Holger Drachmann Er starb und wurde begraben   Die hier vereinigten drei Erzählungen – sie stammen aus der Sammlung »Smaafortaellinger« von 1884 – wurden von mir in den Jahren 1897 und 1898 übersetzt und in verschiedenen Blättern veröffentlicht. Die Neuausgabe blieb auch diesmal nicht ohne Retuschen. Die etwas saloppe Sprachweise, die vor allem die Zeitenfolge für ein verfeinertes Gefühl zu sehr außer Acht läßt, ist die der Originale. Sie gehört mit zum Ganzen. Otto Hauser Er starb und wurde begraben Als Ivar eines Tages unten am Strande stand und den großen neuen Dregg und die vierzig Faden lange Kette aus dem Boote ziehen sollte, geschah es, daß er mit einem Mal ausließ und sich hinten an die Lende griff. »Was gibt's?« fragte Andreas, sein Mithelfer. »Ich zog 'n bischen scharf,« sagte Ivar und schnappte nach Luft. Dann gingen sie wieder dran mit den vierzig Faden. Das, meinten einige, sei die allererste Ursache von Ivar Asmussens langer und schmerzvoller Krankheit gewesen. Denn »Alles, was bös ist, beginnt mit einem Stich in der Seite«. Andere sagten, das sei ein Geschnack, ein Fischermann komme so oft dazu, sich zu übernehmen, und viel ärger; sie müßten da alle als Krüppel herumlaufen. Nein, es müsse ihn eher jemand angesehen haben (d.h. mit dem bösen Blick). Man ist abergläubisch unter den Fischern. Endlich gab es noch die letzte Erklärung. Es stamme, sagte man, von jenem Februartag, wo beide, Ivar und Andreas, im Boot übersegelt worden waren, eine halbe Meile von Land. Es verging eine ganze Stunde, bevor man kam und sie herauszog, und das Wasser war natürlich kalt. Ivar war ein abgehärteter Bursch und wollte nicht die Kleider wechseln, sobald sie hereingekommen waren, – und da wollte Andreas auch nicht. Als dann das Frühjahr kam, nahm bei Ivar das Stechen im Rücken zu, während Andreas nichts fehlte. Sie hatten beide gleich lange im Wasser gelegen und waren beide gleich naß gewesen; – was sollte man von einem Teufelszeug halten, das sich dem einen in den Rücken setzte und dem andern rein nirgends hin? Nein, es war einfach ein Geschwatz –, oder auch war's der böse Blick. Aber krank war er. Lene – Ivars Frau – bekam ihn endlich dazu, daß er sich legte. Es war schwer genug, ihn dahin zu bringen. Denn er war ein Schufter, ein wortkarger, trockener, unermüdlicher Arbeiter. Er besaß das Boot, Lene besaß die Gerätschaften, als sie heirateten. Was Andreas betraf, so hatte er keinen Anteil; er arbeitete für Lohn – Prozente konnte man's nennen; er war ein hübscher Kerl mit einem blühenden Gesicht, der Mund nur ein Strich, der nie zu einer ganzen Öffnung wurde; er redete noch weniger als Ivar, deshalb kamen die beiden vielleicht so gut aus. Er hatte nur eine einzige Leidenschaft: er tanzte – aber um des Tanzes selbst willen. Keine Liebelei, kein Herumstreichen zur Abendzeit. Wenn im Krug Winterball war, begann er mit dem ersten Mädchen bei der Tür, ob sie alt oder jung war, groß oder klein, und hörte mit der letzten auf. Dann war seine Joppe triefnaß, er ging sofort heim, legte sich in seinem Schweiß nieder, schlief ohne Träume und stand auf ohne Kopfweh. Er hatte einmal mit Lene getanzt – drei Touren in einem Zug. Da er sie los ließ und sie sich setzte, sah sie ihn an, lächelte und sagte: »Du bist warm!« Er sah auf den Boden und antwortete: »Es war gut, das!« Diese Nacht konnte er gegen die Gewohnheit nicht einschlafen. Dann stand er auf und wechselte – nach einer plötzlichen Eingebung – sein Wollhemd. Es war zum ersten Mal. Und es half. Sie tanzten nicht öfter miteinander, denn nun begann das lange Krankenlager. Ivars Rücken war »bös«; es mußte im Boote für zwei gearbeitet, für den Doktor, für die Fuhre zum Doktor, für die Medizin verdient werden; man mußte Wache halten, und doch sollte alles im Hause seinen Gang gehn. Lene und Andreas teilten sich in die Arbeit – immer ohne zu reden. Das schwere Krankenlager machte das Haus noch stiller; nur Ivars Wimmern und einmal dazwischen sein Schrei in den qualvollen Nächten unterbrach die Stille; und nach diesen Äußerungen, die den schwindenden Kräften abgerungen wurden, lastete das Schweigen und der Druck noch stärker auf dem kleinen Hausstand. Der lange, niedrige Flügel war von etwa einem Dutzend Familien bewohnt. Die Ivar Asmussens wohnte im westlichen Giebel – zwei kleine Bodenzimmer mit einer Bretterwand mit gewürfeltem Tapetenpapier dazwischen. Die Küche war unten. Von da führte eine Stiege hinauf zu der schweren Bodentür mit dem abgenutzten Eisenring daran. Seit damals, da Lenes einziges Kind, die kleine Matte Marie, rücklings durch die Luke hinuntergefallen war, wurde diese Tür beständig geschlossen gehalten. Das Kind war mit dem weichsten, wenn auch nicht edelsten Teil des kleinen, wohlgenährten Körpers hinab in einen Korb mit Häringen gefallen. Die Häringe, wenigstens die obersten, waren zerdrückt worden, aber es gab viel Häringe dieses Jahr. Matte Marie war mit dem Schreck davongekommen. Ihr Rücken war tadellos. Durch volle neun Jahre hatte diese Stiege mit demselben einförmigen Laut unter Ivar geknarrt, wann er vom Fange heimkam oder zu einem ging. Er hatte seinen frischen Rücken gegen die Tür gestemmt und sie mit einem kleinen elastischen Schubs aufgestoßen und mit einem kurzen, akkuraten Bums wieder sorgfältig geschlossen. Nun konnte der Rücken weder auf Fang gehn noch die Türe aufstoßen, – kaum noch konnte er in dem kurzen, breiten Bett, wo das Stroh von unten stach und die Federn von oben hitzten, ausgestreckt liegen. Dieser Rücken wurde mit jedem Monat schlechter, rein durchfressen von kleinen Löchern, bis er zuletzt ein einziges großes Loch war; das schloß sich und brach auf; das spottete der Kunst des Landarztes im Winter und der Kunst des Badearztes im Sommer; und so lag Ivar das andere Jahr und siechte dahin und roch übel und krümmte sich wie ein elender Wurm, der umsonst auf die große Ferse wartet, die ihn zertreten und der Qual für immer ein Ende setzen soll. Für immer? Darüber eben grübelte der hartgeprüfte Mann in den langen Tagen und längeren Nächten. Der eine und andere seiner Verwandten hatte ihn gleich wie die Freunde des verstorbenen Hiob mit Trostgründen, Rat und Erbauung versorgt, und zwar in Form von Traktaten, die in zahlreichen Exemplaren von einer wohltätigen Gesellschaft zu billigem Preise herausgegeben wurden. Das eingebundene Gesangbuch, womit er begonnen hatte, konnte er in den kraftlosen Händen nicht mehr halten; und Lene las so langsam und so schlecht und weinte überdies immer bei den Versuchen, was sie nicht lesen konnte, zu singen. Aber mit den kleinen, gehefteten Bogen konnte er allein liegen und sie zwischen den zitternden Fingern halten. Er las, bis ihn die Schmerzen übermannten, dann schrie er eine Weile, und dann las er wieder, während sein Hirn mit der großen Wunde um die Wette glühte. Eines Morgens rief er Lene heran. Er hatte mit dem Nagel – einen langen, schwarzen, krummen Nagel – den Satz bezeichnet: ihr Wurm stirbt nicht, ihr Feuer wird nicht ausgelöscht. »Im Grunde – du – Lene!« sagte er, »was habe ich im Grunde getan, was so schlimm sein kann?« Sie antwortete nicht, fuhr nur mit der Hand und dem Messer, womit sie eine kleine magere Steinbutte gereinigt hatte, an das Auge. »Habe ich dich jemals geschlagen?« fragte er. »Nein, das weiß Gott!« schluchzte sie und vertauschte das Messer mit der Schürze. »Oder Mätte Marie – bis auf das eine Mal, wo sie das Ferk herausgelassen hatte!« »Nein – nein!« war die Antwort. »Habe ich vielleicht getrunken – oder den Verdienst auf Karten gesetzt – oder ...?« Hier hatte er nicht mehr Kraft genug, die Hand fiel schlaff über die Bettkante hinab, und das kleine Heft lag am Boden unter einigen argen Fetzen – dem Verband, den er in der Nacht abgerissen hatte. Sie bückte sich, nahm das Papier zugleich mit dem Fetzen und ging in die Küche hinab, wo sie beides auf die Schornsteingluten warf. Aber wie über ihre Kühnheit erschreckend, nahm sie augenblicklich die bedruckten Seiten weg, fuhr mit der Hand über die verkohlten Flecken und legte das Papier auf das Brett über der Tellerreihe. Die Fetzen blieben liegen und verbreiteten alsbald einen übelriechenden Qualm. Aber gegen Qualm wie Geruch war Lene abgehärtet. Es ward zwischen den beiden nicht weiter von der Sache gesprochen. Ivar las nicht mehr. Er gab Lene, mit einem besondern Blick, die Blätter, die er im Bette liegen gehabt hatte. Seine Leiden nahmen zu. Er verdrehte die Augen, so daß das Weiße – nein, das Zitronengelbe – nach oben kam, wenn die Eisenplatte zwischen seinen Schulterblättern rotglühend wurde – denn so fühlte er die Schmerzen. Sobald ein Anfall vorbei war, fielen die Augendeckel zu, und er verfiel in eine halbe Bewußtlosigkeit; und wieder kamen die Schmerzen, und wieder glühte die Eisenplatte, und wieder wand er sich und wurde wieder schwach. Es war ein Kampf ums Leben – ein Kampf mit dem Glauben – es war der Todeskampf – und der zog sich in die Länge. »Armer Teufel!« sagte der Landarzt. Und er entschloß sich, Lene mitzuteilen, es sei hoffnunglos – er könne nichts mehr ausrichten – und er wolle nicht länger Honorar annehmen – und sie sollten nicht mehr nach ihm schicken. Das sei edel, meinte er; er begriff nur nicht, daß Lene diese Mitteilung so ruhig hinnehmen konnte. »Dieser Schlag Leute hat doch gar kein Gefühl«, dachte er mit einem Achselzucken, während er sich auf den Wagen setzte. Lene ging mit ihm hinaus. »Das hätten der Herr Doktor im Grunde schon früher sagen können!« meinte sie. »Fahr zu!« sagte der Landarzt. Es war hoffnunglos, dieses Krankenlager. Alle wußten es, und zuletzt sagten es alle; und so hatte es den ärgsten Stachel verloren – ausgenommen für den Betroffenen selbst. Der üble Geruch – dieser nicht wiederzugebende, unvergeßliche Geruch – verbreitete sich oben in den beiden Bodenkammern, drang durch die geschlossene Falltüre und schlich sich wie ein spukhafter Teil von Ivar selbst, lautlos die steile Treppe herab und ließ sich in allen Winkeln der Küche spüren. Lene und Mätte Marie trugen ihn in den Kleidern, und Andreas nahm ihn täglich zum Boot mit, wo er ausgelüftet wurde, um sich abends aufs neue in die isländische Wolle zu setzen. Schlimmer noch als der Geruch – der ausgelüftet werden konnte – war das Jammern von dort oben. Das Ächzen eines Mannes, das Wimmern eines so harten und abgehärteten Mannes unter den ausgetüftelten Qualen des noch härteren Herrn Todes! Auch daran kann sich die Umgebung gewöhnen. Lene hatte rote Augen, aber nicht mehr Tränen. Mätte Marie dagegen – das Kind – hatte sich noch nicht in Fassung geweint. Ihre Sorglosigkeit – die Sorglosigkeit des Kindes – half ein gutes Stück darüber hinweg, aber an den Tagen, wo es in der Bodenkammer recht übel zuging, mußte sie mit der kurzen Schürze vor dem Gesicht sich im Schornsteinwinkel zusammenkauern. Wenn Andreas da an der offenen Tür vorbeikam und das Kind so sitzen sah, ging er regelmäßig hinein, nahm die kleine, weiche, schmutzige Hand in seine eigene große, harte, mit Fischleim und Schuppen gefirnißte und sagte: »Mätte Marie geht mit mir hinunter zum Ferkel – ja?« Und so gingen die beiden hinunter an die entgegengesetzte Giebelseite des langen Flügels, wo die Schweinekoben der Familien lagen, alle in vierkantige Einfriedungen eingeschlossen, wie Grabstätten auf einem Kirchhof. Auch da stank es – naturgemäß. Aber der frische Blast vom Strande strömte herein, und überdies: man wußte, was es war, und daß es nur Gutes war. So standen sie dort schweigend und sahen, wie das große, fette Ferk mit den Flecken über dem einen Ohr sich an den Leitersprossen rieb und einmal dazwischen ihnen mit den langen, lichten, aristokratischen Augenwimpern zublinkte. Und während die beiden jedes seine Gedanken über Zeit und Ewigkeit, über Leiden und Elend hatten, pflanzte das Schwein seine Vorderbeine in den Trog, bewegte den flachen Rüssel mit den zwei »Speigatten« und grunzte sein beruhigendes: »Öff, öff! Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.« So klang es wenigstens für Andreas, wenn auch nicht ganz mit denselben Worten. Der Sinn lag darin. Aber Mätte Marie trocknete ihre Tränen und steckte dem Schwein einen Strohhalm in das eine Nasenloch. Das war zu unwiderstehlich, und das arme Kind lachte hell auf; aber das Schwein machte kurzum Kehrt und zog sich tief gekränkt in seine Schlafkammer zurück. Öff, öff! Und dann legte es die Ohren zurück, wie andere die Hände falten; und dann schlief es vom ganzen aus. Es wurde schlimmer und schlimmer droben in der Bodenkammer. An den langen, stillen mondlichten Winterabenden bohrten sich diese Schreie durch die frostbeblümten Scheiben, und man hörte sie in dem ganzen Flügel und in den Nachbarhäusern auch. Dann öffnete sich hier und dort eine Tür, und eine lauschende Gestalt erschien. Drei, vier Männer sammelten sich so unter Asmussens Fenstern; sie sprachen einige wenige Worte miteinander und traten in die Küche, wo Lene sie mit roten Augen, zitternden Lippen und Kinn empfing. Sie gingen zusammen hinauf, wo die Petroleumlampe auf der Kommode schmelte und er in seinem Bette sich krümmte. Es mußte unter ihm gewechselt werden, er konnte nicht zur Ruhe kommen, man mußte ihn aus dem Bett heben. Die vier Männer ergriffen jeder einen Zipfel des groben wergleinenen Lakens und hoben ihn so behutsam, wie Fischer können. Ivar heulte vor Schmerz. Als sie wieder hinunter kamen und draußen auf dem glänzenden Schnee standen, worob der Himmel seine indigoblaue Glanzkuppel wölbte, fuhr einer nach dem andern hinten nach dem Rücken, aber sagte nichts. Jeder ging wieder nach Hause; aber es konnte geschehn, daß sie in der Nacht noch einmal herausgetrieben wurden; denn »Ivar wolle gewendet werden – der Ärmste!« Dann kam es zum Familienrat. Das ergab sich ganz von selbst. Nach einer durchwachten Nacht, da der Kranke schlimmer gewesen war als je, gab Lene gegen die Morgenstunde den vier Verwandten Kaffee. Man saß in der Küche mit blaugefrorenen Händen und die rauchenden »Spülnäpfe« auf dem Schoß, und man blies abwechselnd auf die Finger und auf den Kaffee. Lene sagte: »Möchte der liebe Gott bald vor ihm aufschließen!« Ein anderer sagte: »Man hat gesehen, daß Leute, um die es noch schlimmer stand, aufgekommen sind. Wenn wir nur sie herbekommen könnten, Frau Aspegren ...!« Das war die weise Frau auf der andern Seite des Sundes, mehrere Meilen im Land. »Sie ist sehr teuer!« sagte einer. Der erste antwortete: »Da muß Rat werden, Ivar hat sich nie zurückgehalten, wenn es unsereinen galt. Wieviel kannst du abgeben, Lene?« »Ich kann nicht über fünf hinaus!« antwortete sie mit Bestimmtheit. »Das ist recht wenig. Sie tut es nicht unter fünfunddreißig – zu dieser Jahreszeit. Wir müssen noch eine kleine Weile dazusehn!« Es verging ein Monat. Die Kälte war aus der Luft, die Frühlingzeichen begannen, es ging rasch mit dem Sprossen. Mit Ivar ging es auch rasch – den Berg abwärts. Da setzten denn die vier Männer – Erik Skammelen, Knud und die Brüder Karl und Christian Nörregaard – ihr Boot in die See und segelten um die weise Frau hinüber. Sie kamen am nächsten Tag zurück und hoben ein Bündel in Shawltüchern aus dem Boot und setzten es mit großer Vorsicht auf den Sand nieder. Das war Frau Aspegren. Sie nahm ihr Überzeug ab und übergab es Stück für Stück den Fischern, ohne sie anzusehen. Sie gingen ehrerbietig wie ebenso viele Diener hinter ihr her zum Hause hinauf. Eine kleine dürre Frau, überaus reinlich gekleidet, mit einem großen, wattierten Taftreisehut, darunter dunkle, glänzende Haare und kleine blitzende Augen wie die eines Vogels – oder besser wie die eines ausgestopften Vogels; denn die Augen schienen sich nicht zu bewegen. Lene erwartete sie in der Küche und küßte ihre Hand, die Madame selbst hinstreckte. Sie fragte nicht, blickte nur zur Treppe hin. »Er ist dort oben,« flüsterte Lene und ging voran. Die Männer stellten sich an der Türschwelle zusammen und warteten in vollständigem Schweigen. – Die zwei Frauen kamen wieder herab. Lene hielt die Hand vor den Augen. Diesmal war die Hand ganz voll Tränen, als sie sie wegnahm. Madame Aspegren machte ein Zeichen nach dem Schornstein hin, wo der Kaffeekessel kochte. Lene folgte dem Wink sogleich. Madame saß da auf dem Hackblock mit der rauchenden Tasse in der Hand; sie schlürfte das Getränk in langen Zügen ein und zerknirschte den schwarzen Kandis, während der Dampf sich ihr um das Gesicht zog, wie um jene Priesterin des Altertums. Niemand wagte, zu unterbrechen, alle warteten vielmehr in sichtbarer Spannung. Dann war die Tasse leer. Sie reichte sie Lene hin mit einem Nicken; es ward verstanden, und zum andern Male stieg der Dampf auf und umhüllte die schonische Pythia, während der schwarze Kandis wie Knochen unter den Zähnen eines Raubtiers knackte. Dann sagte Lene, zu den Männern gewendet: »Madame Aspegren sagt, daß es zu spät ist – nicht wahr?« Die weise Frau nickte, stellte die Tasse weg und griff langsam an ihrem Rock nieder, den sie aufhob. Auf dieselbe Art den ersten und den zweiten halbwollenen Unterrock. In der gelben Wollglocke war eine Tasche; aus dieser Tasche holte sie einen Beutel hervor und aus dem Beutel ein Knäuel Garn, eine Scheere, etliche Bändchen, einen Bund Zwiebel, einen Bund Schlüssel, eine kleine Flasche mit einer Kielfeder durch den Kork und eine Dose von der Form einer Salbendose. Diese Dinge ordnete sie auf dem Schoß. Die Blicke der Männer und Lenes ruhten darauf in fragendem und unheimlichem Schweigen. Dann fuhr Lene fort: »Madame Aspegren – hat – gesagt – daß der Doktor – daß er zu lange bei Ivar war ... nicht wahr?« Madame Aspegren nickte. Lene sagte weiter: »Jetzt kann sie nur – jetzt kann sie bloß ...« Lene hielt inne und sah zu Madame hin. Aber die weise Frau saß mit den Händen über dem Inhalt der Tasche und starrte gerade vor sich hin. »Können Madame Aspegren die Schmerzen von ihm nehmen?« fragte Erik, der beherzteste der Männer. Sie öffnete den Mund, ohne daß sich die Augen verwendeten oder den Ausdruck änderten, und sagte mit hartem Akzent: »Ik kann 'em sterwen laten!«   Sie starrten ein paar Minuten aufeinander, dort um sie herum, aber das Wort war gesagt, und das Orakel hatte gesprochen. Die Sache war abgetan, niemand hatte irgendwelche Einwendungen; jedes brütete über seine Gedanken – da hörte man ein schwaches Weinen oben vom Boden her. Die Tür war offen geblieben. Auf der obersten Stiege saß Mätte Marie und schluchzte, die Knöchel in die Augenwinkel gedrückt. Das Kind war aus der Schule daheim geblieben und hatte sich oben versteckt, im Vorgefühl, daß große Dinge abgemacht würden. Sie bekam zwei Stücke schwarzen Kandis und den Auftrag, hinauszugehn und mit dem Ferkel zu spielen. Ihr Weinen hörte auf, aber sie weigerte sich lebhaft, der fremden Frau die Hand zu geben. Dann segelten die vier Männer – bei gutem Wind – mit der weisen Frau wieder fort. Andreas kam etwas später draußen vom Meer zurück. Da er auf dem Weg vom Boot an den Schweinekoben vorbeikam, sah er Mätte Marie in vollem Zug mit dem Strohhalm. Das Schwein grunzte aus allen Kräften. Das Kind lachte laut. »Gu'ntag, kleine Mätte Marie!« – »Gu'ntag, Andreas!« – »Wie steht es denn? Mir scheint, ich bin Eriks Boot draußen voll mit Leuten begegnet ...« Hier ließ das Kind den Strohhalm fallen und begann zu weinen. »Ist ... ist Ivar tot?« fragte Andreas. »Nein ... aber die fremde Frau ist dagewesen – und jetzt wird Vater sterben – und ich war auf dem Boden – und mir ist so bange, daß sie Vatern was antun? ...« Und sie weinte sich in ein noch lauteres Weinen. »Bleib 'n bischen draußen, Mätte Marie!« sagte Andreas. Und als er zu der ersten Tür des Flügels kam, steckte er den Kopf zu Nachbars hinein und bat die Frau, auf das Kind ein Auge zu haben. Die Nachbarsfrau sah ihn mit einem bezeichnenden Blick an. »Sie sind mit ihr dagewesen. Ja! Und sie sind eben mit ihr fortgesegelt. Sag der Lene, daß ich ihr schon helfen werde, wenn sie ihn wäscht und anzieht.« » Ist er tot?« fragte Andreas. »Das ist er wohl!« – Andreas beeilte sich. Er trat rasch über die Schwelle bei Asmussens. Es hatte zu dämmern begonnen. Lene hockte mit einem angezündeten Kerzenstumpf vor dem Küchenschrank, wo sie ihre Wäsche hatte. »Ih Gott! Du schreckst mir rein das Leben aus dem Leib, so schnell kommst du!« »Ist Ivar tot?« »Nein, aber ...« Sie stand auf, ein reines Leinenhemd über dem Arm. Sie stellte das Licht weg und strich sich die Schürze glatt. »Weißt du, Andreas: Sie ist dagewesen ...« »Ja, das hörte ich. Was hat sie denn dafür genommen?« »Zweiunddreißig! Wir konnten sie nicht darunter bekommen. Jetzt aber wird ihm auch geholfen werden!« »Geholfen werden!« »Ja, sicher. Wir erlösen ihn. Siehst du diese Dose mit Salbe? Nun, die soll auf das Hemd geschmiert werden – so. Wenn er das anbekommen hat, dann – dann verlassen ihn die Schmerzen, und er kann aufrecht sitzen. Dann bekommt er eine solche Lust, aufzustehn – verstehst du ...?« »Nein!« »Ja, das hat sie gesagt. Er bekommt Lust, aufzustehn, und wir tun, als hülfen wir ihm. Wenn er dann sich auf die Beine zu stellen beginnt, so merkt er, daß es schlecht steht. Und dann sollen wir's ihm sagen ...« Andreas starrte sie an: »Was denn?« »Daß es vorbei ist, daß sie ihn erlöst hat. Und dann – dann stirbt er ganz ruhig!« Andreas blickte vor sich nieder und darauf zur Seite weg. »Das ist jedesfalls das beste, was mit ihm sein kann!« »Ja, nicht wahr?« sagte Lene. Dann gingen sie miteinander die Treppe hinauf. Er hinterher mit der Kerze, sie voran mit dem Hemd, der Dose und einem Krug Wasser. Da lag Ivar. Das Licht stach ihm in die Augen, die schon einen gläsernen Blick hatten. Mit einem Ausdruck von unterdrückter Müdigkeit schloß er sie. »Ivar!« sagte sie und hielt ihm das Hemd hin. »Was gibt's denn?« flüsterte er. »Wollt ihr mich schon anziehen? Könnt Ihr nicht warten?« Sie wechselte ihm die Wäsche wie einem Kinde. Anders als sonst wimmerte er nicht. »Jetzt wird es bald mit mir aus sein; meint Ihr nicht? Ah, das ist gut!« stöhnte er. Er lag etwas; dann machte er Miene, sich aufzurichten. Die beiden sahen einander an und nahmen ihn jedes unter einem Arm. Er fiel schlaff zurück, jammerte und flüsterte: »Ich habe alles gehört. Ihr habt heute die Tür nicht zugemacht!« Sie blickten einander an wie Kinder, die beim Zuckerstehlen ertappt werden. Der Sterbende flüsterte, ohne daß man irgendeinen Vorwurf aus seiner schwachen Stimme heraushören konnte: »Willst du Andreas auch weiterhin fünfundzwanzig Öre von der Krone geben, Lene? Mir scheint, es wäre einfacher ...« Er vollendete nicht, sondern stöhnte: »Wasser!« Lene wendete sich um und griff nach dem Krug. Dabei stieß sie zufällig den Kerzenstumpf um; er erlosch und fiel zu Boden. Durch das Dunkel scholl der letzte, rauhe Schrei. Andreas tappte nach Zündhölzern herum und stieß mit der Stirn gegen Lene, die ebenfalls suchte. Sie fuhren auseinander; sie klagte, er fluchte halblaut, und endlich erinnerte sich Andreas, daß er Schwefelhölzer in der Tasche hatte. Als die Kerze wieder angezündet war, lag Ivar mit offnem Munde da, das eine Auge zugeklemmt, das andere unnatürlich groß; die Hände hatten sich mit krummen Fingern in das Deckbett gegraben. Er war schon ein Stück weit drinnen in der großen Finsternis. »Jetzt ist er tot!« sagte Andreas. Und er dachte bei sich selbst, was da erspart hätte werden können, wenn die weise Frau drüben geblieben wäre. Lene saß auf dem Stuhl vor dem Bette und strich mit der Hand das Deckbett glatt.   Er starb und wurde begraben: – Es war vom ganz frühen Morgen an ein milder, feuchter Hauch in der Luft gewesen. Frische, gekrauste, starkfarbige Wolken hatten sich zugleich mit einer roten Sonne erhoben und hatten sich um sie gelagert, wie sich die krause Petersilie um eine Schüssel mit geräuchertem Schinken legt. Die Sonne war dann verschwunden und die Wolken ebenso, und ein einförmiges Begräbnisgrau lag über dem Strande. Es rieselte ganz schwach, und das Gras und die austreibenden Gesträuche sogen die Feuchtigkeit ein, und das selbe taten die Düffeljacken, schwarzen Filzhüte und Baumwollregenschirme. Es war Frühlingwetter, Wachswetter, Begräbniswetter. Drei Charabancs und der Leichenwagen – der neugestrichene Arbeitwagen des Krügers – hielten vor dem langen Flügel. Der Krüger, der pensionierte Lotse, der pensionierte Zollbeamte, etliche Handwerkmeister und die Fischer – mit einem Wort: alle – hatten sich eingefunden. In der Küche war Platz geschafft worden, und da stand der Sarg auf zwei Böcken, und in dem Sarge lag Ivar und empfing Besuch. Zuerst hatte er die Besuche oben in der hinteren Bodenkammer empfangen, aber da man daneben speiste und Ivar nicht balsamiert war wie die fürstlichen Personen, und da dieser Geruch da war... kurz gesagt: man hatte es zweckmäßig gefunden, Ivar hinunter zu schaffen. Aus demselben Grund fand man es nun zweckmäßig, den Deckel zu schließen – früher, als das sonst zu geschehn pflegte. Denn dieses Wachswetter, das die Bauern im Kirchspiel segneten, hatte etwas Drückendes an sich und ließ die Luft sich nicht erneuern, und das in den in den kleinen Räumen, wohin man immer halbnasse Kleider mit sich brachte und wo die Kränze – die vielen Kränze – ebenfalls stark rochen. Nicht, daß sich jemand darüber beschwert hätte; man war ja kein verwöhnter Stadtmensch –, aber man war doch darin einig, daß es so am besten war. Der Schmied – der immer den gleichen guten Humor hatte – war es gewesen, der das entscheidende Wort gesprochen hatte. Er schob sich in braunem Einspännerrock und aufgekrempten schwarzen Hosen zur Türe herein, drückte Lenes Hand mit einem: »Nun, das war ja gut?« – klappte Mätte Marie auf den Kopf und fragte: »Wo habt ihr Ivarn?« Lene deutete schweigend hinauf. »Ja, mir scheint, ich kann ihn riechen!« – Etwas später kam der Schmied mit einem Stück Essen in der Hand herab und sagte: »Hör mal, sollten wir ihn übrigens nicht herunterbringen?« Das geschah. Und nicht lange darauf hörten die Leute, die droben saßen und aßen und tranken, den Klang der Hammerschläge aus der Küche. »Nun wird Ivar zugeschlossen!« sagte der Schmied mit vollem Munde. Der alte Lotse faltete die Hände um sein Bierglas und sagte: »s ist nicht zu früh!« Und alle, die da saßen und aßen, schienen bessern Appetit zu bekommen. Es wurde droben ganz tüchtig gegessen, und einiges Bier wurde auch getrunken, und einer nach dem andern drängten sich die Neuangekommenen hinauf durch die Luke – die Tür war heute ganz abgenommen worden –, und alle redeten sie von »Ivar« wie von einer anwesenden Person, einem Kameraden, der noch unter ihnen weilte. Und ganz fort war er ja auch noch nicht. Andreas ging herum, stumm wie immer, mit seinem Strich von Mund und einem schwarzen Schlips so schmal wie ein Bändchen und schenkte die Schnapsgläser ein. Der Schmied fing an, kleine Geschichten zu erzählen. Niemand setzte sich jenen willkürlichen Begräbnisdämpfer auf, alle meinten – und sprachen es auch aus –, Ivar habe es nun so gut, wie er's lange nicht gehabt. Und dann erschien Lene in der Türe, sehr blaß, mit ihrem schwarzen, baumwollenen Witwenshawl. Sie gab dem Schmied ein Zeichen, und der Schmied stand sofort auf und sagte: »Also, Leute, wollen wir dran?« Sie gingen alle hinunter, und die Nächsten von der Familie kriegten »Ivar« mit einiger Schwierigkeit durch die enge Tür hinaus, und dann ordnete man sich in Reihen hinter den Trägern, und dann setzte man sich in Bewegung. Hinterm Sarge ging Lene mit Matte Marie an der Hand. Das kleine Mädchen hatte auch einen schwarzen Shawl umbekommen: die befransten Enden des Tuches schleppten am Boden, und jedesmal, wenn das Kind sich umwendete, um zu sehen, was gegen die Hacken der neuen Schnürstiefel schlage, drückte ihr die Witwe fest die Hand und forderte sie mit einer schwachen Bewegung des Kopfes auf, das Taschentuch an die Augen zu halten. Denn das tat sie selbst, so lange der Zug durch das Dorf ging. Da war alles, was stehn und gehn konnte, an den Fenstern und vor den Türen. Die Fahnen auf Halbmast und vor dem Garten des Kaufmanns Buchsbaum aufgestreut. Vor dem Dorfe machte man Halt. Die Wagen fuhren vor; »Ivar« wurde auf dem Arbeitwagen gehoben, zwei Fischer setzten sich hinzu, um auf die Kränze acht zu geben. Das Geleite verteilte sich auf die drei Charabancs, und dann ging es den Weg, der ins Land hinein führt, die gute Meile bis zur Kirche hinauf, in dem feinrieselnden Staubregen, der alsbald zu einem blauen Nebel ward, worin »Ivar« und das Geleite den Blicken der Zurückgebliebenen entschwand. Am Abend standen Lene und Andreas unten beim Schweinekoben. Andreas war beim Boote herumgeschlendert, so, als suche er jemand. Lene hatte sich in der Küche so seltsam gefühlt und noch seltsamer oben. Mätte Marie hatte zu den Kindern der Nachbarsfrau dürfen; sie wollte auf keinen Fall zu Bett, ehe sich Lene selbst niedergelegt hatte. Das Kind hatte sich erst recht vor dem Toten gefürchtet, seit er nicht mehr im Hause war. Lene und Andreas standen, wie gesagt, beim Schwein. »Wie wird's nun eigentlich, Andreas?« fragte sie zögernd. »Ja, wie wird's wohl?« fragte er. »Es wird wohl bei den fünfundzwanzig von der Krone bleiben, wie früher? Oder ...?« Sie hielt inne. »Ivar meinte ja etwas ...?« sagte er. Sie sah ihn an und streckte ihm die Hand hin. Er reichte ihr seine. »Wenn die schickliche Zeit vergangen ist!« sagte sie mit halber Stimme. »Ja, früher geht es wohl nicht!« antwortete er. Dann zogen sie die Hände zurück und sahen einander wieder an. Öff, öff! kam es vom Schwein. Es war abgemacht. Ein stummer Bericht von einem Schiffbruch Hatte die Hoffnunglosigkeit jemals einen Gewerbeschein gelöst, um sich in einer Kommune niederzulassen, so mußte es in dieser Strandgemeinde gewesen sein. Traurige Sandmeiler, langgestreckt und einförmig wie die Traurigkeit selbst; halbverwischte Dünen gegen das Meer zu; Wrackstümpfe als Wegweiser, wo kein Weg war; eine unablässig nervös umflatternde Möve als Belebungmittel; die ewigen Strichregen eines unbeständigen Himmels, der am Tage ebenso oft weinte wie ein kränkliches Kind; hier und da zwischen den Meilern ein paar Häuser und Halbhufen von einem recht trübseligen Aussehen; Andeutungen von Weiden mit einem Gespenst von einer Kuh und zwei Schafen, so mager wie Windspiele; ein säuerlicher oder ganz saurer Geruch von stillstehenden Wasseransammlungen in den Dünen – und wendete man sich dann durch die Düne hinaus und kam zu dem flachen Strand hinab, so hatte man dort diese Brandung, die über die Riffe herein auf den Sand zu lief und lief und brauste und Atem holte wie ein Mann, der zu schnell gegangen ist und eine Begebenheit erzählen will, eine sehr ernste Begebenheit – rein herausgesagt: eine schlimme Geschichte; aber er kann nicht dazu kommen; das eben verwehrt es ihm. Und er verdreht die Augen im Kopfe und ächzt und murmelt: »Oh... oh, Gott helfe mir... Gott helfe mir...!« Der Wagen war ohne Federn – natürlich; aber der breite Sitz hing in seinen Lederriemen, und der Landdoktor und ich hatten gut Platz da. Wir hatten zu gut Platz, und wir kamen des öftern in nähere Berührung mit unsern Schultern und unsern Kappenschirmen, als es bei einer Wagentour unter gewöhnlichen Umständen der Fall zu sein pflegt. »Pardon... oh, Pardon... das ist aber doch...!« Und dann mußten wir lächeln, wurden aber gleich wieder ernst. Und dann waren unsere Pfeifen neu anzustecken. Wir schwenkten da eben zum Strande hinab. Ich vergaß meine Pfeife anzuzünden, der Doktor aber ließ sich nicht genieren. »Sie sind daran nicht gewöhnt!« sagte er und knippste den Deckel wieder zu. »Ja, ich leugne nicht, daß es hier trist aussieht, verdammt triste, besonders an einem Herbsttag. Aber wenn man fast täglich hierherkommt – und auch in den Nächten – so – schon wieder ausgegangen – back, back, back – so – Sie verstehn – Gewohnheit ist halbe Natur – und überdies – wo gegen stumpfen nicht auf die Dauer unsere Sinne ab?« »Haben Sie je eine Strandung gesehen – mit eigenen Augen?« fragte ich. »Massen! Das heißt – hm! eigentlich gesprochen – ich bin immer hinterher gekommen – zur Leichenbeschau und dergleichen.« »Ja, ich auch!« antwortete ich. Wir fuhren weiter, schweigend. Der Wagen wurde von den armen Pferden durch den Sand gezerrt; unser Kutscher schlug auf sie ein, ohne was zu sagen; mir kam der Gedanke, daß er es auch hätte lassen können, die Peitsche zu brauchen, aber ich konnte die nötigen Worte nicht hervorbringen; ich war gedrückt, dumpf, irritiert, leidend, aber stumm, vor allem stumm, unlustig zum Sprechen. Und ewig spülte diese Brandung gegen uns heran, mit diesem kurzatmigen Laut, der sich in der Grabesstummheit der Dünen verlor. Wie an einer halb zusammengesunkenen Kirchhofmauer fuhren wir; und auf der andern Seite dieses Meer mit seinem unveränderlichen: »Oh, Gott helfe mir...!« »Na, bearbeiten Sie den Stoff?« kam es von meinem Nebenmann. »Welchen Stoff?« »Strandungen!« »Ich habe keine gesehen, sage ich Ihnen; und Sie auch nicht. Sonst könnten Sie mir wenigstens eine erzählen!« »Nichts leichter. Ich habe in diesen vier Jahren genug davon gehört – man hört ja nur davon. Man spielt sein L'Hombre und redet über Strandungen, hier bei uns. Warten Sie, da war die letzte...« Die Pferde waren stehn geblieben. Sie mußten sich verschnaufen. Der letzte Strichregen war über uns hingegangen, und wir hatten jeder die Pfeife im Munde. Das Meer hatte sich zu erheben begonnen; es murmelte nicht mehr, sondern rief mir etwas laut zu; aber ich verstand es nicht. Von den Dünen her, aus den Gräben, knapp vor dem Wagen, kam eine Gestalt mit einem aufgerollten Tau über der Schulter. Es war ein hoher, magerer, kräftig aussehender Mann, etwas vorgebeugt, wie es der Küstenbewohner an diesem Strande leicht wird. Er machte die Leine klar, nachdem er ganz hinunter in den Schwemmsand getreten war, wo er dann in die Wogen hinaussah, als habe er ihnen etwas zu sagen – oder als lausche er dem, was sie riefen. Darauf wirbelte er die Windungen der Leine von sich, hinaus in das siedende Wasser, zog sie wieder ein, schien zu stutzen, lief ein wenig zurück, warf wieder und stieß während dieses sonderbaren Spiels ein Grunzen aus, das im Grunde nicht viel Menschliches an sich hatte. Er geberdete sich bei diesem Spiele wie ein Kind; ich sah ihn an: sein Haar war eher weiß als grau, und doch deutete nichts bei ihm auf ein höheres Alter. Er starrte auf uns, ziemlich gleichgültig gegen unsere Anwesenheit. Dann begann er sein Spiel von vorn. »Da haben wir ja Mads!« sagte der Doktor. Und direkter zu mir gewendet, fuhr er fort: »Sehen Sie, Mads wäre gerade der Mann für Sie. Er war allein hier auf diesem öden Strich in den Dünen eines Abends, als ein großes Schiff zugrunde ging. Er wohnte der ganzen Vorstellung bei, von Anfang bis Ende. Es war allerdings ein ganz extraer Fall. Er hätte Ihnen davon erzählen können. Leider ...« »Leider?« fragte ich. Der Doktor blinzte mich an und ließ darauf die Brühe aus seiner Pfeife laufen. »Er wurde etwas wunderlich nach dieser Nacht – wie Sie sehen. Und merkwürdig genug, die Sprache verlor er auch. Von der Haarfarbe gar nicht zu reden; – die war vorher feuerrot.« »Er wurde wahnsinnig?« fragte ich leise. »Ja und stumm. Er mag wohl Dispositionen gehabt haben ...« sagte der Landdoktor. Um Kap Horn Er hieß Hans, trug aber im übrigen den Namen »Der Himmelhund« – und den trug er unzweifelhaft mit größerm Recht als seine Kleider, denn die waren ein Quodlibet aus den Marchandisen und Leihkontoren der ganzen Welt. Er saß daheim bei seinem Vater; er aß des Alten Brot und nutzte seine Kleider ab – so weit sie sich überhaupt noch abnutzen ließen. Er tat nichts, außer, daß er mit seinem besten Kameraden spielte, und das war ein stummelschwänziger Köter mit dem Namen Munter. »Der Hund ist klüger als zwei Menschen« – sagte er. »Der ist so klug, daß er nicht redet; denn sonst würde er nur die Dummheiten herausplappern, die ich in seiner Gesellschaft gemacht habe – und darüber ist es besser zu schweigen.« »Nu«, sagte der Alte – denn er kränkte sich gleichzeitig über den Sohn und war stolz auf ihn – »du brauchst dich so weit nicht zu genieren. Laß uns hören, wie du damals um Kap Horn gesegelt bist – drei Male!« Und der Alte blinkte dem Sohn zu, und der Sohn blinkte zurück, und dann erzählte Hans:   Das fing damit an – nein, erst muß ich erzählen, daß ich von Hamburg aus fuhr. Der Alte daheim wollte mich weg haben, und all die andern zogen mich auf, und so schwor ich, daß sie mich nicht früher wiedersehen sollten, bis ich drei Male um Kap Horn gewesen wäre. Wir musterten in Hamburg, und die Schüte war ein Barkschiff, und der Alte an Bord – ich meine den Kaptän – war ein ungewöhnlich großer Esel. Ich stellte mich im Kontor zugleich mit der übrigen Besatzung, und ich hatte Munter mit. »Ist – das Ihr Hund?« fragte mich der Reeder auf Deutsch. »Jo«, antwortete ich auf Dänisch. »Zu Diensten.« Dann ward über die Sache nicht mehr geredet. Aber als wir an Bord gekommen waren, fragte mich der Kaptän: »Ist das dein Hund?« »Das ist er!« sagte ich. »Und er heißt Munter.« »Nimm den Hund und schmeiß ihn ans Land!« sagte er. »Nee, weiß Gott, das tu ich nich!« – Damit fing's an. Es war knappe Zeit, und mit den Leuten stand's übel; Rack und Pack konnte man wohl noch von den Heuerbaasen bekommen, aber ordentliche Mannschaft nicht, und genug damit: Munter blieb an Bord – und ich auch. Unser Alter war ein Esel, der erste Steuermann ein wollener Handschuh, der zweite Steuermann war ein Landsmann von mir, und die Kost war tadellos. Das war alles, wonach ich fragte. Munter hielt sich ständig vorm Fockmast. Das war sehr klug. Er kam niemals achter den Großmast. Sobald wir auf hohe See kamen, hieß es, wir seien für Jamaika bestimmt. »Das ist wohl südlich um Kap Horn?« fragte ich den zweiten Steuermann. Er hatte eine Hasenscharte und zeigte seine Eckzähne. Die sahen ganz weiß aus, da er sagte: »Diesmal nich, Hans!« ... »Gut«, sagte ich. »So geh ich an Land von der Schüte. Denn ich muß um Kap Horn!« »Na, du bleibst schon noch!« sagte er. Und dann kamen wir nach Kingston auf Jamaika. Nun hielt der Alte scharfen Auslug nach mir. Aber ich tat meine Arbeit, und Munter hielt sich auch, wie er sollte, und der Alte hatte nicht den entferntesten Grund, dem Hunde einen Tritt zu versetzen. Das tat er trotzdem auf eine recht abscheuliche Weise, und so kriegte ich einen Eimer zu fassen und gab ihm eins über die rechte Schulter. Da lag er auf Deck. »Das sollst du mir bezahlen!« rief er. »Ja, komm und laß uns gleich die Rechnung machen!« sagte ich. Aber er hatte wohl kein Kleingeld bei sich; und so ließ er die Jolle abfieren und an Land rudern. »Gieb acht« – flüsterte mir der zweite Steuermann zu – »du kommst dafür in die ›Sparbüchse‹!« Die Jolle legte wieder an, und wir bekamen drei Konstabler an Bord: ich sollte an Land und in den Arrest. Munter wollte mit, aber die drei Kerle schworen auf Englisch, sie hätten keine Arrestordre für Hunde. So mußte das arme Biest bleiben, wie es auch heulte und jaulte, aber der Steuermann versprach mir, er wolle sich seiner annehmen, und er meinte auch, es werde sich alsbald klären, wenn ich nicht zu widerborstig sein wolle. »Was hat er das Tier zu treten?« sagte ich. »Es hat, weiß Gott, ein weit besseres Herz als er, das alte Dagg, und dreimal so viel Verstand!« »Schweig nur stille!« sagte der Steuermann. Und so ruderten wir an Land. Ich kam direktemang in die Sparbüchse. Und das war ein großer Raum, und darin waren Holzbänke und Steinfliesen und Spuckfladen und die ärgste Sammlung von schmutzigen Spaniern und Engländern und Frauenzimmern, wo ich je gewesen bin – und ich bin doch schon in einigen gewesen. Sie konnten alle schlecht englisch sprechen – und das konnte ich auch. Und einer fragte mich, was ich gestohlen habe, und eins von den Frauenzimmern fragte, wie viele ich umgebracht habe? Ich aber warf ein paar Stück von der Bank herab und legte mich selbst hin, und da wir weder Nasses noch Trockenes bekamen, wenn wir nicht etwas bei uns hatten, so war's durchaus nicht besonders lustig da. Und so verging die Nacht. Am nächsten Tag kam ich wieder vor den Richter, und da waren der Kaptän und der Konsul und noch eine Masse Menschen, die aussahen, als ob sie mich gleich hängen wollten. Der Richter las etwas aus einem großen Protokoll, wovon ich nicht ein Wort verstand, und dann fragte er mich, ob ich drei Pfund bezahlen wolle. »Das will ich verflucht gerne!« sagte ich. Ob ich dann ins Gefängnis wolle? Nein, ich wolle lieber an Bord und dort nach einem Hunde sehen, den ich habe und der Munter heiße. Und darüber lachten alle; und da wurde ich ärgerlich und sagte zum Richter, der Kaptän sei ein Esel, der meinen Hund getreten habe, der ein unschuldiges Vieh sei, und ich habe überhaupt nicht nach Jamaika wollen, sondern im Gegenteil um Kap Horn, und an einer gewissen Stelle liege eine mächtige Backpfeife und warte auf sie alle, so wie ich nur dazu kommen könne! Nun wurde der Alte spruttrot im Gesicht, aber der andre verstand wohl nicht viel davon, und dann legte sich der Konsul ins Mittel, und mit den drei Pfunden wurde es geordnet und reguliert, – und zwei Schilling sollte ich außerdem bezahlen, weil ich die Nacht im Kasten gesessen hatte. »Ja, tut euch nur!« dachte ich. Dann ging ich mit dem Alten zum Hafen hinunter. Ich bot mich an, das große Protokollbuch, das er unterm Arm hatte, zu tragen, er aber blickte mich von der Seite an und sagte, ich könnte es leicht ins Meer fallen lassen, und das wäre Schade, denn es sei ein so rares Buch, und sobald ich wieder Sperrenzchen mache, würde er's in das Buch eintragen, und dann käme ich an Bord und kriegte Eisenmanschetten! Ich wartete, bis wir an eine Stelle kamen, wo uns niemand hören konnte, und dann murmelte ich zwischen den Zähnen, während ich dicht an seiner Seite Kurs hielt: »Du plattdeutscher Pavian – ja, glupe du mich nur an, aber ich werde dich dreschen und zu Lobskows zerquetschen, wenn du jemals meinem Hunde zu nah kommst und einen armem Seemann drei Pfund von der Heuer abziehst!« Er knurrte ein bischen wild, aber sagte nicht einen Mucks. Und als wir an Bord kamen, verzog er sich gleich in die Kajüte. Ich ging nach vorn und aufs Back, und da hätte mich Munter vor Freude fast aufgefressen. Dann preite ich den Koch, der gegen den Hund und mich immer gut war, und er sagte mir, ich möge ein wenig warten, dann erhielten wir das Mittagessen: recht gute frische Suppe mit Fleischklößen und Fleisch. Dann holte ich meine Harmonika hervor und setzte mich und spielte alle die Melodien, die ich von Daheim kannte, und Munter stand bei mir und gab jedesmal Hals, wenn ich die Melodie wechselte – akkurat, als ob er ein richtiger Mensch wäre und die Lieder seines Vaterlandes kennte. Da kam der erste Steuermann und sollte von dem Alten fragen, ob ich arbeiten wolle. »Ich arbeite ohnehin, was ich kann!« sagte ich und keilte los mit: »Der Insel fester Grund.« Ob ich dann zu dem Alten in die Kajüte hinunter kommen wolle? Ich ging hinunter, und da waren beide Steuermänner und der Kaptän, und er hatte das Protokoll vor sich, und dann reichte er mir eine Feder und fragte mich, ob ich unterschreiben wolle, daß ein Monat Heuer abgezogen werde, weil ich mich zu arbeiten weigere. Ich sah die Feder an, und dann antwortete ich, ich schriebe schlecht. »Du brauchst nur dein Zeichen drunter zu setzen!« sagte er mit seinem süßen Grienen. »Gern!« antwortete ich. Und ich nahm das Tintenfaß und goß es über das ganze Protokoll aus. »Nu ist's quittiert!« sagte ich. »Und nun sollst du auf Festung!« antwortete er. Dann wurde die Jolle wieder abgefiert und an Land gerudert. Unterdessen aber ging ich zum Koch und ließ mir eine ordentliche Schüte Suppe und Fleisch geben, um etwas in mir zu haben, und Munter bekam alle Flechsen und Knochen, und dann legten die drei Griponymusse an. Da hoppste der Hund mit in die Jolle hinunter, als wir absetzten, und ich schwor und fluchte, ich werde sie alle kurz und klein schlagen, wenn Munter nicht mitkommen dürfe. Und dann zogen sie mit mir nach der Festung ab, und da waren eine ganze Reihe Gaudiebe aufmarschiert, und wir kriegten Eisenmanschetten und wurden aneinander gekettet, Paar um Paar, und an mein Handgelenk wurde ein langer, magerer Mulatte festgehakt. »Du bist eine nette Vogelscheuche!« sagte ich zu ihm und machte einen kleinen Zuck mit der Kette, so daß er schlingerte. »Wo sollen wir nun hin?« »Nach Spanishtown!« sagte er und schielte auf den Hund, der sich immer an meiner Seite hielt, obwohl ihn die Soldaten wegjagen wollten. »Behalt deine Augen für dich!« sagte ich zu ihm. »Denn du bist ein magerer Gesell, und du könntest aussehn, als ob du Lust hättest, den Hund aufzufressen – aber nicht grad aus Liebe.« Und dann kamen wir auf eine Bahnstation hinaus und wurden in einige offene Waggons getrieben, wie ein Viehtransport. Und da kam mir Munter abhanden. Und ich fuhr fünfundzwanzig Meilen gratis ins Land hinein mit all diesen Gaudieben, aber ich sah sie kaum an, denn ich war betrübt, weil ich meinen besten Freund verloren hatte. Und ich stellte mir vor, wie das arme Biest nun nach mir umherlaufen und vor Hunger krepieren werde; und dann gab ich der Vogelscheuche einen Kaulkopf – weil ich's doch an jemand auslassen mußte. Wir fuhren greulich langsam – sicherlich nur, um uns zu ärgern –, und es war eine arge Hitze, und als wir dann endlich Halt machten, wen sah ich da in großen Sprüngen hinter mir herkommen? – Ja, das war wirklich Munter, dem die Zunge aus dem Halse heraushing, und ich warf mich platt auf die Erde und zog die Vogelscheuche mit mir, und ich küßte das staubige Biest – den Hund meine ich – direkt auf die Schnauze, und jetzt waren wir geschworene Freunde für die Ewigkeit. Dann wurden wir aus den Ketten geschlagen und in einen großen Hof hineingejagt, und da die Soldaten Munter hinausjagen wollten, sprang er ihnen direkt an die Nase; und da mußte der Offizier lachen, und der Hund durfte dableiben. Dann kamen wir in die Montur; es waren sehr nette Kleider: Hosen und Blusen aus Sackleinen und eine rote wollene Kappe; und hinten auf dem Rücken und die Beine hinunter war mit deutlichen Buchstaben aufgedruckt: Santa Maria Districts-Prison Spanishtown. Munter hätte mich fast gar nicht erkannt in diesem Aufzuge, dann aber redete ich dänisch zu meinem Kameraden, und das half. Das waren böse Monate, die zwei, und wär' es nicht des Hundes wegen gewesen, ich glaube, ich hätte eine von den Schildwachen abgemurkst und mich totschießen lassen. Aber wenn man für jemand auf der Welt zu sorgen hat, dann muß man sich im Zaume halten. Und zuerst wollten sie von mir, ich solle Steine klopfen – so ein paar recht harte Wacken; aber ich erklärte ihnen, ein Seemann habe viel zu feine Hände, und da sie mir trotzdem den Hammerstiel in die Faust steckten, drosch ich in den Haufen nieder, daß ein Kiesel aufsprang und einem von den Diebsführern zwei Vorderzähne im Munde einschlug. »Pardong,« sagte ich; »aber da könnt ihr selbst sehen: meine Finger sind nicht leicht genug für ein solches Stück Arbeit!« Und so ging es mit Allem, was sie mir auftrugen. Ich sollte Wäsche waschen für die Gaudiebe, aber ich riß die Sackleinwand entzwei; dann sollte ich in der Kasematte, wo wir schliefen, reine machen, und ich goß Wasser über Fliesen und Wände, und dann nahm ich das ganze Pünkel Sackleinwand und steckte einen Stock hinein und zog es auf dem Boden herum. Da ließ man mich mit dem Hunde zuletzt in Frieden. Aber er wie ich wären bald vor Hunger krepiert; denn dem Hunde gab man überhaupt nichts, und ich bekam nur eine Schale Maisbrei am Morgen und einen Happen Fleisch, so groß wie ein Bierpfropfen zum Abendbrot, und wenn das zwischen zweien geteilt werden soll, so wird es das reine Nichts für beide. So kamen wir endlich frei und kamen zurück nach Kingston, und da warteten beim Konsul sieben Pfund auf mich, und die Schüte war längst abgesegelt. Munter und ich verschafften uns zuerst ein recht gutes Futter, und dann fragte ich den Konsul, ob er nicht eine Heuer für mich habe. »Wo willst du hin?« fragte er. »Ja« – antwortete ich und sah auf Munter, »wir möchten am liebsten um Kap Horn ...!« »Dahin kannst du diesmal nicht kommen, aber hier ist eine Heuer zurück nach Hamburg; willst du sie haben?« Ich sah den Hund an, und der sah mich an und bellte; und es war genau so, als ob er sagen wolle: »Na, laß, wir können immer noch um Kap Horn kommen ...!« Und so schlug ich ein, und dann kamen wir nach Hamburg. Da gingen Munter und ich an Land, und das erste, was ich tat, war, daß ich einiges Geld auf einen neuen Anzug verwendete, recht feiner blauer Düffel, und auf ein Paar beschlagene Stiefel und einen runden Hut; ich kaufte auch ein Halsband mit Messingschloß für Munter, aber der scherte sich nicht darum, und so schenkte ich es am ersten Abend einem Mädchen draußen auf dem Hamburger Berg. Da ging's in den ersten Tagen recht lustig zu, und zu Anfang begleitete mich Munter dahinaus aus dem Logis, wo wir wohnten; aber dann trieb ich's eines Abends meinem Kameraden ein bischen zu arg, und so blieb er daheim und schaute mich an und schüttelte die Ohren und drehte sich rundum wie ein Knäuel Garn, und zuletzt wollte er mich gar nicht mehr ansehen. Dann find' ich ihn eines Tags liegen und am ganzen Leibe zittern, als ob er das kalte Fieber hätte. Ich sollte mich mit dem Mädchen auf dem Tanzboden treffen, aber ich sah den Hund an, und mir kam der Gedanke an Spanishtown, und dann warf ich meinen feinen runden Hut auf den Boden und nahm Munter auf den Schoß und deckte meine alte, abgetragene Jacke über ihn, und da er trotzdem noch schütterte, bekam er meine alten Hosen über sich, und so saß ich bei ihm die ganze Nacht und gab ihm aus einer Tasse Wasser zu trinken. Und er leckte mir die Hand, und die Tränen kamen mir – Gott verdamm' mich – in die Augen, und ich dachte nicht mehr an das Mädchen und den Tanzboden, sondern nur daran, wie mein Kamerad wieder zu sich kommen könne. Am Morgen war es ganz toll; ich hatte mein Geld verjuxt, aber ich bekam die Adresse von so einem Hundedokter, und so nahm ich meine neuen blauen Hosen, und fort mit ihnen zu einem Marchandiser. Und ich bekam Geld, und ich holte mir den Hundebalbierer, und Munter bekam Medizin, und dann gegen Abend kam das Mädchen und suchte mich in meinem Logis auf. »Ich habe kein Geld«, sagte ich zu ihr, »und Munter da ist krank; du mußt allein gehn!« »Laß das Geld«, sagte sie, »und laß den Hund. Du bist ein lieber Kerl; komm und gehn wir!« Und ich ging mit ihr, und sie traktierte mich, und ich kam heim zum Hunde, und mit dem stand's verflucht übel. Da nahm ich die neue blaue Weste und den Hut und die beschlagenen Stiefel, und fort damit zum Marchandiser und zum Hundebalbier. Und da ich ihn zu mir gebracht hatte und allein mit ihm war, so nahm ich ihn hinten am Genick und griff gut zu und sagte zu ihm, ich selbst sei ein großer Esel, aber den Hund da solle er mir gesund machen, sonst werde er nie wieder in seinem Leben Hunde kurieren. Er pfiff und bat ums Leben und faselte eine ganze Menge, aber zuletzt meinte er, der Hund habe doch vielleicht das Klimafieber, und es sei das beste, wenn ich sofort mit ihm dahin führe, wo er zuhause war. Nun, das hatte in der Tat was für sich. Und ich nahm die feine blaue Jacke, und fort damit zum Marchandiser. Und ich bekam zehn Mark Banko in Gold und dazu noch einen alten grauen Rock mit langen Schößen, die ich nachzog; und so stach ich abends aus dem Logis ab, mit Munter unter dem Rock, und ging nach dem Lübecker Bahnhof, und ich kann Gift darauf nehmen: es hielt mich niemand für einen Seemann, der lange Reisen hinter sich hatte. Und in Lübeck hudelte ich mich an Bord mit dem Dampfer nachhaus; und seltsam genug war es: je näher wir Falster kamen, umso besser wurde es mit meinem Reisekameraden. Er hatte förmlich wieder blaue Augen, und er leckte mir die Hand und sah mich an, und ich mußte meine eigenen Augen niederschlagen und bei mir selbst denken, daß wir Mannsleute doch recht schwache Personen sind, und daß es viel leichter ist, seine guten Kleider zu verkaufen und auf und davon zu gehn, als zu bleiben und seinen Stoß auszuhalten. Aber als ich dann heimkam am Strande entlang mit Munter hinter mir an den Hacken, riefen alle Leute, die draußen standen und Würmer stampften: »Hallo, was für ein Mormonenpriester kommt denn da?« »Ich bin es!« antwortete ich und hob die Schöße auf. »Ah, nein doch!« riefen sie. »Du hast dir da einen hübschen Überrock beigelegt. War der auch mit um Kap Horn?« »Ja, alle drei Male«, sagte ich. »Fragt nur Munter; denn der Hund macht euch nie etwas vor«. Und dann kam ich heim zu meinem Alten und tauschte den Rock mit ihm.