antwortete Mary. 300 Was ich von ihr in Petersburg gehört habe, sagte Serbinoff, läßt Ungewöhnliches erwarten. Madame Gurschin glänzte dort in den ersten Kreisen, und versammelte eine Schaar schwärmerischer Verehrer um sich. Und das will etwas bedeuten, setzte Mary Halset hinzu, ohne einen Zug ihres pedantischen Ernstes aufzugeben, wenn sie solche Dinge an dem Orte vollbrachte, von dem heut zu Tage aller Geist und das Licht der Welt ausgeht. Serbinoff entfernte sich, und that, als hörte er diese Antwort nicht. Er ging auf Sam Halset los, der eben allein, mitten in dem großen Zimmer stand, nahm ihn beim Arm, und führte ihn mit sich fort in ein anderes Nebengemach. Sie wollen uns also durchaus verlassen? fragte er, als er sich mit ihm auf ein Sopha gesetzt hatte, von dem aus die Gesellschaft zu überblicken war. Ich habe hier nichts mehr zu suchen, versetzte Halset, nachdem Sie mir großmüthig meine Anweisungen bezahlt haben. Sie haben mich vortrefflich unterstützt, erwiederte Alexei verbindlich, nun schmollen Sie nicht weiter. Was wollen Sie überhaupt mit einem Schwiegersohn, der so wenig für Sie paßt? Wählen Sie einen anderen, der Ihre edeln Eigenschaften und Absichten besser zu würdigen weiß. Glauben Sie denn, sagte Halset in seiner Weise grinsend, daß ich besondere Sehnsucht nach jenem da verspüre? Ich möchte manchen vorziehen, aber ich habe einmal den Wunsch ihm meine Tochter zu geben, weil mancherlei Gründe dafür sprechen. Darf ich nach diesen Gründen mich näher erkundigen? Erstens, begann Halset, weil Mary ihn liebt. Sollte dies sich in der That so verhalten? lächelte Serbinoff. Verlassen Sie sich darauf. Sie liebt ihn, so wunderlich dies scheinen mag, trotz dessen, daß er weder schön noch reich ist. Liebt ihn auch nicht um dessentwegen, weil er Rang und Titel hat. Es ist ein seltsam Mädchen, meine Mary, Herr Graf, gerade so seltsam wie er, eigensinnig und voller Einbildungen. Ich unterlasse es dies zu bestreiten, sagte Serbinoff, auch ist die sogenannte Liebe eine so außerordentliche himmlische Erfindung, daß kein 301 Sterblicher sich vermessen darf sie zu erklären. Ich bestreite jedoch, Herr Halset, daß Sie als ein kluger Mann und calculirender Hausvater von dieser Herzensneigung besondere Notiz genommen haben würden, wenn nicht andere gewichtigere Gründe dafür vorhanden wären. Sie haben's getroffen! lachte Halset, der seinen Kopf wie eine Schildkröte unter den hohen Kragen seines Rockes zurückzog. Ich hätte mich den Teufel um ihre Liebe gekümmert, wär's mir nicht selbst in's Blut gegangen. Ich will Ihnen einfach sagen, wie die Sache stand. Ingar Waimon, Otho's Vater, kannte mich von jung auf, war mein Vetter, half mir mit Geld durch seines Vaters Hand, daß ich Handel anfangen konnte. Als er aus Amerika wiederkam, gab er eine bedeutende Summe aus seinem Erbtheil her, womit ich mein Haus in Abo kaufte. Lange Zeit ging es gut mit uns, und als er starb, blieb ein Versprechen stehen zwischen unseren Kinder. – Daraus wurde nichts durch den unbändigen Sinn des Jungen, und weil's seine Mutter so wenig wollte, wie er und Alle. Es war ein trotzig Weib, Herr, eine Art Heilige, dabei so tugendhaft grob wie Heilige sind. Sagte mir den Kauf auf, weil sie trotz aller meiner genauen Rechnungen meinte, ich hätte nicht ehrlich gegen ihren Mann, meinen besten Freund, verfahren, auch weil ich mancherlei Landgüter an mich gebracht, deren Eigenthümer meine gerechten Forderungen nicht erfüllen konnten. Inzwischen hatten sie selbst von mir geborgt; der alte Freiherr, bedeutende Summen, ohne es wieder zahlen zu können. Das Übrige weiß ich aus Ihren Erzählungen, fiel Serbinoff ein. Sie machten dem Freiherrn den Antrag, sein Sohn solle an Otho's Stelle treten, und wurden abgewiesen. Richtig, ich wurde abgewiesen, nickte ihm Halset zu, neulich erst nochmals abgewiesen; bei alledem bleibt's dabei, was ich gelobt und geschworen. Eide sind in neuester Zeit eine Waare geworden, die immer mehr an Gewicht verliert, lächelte der Graf. Keine andere als Mary soll in Halljala Frau sein, sagte Halset. Es wird endlich so geschehen, ich bin dessen gewisser als je. Wenn Herr Erich seine schöne Cousine aus Stockholm heirathet? Er wird sie nicht heirathen, antwortete Sam. 302 Wer wird ihn daran hindern? Halset sah ihn mit seinen schlauen Augen in's Gesicht. Sie werden's hindern, sagte er kaltblütig. Und wenn Sie dies wirklich annehmen könnten, wird er darum Ihren Vorschlägen williger entgegen kommen? Ich will Ihnen meine Meinung sagen, Herr Serbinoff, erwiederte Sam, indem er näher rückte und ihm gemüthlich zunickte. Sie spielen jetzt Ihr Spiel mit ihm und den leichtgläubigen Narren und Kindern, die zu ihm gehören. Darin mische ich mich nicht, wünsche Ihnen guten Erfolg, wenn Ihr Spiel aber verloren geht, Herr, so machen Sie es eben so. Überlassen Sie es mir dann in meiner Weise, das Conto zu schreiben. Ein sehr bündiger Vertrag zwischen uns, Herr Halset, gegen den ich im Grunde nichts einzuwenden habe. Nur eine Bemerkung erlauben Sie mir, an welche ich eine Frage knüpfen werde. Wenn, was Sie mein Spiel nennen, verloren geht, so wird das Ihrige gewiß nicht gewonnen werden. Der Mann, welcher Ihnen jetzt schon sagt, daß er um keinen Preis mit Ihnen in eine verwandtschaftliche Verbindung treten will, der, wie ich vermuthe, dieser Überzeugung selbst die zärtlichen Neigungen geopfert hat, welche er empfand, wird dann noch viel weniger sich dazu verstehen. Das ist ganz gewiß! rief Halset vergnügt grinsend. Ich bin auch ganz damit einverstanden, Herr Graf, und will verdammt sein, wenn ich ihm dann noch einen Finger reichen möchte. Serbinoff sah ihn forschend an. Ist Halljala so viel werth? fragte er nach einem kurzen Schweigen. Es ist ein mächtiger Besitz, antwortete der Kaufmann, kommt er in die rechten Hände, kann's der reichste in Finnland werden. Große Wälder, Herr, wunderbar fruchtbarer Boden, dazu mancherlei Anlagen, die gezeigt haben, was daraus zu machen ist. Es ist ein gewisser Verstand in Erich Randal's Kopf. Manches Ding hat er ausgedacht und angefangen, das der Klügste nicht besser machen könnte, und es ist eine Wahrheit, daß Halljala jetzt schon doppelt so viel werth ist, als zu seines Großvaters Zeiten. Und wenn eine geordnete Regierung Finnland verwaltet und alle Hilfsquellen öffnet, wird Halljala zehnmal höher im Preise steigen, sagte Alexei Serbinoff. 303 Richtig, Herr, im Fall die Hand da ist, die es versteht. Kommt aber ein Krieg über das Land, so werden große Güter zum Spottpreis zu haben sein. Wenn somit vielleicht Herr Samuel Halset zufällig eine bedeutende Forderung an das Gut Halljala zu machen hätte, flüsterte der russische Graf lächelnd, so läßt sich vermuthen, daß, im Fall der Freiherr kein Geld auftreiben könnte, der Herr Commerzienrath es sehr billig erstehen würde. Halset kniff seine pfiffigen Augen zusammen, schüttelte jedoch den Kopf dazu. Es ist dennoch falsch calculirt, Herr, antwortete er, falsch aus allerlei Gründen. Kommt es zum Kriege, so wird die russische Regierung es diesmal sicherlich eben so machen wie früher schon zu Zeiten Peter's des Großen und der Kaiserin Elisabeth. Der Kaiser wird Huldigung verlangen als Landesherr und wird Jeden als Hochverräther erklären, der sich weigert oder gar Widerstand leistet. Glauben Sie, daß der philosophische und tugendhafte Schloßherr von Halljala dahin gelangen könnte? Ich habe die Meinung, es könnte so sein, erwiederte Sam, und in diesem Falle würde das ganze reiche Gut eingezogen werden. Um die Treue eines würdigen und verdienstvollen Freundes damit zu belohnen. Ich möchte mich doch lieber nicht ganz bestimmt darauf verlassen, sagte Herr Halset, eine Priese aus seiner goldenen Dose schnupfend. Nicht daß ich dächte, große Herren vergäßen ihre Freunde am leichtesten, wenn sie diese nicht mehr brauchen, fuhr er schelmisch blinzelnd fort, der alte Sam wird noch öfter nöthig sein, wie ich denke; allein es gibt andere Leute, welche man nicht vergessen darf, und die neue Regierung wird so klug sein, Landesrechte und Privilegien zu schützen; somit auch Halljala den rechtmäßigen Erben nicht vorenthalten, welche Ansprüche darauf zu machen haben. Wer ist der nächste Erbe? fragte der Graf. Otho Waimon? Es wäre der nächste ohne Zweifel, versetzte Sam, allein wenn wir doch einmal vertraulich allerlei Vermuthungen und Möglichkeiten bedenken, liegt es wahrlich nahe genug, den tollköpfigen Burschen unter den Hochverräthern obenan zu sehen. Wenn es nicht so ist, um so besser, 304 Herr Graf. Er macht mir bei alledem die geringste Sorge; müssen zusehen, wer Recht behält. Aber da sind die Wright's, die von Mutterseite mit Erich Randal verwandt sind, und gibt's in Finnland eine Sippschaft, die ihm nahe steht, so gibt's schwedische Familien, mit hohen Gönnern und Freunden. Es wäre der nächste ohne Zweifel, versetzte Sam, allein wenn wir doch einmal vertraulich allerlei Vermuthungen und Möglichkeiten bedenken, liegt es wahrlich nahe genug, den tollköpfigen Burschen unter den Hochverräthern obenan zu sehen. Wenn es nicht so ist, um so besser, Herr Graf. Er macht mir bei alledem die geringste Sorge; müssen zusehen, wer Recht behält. Aber da sind die Wright's, die von Mutterseite mit Erich Randal verwandt sind, und gibt's in Finnland eine Sippschaft, die ihm nahe steht, so gibt's schwedische Familien, mit hohen Gönnern und Freunden. Sie sehen klug und weit in die Zukunft, sagte Serbinoff vor sich hinsinnend, dennoch könnte es sein, daß Sie Unrecht behielten. Nehme ich selbst an, daß der Freiherr Randal seine wahren Vortheile und meine freundschaftlichen Bemühungen verkennt, mein theurer Freund Otho auch nicht, wie ich hoffe, in meines Kaisers Dienste tritt, so sind doch beide noch weit davon, das Volk aufzuwiegeln und als Hochverräther verurtheilt zu werden. Der Freiherr Erich ist ein viel zu friedliebender, wohldenkender Landmann, Otho aber haßt die Schweden und ihre Herrschaft weit mehr, als die Russen. Ich sehe daher nicht ein, wie seine nahen Ansprüche Ihnen so geringe Sorgen machen können. Halset grinste ihn an. Wenn Alles so wäre, erwiederte er, würde ihm immer noch übrig bleiben, seine eheliche Geburt zu beweisen. Wie? fragte Serbinoff erstaunt, ist die zweifelhaft? Wenn's einmal erforderlich würde, den Beweis zu liefern, könnte ein arges Geschrei entstehen, fuhr Sam fort. Als Otho's Mutter gestorben war, hat sich kein Trauschein unter der Nachlassenschaft gefunden und da der Freiherr, ihr Bruder, bald darauf ihr nachfolgte, war Niemand, der danach gefragt werden konnte. Als Sie allein, sagte der Graf. Richtig. Sie haben mich auch gefragt, aber ich wußte nichts. Ich meine dennoch, lächelte Serbinoff, daß Sie wohl einige Auskunft geben könnten. Meinen Sie nichts, sagte Sam Halset, ich habe vergebens Nachforschungen gemacht. So viel ist gewiß, daß die Heirath hier nicht statt fand. Sie kamen an als Mann und Frau und weil die Sache Aufsehen machte, wurde Mancherlei davon gesprochen, doch Niemand konnte in ihre Karten sehen. Einmal sprach ich mit Ingar Waimon darüber, machte einen Spaß von dem Gerede, that es aber nicht wieder. Er hatte etwas an sich, das sein Sohn von ihm geerbt hat, einen 305 Blick, der bis in Leber und Zwergfell reicht. Kein Wort sprach er, kehrte sich um und ging hinaus. Sollte der Freiherr Randal ein solches Verhältniß geduldet haben? fragte Serbinoff, das, wäre es ohne Priesterbund geschlossen worden, doch später noch kirchlich besiegelt werden konnte? Ich weiß es nicht, fiel Sam ein, kümmere mich auch nicht darum, halte mich lediglich daran, daß kein Document vorhanden ist. Niemand kennt den Priester, der die Trauung verrichtete, Niemand die Kirche und Keiner lebt, der Zeugniß geben kann. Sollte es jemals zu einer Rechtsfrage kommen, würden alle seine Ansprüche damit zu Boden fallen. So wollen wir uns bis dahin beruhigen, sagte Serbinoff und uns zu erfreulicheren Dingen wenden. Da Erich Randal die Hand verschmäht, welche Sie ihm bieten, Otho ihrer unwürdig ist, so weiß ich einen andern mit Vorzügen reich begabten Mann, der sich glücklich schätzt, wenn Sie ihm Ihre Gunst und Ihre Tochter zusagen wollten. Sie brauchen den Namen nicht zu nennen, erwiederte Sam. Ihre Rede ist deutlich genug; muß Ihnen auch bekennen, daß ich sie erwartet habe. Ich will Ihnen eben so deutlich meine Meinung darüber sagen. Ich habe nichts dagegen, sehe es gern und freue mich darüber, kann jedoch kein entscheidendes Wort sprechen. Lassen Sie uns gemeinsam abwarten, wer Recht behält. Kommt es so wie ich denke, so trifft Alles zusammen, was ich wünschen kann. – Wir haben ein langes Gespräch gehalten, Herr Graf, drinnen fangen die jungen Leute zu tanzen an, dabei dürfen Sie nicht fehlen. Ich wiederhole also nur noch einmal, was ich zum Anfang sagte. Ich hab's gelobt und geschworen, keine Andere soll Schloßfrau in Halljala sein, als Mary. Denke auch ist klar und verständlich. Kammerherr Bungen ist ein Mann, der zugreifen wird, wenn die richtige Zeit kommt, er hat die besten Ansprüche darauf. Sam Halset wird ihm nicht fehlen. Achte und schätze ihn, alles Andere wird sich finden. Damit stand er auf. Serbinoff war befriedigt. In meines Freundes Namen danke ich für Ihre Antwort, sagte er. Baron Arwed wird fortfahren zu beweisen, wie ernstlich sein Bestreben ist, Ihnen und dem Fräulein zu gefallen, und wie es auch kommen möge, so wird er doch immer durch die 306 Gnade des Kaisers ein Schwiegersohn sein, der Ihnen Ehre und Freude macht. Propst Ridderstern zeigte sich an der Thür und hinter ihm ließen sich die dünnen, scharfen Töne eines verstimmten Klaviers hören. Damals war die Kunst, dergleichen Instrumente zu bauen, noch so ziemlich in den Anfängen und in dies äußerste Thule hatte sich überdies um ein Klapperkasten der schlechtesten Art verirrt, der aber dennoch viel bewundert und angestaunt wurde. Weiß lackirt stand er auf vier hohen steifen Beinen und die älteste Tochter des Propstes zeigte, was sie von ihrer Mutter erlernt, in einigen altherkömmlichen Tanzmelodien, welche trotz der falschen Griffe und Mißtöne doch mit Entzücken gehört und von allgemeinem Beifall begleitet wurden. Lange dauerte es nicht, so wirbelte was sich drehen mochte im Kreise herum und Niemand durfte sich ausschließen; selbst die geistlichen Herren konnten der Versuchung nicht widerstehen. Nach einiger Zeit aber, als die Lust am lautesten war, entfernte sich Erich Randal von dem Tanzplatze und durch die Zimmer gehend stand er in dem letzten still. In dem dämmernden Dunkel bemerkte er am Fenster gelehnt eine schwarze stille Gestalt, die bewegungslos blieb, als er näher tretend ihre Hand berührte. Mary, sagte er leise, darf ich noch einmal dich aufsuchen? Warum mich aufsuchen? fragte sie. Um ein offenes Wort mit meiner Freundin zu sprechen. Gib mir deine Hand, theure Mary. Gottes Segen sei mit dir! Meine Hand kann ich nicht geben, sagte sie, ihre Finger zurückziehend. Nicht deine Hand, Mary? Was wünscht der Freiherr Randal von seiner unterthänigen Dienerin? fragte sie mit kalter fester Stimme. Arme Mary! antwortete er, wie schwer muß es dir werden, mich so zu strafen. Hat die Vergangenheit keine besseren Erinnerungen für mich? Was will der Freiherr Randal mit der Vergangenheit und deren Erinnerungen, sagte sie. Vor ihm liegt eine Zukunft, an welche allein er sich erinnern soll. Weil dem so ist, darum müssen wir 307 vergessen, daß es einmal eine Mary Halset gab, die thörichten Gedanken nachhing. Wenn wir vergessen könnten, was wir wollten, entgegnete Erich, würde Vieles auf Erden anders sein. Auch du kannst es nicht; du willst mein Gedächtniß aus deinem Herzen reißen, doch immer wieder wird es kommen und dich bitten mild und gütig zu sein. Freiherr Randal, antwortete sie mit der bestimmten Schärfe, welche an ihren Vater erinnerte, wir müssen zu einem Verständniß kommen, da dies das letzte Mal sein wird, wo wir allein zusammen treffen. Ich lasse unerörtert, was an Freundschaft, oder wie wir es nennen mögen, einst zwischen uns bestand. Mein Vater hat in seiner Weise verfahren, als er sich herbeiließ, Ihnen eine Verbindung zwischen uns wiederholt vorzuschlagen. – Sie haben mir erklärt, was Sie daran hinderte. Zunächst Ihre Mißachtung meines Vaters, dann Ihres eigenen Vaters Willen und Gebote. – Einem Mann, der ein Kainszeichen auf meiner Stirn erkennt, werde ich niemals anhangen können. Ich gab Ihnen Recht und thue dies noch jetzt. Ich zürne nicht, ich hasse nicht; ich bekämpfe Alles, was mich antreiben konnte, Verachtung mit Verachtung zu bezahlen; allein zwischen uns kann keinerlei Gemeinschaft mehr sein. Darum, Herr Erich Randal, wünsche ich Ihnen Glück zu Allem, was Sie beginnen, und danke Ihnen für Ihre Höflichkeit. Sie weisen meine Theilnahme ab, erwiederte Erich sanftmüthig und ich gehorche Ihrem Befehle; doch aufzuhören Ihr Freund zu sein, das vermag ich nicht. Meine Cousine Ebba – Mein gnädiger Herr, fiel die Jungfrau mit scharfem Tone ein, meine letzte eindringliche Bitte ist die, Ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß ich von allen Freundschaftsbeweisen unbelästigt bleibe. Sie waren hart gegen mich, jetzt sind Sie grausam gegen sich selbst, sagte Erich. Das Fräulein sucht Sie, fuhr Mary fort. Gehen Sie zu ihr, trösten Sie sie. Ich glaube nicht, daß Sie Ursach haben, länger hier zu verweilen. Mehr als je und dennoch haben Sie Recht, antwortete er. Leben Sie wohl, liebe Mary, einst vielleicht rufen Sie den Freund zurück. 308 Sehen Sie dort hinauf, da steht ein Stern. Wenn Sie zu den Sternen aufsehen, möge Ihnen immer eine Stimme zurufen: Erich Randal vergißt mich nicht! Zwischen den düstern Wolken funkelte der helle Stern in ihre Augen, als sie das Gesicht an das kalte Glas drückte, und seine Strahlen sprühten sonnenartig in den großen heißen Tropfen, die zwischen ihren Wimpern hingen. Eine Gluth füllte ihr Herz, daß es zerspringen wollte, ein triumphirender Schrei zitterte durch ihre Seele, während ein verzweifelndes Lachen um ihre Lippen zuckte. Wo sind Sie denn, bestes Fräulein Mary? rief Baron Arwed. Ich suche Sie überall. Es soll ein deutscher Walzer getanzt werden. Lieben Sie den? Ganz besonders, erwiederte sie, ihre Augen trocknend. So machen Sie mich glücklich, indem Sie meinen Arm annehmen. Alles, was ich zu Ihrem Glücke beitragen kann, beglückt mich selbst, erwiederte Mary, und ganz erstaunt über diese Antwort, führte er sie freudig in den hellen Saal. Vierzehntes Kapitel. Endlich war der Tag gekommen, an welchem die Reise nach Liliendal begonnen werden konnte. Der Schneefall hatte aufgehört, die Schlittenbahn war gut, der Himmel klar und alle Anstalten getroffen, um den langen Weg in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen. An bestimmten Stellen erwarteten frische Pferde die Reisenden und diese selbst besaßen einen Überfluß von guten Pelzen und Schutzmitteln gegen die Kälte, welche überdies keineswegs empfindlich war. Ihre nordischen Leiber waren daran gewöhnt, ein strenges Klima zu ertragen und sich wohl und heiter dabei zu fühlen, in dieser Jahreszeit aber, wo die scharfe reine Luft alle Nerven stählt, wo der Himmel so wolkenlos blau erscheint, wie zu keiner andern Zeit, die Sonne 309 mit Diamantglanz leuchtet ohne zu wärmen und die Natur in ihren unermeßlichen silbernen Gewändern, wie in einem schönen Feierkleide schlafend liegt, sind die Bewohner des Nordens voller Lust und Geschmeidigkeit, voller Lob auf ihr Vaterland, und voll trotziger selbstbewußter Kraft, um die Verweichlichung des Südens und der Südländer zu verspotten. Die schmalen Schlitten, nur mit einem Pferd in breiter Gabel bespannt, haben höchstens für zwei Personen Platz, von denen eine die Zügel handhaben muß. So geschah es auch hier, denn Otho eröffnete mit dem Kammerherrn Bungen den Zug. Der Freiherr Erich Randal sorgte für Ebba's Sicherheit, Serbinoff, in allen Künsten wohl erfahren, führte Louisa ihnen nach und den Schluß machten die Diener der Gäste. Eine ungeheure viele Meilen lange glänzende Ebene dehnte der Pajäne sich aus, mit seinen Eisspiegeln, auf denen die Sonnenstrahlen wunderbar abprallten, und der glatten, köstlichen Schneebahn, auf welcher die Rosse pfeilschnell dahin jagten. Auf dem erstarrten Rücken des gewaltigen Sees wollte die Gesellschaft den größten Theil ihrer Reise bis nach Heinola hinab zurücklegen; ehe sie jedoch diesen fröhlichen Zug begann, blieb ihr übrig, dem alten Freunde in Lomnäs, dessen Thür sie fast berührten, einen Abschiedsbesuch zu machen. Der Invalide hatte sich fast gar nicht mehr in Halljala blicken lassen. So lange das Wetter böse war, saß er in seinem Hause, das in einem der kleinen Thäler lag, welche sich gegen den Pajäne öffnen, und als der Himmel klar wurde, sprach er zwar einige Male im Schlosse vor, doch nur, um bald wieder aufzubrechen. Es war eine Verstimmung in ihm, die er nicht zu bewältigen vermochte; eine Falte saß zwischen seinen weißen Augenbrauen und sie ging nicht fort, er konnte den alten, spottenden und doch herzlichen Ton nicht wiederfinden. Daß er den Sohn fortgestoßen hatte, der der Trost seines einsamen Alters war, ging ihm tiefer, als er es sich selbst gestehen mochte, und der Anblick des Menschen, um dessentwillen es dahin gekommen, rief eine unwillkommene Erinnerung in ihm wach, die jedenfalls auch durch das Verhalten seiner so lange geliebten Freunde geschärft wurde. Denn Otho hing an diesem Russen so fest, daß er 310 noch immer auf den Knaben schelten mochte, und den alten Major es deutlich genug merken ließ; sein Lieblingskind aber, die kleine Louisa, wich ihm aus, zog sich zurück und Keiner fragte um Nachrichten aus Sweaborg, Keiner sprach von Magnus, um jede weitere Erörterung zu vermelden. Ein Brief von Gustav Lindström war jedoch noch vor der Abreise eingetroffen, der, mit einer ganzen Reihe kräftiger Seemannsausdrücke verbrämt, gemeldet hatte, daß seine Berufung unnütz gewesen sei. Der Frost habe den Hafen gesperrt, noch ehe das Geringste geschehen konnte. Über hundert und vierzig Schiffe aller Art lägen festgefroren, an Fortbringung dieser Flotte sei also nicht mehr zu denken. Magnus Munk sei nun ein Jägercadett in Jägerhorn's Regiment geworden und müsse tapfer sich drillen lassen; sechstausend Mann lägen in der Festung und in Helsingfors und in Borgo, auch kämen fortgesetzt Verstärkungen an, und, wie man sage, sollten alle Regimenter in Finnland zusammengezogen werden, um gegen den Kymene vorzugehen. Aber verdammt seien alle Landratten und verdammt der alte Klingspor, der Generalstatthalter in Finnland sei, dabei jedoch noch immer in Stockholm fest sitze. Am Schlusse hatte Gustav seine Freude ausgedrückt, in Liliendal alle Langeweile zu vergessen. »Ich habe den Freiherrn Wright hier gesehen,« schrieb er, »auch seine Tochter, Frau von Gurschin. Der Teufel soll mich holen, wenn sie mir gefallen, aber sonst sind es prächtige Leute. Die Gurschin ist ein wundervolles Weib, Keiner kann ihr widerstehen. Admiral Cronstedt, so ausgetrocknet er ist, wie ein Schiff, das allen seinen Theer verbraucht hat, setzt seine neuesten Wimpel und Segel auf, wenn sie auf ihn los steuert. Der Admiral wird auch nach Liliendal kommen, was hier irgend dazu gelangen kann, bleibt sicher nicht zurück; wer weiter noch dort ist, weiß ich nicht. Sicher finden wir Russen, Bekanntschaften der Gurschin aus Petersburg, es soll häufig dergleichen Besuch dort anzutreffen sein. Wie es jenseits des Kymene hergeht, weiß Keiner; an Krieg aber glaubt kein Mensch, doch Garde-Kosaken und Husaren habe ich selbst gesehen, als ich neulich in Anjala war, und verdammt will ich sein, wenn Alles in Richtigkeit ist!« Dieser Brief des treuherzigen Seemanns gab viel zu lachen. Serbinoff las ihn selbst und machte allerlei lustige Bemerkungen, und 311 als am Morgen der Abreise die Schlitten vor dem Hause des alten Majors hielten und dieser erfreut ihnen entgegen hinkte, lief Louisa fast wie sonst freudig in seine offenen Arme und klammerte sich um seinen Hals. Nachrichten von Magnus, mein Väterchen! rief sie ihm zu, gute Nachrichten. Er ist wohlauf und muß Schildwacht stehen. Was hast du für ihn zu bestellen, wenn wir ihn sehen? Was sollen wir ihm bringen? Bring' dich selbst, Herzenskind, bring dich selbst! schrie der alte Soldat freudenvoll, indem er sie küßte. Eh! Verlierst den Muth schon? Herein, meine lieben Freunde; ihr dürft nicht von mir gehen, ohne einen Abschiedstrunk. Er führte sie in sein kleines Haus und ließ in Eile herbeibringen, was er besaß, um seine Glückwünsche damit zu segnen. Die schlichte Wohnung zeigte überall, daß Major Munk keinen Überfluß von den Gütern dieser Erde besaß, wie die Menschen sie ersehnen, aber zur Sommerzeit mochte es doch wohl hier freundlich und behaglich aussehen. Sanfte Höhen faßten das Thal ein, die weißen Stämme an den Abhängen bewiesen, daß überall Birkenwald sich ausbreite, und der Bach, welcher jetzt unter dem Schnee begraben lag, mußte einen besonderen Reiz gewähren. Der alte Soldat deutete dies an, als er Louisa nochmals väterlich küßte und seine Hände auf ihren Kopf legte. – Ich will dich erwarten, mein liebes Kind, sagte er, will hören, was du mir für Nachrichten mitbringst. Wir wollen nicht von alten Geschichten sprechen, wirst den alten Vater nicht wieder so lange allein lassen. Bring' mir Grüße von Magnus, mach's mit ihm wie mit mir, du lieber Nix. Er wird auch wieder kommen, der arme Junge wird dir zeigen, wie ein schwedischer Mann aussieht und wir werden wieder an dem Wasserfall sitzen; wirst wieder rufen: Es ist doch nirgends schöner in der ganzen Welt, als bei dir, Vater Munk! Louisa hörte dem alten Invaliden lächelnd zu. Sie sah ihn starr dabei an, bis sie endlich, wie von Bangigkeit überwältigt, eine Bewegung machte, als wollte sie sich entfernen, dann aber ihn um so fester hielt, während Thränen ihre Augen füllten. 312 Hast Furcht, mein Töchterchen, vor der weiten Reise? lachte der Major. Wirst mir viele schöne Sachen erzählen können, wenn wir uns wiedersehen, und kein Mensch auf Erden wird dich lieber erwarten, wie ich es thue zu aller Zeit. Stoß an, mein Nixchen, stoßt Alle an, meine lieben Freunde. Auf ein frohes Wiedersehen, und daß mir Keiner den alten lahmen Soldaten in Lomnäs vergißt, mag's auch noch so hochhergehen bei den vornehmen Herrschaften. Für Jeden hatte der Major noch einen Scherz beim Abschiede, und Ebba sagte er etwas in's Ohr, indem er auf Erich deutete, was sie mit einem Handschlag bekräftigen mußte. Dann stellte er sich auf seine Schwelle, schwenkte seine Pelzmütze und brachte ein letztes kräftiges Lebehoch aus. Bringt gute Nachrichten heim! rief er. Guten frischen Tabak, Erich, extra gute Blätter, um die Friedenspfeife zu stopfen. Bring' dein finnisch Herz zurück, Otho Waimon, damit Satan keinen Theil an dir habe. Die Russen, murmelte er in sich hin, die mag er ohne alle Ausnahme bei lebendigem Leib holen, den dort – er blickte auf Serbinoff, der seine Dame in die Pelze wickelte – den vor allen andern! Von diesem letzten Abschiedswunsche des Invaliden hörten die Reisenden nichts mehr. Ihre Pferde flogen dem Pajäne zu und bald befanden sie sich auf der glänzenden, glatten Ebene, bald donnerten die Hufe ihrer schnellen Thiere über Eisblinken, deren Gekrach den Kammerherrn so ängstlich machte, daß er Otho Waimon fragte, wie tief das Wasser hier sei? Wenigstens vierhundert Fuß! rief Otho lachend, und darüber liegen auf's höchste sechs, oder acht Zoll Eis. Es kommt zuweilen vor, daß die ganze gefrorne Decke in eine wellenförmige Bewegung geräth, und es scheint mir beinahe, als fühlte ich eben jetzt ein solches Schwanken unter uns. Um des Himmels Willen! schrie Baron Arwed, so halten Sie an. Im Gegentheil, je rascher, je sicherer fahren wir! erwiederte der junge Mann, indem er das feurige Pferd antrieb. Seien Sie ohne Sorge! finnisches Eis ist so zähe, wie finnische Haut. Der Kammerherr mußte sich fügen, allein er verwünschte mehr als einmal an diesem Tage die Unbesonnenheit dieses starrköpfigen 313 finnischen Bauers, der ohne alle Rücksicht seinem Eigendünkel folgte. Es geschah aber dennoch kein Unglück, denn mit größerer Sicherheit und genauerer Kenntniß dieser seltsamen Landstraße von Eis konnte Niemand ausgerüstet sein. Auch war Otto Waimon diesmal kein so übler Gesellschafter, als bei der Reise von Abo. Er stritt nicht und machte keine groben Bemerkungen, weit eher war er schweigsam und nachdenkend, antwortete, wenn er gefragt wurde, einsylbig oder gar nicht, häufig aber auch wieder fröhlich und gesprächig, so daß er ersichtlich den verschiedensten Stimmungen unterworfen war. Der Tag verging in angenehmer Weise durch die Gemeinsamkeit der Reisenden, welche in ihren Schlitten sich dicht folgten, und unter frohen Zurufen und kleinen lustigen Abenteuern die verschiedenen Plätze erreichten, wo sie rasten, ihre Pferde wechseln und sich erfrischen konnten. Auf der breiten, freien Bahn ging es dann wieder mit verdoppelter Schnelle weiter und die Berge und Wälder der hohen Ufer flogen zu beiden Seiten reißend schnell vorüber. Die Eintönigkeit der Natur in diesem endlosen weißen Schleppkleide wurde dadurch weniger ermüdend und ganz leblos blieb die ungeheure Fläche nicht, denn zuweilen kamen lange Schlittenzüge zum Vorschein, die mit Holz und mit Heu beladen, von Bauern in dicken Schaafpelzen und hohen Pelzmützen geführt wurden und um sie her jagten, als der Abend sich näherte, dunkelfarbige Thiere in weiten Kreisen, die flüchtig scheu bald in den Wäldern verschwanden, bald wieder daraus hervorbrachen. Die Schlitten mit Heu und Holz, unsern beiden Hauptproducten, beladen, sagte Otho, gehen in die Küstenstädte hinab, denn der Winter ist die Zeit, wo es unsern Bauern allein möglich wird, in leichter Weise mit Hilfe der Seespiegel und der vortrefflichen festen Eisbahn darauf so weit von Haus zu fahren. Sind die beiden Meerbusen erst zugefroren, dann geht dieser Handel und das Wanderleben unserer Bauern erst recht an. In alten Zeiten zogen sie zur Sommerzeit in ihren schnellen Schiffen aus, um fremde Küsten zu verheeren, jetzt hat ihre Abenteuerlust sich friedlich umgekehrt. Aus den verwegenen Seeräubern sind unerschrockene Handelsleute geworden, welche über den bottnischen Meerbusen Karavanenzüge durch die Eiswüste machen, und 314 eben so über den finnischen Busen bis nach Petersburg und Reval gelangen. Seit es ein russisches Finnland gibt, fügte Serbinoff hinzu, ist dieser Winterhandel ein sehr einträglicher geworden. Viele tausend finnische Schlitten kommen nach Petersburg und nehmen manchen blanken Rubel mit zurück. Der wachsende Wohlstand in Wiborg und im ganzen Lande hat eine seiner Hauptquellen in diesem Verkehr, wozu dann freilich auch kommt, daß die Regierung unausgesetzt Sorge trägt, alle Verbindungen zu erleichtern, gute Straßen zu bauen und durch Kanäle den mächtigen Saima-See und dessen reiche Wasserstraßen mit dem Ladoga und dem Meere in Zusammenhang bringt. Gegen diese Bemerkung ließ sich nichts einwenden, denn es war bekannt genug, daß Rußland wirklich große Mittel anwandte, um den Unterschied seiner Sorgfalt für Finnland gegen die schwedische Sorglosigkeit einleuchtend zu machen; aber die Rede betraf einen Gegenstand, den man nicht weiter berühren mochte. Gibt es auch Wölfe in dem gesegneten Rußland? fragte Ebba, als der Graf schwieg, und lachend fügte sie hinzu: Es ist vielleicht Ihrer aufgeklärten Regierung noch nicht ganz gelungen, diese widerspänstigen Unterthanen zum Gehorsam zu erziehen; allein eine höhere Civilisation ist ihnen jedenfalls schon eingeimpft, wie diesen abscheulichen finnischen Wegelagerern, die uns am hellen Tage umschwärmen. Sagen Sie das nicht, Cousine Ebba, fiel Erich ein. Sie haben selbst schon erfahren, daß die finnischen Wölfe friedliche Thiere sind, und unsere Bauern lassen es sich nicht nehmen, daß, wenn ein Unglück vorkommt, ein russischer Wolf es angerichtet hat. Welch ungerechtes Mißtrauen gegen die Vorkämpfer der Zukunft! rief das Fräulein. Alle Wölfe sind tückisch und hinterlistig, sehen aber so unschuldig aus, als könnten Kinder mit ihnen spielen, sagte Otho. Darum müssen sich alle Kinder vor solchen unschuldigen Gefährten wohl behüten, sagte Ebba. Sie thun es dennoch nicht, fuhr Otho fort. Es kommt vor, daß junge Mädchen Wölfe aus den Häusern jagen, wo sie sich zuweilen einschleichen. 315 Wenn sie sie fortjagen, und die Wölfe sich fortjagen lassen, mag es angehen. Ich möchte jedoch behaupten, ein russischer Wolf ist nicht so liebenswürdig, seine Jagd leichthin aufzugeben. Allerdings nein; man hat Beispiele, daß Kinder zerrissen wurden. Aber seltsam genug ist es, was man von den großen Zusammenkünften der Wölfe auf dem Eise erzählt. Gewiß ist, daß im Winter die Seen ihre beliebtesten Tummelplätze sind, und ganze Schaaren dort oft beisammen getroffen werden, was sich aus den Schlittenzügen und aus der freien Umgebung, die jede Gefahr schon von weitem zeigt, erklären läßt. Dagegen behaupten die Bauern, welche über den finnischen Meerbusen fahren, daß dort zuweilen wahre Reichsversammlungen abgehalten werden. Aus Finnland und Rußland treffen die Abgeordneten in Massen ein, setzen sich nieder, stecken die Köpfe zusammen und beginnen geheimnißvolle Unterhandlungen, welche ganze Nächte anhalten. Wahrscheinlich verhandeln sie über die besten Mittel zur Erhaltung ihrer guten Konstitution, meinte der Kammerherr. Oder sie verhandeln über eine gemeinsame Reichsverschmelzung, setzte Ebba hinzu. Oder sie debattiren über Auswanderung und Freizügigkeitsrechte, sagte Erich; denn man will bemerkt haben, daß nach diesen Conferenzen immer einige russische Ansiedler nach Finnland kamen. Um Familienverbindungen anzuknüpfen und höhere Cultur zu verbreiten, lachte das Fräulein. So viel ist sicher, daß es wilde starke Gesellen sind, vor deren fremden Sitten man sich zu hüten hat, versetzte Otho. Wenn die Bauern eine solche Versammlung bemerken, fahren sie sogleich alle ihre Schlitten in einen Kreis zusammen, die Pferde nach innen, und zünden dann rund umher Feuer an. So ist die Aufklärung also das beste Mittel, um sich vor dem Wolfe zu behüten! rief Ebba. Daher wünsche ich, daß ein Jeder sich das merke, der in Dunkelheit umherirrt. Serbinoff hatte nur mit wenigen scherzenden Zwischenworten sich in dies Reisegeplauder gemischt, aber er flüsterte dafür mit seiner Nachbarin und lachte mit ihr. 316 Fürchten Sie sich auch vor dem russischen Wolf? fragte er leise. Warum sollte ich ihn fürchten, wenn Alexei bei mir ist? antwortete sie. Ja, Alexei wird dich vor allen Wölfen behüten, vor allen, die dich mir entreißen wollen, murmelte er. Wir müssen vorsichtig sein, Louisa. Vertrauen Sie Keinem, als mir allein. Sie lächelte ihm zu, Ihre Augen glänzten durch die Dämmerung des Abends, der sein rothes Licht um die weißen Berghäupter band. – Wir werden in Liliendal viele Menschen finden, die uns beobachten, fuhr er fort. Das wird uns größeren Zwang auflegen. Ruhig, theure Louisa – ich werde Mittel finden, damit wir ungestört uns entschädigen können. Sie war erfreut über seinen Trost. O! das wünsche ich sehr, sagte sie. Die vielen fremden Menschen werden mich peinigen. Otho geht es ebenso. Hat er mit Ihnen noch etwas gesprochen, was ich nicht weiß? fragte Serbinoff. Nicht viel, sagte sie. Er ist seit einiger Zeit viel stiller und in sich gekehrter, als früher. Heut früh nahm er mich in seine Arme und küßte mich; aber er war sehr ernsthaft dabei. Ich fragte ihn, warum er mich so sorgend betrachte? Gehst du denn gern mit uns nach Liliendal? antwortete er. Ich sagte ja, er gehe ja auch dahin, und Alexei sei mit uns. Da lachte er, nickte mir zu und sah mich so wunderlich an, daß ich meinen Kopf an seine Brust drückte. Ich möchte lieber hier bleiben, rief er endlich; aber es muß so sein, und wer weiß denn, Louisa, ob wir wieder zurückkehren? Es wird uns doch kein Unglück begegnen? sagte ich erschrocken. Auch was wir Glück nennen, kann es ja sein, antwortete er. Möchtest du nicht auch aus dieser Hütte, um eine glänzende Dame zu werden, die einen Palast bewohnt? Es wird dir gefallen, wenn du in Liliendal das bunte Leben siehst. Wo du bist, Otho, da will ich auch sein, sagte ich, und er – Er! fiel er ein und faßte mit beiden Händen meinen Kopf, armes Kind, nimm dich in Acht! Glaube nicht zu viel! 317 Sagte er das? murmelte Serbinoff. Ist er nicht unser lieber treuer Freund? sagte ich ihm. Das ist er, antwortete er, ein edler stolzer Freund, dem ich ja selbst vertraue. Wir werden sehen, Louisa, wessen Hand uns leitet. Es könnte jedoch sein, daß wir uns trennen müßten, daß ich weit fortginge und dich zurückließe. In wessen Schutz sollst du dann bleiben? Als er dies sagte, wurden wir unterbrochen. Jem rief ihn hinaus, und wie er zurückkehrte, kamen Sie mit ihm; Alles war gut! Er bat mich nur noch, freundlich gegen den alten Vater Munk zu sein, und Sie stimmten ihm bei. Alles wird sich gut gestalten, erwiederte Serbinoff. Ich hoffe, theure Louisa, daß in kurzer Zeit Ihr Bruder mir Gelegenheit gibt, ihm mein ganzes Herz zu öffnen. Bis dahin wollen wir uns gedulden. Wenn es aber so sein sollte, wenn er fortginge und Sie zurückließe, soll Niemand Sie schützen als ich. Kein Anderer als Ihr Freund Alexei. Ich sehe ein Licht! rief Ebba, und mit diesem Ausrufe zugleich sagte Otho: Es sind die Lichter von Heinola, die uns einladen, unsere Plätze am warmen Herde und am gedeckten Tische einzunehmen. Das waren erfreuliche Aussichten für Baron Arwed, der dadurch in die versöhnlichste Laune gesetzt wurde. Die Dunkelheit war jedoch schon vollständig und Nebel verdichteten sie noch mehr, ehe der kleine Ort erreicht wurde, welcher am immer schmaler werdenden Ende des Pajäne liegt. Am nächsten Morgen fuhren die Schlitten dann südwärts weiter gegen die Küste hinab, überstiegen den Bergzug, welcher sich östlich gegen den Kymene zieht und jagten durch die langen tiefen Thäler, deren malerische Wildheit selbst von ihrer winterlichen Decke nicht ganz eingehüllt wurde. Noch war der Frost nicht so stark, um die Gewässer bis auf den Grund frieren zu lassen; noch brausten Bäche von Felsen herunter und sprangen über Blöcke und Trümmer, die von dem Sprühregen in ungeheure Eispyramiden und Säulen verwandelt waren. Eisgewölbe hatten sich über die fallenden Wasser gebildet, und in seltsamer Weise zischte und kochte die bewegliche 318 Masse in diesen erstarrten Schalen, welche mit unwiderstehlicher Macht sie immer dichter umschlossen, um endlich den letzten lebendigen Tropfen zu tödten. Schwarze endlose Wälder hingen auch hier von jähen Bergen in die Thäler hinab. Doch diese zeigten mit ihren dichter stehenden Hütten, daß die Bevölkerung beträchtlicher sei als im inneren Lande. Zugleich war es nicht zu verkennen, daß Menschen schwedischer Abkunft sich zwischen den Finnen angesiedelt hatten. Denn aus dem hohen Schnee, welcher die Dächer bedeckte, ragten verschiedentlich Schornsteine auf, welche ihre Rauchsäulen in die Luft schickten, während an den meisten anderen Gebäuden der Qualm aus den verschiedenen Löchern und Ritzen über Fenstern und Thüren sich seinen Weg suchte. Damals war der Schornstein noch viel mehr, als es gegenwärtig der Fall ist, das untrügliche Zeichen, daß eine schwedische Familie sich unter ihm eingenistet habe; denn, wie der niedersächsische deutsche Bauer noch jetzt den Rauch durch Haus, Tenne und Stall streichen läßt, die sich sämmtlich unter seinem Dache vereinigen, damit das Vieh besser fresse, das Futter um so schmackhafter werde, das Fleisch besser räuchere, Thier und Mensch besser gedeihe, und was der vielen guten Gründe mehr sind, durch welche er sich hartnäckig den Schornstein vom Leibe hält und seine sächsische Abkunft unangetastet bewahrt: so auch der Finne, der eine angestammte Verachtung gegen jene fremde schwedische Sitte und eine eben so innige Zuneigung für Unordnung und Unreinlichkeit besitzt, trotz seiner Badstuben und der damit zusammenhängenden Gewohnheiten. Die Reisenden konnten vielfach bemerken, wie arm und unwissend der allergrößte Theil dieses Volkes sei, wie elend seine Hütten neben den mancherlei großen Schlössern und Häusern, welche den reichen Baronen des Landes und den geistlichen Hirten gehörten, und doch war auch hier der Menschenschlag ein schöner und kräftiger. Prächtige Männergestalten wickelten sich aus den dicken Pelzen und sprangen in ihren flatternden Wollröcken den Reisenden entgegen. Eine besondere Gelenkigkeit war an ihnen zu bemerken; höflich und gesprächig waren sie Alle. Wenn das helle Feuer von dem Herde aufloderte und die Gesellschaft vor den hochschlagenden Flammen sich wärmte, bis die 319 neuen Pferde kamen, vergaßen sie den Rauch und die blinden, kleinen, zerbrochenen und verklebten Fenster über die Freundlichkeit, mit welcher ihnen jeder mögliche Dienst geleistet wurde; aber der Unterschied zwischen den Zuständen des Landvolks in Halljala machte sich überall geltend. Selbst der Kammerherr konnte nicht umhin, Erich Randal zu fragen, ob denn die Leute auf seinen Besitzungen wirklich früher in demselben Elend gelebt hätten, und als der Freiherr versicherte, daß es vor seines Vaters Zeiten wohl noch ärger dort ausgesehen, wagte er nichts gegen die Lobsprüche einzuwenden, welche seine Schwester für Erich im reichsten Maße hatte. Der Weg, welcher an diesem Tage zurückgelegt werden sollte, war bei weitem nicht so groß, als am vorhergehenden; dennoch kam der Abend heran, denn Berge und Thäler wechselten beständig, und verschiedene Male mangelte es an Pferden. In mehreren kleinen Orten wurden Soldaten gemustert, in anderen standen Kanonen und Wagenreihen an der Straße. Auf Befragen hörten die Reisenden, daß mehrere Regimenter in der Gegend lägen, die, seit einigen Tagen von Westen her eingetroffen, die Besatzungen der Grenzlinie verstärken sollten. Der kriegerische Lärm und das Ungewöhnliche dieser winterlichen Soldatenzüge hatten die Einwohner wohl erschreckt; allein der Glaube war auch hier allgemein verbreitet, daß es nichts zu bedeuten habe. Übereinstimmend versicherten die Bauern, die großen Herren zankten sich wieder einmal, daher würden arme Leute durch Schnee und Eis gehetzt. Die Russen aber dächten nicht daran, über den Kymene zu kommen bei solcher Winterzeit, wo es in Finnland nichts zu holen gäbe, und der König würde sich mit seinem Schwager schon wieder vertragen. Was der Verstand der Verständigen nicht sieht, lachte der Baron, das findet in Einfalt das fromme Gemüth! Wo soll Krieg herkommen in diesem Lande ohne Städte, ohne Hilfsmittel, voller Wüsten, obenein jetzt im Winter, wo in einer Nacht das ganze Heer erfrieren müßte. Mit dreifachen Pelzen wäre ich ein todter Mann. Krieg führt man nicht mit Kammerherrn und Baronen, antwortete Otho. Nordische Soldaten aber scheuen den Winter nicht, und ohne Zweifel ist es wahr, daß Finnland in dieser Zeit leichter anzugreifen 320 ist als im Sommer. Alle unsere Seen sind dann feste Straßen, alle Flüsse sind gefroren, das ganze Land ist ein breiter Weg, der nach allen Seiten hin betreten werden kann. Dazu kommen die unendliche Menge von Fußsteigen und Pfaden, welche nach allen zerstreuten Höfen führen. Ja, wirklich, rief er umherschauend, es ist ein Irrthum zu glauben, der Winter sei uns ein besonderer Schutz. Ist die Schneedecke erst festgefroren, trägt sie Reiter und Kanonen mit aller Sicherheit. Wenn ein entschlossener Feind sich gehörig vorgesehen hat, kann es ihm glücken, und wäre ich ein General, der Finnland erobern wollte, würde ich mich vor Schnee und Kälte am wenigsten fürchten. Es steckt am Ende noch ein berühmter Feldherr in unserem scharfblickenden Vetter! lachte Arwed. Feldherrn behalten aber gewöhnlich ihre Gedanken für sich, fiel Ebba ein. Er erobert Finnland eines schönen Winters, sagte Serbinoff, und proklamirt die finnische Republik. Und am Pajäne wohnen wir dann Alle, flüsterte Louisa. Sie setzten ihre Reise fort, und bald darauf lag Liliendal vor ihnen, hellschimmernd und neu, ein stattlicher Landsitz, dessen lange Fensterreihen von der Sonne überglüht wurden. Erwartungsvoll hingen alle Blicke an dem großen, schloßartigen Bau, der sich über einem breiten, anscheinend viel bewohnten Thale erhob. Nicht weit davon lag der Häuserhaufen eines Städtchens, viele zerstreute Höfe waren bis in weite Ferne zu erkennen, und dieser gesammte Besitz gehörte dem Freiherrn. Er ist wohl sehr reich? fragte Arwed. Wirklich reiche Familien haben wir kaum noch in Finnland, erwiederte Erich. So groß der Bodenbesitz auch sein mag, soll doch die Zeit erst kommen, wo er bedeutenden Werth erhält; bei wachsenden Bedürfnissen aber und unbeschränkter Gastfreiheit sinkt die Wohlhabenheit häufig weit eher, als sie zunehmen könnte. Was Erich andeutete wurde bald genügend verstanden, als die Reisenden vor dem Schlosse anlangten und in den Hof einfuhren, der einen bedeutenden Raum umschloß. Gärten schlossen sich unmittelbar daran, welche zur Sommerzeit überall berühmt waren. Ein hohes Treibhaus ließ seine Glaskuppeln sehen, nirgend war ein 321 Wirthschaftsgebäude in der Nähe des prächtigen Herrenhauses zu entdecken, dies selbst aber wurde durch Säulen verziert, die einen großen Balcon mit vergoldeter Umgitterung trugen. Als die Schlitten vor den Stufen der breiten Freitreppe anlangten, sprangen ein halbes Dutzend reich gekleidete Diener herbei, Puder im Haar, stattliche Zöpfe und Locken hinten und an den Seiten. – In wenigen Minuten befanden sich die Gäste in der Vorhalle, wo in zwei mächtigen mit Marmor verzierten Kaminen helle Feuer brannten, und hier kam ihnen der Besitzer des Schlosses entgegen, an seinem Arme eine schöne, geschmückte Dame, die mit anmuthiger Lebendigkeit auf Ebba zueilte, sie umarmte, küßte und mit wunderbarer Schnelle ihr in französischer Sprache ihre Freude und ihr Entzücken, sie endlich hier zu sehen, ausdrückte. Fünfzehntes Kapitel. War der erste Empfang im Hause des Freiherrn Wright ein ausnehmend herzlicher gewesen, so ließen die nachfolgenden Tage eben so wenig eine Abnahme der Aufmerksamkeiten merken, wenn auch nach und nach die Zahl der Gäste sich vermehrte. Das Schloß, so groß es war, besaß keine unwohnlichen Räume, wie Hompus Randal's düsterer Bau, auch keine Hallen mit verblindeter und vermoderter Pracht, keine aus dem dreißigjährigen Krieg herkommende, zusammengewürfelte Geräthe. Der Freiherr hatte sein Schloß vor einigen Jahren umgebaut und noch mehr vergrößert. Deutsche Arbeiter hatten dabei geholfen und aus Petersburg hatte seine Tochter, Frau von Gurschin, erst im letzten Sommer eine Auswahl prächtiger Geräthe aller Art, französische Polsterarbeiten, ausgelegte feine Mobilien, Broncen, Seidenbehänge und Stickereien, sammt englischen Fabrikaten herüber gesandt, denen sie selbst endlich nachfolgte. Alle Gemächer des Schlosses waren daher in neuer und geschmackvoller Weise ausgestattet, und diese steigerte sich bis zum 322 ausgesuchten Luxus. Staunend über alle diese Wunder, von denen sie bisher nichts ahnte, ging Louisa darin umher; kaum wagte sie die vielen herrlichen, blitzenden Dinge zu berühren, kaum die blumenvollen Teppiche zu betreten, und mit Entzücken stand sie vor großen Bronceuhren, vor farbenschimmernden Kronleuchtern von Glas und Gold, vor köstlich gemalten Vasen und vergoldetem Porzellan. Der Freiherr war ein kleiner, schmaler Herr, der in seiner Jugend lange im Auslande und an Höfen lebte, bis er sich hierher zurückzog. Ein gewisses hofmännisches Wesen schimmerte auch jetzt noch durch seine Manieren, und seine Augen hatten einen leichtfertigen Ausdruck von Unbesorgtheit und Eitelkeit, Eigenschaften, welche sich auch in seinen Gesprächen deutlich genug erkennen ließen. Seine Frau war todt, dies hinderte ihn jedoch nicht, sein Haus fortgesetzt zum Sammelplatz zahlreicher Freunde und Gäste zu machen, und seitdem seine Tochter als Wittwe zu ihm zurückgekehrt war, wurde Liliendal nicht mehr leer von Besuchen. Bei den eigenthümlichen Verhältnissen, welche während der letzten Monate eintraten, kamen in diesem Schlosse Männer zusammen, deren Begegnen man leichter auf einem Kampfplatze, als in einem strahlenden Ballsaale vermuthen durfte, die aber nichts desto weniger mit zuvorkommender Geselligkeit hier verkehrten. Frau von Gurschin hatte unter den Garderegimentern, welche in das russische Finnland eingerückt waren, zahlreiche Bekannten, die sonst in Petersburg in ihren Kreisen erschienen; es war daher natürlich genug, daß diese ritterlichen Offiziere ihre Freundin in Liliendal aufsuchten. Anderseits war die schöne, junge Wittwe auch die Nichte des Dragonerobersten Wright, und mit diesem Oheim erschienen manche andere, schwedische Kriegsmänner im Hause ihres Vaters. Oberst Jägerhorn kam, wenn er in Sweaborg verweilte, sehr häufig, und als die Veste auf den sieben Inseln im Meere immer stärkere Besatzung erhielt, Admiral Cronstedt als ihr Commandant eintraf, das kriegerische Leben umher immer regsamer wurde, gab es auch in Helsingfors mancherlei Lustbarkeiten, bei denen Frau von Gurschin nicht fehlte. Die Besuche und Feste im Schlosse Liliendal wurden dadurch noch mehr befördert, und eben als die Verwandten aus Halljala eintrafen, fanden sie 323 Vorbereitungen zu einem glänzenden Balle und langanhaltenden Gastereien, bei denen diesmal der Admiral selbst erscheinen sollte. Es hatte jedoch noch Zeit damit, und für die nächsten Tage konnte die schöne Dame ziemlich ungestört sich mit ihren neuen Umgebungen befreunden und belustigen. Sie that dies auch mit aller der liebenswürdigen Laune aus der Fülle einer immer heiteren und sorglosen Herzlichkeit, die sich bis zur Ausgelassenheit steigern konnte, und bald in natürlichster Weise zur vertrauten Annäherung gelangte. Constanze Gurschin hatte den lebhaften, leichten Sinn ihres Vaters, und reizender konnte nichts sein, als ihr muthwilliges Geplauder, ihr Lachen, ihre witzigen Einfälle und Spöttereien, die sie mit den versöhnlichen Blitzen ihrer großen, feurigen Augen begleitete. Sie war klein von Gestalt, ihr Gesicht voll und fleischig, und wie ihre ganze Gliederung üppig gerundet, aber die Schönheit ihrer Arme und Hände wurde dadurch noch mehr erhöht, und die kleinen Füße verloren nichts an Zierlichkeit. Sie war in dem Alter der vollsten Reife aller weiblichen Vorzüge, und ihre Fülle mochte zu bedenken geben, daß die Stunde der Umkehr nahe sei, allein noch war diese nicht da, und noch warf ihre außerordentliche Beweglichkeit und geistige Regsamkeit einen anmuthigen Zauber über sie, dem so leicht sich Niemand entziehen konnte. Mit Ebba in die Beziehungen vertrauter Freundschaft zu treten ließ sie sich Anfangs besonders angelegen sein, bald jedoch mußte sie bemerken, daß die Gegensätze so verschiedener Naturen weit eher sich abstoßen als anziehen mochten. Statt dessen beschäftigte sie sich mit Louisa, und wie es nicht anders sein konnte, mit dem Kreise der Männer, aus denen sie ihren Hofstaat immer zu bilden wußte, und immer einen solchen nöthig hatte. Ebba Bungen war nicht weniger erregbar als Constanze Gurschin, ihre muthwillige Laune gab sich gern zwangloser Fröhlichkeit hin, ihre Empfindungen belebten sich rasch und ihre Gedanken folgten unbedenklich dem Zuge jeder Bewegung, allein sie ließ sich davon doch niemals fortreißen, und bald gab es eine Grenze, worüber hinaus sie der gefallsüchtigen Frau nicht folgen mochte, und nicht folgen konnte. Nach dem ersten Tage schon machte sich dies Bewußtsein auch bei den beiden Damen bemerklich. Frau von Gurschin fühlte, daß etwas 324 zwischen ihnen sei, das sich nicht überwinden lasse, und sie scherzte darüber zunächst mit ihrem Bekannten und Verwandten, Erich Randal, als sie mit diesem in dem großen Gewächshause umherging, wo sie mit ihm die mancherlei fremden Pflanzen und Blumen betrachtete, welche sein besonderes Interesse erregten. In ihren großen Sammetmantel gewickelt, der mit dem kostbarsten Zobelpelz verbrämt war, ging sie neben dem Freiherrn her, der ihr beredt viele dieser Gewächse bei ihren gelehrten Namen nannte, und von Linné, Buffon, Jussieu, Decandolle und Humboldt sprach, während sie ihn verspottete und auslachte, als das einzige Mittel sich nicht zu langweilen. Warum haben Sie in Halljala keine Treibhäuser? fragte sie endlich. An einem würdigeren Orte könnten diese nicht stehen. Ich werde auch dazu kommen, antwortete Erich freundlich, denn ich denke schon lange daran. Sobald ich irgend Zeit und Mittel dazu besitze, werde ich mich an die Ausführung machen. Wie ich glaube, ist Ihre Zeit gegenwärtig durch andere fremdartige Gewächse in Anspruch genommen, sagte Frau von Gurschin, und Sie finden die Beschäftigung mit diesen jedenfalls äußerst anziehend. Erich Randal hob seine blauen tiefschimmernden Augen zu ihr auf und lächelte ihr zu. So muß es wohl sein, sagte er, ich will es nicht leugnen. Seit wir uns nicht sahen, lieber Erich, haben Sie, wie ich mich überzeuge, in Ihren gelehrten Höhlen die interessantesten Studien gemacht, spottete sie weiter; auch zweifle ich nicht, daß die liebe Cousine Ebba Ihnen dabei Gesellschaft leistete. Ebba besitzt wirklich Neigung zum Lernen und zu den Büchern, versetzte er. Sie hat mir oft Gesellschaft geleistet, und wir haben manche freudige Stunde zusammen verlebt. Auf Abschlag der freudigen Stunden, die noch kommen sollen, fiel sie ein. Welche himmlische Aussicht für Sie, theurer Erich. Viele schöne lange Winter werden Sie dann in ungetrübter Seligkeit vorübergehen sehen, und welche Studien werden erst beginnen, wenn die Gewächshäuser fertig sind. Ich wünsche Ihnen aufs herzlichste Glück zu allen Genüssen, die Ihnen bevorstehen. 325 Ich darf diese Glückwünsche zwar noch nicht annehmen, erwiederte er mit seiner gewöhnlichen Sanftmuth, allein ich will doch gestehen, daß sie mit meinen Wünschen übereinstimmen. Nur Geduld, blöder Cousin, lachte die schöne Frau, es wird sich Alles zu Ihrer Freude erfüllen. Meine liebe Ebba spricht von Ihren Tugenden wie von einem Heiligen. Sie müssen später jedenfalls zur russischen Kirche übertreten, um canonisirt zu werden; aber ich freue mich aufrichtig über Ihre Wahl. Trefflicher, passender konnte keine sein. Meine sinnige Freundin wird in den Einsamkeiten am Pajäne wie eine gütige Fee umherwandeln. Ihr werdet Beide ein gottergebenes, tugendhaftes Leben führen, und sogar eine Sünderin, wie ich bin, in euren Gebeten nicht vergessen. Mit verstellter Demuth hing sie sich dabei an seinen Arm und brach dann in lustiges Lachen aus. Machen Sie kein so vergebungsvolles Gesicht, heiliger Erich, fuhr sie fort, ich bin durchaus ernsthaft. Ebba ist unendlich liebenswürdig, echt schwedisch liebenswürdig, verständig, und darum paßt ihr so vortrefflich zusammen. Aber was haben Sie uns weiter für allerliebste Geschenke mitgebracht? Ich meine damit nicht den geistvollen Kammerherrn, auch nicht meinen alten Bekannten aus Petersburg, an den ich keine Kritik zu legen wage. Ich meine die beiden halbwilden Geschwister aus den Wüsten von Savolax, unsere theuren Verwandten, in deren Adern das Blut Wainemonen's, des finnischen Apollo's, rollt. Nein, in voller Wahrheit, fuhr sie fort, ich bin Ihnen dankbar dafür und wir Alle. Da ist Naivetät, Leben, Feuer, Phantasie. Was seid ihr dagegen mit eurem schwedischen kalten Blut, mit euren ewig frierenden Herzen! Ich glaube nicht, daß man den schwedischen Herzen diesen Vorwurf machen kann, erwiederte Erich. O! Ihr seid kalte Phantasten, lachte die schöne Frau. Ihr könnt euch für eure Einbildungen opfern, könnt die thörichtsten Tollheiten aushecken und dafür schwärmen, könnt für eure eigensinnigen Launen tugendhaft sein und Verbrechen begehen, die leichtfertigsten Streiche und große Thaten verüben; nur muß Alles hübsch mit Gründen belegt werden, Alles wohl bedacht und mit den besten Beweisen versehen sein. Das ist die Natur des Nordens, sagte Erich. 326 Falsch! rief Constanze Gurschin, der Norden thut es nicht; es liegt in euren phantasielosen Köpfen. Euer Stamm ist dem Vertrocknen nahe. Ich denke, erwiederte der Freiherr, indem er die lebhafte Frau lächelnd anschaute, daß Sie selbst den besten Beweis geben, wie es uns an Phantasie nicht fehlt. Ich – o, ich! antwortete sie, ich lehne diese schmeichelhafte Einladung ab, ich gehöre nicht zu euch. Hätte mein Schicksal mich nach Stockholm geführt, gütiger Himmel! was würde aus mir geworden sein. Vielleicht hätte ein geistreicher Kammerherr mich beglückt, und ohne Zweifel wäre ich dann eben so gedankenreich, gelehrt und liebenswürdig geworden, wie ich jetzt Gelegenheit habe, mich an den edelsten Beispielen zu bilden. Aber der Wille Gottes und seiner Heiligen führten mich nach Petersburg, und was konnte dort Anderes aus mir werden, als ein sündiges, nach allen Lebensgenüssen strebendes Weltkind. In diesem großartigen Gewühl, im Mittelpunkt eines Weltlebens, umringt von wunderbarer Pracht und Herrlichkeit, Macht und Größe aller Art, von den ungeheuersten Glückswechseln und den abenteuerlichsten Menschenschicksalen, fließt ein Leben dahin, ehe man sich darauf besinnen kann, was wahr, was falsch sei. Täglich neue Hoffnungen, täglich neue Freuden, überhaupt täglich etwas Neues. Und täglich neue Täuschungen und neue Qualen, sagte Erich. Armer philosophischer Freund! wie sehr täuschen Sie sich. Nichts Quälenderes ist mir von diesem schrecklichen Lande geblieben, als die Sehnsucht, so bald als möglich wieder in seinen Labyrinthen umherzuirren, und keine Stunde länger, als ich muß, will ich in diesem finnischen Paradiese bleiben. Sie müssen bleiben? fragte Erich. Von den Verhältnissen und den Wünschen meines Vaters gezwungen, fuhr sie fort, und glücklicher Weise gibt es doch wenigstens auch hier jetzt einige Abwechselungen, durch den Streit zwischen dem Hohenpriester aller Lächerlichkeit in Stockholm und dem Heros unserer Zeit, dem erhabenen Kaiser Alexander, herbeigeführt. In nächster Woche werden Sie über die Vorzüge zweier Völker urtheilen können, mein weiser Cousin. Wir erwarten aus Fredenham Besuch von General 327 Suchtelen, der in seinem Stabe eine Auswahl liebenswürdiger Offiziere mitbringt, darunter einen Dolgorucki, einen Panin und Andere aus den höchsten Kreisen. Aber auch Admiral Cronstedt wird kommen, und die Blüthe seiner Schweden soll einen edlen Wettkampf beginnen, das heißt einen Wettkampf im Tanzsaale und um die Gunst der Schönen, die dort zu erobern sind. Ein eigenthümliches Vorspiel zu ernsteren Kämpfen, erwiederte Erich nachdenklich. Auf keinen Fall wird viel daraus werden; auch dürfen Sie nicht so entsetzlich ernsthaft dabei aussehen, fiel Frau von Gurschin ein. Es ist ritterlich schön, wenn die Gegner trinken, lachen, tanzen, dann aber, wenn die Stunde da ist, zu den Schwertern greifen. So war es in den alten chevaleresken Zeiten, für diesmal jedoch werden hoffentlich tapfere Männer auch klug sein und nach schwedischer Sitte wohl überlegen, was sie thun. Jeder sehe, wo er bleibe, heißt es im alten Sprichwort. Mein Vater und mein Oheim scheinen nicht daran zu glauben, daß es viele heißblütige Narren gibt, die einen Aderlaß nöthig haben. Jedenfalls werde ich im nächsten Winter in Petersburg sein und gebe mich der Hoffnung hin, auch Sie dort zu finden, Cousin, an Ebba's Seite botanisirend und neue tiefsinnige, große Wahrheiten entdeckend. Trotz Ihrer philosophischen Gleichgiltigkeit werden Sie mir dabei zugeben müssen, daß auch die Philosophen zuweilen zu Poeten werden. Philosophen wie Poeten sind noch niemals in den Genüssen der Welthauptstädte und an Kaiserhöfen sonderlich gediehen, sagte Erich Randal lächelnd. Ohne Eines von Beiden zu sein, werden meine Augen doch schwerlich jemals den modernen Heros Alexander erblicken. Dann ist er, wie ich erwarte, so artig und kommt zu Ihnen, um seinen finnischen Diogenes kennen zu lernen, lachte die übermüthige Frau. Verlassen Sie sich darauf, so wird es geschehen. Aber vielleicht haben Sie Recht. Bleiben Sie ein Philosoph und handeln Sie danach. Halten Sie alle störenden Ereignisse weit von sich ab; denn selig sind die Friedfertigen, und Wohlgefallen hat der Herr an den Schuldigen. Dort kommt ein Mann, dem ich andere Dinge zutraue, Einer, der in Petersburg sich besser gefallen wird. 328 Mit diesen Worten deutete sie durch ein Fenster hinaus, und Erich Randal sah Otho und Serbinoff in einiger Entfernung zwischen den Bäumen. Es gehörte zu den Vorzügen der Einrichtungen dieses Schlosses, daß auch seine nächsten Umgebungen sorgfältig vom Schnee gesäubert und die Wege mit Kiessand bestreut waren. Serbinoff trug seine goldgestickte prächtige Uniform. Sein scharf gekrümmter türkischer Säbel in rother Scheide hing an einer reichen Borte, seine hohe kräftige Gestalt, in das knappe Kleid gezwängt, ließ alle Formen auf's Vorteilhafteste hervortreten. Neben ihm ging Otho, in seinem geschnürten Pelzrock nicht weniger stattlich, und wohlgefällig ruhten die Augen der schönen Wittwe mit Kennerblicken auf ihm. Wenn diese Beide in den Petersburger Salons erschienen, sagte sie nach einer schweigenden Betrachtung, will ich wetten, unser wilder Vetter trüge den Sieg davon. Und hier kommt unsere süße kleine Louisa, die wie eine verzauberte Prinzessin umherwandelt und die unbegreiflichen Wunder anstaunt. Ein lieblicheres Kind habe ich nie gesehen, sie entzückt mich mit ihren Einfällen, ihren Fragen und ihren köstlichen Bemerkungen. Das sind Menschen für uns, Cousin Erich. Voller Poesie, voller Feuer, voller Einbildungskraft. Es ist beneidenswerth, sie in die Welt zu führen, und diese Knospe in die Botanik des Lebens einzureihen, damit sie nicht unbekannt zwischen Felsen und Dornen verblüht. Louisa sprang in das Gewächshaus und eilte mit einem Freudenruf ihrer Gönnerin entgegen, schlang ihre Arme um sie mit Küssen und Fragen, bewunderte den Putz der schönen Frau, blickte mit Staunen und Freude in ihre glänzenden Augen und in ihr Gesicht und sagte ihr dann, was sie dachte, mit solcher unbefangenen heiteren Offenheit, daß Constanze Gurschin laut lachend sie dafür mit den zärtlichsten Liebesnamen und mit Scherzen überschüttete. Während dies geschah, war Otho Waimon mit seinem Freunde weiter gegangen und zwischen den Tannen, die ihr Geäst bis dicht am Boden ausbreiteten, verschwunden. Sie führten ein Gespräch, bei dem sie endlich stillstanden und es beendeten, ehe sie zurückkehrten, um nicht darin gestört zu werden. 329 Ich reise heut Abend, sagte Serbinoff, und gehe, wie ich dir schon mittheilte, nach Wiborg, um mich dem Grafen Buxthövden vorzustellen. Gern will ich Alles thun, was du wünschest, und aufrichtig freue ich mich, daß du zu einem Entschlusse gekommen bist. Der General, den ich genau kenne, und der mit meiner Familie innig verbunden ist, wird mit Freuden meine Bitte bewilligen. In wenigen Wochen, lieber Otho, wirst du in seiner Nähe sein und bei mir, in meiner Nähe, was mich auf's Innigste beglückt. Ich sehe ein, erwiederte Otho, seine Hand drückend, daß ich fort muß. Ich will, ich muß! setzte er mit Nachdruck hinzu, indem er vor sich niederblickte. In Serbinoff's Gesicht schimmerte ein eigenthümliches verstecktes Lächeln. Da du mußt, sagte er, so brüte auch nicht länger über die Schmerzen einer Trennung, welche dir wohlthun soll. Ich fühle dein Leid mit dir, ja, ich möchte dir die Erfüllung deiner Herzenswünsche gönnen; denn Ebba – Nenne den Namen nicht! rief Otho, rasch aufblickend, ich werde ihn vergessen. In ihrer Nähe mag ich nicht leben, kann ich nicht leben! Darum thust du Recht, zu gehen und zu handeln, wie ein Mann handeln muß, sagte Serbinoff. Du wirst sie vergessen und sie wird dich vergessen, um so eher, da es zweifelhaft ist, ob sie je ernsthaft an dich gedacht hat. Glaube, was du willst, fuhr er fort; allein vergiß nicht, daß sie ihre Wahl getroffen hat. Ein Weib, das liebt und bei alledem doch einem Andern ihre Hand reicht, ist wahrlich kein Gegenstand, um sich allzu sehr um sie zu betrüben. Außerdem, fuhr er fort, sind alle Verhältnisse dir entgegen. Vertraue jetzt dem Glück und dem Muth. Wirf dich in den großen Strom, ich will dich schwimmen lehren. In wenigen Jahren wirst du andere Ansprüche machen können; andere Weiber werden dir entgegenkommen. Du wirst wählen können und wirst willkommen sein. Glaube mir, eine Zukunft winkt dir zu, die dir Ehren und Reichthümer verheißt. Ergreife sie und frage nicht. Zunächst einen Tod in Ehren! murmelte Otho düster vor sich hin. 330 Denke nicht daran, erwiederte Serbinoff. Wer bestimmt ist zu leben, den verschonen die Kugeln. Es gibt Auserwählte, die eine höhere Macht beschützt, denen kein Tod nahen kann. Ich glaube, daß du zu diesen gehörst, Etwas in mir ruft mir zu, daß es keine Gefahr gibt, aus der du nicht glücklich hervorgehen wirst. In Otho's Augen flammte es feurig auf. Es ist mir so, sagte er, als müßte ich es glauben. Dein Vaterland braucht einen Befreier, fuhr Serbinoff fort. Der unfähige Mann auf Schwedens Thron stürzt in sein Verderben. Wenn es je eine Zeit gab, um an Befreiung Finnlands von schwedischem Joche zu denken, so ist diese jetzt gekommen. Glaube nicht, daß dies leere Worte sind, daß die Tage der Kaiserin Elisabeth sich wiederholen können, daß Alexander euch täuschen wird, wie sie es that. Finnlands Selbständigkeit wird so gesichert werden, wie die große Katharina die Zweite dies schon beabsichtigte und den Obersten des Angelabundes feierlich zugesagt hatte. Hätten diese thatkräftig gehandelt, wie die Kaiserin es forderte, hätten sie die finnische Fahne erhoben, Finnland als freien Staat proclamirt, so wäre Gustav der Dritte verloren gewesen. Mein Vater wollte es, sagte Otho, wollte mit Erich's Vater und Anderen den Volksaufstand organisiren, aber die meisten erschracken davor, mißtrauten der Kaiserin, die Tartaren, Griechen und Polen niemals Wort gehalten, vielmehr sie zu Grunde gerichtet hatte. Dies Mißtrauen eben verschaffte dem Schwedenkönig den Steg über schwache und furchtsame Verschwörer, fiel Serbinoff ein. Wer sich in solche Gefahren begibt, muß nichts scheuen und nichts fürchten. Aber, was auch geschehen ist, die Zeiten haben sich geändert. Alexander ist der großmüthigste, edelsinnigste Fürst, begeistert für menschliche Freiheit und Menschenrechte. Lerne die Männer kennen, die ihn umgeben und an der Spitze seiner Heere stehen, und du wirst erfahren, welch Geist der Ehre in ihnen wohnt, wie unmöglich Treulosigkeiten sind. Des Weltfriedens wegen, für das Heil der europäischen Nationen, hat er sich mit Napoleon versöhnt und verbündet, sollte dieser jemals sich als Unterdrücker zeigen, so wird Rußland ihn abermals bekämpfen. Was wird Rußland für Finnlands Freiheit verlangen? 331 Ich bin natürlich nicht im Stande, dir zu sagen, was die Absichten unserer Regierung sind, aber von eurer Klugheit, eurer Entschiedenheit wird jedenfalls das Meiste, wenn nicht Alles abhängen. Kommt es zum Kriege, und ich zweifle kaum mehr daran, nachdem ich gehört habe, daß der eigensinnige Mann in Stockholm auf keine Vorstellungen achtet, Jeden beleidigt, der in seine Nähe geräth, unsern feinen klugen Gesandten Alopäus, des Kaisers Günstling, mit ausgesuchten Beleidigungen überschüttet, sogar gedroht hat, ihn nach türkischer Manier festsetzen zu lassen. Kommt es also zum Krieg, dann muß Finnland zeigen, daß es sein Joch abschütteln will. Was dein Vater wollte, muß dann geschehen. Ein Volksaufstand muß erfolgen, patriotische Männer müssen an die Spitze treten, die Russen müssen als Befreier empfangen werden. Mit ihnen vereint werden die Finnen gegen ihren Unterdrücker kämpfen. Auf diese Weise sichert ihr euch eben so wohl das Wohlwollen und die Dankbarkeit des Kaisers, wie ihr selbst das Heft in der Hand behaltet. Kein Volk kann verlangen, daß Fremde ihm die Kastanien aus der Asche holen, auf daß es sich nur an den gedeckten Tisch setzen darf, um sie zu verspeisen. Zeigt euch als Männer, erwerbt euch die Güter, nach denen ihr strebt, erweckt Achtung bei denen, die in Versuchung gerathen könnten, euch als ein mit ihrem Blute erobertes Gut zu betrachten. Bei Gott! du sprichst wahr, rief Otho. Unsere Freiheit muß mit Thaten, mit unserm Blut erworben werden. Das hat uns bisher gefehlt. Wir müssen zeigen, daß wir frei zu sein verdienen! Und wer vermöchte das besser zu beweisen, als du, erwiederte Alexei Serbinoff. In Tavastland und Savolax hängt die Jugend dir an. Sprich mit dem Grafen Buxthövden, sage ihm offen, was du denkst, was du erwartest. Es ist ein tapferer und edler Mann, er wird deine Hoffnungen unterstützen, wird deine Wünsche theilen und beleben und in Petersburg Bahn brechen. Ich wiederhole dir noch einmal: Alles kommt darauf an, kühn und entschlossen zu handeln. Ich bin entschlossen, sagte Otho. Ich will mich in die Nähe des Generals begeben, sobald du mir dazu die Einwilligung bringst. Ich will als Freiwilliger bei ihm bleiben, wenn er mir Zusagen leisten 332 kann, und ich will ihm mein Wort verpfänden, daß, wenn er mir Waffen liefert, ich binnen vier Wochen drei oder viertausend Finnen zusammenbringen will, die an Tapferkeit Niemand nachgeben. Bis dahin aber kein Wort, Serbinoff, auch nicht zu diesem Wright und seinem Anhang. Ich glaube wohl, setzte er langsamer hinzu, daß er und manche andere schwedische Junker und Ritter für Rußland zu haben sind, allein sie bringen euch nichts mit, als sich selbst. Es sind leichtsinnige verdorbene Menschen, Verschwender und Wüstlinge, in Schulden versunken, die sie los sein möchten, und gierig nach neuen Mitteln für ihre Lüste. Kein Finne rührt für sie eine Hand. Traut ihnen nicht, sie selbst sind ohne Treue und Glauben. Ich weiß Alles, erwiederte Serbinoff, aber wie gefällt dir die schöne Wittwe Gurschin? Ein gefährliches, glänzendes Spielzeug. Glücklich der, dem es sich an den Hals hängt! Sie ist voller Geist, voller Capricen; es lassen sich mit ihr Monate, Jahre vielleicht, wonniglich verleben. Für einen Anfänger, der in die Welt eingeführt sein will, ist sie ein Schatz, dabei gutmüthig, großmüthig, mit vielen köstlichen Eigenschaften ausgestattet. Man wird sich niemals bei ihr langweilen; das ist die große Gefahr bei allen Frauen. Otho ging schweigend neben ihm. Ich habe keine Ruhe, sagte er, um Beobachtungen über Weiber zu machen. Meine Schwester Louisa wird von ihr bevorzugt. Louisa ist ein Kind. Ein liebenswürdiges vom Himmel stammendes Kind! rief Alexei, und indem er Otho's Hand fester drückte, sagte er: Es ist Zeit, daß wir ein vertrautes Wort reden. Ich bin zu lange in der Nähe deiner Schwester gewesen, um nicht von dem Zauber umstrickt zu werden, mit dem sie jedes Herz bindet. Du hast bemerkt, wie ich mich dessen nicht erwehren konnte, und hast dazu geschwiegen. Ja, Serbinoff, erwiederte Otho Waimon, ich sah, daß sich Louisa zu dir wandte, ich sah auch, daß du sie lieb hattest, und ich schwieg dazu, weil ich mich dessen freute, weil ich wußte, daß ich dir vertrauen konnte. Ich danke dir für dies edle Vertrauen, sagte Serbinoff, doch ich muß dir mehr bekennen. Ich muß dir gestehen, daß ich deine Schwester 333 liebe, daß ich glaube, sie erwiedert meine Neigung, daß aber in meinen jetzigen Verhältnissen manche Schwierigkeiten zu überwinden bleiben, um meine Wünsche wahr zu machen. Ich verstehe, was du andeutest, erwiederte Otho. Louisa liebt dich mit allem Feuer einer unschuldigen Seele. Du mußt am besten wissen, was du kannst und willst. Meine Schwester ist arm, wie ich, ein Mädchen aus dem Volk, finnisches Blut in ihren Adern, unwissend, unbekannt mit der Welt, ohne den Verstand, um je darin als klug und fein zu glänzen. Ich tadle dich nicht, Serbinoff, wenn du davor zurück weichst. Vielleicht war es diese kindliche Süße, diese fremdartige Natürlichkeit, die dich entzückte, vielleicht hängst du ihr an mit der Sehnsucht und den Qualen, die man Liebe nennt. Dann aber reiß sie aus deiner Brust und werf sie von dir. Du bist ein edler, stolzer Mann, du wirst ein Kind vergessen, das dir auf deinen Wegen nicht folgen kann. Louisa, die jetzt nur noch in Träumen lebt, wird weiter träumen, bis die Zeit ihre Bilder verblaßt. Du setzest Manches voraus, was sich nicht mehr vergessen läßt, erwiederte Alexei. Ich setze voraus, sagte Otho, daß du als Mann, wie ich dich kenne und verehre, nichts gethan hast, was dich bleibend und bindend an Louisa fesseln müßte. Keine Gelöbnisse, die ich nicht erfüllen könnte, sagte Serbinoff. Mein Wille ist nicht so leicht zu beugen, ich gebe nichts auf, was ich zu halten vermag. Es würde thöricht sein, wollte ich dir nicht gestehen, daß Hindernisse zu besiegen sind, ehe ich zu dir sagen kann, lege Louisa's Glück und Zukunft in meine Hände. Ich bin Soldat, wer weiß, ob die Kugel nicht schon gegossen ist, die mich treffen soll; auch gehöre ich einer Familie an, welche Hochmuth genug besitzt, um ihn zur Schau zu tragen; endlich bin ich von vielen Rücksichten und Verhältnissen gebunden, die in meiner Stellung, meinem Stande und meinen Verpflichtungen zur Gesellschaft wurzeln. Doch ich habe den Muth, alle zu überwinden. Ich blicke in die Zukunft voll freudiger Hoffnungen. Du wirst mir dabei helfen, mein Freund, mein Bruder! Die Schwester Otho Waimon's, des kaiserlichen Generals, des Führers und Befreiers Finnlands, wird selbst meinem vortrefflichen Oheim 334 genügen. Mit Stolz wird er sie in sein Haus führen, mit Freuden sie dem Hof vorstellen. So, theurer Freund, so sehe ich in die Ferne und erwarte, was da kommen wird, – mit der Gewißheit einer glücklichen Lösung. Er legte seinen Arm um Otho und zog ihn an sich. Du kennst jetzt meine Entwürfe, fuhr er dann fort, die wir vereint in die Hand nehmen wollen. Sobald ich aus Wiborg zurückkehre, nehmen wir weitere Verabredungen. Finnland wird in der nächsten Zeit kein Aufenthalt für Damen sein, der einzige Ort für sie wäre Abo, wenn es von unseren tapferen Schaaren besetzt wird. Ich hätte schon jetzt Lust, dir vorzuschlagen, auf keinen Fall Louisa nach Haus zurückzuschicken, wohin sie gewiß auch ohne dich nur betrübt gehen würde. Sage lieber, ohne dich, antwortete Otho lächelnd. Doch, wo soll ich sie bewahren, wenn nicht – bei ihr, bei Ebba und bei Erich. Weißt du denn, fragte Serbinoff, wie sich die Verhältnisse gestalten können? Ich hoffe und erwarte, daß der Freiherr Randal für unsere Sache gewonnen wird. Ich hoffe, daß Arwed auch seine Schwester in ein richtiges Verständniß der Dinge, wie diese sind, versetzt. Vergiß aber nicht, daß es Schweden sind, die den König zwar auf's bitterste hassen, doch immer Schweden bleiben. Wenigstens sie, dieses stolze Fräulein, das mehr politischen Fanatismus besitzt, als zehn Männer zusammen. Ihr darf man nicht trauen. Denn die Weiber ergreifen Alles, so auch die Staats- und Volksangelegenheiten, mit dem Herzen, und kümmern sich wenig um die Combinationen des Verstandes. Sie lieben und hassen nach ihren Gefühlen, darum sind sie gefährliche Feinde, und darum ist es nöthig, mein Freund, daß die Schwester Otho Waimon's in Sicherheit gebracht wird, um nicht etwa nach Stockholm zu wandern, als nahe Verwandte eines Rebellen. Es ist möglich genug, erwiederte Otho nachsinnend, daß Ebba mir zürnen und mich verabscheuen wird. Wir können Louisa in den Schutz der Frau von Gurschin geben, sagte Serbinoff. Jedenfalls, setzte er hinzu, als er keine Beistimmung bemerkte, wollen wir dies noch näher überlegen. Viele edle Familien 335 werden nach Petersburg gehen, deine Schwester wird dort am Besten aufgehoben sein. Zunächst, mein Freund, beobachte unverbrüchliches Schweigen gegen Jeden, ganz besonders aber gegen deine grausame Geliebte. Ich habe Ebba gelobt, nichts zu thun, ohne es ihr mitzutheilen, sagte Otho. Du wirst es ihr mittheilen, da du es gelobt hast, doch nicht eher, bis ich wieder hier bin. Dann tritt vor sie hin und sage ihr Lebewohl! Du wirst einsehen, daß ich Recht habe. Otho mußte es zugeben und Serbinoff schüttelte ihn lächelnd. Raffe dich jetzt auf, sagte er, sei heiter, fort mit aller Vergangenheit, vor dir liegt eine große Zukunft. In unserer Lage müssen wir die Kunst lernen, eine eiserne Maske vor Alles zu stecken, was in uns vorgeht. Da geht die Gurschin mit meiner lieblichen Louisa. Wie gern wäre ich bei ihr, wie viel Überwindung kostet es mich, davon abzustehen. Eile du zu ihnen, sei liebenswürdig, galant; ein junger Feldherr muß auch den Damen gefallen. Und jetzt lebe wohl! wir werden uns vielleicht nicht mehr allein sehen. Otho entfernte sich und Serbinoff schlug einen andern Weg ein, schaute dem Gehenden nach und brach einen kleinen Tannenzweig ab, mit dem er in den Schnee hieb, der von dem Geäst der Bäume aufstäubte. Er schien mit dem Erfolg seiner Bestrebungen sehr zufrieden zu sein, denn er blickte, indem er sich seinen Gedanken überließ, freudig umher, und in dem Glanz seiner Augen lag unverkennbar hervorbrechender Spott. – Ich sagte es ja, murmelte er endlich vor sich hin, diese Leimruthen sind trotz ihres Alters immer noch mit derselben Kraft begabt, um solche Vögel zu fangen. Der arme Junge hat ein gutes Herz, und seine unglückliche Liebe könnte mich beinahe rühren. Buxthövden wird ihn jedenfalls brauchen können, und wenn endlich alle Luftschlösser zusammenstürzen, wollen wir gemeinsam ein Klagelied anstimmen. Er lachte und schlug stärker umher. Staub ist Alles! rief er, vergessen wird Alles. Täuschung ist das Grundgesetz im Himmel und auf Erden. Aber wer weiß, was noch zuletzt wahr wird. Die Gurschin soll den kleinen Nix in die Schule nehmen und 336 ihm ihre irdischen Künste lehren. Ich will mit ihr sprechen. Sie mag sich dafür schadlos halten an diesem finnischen Herkules. Rauh, leidenschaftlich, feurig, die ungestüme Naturkraft ungezügelt. Das ist ein Leckerbissen für solche Weiber! Sechzehntes Kapitel. Serbinoff war fort, und Frau von Gurschin hatte viele Mühe, um die Thränen aus Louisa's Augen und den Kummer von ihren Lippen zu bringen. Sie war jedoch so voll unerschöpflicher Laune und voll süßer Tröstungen, daß das kleine Fräulein gar nicht anders konnte, ihres Herzens Freudigkeit mußte zurückkehren. Frau von Gurschin war so ganz ihre Vertraute geworden, daß sie Ebba und alle Andere darüber vernachläßigte, und sie wußte selbst nicht wie es kam, aber die Scheu, welche sie vor ihrer sonst so sehr geliebten Ebba empfand, vermehrte sich mit jedem Tage. Sie hatte ein dunkles Gefühl, daß Ebba sie tadle, sie wurde unruhig, wenn sie mit ihr sprach, und die klaren tiefblauen Augen auf ihr ruhten. Ein magnetisches Gefühl der Einwirkung einer abstoßenden Kraft, die auf sie drückte, machte, daß sie so schnell als möglich sich davor zurückzog, um zu Constanze Gurschin zu eilen, wo sie Alles sagen konnte was sie dachte, wo sie von Serbinoff plaudern, lachen, singen, und dabei prächtige Geschichten über das Leben und Treiben in der großen Welt hören konnte, die ihr ganz besonders gefielen. Da Louisa mit äußerst einfachen und ländlichen Kleidern nach Liliendal gekommen war, mußte eine kunstfertige Kammerjungfer der Frau von Gurschin sich alsbald dabei machen, ihre Garderobe zu ändern, zu bessern und zu vermehren. Zu dem großen Balle und den Festlichkeiten im Schlosse, welche immer näher rückten, behielt sich die schöne Beschützerin eine besondere Überraschung vor; denn heimlich ließ sie für ihren Liebling einen kostbaren Anzug anfertigen, und wie 337 sie gegen ihre vertraute Dienerin behauptete, verdiente dies reizende Kind diese Bevorzugung vollkommen, denn sie zeigte ein wunderbares Talent für den Putz, und hatte die köstlichsten Einfälle, wenn sie mit ihr am Toilettentisch saß, und alle Herrlichkeiten der zahlreichen Cartons musterte. Frau von Gurschin widmete diesen Studien einen nicht unbedeutenden Theil ihrer Zeit. Sie besaß eine Fülle der prächtigsten Gewänder, reichen und auserlesenen Schmuck, Alles, was eine Dame aus den ersten Kreisen bedarf, im Überfluß, und sie liebte es, zu jeder Tageszeit damit zu wechseln, obwohl für jetzt noch immer wenige Bewunderer und noch weniger Kenner in diesem finnischen Schlosse vorhanden waren. Louisa staunte diese immer neue Pracht mit der kindlichen Freude einer Indianerin an, denn der Werth dieser Dinge war für sie nicht ungeheuerlicher, wie für jene das Halsband von Glasperlen. Die Zahlen, welche Frau von Gurschin ihr zuweilen nannte, wenn sie die blitzenden Steine und Perlen entzückt bewunderte, blieben für sie unbekannte Größen; sie klatschte vor Freude in ihre kleinen Hände, wenn sie die schöne Frau so wundervoll glänzen sah, und verglich sie mit den Feen und Geisterköniginnen, welche Jumala's Paradies so reichlich aufzuweisen hatte. Constanze Gurschin nahm ihre Schmeicheleien wohlgefällig an. Die Bewunderung dieses Kindes machte ihr um so größeres Vergnügen, weil sie wußte, daß sie gänzlich ungeheuchelt war, daneben ließ sie sich von ihr vorsingen und vorplaudern von der Heimath, von dem Leben in Halljala, von ihrer Mutter, vom alten Schulmeister Lars, seinem Hahn und seiner Pfeife, und endlich auch Viel und Mancherlei von Erich Randal, von Ebba und ihrem Bruder Otho, dem sie mit übermäßiger Verehrung zugethan war. Erich ist beinah wie der alte Gott der Finnen, wie Jumala, sagte Louisa lächelnd. Alle Menschen wußten nur Gutes von ihm, und er liebte sie alle. Er war ein friedliches, immer zum Wohlthun geneigtes Wesen, das Segen um sich her verbreitete, allein die Menschen nahten ihm sich dennoch mit Ehrfurcht und standen vor ihm mit Scheu im Herzen. Otho aber ist wie der schöne, Freude bringende Gott Wainemonen, der in goldenen Locken und blauen Augen in alle Hütten einzog, und wo er seine Kandele erklingen ließ, umringten 338 ihn die Mädchen, führten ihn an der Hand und jauchzten und sprangen. Otho nimmt es auch gewiß nicht übel, wenn die hübschen Mädchen ihn eben so behandeln, wie den liebenswürdigen Wainemonen, sagte Constanze. Otho lacht und scherzt gern mit Allen, sagte Louisa, aber – sie lächelte geheimnißvoll. Nun aber – er hat noch Keine ausgezeichnet? Du hast noch nie bemerkt, daß er verliebt war? Nein, antwortete sie, gewiß nein! Es ist noch nicht lange her, als ich es mit anhörte, wie Serbinoff ihn neckte, ob es nicht bald Zeit sei, daß an eine Hausfrau gedacht werden müsse. Er wollte keine, fiel Constanze ein. Er nahm die Zither und sang ein Lied auf die Liebe, die an Weib und Hütte festschmiedet. Solche lustige Spöttereien gibt es manche in unserer Sprache. Er soll es mir vorsingen, sagte Frau von Gurschin. Und dann sprang er auf und rief: Ich tauge nichts für die Liebe am Herdfeuer. Niemals werde ich ein Weib nehmen; die Ungeduld würde mich in ihren Armen verzehren. Er fürchtet sich vor der Langweiligkeit, lachte die schöne Frau; ich kann es ihm nicht verdenken. Wir wollen ihm beweisen, daß er Unrecht hat, kleine Louisa. Neu müssen wir immer diesen ungenügsamen Männern bleiben. Es ist ein strebender Geist in deinem Bruder, der sich mit dem Gewöhnlichen nicht begnügt. Wir wollen ihn mit uns nach Petersburg nehmen, Louisa, dort wird er ruhig werden, denn Unruhe, die nie aufhört, ist Ruhe, ist der Zustand, der allein sich für denkende Wesen schickt. Wenn man fest und schwer mit den Sohlen an der Erde klebt, kann man sehr gut, sehr verständig, sehr liebenswürdig in seiner Art sein, aber Flügel werden dieser Verständigkeit niemals wachsen. Man kann dabei alt und sehr gelehrt werden, wie unser theuerer Erich, und Erdäpfel für tausendmal trefflicher zum Wohl der Menschheit halten, als goldige süße Pomeranzen, auch kann man tugendhaft, schön und liebreizend schwärmen, wie unsere treffliche Ebba, und dennoch, mein bestes Kind, bleibt diese ehrbare, edle Natur 339 über alle Maßen langweilig, wie ein Schulmeister, dessen Weisheit beständig an seiner Nasenspitze hängt und von seinen Lippen träufelt. Louisa hörte aufmerksam andächtig zu. Sie verstand nicht Alles, aber sie verstand doch so viel, daß ihre bewunderte Freundin Erich und Ebba für abgeschmackt langweilig erklärte, und manche andere Spöttereien hinzu fügte, die den Kammerherrn lächerlich machten, bis Frau von Gurschin sie endlich nach allerlei neckendem Geplauder in ihre Arme zog, sie streichelte, küßte, ihre Locken strich und ihr dabei zuflüsterte: Sie sind Alle zum Entsetzen langweilig, mein süßes Herz, man weiß nicht was man mit ihnen anfangen soll. Du kleine Louisa, du und dein Bruder, ihr seid die einzigen Blumen in dieser Wüste. Und Serbinoff, antwortete Louisa flehend. O, du Schelm! ja, Serbinoff; du hast Recht, der fehlt uns dabei. Er wird wieder kommen, und dann wird es hoffentlich hier nicht mehr lange dauern. Ihr müßt mit mir nach Petersburg, Serbinoff kommt dann auch, und welch glückliches Dasein wollen wir genießen. Louisa kniete zu ihren Füßen, Constanze Gurschin wickelte die Locken des schönen Kindes spielend um ihre Finger. Sie erzählte ihr von den Festen und Freuden in den großen Palästen so Vieles, und erzählte von Serbinoff, der zu den ersten und glänzendsten dieser glänzenden Jugend gehöre, zu den Bewunderten und Bevorzugten durch seine tapferen Thaten, durch seinen Geist, durch seine Gestalt, durch seine Geburt und seinen Reichthum, bis Louisa's Augen leuchteten, ihre Wangen glühten und ihre kleinen Hände sich krampfhaft freudig zusammenfalteten. Sie sah Alles wie in einem Zauberspiegel. Der Geliebte, den kein anderer Mann erreichte, gegen den sie alle in den Staub sanken, wie herrlich stand er mitten in dieser wunderbaren Welt. Keine Furcht war in ihrem Herzen; ein süßer heiliger Glaube füllte es ganz aus. Sie wußte nichts von einer Kluft zwischen ihm und ihr, sie kannte keine Gefahr. Keine Ahnung sagte ihr, daß ein solcher Mann lügen und heucheln könnte, daß ihre armselige unschuldvolle Anbetung in der Welt, der er angehörte eine Lächerlichkeit sei, und sie selbst höchstens eine Spielerei, mit der ein so ausgezeichnetes Mitglied der hohen Gesellschaft seine müßigen Stunden ausfüllte. 340 Der Freiherr Wright hatte seinen Bruder, den Obersten, inzwischen schon seit einigen Tagen erwartet, und endlich traf dieser von Sweaborg ein und brachte Sam Halset sammt seiner Tochter mit, indem er zu gleicher Zeit die nahe Ankunft des Admirals Cronstedt und einer bedeutenden Zahl seiner Offiziere ankündigte. Der Oberst war eine Anzahl Jahre jünger als sein Bruder, ein stolzblickender Soldat von steifer Haltung, der seinem ganzen Wesen nach nicht besonders zuvorkommend und einnehmend schien. Er umarmte seinen Bruder, drückte Erich Randal mit einigen höflichen Worten die Hand und warf einen noch viel kälteren und messenden Blick auf Otho Waimon, als dieser ihm vorgestellt wurde. Sein Gesicht erheiterte sich jedoch, als der Kammerherr hereintrat, dem er entgegen ging und in wärmerer Weise begrüßte. Ich habe von Ihrer Anwesenheit schon durch Freund Halset gehört, Baron Bungen, sagte er, und bin sehr erfreut darüber. Sie haben sich von der Wirthschaft in Stockholm los gemacht, und haben sehr recht daran gethan, denn es muß ein schlechtes Ende nehmen. Was man schlecht nennt ist häufig gut, erwiederte Arwed. Sie treffen in's Schwarze. Bei meiner Ehre! mitten in's Schwarze, rief Oberst Wright. Nach den mageren Kühen Pharaonis werden die fetten kommen. Wenn solche Männer dies sagen, entgegnete Arwed, wird es wenige Zweifler geben. Der Oberst lächelte geschmeichelt. Es gibt Männer, die noch besser und klarer sehen, fuhr er fort. Auf mein Wort! Wir haben es sämmtlich nöthig, die Augen weit aufzuthun; besonders wir in Finnland, denn über unsere Köpft wird der Topf umgestülpt. Wir sollen den Brei verschlucken, den sie uns im Stockholmer Schloß eingerührt haben. Es ist allerdings ein etwas heißes Gericht, sagte Arwed. Von dem uns so bald nicht Kehle und Magen heilen würden, wenn wir es genießen müßten, sagte der Freiherr Wright. Kommt es zum Kriege mit Rußland, und werden wir als Feinde behandelt, so sind wir sämmtlich ruinirt. Das seid ihr auch ohne dies, murmelte Otho vor sich hin. 341 Die Gäste wurden von dem Freiherrn eingeladen, am Tische Platz zu nehmen, der mit Wein und Speisen bedeckt war. Eben kam Halset auch, der sofort das Wort ergriff und die letzte Äußerung, die er gehört, in seiner praktischen Art beantwortete. Sieht hier es nicht danach aus, als ob der Hunger schon an der Thür sitzt, Freiherr Wright, schrie er. Kein schwereres Silbergeschirr ist in ganz Finnland als in Liliendal zu finden. Könnte für die Herren Kosaken keinen heiligeren Tag im Kalender geben, als der, wo sie der Armuth hier ein Ende machen könnten. Mit solchen Scherzen und Grüßen führte er sich ein, und für jeden hatte er ein lustig Wort, bis er endlich Erich Randal und dem Kammerherrn unter die Arme griff und sie an den Tisch führte. Das Weiseste, was wir thun können, sagte er, ist, daß wir den Herren Kosaken nichts übrig lassen als die leeren Schüsseln und Flaschen; im Übrigen sind's höfliche Leute, wenn sie nichts finden, und dafür ist in Finnland seit langen Zeiten bestens gesorgt worden. Nur in Halljala gibt's volle Kammern, Kisten und Kasten voll verschimmelter Speziesthaler, Seidenmützen und Franzentücher vollauf. Um des Himmels Willen, laßt die Kosaken nicht nach Halljala kommen. Erich wird es ihnen schon auseinander setzen, wie unschicklich und unmoralisch das Stehlen ist, sagte Arwed. Auf mein Wort! ja, lachte der Oberst, unser gelehrter Vetter könnte ihnen Vorlesungen halten; allein ich fürchte, daß diese Bursche um nichts besser sind als jener verdammte ungläubige Sultan Omer, der mit der großen alexandrinischen Bibliothek seine Öfen heizen ließ. Sie würden ein Feuer machen, das vielleicht über dem Hompusthurm zusammenschlüge. Es ist daher jedenfalls am besten, Vetter Randal, wenn wir es nicht dazu kommen lassen. Das Beste wird sein, daß es uns wohl geht und wir lange leben auf Erden! rief Halset. Trinke Ihnen zu, Freiherr Randal, auf eine gute gesegnete Zukunft, wo Handel und Wandel geschützt sind, Jeder weiß, was sein ist, und das Privilegium seiner Rechte nimmer angetastet wird. Ein goldener Spruch, auf mein Wort! fiel der Oberst ein. 342 Die verdammten Neuerungen, sagte sein Bruder, zerrütten unsere Wohlfahrt. Wo ist noch Schutz für den Adel und für Alle, die Privilegien zu bewahren haben? Hätte der König Reichsrath und Ständen ihre politischen Rechte nur zerrissen, so wär's zu ertragen, wenn er sie anderweitig schützte und entschädigte. Statt dessen aber greift er überall ein, will den Bauern helfen, wie er sagt. Keiner soll im Lande Vorrechte haben, das Gesetz soll für Alle sein. Das heißt, Alle sollen hergeben, was sie haben, lachte Sam. Ein Volk von Bettlern entspricht vielleicht am besten dem Grundsatz der Gleichheit, spottete Arwed. Leider ist es wahr, daß der Landesadel absichtlich zurückgesetzt und beleidigt wird, und eine größere Thorheit kann es nicht geben. Gustav der Dritte war klüger. Er hielt, so viel er konnte, den Grundsatz absoluter Regenten fest, den Adel an sich zu ziehen und zu belohnen, einen glänzenden Hofhalt zu führen, Ämter und Würden dem Adel zuzuwenden und durch materielle Vortheile sich seiner Treue zu versichern. Es war ein frohes bewegliches Leben, und wer dem Könige Dienste leistete, konnte darauf rechnen, auch Dankbarkeit zu finden. Seinen Günstlingen und seinen Creaturen hat er Brocken hingeworfen, versetzte der Freiherr Wright; aber den Adel, als ersten Stand im Staate, hat er herabgewürdigt, dem Bürger und Bauern zu gefallen, die denn auch immer anmaßender und nichtsnutziger geworden sind und zuletzt noch ärger über ihn schrien als wir. Seht nach Rußland hinüber, da werden die Privilegien geschützt. Da hat Jeder ein gesichertes Recht. Ich will uns nicht zu Russen machen, Gott bewahre mich davor! wir stehen auf einer anderen Stufe; allein Jeder soll Schutz haben in dem, was ihm gehört. Der Bauer soll ein Bauer bleiben, der Edelmann ein Edelmann, und dazu ist dort eine mächtige Hand, die über Allen schwebt und Ordnung hält. Ordnung und Zucht, daran liegt es! rief der Oberst, sein Glas leerend. Und es ist prächtig zu sehen, fuhr sein Bruder fort, wie die Regierung thätig ist, sorgt und schafft, dem Adel mit Vorschüssen und Geschenken hilft und das Land heraufbringt. Wie der Grundwerth 343 alle Jahre steigt, wie in den Städten Kaufleute und Fabrikanten begünstigt werden, Jeder sich durch sein Privilegium gesichert fühlt. Es ist eine mächtige Regierung, sagte Halset, der es nicht an Kräften und Mitteln fehlt, mit vollen Händen Gutes zu thun. Was hilft alles Schreien über Freiheit und Recht! Das beste Recht und die beste Freiheit bleibt es immer, wie ein König von Frankreich einmal gesagt hat, daß Jeder seinen Topf voll hat und gute Dinge darin kochen und braten. Es ist eine gute Regierung, die dafür sorgt und es beim alten Recht läßt, und nichts an dem ändert, was unsere Väter erworben haben, sprach der Freiherr. Otho Waimon hatte bisher schweigend zugehört; jung und reizbar, wie er war, konnte er jedoch seinen Widerspruch nicht länger zurückhalten. Für immer läßt sich nichts festhalten, begann er, und was nicht vorwärts kann, wird rückwärts müssen. Privilegien haben noch niemals Gutes gestiftet, sie erstarren, statt zu beleben, und helfen den Kastengeist befördern, der die Entwicklungen der Völker zu Boden drückt. Der Oberst zog die breiten Augenbrauen zusammen und warf dem Sprecher einen finsteren Blick zu, welcher ihm zu schweigen befahl; allein Otho ließ sich dadurch nicht im Mindesten schrecken. Mit furchtloser Offenheit sah er den barschen Offizier an und fuhr dabei fort: Mag es den Finnen, die jetzt unter russischer Herrschaft leben, immerhin wohler gehen als früher; die Sehnsucht, mit ihren Landsleuten wieder vereinigt zu sein, wird sie darum doch nicht verlassen. Es ist recht! schrie Sam Halset, daran liegt's. Vereinigt muß Finnland wieder werden. Russen wollen wir nicht werden, mit der glücklichen Aussicht, daß auch bei uns nichts geändert werden kann, fügte Otho hinzu. Aber, mein Bester, lachte der Kammerherr übermüthig auf, was wollen Sie denn aus dem Bauern machen? Einen freien Menschen, der werden mag, wozu er Geschick und Lust hat, Freiherr, Kammerherr, Oberst oder Minister. Vielleicht sogar Staatsoberhaupt, Regent, Präsident oder dergleichen. 344 Auch das, sagte Otho. Mancher Bauer ist schon ein guter König geworden, kein König aber jemals ein guter Bauer. Eh! schrie Sam Halset, ich werde es erleben, daß König Otho der Erste seinen Thron besteigt. Wünschen Sie das nicht, antwortete Otho lachend, meine Regierung würde Ihnen wenig gefallen. Glaub's! sagte der Kaufmann; allein ich würde den Trost haben, daß sie nicht lange dauert. Wenn wir Zeit hätten, uns mit Phantastereien aufzuhalten, würde sich der Spaß fortsetzen lassen, fiel Freiherr Wright ein; jedoch bei dem Ernste unserer Lage können wir dergleichen nur mißbilligen. Rußland droht uns mit einem Angriff, wer weiß, was geschieht? Der Adel muß auf Alles gefaßt sein, er muß das Landesschicksal wohl bedenken. Zu beklagen ist es daher, daß von mancher Seite so viel gethan worden ist, um den Bauern anmaßend zu machen und solche Schattenspiele hervorzurufen, wie sie uns eben gezeigt wurden. Was Sie Schattenspiele nennen, ist wohl geeignet, bald einmal Fleisch und Bein zu werden, versetzte Otho. Wenn es zu einem Kriege kommt, muß nicht der Adel allein das Landeswohl bedenken, sondern mit ihm der Bauer und das ganze finnische Volk. Das ist auch eine von den verdammten neumodischen Redensarten! rief der Oberst. Das Volk! Was heißt Volk? Lumpiges Gesindel! Sein Blut und seine Knochen sind bis jetzt immer nothwendig gewesen, um die Kriege der Könige zu führen, versetzte Otho. Dafür ist es da! schrie der Oberst rauh. Dafür ist es nicht da, erwiederte Otho unerschrocken. Das Gesicht des Offiziers färbte sich zornig. Ich will doch Jedem rathen, sich nicht um Dinge zu kümmern, die er nicht versteht, sagte er. Was des Vaterlandes Wohl betrifft, darum muß sich Jeder kümmern, denn es ist seine Pflicht, entgegnete der junge Mann. Vaterland! dummes Zeug! rief Oberst Wright. Alles Geschrei ist keine Haselnuß werth und die Schreier dazu. Wir hier an der Grenze, wir sind das Vaterland. Meine Dragoner mit ihren eisernen 345 Ellen werden die Röcke anmessen, die für uns passen. Finnisches Volk! oho! alter Kuckuksruf! Dafür, Oberst Wright, dürfen Sie es wohl schwerlich im Ernst erklären, sagte Erich Randal mit seiner sanften und festen Stimme. Gehören Sie doch so gut zum Volke, wie ich und wir Alle. Volk und Vaterland sind heilige Namen, die kein Mensch vergessen darf, wenn er nicht sein edelstes Menschengut fortwerfen will. Ihre Dragoner werden das ebenfalls begreifen und wie ich überzeugt bin, auch wissen, daß sie ein Vaterland haben. Sie werden getreulich dafür ihr Leben lassen, wenn dies nöthig wird, gewiß aber nicht für Rußland fechten. Verräther an Volk und Vaterland werden! fiel Otho ein. Wer sagt das? rief Oberst Wright heftig aufstehend; gleich darauf aber setzte er sich wieder nieder, und, seinen langen halb ergrauten Backenbart streichelnd, fuhr er rauh lachend fort: Ich bin kein Gelehrter, Vetter Randal, frage nichts nach aller Federfuchserei, eben so wenig nach Franzosengedanken von Freiheit und Gleichheit. Wir werden sehen, was zuletzt geschieht, wenn die Russen uns wirklich auf den Leib fallen sollten. Meine Dragoner werden dann thun, was ich thue und meine Offiziere thun, und die Bauern werden thun, was ihre Herren ihnen befehlen. So muß es sein, das ist Zucht und Ordnung. Die aus den Menschen Maschinen macht, nach Ihrer Meinung, sagte Erich, was ein bedauerlicher Irrthum ist. Wir werden sehen, versetzte der Oberst. Es wird Alles kommen, wie es kommen muß; noch aber sind wir nicht so weit. Leben ja auf dem Friedens- und Freundschaftsfuße mit unseren guten Nachbarn! schrie Halset. Und hier in meinem Hause soll kein Streit darüber sein, Ihr Herren, sprach der Freiherr. Wir wohnen in Liliendal auf einer neutralen glücklichen Insel. Morgen kommt General Suchtelen von Frederiksham, er hat es mir geschrieben; von der anderen Seite aber kommt unser lieber Freund Cronstedt. Frohe Tage wollen wir verleben. Gott bewahre uns vor allem Schaden und lasse alle unsere Wünsche erfüllen. Stoßt an, Ihr Herren, stoßt an! 346 Der Streit war damit beendet; als aber nach einiger Zeit sich Baron Arwed entfernte, um Mary Halset seine Huldigungen darzubringen, gingen Erich und Otho mit ihm. Der Freiherr Wright blieb bei seinem Bruder und Sam Halset sitzen; bald waren sie in einer vertraulichen, leise geführten Unterredung begriffen. Wer hat diese Narren eben jetzt hierher geführt? fragte der Oberst, als die Thür sich geschlossen hatte. Der diesen Namen zumeist verdient, antwortete der Freiherr, dieser trotzige Bursche, dem der echt finnische dicke Kopf auf seinen Schultern sitzt wie einem Bären, ist freilich ungeladen gekommen; doch Graf Serbinoff hat mir gesagt, daß er ihn zu brauchen denke. Unsinn! murmelte der Oberst. Das ist eine Brut, von der nichts Gutes zu erwarten ist. Sein Vater schon war halb toll, wollte den Angelabund zum Losschlagen treiben, eine finnische Republik erklären lassen. Der hier ist sicher noch hirnverwirrter. Mag wohl so sein, lachte Halset. Es gibt aber Mittel, den wildesten Falken abzurichten. Drei Kugeln und ein sechs Fuß langes Loch auf der Heide würden das Beste für ihn sein, antwortete der Offizier. – Ist es wahr, daß er eine hübsche Schwester hat? Ei wohl, versetzte Sam. Und ist er nicht selbst so stattlich gebaut, daß manche feine Dame in Petersburg Wohlgefallen an ihm finden könnte? Laßt Jedem sein Spiel und seine Freuden, sagte der Freiherr Wright. Gibt es nicht auch einen gewissen Baron hier, der bis an die Treppe hinunter kommt, um Mary Halset aus dem Schlitten zu heben? Richtig, sagte der Kaufmann, denke auch, daß er Mary noch andere Treppen hinauf hilft. Es ist also ernsthaft gemeint, fuhr der Freiherr fort. Ich habe nichts dagegen, erwiederte Halset. Der arme Kammerherr ist in Stockholm gänzlich in Ungnade gefallen, sagte der Freiherr Wright. Ist es nicht so? Ist so, antwortete Sam Halset; ich denke jedoch, wird bald einen anderen Herrn finden, der es besser mit ihm meint. Sein Vater war 347 in Gnaden bei König Gustav, hatte manche Ämter und Würden; sparte aber nichts, lag nicht in der Art. Es ist verteufelt wahr, Halset, lachte der Freiherr, auch in meiner Art muß es liegen. Geld ist mir durchaus nöthig. Herzog Karl, der Regent, stieß den Vater bei Seite, fuhr Halset fort, ohne auf diese Äußerung zu achten, bis der neue König ans Regieren kam, der machte den Sohn zum Kammerherrn und schickte ihn ins auswärtige Amt zum alten Kanzler Ehrenheim, wo er die Kunst lernen sollte, den feinsten Leuten Sand in die Augen zu streuen. Alle Welt glaubte, würde nächsten Tages ein Herr Gesandter zum Vorschein kommen; allein mit dem steifen Kanzler konnte der junge Baron so wenig fertig werden, wie mit dem steifen Könige. Sie mochten ihn Beide nicht leiden, und zum Unglück wurde es bekannt, daß er häufig im Hause des russischen Gesandten sei. Endlich auch kam Graf Serbinoff nach Stockholm, mit dem steckte er noch öfter beisammen. Der König ließ ihm den Umgang verbieten, der Kanzler ließ ihm aufpassen. Plötzlich kommt Nachricht aus Petersburg vom Gesandten Stedingk, das russische Cabinet wisse aufs Haar, was in der Stockholmer Kanzlei geschieht, habe Abschriften von allen Noten, kenne jede geheime Verhandlung bis auf den Grund; es müsse also Jemand da sein, dem es Vergnügen macht, unsere lieben Freunde so gut zu unterrichten. Darauf schreibt eines Tages der alte Kanzler an den Herrn Baron Bungen in aller Höflichkeit, er habe nicht nöthig, sich wieder in die Kanzlei zu bemühen, und kaum hat er's gelesen, bringt ein Bote ein königlich Handbillet aus Haga ohne alle Höflichkeit, worin Se. Majestät sagt, er brauchte keine weiteren Dienste von dem Herrn Baron. So war es also, nickte der Freiherr. Eine Ungerechtigkeit! Eine schreiende Gewalt! sagte Halset. Der junge Herr konnte sich nun ungestört seiner Freundschaft überlassen und reiste endlich mit dem Grafen Serbinoff hierher, um ihm bei seinen finnischen Studien zu helfen. Und es werden einträgliche Studien sein, lachte Freiherr Wright. Der Himmel wird sie segnen, versetzte Halset. 348 Graf Serbinoff ist ein Adjutant des Generals Buxthövden, wie Sie mir sagten? fragte der Oberst. Ein Cousin des Kanzlers Romanzoff, antwortete sein Bruder. Constanze kennt ihn von Petersburg. Ein glänzender, mit allen Tugenden und Vorzügen geschmückter junger Herr. Die Laster nicht zu vergessen! grinste Halset dazwischen. Bah! weiß wohl, ein Kapitän in der Reitergarde hat Oberstenrang, und ein Oberst ist niemals lasterhaft. Große Gaben, Oberst Wright, große Gaben! Haben ihn nach Stockholm geschickt zum Beobachten am Hofe und in der vornehmen Gesellschaft und hat da Wunderdinge gethan, der junge Herr. Herr von Alopäus hätte es nicht zu Stande gebracht ohne ihn, wenn der galante liebenswürdige Graf nicht alle Thüren zu öffnen verstand. Mit goldenen Schlüsseln, Freund, die passen in alle Schlösser. Mit aller Arten Schlüssel, Freiherr. Gold hatte er genug, fehlte nicht daran; denn es ist keine knauserige Regierung da drüben; gibt aber dennoch mancherlei Pinsel, die solche Schlüssel verachten. Eine miserable Welt, Oberst, viel Dummheit, viel blauer Dunst darin; gehört Kunst dazu, um jeden Narren an seiner Kappe zu fassen. Gelang ihm aber wunderbar. Die Weiber hatte er alle in der Tasche, und wer die zu fassen weiß; dem glückt es, Mondschein in Säcke zu fangen. Eine ist ihm doch daraus entwischt, sagte Wright, und obenein die Schwester seines vielgetreuen Freundes. Halset nickte lachend vor sich hin. Ein stattliches Fräulein! rief er, seine Nase voll Tabak stopfend, echt schwedisches Blut, wie der alte Spitzbube, der Schulmeister, sagt. Riss' ihm die Augen aus, wenn sie wüßte, was geschehen sollte; stieße den eigenen Bruder von sich mit Fluch und Schande, könnte sie es denken, er hülfe die Maschen zum Netze machen. Bin neugierig darauf, was endlich aus dem Ei werden wird, wenn's die Sonne bescheint. Weiber sollen nichts dabei mitreden, wo es sich um Männerwerke handelt, sagte der Oberst. Und sind dennoch oft die Hauptpersonen, antwortete Halset mit einem schlauen Blicke. Fädeln die Fäden ein, bitten und schmeicheln, 349 haben die Gabe, ausgetrocknete Herzen wieder weich zu machen, eiserne Köpfe zu schmelzen, wie Butter am Feuer. Die beiden Wright's blickten sich an, der Freiherr sah vergnügt und schelmisch aus. Ich glaube wirklich, sagte er, ohne Constanzen hätten wir den Admiral niemals hierher gebracht. Sie wird auch weiter helfen. Aber Geld, Halset, Geld! Diese Feste kosten viel. Laßt es kosten, was es will, Freiherr, antwortete der Kaufmann. Kann Ihnen mit Freuden alle Vorschüsse machen, die Sie wünschen. Der Freiherr Wright schien über diese Zusicherung sehr erfreut. Er schüttelte Halset's Hand und sagte halblaut zu ihm gebeugt: Die Proclamation ist fertig. In Petersburg ist sie gedruckt und an Buxthövden geschickt. Constanze hat ein Exemplar davon bekommen, sobald Jägerhorn hier ist, soll es in seine Hände gelangen. Siebzehntes Kapitel. Fast zu gleicher Zeit langten die verschiedenen vornehmen Gäste an, um derentwillen in Schloß Liliendal so viele glänzende Einrichtungen getroffen wurden. Der Tag war dunkel, und, wie es in dieser nördlichen Breite zu dieser Jahreszeit geschieht, die Nacht schon mit der zweiten Nachmittagsstunde eingetreten. Ehe jedoch die Finsterniß sich verdichtete, erschienen in einer Reihe Schlitten die russischen Offiziere. Als sie Mäntel und Pelze abgeworfen hatten, sah man meist junge und schöne Männer, die in ihren reichen und glänzenden Uniformen einen äußerst vortheilhaften Eindruck machten. Nur der General, dem sie in den Saal folgten, war ein betagter Herr von beinahe sechszig Jahren; allein dies Alter hatte ihm von seiner Rüstigkeit wenig genommen. Seiner kräftigen breiten Gestalt mangelte es nicht an Gelenkigkeit. Die Artillerieuniform mit breiten goldenen Achselschnüren stand ihm gut, und wer in sein Gesicht sah, konnte nicht zweifeln, daß dies einem klugen oder schlauen Manne 350 gehörte. Seine Augen blickten gewinnend freundlich und fest umher; sein schlichtes blondes Haar, das seine Farbe noch nicht verändert hatte, lag kurz abgeschnitten auf einer hohen Stirn; ein äußerst feines Lächeln füllte die tiefen Falten, welche zu beiden Seiten von der geraden starken Nase zum Munde niederliefen. General Peter Suchtelen machte mit seinen vielen gewandten Verbeugungen und dem höflichen Wortreichthum, in welchem er dem Freiherrn Wright seinen Dank ausdrückte, mehr den Eindruck eines Hofmannes, als eines Soldaten, obwohl er als solcher im russischen Heere hochgeschätzt wurde und erst später auch als Diplomat noch mehrfache Dienste leistete. In Finnland verdiente er sich die Sporen dazu; denn die geheimen Unterhandlungen mit manchen Offizieren im schwedischen Heere, mit adeligen Herren, Beamten und Priestern gingen zum Theil durch seine Hände. Die Krone aller dieser Vorbereitungen zur Eroberung Finnlands blieb jedoch die Unterhandlung mit dem Befehlshaber des mächtigen schwedischen Bollwerkes, dem Manne, zu welchem alle Schweden einen eben so unbedingten Glauben hatten, wie zu den Felsenwällen, welche ihm anvertraut waren. General Suchtelen hatte dem Admiral in Sweaborg einen höflichen Besuch schon vor einigen Monaten gemacht, jetzt, wo die Sachlage sich ernster gestaltete, konnte ein freundschaftlicher Verkehr nicht mehr gut stattfinden; allein der Zufall machte es weder unmöglich noch anstößig, daß ein Zusammentreffen in einer Familie sich ereignete, die nach beiden Seiten hin ein vermittelndes Band bildete. Frau von Gurschin war die Wittwe eines russischen hohen Beamten, Oberst Wright, ihr Oheim, ein schwedischer hoher Offizier. Noch schienen die gespannten Verhältnisse zwischen den beiden verwandten Höfen nicht von der Art zu sein, um nicht noch immer an Erhaltung des Friedens glauben zu dürfen. In Stockholm wenigstens glaubte man daran ganz bestimmt, trotz einiger Warnungen des Gesandten in Petersburg; denn bei aller Freundlichkeit, schmeichelhafter Auszeichnung und Liebenswürdigkeit des Kaisers Alexander war der vorsichtige Baron Stedingk mißtrauisch geworden durch die enormen Massen Kriegsmaterial und Vorräthe aller Art, welche in das russische Finnland geschickt wurden. Seine vertrauten Berichte hatten jedoch keine andere Wirkung, als daß das kleine finnische Heer sich an 351 der Grenze beobachtend zusammenzog. Höchstens waren es 12,000 Mann, von denen die Hälfte in Sweaborg lag, die andere Hälfte gegen den Grenzstrom Kymene vorgeschoben wurde. In Schweden rührte sich kein Fuß, nicht ein Mann an Verstärkung kam nach Finnland herüber; eine seltsame verblendete Sicherheit wiegte den König ein, der alle Macht, welche er besaß, in Schonen und an Norwegens Grenze festhielt, überzeugt, daß Dänen und Franzosen ihn weit näher bedrohten, als sein Schwager, der Russenkaiser, der ja noch vor wenigen Monaten mit ihm gemeinsam gegen die wälschen Teufelskinder gefochten und ihm die freundschaftlichsten Briefe geschrieben hatte. Dieser blinde Glaube ging so weit, daß wirklich noch während des Cabinetsstreites den Russen Kanonen sammt Pulver und Kugeln geliefert wurden, mit denen sie bald darauf Sweaborg beschossen, und wie der König den ganzen russischen Grenzspektakel für leere Demonstration hielt, womit Alexander seinem neuen Freunde Napoleon Sand in die Augen streuen wolle, so thaten es seine Minister, seine Offiziere und alle seine Günstlinge. Weil die Russen ihr Finnland stark besetzten, schien es schicklich, auch das schwedisch-finnländische Heer auf die Beine zu bringen und einige Tausend Mann der Ehre wegen zu zeigen; mehr jedoch zu thun, sich bis an die Zähne zu bewaffnen, alle Kraft des Landes aufzurufen, wurde als thöricht verlacht. Der König hatte dabei noch einen Grund, es nicht zu thun; denn er hätte die Reichsstände berufen müssen, und das wollte er nicht. Er, der sich vorgenommen hatte, die Revolution zu bändigen, der von seinem Vater den Gedanken geerbt, er sei dazu berufen, die vertriebene Königsfamilie wieder nach Frankreich, nach Paris zu führen und den Thron der Lilien von Gottes Gnaden wieder aufzurichten, er konnte unmöglich unzufriedene Stände versammeln, welche ohne Zweifel den heftigsten Widerspruch erhoben hätten. Frieden mit Frankreich war das große Losungswort in Schweden geworden. Napoleon wurde vergöttert. Je mehr der König diesen der Hölle entstiegenen Apollo verabscheute, den die Offenbarung des heiligen Johannes schon vor so vielen Jahrhunderten ankündigte, um so mehr liebten ihn seine Schweden; je hartnäckiger er jede Unterhandlung mit diesem von Gott verworfenen Wesen verweigerte und mit seinem Schwager, dem Kaiser, 352 sich immer heftiger überwarf, um so einstimmiger wurde er dafür verlacht und ein Narr genannt, von dem man alle nur mögliche Tollheiten erzählte. Der Schwedenkönig, wie er sich selbst am liebsten hieß, blieb dagegen nicht unempfindlich; doch nicht um nachzudenken und nachzugeben, sondern um noch weit heftiger, erbitterter und halsstarriger zu werden. Seine Männer und Diener mußten seine Launen oft empfinden, und das hatte auch der empfunden, den er bald darauf eben so willkürlich zum Befehlshaber von Sweaborg erhoben. Alle diese Generale aber dachten nicht daran, daß die Felsenfestung jemals angegriffen werden könne, nachlässig genug wurde der Befehl erfüllt, wenigstens für vier Monate ausreichenden Proviant anzuschaffen. Sam Halset, der große Getreidehändler in Abo, öffnete bei dieser Gelegenheit seine Magazine und kam öfter nach Sweaborg. Er kaufte bis an die Grenze hin und darüber hinaus Vorräthe ein, und da der Verkehr nirgend gehemmt war, erschien er auch in Frederiksham und in anderen Küstenplätzen. Mancher russische General wurde mit ihm bekannt, und mancher stattliche Offizier reiste in seiner Kalesche in's schwedische Land hinüber. Überhaupt entwickelte sich ein lebhafter freundschaftlicher Verkehr zwischen den sich gegenüberstehenden schwedischen und russischen Schaaren. Es war beinahe so, als läge eine gewisse Absichtlichkeit darin, kameradschaftliche, fröhliche Besuche und Feste zu veranstalten und in liebenswürdigster Weise mit einander umzugehen. Im russischen Heere, das zum Theil aus Garderegimentern bestand, dienten edle junge Herren aus den ersten und reichsten Familien des Landes, dazu kamen mancherlei Fremde, welche Aufnahme und Beförderung gefunden. Die langen Kämpfe der Russen in Deutschland, Italien, am Rhein und an der Donau hatten einen ritterlichen Geist der Offiziere erzeugt. Das russische Heer enthielt den geistreichsten, thätigsten, lebendigsten Theil des großen Volkes; Alles, was Kraft und Muth, was Ehrgeiz und Leidenschaft besaß, warf sich in diesen großen Strom, der zu allem möglichen Glück und aller möglichen Ehre führte. Alle die wilden, übermüthigen, ausschweifenden Männer, welche sich in Petersburg herumtummelten, schmückten sich gern mit glänzenden Uniformen und rangen nach Ruhm und 353 Orden, oft mit beispielloser Kühnheit und Tapferkeit. In Liliendal befand sich daher ein Kranz von edlen Namen und herrlichen Gestalten, und dieser wurde nach einer Stunde nicht wenig vermehrt, als abermals eine Anzahl Schlitten den Schloßhof füllte und beim Fackelschein die schwedischen Gäste des Barons daraus hervorsprangen. Auch im schwedischen Heere und im finnischen Theile desselben befand sich ein großer Theil des jungen Landesadels, und von frühen Zeiten an sind die Schweden als körperschöne Männer berühmt gewesen. Ihre Uniformen waren freilich weit weniger prächtig und kleidsam als die ihrer Nebenbuhler, und eben so wenig konnten sie in Gewandtheit der Formen sich mit Jenen messen, die in den Sälen der russischen Hauptstadt Unterricht darin erhalten hatten; allein ihre hohen, schlanken und kräftigen Gestalten, ihre frischen Gesichter und die muthvoll blitzenden blauen Augen gaben ihnen andere Vorzüge. Die beiden Generale kamen darin überein, daß sie dies Begegnen als ein vollkommen unerwartetes und überraschendes erklärten und mit ihrer Verwunderung ihr Vergnügen ausdrückten, sich in solcher Weise wieder zu sehen. Keiner der Umstehenden hätte daran zweifeln mögen, wenn er den tapferen Admiral Cronstedt betrachtete, in dessen langem, trocknem Gesicht sich ein Widerstreben ausdrückte, als wäre es ihm am liebsten, tausend Meilen weit davon zu sein. – Graf Olaf Cronstedt schien ein ausgewetterter alter Seemann zu sein, knochig und fest, wo man ihn anfassen mochte. Sein Haar war gepudert und gebunden, er trug den Körper gerade und steif, und in dem verlegenen Lächeln, das seine harten Züge weder verschönte noch erweichte, ließ sich wenig von der kaltblütigen, unerschütterlichen Sicherheit erkennen, die er bei manchen Kriegsthaten bewiesen hatte. Der Admiral war jedoch von dem Obersten Jägerhorn begleitet, der es mit Suchtelen und allen Russen an Gewandtheit der Formen aufnehmen konnte, und unter dessen Beihilfe bald die üblichen gegenseitigen Höflichkeiten in Fluß gebracht waren. Die Vorstellung wurde dann allgemein, und als Frau von Gurschin mit Ebba herantrat, gefolgt von Sam Halset's Tochter und Otho's Schwester, belebte die ritterliche Galanterie der jungen Offiziere bald den ganzen Saal. 354 Alle bedienten sich hierbei der französischen Sprache, welche als Verständigungsmittel für so verschiedene Nationalitäten auch hier ihr Vorrecht behauptete. Die russischen Herren redeten diese Sprache mit größter Fertigkeit, auch bei den Schweden war sie seit alten Zeiten die Sprache der höheren Gesellschaftskreise, die Finnen endlich, welche unter allen Völkern Europa's wohl das meiste Sprachtalent besitzen, zeigten sich nicht weniger vertraut mit ihr. Die schöne Frau von Gurschin war bald mit den beiden vornehmen Offizieren in die munterste Unterhaltung verwickelt, um welche sich ein Theil der glänzenden Herren schaarte, welche sie mit ihren Blicken und ihrem Lächeln festhielt. Ebba wurde von dem jungen Fürsten Dolgorucki beschäftigt, der sich als Serbinoff's bester Freund ankündigte, ihn vor wenigen Tagen erst gesehen hatte und viel von ihm zu erzählen wußte. Baron Arwed brachte seine Huldigungen dem Gegenstande seiner Berechnung und ließ sich von der unzerstörbaren Ruhe dieser spröden Jungfrau nicht abhalten, seine launigen Fragen und witzigen Antworten fortzusetzen, wenn er auch mit geheimem Verdruß bemerkte, daß Mary's Augen bald auf Otho hafteten, der von einem schwedischen Seemann aus dem Gefolge des Admirals festgehalten ward und welcher kein anderer war, als Gustav Lindström, bald zu Erich Randal hinüberschauten, der soeben von dem Freiherrn Wright dem russischen General vorgestellt wurde. Arwed hatte seinen ungestümen lustigen Vetter eilig abgeschüttelt, um sich der Dame, welcher er zu gefallen wünschte, zu nähern; er hatte gehofft, daß seine erneute Aufmerksamkeit ihr Wohlwollen erwecken würde und daß sie überhaupt mit freundlicheren Empfindungen nach Liliendal gekommen sei, allein er sah sich darin getäuscht. Mary Halset schien noch ernster und in sich gekehrter zu sein. Mitten in dieser glänzenden lebhaften Gesellschaft stand sie ohne Zeichen der Theilnahme und häufig beantwortete sie seine Anreden mit so leeren starren Blicken, als habe sie nichts davon gehört. Während dies geschah, begab es sich an der anderen Seite des Saales, daß Louisa rasch durch die Gruppen der Offiziere eilte, um zu ihrer Beschützerin zu gelangen. Neugierig und erstaunt blickten die jungen Herren auf dies schöne Kind, das ihre Theilnahme in hohem Grade rege machte, denn seine zarte Formen sowohl, wie die 355 ein wenig phantastische Tracht mußte alle Blicke auf sich ziehen. Ihre langen glänzenden Haare mit Korallenschnüren durchflochten, hingen nach finnischer Sitte weit über den Rücken nieder. Ein rothes Band mit einem Goldgehänge schmückte ihre Stirn und das weiße einfache Kleid, in reichen Falten niederfallend, erhöhte den Reiz ihrer lieblichen Erscheinung. Die furchtsamen Blicke ihrer großen bittenden Augen begleitete sie mit einem Lächeln, das ihr selbst Muth machen sollte, unter so viele fremde stolze Männer zu treten; plötzlich aber tauchte sich ihr ganzes Gesicht in dunkle Röthe und gleich darauf strahlte es hell und freudig darin auf. Sie streckte ihre Hand aus und ließ sie wieder sinken. Magnus! rief sie laut, und einen Augenblick schien es, als wollte sie auf den jungen Mann, der in der Tracht eines Junkers der finnischen Jäger drei Schritte entfernt von ihr stand, loseilen, gleich aber stand sie wieder still und verbeugte sich, wie es Sitte war. Magnus Munk war in ähnlicher Weise überrascht. Als er seinen Namen rufen hörte, wie in der alten frohen Zeit, ging der Ton ihm so tief durch's Herz, daß er alle Vergangenheit vergaß; allein es war in der nächsten Minute damit vorbei. Er sah Louisa zurücktreten und als sie sich verbeugte, machte er es eben so. Um ihn her standen Offiziere, das Soldatenwesen hatte ihn schon gelehrt, was sich schickt, und mehr noch that's ein Weh, das in seiner Brust aufwachte. Es geht dir wohl, Louisa? fragte er. Mir geht es sehr wohl, antwortete sie. Auch habe ich deinen Vater gesprochen und ihm versprochen, dir seine Grüße zu bringen, wenn ich dich antreffen würde, was ich freilich fast nicht erwartete. Das erwartetest du nicht, sagte Magnus, und er lächelte, obwohl es ihm schwer wurde. Er richtete seine Augen auf sie, Louisa bemerkte, daß er magerer und blässer geworden sei. Du siehst nicht ganz munter aus, begann sie nochmals und es überkam sie eine Furcht, als er sie so sonderbar starr darauf anblickte. Ein anderer junger Mann trat jetzt herbei, auch ein Junker von demselben Regiment, aber größer und stärker als Magnus Munk. Wahrhaftig, rief er, es ist meine kleine süße Nachbarin, Louisa. Welch Ehre, Sie hier zu sehen, und wie groß sind Sie geworden, 356 dabei aber doch noch der allerliebste kleine Elf, wie Sie immer genannt wurden. Es war der Junker Ridderstern, der in dieser Weise sich einmischte und Magnus zurückdrängte. Er fragte und lachte, erkundigte sich nach Neuigkeiten aus Halljala, erzählte dabei, daß er seinen Verwandten, Oberst Jägerhorn, hieher begleitete, der auf seine und Lindström's Bitten auch den kleinen Magnus mit aufpacken ließ. Nun wollen wir auf's tapferste tanzen, schöne Louisa, sagte er, wollen nicht darnach fragen, was mein Papa etwa dagegen einzuwenden hätte. Ich bitte um die Ehre, morgen Ihr Tänzer zu sein. Trotz des wüsten und anmaßlichen Tones, in welchem der Junker redete, war Louisa doch freundlicher zu ihm als zu Magnus, der schweigend zuhörte. Ohne sich wieder an ihn zu wenden, ging sie endlich fort und kaum streifte ihr Blick über den armen Knaben hin, der mit seinen Augen sie verfolgte, bis er sah, daß Frau von Gurschin sie umarmte und küßte und alle die großen und glänzenden Herren sich mit ihr beschäftigten. – Auf mein Wort, kleiner Magnus, sagte Ridderstern, ihn auf die Schulter drückend, sie ist so hübsch geworden, daß ich mich verlieben werde. Aber wie siehst du denn aus! Als ob du mich verschlingen wolltest, mein Sohn. Magnus antwortete ihm nichts, er suchte die Thränen zu verbergen, die unwillkürlich in seine Augen drangen. Es war ihm, als müßte er hinaus in die Schneewüste laufen und sein Herz auf das Eis drücken. Eben zur rechten Zeit suchte ihn Lindström und führte ihn zu Erich und Ebba. Sei froh, lieber Magnus, sagte er ihm, Serbinoff ist nicht hier, du wirst ihn nicht sehen. Der schwarze Herr hole alle Russen! Blanke geputzte Bursche sind es, geschniegelt wie Kätzchen, aber ihre Krallen stecken in den Scheiden. Sieh die russische Hexe da, Magnus. Nimm dich in Acht vor ihr, mein Junge. Den alten Admiral wickelt sie um ihre Finger, und schau' den Otho an, wie er um sie her ist und wie süß er aussieht, als reichte sie ihm Zuckerkuchen. – Oho! da brechen sie auf, um sich an den Tisch zu setzen. Meiner Treu! sie hängt sich dem alten Seehund an den Arm, aber Otho ihr von der anderen Seite. Ich sage dir, Magnus, wir müssen 357 auch dabei sein, und verdammt will ich sterben, wenn das Alles Zufall ist! An der Tafel des Freiherrn ging es fröhlich her und den Rest des Abends über gab es abwechselnd mancherlei heitere Lust. Welche verschiedene Gegenstände aber auch zur Unterhaltung dienten, die Politik und die Fragen, welche damit zusammen hingen, Alles was irgend einen Mißton hervorrufen konnte, blieben streng ausgeschlossen. Schweden und Russen saßen in bunter Reihe und bestrebten sich um den ersten Rang in gegenseitiger Zuvorkommenheit. Die beiden Generale hatten ihre Plätze getrennt genommen, jedenfalls mit einiger Absichtlichkeit, und während die beiden Freiherren Wright neben dem General Suchtelen saßen, sah Frau von Gurschin den Admiral an ihrer Seite und an der andern den Oberst Jägerhorn. Um jeden Anlaß zu einer Störung abzuschneiden, wurden selbst die Trinksprüche vermieden, weder des Königs in Stockholm noch des Kaisers in Petersburg gedacht, nur der Freiherr Wright trank auf das Wohl seiner Gäste, und sein Bruder, der Oberst, ließ die Hoffnung leben, daß der Besuch in Liliendal Jedem zu solcher Freude gereichen möge, wie er diese empfinde. Als die Nase des tapferen Obersten endlich bedenklich röther wurde und die Weinlaune sich überhaupt an manchen Orten merklich zu regen begann, erhob sich Frau von Gurschin und beendete damit die Tafelvergnüglichkeiten. Nach nordischer Sitte hörten jedoch die Genüsse damit nicht auf, denn nun erst wurden die Schenktische in verschwenderischer Fülle mit heißen und kalten ausgewählten dunkeln und hellen Getränken besetzt. Das Gläserleeren unter den herzlichsten Glückwünschen wurde daher zwischen Russen und Schweden noch eine Zeit lang aufs eifrigste fortgesetzt, dann aber bildete sich ein aufmerksamer Zuhörerkreis in dem Saale, denn Constanze Gurschin hatte sich bewegen lassen, ihre Meisterschaft in Spiel und Gesang zu zeigen. Frau von Gurschin brachte aus Petersburg einen äußerst kostbaren wiener Flügel herüber, den sie vollkommen beherrschte und alle Hörer entzückte. Ohne Zweifel war weder in Finnland noch in Schweden damals ein ähnliches Instrument vorhanden, und die meisten Anwesenden hatten nie ein solches gesehen, nur in Rußland konnten 358 sie bezahlt werden; aber die schöne Frau that noch mehr. Sie sang, nachdem sie ein schweres brillantes Opernstück gespielt hatte, Volkslieder, und zwar abwechselnd, bald schwedische, bald russische, zum Wohlgefallen der jungen Offiziere, die ihr den ungemessensten Beifall dafür bezeugten. Ich nehme es an, sagte sie endlich lachend, daß die Herren mich ohne Ausnahme als ihre unterthänige Angehörige betrachten, und thue dies um so lieber, da ich nicht wüßte, für was ich mich entscheiden sollte. Soll ich mich auf die Seite Schwedens oder Rußlands stellen, es würde eine schwere Wahl werden. Ich ziehe es daher vor, beide Nationen zu vereinigen und daraus für mich einen Gesammtstaat zu bilden. Russisch-schwedisch oder schwedisch-russisch soll somit immer mein Vaterland sein. Aber es gibt hier ja noch eine Nationalität, sagte General Suchtelen. Würden Sie nicht auch diese mit Ihrem Reiche verbinden und uns ein finnisches Lied vortragen? Constanze schlug ihre Augen zu Otho auf und antwortete lebhaft: Davon verstehe ich nichts. Es gibt allerdings eine finnische Sprache und sie ist so drollig und eigenthümlich wie Volkssprachen sind, allein aus der guten Gesellschaft ist sie verbannt oder vielmehr niemals dort eingedrungen. Die Finnen selbst sind immer lieber entweder Schweden oder Russen gewesen und, wie ich denke, mit allem Rechte. Man hat mir gesagt, fuhr General Suchtelen fort, daß fast jeder Finne ein Improvisator sei, der zu seiner Zither schöne Gesänge zu dichten verstehe. Hier haben Sie einen sehr kenntnißreichen und liebenswürdigen finnischen Herrn, rief Frau von Gurschin, der, wie ich vernommen habe, in dieser edlen Kunst ein Meister ist. Er wird auf unsere Bitten uns gewiß eine Probe nicht versagen. Alle Blicke richteten sich auf den jungen Mann, der wohl schon vorher manche Augen auf sich gezogen hatte. So viele herrlich ausgestattete Männer hier vereinigt waren, stand Otho Waimon doch Keinem nach. Ohne irgend einen Schmuck zu tragen, ohne durch Pracht oder Feinheit modischer Kleider zu glänzen, glänzte er durch mancherlei Vorzüge, welche dies Alles und mehr ersetzten. Sein Kopf mit den 359 großen dunkelblauen Augen, sein goldiges Haar, das in dichten Locken und Ringen auf seine Stirn fiel, und diese Stirn selbst, so edel gewölbt und kühn geformt, konnten nicht gleichgiltig betrachtet werden. Dabei lag der Ausdruck stolzer Festigkeit in allen seinen Zügen und doch waren diese mild und äußerst klar. Ein Schatten wie von Trauer oder Kummer breitete sich darüber aus und verschmolz sich mit dem Lächeln, das diese düstere Anwandelung zu überwältigen suchte. Otho war in den letzten Tagen viel in Frau von Gurschin's Nähe gewesen. Sie hatte ihn zu ihrem Begleiter auf ihren Spaziergängen in das Pflanzenhaus und im Gange des Parks gemacht, hatte ihn in ihre Zimmer gerufen, wenn sie allein war, und ihn bevorzugt im gesellschaftlichen Umgang. Trotz der Ankunft der vornehmen Gäste hatte sie auch heute ihm manche Zeichen ihrer Gunst geschenkt, ihm zugelacht, ihn herbei gewinkt, lächelnde, muthwillige Fragen an ihn gethan und bedenklich über ihre Stirn gestrichen. Er war, als er nach Liliendal kam, schon nicht mehr der fröhliche, unbefangene Mann, der er gewesen, allein während seines Aufenthalts hatte er sich noch weit mehr geändert. Eine Unruhe schien ihn zu beherrschen, welche sich durch die stärksten Gegensätze äußerte. Zuweilen war er stumm, scheu und wie von Phantomen geängstigt, die ihn umringten, dann wieder wurde er in hohem Grade lebhaft, gesprächig, zum Scherz aufgelegt, als wollte er gewaltsam Alles was ihn drückte von sich werfen. Er war zu den muthwilligsten Äußerungen aufgelegt, Frau von Gurschin fand diese Natürlichkeit allerliebst und blickte mit eben so vielem Vergnügen in seine flammenden Augen, wie sie gern hörte, was er in wilden Bildern und Gedanken zum Besten gab. Nur war es schade, daß ihn sobald wieder diese fröhliche Laune verließ und er dann wohl in unruhiger Hast davon lief, eben wo sie an der besten Stelle angelangt war. Auch an diesem Tag war Otho in derselben wechselnden Stimmung, froh mit den Fröhlichen, zutraulich gegen die russischen Herren, besonders freundlich und gesprächig zu dem jungen Fürsten Dolgorucki, der ihm einige mit Bleistift geschriebene Zeilen von Serbinoff mitgebracht hatte, welche gute Nachrichten enthalten mußten, denn die ihn 360 beobachteten sahen, wie sein Gesicht sich heller röthete und seine Augen einen eigenthümlichen Glanz erhielten. Dann ging er mit dem Fürsten eine Zeit lang durch den Saal und dieser fand sicher Wohlgefallen an ihm. Mehrmals kehrte er zu Otho zurück und bei Tische saß er neben ihm, trank und lachte mit ihm, und rüttelte ihn aus seinem Nachdenken. Jetzt, als Frau von Gurschin ihn als einen Dichter seines Volks zu einer Probe seiner Kunst aufforderte, wußte er wohl, was der geheime Spott in ihren Mienen bedeutete. Erst an diesem Morgen hatte er mit ihr über die finnische Sprache gestritten. Er hatte sie gerühmt und ihre Schönheit in Scherz und Ernst vertheidigt, während sie eine Sprache, die von einem kleinen, armen und halbwilden Volke gesprochen werde, das kaum eine Schrift aufzuweisen habe, und dessen gebildete Männer sich immer einer anderen Zunge bedienen mußten, um sich verständlich zu machen, als barbarisch verlachte. Constanze verstand selbst genug Finnisch, um ihre Spöttereien dadurch zu unterstützen, daß sie manche Begriffe des civilisirten Lebens aufzählte, für welche die finnische Sprache keine Worte hat, weil jene Dinge erst von den Eroberern des Landes mitgebracht wurden, und sie verglich damit die russische Sprache, deren Reichthum, Biegsamkeit und Feinheit sie übermäßig pries. Wer russisch spricht, hatte sie ihm gesagt, den verstehen sechszig Millionen Menschen. Er kann von der chinesischen Mauer bis nach Deutschland, vom Eismeere bis an's schwarze Meer und in den Kaukasus reisen, überall wird sein Wort vernommen. Wenn Rußland erst Konstantinopel in seinem linken Arm hält, und Kopenhagen in seinem rechten, umklammert es ganz Europa, und es wird gar nicht so lange dauern, bis Rußlands Sprache alle anderen Sprachen überflüssig macht. Da Rußland ein Weltreich aufbaut, wird seine Sprache auch Weltsprache sein. Russisch sollen Sie 1ernen, Herr Otho, je eher je lieber, ich will Ihre Lehrerin werden. Louisa war fortgelaufen, und kehrte jetzt mit einer Kandele zurück, die sie ihrem Bruder reichte und ihm dabei sagte: Laß uns nicht zu Schanden werden, nicht verspotten, Otho. 361 Es fiel mancher lächelnde Blick auf das ärmliche Instrument mit den wenigen zitternden schwachen Saiten, aber Otho nahm es, und als er mit seinen Händen darüber fuhr, brachte er Töne hervor, welche stärker und anmuthiger klangen, als die meisten der Zuhörer es vermutheten. Wie er in dem glänzenden Kreise saß, hell bestrahlt von zahlreichen Wachskerzen, mußte Ebba an den Gott Wainemonen denken, wie dieser einst göttlich schön und stark durch dies Land wanderte, und alle Wesen folgten ihm und seinen Gesängen. War dies nicht auch ein Mann in goldigen Locken? Funkelten in seinen Augen nicht Glück und Jugendlust, schimmerte auf seiner Stirn nicht eine edle himmlische Begeisterung, die Alle, die ihn schauten, mit Freude und Sehnsucht erfüllte? Otho saß sinnend, während er jene langhallenden, langsamen Accorde aus den Saiten lockte, die den Gesang der Finnen begleiten, bald aber klangen die Töne heller und frischer. Sein Gesicht hob sich mit einem sanften Ausdruck auf, das Lächeln um seine Lippen war ein schmerzlich-schönes, und seine Locken von der hohen Stirn schüttelnd, hob er diese auf und schien seine Umgebung zu vergessen. Seine tiefe Stimme war rein und von solchem Umfange, daß, als er seinen Gesang begonnen, Alle davon überrascht waren, und obwohl die Meisten ihn nicht verstanden, hörten sie ihn gern, und fühlten etwas von der Begeisterung, die ihn ergriffen hatte. Die Lieder der Finnen kennen den Reim nicht. Wenn sie in der Form kunstvoll sein sollen, beschränken sie sich auf gleiche Zahl der Sylbenpaare und Wiederkehr gleicher Buchstaben, Assonanz und Alliteration; bei den Improvisatoren aber ordnet sich die Form ganz der Phantasie unter, welche den Strom ihrer Eingebungen frei walten läßt, ohne die Fassung sonderlich zu beachten. So war es auch mit dem Liede, das Otho erfand und bildete, und das er mit abwechselnd langsamer und lebhafter Musik begleitete. Hier ist Otho Waimon, so begann er in der herkömmlichen Weise aller finnischen Dichter, der bereit ist einen Gesang zu singen. Hört ihn an, meine Freunde, schenkt ihm eure Augen und eure Ohren, eure Herzen und laßt diese freudiger klopfen, wenn es ihm gelingt euch zu rühren. Hört, o hört! was ich euch berichte, traurig ist es, 362 klagend und traurig, doch hoffet, meine Freunde, hoffet, daß der Schmerz sich in Freude verwandelt. Es lebte einst eine Jungfrau, groß war sie und schön. Ihr Gesicht war lieblich wie Frühlingsblüthen, ihr Körper hoch und stolz, wie unsere Tannen. Ihre Wangen waren den Rosen gleich, ihre Züge voll Güte, und was sie sprach war Wohlklang. Alles wußte sie süß zu sagen, süß und scharf doch zugleich. Niemand konnte sie sehen ohne sie zu lieben, und dennoch – wunderbares Schicksal! – alle ihre Gespielen vermählten sich, sie allein fand keinen Gatten. Einsam blieb sie lange Jahre ihren Wünschen überlassen; da, o! Tag des Jammers! kamen Fremde über das Meer. Sie drangen in das Haus der Jungfrau; ungerührt von ihrem Flehen banden sie ihre Glieder, zogen sie ihre Messer, schnitten sie ihr die Zunge aus. Weinend lag sie auf ihren Knien, schreiend nach dem Retter, der sie erlösen und heilen soll. Weinend noch liegt sie lange, kalte Tage, lange trübe Nächte, hoffend auf den starken Gatten. Ihre Thränen rollten fort und fort; auf zum Himmel schaut sie, flehend um Gerechtigkeit. Wollt ihr wissen, wie diese arme verlassene Jungfrau heißt? Man nennt sie die finnische Sprache! Andere tanzen leicht und glücklich durch die Welt. O! sie haben weniger Werth als diese, die so reich ist und so schön, so hold und doch so tief in Leid. Theure Sprache meiner Väter! wie lange wirst du umherirren durch Sturm und Nebel? Wie lange wird deine zitternde Hand vergebens an verschlossene Thüren klopfen? Wie lange wirst du bange Klagen seufzen, die in Nacht und Eis verwehen. Bist du eine Bettlerin, schöne Jungfrau? Bist du ein verstoßenes Kind, das vergebens nach Erbarmen ruft? Weine nicht länger, raffe dich auf. Hebe deine stolze Stirn empor, blicke sie an mit deinen klaren blauen Augen. Laß sie schmähen, o! sie kennen dich nicht. Wie süß du bist, wie herrlich deine Stimme den Wald wach ruft, die Sonne und die Vögel, die Fische im See, das Wild im Busch. Laß sie schmähen, komm zu mir, komm an meine Brust! Ich liebe dich mehr als ich sagen kann. Treu will ich sein zu aller Zeit; nie und nimmer will ich dich verlassen! 363 Als Otho Waimon bei diesen letzen Worten seines Gesanges mächtig in die Saiten griff, sprangen sie unter seinen Fingern, und langsam ließ er die Harfe und den Kopf sinken. Er starrte die zerrissenen Fäden an, seine Stirn wurde blaß, eine Ahnung kam in seine Seele. Louisa schlug ihre Arme um seinen Hals, sie weinte. Alle die fremden Damen und Herren blickten theilnehmend und besorgt auf die Geschwister. Achtzehntes Kapitel. Zu dem großen Balle vermehrte sich die Gesellschaft durch viele neue Gäste, welche sowohl aus der Umgegend, wie aus weiter Ferne geladen, daran Theil nehmen wollten. Die Musik des Jägerregiments aus Sweaborg war dazu verschrieben worden, und traf pünktlich ein, in dem großen Schlosse blieb nun kein Raum unbesetzt, und bis zum Abend hatten sämmtliche Theilnehmer dieser Festlichkeiten hinreichend zu thun, um für die Vorbereitungen zu sorgen und ihre Anzüge in Bereitschaft zu setzen. Der gastliche Freiherr suchte seinen Gästen die Stunden so viel als möglich zu erheitern und zu verkürzen. In dem großen Gewächshause wurde ein Frühstück eingenommen, bei welchem die Janitscharenmusik aufspielen mußte. Da eine Anzahl junger, hübscher Damen nun beisammen war, und die Mittagstafel schon einen glänzenden Kreis vereinigte, fanden die jungen Offiziere noch weit mehr Gelegenheit sich galant zu beweisen und sie thaten dies ohne Zweifel mit dem besten Erfolg. Die schwedischen Damen schienen sich bei weitem weniger vor den russischen Uniformen zu scheuen, wie der tapfere Admiral Cronstedt, der dem General Suchtelen auswich, so viel dies immer sich thun ließ, auch die anderen Russen vermied, dagegen wie gestern so auch heute von Frau von Gurschin gefesselt wurde. Um so mehr war der Oberst Wright um die fremden Gäste beschäftigt, und längere 364 Zeit nach dem Frühstück sah man den General Suchtelen mit dem Obersten Jägerhorn und Herrn Sam Halset im Freien auf dem schneebefreiten Raume auf und nieder gehen. Der Oberst entfernte sich jedoch sehr bald, und Halset's Gelächter, seine krähende Stimme, und die Art, wie er heftig mit den Händen umherfocht und Gesichter schnitt, zeigten genugsam, daß er lustige Geschichten erzählen müsse. Zu heimlichen Unterhaltungen war auch hier weder Zeit noch Gelegenheit. Durch alle Gänge streiften die Cavaliere und Damen umher, in allen Zimmern saßen sie, aus allen Räumen hörte man ihre Stimmen, und als endlich das Mittagsmahl vorüber gegangen war, brach die Finsterniß herein, und man trennte sich, um zum Balle auszuruhen. Selbst Erich Randal hatte Sorge getragen, wie ein Mann seines Standes zu erscheinen. Seine bequeme einfache Tracht mußte einem feinen, nach französischer Art geschnittenen Rock weichen, der seidengestickt und mit großen goldrandigen Perlemutterknöpfen besetzt war. So geschmückt in Schnallenschuhen und Seidenstrümpfen, sein Haar gebunden und den Galanteriedegen an der Seite, trat er bei Ebba ein, die ihn lächelnd staunend empfing. Fast schien es, als hätten Beide ihre äußere Erscheinung vertauscht, denn ohne allen Schmuck, nur eine schöne Blume im Haar, trat Ebba ihm entgegen. War es ihr silbergraues Gewand, oder war es wirklich so, er fand ihr Gesicht bleich und trübe. Was fehlt Ihnen? fragte er. Soll ich Sie verlassen? Beistand rufen? Sie sollen bleiben, erwiederte sie. Es ist mir lieb, daß Sie bei mir sind. Der Druck ihrer Hand und die Innigkeit in dem Tone ihrer Worte drangen warm zu seinem Herzen. Mögen Sie immer so zu mir sprechen, theure Ebba, antwortete er, indem er seine freundliche Augen zu ihr aufhob. Sie schwieg eine kleine Weile. Sind das Ihre Wünsche geblieben, Cousin Erich? fragte sie dann. Können Sie daran zweifeln? war seine Antwort. Und haben Sie Alles wohl geprüft? Ich glaube, daß ich es gethan habe. 365 Sie blickten sich an, eine hellere Farbe trat in ihre Züge. Kennen Sie mich auch, Erich? fragte sie. Ja, sagte er sanft lächelnd. Ich denke in einem offenen, schönen Buche zu lesen. Und was sagt Ihnen die Schrift? Daß ich glücklich sein werde, wenn ich Ihnen ganz vertraue. Sie muß Ihnen mehr sagen, oder ich – ich muß es thun, fiel Ebba ein, und ihre Blicke drückten die Energie aus, die sie erfüllte. Ich will Ihre Wünsche erfüllen, Erich. Was Sie in dem Buche meines Lebens lesen, soll treu gehalten werden. Wie ich Sie ehre und achte, so will ich Sie lieben, was meine Mutter Ihrem Vater nicht sein konnte, das will ich Ihnen sein. Theure, edle Ebba! antwortete er, als sich ihr Kopf zu ihm neigte, und ihre Arme auf seinen Schultern ruhten, Gott weiß es! Sie sollen diese Liebe nimmer bereuen. Alles, was ein Mensch thun kann, um sie zu erwerben, soll unablässig von mir erstrebt werden. – Er küßte ihren Mund und ihre Stirn, sie ließ es still geschehen. Wir werden Glück und Leid tragen, fuhr sie dann mit einem Lächeln fort. Wir werden unser Loos erfüllen, wie es auch fallen möge. Ich gebe Ihnen vertrauend meine Hand, Erich, denn ich weiß, es gibt keinen besseren Mann, der sie nehmen könnte. Und was ist denn ein Menschenleben? Eine Spanne Zeit! Was kann eine Menschenbrust Größeres, Höheres in sich tragen, als das Bewußtsein, dem Besten zu gehören! Friede und Freude blühen unter den Schritten der Lieblinge Jumala's, und wer ihnen naht ist gesegnet, sagte Erich, indem er mit Ausdruck tiefer Empfindung ihre Hände drückte. Sie schüttelte den Kopf. Wir werden manche böse Tage erleben, erwiederte sie, manche Stürme, ich sehe sie kommen; aber wer Glück und Frieden liebt, darf auch den Streit nicht scheuen. Sehen Sie nicht, was uns nahe bevorsteht, Erich? Wenigstens nichts, was mit Gewißheit zu sehen wäre. Sprechen Sie mit meinem Bruder, antwortete Ebba. Sagen ihm, daß ich in Halljala mit Ihnen wohnen will, so lange es Gott 366 gefällt. Er wird mit seinen Glückwünschen Ihnen antworten, daß Halljala bald kein Ort sein wird, um eine Hochzeit zu feiern. Sie glauben, daß der Krieg ausbricht? Er wird ausbrechen, fiel das Fräulein ein. Merken Sie es nicht an diesem Schlosse, an diesen Gästen? Die Unzufriedenheit mit der Willkürwirthschaft des Königs und seiner Unfähigkeit ist so allgemein, daß selbst in den Regimentern kaum mehr der Gehorsam sich erhalten läßt. Wir werden vielleicht noch einige Zeit warten müssen, lieber Erich, ehe wir ein friedliches Leben in Halljala beginnen können, doch um so beglückter wird es dann sein. Auch der Freiherr Randal wird in diesen Strömen sein Recht und seines Volkes Rechte vertreten und vertheidigen helfen. Mit stolzer Freude werde ich ihn meinen Gatten nennen, mit allen Kränzen ihn schmücken, die ich für ihn winden kann. Und bis dahin? fragte Erich wie mit leisem Vorwurf. Ich bleibe bei Ihnen, fuhr sie fort, ich will nicht aufhören Sie zu mahnen, Ihr Vaterland nicht zu vergessen. Ich stehe zurück, Erich, denn Schweden hat bessere und höhere Ansprüche; Alle seine Söhne müssen sich vereinigen, um es aus den Händen der Tyrannei zu befreien. Dann will ich einem freien Manne angehören. Erich stand nachsinnend vor ihr. Über seine klaren Augen schien ein Schleier zu sinken, den er zu bewältigen suchte. Ich fürchte, sagte er, daß, was Sie fordern, schwer sich erfüllen wird. So scheint es, ja – doch Hilfe ist oft näher als man denkt. Erinnern Sie sich, was wir einst sprachen, als wir gemeinsam Hume's englische Geschichte lasen? Die Holländer kamen und erlösten England von den tyrannischen Stuart's. Und jetzt meinen Sie – Jetzt werden die Russen kommen und Schweden von den Wasa's befreien, die keine Wasa's mehr sind. Das können Sie glauben, Ebba? Sie hörte nicht darauf. Mit den Holländern verband sich der englische Adel, fuhr sie fort, und das Heer vereinigte sich mit ihnen. Selbst die Günstlinge des Tyrannen verließen ihn. Seine ersten Offiziere, seine nächsten Verwandten, gingen zu dem Befreier über. 367 Es war so, sagte Erich Randal, sie verriethen ihn Alle. Und so wird es wiederum geschehen. Ein Mann, der sinnlos handelt, der kein Recht achtet, der Schweden seinen starrsinnigen Launen opfert, der da glaubt, er allein habe zu gebieten, alle Andern aber müßten blind gehorchen und sich unterwerfen, mögen Land und Volk auch darüber zu Grunde gehen, der kann nicht auf dauernde Treue hoffen; denn der Tag muß kommen, wo der Widerstand der Vernünftigen stärker wird, als sein gesetzloser Wille. Geben Sie Acht, wie lange es noch dauern wird. Hören Sie auf die Sprache, welche man um uns her führt. Ich meine, wir sind nahe daran, wo der Bogen in seiner Hand zerbricht. Glauben Sie, daß die Zusammenkunft in diesem Schlosse ganz absichtslos ist? Welche Absichten – Erich Randal hielt ein, als er dies gesagt hatte. Wenn es so wäre, setzte er hinzu, dann freilich müßte aller Glaube an Treue und Ehre aufhören. Warum? antwortete sie. Soll ein General, ein in Ehren alt gewordener Soldat, ein Mann von altem Adel, nicht daran denken, daß er kein Bedienter in königlicher Livree, sondern ein schwedischer Mann ist? Soll er für die Befreiung seines Volkes nicht seine Fahne erheben und gemeinschaftliche Sache mit denen machen, die sein Vaterland befreien wollen? Das hat allerdings mehr als ein General gethan und die Geschichte hat seinen Verrath zu rechtfertigen versucht, antwortete der Freiherr. Nicht versucht, Cousin Erich, sie hat ihn gerechtfertigt. Marlborough ist trotz dessen der große Mann geblieben und Olaf Cronstedt wird den Lorbeer der Unsterblichkeit erringen, wenn er den Krieg, mit dem die Russen uns drohen, in dieser Weise zum Segen umwandelt. Erich blickte schweigend auf sie hin. Haben Ihre Muthmaßungen denn wirklich mehr für sich als Ihre Wünsche? fragte er dann. Nichts weiter, als was Arwed mir andeutete. Dann, theure Ebba, lassen Sie uns abwarten, bis wir die Entwickelung klarer vor uns sehen. Die Unzufriedenheit mit dem Verfahren des Königs ist allgemein, aber noch berechtigt uns nichts anzunehmen, daß so furchtbare Ereignisse nahe sein können. 368 Thatkräftige Männer führen Ereignisse herbei, fiel sie ein. Der Freiherr Wright und sein Bruder haben ihre Freunde, wie ich denke, nicht umsonst hier um sich versammelt. Sind das denn die Männer, welche Schweden und Finnland frei machen können? fragte er traurig lächelnd. Für das Rechte zu streiten, mangelt es mir nicht an Muth, aber mit Unbesonnenheit oder leichtsinniger Schlechtigkeit habe ich nichts zu thun, liebe Muhme Ebba. – Ich will morgen mit Ihrem Bruder sprechen, will ihm Alles sagen, was ich denke und meine. Warum wollen wir uns mit Vorstellungen quälen, die bis jetzt doch nur Nebel und Schatten sind? Ich überlasse mich dem Glücke, das Sie mir verkündigten. Ich vertraue Ihnen, theure Ebba, vertrauen Sie auch mir. In seinen Blicken lag eine überzeugende Gewalt, der Ebba nicht widerstehen konnte. Ich glaube Ihnen, sagte sie, ihm ihre beiden Hände reichend. Was das Schicksal uns bringt, Erich, wir wollen es muthig tragen. Während des ruhigen Gespräches, das nun folgte, in welchem Erich Randal seine Grundsätze und die Anschauungen darstellte, welche er von seinem Leben und seinen Pflichten gewonnen und die Hoffnungen damit verknüpfte, einer freundlichen Zukunft entgegen zu gehen, befand sich Otho Waimon bei Frau von Gurschin, welche ihn zu sich beschieden hatte. Sie war so reich und köstlich geschmückt, und sah so bezaubernd schön aus, daß Otho unter dem Eindrucke, dem er sich unterworfen fühlte, überrascht stehen blieb. Sie haben gewünscht, gnädige Frau, sagte er, als sie sich näherte, daß ich bei Ihnen eintrete. Ich wollte Sie sehen, Herr Waimon, antwortete sie erfreut lächelnd über seine Verwirrung, die sie richtig zu deuten wußte. Ich wollte mit Ihnen plaudern, ehe der Ball beginnt; ganz im Vertrauen als Ihre Freundin. Setzen Sie sich zu mir, wir haben noch Zeit. Sie führte ihn zu der seidenen Ottomane und schmiegte sich in die weichen Polster. Zunächst wollen wir von Ihrer Schwester sprechen, sagte sie. Wenige Tage noch, und die Feste von Liliendal werden ein Ende haben, meine liebliche Louisa darf mich jedoch nicht so bald verlassen. 369 Ich fordere Ihre Einwilligung, daß sie einige Zeit noch bei mir bleiben darf, und dulde keinen Widerspruch. Dennoch muß ich ihn erheben, begann Otho. Erich – Dennoch müssen Sie ihn einstellen, fiel Frau von Gurschin ein, weil meine Gründe stichhaltiger sind. Unser theurer Cousin Erich wird in Halljala wenig Zeit haben, da er mit seiner eigenen Angelegenheit genug beschäftigt ist. Die liebenswürdige Ebba wird ihn zurückbegleiten, sich ganz unter seinen Schutz stellen, denn, wie ich vernommen habe, hat der ehrbare Kammerherr die Absicht, mit Herrn Halset und Compagnie nach Abo zu reisen, um wo möglich in das Geschäft zu treten. Sie sehen so grimmig aus, Herr Waimon, als hörten Sie schreckliche Dinge. O weh! da fällt mir etwas ein. Tausendmal bitte ich um Verzeihung, Ihnen solche Schmerzen bereitet zu haben. Man hat mir einmal erzählt, daß Sie eine gewisse Anwartschaft auf das Glück hatten, diese unterhaltende, fröhliche Jungfrau Mary auf immer Ihr eigen zu nennen. Man wird Ihnen dann auch gesagt haben, Madame, antwortete Otho, daß diese Anwartschaft auf Glück längst ein Ende genommen hat. Es ist möglich, fuhr sie lachend fort, gewiß dagegen, daß Louisa vergehen würde, im Fall sie die Freuden des Brautpaares in Halljala als Zuschauerin mitgenießen müßte. Denken Sie sich, wie lustig es dort hergehen wird, wenn die beiden gelehrten Personen Tage lang in der Bibliothek sitzen und sich mit Studien beschäftigen. Es ist unmenschlich, das arme regsame Kind zu solchen Freuden verdammen zu wollen, die ihm das Leben kosten können. In Ihrem ländlichen Hause, allein und sich selbst überlassen, können Sie Louisa doch nicht einsperren, was bleibt also übrig, als sie in meine Obhut zu geben. Major Munk bleibt übrig, sagte Otho. Wie? rief Constanze Gurschin lachend, der alte Stelzfuß, der in der Hütte von Lomnäs wohnt, dessen Sohn hier umher läuft und Louisa aus allen Ecken und Winkeln anstiert, wie ein Toller? Sie ängstigt sich vor diesem Burschen, der in die Kaserne gehört, und wie ich weiß, hat er sich gegen den Grafen Serbinoff so albern benommen, daß er fortgeschafft werden mußte. Was wollen Sie denn, 370 Herr Waimon? Wollen Sie Ihre Schwester in Lomnäs räuchern lassen, bis dieser Junge kommt und sie heimführt? Haben Sie keine anderen Aussichten für Louisa? Ist kein besserer Mann da, der für meine liebliche kleine Freundin Alles wagen möchte? Sie müssen mir sie lassen. Darf ich fragen, was Sie noch zu erinnern haben? Gefalle ich Ihnen nicht? O, Madame! was kann ich darauf erwiedern! rief der junge Mann lebhaft aufblickend, während sein Gesicht röther wurde. Nun denn, fuhr sie ihre feurigen Augen auf ihn richtend fort, wenn Sie nicht dennoch größeres Vertrauen in Ihre geistvolle Freundin Ebba setzen – Das ist nicht meine Meinung! stieß er mit der Bestimmtheit hervor, die in dem Tone seiner Sprache lag. Und wenn es, was wir zwar noch nicht berührten, doch, wie ich glaube, beide voraussetzten, Ihr Entschluß ist, nicht in Ihre Einsamkeit am Pajäne zurückzukehren. In der That! antwortete er, ich habe vergessen, daß meine Entschlüsse – Er schwieg und blickte sie fragend an. Ich weiß auch wahrlich nichts davon, lachte die schöne Frau, allein was meine Ohren nicht hörten, das sahen meine Augen. Graf Serbinoff ist Ihr inniger Freund. Er spricht von Ihnen mit Bewunderung; er wünscht nichts sehnlicher, als immer in Ihrer Nähe zu sein. Mit dieser Kenntniß wurde es mir nicht schwer, weiter zu schließen, und was Louisa mir vertraute, vervollständigte mein Wissen sehr bedeutend und erhöhte den Antheil, welchen ich für Sie Beide hege. Wie vermöchten wir solchen Antheil zu verdienen, sagte Otho. Und er küßte dabei die reizende Hand, die sie ihm reichte. Weil Ihr Beide Günstlinge des Himmels seid, antwortete sie. Blumen, die wahrlich nicht auf diesen dürren Boden gehören. Sie müssen fort von hier. Wenn Sie es nicht wollten, würde ich in Sie dringen. Ich würde Sie bitten und beschwören, Ihrer Freundin zu glauben und ihr zu folgen. Zu folgen? wiederholte Otho. Nach Rußland, nach Petersburg, fuhr sie fort. Das ist der Platz, wohin Sie gehören. Was wollen Männer von solcher Kraft und 371 Kühnheit, von solcher lebendigen Phantasie, solchem geistigen Reichthum in diesen Sümpfen und Wüsten? Als ich Sie gestern betrachtete, da Sie mit dichterischer Begeisterung die finnische Sprache besangen, sagte ich mir: welchen Platz würde Otho in Rußland einnehmen, wenn ihm von seinen Freunden der Weg gebahnt würde? Es war entzückend, in Ihr Gesicht zu sehen, entzückend, diesen Schmerz und diesen Zorn mitzufühlen. Es gibt Männer, Herr Waimon, deren Anblick uns überwältigend zuruft: stellt diesen hin, wohin ihr wollt, er wird an seiner Stelle sein; aber je größer der Wirkungskreis, um so herrlicher wird er glänzen, und soll das nicht unseres Lebens Aufgabe sein. Nützt ein Baum, der mitten im Urwalde wächst? Jeder würde ihn anstaunen, allein Niemand kennt ihn, Niemand sieht ihn. Darum, mein schöner jugendlicher Baum, wollen wir Sie aus dieser Wildniß in einen edlen großen Garten versetzen, damit ein Jeder sich an den Blüthen freuen möge. Otho hörte mit der Unruhe der Demuth die Lobeserhebungen, welche Frau von Gurschin ihm so reichlich zuwarf, und ihn dabei fortgesetzt so verlockend anschaute, daß sein Blut heiß durch alle Adern lief. Sie machen mich stolz, sagte er, und doch faßt mich die Furcht, daß ich auf fremder Erde nimmer ausdauern kann. In Rußland, sagte Frau von Gurschin, ist Niemand fremd. Wer dorthin kommt, hat nichts von der Anmaßung zu empfinden, welche man bei Engländern, Franzosen und selbst bei den kleinen Völkern des Nordens antrifft; jene eitle Selbstüberschätzung, welche man Nationalstolz getauft hat. Der Russe verlangt von dem Fremden nichts, als daß er sich ihm anschließen, sich bei ihm gefallen, daß er Rußland lieb gewinnen soll. Er thut dafür, was er vermag. Er weiß, daß die Fremden ihm in vielen Geschicklichkeiten überlegen sind, daß er von ihnen lernen kann, und er achtet sie dafür, liebt sie und gesteht ihnen gern große Vortheile zu. Wer hat die meisten der hohen Ämter und einträglichen Würden inne, wer anders als die Fremden. In der Flotte wie in den Heeren sind diese die besten Anführer; auch die Minister und hohen Räthe des Kaisers sind zum guten Theil fremden Ursprungs und ist der Kaiser nicht selbst von fremdem Stamme, war 372 die von allen Russen angebetete Katharina nicht eine Deutsche? Doch wie die Russen dies vergessen, vergessen die Fremden gern und schnell, daß ein anderes Land sie gebar. Das heilige Rußland wird ihr Vaterland; sie hängen daran mit aller Stärke, und werden Russen mit Leib und Leben. Das ist seltsam, sagte Otho. Es ist natürlich, antwortete Constanze, denn wo könnte es besser sein! Überall sind sie die Ersten, die Vorgezogenen, die Begünstigten. Freuden, Reichthum, Glück und Genüsse kommen ihnen überall entgegen. Es ist ein seltsames Land, ein seltsames Volk, mein lieber Freund, das sie kennen lernen werden; allein es wird Ihnen so gehen wie mir und Allen. Sie werden es lieb gewinnen und nicht wieder verlassen können. So sagt Serbinoff auch, versetzte Otho. Es ist das größte Volk Europa's der Zahl nach, dem die Morgenröthe der Civilisation erst aufgeht. Lassen Sie diese Morgenröthe bleiben, wo sie will, lachte Frau von Gurschin. Die Sonne der Civilisation bescheint längst die Gesellschaft, welche in Rußland die berechtigte Menschheit bildet. Es geht dort her wie am Himmel, mein Lieber. Der Czar verbreitet das erhaltende Licht; eine Zahl großer und kleiner Sterne leuchten neben ihm als Planeten. Fixsterne und Nebensonnen gibt es nicht. Kometen dagegen ziehen zahlreich umher, erlöschen jedoch oft plötzlich. Das ganze übrige Firmament bildet eine dunkle Masse, die höchst nützlich und zu allen möglichen Dingen anwendbar ist, auch durchaus so bleiben muß. Die leibeigenen Seelen, murmelte Otho. Man muß somit ein Stern sein! rief Constanze, um am Himmel zu schweben, und dahin will ich Sie versetzen. Was nützt Aufklärung oder Morgenröthe, oder mit welchem schönen Namen man es sonst nennen will, einem Volk, das gebraucht werden soll, um Rußlands Weltherrschaft zu begründen? Sein Gehorsam und seine Demuth würden sich verlieren, es würde für die großen Zwecke seiner Beherrscher nichts mehr taugen, wenn es denken und, wie die modernen Weisen sagen, sich zu Bürgern eines sogenannten freien Landes 373 machen wollte. Mein Gott, welche Thorheit! Man muß diese demüthigen Naturkinder sehen, um zu erkennen, daß sie nichts Anderes sein können. Wie wollte man die Türken aus Europa jagen, wenn diese Millionen stumpfsinnige Wesen nicht mit dem nöthigen Fanatismus auf die fanatischen Söhne Mohamed's gehetzt werden könnten? Das gefällt Ihnen nicht, wie ich bemerke? Nein, es gefällt mir gar nicht, sagte Otho. Weil Sie die neue Welt noch nicht begreifen, erwiederte sie. Sie werden sehen lernen und dann besser verstehen. Kommen Sie nach Petersburg, ich will Ihre Führerin sein. Peter der Große hat die Russen aus Horden der Steppe zu einem Volke gemacht. Er hat ihnen die Civilisation mit Gewalt über Kopf und Leib gezogen; aber den asiatischen Kern hat er weder mit Frack und Puder, noch mit Spitzen und Kanten zerstören können. Die asiatische Prachtlust, die Lust an asiatischen Genüssen ist den Russen geblieben, und asiatisch ist die Unterwürfigkeit der Masse gegen die Befehle ihrer Herren, diese stumme Erfüllung aller ihrer Gebote. Die große Katharina hat dies richtig erkannt. Sie hat das Volk gelassen, wie es war, und mit Begeisterung hat es ihr angehangen, obwohl sie für die französische Revolution schwärmte und sich dafür von den französischen leichtgläubigen Narren als ein Wunder der Aufklärung anbeten ließ. O! sie war aufgeklärt. Sie hat gelebt wie Semiramis, wunderbar herrlich. Sie hat Rußland mit einem Leben erfüllt, das nicht wieder vergehen wird. Sie liebte den Glanz, die Pracht, die Genüsse wie eine Asiatin und war doch geistig fein und regsam dabei wie eine Pariserin. Ihr Enkel herrscht jetzt über Rußland, und er ist von ihrem Blut. Genuß und Geist müssen sich verbinden. Kraft, Muth, Talent und Schönheit geben Recht, Alles zu erobern, was auf Erden zu erobern ist. Rußland ist ein Zauberland für die, welche dazu geboren sind, alle Zauber zu lösen. Wir wollen die Binden von Ihren Augen nehmen, mein Freund, Sie sollen sehen lernen, Sie sollen das Leben verstehen lernen. Eine wunderbare Gluth lief durch Otho's Herz, als sie ihre Hand darauf legte und ihm zulächelte. Er faßte danach hin und preßte ihre Finger; plötzlich besann er sich, und erschrocken ließ er sie 374 los. Seine Bewegungen schienen die schöne Frau zu ergötzen. Sie lachte dazu, und ihre dunklen Augen bohrten sich auf ihn ein. Kommen Sie her, sagte sie, ich will gleich den Anfang machen, Sie in die Schule zu nehmen. Der Kaiserin Katharina gewährte es besonderes Vergnügen, ihrem bevorzugten Lieblinge die Halstuchschleife zu binden und für seinen Schmuck zu sorgen, woran leicht Jeder dann erkannte, daß die edle Gebieterin darauf bedacht war, ihn Gott und Menschen wohlgefälliger zu machen. Halten Sie also still, mein schöner Herr, ich will versuchen, der großen Kaiserin zu gleichen. Bei diesen Worten deutete sie auf ein Kissen, das auf dem Teppich lag, und er folgte ihrem Winke, kniete vor ihr nieder und fühlte mit einem wonnigen Schauer den Hauch ihres Athems über seine Stirn wehen. – Halten Sie den Kopf höher, lachte sie, noch höher, so – jetzt sehen Sie mich an. – Ihre feinen Finger zogen die Schleife auf und banden sie; als er den Kopf wandte, rückte sie ihn gerade und nickte ihm zu. Stillgehalten, mein Herr Otho, ganz still! fuhr sie schalkhaft fort, ich verlange so willigen Gehorsam von Ihnen, wie eine Kaiserin von ihrem Unterthan. Wo der Gehorsam so süß ist, will ich immer mit Vergnügen gehorchen, antwortete er. Vortrefflich! rief Constanze, Sie machen Fortschritte, wir werden weiter gehen können. Eine feine Stickerei an Ihrem Colleret. Kein Petersburger Elegant kann sie besser haben. Ist es Louisa's Arbeit? Meiner Mutter Arbeit, erwiederte Otho, und es war, als wollte er aufstehen. Halt, mein Herr, halt! rief Frau von Gurschin, noch sind wir nicht fertig, noch fehlt der Schmuck; doch hier ist er schon. Sie zog eine Brillantnadel aus ihrer Busenschleife und steckte sie ihm an. Diese Nadel, sagte sie, sollen Sie tragen zum Andenken an Constanze Gurschin und als Pfand für diese Stunde. Constanze! sagte er, die Sylben ihres Namens langsam flüsternd. Da fühlte er ihre Locken an seinem Gesicht, ihre Arme um seinen Nacken und einen brennenden Druck auf seinen Lippen. Gleich darauf hörte er Stimmen draußen auf dem Gange, und aus dem Saale tönte die Musik. 375 Zum Tanz! rief sie lachend; lassen Sie uns gehen, mein tapferer Cavalier. Wir finden uns bald wieder, morgen, heut noch – merken Sie auf. O, da ist unsere liebenswürdige Ebba! Die Thür wurde geöffnet. Ebba stand an Erich's Arme dort, neben ihr Mary Halset, von dem Kammerherrn begleitet. Neunzehntes Kapitel. Alles war aufgeboten, um dies Fest zu einem glänzenden zu machen, und die stattlichen Säle des Schlosses strahlten von Lichtglanz und schön geschmückten Frauen. Es war wohl keine darunter, die an blitzenden Steinen und reichen Gewändern sich mit Constanze Gurschin messen konnte, doch manche, die an Jugend und Schönheit nicht zurückstanden. Unter allen die lieblichste und rosigste erschien jedoch Louisa endlich neben ihrer Beschützerin, begleitet von ihrem Bruder und dem Fähnrich Ridderstern, der sich zu ihnen gesellt hatte und mit hartnäckiger Unverschämtheit sein Recht alter Bekanntschaft und der Zusage vom vorigen Tage geltend machte. Frau von Gurschin hatte ihre Absichten erfüllt, sie hatte Louisa als eine Dame geschmückt und alle kindliche Ländlichkeit von ihr abgestreift. Ein weites Gewand von röthlichem Silberflor, Festons von Blumen und Atlasbändern und goldener Schmuck um Hals und Arme ließen nichts mehr von dem Kinde der finnischen Berge erkennen. Die langen Zöpfe waren verschwunden, sie hatten sich zum Theil in eine Fülle kleiner Locken verwandelt, oder waren zu einem künstlichen Geflecht verschürzt, auf dem ein reiches Diadem befestigt war. Die zierliche Gestalt wurde dadurch vergrößert, und wohl ließ sich in ihrem Gesicht die Freude bemerken, welche sie über die erstaunten Blicke empfand, mit denen sie von so vielen Augen gemustert wurde. Ihre Eitelkeit war geweckt, und das dunkle Verlangen, zu gefallen, angefacht. Sie wußte, was dies Anschauen ihr sagte; die großen Wandspiegel warfen 376 ihr Bild zurück, und ihr Ohr vernahm leise Worte, die sie gut genug verstand. Selbst Ebba hatte ihr zugelächelt und sie geküßt, selbst in ihren Blicken war ein Bekenntniß liebevoller Bewunderung, und Sam Halset hatte seine Augen weit aufgerissen und geschrien, es sei erstaunlich, was Flittern und Zindel aus einem Menschen machen könnten. Louisa wollte Niemanden gefallen als ihm, der weit fort war; aber es war ihr doch lieb, solchen Beifall zu finden, lieb, daß Lindström bei sieben und siebenzig Schock Teufeln schwor, sie sei die Allerschönste, die er je gesehen, und der Fähnrich Ridderstern zehnmal sein Wort darauf gab, keine Prinzessin, und wäre es eine aus dem Mohrenlande, könnte reizender sein, denn von Helsingfors bis Abo gäbe es kein Fräulein, das im Stande sei, sich mit ihr zu vergleichen. Nur einer stand tief im Saale, halb verborgen hinter einer Säule, der nahte sich ihr nicht, und als sie nach ihm hinblickte, bemerkte sie, daß er traurig und düster sein Gesicht abwandte, als wolle er sie nicht ansehen. Es war Louisa lieb, daß Magnus sich von ihr zurückzog, und doch that es ihr weh. Sie hätte ihn gern versöhnt, allein sie fürchtete sich davor. Ihre Gedanken waren bei Alexei. O! warum war er nicht hier! Was würde er sagen, wenn sie so vor ihn hin träte? Wie würde sein Auge leuchten, wenn er hörte, was die schönen jungen Offiziere flüsterten? Magnus war der Einzige, der finstere Blicke auf sie warf, und wie unverständig, trotzig benahm er sich, wie stierte er aus der Ferne sie an und lief davon, statt freundlich und artig zu sein. Da schmetterte die Musik einen lustigen deutschen Walzer, und der Fähnrich Ridderstern führte sie in die Reihen und war so leicht auf seinen Füßen wie ein Reh am Pajäne. Tanz auf Tanz folgte. Der junge Fürst Dolgorucki löste den schwedischen Fähnrich ab, und noch immer stand Magnus Munk hinter dem Pfeiler und sah auf sie hin, so daß der Fürst es bemerkte und lächelnd nach ihm fragte. Er heißt Magnus, sagte sie. Sein Vater ist unser Freund. Und er verdient diesen Namen doch nicht minder? Aber er ist kein Freund unseres Freundes Serbinoff, fiel sie ein. Dann keine Gnade für ihn! rief der junge Fürst, und wie er lachend nach Magnus hinblickte, sah er ihn dunkel erröthen und lachte noch mehr. 377 Die älteren Herren umstanden den Tanzplatz und betrachteten das frohe glänzende Treiben, oder sie bildeten Gruppen und waren in lebhafter Unterhaltung begriffen; der größere Theil auch zerstreute sich durch die Zimmerreihe, wo Spieltische ihrer warteten und Erfrischungen aller Art geboten wurden. Admiral Cronstedt sowohl wie der russische General Suchtelen wandelten auf und ab, bald von Herren und Damen begleitet, bald in den verschiedenen Kreisen stehend, welche sich um sie versammelten. Die vornehmen Gäste wechselten zuweilen höfliche Worte, und Beide unterhielten sich mit Frau von Gurschin, die von zahlreichen Anbetern umringt war. Otho Waimon, der den Tanz so wenig liebte, wie er im Stande war, sich mit so trefflichen Tänzern zu messen, hatte sich zurückgezogen; doch dann und wann wurde er von den schönen Augen seiner Freundin gesucht, die ihm lebhafter folgten, als er mit Ebba zusammentraf, welche an seinem Arme durch den Saal ging. Wir haben uns in den letzten Tagen wenig gesehen, sagte sie. Sie waren zu sehr beschäftigt, Cousin Otho. Da Sie mich nicht bemerkten, erwiederte er, muß ich glauben, daß Ihre Augen Ihren Gedanken folgten. Sie mögen Recht haben, versetzte Ebba lächelnd. Es gibt viel zu denken in diesem Schlosse. Glauben Sie an Ahnungen, lieber Otho? Ich bin ein Finne, lächelte er, darum bin ich abergläubisch. Erinnern Sie sich, als die Hompuseiche über unserem Kopfe zerbrach? Ich erinnere mich wohl daran, sagte Otho. Glauben Sie noch, daß es ein unheilvolles Zeichen war? Sie haben es damals anders gedeutet. Ich bin ängstlich geworden, sagte sie. Ich habe geträumt, ich glaube mit offnen Augen. Ich sah den alten Hompus leibhaft vor mir stehen, gestern, nachdem Sie die finnische Sprache besungen hatten. Er lachte in seinen grauen Bart, sah Sie an und lachte noch hohnvoller. Warum erzählen Sie mir dies Gesicht, Cousine Ebba? 378 Weil Hompus sich darauf zu mir wandte, und mir in's Ohr sagte: Endlich habe ich ihn. Er wird nicht wieder mit Erich zurückkehren; Ihr werdet ihn nicht wiedersehen. Weßhalb wählen Sie für das, was Sie sagen wollen, eine Geisterbeschwörung? Um den Geist der Wahrheit und der Erkenntniß in Ihnen aufzurütteln, flüsterte sie ihm zu. Sie sind in Gefahr, Otho! In welcher Gefahr? Ebba blickte ihn forschend an. Was tragen Sie da für eine herrliche Nadel? Nie habe ich sie bisher gesehen. Es ist ein Geschenk, sagte er, und mit trotziger Bestimmtheit fügte er hinzu: Ein Geschenk von Constanze Gurschin, das sie mir zum Andenken gab. Und was haben Sie ihr dafür geschenkt? Otho erröthete. Nichts, erwiederte er stolz, was für Sie Interesse haben könnte, Cousine Ebba. Ihr strafender Blick heftete sich so fest auf ihn, daß seine Unruhe größer wurde. Ich will nicht dagegen streiten, antwortete sie, doch sagen Sie mir, ob Hompus Randal Recht hat; ob es wirklich wahr ist, daß Sie entschlossen sind, uns zu verlassen? Wer hat Ihnen das gesagt? Soll ich es wiederholen? Eine Geisterstimme! – Was hat Otho Waimon mir einst versprochen? Haben Sie mir nichts mitzutheilen aus alter Freundschaft? Ich weiß in Wahrheit nicht, sagte er, ob ich recht thun würde, auf täuschende Geisterstimmen zu antworten. Gott behüte Sie vor allen Täuschungen, Cousin Otho, und lasse Sie zur rechten Zeit immer das Rechte erkennen! Ich denke, er hat mich vor Täuschung bewahrt, erwiederte er, und mich vor kläglichem Wahn behütet. So danken Sie ihm dafür, und Gott behüt's! wie der alte Lars sagt: Es ist ein Glück, daß das echte schwedische Blut in mir ist, das Alles ertragen kann. Aber noch Eines, Cousin Otho, ehe Sie von mir gehen. Der alte grimmige Hompus wird dennoch nicht Recht 379 behalten. Am Pajäne wollen wir unseren Freund erwarten, wenn er seines Glückes im fremden Lande überdrüssig ist, und wieder ein finnischer Bauer sein will. Und dieser Tag wird kommen, Cousin Otho, er wird sicherlich kommen, fuhr sie leise fort, indem sie ihn fest und klar anschaute. Wer weiß, wie bald; denn ein stolzer, freiheitsliebender Mann wie Sie, kann nicht lange in Banden liegen, die seiner unwürdig sind. Er wird sie zerreißen. Und nun gehen Sie. Dort steht Constanze Gurschin und erwartet Sie, und hier kommt Erich, dem ich vor zwei Stunden gesagt habe, daß ich in Halljala mit ihm leben und sterben will. Ohne seine Antwort abzuwarten ging sie Erich entgegen, und Otho eilte fort. Seine Brust war voll Blut, er athmete schwer, der bittere Hohn in ihm brachte ein Lachen auf seine Lippen, als er hinüber blickte, wo Frau von Gurschin leise winkend ihren Kopf neigte. Es war ihm unmöglich, diesem Zeichen zu folgen; um alle Seligkeit hätte er jetzt nicht mit ihr reden mögen, und eben begann die Musik wieder. Er irrte durch die Nebenzimmer; ein Büfet stand dort mit feurigen Weinen und Getränken besetzt. Hastig griff er nach vollen Gläsern und leerte sie, eine andere Gluth loderte in ihm auf, und weiter durch große stille Räume lief er mit sich selbst redend, und seine Hände ballend. – Plötzlich hörte er Schritte hinter sich, ein Gewand rauschte, ein zitternder Schauder mischte sich mit den Flammen in seinem Blut. Das war sie, sie setzte ihm nach. Constanze! murmelte er, indem er sich umwandte, doch seltsamer Irrthum! – Mary Halset stand vor ihm, so blaß und kalt wie der Todesengel, in dessen Nähe alle Wünsche und alles Leben zerrinnen. – Fragend und erstaunt sah Otho die Jungfrau an. Ich habe dich gesucht, sagte sie. Ich muß dich sprechen. Es ist lange her, Mary, seit mir das nicht mehr geschah, antwortete er. Gleichviel, erwiederte sie. Folge mir nach. Wohin? Folge mir nach, wiederholte sie. Wenn du ein Mann bist, fürchte dich nicht vor einem Mädchen, die an deinen Mannesnamen glaubt. 380 Er widersetzte sich nicht mehr; rasch und leise führte sie ihn durch mehrere Zimmer fort, bis in ein völlig dunkles, das sie mit einem Schlüssel öffnete, und es dann wieder verschloß. Otho's Fuß stieß an ein Bett. Wer wohnt hier? fragte er. Mein Vater, sagte sie, und an der Wand forttappend öffnete sie eine Nebenthür und zog ihn herein. Du bist in meiner Kammer, fuhr sie fort, indem sie den Schlüssel umdrehte. Was soll ich hier? flüsterte er. Warte, sagte sie eben so leise. Kein Laut darf dich verrathen, hüte dich vor jedem Geräusch. Ich höre sie kommen. Wen? Mary antwortete nicht. Die Thür wurde aufgeschlossen, feste Schritte ließen sich hören. Jemand setzte einen Armleuchter hart auf den Tisch, der Lichtschein drang durch kleine Fugen und Ritzen. Wir können uns doch hier ganz ungestört unterhalten? fragte eine sanfte aber tiefe Stimme. Fortfahren, wo wir heut früh aufhörten, antwortete ein anderer Mann im helleren Ton. Wo ist Halset? Er ist am Spieltisch und seine Tochter tanzt. Eine Stille folgte. Haben Sie mit ihm gesprochen? fragte der Erste darauf. Ja, antwortete der Andere. Er wird kommen? Er wird kommen, doch seien Sie nachsichtig. Es hat Mühe gemacht, ihn hierher zu bringen, noch mehr Mühe, ihn zu dieser Unterredung zu bestimmen. Was rathen Sie also? begann der Erste wiederum, nachdem er nochmals geschwiegen hatte. Keine Bedingungen, kein Drängen. Nur allgemeine Vorstellungen, alles Übrige überlassen Sie mir. Er mag selbst seine Bedingungen machen. Welche es auch sein mögen, sie sind bewilligt. Darüber können wir später verhandeln, erwiederte der Andere. Im Übrigen gibt es nur eine Art, die diesen zähen stolzen Baum fällen kann. 381 Welche meinen Sie? Er hat nur eine Leidenschaft. Betrachten Sie sein Gesicht. Er ist geizig. Gold also! Viel Gold. So viel, daß alle Bedenken darin zerschmelzen. Glauben Sie, daß wir sparen wollen? fragte der Erste lächelnd. Wir wissen genau, was davon abhängt. Ich habe gänzlich freie Hand. Was meinen Sie zu einer Million? Noch zu wenig? Nun denn, zwei Millionen, fuhr er fort, als sein Begleiter wahrscheinlich ein verneinendes Zeichen gemacht hatte. Das läßt sich hören, wenn – sie sicher sind, flüsterte dieser jetzt. Jede Bürgschaft soll ihm gewährt werden, jedes Pfand dafür, das er verlangt. Kein Zweifel also, aber – alles Geld der Erde würde nicht ausreichen, ihn zu einem Schritt zu bewegen, wenn nicht auch Mittel gefunden werden, die der Welt gegenüber ihn decken. Wir decken und schützen ihn gegen Jeden, sagte der Erste im besonders festen und höheren Tone. Das ist nicht genug. Ihm gewiß nicht genug. Was schlagen Sie vor? Er muß sich selbst vertheidigen können, erwiederte der Andere so leise flüsternd, daß er kaum gehört wurde. Der König hat ihn beleidigt. Er nahm ihm willkürlich die einträgliche Stelle des Generaladjutanten für die Flotten. Ich habe Ihnen gesagt, er habe nur eine Leidenschaft, das ist falsch. Er ist rachsüchtig bis zum Äußersten; er haßt den König, und kann es ihm nimmer vergessen. Dieser Haß wird uns helfen. Er wird uns helfen; aber es gibt Menschen, die, was sie auch immer thun mögen, eine Rechtfertigung vor sich selbst haben müssen. Der Glaube muß ihnen bleiben, daß ihre Handlungen nothwendig waren, gegen Vorwürfe müssen sie sich mit einigen Gründen vertheidigen können und – wer Schimpf auf sie werfen will, muß es nicht beweisen können. Sie haben Recht, vollkommen Recht! seine Ehre muß bewahrt bleiben, fiel der Erste ein. Mir scheint dies jedoch keine sehr schwierige Aufgabe. Gegen Meinungen ist nichts zu machen, doch Beweis darf Niemand führen, und an Vertheidigern wird es ihm nicht fehlen. 382 Was aber die persönliche Sicherheit betrifft, so gibt es ja Friedensschlüsse genug, bei denen man durch einen Artikel die vollständige Amnestie und Niederschlagung jeder Untersuchung für alle diejenigen ausbedungen hat, welche etwaiger Vergehen angeklagt waren. Ein leises Klopfen an der Thür unterbrach die Unterhaltung. Es ist Wright, murmelte der Eine der Beiden; er gibt uns das Zeichen. Der Oberst bringt ihn her. Da sind sie schon. Wiederum wurden Schritte gehört, und gleich darauf trat Jemand herein, dessen Stimme die gespannte Erwartung vermehrte, mit welcher Otho in seinem Versteck stand. Es war, wie er nicht zweifeln konnte, Admiral Cronstedt, den er vernahm. Alle seine Ahnungen erhielten dadurch Gewißheit. Man hat mir gesagt, General Suchtelen, begann der Admiral, daß ich Sie hier finden würde, und ich komme Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich will mich niederlegen. Morgen in der Frühe kehre ich nach Helsingfors zurück. Tief beklage ich es, mein theurer Admiral, daß die Umstände mir nicht gestatten Sie begleiten zu können, erwiederte Herr von Suchtelen. Hoffen wir daher, daß es uns bald vergönnt sein möge, offener und herzlicher uns wieder zu finden, als es hier geschehen konnte. Es ist trübselig genug, antwortete Cronstedt, daß wir um ein paar freundliche Worte zu wechseln uns hier verbergen. Immer aber besser hier uns sehen, als vor den Wällen Sweaborg's. Und dennoch wird es geschehen, Excellenz, sagte Suchtelen. Ich fürchte sehr, daß ich Sie dort besuchen muß, bitte aber mich gnädig zu empfangen. Ein Gelächter folgte diesen Worten. Bei der jetzigen winterlichen Kälte, rief der Herr, welcher die Unterhaltung mit dem General geführt, dürfte ein heißer Empfang doch jedenfalls der angemessenste sein! Mein lieber Oberst Jägerhorn, fiel Herr von Suchtelen ein, darauf müssen wir allerdings gefaßt sein, aber wollte Gott, wir könnten es abändern, und tapferen Männern großes Leid ersparen. Wem wird damit gedient? fragte der Oberst Wright, der den Admiral begleitet hatte. Um wessen Trotz und Starrsinn sollen wir unser Blut verspritzen? 383 Der König ist der unverantwortliche Herr, antwortete Jägerhorn, während Cronstedt schwieg. Ja, unverantwortlich sind seine Handlungen, fuhr Wright fort. Finnland soll es jetzt kennen lernen, wie es die deutsche Provinz kennen gelernt hat. Still, Oberst Wright, das sind hastige Worte. Wir werden unsere Pflicht thun, wie es sich ziemt, sagte der Admiral; mögen wir auch Schmerz dabei empfinden. Ich hoffe jedoch noch immer, daß die Wolken sich wieder zerstreuen. Diese Hoffnungen sollen uns begleiten, mein theurer Admiral! rief Herr von Suchtelen. Unter allen Verhältnissen wird sich niemals der hohe Grad von Hochachtung und Verehrung verringern, den ich für Sie empfinde. Ich darf wohl sagen, daß das ganze russische Heer so denkt; jedes Herz sich dort bei dem Gedanken beunruhigt fühlt, gegen Männer, die wir brüderlich lieben, das Schwert ziehen zu müssen. Cronstedt neigte sich stumm, aber Oberst Jägerhorn erwiederte: Zu lange haben die beiden Nationen in zahllosen Kämpfen sich gemessen, um nicht gegenseitig sich zu achten. Auch bei uns ist Trauer genug, wenn der lange Friede gebrochen werden sollte. Meine lieben Herren, versetzte der General, machen wir uns keine Illusionen. Wenn der König dem, wie ich glaube, gerechten Verlangen des Kaisers nicht nachgibt, so ist der Krieg unvermeidlich. Sagen Sie das mit solcher Bestimmtheit, General, fragte Cronstedt? Ja, ich sage Ihnen aufrichtig, was ich denke, und verhehle Ihnen nicht, daß nach den Nachrichten, wie wir diese haben, kein Zweifel daran sein kann. Kaiser Alexander hat bei den Verhandlungen in Tilsit mit Napoleon ein Übereinkommen abgeschlossen, den König auf jeden Fall zu bewegen, von dem Bündniß mit England abzulassen, und wenn er sich dessen weigert, ihn dazu zu zwingen. Auf jeden Fall Krieg also, rief Oberst Wright, denn Niemand wird sich einbilden, daß König Gustav nachgibt. Leider nein, sagte Jägerhorn halblaut; lieber läßt er Finnland verloren gehen. Der Kaiser Napoleon wird und kann eine dauernde Eroberung Finnlands, die schlimmsten Falls möglich wäre, nicht zugeben, begann 384 der Admiral und er sprach damit aus, was am schwedischen Hofe sowohl, wie in ganz Schweden die allgemein verbreitete Meinung war. Der Besitz der finnischen Küsten und Häfen verschaffte Rußland in der Ostsee ein eben so entschiedenes Übergewicht, wie der Besitz der Krim im schwarzen Meere. Noch bedauerte man es, in Paris sowohl wie in London, die Vernichtung des Tatarenstaates und den argen Frieden von Kainardsche nicht gehindert zu haben, wie viel weniger also würde die Napoleon'sche Staatsweisheit es zulassen, daß die Ostsee und Finnland in Rußlands Hände fielen? Zeitungen und Schriften hatten darüber mancherlei zu Tage gefördert, und nicht wenig trug dieser Glaube zu der Sicherheit in Stockholm bei. Des Königs Anhänger lachten darüber, daß die Russen Finnland erobern wollten und selbst die den König hassende Partei, welche den Angriff und die Eroberung rachsüchtig wünschte, damit der starrsinnige Mann endlich gedemüthigt werde, dachte doch nicht daran, daß die Russen das Land behalten könnten. Mochten die Russen gründlich siegen, Finnland mußte ja doch zuletzt auf Napoleon's Befehl an Schweden zurückgegeben werden. Meine Herren! sagte General Suchtelen, wir sind hier allein und können ein offenes vertrautes Wort sprechen, wie Soldaten es thun dürfen. Was die Diplomaten aushecken, geht uns nichts an; allein ich möchte meine Ehre dafür verpfänden, daß Finnland, wenn es angegriffen und erobert werden sollte, nicht zurückgegeben wird. Zwei Male ist es geschehen, zum dritten Male nicht wieder! soll der Reichskanzler gesagt haben, und, wie man mir erzählt hat, ist darüber mit dem Kaiser Napoleon im Voraus Alles abgemacht worden, Napoleon hat die Einverleibung Finnlands bewilligt. Überdies kostet ein Krieg viel Geld, und wer soll dies bezahlen? Wir haben sechszigtausend Mann zwischen Frederiksham und dem Ladogasee, eben so viele stehen weiterhin bereit. Und, wie wir erfahren haben, ist ein ganzer Wagen voll Annenorden in Wiborg angekommen, fügte Jägerhorn lächelnd hinzu. Die Lage ist ernsthaft, fuhr der General fort. Ich will es Ihnen nicht leugnen, daß alle Mittel vorbereitet sind, um, wenn es sein muß, den Krieg mit äußerstem Nachdruck zu führen. 385 Was haben wir dagegen aufzuweisen? fiel Oberst Wright ein. Bei Gott! wer sein Vaterland liebt, muß darauf bedacht sein, das Elend von ihm abzuwenden. Das Vaterland verlangt allerdings nicht, daß man sich blind opfern soll, sagte Jägerhorn, Jeder muß nach seinem Gewissen und seiner besten Überzeugung handeln. Eine schwere Hand drückt auf Schweden, wird sie fortgenommen, so wird auch diese Zeit vorübergehen. Er blickte dabei Suchtelen an, der lächelnd nickte. Wer Übles zu thun geneigt ist, sagte der General, thut jedenfalls am wenigsten, je weniger Mittel er dazu behält. Mit der schwedischen Nation wird Rußland keinen Krieg führen, es weiß, daß sie schuldlos an allen diesen Vorgängen ist und daß, wenn es in ihrer Macht stände, gewiß das Vernünftige geschähe. Von unserer Seite wird daher auch Alles gethan werden, was möglich ist, um die Leiden zu mildern, die der Krieg mit sich bringt. Es macht keine Freude, gegen Männer zu streiten, welche man lieber umarmen möchte. Je eher daher das Unglück vorübergeht, um so willkommener wird es für uns Alle sein. Der Admiral stand auf vom Tische. Wir vermögen nichts daran zu ändern, sagte er, unser innigster Wunsch muß es aber sein, den rechten Weg zu finden zum Heile unseres armen Landes, das aus so vielen Wunden blutet. Dazu möge Gott uns Allen helfen! Und so verlasse ich Sie, mein General; mag, wenn wir uns wiedersehen, der dunkle Himmel heller geworden sein. Suchtelen drückte ihm herzlich die Hand. Ein Held, wie Sie es sind, Excellenz, sagte er, erkennt immer den rechten Weg. Wer so hoch in Ehren steht, hat nicht nöthig, nach Ruhm zu geizen. Der schönste Ruhm bleibt, wie ich denke, der Ruhm der Tapferkeit, die mit besonnener Weisheit in inniger Vereinigung lebt. An diesem Lorbeerkranz auf Ihrem Haupte wird niemals der Neid nagen. Möge er immer neue Blüthen treiben. Dies wünschen jederzeit selbst Ihre Feinde, unter denen Sie so viele warme Freunde und aufrichtige Bewunderer haben. Nach einigen anderen gewechselten Höflichkeiten schieden sie. Der Admiral ging zuerst. General Suchtelen blieb mit dem Obersten 386 Wright einige Minuten über allein, und Beide sprachen leise. Nur als sie den Anderen folgten, sagte der Oberst lauter: Meine Offiziere denken wie ich, dieselbe Stimmung ist in anderen Regimentern. Alles wird rasch und leicht gehen; ist Sweaborg unser, so ist die Sache für immer entschieden. Ja, wenn es unser ist, erwiederte der General. Bis dahin aber, mein theurer Oberst, werden noch im günstigsten Falle Monate vergehen, und wer weiß – Der Oberst murmelte Etwas, aus dem nur der Name Jägerhorn hörbar war. Er ist sehr geschickt, Sie haben Recht, sagte Suchtelen darauf; er wird nicht ablassen. Wie die Spinne im Netz von ihrer Beute nicht abläßt, murmelte der Oberst. Im Übrigen wird meine Nichte Constanze ihm tapfer beistehen. In nächster Woche wird sie nach Helsingfors fahren und dort einige Zeit ihren Wohnsitz nehmen. Vortrefflich! erwiederte der General. Frau von Gurschin ist eben so liebenswürdig, wie voller diplomatischer Talente. Der Dank des Kaisers wird nicht ausbleiben. Jetzt aber lassen Sie uns gehen, man möchte uns vermissen. Sie entfernten sich, und nach einigen Minuten war es finster und still. Otho Waimon stand regungslos an der Wand der Kammer, betäubt von dem, was er gehört, und erdrückt von den Trümmern aller seiner Hoffnungen und seines Glaubens, die über ihm zusammenbrachen. Verachtung, Zorn, Schrecken und bitterer Schmerz ballten sich in seiner Brust zusammen. Verrath und Feigheit sah er am Arbeitsstuhl sitzen, um sein Vaterland den Russen zu überliefern. Die Ersten, die Höchsten waren dabei thätig. Schweden waren es, Soldaten, die in niederträchtiger Ehrlosigkeit Finnland und ihren eigenen König verrathen wollten; was die Geschichte von solchen Dingen erzählte, war diesmal noch übertroffen. Und Alles war Lüge, Alles Täuschung. Eine russische Provinz sollte Finnland werden, in der die Privilegien blühten, bis endlich Alles russisch war. Die Wright's, Halset, der Adel, die Priester, das waren die Gehilfen dazu, und Weiber halfen, diese Gurschin, die man aus Petersburg abgeschickt 387 hatte, um die Intriguen verlockender zu machen. – Eine ingrimmige Wuth durchtobte ihn. Er tappte nach der Thür und stieß einen wilden Fluch aus, als es ihm nicht gelang, diese zu öffnen. Mary Halset stand neben ihm. Wohin willst du? fragte sie. Den Verräthern die Larve abreißen, sagte er. Ich habe sie dir gezeigt, Otho Waimon, denn ich kannte sie und wußte von ihren Plänen, erwiederte Mary; aber ich wußte nicht, daß du dich und mich fruchtlos verderben würdest. Wir sind Beide von finnischem Blut. Besonnenheit und Klugheit soll das Erbe unserer Väter sein. Was würde es dir helfen, wenn du ein Geschrei erhöbest? Du würdest als ein Verleumder behandelt, beschimpft und bestraft, vielleicht müßtest du es auf der Stelle mit deinem Leben bezahlen. Du hast keinen Zeugen. Du bist ein Zeuge. Ich kann kein Zeugniß geben, das meinen Vater treffen müßte, fuhr Mary fort; wollte ich aber auch, es würde wenig helfen. Welches Gewicht könnten meine Aussagen gegen so mächtige Männer haben, in deren Gewalt wir uns Beide befinden? Wahr! wahr! rief Otho, aber wo ist ein Weg, den ich gehen kann? Hörtest du nicht, erwiederte Mary daß dieser Russe sagte, es könnte noch Monate dauern, ehe seine Arglist glücken, ehe Sweaborg in seine Hände fallen würde? So sagte er, ja. Dann bleibt noch Zeit, ihn darin zu hindern. Du mußt nach Stockholm, Otho Waimon, das ist der Weg, der allein helfen kann. Du mußt zu dem Könige gehen, mit dem Könige sprechen. Ihm sagen, was du weißt, ihn auffordern, Finnland zu retten. Ich soll den Schwedenkönig aufsuchen! rief Otho, überrascht von dem Gedanken. Willst du ein Russe werden? fragte sie. Nein, niemals! murmelte er hastig. Bei Gott! ich will nicht. – Ich will nach Stockholm, will bis in seine Königsburg dringen, ihm zuschreien, daß er verrathen ist. Wie kann es aber geschehen? fügte er bedächtiger hinzu; wir sind weit davon. 388 Alle die kleinen Häfen an der Küste haben um diese Zeit noch freies Meer und Verbindungen mit Schweden, erwiederte Mary. Geh nach Ecknäs, nach Hangö oder Finnby, überall wirst du Fischerböte treffen. Hast du Muth, dein Vaterland vor den Russen zu schützen, so darfst du nicht an den Pajäne zurückkehren. Ich kann fort, zu jeder Zeit, noch in dieser Nacht, antwortete Otho. Du hast Recht, was geschehen soll, muß schnell geschehen. Hier gibt es Pferde und Schlitten genug, die mich rasch an die Küste und weiter bringen. Gute Nacht, Mary habe Dank! Du bist ein entschlossenes Mädchen. Ich bewundere dich mehr, wie ich es je gethan. Lebe wohl! Warte noch, Otho Waimon, antwortete sie. Wo reden nicht hilft, müssen Thaten sprechen, sagt unser Sprichwort. Ich rede nicht mehr, aber nimm dies, du wirst es brauchen. Sie legte eine schwere Börse in seine Hand, er nahm sie an. Auch dafür danke ich dir, kluge Mary. Hast du mir noch Etwas zu sagen? Nichts, Otho. Du bist ein finnischer Mann von hellem Geist und großer Stärke. Gott schirme dich und helfe dir bei Allem, was du thust! Leise verließ er sie. Erhitzt von den Vorstellungen, die ihn beschäftigten, irrte er durch die Räume, suchte seine Gedanken zu ordnen und seine Entschlüsse zu fassen. Die Musik schallte aus der Ferne; endlich trat er heran, Constanze schwebte in den Armen eines russischen Offiziers an ihm vorüber. Die großen Steine ihrer Halskette warfen glänzende Strahlen, sie lächelte, als sie seine hohe Gestalt an der Thür lehnen sah. Plötzlich verließ sie ihren Tänzer und kam zu ihm. Was gibt's? fragte sie. In welcher Gesellschaft waren Sie? Wer hat Sie gelangweilt? Böse Geister, die mir gesagt haben, nichts sei wahr in der Welt, nicht einmal die Wahrheit, antwortete er. Es nimmt Alles ein Ende, Lüge wie Wahrheit, lachte Frau von Gurschin, so auch dieser Ball. Ich habe genug daran und möchte alle diese Steine und Flittern von mir werfen, um Trost in 389 Ihr zerrissenes Herz zu bringen, mein empfindsamer Freund. Wenn ich gehe, folgen Sie mir, wir müssen den bösen Feind beschwören. Mit einem brennenden Blick, der über ihn hinflog, überließ sie ihn den Qualen, die ihn folterten, dem Blut, das wild durch ihn hinrollte, dem Hohn, der diese zärtliche Einladung verachtete, und dem Gefühl tiefer Entrüstung, das alle Regungen siegend überwand. Fort von hier! folge dir, wer da will, sagte er, als er durch die Gallerie ging, die in den Vorsaal und zu den Treppen führte. O, Ebba! Als er den Namen aussprach, öffnete sich die Thür vor ihm. Ein Herr, in einen weiten Mantel gewickelt, die Pelzmütze über die Ohren gezogen, trat herein und breitete seine Arme aus. Otho! rief er. Glück und Segen! Du bist der Erste, der mir begegnet. Alles tanzt, Herr und Knecht. – Es war Serbinoff. Du bist wieder da? fragte Otho, mechanisch seinen Kuß duldend, den er nach russischer Sitte erhielt. Ja, da bin ich und komme zur rechten Zeit, um mich warm zu machen; denn es ist eine Nacht für euren teuflischen Hiisi, um aus seiner Eishölle heraufzusteigen und sich wohl auf Erden zu fühlen. Ich bin da, mein Bruder, und bringe dir gute Nachrichten mit, die du auf der Stelle hören sollst. Graf Buxthövden wünscht dich zu sprechen. Er erwartet dich in Wiborg. Reise, sobald du kannst, morgen schon. Ich werde reisen, erwiederte Otho. Aber glaubst du, Serbinoff, daß es ehrlich gemeint ist? Welche Frage? welche Zweifel! Ich habe dem General Alles mitgetheilt, du wirst ihn vorbereitet finden. Er wird dir Vorschläge machen. Den Aufstand vorzubereiten, wird deine Aufgabe sein. Waffen, Geld, alle möglichen Unterstützungen werden dir nicht fehlen. Und ich selbst? Mache deine Bedingungen, fordere, du wirst offene Hände und offene Augen finden. Du wirst der Führer der Schaaren sein, welche dir folgen, danach muß sich dein Rang richten. Mit dem Patent als kaiserlicher Oberst, fügte er noch leiser hinzu, wird man dir entgegen kommen. Sei klug, mein Freund, so kannst du mehr erlangen. 390 Und Finnlands Freiheit, sagte Otho, arglistig lächelnd. Serbinoff blickte ihn durchdringend an. Darüber, versetzte er, haben wir schon verhandelt, Buxthövden wird dir mehr davon sagen. Man theilt die Haut nicht eher, ehe das Wild erlegt ist, tapferer Oberst Waimon. Sehr wahr! rief Otho, wir wollen warten. Zunächst sorge für dich, und laß mich sorgen. Aber wie hast du deine Tage verlebt? Voller Vergnüglichkeit, wie ich denke. Wie steht es mit der Gurschin? Sie hat mich nach Petersburg eingeladen. Ich gratulire! lachte Serbinoff. Ruhe aus in ihren weichen Armen, wenn es in Finnland nichts mehr für dich zu thun gibt. Sie wird alle deine Noth himmlisch vergelten. – Aber jetzt rede von Louisa, stille meine Sehnsucht. Meine Schwester tanzt mit deinem Freunde Dolgorucki. Ich muß sie überraschen. Komm, Otho, daß ich mich ausschäle, ich will Vieles noch von dir hören. Heut nicht, antwortete Otho. Wo willst du hin? Warum verläßt du mich? Ich muß dich verlassen, Serbinoff; aber du – ich bleibe dein Freund, ich glaube an dich! Was soll das sein? rief Serbinoff. Höre doch, Otho! Otho hörte nicht. – Was hat er vor? Was ist geschehen? sagte Graf Alexei ihm nachblickend. Wäre es möglich, daß ein Verdacht – Er ist eifersüchtig! lachte er, die Gurschin hat ihn toll gemacht. Um so besser, entkommen darf er uns nicht. Ich fühle ein wirkliches Verlangen nach meinem kleinen Nix, zunächst zu ihr, dann werde ich erfahren, was diesem dicken finnischen Kopf widerfahren ist. – Heda! ihr da! – Diener sprangen mit Lichten herbei, Serbinoff folgte ihnen die Treppe hinauf in sein Zimmer. 391 Zwanzigstes Kapitel. Die Januarsonne des neuen Jahres 1808 beleuchtete das Haus des alten Majors und funkelte über die blendenden und unermeßlichen Schneemassen, welche das kleine Thal von Lomnäs bedeckten. Die Tannen und Birken lagen halb darin begraben, von den Hütten am Seestrande sahen nicht viel mehr als die Dächer hervor, und an den Bergen umher hatten die Winterstürme Wände des nordischen Wüstensandes zusammengeweht. Der Invalide stand hinter dem Fenster, hauchte das Eis daran fort und schaute durch die Öffnung auf den weiten Pajäne hinaus, der ein wunderbar schönes Winterbild lieferte. Wer hätte es so malen und bilden wollen, wie der große Künstler, dem alle Kunst seine Geheimnisse abzulauschen und nachzuahmen sucht! Schatten und Licht, Farben und Fernsichten waren von solcher Herrlichkeit, daß selbst der greise Soldat eine andächtige Bewunderung davor fühlte. Die Wälder und Felsen glänzten im Sonnenlicht, und über die weite Silberschale des Sees deckte sich ein röthlicher Hauch, der Widerschein des Himmels, der abendwärts in Gluth aufloderte. Man konnte glauben, die leuchtende Kugel zerflösse darin, so weit nach allen Seiten schickte sie ein Meer von Licht aus, und wie in Regenbogenfarben, durchsichtig grün und roth, ränderte sich das Firmament darum, ehe es seine tiefe Bläue annahm. So standen denn viele Berge und die Bäume darauf als schwebten sie in dem sonnigen Duft, und unter ihnen lagen Spalten und Schluchten voll grauer Schatten. Die Thäler öffneten sich vor dem farbenvollen Schimmer, hohe Felsenspitzen aber leuchteten in wahrhaft himmlischer Klarheit, während die Tiefe unter ihnen sich in Nacht und Eis begrub. Der alte Soldat stand lange und betrachtete das zauberische Blendwerk und dann schüttelte er den Kopf und sagte vor sich hin: 392 Wenn man es ansieht, ist es von sonderbarer Macht und Gewalt; es überkommt den Menschen dabei, daß er seine Hände falten und den preisen muß, der solche Dinge erschaffen konnte. Aber es ist doch schöner noch, wenn die Sonne nicht allein strahlt, sondern wenn sie auch wärmt; denn all der Glanz da und die Gluth und Pracht bedeuten doch nichts weiter als bitterliche Kälte. Die wird kommen, ich meine, wie sie selten uns heimsucht. Und wer sagt uns denn, fuhr er nachdenkend fort, ob es jemals wieder Frühling wird? Ob nicht einmal ein ewiger Winter bleibt, wo es für immer aus ist mit allem Leben und Lieben? Es wird ja so schon, wie die Gelehrten meinen, immer kälter in dem alten müden Erdkörper, und die Zeit wird kommen, wo kein Baum mehr grün wird in Finnland, keine Blume mehr blüht, kein Feld mehr Frucht trägt. Eis und Schnee werden die einzigen Früchte sein, daran kein menschlich Herz mehr warm werden mag. Er legte seine Hand auf die Herzensstelle und lachte sinnend vor sich hin. Alter Kamerad! murmelte er, bist auch müde, und doch noch immer hoffnungsvoll. Mußt fort und fort an den Frühling denken und wirst warm dabei. Was willst du denn noch vom Leben? Ei, warum denn nicht! schrie er, mit dem Krückstock aufstampfend, habe ich denn nicht mein Stück Hoffnung, um daran zu zehren, und legt sich nicht jeder Mensch damit in sein Grab, hoffend, daß der ewige Gottesfrühling ihn wieder aufwecken werde? – O! du mein kleines liebes Thal, ich möchte dich noch nicht missen. Wie der alte Baum dort über dem Wassersturz hängt, sich mit zähen Wurzeln an dem Gestein festklammert, nicht in die Tiefe hinab will, sondern darauf wartet, daß Eis und Schnee schmelzen und der Bach ihm wieder Leben bringt, so warte ich auch aufs frische Grün und sitze hier und sinne und träume von junger Zeit. Warum soll sie denn nicht endlich kommen? Warum soll ich mein Glück nicht noch mit meinen alten Händen fassen? Mein Magnus, meine Louisa! Wenn die Kinder einmal hier wohnen werden beim alten Vater Munk. Großvater Munk! Du dort oben, der die goldenen Wolken schafft, nichts von allen deinen Schätzen verlange ich von dir, nichts von aller deiner Herrlichkeit, das allein gib mir noch, das allein, und dann mache mit mir, wie es dir gefällt. 393 Er nahm seine Mütze ab und über sein weißes langes Haar fiel der rothe Glanz des Himmels in sein Gesicht. Das kleine arme Zimmer war davon erfüllt, und der alte Soldat legte seine Hände in's Kreuz auf seinen Stock und blickte in das helle Licht. O, ja, sagte er, du hast es vielmals gut mit mir gemeint, hast mir beigestanden in mancher Noth; so will ich deinen Sonnenschein als ein gutes Zeichen nehmen. Steh meinem Magnus bei, wie du mir beigestanden, und mein Kind, mein Töchterchen Louisa – Ich wollte, ich hätte eine Nachricht von ihr; ich wollte, o, du Gott! der du Alles kannst, du brächtest sie dem alten Vater Munk auf einem deiner Sonnenstrahlen und legtest sie in seine Arme. Als er dies sagte, hörte er eine Schlittenglocke in der Nähe. Es war ihm zu Muthe, als müßte Louisa kommen, als habe er ihre Stimme gehört, und der mächtige Herr, den er angerufen, wolle ihm gleich beweisen, wie gnädig er seine Bitte angehört. Aber es war nicht so. Ein Schlitten kam den Pajäne herauf, darin saß ein Mann in seinen Pelz dicht eingehüllt. Nach einigen Augenblicken verschwand der mißmuthige Ernst der Täuschung aus dem Gesichte des Majors; er schrie hell auf, humpelte nach der Thür, schrie nochmal nach seinem Gesinde und, weil's ihm zu langsam ging, schob er selbst Riegel und Querbaum fort, denn die Schlittenglocke läutete ganz nahe. Erich Randal! rief er, noch ehe er damit fertig war, ich bin schon hier, habe dich schon erkannt. Freude in mein Haus, Erich! ich habe auf dich gewartet manchen schönen Tag, bin aber immer vergebens von meinem Ausguck in den Ofenwinkel gewandert. Er umarmte den Freiherrn, der ihm grüßende und dankende Worte sagte, zog ihn in die Stube, wo der mächtige Steinofen eine angenehme Wärme verbreitete, schrie nach Erfrischungen und Getränken, schob Stühle an den Tisch, drückte den Freiherrn in den breitesten und weichsten und sah so freudig aufgeregt aus, als wisse er nicht, was er zum besten anfangen solle, um seinem Herzen Luft zu machen. Erzähle, erzähle! schrie er endlich. Wie ging's? Wie war's? Wann seid Ihr zurückgekommen? Wo ist mein Pathchen, mein Töchterchen, meine kleine Louisa? Wo sind sie Alle? 394 Wir sind gestern zurückgekommen, antwortete Erich. Stern und Brand! fiel der Major ein. Ihr seid hier vorüber gefahren und habt den alten Invaliden nicht herausgeklopft? Wir haben den Küstenweg genommen, sagte Erich, und sind über Tavastehuus nach Halljala zurückgekehrt. Was? was? fragte Munk verwundert. Das ist ein langer Weg. Wir waren in Helsingfors, fuhr Erich fort. Habt meinen Magnus besucht? rief der Major. Wie geht es dem Jungen? Wie sitzt ihm der Ehrenrock des Königs? Wie sieht er aus? Es geht ihm leidlich wohl, sagte Erich. Er war in Liliendal, kehrte mit seinem Obersten aber bald in den Dienst zurück. Ein Soldat muß den Waffendienst allen anderen Diensten vorziehen, lachte der alte Mann. Bravo, Magnus, bravo! Selbst das Nixchen konnte ihn nicht festhalten? Warum hast du mir das Kind nicht mitgebracht, Erich Randal? Louisa ist überhaupt nicht mit uns zurückgekehrt, antwortete der Freiherr zögernd. Munk sah ihn verwundert an. Sie ist in Liliendal zurückgeblieben, fügte Erich hinzu, oder besser gesagt, bei unserer Cousine, bei Frau von Gurschin, die sich jetzt wahrscheinlich in Wiborg befindet. Schock Tonnen Teufel! fuhr der Major grimmig auf. Was thut sie in Wiborg? Wo ist Otho? Ich weiß es nicht, erwiederte Erich. Du weißt es nicht? Nein, Otho verließ uns ganz unerwartet. Am Morgen nach einem Feste und Balle war er verschwunden. Sein Brief, den er für mich zurückgelassen, enthielt wenige Zeilen, wonach er eine nothwendige Reise angetreten; wann er davon zurückkehren werde, lasse sich nicht bestimmen. Louisa solle uns nach Halljala folgen, er selbst hoffe uns dort anzutreffen. Der Major schwieg eine Zeitlang. Er sah finster vor sich hin und beugte sich auf seine Hände. Und warum hast du das Kind nicht mitgebracht? fragte er endlich, ohne aufzublicken. 395 Weil es nicht mit uns gehen wollte, erwiederte Erich, und weil einige besondere Umstände eintraten, die es mir unmöglich machten, darauf zu dringen. Der Major richtete sich heftig auf, seine Augen funkelten den Freiherrn an. Ich hätt's nimmermehr gethan, brummte er ingrimmig. Habe immer gehört, daß diese Gurschin ein leichtfertig Weibsbild sein soll; hätte dir darum mehr Einsicht zugetraut, Erich Randal, mehr Festigkeit. Otho's plötzliches Verschwinden, antwortete Erich, fand an demselben Morgen statt, wo Admiral Cronstedt mit seinem Gefolge und vielen anderen Gästen Liliendal verließ. Anfangs glaubten wir, es sei ein Scherz, Otho habe einen der Herren, die er kennen gelernt, begleitet und werde bald zurückkehren. Dies meinte auch Graf Serbinoff. Der Russe war also auch noch da! rief Munk. Es waren mehrere russische Offiziere unter den Gästen. Als aber die Weihnachtstage vorübergingen und noch immer nichts von Otho gehört wurde, reisten wir Alle nach Helsingfors, in der Hoffnung, ihn vielleicht dort zu finden. Ich muß gestehen, daß während dieser Zeit mir jedoch ein Verdacht aufstieg, den ich jetzt nicht mehr hege, welcher aber damals – Daß der Russe und die Gurschin wußten, wo Otho geblieben sei? fiel der Invalide ein. Das dachte ich, sagte Erich. Serbinoff blieb in Liliendal, als General Suchtelen mit seinen Offizieren abreiste, und wie er dem Freiherrn Wright und dem Obersten als Gesellschafter willkommen war, war er auch Constanzens Vertrauter. Das schlechte Weib! rief der Major, muß immer wenigstens eine Liebschaft haben, wenn es nicht ein Dutzend sein können. Aber wo soll Otho hingegangen sein mit ihrer Erlaubniß? Nach Wiborg zum General Buxthövden. Und was soll er dort? In russische Dienste treten. Ein Russe werden! schrie der alte Soldat auf. Otho? ein Russe werden! Es ist eine Lüge, sage ich. 396 So viel ist wenigstens wahr, antwortete Erich, als der Major sich beruhigt hatte, daß Otho seit längerer Zeit sich mit Gedanken trug, die, wie ich glaube, Graf Serbinoff eifrig förderte. Ich weiß nicht, wie weit er damit gekommen ist und welche Absichten damit zusammenhingen; es scheint jedoch, daß noch während unseres Besuchs in Liliendal von verschiedenen Seiten daran gearbeitet wurde, ihn zu bewegen, nach Rußland zu gehen. Die Pest über die Schurken! schrie Munk, und im bangen Tone fügte er hinzu: Ist er denn gegangen, Erich? Hat er denn wirklich seine ehrliche finnische Haut dem moskowitischen Satan verkauft? Ich suchte von Helsingfors aus Erkundigungen einzuziehen, fuhr Erich fort; allein ich konnte nichts erfahren. Mancherlei Festlichkeiten wurden dort veranstaltet. Constanze Gurschin glaubte, wie es mir vorkam, daß Otho in Wiborg sei, und ich zweifle nicht daran, daß sie auch Louisa bei diesem Glauben erhielt. Gewißheit war nicht zu erlangen, doch nach einiger Zeit versicherte mir Halset, es sei nicht wahr, es wisse Niemand, wohin Otho gekommen. Der Spitzbube war also auch bei der Hand, brummte der Invalide. Du hättest nicht nach Helsingfors gehen sollen. Ich hatte noch einen anderen Grund als den, nach Otho zu forschen, sagte Erich. Ich wollte Louisa aus der Nähe des Grafen Serbinoff bringen; allein ich hatte mich getäuscht. Serbinoff ist ebenfalls in Helsingfors gewesen. Das hat er gewagt? schrie der Major. Warum? Oh! hinter dem Weibe her, oder – sag's heraus, Erich, ich lese das Unglück in deinen Augen. Ich darf dir nichts verschweigen, mein väterlicher Freund, antwortete der Freiherr betrübt ihn anblickend. Höre mit Fassung an, was ich dir mitzutheilen habe. Nachdem eine Woche vergangen war, hielt ich es für das Beste, nach Halljala zurückzukehren, und ich machte Louisa mit meinem Beschlusse bekannt, gebot ihr, mich und Ebba zu begleiten, und setzte den Tag unserer Abreise fest. Während dessen war es zu einer Erklärung zwischen dem Kammerherrn und Halset gekommen, in Folge derselben Arwed ihn und Mary nach Abo begleiten wollte. Seine Schwester ließ er in meinem Schutz, und ich hatte 397 mir das Recht dazu erworben, denn Ebba hatte mir versprochen mir anzugehören. Der Invalide nickte ihm zu und drückte seine Hand. Hab's gedacht, daß es so kommen müsse, sagte er. Alles Glück des Lebens über deinen Bund! Aber was geschah, Erich, warum blieb Louisa trotz deiner Gebote zurück? Sie entfloh mit ihm oder mit ihr, ich weiß nicht, wie es am Richtigsten ist, sagte Erich leise. Entfloh mit ihm – mit dem Russen! schrie der Major, und die Hände in sein graues Haar drückend, stieß ein langes klägliches Oh! aus. Man brachte mir am Morgen ein Billet unserer Cousine Gurschin, worin sie in der leichtfertigen Weise, die ihr eigen ist, mir mittheilte, daß ihre Angelegenheiten sie nach Wiborg führten, und daß Louisa sich entschlossen habe, sie dahin zu begleiten, weil sie nicht ohne ihr liebliches Geplauder leben könne. Louisa selbst hatte hinzugefügt, sie hoffe ihren Bruder dort zu finden. Ich glaube wohl, daß man ihr dies gewiß gemacht hatte. Und Niemand machte sich auf sie zurückzuholen? Sie aus den Händen dieses Weibes, dieses Russen zu befreien? O, warum war ich nicht da! Warum bin ich nicht jung! Wo war Magnus? Was hat Magnus gethan? Magnus hat Louisa wenig mehr gesehen, sagte Erich. Er hielt sich fern von ihr, und hatte Recht es zu thun, denn er mußte deutlich genug bemerken, daß er ein unwillkommener Gast war. Armer Knabe! murmelte der alte Mann. Er hat ein stolzes Herz, das wird ihn trösten, aber, oh! wie ist es möglich, welche Künste haben den Sinn des Mädchens verdorben, der so schuldlos war wie Himmelslicht. Gibt es Zauberei, Erich Randal? Gibt es Hexen und Kobolde, denen auch der Beste nicht widerstehen kann? Wecke die Leidenschaften, antwortete Erich traurig vor sich hinblickend, und du weckst die feindlichen Mächte, welche Gewalt über uns haben. Ein alter Philosoph hat gesagt, daß in den Herzen der Frauen, wenn sie lieben, die erhabensten Tugenden aufblühen, doch neben diesen auch jede Schlechtigkeit und jede Sünde. – Wir wollen nicht zu hart 398 urtheilen, mein Vater, denn wer möchte den Stab über die brechen, für die so viele Stimmen in uns reden. Vielleicht ist es auch so; vielleicht hat sie Otho gefunden, oder wer weiß, was zwischen ihm und Serbinoff verabredet wurde. Ein inniges Zusammenleben hat lange schon zwischen ihnen bestanden, Louisa hatte Theil daran. Man konnte nicht zweifelhaft sein, daß Serbinoff mit wachsender Freundschaft ihnen zugethan war, und wissen wir denn, wie weit diese reichte? welche Verständigungen statt fanden? Tröste mich nicht damit, Erich Randal, tröste auch dich nicht damit, antwortete der greise Mann. Zwischen gut und schlecht kann niemals ein Bündniß in Ehren geschlossen werden. Verlockt hat er sie, der freche Russe, und ihr habt es geschehen lassen, ihr habt geschwiegen. Mit einemmale wird ein Mensch nicht schlecht; es geht langsam, Schritt für Schritt, ehe er heucheln und lügen lernt. O! damals, als sie ohne Zaudern Magnus zum Lügner machte, damals schon war es zu spät. – Schande! Schande! Ich will den Namen nicht mehr hören, will ihn nicht mehr aussprechen. Gott wollte, ich verlernte das Denken daran. Sage rasch, Erich, was du noch zu sagen hast, die Zeit zum Ändern und Bessern ist vorbei. Ein schwerer Kummer beugte den Nacken des Majors. Er saß mit den Händen auf seinen Stock gestützt und den Kopf darauf gelegt, und hörte zu, was sein junger Freund berichtete. Nur zuweilen fuhr er auf, sah grimmig umher, und besänftigte sich wieder, indem er leise vor sich hin murmelte: Wie war es denn möglich? O, es ist aus mit meinem Hoffen und Wünschen! Du! Herr Gott dort oben, was bringst du mir Unheil statt Segen. Erich erzählte, daß er nach dem Empfange des Billets sofort sich überzeugt habe, daß er ohne Mittel sei Louisa zurückzubringen, denn diese war weit fort, als er ihre Abreise erfuhr. Baron Bungen sowohl wie Halset schienen darum gewußt zu haben, sie vertheidigten und entschuldigten das Geschehene mit allen möglichen Gründen, daß Serbinoff aber dabei gewesen sei, und die beiden Frauen begleitete, ging eben so wohl aus den Erkundigungen hervor, welche Erich eingezogen, wie aus dem Auftritte, den Magnus Munk am Abend der Flucht erlebte. Von Unruhe und Eifersucht ohne Zweifel angetrieben 399 stand Magnus an jenem Abend vor dem Hause, in welchem Frau von Gurschin mit Louisa wohnte, als zwei Männer sich näherten, welche dort hinein wollten. Plötzlich wurden sie von einer Laterne beleuchtet, welche Magnus unter seinem Mantel hervorzog, und er erkannte in dem einen den Fähnrich Ridderstern, in dem anderen Serbinoff. Am Tage zuvor hatte Admiral Cronstedt den Befehl erlassen, daß kein Fremder sich ohne Anmeldung und Erlaubniß der obersten Militärbehörde in Helsingfors aufhalten solle. Es waren Nachrichten von der Grenze eingetroffen, daß unter den russischen Truppen viel Bewegung sei, und eine Menge Kosaken und Dragoner mit Artillerie und Jägern dicht an dem Kymene ständen. General Klerker hatte mit anderen Offizieren die Stellungen der Russen beobachtet, und dann in Eile Boten an alle Regimenter geschickt sich zu vereinigen, und was zurück war an sich zu ziehen. Zum erstenmale tauchte eine ernsthafte Besorgniß auf, die Russen möchten wirklich einen Einfall in Finnland beabsichtigen. Vom Lande her flüchteten viele Leute in die Stadt, um hier ihr Habe und Gut besser zu sichern; andere wohlhabende Familien machten sich auf den Weg nach Abo, weil sie besorgten, Sweaborg könnte belagert werden, und wenn die Russen sich dann des wenig befestigten Helsingfors bemächtigten, welches unter den Kanonen der Festung liegt, könnten die Schweden selbst wohl die Stadt in Feuer aufgehen lassen. Vielerlei Gerüchte über russische Spionen und Verräthereien waren verbreitet, als daher Magnus Munk seine Laterne aufhob und den russischen Kapitän vor sich sah, rief er ihm zu: Wie kommen Sie in diese Stadt? Halt, Herr! Sie müssen mich begleiten. Er hatte aber noch nicht das letzte Wort gesprochen, als seine Laterne in Stücke geschlagen und ausgelöscht wurde. Er selbst erhielt einen Stoß, daß er rückwärts über in den Schnee stürzte, und als er aufsprang, erwischte er eben noch den einen der Beiden beim Rockzipfel unter der Thür des Hauses. Es war jedoch nicht Serbinoff, sondern Ridderstern, der jetzt gepackt und geschüttelt wurde, während dieses Ringens aber erschien eine andere, dritte Person auf dem Kampfplatze, der Oberst Jägerhorn, welcher ebenfalls Frau von Gurschin besuchen wollte. Der Oberst befreite sogleich seinen Verwandten, den Fähnrich Ridderstern, welcher obwohl viel größer als Magnus dennoch von 400 diesem besiegt worden war und einige derbe Faustschläge davon getragen hatte. Auf sein Befragen erzählte Magnus, daß er so eben den Grafen Serbinoff gesehen und erkannt habe, allein Ridderstern bestritt es und behauptete, daß er den Baron Bungen hierher begleitete, der von diesem verrückten Burschen angefallen worden sei. Oberst Jägerhorn lachte. Du bist in Wahrheit ein toller Christ, sagte er, dem der Graf Serbinoff beständig im Gehirn umherspuckt. Geh nach Haus und schlafe aus, morgen wollen wir weiter sprechen. Ich schwöre es Ihnen zu, mein Oberst, antwortete Magnus, es war der Graf, den ich festhielt. Was hat ein russischer Offizier in dieser Festung zu thun? Das weiß ich allerdings eben so wenig wie du, antwortete Jägerhorn, allein ich befehle dir jetzt nicht nach Haus, sondern auf die Hauptwache zu gehen, und dort bis morgen früh zu bleiben. Dann wollen wir deine Aussage näher untersuchen. Der Major hatte seine Stirn düster gefaltet. Kehrt! marsch! brummte er. Der Junge mußte gehorchen. Was geschah weiter? Am nächsten Morgen war Constanze Gurschin abgereist und Serbinoff mit ihr. Oberst Jägerhorn ließ Magnus kommen, nachdem dieser noch einen Tag auf der Wache zugebracht, und ertheilte ihm einen derben Verweis wegen seines unziemlichen Betragens gegen den Fähnrich Ridderstern. Baron Bungen hatte ihn versichert, daß er bei dem Fähnrich gewesen sei, als Magnus plötzlich auf Beide anlief. Von Serbinoff war keine Spur zu entdecken, der Oberst drohte daher dem Kadetten mit strenger Strafe, wenn er je wieder sich solchen Tollheiten überlasse. Armer Magnus! seufzte der Invalide. Aber der Oberst hatte Recht, wie? Kammerherr Bungen ähnelt dem Russen zwar so wenig, wie ein Ziegenbock einem Fuchs, dennoch aber – Jägerhorn muß Recht haben. Er urtheilte nach den Zeugnissen, die ihm abgelegt wurden, dennoch halte ich dafür, daß Magnus sich nicht täuschte. Wie dem aber auch sein mag, lieber alter Freund, es bleibt uns nichts mehr übrig, als die Thatsachen zu nehmen wie sie sind. 401 Es bleibt uns nichts mehr übrig als ein tüchtiger Fluch auf alle Schelme, und der richtige Glaube an den alten Gott, der ehrlichen Leuten beisteht! rief Munk. Mag er sich erbarmen über die, die uns vergessen hat. O, du armer, alter Thor! der es noch immer nicht glauben kann, der immer noch denkt, es sei doch Alles erfunden und erträumt. – Er rieb sich seine furchige Stirn, und fuhr dann kräftiger fort: Was soll nun werden? Was willst du thun, Erich Randal? Wer sieht nach dem Gute am Pajäne? Wer forscht, was aus Otho geworden ist? Bevor das Frühjahr kommt, ist für Otho's Eigenthum wenig zu sorgen, erwiederte Erich. Was geschehen konnte, ist heut schon von mir gethan. Ich habe seinen Hausleuten gesagt, daß er noch einige Zeit ausbleiben werde, eben so Louisa. Was aber ihn selbst betrifft, so glaube ich fast eine Spur gefunden zu haben, wenn ich auch nicht sagen kann wohin diese führt. In Sijundo, jenseit Helsingfors, beschrieb uns der Posthalter einen Reisenden, der eben zu der Zeit, wo Otho verschwand, bei ihm eintraf, und den Weg nach Ecknäs in Begleitung einiger Soldaten einschlug. Alle seine Angaben trafen so genau zu, daß wir voller Hoffnung diese Spur verfolgten, allein wir konnten nichts weiter erfahren. Soldaten waren seit jener Zeit häufig durchgezogen, mancherlei Reisende beschrieb man uns, Keiner war darunter, der er sein konnte. Was hätte er auch dort zu suchen? fragte der Invalide vor sich hin. Halset mit seiner Tochter und Arwed begleiteten uns, fuhr Erich fort. Sie haben es übernommen, überall nachzuforschen, und wollen uns Nachricht geben, sobald sie etwas erfahren. Jeder Mensch kehrt zum Staube zurück, aus dem er genommen, sagte der greise Mann, und der stärkste Mensch ist doch nur ein Gebild aus vergänglichem Stoff. Ich habe Manchen gekannt, der seinen Kopf so stolz trug wie ein urewiges Wesen, plötzlich war alle Herrlichkeit am Ende. Das wollen wir nicht von Otho denken, erwiederte Erich. Ich halte die Hoffnung fest, daß wir ihn wiedersehen, dann werden wir erfahren, was ihn fortgetrieben. Nein, daß er heimlich uns verließ, 402 muß einen besondern Grund haben, und kein anderer bleibt übrig, als einer, der mit den Ereignissen, die sich vorbereiten, in Verbindung steht. Meinst es also doch, daß er in's russische Lager gegangen ist? fragte Munk. Otho ist ein Finne und sein Kopf ist heiß. Sein Vater war bereit Gut und Blut für Finnlands Freiheit herzugeben, er ist es nicht minder. Wie er denkt, denken Manche, und wenn er seine Stimme erhebt, wird sie weithin gehört werden. Wäre das möglich? fragte der alte Soldat, indem er sich aufrichtete. Nicht zum ersten Male haben die Russen alle Mittel angewandt, den Finnen glauben zu machen, daß sie unter ihrem Schutze einen eigenen Staat bilden könnten. Du weißt selbst, mein lieber Freund, was bei Angela geschah, du weißt auch, wie Otho's und mein eigener Vater daran Theil nahmen; wie Otho's Mutter, meine Tante, dafür wirkte, wie viele edle Familien damals in dem geheimen Bunde verwickelt wurden. Ob ich es weiß! rief der Major mit düsterer Stirn. Es war ein fluchwerthes Beginnen und dennoch – wer trägt die Schuld daran? Der das Unrecht durch anderes Unrecht auslöschte, der Eide und Schwüre für nichts achtete, der statt des Volkes Rechte zu schirmen, sein Recht über Alles setzte. Aus solcher Saat kann keine gute Frucht wachsen, fuhr er fort, Sünde erzeugt Sünde, Gewalt endet in Gewalt. – Aber was willst du daran beweisen, Erich Randal? Wer hat dir gesagt, daß Otho ein Verräther an seinem Vaterlande sein will? Was ich andeutete, beschränkt sich nur auf Vermuthungen, antwortete Erich, mehr weiß ich nicht zu sagen. Ich vermuthe, daß Serbinoff ihn drängte und ich zweifle nicht, daß er alle möglichen Mittel dazu anwandte. Meinst du denn, fragte der Invalide, daß die Moskowiter wirklich Ernst machen? Von Vielen wird es geleugnet, von Wenigen auch jetzt noch geglaubt, erwiederte der Freiherr, ohne Zweifel aber haben sie eine große Macht beisammen, und wenn es ihre Absicht ist, den König durch Gewalt zum Nachgeben zu zwingen, so wird das kleine Heer, das General Klerker zusammenzieht, nicht im Stande sein, sie aufzuhalten. 403 Oho! schrie Munk stolz umherblickend, oftmals schon waren wir gering an Zahl und haben gesiegt. Der Landsturm heraus, jeder Mann an seinen Platz. Für's Vaterland muß jeder sein Leben lassen. Ruf deine Bauern zusammen, Erich Randal, wir wollen ihnen das Kriegshandwerk beibringen. Mancher alte Offizier wohnt im Lande, dem es gehn wird wie mir, wie dem alten Schlachtrosse, wenn es die Trompete hört. Wir haben keine Erlaubniß dazu, sagte Erich, selbst wenn wir es wollten. Schock Tonnen! schrie der greise Soldat, muß man denn bei allem was man thut um Erlaubniß fragen? Man hat uns daran gewöhnt und erst neulich haben die Voigte strenge Befehle der Regierung erhalten, darauf zu achten, daß keine Aufregung entstehe, das Volk in Zucht und Gehorsam gehalten werde. Die Pest über den Unsinn! fiel der Major ein. Es ist dem Könige ein Vortrag gehalten worden, fuhr Erich fort, ob es nicht Zeit sei, zehntausend Mann nach Finnland zu schicken und mit den Waffen, die in Tavastehuus und Abo liegen, Freicompagnien zu bilden. Es hat dem Könige jedoch nicht beliebt, dies zu gestatten, nur einen Kriegsplan hat er ausgearbeitet, nach welchem, wenn die Russen angreifen, das Heer zurückgehen soll, bis in den hohen Norden, bis nach Osterbotten und nach Torneo. Der Invalide hörte ingrimmig zu. Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch vor Ungeduld und Unruhe und fing halblaut einen Gesang an, ein Volkslied aus alter Zeit und wohlbekannt: Der junge Held, Karl der Zwölfte, In Rauch und Staub er stand, Er zog sein Schwert vom Gürtel, Seinen Hut er feste band. Es beißt der schwed'sche Degen, Kommt her und prüft ihn genau. Gebt Platz, ihr Moskowiter, Frischen Muth, ihr Bursche blau! So singt das Volk noch heut von seinem Helden Karl, rief er dann. Der kannte nicht das Rückwärtsgehen, wenn der Moskowiter vor ihm 404 war. Der Teufel hole den Kriegsplan! Wir wollen es nicht leiden, Erich Randal, daß Finnland den Russen in die Hände fällt. Will der König es nicht vertheidigen, wollen wir es thun, so gut wir können. Sollte es dahin kommen, versetzte Erich, so würde unser Widerstand ein sehr unfruchtbarer und verderblicher sein. Willst du dich unterwerfen? fragte Munk. So weit ich dies muß, ja. Ein Russe werden? schrie der Invalide auf. Willst du etwa, wenn dein Freund Otho mit einer Bande russischer Schelme zurückkommt, gemeinschaftliche Sache mit ihm machen? Finnische Republik ausrufen, bis euch der Mund gestopft wird, ob mit Blei oder mit Silber? Major Munk, sagte Erich, seine klare Augen auf den erzürnten Greis heftend, überlege noch einmal deine Worte. Der Alte streckte die Hände nach ihm aus. Trag's nicht nach! rief er versöhnlich, ich habe es nicht so gemeint. Es ist möglich, daß du Recht hast, es ist sogar wahrscheinlich, aber wer kann es mit solcher Ruhe bedenken? Du bist ein kalter Mann, Erich, ein immer wohlüberlegter Mann, trotz deiner jungen Jahre. Ich, der ich Schnee auf meinem Kopf trage, habe mehr Feuer in meinem Herzen. Was willst du beginnen, wenn die Moskowiter einbrechen? So viel als möglich diejenigen schützen, welche Ansprüche zu machen haben, daß ich sorge und helfe, wie ich es vermag, sagte Erich. Trifft uns Unheil, so müssen wir suchen es abzuwenden oder zu erleichtern. In den Schrecknissen und Leiden eines Krieges, der unser armes Volk überfällt, müssen wir retten was zu retten ist. Dann wäre es am Besten den Russen zu dienen, und als Lohn zu bitten, daß keinem Menschen in Halljala ein Leid geschieht? fiel der Invalide mit neuer Bitterkeit ein. Das sind wiederum Worte, die du nochmals bedenken mußt, Vater Munk, sagte der Freiherr sanftmüthig lächelnd. O, zum Teufel! stampfte der Major, ich kann deinen Weg nicht gehen, Erich. Kein Moskowiter soll mich um Gnade bitten hören. Keiner soll je sagen, ich habe mich vor ihm gedemüthigt. 405 Ist denn die Demuth eine Sünde, wenn sie uns vor Gewalt schützt, sagte Erich, oder ist Unterwerfung Feigheit, wenn wir dadurch uns und vielen Leidenden zu helfen vermögen? Fällt der Feind in's Land, so mußt du mir versprechen, Major, daß du zu uns nach Halljala ziehen willst. Überhaupt solltest du schon jetzt dein einsames Haus aufgeben und uns Gesellschaft leisten. Von allen, die mit mir gingen, ist Keiner zurückgekehrt, als Ebba. Lebe mit uns, lieber Vater Munk. Laß uns am Herde in meiner Halle gemeinsam hoffen, Trost und Frieden finden. Der greise Soldat war jedoch nicht zu bewegen, Erich's Vorschlag anzunehmen. Er drückte ihm seinen Dank aus, versprach oft herüber zu kommen und nachzuschauen, aber wohnen wollte er nicht da, wo ein so kluger, kaltherziger Mann ihn alle Tage von Neuem ärgern würde. Dann wird Ebba mit ihrer patriotischen Gluth dich aufrichten und versöhnen, sagte Erich. Der Major blieb bei seinem Willen. Gott segne sie! sagte er, aber es ist doch auch eine von den Neumodischen, Feuer und Flamme für Schweden, aber blind vor Haß gegen den König und es könnte sein – er schüttelte heftig den Kopf und schlug auf den Tisch. Es hilft doch Alles nichts! schrie er auf, König ist er einmal, unser aller gnädiger Herr, und steht an der Spitze. Wer die Spitze haßt und verachtet, kann's nicht ganz redlich mit dem Ganzen meinen, und Gott besser's! Erich Randal, aber was er befiehlt muß in Ehren gehalten werden; gefällt's uns auch noch so schlecht, in solcher Noth darf ihn Keiner sitzen lassen. Stoß an, Freiherr! stoß an! daß Gott ihn erleuchten möge, daß er tapfere Herzen finde und selbst ein Herz in sich habe, wie Karl der Zwölfte, wie es von dem in dem Liede heißt: Einen gegen Zehn er stellte. Der zorn'ge Wasasohn, Es floh, den er nicht fällte, Gab Jedem seinen Lohn. Drei Kön'ge wollten ihn zwingen. Mit Waffen und mit Witz, Er warf sie alle nieder Sein Schwert war Gottes Blitz. 406 Und so muß es wiederkommen! rief er innehaltend. Karl des Zwölften Geist wird in ihn fahren und wer dann nicht bei ihm steht und hilft, so lange ein Arm aushält, der verdient, daß er ein Russe werde und die Knute über ihn komme! – Laß mich hier in meinem alten Hause, mein Sohn, laß mich hier mit meinem Kummer und meiner Einsamkeit. Wir müssen ertragen, was über uns verhängt wird, und Gott hilf! daß es nicht allzu schwer werden mag. Verzweifeln wollen wir nicht, denn die alte Liebe und Treue soll uns bleiben, und nun setze dich her, Freiherr Randal, und nimm dein Glas und stoß darauf an, daß es Frühling werden möge und die lieben Vögel wiederkehren, die uns verlassen haben. Als es dunkel zu werden begann schied Erich von dem alten Freunde und bald lag Halljala vor ihm. Die hohen hellen Fenster der Halle leuchteten ihm entgegen, freudig lächelnd betrachtete er sie, und das hohe alterthümliche Haus, um dessen Zinnen noch ein matter Abendschimmer schwebte. Er empfängt mich, um mir zu sagen, daß es noch nicht Nacht geworden ist in meiner Väter Erbe, murmelte er. Wenn es möglich ist, soll es niemals Nacht darin werden. Wir wollen den Morgen heraufbeschwören und uns des Tages freuen. Ein heller Hahnenschrei antwortete darauf, und dicht bei ihm an dem Gemäuer ließ sich die Stimme des Schulmeisters hören. Hast es gehört, Freiherr Erich, was der Hans dazu sagt? lachte Lars. Er schreit dir seinen Morgengruß zu; es ist aber eigentlich ein Abendsegen, man kann's nehmen wie man's will. Es wird immer wieder Morgen, Erich Randal, mag die Nacht noch so finster sein; wer aber Augen danach hat, der sieht wie Katzen und Hähne am besten in der Finsterniß. Wo kommst du her, Lars? fragte Erich. Komme alleweil von Louisa herüber, antwortete der Schulmeister. Die Sonne flimmerte in alle Fenster, schien aber dennoch Nacht zu sein. Der Freiherr schwieg, Lars ging neben dem Schlitten her. Was sagst du dazu? fragte Erich endlich. Was sagt der Hans dazu? erwiederte Lars, indem er seinen Schaafpelz lüftete, unter welchem sein wunderlicher Begleiter im Sacke saß. Es war immer deine Freundin, Hans, hast das lustige Nixchen immer 407 lieb gehabt. Wird's wiederkehren, wo jetzt der Wind durch stille Kammern fährt? Wirst du jemals wieder sitzen und hören, wenn die Kandele unter ihren Fingern klingt, als käm's aus Wainemonen's goldnem Garten? Der Hahn stieß einen leisen klagenden Ton aus. Nicht? nicht? fuhr Lars fort. Glaub's dir, Hans, glaub' es. Menschenglück ist wie eine Schale von Glas, kommt ein Sprung hinein, gibt's nimmermehr den alten Klang. Wenn der Falk eine Taube holt, bleibt keine Feder im Nest zurück. Es wird eine kalte Nacht werden, Freiherr Erich; sorge, daß dein Feuer nicht ausgeht. Hast du nichts von Otho gehört? fragte Erich. Nichts, Hans, nichts, sagte der Schulmeister. Wir waren beide weit durch Savolax hinauf bis Idensalmi, haben nichts von ihm vernommen, nichts im ganzen Tavastelande. Fragten uns dort viele Leute nach Neuigkeiten, und was Otho Waimon dazu meinte? Ob's wahr sei, daß die Russen kämen. Putzten auch an ihren Gewehren herum, sprachen davon, Otho habe ihnen in's Ohr gesagt, es könnte bald kommen, daß sie die Büchsen brauchen würden. An der Grenze von Nyschlott und von Willmanstrand herauf, brachten reisende Krämer Nachrichten von den Moskowitern. Mit Reitern und Kanonen stehen sie da umher, sind ihrer viele Tausende. Was wollen sie dort oben im Lande? fiel Erich nachdenklich ein. So sind es zwei Heere, die sie aufgestellt haben? Das eine am Kymene und das andere am Saimasee. Seit wann sind sie in Nyschlott? Seit einer Woche oder so etwas, sagte Lars. Das sieht wahrlich aus, als wollte es Ernst werden. Glaubst du denn, Freiherr Erich, lachte der Schulmeister, daß die Russen spaßen; es thut keiner etwas umsonst. Harte zähe Männer sind es, wie die Luchse schlau und fürchterlich. Hast du noch nie den Luchs gesehen, Freiherr Erich, wie er sich streckt und windet, sich putzt und leckt und das manierlichste Thier scheint, das Gott zu Stande gebracht hat, bis es plötzlich seinen Sprung thut und seine Krallen aus den Scheiden fahren. Wo hast du den russischen Grafen gelassen, Erich Randal, den Alle lobten und liebten, nur der Hans nicht. 408 Es ist Niemand mit mir nach Halljala zurückgekehrt, als meine Cousine Ebba, sagte Erich. Gott behüt das schöne Fräulein, Gott behüt's! schrie Lars. Halt das Glück fest, Freiherr Erich, es ist eine herrliche Sache, um's echt schwedische Blut. Es ist eine feine Dame, ihre Mutter war auch so und ich habe es mit meinen Ohren gehört, wie dein Vater sagte, keine Andere wünschte er dir. Habe es auch gehört, wie er Sam Halset ausschalt und schwor, so lange sein Sohn Abscheu habe vor Unehre, solle er nimmer einer Brut anhängen, die ehrlicher Leute Fluch sei. Es ist Licht in der Halle, antwortete Erich, der auf des Schulmeisters Rede nicht zu achten schien. Ebba wird mich längst erwarten, Major Munk hielt mich lange fest. Auch er wußte nichts von Otho und ich muß dir gestehen, alter Lars, daß ich in schweren Sorgen um ihn bin. Ist es denn wahr, fragte der Schulmeister, was der Propst aussprengt, daß Otho mit einem russischen Weibe nach Rußland gelaufen ist? Ich glaube es so wenig, wie du es glauben wirst, erwiederte Erich. Und der Hans glaubt's noch weniger als wir beide, lachte Lars. Aber der Probst erzählt weiter, daß der russische Graf Otho's Schwester mitgenommen habe und daß sie mit ihm heimlich davon gelaufen sei. Das wirst du eben so wenig glauben, sagte Erich, wie ich es thue. Gott verhüt's! daß wir es beide jemals glauben müssen, Freiherr Erich, erwiederte Lars; aber wo hat man je gehört, daß in Finnland ein Russe willkommen war? Auf diesen Vorwurf schwieg Erich Randal ein Weilchen, bis er im bekümmerten Tone sagte: Ich kann das Ärgste immer noch nicht denken, denn Serbinoff ist ein Mann von edlen Eigenschaften. Doch wo ist Otho geblieben? Welches Schicksal hat ihn getroffen? Laß ihn laufen, Freiherr, gräme dich nicht um ihn! rief Lars. Ein Finne fällt wie eine Katze, immer auf seine Beine, und der Hans hat ihm den Hochzeitstanz aufgeführt, als er's keinem Andern thun wollte. Halt du nur dein Glück fest, Freiherr Erich, und sorge dafür, daß 409 die Hochzeitslichter brennen, heut lieber als morgen. Meinst du nicht, Hans? Meinst du nicht, daß es wohlgethan wäre? Der Hahn in seinem Sack knurrte ärgerlich und Lars Normark lachte auf. Gott behüt's! schrie er, glaubst du Narr, es sei noch nicht die rechte Zeit? Mancher wartet und wartet und die rechte Zeit kommt nimmermehr. Ein Fisch, wenn er gefangen ist, muß auch gegessen werden, sagen die Finnen, und ein Mann, der ein rechter Mann ist, kommt mit einem guten Schlag weiter als mit tausend guten Worten. Was soll ich denn thun, alter Lars? fragte Erich lächelnd, denn ich sehe wohl, daß du mir Rath geben willst. Was du thun sollst, Freiherr Erich? antwortete der Schulmeister. Was dein Vater hätte thun sollen, als er ein Mädchen in seinem Hause hatte und meinte, die rechte Zeit sei noch nicht da, eine Frau daraus zu machen. Geh morgen hin zu dem Propst, mach's mit ihm ab und dann geh hin zu ihr und sprich: Was kommen wird, weiß ich nicht. Es kann sein, der wilde Jäger bringt uns die Russen über den Hals, es kann auch sein, Noth und Tod fahren an von allen Seiten. Bei alledem bin ich da, und Keiner soll's mir wehren, dich zu lieben und zu küssen, so lange es immer geschehen kann. Also gib mir deine Hand, kein Anderer soll sie haben. Komm mit mir, der Priester wartet auf uns und, so wahr schwedisches Blut in uns Beiden ist, Freiherr Erich, ich sage dir, sie wird deine Hand nehmen und wird dir folgen. Sie wird mir folgen, murmelte Erich halblaut. Eben fuhr der Schlitten durch das düstre Thor des Hompusthurmes und aus ihm hervor rauschte ein Nachtvogel, der über Erich's Haupt hinstreifend, einen langen gellenden Schrei ausstieß. Der Hahn reckte zu gleicher Zeit den Hals aus dem Sack und krähte muthig auf, daß es unter der Wölbung widerhallte. Wen eine Eule empfängt, dem ist Jumala gnädig, sagte Lars und gibt ihm Weisheit, und wem der Hahn schreit, dem steht Ilmareinen bei und gibt ihm listige Gedanken. Dies rief er hinter Erich her, dessen Pferd schnaubend in den Hof rannte und dem er langsam folgte. Lichter leuchteten aus der Thür des Hauses und als der Hahn nochmals sein Geschrei anstimmte, 410 hätten die Diener über den alten Pfeifer beinahe ihren Herrn vergessen. Jeder freute sich, daß Lars Normark da war. Alle wollten Neuigkeiten hören, Alle hatten viel zu fragen und viel zu erzählen. Als Erich Randal der Halle zuging, war sein Kopf voll Gedanken, mit denen sich ein banges verwirrendes Gefühl mischte. Seine festen Schritte wurden langsamer, je näher er der Thür kam und zögernd stand er davor still und legte die Hand auf sein Herz, das heftiger klopfte, als er seit langer Zeit es gefühlt hatte. Was der Schulmeister gesprochen und der Rath, den er ihm zuletzt ertheilte, betraf etwas, was er selbst sich schon oft gesagt hatte. Wenn er Ebba bestürmte, würde sie dann nicht darin willigen, ihm zum Altare zu folgen, und gab es nicht Gründe genug, die ein rasches Handeln rechtfertigten? Lars Normark hatte eine Unruhe in die philosophische Ruhe des jungen Mannes gebracht, die er vergebens ganz zu bewältigen strebte. Sichere dein Glück, Freiherr Randal! klang es in seinen Ohren und dabei überkam es ihm plötzlich, daß er an Otho denken mußte und an Halset's Tochter, indem er durch den finstern Gang ging und leise die Thür öffnete. Ebba saß vor dem großen Kamin, das Gesicht auf das Feuer gerichtet, das niedergebrannt aus dem Haufen verkohlter großer Holzstücke und glimmender Asche in dunkelrothen Flammen aufflackerte. Die Lichter, welche auf dem Tische in der Mitte der Halle standen, bildeten kleine trübe Punkte, von grauen Schattenkreisen umgeben, durch welche dann und wann ein blitzartiges Leuchten des Kaminfeuers zuckte, das in alle die finsteren Ecken und Winkel des Gewölbes drang, und die düstern Bilder an den Wänden sammt den gewaltigen Elchgeweihen erkennen ließ. Einige Minuten lang betrachtete Erich seine junge Verwandte, die nichts von seiner Nähe bemerkte. Sie hatte ihre Hände vor sich in den Schooß gefaltet und ihre großen offenen Augen schauten regungslos in die sprühenden Funken, welche von dem Herde aufflogen und verloschen. Als der Feuerschein heller über ihr Gesicht zitterte, bemerkte Erich, daß sich ihre Lippen bewegten, als spräche sie leise mit sich selbst. Es war ihm, als könnte er ein schmerzliches Lächeln erkennen und jetzt senkte sich ihr Kopf nieder, das lockige lange Haar fiel wie ein Schleier darüber hin und unter 411 ihm hervor stieg ein Seufzer auf, der wie von Geistern weiter gemurmelt, in allen Bogen und Fugen sich zu vervielfältigen schien. Erich's Augen ruhten voll mildem Ernst auf ihr. Zögernd und schweigend stand er auf der Schwelle bis Ebba sich nach ihm umwandte. Ihre Mienen erheiterten sich, als sie ihn erblickte, und indem sie ihm entgegenging, streckte sie ihre Hände nach ihm aus. Endlich bist du zurück, lieber Erich, rief sie ihm zu. Sei willkommen! Erich Randal küßte ihre Stirn. Unser alter Freund hat mich so lange aufgehalten, sagte er. Ich konnte ihn nicht verlassen, da ich ihn von meinen Mittheilungen betrübt und zornig sah. Du siehst, wie es mir scheint, selbst betrübt und bleich aus, fiel sie ein. Es ist kalt, erwiederte er. Mich friert. Das darf nicht sein, wenn du bei mir bist, sagte sie lächelnd, dann muß ich dich erwärmen, und indem sie ihn zum Herde führte, warf sie rasch neue Holzstücke auf die Gluth, rückte seinen Sessel dicht heran, bereitete eine Pelzdecke davor aus, und nöthigte ihn in die weichen Kissen, mit denen sie den breiten Stuhl polsterte. Schnell bereitete sie ihm ein heißes Getränk, reichte ihm was zu seiner Erfrischung vorhanden, ordnete und fragte endlich, ob sie es auch Alles recht und gut mache. Wie eine sorgsame Hausfrau, erwiederte er dankbar. Ich muß mich einüben, versetzte sie, damit ich den Pflichten gewachsen bin, die einst von mir gefordert werden. Mit Frau Ulla bin ich heut durch alle Vorrathskammern gewandert, und habe Heerschau gehalten über sämmtliche Töpfe und Fässer und Kisten und Kasten. Wir sind in der That so gut versorgt, das wir eine Belagerung aushalten könnten. Sie setzte sich neben ihn, legte seine kalten Hände in ihre warmen Finger, und lehnte sich vertraulich an seine Schulter. Wie danke ich dir, theure Ebba, sagte er liebevoll zu ihr hinblickend, daß dein Vertrauen so groß zu mir ist. Zu wem sollte ich größeres Vertrauen haben, antwortete sie, und wohin sollte ich gehen, wenn du mir kein Plätzchen an deinem Herde 412 geben wolltest? Ich wüßte in Wahrheit kaum, was zu beginnen wäre, wenn ich nicht etwa auf mein Eigenthum, mitten im Eise des Pajäne, mich zurückzöge. Wird es dir in dem alten Schlosse nicht zu einsam, sagte Erich, und bei dem einzigen Mann darin? Ich möchte dich so gerne recht froh und glücklich wissen, liebe theure Ebba, recht viel für dein Glück thun können. Ich bin glücklich, Erich, so viel ich es sein kann, erwiederte sie, und erkenne dankbar deine große Güte und Liebe. Ich wollte, sagte er, sie freundlich anschauend, dein Bruder wäre bei uns, und könnte meine Bitten unterstützen. Von Arwed habe ich heut, als du fort warst, einen Brief durch den Propst Ridderstern erhalten, fiel Ebba ein. Der würdige Herr leistete mir mit seiner Ehehälfte Gesellschaft und Beide fragten mich, ob ich es nicht vorziehen würde, in ihrem Hause mich einzurichten, wo es nicht allein wohnlicher sei, wie in diesen düstern Thurmgewölben, sondern wo auch weiblicher Beistand mir immer zu Diensten stehe. Und was hast du darauf geantwortet? Ich habe ihnen erklärt, daß es mir bei dir sehr gut gefiele, und daß ich dich niemals, um noch so gute Gesellschaft verlassen würde. Wirklich, das hast du gethan? Niemals willst du mich verlassen! wiederholte Erich, und seine Augen leuchteten auf. Ebba nickte ihm zu. Niemals, sagte sie, dazu bin ich fest entschlossen. Meine edle, liebe Ebba! und wenn ich – er hielt einen Augenblick inne, denn aus der Küche herüber schrillte Lars Normark's Pfeife, und es war ihm, als hörte er den alten Vagabond schreien: Sichere dein Glück, Freiherr Randal, jetzt ist es Zeit! – wenn ich Alles bedenke, warum willst du mein Glück noch länger verzögern, warum mir nicht gestatten, als dein Gatte der Erste unter Allen zu sein, der, was auch kommen möge, das Recht hat, dich zu schützen und mein Haus zu deinem Hause zu machen. Lies diesen Brief, sagte sie, und du wirst finden, wie Arwed über unsere Zukunft denkt. 413 Sie reichte ihm ein aufgeschlagenes Papier hin, Erich nahm es und las: »Gestern sind wir in Abo eingetroffen, und da in einer halben Stunde ein Eilbote nach Tavastehuus geht, der dem Commandanten Befehl bringt, das Schloß schleunig in Vertheidigungszustand zu setzen, so schreibe ich rasch an dich, meine liebe Ebba. Halset wird meinen Brief in einen andern einschließen, den er an den Propst richtet, und welcher sogleich nach Halljala befördert werden soll. So wirst du denn schnell zu den Nachrichten kommen, die ich dir mitzutheilen habe. Zunächst von mir selbst, liebe Schwester, du wirst meinen Egoismus natürlich finden. Ich hoffe der Erfüllung meiner Wünsche entgegen zu gehen, wenn ich auch nicht sagen kann, daß nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Die liebenswürdige Mary hat sich wesentlich geändert; es ist eine andere Stimmung über sie gekommen. Man kann nicht behaupten, daß sie viel gesprächiger geworden sei, allein sie ist angeregter, freundlicher und interessirt sich ganz besonders für die politischen Ereignisse. Heut beim Frühstück hat sie ein langes Gespräch mit mir und ihrem Vater darüber geführt, ob es noch möglich sei, in einem Boote über den bottnischen Meerbusen und nach Stockholm zu kommen, oder nicht? Auf den Inseln gibt es vielleicht noch Wagehälse, die mitten durch Eisfelder, Schollen und halbgefrorene Wellen den Weg versuchen, aber vom Herüberbringen von Soldaten oder Kriegsmitteln ist keine Rede, ehe nicht der ganze Golf festes Eis trägt. Dann wäre es freilich nicht schwer, eine Armee nach Finnland zu schaffen, allein abgesehen davon, daß keine vorhanden, Alles in Unordnung und Auflösung ist, würde es, wie ich meine, auch nichts helfen. Halset hat Nachrichten aus Stockholm. Es geht vortrefflich. Herr von Alopäus kann sich nicht mehr im Schlosse zeigen, und beinahe ebenso geht es dem dänischen Gesandten, dem guten Grafen Moltke. Um so größer ist ihr Ansehen in der Gesellschaft. Eine ganze Reihe neuer lustiger Anekdoten und Charakterzüge bringe ich dir mit, denn ich komme wahrscheinlich bald und komme nicht allein. Unser theurer Freund Halset, dessen Zuneigung zu mir täglich wächst, hat in Tamerfors bedeutenden Besitz und große Niederlagen von Flachs und Getreide. Von dort aus gehen wir nach Halljala, und ich denke, es soll eine 414 Brautreise sein, die freilich etwas kalt ausfallen könnte. Ich bringe dir meine Mary, denn bis dahin werde ich dies sagen können; was ich weiter mit Halset besprochen, sollst du gleich hören, zunächst nur einige Worte über den wilden Burschen, unseren liebenswürdigen Cousin vom Stamme der Kinder Jumala's. Nicht eine Spur haben wir von ihm aufgefunden, und auf jeden Fall beruhen die Beschreibungen des Posthalters auf Irrthum. Meine Meinung ist daher immer noch dieselbe, daß Serbinoff, trotz seines Leugnens, mehr von ihm wußte, als er zugeben wollte, und daß eine gewisse schöne Dame, welche sich ganz besonders für ihn interessirte und, als er plötzlich verschwunden war, nicht die geringste Bestürzung zeigte, vielmehr sich darüber belustigte, die Hand im Spiele hatte. Sie hat ihn, wie ich denke, nach irgend einem Arkadien in Sicherheit gebracht und wird ihn jetzt bewachen, wie Armide den geliebten Rinald. Eine lustige Geschichte, auf Ehre! wir werden künftig noch darüber zu lachen haben. – Hieraus erklärt es sich, daß der kleine Nix so furchtlos über Otho's Schicksal war und so freudig ihrer Protectorin und – Serbinoff folgte. Denn dieser war in Helsingfors bei der Gurschin, was ich jetzt nicht mehr verbergen will, da ich ihn selbst gesehen habe. Wir können somit gänzlich über das Schicksal dieser glückseligen Geschwister getröstet sein. Zu ihrer Zeit werden sie schon wieder zum Vorschein kommen und mancherlei süße Geheimnisse ausplaudern können, wenn sie wollen. Es ist gewiß, daß Otho seinen Freund Serbinoff an jenem Ballabend gesprochen hat, eben so gewiß, daß er mit der reizenden Gurschin ein geheimes Gespräch hatte, worauf er sich entfernte und nicht mehr erblickt wurde. Halset macht darüber Bemerkungen wie ein Satyr; aber selbst Mary hat es gesehen und zweifelt ersichtlich nicht daran, daß die schöne Fee Constanze ihn in ihrem Harem auf einer Insel der Seligen verwahrt. Los ist man ihn damit für längere Zeit, und allen republikanischen Phantastereien ist durch zwei weiße Arme ein Ende gemacht. – Was nun dich betrifft, meine Ebba, so hat deine Romantik dich in den Kreuzbogenbau des edlen Hompus zurückgetrieben, wo es äußerst lebhaft und lustig hergehen muß. Du bist deinem Willen gefolgt, ich ließ es geschehen; bei näherer Betrachtung aber ist es doch nothwendig, mit der 415 Lebens-Prosa Abrechnung zu halten. Der Mann deiner Wahl ist ein solches Musterbild jedweder Tugend, daß ich ihm zehn Schwestern anvertrauen wollte, wenn ich sie hätte; allein der Welt gegenüber müssen wir dafür sorgen, daß die einzige, welche ich besitze, bald als Frau in der Halle von Halljala sitzt. Ohne uns weiter auf Ausführungen einzulassen, wollen wir also beschließen: die Verlobung wird sofort veröffentlicht, wenn ich mit Mary und Halset bei euch bin, was in einigen Wochen der Fall sein wird, und gleich hinterher soll die Doppelheirath stattfinden. Bis dahin aber findet es Halset so passend, wie ich es finde, daß du deine Wohnung bei Propst Ridderstern nimmst, im Fall du es noch nicht gethan haben solltest. Halset hat darüber an den würdigen Geistlichen geschrieben, du wirst seiner Einladung jedenfalls Folge leisten, weil es schicklich und recht ist, und jetzt lebe wohl, der Courier ist da.« Erich ließ das Blatt sinken und blickte seine Verwandte an. Was sagst du dazu? fragte sie. Ich kann nicht sagen, daß Arwed Unrecht hätte, erwiederte er. Willst du mich aus deinem Hause treiben? fragte Ebba. Gewiß nicht, war seine Antwort. Aber dein Bruder wünscht es. Er hält es für schicklich, fiel sie im stolzen Tone ein. Mit einem Male nachträglich ist ihm dieser Gedanke gekommen. O! was ist schicklich, was nennen die Menschen so? Er, der seinem theuren Freund Halset nachläuft, ihn alle Tage höher schätzt, findet nicht das geringste Bedenken, alle Mittel anzuwenden, um Mary's Hand zu erobern, nach ihrem Herzen aber – sie hielt inne und heftete ihre Augen auf Erich: oder glaubst du, daß Mary auch ein Herz für ihn haben kann? Wie es mir scheint, erwiederte der Freiherr, ohne eine Unruhe zu zeigen, hat dein Bruder Halset's Gunst gewonnen, und in Finnland kommt es häufig vor, daß die Ehen nicht nach Herzensneigungen, sondern nach dem Willen der Eltern geschlossen werden. Die Verhältnisse bedenkend, Vortheile, Rang, Stand, Geld und wie die herrlichen Dinge weiter heißen, rief Ebba. Wo wäre das nicht in der Welt! Leidenschaften bringen Unheil, Thorheiten der Herzen haben zahllose Thränen fließen sehen. 416 Wenn es wahr ist, was Arwed über Otho sagt, antwortete er, so hätten wir ein trauriges Beispiel davon. Doch ich glaube es nicht. Warum nicht? rief sie. War er nicht Thor, nicht leidenschaftlich genug dazu? Je heller ein Feuer brennt, um so schneller wird es Asche, und was glaubt man nicht Alles von eines Menschen Herrlichkeit, der morgen schon zeigt, daß er doch nur aus schlechtem Thone gemacht wurde. Asche, Erich, nichts als Staub und Asche; alle diese glänzenden Funken sind im nächsten Augenblicke schwarz und todt. Warum also ängstlich fragen, was nach dieser guten Leute Meinung sich schickt oder nicht schickt? Ich will bei dir bleiben, will nicht zu dem steifen, falschen Propst. Und wenn Arwed kommt? Sie reichte ihm die Hand hin. Du sagst es ja, daß er Recht hat, lächelte sie. Meine theure Ebba! Meine Geliebte! Ebba legte den Kopf auf seine Schulter. Du bist gut! antwortete sie aus tiefer Brust, du bist voll Ruhe und Frieden mit dir selbst. Ich werde glücklich sein an diesem einsamen Herde. Er blickte in ihre Augen, ein Feuer loderte tief darin. Leise zog er sie an sich, und die sanfte Milde und Ruhe seines Gesichts schien eine magische Gewalt zu üben. Sagte ich dir nicht schon einmal, begann er mit seiner klaren tiefen Stimme, daß das Glück, auf das wir hoffen, in uns sein muß. Und ein Leben ist kurz, fiel sie tiefathmend ein. Ein Menschenleben ist wie der Funke dort – ein Augenblick. Dennoch ist es lang genug, um schön oder qualvoll zu sein. Schön und frei – frei von Qualen soll es uns vergehen, Erich. Frei von Qualen, theure Ebba, frei von Unfreiheit. Wahrheit und Liebe heißen die Erlöser, nach denen diese Welt schmachtet, mag ihr Reich zu uns kommen! Wahrheit und Liebe! wiederholte Ebba ungestüm laut, und indem sie ihren Verlobten umfaßte, fügte sie stolz und begeistert hinzu: Wahrheit und Liebe sollen uns vereinigen. Amen! Amen! guter, liebevoller Freund. 417 Einundzwanzigstes Kapitel. Als Otho Waimon in jener Ballnacht Liliendal verließ, hatte er einige nothwendige Kleider in seinen Reisesack gepackt, mit welchen er unbemerkt aus dem Schlosse entkam. Im Flecken, der im Thale lag, fand er vor dem Gästegivergaard, dessen Eigenthümer, wie gewöhnlich, zugleich Posthalter war, Schlitten und Pferd, welche Serbinoff gebracht hatten, eben bereit zurückzukehren. Es kostete ihn nicht viel Überredung, den Bauern dazu zu bewegen, ihn bis zur nächsten Post auf die Küstenstraße hinabzubringen, wo er sich weitere Beförderung zu verschaffen dachte. Die Nacht war kalt, doch Otho hüllte sich in seinen Pelz, zog die Mütze von schwarzem Lammfell über die Ohren und versank in Betrachtungen, die ihm bald heiß genug machten. – Was er an diesem Abend erfahren, erschien ihm wie ein Traumgebild, und wenn er nicht sicher gewußt hätte, daß er die scharffunkelnden Sterne über sich sähe und dies ein Schlitten sei, den ein schnaubendes Pferd pfeilschnell über die verschneiten Thäler und Berge führte, würde er geglaubt haben, die argen tückischen Capeetas säßen ihm in Ohren und Augen. Doch es war so, er konnte nicht daran zweifeln. Fortgerissen von einem kühnen Entschlusse, den ein Mädchen ihm eingegeben, die wunderbarer Weise sich plötzlich in sein Schicksal mischte, um ihn aus den Schlingen eines anderen Weibes zu reißen und ihn dafür in ein gefährliches Abenteuer zu verwickeln, hatte er Schwester und Freunde heimlich verlassen, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Er dachte darüber nach, welche Verwirrung und welche Sorge sein Verschwinden am nächsten Morgen hervorrufen würde; aber alle seine Vorstellungen wurden überwältigt von Zorn und Schaam über die verschiedenen Täuschungen, denen er sich überlassen und die nun 418 zerrissen vor ihm lagen. Ob Serbinoff ihn betrogen hatte, ob er um diese verrätherische Schurkerei wußte, wagte er nicht zu entscheiden. Seine verehrende Liebe für den Mann, den er so lange als ein herrliches Gottesgebild angestaunt und fest darauf vertraut hatte, sträubte sich mit Heftigkeit, Falsches und Schlechtes von ihm zu glauben. Sein finnisches Mißtrauen zerstäubte an dem edlen Eifer, mit dem sein Herz den Freund vertheidigte; er hätte noch an ihm festgehalten, wären ihm auch bessere Beweise dafür geworden, daß er betrogen sei. Serbinoff theilte, wie er meinte, sein eigenes Schicksal. Er hatte gehofft und geglaubt wie er selbst. Seine Freiheitsliebe, seine kühnen Gedanken, seine Erwartungen auf die Zukunft der Menschheit, sein stolzer Glaube an Recht und Gerechtigkeit konnten keine Heucheleien sein. Was diejenigen wollten, die das Heft in Händen hielten, die Lenker und Leiter seines Vaterlandes, daran hatte er sicher keinen Theil, und fast that es ihm leid, daß er dem treuen Alexei nicht Alles gestanden, was er erfahren, daß er ihn nicht zum Mitwisser seines Geheimnisses und zum Rathgeber gemacht hatte. Jetzt war es zu spät, doch er zweifelte nicht, daß Serbinoff denselben Abscheu, denselben Zorn empfunden haben würde, ja, daß er ihm beigestimmt, nach solchen Entdeckungen den Weg zu gehen, auf welchem er sich jetzt befand. Aber o! welch ein Weg war das! Was wollte er thun? Zum Schwedenkönige nach Stockholm fahren, ihm sagen: Dein tapferster, kühnster General, deine und Schwedens erste Stütze, er hat dich verrathen, wie Judas seinen Herrn verrieth, doch um besseren Preis! Otho Waimon war verständig genug, um trotz seines heißen Blutes einzusehen, wie gefährlich sein Unterfangen sei und wie zweifelhaft der Erfolg. Welche Beweise brachte er denn mit? Wer war er, der den hochverehrtesten Mann im ganzen Lande eines der ärgsten aller Verbrechen, des Verraths am Vaterlande, anklagen durfte? Wenn es ihm gelang, selbst bis in das Königsschloß, ja bis an des Königs Ohr zu dringen, welchen Glauben sollte er dort finden und welcher Lohn erwartete ihn? Doch, was auch geschehen mochte, er war entschlossen dazu, entschlossen trotz seiner innersten Abneigung gegen Finnlands Beherrscher und trotz der Gewißheit, daß es damit für immer mit seinen eigenen Hoffnungen und Entwürfen vorbei sei. 419 Die Überzeugung, daß er diese Hoffnungen vergebens genährt hatte, wirkte jetzt dazu mit, ihn noch hartnäckiger zu machen, auf jeden Fall hin sein Abenteuer zu wagen. Sein Zorn und sein Abscheu vor der Russenherrschaft waren so groß, wie sie bei einem Finnen sein konnten, der von Jugend auf gehört, was sein Volk von den Einfällen und Eroberungen so grimmiger Nachbarn gelitten. Sein feuriges Blut empörte sich bei dem Gedanken, russischer Unterthan, ein Russe zu werden. Nie war ihm dies so schmachvoll, so herunterwürdigend vorgekommen, und daß die hochmüthigen, leichtsinnigen adligen Herren die Hand zu dem verrätherischen Spiele boten, daß es unter den Schweden von Namen und Rang auch diesmal so elende Verschwörer gab, das vermehrte seinen Haß und sein Verlangen, ihre Plane zu vernichten. Eine Ahnung sagte ihm, daß ein Netz von Verräthereien über Finnland ausgeworfen sei, daß seit langer Zeit schon russisches Gold und große Versprechungen die Eroberung vorbereitet hatten, und wie weit mußte man damit gekommen sein, wenn man sich an solche Männer machen konnte, wie der Admiral. Halset fiel ihm ein, der Kammerherr, Propst Ridderstern und der ganze priesterliche und adlige Anhang. Der Gedanke an Serbinoff warf einen neuen Blitz auf das Mißtrauen im tiefen Grunde seiner Seele und seine Hände ballten sich entsetzt davor zusammen. Er dachte an Ebba. Hatte Sie ihn nicht gewarnt? Er dachte an Erich, der in seiner schweigsamen Milde zugesehen hatte, wie er sich immer fester an den Russen hing und dafür ihn vernachlässigte. Auch Erich hatte Serbinoff wie einen Freund behandelt, auch er war ihm zugethan. War er auch bestochen? Wartete er auch auf Gold und Annenorden, von denen Oberst Jägerhorn sprach? Gehörte er zu den Betrügern, oder zu den Betrogenen? Nein, nein! murmelte Otho heftig, er nicht und Ebba – in ihr wohnt der alte stolze Schwedengeist, die alte große Zeit ihres Volkes. Den König hassen sie sämmtlich, ihn möchten sie vom Throne stürzen, um sich darauf zu setzen. Mag er sein, wie er will, immer noch ist er besser als diese verdorbene sittenlose Adelskaste, die schlimmer ist als alle andere Tyrannei. Ich will hin zu ihm, ich will nicht rasten, bis ich vor ihm stehe, und ich fürchte mich nicht. Ich will ihm Alles sagen, was ich denke. Wie ein freier Mann will ich zu ihm 420 sprechen, und wenn seine Höflinge es nicht wagen, ihm die Wahrheit zu sagen, soll er sie von einem finnischen Bauern hören. Was ist das vor uns auf der Straße? fragte er den Schlittenlenker, als er eine schwarze bewegliche Masse erkannte. Reisende, wie ich denke, Herr, sagte der Bauer. Und dort liegt das Posthaus? Ja, Herr, ja! – Es brennt Licht darin. Ein schwacher Mondschein leuchtete in das Thal hinab und ließ in einiger Entfernung einen Schlitten erkennen, seitwärts aber leuchtete ein Feuer, das auf dem Herde eines Hauses brennen mußte. Fahr so schnell du kannst, sagte Otho, damit wir den Gaard zuerst erreichen. Der Schlitten flog pfeilschnell den Hügel hinab, und bald war der andere Schlitten erreicht, welcher sich mehr Zeit nahm. Auf dem Untergestell bemerkte Otho einen großen breiten Kasten, unter dem Vordach saßen Leute, die ihre Köpfe vorstreckten, als Otho an ihnen vorbeizukommen suchte. Ihr da! schrie eine Stimme lustig hinterher, fahrt etwas langsamer. Ihr habt Zeit genug dazu. Wenn man dicht am Posthause ist, erwiederte Otho, hat man am wenigsten Zeit, obenein wenn Andere denselben Weg nehmen. Sie sind ein aufrichtiger Herr, lachte der Fremde, und ich will Ihnen gerne Platz machen, denn auf jeden Fall werden wir uns wiedersehen. Wo? Nicht etwa im Himmel, lachte der Mann. Nein, Herr, damit, denke ich, hat es noch Zeit für uns Beide. Ich werde Ihnen mit vielem Vergnügen eine glückliche Reise wünschen, wenn ich beim Posthause vorbeifahre. Wie? fragte Otho. Gibt's keine Pferde dort? Nicht ein Pferdeschwanz ist seit drei Tagen mehr hier. Die Jäger von Nyland sind vorgestern hier durchgekommen. Gestern schon habe ich vergebens Vorspann gefordert. Otho stieß einen landesüblichen Fluch aus. Was ist da anzufangen? rief er dann. Ich muß fort. 421 Muß ist ein bitter Kraut; aber was nicht geht, geht nicht, war die Antwort. Der Gästegiver hat ein gutes Zimmer für Reisende, und die Nacht ist kalt genug, um ein warmes Kissen lieber zu haben als einen heißen Trunk. Vielleicht schafft Olaf Skild Ihnen morgen früh doch ein Pferd. Er ist ein guter Junge, der sich Mühe gibt. Mag er verdammt sein, wenn er mich nicht gleich weiter schafft! Sachte, Herr, sachte! rief der Fremde zurück, wer wird seinen Athem umsonst fortgeben! Es ist überall jetzt so auf der Straße. Dafür gibt's Krieg, Herr. Wohin wollen Sie denn? Nach Ecknäs oder auch nach Finnby, sagte Otho, ich habe an beiden Orten Geschäfte. Ja so! antwortete der Mann mit diesem Lieblingsausdruck aller Schweden, dann trifft es sich gut, wenn Sie durchaus fort müssen und mit mir fahren wollen. Mein Weg geht eben nach Ecknäs hinab. Otho bedachte sich nicht lange. Wenn Sie mich mitnehmen wollen, bin ich Ihnen zum größten Dank verpflichtet. Der Mann bog sich weiter vor und schrie nach dem Kasten hinauf: Holla! Korporal Spuf! Korporal Spuf! Hier! brüllte eine mächtige Baßstimme aus der Tiefe des Kastens. Was soll's, Feldwebel Roth? Hast du Platz noch neben dir, Korporal Spuf? fragte der Feldwebel. Nicht so viel, daß ein Kosak seine Nase hineinschieben könnte, antwortete die rauhe Stimme zurück. Schon gut, Korporal Spuf, sagte der Feldwebel, willst dich nicht stören lassen. Haben Sie viel Gepäck, Herr? Nichts als einen kleinen Mantelsack. Dann ist es noch besser! fuhr der Feldwebel fort, den legen wir für's Erste unter unsere Füße. Ich bin vom Regiment Björneborg, habe die Regimentskiste voll Schuhe gehabt und fahre jetzt nach Ecknäs, um mehr zu holen. Das heißt, so viele, wie da sind, fügte er hinzu, und Odin soll mich holen! wenn das halbe Regiment ordentliches Schuhwerk an den Beinen hat, im Fall es losgeht mit den Satansrussen! Aber steigen Sie ein, Herr. Ein Soldat muß 422 sich nicht lange besinnen. Frisch gewagt und unverzagt, so wird der Russe zum Teufel gejagt! Nach wenigen Minuten war die Umladung geschehen. Otho belohnte den Bauern reichlich, der vergnügt sofort umdrehte, ohne bis an's Posthaus zu fahren, weil er vorsichtig erwog, daß er dort vielleicht gewaltsam von einem reisenden Offizier oder Beamten festgehalten und mit Schlitten und Pferd weiter benutzt werden möchte, was den bestehenden Rechten nach und in dieser Zeit zumal, wohl geschehen konnte. Otho klemmte sich dagegen auf eine enge Bank, die für zwei Personen ausreichte und von dem Feldwebel und dem Schlittenlenker bereits eingenommen wurde. Da der Feldwebel jedoch ein langer dünner Mann war, der Andere dagegen ein Bursche, kaum über die Kinderjahre hinaus, auch Jeder sich so viel als möglich zusammenzog, so ging die Einschachtelung glücklich von Statten, und der Feldwebel rief lachend, daß nicht allein, wie es schon in der Bibel stehe, der geduldigen Schaafe viele in einen Stall gingen, sondern daß sie sich auch ganz wohl darin befänden; denn bei solcher lieblichen Morgenluft sei nichts besser, als eng zusammenzurücken, und kein General könnte behaglich wärmer sitzen als er. Dabei streckte er seine langen dünnen Beine aus, so weit er es vermochte, warf Stroh und Decken darüber hin und wickelte sich und Otho damit ein. Hierauf legte er sich auf den harten Sitz zurück, zog seine Pelzkappe über die Nase und trällerte ein Lied vor sich hin, das von Korporal Spuf unterbrochen wurde, der sich plötzlich oben im Kasten hören ließ. Heda, Feldwebel! Millionen Schock Tonnen Teufel! Halt an! Hier ist der Gaard. Hier ist das Nest. Warum anhalten? antwortete der Feldwebel, und er sang ruhig weiter: Es ist eine jammervolle Hütte, Dort einzukehren ist nicht meine Sitte, Nichts ist zu haben, nichts von Gottes Gaben, Nichts als Wasser, verdammter Trank, dich will ich nicht haben! Das ist ein Lied von Bellmann, sagte er, Sie müssen aber doch sehen, Herr, daß ich Recht habe. Heda, Ule Skild! komm heraus aus deiner Höhle! 423 Komm heraus, Ule! Höllenbrand! Wallfisch! schrie der Korporal, und bringe mit, was du hast. Ich habe Durst für sieben und siebenzig Schock Tonnen eingesalzener Seehunde. Der Postbauer kam mit einem Feuerbrande und dies war wirklich Alles, was er bringen konnte. Nicht einen Tropfen Trank als Wasser hatte er im Hause, Alles war aufgezehrt durch die vorüberziehenden Soldaten, und heut hatte das Canajabataillon die letzten Reste vertilgt. Seine Pferde waren fort, er wußte nicht, wann und wie er sie wiedersehen würde. Jeden Satz seiner Erzählung, jede Klage und jede Entschuldigung beantwortete der tapfere Korporal Spuf mit einem anderen neuen unermeßlichen Fluch. Er entwickelte ein wunderbares erfindungsreiches Talent dafür, indem er den Kopf aus dem Kasten steckte, und Otho konnte nicht ohne Lachen dem Streite zuhören, der sich zwischen ihm und dem Feldwebel entspann, während der Postbauer seinen flammenden Holzscheit in die Luft hielt und die beiden Soldaten beleuchtete. Der Korporal war ein stämmiger Mann mit runden Augen, dicken Backen und einem ungeheuren Munde, den ein paar dickaufgeworfene breite Lippen bildeten. Er sah aus wie Einer, der sich nicht lange nöthigen läßt anzufassen und dareinzuschlagen, wo es etwas der Art zu thun gibt. Seine gewaltigen Schultern und der Bullenbeißerkopf zwischen diesen gaben ihm etwas Unförmiges, aber er war rasch in seinen Bewegungen und schien zornigen reizbaren Gemüths zu sein. Der Feldwebel bildete dazu das gerade Gegentheil. Jetzt erst, wo Ule Skild's Fackel ihr Licht über ihn ausgoß, sah Otho, wie mager und lang Alles an ihm war. Brust, Hüften, Hals und Kopf bildeten fast dieselben Linien, das schmale Gesicht war weit vorgeschoben, der Mund außerordentlich klein, die Nase lang und spitz, geradeaus in die Welt reichend, und die Stirn niedrig und flach, doch mit gewaltig breiten Augenbrauen versetzen, unter denen zwei kleine Augen wie Fuchsaugen lagen. Die Schelmerei darin war unverkennbar, ein Gemisch von Verschlagenheit und Verstellungskunst, die sich dem ganzen Gesicht mittheilte und bald die ernsthaftesten Blicke und Falten, bald das sonderbarste Grinsen und Lachen bewirkte. 424 Stille, Korporal Spuf, stille! rief er vorwurfsvoll in die Flüche seines würdigen Kameraden. Wie kann ein christlicher Korporal so heidnisch russisch fluchen? Zumal am Sonntag, denn wir haben Sonntag, Korporal Spuf. Der Korporal stieß statt aller Antwort einen neuen noch ärgeren Fluch auf alle Sonntage und alle christlichen Korporale aus, wobei der Feldwebel seine Stirn runzelte und seinen Augen den Ausdruck tiefen Abscheus gab. – Pfui, Spuf! pfui! elender gottloser Korporal vom Regiment Björneborg, sprach er kopfschüttelnd, was wird aus dir werden, wenn du von deinen Sünden nicht abläßt? Haben wir nicht geschworen, das erste unter allen Regimentern im finnischen Heere zu sein und zu bleiben; wird der Herr uns aber auch nur einen Russen in die Hände geben, wenn du seinen Sabbath entheiligst, sündiger, verdammter Spuf? Der Teufel soll mich siebenhundert und sieben und siebenzig Male holen und dich dazu, Feldwebel, wenn ich nicht zwei Russen mit Eins auf mein Bajonnet spieße! schrie Spuf. Wenn es Maikäfer wären, wenn es Bratwürste wären, oder Butterkuchen, grausamer und blutdürstiger Korporal Spuf, so wollte ich es glauben, sagte der Feldwebel gelassen. Was schnappst du mit deinen Lippen, Spuf? Hast du einen Russen zwischen deinen Zähnen? Ich wollte, schrie Spuf, daß ich dich und alle Russen und ganz Rußland zwischen meinen Zähnen hätte. Pfui, Spuf! sagte der Feldwebel strafend, wer wird sich so muthwillig den Magen verderben. Ach! mein Magen. Schock Tonnen, mein Magen! brüllte der Korporal. Ich habe keinen Magen mehr, es ist nichts da, als ein Abgrund zu Eis gefroren. Wollte ich dich verschlucken, Feldwebel, du führst wie auf einer Rutschbahn in die Tiefe, und kämst mit zerbrochenen Gliedern unten an. Der Feldwebel verbarg seine Lustigkeit so gut er konnte. Ich danke dir, Korporal, für deine guten Absichten, sagte er würdevoll, aber ich mag die Parthie nicht mit machen. Was in aller Welt hat denn deinen Schlund und Magen zu einem Gletscher gemacht? 425 Thau ihn auf, Ule, Schlingel, Ungeheuer! schrie Spuf, indem er ingrimmig die Faust gegen den Bauer ballte. Du mußt Branntwein schaffen, oder ich wärme mich an deinem Blut, und brate deine Leber. Ja so! rief der Feldwebel äußerst erstaunt. Thue ihm nichts, Spuf, warte bis wir ein Paar Russen zum Frühstück braten. Branntwein kann also deinen Abgrund erweichen? Warum sagst du mir denn das nicht gleich, mein lieber Freund? Hier, Korporal, hier, tapferer Spuf, vom Regiment Björneborg, mit dem langen Bajonnet. Zum unaussprechlichen Vergnügen des Korporals zog er eine dicke Korbflasche unter der Bank hervor, und Spuf that seine mächtigen Kinnbacken auf, und schloß sie nicht eher wieder, bis die Flasche um ein gutes Theil leichter geworden war. So! schrie er dann, angenehm grinsend und sich schüttelnd, jetzt geht es wieder menschlich in mir zu. Feldwebel, du bist der gescheidteste Feldwebel in der ganzen Armee. Jetzt mag's kommen, wie es will, ich weiche nicht von deiner Seite. Den Russen wollen wir es zeigen, was Feldwebel Roth und Korporal Spuf bedeuten. Und jetzt packe dich Ule, Verräther, elender Wicht! der weder Schnaps noch Pferde hat, wenn Korporal Spuf kommt. Packe dich, Bauer, schäme dich, und komm mir nicht wieder vor's Gesicht. Damit zog der Korporal seine Decke über den Kopf, und verschwand in dem Kasten. Der Bauer wünschte ihm lachend, daß er die Augen offen behalten möge, und Spuf antwortete mit einem Hurrah, das der Feldwebel mit Peitschenhieben auf die Pferde begleitete, die im Galopp davon jagten. Sie mögen es wohl nicht gewohnt sein, Herr, mit Soldaten und Bauern durch Nacht und Schnee zu fahren, lachte er, aber was sagt ein altes Sprichwort: Wer unter den Wölfen ist muß mit heulen. Das Sprichwort ist mir wohl bekannt, erwiederte Otho, und Nacht und Schnee sind mir eben so wenig fremd. So sehen Sie allerdings aus. Ich habe es bei Ule's Fackel gesehen. Sind vielleicht selbst ein Soldat? Otho verneinte es. Es könnte sein, daß ich bald einer würde, fügte er hinzu. 426 Ja so! sagte der Feldwebel, wenn die Russen kommen. Sie glauben es also? Ich glaube es ganz gewiß. Ich auch, antwortete der Feldwebel, obwohl es manche Offiziere gibt, die es durchaus nicht denken können, und Leute genug im Lande, die den Kopf schütteln und die Hände ringen. Und was thun die Soldaten? Schütteln sie auch die Köpfe? Es kommt wohl auch vor, meinte der Feldwebel, denn manche alte Herrn blieben lieber zu Haus hinter dem Ofen. Der Feldmarschall Klingspor sitzt noch immer in Stockholm und es heißt, er soll gar nicht kommen. Wo will er denn auch jetzt noch über das Meer. Glauben Sie nicht, daß man noch hinüber kann? Wenn man nicht eine Eisscholle ist, wie Korporal Spuf von sich behauptet, geht's nicht an. Es gibt doch kühne Schiffer genug an den Küsten. Es möchte dem Kühnsten denn doch um etwas zu kühn sein, Herr. Spuf fürchtet sich nicht vor einer ganzen Heerde Kosaken, so eine Eisscholle aber, die das beste Boot durchschneidet, glatt, wie mit einem Messer geschnitten, ist schlimmer als alle Russensäbel. Otho schwieg ein Weilchen, dann sagte er: Treiben die Leute in Ecknäs nicht Handel mit Stockholm? Handel genug, Herr, und wo es Geld zu verdienen gibt, scheuen sie keine Gefahr. Noch in letzter Woche ist ein Lugger herüber gekommen, und hat uns eben die Schuhe gebracht, deren Reste ich abholen soll. Sie schicken uns nichts aus Stockholm, weder Mannschaft noch Geld, weder Pulver noch Montur, so hat es denn Peder Stahl unternommen, uns wenigstens die Schuhe herüberzuholen sammt einem paar Kisten mit englischen Gewehren, damit ist er glücklich angelangt. Neue Gewehre für das Regiment? Korporal Spuf nähme keines davon in die Hand, wären auch die Russen ihm dicht an den Hacken, lachte der Feldwebel. Er verachtet die englischen Flinten mit den schlechten kurzen Bajonnetten, die sich wie Blei biegen, über alle Maßen, denn's Regiment Björneborg hat zwei Fuß lange Bajonnette auf den alten schwedischen Musketen, wie wollte er sonst zwei Russen auf einmal spießen? 427 Das dürfte überhaupt dem tapferen Korporal wohl schwerlich gelingen. Das wird er thun, verlassen Sie sich darauf, sagte Feldwebel Roth mit solcher Überzeugung, als zweifle er nicht im Geringsten daran. Überhaupt, Herr, so gering unsere Zahl ist, fechten werden wir, denn es ist Mancher dabei, der wie Spuf denkt, und es machen wird wie er. Ich freilich, fuhr er sich behaglich ausstreckend fort, ich habe zu lange Beine von meinem Schöpfer bekommen, um nicht an's Ausreißen zu denken, wenn es mir zu hart und bunt hergeht. Und wenn es an's Fechten geht, besorge ich, hat Korporal Spuf zu tief in die Flasche gesehen, und schläft, wie er es jetzt thut. Da irren Sie, erwiederte Roth, er schläft niemals, wenn er einen warmen Magen hat. Holla, Korporal Spuf! schläfst du? fragte er an den Kasten klopfend. Erbärmlicher Feldwebel! schrie der Korporal, indem er einen kräftigen Fluch folgen ließ, gib deine Flasche her, dann stecke dich und deine langen Beine in den Regimentskasten, wenn wir in Ecknäs ankommen, will ich dich herausholen. Sehen Sie wohl, lachte der Feldwebel, er ist auf seinem Posten, und nie habe ich einen Mann gesehen wie diesen, so unermüdlich, so wachsam und so nüchtern, wenn es nämlich so sein muß. Nach einiger Zeit nahm Otho das Gespräch wieder auf, indem er nochmals über die Möglichkeit zu sprechen begann, von Ecknäs aus nach Schweden hinüber zu kommen, und Erkundigungen über den Schiffer einzog, der letzthin erst noch die Fahrt gewagt hatte. Damals, sagte der Feldwebel, ging es noch, weil die Eismasse überall im Treiben war, jetzt aber halten sicher schon Eisbänke die Küsten besetzt, und dann ist nichts mehr zu machen. Wollen Sie denn hinüber, Herr? fuhr er fort. Aus Ihren Reden möchte ich es vermuthen. Ich will, ja. Müssen Sie, Herr? Ich muß. Es steht viel auf dem Spiel. Verlieren Sie lieber Ihr Geld als Ihr Leben, junger Herr, sagte der Feldwebel. 428 Es handelt sich nicht um Geld, erwiederte Otho, sondern um Glück und Unglück vieler Menschen. Der Feldwebel schwieg ein Weilchen, dann rief er plötzlich: Ja so! Wie heißen Sie denn, lieber Nachbar? Ich könnte Ihnen irgend einen Namen nennen, versetzte Otho, Sie würden damit zufrieden sein, allein ich ziehe es vor, Ihnen aufrichtig zu sagen, daß ich Gründe habe, zu verschweigen wer ich bin. Ja so! antwortete der Feldwebel noch einmal. Sie haben auf jeden Fall recht, Herr Otho Waimon. Wie? fragte Otho erstaunt. Sie kennen mich also? Ich habe Sie im vorigen Jahre in Raumo gesehen, antwortete der lange Soldat herzlich lachend, und wer Sie einmal gesehen hat, vergißt Sie so leicht nicht wieder. Auf der Stelle erkannte ich Sie, sobald ich Ihr Gesicht sehen konnte, daher war ich auch gleich bereit, Ihnen zu dienen, so viel ich es vermochte. Und das will ich auch jetzt thun, Herr Waimon, fuhr er fort, denn wenn Sie es wünschen, habe ich Ihren Namen vergessen, und wenn Sie durchaus über's Wasser müssen, so will ich versuchen, Ihnen beizustehen, oder Korporal Spuf soll Ihnen beistehen, denn Per Stahl ist ein Vetter von ihm, und ein Mann, so ziemlich von derselben Sorte. Und Sie, Feldwebel Roth, sind auch ein Nyländer? Nein, Herr. Ich bin ein Nordlandsmann, aus Trullö. Dann hat das altfinnische Spüchwort auch diesmal Recht, daß die schlausten und raschesten Finnen in Osterbotten wohnen. Dank Ihnen, Herr! lachte der Feldwebel, Sie machen es gnädig mit mir. Das alte Sprüchwort sagt: Aus Osterbotten kommen alle Lügner, Schelme und Räuber, aber ich denke Ihnen zu beweisen, daß auch ehrliche Leute dort geboren werden. In bester Einigkeit wurde die Reise fortgesetzt, und wenn Otho Waimon nicht so vielerlei sorgenvolle Gedanken mit sich getragen hätte, würden ihm die Stunden froh und leicht genug vergangen sein. Der Feldwebel besaß unerschöpflich gute Laune, und wußte den Korporal Spuf so unablässig mit der Erfindung neuer Flüche und sonderbarer Einfälle zu beschäftigen, daß sein mageres Gesicht fast nicht aus dem lustigsten Grinsen kam. Korporal Spuf war jedoch keinesweges ein 429 Dummkopf. Er vergalt den trockenen Witz seines Freundes oft mit den treffendsten Spöttereien, und gab nebenher die Beschreibungen der Heldenthaten zum Besten, welche er begehen wollte, wobei ihm der Feldwebel einhalf und widersprach, daß das Streiten und Lachen kein Ende nahm. So verging der Tag, welcher sonnenhell kam und verschwand, während der Schlitten durch die Thäler und Hügel eilte. Je näher die Reisenden dem kleinen Seeplatze kamen, um so leichter waren Pferde zu bekommen, bis sie endlich am späten Abend durch die Reihen kleiner rother Holz- und Balkenhäuser fuhren, die das bescheidene Ecknäs bildeten, in welchem ungefähr tausend Menschen damals beisammen wohnten. Otho hatte während dieser Reise nicht allein das Wohlwollen des langbeinigen Feldwebels erworben, der ihm alle mögliche Liebe bewies, sondern auch Korporal Spuf war sein Freund geworden und behauptete mehr als einmal, mit den fürchterlichsten Flüchen, daß es im ganzen Regiment Björneborg keinen schöneren Grenadier gäbe, als dieser junge Herr sein würde. Jammer und Schade sei es, daß ein solcher Mann ein Handelsmann wäre, und – Korporal Spuf rief siebenundsiebenzig Schock Tonnen Teufel zur Hilfe – nichts Besseres in der Welt könne geschehen, als wenn er allen Kram von sich würfe, und in's glorreiche Regiment Björneborg einträte. Feldwebel Roth stimmte ihm lebhaft bei, und Otho versprach, sobald er aus Schweden zurückkomme, und sobald es richtig sei mit dem russischen Kriege, Björneborg's Fahne und lange Bajonnette aufzusuchen. Hierauf bearbeitete der Feldwebel seinen Kameraden, auf dies Versprechen hin, dafür sorgen zu helfen, daß der Handelsmann, wie Otho sich genannt hatte, nach Schweden hinüberkomme, damit er um so schneller zurückkehre und unter seine Fuchtel als Rekrut eintreten möge. Spuf riß seine runden Augen weit auf, und seine mächtigen Kinnbacken öffneten sich von einem zum anderen Ohre, wobei er äußerst schlau und spöttisch aussah, Feldwebel, du bist der allergescheidteste Feldwebel in der ganzen Armee! schrie er. Wenn der Bursche einmal fort ist, werden wir ihn schwerlich wiedersehen, aber Odin soll mich 430 selig sprechen, wenn ich ihm bei alledem nicht helfen will, so viel ich irgend kann. Und dies Versprechen hielt der tapfere Spuf, denn kaum war der Schlitten vor dem Gaard in der Stadt angelangt, als er Otho an den Hafen hinabführte, und an eine der besten Holzhütten pochte, welche dort die letzte Häuserreihe bildeten. Eine rauhe Stimme beantwortete das Pochen, dann wurde die Thür geöffnet, und der flackernde Holzspan beleuchtete einen Seemann, dem allerdings wenig fehlte, um so auszusehen, wie sein Vetter der tapfere Korporal. Langes gelbes Haar fiel bis auf seine breiten Schultern, und seine braune, harte Haut, seine tiefgefurchten Züge deuteten auf ein Leben, das unter Ertragung großer Beschwerden hingegangen war. Nachdem die beiden Verwandten in der engen, entsetzlich heißen Stube eine Menge Flüche gewechselt hatten, die ihr Handschütteln und andern Liebkosungen begleiteten, und nachdem der Schiffer eine volle Flasche herbeigeholt und ein Glas ohne Fuß, das Korporal Spuf dreimal auf einen Zug leerte, kam es zu dem Vortrage des Anliegens; doch schon nach dem ersten Verständniß schüttelte Peder Stahl seinen dicken Kopf. Es geht nicht! brummte er, Otho finster anblickend. Wer, zum Donner! seid Ihr denn, daß Ihr in's Verderben rennen wollt? Es ist ein Herr, Per Stahl, der deine groben Tatzen voll Speciesthaler schütten will, sagte der Feldwebel. Ich schenke sie ihm! rief der Schiffer, die Hände in seine Taschen steckend. Der Teufel soll mich holen, wenn ich sie verdiene! Willst du kein Geld verdienen, du Sohn von einem Hasen, fiel der Feldwebel ein. Millionen Schock! wenn der Herr in Trullö wäre, Zehn für Einen thäte ich ihm schaffen. Wenn er aber hinübergeht nach Finnby oder Tenala, findet er auch Leute genug, die seine Speciesthaler gerne annehmen. Mag er es thun, geht zu Hiisi! schrie der rauhe Mann, und sein dunkles Gesicht zog sich zorniger zusammen. Per, bist ein Narr geworden? fragte Korporal Spuf. 431 Drei Nächte lang hat eine Katze vor meiner Thür geschrien, murmelte der Schiffer. Ein schwarzes Teufelsthier, ich hab's gesehen; wußte wohl, es würde etwas kommen, nun ist es da. Ich will Euer Geld nicht, mag's thun, wer Lust hat. Ich zwinge Euch so wenig, wie einen Anderen, sagte Otho. Hinüber muß ich und hoffe, hier oder anderswo ein paar Männer zu finden, die mir beistehen. Geht nach Finnby Herr, lachte der Feldwebel, da gibt's Leute, die sich nicht fürchten, wenn auch alle Katzen in der Welt ihnen ihr Teufelslied vorheulen. Sieben und siebenzig Schock Tonnen! schrie Korporal Spuf, ich will dein Vetter nicht mehr sein, Per. Wieviel setzen Sie daran, Herr, wenn ich Ihnen Boot und Bootsmann schaffe? fragte der Feldwebel. Was gefordert wird, will ich zahlen, sagte Otho. Hundert Bankthaler! rief Spuf. Mehr, wenn es nicht genug ist. Noch fünfzig dazu, sagte der dürre Feldwebel. Der Korporal riß die blauen runden Augen auf. Einen fürchterlichen Schlag that er auf den Tisch, sagte kein Wort dazu, aber mit unermeßlicher grimmiger Verachtung stierte er Per Stahl an, in dessen Gesicht augenscheinlich die Gier nach so bedeutendem Geldgewinn mit seinen Besorgnissen rang. Wollt Ihr zweihundert Bankthaler geben? fragte er endlich trotzig auffahrend, indem er seine Hand ausstreckte. Otho sagte unbedenklich ja, schlug ein, und der Handel war abgemacht. Korporal Spuf umarmte seinen Vetter mit einigen unermeßlichen Flüchen, und der Feldwebel flüsterte seinem Schützling in's Ohr, daß er keinen anderen Fährmann gefunden haben würde, wenn es Per nicht gethan hätte. Aus seiner Unentschlossenheit war dieser, nachdem er eingewilligt hatte, zur entschlossenen Willfährigkeit gelangt, sogleich an's Werk zu gehen, und kaltblütig schilderte er die Gefahren, welche zu bestehen waren. 432 Seit zwei Tagen, sagte er, haben wir Westwind gehabt, der die meisten Eisbänke und Schollen in den bottnischen Wiek getrieben hat. Wäre es das nicht, möchte ich's nicht um tausend Thaler thun. Gehört Ihr zu denen, Herr, die, wie das finnische Volk sagt, Jumala am Gürtel hält, so werden wir hinüberkommen, als wär's Mittsommerzeit; ist's nicht so, werden uns Euer hübsches Gesicht und Eure jungen schlanken Glieder so wenig helfen, wie mein zähes Leder. Es wird uns Keiner wiedersehen, Herr, daran denkt und überlegt's, ehe Ihr das Geld auf den Tisch legt. Guter Freund, antwortete Otho lächelnd, ich habe nichts mehr zu überlegen. Hier ist dein Geld; gewagt muß es werden. Ob Jumala uns beisteht, wissen wir nicht; doch wir selbst wollen uns tapfer beistehen und thun, was Männer thun müssen. Und jeder Mann muß an sein Glück glauben! rief der Feldwebel. Wer, zum Henker! möchte, Soldat sein, wenn er nicht dächte, schießt, so viel ihr Lust habt, ich komme doch davon! Was meinst du, Korporal Spuf? Werden wir uns jemals von den Russen fangen oder todtschießen lassen? Der Korporal war gegen seine Gewohnheit ernsthaft. Er warf einen ungeheuren Ballen Kautabak aus seiner rechten in die linke Backe, sah vor sich hin und schüttelte den Kopf. Wir spießen sie Alle, grinste der Feldwebel, indem er ihm die lange Korbflasche zuschob, oder – wir laufen davon, Spuf! Was? He? So lange wir laufen können, murmelte Spuf, indem er die Flasche an den Mund setzte. Aber es ist nichts daran gelegen, Vetter Per, ob das Glück will, oder nicht will. Die Hauptsache bleibt, daß ein Mann sich nicht fürchten thut, weder vor den Russen, noch vor den Eisschollen, und wie ein braver Kerl immer seinen Feind anfaßt, wo er ihn fassen kann, bis es eben nicht länger gehen will. Und dann ist doch Alles gut, Vetter Per, dann können wir dreist oben anklopfen beim heiligen Peder, deinem Namensvetter. Sieben und siebenzig Schock Tonnen! er soll dem Korporal Spuf das Himmelsthor so weit aufmachen, als käme ein Feldmarschall, oder ich laufe Sturm. 433 Platz da vor dem tapferen Korporal Spuf vom Regiment Björneborg und seinem langen Bajonnet! schrie der Feldwebel. Hast Recht, Korporal Spuf: Wir wollen tapfer dafür sorgen, daß wir allezeit an die Himmelspforte donnern können und Petrus geschwind herbeiläuft und aufmachen muß. Otho hatte während dieser lustigen Unterhaltung seine Brieftasche geöffnet und mit seinem Bleistifte ein Blättchen beschrieben, das er zusammenfaltete und es dem Feldwebel hinreichte, als dieser endlich mit seinem Kameraden an die Rückkehr in den Gaard dachte, weil die Flasche leer war. Otho sollte bei dem Schiffer bleiben, der in einigen Stunden schon mit ihm aufbrechen wollte, um eine der kleinen vor der Küste liegenden Inseln zu erreichen, wo, wie Per sagte, freies Wasser sei und ein Boot sie erwarten würde. Es könnte doch sein, daß ich nicht wiederkäme, sagte Otho zu dem Feldwebel, und in diesem Falle bitte ich Sie, diesen Zettel an den Freiherrn Erich Randal in Halljalaschloß am Pajäne gelangen zu lassen. Ja so! nickte der dürre Soldat, den Brief einsteckend. Es ist eine Sache auf alle Fälle. Kann's geschehen, soll's geschehen; aber es ist mir so, als sehen Sie nicht danach aus, Herr, um ein nasses Grab zu finden, und, aufrichtig gestanden, es sollte mir herzlich leid thun. Mir auch! brummte Spuf. Es wäre ein Verlust für's Regiment Björneborg. Wenn ich lebendig bleibe, erwiederte Otho, indem er den beiden Soldaten die rauhen Hände drückte, sollt Ihr gewiß von mir hören; kommt aber keine Nachricht von uns, dann schickt den Zettel nach Halljala. Unter vielen gegenseitigen Freundschaftsbeweisen fand endlich der Abschied statt, der nur den Schiffer unempfindlich ließ, welcher sich damit beschäftigte, die Goldstücke zusammenzupacken, die ihm Otho aufgezählt hatte; denn es war ausbedungen, volle Zahlung sogleich zu leisten und keine Ansprüche zu erheben, wenn etwa umgekehrt werden müßte. Was ein Mensch thun könne, versprach Per zu thun, und Spuf hatte mit einem fürchterlichen Fluch und Schlag 434 geschworen, daß, was Per sage, so gut sei, als sage es Gott selbst. Der kräftige stierköpfige Mann sah auch nicht so aus wie Einer, der auf Lüge sinnt. Seine Abneigung gegen das Unternehmen schien überwunden zu sein. Er packte seine besten Habseligkeiten und sein Geld in ein Bündel, um es, wie er vor sich hin brummte, Einer anzuvertrauen, der es ein Trost sein würde, wenn er wiederkäme. Dann entfernte er sich damit, indem er seinen Gast ersuchte, inzwischen auf seinem Lager zu schlafen, bis er zurückkehrend ihn wecken würde. Und dies geschah, ehe Otho es dachte. Er hatte nach manchem Sinnen seine Augen geschlossen und glaubte auf dem harten Sack voll Seetang kaum entschlummert zu sein, als Per's rauhe Stimme ihn aufrüttelte. Jetzt vorwärts, Herr, sagte der Schiffer, nehmt, was Euch gehört, und laßt uns laufen, ich bringe gute Nachrichten. Vor Hangö Udd ist kein Eis fest, überall freies Wasser, und der Wind steht steif in Süd-Ost, jagt fort, was wir nicht brauchen können. Er hüllte sich in seine dicke Kalmuckjacke, zog drei Mützen über seine Ohren, band die ölgetränkte Kappe darüber fest und steckte seine Laterne an. Otho war schnell bereit, und lange noch funkelten die Sterne am Himmel, während die beiden Männer über Eis und Schnee den Inseln zuschritten, welche durch eine feste Brücke jetzt mit dem Lande verbunden waren. Als der Morgen kam, stiegen sie über eine felsige Zunge, und jetzt zitterten die ersten Sonnenstrahlen auf einer weitwogenden welligen Fläche, die den röthlichen Glanz des Himmels auffing. Es war das Meer, das ihnen entgegenrollte und schäumend an Klippen und Gestein aufsprang. Unter der Höhe lag eine Hütte, und einige Männer schoben so eben mit vereinten Kräften eine Fischerschlup von dem hohen Ufer einer kleinen Bucht, setzten die Segel und besorgten die Ausrüstung. Das ist unser Fahrzeug? fragte Otho. Ja, Herr, antwortete der Schiffer. In einer halben Stunde werden wir auf blauem Wasser schwimmen. Und ehe diese Zeit ablief, saß Otho auf der tiefen Bank der Schlup vor dem Steuer, das Per regierte, und zu beiden Seiten neben 435 ihm hin liefen die langen Leinen, an denen das Vordersegel befestigt war. In der Hütte war ein Topf voll heißem Mehlbrei bereit gewesen; ein Korb voll harten Brodkuchen, ein Steinkrug voll Branntwein, ein anderer voll Wasser standen auf dem Tisch als Reisevorräthe. Es zeigte sich, daß Per den Sohn des Fischers vorausgeschickt hatte, um alle nöthigen Anstalten zu treffen; allein zur Theilnahme an der Fahrt war keiner der Männer zu bewegen. Sie sprachen eine Zeitlang beisammen, sahen Himmel, Luft und Meer an und schüttelten die Köpfe, bis Per von dieser Berathung zurückkehrte und mit unerschütterlicher Ruhe erklärte, daß er es allein versuchen wolle, wenn der Herr zu seinem Beistande bereit sei. Wenn er die Absicht hatte, den jungen Reisenden dadurch zum Aufgeben seiner Entschlüsse zu bewegen und sein Geld verloren zu geben, war er im Irrthum. Otho sagte sogleich seine Hilfe zu und versicherte, nicht unbekannt mit der Führung eines Bootes zu sein. Die Männer schwiegen, blickten auf seine jugendliche Rüstigkeit, sahen Per an, grinsten und kopfschüttelten, hatten aber nichts dagegen, als der Herr ihnen eine ihrer dicken Jacken und eine Kappe abkaufte, dann Ruder und Leinen ordnen half und endlich mit Per vereint die Schlup abstieß, welche, sowie sie aus dem Einschnitt war, ihre Segel aus den Gaitauen wickelte und westwärts gegen die Landspitze von Hangö Udd fortschoß. Der frische Wind war so günstig, daß Per, je weiter das kleine Schiff hinauskam, um so wohlgefälliger nach Mast und Himmel blickte und mit geheimen Vergnügen die Thätigkeit seines Bootsmannes betrachtete, der mit Tauen und Segeln umzugehen wußte, als sei er dafür geboren. Per hatte dem Fischer zwanzig und zuletzt dreißig Thaler geboten, wenn er ihn begleiten wollte, jetzt hatte er die Hilfe umsonst und obenein, wie es schien, bessere, als Jener sie ihm geben konnte. Der junge Mensch hier war so ausgewettert wie irgend ein Seemann, dabei frisch auf seinen Beinen und gelenkig wie ein Affe. Als eine Unordnung im Vorderschiff entstand, wo eine der Segelschoten sich um eine Stange wickelte, sprang er wie ein Tanzmeister über die Duchten und hatte in einem Augenblicke die Ordnung hergestellt. Per rechnete daher, daß ein solcher Mann, wenn es sein müßte, so tapfer arbeiten und aushalten 436 würde wie er selbst, und wenn's glückte, wenn er ihn hinüberschaffte, war's zugleich ein großmüthiger Herr, der das Geld nicht achtete. Zwanzig gute schwedische Meilen Wasser lagen zwischen Hangö und der Süderarmsleuchte, blieb aber der Wind so fein, so ließen sie sich bis morgen schaffen, und im schlimmsten Falle lagen ja die Alandsinseln wie ein ungeheures Netz zur Rechten, wo Zuflucht zu finden war, wenn's an's Umkehren ging. An der äußeren Leiste dieses tausendfältigen Inselgewirres dachte Per seine kleine Schlup zu halten, am Abend irgendwo ein Obdach zu suchen und dann bis zur nächsten Nacht in den Stockholmer Scheeren zu sein, wo er mehr als ein gutes Plätzchen kannte. Sein lederhartes gelbgraues Gesicht bekam einen Schimmer von Zärtlichkeit, als er sah, wie schnell das flinke Schiff den Leuchtthurm von Hangö hinter sich ließ, und vergnügt lachte er auf, als die Schlup in die Wölbungen hoher Wellen stürzte, die der Südost von den russisch-deutschen Küsten vor sich her jagte. Über die Buge der Schlup sprangen dann und wann hohe Wasserstrahlen, die in zahllose Tropfen zersplitterten, das kleine Schiff anpackten, daß es zitterte, und es auf die Seite warfen, daß es tief niedertauchte; aber das Meer war frei von Eis, so weit das Auge reichte. Nur zuweilen hob sich auf dem Kamm einer mächtigen Woge eine spitz aufstarrende, zerbrochene, im Sonnenglanz funkelnde Masse, die eben so schnell wieder verschwand und welche Per mit langen festen Blicken betrachtete. Die Luft war hell, der feuchte Athem des Windes deutete auf mildes Wetter, weißliche krausgezogene Streifen liefen über den Himmel fort, ohne jedoch irgendwo sich dichter zusammenzuziehen. Dabei wurde die frische Morgenkälte, je weiter der Tag heraufkam, um so milder; die Sonne, welche oft in diesen Breiten kalte Strahlen zu haben scheint, verbreitete einen warmen Hauch, und das Spritzwasser, das an den Planken des Boots niederfloß, fror nicht daran fest. Alles das waren Zeichen, die Per Stahl's Wohlgefallen vermehrten. Er schnitt sich ein neues Stück Kautabak, faßte nach dem Branntweinkrug und unterhielt seinen Gefährten mit Erzählungen über seine Seereisen, welche zuweilen gefahrvoll genug verlaufen waren. 437 Heut, sagte er dann, wollen wir es besser machen, Herr. Südostwind ist meist immer ein starker und falscher Wind, müssen ihm aber dennoch vertrauen, so viel wir immer können. Es ziehen die Alandsinseln in einem weiten Bogen von Hangö bis nach Eckenö hinauf, darin hin muß die Schlup laufen, um uns in ein feines Nachtquartier zu bringen. Sind dann gerade vor den äußersten Außeninseln an dem Alandshaf und haben morgen nach Söderarm hinüber einen leichten Weg zu machen. Otho war ganz damit einverstanden, und während die Sonne so hoch stieg, wie sie kommen konnte, und dann immer weiter und rascher ihren schmalen Bogen gegen den Südwesten beschrieb, vergingen die hellen Tagesstunden den Reisenden schnell genug. Der Schiffer gehörte, wie die meisten Männer seines Standes, nicht zu den Gesprächigen. Sein Leben war in Einsamkeit oder in Geschäften und Arbeiten vergangen, wo Schweigen nothwendig wird. Alle diese Küstenfahrer waren bei Zeit und Gelegenheit auch Schmuggler, und Per erzählte mit Wohlbehagen von seinen Fahrten nach Lübeck und Stralsund, von deutschen Waaren und deutschem Branntwein, von Küstenwächtern und Schlupfwinkeln, und wie er alle diese Inseln, Klippen und Buchten in Nacht und Nebel so genau zu finden wisse, wie seine Hütte in Ecknäs. – Dazwischen aber verging oft lange Zeit, wo die beiden Reisegefährten kaum ein Wort wechselten, und die Stille nur von dem Rauschen des Windes im Takel- und Segelwerk der Schlup und dem zischenden Ton unterbrochen wurde, mit dem die langrollenden Wogen zusammensanken, wenn ihre schaumigen Kämme sich gegeneinander wie weiße Drachen aufbäumten und sich verschlangen. Otho's Blicke hingen an diesem eintönigen und ermüdenden Spiele fest, das sich immer von Neuem wiederholte. Nur zuweilen, wenn eine Welle, mächtiger als viele, das kleine Boot wie eine Nußschale hoch aufhob, um es heftiger in das tief unter ihr ausgehöhlte Thal zu schleudern, suchten seine Augen weit umher und kehrten unbefriedigt zurück. Kein anderes Boot, kein menschliches Wesen, kein Wesen der Schöpfungstage überhaupt, war zu entdecken. Eine weite öde Wasserwüste mischte sich überall mit dem Horizont, nur zur Rechten lagerten in der Ferne die zahlreichen Inseln und 438 Klippen der Alandsgruppe, vom Schnee eingehüllt, der sie zu weißen Punkten und Eishallen machte, die starr und todt aus der brandenden See ragten. Als die Sonne fast den Horizont erreicht hatte, bemerkte Otho, daß die Schlup sich von dieser eisigen Inselkette weiter als bisher entfernte und ihren nordwestlichen Lauf mehr nach Süden änderte. Per zog die Schoten seiner Segel straffer an und legte die Schlup näher an den Wind. Warum thust du das? fragte der junge Mann. Thät' ich's nicht, antwortete der Schiffer, liefen wir zu weit nördlich. Vor uns liegen die Hafinseln. Seht Ihr die drei spitzen Berge? Otho sah nichts; aber er bildete sich endlich ein, es wäre so und er täusche sich, da Nebel auf dem Wasser lag, der sich dichter und dichter ausdehnte und hohe weißglänzende Felseninseln bildete, die von dem Abendlicht bestrahlt wurden. Nach wenigen Minuten verblaßten alle Farben, und zu verkennen war es nicht mehr, daß der Nebel mit wunderbarer Schnelle zunahm, während der Wind schwächer zu werden schien. Wir werden die Hafinseln nicht erreichen, sagte Otho. Müssen sie erreichen, antwortete Per mürrisch. Holt noch einmal fester an, Herr. Das Focksegel wurde so fest als möglich angeholt, doch nach wenigen Minuten flatterte es von Neuem. Es faßt den Wind nicht mehr, sagte Otho. Er ist westlicher gegangen, antwortete Per, aber er wird wieder in den alten Strich fallen, wenn die Sonne herunter ist. Die See ging in hohen Wellen und warf die Schlup zur Seite, bis sie wieder dem Steuer gehorchte. Ein letztes bleiches Licht heftete sich an eine ferne Insel, die deutlich gesehen werden konnte. Willst du nicht lieber darauf zuhalten? fragte Otho nach einer Weile. Wir müßten an die drei Meilen zurück, erwiederte der Schiffer. Sitzt still, Herr, und sorgt nicht. Ehe wir dahin kämen, haben wir die Hafinseln. Aber der Nebel, begann Otho nochmals. Bist du deiner Sache gewiß? Per murmelte ein ärgerliches: Ja, Herr! und fügte dann einen Fluch hinzu, der dem tapferen Korporal Ehre gemacht haben würde; 439 denn statt nach dem Süden umzukehren, sprang der Wind sichtlich weiter und weiter um, und blies von Schwedens Küsten herüber. Eine düstere Wand schien sich dabei entweder vom Himmel auf die Erde zu senken oder umgekehrt von der See zum Himmel aufzusteigen; ohne Zweifel waren dies keine niedere Nebelbänke, die von den Windstößen auseinander gejagt werden konnten, sondern trübe schwere Wolkenmassen, die mit wunderbarer Schnelle alles Licht auslöschten. Was ist das? sagte Otho nach einiger Zeit. Die Segel flattern wieder. Wir stoßen auf. Treibeis, antwortete Per. Zündet die Laterne an, Herr. Es fällt Schnee, fuhr Otho fort, und wenn ich in den Bergen am Pajäne wäre, wollt' ich sagen, es kommt ein Sturm. Ein paar Eiskörner, wer wird's achten, murmelte der Schiffer. Aber der Wind ist offenbar ein ganzer Westwind mit einem Strich nach Norden geworden, fiel Otho dringender ein. So machen wir einen Schlag oder zwei, sagte Per hartnäckig. Wir müssen dicht an der Hafinsel sein. Seht dort hin, Herr, seht vor Euch. Könnt Ihr ein Licht erkennen? Die Dunkelheit war vollständig, eben aber als die Schlup in die Höhe gehoben wurde, ließ sich in der Tiefe des Horizonts ein heller Schein erkennen. Es war als ob eine Fackel brannte, oder ein Baum, aus dessen Ästen feurige Streifen in den Himmel flackerten, dann stürzte die Schlup von dem Wasserberge hinab, und nichts war mehr zu sehen. In der nächsten Minute jedoch stand sie wiederum auf dem Gipfel einer anderen Woge, und während dieser kurzen Zeit war die Fackel zu einer Feuersbrunst geworden, die wild auseinander lief, als verzehre und verschlinge sie eine ungeheure Stadt. In der dunkelrothen Gluth liefen lichte zuckende Schlangen umher, und Blitze stiegen daran auf wie Raketen, die in den düster mächtigen Himmel geschleudert wurden. – Und Woge auf Woge hob und senkte das kleine Schiff, und bei jedem neuen Steigen wechselte der fürchterliche Brand. Bald schien er sich ganz in lodernde Flammen auflösen zu wollen, bald wurden die Blitze nach allen Seiten hin geworfen, und Feuermassen drehten sich wunderbar, wie Räder zusammen, die aus zahllosen feurigen Fäden bestanden; bald wieder flogen farbige, seltsam 440 krause Gestalten aus dem Brande auf, huschten geisterhaft über den Himmel fort, und verschwanden. Dann sank plötzlich alle diese lichte Lohe in dunkelrothe Gluth zusammen, um gleich darauf von Neuem mit vermehrter Kraft den ganzen nordwestlichen Horizont zu überstrahlen. Die beiden Männer wußten längst, was dieser Brand zu bedeuten hatte, daß es kein irdisches Feuer sei, sondern eines jener wunderbaren unerklärlichen Phänomene, die man Nordlicht heißt, und zwar eines der schönsten und größten, die es geben konnte. Die Wellen spiegelten die geheimnißvolle Gluth zurück, ihre schäumenden Kämme trugen deren rothen Abglanz. Durch die dunklen Thäler des Meeres fuhr der Schimmer glüher Blitze, und auf dem Gesicht des Schiffers malten sie sein stieres Schrecken und Bedenken, die Bestürzung, von der er überfallen war, und die kaltblütige Verachtung von Gefahren, die der beherzte Mann wohl oft schon bestanden hatte. Nordlichte, wie dies eines war, bringen häufig heftige Stürme mit sich, und Otho zweifelte nicht daran, daß ein schreckliches Wetter nahe sei. Der Wind kam in raschen hohlen Stößen, welche stärker und stärker wurden, und führte starke Eiskörner mit sich, die wie Schrotkugeln in die Gesichter schlugen und erstarrend bis auf die Haut drangen. Dabei fror das Wasser, das über die Buge spritzte, augenblicklich, und überdeckte Wände und Boden des kleinen Bootes mit Eis. Die Taue waren steif, und gingen nicht mehr durch die Kloben. Ein einziger heftiger Stoß genügte, um das Boot zum Kentern zu bringen. Wahnsinn wäre es gewesen, es noch länger an dem Wind halten zu wollen, dem es nicht mehr gewachsen war. Per wußte ohne Zweifel, daß sein Begleiter recht hatte, als dieser ihm im befehlenden Tone zurief, auf der Stelle die Schlup zu wenden und vor Wind laufen zu lassen. Zeige jetzt, schrie er ihn an, ob du wirklich der Mann bist, in Nacht und Nebel deinen Weg zu finden. Ob du dies Wasser wie deine Hand kennst. Wenn der Wind uns treibt, müssen wir an eines dieser Eilande gelangen. Herum mit dem Steuer, und die Segel los oder wir sind verloren. Der Schiffer gehorchte, und Otho sprang trotz der Dunkelheit und der Glätte des Eises, das alles Holzwerk überzogen hatte, gelenkig in's Vorderschiff, um das Segel des Fockmastes zusammenzuziehen. Trotz 441 des wilden Wetters und der tobenden See, umringt von Gefahren, die in jedem Augenblick mit Vernichtung drohten, war er unerschrocken, denn er gehörte zu den Männern, die, je größer die Noth, um so energischer ihr Widerstand leisten, und um so entschlossener sich zu helfen suchen. Seinen Pelzrock hatte er längst abgeworfen, die Kälte fühlte er nicht, sein Blut strömte heiß durch alle Adern, und während er mit Heftigkeit und größter Kraft das Segel zurückriß, fielen ihm allerlei Gedanken ein, was zur Rettung geschehen könne. Noch brannte die Laterne zu Pers Füßen, in seinem Reisesacke lagen obenauf ein paar Pistolen, und vielleicht ließen sich diese gebrauchen, um durch ihr Abfeuern einen Menschen zur rechten Zeit aufmerksam zu machen, im Fall das Boot in der Nähe einer der zahllosen kleinen Inseln getrieben wurde, welche hinter ihnen lagen, und unmöglich weit sein konnten. Der Weststurm mußte die Schlup rasch darauf los treiben, wenn es nur gelang sie über Wasser zu halten, und wenn es glückte, nicht vorher zu erstarren. Per konnte an einem guten Strand irgend einen Platz finden, eine Bucht, um zu landen, und ein Zufluchtsort, eine Hütte würde dann auch sich entdecken lassen. Daneben aber fiel ihm ein, mehr als einmal von dem schrecklichen Schicksal solcher verschlagenen, umherirrenden Boote gehört zu haben, deren Mannschaft in Sturm und Kälte Tage lang umhergeworfen, unermeßliche Leiden erduldet, bis die Männer erfroren gefunden wurden, verhungert, verschmachtet, oder Einer noch am Leben, der sterbend von ihren Qualen erzählte. Die Angst zuckte durch seinen Kopf. Er konnte das Segel nicht bewältigen, es war steif wie ein Brett. Er blickte nach Per hin. Bei dem Glimmen der Laterne sah er ihn die Branntweinflasche an dem Mund, und in der Luft heulte der Sturm, schlug in die flackernden Segel wie mit Donnerkrachen, und schüttelte die Masten, daß sie wankten. Die See war wild durchwühlt und im Aufruhr. Der Gang der Wellen hatte sich durch die Sturmstöße geändert. Statt nördlich zu rollen, wurden sie jetzt gegen die finnischen Küsten, ostwärts, gejagt. Die zwiefachen Kräfte bewirkten einen Kampf der Wasser gegen die Wasser, welche sich anfielen, wie hungrige Raubthiere, mit ihren weißen Zähnen die ungeheuren Leiber zerfleischend. Unter dem Donner der See, unter dem Krachen, mit welchem Eisschollen und zermalmte 442 Eisblöcke an einander geschleudert wurden, unter dem Heulen, das von Dämonen herzukommen schien, die aus der Tiefe aufgestiegen, über den Häuptern der verlassenen Männer schwebten, ihnen den Tod anzukündigen, mitten unter Nacht und Schrecken taumelte die Schlup von Woge zu Woge, von Tiefe zu Tiefe, und immer wieder erhob sie sich ohne zermalmt zu werden. Alle Anstrengungen Otho's, das Segel niederzureißen, blieben fruchtlos; plötzlich aber faßte ein ungeheurer Stoß das steifgefrorene Linnen, brach den Vormast mitten durch, warf ihn vorn über und schlug vom Hintermast die Raa herunter, indem er das Segel daran zu gleicher Zeit in Fetzen zerriß. – Im Augenblick, wo dies geschah, glaubte Otho, daß Alles vorüber sei. Bei dem Brechen und Fallen der Maste wurde er niedergerissen, als er sich aber lebendig fühlte, als er sah, daß die Schlup sich nochmals aufrichte, kehrte sein Muth zurück. Es lag ein Beil unter der Steuerbucht; er rief dem Schiffer zu, es herauszuholen, um die Taue zu durchhauen, an denen Mast und Segeltrümmer noch festhingen. Per aber blieb sitzen ohne sich zu rühren; Otho hörte ihn schreien und lachen. Als er auf ihn zueilte, hielt ihm Peder die Branntweinflasche entgegen. Trink' und sei lustig! schrie er. Heut haben wir Julafton, Weihnachtsabend. Seht doch wie die Christbäume brennen! Seht da, wie die Lichter in Ecknäs angesteckt werden! Bist du toll geworden, Mann! rief Otho entsetzt und schüttelte ihn. Kleine Karina! Schätzchen! schrie Per, ich bringe dir eine Kette mit, eine Kette von Gold. Julafton, meine süße Dirne, Julafton! Steck deinen Baum an. Siehst du ihn, da da! Ohne sich aufzuhalten eilte Otho zurück, denn Leben und Sterben hing daran, daß die Schlup von den Trümmern frei werde. Mit einem Dutzend kräftiger Schläge war Alles gethan; erleichtert und frei flog das kleine Schiff wieder über die Berge und Abgründe, aber vergebens schaute Otho in die Nacht aus, nichts konnte er entdecken. Als Per nach den Christbäumen schrie, glaubte er selbst einen hellen Lichtschein zu erkennen, allein es war Täuschung, er war verschwunden. Zuweilen zünden die Bauern in dieser Nacht Feuer an. Doch wer wollte bei solchem Unwetter daran denken. Vielleicht war 443 es auch ein Haus, das auf einem hohen Punkte lag und seine hellen Fenster gezeigt hatte, dann mußte Land in der Nähe sein. Mit der Angst eines Schiffbrüchigen klammerte er sich an den zerbrochenen Mast fest. Das Nordlicht war vorüber, nur ein mattes Leuchten noch im Norden. Nichts umher als Nacht, Eis, Schrecken, die wüthige See, und hinter ihm das grauenvolle Lachen des berauschten halb tollen Schiffers. Weihnachtsabend! murmelte er vor sich hin und seine Augen richteten sich zum Himmel auf. Der Sturm riß ihm die Kappe ab, führte sie weit in die Finsterniß hinaus, sein Haar flatterte wild über sein Gesicht. Er dachte an die Heimat, an seine Mutter, an Louisa, an sein Haus am Pajäne. Wie oft hatte ihm der Weihnachtsbaum dort gebrannt, wie duftig warm und schön war es dann. In den Armen der geliebten Mutter lag er, und sein Haar, das furchtbare Hände jetzt zerrissen, wurde von den weichen gütigen Mutterhänden gestreichelt. War es nicht am letzten Weihnachtsabend, den sie erlebte, wo sie Louisa's Arm um seinen Nacken legte und ihre beiden Kinder an ihre Brust zog. Nie sollst du deine Schwester verlassen, hatte sie gesagt; ihr Schützer sollst du sein, und jeder Weihnachtsabend soll euren Bund erneuen. Unter dem Christbaum sollt ihr meiner und meines Segens gedenken. Das fiel ihm Alles ein, und feurige Funken rollten vor seinen Augen. Es war als spaltete sich die fürchterliche Nacht, und er sah Louisa traurig vor dem Christbaum stehen und die Hände nach ihm ausstrecken. Mutter, meine Mutter! murmelte er, ich denke dein! Erich wird Louisa schützen und sie – sie – er sprach den Namen nicht aus, ein anderer drängte sich auf seine Zunge – Serbinoff! Laß mich nicht so enden! schrie er in den Himmel hinauf. Ich will nicht sterben, ich muß noch leben! Die Schlup stürzte, als er dies sagte, von einer Welle nieder und erhielt einen Schlag, der ihren ganzen Körper durchschütterte. Sie war auf eine Eisscholle gestoßen; Otho glitt von der Bank, fiel wieder und raffte sich auf. Das Knattern und Krachen rund umher erhöhte seine Bestürzung. Wir sind auf Eis gerathen, Per! schrie er dem Schiffer zu, und von Neuem auf die Bank springend hielt er die Laterne so hoch, als 444 er konnte. Deutlich konnte er sehen, wie die Wogen große Eismassen mit sich wälzten, die mit schrecklicher Gewalt an einander rasselten. Das zerrissene Tau des Hauptsegels hing am Maste nieder und einer Eingebung folgend, band Otho die Laterne daran fest und zog sie in die Höhe. Einige Minuten lang beleuchtete sie von dort das grauenvolle Schauspiel. Überall schien das Eis in dichten großen Schollen und zusammengefrorenen Stücken das unglückliche Boot zu umringen, aber ehe noch eine andere Bemerkung zu machen war, warf der Sturm es heftig zur Seite. Die Laterne flog in Stücke, das Licht erlosch, Per Stahl schlug ein wildes wahnsinniges Gelächter auf. Hoho! schrie er, ich hätte es Euch vorher sagen können. Da ist Licht genug, da, da? Wo? fragte Otho. Christbaumlicht, ich kenn's! schrie Per. Land dort! fiel Otho ein. Land? Eh, seht Ihr nicht? Rund um uns her, Land. Husch, seht Ihr den Schatten? Die schwarze Katze schreit, ihre Augen leuchten wie Feuer. Halt da! Da kommt sie! Otho hatte aus dem Reisesack die Pistolen herausgerissen, lange Sattelpistolen der damaligen Zeit. Die beiden rothen Blitze zuckten durch die Finsterniß. – Sie schreit! die Katze! die Katze! brüllte Per aufspringend. Da sind wir, dicht bei ihr. Komm her! Komm her! In dem Augenblicke wurde das Boot am Stern von einer langen spitzen Eismasse erreicht. Das Steuer zersplitterte, die Planken brachen. Ein Krachen folgte gleich darauf an den Bugen: Wir werden zerquetscht! schrie Otho verzweiflungsvoll. Hier! hier! Julafton! Julafton! antwortete der Schiffer, der jubelnd seine Kappe schwang. Ein gurgelnder Ton, ein dumpfer Schrei folgte, dann war Alles still. Der Sturm raste weiter. Die treibenden Eismassen donnerten und brachen; ein glüher Nordlichtblitz fuhr bis in den Zenit des Himmels, beleuchtete den Kampf der Wogen und Schollen, die Masten und Bretter, welche zwischen ihnen trieben, und verschwand. Zweiter Theil. Erstes Kapitel. Jönsson, der greise Pfarrer, saß an seinem Tische auf der Ofenbank mit dem Rücken an den wärmenden Freund seines Alters gelehnt. Es war einsam in der großen niedrigen Stube und der alte Pfarrer schien in seinen Gedanken versunken. Trübe flackerte seine kleine Lampe, die mit Fischfett getränkt war, über das sanfte stille Gesicht, in welchem ein Lächeln schwebte, mit dem er auf einen seltsamen Gegenstand blickte, der vor ihm stand. Ehmals war dies sicherlich ein großer Tannenzweig gewesen, doch seit der Zeit, wo er grün und frisch im Walde stand, mußte mancher Tag vergangen sein. Morsch und verdorrt streckte er jetzt das dürre Geäst aus, an dem kaum noch eine der vergilbten in Staub zerfallenen Nadeln haftete. Ein Christbaum war es gewesen und zu des Hauses Freude hatte er einst am Weihnachtsabend herrlich geglänzt, denn noch waren um den Stamm, welcher aufrecht auf einem Brette stand, von Holz und Draht viele lange Arme befestigt, die als Leuchter gedient hatten, und noch hingen auf den dürren Reisern verblaßte zermürbte Seidenbänder, Streifen von Goldpapier und an einigen Fäden die Reste kleiner Bilder, bunte Steine, Glasperlen und Muscheln. Der greise Priester blickte den armseligen, verwitterten Christbaum zärtlich an und indem er seine Hände zusammenfaltete, füllten sich seine Augen mit unbeschreiblicher liebevoller Wehmuth und Rührung. Draußen tobte das wilde Wetter; das hölzerne Haus knarrte und ächzte 448 und wie die kleine Flamme der Lampe unruhig hin und her geworfen wurde von dem Zugwinde, der durch die Ritzen der Fenster drang, schien es zuweilen, als wankten die Balken ihr nach und der ganze Bau geriethe in eine wellenförmige Bewegung. Axel Jönsson achtete nicht darauf, daß die Sturmstöße mit donnerartigem Gepolter den Schlott herunter fuhren, er schien es auch nicht zu hören wie die Teller und Tassen auf den Brettern über dem Herde klangen, wie die große Zinnschüssel in der Mitte die Theekanne anstieß, als wollte sie diese ermahnen, vorsichtig zu sein und nicht noch weiter seitwärts zu rutschen, und wie die Bündel trockener Kräuter und Wurzeln auf dem Schranke und an den Wandleisten mit einander rasselnd flüsterten, daß solch grausiger Winter den Menschen mancherlei Wunden und Schmerzen bringen müsse und sie dann helfen und heilen würden. Der alte Mann blieb lange bewegungslos in seinen Betrachtungen, bis sein Gesicht immer heller und freundlicher wurde, und dann stand er auf, ging an den Schrank, öffnete die Kasten und nahm allerlei heraus. Ein großes weißes Linnentuch breitete er über den Tisch, setzte den dürren Christbaum in die Mitte, holte kleine bunte Lichter aus einem Schubfach und besteckte damit die Leuchter. Hierauf immer lebendiger und heiterer lächelnd, trug er mancherlei Gaben herbei, die er an verschiedenen Seiten des Tisches aufstellte. Da waren Äpfel und Waizenkuchen, da gab es Strümpfe und Schuhe, Handschuhe und Wolltücher. Ein dickes warmes Kleid und eine mit Pelz besetzte schöne Kappe wurden besonders über einen Stuhl gebreitet und allerlei Schürzen und Jacken nebst Anderem, was zur Weihnachtsbescheerung gehört, folgte nach. Vieles befand sich darunter was Kindern Freude macht und Alles ordnete der Greis, theilte es ein und blickte dann und wann nach der Nebenthür, als warte dort ein froher Schwarm, der auf sein Zeichen freudig schreiend hereinstürzen werde. Und als er hin und her eilend endlich mit seinem Werke fertig war und mit innigem Lächeln es überblickte, zündete er die Lichter an, daß der helle Weihnachtsglanz die düstere, stille Stube überstrahlte. Die Fenster funkelten davon, die düsteren Ecken schimmerten wie voll Sonnenschein und dieser lag auf dem Haupte des Greises, der lächelnd um sich schaute und seine Arme ausgebreitet hatte, als wolle er die 449 Glücklichen, für die er den Weihnachtstisch bereitet, liebend an sein Herz ziehen. Aber Axel Jönsson wurde nicht traurig, als es still und einsam um ihn blieb. Die Wuth der Elemente schien sich zu vermehren. Die See brüllte an den Klippen und der Sturm bog und rüttelte an dem Hause, als erregte der Glanz und die Lust drinnen seinen tödtlichen Grimm. O! sagte Axel Jönsson mit seiner sanften Stimme, ich danke dir, mein Herr und Gott! daß du wiederum mich diesen glückseligen Tag erleben ließest. Ich danke dir, Allmächtiger, für so viele Gnade und so viele Freude. O! segne viele, segne alle Menschen, wie du mich gesegnet hast. In dem Augenblick wurde die Thür geöffnet und Karina, die alte taube Magd, zeigte sich auf der Schwelle. Komm näher! komm näher, meine liebe, treue Freundin! rief der gute Pfarrer. Ich erwartete dich, wollte dich holen. Sieh hier, gute Karin, das ist dein. Der warme Rock wird dir gefallen, und die Pelzmütze wird dich schützen; dazu die Schürzen und die Winterstiefeln und der Tuch dort. Freue dich, liebe Karin, es ist Alles dein und sieh doch, sieh doch – auch einen Latz für den Sonntag habe ich dir ausgesucht. Die alte Frau hielt die Hand fest, welche er ihr gereicht hatte. Thränen flossen über ihr hartes Gesicht, das sie mit der freien Hand bedeckte. Ach, Herr! rief sie schluchzend, allein, ganz allein, ist die arme Karin bei dir. Allein! antwortete er und seine Augen schlugen sich auf und es glühte und glänzte darin. Nein, Karin, nein! sagte er mit sanfter Festigkeit, wir sind nicht allein, denn die sind unter uns, die wir lieben. Sieh doch hier, sich den Tisch, ist das nicht der Platz, wo meine liebe Natta sonst immer am Weihnachtsabend saß? Hat ihre Hand nicht den Baum dort geschmückt? Sind das nicht noch die Bänder, welche sie daran knüpfte? Und dort, Karin, dort steht der Sessel, auf dem sie so gern saß, da steht das Nähkästchen, das sie so lieb hatte. – Er legte seinen zitternden Finger auf den Kasten und auf eine halb vollendete Arbeit daneben. – O, nein! fuhr er fort, Gottes Güte währet ewiglich! Ich sehe meine liebe Natta noch immer bei mir, ich 450 sehe meine lieben Kinder, meinen Axel, meine Margareth, wie sie um diesen Tisch sprangen voll Lust und Glück, wenn die hellen Lichter brannten, und wie würden sie sich freuen, gute Karin, wenn sie alle die schönen Sachen sähen, wenn sie jubelnd damit durch dies Zimmer tanzen könnten, wie sie es so oft gethan haben. Ach, Herr, es ist Alles vorbei, Alles! seufzte die Magd. Jegliches hat seine Zeit, Karin, sagte der Greis und seine Stimme aufhebend sprach er mit Salomonis Worten: Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, tödten und heilen, bauen und einreißen, weinen, lachen, klagen, tanzen, Steine sammeln und Steine streuen, Herzen fernen von Herzen; suchen, verlieren, behalten, wegwerfen, schweigen und reden, zerreißen und zunähen, lieben und hassen, Streit und Frieden, Alles, Alles hat seine Zeit! – Aber wo ein Menschenherz ist, gute Karin, das voll von Liebe und Güte war, das lebt von seiner Liebe bis in Ewigkeit; das lebt von den Erinnerungen seines Glückes und fürchtet keinen Schmerz und kein Scheiden. Freude ist in mir, denn ich weiß ja, daß meine Lieben sich freuen und bei mir sind ihre seligen Geister. Ich sehe sie, wie sie lächelnd mich anschauen und wenn ich schlafe, flüstern sie mir zu: es ist Alles recht, was du thust. Morgen werden die armen Inselleute kommen und ihre Kinder werden kommen. Ich werde ihnen viele Freude bereiten, denn ich werde sie mit dem beschenken, was ich einkaufte und meinen lieben Kindern geschenkt hätte. In ihrem Namen theile ich meine Gaben aus und nächtlich steigen sie dann vom Himmel und freuen sich mit mir. Ach! sagte die alte Frau, das ganze Jahr über sparst du, Herr, und darbst in deinen alten Tagen, um am Christfest uns Alle zu beschenken. Mich beschenke ich, Karin, mich selbst, fiel Axel Jönsson freudig ein. Ich hole den alten dürren Baum dann hervor und was fällt mir Alles bei seinem Anblick ein! – Ich sehe ihn wieder grün und frisch, wie er war, und sehe mich in meiner Kraft und Jugend. Wie viele schöne herrliche Erinnerungen kommen dabei in mein Gedächtniß, wie viele Stimmen reden zu mir mit Engelszungen. Bin ich denn nicht glücklich, meine arme Freundin? Ist es nicht ein großes 451 wunderbares Glück, Freude und Liebe verbreiten zu können, und Freude und Liebe in sich zu tragen. Ja, Herr, ja! rief die Magd ihre Hände faltend und ihn mit gläubiger Ehrfurcht anblickend. Die Leute sagen, du seiest ein Engel Gottes, der Allen hilft, die ihn anrufen. Der Herr segnet mich, daß er durch meine schwachen Hände Gutes thun läßt, und manche Mühseligen und Leidenden sendet er zu mir, antwortete der Greis. Das ist seine höchste Huld, die er einem seiner Geschöpfe angedeihen lassen kann. – Aber was war das? fuhr er aufhorchend fort: war es der Sturm, der an unsere Fenster schlägt, oder war es der Knall eines Feuergewehrs? Hörtest du nichts, Karina? Aber ach! du kannst es nicht hören, arme Karin. Karina verstand überhaupt, was ihr Herr zu ihr sprach, mehr an den Bewegungen seiner Lippen aus langjähriger Gewohnheit und mit Hilfe ihrer Augen, als mit den dicken Ohren. Als sie jedoch sah, daß er ans Fenster lief und gleich darauf sich wieder umwandte, hörte sie deutlich wie er laut und heftig ausrief: Es muß ein Mensch sein, der in Noth ist. Ich habe den Blitz eines Gewehres gesehen; das war kein Nordlichtzucken. Laß mich hinaus, Karin. Wo ist die Laterne, schnell die Laterne! Hinaus? schrie die Magd. Bist du besessen, Herr?! Du sollst nicht hinaus. Der Wind weht dich von den Klippen. Eis und Schnee fallen vom Himmel. Du sollst nicht hinaus, die Trollen reiten auf Nebel und See, die bösen Hexen, die aus den Abgründen steigen. Schäme dich, Karin! antwortete der Greis. Es ist ein Mensch in großer Gefahr. Vielleicht ein Boot, das von Schweden herüber kommt. Niemand ist in Gefahr, fiel Karin ein, indem sie ihn an dem Pelzmantel festhielt, den er umgeworfen hatte. Kein Boot wagt sich jetzt hinaus, überall ist treibendes Eis, alle Häfen und Buchten liegen voll. Die Hexen sind es, Herr, oder der Teufel selbst, der dich verlocken will. Du sollst nicht gehen. Herr Jesu Christ! steh' uns bei. Freilich ist es kaum zu denken, daß ein Boot in solcher Nacht auf dieser wilden eisigen See sein sollte, sagte der Pfarrer. Dennoch aber 452 muß es so sein. Gott sei den armen Menschen gnädig! Wenig vermag ich zu helfen. Aber ich will bis an die Bucht hinabgehen. Ich will, wenn es möglich ist, meine Laterne an das Pfahlwerk festbinden; ich will thun, was ich vermag, um den Unglücklichen beizustehen. Als Karina sah, daß ihr Herr sich nicht hindern ließ, sondern die Laterne anzündete und seine Pelzkappe festband, schrie sie entschlossen, daß, wenn er umkommen wolle, sie auch nicht länger leben möge, und da Axel Jönsson hierauf keine Antwort gab, sondern das Zimmer verließ und den Riegel von der Hausthür schob, warf sie ihr Tuch über den Kopf und folgte ihm nach. Viel fehlte nicht, so wäre der gute Pfarrer beim ersten Schritt, den er hinaus that, zu Boden geworfen worden, so heftig wüthete der Sturm. Mühsam hielt er sich aufrecht, unterstützt von Karina, die neben ihm herging und ihn vorwärts schob, dabei aber um Gottes Barmherzigkeit flehte, daß er umkehren möchte, um sich nicht den Tod zu holen. Wir stehen Alle in Gottes Hand, Karin, antwortete der Greis; laß uns die Stufen hinabsteigen, aber falle nicht, denn es ist sehr glatt und oben auf der Klippe ist es wirklich unmöglich, sich aufrecht zu erhalten. Während er die alte Dienerin zu stützen suchte, war diese eben so sehr darauf bedacht, ihn zu beschirmen, doch Axel Jönsson hatte trotz seines hohen Alters eine ungewöhnliche Rüstigkeit behalten und zu dieser gesellte sich sein freudiges Gottvertrauen, daß er vollbringen müsse, was der Herr von ihm begehre. Er, der die Sterne zählt und die Grashalme, hatte einen Schiffbrüchigen in seine Nähe geführt, dessen Hilferuf in sein Ohr gesandt und um seines Lebens Preis mußte er gehen und erforschen, ob es keine Täuschung sei, ob er nicht etwas thun könne, seinen Mitmenschen in ihrer Noth beizustehen. Der Himmel war voll undurchdringlicher Finsterniß, die mit schwarzen Händen Meer und Land bedeckte. Nur das Toben der Wellen, das Rasseln und Brechen der Eismassen, welche gegen die Klippen geschleudert wurden, um daran zermalmt zu werden, ließ allein erkennen, wo die nasse Tiefe begann. Schneestaub und 453 Eiskörner wurden mit fürchterlicher Gewalt von dem Winde gepeitscht, vor dessen schneidender und erstarrender Kälte Axel Jönsson sich fester in seinen Pelz zu wickeln suchte. Vorsichtig beleuchtete er die großen Steine, über welche man in die Bucht hinab kommen konnte und stieg von einer Stufe auf die andere, während Karin ihn am Gurt festhielt und ihm nachfolgte. Der Sturm hatte Eis und Wasser hoch in die Bucht hineingetrieben und die Magd schrie ihrem alten Herrn kläglich zu, doch um Gotteswillen nicht bis an das Pfahlwerk vorzugehen, wo das Wasser hinaufspielte und die Kälte den Boden mit spiegelblankem Eis überzogen hatte. Es ist keine Menschenseele hier! jammerte sie, und wo sollte auch eine herkommen? Jesus Christus! sieh wie die Schollen sich über einander gewälzt haben, wie ein Wall von Eis dort steht, über den die Brandung fortgeht. Heiliger Olaf, behüte uns! der Sturm wirft die Schollen über unsere Köpfe. Komm herauf, Axel Jönsson. Komm herauf, Herr, der Gischt fliegt über dich hin und macht dich naß. Hilf uns, Gott, hilf uns! er ist nicht mehr bei Sinnen. Der Teufel hat ihn. Herr, Herr! du mußt umkommen in dieser Nacht. Diese letzten Worte beendet mit einem fürchterlichen Schrei stieß Karin hervor, als sie den Priester trotz aller Warnungen, seine Leuchte hoch aufgehoben, auf das Pfahlwerk zuschreiten sah, an welchem zur guten Jahreszeit die Fischerboote festgelegt wurden. Jetzt waren diese hoch am Lande geborgen und wie die Magd es sagte, hatte sich überall eine glatte Eisdecke gebildet, über welche Jönsson muthig fortschritt und seine Begleiterin trotz aller Ausbrüche ihres Ärgers und ihrer Angst ihm folgte. – Wohin willst du denn, Herr? sieh doch das Toben des Sturms, schrie sie unermüdlich. O Herr! so halt doch ein. Siehst du nicht wie die großen Schollen auf uns zugetrieben werden? Wie mit einem Messer werden sie die Pfähle zerschneiden. Da liegt er! antwortete der Pfarrer. Siehst du ihn? Nimm die Laterne, Karin; da liegt er! Der Sturm hatte die ineinander getriebenen Eisstücke am Eingange der kleinen Bucht zerrissen und dieselbe ungeheuere Woge, welche dies bewirkte, warf Blöcke und Schollen dem Lande zu. Bei dem Scheine seiner Laterne sah Jönsson vor sich ein großes Eisstück, 454 auf welchem eine dunkele Masse lag, die ihm ein Mensch zu sein schien. In seiner Angst und seiner Liebe schleuderte er Karin's Hände, welche sich an ihn festklammerten, mit Gewalt von sich, drückte ihr die Leuchte in die Finger und kroch hinter den Pfählen hinab bis an den Fels, wo in demselben Augenblick die Scholle über eine andere schon dort abgelagerte hinstürzte. Wasser, Schaum und Schlamm rollten darüber fort und würden den schwarzen Körper mit sich fortgewaschen haben, wenn der Pfarrer ihn nicht festgehalten und zu sich hingezogen hätte. Ja, es war ein Gottesgeschöpf, es war ein Gebild von Fleisch und Bein, aber ohne Gefühl, ohne Bewegung, vom eisigen Wasser schon erstarrt, und er hielt es zitternd an sich gedrückt, während neue Trümmer, Schollen und Wasserströme über die Stelle stürzten, wo er es gefunden hatte. Was sollte er beginnen mit dem Leichnam des Unglücklichen? Ein Schauder durchlief ihn, eine entsetzliche Angst füllte sein Herz: Karina hielt die Laterne hinunter. Jesus, Gottes Sohn! schrie sie, als sie die Gestalt erblickte, die ihr Herr mit Aufbietung aller Kraft aufzuheben suchte. Laßt ihn liegen, er ist todt, längst todt! Unglück bringt es, Einen anzufassen, dessen Seele die Hexen haben. Hilf mir, sagte der Greis unerschrocken, er lebt noch. Ich habe ihn seinen Arm aufheben, seinen Kopf zucken sehen. Faß an seine Schultern, seine Glieder sind noch geschmeidig. Und ohne abzuwarten, ob die alte Magd ihm beistehen würde, suchte er den Körper an dem Pfahlwerk emporzurichten, wo Karin, die ihre Laterne niedergesetzt hatte, ihn ergriff und glücklich festhielt. Aber sei es, daß diese heftige Bewegung den Rest des Leben in dem Verunglückten zu einer letzten Anstrengung brachte, oder der ohnmächtige Zustand dadurch von ihm wich, daß der gute Pfarrer sogleich seinen Pelzmantel über ihn warf; er schien zu erwachen als dies geschah und stand auf seinen Füßen, wobei er nach der Laterne griff, die Karina an einen der Pfähle gehängt hatte. Da ist das Licht! rief er mit gebrochener dumpfer Stimme. Holla! Per! Einige andere unverständliche Worte folgten, zugleich machte er eine Bewegung als wolle er seine Füße gebrauchen. Stütze ihn, Karin! rief der Greis. Komm, armes Kind, komm! Gottes Gnade hat dich und mich geführt. Hier sind die Stufen. Nimm 455 alle deine Kraft zusammen. Es sind nur wenige Schritte. Halte ihn ja fest, liebe Karin. O! wie ist die Huld des Herrn sichtbar an diesem Mann! Jetzt haben wir glücklich die Gefahr überwunden. Pflege soll dir werden. Hier ist Sicherheit für dich, mein Sohn. Nur hier herein, hier ist es warm, und herunter mit den Kleidern, in mein Bett. Geh, gute Karina, eile! Mache heiße Steine, heißes Wasser. Gott wird uns beistehen, daß wir dies Leben erretten, das dem Tode verfallen war. Alle diese tröstenden und hoffenden Ausrufungen brauchte der gute Pfarrer nach und nach, während er unter beständigem Beistande seiner alten Dienerin den Seemann bis an sein Haus und endlich bis in sein Zimmer brachte. Es gelang dies ziemlich gut, denn obwohl Otho manche schwankende und ungewisse Schritte machte, so kam er doch vorwärts und sprach selbst einige verständliche Worte. Kaum aber hatte er die Thür der Stube erreicht, aus der wärmere Luft ihm entgegenströmte, als er taumelnd die Augen schloß und nur mit großer Mühe in einen der Holzsessel gelegt werden konnte. Aller Muth und alle standhafte Menschenliebe des greisen Priesters gehörten dazu, um seinen Schützling von den nassen halb gefrorenen Kleidern zu befreien und ihn in sein Bett zu bringen, das er willig dazu hergab. Der Christbaum brannte noch hell und beleuchtete den jungen Mann, der, erschöpft von so großer Noth, regungslos lag, als werde er nie wieder erwachen. Aber der erfahrene Greis fühlte den leisen Schlag seines Herzens und mit verdoppelter Hast vermehrte er seine Anstrengungen. Kissen und Decken wurden schnell durchwärmt, die starren Glieder rieb er mit wollenen Tüchern, was sein Haushalt an Mitteln besaß, an Thee, Tropfen und wärmenden Getränken brachte er herbei und flößte es ihm mühevoll ein, während Karina heiße Steine an die Fußsohle des Kranken legte und andere auf dessen Leib. Es ist ein Fischer, murmelte die alte Magd, als sie ihm die dicke Jacke abzog. Jung ist er auch, doch ich kenne ihn nicht. Wer er auch sein mag, antwortete Axel Jönsson, Gott hat ihm wunderbar geholfen. Aber diese Wäsche ist besser, als Fischer sie besitzen, fuhr er fort, und die Gestalt dieses Jünglings ist von ungewöhnlicher Art. Allein was haben wir jetzt darnach zu fragen? Er ist 456 ein Unglücklicher, dem wir Beistand leisten, mehr ist uns nicht zu wissen nöthig. Daß uns am heiligen Weihnachtsabend solch Unheil begegnen muß, jammerte die alte Magd. Wir haben einen Todten im Hause. Ein Weihnachtsgeschenk von Gott! erwiederte der Greis dankbar lächelnd. Hat er nicht meinen lieben alten Weihnachtsbaum gesehen? Hat sein Licht ihm nicht geleuchtet? O! mein Herr, du Gewaltiger! so lohnst du mir! – Eile, gute Karin, eile so sehr du kannst. Lege mehr Holz auf dein Feuer, wir müssen wärmende Kräuterumschläge machen, damit kein Frost in ihm bleibt. Dieser Jüngling wird zum neuen Leben erwachen, deß sei gewiß. Ich will ihm jetzt von den stärkenden Tropfen reichen, die wir aus dem Wachholder ziehen. Gehe, Karin, hole auch meinen neuen Pelz, daß wir ihm Alles geben, was wir haben. Nach mehreren Stunden fruchteten die Bemühungen des guten Pfarrers, denn nachdem er alle seine Mittel angewandt und nicht aufgehört hatte, mit vorsichtiger Geduld dem Kranken beizustehen, wurde dessen Körper warm und gerieth nach und nach in einen Schweiß, den Jönsson so viel er vermochte unterstützte. Alle seine Decken und Pelze verwandte er dazu und seine Gaben an Thee und Tropfen, welche er Otho einzuflößen wußte, halfen nicht wenig dabei mit. Während der ganzen Nacht saß der greise Mann an dem Bett seines Schützlings und mit süßer Freude beobachtete er dessen Athemzüge, welche immer länger und kräftiger wurden, bis die Röthe des Lebens ihm auf Stirn und Wangen auftauchte. Er legte seine Hand auf die Fülle des blonden Haares und blickte ihn voll mitleidsvoller Liebe an. Ach! sagte er sanftmüthig, wie herrlich bist du anzuschauen, mein armes Kind, und wie würden die dich lieben um dich trauern, wenn du in der fürchterlichen Tiefe zermalmt lägest? Hatte ich nicht auch einen Sohn und er war schön und jung und stark wie du; dennoch riß ihn die finstere Hand von meinem Herzen und trostlos, ach! geschlagen von Schmerzen, saß ich hier an seinem Lager. Du aber wirst erwachen, mein Kind, und deine Mutter wird nicht um dich weinen. Du wirst zu ihr zurückkehren, und wirst ihre Liebe vergelten. Es liegt etwas in deinem Gesicht, das zu mir spricht, als seist du mir bekannt und Gottes Güte in dir. 457 Eben schlug Otho die Augen auf, blickte verwundert um sich her und blickte den Greis an. Ich bin noch am Leben? fragte er leise. Ja, mein Sohn, du lebst, sagte der Greis. Ihr wart es, Ihr zogt mich von der Eisscholle? Gott war es, der mich zu deiner Hilfe ausschickte, antwortete Axel Jönsson. Habet Dank, mein Vater; vielen Herzensdank! murmelte der Kranke seine Hand ausstreckend. Der alte Mann legte diese sanft unter die Decke zurück; dann drückte er ihm die Tasse an die Lippen und Otho fiel in die Kissen und schlummerte weiter, bis der Morgen kam. Allein dieser Morgen brachte nicht, wie der Pfarrer vermuthet hatte, seinem Schützling größere Stärke und klareres Denken, denn er lag im heftigen Fieber und dies steigerte sich in der nächsten Zeit so gefahrvoll, daß mehr die außerordentliche Lebenskraft des jungen Mannes als die Geschicklichkeit des Arztes ihn vom Tode errettete. Das Beste was Jönsson thun konnte bestand in seiner treuen Pflege, unterstützt von den wenigen Arzeneien, die er dem Kranken zu reichen vermochte. So vergingen viele Tage, wo der gute Pfarrer abwechselnd mit Karina bei Otho wachte, ihm kühlende Getränke reichte, seinen glühenden Kopf mit feuchten kalten Binden bedeckte und ihn in den Betten festhielt, wenn er in seinen Phantasien aufspringen und nach Stockholm wollte. Vielfach hörte der Greis den Irrereden des Leidenden zu, aus denen er seltsam verworrene Dinge erfuhr, welche er sich nicht zu erklären wußte. Er hörte den Kranken zuweilen Namen nennen, die seine Aufmerksamkeit erregten. Häufig rief er nach Serbinoff, den er aufforderte, ihm beizustehen, ihm betheuerte, daß er ihm vertraue, und ihn beschwor, nimmer von ihm zu lassen. Dann wieder folgten wirre Träume, in denen er mit Personen verkehrte, von denen der arme Priester nie etwas gehört hatte, bis er in Angst und Aufregung von seinem Lager zu springen versuchte, um mit dem Könige zu sprechen. Was er von Russen und Finnen, von Admiral Cronstedt und dem Obersten Jägerhorn, von Überfall und Verrätherei, von den Wrights, von Constanze Gurschin und von vielen andern Menschen und 458 Verhältnissen erzählte, hielt der alte Mann für krankhafte Ausgeburten seines tobenden Gehirns, hervorgerufen durch die drohenden Zeitverhältnisse; so viel aber wurde ihm bald gewiß, daß dieser junge Mann kein gewöhnlicher Fischer sein könne. Weder seine Hände, noch sein Gesicht sahen darnach aus, noch paßte seine Sprache dazu. In seiner Tasche hatte Jönsson eine Geldbörse mit werthvollem Inhalt gefunden, abwechselnd sprach er in seinen Phantasien gutes Schwedisch, aber auch Finnisch, von dem der Pfarrer genug verstand um zu erkennen, daß dieser Jüngling ein geborener Finne sein müsse. Zuweilen aber redete er auch in unverständlichen Lauten, von welchen Jönsson annahm, daß es Französisch sei, und da alle Leute aus den obern Volksklassen damals gern und gut Französisch sprachen, so schien es ihm nicht zweifelhaft, daß er es mit einem jungen Edelmann, wahrscheinlich mit einem Offizier zu thun habe, der mit wichtiger Botschaft nach Stockholm geschickt worden sei. Wahrscheinlich war das Boot, in welchem er den gefährlichen Übergang versuchte, umgeschlagen, oder vom Eise zertrümmert worden, und dies bestätigte sich durch die Trümmer von Maststangen und Brettern, welche in den nächsten Tagen zwischen den Klippen gefunden wurden. Wie wenig von Neugierde geplagt aber auch der gute Priester war und wie liebevoll großmüthig er dieselbe unermüdliche Pflege jedem Verunglückten zugewandt haben würde, so wuchs dennoch der innige Antheil, den er an seinem Schützlinge nahm, immer mehr. War Serbinoff, den er so oft herbeirief, nicht jener russische Herr, der vor einigen Monaten erst hier übernachtet hatte? Seine Zweifel wurden umgestoßen als der Kranke auch den Namen Ebba murmelte, den Kammerherrn, ihren Bruder, an seinem Lager zu sehen glaubte und ziemlich verächtlich und spöttisch von seinen Bewerbungen um eine Dame sprach, mit welcher sich der Kranke überhaupt viel zu schaffen machte. Ja gewiß, dieser junge Mann mußte mit den schwedischen Herrschaften in Verbindung stehen, welche an jenem merkwürdigen Abend hier ein Obdach suchten, und wie wunderbar war diese Fügung. Noch immer dachte Axel Jönsson mit Freudigkeit an das schöne junge Fräulein, das ihm so viele Theilnahme und Huld bewiesen, noch immer dachte er auch an das seltsame Abenteuer, das durch ihren 459 Besuch hervorgerufen wurde, und an das Ende desselben, wodurch er von so großer Sorge befreit ward. Lange Zeit hatte er darüber gegrübelt, ob die übermüthigen Herrn mit ihrem Spott und ihrer Auflösung des Räthsels auch wirklich Recht gehabt, und wie viele Zweifel ihn auch dabei überkamen, er gab sich doch zuletzt gefangen. Jetzt wo er am Lager dieses von der See ausgeworfenen Jünglings saß, hatte er zuweilen wunderliche Anwandelungen. Die alten Erinnerungen, welche so viele Jahre lang in seinem Gedächtniß hafteten und noch immer nicht daraus verschwinden wollten, wurden sonderlich lebendig. Wie damals, als er das fremde Fräulein erblickte, ihm sogleich die unglückliche Frau mit solcher Klarheit vorschwebte, daß er davor erstarrte, so überkam es ihn jetzt zuweilen, als gleiche dieser Jüngling dem Manne, den er in jener furchtbaren Nacht in der Kirche unter den Schwertern seiner Mörder fand. Wenn der Kranke in seinen Phantasien die Augen öffnete, wenn Zorn und Kummer sein Gesicht füllten und seine hohe Stirn sich auf eine eigenthümliche Weise zusammenzog, glaubte er, daß er dies ganz ebenso damals gesehen habe. Mit aller Kraft wehrte er diese Einbildungen von sich ab und schob sie den Äußerungen des Kranken zu, die ihn zu solcher Selbsttäuschung verleiteten; doch immer wieder kam er darauf zurück und je mehr er sich selbst schalt und kopfschüttelnd sich selbst belächelte, um so begieriger wurde er danach, nähere Auskunft über seinen unglücklichen Gast zu erhalten. Zuweilen führte dieser halb verständliche Gespräche mit dem schönen Fräulein, und was er sagte rührte und bewegte den alten Mann innig genug. Er glaubte zu verstehen, daß eine heftige und unglückliche Leidenschaft ihn beherrsche, und daß er diese verberge, weil er keine Erhörung gefunden. Die Art wie der Kranke ihren Namen aussprach, der Schmerz in seinem Gesicht, die Angst, welche ihn peinigte, und die wilden Träume, in denen er sich umherwarf, flößten dem weichherzigen Mann viel Mitleid ein. Bald sah er sie in Gefahren und er suchte sie daraus zu befreien, bald wurde sie von Räubern fortgeschleppt, mit denen er kämpfte, oder sie sollte, wie es dem Pfarrer schien, von ihrem eigenen Bruder zu etwas gezwungen werden, was sie nicht wollte, und er vertheidigte sie gegen diesen. Immer aber 460 folgte diesen Phantasien eine tiefe Traurigkeit und die leidenschaftlichen Ausbrüche eines großen Schmerzes. Armer Knabe! seufzte der alte Mann, wenn es ihm gelungen war diesen erschöpfenden Rasereien ein Ende zu machen, welch hartes Schicksal hat dich getroffen! Der er seine Liebe schenkte, sie wendet sich von ihm und gehört einem Anderen an. Manche Schmerzen hat der Herr auch mir geschickt, doch vor diesem Kummer hat er mich gnädiglich bewahrt. Alle die ich liebte haben auch mich geliebt. Meine theure Natta hätte um aller Schätze der Welt und aller irdischen Hoheit willen niemals von mir abgelassen. Ruhe aus, mein Kind, ruhe aus und vergiß dein Weh. Gieße deinen Frieden über ihn, du himmlischer Vater, gieße die Kraft deines Glaubens in sein wundes Herz! Nach einigen Wochen endlich wurden die Fieber leichter und an Stelle der heftigen Aufregung verfiel der Kranke in anhaltend langen und tiefen Schlaf, der die entscheidende Krisis für seine Herstellung bildete. Der gute Pfarrer schaffte Alles herbei was ihm möglich war um den Genesenden zu stärken, allein in dieser wilden und einsamen Abgeschiedenheit gab es weder gute Speisen, noch Wein, noch Kraftsuppen und belebende Getränke. Trotz dessen ersetzten die Jugendkräfte das Fehlende und als der Januar sein Ende erreichte, konnte Otho sich aufrichten und in längeren Gesprächen mit dem liebenswürdigen Greis ihm seinen Dank und seine Bewunderung darbringen. Als er dies zuerst that, wandten sich seine Blicke aber auch sogleich auf Luft und See hinaus und seine erste Frage war, ob es möglich sei nach Schwedens Küsten hinüber zu kommen? Es würde jetzt noch weniger möglich sein, mein lieber junger Freund, erwiederte Jönsson, als damals, wo Sie dies Wagestück versuchten. Jetzt sind die meisten Meeresstraßen zwischen den Inseln und die zahllosen Canäle und Buchten zwar fest zugefroren, aber die breite See, bis zur schwedischen Küste ist noch immer voll Schollen und Treibeis, das, wenn es heut auch zusammen friert, morgen wohl schon von Stürmen wieder aufgerissen wird. Auch die verwegensten Männer auf diesen Inseln würden es nimmer wagen, eher den Übergang zu versuchen, ehe sie nicht ihre Schlitten über das Eis bringen können. 461 Aus den Erkundigungen, welche Otho angestellt hatte, wußte er, wie der Pfarrer ihn aufgefischt und daß mit dem zertrümmerten Boote auch sein unglücklicher Gefährte umgekommen sei. Wenn der gierige Mann, der mein Geld allein verdienen wollte, noch einen oder zwei tüchtige Bootsleute mitgenommen hätte, sagte er zürnend, so würden wir ungefährdet hinüber gekommen sein. Jetzt liegt er bei den Riesen und Nixen und ich sitze hier ohne zu wissen, was ich beginnen soll. Zunächst, mein junger Freund, sagte der gute Priester, der tröstend seine Hände drückte, müssen Sie gesund werden. Und wie lange kann das dauern? rief Otho sich hastig aufrichtend. Ich bin gesund, ehrwürdiger Herr. Ich will aufstehen. Der Greis hielt ihn mit sanfter Gewalt fest. Wenn es wirklich der Fall wäre, erwiederte er, würden Sie leicht in Versuchung gerathen, durch Ihre Ungeduld neue Leiden über sich zu bringen. Es werden noch einige Wochen vergehen, ehe das Eis im Bottnischen Meerbusen eine sichere und feste Decke bildet. Wir haben zwar einen strengen Winter, doch tritt die stärkste Kälte bei uns wie überall in diesem Norden erst im Laufe des Februarmonats ein. Dann wird man von diesen Inseln aus nach den Küsten von Finnland wie nach Schweden hinüber sicher gelangen. Sie werden Ihren besorgten Freunden eben so wohl Nachricht geben können, wie Sie selbst Ihre Reise fortsetzen mögen und gerne werde ich selbst Ihnen zu Beidem allen Beistand leisten. Bis dahin, mein lieber Freund, haben Sie Geduld. Geduld! seufzte Otho, Geduld! und er schloß seine Augen und murmelte vor sich hin: So lange es Menschen gibt, gibt es den bittern Zwang, den man Geduld nennt. Alles Unrecht, alle Qual soll mit Geduld getragen werden. Alle Schickungen kommen von Gott, sagte der Greis sanftmüthig; ohne seinen Willen fällt kein Sperling vom Dache, kein Zweig vom Baume, und was er zuläßt durch seinen allmächtigen Willen, ward mit Weisheit erwogen. Glauben Sie das, mein Vater? fragte Otho, indem er ihn mit heißen Blicken anschaute und ein finstres Lächeln über sein Gesicht flog. 462 Ja, mein liebes Kind, das glaube ich, erwiederte Jönsson, und auch Sie, alle Menschen müssen es glauben, wenn sie auch in ihrer Schwäche nicht erkennen können, was der Herr thut zu ihrem Besten. Unterwerfen müssen wir uns dem göttlichen Willen; ach! was hülfe uns auch unser Trotz und unser Murren. Demüthig und stark sollen wir tragen was uns auferlegt wird und dem Herrn vertrauen, der über den ärmsten Wurm wacht. Nein, mein Vater, antwortete Otho erregt, ich kann Ihren frommen Glauben nicht theilen, ich kann nicht demüthig sein. Wenn ein Gott sich um jeden Wurm kümmerte, wenn er das Gerechte beschützte, das Gute gegen das Schlechte schirmte, so müßte ich nicht hier liegen. Und, fuhr er fort, wenn ich es allein wäre; aber seht auf die Schicksale aller Menschen, seht, was die Geschichte Euch erzählt; lest, wenn Ihr lesen könnt, wie die Gerechten von je an gelitten haben, wie viel Elend, wie viel Unglück jeden Erdentag ausfüllen; wie viele unerhörte Gräuel aller Art noch jetzt geschehen, ohne daß ein Gott sich der Zertretenen erbarmt. Und er, der am Kreuze starb, erwiederte der Priester leise strafend, er sagte: Dein Wille geschehe, mein Vater! Seinen Geist, den kein irdisches Leid antasten konnte, gab er in die Hände Gottes. Otho warf sich heftig auf seinem Lager. Ich bin kein Heiliger und kein Märtyrer, rief er aus. Ich widersetze mich dem Leid, das mir geschieht, so lange ich es vermag, halte nicht meine linke Wange hin, wenn meine rechte einen Streich erhalten hat. Und was, mein liebes Kind, fuhr Jönsson in seiner Milde fort, was hat dies trotzige Selbstvertrauen Ihnen geholfen? Ich weiß es wohl wie menschliche Kraft und Stärke aufschreit gegen die Hand des Herrn, wie unbändiger Sinn sich nicht beugen will vor dem Gewaltigen, den kein Flehen und kein Wüthen rührt, wenn er seinen Willen vollzieht. Kann nichts ihn rühren, wie Sie sagen, antwortete Otho, dann wahrlich müssen wir um so mehr suchen uns selbst zu helfen. Und wo wäre denn Hilfe anders als bei ihm? versetzte der Greis demüthig; wo wäre Trost im Unglück, als in seinem Glauben. 463 Mein Trost, fiel der Kranke ein, ist der, gethan zu haben was ich vermochte, und diesen Trost will ich fest halten, so lange ich lebe. Ihr Gemüth, mein junger Freund, erwiederte Jönsson, ist erbittert über den Unfall, den Sie erlitten, dennoch haben Sie mehr Ursach als viele Menschen, um mit tiefer Dankbarkeit den Herrn zu preisen. Ihr Boot zertrümmerte dicht an dieser Insel, es gelang Ihnen, auf eine Eisscholle zu springen und sich darauf zu erhalten. Die Wogen schleuderten dies Eisstück gerade in die Bucht, wäre es seitwärts an eine der Klippen gerathen, so würde es zermalmt worden sein. Ich aber mußte bei Ihrer größten Noth an ein Fenster treten und sehen, wie Sie Ihr Geschoß abfeuerten, und eine göttliche Stimme rief mir zu hinabzueilen, damit ich im rechten Augenblick Ihnen Beistand zu leisten vermöchte. Das haben Sie gethan, ehrwürdiger Herr, das danke ich Ihnen! fiel Otho ein, doch ach! was ist vereitelt durch diesen unseligen Schiffbruch. Warum mußte es geschehen, um Unheil zu bestärken. Mein liebes Kind, sagte der Greis, ich habe noch nicht gefragt, was Sie zu dem gefahrvollen Unternehmen trieb, Sie haben mir nichts anvertraut. Aus Ihren Äußerungen während Ihrer Krankheit vernahm ich jedoch so viel, daß Sie ein Offizier im königlichen Heere sein müssen, der mit wichtiger Botschaft nach Stockholm geschickt wurde. Diese Botschaft ist so wichtig, antwortete Otho beunruhigt, daß des Königs Heil und meines Vaterlandes Zukunft davon abhängt. Was kann ich jetzt thun? Was soll ich beginnen, um meine Sendung zu erfüllen? Auf Gott vertrauen! antwortete der Priester. Wenn es sein Wille ist, daß Ihr Werk glücken soll, so wird es geschehen trotz aller Noth und Schrecken; wäre Er dagegen, was hülfe es Ihnen, wären Sie auch mit den Flügeln des Adlers ausgerüstet? Ach! rief Otho den Kopf schüttelnd, ich bewundere Ihren starken Glauben, mein Vater, aber was hilft mir Trost, der mich nicht heilt und über das eisige Meer schafft. Ich bin dem Tode entronnen, doch wenig besser daran. Undankbarer Mann, lächelte der gute Pfarrer; selbst die Engel wissen nicht, was des Meisters Weisheit bezweckt, aber sie sind 464 gehorsam seinen Befehlen und das sollen Sie auch sein. Er hat Sie errettet und hierher geführt, auch weiter wird Er helfen und wenn ich nicht zu sagen vermag warum es geschehen ist, so zweifle ich doch nicht daran. Er hatte seine Zwecke dabei und sicher war es das Beste und Heilsamste, das Sie erfahren konnten. Otho war von der frommen Zuversicht des greisen Mannes gerührt, und obwohl er anderer Meinung blieb, mochte er doch nicht länger widersprechen. Die ehrwürdigen Mienen des Greises drückten seine innige Überzeugung aus, in seinen Augen schimmerte die inbrünstige Wahrheit, mit welcher seine Seele gefüllt war, und liebevoll warnend und bekehrend schaute er den Zweifler mit der treuen Sorgfalt eines Vaters an. Während der folgenden Tage und bis Otho endlich aufstand und seine wiederkehrenden Kräfte zu gebrauchen suchte, wurden diese Gespräche häufig fortgesetzt, und sie hatten nicht selten dasselbe Ziel und Ende, wie das so eben erwähnte. Die Ungeduld des jungen Mannes ließ sich nicht durch die Hinweisungen auf die Weisheit seines Schöpfers so leicht unterdrücken; er war nicht aus dem Thon gemacht, der sich geschmeidig biegen und kneten läßt, und je stärker er sich fühlte, je rascher sein Blut wallte, um so heftiger wurde sein Verlangen, diese Hütte und dies eisbedeckte Eiland zu verlassen. Dazu zeigte sich jedoch noch immer keine Möglichkeit. Aus den Fenstern des hochliegenden Hauses konnte Otho weit über das Meer blicken, und wohin immer das Auge reichte, nirgend war eine Bewegung zu bemerken. Der alte Pfarrer besaß unter den wenigen Habseligkeiten, die er sein Eigenthum nannte, doch etwas Seltenes, nämlich einen guten Thermometer, und in diesem war das Quecksilber einige Tage lang bis auf dreißig Grad gesunken. Bei solcher grausamen Kälte, die selbst auf diesen Inseln nicht allzuhäufig ist, zweifelte doch Jönsson nicht mehr, daß der ganze Meerbusen fest zugefroren sei, allein damit war noch nicht die Abreise nahe. Schneemassen hatten sich auf dem Eise gelagert. Hier waren sie vom Winde zusammengehäuft, dort kahl abgefegt und wie Berge und Thäler konnte man diese endlosen Hügelketten verfolgen, die mit jedem Sturme sich veränderten. Dies war jedoch nicht die einzige Schwierigkeit, welche sich einem verwegenen Wanderer entgegenstellte, weit 465 schlimmer war das Eis selbst, wo es unbedeckt lag. Der Spiegel des Meeres friert nicht so glatt wie ein Teich oder Fluß, sondern seine Oberfläche wird von Schollen, Blöcken und Eisfeldern bedeckt, die wild durcheinander geschüttelt, zerbrochen, zerborsten und über einander geschleudert, so lange sich bekämpfen und gegen einander aufbäumen, bis sie endlich mitten in ihrer Arbeit erstarren. Die rollende Woge verliert ihre Macht vor der vernichtenden Kälte der Luft. Das vorquellende Wasser wird der Kitt, um das krachende in Eis verwandelte Element zusammenzuleimen, und keine Gewalt vermag es dann, die Schollen und Blöcke wieder zu trennen. Aber hoch und spitz, mit scharfen Kanten, ein Gewirr von mächtigen Scherben, bilden sie dann eine Brücke, auf der das Fortkommen fast unmöglich ist. Die festeste Sohle ist bald zerschnitten, der beste Fuß kann nicht darauf ausdauern, der kräftigste Mann ermüdet an diesen Klippen und Untiefen. Nur wenn der Schnee hart wird und festfriert, bilden die Schlittenzüge der Inselbewohner nach und nach eine Straße. Harte kühne Männer bahnen sich dann Wege durch diese Eiswüste, welche sie in Nacht und Nebel zu finden wissen; doch daran war jetzt noch nicht zu denken. Ingrimmig blickte Otho jeden Morgen auf die funkelnden chaotischen Spitzen und Trümmer und hörte zornig die Erklärungen seines alten Freundes an, welche schreckend genug lauteten. Es ist nicht selten, daß auch der Kundigste verunglückt und ehe der Genesende nicht vollkommen hergestellt war und in sicherer Begleitung die Reise machen konnte, wäre es Thorheit gewesen, diese zu beginnen. Die Bewohner der benachbarten Inseln brachten gern ihr Holz und ihre getrockneten Fische nach der schwedischen Hauptstadt und zögerten gewiß nicht damit, sobald es ihnen thunlich schien; bis dahin sollte Otho sich gedulden, und er wußte, daß er nicht anders konnte, er fühlte auch, daß er großen Anstrengungen noch nicht gewachsen sei. So widerstrebend die Naturen der beiden Männer waren und so verschieden ihr Wesen und ihr Sinnen – der Eine fast an der äußersten Grenze des menschlichen Daseins, der Andere jung an Jahren, Dieser mild gesinnt, demüthig, fromm und gütig, der Andere stolz, feurig und leidenschaftlich – so wurden sie doch bald durch zärtliche Freundschaft vereinigt. Nie hatte Otho einen Greis gesehen, der die Ehrfurcht und 466 Liebe, welche ihm gezollt wurde, so sehr verdiente. Immer bereit, immer opferfreudig und sich selbst vergessend, war sein ganzes Dasein dem Wohlthun gewidmet, und wie Otho selbst ihm sein Leben dankte, so fand er bald, daß es kaum Einen unter allen seinen Nachbarn gab, der ihm viel weniger schuldete. Als die Kanäle zwischen den Inseln zufroren, kamen von vielen der felsigen Landstückchen in der wilden See Männer und Frauen, um bei ihrem unermüdlichem Freund Rath und Hilfe zu holen. Bald waren es Krankheiten, in denen er Beistand leisten sollte, bald waren es häusliche Sorgen, Zwistigkeiten in den Familien oder die bittre Noth des Lebens. In dem schlechten kalten Sommer waren Buchweizen, Hafer und Gerste, die gewöhnlichen Nahrungsmittel, nicht zum besten gerathen und damals war der Kartoffelanbau noch überall gering. Doch Keiner ging ungetröstet und hilflos von des guten Pfarrers Thür. Er theilte aus und brach sein Brod mit Allen, die hungrig kamen, und als seine Vorräthe zu Ende gingen, als Karin gar zu sehr schalt und die Reste festhielt, da gab Otho einige Goldstücke aus seinem geretteten Beutel und Jönsson hielt eine Versammlung in der Kirche und bewog Manchen dort, etwas von seinem Winterbedarf herzugeben, kaufte von Anderen für Otho's Geld ein und fürchtete nicht Eis, nicht grimmige Kälte, um die Hungernden zu speisen und die Darbenden zu erquicken. Seit dieser Zeit war das Verhältniß des Jünglings zu seinem alten Pfleger noch inniger geworden. Dieser hatte den Fremdling lieb gewonnen, als gehöre er zu ihm. Er empfand Freude bei seinem Anblick, Freude über den edlen Geist, der aus ihm sprach, Freude noch mehr über die Herzensgüte, welche, trotz aller stolzen und heftigen Worte, aus seinen Handlungen leuchtete. Otho hatte ihm mitgetheilt, daß er ein Finne sei, ihm auch seinen Namen genannt und ihm einige allgemeine Kenntniß über sich gegeben; allein, da er den Pfarrer, in Betreff seines Offizierranges, bei dessen Annahme ließ, und über die Geheimnisse seiner Sendung ihm nichts offenbarte, so blieben seine Mittheilungen doch immer lückenhaft und wurden absichtlich von ihm so viel als möglich vermieden. Jönsson bemerkte recht gut, in welche Unruhe sein Gast gerieth, sobald eine Frage dessen Vergangenheit berührte. Er sah deutlich, daß Otho nicht darüber sprechen wollte, daß 467 es ihm Qual machte ausgeforscht zu werden, und er vermied es schon nach den ersten Tagen. Ebenso zögerte er, nach Ebba zu forschen und ihm mitzutheilen, was hier in dieser Stuga und in der kleinen Strandkirche sich begeben, denn als zufällig einmal der Name Ebba genannt wurde, sah er, wie eine plötzliche Gluth Otho's Gesicht bedeckte, und dann wurde dies finster und still, und es dauerte einige Zeit, ehe der Eindruck überwunden war. Ah! sagte der alte Mann seufzend zu sich selbst, er muß vielen tiefen Herzenskummer um dies stolze Mädchen leiden. Die Krankheit hat seine Reizbarkeit erhöht und ehe seine Nerven sich nicht wieder kräftigen, werde ich ihm nichts von ihr erzählen, nicht nach ihr fragen, sie nicht rühmen, was ich doch thun müßte, wenn ich von ihr spräche. Nach einigen Wochen endlich war Otho im Stande, sich in guten Stunden hinaus zu wagen und die Klippen zu besteigen, von denen aus er die unermeßlichen Eiswälle des Meeres besser überblicken konnte, aber dieser Anblick vermehrte seine Unruhe. Als er von einem dieser Spaziergänge zurückkehrte mit der Gewißheit, daß er noch immer warten müsse, setzte er sich trübsinnig an dem Herde nieder, wo ihn Jönsson ein Weilchen betrachtete, ehe er ihn anredete. Der Feuerschein, der das Gesicht des jungen Mannes beleuchtete, zeigte deutlich, welche verschiedene Empfindungen ihn beherrschten. Der Ausdruck von Kraft und Kühnheit in seinen Zügen verdoppelte sich zuweilen und mit Aufmerksamkeit und großer Theilnahme sah der Greis die zornige und heftige Beweglichkeit in seinen Mienen, mit noch größerer Theilnahme aber den Kummer und die Traurigkeit, welche häufig damit wechselten. Er blickte liebevoll zu ihm hin und näherte sich ihm endlich, indem er tröstend zu ihm sprach. Bald, sagte er, werden Ihre Prüfungen ein Ende nehmen, mein lieber junger Freund, denn jeden Tag hoffe ich Nachricht zu erhalten, daß die Schlittenreisen über das Eis begonnen haben. Dann werden Sie mich verlassen und mit Gottes Hilfe erfüllen, was Ihnen aufgegeben wurde. Ich wollte, erwiederte Otho, daß ich mich nicht von Ihnen trennen müßte. Das müssen Sie, mein Kind, antwortete der gute Pfarrer. Was wollten Sie auch mit Ihrer Jugendlust und Ihrer Sehnsucht auf diesem ärmlichen Stückchen Erde beginnen? 468 Könnte ich nicht auch hier mein Feld bestellen, meine Netze werfen, mein Boot lenken und in meiner Hütte in Frieden schlafen? sagte Otho mit dem Ausdruck der Unzufriedenheit mit sich und seinem Loose. Das könnten Sie, wenn Sie dazu geboren wären, versetzte der Greis sanftmüthig; da dies aber nicht der Fall ist, würden Sie weit mehr noch mit dem Willen Gottes hadern, als Sie es jetzt schon thun. Ein so stolzer, von dem Ehrgeiz und dem Drange nach dem wechselvollen Glück dieser Welt beherrschter Mann, wie Sie, mein junger Freund, fügte er dann lächelnd hinzu, kann nicht in dem Frieden einer Hütte gedeihen. Er muß hinaus in das Getümmel des Lebens, muß nach dessen Schätzen ringen, mit dessen Leiden und Freuden kämpfen. Schon nach wenigen Wochen sehnen Sie sich fort von hier, und wie bald werden Sie den alten, müden Pfarrer vergessen haben. Glauben Sie, daß ich das jemals könnte? fragte Otho, seine Augen aufhebend und seine Hände ausstreckend. Nein, mein Kind, nein, antwortete Jönsson mit Innigkeit. Sie werden mich nicht vergessen, so wenig, wie ich selbst dies vermöchte. Vielleicht sogar werden Tage kommen, wo diese arme Hütte Ihre Sehnsucht erregen wird. O! das wird sie, rief Otho aus. Denn ich fühle es schon jetzt. Zuweilen ist mir so heimisch hier, als könnte ich immer bleiben, oder als hätte meine Mutter mir eine wunderbare Geschichte von ihr und dem ehrwürdigen Greis erzählt, der darin wohnt und den auch sie geliebt hat. Vielleicht, antwortete Jönsson sanftmüthig lächelnd, hat wirklich schon eine Stimme zu Ihnen von dem armen alten Gottesdiener gesprochen. In meinen Träumen vielleicht, wenn diese mir das patriarchalische Glück eines guten Menschen malten, dessen ganzes Wesen Liebe und Frieden ist, sagte Otho. Vor wenigen Monaten, fuhr der Greis fort, saß an derselben Stelle, auf demselben Stuhle, auf dem Sie jetzt sitzen, eine junge edle Dame, die, so stolz und hochgeartet sie war, dennoch ein warmes gütiges Herz besaß, das mir viele Theilnahme schenkte. Sie kam mit 469 ihren Freunden von Schweden herüber, um in Finnland Verwandte zu besuchen. Ich denke ihrer mit Liebe und Segen. Eine Dame war hier? fragte Otho. Wissen Sie ihren Namen? Ja, erwiederte Jönsson. Sie nannte sich Ebba Bungen. Wie ich glaube, ist sie Ihnen nicht unbekannt. Ebba! rief Otho von einer jähen Röthe übergossen. Sie haben Recht, ich kenne sie, fügte er ruhiger hinzu, doch niemals hat sie ihren Besuch auf dieser Insel erwähnt. Weder sie noch ihr Bruder, noch ein Anderer, der zugegen gewesen sein muß. Dann haben sie Alle ihre Versprechen treu gehalten, Niemanden von dem, was sie hier erlebten, etwas mitzutheilen, erwiederte der Pfarrer. Und was gab es denn so Geheimnißvolles? Warum gelobten sie sich Verschwiegenheit? Sie kamen hieher, erwiederte Jönsson, weil ihr Boot von seinem Wege abgekommen war, und als die junge Dame mir entgegentrat, erschrack ich vor ihrem Anblick, daß ich zitterte. Nun, lächelte Otho, zum Erschrecken sieht meine Muhme Ebba nicht aus. Es ist ein edles Gebild! So schön und lieblich, wie Gottes Huld wenige seiner Geschöpfe schmückt. Otho schwieg einige Augenblicke, während er vor sich hin in das Feuer blickte. Was konnte Sie also zum Zittern vor einem Mädchen bringen, das allen Augen gefällt? fragte er, als Jönsson nicht weiter sprach. Das ist eine lange, wunderliche Geschichte. Ich glaubte eine Erscheinung zu erblicken, die aus dem Grabe kommend mich aufsuchte. Doch der Herr schickte mir diese lieben Gäste zu, um eine große Last von mir zu nehmen. Ebba trug dazu bei? Ihr verdanke ich, daß mein Schlaf nicht mehr beängstigt wird, und meine einsamen Stunden sich nicht länger mit schrecklichen Erinnerungen füllen. Voll feuriger Liebe für das Gerechte rief sie ihre 470 Begleiter auf, nicht eher von dannen zu gehen, bis die Wahrheit erforscht sei. Sie setzen mich in Erstaunen, sagte Otho. Auch Serbinoff hat mir von diesen Vorfällen niemals etwas mitgetheilt. Der russische Graf schien mit dem Herrn Baron in inniger Freundschaft zu sein und aus einigen Äußerungen glaubte ich annehmen zu können, daß die junge Dame ein Herzensbündniß mit ihm geschlossen habe. Darin irren Sie! antwortete Otho lebhaft, indem sein Gesicht sich von Neuem röthete. Das erfreut mich, versetzte Jönsson. Gerne will ich es glauben, denn dieser russische Herr, obwohl sicher von großer Klugheit und herrlich anzuschauen, jagte mir Furcht ein, wenn ich daran dachte, er könne diesen Schatz rauben und verderben. Sie urtheilen hart über ihn. Serbinoff ist mein Freund; ein edler trefflicher Mann, den ich sehr hoch schätze. Thun Sie das? sagte der gute Pfarrer sanftmüthig. Ist er Ihr Freund und Sie haben ihn erprobt? O! dann zürnen Sie nicht auf mich, mein liebes Kind. Ich bin ein unerfahrener Greis, dessen Leben unter schlichten Menschen vergangen ist und welcher immer nur nach den Eindrücken urtheilte, die sein Herz empfing. Die Fehler und Schwächen meiner armen und unwissenden Nachbarn erregen mein Bedauern und den Wunsch, bessere Einsicht, Liebe und Erkenntniß des Guten bei ihnen zu wecken; ein solcher vornehmer Herr aber, der klüger und einsichtiger ist als ich es bin, erschreckt mich, wenn ich bemerke, daß ihm die Milde des Herzens fehlt. Es ist wohl nicht der Fall, fuhr er schüchtern fort, ich täusche mich durch meine geringe Bekanntschaft mit der Welt, in welcher die Schärfe des Verstandes am meisten gilt und gelten muß, aber wir sind doch Wesen, die von Gott ein geheimes Fühlen erhalten haben, daß wir die erkennen, die zu uns gehören. Die Stimme in unserm Herzen, fuhr er sanftmüthig lächelnd fort, ist Gottes Stimme und sie sprach zu mir, als ich Sie erblickte, mein lieber junger Freund. Als ich zuerst in Ihr blasses Angesicht sah, fühlte ich, daß ein verwandtes Wesen bei mir sei; 471 dasselbe Gefühl empfand ich bei dem Anblicke des edlen Fräuleins, sobald mein Erschrecken sich verloren hatte. Warum aber erschracken Sie? fragte Otho, und was geschah hier? Darf ich es nicht wissen? Sie sollen es wissen, antwortete Jönsson. Setzen Sie sich her zu mir, ich will Ihnen nichts verschweigen. Und er legte Otho's Rechte in seine Hände und lächelte ihm freundlich zu. Sie werden nicht lachen und spotten über die Noth, welche mich viele Jahre lang gequält hat, sagte er, auch nicht darüber lachen, daß es mir noch jetzt zuweilen vorkömmt, als habe das grauenvolle Ereigniß dennoch Statt gefunden, wie ich es gesehen, und die klugen Auslegungen der edlen Herren seien falsch. Was es auch sein mag, versetzte Otho, ich werke nicht über etwas spotten, das den ängstigen konnte, den ich von ganzem Herzen liebe und verehre. Jönsson drückte ihm dankbar die Hand, dann begann er seine Geschichte fast in derselben Weise, wie er sie in jener Nacht Ebba und ihren Freunden mittheilte, und mit wachsender Theilnahme hörte Otho zu, ohne durch eine Frage den Pfarrer zu unterbrechen. Von Zeit zu Zeit aber wuchs das Erstaunen in seinen Mienen und seine Augen hefteten sich ausdrucksvoll an die Lippen des alten Mannes. Eine dunkle Röthe bedeckte seine Stirn und endlich stützte er seinen Kopf in beide Hände und schien in Nachdenken zu versinken. Erst als Jönsson erwähnte, wie er den Handschuh im Kirchstuhl entdeckt, der ihm bestätigte, daß er nicht geträumt, fuhr Otho auf und fragte hastig, wo dieser Handschuh sei? Als ein Andenken, sagte der Pfarrer, hat ihn das Fräulein mitgenommen. Sie allein zweifelte an der Wahrheit unserer Entdeckung und auch mir drängte sich viel Widerstrebendes auf. All zu gewiß wußte ich, daß ich diese angsterfüllten Menschen wirklich sah, und unglaublich schien es mir, daß dies Alles nichts gewesen sein sollte, als ein Possenspiel. Dennoch muß es wohl so sein, fügte er leiser hinzu, denn der Inhalt der Gruft läßt keine andere Deutung zu. Wer kann das wissen? rief Otho. Wie sah der Handschuh aus? War er weiß? 472 Es war ein weißer, langer Handschuh von sehr feiner Art. Mit Silberfäden gestickt, welche Schlangenlinien und Kreuze bildeten? So war es in der That, sagte Jönsson. Am oberen Ende mit weißem Pelz besetzt? Damit war er besetzt. Und er gehörte zur linken Hand. Sie haben den Handschuh also doch schon gesehen, mein Kind? Nein! sagte Otho, diesen nicht, aber den andern, der zu dem Paare gehört, den habe ich gesehen. Mein Gott! wie kann das sein, wo ist hier der Zusammenhang! Sehen Sie mich an, Herr Jönsson. Bin ich dem Manne ähnlich, den Sie damals sahen? Erinnern Sie sich seiner nicht mehr? Sagen Sie mir die Wahrheit! Beruhigen Sie sich, antwortete der Greis, erschrocken über seines Gastes Heftigkeit. Wenn ich Sie anblicke, eben jetzt, wo Ihre Augen rollen, Ihre Stirn so düsterfaltig sich zusammenzieht, so könnte ich glauben, es wäre wahr, was mich schon öfter überkommen. Doch wie ließe sich das erklären? Wer sollte jener unglückliche Mann gewesen sein? Mein Vater! erwiederte Otho aus tiefer Brust. Ihr Vater! versetzte der Pfarrer ungläubig und verwirrt; was bringt Sie auf solche Muthmaßung? Welche Schicksale hätten Ihren Vater in diese Lage gebracht? Otho blickte ins Feuer ohne zu antworten. Jönsson nahm theilnehmend seine Hand, er war beunruhigt über die Einbildung seines Freundes, die er für gefährlich und für Folge seiner Krankheit hielt. Wir dürfen uns nicht von unserer lebhaften Theilnahme täuschen lassen, sagte er. Sie sind sehr aufgeregt, ruhen Sie aus. Ihr Puls schlägt so fieberhaft, daß ich besorgt werde. Besorgen Sie nichts, erwiederte der junge Mann, ich bin vollkommen gesund und weiß genau was ich sage. Aber ich wiederhole Ihnen, daß ich den Handschuh, der zu dem von Ihnen gefundenen paßt, gesehen habe, und ich fürchte, mein Vater und meine Mutter waren die Unglücklichen, deren Ehe Sie einsegneten. 473 Er sprach mit solcher Überzeugung, daß der Pfarrer ihm Glauben schenken mußte. Prüfend blickte er ihn an und seine Hände faltend rief er aus: Wenn Gottes Wille es so gefügt hätte, daß er Sie hieher leitete durch Nacht und Tod, um dies Geheimniß zu lösen, wer möchte dann noch an seiner Allmacht zweifeln? Aber sagen Sie mir, was Sie zu dieser Vermuthung bewegt? und was diese unterstützen und rechtfertigen kann? Ebba, erwiederte Otho, soll meiner Mutter ungewöhnlich ähnlich sehen, als diese jung war. So sagt Lars Normark und dasselbe habe ich von einem Verwandten, von Samuel Halset, gehört. Was den Handschuh aber betrifft, von dem ich spreche, so befand sich derselbe im Besitz meiner Mutter. Als ich noch ein Knabe war, blieb ich einst allein in ihrem Zimmer und zog an ihrem Schreibspind einen Kasten auf, hinter welchem ein anderer verborgen ist. Als sich dieser öffnete, weil ich zufällig die Feder entdeckt, durch welche er aufsprang, fand ich einen Handschuh darin, den ich auf meine rechte Hand streifte und neugierig betrachtete. – Er war mit Silberfäden schön gestickt, oben mit Pelz verbrämt, und noch beschäftigte ich mich damit, als meine Mutter mich überraschte. Ich fragte sie, ob der Handschuh, den ich nie gesehen, ihr gehöre und wo der andere sei? Er ist mein, antwortete sie, indem sie mich küßte, der andere ist verloren, Gott weiß wo. Lege ihn fort, ich mag ihn nicht sehen, und doch möchte ich ihn nicht missen. – Das sagte meine Mutter und nachdem sie den Handschuh einige Minuten lang betrachtet hatte, war es, als schaudre sie davor. Mit einer heftigen Bewegung warf sie ihn in den Kasten und verbot mir, diesen jemals wieder zu öffnen. Und was wissen Sie mehr? fragte Jönsson, als Otho schwieg. Mehr weiß ich nicht, aber dieser Handschuh ist noch vorhanden und kein Zweifel, daß er zu jenem gehört. Mein liebes Kind, versetzte der gute Pfarrer bedenklich, wie sollte ich darüber entscheiden können? Allein wenn es auch wirklich so wäre – es wäre seltsam, allerdings, doch noch immer nicht bewiesen, daß Ihre Mutter, Ihr Vater – daß diese beide Ihnen theure Menschen diejenigen gewesen sein müssen, welche ich in den Händen grausamer Feinde fand. Vielleicht erinnern Sie sich noch anderer Umstände, fuhr 474 er fort, als Otho eine ungeduldige Bewegung machte, welche Ihre Muthmaßungen besser unterstützen. Waren die Lebensverhältnisse Ihrer Eltern der Art, daß Sie denken könnten, es sei möglich, daß Haß und Rache, ein mächtiger, unmenschlicher Feind, sie bis hieher verfolgten? Ich weiß von den früheren Lebensverhältnissen meiner Eltern gar nichts, erwiederte Otho. Sie wissen nichts? Nein. Ich weiß nur, daß nach dem Tode meiner Mutter, bei der Ordnung der Hinterlassenschaft, sich ergab, daß die Trauung meiner Eltern nicht in Halljala stattgefunden hat. – Im Kirchenbuche war nichts darüber zu finden und weitere Forschungen bewiesen, daß meine Eltern verheirathet nach Halljala kamen. Wo die Trauung vollzogen wurde, ließ sich nicht entdecken. Es ist kein Trauschein darüber vorhanden. Kein Trauschein? antwortete der Pfarrer. Das ist nicht gut, da es Fälle geben kann, wo der Beweis rechtmäßiger Geburt nöthig wird. Ich hoffe nicht, daß man diese jemals antastet, sagte Otho stolz, aber Sie sehen, wie durch diese Thatsache meine Vermuthungen sich vermehren müssen. Wo lebte Ihr Vater, sagte der Greis nachdenkend, und in welchem Jahre war es, als er nach Finnland kam? Ich vermuthe, daß er meine Mutter in Stockholm kennen lernte und wahrscheinlich kam er von dort mit ihr nach Halljala. Es ist gewiß, daß er längere Zeit sich in Stockholm aufhielt, da er im Heere des Königs Anstellung suchte. Allein er verließ Schweden, nachdem Gustav der Dritte seine königliche Macht gewaltthätig erweiterte und seit dieser Zeit, seit dem Jahre 1773, wohnte er am Pajänesee. Was Sie sagen, beängstigt mich! In jener Zeit war es, wo geschah, was ich Ihnen erzählte, und dennoch – wer könnte es gewagt haben, Ihren Vater und seine edle Braut so grausam zu verfolgen? Ach! mein liebes Kind, ich weiß nicht, was ich glauben, was ich Ihnen rathen soll. 475 Auf jeden Fall will ich versuchen, in Stockholm etwas über meines Vaters Schicksale zu entdecken. In Stockholm, ja gewiß in Stockholm! rief der alte Mann erfreut über diesen Ausweg. Sie werden dort Menschen finden, die ihn gekannt haben und von ihm zu erzählen wissen. Ich kenne Niemand, sagte Otho, weiß nicht an wen ich mich wenden soll. Warten Sie, warten Sie, erwiederte Jönsson, mir fällt etwas ein, was Ihnen nützlich sein kann. Freilich bin auch ich gänzlich unbekannt in der großen Stadt, doch zur Zeit, als der Kirchentag in Abo gehalten wurde, lernte ich einen jungen Offizier dort kennen, der vielen guten Sinn hatte sich zu belehren, und dem ich Alles mittheilte, was ich selbst über finnische Geschichte und Poesie wußte. Wir wohnten in demselben Hause und haben manchen Abend beisammen gesessen. Seit jener Zeit sah ich ihn nicht wieder, allein vor einiger Zeit las ich in der Reichszeitung vom Jahre 1805, die der gute Mann, der Krämer aus Sartingo, mir zuschickte, daß mein junger Freund, o! damals war er jung – in Stockholm wohnt, wo er eine Zeitung schreibt, denn er hat das Soldatenkleid abgelegt. Wie ist sein Name? fragte Otho. Er heißt Jöran Adlersparre, antwortete Jönsson. Es stand in dem Blatte, daß die Regierung die Zeitung nicht länger dulden wolle und der Hofkanzler Zibet sie verboten habe, denn der Rittmeister Adlersparre sei seit dem Reichstage von Norköping immer ein Feind der Regierung gewesen. Ich will ihn aufsuchen, sagte Otho. Vielleicht hilft er mir mein Wild jagen. Wollen Sie mir einen Brief an ihn mitgeben? Gerne will ich es thun, herzlich gerne, mein liebes Kind. Jöran Adlersparre hatte ein warmes, edles Herz; er wird Ihnen beistehen, so viel er immer vermag. Und wenn es möglich ist, will ich die Wahrheit herausbringen. Ich will wissen, ob mein Vater der Verfolgte war und wer ihn mißhandelte. Freudig und bereit sollen wir zu allem Rechten und Guten sein in jeder Stunde, erwiederte der Greis sanftmüthig, doch die Liebe nicht vergessen. 476 Die Liebe nicht vergessen! rief Otho. Was habe ich mit der Liebe zu schaffen, ich muß für andere Dinge leben. Aber, was ist das? fuhr er fort, indem er aufstand und an ein Fenster eilte. So wahr ich lebe! Die Schlittenzüge haben begonnen. Das Geschrei mehrerer Menschen, schallte vom Meere herauf und unter den Klippen bewegte sich ein Schlittenzug, bepackt mit Heu, Holz und allerlei Waaren, geführt von rüstigen finnischen Fischern und Bauern, welche beschäftigt waren, ein Feuer auf dem Eise anzuzünden und dabei zu rasten. Ich will mit ihnen sprechen, ich will sie begleiten, sagte Otho voller Freude, indem er hinaus eilte, und der alte Pfarrer faltete seine Hände und flüsterte traurig: Es muß so sein, denn wer kann die Wolke halten, die über den Himmel zieht, wer den Jüngling, den sein feuriges Herz in das stürmische Lebensmeer treibt?! Wende dich nicht von ihm, o Herr! – Schütze ihn und mache ihn glücklich! fügte er mild lächelnd hinzu, wenn auch mein Auge ihn nimmer wieder sieht. Zweites Kapitel. Und es weiß kein Mensch, was aus ihm geworden ist, sagte die Haushälterin im Schloß Halljala, Frau Ulla, zu dem Propst Ridderstern, der vor ihr stand in seinen weiten, kostbaren Pelz gehüllt. Es geht Alles verkehrt jetzt in der Welt zu, hochwürdiger Herr, denn hat man je gehört, daß es im März so kalt war, wie in diesem Jahre? Die Bäume erfrieren bis in die Wurzeln, die Vögel fallen todt aus der Luft. Birnen und Äpfel wird man im nächsten Herbst gewiß zählen können, und wie es mit der Ernte werden soll, weiß Gott allein, Lars Normark sagt, es wird werden wie 1789, wo kein Halm fortkam und die Gewässer brachen sich neue Wege, schwemmten das Land fort, 477 daß es ein Jammer war, und dabei tobte der Krieg und das Wasser war blutig roth, die Noth nahm viele Leute fort. Der Propst hörte geduldig zu bis sie schwieg, nur als sie den Schulmeister erwähnte, zog er die Stirne zusammen. Der Herr straft die Sünder, sagte er dann, und seine Hand streckt sich auch jetzt wieder über uns aus; denn es ist allerdings ein harter Winter, Frau Ulla, und der Krieg wird über uns kommen mit feurigen Ruthen. Ach! mein Jesus! rief die Haushälterin, sollte es denn wirklich wahr sein, daß die Russen schon ins Land gefallen sind und alle Kinder schlachten und braten. Der Propst schüttelte mit würdigem Ernste den Kopf. Wir wissen noch nicht mit Gewißheit, erwiederte er, ob es sich bestätigt, daß ein russisches Heer in Finnland eingerückt ist und ob unsere Leute sich vor ihm zurückgezogen haben. Gottes Wille wird geschehen, Frau! Doch dürfen wir uns trösten, daß die Russen keine so wilde und grausame Feinde jetzt sind, wie vor hundert Jahren. Es sind tapfere Männer, aber von mildem Sinn, und ihre Anführer lassen nicht zu, daß denen Leid geschieht, die sich ihnen nicht widersetzen. Also ist es nicht wahr, daß sie brennen, rauben und morden, fiel die Haushälterin getröstet ein, und was Lars Normark erzählt, daß jeder ehrbaren Frau die Haut davor schaudert, ist auch nicht wahr? Der alte Herumtreiber ist eine Schande für unser Kirchspiel, antwortete Herr Ridderstern. Er hat die Bauern mit Hilfe einiger andern Burschen seines Schlages aufgewiegelt, daß sie, wie ich höre, sich bewaffnet haben. Ja, hochwürdiger Herr, sagte Ulla, das haben sie gethan. Lars ist einmal selbst Soldat gewesen und versteht noch etwas vom Hauen und Schießen, und dann ist Jem Olikainen da, der hält's ganz mit ihm. Seit Herr Otho Waimon nicht mehr zu Haus ist, hat Jem nichts mehr zu thun. Weiß denn der Freiherr nicht, was aus seinem Vetter geworden? fragte der Propst. Nicht ein Wort weiß er. Ich hab's in letzter Woche erst mit angehört, wie er mit dem Major darüber sprach. Es war ein Brief von dem Herrn Offizier Lindström aus Sweaborg gekommen. 4780 Was schrieb der denn? lächelte der Propst, seine Hand auf ihre Hand legend. Das will ich Ihnen genau sagen, versetzte Ulla, geschmeichelt von dieser Herablassung; sehen Sie, hochwürdiger Herr, ich weiß es nicht, aber der Major stampfte mit seinem Stock auf und schrie und fluchte, wie er immer thut, wenn er sich ärgert. Es ist also keine Spur von ihm aufzufinden, schrie er. Das Weib sitzt mit dem armen, lieben Nixchen in Wiborg mitten unter den verdammten Russen, und jetzt ist der Lindström auch fort nach Abo! Ich will nichts mehr hören, nichts mehr sehen, will mich begraben lassen, damit es ein Ende hat mit aller Noth. Der arme Major! seufzte der Propst. Sein Sohn macht ihm auch wenige Freude. Und es war ein guter Knabe, sagte Ulla, den Jeder gerne anblickte; wie er aber damals dem fremden vornehmen Grafen ins Gesicht geschlagen hatte, mußten die Capeetas ihm ins Gehirn gekrochen sein. Ich beklage den unglücklichen Vater, fuhr Ridderstern seufzend fort, aber sagt mir doch, liebe Frau Ulla, ob der Freiherr und – ja wie soll ich sagen, lächelte er – seine Braut, Fräulein Ebba Bungen, seine Cousine, zuweilen noch von dem Grafen Serbinoff sprechen, der ihnen sehr nützlich sein könnte, wenn die Russen kommen sollten. Denn ich habe erfahren, daß er bei dem russischen Obergeneral als Adjutant ist und sein Kaiser ihn zum Obersten ernannt hat. Sie sprechen nicht von ihm, ich habe es wenigstens nicht gehört, sagte Ulla, nur der Major schrie neulich, er möchte den schlechten Kerl noch einmal vor sich haben, um ihm auf gut schwedisch zu sagen, was er von ihm dächte. Das könnte sich wohl ereignen, lächelte Herr Ridderstern. Der Major haßt Alles was russisch ist, fuhr die Haushälterin fort, spuckt aus wenn Einer das Wort nennt, und hat sogar seine Juchtenstiefeln fortgeworfen, weil sie russisch riechen. Aber mit Lars Normark und Jem Olikainen und einem paar alten Soldaten aus der Umgegend hält er gute Freundschaft und hilft sogar die Bauern exerciren, die sich lange Piken anschaffen mußten, wenn sie keine Gewehre hatten. 479 Ich habe von dem Unwesen gehört, murmelte der Propst kopfschüttelnd, und Einiges davon sogar mit ansehen müssen. Die Regierung ist klüger als diese thörichten Männer. Sie hatte noch vor Kurzem streng geboten, daß jeder sich ruhig verhalten sollte, allein es ist so weit gekommen, daß ihre Befehle alle Kraft verloren haben. Ein Wunder nur, daß der Freiherr selbst sich nicht an die Spitze dieser Volksbewaffnung stellt. Na, lachte Frau Ulla, was das anbelangt, so hat's gute Wege damit. Herr Erich ist die Sanftmuth selbst und nimmt ohne Noth gewiß kein Gewehr in die Hand. In seiner Stube hängt freilich eine ganze Reihe von Büchsen und Flinten, große und kleine, aber von Vaters und Großvaters Zeiten her, und wenn Herr Otho nicht gewesen wäre, der fürs Putzen und Einschmieren sorgte, wären sie längst verrostet und verkommen. Seine Gewehre hat Herr Erich den Bauern nicht gegeben, aber aus Louisa und Lomnäs haben sie genommen was da war. Nimmermehr hätt's Erich Randal zugelassen, wenn's das Fräulein nicht durchaus so gewollt hätte. Ich glaube es gern, sagte der Propst vor sich hin. Die Dame ist von unbesonnenem und heftigem Gemüth. Besser und verständiger ist das edle Fräulein als viele Andere! rief Ulla eifrig. Länger als zwei Monate wohnt sie nun hier mit dem herzliebsten Bräutigam und gesegnet soll der Tag sein, wo der hochwürdigste Herr Propst ihre Hände zusammen legt. Es fehlt weiter nichts mehr, fuhr sie gesprächig fort, als der geistliche Herr ohne zu antworten seinen Augen einen Ausdruck des Unwillens gab, wahrhaftig! es fehlt nichts mehr, denn eine Hausfrau kann es nicht besser machen, wie sie. Für den Herrn Erich sorgt sie, als wäre es schon ihr Eheherr, und nach Küche und Vorrathskammer kann Keine eifriger sehen, als sie es thut. Ich freue mich, Frau Ulla, unterbrach sie der Propst, daß deine junge Herrschaft so vieles Lob bei dir findet. Jeder, der sehen kann, muß sie loben! rief Ulla. Da sitzen sie beisammen in der großen Halle und im Büchersaale einen Tag wie den andern, und es ist in Beiden ein Herz und eine Seele. Herr Erich 480 liest mit ihr in schönen Büchern, oder er liest ihr vor und sie arbeitet dabei an feinen Arbeiten, wie vornehme Damen es verstehen. Und immer sind sie allein? fragte der Propst. Gott behüt's! antwortete die Frau, der Major kommt oft genug, und wenn's Wetter darnach ist, fahren sie im Schlitten zu ihm oder nach Louisa hinüber, um dort nach Haus und Wirthschaft zu schauen. Und dann arbeitet Herr Erich wohl auch im eigenen Hause umher, sieht nach Allem was sein ist, und das Fräulein begleitet ihn; wenn's aber so hell draußen ist wie heute, gehen sie über den harten Schnee nach der Insel hinüber, und Lars Normark geht mit, sammt seinem Hahn. Wie die Engel im Himmel leben sie Beide, hochwürdiger Herr, und das liebe Fräulein singt auch wie ein Engel so schön. Wir stehen oft Alle vor der Halle und hören zu wenn sie es thut. – Aber, sagte sie abbrechend und sich an den Geistlichen wendend, warum sind Sie denn so lange nicht zu uns herübergekommen? Es ist eine wahre Gottesfreude, mit anzusehen, wie das Glück in dem alten Schlosse wieder eingezogen ist. Der Propst gab keine Antwort darauf. – Briefe sind in der letzten Zeit nicht angelangt? fragte er. Wo sollen denn Briefe herkommen? rief Ulla. Die Post aus Tavastehuus ist ja schon seit länger als einer Woche ausgeblieben. Das Soldatenwesen bringt Alles in Unordnung. Und wo ist der Freiherr? Frau Ulla. Wo er ist? Da kommt er eben, und Gottes Segen über den lieben Engel an seiner Seite! Gottes Segen auch über ihn, denn einen besseren Herrn gibt's nicht im ganzen Lande. Wie sie blüht, wie eine junge Rose mitten im Winterschnee, und wie die leichten Füße schreiten können. Gott behüt's! sagt Lars Normark, es ist echt schwedisch Blut darin. Das Fenster in dem Stübchen der Haushälterin schaute nach dem Garten, und vom See herauf sah der Propst den Freiherrn kommen. An seinem Arm führte er das Fräulein, und Beide blieben auf der Höhe des Gartens stehen und schauten über die winterliche Landschaft hinaus und in den strahlenden Himmel, der darüber hing. Die Kälte hatte Ebba's Gesicht geröthet, aber dem Propst kam es vor, als sei 481 dies Gesicht nicht mehr so jugendlich lebhaft und frisch wie früher. Auch Erich Randal schien ihm graufarbiger und magerer geworden zu sein, und wie sie Beide standen, Ebba ihre Hand auf Erich's Schulter legte und mit der andern in die Ferne deutete und den Kopf schüttelte, lächelte Herr Ridderstern, eine innere Freude machte ihn warm. Sie scheinen doch nicht allzuglücklich zu sein, murmelte er, und ich denke, es wird bald noch mehr Kopfschütteln geben. Meine Mittheilungen werden ihnen die Gesichter noch etwas länger und ernsthafter machen. In diesem Selbstgespräch wurde er durch einen gewaltigen Lärm unterbrochen, der aus der Küche kam und ihm äußerst unangenehm war. Er konnte nicht daran zweifeln, daß die gellenden Töne der Querpfeife, welche er hörte, von Lars Normark herrührten, dem elenden alten Vagabond, der jetzt hier zu Haus war; zu diesem Gepfeife sangen aber auch ein paar mißtönende Stimmen das abscheuliche Volkslied: Der Russ' ist da, nehmt euch in Acht, ihr Finnen greift zur Wehr! und plumpe Füße stampften dazu und zu den letzten Worten: Haltet Wacht! gebt Acht! haltet Wacht! als sollte das Haus einstürzen, worauf ein mächtiges Geschrei folgte, ein Hahn dazwischen krähte und das Singen, Stampfen und Pfeifen von Neuem begann. Das geht ja wirklich sehr lustig hier zu, sagte Herr Ridderstern böse lächelnd. Man sollte beinahe meinen, mitten unter Heiden zu sein. Ich will mit dem Freiherrn sprechen, Frau Ulla, aber ich fürchte vorher taub zu werden. Mit diesen Worten öffnete er die Thür, welche nach der Küche führte, und blickte stolz und strafend hinein, bereit dem Unfug ein Ende zu machen; allein er war doch so überrascht von dem, was er sah, daß er ohne seine Stimme zu erheben nicht weiter ging, obwohl er sich ärgerte, daß die lustigen Vögel sich von seinem Anblick nicht einschüchtern ließen. Der Erste, auf den seine Augen fielen, war der Hahn, der nach der Melodie des Marsches, den sein Herr blies, die Beine tactmäßig ausstreckte und wie ein Soldat mit langem Hals und festem Tritt voranmarschirte. Hinter ihm her kam Lars mit der Pfeife und neben an stolzirte Jem Olikainen, der ein Gewehr, steif angezogen an der Schulter, hielt und aus vollem Halse dazu sang. 482 Dies that er jedoch nicht allein, sondern ihn begleitete eine dritte Person, die Herr Ridderstern voll mißtrauischer Verwunderung betrachtete. Denn es war dies ein Fremder von höchst seltsamer Gestalt. Gewaltig breitschulterig und dabei kurzbeinig, dabei so rasch auf diesen stämmigen Beinen, daß er damit das meiste und fürchterlichste Gestampfe hervorbrachte und sich rechts und links wie ein Kreisel wandte. Sein Kopf war so dick, rund und roth wie ein Kürbiskopf, oder wie ein riesenhafter Nußknacker. Von oben bis unten hüllte ihn ein langer, grauer Mantel ein, und unter diesem trug er einen Schaafpelz. Von seiner Stirn war wenig zu sehen, weil eine dicke Wollmütze diese fast bis an die Augen bedeckte, über seine Schultern aber liefen zwei breite Riemen, und an diesen hingen eine Patrontasche und ein kurzer Säbel, neben welchem ein ungemein langes Bajonnet steckte. Dies sonderbare Wesen mußte ein Soldat sein und in seiner Vermuthung wurde der Propst durch den Anblick eines Zweiten bestärkt, der in ähnlicher Weise bekleidet und bewaffnet, sich auf die Bank an den Herd gesetzt hatte, wo er zwei außerordentlich lange Beine gegen das Feuer ausstreckte, sein dürres schmales grinsendes Gesicht dagegen dem Hahn und dem Aufzuge zuwandte, der ihm außerordentliches Vergnügen zu machen schien. Während dessen war der Hahn in seinem gravitätischem Marsche ganz in die Nähe des Geistlichen gelangt, der zornig seinen Fuß aufhob und ihn von sich stieß. Was sind das für Possen! rief er vortretend, indem er sich zu dem Schulmeister wandte. Was sind das für fremde Leute? Höre auf mit deinem Pfeifen und Schreien, und bring' das unvernünftige Thier fort; ich befehle es dir! Der Hahn schien nicht übel Lust zu haben, sich wegen des empfangenen Stoßes zu rächen. Er stand so stolz herausfordernd vor dem Propst wie ein beleidigter Junker, hob trotzig sein Haupt zu ihm auf, schüttelte den rothen Kamm gegen ihn und schrie ihm drohende Worte zu, die, wenn ein Übersetzer ins Menschliche sich gefunden hatte, gewiß arg genug gelautet haben würden. Lars ließ seine Querpfeife zwar auf die Anrede des Geistlichen sinken, aber doch nicht eher, als die Strophe beendet war, und dann antwortete er dem Hochwürdigen nicht, sondern er sprach zu seinem Hahne: Komm her, Hans! rief er seinen Arm 483 ausstreckend, auf den das kluge Thier hüpfte, es ist die schönste Tugend in der Welt die Großmuth, und es ist die erste christliche Tugend sanftmüthig und geduldig zu sein. Millionen Schock Tonnen! schrie der dicke Soldat, Feldwebel, hast du je ein solches Ding gesehen. Ein Russe will ich werden, wenn's ein richtiger Hahn ist. Alle Tage könnt' er ins Regiment eintreten, so gut macht er seinen Marsch. Hast Recht, Korporal Spuf! antwortete der Feldwebel, wir wollen ihn mitnehmen und dem Kapitän vorstellen. Und 's Tractement nehme ich in Empfang, lachte Lars. Haben die Kugeln schon pfeifen hören, was sagst du, Hans? Bei Willmannsstrand, wo Männer rechts und links fielen, daß der Fluß sich verstopfte und nicht weiter fließen wollte. Was meinst du, Hans, sollen wir's noch einmal wagen? Der Hahn nickte und kollerte, daß es wie ein helles Ja klang. Gut, Hans, gut! fuhr der Schulmeister fort. Wird's aber auch wieder so her gehen, wie damals. Zogen damals viele Bauern aus mit Sensen und Piken und die Priester voran, es wollte Keiner ein Russe werden, hochwürdiger Herr. Macht's auch so, wenn Ihr es könnt. Es ist echt schwedisch Blut in mir und in dem Hans, Propst von Halljala. Ich mag das nicht untersuchen, sagte Ridderstern, überhaupt will ich dir keine Rede stehen, aber, fügte er mit einem Blick auf den Haufen der jungen Männer hinzu, der sich in der Küche gesammelt hatte, wahrscheinlich von Neugierde bewogen, um die Soldaten zu schauen, bei deinem weißen Haar und deinem hohen Alter sollst du mehr Verstand besitzen, und über deine Mitmenschen kein Unglück zu bringen suchen. Gott möge die Waffen unseres Heeres segnen, damit dies den Feind von uns abhalte, wenn es aber geschehen sollte, daß dieser in unser Thal dränge, wäre es Thorheit und Sünde sich ihm zu widersetzen. Thorheit, weil wir ihn nicht besiegen würden, Sünde aber, weil wir seine Rache auf uns lenken und ihm Weib und Kind, und Alles was wir haben, preis geben. Millionen Schock! rief Korporal Spuf, indem er den Propst wild anblickte. Was sagst du dazu, Feldwebel? 484 Ich sage, daß der Hahn mehr Muth hat als der Propst, antwortete dieser. Und wenn der Propst es auch nicht thut, wird der Hans voran marschiren, und die Männer von Halljala werden ihm lieber folgen, als es der hochwürdige Herr jemals von sich selbst sagen kann, lachte Lars. Wenn er mit uns gehen wollte, ging ich lieber mit den Russen, fiel Jem halblaut ein. Doch Furcht soll er uns nicht einjagen. Es wackeln so schon Manchem die Kinnladen, wenn er an Weib und Kind denkt. Der Propst that, als höre er diese schnöden Antworten nicht, er wandte sich an den Feldwebel und befragte ihn über seine unerwartete Ankunft. Feldwebel Roth erklärte dem Geistlichen, daß er mit Korporal Spuf abgeschickt worden sei, um aus Wasa die Verstärkungsmannschaften für das Bataillon abzuholen, welche sich dort gesammelt hatten, und daß diese Mannschaften in einer Stunde spätestens aus Luovesi eintreffen würden und in Halljala untergebracht werden müßten. Und wohin wollen Sie von hier aus weiter gehen? fragte Herr Ridderstern. Das Regiment stand in Heinola, sagte der Feldwebel, und dahin bin ich beordert. Ich will jedoch hier ausruhen auf einige Tage bis ich nähere Nachrichten eingezogen, und dann den Pajäne hinab gehen, wenn ich weiß, wohin ich mich wenden soll. Wie viele Mannschaften haben Sie bei sich? fragte der Propst. Der Feldwebel sagte, daß es sechszig Mann wären. Und es ist Keiner dabei, der ausreißen thäte und hinter den Ofen kröche, wenn er hörte die Russen seien da, brummte Spuf, indem er den Pfarrer grimmig ansah. Sechszig vom Björneborg Regiment! rief Lars, und dazu einhundert flinke Bursche von Halljala, die nehmen's auf mit dreimal so vielen Russen. Waren bei Willmannsstrand nur viertausend Finnen; an die zwanzigtausend Grünröcke gegen uns, und konnten uns doch nicht zwingen. 485 Bis die Retirade los ging, fiel Jem ein, dabei machte Lars den Anfang. Bist im Irrthum, antwortete der Schulmeister. Den Anfang machten die Anführer, wie's gewöhnlich geschieht, und da du Hauptmann von der Freicompagnie in Halljala bist, hast du die Pflicht, zuerst davonzulaufen; das wird auch so kommen, mein Kind. Gerade so, wie du vor dem Bären deinen Sprung machtest. Schweig' doch endlich still davon, sagte Jem ärgerlich. Ach! ich wollte weder Hauptmann noch Korporal sein, wenn ein Anderer hier wäre, der's besser machen würde, wie irgend ein Mensch in Halljala und in ganz Finnland. Aber Gott weiß es, ob je ein Auge ihn wieder sieht, denn was sie heimlich sich erzählen und es unter die Leute bringen, ist doch nichts als Lüge und Bosheit, um ihn zu schänden. Er blickte dabei nach dem Propst hin, ballte die Faust und schrie zornig: So wenig Sterne vom Himmel fallen, so wenig wird Otho Waimon jemals ein Russe werden. Die das sagen sind Schelme und Verräther, und wer's behaupten will, dem will ich, Jem Olikainen, beweisen, daß er ein Lügner und Verleumder ist. Hörst du wohl, Hans, hörst du wohl? fiel der Schulmeister ein. Die Sanftmuth ist eine herrliche christliche Tugend, aber was denkst du von einer Lüge, Hans? Meinst du, daß ein Lügner ein frommer Christ sein kann? Daß ein Verleumder seinen Mitmenschen Gutes thut und dafür in den Himmel kommt? Der Hahn saß auf dem Tisch, schlürfte aus dem Branntweinglase des Korporals und schlug, als sein Herr ihn befragte, ein Hohngelächter auf, in welches Korporal Spuf aus vollem Halse einstimmte. Feldwebel! schrie er, dies Vieh muß in Björneborg's Regiment. Siebenundsiebenzig Schock Tonnen, er muß seine volle Ration haben. Und Jeder soll haben was er verdient! rief Jem. Jedem Mann seinen Lohn und jedem Hund seinen Strick; wie es im Sprichwort heißt. Wer aber sagt, mein lieber junger Herr habe sein Vaterland verrathen, ist selbst ein Verräther, und wer da sagt, seine Schwester, die Gott segne! das Herzenskind, die Keiner sehen konnte, ohne daß ihm das Herz im Leibe lachte – o, in aller Hexen und Trollen 486 Namen! ich wollte, ich könnte Jeden krumm und lahm schlagen, der da sagt, mit einem Russen sei sie davon gelaufen. Der Propst befand sich in großer Verlegenheit. Er sah, daß er der Gegenstand dieser unverhüllten groben Angriffe war, auf welche er sich nicht vertheidigen mochte, es aber auch nicht konnte, denn, daß aus seinem Hause sich die gehässigen Nachrichten über Otho und seine Schwester verbreitet hatten, war nicht abzuleugnen. Es war ihm daher sehr erwünscht, als der Feldwebel seine Stimme erhob und Jem fragte, ob sein junger Herr etwa Herr Otho Waimon gewesen? Das war er und das ist er noch, antwortete Jem. Es wäre möglich, Korporal Spuf, daß er Recht hätte, sagte der Feldwebel. Spuf schüttelte seinen dicken Kopf. Es ist der allergrößte Verlust, den's Regiment Björneborg je erlitten hat, brummte er. Aber Schock Tonnen! es ist nicht anders. Weißt du etwas von Otho Waimon zu erzählen, Feldwebel, sagte Lars Normark, so laß uns nicht warten. Sage uns vor allen Dingen, ob er wirklich nach Rußland gegangen ist, fiel Jem ein. In ein anderes Land ist er freilich gegangen, antwortete der dürre Soldat, doch Russen gibt's da nicht. Habe ich nun Recht! schrie Jem mit blitzenden Augen. Ist es nicht Schande und Lüge, ist es nicht erfunden, um Otho Waimon zu verleumden? Was wissen Sie von diesem jungen Manne, der seit mehren Monaten sich entfernt hat, sagte der Propst, ohne seinen besorgten Freunden eine Nachricht zugehen zu lassen? Siehst du wohl, Hans, wie ein besorgter Freund aussieht? rief der Schulmeister. Otho Waimon ist ein echter Finne, Feldwebel, und der kommt, wie das Sprichwort sagt, glücklich bis Konstantinopel und findet sich doch wieder nach Haus. Daran halte fest, alter Vater, versetzte Roth. Was ich darüber weiß, will ich dem Freiherrn Randal mittheilen. Meine Soldaten müssen untergebracht werden, dazu soll er mir helfen; dafür will ich ihm 487 eine Nachricht bringen, von der ich wünschte, sie wäre besser als sie ist. Und was ist es, was Sie mir zu sagen haben? fragte Erich Randal, der mit Ebba hereingetreten war. Der Kreis der Bauern und Diener öffnete sich vor ihm; Alle schwiegen, als er vor den beiden Soldaten stand. Der Feldwebel verbeugte sich und sah nach dem Korporal hin, der mit grämlicher Miene die hübsche Dame anstarrte, und seine mächtigen Schultern in die Höhe ziehend brummte: Ich wollte, ich hätte niemals Per Stahl dazu beredet. Aber geändert kann's nicht werden, also mach's kurz, Feldwebel, und thue dein Maul auf, hast es ja sonst immer bereit genug. Der Feldwebel holte eine große Brieftasche aus seinem Mantel und zog ein Papier daraus hervor. Dies bringe ich Ihnen, sagte er, von einem Herrn, der es mir übergeben hat. Und es trifft sich eben jetzt, daß ich nach Halljala komme, sonst wäre es so leicht wohl nicht in Ihre Hände gelangt. Von Otho! rief Erich, als er einen Blick auf die Handschrift warf. »Ich hoffe,« las er laut, »daß ich eher wieder bei Dir bin, ehe Du diese Zeilen empfängst, wenn es aber nicht sein sollte, so werden sie Dir wenigstens sagen, wo ich geblieben bin. Ich schreibe dies in Ecknäs, auf dem Wege nach Stockholm; ein erfahrener Schiffer wird mich über das Meer bringen. Ich hoffe wohlbehalten zu landen, dann sollst Du bald mehr hören. Trifft mich ein Unglück, so sorge für Louisa. Deiner brüderlichen Sorge und Liebe übergebe ich sie, bis zum Wiedersehen, mein Freund, mein Bruder. Dein getreuer Otho.« Lautlos hörten Alle zu, bis der Freiherr geendet hatte. Was haben Sie diesen Zeilen hinzuzufügen? fragte er den Feldwebel. Ja so! sagte dieser, ich soll noch etwas hinzufügen. Nun, um es kurz zu machen, Freiherr Randal, ich bin vor zwei Wochen mit dem Korporal hier wieder in Ecknäs gewesen, und Peder Stahl war noch immer nicht zurück. Der ganze bottnische Wiek ist jetzt zugefroren und es gehen Schlittenzüge herüber und hinüber, keiner aber hat den armen Per mitgebracht. So meinen Sie, daß ein Unglück geschehen sein kann? fragte Erich mit leiser banger Stimme. 488 Ja so! antwortete der Feldwebel, ein Unglück. Ich habe es nicht gesagt, aber die Leute in Ecknäs erzählen, daß am Abend, wo der junge Herr mit Peder Stahl sich auf den Weg machte, ein fürchterliches Unwetter in der See getobt habe. Es war gerade am Christabend, wo das große Nordlicht aufzog, das in ganz Finnland gesehen wurde und so viele Menschen erschreckte. Es gab einen Sturm hinterher, daß die Leute meinen, kein Boot hätte ausdauern können. Es kann einen Zufluchtsort gefunden haben. Ja so! einen Zufluchtsort, fuhr der Feldwebel fort, das wäre allerdings möglich; allein das Wetter wechselte mit fürchterlicher Schnelle und wenn das Boot irgend einen Schutz gefunden hätte, meinen die Leute in Ecknäs, so würde längst eine Nachricht gekommen sein. So glauben Sie, daß Beide todt sind?! Ich? Ja so! sagte der dürre Feldwebel, ich mag's nicht glauben. So oft ich's auch gehört habe, es will mir nicht in den Kopf und dem Korporal Spuf geht es eben so. Wir haben den jungen Herrn lieb gewonnen und fürs Regiment Björneborg, setzte er mit einem blinzelnden Blick auf den Korporal hinzu, den er auch jetzt nicht unterdrücken konnte, ist es ein harter Verlust. Ein harter Verlust! rief Erich Randal mit ausbrechendem Schmerz. O! das ist es für uns Alle, Alle, die ihn kannten, Alle, die ihn liebten, werden lange daran zu tragen haben. Der tiefe kummervolle Ton seiner Worte rührte selbst den Korporal Spuf. Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht und brummte ärgerlich: Es war eine Fügung, daß er sich nicht warnen und halten ließ. Damit muß sich jeder Mensch trösten. Fort müssen wir Alle, der Eine heut, der Andere morgen. Es kann Keiner sagen, er bleibt übrig. Mit diesem rauhen Troste blickte er die junge Dame an, die vor ihm stand und ihre großen offenen Augen auf ihn heftete. Sie schien am meisten gefaßt bei dieser Schreckensnachricht, und als der Korporal geendet hatte, war es als schwebte ein Lächeln um ihre Lippen. Erich reichte ihr seine Hand und führte sie fort, der Propst folgte ihnen nach, die Zurückbleibenden aber, überließen sich ihrer mitleidigen Theilnahme, denn Otho hatte viele Freunde und sein unglückliches Ende rührte 489 alle Herzen. Frau Ulla vergoß helle Thränen und ihre Mägde kamen ihr dabei zu Hilfe. Alle hatten zu loben und erinnerten sich jammernd wechselseitig, wie der junge Herr von Louisa immer rasch bei der Hand gewesen, Jedem zu helfen, der Hilfe nöthig hatte, wie muthig und wie klug, wie schön und wie stark er war. Es wird so bald nicht wieder so Einer geboren werden, rief Frau Ulla, die Augen an ihrer Schürze trocknend. Herr Erich wurde so weiß, wie das Papier in seiner Hand, er konnte es vor Zittern kaum halten; denn wie einen Bruder hat er den armen Herrn Otho geliebt. Anderen geht es wohl nicht so nahe, fuhr sie fort, die behalten ihre trockenen Augen und rothe Backen; aber das Fräulein hat ihn ja auch wenig gekannt, sie weiß nicht, wie die Kinder aus Louisa und die hier im Schlosse zusammen aufgewachsen sind, als wären es Äste aus einem Stamm. Ach! der schönste unter allen, der die Krone am Baume war, er liegt verdorrt! seufzte Jem Olikainen und von der poetischen Begeisterung seines Volkes ergriffen, hob er Hände und Augen auf und stimmte eine jener Todtenklagen an, die in Finnland an den Bahren der Geschiedenen gedichtet und gesungen werden. War er nicht schneller wie der junge Hirsch? War er nicht milder wie der Thau der Sommernacht? War er nicht muthiger wie der König der Wälder? begann Jem in weichem bangen Tone. Wer ihn sah, vertraute ihm, wer Sorgen hatte, ging zu ihm, wer in Gefahr war, der fand Hilfe bei ihm. Sein Auge war wie die Sonne, sein Mund war des Trostes voll, seine Stirn voll Weisheit, sein Arm immer bereit, sein Herz das Herz eines Freundes. Wer hat ihn weinen sehen in kummervoller Zeit? Wer hörte ihn klagen in einer Noth? Wer sah ihn fliehen vor einem Feind? Wer weiß von ihm was einem Manne nicht ziemt? O! daß er von uns gegangen ist, ohne wiederzukehren. O! mein Herr, du meine Seele, warum durfte ich nicht bei dir sein; warum hast du den armen Jem verlassen, der niemals dich verlassen wollte! Diese traurigen Worte wurden von dem Schluchzen der Weiber und dem leisen Gemurmel der Männer begleitet, nur der Schulmeister saß auf der Bank vor dem Feuer und er schüttelte den grauen Kopf, 490 indem er mit seinem Hahn sprach. O du Narr, sagte er, tanze niemals wieder und schäme dich, schäme dich, Hans, es ist aus mit uns Beiden. Nach Kipomäki wollen wir wandern zu dem Hügel der Qualen; in die Gruben wollen wir steigen, wo die Plagen und die Schmerzen wohnen. Du streckst deinen Hals aus und siehst mich trotzig an. Siehst du hinunter nach Tuonala und kannst ihn nicht finden? Der Hahn sträubte seine Federn auf und that einen freudigen Schrei und der Schulmeister zog ihn an sich und murmelte liebkosend: Ich will's glauben, Hans. Wir wollen warten und hoffen; doch wenn er nicht wiederkehrt, dann, du armer Narr, wird's doch nicht lange dauern, und wir sind bei ihm. Wir suchen und finden ihn doch, Hans. Erich hatte inzwischen Ebba in die Halle zurückgeführt und hier erst, als er allein war, ergriff ihn die Gewalt der Schmerzen, gegen welche er vergebens rang. Er lehnte sich an den Kamin und seine Hände über sein Gesicht deckend, überließ er sich dem Kummer, der ihn überwältigte. Was ist es denn mehr, sagte Ebba, endlich das Schweigen unterbrechend, als der Ruf in das unbekannte Land, der eine Stunde früher kam als es Zeit schien. Es ist noch Keiner übrig geblieben, Erich, darin liegt ein großer Trost. Alle unsere Philosophie, antwortete der Philosoph seufzend, kann den menschlichen Schmerz in uns doch nicht betäuben. Unser menschliches Leid trifft unser Herz. O! Ebba, Otho war auch dein Freund. Gemeinsam werden wir lange um ihn klagen. Selig sind die Todten! antwortete sie mit sanfter fester Stimme, denn alle Erdennoth ist von ihnen genommen. Er war jung, er liebte das Leben, er hing mit seiner Jugend, seinen Hoffnungen, seinen feurigen Wünschen daran, erwiederte Erich. Selig sind die Lebendigen, Ebba, die ihres irdischen Glückes sich freuen, die ein reiches schönes Leben durchleben, von Liebe und Freundschaft begleitet. Und er war kühn, stark und treu, wie Wenige. Sein Herz war so muthig, seine Seele so frei und stolz. Was er liebte war Liebe würdig. Edel war sein Denken und sein Handeln, denn vor keinem Opfer, keiner Überwindung bangte er. Recht und Unrecht hatten keinen besseren Richter und vor ihm lag die Zukunft wie ein 491 langer Sonnentag. Wie viel Gutes und Edles konnte er noch schaffen, wie viel Liebe konnte er finden, wie viel Glück und Frieden! Hat ihn denn das Glück von uns getrieben, sagte Ebba mit schmerzlicher Schärfe, indem sie ihre Hände faltete, oder welche finstere Macht hat uns getrennt. Frieden war nicht in ihm und Glück – O! wenn er Glück zu hoffen hatte, warum half es ihm nicht! An Stelle des Freiherrn antwortete der Propst, welcher so eben hereintrat: Die Wege Gottes, sagte er salbungsvoll, sind unerforschlich. Demüthig müssen wir uns unterwerfen, denn er weiß am besten was uns gut ist. Er weiß am besten was uns gut ist, flüsterte Ebba tonlos. Der Tod löscht Alles aus, auch die Sehnsucht. Ich habe noch immer gemeint, es könnte ein Irrthum sein und der Feldwebel möchte sich getäuscht haben, fuhr Herr Ridderstern fort, leider aber haben meine Fragen nur zu sehr bestätigt, was er berichtete. Der Feldwebel hat den Herrn Otho schon früher gesehen, und dieser hat ihm auch seinen Namen genannt; hartnäckig jedoch hat er verschwiegen, weßhalb er in dieser Jahreszeit und mit solcher Eile die gefährliche Reise machen wollte. Erich Randal konnte die Neugier des Propstes eben so wenig befriedigen. Ich zweifle nicht, sagte er, daß es Otho war, denn seine Schriftzüge beweisen es eben so wohl, wie der Inhalt jener Zeilen; allein ich bin außer Stande die Ursache zu entdecken, weßhalb er uns so plötzlich verließ und was ihn nach Stockholm getrieben hat. Ich glaube nicht, daß Herr Waimon in Schweden Verwandte hat, fuhr der Propst fort, vielleicht aber reiste er, um einen besonderen Auftrag zu erfüllen; denn wie der Feldwebel behauptet, hat er einmal erwähnt, daß er den König sehen und sprechen würde. Wenn Otho dies nicht im Scherz etwa sagte, antwortete Erich, so weiß ich nicht, wie es anders zu deuten wäre. Verwandte und Freunde hat er in Stockholm nicht; Aufträge und Empfehlungen könnte er nur durch den Kammerherrn Bungen erhalten haben, was ich nicht glaube. Nein, gewiß nicht, versetzte der Propst. Baron Arwed weiß nichts von ihm, ebenso wenig ein Anderer, dem diese Nachricht sehr schmerzlich sein wird. 492 Wie es mir scheint, sagte Erich, als der Propst schwieg, haben Sie Nachrichten erhalten. Verschiedene und äußerst wichtige Nachrichten, antwortete Herr Ridderstern, die ich Ihnen mitzutheilen kam. Die Russen sind über den Kymene gegangen! Nach einem augenblicklichen Schweigen rief Erich, betroffen über diese folgenschwere Mittheilung: Ist das wahr?! Jetzt, in dieser furchtbaren Winterkälte beginnt der Krieg? Wann soll es geschehen sein? Am 23. Februar, erwiederte Herr Ridderstern, es ist völlig gewiß. Ich habe vor einer Stunde einen Brief von Halset empfangen. Die Schweden sind zurückgedrängt und haben den Paß bei Borgo auch nur mit wenigen Schüssen vertheidigt. General Klerker setzt seinen Rückzug fort. Graf Buxthövden hat sogleich ein Corps abgesandt, das Sweaborg belagern soll; er selbst mit seiner Hauptmacht dringt gerade auf Abo los, und wie Halset schreibt, stecken die Schweden wie ein Fisch im Netze, denn ein zweites Corps Russen geht durch Savolax ins eigentliche Finnland und wird die Schweden von Norden abschneiden, denn es wird eher dort sein als sie. Wo befindet sich Herr Halset? Ist er in Abo? Nein, sagte der Propst, er ist mit seiner Tochter und in Begleitung des Herrn Kammerherrn gegenwärtig in Tavastehuus. So nahe bei uns ist dein Bruder, fuhr Erich gegen Ebba gewandt fort. Sie haben Briefe erhalten; darf ich fragen, ob kein solcher für uns eingeschlossen war? Herr Ridderstern verneinte es. Halset hat allein an mich geschrieben und wie Sie denken können, sehr flüchtig, denn in Tavastehuus ist die Verwirrung sehr groß. Gerüchte sagen, daß Kosacken schon in der Nähe seien. Die kleine schwedische Garnison will das Schloß vertheidigen; ein Theil der Einwohner ist daher entflohen, obwohl Graf Buxthövden eine Proclamation erlassen hat, die Jeden für sein Leben und Eigenthum beruhigen könnte. Hat Herr Halset Ihnen diese Proclamation geschickt? fragte Ebba. Der Propst schwieg, ein wenig verlegen über diese Frage und die Blicke, welche sie begleiteten. Nein, sagte er dann, ich glaube auch nicht, daß sie in Tavastehuus verbreitet wurde, da es die Schweden 493 noch besetzt halten. Halset hat mir nur davon geschrieben. Die Russen sollen so strenge Mannszucht halten, daß Niemand etwas zu fürchten hat; auch sollen sie mit baarem Gelde Alles was sie brauchen reichlich bezahlen. Nur verlangen sie, daß Jedermann sich friedlich verhalte, und Halset schreibt daß jede Bewaffnung der Bauern schreckliche Folgen haben würde. Gebrauchen Sie darum Ihr Ansehen, mein gnädiger Herr, damit kein Unglück entsteht. Die Waffen müssen abgelegt werden, dann können wir ruhig und friedlich die Russen erwarten. Ruhig und friedlich können wir den Feind, der uns ins Land fällt, nicht erwarten, Herr Ridderstern, erwiederte Erich, aber wir müssen das Unvermeidliche ertragen und der Gewalt uns unterwerfen. Noch aber wissen wir ja nichts Gewisses. Da Herr Halset und mein Vetter in Tavastehuus sind, dürfen wir hoffen, sie bei uns zu sehen. Ich glaube, daß dies in den nächsten Tagen geschehen wird, sagte der Propst, und der Herr Baron meinen lieben Freund Halset begleitet, da seine Anwesenheit nöthig sein dürfte. Hat Ihr Lächeln eine besondere Bedeutung, hochwürdiger Herr? Das hat es allerdings, versetzte der Propst, und da es etwas Freudiges ist, will ich es nicht verschweigen. Samuel Halset bringt seine Tochter mit, und hat mich dazu ausersehen, den Segen über ihren Bund zu sprechen. Mit Arwed! Der Herr Baron hat sich die väterliche Zuneigung meines edlen Freundes in solchem Grade zu erwerben gewußt, fuhr Ridderstern fort, daß Halset in den Stürmen dieser Zeit, wo die Ungewißheit menschlicher Schicksale jedem verständigen Mann einleuchtet, nichts Besseres thun zu können glaubt, als seiner Tochter einen würdigen Gatten und getreuen Schützer zu geben. Er hat Recht, sagte Erich, indem er nach Ebba hinüberblickte, die anscheinend theilnahmlos vor dem Kamin saß. Wollte Gott, fügte er hinzu, unsere Freunde kämen in ein Haus, das nicht von so schwerem Leid heimgesucht wäre, und wir könnten sie mit so frohen Gesichtern empfangen, wie sie es wünschen müssen. Der Propst heftete seine scharfen Augen auf den Freiherrn, als wollte er dessen Gedanken lesen, und obwohl Erich's Gesicht, weder 494 Bestürzung noch Überraschung ausdrückte, sagte er mit tröstlicher Salbung: Jungfrau Mary's glückliche Wahl wird dazu beitragen, Ihren Kummer zu besänftigen. Wie Halset mir schreibt, ist es Baron Bungen's inniges Verlangen, daß auch das gnädige Fräulein sich entschließt in den Bund der heiligen Ehe zu treten. Die steife Verbeugung des Geistlichen, welche er gegen den Baron machte, blieb unerwiedert, sein verbindliches Lächeln konnte Ebba's schweigsamen Ernst nicht zerstreuen, Herr Ridderstern wandte sich daher wieder zu dem Freiherrn, der seine Andeutungen besser aufnahm: Ich freue mich dies von Ihnen zu hören, sagte er, obwohl ich Arwed's Stillschweigen nicht begreife. Sie wissen, hochwürdiger Herr, daß wir Arwed's Besuch längst erwarten. Als er den Herrn Halset nach Abo begleitete, wollte er bald zu uns zurückkehren. Aus Wochen sind Monate geworden und obenein hat er unsere Briefe zuletzt nicht mehr beantwortet. Ich sollte meinen, erwiederte der Propst, der Herr Baron hätte von Abo aus Bestimmungen getroffen – Die wir nicht befolgt haben, fiel Erich ein. Arwed wünschte, als seine Rückkehr sich verzögerte, daß Ebba in Ihrem Hause wohnen möchte. Erörtern wir dies nicht weiter, sagte Herr Ridderstern. Die edle Braut wünschte in der Nähe des Bräutigams zu bleiben. Wir mußten dies allerdings bedauern, und vielleicht that dies selbst Baron Bungen. Doch darüber läßt sich nicht mehr rechten, fuhr er fort, die innige ewige Vereinigung am Altare des Herrn ist ja nahe, und wie betrübend auch die Nachrichten über das unverhoffte Ende Ihres Verwandten sind, so ist doch auch dabei die Hand Gottes zu erkennen, welche züchtigt, um uns Gutes zu thun. Sie waren Otho's Freund nicht, Herr Propst, sagte Erich mit ernster Würde, mir aber ist ein Bruder heimgegangen. Ich war sein Freund nicht, weil ich es nicht sein konnte, antwortete Herr Ridderstern. Mag er in Frieden ruhen und der Herr ihm ein milder Richter sein! Nur an Ihre Zukunft, lieber Freiherr, dachte ich, als ich Gottes Hand bei diesem Todesfalle erkannte. Herr Waimon war von ungestümer Sinnesart, ruhigen Vorstellungen wenig 495 zugänglich. Er würde Ihnen noch vielen Kummer bereitet, Sie vielleicht selbst in sein Schicksal verwickelt haben; denn ich zweifle nicht daran, daß er die Bauern im ganzen Lande umher aufgewiegelt und zu den schrecklichsten Thaten Anlaß gegeben hätte. Ich vermisse ihn, wir Alle werden ihn vermissen! seufzte Erich schmerzlich. Was ihn auch nach Schweden getrieben hat, es muß eine gute Sache gewesen sein. Trost und treue Freunde werden Ihnen Beiden zur Seite stehen, wenn Ihre Verwandten bei Ihnen sind, sagte der Geistliche, indem er Erich's Hände drückte. In dieser Zeit der Schrecken und der Angst ist die besonnenste Klugheit nöthig, um schwerem Unglück zu entgehen, doch mit Gottes Hilfe werden wir daraus entkommen. Halset ist ein Mann von großer Erfahrung, weit geachtet und bekannt, Baron Bungen mit Geist und Wissen gerüstet. In ihrer Nähe wird uns wohl sein, theurer Freiherr. Wir werden gemeinsam das Rechte und Vernünftige thun, und ich denke Ihnen zu beweisen, wie gern ich Ihnen Freund und Beistand bin. Nur keine unüberlegte Handlungen, fuhr er fort, als Erich schwieg. Halten Sie den Major davon ab; verbieten Sie dem alten Vagabond Lars Unfug zu treiben, und nehmen Sie Jem Olikainen und seiner Mannschaft die Gewehre ab. Hier wurde der Propst von dem Lärm einer Trommel unterbrochen, die im Hofe geschlagen wurde, worauf ein Hurrahgeschrei aus der Halle folgte. Da sind die Soldaten schon! sagte er. Es wäre besser, sie hätten uns mit ihrem Besuche verschont, jetzt müssen wir sie fortschaffen, je eher je lieber. Er entfernte sich aus der Halle, und als er hinaus war stand Ebba auf, legte ihre Arme auf Erich's Schultern und blickte ihn nachdenkend traurig an. Es geht etwas vor, sagte sie, ich sehe es kommen. In den falschen Augen dieses Priesters steht eine gräuliche Geschichte geschrieben. Er freut sich über Otho's Ende, er kann den Hohn nicht verbergen, und wir – Arwed hat nicht geschrieben, Halset kommt mit ihm. Wo er erscheint, bringt er Unheil. Ich habe eine Ahnung, daß Otho ein Prophet war. Was er auch bringen mag, antwortete Erich mit seiner ruhigen Freudigkeit, er soll uns gerüstet finden, immer das zu thun, was sich für uns schickt. 496 Drittes Kapitel. Das also ist das Schloß von Stockholm, das Wunderwerk, von dem ich so viel gehört habe, sagte Otho Waimon, als er vor dem mächtigen Gebäude stand, und lächelnd fügte er hinzu: Ich habe es mir allerdings noch größer und schöner gedacht, weil es Ebba gar zu sehr rühmte. Aber schön ist es dennoch, und geschmackvoller nach meinem Sinn, als gewöhnlich diese Steinklumpen aufgebaut werden. Er stand vor der Seite des königlichen Hauses, welche auf den Hafen schaut, und die allerdings die anmuthigste und zierlichste ist. Die vorspringenden Pavillons und die breite Terrasse zwischen ihnen, wie der italienische Charakter des ganzen Baustyls sagten ihm besonders zu, und waren auch nach Gustav's des Dritten Geschmack gewesen, während die anderen Seiten des großen Vierecks lange gerade Linien bilden. Die Vorgärten dieser italienischen Seite, welche zur Sommerzeit so freundlich sind, lagen jedoch jetzt, wie ganz Schweden, tief unter dem Schnee, der von der Terrasse sorgsam abgefegt war. Oben schritten Wachen auf und nieder, und Otho hatte auf seiner Wanderung um das Schloß wohl bemerkt, daß alle Eingänge und Höfe mit Soldaten verschiedener Art besetzt waren. Als er aufmerksam hinauf sah, schritt ein Herr bei ihm vorüber, der einen scharfen Blick auf ihn warf, welcher eben so fest von ihm erwiedert wurde. Es mochte dem Herrn wohl Gestalt und Gesicht des jungen Mannes auffallen, welche zu dem bäuerischen Schaafpelz und der dazu gehörigen Pelzmütze nicht recht zu passen schienen. Der Herr selbst war von gewaltiger Länge und hatte ein eigenthümlich strenges, gebietendes Ansehn, eine eckige hohe Stirn und stolzblickende Augen, deren funkelnde Schärfe jedoch, indem er Otho anschaute, plötzlich einen freundlichen Ausdruck erhielten. Er stand still, denn er mochte dem Fremdling anmerken, daß dieser Lust hatte ihn anzureden, und in der 497 That geschah dies auch; Otho trat ihm näher und sagte höflich: Was sind das für Soldaten, mein Herr, die dort auf der Terrasse stehen. Sie sind von den Leibkürassieren des Königs, antwortete der Fremde. Man sieht es an ihrem Silberputz, daß es Garden sind, sagte Otho. Unsere Regimenter sehen einfacher aus. Sie sind fremd hier? fragte der Herr. Ich bin ein Finne, war die Antwort. Ich höre es. Und wahrscheinlich erst kurze Zeit in Stockholm. Gestern angekommen, sagte Otho. Über das Eis? Es ist also fest? Fest und sicher. Sie sind aber doch kein Bauer, der Holz oder Heu gebracht hat, fuhr der Herr lächelnd fort. Holz oder Heu, nein; aber ein finnischer Bauer bin ich bei alledem, erwiederte Otho in derselben Weise. Zum erstenmale bei uns wie ich denke. Wie gefällt es Ihnen? Ehrlich gestanden schlecht genug, ich hätte es mir schöner gedacht, antwortete Otho in seiner offenen Weise. Die innere Stadt mit ihren engen Gassen, hügelig und winkelig, und obenein voll Schnee und Eis, ist schlechter als Abo. Tausendmal lieber bin ich in meinen Heimatsbergen, in freier Luft. Sie haben Recht, sagte der Herr. Die Städte sind Gefängnisse, wer nicht darin wohnen muß, thut wohl sie zu fliehen. Das will ich auch, sobald ich den König gesprochen habe. Der Herr blickte ihm in seiner eigenthümlichen scharfen und lächelnden Weise ins Gesicht. Sie wollen den König sprechen? fragte er dann. Das will ich, und bitte Sie mir zu sagen, ob er im Schlosse ist, wenn Sie es wissen. Der Herr behielt den hellen Glanz in seinen Augen, und dieser verstärkte sich, je länger er Otho musterte. Er suchte offenbar zu erforschen, wer dieser Fremdling sei, und wußte nicht recht, was er aus 498 ihm machen sollte. – Wissen Sie auch, sagte er endlich, daß es nicht so leicht ist vor den König gelassen zu werden? Man muß zunächst durch Wachen und Wachtmeister dringen, ehe man zum Hofmarschall oder Ceremonienmeister gelangt, muß diesem Herrn sein Anliegen vortragen und seine Entscheidung abwarten. Das werde ich nicht thun, fiel Otho ein. Einen anderen Weg gibt es nicht. Warum wollen Sie diesen nicht einschlagen? Weil, was ich dem Könige zu sagen habe, er allein erfahren soll. Es sind also Geheimnisse? fragte der Herr mit einem gewissen, mitleidigen und belustigten Lächeln. Ja, mein Herr, sagte Otho, es sind Geheimnisse von Wichtigkeit für den König. Die Antwort schien einigen Eindruck zu machen. Sie sehen nicht danach aus, als ob Sie geringfügigen Dingen Wichtigkeit beilegten, erwiederte der Herr mit größerem Ernst, auch sind Sie, wie ich merke, ein Mann von Bildung, trotz des Bauernpelzes, den Sie tragen. Wollen Sie mir Vertrauen schenken, so können wir gemeinsam überlegen, was am besten zu thun sein wird. Ich habe kein Bedenken, sagte Otho, Ihnen mitzutheilen, daß ich Waimon heiße und einen Hof am Pajänesee besitze. Ist das Alles? Ja, Alles. Mein Vater war der Oberst Ingar Waimon. Oberst Waimon, sagte der Fremde nachsinnend. Haben Sie ihn gekannt? fragte Otho lebhaft. Nein, ich weiß nichts von ihm. Aber der Sohn eines Soldaten erregt immer meinen Antheil. Wo haben Sie Ihre Wohnung genommen? Wer sind Ihre Freunde? Ich habe keine Freunde hier, kenne keinen Menschen und was meine Wohnung anbelangt, so bin ich bis jetzt bei den Bauern geblieben, welche mich nach Stockholm geführt haben, da es kein Gasthaus in Stockholm gibt. Das ist in der That ein Beweis, daß wir in der Nähe des Nordpols liegen, und Fremde bei uns eine Seltenheit sind, lachte der riesige Herr. Er wickelte sich fester in seinen großen Blaufuchspelz und zeigte 499 beim Aufschlagen, daß er einen mit Gold gestickten Rock trug. Haben Sie denn auch keine andere Kleider als diese? fragte er dann. Nichts weiter, sagte Otho. Alles was ich besaß ist bei einem Schiffbruche verloren gegangen. Und keine Empfehlung, keine Bekanntschaften? Nein. Doch ja, eine Empfehlung habe ich mitgebracht an einen gewissen Herrn Rittmeister. Er griff in die Tasche und holte ein Papier heraus, aus dessen Umschlag er ein Briefchen, aus gelbem groben Papier bestehend, nahm. An den Rittmeister Jöran Adlersparre. Bis jetzt aber hat mir noch Niemand sagen können, wo er zu finden ist. Der Herr griff nach dem Papier, las die Aufschrift, öffnete ohne Umstände dann die Falten und blickte hinein. Alter ehrlicher Axel Jönsson! rief er freudig laut. Sie können wohl denken, Herr Otho Waimon, daß diese Empfehlung in die rechten Hände gelangt ist. Ein glücklicher Zufall, in der That! Denn ich lebe seit mehreren Jahren nicht mehr in Stockholm, wo man mich vergessen hat. Ich bin wie Sie, ein Landmann, baue meinen Kohl in einem abgelegenen Winkel, und kam wie Sie, hierher, um den König zu sprechen in meinen und seinen Angelegenheiten. Als ich Sie zuerst sah, gefielen Sie mir so gut, daß ich meine Augen nicht abwenden konnte. Es muß etwas vom sogenannten höheren Willen dabei gewesen sein, daß wir uns begegnen sollten. Otho war äußerst erstaunt und erfreut. Ja, meiner Treu! rief er, ich glaube selbst daß es etwas ist, was man eine Gottesfügung nennt! Ich fange an zu glauben, daß ich Glück bei meinem Unternehmen habe. Wollen Sie mir jetzt sagen, was Sie hierher getrieben hat? fragte der Rittmeister Jöran Adlersparre. Otho schüttelte den Kopf. Sein neuer Beschützer, so freundlich er auch war, flößte ihm doch nicht das Vertrauen ein, um sich ihm ganz zu überlassen. Jöran Adlersparre war ungefähr fünfzig Jahre alt und sein Gesicht trug noch die Spuren früherer Jugendschönheit; seine Züge aber waren hart und stolz und seine Augen mit ihrem leuchtenden, unstäten Feuer erinnerten Otho, daß dieser Mann, wie er gehört, das Haupt einer politischen Partei gewesen sei, die von der Regierung verfolgt wurde. Sein finnisches Mißtrauen hielt es daher 500 für räthlich, ihm vor der Hand nicht allzuviele Offenherzigkeit zu zeigen. Verzeihen Sie mir, sagte er, wenn ich solange schweige, bis ich den König gesprochen habe. Ich halte mich dazu verpflichtet. Der Rittmeister nickte lächelnd. So wollen wir sehen, was sich dafür thun läßt, erwiederte er. Es ist wahrscheinlich eine politische Mittheilung, die Sie dem Könige zu machen haben? Ich denke ja. Und bezieht sich auf die Verhältnisse in Finnland? Auf Finnland, ja. Sie haben also eine Sendung übernommen in Angelegenheiten Ihrer Landsleute. Es betrifft allerdings unser Aller Wohl. Adlersparre ließ seine Augen feuriger blitzen. Verlangt ihr Waffen, Soldaten, einen tüchtigen General, sagte er, der alte Marschall Klingspor muß ja schon bei euch angelangt sein. Nehmen Sie sich in Acht, mein junger Freund! Der König kann solche Forderungen nicht vertragen. Was er thut und beschließt ist wie von Gott beschlossen und Frevel, wenn seine Unterthanen es nicht eben so finden wollen. Ein höhnisches Zucken bewegte seine Lippen, Otho erwiederte jedoch, daß wenn die Finnen Forderungen machen wollten, sie ihn nicht geschickt haben würden. Aus eigenem Antriebe komme er her, um dem Könige etwas anzuvertrauen, das er erfahren habe und von Wichtigkeit für Finnlands Schicksal sei. Adlersparre schwieg einige Augenblicke. Also Liebe zu Ihrem Vaterlande trieb Sie über das Wintereis, begann er darauf. Ich traue es Ihnen zu, Sie sehen aus wie ein Mann, der für sein Vaterland etwas wagt, was andere kluge Leute vielleicht Narrheit oder Verbrechen nennen. Ich denke und fühle wie Sie, Herr Otho Waimon, das Vaterland hat heilige Rechte an uns. Meines Volkes Ehre ist meine Ehre, meines Volkes Wohl mein Wohl! Sie wissen Näheres über die russischen Pläne und wollen sie dem Könige mittheilen. Die Frage wurde so plötzlich und mit solcher Bestimmtheit gethan, daß Otho davon überrascht eine beistimmende Antwort gab. Dies und Anderes weiß ich, sagte er, fragen Sie mich nicht weiter darum. 501 Helfen Sie mir, daß ich in diesen Palast gelange. Gott weiß es, ob nicht Alles doch schon verloren ist. Ich will es versuchen, sagte der Rittmeister, und vielleicht ist der Bauernrock Ihnen behilflicher als trügen Sie Stern und Band. Folgen Sie mir nach, und da es Ihnen nicht an Muth fehlt, darf ich nicht sagen, fürchten Sie sich nicht vor dem Hofgeschmeiß. Im Übrigen wird es besser sein, wenn wir unsere Bekanntschaft einstweilen aufgeben; denn meine Freunde, setzte er mit seinem eigenthümlichen Lächeln hinzu, können auf Hofgunst nicht rechnen. Er ging die Terrasse hinauf, blieb aber fast auf jeder Stufe stehen und that Fragen, durch welche er, ehe Beide oben anlangten, so ziemlich Alles über die Reise des jungen Mannes und dessen erzwungenen Aufenthalt bei dem guten Pfarrer Jönsson erfuhr. – Ihre Neuigkeiten sind durch den unglücklichen Schiffbruch alt geworden, sagte er dann. Was Sie bringen muß ganz besonderer Art sein, doch, da wir wirklich noch nichts von den Russen wissen – Und nichts von Sweaborg, fiel Otho ein. Ich habe Erkundigungen eingezogen, so viel ich vermochte, und glaube, was ich dem Könige sagen werde, wird ihm eben so neu wie überraschend vorkommen. Nur nichts von Admiral Cronstedt, murmelte der Rittmeister, der eine besondere Gabe zu besitzen schien, nach allen Seiten hin zu rathen. Cronstedt, fügte er mit dem höhnenden Zug um seine Lippen hinzu, ist einer von den Heiligen, die Niemand anrühren darf. Sonderbar genug, daß dieser König, der keinem Menschen traut, eben so blindgläubig an ihm hängt wie alle Anderen; dennoch aber – er brach seine Bemerkung ab, die er mehr mit sich selbst sprechend machte, und fuhr laut fort: Wir dürfen hier nicht stehen bleiben, auch schlägt es eben elf Uhr. Damit beginnt die Audienz, wenn der König von Haga herein kommt, wie dies heute der Fall ist. Und wenn man ihm jede Tugend absprechen mag, so bleibt ihm doch die der Pünktlichkeit. Hören Sie das Trommeln auf der Hauptwache? Was hat das zu bedeuten? Daß der König soeben gekommen ist, sagte Adlersparre. Wir wollen gehen, es werden viele Andere schon warten. Ich will den Ceremonienmeister und Adjutanten, den Oberst Mellin, auf Sie 502 aufmerksam machen, das ist Alles was ich thun kann. Stellen Sie sich an der Thür so auf, daß er Sie bemerken muß. Bei den Wachen vorüber gelangten sie zu einem großen Portal im Schloßhofe, aus welchem so eben ein schwerfälliger alter Wagen mit vier dampfenden Pferden bespannt, in welchem der König gekommen war, sich entfernte. Eine Schaar Leibgrenadiere stand auf dem viereckigen, geräumigen Hofe und wurde von Offizieren besichtigt. Der König, sagte der Rittmeister, hält jeden Tag eine Musterung oder Wachtparade ab, und wehe dem Verbrecher, der in den Gamaschen eine Falte hat, oder dem eine Haarspitze nicht so sitzt, wie es als dienstmäßig in dem Reglement steht. Doch was geht das uns an, sagte er lachend. Es ist teufelmäßig kalt, die armen Bursche werden entsetzlich frieren, denn Pelze stehen eben nicht im Reglement. – Bleiben Sie hier stehen, mein junger Freund, und danken Sie Gott, kein Leibgrenadier Sr. Majestät zu sein; immer aber ist das noch besser, als zu seinen Lieblingen zu gehören. Mit diesen Worten verließ Jöran Adlersparre den jungen Abenteurer, der in der Nähe des Portals, neben der Treppe, stehen blieb und zu den hohen Fenstern hinaufschaute, hinter welchen er viele Menschen in Uniformen und gestickten Röcken erblickte. Nach einigen Minuten erkannte er auch den Rittmeister, der auf ihn nieder sah und ihm zunickte, als wollte er sich überzeugen, daß er auf seinem Posten sei. Ein unmuthiges Gefühl, das seine Unruhe überwältigte, regte sich in Otho. Er hätte davonlaufen mögen, und doch sagte ihm seine Klugheit, daß er das nicht dürfe. Denn er sah wohl ein, daß sein Beschützer Recht hatte, und zu dem Könige zu gelangen, wirklich nicht so leicht war, wie er es sich gedacht. Der Mann, den er in so glücklicher Weise aufgefunden, durfte auch nicht beleidigt werden; dennoch gefiel ihm dessen Benehmen nicht allzusehr. Das höhnende Lachen in dem stolzen, harten Gesicht hatte nichts Wohlthuendes für einen so offenen, einfachen Jüngling, der allerdings von Vielem, was er sah, unangenehm berührt wurde. Die Menschen, welche an ihm vorüber gingen, starrten ihn neugierig an, betreßte Diener liefen hin und her und schrien ihm zu aus dem Wege zu gehen; ein paar Offiziere 503 wiesen mit Fingern auf ihn und riefen einem Andern entgegen, daß hier ein prächtiger Rekrut für die Leibgrenadiere zu sehen sei. Mit seiner hohen Gestalt, seiner breiten Brust und dem männlichen Gesicht, war er allerdings selbst in dem Bauernpelz eine auffallende Erscheinung, und grollend drehte er den Herren den Rücken zu und sagte zu sich selbst: Das muß ich mir Alles gefallen lassen, weil ich ein Bauer bin und weil der Rock, nicht der Mann hier etwas gilt. Hätte ich Borten an meinen Hosen und Mehl in meinem Haar, wie die ausgedörrten Bursche dort hinter den Scheiben, wie würden alle diese Tagediebe sich bücken und dienstfertig aus dem Wege springen. Wird's jemals wohl dahin kommen, daß jeder Mann nach seinem Werthe gilt, wie meine arme Mutter hoffte? Was sagt Lars Normark: Betrug ist schon im Paradiese gewesen. Das Menschenwesen bringt's so mit sich, also betrügt nur in Gottes Namen weiter. – Aber länger halt ich's hier nicht mehr aus! rief er ärgerlich. Kommt's nicht bald, so lauf' ich hinein und melde mich selbst, allen den gaffenden Narren zum Trotz. Er blickte dabei nach den Fenstern hinauf, wo soeben viele Köpfe hinter den Scheiben auf ihn niederschauten und ihn anlachten. Ein Herr mit einer großen Perrücke, zu beiden Kopfseiten dickwulstige Locken daran, und über die Brust ein breites gelbes Band, stand in der Mitte der einen Gruppe, neben ihm der Rittmeister, der mit ihm sprach und das Gelächter wahrscheinlich erregte. Der Herr war dürr und schmal, und Otho merkte sogleich, daß es der Hofmarschall sein müsse. Gleich darauf winkte ihm der Herr, und getrosten Muthes folgte er diesem Zeichen, indem er in das Portal ging und die Stufen hinaufstieg. Ein paar Trabanten mit großen Stöcken standen vor der Gallerie, zu welcher die Treppe führte, und Otho würde schwerlich hier Eingang gefunden haben, wenn nicht mit ihm zugleich ein betreßter Diener angelangt wäre, der ihm gebot hereinzutreten. Otho folgte diesem Befehl, und als die Flügelthür des Empfangszimmers geöffnet wurde, stand er vor einem Halbkreis vornehmer Herren, die ihn lächelnd und neugierig anstarrten und die gute Absicht zu haben schienen, sich an einem tölpelhaften Bauer zu belustigen. Bescheiden nahm der junge Mann seine Pelzmütze ab und ließ sein langes, dunkelgoldiges Haar über seine Schultern fallen. Sein 504 Ansehen war vortheilhaft. Der Ceremonienmeister, Oberst Mellin, streckte seinen schwarzen Amtsstab aus und sagte, indem er auf den Eintretenden deutete, zu einem schönen, freundlich blickenden Herrn in Generalsuniform, der neben ihm stand: Das ist ja ein prächtiger Bursche. Gewachsen wie eine finnische Tanne. Den könnten Sie brauchen, Adlercreutz. Die Länge thut's nicht, antwortete der General. Diese verteufelten Franzosen sind klein wie Grashüpfer, und doch schlägt Napoleon damit die Welt zusammen. Der Hofmarschall mit dem gelben Ordensbande, Herr von Silversparre, nahm eine Prise aus seiner goldenen Dose und verzog dabei sein dürres, langes Gesicht, als wollte er lächeln. Die Herren sprachen französisch, und Herr von Silversparre antwortete in dieser Sprache: Schweigen Sie, General, das ist ein Name, der hier nicht ausgesprochen werden darf. Du, mein Sohn, fuhr er hierauf schwedisch fort – du verstehst doch schwedisch? Ja, Herr, antwortete Otho. Aber du bist ein Finne? Ein Finne, Herr. Und von echtem Gepräge, sagte der Hofmarschall, sich zu dem Ceremonienmeister wendend. Blaue, feurige Augen, gelbes Haar, eine Haut von merkwürdiger Frische, trotz des Rauches in ihren abscheulichen Hütten. Wo bist du her, mein Sohn? Aus dem obern Tavasteland vom Pajänesee. Den König willst du sprechen? Das möchte ich. Was willst du denn bei ihm? Dein Herz ausschütten? Ja, Herr, das möchte ich. Der Hofmarschall hatte seine Frage schon spöttelnd gethan, bei der Antwort brach das Gelächter los, aber es geschah fast ohne gehört zu werden, denn nicht weit davon war der König. Es ist wohl eine sehr traurige Geschichte? fuhr der Hofmarschall fort. Ja, Herr. Traurig genug für Jeden, der ein Herz hat, was freilich den Meisten hier zu fehlen scheint. 505 Alle Wetter! rief Herr von Silversparre, halb belustigt von dieser Antwort, halb überrascht. Er blickte den jungen Abenteurer schärfer an und sagte darauf: Haben wir es denn wirklich mit einem finnischen Bauer zu thun? Bist du was du vorstellen willst? Ja, Herr, ein Bauer bin ich, nichts mehr, nichts weniger, versetzte Otho; doch darauf kommt's hoffentlich nicht an, da ich nichts erbitten will, oder Privilegien geltend mache. Ich wünsche nur den König zu sprechen. Die Antwort und die Sprache bestärkten den Hofmarschall, daß er keinen Bauer vor sich habe. Wie heißen Sie? fragte er. Das werde ich dem Könige sagen, antwortete Otho. Aber, ich glaube, der Herr Ceremonienmeister wird Sie dem Könige nicht anmelden, versetzte Herr von Silversparre, wenn er nicht weiß, welches Ihr Anliegen ist. Worüber wollen Sie denn vor Sr. Majestät Ihr Herz ausschütten? Über etwas, was ich keinem Andern sagen will. In diesem Falle bin ich bereit, es allein zu hören, erwiederte Oberst Mellin. Auch Sie, mein Herr, werden es nicht erfahren. Es ist also jedenfalls wohl ein höchst wichtiges Geheimniß? sagte der Hofmarschall fein lächelnd, indem er nach dem Kreis der Umstehenden blickte, der sich ausnehmend belustigte. Mag es sein, was es will, entgegnete Otho, dessen Gesicht sich immer unmuthiger röthete, gewiß aber ist es nichts, was Ihnen das Recht geben könnte, Ihren Scherz mit mir treiben zu wollen. Kein Finne würde einen Mann verhöhnen, und wäre es auch nur ein Bauer, der bittend zu ihm kommt und Beistand in einer gerechten Sache fordert. Diese Zurechtweisung des mächtigen Hofmarschalls machte, daß die lachenden Gesichter plötzlich ernsthaft wurden. Herr von Silversparre allein verzog sein Gesicht noch spottlustiger, und indem er seine Dose öffnete, zuckte er die Achseln und sah in bedeutsamer Weise nach der Thür. Sie wissen nicht was hier Sitte und strenges Gebot ist, sagte der General Adlercreutz, welcher bisher geschwiegen hatte. Man kann den König nicht sprechen, ehe Se. Majestät nicht vorher unterrichtet ist, was man von ihm will. 506 Das ist eine sehr schlechte Einrichtung, erwiederte Otho unerschrocken, denn auf diese Weise wird der König nur hören, was ihm gefällt, oder was seine Umgebungen für passend befinden. Der General sah aus, als wenn ihm die Antwort außerordentlich gefiele. Sein Blick auf den Hofmarschall und den Ceremonienmeister hatte etwas Boshaftes, zugleich aber winkte er Otho zu und sagte zutraulich: Hier darf Niemand sich zum Beurtheiler aufwerfen, junger Mann, sondern Jeder muß gehorchen. Der Herr Oberst Mellin kann Ihnen keinen Zutritt zum Könige gewähren, wenn Sie ihm nicht sagen, wer Sie sind und was Sie wollen. Da ich aber auch in der Nähe Sr. Majestät bin, sein Generaladjutant, so kann ich es ebenfalls übernehmen, wenn Sie meine Dienste vorziehen. Es ist doch wahr! rief Otho, indem er seiner natürlichen Heftigkeit sich überließ. Könige sehen nicht mit eigenen Augen, und hören nicht mit eigenen Ohren; das ist ihr Unglück und das Unglück der Völker. Gehen Sie zu Ihrem Herrn. Melden Sie ihm, ein finnischer Bauer bitte um Gehör. Was er zu sagen habe, wolle er ihm allein mittheilen. Ich habe den Glauben, daß er mich nicht fortweisen läßt. Die unerhörte Art dieses Benehmens brachte Schrecken und Ärger über die Zuhörer. Ein Mensch, der nichts war, ein Mensch in einem Bauernpelze und einer Troddelmütze, wagte Äußerungen und stellte Forderungen, welche die größten Herren im Lande nicht gethan hätten. Das unwillige Gemurmel über diese Frechheit machte dem anfänglichen Erstarren Platz; nur dieser junge Mensch selbst sah so stolz und unbefangen aus, als habe er gar keine Ahndung, wie unschicklich er sich benommen. Niemand schien jetzt noch ein wohlwollendes Mitleid für ihn zu empfinden, als der General, welcher lächelnd den Kopf schüttelte und freundlich fortfuhr: Sie kennen den Gebrauch nicht, der hier herrscht, ich wiederhole Ihnen also nach einmal: Niemand darf Sr. Majestät eine solche Meldung machen. Es wäre gegen das Reglement. Otho dachte daran, was Adlersparre vom Reglement gesagt hatte. Kann man denn Alles nach Vorschriften abmessen? rief er unmuthig. Wenns Unglück hereinbricht, muß das auch reglementmäßig kommen? Ich danke Ihnen, Herr, Sie meinen es gut mit mir; aber lieber will ich hingehen, woher ich gekommen bin. 507 Eben wurde die Thür mit Geräusch geöffnet und vor dem Hereintretenden zog sich der ganze Kreis zurück. Alle verbeugten sich unterthänig. Der neue Ankömmling war ein alter Herr mit weißen Haaren, die zu einem mächtigen Zopf gebunden, lang über seinen Rücken fielen. Es war ein gewaltiger Körper, der sich ein wenig vorn überbeugte, und zwischen den breiten Schultern saß ein Kopf, mit dickem rothen Gesicht, markigen, faltigen Zügen und einer Stirn von außerordentlicher Breite. Seine Augen leuchteten groß und lebhaft, die vielen rothen Adern darin vermehrten jedoch den Ausdruck reizbarer Heftigkeit, der ihm aufgedrückt war. Er trug Generalsuniform, dicke goldene Achselschnüre, hohe Stiefeln mit Sporen und einen Federhut in der Hand. Als er hereintrat machte sein Kopf eine kleine Neigung gegen den Generaladjutanten Adlercreutz. – Der König ist doch schon hier? sagte er. Ja, Excellenz, war die Antwort. Wer ist bei ihm? fragte der alte Herr. Der Hofkanzler, erwiederte Adlercreutz mit gedämpfter Stimme, der Kanzeleipräsident und Excellenz Cederström. Der alte General hatte inzwischen die Anwesenden überblickt. Er sah den Rittmeister Adlersparre im Hintergrunde und that einen Schritt auf ihn zu, indem sein groteskes Gesicht freundlicher wurde. Sie sind hier, Rittmeister? sagte er, das ist gut. Ich will Sie selbst dem Könige vorstellen. Habe ihm schon gestern davon gesprochen. Majestät war erfreut über Ihren Entschluß. Sie können der Erfüllung gewiß sein. Adlersparre verbeugte sich, seine glänzenden Augen hefteten sich auf den alten General, der verstehen mußte, was sie ihm sagten. Besorgen Sie nichts, murmelte er, aber begleiten Sie mich in das Cabinet. Ich mag nicht warten bis Zibet und Ehrenheim fertig sind. Der Mann, der sich dies vermaß, wandte sich um und sah gerade vor sich den sonderbaren Gast in diesem Raum, der kein hochzeitlich Kleid anhatte. Was ist das? fragte er. Ein junger Mensch, der vorgibt ein finnischer Bauer zu sein, sicherlich aber keiner ist, antwortete Adlercreutz französisch. Er 508 verschweigt seinen Namen wie sein Anliegen, will aber dennoch durchaus den König sprechen. Wozu ich gute Gründe habe, antwortete Otho ebenfalls französisch, die der König anerkennen wird. Ein seltsamer Bauer, der französisch spricht! rief der General lachend. Wer, zum Henker! sitzt eigentlich darunter? Indem er dicht zu ihm heran trat, sah er ihn scharf an, hob dann das riesige rothe Gesicht auf, und es war als ob er zurückprallte. Oho! Wie? rief er. Sie heißen Waimon? Otho Waimon. Ingar Waimon's Sohn, ist es nicht so? Mein Vater hieß Ingar, ja. Oberst in englischen Diensten. Er ist todt. Todt, seit langer Zeit. Ich habe davon gehört, sagte der Herr, indem er Otho starr anblickte als suche er in seinem Gesicht alte Erinnerungen. Ihre Mutter aber? Sie ist im letzten Jahre von uns gegangen. Auch todt – wir sterben Alle! murmelte der Herr, ohne seine Augen abzuwenden. Sie haben meine Eltern gekannt? Der General nickte eine Anzahl Male vor sich hin, wie in Gedanken. Und wer sind Sie, mein Herr? Ich heiße Toll! Feldmarschall Toll! rief Otho, und als er den Namen aussprach, fühlte er eine Anwandlung des Abscheus und Zornes, mit denen er oft genug den gefürchteten und gehaßten Günstling des Königs geschmäht hatte. Feldmarschall Toll! wiederholte der alte General, und in dem rothen grimmigen Gesicht zuckte ein übermüthiges verächtliches Lachen, als wüßte er, was in der Seele des Finnen vorging. Was treibt Sie denn hierher? fragte er. Ich weiß es schon, Sie wollen den König sprechen. Was ist es? Eine eigene Angelegenheit? Nein. Was den König angeht. 509 Was den König angeht? Er heftete die Augen auf ihn, als wolle er die Wahrheit erforschen. Wenn es Se. Majestät angeht, sollen Sie ihn sprechen. Kommen Sie, wir wollen sehen, was zu machen ist. Er ging den Saal entlang, und Otho folgte seinem Wink, ebenso folgte der Rittmeister Adlersparre, der, als der Feldmarschall die Thür erreicht hatte, leise sagte: Nehmen Sie sich in Acht! An den Saal stieß ein kleines Cabinet, aus welchem eine andere Thür weiter führte. Niemand, weder der Hofmarschall noch der Ceremonienmeister hatten dem Willen des allmächtigen Mannes widersprochen, der ohne eine Anmeldung zu begehren, den König in seiner Berathung mit seinen Ministern unterbrechen wollte. – Eine harte laute Stimme schallte durch die Thür; als er die Hand auf den Drücker legte, wandte er den Kopf zurück und sah den Abenteurer noch einmal so rasch und finster an, als hänge an seinem Blick eine schwere Drohung, dann klopfte er, indem er zugleich die Thür offen ließ, als er hinein trat. Der Rittmeister stand vor Otho, welcher über dessen Schulter fort neugierig in das königliche Zimmer blickte. Ein alter Herr saß steif und würdig an einem Tische, auf welchem viele Papiere lagen, und schien darin zu lesen; an der andern Seite stand ein kleiner ausgetrockneter Mann mit dürrem vergilbten Gesicht, welches die große Perrücke mit Taubenflügeln noch häßlicher machte. Er schien im Begriff zu sein, sich entfernen zu wollen, denn er schloß eine große Maroquinmappe, die mit Schriftstücken gefüllt war. Vor diesem Tische, in der Nähe der Fenster, sah Otho einen General in Uniform, der seine Brieftasche in der Hand hielt, und darin etwas bemerkte, was Bezug haben mochte auf die laut gesprochenen Worte eines vierten Anwesenden, welcher an den Tisch gelehnt zu ihm sprach. Als der Feldmarschall hereintrat, wandte dieser Herr sich nach dem Geräusch um, und wie dies geschah, ließ vermuthen, daß er unwillig über eine unerwünschte Störung sei; kaum aber hatte er gesehen, wer er war, als er mit großer Freudigkeit des Tones rief: Mein lieber Marschall! Es ist mir sehr erwünscht, Sie zu sehen. Wir haben Nachrichten, daß die Dänen rüsten. In Norwegen haben sie bei Fredrikshall fünf Regimenter zusammengezogen und sammeln Verstärkungen. Ich bestimme so eben, daß eine Westarmee gebildet 510 werden soll. Cederström soll alle Mittel anwenden, die Regimenter rasch zusammenzubringen. Aus Schonen sollen keine Truppen fortgezogen werden, aber die aus dem Norden was da ist. Wir müssen dem Feinde zuvorkommen. Majestät, sagte Toll, finden in Ihrer Weisheit immer das Beste, und wenn nicht etwa in Finnland – Nichts da! rief der König, in Finnland steht Alles gut. Stedingk schreibt mir aus Petersburg, er sei endlich hinter die russischen Schliche gekommen. Tagtäglich läßt man Soldaten bei ihm vorübermarschiren mit Sack und Pack, Artillerie und Munitionscolonnen, aber er hat herausgebracht, daß es immer dieselben sind, die zur Nachtzeit wieder in die Stadt einrücken. Die Russen thun uns nichts, Marschall, aber die Dänen! die Dänen, die den Erzfeind der Menschheit hinter sich haben. Otho stand regungslos und blickte den König an. Gustav der Vierte blieb noch immer an dem Tisch, die linke Hand aufgestützt, mit der Rechten, während er sprach, einige abgemessene Bewegungen machend. Er war noch nicht dreißig Jahre alt, ziemlich groß, schlank und wohlgebaut; das lange regelmäßige Gesicht, die gerade lange Nase und die hohe steile Stirn der Oldenburger fehlten ihm nicht. Otho erinnerte sich an ein altes Bild Karl's des Zwölften, das in Halljala hing, und er fand, daß dieser späte Abkömmling dem großen Ahnherrn ähnlich sehe. Inzwischen wandte sich der König um und sah zunächst den Rittmeister stehen. Wer ist da? fragte er mit seinem rauhen Organ. Majestät, fiel Toll ein, ich bitte um die Gnade, Ihnen zwei Männer vorstellen zu dürfen. Der eine ist der Rittmeister Adlersparre – Näher! sagte der König. Adlersparre trat herein, machte drei tiefe Verbeugungen und richtete sich dann militärisch auf. Der König kam ihm entgegen, blieb vor ihm stehen und sah ihn eine Minute lang mit stolzer Miene an. Sein Gesicht hatte äußerst unbewegliche, harte und kalte Züge, die tiefen Mundwinkel und festgeklemmten Lippen deuteten auf den eisernen Starrsinn, der so viele Leiden über diesen unglücklichen Fürsten gebracht hat. Wie er langsam vorschritt, den Kopf in den Nacken, steif 511 und feierlich, konnte man ihn eher für einen spanischen Granden, denn für einen schwedischen König halten. Otho hatte Zeit ihn zu beobachten, da der König wenige Schritte von ihm verweilte, aber es war als bemerke Gustav Adolph ihn nicht. Es kam dem jungen Finnen vor, als wolle der Gebieter sein höchstes Ansehn gegen den Rittmeister geltend machen, oder ihn für begangene Sünden strafen und einschüchtern, ehe er ihm ein gnädiges Antlitz zeige, und er hatte es richtig errathen; denn nach einigen Minuten schmolz der Ernst in den harten Zügen des Königs, eine Art Lächeln machte seine Lippen weicher und die starr geradeaus blickenden Augen wurden beweglicher. Adlersparre stand soldatisch aufgerichtet ohne sich zu regen und einen Augenblick lang konnte der neugierige Zuschauer die beiden Männer vergleichen. Sie sahen sich ähnlich in dem düstern Ausdruck ihrer Mienen und unwillkürlich überkam Otho der Gedanke, daß in Unbiegsamkeit und Hartnäckigkeit Keiner dem Anderen weichen würde. Aber aus den Augen des Rittmeisters leuchtete Etwas, das dem Könige fehlte. Es leuchtete ein Feuer darin, das seinem Gesicht den Ausdruck eines entschlossenen Charakters gab, und sein schöngewölbter Kopf war edel und kühn gebaut, während der König mit matten Augen und steilaufstrebender Stirn aussah, als ob es ihm sowohl an Geist, wie noch mehr an Charakter fehle. Wenn der dort König von Schweden wäre, murmelte Otho heimlich sich zu, stände es besser um uns, und mit Aufmerksamkeit hörte er an, was vor ihm geschah. Rittmeister Adlersparre, sagte der König, das Schweigen unterbrechend, Sie wollen wieder in meinen Dienst treten. Ja, Majestät, antwortete der Rittmeister, ich halte es für Pflicht, jetzt, wo der Feind Schweden bedroht, Ihnen meine Dienste anzubieten. Sie sind ein Mann von Gesinnung, das schätze ich, fiel der König ein. Sie haben sich aus der Armee und von mir zurückgezogen. Ich will nicht darauf eingehen, was Sie dazu bewog, aber ich freue mich, daß Sie zu mir zurückkehren. Ich will das Rechte und Gute. Gerechtigkeit gegen Alle! das ist mein Grundsatz und – ehrlich währt am längsten! Ja gewiß, ehrlich währt am längsten! 512 Indem der König seinen Lieblingsspruch wiederholte, klopfte er mit der Hand auf seine Brust und sah den Rittmeister wohlwollend an. Ich danke Ihnen, Herr Adlersparre, fuhr er dann fort, Sie sollen mir willkommen sein. Es wird ein Westheer gebildet, ich brauche tüchtige Offiziere. Sie sind ein solcher, ich weiß es, darum ernenne ich Sie zum Major; das Übrige wird der Kriegspräsident, General Cederström, anordnen. In dem Augenblick, wo Adlersparre sich verbeugte und einige dankende Worte sagte, sah Gustav Adolph über ihn fort und seine Augen hefteten sich auf Otho. Er that als erblicke er ihn erst jetzt und sagte freundlicher, als er bisher gewesen: Ein Finne! Komm her zu mir. Was führt dich nach Stockholm? Dieser junge Mann ist, wie er sagt, gekommen, um Ew. Majestät Mittheilungen zu machen, welche er keinem Andern anvertrauen will, begann der Generalgouverneur von Schonen. Wo ist Oberst Mellin? fragte der König. Verzeihung, Majestät, antwortete der alte General, dem Ceremonienmeister wollte er seine Geheimnisse nicht sagen, somit – Es ist reglementswidrig! rief der König im scharfen Tone. Warum wolltest du dem Herrn mit dem schwarzen Stabe nicht gehorchen? fuhr er gegen Otho gewandt fort. Er hat dir ohne Zweifel gesagt, wie die Vorschriften lauten. Das hat er gethan, erwiederte Otho, ich hatte jedoch Gründe nicht zu gehorchen. Ihr Finnen habt immer Gründe, wenn ihr thun wollt was euch beliebt, sagte der König die Lippen verziehend. So sage mir denn, junger Mann, was du für Gründe hattest? Zunächst, versetzte Otho, glaubte ich nicht, daß man für wahr halten würde, was ich erzählen sollte, dann aber fürchtete ich auch die Folgen für mich selbst. Vorsichtig, wie ein echter Finne! Wie heißt du? Otho nannte seinen Namen. Der Herr Marschall, fuhr er fort, kannte meinen Vater, den Obersten Waimon. Oberst Waimon? fragte der König sich an Toll wendend. 513 Ja, Majestät, erwiederte dieser. Sein Vater war der verstorbene Oberst Waimon, der eine Schwester des Freiherrn Randal in Tavastland geheirathet hat. Er lebte in Stockholm während der ersten Regierungszeit Sr. Majestät Gustavs des Dritten, fuhr Otho fort. Man hat mir gesagt, daß mein Vater, der aus englischen Diensten zurückgekehrt war, von dem verewigten Könige gern gesehen wurde und in dessen Dienste treten sollte. Und warum ist dies nicht geschehen? Mein Vater verließ den Hof und Stockholm, als die Revolution erfolgte, ging nach Finnland und wurde ein Bauer. Des Königs Gesicht verdüsterte sich, die Falte zwischen seinen Augen zog sich zusammen; der Marschall winkte hinter ihm dem Unbesonnenen zu, still zu schweigen. Und wie kommt der Sohn des Obersten Waimon in diesen Bauernpelz? fragte der König. Ich bin ein Landmann, Majestät, versetzte Otho unerschrocken, lebe auf meinem Gaard am Pajänesee und würde noch heut dort sein, wenn ich nicht von besonderen Umständen angetrieben wurde, nach Stockholm zu reisen, um den König zu sprechen. So sprich! sagte der König befehlend. Hier sind Viele, die es anhören werden. Meine Minister können Alles hören was mich angeht. Hier ist mein Kanzeleipräsident, der Freiherr Ehrenheim, fuhr er fort, als mache es ihm Vergnügen, mit dem unerfahrenen Landmann zu scherzen und ihn in Verlegenheit zu setzen mit hohen Titeln und vornehmen Namen. Dort steht der Hofkanzler, Freiherr Zibet, und jener Herr ist der Kriegspräsident Cederström. An Adlersparre schien er nicht zu denken, der noch auf seinem Platze stand und, da er nicht entlassen war, nach den Regeln der Etiquette nicht eher sich entfernen durfte. Wir sind begierig zu hören, lächelte der König, was Herr Waimon uns Neues vom Pajänesee bringt. Daß Finnland verloren ist, Herr König, antwortete Otho mit fester starker Stimme, wenn Sie nicht eilen es zu retten. Eine solche Antwort hatte der König so wenig erwartet, wie seine Minister, die bisher sich wenig um das Gespräch ihres Herrn mit dem 514 jungen Bauer bekümmerten. Jetzt legte der alte Minister des Auswärtigen, der Freiherr Ehrenheim, die Papiere nieder, in welchen er las, und wandte sich auf seinem Stuhle um, der Minister des Innern, Freiherr Zibet, ließ die Mappe fallen und der Kriegsminister steckte seine Brieftasche ein. Was wißt Ihr davon! rief der König. Ich weiß, Majestät, daß Finnland den Russen verkauft worden ist, fuhr Otho fort. Ein russischer General, General Suchtelen, hat vor meinen Ohren erzählt, daß Napoleon – Der König stampfte heftig mit dem Fuße auf. Daß Napoleon im Frieden zu Tilsit dem Kaiser Alexander seine Zustimmung ertheilt hat, es zu erobern und eben dieser General fügte hinzu, daß es niemals wieder aus den russischen Händen entkommen sollte. Wem sagte er das? Einem schwedischen Offizier, einem Obersten des Königs, dem Obersten Jägerhorn. Jägerhorn? murmelte der König, zweifelnd ob das wahr sein könne und inne haltend, indem seine Augen in Otho's Gesicht umhersuchten. Weiter! rief er dann, wo war es? Im Hause des Freiherrn Wright und gleich darauf kam der Oberst Wright herein, der nicht besser ist, als Jägerhorn. Wright, sagte der König den Kopf schüttelnd. Ich gab ihm das Regiment. Wie ist das möglich? Die Russen geben Geld, das ist besser für Leute, die viel brauchen, versetzte Otho. Sweaborg ist zwei Millionen werth. General Suchtelen bot sie Jägerhorn an und dieser machte sich anheischig, dafür den Admiral – Halt! schrie der König mit größter Heftigkeit. Bist du ein Wahnsinniger, oder ein Schelm?! Keines von beiden, antwortete der junge Mann, indem er sich stolz aufrichtete und sein Gesicht dunkel glühte. Ich sage die Wahrheit. Oberst Jägerhorn erbot sich, den Admiral dahin zu bringen, die Festung den Russen zu überliefern, denn seine Geldgier und seine Rachsucht seien größer als seine Ehre. 515 Der dürre grämliche Minister, welchen der König Freiherr Zibet genannt hatte, hob seine mageren Arme auf und faltete seine Hände. In dem faltiggrauen Gesicht des alten Staatsmannes malten sich Schmerz und Bestürzung. Großer Gott! meine Ahndung erfüllt sich, sagte er. Meine Warnung ist vergebens gewesen! Der König wandte sich nach ihm um, fest und würdevoll hob er den Kopf auf. Ihr habt mich gewarnt, Zibet, erwiederte er, und damals sprach ich, wie ich jetzt spreche: Ich habe Cronstedt in Rang und Ehren erhöht; wenn er sich gekränkt fühlte, habe ich es gut gemacht, wie er aber auch gegen mich gesinnt sein mag, er wird nicht vergessen, daß er ein Schwede ist und daß er die Schlacht im Svensksund gewonnen hat. Eigene Worte des Königs. Und wieder Otho anblickend, fuhr er fort: Wo sind deine Beweise? Ich habe keine anderen als mein Wort, antwortete dieser. Du lügst! rief der König und die Hand heftig schüttelnd schrie er noch lauter: Ich will dich strafen, wie du es verdienst, öffentlich, vor aller Welt sollst du sterben! Wie wagst du es, den Admiral zu beschimpfen, meine Obersten, Männer von reiner Ehre! – Aber mehr noch beschimpfst du den Kaiser, meinen Schwäher, einen großen Monarchen, daß er heimtückisch mir mein Land rauben wolle. Wer hat dich zu dieser Nichtswürdigkeit gedungen? Bekenne die Wahrheit! Ich lasse dich in Ketten werfen! Sprich! Bekenne! In plötzlicher Wuth, wie sie diesen unglücklichen Fürsten öfter überkam, legte er die Hand an den Degen und verzerrte sein Gesicht als wollte er eine rasche That an dem Manne begehen, der ohne zu wanken und ohne zu zucken vor ihm stand. Majestät! sagte der Marschall im mahnenden und bittenden Tone, indem er sich näherte; der alte Kanzler eilte ebenfalls herbei, der Freiherr Ehrenheim stand steif von seinem Stuhle auf. Eben wurde die Thür des kleinen Vorzimmers geöffnet; der Generaladjutant Adlercreutz zeigte sich am Eingange. 516 Was wollen Sie? fragte der König, ihn finster anblickend, indem er die Hand sinken ließ. Ein Adjutant des General Klerker, Graf Lövenkron, ist so eben eingetroffen, antwortete Adlercreutz. Von Klerker! rief der König, der kommt zur rechten Zeit, herein mit ihm. Jetzt werden wir die Wahrheit hören. Der Offizier, welcher vor der Thür stand, trat herein. Seine Kleider schienen lange nicht gesäubert, er kam aus dem Schlitten, der im Schloßhofe hielt. Die ersten Worte des Königs, als er ihn sah, waren: Wo sind die Achselschnüre? Warum fehlen die Achselschnüre? Der Offizier stammelte eine Entschuldigung. Nicht dienstmäßig! murmelte der König. Was bringen Sie? Die Russen, sagte der Adjutant, sind am 21. Februar an drei Stellen über den Kymene gegangen. Ein tiefes Schweigen folgte. – Ohne Kriegserklärung! schrie der König plötzlich laut auf. Ha! Er drückte die Hand an seine hohe Stirn und ließ sie wieder fallen, indem er seine Aufgeregtheit zu bezwingen suchte. Fahren Sie fort, sagte er. General Klerker wurde zuerst bei Forsby angegriffen, berichtete der Adjutant. Wir zogen uns von Stellung zu Stellung zurück, nach den Befehlen Ew. Majestät und des Kriegsplans wie auch bei der großen Übermacht des Feindes. Wie stark ist er? fragte der König. Nach der Aussage einiger Gefangenen führt General Buxthövden an der Küste auf Abo zu ein Heer von dreißigtausend Mann. Ein anderes Heer, das in Savolax unter General Tutschkoff eingedrungen ist, soll zwanzigtausend Mann betragen. Dies Heer ist bestimmt, uns den Rückzug nach dem Norden abzuschneiden und dringt in Eilmärschen vorwärts. Eine dritte Heerschaar endlich, zehntausend Mann stark, ist für die Belagerung von Sweaborg bestimmt. Im Ganzen also sechszigtausend Russen, während wir ihnen im freien Felde kaum sechstausend entgegen stellen können. 517 Der König hörte nicht darauf. Seine Augen starrten in die leere Luft, unbeweglich blieb er einige Minuten lang, bis die harten Züge seines Gesichts von Schmerz erweicht schienen. Das thut ein Verwandter an mir, ein Freund, Alexander! sagte er klagend als spräche er mit sich selbst. Wie lange ist es her, daß seine Briefe von Freundschaftsbetheuerungen überströmten? Und sie nennen ihn einen edlen, hochherzigen Mann, der für alles Große und Gerechte sich begeistert? O! wie ist das möglich, wenn er gerecht ist, wenn er ein Christ ist?! Ich bin betrogen, meine Herren, schändlich betrogen! schrie er plötzlich aus seinem Selbstgespräch auffahrend, aber ehrlich währt am längsten! das will ich beweisen. Finnland soll mir Niemand entreißen. Bei Gottes Thron! Gut und Blut will ich daransetzen. Meine Finnen sind treu, ich selbst will ihnen beistehen. Karl's des Zwölften Schwert ist noch nicht verrostet. Der Schwedenkönig ist noch da. – Wo haben Sie das Heer verlassen? Bei Askela, antwortete der Adjutant. Im besten Zustande? Voller Entschlossenheit mit Ehren zu sterben. Nur – Was noch? fragte der König. Nur in dem Regimente Nyland Dragoner ist es vorgekommen, sagte der Offizier zögernd, daß einige Offiziere die Fahnen verlassen haben. Wer? Der Oberst Wright ist mit zehn seiner Offiziere zu den Russen entflohen, doch seine Versuche, das Regiment mitzunehmen, sind gescheitert, kein Mann hat sich dazu bewegen lassen. Gustav Adolph schwieg, aber er blickte langsam zu Otho hinüber, als wollte er sich an diesen wenden; ehe es jedoch dazu kam, wurde er von anderen Gedanken ergriffen. Er winkte Adlercreutz und dem Adjutanten zu, sich zu entfernen. Die Adern an seiner Stirne schwollen auf, die zornige Gluth kehrte in sein Gesicht zurück, die Hände auf den Rücken gelegt, schritt er auf und nieder. Dieser Verrath wurde lange vorbereitet, sagte er dabei. Ich bin von Verräthern umgeben, von Spionen umringt. Dieser Herr Alopäus – Freiherr Ehrenheim! rief er dem Minister des Auswärtigen zu, schreibt ihm, heut noch, – hier – 518 gleich auf der Stelle. Er soll sein Haus nicht verlassen, nicht einen Schritt oder, bei Gottes Thron! ich will ihm ein festeres Quartier anweisen. Majestät, antwortete der steife alte Mann mit einer würdevollen Verbeugung, halten Sie zu Gnaden, wenn ich unterthänigst bemerke – es ist dies ein Schritt – Der ungewöhnlich ist, der den Herren Gesandten nicht gefallen wird, fiel der König ein. Aber haben diese Leute das Privilegium, ungestraft Schandthaten zu begehen? Hat dieser Herr von Alopäus nicht bis auf diese Stunde gelogen und geheuchelt, während er meine Unterthanen verführte und Verräthereien anzettelte! Fallen die Russen nicht wie Räuber in mein Land? Weiß ich nicht, daß sie alle Verräther beschützen? Georg Sprengporten und andere Verbrecher, die ich vergebens von ihnen forderte. Weiß ich etwa nicht, daß Herr Alopäus keine Mittel scheute, eine russische Partei aus meinen Feinden zu bilden? Denken Sie an den Baron Bungen! Nein, Ehrenheim, ich will es nicht dulden. Ich will diesen schlauen Russen festhalten, will der Welt ein Beispiel an ihm geben, an ihm und an seinen Helfershelfern, den Dänen! Alle Couriere sollen aufgefangen werden, vor aller Menschen Augen will ich zeigen wie man mich behandelte. Ich will nichts hören, Ehrenheim, thut, was ich Euch befehle. Gott ist mein Zeuge, ich bin ein schwer gekränkter Mann, aber ich zage nicht: ehrlich währt am längsten! Mit langsamen feierlichen Schritten ging er durch das Zimmer, als bedächte er was er befohlen; dann sagte er trotzig bestimmt: Es bleibt dabei. Auf mein königliches Wort! es soll so sein. Was aber dich betrifft, fuhr er fort, indem er seine Stimme milderte und Otho ansah – Major Adlersparre, Euch übergebe ich diesen jungen Mann; Ihr sollt mir für ihn haften, bis ich ihn von Euch fordern lasse. Er stand vor Adlersparre still und legte die Hand auf dessen Arm. Ihr seid mein Freund auch nicht gewesen, sagte er, aber verrathen habt Ihr mich nicht, verrathen könnt Ihr mich nicht. Ich weiß es, Major. Es gibt noch Schweden von alter Art, die ihrem Könige treu sind. Männer, Majestät, die Ihren Schmerz mit Ihnen fühlen! antwortete Adlersparre bewegt. 519 Der König blickte ihn dankbar an. Gott züchtigt mich, sagte er seufzend. Er zeigt mir, daß ich auch ein schwacher sündiger Mann bin. Alexander war mir ein hohes Vorbild. Ich glaubte an ihn, wie an eine höhere Macht; ich hielt ihn für den von Gott gesandten Retter der Völker und nun muß ich sehen, daß ich umsonst geglaubt und gehofft habe. Das thut wehe, das ist ein Zeichen wohin es mit der Menschheit geht. Gott ist mein Zeuge, ich hätte niemals an ihm so gethan! Er legte die Hand auf seine Brust und seine Worte hatten die überzeugende Macht der Wahrheit; es war Niemand, der daran zweifelte. Einige Augenblicke darauf winkte er Adlersparre, sich zu entfernen und trat zu seinen Ministern an den Tisch. Der Major berührte Otho's Arm und flüsterte ihm zu, ihm zu folgen. Als sie die Thür erreicht hatten, schallte die harte rauhe Stimme des Königs ihnen nach. Niemand kann mir nun noch rathen nachzugeben, wo ich in meinem Lande überfallen bin! rief er mit Heftigkeit aus. Bei Gottes Thron! wie mein Vater sagte, sage auch ich. Diese Hand soll eher verdorren, ehe ich die Erniedrigung meines Reiches unterschreibe. Es gibt Elende, welche lieber die Russen in Stockholm sähen und einen russischen Minister hier, der mir Gesetze vorschreibt, ehe sie ihrer schändlichen Pläne, ihrer Rachgier und ihren Verräthereien entsagten. Aber meine Krone soll man mir eher abreißen, ja zerschlagen soll man diese Krone Gustav Adolph's, die ich fleckenlos bewahrt habe, ehe ich mich erniedrigen lasse! Eigene Worte des Königs. Adlersparre schob seinen Begleiter hinaus und führte ihn durch eine Seitenthür in den Corridor, ohne den Versammlungssaal zu berühren. 520 Viertes Kapitel. Nach einigen Stunden saßen sie Beide in einem behaglichen Zimmer an einem Tische, der mit Speisen und gefüllten Flaschen bedeckt war. Adlersparre hatte für seinen jungen Freund, an welchem er lebhaften Antheil nahm, Kleider geschafft, die dessen Äußeres mit Mode und Sitte mehr in Einklang brachten und den finnischen Bauer in einen großstädtischen Herrn aus der guten Gesellschaft verwandelten. Der schlaue scharfblickende Mann, mit seiner kühnen Männlichkeit in Gestalt und Wort, wie mit der Freundlichkeit seines Lobes und Beistandes, hatte Otho's Mund geöffnet, denn dieser hatte ihm nicht allein nun Alles erzählt, was sich in Liliendal zugetragen, sondern auch sein eigenes Leben, seine Familienverhältnisse, seine Freundschaft mit Serbinoff und endlich auch, als die Rede auf Axel Jönsson kam, seine Abenteuer auf dem Eilande, sammt jener schauerlichen Erzählung des alten Pfarrers, welche er selbst mit den Schicksalen seiner Eltern verknüpfte. Jöran Adlersparre hörte die Auseinandersetzungen, Folgerungen und Schlüsse Otho's aufmerksam an, ohne deßwegen seine gastronomischen Beschäftigungen zu unterbrechen und er leistete darin Dinge, die seinem riesenhaften Körper angemessen waren. Schüsseln und Flaschen leerten sich unter seinen Angriffen, und Otho sprach und aß längst nicht mehr, als der Major noch immer sein Glas füllte und wieder füllte und seinen Teller mit Speisen bedeckte, die er verschwinden ließ, ohne aus seinem Nachsinnen aufzuwachen. Ich bin nahe daran, sagte Otho, an Wunder zu glauben, denn nicht allein, daß ich Sie, Herr Adlersparre, treffen mußte, auch den Feldmarschall Toll führte mein gutes Glück herbei. Er hat meine Eltern gekannt, ja er muß sie genau gekannt haben, denn er erkannte mich an der Ähnlichkeit mit meinem Vater. 521 Der Major hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt. Wohl möglich, daß Sie Recht haben, versetzte er; aber ist es nicht auch ein Wunder, daß dieser König niemals die rechten Männer finden kann? Wäre das der Fall, so könnte er sich auf Gustav Adolph's unbefleckte Krone mit besserem Rechte berufen. Otho ging auf diese Antwort ein. Es hat mir von ihm gefallen, sagte er, daß er nicht rasten will, bis er die Räuber aus seinem Lande geschlagen hat. Laßt ihn nach Finnland kommen, seine Garden mitbringen und ein paar tausend tüchtige Arme obenein, so sollt Ihr sehen, daß die Finnen nicht zu Haus bleiben werden. Er wird nicht kommen, murmelte Adlersparre, und mit seinem spöttelnden Lächeln setzte er hinzu: Das Schwert Karl's des Zwölften hat er allerdings in seinem Hause, aber der Geist fehlt, der es regierte. Geben Sie Acht, Herr Waimon, was ich Ihnen sage. Sie kennen das Leben hier nicht und die Menschen noch weniger. Morgen wird Alles wieder so sein, wie es gestern war. Er wird in Haga sitzen, diplomatische Noten schreiben, Verordnungen erlassen, Kriegspläne ausarbeiten, Instructionen für Generale und Commandanten, aber das Richtige und Rechte wird er nimmermehr thun. Er hat mancherlei gelernt, weiß zu sprechen und weiß die Feder zu handhaben. Die Bibel kennt er nicht allein, er kennt auch die Gesetze, hat viel gelesen, weiß in der Literatur Bescheid und hat sogar Zeitungsartikel gemacht. Aber wenn es ihm nicht an Kenntnissen fehlt, nicht an Verstand, nicht an Muth und Leidenschaft, so fehlt es ihm an etwas, was nicht nur jeder König, sondern jeder Mensch haben soll. Es fehlt ihm an Besonnenheit, an Einsicht, an dem Geschick guten Rath zu hören und zu beachten. Seine Zeit kennt und versteht er nicht, sein Volk eben so wenig. Weil er sich erhaben dünkt über Alle, meint er auch der Weiseste zu sein, und wenn ich ihn beklage, daß er bei vielen guten Eigenschaften keine guten Rathgeber, die rechten Männer nicht finden kann, so sehe ich doch ein, daß dies unmöglich ist. Sie sind jetzt wieder sein Diener geworden, sagte Otho, möchten Sie damit auch einer der Männer werden, die er braucht. Das leuchtende, falsche Lächeln zuckte über Adlersparre's düsteres Gesicht. Er nahm mich gnädig auf, versetzte er, weil es ihm gefiel, 522 daß ein Mann meines Schlages, der so lange ihm gegenüber stand, sich unterwarf und um Wiederanstellung sich meldete. Er setzte auf seine Rechnung, was auf Rechnung meines Vaterlandes und der Zukunft gehört. Eitle Selbstüberschätzung und frömmelnde Phantasterei sind die Grundzüge seines ganzen Wesens. Genug, Herr Waimon, fuhr er fort, Sie werden sehen, daß ich Recht habe. Viele heftige verwirrende Dinge werden geschehen. Er hat sogleich damit den Anfang gemacht, da er den russischen Gesandten verhaften ließ, andere Mißgriffe werden folgen. Nicht Einer ist in seiner Nähe, der Ansehen genug hatte, ihn davon abzuhalten. Der alte Ehrenheim stand blaß und starr, als er hörte, er solle dem Russen Alopäus ankündigen, was in der That unter civilisirten Völkern unerhört ist, allein er that es dennoch, statt zu erklären: Dazu lasse ich mich nicht gebrauchen. Der verknöcherte Zibet würde noch ganz andere Dinge auf seines Gebieters Befehl vollbringen, der Kriegsminister Cederström die widersinnigsten Anordnungen ausführen, selbst wenn er der Mann wäre, sie besser beurtheilen zu können. Und so sind sie Alle, fuhr er fort, indem er lachend sein großes Glas leerte. Ich kenne sie genau, denn ich habe Jahre lang mit allen Waffen sie bekämpft, bis sie mir Feder und Tintenfaß genommen und mich gezwungen haben, ein Pächter zu werden. Ich hatte das Schreiben aber herzlich satt, denn was half es, ihnen zu beweisen, daß Alles, was sie thaten, nichts werth sei. Wenn sie besser wären, könnten sie nicht auf solchen Stellen stehen. Der König ist der Einzige, der hier befiehlt, Alle, die um ihn her stehen, sind nichts als seine Schreiber, die nur durch Demuth und Gehorsam sich in Amt und Brod erhalten können. Und er hat sich eine vortreffliche Heerde von Dummköpfen, steifleinenen Maschinen und gierigen, eigennützigen Glücksrittern zusammengebracht, die Alles thun, was er von ihnen verlangt, und so lange treu bei ihm aushalten werden, bis einmal der Tag kommen wird, wo – Hier hielt Jöran Adlersparre ein, und hob seinen Kopf auf, den gefährliche Gedanken anzufüllen schienen. Es ist schade, sagte er dann mit dem alten Lächeln, daß Sie diese Minister und Günstlinge nicht näher kennen, den liebenswürdigen Justizminister Wachtmeister, den Reichsdrost, ein kostbarer Reiches Trost! oder den vortrefflichen 523 Finanzminister Ugglas, dessen Scharfsinn selbst der letzte Thaler in Schweden nicht entgeht, oder den geistreichen Staatssecretär Rosenblad, der Frömmste und Stillste aller Frommen und Stillen im Lande, der uns die wahre christliche Wissenschaft und Aufklärung bringt. Sehr schade, Herr Otho Waimon, daß Sie diese würdigen Männer nicht kennen, die man so unwürdig als Heuchler und Schelme verleumdet, verspottet und verachtet, Sie würden vielleicht eine bessere Meinung über sie in Finnland verbreiten können. Ich wollte, daß ich erst wieder in Finnland wäre! Das, mein junger Herr, wird allerdings einige Schwierigkeiten haben, antwortete der Major. Schwierigkeiten? Glauben Sie, daß das Eis aufgeht? Nein, lachte Adlersparre, das Eis liegt fest und könnte Garden und Jemtländische Regimenter, sammt Reitern und Kanonen nach Finnland hinübertragen; aber ich müßte mich sehr irren, oder man wird den Versuch machen, Sie hier zu behalten. Wer wird diesen Versuch machen? Der König, sagte der Major, und wenn Sie den Beruf fühlten, ihm dienen zu können, wird Ihr Glück gemacht sein. Er hat Sie in seiner Heftigkeit beleidigt, das thut ihm sicher leid, denn er ist ehrlich und rechtlich genug, um es zu fühlen. Ich sah es ihm an, daß er Ihnen eine Entschuldigung sagen wollte; wer sein Gesicht kennt, wird aber auch nicht zweifelhaft gewesen sein, daß dies sehr wohlwollend für Sie aussah. Er wird Ihnen, wenn er Sie rufen läßt, eine Entschädigung anbieten, vielleicht einen Platz in seiner Leibwache, in der Trabantengarde, oder sonst für Sie sorgen. Beunruhigt stand Otho auf. Das Einzige, was ich wünsche, ist, so schnell als möglich wieder nach Haus zu kommen, sagte er. Was ich übernommen, habe ich erfüllt. Jetzt sind die Russen in Finnland, vielleicht schon an dem Pajäne, Gott weiß, wie und wo ich meine Freunde finde! Und meine Schwester! fügte er erregter hinzu, was kann aus ihr und aus Allen geworden sein. Sie sind ja mit den Wright's, mit Halset und der ganzen Verrätherrace bekannt und verwandt, antwortete der Major, überdies erzählten Sie mir von Ihrer Freundschaft mit dem Grafen Serbinoff. 524 Der wird Ihre Freunde hinlänglich schützen. Ich kenne diesen Russen, er ist so schlau wie gefährlich. Was mich bei den Klagen des Königs zumeist rührte, erwiederte Otho, war sein tiefer Schmerz, um seinen verlornen Glauben zu seinem Freunde Alexander. Ja, Herr Adlersparre, ich konnte das mit ihm fühlen, denn mit Serbinoff geht es mir gerade so. Auch ihn bewunderte ich wie ein höheres Wesen, und wenn ich jetzt bedenke – Jetzt fürchten Sie, daß es Ihnen geht wie dem armen König, fiel Adlersparre ein. Die Ideale stürzen zusammen und es bleibt nichts übrig, als die schaamvolle Gewißheit, betrogen zu sein. Wenn es wahr ist! rief Otho, ein düsteres Feuer in seinen Augen. Darauf machen Sie sich gefaßt, sagte der Major kaltblütig. Serbinoff hat hier umherspionirt und in Finnland sicher dasselbe Handwerk getrieben. Er hat sich dazu mit dem Baron Bungen verbündet, einem charakterlosen Menschen, der gemeine Streiche gemacht hat und aus dem Dienst gejagt wurde. Seine Schwester ist ein gescheidtes Mädchen, er ein abgefeimter Taugenichts. Beide sind lange in Toll's Haus gewesen. Er hat sich ihrer angenommen, als ihr Vater starb, der, wie der Feldmarschall, zu den Creaturen Gustav's des Dritten gehörte. Gleiche Brüder, gleiche Kappen! fuhr er verächtlich fort, aber, Sie schauen wie betäubt darein. Kopf in die Höhe, Herr Waimon. Sehen Sie denn nicht, daß das Teufelspack diesen finnischen Brei gemeinsam einrührte und Sie mit in den Kessel stecken wollte? So wahr ich lebe! ich zweifle nicht daran, daß Ihr Freund Serbinoff einer der Hauptspitzbuben ist, ganz würdig dieser Jägerhorn, Georg Sprengporten, Wright und wie die Elenden weiter heißen. Sie haben dem alten Cronstedt Gold gezeigt, und dafür ist er zu haben, obwohl der König noch immer nicht glauben will, weil er sich einmal in den Kopf gesetzt hat, Cronstedt kann dergleichen nicht thun. Aber er sowohl wie – der Major wandte den Kopf nach der Thür, Otho war ans Fenster getreten, weil er das Gekling eines Schlittens hörte, der vor dem Hause hielt und helle Laternen an beiden Seiten trug. Er sah einen Herrn, der sich aus seinen Pelzen wickelte, und dessen Schritte 525 gleich darauf im Hause gehört wurden. Eben, als Adlersparre das letzte Wort sagte, stand der Fremde schon im Zimmer. Er sowohl wie ich, wissen die Leute zu überraschen, Major Adlersparre, begann er. Excellenz! rief Adlersparre aufspringend. Es war der Feldmarschall Toll, der dem Major die Hand schüttelte, ohne Otho zu beachten. Ich fahre hier vorbei, fuhr er fort, der König schickt mich auf der Stelle nach Schonen zurück, darum will ich Ihnen Lebewohl sagen, und im Vertrauen mittheilen, daß Sie morgen schon den Befehl erhalten werden, ohne Aufenthalt zu Ihrem Regiment zu gehen. Ist solche Eile nöthig, Excellenz, daß Sie sogleich abreisen? fragte Adlersparre. Se. Majestät glaubt es, also gehorche ich, war die Antwort. Übrigens ist es keine Frage, daß wir in den nächsten Tagen die dänische Kriegserklärung bekommen. Alopäus sitzt im Arrest, dem dänischen Gesandten ist anbefohlen worden, sich ruhig zu verhalten. Sämmtliche Gesandten haben nämlich auf seinen Antrieb sofort Protest gegen die Verhaftung ihres Collegen eingelegt. Der König kehrt sich nicht daran, aber die Dänen werden uns dafür um so schneller auf den Hals kommen. Dänen, Franzosen und Norweger. Der Teufel ist los! Darum schnell auf unsere Posten, Major. Und was wird aus Finnland, aus Sweaborg? Finnland wird sich schon helfen. Marschall Klingspor muß jetzt bei dem finnischen Heere sein. Er bringt des Königs Pläne mit, alle Vorräthe zu verbrennen und zu verwüsten, Pferde, Vieh und Menschen mitzunehmen und den Russen nichts zu lassen als eine Wüste. Dann werden diese bald nicht weiter können und Sweaborg wird von Cronstedt vertheidigt werden, bis das Eis aufgeht. Ist das Meer erst frei, so kommt unsere Flotte und die englische kommt. England schickt uns auch ein Heer, wir dürfen es nur fordern. So bald der Frühling da ist, werden wir mit den Russen schon fertig werden, Major. Und bis dahin soll keine Verstärkung über das Eis gehen? Abo, die Landeshauptstadt, soll nicht beschützt, die prächtige, dort liegende Scheerenflotte nicht vertheidigt werden? 526 Nach dem Willen Sr. Majestät soll nichts geschehen, sagte der Feldmarschall, und, wie ich glaube, kann nichts geschehen, denn eine Hilfleistung über das gefrorene Meer würde die größte Anstrengungen erfordern. Finnland ist jeder Anstrengung werth! fiel Otho ein, der sich nicht länger still verhalten konnte. Oho! rief der alte Marschall, es ist noch Jemand hier. Richtig, der junge Herr aus Finnland, ich hatte ihn vergessen. Nun, Herr Waimon, Sie haben den finnischen Bauernpelz abgeschüttelt und wahrhaftig! jetzt sehen Sie ganz aus wie Ihr Vater, bei meiner armen Seele! man könnte denken, er sei es selbst. Sie bestätigen mir zu meiner Freude damit, daß Sie meinen Vater näher gekannt haben, gnädiger Herr, sagte Otho. Sehr gut habe ich ihn gekannt, antwortete Toll. Es war damals im Jahre 1772, wo er aus Amerika kam und König Gustav ihn festhalten wollte für seinen Dienst. Wenn nichts daraus geworden ist, hat er selbst Schuld daran. Er kam über das Wasser mit allerhand wilden Ideen, wie sie damals Mode wurden, und wollte wieder fort in die neue Welt, als es hier nicht so ging, wie er dachte. Daran wurde er durch seine Heirath behindert, versetzte Otho. Meine Mutter hing zu fest an der finnischen Erde, weil sie meinte, es gäbe da auch genug für den rechten Mann zu thun. Es war eine Dame von Charakter, die niemals den Muth verlor, erwiederte der alte General mit dem spitzbübischen Lächeln. Sie kannten gewiß auch meine Mutter? unterbrach ihn Otho. Das schöne Fräulein Randal. Hab's gekannt ehe der Oberst kam. Dann sagen Sie mir, Herr Feldmarschall, ob Sie vielleicht bei der Verheirathung meiner Eltern zugegen waren. Ein Diener hatte Licht in das Zimmer gebracht. Otho trat bei seiner Frage, von den Empfindungen, die sich lebhafter in ihm regten, getrieben, so rasch auf den Marschall zu, daß dieser sich davor zurückzog. Das dicke rothe Gesicht starrte den jungen Mann überrascht an, und es war, als besänne er sich darauf, was er antworten solle, oder als wisse er nicht, was diese Frage zu bedeuten habe. 527 Was meinen Sie damit? rief er aus. Ich! Was wollen Sie damit behaupten? Nichts weiter, als daß ich Sie dringend bitte, mir zu sagen, ob meine Eltern sich in Stockholm verheiratheten? Wissen Sie das nicht? Nein, Herr Marschall, Niemand weiß es. Kein Mensch kann mir sagen, wo die kirchliche Segnung erfolgte. Und danach fragen Sie mich? Da Sie meine Eltern kannten, hoffte ich allerdings von Ihnen Nachricht zu erhalten, ob hier die Vermählung statt fand. Mein Gedächtniß ist schlecht, sagte der Marschall, nachdem er einige Augenblicke geschwiegen hatte, ich erinnere mich vieler Vorfälle nicht mehr, wenn diese nicht besondere Wichtigkeit für mich haben. Laß doch sehen, es ist mir so, als hätte ich davon gehört. Aber nein, ich kann's nicht behaupten. Eine sonderbare Geschichte! Niemand weiß, wo die Trauung geschah. Das ist kein Spaß, Herr Waimon, dabei handelt es sich um eheliche Geburt. Er sah den jungen Mann spottend an. Haben Sie denn keine Notiz gefunden, nichts in der Hinterlassenschaft? Nichts, versetzte Otho; allein durch Zufall bin ich zur Kenntniß besonderer Umstände gelangt, die mich vermuthen lassen, daß meine Eltern wahrscheinlich auf einer der kleinen Inseln an unserer Küste von einem alten Pfarrer getraut wurden, der gewaltsam dazu gezwungen ward. Nicht möglich! Das klingt ja wie ein Märchen. Es ist Wahrheit, antwortete Otho. Daß Sie nichts von der Verheirathung in Stockholm wissen, bestärkt mich in meiner Überzeugung. Wie aber soll ich die Wahrheit aufdecken? Wie die Menschen finden, welche sich dabei betheiligten? Sie würden ihnen gewiß dankbar sein, heh? Dankbar! rief Otho, wofür? Für die Niederträchtigkeiten, welche diese Elenden an meinen Eltern begingen? Wenn ich sie jemals auffinde, mag der Anführer dieser Banditen gewesen sein, wer er will, er soll mir Rede stehen. Leider, fügte er ruhiger hinzu, ist so viele 528 Zeit vergangen, daß ich fürchten muß, ich komme auch im glücklichsten Falle zu spät. Ich will Ihnen die seltsame Geschichte erzählen. Dank Ihnen, Herr Waimon, ich habe leider keine Zeit sie anzuhören, fiel der Marschall ein. Suchen Sie nur fleißig, vielleicht glückt es doch, und wenn Sie die Verbrecher haben, halten Sie sie fest. Ein tugendhafter Sohn muß belohnt werden. – Ein hohnvolles Grinsen spielte um seine breiten fleischigen Lippen. Das Beste aber ist, Sie bleiben hier, fuhr er fort. Es ist heut Abend noch eine Nachricht gekommen. Die Russen sind in Tavastehuus, haben das Schloß genommen und Proclamationen ausgestreut. Alle Finnen sollen dem Russenkaiser Treue schwören und sich ruhig verhalten, wer es nicht thut wird todtgeschossen. Dem Russen Treue schwören werden Sie nicht, und ruhig verhalten werden Sie sich auch nicht; ich sehe es Ihnen an, Sie haben heißes Blut, Ihr Vater war auch so. Er mischte sich in viele Dinge, wo es besser gewesen wäre, er hätte es nicht gethan. Bleiben Sie also hier, der König wird für Sie sorgen; oder gehen Sie mit dem Major da zur Westarmee. Nach Finnland will ich, dahin gehöre ich! sagte Otho. Dann macht's wie es Euch beliebt, erwiederte der Feldmarschall im derben Tone. Sagt's ihm rund heraus, daß Ihr seine Gnade nicht brauchen könnt. Zum Henker mit vermoderten Geschichten! wir haben mit uns genug zu thun. Und nun lebt wohl, Major Adlersparre. Macht es wie ich, macht daß Ihr fortkommt. Ich sage es Euch noch einmal, der Teufel ist los! Er schüttete den großen Pelz über seine Schultern, drückte den Hut in seine Stirn und ging hinaus. Gleich darauf war er im Schlitten und Adlersparre kehrte zurück und legte seine Hand auf Otho's Schulter, der nachdenkend den Feldmarschall abfahren sah. Das war ein merkwürdiger, unerwarteter Besuch, sagte der Major. Er, der sonst so stolz ist und so übermüthig, vor dem sich Alle bis auf die Schuhspitzen beugen, er kommt hierher, um uns die neuesten Neuigkeiten zu bringen. Doch deßwegen kam er nicht; er wollte Sie noch einmal sehen! Mich? Meinen Sie? fragte Otho lebhaft. Ich möchte mich dafür verbürgen, fuhr Adlersparre fort, daß er von Ihren Eltern mehr weiß, als er sagen will. 529 Wenn ich das wüßte! Der Gedanke überkam mich auch! rief der junge Mann. Ich will – Was wollen Sie? versetzte der Major, indem er ihn festhielt. Ich will ihm nach! Halt! Wenn Sie ihn wirklich noch erreichen könnten, es würde Ihnen gewiß nichts helfen. Wissen Sie nicht, daß dieser Mann eben so gefürchtet ist durch seine Schlauheit, wie durch seine Rachsucht. Womit wollen Sie ihn denn zwingen, den Mund zu öffnen, wenn er dazu keine Lust hat? Und was könnten Sie gegen ihn thun, selbst wenn er Theil an der Sache hätte, der Sie nachspüren? Wäre das möglich? murmelte Otho. Ich weiß es nicht, versetzte der Major, doch jedenfalls ist für jetzt nichts zu machen. Toll ist der mächtigste Mann in Schweden, jeder falsche Schritt würde Sie verderben. Immer muß man Anfang und Ende berechnen, mein junger Freund, ehe man handelt, und nie muß man etwas beginnen, was man nicht gewiß ist zu vollbringen. Er ging in dem Zimmer auf und ab als er dies sagte, und um seinen Mund spielte das falsche Lächeln, während seine Augen einen düsteren, unheimlichen Ausdruck erhielten. – Er hat übrigens Ihnen noch zu guter Letzt eine Falle gestellt, begann er nach einem Weilchen. Ich glaube nicht, daß es sein Wunsch ist, der König behielte Sie in seiner Nähe, ich meine vielmehr er wünscht, daß Sie recht bald nach Finnland zurückkehren, da Sie mich nicht begleiten wollen, was ich gern sehen würde. Ich weiß, Sie wollen nicht, und Toll weiß es auch; sein Rath aber, dem Könige kurzweg zu erklären, daß Sie seine Gnade nicht mögen, ist ein schlechter Rath, denn Gustav Adolph ist so eigensinnig, daß er auch bei seinen Wohlthaten keinen Widerspruch ertragen kann. Ich werde aber dennoch thun, was der Marschall rieth, sagte Otho. Weil Sie ein Finne sind, lachte Adlersparre. Inzwischen haben Sie Zeit zum Überlegen. Es war ein harter Tag für Sie, ruhen Sie aus, schlafen Sie, während ich arbeite, denn ich habe viel zu thun, um meine Angelegenheiten zu ordnen. Er setzte sich an den Tisch und war bald damit beschäftigt, Briefe zu schreiben, während Otho seiner Aufforderung nachkam und sich auf 530 dem Bett im Nebenzimmer ausstreckte. Durch die offene Thür konnte er dem Major ins Gesicht sehen und eine Zeit lang hefteten sich seine Augen und Gedanken mit Theilnahme auf die hohe feste Stirn, auf dies eiserne, harte, stolze Gesicht, das dann und wann seinen Ernst und seine Strenge noch zu vermehren schien. Endlich aber verwirrte sich sein Denken; andere Bilder und Gestalten drängten sich in seinen Kopf, dann plötzlich war es mit allem Denken und Sinnen vorbei. Der bewußtlose, seltsame Zustand, den jedes Wesen braucht um zu leben, drückte seine müden Augen zu und befreite ihn von allen Sorgen. Wie lange er geschlafen hatte als er seine Augen wieder öffnete, war ihm unbekannt. Es dünkte ihm, daß er sich eben erst niedergelegt habe und noch fiel der Lichtschein aus dem Nebenzimmer auf sein Bett, nur waren die Lichter selbst nicht mehr zu sehen und eben so wenig sein Beschützer Adlersparre. Nach einigen Augenblicken, in denen er sich ermunterte, hörte er leises Sprechen und aufmerksamer horchend konnte er unterscheiden, daß es zwei Stimmen waren, zwei Männer eine Unterredung führten. Bewegungslos blickte er nach den Fenstern und es kam ihm vor, als mische sich ein leises Tagesgrauen mit dem nächtlichen Dunkel. Sie werden somit nach Karlstad gehen, mein lieber Adlersparre, hörte er ein wenig lauter sagen, und dort wahrscheinlich schon einen Oberbefehlshaber antreffen. Und was wird aus Finnland, bester General. Will der König wirklich nichts thun? fragte Adlersparre. Nichts vor dem Frühjahr, war die Antwort. Dann sollen die Garden hinüber und er selbst wird sich auf den Weg machen. Bis dahin aber sind die Russen im Besitz des ganzen Landes und das kleine Heer aufgerieben. Was ist zu thun! rief der Andere lebhafter. Er ist der Herr, alle Gewalt ist bei ihm, Widerspruch nicht möglich. Wir haben ihm gestern noch unterthänigst vorgestellt, daß der alte Klingspor so wenig zum Oberbefehl in solcher Lage paßt, wie Klerker. Sie müssen hinüber, General Adlercreutz, Sie sind der Mann, der dort fehlt, sagte der Major. 531 Es ist möglich, daß ich es besser machte, erwiederte der Generaladjutant; lange genug und bis vor kurzem bin ich ja in Finnland gewesen, und wenigstens fehlt es mir nicht an gutem Willen dazu, mein Bestes zu thun. Es ist einige Aussicht, daß der König mich schickt, entweder mich oder Armfeld. Doch Armfeld ist ein Finne und der König ist mißtrauisch gegen den finnischen Adel. Was aber auch geschehen mag, mein lieber Adlersparre, mit leichtem Herzen kann Niemand gehen, der die Personen und Zustände kennt, welche er hier zurückläßt. Daran ist nichts zu ändern, murmelte Adlersparre. Nichts, sagte der General, Sie haben Recht. Über Finnland hat sich der König beruhigt; Gott weiß es, was ihm diese Sicherheit gibt, wenn es nicht der unglückliche Gedanke ist, daß Finnland ihm nicht zu nehmen sei, ihm bei jedem Frieden doch zurückgegeben werden müsse. Sie theilen diesen so allgemein beliebten Gedanken nicht? Nein. Ich war gestern bei dem Herzog, fuhr er leiser fort, und ich fand ihn sehr lebhaft gegen seine Gewohnheit. Ich erzählte ihm die Nachrichten, welche der junge Finne uns gebracht hat, und er nahm die Pfeife aus dem Munde, sah mich stier an und lachte dann grimmig auf. Ich habe es lange schon gewußt, sagte er, so wird es geschehen. Die deutschen Provinzen sind verloren gegangen, wir werden sie niemals wieder bekommen; so wird auch Finnland verloren gehen. Gebt euch keine Mühe weiter, ihr werdet es doch nicht ändern können. Ich kann nicht denken, sagte Adlersparre in einem Tone als lache er, daß Sie, General, auf diese prophetische Laune des Herzogs besonderes Gewicht legen. Irgend ein Zeichendeuter, irgend ein altes Weib, oder eine kabbalistische Berechnung hat ihm dazu verholfen. Als er das sagte, fuhr Adlercreutz fort, fügte er noch etwas hinzu, das für mich allerdings größeres Gewicht hatte. Erinnert Ihr Euch wohl, fragte er mich, an das Gesicht, das Karl der Elfte in der Nacht vom 16. zum 17. December im Jahre 1676 gehabt hat? Ich habe davon gehört, mein gnädigster Herr, erwiederte ich ihm, aber die darüber vorhandene Aufzeichnung niemals gesehen. Er ging an einen Schrank, wühlte darin umher und zog endlich ein Papier heraus. Das lest, Adlercreutz, sagte er, da werdet Ihr 532 sehen, wie Alles kommen wird. Unter der sechsten Regierung soll es geschehen, die auf Karl den Elften folgte, nun dabei sind wir jetzt. Krieg, Blut, Mord und Auflösung des alten Schwedenreichs, bis das Gesicht sich erfüllt hat. Und er gab Ihnen das Papier? fragte Adlersparre. Er gab es mir und hier ist es, antwortete der General. Mag man glauben davon was man will, es ist merkwürdig genug; ich will es Ihnen vorlesen. Otho hörte ein Papier rauschen, dann las der General: »Ich, Karl der Elfte, heute König von Schweden, war die Nacht zwischen dem 16. und 17. December 1676 mehr als gewöhnlich von einer melancholischen Krankheit geplagt. Ich erwachte um halb zwölf Uhr, da ich meine Augen von ungefähr auf das Fenster warf und gewahr ward, daß ein heller Schein aus dem Reichssaale leuchtete. Ich sagte da zu dem Reichsdrost Bjelke, der bei mir im Zimmer war: Was ist das für ein Schein im Reichssaal? Ich glaube, da ist Feuer. Er antwortete mir: O nein, Ew. Majestät, es ist der Schein des Mondes, der gegen das Fenster glitzert. Ich ward vergnügt über diese Antwort, und wandte mich gegen die Wand, um einige Ruhe zu genießen, aber ich wurde unbeschreiblich ängstlich, wandte mich hin und her und ward den Schein wieder gewahr. Ich sagte noch einmal: Was ist das für ein Schein? Dort kann es nimmer richtig zugehen, worauf der große und geliebte Reichsdrost Bjelke erwiederte: Es ist nichts Anderes als der Mond. Aber in demselben Augenblick trat der Reichsrath Bjelke herein, um sich zu erkundigen, wie ich mich befände. Ich fragte da diesen wackeren Mann, ob er irgend ein Unglück oder Feuer im Reichssaal gewahr geworden? Er antwortete da nach einer kleinen Weile: Nein, gottlob! das ist nichts. Es ist der Mondschein, der verursacht, als wäre Licht im Reichssaale. Ich war wiederum befriedigt, aber, indem ich meine Augen nochmals dorthin warf, ward ich gewahr, daß es aussah, als gingen Menschen in dem Saale umher. Ich stand alsdann auf, nahm meinen Schlafrock und ging an das Fenster und öffnete es, wo ich gewahr ward, daß es darin ganz voll von Lichtern war. Da sagte ich: Gute Herren, da geht es nicht richtig zu. Ihr verlasset euch darauf, daß der, welcher Gott fürchtet, sich 533 vor nichts in der Welt fürchten muß; so will ich nun hingehen und erfahren, was es sein kann. Ich bestellte da bei den Anwesenden, herunter zu gehen zum Kastellan, um ihn zu bitten mit den Schlüsseln herauf zu kommen. Als er heraufgekommen war, ging ich im Gefolge der Männer zu dem geschlossenen heimlichen Gang, der über meinem Zimmer ist, zur Rechten von Gustav Erichson's Schlafzimmer. Als wir dahin kamen befahl ich dem Kastellan, die Thür zu öffnen, aber aus Bangigkeit bat er um die Gnade, ihn damit zu verschonen. Ich bat darauf den Reichsdrost, aber er weigerte sich dessen. Ich bat darauf den Reichsrath Oxenstierna, dem nie vor etwas bange war, die Thür aufzuschließen, aber er antwortete mir: Ich habe einmal geschworen, für Ew. Majestät Leib und Blut zu wagen, doch nie, diese Thür aufzuschließen. Nun begann ich selbst bestürzt zu werden, allein ich faßte Muth, nahm selbst den Schlüssel und schloß die Thür auf, da wir das Zimmer, dann sogar den Fußboden, überall schwarz bekleidet fanden. Ich, nebst meiner ganzen Gesellschaft, wir zitterten sehr, doch gingen wir zur Thür des Reichssaales, wo ich dem Kastellan wieder befahl, diese Thür zu öffnen, und so die Anderen auch, doch Alle baten sich die Gnade aus, sie damit zu verschonen. Ich nahm darum auch hier selbst die Schlüssel und öffnete die Thür, doch als ich meinen Fuß hineinsetzte, zog ich ihn vor Bestürzung hastig zurück. Ich stutzte so ein wenig, aber dann sagte ich: Gute Herren, wollt ihr mir folgen, so werden wir sehen, wie es sich hier verhält; vielleicht, daß der gnädige Gott uns etwas offenbaren will. Sie antworteten Alle mit bebenden Stimmen: Ja! Wir gingen da hinein. »Allzusammen wurden wir einen großen Tisch gewahr, von sechszehn würdigen Männern umgeben. Alle hatten große Bücher vor sich, unter ihnen aber saß ein junger König von siebenzehn oder achtzehn Jahren mit der Krone auf dem Haupt und dem Scepter in der Hand. Zu seiner rechten Seite saß ein langer, schöner Herr von ungefähr vierzig Jahren, sein Angesicht verkündigte Ehrlichkeit. Zu seiner Linken saß ein alter Mann, der siebenzig Jahre alt sein mochte. Es war besonders, daß der junge König mehrmals den Kopf schüttelte, da alle diese würdige Männer mit der einen Hand hart auf die Bücher schlugen. Ich wandte dann meine Augen von ihnen fort und ward sogleich neben 534 dem Tisch Richtblock bei Richtblock und Henker gewahr, alle mit aufgestreiften Hemdärmeln, und hieben einen Kopf nach dem anderen ab, so, daß das Blut längs dem Fußboden fortzuströmen anfing. Gott soll mein Zeuge sein, daß mir sehr bange war. Ich sah auf meine Pantoffeln, ob etwa einiges Blut auf sie gekommen wäre, aber das war nicht der Fall. Die, welche enthauptet wurden, waren meist junge Edelleute. Ich warf meine Augen dann weg und ward hinter dem Tische in der Ecke einen Thron gewahr, der fast umgestürzt lag, und daneben stand Einer, der aussah, als sollte er Reichsvorsteher sein. Er war ungefähr vierzig Jahre alt. »Ich zitterte und bebte, indem ich mich zur Thüre zurückzog und laut rief: Welche ist des Herrn Stimme, die ich hören soll? Gott! wann soll dies geschehen? Es wurde mir nicht geantwortet. Ich rief wiederum: O, Gott! wann soll dies geschehen? Aber es wurde mir nicht geantwortet; allein, der junge König schüttelte mehrmals den Kopf, während die anderm würdigen Männer hart auf ihre Bücher schlugen. Ich rief wieder stärker als zuvor: O, Gott! wann soll dies geschehen? So sei denn großer Gott, so gnädig, und sage, wie man sich dann verhalten soll? Da antwortete mir der König: Nicht soll dies geschehen in deiner Zeit, sondern in der Zeit des sechsten Herrschers nach dir. Und er wird sein von eben dem Alter und Gestalt, wie du mich siehst, und der welcher hier steht, offenbart, daß sein Vormund aussehen wird, wie dieser. Und der Thron wird gerade in des Vormunds letzten Jahren in seinem Fall sein durch den jungen König und seine Diener; aber der Vormund, der während seiner Regierung den jungen König verfolgt, wird sich dann seiner Sache annehmen und wird den Thron stärker befestigen, daß nie zuvor ein so großer König in Schweden gewesen und später kommen wird, und daß das schwedische Volk in seiner Zeit glücklich werden wird, und er wird ein seltenes Alter erreichen. Er wird sein Reich ohne Schulden und mehre Millionen in der Schatzkammer hinter sich lassen. Aber ehe er sich auf den Thron befestigen kann, wird ein großes Blutbad kommen, daß nie dergleichen im schwedischen Lande gewesen und auch nimmer wieder werden wird. Gib du ihm als König im Schwedenlande deine guten Vermachungen. 535 »Und als er dies gesagt verschwand Alles, und allein wir mit unseren Lichtern waren noch da. Wir gingen mit dem allergrößten Erstaunen, wie Jedermann sich vorstellen kann, und als wir in das schwarze Zimmer kamen, war es auch weg und Alles in seiner gewöhnlichen Ordnung. Wir gingen da hinauf in meine Zimmer und gleich setzte ich mich die Ermahnungen zu schreiben Die Ermahnungen Karl's des Elften liegen versiegelt im Archiv, und werden von jedem Könige erbrochen, gelesen und wieder versiegelt. in Briefen, so gut ich konnte. Und Alles dies ist wahr, dies bekräftige ich mit meinem leiblichen Eide, so wahr mir Gott helfe. Karl der Elfte , heute König in Schweden.         »Als auf der Stelle gegenwärtige Zeugen haben wir Alles gesehen wie Se. königliche Majestät es aufgezeichnet hat, und bekräftigen es mit unserem leiblichen Eide, so wahr uns Gott helfen soll. Karl Bjelke , Reichsdrost; U. W. Bjelke , Reichsrath; A. Oxenstierna , Reichsrath; Petter Granslén , Kastellan.« Nun, was sagen Sie dazu? rief Adlercreutz, als er zu lesen aufhörte. Ich habe von diesem Märchen schon vor Jahren gehört, antwortete Adlersparre, obwohl auch ich erst jetzt eine Abschrift des Documents sehe, das so ängstlich im Archiv bewahrt werden soll. Ist es aber nicht sonderbar, daß der Herzog mir das mittheilt? Der Major lächelte und machte eine kleine Verbeugung. Sie meinen, ich sei sein besonderer Günstling, fuhr der General lebhaft fort, und ich will nicht leugnen, daß Se. königliche Hoheit der Großadmiral mir sehr gnädig ist; mehr aber noch ist er ja Ihnen gewogen, Adlersparre. Sie wissen, wie lebhaft er sich für Ihre Wiederanstellung verwandte, Toll und Ehrenheim dafür interessirte, und wie viele Schwierigkeiten es bei dem Könige machte, der Anfangs nichts davon hören wollte. Ich weiß es, erwiederte Adlersparre mit seiner tiefen, harten Stimme. Er schlug es zweimal ab – vielleicht hatte er Recht! 536 Dafür hat er Sie, statt zum Oberstlieutenant, wie der Herzog es wollte, zum Major ernannt, doch sorgen Sie nicht. Sie werden keinen Monat bei der Armee sein, so wird das Oberstlieutenantpatent nachkommen. Ich bin zufrieden und kann warten, sagte Adlersparre. Ich habe, fügte er hinzu, in meinem Schlupfwinkel Ohludden, wie die Spötter in Stockholm sagen, Jahre lang von saurer Milch gelebt und bin dabei ein Philosoph geworden, das heißt, ein Mensch, der genügsam und geduldig ausharrt. Nun, wir werden sehen, was wahr daran ist, und wohin wir damit kommen. Sie, der immer frohe, heitere, liebenswürdige General, müssen sich in diese fromme, strenge Nüchternheit, wie man sie jetzt im königlichen Hause führt, schlechter gefallen, wie ich, der ich dennoch froh bin, rasch fortzukommen, um in ein ödes Winterlager geschickt zu werden. Bei Gott! Sie haben Recht, mein Freund! rief Adlercreutz. Ich will aufathmen, wenn ich wirklich nach Finnland geschickt werde. Hier fängt der Boden mir unter den Füßen zu brennen an. Wir gehen schlimmen Zeiten entgegen. Sind diese nicht schon schlimm genug? Feinde überall. Russen, Franzosen, Dänen und Norweger vor und hinter uns, kein Geld vorhanden, überall Unordnung und Verwirrung. Der schlimmste Feind des Königs ist er selbst, antwortete Adlersparre. Sie sagen leider das Richtige. Was er heute will, wird morgen umgedreht, was ihm morgen beliebt, ist in der nächsten Woche eine Thorheit. Es fehlt jetzt nur noch, rief er lachend, daß er unsere einzigen Freunde, die Engländer, beleidigt, wozu die beste Aussicht vorhanden ist. Welche Aussicht? Er hat gestern den englischen Gesandten rufen lassen, ein Heer und eine Flotte gefordert, zugleich aber das Verlangen hinzugefügt, daß Beide unter seinen unmittelbaren Befehl gestellt werden müßten. Der Gesandte wies ihn an seine Regierung, rieth jedoch von der letzten Forderung ab und machte Bemerkungen darüber, die den König in den heftigsten Zorn versetzten. Herr Thornton ist dagegen nicht der Mann, 537 sich beleidigen zu lassen, und wenn der alte Ehrenheim nicht dazwischen gesprungen wäre und besänftigt hätte, würde der Engländer, wie er gedroht, sich von allen Geschäften zurückgezogen haben, bis seine Regierung entscheide. Er wird zuletzt alle Welt beleidigen, murmelte Adlersparre, und keinen Freund mehr haben. Wenn sie ihn Alle verlassen, rief der General, einen treuen Freund behält er doch, die Königin! Aufrichtig gesagt, wenn ich sie sehe, ist mir als stände ein versöhnender Engel an seiner Seite. So sanft, so schön und gut, wie sie ist, muß man glauben, daß der Mann, den sie liebt, auch diese Liebe verdient, und hat er nicht auch manche edle und große Eigenschaften? Ein warmes Herz für menschliche Leiden, einen scharfen Verstand, das Rechte zu erkennen, lebhaftes Rechtsgefühl, zu lebhaft, zu einseitig vielleicht in vorgefaßten Meinungen; unglückselig nur ist dieser trostlose Eigensinn, der auf keine Vorstellungen achtet. Das wird sein Verderben sein, murmelte der Major. Die Königin macht gut, so viel sie vermag, fuhr Adlercreutz fort, sie bittet für Jeden, der hart behandelt wurde. Sie kennen doch die Geschichte mit dem Grafen Cederström, der in Pommern ein Bein verloren hat und neulich um Erlaubniß nachsuchte, sich aus Paris ein künstliches Bein kommen zu lassen, wie man diese dort verfertigt. Der König schlug es ab, weil alle französischen Waaren in Schweden verboten seien. Das charakterisirt den Mann! sagte Adlersparre. Er ist für diesen starrsinnigen Haß gegen Alles, was französisch heißt, und für den Eigensinn, daß, was er verboten hat, auch Jedem, ohne Ausnahme, verboten bleibe, durch das laute Geschrei über seine Tyrannei bestraft worden. Seine Feinde im Lande haben sich dadurch vermehrt; jetzt hat die Königin durch ihre Bitten erreicht, daß Cederström das Bein kommen lassen darf. Nun es zu spät ist für ihn, sagte der Major. So wird alle Einsicht für ihn zu spät kommen. Er hat Kinder, antwortete Adlercreutz. Wenn ein Volk leidet, denkt es an die Zukunft und wartet. Der Kronprinz ist ein Knabe von vielen Fähigkeiten, der das Beste hoffen läßt. 538 Mein lieber Freund, erwiederte Adlersparre mit rauhem Lachen, die Hoffnung auf die Kronprinzen ist ein verkommenes Märchen, nicht mehr werth, als Karl's des Elften gespenstisches Gesicht. Man muß nicht daran glauben, sondern seine Hoffnungen auf bessere Gründe stützen, als auf Kinder, die erst Männer werden sollen. Es trat eine kleine Stille ein, dann hörte Otho seinen Beschützer sagen: Wir müssen auch dabei geduldig und vorsichtig sein, theurer General. Unser Vaterland fordert Männer, und wenn nichts wahr ist, was in diesem Gesicht steht, so ist doch das wahr, daß der Thron im Fall begriffen ist, und das alte Schwedenreich seiner inneren Auflösung entgegen geht. Wenn ich Ihnen rathen darf, geben Sie dies Papier dem Herzog zurück und sprechen Sie nicht von seinem Inhalt. Der Herzog wird es Ihnen später danken, ich selbst werde mich heut noch bei ihm verabschieden und über diese Sache mein Wort anbringen. Ich habe mir schon dasselbe vorgenommen, entgegnete der General, und stimme Ihnen bei. Dem Könige wird es nicht lieb sein, wenn diese Gespenstergeschichte in Stockholm bekannt wird, und wenn ich auch überzeugt bin, daß dies nicht zu vermeiden ist, so mag ich doch als Generaladjutant nicht dabei betheiligt sein. Eben so wenig darf es der Herzog sein, sagte Adlersparre. Auch er nicht, das ist meine Meinung; deßwegen habe ich dies Papier Niemanden gezeigt als Ihnen, von dem ich weiß, daß Sie des Herzogs besonderes Vertrauen besitzen. Es ist zwischen dem alten Herrn und seinem königlichen Neffen böses Blut genug, man braucht es nicht zu vermehren. Seit einiger Zeit sehen sie sich fast nicht mehr, und wenn es geschieht, pflegt es nicht ohne einige spitzige Redensarten von beiden Seiten abzugehen. Kann das anders sein, erwiederte der Major, wo so verschiedene Eigenschaften sich entgegenstehen? Der König ist die Sparsamkeit selbst, lachte Adlercreutz, der Herzog war immer ein Verschwender, immer in Geldverlegenheiten und in Schulden. Der König besitzt den nüchternsten Verstand, des Herzogs Kopf ist trotz seiner sechszig Jahre noch voll romantischer Schwärmerei. Sein meistes Geld hat er verthan mit Rosenkreuzern, Freimaurern, 539 Alchemisten, Geisterbeschwörern und Wunderthätern aller Art, um Gold und Universalmittel für seine Unsterblichkeit zu machen, und dabei hat er das Unglück gehabt, so listigen Betrügern in die Hände zu fallen, daß er noch an ihren Unsinn glaubt und daß die Erinnerung an seine Regentschaftszeit noch immer Schrecken, Gelächter und Abscheu hervorrufen. Dennoch aber, antwortete Adlersparre, haben die Propheten ihm versprochen, daß eine Krone, ehe er stirbt, auf sein Haupt kommen soll. Wissen Sie auch, sagte der General mit gedämpfter Stimme, daß der König davon unterrichtet ist? Wie ich meine, ist seit dieser Zeit die Abneigung zwischen Onkel und Neffe noch mehr gewachsen. Um so mehr ist es nöthig, daß des Herzogs Name nicht mit dem Bekanntwerden dieser Phantasie des elften Karl's in Verbindung kommt, versetzte der Major. Die Anspielungen auf den guten Vormund, der die schlechte Regierung seines Neffen in Ordnung bringt, damit er Schweden beglückt, wie es nie gewesen, sind zu verfänglich und handgreiflich, um nicht die übelste Deutung zuzulassen. Ich habe den Herzog bei alledem sehr lieb, sagte Adlercreutz, denn er ist mild von Gemüth, weiß Freunde zu schätzen und ist großmüthig, dabei weder kleinlich noch eigensinnig. Der König wird es ihm aber nie verzeihen, daß er seinen Vater, Gustav den Dritten, so unbrüderlich haßte, daß er dessen Mörder sogar entwischen ließ, und nur Ankerström den Henkern überlieferte. Auch um dessentwegen hat der Herzog Vorsicht nöthig, murmelte der Major. Was Sie irgend thun können, um ihn zu einem guten Verhältniß mit dem Könige zu bewegen, verabsäumen Sie nicht. Auch darin sind wir derselben Meinung, antwortete der General. Ich habe dem Herzog schon öfter, wie ich denke, gute Nachrichten gegeben, wie es in dem Cabinette des Königs aussah, und habe ihm gestern erst dringend gerathen, bei der jetzigen Lage der Dinge, sich dem Könige zu nähern. Sie haben wohl daran gethan, flüsterte Adlersparre, der Herzog muß am Hofe erscheinen. Einfluß wird er niemals dort gewinnen können, 540 allein er muß sich sehen lassen. Schade doch, daß Sie Stockholm bald verlassen. Nun, Freund! rief der General fröhlich, wer weiß, wie bald ich wieder hier bin. Es gehört nicht sehr viel dazu, in Ungnade zu fallen, und schwerlich werden sie mich wie Cronstedt dann zum Commandanten in Sweaborg machen. Kein schwedischer König wird jemals wieder einen Commandanten in Sweaborg ernennen, sagte Jöran Adlersparre dumpf vor sich hin. Schande über uns, wenn es wahr ist! Glauben Sie denn Alles, was der junge Mensch berichtete? Ich glaube ihm Alles, war die Antwort des Majors, denn sein Mund ist keiner Lüge fähig, und ist denn nicht schon Vieles, was er ankündigte, eingetroffen? Leider ja. Ich wollte er hätte gelogen, und statt den Burschen hier abzuholen, wollte ich, daß ich commandirt wäre, ihm sechs Kugeln durch den Kopf jagen zu lassen. Das ist ein sehr freundlicher Wunsch, den ich nicht vergessen werde, murmelte Otho leise vor sich hin. Was in Finnland noch zu retten ist, werden Sie retten, General, sagte Adlersparre. Und was ist noch zu retten? Schwedens Ehre! Unser alter Ruf der Tapferkeit. Nein, Adlersparre! rief der General, sprechen Sie nicht so verzweifelt, noch ist nicht Alles verloren. Wenn man in Stockholm mich nicht im Stich läßt, mich nur halbweg so unterstützt, wie sie es versprechen, denke ich die Russen aus Finnland zu jagen, selbst wenn Cronstedt ein Verräther sein sollte und Sweaborg ihnen überliefert würde. Bei solcher Noth, fuhr er lebhaft fort, wird auch der König endlich von seinen eigensinnigen Grillen ablassen. Die Gefahr wird ihm Kraft geben, er wird sich von Ugglas, von Rosenblad, von Ihrem alten Feinde Zibet und von allen den Pedanten, Heuchlern, Frömmlern und Speichelleckern befreien, die ihn jetzt umlagern. Nein, wir dürfen nicht zu finster in die Zukunft blicken. Es ist ein altes Volk und ein alter Thron. Wanken beide, wollen wir sie aufrichten helfen, und wenn wir auch unzufrieden sind, es kann doch wieder besser werden. 541 Mein Leben will ich daran setzen um Gustav Adolph's und Schwedens Ruhm und Ehre! Aber nun muß ich fort, unterbrach er sich indem er aufstand, der Tag bricht an, und mein Weg ist weit. Der Finne schläft, wie ein satter Wolf. Ich muß ihn wecken. Er ging rasch auf das Nebenzimmer los. Adlersparre blieb sitzen und murmelte zwischen seinen Zähnen: Schwachkopf! Der General stand an Otho's Lager still, der es für Zeit hielt, die Augen zu öffnen und sich aufzurichten. Sind Sie munter? fragte Adlercreutz, als er die Bewegung bemerkte. Ganz munter. Was gibt's? Stehen Sie rasch auf und machen Sie sich bereit, mich zu begleiten. Wohin? wenn ich fragen darf. Zum Könige nach Gripsholm, sagte der General. Er hat mir aufgetragen, Sie zu ihm zu bringen. Weiter weiß ich nichts. Der Major kam mit einem Lichte herein und bestätigte was der General sagte. General Adlercreutz ist schon seit einer Stunde bei mir, fügte er hinzu, wir wollten Sie nicht eher wecken als nöthig, bis der Tag angebrochen. Kleiden Sie sich warm, heizen Sie aber auch von Innen ein; hier ist Thee und Arak. Der Weg nach Gripsholm ist weit und eine schreckliche Kälte draußen. Wenn es in Finnland eben so friert, und ich zweifle nicht daran, wird das Blut, ehe es aus den Wunden fließt, zu Eis werden. Um so besser, antwortete Otho, so werden die Todten nicht wissen, daß sie todt sind, und wie die Lebendigen weiter fechten. Adlercreutz blickte ihn wohlwollend an. Die jugendliche Rüstigkeit des jungen Abenteurers schien ihm ebenso zu gefallen, wie diese muthigen Worte, und während Otho sich bereit machte, ihm zu folgen, sprach er mit ihm weiter und schien sich an seinen raschen Antworten zu vergnügen. Wir müssen nun scheiden, sagte Adlersparre endlich, und aufrichtig, mein lieber Waimon, es thut mir leid, daß wir nicht länger beisammen bleiben können. Aber ich weiß, daß es nicht sein kann, doch werden wir, wie ich hoffe, uns nicht zum letztenmale gesehen haben. 542 General Adlercreutz wird mit Ihnen aber wohl eher zusammentreffen, denn sehr wahrscheinlich geht er schon in den nächsten Tagen ebenfalls nach Finnland, um die Russen zu schlagen, wo er sie findet. Wenn es nicht dennoch Armfeld an meiner Stelle thut, fiel der General lachend ein. Aber sollte ich nach Finnland reisen und Herr Waimon – doch davon wollen wir vor der Hand schweigen, unterbrach er sich, denn zunächst hat Se. Majestät über uns Beide zu bestimmen. Er warf seinen Pelzrock um und horchte auf die Straße hinaus. Ich habe meinen Schlitten hierher bestellt, er wartet auf uns. In drei oder vier Stunden müssen wir in Gripsholm sein. Nehmen Sie Abschied von Adlersparre, und Gott gebe uns Allen ein frohes Wiedersehn! Fünftes Kapitel. Die raschen Pferde brachten den Schlitten bald aus den tief verschneiten Straßen der schwedischen Hauptstadt auf dem Weg nach dem alten Schlosse Gripsholm am Mälarsee, dem Lieblingsaufenthalte Gustav Adolph's des Vierten, wo die Königin, die königlichen Kinder und der Hof verweilten und wohin der König selbst bei Winterzeit sich häufig zum Ärger der Stockholmer Wochenlang zurückzog. Während der Schlitten durch das Hügelland fuhr, der Tag hell heraufstieg und Morgensonnenschein über die schneeigen Thäler und niederen Felsen blitzte, welche den Mälarsee und seine zahllosen Buchten umsäumen, unterhielt der General seinen Reisegefährten mit Schilderungen des Hofes und der Hauptstadt und mit manchen Bemerkungen über den König, vor dessen Antlitz Otho bald nochmals erscheinen sollte. Gustav der Vierte ließ sich so wenig wie möglich in Stockholm sehen, dessen prächtiges Schloß, in welchem sein Vater so gern gelebt und so viele glänzende Feste gefeiert hatte, er nicht leiden mochte. Lieber wohnte er in dem kleinen, ärmlichen Haga, oder in Gripsholm, das in der 543 schwedischen Geschichte mehr als einmal eine blutige Rolle gespielt hat. In die Oper, wo sein Vater den tödtlichen Schuß empfing, setzte er niemals seinen Fuß, auch war er kein Freund von Festen und rauschenden Vergnügungen, von Prunk und Völlerei, sondern überaus mäßig und ohne Leidenschaften, streng in seinen Sitten, fern von allen den leichtsinnigen und lustigen Vergnüglichkeiten, denen sein Vater sich oft in zügelloser Weise ergab. Das gefällt mir sehr von ihm zu hören, antwortete Otho auf die Mittheilungen seines Begleiters. Wenn er weder Wein noch Weiber, weder üppige Schmausereien noch sybaritisches Leben liebt, wird er nicht in Verweichlichung untergehen. Davon ist er wirklich weit entfernt, lachte Adlercreutz. Sein Vater hat ihm eine spartanische Erziehung gegeben. Er wurde täglich von seiner Geburt an in eiskaltem Wasser gebadet, und dadurch hat sich sein Körper so abgehärtet, daß er die strengste Witterung nicht zu fühlen scheint. Vortrefflich für einen König, der vielleicht gezwungen ist, mitten im härtesten Winter gegen den Feind zu marschiren. Ein Mann wird jedoch darum nicht schlechter, wenn er es vorzieht, bei solchem Winter sich in seinen Pelz zu wickeln, fuhr der General fort, und da wir nicht Alle spartanisch erzogen werden, ist es für Manchen zuweilen doch etwas empfindlich, sich als Spartaner gebehrden zu müssen. Aber was ist das! rief er aus indem er zurückblickte. Der König kömmt, so wahr ich lebe! Er muß diese Nacht in Haga geschlafen haben, ich erfuhr nichts davon. Doch, so macht er es häufig. Plötzlich wird Befehl gegeben, dies und das zu thun, worüber gewöhnliche Menschen erstaunen, zuweilen auch ihre unterthänigsten Vorstellungen zu machen wagen, aber Se. Majestät ist von solcher Willenskraft, daß er sehr selten von dem abläßt, was er einmal bestimmte. Fahre zur Seite, rief er dem Rosselenker zu und halte an. Wir müssen aussteigen, Herr Waimon, und Sr. Majestät unsere Ehrfurcht beweisen, wie es Vorschrift und Sitte ist. Was ist Vorschrift und Sitte? Sie müssen Ihre Mütze abnehmen und sich dreimal tief verbeugen, wenn der König vorüberfährt. Ich muß es ebenfalls thun, obwohl ich 544 als Soldat meinen Hut auf dem Kopf behalten darf. Kein Minister, keine Excellenz ist davon ausgenommen und ich kann Sie versichern, daß es manchem alten dicken Herrn schon sehr sauer wurde, sich bei großer Hitze oder Kälte aus Wagen oder Schlitten zu wälzen, um schwitzend oder zähnklappend, baarhäuptig die drei Reverenzen zu machen. Das ist eine knechtische, lächerliche Sitte, für Türken oder Russen gut genug, sagte Otho, doch nicht für freie Männer. Denken Sie darüber, wie Sie wollen, mein Lieber, aber steigen Sie rasch aus. Der König ist nahe und er hält streng auf pünktliche Befolgung der Gebote. Otho stellte sich neben den General in den tiefen Schnee und Adlercreutz, der seinen Pelz abgeworfen hatte, verneigte sich, bis sein breiter Oberkörper eine fast wagerechte Linie bildete, während der hartnäckige junge Finne zwar seine Mütze abnahm, aber dabei nur den Kopf grüßend bog und den König anschaute. Gustav Adolph fuhr und ritt stets außerordentlich rasch. Seine vortrefflichen Pferde jagten auch diesmal blitzschnell auf der glatten Bahn daher; er selbst saß mit einem Adjutanten in dem offenen Schlitten und trug nur einen gewöhnlichen Offiziermantel, der obenein zurückgeschlagen war und die Uniform der Leibgarden sehen ließ, in welche er sich gekleidet hatte. Das steile, ernsthafte Gesicht wandte sich den beiden getreuen Unterthanen zu und mit einer Handbewegung war er vorüber, doch Otho hatte bemerkt, daß eine Falte seine Stirn verdüsterte, als er ihn anblickte, und fast schien es, als wollte er einen Befehl geben, so drohend warf er den Kopf auf. Das erste Wort, das Adlercreutz sagte, war ein echt schwedischer Fluch, der Otho an den alten Major Munk erinnerte, dann lachte er wie gewöhnlich, warf seinen Pelz über die Schultern und hüllte sich ein. Warum, zum Teufel! Herr Waimon, haben Sie sich nicht gebückt? fragte er. Ist Ihr Kreuz von finnischem Granit gemacht, oder sitzt eine Eisenstange darin? Ich wette darauf, der König wird Sie darüber befragen. Dann werde ich ihm antworten, daß ich in Verbeugungen niemals Unterricht erhalten habe, das ganze Verlangen mir aber widerlich ist und unpassend vorkommt. 545 Und hierauf wird Se. Majestät sehr zornig werden und Sie dies empfinden lassen. In Gottes Namen! sagte Otho, von seiner Gnade kann ich überdies keinen Gebrauch machen. Keinen Gebrauch? Ein König hat viel zu geben! lachte der General. Blitzende Röcke, Orden, Titel, Geld. Es wäre doch gar nicht so übel, wenn Herr Otho Waimon in der Rangordnung rasch aufstiege. Ich verlange nach keinem anderen Rang, Herr General, als den ich schon besitze, antwortete der junge Mann, auch nach keinem anderen Titel, als der mir geworden ist. Und welchen Rang und Titel besitzt Herr Waimon? Den Rang eines finnischen freien Mannes, der auf seinem freien Erbe lebt, und den Titel, den mein Vater mir hinterlassen, des Volkes Freund und Helfer zu sein. Adlercreutz schwieg darauf, aber diese Antwort schien sein Wohlwollen zu vermehren. Nach einiger Zeit leitete er das Gespräch auf Finnland und bald war er überzeugt, daß dieser junge Mann eben so gut alle Zustände und Verhältnisse darin kannte, wie er von dem Lande selbst die genauste Auskunft zu geben vermochte. Mit Offenheit sprach Otho über die Fehler und Mängel der Regierung, über die grenzenlose Vernachlässigung des Volks und über die Ursachen, warum die Russen leichtes Spiel haben würden, um eben so wohl zu verlocken und zu bestechen, wie das Volk selbst niederzuhalten und zum Zuschauen zu bewegen. Der General hörte lange aufmerksam zu, vervollständigte was er wissen wollte durch seine Fragen, und sagte zuletzt: Sie sind kein guter Schwede, Herr Waimon, leugnen Sie es nicht. Nein, ich gestehe es Ihnen gern zu. Aber Sie sind ein wackerer Mann und ein heißblütiger finnischer Patriot, das ist mir genug! Damit werden Sie aber in Stockholm nicht durchkommen. Ich will auch nicht durchkommen. Ich will nach Finnland zurück, meinem Volke und Vaterlande beistehen, damit, wenn ich es ändern kann, es nicht russisch werde. Aber wenn der Widerstand nichts hilft. Was dann? 546 Niemals will ich ein Russe sein! Lieber das Land meiner Väter verlassen, lieber, wie mein Vater, übers Meer wandern. Adlercreutz drückte Otho's Hand. Noch sind wir nicht so weit! rief er lebhaft und fröhlich. Wer weiß, wie es kommt. Schwedische und finnische Tapferkeit haben oft schon die Wage heruntergezogen, wo sie in die Höhe schnellte. Wenn ich nach Finnland gehe und Sie nicht hier zu halten sind, soll's mir eine Freude sein, wenn Sie Adlersparre's Ausspruch befolgen und mich begleiten. Wir wollen gemeinsam für Finnlands Freiheit vom Russenjoch fechten; besser bleibt's doch immer, Herr Waimon, mit Schweden vereinigt und mit Schwedens Rechten und Freiheiten gleichgestellt. Ich habe von diesen Freiheiten und Rechten nicht die besten Begriffe bekommen, sagte Otho. Nicht? lachte Adlercreutz. Nun, Ihnen aufrichtig zu gestehen, ich auch nicht; allein darum wollen wir doch noch nicht ans Auswandern denken. Wir behalten immer noch Zeit genug dazu. Wer weiß, was uns die Zukunft bringt, was sich ändern kann! Da liegt Gripsholm vor uns, fuhr er fort. Sie sind ein Mann, Herr Waimon, den man nicht warnen darf, sich vor Unvorsichtigkeiten zu hüten, oder sich nicht einschüchtern zu lassen. Handeln Sie mit finnischer Klugheit, im Übrigen aber ist es so übel nicht, wenn der König einmal eine andere Sprache hört und ein freier Mann vom Pajänesee jagt den Hofgesichtern Entsetzen ein. Er lachte muthwillig auf und während dessen eilte der Schlitten dem alten Schlosse zu, das am Ende einer Seebucht des Mälar auf einem flachen Strand liegt, umringt von tiefen Gräben, über deren Brücke die Reisenden durch ein gewölbtes Thor in den Schloßhof gelangten. – Das Schloß war neu angestrichen und ausgebaut von Gustav dem Dritten, der viel Geld darauf verwandte, um ihm den mittelalterlichen Charakter zu nehmen. Nur die mächtigen Thorgewölbe und die ungeheueren Thürme mußte er stehen lassen, in deren Kerkern mehr als ein schwedischer König gefangen saß. Auf dem Schloßhofe stand ein Bataillon der Leibgarden aufmarschirt und rasch stieg General Adlercreutz aus, denn der König selbst wurde erwartet, um die Soldaten zu mustern. Er war in seinen Zimmern, auf dem Hofe zitterten 547 die Grenadiere und ihre Anführer vor Kälte, denn es war ihnen nicht erlaubt, Mäntel anzulegen. Die Soldaten in ihren schönen Uniformen mit großen Silberknöpfen, auf denen das königliche Wappen geprägt war und die Offiziere in Hüten mit Straußfedern verziert, sahen prächtig aus, doch sie waren halb erfroren und konnten kaum mehr Degen und Gewehre halten. Sehen Sie wohl, sagte Adlercreutz, das kommt davon, wenn man nicht spartanisch erzogen wird. Sollten Sie in die Leibgarde oder Trabantengarde eintreten, so sorgen Sie ja dafür, sich spartanisch abzuhärten. Er führte ihn dabei eine Steintreppe hinauf, durch verschiedene Gänge, an denen Wachtposten standen, die vor dem General ihre Waffen präsentirten, dann öffnete ein dickbetreßter Wachtmeister einen Saal, und Adlercreutz winkte Otho ihm zu folgen. In einem hohen Kamin brannte ein breit loderndes Feuer, alle Wände waren mit den lebensgroßen Bildnissen vieler Bischöfe, Reichsräthe und Herren bedeckt, die in ihren dunklen Rahmen von dem Schein der Flammen überzittert wurden. Dies ist der Saal der Räthe, sagte Adlercreutz, indem er seinen Fuß auf das Kamingitter stellte und seine Hände wärmte. Wir wollen hier einige Augenblicke verweilen, und einen Adjutanten erwarten, der uns melden kann. Gripsholm enthält eine berühmte Gemäldegalerie, Herr Waimon, mehr als zweitausend Bilder, lauter Portraits berühmter und bekannter Männer und Frauen, die Schweden seit den ältesten Zeiten hervorgebracht hat. Dort geht es in den Königssaal, wo Sie alle Bilder der Könige, sammt ihrer Frauen und Kinder finden; hier im Saale der Räthe sind die berühmtesten Minister und Diener jener langen Herrscherreihe zusammengestellt. Gustav der Dritte hat die Bilder ordnen und in verschiedene Säle vereinigen lassen. Wenn Sie einmal berühmt werden, Herr Waimon, kommen Sie auch hierher. Ich denke, daß Sie, Herr General, darauf weit eher Anwartschaft haben, erwiederte Otho. Meinen Sie? fragte Adlercreutz. Wer weiß, wie meine Dienste ausfallen und was Se. Majestät dazu sagt. Vielleicht ist es mit meinem 548 Ruhme vorbei, ehe es gemalt wird. Es gibt hier manche Gesichter, bei denen man nichts Gutes denkt. Verräther, Empörer, Menschen, die ihren Kopf auf den Henkerblock gelegt haben. In solcher Gesellschaft aufgestellt zu werden, ist nicht ohne Bedenken, Herr Waimon. Hat denn nicht mancher wackere Mann schon sein Haupt auf den Block gelegt und ist Verräther und Empörer genannt worden, sagte Otho. Die Nachkommen ehren trotz dessen sein Andenken, während sie die Tyrannen, welche ihn verdammten, verachten und verfluchen. Wir Christen haben überdies das beste Beispiel an unserem Religionsstifter, um zu beweisen, was es sagen will, dem Henker überliefert zu werden, wenn man Wahrheit und Recht vertheidigt. Wahr, Herr Waimon, wahr ist jedes Ihrer Worte! antwortete Adlercreutz lebhaft, und indem er seine Augen auf die Flamme heftete, setzte er mit gedämpfter Stimme hinzu: Wahrheit und Recht! dafür mag ein Mann sterben können; was ihm auch geschieht, die Geschichte wird seine Ehre retten. Bei dem Knarren einer Thür im Hintergrunde, blickte er auf und ging dann sogleich einem Herrn entgegen, der in den Saal trat und rasch dem Ausgange zuschritt. General Armfeld! rief er aus, und bei diesen Worten, welche durch den weiten Raum schallten, wandte sich der Herr um und blieb stehen. Sie waren bei dem Könige, Excellenz? fragte Adlercreutz. Ja, Herr General, erwiederte Armfeld, mit tiefer markiger Stimme. Und verlassen uns so schnell? fuhr Adlercreutz fort. Ich reise in einer Stunde nach Karlstad. Der König hat mich zum General der Westarmee ernannt. Mein Wunsch, in Finnland zu fechten, da ich ein Finnländer bin, ist abgeschlagen worden. Und wer wird nach Finnland geschickt werden? Sie, General – wenn Sie es noch nicht wissen sollten! antwortete Armfeld. Otho blickte neugierig auf den Mann, von dem er oft schon im Guten wie im Bösen Vieles gehört hatte. Moritz Armfeld war über fünfzig Jahre alt, aber noch war von seiner vielgerühmten männlichen Schönheit, die ihm einst den Ruf des schönsten Mannes seiner Zeit erworben hatte, genug übrig geblieben, um die Augen der Menschen 549 zu fesseln. Welche merkwürdige Schicksale hatte dieser Mann erlebt! Gustav's des Dritten Liebling und erster Günstling bis zum Tode des Königs, wollte der sterbende Monarch ihn auch an die Spitze der Regentschaft stellen, aber die Feder fiel aus seiner erstarrenden Hand, indem er sich anschickte das Decret zu unterzeichnen. So wurde dennoch der verhaßte Herzog von Südermannland Regent, und einer der ersten Acte seiner Macht war der, daß er dem Günstling seines Bruders alle Ämter und Würden nahm und ihn als Gesandten nach Neapel ins Exil schickte. Bald aber wurde ihm der Prozeß gemacht. Als Landesverräther ward er gebrandmarkt und ein Preis auf seinen Kopf gesetzt, die schöne Gräfin Rudenskiold, seine Geliebte, mit abgeschorenem Haar an den Pranger auf offenen Markt gestellt und dann ins Spinnhaus gebracht; und nun verfolgten Mörderdolche Armfeld durch Italien und durch den ganzen Orient, bis er an Katharina's Hofe in Petersburg eine Freistätte fand, denn vergebens verlangte der Herzog von Südermannland seine Auslieferung. Und dieser Mann, beschimpft wie kein Zweiter, stand jetzt wiederum in den Königssälen Stockholms, bekleidet mit Würden, Sternen und Ordensbändern. Denn kaum hatte Gustav der Vierte die Regierung übernommen, so rief er ihn zurück, vernichtete das über ihn gefällte Urtheil, gab ihm Ehren und Ämter wieder und der Oheim Herzog mußte es sehen, daß der von ihm geächtete Armfeld seinem Neffen näher stand als er selbst. Hoch und schlank von Gestalt, besaß dieser merkwürdige Mann bei grauenden Haaren noch viel von der Anmuth, die ihn den Frauen gegenüber zum unwiderstehlichen Sieger gemacht hatte. Fürstinnen und Prinzessinnen hatten sich ihm unterworfen, doch an Allen hatte er treulos wie Alcibiades gehandelt. Als General, als Staatsmann und in allen ernsten Dingen konnte er niemals großen Ruf und Ruhm erwerben, aber sein Witz, sein Geist, der Zauber seines Umganges waren eben so anerkannt, wie seine Sitten gefürchtet wurden und Männer von strenger Moral sie verdammten. Sein liebenswürdiger Leichtsinn hatte Gustav den Dritten gefesselt, bei dessen strengem und hartnäckigem Sohn ein Mann wie Armfeld nicht dieselbe Stelle einzunehmen vermochte, dennoch aber bevorzugt wurde, weil der König in ihm ein Werkzeug für seine Pläne sah, weil er seines Vaters gemißhandelter Freund war und weil 550 er den Kaiser der Franzosen, das neunköpfige Thier der Offenbarung, eben so glühend haßte, als Gustav Adolph selbst. Als die beiden Generale beisammen standen, die beiden Heerführer, welche der König eben gegen Russen und Dänen aussenden wollte, fing Otho's Herz an zu schlagen. Eine innere Stimme sagte ihm, daß dies nicht die Männer seien, um so gewaltige Thaten zu vollbringen, wie die alten schwedischen Feldherrn, die Banner, Horn und Trostensohn sie vollbracht hatten. Der hohe, stolzblickende Baron hatte eine Wolke von Groll auf seiner Stirn und blickte mißgünstig auf den untersetzten, breitschultrigen Adlercreutz, der erreicht hatte, was er wünschte, und sein Vergnügen darüber nicht ganz verbergen konnte. Sie werden nach Finnland gesandt werden, General Adlercreutz, fuhr Armfeld fort, der König hat es mir selbst soeben gesagt, und ich bin gewiß, fügte er mit einem gallichten Lächeln hinzu, indem er sich geschmeidig verbeugte, Sie werden wie Cäsar darauf antworten: Ich kam, sah und siegte! Meinen unterthänigsten Dank, Excellenz, für Ihre gute Meinung, erwiederte Adlercreutz, doch bin ich ein Anfänger, der als Feldherr erst die Sporen verdienen soll. Sie dagegen haben der Welt schon Ihren Namen bekannt gemacht, darum wehe den Norwegern! Armfeld's Züge verdüsterten sich bei diesen schmeichelnden Worten. Er erkannte den Spott recht gut, der darin steckte, denn im vorigen Jahre hatte er in Pommern gegen die Franzosen commandirt und wenig Ruhm nach Hause gebracht. Ehe er jedoch eine Antwort geben konnte, that sich die Thür abermals auf, und auf der Schwelle stand der König, der in seiner harten, steifen Weise die beiden Generale anblickte und anredete, welche, als sie ihren Herrn sahen, sich militärisch gerade stellten. Armfeld! rief Gustav Adolph, Ihr seid noch hier? Ja, Majestät, antwortete der General. Kommt noch einmal herein, da Ihr noch nicht fort seid, fuhr der König fort. Auch Ihr, Generalmajor Adlercreutz. Wo ist Euer Begleiter? Er wandte sich gegen den Kamin und sah Otho dort stehen, worauf er zurück trat und die Generale ihm folgten. 551 Adlercreutz winkte Otho, sich ihm anzuschließen. Das Nebenzimmer war klein und dunkel, doch es öffnete sich auf eine Gallerie, in welcher Adjutanten, Offiziere und Hofleute sich befanden. Der König trat jedoch aus diesem Cabinet durch eine andere Thür in sein Arbeitszimmer, begleitet von den Generalen, welchen Otho nicht weiter zu folgen wagte. Als er in das königliche Zimmer blickte, sah er den Freiherrn Ehrenheim an einem großen Marmortische stehen, von welchem der König ein Papier nahm, das aufgeschlagen dort lag, sich damit gegen Armfeld umwandte und es ihm entgegenhaltend ausrief: Lest das, Armfeld, und sagt mir Eure Meinung darüber. Einige Minuten vergingen, bis der General mit bewegter, lauter Stimme erwiederte: Wenn Ew. Majestät glauben können, daß ein unlauterer Gedanke in mir ist, so nehmen Sie mir den Degen wieder, den ich Ew. Majestät Gnade verdanke. Nein! antwortete der König. Ich denke Ihr wißt, was Ihr meiner Gnade zu danken habt. Meines Vaters Freund wird kein Verräther sein. Tausendmal eher mein Leben lassen! rief Armfeld. Der König stand, wie es seine Gewohnheit war, in steifer Haltung den Kopf in den Nacken, feierlichen Ernst in seinen strengen Blicken, die er nach oben richtete. Gott wird mit uns sein, sagte er, er wird uns helfen! Ich habe Sie Beide ausersehen, meine Herren Generale, Schweden gegen seine Feinde zu schützen. Sie werden mein Vertrauen rechtfertigen, ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann. Er reichte ihnen die Hände, welche sie küßten, und fuhr dabei fort: Soeben hat mir der Freiherr Ehrenheim diese russische Depesche, vom Grafen Romanzoff an den Herrn von Alopäus gerichtet, gebracht. Ich bin erfreut darüber, ein solches Document in Händen zu haben, das ich vor den Augen der ganzen Welt veröffentlichen will, um zu zeigen, welche Pläne gegen mich geschmiedet wurden. Diese Depesche ist aufgefangen worden, und ich habe sie erbrochen, obwohl Ehrenheim mir rieth, es nicht zu thun, sondern sie im Reichsarchiv bis zum Frieden verwahren zu lassen. Ich habe recht gethan, Freiherr Ehrenheim! rief er heftiger, indem er auf seine Brust schlug, vor Gott und allen Fürsten Europa's will ich es verantworten. Schmachvoll genug, daß es mein eigener 552 kaiserlicher Schwager ist, der mir ohne Kriegserklärung ins Land fällt, um es zu erobern, ohne irgend einen gerechten Grund dazu, deß ist der Himmel mein Zeuge! Damit aber noch nicht genug, schreibt der Minister Romanzoff an den Gesandten Alopäus, wie hier steht: »Suchen Sie durch alle Mittel einflußreiche und bedeutende Männer zu bewegen, die Sache des Königs zu verlassen und sich uns anzuschließen. Ganz besonders erwünscht wäre es, wenn der General Armfeld zum Abfall bewogen werden könnte, er dürfte Ursach haben dies zu thun.« Das ist eine Infamie! sagte Armfeld. Ruhig, General, antwortete Gustav Adolph. Mir ist mehr geschehen wie Ihnen; aber ich klage nicht, ich vertraue auf Gott. Fielen auch noch zehn Noten dieser Art in meine Hände, und stände darin, Armfeld und Adlercreutz dürsten nach meinem Thron und Blut, es würde doch nicht meinen Willen ändern. Ihr seid General der Westarmee, Armfeld, und werdet es bleiben, so lange ich es befehle. Ihr, Adlercreutz, werdet den Marschall Klingspor unterstützen und Chef seines Generalstabes sein. Mit diesen stolzen Worten reichte er dem General nochmals die Hand zum Kusse, als der Generaladjutant Mellin hereintrat und seinen schwarzen Stab vor dem Könige senkend meldete, daß Se. königliche Hoheit, der Herzog von Südermannland, soeben im Schlosse angelangt sei. Mein Oheim! rief Gustav Adolph erstaunt. Das ist ein seltener Besuch. Seine Stirn verdüsterte sich mehr noch als gewöhnlich und seine kalten Augen rollten lebhafter; nach einigen Augenblicken jedoch nahm sein Gesicht die stolze, strenge Würde wieder an, welche er für unerläßlich hielt. Lebt wohl, Armfeld, sagte er, ich will Euch nicht länger aufhalten. Und wie ich Euer gnädiger König bleibe, so hoffe ich bald auch von Euch Dinge zu hören, die mich freuen. Geht in die Gallerie, Adlercreutz, und wartet dort, Sie aber, Freiherr Ehrenheim, dictiren Sie inzwischen dem Cabinetssecretär Wetterstadt meinen Befehl an den dänischen Grafen Moltke, sofort Stockholm zu verlassen. Der weißhaarige Minister machte eine stumme, tiefe Verbeugung und warf einen ausdrucksvollen, bangen Blick auf seinen Herrn, den 553 dieser nicht beachtete. Dann entfernte sich Ehrenheim nach einer Seite in die Kanzelei, die Generale aber zur anderen Hand in die Gallerie, aus welcher, eben als sie den Eingang erreichten, der Herzog von Südermannland ihnen entgegentrat. Der Ceremonienmeister, Oberst Mellin, öffnete die Thür und der Herzog ging hart an den beiden Generalen vorüber, die sich ehrfurchtsvoll neigten. Ein leises Lächeln begleitete seinen Gruß, den Adlercreutz erhielt, über Armfeld sah er fort, als sei er nicht vorhanden; hierauf schritt er auf den König zu, der steif, den Kopf im Nacken, in der Mitte des Zimmers stand, und eher mit befremdender Kälte als mit Zuvorkommenheit seines Vaters Bruder und seinen ehemaligen Vormund empfing. Der Herzog war kleiner als der König, damals sechszig Jahre alt, von rüstiger breiter Gestalt, festen starken Gesichtszügen, welche durch ungewöhnlich große Augen belebt wurden und einen gewissen freundlichen und gutmüthigen Ausdruck erhielten. In seiner Erscheinung lag etwas Plumpes und Gewöhnliches; man sah es ihm an, daß er ohne Thatkraft war, denn seine Züge waren schlaff und seine Augen matt, obwohl es ihnen nicht an einem schlauen Ausdruck fehlte. Dies war der Mann, welcher Schweden vier Jahre lang regiert hatte, und dem man nachsagte, daß er seinen Neffen nicht weniger hasse, als er dessen Vater gehaßt hatte, und von dem es bekannt war, daß er den größten Theil seiner Zeit mit Tabakrauchen und mit dem Studium allerlei Geheimschriften über Freimaurerei, egyptischer Wahrsagerei, Astrologie und anderer gefährlichen schwarzen Künste verbringe. Der Herzog reichte dem Könige seine Hand hin und begrüßte ihn mit einigen glückwünschenden Worten, die Gustav Adolph erwiederte, ohne von seinem feierlichen Ernst abzulassen. Ich kann mir denken, sagte der Herzog, daß mein Besuch Ihnen unerwartet ist, mein Neveu, allein Sie wissen von mir, daß ich nur in dringenden Fällen von meinem Rechte Gebrauch mache, Sie zu jeder Zeit zu sprechen. Sie sind mir immer willkommen, antwortete Gustav Adolph, eben jetzt aber um so mehr, da ich in unerhörter Weise überfallen werde und genöthigt bin, mich und Schweden mannhaft zu vertheidigen. 554 Wir hätten früher wohl Gelegenheit gehabt, uns der russischen Freundschaft für immer zu versichern, begann der Herzog, aber der König ließ ihn nicht weiter reden. Die Hindeutung auf jenen bekannten Besuch des Königs und seines Vormunds in Petersburg, um Katharina's Enkelin zu heirathen, der damit endete, daß Gustav Adolph plötzlich abreiste und die große Czarevna in Wuth und Schaam zurück ließ, brachte ihn auf. Ich glaube, sagte er, rauh die Worte hervorstoßend, daß ich nicht nöthig habe, daran gemahnt zu werden. Sie berufen sich auf Ihr Recht, mich zu sprechen. Was ist es, das Sie zu mir führt? Die Lage des Reichs, Ihre eigene Lage, antwortete Karl von Südermannland mit überlegener Ruhe. Ich habe für Beides gesorgt, fuhr der König fort. Jeder Schwede muß mit mir die Schmach empfinden, die uns angethan wird, und den letzten Blutstropfen, den letzten Thaler daransetzen, um sie abzuwaschen. Das wird Jeder thun, versetzte der Herzog, allein, ehe man dies Äußerste versucht, wird man sich fragen müssen, ob ein so schreckliches Unglück nicht abgewandt werden kann. Es kann nicht abgewandt werden! erwiederte der König. Nicht ohne tiefe Demüthigung, ohne Unrecht und Gewalt zu ertragen. Das Alles wäre abzuwenden, wenn Sie sich zur Nachgiebigkeit entschlössen, fiel der Herzog ein. Der Friede mit Frankreich zieht den Frieden mit Rußland und Dänemark von selbst nach sich. Still! rief der König, indem er mit dem Fuß aufstampfte, was er immer that, wenn sein Zorn ihn übermannte. Das Gesicht des Herzogs röthete sich, seine großen Augen machten sich weit auf; er lächelte, aber seine breiten Lippen zuckten dabei zusammen. Ich bitte Sie nicht heftig zu werden, mein Neveu, sagte er; leugnen aber kann Niemand, daß der Kampf, in welchen Schweden jetzt gestürzt wird, einer ist, der seine Kräfte bei Weitem übersteigt. Rußland hat sechszigtausend Mann in Finnland einrücken lassen, und wenn wir auch an die Verräthereien nicht glauben wollen, die dort im Werke sind, so ist es dennoch unmöglich, das Land zu behaupten. 555 Oft schon ist es behauptet worden. Mein Vater hat es gethan! Ich werde mich nicht schrecken lassen! unterbrach ihn der König, indem er mit großen Schritten bis an den Tisch ging. Sprechen Sie mir nicht von Frieden. Eher will ich Hand und Haupt verlieren, ehe ich mich also schänden lasse! Der Herzog blickte nachsinnend auf seinen Hut, den er in der Hand hielt. Ich sehe leider, begann er mit gedämpfter Stimme, daß Alles, was ich zu sagen wüßte, Ihnen eben so unangenehm sein würde, wie es fruchtlos gesprochen wäre. Ich erkenne das Unrecht und die Gewalt vollkommen, die Alexander verübt. Er will Finnland um jeden Preis, wir liefern es ihm in die Hände. Nicht wir! nicht ich! rief der König. Ich will das Rechte, ich hasse die Sünde. Gott ist mein Zeuge, daß ich ein ehrlicher Mann bin! aber was Recht ist, muß Recht bleiben, und keine Macht der Welt soll mich zwingen, einen Strohhalm breit von meinem Rechte aufzugeben! Herzog Karl zuckte leise die Achseln. Auch die Klugheit hat ihr Recht, sagte er. Niemand darf sich ihr entziehen. Darum, mein Neveu, bitte ich Sie inständig, lassen Sie diese walten. Klugheit, antwortete Gustav Adolph rauh und mit messendem Blick, ist oft Feigheit und führt zum Verrath an der eignen guten Sache. Aber wohin, sagte der Herzog warnend, führt zu großes Selbstvertrauen? Nicht auf mich, auf Gott vertraue ich! fiel der König ein, und indem er auf seine Brust klopfte, setzte er diesmal seine Lieblingsworte hinzu: Ehrlich währt am längsten! Er wird mich nicht untergehen lassen! Dann wenigstens, fuhr der Herzog dringend fort, verschlimmern Sie nicht durch allzugroße Heftigkeit Ihre Lage. Sie haben den russischen Gesandten verhaften lassen. Das ist gegen das Völkerrecht. Ich that's, versetzte der König, und noch mehr; den dänischen Gesandten werde ich zu meinem Hause hinauswerfen. Mit Escorte lasse ich ihn über die Grenze bringen. Unmöglich! rief der Herzog erschrocken, das werden Sie nicht thun! 556 Mit allen Intriguanten, allen heimlichen Aufpassern und Verräthern werde ich kurzen Proceß machen. Ich kenne die Menschen, die hinter meinem Rücken Pläne schmieden, aber, bei Gottes Thron! wer sie auch sein mögen, sie können sich in Acht nehmen. Der Herzog wechselte die Farbe, denn der König sah ihn starr dabei an; gleich darauf aber hob Karl von Südermannland den Kopf auf und antwortete mit ruhiger Stärke: Ich bin Ihr nächster Verwandter, mein Neveu, und bin ein alter kinderloser Mann, der nicht lange mehr zu leben hat. Was ich sage, gibt mir die Sorge für Ihr Wohl und für das Wohl meines Vaterlandes ein, und diese befiehlt mir Sie zu warnen. Hören Sie auf die Stimme Ihres Volkes, hören Sie die Stimmen treuer Diener und Freunde. Schließen Sie Frieden mit Rußland, ehe ein unglücklicher Krieg die letzten Kräfte Schwedens verzehrt, und glauben Sie mir, daß Niemand williger Blut und Leben für Sie und Ihr Heil opfern möchte, als ich dazu bereit bin. Wie Sie dies öfter schon gethan haben! sagte der König hart, und indem er einen Schritt näher trat und vor dem Herzog stehen blieb, fügte er hinzu: Als mein Vater in der Wiborger Bucht von der russischen Flotte eingeschlossen wurde, wer war es, der ihm rieth, einen Frieden um jeden Preis abzuschließen? Mein Vater aber antwortete: Keinen schimpflichen Frieden, wir müssen fechten und siegen oder sterben! Und das sage ich auch und will es halten, bis zum letzten Tage. Die Erinnerung an die Wiborger Bucht, wo Herzog Karl allerdings für Capitulation und Unterwerfung gestimmt hatte, trieb ihm das Blut in den Kopf. Mein Bruder, sagte er, war bei alledem ein Mann, der guten Rath nicht von sich wies und bei hoher Energie weit entfernt von eigensinniger Hartnäckigkeit. Ich freue mich über Ihr Urtheil, entgegnete Gustav Adolph. So lange mein Vater lebte, hat er dergleichen nicht von Ihnen gehört. Ich wollte, ich könnte ihn aufwecken aus seinem Grabe! rief der Herzog schmerzlich erregt, damit er sehen könnte, was aus uns geworden ist. Der König preßte seine Lippen zusammen, die Adern schwollen auf seiner Stirn, mit großer Mühe suchte er sich zu beherrschen; einige Minuten lang aber konnte er keine Worte finden. Endlich war er so 557 weit mit seiner feierlichen Würdigkeit, sagen zu können: Ich danke Ihnen, königliche Hoheit, für Ihre Bemühungen, verbitte mir aber in Zukunft Alles, was nicht Ihre Sache ist. Ich bin König in Schweden; wehe dem, der meine Krone anrührt! Die Heftigkeit, mit welcher er sprach und den Arm, den er aufhob und zornig schüttelte, machte, daß der Herzog bestürzt zurücktrat und mit lauter Stimme rief: Es rührt Niemand Ihre Krone an, Majestät, am wenigsten ich, der ich berufen bin, diese zu vertheidigen! Indem er dies sagte, hörte er hinter sich das Rauschen eines Gewandes, und eine sanfte Stimme, die einige leise Worte flüsterte. Als er umblickte näherte sich ihm eine junge, schöne Dame, von hoher, schlanker Gestalt, deren Gesicht außerordentlich blaß war und deren Augen bittend und bewegt auf ihn blickten. An jeder Hand führte sie ein Kind. Einen Knaben von acht oder neun Jahren und ein Mädchen, welches einige Jahre jünger war. Die Königin! murmelte der Herzog sich tief verbeugend. Friederike Dorothea versuchte zu lächeln, als er ihre Hand küßte. Sie neigte den Kopf gegen ihren finsteren Gemahl, der seine Arme gekreuzt, unbeweglich blieb, selbst gegen seine Kinder, die er sehr liebte und welche zu ihm laufend, ihn Papa nannten und seine Kniee umfaßten. Die Königin war eine deutsche Prinzessin, die Tochter des Herzogs von Baden, und damals noch nicht sechsundzwanzig Jahre alt. Die Schweden, welche die Deutschen haßten, da ihr König diese besonders bevorzugte, liebten doch diese sanfte, gütige, immer milde und großmüthige Frau, die wie ein Genie der Versöhnung neben dem heftigen, gebieterischen Gatten stand. Hätte Friederike Dorothea größeren Ehrgeiz und schärferen Verstand besessen, wäre sie, wie manche Königin vor ihr, ein politischer Charakter gewesen, so würde es ihr vielleicht gelungen sein, den König weiser und einsichtiger zu machen, sie würde ihn beherrscht oder eine unglückliche Ehe geführt haben. Statt dessen war sie auch gegen diesen hartnäckigen Mann die weiche, unterwürfige Frau, die mit ihren Thränen und Bitten zuweilen ihm etwas abrang, weil er sie nicht weinen sehen mochte, aber ihr Herz war voll scheuer Furcht vor Unglück, das ihr Kopf ahnte, und in ihrem Gesicht lag 558 ein Zug des Leidens und Duldens, das im reichsten Maße ihr zu Theil werden sollte. Thränen hingen auch jetzt in ihren schönen, bangen Augen, als sie die dunkel geröthete Stirn des Herzogs von Südermannland und die düsteren Falten um den Mund des Königs erblickte. Sie zitterte davor, denn unbekannt war es ihr nicht, welche Abneigung zwischen den beiden Verwandten bestand und was von dem Herzog erzählt wurde. Der König hatte oft heimlich zu ihr über seine Feinde, über Jakobiner, Atheisten und Verräther geklagt, und es mochte wohl dabei vorgekommen sein, daß er den Namen des Herzogs damit vermischt hatte, der auf Frieden und Versöhnung mit Napoleon Bonaparte drang. Der Instinct einer liebenden Frau sagte ihr, daß Karl von Südermannland nicht als Feind ihres Gatten aus Gripsholm gehen durfte, daß es zu keinem offenen Bruch zwischen Oheim und Neffen kommen, vielmehr Beide versöhnt werden mußten. Und von diesem Gedanken getrieben faßte sie die Worte auf, welche der Herzog zuletzt gesprochen, indem sie seine Hände festhielt und mit flehenden, ausdrucksvollen Blicken auf ihre Kinder deutete. Ja, mein theurer Oheim, sagte sie, beschirmen Sie meinen Gustav, dessen edles Herz so viel zu leiden hat; beschützen Sie auch meine Kinder, die ihre Bitten für Sie zu Gott richten. Madame, antwortete der Herzog gerührt, was könnte ich anders thun und was dürften Sie anders von mir erwarten?! Auf diesem Kinde – er legte seine Hand auf den Kopf des Knaben – ruhen ja auch meine Hoffnungen, die Hoffnungen des ganzen Landes, und mein Neffe – er sah zu dem Könige hin – wo Feinde ihn bedrohen, wo er zu leiden hat, wer könnte ihm näher stehen, als ich! Haben Sie Dank! innigen Dank und Segen! flüsterte die schöne Königin. – Sie hob den Knaben auf, und ihren flehenden Augen folgend, nahm ihn der Herzog in seine Arme und die kleine Prinzessin strebte an ihm empor. Diese Kinder, Madame, sind ja auch meine Kinder, fuhr er dann bewegt fort. Was könnte ich wünschen oder hoffen, ich, der ich alt bin und dessen Leben bald verronnen ist, als daß mein Haus, dies königliche Haus von Schweden, groß, glücklich und mächtig bis in Ewigkeit blühe. Und diese Kinder sichern unsere Zukunft. Sie selbst, Madame, so jung, so schön und allgeliebt, mein 559 Neffe in der Blüthe seines Lebens. Ich bin ein alter Baum ohne Zweige, allein mein Herz ist noch warm und jung. Ich fühle, Madame, ich fühle tief, daß ich vereinsamt und verlassen bin. Der König, welcher bisher in seiner Unbeweglichkeit verharrte, war milder geworden. Die Liebe, welche der Herzog seinen Kindern bezeigte, schien ihn zu erweichen, die Klagen des greisen Oheims erweckten sein Mitleid; er empfand eine gewisse Reue über die Härte, mit welcher er ihn behandelt hatte. – Was ist die Ursach? fragte er so versöhnlich, als ihm dies möglich war. Mißtrauen! antwortete der Herzog den Knaben küssend, der seine Arme ihm um den Hals geschlungen hatte. Das soll nicht sein! rief der König, indem eine der edlen Eingebungen, die ihn zuweilen überkamen, ihn fortriß, wir wollen dies Mißtrauen auf immer verbannen, mein Oheim, es soll fortan nicht mehr vorkommen. Ich will Ihnen den Beweis geben, daß ich keine Spur davon in mir trage. Stehen Sie mir bei mit Rath und That. Damit Schwedens Feinde besiegt und der Friede möglich werde, ernenne ich Sie zum Oberbefehlshaber des gesammten Heeres. Der Herzog ließ den Kronprinzen an sich nieder gleiten, denn der König breitete seine Arme aus, und neben den beiden ersten Männern im Reiche stand die Königin, deren Freudenthränen auf ihre Kinder fielen. Nach einigen Minuten sagte der König: Morgen, mein Oheim, will ich unsere herzliche Vereinigung öffentlich feiern. Ich will ein Fest in Stockholm geben und dort verkündigen, daß Sie den Oberbefehl übernommen haben. Wir wollen vertrauungsvoll in die Zukunft blicken, denn Gott wird mit uns sein und wird diese Stunde segnen. Begleiten Sie jetzt die Königin und bleiben Sie bei ihr, ich komme, sobald ich hier noch einige dringende Geschäfte abgemacht habe. Wir wollen unsere Herzen ausschütten, und dieser Tag soll niemals von uns vergessen werden. Der Herzog antwortete mit einigen ähnlichen betheuernden Worten, dann folgte eine nochmalige Umarmung, hierauf reichte der Herzog der Königin seinen Arm und Gustav Adolph begleitete sie bis zur Thür, wo er umkehrte und eine Zeit lang mit großen Schritten lebhaft auf und nieder ging. 560 Otho hatte in dem kleinen halb finstern Cabinet alle diese Vorgänge mit angehört, auch zum Theil mit angeschaut, denn die Thüre war nicht ganz geschlossen, sondern nur angelehnt. Er wagte es nicht den Platz zu verlassen, denn er wußte nicht wohin er sich wenden sollte; da er aber ein unfreiwilliger Zeuge dieser Auftritte geworden war, sagte ihm sein Verstand, daß er am besten thun würde sich ganz ruhig zu verhalten, und einen günstigen Zeitpunkt abzuwarten, um unbemerkt in die Gallerie zu entschlüpfen, denn angenehm konnte es dem Könige nicht sein, wenn er erfahren sollte, daß er nicht allein gewesen. Diese Hoffnung ging jedoch nicht in Erfüllung, denn plötzlich in seinen Schritten inne haltend, sagte der König vernehmlich: Ich glaube es nicht! Nein, ich glaube es nicht! und bei diesen Worten stieß er die Thür auf, und erblickte Otho Waimon, der ihr gerade gegenüber stand. Er schien davon überrascht, aber er schwieg. Erkannt hatte er ihn sogleich. Treten Sie herein, sagte er, indem er selbst zurücktrat, stehen blieb und ihn mit seinen unbeweglichen Blicken betrachtete. Furchtlos hielt der junge Mann diese Blicke aus, obwohl des Königs Gesicht streng aussah und sich noch mehr verfinsterte. Er liebte es, wenn ihm die Zeichen scheuer Ehrfurcht und Unterwürfigkeit gezollt wurden, unser Finne aber hatte etwas in seinem Wesen, als sei er durchaus nicht von dem Grauen vor der Majestät ergriffen. Wie lange standen Sie dort? fragte der König in seiner rauhen hastigen Weise. Seit General Adlercreutz mich hineintreten hieß, antwortete Otho. Der König schwieg wieder ein Weilchen. Sie hörten, was hier vorging? fragte er dann. Ja, Majestät. Der König drehte sich um, ging durch das Zimmer ans Fenster und sah in den Schloßhof hinab. Eine peinliche Stille herrschte. Die Lage war äußerst unangenehm für den Wartenden, obwohl er sich damit beruhigte, daß er nichts Böses begangen habe. Die Zeiten waren vorbei, wo man die zufälligen Entdecker von Staatsgeheimnissen oder was dafür gelten konnte, auf immer beseitigte, auch hatte 561 er keine Geheimnisse gehört, sondern nur einer Familienscene beigewohnt, die freilich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Eben so plötzlich, wie der König sich von ihm gewandt hatte, kehrte er wieder zurück. Sie haben eine gefahrvolle Reise gemacht, sagte er, um mir Nachrichten zu bringen, die sich wenigstens zum Theil bestätigt haben. Gott möge es verhüten, daß der andere Theil eben so zur Wahrheit wird. Thun läßt sich nichts mehr. Sweaborg ist eingeschlossen. Ich habe die Nachricht erhalten, daß General Suchtelen es belagert. Dann ist Sweaborg verloren, sagte Otho. Nichts ist verloren, wenn es Gottes Wille nicht ist, daß es so sein soll! fuhr der König fort und seine Augen wandten sich seitwärts, wo an der Wand auf einem Tische ein Crucifix stand, vor welchem eine aufgeschlagene Bibel lag. – Ich bin Ihnen Dank schuldig, fuhr er fort, denn ich erkenne Ihre treue Anhänglichkeit an mir. Wollen Sie in meine Dienste treten? Nein, Majestät, versetzte Otho, ohne sich zu bedenken. Nicht? fragte der König, der gereizt durch jeden Widerspruch war, um so mehr durch den so kurz entschiedenen eines jungen unbedeutenden Mannes, dem er wohl thun wollte. Warum nicht? Ich will Sie in meine Trabantengarde aufnehmen. Ich habe eine Schwester in Finnland, für welche ich sorgen muß, sagte Otho, auch manche Andere, die nicht wissen, was aus mir geworden ist. Man kann Ihre Verwandten benachrichtigen, fiel der König ein, wenn das Ihr Grund zur Ablehnung ist. Ich glaube, daß ich Eurer Majestät bessere Dienste in Finnland leisten kann, als ich es hier vermöchte, entgegnete Otho. In Tavastland und Savolax denke ich in kurzer Zeit eine gute Zahl tapferer Bursche um mich sammeln zu können, die ihr Ziel nicht verfehlen. Das Volk aufrufen! sagte der König im scharfen Tone. Ein Volkskrieg muß es werden, Majestät, wenn die Russen aus Finnland wirklich noch einmal herausgeschlagen werden sollen. Dafür habe ich Soldaten, sagte Gustav Adolph. Jakobinerwirthschaft will ich nicht im Lande haben. 562 Wenn die Finnländer Waffen gehabt hätten, versetzte Otho, und in den Waffen geübt worden wären, wie es in diesem Grenzlande nöthig war, würden die Russen nicht so oft schon das Land erobert und die Bevölkerung ermordet haben. Wir bedürfen einer militärischen Organisation; daß diese uns nicht gegeben wurde, ist der schwere Fehler aller schwedischen Regierungen gewesen, der jetzt leicht den ganzen Besitz kosten kann. Der König schwieg, wahrscheinlich vor Erstaunen über eine Sprache, die er vielleicht nie in dieser Weise, am wenigsten aber von einem Manne ohne jeden Rang und Stand, gehört hatte. Hätten unsere Bauern die Gewehre erhalten, welche jetzt in Tavastehuus den Russen in die Hände gefallen sind, fuhr Otho, ohne sich stören zu lassen, fort, so könnten unsere Berge für lange Zeit der Schauplatz eines hartnäckigen Krieges werden, der uns die größten Vortheile böte. Und noch jetzt kann dies geschehen, wenn das Volk unterstützt wird. Die Russen werden nicht wagen gegen den Norden vorzugehen, wenn sie wissen, daß in ihrem Rücken der Volksaufstand von allen Seiten losbricht. Hätten wir nur Waffen und Pulver genug, so wollte ich meinen Kopf darauf verpfänden, daß die Feinde lange mit uns zu schaffen haben sollten. Volksaufstand! murmelte der König mit finsterer Stirn; er konnte kein unangenehmeres Wort hören. Der Bauer gehört an den Pflug, Aufrührer hängt man auf. Wer sein Vaterland vertheidigt, ist kein Aufrührer, sagte Otho, der ganz zu vergessen schien mit wem er sprach, und um zu den Waffen zu greifen, wenn seine heiligsten Rechte bedroht sind, ist jeder Mann geboren. Das finnische Volk hat noch niemals Aufruhr gestiftet, aber es liebt seine Freiheit und haßt Gewalt und Unterdrückung. Still! rief der König mit dem Fuß stampfend, indem er den Verwegenen zornig anblickte, der diese verpönten Worte auszusprechen wagte. Schändliche Lehren, fuhr er fort, bringen ganz Europa in Schmach und Schande. Ich dulde sie nicht und rathe Jedem sich vor Ansteckung zu hüten. Sie sind ein Verwandter des Freiherrn Randal, wie man mir gesagt hat. Er ist ein Jakobiner, ein Mensch, der Unzufriedenheit ausstreut, Widersetzlichkeiten begeht und dazu aufreizt. 563 Mein Vetter ist ein sehr edler, aufrichtiger Mann, fiel Otho unerschrocken ein, aber freilich Ungerechtigkeiten duldet er nicht und schützt Jeden davor, den er schützen kann. Man hat ihn bei Ihnen verleumdet, Majestät. Still! rief der König noch einmal und noch zorniger. In meinem Lande geschehen keine Ungerechtigkeiten, doch ich kenne diese Familie; von je an hat sie an allem Schlechten Theil genommen. An Verrath, sogar am Angelabunde. Das ist allerdings wahr, allein – was Otho weiter sagen wollte, wurde ihm durch eine Bewegung des Königs abgeschnitten, der seinen Arm aufhob und schüttelte und im rauhen Tone sagte: Da Sie meine Gnade nicht annehmen, so thun Sie, was Sie wollen, aber hüten Sie sich, Volksaufstände anzuzetteln. In die Regimenter sollen die Leute gehen, sollen Soldaten werden, denen man vertrauen kann. Meine Garden werden zum Frühjahr nach Finnland marschiren, große Leute können auch bei ihnen eintreten. Otho stand stumm. Es überkam ihn die trostlose Gewißheit, daß Finnland verloren sei. Das einzige Mittel, es zu retten, lag in den entschlossensten Anstrengungen mit Aufbietung aller Kräfte und Mittel und unter diesen waren Volksaufstände und die Errichtung von Freischaaren gewiß nicht zu verwerfen. Statt dessen hörte er die heftigen Drohungen des Königs, der auch jetzt nur Aufruhr und französisches Revolutionswesen fürchtete und mit blödsinniger Stumpfheit von seinen Garden das Beste erwartete, bei denen langgewachsene Bursche sich melden konnten. Was wollen Sie also thun? fragte Gustav Adolph milder. Wollen Sie bei mir bleiben? Ich passe nicht hierher, allergnädigster Herr. Ich will Ihnen wohl, fuhr der König fort, Sie sollen befördert werden. Ich bin kein Undankbarer, sagte Otho lebhaft. Wollte Gott, ich könnte für Ew. Majestät jemals etwas Rechtes thun, doch hier bleiben kann ich nicht. Warum nicht? Weil ich doch bald meinen Platz räumen müßte. 564 Wie meinen Sie das? fragte der König mit einem schwachen Lächeln, das selten in sein hartes Gesicht trat. Ich bin ein freier Mann, Majestät, erwiederte Otho, indem er sich stolz aufrichtete, nicht gewohnt zu thun, was mir widerstrebt. Der König trat würdevoll zurück und hüllte sich in seine feierliche Kälte. Sclaven halte ich nicht, sagte er, Ungehorsam aber dulde ich nicht, mag ihn versuchen, wer da will. Gehen Sie! Er machte eine Bewegung mit der Hand nach der Thür, welche in die Gallerie führte, und Otho verbeugte sich dreimal nach der Vorschrift, welche er gelernt hatte. Er war im Herzen froh, daß er ungnädig entlassen wurde, denn hätte ihm der König seine Hand gereicht, so würde es ihm unmöglich gewesen sein, diese zu küssen, ob es auch alle Minister und Generale thaten. Bei der dritten Verbeugung öffnete er die Thür und mit einem tiefen Athemzuge trat er in die Gallerie, welche mit Generalen, Räthen und Hofleuten gefüllt war. Adlercreutz hielt ihn am Arm fest, sah ihn an und sagte: was hat es gegeben? Sie haben seinen Dienst ausgeschlagen. Sehr gut! Sie sollen mir Alles erzählen; aber warten Sie hier, bis ich zurückkomme. In einer Stunde reisen wir. Sechstes Kapitel. Was haben wir heute für einen Tag? fragte Major Munk, der bei Erich Randal dicht an dem mächtigen Feuer saß, das in dem Kamine loderte. Ich glaube es ist heut der elfte März, fügte er hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten. Es ist der elfte März, erwiederte der Freiherr. Der Veteran schwieg, stützte beide Hände auf den Krückenstock und stierte in die Flammen. Er sah aufgeregt und roth im Gesicht aus, denn vor ihm stand ein mächtiges dampfendes Glas, und der Theekessel brodelte über dem Feuer, dennoch aber war der alte 565 Invalide während der letzten Monate viel magerer und älter geworben. Tiefe lange Falten lagen schwer auf seiner Stirn, die Nase trat scharf hervor und seine Augen schienen sich noch weiter unter die borstigen grauen Wimpern zurückgezogen zu haben. Seit drei Tagen haben wir nun nichts mehr gehört, seit dem Schießen, das von Süden herkam, sprach er vor sich hin. Sind die Russen in Tavastehuus oder ist es ein blinder Lärm gewesen? Schock Tonnen! ich wollte, daß ich fort könnte auf gesunden Beinen. Es sollte Keiner von mir sagen, der alte Munk sitzt da und wärmt sich, während der Feind im Lande ist. Ich hoffe heut noch Nachricht zu bekommen, wie es in Tavastehuus steht und was wir zu befürchten haben, erwiederte Erich. Der Major fiel in sein Nachgrübeln zurück, das nach kurzer Zeit sich laut zu äußern begann. Feldwebel Roth und Korporal Spuf sind ein paar tüchtige Bursche, sagte er, die jeder Offizier in solcher Zeit sich wünschen kann. Der Feldwebel ist gestern zurückgekommen von seiner Streiferei. Ist über den Pajäne fort bis nach Gustav-Adolphstadt gewesen; kein Mensch weiß etwas da vom Regiment Björneborg, aber Alles ist voll Schrecken und Angst. Es ist als ob jeder Russe der Teufel selbst wäre, so zittern die Hasenfüße und oh! oh! – der Major seufzte tief auf – es ist Keiner da, der ihnen Courage machen könnte, denn der Eine, der es vermöchte, der liegt bei den Riesen und Trollen in der tiefen See. Aber es sind doch tüchtige Bursche, der Feldwebel und der Korporal, fuhr er nach einem Weilchen fort. Auf eigene Hand haben sie sich eingerichtet und fangen es kriegsmäßig an, wie es sein muß. In Halljala, sagt der Feldwebel, sollten wir Nachricht finden vom Regiment, da keine angelangt ist, bleiben wir hier, bis sie kommt, wenigstens so lange es angeht. Und haben ihre Mannschaften exercirt, Patronen gemacht und Kugeln gegossen; haben auch den Jem Olikainen zum Soldaten gemacht und die Bauern zugestutzt. Gehangen will ich sein! wenn es nicht ein tüchtiges Fechten gibt, im Fall die Russen sich bei uns sehen lassen, und dann sind wir auch dabei, Erich Randal. Gott sei Dank! daß meine Hände nicht lahm geschossen sind. Vor Plünderern und Gesindel werden wir uns schützen, lieber Freund, sagte der Freiherr. Doch so weit es angeht, laß uns 566 heut die Leiden, welche uns treffen können, vergessen, denn du weißt ja, daß wir meinen Vetter Arwed erwarten und vielleicht – er hörte Stimmen und Schritte auf dem Gange und wandte sich danach um, allein es war nur der Schulmeister Lars Normark, der jetzt eintrat und hinter ihm zeigte sich die lange schmale Gestalt des Feldwebels. Lars Normark nahm seine Pelzkappe ab und athmete wohlgefällig die wärmere Luft ein. Guten Abend, Freiherr Erich, sagte er, und auch du, Major. Es gibt nichts Schöneres in der Welt als die alte Halle in Halljala. Im Sommer ist sie kühl, zur Winterzeit aber sitzt man darin, wie in Wainemonen's Garten. Hast den großen Ofen heizen lassen, Freiherr, weil's der Kamin nicht mehr allein schaffen konnte. Alles ist gut zu seiner Zeit. Wär' nicht das echte schwedische Blut in uns, in mir und in dem Hans, ich glaube wir wären längst zu Stein gefroren. Damit setzte er sich an dem Ofen nieder und legte den Sack neben sich, in welchem sein Hahn leise gluckste. Meinst es auch so, Hans? fragte er lachend. Wir haben es aber viel besser noch wie die Russen in Tavastehuus, und zehnmal besser wie die dummen Finnen, die in die Kälte hinein gelaufen sind und das warme Haus kam ihnen nicht nach. Sind die Russen also wirklich im Besitz des Schlosses? fragte Erich den Feldwebel, der, während Lars sprach, geschwiegen hatte. Ja, gnädiger Herr, antwortete der lange Soldat. Lars Normark hat es in Padisjok von Leuten erfahren, die es mit angesehen haben. Es steht schlimm mit uns; Hals über Kopf geht es rückwärts, und ich kann mir auch denken warum. Wir sind zu schwach zum Widerstande und wenn dieser auch versucht werden sollte bei irgend einer festen Stellung, kommt die andere Colonne der Russen, die durch Savolax vordringt, faßt uns im Rücken, schneidet uns ab und es wird eine Capitulation daraus, wie im Jahre 1742. Sie haben es schlau angefangen, die Herren Moskowiter. Ohne Kriegserklärung sind sie gekommen und wie eine Maus sitzen wir in der Falle. Der alte Marschall Klingspor ist in Tavastehuus mit dabei gewesen, hat 567 befohlen, Alles im Stich zu lassen, nur fort und rückwärts. Er muß die neuste Ordre aus Stockholm mitgebracht haben. Schock Tonnen! schrie der Major, so könnte es sein, daß wir die verfluchten Russen, ehe wir es uns versehen, am Halse hätten. Das könnte wohl so kommen, meinte der Feldwebel, und darum erlaube ich mir, dem gnädigen Herrn zu berichten, daß ich meine Mannschaft aus dem ganzen Kirchspiel zusammenziehe und bis morgen ins große Wirthschaftshaus unterbringen möchte. Und weil ich der Erlaubniß dazu gewiß bin, habe ich dem Korporal Spuf befohlen, die Leute in aller Stille zusammen zu bringen. Recht so! sagte der Major. Wenn der Feind in der Nähe ist, müssen alle beisammen sein. Und morgen in der Frühe, fuhr der Feldwebel fort, wollen wir weiter umschauen und bei Zeiten an die Retirade denken. Jem Olikainen und eine Anzahl junge Leute werden über die Korpilaxberge hinausschauen, wie's drüben im Lande aussieht. Fortlaufen wollt ihr? fragte der Major. Wenn's Zeit ist, Major, ist's das Allerbeste, das ein Mann mit gesunden Beinen thun kann, sagte der Feldwebel lächelnd. Gefangennehmen läßt Korporal Spuf sich nicht und mancher trotzige Bursche denkt eben so. Die Russen aber fragen in solchen Fällen wenig danach, wen sie vor sich haben, ob's ein Weib ist oder ein Greis, also ist's besser wir verschieben's auf ein andermal und laufen dem General nach. Erich schüttelte dem wackeren Feldwebel die Hand und bat ihn, zu thun, was er für Recht hielt. Es wäre Thorheit, sagte er, wenn Sie abwarten wollten, bis die Russen da sind. Schützen und helfen können Sie uns nicht; friedliche Leute entwaffnen am besten einen übermüthigen Feind durch Ergebung in unabänderliche Zustände. Es wird noch Alles gut gehen, Hans, rief der Schulmeister vom Ofen her, denn es ist klug, warm in seinem Sack zu sitzen, wenn der Sturm draußen bläst. Mußt bei Leibe keinen Schrei thun, Hans, wenn ein Russe an deinen Hals faßt. Der Feldwebel ging hinaus, Munk saß erbittert still, eben trat Ebba herein, begleitet von dem Propst, bei dessen Anblick das Gesicht des alten Soldaten noch finsterer wurde. 568 Viele Neuigkeiten, lieber Freiherr! rief der Geistliche schon von der Thür her. O! Major Munk, ich bin erfreut, Sie zu sehen. Tavastehuus ist von den Schweden verlassen worden; wir werden diesen unglücklichen Krieg ein schnelles Ende nehmen sehen, und Gott sei Dank! von seinem Elende verschont bleiben. Nichtswürdiger Pfaffe! murmelte der alte Soldat. Es ist eine vollständige Flucht, fuhr Herr Ridderstern fort, und wo soll diese aufhören? Die Russen benehmen sich überall menschlich, sie thun Niemanden etwas zu leide, bezahlen Alles, was sie brauchen. Hier sind die Proclamationen des Grafen Buxthövden. Lesen Sie, Freiherr, es wird feierlich zugesichert, daß kein friedlicher Mensch beschädigt werden soll. Er zog einige Papiere hervor, welche Erich entfaltete. Das eine enthielt die Proclamation des russischen Feldherrn an die schwedischen Soldaten, das andere war die Proclamation an das finnische Volk. Lies laut, was der Russe den schwedischen Soldaten sagt! forderte Munk, und Erich las: »Soldaten! Ungern sieht mein allergnädigster Kaiser sich wider seinen Willen gezwungen, seine Truppen in Finnland einrücken zu lassen.« Ungern! Wider seinen Willen? Warum thut er es denn! schrie der Major. »Es hat den künftigen Besitz Finnlands, die Erhaltung des Friedens und der Ruhe so wie das Glück der Finnen zum Zweck.« las Erich weiter. Dieses Glück, unseren Frieden, will er also durch seinen Einfall schützen! lachte Munk erbittert. Lüge und Verleumdung! aber echt russisch. »Um dies auszuführen und euch zu versichern, daß wir euch nur Gutes thun wollen, hat mein Kaiser mir befohlen, nicht auf euch zu schießen, wenn ihr nicht eure Freiheit vergessend und den Frieden verachtend, zuerst anfangt gegen uns feindlich zu handeln, was ihr zu unserem Mißfallen schon versucht habt. Ich mache euch diesen Befehl Sr. kaiserlichen Majestät bekannt, die finnische Nation Seines aufrichtigen und wahren Wohlwollens für das finnische Land versichernd und verbürge euch, Soldaten, daß ihr an den Gnaden Sr. kaiserlichen Majestät Theil habt.« 569 Der Teufel hole seine Gnade! schrie der Major, wüthend mit seinem Stock aufstampfend. Kein schwedischer Soldat verlangt Gnade von ihm. »Ihr guten Finnen, die ihr zu dem Heere dieses Landes gehört, seid aufs tiefste zu beklagen. Ihr sollt eure Familien, eure Verwandten verlassen, und für eine ungerechte Sache in den Tod gehen.« Was soll das heißen? fragte Munk, indem er sich aufrichtete. »Soldaten! mein allergnädigster Kaiser hat mir befohlen, denjenigen von euch, der freiwillig seine Waffen uns überliefert, frei in seine Heimath gehen zu lassen, oder an jeden anderen Ort, wohin es ihm beliebt; außerdem aber für jedes Gewehr zwei Rubel, für jeden Säbel oder andere Waffe einen Rubel, für jedes Pferd aber zehn Rubel zu bezahlen. Wer von euch sollte wohl die Ruhe so wenig lieben, daß er nicht jede ungerechte Aufforderung zum Kriege zu unterdrücken suchte, um sich unter dem Schutze meines allergnädigsten Kaisers ein glückliches und friedliches Leben zu verschaffen.« Steht das wirklich so da und der Name des Generals darunter? fragte der alte Soldat mit weit größerer Ruhe, als er bisher gezeigt hatte. Es steht Buxthövden darunter und diese Proclamation ist in Lovisa gegeben, erwiederte Erich. Dann mag es ein Denkmal ewiger Schande für diesen General bleiben, fuhr Major Munk mit Würde fort. Was ist nichtswürdiger für den Soldaten, als seine Fahne zu verlassen? und hier fordert ein Feldherr dazu auf, bietet Lohn für Verrätherei an Vaterland und König, bietet seines Kaisers Gnade für das schimpflichste Verbrechen. Im Kriege, mein lieber Major, sagte Herr Ridderstern die Achseln zuckend, ist Alles erlaubt. Keine Schurkerei! keine Niederträchtigkeit! rief der Major. Ehre bleibt Ehre! so gegen Freund wie Feind. Nichts ist so schlecht wie dies, nichts zeigt besser, welch barbarisches Volk diese Russen sind. Aber ich sage euch, es wird ihnen nichts helfen. Vergebens werden sie ihre Rubel ausbieten, kein Finne wird sie haben wollen. Lesen Sie doch auch die andere Proclamation, fiel der Propst lächelnd ein, sie wird vielleicht bessere Meinungen erregen. 570 »Gute Nachbarn und Bewohner des schwedischen Finnlands!« begann Erich Randal. »Mit dem größten Leidwesen sieht mein erlauchter Herr und gnädiger Monarch sich gezwungen, seine Truppen unter meinem Befehle in euer Land einrücken zu lassen. »Es ist dem Kaiser um so schmerzlicher, diese Maßregel ergreifen zu müssen, als Se. Majestät der edlen Empfindungen der Finnen für uns, wie des aufrichtigen und freiwilligen Vertrauens auf Rußlands Schutz gedenkt, welche die finnische Nation beim Anfange des letzten Krieges auf eine so muthige Art offenbarte, als der König von Schweden ohne die geringste Ursache und im offenen Widerspruch mit eurer Verfassung, einen eben so ungerechten als unerwarteten Anfall auf unsere Grenzen that.« Die finnische Nation war es nicht, die den Angelabund stiftete und ihren König verrieth! rief der alte Mann schmerzlich. O! so rächt sich das alte Unrecht noch jetzt, so wird es von den Russen benutzt! »Statt sich mit meinem Kaiser zu den friedlichen Bemühungen vereinigen zu wollen, las Erich weiter, wodurch die Ruhe hergestellt werden sollte, deren Europa schon so lange beraubt ist und welche es nur von dem Bündnisse der beiden mächtigsten Staaten Europa's erwarten kann, entfernt sich der König von Schweden nicht nur immer weiter von diesem edlen Zwecke, sondern verbindet sich noch enger mit dem Feind der allgemeinen Ruhe, mit England, dessen Unterdrückungssystem und unerhörtes Benehmen gegen meines Kaisers innigsten Bundesgenossen, den Kaiser der Franzosen, von Sr. kaiserlichen Majestät nicht mit Gleichgiltigkeit angesehen werden kann. »In Erwägung dieser Gründe also, verbunden mit dem, was mein Kaiser der Sicherheit seiner eigenen Staaten schuldig ist, sieht er sich gezwungen, euer Land als Pfand in seinen Schutz zu nehmen, um sich eine angemessene Genugthuung damit zu verschaffen, wenn der König von Schweden fortfährt, die billigen Friedensbedingungen des Kaisers der Franzosen nicht anzunehmen.« Dafür also will er sich Finnland als Genugthuung nehmen! rief der Major voller Bitterkeit. Wo ist Gottes gerechte Hand! Wer kann das hören ohne Zorn und Zittern. 571 »Gute Nachbarn und Bewohner Finnlands, bleibt ruhig, friedlich und furchtlos in euern Wohnungen. Wir kommen zu euch nicht als Feinde, sondern als Freunde und Beschützer, um euern Zustand glücklicher zu machen, indem wir dadurch die Macht erhalten, von einem Lande die Übel zu entfernen, deren unfehlbare Opfer ihr im Fall des Krieges sein würdet. »Lasset euch nicht verleiten, die Waffen gegen uns zu ergreifen, oder die mir anvertrauten Truppen zu beleidigen. Wer in diesem Punkte fehlt, hat sich selbst die Folgen beizumessen. Anderseits werden alle die, welche sich durch ihren guten Willen auszeichnen, die väterliche Sorgfalt des Kaisers für das Wohl des Landes zu unterstützen, sich seines hohen Schutzes und Wohlwollens würdig machen.« Und an solchen vielgetreuen, eifrigen, eingepfändeten Unterthanen wird es gewiß nicht fehlen, lächelte Ebba mit einem Blicke auf den Propst. »Da Se. kaiserliche Majestät wünscht, daß Alles, was das Land betrifft, seinen gewöhnlichen Gang gehen soll nach euern Gesetzen, Sitten und Gebräuchen, welche unverletzlich gehalten werden sollen, so lange wir genöthigt sind in diesem Lande zu bleiben, so bestätige ich hiermit jeden öffentlichen Beamten, sowohl im Civil als Militär, in ihren Ämtern und Bestallungen, mit Ausnahme derjenigen, welche als geborne Schweden ihre Ämter mißbrauchen könnten, um das Volk zu verführen und zum Schaden des gemeinen Besten es zum Irrthum verleiten.« Also weggejagt, wer nicht nach der russischen Pfeife tanzt! schrie Munk. »Was den russischen Soldaten geliefert wird, soll auf der Stelle mit baarem Gelde bezahlt werden. Für die Lieferungen sollen Übereinkünfte zwischen unseren Commissarien und denen des Landes abgeschlossen werden, und um euch einen Beweis der hohen Fürsorge meines kaiserlichen Herrn zu geben, hat er befohlen, daß überall Magazine errichtet werden sollen, aus denen der bedürftige Theil der Landesbewohner eben sowohl wie unsere Soldaten ihren Unterhalt ziehen können.« Hörst du wohl Hans, lachte Lars Normark leise in den Sack, das ist etwas für uns. Gott segne den guten Kaiser, daß er uns 572 nicht vergißt! Der Hahn antwortete mit einem vergnügten Glucksen. Erich Randal fuhr inzwischen fort: »Da sich jedoch verschiedene Fragen erheben können, deren Entscheidung in guter Nachbarlichkeit ein gegenseitiges Vertrauen und einträchtige Besprechung erfordert, so werdet ihr hiermit angewiesen, so bald als möglich und nach der bei euern Reichstagen üblichen Ordnung aus jeder eurer Provinzen Deputirte zu schicken, welche sich nach der Stadt Abo zu begeben haben, um über Alles, was zum Wohl des Landes beitragen kann, zu berathschlagen.« Ein russischer Reichstag! sagte Ebba. »Das Großherzogthum Finnland soll folglich von diesem Augenblick an und einstweilen wie alle übrigen eroberten Provinzen des russischen Reichs angesehen werden, welche unter der Regierung der Vorfahren Sr. Majestät und jetzt unter seinem Scepter einer glücklichen Ruhe mit Erhaltung aller ihrer Privilegien, freier Religionsübung, Rechte, Immunitäten u. s. w. genießen, die sie von jeher besessen haben und noch bewahren. Die gewöhnlichen Auflagen der Krone werden künftig ohne Zuschlagsteuern allein nach dem alten Kataster erhoben, mit Ausnahme dessen, was für Besoldung der Beamten veranschlagt ist, das so bleibt wie es ist. »Gegenwärtiges soll allen denen, die es angehen kann, zur Richtschnur dienen, die nicht allein hierin, sondern auch in allem Andern sich nach dem zu richten und dem zu gehorchen haben, was in den Ukasen Sr. kaiserlichen Majestät künftig etwa befohlen werden mag.« Und diese kaiserlichen Befehle werden nicht ausbleiben! rief Munk schmerzlich seine Hände zusammenschlagend. Zur russischen Provinz wird Finnland offen erklärt, in Abo soll ein Reichstag Huldigung leisten. Ist es möglich, so alle Wahrheit zu verdrehen, so schaamlos vor den Augen der ganzen Welt Verrath und Gewalt als Recht und Pflicht zu preisen? Woher ist dies schmachvolle Papier gekommen, Propst Ridderstern? Wer hat es Ihnen zugestellt? Ich, Major, ich gab es ihm! antwortete Sam Halset, indem er hereintrat und die Thür offen ließ. Da sind wir, Freiherr Randal, hoffe, kommen Ihnen als erwünschte Gaste. Eh! nur herein, fuhr er, sich umwendend, fort. Es ist angenehm hier, Freiherr, und da ist 573 Mary, Fräulein Ebba und noch Einer – er fing an zu lachen und deutete auf pelzumhüllte Gestalten, welche jetzt sichtbar wurden. Arwed! rief Ebba, ohne sich von der Stelle zu rühren, wo sie neben Erich stand. Meine Herzensschwester, mein lieber Erich! sagte der Baron. Er ließ Mary frei, die er am Arm führte, und eilte seinen Verwandten zu. Gott sei Dank! daß wir bei euch sind, mit euch vereint in dieser schlimmen Zeit. Er umarmte und küßte Ebba, dann Erich, während Halset mit dem Propst flüsterte und von Neuem schrie: Die beste Überraschung kommt noch. Wo ist er denn? Was gibt es denn? Alle Wetter! ich bin steif gefroren. Aber das Herz ist warm und saß da nicht der Schulmeister am Ofen? Wo ist er hingekommen, der alte Taugenichts? Wart, he! Da ist er endlich! Klirrende Schritte begleiteten diesen Ausruf und alle Augen hefteten sich auf den hohen Mann, der rasch hereintrat. Ein lichtgrauer großer Mantel hüllte ihn ganz ein; er hielt den Kragen vor sein Gesicht, doch es war nicht nöthig, daß er sich verhüllte. Es war Serbinoff. Der Graf hob lachend den Kopf auf, warf Hut und Mantel ab und stand in dem glänzenden Waffenkleide der kaiserlichen Garde vor dem Freiherrn. Ihr Freund, mein lieber Randal, der sich innig freut, Sie wieder zu sehen, rief er, Erich's Hände schüttelnd, der aber leider schon die traurige Nachricht vernommen hat, die das jähe Ende eines Mannes betrifft, der uns Beiden so theuer war. Es gibt ein Wesen auf Erden, antwortete Erich, das unendlich mehr noch davon leiden wird. Wahr, sagte Serbinoff, ich mag nicht an Louisa's Schmerz denken. Wo ist sie? Unter der Fürsorge innigster Liebe, welche allein jetzt Trost über sie bringen kann, erwiederte der Graf. Er wandte sich an Ebba und küßte ihre Hand. Möge niemals das Schicksal Sie von Ihren Freunden trennen, fuhr er fort, möge es Ihnen den erhalten, der für Sie lebt und Ihnen alles Glück der Erde gewähren möchte, das ist der Wunsch mit dem ich Ihnen nahe, meine schöne Freundin. 574 Ich würde Ihnen danken, Graf Serbinoff, erwiederte sie, wenn wir nicht Feinde sein müßten. Niemals! rief er lebhaft. Was geht uns der Krieg zwischen den zwei Reichen an. Unsere menschlichen Gefühle sind anderer göttlicherer Natur, sie erheben uns über dies Ringen roher Kräfte. Und wie lange wird es dauern, fuhr er lächelnd fort, so wird der Friede wiederkehren, und wie nach einem Gewitter jede Blume schöner blüht, wird auch dies Land neue und schönere Blüthen treiben. Die schönsten Blüthen, die es für jetzt treiben kann, krähte Sam Halset dazwischen, wird uns der Freiherr Randal zeigen. Wir sind heut von Tavastehuus gekommen, Freiherr Erich, haben den Grafen Serbinoff unterwegs aufgefunden und mitgenommen. Beim Propst sind wir kaum ein halbes Stündchen gewesen, haben ihn vorausgeschickt, das Haus auf unsere Ankunft vorzubereiten, wozu dem würdigen Freund, wie es mir scheint, keine Zeit geblieben ist. Jetzt also laßt uns zunächst die Kälte aus Magen und Gliedern treiben und das erste Glas soll getrunken werden, daß morgen Propst Ridderstern sein geistliches Kleid anzieht und die Verlobung proclamirt von Fräulein Ebba Bungen und Mary Halset mit den hochgeborenen Herren Erich Randal und Arwed Bungen. Ehe! das ist es doch, weßwegen wir gekommen sind, und dann fort mit uns nach Abo, wo ich, Samuel Halset, beschlossen habe, eine Doppelhochzeit zu feiern, wie es so bald noch nicht geschah, auch so bald nicht wieder sein wird. Du hörst es, Ebba, wie es mit mir und meiner geliebten Mary steht, fiel der Baron ein. Der treffliche Papa hat meinen Bitten nachgegeben und zu euch sind wir gekommen, um gemeinsam Verlobung und Hochzeit zu halten. Küsse sie, Ebba. Küsse meine Mary und nimm sie in deine Arme als Freundin und Schwester. Mary Halset stand geduldig und schweigsam bei dem Baron und doch war etwas in ihrem Gesicht, das dieser scheinbaren Ergebung widersprach. Seit Ebba sie nicht gesehen hatte, waren ihre Züge noch schärfer geworden und trugen von Nachgiebigkeit nichts an sich. Ihre kalten Augen blickten energisch fest und um die blassen Lippen schwebte ein verächtlich stolzes Lächeln. Auf Erich Randal schienen sich diese Blicke festzubohren und sie besaßen einen eigenthümlichen Zauber, denn 575 es war als verstände der Freiherr was sie ihm sagten und als beantworte er sie durch die Ruhe, mit welcher er seine Stirn aufhob und Mary anblickte. In Abo, sagte Erich, werden wir keine Hochzeit feiern können, da allem Anschein nach die Stadt in Feindeshand fallen wird. General Chepeleff hat es wahrscheinlich schon besetzt, sagte Serbinoff, sollte es noch nicht der Fall sein, wird es in wenigen Tagen geschehen. Und warum die Freunde und Brüder unseres Freundes Serbinoff Feinde nennen! fiel Baron Arwed ein. Alle Verstellung muß endlich aufhören, wir müssen uns verständigen, einig sein. Die grenzenlose Thorheit des Königs hat es dahin gebracht, daß der Kaiser durch seine Heere Finnland vor den Engländern sichern mußte, jetzt ist nichts mehr daran zu ändern. Finnland ist schon halb erobert, in kurzer Zeit wird kein Schwede mehr darin sein. Wer kann sich noch darüber täuschen, wer will noch glauben, daß er etwas ändern könnte? Eine große Zahl Männer, aus den besten Familien, unsre Vettern, die Wright's, viele andere Herren von Adel, viele Prediger, Beamte, Offiziere, die Magistrate der Städte, reiche Grundbesitzer und Großhändler haben dies eingesehen, an den Grafen Buxthövden geschrieben und Schutzbriefe und Schutzwachen für sich und ihre Bauern und Angehörigen erhalten. Wer wollte sich nicht unterwerfen, nicht vernünftig bedenken, daß gar nichts Besseres übrig bleibt. Auch ich bin bereit, mich der Nothwendigkeit zu fügen, antwortete Erich. Also reisen wir nach Tavastehuus, wo General Buxthövden gestern sein Hauptquartier genommen hat! schrie Halset, stellen uns dem General Buxthövden vor und bitten ihn zur Hochzeit. Ein prächtiger Mann, der Graf, ein wahrer Cavalier! Er schlägt nichts ab und es ist möglich, daß der Admiral auch dabei ist. Suchtelen holt ihn dazu ab. Ich will eine Wette machen, die Gurschin tanzt wieder mit ihm die Polonaise! Mein lieber Randal, begann Serbinoff, indem er Erich's Hand nahm und herzlich drückte, wenn Sie aufrichtig sein wollen, müssen Sie mehr noch als manche Ihrer Freunde mit dem jetzigen Umschwung der Dinge zufrieden sein. Für Sie kommt jetzt die Zeit, in welcher 576 Sie Ihre menschenfreundliche Aufgabe zu lösen vermögen. Sie wollen die Lage des Volks bessern, wollen es heranbilden, wollen es mit nützlichen Arbeiten beschäftigen, seine materiellen Verhältnisse bessern, um es verständiger und einsichtiger zu machen. Ohne bedeutende Unterstützung und Hilfe der Regierung ist dies unmöglich und was haben Sie von der schwedischen Regierung jemals zu erwarten? Sie selbst haben über Ihre Kräfte hinaus sich bestrebt; was würde die Folge sein, wenn Sie nicht mit denen gehen wollen, die helfen können? Rußland ist reich, der Kaiser ein edler Mann, er will was Sie wollen, sein Volk glücklich machen. Zwei Millionen Rubel liegen bereit, um sofort die Grundbesitzer zu unterstützen. Ich habe selbst den Plan gesehen, Landbanken anzulegen, wie in Wiborg eine solche schon gegründet ist, und ich weiß, wie sehr Sie solche Hilfsanstalten längst herbeigewünscht haben. Erich Randal! sagte der Major von seinem Sitz am Feuer, wo er sich bisher nicht gerührt hatte, du bist ein finnischer Freiherr! Aber das nicht allein, fuhr Serbinoff fort; glauben Sie mir, theurer Freund, nichts wird verabsäumt werden, das Landeswohl zu heben. Was die Proclamation, welche hier auf dem Tische liegt, betrifft, so werden alle Rechte, alle Gesetze, alle Einrichtungen, heilig gehalten werden, und grade Ihre lebhaften Wünsche nach guten Landstraßen, Canälen, großen gemeinnützigen Bauwerken, werden sich im reichsten Maße erfüllen. Bei Gott! dem Kaiser ist es nicht darum zu thun, seine Einkünfte zu vermehren. Er wird euch Lasten abnehmen, er wird mit vollen Händen geben, denn wenn er Finnland besitzen will, denkt er allein an große politische Zwecke, die eure Häfen, eure Küsten ihm sichern sollen. Wenn ihr zum russischen Weltreich gehört, ist das etwa Schande und Schmach? Glück und Frieden werdet ihr darin finden, mehr Glück, mehr wahres menschliches Heil als mein armer Freund Otho sich von dem Phantasiebilde seiner finnischen Republik träumte. Was aber Sie selbst betrifft, mein Freund, so nennen Sie mir Ihre Wünsche, ich verbürge mich dafür, daß sie erfüllt werden. Ich habe Einfluß genug, Ihnen dies zuzusichern. Graf Buxthövden wird Sie mit Freuden empfangen und wenn ein Mann seinem Vaterlande wahren, weitreichenden Nutzen verschaffen kann, so vermögen Sie dies jetzt zu thun. 577 Erich Randal! sagte der Major von seinem Sitze mit stärkerer Stimme, denk' an deinen Namen! Männer in unserer Lage, fiel Arwed mit einem scharfen Blick auf den Invaliden ein, der seinen Kopf tief niederbeugte, und ganz theilnahmlos zu sein schien, müssen sich von aller Gefühlsschwärmerei fern halten. Besinne dich nicht länger, lieber Erich. Auch ich sage dir, denke daran, daß du ein Finne bist, daß du viel zu verlieren hast. Bei Gott! du hast viel zu verlieren, und kannst ohne die größte Verblendung nicht zweifelhaft sein, was du thun mußt, denn Finnland ist auf immer für Schweden verloren. Jetzt noch ein Schwede sein wollen, für Schweden sich opfern wollen, wäre eine Thorheit, welcher nur der fähig sein würde, der zur rechten Zeit dich verlassen hat. Wenn er hier wäre! rief Ebba zürnend, er würde dir Antwort geben. Da er es nicht kann, so thue ich es. Du selbst ein Schwede, du verleugnest dein Vaterland! Davon nachher, antwortete der Baron, ohne seine Schwester anzusehen. Rede, Erich, was du thun willst? Gehorchen, versetzte der Freiherr. Ich werde diese Proclamation befolgen, so weit es in meinen Kräften steht. Du wirst nach Abo kommen? Wenn ich dazu gewählt werde, ja. Es ist keine Wahl nöthig, sagte der Baron. Nicht bloße Deputationen sollen erscheinen, man erwartet die angesehensten Männer, die Reichstagsmitglieder. Dann werde ich meine Pflicht erfüllen. Ich merke worauf dies hinaus will, lachte Arwed. Du willst thun, was unumgänglich nöthig ist, was du nicht verweigern kannst ohne empfindsamen Schaden, aber so ist es nicht gemeint, mein lieber Vetter. Manche werden gehorchen, weil sie müssen; die neue Regierung will jedoch ihre Freunde und Anhänger kennen lernen, die Leute, auf welche sie zählen kann, und denen sie dafür ihre Auszeichnungen und Wohlthaten zuwendet. Bist du denn ein so getreuer Anhänger dieser neuen Regierung, fragte Erich, und hast du Wohlthaten von ihr empfangen? 578 Baron Arwed richtete sich stolz auf und sammelte in einem augenblicklichen Schweigen seine ganze Kaltblütigkeit. Ich habe die wichtigsten Gründe zu Beidem ja! zu sagen, begann er. Der König hat mich persönlich beleidigt. Er hat mich zurückgesetzt, entlassen, verfolgt, alle Dienste vergessen, die mein Vater seinem Vater leistete. Ich habe keine Ursach mich nach ihm und nach Schweden zu sehnen, keine Ursach mich mit Anhänglichkeit an ihn brüsten zu wollen. Ich habe keine Pflichten gegen ihn zu erfüllen, darum bin ich in die Dienste des Kaisers getreten, der jetzt mein allergnädigster Herr ist, und mich zum Civilgouverneur dieser Provinz ernannt hat. Die besten Männer des Landes, fuhr er fort, sind längst von der Überzeugung durchdrungen, daß Finnland nur unter Rußlands Herrschaft glücklich, reich und geachtet werden kann. Hier ist Herr Halset, der so undankbar wie ich behandelt wurde; hier ist Propst Ridderstern, einer der geachtetsten Geistlichen, sie werden mir beipflichten. Du, Erich, der mir so nahe steht, dem ich die Zukunft meiner Schwester anvertrauen will, du darfst die Wahrheit nicht verkennen. Unsere Wege dürfen sich nicht trennen. Fordere nichts von mir, was ich nicht erfüllen kann, sagte Erich Randal mit ruhiger, fester Stimme. Das geschieht auch nicht, versetzte Arwed. Ich fordere von dir, daß du mich nach Tavastehuus, später nach Abo begleitest, dem General Buxthövden dich vorstellst und durch dein Beispiel einwirkst, daß die väterlichen Absichten des Kaisers für das finnische Volk nicht getrübt werden. Das heißt, ich soll mich für einen eifrigen Anhänger Rußlands erklären. Wir wissen, daß es hier unruhige Köpfe gibt, fuhr Arwed fort, daß die Bauern aufgewiegelt sind, daß man ihnen Waffen gegeben hat, so viele aufzutreiben waren. Glücklicher Weise fehlt der unbesonnene Hitzkopf, der ihr Anführer sein könnte, Jeder aber mag sich in Acht nehmen, gerechte Rache auf sich zu ziehen. Wenn es eine gerechte Rache gibt, so muß sie dich treffen, antwortete Ebba. Graf Serbinoff hat wie ein Russe gesprochen, dazu 579 hat er ein Recht; du aber, der du ein Schwede bist, du sprichst wie ein Verräther! Thörichtes Mädchen! rief Arwed zürnend; doch gleichviel, fügte er kalt hinzu, auf Weiberurtheile muß ich gefaßt sein. Du wirst auf andere Urtheile gefaßt sein müssen, versetzte sie. Jetzt erst erkenne ich alle Fäden deiner Schande. Ja, Schande! Schande! die dich verfolgen wird. Sage ihm, Erich, daß du ihn verachtest, wie ich es thue. Ich hoffe er wird vernünftiger sein, wie du, sagte Arwed kaltblütig lächelnd. Ich verzeihe dir deine romantischen Grillen. Erich aber ist zu einsichtig, um die Lage seiner eigenen Angelegenheiten nicht zu bedenken. Und dabei habe ich auch ein Wort mitzusprechen, ihr Herrn, fiel Sam Halset ein, der bisher neben dem Propst am Ofen stehend, gemüthlich die Entwicklung angehört hatte. Wie sieht es mit meinem Gelde aus, Freiherr Randal? Das ist auch eine Frage, die hierher gehört. Zu Neujahr sollte die ganze Summe zahlbar sein, ich ließ es anstehen und es meldete sich Niemand, der mir mein Geld ins Haus gebracht hatte. Damals gab es einen Helfer in der Noth, der vor den Riß trat, ich denke aber, die Zeiten sind vorbei, eh! Diese Zeiten sind nicht vorbei, Herr Halset, sagte Serbinoff. Ich bin bereit, jede Bürgschaft zu übernehmen, wenn Herr Randal dies wünscht. Doch dies ist kaum nöthig. Die Hilfskasse zur Unterstützung der großen Grundbesitzer, welche der Kaiser zu errichten befohlen hat, wird augenblicklich jede Summe zahlen, welche Sie von ihr fordern. Laß dich nicht verlocken, Erich Randal! rief der Major aufstehend. Nicht um alles irdische Wohl und Weh darf ein Mann von seiner Ehre lassen. Ich werde meine Ehre niemals in Gefahr bringen, antwortete der Freiherr. In solcher Kriegsnoth ist es unmöglich Geld zu beschaffen, ich wenigstens bin außer Stand dazu; allein es ist unverloren, und wenn es sein muß, mag mein Eigenthum Ihnen zufallen, Herr Halset. Um den Preis, dem eindringenden Feinde mich beizugesellen und ihn zu unterstützen, kann ich keine Hilfe annehmen. 580 Der Kaiser von Rußland ist Finnlands Herr und Herrscher, fiel Arwed ein. Die Russen sind keine Feinde, sie sind die Freunde und Brüder der Finnen. So mögen es diejenigen nennen, die in Rußlands Sold und Diensten sind und gemeinsame Sache, offen oder heimlich, mit ihnen machen. Ich richte nicht über dich, Arwed, doch folgen kann ich dir nicht. In das Unvermeidliche schicke ich mich, Freund und Genosse derer zu sein, die mein Vaterland angreifen, um es zu erobern, ist mir unmöglich. Es wird dir Alles nichts helfen, du wirst dich darin finden müssen, ein russischer Unterthan zu werden. Wenn ich es werden muß, werde ich es ohne Vorwurf sein. Vorwürfe! rief der Baron, fürchtest du diese etwa? – Er blickte höhnisch lächelnd seine Schwester an. – Wer sollte dir Vorwürfe machen, die wir nicht beschwichtigen könnten? Mein Gewissen! Meine Ehre! So? Oh! das sind freilich zarte Dinge. Doch ich, der ich eine andere Wahl getroffen, wir Alle, deine Verwandten, die Wright's, Herr Halset, der Propst, manche tapfere Offiziere, edle Männer von klarem Verstande und ruhigem Nachdenken – wir besitzen somit keine Ehre, kein Gewissen! Wenigstens müssen diese sehr verschieden von den Vorstellungen sein welche ich darüber habe. So? verschieden! das ist nicht zu leugnen, sie sind nicht die Ergebnisse verwirrter Hirngespinste, philanthropischer Phantasien und republikanischen Unsinns, wie diese hier seit langer Zeit getrieben wurden. Ich habe geglaubt, du sei'st gescheidter geworden, die Augen seien dir endlich aufgegangen, und deine zerrütteten Vermögensverhältnisse, verbunden mit den jetzigen Gefahren, hätten dich zum Manne gereift, der zu handeln versteht, wie es einem Manne geziemt. Du irrst, erwiederte Erich mit sanfter Festigkeit. Meine Grundsätze sind so unverkäuflich, wie ich selbst. Unverkäuflich! murmelte Arwed; gut, ich sehe, daß diejenigen Recht haben, die mir vorhersagten, es sei verlorene Mühe dich zu retten, aber ich will dann auch nichts weiter mit einem Verblendeten zu schaffen 581 haben, der in den Abgrund stürzen muß, welcher vor ihm liegt. In deine Verbindung mit meiner Schwester habe ich gewilligt, weil ich mich in deine Einsicht täuschte, doch hier ist der Scheideweg für uns. Entweder, du gehst nach Tavastehuus, stellst dich zur Disposition des Grafen Buxthövden und wendest deine Dienste für deinen Kaiser und für dein Vaterland an, oder aber – Er schwieg einen Augenblick und sagte dann lächelnd: Dahin wirst du es nicht kommen lassen, ich will das fatale Wort nicht aussprechen. Sei vernünftig, Erich. Keinem Menschen kann das Glück günstiger sein. Ehren, Auszeichnungen, Geld, Rang, eine liebende Braut, die heiterste, freudigste Zukunft erwarten dich. Und dies Alles wird er ausschlagen, fiel Ebba ein. Rede, Erich Randal, sage ihnen, daß es keinen Preis gibt, der dich zum Verräther macht. Ich danke dir, theure Ebba, erwiederte der Freiherr. Dringe nicht weiter in mich, Arwed; warum willst du es auch thun? Laß mich in meiner Zurückgezogenheit unangefochten, die mich wie viele Andere schützen wird. Ich bin ein unbedeutender Mann! Das bist du nicht, erwiederte der Baron. Du hast Anhang umher, das Volk sieht auf dich, selbst für den Adel ist dein Beispiel von Folgen. Die Unruhestifter glauben an dir einen Stützpunkt zu finden, und in diesen Schlupfwinkeln von Gebirgen und Seen möchten sich leicht gefährliche Rotten einnisten. Darum mußt du offen dich für den Kaiser erklären und seine Fahne auf den Hompusthurm stecken, damit das ganze Land weiß, der Freiherr Randal hat seines Kaisers Sache ergriffen, bei ihm ist kein Schutz zu finden. So wenig ich an Empörung denke, die eine Thorheit wäre, so wenig kann ich gegen meine Überzeugung handeln, sagte Erich mit großer Bestimmtheit. Nicht! rief Arwed; nun denn, so gehe deinen Weg und trage die Folgen. Von einer Verbindung mit meiner Schwester kann nicht mehr die Rede sein; alle und jede darüber bestehende Verabredung erkläre ich hiermit für aufgehoben. Du magst es thun, ich nicht! sagte Ebba. 582 Ich thue es im Namen meiner Familie, deren Haupt ich bin, erwiederte Arwed; zugleich aber auch, als Gouverneur des Kaisers, verhafte ich dich, Freiherr Erich Randal, im Namen Sr. Majestät! Du verhaftest mich? fragte Erich erstaunt, doch ohne zu erschrecken. Um welches Vergehen? Du hast dich selbst einen Feind der Feinde deines Vaterlandes genannt, und bei den gegenwärtigen Kriegsereignissen darf man keinen Mann solcher Sinnesart in dieser gefährlichen Landesgegend unter einer aufrührerischen Bevölkerung lassen, die ihm so ergeben ist. Schon sind einige ähnlich denkende Edelleute und Grundbesitzer nach Wiborg geschafft worden, um dort aufbewahrt zu werden. General Buxthövden mag bestimmen, was mit dir geschehen soll. Ist das wahr, Graf Serbinoff? fragte Erich. Zweifeln Sie nicht daran, erwiederte dieser. Es ist nothwendig zu unserer Sicherheit. Lassen Sie es nicht zu diesem Äußersten kommen. Aber Sie hören, wie weit ich davon entfernt bin, mich gegen jede nothwendige Unterwerfung aufzulehnen. Ihre Unterwerfung, Freiherr Randal, ist allerdings jetzt eine Nothwendigkeit, und Sie heben diesen Umstand hervor, lächelte Serbinoff, doch das Kriegsglück ist wandelbar. Möglich, daß die Schweden noch einmal vordringen, bis an den Pajäne gelangen, bis nach Halljala, dann fällt die Nothwendigkeit Ihrer Unterwerfung fort. In meinem Hause wollen Sie mich verhaften? Ich muß Ihnen erklären, erwiederte Serbinoff, daß Baron Arwed außer dem Rechte auch die Macht dazu hat. Wir sind nicht allein gekommen. Einige Schwadronen reitender Grenadiere, Jäger und Gardekosaken begleiten uns. Eine Abtheilung Grenadiere hat Ihr Haus umzingelt und hält alle Ausgänge besetzt, eine andere Abtheilung ist so eben dabei, die Leute vom Regiment Björneborg aufzuheben, welche, wie wir wissen, im Kirchspiele zerstreut liegen; zugleich werden die Bauern entwaffnet werden. Es soll ihnen nichts geschehen, verlassen Sie sich darauf, die strengste Mannszucht wird auch hierbei befolgt werden. Nur einem dieser kriegerischen jungen Helden will ich Gelegenheit verschaffen sich auszuzeichnen. Und dann gibt es hier noch 583 einen Anderen, einen sehr verwegenen alten Burschen, der, wie ich gehört habe, die Gegend umher seit langer Zeit aufgewiegelt und friedliche Leute in Schrecken gesetzt hat. Und da ist er schon! rief er sich unterbrechend, denn plötzlich klang Lars Normark's Pfeife, anscheinend dicht vor der großen Thür, die aus der Halle nach dem Garten hinaus führte. Jetzt war dieser Ausgang wohl verwahrt, um die Winterkälte abzuhalten, als aber die Pfeife so frisch sich hören ließ, öffnete Sam Halset die schwere Doppelpforte. Ist der finnische Russenmarsch von 1718, lachte Halset. Kenn' das Ding, ist ein Lieblingsstückchen des alten Schelms. Er hat eine vortreffliche Nase, weiß was ihm gut thut. Komm' herein, Lars, müssen mehr von dir hören. Der Propst zog die Thürflügel zurück, der Schulmeister stand auf den breiten Stufen der Vortreppe und blies seinen Marsch, ohne sich stören zu lassen. Die dunkle, schwerfällige Gestalt wurde vom leuchtenden Mondschein umglänzt, der mit wunderbarer Klarheit in die Halle drang. Ein wolkenloser, lichterfüllter Himmel, durchstickt mit zahllosen Sternen, hing über dem unermeßlichen Raum, der bis an die Luganoberge und an die Felsen von Korpilax sich erkennen ließ. Mit ihren Spitzen und Zacken glänzten diese zauberisch aus dem Dunkel der Thäler hervor und in die Nacht der riesenhaften Tannen im Garten schien das blendende Licht niederträufelnd gegen Schattengestalten zu kämpfen. Von zahllosen Schneekrystallen funkelte es mit Demantglanz und warf einen strahlenden Schild über die weiten Eisfelder des Sees. Eine Minute lang unterbrach Niemand den greisen Pfeifer. Der Anblick dieses Nachtstücks war überwältigend groß, seine tiefe Ruhe von keinem Windhauch, keiner Bewegung unterbrochen; nichts umher als der geisterbleiche Frieden dieser leblosen Natur, der kalte tödtende Luftstrom, den sie in die Halle schickte und die unbewegliche Gestalt des Greises auf der Schwelle. Komm herein! sagte Serbinoff. Was thust du hier? Was soll dein Gepfeife bedeuten? 584 Es ist ein Todtenmarsch, Herr, erwiederte der Alte, er hat Manchen schon zum Tode aufgespielt. Und noch einmal die Verse anstimmend marschirte er vorwärts in die Halle hinein. Sobald er jedoch einige Schritte gethan hatte, stand er still und blickte zurück. Halt da! rief der Graf, zum Umkehren ist es zu spät. Sieh dich vor; du siehst, der Weg ist dir versperrt. So war es allerdings, denn Gewehre klirrten und eine Anzahl Soldaten hatte sich plötzlich auf der Treppe aufgestellt. Ein Offizier war an ihrer Spitze. Sie kommen zur rechten Zeit, sagte Serbinoff. Ist Alles geschehen? Der Offizier bestätigte es. Das Haus ist besetzt, sagte er, Bewaffnete haben wir nirgend gefunden. Nicht? – Wo sind deine Kameraden, Lars Normark? Wo sind sie, Hans? fragte der Schulmeister an seinen Pelz klopfend. Ich meine, sie sind klüger wie wir; eh, meinst du nicht? Hab' ich es dir nicht gesagt, Freiherr Randal, es wird eine kalte Nacht werden; aber das echte schwedische Blut hält's aus. Meinst du nicht, Hans, meinst du nicht? Höre auf mit deinen Narrheiten, und antworte, oder sieh dich vor, sagte Serbinoff. Es ist ein Schelm! schrie Halset. Als wir kamen saß er dort am Ofen, gleich darauf war er verschwunden. Thue deinen Mund auf, alter Freund. Wo hast du deinen geliebten Jem Olikainen gelassen? Hast ihn in Sicherheit gebracht? Kannst es ihnen sagen, Hans? erwiederte der Alte. Weißt es nicht, bist vom echten schwedischen Blut. Ihr müßt die fragen, Herr, die vom finnischen Stamme sind, wie Jem; denn es ist ein verschmitztes lasterhaftes Volk, Sam Halset weiß es am besten, und hier steht der Propst, der Vieles schon von ihm zu leiden hatte. Er verleugnet seine Frechheit auch jetzt nicht! sagte Herr Ridderstern. Ich bin überzeugt, er hat den Bösewicht Jem gewarnt. Ich will dir dein Handwerk legen! rief Serbinoff. Es ist eine alte Sache, Hans, sagte Lars bedenklich den Kopf schüttelnd, aber alt genug sind wir beide und Ruhe wird uns gut thun. 585 Hinaus mit ihm! fuhr Serbinoff fort. Sperrt ihn irgendwo ein, dem Hahn dreht den Hals um. Wird dein Spießgeselle Jem nicht gefunden, so wollen wir mit dir Gericht halten. Mit welchem Rechte halten Sie diesen alten Mann fest? fragte Erich Randal. Darüber habe ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben, erwiederte Serbinoff. Ist das der Schutz und die Sicherheit, die man uns versprochen hat? Unruhestifter und Aufrührer können dergleichen nicht verlangen. Es wird auch gegen solche Willkür und Gewalt Recht zu finden sein, versetzte Erich ruhig. Meinen Sie meine Willkür? fragte der Graf stolz. Wir alle haben Ihnen Freundschaft geboten, Sie stoßen diese von sich. Diese Freundschaft war von je an berechnet, wie ich sehe, aber es wäre vergeblich jetzt darüber zu klagen. Sehr wahr und sehr weise, sagte Serbinoff lächelnd. Sie sind jetzt nicht in der Lage, Rechenschaft von mir zu fordern, später bin ich jederzeit bereit dazu. Und Sie sollen mir diese geben, erwiederte Erich Randal. Und mir, Herr, und mir! rief Major Munk. Wohin haben Sie das unglückliche Mädchen geschleppt, was ist aus Louisa geworden? Ihr prahlt mit Ehre, wo ist eure Ehre? Schande über Sie! Schande über euch Alle. Serbinoff hatte mit einer raschen Bewegung an den Griff seines Säbels gefaßt, doch eben so schnell ließ er ihn wieder los. Es ist nicht der Mühe werth, darauf eine Antwort zu geben, antwortete er im verächtlichen Tone. Ein schwachsinniger Greis kann mich so wenig wie meine Freunde beleidigen. Doch hüten Sie sich, Herr Munk, das ist ein guter Rath, den ich Ihnen dafür gebe. Sitzen Sie ruhig in Ihrer Hütte zu Lomnäs und wagen Sie es nie, sich in meine Angelegenheiten zu mischen. Ich habe wohl Anderes gewagt! versetzte der Invalide und sage es Ihnen noch einmal: Rechenschaft sollen Sie geben über jedes Haar auf Louisa's Kopf mir und meinem Sohne, den Sie verleumdet haben. 586 Ein jäher Blick voll Hohn und Haß antwortete ihm; äußerlich kalt wandte Serbinoff sich dann zu den Soldaten an der Thür. Nehmt diesen alten Bettler und sperrt ihn ein! rief er ihnen zu. Du, mein Freund Arwed, wirst mit den Damen wohl für diese Nacht die Gastfreundschaft des Herrn Ridderstern beanspruchen, der Freiherr Randal bleibt hier, bis ich ihn morgen nach Tavastehuus begleiten lasse. Ich werde nicht von Erich weichen! sagte Ebba, indem sie von Mary Halset sich entfernte und zu ihrem Vetter eilte. Du hast kein Recht über mich. Dulde es nicht, Erich, aber ach! es ist zu spät! Habe ich es nicht gesagt, Freiherr Erich, schrie der Schulmeister von der Thür zurück. Warte nicht, bis es zu spät ist! Sein Vater war auch so, Hans, aber das echte schwedische Blut leidet keine Schande! Der Schulmeister wurde an den Armen gepackt und hinausgestoßen. Arwed aber trat vor seine Schwester und sagte im drohenden Tone: Du wirst nicht wollen, daß ich Gewalt brauche, wie ich dies thun müßte, wenn du mich dazu zwängest. Du wirst in Mary's Gesellschaft und der meinigen nach Abo reisen, weiter verlange ich nichts von dir. Bei dem Freiherrn Randal kannst du nicht bleiben, er ist ein Gefangener. Du wirst einsehen, daß ich dich nicht hier lassen kann. Erich selbst wird mir beipflichten müssen. Verlange nicht, daß ich deine unrühmlichen Handlungen vertheidigen soll, erwiederte Erich. Geh, theure Ebba, sie würden dich mißhandeln, doch vertraue mir, ich werde immer deiner werth sein. Das heißt immer ein Phantast bleiben! Das heißt niemals zu dir herabsteigen! Und niemals aus den Schulden kommen, ein Bettler werden, fiel Halset grinsend ein. Besser ein Bettler als ein Wucherer und Betrüger! Haha! schrie Halset seine Hände reibend, dank Ihnen, Freiherr Randal! Ist ein Ehrentitel aus solchem Munde; aber ich bin ein christlicher Mann, wünsche Ihnen dafür langes Leben und gute Gesundheit, um anzusehen, wie es dem Wucherer geht und seinem Kinde, dem Halljala gehören wird. 587 Elender! rief Erich und eine glühende Röthe flog über sein Gesicht. Fort und verlaßt mich! – fuhr er mit gewaltsamer Ruhe fort. Besäße ich die Mittel dieser schändlichen Gewaltthaten mich zu widersetzen, ich würde sie nicht dulden. Ich unterwerfe mich, weil ich muß, Graf Serbinoff aber ich protestire gegen Ihr Verfahren! Ich glaube nicht, versetzte Serbinoff die Achseln zuckend, daß sich dadurch das Geringste verändert. Als er dies sagte fielen im Garten dicht hinter einander mehrere Flintenschüsse. Was ist das?! schrie der Oberst auf. Auch ein Protest, aber von besserer Wirkung, antwortete Munk. Führt die Damen in das Pfarrhaus und erwartet mich dort! rief Serbinoff. Die Grenadiere drangen fliehend wieder in die Halle. Lars Normark war nicht mehr in ihrer Gewalt. Baron Arwed zog seine Schwester halb gewaltsam fort, der Propst faltete ängstlich seine Hände, als abermals eine Musketensalve dröhnte, die vom Hofe herzukommen schien. Unter den Tannen im Garten begann es sich zu regen, hinter den Lerchenbäumen hervor fuhren ein paar lichte Blitze; eine Kugel flog an Serbinoff's Kopf hin und durchbohrte Hompus Randal's düstres Bild an der Wand, von der es mit dem schweren Rahmen herunter stürzte. Wir sind verloren! murmelte Arwed erblassend. Hier können wir nicht hinaus, sagte Serbinoff gelassen; werft die Thüren zu; löscht die Lichter aus. Vorwärts, Grenadiere! Ich glaube, diese Bande ist schon ins Schloß gedrungen. Gibt es keinen anderen Weg, der uns hinaus bringt? Mir nach! rief Sam Halset. Ich kenne das alte Gebäude. Durch die Gallerie in den Seitenflügel und von dort in den Graben hinunter müssen wir. Er eilte mit dem einzigen Lichte, das noch brannte, voran. Das wilde Geschrei vieler Stimmen schien jetzt von allen Seiten zu kommen. Flintenschüsse kreuzten sich, bald einzeln abgefeuert, bald in größerer Zahl. Wir sind überfallen! sagte Serbinoff. Wo ist der Freiherr Randal? Er erhielt keine Antwort, aber er sah wie die Soldaten den Major ergriffen und trotz seines Widerstandes ihn fortschleppten. Der 588 Offizier, welcher die Soldaten geführt hatte, war der letzte. Bei dem Feuerscheine erblickte er den Freiherrn am Kamin stehen, ergriff ihn am Arm und zog ihn fort. Mit einer heftigen Bewegung befreite sich Erich von ihm. Sie müssen folgen, vorwärts! rief der Russe, indem er seinen Degen zückte. Im nächsten Augenblick war dieser in Erich's Gewalt, im folgenden stürzte der Offizier mit durchbohrter Schulter und einem Schrei zu Boden. Blut! sagte Erich Randal, seine Augen auf ihn richtend, doch gerecht vergossen, in gerechter Sache. Im Gange draußen krachten Schüsse, Weibergeschrei mischte sich mit dem Klirren der Waffen, mit Flüchen und Gestöhn, doch zwischen dem verworrenen Getobe ließen sich die starken, schrillenden Laute einer Pickelpfeife hören. Noch stand Erich auf den Degen des verwundeten Russen gestützt, als die Halle sich mit Männern füllte, welche sowohl von der Gartenseite wie durch die Thüren eindrangen, welche in das Innere des Schlosses führten. Allen voran fiel Korporal Spuf, der in der einen Hand einen brennenden Holzscheit hielt, in der anderen seine berühmte Waffe mit dem langen Bajonnet, das eine dunkelrothe Farbe angenommen hatte. Der lange Feldwebel erschien von einer anderen Seite und Jem Olikainen sprang mit seiner noch dampfenden Büchse herein, ihm nach Bauern und Soldaten, schwarz von Pulverrauch und mit Blut bespritzt, das zum Theil aus ihren eigenen Wunden floß. Der Schulmeister allein hielt nichts in der Hand, als seine Pfeife und seinen dicken eisenbeschlagenen Stock. Auf, Freiherr Randal! rief Lars als er seinen Herrn erblickte. Hebe deinen Kopf auf, noch bist du kein Russe geworden. Noch haben sie dich nicht fortgeschleppt und hier sind tapfere Hände genug, die dir helfen wollen Gut und Blut vertheidigen. Die Fackeln warfen ihr rothes Licht in Erich's Gesicht und umwirbelten ihn mit Qualm und Dampf. – Millionen Schock Tonnen! schrie Korporal Spuf, indem er über den russischen Offizier stolperte, hat der Freiherr uns schon geholfen, aber schlechte Arbeit gemacht. Kein Russe ist mehr im Schlosse, wenigstens kein lebendiger, und 589 ewig will ich braten, wenn einer wieder hereinkommt, so lange ich darin bin. Es ist schade, daß Herr Otho nicht sehen kann, Korporal Spuf, wie dein Bajonnet sich putzt, sagte der Feldwebel, der auch jetzt seinen Spaß nicht lassen konnte. Losgemacht haben wir Sie, Freiherr Randal, aber zu Ende sind wir noch nicht, und es wird nicht lange dauern, so haben wir, was an Feinden vorhanden ist, auf dem Hals. Mein Rath wäre daher, wir trollten uns rasch davon über den See fort in die Korpilaxberge und ließen ihnen das leere Nest. Nein, antwortete Erich, besonnen umherblickend, ehe wir die Berge erreichten, würden wir verloren sein, da der ganze Troß aus Reitern besteht. Wir müssen diese Räuber angreifen und schlagen, oder uns vertheidigen bis der Mond untergeht, wenn wir ihnen entkommen wollen. Rette sich wer da will, ich will mein Haus nicht eher verlassen, bis es über meinem Kopfe wankt und bricht. Diese Worte, mit eigenthümlicher Ruhe und Kraft gesprochen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Korporal Spuf schrie mit aller Kraft seiner Lungen, daß der Freiherr Recht habe. Ehe der Mond nicht von diesem elenden hellen Himmel verschwunden ist, können wir nicht fort, schrie er. Wenn wir nur noch einhundert von unseren langen Bajonnetten hier hätten, sollten die Satanskinder aus Halljala hinaus, so wahr ich Spuf heiße und dies hier der klügste Feldwebel in Björneborg's Regiment ist. Wenn wir Pulver und Kugeln aus deinen Flüchen machen könnten, tapferer Korporal Spuf, antwortete der Feldwebel, so ginge es vielleicht, daß wir in dem alten Schlosse aushielten. Dennoch aber ist's richtig, daß es ein Segen wäre, wenn deine breite Hand den Mond zudecken könnte, und Alles in Alles gerechnet kann's nicht schaden, wenn der Freiherr Randal sein Haus wie ein Mann vertheidigt. Ja, Herr! rief Jem Olikainen, befiehl was du willst, wir wollen bei dir aushalten. Hörner und Trompeten und das Wirbeln einer Trommel unterbrachen den Kriegsrath. Sie kommen! sagte Erich, aber sie sollen bereit finden. Nehmt was ich an Waffen habe. Für unsere 590 Freiheit, für unser Leben wollen wir streiten gegen unmenschliche Feinde und Verräther. Mit Kaltblütigkeit und Überlegung theilte Erich, als er das Amt des Anführers der kleinen Schaar übernommen hatte, diese in verschiedene Abtheilungen, welche er dem Feldwebel, dem Korporal und Jem Olikainen übertrug. Aus der Bibliothek wurden die Gewehre geholt. Pistolen, Hirschfänger und Jagdspieße, so viele sich dort noch befanden, unter Bauern und Hausgesinde vertheilt. Ein kleiner Pulvervorrath erregte die besondere Freude des Feldwebels. Wenig mehr als hundert Männer standen endlich in den Gemächern und hinter den Fenstern des Hauses vertheilt und erwarteten den Feind. Die Thüren waren fest und schwer, die Fenster zum Theil mit Eisenstangen versehen, es ließ sich daher ein hartnäckiger Widerstand leisten, allein es blieb keine Zeit die Vorkehrungen dazu zu vermehren; denn kaum hatten die Schützen ihre Plätze eingenommen, als der Angriff schon erfolgte. Unter dem Klange ihrer Hörner und mit furchtbarem Kriegsgeschrei drangen die Russen in den mondhellen Hof, und erwiederten das Feuer aus den Fenstern des Hauses von dem Hompusthurme, den sie bald in Besitz genommen hatten, und aus den Gebäuden und Ställen, welche den Raum umschlossen. Bald konnte die eingeschlossene kleine Schaar bemerken, daß sie es mit einem weit stärkeren Feinde zu thun hatte. Die Kosaken, Jäger und Grenadiere der Garden bestanden aus ausgesuchten Soldaten, die in allen Kriegen Ruhm erworben hatten. Ohne darauf zu achten, daß der Schnee sich an mancher Stelle roth färbte, und mehr als einer in ihren Reihen lautlos niederstürzte, sprangen sie in dichten Haufen die Vortreppe hinauf, wo ihre Äxte und Kolben die Thüre zu zersplittern suchten. Diese Gefahr verdoppelte jetzt den Widerstand der Vertheidiger. Ihre Kugeln flogen aus allen vorspringenden Fenstern in den dichten Haufen der Angreifer, doch plötzlich geschah etwas, das diesen in eine unerwartete Flucht trieb. Frau Ulla hatte in der Küche einen mächtigen Kessel heißer Mehlsuppe bereitet; da begab es sich, daß der dürre Feldwebel denselben an dem einen Henkel faßte, den anderen aber hielt der Schulmeister und Beide stiegen die wurmstichige unterste Treppe hinauf, wobei der Feldwebel freundlich dem Korporal zunickte. Im 591 nächsten Augenblicke erscholl ein entsetzliches Gebrüll vom Hofe her, ein Jammergeheul der Verbrannten und Fliehenden, denen ein wildes Siegesgeschrei derer folgte, die darüber frohlockten. Einige Minuten lang schien es, als habe der Feind die Lust verloren, einen neuen Angriff zu wagen. Der ganze Hof war leer, nur aus dem alten Thurm knallten vereinzelte Schüsse, jetzt jedoch fiel ein rother Schein in das blaue Mondlicht. Durch die Fenster der Ställe und Speicher leuchtete es auf, an zwanzig Orten zugleich zeigte sich dies rothe Licht, und nach wenigen Minuten huschte es von Ort zu Ort, zersprengte die Scheiben und wirbelte dunkele, finstere Dampfsäulen auf, die der Luftzug gegen das Haus trieb. Korporal Spuf that einen fürchterlichen Fluch, als er den Kolben seines Gewehrs fallen ließ und seine Hände über dessen schwarzen Lauf beugte. Feldwebel! brummte er, du bist der gescheidteste Feldwebel in der Armee und hast nicht daran gedacht, daß die Mordbrenner uns wie Mäuse braten. Laßt doch wenigstens das arme Vieh aus den Ställen! schrie der alte Olaf, seine Hände ringend. O, Herr! Herr! sie verbrennen was Leben hat, und da geht der große Speicher schon in Flammen auf. Wir sind verloren, Herr! Wir sind Alle verloren! Erich Randal blickte in das Feuermeer, das bald aus allen Fenstern aufschlug und an den großen Holzgebäuden aufkletterte, die mit Heu, Stroh und Getreide gefüllt waren. Er sah, daß keine Rettung möglich war. Das brüllende Vieh in seiner Todesnoth, die prasselnden Flammen, welche Feuergarben über sein Haus warfen, das Geschrei der Weiber, die weinend und betend auf den Knien lagen, Angst und Schrecken in vielen Gesichtern, auf anderen Wuth und wilde Entschlossenheit; endlich von Außen ein Feind, der jetzt durch Flammen und Rauch seine Kugeln hereinschickte, und dieser dunkele erstickende Rauch selbst, der durch alle zerschmetterten Fenster in das Gebäude drang, dies waren die Bestandtheile des entsetzlichen Bildes, das sich dem Freiherrn darbot. Rettet euch, sagte er zu seinen Dienern, in wenigen Minuten wird es unmöglich sein, hier länger auszudauern. Das Feuer wird Halljalahaus selbst ergreifen. Viele brennbare Stoffe liegen in den 592 oberen Räumen aufgehäuft. Flieht nach dem Garten hinaus, noch wird es möglich sein. Feldwebel, schrie Korporal Spuf, jetzt denke an deine langen Beine. Ich sehe nichts mehr, ich höre nichts mehr. Alles in der Welt kann meine Leber ertragen, zehn Russen ziehe ich durch meine Nasenlöcher ein, doch dieser fettige Qualm ist nicht zu genießen. Und darum, tapferer Korporal Spuf, antwortete der Feldwebel, scheint es mir am besten, wir ziehen einen kühlen Spaziergang im Mondschein dieser angenehmen Wärme vor. Es geht nicht länger, Freiherr Randal. Angreifen können uns die Russen von dieser Seite zwar nicht mehr, aber sie werden warten bis Rauch und Flamme uns heraustreiben und inzwischen uns jede Aussicht auf Flucht abschneiden. Ich kann's auch länger nicht hier aushalten, seufzte Jem Olikainen. Das Gebrüll und Gestöhne des armen Viehes ist schlimmer wie das Gebrüll der russischen Teufel, die uns gerade ebenso umkommen lassen. Vor dem Verbrennen fürchte ich mich nicht, meinte der Feldwebel, indem er seinen Karabiner lud, aber ich fürchte Korporal Spuf hält es nicht aus. Darum fort mit uns, es ist die höchste Zeit. Noch ist's möglich, daß wir uns durchschlagen mit dem letzten Pulver und dem letzten Blei in unseren Taschen. Stimm' den Russenmarsch an, Schulmeister! schrie der Korporal. Braucht's Bajonnet, ihr Leute, vorwärts marsch! Die Halle, in welche sich alle Vertheidiger zurückgezogen hatten und sammelten, klang von dem Lärm der Querpfeife, doch Lars Normark blies ganz leise. Möchte den Russen nicht den Weg zeigen, sagte er, und jetzt hört, was der alte Lars räth, der bei Willmanstrand gefochten hat. Haltet zusammen und folgt mir und dem Hans nach. Am See hin zieht der Waldstreif bis in die Berge hinauf, dahin können sie mit ihren Pferden nicht hinterher. Im Wald aber weiß der Finne besser fortzukommen, als der Russe, der nicht laufen kann. Keiner nimmt auf den Feldwebel! schrie Spuf; doch was hilft's, wir müssen's versuchen. Wo ist Erich Randal, unser Herr? fragte Jem. 593 Hier bin ich, erwiederte Erich, der in die Halle trat, Feuer und Russen sind in meinem Hause. Zu beiden Seiten dringen sie ein, und dort seht ihr sie vor uns. Wir müssen uns den Weg frei machen! Mit dem Degen in der Hand sprang er die Stufen hinab, Alle, die um ihn waren, folgten ihm nach. Der Mond hatte sich hinter die Berge gesenkt, aber noch beleuchtete er das hohe alte Haus, über dessen Firsten sich eine mächtige Flammensäule wälzte. Der Hompusthurm sah wie ein glühender Riese aus; das Feuer schlug aus allen seinen Fenstern, während sein Kopf im weißen Lichte glänzte. Einen Augenblick wandte Erich sich zurück und betrachtete das Haus seiner Väter. Die schöne Glasmalerei der Fenster in der Halle war zerschmettert, Alles, was sein gewesen, was er sorgsam gepflegt, der Vernichtung geweiht. Ein Gedanke kam ihm an den Tag, wo er mit Ebba stand und Halljala vom glühen Himmelslichte so beleuchtet sah, als verzehre es ein ungeheuerer Brand. Das hatte sich jetzt erfüllt und mit schmerzlicher Gewalt rief er aus: Alles ist verloren, aber nicht mein Frieden, nicht mein Recht! Als er dies sagte donnerte eine Gewehrsalve und hundert Kugeln flogen aus der Baumschule, die Erich angelegt, auf die kleine Schaar. Eine Jägercompagnie hatte sich dort aufgestellt und erwartete die Fliehenden. In der nächsten Minute waren diese mit ihren Feinden in eine ringende Masse verschmolzen. Der Freiherr war der Erste gewesen; schneller noch als der Feldwebel sprang er mitten unter die Russen und diesem nach sprang Korporal Spuf mit dem langen Bajonnet. Ein verwirrtes Geschrei erscholl aus dem Pulverdampf, einzelne rothe Blitze zuckten darin, Röcheln und Stöhnen folgten ihnen nach, dann stoben dunkle Gestalten, die zum Theil ihre Waffen von sich schleuderten, nach allen Seiten fort und ein anderer dunkler schweigender Haufe lief eilig gegen das Seeufer hinab, in der Richtung, wo die Waldleiste sich gegen die Berge hinzog. Als der Pulverdampf sich verzog, lagen wohl an vierzig menschliche Körper auf dem Schnee und die hochschlagenden Flammen des alten Schlosses leuchteten in verzerrte Gesichter und in weit offene auf ewig erstarrte Augen. Noch aber hatte der Trupp den Waldstrich nicht erreicht, als hinter ihm her eine lange Linie Reiter jagte. Schüsse knallten noch 594 einmal, Hörner und Trompeten schmetterten, aus dem brennenden Schlosse eilten zahlreiche Grenadiere den Reitern nach und diesen voran sprengten Offiziere, an deren Spitze Oberst Serbinoff sich befand. Die zunehmende Dunkelheit ließ nicht erkennen, was am Seeufer vorging, allein, wenn es den Rettern auch gelungen war, die Flüchtigen von dem rettenden Walde abzuschneiden, so hatten sie diese doch sicher nicht Alle fangen oder niedersäbeln können. Ein heftiges Feuer räumte manchen Sattel, reiterlose Pferde liefen im vollen Lauf zurück und als die Grenadiere anlangten, war es zu spät. Die Flucht der Entkommenen ließ sich lange verfolgen, denn aufsprühende Blitze leuchteten aus dem Walde die steilen Hügel hinauf und der Widerhall der Schüsse prallte von den Schluchten der Luganoberge zurück. Eine Stunde mochte vergangen sein, ehe das Feuer sich des ganzen Schlosses bemächtigt hatte. Das hohe alte Gebäude, das Hompus Randal einst erbaute, bildete eine ungeheure Fackel, die in den nächtigen Himmel loderte. Weit umher war Berg und Thal davon beleuchtet, die Kirche auf der Höhe spiegelte ihr goldenes Kreuz, das Symbol des Gottes der Liebe, im blutigen Widerschein, und Tageshelle breitete sich bis an die Ufer des Sees über die Kampfstätte aus. Aber der Lärm war verschollen; eine Anzahl Russen umstand das brennende Haus, ein paar Kosaken saßen wie leblose Gebilde auf den kleinen Pferden, schauten in die weite Schneewüste hinaus und verfolgten mit ihren Augen ein lebendiges Wesen, das allein zwischen den Büschen und Bäumen zu dem Seeufer hinabeilte. Zuweilen stand die dunkle Gestalt still und beugte sich zu dem eisigen Boden nieder; dann lief sie flüchtiger weiter, bald nach der einen, bald nach der andern Seite, und wenn die Feuersäule gewaltiger aufsprühte, war deutlich zu erkennen, daß es ein Weib war, deren weite Gewänder im Winde flatterten. Ja, es war ein Weib, das über Leichen irrte, über Sterbende, deren mattes Stöhnen sie antrieb, mit prüfenden Blicken in entstellte Gesichter zu schauen und dann rastlos, wie von Angst und Entsetzen gejagt, zu entfliehen, bis ein anderer Unglücklicher sie zu neuen fruchtlosen Versuchen antrieb. Endlich gelangte sie zu der Stelle, wo die Finnen auch die nachsetzenden Reiter überwältigt hatten. Hohe und 595 einzeln stehende ungeheure Bergfichten breiteten hier ihr Gezweig pyramidalisch aus und hüllten sich in düstere Schattenkreise, die vom zuckenden Feuerschein zuweilen überwältigt wurden, der mit glühem Lichte bis unter das tief hängende Gezweig drang. Dort, unter einem dieser riesigen alten Stämme sank die dunkle Gestalt nieder und erhob sich nicht wieder. Ein grimmiger Windstoß schüttelte den Wald, eine Flammensäule, die bis in den Himmel zu reichen schien, stieg aus dem brennenden Schlosse auf und jagte den feurigen Dampf weit über den Pajäne fort. Die Augen der Kosaken hingen starr an dem Waldsaume. Da saß das Weib auf dem roth leuchtenden Schnee und hielt in ihren Armen einen leblosen Körper. Sie drückte ein bleiches blutiges Haupt an ihre Brust und hüllte dessen erstarrte Glieder in ihren Mantel. Ohne Klage sah sie zum Himmel auf; mit einem langen wilden Blick auf die hohen Klippen von Korpilax, welche noch im Silberglanze des Mondes sich über die Nacht erhoben, irrten ihre Augen umher wie nach Rettung suchend, und plötzlich mit verzweiflungsvoller Entschlossenheit umfaßte sie den bewußtlosen Mann und suchte ihn aufzuheben und fortzutragen. Die heftige Bewegung und der Schmerz, den er empfand, rüttelten den Verwundeten aus seiner Ohnmacht. Er schlug seine Augen auf, sie belebten sich, verwundert, fragend, staunend. Ein Lächeln zitterte um seine Lippen: Geliebte! Du bist bei mir! flüsterte er. Sie antwortete mit einem Schrei des Entsetzens. Der wunde Mann glitt aus ihren Armen, doch sie raffte ihn auf und ihn fest umschließend und mit ihrem eigenen Körper deckend, streckte sie Arm und Haupt den Kosaken entgegen, welche, ihre Lanzen gesenkt, in vollem Laufe ihrer Rosse heransprengten. Der gellende furchtbare Schrei hallte weit durch das Thal und trieb einen in Pelz eingehüllten Herrn zur größten Eile, der so eben auf der Brandstätte angelangt war. Halt! rief er den Kosaken nach, haltet ein! und als er athemlos näher kam, fuhr er fort: Mary! Um des Himmels willen! Ich suche Sie, Ihr Vater, wir Alle. Was thun Sie hier? Statt der Antwort wandte sie ihm die blutige Gestalt in ihren Armen zu. Erich! schrie er auf. Der Unglückliche! Er ist todt! 596 Er lebt, antwortete sie. Geben Sie den Pelz her! Er ist erstarrt vor Kälte, sein Blut gerinnt. Holen Sie Leute herbei, befehlen Sie diesen Barbaren, daß sie ihn nicht ermorden, ihn in das Haus des Propstes tragen. Wir wollen für ihn thun, was wir vermögen, sagte Arwed. Aber dies ist kein Platz für Sie, theure Mary. Ich habe ihn nicht aus den Händen seiner Feinde retten können, antwortete sie mit der unbiegsamen Festigkeit, welche der Baron kannte, ich werde ihn nicht verlassen. Erich! Ewig geliebter Mann, wache auf! wache auf! Ein donnerähnliches Krachen begleitete ihre Worte. Halljalaschloß stürzte zusammen, das wilde Geschrei der Russen drang aus dem Meer von Qualm und feuriger Lohe. Siebentes Kapitel. Serbinoff hatte sich nach dem kleinen Gute Louisa, wo er vor wenigen Monaten mit Otho und seiner Schwester glückliche Tage verlebt hatte, begeben. An der Spitze eines Reiterzuges kehrte er von der nächtlichen Verfolgung zurück und nahm Besitz von dem einsamen Hofe, der gänzlich verlassen schien, denn die Dienstleute waren, erschrocken über den Brand jenseits des Sees und den Lärm des Gefechtes, daraus entflohen. Erst als er die Thür einstoßen ließ, fand er in einem Winkel des Gesindezimmers eine alte Frau, die auf ihren Knien um ihr Leben bat und in ihrer Angst halb wahnsinnig lange Zeit den fremden Offizier weder erkannte, noch mit Jammern aufhörte, obwohl der Graf alle möglichen Beruhigungsmittel versuchte. Endlich gelang es ihm, und sie erinnerte sich des Gastes, den ihre junge Herrschaft so lieb gehabt. Ihre Verzweiflung schlug in Entzücken um. Sie faßte nach Serbinoff's Händen, bedeckte diese mit ihren Küssen, küßte den 597 Saum seines Rockes, lachte und schrie ihm Segenswünsche zu, die er gleichgiltig sich gefallen ließ, denn er war an solche unterwürfige Huldigungen gewohnt. Wo ist mein junger Herr! schrie die Frau dann aufspringend und umherschauend, als müsse es einer der Offiziere sein, die den Obersten begleiteten. Wo der gnädige Herr ist, muß ja Herr Otho auch sein, fuhr sie fort. Zusammen verließen sie dies Haus und todt ist er nicht. Lars Normark schwört darauf, er würde wieder kommen. Ach! sprecht doch, gnädiger Herr, sprecht doch, wo ist mein liebes kleines Fräulein! Sie sagen, sie wäre mit dem gnädigen Herrn gegangen. – O! Herr, laßt mich mein Fräulein sehen. Gott segne sie! Gott segne den gnädigen Herrn! Tausend Jahre lang mag er glücklich leben! Serbinoff sah sie in einer Weise an, daß sie verstummte und zitternd wieder nach seinem Rocke griff. Dein Herr ist so wenig hier, wie dein Fräulein, erwiederte er. Warte die Zeit ab, so werden sich deine Wünsche erfüllen, doch jetzt mache Feuer an, bringe herbei, was du an Lebensmitteln hast. Niemand soll dir und jedem, der hier wohnt, ein Haar krümmen. Morgen will ich dich beschenken und dir eine Sicherheitskarte hier lassen, unterzeichnet von dem Obergeneral und von mir, daß kein Soldat, wer er auch sei, dies Haus betreten oder sich hier einquartieren darf. Solche Sicherheitskarten wurden in diesem Kriege sowohl für Häuser wie für große Besitzungen ausgetheilt, wenn sie den Anhängern der Russen gehörten. Für heut galt dies Versprechen jedoch nicht. Serbinoff's Reiter zogen ihre Pferde in Otho's Ställe und bald waren die untern Räume des Hauses mit Husaren und Jägern gefüllt, welche mit wunderbarer Geschwindigkeit alles Genießbare vertilgten und dann auf dem Fußboden ausgestreckt, die glühend heißen Öfen umlagernd, ebenso schnell einschliefen. Serbinoff hatte sich in die oberen Zimmer begeben, wo einst Louisa's Mutter gewohnt hatte, und welche bis zum Augenblick eben so aussahen, wie einst Ebba sie gefunden hatte. Bald flackerte ein helles Feuer auf und durch den niedrigen Raum verbreitete sich eine wohlthuende Wärme. Mit schweren klingenden Schritten ging der hohe Mann auf und ab und lächelte über die friedliche Stille, die ihn 598 umgab. Blank und sauber war Alles umher. Sein Diener brachte ihm seine Reisekassette herein, steckte zwei Wachslichter auf kurze Silberleuchter und kam dann mit Thee, dem duftigsten und feinsten, der in Petersburg zu haben war. Nachdem Serbinoff sich erwärmt hatte, streckte er sich auf dem Divan aus und schlürfte den belebenden Trank. Der große Schreibschrank von Eichen, glänzend mit Wachs gebohnt, spiegelte den Lichtglanz zurück; die Armstühle standen um den Tisch, als werde eine Gesellschaft erwartet. In der Ecke am Fenster lehnte eine große Harfe und gegenüber an der Wandseite schimmerten die weißen Vorhänge des Bettes, in welchem die Wittwe des Obersten Waimon ihr Leben geendet hatte. Wie oft hat mein Liebchen hier fröhlich gelacht, murmelte Serbinoff. Wie oft wohl hat sie den kleinen Kopf in diese Kissen geschmiegt und in ihren Träumen meinen Namen geflüstert. Bei Gott! ich wollte, sie wäre hier. Ich wollte, daß ich in ihren Armen vergessen könnte, daß es ein Morgen gibt. Welcher Teufel ist es denn, der uns verleitet, gegen uns selbst zu wüthen? Warum verlange ich nach einem Weibe, das mich nicht mag, und nach wenigen Wochen mir zur Last und Plage sein wird? Warum will ich diese süße Rose von mir abreißen und zertreten, die mir allein blüht, und um keine Seligkeit im Himmel und auf Erden von mir lassen würde. Aber ich will! rief er mit Heftigkeit. Ja, ich will, weil diese stolze widerspänstige Frau mir gehören soll! Er sprang von dem Sitze auf, sein Blick fiel in den Spiegel. Von Kälte und Anstrengung war die Haut seines Gesichts aufgesprungen, ein Baumzweig hatte es blutig gerissen, sein Rock war zerfetzt, Staub, Schmutz und Rauch bedeckten seine Kleider. Er lachte rauh auf. Ein schöner Bewohner dieses Paradieses! fuhr er fort. Mein Säbel ist schartig, meine Hände roth. Leichen und Sterbende liegen auf dem öden Schneebett draußen, die vielleicht noch manches Jahr froh gelebt hätten, wenn ich sie nicht hierher geführt. Wie friedlich ist es hier und hat Louisa nicht recht, wäre es nicht wonniglich, allen Ehrgeiz, alle Gier nach Glück und Genuß in diesen armen kleinen Raum einzuschließen. Ihr Vater hat ruhelos die Welt durchjagt, um in 599 diesem elenden Bauernhof zu enden, und ihre Mutter, diese angebetete Mutter, nahm den Bauer zum Mann und hat hier gehaust zum Schrecken des würdigen Propstes, des ehrlichen Halset und aller anderer Schurken und Narren. – Da steht ihre Harfe noch. Es soll mich nicht wundern, wenn ich von einer finnischen Carmagnole aufgeweckt werde, oder wenn dieser selige Geist drohend über meinem Haupte schwebt, der ich ihm den Sohn in den Tod gejagt und die Tochter – Er vollendete seine freche Rede nicht, denn es rauschte in dem finsteren Winkel und dröhnend stürzte die Harfe um, deren Saiten dumpf und klagend klangen. So furchtlos Serbinoff auch war, erschrack er doch vor diesem zufälligen Ereigniß. Einige Minuten lang blieb er stehen, die Augen auf die Harfe geheftet, dann nahm er ein Licht und leuchtete darauf hin. Das Instrument war zerbrochen, er stieß es mit dem Fuße zur Seite. Ein wurmstichig Stück Holz, sagte er, werth, daß es in Trümmer fiel, den Händen nach, die es einst zu beleben wußten und Staub geworden sind. Er beleuchtete die Bücherreihe auf dem Schrank. Meist fand er Dichterwerke schwedischen und französischen Ursprungs, auch deutsche darunter; Rousseau's Emil war mit vielen Zeichen versehen. Er schlug das Buch auf, mit feiner Handschrift waren zahlreiche Randbemerkungen darin gemacht. Er durchblätterte es, bis er bei einer lange verweilte, welche ihm besonders auffiel. »Meine theuren Kinder! lautete sie, ihr werdet glücklicher sein als eure Mutter, denn die einfache Natürlichkeit eurer Gefühle und euer stilles Leben wird euch vor den Verirrungen eurer Herzen schützen. Keine blendende Verdorbenheit wird euch locken, kein eitles Trachten euch in Schuld und Sünde treiben. Meine süße Louisa! du wirst fern von Pracht und Schimmer einen Mann mit deiner Liebe beglücken, der so natürlich gut und reines Herzens ist, wie du selbst. Laß dich niemals von eitler Hoheit blenden, wie ich geblendet wurde, ehe ich den Mann fand, euern Vater, meine Kinder, vor dem aller Trug verschwand. Wenn Magnus Munk einst dein Lebensgefährte ist, mein theures Kind, wenn ihr in Frieden und Stille hier wohnt und glücklich seid, dann lies die Jugendgeschichte deiner Mutter, die ich als mein besonderes Vermächtniß für dich aufgeschrieben. Sie liegt in meinem 600 Schrank, links unter dem verborgenen Fach in dem Kästchen. Du wirst sehen, mein geliebtes Kind, wie nahe ich diesem sittlichem Verderben war und wirst dich doppelt glücklich preisen, daß dein lieber Magnus dich in seinen schützenden Armen hält. Nichts, mein Kind, haben wir mehr zu fürchten, als unsere Eitelkeit, nichts ist gefährlicher, als die Schmeicheleien eines Mannes von hohem Range und strahlenden Eigenschaften, nichts aber herrlicher, als alle Lüge von sich abwerfen, allen falschen Flitter, den die Menschen anbeten, um den sie sich verkaufen, nichts beglückender, als dem Geliebten anhangen, mit dem, sei es in der Hütte zu wohnen, mit ihm alle Noth des Lebens zu theilen, die einzige irdische Seligkeit ist, die es gibt.« Und was hat sich von allen diesen Schwärmereien erfüllt! rief Serbinoff lachend. Sonderbar, daß sie dies Kind vor Gefahren warnt, welche dennoch in diese Wüste eingebrochen sind. Sehr wahrscheinlich aber bin ich der Erste, der diese Epistel liest und ich will dafür sorgen, daß kein Anderer sich daran erbaut. Er faßte das Blatt und riß es aus dem Buche. Sagte ich es nicht, fuhr er dabei fort, daß diese angebetete Mutter ein überspanntes Weib gewesen sein muß, die ihre Kinder so thöricht toll erzog, wie sie selbst war. Hätte sie ihnen die Köpfe klar gemacht, bei Gott! es wäre besser für sie gewesen. Aber was hat sie denn erlebt? Irgend ein Serbinoff muß auch ihr begegnet sein, bis der würdige Oberst – der Teufel hole ihn! – als Cherubim zwischen diese Eva und die Schlange sprang und dies Paradies für sich eroberte. Ich bin fast neugierig, wie es dabei herging. Dies ist offenbar der Schrank, von dem hier geschrieben steht. Er blickte in das zerrissene Blatt. Links unter dem geheimen Fach in dem Kästchen liegen die Bekenntnisse dieser schönen Seele. Bei aller Liebe Seligkeit! ich sehe den Finger Gottes, der mich leitet. Es gibt keinen Zufall, sagen die Weisesten, Alles, was geschieht, geschieht nach Nothwendigkeiten – und somit bin ich gerechtfertigt, wenn ich thue was ich soll, Entdeckungen mache, diesen Schrank öffne, den Kasten suche und die Geheimnisse dieser Schwärmerin lese, da Louisa sie nicht lesen wird, nicht lesen darf, weil ihre Verbindung mit dem einfältigen Knaben Magnus niemals statt finden wird. 601 Er drehte den Schlüssel um, der im Schlosse steckte und legte die Klappe zurück. Es war einer jener alten schönen deutschen Schränke, an welchen die Schnitzkunst des siebenzehnten Jahrhunderts noch jetzt zuweilen Bewunderung erregt. Kunstvolle Blätterranken liefen an den Seiten hinauf, die Wände enthielten Medaillons, auf welchen Scenen aus der Bibelgeschichte dargestellt waren. Der innere Raum zeigte eine bedeutende Menge großer und kleiner Kasten, sämmtlich mit kunstvollem Schnitzwerk überlegt, das vortrefflich gearbeitet und gut erhalten war. Serbinoff zog verschiedene Kasten auf, die, größtentheils leer, ihm wenige Gegenstände zur näheren Betrachtung boten; vergebens aber suchte er lange nach dem geheimen Behälter, welcher in der Note erwähnt wurde. Endlich entdeckte er einen kaum merklichen Einschnitt, der den Knopf einer Feder verbarg, die zurückgedrückt, in der Tiefe des Schrankes einen Kasten öffnete, welcher hinter anderen versteckt war. Da ist er! sagte Serbinoff, indem er ihn hervorzog, aber was ist das! Mit diesen Worten zog er einen Handschuh heraus, auf den er kaum seine Blicke gerichtet hatte, als er erstaunt ausrief: Bei Gott! das ist der zweite zu dem, den Jönsson uns gezeigt hat. Ich habe eine Ahnung gehabt, als Halset mir erzählte, Niemand wisse, wo dies würdige Paar getraut wurde. Wo ist das Kästchen unter dem Kasten? Das kann wichtiger werden, als es den Anschein hatte. Er versuchte den Kasten herauszunehmen. Doch erst nachdem er eine Leiste mit Hilfe eines anderen Federdruckes zur Seite gehoben hatte, gelang ihm dies, und nun zeigte sich darunter eine zweite kleinere Aushöhlung, die ein Päckchen Papiere enthielt, das mit einer Schnur gebunden und an beiden Seiten gesiegelt war. Serbinoff zog es hervor. Auf dem Umschlag stand mit derselben Handschrift wie die der Randbemerkungen geschrieben: »Diese Blätter gehören meiner Tochter Louisa. Sie allein soll sie lesen, doch nicht eher bis sie einst mit Magnus Munk verheirathet ist, oder das zwanzigste Jahr erreicht hat.« Trotz dieses heiligen Befehls werde ich mir dennoch die Freiheit nehmen, mich nicht daran zu kehren, sagte Serbinoff, und an den Tisch zurückkehrend warf er die trockenen Blumen, welche darauf lagen, 602 in einen Winkel, streckte sich auf den Sopha aus und kümmerte sich nicht darum, daß seine Sporen schonungslos den mürben Damast zerhackten. Er zerriß Schnur und Siegel mit solcher Gewalt, daß eine Anzahl engbeschriebener Blätter um ihn herflog; schnell packte er diese zusammen und nach einigen Minuten war es todtenstill in dem Gemach. Serbinoff schien, je länger er las, um so größere Theilnahme zu empfinden. Einige Stunden vergingen, ehe er geendet hatte, und seine Mienen drückten abwechselnd Erstaunen, Spott, Verachtung und doch auch zuweilen edlere Empfindungen aus, die sich ihm halb unwillkürlich aufzudrängen schienen. Endlich behielt er das letzte Blatt in der Hand und sah lange darauf hin. Bei allen Heiligen des Himmels! rief er, es gibt nicht viele Weiber, die wie diese Frau gehandelt hätten. Schwärmerei macht Märtyrer und Helden, ja vielleicht ist es wahr, daß nichts Großes ohne sie auf Erden geschehen kann; aber Louisa soll diese Geschichte niemals lesen, nie davon erfahren. Sie könnte an ihren Sünden verzweifeln. Er sprang auf und ging umher, dann lehnte er sich über den Tisch und blickte die Blätter an. Es ist Narrheit, für Tugend zu schwärmen, murmelte er vor sich hin, bei hohen Gefühlen schlecht zu leben, göttliche Abstammung sich anzudichten und göttlichen Träumen nachzuhängen; aber wenn man diese Thorheiten auch verachten muß, kann man doch nicht umhin sie anzustaunen. Eine merkwürdige Frau! ich wollte daß ich sie gekannt hätte; aber nein, sie würde mich innerlich noch mehr angewidert haben, wie ihr Sohn, und ich fürchte, daß sie klüger war, als er. Sein heißer Kopf ist zur Ruhe gebracht, ich habe nichts mehr von ihm zu besorgen; auch das ist gut. Der langweilige Philosoph in Halljala wird als Mörder geächtet und verfolgt werden. Dies Mädchen also, Louisa Waimon! – Er schwieg und sagte dann leise vor sich hin: Sie könnte die Erbin der großen Herrschaft sein, wenn nicht – Hier hielt er inne, denn die Wachen, welche das Gebäude umringten, begannen ein lautes Geschrei. Gleich darauf schnaubten Pferde und eine wohlbekannte Stimme fragte: Wo ist der Oberst Serbinoff? Wo ist der Graf, Iwan? Führe mich zu ihm. Wecke ihn auf oder halt! es wird nicht nöthig sein, er hat Licht. 603 Serbinoff nahm die Papiere und den Handschuh, wickelte beide zusammen in den Umschlag und band den Faden darüber. Das Paket blieb auf dem Tische liegen, den Schrank schloß er, und eben war er damit fertig, als Arwed Bungen eintrat. Was bringst du mitten in der Nacht? rief ihm Serbinoff entgegen. Ich sehe es dir an, daß es nichts Gutes ist. Wie geht es den Damen? Was gibt's? Der Baron stellte sich an den Ofen, dessen hohe Eisenthüren Iwan auf seinen Befehl öffnete und so viel Holz als vorhanden war hineinwarf. Eine schreckliche Kälte! sagte er. Ich glaube nicht, daß die Schelme, die deinem Schwerte entkommen sind, den Morgen erleben werden. Und ich vermuthete, erwiederte Serbinoff lachend, daß du keinen allzu großen Kummer darüber empfinden wirst, wenn auch nicht Einer davon am Leben bleibt. Einer, versetzte Baron Bungen, ohne umzublicken, ist am Leben, und allem Anschein nach wird er auch nicht davon lassen wollen. Wer? fragte Serbinoff ihm näher tretend. Du meinst – Erich Randal, meinen geliebten Vetter. Er lag am See, einen Hieb über den Kopf, eine Kugel in seiner Schulter, halb erfroren. So habe ich ihn gefunden. Serbinoff ging die Stube hinauf und kehrte zurück. In deiner Stelle, sagte er, hätte ich ihn nicht gefunden. War ich es denn? murmelte Arwed die Zähne zusammendrückend. Es gibt finstere Mächte, Serbinoff, eine schadenfrohe Hölle, der es Freude macht, uns zu höhnen. Mary war plötzlich verschwunden, ich suchte sie, man hatte sie aus dem Hause des Propstes nach dem Schlosse laufen sehen. Als ich mich nähere, höre ich ein Geschrei. Kosaken stürzen auf ein Weib los, die eine blutende Leiche in ihren Armen hält. Sie ist es, sie hat den Elenden gefunden, fordert Schutz und Hilfe für ihn und ich muß meinen eigenen Pelz hergeben, muß zähneklappernd davonlaufen, damit er fein säuberlich ins Haus getragen wird. Serbinoff konnte nur mit Mühe ein lautes Lachen unterdrücken. Das ist hart, sagte er, aber welcher Teufel treibt dich ihr nachzulaufen. Die Kosaken hätten wahrscheinlich ihre Lanzenspitzen nicht aufhalten lassen. Inzwischen, da er schwer verwundet ist und beinahe schon 604 Leiche war, wird er uns den Gefallen thun, in den Armen der Liebe zu enden. In den Armen der Liebe wird er leben! rief Arwed ingrimmig. Spotte nicht, Serbinoff. Sie hat ihn mit ihren Küssen, ihren Thränen bedeckt. Sie ließ sich nicht abhalten, es mir, ihrem Vater, meiner Schwester, uns Allen ins Gesicht zu schreien, daß sie ihn liebe, noch liebe, daß sie mit ihm sterben wolle. Das kalte, leblose Geschöpf war toll geworden; toll, Serbinoff, vor wahnsinniger Liebeswuth. Sie klammerte sich an ihn wie eine Rasende; nur durch flehende Bitten, durch Nachgiebigkeit, durch Versprechungen und Schwüre, daß Alles geschehen solle, um ihm zu helfen, ihn zu schützen und zu retten, ist es möglich geworden, sie zu beruhigen. Und was habt ihr gethan? Der Oberarzt der Grenadiergarde hat ihm die Kugel aus der Schulter gezogen und den Kopf verbunden. Er hält die Wunden zwar für schwer, aber nicht unmittelbar lebensgefährlich. Erfroren ist er auch nicht; heftiges Reiben und Wärme haben alle seine Glieder geschmeidig gemacht. Hundert Andere wären in dieser schrecklichen Nacht umgekommen, er wird am Leben bleiben. Um so schlimmer für ihn, sagte Serbinoff. Als Hochverräther und Empörer verurtheilt, kann er kein Gegenstand der Furcht für dich sein. Ich kann ihn nicht verurtheilen lassen, murmelte der Baron, ohne alle Mittel anzuwenden, ihm Gnade zu verschaffen. Überdies wird er der Gegenstand allgemeiner Theilnahme werden; Viele werden sich für ihn verwenden, unser Verfahren angreifen, und Mary Halset – meine Schwester – verdammt sei die Hand, die ihn nicht besser traf! Verdammt die Narrheit, die ihn aufsuchte und fand! Ich hätte nie geglaubt, sagte Serbinoff, daß dieser häßliche Bursche im Stande sei, eines Weibes Herz in solchem Grade zu verwirren. Es ist eine fatale Entdeckung, mein Freund, solche aufopfernde Liebe bei einem Mädchen zu bemerken, das man soeben heirathen will, was kann man jedoch gegen Thatsachen thun? Du wirst dich nicht davon stören lassen, sondern sie benutzen. Schlummerte dieser stoische Philosoph, der den Tod wie ein Weiser betrachtet, unter den Tannen 605 am See, so würde das gewiß für ihn und uns Alle das Beste sein, da es jedoch nicht der Fall ist, müssen wir uns damit trösten, daß er sich in unserer Gewalt befindet, und auch das hat sein Gutes! Morgen, oder so bald es angeht, schicken wir ihn ins Hauptquartier. General Buxthövden wird über ihn bestimmen, ein Kriegsgericht ist ja überdies schon ernannt. Pflege ihn, sei zärtlich, tröste ihn, laß es an nichts fehlen. Zeige der theuren Mary, daß dein Herz voll Schmerz und Mitleid ist, für alles Übrige laß mich sorgen. Auch deiner Schwester wird solche Milde wohlthun. Ich weiß nicht, wie tief sie davon berührt wird, daß plötzlich eine Nebenbuhlerin um diesen gefährlichen Mann ihr in den Weg läuft, aber jedenfalls mußt du sie schonen und zu versöhnen suchen. Ich glaube beinahe, sie wird großmüthig genug sein, einem so hochherzigen Mädchen, das den undankbaren Geliebten unter den Todten aufsucht, diesen abzutreten, und ihren Bund inniglich zu segnen, wenn nicht etwa Sam Halset und du selbst Einsprache erheben. Ich begreife nicht, fiel Arwed unmuthig ein, was dich zu solchen spöttischen Bemerkungen treibt. Vom ersten Augenblick, wo ich Erich sah, war er mir zuwider, jetzt aber hasse ich ihn von ganzem Herzen. Ich muß mich von ihm befreien, und was meine Schwester betrifft – er hielt inne und drehte sich gegen Serbinoff um. Wenn es noch immer dein Wunsch ist, Ebba deine Hand zu reichen, ihr Herz zu gewinnen, so gebe ich dir mein Wort darauf, sie soll einwilligen. Mein Wunsch und mein Wille ist es, zweifle nicht daran, unterbrach ihn Serbinoff. Ich weiß, welche Abneigung ich zu bekämpfen habe, um so mehr reizt es mich. Bei allen Heiligen! bei meiner Ehre! Arwed, ich will dies stolze Herz haben. Du mußt sie mir geben, ja, sie muß gehorchen! Sie wird gehorchen, antwortete der Baron. Zunächst nur fort mit diesem Träumer, an den sie sich gehängt hat. Nicht mit ihrem Herzen, sagte Serbinoff lächelnd, sondern weit eher, wie ich glaube, im Kampfe gegen ihr Herz, das rebellisch sich wider ihren Kopf empörte. Der liegt todt, dem sie es gern gegeben hätte, während verständiges Nachdenken ihr sagte, daß sie ihre aufkeimende Neigung unterdrücken müsse, weil diese ihrer unwürdig sei. 606 Schweigen wir davon, murmelte Arwed Bungen. Gut, schweigen wir davon. Die Sache ist vorüber, von Otho sind wir erlöst, deine Schwester ist zu der Gleichgiltigkeit des Unglücks gelangt. Sie wird sich beruhigen; durch deine Güte und meine zärtliche Aufmerksamkeit gewonnen werden. Inzwischen hast du Recht, daß Erich Randal verschwinden muß. So laß ihn verschwinden. Gewaltsam? Nein, mein Lieber, erwiederte der Oberst. Das wäre heut gegangen, morgen geht es nicht mehr. Nie würde Mary, nie Ebba ein solches Experiment verzeihen. Sie würden uns Mörder nennen, andere Leute thäten es vielleicht auch; überdies ist mit General Buxthövden nicht zu spaßen. Er hat bei Todesstrafe jede Gewaltthat verboten, und der Freiherr Randal ist kein gemeiner Kerl, der unbeachtet in einem Winkel auf der Heide vermodern kann. Wir werden, fuhr er fort als Arwed schwieg, in loyalster Weise verfahren. Die mobile Colonne, welche ich jetzt führe, muß ihren Weg fortsetzen, bis die Vereinigung mit General Tutschkoff hergestellt ist. Sobald dies geschehen sein wird, kehre ich ins Hauptquartier zurück. Dahin geht ihr jetzt mit dem Gefangenen. Eine Wache soll euch begleiten, ich werde dem General Bericht erstatten, und was bei Buxthövden auch geschehen mag, er muß diesen Empörer, der mit den Waffen in der Hand gefunden wurde, verurtheilen. Er wird ihn begnadigen, sagte der Baron. Das wird dein weiser Vetter ohne Zweifel selbst vereiteln, erwiederte Serbinoff. Für diese Gnade müßte er alle seine Irrthümer abschwören, und wäre ihm dies möglich, so hätte er es heut unter besseren Bedingungen thun können. Glaubst du, daß er morgen anderen Grundsätzen anhängen wird? Nein, aber – Aber, fiel Serbinoff lachend ein, man läßt ihm dennoch vielleicht das Leben und Mary Halset hört nicht auf ihn anzubeten. Nun, mein lieber Freund, warum willst du ihr dies unschuldige Vergnügen nicht gönnen! Wenn dein Vetter als Hochverräther verurtheilt wird, verliert er Alles, was er besitzt, sogar seinen Namen. Man gibt ihm dafür eine Nummer, setzt ihn in eine Kibitke, führt ihn sechs- oder 607 achttausend Werste weit in irgend eine angenehme Gegend an der Lena oder am Jenisei in Sibirien oder er verbringt sein philosophisches Dasein in irgend einer Goldwäsche im Ural. Ist er erst dort, so ist er auch vergessen. Wer wird ihn jemals zurückrufen? Dazu gehören besondere Wege und Mittel. Mein Onkel, meine Familie, ich selbst, wir werden Alle dafür sorgen, daß es niemals geschehen kann. Aber auch, wenn nach Jahren vielleicht wirklich eine Begnadigung erfolgte, was wäre daran gelegen? Während dieser Zeit sind deine Verhältnisse geordnet, ein namenloser Bettler kann nichts mehr daran ändern. Samuel Halset ist nicht der Mann, die Liebestollheit seiner Tochter zu dulden. Sehr möglich, daß er jetzt vielleicht noch einmal speculirt, ob nicht dieser Freiherr, den er haßt und der ihn verachtet, nicht doch noch zuletzt sein Schwiegersohn werden könnte. Darauf mußt du gefaßt sein. Aus Haß und Hochmuthskitzel zugleich wird er es wünschen, sobald aber Erich Randal ein verlorener Verbrecher bleibt, wird er ihm Fußtritte geben helfen. Mary gehört dem Herrn der Baronie Halljala und wem wird diese zufallen? Mir, wie ich hoffe, sagte Arwed Bungen, schon in Folge des Verwandtschaftsgrades. Darin kannst du dich täuschen, versetzte Serbinoff. Wenn Otho noch lebte, würde er dies bestreiten können, und seine Schwester – Sie haben keine giltigen Rechte, unterbrach ihn der Baron. Vollkommen giltige Rechte, denn sie sind aus legitimer Ehe entsproßen. Wer kann das beweisen? Ich, sagte Serbinoff, – wenn ich es wollte. Ich habe die Beweise dafür gefunden, sie sind in diesem Packet enthalten. Eine dunkle Röthe trat auf Arwed's Stirn. Er lächelte ungläubig und blickte das Papier und seinen Freund durchdringend an. Wenn dies wirklich der Fall ist, erwiederte er, warum hat sich kein Trauschein gefunden? Es ist eine seltsame Geschichte. Sie haben selbst niemals erfahren, an welchem Ort die Trauung geschah, wurden auch durch besondere Umstände verhindert, Nachforschungen anzustellen. Lies diese Papiere, 608 wenn du willst. Es liegt auch ein Handschuh dabei, ganz dem ähnlich, den wir bei Jönsson gefunden haben. Ha! rief Arwed, indem er die Hand auf das zusammengebundene Manuscript legte. Was ist deine Absicht? Dir zu dienen und deine Schwester zu heirathen. Und Louisa Waimon? fragte der Baron leise. Das Kind! was soll es mit Halljala thun? Ich werde immer für Louisa sorgen, auch wenn deine Schwester – meine Gemahlin geworden ist. Und Niemand weiß, wo sie getraut worden? Niemand – du wirst dich überzeugen, wenn du diese Bekenntnisse liest. Mit einem raschen Griff faßte Arwed Bungen das Päckchen und im nächsten Augenblick schleuderte er es in den Ofen. Ich will nichts davon wissen, nichts hören, sagte er. Das ist Alles, was ich thun kann. Serbinoff lachte laut. Richtig und energisch gehandelt! rief er aus. Dort ist es am besten aufgehoben; was wir wissen, wissen wir allein. Gute Nacht, Arwed, ich bin müde! Im Himmelbett der seligen Frau Mutter, die so gut für uns gesorgt hat, will ich dankbar vom Glück unserer Zukunft träumen! Achtes Kapitel. Fast im äußersten Norden Finnlands, nahe dem Ende des bottnischen Meerbusens, liegt der kleine Ort Sikajocki. Das Meer macht dort eine tiefe Einspülung, an deren Landseite die Stadt Uleaborg liegt. Die Ufer sind flach und zerrissen, viele kleine Ströme kommen in tiefen Betten aus dem hinterliegenden Hochlande, das mit düsterem 609 Wald und Schluchten bedeckt ist; wenige Holzhütten und Bauernhöfe sind über dies öde Gebiet zerstreut. Jetzt lag Alles unter Eis und Schnee begraben, aber eine seltsame Lebendigkeit regte sich mit den ersten Sonnenstrahlen, welche auf diese unermeßlichen Schneefelder und auf das gefrorene Meer fielen. Dunkle bewegliche Massen von Menschen und Pferden zogen von Uleaborg her an der Küste hin und gegen das Thal des Sikajocki. Die Sonne blitzte auf einen Wald von Stahl, und der Morgenwind führte den Schall von Trompeten mit sich, denn jenseit des Sikajocki um das Dorf Revolax und an den Waldleisten und Höhen wimmelte es nicht minder von Soldaten, die ihre Fahnen mit dem Doppeladler lustig im Winde flattern ließen. Im Norden des eisbedeckten Flusses flatterte der schwedische Löwe und eine Strecke von Revolax lag Pavola, eine geringe Häusergruppe, vor welcher auf einer Anhöhe eine Batterie Sechspfünder aufgefahren war, von Offizieren umgeben, die durch ihre Gläser nach Revolax hinüberschauten. Das kleine schwedische Heer, bis in diesen äußersten Norden zurückgedrängt, war seit einigen Tagen erst nicht weiter geflohen und hatte den Russen bei Sikajocki ein glückliches Gefecht geliefert. Seltsameres ließ sich kaum denken, als diese Schaaren, welche hinter den Hügeln vor Pavola sich sammelten. Niemand würde sie für Soldaten gehalten haben, wenn nicht ihre Waffen Zeugniß dafür gegeben hätten. Keine Uniform war zu sehen. In Rennthier-, Wolfs- und Schaafpelze doppelt und dreifach eingehüllt, boten diese Gestalten den unförmigsten Anblick. Viele Köpfe steckten in Pelzkappen, die Füße in Pelzstiefeln, oder sie waren mit Pelz und Wolllappen umwickelt, so viel deren jeder aufzutreiben vermochte. Selbst die Gesichter wurden durch Pelzmasken geschützt, in ähnlicher Weise, wie dies die Lappen zur Winterzeit thun. Um zu sehen hatte man Löcher darin für die Augen geschnitten und ein Loch zum Athmen für den Mund. Eiszapfen hingen daran nieder, Reif und Eis überzog das lange Haar, wo es unter Kappen und Binden hervorsah, über die Pelze aber trugen diese Soldaten der Schneewüste Säbel und Patrontasche geschnallt und in ihren pelzgedeckten Händen hielten sie die langen schwedischen Gewehre, das einzige Stück an ihnen, welches blank und rein gehalten 610 aussah, mit bloßen Händen aber häufig nicht angefaßt werden konnte, weil die Finger sogleich Frostblasen von dem kalten Eisen erhielten. So beschreiben Augenzeugen das finnische Heer im Winter 1808, während es sechs Wochen lang vom Kymene bis in diesen hohen Norden zurückgewichen war, fortgesetzt von den Russen verfolgt, die immer an seinen Hacken, immer im Begriff es zu umringen und zu vernichten, doch niemals den tödtlichen Schlag ausführen konnten. Überall hatten die Schweden zerstört, was sich zerstören ließ, fortgeschleppt, was sie fortzuschleppen vermochten. Bei mehr als dreißig Grad Kälte wurden Gefechte geliefert, viele Nächte im Freien überdauert, unter übermenschlichen Anstrengungen der Rückzug fortgesetzt und endlich auch die Vereinigung mit der Brigade des General Cronstedt bewirkt, der aus Savolax entkommen war. Der König von Schweden hatte, als er dem alten Marschall Klingspor den Befehl gab, Finnland in eine Wüste zu verwandeln, gemeint, daß es den Russen unmöglich sein würde, weit in das Land zu dringen, allein, er hatte sich geirrt. In Rußland war mit größter Umsicht und jeder möglichen Sorgfalt die Eroberung Finnlands vorbereitet worden. Magazine wurden in dem russischen Finnland angelegt. Eine zahllose Menge Fuhrwerk aller Art, mit Ochsen bespannt, die als Schlachtvieh dienen sollten, stand bereit große Vorräthe dem Heere nachzuschleppen; in Finnland selbst aber lagen längst angekaufte Getreide- und Heumassen, die Sam Halset und seinen Gehilfen gehörten. Endlich aber waren auch die Russen nordische Krieger, geschickter oder doch geübter noch, als Finnen und Schweden, um die furchtbare Strenge eines solchen Winters zu ertragen. Ihre Regierung hatte sie aufs sorgfältigste ausgerüstet, mit doppelten Pelzen versehen und mit reichlicher Nahrung versorgt. Dabei aber wurden sie von Offizieren geführt, die auf den größten Schlachtfeldern Europa's gefochten hatten; kriegskundige, unerschrockene Männer, begeistert für ihren Kaiser und für Rußlands Ruhm, voller Vertrauen auf Sieg, bereit das Äußerste zu wagen, und sicher, da die tapferen, auserlesenen Schaaren, welche ihnen folgten, mit diesen halbverhungerten, elend bewaffneten, an allem Nöthigen Mangel leidenden Feinden bald fertig werden würden. 611 Und halb verhungert, in Lumpen und Fetzen, Schmutz und Elend aller Art eingewickelt, waren diese dem Tode und der Gefangenschaft entkommenen Reste des finnisch-schwedischen Heeres. Hinter dem Hügel, auf welchem die Kanonen standen, marschirten verschiedene Soldatenhaufen; an ihrer Spitze zunächst ein zusammengeschmolzenes Regiment, welches soeben seine Gewehre, die außerordentlich lange Bajonnette hatten, in Pyramiden zusammengestellt. Die Soldaten liefen umher sich zu erwärmen, und als einer darunter den Pelzlappen von seinem Gesichte nahm, gehörte dies ohne Zweifel dem tapferen Korporal Spuf an. Aber ach! wie sah der würdige Spuf aus. Von seinen rothen, dicken Backen waren nur Falten übrig geblieben; die kleinen Augen hatten sich bedeutend vergrößert, die gewaltigen Lippen erschienen schmaler und die herkulischen Schultern selbst waren zusammengeschrumpft. Wenn aber auch Alles sich an ihm kläglich geändert hatte, so war ihm doch die Baßstimme treu geblieben und er gebrauchte sie, um einen unermeßlichen Fluch an seinen Freund, den Feldwebel, zu richten, der sich ihm näherte und äußerst anmuthig grinste. Der Feldwebel sah ganz eben so aus, wie er immer ausgesehen, doch dies eben schien den Korporal so heftig zu ärgern. Feldwebel! schrie er, du bist der gescheidteste Feldwebel in der ganzen Armee, aber alle Kosaken sollen auf mich reiten, wenn du dich nicht dem Satan verkauft hast. Pfui, Korporal Spuf! sagte der Feldwebel, wie kannst du solche Gotteslästerung aussprechen. Wer möchte uns Beide wohl kaufen, wie wir aussehen? Der Teufel selbst hat sicherlich keine Lust dazu, sonst würde er uns längst geholt haben, wie manchen anderen guten Burschen. Korporal Spuf nickte mit seinem schweren Kopf und mit unverkennbarer Wehmuth blickte er auf die dünnen Knochen seines Kameraden. Kreuz Element! murmelte er, dieser Feldwebel hat doch einigen Verstand hinter seinem dünnen Nasenbeine. Da steht Alles, was vom edlen Regimente Björneborg übrig geblieben ist. Fünfzehnhundert Grenadiere waren es und Rusthalls Bataillon dazu macht zweitausend voll, die sich vor keiner Hölle voll Teufel fürchten thaten. Was ist nun noch davon vorhanden, elender Feldwebel? Kaum sechshundert mögen es sein, die das Bajonnet noch halten können. 612 Haben's aber etwa die Russen gethan, du lachender Strich? Wär's Regiment Björneborg noch wie es war, kein Moskowiter sollte uns heut davonkommen! aber in Schnee und Eis sind sie versunken, erfroren liegen sie und verhungert in allen Gräben, und in Wald und Sümpfen; elendig umgekommen vor Mattigkeit und Fieber auf dieser siebenundsiebenzig Schock Mal verfluchten Retirade. Bursche waren's, drei Russen hatten in jedem Platz, und dennoch – wie mürbe Äpfel vom Baume sind sie gefallen, und die Übriggebliebenen klappern in ihren Knochen, man kann's meilenweit hören, wenn sie sich bewegen. Nur dieser erbärmliche Feldwebel ist geblieben wie er war. Ihm kann kein Frost Blasen ziehen, kein Russe an den Leib kommen; denn Alles ist Schatten und Wind an ihm. Ich will's mit siebenundsiebenzig Schock Tonnen voll Eiden beschwören, daß er sich unsichtbar machen kann und eigentlich gar kein menschlicher Feldwebel ist, sondern ein Schatten mit langen Beinen, der dem Regiment Björneborg zum Ärgerniß gereicht, weil er nichts von unserem Hunger und Durst, unserer Müdigkeit und Noth empfindet. Die Soldaten, welche sich um Beide gesammelt hatten, stimmten ein Gelächter an, das bald noch mehrere herbeizog, denn wo der Feldwebel war und der Korporal, gab es immer lustige Geschichten. So geschah es auch diesmal, denn der Feldwebel reizte durch seine Spöttereien über das unnütze Fleisch und Fett und seine Glückwünsche, daß von dem tapferen Spuf bald nichts mehr übrig sein werde, als ein verschrumpfter Sack, der einst einen Magen vorstellte, den Korporal zu den merkwürdigsten neuen Flüchen und boshaften Beschuldigungen, über welche der Feldwebel in kannibalischer Ruhe seine Bemerkungen machte. Höre an, christlicher Korporal Spuf, sagte er endlich; hast du niemals Gott angerufen, dir eine Portion Fleisch abzunehmen, um dich leichter und geschickter zu machen? Ich weiß, du hast es gethan, und jetzt willst du dich darüber beschweren, daß der Herr deinen frommen und gerechten Wunsch erfüllt hat? Du lügst, elender Feldwebel! schrie der Korporal. Dummer wie ein Tavasteländer müßte ich sein, hätte ich jemals wünschen sollen dir ähnlich zu werden. 613 Ganz recht, fuhr der Feldwebel gravitätisch nickend fort, im Tavasteland war's, vielleicht kam's eben daher über dich. Es ist noch gar nicht lange her, oder wär's möglich, daß ich's geträumt hätte, Korporal Spuf, daß wir Beide aus einem brennenden Schloß liefen, mitten in einen Russenhaufen hinein. Wie wir wieder herauskamen, weiß ich nicht, aber es gab da in der Nähe einen See und Wald zog an ihm hin bis in Berge und Klippen. Wie ich umschaute, sah ich eine ganze Wolke Kosaken und Husaren in weißen Pelzen hinter uns und vor uns, und ich lief, was meine langen Beine laufen konnten. Es ist nicht wahr! schrie Spuf. Ich hab's gesehen, Grenadiere, wie er den Rittmeister herunterschoß und um sich schlug rechts und links. Spaß! grinste der Feldwebel, aber es kam mir so vor, daß wie ich unter den alten Tannen die letzte Patrone in den Lauf stampfte, Korporal Spuf daherrannte und hatte auf seine Schultern einen Todten aufgeladen. Todt war er nicht, brummte Spuf; er konnte nur nicht weiter laufen und liegen wollt' ich ihn nicht lassen. Und da kam dicht hinter ihm her ein Kosak, und es war ein Glück, daß der Kerl vom Pferde stürzte, gerade wie er mit seinem Zahnstocher untersuchen wollte, was Spuf zu Abend gespeist hatte. Lüge nicht, windbeuteliger Feldwebel! schrie der Korporal. Es war eine Schande seine letzte Kugel an einen lumpigen Kosaken zu verschwenden. Aber der tapfere Spuf stürzte dennoch zu Boden, lachte der Feldwebel. Ich meinte, der Kosak hätte ihn ins Bein gebissen, und ich sprang herbei, um ihn näher zu beschauen. Er pustete und stöhnte, weil der Todte auf ihm lag, dem das brennende Schloß gehört hatte, ein kleines dünnes Männchen, wie eine Feder so leicht, und ich nahm es ihm ab und legte es unter die tiefen Tannenzweige, so konnte der tapfere Spuf aufspringen und sich erholen. Rühme dich nicht damit, Feldwebel, murmelte Spuf. Es war ein wackerer Herr, wir hätten ihn nicht liegen lassen sollen. 614 Nun ging's in die Berge hinein, fuhr der Feldwebel fort, hinter uns her die russischen Jäger und Grenadiere, vor uns steile glatte Wände. Auf Händen und Füßen gab's zu klettern, und wer nicht etwas in sich hatte vom Luchs und Wolf, der kollerte in die russischen Kugeln und Bajonnette. Da war's eben, wo der christliche Korporal Spuf zum lebendigen dreifachen Gott schrie, er möchte ihm helfen und ihn von seinem Fett befreien, damit er laufen könne wie wohlgebildete Menschen. Schweig stille, du elender Feldwebel! schrie Spuf. Es war eine fürchterliche Nacht. Nicht die Hälfte von uns kam am Morgen in Kuvasmäki an und wenn seine dürren Hände mich nicht zehnmal festgehalten hätten, läg' ich fett und rund jetzt im sanften Schlaf, weich gebettet, statt daß ich hier in Haut und Knochen umher klappern muß und weder Fuchs noch Wolf an mir eine Mahlzeit halten kann. Ich sehe auch nicht ein, lachte der Feldwebel, ob's nach der Naturgeschichte durchaus so sein muß. Feldwebel, antwortete der Korporal ernsthaft, es bleibt Keiner von uns Allen übrig und Mancher, der jetzt hier lacht, wird ehe der Abend dunkelt, in einem Wolfsmagen sich besser befinden, als in freier Luft. Es ist aber unredlich und regt mein Gewissen auf, wenn ich denke, daß man seinen Mitgeschöpfen noch zuletzt Ekel und Verachtung einflößen soll. Wenn die Wölfe dich finden, Feldwebel, werden sie nach den ersten Bissen die Schwänze einziehen und heulend davonlaufen; mir war's aber immer ein Trost zu denken, wie schön es sein würde, wenn sie um mich her säßen, die Lippen leckten, mich zärtlich anschauten und vor Lust schreien thäten: Seht den Korporal Spuf, kann's etwas Lieblicheres auf der Welt geben? Damit ist es nun vorbei, leichtsinniger Feldwebel, und all' meinen Kummer verdanke ich dir! Ein schallendes Gelächter belohnte den Korporal, der Feldwebel aber zog mit wehmüthigem Gesicht unter seinem Pelze die bekannte Korkflasche hervor, umfaßte diese mit beiden Händen und antwortete demüthig: Solltest du, ehrwürdiger Spuf, mir nicht meine Sünden vergeben, wenn ich dir verspreche, daß dir dein Kummer durch mich gründlich geheilt werden soll? 615 Mit einem raschen Griff bemächtigte sich Spuf der Flasche und, indem er sie mit Innigkeit betrachtete, strahlte ein sonnenvolles Lächeln aus seinen Augen und glättete seine Falten. Gib her, verruchter Feldwebel! schrie er dabei. Laß ab von Gütern, die du nicht zu schätzen weißt. Ja, ich will dir vergeben, in der Erwartung, daß du noch recht oft Reue über deine Verbrechen fühlst und meine Leiden zu lindern suchst. Ich verspreche es dir, heiliger Spuf! sagte der Feldwebel feierlich. Rund und fett sollst du wieder werden, sobald der Frühling kommt. Wir werden die Russen jagen, tapferer Korporal, denn eine neue Zeit bricht an. Ein Hurrah für den General Adlercreutz! schrie Korporal Spuf, seine Flasche schwingend. Ich will dir verzeihen, Feldwebel, und will dich umarmen, wenn wir wieder an den edlen Pajänesee gelangen, wo es ein wonniglich Leben im guten Schlosse Halljala war, das ich niemals vergessen werde. Oho! fuhr er fort, und da ist noch Einer, der es nimmer vergessen thut. Holla! Lars Normark, alter Bursche, komm' hierher! und mit rothem Gesicht lief der Korporal mit der Flasche einem anderen Soldatenkreise zu, wo es lustig herzugehen schien und aus welchem die Pfeife des Schulmeisters erschallte. Der Feldwebel und die Grenadiere vom Regiment Björneborg folgten ihm nach und sahen wie der Haufen auseinander wich und der Hahn neben dem Schulmeister marschirte, dem ein Bauerntrupp folgte, Jem Olikainen als der Erste voran. Der Hahn krähte und marschirte mit ausgestreckten Beinen in Parade nach dem Takte des Russenmarsches, den Korporal Spuf über alle andere Musik auf Erden setzte. Er sprang daher auch zugleich an die andere Seite und brüllte aus aller Kraft seiner Lungen die Melodie, indem er dabei in die Hände klatschte. Die Soldaten hatten ihre schönste Lust daran und als der Korporal ein wenig Branntwein in seine Hand goß und der Hahn sich nicht zum Trinken nöthigen ließ, entstand ein solcher Jubel, daß die Offiziere vom Hügel herunter kamen und erstaunt und lachend den greisen Pfeifer und seinen gelehrigen Schüler beschauten. 616 Endlich kam auch ein Kriegsmann herbei, von kerniger Gestalt, finsteren strengen Zügen, rasch und hart in Allem, was er that. Es war der Oberst Döbeln, der das Regiment commandirte und kein Freund von solchen Auftritten war; hinter seinen buschigen Augenbrauen hervor blitzte er den Schulmeister an und rief ihm dann mit seiner rauhen Stimme zu: Bist du ein Zigeuner, so zieh' auf den Jahrmarkt. Packe dich fort mit dem unnützen Vieh! Lars Normark begegnete den grimmigen Blicken des Obersten, vor denen so leicht keiner Stand hielt, unerschrocken genug. Ich denke, wir stehen Beide schon mitten darauf, Oberst, sagte er, und es wird nicht lange dauern, so werden wir die Würfel klappern hören. Gehe ihnen aus dem Wege so weit du kannst! versetzte Döbeln. Fort mit dem Hahn und fort mit dir! Eh, Hans! lachte Lars Normark, warum sollen wir es nicht thun? Es möchte Mancher gerne mit uns tauschen, liefe davon und ließe es sich nicht zweimal sagen, wenn er nur dürfte. Aber gräm' dich nicht, Hans. Unnütz ist Vieles in der Welt, was man nicht dafür hält, das Nützlichste aber wird zumeist verachtet. Wer bist du denn, du alter Narr? fragte der Oberst. Was du sagst, Herr, ein alter Narr und ein unnützes Ding in der Welt, nämlich ein Schulmeister, antwortete Lars Normark. Der grimmige Oberst zog die Augen dichter zusammen, aber der Feldwebel faßte an seinen Hut und begann: Mit des gestrengen Herrn Obersten gnädiger Erlaubniß möchte ich berichten, daß der alte Mann zu den Bauern hier gehört, die mit uns und der Colonne des Generals Cronstedt vor drei Tagen bei der Armee angekommen sind. Ich muß aber auch sagen, daß wir wohl sämmtlich gefangen worden wären oder todt lägen, wenn er nicht das Land so genau gekannt hätte. Und der Hahn ist kein unnützes Vieh, brummte Korporal Spuf; es ist Vernunft in ihm. Schock Tonnen Mal wollt ich verdammt sein! wenn's nicht ein vernünftiges Wesen ist, so gut wie ich und der Oberst. Wenn wir schliefen, stand er auf seinem Posten, und es ist so wahr, wie es Russen gibt, die dort von allen Seiten auf Revolax los marschiren, daß er die Kosaken witterte, mochten sie noch so leise 617 kommen, und daß er uns geweckt und herausgeschrien hat, wie der beste Mann in Björneborg's Regiment. Oberst Döbeln's Gesicht heiterte sich auf. Der Korporal war ihm ein alter Bekannter und wohl gelitten. Steht es so, sagte er, dann müssen wir den Schulmeister und den Hahn belohnen. Sind das die Bauern von Halljala, die bei uns bleiben sollen, bis der General weiter über sie bestimmt? Ja, Herr, antwortete Jem Olikainen. Brauche uns nach deinem Willen; ich denke, du sollst sehen, daß wir Schützen sind. Ich glaube es dir, sagte der Oberst wohlgefällig. Die Männer aus den Bergen von Tavasteland und Savolax wissen ihr Ziel zu treffen. Willst du dabei sein, alter Schulmeister, wenn ich dir ein Gewehr geben lasse? fragte er, indem er sich zu Lars Normark wandte. Dabei will ich sein, versetzte dieser, aber dein Gewehr behalte. Womit willst du denn die Russen schlagen? Mit meiner Pfeife, lachte der Alte. Wenn sie den Russenmarsch hören und den Hans dazu, laufen sie Alle davon. Nun in Gottes Namen! sagte der Oberst. Schlag du sie in deiner Art, ich werde es in meiner Weise thun. Feldwebel, trag' die ganze Mannschaft ein in die Musterrolle und den Hahn dazu. Hat er sich wie ein Björneborgsmann benommen, muß er auch zum Regiment gehören. Hurrah! schrie Spuf, hast du es gehört, Feldwebel. Kamerad Hans soll leben und der Pfeifer von Normark daneben! Mitten in das lustige Hurrahgeschrei, mit dem der Hahn umringt, geschmeichelt und gestreichelt wurde, tönte die markige Stimme des Obersten, der zu den Waffen rief. In wenigen Augenblicken überwältigte der militärische Gehorsam Lärm und Lachen, nur die Waffen klirrten; schweigend und rasch bildete sich eine lange Linie kampfbereiter Männer, hinter welcher die kleine Schaar der Bauern stand. Lars Normark hatte den neuen Grenadier von Björneborg's Regiment in seinen Sack gesteckt, aus welchem dessen buntgesprenkeltes Haupt neugierig hervorschaute und es ganz so machte, wie alle anderen Köpfe, die sich einem Reitertrupp zuwandten, welcher aus Pavola herkam und sich den Hügeln und den dahinter aufgestellten Soldaten näherte. 618 Jetzt wird's losgehen, sagte der Feldwebel zu Korporal Spuf. Da kommt der ganze Generalstab. Siehst du den General Adlercreutz? So rund sieht er aus, wie du jemals ausgesehen hast, heruntergekommener Korporal Spuf. Elender Feldwebel! versetzte der Korporal, was lügst du wieder. An der Spitze reitet der alte Marschall Klingspor, und der sieht so vertrocknet aus, wie er immer war. Aber der hinter ihm kommt, den sieh an, Spuf, der thut's, der ist der Rechte, sprach der Feldwebel. Hast du noch niemals gehört, wie man's macht, wenn ein vornehmer Herr nichts taugt? Taugt der Korporal Spuf nichts, wird er abgesetzt; taugt aber ein Minister nichts, gibt man ihm einen Rath an die Seite, der für ihn denkt, und wenn's mit einem General nicht gehen will, bekommt er auch seinen Rath, das heißt einen Generalstabschef, der das Heer commandirt und der Puppe den Namen läßt. So steht's mit dem Adlercreutz; jeder Lieutenant weiß es, und nun paß auf, Spuf. Du wirst sehen, wie sie Alle zu ihm laufen, und der alte Klingspor weiß es selbst am besten, wie er nichts mehr zu bedeuten hat. Der greise mehr als siebenzigjährige einäugige Marschall ritt inzwischen mit seinem Gefolge an dem Hügel hinauf, während sein Generalstabschef sich dem Obersten Döbeln und einigen anderen Offizieren näherte, welche die verschiedenen Regimenter befehligten, die sich hier gesammelt hatten. General Adlercreutz konnte allerdings Soldaten mehr Vertrauen einflößen als der weißhaarige, gebeugte Mann, der dem Namen nach an der Spitze des Heeres stand. Der Tag von Sifajocki hatte zuerst den Schweden und Finnen neuen Muth eingehaucht, denn bis dahin waren sie geflohen. Jeder wußte, daß Adlercreutz diesen Sieg gewonnen, während Klingspor schon daran dachte, Finnland ganz aufzugeben, und nun sprengte Adlercreutz daher auf seinem dunkelmähnigen feurigen Renner; er selbst in der Blüthe der Manneskraft, stark von Körper, kriegerisch, lebhaft sein Blick, ein Lächeln auf seinen Lippen und der Ausdruck des Selbstvertrauens in allen seinen Zügen. Als Oberst Döbeln bei ihm war, neigte er sich ihm die Hand schüttelnd nieder und sagte ohne das glückliche Lächeln zu verlieren, das ihm immer zu Gebot stand: Sweaborg hat capitulirt! 619 Der rauhe Döbeln fuhr zurück wie von einer Schlange gebissen. Es ist wahr, fuhr Adlercreutz fort, die Nachricht ist ganz sicher. Die Capitulation ist am 5. April zwischen dem General Suchtelen und dem Admiral Cronstedt abgeschlossen worden. Wenn bis zum 3. Mai kein Ersatz da ist, wird die russische Fahne auf allen Forts wehen. So ist noch Ersatz möglich, sagte ein großer Offizier, der neben Döbeln stand. Nein, Oberst Sandels, erwiederte Adlercreutz, es ist Alles sehr klug verabredet worden. Bis zum dritten Mai ist das Meer niemals bei Sweaborg offen und bei diesem harten Winter wird es viel länger dauern, ehe freies Wasser kommt. Um aber für alle Fälle sicher zu sein, ist den Russen sofort das Fort Langörn überliefert worden. Was hat den Admiral dazu bewogen? fragte Sandels. Vielleicht, daß sieben Mann unter den 6000, die Sweaborg besetzt halten, von russischen Kugeln getödtet wurden, erwiederte Adlercreutz, vielleicht auch, wie er selbst in seinem Brief an den König sagt, weil es an Mühlen fehlte, um das viele vorhandene Getreide zu mahlen; oder es müßte denn sein, daß Oberst Jägerhorn dem Admiral noch andere Gründe beibrachte. Das ist ein fürchterlicher, schandvoller Verrath! rief Döbeln. Finnland ist verloren! Verrath, ja, fiel Sandels ein; doch verloren ist Finnland noch nicht. Noch leben wir und können es wieder nehmen. Recht, Sandels! sagte Adlercreutz, was wir an Hoffnungen haben, ist bei uns. Wir müssen diese Russen schlagen, so ist nichts verloren. Buxthövden hat in Abo die Huldigung seines Kaisers bei Strafe des Hochverraths befohlen. Verräther zeigen sich überall, aber auch viele treue Herzen. Das Land wird aufstehen, sobald wir ihm nur helfen können. Siegen wir, so nehmen wir auch das Berg- und Seegebiet, Tavasteland und Savolax wieder. Und dort ist der Brigadier Sandels mit seinen Savolaxjägern so recht zu Haus. Endlich wird man doch in Stockholm aufwachen. Ist nur der Sommer erst da, so haben wir Hilfe zu erwarten. Der König hat fest zugesagt, sich an die Spitze der Garden zu stellen, und wie es auch sonst in Stockholm 620 stehen mag, Finnland darf nicht verloren gehen; Leib und Leben müssen wir dafür lassen. Er hielt inne, denn ein Reiter näherte sich im vollen Lauf seines Rosses. Mein Adjutant, Lieutenant Waimon, sagte er. Das ist ein junger Mann, auf den ich große Hoffnungen setze. Durch ihn erfuhren wir zuerst den Einfall der Russen und was im Werke war. Der König hat ihn auf meine Bitte mir mitgegeben und zum Offizier ernannt. Wenn es zum Volkskriege kommt, ist das ein Mann für Sie, Oberst Sandels. In dem Augenblick erreichte Otho den General. Er trug eine weiße Binde um seinen Arm. Adlercreutz betrachtete diese mit Besorgniß und deutete auf eine rothe Stelle, welche daran sichtbar wurde. Es ist nichts, mein General, sagte Otho. Kosaken schwärmen bis jenseit des Sikajocki; einer derselben ist meinem Pelze ein wenig zu nahe gekommen, was er künftig nicht wieder thun wird. Der unbesorgte Ton paßte zu der kraftvollen Gestalt und dem frischen Gesicht des jungen Mannes. Selbst Döbeln blickte ihn wohlgefällig an. Oberst Sandels trat zu ihm hin und drückte ihm die Hand. Unsere Colonnen sind an ihren Plätzen? fragte Adlercreutz. Ja, mein General, erwiederte der Adjutant. Alle Höhen und das rechte Ufer des Sikajocki sind besetzt; die Brücke nach Brahestad ist in unserer Gewalt. Dann an unsere Arbeit, meine Herren, sagte Adlercreutz. Wir müssen Revolax nehmen und Bulatoff, der darin sitzt, vernichten. Werden wir geschlagen, so ist Sweaborg unser letzter Rückzug. Denken wir nicht daran! Ich hoffe, wir machen den Herren Tutschkoff und Bulatoff einen Strich durch die Rechnung und essen heut Abend in Brahestad, morgen in Carleby. Machen Sie es wie Waimon, binden Sie Alle weiße Tücher um den Arm. In diesen verdammten Pelzen kann ein Freund den andern ermorden, ohne ihn zu kennen. Er wandte sein Pferd, um dem Marschall nachzureiten, als ein jauchzendes Geschrei ihn festhielt, das in seiner Nähe entstand. Otho Waimon war vom Pferde gesprungen und von Männern umringt, die sich zum Theil auf die Knie geworfen hatten, um seine Kleider in berühren und zu küssen, während andere entfernter stehende ihre 621 Hände nach ihm ausstreckten. Über Alle fortragend war aber die groteske Gestalt eines alten Mannes sichtbar, von dessen Arm ein schreiender Hahn plötzlich auf die Schulter des Lieutenants flog und mit Glucksen, Schmeicheln und Geschrei sich an ihn drückte. Lars Normark aber griff zu seiner Pfeife und blies das Lied vom schönen Pajänesee und mitten darin umfaßten ihn zwei Arme und als er lachen wollte, wurden seine Augen naß. Die Pfeife fiel ihm aus den Fingern in den Schnee; dafür griffen sie nach Otho's Kopf, hielten diesen fest, und der greise Mann schaute ihn zärtlich an und küßte ihn, wie ein Vater den verlorenen Sohn küßt. Dann schrie er glückselig dem Hahn zu: Hast es ihnen wohl gesagt, Hans, und ich wußte es ja, er konnte nicht verloren gehen. Seinen Hochzeitstanz muß er tanzen, ehe es ein Ende hat mit Wainemonen's Sonnenreich. Lars! wie ist es möglich, und du, Jem, auch du! rief Otho. Mein Herr, mein lieber Herr! antwortete Jem weinend. O! nun ist Alles gut, nun kann Alles noch besser werden. Schock Tonnen Element! schrie Korporal Spuf, er ist es wirklich, Feldwebel. Und hier steht's Regiment Björneborg, mit den langen Bajonnetten. Und hier bin ich, tapferer Spuf, lachte Otho, indem er dem Korporal die Hand schüttelte, um mein Versprechen wahr zu machen. Bleib bei uns Lieutenant, antwortete Spuf, und wir wollen dir zeigen, was das lange Bajonnet thut. In dem Augenblick fiel ein Kanonenschuß in der Ferne, dem gleich darauf ein heftiges Geknatter, dann ein rollendes Feuer folgte. Auf eure Posten, meine Herren! rief Adlercreutz. Der rechte Flügel geht vor. An euch ist es, Revolax zu nehmen. Gestatten Sie mir, mein General, diesen Angriff mitzumachen, sagte Otho. Ich erlaube es Ihnen, erwiederte Adlercreutz. Unter den Augen solcher Männer wie Sandels und Döbeln ist ewiger Ruhm zu erwerben. Hier ist ein Freiwilliger, Oberst Döbeln. Mit der Fahne, Freund, oder auf der Fahne. Ohne Glück kein Soldat. Glück sei mit dir! Er winkte Otho einen letzten Abschied zu, und dahin flog sein Renner dem alten Marschall entgegen, der von dem Hügel 622 zurückkehrte. Dicke Wolken Pulverdampf wälzten sich über den Spalt, in welchem der Sikajocki unter Eis lag. Fliehende Kosaken, reiterlose Pferde und eine lange bewegliche Linie dunkler Gestalten, die aus dem Dampf hervor jenen nach in das glänzende Schneefeld drang, waren die ersten Zeichen der beginnenden Schlacht. Nur wenig will ich jetzt von dir hören, alter Lars, sagte Otho. Was ist in Halljala geschehen? Oh! antwortete der Schulmeister, du fängst von hinten an statt von vorn. Könnte Hompus Randal aufwachen, er würde es nicht glauben, daß Feuer seinen Bau so zerfressen konnte. Also niedergebrannt von den Russen. Und Erich und – Ebba – Sie sind vermählt? Nicht?! Was wurde aus ihnen? Ich hatte es ihm wohl gesagt: Sichere dein Glück, Erich Randal, noch ist es Zeit! fuhr Lars fort, aber er that's nicht; denn er ist kein Mann, der den Stier gleich frisch an den Hörnern faßt. Nun aber wird's nicht mehr geschehen, denn es ist zu spät für alle Zeit. Todt! rief Otho seine Hände ballend. Fortgeschleppt nach Abo, sagte Lars. Hab's erfahren, denn drei Tage nach dem Brande war ich noch einmal in Halljala, weil Jem Olikainen ohne seine Fulla nicht weiter wollte. Major Munk hat sie nach Lomnäs genommen und die alte Ulla dazu. Sie haben den Major frei gelassen, als Halljala in Asche lag. Die Russen aber waren noch da. Erich Randal hatten sie fortgeschafft, krank und wund wie er war, und der Kammerherr hatte seine Schwester genommen und hatte sie nach Tavastehuus gebracht. Der Propst fuhr mit Halset nach Abo, um sich einen Orden zu holen, im Pfarrhause aber lag der russische Oberst, der das Schloß verbrannt hat und Erich Randal gefangen setzte, weit er kein Russe werden wollte. Der wird jetzt das Fräulein heirathen. Heirathen, wer? Die Leute aus dem Pfarrhause haben's gesagt; der Kammerherr will's so haben. Hat laut genug geschrien, nimmermehr sollte seine Schwester einen Hochverräther nehmen, der jetzt ein Bettler geworden sei. Und die Russen haben ihn zum Gouverneur von Tavastehuus gemacht; darauf ist der russische Oberst gekommen und der Propst hat 623 seiner Frau erzählt, der wird's und kein anderer; war auch längst eine abgemachte Sache. Es ist echt schwedisches Blut in ihm, Otho Waimon! Welcher Oberst? fragte Otho wie betäubt ihn anstarrend. Es ist eine lustige Frage, Hans, die er thut, sagte Lars. Einer der sagen mochte: sieh mich an, ich bin dein Herr und Gott, und er hätt's ihm geglaubt. Ha! murmelte Otho und seine Augen öffneten sich weit und glühend. Wo ist meine Schwester? Siehst du wohl, Hans, er fragt doch auch nach ihr! rief der Schulmeister, aber wer soll ihm Antwort geben? Weißt du es nicht, Otho Waimon, weißt nicht, wo du sie gelassen hast? Ein russisches Weib, sagen sie, hat den lieben kleinen Nix nach Wiborg fortgeführt, Andere sagen, ein russischer Graf sei's gewesen, dem sie nachlief. Erich Randal konnte sie nicht halten; der Kummer lag auf seinem Gesicht, wenn er ihren Namen hörte. Otho preßte den Arm des Greises zusammen. Schweig! sagte er mit gewaltsamer Ruhe, ich habe genug gehört. Bleibe ich lebendig, so will ich dich weiter fragen. Und wenn es wahr ist – dann! – alle seine Muskeln zogen sich zusammen – dann werde ich ihn finden! In dem Augenblick schallte die mächtige Stimme des Obersten, der seinen Kriegern das Gewehr aufzunehmen befahl. Schließen Sie sich der ersten Compagnie an, sagte er zu Otho, und da diese wackeren Leute aus Halljala zu Ihnen gehören, so übernehmen Sie deren Befehl. Jem's Augen funkelten vor Lust. Heh, Korporal Spuf! schrie er, jetzt wollen wir sehen, wer das Beste thut. Spiel' auf, Pfeifer von Normark! laß den Russen hören, daß Otho Waimon bei uns ist. Mein Kind, sagte der Alte bedächtig, es ist zwar eine schöne Sache, wenn er in deiner Nähe steht, aber ein Russe und ein Bär sind doch verschiedene Geschöpfe und, weil's nicht immer glücken möchte – Weiter konnte er nicht sprechen, denn die Bauern sowohl wie Spuf lachten zu laut, machten aber auch gleich wieder ernsthafte Gesichter, denn plötzlich stimmten die Kanonen auf dem Hügel ein entsetzliches Gebrüll an und dazwischen hörte man dennoch das gewaltige 624 Commando des Obersten, welches das ganze Regiment und die hinter ihm stehenden Jäger von Savolax in Marsch setzte. Jetzt hatte alles muthwillige Wesen aufgehört; schweigend bewegte sich die Colonne wie eine lange ringelnde Schlange hinter den Hügeln fort und folgte dem Ruf ihrer Offiziere, die zum dichteren Aufrücken mahnten. In der Luft über ihren Köpfen zog dann und wann ein zischender Ton, der sich immer häufiger wiederholte. Die Soldaten hatten die maskenartigen Pelzlappen von ihren Gesichtern genommen; es war ihnen heiß genug. Lange, bärtige, bleiche und knochige Gesichter wickelten sich aus der Umhüllung, und tiefliegende, funkelnde Augen sahen in die Himmelsbläue den Todesboten nach, deren furchtbare Stimmen sie mit Grauen erfüllten. Die Batterie beschoß Revolax und die Angriffscolonne hatte sich zur Seite gezogen, um beim Sturm nicht dem eigenen Feuer im Wege zu sein. Noch stand sie gedeckt hinter der Hügelkette, welche von dieser Seite sich näher an den Ort zog, allein nur wenige Schritte noch und die Höhen waren erreicht. Haltet euch nicht mit Schießen auf, meine Kinder, sagte Döbeln in seiner rauhen Soldatenart, die ihm trotz seiner Strenge die Herzen gewann, kein Russe ist einen Schuß Pulver werth. Rennt ihnen die Bajonnete in die Rippen. Seht zu, wie es Korporal Spuf macht, und jetzt vorwärts, Björneborg, der schwedische Löwe ist da! Mit dem vielstimmigen verworrenen Geschrei: Björneborg! Schweden! Schweden! stürzten die Grenadiere sich über die Hügelwand und entwickelten sich zu einer Linie, die unaufhaltsam gegen Revolax vordrang. Ein Hagel von Flintenkugeln und Kartätschen kam ihr entgegen und riß breite Lücken in ihre Glieder. Oberst Döbeln war vom Pferde gestiegen und sah nach den Waldleisten zurück, welche jenseits des Baches hinliefen. Die Jäger von Savolax sprangen dort schon zwischen den Bäumen hervor und trieben eine Wolke feindlicher Scharfschützen vor sich her, die sich nach dem nahe liegenden Weiler Händela flüchteten. Mir nach, schrie der Oberst. Macht keine Umstände, sonst gewinnen die Jäger uns den Preis ab, und seinen Degen schwingend mit dem wiederholten Ruf Björneborg! Björneborg! kletterte er der Erste über einen Wall von Schnee und Eis, der zu einer Schanze am Eingänge des Orts zusammengeschaufelt war. 625 Wie durch ein Wunder wurde sein Leben erhalten, denn das Feuer einer russischen Compagnie, welche dahinter aufgestellt war, hatte ihm keinen Schaden zugefügt. In wenigen Augenblicken aber war von diesen Feinden nichts mehr zu sehen, als ein Haufen todter und durchbohrter Körper und eine Anzahl Flüchtlinge, die ihre Gewehre von sich schleuderten und zu entkommen suchten. Die Furie des blutigen Schlachtengottes kam über die Krieger; sie, die das göttliche Mitleid aus den Herzen reißt und die Wuth des Tigers dafür einträufelt. Die blassen Gesichter glühten, in den Augen brannte ein verzehrendes Feuer; in ihrer Gier nichts mehr achtend und nichts mehr fürchtend, suchten diese Menschen menschliche Geschöpfe zu erreichen, um sie erbarmungslos zu morden. Ein entsetzliches Geschrei hallte von den Häusern zurück und wurde von Wald und Feld beantwortet. Überall begann ein grimmiger Kampf; aus den düstern Dampflagern, welche die Sonne verfinsterten, brachen rothe Blitze, und der Kirchthurm von Revolax stieg im goldigen Glanz zum Himmel auf, ein Friedenszeichen Gottes, doch vergebens blieb seine stumme Sprache. Die Russen führte ein nicht weniger tapferer Mann, General Bulatoff, welcher recht gut die Gefahr erkannte, in welcher er sich befand; allein sein Feldherr, Tutschkoff, hatte ihn hierher gestellt, und wenn er wich, war Tutschkoff selbst verloren. Hielt er den Sturm in Revolax aus, so konnte der Feldherr Zeit gewinnen, ihm zur Hilfe zu eilen, jedenfalls war er nicht von seinem Rückzüge nach Brahestad abgeschnitten. Der russische General sandte daher Boten auf Boten an das Meer gegen Sikajocki hinab, um seine Lage zu melden und Beistand zu fordern, zugleich aber begeisterte er seine Krieger zum tapfersten Widerstande. Der hochgelegene Kirchhof von Revolax wurde ein blutgetränktes Schlachtfeld. Fünf wüthende Angriffe der Schweden wurden ebenso oft zurückgeschlagen, endlich aber siegte dennoch das lange Bajonnet des Regiments Björneborg, und unter den tapferen Thaten, welche hier geschahen, erzählt die Geschichte wirklich von dem glorreichen Korporal Spuf, daß er zwei Russen auf einen Stoß durchbohrte. Bluttriefend lagen die Gräber, Blutbäche rannen durch den Schnee und langsam zog General Bulatoff die Reste seiner Schaaren zurück und sammelte sie um das 626 Pfarrhaus. Seine letzten beiden Kanonen vertheidigten den Hof, seine Schützen die Mauer, er selbst ergriff eine Fahne, pflanzte sie neben sich auf und rief mit kriegerischer Entschlossenheit, daß er sich unter ihr begraben lassen werde. Seine anderen Fahnen ließ er zerreißen und zerbrechen, damit sie dem siegenden Feinde nicht in die Hände fielen, dann rief er seinen letzten Adjutanten und sprach zu ihm: Suche zu entkommen, eile zu dem General Tutschkoff und melde ihm, daß ich gestorben bin, den Degen in der Hand. Historisch. Zu derselben Zeit sprengte General Adlercreutz in das eroberte Revolax. Der Tag ist unser, tapferer Döbeln! rief er dem Obersten zu, als er den blutigen Kirchhof erreichte. Unser rechter Flügel dringt auf Brahestad los, aber Tutschkoff wird sich retten. Hätte dieser höllische Bulatoff nicht solchen Widerstand geleistet, wäre Rettung unmöglich gewesen. Nieder mit ihm, wir müssen ihn haben! Das Pfarrhaus und sein Garten waren von überlegenen Streitkräften umringt. Die schwedischen Kanonen schossen vom Kirchhofe die Mauern nieder; Balken, Steine und Trümmer flogen umher und verwundeten Viele, aber der Widerstand blieb ein verzweifelter. Die Aufforderung, die Waffen zu strecken, wurde vergebens wiederholt. Von allen Seiten angegriffen, schlugen die Russen die Stürmenden zurück. Mit Kolben, Bajonnet und Steinen wurde ein fürchterlicher Kampf gefochten, doch noch immer flatterte die Fahne mit dem Doppeladler, noch immer durch dies entsetzliche Toben tönte die Stimme des russischen Generals, der im Namen Gottes, der Heiligen und des Kaisers seine Krieger antrieb. Adlercreutz zog den Degen und wollte vorwärts, aber Döbeln hielt ihn zurück. Ihr Leben ist zu viel werth, General, rief er ihm zu, Sie sollen dem Vaterland größere Dienste leisten, als diesen. Sehen Sie dort, Ihr junger Heißsporn ist schon dabei, entweder den russischen Teufel zu holen oder von ihm geholt zu werden. Er deutete auf das Thor des Pfarrhauses, wo Otho Waimon deutlich zu erkennen war, wie er dicht gefolgt von den Bauern aus 627 Halljala und einer Anzahl Grenadiere, in den Hof eindrang. Wunderbar sah der weißhaarige nackte Kopf des Schulmeisters aus. Zu hören war nichts, aber er hielt seine Pfeife an die Lippen und auf seiner Schulter saß der tapfere Hahn, der seinen Hals lang ausstreckte und mit den Flügeln schlug. Rauch und Geschrei hinderten den Erfolg zu bemerken, doch aufgestachelt von diesem Beispiel folgte die ganze Colonne nach. Ehe sie anlangte, war der Kampf schon entschieden. Mit Blut bedeckt, das ihm aus Kopf und Brust strömte, stand General Bulatoff noch an seiner Stelle. Um ihn her fielen seine Offiziere. Seine Augen waren dunkel, seine Stimme dumpf, seine Füße wankten, doch sein Muth wankte nicht. Ergib dich, General! rief Otho, indem er auf ihn eindrang und die Fahne ergriff. Stirb! antwortete, Bulatoff, mit seinem Degen einen ungewissen Stoß führend, indem er die Fahne festhielt. Dabei sank er auf den schlüpfrigen Boden nieder und Korporal Spuf faßte sein Gewehr mit beiden Händen, als Otho es zur Seite schlug. Er streckte sein Schwert über den Gefallenen aus und schrie mit zorniger Kraft: Haltet ein! rührt ihn nicht an! Wie ein Held ist er gefallen. In wenigen Minuten war der Rest der Russen entwaffnet. General Adlercreutz erschien auf der Wahlstatt. Otho trug ihm die Fahne entgegen; er hatte Bulatoff's erstarrende Hände mühsam davon los gemacht, jetzt senkte er sie vor dem Feldherrn. Mit ihr oder auf ihr! rief er siegesfreudig. Mit ihr, und Sieg zu aller Zeit! antwortete der General. Nimm den Dank, der dir gebührt! – So ihn umarmend küßte er ihn vor allen diesen blutigen, tapferen Männern, die auf ihre Waffen gelehnt freudig zuschauten, bis Korporal Spuf seine rauhe Stimme erhob. Ich hab's dir gesagt, elender Feldwebel! schrie er, das Regiment Björneborg hätte den Verlust nie überwunden, wenn ihm sein erster Grenadier gefehlt hätte: 628 Neuntes Kapitel. Am 3. Mai war Sweaborg den Russen übergeben worden, an demselben Tage, wo die Nachricht in Stockholm anlangte, daß Admiral Cronstedt die Capitulation abgeschlossen hatte. Die Schweden, mehr als sechstausend Mann stark, zogen aus der unbezwingbaren Felsenveste, um vor neuntausend Russen das Gewehr zu strecken, und ihnen das Gibraltar des Nordens mit zweitausenddreihundert Kanonen, großen Kriegsvorräthen aller Art und hundertvierzig Schiffen, den besten Theil der Scheerenflotte, zu überliefern. Es war ein jammervolles Schauspiel voll Schmerz und Klagen, voll Verwünschungen und Thränen. Die junge Frühlingssonne begann Schnee und Eis zu schmelzen, doch lag dies noch fest zwischen den sieben Inseln und die Regimenter marschirten, die Köpfe gesenkt, eines nach dem andern über das gefrorene Meer und stellten sich vor Hesingfors den russischen Linien gegenüber auf. Viele Weiber begleiteten ihre Männer, beladen mit Habe aller Art, denn Jeder konnte was sein Eigenthum war mit sich nehmen. Die Offiziere schienen zum größten Theil ziemlich gleichgiltig darein zu sehen. Viele waren froh, daß es so gekommen war, die Meisten schon gewonnen, um in russische Dienste zu treten, Andere über die Aussicht erfreut, nach Schweden zurückkehren zu können, da ihnen dies gegen das Versprechen gestattet wurde, während dieses Krieges nicht mehr gegen die Russen und ihre Bundesgenossen zu dienen; aber es gab doch auch tapfere Männer genug mit gramvollen wilden Blicken, die ihre Degen gegen den gefrorenen Boden stemmten und zerbrachen und mit schrecklichen Flüchen auf alle Verräther Griff und Scheide von sich schleuderten. Der ganze Weg, den die gefangene Besatzung zu machen hatte, war mit zerbrochenen Gewehren und Waffenstücken bedeckt, denn die Soldaten in ihrer 629 Wuth zerschlugen, was sie dem Feind überliefern sollten, und wenn einer unter den zweihundert und acht Offizieren sich an ihre Spitze gestellt hätte, würden sie noch jetzt einen Kampf der Verzweiflung begonnen haben. Während der ganzen Zeit aber, vom 8. April ab, wo Jägerhorn in Cronstedt's Namen mit Suchtelen die Capitulation abschloß, war alle List und Gewalt angewandt, um Meuterei zu bewältigen. Die meisten Offiziere waren einverstanden; die Obersten hatten die Capitulation mitunterzeichnet; die Verdächtigen wurden genau beobachtet und Manche verhaftet, deren man nicht sicher war. Den Soldaten wurde die Capitulation nur in kleinen Abtheilungen vorgelesen und die Offiziere bewiesen ihnen, daß es nicht anders gehe, der Admiral jedoch bestens für sie gesorgt habe. Denn die finnischen Regimenter sollten aufgelöst, die Soldaten in ihre Heimath entlassen werden, die Schweden zwar kriegsgefangen sein, aber im russischen Finnland bleiben bis zum Friedensschluß. Dennoch, je näher der Tag der Übergabe kam, um so mehr regten sich Zorn und Furcht vor Schmach und Schande. Ein paar Offiziere erboten sich das den Russen überlieferte Festungswerk Langörn wieder zu erobern; der Admiral ließ es nicht zu. Neue Verhaftungen waren die Folge. In der letzten Woche ließ Olaf Cronstedt sich nicht mehr sehen, aus Besorgniß, daß er ermordet würde; öffentlich war er beschimpft worden und auf Jägerhorn wurde geschossen. Alles aber hinderte nicht, daß die Stunde seiner Schande schlug: denn die Thore wurden geöffnet und er zog hinaus und überlieferte sich und die Festung den Feinden seines Vaterlandes um Gold. Die Russen zogen ein und staunten freudig und verwundert die ungeheueren in die Felsen gehauenen Gallerien und Schanzen und die langen Reihen erzener Feuerschlünde an. Der junge Fürst Dolgorucki war unter denen, welche zunächst diese furchtbaren Batterien besichtigten, und neben ihm ging der Oberst Jägerhorn, der lächelnd bemerkte, daß fünfundzwanzig Millionen Thaler und dreißig Jahre Arbeit dazu nöthig gewesen seien, um diese Felsenveste zu erbauen. Mit unbeschreiblicher Verachtung in seinen glänzenden Augen schaute der ritterliche Prinz den Verräther an. Und was hat dazu gehört, 630 um dies unüberwindliche Bollwerk Schwedens in unsere Hände zu bringen? fragte er ihn, indem er ihm den Rücken zuwandte. Wie Dolgorucki dachte, dachten manche edle Russen. Kaum konnte General Suchtelen den Admiral und seine Umgebung vor Hohn und beleidigenden Äußerungen schützen, allein die Nemesis traf doch diese Verräther – sie sind vom Fluch ihres Vaterlandes verfolgt, von jedem Redlichen gemieden, gestorben! – Cronstedt gab sich das Ansehen, als wollte er nach Stockholm gehen, um sich zu rechtfertigen, natürlich that er es nicht, und im Frieden zu Frederikshamn wurde ihm wie allen anderen Verräthern Straflosigkeit zugesichert. Schaam und Schande aber zehrten an dem stolzen Mann; niemals wagte er es, die Früchte seines Verbrechens zu genießen. Anscheinend arm und zurückgezogen, suchte er die Meinung zu bestärken, daß er nach seiner Überzeugung handelnd vielleicht geirrt habe, doch nicht für Geld sich verkaufte; erst nach seinem Tode sind die zwei Millionen Rubel gefunden worden, welche er erhielt. Die Russen setzten sich eilig in Sweaborg fest und schickten ihre Gefangenen fort, allein sie hielten was sie versprochen hatten, in russischer Weise. Die Finnen wurden nicht in ihre Heimath entlassen, sondern man wandte alle Überredungsmittel und Verlockungen an, um sie zu bewegen, in die russischen Regimenter einzutreten, und wo diese Künste nicht fruchteten, fruchteten Hunger, Schläge und Gewalt. Viele Offiziere machten selbst die Verführer der Soldaten und gingen ihnen mit gutem Beispiele voran, indem sie in russischer Uniform ihre Untergebenen aufforderten, es ihnen nachzuthun. So war es auch in Jägerhorns Regiment, der sich selbst bescheidentlich zurückgezogen hatte, da ihm, wie man sich erzählte, hunderttausend Silberrubel als sein Lohn sofort ausgezahlt wurden. Der größte Theil der Offiziere dieses Regiments hatte den Herrn gewechselt, und unter ihnen befand sich der Junker Ridderstern, welcher in dem Rock eines russischen Lieutenants vor der Compagnie erschien, wo soeben wieder Bekehrungsversuche gemacht wurden. Holla! kleiner Magnus, rief er dem sechszehnjährigen Unteroffizier zu, sei nicht länger verstockt, sondern werde endlich klug. Melde dich bei meinem Vetter, er legt ein gutes Wort für dich ein und du 631 bekommst die silberne Schärpe so gut wie ich. Tritt vor, Unteroffizier Munk. Vorwärts, die Zeit ist da, wo Etwas aus dir werden kann. Ein Russe will ich nicht werden! sagte Magnus. Du willst kein Russe werden? lachte Ridderstern, bist aber schon einer. Finnland gehört dem Kaiser, also bist du sein Unterthan. Er kann dich zwingen, zu was ihm beliebt, und wenn du hartnäckig bleibst, wirst du als gemeiner Soldat in ein Regiment gesteckt. Die Capitulation sagt, jeder Finne hat das Recht zu begehren, daß er nach Haus gesandt wird, und das begehre ich, erwiederte Magnus. Zu deinem Vater willst du, der die Bauern aufwiegelt, der Schuld daran ist, daß Halljalaschloß niedergebrannt wurde! schrie Ridderstern. Nimm dich in Acht, Junge, daß man euch nicht zusammen aufhängt! Wer hat dir das gesagt? Was ist mit meinem Vater? fragte Magnus erregt. Mit deinem Vater ist nichts, als daß ihm anbefohlen worden ist, sich ruhig zu verhalten, wenn er nicht todtgeschossen sein will, und der mir das gesagt hat, kommt dort, wie du siehst. Magnus erblaßte. Nicht weit von sich erblickte er Serbinoff, welcher von mehreren Offizieren begleitet sich näherte. Die scharfen Augen des Grafen entdeckten und erkannten sogleich sowohl den jungen Ridderstern, wie den Sohn des Invaliden, den er jedoch nicht bemerken wollte, denn ohne ihn zu beachten, wandte er sich an den Junker und wünschte ihm Glück zu der neuen Uniform. Dienen Sie dem Kaiser nur eifrig, sagte er, so soll, auf mein Wort! kein Jahr vergehen, bis Kapitän Ridderstern an der Spitze seiner Compagnie marschirt. An Gelegenheit zur Auszeichnung wird es nicht fehlen. Ich wollte, versetzte der Junker, daß ich unter den Augen eines so ausgezeichneten Offiziers fechten dürfte, wie Sie, Herr Oberst. Wer weiß was geschieht, sagte Serbinoff. Ich habe den Auftrag erhalten, aus einem Theil des ehemaligen Belagerungsheeres eine Colonne zu bilden, welche die Seen und Sümpfe in Savolax und am oberen Pajäne bewachen soll, denn, wie wir in Erfahrung gebracht 632 haben, ist der schwedische General Sandels mit seiner Brigade schon auf dem Marsch dahin begriffen. Sandels ist einer der besten Führer in der Armee, bemerkte einer der Offiziere. Aber Ihnen nicht gewachsen, Herr Graf, sagte der vorlaute Junker. Ich bitte Sie, mich nicht zu vergessen. Gut, mein junger Freund, es soll geschehen, versetzte Serbinoff; zunächst aber wollen wir hier noch einige frohe Tage verleben. Ich erwarte morgen einige Damen, die Sie kennen. Frau von Gurschin will nach Abo zu ihrem Vater, der jetzt dort verweilt, denn er ist in den Ausschuß der Stände gewählt, welcher die Huldigung des Kaisers betreibt und das Land regieren hilft. In Begleitung der gnädigen Frau befindet sich aber auch ein Fräulein, das zu Ihren Jugendbekanntschaften gehört. Louisa Waimon! Sie haben es gerathen. Die Damen haben sich bis jetzt in Wiborg gelangweilt; es ist Zeit, sie und uns zu entschädigen. Vielleicht begleiten sie uns in die Berge und wir feiern dort Frühlings- und Blumenfeste. Doch noch Eines, mein lieber Ridderstern. Es wäre mir lieb, wenn Sie mir einige an den oberen Seen geborene und mit jenem Lande völlig vertraute Leute nennen könnten. Es müssen Manche auch in diesem Regiment sein. Einer steht hier, Magnus Munk, sagte der Junker; mit dem Freiherrn Randal, dem verschollenen Otho Waimon und dem alten Herumtreiber Lars Normark hat er von Kindheit an ganz Savolax durchstreift. Ich bin gewiß, daß er jeden Pfad durch Wald und Sumpf kennt; aber dieser junge Herr will um keinen Preis ein Russe werden, sondern begehrt entlassen zu sein. Das will ich, versetzte Magnus, denn Ridderstern wandte sich zu ihm um. Ich bin ein Finne und will einer bleiben. Serbinoff sah das bleiche Kind mit einem sonderbaren starren Lächeln an und wandte sich dann zu einem der Offiziere, die ihn umringten. Der Offizier ging über den großen Platz fort, auf dessen entgegengesetzter Seite russische Wachen standen, und Serbinoff nahm Abschied von seinem Günstling, indem er ihn zu einem Besuche einlud. 633 Kommen Sie morgen zu mir, rief er zurück, wir wollen den Damen entgegen fahren; Sie sollen mich begleiten. Kaum hatte er sich entfernt, als der Offizier mit einem anderen zurückkehrte, dessen Anblick wohl im Stande war, Besorgnisse zu erregen. Es war ein Herr von äußerst robuster Gestalt, und dem echten national-russischem Gesicht, mit hochstehender kleiner Nase, dicken Lippen, fleischigen Backen, schief stehenden Augen und strohgelbem Haar. Sein großer buschiger Backenbart hatte brandrothe Farbe und in seinen Blicken lag die Bestätigung der rohen Härte, welche jeder Zug ankündigte. Ist er das? fragte er den Offizier, und als dieser nickte, ging er gerade auf Magnus Munk los, stellte sich dicht vor ihm hin und sah ihn furchtbar stier an. Kennst du mich? fragte er im gebrochenen Finnisch. Ja, sagte Magnus. Wer bin ich? Der Platzcommandant von Helsingfors, Major Kruloff. Gut, versetzte der Major. Wer bist du? Unteroffizier Magnus Munk. Und willst nach Hause gehn? Da der Herr Commandant die Pässe für die finnischen Soldaten auszustellen hat, wollte ich darum bitten – Nichts! rief der Major, geht nicht an; mußt bleiben. Kaiser braucht dich – nichts! Aber ich mache von meinem Rechte Gebrauch, das durch die Capitulation gesichert wurde, sagte Magnus demüthig. Der Major beachtete diesen Einspruch gar nicht. Ein paar Unteroffiziere waren ihm nachgefolgt, diese winkte er jetzt heran. Mit denen hier gehst du, sagte er, ziehst kaiserlichen Rock an. Marsch! Pascholl! Ich gehe nicht! versetzte Magnus, ohne sich zu rühren. Ich will nicht in den Dienst des Kaisers treten. Willst nicht? fragte der Major, indem er seine grüngrauen grellen Augen zusammenkniff, daß sie sich unter unzähligen Falten verloren. Nein, ich bleibe bei meinem Recht. Der Major hob seine Faust auf und ließ sie auf den Kopf des Knaben fallen, daß dieser auf seine Kniee stürzte. Willst jetzt noch bei deinem Rechte bleiben, du junger Hund? fragte er. 634 Ich will bei meinem Rechte bleiben, antwortete Magnus, und wenn ich sterben soll. Der Arm des riesigen Mannes hob sich von Neuem auf, allein er ließ ihn wieder sinken; ein satanischer Ausdruck lag lauernd und überlegend auf seinem Gesicht. Bringt ihn auf die Hauptwache! rief er den Unteroffizieren zu. Morgen werde ich dich wieder fragen, dann wirst du wollen, mein Söhnchen! und auf seinen Wink an beiden Armen fest gepackt, konnte der arme Knabe nichts anderes thun, als sich in sein Schicksal ergeben. Dies Schicksal theilten manche finnische Soldaten und Unteroffiziere, welche durchaus nicht die russische Uniform anziehen und dem Kaiser schwören wollten. Nur die Kranken und Schwachen wurden entlassen, die allermeisten zwang man mit Hunger und Schlägen, mit grauenhaften Gefängnissen und harter Arbeit. Magnus wurde auf die Hauptwache in ein kellerartiges Loch gebracht; ohne Wärme, ohne Nahrung, ohne einen Tropfen Wasser, vergingen ihm hier lange Stunden. Als die Nacht kam und Niemand sich blicken ließ, als eisiger Frost ihn schüttelte und der Hunger an ihm zu nagen begann, schlug er an die Thür und alsbald erschien ein russischer Unteroffizier, den er um ein Stück Brod bat. Willst du in des Kaisers Dienst treten? fragte der Mann dagegen, so sollst du essen. Wenn ihr mich die Nacht über in diesem Keller laßt, erwiederte Magnus, so habe ich nichts mehr nöthig, denn ich werde erfrieren. Nach einigen weiteren Ermahnungen sagte der Unteroffizier: Ich will dich mit heraufnehmen, aber geben darf ich dir nichts, bis du ja sagst. Sträube dich nicht länger, denn es kann doch nichts helfen. Der Commandant will's so haben, und du thust mir leid, junger Mensch. Er hat schon Andere gezwungen, wie du bist, die jetzt in des Kaisers Uniform auf Wache ziehen. Da war noch in letzter Woche ein Finne, groß und stark wie ein Riese, der wollte durchaus nicht heran. Jeden Tag bekam er seine Hiebe, es half Alles nichts. Endlich aber thaten es Hunger und Durst. Hinter dem Gitter oben saß er, bekam keinen Tropfen Wasser, und wenn er über Hunger schrie, wurde ihm ein Häring vorgehalten. Drei Tage hielt er aus, dann 635 brüllte er, wie ein wildes Thier: Wasser! Wasser! macht mit mir was ihr wollt! und damit war's gut. Ein Schauder lief über den unglücklichen Knaben. Das wird kein guter Soldat sein! murmelte er. Werden ihn schon gut machen, lachte der Mann. Wie sie ihn hinausführten, nachdem er den langen grauen Rock angezogen, hob er seine Arme zum Himmel auf, knirschte mit den Zähnen dazu und rollte seine Augen, als wollte er uns Alle verschlingen; als ihm aber ein halbes Dutzend aufgezählt waren, wurde er vernünftig. Ist das einzige Mittel vernünftig zu machen; laß es nicht dahin kommen, junger Mensch, ich rath' es dir. Damit führte er seinen Gefangenen hinauf und sperrte ihn hinter das Eisengitter ein, das den unglücklichen Finnen verwahrt hatte. Es war ein kleiner enger Raum, abgeschieden von der großen niedrigen Stube, in welcher die Soldaten der Hauptwache sich aufhielten. Der eiserne Ofen stand dicht an dem Gitter, die rothglühenden Platten strahlten eine Höllengluth aus. War Magnus in dem Kellergefängniß dem Erfrieren nahe, so fühlte er hier bald sich im Zustande des Verschmachtens. Vergebens aber flehte er um Wasser, vergebens endlich, wie um eine Gnade, wieder in den Keller gebracht zu werden. Der Unteroffizier beantwortete jede Bitte mit der Aufforderung, in des Kaisers Dienst zu treten, bis der Knabe zu flehen aufhörte und in der fernsten Ecke den glühenden Kopf an die Steine drückte. Eine Nacht, die nie enden zu wollen schien, breitete sich über die Leiden des Gefangenen aus, aber seine Standhaftigkeit ließ sich nicht durch die Qualen erschöpfen, welche er zu ertragen hatte. Er dachte an seinen Vater, der sich und sein Schiff einst lieber in die Luft gesprengt hatte, ehe er sich den Feinden ergab, er dachte an die Lehren, welcher dieser geliebte Vater ihm so oft ertheilte, in Ehren zu leben und zu sterben, und es fiel ihm ein, wie viele edle und herrliche Männer für Wahrheit und Recht entsetzliche Martern ertragen hatten, ohne zu wanken und zu lügen. Stärke mich, mein Gott! flüsterte er seine Hände faltend, stärke mich, daß ich ohne Klage ende. Gib meinem Körper die Kraft meines Geistes, daß ich dulde ohne zu murren, daß ich meine Peiniger nicht fürchte. 636 Aber während er seine Schwäche muthig überwand, füllte sich seine Brust mit Seufzern und seine geschlossenen Augen schickten Thränen über sein Gesicht. Er dachte an Louisa. O, der hartherzige Mann, dessen Werk es war, daß er hier eingekerkert wurde, hatte ihm größeres Weh bereitet. Morgen erwartete er sie, morgen wollte er sie empfangen, und während sie seine Feste feierte, sie in seinen Armen lag, wurde er vielleicht gezwungen, an Serbinoff s Thür Wache zu halten. Er preßte seine Hände, die im Fieber brannten, vor sein Gesicht, um den Schrei der Verzweiflung zu ersticken, der sich aus seiner tiefsten Brust hervorrang. Was ist aus ihr geworden und aus mir! schrie es aus seinem tiefsten Herzen. Allmacht Gottes! was that ich dir. Sei verflucht, auf ewig verflucht! Ich verachte dich, ich hasse dich. Aber diese wilden Worte brachten ihm bald mit dem Erschrecken davor sanftere Empfindungen. Traurig senkte und schüttelte er seinen schmerzenden Kopf und flüsterte dann vor sich hin: Nein, ich will ihr niemals fluchen, ich kann es nicht. Hat sie mich nicht lieb gehabt, ehe dieser Nichtswürdige sie verlockte? Ach! sie ist schuldlos, und was ist ihr Verbrechen? Sie liebt mich nicht mehr. Kann ich ihr so sehr darüber zürnen? Stände es in meiner Macht, ich würde ihr Andenken aus meiner Brust reißen; doch nein, o! nein, ist es denn nicht noch jetzt ein Glück an sie zu denken, von ihr zu träumen, von jenen Zeiten, wo ich mit ihr durch Wald und Wiesen lief, wo jeder Tag mir neue Freude brachte, jeder Morgen mich zu neuer Sehnsucht aufweckte. O! seufzte er, großer Herr des Lebens, laß keinen Morgen mehr für mich kommen! Aber der Morgen kam und weckte den armen Knaben aus seiner ohnmächtigen Erstarrung. Die Soldaten kochten sich ihre Mehlsuppe und brachen ihr schwarzes Brod, er blickte begierig durch die Gitterstäbe, doch keine mitleidige Hand reichte ihm einen Bissen. Die Sonne schien endlich hell in die Fenster und diese wurden geöffnet; ein warmer Frühlingshauch drang herein. Magnus blickte zu dem schönen blauen Himmel hinauf und weinte leise. Er dachte an den Pajäne, der jetzt wieder Wellen schlug, er dachte an das liebliche kleine Thal von Lomnäs und wie die Birken wieder grüne Spitzen darin trieben, wie duftige Kräuter und Blumen die Wiesen bedeckten und wie er 637 vor einem Jahre um diese Zeit mit Louisa von Berg zu Berg und von Schlucht zu Schlucht gewandert; jauchzend, singend, in glückseliger Jugendlust. O! ein Jahr, ein einziges kurzes Erdenjahr, hatte so viel Leid über ihn gebracht. Aber diese Gedanken riefen nicht die Wehmuth hervor, welche ihn in der Nacht überkommen. Seine Augen brannten von heißen Schmerzen und seine Hände drückten sich zusammen. Sein alter Vater stand vor ihm, dessen Augen schauten ihn leuchtend an; er schüttelte sein graues Haar und stampfte mit dem Krückstock auf. Eine Stimme, wie des greisen Soldaten markige Stimme, tönte in sein Ohr: Sie haben dich verrathen, Magnus Munk, aber du bist mein Sohn, wirst das nicht vergessen. Und wenn sie alle ihre Wuth versuchen, wanke nicht in deiner Ehre. Dein Leben ist ja doch ein armes, zerbrochenes Leben, richte es auf durch deinen Stolz, damit eines Knaben Beispiel Männern vorleuchte, und nach vielen Jahren die Geschichten deines Volks von Magnus Munk erzählen, der kein Russe werden wollte, trotz aller Schmach und aller Pein, und keiner wurde. Ja! rief der Knabe leise, und seine Augen leuchteten auf vor fester Freudigkeit, ja, mein Vater, du sollst nie um deinen Sohn trauern. Ich will verhungern, ich will verschmachten, doch nimmer sollen meine Lippen Gnade rufen. Nicht wie jener unglückliche Mann will ich um Wasser flehen und mich dafür den Henkern verkaufen. Mögen sie kommen, sie sollen mich nicht seufzen hören. Und bald sollte Magnus Munk Zeugniß ablegen, ob er zum Märtyrer berufen sei, denn als die Mittagszeit nahete, trat die Wache ins Gewehr, und nach einigen Minuten sprang der Unteroffizier herein, schloß das Gitter auf und sagte zu seinem Gefangenen: Der Commandant ist gekommen. Sei vernünftig und sage ja, oder es geht übel mit dir! Komm heraus, er steht drüben in der Offizierstube und verlangt nach dir. Magnus folgte dem Befehl, und als er vor den Commandanten trat, saß dieser an dem Tische des wachthabenden Offiziers und vor ihm stand ein dampfendes Fleischgericht, daneben eine große Flasche voll Wein und Backwerk sammt anderen schönen Dingen. Der Major sah ihn an und deutete auf die Schüssel. Willst du essen? fragte er. 638 Man hat mir seit gestern nichts gereicht, erwiederte der Knabe. Willst du dem Kaiser dienen? fuhr der Commandant fort. Wenn der Kaiser wüßte, welche Grausamkeiten hier in seinem Namen begangen werden, würde er diese nicht dulden. Der Junge macht es wie unsere Bauern, sagte der Major lachend in russischer Sprache zu dem Offizier, deren Sprichwort ist auch: Gott ist zu hoch und der Czar zu weit! – Du hast nichts weiter zu antworten, rief er darauf dem Gefangenen zu, als was ich dich frage. Willst du Dienste nehmen? Ja, oder nein? Mit welchem Rechte will man mich dazu zwingen. Die Capitulation setzt ausdrücklich fest – Der Teufel hole die Capitulation und dich dazu! schrie der Major. Du sollst Dienste nehmen, du finnischer Hund! Und seine fürchterliche Faust ausstreckend, ergriff er den Knaben beim Ohr und zerrte ihn an den Tisch, aber vor Erstaunen ließ er ihn los, als Magnus ihm einen so starken Schlag auf den Arm versetzte, als er es vermochte. Sprachlos mit weit offenen Augen, in denen eine entsetzliche Wuth funkelte, starrte er den Verwegenen an. Ich bin ein finnischer Edelmann! sagte Magnus Munk. Wie können Sie es wagen, mich zu mißhandeln. Der Major gurgelte einen Ton hervor, der dem dumpfen Gebrüll eines wilden Thieres ähnlich war; sein Stierhals krümmte sich zusammen, als wollte er einen Sprung thun, um diesen erbärmlichen Gegner zu zerschmettern, doch es schien fast, als übe die verzweiflungsvolle Festigkeit, mit welcher Magnus den riesigen Mann anblickte, denselben Zauber aus, den Menschen wilden Bestien gegenüber zuweilen haben sollen. – Der Major ließ den Arm fallen, richtete sich auf, suchte sich zu sammeln, dachte nach und grinste so satanisch wie gestern. Ich will dich behandeln, wie du es verdienst, sagte er und ging nach der Thür. Unteroffizier! schrie er hinaus, und was er dann in russischer Sprache sagte, verstand Magnus nicht, aber es mußte Schreckliches sein; denn der Offizier der Wache, der bisher wie eine Bildsäule gestanden hatte, näherte sich ihm und flüsterte auf französisch: Junger Mensch, falle auf deine Knie und bitte um Gnade! 639 Niemals! murmelte Magnus, und der Commandant drehte sich um und strich den rothen Backenbart in die Höhe. Zum letztenmale frage ich dich, sagte er, willst du Dienste nehmen? Unter dieser Bedingung will ich dir verzeihen. So lang ich lebe, werde ich niemals ja sagen, antwortete Magnus. Herein! schrie Major Kruloff und vier baumstarke Soldaten traten ein, an ihrer Spitze der Prügelmeister oder Profoß und der Unteroffizier über die Gefangenen. Gebt ihm die Padoggen und schlagt so lange bis er ja sagt. Wir wollen sehen, wie lange du es machen wirst. Schändet mich, wie ihr wollt! versetzte Magnus. Gott erbarme sich meiner! Schande über euch, aber wer kann Anderes von Russen erwarten. Diese letzten Worte hörte der Commandant nicht mehr, denn Magnus wurde hinausgezerrt vor die Hauptwache und in wenigen Minuten war er bis aufs Hemd entkleidet. Mit derselben Geschwindigkeit wurde er auf eine Bank ausgestreckt und an Händen und Füßen mit Riemen daran festgeschnallt, dann setzten sich der Prügelmeister und sein Gehilfe auf ihn und nun begannen sie mit schweren, kurzen Stöcken, die den Trommelstöcken glichen, den Körper des unglücklichen Kindes von den Schultern bis an die Fußsohlen mit geschwinden Schlägen zu bearbeiten, so daß kein Fleck daran verschont blieb. Die Haut und das darunter liegende Fleisch wurde durch diese kurzen scharfen Schläge der vier immer im schnellsten Takt fallenden Stöcke im buchstäblichen Sinne zerdroschen. Ein entsetzlicher Schmerz marterte den armen Knaben. Überall bildeten sich Blutunterlaufungen, überall schwarze Stellen von den zerschlagenen und zerquetschten kleinen Adern und Gefäßen. Das Gesicht des Leidenden färbte sich dunkelroth, seine Augen traten weit hervor. Angst und Entsetzen sprachen aus den umherirrenden Blicken, aber kein Schrei, kein Klagelaut kam aus seinem Munde. Die Henker wurden müde und noch immer wollte das Ja ihres Opfers nicht erfolgen. Der Commandant stand am Fenster und sah zu. Die Soldaten waren in Reihe und Glied, manche neugierige Zuschauer hielten sich in einiger Entfernung, die Meisten aber liefen schnell davon, um nichts von 640 diesen Exekutionen zu sehen, welche täglich in verschiedenster Weise vor der Hauptwache aufgeführt wurden. Das ist ein Bösewicht! fluchte Kruloff. Haben Sie je solche verstockte, eigensinnige Bosheit gesehen. Er wird umkommen, murmelte der Offizier. Schlagt ihn todt! schrie der hartherzige Mann. Er soll ja sagen oder sterben! In dem Augenblick näherte sich ein Wagen dem Platze. Es war ein offener Halbwagen, in welchem zwei Damen saßen. Mehre Reiter begleiteten ihn und ritten zu beiden Seiten. Da kommt der Oberst Serbinoff, fuhr der Commandant fort, und das ist Frau von Gurschin, die Andere hat der Oberst sich ausgesucht. Eine finnische Hexe! Ein artiges Ding, wenn es nicht so klein und schwach wäre. Holla! was ist das! Der Zug war bis in die Nähe der Hauptwache gekommen. Serbinoff ritt voran und obwohl es ihm leicht gewesen wäre, den Wagen umkehren oder über den Platz abbiegen zu lassen, that er es nicht. Er hatte den Knaben auf der Strafbank sogleich erkannt und mit unrühmlicher Rachlust suchte er dessen Qualen zu erhöhen. Frau von Gurschin aber, die wohl bemerkte, was dort vorging, rief lebhaft aus: Fahre schnell! Sieh nicht hin, Louisa! Bitten Sie für ihn, Prinz Dolgorucki. Gnade muß ihm unsere Nähe bringen! In dem Augenblick stieß Magnus einen wilden entsetzlichen Schrei aus. Es war der erste Laut seiner Schmerzen, doch alle seine Verzweiflung lag darin. Louisa Waimon, die reich geschmückt neben ihrer Beschützerin saß und glückselig lächelnd nach Serbinoff blickte, erblaßte bei diesem furchtbaren Schrei. Allmächtiger Gott! rief sie aus, wer ist das? Was hat er gethan? Rette ihn! Frau von Gurschin zog sie auf den Sitz zurück, die Pferde eilten im Galopp weiter. Beruhige dich, sagte sie, Dolgorucki wird ihn erlösen und da kommt Serbinoff schon uns nach. Es war ein grauenhafter Ton, eine Stimme, die mir bis ins Herz drang, flüsterte Louisa zitternd. Frau von Gurschin beruhigte sie liebkosend mit der Versicherung, daß harte Strafen bei solchen halbwilden Wesen nothwendig seien, 641 dieser aber für diesmal davonkommen werde, und während nun die Reisekalesche über den großen Platz der besten Wohnung zurollte, welche Serbinoff sich und seinen Freundinnen herschaffen konnte, fand vor der Hauptwache zwischen ihm und dem jungen Fürsten Dolgorucki eine nicht ganz freundliche Erörterung statt. Denn kaum hatte Frau von Gurschin den Prinzen beauftragt, dem Verbrecher Gnade zu verschaffen, als er sogleich dem Profoß halt! zurief und als er dann dem unglücklichen Kinde ins Gesicht blickte, glaubte er sich bekannter Züge zu erinnern. O mein Herr! rief ihm Magnus französisch zu, nehmen Sie sich meiner an. Aufs äußerste erstaunt rief der Prinz: Wie ist das möglich?! Wie ist Ihr Name? Magnus Munk! murmelte der Leidende. Überlaß ihn seinem Schicksale, sagte Serbinoff zu gleicher Zeit. Warum willst du dich damit befassen. Der Commandant war aus der Wache gekommen. Was hat dieser junge Mann gethan? fragte Dolgorucki. Er hat es gewagt sich mir zu widersetzen, erwiederte der Major. So ist ihm Recht geschehen! rief Serbinoff. Er hat genug bekommen, Major Kruloff. Man hat mich zwingen wollen, in russische Dienste zu treten, sagte Magnus, der von seinen Henkern losgebunden und auf die Bank gesetzt wurde. Ich verlangte entlassen zu werden. Das ist mein Verbrechen. Schafft ihn ins Lazareth und laßt ihn heilen, fiel Serbinoff ein. Komm, Freund, es kann nichts weiter geschehen. Allerdings, Alexei Serbinoff, es kann mehr noch geschehen und du zunächst wirst es nicht unterlassen, erwiederte Dolgorucki. Du wirst diesem gemißhandelten jungen Manne Recht verschaffen. Ich? Warum sollte ich mich damit befassen? Weil es großmüthig und deiner würdig ist. Vor dem Blick, den Dolgorucki auf ihn heftete, faltete sich Serbinoff s Stirn. Dieser Junge, murmelte er, hat mir Ärger genug verursacht, um ihm einen tüchtigen Buckel voll Prügel zu gönnen. Mag er jetzt laufen und den Denkzettel mit nach Haus nehmen. 642 Ein stolzes Zürnen trat in das schöne Gesicht des jungen Fürsten; heftig wandte er sich zu dem Commandanten. Ich werde dem General melden was hier geschah, sagte er; er wird über diesen jungen Mann entscheiden. Ich mache Sie verantwortlich für alle Folgen, sorgen Sie dafür, daß er jede mögliche Pflege erhält. Tugendhafter Schutzgeist! sagte Serbinoff spottend, indem er fort sprengte und Dolgorucki ihm folgte. Der Kaiser braucht Soldaten, diese Finnen müssen bekehrt werden und dies ist das einzig überredende Mittel für sie. Ich verachte es, erwiederte der ritterliche Prinz. Gott wollte, daß ich die Macht hätte, es zu hindern! Wäre ich einer dieser Unglücklichen – In dem Augenblick fuhr mitten durch die Tageshelle ein Blitz, der eine höllenrothe Gluth über Stadt, Land und Meer warf, und hinter ihm her folgte ein Knall, als berste die Erde und die ewigen Felsen wankten und brächen. Der Boden zitterte, das Meer schäumte auf, Häuser stürzten zusammen, in den meisten Gebäuden zerschmetterten Fenster, Thüren und Schornsteine. Ein Heulen ging durch die Luft, ein Wirbelwind warf Menschen und Thiere nieder und eine ungeheure schwarze Dampfwolke hüllte ganz Sweaborg ein. Aber diese Wolke war mit Verderben gefüllt. Balken und Steine, gefüllte Bomben und Granaten, Eisenstücke und Feuerbrände wurden aus ihr viele tausend Schritte weit umhergeschleudert, auf die Gebäude der Festung, auf die Flotte im Meeresarm, auf die Holzvorräthe und Heuvorräthe in den Höfen. An zwanzig Orten zugleich stiegen Flammen auf. Jammernde Menschen stürzten aus allen Gassen, Verwundete rafften sich auf, Männer und Greise, Weiber mit Säuglingen und Kindern, Soldaten aller Art liefen in wahnsinniger Angst nach Rettung schreiend umher, ohne zu wissen wohin; während Wagen ohne Führer, Rosse ohne Reiter in wilder Flucht Alles, was ihnen im Wege stand, zu Boden rissen. Das Vorderdach der Hauptwache war zusammengestürzt, der Major lag darunter begraben; viele Soldaten waren verletzt worden. Niemand wußte, woher dieser entsetzliche Ausbruch eines Vulkans kam, Niemand was noch folgen sollte. Manche Soldaten in der Festung sprangen in's Meer und auf treibende Eisschollen, um sich zu retten, 643 dazwischen riefen Hörner, Trommeln und Trompeten den militärischen Gehorsam wach. Generale und Oberoffiziere eilten dem Schauplatze des Schreckens zu, zagende Stimmen riefen ihnen entgegen, daß das große Pulvermagazin in die Luft geflogen sei. So kündigte sich der furchtbare Brand an, der fünf Tage lang Sweaborg durchraste und Alles verzehrte, was Flammen in dieser Felsenfestung verzehren konnten. – Der Wächter über die Gefangenen auf der Hauptwache war aber der Erste, der den Namen des Mannes nannte, welcher diese entsetzliche That vollbracht hatte. Das ist der Finne gewesen! schrie er, den wir hier dürsten ließen, bis er des Kaisers Rock anzog. Heut hat er am Pulvermagazin die Wache bezogen, ich habe ihn selbst gesehen. Magnus Munk hörte von Allem, was vorging, nichts mehr. Besinnungslos lag er auf der Bank. Magnus Munk's trauriges Schicksal, wie die ähnlichen Leiden vieler anderen Finnen, bewogen den König Gustav Adolph, einen Brief an den Kaiser Alexander zu richten, worin er im Namen der Menschheit ihn beschwor, diesen Grausamkeiten ein Ziel zu setzen und seine unglücklichen Unterthanen zu schonen. Es erfolgte jedoch keine Antwort und änderte sich nichts. Zehntes Kapitel. Gegen Ende des Monats Mai fuhr ein Wagen, der von Kosaken begleitet war, von Tavastehuus nach Abo. Erich Randal, welcher seither als Gefangener in dem alten Schlosse bewacht wurde, sollte auf Befehl des russischen Obergenerals in die Hauptstadt geführt werden. Er hatte an seinen Wunden lange niedergelegen, denn in Folge seiner Fortschaffung von Halljala bei strenger Kälte und im Wundfieber, war er als ein Sterbender in Tavastehuus angelangt, allein diejenigen, welche auf sein Ende hofften und dies herbeizuführen dachten, wurden 644 dennoch getäuscht. Erich erholte sich und genas auch bei geringer Pflege, wenn gleich langsam; jetzt jedoch war er so weit hergestellt, daß der Befehl des Grafen Buxthövden ihm keinen Schaden mehr zufügen konnte. Danach würde freilich nicht gefragt worden sein. Der General wollte ihn haben, das Kriegsgericht erwartete ihn, und obenein war es nicht unmöglich, daß eine Befreiung in Tavastehuus stattfinden konnte, denn nach langem Zögern hatte das schwedische Heer nach dem Siege bei Revolax sich vorwärts bewegt, und Oberst Sandels war mit seiner Schützenbrigade mitten durch Finnland bis nach Savolax vorgedrungen. Streifende Haufen sollten schon am Saimasee und am oberen Pajäne sich sehen lassen und Gerüchte drangen selbst durch die dicken Thürme des Tavastehuusschlosses, daß in verschiedenen Gefechten die Russen geschlagen waren. Die Besatzung von Tavastehuus wurde daher verstärkt und schickte nach allen Seiten Vorposten aus. Den Russen war nicht wohl zu Muthe; sie wußten, daß das Landvolk aufstehen würde, sobald sich Schweden blicken ließen. Nur der gänzliche Mangel an Waffen und an Leitung hielt die Bauern davon ab, aber es war bekannt genug, daß im innern Lande Bauernhaufen sich zusammenrotteten und General Buxthövden hatte so eben eine Proclamation erlassen, welche ganz anders lautete als jene erste. Bei Todesstrafe wurde die Auslieferung jeder Waffe anbefohlen, jede Widersetzlichkeit mit Tod bedroht und wenn der Verbrecher nicht erreicht werden konnte, sollte seine Familie an seiner Stelle erschossen werden. Der russische Obergeneral hielt es daher für gewagt, den gefangenen Freiherrn länger an einem so unsichern Ort zu lassen, und befahl seine Versetzung, aber er hatte hinzugefügt, daß der Gefangene mild behandelt und ihm jede Erleichterung gestattet werden solle. Milde Behandlung hatte Erich schon seit längerer Zeit erfahren und er war nicht zweifelhaft, wem er diese verdankte. Sein Vetter hatte ihn eines Tages besucht, ihn bedauert, getröstet und Hoffnungen ausgesprochen, die anscheinend liebevoll und freundlich lauteten. Er hatte ihm mitgetheilt, daß Ebba in Abo sei, und zu seiner Freude sich ein inniges Verhältniß zwischen ihr und Mary Halset entwickelte; dann hatte er sein Benehmen zu entschuldigen und mit Gründen zu unterstützen 645 gesucht, endlich aber sich zu jeder Hilfe bereit erklärt, um Alles auf den alten Fuß zu bringen und seinen irrenden Freund und Vetter mit der russischen Regierung zu versöhnen. Was Erich Randal darauf erwiederte, war unerschütterlich dasselbe, was er an jenem schrecklichen Abend antwortete. Arwed war gewiß, daß er niemals davon ablassen werde. Seine arglistige Freude darüber ließ sich nicht ganz unterdrücken und ohne Zweifel fühlte Erich sehr gut, daß seines Vetters bedauerliche Klagen und kummervolle Ermahnungen nichts als Heuchelei seien. Die stoische Milde des Philosophen mit den Schwächen und Fehlern anderer Menschen überwältigte die Verachtung, welche er empfand, und ließ ihn weit mehr den Mann bedauern, der gegen ihn, gegen sein Vaterland und gegen alles Rechte und Gute gefrevelt hatte, als er ihm zürnen konnte. Ich beklage dich, Arwed, sagte er daher auch beim Abschiede, denn was du auch gewinnen kannst, du hast weit mehr verloren, und wie sehr du über mich spotten magst, so gibt es dennoch Güter, die kein Mensch ungestraft von sich werfen darf, mag er auch dafür den höchsten Preis von denen erhalten, die sie ihm abkaufen. Laß das, erwiederte der Baron lächelnd, du bist krank, wirst aber gesund werden. Ich will Gott bitten, daß er deine Augen klärt, sie sind dir durchaus nöthig, dann wirst du mich im anderen Lichte sehen. Liebe, Vertrauen, Ehre, Freundschaft, Gewissen, sind hohe Worte, die ich achte, aber sie dürfen nichts Unvernünftiges von mir verlangen. Niemals werden sie das, erwiederte Erich in seiner sanften Weise. Alles Gute und Schöne wird wo es Menschen gibt verstanden und selbst die Ungerechten empfinden das Gerechte. Der Baron stand auf und sagte lächelnd: Das viele Sprechen ist dir schädlich. Lebe wohl! Ich werde wiederkommen, wenn du dich stärker fühlst. Er kam jedoch nicht wieder. Es vergingen Tage und Wochen, ehe Erich hörte, daß sein Vetter die Provinz bereise, um die Behörden zu organisiren, die verdächtigen Voigte, Landrichter und Lensmänner abzusetzen und die neue Regierung zu befestigen. Dagegen empfing er nach einiger Zeit ein Schreiben von Sam Halset, das ihm meldete, er habe seine Forderungen beim Gerichtshofe in 646 Tavastehuus anhängig gemacht und dieser die gerichtliche Beschlagnahme und Verwaltung der adligen Herrschaft Halljala verfügt, bis der Prozeß entschieden sei. Der Ton des Briefes war jedoch eher bedauerlich als unfreundlich. Halset ertheilte dem Freiherrn den guten Rath, scharf darüber nachzudenken, was ihn aus dem Bankerott helfen könne, und endlich bot er ihm Geld an in seiner gegenwärtigen schlechten Lage, weil's sein christlich Gewissen nicht anders könnte. Alles, was Erich las, machte jedoch weit weniger Eindruck auf ihn, als zwei Worte, die am Rande des Papiers so klein und fein geschrieben standen, als seien sie ohne Halset's Wissen dahin gekommen. Mit kaum sichtlichen Strichen stand dort geschrieben: Denke nach! und er beugte sich darüber hin und deckte seine Hand darauf, die leise zitterte. Ich denke nach, Mary! sagte er leise während ein schwermüthiges Lächeln den trüben Ernst in seinem Gesicht verdrängte. Seine Augen leuchteten auf, sie flogen durch das enge Fenster über das Thal fort, wo soeben der annahende Frühling mit der zauberischen Schnelle, die diesem Norden eigen ist, seine grünen blüthenvollen Finger überall emporstreckte. Der Frühling kommt, flüsterte er mit sanfter Entsagung, auch für mich bringt er Freude mit. Kurz darauf traf der Befehl ein, ihn nach Abo zu schaffen, und jetzt fuhr er von drei Kosaken begleitet der Hauptstadt zu, welche er endlich mit bangen und sehnsüchtigen Empfindungen vor sich liegen sah. Was hatte er zu erwarten. Welchen Stürmen, welchen Leiden ging er entgegen, und dennoch – war nicht in dieser Stadt Alles, was ihm noch werth und theuer war? – Aus den Morgennebeln traten die Massen des alten Domes hervor, dann blitzte lichter Sonnenschein auf den raschfluthenden Aurajocki, der jetzt leer von Schiffen, leer von dem Bootsgewimmel war, das sonst seinen Lärm die Hügel hinaufschickte. Die Vorübergehenden sahen den bleichen Gefangenen scheu an und eilten furchtsam weiter ohne umzublicken. Eine schwere Hand schien auf dem sonst so lauten, zu Lachen und Lust so geneigten Volke zu liegen, eine furchtbare Hand, die mit einem Griffe den kecksten Mund zum Schweigen brachte. Abo hatte eine starke Besatzung. Der Generalgouverneur, Graf Buxthövden, sein ganzer Stab und was zum russischen 647 Regierungsapparat gehörte, befand sich hier. Vor manchen Häusern standen Schildwachen in langen grauen Röcken mit stumpfnasigen, flachen Gesichtern; menschenartige Maschinen von sonderbarer Ähnlichkeit. Erich erinnerte sich, wie Serbinoff einmal gesagt hatte, die größte Tugend seines Volkes sei der Gehorsam, der Alles vollzieht, was befohlen werde; damit erobere Rußland die Welt! und er zweifelte nicht daran, daß alle diese abgerichteten Wesen Vater und Mutter auf Commando niedermetzeln würden, wie sie soeben die unglücklichen Einwohner der Stadt Wasa mit Weib und Kind auf Befehl ihres Generals Demidoff erwürgt hatten, weil bei einem Gefecht mit den Schweden einige junge Bursche ihre Gewehre aus den Fenstern abfeuerten. Abo war, wie alle Städte und Festungen Finnlands, ohne Widerstand in die Hände der Russen gefallen. Die Flottendivision von mehr als sechszig der schönsten Schiffe saß im Eise fest und wurde von den Schweden verbrannt, ehe diese selbst entflohen. In der Festung lagen mehrere hundert Kanonen und viel anderes Kriegsgeräth; Alles wurde den Russen überlassen, denn die Überraschung war allgemein. Was fliehen konnte, floh vor den Kosaken, die überall zum Vorschein kamen. Eben fiel helles Sonnenlicht auf das hohe Gemäuer der Citadelle, als Erich's Blicke sich sorgenschwer auf diese richteten. Von ihren Thürmen wehte die Fahne mit dem Doppeladler und in der Tiefe dieser düsteren Donjons gab es manchen öden dumpfen Kerker. Am Regierungsgebäude, wo der Generalgouverneur wohnte, hatte der Wagen gehalten und der Kosakenunteroffizier hatte seine Meldung gemacht; gleich darauf aber wurde weiter gefahren, und den Kosaken gesellte sich ein Beamter bei, der zur neuerrichteten Polizeiwache gehörte. Er deutete dem Wagenführer an, ihm zu folgen, und ritt voraus am Ufer des Flusses hin, der Festung entgegen, welche den Gefangenen wie so manchen Anderen aufnehmen sollte. Ein leiser Schauder rieselte durch Erichs Brust hin. In welche düstere Gewölbe wollte man ihn vergraben? Die milde sommerwarme Luft, welche er athmete, war so blüthenweich, und wie bedürftig war sein halbgenesener Leib dieser Frühlingssonne. Welche feuchtkalte Mauern erwarteten ihn und welch Grauen der Verlassenheit sollte ihn 648 aufnehmen?! – Er unterdrückte die bange Furcht, welche ihn überkam, durch die Festigkeit seines Willens, ungebeugt zu tragen, was er nicht zu ändern vermochte, aber dort lag an der Höhe ein Haus, unter welchem die Straße vorüber führte; Halset's Haus lag dort, und seine Blicke hingen schon von Ferne an den grauen Säulen, die zwischen dem Gebüsch hervorsahen, an dem Gitterwerk der Fenster, an dem Altan und seinem Eisengeschnörkel, und jetzt, oh! – ein weißes Gewand, eine weiße Gestalt war zu bemerken – Mary! – Ebba! – Wer war es? Nun war sie verschwunden, jetzt, wo er ihr nahte. Seine Augen dunkelten, mit gewaltsamer Anstrengung wandte er sich davon ab, in tiefer Trostlosigkeit mit der Sehnsucht in seinem Herzen ringend und mit der Ergebung in seinem Kopfe. In diesem Augenblicke aber drang eine Stimme in sein Ohr, eine Stimme rief seinen Namen, die ihn vom Sterbelager aufgetrieben hätte. Was auch geschehen mochte, er konnte diesem Rufe nicht widerstehen. Mit einem Sprunge war er aus dem Karren und zwischen den Pferden der Kosaken lief er die Stufen hinauf, Mary Halset entgegen, die ihre Arme nach ihm ausstreckte. Meine Mary! O! meine Mary! rief er athemlos, ich habe dich noch einmal gesehen. Mary's Küsse antworteten ihm. Sie sprach nicht, aber sie hielt ihn krampfhaft fest und ihre Arme schlangen sich um seinen Hals, ihre Augen strahlten ihn wie Meteore an, die in dunkler Nacht durch den Himmel glühen. Und plötzlich schrie Sam Halset neben ihnen: Eh, Freiherr Randal! Glück ins Haus, Herr, wünsch' Euch Glück und seid willkommen. Herein, Herr, herein, ehe sich Leute sammeln, können drinnen in besserer Muße unsere Geschäfte in Ordnung bringen. Ich muß fort, antwortete Erich aufschreckend, indem er einen scheuen Blick nach der Straße und dem Reisekarren warf, in welchem er gekommen war. Aber zu seinem Erstaunen sah er die Kosaken ruhig halten und den Wagen umwenden, und der Polizeimann zog den Hut vor Sam Halset, der ihm zunickte, und der alte Herr schrie noch einmal: Komm herein! Denn es paßt sich nicht für Mary an eines Mannes Hals auf offener Straße zu hängen. Auch muß Verstand in jede Sache kommen, also auch in diese, und es ist mir so, 649 Freiherr Randal, als fehlte der noch. Eh! laßt sehen. Gib ihm deine Hand, Mädchen, und halt' ihn fest; denke so wird's gehen. Während er dies sagte, hatte er selbst seinen Arm untergeschoben und führte ihn mit Mary vereint dem Hause zu, dann hinein, in das große helle Zimmer. In den Polsterstuhl mit Euch, Herr! schrie er dann mit seinem angenehmsten Grinsen, habt eine harte Reise gemacht und seht nicht gut aus. Ist kummervoll zu sagen und zu sehen. Krankheit, Wunden, Sorgen, Herzenstraurigkeit und Noth um die Zukunft. Seid aber jung, Freiherr, und Jugend heilt Alles. Seid jung, und habt eine Schule durchgemacht, die Euch helfen wird. Hole Wein, Mary, schaff herbei, was ihm gut thut. Pflege müssen Sie haben, Herr, und wo wollen Sie diese besser finden, als hier? Er fing an zu lachen, denn Erich blickte ihn an, wie Einer, der von Wundern träumt, und mit seiner krähenden Stimme fuhr er dann fort: Will Ihnen zunächst sagen, wie Sie hierher kommen, damit Sie sehen, ist Alles richtig hergegangen. Der Kaiser hat mich zum Staatsrath gemacht; ist ein Titel, bah! wie alle Titel; hat mir den Annenorden auch an den Rock gehängt, der hängt an vielen Röcken. – Trotz der Gleichgiltigkeit, mit welcher Halset von seinen erlangten Auszeichnungen sprach, war seine Eitelkeit doch nicht zu verbergen. Sie blitzte aus seinen Augen, als er fortfuhr: Das Beste ist, daß ich damit auch das Vertrauen des Generalgouverneurs besitze, zu Rathe gezogen werde, wo es etwas zu rathen gibt, und noch immer Sam Halset bin, der gebraucht wird und zu helfen weiß. Graf Buxthövden ist ein Mann, der mit sich sprechen läßt und Freunde zu schätzen weiß. Ist kein Mann von auffallendem Wesen, sondern zur Milde geneigt, deßwegen habe ich mit ihm gesprochen. Es war kein leicht Geschäft, Herr, denn gesorgt genug war dafür, das Kriegsgericht dort oben in Abohus gleich morgen bei der Hand zu haben und ein festes Stübchen erwartete Sie auch. Aber es ging dennoch, wie ich es wollte. Das Kriegsgericht soll warten, bis Sie gesund sind, und bis dahin müssen wir's für immer los werden. Darum hab' ich Bürgschaft geleistet für Sie, Freiherr Randal, mit Hab und Gut und Kopf und Leben. Habe dem Generalgouverneur gesagt: 650 Freiherr Randal ist mein Verwandter durch die Waimon's, und ich will für ihn haften, weil ich weiß, daß, wenn er mir sein Wort gibt, Abo nicht zu verlassen, bis seine Sache geordnet ist, er nicht gehen wird, und könnte er mit einem Schritt, sich vom Henkertod ins Paradies retten. Dankbar streckte Erich ihm seine Hand hin. Ihre Güte, Herr Halset, ist unerwartet groß gegen mich, sagte er, aber ich gelobe Ihnen, treu zu halten, was Sie versprochen. Weiß das Alles! rief Halset, aber meine Güte ist nicht größer, wie sie sein muß, Freiherr; denn, was würde Mary thun, wenn ich kein zärtlicher Vater wäre? – Was habe ich gesagt, Freiherr, damals in Halljala? fuhr er fort, wo ich mein Mädchen anbot, weil ich wußte, wie es mit ihrem Herzen stand. O, Herr Halset! murmelte Erich, während sein bleiches Gesicht sich roth färbte. Sagte damals, was ich dachte, Freiherr, sagte, Sie liebten meine Mary; wurde dafür beleidigt durch wildes Reden. Das edle Fräulein aus Stockholm war eine Erbschaft, die Ihnen besser dünkte. Ebba ist noch immer meine Verlobte, Herr Halset! versetzte Erich in angstvoller Heftigkeit. Wo ist sie? Bringen Sie mich zu ihr, sie zunächst muß mich hören. Wo ist sie? erwiederte Halset lachend. Denke bei dem, der das meiste Recht auf sie hat, und denke, ist nach allen Seiten hin ein Heil. Je mehr ich darüber nachgesonnen habe, Freiherr, um so mehr kommt es mir vor, als könnten wir Alle Gottes Hand erkennen; denn gab es einen anderen Weg für Sie, um frei von ihr zu werden? Das alte Schloß mußte niederbrennen. Sie mußten blutig am See liegen, Mary mußte Sie finden, um ihr Herz aufschreien zu lassen, das so lange fest verschlossen war. Aber Ebba, Ebba! Herr Halset, und – ihr Bruder! murmelte Erich Randal. Meinen Sie, der könnte schaden? antwortete der Staatsrath trotzig lächelnd. Ich gab ihm mein Wort niemals unbedingt, kann's also zu jeder Zeit zurücknehmen. Was aber das Fräulein betrifft, so ist ein Schreiben für Sie hier geblieben, und es freut mich aufrichtig 651 sagen zu können, daß es eine Dame ist, die Jedermann hochachten muß, denn es ist etwas an ihr, das verdient's. Er ging an sein Schreibpult, öffnete dies und nahm ein Papier heraus, mit dem er zurückkehrte. Lesen Sie, sagte er, ehe Mary uns überrascht. Hat sein Gutes, wenn wir vorher damit fertig werden. Erich brach das Blatt auf und erkannte sogleich Ebba's Schriftzüge. – »Ich bin im Begriff, stand darin, meinen Bruder zu begleiten, der im Auftrag des Generalgouverneurs nach Borgo und Helsingfors reist, daher kann ich deine Ankunft nicht erwarten. Nicht Arwed's Drohungen oder seine Versprechungen bewogen mich dazu, seinem Willen zu folgen, sondern mein freier Wille ist es, wenn ich thue was ich muß. Niemand sollte mich jemals zwingen von dir zu lassen, mein edler Freund, doch ich selbst lasse von dir. Du bist frei, Erich; Mary liebt dich. Ich achtete, ich verehrte dich, aber unsere Herzen blieben still. Ich weiß, daß ich dir nichts Unbekanntes, nichts tief Schmerzliches sage. Wir folgten Beide der Pflicht vernünftiger Überlegung und den Verhältnissen, die uns vereinigten und wir wußten Beide, was wir davon zu hoffen hatten. Wenn dein Auge mich freudig anblickte, dein Lächeln den schmerzlichen Ausdruck verlor, wenn du meine Hände an dein Herz drücktest, wolltest du mir dann nicht sagen: Sei ruhig wie ich es bin, auch ohne den Zauber, den man Liebe nennt, wirst du glücklich sein. – O Erich! das war mein Trost, das war mein Glaube. Auch ich hoffte auf dein Glück. Es war ein Bund heiliger Gelöbnisse zwischen uns, den wir treu erfüllt hatten. Plötzlich aber, in jener schrecklichen Nacht, wo du blutig und halb erstarrt vor mir lagst, ein anderes Weib um deinen Nacken, ein anderes Weib in Schmerzen und Entzücken an deinen Blicken hängend, der Schrei der Verzweiflung auf ihren Lippen, todtspottende Gluth in ihren Augen – ja, in jener Nacht, Erich, erkannte ich, daß zwischen uns ein Abgrund liege, den ich niemals schließen könnte. Sie liebte dich, ich nicht. Ihre Liebe war es, die dich unter Leichen und Sterbenden suchte, zu Thaten bereit, welche Liebe allein vollbringt. Und das nicht allein, auch du sahst nur sie, nicht mich. Deine erstarrten Lippen riefen nach ihr, Alles, was verständig lang und qualvoll aufgebaut war 652 stürzte zusammen. Deine Liebe riß alle diese angekünstelten Schranken nieder, wie sollte ich diese je wieder aufbauen! Du bist frei, Erich, du mußt frei sein. Mary ist dein, du bist ihr Eigen, sie hat dich in Nacht und Tod erworben; nie sollst du sie verlassen. Ich aber, Erich, ich liefere dich ihr aus, all mein Recht auf dich ist ausgestrichen. – Ich gehe, was mir geschieht ist gleichgiltig. Arwed sagt mir, daß Serbinoff mir nur entsagt habe, weil er gesehen, wohin ich neigte und was immer sein Wunsch gewesen. Sie lügen Beide, doch was liegt daran. Wäre ein Mann da, der mich unter den Todten aufhöbe, mein Herz würde ihm antworten. Aber der schläft auf ewig unter Woge und Eis, dem ich zurufen möchte: Rette mich von Jenen da! Und so mögen sie mich hinnehmen. Ich will tragen was kommt und will leben, weil ich muß. Fürchte nicht für mich, theurer Erich, denke daran, wie wenig ich zu verlieren habe. Sorge für dich, wahre deine Mary vor den Drachen, die mich verschlingen wollen. Gott möge euch schirmen!« Erich ließ das Papier sinken und blickte in Halset's Gesicht, das ihm lustig grinsend zunickte. Es ist so! rief der Staatsrath. Sie hat es eingesehen, was ihr Bestes ist, und hat nicht ein Wort dagegen gesagt, als der Baron ihr den Vorschlag machte, mit ihm zu reisen. Oberst Serbinoff war hier vor einiger Zeit und es kann kein Anbeter galanter und zartfühlender sein, wie er; kam mir vor wie ein Löwe, der sich am Zwirnsfaden leiten läßt. Er lachte hell auf und rieb seine Hände. Machte aber einen sehr guten Eindruck, der wilde Kriegsmann, fuhr er fort, und soll mich nicht wundern, wenn ihm nächstens die dicken Generalstroddeln auf den Schultern sitzen. Der Sturm auf Halljala ist ihm hoch angerechnet, mehr vielleicht, als er's verdiente; es geht einmal so in der Welt her. Ein Unglück ist es auf keinen Fall, Frau Gräfin Serbinoff zu heißen und in einem Palast auf dem Alexander-Newsky-Prospect zu wohnen. Sie wird sich trösten, Freiherr, bin gewiß, sie wird sich trösten. Meine Mary! rief Erich, denn eben trat Mary wieder herein. O, Ebba hat Recht, ich gehöre dir an und will deine Herrschaft nie wieder abschwören. Was ich meinem Vater gelobte ist nun gelöst. Ebba selbst spricht mich frei davon. Vergebung, geliebte Mary wenn ich 653 dich verließ, ich habe dafür gelitten und gebüßt. Vergebung, Herr Halset, lassen Sie uns vergessen, was uns trennte. Geben Sie mir Ihr Kind, ich will es lieben und ehren und was Sie – ja was Sie von mir begehren können in Ehren, das will ich freudig thun und erfüllen. Halset umarmte ihn. Still! still! Baron von Halljala! rief er. Alte Geschichten, wollen nichts mehr davon hören, fangen heut' ein neues Leben an. Habe Ihnen mein Kind geben wollen, schon vor Jahr und Tag und thue es noch heute wieder. Mary soll in Halljala als Frau am Herde sitzen! hab's geschworen, Herr, und will es halten. Kann's nicht mehr in der alten Halle sein, soll's in einer neuen geschehen, die wir bauen wollen, besser und prächtiger als irgend eine in Finnland, besser als die Wright's jemals ihr Schloß aufputzten. Bringen wir Friede und Liebe hinein, sagte Erich, Mary küssend, die sich an ihn lehnte. Und das richtige Nachdenken, setzte der Staatsrath hinzu, damit es ein fester Bau wird. Sagen Sie mir, Herr Halset, welche Bedingungen ich erfüllen muß, um Sie zufrieden zu stellen. Bedingungen? rief Halset, ich habe keine, Freiherr Randal. Sie lieben Mary, ich bin's zufrieden. Bleibt nur übrig für uns, Alle jetzt die richtigen Wege zu gehen, um in Halljala endlich einträchtig zu wohnen. Danach also müssen wir trachten, doch vor allen Dingen werden Sie gesund. Mary soll Sie pflegen, alle Tage wollen wir beisammen sein, denke es wird Ihnen gut thun, Herr Erich. Und jetzt gieb ihm deinen Arm, Mary, wollen ihn Beide führen, damit er nicht strauchelt. Steht hier ein gedeckter Tisch bereit, Freiherr, ist werth, sich darum zu bemühen. Also vorwärts, Herr, vorwärts! es wird Alles gut gehen. 654 Elftes Kapitel. Es war warm und grün geworden in Finnland, grün in diesem wunderbaren Lande der Seen, der Berge und Sümpfe, die in ein seltsames unlösbares Gewirr verschmelzen. Die üppigen Wiesengelände prangten wieder mit zahllosen Blumen, die nackten rothen Felsen und spitzen Klippen ragten aus den jungen Trieben der Bergwälder. Flüsse und Bäche brausten ihnen nach durch die kleinen Thäler, bis sie endlich den Wasserarm eines Sees erreichten und darin verschwanden. Die Straße, welche nordwärts von Helsingfors über Hainola mitten durch die Provinz Savolax führt, bietet eine äußerst reiche Scenerie. Oft läuft der Weg über hohe steile Bergrücken, welche zwischen großen und kleinen Seen liegen und zuweilen so schmal sind, daß nichts als die Straße Raum darauf hat. Von diesen hohen Punkten aus kann man meilenweit umherschauen und auf einem derselben, der alle andern überragte, hielt längere Zeit ein Wagen, in welchem zwei Reisende saßen. Ein wunderbares Gewirr von Land und Wasser lag zu ihren Füßen. Ein großer See, von zahllosen Inseln durchbrochen, schimmerte aus weitester Ferne und verlor sich darin. Tausend andere faßten ihn ein; wie kleine Demanten einen mächtig strahlenden umgeben und ihr funkelndes Licht mit seinem Glanz vermischen, so leuchteten sie alle vereint herauf. Fels, Wald, Thal, Berg und Schlucht schlangen sich in dunklen schweren Ketten um sie. Ostwärts dehnten sich große Wälder aus, die mit unabsehbaren Flächen abwechselten, welche ein kahles, ödes Ansehen hatten. Der Abend war nahe, das Sonnenlicht nahm eine röthliche Färbung an und mischte die verschiedensten Tinten, welche den Berggewinden sich anschmiegten. Alles war so ruhig grün und herrlich umher, als decke ein glücklicher Frieden dies kriegerfüllte 655 Land. Geheimnißvoll rauschte es in den hohen Bäumen, träumerisch, weich und duftig hüllten sich Felsen und Wälder in Decken von Dämmerlicht und süßen Hauch, den Millionen Blumen und Gräser für sie webten. Aber kein Hirt ließ sich sehen, keine Heerde, kein Ackerbauer, kein Haus. Unten in der Tiefe an einem Seestreif lagen zwei oder drei niedergebrannte Höfe, von denen nichts übrig geblieben war, als schwarzer Schutt und verkohltes Gebälk. Baron Arwed, der in dem Wagen saß, blickte einige Minuten lang durch sein Glas forschend darauf hin, dann wieder suchte er in der kleinen Landkarte umher, die auf seinen Knien lag. Neben ihm saß seine Schwester Ebba, deren Augen unverwandt sich auf den fernen großen See richteten. Das muß der Pajäne sein, sagte der Baron, und dies sind die großen Sümpfe, welche von seinen östlichen Ufern durch Savolax laufen. Es wird dunkel werden, ehe wir Halljala erreichen, wenn wir nicht etwa obenein uns verirren. So sollten wir nicht länger zögern, erwiederte das Fräulein. Wir wollen auch nicht zögern, fuhr ihr Bruder fort. Poststationen und Pferde gibt es hier nirgend mehr, wahrscheinlich aber ist diese Brandstätte ein Posthaus gewesen. Die meisten Häuser und Höfe sind verlassen und leider ist es wahr, daß viele Bauern dem General Sandels nachgelaufen sind. Wir werden nirgends Beistand finden, wenn wir ihn brauchen. Mit ärgerlichen Mienen schlug er die Karte zusammen und steckte sie ein, während er zugleich seinem Diener, der den Wagen lenkte, zurief, vorsichtig hinabzufahren, dann aber die Pferde anzutreiben so viel es möglich sei. Als dies geschehen war, sah er über die stille Landschaft fort und sagte dann bedenklich: Wir hätten unsere Escorte nicht in Laukas zurücklassen sollen, oder du hättest wenigstens dort bleiben können, um meine Rückkehr aus Halljala abzuwarten. Fürchtest du denn eine Gefahr? fragte Ebba. Gefahr eigentlich nicht, erwiederte der Baron. Sandels ist mit seinen Banden bis an den Kallavesisee zurückgeschlagen und das ganze südliche Savolax nun mit unsern Soldaten angefüllt. Der Commandant von Laukas gab mir sein Wort, daß ich bis an den Pajäne 656 keinen Menschen finden würde, aber ich glaube, der alte Bursche wollte am liebsten seine Dragoner für sich behalten. Es scheint in Wahrheit Alles hier wie ausgestorben, sagte das Fräulein. Ein schändliches Land und ein schändliches Volk! rief Arwed. So wie Sandels vordrang schlugen die Bauern wie Banditen jeden Russen todt, den sie erreichen konnten, und liefen dann in die Wälder, wo es Millionen Verstecke für sie gibt. Natürlich ließen unsere Soldaten sich das nicht gefallen. Die Höfe wurden niedergebrannt, die Mörderrotten verfolgt, zuletzt mögen wenig übrig geblieben sein und hier muß es wohl auch einen harten Kampf gesetzt haben. Der Wagen war von dem Bergrücken heruntergerollt und näherte sich dem schwarzen Trümmerhaufen am Seeufer. Ein melancholisches Schweigen lag auf dieser verlassenen Stätte und ihrer Umgebung. Der Brand hatte die Bäume umher verdorrt und verkohlt, die nun gespenstisch nackt und schwarz in den Abendhimmel stiegen. Unten lag der See zwischen steilen Felsufern, an welche er seine Wasser schleuderte, deren eintöniges Rauschen sich mit dem Rauschen der Tannen und Espen vermischte, welche den Saum der Ufer besetzten. Ungeheure Steinblöcke lagen zerstreut umher und Arwed sagte lachend: Das muß ein lieblicher Aufenthalt für echte Finnen gewesen sein. Vielleicht irgend ein heiliger Platz der Anbetung oder eine heilige Grabstätte für ihre Helden. Sieh doch, wie die Steine im Kreise zusammengestellt sind. Otho sagte mir einmal, noch jetzt fühle jeder Finne, trotz seines Christenthums, Schauer der Ehrfurcht bei solchen heiligen Steinkreisen der alten Götter und Helden. Er selbst war ein viel zu arger Phantast, um diese nicht zu theilen. Schade, daß die Stätte niedergebrannt wurde, und kein lebendiges Wesen uns sagen kann, wie sie geheißen hat. Orjahulu! antwortete eine tiefe murmelnde Stimme. Was war das? fragte der Baron. Wo kam der Ton her? – Ist hier ein Mensch?! Es antwortete Niemand. Baron Arwed ließ den Griff des Pistols los, das er halb aus der Wagentasche gezogen hatte. Du hast es auch gehört, Ebba, oder war es der Wind? 657 Es schien eine Antwort auf deine Frage zu sein, sagte das Fräulein. Orjahulu, habe ich verstanden. Was soll das bedeuten? Du verstehst ja Finnisch? fragte er seinen Diener. – Ist das ein finnisches Wort? Ja, Herr, antwortete der Mann, es heißt Verrätherpfeife. Komm hervor, du, der du mir geantwortet hast! rief der Baron in die Brandstätte und Steine hinein. – Es ist dennoch nur der Wind gewesen, fuhr er fort, als sich nichts regte. Wir wollen uns überzeugen, erwiederte Ebba. Laß uns aussteigen. Ihr Bruder hielt sie fest. Fahre schnell! schrie er dem Diener zu und seine Blicke flogen über den Platz. Wir haben keine Zeit, Untersuchungen anzustellen. Hier kann hinter jedem Stein ein Mörder lauern. Die Pferde flogen im Galopp davon, doch keine Kugel folgte ihnen nach, wohl aber ein Geräusch, das beinahe wie ein Gelächter klang, ganz deutlich aber sich in helles Hahnengeschrei verwandelte. Und ohne Zweifel rührte es auch von einem wirklichen Hahn her, denn zu seinem ärgerlichen Erstaunen sah der Baron ein derartiges Wesen auf der Spitze des Trümmerhaufens sitzen und seine Flügel bewegen. Wäre es möglich! rief er aus, daß dies der Hahn des alten Landstreichers sein könnte? Dann liegt er selbst auch dort im Versteck. Niemand hat von ihm seither etwas gehört und Propst Ridderstern sagte mir neulich, daß die Leute in Halljala behaupteten, ihr Liebling sei umgekommen. Glaubst du, Ebba, daß dies ein Streich deines guten Freundes ist? Ebba mochte Ursache haben, ihren Bruder in seinen Vermuthungen nicht zu bestärken. Wenn es Lars Normark's Hahn war, sagte sie, warum sollte er selbst sich nicht zeigen. Wahrscheinlich ist er nicht allein. Gesindel hält sich beisammen, um zu rauben und zu morden. Wenn das so wäre, was würde sie halten, über uns herzufallen? Meines Erachtens hätten wir verwegenen Männern nicht entgehen können. Ich denke, dies ist ein Hahn, der sich gerettet hat, als alle seine Kameraden ihr Ende fanden, jetzt schreit er hinter uns her und verhöhnt unsere Furcht. 658 Möglich, daß du Recht hast, lachte der Baron. Wie sollte auch der alte Schelm, wenn er wirklich noch lebt, sich hierher wagen, wo es ihm schlecht genug gehen würde, wenn man ihn ergriffe. Ich sehe nichts mehr von dem Thiere. Nebel steigen aus dem See, und hier beginnt der Sumpf, der bis an den Pajäne hinlaufen soll. Wenn wir Glück haben, kommen wir noch bei Tagesschein hinüber und haben dann nur noch einen Hügelzug zu übersteigen. Siehst du dort, Ebba, das sind die rothen Felsen, Lully's Burg genannt, oder das Thal des Todes, was wirklich poetisch klingt. Wahrhaftig, wie jetzt das rothe Sonnenlicht darauf fällt, sieht es aus, als wären sie mit Blut übergossen. In der tiefsten Ferne des Horizonts stiegen hohe düsterrothe Bergmassen auf, an denen dann und wann ein brennendes Licht zuckte. Wälder von unermeßlicher Ausdehnung senkten sich unter ihnen in die Tiefen hinab, und die Pferde eilten ihnen entgegen durch eine jener großen tiefen Ebenen, die mit Sumpf und Wasserlachen gefüllt sind. Es ist Alles seltsam und unheimlich in diesem Lande, sagte Arwed, selbst die Sümpfe sind hier anders, wie in der übrigen Welt. Erich hat mir einmal erklärt, warum das so sein muß. Ganz Finnland besteht aus Granit, wo er nicht zu Felsen aufsteigt, liegt er unter den verwitterten Wäldern, und wo sich in diesen tiefen Steinschalen nicht das Wasser gesammelt hat, liegt der Morast darauf, der nicht austrocknen kann, weil der harte Fels kein Wasser in den Erdkörper dringen läßt. Je weiter nach Norden, um so flacher wird das Land, um so größer also auch die Sümpfe, welche endlich in Carelien und nach dem Eismeere hin gar nicht mehr aufhören. Aber verdammt mögen sie sein! wir kommen langsamer fort, als ich dachte, und wenn es so fort geht, werden Dünste und Nebel bald über uns zusammenschlagen, und uns lebendig begraben. Etwas früher oder später wird es gewiß geschehen, erwiederte sie. Daß wir begraben werden, fiel er scherzend ein, daran ist nicht zu zweifeln und nichts zu ändern; allein wir müssen trachten, daß es so spät als möglich geschehe. Und was thun Leute deiner Art nicht, um alt zu werden, antwortete Ebba in einem Tone, der neben dem Scherz auch einen verächtlichen Klang hatte. 659 Diplomaten leben lange, sagte Arwed, ein Beweis, daß sie eine gesunde Beschäftigung treiben, sich nicht ärgern, nicht erhitzen, das Leben als ein Schachspiel betrachten und wenn sie mit ruhiger Überlegung ihre Züge gemacht haben, zufrieden sind und unter allen Umständen mit Heiterkeit ihr Dasein genießen. Ich bitte dich, liebe Ebba, mache es auch so. Wir haben uns versöhnt und du hast mir versprochen, dich meiner Leitung zu überlassen. Unter einer Bedingung, fiel sie ein. Richtig, unter der Bedingung, daß ich nichts Feindliches mehr gegen Erich unternehme, im Gegentheil, ihm beistehen will, so viel ich es vermag. Ich habe dir dies mit meinem Worte verbürgt, und werde es aufs Heiligste halten. Mit vollkommener Ruhe werde ich abwarten, was in Abo geschieht. Ich hege keinen Zorn, keinen Haß gegen ihn, oder irgend einen Andern. Welche Pläne Halset hat, kümmert mich nicht. Ist Erich einsichtig genug, sein Wohl zu begreifen, um so besser für ihn, ich werde ihm aufrichtig Glück wünschen, und nicht mehr daran denken, was mir mißglückte. Alles Leben ist ein Spiel, Jeder sucht dabei zu gewinnen, da dies jedoch für Alle unmöglich ist, müssen Viele verlieren. Ich beklage mich nicht, wenn ich zu diesen gehöre, meine Aufgabe wird sein, anderswo ein glücklicheres Loos zu ziehen. Was dich aber betrifft, liebe Ebba, so habe ich dir aufrichtig gesagt, was Serbinoff mir vertraut hat. Sobald ich meine Geschäfte in Halljala abgethan habe, wird die Zeit da sein, dein Glück zu sichern. Hier unterbrach er die Unterredung, welche von den Geschwistern in französischer Sprache geführt wurde, und wandte sich an seinen Diener. Kannst du nicht schneller fahren, sagte er, die Nacht wird uns überfallen. Der Diener entschuldigte sich mit dem schlechten Wege, den er obenein nicht kannte, und in Wahrheit wurde mancherlei Vorsicht nöthig, um kein Unglück zu haben. Der Wagen rollte lange Zeit durch einen moorigen Boden, der zuweilen mit Sand und scharfen Kieseln abwechselte, bald aber wieder die Räder tief einschneiden ließ und die Hufe der Pferde mit Sumpfpflanzen umwickelte. Aus dem dunkeln Grün der öden Fläche ragten zahllose moosumwucherte Steine 660 auf, bald kaum über den Boden emporragend, bald kantig, steil oder kuppig mehr oder minder große Hügel bildend, um welche Tannen und Ellern sich mit einem unermeßlichen Wurzelgeflecht festklammerten. Und zwischen dieser Stein- und Moosstickerei wand die Straße sich hin, zuweilen in einem Wald von Gestrüpp verschwindend oder unter Bäumen, die mit Bartmoos seltsam behängen waren. In den Sümpfen Finnlands sind die Nadeln der Fichten fast eben so schwarz wie der fettig aufquellende Moor, in welchen diese rauhen, krüppelhaften Stämme sich eingesenkt haben. Verkümmert unter Schlingpflanzen und langen dürren Moosgewinden, standen sie auch hier wie Greise von unheimlicher Gestalt und Farbe oder sie verbargen ihre todten Leiber unter dem Sumpfwasser, das über sie hinfloß und sie zernagte. Aus den Dünsten, welche diesem Boden entstiegen, wurden nach und nach Nebel, welche endlich mehrere Fuß hoch die ganze Ebene einhüllten. Die Reisenden auf dem Wagen konnten noch über dies sonderbare graue dampfende Meer fortblicken, aus dem die bärtigen Bäume und die Steinkuppen sich gespensterhaft bleich leuchtend erhoben, als von der Ebene selbst nichts mehr zu erkennen war. Langsam nur bewegte sich der Wagen fort, denn über Lachen und zitternden Sumpf war die Straße mittelst Baumstämme geführt, welche einst dicht gereiht und mit Kies und Erde überschüttet wurden, allein diese Decke war längst zerfahren und vom Wetter fortgespült. Die Wege in Finnland mußten von den Gemeinden und Hofbesitzern erhalten werden und so lange es Frieden war, hielten die Voigte strenge auf den Straßenbau, jetzt aber hatte der Krieg alle Ordnung aufgelöst und nichts war in diesem Jahre geschehen. Der Wagen sank in Löcher und da sich häufig diese hölzernen Sumpfbrücken wiederholten und lange Strecken ausfüllten, so brach die Nacht an trotz aller Aufmunterungen des Barons und aller Flüche und Hiebe seines Dieners auf die schnaufenden müden Pferde. Nach und nach vermehrte die Nebeldecke, welche über dem Sumpfe schwebte, die Dunkelheit und stimmte den scheinbaren Gleichmuth des Barons in offenbaren Kleinmuth um. Er begann damit, sich zunächst mit Selbstvorwürfen anzugreifen, die zu Vorwürfen gegen den Diener und endlich zu Vorwürfen gegen seine Schwester übergingen, welche mit Gelassenheit sie anhörte. 661 Wie kannst du so gleichgiltig sein, Ebba! rief er endlich ärgerlich. Es ist doch wahrlich unangenehm und ängstlich genug, in dieser Lage zu sein. Der Weg läßt sich kaum mehr erkennen, verlieren wir ihn, so kann es uns das Leben kosten. Dann laß uns lieber auf dieser Stelle bleiben bis es wieder Tag wird, was nur wenige Stunden dauern kann, erwiderte sie. Wenn dieser abscheuliche Nebel nicht wäre, würden wir sehen können, fiel er ein; aber hier bleiben in dieser Moderluft würde mich krank machen. Warum sind wir nicht in Laukas geblieben und morgen in der Frühe gefahren? Daran hattest du Schuld. Es ist unmöglich hier auszuhalten, obenein ohne die geringste Erfrischung. So laß uns versuchen, ob wir nicht weiterkommen, erwiederte sie mit derselben Ruhe. Der Pajäne kann nicht mehr weit sein. Propst Ridderstern hat gewiß auf uns gewartet und die Frau Propstin die schönsten Torten gebacken. Du bist boshaft genug, mich zu verspotten. Doch was meinst du, Ole, die Pferde werden den Weg besser finden wie du. Statt der Antwort schlug plötzlich der Wagen in ein Wasserloch und Arwed schrie laut auf. Halt ein! schrie er, wir werfen um. Ich weiß nicht, was wir thun können. Die Kehle kann man uns abschneiden, ohne daß wir das Messer sehen. Hörtest du nichts? Es geht Jemand hinter uns oder neben uns. Wer geht dort? Schweig still! flüsterte Arwed; aber ehe er etwas hinzufügen konnte tauchte jetzt dicht an dem Wagen eine außerordentlich lange Gestalt auf, die den Schrecken des Barons dermaßen vermehrte, daß er seine Pistolen ergriff und beide Hähne spannte. Bei dem knackenden Ton sprang die Gestalt zurück und war verschwunden. Du bringst dich selbst um die Hilfe, welche du nöthig hast, sagte Ebba. Kommt näher, Freund, gebt uns Antwort. Wir wollen Euch dankbar dafür sein. Es ist allerdings wohl auch zuweilen des Dankes werth, wenn man eine Kugel durch den Hirnschädel kriegt, antwortete die Stimme von der andern Seite des Wagens; ich verspüre aber eben jetzt keine besondere Lust dazu. 662 Es soll dir nichts geschehen, sei ohne Furcht! sagte Baron Bungen beruhigter. Wer bist du, Freund? Ein Holzschläger, Herr. Weißt du hier gut Bescheid? Ich habe noch immer meinen Weg gefunden. Und wohin geht dieser Weg? Dieser Weg? Ja so! wenn man ihn finden kann, führt er geradeaus an den Pajäne. Nach Halljala? Dahin kommt man auch. Willst du uns begleiten, so sollst du reich beschenkt werden. Danke, Herr! aber ich möchte lieber – Ja so! meinetwegen denn, weil ich glaube, es sitzt eine Dame mit bei Euch. Mit wem flüsterst du da? fragte der Baron mißtrauisch. Ist noch Jemand bei dir? Mein Kamerad, Herr, und noch ein Bursch. Der wird die Pferde beim Kopf nehmen. He, Christi, tritt an die andere Seite und faß an, damit der Wagen aus dem Loche kommt und nicht wieder fällt. Haltet Euch ruhig, Herr, so geht Alles gut ab. Schock Tonnen! brummte eine tiefe Stimme, ein Genick ist leicht gebrochen. Hört an, sagte Baron Arwed. Wer ich bin, werdet ihr später erfahren; aber ich gebe euch mein Wort, daß ihr gut belohnt werden sollt. Im Übrigen habe ich in jeder Hand eine Pistole; denkt also nicht daran, mir etwas zu nehmen, was ich nicht geben will. Ja so! lachte der lange Kerl, der Herr meint es ehrlich mit uns, Christi. Doch es würde ihm wenig helfen, wenn wir nicht so grundehrliche, friedliche Leute wären. In solcher Finsterniß kann ein verrostetes Bajonnet einem durch den Leib fahren und er weiß nicht, woher es kommt. Aber ich möcht's nimmer anfassen und der Christi da kann kein Blut sehen; vor einem rothen Tuch läuft er davon. Christi an der andern Seite grunzte seltsam dazu. Der Baron fühlte ein Zittern in seinen Eingeweiden. Er blickte nach allen Seiten und machte unruhige Bewegungen, als fühlte er schon das rostige Bajonnet. Wer diese Leute waren, ob sie die Wahrheit sprachen, woher 663 sie kamen, mochte er nicht durch erneute Fragen untersuchen. Er sah ein, daß ihm dies nichts helfen könne, daß er ihnen glauben müsse und daß es das Beste sei, wenn er keinerlei Zweifel laut werden lasse. Er war in ihrer Gewalt und mußte abwarten, ob sie ihr Versprechen erfüllen würden; allein er fühlte sich etwas erleichtert, als er hörte, wie seine Schwester ein Gespräch mit dem langen Burschen begann, das eine freundliche Wendung nahm; denn nach einigen gewechselten Worten zeigte es sich, daß er sie erkannte. So wahr ich lebe, es ist das gnädige Fräulein vom Schlosse! rief er. Ich hab's an der Stimme gehört, dachte es auch gleich, wie der Herr nach Halljala fragte. Wo ist der Freiherr Randal hingebracht? Lebt er noch? Er lebt in Abo und wird, wie ich hoffe, bald kein Gefangener mehr sein. Und das gnädige Fräulein kommt dann wieder mit ihm nach Halljala und hilft ein neues Haus bauen? Das wird wohl so bald nicht geschehen, fiel Arwed ein. Aber wo waret ihr denn damals, Freund, als das alte Schloß niederbrannte? Ich lief, so weit ich laufen konnte, mochte nichts davon sehen, antwortete der Bauer, und Christi lief mit, bis er keinen Athem mehr hatte, weil er damals noch fett war. Aber bei alledem fürchten wir uns nicht, und wenn das gnädige Fräulein uns irgend eine Sache aufzutragen hat, wollen wir es getreulich thun. Ich wollte dich nur bitten, sagte Ebba, uns so wenig wie dich selbst in Gefahr zu bringen. Ja so! rief der Mann, es hat nichts zu sagen. Christi kann kein Blut sehen, aber ein paar mächtige Schultern hat er. Einen Mann hat er einmal getragen, bis er mit ihm fiel, und wenn Ihr ihm sagtet: ich will fort! Wie eine Feder würde er Euch aus dem Wagen heben, und trotz der Dunkelheit würdet Ihr bald weit von hier sein. Ich will diese Probe nicht machen, erwiederte Ebba. Nicht? lachte der Bauer. Ja so! seid Ihr nicht ein schwedisches Fräulein? Christi läuft mit Euch bis nach Schweden. Das ist ein weiter Weg, mein Freund, ich bleibe lieber, wo ich bin. Aber, sind das nicht die Schatten der Berge? Und der Nebel zerrinnt, ich sehe Sterne über uns. 664 Wahrlich, wir sind auf festem Boden! rief Arwed, und hier geht der Weg in die Höhe. Was ist dort vor uns? Es ist der Pajäne. In der Ferne schimmert ein Licht. Es muß aus einem Hause kommen. Lebt wohl, Herr, sagte der Bauer. Halt! Wo seid ihr? Hier nehmt! Wo sind sie hingekommen, Ebba? Es war nichts mehr von den Führern zu sehen, kein Geräusch verrieth ihre Schritte. – Sie sind verschwunden, ohne Lohn zu begehren? Ein Bauer ist nicht so uneigennützig. Vielleicht wollte er nichts nehmen, weil er uns erkannte. Der lange Bursch schien eine Art Narr zu sein, doch gleichviel, er hat uns ehrlich geholfen. Es ist wirklich der Pajäne, dem Himmel sei Dank, daß wir aus diesen schrecklichen Sümpfen sind! Wem jenes Haus auch gehören mag, er muß Gastfreundschaft an uns üben. Nach einer Viertelstunde war das Licht erreicht. Es kam aus einem Hause, das an der Öffnung eines Thales, nicht fern vom Ufer des Sees, lag. Als der Wagen hielt, konnte Arwed durch ein Fenster in das Innere der Wohnstube blicken, und betroffen wandte er sich zu seiner Schwester zurück. Weißt du denn, wo wir sind? fragte er. In Lomnäs! Dort sitzt der Major noch bei seiner Pfeife. Ich möchte ihn nicht stören, aber die Pferde können nicht mehr fort; wir müssen warten bis der Tag anbricht. Während er dies seiner Schwester zuflüsterte, war der Invalide ans Fenster und dann an die Thür gehinkt, die er öffnete. Er hatte Pferde schnauben und einen Wagen klappern hören, doch konnte er in der Finsterniß nichts erkennen. Wie er in Eile heraustrat, schien es, als erwarte er Jemand, und seine Stimme hatte etwas Zitterndes und Freudiges, als er lebhaft fragte, wer da sei? Baron Arwed hob seine Schwester von dem engen Sitz, dann ging er auf den allen Soldaten zu, der ihm die Arme entgegenstreckte. Mein lieber Major, sagte er. Ich und meine Schwester, wir kommen als Bittende zu Ihnen. 665 Aber bei dem ersten Ton dieser Stimme riß der Major sich los, und wie von Abscheu ergriffen trat er zurück und hörte das Weitere auf seinen Stock gestützt an. Sie sind es, Herr Gouverneur, Herr Baron Bungen, sagte er dann rauh und laut. Was hat das zu bedeuten? Das hat zu bedeuten, Herr Major Munk, daß ich mit meiner Schwester aus Laukas komme, in den Sümpfen von der Nacht überrascht worden bin, und Sie bitte, uns bis der Tag kommt Herberge zu gestatten. Treten Sie ein, wenn es Ihnen gefällig ist, sagte Munk mürrisch kalt. Was dies Haus wegmüden Reisenden bieten kann, steht zu Ihren Diensten. Wir müssen es annehmen, liebe Ebba, erwiederte der Baron, wenn diese Gastfreundschaft uns auch nicht besonders einladend scheinen mag. Der Herr Major wird sich inzwischen gewiß erinnern, daß eine Dame ihn um Beistand bittet. Meine Hochachtung vor dem gnädigen Fräulein, versetzte der Invalide. Sie wird mir's verzeihen, wenn ich nicht freundlicher einladen kann. Wären Sie allein zu mir gekommen, meine liebe Freundin, es hätte Sonnenschein in meine Brust gebracht. Das ist aufrichtig und deutlich gesprochen, Herr Munk, lächelte Arwed, ich habe es nicht anders erwartet. Ich versichere dagegen, daß, wenn ich nicht müßte, ich Ihre Ruhe gewiß nicht gestört hätte. So sind wir fertig, sagte der alte Soldat. Richten Sie sich hier ein. Ihre neuen Landsleute und Mitbürger, die Russen, haben nicht viel Genießbares übrig gelassen, es wird sich aber doch einiges noch vorfinden. Sie sollen haben, was da ist, nur für mich bitte ich um Entschuldigung, Fräulein Ebba. Verlassen Sie uns nicht, erwiederte sie, die Hand festhaltend, welche er ihr reichte. Wer weiß, wann ich Sie wieder sehe. Lassen Sie mich wenigstens wissen, wie es Ihnen geht, und hören Sie, was ich vielleicht zu Ihrem Troste sagen kann. Zu meinem Troste! murmelte er, und seine Augen hefteten sich auf Ebba, deren Gesicht jetzt von dem Lichte im Zimmer erhellt wurde. Er führte sie zu seinem großen Lederstuhl und nöthigte sie mit sanfter 666 Gewalt auf die Kissen. Meine liebe Freundin, sagte er dabei, seit wir uns trennten, hat Gottes Hand die Zeichen des Grames auch auf Ihre Stirn gedrückt, und wie könnte es anders sein! Schwere Prüfungen und bange Stunden sind ja auch über Sie hereingebrochen. Ach! mein theures Kind, Sie haben mir oft gefehlt, mit Ihrem freudigen, stolzen Muthe. Wo waren Sie so lange und was führt Sie jetzt hierher zurück. Ich war in Abo bei meiner Freundin Mary Halset, bis ich meinen Bruder nach Borgo und Sweaborg begleitete. Sie waren in Sweaborg! rief Munk erregt. Haben Sie nichts von meinem Magnus gehört? Ich hätte geglaubt ihn hier anzutreffen, erwiederte sie. Der Sohn des Propstes Ridderstern, der jetzt Offizier in russischen Diensten ist, sagte mir, daß Oberst Serbinoff Magnus' Entlassung bewirkt habe. Und weiter sagte er nichts? Nein. Der Schuft, der nicht besser ist wie sein Vetter Jägerhorn! murmelte der Invalide. Und Serbinoff sollte seine Entlassung bewirkt haben? Er schüttelte den Kopf. Ich glaube es nicht. Ein Mensch, wie dieser Serbinoff, ist solcher Dinge nicht fähig. Sie sollten milder von ihm denken, sagte Baron Bungen. Er hat Ihnen Schutz gewährt als Halljala erstürmt wurde und Ihnen gestattet, ungekränkt nach Lomnäs zurückzukehren, wo Sie seitdem durch nichts belästigt wurden. Der Major beachtete diese Ermahnung nicht. War der Oberst Serbinoff nicht mehr in Sweaborg, als Sie dort waren? fragte er. Er war nach Savolax mit einer Abtheilung Soldaten gegen den General Sandels aufgebrochen. Ich weiß es, ich hab's gehört, fuhr Munk fort. Bis an den Pajäne streiften die Russen, und mehr als einmal zitterten meine Fenster von dem heftigen Schießen. Seit Wochen ist es jetzt ruhig. Sandels soll bis gegen Nyschlott vorgedrungen sein, man sagt aber, daß eine große russische Macht auf ihn losgehe. Der General Barkley de Tolly kommt mit mehr als zehntausend neuen Truppen, lauter Garden, sagte der Baron; dazu stoßen die 667 beiden Colonnen unter Serbinoff und dem Prinzen Dolgorucki. Sandels wird gänzlich umzingelt und erdrückt werden, so sagen die Offiziere, welche ich gesprochen habe. Barkley de Tolly ist einer der besten russischen Generale und zwanzigtausend Russen haben dreitausend Schweden gegen sich. Überhaupt, Herr Major, muß denn doch endlich bei allen Verständigen die Einsicht durchbrechen, daß Finnland für Schweden für immer verloren ist. Was kann Sandels thun mit der kleinen Schaar, die er anführt? Die schwedische Armee, unter dem Marschall Klingspor, oder besser gesagt, unter dem General Adlercreutz hat nicht einmal Abo wieder nehmen können, sie ist bei Wasa geschlagen, zersplittert und zerstreut worden. Und nun beachten Sie, was der König thut, der Finnland zu helfen versprochen hat. Mit den Engländern hat er sich erzürnt, so daß diese gar nichts unternehmen, als daß sie die große russische Flotte in Kronstadt eingesperrt halten; die russische Küstenflotte aber ist der schwedischen überlegen. Das ist nicht wahr! schrie Munk. Wo die Russen sich zeigen, werden sie gejagt. Streiten wir nicht, lächelte der Baron, allein was thut dieser sinnlose König, um seinen Finnen zu helfen, die Gut und Blut für ihn lassen? Statt eine Flotte zu sammeln und ein tüchtiges Heer überzuschiffen, schickt er ein halbes Dutzend kleiner Expeditionen aus, die da und dort landen, geschlagen werden und sich wieder einschiffen müssen, nachdem sie nutzlos sich geopfert haben. Ich bin jetzt ein Russe, wie Sie sagen, Major Munk, allein so viel Schwede bin ich immer noch, um Schmerz über dies stumpfsinnige Hinwürgen tapferer Männer zu empfinden. Ja, es ist so, wie viele russische Offiziere meinen: Alles, was in Stockholm geschieht, könnte in Petersburg selbst nicht besser ausgedacht werden. Der alte Soldat stöhnte kummervoll. Schmach! Schmach! murmelte er. Oh! oh! wer es erleben muß. Aber wenn der Verrath nicht gewesen wäre. Sweaborg! Cronstedt! Schande! Schande! Wer kann denn behaupten, daß Sweaborg durch Verrath verloren ging und Admiral Cronstedt es verrieth? erwiederte Arwed, indem er dieselben Gründe anführte, welche später General Suchtelen in seiner Schrift über den finnischen Krieg öffentlich gemacht hat. Er, der mit 668 dem Verräther unterhandelte, suchte die Wahrheit auf jede Weise zu verdunkeln, so daß noch jetzt Gläubige genug die russischen Erfindungen nachbeten. Cronstedt hat allerdings auffallend gehandelt, sagte der Baron, aber wer kann einen Mann als Verräther anklagen, der sein Leben mit Ruhm und tapfern Thaten füllte. Er hatte vielleicht den Kopf verloren, ist als Admiral ein schlechter Festungscommandant gewesen – welcher Blödsinn machte ihn dazu? – Das Geschrei der vielen Weiber in der Festung, die Furcht mancher Offiziere vor harter Kriegsgräuel, irrige Vorstellungen über die Unhaltbarkeit der Festung mögen dazu gekommen sein; doch das Alles genügt nicht, um in so gehässige Anklagen einzustimmen. Die tiefen Falten im Gesichte des greisen Soldaten spannten sich aus und seine Augen funkelten vor Zorn. Stellt auf, was ihr wollt! rief er, betrügt die Menschen, betrügt, wenn ihr könnt, sogar die Geschichte, die Wahrheit könnt ihr dennoch nicht zur Lüge machen. Verrath hat Finnland in eure Hände geliefert, Rußlands Waffen hätten es nimmermehr gethan. Die Verräther, Herr, ja, die Verräther. Die haben ihres Vaterlandes Fall verschuldet. Nach einem kleinen Weilchen fiel es dem Major ein, daß er das Gastrecht verletzt habe. Vergeben Sie, murmelte er über seinen Stock gebeugt, wenn ich heftig wurde. Ich bin alt, habe altmodische Begriffe von Recht und Ehre, und jetzt drückt mich dreifacher Kummer nieder, denn ich weiß nicht, was aus meinem Magnus geworden ist. Als ich Sie hörte, glaubte ich, er sei es; so warte ich schon manche Nacht ohne Schlaf. Entschuldigen Sie sich nicht, Major Munk, erwiederte der Baron lächelnd, ich nehme Ihnen nichts übel. Sie sowohl, wie Einer, den ich weiter nicht nennen mag, weil man von den Todten nur Gutes reden soll, was ich nicht kann, haben immer in extremer Weise die Verhältnisse beurtheilt. Gut, daß er nichts davon hört, er würde es nicht ertragen können, sagte der alte Mann. Ich mache Niemanden einen Vorwurf darüber, fuhr Arwed fort; habe ich doch selbst an meinem ruhigen Vetter erlebt, wohin politischer Haß führen kann. Wo ist Erich? fragte der Invalide. 669 Er befindet sich in Abo unter Anklage des Hochverraths, soll vor ein Kriegsgericht gestellt werden, doch besorgen Sie nichts. Ich hoffe, daß sein Schicksal sich günstig wendet. Sie können denken, Major Munk, daß nach der Katastrophe in jener schrecklichen Nacht, wo Mary Halset ihre Leidenschaft zu meinem unglücklichen Vetter so unverhüllt zeigte, ich sowohl wie meine Schwester, wir unsere Entschlüsse gefaßt haben. Halset hat Erich in sein Haus aufgenommen, hoffentlich wird er dort bekehrt werden. Gott woll's verhüten! rief der Major, ich denke es wird nimmer geschehen. Sie aber, meine liebe Freundin, Sie hätten bei ihm stehen sollen, wie ein guter Soldat, der vor keinem Feind seinen Posten verlassen darf. Meine Schwester hat sich einen anderen Herrn gewählt, erwiederte der Baron statt ihrer. Sie wird sich mit dem Grafen Serbinoff vermählen. Mit wem? Mit Serbinoff! rief der Major. Oh! oh! was sagen Sie da! Ist das wahr? Ebba wird es Ihnen bestätigen, im Fall Sie es bezweifeln sollten, fuhr Arwed innerlich belustigt über den Ausdruck des Abscheus, des Unglaubens und des Schreckens fort, der das Gesicht des alten Soldaten erfüllte. Welche Zauberkünste versteht denn dieser Mann? rief Munk voller Zweifel und voller Zorn. Was hat er an Louisa gefrevelt! Wo ist sie? Alle hat er betrogen, und dennoch wollen Sie ihm vertrauen, Erich vergessen, ihm anhängen? Sagen Sie mir, wie dies möglich ist. In dem Augenblick stand Ebba von dem Stuhle auf, maschinenartig langsam, wie von einer Macht bewegt, die zugleich eine furchtbare Last auf sie legte. Ihr Gesicht war geisterbleich, ihre Augen starr auf einen Punkt gerichtet. Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, ohne daß ihr dies möglich war, ihre Hände streckten sich krampfhaft zitternd aus und ihre Füße wankten. Was ist dir geschehen? fragte ihr Bruder, erschrocken über ihren Anblick. Mit seinen Blicken verfolgte er die Richtung ihrer Augen und Hände, aber er sah nichts, was ihm Aufschluß geben konnte. Auch der Major war aufgesprungen, und plötzlich umklammerte Ebba seine Arme und drückte mit einem dumpfen Schrei ihren Kopf an seine Brust. 670 Rede, Ebba! rief der Baron. Mein Gott! wie siehst du aus? Wie eine Sterbende. Er war hier. Da! Dort! rief sie, sich aufrichtend. Wo ist er? Vor diesem Fenster stand er. Ich träumte nicht – ich habe ihn gesehen! Wen? Um des Himmels Willen! besinne dich. Wen, Ebba? Den du heraufbeschworen hast, ihn – Otho Waimon! Nun wahrhaftig! sagte ihr Bruder, indem sein Erschrecken sich in ein spöttisches Lächeln auflöste, ich hätte nicht geglaubt, heute noch eine Gespenstergeschichte zu erleben. – Er zog seine Uhr und fuhr in derselben Art fort: Wir haben allerdings so eben Mitternacht, also die richtige Zeit dazu. Du bist aber doch sonst zur Überlegung geneigt, Ebba, und wirst dir nicht einbilden wollen, daß dieser unglückliche Mann aus seinem nassen Grabe hierher gekommen sei, weil ich von ihm sprach, und obenein mit Schonung es that. Ich täusche mich nicht, erwiederte Ebba in größter Aufregung. Dort stand er, den linken Arm über seine Brust gelegt, wie er es oft that, das Haar lang an seiner Stirn niederfallend, seine Augen voll Kummer und Vorwurf. Was es auch war – ich weiß es nicht – ob Schatten, ob Erscheinung, aber kein leeres Blendwerk, nein, kein Blendwerk! Beruhe dich doch, begütigte er, helfen Sie mir, Major Munk. Wir haben mancherlei Aufregendes gesprochen, so kommt es zuweilen, daß einer lebhaften Phantasie daraus ein Bild entsteht, das sich verkörpert. Fata Morgana des Geistes möchte ich es nennen. Sinnestäuschung nennen es die Ärzte. Oh, mein armes Kind! murmelte der alte Soldat, traurig seufzend, den wir Beide lieb hatten, der ist in ein Land gegangen, aus dem noch Keiner zurückkehrte! Wir müssen Alle tragen, was uns auferlegt ist und dürfen uns nicht schrecken lassen, weder von den Todten noch von den Lebendigen. Hier wurde der Major von einem Geräusch an der Thür unterbrochen und diese öffnete sich. Ein Knabe, in Lumpen gehüllt, abgezehrt, Krankheit und Tod in den tiefeingesunkenen Augen wankte herein. Magnus! schrie der alte Mann. 671 Da bin ich! antwortete das Kind mit schwacher Stimme. O! mein Vater, ich kann bei dir sterben. Nein, nein! sagte Munk, ihn küssend. Gott wird es nicht zulassen. Du bist erschöpft, wo warst du so lange? Im russischen Lazareth. Du warst krank? Krank von schrecklichen Mißhandlungen. Mißhandlungen? Warum? Weil ich ein Russe werden sollte; doch alle ihre Wuth konnte mich nicht dazu machen. O! mein Kind, mein Magnus! Gott segne dich in alle Ewigkeit! rief der Major. Gieb ihm Gnade, Herr! gieb ihm deine Krone! Ich danke dir, mein Gott, ich danke dir! Er hat herrliche Prüfung bestanden! Zwölftes Kapitel. Während der Sommermonate wurde Erich Randal hergestellt, und was irgend dazu dienen konnte, geschah durch Halset's unverdrossene Bemühungen, ihm jeden möglichen Beistand und jede Pflege zu verschaffen. Am meisten aber trug gewiß dazu bei, daß er wenig oder nichts von der peinlichen Lage gewahrte, in welcher er sich befand, wenigstens erinnerte ihn nichts daran. Keine Bewachung beschränkte seine Freiheit, Niemand schien sich um ihn zu bekümmern und, zur Vermehrung seiner Zufriedenheit, war Halset selbst größtentheils nicht in Abo, also auch nicht bei seinem Gaste. Die Regierung und der Generalgouverneur benutzten seine Erfahrenheit zu vielen Geschäften der Verwaltung, zu Ankäufen von Vorräthen, Unterhandlungen mit Magistraten und Corporationen, zu Geldbeschaffungen und Errichtung einer Landbank in Borgo, die das ausführen sollte, was Serbinoff dem Freiherrn Erich schon in Halljala gesagt hatte. Selten kam der Staatsrath während dieser Zeit zum Besuch und seine Geschäfte waren dann so dringend, daß er meist nur wenige 672 Stunden in seinem Hause verweilen konnte; aber diese Stunden wurden freundlich verlebt. Halset war voller Theilnahme, gesprächig und lebendig, und dabei ohne Anspielung auf seines Gastes Geschick. Er wies es von sich, als Erich einst ihn fragte, was Graf Buxthövden endlich mit ihm thun und was überhaupt aus ihm werden solle? Eh! rief er, die runden blauen Augen voll Schelmerei, merke es, wird Ihnen die Zeit hier schon zu lang. Mary versteht es nicht, Sie an's Haus zu fesseln. Wäre eine schlimme Entdeckung. Eh! Stärkere Fesseln kann es nicht geben, Herr Halset, erwiderte Erich, allein ich bin gesund und an Thätigkeit gewöhnt. Glaub's nicht! fiel Halset ein, indem er lachend den Kopf schüttelte. Ist noch nichts mit der Gesundheit, aber es wird kommen. Bleiben Sie noch ein paar Wochen bei Mary, und wenn es Ihnen zu langweilig wird mit ihr in dem Gärtchen zu sitzen und auf den Aurajocki zu sehen, auf dem es jetzt freilich nichts zu sehen gibt, so steigen Sie hinauf auf die Berge, gehen Sie mit Mary spazieren, lassen Sie sich von ihr unser kleines Lust- und Landhaus zeigen. Es liegt manch schönes Plätzchen bis ans Meer hinaus, und es wird auch kommen, Freiherr Randal, daß wir wieder ins blaue Wasser fahren können und der Aurajocki sich mit vollen Booten und Kauffahrern füllt. Es hat Alles seine Zeit, Herr, das muß man bedenken. Und die Zeiten ändern sich, Herr Halset. Die Alandinseln sind von den Schweden erobert, die Russen darauf gefangen genommen worden. Die Zeiten ändern sich, Freiherr, es ist eine Redensart, die ihren Sinn hat, aber oft scheint es auch nur so, und wer klug ist, denkt nicht, es sei Sommerzeit, wenn die Sonne einmal im Januar hinter den Wolken hervorkommt. Wenn Sie mit Mary hinaus aufs Vorgebirge gehen, flattert wohl mehr als ein schwedischer Wimpel auf dem Wasser und von der Insel herüber. Was will das sagen, Herr? Die Bauern in Aland sind aufgestanden, ihre Priester an der Spitze, und auf allen Inseln haben sie es nachgemacht. Fort konnten die Russen nicht, weil's Eis brach, ehe sie es dachten. Mußten sich gefangen geben, mehr als Tausend zu Roß und zu Fuß, aber was kann's helfen! Statt der Tausend sind zwanzig Tausend aus Rußland 673 gekommen, und was hat der König in Stockholm gethan? Wo sind seine Heere? Was hat er zusammengebracht? Was wird er erreichen? – Nichts, Freiherr, gar nichts! obwohl tapfere Leute genug sich schlachten lassen. Die Zeiten werden sich ändern, Herr, will's zugeben, aber hört an wie. Nicht ein Jahr wird vergehen, so wird kein Schwede mehr in Finnland sein. Ist keine Hexerei das vorher zu sagen; denn nirgend ist eine Macht da, um zu erobern, was verloren ging, und endlich wird der beste Stab zerbrochen. Bald wird man's in Stockholm inne werden, nur der nicht, der von Gott gestraft ist, Alles verkehrt zu thun, und damit wird er nicht aufhören bis zum Letzten. Gebt Acht dann, was das Ende sein wird. So wird die Zeit sich ändern, Freiherr! Also gehen Sie spazieren mit Mary und warten es ruhig ab, bis Ihre Gesundheit fest ist, kein Fieber mehr im Kopf, alles klar, dann ist's auch Zeit thätig zu sein. Nach einer Stunde reiste er wieder ab und Mary ging, ihres Vaters Gebot befolgend, mit Erich über den Bergzug, welcher den Aurajocki bis ans Meer begleitet. Während der Wochen, daß Beide in so naher täglicher Gemeinschaft lebten, hatte ihr gegenseitiges Verhältniß bei aller Innigkeit doch einen dunklen Hintergrund behalten, an welchem Keiner zu rütteln wagte. Ihre Blicke wiederholten oft genug das Bekenntniß ihrer Liebe, diese war in Allem, was sie sprachen, zu erkennen und doch war ein offener rückhaltloser Austausch ihrer Gedanken noch nicht erfolgt. Erich wagte nicht von der Zukunft zu sprechen und auch Mary schien wie ihr Vater zu glauben, daß dies so weit als möglich hinauszurücken sei. Wenn sich Gelegenheit geboten hätte, eine Erklärung herbeizuführen, wußte sie diese zu umgehen, und fast erschien es als ihre Aufgabe, den zum Nachdenken so geneigten Mann alle Gedanken an Vergangenheit und Zukunft vergessen zu machen. Die schweigsame düstere Jungfrau war lebhaft und fröhlich geworden, freilich nicht von jener leichtfertigen, unbefangenen, kindlichen Fröhlichkeit, die Louisa zu einer so lieblichen elfengleichen Erscheinung machte; aber ein glückliches Lächeln verschönte und erheiterte den Ernst auf ihrer hohen Stirn und in den dunkeln Augen glänzte ein sanftes Feuer, wie es nur Liebe zu entzünden vermag. Ihre Kenntnisse, ein reicher Schatz von Büchern, mehr aber 674 noch der Zauber, mit dem sie Alles, was sie that und sagte, zu beleben wußte, boten unzählige neue Anknüpfungspunkte für Erich's freudige Theilnahme. Wenn sie ihm vorlas, freute er sich an dem tiefen, reinen Klang ihrer Stimme, wenn sie ihm zulächelte, sah er in ein Meer von Licht, das aus ihren Augen sich über ihn ausgoß und er dachte dann an die selige Minute, wo er sich in ihren Armen unter ihren Küssen und Thränen gefunden hatte. An jedem Tage viele Male hätte er ihr sagen mögen, was sein Herz füllte, doch streng gegen sich selbst, die Verhältnisse bedenkend und was er dem Vertrauen schuldig sei, das Halset ihm erwiesen, endlich leidend unter den geheimen Qualen trauriger Vorstellungen, die ihn nur zu oft bestürmten, schlossen sich seine Lippen immer wieder und im Beherrschen der Gefühle, die niemals bei ihm den Charakter stürmischer Leidenschaft einnehmen konnten, erhielt sein Gesicht einen Ausdruck zärtlicher Sorgfalt und treuer Anhänglichkeit, einen Ausdruck schmerzlicher Freude, der ihn schweigen und verstummen ließ, wenn sein Herz ihn zum Herzen der Geliebten drängte. Beide suchten sich fortgesetzt zu sagen, was Beide wußten, und dennoch mieden sie jede Erklärung, weil sie sich davor fürchteten. Ihr Begegnen war immer in den Schranken der Höflichkeit geblieben und da Sam Halset nach finnischer Sitte viele Diener hielt, die stets in der Nähe waren, gab es selten Stunden, in denen das junge Paar sich allein befand. Erich suchte diese Stunden auch nicht, wie sehr er sich danach sehnen mochte, und bald fand er, daß Mary dies zu wünschen und zu wollen schien. Sie suchten sich und doch wollten sie sich meiden, sie sehnten sich nach dem Morgen, der ihnen erlaubte, am Frühstückstisch zusammen zu treffen und doch trennten sie sich ehe der Abend kam, weil es nicht länger glücken wollte, unbefangen froh zu sein. Wo sich das Vorgebirge, das auf seinem Scheitel die Festung trägt, zum Meere niedersenkt, lagen viele kleine Häuser auf den Abhängen, von Gärten und kleinen Feldstücken umringt, meist von Fischern, Gärtnern und kleinen Leuten bewohnt. Manche reiche Einwohner der Stadt aber hatten sich dort auch Pavillons erbauen lassen, um die schönen Tage dort zu verweilen oder mit Freunden froh zu tafeln, und einer derselben gehörte Sam Halset. An eine Schlucht gelehnt, 675 stand er auf einem Vorsprung hart über dem Meere; ein Streckchen davon ab lag ein Wirthschaftshaus, das dazu gehörte und einer alten Dienerin übergeben war, deren Kuh und Ziegen am Berge weideten. Dorthin führte Mary ihren Freund und er folgte ihr gern, obwohl es ein ziemlich weiter Weg war. Der Tag schien so hell und klar, sie gingen durch Busch und Thal und als sie endlich auf der letzten Höhe standen, lag das Meer in voller Herrlichkeit vor ihnen. Aus seiner tiefen Bläue hoben sich in der Ferne zahllose Inseln mit gelb und röthlich schimmernden hohen Ufern, Boote mit weißen Segeln schwammen auf dem Wasser und eben als sie darauf hinblickten, wurde in der Festung eine Kanone gelöst, deren Donner über die Wellen fuhr und von den Bergwänden zehnfach zurückprallte. Die alte Frau, welche einst Mary's Wärterin gewesen, lief jetzt herbei, mit vielen freudigen Worten und Klagen, daß sie so lange Zeit schon vergebens auf einen Besuch der gnädigen Herrschaft gewartet habe. Es ging nicht an, sagte Mary wir hatten einen Kranken zu pflegen, doch nun ist er gesund und hier siehst du ihn, Margareth. Es ist der Freiherr Randal; du hast ihn früher schon gesehen. Freilich habe ich ihn gesehen! rief die Frau. Ei, wie ist mir denn, ich habe auch davon gehört, daß bald eine Hochzeit sein soll und Gott behüt', mein Jüngferchen, das ist er wohl, der gnädige Herr Bräutigam! Wer weiß, sagte Mary lächelnd. Wer weiß? fragte Margareth mißtrauisch. Ist er es nicht? O! was hat Klas Gullick neulich erzählt. Ja, so war's. Sie hätten den Freiherrn Randal gefangen genommen und dem Russenkaiser sollte er sich zuschwören, oder sie wollten ihm das Leben absprechen. Du bist eine Schwätzerin, Margareth! sagte Jungfrau Halset. Willst du Kaffee für uns kochen? Gerne, gerne! Gleich soll's geschehen! Aber gesagt hat es Klas, und gefangen sitzen viele gute Männer dort oben in der Festung. Sage uns lieber, was das Schießen bedeutet? Das Schießen? O, das kann man jetzt alle Tage hören. Seht, da kommt er zwischen den Inseln heraus und dort ist noch einer. Zwei weiße Vögel; sie haben ihre Hauben auf den Köpfen und halten Wache hier vor dem Aurajocki. O, du meine Güte! wie war es 676 sonst, wo dort unter den Felsen vierzig, fünfzig solche schmucke, schlanke Schwäne schaukelten mit langen eisernen Schnäbeln und Krallen. Jetzt ist keiner mehr da, alle sind verbrannt, aber die Russen haben vor den beiden dort mehr Angst wie wir. Sobald die sich sehen lassen, schießen sie ihre Kanonen ab und alle Boote müssen an's Land fahren bei Leib und Leben, daß kein Finne mit ihnen sprechen soll. Und unten am Strande haben sie Wachen stehen, das geht meilenweit fort; sie sagen bis Hangö-Udd, aber ob es ihnen helfen thut? Es hilft ihnen doch nichts, liebster Schatz, denn es sind kecke Bursche, unsere Fischer, und den möchte ich sehen, der sie festhalten will. Sie hatte den Pavillon aufgeschlossen, der nichts war, als ein Häuschen von einem Gemach, das nach dem Meere zu Fenster und Thür und einen Vorplatz hatte, der mit einem Geländer gegen den steilen Abhang der Schlucht versehen war. Dann eilte sie fort und ließ ihre Gäste allein, die, als sie auf jenem natürlichen Altan standen, deutlich sehen konnten, wie zwei lang und scharf gebaute Schiffe sich der Küste näherten und die Fischerbarken zu verfolgen schienen, welche vor ihnen flohen. Es waren ohne Zweifel zwei Kriegsfahrzeuge, die den königlichen Löwen von Schweden in ihrer Flagge führten, aber sie schienen nicht sonderlich gefährliche Absichten zu hegen. Kein Schuß wurde von ihnen gethan, sie jagten den armen Haufen kleiner Boote nur vor sich her, der sich unter die Kanonen einer Strandbatterie an der Mündung des Aurajocki flüchtete, und zogen dann, alle ihre großen Segel entfaltend, längs der Küste weiter, bis sie hinter Buchten und Vorsprüngen verschwanden. Lange, bevor dies geschah, brachte Margareth den Kaffee und sogleich nahm sie den Faden ihrer Mittheilungen wieder auf. Da fahren sie hin, lachte sie, und es ist eine Lust zu sehen, wie sie alle Tage bis dicht unter die Schanzen kommen, und wie der rothe Löwe sich gar nichts aus all' dem Geschieße und Gelärme macht. Es sind auch manche junge Bursche schon nach den Inseln hinüber und manche andere thäten's gern, wenn sie nur fort könnten. Davon wissen die Leute in der Stadt nichts, fuhr sie fort, aber hier draußen wird scharf aufgepaßt. Ehe man's denkt, sind die Kosaken da, und Mancher ist schon fortgeschleppt worden und soll 677 noch wieder kommen, von dem sie meinten, die alte Herrschaft sei ihm lieber wie die neue. Es wird also so leicht Niemand sich damit einlassen, Einem zu helfen, der hinüber möchte. Gewiß nicht, Liebchen, sagte Margarethe, bei Leibe nicht! Besonders jetzt, wo die Nächte hell sind, aber es sind verwegene Männer auf den Schiffen, und Verräther gibt's hier nicht, nein, die gibt's hier nicht! Na, ich wollt's Keinem rathen, der einen Flüchtling verrathen thäte, wie die zuweilen aus dem Lande kommen und sich übers Meer zu retten suchen. Aber jetzt muß ich meinen Ziegen nachlaufen, die in die Schlucht hinabgeklettert sind. Sitzt nur still hier, Liebchen, und wartet bis die Sonne herunter ist, dann kommt der Mond und leuchtet Euch nach Haus. Es ist nichts Schöneres auf der ganzen Welt, sagt Euer Vater, Liebchen, als das zu sehen, und der muß es wissen, der ist doch der Klügste in ganz Finnland. Wollte Gott, daß die alte Frau Recht hätte, sagte Erich nach einem Weilchen, indem er Mary's Hand nahm. Du zweifelst daran, antwortete sie, hat er es nicht bewiesen, als er dich in sein Haus führte und in meinen Schutz gab? Möchte ich ewig von dir beschützt sein! rief er mit liebevoller Innigkeit. Ich lebe wie ein Narr des Glücks, theure Mary, wie Einer, der unermeßliche Schätze sein nennt und doch die Angst nicht los wird, daß Alles nur ein Traum sei. Wir müssen endlich von deinem Vater sprechen, von seiner Klugheit, von mir, Mary und von dir. Warum sollten wir es thun? fragte sie. Warum wollen wir nicht von unserem Glücke und von unseren Hoffnungen leben, bis nichts mehr davon übrig bleibt. Mein Vater ist ein kluger Mann, er rechnet scharf in seinen großen Büchern, und wir Beide stehen dort als Zahlen. Jeder Mensch ist ihm ein Capital, das nützlich angelegt werden muß, um Vortheile zu bringen, und jedes dieser lebendigen Capitale hat die Pflicht, eifrig zu streben, daß es wachse und gedeihe und eine Hauptsumme werde. Weiter hast du nichts von meinem Vater zu erwarten, weiter habe ich nichts zu erwarten. Er liebt dich, sagte Erich. 678 Nicht mehr als dich, nicht mehr als jeden Anderen. Glaube nicht, daß eine Bitte ihn erweichen kann; glaube nicht, daß, wenn er sich freut, sein Herz bewegt und gerührt wird, oder wenn er zürnt, sein Blut sich empört. Er ist hartgesotten in seiner Schale, flüsterte Erich leise vor sich hin. Er kann nicht anders, erwiederte sie. Wie alle Menschen ihm Zahlen sind und Exempel, so ist er dies selbst zumeist. Er kann großmüthig sein, nachgiebig, aufopfernd, jede Beleidigung vergessen, jedem Feind helfen und ihn beschützen, wenn dies zu seiner Rechnung stimmt; doch eben so undankbar, eben so arglistig wird er den Vertrauenden vernichten, den Freund verderben, den Bittenden jedem Elend überliefern, wenn dies zum richtigen Facit nöthig ist. Du hoffst weniger von ihm, als ich, antwortete Erich, dennoch aber – Täusche dich nicht, fiel sie ein. Er hat dir seine Hand noch einmal geboten, und in dieser Hand liegt meine Hand – dafür hat er eine lange wohlgeprüfte Rechnung. O, wie gern möchte ich seine Rechnung dankbar unterschreiben, geliebte Mary! rief Erich. Und doch thatest du es nicht, stolzer, kalter Mann, erwiederte sie, ihre Arme um ihn schlingend. Als dein Vater todt war, bot Sam Halset dir seine Hilfe und bot dir seine Tochter. Ein Sterbender galt dir mehr, als ich und deine Liebe. Antworte nicht, ich weiß, was du sagen willst. Deinen Abscheu vor meinem Vater mußte sein Kind entgelten. Du rissest mich aus deiner Brust und setztest eine Ungeliebte hinein. Solchen Frevel rächt Gott, Erich Randal, er hat dich gefunden. Was hat sich geändert zwischen sonst und jetzt? Du liebst mich, du hast es vor aller Welt gestanden. Mein Vater rechnet weiter mit dieser neuen Zahl. Jetzt hat er dich und mich. Er weiß, daß ich tausendmal für dich sterben könnte. Lebe für mich, meine Mary! sagte Erich. Gottes Segen über dich! O, daß dein Glaube dich nie verlassen möge! Werde ich für dich leben können? fragte sie, indem sie ihn betrachtete. Unglück über uns, Erich! die Stunde wird kommen, wo 679 mein Vater sagen wird: Hier ist meine Mary, nimm sie hin, aber höre an, wofür ich sie verkaufe. Ein schmerzliches Lächeln zuckte um Erich's Lippen, sein Gesicht wurde bleich, er versuchte mit Anstrengung seine Unruhe zu bezwingen. Er kann nichts fordern, was mich entwürdigen müßte, begann er leise, und weil er klug zu rechnen versteht, weil er weiß, was in Halljala vorging, so wird er hören, wenn ich ihm sage – Halt ein! rief Mary sich aufrichtend, sprich es nicht aus. Du hast Zeit, was du sagen willst, zu bedenken. Gott steh uns bei, Erich! aber Eines wisse: Ich bin nicht Ebba Bungen, die dich verlassen kann, denn ich liebe dich! Was auch geschehen mag, ich liebe dich! Und eher sollen Gottes Blitze mich zerschmettern, eher will ich von dieser Klippe in den Abgrund springen, ehe ein anderer Mann mich berühren soll. Das nenne ich herzhaft geschworen! rief eine Stimme hinter ihnen und mitten in der Thür des Pavillons stand ein Mann, der über die Bestürzung des überraschten Paares laut lachte. Er trug weite grobe Leinenhosen, die in hohen Fischerstiefeln endeten, eine blaue Jacke und um den Hals ein lose geschleiftes buntes Baumwollentuch. Auf seinem Kopf saß eine Kappe von Wachstaffet, welche tief in sein Gesicht gezogen war, das er obenein in seinen Händen verbarg. Trotz dieser Vermummung erkannte ihn Erich sogleich. Gustav! rief er erleichtert von seiner Entdeckung. Ist es möglich! Daß ich es bin? antwortete der Seemann. Auf mein Wort! ich glaube es selbst. Im Übrigen ist es auch gewiß am Besten, daß nicht etwa Herr Sam Halset oder ein gewisser Kammerherr in der Nähe war, der, wenn ich ihn hätte, Bekanntschaft mit der Nocke meiner großen Raa machen sollte, so wahr er mein leibhafter Vetter ist. Aber wie kommst du hierher? fragte Erich. Ich soll dir eigentlich diese Frage zurückgeben, versetzte Lindström, allein ich will dir dennoch sogleich antworten. Wir haben trotz aller Strenge, mit welcher die Russen Finnland absperren, so daß die Luft selbst von den Kosaken durchsucht wird, dennoch erfahren, daß der Baron von Halljala wie ein tapferer Mann sich in seinem Schlosse vertheidigte, bis er gefangen wurde. Die Fischer an der Küste erzählen davon, daß die Russen ihn neulich nach Abo gebracht haben und ihn 680 richten lassen wollen, und als ich jetzt eben bei einem alten Bekannten dort unten in der Schlucht saß, um die Nacht abzuwarten, kam ein geschwätziges altes Weib herein und erzählte uns, daß ihre junge Herrschaft bei ihr anlangte und einen Bräutigam mitgebracht habe, der kein Anderer sei, als Herr Erich Randal. Da schien es mir denn am Besten, selbst hinauf zu klettern, und so kam ich gerade zur rechten Zeit, um zu hören und zu sehen, daß das alte Weib nicht gelogen hat. Aber jedenfalls setzest du dich großer Gefahr aus. Nicht mehr, als es mein Beruf mit sich bringt, lachte der Seemann. In meiner abgeschabten Jacke und wie ich sonst aussehe, ist nicht viel zu besorgen; überdies haben wir manchen guten Versteck, den so leicht kein Russe ausmittelt, und endlich – hier schlug er seine Jacke auf und deutete auf Pistolen und Dolchmesser, die er darunter verbarg – besitze ich hier einige wirksame Mittel, um in meine Hängematte zu kommen. Auf den Schiffen, die in der Nähe sind? Auf der Kanonenschaluppe, die dort eben um die Spitze steuert. Ich bin ihr Commandant, denn glücklicher Weise entkam ich der Gefangenschaft in Sweaborg. Nie ist ein so schändlicher Verrath begangen worden, und daß es ein Admiral sein mußte, ist eine besondere Schande für uns, denn bisher ist wenigstens noch niemals ein schwedischer Seemann zum Verräther an Vaterland und Ehre geworden. Wir werden's abwaschen, Erich. Es gibt Keinen, der's nicht geschworen hat, und dankbar bin ich dem alten Cronstedt wenigstens dafür, daß er mich zur rechten Zeit noch nach Abo schickte. Ich habe die Schiffe hier verbrennen helfen, bin dann auf die Inseln und über das Eis nach Schweden geflohen und halte nun Wache vor dem Aurajocki, bis es Besseres zu thun gibt. Wird es Besseres zu thun geben? Die Mienen des jungen Offiziers verdüsterten sich. Verdammt mögen die sein, die uns wie eine Heerde Schaafe bald hierher, bald dorthin hetzen und uns unnütz bluten lassen! sagte er zürnend. Was hat es geholfen, daß sechs solcher Angriffe gemacht werden? Überall wurden sie zurückgeschlagen, denn was wollen 681 schwache Haufen gegen einen starken Feind, der wahrlich kein feiger ist. Aber jetzt, fuhr er lebhaft fort, indem sein Gesicht sich erheiterte, jetzt kommt der König selbst, endlich kommt er und bringt die längst versprochenen Garden mit. Wir wissen es ganz gewiß. Zwei Escadern sind zusammengezogen, Admiral Helmstjerna führt die Flotte und die Russen rüsten in Sweaborg. Das ist unsere letzte Hoffnung, Erich; schlägt die fehl, so ist's vorbei. Ich glaube selbst, es bleibt dann wenig mehr übrig, als den Tod zu suchen. Du hast ein langes Leben noch vor dir, erwiederte Erich. Was ist ein langes Leben werth, wenn es kein ruhmvolles Leben ist! rief der Seemann, indem er sein jugendliches Gesicht stolz und feurig aufhob. Der Abendschein erhöhte den Ausdruck der Kraft und Jugendlust darin. Für mein Vaterland zu sterben, für seine gerechte Sache gegen Barbarei und Knechtschaft bin ich jeden Augenblick bereit, aber Gott behüte mich davor, daß ich den Russen lebendig in die Hände falle. Nur kein Gefangener sein! Jedem Gefangenen, jedem Flüchtling will ich gerne helfen und darum bin ich hergekommen, Erich. Du gehst mit mir; sobald es dunkel ist, bist du frei. Ich kann dich nicht begleiten, sagte Erich, ihm die Hand drückend. Du kannst mich nicht begleiten? Sagen Sie es ihm, Jungfrau Mary. Befehlen Sie es ihm. Befehlen darf ich ihm nichts, erwiderte Mary, aber er mag bedenken, was kommen wird. Erich, ich sehe keinen Rettungsweg für uns. Beschütze dich vor Gewalt. Ich will nicht eher von hier gehen, bis ich dich in Sicherheit weiß. Ich werde dich nicht verlassen, antwortete er in seiner sanften, festen Weise. Hätte ich nur zwei von den achtzig Männern, die dort auf der Schaluppe schwimmen! rief Lindström, ich wollte dich nicht länger bitten. Sieht dein Verstand denn nicht ein, wie das Stück hier enden muß? Erzählen die armen Leute in ihren Hütten sich etwa umsonst, was dem Baron von Halljala geschehen soll, der hundert Russen verbrannt und todtgeschlagen hat? Höre was der Mund zu dir spricht, der dich liebt. Sam Halset hat eine hübsche Fliegenfalle für dich aufgestellt, nächstens wird er sie zuschlagen, ich sehe es deutlich kommen. 682 Er wird dich fragen, ob du ein Russe werden willst, wird dir dafür die weiße Hand bieten, die du jetzt fest hältst, wo nicht so – O! schlag der Blitz in den alten Sam! zerreiß sein Gewebe. Die dich liebt, will es selbst so haben, ihren Schwur wird sie halten. Vorwärts! in einer halben Stunde fällt die Sonne ins Meer. Ich darf nicht gehen, sagte Erich, du würdest es auch nicht thun. Du darfst nicht? Nichts sollte mich abhalten! Warum darfst du nicht? Weil ich mit meiner Ehre mich verbürgte. Weil Halset gelobt hat, mit Gut und Blut für mich zu haften, weil er mir vertraute und, gleichviel warum, mich beschützt und beglückt hat. Es ist falsch! rief Lindström. Wie der Satan hat er dich versucht. So mag der Versucher zu Schanden werden. Nieder mit ihm! Befreie dich von ihm und all dem Teufelszeug. Würdest du denn, um welchen Preis es sei, von deiner Ehre abfallen? fragte Erich Randal. Würdest du die Geliebte verlassen, auf ihr Haupt alle Wuth und alle Rache beschwören? Das würdest du nicht thun, Gustav Lindström, so wenig ich es thun werde. Und warum soll ich fliehen, warum nicht abwarten, was mir geschieht. Noch hat Halset nicht zu mir gesprochen, noch weiß ich nicht, was ich zu fürchten habe. Aber wenn auch das Schlimmste mich betrifft, wenn er mich meinem Schicksale überläßt, so ist dies doch noch nicht ganz hoffnungslos. Ich werde vor Richtern mich vertheidigen können. Ich werde beweisen, daß ich gezwungen wurde, mein Leben zu vertheidigen, daß ich ein friedlicher Mann bin, der jeder Nothwendigkeit sich willig unterwirft. Das Gesicht des jungen Mannes verdüsterte sich. So geh' und sieh zu, sagte er rauh, wohin du mit deiner Bereitwilligkeit kommst. Was ist das für ein Zwitterding von Mann, nicht Russe nicht Schwede, nicht Fisch nicht Fleisch. Leb' wohl denn! Werde, wenn du es kannst, ein guter Unterthan! Ein Mann, lieber Gustav, will ich sein und bleiben, der sich bestrebt, ohne Furcht das zu thun, was er für das Rechte und Gute hält, sagte Erich sanftmüthig. 683 Der Seemann wandte sich trotzig um, aber an der Thüre blieb er stehen. O, zum Teufel! rief er, mein Kopf ist heiß, er kann's nicht fassen, und doch weiß ich, daß du Muth hast, mehr als ich, und es ist etwas in mir, das dich bewundert. Wie es kommen kann, weiß ich nicht, aber wenn du mich brauchen solltest, so liegt hier unten ein Haus, darin wohnt Klas Gullik, ein Fischer und Lootse. An den wende dich, so wirst du mehr hören. Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er fort und nach wenigen Augenblicken verschwand er hinter den Steinblöcken in der Schlucht. Die rothe Sonnenkugel schwebte auf dem Meeresspiegel und dieser färbte sich davon feurig roth. Aus dem abendrothen Duft stiegen die Klippen und Inseln auf und über ihnen hing ein lichtvoller fleckenloser Himmel in wunderbarer Klarheit und Ruhe. Erich blickte zu ihm auf, sein Gesicht war voll Frieden und voll jener unwiderstehlichen Kraft der Überzeugung, die alle Zweifel überwindet. Sanft lächelnd blickte er Mary an. Aus seinen dunklen Augen brach ein Strom heißer Liebe und göttlicher Macht. Zitternd im tiefempfundenen Glück stand sie vor ihm und ohne Worte sagte ihm ihr Anblick, was sie gelobte und empfand. Dann stieg der Mond über die Berge empor, und freudig vertrauend mit dem Muthe der Gewißheit, der alles Bangen überwunden hat, kehrten sie zurück. Als sie den Weg erreichten, der in das Thal hinabläuft und die Stadt zu ihren Füßen lag, theils in halb durchsichtige Nacht gehüllt, theils von glänzenden Lichtstreifen durchschnitten, rollte ein Wagen an ihnen hin, aus welchem plötzlich ein lautes Halt! gerufen wurde. Es war eine leichte Reisekalesche, und eine Dame beugte sich daraus hervor, deren muthwillig frohe Stimme Erich's Namen nannte. Er ist es wirklich! fügte sie hinzu. Unser unglücklicher Philosoph! Und mit welchem Zögling der Natur macht er seine belehrenden Mondscheinpromenaden? Constanze Gurschin! sagte Erich. Dachte ich es doch, daß es so kommen müßte, fuhr die schöne Frau fort. Unser gelehrter Vetter kehrt zu seinen Jugendstudien zurück, welche immer für uns eine bleibende Anziehungskraft haben. Dies 684 bezeugt Ihren bildungsfähigen Geschmack, Herr Philosoph; nehmen Sie also meine heitersten Glückwünsche. Das ist ein unerwartetes Zusammentreffen, liebe Constanze. Nicht ganz so wie es aussieht, erwiderte sie, denn eigentlich bin ich nach Abo in der Absicht gekommen, Sie zu sehen und Ihnen beizustehen, wenn es nöthig sein sollte. So dankbar ich auch dafür bin, sagte er, hätte ich doch nicht geglaubt, Ihren Antheil in solchem Grade zu besitzen. Nein, mein sehr aufrichtiger Vetter, lachte Constanze Gurschin, ich will mich auch nicht mit falschen Federn schmücken. In einigen Tagen wird in Abo eine Versammlung des finnländischen Adels stattfinden und, im Fall Sie dies noch nicht wissen sollten, füge ich hinzu, daß dem Kaiser von ihm der Eid der Treue geleistet werden soll. Mein Vater, mein Onkel und eine beträchtliche Zahl der Landbarone kommen; es werden Feste gefeiert werden und Graf Buxthövden ist ein so liebenswürdiger Festgeber, daß er gewiß Außerordentliches darin leistet. Das ist der eigentliche Zweck meines Kommens, Cousin Erich. Nebengründe sollen Sie bald erfahren. Aber ich bin müde. Es ist entsetzlich, so lange auf diesen elenden Felsenstraßen zu fahren, wo man unmöglich in einem bequemen Wagen fortkommen kann. Auf Wiedersehen also! Auf Wiedersehen, Cousine Constanze! Halt! noch etwas für die Fräulein Halset. Ich habe Ihren Vater heute gesehen, er wird morgen wieder bei Ihnen sein. Ich danke Ihnen, gnädige Frau, erwiederte Mary. Benutzen Sie die Zeit, ihm einen freudigen Empfang zu bereiten. Schade, daß Erich keine Uniform hat. Wir lieben die Uniformen in Rußland; ein uniformirter Mensch ist erst ein eigentlicher Mensch; die wahre Menschheit beginnt mit ihm. Wir wollen sehen, was sich thun läßt, um ihn auf den Festen glänzen zu lassen. Der Staatsrath Halset im goldgestickten Rock, seinen Orden um den Hals, sieht bewunderungswürdig angenehm aus. Ihr Spott ließ sich deutlich genug erkennen. Lachend fuhr sie fort zu sprechen. Sobald ich kann, komme ich zu Ihnen, bestes Fräulein Halset; wir müssen uns näher befreunden! Ich bin noch immer betrübt, daß meine süße Louisa mich verlassen hat. 685 Wo ist Louisa? fragte Erich. Der Schmetterling! rief Frau von Gurschin. Er ist davon geflogen, mitten in den wilden Kriegslärm hinein! Ich schwöre es! ganz gegen meinen Willen. Aber wer kann der Leidenschaft widerstehen, die alle Gefahren verachtet. Wo ist das unglückliche Kind? Dürfen Sie in den Armen der Liebe so jämmerlich darüber schreien, Cousin Erich. Würden Sie die Geliebte verlassen, würden Sie nicht Alles für das Glück opfern bei ihr zu sein? Sie antworten nicht, aber wer nicht sich selbst und Alles, was er besitzt, seiner Liebe opfern kann, der liebt nicht. Louisa ist der höchsten Opfer fähig! Serbinoff ist ihr Gott, Welt, Seligkeit und Himmel. Sie hat ihn begleitet, als er mit einer Brigade nach Savolax, zog, um den wilden Sandels zu jagen. Seitdem habe ich einen Brief von ihr aus Kuopio erhalten, wo Serbinoff sich befestigt hatte, um den General Barkley de Tolly zu erwarten. Es muß äußerst romantisch sein, mitten unter Kugeln und Mordgeschrei an des Geliebten Herz zu liegen. Aber ich versichere Sie, Louisa ist glücklich. Sie hat nicht einmal Sorge um Serbinoff, denn sie ist überzeugt, daß alle Kugeln von ihm abprallen. Erich murmelte einen Namen, den Constanze verstand. O, lachte sie, das wird allerdings eine äußerst pikante Episode in diesem Roman werden. Der geistreiche Kammerherr und Gouverneur von Tavasteland hat, wie mir Serbinoff schreibt, schon einen Versuch gemacht, ihn mit seiner Schwester im Feldlager zu überraschen. Serbinoff hat dies abzuwenden gewußt, es wird aber dennoch geschehen und dabei kann es zu ergötzlichen Scenen und Bekenntnissen kommen. Doch nun gute Nacht, Cousin Erich! Gute Nacht, schöne Jungfrau Mary! Träumt Beide von eurem Glück. Solche Träume sind oft weit herrlicher, als alle Wirklichkeit. 686 Dreizehntes Kapitel. Zwei Tage später traf der Staatsrath Halset ein. Er saß in einer offenen Droschke nach russischer Art, war in eine goldgestickte Uniform gekleidet, hatte einen dreieckigen Federhut auf dem Kopf und einen Degen an der Seite, über den er beinahe gefallen wäre, als er durch den Vorgarten seines Hauses ging, und mit seiner gewöhnlichen Lebendigkeit nach dem Balkon hinauf grüßte und winkte, wo er Erich Randal stehen sah. Es war ein wunderlicher Anblick! Der kleine alte Herr mit seinem rothen dicken Gesicht steckte wie der Krebs in der Schale in dem hochaufstehenden Kragen des Tressenrocks und seine kurzen Beine schlotterten wie Affenbeine in den gewaltigen steifen Glanzstiefeln, die bis über seine Kniee reichten. Ein Unbefangener hätte kaum ernsthaft bleiben können und Frau von Gurschin's Spöttereien waren leicht zu begreifen, aber die Erscheinung Sam Halset's als russischer Würdenträger, mit dem Annenorden geschmückt, hatte eine furchtbare Bedeutung und Erich zweifelte nicht, daß die Stunde der Entscheidung da sei. Er ging seinem Beschützer entgegen, der ihn umarmte und mit ermunternden Ausrufungen empfing. Nun, Freiherr Randal, rief er, Sie sehen frischer aus als jemals, weil die Sorgen fort sind, Herr, die Grillen, die Einbildungen. Wo ist Mary? Denke, daß ihr die Gesellschaft nicht weniger gut bekommen und eine Harmonie entstanden, die ihren Klang behält. In dem Augenblicke trat Mary herein und Sam lief auf sie zu und blieb vor ihr stehen. Prächtig, Kind, prächtig! schrie er. Blühst wie eine Rose im Garten Eden und war keine Schlange daran, die dein Glück störte. – Er küßte sie auf Stirn und Wange, zog sie an sich, um ihr zu schmeicheln, und wandte sich dabei zu Erich zurück. 687 Es ist mein einziges, liebstes Gut auf Erden, Freiherr Randal, sagte er; ich bin stolz darauf; möchte es um keinen Preis verlieren. Nuh! nuh! fuhr er fort, es ist nicht damit gemeint, daß ich dich für mich allein behalten will. Der zärtlichste Vater muß seinen Schatz fortgeben, aber es muß Gewinn dabei sein, für sein eines Kind, muß er zwei wieder bekommen. Habe das heut' auch schon dem Grafen Buxthövden gesagt, denn ich bin während der Nacht zurückgekommen, Mary, blieb in der Stadt in meinem alten Comptoirhause, und war gleich früh bei dem Generalgouverneur. Sie müssen wissen, Freiherr, fuhr er fort, daß ich fertig bin mit der Landbank; habe sie eingerichtet, denke besser, als was bis jetzt in Wiborg und anderswo darin vorhanden war. Kaufmännische Grundsätze, Handel und Geschäft, davon wissen Beamte nichts; aber Graf Buxthövden hat die richtige Einsicht, hat die Sache mir allein überlassen. Sie sind mein Mann, Staatsrath Halset, sagte er, habe das volle Vertrauen zu Ihnen und Ihrem Plan, und wie ich ihm heut' zeigte, was ich eingerichtet und die Vortheile zeigte, schrie er auf vor Freude, weil's in Petersburg gefallen wird, und gab mir sein Wort, mir auch meine Bitten zu erfüllen. Bei diesen Worten sah er Erich an, nickte ihm zu und streckte dann seine Hände aus. Es ist Christenmenschen Pflicht, lachte er, an seine Mitmenschen zu denken und wenn's möglich ist, deren Bitten zu erfüllen. Denke also, wenn Einer zu bitten hat, soll er willkommen sein. Was ich bitte, erwiederte Erich, sollte längst schon erbeten sein; doch ist jeder Mensch abhängig von den Verhältnissen. Was vergangen, ist Ihnen zu wohl bekannt. Nichts von der Vergangenheit, Freiherr! rief Halset, laßt uns in die Tasche greifen und alle gute Dinge nehmen, die wir darin finden. Mit einem Worte dann, Herr Halset, fuhr Erich fort. Geben Sie mir Mary. Immer war sie mir theuer, jetzt liebe ich sie, als mein einziges Lebensglück, und sie – Weiß es! schrie der Staatsrath, weiß Alles, Freiherr, und sage jetzt noch, wie ich damals sagte: Biete Ihnen meiner Tochter Hand, Herr Erich Randal; biete sie Ihnen mit Allem, was ich erspart habe 688 für mein einziges Kind. Biete sie Ihnen, um mit einem Schlage Glück, Frieden, Freiheit und Reichthum zu finden. Dankbar nehme ich Ihre Güte an, sagte Erich. So glücklich wie Sie mich machen, so glücklich soll meine geliebte Mary sein. Schlag ein, Mary! schlag ein, mein Kind! schrie Halset. Nimm ihn in deine Arme, halt ihn fest und küß ihm den Mund zu, wenn er mir widersprechen will. Ja, Herr, Sie sollen erfahren, was Sam Halset gethan. Mary's Glück ist mein Glück. Es war das einzige Mittel, Sie vom Untergang zu retten, und ich mischte den Trank zur rechten Zeit. Graf Buxthövden wird kein Kriegsgericht rufen; Alles ist vergessen, Alles vergeben. Es ist keine weitere Bedingung dabei. Ehre und Ansehen kommen von selbst. Die Landbank ist da. Der Baron von Halljala kann Geld bekommen, so viel er nöthig hat. Der alte Sam ist aber auch da und hat keine Schuldscheine mehr, aber seine Mary hat goldene Hände. Ich hab's dem Generalgouverneur gesagt, würde ihm meine Kinder in einer Stunde bringen. Sitzen heut an seiner Tafel viele edle Gäste, Adel, Geistlichkeit aus allen Landestheilen, die ihrem gnädigen Kaiser danken wollen; Propst Ridderstern sitzt auch dort, ist Bischof geworden. Beim heiligen Olaf und seinem langen Bart! er soll nicht eher aus Abo fort, bis er den Segen über euch gesprochen hat. Ich habe vernommen; erwiederte Erich, daß eine Huldigung des Kaisers morgen hier stattfinden soll, Sie wissen jedoch, Herr Halset – Küss' ihm den Mund zu, Mary! küss' ihn! Laß ihn keine Erwiederung machen! schrie der Staatsrath. Eine Huldigung der Stände ist es nicht, Freiherr, die wird erst folgen, wenn Friede geschlossen ist. Der Kaiser wird dann selbst nach Finnland kommen; die getreuen Herren die sich hier versammeln, wollen nur mit ihrem Eide bekräftigen, daß sie den Kaiser als ihren Herrn anerkennen und auf immer mit der alten Herrschaft gebrochen haben. Ist das der Klugheit gemäß? fragte Erich Randal. Kann nicht das Kriegsglück sich noch wenden, Schweden zum Sieg gelangen? Niemals wird's geschehen, Freiherr, niemals! Wir sind Beide keine Kriegsleute, aber der einfache Verstand begreifts, daß kein schwedischer Gouverneur hier wieder einzieht. Bald ist der Herbst da, dann wird die 689 Flucht angehen. Von Rußland kommen ohne Unterlaß Heerhaufen, Kriegsbedarf und Alles, was nöthig ist, um zu schlagen. Große Magazine werden aufgehäuft, damit kein Mangel entstehe; die Schweden aber haben schon jetzt nichts, können sich kaum mehr ernähren, gehen in Lumpen und Lappen. Aus Schweden kommt weder Geld, noch Nahrung, noch Kleider, noch Waffen. Laßt den Winter da sein, Herr, und seht zu, was dann geschieht. So wahr ich Sam Halset bin! kein Schwede wird dann mehr in Finnland aushalten, aber über das Eis fort werden die Russen ihren Weg finden. Von den Alandinseln nach Stockholm ist eine Reise von wenigen Tagen. Ich habe Nachricht von dort her. Ist eine ärgere Wirthschaft, als sie je gewesen. Ohne Ordnung, ohne Verstand, ohne Geld, ohne Nachdruck, wüstes Befehlen und Anordnen, sinnlos und planlos. Nichts wird gesammelt, doch vergeudet und verschwendet, was noch an Mitteln vorhanden. Die vernünftigen Männer werden verschmäht, vernünftiger Rath verfolgt. So muß ein Staat herunter kommen, dessen Fürst ein Riese zu sein glaubt und dabei ein Zwerg ist. Ich kann nicht widersprechen, sagte Erich betrübt, aber diese kläglichen Zustände werden ein Ende nehmen. Unglaublich bleibt es, daß die europäischen Mächte jemals zugeben sollten, daß Rußland sich dauernd eines Landes bemächtigt, durch welches seine Herrschaft in der Ostsee gesichert wird. Das heißt wie ein politischer Mann gesprochen! lachte Halset, ist aber dennoch falsch. Hat in Europa jetzt kein Anderer zu befehlen, wie Napoleon Bonaparte allein, und theilt die Welt, der große Mann, mit seinem lieben Bruder Alexander, wie der Löwe. Deutschland, Italien, Spanien und Portugal nimmt er für sich, wird also doch das Stückchen finnisches Fell für den mächtigen Herrn in Petersburg übrig lassen. Wir wollen nicht fragen, wer endlich das Beste behält; ist eine wunderbare Zeit, Freiherr Randal, nuh was geht es uns an! Wir sitzen auf keinem Thron, haben nichts zu regieren, sind bescheidene kleine Leute, sorgen nur für uns selbst. Blind aber muß der sein, der nicht zugreift und nimmt, was er bekommen kann. So steht es, Freiherr. Sie wollen Mary Halset haben? Ja, Herr Halset, aber – 690 Kein Aber, Herr. Sie müssen einsehen, daß mein Schwiegersohn des Kaisers Feind nicht sein darf. Das bin ich nicht. Ich kann es nicht ändern, was geschieht, allein – Küss' ihm den Mund zu, Mary, küss' ihn! schrie Halset. Wir haben keine Zeit mehr zu bedenken, wie es besser sein könnte. Graf Buxthövden erwartet uns. Ein Regentschaftsrath wird morgen eingesetzt aus den Ständen, darin ist Platz für den Baron von Halljala und für den Staatsrath Halset. Eh! Herr Halset, erwiederte Erich, sich so fest aufrichtend und mit einer Stimme sprechend, daß Halset ihn anhören mußte, ich bin schwer bedrängt, erkenne meine ganze Lage und kann doch nichts daran ändern. Ehre und Gewissen verbieten mir auch jetzt zu thun, was ich niemals zu thun vermochte. Ich bin ein schwedischer Freiherr, mein Vaterland kann ich nicht verrathen. Ich habe Eide geleistet, die nicht eher zu lösen sind, bis der König sagt: ich entbinde Euch davon. Dann erst kann ich dem neuen Landesherrn huldigen. Komm hierher, Mary, sagte Halset, freundlich winkend. Ja, Vater, antwortete sie, ohne zu zögern. Was sagst du dazu? Was ich Erich schon gesagt habe, versetzte sie. Er muß deinen Willen befolgen. Recht, mein Kind, das muß er. Geh, kleide dich an, schmücke dich, aber schnell, da kommt ein Besuch. Es ist Frau von Gurschin, sie will uns begleiten. Er führte sie bis an die Thür, kehrte dann zu Erich zurück und schüttelte ihn am Arm. Ich kann's noch nicht glauben, daß das Einsehen nicht gekommen sein sollte, rief er lachend. Wollen die Grillen austreiben, Freiherr, ist immer noch ein Rest davon zurückgeblieben. Vorwärts! vorwärts! da kommt eine Dame, die es am besten weiß, wie man leben muß, und mit diesen Worten führte er ihn der eintretenden schönen Cousine entgegen. Frau von Gurschin schimmerte in Brillanten. Ihre ersten Worte waren an Erich gerichtet. Er hat kein hochzeitlich Kleid an! rief sie, und sieht aus, als sollte er zu Denen geworfen werden, bei denen Heulen und Zähnklappen ist. Ich habe einen vollständigen Anzug 691 meines Vaters mitgenommen, der Ihnen passen wird, Cousin Erich. Wo ist die fröhliche Braut? Geschwind, wir haben es mit Minuten zu thun. Mein Diener hat die Kleider schon abgeliefert. Sie werden dem Herrn Staatsrath, dem würdigen, trefflichen Schwiegervater, an Lieblichkeit kaum nachstehen, galanter Philosoph. Ich werde Sie nicht begleiten, Constanze! sagte Erich. Nicht? Ich dachte es beinahe, lachte sie. Was wollen Sie denn thun? Sie müssen uns begleiten! Sie wissen, daß ich es nicht kann. Weil Sie Unrecht thun würden? Weil ich heucheln und falsch schwören müßte. Und wie ein puritanischer Heiliger will er sich lieber foltern und kreuzigen lassen. Aber, heiliger Erich, es muß dennoch geschehen. Es darf nicht geschehen. Ihrer Verbrechen wegen muß es geschehen, sagte Constanze. Ich weiß mich unschuldig. Nicht jener Verbrechen wegen, die das Lamm zum Tiger machten, mein blutdürstiger Vetter, fuhr sie fort, sondern weil Sie zum Verbrecher gegen sich selbst werden. Mein Gott! wie kann man so schwerfällig denken. Was wird denn von Ihnen verlangt? Sie sollen uns begleiten, sollen dem Generalgouverneur sagen, daß Sie sich glücklich schätzen, bei ihm zu helfen, und ein paar dankende Worte hinzufügen. Nein, Constanze! Ich soll in dem Dome von Abo einen Eid leisten und dafür einen Orden erhalten und ein Amt empfangen. Seltsamer Philosoph! an solche Nebensachen denkt er, davor erschrickt er! Wonach tausend Hände sich ausstrecken, was Tausende beneiden, das macht ihm Grauen. Um wie viel weniger haben viele vortreffliche Männer oft zehn Eide geschworen und wie Viele sind bereit, es täglich zehnmal zu thun. Wenn es ihm noch helfen könnte, wenn er Hoffnung haben könnte, daß es in Stockholm jemals vergolten würde, fiel Halset ein. O Possen! rief die schöne Frau, was kümmert uns eure Politik und die kopflose Armseligkeit des Herrn aller Schweden. Ich weiß, daß der heilige Erich solche Dinge verachtet und daß alle Schätze Petersburg's ihm gleichgiltig sind. Doch hier kommt der einzige Grund 692 aller Gründe, der ihn vernünftig machen muß; hier kommt Mary Halset! Blicken Sie auf, Cousin Erich, was sagt Ihnen dies reizende Gesicht? Kein Wort mehr. Wenn Sie jetzt nicht bekehrt sind, so ist Alles verloren. Geliebte Mary! sagte Erich, sanft zu ihr aufblickend. Du allein wirst mir nicht zürnen. Halset hob seinen Arm auf, aber ehe er sprach, trat Mary zurück. Ruhig und kalt, wie in früherer Zeit, und fast mit demselben düstern Ernst blickte sie den Mann an, der im Begriff war, sie abermals seinen Ansichten von Recht und Pflicht zu opfern. Ein boshaftes Lächeln schwebte um Constanze's Lippen. Das war in der That keine besonders liebliche verführerische Braut. Ich zürne dir jetzt so wenig, sagte sie, wie dies je der Fall war; allein meines Vaters Wille ist mir heilig, und wer seine Hand von sich weist, muß erwarten, daß er damit auch alle Aussicht auf meine Hand verliert. Mary antwortete er schmerzlich bewegt, das kam nicht aus deinem Herzen. Ich wiederhole dir nur was du weißt, fuhr sie fort, was ich dir bestimmt erklärte. Du bist zu verständig, um nicht einzusehen, daß du meinem Vater folgen mußt. Was diese edle Frau dir sagte, ist nicht minder Wahrheit. Wähle also, der Preis bin ich! Und nie hat die finnische Sonne einen schöneren Preis beschienen, fiel Constanze ein. Keine passendere Wahl ist für Sie möglich, Erich! Was habe ich Ihnen neulich gesagt. Wer liebt und nicht Alles seiner Liebe opfern kann, der kennt die Liebe nicht. Undankbarer! haben Sie vergessen, was Mary für Sie gethan hat? Nie! nie! werde ich es vergessen! antwortete Erich, und seine Augen leuchteten begeistert auf. Doch entehrt vor mir selbst würde ich ihrer nicht mehr würdig sein. Trösten Sie ihn doch darüber, Jungfrau Mary! sagte Frau von Gurschin. Sagen Sie ihm, daß er jede Vergebung zu hoffen hat. Der Freiherr Randal muß am besten wissen, was sich für ihn schickt, versetzte Mary. Er muß wissen, was er für mich opfern kann, was ich ihm werth bin. 693 Nun, Gott tröste euch beide! rief Constanze Gurschin schwankend zwischen Spott und Ärger; ich für mein Theil würde stehen und schwören, drohen und weinen, bis er mir zu Füßen läge. Recht, Mädchen, recht! schrie Halset. Fall ihm um den Hals, küsse ihn, herze ihn, bis er das richtige Einsehen hat. Nein! antwortete sie mit aller Unbiegsamkeit ihres Charakters. Niemals soll er sagen, daß meine Bitten ihn entehrten. Wähle, Erich! die Stunde ist da. Mein Vater heißt dich willkommen, mein Herz gehört dir, entscheide über dich und mich! Eine Minute lang stand Erich Randal regungslos. Langsam hob er den Kopf auf und blickte seine Geliebte an. Ihr Gesicht war so bleich wie sein eigenes Gesicht, doch keine Muskel zuckte darin, kein Schmerz, keine Freude waren darin zu erkennen, während alles Weh in ihm über sie ausströmte. Dann näherte er sich ihr und auf sein Knie sinkend, ihre Hände mit seinen Küssen bedeckend, sagte er mit leiser trauriger Stimme: Lebe wohl, Mary, es muß so sein! Es muß so sein! antwortete sie, indem sie zurück trat. Hörst du wohl, Vater? Es muß so sein! Gottes Wille geschehe denn! Er hat es so gewollt. Halset fing sie in seinen Armen auf. Du bleibst mein Kind, sagte er, mein liebes, gutes Kind, hast gethan, wie Sam Halset's Tochter thun muß, und bei Gottes Allmacht und diesem Himmel über uns! Du sollst es nicht bereuen. Habe hier weiter kein Wort zu sagen. Graf Buxthövden darf nicht warten. Frau von Gurschin hatte Erich beim Arm ergriffen und ihn an ein Fenster geführt. Sie sind der größte Thor, den ich jemals sah, sagte sie ihm ins Ohr; sein Sie wenigstens jetzt vernünftig. Verbergen Sie sich! Wenn es keinen besseren Ort dazu gibt, eilen Sie sogleich in meine Wohnung und erwarten Sie mich dort. Ich danke Ihnen, Constanze, erwiederte er, aber ich kann und will nicht fliehen. Nun denn, so sterben Sie, wie Sie gelebt haben! rief sie zornig, indem sie sich entfernte, Sam Halset's Arm nahm, der am andern Arm seine Tochter führte, und mit ihm das Haus verließ. 694 Sterben wie ich gelebt habe, murmelte Erich, ja das bleibt mir allein noch übrig. Er sann über Mary's Benehmen nach und wehmüthig seufzend suchte er sie zu entschuldigen. Was sollte sie thun, sagte er endlich. War es nicht edel gehandelt, daß sie mit keinem verlockenden Worte mich zu überreden suchte; hätte sie es gethan – o, mein Gott! welche Noth, welche Qualen wären über mich gekommen. Sollte sie mir beistimmen, mich beloben, was hätte es gefruchtet? Halset würde sie verdammt haben, wie er mich verdammt. Aber, fügte er leiser hinzu, nicht mit dieser Härte, dieser Kälte hätte sie von mir scheiden müssen. Hatte sie kein Wort, keinen Blick des Trostes für mich! Ist das ein Abschied! ohne Erinnerung, ohne Sehnsucht! Doch nein, so ist es nicht! fuhr er zuversichtlich fort. Gottes Segen sei mit ihr! sie hat gethan, was sie mußte. Ich war es, der entsagte, nicht sie. Lebe wohl, meine Mary, lebe wohl! Zeiten gehen und Zeiten kommen. Diese Stunde wird mich nicht aus deinem Herzen reißen! Ich werde an dich glauben, bis all mein Lieben, all mein Hoffen mit mir begraben liegen. Nach einer Stunde war er in seinem Zimmer damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammen zu packen, als heftig an die Thür gestoßen und diese geöffnet wurde. Ein Polizeiagent trat herein, ein anderer blieb draußen stehen. Sie suchen mich, sagte Erich. Ich bin der Freiherr Randal. Dann müssen Sie mir sogleich folgen. Darf ich fragen wohin? In das Gefängniß der Festung. Ich habe es erwartet und bin bereit. Mitnehmen dürfen Sie nichts, gebot der Agent. Gehorsam legte Erich das Päckchen auf den Tisch. Seine Demuth bewegte den Häscher zu einer Art Trost. Sie werden nicht lange zu warten haben, sagte er. Morgen ist Festtag, weil die Stände dem Kaiser schwören, übermorgen aber wird Kriegsgericht gehalten. 695 Vierzehntes Kapitel. Die Festung Abohus ist ein altes Gemäuer. Erich der Heilige hatte zuerst hier ein mittelalterliches Schloß erbaut, das während der Kriege des sechszehnten und siebenzehnten Jahrhunderts mehrmals erobert, niedergebrannt und wieder aufgebaut wurde. Auch die Russen hatten es öfter schon in ihrer Gewalt, doch niemals war es eine Veste von besonderer Wichtigkeit. Dicke Mauern und ein paar runde Thürme unterstützten einige alterthümliche enge Bastionen, die ein unregelmäßiges Viereck einschlossen, in welchem verschiedene Häuser standen. Auf diesem Hofe hatte der Commandant des Schlosses den Freiherrn erwartet und ihn dann in dem südlichen Thurm einschließen lassen, wohin er ihn begleitete und sich selbst davon überzeugte, daß sein Gefangener sicher verwahrt sei. In der That würde selbst ein verwegener Mann den Muth verloren haben, an seine Befreiung zu denken. Eine schmale Wendeltreppe, deren Eingang mit Schloß und Riegel versehen und von einem Wachtposten behütet war, führte zu einem hohen Thurmgewölbe, das abermals starke Thüren versperrten. Ein stark vergittertes, kleines Fenster ließ Licht herein und gestattete dabei die unbegrenzte Aussicht auf das Meer. Der Commandant besichtigte die Schlösser, Riegel, Thüren und Gitter und ehe er ging richtete er einige Fragen an Erich Randal. Er war noch jung, aber er hatte den rechten Arm bis an die Schulter verloren und über sein mageres Gesicht lief eine breite, dunkelrothe Narbe. Gleich bei dem Empfange des Gefangenen zeigte er sich abschreckend rauh, sein ganzes Benehmen war mitleidlos, wie es Kerkermeistern solcher Art oft eigen ist. Jetzt blieb er vor Erich stehen und fragte französisch: Kennen Sie mich? 696 Der Freiherr dachte nach und erwiederte: Nein. Ich dächte, wir müßten uns schon gesehen haben, fuhr der Offizier mit höhnender Miene fort. Ich weiß in der That nicht wo, war die Antwort. Gut, so denken Sie nach; wir werden uns kennen lernen. Damit wandte er sich um und ging hinaus. Erich hatte an Anderes zu denken. Er blickte aus dem engen Fenster über die blaue See hinaus und über den Kranz der Inseln, die bis in die weiteste Ferne sichtbar waren. Ein Schiff mit hohen Decken und gewaltigen Segeln kreuzte auf dem Meere, näher am Ufer aber flog eine der kleine Kanonenschaluppen vorüber und seine Hand nach ihr ausstreckend, murmelte Erich: Wenn der ehrliche Gustav es wüßte, er würde sein Leben vergebens zu opfern suchen. Sie haben mich an einen sicheren Ort gebracht. Der Thurm ist so hoch, der Fels so steil, und sie wissen nicht, setzte er mit einem melancholischen Lächeln hinzu, daß sie weder Thürme noch Riegel nöthig hätten, um mich fest zu halten. Die Stunden liefen hin, dem Tage folgte die Nacht, ein neuer Morgen kam und ein zweiter Sonnenwechsel. Die Zeit verging dem Gefangenen eintönig, langsam, durch nichts belebt, als durch bange Erinnerungen an vergangenes Leben und verlorenes Glück, mit denen sich ernste Gedanken über die Zukunft und ihre Schrecken vermischten. Mit diesen jedoch hatte Erich Randal sich besser abgefunden, als die meisten Gefangenen es zu thun pflegen. Es war nichts von der fieberhaften Aufregung in ihm, mit der ein Angeklagter den Gang vor seine Richter erwartet und mit steigender Seelenpein sich immer von neuem wiederholt, was er antworten, was er bekennen, wie er seine Unschuld behaupten will. Von der Gerechtigkeit seiner Handlungen überzeugt, hatte Erich nur die einfache Wahrheit zu erzählen und ohne sich Hoffnungen zu überlassen, war er überzeugt, daß wenn der Gerichtshof nur aus ehrlichen Männern bestehe, diese ihn freisprechen müßten. Auf jeden Fall aber sah er dem Ausgang seines Prozesses mit der milden Selbstbeherrschung entgegen, die der Grundzug seines Wesens war. Keine zornige Beschuldigung verdammte seine Feinde, keine Verwünschung kam über seine Lippen. Die Menschen reifen 697 langsam zum Guten auf, sagte er. Es wird eine Zeit kommen, wo sie gerechter und besser sein werden, es hat Zeiten gegeben, wo sie weit grausamer und ungerechter waren als sie es jetzt sind. Hätte ich damals gelebt, wo die wilden Schaaren Peter's des Großen über Finnland sich ergossen, so würde ich unter entsetzlichen Martern geendet haben. Damals genügte ja der leiseste Widerspruch dazu, lebendig verbrannt, oder von Pferden in Stücke gerissen zu werden; jetzt stellt man mich doch vor ein Gericht, erlaubt mir, mich zu vertheidigen, und wenn mich ein Todesurtheil trifft, werden meine Leiden rasch vorüber sein. Ich klage nicht. Die Zeit, in der ich lebe, verurtheilt mich nach ihrer Erkenntniß, willig unterwerfe ich mich, gestärkt durch meinen Glauben. Einst, du großer Weltenschöpfer, werden deine Wesen milder und gerechter sein, einst werden sie ohne Mord und Blutvergießen, ohne Knechtschaft und Gewalt friedlicher bei einander wohnen, menschlicher ihr Erdenloos theilen, gemeinsam besser und geduldiger, in Freude und Leid sich näher sein. In solchen Gedanken vergaß er seine Einsamkeit und während der drei Tage, die er in dem Thurmgewölbe verlebte, ohne einen Menschen zu sehen als den alten Soldaten, der kein Wort sprach und auf keine Frage antwortete, war er niemals von Niedergeschlagenheit heimgesucht, nie von seiner männlichen Festigkeit verlassen. Kaum drang je ein Ton durch die dicken Mauern vom Meere herauf, nur die Glocken der Stadt hörte er läuten und die Kanonen abfeuern, als dem Kaiser von dem versammelten Adel und der Geistlichkeit der Eid geleistet wurde. Hätte er sich nicht zu diesen zahlreichen und mit Ehren begabten Leuten gesellen können? Hätte er nicht thun können, was sie thaten? Mit diesen Dienern Gottes, mit dem hochwürdigen Propst von Halljala, mit seinen stattlichen Verwandten, mit so manchen, welche berühmtere Namen führten, als der seine war. Wer hätte ihm fluchen, wer ihn verachten können? Was schadete es ihm, wenn auf der langen Liste derer, die man jenseits des Meeres Verräther an Vaterland und Ehre schalt, auch sein Name stand? Was hatte er dafür von sich gestoßen und wohin hatte ihn diese Schwärmerei geführt. Er, der das Leben so kalt betrachtete, der jeden Menschen in seinen Schwächen entschuldigte, er 698 hatte unbeugsam dem, was er Recht und Gewissen nannte, Alles geopfert, was das Glück ihm unverhofft zum letzten Male bot. Und noch jetzt war er ohne Reue, noch jetzt kam kein banger Wunsch nach Umkehr, keine Sehnsucht nach dem Verlornen, kein Seufzer über seine fanatische Selbstvernichtung in seine Brust. Sanft und traurig dachte er an das, was geschehen, an die, welche er liebte, aber wäre auch die Stunde noch einmal aus der Vergangenheit zurückgekehrt, die nichts wiedergibt, er würde doch nicht anders gehandelt haben. Ohne einen Freund, ohne Hoffnung saß er hier und sagte sich, daß er auf keines Menschen Hilfe rechnen dürfe, doch diese Gewißheit hatte nichts Erschreckendes. Sie vermehrte seine ruhige Entschlossenheit, nur auf sich und auf die Macht der Wahrheit und des Rechts zu vertrauen. Und mit dieser Kraft ausgerüstet, hörte er endlich auf der Treppe vor seinem Gefängniß das Klirren der Gewehre und die harten Schritte mehrerer Männer. Ein Commando Soldaten stand in der Vorhalle, ihr Offizier benachrichtigte den Gefangenen, daß er den Befehl erhalten habe, ihn vor das versammelte Kriegsgericht zu führen. Nach einigen Minuten stieg Erich in den Hof hinab. Ein Theil der Besatzung stand dort unter Waffen, vielleicht dazu bestimmt, das gefällte Urtheil sogleich zu vollstrecken. Als er das Haus des Commandanten erreicht hatte, sah er die Thüren eines großen Gemaches geöffnet, das durch Schranken getheilt war. Außerhalb derselben standen Soldaten als Zuschauer, innerhalb saßen um einen Tisch sieben Männer. An ihrer Spitze befand sich ein Oberst, neben ihm sechs Beisitzer verschiedener Grade, der letzte ein Grenadier. Der Eintritt des Gefangenen bewirkte ein allgemeines Schweigen. Die Wachen stellten sich in einer Linie vor dem Gitter auf, aber die Thüren blieben geöffnet. Der Präsident winkte dem Gefangenen näher und ihm gegenüber zu traten, dann richtete er einige Fragen an ihn in russischer Sprache, die von einem anderen Offizier ins Schwedische übersetzt wurden, welcher die Antworten hierauf wieder ins Russische übertrug, so daß sie jedem der Anwesenden verständlich wurden. Wie heißen Sie? fragte der Präsident. Erich Randal. Sie sind der Baron von Halljala? 699 Der bin ich. Sie sind des Hochverraths gegen Ihren Herrn und Kaiser angeklagt. Der Kaiser ist mein Herr nicht, antwortete der Freiherr mit fester, voller Stimme. Der Oberst blickte ihn düster an. Sie sind ein Unterthan Sr. Majestät, wie alle Bewohner dieses Landes, sagte er. Hören Sie jetzt die Anklage, welche ich in russischer und schwedischer Sprache laut vorlesen lassen werde; bringen Sie dann vor, was Sie zu Ihrer Vertheidigung sagen können. Auf seinen Wink erhob sich der Offizier und las die vor ihm liegenden Actenstücke, aus welchen kurz und bestimmt hervorging, daß Erich Randal, Baron von Halljala, in der Nacht vom 9. März, als ein Detachement des Heeres Sr. Majestät, befehligt von dem Obersten Serbinoff, Adjutanten des Oberbefehlshabers, das Schloß Halljala besetzte, einen verrätherischen Angriff auf die Truppen des Kaisers ausführte. Versteckt gehaltene schwedische Soldaten vereinigten sich dazu mit einer Bande bewaffneter Bauern, welche seit längerer Zeit in den Waffen geübt wurden, trotz der Proclamation des kaiserlichen Feldherrn, die bei den härtesten Strafen jede Zusammenrottung und jede Widersetzlichkeit verbot. Als einer der Anführer dieser Bande, ein Schulmeister mit Namen Lars Normark, der als Unruhestifter bekannt war, von dem Obersten Serbinoff verhaftet werden sollte, wurde derselbe von seinen Genossen mit Gewalt befreit. Zu gleicher Zeit entzog sich der Baron Randal seiner Verhaftung, welche durch sein Betragen vollkommen gerechtfertigt war, indem er den damit beauftragten Offizier tödtlich verwundete. Eine Anzahl Soldaten des Kaisers wurden auf den Fluren und in den Höfen des Schlosses ermordet, bis dies nach einem verzweifelten Kampfe in Brand gerieth und von den Aufrührern verlassen werden mußte. An der Spitze derselben, das Schwert in der Hand, fiel der besagte Baron über die Abtheilungen der kaiserlichen Truppen her, welche ihm den Weg versperrten, und abermals wurden viele getreue Krieger Sr. Majestät dabei getödtet und verwundet. Den Aufrührern gelang es zum Theil, in die Wälder zu entkommen, doch gerieth der Baron Erich Randal in Gefangenschaft und befindet sich, nachdem er von seinen Wunden genesen, vor diesem 700 Kriegsgericht, dem Se. Excellenz der Generalgouverneur von Finnland Graf Buxthövden aufgetragen hat, über seine Schuld oder Unschuld das Urtheil zu sprechen. Angeklagter, sagte der Präsident, als der Offizier geendet hatte, gestehen Sie ein, daß diese Schrift die Wahrheit enthält. Ich gestehe ein, erwiderte Erich, daß die Thatsachen richtig sind, allein die Ursachen, welche sie herbeiführten, sind falsch. Ohne Grund wurde ich in meinem Hause gewaltthätig mißhandelt, und obwohl ich betheuerte, mich friedlich allen Forderungen zu fügen, welche die Proclamation des Grafen Buxthövden enthielt, sollte ich gezwungen werden zu thun, was mein Gewissen mir nicht erlaubte. Wozu sollten Sie gezwungen werden? Mein Herr, versetzte Erich, ich muß über Vieles schweigen, was allein mich betrifft, doch im Zusammenhang mit dem an mich gestellten Verlangen steht. Es ist jedoch der Wahrheit gemäß, daß ich gezwungen werden sollte, mich zu dem Grafen Buxthövden zu begeben, um ihm zu versichern, daß ich ein treuer Anhänger Rußlands sei. Das wollten Sie nicht? Nein. Würden Sie, mein Herr, wenn ein schwedisches Heer in Rußland einfiele, zu dem schwedischen General eilen, um Ihr Vaterland abzuschwören? Der Präsident unterbrach ihn, er bemerkte, daß diese Antwort Eindruck machte. Sie kannten die Proclamationen des Obergenerals? fragte er. In derselben Stunde, wo Oberst Serbinoff bei mir erschien, wurden sie mir bekannt. Und Sie wußten, daß schwedische Soldaten in Ihrem Hause versteckt waren? Seit länger als einer Woche waren diese Soldaten in Halljala. Sie wußten nicht, wohin sie sich wenden sollten; Niemand ahnte, daß eine russische Abtheilung in unserer Nähe sei. Aber Sie sagten dem Obersten Serbinoff nichts davon. Sollte ich ein Verräther an meinen Landsleuten werden? Ich bin ein Schwede, mein Herr! Würde ein Russe seine Freunde, die Kinder seines Landes, die Soldaten seines Kaisers den Feinden seines Volkes 701 verrathen? Ich rief diese Soldaten jedoch nicht herbei, auch waren sie nicht versteckt. Ich hoffte, daß sie entflohen sein würden, Beistand konnte ich ihnen nicht leisten. Allein Sie griffen selbst zu den Waffen, befreiten sich gewaltsam und wurden der Anführer dieser Räuber. Ich wurde der Anführer meiner Freunde, als man mich gewaltsam aus meinem Hause fortschleppen wollte; ich vertheidigte mich gegen tyrannische Willkür. Vergebens betheuerte ich meine Friedensliebe, vergebens gelobte ich, die Proclamation getreulich zu halten. Kein Mann konnte geduldiger sein, allein es war darauf berechnet, mich zu verderben. Plötzlich fielen Schüsse um mich her. Der Greis, den man gefangen hatte, wurde befreit, doch auch jetzt wollte man mich nicht freigeben. Wer von Ihnen Allen, meine Herren, hätte sich nicht solcher Gewalt widersetzt, wer hätte nicht, mißhandelt und verhöhnt, wie ich es war, lieber den Entschluß gefaßt, wie ein freier Mann zu sterben? Ich that es, es war gerechte Nothwehr. Wo sind die Zeugen, welche anders sagen können! Ich vertheidigte mich, mein Haus, mein Leben und meine Freiheit. Ich bekenne, daß ich an der Spitze meiner Diener und meiner Freunde mich gegen gewaltthätige Angreifer wehrte, die mit Feuer und Schwert mich aus meinem Eigenthum trieben. Ich bekenne, daß ich so lange focht, bis ich bewußtlos in meinem Blute lag und jetzt stehe ich hier, meine Herren, vertrauend auf Ihre Gerechtigkeit. Prüfen Sie, was geschehen ist, erwägen Sie, was mir widerfuhr, und ich werde nicht Ankläger, ich werde Vertheidiger finden. Die ruhige Besonnenheit und Würde, mit welcher Erich sprach, und der kühne Schluß seiner Rede wären vielleicht im Stande gewesen, seine Hoffnung zu rechtfertigen, wenn eine Freisprechung überhaupt möglich sein konnte. Wie hätte jedoch ein russisches Kriegsgericht einen Mann freisprechen dürfen, der nicht allein noch jetzt offen bekannte, daß er kein Anhänger des Kaisers sei und sich weigerte, diesem Treue zu schwören, sondern der auch nichts Factisches an der Anklage leugnete. Aus welchem Grunde er die Waffen ergriff und sein Schloß vertheidigte, machte auf dies Gericht geringen Eindruck, zum 702 Überfluß aber trat ein Umstand ein, der die milderen Meinungen, wenn solche vorhanden waren, völlig vernichten mußte. Auf einen Wink des Präsidenten trat der Commandant der kleinen Festung an den Tisch und stellte sich dem Angeklagten entgegen. Capitän Annenkoff, sagte der Präsident, Sie sind der einzige Zeuge, der hier zur Stelle ist, und bei dem Blutbade in Halljala gegenwärtig war; ich fordere Sie hiermit bei Ihrer Ehre auf, die Wahrheit zu sagen. Theilen Sie dem Gericht mit, was Sie davon wissen. Der Capitän hob sein narbiges Gesicht auf und stierte den Gefangenen an. Sie kennen mich also noch nicht? fragte er. Nein. Ich kenne Sie nicht, antwortete Erich Randal. Weil ich damals, als wir uns sahen, meinen Arm noch hatte und diese Narbe mir fehlte. Auf meine Ehre! mein Oberst, ich erkenne diesen Mann genau wieder und rede die Wahrheit! Als wir das Schloß Halljala besetzt hatten, wurde ich von Oberst Serbinoff beauftragt, einen alten Schurken von Bauer in Gewahrsam zu bringen, allein kaum waren wir mit ihm hinaus, als es Kugeln regnete und seine Genossen hinter allen Büschen vorsprangen und ihn befreiten. Wir zogen uns zurück und Oberst Serbinoff befahl mir, diesen Herrn hier festzunehmen. Ich lud ihn ein, mir zu folgen, that ihm dabei aber keinerlei Gewalt an; doch ehe ich es hindern konnte, packte er mich beim Arm, entriß mir den Degen und stieß ihn mir durch Schulter und Brust. Der Schmerz machte, daß ich zu Boden stürzte, und ich wagte nicht, mich zu rühren, denn er stand über mich hingebeugt, horchend, ob ich noch lebe. Gleich darauf stürzten Bauern und Soldaten in den Saal. Einer der Kerle, der voran war, schrie den Andern etwas zu und deutete dabei auf mich und auf diesen Gefangenen, den sie frohlockend umringten. Er forderte sie auf, ihm in ein Nebenzimmer zu folgen, und ich sah, wie er Waffen und Pulver vertheilte, meinen Degen schwang und sie zum Widerstand ermunterte. Mehr habe ich nicht zu berichten, denn eben jener wilde Kerl stach mit seinem Bajonnet nach mir, da ich mich ein wenig aufrichtete und bemühte, meinen Körper unter einem Tisch zu verbergen. Dieser Stich riß mir das Gesicht auf, daß ich in meinem Blute sinnlos gefunden wurde, als endlich meine 703 Kameraden eindrangen. So ist es geschehen, und bei dem heiligen Namen des Erlösers schwöre ich, daß dieser Mann derjenige ist, der über mich herfiel wie ein wildes Thier. Ich schwöre, daß ich es gesehen habe, wie er die Mörder aufreizte, ihm zu folgen. Seht hier meinen verstümmelten Körper, das ist sein Werk. Gebt ihm Gerechtigkeit, fragt ihn, ob er leugnen könne. Gerechtigkeit, mein Oberst, im Namen Gottes! auch für mich und für mehr als hundert unserer Brüder, welche dort ermordet wurden! Die Stimme des Capitäns zitterte in heftiger Aufregung; seine Augen hefteten sich so rachedürstig auf den Gefangenen, als wollte er ihn mit seinen Blicken tödten. Leugnen Sie, was Capitän Annenkoff aussagt? fragte der Präsident des Kriegsgerichts. Ich leugne nichts, erwiederte Erich Randal mit derselben Unerschütterlichkeit; denn ich weiß, daß das, was ich leugnen würde, nichts an Ihren Beschlüssen ändern kann. Haben Sie zu Ihrer Vertheidigung noch etwas hinzuzufügen? Der Gefangene verbeugte sich und sagte nein. Auf dies Wort erhob sich der Präsident und mit ihm gingen die sieben Richter in ein anstoßendes Gemach. Erich blieb vor den Schranken stehen. Niemand war dort, der ihm Theilnahme bezeigte, in keinem Gesicht konnte er Mitleid entdecken. Die Zuschauer vor den Schranken blickten ihn mit Haß und Abscheu an und murmelten Verwünschungen über ihn. Traurig senkte er seinen Kopf. Er, der alle Menschen liebte, dessen ganzes Leben vergangen war, um Gutes zu thun, jeden Klagenden zu trösten, jeden Mühseligen aufzurichten, er sah überall die Gier nach seinem Blute. Wie eine Rotte Wölfe würden diese Männer ihn zerrissen haben, wenn ihre Herren es gestattet hätten. Ein sehnsüchtiges Verlangen nach einem raschen Ende, nach Vergessenheit, füllte seine Brust. Das Gericht ließ ihn nicht lange warten. Schon nach wenigen Minuten kehrte es zurück, ein Beweis, daß die Einigung der Stimmen keine Schwierigkeit gemacht hatte. Angeklagter, sagte der Präsident, treten Sie vor. Das Kriegsgericht erklärt Sie aller Ihnen zur Last gelegten Verbrechen für überführt und verurtheilt Sie zum Tode des Erschießens. Dies Urtheil 704 soll ohne Aufschub sofort nach Bestätigung des Generalgouverneurs vollzogen werden. Ein freudiges Gemurmel lief durch den Zuschauerraum und rief ein mitleidiges Lächeln des Verurtheilten hervor. Wollen Sie die Gnade des Generalgouverneurs anrufen? fragte der Präsident. Nein! erwiederte Erich. Berufen Sie sich, wie dies in gewissen Fällen gestattet ist, auf die Gnade des Kaisers, indem Sie vielleicht wichtige Entdeckungen zu machen haben oder andere wichtige Dienste zu leisten vermögen? Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre Güte, sagte Erich Randal, allein ich verzichte auf jede Gnade, die Menschen geben können. Dann bereiten Sie sich auf den Tod, sagte der Oberst, indem er aufstand. In wenigen Stunden werden Sie vor einem höheren Richter stehen. Führt den Gefangenen fort! Es dunkelte bereits, als dies geschah. Der Himmel hatte sich mit schwarzen Wolken bedeckt, die abendwärts von den schwedischen Küsten her sich über Finnland wälzten. Unbeweglich lag das Meer wie unter dem Druck riesenhafter Hände, die es zusammenpreßten. Ein schwüler Luftzug wehte zuweilen darüber hin und brachte ein phosphorisches Leuchten mit, das an den Wolkensäumen hinlief, die schwer geballten Massen deutlich machte und mit mattem Schimmer über die Berge und Thäler der Küste leuchtete. In den hölzernen Häusern der Stadt wurden sorgfältig die Fenster geschlossen, nach Feuer und Licht gesehen und die Hausgenossen zusammengerufen, um bei einem Ungewitter zur Hilfe bereit zu sein; aus dem Regierungsgebäude aber, wo die Stadt dem versammelten Adel ein Fest gegeben hatte, bei dem es sehr fröhlich hergegangen, entfernten sich früher, als es sonst wohl geschehen wäre, die Gäste und eben war es zehn Uhr, als Sam Halset mit seiner Tochter nach Haus fuhr. Der Staatsrath war äußerst munter gestimmt, er hatte gegen seine Gewohnheit viel trinken müssen, darum erzählte und scherzte er ohne Aufhören und war in der besten Laune, als er Mary endlich die Stufen hinauf führte, oder vielmehr sich von ihr führen ließ, 705 denn er schwankte bedenklich und streckte sich sogleich in einem der großen Lehnstühle aus. Ist mir seit meiner Jugendzeit nicht wieder passirt, lachte Sam, daß meine Beine klüger sein wollen, als mein Kopf, und mein Kopf nicht recht weiß, wie er die Beine in Respect hält. Thut aber nichts, Mary. Sitze jetzt hier und stelle die Ordnung wieder her. Setz' dich an meine Seite, Kind, habe noch ein Wort mit dir zu sprechen. Mary ging durch das Zimmer, nahm einen Stuhl und kehrte damit zurück. Wohlgefällig blickte er sie an. Ist wahrlich nicht umsonst, daß manche Augen dir nachschauen! rief er. Siehst so frisch und herrlich aus, wie ein junger Wald, wie die Finnen sagen. Hast mir Freude gemacht, Mädchen, hast Körper und Geist aufgerichtet, trotz alles Kummers, der dich getroffen hat. Wir müssen tragen, was wir nicht ändern können, Vater, erwiederte sie. Recht, Kind! Müssen tragen, aber von uns werfen, was eine Last ist, nicht werth, daß wir darunter seufzen. Bin erfreut gewesen darum, daß du es konntest, und habe es gern gesehen, daß Frau von Gurschin sich deiner in diesen Tagen annahm. Hast Freundschaft mit ihr geschlossen, Mary? Ja, Vater, soweit dies zwischen uns möglich ist. Ich glaube, sie ist eine Frau von großer Weltklugheit und starkem Willen. Sam Halset machte ein Satyrgesicht. Nuh, rief er, man könnte es wohl auch anders nennen, doch gleichviel! Lerne Weltklugheit von ihr, Mary. Denke, an Willen fehlt es dir nicht. Lerne, wie man das Regiment über Männer führt. Wird dir gut thun, meine ich, denn Herr Arwed Bungen hat eine weltkluge Frau nöthig, um ein zärtlicher Eheherr zu sein. Die Augen des Vaters begegneten den Augen der Tochter. Sam Halset lachte listig auf. Mary lächelte. Du hast an ihn geschrieben? fragte sie. Heute, antwortete er, habe ihm Alles geschrieben, was hier vorgefallen, und Bischof Ridderstern hat den Brief in die Tasche gesteckt und mitgenommen. Hast doch nichts dagegen einzuwenden, Kind? Nein, Vater. 706 Bravo! schrie Halset, indem er sie umarmte, mußt einen Kuß dafür haben, mein kluges Kind. Sehe, denkst nicht mehr an den Mann, der deine Liebe so schlecht vergolten hat. Ich denke oft an ihn! antwortete sie mit starker, harter Stimme. Bah! mußt dich nicht erhitzen, nicht ärgern. Wind wird aus Süden bei Blitz und Donner plötzlich Nordwind. Mach' es wie ich, Kind. Habe weder Zorn noch Liebe für einen Narren. Betrachte ihn als eine Sache, die werthlos geworden ist. Wenn sie ihn morgen todt schießen, will ich beitragen, daß er im Dom in seiner Väter Gruft neben Hompus Randal eingesenkt wird. Ist es gewiß, daß er nicht begnadigt wird? fragte sie und es klang fast, als freue sie sich. Wir sind alle Christen, Mary, sagte Halset scheinheilig ernsthaft und seine Augen zukneifend, dürfen unseren Mitmenschen nichts Böses wünschen, war aber seine Sache, um Gnade zu bitten. Hat's abgeschlagen, wie es zu denken war, der Narr! Ich stand beim Generalgouverneur als Oberst Konsky den Bericht brachte. Hat sich standhaft benommen, und meinte der Oberst, er hätte niemals solche Ruhe und ernstes Wesen gesehen, ohne Trotz und ohne Schwäche. Kennen ihn Beide, Mary. Sieht biegsam aus wie ein Rohr, ist aber kein Eichbaum so zäh und knorrig. Hat der Generalgouverneur das Urtheil unterschrieben, Vater? fiel Mary ein. Sorge nicht, Kind, ist nichts daran zu ändern, erwiederte Halset. Er thut es ungern, möchte lieber an einem Gnadenact den Finnen beweisen, wie mild das russische Regiment ist. Sind aber zu schwere Aussagen gemacht worden. Er muß sterben; und sein Vermögen wird eingezogen. So mag ihm nach seinem Willen geschehen. Recht, Kind! er hat es verdient. Fort mit ihm. Er hat das Kissen gewählt, das sein Bett sein soll. Geh schlafen, Mary denke an Halljala, ist jetzt dein Eigenthum. Denke an eine frohe Zukunft, Mary. Laß eine Woche vergehen, wird dann Niemand mehr von ihm sprechen. Arwed wird kommen, sowie er meinen Brief erhalten hat, wollen frohe Tage beisammen leben. Machst ein freundlich Gesicht und läßt deine Augen glänzen. Ich denke an die frohen Tage, Vater. Eh! sehe sie kommen, Kind und will sie mit dir genießen. Wollen im neuen Schloß zu Halljala wohnen. Bist ja mein einzig Kind, habe dich allein. Ich kann auch von dir genommen werden, Vater. Halset hob seinen Kopf hastig auf und fing dann an zu lachen. Es wäre eine verkehrte Welt! rief er, möchte es aber nimmer erleben. Siehst aus wie ewiger Frühling, Mary. Bist doch nicht krank? Nein, Vater. Nicht betrübt? Auch das nicht, Vater. Blickst froh in deine Zukunft? Mit Zufriedenheit, denn ich bin ohne Vorwurf. Recht, Kind! hast gethan, wie es sich schickt und wirst immer so thun. Das ist mein fester Wille. Glaub's! schrie Halset, hast die Kraft dazu. Halt dich an die Gurschin, laß dir von ihr rathen, wo es zu rathen gibt. Meinst du, daß ich das dürfte. Darfst es, mußt es thun! Befehl's dir, Mary! Dann will ich deinen Befehl befolgen, und jetzt gute Nacht, Vater! Sie beugte sich über ihn, er streichelte und küßte ihre Wangen. Bist mein Herzenskind, Mary sagte er zu ihr aufschauend, und ist Alles so am besten, wie es ist. Schreib' morgen selbst ein paar Worte an Arwed, lade ihn ein. Ich will es thun, aber ich fürchte, er kommt nicht zu mir. Kommt zu dir, lachte Halset, sucht dich, wo es sein mag. So wollen wir sehen, ob er es wagt! antwortete sie in frohem Tone, indem sie sich entfernte. Ob er es wagt, murmelte Sam, was wagte er nicht um Halset's Tochter. Ist endlich also mein Weg klar, mein Ziel erreicht. Darf jetzt nur sagen: schlagt mir Halljala zu, und ich habe es. Morgen 708 wenn der Tag kommt gibt's keinen Freiherrn Randal mehr, steht aber ein neues Geschlecht auf, mein Geschlecht! Soll meinen Namen führen, sollen die Halset's von Halljala sein. Stolz lachend streckte er sich auf seinem Lager aus und nur einmal noch öffnete er die Augen als ein blendender Blitz sein Schlafgemach erleuchtete. Ein Donnerschlag rollte nach, es war dem Schläfer, als schüttelte sich das Gebäude. Er zog die Nachtmütze über die Ohren und indem er seinen Kopf in die Kissen drückte, sagte er vor sich hin: Mein Haus steht fest, kein Wetter reißt es ein. Derselbe Blitz war es, der Erich Randal aus seinen ersten und einsamen Betrachtungen aufweckte. Er saß auf dem harten Lager in seinem Kerker und richtete seine Augen auf den flammenden Himmel, der sich vor ihm aufthat. Durch das offene Fenster wehte ein Strom kühler Luft herein und als die Dunkelheit zurückgekehrt, brach sich der Schall des Donners an den öden Wänden wie Geisterstimmen, die darin umherirrten. – Zum letzten Male höre ich euch, sagte er, was wißt ihr von dem großen Geheimniß des Lebens? Wohin ruft ihr mich? Wohin in der Unermeßlichkeit dieses Raumes ohne Grenzen wird mein Geist fliehen? Zu Gott! setzte er mit einem tiefen Athemzuge hinzu; zurück zu seiner ewigen Werkstatt, zurück zu seinen Schöpferhänden, erlöst von allen Leiden, dankbar für all mein Glück, das mir in meiner menschlichen Gestalt geschenkt wurde. Und bin ich denn nicht glücklich gewesen, um dankbar zu sein? fuhr er mit sanfter Stimme fort; ja, glücklich im Erkennen des Guten, glücklich mit edlen mir innig verwandten Wesen, glücklich in meinem Streben, o! in Allem was ich that. Daß ich vorzeitig sterben muß, kann das mich zum Zittern bringen? Ist die Spanne Zeit, die uns zu leben vergönnt wird, denn ein so großes Gut, um nichts davon verlieren zu können? Wen hat der Tod jemals vergessen, wer von allen denen, die mich ausstreichen aus dem Buche des Lebens, wird nicht ausgestrichen? Ich scheide ohne Grauen, ohne Haß. Meine irdischen Wünsche liegen zerbrochen vor der Schwelle der Ewigkeit, nichts ist davon übrig geblieben als Segen für die, die ich zurücklasse, bis auch für sie die Stunde da ist, wo der Staub zum Staube geht! Ein leises Rasseln an der Thür machte, daß er den Kopf dorthin wandte, und eben leuchtete ein neuer heller Blitz durch das 709 Gefängniß und zeigte ihm deutlich eine Gestalt, welche zu ihm hereintrat. Er stand auf, die Gestalt näherte sich ihm und plötzlich ward er von dem Strahl einer Laterne beleuchtet. Er sah den Commandanten Annenkoff vor sich. Die düsteren Augen des Russen, mit demselben Grimm gefüllt wie vor dem Kriegsgericht, betrachteten ihn ingrimmig, ein hohnvolles Zucken lief über seine narbigen Lippen. Sind Sie bereit? fragte er. Ja, mein Herr, erwiederte Erich. Auf Alles vorbereitet? fuhr der Kommandant fort. Das Einzige, was mir übrig bleibt, sagte Erich, ist, Sie um Vergebung zu bitten. Möge mein Tod Ihren Haß versöhnen. Still! murmelte Annenkoff. Folgen Sie mir. Er ging voran, die schmale Treppe hinab; halb verborgen unter seinem Mantel hervor beleuchtete die Laterne die Stufen; plötzlich aber wandte er sich um den Pfeiler an der schweren Doppelthüre vorbei, welche den Ausgang des Thurmes in den Hofraum verschloß, und durchschritt das Gewölbe bis dahin, wo eine geöffnete Fallthür in die Souterrains des Thurmes führte. Sie führen mich nicht in den Hof? fragte Erich. Nein. Eilen Sie! Wohin führen Sie mich? In den Graben. Dort also soll mein Schicksal sich erfüllen? Ja. Der matte Laternenschein beleuchtete die schmale Gallerie einer Kasematte. Große Steine hatten sich aus dem Mauerwerk gelöst und bedeckten den Boden. Das Gewölbe war niedrig und voll Moderluft, der Gang senkte sich abwärts, zuweilen über eine Reihe zermürbter Stufen, dann machte er einen Winkel und zwischen zwei mächtigen Strebepfeilern hing eine schmale Eisenthür in rostigen Bändern. Diese Thür war nur angelehnt, zwei große Riegel, die sie verschlossen hatten, sah Erich daran niederhängen. Annenkoff öffnete die Pforte. Ein Windstoß wehte herein, draußen rauschten Büsche und Ranken. Alles war finster und still. 710 Treten Sie hinaus, sagte der Commandant. Wo hinaus? fragte Erich. Er blickte zögernd in die Dunkelheit. Hier ist der Ort, wo man Sie erwartet. Fürchten Sie sich? Er hob die Laterne ein wenig auf, plötzlich erlosch diese, statt dessen aber fuhr ein Blitz, der wie ein Bündel blauer und feuriger Schlangen aus dem Zenith des Himmels brach, nach allen Seiten durch das düstere Gewölbe und schmetternd folgte ein Donnerschlag nach, vor dem die Felsen zu zittern schienen. Erich fühlte sich hinausgeschoben; er hörte die Eisenthür hinter sich ächzen und zufallen und in dem Donner glaubte er ein Gelächter zu hören. Große Regentropfen schlugen in sein Gesicht und zerstäubten auf seiner glühenden Stirn; lautlos den Tod erwartend bewegte er sich nicht, überzeugt, daß er im nächsten Augenblicke, durchbohrt von Kugeln und Bajonneten, niedersinken würde. Statt dessen aber hörte er ein Geräusch neben sich; eine Hand faßte seinen Arm und versuchte ihn fortzuführen. Schnell! murmelte eine leise Stimme in schwedischer Sprache, bleibe dicht bei mir! Was soll mit mir geschehen? Frage nicht, still! Kein Wort! Am Grabenrand geht die Schildwacht, flüsterte der Führer. Die Hand griff fester um Erich's Arm, es war als drückte sie diesen krampfhaft zusammen. Nach einem Weilchen führten Stufen aufwärts zu einem Pallisadenthor und durch dies über Felsboden und Gebüsch in ein steil abschüssiges Gerinn, wo der Regen plätscherte. Mehr als einmal schlug der Himmel seine glühenden Augen auf und Erich Randal sah dann seinen Begleiter in einen dunklen dicken Mantel gehüllt, eine Schifferkappe über seinen Kopf gezogen. Zuweilen war es, als folgten ihnen Schritte nach, zuweilen leuchtete ein weit zuckender Blitz und ließ die waldige Schlucht erkennen, aus deren Tiefe ein Brausen kam, als tobe und brande das Meer dort unten. Zuweilen auch fuhr ein flammender Pfeil vom Himmelsbogen und bohrte sich in schäumende Wogen ein, die in dichterer Finsterniß schnell wieder verschwanden. Mit dem Rollen des Donners mischte sich dann das Toben des Windes, der durch die Schlucht jagte, über ihr die 711 Waldbäume durchsauste und deren Äste brach. Ein Gefühl der Freiheit und neuer Lebenslust erwachte in Erich Randal; er zweifelte nicht daran, daß er dem Tode entronnen sei, wunderbare Ahndungen und Gedanken machten seine Schritte leicht. – Wer hat das für mich gewagt? rief er aus. Wie war das möglich? Er erhielt keine Antwort, aber in einiger Entfernung leuchtete ein Licht, und bald sah er, daß es aus einer Fischerhütte kam, deren Thür offen stand. Jemand, der sich daran lehnte, rief den Nahenden entgegen: Sie sind da? Habt ihr ihn? Ja, antwortete eine andere tiefe Stimme hinter Erich. Herein mit ihm, herein! Wahrhaftig, Cousin Erich, ich hätte niemals geglaubt, daß ich Sie je so sehnsüchtig erwarten würde. Constanze! rief er sie anstaunend. Sie haben mich befreit? Ich? Behüt mich Gott davor! Ich befreie keinen Hochverräther. Er wandte sich um. Lindström stand hinter ihm in seiner Seemannsjacke und neben ihm der schwarze Führer. Constanze Gurschin riß einen Feuerbrand vom Herde und hielt diesen hoch empor, mit der andern Hand nahm sie dem Fremden die Kappe ab, langes, dunkles Haar fiel auf dessen Nacken. Mary! schrie Erich, meine Mary! und mit aller Liebe, die in seinem Herzen war, blickte er sie an. Ein seliges Entzücken leuchtete aus ihren Augen. Mit ihren Küssen fiel ein Strom heißer Tropfen auf sein Gesicht. Fünfzehntes Kapitel. Der Bach, welcher das kleine Thal von Lomnäs durchströmt, bildete eine Strecke aufwärts einen schönen Wasserfall. Weißleuchtende Birkengehänge bedeckten die Waldleisten und stiegen bis in den Grund des Thals hinab, der wie ein Blumenteppich anzusehen war, so herrlich schimmerte die üppige grüne Matte. Da, wo die Berge sich 712 zurückzogen und einen weiten Kessel bildeten, sprang der Wasserfall von einem Felsenhange herunter und half das liebliche Panorama vollenden. Über dem Sturz lag eine Brücke von Birkenstämmen und Birkengeflecht gemacht, und jenseit derselben, auf der Höhe zur Seite, stand eine Bank von Stein, mit Moos bedeckt und von tief hängenden Weiden beschattet. Hierher begleitete Major Munk oft seinen kranken Sohn, denn es war dessen Lieblingsplatz von früher Jugend an gewesen. Die Bank hatte er gebaut, die Weiden hatte er gepflanzt, und oft hatte er hier mit dem Mädchen gesessen, deren Andenken ihn nimmer verlassen wollte. Auch heute, an dem schönen warmen Septembertage, war der Invalide mit Magnus hinaus gewandert, und wie er ihn freundlich auf der Bank neben sich sitzen, auf den Wasserfall schauen und in den blumigen Grund blicken sah, wurde sein Herz froher und leichter, denn aus jedem Lächeln seines armen Kindes keimten ihm Hoffnungen auf. Er sah in das blaße, abgezehrte Gesicht, mit der Selbsttäuschung eines Vaters, der jedes kleine, gute Zeichen glücklich zu deuten weiß. Die Augen des Knaben glänzten heut so lebhaft, seine Wangen hatten einen röthlichen Schimmer, sein Athmen war nicht so oft von Husten unterbrochen. Der alte Mann hatte seit längerer Zeit seine geliebte Pfeife nicht mehr angesteckt, weil der Rauch dem Kranken nicht gut that, heut jedoch blies er die blauen Wolken in die sonnige Luft, und sorgte dabei, daß sie Magnus nicht belästigten. Wenn du so fortfährst, mein Kind, sagte er, wirst du bald wieder einmal bis auf die Korpilaxberge steigen können. Sieh doch, wie noch Alles blüht und duftet. Hab's von Vielen schon sagen hören, daß unsere Matten mit ihren zahllosen Blumen und deren balsamischen Duft ein Heilmittel für alle Krankheiten sind, wie man's in der ganzen Welt nicht wieder findet; so daß die Finnen nicht in die Bäder nach Süden zu reisen brauchen. Wir werden nicht reisen, Vater, antwortete Magnus lächelnd. Gott weiß es! rief der Invalide. Ich möchte das Land meiner Väter nicht verlassen, auch das alte Haus dort nicht und meine geringe Habe; doch wenn's so sein müßte, Magnus, wenn Finnland für 713 immer ein russisches Land würde, russische Voigte unsere Herren würden, wenn wir uns dem neuen Herrn zuschwören sollten – Magnus legte seine kalte Hand auf seines Vaters Hände, welche ingrimmig den Krückstock faßten. Zürne nicht so sehr, sagte er sanft, wir müssen standhaft unser Leid tragen, wie so viele Tausende es thun. Fort müssen wir, Magnus, fort! rief der Major. So alt ich bin, ein Greis, ein Krüppel, dennoch würde ich längst gelaufen sein, um meinem Könige in seiner Noth beizustehen, wenn nicht – Wenn ich dich nicht hielte, fiel der Knabe ein, als der alte Soldat sich schweigend über seinen Stock beugte. Gott hat es so gewollt, Vater, laß uns nicht verzagen. Wenn ich gesund werde und wenn der Krieg ein Ende hat, kommen auch wieder gute Zeiten. Gute Zeiten, wenn der Krieg ein Ende hat! murmelte der alte Mann. Hast nichts von den Nachrichten gehört, die gekommen sind. General Sandels ist umringt worden, hat sich durchschlagen müssen, waren Vier gegen Einen. Von allen Seiten wird er jetzt gehetzt, muß zurück aus Savolax, wieder gegen den Norden hin, und vom Meere her ist auch nichts zu erwarten. Blut, nichts als Blut! sagte Magnus seine Hände faltend. Wie viel Grausamkeit und Elend, Vater, um ein armseliges Stück Land. Wenn Frieden geworden ist, wollen wir fleißig arbeiten und Gott wird uns Glück geben. Möchtest du arbeiten und ein Russe sein?! fragte der Major grollend. Können sie uns denn die Sonne nehmen, und diese Matten und die schönen Bäume? antwortet Magnus, sich an ihn schmiegend. Ich möchte nimmer von hier gehen, Vater, möchte Lomnäs niemals verlassen! Weil du krank bist, sagte der Invalide. Sie haben dir das Herz in der Brust zerbrochen, aber es wird wieder heilen. Du hast gezeigt, daß du ein Finne bist, wirst es sein zu aller Zeit. Ein schwedischer Offizier, den sein König in Ehren hält. Niemals will ich Anderes sein als ein Landmann! rief Magnus ängstlich. Niemals wieder meinen schlichten Rock mit einer glänzenden 714 Uniform vertauschen. Hier möchte ich leben und sterben, Vater; hier, wo ich jeden Baum kenne, wo ich alle Freude meines Lebens erlebt habe. Wohin ich sehe, sehe ich mich froh und glücklich in meinen Erinnerungen. Es gibt keinen Steg, kein Plätzchen, das mich nicht an alte schöne Zeiten erinnert, und diese Bank – o! wo in der großen, weiten Welt könnte ich sie wieder finden! Der Invalide blickte den Knaben gramvoll an; seine Augen wurden naß. Sanft waren die Wangen des armen Kranken geröthet, und bittende Blicke begleiteten das seelenvolle Lächeln, welches sein Gesicht so weich und schön machte, daß es unmöglich war, ihm zu zürnen. Lebe, mein Magnus, lebe und Gott mache dein Herz froh! sagte der greise Mann gerührt. Ich wollte, du wärst niemals von mir gegangen, ich hätte dich nie von mir gestoßen. Mit Heftigkeit hob er seinen Stock auf und stieß die Eisenspitze auf einen Stein, daß dieser zersprang. Die dich verrathen haben, dein junges Leben zerbrochen – o sie, die all dies Elend verschuldet, mag sie Elend dafür verfolgen! Magnus drückte seine Hand ihm auf den Mund. Du sollst nicht anklagen, sollst nicht böse sein! bat er. Denke nicht mehr an sie, murmelte der Major, träume nicht mehr von der alten Zeit. Ich sollte nicht mehr an sie denken? erwiederte Magnus, sanft ihn anblickend, indem er ihn küßte. Wie wäre das möglich, Vater. Ich bin niemals allein hier, immer ist sie in meiner Nähe. Ich laufe mit ihr über die Berge, sie ruft mich, hinter den Büschen versteckt; ich höre ihre frohe, liebe Stimme durch das Rauschen des Wasserfalls; ich höre ihre leisen Schritte auf Moos und Geblätter. Überall kommt sie mir entgegen, dort auf der hohen Brücke steht sie und oh! was ist das dort an der Waldecke. Großer Gott! Vater, da ist sie! Der Invalide hatte seufzend den Kopf in seine Hände gelegt, bei diesem Aufrufe seines Sohnes hob er ihn auf und blickte verwundert zu der Brücke und zu dem Wege empor, der über den Bau fort in eine Bergschlucht führte. Steil ansteigend bog die Straße um die felsige Wand, und eben trat dort ein Mann hervor, der eine Dame an seinem Arme führte. Es war ein Offizier von hoher Gestalt, die Dame klein, in einen Mantel gehüllt, ihr Gesicht von einer 715 Reisekappe umschlossen. Als Magnus laut aufschrie, wandten sich Beide nach ihm um und sahen von der Weghöhe hinunter auf die Bank am Wasserfall. Des alten Mannes Kopf wurde dunkelroth, seine Augen traten groß und starr hervor, er blickte auf seinen Sohn, der leichenblaß von der Bank aufgestanden war und zog ihn in seinen Arm, als wollte er ihn schützen. War es Traum, war es Wirklichkeit, aber dort standen sie Beide, von der Sonne beschienen, die keine Gespenster duldet. Er wild verbrannt mit bärtigem Gesicht, trotzig und ohne Furcht vor Gott und Menschen, sie mit bangen Blicken schaamvoll freudig zugleich, von Angst und Sehnsucht ergriffen, und als der Invalide wie versteint das Bild anstarrte, hob sie ihre Arme auf, und eine Stimme, die seine Eingeweide beben machte, drang in sein Ohr. Vater Munk! O, lieber alter Vater Munk! rief sie hinab, und – er wußte nicht, was er that – er ließ den Sohn los und streckte seine Hände nach ihr aus. Wo war sein Zorn, wo war sein Fluch gegen sie! Ein heißer Liebesstrom schlug über seinen alten Kopf zusammen und begrub alle Qualen und Sorgen darin. Mein Kind, schrie er auf. Meine Louisa! o! mein Kind! Ich komme! antwortete sie, ich komme, Vater Munk! und es war der alte Jubelton. Da lag der Mantel am Boden, die Kappe flog von ihren Locken und von der jähen Böschung sprang sie so leicht herunter, als käme sie wie ehemals singend über die Berge, um am schönen Morgen zu sehen, was der alte Vater Munk getrieben. Mit einem Freudenschrei warf sie sich in seine Arme und hing an seinem Halse mit ihren Küssen und ihren Thränen. Serbinoff warf Mantel und Kappe in den Halbwagen, der so eben aus dem Walde kommend die Brücke erreichte. Mehrere Reiter, welche Handpferde führten, begleiteten diesen Wagen, der auf des Obersten Befehl über die Brücke fort und dem Ausgange des Thals entgegenfuhr. Als dies geschehen war, näherte sich auch Serbinoff dem Major und seinem Sohne, und er lächelte, als er sah, wie Magnus Louisa's Hand zwischen seinen Händen hielt und wie leuchtend seine Augen auf ihr ruhten. Du mußt mich nicht schelten, Vater Munk, hörte er Louisa sagen, und auch du nicht, Magnus, auch du nicht! Ich habe euch nicht 716 betrüben wollen, ich konnte nicht anders. Otho wußte, was in mir vorging, er würde mir nicht zürnen, wäre er hier. Ach! lieber Vater Munk sieh mich nicht so traurig an. Mein Bruder ist zu Gott gegangen, ich habe Niemand mehr auf Erden. Niemand als Alexei und dich und meinen Bruder Magnus. Sie legte ihren Kopf an die Brust des greisen Mannes, der finster darüber fort auf Serbinoff blickte. Major Munk, sagte dieser, ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie mich willkommen heißen, aber ich bitte Sie, Louisa Schutz und Beistand zu geben. Wie theuer sie mir ist, darf ich Ihnen nicht versichern. So lange ich lebe, werde ich sie niemals verlassen. Soll Louisa bei mir bleiben? fragte Munk verwundert. Ja, auf kurze Zeit. Ich darf sie nicht länger den Gefahren und Mühseligkeiten Preis geben, die mich umringen, und weiß keinen bessern Zufluchtsort, als wenn ich sie Ihnen anvertraue. Jetzt also, oh! murmelte der Invalide. So lange wir am Kalavesasee uns vertheidigten, konnte ich Louisa beschützen, fuhr Serbinoff fort. Nun ist General Sandels geschlagen, seine Schaaren haben sich aufgelöst, versprengte Haufen irren umher und suchen sich zu retten, ehe sie umringt und vernichtet werden. Einige Stunden von hier in den Bergen lagert das Regiment des Generals Dolgorucki, oder der Theil davon, den ich befehlige. Ich muß alle diese Schlupfwinkel durchsuchen, unmöglich kann Louisa mich länger begleiten. Darum bitte ich Sie, verwahren Sie mir mein Kleinod, bis ich es zurückfordern kann. Was uns auch trennt, Major Munk, ich weiß Sie als Mann von Ehre zu schätzen. Und in welchen Verhältnissen steht Louisa zu Ihnen? fragte Munk mit düsterer Stirn. Sie sollten diese Frage jetzt nicht thun, erwiederte Serbinoff. Es scheint mir Ihrem Charakter mehr angemessen, bei der Lage, in welcher Louisa sich befindet, ihr beizustehen, ohne ein Inquisitor zu sein. Der Major sah seinen Liebling streng und mit funkelnden Blicken an. Es war als mache er eine Entdeckung, die seinen Haß gegen den Verführer erhöhte. Und sie ist nicht Ihre Frau? schrie er. Sie haben nichts gethan, um Ihre Sünden gut zu machen? 717 Erschrocken bebte Louisa zurück und floh an Serbinoff s Brust. Laß mich bei dir bleiben, Alexei! rief sie angstvoll. Er verstößt mich, er verachtet mich. Nein, Vater Munk, ich bin nicht seine Frau; wie wäre das möglich! Aber er liebt mich und ich verlange nichts mehr. Er wird mich ewig lieben, ewig werde ich sein eigen sein. Vater, sagte Magnus fast unhörbar, Louisa darf nicht von uns gehen, wir dürfen sie nicht verlassen. Ewig sein Eigenthum! murmelte der greise Mann ingrimmig. Nicht seine Frau, nicht ehrlich vor der Welt. Wenn deine Mutter aufwachte, unseliges Kind, dein Bruder es sehen könnte! O! Vater Munk, antwortete sie, vertrauungsvoll ihre Augen aufhebend, ich würde mich nicht fürchten. Ich würde sagen, ich liebe ihn, und sie würden mir vergeben. Nein, nein! schrie Munk, sie würden verzweifeln. Heiliger Gott! steh' ihr bei, gib ihr Licht in ihrer Blindheit. Weine nicht, Louisa, sagte Magnus, als er sah, wie ihre Augen sich mit Thränen füllten; weine nicht, komm her zu mir. Ich bin dein Bruder Magnus und will es immer sein. Gib ihr deine Hand, Vater. Hast du nicht heut noch in deiner Bibel gelesen: Geh' nicht ins Gericht mit uns, mein hoher Herr! Gib ihr deine Hand, Vater! man soll nicht von dir sagen, du habest eine Flehende von deiner Thür gestoßen, als sie dich Vater nannte. Komm her, meine Schwester, komm, er liebt dich. Er führte sie die wenigen Schritte bis vor den alten Mann und als sie niederkniete, dessen Hand küßte und leise bebend fragte: Soll ich von dir gehen, Vater Munk, ach! ich habe dir ja nichts Böses gethan, da brach dem Invaliden das Herz. Er hielt ihren Kopf in beiden Händen und unter seinen grauen Wimpern rollten Thränen hervor. Armes Nixchen! murmelte er, armes Nixchen! du sollst nicht von mir gehen. Schützen will ich dich und Gott der Herr mag sich über uns Alle erbarmen! Seien Sie überzeugt, Major Munk, betheuerte Serbinoff, daß ich mit ewiger Dankbarkeit Ihnen vergelten werde. Weisen Sie diese nicht zurück, es können Zeiten kommen, wo ich Ihnen nützlich sein kann. Es geht mit Schweden für immer zu Ende in Finnland. Täuschen 718 Sie sich nicht darüber, in wenigen Monaten wird Alles vorbei sein, dann will ich meinen ganzen Einfluß geltend machen, Ihnen und Ihrem Sohn Dienste zu leisten, und will Ihnen Freund sein, selbst gegen Ihren Willen, so sehr ich dies sein kann. Ich thue nichts für Sie, sagte der alte Soldat hart und stolz. Nur für Louisa geschieht es, dafür verlange ich keine Dankbarkeit. Doch Alles, was Sie ihr thun, thun Sie mir, erwiederte Serbinoff lächelnd. Wachen Sie über dies theure Kind, schützen Sie es wie ein Vater. Bald bin ich wieder da. Geh mit deinen Freunden, Louisa, ich muß scheiden. In dem Wagen finden Sie eine Geldsumme, Major, wenn Louisa Geld nöthig hat. Ich werde mehr senden, keine Summe ist mir zu groß, an Nichts soll es ihr fehlen. Und jetzt lebe wohl, theure Louisa, sei standhaft. Liebe mich, bete für mich, ich sehe dich wieder. Ich sehe dich wieder, Alexei! rief sie, beide Arme um ihn schlingend. Ich weiß es, daß ich dich wieder sehe! – Ihre Augen glänzten in Begeisterung, dann ließ sie ihn los und sah ihn freudig an. Er winkte mit der Hand zurück und sprang zur Brücke hinauf, wo die Reiter hielten. Gleich darauf saß er im Sattel und in der nächsten Minute war er hinter der Biegung der Felsen verschwunden. Bis dies geschehen, stand Louisa regungslos, dann aber wandte sie sich zu den Beiden um und rief mit der Lieblichkeit alter Zeiten: Nun bin ich dein Kind, Vater Munk, nun laß uns nach Haus gehen, mein Bruder Magnus! Sie gingen durch das Thal und Louisa reichte Magnus ihre Hand, wie sie es sonst immer gethan hatte, plauderte und fragte fast wie in jenen schönen Tagen, die aus trüben Nebeln immer heller wiederkehrten. Einige Male stand sie still und blickte zurück; ihre Augen hefteten sich dann auf die Felsen, hinter denen Serbinoff verschwunden war, aber sie sprach nicht von ihm, auch nichts von der Vergangenheit, nichts von Allem, was sie erlebt hatte – Niemand erinnerte sie daran; der Invalide sowohl wie sein Sohn übten die zarteste Schonung. Es war jedoch als wäre Magnus nicht mehr krank. Sein Gesicht hatte eine frischere Farbe, und er bemühte sich, kräftiger zu scheinen, oder es war die Aufregung seiner Seele, die den Körper 719 auf ihren Flügeln fortführte. Er sprach zu seiner Jugendfreundin mit so sanfter Stimme, als müsse jeder rauhe Laut sie betrüben, und unterdrückte gewaltsam sein Hüsteln, damit sie nicht sorgen und ihn bedauern möchte. So führte er sie zu manchen ihrer Lieblingsplätze und lächelte beglückt, als sie lebhafter seine Hand drückend ausrief: Es ist noch immer so herrlich bei dir, wie es war. Längst habe ich mich danach gesehnt. Ich bin gerne zu dir gekommen, lieber Magnus, und freue mich, daß ich dich gefunden habe. O! das ist mir lieb, sagte er leise; lieb auch, daß das Wetter so gut ist. Alle Tage wollen wir wandern, wie wir es sonst gethan, fuhr sie fort. Morgen wollen wir durch den Wald bis auf die Schlangensteine gehen, wo man über alle Thäler und über den Pajäne fort, bis nach Laukas sehen kann. So weit kannst du nicht sehen, erwiederte er noch leiser, aber du kannst nach Halljala hinüber und in die große Seebucht nach Louisa schauen. Bei der Erwähnung von Halljala verschwand die Freudigkeit aus ihrem Gesicht. Ich will nichts davon sehen, Magnus, es hat sich viel Trauriges dort zugetragen, sagte sie, wie von einer plötzlichen Angst ergriffen. Aber wir wollen uns nicht betrüben; laß uns froh sein, so viel wir es können. Ich will Alles thun, was dir Freude macht, liebe Louisa. Und ich will es dir danken, antwortete sie. Sieh, wie viele Blumen noch blühen. Weißt du wohl, wie oft wir lange Ketten daraus flochten, mit denen wir uns schmückten und uns umwanden. Ich weiß es, Louisa, ich weiß es. Wirst du lange bei uns bleiben? Lange? Oh, bis er kommt! Ich bleibe gern bei dir, lieber Magnus. Wie sonst wollen wir bei deinem Vater sitzen, und er soll uns Geschichten erzählen und ich will ihm alle meine Lieder singen, die er immer so gerne gehört hat. Jeden schönen Tag begleite ich dich, flüsterte er. Und wir fahren über den blauen Pajäne. Da ist er! O! da ist er! rief sie jubelnd, denn eben öffnete sich das Thal und vor ihnen lag der große strahlende Wasserspiegel. Heimweh schien sie zu ergreifen, 720 sie starrte entzückt darauf hin, und streckte ihm die Arme entgegen; plötzlich küßte sie den alten Mann und weinte leise. Er legte seine rauhen Hände auf ihren Kopf und sagte tröstend: Sei ruhig, mein Kind, der Pajäne wird dir Frieden bringen. Weißt du, Vater Munk, was ich damals sang, als Erich Randal uns seine Gäste brachte? Oh! wo sind sie alle. Frieden und Glück wohnten am Pajäne, ach! und nun – und nun – nun kehre ich allein zu ihm zurück! Seufzend blickte Munk ihr nach, wie sie hastig vorauseilte, bis an das Ufer des Sees, und dort von einem der Felsblöcke über die weit ruhenden Wasser fort schaute. Auf seinen Sohn gestützt folgte er ihr, der sanft lächelnd seine Augen auf sie richtete. Du hast dich sehr erhitzt und aufgeregt, sagte der greise Mann. Ich fühle mich wohl, Vater. Bist freudenvoll über diesen Besuch. Wird's so bleiben, Magnus? O, gewiß! rief er mit glänzenden Blicken. Ich will für sie sorgen. Jeden Kummer will ich von ihr entfernen. Durch allen Trost, alle Liebe, Vater, die wir geben können, müssen wir sie abhalten, sich trüben Gedanken zu überlassen. Unglückliches Kind! murmelte der alte Mann. Ich bin nicht unglücklich; nein, ich bin glücklich, wenn ich sie froh sehe, fiel der Knabe ein, und auch du wirst beglückt sein. Du wirst nicht mehr einsam grollen und murren, dein Herz wird bei ihrem Geplauder aufgehen. Und was soll daraus werden. Dieser Serbinoff; verflucht sei sein Name! Sprich ihn nicht aus, bat Magnus. Laß sie niemals hören, was du von ihm denkst. Verachtest, hassest du ihn denn nicht? fragte der Invalide ingrimmig. Nein, sagte Magnus. Ihre Seele hängt an ihm, fester wie diese Felsen an ihrem Granitgrund. Ich hasse ihn nicht, Vater; mag er glücklich sein, damit sie glücklich ist. Nun denn, so erbarme sich Gott über uns Alle! rief der Major voller Rührung, indem er seinen Sohn umarmte. Laß uns thun nach seinem Willen, er allein weiß, was gut ist! 721 Vor dem Hause hielt der Wagen, der Serbinoff gehörte, auf welchem sich mehrere Mantelsäcke und Kisten befanden. Die Hausleute, Frau Ulla an der Spitze, hatten sich darum versammelt und Alle liefen dem wieder gefundenen Fräulein entgegen und bewillkommneten Louisa mit herzlichen Worten und freudigen Ausrufungen. Als sie aber dann allein in der Küche waren, gab es viel geheimes Gezischel und Kopfschütteln. Frau Ulla sah sehr ernsthaft aus und sagte der hübschen Fulla, Jem's Geliebte, ins Ohr: Eine Schande bleibt es doch, und wenn ich der Major wäre, ich hätte sie nimmer mehr ins Haus genommen. O, das arme kleine Fräulein, antwortete die mitleidige Magd. Sie lacht zwar und thut freundlich, aber wie sonst sieht das liebe Gesichtchen doch nicht aus, und ihre Augen haben tiefe Ringe und es liegt etwas im Grunde, das Einem bis ins Herz geht. Wo ist sie denn so lange gewesen? flüsterte die Haushälterin. Bei ihrem russischen Liebhaber, der hat sie nun hier abgesetzt. Und was kann noch Alles kommen? Wer weiß, was wir noch erleben! Fulla blickte sie fragend an. Die Haushälterin nickte und verzerrte ihren Mund. Es könnte wohl einmal in Lomnäs Kindtaufskuchen zu backen sein, sagte sie triumphirend. Was? schrie Fulla. Es ist lästerlich gesagt, Frau Ulla. Aber wenn's auch so wäre, setzte sie nachdenkend hinzu, ich wollte doch immer gern für sie schaffen, was ich könnt'. Die Haushälterin machte ein böses Gesicht und stand auf. Das schickt sich für Eine, die nahe daran war, Kirchenbuße zu thun, antwortete sie, wie es ganz Halljala weiß, weil ein Mann aus ihrem Kammerfenster sprang, der dich obendrein hat sitzen lassen. Nun schweig stille! schrie Fulla. Er hat mich nicht sitzen lassen und wird's nimmermehr. Jem wird kommen und all dein giftig Gerede wird zu Schanden werden. Darauf warte nur, sagte Ulla. Es ist keine Ehrbarkeit mehr im Lande. Der hochwürdige Propst Ridderstern, der nun Bischof in Helsingfors geworden ist, hat's vorher gesagt, daß sie Alle in ihren Sünden umkommen würden. 722 Es vergingen einige Tage, in denen sich Magnus sowohl, wie der Major bemühten, alle ihre Zusagen zu erfüllen und mit liebevoller Aufmerksamkeit um ihren Gast beschäftigt waren. Früh schon ging Magnus mit ihr in das Thal hinaus und erfüllte seine Versprechungen, denn er begleitete sie, wohin sie es wünschte. Er stieg mit ihr sogar bis zu den Schlangensteinen hinauf, weit aus dem Walde hervorragende Klippen, obwohl es ihm sehr schwer wurde, aber er überwand die Mattigkeit, die seinen Körper plagte, und schien heiter, um seine Gefährtin heiter zu stimmen. Lange stand diese auf der nackten Spitze und blickte über die waldige Kette fort, welche zu ihren Füßen nordwärts das Bett des Pajäne begleitete, der sich durch diese Berge drängt. Sie konnte bis in die großen Sümpfe schauen, wo einst Arwed mit seiner Schwester sich verirrte, und jenseits derselben lagen andere Berge und Wälder, durch welche die Straße nach Laukas führt. Ihre Augen suchten umher, doch kein lebendiges Wesen war zu entdecken; einige Male glaubte sie ferne Reiter zu erblicken, allein es war Täuschung, und endlich ließ sie sich von Magnus hinunter führen, als der Wind gar zu heftig wehte. Eine eigenthümliche Traurigkeit überfiel sie zuweilen und mitten im freundlichen Sprechen hörte sie dann auf, senkte den Kopf und verlor sich in ihre Gedanken. Ihre Hände fielen in ihren Schooß, sie schien über etwas nachzusinnen, das ihr Qualen bereitete, welche in ihren ängstlichen Mienen und umherirrenden heißen Augen deutlich zu erkennen waren. Plötzlich sprang sie dann wohl auf, sah wild umher und schien entfliehen zu wollen; aber nach solchen Minuten, welche rasch vorüber gingen, kamen Stunden, in denen sie mit Freudigkeit, wie in alter Zeit, lachte und scherzte. Magnus wand Kränze mit ihr und diese brachten sie mit nach Haus und schmückten den Invaliden damit, der mit seiner Pfeife in dem Gärtchen sie erwartete oder ungeduldig ihnen entgegen kam. Am Abend nahm Louisa die Kandele und sang ihre Lieder, und in der Ferne an der Thür sammelte sich das Hausgesinde und hörte zu; oder sie fuhr mit Magnus in den See hinaus, und der greise Mann saß sinnend auf der Bank und hielt ein Ohr den Tönen entgegen, welche klagend hineindrangen und die 723 Liebe und Hoffnung, wie die dunkle Angst in der Tiefe seines Herzens vermehrten. Wenn Louisa aber wieder bei ihm stand, ihre Hände um seinen Nacken legte, ihn anschaute und ihm zuflüsterte: Vater Munk, liebst du mich auch wieder? dann kam diese Liebe mit magischer Gewalt über ihn und er nannte sie sein Nixchen, sein Töchterchen, seine Rose vom Pajäne, und schmeichelte ihr mit den zärtlichsten Namen. Und waren denn nicht Alle, die sie sahen, ihre Freunde? Hätte Einer ihr ein Leid thun mögen? Es wohnte nicht mehr die alte, schelmische Lust in ihr, nicht die elfenartige Kindlichkeit, aber der Zauber dieser Kindlichkeit war nicht von ihr gewichen; er umschwebte noch ihr Lächeln, er lag in den milden frommen Augen, in den weichen feinen Zügen, die der alte Mann niemals ohne Rührung betrachten konnte. Drei Tage lebte sie bei ihm und während dieser Zeit hatten sie von Serbinoff nichts gehört, auch war kein anderer Besuch gekommen, kein Kriegslärm hatte den Frieden gestört; am vierten Tage aber brachte der Wind ein dumpfes Getöse mit, das zuweilen stärker wurde, zuweilen aufhörte. Ein Bauer, der vorüber kam, sagte aus, daß es in den Korpilaxbergen wild hergehen müsse. Die Russen seien hinter den Schweden und es sei gewiß, daß diese nicht davon kommen könnten, denn es wären ihrer zu viele Feinde. Thut nichts! schrie der Invalide kriegslustig. Sie werden sich dennoch durchschlagen. Weißt du nicht, wer die Schweden anführt? General Roth soll er heißen und soll ein grimmiger Kerl sein, berichtete der Mann, aber die Russen werden von einem Prinzen angeführt, der heißt Dolgorucki; das hat mir ein Finne gesagt, der ein Russe hat werden müssen. Und von Laukas her warten sie auf denselben, der dem guten Freiherrn von Randal sein Schloß verbrannt hat. Hole ihn Satan dafür! schrie der Major. Serbinoff kommt! rief Louisa freudig. Er wird leben und siegen! Schweig! antwortete Munk, sie finster anblickend. Geh hinein, Mädchen, ich will's nicht hören. Darfst Blut und Geschlecht nicht verleugnen! Gott segne den General Roth, er gebe alle Feinde in seine Hände! 724 Mit diesem Wunsche ging er selbst in sein Haus, als aber nach einer Stunde das Schießen immer heftiger wurde und sich immer mehr zu nähern schien, gerieth er in große Besorgniß, denn Magnus trat erschrocken herein und theilte ihm mit, daß Louisa nirgends zu finden sei. Sechzehntes Kapitel. Von Igwaskola gegen das Wald- und Felsgebiet am Pajäne ringelte sich auf den engen Wegen eine Colonne rasch marschirender Soldaten, die wie eine schwarze Schlange aussah, deren Körper mit Stahlschuppen bedeckt ist. Die Sonne funkelte auf die Bajonnete, daß es weithin davon blitzte, und auf einige Reiter, welche ein Stück vorauf durch die Sumpfmatten ritten. Oberst Serbinoff befand sich dort neben seinem Freunde Arwed, dessen Schwester ein Dutzend Schritte vor ihnen von dem hochwürdigen Herrn Ridderstern begleitet wurde. Ebba saß auf dem schönen grauen Roß, welches einst Otho's Eigenthum gewesen, jetzt aber in den Stall des Civilgouverneurs von Tavasteland gehörte, dem es Serbinoff geschenkt hatte, als er in Louisa mitnahm, was ihm gefiel. Der hochwürdige Herr saß behaglich auf seinem sanftmüthigen Gaul, blickte aber zuweilen nachdenkend auf die klippigen Korpilaxberge, die mit ihren blutrothen Steinmassen aus den Sonnennebeln hervortraten. Du hast dich also wirklich von ihr getrennt? fragte der Baron ungläubig und leise den Obersten. Ja, und auf immer, erwiederte Serbinoff. Schon als ich in Halljala deine Schwester wiedersah, war ich dazu entschieden. Ihr verspracht mir euren Besuch, ich mußte Louisa zuvörderst fortschaffen. Ebba durfte sie nicht sehen; auch konnte sie mich nicht länger begleiten. Es war, wie ich ahne, ein höchst rührender und trauriger Abschied. 725 Nein, ein sehr ruhiger, fast freudiger. Ich zeigte ihr, daß sie unmöglich länger bei mir bleiben könnte, und so zärtlich ihr Herz auch ist, ist es doch stark und voll unermeßlichem Vertrauen. Es wäre sehr erfreulich, wenn alle Weiber ihr darin glichen. Weiber müssen widersprechen, müssen sich sträuben, müssen Launen haben, erwiderte der Oberst, indem er Ebba betrachtete. Liebte mich deine Schwester nur zur Hälfte so, wie mich das Kind liebt, ich würde glücklicher sein; dennoch gibt es nichts, was mich mehr zu reizen vermöchte, als ihre Kälte, diese eisige Ruhe, die mich jederzeit empfinden läßt, daß sie mich nicht liebt! Sie wird dich lieben lernen, sagte Arwed spottend, wenn dich so sehr nach Liebe verlangt. Es bleibt bei unserer Verabredung. Ich gehe morgen nach Abo und nehme sie mit. Doch hoffe ich, wir sehen dich heut Abend noch in Halljala und – ich füge dort eure Hände zusammen. Serbinoff schwieg nachsinnend still; nach einigen Minuten aber sagte er: Was man am Morgen thun kann, soll man nicht bis zum Abend aufschieben. Was jedoch Louisa betrifft, so mußt du mir dein Wort geben, für sie zu sorgen. Sehr gern, erwiederte Arwed, nur muß ich wissen, wo du sie gelassen hast. Bei ihren Freunden, bei Major Munk. Wie? rief der Baron erstaunt lachend. Er hat sie auf- und angenommen? Laß es dir erzählen, fuhr Serbinoff fort. Besuche ihn und besuche sie. Tröste sie, täusche sie, mache was du willst, aber halte sie hin! Wenn sie endlich die Wahrheit erfährt, habe ich die Hoffnung, daß ihr Jugendfreund Magnus das beste Mittel sein wird, Balsam auf ihre Wunden zu legen. Großmüthiger Arzt! Auch dafür hast du schon gesorgt. Sie wird sich in ihr Schicksal finden, wie so viele verlassene Frauen sich darin gefunden haben. Auch will ich kein Geld sparen, will ihr Freund bleiben. Ich werde Alles ordnen, sagte Arwed, überlasse es mir, sie soll dich nicht weiter belästigen. Ich denke dir bald zu melden, wie gut es 726 ihr geht, und finde Alles vortrefflich, was du gethan hast. Der Major ist ein alter Narr, er wird zärtlich wie ein Vater sein. Der Junge ist aus Sweaborg brustkrank und siech zurückgekommen, sie können sich gegenseitig pflegen und endlich heirathen. Der Hof am Pajäne gehört ihr jetzt und ist ein hübscher Besitz, um den sie auch andere Leute nähmen. Ich glaube sogar, der würdige Bischof dort gäbe seinen erstgeborenen Sohn dazu her. Serbinoff schüttelte den Kopf. Ich habe an dem Knaben Manches gut zu machen, murmelte er. Das nennst du gut machen! spottete Arwed. Aber du hast Recht, immer noch ist sie gut genug für ihn, und wenn ich in Halljala wohnen werde, will ich gute Nachbarschaft mit ihr halten. Wann denkst du dort zu wohnen? Sobald es angeht, sobald das neue Schloß fertig dasteht. Du weißt, was in Abo geschehen ist, was ich voraussah. Der Phantast hat sein Ende gefunden; es gibt keinen Baron von Halljala mehr, aber einen Erben gibt es und der bin ich. Von allen diesen Dingen darf Ebba nichts wissen; es ist Zeit genug, wenn sie es in Abo erfährt. Halset's Brief, den mir Ridderstern mitbrachte, enthält die dringende Aufforderung, sogleich zu kommen; ich zögerte, weil ich es für klug halte, mich nicht meiner theuren Mary in ihren ersten Schmerzen zu zeigen. Ich besuchte dich also, nahm den Propst mit, der viel zu erzählen wußte, und wünsche zunächst, deine Sehnsucht zu befriedigen. Nun aber ist es Zeit, auch an mich zu denken, und diesmal endlich gibt es kein Hinderniß mehr. Ehe der Winter kommt soll Hochzeit sein, schreibt Halset, und Mary freut sich dazu. Ich hebe dir Ebba getreulich auf. Nimm mein Wort! Ordne in Petersburg deine Angelegenheiten und es wird eine Doppelhochzeit, wie es Halset immer wollte und ich es von Herzen begehre. Täglich erwarte ich Nachrichten, erwiederte Serbinoff. Ich habe an meinen Oheim geschrieben, ihm meine Absichten mitgetheilt und um Verwendung bei dem Kaiser gebeten. Was geht denn da drüben an den Korpilaxbergen vor! rief Herr Ridderstern, indem er sich auf seinem dicken Pferde umwandte und ein ziemlich ernsthaftes Gesicht machte. 727 Rauchsäulen stiegen an verschiedenen Stellen auf und kräuselten sich über dem Walde, aber man hörte keinen Schall, da die Entfernung weit und die Richtung des Windes ungünstig war. Die Jagd fängt an, wie ich denke, versetzte Serbinoff. General Dolgorucki hat sein Wild festgestellt. Diesmal wird uns der verzweifelte Bursche nicht entwischen. Seid ihr dessen gewiß? fragte der Baron. Wir haben die sichersten Nachrichten. Er steckt in diesen Felsengewinden mit wenigen hundert Leuten, wie in einem Sack, denn er ist vollständig umringt. Alle seine Bemühungen, sich durchzuschleichen, sind vereitelt worden. Dolgorucki sitzt ihm dicht an der Kehle. General Kulneff bewacht die westlichen Pässe mit 3000 Mann und ich habe seit drei Tagen meine Reserven in Igwaskola bereit gehalten, um mich überall hinzuwenden, bis ich heut früh, wie du weißt, plötzlich den Befehl erhielt, bis an die Pajäneberge vorzugehen, damit dieser gefährliche General Roth nicht etwa sich gegen den See wenden möchte. Wer ist dieser General Roth denn eigentlich? fragte Ebba. Ein kühner Parteigänger, antwortete Serbinoff, und wie ich sagen muß, ein Offizier von ausgezeichnetem Talent, der uns seit Monaten großen Schaden gethan hat, ohne daß wir ihn ein einziges Mal erwischen konnten. Mit einer Handvoll Soldaten und Bauern streifte er durch ganz Savolax, bis nach Nyschlott und ins russische Finnland. Er hat uns vielen Schaden gethan, Magazine verbrannt, Proviantcolonnen zerstört, in unserem Rücken die abenteuerlichsten Dinge gewagt. Ganze Detaschements aufgehoben, Couriere gefangen, die Verbindungen unterbrochen, die Brücken zerstört, die Wege verwüstet, und das Alles ohne Unterstützung, ganz auf sich selbst angewiesen. Warum wurde er nicht unterstützt? Weil dies tapfere Heer überhaupt nicht unterstützt wird. Es freut mich, sagte Ebba, daß Sie diese kühne Hartnäckigkeit loben. Wie sollte ich das nicht thun? erwiederte er, indem er sie bedeutungsvoll anblickte. Ich bewundere jeden stolzen und hartnäckigen Charakter! Dieser General Roth würde uns gezwungen haben, alle Kraft gegen ihn zu wenden, um ihn zu besiegen, wenn man ihm eine 728 tüchtige, wohl ausgerüstete Schaar gegeben hätte; statt dessen aber hatte er nichts als die Soldaten, welche aus Sweaborg entliefen, und Bauern, die er aufzuwiegeln wußte. Es ist traurig, daß so tüchtige Generale, wie Sandels und dieser Roth, mit ihren tapfern Männern nutzlos verbluten müssen. Gott mag es geben, rief Ebba, daß sie nicht in Ihre Hände fallen! Wer sich mir ergibt, erwiederte der Oberst lächelnd, kann sicher sein, daß ich alle edlen Eigenschaften achte. Ich verspreche Ihnen, fuhr er fort, daß ich jeden meiner tapferen Gefangenen heut schonen und alle ihre Wünsche erfüllen will, die ich ihnen gewähren kann. Ich bitte zu Gott, sagte der Bischof ängstlich seufzend, daß er uns glücklich nach Halljala gelangen läßt. Alles ist gepackt, ich bin bereit, morgen nach Helsingfors abzureisen. Der Herr mag verhüten, daß uns ein Unheil widerfährt! Auf diesen frommen Stoßseufzer erfolgte keine Antwort, denn die Aufmerksamkeit richtete sich auf einen Reiter, der von einem der nahen Vorhügel herab ihnen entgegen kam. Es war ein Adjutant des Generals Dolgorucki, der dem Obersten einen Brief überreichte. Ich soll an diesen Waldsäumen gegen das Thal von Lomnäs hin meine Stellung nehmen, nicht weiter vorgehen, murmelte Serbinoff. Aber was ist das? Ein Schreiben des Obergenerals Barkley de Tolly an mich! Nach einem Blick auf das Papier, bei dem seine Augen feurig strahlten, rief er der Colonne, die ihm nachfolgte, den Befehl zu, Halt zu machen, und folgte dann seinen Begleitern den Hügel hinauf. Was ist dir Gutes widerfahren? rief ihm Arwed entgegen. Aber Serbinoff wandte sich zu Ebba, die mit ihres Bruders Beistand so eben von ihrem Rosse steigen wollte. In einem Augenblick war er neben ihr und hob sie in seinen Armen herunter. Niemand soll Ihnen Beistand leisten, sagte er, wenn ich bei Ihnen bin, doch nie habe ich es mit den Gefühlen gethan, die mich jetzt beseelen. Ich empfange hier so eben ein Schreiben aus Petersburg, fuhr er fort. Der Kaiser hat mich zum Generalmajor ernannt. Doch das ist es nicht, was mich so freudig bewegt. Mein Oheim fügt Besseres hinzu. Ich habe ihm meine Herzensgeheimnisse anvertraut; er 729 ermuthigt mich, meinem Glücke zu vertrauen. Darf ich das wagen, theure Ebba? Ich weiß nicht, was mich in der nächsten Stunde vielleicht schon treffen kann, aber es wäre süß, wenn ich sterben müßte, erhört, geliebt zu sterben! Ich habe keine Zeit, viele Worte zu machen. Sie wissen, was ich für Sie empfinde; wollen Sie mir in dieser letzten Stunde sagen, daß ich glücklich sein darf. Ebba's blasses Gesicht blieb unbeweglich bei dieser überraschenden Mittheilung, aber in ihren Augen sammelte sich die überlegene ruhige Würde, mit der sie sich zu waffnen schien. Sie sprechen wahr, Graf Serbinoff, erwiederte sie ihm, die Zeit der Worte ist für uns vorbei. Was geschehen ist, kann niemals ausgelöscht werden. Ich bin geehrt durch Ihren Antrag, aber ich kann und will nicht heucheln. Hier in Gegenwart des Bischofs, der zu viel von uns weiß, um ihm mehr verbergen zu wollen, erkläre ich Ihnen, daß ich Ihnen meine Hand reichen will, wenn Sie diese so annehmen können, wie ich sie zu geben vermag – ohne Herz! Ich werde auch dies Herz erwerben, fiel er ein. Ich kann dem quälenden Drängen meines Bruders, der mein Herr zu sein glaubt, nicht anders entgehen, als wenn ich Ihren Antrag annehme, fuhr sie fort. Bedenken Sie auch das! Und das sagen Sie mir mit solcher Grausamkeit! rief Serbinoff zwischen Klage und Zorn schwankend. Ich bin Ihnen Aufrichtigkeit schuldig, versetzte sie mit fester Stimme. Glauben Sie, daß ich jemals vergessen kann, was hier geschah? Sie sind ein stolzer Mann, von großem Ehrgeiz und Selbstvertrauen, mit so vielen Vorzügen begabt, die Frauen schätzen. Wählen Sie eine Andere, die Ihnen dankbarer ist. Ebba! fiel ihr Bruder heftig ein, lege endlich jetzt die kindischen Thorheiten ab. Du hast mir versprochen vernünftig zu sein, und gebehrdest dich nun wie eine Närrin. Ich habe ihm versprochen zu thun, was er von mir verlangt, weil ich von seinen Vorhaltungen mit Ekel erfüllt war, sagte Ebba zu Serbinoff, und ich werde mein Versprechen halten, wenn nichts Sie bewegen kann, mich aufzugeben. Aber ich wiederhole Ihnen, was ich 730 sagte: Wählen Sie eine Gattin, die Ihnen ein volles, freudiges Herz mitbringt. Und wo ist denn dein Herz? fragte Arwed zornig und hohnvoll. Etwa im Paradiese bei dem Schatten eines Seligen? War Erich damit beglückt? O, Erich! rief sie ihre Stimme erhebend. Ich konnte bewundernd an ihn glauben, konnte ihm vertrauen. Der Schwärmer, der in gerechter Weise – er konnte nicht weiter fort fahren, denn Serbinoff unterbrach ihn. Was erwarten Sie von mir, Ebba? fragte er. Was soll ich für Sie thun? Was Graf Serbinoff thun muß. Fordern Sie Alles, sagte er, nur nicht, daß ich entsagen soll. Bei Gottes Thron! bei meiner Ehre! ich will nicht ruhen, nicht rasten, bis ich endlich auch Ihr Herz besitze. Es wird Ihrer Hand nachfolgen, theure Ebba. Ich nehme diese Hand mit der Überzeugung, daß ich sie keinem Andern lassen kann, als mit meinem Leben. Und jetzt ist es an Ihnen, hochwürdiger Herr! unterbrach ihn Arwed, den Segen über ein verlobtes Paar zu sprechen. Merkwürdig genug, daß es hier auf einem finnischen Hügel im offenen Felde geschieht. Wo es geschehen mag, antwortete Herr Ridderstern. Gott ist allgegenwärtig und hört das gegenseitige Gelöbniß. Er wird dies edle Paar segnen und ihre Herzen mit Liebe und Treue füllen. Serbinoff hielt Ebba's Hand fest, der Bischof legte seine Hände ins Kreuz darauf und schickte sich an mit frommer Salbung ein Gelöbniß zu sprechen, als plötzlich der Schall mehrere fernen Schüsse ihn unterbrach. Scheu und stotternd blickte er sich um und zog sich zurück. Lassen Sie uns eilen, meine Freunde! rief er. Gott wird mit Ihnen sein, Graf Serbinoff. Sie werden diese heillose Rotte vernichten und am Abend bei uns in Halljala sein, wo die liebliche Braut Sie erwartet. Wollen Sie mich freundlich empfangen, Ebba? bat Serbinoff. Empfangen, wie es sich für mich schickt, erwiederte sie mit derselben Kälte, und kaum gelang es ihm den Sturm zu bewältigen, der in seinem stolzen Herzen tobte. Er küßte mit einem traurigen Lächeln 731 ihre Hände und hob sie in den Sattel, während er einen Schwur murmelte, daß er Alles vergelten wolle. Meine Pflicht zwingt mich leider zum Scheiden, sagte er dann, doch in wenigen Stunden sehen wir uns wieder. Haben Sie kein Abschiedswort für mich, geliebte Ebba? Daß Gottes Wille geschehe! antwortete sie, indem sie ihn verließ. Und er wird geschehen! rief er ihr nach. In deinen Armen, grausames Mädchen, will ich meinen Sieg feiern. Die Reiter folgten dem Fräulein nach und bald verschwanden sie im Walde, wo die Straße über steile Hügel und zwischen waldbedeckten Felswänden aufstieg, bis sie den Bergkamm erreicht hatte, von wo sie jäh durch eine enge Schlucht gegen den Pajäne abfiel. Herr Ridderstern blickte ängstlich suchend zu dem wildverwachsenen Buschwerk auf und dann noch einmal zurück, nach den Grenadieren seines Beschützers, aber er sagte nichts, denn eine Schutzwache dieser Infanterie konnte den Reitern nicht viel helfen. Die Straße war ihm wohl bekannt, sie führte gerade auf Louisa los, und vor den Buschkleppern, die in den Korpilaxbergen eingeschlossen waren, konnte die Besorgniß auch nicht allzugroß sein, denn sie befanden sich weit genug davon, und auf jeden Fall waren es Finnen, die Landsleuten und obenein einem geistlichen Herrn kein Leid thun würden. Lange Zeit ritt Arwed neben seiner Schwester her, ohne sie anzureden. Ebba schien ihn kaum zu beachten, denn sie wandte sich nicht um, als er neben ihr war, und endlich einen Versuch machte, das gute Vernehmen herzustellen. Wie sehr hast du mich heut wieder betrübt, begann er im weichsten Tone, und auf welche Proben stellst du dabei sowohl mein brüderliches Gefühl, wie Serbinoff's Liebe. Wäre diese nicht so leidenschaftlich, sie müßte ihr Ende erreichen. Dann wäre uns Beiden geholfen, war ihre Antwort. Wir müssen langmüthig sein, sagte er, wie ein Kind dich behandeln, das nicht einsieht, was ihm frommt. Ich bitte dich zum letztenmal, Ebba, nimm deine Vernunft zusammen. Serbinoff ist eine Parthie, die kein Mädchen ausschlagen darf. Du bist arm, hast keine Aussichten, was soll aus dir werden? Niemals das, was du aus mir machen möchtest. 732 Keine Phantasterei! Was soll das Gerede über dein umherirrendes Herz? Seit einiger Zeit, scheint es, hat deine Empfindsamkeit bedenklich zugenommen, und zwar seit jenem Abend, wo deine lebhafte Einbildung dir den Streich spielte, den elenden Burschen dir vorzuzaubern, der noch immer in dir spukt. Schweig davon, sagte sie vor sich hin. Es muß ein Ende nehmen, fuhr er fort. Serbinoff weiß besser wie irgend Einer, was dieser finnische Bauer sich einbildete, und mit welcher Verzweiflung er anscheinend seine Liebe nicht erwiedert sah. Damals warst du ein vernünftiges Mädchen, du wähltest Erich und unterdrücktest deine eigene Thorheit; was soll Serbinoff nun wohl denken, wenn er erfährt, daß deine Beleidigungen daraus entspringen, daß du Herzweh um einen Schatten hast. Du irrst, erwiederte sie, mein Herz ist ruhig um ihn; auch magst du Recht haben, daß es nichts war als ein Spiel meiner Einbildung, aber dies hindert mich nicht, zu glauben, daß eine höhere Macht mir diesen edeln Schatten sandte. Sein gramvoller Blick antwortete dir, und ich gelobte, mich vor deinen Plänen zu retten, Serbinoff aufrichtig zu sagen, daß ich niemals ihm gehören könne. Aber es hat dir nichts geholfen! fiel er ein. Er wird seine Schwüre halten. Seine Ehre wird es nicht zulassen, mich zu zwingen. So werde ich dich zwingen! Ich! Du sollst wissen, daß ich Macht über dich habe. Du hast mir dein Wort gegeben, dich zu fügen, und wirst einsehen, wie unvernünftig es wäre, es jetzt brechen zu wollen. Mache mich nicht rasend, Ebba. Treibe es nicht zum Äußersten. Wo ist ein Mensch, der dir Recht geben, dir beistehen könnte? Jeder, der es hört, muß mir helfen, dich zum Einsehen zu bringen. Ich nicht! antwortete eine helle Stimme dicht bei ihnen. Und was meinst du, Hans, du thust es auch nicht. Baron Bungen sah erschrocken hinauf. Die Reiter befanden sich mitten in einem Hohlwege, der zu beiden Seiten von steilen moosigen Felswänden eingefaßt war, auf welchen Brombeerranken und Ginsterbüsche wucherten. Auf einem platten Steine saß Lars Normark, seinen 733 Sack um den Nacken und seinen Hahn auf dem Knie, der ein beistimmendes Glucksen begann und freudig seinen Hals aufhob. O! thue ihm nichts zu Leide! rief Ebba, als sie sah, wie ihr Bruder sein Roß anhielt und nach der Satteltasche griff, während Herr Ridderstern im harten, zornigen Tone sagte: Ist der Schelm auch wieder da, so frech und ruchlos, wie er immer gewesen! Gott behüt's, hochwürdiger Herr, Gott behüt's! antwortete Lars. Bin wieder da, ich und der Hans. Es ist curios, Hans, daß wir immer da waren, wo sie uns nicht vermutheten. Komm herunter, alter Lustigmacher, sagte Arwed. Du siehst garstig aus, bist mager geworden und hast deinen dicken Kopf ganz spitz werden lassen. Begleite uns nach Halljala, wir wollen für dich sorgen. Bleib', Lars, und geh'! Laß ihn gehen, Arwed. Danke, Herr! antwortete der Schulmeister inzwischen. Ich und der Hans, wir lieben die Freiheit, wenn's auch magere Kost dabei gibt. Sage es ihnen, Hans, daß du um Alles in der Welt nicht Gouverneur oder Bischof werden möchtest, wie fett die Moskowiter dich auch machten. Hören Sie den gottlosen Bösewicht! rief Ridderstern. Spaßmacher! lächelte der Baron, laß dich erbitten. Gehörst du nicht zur Gesellschaft des tapferen Generals Roth? Was meinst du, Hans? fragte Lars seinen Hahn. Gehören wir dazu. Der Hahn nickte gravitätisch und kollerte ein vernehmliches ja. In Gottes Namen denn, Herr. Der Hans sagt's, also wird's wahr sein. Du mußt uns mehr davon erzählen, Lars. Dein General muß ein höchst liebenswerther, merkwürdiger Herr sein. Wie Ihr's treffen könnt, Herr. Es liebt ihn ein Jeder, wenn's kein Schuft und kein Verräther ist. Ist es nicht wahr, Hans? Der Hahn bestätigte es und Baron Bungen fuhr höflich fort: So laß dich denn erbitten und steige schnell herunter. Sieh her, ich habe hier ein Mittel, das dich gewiß zum folgsamen Mann machen würde, aber du bist viel zu gefällig, um es anwenden zu müssen. Er spannte dabei den Hahn des Pistols, das er in der Hand hielt, und 734 hob es gegen den Schulmeister auf, der ohne zu zögern von dem Gestein hinabrutschte und im nächsten Augenblick auf seinen Beinen neben ihm stand. Ei, Hans! sagte er lachend zu seinem Hahn, meinst du nicht, daß der gnädige Herr zu überreden weiß. Aber wir haben es doch noch zu bedenken, Hans, ob wir's thun können. Ich hoffe, du bedenkst nichts mehr, mein lieber Lars, versetzte der Baron, wenn ich dich bitte, dicht bei mir und dem hochwürdigen Herrn Ridderstern zwischen unseren Pferden zu gehen, und keinen Schritt zurück zu bleiben, damit nicht etwa dies kleine Ding hier in meiner Hand zufällig losgeht und dich zu meinem größten Bedauern verletzt. Du willst doch? Gewiß, Herr. Meinst du nicht, Hans, wir wollen Beide; aber unser Herr General muß es erlauben. Dein General? fragte Arwed beunruhigt. Wo ist dein General? Behüt's Gott, gnädiger Herr! lachte der Alte. Habt Ihr ihn noch nicht gesehen? Da steht er – seht Euch um! Baron Arwed wandte den Kopf rasch dahin, wohin der schwere Stock des Landstreichers deutete. Sein Haar sträubte sich plötzlich auf und ein eisiger Schauer rieselte vom Nacken herunter durch sein Mark, denn da stand unter einer ungeheuren Fichte, die sich weit über den Weg streckte, ein finnischer Bauer im breitkrempigen Hut und weiten Kittel. Ein Gurt war darüber geschnallt und in diesem steckte ein kurzes breites Schwert. Aber das war es nicht, was dem Baron dies Grauen bereitete, es war die Gestalt, das Gesicht des Mannes, der, an den Baum gelehnt, ihn unbeweglich anschaute. Und in dem Augenblick, wo er diese Entdeckung machte, hörte er seine Schwester einen Schrei ausstoßen. Er hörte, wie sie den Namen des Gespenstes mit zitternder erlöschender Stimme nannte; er sah, wie sie ihre Arme nach ihm ausstreckte, wie in ihrem Gesicht sich ein Entzücken malte, statt des Entsetzens, das ihre ersten Bewegungen begleitete, und über das jähe Gestein sprang die Erscheinung mit der elastischen Kraft und Kühnheit, welche er an dem Lebendigen so oft bewundert hatte. Alles war das Werk eines Augenblicks. Alle gute Geister! schrie Herr Ridderstern zu gleicher Zeit, hebe dich fort, Satanas! 735 O, mein Gott, er lebt! rief Ebba in einem Ton, der ihren Bruder mit rasender Wuth erfüllte. Ebba! Geliebte! Ewig geliebte! hörte er die wohlbekannte Stimme antworten, und mit dem Ruf: Verrath! höllischer Verrath! richtete er das Pistol gegen den verhaßten Mann. Doch indem er es abdrückte, fiel Lars Normark's Stock mit brechender Gewalt auf seinen Arm. Der Schuß donnerte durch den Wald, aber die Kugel zerschmetterte an einem Stein. Ehe Arwed Bungen noch etwas für sich thun konnte, lag er am Boden, und wie aus diesem hervor gewachsen, war der Weg zu beiden Seiten mit bewaffneten Männern gefüllt. Siebenzehntes Kapitel. In Lully's Burg, mitten in den blutig rothen Granitklippen der Korpilaxberge, lagerte ein Haufen sonnverbrannter Männer von abenteuerlicher Gestalt. Soldaten mußten es sein, denn man konnte an den meisten noch eine Jacke oder einen Rock von schwedischer Farbe erkennen, aber die Reste eines ganzen Heeres vereinigten sich darin. Der Eine war ein Jäger, der Andere ein Grenadier, der Dritte ein Artillerist, der Vierte ein Husar gewesen. Lappen und Fetzen jeder Art hatten sich von so verschiedenem kriegerischen Staat erhalten und auf den narbigen, bärtigen Gesichtern saß hier ein Hut, dort ein Helm, da ein russischer Tschako oder eine rothbeutelige Kosakenmütze. Manche Köpfe waren mit dunkelroth getränkten, schmutzigen Tüchern umwunden, manche Gesichter mit breiten Pflasterstreifen beklebt, oder sie zeigten Wunden, welche noch zu bluten schienen. Es waren rauhe abgehärtete Männer, sichtlich von Elend aller Art heimgesucht, sichtlich von furchtbaren Anstrengungen erschöpft, doch aus ihren rasch rollenden Augen leuchtete noch immer ungebrochene Kühnheit und wie die Meisten an ihren Waffen putzten und ausbesserten, 736 und ihre Messer und Säbel schärften, konnte man glauben, daß sie nicht Willens seien, an Ergebung in ihr Schicksal zu denken. Unter der zerbrochenen Hompuseiche lag Korporal Spuf der Länge nach ausgestreckt und schien mit halb offenen Augen zu schlafen. Vor ihm an dem Opfersteine kniete der Feldwebel, nicht aber um zu dem Allerhalter zu beten, sondern um in einer kleinen Pfanne mit Hilfe einiger dürren Reiser Brodkuchen von sehr schlecht aussehendem Mehl zu backen. Der Korporal war beinahe schwarz gebrannt vom Wetter mit einer Zuthat von Pulverdampf und Staub, welche sich über seine Haut klebten und einen dicken Überzug bildeten. Seine wilden gelben Haare fielen in Büscheln darüber hin und der Feldwebel warf einige Male einen wohlgefälligen Blick auf ihn, während das eigenthümliche Grinsen durch sein spitzes, faltenreiches Gesicht lief. Er war immer noch wie er gewesen. Seine kleinen listigen Augen schauten spottsüchtig umher, und die kurze Oberlippe zog sich muthwillig dicht unter die spitze Nase zusammen, als seine Brodkochen fertig waren und er die Pfanne dem ruhenden Korporal vorhielt, der von dem Dunst aufgeweckt wurde, ohne das Labsal zu finden; denn der Feldwebel hatte die Pfanne schnell wieder versteckt. Feldwebel! brummte Spuf, indem er sich auf die andere Seite warf, du bist der dummste General, der mir jemals vorgekommen ist. Pfui, Spuf! antwortete der Feldwebel. Wie kannst du dich unterstehen, deinen General dumm zu nennen, den die Russen für übermäßig klug halten. Und wie kannst du mich für den Allerdummsten erklären, da es doch so viele erhabene Beispiele von Dummheit auf Erden gibt. Du bist der Dummste, wiederholte Spuf hartnäckig, und ich will dir sagen warum. Die Anderen ziehen sich bei Zeiten auf ihre Magazine zurück. Du aber ziehst dich nicht zurück, sondern – O! sieben und siebenzig Schock Tonnen! schrie er, sich aufrichtend und die Haarsträhnen von seinem Gesicht schleudernd, wärst du nicht so zähe wie Sohlleder, so machte ich auf der Stelle den Antrag, Kriegsgericht zu halten und dich zu schlachten. 737 Elender Korporal! erwiederte Roth, ist das der Dank, daß ich deine klappernden Gebeine in dies liebliche Thal in Sicherheit brachte. Ist das etwa eine Sicherheit, Schatten von einem Feldwebel! schrie Spuf. Kannst du Steine in Brod verwandeln? Kannst du dies nichtswürdige Wasser zu stärkendem Trank machen? Nein, Korporal Spuf, sagte der Feldwebel würdevoll, ich bin ein guter Christ, kein finnischer Hexenmeister, allein ich habe Gott und Gottes Sohn gebeten, uns zu helfen, und die Mutter Gottes ist mir erschienen und hat mir ins Ohr gesagt, daß heut Abend noch volle, schöne Fleischtöpfe und herrliche Kuchen, sammt ganzer Fässer voll Meth und Branntwein, süß und feurig, uns laben sollen. Feldwebel! sagte Spuf mit der Zunge schnalzend, mir gehen die Augen vor Wonne über. Was hat dir die Gottesmutter gesagt? Schlagt die Russen todt, sagte sie, oder laßt euch todt schlagen. In beiden Fällen wird Spuf nicht mehr über Hunger und Durst schreien. Bist ein einzig kluger Feldwebel! schrie Spuf, aber ich habe auch dergleichen geträumt. Die Mutter Gottes brummte mir ins Ohr: Zieht dem elenden Feldwebel die Haut ab und spannt diesen über eine Trommel, so laufen alle Russen davon. Nein, Korporal, sagte der Feldwebel sanftmüthig, mir sagte sie noch andere Dinge. Geh hin, sagte sie, nimm diese Kuchen und stärke den tapferen Spuf damit, so wird er Wunder der Tapferkeit verrichten. Wo sein langes Bajonnet sich heut zeigt, werden die Russen sich selbst daran spießen. O, Feldwebel! rief Spuf mit beiden Armen nach der Pfanne langend. Sind es frisch gebackene fette Kuchen? Gieb sie her und dann laß die Russen kommen, Korporal Spuf wird ihnen alle deine Wunder erklären. Ein Soldat kam soeben eilig gelaufen und meldete, daß ein russischer Offizier, der an einen Tannenzweig ein weißes Tuch gebunden habe, sich bei den Vorposten befinde. Bringt ihn her, den Moskowiter! schrie Spuf, ich will ihm gleich zuerst meinen Segen geben. Was verlangt er denn? fragte der Feldwebel? Er will den General Roth sprechen, sagte der Soldat. 738 Versteht ihn denn ein ehrlicher Kerl? fragte der Feldwebel. Kann er denn seinen Mund gut finnisch oder schwedisch aufthun? Ja, Herr, und sieht aus, als wäre er ein Christ. So bringt ihn herauf, antwortete der Feldwebel. Heda, Korporal Spuf! Hier! schrie der Korporal, der den letzten Kuchen verschlang. Laß alle unsere Leute sich verbergen. Keiner darf sich sehen lassen. Ich will mit diesem Russen allein sein. Zu Befehl, Feldwebel oder General! schrie Spuf, indem er sich militärisch umdrehte. In wenigen Minuten hatte sich der Anblick des Felsenthals verändert. Geräuschlos verschwanden die lagernden Soldatenhaufen in den Grotten und Büschen und nichts war von ihrer Anwesenheit zu bemerken. Das Thal war so still und friedlich, als wäre es eine der glücklichen Inseln im Weltmeere. Der Bach murmelte klar und leise; Gras und Blumen bewegte der sanfte Morgenwind und wie ein Opferpriester Jumala's stand der dürre Feldwebel nachsinnend vor dem Stein, unter welchem er seine Pfanne und zerstreut umherliegenden Geräthe verbarg. Um seine Schulter warf er dann eine Art Mantel, mit welchem er seinen zerfetzten Rock bedeckte und in sein Gesicht drückte er einen Federhut mit verwetterter Goldtresse, der einst einem Offizier gehört hatte. So ging er dem russischen Parlamentair entgegen, welcher, von einigen Soldaten begleitet, sich ihm näherte und jedenfalls besaß er in Schritt und Geberden mehr Anstand und Würde, als er je in seinen Späßen mit Korporal Spuf gezeigt hatte. Er begrüßte den russischen Offizier mit soldatischer Höflichkeit, die dem höflichen Benehmen desselben nichts nachgab. Sie sind der General Roth, mein Herr, sagte der Russe in schwedischer Sprache. Mein Name ist Roth, erwiederte der Feldwebel. Ich freue mich, einen so tapferen und ausgezeichneten Offizier kennen zu lernen und ihm meine Aufträge zu überbringen. Wer gab Ihnen diese Aufträge? fragte Roth. Der commandirende General Dolgorucki. Und worin bestehen dieselben? 739 Mein Herr, sagte der russische Offizier, General Dolgorucki kennt Ihre Lage ganz genau. Sie haben Alles gethan, was ein tapferer Mann thun kann, allein Sie sind umringt, von allen Hilfsmitteln entblößt. Es ist unmöglich, daß Sie uns entkommen können. Was meint also der General Dolgorucki? Daß Sie ihm vertrauen und unnützes Blutvergießen vermeiden mögen. Strecken Sie die Waffen, General, er bietet Ihnen die besten Bedingungen. Kriegsgefangen müssen Sie bleiben, in allem Übrigen aber soll Ihnen Alles, was Sie fordern, bewilligt werden. Sie sind sehr freigebig, Prinz Dolgorucki, sagte Roth, indem er sich verbeugte. Der russische Offizier schien einen Augenblick überrascht zu sein, aber er faßte sich sogleich. Lächelnd streckte er seine Hand aus und sein jugendlich schönes Gesicht erhielt einen äußerst gewinnenden, herzlichen Ausdruck. Wenn ich gewußt hätte, daß Sie mich kennten, sagte er, würde ich meine Epauletten nicht abgenommen haben. Ja, mein Herr, ich bin selbst gekommen, ich ganz allein Ihrer Ehre vertrauend, um wo möglich Frieden zwischen uns zu schließen, und damit Sie sehen, daß ich es aufrichtig meine, will ich Ihnen gestehen, daß ich weiß, Sie sind der Feldwebel Roth. Richtig, versetzte Roth, mehr steckt nicht unter meinem Tressenhut. Es steckt ein Kopf darunter, sagte Dolgorucki lebhaft, der mehr werth ist, als die meisten eurer Generalsköpfe. Sachte, sachte, sagte der Feldwebel, in seiner Art grinsend. Bieten Sie mir nichts, gnädiger Herr, denn ich bin weder ein Admiral noch ein General, sondern eben nur ein Feldwebel. Ich biete Ihnen nichts, Herr Roth, sagte der junge Fürst, denn ich verachte alle Bestechung. Meine Sache ist es nicht, Verräther zu machen. Wir sind Beide ehrliche Soldaten und wollen es bleiben. Der Teufel hole diesen Krieg, aber er ist da und ich bin ein General meines Kaisers. Ich achte tüchtige Männer, mag sie nicht zu Tode hetzen, mag sie nicht zur Verzweiflung bringen. Rettung ist nirgends mehr für Sie. General Sandels ist bis Kajana zurückgeworfen; Sie sind gänzlich abgeschnitten, dabei ohne Lebensmittel, selbst 740 ohne Pulver und Blei, haben wenige hundert verschmachtende Leute noch auf den Beinen. Ergebt euch also und nehmt Pardon an. Gerne, sehr gerne! antwortete der Feldwebel mit vieler Sanftmuth. Ich bin so friedlich gesinnt wie Sie, mein General, doch hören wir wie meine Kameraden darüber denken. Korporal Spuf! rief er gegen die überhängenden Felsen hin. Hier! antwortete der Korporal, indem er aus einer der tiefen Grotten trat, und als er in der Nähe war, sein Gewehr präsentirte. Als er den Prinzen anblickte, faßte dieser unwillkürlich nach seiner Seite, denn Spuf's Augen hatten etwas von dem wilden Feuer, mit dem ein Raubthier seine Beute betrachtet. Korporal Spuf, sagte der Feldwebel, willst du dich ergeben? Ich glaub's nicht, brummte Spuf. Oho! sieben und siebenzig Schock verdammter – hier hielt er plötzlich inne und sagte im Tone der Subordination: Das Regiment Björneborg hat sich noch niemals ergeben, General. Haben wir Pulver, Korporal? Vollauf, Herr. Kugeln? Kugeln, Knöpfe und Steine. Und Brod, Korporal Spuf. Brod und Fleisch viele Karren voll. Strenge dich nicht an, Freund, antwortete Dolgorucki. Mancher Tag ist vergangen, wo du kein Fleisch gesehen hast. Ergebt euch und ich will euch Brod und Speise geben. Wollt ihr nicht, so kann ich allenfalls bis morgen warten, dann wird der Hunger euch dazu zwingen. Moskowiter! murmelte der Korporal, wahre dein eigen Fleisch und Blut. Dolgorucki hatte ihn verstanden. Er sah ihn mitleidig an. Dürstest du so sehr nach meinem Blute, sagte er, laß dich nicht danach gelüsten. Blickt von diesem Felsennest in die Thäler hinab, da ist kein Ausgang für euch. Meine Krieger sind überall. Ich gebe euch drei Stunden Zeit, die weiße Fahne aufzustecken, weil ich euer Leben retten möchte. 741 Du sollst es erfahren, daß wir leben, brummte Spuf. Wir wollen es bedenken, mein gnädiger Herr, sagte Roth, der die Hand an seinen Tressenhut legte. Nehmen Sie inzwischen meinen Dank für ihre Menschlichkeit. Sie sollten nicht zögern, sollten mich begleiten. Ich muß thun, was Ehre und Pflicht gebieten, entgegnete der Feldwebel. Wir sind verlassene Leute, ich weiß es, daß Sie Recht haben. Mancher General, mancher Oberst hat sein Vaterland vergessen und verrathen, wir müssen's gut machen vor Gott und Welt. Lassen Sie uns berathen, ob wir mit gutem Gewissen sagen können: da liegen unsere Waffen, nehmt sie. Der lange dürre Mann sprach mit solcher festen Würdigkeit, daß der Prinz ihm freundlich zunickte und sagte: So mag es sein. Berathen Sie, und wer binnen drei Stunden ohne Waffen zu uns kommt, soll als Freund aufgenommen werden. Ich hoffe, Sie kommen zu mir, Herr Roth. Ich denke auch, erwiederte der Feldwebel. Und bald, fügte er leise hinzu. Kaum hatte Dolgorucki sich entfernt, als der Feldwebel die Blutsteine hinaufkletterte und auf einer der höchsten Spitzen liegend, eine kurze Zeit lang in die Thäler hinabschaute. Eben so schnell und gewandt kehrte er zurück und währenddessen hatten sich sein ganzer Streithaufen um den Opferstein gesammelt. Seine kleinen funkelnden Augen schienen die Männer zu mustern, die sich in Linien reihten und richteten und deren Gesichter an ihm mit dem Ausdruck unerschütterlichen Vertrauens hingen, voll furchtloser Sicherheit, bereit, ihm blindlings zu folgen. Der Feldwebel schien auch ein anderes Wesen zu sein, so stolz aufgerichtet stand er vor dem Haufen; keine Spur leichtfertiger Lust in dem blassen Gesicht und doch ein Ausdruck von Unbesorgtheit darin, ein listiges muthiges Lächeln in den Mundwinkeln, männliches Selbstvertrauen in seinen Blicken. Kameraden, sagte er, es kommt darauf an, ob ihr es noch einmal mit mir versuchen wollt. Wer es nicht will, der mag zu den Russen hinuntergehen. Sie werden jeden gut aufnehmen, ihn weder ausplündern noch mißhandeln. Wer's annehmen will, der trete vor, wer nicht will, bleibe stehen. 742 Gut, fuhr er fort, als Keiner vortrat, so wollen wir suchen ein Loch in ihren Sack zu machen. Ich denke es soll so groß sein, daß weder Zwirn noch Nadel hinreicht, ihn bald wieder auszuflicken. Ihr wißt, daß Otho Waimon sich in der Nacht schon mit seinen Bauern in den Wald von Lomnäs durchgeschlichen hat. Fassen wir die Moskowiter bei den Ohren, springt er ihnen ins Genick. Fangen wollen wir, die uns fangen wollen; wie freie finnische Männer wollen wir leben und sterben. Und dazu ist es eben Zeit! rief er mit seinem eigenthümlichen Grinsen und seine Augen blitzten wie Sterne. Ich habe dem russischen Offizier versprochen in sein Lager zu kommen und euch mitzubringen. Nehmt's Gewehr auf, Kameraden, wir wollen so geschwind da sein, wie er selbst. Hierauf gab er seine Befehle kurz und bestimmt, und nach wenigen Minuten kroch die ganze Schaar über den Blutsteinklippen fort bis wo zwei jäh abfallende Granitlager einen fast senkrechten Sturz bildeten. Das Regenwasser vieler Jahre hatte aber ein Gerinne hier ausgewaschen, und Männer, an große Gefahren gewöhnt, konnten wohl hinabzusteigen wagen. Bah! sagte ihr Anführer, als die Vordersten zögerten, es ist nicht solche Mäusefalle, wie die Russen meinen, aber einen andern Weg gibt es nicht. Lars Normark kannte ihn allein, und was Bauern thun, werden Soldaten auch wohl können. Nur vor dem Korporal Spuf ist mir bange. Spuf gab keine Antwort; er sah ernsthaft in die Tiefe, stemmte dann seine kurzen Beine fest und war der Erste voran. Sie folgten Alle nach, und obwohl der Fehltritt eines Unvorsichtigen oder Schwindelnden die ganze Kette hinabgestürzt hätte, kamen sie Alle wohlbehalten unten an. Dann verschwand der ganze Haufen schnell und spurlos zwischen Gebüsch und Schutthaufen und kein fremdartiger Ton schallte aus dem Wald, auf welchen die Morgensonne schien, kein Staub wirbelte auf, keine menschliche Gestalt konnte von den nackten Hügeln bemerkt werden, hinter denen die Russen lagerten und auf welchen ihre Wachtposten standen. Plötzlich aber zog ein wildes Geschrei über die Thäler und mit ihm zugleich fielen die russischen Posten, von Kugeln durchbohrt. Alle 743 Steine wurden lebendig, aus allen Büschen und Löchern sprangen blutdürstende, ingrimmige Männer. In drei Schaaren getheilt und von drei verschiedenen Seiten liefen die Finnen auf ihre Feinde, und gar nicht lange dauerte es, so sah man Flüchtlinge, die nach der freien vierten Seite liefen. Der Überfall war so gut gelungen, daß die Russen von einem abergläubischen Schrecken ergriffen wurden. Ihre Gegner schienen aus der Erde gewachsen zu sein oder vom Himmel zu fallen, und vergebens waren alle Bemühungen der russischen Offiziere, vergebens war es, daß der junge tapfere General sich in das dichteste Gewühl warf und einige der Fliehenden niederstieß. Er wurde mit dem Strome fortgerissen und dieser ließ sich nicht mehr halten, als plötzlich auch im Rücken der Weichenden Schüsse fielen. Bald schien das Gefecht vollständig verloren und nahe daran, in allgemeine regellose Flucht sich aufzulösen, allein nicht nur waren die Russen zähe und geübte Krieger, welche, gehorsam ihren Führern, diesen noch immer folgten, als sie rascher und immer rascher fliehend sich da und dort noch einmal wandten, um sich zu vertheidigen; ihr Muth wurde noch mehr erfrischt, als Serbinoff's Schaar ihnen entgegenkam und sie unterstützte. Serbinoff selbst suchte an der Spitze seiner Grenadiere dem hartbedrängten General Luft zu machen und durch einen Bajonnetangriff die Finnen zurückzutreiben; allein nie war die Lage der Angegriffenen ungünstiger. Der Boden senkte sich gegen das Thal von Lomnäs. Von beiden Seiten stiegen steile Höhen auf, welche finnische Schützen besetzt hielten, denen große Bäume und Felsstücke zu sicheren Verstecken dienten und von der Höhe hinab gegen den Engpaß, hinter welchem der Wasserfall und die Brücke lagen, stürmte jetzt ein Haufen wildschreiender Männer in weißen Kitteln und breitkrämpigen Bauernhüten, der unaufhaltsam über Sterbende und Todte forteilte. Aus der Wolke von Pulverdampf starrten geschwärzte und blutige Gesichter; wie der grimmige Schlachtengott der Heiden sah Korporal Spuf's furchtbarer Kopf daraus hervor, und mitten aus dem feuerspeienden Knäuel, aus dem Geschrei und dem Donner, welche den Zusammenstoß der Kämpfenden begleiteten, ließen sich die schrillende Töne einer Querpfeife hören, welche den Hörnern und Trommeln der Russen zu antworten schien. 744 Die beiden russischen Anführer befanden sich in diesem Augenblick voran in den Reihen ihrer Streiter, die sie durch ihren Zuruf ermunterten und durch ihr Beispiel zur tapfersten Gegenwehr entflammten. Sie sahen die Gefahr, welche ihnen drohte, wenn es den Finnen gelang, sie die Höhe hinab in das Thal und gegen das Seeufer zu treiben. Jetzt galt es die äußerste Anstrengung, um den Bach und die Brücke zu behaupten, den Feind zurückzuwerfen und ihn zu zerstreuen. Trotz aller Nachtheile und aller Verluste waren ihre Schaaren noch mehr als doppelt so stark wie die ihrer Dränger; gelang es, diese in die Wälder zu jagen, so war der Weg nach Norden versperrt und bald genug konnte der Schaden gut gemacht werden. Prinz Dolgorucki saß auf einem türkischen Schimmel, der bezaubert schien, denn keine Kugel hatte ihn treffen können, Serbinoff hielt die Fahne des Regiments, die er dem sterbenden Fahnenträger entrissen, hoch in die Luft und schwang in seiner Rechten den Säbel. Hinter beiden Generalen schritten die Grenadiere in dichten, tiefen Reihen, die Bajonnete gefällt. Unbekümmert um die Kugeln, welche von den Höhen herunter sie zu Boden streckten, stürzten sie sich auf ihre Feinde. Viele sahen, wie ein furchtbares Gesicht dicht vor ihrem vielgeliebten Prinzen auftauchte. Sie sahen, wie der Schimmel sich hoch aufbäumte, wie die Klinge des jungen Generals auf den schwarzen Kopf des finnischen Teufels niederfuhr, dann verschwand Alles in der Wolke von Pulverdampf und in dem wilden blutigen Ringen, das sie verbarg. Verworrenes Geschrei, zusammenschlagende Waffen, dumpfe Schläge der hochgeschwungenen Säbel und Gewehre, einzelne Schüsse, deren rothe Blitze durch den Dampf fuhren und Laute des Entsetzens, der Raserei, der Schmerzen und der Verzweiflung füllten die nächsten Minuten, aber es war gewiß, daß die Russen vorwärts drangen. Mir nach, meine Grenadiere, sie fliehen! schrie Serbinoff. Es lebe der Kaiser! Es lebe der Kaiser! antworteten seine Krieger, und mit doppeltem Muthe folgten sie ihrem kühnen Führer, der im nächsten Augenblicke die Fahne einem Offizier zuwarf, den er in seiner Nähe sah und dann so verwegen in das Gewühl stürzte, als erblickte er dort einen Gegner, der ihn besonders aufreizte. Da stand an der Bergseite ein 745 alter wunderlicher Kerl, der statt zu fechten mit seiner Pickelflöte den Lärm vermehrte, und auf seiner Schulter saß ein lebendiges Geschöpf, ein Hahn, der ein grimmiges Geschrei erhob, als er Serbinoff erblickte. Weißhaariger Schurke, schrie der Oberst, du bläst deinen Marsch fürs Todtenreich! Er schwang den Säbel. Der Hahn flog ihm wüthend entgegen und kollerte blutig getroffen nieder. Ohne inne zu halten, gellten die Töne der Pfeife weiter, allein im nächsten Augenblick stürzte der Pfeifer nieder über Pfeife und Hahn. Ein grimmiges Lachen verzerrte Serbinoff's Gesicht. Lars Normark lag zu seinen Füßen und mit einer letzten Anstrengung brachte er einen schrillenden, klagenden Ton aus seinem zerspaltenen Instrument hervor. Hut und Wollmütze waren von seinem Kopf gefallen, und über seinem nackten Schädel funkelte noch einmal Serbinoff's Schwert, als eine andere Klinge den Hieb zur Seite schlug. Ein Windstoß trieb eben jetzt den Pulverdampf fort und Sonnenschein beleuchtete den Kampfplatz. Von der Höhe herunter sahen die Russen eine neue Feindesschaar, die finnischen Schützen, springen, einen langen, dürren Mann voran, dessen Schattengestalt und Federhut sie mit größerem Grauen erfüllte, als die Bajonnette seiner Soldaten. Das war der schreckliche General Roth! Sie hörten seinen Namen rufen, sahen wie ihre Feinde ihm entgegenjubelten und eben jetzt, wo es am höchsten Noth that, daß ihr General sie begeistere, sahen sie diesen beben, zurückweichen und fliehen. Denn eben jene Hand, die den Pfeifer schirmte, jener Mann in finnischer Bauerntracht, den der wimmernde Ton der Pfeife herbeigelockt hatte, schien Serbinoff zu einem Feigling zu machen. Er blickte ihn eine Minute lang entsetzt an, wie man ein übernatürliches Wesen anblickt, in dessen schrecklicher Nähe der Muthigste verzagt. Halt ein! schrie Otho ihm zu. Gieb Rechenschaft. Otho! murmelte Serbinoff, indem er weiter zurückwich. Gieb Rechenschaft! wiederholte der Finne mit furchtbarer Stimme. Wo hast du meine Schwester gelassen? 746 Du lebst, sagte Serbinoff verwirrt. Lebst du? Ich lebe! Wo hast du meine Schwester gelassen? Ohne Antwort zu geben wandte sich Serbinoff um und wollte sich entfernen. Sein Gesicht war blutlos; zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich von einer Furcht überwältigt, der er nicht widerstehen konnte. Elender! schrie Otho ihm nacheilend, du entkommst mir nicht. Sieh dort hinauf. Da steht Ebba, die ich von dir befreite. Wo ist meine Schwester? Serbinoff blickte zu der Felshöhe empor. Ebba Bungen stand auf dem Gipfel. Auch ihren Bruder und den Priester Ridderstern glaubte er zu erkennen. Sein Schwert vor sich ausstreckend stand er still, ein dämonischer Blick voll Haß und Hohn fiel auf Otho. Zum Teufel mit dir! schrie er dann, Räuber! und plötzlich von dem Alp der bleichen Furcht befreit, der ihn belastete, blitzten seine Augen mit der alten Kühnheit. Seine hohe Gestalt richtete sich auf. Die Adern und Muskeln an seiner Stirn füllten und wölbten sich und mit blitzartiger Schnelle und Gewalt führte er einen Streich gegen seinen Feind, der dem Tode nicht entgangen sein würde, wenn er weniger gewandt und weniger auf seiner Hut gewesen wäre. Aber mit einer Wendung entzog sich Otho der Gefahr, und nun begann einer jener merkwürdigen Zweikämpfe, wie sie alte Geschichtschreiber aus den romantischen Zeiten der Kreuzfahrer und des frühesten Völkerlebens melden. Das Gefecht hatte aufgehört. Die Russen standen in einem Halbkreis, ihnen gegenüber die Finnen und Schweden, auf dem freien Raum zwischen ihnen aber die beiden Männer, an deren Sieg oder Tod jetzt die Entscheidung hing. Die steilen Hügel umher bildeten einen Felskessel, aus welchem allein eine schmale Schlucht zu der Brücke hinabführte, und so still war es einige Minuten lang, daß das Rauschen und Donnern des Wasserfalls deutlich gehört wurde. Der weißleuchtende Birkenwald, welcher alle diese Höhen bedeckte, war von Sonnenschein übergossen, über ihm hing der blaue, wolkenlose Herbsthimmel in wunderbarer Klarheit; einige rothe nackte Klippen, die jäh und spitz aus diesem saftigen Waldesgrün in die duftige Bläue stiegen, vermehrten den malerischen Reiz der Landschaft. 747 Als Otho Waimon dem plötzlichen Anfalle Serbinoffs glücklich entgangen war, der mit einem Male Alles zu beenden dachte, vergalt er dies nicht sogleich. Ein rascher Sprung zur Seite hatte ihn gerettet, und einige Augenblicke lang blieb er stehen, als suche er seine Kraft und seine Ruhe zu sammeln. Er kannte den Gegner, mit dem er zu thun hatte, kannte dessen Stärke und dessen Kunst, sein scharfes Auge und seinen unermüdlichen Arm; er wußte, daß er verloren sein würde, wenn er, von seinem Zorne hingerissen, ihm eine einzige Blöße böte. Serbinoff's Säbel war von vorzüglicher Güte, sein eigenes Schwert dagegen ein altschwedischer Pallasch, breit mit schräg ablaufender Spitze, rostig und schartig, doch von dem guten Dannemorastahl gemacht, der den schwedischen Soldaten so oft ihre Übermacht sicherte und fremdländische Waffen verachten half. – Indem Otho dies Alles bedachte, flogen seine geschwinden Blicke zu dem Felsgipfel hinauf, auf welchem Ebba Bungen stand und auf ihn herunterschaute. Das war der Preis, um den er kämpfen sollte. Ein weißes Tuch wehte in ihrer Hand, ein Hoffnungszeichen, das ihm galt. Mit seinem Leben mußte er um sie werben, sie frei machen, den Weg öffnen, der zur Freiheit führte. Und dieser Mann, der ihn so schmachvoll betrogen hatte, stand zwischen ihm und ihr. Ein Schmerz alter Erinnerungen war noch in ihm gewesen, plötzlich aber erhielt sein Gesicht den furchtbaren Ausdruck unerbittlicher Rachgier. Mit einem jener Zauberschläge, die eines Menschen Kopf und Herz mit Allem, was er erlebt und erfahren, füllen, gedachte er, was dieser Mann an ihm gethan und wie er eben jetzt erst verrätherisch nach seinem Blute gedürstet. Er dachte an seine Schwester; Wuth lief durch sein Hirn und füllte seine Adern. Louisa! rief er, und indem er diesen Namen in einem Tone wiederholte, vor welchem Serbinoff's Grauen zurückkehrte, drang er auf den Verderber ein. Die Schwerter klangen von den mächtigen Schlägen dieser beiden starken und kühnen Kämpfer und alle diese wilden mit Blut bedeckten, in Blut gehärteten Männer, welche so eben noch mit unzähmbarem Grimm sich angefallen und erbarmungslos gemordet hatten, standen besorgt und ängstlich, ihre eigene Gefahr, ihre eigenen Wunden vergessend, und verfolgten mit heißen, stieren Blicken, mit Zagen und 748 aufjubelnder Freude jede Bewegung, jeden Hieb, jedes Zurückweichen, jedes Vorwärtsdringen, jeden kleinen scheinbaren Vortheil oder Nachtheil ihrer Heroen. Serbinoff mit seiner riesigen Gestalt, seiner Kraft und Kunst und seiner Ruhe, schien seinen Freunden zu verbürgen, daß er diesen Gegner bald niederstrecken würde, allein die Entscheidung verzögerte sich länger, als sie dachten. Der finnische Bauer war von nicht geringerer Kraft und von gefährlicher Ausdauer und Behendigkeit. Der Platz war steinig, lange Grashalmen schlangen sich um die Füße der Kämpfer, aber das schien kein Hinderniß für Otho, um nach allen Seiten hin vor- und zurückzuspringen. Serbinoff hatte genug zu thun, seine Angriffe abzuschlagen, und er begnügte sich eine Zeit lang damit, indem er auf die günstige Gelegenheit wartete, einen erfolgreichen Stoß zu thun. Diese Gelegenheit fand sich, als Otho über einen Stein gleitend, der unter dem Grase lag, auf einen Augenblick das Gleichgewicht verlor, und vornüber fallend, nicht schnell genug sich zurück zu ziehen vermochte. Serbinoff stürzte sich auf ihn, und als er seine scharfe Klinge in Otho's Leib stieß, erscholl ein Jubelgeschrei aus den Reihen seiner Russen; doch dieser Jubel kam zu früh. Otho's Wunde war keine tödtliche Verletzung, nur seine Seite war von der Spitze des Stahls aufgerissen worden, das Blut, welches den weißen finnischen Linnenrock färbte, kam aus keinem edlen Gefäß. Fast in demselben Augenblick aber, wo er diese Wunde empfing, rächte er sie durch einen Hieb auf seines Gegners Kopf, der an dem Lederhelm niedergleitend, dessen Schuppenkette zerschnitt und damit den Helm selbst zu Boden schleuderte. Ein wilder Freudenruf von der finnischen Seite begleitete seinen Fall, allein auch dieser verhallte ohne Folgen. Das reiche glänzende Haar des Grafen flog jetzt frei um sein Gesicht, über dies herab strömte sein Blut, und war es der Schmerz, den er empfand, oder wurde sein Stolz durch dies Mißgeschick beleidigt, er focht von diesem Augenblick an nicht mehr mit der kaltblütigen Überlegung, welche er bisher behauptet hatte. Seine Augen flammten, seine Lippen zuckten zusammen und zeigten, wie der Tiger, der sich zum Sprunge rüstet, die Zähne. Er stürmte mit so grimmiger Mordlust auf seinen Feind, als wollte er sich auf ihn werfen, um ihn niederzureißen. Seine Hiebe folgten sich hageldicht mit 749 furchtbarer Gewalt und mit derselben Gewalt wurden sie erwiedert. Der weite Kreis der Zeugen stand lautlos, voll banger Erwartung hingen ihre Blicke an jedem Blitz dieser leuchtenden Klingen, an jedem schmetternden Klang dieser gewaltigen Schläge, an jeder Wendung der Kämpfer, an jedem Arm, der sich aufhob, und je gewisser es wurde, daß bei solcher Wuth ein schreckliches Ende nahe sei, um so höher steigerte sich die Theilnahme. Doch wie ingrimmig Otho Waimon auch den Grimm seines Gegners theilte, blieb er dennoch besonnener als dieser. Beide hatten ihre Rollen fast getauscht, denn Otho berechnete jetzt, daß, wer von Beiden zuerst seine Kräfte erschöpfte, Unheil über sein Haupt bringe, und während er die Streiche seines Gegners erwiederte, war er mit vermehrter Vorsicht darauf bedacht, sich zu schirmen. Jetzt endlich kam der Augenblick, wo Serbinoff zu ermatten begann, wo er mit Anstrengung das Gefecht in derselben Weise fortsetzte, und eben als er sein Schwert zu einem furchtbaren Hiebe aufhob und mit ihm den Arm, sprang Otho dicht heran und über die schlecht beschützte Brust und Schulter des Grafen fiel ein knirschender Schlag, der ihn taumeln machte. Er suchte sich zu sichern, allein es war zu spät. Noch ehe er eine Deckung gewinnen konnte, fühlte er Otho's Schwert in seinen Arm, in seinen Kopf dringen. Seine Hand sank nieder, seine Finger öffneten sich, seine Augen wurden dunkel. Ein Stoß warf den mächtigen Körper nieder, eine blutige breite Säbelspitze hing dicht über seinem Herzen. Bitte um Gnade! schrie ihm Otho's verhaßte Stimme zu. Gieb Antwort, wo ist meine Schwester! Bastard von einem Bauer! erwiederte Serbinoff, sei verflucht! Er machte einen jähen Versuch, sich aufzurichten, aber er fiel zurück, von dem Schwerte durchbohrt, das sich tief in seine Brust senkte. Bekenne, Elender, bekenne! schrie Otho Waimon, wo hast du sie, wo hast du Louisa?! Hier! antwortete eine Stimme hinter ihm, und ein junges Weib mit aufgelöstem lang flatterndem Haar, zerrissen ihr Gewand, zerrissen und blutig ihre Hände von Dornen und Gestrüpp, eilte an 750 ihm vorüber und sank mit einem Schrei des Jammers an Serbinoff's Sterbelager nieder. Athemlos vermochte sie den Schrei nicht zu wiederholen, aber sie schlang ihre Arme um den blutenden halb entseelten Mann; sie küßte seine Lippen mit wilder verzweiflungsvoller Heftigkeit, sie riß sich los, um mit ihrem Halstuch die klaffende Wunde zu verstopfen, aus der sein Herzblut strömte, und dann hob sie die Augen voll unsäglicher Noth, voll heißer Qual und wahnsinniger Angst zum Himmel und zu dem Kreis der Menschen auf, die von ihrem Erscheinen bestürzt und von dem, was sie that, gerührt, nicht wagten, sie zu hindern oder zu stören. Selbst die rohesten unter diesen rohen Männern fühlten etwas von dem grausamen Weh dieses armen, schwachen Weibes und blickten mitleidig auf sie hin, und eben so regungslos wie sie stand Otho, mit Zorn und Liebe ringend, ohne den Muth zu haben, seiner unglücklichen Schwester beizustehen. Schafft Hilfe! Hilfe! schrie Louisa endlich und indem sie den schweren, bleichen Kopf ihres Geliebten in ihre Arme nahm und mit wilder Angst in sein Gesicht starrte, auf welches der nahende Tod seine furchtbaren Zeichen drückte, rief sie ihn mit den süßesten Namen und suchte ihn mit ihren zärtlichen Liebkosungen zu erwecken: Alexei! rief sie, wache auf, deine Louisa ist bei dir! Mein Freund, mein Herr! ich schütze dich. Komm! komm! laß uns fliehen, steh' auf! steh' auf! O! mein Gott, erbarme dich! Alexei! höre mich, höre mich! Es kann nicht sein, höre mich! Und noch einmal schlug Serbinoff seine Augen auf. Sein brechender Blick hing an dem Weibe, das er verrathen und das ihn allein liebte, allein treu war bis zum Ende. Es loderte etwas in dieser fliehenden Seele, etwas Göttliches, ein Funke jener Allmacht, die Gott ist und über Staub und Tod triumphirt, und seine Hände suchten ihre Hände, seine Lippen flüsterten ihr zu: Komm! komm! In dem Augenblick stieß das unglückliche Mädchen einen Schrei aus, der an den Felswänden wiederhallte, und von dem alle Herzen getroffen wurden. Entseelt sank der mächtige Körper in ihren Schooß, und auf ihn nieder beugte sie sich mit ihren Küssen und ihrer Wahnsinnsangst, ohne ihn aufwecken zu können. Ihr Haar überflatterte den Todten, in unermeßlicher Verzweiflung umklammerte sie ihn. 751 Arme Schwester! armes Kind! sagte Otho. Sei standhaft, erhebe dich! Komm mit mir, komm zu deinen Freunden! Mit sanfter Gewalt hob er sie auf und sie ließ es geschehen, dann blickte sie in sein Gesicht, starr, als träten seine Züge aus tiefer Dunkelheit in immer helleres Licht. Groß und entsetzt sah sie ihn an, und immer entsetzlicher, grauenhafter, wie von Furien ergriffen, bis sie mit einem neuen gellenden Schrei ihre Arme aufhob und vor ihm floh. Halt! Louisa! Haltet sie auf! rief Otho, indem er ihr nacheilte. Dein Bruder ist es, der dich liebt, der dich ruft. Höre mich, halt! – aber sie hörte nicht, und wenn sie je den Namen einer Elfe verdiente, so war es jetzt der Fall, wo sie an dem schmalen Rande der steil fallenden Felsen hinzuschweben schien, während Otho Mühe und Vorsicht nöthig hatte, um ihr zu folgen. Der Steg lief an der Bank bei dem Wasserfall vorüber, und einen Augenblick glaubte Otho, daß er sie hier erreichen würde, doch schon war sie bis an die Biegung des Thales gelangt, wo dies sich öffnete, der Gaard von Lomnäs unter der Bergwand lag, und der Bach ihm gegenüber sein weißes Wasser in den See rauschen ließ. – Und eben an dieser Stelle erblickte Otho einen Mann, der vom Hause her der Flüchtigen entgegen kam und sie bald erreichen mußte. Er glaubte Magnus Munk zu erkennen, glaubte zu hören, wie er ihr zurief, zu sehen, wie er seine Hände ihr entgegen streckte; allein seine Hoffnung verwandelte sich in größeres Erschrecken, als er bemerkte, daß sie sich plötzlich von ihm abwandte und mit entsetzlicher Eile über die Rollsteine und Trümmer am Bache den niederen, narbigen Felsen zufloh, welche den Pajäne umsäumten. Otho wußte, wie tief der See dort war, ein Schauder sträubte sein Haar auf. Seine letzte Hoffnung ruhte auf Magnus, der dicht bei ihr war, und sichtlich alle Kraft anstrengte, um sie zu erreichen. Wenige Schritte trennten Louisa von ihm, jetzt mußte er ihr Gewand fassen, aber nein – sie war ihm entgangen und nun – da stand sie auf der Klippe. Erbarm sich Gott! schrie Otho auf. Beide verschwanden vor ihm. – Als er den See erreichte, wogte dieser hoch auf. Ringe und Blasen bedeckten seine dunkle, schweigende Tiefe. 752 Achtzehntes Kapitel. Die Kanonenschaluppe des Lieutenants Lindström flog im Morgenwinde vor der Mündung des Aurajocki vorüber, als auf der Festung drei Kanonenschüsse fielen, denen, deutlich gehört, der Lärm der Trommeln und Hörner folgte. Gleich darauf sah man viele Soldaten aus den Thoren eilen und nach allen Seiten hin sich zerstreuen. Die langen Wimpel des Kriegsschiffes flatterten ihnen lustig nach und der junge Commandant lachte und klatschte aus aller Macht. Lauft! lauft! schrie er, und brecht euch die Hälse! Seht ihre Spürhunde! seht die Kosaken, wie sie daherjagen, wie sie suchen und schnüffeln. Laßt euch peitschen, ihr höllischen Schufte, euer Wild ist verloren. Hier sitzt es in Liebesseligkeit und kümmert sich nicht um eure Lanzen und Pfeile, denn ein anderer Pfeil hat diese Herzen durchbohrt. Er wandte sich dabei gegen sein Quarterdeck, auf welchem am Eingange der Treppe Erich Randal und Mary saßen und wirklich nichts von dem Lärm am Lande zu hören schienen. – Das gilt euch, rief er ihnen zu, auf mein Wort! jetzt merken die Dummköpfe endlich, was vorgefallen ist. Er nahm sein Glas und richtete es auf die äußerste Felsenlünette der Festung, wo mehrere Offiziere die Kriegsschlup beobachteten. Zeigt euch doch! rief er, verbeugt Euch, wünscht ihnen den allerschönsten Morgen. – Er machte selbst einige Verbeugungen, schwenkte seine Mütze und fuhr dabei fort: Zerbrechen Sie sich die Köpfe nicht, meine Herren, es ging Alles ganz natürlich und einfach zu. Da war eine gewisse junge Dame, dieselbe, welche Sie hier sitzen sehen, in schwerer Herzensangst. Sie suchte Rath und Hilfe bei einer andern höchst klugen Dame, und Beide schlossen einen Bund und machten einen Plan, der unter Beistand eines lustigen Seemanns und einer gut gefüllten Goldbörse ausgeführt worden. Die dicke Goldbörse eines 753 alten, schäbigen Geizhalses, glitt in die Tasche des ehrenwerthen Commandanten, – ich glaube, der Spitzbube steht dort und wundert sich am allermeisten! – auch wurden demselben wohl noch andere schöne Dinge, mächtiger Schutz und Beistand, Straflosigkeit und geheime Zustimmung des Herrn Generalgouverneurs selbst zugesagt; der lustige Seemann aber bekam Nachricht und fand sich pünktlich ein und der liebe Herrgott schickte eine dunkle Nacht und ein tüchtiges Donnerwetter, und der edle Commandant brachte den zagenden Verbrecher richtig ins Freie, und es war Alles so eingerichtet, daß es aussah, als sei die Hilfe von Außen gekommen und Alles ging vortrefflich, und da sitzen nun die beiden höchst glücklichen Leute, denn es kann gar nicht anders sein, als daß die edle Dame ihren erlösten Freund begleitet und sich niemals von ihm trennen will, und Beide jetzt zu irgend einer glückseligen Insel fahren, wo es keinen Schmerz gibt und keine Spione. Wo die Bäume ewig blühen und goldige Früchte tragen; wo die Sonne immer am blauen Himmel steht, wo sie Blumenkränze winden und im Paradiesesfrieden wandeln können, wie Adam und Eva wandelten, ohne Priester und Richter, ohne grimmige Väter und bärtige Kosaken zu fürchten. Mary bot ihm dankend ihre Hand. Führen Sie uns wohin Sie wollen, getreuer unverzagter Freund, sagte sie; ohne Ihren großmüthigen Beistand wäre doch Alles, was wir thaten, vergebens gewesen. Ja, Sie haben Recht. Niemals will ich Erich verlassen, jede Gefahr, jede Noth mit ihm theilen. Und jede Freude, meine Mary, jedes Glück! erwiederte Erich, indem er sie umarmte. Das Beste aber ist, rief der Offizier, daß alle Betrüger betrogen wurden und obenein die Kosten bezahlen müssen. Was der Commandant Annenkoff erhalten hat, war mein Eigenthum, sagte Mary. Mein Vater wird nichts von dem, was ihm gehört, vermissen, als seine Tochter, ein werthloses Gut, da er sie nicht zu seinen Geschäften verbrauchen konnte. Nur das Vermögen meiner Mutter, das ich erbte und was ich sonst mit Recht besaß, habe ich mitgenommen. 754 Verdammt großmüthig! rief Lindström, ich hätte mit diesem Vater christlich zu theilen gesucht, doch ich will's nicht tadeln. Wo finden wir nun das Paradies, in welchem ich dies glückselige Paar eingehen lassen kann? Meine Ordre lautet, mit meiner Schaluppe das Bereich der Alandsgruppe nicht zu verlassen, und da liegen sie vor uns, ein großer Irrgarten mit mäandrischen Verschlingungen. An die tausend kleine Inseln, Dünen, Klippen, Felsen, Bänke und liebliche Eilande, wunderlich anzuschauen mit ihren Sunden, Straßen und diesen gewundenen Buchten, so ruhig, schweigsam und dunkel, als sei nie eines Menschen Fuß in diese geheimnißvollen Plätzchen gedrungen. Doch ich weiß eines darunter, dahin führe ich euch. Ich weiß ein von aller Welt vergessenes Plätzchen, da sollt ihr ausruhen, da wird es euch gefallen, und Hurrah! der Wind springt nach Norden um, ein Gotteszeichen, daß es so sein soll. Er hatte mit dem Instincte eines Seemanns seine Segel und den Himmel betrachtet und richtig geurtheilt. Nach einer Stunde war der Wind nordwestlich, die Schaluppe legte um, und flog alle Segel voll längs der Küste hin und zwischen die zahllose Kanäle und Inseln fort, welche das Meer füllen. Zuweilen strichen sie dicht am Lande vorbei, und die Leute liefen zusammen, winkten dem Kriegsboote zu und wehten mit Tüchern und Fahnen; zuweilen auch steuerte das flinke, kleine Schiff mitten durch verborgene Sunde, umgeben von Waldgesenken und leuchtenden Wiesenstrichen, wo Heerden weideten und wo es so schön und heimlich aussah, daß Mary fragte, ob dies das versprochene Paradies sei. Aber Gustav Lindström schüttelte den Kopf, und die Schlup schoß durch irgend einen engen Kanal in ein neues Meeresbecken, neuen Einsamkeiten, anderen friedensvollen Einöden zu. Als aber der Mittag heran kam, wurden die Reisenden unerwartet daran erinnert, daß sie auf einer vom Kriege durchtobten See schwämmen. Ein ferner Donner schien zuweilen in den Bergen zu grollen, die an Finnlands Küsten hinziehen, graue düstere Wolken hingen darüber und bestärkten eine Zeit lang ihre Vermuthung, daß die Gewitter, welche während der Nacht Abo heimgesucht, jetzt in diesen Berg- und Felsschluchten sich entluden. Aber nach und nach erhielt das Geräusch einen andern Klang. 755 Es wurde zu einem unaufhörlichen Krachen und Rollen, durch einzelne stärkere Schläge unterbrochen, die das geübte Ohr bald nicht mehr verkennen ließen, daß es ein heftiges Schießen sei und eine Schlacht in der Nähe der Küste geliefert werde. Möglich auch, daß es ein Seegefecht sein konnte, denn der russische Admiral Heyden hatte sich mit einer Schiffsdivision verschiedentlich schon von Sweaborg aufgemacht und war bis an die Alandsinseln vorgedrungen. Lindström wollte abgefeuerte Breitseiten hören und voll Kampfeslust ließ er das Deck seiner kleinen Schaluppe klar machen und Alles darauf in den Stand setzen, um einem Feinde Widerstand zu leisten. Inzwischen lief das Boot aus den Kanälen der Inseln in breiteres Wasser der Küste zu, und alle Augen und Gläser strengten sich an, um Zeichen zu entdecken, daß man dem Schlachtfeld näher komme; allein trotz aller Mühen gelang dies nicht. Weder Rauchwolken ließen sich erspähen, noch vermehrte sich der Lärm; im Gegentheil wurde nach und nach der Schall schwächer und als der Abend vorrückte ward nichts mehr gehört. So geduldig gewöhnlich Seeleute sind, gezwungen geduldig, da sie wissen, daß Ungeduld ihnen nichts hilft, so sind sie dafür um so geneigter, aller zurückgedrängten Leidenschaft sich zu überlassen, wenn sie eine Möglichkeit sehen, diese mit Erfolg zu befriedigen. Mit einer Reihe der schönsten Seemannsflüche hatte Lindström den ganzen Tag über verwünscht, daß er nicht bei einem glorreichen Gefecht zugegen sein konnte, denn daß es glorreich sei, daran zweifelte er durchaus nicht; dann hatte er sich wieder mit eben so schönen Schwüren getröstet, weil doch nichts darüber gehe, Freunden zu helfen und einer Dame zu dienen, endlich aber, nachdem er stundenlang auf einer Planke auf und nieder gelaufen war, immer wieder die Küste und den Himmel betrachtet, Augen und Ohren aufgemacht hatte und mit größter Anstrengung wenig mehr sehen und gar nichts mehr hören konnte, setzte er sich zu seinen Gästen und erklärte ihnen, daß er im Grunde herzlich erfreut darüber sei, daß alle Fährlichkeiten ausgeblieben. Ich wüßte wahrlich nicht, was ich mit euch angefangen hätte, rief er aus, denn in solchem kleinen Dinge, wie diese Schaluppe, ist kein sicherer Zufluchtsort vorhanden, wenn Kugeln und Bomben fliegen. Alle Wetter! wir müssen ein Gebet sprechen, denn ich glaube wahrhaftig, 756 euretwegen hätte ich mich davongemacht, wenn so eine russische Bombarde oder eine von ihren langen Hemmanas auf uns losgekommen wäre. Weiß es Gott! ich hätte es gethan, denn ich hätte es nicht übers Herz gebracht, ein glückliches Paar, dem ich ein Paradies auf Erden versprochen, ins himmlische Paradies mitzunehmen. Ich hoffe, antwortete Mary, daß Sie willig darauf verzichten. Ihretwegen, schöne Freundin, würde ich sogar darauf verzichten, mich mit einem Russen zu schlagen, den ich schon halb in der Tasche hätte. Wir wollen uns sogleich wieder zwischen die Inseln schleichen, wo wir geborgen sind. Ich will euch vor allen Dingen in Sicherheit wissen, denn wenn ihr gefangen würdet, wenn euch ein Leid geschähe, nimmermehr könnte ich es mir vergeben. In demselben Augenblick rief die Wache vom Mastkorbe herunter: Ein Segel vor uns! und mit größter Lebendigkeit sprang der Lieutenant auf. Was ist es für ein Segel? schrie er hinauf. Ich kann es noch nicht erkennen, antwortete der Mann; aber es ist ein großes Schiff. Lindström schrie nach seinem Glase, die Offiziere der Schaluppe versammelten sich um ihn und bald war das Schiff trotz des dämmernden Abends gut zu sehen, denn es näherte sich rasch. Seine hohen, schlanken Masten wie die Fülle und Breite seiner Segel wiesen es als ein Kriegsschiff aus und mit dieser Entdeckung waren alle guten Vorsätze und Betheuerungen des jungen Commandanten vergessen. Es ließ sich nicht bezweifeln, daß der Fremde bedeutend größer und stärker sei, als die kleine Kanonenschaluppe und daß er wenigstens die doppelte Zahl Geschütze führen müsse, allein dies schien Gustav Lindström vor der Hand nicht zu beachten. Jedenfalls müssen wir den Burschen in der Nähe ansehen, sagte er, und ihn fragen, was er hier auf unserem Grund und Boden zu suchen hat. Es thut mir leid, bester Erich, aber du mußt einsehen, daß es wahrlich nicht anders geht; sonst wollen wir auf Gott vertrauen und auf schwedischen Muth. Bringe deine Geliebte hinunter und tröste sie. Für Schwedens Ehre wird sie auch etwas wagen wollen. 757 Sei überzeugt, daß sich Mary nicht fürchtet, antwortete Erich, und thue deine Pflicht. Gesprochen wie ein schwedischer Mann! rief der Lieutenant freudig, und nun vorwärts. Auf eure Posten, Kameraden! da kommt der Bursche herauf und zeigt uns seine Zähne. Das fremde Schiff hielt gerade auf die Schaluppe los, die ihm entgegen kam und weil nirgend im Dämmerlichte sich eine Flagge erkennen ließ, in einiger Entfernung ihre Bugkanone abfeuerte, um den Fremden damit aufzufordern, sich erkennen zu lassen. Kaum war dies geschehen, als sich an der Gaffel seines Hauptmastes auch wirklich eine große Flagge aufrollte; doch beim ersten Blicke darauf verlängerte und verfinsterte sich das Gesicht des tapferen Commandanten. Sieben und siebenzig Schock Tonnen voll Teufel! murmelte er, es ist die Amadis, es ist die Jacht des Königs. Macht die Lücken zu! Löscht die Lunten aus! Die große Flagge auf den Mast. Wie kommt die Jacht hierher? Nach wenigen Minuten war die königliche Jacht dicht vor der Schaluppe. Auf ihrem Verdeck wimmelte es von Menschen; Offiziere mit blitzenden Achselstücken und Federhüten waren zu erkennen. Der König selbst muß am Bord sein, sagte Lindström etwas kleinlaut. Was hat das zu bedeuten? Er sollte nicht lange warten, um mehr darüber zu erfahren. Eine Stimme ließ sich hören, und nach einigen Fragen wurde ein Befehl ertheilt, welcher den Commandanten der Schaluppe sofort an Bord der Jacht rief. Einwendungen waren dagegen so wenig zu machen, wie Zögerungen denkbar. Im nächsten Augenblick sprang der Lieutenant in sein Sternboot und nach einem paar Dutzend Ruderschlägen stieg er die Treppe der Amadis hinauf. Der Befehlshaber der Jacht kam ihm entgegen. Gut, daß wir Sie hier haben, Herr Heißsporn, sagte er, ihm die Hand schüttelnd. Und was soll ich hier, Kapitän Sjöholm? Auf des Königs Befehl, antwortete der Commandant, habe ich Sie gerufen. Nehmen Sie sich in Acht, Lindström, er ist übel gelaunt. Das ist nicht meine Schuld. 758 Wer weiß. Ihre Kugel pfiff so dicht über ihm fort, daß ein Paar von den Schreibern, die er mit sich umher schleppt, um ihre Köpfe besorgt wurden. Es gibt genug dergleichen, die keine Köpfe zu verlieren haben, murmelte Lindström. Aber woher kommen Sie? Wir? Von Helsinge. Wenn Sie einige Meilen aufwärts fahren, werden Sie noch etwas von dem Brande sehen und kopflose Menschen genug finden. Dort war also das Gefecht. Vorgestern landeten die Garden dort, sammt Upland's und Kroneborg's Regimenter, heut wurden sie von dreifacher Übermacht angegriffen und bei Wiais geschlagen. Wie tapfere Männer haben sie sich gewehrt, doch Alles ging verloren. Wäre Oberst Lagerbring nicht gewesen, würden Wenige zurückgekommen sein. Sechshundert Leichen liegen dort und die doppelte Zahl ist gefangen. Wir haben es aus der Ferne wohlgemuth mit ansehen können, vermochten nicht zu helfen, nicht einmal darein zu schießen; weil Freund und Feind in einen Haufen geballt waren. Und der König? Ja so! der König. Der hatte, wie jetzt noch, die große Admiralsuniform angezogen, freute sich, daß tüchtig geschossen wurde und viertausend Schweden so lang gegen achttausend Russen aushielten. Als die Überbleibsel endlich eingeschifft waren, feuerten wir eine Zeit lang noch auf die Kosaken, welche ihre Gefangenen forttrieben, ließen die Kugeln uns um die Ohren pfeifen und gingen dann in See. Und jetzt? Nun die Schiffe und Boote sind hinter uns. Wir gehen nach Aland und dort können die Leibwachen sich auf ein Tänzchen gefaßt machen. Sie sollen die ersten gewesen sein, die ausrissen, sich aller Boote bemächtigten und ihre Kameraden im Stiche ließen. So machen es die silbergeputzten Herrn! Der König ist wüthend. Hören Sie, wie er schreit. Sein geistreicher Generaladjutant Boye hat den Befehl geführt, jetzt steht er vor ihm mit einem Armsündergesicht. 759 Die beiden Seeleute waren inzwischen bis an das Quarterdeck vorgegangen, wo der König stand, umgeben von einem Kreis von Offizieren, über welche seine hohe Gestalt hervorragte. Laternen brannten zu beiden Seiten, ihr Licht ließ Gustav Adolphs erzürntes, düsteres Gesicht erkennen. Was kann ein General thun, wenn seine Soldaten ihn feig verlassen, davon laufen, pfui! rief er in seiner harten Sprechweise. Ihr seid unschuldig, Boye, es wäre mir nicht besser gegangen. Auf mein Wort! ich hätte es nicht besser machen können. Aber die Garde hat daran schuld, sie hat sich mit Schimpf bedeckt! Majestät! sagte einer der Obersten, die Garde hat tapfer gefochten, nur zuletzt kam Unordnung und Verwirrung unter sie, was die Folge hatte – Schweigt, Lagerbring! rief der König. Ich will von dieser Garde nichts mehr hören. Wodurch sind die Kanonen verloren gegangen, Oberst Palm? Weil die Garde, welche sie decken sollte, davon lief, Majestät, antwortete der Artilleriecommandant. Wodurch haben wir so viele Gefangene eingebüßt? Oberst Mellin? Weil die fliehende Garde sich aller Boote bemächtigte, so daß vierhundert Mann sich den Russen ergeben mußten, da ihnen alle Rettungsmittel fehlten. Seht Ihr, Lagerbring, so haben sie es gemacht, rief der König, dafür gibt es keine Entschuldigung. Fort mit diesen Feigen! Ich will sie auflösen, unter die anderen Regimenter stecken. Majestät! sagte ein junger Offizier mit zitternder Stimme, ich bin kein Feigling! Der König wandte sich um, er schnaubte vor Zorn. Wer seid Ihr! schrie er. Hauptmann de Geer, von Ew. Majestät Leibwache. Scheert Euch zum Teufel! Fort, ich kann Euch nicht länger brauchen! fuhr der König mit derselben Heftigkeit fort. Nach Haus hinter den Ofen mit Euch und allen Euren Kameraden. Lagerbring, Ihr sollt meine Befehle bekommen. 760 Majestät, sagte der alte Oberst bewegt, strafen Sie die Schuldigen, welche für dies Unglück verantwortlich sind. Lassen Sie durch ein Kriegsgericht Untersuchung anstellen. Thut, was ich Euch befehle, antwortete der König ihn anfahrend. Alle sind schuldig, Alle haben wie Verräther gehandelt. Fort! kehrt auf eure Posten zurück. Wo ist der Offizier von der Kanonenschaluppe? Hier, Majestät, sagte Lindström, indem er dem Rufe folgte. Der König sah ihn an und faßte nach Seemannsweise grüßend an seinen Federhut, den er lüftete. Warum haben Sie auf mein Schiff geschossen? Weil Ew. Majestät Jacht keine Flagge führte. Sie wollten mich zwingen, Ihnen meine Flagge zu zeigen? Was dachten Sie zu thun, wenn ich es nicht gethan hätte? Meine Kanonen waren bereit, Majestät. Ich glaube es Ihnen, sagte der König lächelnd. Aber war der Bissen nicht doch etwas zu groß? Nicht für meinen Hunger, Majestät, der ein echt schwedischer Seemannshunger ist. Der König blickte ihn wohlwollend an, die Antworten gefielen ihm, er schien seinen Ärger über die Garden vergessen zu haben. Ihre Kugeln pfeifen scharf! rief er, es gibt noch immer schwedische Herzen genug, die mir treu sind. Hierher, Lieutenant Lindström. Der Lieutenant trat heran, legte seine Hand an den Hut und der König that es auch. Er ahmte alle Seemannsgebräuche nach und gebehrdete sich wie ein Admiral, der seinem Untergebenen Befehle ertheilt. Nehmen Sie den Obersten Lagerbring auf Ihr Schiff, sagte er, auch was zu seiner Begleitung gehört, sammt dem Kapitän de Geer von meiner »ehemaligen« Leibgarde. Führen Sie diese Herren zu der Flottille von Kanonenbooten und Transportschiffen zurück; suchen Sie diese auf, wo sie sich befinden möge, und schiffen Sie die Offiziere aus. Ich gehe nach Aland, dorthin habt Ihr zu rapportiren. Er legte seine Hand wieder an den Hut, Lindström machte die reglementsmäßigen Begrüßungen, und der König lächelte sehr vergnügt. Ihr bleibt bei mir, Boye, sagte er, Oberst Palm bleibt auch. Euch 761 trifft keine Schuld, daß die Kanonen verloren gingen. Die Garden sind davongelaufen. Knöpfe und Federbüsche sollen sie dafür verlieren. Nach einiger Zeit, als Lindström in seinem Boote wartete, kam der Oberst Lagerbring, begleitet von dem Gardekapitän de Beer, und Beide fuhren mit ihm nach seiner Schaluppe, während die königliche Jacht ihren Weg fortsetzte. Lindström war von dem, was er gehört hatte, betroffen und aufgeregt. Die Garden, von denen man so viel gehofft, waren geschlagen. Die neue Expedition abermals vereitelt und allem Anschein nach kehrte der König mit den Resten dieser unglücklichen Schaaren zurück, ohne an weitere Unternehmungen zu denken. Seine Betroffenheit über diese Vorgänge wurden nebenbei aber auch durch die Anwesenheit Erich's und seiner Geliebten vermehrt. Das Reglement verbot allen Kriegsschiffen Frauen an Bord zu nehmen. Bei diesem außerordentlichen Falle wäre es freilich leicht gewesen, die genügende Entschuldigung durch Aufdeckung der Wahrheit zu finden, allein die Flucht des Gefangenen, dessen Befreiung durch Mary und Constanze Gurschin, die Mitwirkung des bestochenen Commandanten und sein eigener Antheil, indem er das ihm anvertraute Schiff in einer stürmischen Gewitternacht verließ, erforderte strenge Verschwiegenheit. Das Erste, das Lindström that, als er an seinen Bord gelangte, war daher, daß er seine Gäste verbarg und dann wieder auf sein Deck eilte, wo der alte Oberst Lagerbring die Wuth und Verzweiflung seines jungen Begleiters zu beschwichtigen suchte. Dieser stammte aus einer der ersten Familien des Landes, wie überhaupt die meisten Gardeoffiziere sich solcher Abkunft rühmen konnten. Zähneknirschend erwiederte Kapitän de Geer die Tröstungen des Obersten mit leidenschaftlichen Ausrufungen, und es dauerte lange, ehe er zu größerer Fassung bewogen werden konnte. Aber auch als dies geschehen war, lagen in seinen Äußerungen Aussprache und Drohungen, die der Oberst vergebens nicht hören wollte und geduldig weiter tröstete. Sehen wir denn nicht unser Unglück vor Augen, sagte der ergrimmte Offizier, und muß nicht endlich Muthlosigkeit und Trostlosigkeit jeden denkenden Mann überkommen. Während wir hier mit sechstausend Mann landen, wird an drei anderen Stellen unsere 762 geringe Macht zersplittert; ebenso werden die Trümmer unserer Flotte zerstreut, der Eine hieher, der Andere dahin geworfen, um unseren Untergang gewiß zu machen. Wer gar nichts vom Kriege versteht, muß doch einsehen, daß nur ein vereinigtes Heer, unterstützt von einer starken Flotte, auf Erfolg gegen einen so mächtigen Feind zu rechnen hat. Es ist nicht unsere Sache, Kapitän de Geer, endete der Oberst, den Kriegsplan zu tadeln. Wir vollziehen, was uns aufgetragen. Und lassen uns schlachten! rief der Kapitän. Sind wir nur dazu gut, und müssen wir schweigen und bluten obenein, da wir beurtheilen können, wie eine Verkehrtheit der andern folgt? Stille, stille! sagte der Oberst. Sie wissen nicht was Sie sprechen. Den unfähigsten Menschen wird der Oberbefehl gegeben, fuhr de Geer fort. Ihnen, Oberst Lagerbring, wird vor der Schlacht das Commando abgenommen und Boye erhält es, um uns ans Messer zu liefern. Wir werden so ungeschickt wie möglich aufgestellt, ebenso die Batterien. Dennoch sind Palm und Boye unschuldig, die Garden sind Feiglinge, sie sind entflohen, sie werden entehrt. Ich – ich! verflucht will ich sein, wenn ich jemals für diesen König noch meinen Degen ziehe. Der Oberst hatte sich entfernt, als wollte er nichts hören, dann kehrte er zurück und sagte begütigend: Niemand wird auf die Offiziere der Garde einen Tadel werfen. Der König hat in erster Hitze gesprochen, er wird das einsehen, wird einem Kriegsgericht die Untersuchung übertragen. O! murmelte der Kapitän, es gibt zu Viele, die es den Garden gönnen, gebrandmarkt zu werden, und wenn es zu einer Untersuchung käme, würde es sich zeigen, wer die Schuldigen sind. Die Menschen, welche den König umgeben, werden es daher zu hindern wissen, und er selbst, der was er sagt und thut für unfehlbare Weisheit hält, wird keinen Gerichtshof dulden, der ohne Zweifel ihm geradezu widerspräche. Der alte Oberst mochte fühlen, wie viele Wahrheit darin lag. Sollte dies wirklich der Fall sein, sagte er, so muß einen Jeden sein Gewissen trösten und die öffentliche Meinung. 763 Was hilft uns das, wenn wir mit Füßen getreten werden! rief der Kapitän hitzig. Wenn er aber diese Gewaltthat wagt, wenn er uns entehrt, dann – dann – Schweigen Sie, Kapitain de Geer, schweigen Sie! fiel der alte Oberst warnend ein. Er hat viel gethan, um sich alle Welt zu Feinden zu machen, murmelte der Offizier. Er hat dem Adel allen Einfluß genommen, fragt nicht nach dessen alten Rechten und Privilegien, fragt nicht nach Reichstag und Landesrechten, stürzt Schweden in Schulden, nimmt Geld, wo er es findet, und schreibt Steuern aus ohne Bewilligung der Stände; stößt uns in einen blutigen Krieg, der uns Finnland kostet, beinahe die Hälfte des ganzen Reichs, das wir durch seinen schrankenlosen Eigensinn verlieren, der Alles thun zu können glaubt, was ihm beliebt. Und ist das Heer etwa davor sicher, achtet er die besten, tüchtigsten Männer? Ist Armfeld nicht längst wieder vom Westheere entfernt und in Ungnade, wird mancher tapfere General, mancher Oberst nicht behandelt wie ein Junge, dem man die Ruthe gibt. Machen und sind seine Günstlinge nicht Alles, und sind diese Günstlinge nicht verflucht und verachtet von aller Welt?! Der Mond muß bald aufgehen, unterbrach ihn der Oberst, indem er über den Wasserspiegel fortblickte, und wenn ich recht sehe, kommen dort die ersten Schiffe zum Vorschein. Sie werden morgen ruhiger überlegen, mein lieber junger Freund. Nein, Oberst Lagerbring, antwortete de Geer, ich bin ruhig, ich sage, was alle Vernünftigen sagen, daß diese Kopflosigkeit, diese starrsinnige Willkür uns zu Grunde richtet. Wären von den fünfzehntausend Mann, die seit Jahr und Tag unnütz in Schonen liegen, weil der unnütze alte Toll es so haben will, nur zehntausend heut hier gewesen, so hätten wir die Russen geschlagen, marschirten morgen auf Abo und zersprengten die russische Regierung. Aber wir sind dem Verderben überliefert. Karl des Elften Gesicht geht an uns in Erfüllung und an diesem König. Alles ist erniedrigt, seufzt und knirscht über Unrecht und Gewalt, wenn er es aber wagt, diese auch an uns auszuüben, an der Leibwache, dann – dann ist er verloren! fügte er mit dumpfer Stimme hinzu. 764 Der Oberst wandte sich betroffen zu ihm um und sagte im erhöhten Tone: Was meinen Sie damit, Kapitän de Geer? Das sind Äußerungen gefährlicher Art, die ich nicht überhören darf. Erklären Sie sich darüber! Der Gardeoffizier besann sich. Meine Worte sollen nichts weiter sagen, Herr Oberst, erwiederte er, als daß es gewiß sehr selten und, wie ich behaupten darf, nicht wohlgethan ist, wenn ein Monarch seine Leibwachen so entehrt, wie dies uns jetzt geschehen soll. Warten Sie es ab, antwortete der Oberst, was aber auch folgen möge, so ist der König unbeschränkter Herr, und Ihre Äußerungen, mindestens gesagt, unpassend. Friedrich der Große hat auch Regimenter aufgelöst, die seiner Meinung nach ihre Schuldigkeit nicht thaten, auch Napoleon hat Ähnliches befohlen. Solchen Helden und großen Männern ist allerdings Vieles erlaubt, was Andere nicht thun dürfen, deren Größe weniger bekannt ist, rief der junge Mann hohnvoll lachend. Der Oberst schwieg einige Augenblicke, dann trat er zu dem Kapitän und sagte halblaut: Ich will Ihnen einen guten Rath geben, de Geer. Sobald wir am Lande sind, schicken Sie Ihren Abschied ein und gehen Sie nach Haus. Sie sind noch jung und wollen leben. Ich hoffe, daß alle meine Kameraden ihren Abschied nehmen, versetzte de Geer. Wer von uns könnte und wollte länger dienen! Da kommen die Schiffe, sagte der Oberst, lassen Sie uns eilen und dem Lieutenant Lindström für seine Gastfreundschaft danken. Nach einiger Zeit saßen sie in der Jolle, welche sie nach einer voranfahrenden großen Barke brachte, die mit Soldaten dicht gefüllt war. Andere Schiffe folgten im Schutze einiger Kanonenboote und Hemmanas, doch war es kein fröhlicher Zug. Kein Gesang, kein Jubel tönte über die Wellen, schweigend zogen sie vorüber, düsteren Gespenstern gleich, welche durch die Nacht schleichen und darin versinken. Was können wir ändern, wenn die nichts ändern könnten, die hoch oben stehen! rief der Lieutenant als er allein war. Bei Gott! ich glaube der geschniegelte Gardist hat Recht. Die Leibgarde beleidigen, ist ein weit schlimmeres Verbrechen, als ein ganzes Volk beleidigen, und lieber Finnland verlieren, als diese übermüthigen Hähnchen 765 durchpeitschen, die, wenn es irgend angeht, ihm die Augen dafür aushacken werden. Aber ein Spaß ist es doch und Spott genug wird es setzen, wenn ihnen die Tressen abgeschnitten werden, die silbernen Knöpfe und die weißen Federbüsche, die ihren ganzen Stolz herbergten und alle Mädchenherzen in Bewegung brachten. Laut lachend sprang er die Treppe hinunter, holte seine Freunde aus ihrem Versteck, erzählte ihnen alle seine Neuigkeiten und verwickelte sich in Streit mit Erich, der den König tadelte, während Lindström ihn zu vertheidigen suchte, dabei aber kaum weniger, wenn auch gutherziger über ihn spottete, als der erzürnte Gardist. Der Abend kam inzwischen und Dunkelheit deckte das Meer; dann zog der Mond herauf und brachte eine jener Nächte mit, wie diese nur im Norden vorkommen. Wunderbar strahlend hing die mächtige Kugel am Himmel und ließ ihr glänzend weißes Licht in zauberischer Klarheit über dies Gewimmel von Land und Wasser streifen. Lange funkelnde Wellen durchfurchten die Spiegelfläche, unter den dunkeln Wäldern leuchtete silberhelles Gelände, über die düsteren Vorgebirge und Felsen stiegen weithin schimmernde Spitzen auf. Der Wind blähte die Segel der Schaluppe und trieb diese rasch vorwärts, aber man fühlte ihn nicht. Warm und weich war sein Wehen und oben am Himmel war Alles still, unermeßlich blau und tief. Die Wogen leise rauschend, das Land träumend ausgestreckt, das Schiff von Geisterhänden fortgeführt durch klare Meeresbecken, durch stille Meeresarme; kein Nebelstreif, kein Menschenlaut weit umher, endlich nur ein fernes Licht, das wie ein rother Stern aus der Bucht einer kleinen Insel leuchtete. Und in dieser Bucht landete das Boot, das die Schaluppe aussetzte, als sie vor diesem Hafen war. Lindström führte Erich und Mary über Steingerölle hinauf zu einem ärmlichen Hause in einem Gärtchen. Wo sind wir hier? fragte Erich. Im Paradiese, antwortete der Seemann, und dort – seht hin, da sitzt der gottgesandte Cherubin schon, der euch empfangen soll! Sie blickten durch das kleine Fenster und sahen einen Greis mit langem schneeweißen Haar. Er las in einem großen Buche und das arme Binsenlicht beleuchtete sein ehrwürdiges Gesicht, voll Frieden und Güte. 766 Macht auf, Axel Jönsson, macht auf! rief Lindström so mild er es vermochte, und der Greis richtete seinen Kopf empor, sah Fremde außen stehen und lächelte freundlich. Er nahm sein Licht, öffnete seine Thür und ließ sie ein. Heil und Segen, ehrwürdiger Herr! begann der junge Offizier zunächst. Sie sehen vortrefflich aus, Herr Jönsson, alter Freund. Erinnern Sie sich jenes hübschen Abends nicht mehr, ein Jahr ist jetzt vorüber gegangen, wo ich mit andern guten Leuten zu Ihnen verschlagen wurde? O! mein lieber Herr, Sie sind es – und diese Dame! fiel Jönsson freudig ein, indem er seine Hand ausstreckte. Nein, Herr! sie ist es leider nicht, sagte Lindström ihn unterbrechend. Obwohl ich wollte, Sie hätten Recht, und meine Muhme Ebba wäre bei uns. Wen führen Sie zu mir? fragte Jönsson, indem er sein Licht aufhob. Den heiligen Erich, lachte Lindström, oder – wie er auch sonst geheißen hat, ehe ihn die Russen todtschossen und sein Hab und Gut einsteckten – den Freiherr Erich Randal. Haben Sie nichts von ihm gehört? Ehrwürdiger Herr, sagte Erich mit seiner ruhigen, gewinnenden Freudigkeit im Blick und Ton, dürfen zwei Verfolgte hoffen, an Ihrem Herde Schutz zu finden? Baron von Halljala! Erich Randal! rief der alte Pfarrer. Vieles und Gutes habe ich von ihm gehört. Zwei Verfolgte! O, wie gut ist Gott! Er führt Sie zu mir. Treten Sie ein, meine lieben Freunde. Willkommen! willkommen! in meinem armen Hause! 767 Neunzehntes Kapitel. Und es war ein Paradies, in welches Lindström das beglückte Paar geführt hatte, es waren selige Tage, die Erich und Mary jetzt mit dem armen Priester auf diesem stillen, vergessenen Eiland verlebten. Bald wußten sie Alles, was er ihnen erzählen konnte und er hörte ihre Schicksale mit der Theilnahme eines Vaters an. Er hatte Trost und Liebe für sie, und wie er den Finger Gottes überall erkannte, so hatte er auch den Glauben, daß die mächtige Hand, die Alles leitet und Alles hält, auch ihr Geschick gütig leiten und zum Besten wenden werde. Von ihm erfuhr Erich jetzt auch, wie Otho, in großer Gefahr einst erhalten, nach Stockholm gelangt sei, und Mary erzählte, was sie selbst dazu beigetragen und was damals in Liliendal vorgegangen. Das waren freudige Erklärungen, manches Andere knüpfte sich daran und neue Hoffnungen wachten auf, daß Otho noch am Leben sei und seinen Freunden einst wiedergeschenkt werde. Erich vervollständigte dagegen, was er von den Schicksalen seiner Tante, deren Heirath und von Otho's Vermuthungen wußte. Er hatte zwar nie etwas von jenem Handschuh gehört und konnte nur bestätigen, daß über jene Heirath ein Dunkel schwebte, das nicht aufzuklären war, vollzogen aber war sie gewiß, denn sein Vater hatte darum gewußt, und in seiner letzten Stunde hatte er davon gesprochen, als er darüber befragt wurde. Sie sind getraut worden, sagte er mühsam und abgebrochen, wo weiß ich nicht, Niemand weiß es, allein geschehen ist es. Darum konnte die heilige Handlung hier nicht noch einmal wiederholt werden. Seltsame Verhältnisse zwangen uns – meine Schwester – Ingar – beide – ein Krampf trat ein und einige dumpfe verworrene Worte waren seine letzten Lebenszeichen. 768 Ich hoffe, sagte der gute Pfarrer, daß unser lieber Freund in Stockholm Nachrichten gesammelt hat, die ihm nützlich sind, und Gott wird ihm gnädig sein, daß er in Ehren auch die erwirbt, an welcher sein Herz hängt. Denn das war das Weh, das ihn zu Boden drückte. Seine Seufzer und Klagen tönen noch in meinen Ohren, als er in seinen Fieberphantasien nach ihr rief und sie von sich stieß, wenn er erwachte. Erich wußte, daß Jönsson Recht hatte; er selbst hatte die Wahrheit geahnet, als nichts mehr geändert werden konnte. Er wußte, wie Ebba in sich verschlossen hielt, was sie empfand, weil sie eingesehen, daß sie solcher Neigung entsagen müssen und jetzt wußte er, daß wenn Otho auch noch lebe, jede Hoffnung für ihn verschwunden sei. Ebba würde das für ihn thun, was Mary für mich gethan hat, sagte er seufzend, aber es ist unmöglich! Kein Ding ist bei Gott unmöglich, mein Sohn! rief der eifrige Greis. Größeres und Wunderbareres hat er schon oft gethan, wo die Weisesten riefen: es ist unmöglich! Eines rechten Mannes Sache ist es, standhaft zu tragen, was ihn trifft, erwiederte Erich. Otho ist ein solcher Mann, ich sorge nicht um ihn. Jönsson nickte ihm freudig zu. Es herrschte zwischen ihm und seinem Gaste eine innige Einigkeit und seelenvolles Verständniß. Beide waren von mildem Sinne und großer Herzensgüte, beide streng gegen sich selbst, doch nachsichtig gegen die Fehler und Schwächen aller Menschen, beide unermüdlich, um Gutes zu thun und Gutes zu fördern und doch so verschieden in den Ursachen und Gründen ihrer Handlungen. Denn was der Eine aus der Kraft seines Glaubens that, nach Gottes Geboten, durchdrungen von heiliger Gotteskraft, das that der Andere um des Guten willen aus der göttlichen Macht der Vernunft und dem starken Rechtsgefühl in seiner Brust. Doch trotz dieser Verschiedenheit waren sie einig, voller Liebe und Vertrauen und fragten nicht nach Satzung und Schrift und was gelehrt und gelernt wird. Die stolze Priesterkaste in Schweden, welche so unduldsam ist bis auf diesen Tag, hatte keinen Theil an diesem demüthigen frommen Greis, der nicht nach seiner Freunde Glauben fragte, sie nicht bekehren 769 wollte, aber freudig ihre Werke segnete, sie wie Kinder segnete und liebte, da sie hilfreich ihm beistanden, den armen Hüttenleuten wohlthaten und mit ihm auszogen, um die Geschlagenen zu trösten. Es war ein trauriges Jahr auch auf diesen Inseln, deren Felsboden so wenig ergiebig ist. Die Theuerung war groß; der Krieg störte den Erwerb, selbst der Fischfang gab ungewöhnlich geringen Ertrag. Der Kanonendonner schreckte und verscheuchte auch die Bewohner der Tiefe. Die rüstigen jungen Leute wurden zum Dienst auf die Flotte genommen, Manche hatten auch die Russen fortgeschleppt bei ihren Landungen, Manche waren getödtet und verstümmelt worden, und die Weiber und Greise lebten in bangen Sorgen, wie es endlich mit ihnen und den Ihrigen werden sollte, wenn der wilde Feind wiederkäme. In dies versteckte kleine Eiland war kein Russe bis jetzt gedrungen, allein seine Bewohner wußten nur zu gut, welche Gräuelthaten an manchen Orten geschehen waren, wo die Barbaren Unglückliche lebendig verbrannt oder in dichten Rauch aufgehängt hatten, daß sie erstickten, oder sie gebunden ins Meer warfen, aus Rache, daß die Alandsleute mit ihren Priestern die russischen Besatzungen fangen halfen. Mary besaß eine beträchtliche Geldsumme und mancherlei Kostbarkeiten. Gerne half sie mit ihren Gaben den Nothleidenden; Erich aber unterrichtete die Familien, wie diese ihre kleinen Felder besser bestellen oder nützliche Gewächse pflanzen und ziehen könnten. In Sartingo wurde ein Erdtoffelankauf gemacht, um diese wohlthätige Frucht zu vertheilen und zur nächsten Saat davon aufzubewahren; bis jetzt kannte man die Erdtoffel auf dem armen Eiland nicht. So sah der gute Pfarrer manche Noth gelindert und lange Zeit seines Lebens hatte er so viele Freude nicht erlebt. Rüstig wanderte er mit seinen Freunden durch Wald und Matten, wenn diese ihm Kräuter und Wurzeln sammeln halfen und, begierig in seinem hohen Alter, hörte er an, was Erich von vielen Gewächsen zu sagen wußte, indem er dessen Kenntnisse pries und bewunderte. O! sagte er dann oft mit einem glückseligen Lächeln, es wird immer schöner und besser werden auf Gottes Erde. Die Menschen werden immer mehr lernen, ihr Geist wird immer weiter reifen, das wird auch ihre Herzen veredeln. 770 Je mehr Licht die Köpfe erhellt, um so mehr wird auch die Finsterniß verschwinden und endlich wird der große Geist der Liebe seine Wohnung immerdar bei Wesen aufschlagen, die ihn verstehen und ihn begreifen. In schöner Freudigkeit gingen die Tage hin und nie empfanden die Gäste das Verlangen, ihre Verborgenheit zu verlassen. Keine Sehnsucht zog sie in das Geräusch des Weltlebens, keine Reue ließ sie betrübte Rückblicke auf die Vergangenheit thun. Jeder neue Morgen brachte neues Glück für das junge Paar und neue innige Zufriedenheit für den guten Pfarrer. Was konnte es denn Schöneres für ihn geben, als diese Geselligkeit mit Menschen, welche er immer lieber gewonnen und die ihn dafür wie einen Vater ehrten. Und wie wahr und rein liebten sie sich selbst; wie schön war ihr Verhältniß trotz dieser zärtlichen Liebesnähe. Wie waren ihre Herzen vereint durch jenes wunderbare geheimnißvolle Band, das magnetisch alle Lebensströmungen des fremden Lebens zum eigenen Leben macht, und nur für jenes denkt, für jenes strebt und empfindet. Und wenn Axel Jönsson sie lächelnd gehen sah, Hand in Hand, oder wenn sie bei ihm in dem Gärtchen saßen und er bemerkte es, wie ihre Blicke sich begegneten, wie ihr Sein und Wesen zusammen stimmte, wie Erich dieser muthigen Retterin herzinnig anhing und sie ihn mit ruhig stolzer Gewißheit anschaute, dann überkam es den Greis wie ahnungsvolles Träumen aus alter Zeit. In ihm läuteten heilige Glocken, deren Klänge seine ganze Seele füllten, und seine Augen thaten sich glänzend auf, er schaute lächelnd die große stille Gestalt an, die seiner lieben Natta glich und so viel von ihrem Fleiß, ihrer sorglichen Treue und ihrer schönen, stillen Ruhe hatte. Und während sich seine Hände falteten und ein Engel Gottes mit rosigem Finger seine Stirn und sein Herz berührte und Beide wieder jung machte, überließ er sich seinen Träumen, die ihm Alles wiedergaben, was er verloren. O, er war sehr glücklich, der greise Priester, wenn er mit seinen lieben Freunden durch das Eiland wanderte, wenn er sie zu den schönsten und höchsten Stellen führte, zu dem Quell, der so süßes herrliches Wasser lieferte, zu der wunderbar alten Eiche in dem kleinen Thale, die einzige auf allen diesen Inseln, an deren Stamm er so oft mit 771 Weib und Kind geruht, und zu der spitzen Klippe, von der aus man bis in das Alandshaf und bis an die finnischen Küsten schauen konnte. Alle Schätze der Welt hätte er nicht um diese freudenvollen Stunden eintauschen mögen. So verging der Monat October und es trat immer rauheres und stürmischeres Wetter ein, das den nahenden Winter ankündigte, doch noch immer ließ Lindström sich nicht wieder blicken. Die guten Tage wurden selten, aber das Haus, die Herdflamme und die gemeinsame häusliche Geschäftigkeit vermehrten das Beisammensein der Liebenden mit dem guten Pfarrer und gewährte ihnen in dieser engen Beschränkung und unter mancherlei Entbehrungen eine Fülle neues reines Glück. Vom Kriege kam selten eine Nachricht, seit langer Zeit war kein Kanonendonner mehr gehört worden, doch sollte König Gustav Adolph noch immer auf Aland sein und dort viele Generale und Männer seines Hofes und seiner Regierung um sich versammelt haben. Wie es in Finnland herging wußte Niemand; endlich aber kam der Krämer aus Sartingo in seinem Boote und brachte allerlei Waaren und Vorräthe, welche Jönsson bei ihm bestellen ließ, daneben aber auch mancherlei Neuigkeiten. Der Krämer erzählte von einer blutigen Schlacht, die in der Gegend von Carleby bei Oravais geschlagen wurde, in welcher die Russen gesiegt hatten. Schweden und Finnen seien darauf bis fast an die äußerste Gränze im Norden zurückgewichen und hätten einen Waffenstillstand abgeschlossen, um neue Kräfte zu sammeln. Doch die Russen unter dem neuen Obergeneral Kamensky seien viel stärker und schwedische Offiziere hätten in seinem Hause erzählt, es sei Alles verloren, denn von den Verlusten bei Oravais würde das finnische Heer sich nie wieder erholen. Es fehlte an Allem, an Menschen, Geld und Vorräthen, während den Russen nichts fehle und sie immer mächtiger würden. Das waren betrübte Nachrichten, die nicht verfehlen konnten, Alle traurig zu stimmen. Erich saß lange schweigend und bedenkend. Seine Augen ruhten zuweilen voll liebevoller Besorgniß auf Mary, und Jönsson verstand, was in ihm vorging. Am Nachmittage forderte er Beide zu einem Spaziergange auf, denn der Tag war milder als viele und die Sonne barg sich unter einem rothen Himmel, der Kälte 772 oder Schnee und Sturm anzeigte. Er führte sie auf die Höhe, wo das Meer nach allen Seiten und der schwindende Sonnenglanz zu sehen war, in dessen feuriges Zucken sie bewegt schauten. Meine lieben Freunde, begann der alte Pfarrer endlich, wir werden scheiden müssen. Dieser Abendhimmel mahnt mich daran, daß in wenigen Tagen das Toben unseres Winters beginnen wird. Noch aber können Sie mich ohne Gefahr verlassen, um nach einer der großen Inseln und von dort mit den Fährbooten nach Schweden zu gelangen. Wollen Sie denn, daß wir Sie verlassen, mein Vater? fragte Mary- O! mein Kind, erwiederte der Greis zärtlich, Sie haben mein Leben so schön gemacht wie dieser Himmel ist mit seiner strahlenden Sonne; allein ich darf nicht fragen, was meine Wünsche sind. Mary nahm seine Hände, dir er ihr bot. Wenn Sie unsere Wünsche gewähren wollen, sagte sie, so bleiben wir bei Ihnen, bis Nothwendigkeit uns zwingt, diese friedliche Zufluchtsstätte zu verlassen, welche für uns ein Paradies geworden ist. Mein theures Kind! rief Jönsson freudig und traurig zugleich, wie gern höre ich das. Aber wird diese arme rauhe Wildniß Ihnen nicht dennoch Schrecken einflößen? Habe ich nicht hier den Mann, mit dem ich in den wildesten Einöden leben und glücklich sein würde, antwortete sie. Sie legte ihre Arme um Erich, der lächelnd sagte: Sie hat Recht, theurer Vater. Wir wollen bei Ihnen bleiben; alle unsere Wünsche werden mit uns an Ihrem Herde sitzen. Haben Sie keine anderen Wünsche, mein lieber Freund? fragte der Greis, und als Erich schwieg, deutete er vor sich hinab, wo hinter der Düne die Spitze der kleinen Kirche sichtbar wurde. Ein unbeschreiblicher Ausdruck belebte sein Gesicht. Es war um diese Zeit, sagte er, wo ich mit meiner lieben Natta dort am Altare stand und der Winter verging uns wie ein endloser Sommertag. So will ich meine Kinder nun auch vereinigen, will ihren Bund segnen. Heute noch; ja, heute noch will ich es thun! Denn warum sollte ich zögern, warum nicht den Segen über Ihren Bund sprechen, der Ihr Glück erhöhen muß; und weiß ich denn, fügte er sanft lächelnd hinzu, weiß 773 ich denn, ob ich es morgen noch thun kann, da ich jede Stunde bereit sein muß, daß der Herr mich zu sich ruft. Eine Antwort erfolgte nicht, allein sie lag in den Blicken der Liebenden, die sich freudig anschauten, dann dem greisen Priester zulächelten und sich und ihn umarmten. Und als dies geschah, flammte die Sonne zwischen brennend rothen Wolken auf und hüllte die Beglückten in Brautgewänder von Purpur und Gold, und über das Meer funkelten ihre Strahlen auf ein kleines Schiff, das so eben aus einem der nahen Insel-Kanäle mit weiß glänzenden Segeln fuhr und sich dem Eilande und der Bucht näherte. Es ist Lindström's Schaluppe! rief Mary, er erscheint zur guten Stunde. Er wird gesandt von dem, der über Alle wacht und ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt! antwortete der fromme Greis. Kommt, meine lieben Kinder, laßt uns ihm entgegengehen. In einer Stunde sollt ihr auf ewig vereint sein. Als sie am Hause anlangten, stand der junge Offizier schon an der Thür. Hurrah! rief er, wie lebt es sich im Paradiese? Ich habe es wohl gedacht, es gefällt euch darin. Um dessentwegen sehnen sich auch andere Leute danach, und fürchten sich weder vor dem Apfelbaum, noch vor der Schlange. Denn kein Paradies ohne Schlange, sollte diese auch die Gestalt eines ehrwürdigen Priesters annehmen. Mit diesen Worten hatte er Erich und Mary ergriffen und in das Zimmer geschoben. Ein heller Freudenschrei folgte ihrem Eintritt, ein verworrener Schrei der Überraschung und des Glücks, und als Axel Jönsson erstaunt nachfolgte, umschlangen ihn plötzlich vier Arme und vier strahlende Augen blickten ihn an. Ja, es war so, sie waren bei ihm; noch zwei geliebte Menschen, die Gottes Güte zu ihm geführt: Otho und Ebba! Als der Sturm des ersten Erkennens, die Freude des Wiedersehens sich beruhigt hatten, begann der Austausch ihrer Erlebnisse. Otho hatte von Lindström schon gehört, was sich mit Erich und Mary zugetragen, er war daher um so mehr geneigt, den Freunden willig seine eigenen Schicksale zunächst mitzutheilen, was er in hastigen Umrissen that; als er jedoch dahin gekommen war, von dem Gefecht im 774 Lomnästhale und seiner Schwester plötzlichem Erscheinen zu sprechen, die er angsterfüllt verfolgte und nicht erreichen konnte, zitterte seine Stimme und versagte ihm den Dienst. Niemand unterbrach das Schweigen und es dauerte einige Zeit, ehe Otho mit wiedergewonnener Fassung fortfahren konnte. Sie liegt im Garten von Lomnäs, sagte er, unter den Rosensträuchen, welche sie mit Magnus einst gepflanzt hatte. Wir konnten den armen Knaben, der sie fest umschlungen hielt und mit seinem Leben seine Liebe bezahlte, nicht von ihr trennen. Sie ruhen in einem Grabe und auch Er ruht neben ihr. Er, der Mann, der sie verdorben und verrathen hat und den sie mehr liebte, als Alles was Liebe verdient. Gott weiß es! rief er mit leidenschaftlicher Gluth, ich leide noch wenn ich an sie denke; gramvolle Liebe mischt sich mit meinen Erinnerungen. Dennoch aber war ihr Tod Wohlthat und dieser Elende! – Nein! ich will es niemals bereuen, daß er unter meiner Hand starb. Meinen armen alten Freund Lars, fuhr er dann wehmüthig fort, betteten wir zu dem tapferen Spuf und legten den Hahn über Beide, der mit seinen Flügeln sie bedeckte. Der edle junge Dolgorucki wurde schwer verwundet dem Propst und Ebba's unwürdigem Bruder übergeben, der große Schmerzen litt, denn Lars hatte ihm mit seinem Eisenstock den rechten Arm zerschmettert. Er ist hergestellt wie ich vernommen habe. Dolgorucki aber ist gestorben. Wir jedoch hatten wenige Zeit zu Trauer und Klage; kaum waren die Todten bestattet, als wir, obwohl Sieger, eilig in die Wälder flohen. Alle unsere Gefangene und was wir sonst erbeutet, mußten wir frei geben; nur eine Gefangene nahm ich mit mir, denn um keinen Preis hätte ich sie zurückgelassen. Er zog Ebba dabei an seine Brust und diese sagte ergänzend: Er hat mich auch mehr als einmal auf dieser langen schrecklichen Flucht errettet und von neuem erworben, auch unseren armen Freund Munk unter großen Gefahren glücklich bis zu des Marschalls Heer und zu General Adlercreutz gebracht. Der Major hat euch begleitet? fragte Erich. Er war nicht zurückzuhalten, erwiederte Otho. Unnütz sei es, Gräber zu bewachen, sagte er; sein Haß gegen Serbinoff fand auch 775 jetzt noch keine Versöhnung. Er wollte für sein Vaterland nun fechten, wo ihn nichts mehr davon zurückhielt, was sollte er noch mit seinen Schmerzen und seinem Gram in dem öden Hause! So zog er mit uns. Alte erfahrene Offiziere sind immer willkommen und wir kamen zur rechter Zeit, um das entsetzliche, vierzehn Stunden dauernde Gemetzel bei Oravais zu vermehren. Es ist also wahr, daß eine blutige Schlacht verloren ging? Eine, die Finnlands Verlust besiegelt hat, sagte Otho düster blickend. Adlercreutz schloß darauf einen Waffenstillstand in Lochto und als der Marschall Klingspor nach Stockholm ging, folgte er ihm nach, um vereint dem Könige Vorstellungen zu machen, daß er Frieden schließe. Die Reste des Heeres sind unter Befehl des Generals Klerker zurückgeblieben, allein es ist nichts mehr zu hoffen; bald werden die Russen in Schweden sein. – Als der Waffenstillstand geschlossen war, und Adlercreutz ging, ging ich mit ihm. In Brahestad aber trennten wir uns, denn Ebba erwartete mich dort und ich fand Lindström und erfuhr von ihm euren Aufenthalt. Es wird dem alten Marschall nichts helfen, diesem eigensinnigen, unfähigen Fürsten guten Rath zu geben. Wäre er ein Mann wie einer seiner großen Ahnen; so wäre Finnland nimmer verloren worden, allein er ist ein Zerrbild ihrer Tugenden und ihrer Fehler und somit ist mein Vaterland verloren. Nichts ist dieser Kampf mehr, als eine Menschenschlächterei, die er fortzusetzen befohlen hat, weil er weder Muth zum Handeln, noch Kraft zum Leiden besitzt. Gestern ist er von Aland nach Stockholm zurückgekehrt, nachdem er dem General Klerker den Befehl geschickt, den Waffenstillstand aufzuheben und die Russen anzugreifen. Bald genug wird man hören, wie viel Blut unnütz vergossen wurde, während er in Stockholm Parade macht und nach Willkür und Laune weiter regiert, bis es ein Ende nimmt. Denn ein Ende muß es nehmen. Mag's aber gehen mit ihm und Allem wie es will! rief er, ich habe nichts damit zu thun. Ich bin mit meiner geliebten Ebba vereint, mein treuer Jem begleitet mich mit seiner Fulla und ehe wir weiter beschließen, was mit uns geschehen soll, muß Ebba durch den Segen der Kirche mir gehören. Das ist meine erste Bitte an Sie, mein ehrwürdiger väterlicher Freund, legen Sie 776 Ebba's Hand in meine Hand. Sie kennen, Sie lieben uns, mein Vater. Sie werden keine Schwierigkeiten erheben, Sie werden uns vereinigen. Ich will es sogleich thun, sagte Jönsson, denn ich muß es thun, weil ich weiß, daß ich Gottes Willen erfülle, der Sie zu dieser Stunde mir sendet. O! meine lieben Freunde, wie glücklich macht es mich, euer Glück zu befestigen. Sie aber, mein Kind, Sie, der Sie so heftig gegen den Herrn zürnten, erkennen Sie nun seine väterliche Hand, segnen Sie nun seine Weisheit? Otho umarmte ihn gerührt. Ja, mein Vater, sagte er, wunderbar bin ich erhalten worden, und in vielen großen Gefahren hat ein mächtiger Arm mich geschützt. Nach einiger Zeit waren sie Alle bereit, dem guten Priester zu folgen, der in seinem Chorgewande sie zu der kleinen Strandkirche führte. Der Kirchendiener, welcher in der Nähe wohnte, wurde herbeigerufen und Lindström ging mit ihm und trug die Laterne, den Schluß aber machte Jem Olikainen und seine Fulla, Arm in Arm und voller Freude. Jammer und Schade! rief der übermüthige Seemann, daß ich so allein wandeln muß, ohne ein Herzliebchen am Arme; aber es ist ein prächtiger Hochzeitszug und fröhlicher soll es dabei hergehen, wie damals, wo wir wie toll und blind die alte Kirche nach einem unglücklichen Brautpaar durchsuchten. Als sie die Düne und das kleine Gotteshaus erreichten, brach die Nacht eben herein. Ein letzter falber Schimmer hing am Horizont und warf einen matten Glanz auf die schmalen trüben Fenster, doch er konnte die Dunkelheit nicht verscheuchen, welche das ärmliche Gebäude füllte. Die Schritte der Eintretenden hallten von dem Steinpflaster wider, und der Schein der Laterne zitterte über die mürben schwarzen Holzbänke, über den blinden Metallleuchter und über den Altar und dessen alterthümliches Crucifix. Der Kirchenmann zündete die beiden Leuchter an und während dessen plauderte Lindström in seiner unbesorgten Weise mit Ebba, welche er an die Begebenheiten jener Nacht erinnerte und auf die Stellen deutete, wo damals der Boden aufgerissen wurde, um die beiden Wechselbälge ans Licht zu bringen. 777 Seine Stimme schallte durch den öden Raum und er gab seinen Verwandten, die diesen Vorgängen nicht beigewohnt hatten, eine übermüthige Schilderung der Angst und des Entsetzens, mit denen Arwed die Flucht ergriff, als die beiden vermoderten Gerippe neben ihm niederstürzten. Sein Gelächter wurde von einem Echo aus der finsteren Tiefe der Kirche erwiedert und machte einen grausigen Eindruck. Es war, als ob der Ton sich verstärkte und einen gellenden, höhnenden Klang annähme. Lindström blickte verwundert Erich und Otho an, doch er sah in ernsthafte Gesichter, welche die Erinnerungen und Gedanken wiedergaben, mit denen sich ihre Vorstellungen beschäftigten. War es nicht hier an derselben Stelle, wo die geheimnißvolle Trauung statt fand, und noch immer ruhte Dunkel darauf, noch immer hatte Otho nichts erforschen können. Waren es seine Eltern gewesen, deren Hände man hier gewaltsam zusammen fügte? – Wer that es? Was bezweckte man damit? Warum tödtete man sie nicht? Was sollte dies Gaukelspiel bedeuten? – Er setzte sich auf dieselbe Bank, wo sein Vater gesessen haben sollte, und zog Ebba an seine Seite, während seine Blicke die Kirche durchirrten und seine Phantasie ihm Alles noch einmal herzauberte, was er brauchte, um die Mittheilungen seines alten Freundes lebendig zu machen. Inzwischen hatte Axel Jönsson Bibel und Gebetbuch aufgeschlagen und sich angeschickt, die Gebräuche der alt lutherischen Landesreligion, wie sie bei ehelichen Einsegnungen vorgeschrieben sind, zu vollziehen. Das lange, glänzend weiße Haar des guten Greises fiel über den dunklen Chorrock und sein ehrwürdiges Gesicht glänzte vor Freude und Liebe, als er sich nun an die drei jungen Paare wandte. Er nahm das Gebetbuch, trat auf die Stufen des Altars und winkte sie glückselig lächelnd herbei. Meine lieben Freunde, sagte er, lassen Sie uns vereint unser Gebet zu dem großen Vater im Himmel richten, der aus mancher Gefahr und Trübsal Sie hierher geführt hat, und nun das höchste Glück des menschlichen Lebens Ihnen gewährt, die ewige Vereinigung mit dem geliebten Weibe Ihrer Wahl. Der alte Kirchenmann murmelte dem Pfarrer etwas zu, und dieser blickte verwundert umher. O, das ist wahr! rief er aus, es ist so 778 vorgeschrieben. Drei Zeugen sollen zugegen sein, und wir haben hier nur zwei, woher sollen wir den dritten nehmen? Der Dritte werde ich sein! antwortete eine scharfe, laute Stimme, und im Halbdunkel des Kirchengangs, gerade über der Stelle, wo die Gruft sich befand, erblickten Alle die hohe Gestalt eines Mannes. Diese Unterbrechung wirkte so überraschend, daß Niemand antwortete, Niemand sich von der Stelle bewegte. Der Fremde war in einen langen, grauen Mantel gewickelt, eine Reisemütze von Otterfell hatte er tief über seine Stirn gezogen. Mit langsamen Schritten näherte er sich, beleuchtet von dem matten Schein der Altarkerzen, und erst, als er ganz nahe war und den Kopf aufhob, ließ sich sein rothes Gesicht und das ergraute Haar erkennen. Ist es eine Erscheinung! flüsterte Ebba, auf welche sich dies Gesicht richtete, indem sie erbleichend zurückwich. Feldmarschall Toll! rief Otho zu gleicher Zeit. Der Marschall wandte sich zu ihm. Treffen wir uns hier wieder, antwortete er mit seinem stolzen, halb verächtlichen Lächeln. Keine Erscheinung, Ebba Bungen, ich bin es, bin ein Mann von Fleisch und Bein. Ich komme von Aland zurück, wohin der König mich gerufen hat. Was geht hier vor? Hochzeit! Wer will Hochzeit machen? Ich! erwiederte Ebba, die sich ermuthigte; aber als sie dies sagte hob Axel Jönsson seine Arme auf und seine Hände faltend, rief er mit prophetischer Gewalt: Herr! du Hort der Schwachen, die zu dir rufen, du hast erhört mein Flehen, du führst ihn her zu mir, daß meine Augen ihn noch einmal schauen – führst ihn her zu dieser Stunde! Denn dieser ist der grausame gewaltige Mann, der in jener Nacht mich zwang, nach seinem Willen das unglückliche Paar zu trauen. Und diesen Platz soll er nicht eher verlassen, ehe wir die Wahrheit wissen! setzte Otho mit flammend finsteren Blicken hinzu. Der Marschall schien diese Ausrufungen nicht zu beachten. Er blieb vor Ebba stehen und blickte sie fortgesetzt an. Du willst dich verheirathen, mein Kind? fragte er. Oho! davon muß ich doch auch etwas wissen, ich, der ich dein Vormund bin und meine Einwilligung dazu zu geben habe. Mit wem willst du dich verheirathen? 779 Mit ihm, den ich liebe, der mich in Noth und Tod erworben hat, antwortete sie, Otho's Hand ergreifend. Ich kenne ihn, versetzte der alte General. Er hat tapfer gefochten. Adlercreutz lobt ihn, aber wie sein Vater ist er ein wildes Roß, das Zaum und Zügel nicht achtet. Geben Sie mir Rechenschaft über meinen Vater! fiel Otho ein. Wenn du diesen Mann zu deinem Gatten wählst, fuhr der Marschall fort, wirst du deinem Range und deinen Aussichten auf ein glänzendes Loos entsagen müssen. Ich trage kein Verlangen nach dem, was man so nennt, erwiederte Ebba. Mit ihm will ich leben und sterben, mag es in einer Hütte sein. Viel mehr wird es auch nicht sein, war Toll's Antwort. Die Russen haben ihn als Aufrührer geächtet, seinen Bauernhof am Pajänesee eingezogen und mit dem großen Gute Halljala vereint an Arwed Bungen, deinen Bruder, zum Lohn für seine Dienste gegeben. So wollen wir arbeiten! sagte Ebba, indem sie Otho umarmte. Wir werden erwerben, so viel wir nöthig haben. Dein eigenes Vermögen ist klein, es hat jedoch unter meiner Verwaltung um etwas zugenommen, begann der Marschall wieder, doch ich vergaß dir zu sagen, daß dein Bruder als nächster Erbe des als Hochverräther verurtheilten Barons von Halljala anerkannt wurde, weil Otho Waimon unehelicher Geburt sein soll. Das ist eine Lüge! fiel Otho heftig ein. Es ist eine Lüge, erwiederte Toll, denn ich kann die rechtgiltige Trauung seiner Eltern bezeugen. Wo wurden sie getraut? Hier in dieser Kirche. In der Nacht vom dritten November, im Jahre 1772. So hat dieser alte Mann Recht, als er Sie erkannte! Der Marschall antwortete nicht. Er blickte vor sich hin, nach einigen Minuten fing er an zu sprechen. König Gustav der Dritte, sagte er, war ein geistvoller, heißblütiger Herr, ein Verehrer schöner Frauen, denen er seine Huldigungen brachte. Im Winter des Jahres 1771 kam ein finnisches Fräulein nach Stockholm und lebte 780 dort im Hause ihres Verwandten, des Baron Bungen, der einer der Vertrauten des jungen Königs war. Bei ihm lernte der König sie kennen und ward von ihrem Geiste, wie von ihrer Schönheit, so gefesselt, wie von keiner Anderen. Obwohl mit seinen politischen Plänen beschäftigt, die er aufs strengste verbarg, denn sie konnten ihm Krone und Leben kosten, ward er doch bald von Leidenschaft umsponnen, und das schöne, stolze Fräulein nährte diese, wohl auch bestärkt durch ihre Umgebungen, denn Bungen war schlau und klug genug, um für sich selbst ein Netz daraus zu weben. Der König hielt seine Liebe heimlich, doch wer weiß, was daraus entstanden wäre. Er war kaum fünfundzwanzig Jahre alt und wohl im Stande, selbst seine Krone dieser Leidenschaft zu opfern. Da kam ein Finne nach Stockholm, der lange in Amerika gewesen, und sein Erscheinen machte Aufsehen. Solche Männer, kühn und regsam, konnte Gustav brauchen. Häufig sah man ihn in des Königs Gesellschaft. Daher kam er auch in Bungen's Haus und wurde dort wohl empfangen. Da er als Oberst zurückkehrte, wollte ihn der König in sein Heer nehmen, und eine glänzende Laufbahn schien diesem Günstlinge geöffnet, doch er verdarb es bald für immer. Die Revolution wurde vorbereitet, der König hatte unerschrockene Anführer nöthig. Die Äußerungen dieses finnischen Herrn waren dagegen von der Art, daß Gustav's Mißtrauen wuchs, und als der Schlag gefallen war, erfolgte eine immer weitere Trennung, denn männlich offen, doch mit geringer Klugheit sprach der Oberst sich aus. Er verschwand aus dem Schlosse, allein er verschwand nicht aus Stockholm, und nun folgten einige Monate bis zu den letzten Octobertagen, wo der König nach und nach bis zum glühendsten Haß gegen diesen unbesonnenen Mann gereizt wurde. Er erhielt Nachrichten, daß Oberst Waimon sein Nebenbuhler bei seiner Geliebten sei, und überzeugte sich endlich, daß der Sohn eines Bauers den König besiegt hatte, denn er überraschte sie Beide, und das stolze Fräulein sagte ihm ins Gesicht, wem ihr Herz gehörte. Außer sich vor Wuth gab Gustav der Schaar harrenden treuen Diener das Zeichen, sie drangen ein und überwältigten den Widerstand des Obersten, fast ehe dieser bereit dazu war. Der König wollte sie Beide tödten lassen, Untreue und Verrath in ihrem Blute rächen; allein im Augenblicke der Ausführung siegte 781 seine Großmuth, siegte der Geist in ihm, der immer groß und königlich dachte. Im Hafen hinter dem Schloß lag seine Jacht. Dahin wurden die Schuldigen geführt, und nach einer Stunde hatte er seinen Entschluß gefaßt. Die Qualen, welche er gelitten und an denen er lange noch krankte, wollte er vergelten, und doch verzeihen und die Wünsche der Schuldigen erfüllen. – Die Jacht steuerte nach den Alandinseln, und hier, auf diesem weit entlegenen Eiland erfolgte die Trauung vor einer offenen Gruft. Das Brautpaar war reich geschmückt worden, aber Schwerter und Dolche umgaben diese Pracht; ein schreckliches Ende schien ihnen bevorzustehen. Als jedoch der Priester, der dort steht, die Kirche verlassen hatte und alle überflüssige Zeugen entfernt waren, ward ihnen der Wille des Königs verkündigt. Sie wurden aus Schweden verbannt mit dem Befehl, Finnland nicht zu verlassen. Unter Androhung des Todes mußten sie geloben unverbrüchlich zu schweigen gegen Jeden, wer es auch sein möge, und niemals irgend eine Nachforschung anzustellen nach Kirche, Priester und Ort ihrer Trauung, damit jede Entdeckung unmöglich bleibe. Der König hatte davon zu befürchten, denn seine Feinde würden dies benutzt haben, darum wurden diese neu Vermählten, verhüllt, wie man sie hierher gebracht, auch wieder auf das Schiff geführt, im innersten Raum noch mehrere Tage verwahrt und endlich nächtlich bei einem südlich gelegenen kleinen Hafenort ans Land gesetzt. Ich habe nichts weiter hinzuzufügen, sagte der Marschall nach einigen Augenblicken, als daß der Oberst und seine Gattin ihre Schwüre hielten, auch hatten sie Gründe, das Liebesverhältniß mit dem Könige nicht aufzudecken; dazu kam, daß Gustav noch einmal großmüthig war, als der Oberst und sein Schwager Theil an der Verschwörung des Angelabundes nahmen. Es hätte ihnen die Köpfe gekostet, aber der König schickte den Baron Bungen nach Halljala und ließ ihnen sagen, er verzeihe ihnen um alter Freundschaft und Liebe willen, doch ließe er sie warnen, nicht noch mehr gegen ihn zu versuchen. Als der König todt war, mögen wohl heimliche Versuche gemacht worden sein, mehr zu erforschen; allein bald starb auch der Oberst, und ich habe nichts eher wieder von dieser vergessenen 782 Geschichte gehört, bis ich im Schlosse zu Stockholm einen jungen Mann fand, der mich daran erinnerte. Und mehr weiß ich nicht und möchte auch nicht, daß mich Jemand noch mehr fragte, fuhr er mit Nachdruck fort. Der Tod hat alle die fortgenommen, welche dabei zunächst betheiligt waren; wer, was damals geschah, jetzt aus dem Grabe ziehen wollte, könnte keinen Vortheil davon erwarten, nur unnützes Aufsehn und Geschrei für die Lärmmacher. Wo es jedoch nöthig ist zu bezeugen, daß Oberst Ingar Waimon mit dem Fräulein Louisa Randal, Freiin von Halljala, ehelich verbunden ward, dazu bin ich jederzeit bereit, und wenn es dein Wille ist, den Sohn des Obersten, den hier anwesenden Herrn Otho Waimon, zu deinem Manne zu nehmen, meine liebe Ebba, so gebe ich dir hierzu, als dein Vormund, meine Einwilligung und meinen Segen. Er küßte Ebba's Stirn und Wangen, dann wandte er sich zu Otho und sah ihn mit dem lauernden scharfen Lächeln an. Haben Sie nun noch etwas zu fragen, Herr Waimon? begann er. Nein, Herr Marschall, erwiederte Otho sich verbeugend, ich danke Ihnen für diese Mittheilung, die mich beruhigt, meine Eltern rechtfertigt, meine Zweifel beendet. Ich danke Ihnen für die Versöhnung, welche Sie mir bringen, indem Sie Ebba's Wahl segnen. So fangen Sie an, Herr Jönsson, erwiederte der Feldmarschall, auch Sie werden jetzt beruhigt und versöhnt sein. Er zog seine große mit Brillanten besetzte Uhr heraus und behielt diese in der Hand. Eine Viertelstunde gebe ich Ihnen Zeit, sagte er in so befehlend rauher Weise, wie er es gewohnt war und wie der gute Pfarrer es in jener Nacht gehört hatte. Ich kam in diese alte Kirche, da ich dicht hier vorüber fuhr, setzte der Marschall hinzu, und da die Gelegenheit günstig war, stieg ich aus, denn schwerlich werde ich sie jemals wieder sehen. Nur einige Minuten wollte ich verweilen, was ich hier finden würde konnte ich nicht wissen. Aber was ich sah und hörte, erregte meine Theilnahme, und um Ebba's willen, die mir lieb ist, that ich, was ich that. Gottes Wille war es, daß gut gemacht werden sollte, was böse war, antwortete Axel Jönsson. 783 Fassen Sie sich kurz, wenn es beliebt, Herr Pastor, versetzte der Marschall, indem er herantrat und seine Stelle als Zeuge einnahm. Betäubt von Allem, was er gehört hatte, befolgte der Greis dies wiederholte Gebot des mächtigen gefürchteten Herrn. Er las eilig und mit zitternder Stimme die Gebete und die Trauformel und vereinte dann die Hände der Brautpaare, indem er den Segen über sie sprach. Ein ernstes Schweigen lag auf allen Gesichtern. Bangen und Scheu füllte alle Herzen, denn dieser unerwartete Zeuge hatte die Freudigkeit daraus verscheucht. Sein rother gewaltiger Kopf mit greisem Haar und feurigen Augen, sah wie der Kopf eines Dämons aus, der aus der Nacht auftaucht. Selbst Lindström schien seine Nähe zu vermeiden, und der beherzte, fröhliche Jem schlug ein heimliches Kreuz und faßte seine Fulla fester, als das schreckliche Gesicht Beide anschaute. Kaum aber hatte der Pfarrer das letzte Wort gesprochen, als der Marschall Ebba nochmals umarmte und Abschied von ihr nahm. Ich wünsche dir alles Glück und alles Gute, mein Kind, sagte er, und wünsche dasselbe allen diesen jungen Paaren. Was ich dazu beitragen kann, soll immer gern geschehen, und wenn Herr Otho Waimon meinen Beistand nöthig hat, sei es wozu es sei, bin ich bereit dazu. Haben Sie Dank, Herr Marschall, antwortete Otho sich verbeugend, ich glaube jedoch keine weitern Verbindlichkeiten Ihnen schulden zu dürfen. Nicht! rief der Generalgouverneur mit dem hochmüthig-verächtlichen Ausdruck in Stimme und Gebehrde, der ihm eigen war. Ich habe es auch erwartet, setzte er gleichgiltiger hinzu, Jeder von uns gehe darum seinen eigenen Weg, wir wollen uns wenigstens daran nicht hindern. Da ich jedoch ein alter Mann bin, der nicht weiß, wie bald sein Ende da ist, so will ich gleich nach meiner Rückkehr dein Vermögen bereit halten, Frau Ebba Waimon, und es soll dir in Stockholm ausgezahlt werden, sobald du dahin kommst. Auf zehntausend Bankthaler kannst du rechnen, damit halte Haus und sieh zu, wie es dir geht. Sollte es aber übel mit dir kommen, so denke daran, daß deines Vaters alter Freund – der alte böse Toll in Backaskog – auch dein Freund ist. Es wird nicht übel mit mir kommen, denn ich liebe meinen Gatten, ja ich liebe und ehre ihn und bin seiner innigen Liebe gewiß. 784 Diese Liebe wird uns Muth und Freudigkeit geben, Alles zu tragen, was das Leben über uns bringt. Wir werden glücklich sein, sei es in Einfachheit und Stille; wie seine Mutter würde ich einen König von mir stoßen, um dem Bauer anzugehören. Leben Sie wohl! gnädiger Herr. Der Freund meines Vaters, der auch mir immer gütig war, wird in meiner Erinnerung dankbar fortleben. Leben Sie wohl! Der höhnende Ausdruck war aus Toll's Gesicht verschwunden, ernst und nachdenkend stand er einen Augenblick, dann legte er beide Hände auf ihren Kopf, küßte ihre Stirne und sagte langsam: Lebe wohl! Ich glaube dir. Du wirst glücklich sein! Und in seinen Mantel sich einhüllend, grüßte er umher, wie es große Herren zu thun pflegen, und entfernte sich. Niemand sprach, Niemand begleitete ihn. Einige Minuten lang blieb es lautlos und still in der Kirche, bis die Thür draußen zufiel und nichts mehr gehört wurde. Er ist fort! rief dann Lindström halb laut und mit wiedererwachender Lustigkeit und verstärkter Stimme fügte er hinzu: Ich will gehangen sein, wenn hier Einer ist, dem es leid thut, und noch einmal gehangen sein, wenn in Schweden Trauer darum entsteht, im Fall der Teufel – ach, Verzeihung ehrwürdiger Vater! – im Fall der Herr recht bald ihn in sein Reich abholt. Da in schwedischer Sprache der böse Feind gewöhnlich kurzweg der Herr genannt wird, so machte das Wortspiel, mit welchem Lindström sich vertheidigte und nichts veränderte, den Eindruck den er wünschte. Und nun wacht auf aus eurer Erstarrung, fuhr er fort, und laßt ihn seinem Ende entgegen ziehen, wie wir dem unsrigen! Glück, Heil und Segen wünsche ich euch aus vollem Herzen, doch nach alter Sitte laßt euch küssen, ihr holden Frauen! Leichtfertig sprang er nun von der Einen zur Andern, küßte sie Alle und hatte dabei so viele muntere und neckende Einfälle, daß die liebefrohe Freudigkeit bald zurückkehrte. Die Hoffnungen erwachten, die Augen glänzten wieder, das Glück der nahen Zukunft verdrängte die blassen Gespenster trüber Ahnungen, welche der alte Marschall zurückgelassen hatte. Kommt, meine theuren Kinder, kommt und laßt uns gehen! rief der greise Pfarrer, daß mein Haus sich mit lieben Gästen fülle. 785 Umringt von den jungen schönen Bräuten, führte er diese hinaus. Die Sterne standen glänzend am Himmel, Ruhe war überall, aber durch das nächtige Dunkel schallten vom Meere die Ruderschläge eines Bootes und zwischen den Inseln schwankten die Masten eines Schiffes, das seine Laternen ausgesteckt hatte. Zwanzigstes Kapitel. Der Winter dieses Jahres war ein nicht weniger harter, als der vorhergehende, aber es lag nicht so viel Schnee. General Adlercreutz machte diese Bemerkung, während er in seinem Zimmer in Stockholm hastig auf- und niederging und einige Augenblicke lang am Fenster stehen blieb, zum Himmel aufblickte, eine Wetterfahne betrachtete, und den Sonnenschein, der die Straßen erhellte. Der Wind hat sich diese Nacht gedreht, sagte er, wir haben Südwind. Es ist möglich, daß Thauwetter eintritt; heute ist der dreizehnte März, es kann nicht so bleiben. Er wandte sich um und indem er das Zimmer hinabging murmelte er hastiger: Nein, es kann nicht so bleiben und ich bin keine Wetterfahne, die heut nach Süden zeigt, morgen nach Norden. Die Zeit ist da, ich muß fort! Er war in voller Uniform und griff soeben nach seinem Degen, als er im Vorzimmer die Schritte mehrerer Männer hörte. Wie von einem Verdacht ergriffen blieb er horchend stehen und preßte die Hand um den Griff seiner Waffe, aber nach einem Augenblick legte er diese auf den Tisch und öffnete selbst die Thür. Herein! rief er, ich erkannte den Freund an seiner wohlbekannten Stimme. Herein, mein lieber Waimon, welch glücklicher Zufall führt Sie nach Stockholm. Und wen bringen Sie mir da? 786 Es war Otho, den er umarmte und neben welchem Erich Randal stand. Es ist mein Vetter und bester Freund, Erich Randal, den ich Ihnen zuführe, General Adlercreutz, sagte Otho. Seien Sie mir Beide willkommen, erwiederte der General. Doch ehe wir etwas Weiteres sprechen, erzählen Sie mir, ob das schöne Fräulein Bungen Ihre Frau geworden ist. Sie ist meine Frau geworden und den Winter über habe ich mit ihr, meinem Vetter und dessen Gattin im schönsten jungen Eheglück gelebt. Das ist also der Baron von Halljala, erwiederte Adlercreutz, indem er Erich lächelnd anblickte, der die Tochter des alten reichen Halset in Abo entführt hat, oder vielmehr, den sie aus dem Kerker entführte. Es ist vor einigen Tagen erst beim König davon die Rede gewesen. Aber nichts Gutes, mein lieber Freiherr. Dieser Halset hat durch Vermittelung des russischen Gouverneurs in Finnland eine Acte eingeschickt, die seiner Tochter zugestellt werden soll, worin er diese enterbt, sein gesammtes Vermögen aber dem Verräther Bungen zuwendet, als Entschädigung für die entflohene Braut. Damit wird Arwed wohl zufrieden sein, sagte Otho. Wo ist dies Schreiben? fragte Erich. In den Händen des alten Ehrenheim, wo Sie es gewiß empfangen können. Warum sind Sie jetzt nach Stockholm gekommen, meine Herren? Weil die Alandinseln in den Händen der Russen sind! Ganz in den Händen der Russen? Ja, General. General Döbeln hat alle bedeutenden Punkte verloren bis auf Eckerö, seinen letzten Zufluchtsort. Als der Brand der Magazine und Schiffe in Dagerby den Himmel röthete und der Donner der Kanonen unser glückliches Asyl erschütterte, kamen Flüchtlinge, die uns benachrichtigten, was geschah. Mit dreißig Bataillonen ist der russische Feldherr Knorring über das Eis gekommen; zwölf schwache schwedische Bataillone war die ganze Kriegsmacht des tapferen Döbeln. Mehr als tausend Kosaken schwärmten über diese weiten Ebenen von Krystall, aus denen die Granitfelsen aufragen, die ihren Schutz, das Meer, jetzt verloren haben. Alles floh jammernd, was 787 fliehen konnte, entsetzliche, barbarische Thaten der Kosaken sind an den unglücklichen Einwohnern verübt worden. Auch wir mußten uns zur Flucht entschließen, nur unser armer alter Freund Jönsson wollte uns nicht folgen, er ist allein zurückgeblieben. Sie haben Recht gethan, sagte Adlercreutz. Gelobt sei Gott, daß Sie hier sind! Sie glauben nicht, daß Döbeln länger widerstehen kann? Nein. Ich habe den General selbst gesprochen, er muß sich zurückziehen, rasch zurückziehen, wenn er der Übermacht nicht erliegen will. Seine Vorhut hält Signal-Skär besetzt, noch ein Schlag und er wird auf die schwedische Küste geworfen werden. Nichts hindert die Russen ihm zu folgen. Und dann können wir sie in drei Tagen in Stockholm haben, sagte Adlercreutz tonlos vor sich hin schauend. Im Norden sind sie schon herübergekommen. Wir haben Nachricht, daß General Barkley de Tolly mit 5000 Mann über den Meerbusen gegangen und in Westbottnien eingefallen ist. Wann sind Sie hier angelangt, Waimon? In dieser Nacht. Ich suchte Sie sogleich auf, General, um Ihnen zu sagen, was General Döbeln mir mittheilte; daß Alles verloren sei, wenn er keine schnelle Unterstützung erhält. Nächstdem aber komme ich, um Sie zu bitten, meinem Vetter eine Audienz beim Könige zu verschaffen. Beim Könige? Was wollen Sie bei ihm? Ihm meine Erlebnisse schildern und meine Dienste antragen, wenn er davon Gebrauch machen kann, sagte Erich Randal. Damit ist es nichts! rief der General. Sie sind ihm längst als ein Unruhestifter, ein Jakobiner geschildert worden. Sie haben die Bauern in Halljala bewaffnet. Ich habe ihn sagen hören, daß Sie Ihr Unglück selbst verschuldet hätten. Um so mehr ist es meine Pflicht, mich zu rechtfertigen, erwiederte Erich. Erwarten Sie nichts, fiel der General ein. Doch Sie gehören zu den alten Familien des Reichs. Er schwieg einige Augenblicke still und begann dann wieder: Ich will Ihnen den Rath geben, den ich geben kann. Gehen Sie zum Herzog von Südermannland, sogleich, auf der Stelle! Sagen Sie dem Baron Ankerswärd, den Sie 788 dort treffen werden, Sie kämen von mir. Warten Sie, bis der Herr Sie empfängt. Erzählen Sie ihm Ihre Schicksale, erzählen Sie ihm auch, daß der König Sie Aufrührer und Jakobiner genannt hat. Aber, ich weiß das nicht. Mein Wort darauf! Erklären Sie dem Herzog, daß Frieden geschlossen und die Reichsstände berufen werden müssen. Bei dieser jetzigen Noth sollte ich meinen, versetzte Erich Randal, daß die Berufung der Reichsstände nicht so nöthig thut, als eine einmüthige Begeisterung des ganzen Volks, ein Schweigen aller Parteistreite, um zunächst den Feind von Schwedens Küste zurückzutreiben und ihre Vormauer, die Alandsinseln, wieder zu erobern. Einigkeit! – Einigkeit ist uns nöthig! rief Adlercreutz. Dreißig Bataillone Russen werden jedoch Schweden nicht erobern. Wenn der Südwind anhält, treibt dieser sie allein zurück. Was in der That auch nach drei Tagen geschah. Aber wissen Sie nicht, Freiherr Randal, daß Stockholm seit gestern sich in der größten Aufregung befindet. Die Westarmee hat die Fahne des Aufruhrs aufgepflanzt. Unser alter Freund, der Oberstlieutenant Jöran Adlersparre, Herr Waimon, steht an der Spitze. Er kommt aus Wärmeland mit 5000 Mann und marschirt auf Stockholm. Seine Proclamation fordert Berufung der Reichsstände, Entfernung der Verräther aus der Umgebung des Königs und Umkehr von der Willkür zum Rechte. Adlersparre! rief Otho erstaunt. Das ist offener Aufruhr, fügte Erich hinzu. Was soll aus Schweden werden, wenn der Bürgerkrieg sich mit dem äußeren Feind vereint! Es wird kein Bürgerkrieg entstehen, fiel der General lächelnd ein. Dieser Aufstand der Westarmee wird sein schnelles Ende erreichen. Aber soll diese Armee nicht Schweden gegen einen Einfall der Dänen aus Norwegen schützen? Allerdings, allein die Dänen und Norweger werden nicht einfallen. Adlersparre hat einen Waffenstillstand mit ihrem General, dem Prinzen Christian August, geschlossen. Und was sagt der König zu diesem Aufruhr? 789 Er will fort nach Schonen, will heut' noch Stockholm verlassen, um sich mit den Regimentern zu vereinigen, die Marschall Toll für ihn bereit hält. Was noch von den Leibwachen übrig, die er entehrt und aufgelöst hat, dazu die deutschen Regimenter, die Kürassiere, kurz Alles, was in Stockholm Waffen trägt, soll ihn begleiten. Die Minister, die Archive, der Herzog, die Prinzessin, es ist eine allgemeine Flucht. Aber er darf nicht fort! rief er im energischen Tone, denn damit ist der Bürgerkrieg fertig, und Schweden den Russen preisgegeben. Kann er bleiben, General Adlercreutz, erwiederte Erich, um die empörten Regimenter und deren Offiziere zu erwarten? Er würde sich ihnen willenlos ergeben müssen. Die Stirn des Generals verfinsterte sich. Was glauben Sie denn, was er thun soll? fragte er. Was ein König thut, muß freiwillig und aus Überzeugung geschehen. Zwingt ihn Gewalt, so wird er bald wieder seine Gewalt gebrauchen, um das Erzwungene zu vernichten. Ihr Freund, mein lieber Waimon, spricht wie der weise Mann in der Komödie, sagte Adlercreutz lachend, der als der Blitz sein Haus in Flammen setzte, eine Rede über die Vortrefflichkeit der Blitzableiter hielt. Doch bei alledem haben Sie Recht, Freiherr Randal. Wir wollen ihm jede mögliche Freiheit bewahren, um freiwillig zu thun, was er thun muß. Stockholm darf er nicht verlassen; die Reichsstände muß er berufen! Es wird nicht an demüthigen Bitten und dringenden Vorstellungen fehlen, und wenn er sich überzeugen läßt, soll Adlersparre keinen Schritt weiter thun. Mein Arm soll der erste gegen ihn sein. Und wenn er sich nicht erbitten und überzeugen läßt, General Adlercreutz? Der General wandte sein Auge grollend und scheu von Erich ab, der ihn klar und fest anblickte. Nun zum Teufel! rief er heftig aus, was meinen Sie denn, was dann geschehen muß? Dann, sagte Erich, mögen alle diejenigen, welche umsonst ihm ernste und eindringliche Vorstellungen machten, vor ihn hintreten und ihm sagen, daß sie ihn verlassen. Wenn seine Minister, seine 790 Generale, seine besten Diener, seine eigenen nächsten Verwandten sogar, mit dem Muthe ihrer Meinung, ohne Menschenfurcht, voll Mannesstolz dies thun, dann, General, wird er nachgeben. Adlercreutz sah den wunderlichen Freiherrn eine Minute lang erstaunt an. Es wäre möglich, rief er aus, daß diese Rechnung richtig wäre, doch dazu sind nicht Drei zu bewegen. Die Menschen sind nicht aus solchem furchtlosstolzen Stoff gemacht, nicht so lüstern nach entsagender, altrömischer Tugend oder Märtyrerthum, um solchen Weg zu wagen. Sie wagen lieber – eine Revolution! antwortete Erich, ihn fest anblickend. Genug! rief Adlercreutz, genug! Gehen Sie zu dem Herzog, Freiherr Randal, sprechen Sie mit ihm, ich muß fort. Ich hoffe, Herr Waimon, daß Sie mich auf meine Bitte begleiten. Wohin Sie gehen, mein General! Zum Könige! Diese Karte, Freiherr Randal, wird Ihnen das östliche Thor des Schlosses öffnen. Dort ist die Wohnung des Herzogs. Dank Ihnen, General. Ich kann jedoch keinen Gebrauch davon machen. Sie wollen nicht? Nein. Es könnte vortheilhaft für Sie sein, wenn Sie heut' in der Nähe des Herzogs wären. Ich danke Ihnen nochmals, sagte Erich Randal, aber bei einer Revolution kann ich nichts helfen. Nun so gehen Sie! rief Adlercreutz, und sein offenes Soldatengesicht erheiterte sich voll Vertrauen. Sie wollen nicht mit uns sein, doch Sie sind ein ehrlicher Mann und ein Freund Ihres Vaterlandes. Meine Rolle steht fest, ich kann nicht zurück und will nicht zurück. Bleiben Sie in Ihrer Wohnung bis Sie Nachricht erhalten, und schweigen Sie gegen Jedermann. Das ist Alles, was ich von Ihnen fordere. In der That weiß ich so wenig, lächelte Erich, indem er die dargebotene Hand des Generals schüttelte, daß ich leicht diese Bedingungen halten kann. 791 Um so besser für Sie! fuhr Adlercreutz fort, indem er die unbesorgte frohe Miene annahm, welche er gewöhnlich hatte, und sein Schwert in den Gurt steckend griff er nach dem Federhut, der daneben lag, und setzte ihn auf. Ein leichtes Klopfen an der Thür erfolgte zu gleicher Zeit und ein kluges, scharf geschnittenes Gesicht streckte sich durch den Spalt. Der Körper folgte rasch nach. Es war ein Herr in Hoftracht. Staatssecretär Lagerbring! rief Adlercreutz ihm entgegen. Der Staatssecretär richtete seine durchdringenden Augen auf die Fremden und verbeugte sich. Zwei Freunde, theuerer Lagerbring, fuhr der General fort. Mein Adjutant, Kapitän Waimon, und sein naher Verwandter, der Freiherr Randal. Sie sind noch nicht auf dem Schloß? fragte der Staatssecretär. Ich sah den Finanzminister Ugglas dorthin fahren und soeben begegnete mir der Feldmarschall Klingspor. Und Sie, lieber Lagerbring, woher kommen Sie? Aus der Reichsbank, mein lieber General, wo das Collegium eben eine Versammlung hielt. Was ist beschlossen worden? Da wir den Reichsständen allein für das uns anvertraute Vermögen der Bank verantwortlich sind, erwiederte der Staatssecretär mit seinem feinen Lächeln und einem Achselzucken, so sind die Bankbevollmächtigten bei der Ansicht stehen geblieben, daß es unmöglich sei, den Wunsch Sr. Majestät zu erfüllen. Sehr wahr! rief Adlercreutz und sein Gesicht drückte Freude über das aus, was er hörte. Sie wissen, Freiherr Randal, daß die Bank als Eigenthum des Landes unter Aufsicht der Stände steht und daß die von ihnen ernannten Bankbevollmächtigten mit ihren Köpfen für das Bankkapital haften müssen. Der König hat nun gestern Abend von diesen Herren alle disponiblen Gelder und Papiere der Bank verlangt, um sie vor den Aufrührern in Sicherheit zu bringen, wie er sagt. Mindestens aber zwei Millionen Bankthaler will er haben, um seine Reisekosten zu decken und eine Kriegskasse nach Schonen zu bringen. 792 So eben verfügt sich Graf Fabian Fersen, der Bankpräsident, zu Seiner Majestät, fiel Lagerbring mit demselben feinen Lächeln ein, um Bericht zu erstatten und um Nachsicht zu bitten. Dann müssen wir eilen, sagte Adlercreutz. Begleiten Sie uns, bester Lagerbring. Nein, mein lieber General, ich bin bei Ihren Geschäften überflüssig; allein ich werde in der Nähe sein, da Seine königliche Hoheit, der Herzog, mich zu sehen wünscht. Die beiden Herren wechselten einige rasche Blicke, dann sagte Adlercreutz: Sie thun wohl daran, bleiben Sie in seiner Nähe. Haben Sie mir noch etwas zu sagen? Ich habe Ihnen nichts zu sagen, erwiederte der Staatssecretär. Die Lage der Dinge ist so, daß Worte nichts bedeuten. Wir müssen handeln! rief der General, und bei diesen Worten nahm er den Arm des Staatssecretärs und führte ihn die Treppe hinab aus dem Hause. Otho und Erich folgten ihnen nach, bald aber trennte sich Lagerbring höflich grüßend und schlug eine Seitenstraße ein. Noch einmal, Freiherr Randal, sagte Adlercreutz, schärfe ich Ihnen ein, Ihr Haus nicht zu verlassen, denn es könnte sein – er hielt einen Augenblick inne und blickte Otho an. Wenn Sie Ihren Vetter begleiten wollen, Kapitän Waimon, mögen Sie es thun. Ich begleite Sie, mein General. Auch wenn es den Kopf kostet? Mag er fallen! Was Sie thun ist recht gethan. Lebe wohl, Erich! Und Ebba? murmelte Erich Randal. Ebba! sage ihr – daß ihre Liebe mich begleitet. Er folgte dem General, der einige Schritte unruhig und rasch vorangeeilt war und nun mit ihm heimlich sprechend über den großen Platz am Theater und über die Norderbrücke dem Schlosse zuging. An verschiedenen Ecken hatten sich Menschengruppen gesammelt, die wachsame Polizei war jedoch heute nicht aufgelegt, diese zu zerstreuen, denn sie selbst befand sich in Unruhe und Verwirrung. Die Gerüchte über den Aufstand des Westheeres und über die Entschlüsse des 793 Königs, Stockholm zu verlassen, alle Soldaten sammt Hof, Minister, Regierung und Bank mitzunehmen, fingen an, sich in der Masse der Bewohner zu verbreiten. Die Bürgerschaft war längst unzufrieden, einzelne Anhänger des Königs fanden wenige Freunde, manche laute und heftige Äußerung wurde gehört, aber das Volk war an Gehorchen und Leiden gewöhnt, mehr gleichgiltig, als geneigt, Partei zu nehmen. Die thatkräftigen Feinde des Königs befanden sich im Adel, in den höheren Ständen überhaupt und im Heere. Die entlassenen Gardeoffiziere liefen auf den Plätzen und Straßen umher; manche fein gekleidete Herren grüßten den General Adlercreutz, oder näherten sich, drückten ihm die Hand und wechselten einige Worte mit ihm. In der Nähe des Schlosses gesellten sich auch einige Offiziere zu ihm, und dies Gefolge vergrößerte sich noch mehr, als ein Dragoneroberst und der Oberst und Hofmarschall Silversparre am Eingange des Schlosses ihm entgegenkamen. Wer ist bei dem Könige? fragte Adlercreutz nach der ersten Begrüßung. So eben ist der Herzog gekommen, erwiederte Silversparre. Marschall Klingspor erwartet Sie. Wo? Im Pfeilersaal. Lassen Sie uns gehen. Sind sie Alle bereit mich zu begleiten? Ja, antworteten die Umstehenden dumpf und leise. Machen Sie nicht zu viele Umstände mit Klingspor, flüsterte Oberst Silversparre. Will er nicht mit uns gehen, so thun Sie es allein. Das Schloß ist gut bewacht, alle Thore sind geschlossen, wenige Anhänger des Königs zu fürchten. Ich hoffe, es soll kein Blut fließen, murmelte Adlercreutz, wenn es – nicht das unsere ist. Keine Unglücksgedanken, General. Wo ist das Unglück! rief Adlercreutz, indem er sein Haupt aufhob, als wollte er eine Last abschütteln. Glückt unser Unternehmen, so sind wir die Retter des Vaterlandes; glückt es nicht, nennt man uns Hochverräther. Es wird glücken, General. Es muß glücken. 794 Auf jeden Fall, fuhr Adlercreutz mit erzwungener Heiterkeit fort, hat mein junger Freund Waimon Recht, daß ich Aussicht habe, in die Gallerie von Gripsholm aufgenommen zu werden. Ich denke, sagte Silversparre, dies gute Schloß Gripsholm soll noch heut einen Anderen aufnehmen und ihn sobald nicht wieder fort lassen. Wenn es dahin kommen sollte, sagte Adlercreutz, indem die Heiterkeit plötzlich aus seinem Gesicht verschwand, so soll Niemand uns anklagen dürfen, daß wir vorher nicht Alles versuchten, um ihn vom Verderben zu retten. Niemand wird uns anklagen, antwortete der Hofmarschall, der die Geschichte unseres Unglücks und seiner grenzenlosen Verblendung kennt. So sei es denn! rief Adlercreutz im entschlossenen Tone. Folgen Sie mir nach, meine Herren! Er ging voran und blieb an der Treppe stehen, wo er den Hut abnahm, was seine Begleiter ebenfalls thaten, denn die Stufen herunter kam der Herzog von Südermannland. Sein Gesicht war geröthet, seine Augen blickten scheu und düster umher, und als er den ehrfurchtsvollen Gruß der Offiziere erwiederte, zitterte seine Hand, welche er an den Hut legte. Indem er vorüber ging, that er einige zögernde Schritte und sah Adlercreutz starr und ängstlich an. Königliche Hoheit kommen von Sr. Majestät? fragte dieser. Ja, General. Se. Majestät befinden sich wohl? Dem Anschein nach wohl. Beharrt Se. Majestät bei ihrer Reise? In zwei Stunden, erwiederte der Herzog seufzend, soll diese beginnen. Ich habe nichts daran ändern können. Er grüßte die Anwesenden, wandte sich schnell um und ging weiter, als wolle er nichts mehr hören oder antworten. Er will die Frage nicht abwarten, ob er dem König folgen werde, flüsterte Silversparre lächelnd. Jeder gute Fechter denkt an seine Deckung, murmelte Adlercreutz. 795 Er will nichts wissen und er darf nichts wissen, versetzte Silversparre eben so leise, aber er läßt uns machen, und wenn wir fertig sind – da ist der Marschall! Der greise Graf Klingspor kam aus dem Pfeilersaal und Adlercreutz ging ihm entgegen. In seinem hohen Alter hatte Klingspor den Feldzug in Finnland durchgemacht und Kriegsruhm mit nach Haus genommen, den Adlercreutz für ihn eroberte. Er sah kräftig und ehrwürdig aus; sein einziges Auge hatte noch einige Lebendigkeit, der König schätzte ihn, und sein soldatenhaftes Wesen verschaffte ihm beim Heere, wie beim Volke Anhänger. Der alte Marschall war aus Finnland mit der Überzeugung zurückgekehrt, daß Friede geschlossen werden müßte, wenn Schweden nicht zu Grunde gehen sollte, aber er war übel fortgekommen, als er dem Könige die ersten Andeutungen machte. Mehr zu thun wagte er nicht, doch gehörte er seit dieser Zeit zu den Mißvergnügten und Adlercreutz, der ihn längst in der Hand hielt, konnte ihn leicht bewegen, an die Spitze der Verschwörung zu treten. Jetzt aber in der Stunde der Entscheidung, schien dem alten General der Muth zu fehlen. Er nahm Adlercreutz bei der Hand, führte ihn in ein Fenster des Pfeilersaales und sagte mit merklicher Besorgniß: Es ist Alles vergebens, wir werden nichts ausrichten. Er hat den Herzog, er hat Ugglas abgewiesen. Er muß wollen, erwiederte Adlercreutz. Wir dürfen nichts übereilen. Adlersparre kommt in Eilmärschen; wir müssen ihn erwarten. Nein, Excellenz! entgegnete Adlercreutz, wir dürfen Adlersparre nicht erwarten. Gewiß, gewiß! antwortete der alte ängstliche General. Wir haben keine Truppen, auf welche wir uns verlassen können. Die deutschen Regimenter bedürfen nur eines Wortes des Königs, so thun sie was er befiehlt. Eine solche Anrede darf also nicht erfolgen. Und hier im Schlosse, im Trabantensaale, hat er eine Compagnie Trabanten, die ihm ganz ergeben sind, flüsterte Klingspor. Wir haben nichts, nicht ein Regiment, nicht ein Bataillon, nichts als ein paar Dutzend Offiziere, ein Häufchen Verschwörer. Adlersparre hat fünftausend Mann. 796 Wir haben die allgemeine Überzeugung, daß es so nicht länger gehen kann. Nichts! nichts! sagte Klingspor. Adlersparre muß uns helfen. Wie, Excellenz! murmelte Adlercreutz mit unterdrückter Heftigkeit, sehen Sie nicht, daß wenn der König Stockholm verlassen darf, Alles verloren ist. Wir sind verloren! wir! flüsterte der greise General. Verloren sind wir, wenn noch vier und zwanzig Stunden vergehen, fuhr Adlercreutz fort. Was so Viele wissen, kann nicht länger verschwiegen bleiben. Bei Gottes Thron! wir sind zu weit gegangen, Niemand kann mehr zurück. Der Marschall gab keine Antwort, aber er schüttelte den Kopf als verneine er diesen Ausspruch. Adlercreutz trat dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr: Glauben Sie denn, daß der König Ihnen jemals vergeben wird, wenn er erfährt, daß Sie um unser Unternehmen wußten und ich gestern Abend bei Ihnen die Briefe schrieb, die unsere Mitverschwornen heut hier versammelten? Und wenn Adlersparre wirklich kommt, wird er dann nicht der Mann sein, nach dessen Willen Alles geschieht? Wird er den König schonen? Wird nicht noch viel Schlimmeres geschehen? Wir wollen nichts, als Se. Majestät nochmals dringend bitten, seine Entschlüsse aufzugeben, in Stockholm zu bleiben, und die Reichsstände zu berufen. Alle Vernünftigen wollen dasselbe, ganz Schweden fordert es. Weigert er sich, so ist es erwiesen, daß seine geistigen Kräfte gestört sind, daß eine Regentschaft eintreten muß. Der Herzog wird sich weigern diese anzunehmen, antwortete Klingspor. Ich sah ihn. Er war verzagt, wußte nicht was er thun sollte. Seien Sie ohne Sorge, sagte Adlercreutz zuversichtlich, Lagerbring ist bei ihm. Ist hier Alles geschehen, wird Herzog Karl sich nicht länger weigern, Regent zu sein, als nöthig ist. Der Marschall schwankte. Kein General von allen, die in Stockholm sind, ist damit einverstanden und hier bei uns, begann er nochmals. Die Meisten aber wissen es, ahnen es und schweigen, erwiederte Adlercreutz. Armfeld ist in der Nähe. Ist der Schlag gefallen, so wird sich keine Hand für den Mann aufheben, den Keiner liebt. 797 Ich will es noch einmal versuchen, flüsterte der alte Marschall in seiner Beklommenheit. Ich will zu ihm gehen, ihn nochmals anflehen mich zu hören. Wenn er mich aber wiederum abweist – Dann stellen Sie sich an unsere Spitze, fiel Adlercreutz ein, als er abbrach. Nein, das kann ich nicht! Ich will mit dem Fuß im Grabe keinen Antheil an dieser That haben. Macht dann, was ihr wollt. Ja, er muß nicht recht bei Sinnen sein! Ein verächtliches Lächeln zuckte über das entschlossene, stolze Gesicht des Generals, als der Marschall seine Hände zaghaft faltete und ihm voran ging. An der Thür stand Adlercreutz still und seine wartenden Gefährten anblickend sagte er tiefathmend: Die Stunde ist da, aber Gott ist mein Zeuge! in hundert Schlachten wollte ich mich lieber stürzen, als diesen Gang thun! Einundzwanzigstes Kapitel. Sie stiegen Alle die Treppe hinauf und befanden sich in dem Vorzimmer, an welches Gustav Adolph's Wohnzimmer und an dies sein Schlafzimmer stieß. An der Thür des Vorzimmers standen einige Offiziere, wie zufällig dort wartend. Adlercreutz näherte sich ihnen und sagte leise: Laßt Niemand mehr herein, auch darf sich Niemand entfernen. Im Vorzimmer stand der Kriegsminister Tibell, der alte General Strömfeld, und der Generaladjutant Oberst Mellin mit dem schwarzen Amtsstabe. Der Finanzminister Graf Ugglas trat soeben aus dem inneren Zimmer. Des Königs harte, scharfe Stimme schallte ihm nach. Gustav Adolph öffnete selbst die Thür. Graf Ugglas blieb stechen und machte eine tiefe Verbeugung, als er sah, daß der König ihm soweit nachfolgte. Gustav Adolph trug wie immer 798 Generalsuniform, der Degen steckte an seiner Seite. Er sah erhitzt aus, seine Augen waren entzündet, er hatte die ganze Nacht über mit seinen Secretären gearbeitet, Befehle geschrieben und seine Papiere geordnet. Finsterer und härter konnte sein Gesicht nicht sein, und seine Stimme klang noch rauher, als dies gewöhnlich der Fall war. Auf der Stelle also die Bankbevollmächtigten! schrie er dem Minister zu. Sagen Sie ihnen, daß ich in einer Stunde die zwei Millionen Thaler haben muß, wo nicht, werde ich sie mir holen! Graf Ugglas verbeugte sich wiederholt. Wer ist hier? fragte der König, indem er nach den Offizieren sah. Ich bin es, Majestät, erwiederte der Marschall. Sie, Graf Klingspor! Was wollen Sie? Kommen Sie herein. Der Graf folgte dem Gebot. Der Minister wandte sich um, Adlercreutz trat auf ihn zu und sagte leise: Bleiben Sie hier, Sie dürfen jetzt nicht fort. Sein Blick mußte etwas Furchtbares haben. Was wollen Sie thun? fragte Ugglas erschrocken die Hände faltend. Dem Könige Vorstellungen machen. Er ist in übelster Laune. Die Bankbevollmächtigten wollen kein Geld geben. Ich zweifle nicht, daß er es mit Gewalt nimmt. Er wird es nicht nehmen. Erzürnen Sie ihn nicht noch mehr, General. Alle Ihre Vorstellungen werden fruchtlos bleiben. Ich glaube es nicht! versetzte Adlercreutz mit solcher Gewißheit im Ausdruck, daß der Minister noch stärker zitterte. Aber es war keine Zeit, eine Erklärung zu fordern, denn die heftige Stimme des Königs, welche durch die Thür schallte, beendete dies Gespräch. Alle, die im Vorzimmer waren, horchten schweigend. Es herrschte eine Todtenstille. Nein! nein! schrie der König, ich will nichts hören. Ich will fort! Niemand soll mich abhalten! Majestät! antwortete Klingspor, ich flehe Sie an, gehen Sie nicht. Der Untergang des Reichs ist unvermeidlich. Berufen Sie die Reichsstände, so ist dem Aufstande alle Macht genommen. 799 Nie, niemals! fuhr der König mit gleicher Heftigkeit fort. Wollen Sie sich auch zu den Verräthern gesellen? Kein Wort mehr! Hüten Sie sich! Majestät! sagte der greise Marschall mit einer verzweiflungsvollen letzten Anstrengung seines Muthes, ich bin ein treuer Diener Ihres Hauses, aber auch ein Diener und Sohn meines Vaterlandes und Volkes. Finnland ist verloren, zwölf Millionen neue Schulden sind gemacht, eine neue Reichssteuer ist ausgeschrieben, ohne die Stände zu fragen. Unsere Jugend liegt im Grabe, die Landwehr ist von Seuchen hingerafft. Das Heer geht in Lumpen. Die Engländer haben uns nicht helfen können, überall ist Noth und Elend, Verwirrung und Mißbrauch und das Volk schreit nach Frieden. Schließen Sie Frieden, Majestät, damit unser altes Reich nicht untergeht! Der König schien wie in Betäubung diese unerwartete Sprache anzuhören. Starr vor Erstaunen blickte er auf den Marschall, jetzt aber wachte er davon auf: Still! schrie er aufstampfend. Nein! nein! ich schließe keinen Frieden! niemals! Sie haben schon in Finnland sich unterstanden, mir ähnliche Dinge zu sagen. Hüten Sie sich, daß ich Ihr Benehmen nicht untersuchen lasse. Gehen Sie! Entfernen Sie sich! Jetzt ist es Zeit! sagte Adlercreutz, denn eben öffnete der Marschall die Thür. Gebeugt, den Kopf gesenkt, sein eines Auge zugedrückt trat er heraus. Adlercreutz ging an ihm vorüber, die beiden Obersten, die Kapitäne und Adjutanten folgten ihm nach. Sein Gesicht war blutlos bleich, aber seine Haltung ruhig und würdig. Der König sprach kein Wort, als er diese große Zahl Offiziere erblickte, welche ohne Anmeldung sich in sein Zimmer drängten und vor ihm aufstellten. Niemals hatte Jemand bisher seinem Willen entschieden widersprochen, viel weniger noch sich ihm widersetzt. Der Zauber der Majestät, der ihn umgab und an welchen er selbst so fest glaubte, war nicht im leisesten getrübt und erschüttert worden. Nur auf seine Winke und Gebote durften sich selbst die höchsten Würdenträger des Reichs ihm nähern, plötzlich aber drang ein Schwarm Offiziere in sein Zimmer, von denen die meisten eine untergeordnete Stellung, keiner eine sehr hohe einnahm. Es war daher erklärlich genug, daß 800 der König einige Zeit lang regungslos in noch größerer Überraschung stand, als die gewesen, in welche der Marschall ihn versetzt hatte. Er ließ es geschehen, daß die Offiziere sich in einen Halbkreis stellten und als General Adlercreutz vortrat und sich verbeugte, machte er eine Bewegung mit der Hand, als fordere er ihn zum Sprechen auf. Allergnädigster Herr! begann der General ehrerbietig, wir nahen uns mit der unterthänigsten Bitte, daß Ew. Majestät mir erlauben mögen, Ihnen die große Bestürzung und die unglückliche Lage des ganzen Reichs zu schildern. Finnland ist nicht allein völlig verloren und keine Aussicht vorhanden, es wieder erobern zu können, ein russisches Heer ist in Schweden selbst eingedrungen und General Döbeln hat die Alandinseln aufgeben müssen. Bald werden wir den Kanonendonner in Stockholm hören. Ein heftiges Zusammenzucken aller Muskeln im Gesicht des Königs ließ den General annehmen, daß seine Nachrichten nicht geglaubt wurden. Ich schwöre Ew. Majestät zu, daß dies die Wahrheit ist! fuhr er fort. Hier ist Kapitän Waimon, welcher in dieser Nacht von den Inseln kam. General Döbeln hat mit seiner Vorhut schon den schwedischen Boden bei Grisselhamn erreicht. Wollen Ew. Majestät den Kapitän Waimon hören, der dies Alles mit eigenen Augen sah. Der König schüttelte heftig den Kopf und sagte mit Anstrengung: Ich will nicht, aber was wollen Sie?! Ew. Majestät unterthänigst vorstellen, daß, von äußeren und inneren Feinden bedroht, das Land in äußerster Bedrängniß sich befindet, und Ew. Majestät ehrfurchtsvoll auffordern, Stockholm nicht zu verlassen. Wer fordert mich auf? rief der König mit rollenden Augen. Viele wohlgesinnte Männer. Herren vom Adel, Beamten, Soldaten, Bürger, welche zu Ew. Majestät durch unseren Mund sprechen. Wenn Gustav Adolph aus seiner Verblendung erwacht wäre, hätte er sehen müssen, wie das Gesicht des Generals sich mit dem Ausdruck kühner Entschlossenheit füllte, wie seine Augen funkelten und sein kurzer starker Körper sich herausfordernd aufrichtete. Er hätte hören müssen, wie seine Stimme nichts mehr von Unterthänigkeit hatte und wie darin die Gewaltthat grollte, zu der er bereit war. Aber der 801 unglückliche Monarch sah und hörte nichts davon. Seine ganze Seele war mit blinder Wuth über die Unverschämtheit dieser Menschen gefüllt und je mehr er sich von dem maßlosen Erstaunen erholte, das ihn überfallen hatte, um so größer wurde sein Zorn. Die Adern an seiner Stirne schwollen auf, seine Lippen zitterten. Wie könnt ihr euch unterstehen, hier einzutreten? schrie er jetzt mit äußerster Heftigkeit. Sind Ew. Majestät nicht geneigt, unsere dringende Vorstellung zu beachten? Nein! nein! und tausendmal nein! rief der König. Dann begehre ich Ew. Majestät Degen und verhafte Sie im Namen der Nation! Verrätherei! schrie Gustav Adolph. Ihr seid Alle zeitlebens unglücklich! und seinen Degen aus der Scheide reißend, zückte er ihn auf den General. Wir sind keine Verräther! Wir wollen das Vaterland retten! schrien die Verschworenen wie mit einer Stimme, während Adlercreutz, ehe der König den Stoß auf ihn thun konnte, ihn unterlief und mit beiden Armen um den Leib faßte. Oberst Silversparre ergriff in demselbigen Augenblicke des Königs Degen und drehte ihn aus dessen Hand. Man will mich ermorden! schrie der überwältigte Monarch. Hilfe! Hilfe! Um Christi willen kommt zur Hilfe! Beruhigen Sie sich, sagte Adlercreutz ihn loslassend, es soll Ihnen kein Leid geschehen. Gebt mir meinen Degen wieder! – Verräther! meinen Degen! schrie der König, der von den Offizieren umringt war. Ich will euch verzeihen, aber meinen Degen gebt mir zurück. Davon kann nicht die Rede sein, erwiederte Adlercreutz, mit energischer Bestimmtheit. Ew. Majestät Gesundheit ist in solchem Zustande, daß Sie fortan nicht weiter mit den Regierungsgeschäften sich befassen können. Und jetzt begab sich eine unerklärbare Scene, die zu beweisen schien, daß Gustav Adolphs Gehirn wirklich in Unordnung war, oder an Erweichung litt, wie seine Feinde behaupteten. Eine Anzahl 802 Kammerdiener, Schloßknechte, Trabanten, Kammerhusaren und Wachtmeister rüttelten an der Thür, die nach dem Schlafzimmer des Königs führte, und sprengten diese auf, da sie verriegelt war. Sie hatten das Geschrei des Königs gehört und waren durch den Corridor hereingedrungen, mit Säbeln, Knütteln und Ofengabeln bewaffnet. Alle Offiziere zogen ihre Degen und General Adlercreutz trat diesen Eindringlingen kühn entgegen. Was wollt ihr hier! schrie er sie an. Dem König ist nichts geschehen. Se. Majestät ist krank. Hinaus mit euch! Hinaus auf der Stelle! Dies sagte der beim Könige beliebte, überall in hohem Ansehen stehende Generaladjutant, und der König schwieg dazu. Er ließ seine Vertheidiger sich entfernen, ohne einen einzigen Hilfsschrei zu thun. Hätte er ihn gethan, sich losgerissen, sich zu diesen armen ergebenen Dienern geflüchtet, sie würden ihn mit ihrem Leben vertheidigt haben und ohne Zweifel konnte die Trabantengarde im oberen Saale dann schnell ihnen zu Hilfe kommen; allein Gustav Adolph ließ diese Treuen sich entfernen, ohne den geringsten Versuch zu machen, den Verschworenen zu entkommen. Man hat ihm später daraus den Vorwurf großer Feigheit gemacht. Er war von verzweifelten Menschen umringt, deren Degen entblößt waren, welche jetzt entweder ihren Plan ausführen, oder auf den schimpflichsten Tod gefaßt sein mußten. Er mochte in ihren Mienen lesen, daß sie zu jeder That, selbst zum Morde, entschlossen seien, und in Wahrheit konnte ein solcher allein sie noch retten; aber ein kühner Mann würde es dennoch gewagt haben. Gustav Adolph wagte es nicht, sein persönlicher Muth war niemals groß gewesen. Kaum hatte dieser Dienertroß sich scheu zurückgezogen, als Adlercreutz in das Vorzimmer eilte, an dessen Thür der Ceremonienmeister, Oberst Mellin, wie eine Bildsäule starr vor Schrecken und Bestürzung stand. Hinaus konnte Niemand, die Thür nach der Treppe wurde von Offizieren, die blanken Waffen in ihren Händen, bewacht. Adlercreutz stürzte sich wie ein Tiger auf Mellin und faßte dessen schwarzen Amtsstab. Gib her den Stock! schrie er ihm zu. Der König hat ihn mir gegeben, nur mit meinem Leben will ich ihn lassen! antwortete der Oberst. 803 Der kräftige Adlercreutz nahm ihm den Amtsstab fort und warf den Ceremonienmeister dabei rückwärts auf ein Sopha. Ich werde jetzt hier im Hause befehlen! schrie er. Entwaffnet den Obersten, auch die Adjutanten dort und den Trabanten-Hauptmann. Gehorchen sie nicht, stoßt sie nieder! Mit diesen Worten lief er hinaus, die Treppe hinauf und in den Saal der Trabantengarde. Erhitzt, ohne Hut, mit aufgerissenem Rock, trat er herein, in der einen Hand den schwarzen Amtsstab, in der anderen den Säbel eines Husaren, denn seinen eigenen Degen hatte er bei dem Ringen mit dem Könige verloren. Die Trabanten wußten nicht, was sie thun sollten. Ihr eigener Offizier war gefangen; jetzt sahen sie einen General vor sich, dem gleich darauf noch eine ganze Schaar Offiziere folgte, denen sie militärischen Gehorsam schuldig waren. Adlercreutz mit seinem edlen, lebhaften Gesicht, das einem Soldaten gehörte, mit seinen blitzenden Augen und seiner raschen Kräftigkeit trat vor sie hin und befahl ihnen, stille zu stehen. Hört mich an, meine Freunde, sagte er darauf. Ihr kennt mich alle und wißt, daß ich nicht lüge. Dem Könige soll kein Haar gekrümmt werden, meine Soldatenehre gebe ich zum Pfande! allein regieren kann er nicht länger, denn er ist krank und diese Krankheit hat Schweden ins Verderben gestürzt. Im Namen des Vaterlandes befehle ich euch, verhaltet euch ruhig. Was hier geschieht, geschieht zu des Königs Rettung. Vertheidigen könnt ihr ihn nicht, es würde euer Untergang sein. Das ganze Heer, das Land ist mit uns; der Herzog von Südermannland wird die Regierung übernehmen. Die Trabanten waren eingeschüchtert, sie schwiegen und stellten ihre Waffen fort, doch während Adlercreutz und der größte Theil der Offiziere damit beschäftigt waren, diese Garde zu gewinnen, machte der König einen unerwarteten Fluchtversuch. Der alte Marschall Klingsvor hatte in der tiefen Wölbung eines Fensters im königlichen Zimmer allen Vorgängen beigewohnt, ohne Theil daran zu nehmen; jetzt aber, als Adlercreutz sich entfernte, und der König scheinbar gefaßter mit dem Finanzminister Ugglas und dem greisen General Strömfeld auf und abging, die Beide ihn zu trösten 804 suchten, trat der Marschall hervor, und näherte sich seinem gefangenen Herrn. Majestät, sagte er leise und hastig, ein alter treuer Diener naht sich Ihnen noch einmal. Noch ist Rettung möglich, doch es gibt nur ein Mittel. Ist mein Leben in Gefahr? fragte der König ängstlich. Nicht Ihr Leben, Majestät, aber Ihre Krone, die für Ihren ganzen Stamm verloren gehen kann, wenn Sie sich nicht entschließen, augenblicklich die Stände zu berufen. Schreiben Sie sogleich, ich verschaffe Ihnen die Mittel dazu. Entsagen Sie der Regierung zu Gunsten Ihres Sohnes. Gustav Adolph schüttelte heftig den Kopf. Er blickte voller Haß den Marschall an, noch immer erkannte er nicht die ganze Wahrheit seiner Lage. Sie haben mich verrathen helfen! sagte er mit dem rauhen, polternden Ton wie vormals. Geben Sie mir meinen Degen wieder. Gott steh' Ihnen bei! antwortete Klingspor. Nichts hilft gegen diese verblendete Halsstarrigkeit! und sich entfernend eilte er fort in ein anderes Zimmer, und endlich durch die Gänge des Schlosses zu dem Herzog von Südermannland. In dem Augenblick aber, wo Klingspor ihn verließ, hatte der König den Degen des Generals Strömfeld aus der Scheide gezogen. Mein Degen, Majestät, mein Degen! schrie der alte Mann. Nichts da! antwortete der König, den Degen schwingend und ihn hoch in der Hand haltend, stürzte er sich auf eine Tapetenthür und verschwand, eben als Adlercreutz wieder hereintrat. Haltet ihn fest! halt! schrie der General ihm nacheilend, indem er mit seinem Fuß die Thür einstieß, welche Gustav hinter sich verriegelt hatte. Zwanzig Offiziere sprangen ihrem Anführer nach und da sie meist junge Leute waren, überholten sie den kurzen, dicken Adlercreutz, der außer Athem kam, als er dem Könige einige Zeit lang Trepp auf, Trepp ab verfolgt hatte. Gustav Adolph kannte die Gänge und Verbindungswege dieses weitläufigen Schlosses besser als seine Verfolger und als auf einer Treppe einer derselben fiel, gewann er einen solchen Vorsprung, daß er durch einen langen Gang in den 805 östlichen Flügel des Schlosses laufen konnte, wo er eine Treppe hinabsprang und in den Schloßhof gelangte. Otho Waimon gehörte nicht zu den Verfolgern des unglücklichen Fürsten. Er, der schnellste und kräftigste von Allen diesen jungen Offiziere, würde den König zuerst eingeholt haben, allein diese kläglichen Scenen machten einen widerwärtigen Eindruck auf ihn. Sein stolzes Herz empörte sich gegen diese schreckliche Jagd. Er liebte den König nicht und konnte ihn nicht achten. Gustav Adolph zeigte auch bei seiner Gefangennehmung, wie beschränkt sein Verstand und wie verknöchert alle seine Begriffe waren, dennoch drängte sich dem ritterlichen Charakter des jungen Finnen ein Mitleid für den verlornen König auf, der in seinem eigenen Hause von einer rasenden Meute gehetzt, von allen Seiten umgarnt, von denen zumeist verrathen war, die ihm zunächst standen. Diese düsteren und peinlichen Gefühle sollten aber bald noch vermehrt werden, denn indem Otho in dem Gang stehen blieb, in dessen Tiefe der König verschwand, hörte er von dem Hofe herauf ein wildes verworrenes Geschrei und als er eines der Fenster erreichte, sah er den verfolgten Fürsten ergriffen von einem breitschulterigen Mann, den er mit seinem Degen verwundet hatte. Auch der König blutete. Er war mit der Stirn gegen einen Pfeiler gerannt und hatte sich überdies die Schulter verletzt. Sein Geschrei nach Hülfe war weniger männlich als kläglich. Laßt mich los! schrie er unaufhörlich. Rettet mich! Helft mir! Versteckt mich! Der Mann, welcher den König umfaßte, war der Hofjägermeister Greiff, der seinem Namen Ehre machte, denn er hielt den schreienden und bittenden Fürsten trotz dessen heftigster Anstrengung so lange fest, bis die Verschworenen ihm zu Hilfe kamen. Aber auch ein ganzer Haufe Holzträger, Bediente, Soldaten und Schloßwächter war abermals zusammen gelaufen und ihnen streckte der unglückliche Monarch seine Arme entgegen und rief ihnen sein klägliches: Helft mir! rettet mich! zu. Seht ihr nicht, daß der König krank ist! antwortete Greiff dagegen. Seht ihr nicht, daß Seine Majestät im Fieber liegt und rast? Wir sind nur zu seiner Hilfe hier, um ihm Beistand zu leisten. 806 Es ist nicht wahr! schrie ein alter Bedienter. Der König ist nicht krank! Laßt uns unseren König befreien! Im Augenblick erhielt er von einem Major einen Schlag ins Gesicht, daß er zu Boden stürzte. Ein halbes Dutzend Offiziere packten den Gefangenen bei den Armen und Beinen und trugen ihn ins Schloß, während er fortgesetzt um Rettung schrie. Es war ein entsetzlicher Anblick. Das Blut lief über das blasse entstellte Gesicht des Königs, seine Augen rollten in Todesangst, er sah wie ein Wahnsinniger aus. Voll Grauen vor diesem Anblick zog sich Otho zurück. Als er aufschaute, erkannte er an einem der gegenüberliegenden Schloßfenster den Herzog von Südermannland, der seine gefalteten Hände zum Himmel erhob und in einem schrecklichen Seelenzustande zu sein schien. Mehrere andere Personen waren um ihn beschäftigt und suchten ihn wahrscheinlich zu trösten. Otho bemerkte den Staatssecretär Lagerbring, der den Herzog vom Fenster fortführte. Auch er entfernte sich und folgte dem Getöse, das aus dem Innern des Schlosses kann. Man hatte den König in einen der prächtigsten Säle des Schlosses, den weißen Saal getragen, und ihn dort auf ein Ruhebett gelegt. Eine große Zahl Offiziere, zum Theil junge Lieutenants und Fähnriche, umringten ihn. Adlercreutz kam in Begleitung des Obersten Silbersparre Otho Waimon entgegen, als dieser die Thüre des Saales erreichte. Der General hatte seine Heiterkeit wieder bekommen, man sah ihm die Siegesfreudigkeit an. Gut, daß ich Sie treffe, sagte er. Bleiben Sie hier, ich muß zum Herzog. Unser Spiel ist gewonnen; aber auf keinen Fall lassen Sie den König noch einmal entfliehen. Dafür werden diese Wächter sorgen, fiel der Hofmarschall ein. Schnell, Adlercreutz, jede Minute ist kostbar. Die beiden Führer der Palastrevolution entfernten sich und mit düsterer Stirn und gekreuzten Armen blieb Otho an der Thür stehen und betrachtete das furchtbare Schauspiel, dessen Zeuge er war. Alle Hoheit, aller Glanz der Majestät war von dem unglücklichen Fürsten abgefallen, eine einzige Stunde hatte sie zerstört. Er, dem bisher kein Sterblicher ohne Scheu und Ehrfurcht nahte, der nur unterthänige Diener duldete, vor dem die Mächtigsten sich beugten, 807 die Ersten schwiegen, die Stolzesten sich demüthigten, er lag ächzend, verlassen, blutend, krampfhaft zitternd in einem Winkel, und um ihn her wurde geflucht und geschrien, er wurde verhöhnt und mit erbarmungslosen übermüthigen Blicken betrachtet. Diese Menschen, welche vor wenigen Stunden noch vor seinen Winken gekrochen hätten, die nichts gescheut und geschont hatten, um seine Gnade zu gewinnen: sie saßen um ihn her in den großen mit weißem goldgepreßten Sammet ausgeschlagenen Lehnstühlen, in schmutzigen Kleidern, rauchend, trinkend, seine krampfhaften Zuckungen und Erbrechungen belachend, die ihnen Freude zu machen schienen. Sie, die sonst nicht wagen durften, auch nur die Schwelle dieser glänzenden Prachtzimmer zu betreten, sie stemmten die Füße gegen die Marmorsäulen und bespieen die kostbare Täfelei des Fußbodens. Diese Roheit aber erreichte den höchsten Grad, als Einer aus dieser Schaar vielleicht in einer mitleidigen Anwandlung dem Könige ein Glas Wasser reichen wollte. Mit einem furchtbaren Blicke stieß es der König zurück, wahrscheinlich vermuthete er, daß es Gift sei. Lösen Sie mir lieber ein wenig meine Halsbinde, sagte er mit schwacher Stimme, sie thut mir weh. Der Teufel mag es thun! schrie der nebenstehende Lieutenant, Jacob Cederström. Spei so viel du willst, du –, und hier fügte er ein gemeines Schimpfwort hinzu, vor dem selbst manche Mitglieder dieser Bande ernsthaft wurden. Der König schien vor dieser Nichtswürdigkeit sich aufzuraffen. Er warf einen stolzen Blick auf den frechen Menschen und sagte mit würdiger Fassung: Mit solcher Umgebung sollte man mich doch verschonen. In diesem Augenblick war Otho an das Ruhebett getreten und leistete dem Könige den Dienst, welchen dieser gewünscht hatte. Er öffnete die Schnalle der Binde, öffnete ihm den engen Rock und entfernte die zerrissene Goldborte, in welcher der Degen gesteckt hatte. Gustav Adolph ließ es geschehen, und obwohl unter den Verschworenen ein unwilliges Gemurmel entstand, wagte doch Keiner eine laute Äußerung. Sie wußten nicht, wer dieser Samariter sei. Einer aber flüsterte seinen Kameraden zu, daß er mit Adlercreutz in genauer Freundschaft stehen müsse, und wie knurrende Hunde, die nicht zu beißen 808 wagen, zogen sie sich noch weiter zurück, als jetzt der alte Hofkanzler Zibet hereintrat und sich seinem unseligen Herrn näherte. Schweigend, doch mit wankenden Schritten, ging er durch die Reihe der jungen übermüthigen Soldaten, die ihn hohnvoll empfingen. Seht die alte Katze, wie sie ihr Junges sucht! rief Einer laut genug. Einen Strick für Beide! antwortete ein Anderer, aber das verwitterte Gesicht des Hofkanzlers hatte keine Regung, weder für Schmerz noch für Zorn. Seine grauen kalten Augen richteten sich auf den leidenden König und sein versteinter Kopf sah ganz so aus, wie wenn er Morgens kam, um seinen Vortrag zu halten. Der schwarze Anzug, das große weiße Jabot, die Schnallenschuhe und seine dick gepuderte Perrücke waren so sauber und in bester Ordnung, wie immer. Er machte seine steife gravitätische Verbeugung, als käme er zu der gewöhnlichen Audienz, und sagte mit derselben knarrenden unbiegsamen Stimme, was er jeden Morgen sagte, wenn er bei dem Könige eintrat: Wie befinden sich Eure Majestät? O, Zibet! rief der König aus tiefer Brust. Es geht schlecht! Verschafft mir ein Glas Wasser! Steht mir bei! Der Hofkanzler holte Wasser und unterstützte seinen Herrn mit Otho's Hilfe, daß er sich aufrichtete, ein wenig trank und leichter athmete. Zibet! was ist mit mir geschehen? murmelte der König mit wilden Blicken, als glaube er furchtbar zu träumen. Was Gott über Ew. Majestät verhängt hat, antwortete der greise Staatsmann. Ein Verbrechen! Entsetzlich! Verbrechen werden bestraft, so hier wie dort! sagte Zibet. Aber wir, wir, Freiherr Zibet! Wir unterwerfen uns dem Willen des Allmächtigen und stehen ihm Rede. Das werde ich, ja, das kann ich! erwiederte der König mit Fassung. Aber o! meine arme Frau! meine Kinder! – Und was ist aus meinem Oheim geworden? Was haben diese Menschen mit ihm gemacht? Was soll aus uns werden? Wie soll dies enden?! 809 Was Gott zuläßt, wird geschehen, versetzte der Hofkanzler fatalistisch wie ein Orientale. Richten Sie Ihren Muth auf, mein königlicher Herr. Zeigen Sie Ihren Feinden, daß Sie auf Gott vertrauen. Auch die rohesten Gemüther, fuhr er mit lauter Stimme fort, werden nicht vergessen, daß der König hier ist. Wie Viele sind es denn, die Ihnen keine Wohlthaten verdanken? Ach! rief Gustav Adolph seufzend, lieber Zibet, jetzt erkenne ich es mit Schmerzen, daß nichts leichter vergessen wird, als Wohlthaten. Dieser junge Mann hier, dem ich niemals wohlthat, er ist der einzige, der mir beigestanden hat. Sie sind ein Adjutant des Generals Adlercreutz. Wo ist er? Bei Sr. königlichen Hoheit dem Herzog. Bei ihm! Gehen Sie zu dem General, sagen Sie ihm, wie man mich hier behandelt. Ersuchen Sie ihn, daß man mich wenigstens mit solcher Gesellschaft verschont; daß man die Achtung nicht vergißt, die man mir schuldig ist. O, Zibet! fuhr er fort, begleiten Sie diesen Herrn, sehen Sie nach meinem Oheim; suchen Sie ihn zu trösten, sorgen Sie, daß ihm kein Leid geschieht! Alle Rührung, die dem alten Hofkanzler zu empfinden möglich war, zitterte in seinem ausgetrockneten Gesicht. Es war als würden seine Augen naß, aber Thränen hatte er nicht zu vergießen. Er wollte etwas erwiedern, und doch vermochte er es nicht, weil er wußte, daß er den Schmerz des Königs vermehrt haben würde, wenn er seine Gedanken ausgesprochen. Schweigend küßte er die Hand, welche sein unglücklicher Herr ihm reichte, und ging gebeugten Hauptes aus dem Saal, gebeugt und bald lautere, bald leisere Worte vor sich hin murmelnd durch die langen Gänge, ohne sich darum zu bekümmern, ob Otho ihm folge. Endlich trat dieser dicht hinter dem Minister in das Empfangzimmer des Herzogs, wo in größter Eile herbeigerufen, mehre Minister, Staatssekretäre und Präsidenten der Staatsbehörden sich versammelt hatten, die jedoch bei weitem nicht so zahlreich waren, wie die Generale und Offiziere aller Art. Herzog Karl von Südermannland stand in der Mitte dieses weiten Kreises; seine Augen glänzten, seinen 810 Kopf trug er hochaufgerichtet, aber seine Mienen schienen noch immer voller Schmerz und Unruhe. In meinen alten Tagen soll ich diese Last auf mich nehmen! rief er aus. Mit welchem Unglück sucht mich Gott heim. Laßt ab! ich zittere und bebe davor. Gnädigster Herr! sagte Adlercreutz, das Vaterland verlangt von Ihnen dies Opfer. Ich bin zu alt, zu schwach! antwortete der Herzog seufzend, wie soll ich das Ruder in diesen Stürmen halten. Der Himmel wird Ihnen Beistand verleihen, und die Gebete des schwedischen Volks werden diesen erflehen! fiel der Staatssecretär Lagerbring mit frommer Salbung ein. Reichsdrost Graf Wachtmeister! rief Karl, an Sie wende ich mich in meiner großen Noth. Sie sind der erste Mann in Schweden nach dem König, der höchste Beamte des Reichs – sagen Sie mir, was ich thun muß. Der alte Reichsdrost hatte sich in seinem Bett ins Schloß tragen lassen und wohnte in Betten und Decken gehüllt dieser Versammlung bei. Gott sei es geklagt, daß es dahin gekommen ist! sagte er, allein wenn Ew. königliche Hoheit nicht an die Spitze der Regierung treten, so ist Schweden verloren. Ich beschwöre Sie im Namen des Vaterlandes und Aller, die es gut mit ihm meinen, weigern Sie sich nicht länger, die Regierung zu übernehmen. Der Herzog stand einige Augenblicke stumm, ein feierliches Schweigen herrschte. Nun denn, begann er, wenn es das Vaterland und sein Heil unerbittlich und unabweisbar von mir fordern, so unterwerfe ich mich. Da Se. Majestät durch Krankheit und eingetretene Umstände außer Stande ist, länger zu regieren, will ich dies thun und als Reichsverweser so lange die Geschäfte leiten, bis die Reichsstände bestimmen, was weiter geschehen soll. Gott segne Ew. königliche Hoheit! riefen viele Stimmen, andere sagten mehr oder weniger laut: Victoria! einige aber auch: Es lebe König Karl der Dreizehnte! Karl selbst schien sich höher aufzurichten. Ein Lächeln schwebte um seine Lippen, als er nach allen Seiten hin dankte. Er wandte sich rasch und fest; sein Gesicht erhielt lebhaftere Farbe. 811 Vor allen Dingen, begann er, muß es meine erste Pflicht sein, die Bürger von Stockholm zu beruhigen und Schweden mit dem, was vorgefallen, bekannt zu machen. Eine Proclamation wird zu entwerfen sein, antwortete eine Stimme aus dem Kreise. Die Sie sogleich uns vorlegen sollen, Staatssekretär Lagerbring, fiel der Herzog ein. Und die schon fertig ist, flüsterte Adlercreutz in Otho's Ohr. Alles ist abgemacht. Jetzt hinaus mit dem Reichsverweser zu den Regimentern. Er brach ab, denn der Hofkanzler Zibet fing an zu sprechen. – Mein lieber Freiherr Zibet! sagte der Herzog, auf den alten Staatsmann losgehend, auch Ihrer Dienste bedarf ich. Ich muß unterthänigst um meinen Abschied bitten, erwiederte der Kanzler, steif sich verbeugend, da ich in meinem hohen Alter keinem neuen Herrn mehr dienen kann. Wenn ich hier das Wort nehme, geschieht es allein, um Ew. königliche Hoheit anzuflehen, den König vor Mißhandlungen zu beschützen, und nun erzählte er, was er gesehen und gehört hatte, und was die jungen Offiziere sich gegen den erlaubten, der, wie er mit einem starren Blick auf den Herzog hinzufügte, bis vor wenigen Stunden Aller Herr gewesen sei. Der Unwille wurde allgemein. Das darf nicht geschehen, rief der Herzog verlegen und dunkel erröthend. Gehen Sie zu dem Könige, Oberst Silversparre, bleiben Sie bei meinem unglücklichen Neffen. Ich mache Sie dafür verantwortlich, daß Alles geschieht, was zu seinem Troste geschehen kann. Oberst Silversparre verließ sogleich den Saal, als er aber bei Adlercreutz vorüberging, murmelte er ihm zu: Auf jeden Fall laßt Euch von der alten Perrücke nicht etwa noch weiter mitleidig stimmen. Nach Gripsholm muß der König noch in dieser Nacht. Sage dem Herzog, er möge sich auf mich verlassen. Gebt mir den Greiff mit, wir wollen gute Kerkermeister sein. Der General machte ein zustimmendes Zeichen. Ich hoffe, sagte Otho leise, daß des Königs Leben nicht gefährdet ist. 812 Gewiß nicht. Mein eigenes Leben würde ich wagen, wenn ich das denken könnte, erwiederte Adlercreutz. Beruhigen Sie sich, Freund, ich habe noch immer Gutes mit ihm im Sinn. Könnten Sie daran denken, ihm nach dem, was geschehen, die Krone wieder aufzusetzen? Niemals! Ich glaube Zibet selbst ist überzeugt, daß er unfähig zum Regieren ist. Aber er hat einen schuldlosen Sohn, und es gibt Leute – er schwieg, indem er seine Augen auf den Herzog richtete, der mit den Ministern und dem Grafen Klingspor vertraulich und verbindlich sprechend durch den Saal ging. Sie scheinen sehr ergriffen von dem, was Sie erlebten, fuhr Adlercreutz fort, nehmen Sie es nicht allzuschwer. Der elende rohe Cederström und seine Genossen werden rasch vergessen und so gebrandmarkt sein, wie sie es verdienen; doch glauben Sie darum nicht, daß unser Werk schlecht und ungerecht war. Mag der Mann, der so viel Elend und Schmach verschuldet hat, an seiner Schmach Buße thun; er büßt, wie es in der Bibel steht, auch die Sünden seiner Väter. Keine Hand hat sich für ihn gerührt, keine wird sich rühren. Sehen Sie alle diese Männer hier, seine Minister, seine ersten und höchsten Diener, sie haben ihn schon verlassen und aufgegeben. Der alte Zibet und der alte Ehrenheim sind die Einzigen, die ihm folgen werden, weil sie die Einzigen sind, die ihm wirklich anhingen. Die Anderen buhlen schon um des neuen Herrn Gnade durch verdoppelte Bedientendemuth; nachdem die That geschehen, zu der sie zu feige oder zu pfiffig waren, eilen sie herbei, um sie für sich auszubeuten. Und nun gehen Sie und hören Sie, was das Volk sagt. Hören Sie, ob Einer um ihn klagt, Einer weint. Das war es, was ich vorher wußte. Er mußte fallen, kein Gott konnte ihn retten! Täglich grub er an dem Abgrund, der ihn verschlingen sollte. Ein Stoß, so war er verloren. Sehen Sie nicht die dunklen Hände, die ihn längst erwarteten? Und war er nicht ein Wahnsinniger? Haben wir kein Recht, ihn so zu nennen? Hier wurde der General, der dies Alles eilig leise vor sich hin flüsterte, von dem Herzoge gerufen und gleich darauf verließ dieser begleitet von den Häuptern der Verschwörung und vielen andern Offizieren das Zimmer. Auf dem Schloßhofe standen schon Pferde für 813 ihn und sein Gefolge bereit. Die Thore öffneten sich jetzt zuerst wieder und der Herzog sprengte den Regimentern zu, welche sich um das Schloß bis zur Schiffbrücke aufgestellt hatten, da sie den König auf seiner Reise begleiten sollten. Gerüchte von dem, was im Schlosse geschehen war, hatten sich unter die Soldaten und unter die Volksmenge verbreitet. Der Herzog wurde mit Jubel empfangen, mit Freudengeschrei begleitet: seine kurze Anrede, daß der König krank, weiter zu regieren unfähig und er Reichsverweser sei, mit Begeisterung erwiedert. Menschen mit glücklich strahlenden Gesichtern liefen an Otho vorüber, jauchzend, gedankenlos oder voll befriedigter Rachelust. Der König ist verhaftet! schrien sie sich zu. Gottlob! Gottlob! antworteten die Meisten. Seine Tyrannei ist aus! Und kein Blut ist geflossen! Gottlob! Gottlob! Der Herzog ist Reichsverweser. Die Reichsstände kommen! Der Friede ist da! Jetzt wird es besser. Napoleon wird unser Freund und Alliirter sein. Gottlob! Gottlob! Düster blickend und stumm ging Otho durch das Gewühl. Was hat dies Volk gelitten und getragen, murmelte er. Zwölf Jahre lang hat dieser König sinnlos gewirthschaftet, wie es seiner Willkür beliebte. Kein Recht hat er geachtet; seinen Launen, seinem schrankenlosen Eigenwillen, seinem frömmelnden Fanatismus, seinem verblendeten Dünkel über den Umfang seiner absoluten königlichen Macht Volk und Staat geopfert und dies Volk hat sich knechten und opfern lassen bis ein roher Soldatenhaufen, eine Hand voll Verschwörer Allem ein Ende macht. Welche Lehre für Völker und Fürsten! Welche Lehre für die Weltgeschichte! Was ist göttlich, gerecht und wahr auf Erden! Endlich erreichte Otho seine Wohnung. Da saß seine holde Ebba ihn erwartend. So freundlich ihr edles Lächeln, so klar ihr Auge, so voller Frieden und Liebe ihr Gesicht. Mein Otho, rief sie ihm entgegen, kommst du endlich. Bange Stunden habe ich verlebt. Er fiel auf sein Knie vor ihr nieder, blickte zu ihr heiß und heftig empor und preßte sie in seine Arme. Er dachte an den unglücklichen Mann, der getrennt von der Frau, die ihm anhing, getrennt von seinen Kindern, von allen, die er sein nannte, in grausamen Qualen litt. Was ist Hoheit, was sind alle Kronen, alle Schätze des 814 Ehrgeizes! rief er mit leidenschaftlicher Gewalt. Fort mit dem Blendwerk! Bei dir, meine Ebba! Mit dir, o, du Geliebte! Frieden soll mit uns sein! Frieden und Liebe, daß ich nie mich von dir trenne, nie dir bange Stunden mache. Sie sah ihn verwundert an, aber alles Glück, das ihre Seele füllte, strömte über ihn aus. Eben schmetterten draußen die Trompeten. Der Reichsherold ritt in seinem bunten Wappenrocke durch die Stadt und verkündete mit lauter Stimme die Proclamation des Reichsverwesers, daß wegen eingetretener Umstände König Gustav Adolph der Vierte aufgehört habe in Schweden zu regieren. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Und wieder war der Frühling gekommen, wieder hatte der Mai das Eis geschmolzen, wieder kleidete er mit wunderbarer Schnelle diesen Norden in seine grünen lieblichen Gewänder, schmückte seine Felsenstirnen mit jungen Reisern, seinen düsteren Leib mit frischen Blüthen. Und nicht mehr rollte der Donner der Kanonen über die Meereswellen, nur im hohen Norden kamen noch einzelne Kriegsscenen vor, doch wurde nicht mehr um Finnland gestritten, sondern was die Russen weiter diesseits des bottnischen Meerbusens vom altschwedischen Lande Westerbotten behalten sollten. In Stockholm hörte man wenig mehr davon. Der Reichstag hatte begonnen und aller Streit drängte sich darin zusammen, ob der Sohn des abgesetzten Königs Erbe des Reichs sein sollte oder die ganze Königsfamilie in Verbannung wandern müsse. Für den Kronprinzen regte sich eine starke Partei und eines ihrer Häupter war Adlercreutz, der Held der Verschwörung vom 13. März; ihm entgegen aber stand ein noch mächtigerer Bund von Offizieren und Reichstagsherren von Adel, deren Haupt, Jöran Adlersparre, Stockholm an der Spitze seiner Soldaten bewachte. 815 Während dieser Zeit hatten Otho Waimon und Erich Randal in Zurückgezogenheit gelebt. Es war ein Glück zu nennen, daß der Feldmarschall Toll Wort gehalten und gleich darauf, als er von den Alandinseln nach Schonen zurückgekehrt, Ebba's Erbtheil in Ordnung gebracht und in Stockholm niedergelegt hatte, da in der Verwirrung, welche bald darauf ausbrach, ihm dies schwerlich möglich gewesen wäre. Was Erich Randal betraf, so erlangte er bald die Gewißheit, daß alle seine Habe auf immer verloren sei. Die Briefe wurden ihm ausgehändigt, in welchen Halset seiner Tochter ankündigte, daß er sich von ihr lossage und sie enterbe. Eingezogene Nachrichten bestätigten, daß Arwed Bungen sich im Besitz von Halljala befinde, welches die russische Regierung ihm zugesprochen, als nächsten Verwandten des hochverrätherischen letzten Besitzers und wegen besonderer Verdienste und deren Belohnung. Nichts war dem jungen Paare geblieben, als Mary's kleines Vermögen, doch fürchteten sie nicht die ungewisse Zukunft. Immer blieb es genug zu einem Anfange und alle schienen entschlossen, diesen zu beginnen, wo er sich günstig zeige. Manche Hoffnungen regten sich dabei, daß eine neue bessere Zukunft kommen müsse, eine Zeit der Entwicklungen neuer Kräfte, des Aufschwungs zu neuer freier Bewegung, vor welcher die alten versteinten Einrichtungen des schwedischen Staates, die Privilegien und Vorurtheile der Klassen und Stände, deren es so viele gab, zu Boden fallen müßten. Eine neue Verfassung war im Werke. Es gab auf dem Reichstage feurige Geister, die von gleicher gesetzlicher Freiheit, von gleichen Rechten und Lasten, von einer Erhebung des gesammten Volks auf dem Boden der Freiheit sprachen. Der Schutt der Vergangenheit sollte fortgeräumt werden, die vier verschiedenen Häuser des Adels, der Priester, der Bürger und Bauern sollten in einem Hause von Abgeordneten sich vereinigen, die das Volk wählt, und alle die Einrichtungen wurden lebhaft angeregt und in Clubbs und Gesellschaften verhandelt, welche die französische Revolution ins Leben gerufen hatte. Otho Waimon war von solchen Hoffnungen besonders angefüllt, denn sie stimmten mit dem zu sehr überein, was er von Jugend auf gedacht und ersehnt, wofür sein Vater gelebt und was seine Mutter ihn gelehrt, um nicht daran zu glauben. Er sah sein Vaterland zu 816 einer russischen Provinz werden, doch was konnte die Wiedergeburt und Befreiung Finnlands besser sichern, als wenn das Mutterland Schweden einer edlen Auferstehung entgegen ging. Wenn Schweden aufblühte in junger Freiheit, wenn es alle seine Bürger frei und rechtsgleich machte, wenn es mit neuen, guten Gesetzen die veralteten, verrotteten ersetzte; wenn Ackerbau, Handel und Gewerbe in dieser Freiheit sich entwickelten, alle menschliche Thätigkeit vom alten Zwang erlöst wurde und in diesem harten Norden neue, nie geahnte Lebenstriebe aufkeimten, dann war auch Finnlands Wiedereroberung gewiß. Die erste günstige Gelegenheit mußte es von den russischen Fesseln erlösen. Erich Randal unterstützte diese Schwärmereien nicht. Seinem kälteren Blicke war es deutlich genug, wie wenig von allen diesen Träumen wahr werden würde. Er sah die Enttäuschungen kommen, die seinen armen Freund treffen mußten; allein er ließ es bei ruhigen Warnungen bewenden, die Jenen darauf vorbereiten sollten, ohne ihm streitend zu widerlegen, was er doch nicht zugegeben hätte. Otho besuchte die Clubbs und Casinos der Offiziere, des Adels und anderer Kreise, er besuchte auch öfter seine beiden vornehmen Freunde Adlercreutz und Adlersparre, welche ihm noch immer wohl wollten und mancherlei Vorschläge für seinen Wiedereintritt in's Heer machten, die er nicht annahm, da sie mit seinen Neigungen nicht übereinstimmten. Als jedoch die Zwistigkeiten zwischen diesen beiden Parteihäuptern immer größer und feindlicher wurden, zog er sich von Beiden mehr zurück, um nicht als Anhänger des Einen, oder als Zeichenträger des Andern zu gelten. Die beiden Revolutionsmacher hatten ihrerseits mehr zu thun, als sich viel um einen so gering wiegenden unzufriedenen Mann zu kümmern, wie dieser war. Sie wurden von den bedeutendsten Personen des Reichstags und des Reichs gesucht, wurden mit Ämtern, Orden und Ehren überhäuft; denn Adlercreutz ward erster Generaladjutant des Reichsverwesers, der bald als König gesalbt und gekrönt werden sollte, und Adlersparre ebenso schnell General und Freiherr. Beiden votirte der Reichstag den Dank des Vaterlandes, Beiden wurden Naturalgüter als Nationalbelohnung zu Theil, was Wunder also, daß sie in dem Gewühl des politischen Kampfes, der Parteiungen, der Hoffeste und ihrer ehrgeizigen Entwürfe den 817 armen Finnen vergaßen, der sich nicht mehr in ihren Vorzimmern blicken ließ. Eines Tages kam Otho besonders freudig nach Haus und brachte Nachrichten mit, die ihm den Kopf berauschten. Der Graf de la Gardie hatte im Adelshause den Antrag gestellt, alle Standesprivilegien aufzuheben, eine allgemeine Grundsteuer einzuführen und eine allgemeine Volksvertretung einzusetzen. Mehrere andere Barone und Grafen hatten ihn unterstützt. Es war ein Comite ernannt worden und die jungen Herren in den Clubbs und Casinos befanden sich in großer Aufregung. Du hast bis jetzt verzögert, deinen Platz im Ritterhause einzunehmen, rief er Erich umarmend aus, jetzt ist es Zeit, jetzt mußt du es thun. Der elende Regierungsentwurf, der alle die alten Vorrechte wieder erneut, wird verworfen werden, die tüchtigsten und besten Männer werden sich dazu vereinigen und die Stimme des Volkes wird sie unterstützen. Du mußt ins Ritterhaus, du mußt dabei helfen, Erich! Mein lieber Otho, erwiederte Erich Randal in seiner sanften und festen Weise, ich werde nicht dabei sein, weil meine Gegenwart dem Guten nichts nützen würde. Wie kannst du das behaupten! rief Otho zürnend. Ist denn diese Versammlung im Stande, ein Land und ein Volk mit neuem Geiste zu beleben? fuhr Erich fort. Sind es nicht dieselben Elemente der Vergangenheit, dieselben Privilegirten mit demselben Ehrgeiz, denselben Verurtheilten, denselben Leidenschaften und derselben Gier, das Verlorene wieder zu erobern? Glaubst du denn, daß diese Revolution edle Beweggründe hätte? Waren die Männer, welche sie gemacht und ausgeführt haben, von Ideen begeistert und ist dies Volk eines, das so weit entwickelt ist, um davon begeistert zu werden? Ehe Otho antworten konnte, pochte Jemand an der Thür und ein langer schmaler Mann trat herein. Ein schmaler spitzer Kopf mit kleinen Augen, die äußerst listig blitzten, nickte und grinste ihnen zu. Feldwebel Roth! riefen die beiden Männer zugleich und die Frauen eilten herbei; der Feldwebel wurde mit herzlichen Grüßen und Worten empfangen. Unverändert zeigte er auch jetzt dasselbe blasse, faltige Gesicht, kein Zug 818 anders. Die schattenähnliche Gestalt, die dem tapferen Spuf so viel Anlaß zum Spott gegeben, stand ganz wie sie gewesen, vor den Freunden, aber in dem zerrissenen und vielgeflickten Rocke schien dieser ausgedörrte Körper doch überflüssigen Raum zu haben. Immer hatte Feldwebel Roth auf seinen Anzug gehalten, selbst mitten in der finnischen Wildniß und den Schrecken des Krieges, jetzt aber sah er entsetzlich schäbig und heruntergekommen aus. Wo kommen Sie her? fragte Otho. Ja so! antwortete Roth, wo ich her komme. Ich denke geraden Weges von Umäa und von den Ufern des Skellefte, meine lieben Herrn und Damen. Es ist das keine ganz angenehme Reise durch Wälder und Sümpfe, Eis und Nebel gewesen, fuhr, er fort, indem er die Hand an sein spitzes Kinn legte und seltsamlich grinste. Am 15. Mai lag der bottnische Golf noch tief unter Eis und grausame Kälte, wildes Wetter bedeckte Land und See. Seit der Capitulation bei Kalix, am 25. März, ging es uns nicht gut, Herr Otho. Man hat diese Capitulation eine schändliche Verrätherei genannt, ähnlich der von Sweaborg, und ich will nicht behaupten, daß es etwas Besseres war. Oberst Palmfeld machte das Stückchen dem Oberst Jägerhorn nach und General Griepenberg unterschrieb, wie der Admiral unterschrieben hatte. Achttausend Schweden und Finnen streckten das Gewehr vor kaum dreitausend Russen. Wir haben genug von dieser Schandthat gehört! sagte Otho düster blickend. Die Finnen wurden von den Russen nach Finnland transportirt. Viertausend Finnen! Die armen Burschen, die nichts fürchteten, weder die Russen noch den grausigen Winter, die in Lumpen und ohne Schuhe über Eis und Schnee liefen und gefochten hatten, wie's Korporal Spuf nicht besser gekonnt hätte, sie weinten in ihre rauhen Bärte, als sie die Waffen zusammenstellen mußten, und der alte Oberst Eck sagte: Lebt wohl, meine braven Jungen. Kehrt zurück in eure blutbespritzten Hütten. Gott sei mit euch, vergeßt das schwedische Vaterland nicht! Und Sie, Feldwebel Roth? fragte Otho sehr bewegt. 819 Ja so! ich. Nun, ich machte es, wie manche Andere. Ich lief in die eisige Wüste hinein, denn vor dem Gefangenwerden habe ich immer eine so schreckliche Furcht gehabt, daß ich jedesmal lieber davon lief. Ich kam auch glücklich zum Corps des Grafen Cronstedt, aber ich sagte es schon, Herr Waimon, es ging uns schlecht, und ging durchaus nicht länger. Die Besten lagen todt, wie der arme Spuf, und ich habe ihn bisweilen beneidet, da er nichts mehr nöthig hatte für seinen immer begehrlichen Magen, allein es half doch nichts; dieweil man lebt, muß man munter sein und für sich sorgen. Und als wir umzingelt waren am Skellefte, siebentausend Russen über uns herfielen und wiederum eine Capitulation unterzeichnet wurde, sorgte ich für mich, und bin hier angekommen. Es kamen so einige russische Offiziere zu mir und sprachen allerlei, daß ihr Kaiser die Sorge für mich übernehmen würde, wenn ich in seine Dienste treten wollte, aber, ich hatte es einmal in den Beinen. Wenn ich diese langen Beine nicht hätte, Herr Otho, wäre sicher noch etwas aus mir geworden! Das Vaterland, Schweden, wird für Sie sorgen, Feldwebel Roth, fiel Otho ein. Sie haben ihm größere Dienste geleistet, als mancher General. Ja so! das Vaterland! sagte Roth in seiner Weise grinsend. Ich bin jetzt seit mehreren Tagen hier, habe erst jetzt erfahren, daß Sie auch in Stockholm sind. Nun ging ich zu einigen der vornehmen Herren, meldete mich da und da, aber die Herren Revolutionsmacher, wie wir im Norden sie nannten, haben zu viel zu thun; vom Feldwebel Roth hatten wohl die Meisten auch nichts gehört. Einige riethen mir nach Finnland zu gehen, denn das Land sei doch für Schweden verloren. Ein bissel krank und elend bin ich auch, in ein Regiment eintreten könnt' ich sobald nicht. Sie wollten mich auch nicht haben und ein Paar gute Seelen drückten mir eine vorläufige Nationalbelohnung in die Hand. Christ und Herr! was ist es gut, Herr Otho, daß der arme Spuf nicht hier ist und bei seinem Hunger auf eine Nationalbelohnung wartet! Sie werden die, welche für sie bluteten, jetzt zum Lohn auf den Bettel schicken, wie es immer geschieht, rief Otho heftig aus. Davor aber wollen wir Sie bewahren. Bleiben Sie bei uns, Roth. Theilen 820 Sie mit Ihren Freunden deren Brod. Theilen Sie deren Schicksal, wie es auch kommen möge. Ja so! rief der Feldwebel, und es war, als ob seine Augen trüber würden, aber es ging vorüber, und seine Laune erholte sich. Ich nehm's an, Herr Waimon, und wenn's jemals wieder so kommen sollte, wie damals, wo wir zusammen nach Ecknäs fuhren – es fehlte uns nicht an Speise und Trank und Lustigkeit, und der arme Spuf machte es zum Besten – so theile ich auch wieder mit Ihnen. Gott helf uns Alle, Herr Waimon, daß wir wieder froh sein können und ein Ende haben, wie Major Munk. Munk! riefen sie Alle, wie mit einer Stimme. In meinem Arm ist er so sanft gestorben und so freudig, wie ein Held, sagte Roth. Es war das letztemal, da wir die Russen bei Idensalmi schlugen, und da lag der alte Major, schrie: Sieg! Sieg! Es lebe Schweden! und wie ich ihn aufhob, sah er aus, wie ein junger Bräutigam, rief: Sieg! Sieg! und war todt. Die Thränen flossen aus allen Augen, es war feierlich still. Viele Worte der Liebe und der tiefen Rührung folgten aber dann dem Andenken des tapferen Invaliden nach, von dem Roth Alles erzählte, was er wußte. Gott war mit ihm! sagte er endlich, denn er nahm ihn fort in unserer letzten frohen Stunde. Von da ab ging das Unglück los. Schlag auf Schlag kam's Elend aller Art und Hunger dazu. Und es ist eine richtige Wahrheit, meine lieben Herren und Damen, daß auch der allermäßigste Mann von dieser Zeit an niemals wieder satt wurde. Seine Anspielungen auf Speise und Trank wurden verstanden. Die Frauen führten den verhungerten Feldwebel in ihre Küche und bald war er reichlich versorgt, getränkt und gekleidet, so daß er als ein anderes Wesen wieder zum Vorschein kann. Während dessen aber hatte Otho einen anderen Besuch erhalten, und es war ein entscheidender Tag für die Schicksale dieser finnischen Flüchtlinge geworden, wie sie es nicht geahnet hatten. Nach einer Stunde saß auf derselben Stelle, wo der Feldwebel gesessen hatte, der erste Generaladjutant des Reichsverwesers, General Adlercreutz und ihm gegenüber hatte eine andere wichtige Person Platz genommen, General Adlersparre, der Chef der Revolutionsarmee. Der 821 riesenhafte General blickte mit überlegener Kälte auf seinen lebhaften Gegner, der sichtlich bestürzt, verdüstert und erhitzt aussah. Otho und Erich mit ihren Frauen waren die schweigsamen Zuhörer der Unterredung, welche zwischen den beiden Häuptern der Revolution statt fand. Es ist mir lieb, General Adlercreutz, sagte Jöran Adlersparre, daß ich hier unverhofft die Ehre habe, mit Ihnen zusammen zu treffen. Ich theile diese Freude, General, erwiederte Adlercreutz, um so mehr, da ich vielleicht auf längere Zeit dieselbe entbehren werde. Über Adlersparre's markiges Gesicht lief das eigenthümliche Lächeln, das von seinen Augen ausging. Nun, sagte er, ich bin hier, wie wenig man mich auch gern sehen mag, und alles Mögliche gethan hat, mich von Stockholm entfernt zu halten. Es war bekannt genug, daß Adlercreutz, nachdem der König gefangen, ganz besonders darauf drang, daß die empörte Westarmee und ihr Anführer Halt machen und umkehren sollten, weil ein Militärdespotismus zu besorgen sei. Adlersparre kehrte sich aber nicht daran. Er zog mit seinen Soldaten ein, und war allerdings damit eine mächtigere Person geworden als Adlercreutz und die Männer der Palastrevolution. Ich will nicht glauben, daß es wahr sein könnte, was man sich erzählt, fuhr Jöran Adlersparre fort, daß General Adlercreutz so unzufrieden mit dem Verlauf der Ereignisse in Schweden sein soll, daß er die Absicht habe, sein Vaterland zu verlassen. Es gehört nicht viel dazu, um soweit zu kommen! antwortete Adlercreutz, indem sein edles Gesicht sich dunkler röthete. Sie haben es dahin gebracht, General, daß unsere gerechtfertigte That gegen einen völlig unfähigen König sich umwandelt in einen Act himmelschreiender Gewalt. Sie verbannen nicht allein den Schuldigen, auch sein unschuldiger Sohn und alle seine Nachkommen werden verbannt und ihrer Rechte beraubt. Ja, antwortete Adlersparre kalt, Sie müssen Alle fort, es darf Keiner übrig bleiben, der an uns und an Schweden einmal zum Büttel würde, um seinen Vater zu rächen. Der Reichstag hat dem Gefangenen in Gripsholm den Gehorsam aufgekündigt und seine 822 Absetzung ausgesprochen, er wird auch den Kronprinzen und alle Andern ihm nachschicken. Weil Sie schon einen anderen Kronprinzen in Bereitschaft haben. Sehr wahr! antwortete Adlersparre mit seinem leuchtenden, hohnvollen Lächeln. Man sagt von mir, ich hätte den neuen König in der Tasche gehabt, als ich von Karlstad aufbrach; gewisser ist es, daß ich den neuen Kronprinzen mitbrachte. Noch hoffe ich! rief General Adlercreutz lebhaft aus, daß der Herzog sich nicht dazu bewegen läßt, selbst um einer Krone Glanz auf seinem grauen Kopf, seinen eigenen Neffen, seinen eigenen Stamm erblos zu machen. Er, der so oft geschworen hat, diese Kinder als seine Kinder zu betrachten, wird nicht darin willigen, sie zu enterben. Er wird darin willigen, erwiederte Adlersparre. Er hat schon eingewilligt. Die Krone könnte sonst leicht weder auf seinen Kopf, noch auf einen andern aus seinem Blute gelangen und Herzog Karl von Südermannland ist ein klügerer Herr, als diejenigen, welche einen Stein hartnäckig über Wasser halten wollen. Ein höhnisches Zucken lief durch sein eisenhartes Gesicht. Jeder sollte bedenken, daß dieser Stein ihn zermalmen kann, fuhr er fort, wenn man ihn nicht zerklopft, da man den Hammer in der Hand hat. Glauben Sie denn, daß dieser junge Prinz jemals vergessen könnte, was hier geschah? Glauben Sie nicht, daß wenn er als Kronprinz hier bleibt, sich bald eine Partei um ihn sammeln wird? Und ist diese Partei nicht schon da? Gibt es nicht Leute, wie die Grafen Gardie, Armfeld, Ruth und manche Andere, die sich um dies königliche Kind schaaren und von ihm wie von einem Heiligen sprechen? Sollen wir uns die Contrerevolution mit ihren Galgen an den Hals binden und warten, bis sie die Schlingen daran knüpft? Wer kann alsdann gewiß sein, daß, was er auch thun möge, die Schlinge für ihn nicht fehlen wird! Und ist diese Partei der Getreuen, wie sie sich nennt, nicht schon mit ihren pfiffigen Anschlägen bereit, um uns das Volk auf den Hals zu hetzen. Schreien diese Königsmänner nicht nach einer freien Verfassung, nach Aufhebung aller Privilegien, aller Standesrechte, und wollen mit solchem Köder uns entzweien, verwirren und ins Verderben stürzen. 823 Sie werden schon dafür sorgen, General, daß alle die alten, vermoderten Satzungen und Einrichtungen bleiben, wie sie sind, antwortete Adlercreutz, erbittert grollend. Ja, dafür werde ich sorgen, versetzte Adlersparre. Der Adel hat diese Revolution gemacht, um seine Privilegien zurück zu erobern, es wäre Unsinn, wollte man sie ihm nehmen. Jeder Stand soll haben, was sein war, und jeder soll es behalten. Zum Teufel! mit allen Freiheitstheorien, wir wollen uns die Köpfe nicht daran zerbrechen. Was ist das Volk hier? Ein roher, wüster Haufen. Der Adel hat Schweden Jahrhunderte lang regiert, es müssen andere Zeiten und andere Menschen kommen, wenn dies nicht mehr so sein soll. Für jetzt bleibt Alles wie es war und ist. Karl der Dreizehnte wird König werden und Christian August, Prinz von Holstein-Augustenburg, Kronprinz. Das ist ein Kronprinz, wie ihn Schweden braucht. Beide werden die Verfassung beschwören, wie sie der Reichstag macht. Nichts Anderes. Denn dies ist Jöran Adlersparre's Wille! rief der General, indem er aufstand. Ja, das ist mein Wille und der Wille der großen Majorität des Reichstags. Daher wird es auch der Wille unseres neuen Königs sein, der immer weiß, was recht und was klug ist. Adlercreutz unterdrückte einen Seufzer und blieb nachsinnend stehen. Ich bin hierher gekommen, sagte er nach einer schweigenden Minute, um mit Ihnen, mein lieber Waimon, zu sprechen. In Frederiksham werden die Friedensunterhandlungen mit Rußland eröffnet; wahrscheinlich bin ich dazu bestimmt, daran Theil zu nehmen. Allein Sie werden es, wie ich vermuthe, ausschlagen, fiel Adlersparre ein, und als der Generaladjutant ihn fragend anblickte, fuhr er fort: Aus alter Freundschaft rathe ich es Ihnen, Stockholm nicht zu verlassen. Diese Friedensunterhandlungen werden peinlich sein und was dabei herauskommt wird man einen schimpflichen Frieden nennen, obwohl die schwersten Opfer gebracht werden müssen, weil es nicht anders geht. Noch kann sich Manches ändern, sagte Adlercreutz vor sich hin. 824 Nichts kann, nichts wird sich ändern. Unsere letzte Hoffnung war der Beistand Napoleons, sein mächtiges, entscheidendes Wort zu unserer Hilfe gegen Rußland. Heute früh ist der Oberst Rosen von Stuttgart zurückgekehrt, wo er den Kaiser der Franzosen getroffen hat; aber wie ist er aufgenommen worden! Napoleon hat ihn kaum angehört, die Stirn gerunzelt, ist auf und abgegangen und hat dann gesagt: Ihr seid ein sonderbares Volk. Zuweilen seid ihr tapfer wie die Tapfersten, doch plötzlich fällt es euch ein, des Krieges müde zu werden, und ihr geht nach Haus und entthront oder ermordet dafür eure Könige. Ich wünsche dem Herrn Reichsverweser Glück, weiter kann ich nichts thun. Will er Frieden machen, so hat er sich allein mit dem Kaiser Alexander zu verständigen. So sind alle Aussichten auf französische Hilfe vorbei! rief Adlercreutz betroffen. Die Franzosen des Nordens haben nichts von ihren lieben Herren Brüdern in Paris zu erwarten, erwiederte der General kalt spottend, daher müssen wir den Russen geben, was sie haben wollen. So ist Finnland verloren! murmelte Adlercreutz. Und die Alandinseln sind es auch. Nimmermehr! Die Alandinseln nehmen wir wieder, sobald der Sommer da ist. Sie sind die Brücke, um Finnland einst zurückzuerobern. Das weiß Alexander so gut wie wir, sagte Adlersparre. Graf Alopäus ist hier angekommen, in aller Stille. Er bringt den festen Entschluß seines Kaisers, keinen Frieden zu schließen, der ihm nicht die Alandinseln überläßt. Für diesen Preis willigt er darin – daß der ganze Stamm der Holsteiner ausgetrieben wird. Und für einen solchen Preis sind die Alandinseln feil! rief Adlercreutz voll Zorn und Schmerz. Der General machte ein bejahendes Zeichen ohne einen Zug in seinem harten Gesichte zu ändern. Man hat Ihnen das Alles noch verschwiegen, sagte er, allein Sie werden heut noch mehr davon erfahren. Wir müssen uns fügen, warten und handeln, wie es Staatsmännern geziemt. Aber Niemand kann uns zwingen, unter eine solche Friedensacte unseren Namen zu setzen. 825 Ich habe Zeit zu überlegen, murmelte Adlercreutz. Ich kam zu Ihnen, Waimon, um Sie aufzufordern, wieder mein Adjutant zu sein, und bin versichert, daß der Herzog Ihnen eine militärische Rangerhöhung bewilligen wird. Ich danke Ihnen, mein General, erwiederte Otho mit Entschiedenheit, allein ich werde niemals mehr Soldat sein. Adlercreutz reichte ihm mild und betrübt die Hand. So will ich nicht weiter in Sie dringen, sagte er, denn ich weiß, daß es vergebens sein würde, und es ist mir so, als haben Sie Recht, als sei es besser, weit fort in irgend einem Winkel der Welt als freier Mann seinen Kohl zu pflanzen. Er nahm kurzen, raschen Abschied und ging. Jöran Adlersparre sah ihm mit einem Blick unverkennbarer Geringschätzung nach und sagte dann wie mit sich selbst sprechend: Da geht er hin, ein Mann voll Muth, ein tüchtiger General, ein Mensch von vielen edlen, liebenswürdigen Eigenschaften, dem nur Eines mangelt: Charakterstärke! was er zu viel im Herzen hat, fehlt ihm im Kopfe. Zu viel leichtes Blut, zu wenig fester Sinn, das sind die Fehler unseres Volks. Morgen wird er nach Frederiksham gehen, wenn sie es von ihm verlangen. Er wird sich einbilden das Vaterland ruft ihn und wird sich damit trösten. Niemals wird er in einem Winkel seinen Kohl bauen, wenn es nicht in großer lustiger Gesellschaft geschehen kann. Sie haben Recht gethan, sich nicht mit ihm einzulassen, Herr Waimon. Er würde Sie mitgenommen haben auf den Friedenshandel und Sie hätten ansehen müssen, wie Finnland jämmerlich verschachert wird, nachdem es zehnfach verrathen war. Ich will Ihnen einen anderen Vorschlag machen. Bleiben Sie bei mir. Es wird nicht lange dauern, so wird der König gekrönt und der Kronprinz kommt. Ich habe den Prinzen kennen lernen, habe mit seiner Bewilligung den Zug nach Stockholm angetreten; er weiß, wozu er bestimmt ist. Bleiben Sie bei mir, ich bringe Sie in seine Nähe. Er, selbst ein rascher junger Mann, von großen Fähigkeiten, braucht rasche Männer, die ihm gleichen. Was kommen wird, weiß Gott allein, aber auf diesem Prinzen ruhen große Hoffnungen; vielleicht die dreifache Krone von Schweden, Dänemark und 826 Norwegen, das einige vereinte Skandinavien. Eine glänzende Zukunft kann Ihnen nicht fehlen. Nein, General Adlersparre, antwortete Otho mit derselben Entschiedenheit. Alles, was ich jetzt von Ihnen gehört habe, ist nicht geeignet meine Hoffnungen zu beleben. Mich lockt keine glänzende Zukunft, keine Fürstengunst. Was ich brauche zu meinem Glücke habe ich hier. Wie mein Vater glücklich war mit der Frau, die den Bauer liebte und allen Glanz vergaß, so will ich wie er glücklich sein, ein freier Mann, wenn auch ein ganz geringer. Adlersparre saß einige Minuten in stillen Gedanken. Otho hatte Ebba umfaßt, die ihm stolz und zärtlich zulächelte. Ich habe auch auf meinem Hofe gesessen, habe gepflanzt und gegraben und Abends meine saure Milch getrunken, sagte der General. Wenn Sie es aushalten können ohne Reue, dann immerhin; aber es ist nicht so schwer ein Philosoph in grober Jacke zu werden, als einer zu bleiben. Bedenken Sie das wohl. Was habe ich zu bedenken, geliebte Ebba? fragte er. Was muß ich thun für dein und mein Heil? Was ein Mann thun muß, der in sich selbst seinen Frieden finden will, sagte sie, der sinken und fallen sieht, was er für wahr und gerecht hält, dessen Hoffnungen zerschmettert wurden und der zu stolz ist, um zu heucheln und zu lügen. Otho wandte seine glänzenden Augen auf Adlersparre, welcher ohne merklich vermehrten Antheil die junge Frau anblickte. So gehört denn zu denen, die warten, entbehren und weiter hoffen, bis sie begraben werden, sagte er. Ein Menschenleben verrinnt bald, Alles Glück gehört dem Augenblick an, alle Zukunft ist ungewiß; wer sich darüber zu erheben vermag, der gehört zu den Weisen. – Und noch hat es keinen Weisen gegeben, fuhr er fort, indem er sich erhob, der nicht endlich wie jener alte Herr in Rom sein Tusculum über alle Hoheit und allen Glanz setzte. Lebt wohl! Wenn der ehemalige Einsiedler von Aludden noch etwas für euch thun kann, wird es mit Freuden geschehen; wenn er durch euch noch einmal bekehrt wird, wird er euch nachfolgen. An der Thür blieb er stehen und kehrte noch einmal zurück. Ich habe noch etwas vergessen, sagte er, indem er einen 827 Brief hervorzog. Graf Alopäus, der ehemalige russische Gesandte, ist, wie ich schon sagte, seit gestern hier, morgen reist er in aller Stille wieder ab. Sein Kaiser, der jetzt in Finnland verweilt, um seine neuen Unterthanen durch seine Huld zu gewinnen, hat ihn der Friedensverhandlungen wegen hergeschickt, uns seinen Willen kund zu thun. Der Graf hat aber auch andere Briefe mitgebracht, unter anderen einen an den Freiherrn Randal. Diesen Brief hat er mir gegeben, als ich ihm sagte, daß ich diesen Freiherrn kenne. Hier ist er, Antwort will er mitnehmen, wenn sie ihm bis heut Abend gebracht wird. Er gab den Brief an Erich, theilte ihm mit, wo der russische Graf zu finden sei, und entfernte sich dann. Dieser Brief ist von Constanze Gurschin, sagte Erich das Blatt entfaltend, und als alle mit freudigen Ausrufungen ihn umringten, las er den Inhalt laut: »Da Sie glücklich nach Schweden entkommen sind, Cousin Erich, und, wie ich erfahren habe, auch die anderen Verräther und Hochverräther sich bei Ihnen befinden, so gebe ich dem Grafen A. diese Zeilen mit, der mir versprochen hat, sie zu befördern. Ich halte mich nicht mit euren Verbrechen und euren Thorheiten auf, weil daran nichts mehr zu ändern ist; aber wenn Sie wenigstens einmal in Ihrem Leben klug sein können, Cousin Erich, so ist jetzt die Gelegenheit zum letzten Male günstig. Der Kaiser ist hier und streut großmüthig im reichsten Maße seine Gnaden aus. Bereuen Sie Ihre Sünden, bitten Sie ihn, vor seinem Angesicht erscheinen und um Vergebung flehen zu dürfen. Rechtfertigen können Sie sich nicht, machen Sie keinen Versuch dazu. Demüthigen Sie Ihren Stolz oder vielmehr Ihren Eigensinn, so verspreche ich Ihnen gute Früchte. Noch ist nicht Alles verloren; wahrscheinlich sogar, daß Sie Halljala wieder bekommen, wenn Sie die Mittel und Wege einschlagen, welche ich Ihnen öffnen werde; eben so wie der Hochverräther, dem Louisa gehörte, dort noch einmal Pferdehandel, Fischfang und Jagd treiben könnte. Vor allen Dingen suchen Sie demüthig und ehrfurchtsvoll, wie es sich geziemt, Verzeihung zu erlangen; ich hoffe, daß dies nicht allzuschwer sein wird. Dann kommen Sie herüber zu uns; trotz des noch fortdauernden Krieges gibt es Verbindungen genug. Bringen 828 Sie natürlich auch die Verrätherin mit, welche mit Ihnen entfloh. Jedermann weiß jetzt, daß sie schwedische Seeleute bestach und einen geheimen Weg in das alte Schloß benutzte, um Sie zu befreien. Der arme Commandant Annenkoff, der in Untersuchung gerieth, ist freigesprochen worden und befindet sich jetzt in Rußland, wo er durch meine Vermittlung, da mich der unschuldige Mann dauerte, eine Stelle bei der Regierung in Moskau erhalten hat, wo er sich gewiß gut zu nehmen wissen wird. – Auch der Verrätherin wird verziehen werden und selbst der würdige schwer beleidigte Herr Sam Halset wird sich erweichen lassen, wenn Sie sich ihm unbedingt zu Füßen werfen. Wer verdient es mehr, daß Sie ihm gehorchen, als dieser vortreffliche Schwiegervater, der Tochter und Sohn nicht allein segnen, sondern auch reichen Segen hinterlassen und Ihnen Halljala wieder verschaffen wird, wenn auch diese Herrschaft dem Herrn Baron Arwed Bungen gegeben wurde, nachdem sie als Vermögen eines Hochverräthers von der Regierung eingezogen ward. Die Unterstützungskasse für den Adel, welche der Kaiser stiftete, hat Herrn Halset gezahlt, was er zu fordern berechtigt war, und die neue Landbank in Borgo streckte dem Herrn Baron Bungen bedeutende Summen vor, welche dieser allerdings niemals wieder herausgeben wird. Sollte nun der liebenswürdige Herr Halset, wie ich nicht zweifle, einigen Ehrenmännern der Regierung freundschaftlich die Hände drücken, so wird mit der Gnade des Kaisers auch die Vermögensconfiscation aufgehoben werden, und Baron Arwed, wie ich versichern kann, geneigt sein, Halljala und Louisa seinen theuren Verwandten zurückzugeben, wogegen diese natürlich die bei der Bank gemachten Schulden übernehmen. Das ist ein vortreffliches Arrangement, ein anderes gibt es nicht. Schlagen Sie rasch ein, Cousin Erich, und seien Sie diesmal klug. Gehen Sie sogleich zum Grafen Alopäus, sprechen Sie mit ihm und vertrauen Sie ihm. Nach Ihrer Antwort, der Sie und Mary eine Unterwerfungspetition an den mit so vielem Recht erzürnten Vater beilegen werden, sollen Sie mehr hören. Jetzt nur noch ein Wort von mir und Arwed. Er ist leidend und erregt mein Mitgefühl. Der tölpelhafte Bauer, der seinen Arm zerschmetterte, hat zwar seinen Lohn dafür erhalten, allein der Arm ist dadurch nicht hergestellt worden. 829 Er ist gelähmt und wird es bleiben. Da er nun liebende Pflege bedarf, meine Nähe sein schönster Trost ist und er diesen immer zu besitzen wünscht, auch mein Vater und mein Onkel ihm beipflichten, so kann ich seinen Bitten nicht widerstehen. Ich werde ihn heirathen und wir werden dann nach Petersburg gehen, sobald wir die allgemeine Versöhnung begründet, Ihnen Halljala zurückgegeben haben. Antworten Sie also, glücklicher Cousin, und seien Sie so weise wie Ihre Freundin Constanze.« Erich ließ diesen bedeutungsvollen Brief sinken und sah mit seinem sanften Lächeln auf Mary. – Dein Vater ruft uns zum letztenmal zurück, sagte er, denn sicher weiß er darum. Du wirst diesem Rufe aber nicht folgen, antwortete sie. Nein, war seine ruhige Antwort. Kann ich demüthig um Gnade bitten, wo ich so lange für mein Recht litt? Welche Reihe von Demüthigungen stünde mir bevor! Wie würde Halset uns empfangen? Was müßte ich thun, um ihm zu gefallen? Wie mein Erbe, das man mir entrissen, zurückerlangen? Mit welchen Menschen soll ich heucheln, lügen, Judasküsse tauschen! Er legte sinnend die Hände an seine hohe Stirne und sagte ruhig: Ich kann nicht zurück. Was verloren ist, muß auf immer verloren bleiben. Gott mag mich in Gnaden behüten, das nicht zu verlieren, was ich dafür gewann. Kannst du zweifeln, erwiederte Mary indem sie ihre Arme um ihn schlang. Geh wohin du willst, mein Freund, ich folge dir nach. In Amerika's Einöden, im fernsten Winkel der Welt, bleibe ich dein treuer Kamerad! Nach Amerika! sagte Otho Waimon, ist manch Verfolgter schon geflohen, der Freiheit und Frieden suchte. Hat dein Vater ihn dort gefunden! rief Ebba, hat er jenseits des weiten Weltmeers diesen geliebten Norden vergessen können, nach dem selbst die Vögel, welche darin geboren sind, immer wieder zurückkehren müssen. Bleibe, mein Otho! bleibe, Erich. An seinem Vaterlande soll kein Mann verzweifeln. Sein Vaterland soll kein Mann verlassen, der Muth hat ihm beizustehen in seiner Noth, und tapfer auszuharren, damit es besser werde. Nach Wärend laßt uns ziehen, wo ich geboren wurde. Da stehen die hohen Tannen Finnlands, da liegen seine grünen 830 Blumenmatten, da blitzen seine Seen und seine Felsen ragen in den Himmel und seine Wasser brausen daran nieder. Dort wollen wir wohnen, dort hoffen und harren, vertrauend auf Gottes Gerechtigkeit, bis die Stunde der Erlösung schlägt. Und so geschah es. – In diesem innersten Kerne des alten Schwedenlandes, in Schmolands Bergen, an dem Ufer eines schönen Sees, liegen zwei große Höfe von ihren Feldern umringt, von Gärten eingefaßt und von Bergweiden, auf denen das gefleckte Vieh ausruht, Wasserfälle stürzen von hohen Felswänden nieder, rothe, nackte Klippen steigen aus mächtigen Waldketten auf, und das stolze trotzige Geschlecht, das diese romantischen Thäler und Berge bewohnt, erinnert noch durch seine Körperstärke und seinen Freiheitssinn an die Riesen, deren Nachkommen es sein soll! In diesen beiden Höfen am See haben Erich Randal und Mary, Otho Waimon und Ebba bis vor wenigen Jahren gelebt und noch jetzt erzählen alle ihre Nachbarn weit umher von ihnen, von ihrer Liebe und von ihrem reichen Lebensfrieden. Wie viel Gutes sie gethan, wie mild und gesegnet ihre Hände waren, wie verständig ihr Rath, wie bereitwillig ihre Hilfe. Und sie erzählen von einem alten Priester, der mehr als einmal fernher von den Inseln im Meere kam, und in seinen weißen Locken wie ein Gottgesandter aussah, vor dem die Wildesten sich beugten. Fast noch mehr erzählen sie vom Schiffskapitän Lindström, einem verwetterten alten Seemann, der schrecklich fluchen konnte, aber ein so unerschrockener Bären- und Wolfsjäger war, wie Otho Waimon, der es allen zuvorthat. Endlich auch erzählen sie von einem alten Feldwebel, der Mary's und Ebba's Buben, wie manchen andern Kindern das Lesen und Schreiben beibrachte, und so viele lustige und schöne Geschichten vorzutragen wußte, vom tapferen Korporal Spuf und vom finnischen Kriege, daß Jedermann ihn lieb hatte, doch immer magerer und spitzer wurde, bis sie ihn endlich hinaustrugen auf den kleinen Friedhof. Und dort ruhen sie nun Alle unter den rauschenden hohen Tannen, aber in den Höfen am See warten ihre Kinder und Enkel noch immer auf die Stunde der Erlösung, wo Finnland frei sein wird vom Russenjoche!