Geschichten aus zwei Welten von Arthur Holitscher     S. Fischer, Verlag Berlin 1914     Inhalt       Eine Begegnung mit Herrn »Howard Curle« Scab Mojave-Wüste Die Braut des Sterns Der Feind in der Campagna Das Mädchen am Pier Straßenecken-Legende Landsend     Eine Begegnung mit Herrn »Howard Curle« Wir sind früh in den Palazzo Pitti gekommen, in den Sälen ist kaum noch ein Mensch. Gleich schiebe ich mir einen Sessel vor Giorgiones Konzert, mein Reisegefährte schlendert durch die Säle. – Ich bin noch garnicht recht ins Schauen hineingeraten, da kommt er schon, ganz rasch, auf Fußspitzen, durch alle Türen zu mir zurück. Er ist weiß wie Linnen, über dem linken Auge hat er einen roten Fleck auf der Stirn – so bleibt er vor mir stehen, etwas hat ihm die Rede verschlagen! Es wird Jahr um Jahr unerquicklicher mit ihm zu reisen. Jetzt geht er zu seinem Kölnischen Wasser heim und es vergeht ein Tag, es vergehen zwei, eh ich ihn wieder zu Gesicht bekomme. »Drüben vor dem Kardinal von van Dyck steht ein Mensch . . . geh und sieh: Ob du es glaubst oder nicht: es ist Oskar Wilde!« Ich sehe ihn an. Der rote Fleck hat sich ausgebreitet, hat die Schläfe gewonnen. »Oskar Wilde,« bemerke ich ruhevoll, »geboren 1850 zu Dublin, liegt seit dem Herbst 1900 in Bagneux begraben, einem kleinen Vorort von Paris . . . übrigens, da du hier bist gerade, willst du, bitte, den Jüngling mit dem Federhut hier im Bilde in Augenschein nehmen? Dieses leere Gespenst! Erinnere dich an die Jünglinge von Giorgione, den Berliner, 12 den Braunschweiger, den aus Hampton Court: auf Treu und Glauben, dieser hier nie und nimmer!« – »Ich bin, wie du weißt, Wilde wiederholt begegnet, vor seinem Prozeß in Oxford, nachher in Sizilien, in Assisi . . .« – »Verzeih: aber das Konzert – eine alte Freundschaft, die in die Brüche geht, ist wohl eine wert, die man erneuern möchte? Wenn ihr euch begegnet seid, wird der Mann dort drin dich wohl wieder erkennen. Hat er dich wieder erkannt? – »Selbstverständlich: nein. Ich stand neben ihm und er sah mich. Nichts dergleichen.« Sein Gesicht zieht sich vor Leiden zusammen: »Versprich mir, daß du das nicht auf sich beruhen läßt! Denn ich habe ja leider genug für heute! Frage am Abend im Hotel nach mir!« – Schon ist er davon. – Allmählich gleitet alles aus dem Bereich der Aufmerksamkeit hinweg, der Jüngling, der Ordensbruder, die inbrünstige Mittelfigur, ich rücke den Sessel an die Wand zurück und gehe durch die Säle. Vor van Dycks Kardinal steht ein Mann.   Ein einziges Mal habe ich Oskar Wilde gesehen, einige Wochen vor seinem Tode, im Pavillon Rodin auf der Pariser Weltausstellung. Er war mit einem jungen Franzosen da und sah 13 ruiniert aus. Ich fühlte Trauer in mir wie einen körperlichen Schmerz, als ich ihn so vor mir stehen sah und erkannte. Aber da blickte er zu den Statuen auf und mir wurde im Nu frei und warm zu Sinne. Ich habe den wundervoll beschwingten Blick, mit dem der zerstörte Mensch die Geschöpfe der Kunst grüßte, lebendig in mir erhalten wie eine Lehre. Ich sah dem Mann vor dem van Dyck ins Gesicht. Er hatte sogar den Blick. – Am Nachmittag lief der Portier des kleinen Palazzo Sibillini am Arno mit ehrerbietigem Rücken durch den Flur vor mir her, die Treppe hinauf und schellte an der alten Eichenpforte, auf der das Wahrzeichen der ausgestorbenen Familie der Sibillini als Türklopfer zu sehen war: eine geharnischte Frau mit offenem Buch in den erhobenen Händen. Außerdem war ein kleines silbernes Sicherheitsschloß in die Eichentür eingelassen und ein Metallschild mit den Worten: »Mr. Howard Curle«. Im Vorzimmer stand ein livrierter italienischer Antinous, dessen Zügen man die verheerende Wirkung der Lektüre von englischen Detektivgeschichten ansehen konnte; er stand da und hatte den strengen Auftrag, keinen Unbekannten zu seinem Herrn zu lassen. Ich schrieb auf meine Karte: es handelt 14 sich um einen gemeinsamen Freund. Ich dachte mir: er wird mir doch nicht durch seinen Diener sagen lassen, daß er mit niemandem gemeinsame Freunde besitze! Über meinen Kopf weg führte der Portier mit dem Antinous die augenzwinkernde Geheimsprache der Trinkgeldempfänger. – Der Herr ließ bitten. – Mr. Curle saß in einem prächtigen grünen Damastzimmer zwischen alten Boulemöbeln, hinter deren Scheiben man Porzellan, Bronzemünzen und Pergamentbände erblickte. Er ließ mich in einem Lehnstuhl gegen das Licht niedersitzen, die Junisonne vom Arno her floß glorreich und blendend über sein Gesicht, seine Hände, über die ganze, weichliche und ein wenig gedunsene Gestalt mir gegenüber. Ich begann gleich mit der Erklärung: ich komme aus Deutschland, in den Zeitungen steht alle drei, vier Monate einmal die Nachricht, Oskar Wilde sei hier und dort gesehen worden; ich selber habe Wilde ein einziges Mal gesehen, in Paris, auch habe ich über Wildes Sterben und Begräbnis glaubwürdige Mitteilungen empfangen von einem Freund, der zugegen gewesen ist, einem der wenigen, die die tristen Tage vor dem Tode, die beschämend dürftigen Veranstaltungen nach dem Tode Wildes miterlebt haben. 15 Herr Howard Curle: »Ihr Freund ist der Maler van 'sGravenhage.« Ich: . . . »ja, jawohl Sir, Sie scheinen unterrichtet zu sein?« »Ich bin über alles unterrichtet, was sich von Wildes Tode bis zu seiner Beerdigung zugetragen hat.« »Das genügt mir, ich danke Ihnen, Mr. Curle. Denn das heißt soviel, daß Sie nicht Oskar Wilde sind.« »Vorausgesetzt . . . Nun, ich war ja nicht zugegen und habe auch nur meine ebenfalls recht glaubwürdigen Informationen, die allerdings wo anders herkommen als die Ihren!« »Wie meinen Sie denn das: vorausgesetzt, Mr. Curle?« »Ich meine damit: ebensowenig der Vater eines Menschen mit Sicherheit zu bestimmen ist, ebensowenig kann man es mit Sicherheit behaupten, daß ein Mensch gestorben ist und begraben wurde.« »Van 'sGravenhage war dabei, als man den Sarg zugeschlossen und vernietet hat.« »Sie sprechen ein passables Englisch, Sir, Sie sprechen das Londoner Englisch, ich nehme an, Sie haben sich eine Zeitlang in London aufgehalten. 16 Haben Sie sich da nicht in einer müßigen Stunde die sogenannten ›ägyptischen Mysterien‹ von Maskelyne und Devant angesehen? Zu meiner Zeit war diese Zauberbühne in der Nähe von Piccadilly. Da konnte man und kann man ohne Zweifel heut noch einen lebenden Menschen in Adamsgröße vor den Augen des Publikums verschwinden, einfach in Nichts sich auflösen und verschwinden sehen! Diese Illusion wird durch eine Kombination von geschickt aufgestellten Spiegeln hervorgerufen. Wollen Sie sich nun einen Sarg auf einer Bahre vorstellen, das heißt: einen ziegelförmigen Holzkasten, der auf einem mit schwarzen Tüchern verhängten, im übrigen vollständig hohlen Brettergerüst ruht?« »Ja, ja, ich sehe das. Wir haben im Deutschen einen trefflichen Ausdruck für dergleichen: wir nennen es Spiegelfechterei. Das gute englische Wort Humbug sagt aber vielleicht dasselbe.« »Ich kenne die Sitten Deutschlands wenig, Sir, bei uns in England wählt man für den Fall, man hätte jemand Unhöflichkeiten zu sagen, einen neutralen Ort, das Büro eines Rechtsanwalts, seltener den Klub, niemals die Behausung dessen, den zu beleidigen man vorhat.« »Ferne liegt es mir, Sie für einen Scharlatan erklären zu wollen, Mr. Curle, ich bitte Sie, dies 17 zu glauben. Nach den ersten Minuten unserer Unterhaltung erblicke ich in Ihnen vielmehr einen Mann, der seine Bestimmung unter den Menschen nicht zu finden vermochte und sich, begünstigt durch einen außerordentlichen Zufall, mit plötzlichem Entschluß eine, wenn auch beschwerliche, so doch unbedingt lohnende Pose angeeignet hat, die es ihm ermöglicht, nun endlich Einer zu sein, Einen vorzustellen. Wenn dieser Eine auch ganz und gar und deutlich und ausgesprochen ein Anderer ist als er selbst!« Herr Curle sah mich eine Zeitlang nachdenklich an und sagte darauf: »In dieser Lage befindet sich vielleicht jeder Gestorbene? Ein rechtschaffener Toter ist ja gewiß ein schauderhafter Poseur, aber nicht dies ist's, was ich meine.« Ich nickte: »Ich verstehe Sie vollkommen, Mr. Curle. Jawohl, an eine Art von Totsein habe ich dabei selber gedacht.« »Wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir diese Art ein wenig zu verdeutlichen, Sir?« »Gewiß, ich will's versuchen. Ich meine: wieviele von denen, die in Wahrheit leben, erleben den Augenblick ihres physischen Todes? Wieviele solcher Götterlieblinge gibt's unter denen, die 18 wirklich gelebt haben? Der Tod, den ich meine, tritt den lebenden, das heißt den tätigen Menschen in dem Augenblicke an, in dem er zu sich spricht: ich muß meine Taktik ändern. Es ist der Augenblick, in dem der Sieger reaktionär wird und sich bemüht, den Nachstrebenden die Möglichkeiten, die ihm selber zum Sieg verholfen haben, abzuschneiden. Es ist der Augenblick, in dem der Untergekriegte sich mit seinem Schicksal versöhnt und die Spuren seines Kampfes vernichtet, sozusagen die Namen der Götter, die auf seinem Wege standen, an die er geglaubt, an denen er verzweifelt hat, aus seinem Herzen stößt, zerbläst, wie, wie schlechte Gase. Es ist aber auch der Augenblick, in dem Einer die totale Selbstvernichtung begehen wird, weil in ihm der Glaube lebt: Drüben erst werde er sein menschenwürdiges Los finden. Tod ist's auf alle Fälle . . . so ungefähr dachte ich mir's. Nur scheint es schwer zu sein, mit Anstand und ohne Aufhebens stille zu liegen. Wie oft, wenn mir die Ohren gellen, sage ich vor mich hin: schreit doch nicht so, was schreit ihr denn, wir wissen ja, daß ihr nur die Stimme überschreien wollt, die in euch spricht: tot, tot, tot!« »Nachdem Sie mir auf diese Weise die Art meiner Selbstvernichtung verdeutlicht haben, möchten 19 Sie mir nun nicht sagen, wann in Wildes Leben jener Augenblick eingetreten ist?« »Der Spötter und Weltmann Wilde wird wahrscheinlich, als er im Gefängnis seine hohe und reine Zuchthausballade entstehen fühlte, in die Nähe des Augenblicks geraten sein. Vielleicht hat er ihn früher schon gestreift, zur Zeit, da er jene Abhandlung über den Sozialismus und die Menschenseele niedergeschrieben hat. Er hat den Augenblick, in dem sein Leben sich hätte verklären können, wohl in einer Distanz empfunden, gestreift vielleicht, er wurde nicht berührt von ihm und er ist als ein Lebender gestorben, vermute ich. Denn ich kann mir den Augenblick jenes Todes, von dem wir sprechen, nicht anders vorstellen als einen Blitz, der ein Leben jählings in ein Vorher und ein Nachher auseinanderspaltet. Auf dem Feld stehen Bäume, schwarz, aufrecht, ohne Laub . . . nein, das ist's nicht, was ich sagen will. Ich drücke mich schlecht aus, verzeihen Sie . . .« »Nehmen Sie an, Sir, die Legende wäre Wahrheit und Wildes Körper erfüllte noch heute die vorgeschriebenen Bedingungen der Existenz im Fleische. In diesem Falle würde sich die Umkehr ganz gegen Ihre Annahme in Wilde vollzogen 20 haben und der Augenblick seines angeblichen Todes und Beerdigtwerdens gäbe für Sie und mich das Signal ab dafür, daß der Verschwundene seine Umkehr in die Tat umgesetzt hat. Ist es nicht so? Sie haben indes sicherlich gehört, daß Wilde kurz vor seinem Tode katholisch geworden ist. Diese Prozedur war wohl nichts weiter als das Bemühen eines schlauen Komödianten, seinen gut vorbereiteten Abgang von der Bühne möglichst wirkungsvoll einzuleiten?« »Nein, ich glaube in Wildes Katholizismus den Beweis dafür zu haben, daß er weiterzuleben gedachte. Ich kenne einige Künstler in England und weiß, wie sie unter ihrem Protestantismus seufzen. Vielleicht wollte Wilde nur sein Erdenleben in einer erhobenen, frei gesteigerten Form weiter führen, sich als Phantasiemensch nicht mehr mit den Wahrheiten des kleinen Einmaleins herumschlagen und wurde katholisch aus dem Grunde, aus dem ein aufgeklärter katholischer Priester, den ich in Rom kannte, es ein für allemal ablehnte, über das Dogma der unbefleckten Empfängnis, der Unfehlbarkeit und so weiter zu debattieren – aus Bequemlichkeit, sagte er, in Wahrheit, weil die Flügel an seinen Schultern schon anfingen, etwas lahm zu werden.« 21 »Vielleicht ist Wilde katholisch geworden, ganz einfach um seinen Selbstmord, den die Kirche ja verbietet, zu verheimlichen.« »Oh, Selbstmord, Mr. Curle?!« »Nun, ebensowenig es sich mit Sicherheit feststellen läßt, ob einer richtig begraben wurde oder nicht, ebensowenig genau kann man nachweisen, ob einer des geruhsamen oder des schlimmen Todes gestorben ist, wenn's der Verstorbene nur einigermaßen geschickt angefaßt hat. Wilde hatte alle Ursache, seinen Selbstmord zu vertuschen. Er hat den Selbstmord als die schmachvollste Art der Kapitulation des Einzelnen vor der Gesellschaft verworfen!« Ich sah Herrn Curle an. Vielleicht wurde ich jetzt erst seiner ganz verblüffenden Ähnlichkeit mit Wilde gewahr. »Wie, glauben Sie, Mr. Curle, hätte Wilde denn weiter gelebt, wäre er hinter dem Rücken der Menschen von den Toten auferstanden?« Herr Curle sah mich mit lustigem Zwinkern an, führte eine italienische Handbewegung aus und sprach: »Schwer zu sagen, Sir! Es gibt nur einen Präzedenzfall und den haben die Theologen verpfuscht. Auf jeden Fall ist das Ableben ein Erlebnis schwerwiegender Art, es muß dem, der's aushält, gestattet sein, sich auf die ihm eigenste 22 Weise aus der Affäre zu ziehen. Ich denke, ein höflicher und geistvoller Mann wird nach seinem Tode nicht ruhen, ehe er eine Dankesschuld von sich gewälzt hat, die er bei Lebzeiten nicht abtragen konnte. Ich meine: Wilde wird vor allem beim Lord Queensbery vorgesprochen haben, der seinen Prozeß, die späteren Ereignisse und somit auch Wildes Erlösung von der Mitwelt in die Wege geleitet hat. Es ist aber gar nicht unmöglich, daß er den zu Reading hingerichteten Reiter in der Kgl. Leibgarde, C. T. W., dem die Zuchthausballade gewidmet ist, aufgesucht hat . . .« »Man hat Wilde kurz nach seinem Tode in Amerika gesehen!« »Das halte ich für durchaus unwahrscheinlich. Wer Oskars Briefe aus Amerika und die Abneigung, die er gegen die Staaten hegte, kennt, wird es von einem Manne von Geist nicht erwarten, daß er sich gerade dort versteckt, um alle Zweifel an seinem irdischen Tode verstummen zu machen. Man hat ihn, soviel ich weiß, in Avignon, in Turin, in Rom, in Tanger gesehen, all dies beweist natürlich nicht das geringste.« »Nein, in der Tat, nicht das geringste. Denn ich habe ihn ja heute im Palazzo Pitti gesehen und sogar besucht.« 23 »Teilen Sie das einer Ihrer deutschen Zeitungen mit und man wird Sie für einen nicht ernst zu nehmenden Menschen erklären, wahrscheinlich für einen Narren, den man binden sollte.« »Ich kann's auch einer französischen Zeitung mitteilen!« »Man wird den Verstorbenen für einen sacré farceur erklären und sich weiter nicht aufregen!« »Teilte ich's einer englischen Zeitung mit –« »Es würden nur ein paar Tische in Bloomsbury und Pimlico, deren Beruf das Sichdrehen ist, in Bewegung geraten, sonst niemand.« »Übrigens unterschätzen Sie die mögliche Wirkung auf die Gemüter in Deutschland. Man ist dort sehr hinter solchen Sensationen her! Theater, eine Schar, würde Wildes Schauspiele wieder aufs Repertoire setzen!« »Bitte sprechen Sie mir um Gottes willen nur nicht von Wildes Theaterstücken!« »Wilde ist nämlich nach seinem Tode in Deutschland populär geworden.« Herr Curle, mit allen Zeichen tiefsten Abscheus: »Er hatte also nicht nur recht, sich beizeiten davon zu machen, er hat auch guten Grund, nicht körperlich aufzuerstehen. Die Popularität – ha! – ich will nicht sagen die Popularität in Deutschland, ich 24 will im allgemeinen sagen: die Popularität, Sir, ich will Ihnen etwas Heiliges aus einem Narrenleben verraten: die Tragik in Wildes Leben ist nicht in den gewiß furchtbaren Begebenheiten während seines Prozesses und in den nachfolgenden zu suchen. Das Tragische in Wildes Leben hat sich während seiner Glanzzeit begeben. Er hat zu viele weltliche Vorteile, zu viel Eitelkeitsnutzen aus seinen Fähigkeiten gezogen. Als er dies einsah, kam das Grauenhafte über ihn: er fing die Welt, in der er lebte, er fing sich und vor allem seine Werke um ihrer Wirkung willen zu verachten an. Er beschloß, diese Welt, die ihm sein eitles Bild entgegenwarf, wie einen Spiegel mit einem Schlag des Spazierstockes zu zertrümmern. Er beschloß, ins Fegefeuer hinabzusteigen, um später geläutert die Werke aus den Träumen seiner Jugend schaffen zu können – aber o weh! Er stieg verbrannt aus dem Feuer und nicht geläutert, starrte in den Spiegel und entsetzte sich, als er sein Bild darin nicht mehr erblickte. Die Sucht zu glänzen, Mittelpunkt und ein Erreger des Neides zu sein, saß zu tief drin im Blut seiner Pulse; um sein Selbstbewußtsein bis zu dem Grade zu erhitzen, bei dem seine Dichterkraft zu quellen, zu brausen anfing, benötigte er Beifall und Staunen um sich herum. So wurde Wilde ein 25 Schönsprecher, Witzbold und Anekdotenborn der Kneipen und Kaffeehäuser, vor Leuten, die sich mit dem Gesicht gegen die Wand setzen, um nicht von sich sagen zu hören: ei, sieh da, ich habe den ja neulich mit Wilde gesehen! Und die Werke, die hellen Werke alle blieben ungeschrieben. Da sagte sich eines Tages dieser gewitzigte Geist: So billig hält Gott eben die Buße nicht feil – das ist es. Für jene, die ihre Person zu weit in den Vordergrund gedrängt haben, bis an den Platz, wo nur das Werk aber nicht sein Schöpfer stehen darf, für sie gibt's nur eine Sühne, nur ein Zurücktreten: den Tod, das radikale Verschwinden.« »Und dennoch – Howard Curle?« Herr Curle lachte leise in sich hinein, ziemlich lange. Endlich sprach er: »Wie war das doch, was Sie am Anfang unseres Gesprächs von dem Mann sagten, der seine Bestimmung . . . wie war das doch?« »Ich meinte den, der seinen Platz im Leben nicht zu finden vermocht hat und eine Pose auf sich nimmt, um endlich als Einer dazustehen, ungefähr . . .« »Ich wollte sagen, das ist nicht übel gedacht, wenn auch etwas schwunglos ausgedrückt. Was würden Sie zu einem sagen, der sich die amüsante und lohnende, immerhin etwas unbehagliche Aufgabe 26 gestellt hätte: den Menschen eine Lehre zu erteilen, indem er sie mystifiziert, weil er weiß, daß das Geheimnisvolle eine ungleich stärkere Suggestion ausübt als die bestgefügten Worte es je könnten?« Mr. Curle warf sich in die Brust und sprach: »Ja, jawohl, beim Jupiter, Ausdauer, Verschlagenheit gehören schon dazu, um eine derartige Gegenwart aufrecht zu erhalten. Und noch etwas, gewiß, noch etwas mehr . . .« »Sie wollen doch nicht sagen, Sir, daß Sie von Gründen der Menschenliebe, von erzieherischen Gründen sich bestimmen ließen, als ein posthumer Oskar Wilde herumzugehen?« »Wir vergeuden den wunderhellen Junitag, mein Herr, wir vergeuden ihn. Lassen Sie mich kurz sein: die Methode des Lebens, die ich Ihnen da expliziert habe, ist eine Methode, die sich ein ganz phantasiearmer Kopf zurechtgelegt hat und gewiß nicht des Mannes würdig, der von sich sagt: » . . . he who lives more lives than one, more deaths than one must die. « Dies müssen Sie als untrüglichen Beweis dafür gelten lassen, daß ich der Mann bin, dessen Namen Sie auf dem Schild vor meiner Tür gelesen haben und niemand anders. Nur werden Sie jetzt vielleicht etwas besser von mir denken, als vor einer 27 Viertelstunde und das also wäre gewonnen. Denn ich habe Ihnen klar gemacht, wie hier einer seine Pose nicht eigentlich um seines eigenen Nimbus willen auf sich genommen hat, sondern um diesen Nimbus einem andern zu verleihen, der nicht mehr fähig ist, ihn sich selber zu erwerben. Dies ist übrigens der einzige, mir bekannt gewordene Fall, in dem aus einem Dandy ein Heiliger geworden ist. Eine Figur, die der arme Oskar hätte verewigen sollen!« »Sie werden mir aber zugeben, daß Sie gefallen sind, ins Unheilige, sehr Menschliche, Unterdandyhafte, soeben! da Sie mir gestanden, nicht Wilde zu sein. Wenn es die höchste, unverbrüchliche, einzige Pflicht des Dandy ist, in seiner Rolle zu bleiben, so steigert sich diese Pflicht mit ihm ins Heilige empor. Ich brauche jetzt bloß hinzugehen und einem Freunde, der im Hotel auf mich wartet, mitzuteilen, daß ich dem Wilde aus Avignon, Tunis und Turin persönlich begegnet bin, und daß es niemand anders ist als ein Herr Howard Curle, begabt mit einer erstaunlichen Ähnlichkeit mit Wilde und der es im übrigen selber willig zugibt, Herr Howard Curle zu sein – – die Legende ist weggeblasen, und Sie sind der letzte und infamste, entlarvte Snob und ein Spott der Welt!« »Sie haben unrecht. Sagen Sie es getrost, 28 beweisen Sie es unwiderleglich, daß ich Howard Curle bin und nicht der andere – die Menschen werden erst recht an die Legende glauben!« Er hatte sich erhoben und geleitete mich zur Tür. Ich: »Es ist furchtbar, was Sie da von den Menschen sagen!« Herr Curle: »Man muß gestorben sein, um das von den Menschen zu wissen.« Ich: »Und wer das von den Menschen weiß, kann gar nichts Klügeres tun, als sterben.« Herr Curle: »In der Tat, Sir, jawohl, jawohl. Guten Tag.« 29     Scab Auf der Jeffersonstraße war immer noch Geschrei und Gebrüll. Einmal konnte man es näher hören, einmal war es weiter weg. Einmal war es auch ganz in der Nähe. Es wurde geschossen. Und immer, nachdem geschossen worden war, ertönte das Gebrüll wütender, die Schüsse schienen die Mordlust der Menge aufzustacheln, gewiß wäre das Gebrüll in Jauchzen umgeschlagen, hätte die Menge ihre Mordlust befriedigen können. Durch das Tor des Stalles kam, unten durch einen Spalt, ein wenig Licht herein. Tom hockte vor dem Spalt und besah sich den frischen Riß in seiner alten schäbigen Hose. »Willst deine Hose flicken?« sprach einer aus dem Dunkel hinten, wo der Schiebkarren und die Fässer standen. »Wird noch gut genug sein für den Scheiterhaufen, wenn sie uns zu packen kriegen.« »Schrei nicht,« erwiderte Tom, »brauchst nur zu schreien und sie haben uns.« Er hatte ein derbes, scharfklingiges Taschenmesser aus der Tasche gezogen und trennte die herunterhängenden Fäden von dem Riß, so daß der Stoff nicht in Fransen herumschlotterte, sondern in einem Stück. Dann schlich er sich von der Tür weg auf einen Haufen Stroh am andern Ende des Stalles. Dort saß er und kraute nachdenklich in seinem harten, verfilzten 32 Kraushaar herum. Daweil hatte der andere hinter den Fässern still vor sich hin zu greinen angefangen. Gurgelnd kam Weinen aus seiner rauhen Kehle heraus, unterdrückt und dann plötzlich hervorplatzend. Wenn's dunkel ist und man sein Gesicht nicht sehen kann, dann weiß man nie, lacht oder weint der Neger. Lachen und Weinen klingt gleich aus diesen kollernden und tierischen Kehlen herauf. »Hast du Angst, daß du so weinst?« frug Tom mit Verachtung. Er klappte sein Messer auf und zu, auf und zu, dieses Geräusch machte den andern noch aufgeregter. »Wenn sie dich mit einem Messer in der Hand erwischen, dann machen sie uns beide ganz gewiß kalt. Jetzt können wir nicht zurück zu den Alten. Was wollen wir jetzt machen. Wir können nicht zurück! Wenn sie uns erst nach acht Tagen oder nach drei Wochen sehen, das ist ganz gleich, wir werden ganz bestimmt auf den Ast geknüpft oder verbrannt bei lebendigem Leib, wie sie es voriges Jahr mit Morton Haregrow gemacht haben, gewiß, oh . . .« »Wer der Teufel hat dich auch geheißen, mit dem Aas von Grover herumzulaufen.« »Er hat's ja gar nicht getan. Er hat's ja gar nicht getan!« 33 »Weißt du sicher?« »Sicher.« »Er schaut aber so aus, als ob er's tun könnte. Vielleicht hat er es diesmal nicht getan, aber vielleicht war er es, der letztes Jahr am Unabhängigkeitstag Annie Weltmann überfallen hat, – damals wie sie Ben Toolemach aufgehängt haben dafür . . . Hat er dir nichts gesagt?« Der hinter den Fässern hörte nicht auf, zu gurgeln und zu winseln. Draußen waren die Lärmenden weiter gelaufen. Jetzt war Ebbe in der Wut des Volkes. Ganz von ferne hörte man aber noch einmal Geschrei aufflackern, vielleicht waren sie einem auf den Fersen, vielleicht hatten sie einen. »Hast du das Weib gekannt?« fragte Tom, als es wieder ruhig war. Wie in einer Trommel hörte man alles von draußen, aus der Nähe und ganz von weit her. »Was war das für eine? War sie für Weiße zu haben?« »Nein, sie war noch zu jung. Ich hab sie gesehen über die Gasse. Sie hatte rotes Haar und ganz weiße Haut und kleine braune Flecken auf dem Gesicht. Ihre Mutter ging waschen, aber sie konnte Klavier spielen. Es waren Irländer.« »Ich hab mal für eine Weiße ein Paket 34 getragen. Ich hab es hinter ihr getragen. Sie hat seidene Röcke angehabt. In ihrem Zimmer hab ich beim Tisch gestanden, wie sie das Paket mit der Schere aufgeschnitten hat. Draußen im Gang waren Leute, aber drin im Zimmer war niemand, nur sie und ich.« »Ich hab einmal durch ein Schlüsselloch gesehen, wie sich drin eine Weiße ausgezogen hat. Sie hat ihr Hemd ganz hochgezogen und hat ganz feste Brüste gehabt und große rote Monde. Die Frau, bei der Sasie in der Küche ist.« »Horch . . .« »Eine Ratte!« Dann schwiegen beide still. »Wann hast du gegessen?« frug Tom mit hungrigem Ausdruck. »Heute.« Dann ging's wieder mit Winseln los. »Ich nicht. Nichts noch heute, kein Frühstück.« Er tastete auf dem Boden herum. »Hier gibt's wohl nichts . . .« »Vor Nacht können wir nicht hinaus. Wer weiß, ob nachts. Sie werden gewiß wieder in Patrouillen herumstreifen die ganze Nacht, diese weißen Bestien. Wenn sie bis zur Nacht keinen von den Unsern haben, dann trau ich mich nicht hinaus.« 35 Es verging die Nacht und der folgende Tag, und erst wie es wieder Nacht wurde, machten sie leise die Tür auf und nahmen Abschied. Irgendwohin hinaus machte sich Tom auf den Weg. In dem alten verfaulten Schuppen waren sie vom Gestank halb betäubt dagelegen am Ende, zwischen dem schimmligen Lehmhaufen und einer alten morschen Egge, an deren Holz wie an dem Holz der Fässer sich Mäuse und Ungeziefer gütlich taten. Die Pausen zwischen dem Hunger waren Schlaf und leise blökendes Weinen. Aber jetzt war der Holzriegel zurückgeschoben und die Türe des alten Schuppens knarrte und schwang hin und her im Nachtwind.   Tom saß auf einem Meilensteine zur Seite der weißbestaubten Chaussee und hatte die Hände in den Hosentaschen. Es mochte halb acht abends sein und er war müde. Hungrig war er nicht mehr, überall gab's was zu stehlen, überall lagen Bananenschalen, faule Feldfrüchte oder Äpfel, überall gab's Nigger, aber auch Weiße, von denen man etwas zu beißen bekommen konnte, obzwar die Weißen in einem schwarzen Gesicht die eingefallenen Hungerbacken nicht so erkennen können wie die von der eigenen Farbe. 36 Alles, was Tom aus der Geographie wußte, war: daß es hier, wo er jetzt durchkam, viel weniger Schwarze gab als daheim, und daß sie sogar auf den Trambahnen mit den Weißen auf derselben Bank sitzen durften, das war ganz wunderlich. Tom war über Landstraßen gegangen, dann, wenn plötzlich ein weißes Gesicht ihm Angst eingeflößt hatte, querfeldein mit gebogenem Rücken durch Gebüsch dahingeschlichen, an Ortschaften vorbei, kleinen verstreuten Häusergruppen, immer im Bogen außen herum, über eine Brücke und noch eine Brücke. Die eine war sehr lang und die andere ganz kurz. Einmal hatte ihn eine Hochzeitsgesellschaft von Negern, die in einem großen Leiterwagen auf eine schöne Stadt in der Nähe zufuhr, ein ganzes Stück lang mitgenommen. Aus Mitleid hatte man ihn aufgegabelt und beim Kutscher vorn aufsitzen lassen. Als die Stadt in Sicht kam, mußte er herunter, er war ja auch zu zerfetzt. Aber von dem Geld, das die Gesellschaft ihm zugesteckt hatte, konnte er sich dann eine ganze Woche lang halten, ja sogar einmal eine Strecke mit der Bahn fahren, nachdem er sich vorher in einer Bar beim Bahnhof angetrunken hatte. Jetzt, wie er auf dem Meilenstein saß, war er wieder niedergebrochen. Er saß auf dem Stein, und wenn sein Gehirn dazu fähig 37 gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich überlegt. Aber es war nur neblig und verworren in seinem schwärzlichen Negerkopf. Ein paar Vorstellungen und Erinnerungen wühlten sich träg und schläfrig durcheinander; Zorn und Bitterkeit legte sich wie eine zähe Asphaltmasse um sein Gehirn herum und blieb auf allen Poren seines dumpfen Wesens liegen, so daß er nicht Atem schöpfen konnte inwendig. Es war ihm unrecht geschehen, das war sicher. Das heißt, man hatte ihn verfolgt und wollte ihm an den Leib wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hatte. Wenn man ihm damals an den Leib gegangen wäre, wie er das Huhn gestohlen, die Milch ausgetrunken, die Postpakete vom Briefkasten heruntergeholt und die Marken von den Umschlägen weggerissen hatte, – das wäre nicht unrecht gewesen. Aber jetzt konnte er nicht mehr zu den Alten im alten Holzhaus daheim und nicht zu den Geschwistern mehr heimkehren. Toms schmutziges Gesicht war naß von Tränen. Er gluckste und gurgelte laut und seine Tränen fielen über die vorstehende Oberlippe hinunter durch die Luft auf die Überreste seiner weißgelaufenen Stiefel, die er an seinen Füßen mit Spagat 38 umwickelt und zugebunden trug, und machten schwarze Flecke auf den Schuhen. Daheim in der alten Hütte, wo Küche und Wohnzimmer derselbe Raum für acht Menschen, sechs Erwachsene und zwei Kinder, war, hatte er's nicht sehr gut gehabt alle Tage. Hie und da waren nur sechs oder auch nur fünf zu Hause, aber das dauerte nicht lang. Die Familie hatte keine große Ausdauer in der Arbeit, und kaum war einer oder eine ein paar Tage lang draußen gewesen auf einem »Job«, so kam er oder sie auch schon bald wieder mit hängenden Mundwinkeln zurückgeschlurft und die breiten Hände baumelten ihnen resigniert an den langen Armen herunter. Aber in der großen geblümten irdenen Schüssel gab's immer etwas zu essen, ein pappiger fester Brei mit ein wenig Kohlblättern oder Gemüse drin oder auch ein Stück irgendwoher geholtes Fleisch. Die Alten keiften wohl, aber das taten sie doch immer, ob sie Ursache oder keine hatten; im Grunde waren sie gutmütig und leicht versöhnt. Und mit den beiden Kleinen, die komisch und flink waren, konnte man tagelang herumspielen und sich köstlich unterhalten. » Ol' dad! Ol' mamie Sue!! « Nicht wiedersehen. Nicht mehr. Es schüttelte ihn, so oft er diese Worte 39 aus sich heraus stieß, vor sich hin sprach, flüsterte, stotterte oder brüllte, je nachdem der Schmerz in ihm anschwoll oder nachließ. Er wurde immer unglücklicher und es wurde ringsum immer dunkler. Schließlich ließ er sich wie ein Stück Stein oder einen Sack Sand von seinem Meilenstein in den Graben hinunterkollern, wo er im Gras unter der Chaussee in tiefem und gesundem Schlaf neun Stunden lang liegen blieb, bis in alle Gottesfrühe hinein, mit offenem Mund, der ganz weiß ausgepolstert war vom Staub, den die vorüberfahrenden Karren und Automobile auf der Chaussee emporwirbelten.   Toms Schuhe waren, als er auf ihnen in Trenton im Staate New Jersey angelangt war, bis auf ein Stück brüchiges Oberleder zusammengeschmolzen. Zeitungspapier, vielfach zusammengelegt, ersetzte die Sohlen. Der Spagat hielt. In Trenton aber hatte Tom unter der Brücke an der Kanalböschung ein Paar Schuhe gefunden, von dem der rechte einst ein Knöpfstiefel gewesen war, der andere aber ein noch ganz gut brauchbarer Halbschuh. Dieses Glück nahm Tom als beste Vorbedeutung auf und zog mit erneuter Hoffnung auf die letzte Etappe seiner Reise los. 40 Am Dienstag abend war er in New York, der Stadt, von der im Kreis der Angehörigen um die geblümte Schüssel schon immer die Rede gewesen war, – und die er wahrscheinlich nie gesehen hätte, wenn das Leben ihn nicht gezwungen hätte, von der guten alten Schüssel fortzulaufen. Von der Stadt New York hieß es, daß es in ihr immer Jobs für Nigger gibt, daß man dort seit Menschengedenken keinen Nigger gelyncht hat, ja, daß sogar, was noch merkwürdiger war als die gleiche Bank für Weiße und Schwarze auf der Trambahn in Maryland, große und hohe Häuser in der Stadt standen, darin Schwarze und Weiße zusammen ihre Wohnungen hatten. Im selben Haus, auf demselben Stockwerk, sogar in Zimmern nebeneinander. »In New York gibt's immer einen Job für Nigger!« – – Ein Job! ein Job für Tom! Dollar in der Tasche und einen neuen Anzug und ein Paar Schuhe vielleicht! Vor der Fähre am Hudson stand er und wiederholte die Worte in sich, gaffend und mit offenem Mund und runden Augen hinüberstarrend auf die Häuser – Türme, Berge von Häusern, unermeßlich große Häuser, große löcherige Häuser, riesige Häuser drüben an der Südspitze von Manhattan. Auf dem Weg von Trenton hierher 41 bis ans Wasser in Hoboken waren überall Nigger mit allen möglichen Arbeiten beschäftigt gewesen; aber drüben, wo die großen löchrigen Häuser standen, die riesigen eckigen Häuser, dort war es, das war New York, von dem daheim in der alten Hütte die Rede ging, daß es dort immer Jobs für Nigger gäbe. Dort hinüber mußte man, denn dort waren die Jobs, Dollar in Toms Tasche. Fähre kostet Geld, aber es war nicht die erste Fähre seit Virginien. Das machte man so: es standen da Wagen hinten in der Reihe, wartend, und hinter dem letzten sah niemand zu. Mit einem Schwung konnte man sich oben zwischen den leeren Blechkannen im Wagen verkriechen und drüben dann auf der andern Seite des Wassers hinausspringen, ohne viel mehr dabei zu riskieren, als einen Fußtritt oder einen Peitschenschmiß oder im besten Fall einen Fluch hinterdrein. Dann hui! um die nächste Straßenecke. Tom schlich um die letzten Wagen in der Reihe herum und wartete auf eine Gelegenheit. Plötzlich stand jemand neben ihm und sagte: » Want a job? « Tom streckte die Zunge aus dem Mund und kniff die Zähne um die Zunge zusammen. Ihm war fast schlecht vor Staunen geworden. Er wußte nicht, was das heißen sollte, wie ihm geschah. Mit 42 langsam hin- und herschwingender Zunge leckte er sich die Oberlippe blank. Der Mann war ein dicker, weißer Amerikaner mit fleischigen Fäusten, die wie Beulen aus den Hosentaschen seines großkarierten Anzugs sich herauswölbten. Er hatte einen runden steifen Hut auf seinem breiten Kopf sitzen, hinten in den Nacken geschoben. Aus seinem Mundwinkel stach ein Zahnstocher heraus, den er dann mit einem Strahl von gekautem Gummi auf die Straße spuckte. Tom erinnerte sich nicht, in seinem ganzen Leben in solch menschenfreundlicher Absicht von einem Weißen angesprochen worden zu sein. Er hob seine rechte Hand mit der Fläche nach außen zu seinem Kopf und grinste ungläubig über sein ganzes Gesicht. » Got a job for me? Haben Sie Arbeit für mich, Boß?« Der Amerikaner riß den Mund auf, kratzte mit dem kleinen Finger hinten an einem schadhaften Zahn in seinem breiten Oberkiefer, kniff die Augen zu und drehte sich zum Gehen um. Dabei hörte Tom etwas aus dem aufgesperrten Mund, das wie » come along « klang. Er ging hinter dem Amerikaner her, der an dem Schalter für sie beide den Überfahrtspreis erlegte; dann 43 schoben sie sich die Barriere entlang der Fähre zu, aus der auf der andern Seite der Barriere die Angekommenen in entgegengesetzter Richtung nach Hoboken vorwärts drängten.   In New York drüben, zwei Straßenecken weit von der Landungsstelle standen in einem wahnwitzig übelriechenden Gäßchen zwei Reihen von hochräderigen Karren, die mit dürren Kleppern bespannt waren, knapp an die schimmligen Türen der Häuser gedrängt, in einer Brühe von schwarzem fettigen Unflat. Zwischen den beiden Reihen war eine Kette von Cops aufgestellt, d. h. »Kupfern«, coppers , breitschulterigen blauen Polizisten mit blanken Kupferknöpfen auf ihren Uniformen. Der schmale Raum, der vom Pflaster des Gäßchens zwischen den beiden Karrenreihen übrig blieb, war ganz von Cops besetzt; jedem hing von einem gelben Ledergürtel eine gelbe, gewaltige Revolvertasche die Hüften herab. Der karierte Amerikaner puffte Tom die Reihe entlang vorwärts, zwischen den Cops, vor sich hin, bis er ihn in den Torweg eines langgestreckten niederen und schmutzigen Hauses hineingepufft hatte. Tom erhielt einen Dollar sowie zwei breite 44 Lederfäustlinge und mußte sich in eine Reihe mit ähnlich zerfetzten und verhungerten Niggern stellen, die auf dem Hof des Hauses warteten, und bei denen er sich erkundigen konnte, was da eigentlich los sei? Ob man sie einsperren würde, oder ob sie Geld verdienen würden? Die Cops und die Dollarzettel zugleich waren ein Problem, vor dem Toms Begriffsvermögen gleich von vornherein kapitulierte. Aber ehe er noch aus den Niggern ringsum eine Antwort herausbekommen konnte, kam eine Patrouille von berittenen Cops dröhnend durch den niederen Torweg hereingeritten. Die Nigger setzten sich in Bewegung, Tom wie die Vorderen. Als die Reihe an ihm war, machte er es den andern nach, stieg vorn auf den Karren hinauf, zog die Fäustlinge über seine Hände, knallte mit der Peitsche über die Zügel und der Klepper hob die Ohren. Vorwärts ging's in einer langen Kette, so gut es das enge Gäßchen, die schmale Gasse um die nächste Ecke herum und dann die winkligen und ebenso engen Straßen weiter in die Stadt hinein zuließen. Zwanzig, dreißig Karren und mehr noch, leere Karren, auf jedem oben ein schmieriger und verhungerter Nigger mit Fäustlingen an den Händen und einer Peitsche schräg vor der Nase. Zu beiden 45 Seiten jedes Karrens je ein wohlgenährter und imposanter Cop, der auf einem feisten, gelbgezäumten Gaule fest und sicher einherritt. Hier und dort vor den Schnapskneipen, an einer Straßenecke, in einem Torweg, standen kleine Gruppen von Männern in schäbigen Anzügen, mit finsteren Gesichtern herum. Man konnte genau sehen, wie die Cops und ihre Pferde nervös wurden, die Männer sich in die Brust warfen, die Gäule unter den angezogenen Schenkeln ihrer Reiter zu tänzeln anfingen, so oft der Zug an einer dieser Menschenansammlungen vorüberkam. Die Revolvertasche am gelben Riemen machte einen kleinen Sprung mit. Hie und da bemerkte Tom, daß einer aus der Gruppe oder auch mehrere ihm etwas zuriefen, etwas, was ihn betreffen mußte, denn ein wuterfüllter, blasser Blick schoß ihm über dem Wort, das ihm galt, direkt zwischen die Augen. Aber da er sich mit einem Blick nach vorne vergewisserte, daß die Nigger auf den andern Karren sich auch nicht weiter an diese Worte und Blicke kehrten, bewahrte er seine Ruhe, und hieb wohl noch als einzige Antwort eins mit der Peitsche dem Klepper die mageren Rippen lang. 46   Genau drei Tage später, als Tom am Abend in sein Logierhaus zurückkehrte, wo er mit den Niggern von den andern Karren auf Schlafstelle war, hatte er in seiner Tasche drei zusammengeknüllte Dollarscheine und einen halben Dollar in Silber, Nickel- und Kupfermünzen bei dem Taschenmesser stecken – eine Summe, so groß, wie er bis zu diesem Abend noch keine sein eigen genannt hatte. Er sagte sich mit nicht geringer Genugtuung: auch keiner von seinen Leuten daheim hatte jemals soviel beisammen in seiner Hosentasche getragen. Obzwar die Schlafgenossen ihn nicht wenig aufzogen wegen des ungleichen Paars von Schuhen an seinen Füßen, beschloß er, morgen in der Mittagspause doch, statt zu einem Schuhtrödler, auf das Postamt zu gehen und einen Teil seines Verdienstes an die Alten in Virginien zu schicken, damit sie sehen mögen, daß er noch lebte und daß es mit ihm sogar all right vorwärts ging in der Welt. Unter dem weißen Volk! In der großen Stadt, die keiner von der Familie noch jemals gesehen hatte. In der großen Jobstadt unter den weißen Bosses! Ihm armen elenden kleinen Nigger, der daheim unter den Ferkeln, ungebildet wie ein Ferkel großgewachsen war, gut genug um herumgejagt und schließlich gebraten zu werden auf dieser heißen Erde des weißen Herrgottes. 47 Im Schlafsaal saßen zwei Nigger auf dem Bett Jerry Nolans, Toms Schlafnachbarn. Ein paar andere standen um die beiden herum, es war ein lautes Geschwätz im Raum. Jerry kam heute nicht zum Schlafen heim. Er und Gus, der breite kurze Nigger mit den vier fehlenden Vorderzähnen, beide lagen heute steif und mit verbundenem Kopf, verbundener Schulter, im Lazarett an der Achtzehnten Straße. Jetzt, da die Cops die Müllkarren nicht mehr begleiteten, hatte Jerry von einem Weißen mit einer nägelbespickten Latte eins über den Kopf bekommen. Auf Gus gar hatte man geschossen an der Ecke von Madison Square und der Fünften Avenue. Tom setzte sich mit verwirrtem Gesicht auf sein Bett und frug: »Lynchen sie jetzt die Nigger auch in New York?« Ein alter Bursche mit weißem Kraushaar über seinem ölbraunen Gesicht sperrte den Mund auf und seufzte: » It's the Lock-out! Die Aussperrung! Das ist die Aussperrung!« Einer auf Jerrys Bett wußte zu erzählen, daß drüben an der Ostseite in manchen Straßen der Mist seit einer Woche fußhoch auf der Straße liege, weil es zu gefährlich war, die Karren, sogar unter Polizeibedeckung, in jene Gegend zu schicken. Der 48 Alte meinte, das sei ganz gut, denn das bedeute Arbeit für die nächsten Wochen hinaus, wenn man sich erst in der Bevölkerung beruhigt haben und die Karren unbehelligt passieren lassen wird. Billy Wintrop, der Nigger aus Oregon, hatte gehört, daß die Stadtverwaltung die ganze Müllabfuhr von nun an durch Nigger besorgen lassen wolle. Der große schwarze Boß von Harlem sei gestern vom Bürgermeister empfangen worden, das sei ein Zeichen, ein gutes Zeichen. Tom machte sich im Grunde wenig Gedanken über all diese schwerverständlichen Dinge. Daß irgend etwas bei der ganzen Sache nicht in Ordnung war, dämmerte ihm wohl. Die beiden berittenen Cops, die einen so wenig wertvollen Transport wie eine Fuhre Mist mit Revolvern bewachten. Die farbigen Hausknechte, die aus den Häusern beim Herannahen des Karrens die großen eisernen Mülleimer mit einem Knall auf den Rand des Bürgersteiges hinwarfen, um darauf gleich, wie von einer Schlange gestochen, husch! wieder in ihren Häusern zu verschwinden. Das doppelte Aufgebot von Schutzleuten, unten an der Landungsstelle der Kähne am Hudson, in die die Karren ihre Ladung umstülpten, damit sie sie nach dem Mistkrematorium bei Rockaway hinausführen. Über all diese Dinge 49 machte sich Tom wenig Gedanken. Morgen ging aus seiner Tasche ein mit rechten Dingen erworbener Dollar nach Virginien heim zu den Alten in der alten Hütte. Tom stand von seinem Bette auf, zog mit einem Ruck die Hose in die Höhe, stellte sich im Bewußtsein, einen richtigen Job und eine richtige Schlafstelle zu haben, pfeifend mitten im Saal auf. An der Tür des Saales war ein weißes Papier angeschlagen. Ein Neger buchstabierte den Wortlaut des Anschlags drei anderen vor, die an seinen Lippen hingen, als Tom hinzutrat und zuhörte. »Ihr Leute! Im Interesse Eurer Sicherheit ist es geboten, daß das Tor dieses Logierhauses um zehn Uhr geschlossen wird, und daß alle, die ins Haus gehören, um diese Stunde darin anwesend seien . . .« Tom hörte weiter nicht zu. Was weiter kam, waren die Namen von irgendwelchen Leuten, die den Niggern hier herumkommandierten, das war gewiß. Tom fühlte zum erstenmal seit langer Zeit wieder so etwas wie einen richtigen kräftigen Zorn in sich. Jetzt ahnte er ja, was es mit dem Lock-out, von dem der alte Bursche mit dem weißen Kraushaar gesprochen hatte, für Bewandtnis habe. Um zehn Uhr abends sperrten sie das Tor zu. Wer nicht da 50 war bis zu der Zeit, dessen Leben war nicht viel wert. So war es auf dieser weißen Welt. Schon einmal war er ja ausgesperrt worden! Nicht mehr in das alte Haus zurück! zu den Alten! Das war es, was die Nigger erwartete, überall in diesem Land, in dem der Weiße regiert. Tom fühlte sich aufgelegt, in der Zeit, die noch bis zehn Uhr übrig blieb, ein paar von den Nickeln und den Kupfermünzen aus seiner Tasche auf den Schenktisch der Bar an der nächsten Straßenecke springen zu lassen. Immer saßen dort ein paar Nigger herum und es war gut, ein wenig Whisky hinunterzugießen, um die Tränen, die die Gurgel heraufzusteigen drohten, zurückzuspülen in den Magen.   Eine Viertelstunde vor zehn wischte sich Tom den Mund und machte sich auf den Heimweg. Einige Nigger aus seinem Logierhaus, Müllkutscher wie er selber, blieben sitzen, er aber stand brav auf, sagte Gutenacht und ging in die Gasse hinaus. Es waren nur hundert Schritte oder so von der Bar bis zum Logis. Hinten die ungeheuren Häuser, dreißig Stockwerke hoch und höher, weiß und schimmernd mit blitzend sauberen Fenstern, trennten die Stadt, wie eine einzige hohe 51 Festungsmauer, von dem elend schmutzigen Hafenviertel ab. Die niederen, lang gestreckten Baracken, von Schmutz starrend, dunkelgrün verschimmelte Häuser, Speicher aller Art, Werkstätten und Geschäftshäuser, jetzt ganz verlassen, verliefen sich weiter in die langen, schmal ins Wasser hineinstechenden Piere, an deren Quadern die Wellen des Hudson sich in dumpfer Brandung flach schlugen, an deren Ketten und Tauen die hundert Schiffe der Transportlinien, überseeischen Dampfergesellschaften leise knirschten. Zwischen Speichern und Pieren bedeckten Abfälle die Räderspuren der Fuhrwerke, die tagüber den Schiffbäuchen Futter zuschleppten oder aus ihnen Futter ins Land hereinzogen. Diese Gegend der unteren Stadt, zwischen den eigentlichen Geschäftsstraßen und den Anlegeplätzen der Dampfer galt mit zu den übelsten New Yorks. Sie war nur zu vergleichen mit den östlichen Hafenvierteln am Eastriver, zwischen den großen Faktoreien, über deren Dächer hinweg sich die Brückenbogen riesenhoch nach Brooklyn und Williamsburgh spannten. Selten verirrte sich zur Nachtzeit jemand, den keine dringenden Geschäfte dazu zwangen, hierher in die verrufene Gegend. Selten sah man gut angekleidete Leute durch die engen, schlecht beleuchteten Gassen eilen und die waren entweder 52 Journalisten, die hier für ihre Zeitung etwas auszukundschaften hatten, oder aber Geschäftsleute, die irgendeine Sorge antrieb, ihr Büro in einem der Häuser da unten aufzusperren und sich nächtlicher Weile beim Schein eines Glühlichtes über ihre Bücher herzumachen und zu arbeiten. Tom ging den Weg durch die kleinen Gassen heiter und in guter Stimmung entlang. Ihm war diese schmutzige finstere Gegend die herrlichste Umgebung, in der er sich je befunden hatte. Es war die Stadt der Jobs und in dieser Stadt dahier hatte er sich eine richtige Fertigkeit angeeignet. Er war jetzt ein gelernter Kutscher und stand eine ganze Stufe hoch über dem keinerlei Gewerbes kundigen Grünhorn, dem frisch in dieser Stadt Angekommenen, der auf seiner Jobsuche in den Hafenkneipen eine klägliche Figur abgab. Ein bißchen schwankend und im Bewußtsein, ein richtiger gelernter Arbeiter zu sein, setzte Tom einen Fuß vor den anderen auf dem Heimweg zum Logierhaus. An der Ecke des Gäßchens wurde Tom von einem jungen Mädchen aufgehalten, das vor ihm stehen blieb und ihn ohne weiteres ansprach. Dieses junge Mädchen war in einem gutsitzenden hellen Sommerkleide und hatte einen dunklen Hut mit weißer Feder auf ihrem gewellten Haar. Ihre rechte Hand, von der der 53 Handschuh abgestreift war, streckte sich zart und schimmernd dem Niggerjungen entgegen. Ehe er sich dessen versah, hatte das junge Mädchen seine rauhe, schmutzige Hand erfaßt, geschüttelt und losgelassen, und die weiße zarte Hand umpreßte nun seinen Arm mit sanftem Griff, so daß Tom im Gehen innehielt. Zugleich fühlte er sich in ein offenes Tor hineingedrängt; dort blieb das junge Mädchen stehen und sagte: »Sie wollen in Ihr Nachtquartier gehen, Bruder, ich will Sie nicht aufhalten, nicht lange. Sie sind müde von der Arbeit des Tages und haben die Ruhe verdient. Sie werden gut schlafen heute nacht, denn wer ehrlich gearbeitet hat den Tag lang, darf bei Nacht gut schlafen. Aber vielleicht werden Sie doch nicht so gut schlafen, als wenn Sie wirklich ehrliche Arbeit getan hätten heut am Tage. Werden Sie nicht ungeduldig, teurer Bruder, hören Sie mich an!« Tom sah das Mädchen an und schwieg. Ein weißes Mädchen! Eine Weiße, die mit ihm allein bei Nacht in einem dunklen Tor in einer verlassenen Gasse beisammen stand und ihn anredete! Er wußte nicht, wie ihm geschah, und auch nicht, was er von diesem Abenteuer halten sollte. Er duckte sich, blickte nach dem dunklen Torweg hinter sich und in das Gäßchen hinaus, ob nicht weiße Männer 54 in der Nähe waren: ihm fielen plötzlich Gesichter ein von Virginien daheim, vom letzten Abend in der Heimat, wutverzerrte weiße Gesichter, vor Mordlust verdrehte mit Blut unterlaufene Augäpfel, aber auch Gesichter von New Yorker Straßenecken fielen ihm ein, weiße wutverzerrte Gesichter, die ihn voll Haß und Verachtung angestarrt hatten in diesen letzten Tagen. Mit einem rohen Ruck versuchte er sich aus dem Torweg in die Gasse hinauszuwinden. Seine Hand, durch deren schweißige Schwielen hindurch er noch den zarten Druck der weißen feinen Haut spürte, hatte er in seiner Hosentasche vergraben und umklammerte mit seinen Fingern die zusammengeknüllten Dollarscheine, das übrig gebliebene Kleingeld und das grobklingige Taschenmesser, die da beisammen hausten. »Seien Sie nicht zornig, weil ich Ihre Arbeit unehrlich genannt habe. Es ist eine anstrengende Arbeit, ich weiß es, aber das entschuldigt Sie nicht. Wenn Sie jetzt aus der Bar in Ihr Logis gehen, werden Sie sich vor dem Schlafengehen vielleicht einen Augenblick auf Ihr Bett niedersetzen und an die ehrbaren Menschen denken müssen, die Ihretwegen ihren Abendtrunk, nein mehr, ihr Brot und ihre Unterkunft verloren haben. Sie sind jung 55 und haben wahrscheinlich weder für Frau noch für Kinder zu sorgen. Aber teurer Bruder – jene, die heute nichts zu essen haben und nirgendwo wohnen können, weil Sie ihnen die Arbeit weggenommen haben, jene müssen für Frau und Kind sorgen und wie bitter ist es, daß sie es nicht können!« – Das Mädchen holte tief Atem und Tom, der mit offenem Mund dastand und sie ansah, merkte, wie sie die Lippen zusammenpreßte und wie ihre Augen schimmerten. »Glauben Sie's mir, ich kenne diese Heime. Ich komme aus diesen Heimen. Ich verbringe viel Zeit meines Lebens in Heimen von hart arbeitenden Menschen und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wenn's Arbeit für den Vater gibt, dann sieht es traurig in diesen Heimen aus, wie traurig erst, wenn's keine gibt! Lang darf die Arbeit nicht ausbleiben, denn dann bricht solch ein Heim zusammen. Und die Armen kämpfen um ihre Arbeit. Was aber tun Sie, lieber Bruder? Fühlen Sie denn nicht, daß Sie sich mit den Feinden, mit den elenden Schurken, mit den elenden schuftigen Ausbeutern verbinden, wenn Sie jenen Armen das Brot wegnehmen und vorenthalten, wenn Sie auf Ihrer unredlichen Arbeit sitzen bleiben und die 56 andern hungern daweil, aber der Ausbeuter lacht und sagt sich: es ist kein Mangel an Leuten, zu jeder Arbeit und zu jedem Lohn finden sich welche. Und so arbeiten Sie an dem Untergang Ihrer Brüder zugleich mit den Schuften, an dem Untergang!« Tom würgte an ein paar Worten in seiner Kehle; daß er kein Schuft sei, daß er ehrlich gearbeitet hatte für seinen Taglohn und daß er froh sei, einen Job zu haben und zu halten und in kurzer Zeit so gut erlernt zu haben, er war der hervorragendste von all den Müllkutschern dahier! und man wird ihn schon in den allernächsten Tagen zum Aufseher über die anderen machen, ganz gewiß! der Boß selber habe ihm das im Vertrauen gesagt – wo er daheim doch so gut wie ein Dieb gewesen war. Auch war er kein Verbündeter von Schuften, sondern die Nigger, mit denen er verbündet war, arbeiteten im Job ebenso ehrlich und für Geld, wie er selber. Sie waren keine Schufte, wenn die Weißen sie auch verbrannten, auf bloßen Verdacht hin, und sie aufknüpften, im besten Fall mit Flinten niederschossen wie herumirrende Hunde. »Kein Schuft!« stieß Tom aus seiner rauhen Kehle heraus und schüttelte den Kopf dazu. »Nein, kein Schuft,« sagte das junge Mädchen, »die Ihnen den Job gegeben haben, das sind die 57 Schufte! Die sind es auch, die die Schutzleute mit geladenen Revolvern ausschicken, damit sie mit Ihren Karren mitreiten und jeden von den Ausständigen niederschießen, wenn er einen von Ihren Karren angreifen will, wie's recht wäre!« Tom hörte nur halb zu. Was für Geschichten erzählte die ihm da? Er dachte an Gus und Jerry und was er heute abend über ihr Schicksal gehört hatte. Er wandte sich schließlich um und schaute dem Mädchen von unten hinauf ins Gesicht: »Uns Nigger schießt man tot!« »Teurer Bruder, wie sehr müßtet Ihr schwarzes Volk das gute Beispiel geben – – nicht den Erbärmlichsten unter den Weißen gleich handeln, damit die Weißen euch noch stärker verachten lernen, als sie es schon tun! O, wir leben in einer falschen grausamen Welt!« rief sie und preßte beide Hände, die weiße und die behandschuhte, auf ihrer jungen Brust zusammen. Der verirrte Schein einer Laterne in der Straße beleuchtete irgendwoher undeutlich ihr Gesicht und ihr welliges Haar. »O man kann nur leben, wenn man ein Beispiel gibt. Wenn ihr verfolgten, verrufenen Neger euren weißen Feinden das Beispiel der Menschlichkeit geben wolltet! Das wäre eine Lehre für diese Welt. So aber seid ihr immer zugegen, 58 wenn der Ausbeuter Scabs, Streikbrecher braucht, weil er seine anständigen Arbeiter nicht länger um ihren Verdienst betrügen kann, und sie darum lieber hinauswirft auf die Straße. Für jeden einzigen, der sein Brot verliert, seid ihr zu Dutzenden da, um es aufzuschnappen und es unter euch zu teilen.« Tom hörte schon lange nicht mehr zu. Draußen im Gäßchen waren zwei Nigger, Garry und Milligan, eilig an dem Tor vorübergelaufen, und es fiel Tom ein: die Stunde! zehn! der Maueranschlag in der Schlafstube: zehn Uhr! »Ich muß nach Haus!« Das junge Mädchen stellte sich ihm in den Weg. »Sie sind noch jung, Bruder, Sie tragen noch die Erinnerung an das Vaterhaus in sich! Denken Sie daran, wie es bei Ihnen zu Haus ausgesehen hat, und wie die Kinder hungern mußten, wenn der Vater seinen Job verloren hatte. Wir sind jung und wissen noch gut, was das heißt, als Kind hungern. Verhärten Sie sich nicht, denken Sie daran . . .« Aber Tom hatte sich freigemacht. Er hörte noch, wie das junge Mädchen rief: »Morgen suchen Sie sich eine andere Arbeit, Sie finden leicht eine andere, Sie sind ja noch jung! Morgen beim Erwachen sagen Sie sich 59 laut: ich will kein Scab sein! ich will kein Scab sein! Morgen beim Erwachen . . .« »Ich muß nach Haus, du Kind von einer . . .« Tom schrie ihr über die Schulter zurück den schmutzigsten Fluch zu, den er in seinem Leben gelernt hatte. Dann trollte er sich mit klappernden Schritten das Gäßchen lang um die Ecke. Stumm und mit niederhängenden Armen blieb das junge Mädchen vor dem Toreingang stehen. Sie sah Tom nicht nach, sondern blickte auf den Boden vor sich nieder. Ihre Brust tat ihr weh von dem Stoß, den ihr Tom zum Abschied versetzt hatte. Aber nicht von diesem Stoß waren ihre Augen voll Wasser geworden.   Tom stemmte sich gegen das Tor seines Logierhauses. Es half nichts. Es war zu. Tom lief es kalt über den Rücken. Das war der Lockout, die Aussperrung. Aus Leibeskräften fing er an, mit den Fäusten gegen das Tor zu trommeln. Dann hielt er inne und horchte atemlos. Drin kamen Schritte heran. Jemand fragte, was los sei. Tom nannte seinen Namen, bat, er möchte hinein. »Du verdammter Sohn einer Metze kannst wohl nicht lesen!« schrie 60 drin die Stimme, dann entfernten sich die Schritte. Eine Tür fiel ins Schloß, dann war's still. Das Tor blieb zu. Ich hab meinen Job verloren! sagte sich Tom. Ich hab meinen Job verloren. Einen Augenblick blieb er noch stehen, wo er stand. Aber er wußte, das nütze nichts mehr. Er hatte seinen Job verloren. Schwer und stupid wandte er sich um und trollte sich in der Richtung nach der Bar von dannen. Jetzt sollte das Geld, das er morgen nach Virginien schicken wollte, auf den Schanktisch fliegen! Als er um die Ecke ins Gäßchen mit der einzigen Laterne einbog, gewahrte er vorne die helle Jacke, die sich langsam entfernte. »Lady!« rief Tom in die Gasse hinein. Mit einem Ruck drehte sich das junge Mädchen um und kam rasch auf ihn zu. Ihr Gesicht war umgewandelt. Es leuchtete vor Überraschung, Erwartung, Freude . . . Tom ließ sie ganz nahe herankommen. Er fühlte nach dem Messer in seiner Tasche. »Ich hab meinen Job verloren!« sagte er heiser und schaute in das liebliche weiße Gesicht. »Teurer Bruder . . . .« Mit einem gurgelnden Laut hatte er sich über sie geworfen und zerrte sie nieder mit sich in den Kot der Gasse. 61     Mojave-Wüste Die Sonne geht auf über Mojave! Zu allen Tageszeiten, zu allen Jahreszeiten, immer weht der Wind über dem Sand von Mojave. Aus dem Norden von der Sierra Nevada her fegt es kalt über die Wände hinunter und streicht über die Gräser hinweg den Boden entlang. Oder es kommt aus dem Süden, wo die Bernardinokette steht, ein heißer Hauch und Wolken ballen sich wie große kupferne Kugeln über der farblosen Einöde. In großen Büscheln hart wie Borsten, steht Wacholder und Wermut im bröckelnden Sandboden. Hier war einst ein Meer. Und sonderbar geformte, wehende, atmende Wesen, halb noch Blume, halb schon Tier, schaukelten sich in der Strömung, wo jetzt die Gräser sich biegen und schütteln im Wind Mojaves. Lange weißliche Striche laufen wie Adern durch den gelbgetönten Sand. Es sind die Streifen von Minerallagern. Auf ihnen wächst nichts. Ihre Helligkeit tönt die Luft durchsichtiger, bläuliche Schatten zittern über ihnen, wenn's heiß wird, und dann ist es, als riesele der Wind wie flüssig gewordener Sand in den höheren Luftschichten über Mojave weg. Sobald die Sonne aufgeht, kommt eine Weile lebhaftere Farbe in die Atmosphäre; kleine bunte 64 Kobolde führen einen Tanz über den Grasspitzen auf, die unzähligen Schründe, Tafeln und Kuppen, Stufen und Schächte der Gebirge in der Ferne füllen sich für Augenblicke mit Schattenflecken an. Aber es lebt nichts und niemand, nicht Mensch und nicht Tier weit und breit, das Wunder der aufgehenden Sonne zu betrachten. Im Emporgleiten nimmt sie die Farben zurück in ihre blanke Scheibe hinein, und bald ist alles, Berg und Boden, Gras und Wind, in eine einzige gläserne Klarheit, in ein kahles, graugelbes Licht getaucht, in ein Licht, gesprenkelt von hie und da aufwirbelndem, staubendem, bald sich flach legendem Sand.   Zwei Silberlinien laufen eng beisammen über die Wüste weg. Je höher die Sonne steigt, um so schärfer durchschneiden sie das monotone Gelb und Weißgrau der gräserbestandenen Mulde. Die Schienen glitzern den Schein der Sonne zurück. Über dem längst gestorbenen Erdboden sind ihre geschliffenen und abermals und immer wieder geschliffenen Stränge das Einzige, was lebt. Von der Küste der Fruchtbarkeit Kaliforniens zu den Feldern der Fruchtbarkeit von Kolorado hinüber berühren sie fliehend die Wüstenei Mojaves. Wenn 65 die Sonne hoch über dem Boden steht, scheint es, als würde Mojave breiter. Es ist heiß und ein Geglitzer, ein Geflimmer und Zittern der Luft erfüllt das breite Bett des verschwundenen Meeres wieder mit wallenden Strömungen des Elementes, nur daß es jetzt Luft ist, nicht Wasser. Aber aus dem Westen kommt tief auf dem Boden schleichend eine schwarze Wolke näher und näher. Eisern klirrt die Wolke, dumpfes Gebrüll kündet ihr Herannahen an. Es ist der Zug. Wie eine dunkle Raupe frißt er die glitzernde Doppelschlange in sich hinein und speit dazu den schwarzen Rauch aus seinem Haupte lang hinter sich zurück. Mojaves Wind stößt sich an den Scheiben des Zuges wund, Mojaves Farbe zieht quer durch die Scheiben hindurch, zwischen denen hurtige kleine dunkle Gestalten leben und sich bewegen. Obzwar es noch früh am Morgen ist, ist das Treiben in den Wagen schon fröhlich im Gange. In den Waschräumen spülen sich noch ein paar verspätete Nachzügler ab, drin in den Pullmanwagen haben die Neger schon das Bettzeug zusammengerafft und die Schlafstätten wieder in bequeme Tagessitze zurückverwandelt. Der weißbekleidete Kellner aus dem Speisewagen läutet den Tag ein, indem er den ganzen Zug entlang gehend seinen eintönigen 66 Ruf erschallen läßt: » First call for breakfast! First call for breakfast! « Ein langer Reisetag durch eine Gegend, in der es nichts zu sehen gibt, steht den Bewohnern des Zuges bevor. Jeder hat neben sich auf dem Sitz Lektüre, Handarbeiten, Zuckerwerk und auch Kissen zum Weiterschlafen aufgestapelt. Hier und dort haben sich kleine Gruppen zusammengefunden. Kinder zwitschern, springen und lachen zu Füßen der Erwachsenen, die sie nicht stören. Am Ende des Wagens tickt eine Schreibmaschine. Der Neger hat sein Räumungswerk vollbracht, rekelt sich in einer Ecke und macht es sich bequem für den Rest des Tages. Ein junger Mann lehnt sich über die Lehne seines Sitzes zu einem schönen jungen Mädchen hinüber, das ihm gestern noch fremd war, und das ihn heute morgen schon stärker beschäftigt als alles übrige in der Welt. Heute früh waren sie beide die Ersten gewesen, die hinter ihren Vorhängen sich im Morgengrauen nach den Waschräumen begaben ans Ende des Wagens, jeder in einer andern Richtung hin. Sie war in einem blauseidenen gestickten Kimono an ihm vorübergegangen, ihr vieles blondes Haar war hoch aufgesteckt über dem frischen und leuchtenden Gesicht 67 mit der starkgewölbten Stirne. Jetzt sprachen sie die ersten Worte miteinander.   Der Speisewagen füllt sich. Tee, Eiswasser, Grape fruits erscheinen auf den Tischen. Plötzlich ergießt sich der Tee in bräunlichen Lachen über die Tischtücher, Eisstücke klirren in den Gläsern und springen über Bord. Es gibt einen lauten knirschenden Anprall aller Wagen gegeneinander, der Zug steht still. Was ist geschehen? Alle Fenster sind voll von Gesichtern. Die Neger fahren auf von ihren Schlummerplätzen, reißen die Wagentüren auf und stellen die Schemel auf den Bahndamm hin. Bald ist draußen, den ganzen Zug lang, ein Gekletter aus allen Wagen über die Schemel den Damm hinunter. Zwischen den grauen Wermutsträuchern wimmelt es vor Männern, Frauen und Kindern, ängstlich hin- und herlaufenden, auf dem Pulversand Mojaves alle zwölf Wagen entlang. Aber die Angst weicht, denn es ist ja kein Unglück geschehen; im ganzen großen ist man guter Dinge, denn es hätte ja ein Unglück geschehen können. So aber badet man seine Glieder im erfrischenden Winde des hellen Herbstmorgens über der Wüste. – 68 Vorne bei der Lokomotive stehen die Schaffner und sprechen zum Führer hinauf, der sich, ein rußiger, ältlicher Mensch, im blauen Kittel und mit einem gelben Taschentuch um den Hals, aus seinem Führergehäuse herausbeugt. Unten hockt der Gehilfe vor der Maschine; er hat einen Arm durch eine Radspeiche aufwärts zur Triebachse hinaufgeschoben; ganz ölig und schwarz zieht er ihn wieder hervor und schüttelt den Kopf zum Führer hinauf, der gleich drin in seinem Stand verschwindet. Vom Ende des Zuges her, aus dem Salonwagen vor dem letzten, dem Aussichtswagen, kommen durch den gelben Sand zwischen den borstigen Gräsern fünf dunkel gekleidete gewichtige Herren nach vorne zur Maschine heran. » The president! « Der Schmieröl- und Kohlenstaubmensch hat sich schon wieder auf die Lokomotive hinaufgeschwungen. Er und der Führer hocken jetzt über dem Injektorenhebel und dem Wasserstandsglas und suchen zu ermitteln, was denn eigentlich los sei, was in drei Teufels Namen denn eigentlich los sei. Der Präsident ist ein Mann über die sechzig hinaus. Sein weißes grobfädiges Haar wellt sich steif über einer breiten roten Stirne, die stahlblauen 69 Augen schauen scharf wie die Augen eines jungen Menschen zur Maschine hinauf. »Hello, Tomkins!« Der Führer erhebt sich aus seiner hockenden Stellung und beugt sich zum Stand hinaus. »Hello, Präsident!« »Was gibt's, Tomkins?« »An den Überhitzerklappen, scheint's, haben wir was gefunden. Die Bremse ist in Ordnung.« »Das werden wir schon kriegen!« Eins, zwei, drei, zieht der Alte seinen feinen Rock und seine Weste aus und legt beide seinem jungen Sekretär auf den Arm. Dann knöpfelt er sich die Manschetten auf, krempt die Ärmel hoch über seinen haarigen Armen und ist mit einem jugendlichen Antauchen, gut parierenden Kniekehlen schon droben auf dem hohen Tritt der Lokomotive. Jetzt hocken alle drei vor den Überhitzerklappen, stecken die Köpfe zusammen, von unten sieht man drei Paar Arme an den Hebeln und Kurbeln herumarbeiten. Der »Alte« kennt das Gewerbe von der Pike auf. Kein Stückchen in dem langen Eisenbahnzug, Eisen, Holz oder Glas, dessen Bestimmung er nicht ganz genau und aus guter Erfahrung kennt. Ingenieur mit Diplom der Cornelluniversität, sechs Monate lang Zugführer, drei Jahre 70 Stationsvorsteher, dann Chef eines Streckendienstes, Generalsekretär und schließlich oberster Machthaber des mächtigen Systems: das ist der Lebenslauf dieses alten, strammen Graukopfes. Unten die Schaffner und das Gefolge, der Stab des Präsidenten und das Reisepublikum aus all den zwölf Wagen steht neugierig und blickt zur Lokomotive hinauf, auf der man den berühmten und gefürchteten Alten mit olivenfarbigen Flecken von oben bis unten besprenkelt, einen breiten grünen Ölwischer über die Stirne weg, emsig und frisch hantieren sieht. Zwischen den Gräsern, zur Seite des Dammes stehen zwei Kaufleute im Gespräch. »Es ist nicht das erstemal, daß er sich schmutzig macht mit seiner Bahn, der alte Halunke.« »Voriges Jahr hat's bedenklich gekippt. Wären unsere Gerichte, was sie sein sollten, er säße heute im Zuchthaus und nicht dort auf der Lokomotive! Ich versäume meinen Termin in Chikago! Natürlich, wenn man sich das Rollmaterial ansieht, auf dem wir fahren, dann kann man noch froh sein, wenn man überhaupt mit heilen Gliedern über die Strecke kommt.« Weiter weg springen Kinder umher und jagen sich; auch ein Hundchen ist kläffend mit dabei. Paare spazieren hin und her den Damm entlang, 71 in den Fenstern des Speisewagens stehen die Kellner verdrossen und warten, aber niemand will einsteigen. Die am Morgen im blauen Kimono durch den Wagen ging, hat dem Zug den Rücken gewendet und schüttet ein Häuflein Sand aus einer Hand in die andere. Ihre Hände sind klein und fest. Sie hat einen gelben Schleier um das Haar gewickelt, er flattert im Winde, er kleidet sie gut, ihr rotes, frisches Gesicht leidet nicht unter der ungünstigen Farbe. Der junge Mann vor ihr blickt wie verzaubert auf die eine Strähne ihres Haares, die unter dem Schleier sich hervorschiebt und auf der die Sonne wie auf Metall glänzt. »Ich habe in Berkeley, an der Universität, unser Studententheater geleitet. Ich soll jetzt nach Boston, um dort ein paar Stücke zu inszenieren. Die von Harvard haben mich gerufen.« »Ach all die Theaterspielerei, ich hab sie satt. Ich hab mich nach dem Westen aufgemacht, letztes Frühjahr, und war jetzt ein halbes Jahr bei Freunden in San Franzisko zu Besuch. Aber mit dem Westen ist es auch nichts. Ich hab gedacht, ich werde noch etwas von den alten Kaliforniern finden bei den Leuten da draußen, von denen, über die 72 wir vorm Kamin als Kinder Geschichten zu hören kriegten. Aber ich kann heimfahren, es ist nichts.« »Sie dürfen nicht denken, ich hab mein Lebtag nichts getan als Theaterspielen. Ich war noch voriges Jahr Ballfänger bei unserer Baseballmannschaft in Berkeley . . . »Was haben Sie studiert?« »Ich bin von der philosophischen Fakultät graduiert.« »Ich auch,« sagt das junge Mädchen. – Vorn vor einem der Gepäckwagen gab's plötzlich ein Gedränge, ein Geschiebe, ein Lärmen und Klettern den Damm hinauf. Von hinten über den Sand liefen Leute dorthin. Aus dem Menschenknäuel oben sah man einen riesigen Neger-Steward in weißem Kittel herausragen; er schüttelte und zerrte etwas herum, etwas, das sich zu wehren schien; die Leute wichen rechts und links von dem Neger weg; und plötzlich sah man ein elendes, schmutziges Bündel von einem Menschen zappelnd aus den Fängen des schwarzen Riesen heraus den Bahndamm hinunterkollern. »Unter dem Wagen, zwischen den Stangen hatte sich der Kerl verkrochen!« Mit einem Satz war der Neger den Damm hinunter und hatte sein Opfer wieder beim Kragen erwischt. 73 Der junge Sekretär mit dem Rock und der Weste des Präsidenten noch überm Arm, kam herbeigesprungen und schrie den Neger an: »Willst du ihn gleich loslassen! Schere dich zu deiner Arbeit zurück! Hast du verstanden, Sohn einer Kanone?!« Gleich machte der Schwarze seine Klauen auf und ließ das Bündel fahren. Und mit der Geschwätzigkeit des Negers gurgelte es heraus aus ihm: » all right, gov'ner, ich meinte nur, ich war es, der ihn hervorgezogen hat, er ist da unten eingeklemmt gewesen, blinder Passagier, es ist gegen das Gesetz . . .« Dann zog er sich mit der Hand am Mützenrand hinter die Menge zurück. Die Leute hatten um die schmutzige, schlotternde Jammergestalt einen Kreis gemacht. Da stand sie nun, bedeckt mit Wüstenstaub, mitten unter den wohlangekleideten, ausgeschlafenen Reisenden des Luxuszuges, grell von der Sonne beschienen, sprachlos unter den Schweigenden. Man hatte es gar nicht bemerkt, daß Mc Graw, der »Alte«, von der Lokomotive heruntergeklettert und um die Gruppe herum zu dem jungen Sekretär herangetreten war, dem er Rock und Weste vom Arm holte: »In fünfzehn Minuten sind wir so weit. Was hat der Bursche angestellt?« 74 Da stand nun der Gewaltige, Mc Graw, von dem jedes Kind in den Vereinigten Staaten Geschichten zu erzählen wußte, und die armselige Schmutzgestalt, der Hobo, der Landstreicher, der seine Bahn um das Fahrgeld zu betrügen unternommen hatte, in der Gratisklasse unten zwischen dem Wagenboden und den Schienen, und sahen sich an. »Wo geht die Reise hin?« Der Schmutzige richtet sich fest auf und spuckt den Staub aus dem Mund. »Sind Sie der Untersuchungsrichter?« »Er ist der Präsident,« sagt einer von den Kaufleuten laut. »Der Präsident dieser Bahn ist es, der vor dir steht, merke dir es.« Der Alte schießt einen Blick auf den Sprechenden ab, der sich umdreht und zu seinen Genossen da hinten eine Bemerkung macht. »Nach Chikago.« Der Hobo hat seine Hände in die Hosentaschen gesteckt, hebt den Kopf und zieht die Stirne in Falten, so daß Staub ihm von der Stirne über die Nase rinnt, sich in den Brauen verfängt. Ein paar Leute lachen. Welche sind erstaunt. Chikago! Von San Franzisko nach Chikago unter einem Gepäckwagen! »Ohne umzusteigen?« fragt ein Witzbold aus dem Gefolge des Alten. 75 »Man soll ihm was zu essen geben!« ruft ein junges Mädchen. Es ist die mit dem Schleier, die Graduierte der Philosophie. »Man soll ihm zu essen geben. Seht ihr denn nicht? Er soll etwas zu essen bekommen.« »Hab den Weg schon viermal auf dieselbe Weise gemacht. Niemals ist mir etwas passiert.« »Munition?« fragt einer. »Laßt ihn doch in Ruh!« (Man weiß, was Munition bedeutet. Hat er einen Revolver bei sich, so muß man ihn in der nächsten Kreisstadt ins Gefängnis liefern. Dazu hat aber von all diesen hier gewiß keiner Lust, außer vielleicht den Negern.) »Man soll ihm was zu essen geben,« sagen jetzt auch andere Frauen. Das junge Mädchen schreit sie fast, diese Worte. Alle blicken sich nach ihr um. Sie ist ganz rot vor Zorn. Sie ist schön, wie sie da steht und auf den Sandboden stampft. Alle sehen ihren Zorn, ihre Schönheit aber sieht nur einer! »Munition!« Der Hobo zieht seine Hand aus der Tasche und steckt sich ein Stück Kaugummi in den Mund. Die meisten lachen. Das steht fest, der Bursche hat die Sympathien auf seiner Seite. »Es ist gut,« sagt der Alte. »Nehmt ihn in meinen Wagen und gebt ihm irgendwoher einen 76 Anzug.« Der Schaffner des Präsidentenwagens nickt und gibt dem Hobo einen Stoß – vorwärts! »Dann füttert ihn auf meine Kosten im Speisewagen. Wenn du noch mal erwischt wirst, mein Junge . . .« »Sie müssen mich aber bis Chikago fahren lassen. Wenn ich in Barstow auswagoniert werde, damit ist mir gar nicht gedient, ich will nach Chikago!« Einer aus dem Gefolge, ein großer, vierschrötiger Amerikaner mit einem Bulldog-Gesicht steckt den Kopf vor und murmelt dem Präsidenten zu: »Sie machen sich wieder unnütze Scherereien, man wird uns das fühlen lassen wie alles andere.« »Schaffner, der Mann hier fährt auf meine Kosten nach Chikago.« » All right, Boß,« sagt der Schaffner, »vorwärts!« »Er will sich populär machen!« ruft hinten einer von den Kaufleuten, der alte Halunke soll es hören! »Das ist meine Bahn hier,« sagt der Alte zum Sekretär, dem er Gilet und Rock vom Arm genommen hat. Er sagt es laut, alle sollen es hören. »Auf meiner Bahn bin ich der Herr. Gebt ihm zu essen, zu trinken, Anzug und Schuhe. Bis Chikago fährt er mit. Wie heißt du?« 77 Der Hobo ist gleich fertig mit der Antwort. »Larry Finch.« »Ach so!« Man begreift jetzt, warum der da nicht gern ins Arbeitshaus kommen möchte. Namen sind leicht gefunden, aber so ein solider Fingerspitzenabdruck hält lange vor. Jetzt, da der Alte mit seinem Gefolge sich davon begeben hat, wird das Publikum familiär gegen den Landstreicher. Einer hat ihm seine silberbeschlagene Zigarrentasche hingehalten. »Larry Finch« greift beherzt hinein und steckt sich eine Havanna in den Mund. Er beißt die Spitze ab und spuckt sie mitsamt dem Kaugummi über die Schulter hinter sich. Der Spender der Zigarre schlägt ihm auf den Rücken. » Cheer up, mein Junge! Ich war auch einmal bald so weit wie du jetzt. Nun fahre ich Pullman und es geht mit rechten Dingen zu.« » All right! « sagt Larry, »es gibt noch was schlimmeres als unter dem Wagen fahren.« »Was denn?« rufen sie vergnügt, Männer und Frauen. »Hinter einem Pult still sitzen! Übrigens kann ich aus Erfahrung sagen, die Wagen dieser Bahn sind bei weitem besser gebaut als die von andern Gesellschaften, als die von der Southern Pacific zum Beispiel.« 78 »Bist du auf der auch gefahren?« »Unter der!« »Ja, jawohl! unter der!« ruft man lustig durcheinander. Larry steht breitbeinig da und zündet seine Zigarre an dem Feuerzeug an, das einer ihm gereicht hat. »Zweimal von Frisko nach Seattle.« Man sieht es ihm an, er hat nicht gefrühstückt, wahrscheinlich auch nicht zu Abend gegessen gestern. Aber er steht da, schmutzig von oben bis unten, mit Mojaves gelbem Staub besprengt, Augenbrauen, Ohren, Nasenlöcher, Haare, Hut und Lumpen voll von Mojaves gelbem Staub – er steht da, eine Zigarre im Mund, aufrecht und mit erhobenem Kopf wie ein Gentleman, der seinen Klubgenossen von einer Reise erzählt. Das ganze Publikum des Zuges hat sich um ihn angesammelt. Vorn an der Lokomotive arbeiten Tomkins und der Maschinist aus Leibeskräften. Noch zehn Minuten höchstens und man wird wieder fahren. Die Frauen zumal können ihre Blicke kaum losmachen von Larry. Larry ist ganz sicher geworden und fingert an seinem Kragen herum, als müßte er das Gefühl, das ihm dort von der Faust des Negers verblieben ist, abwischen, 79 irgendwie. Er wischt sich den Kragen entlang, als wäre die Stelle seines Gewandes allein beschmutzt, die der Schwarze angefaßt hat. » Is n't he cute! « fragt eine ältere Dame aus einem der Privatwagen da hinten, einmal über das andere. Sie erwartet gar keine Antwort. Durch ihr goldenes Lorgnon blickt sie auf Larry, sie ist ganz betäubt von seiner Erscheinung. »Ja, das ist das Wunderbarste, was ich je erlebt hab,« spricht das junge Mädchen mit dem gelben Schleier leise vor sich hin.   Jimmy Wheeler vom Stab des Präsidenten ist zur Gruppe zurückgekehrt, hat in seine Brusttasche gegriffen und fächelt sich mit einer Fünfdollarnote im Sonnenschein. »Nun, alter Junge, zeig mal, wie du das gemacht hast.« »Jimmy will die untere Wagenklasse verbessern für den Verkehr!« ruft der Spaßmacher laut. Larry schaut nur mit halbem Auge auf die Note hinüber. Er hat's so eilig nicht, läßt sich bitten. Das junge Mädchen dreht sich zu dem Berkeleymann um. »Ist er nicht wundervoll? Mein Lebtag habe ich nichts Ähnliches gesehen!« 80 »Er sieht nicht schlecht aus, der Bursche, das ist wahr . . .« Larry hat sich zu Boden gebückt, um seine Zigarre im Sand auszulöschen. Aber plötzlich besinnt er sich und steckt sie, so wie sie ist, brennend Jim Wheeler vom Stab des Präsidenten in die Hand. Eins, zwei ist er die Böschung hinauf. Jim Wheeler bemerkt vor Staunen erst, wie Larry schon oben ist, was er in der Hand hält. »Hölle!!« ruft er und wirft den Stummel auf den Boden. »Hat mir der Bursche seinen Stummel in die Hand gesteckt!« »Der kommt noch in Teufels Küche!« spricht einer von den Lachenden. »Der war in Teufels Küche, verdammt noch einmal. Der ist nicht unterm Wagenboden geboren, Gott verdamm' mich!« Alle blicken jetzt zu Larry hinauf. Er steht oben vor dem Gepäckwagen, unter dem ihn der Neger herausgezogen hat. Es stimmt schon, er sieht nicht übel aus; heruntergekommen, aber nicht gemein. Trotz und Verachtung kleiden Heruntergekommene vortrefflich. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er der Sohn eines Bankiers ist, eines Reichen. Es ist möglich, daß er auf einer Universitätsbank gesessen hat, ehe er so aussah. Wer weiß, was der auszufressen gehabt hat. So einfach ist dieses 81 Leben wohl nicht von statten gegangen, das eine steht fest. Die Phantasie der Zuschauer hat die Wahl, die Ursachen seines Niederganges festzustellen. Es gibt außer Diebstahl und Mord noch hundert andere Ursachen, je nach seiner Veranlagung mag der einzelne sich einen Reim auf dieses Menschenschicksal schmieden. Möglich, daß es aus Abenteuerlust gewoben ist, und weiter nichts. Zwischen Chikago und dem Stillen Ozean wimmelt es von Existenzen, die aus einem Fragezeichen bestehen. Zwischen Chikago und dem Stillen Ozean nimmt man es nicht so genau damit, was einer war, was einer ist. Larry hält oben vom Rand der Böschung, wie von einer Tribüne herab, einen Vortrag vor der Volksversammlung. Mit kaum merklicher Ironie gibt er sich so, als wär's ihm nur um eine Anleitung zu tun, seinen Mitmenschen zum Frommen darzustellen, wie sie es in Fällen, die sich ja immer ergeben können, mit Gratisfahren anstellen sollen. »Einen Hut muß man haben, weil der Kopf nach der Lokomotive zu gekehrt sein muß. Man bindet den Hut mit einem Faden unter dem Kinn fest, denn der Hut muß den Luftdruck abhalten. Aber das ist nicht unbedingt nötig. Ich bin einmal durch ganz Arizona ohne Hut gefahren, 82 weil er mir schon bei Flagstaff unter die Räder geraten war.« Larry hat sich unter den Wagenboden begeben und liegt jetzt bequem wie auf einem Sofa auf dem Dreieck, das die mittlere Zugstange, der schief von vorn zur Zugstange hinüberleitende Längsträger und die kurze starke Achsengabel zwischen den beiden bilden. Er federt gewandt und ruhevoll, beschreibt Wellenbewegungen mit seinem Körper, reckt sich und wendet sich zur Seite, um zu zeigen, daß das Ganze kein Kunststück ist. Es sieht auch gar nicht sehr gefährlich aus. Allerdings eine Handbreit darunter, der Boden des Dammes. Und dann allerdings das Gewicht des Körpers auf der nicht sehr starken Zugstange in der Mitte . . . Und dann die langen Stunden, Stunden der Nacht . . . Und dann der Hunger . . . Und dann die Angst vor dem Entdecktwerden, vor dem Arbeitshaus, vor dem Verlust des einzigen Besitzes, der göttlichen Freiheit des Kommen- und Gehendürfens . . . Keiner von denen unten spricht mehr ein Wort. Durch alle Gehirne geht es: die rollenden Räder, die Stunden der Nacht . . . die Not . . . die Freiheit, die dem Schicksal abgerungen wird, und der Preis, den man für sie bezahlt! Manch einer sagt sich, an sein ungestümes Herz fassend, das ihn selber 83 durch die Weiten treibt: und du, was wär mit dir, hätte es das Glück nicht gewollt, langte es nicht zum Billett oben im Pullman?! Jimmy Wheeler und noch drei andere sind die Böschung hinaufgekrochen und hocken vor dem Gepäckwagen, unbekümmert um den Anblick, den sie den unten Stehengebliebenen bieten; die technische Seite des Experimentes interessiert sie gewaltig. Larry erklärt gelassen und genau die physikalischen Gesetze, die er auf seinen Fahrten erforscht hat. Er läßt den linken Arm los, zieht dann das rechte Bein herauf. So geht's und so geht's. Man kann das Schwergewicht von der rechten nach der linken Seite hinüber verlegen, falls sich Müdigkeit bemerkbar macht. Man kann sich auf den Nacken und die Ferse stützen, wenn's not tut. Nachts verändert man seine Lage besser nicht. Steigungen sind gefährlicher als Abwärtsfahren. Am meisten muß man sich auf den Brücken in acht nehmen. Auch zu stark geölte Gabellager können gefährlich werden. Unten die Leute haben sich jetzt über den sonnebeschienenen Boden verteilt. Welche untersuchen den Sand, das Alkalipulver des Bodengeäders. Das Hündchen zerrt zur allgemeinen Belustigung an einem Wermutstrauch herum. Spaziergänger geben sich dem Genuß des freien Wüstenwindes 84 hin. Ungeduldige rufen zur Lokomotive hinauf: wie lange es in Teufels Namen noch dauern werde. Unter dem Gepäckwagen verdient sich Larry daweil seine Fünfdollarnote. Um Larry kümmern sich nur mehr wenige von den Reisenden. Das junge Mädchen hat mit der Matrone Bekanntschaft geschlossen. Es ist die Frau des Zuckerkönigs aus Cincinnati. Sie läßt die Blicke nicht von Larry, das goldene Lorgnon kommt nicht vom Nasenrücken weg. Schließlich sind es nur noch Frauen unten vor der Böschung, die den Vorführungen unterm Gepäckwagen Aufmerksamkeit zuwenden.   Einer von den Fahrgästen fragt nach dem Wagen des Präsidenten. »Was wollen Sie von dem Präsidenten?« fragt der Schaffner. »Ach ja, wollen Sie dem Führer telephonieren, wie lange wir hier noch stehen bleiben?« »Das ist nicht nötig, soeben kam die Nachricht an den Präsidenten: noch fünf Minuten.« »Das genügt.« Der junge Berkeley-Mann steht vor dem mit Schriftstücken überladenen Schreibtisch des Präsidenten, der, mit einem frischen Hemd angetan, seine Hafergrütze verzehrt. 85 » How do you do? « »Die Sache ist kurz diese. Ich habe soeben eine Wette abgeschlossen, daß ich auf dieselbe Weise, wie der Hobo von San Franzisko bis hierher gefahren ist, von hier bis zur nächsten Station, nach Barstow, fahren werde. Ich möchte Ihnen das melden. Vielleicht habe ich etwas zu unterschreiben?« Der Präsident sieht sich den Bittsteller von oben bis unten an. Der junge Mann ist ein Athlet, das sieht man. Es gilt eine Wette. Das ist zu bedenken. Der Präsident ist guter Laune. Da vorne auf der Lokomotive ist ihm seine ganze Jugend eingefallen; all die schönen, gefährlichen Tage der Jugend. Seine Stimme hat jugendlichen Klang, er kann nicht umhin, das Unterfangen des jungen Menschen heimlich zu loben. In ihm selber, der unendlich oft die unermessenen Weiten des Erdteils durchquert hat, steckt ja ein Hobo verborgen. »Wie stehen die Odds?« Der junge Mann lügt: »Fünf zu eins. Es ist fast nicht der Mühe wert . . .« »Sind Sie schon mal so gefahren? Sie wissen, es gibt keine Notleine da unten.« »Ich habe eben zugesehen, wie er es machte. Es ist weiter nichts daran. Wenn's ein Hobo 86 unternehmen darf, der seit einer Woche nichts im Magen hatte, so werde ich es mit meinen Muskeln noch zwingen. In Berkeley habe ich meine Baseballjahre gedient.« Der Präsident lehnt sich in seinen Stuhl zurück und sieht den Bittsteller wohlgefällig an. »So ist's in Ordnung? Dann auf Wiedersehen in Barstow! So long, president! « » So long, boy! « Vor dem Speisewagen begegnet er dem Hobo, der, eine frische Zigarre im Mund, von seinem Publikum begleitet, den Damm entlang kommt. Er greift ihm an die Schulter: »Hello, Larry! bis Barstow fahre ich in Ihrer Klasse!« »Wozu? Sie wollen wohl einer jungen Dame imponieren? Die Leute im Zug sollen es wissen, daß einer unten fährt? Sie sind wohl ein Zeitungsmensch oder so?« Die anderen lachen. Larry fühlt sich, fühlt sich, obzwar er noch hungrig ist. Die Zigarre ist ihm zu Kopfe gestiegen. Alle Leute bewundern ihn, Männer und Frauen. »Auf das Gefühl kommt mir's an, das ist alles. Sehen Sie, ich möchte das genießen.« Er sieht sich um. Die mit dem gelben Schleier ist weit, zwei Wagen weiter hilft ihr der Neger über den Schemel in den Wagen zurück. 87 »Auf das Gefühl kommt mir's an, auf nichts weiter.« »Sie sind ein reicher Junge, was? Ein guter Sportjunge, was?« »Sie doch wohl auch, Larry? Mit solch einer Leistung nimmt Sie jeder ordentliche Klub auf.« Larry blickt sich im Kreis um und befördert die Zigarre in den Mundwinkel. »Und jedes Zuchthaus noch sicherer.« Der junge Mann schiebt Larry aus dem Kreise der Leute heraus und geht mit ihm ein paar Schritte weit weg. »Wollen Sie sich einen Fünfzigdollarschein verdienen? Dann machen Sie es mir noch einmal vor, wie Sie bis hierher gefahren sind. Wollen Sie?« Der andere sieht ihn eine Weile stumm an. »Zu einem guten Sport ist Larry Finch immer zu haben. Come along! « Der junge Mann greift in die Tasche, aber Larry legt ihm die Hand auf den Arm. »Nachher, in Barstow. Ich weiß, ich hab es mit einem Gentleman zu tun.« Die beiden gehen auf den Gepäckwagen zu. Die Kunde hat sich verbreitet im Zug und es folgen einige Neugierige. Man hört die ersten rasselnden Töne der Maschine, die in Ordnung kommt. Jetzt 88 tönt auch schon ein langer, hingezogener Pfiff, die baldige Abreise verkündend; der Wind trägt den Pfiff in großem Bogen weiter über die sonnige Wüste dahin. Larry hat dem jungen Mann unter die Weste gegriffen und hakt den Zeigefinger in seinen Gürtel ein. »Ich will Ihnen etwas verraten, was ich denen vorher natürlich nicht gezeigt hab! Wir haben auch unsere Geheimnisse, wir . . . und verraten sie nicht gern, das ist sicher. Aber Sie werden mir helfen, wenn ich an Land gehe!? Kommen Sie rasch, ehe uns die da hinten eingeholt haben.« Die beiden stehen jetzt vor dem Gepäckwagen. Der junge Mann zieht sich die Mütze über den Kopf, kriecht unter den Wagen und nimmt auf den Stangen Platz, wie er es von Larry gesehen hat. Er hat sich den Gürtelriemen von den Hüften genommen und Larry ist dabei, ihm das Gelenk der Hand an die Stange anzuschnallen. »Das ist das Geheimnis. Warten Sie, ich werde ein Taschentuch hinlegen, damit die andern Leute es nicht bemerken. So hat man einen Halt. Die Hand ist entlastet. Man kann seine Kraft nun auf die freie Hand, auf die Beine konzentrieren, 89 das ist ein Geheimnis unter uns Tramps. In Barstow . . . Sie werden mir eine Kleinigkeit zu den Fünfzig zulegen, abgemacht?« »Larry, hören Sie doch, o Larry . . .« Larry ist unter dem Wagen hervorgekrochen. Den ganzen Zug lang strecken sich Köpfe aus allen Wagenfenstern heraus. Larry macht mit den Armen Zeichen, daß alles in Ordnung sei. Und während der Zug sich langsam, langsam in Bewegung setzt, schwingt er sich geschickt wie ein Akrobat auf das Trittbrett des ersten Pullmanwagens hinauf. – Rascher, immer rascher, schneidend, sausend, fliegend die Fahrt dahin durch Mojaves Sand, Mojaves Wind, durch die Wüste Kaliforniens nach Osten.   Im Speisewagen saßen viele Leute und sahen zu, wie Larry seine erste richtige Mahlzeit, wer weiß, seit Monaten zu sich nahm. Die Neger sahen ihm auf die Finger, damit nichts vom Eßzeug abhanden komme. Die Frauen sahen ihm auf den Mund, denn er war ja im Grunde ein hübscher und noch gar nicht alter Mensch. Die Milliardärin Walsh-Wintrop hatte eine Flasche Champagner gespendet und ließ durch ihr goldenes Lorgnon kein Auge von dem Hobo. Wo war das 90 junge Mädchen, die mit dem gelben Schleier? Da kam sie auch schon heran und ihre neu gewonnene Freundin, die Milliardärin Walsh-Wintrop, machte ihr Platz an ihrem Tische. An Larrys Tisch aber, ihm gegenüber, hatte Mr. Henry O'Lafferty Platz genommen, der berühmte Verfasser von kurzen Geschichten aus dem Volksleben; zufällig befand er sich im Zug, da saß er nun und machte Notizen. Er hatte schon viele Notizen gemacht, einen Haufen Notizen. Mit bewunderungswürdigem Scharfsinn hatte er aus der Art und Weise, wie Larry sein Kotelett verspeiste, die ganze Lebensgeschichte des Mannes herausgebracht, die in einer Kinderstube anfing, in einer richtigen Kinderstube mit einer sauberen Amme im Kolonialstil, und die sich dann zum Zuchthaus weiter entwickelt hatte, Stoff für ein halb Dutzend kurzer Geschichten aus dem Volksleben, bei Gott! Als guter Novellist hatte er zugleich sein Augenmerk auf Larrys Mund und seine Finger gerichtet, und wahrhaftig, Larry behandelte Messer und Gabel, ja sogar die Serviette und den Zahnstocher in einer Weise, als ob er mit einem silbernen Löffel im Mund auf die Welt gekommen wäre, wie's im Sprichwort heißt. »Haben Sie nie einen Flirt in Ihrem Leben 91 gehabt?« fragte der berühmte Novellist mit einem Seitenblick auf das dankbare Publikum an dem Nebentisch. Larry wischt sich den Mund, lehnt sich im Stuhl zurück und pfeift leise einen Gassenhauer, ehe er sich zum Antworten bequemt. Es ist ein richtiges Interview, und Larry gerät ins Renommieren. »Das letztemal, wie ich in Frisko ankam, hat mich eine Dame vom Bahnhof in ihrem Auto zu einer Lustfahrt durch den Park mitgenommen! Wenn ich gewollt hätte – aber eine Woche später war ich wieder unterwegs.« »Wer war die Dame?« fragt die Milliardärin Walsh-Wintrop dumm. Sie kommt jedes Jahr für ein paar Wochen nach San Franzisko und kennt die smarte Welt wie ihre Tasche. »Sie denken doch nicht, ich werde eine Lady verraten, was?« »Eine Wohltäterin!« bemerkt der Novellist, der einen Charakterzug aus Larry herausholen möchte. »Ach was, auf Wohltaten spucke ich! Aber ein Angeber bin ich nicht. Hätte ich Talent dazu, ich säße längst in Uniform auf einem Polizeirevier, wo mancher von uns schon gelandet ist, sobald ihn seine Kniekehlen nicht mehr vorwärts getragen haben.« 92 »Sie sind wohl sehr stark, daß Sie so unter dem Wagen fahren können . . . Welches Gewerbe haben Sie ausgeübt, ehe Sie so . . .« »Zement; Portland in Oregon. Daher kann unsereiner auch Staub schlucken, so viel er will . . .« »Man muß sehr stark sein, nicht wahr? man muß sehr stark sein dazu?« fragt das junge Mädchen. Sie hat beide Hände an ihre Wangen gepreßt, ihr Haar ist ganz verbogen von dem Schleier, sie sieht zerrauft aus und ihr Gesicht hat keine gute Farbe. »So stark gar nicht, Lady. Mut und Geschicklichkeit, that's all . Sich richtig betten, ohne Angst, daß man herunterfällt. Wenn die Kappe einem vom Kopf fliegt, danach greifen, wenn man sich auch die Finger an den Steinen blutig schindet.« »Wie? man kann die Hände frei bewegen da unten?« »Natürlich, alle Gliedmaßen müssen frei spielen können, federn, nirgends fest, alles lose, wie auf einer Matratze, darauf kommt's an.« »Und wenn Sie schlafen wollen, ich meine Sie und Ihre Kameraden . . .« Larrys Augen werden ganz klein; er hebt seine Serviette zum Mund und gähnt lange, tief und überzeugt. » Tommy rot Kameraden! Sagen Sie ruhig Bums, Tramps, Hobos. Sie haben recht! 93 Bei Nacht – ich werde jetzt schlafen gehen; hab es verdient. Hello, Kellner! Die Direktion bezahlt's. Wecken Sie mich zum Dinner.« Und Larry begibt sich mit kurzem Nicken aus dem Speisewagen hinaus. – »Man sieht,« wendet sich der Novellist zu Mrs. Walsh-Wintrop, »diese Menschen, für die die Gesellschaft keine Verwendung hat, stellen im Grunde den Ausbund von dem vor, was unsere Pioniere ehemals gewesen sein dürften.« Ein alter Herr mengt sich ins Gespräch. »Ein stehendes Heer tut uns not. Solche Desperado haben immer noch die besten Soldaten abgegeben.« »Aber die Disziplin, darauf kommt es an!« »Glauben Sie, daß einer, der's aus eigenem Antrieb und Selbsterziehung drei Nächte lang in solcher Lebensgefahr aushält, sich nicht zu dem bißchen Disziplin trainieren läßt?« Mrs. Walsh-Wintrop flüchtet vor dem Gespräch, das langweilig zu werden beginnt, in ihren Salonwagen zu ihren drei Zofen. Auch das junge Mädchen ist aufgestanden und folgt Mrs. Walsh-Wintrop. Der berühmte Novellist setzt seine Brille auf und fragt sich, indem er den Damen nachblickt, von wem sie einen größeren Eindruck mitnehmen, von Larry oder ihm. 94 Das junge Mädchen lehnt die Einladung von Mrs. Walsh-Wintrop ab. Sie ist müde und will auf ihren Platz zurück. Taumelnd geht sie die Korridore entlang. Über die schütternden Harmonikadurchgänge, durch die Reihen der Mitreisenden, durch alle Wagen. Die Fahrt schüttelt sie stärker als nötig. »Was ist Ihnen?« fragt die alte Dame, die ihr gegenüber sitzt. »Sie sind ja so blaß, wollen Sie mein Riechfläschchen haben?« Aber sie schüttelt den Kopf, dankt und will allein sein. Sie bindet sich den Schleier fest ums Haar und geht nach hinten in den Aussichtswagen.   Im Aussichtswagen werden Wetten geschlossen. Die Kaufleute, ein paar Jobber, die es nicht erwarten können, in Chikago an der Börse zu sein, wetten um alles, um was zu wetten ist. Wieviel von der verlorenen Zeit wird man um zwei Uhr nachmittags eingeholt haben, wieviel um sechs Uhr, wieviel um zehn Uhr abends? Kleine Gruppen von Stühlen stehen beisammen, und Leute, die das gemeinsame Erlebnis einander nähergebracht hat, besprechen die Vorfälle dieses Tages. Ein junger Mann mit näselnder Stimme und unangenehmem Gesicht hält Wetten auf die glückliche Ankunft des Menschen unter dem 95 Gepäckwagen in Barstow. Das junge Mädchen stützt sich mühsam und mit tastenden Fingerspitzen auf die Lehnen der Stühle im Vorüberschreiten. Draußen auf der Plattform des Aussichtswagens läßt sie sich in einen Stuhl fallen, sie ist plötzlich so müde geworden, sie weiß nicht wovon. Schwer, als versagten ihr die Knie mit einemmal, fällt sie in den Stuhl, sinkt in seine Kissen, bleibt starr und ohne Regung sitzen in ihm. Wie der Zug dahinschießt! Sitzt man in der Mitte der Plattform, so kann man es merken, wie der Zug die Luft zu Schleifen auseinanderschneidet. Zuweilen ist es, als hebe sich der Wagen in die Höhe wie das Ende einer geschwungenen Peitschenschnur. Dann wieder senkt sich der zurückbleibende Erdboden hinter dem Zuge wie eine ausatmende Brust. Eine kleine Station, deren Häuschen man kaum erkennen kann, wird im Fluge genommen, zurückgelassen, ist schon verschwunden. Der Kellner kommt, ruft zum Mittagessen. Man verläßt den Aussichtswagen. Nur das junge Mädchen bleibt auf ihrem Platze sitzen. Ihre Hand hängt ohne Kraft über die Lehne nieder. Von der Bewegung des Zuges pendelt sie hin und her. Sie blickt auf die in wütender Hast davonlaufenden glitzernden Schlangen, die über den 96 einförmig gelben Damm zu flattern scheinen. Die Sonne steht hoch und ein kalkiges Weiß kommt vom Horizont her über das ganze Land gezogen. Eisenklang, brütende Hitze, hoher Mittag – die Augenlider fallen zu, auf der Plattform ist nur das schlafende Mädchen.   Die Chancen der Leute, die auf die Ankunft um vier Uhr in Barstow gewettet haben, stehen schlecht. Es wird allgemein angenommen, daß man Barstow erst bei anbrechender Dunkelheit erreichen wird. Jeder im Zuge weiß nun von dem Menschen unter dem Gepäckwagen, von dem Menschen, der aus freien Stücken jetzt in diesem Augenblick dort unten mit dem Zuge fährt. Auf dem Weg vom Speisewagen in den Aussichtswagen zurück ist man an Larry vorübergekommen, der bezecht und schnarchend auf seiner Bank lag in todähnlichem Schlaf, mit offenem Mund und schweißbedeckter Stirne. Man interessiert sich nicht mehr so gewaltig für ihn. Der Novellist Lafferty hat einen Vortrag über das Problem des Tramps gehalten und die Sache sieht, nahe besehen, wahrhaftig weniger gefährlich aus, als man anzunehmen versucht wäre. Der Schwung könne den Nerven nichts anhaben, 97 hat Lafferty erklärt. Die Nerven akkomodieren sich ihm, wie oben im Wagen die Nerven der Fahrenden im Rhythmus des Zuges mitschwingen. Die Blutzirkulation leidet nicht, der Puls erhebt sich kaum über das Normale. Lafferty muß es wissen. Der berühmte Mann war ja, so tuscheln die Herren miteinander, ein simpler Landarzt in Nebraska, ehe er seine vierzigtausend Dollar jährlich mit Geschichtenschreiben verdiente. Nur einer wagt es, ihm zu widersprechen. Es ist ein alter Herr mit würdigem Knebelbart, wie ein hoher Würdenträger des Staates oder ein vornehmer Bischof anzusehen, was in Amerika niemand, auch bei näherem Hinsehen, so leicht unterscheiden kann. Er ist recht alt und bewegt sich nur schwer wie ein Leidender, bei dem die Verkalkung schon weit vorgeschritten ist. Niemand würde in dem würdigen Greis Jake Cottrelly vermuten, der vor fünfzig Jahren der gefeierte Luftakrobat der Barnumschen Zirkustruppe und das leuchtende Idol aller amerikanischen Schulkinder gewesen ist. Mit feierlichen Gebärden und zahnlosem Mund hält er einen Vortrag über die Bedingungen, die der schwingende Menschenkörper zu erfüllen hat, wenn er sich der vehementen Vorwärtsbewegung fest am geschraubter Geräte anpassen will. Es ist nicht zu 98 ersehen, ob das junge Mädchen Interesse an dem Gesprächthema hat oder nicht. Ihr schönes Gesicht ist regungslos und wie erstarrt. In ihren Augen ist noch Schlaf zu sehen. Ein schwerer Traum, der sie noch im Wachsein beherrscht, spreizt ihre Lider weit auseinander. Das Gespräch hat sich jetzt an dem Widerspruch erhitzt: einige behaupten, es sei ganz sicher, daß der Mensch unter dem Waggon sich durch irgendwelche Schutzvorrichtung Sicherheit verschaffen könne. Das aber ist es gerade, was der alte Akrobat leidenschaftlich verneint. »Kein Trick. Mut, Besonnenheit und Entschlossenheit, – das ist alles, was man dazu braucht. Alles andere ist von Übel!« »Und Verzweiflung!« sagt jemand im Hintergrund. »Jawohl, Verzweiflung!« bestätigen einige ringsum im Wagen. Der Neger kommt jetzt herein und ruft laut: »Barstow!« Wirklich, der Zug verlangsamt sein Tempo. Weiter drin im Lande erscheint ein langgestreckter, niederer Schuppen. Die Herren blicken auf ihre Uhren. Viele hundert Dollar stehen auf dem Spiele. Hinter dem Fenster sind die kahlen, merkwürdigen, wie aus Tuff getürmten Felsen im Abendrot zu sehen. Das hübsche, im spanischen 99 Missionsstil erbaute Stationshotel erscheint. Man ist in Barstow. Alles steigt aus. Die Wettenden eilen zur Uhr im Büro des Stationsvorstehers, um ganz genau die Zeit zu konstatieren. Auch der alte würdevolle Akrobat steigt mit steifen Knien aus dem Wagen. Ihm hat sich Mr. Henry O'Lafferty angeschlossen, ein paar andere noch, und die kleine Gruppe setzt sich in Bewegung zum Gepäckwagen. Schon hocken dort Leute, die die Kniebeuge machen und nach dem Menschen zwischen den Stangen Ausschau halten. Herr Henry O'Lafferty hat eine Brille auf die Nase gesetzt und verharrt gleichfalls in der Kniebeuge vor dem Gepäckwagen. Plötzlich wirft er sich flach nieder und greift mit der Hand nach irgend etwas, was an dem Boden des Wagens festklebt. Rasch zieht er die Hand wieder zurück, hebt sie zu seinen Brillengläsern empor, wirft aber das Ding sofort mit einem kleinen erschrockenen Laut auf den Boden vor sich nieder und bittet die Nächststehenden, sie möchten ihm auf die Beine helfen. Die um ihn blicken auf den kleinen Schmutzklumpen zu ihren Füßen nieder. »Was ist's?« Gehirn – Gehirnsubstanz – Blut – Staub. Der alte Akrobat hat sich niedergebückt, so tief es ihm seine Knie und sein Rückgrat erlauben wollten. Er hat seinen zahnlosen Mund weit 100 aufgesperrt und deutet mit ausgestrecktem Finger zwischen die Stangen unter dem Boden des Gepäckwagens: »Sehen Sie dort – was habe ich gesagt!« Alle schauen jetzt dorthin unter den Wagen. Eine ganze Schar von Menschen hockt vor dem Gepäckwagen und schaut. An der Querstange baumelt ein Riemen, ein schwarzer fingerbreiter Riemen, der einigemale um das Eisen gewunden ist. »Ein Riemen!« ruft einer mit näselnder Stimme aus. Alle richten sich langsam auf, einer nach dem andern. Einigen gelingt das schwerer, als man's von solchen kräftigen, gesunden Männern voraussetzen sollte. Da hört man hinten auf dem Perron des Bahnhofshotels schallendes Gelächter. Dort steht Larry Finch, diesmal von Whisky betrunken, die Hände in den Hosentaschen und wiegt sich auf den Fersen hin und her. »Was lacht der Kerl!« ruft man aus der Gruppe hinüber. »Halte deinen Mund dort hinten! Er soll nicht lachen! Führt ihn doch weg!« Aber Larry läßt sich nicht beirren. Hin und her wippt er auf seinen Fersen, hat die Mütze in den Nacken geschoben und ruft lachend einmal über das andere: »Ein Amateur! Ein Amateur! Ein Amateur! Ein Amateur!« 101     Die Braut des Sterns Am dritten Abend, den sie in den Wäldern der Otterschwanzberge verbrachten, bemerkten sie zum erstenmal das starre, weißliche Licht in der Ferne zwischen Bäumen und Gebüschen. Reggie ließ drei kurze Pfiffe hören, Sidney antwortete irgendwo nicht weit weg. Gleich darauf glühte das winzige Auge von Sidneys Taschenlaterne auf und kam über knackende Äste und raschelndes Laub auf Reggie zugehüpft. »Es kann nur die Reservation sein!« behauptete Sid. Reggie langte in die Tasche und hielt den kleinen Kompaß ans Laternenauge. »Unsinn, die ist mehr im Westen, und dann woher sollten die schmutzigen Injuns einen Scheinwerfer haben!« »Hahuy, Guy!« rief Reggie ins Gehölz hinein. Aber der Pfiff kam von der anderen Seite, vom See herauf. Einer kroch auf allen Vieren zur Stelle. Gleich rief er aufgeregt: »Habt ihr's gesehn? Wollen wir hin? Es sind nicht ganz zwei Meilen!« Er stand vornübergebeugt, und vor dem Licht zwischen den Ästen war die Linie seines Gesichtes und Halses, von Gezweigsilhouetten durchschnitten, scharf zu sehen. Er war einen Kopf höher als die beiden anderen Knaben und ganz schmal und sehnig. »Ist's bei den Injuns?« 104 Guy ließ ein Knurren hören und fuhr Reggie an: »Injuns? Ich werde es euch mal noch einbläuen, paßt auf! Sagt man zu euch: Yankee Doodles, ist es euch auch nicht recht, was? Es ist nicht bei den Indianern, die sind viel weiter weg – dort! Außerdem sehn ihre Lichter anders aus.« »Zwei Meilen . . . wie spät hast du's . . . zehn dreißig . . . all right! « Die letzten fünfzig Meter vor dem Licht krochen sie wie Eidechsen über den Boden weg. Das Strauchwerk war da schon sehr gelichtet, es war unnötig, sich den Weg mit Messern klarzuschneiden. Auch wäre am Waldsaum, vor dem die weißbeschienene Lichtung lag, der Schall der Tritte auf Blumen und Gras gar nicht zu hören gewesen, aber Guy hatte diese Art, sich vorwärts zu bewegen, im Knabenlager eingeführt und hier gab's wirklich ein Abenteuer oder doch was Ähnliches. Am Rande der Lichtung stemmten sie die Ellbogen auf und streckten die Köpfe vor. Im ganzen standen vier Zelte da, vom Scheinwerfer auf hoher Stange zur Schlafenszeit beschirmt. Diese Zelte waren hübsch bemalt, Mastiguschzelte mit giebelförmigen Dächern. Auf dem mittleren stand in blauen Lettern: »Grandmama«. »Mädchen!« sagte Guy mit unterdrücktem 105 Jauchzen. Er rutschte vorwärts und griff ins Gras nach einem kleinen glitzernden Schlangending. Es war eine schmale goldgelbe Seidenschleife. Guy hob sie zur Nase, beschnupperte sie und steckte sie unter seinen Sweater. Vorsichtig schlichen sie um das Lager. Die Zeltvorhänge waren heruntergelassen, aus dem Zelt »Grandmama« tönte sanftes Schnarchen. Hinter den Zelten roch es nach Pferd. Wirklich war da ein kleiner Zeltschuppen, in dem ein Wagen und ein scheckiges Pony standen. Der rohgezimmerte Pfahltisch mit den Bänken vorn war sauber gescheuert, es lagen keine leeren Konservenbüchsen im Gras herum wie drüben in ihrem eigenen Lager. Dafür fanden sie zwei Kupferkessel auf einem dünnen Draht baumeln, der über zwei gegabelte, in die Erde gesteckte Äste gespannt war. Unter den Kesseln lag verkohltes Reisig, Blumen und Gras waren um die Feuerstelle herum sauber abgemäht, besser gesagt geschoren. Ein Streit entspann sich. Man könnte das Pferd losmachen? Den Scheinwerfer auslöschen? Sid schlug vor, man solle Lärm machen, und dann, wenn die Mädchen im Hemd aus den Zelten stürzen, aus dem Wald, versteckt, den Spektakel mit ansehn! Aber da tat Guy nicht mit. Im rechten Augenblick, grad als Sid den Mund aufriß, fuhr 106 ihm Guy an die Kehle, so daß ihm der Atem zurückschlug in die Eingeweide. Hierauf einigte man sich auf die Mitnahme eines einzelnen Kessels. Ohne Geräusch zu verursachen, schlichen die drei aus der Lichtung hinaus, heim nach dem Elkridge-Lager, quer durch den Wald. Das war nicht gerade leicht, aber Guy behauptete, er könne wie ein Luchs im Dunkeln seinen Weg finden. – – – – – – Nächsten Morgen beim Frühstück platzte Sid mit der Neuigkeit heraus. Zum Überfluß hatte sich Guy auf seinen Sweater, rund um den gestickten Buchstaben E die goldgelbe Schleife aufgenäht. Der Counselor des Lagers, Herr Jim Ryan Fox, Graduierter der Universität Chikago, erwies sich auch diesmal wie sonst zu jedem Spaß bereit, so beschlossen Buben und Obrigkeit, ins Mädchenlager hinüberzumarschieren, zu einer sommerlichen Staatsvisite mitten im tiefen Wald. Eine Stunde nach dem Lunch brach der Elkridge-Kampus auf. Heskett O'Hagan allein blieb, weil er sich einen Muskel am Fuß gezerrt hatte, laut Regierungsbeschluß, schimpfend und humpelnd, als Aufseher bei den Zelten zurück. Die vier Mastiguschzelte standen ganz glühend vor Sonne da mit ihren lustigen Farben. Ray, Kathryne und Sarah wuschen beisammen das 107 Geschirr ab. Plötzlich läßt Sarah die Blechteller niederfallen: hinten durch das Gebüsch kommt ein Indianer in vollem Kriegsschmuck daher! Er trägt einen wundervollen Kopfschmuck aus Adlerfedern wie eine Krone um seine rotbemalte Stirn und wie eine Schleppe bis hinunter zu seinen hirschledernen bezottelten Hosen, die um die Hüften mit einem bunten Gürtel zugeschnürt sind. In seiner Hand hat er einen federnd leichten Bogen mit starker Sehne, der Bogen ist größer als der Indianer. Aber um die schmächtige Brust ist ein Sweater, wie sie College-Jungen, nicht Rothäute tragen – ein roter gestrickter Wollsweater mit einem E, von einer gelben Schleife umrahmt. Der Indianer schüttelt seine Federn und stößt zusammen mit dem Counselor und den siebzehn Jungen, die alle rote Sweater mit E tragen, Elkridges wilden Kriegsruf aus: »Hahuy!« »Hu–hu–hahuy!!« (Brunstschrei des Elches.) »Rahrahrah Elkridge!!« Pfiff, Husten, »hahuy!!« Die vier Zelte haben alle ihre Bewohnerinnen heraus gelassen, zwölf junge Mädchen schütteln ihre Zöpfe vor Staunen, Gelächter und sommerlichem Wohlbefinden auf der kleinen Lichtung, die ganz 108 in einem Nebel von Blumen und Waldduft dasteht am Nachmittag. Drin in Grandmamas Zelt erwacht Miß Ann Lathrop Burden aus ihrem Nachtischschlummer, setzt sich auf und sagt zur Assistentin, die mit der Füllfeder in einem Block Notizen macht: »Ich kenne doch dieses Geschrei – natürlich! Das sind ja die Elkridges!« Dann stehen die beiden ältlichen Damen mitten unter ihren Zöglingen und aus dem Wald tritt an der Spitze der Knabenschar Counselor Fox mit lachendem sonnverbrannten Gesicht und ausgestreckter Hand in die Lichtung hervor. » How do you do! « Im Nu haben die Mädchen aus den Zelten ihre kleinen spitzen Flaggen herausgeholt, die Wimpel ihres Seminars, und schwingen sie den Elkridges entgegen. »Hallo, die Martha Washingtons aus Minneapolis!« schreien die Jungen fröhlich. » How do you do! « Die freundliche alte Miß Burden und Counselor Fox schütteln sich die Hände; daweil ist die ganze Wiese von Flaggenwinken, Pfiffen, Geschrei und überdies von Bäumerauschen und Vogelgezwitscher angefüllt; die beiden ältesten Erziehungsanstalten des Westens haben sich da mitten im weltverlassenen Wald gefunden. 109 Auf dem Rasen hocken Jack und Reggie und breiten die Geschenke aus, die das Knabenlager mitgebracht hat; neben der Zuckerwerkschachtel, der Phonographenplatte mit dem Elkridgegeschrei und der Farbenlithographie, die einen Collegejungen mit einem Collegegirl im Tete-a-Tete zeigt, kommt von irgendwoher der kleine blanke Kupferkessel zum Vorschein. » O I say! « Kathryne stürzt auf das kupferne Ding und reißt es an sich. »Das ist doch unser Kessel!« rufen die Mädchen. »Heut früh haben wir ihn überall gesucht!« Mit einem Schrei läßt Kathryne den Kessel los, ein toter Hamster kollert aus ihm aufs Gras heraus, die Jungen haben ihn im Wald auf ihrem Marsch aufgelesen. Das Elkridgevolk hat sich in zwei Halbkreisen auf dem Rasen vor den Zelten niedergesetzt, in der Mitte vorn Counselor Fox und der Indianer in richtiger Positur zum Parlamentieren. »Elkridge ist zu jeder Sühne bereit,« erklärt Counselor Fox feierlich, »aber wir bitten, uns die Erklärung zu erlassen.« Aus dem Mädchenlager, um Miß Burden herum, der man ihren gepolsterten Feldsessel aus dem Zelt geholt hat, springt ein junges blondes Fräulein auf den Indianer los: »Meine Schleife!« 110 »O, seht – Faiths Schleife!« kreischen die Mädchen. Aber der Indianer hat schützend beide Hände über den Buchstaben E gepreßt. Er schnuppert nach den blonden Zöpfen, die einen Augenblick lang über seine bemalte Stirn niederhängen: »O ja, das Band gehört Ihnen, aber ich behalte es für mich, denn ich habe es allein erbeutet.« Mit Tränen vor Zorn und ganz rot kehrt das junge Fräulein zu ihren Freundinnen zurück. »O, das sind Chikagoer!« rufen die Mädchen. »Bei Nacht waren sie hier um zu stehlen!« Miß Burden schlägt auf die Armlehnen ihres Feldsessels: »Der Indianer soll vorkommen!« »Den Indianer liefern wir nicht aus!« schreien die Knaben. Der Indianer erhebt sich mit einem Ruck aus seiner schwierigen Sitzstellung. »Ich bin der Vicomte Guy de Champauvert! Den Kessel bringt das Lager zurück, die Schleife ist mein Eigentum.« »Das werden wir sehen!« Das Fräulein steht oben im Zelt und stampft auf den hohlen Holzboden, daß er dröhnt. »Wenn ich meinen Vater ersuche, kauft er mir ganz Elkridge und ich kann es anzünden, wenn's mir beliebt. Dann dürft ihr zu euren Ammen heim, ihr kleinen Jungen!« »O, ist das nicht Faith Otis?« ruft einer hinüber. »Hello, Faith, bist du's?« 111 Faith Otis steckt den Kopf hinter dem Zeltvorhang hervor, streift den Rufer mit einem Blick. »Du kannst dich schämen, Ira Kortright, in was für Gesellschaft bist du geraten!« Die Knaben stecken die Köpfe zusammen. Es ist Faith Otis, die Tochter des alten Silberkönigs Otis, des reichsten Mannes westlich vom Mississippi und des gefährlichsten der Vereinigten Staaten. Die alte Miß Burden ist aufgesprungen und ins Zelt. Sie kommt zurück, Faith an der Hand nach sich ziehend. »Faith, du Dummkopf, wer wird wegen eines Scherzes gleich eine ganze Schule beleidigen?« »Es ist nicht nur wegen des Bandes,« sagt Faith und hebt trotzig das Kinn. »Aber ein erwachsener Mensch kommt nicht in einer solchen Maskerade daher!« Der Indianer stand noch immer da, den Bogen pathetisch in der ausgestreckten Hand, die Spitze des Bogens in die Erde zwischen die Blumen hineingetrieben. »Das ist keine Maskerade!« sagte er ruhig und schaute mit seinem absonderlichen Gesicht gradaus. Die Flügel seiner scharfen Adlernase wölbten sich, er schob seine wulstigen Lippen vor. Über seiner bemalten Stirn kam das glänzend schwarze Haar zwischen den Federn zum Vorschein. 112 »Ihr Vater kann ganz Chikago kaufen, wenn er Lust dazu hat, aber lassen Sie sich von Ihrer Geschichtslehrerin erzählen, wer die kanadischen Champauverts sind!« »Ach setz dich ins Gras und halt den Mund!« Counselor Fox zupft lachend den Indianer bei seinen Hosenfransen aus der Kampfstellung zurück. »Was hat der alte Otis mit deinem Kostüm zu tun!« Im Grunde hatte er nichts dagegen, hörten mal diese jungen Erbinnen von seinen Buben die Wahrheit über die Otis und diese Sippschaften miteinander. »Hört, Girls, er tut uns die Ehre an und kommt als Indianer daher.« Das Mädchenlager lacht, daß die Zöpfe fliegen. »Hast du vielleicht auch Kinnikinnik zu verkaufen?« »Keine Kinnikinnik?« ruft Kathryne mit nachgemachter Altweiberstimme. Auch die nette alte Miß Burden lacht, sogar die Assistentin, die ihr Gesicht nur bei besonderen Gelegenheiten verzieht, lacht hinter ihren Brillengläsern. »Was haben die mit ihren Kinnikinniks?« rufen die Buben. »Ach, es sind ja nur die Weidenruten,« erklärt Miß Burden dem Counselor; »ein altes Indianerweib bringt sie aus der Reservation, wir machen Körbchen daraus.« »Wollen wir nun die 113 Friedenspfeife miteinander rauchen?« fragt Counselor Fox. Die alte Dame klatscht in die Hände. »Mädchen, wir wollen einen Friedenstee haben! Aber da zu wenig Tassen da sind, werdet ihr Jungen ihn aus dem Hamsterkessel serviert bekommen, das soll eure Strafe sein!« » All right, Madam, wir ekeln uns nicht!« erwidern die Jungen. – Counselor Fox, die nette, alte Miß und die Assistentin hatten sich mit einigen von den älteren Mädchen und Knaben an den eingepflockten Tisch gesetzt und erzählten sich ihre Erfahrungen mit den Sommerlagern. Elkridges und Martha Washingtons zogen waldaus, waldein, machten bald an einem Seeufer, bald auf einer Bergesspitze, bald im tiefsten Walde halt. Bis die Ferien um waren, hatten sie drei Staaten durchquert, wenn nicht vier. Martha Washington, dem die verwöhntesten Familien ihre Töchter anvertrauten, führte einen ganz komplizierten Apparat mit, den die Mädchen ohne fremde Hilfe bedienten. Miß Burden war auf das feiste Pferdchen hinten im Schuppen ebenso stolz, wie auf ihren spiegelblanken Bücherbord drin im Zelt, von dem die Mädchen an den Abenden Longfellow und Browning zum Deklamieren herunterholten. Die Schachtel Candy, um die die Buben und 114 Mädchen auf dem Grase herumlagen, wurde rapide leer. Manche kannten sich, denn Minneapolis und Chikago liegen nicht sehr weit auseinander und die Kinder der Reichen bringt Mode und Luxus zudem um Weihnachten in Florida, im Sommer in Newport schon vom frühesten Lebensalter an zusammen. Am Rand des Gehölzes hatten welche eine Scheibe aus buntem geflochtenen Stroh aufgestellt, die Bogenschützenklasse produzierte sich vor den Jungen. »Wir schießen nicht mit den dummen Bogen!« bemerkte Barry Fosdick nach einem Meisterschuß Hazel Schuylers. »Wir schießen mit Smith-Wessons auf Eichhörnchen und Marder. Und besser als ihr mit euren Kinderpfeilen schießt unser Jumpover, den solltet ihr sehn!« »Ach, euer Indianer ist doch nur eine angezogene Puppe!« rief die Schützenklasse. »Hey, hello Guy!« riefen die Buben. Aber vom Indianer war nichts zu sehen. Weit hinter den Zelten, im Walde, jagte er hinter einem Rudel Mädchen her, die, zum Teil belustigt, manche aber ernstlich erschrocken, durch das Gestrüpp vor ihm davonliefen. »Nochmal sagen!« schrie der Indianer im Laufen. »Sagt es noch mal, wenn ihr den Mut dazu habt!« wiederholte er stehen bleibend. 115 Kreischend versteckten sich die Mädchen, hinter Bäumen, zwischen den hohen, blühenden Büschen, durch die Äste und Gräser lugten aufgerissene Augen hervor. Faith Otis allein war stehen geblieben und hielt den Blick des Indianers aus. Sie war ein schönes Mädchen von fünfzehn Jahren, noch nicht sehr entwickelt, ihr erregtes Kindergesicht war ganz rot, wie bemalt. »Sag's!« sprach der Indianer und legte einen Pfeil auf die straffgezogene Bogensehne vor seiner Wange. »Das will ich gern!« sagte Faith Otis. »Du wirst sicher nie ein amerikanisches Mädchen zur Frau bekommen, denn das sieht ja ein jeder, daß du einer vom Indianervolk bist!« Eine Handbreit über ihrem Kopf surrte der Pfeil schräg durch die Luft und blieb schwingend in einem dünnen Ahornzweig stecken. »Grandma!« schrien die Mädchen entsetzt und stürzten geduckt durch die Büsche davon. »Du kannst mir's glauben!« sagte der Indianer, während er an dem erstarrten Mädchen vorüberging. »Ich habe gerade auf den Zweig dort gezielt!« »Nun, Gott verdamm mich, das muß ich sagen, by Jove! « Counselor Fox kam mit den 116 Mädchen und Buben, die die Kunde gebracht hatten, durch das Buschwerk auf Guy zugestapft: »Du schießt jetzt auf Mädchen, Jumpover?« » Old man, « erwiderte der Indianer. »Ich werde kein weißes Mädchen bekommen!« Er blieb stehen und stampfte auf den Boden. »Und überhaupt! Hier soll keiner von schmutzigen Indianern und Injuns reden, sonst kriegt er's mit mir!« »Sie haben eine nette Zucht unter Ihren jungen Gentlemen!« bemerkte Miß Burden, als sie alle wieder beruhigt um den Pflocktisch und auf dem Rasen bei Tee und Kakes und eingemachten Birnen saßen. »Eine nette Zucht!« Aber der Blick der alten Dame blieb doch verwundert und mit ganz jungem Glanz auf dem rebellischen Knaben haften, der umringt vom Elkridgevolk auf dem Boden kauerte. »Das tut das Leben in der Wildnis!« sagte Counselor Fox. »Nicht er allein ist so. Oft ist es uns allen, bei uns drüben, als seien wir ausgetauscht.« Die alte Dame nickte: »Ja, das ist der Wald und die Nächte im Freien . . .« »Der aber glaubt wahrhaftig an den Roten Gott. Sehen Sie sich ihn an. Wenn er großjährig wird, will er aus der Kirche austreten.« 117 »Was sind seine Eltern, Presbyterianer?« frug Miß Burden. »Nein, die ganze Familie katholisch.« Ray und Lollie spazierten mit Tellerchen, auf denen Blancmanger und Früchte waren, herum. »Unten das Wasser ist der heilige See, Minni-Wakan, und dies alles war einmal und ist noch Chippewa-Land.« Der Indianer zeigte mit ausgestrecktem Arm auf den großen weiten Wald ringsum, als spräche er von etwas sehr Geheimnisvollem. »Mein Vater hatte zwei Stallknechte, die waren Chippewa-Indianer!« sagte Ray im Vorübergehen, »aber beide sind fortgejagt worden, weil sie gestohlen haben und ewig betrunken waren!« »Er hätte sich gar keine Federn auf den Kopf zu stecken gebraucht,« kam eine Stimme aus dem Mädchenlager herüber, »rauben und morden trifft er ebensogut wie seine schmutzigen Chippewas!« Der Indianer sprang auf und seine Augen fanden Faith, die gesprochen hatte: »Die Indianer rauben nicht in Geschäftszimmern und sie morden nicht in Fabriken, wie ihr Amerikaner es tut! Die Indianer sind unsere Freunde, denn wir Franzosen wissen, sie sind das älteste Volk auf diesem Erdteil, wir Franzosen aber sind die größte Nation in der ganzen Welt!« 118 Die Alten beim Tisch riefen beschwichtigende Worte in den Tumult, der sich unter den Kindern erhoben hatte; aber die Mädchen, denen die Redensarten des Indianers noch neu waren, überboten die Buben im zornigen Geschrei. Während die Lager tobten, waren von unten, vom See her, über den schmalen ausgetretenen Pfad, der zur Lichtung heraufführte, zwei Gestalten heraufgestiegen und standen plötzlich zwischen dem Elkridge- und Martha Washington-Volk. Beide steckten in schmutzigen Trödlerkleidern. Das Kind war barfuß, der Alte aber hatte weiche lederne Mokassine an den Füßen, mit bunten Perlen aus Glas kunstvoll bestickt. Ein breiter zerbeulter Hut saß dem Alten auf seinem weißen Haar, das zur Seite seines olivenbraunen bartlosen Gesichts bis auf die Schultern herunterhing. Auch der Kleine hatte sein Haar in Zöpfen geflochten über die Schultern niederhängen. Die alten Kleider, in denen er steckte, hatte man an Ärmeln und Hosenschäften gestutzt, sie schlotterten um seine mageren Ärmchen und Beine. Auf seinem Rücken trug der Kleine eine schwere Last von dünnen Weidenruten, die bei jedem seiner Schritte wellenförmig auf- und niederschaukelten. Der Alte, ein sehr großer und breitschultriger Mensch, sah sich im Kreise der Lärmenden 119 um und trat dann, indem er den Kleinen vorwärts puffte, vor Miß Burden und Counseler Fox: » Here - buy . . . Kinnikinnik! « »Nehmt doch dem Kinde die Last ab,« rief Miß Burden. »Wie schrecklich, diese Verwilderten lassen ein kleines Wesen solch eine Last schleppen!« Die Mädchen stürzten sich auf das Kind, nahmen ihm die Weidenruten ab. »Warum ist die Alte nicht gekommen?« »Ich Englisch sprechen!« sagte der Alte. »Was kostet das Ganze dort?« frug Guy. Der Alte maß ihn mit einem Blick: »Du Injun?« Guy schüttelte den Kopf. »Passiuk!« Der Alte griff nach den Federn und grinste. »Du Federschmuck gekauft?« Guy sagte leise: »Ich heiße Matschata-weosa. Was ist dein Name?« Der Alte sah ihn an und antwortete auf Englisch: »Finster-am-Tage.« Dann mit einem Blick auf die Teetassen: »Hier jemand Whiskey altem Injun geben?« Die Assistentin hatte dem Alten an das Ende des Tisches, wo keiner saß, eine Tasse Tee und einen Teller mit Essen hingeschoben, zeigte mit einem Finger hin wie einem Hunde und der Alte setzte sich bescheiden und höflich auf die Bank. Er sah, den Kopf zwischen den Schultern, in die Runde 120 und steckte den Dollarschein, den ihm Guy gegeben hatte, in die tiefe Tasche seines Rockes. Ein silberner Vierteldollar rollte über den Tisch, der Alte haschte danach und schob das Geld grinsend in die Tasche. »Du Geld der alten Frau gibst, nicht Whiskey kaufen, verstanden!« Miß Burden drohte dem Alten mit dem Finger, wie ein Erwachsener einem halbwüchsigen Kinde droht, das unartig war. »Essen dafür! Verstanden?« Der Alte nickte und preßte die Finger an die Stirn zum Zeichen des Dankes. Er saß ganz artig an dem Tischende, machte eine Geste, als zeige er auf einen großen Haufen vor sich und sagte: »Untschida backen wird – viel – du mitgeben wirst zu essen für mein Volk in Reservation?« »Es geht diesen Leuten doch ganz gut, Sie sehen ja!« sagte Miß Burden zu Counselor Fox. »Habt ihr ein Fest, weil die Frauen daheim backen?« frug Guy. Der Alte zählte an den Fingern: eins – zwei – drei. »Drei Nächte nach heute mein Volk kommt zusammen!« Er zählte genau an den Fingern ab: eins – zwei – drei Nächte von heute! »Was macht ihr da?« frug Counselor Fox. Der Alte hob und senkte die Schultern, schlug mit den Händen auf den Tisch, ließ einen hohen tremolierenden 121 Laut hören und lachte mit seinen starken grünlichen Zähnen. »Ich weiß es, sie haben jetzt die Feste der Herbstwende!« sagte Counselor Fox. »Dann dürfen wir bald zusammenpacken und zurück in die Stadt, denn die erste Frostnacht ist nicht weit.« Abseits, vor einem Baum, saß der Kleine, von Knaben und Mädchen umringt, und stopfte Biskuite und Candy, die ihm die Kinder vorsetzten, in sich hinein. Sie hatten sich herumgewälzt um das kleine bezopfte Ungeheuer schlingen zu sehen. Guy hatte sich zu Füßen des alten Indianers hingehockt und blickte ihn unverwandt an. Er hatte ihn längst seines elenden Trödlergewandes entkleidet, sah seinen narbengezeichneten, rot und gelbbemalten, sehnengeschwellten Körper, bekleidete ihn wieder aber mit dem Schmuck des Stammes – jede Feder um sein Haupt war mit Rot besprenkelt und sprach von einem aus Feindeslager heimgeholten Leichnam – die fetten Finger, der triefende Mund waren nicht mehr mit dem eklen süßen Zeug beschmiert, davon sich diese hier nährten, sondern dem scharfen, aus Büffelfleisch gebratenen, mit wilden Kirschen gewürzten Pemmikan – und da stak auch das Steinmesser im Erdboden, viermal hineingestoßen 122 und viermal herausgezogen, damit es rein werde und geheiligt zum Mal . . . »Ihr duldet kein weißes Volk in eurer Nähe beim Fest?« frug Guy. Der Alte gab dem »Indianer« einen frischen Jünglingsblick zurück. »Matschata-weosa darf. Er Freund!« »Wir alle sind es!« rief Counselor Fox und rückte näher zum Alten. »Was ist das?! Wir alle in Amerika sind Freunde. Weiße und Rote und Schwarze, alle Brüder!« Wärt ihr nur nicht so schmutzig und faul und verkommen! sagte er sich. Wie dem jungen Volk da ringsum diesen Begriff: »Brüder« beibringen! Es sieht ja doch nur, was sie von den Indianern unterscheidet. Bleiben dann die Exzentrischen vom Schlag des Vicomte. »Es wäre eine Gelegenheit!« sagte Counselor Fox zu Miß Burden. »An solchen Festtagen versetzen sie sich in ihre Glanzzeit zurück, dann sehen sie aus wie Menschen. Was man für gewöhnlich von ihnen zu sehen bekommt, ist doch nur der Schmutz und die Roheit. Wer aber an allem schuld ist, danach fragt natürlich keiner!« »Freunde von Injuns bringen Brandy altem Finster-am-Tage?« frug der Alte. »Mitbringen Brandy in Reservation?« 123 »Kein Brandy!« riefen die Kinder. »Tee!« Finster-am-Tage verzog sein Gesicht und sah mit demütigem Gesicht zu Counselor Fox: » No brandy? « Counselor Fox schüttelte den Kopf: »Hier nirgends bei uns Brandy!« Finster-am-Tage lachte: »O Weiße niemals Wahrheit sagen armen Injun!« »Du und dein Volk darf nicht Whiskey trinken, das weißt du doch! Es ist gegen das Gesetz!« »Injuns nicht wissen Gesetz. Injuns nicht im Kopf verstehen Gesetz Weißer. Weiße nicht machen Gesetz für Injun, wenn Injun Fest hat.« Er wischte sich den Mund am Ärmel ab, stand auf und winkte dem Kleinen. » Uwedo! « Im nächsten Augenblick veränderte sich wieder sein Gesicht, wurde weinerlich. Er zog das Geld aus der Tasche, schüttelte den Kopf und zeigte auf den Haufen Weidenbündel: »Mehr!« Der Kleine machte dieselbe Geste. »Nichts!« rief Miß Burden kategorisch. »Habt ihr nicht genug, ihr Bettler?« » No kinnikinnik? « Der Alte hatte von Untschida gehört, daß das Wort den Weißen lächerlich in den Ohren klang. Er steckte darum erwartungsvoll seine Hand aus, aber niemand lachte. »Geh jetzt!« flüsterte Guy zornig. »Ich bring dir schon noch Geld mit.« 124 »Weiße gut!« sagte Finster-am-Tage. »Weiße mitbringen Leinenzeug für arme Papoose. Kalt! Arme Injuns großes Feuer zünden dritte Nacht von heute! Weiße viele Geschenke legen um Feuer!« »O, sie haben auch Feuerwerk, diese Leute?« Die Mädchen dachten an Raketen, sprühende Sonnen, die sich drehten und explodierten, wie an dem amerikanischen Nationalfeiertage. Finster-am-Tage hob einen Finger hoch über seinen Kopf: »Chippewas zeigen Weg – Himmelstern herunter – zu Minnewakan! Zu Reservation!« Er ergriff die Hand des Kleinen. Ohne Gruß stiegen sie den Pfad zurück, den sie gekommen waren, den schmalen ausgetretenen Pfad, der einst ein Kriegspfad gewesen war, als noch das Große Geheimnis und nicht der Erlöser das weite Land Amerika regierte.   Wir stecken Miß Eleanor in die Feiglingsklasse!« riefen die Mädchen. Aber sie wußten, die Assistentin hatte gar keine Stimme im Rat. Auch das wußten sie gut, wo Grandma am sichersten zu packen war. Sie selbst hatte die »Feiglingsklasse« ins Leben gerufen; ihre Mädchen sollten in allen Sporten, Anstrengungen und Abenteuern ihren 125 Mann stellen und es jedem Jungen gleichtun in allen Situationen des Lebens. Daheim hing über ihrem Schreibtisch der Wahlspruch: »Alles kennen und alles ertragen.« Im Schreibtisch drinnen aber lagen neben manch einem vergilbten Männerporträt Haufen von Briefen ehemaliger Schülerinnen, die den Erfolg ihres Wahlspruchs bestätigten. Miß Eleanor dagegen wird wohl bis in alle Ewigkeit alles zu verlieren haben. Die Mädchen lauerten nur so darauf, daß sie ihre Meinung mit Nachdruck geltend mache. In solchen Augenblicken tauchte hinter ihrem bebrillten Kopf der hübsche unartige Kopf Lollies auf, die ebenfalls eine Brille trug, und die Fratze, die sie schnitt, blies die vernünftigen Gründe Miß Eleanors wie Spreu in den Wind. Zwischen zwei Zelten hatte Faith den »Indianer« gestellt. »Wie haben Sie Ihren Namen genannt?!« »Sie verstehen ihn doch nicht!« Der »Indianer« blickte in Faiths glühendes Gesicht. Er merkte nichts davon, daß hinter den Zelten von rechts und links Mädchen herangeschlichen kamen. »Matschata-weosa. Sagen Sie's auf Englisch, wenn Sie's können!« Im selben Augenblick war der Bogen aus seiner Hand, sein Kopfschmuck ihm vom Kopf 126 gerissen, seine Arme über dem Rücken gekreuzt und mit Weidenbast zusammengebunden. Sechs Paar Mädchenarme zwangen ihn auf die Knie und während er vor Wut um sich biß, trennte Faith mit einer kleinen Schere das Schleifchen von seinem Sweater. »Ich weiß es auf Englisch!« lachte sie ihm ins Gesicht. »Es heißt: Er – hat – die – Schleife –nicht – behalten!« Die Mädchen stürzten davon, Faith mit der Trophäe in erhobenen Händen. Auf der Lichtung jubelten die Kinder. Einen Augenblick schien's, als sollte Grandma auf die jungen Schultern gehoben, samt ihrem Feldsessel herumgeschleppt werden durch die Luft. »Kommt keiner und macht mir den Strick ab?« brüllte der »Indianer«. Er hockte auf dem Boden und versuchte den starken Bast an der Eisenkante des Zeltbodens entzwei zu scheuern. Dazu fluchte er, Flüche, die ein Knabe seines Alters, seiner Klasse nicht über die Lippen hätte bringen dürfen. Aber alle waren in Bewegung; es war die Stunde, da die Sonne hinter den Bäumen verschwindet und die Blumendüfte stärker herauskommen. Miß Eleanor hatte sich in ihr Zelt zurückgezogen und aus ihrer Handtasche das Tagebuch des Mädchenlagers hervorgeholt. Miß Eleanor 127 begann zu schreiben: »Trotz meiner Warnung, und entgegen aller Vernunft wurde beschlossen« – – – – – – – – – – – – – – – – Im Herbst desselben Jahres war es dem Journalisten Irving Brokaw gelungen, dieses Tagebuch dem Martha-Washington-Seminar für einige Tausend Dollar abzukaufen. Es bildete die anregendste Lektüre des Winters und brachte dem Chikagoer Blatt eine Menge neuer Leser zu. »Martha Washington« aber kam die verhältnismäßig geringfügige Summe zu statten, denn nach dem Verschwinden von Faith Otis hatte »Martha Washington« alle seine Schülerinnen eingebüßt. Um »Martha Washington« war's geschehen, daran ließ sich nichts ändern. Natürlich hatte der Journalist in Miß Eleanors schlichtes Tagebuch eine Anzahl Seiten hineinfabriziert, die den Besuch der Elkridges bei den Martha Washingtons und dann die Ereignisse jenes Indianerfestes dem Publikum in magischer Beleuchtung vorführen sollten. Aber worauf selbst die Phantasie des Journalisten nicht verfallen war, hatte sich ereignet: nämlich, daß sich Faith und Guy, ob mit Absicht oder zufällig, das wird keiner je erfahren, im Walde getroffen haben, zwischen jenem Besuch und dem Fest. Doch auch so bleibt noch genug übrig von der Mär – – – – – – 128 Finster-am-Tage hatte einen Burschen zu den Elkridges geschickt, die die Martha Washington aus ihrem Lager abholten, die beiden Lager folgten dann dem Führer durch den Wald, das Seeufer entlang, hügelauf und hügelab bis zur Chippewa-Reservation. An einem Festtag zieht jeder vom Stamme, der bei seinem Volk etwas gilt, mindestens ein Kleidungsstück aus der alten Zeit über den Leib, der Bursche aber hatte nicht einmal das Perlenhalsband, den Ledergürtel, ja nicht einmal die gestrickten Mokassine, die der Letzte noch sein eigen nennt. Von oben bis unten in Lumpen war er zu den Weißen gekommen. Der Sommer lag schwer über den Wipfeln. Dies war die Zeit, um die die Indianer den wilden Reis zu ernten pflegten in alten Tagen, zugleich die Zeit der Brautschau unter diesem Volk. Die Nächte sind dann äußerst hell und tief, die Sterne hängen fast im Geäst, ihr Glanz tut dem Auge weh, und streift einer als Schnuppe über das Firmament hinunter, so strömt durch den klaffenden Riß der Nacht noch lange Sternenblut. In diesen Nächten kommen zuweilen große Sterne, die das Indianervolk nicht vergessen haben, zu ihnen herab und suchen sich eine Braut unter den Töchtern aus. Diese Sterne sind einst Indianer gewesen und 129 haben, ehe sie in den Himmel versetzt wurden, als Tapferkeit, Edelsinn und Gesangesgabe in den menschenähnlichen Leibern der Helden geleuchtet. Jedermann im Volke weiß, daß sie schon auf Erden ins Zeltlager des Großen Geheimnisses oben gehörten. – Auf der Wiese, die sich zwischen dem Wald und den Hügelrändern, hinter denen die Prärie begann, erstreckte, fanden die Elkridges und die Martha Washingtons eine große Menge festlichen Volkes versammelt. Ein alter blinder Sänger, mit der Stirnbinde aus Otterfell und einem Otterfellmantel über den ewig frierenden Schultern saß in einem Kreise von Männern im Kriegsschmuck und Weibern im bunten Zeug und ließ seinen Gesang aus wilden und gedämpften Lauten hören. Alle die Leute hatten heute satt gegessen und zeigten zufriedene Gesichter. Als die beiden fremden Lager am Waldrand erschienen, hörten sie freundliche Zurufe und heiteres Geschrei. Am Saum der großen Niederlassung bei den Zelten vor den Hügeln huschten schillernd bewegte Farbenflecke dahin. Die Jungen des Chippewavolkes vergnügten sich dort mit Schnellauf. Wer in der Zeit, bis die Sonne den Hügelrand erreichte, die meisten Rundläufe um das weite Lager zuwege 130 gebracht hatte, der sollte den alten Speer mit der heiligen Bärenhaut bis zum nächsten Fest in seinem Zelte verwahren. Das gab ihm Anwartschaft auf den Hänptlingsrang, denn trotz der Weißen mit ihren Aufsichtsbeamten gilt als erster des Stammes doch der, den das Volk aus seinen alten Tugenden heraus erwählt. Herrlich klar war der Nachmittag. Das Große Geheimnis hatte den Donnervogel im Horst und das Zickzackfeuer im Köcher des Jägers über den Felsen behalten. Der Weg war blank gefegt zum Niedersteigen der Sterne ins Volk, die Helden grollten den Nachkommen nicht mehr um ihres elenden Lebenswandels willen. »Blaue Erde! Die Kinder zwischen den Gräsern erwarten deine Fußspur morgen im Tau zu finden!« sang der Blinde. Er trug das viereckige Perlenschild, das über Regen und Sonnenschein gebietet, um den Hals, mit guter Wirkung. Finster-am-Tage stemmte seine Hände auf Untschidas Schulter und stand auf, als die Gäste mit Körben zum Vorschein kamen. »Hau! Hau!« riefen die Indianer, mitten in den Gesang des Medizinmannes hinein. » How do you do! « riefen die Gäste in den Kreis. 131 Kangiska, der Führer, hatte sich, gleich nachdem er seinen Korb auf die Wiese niedergesetzt und seinen Lohn empfangen hatte, seitwärts geschlagen und weg. Auf dem Platze, wo Finster-am-Tage und die Alte gesessen hatten, begann man die Körbe auszupacken. Gierige Hände streckten sich aus. Im Nu war der Kreis um den blinden Sänger zerstört, alle kamen an die Gaben herangekrochen, einen Augenblick später stand eine dichte Schar schwatzend und kichernd um Miß Burden und Counselor Fox und die weißen Kinder herum, die sich ohne Scheu mit den Gleichaltrigen des Stammes zu verständigen suchten. Finster-am-Tage war nicht zu erkennen; wo waren die schmutzigen Injuns an diesem Tage geblieben? Finster-am-Tage hatte eine Krone aus Adlerfedern auf, eine lange Kette aus Bärenklauen fiel ihm über die Brust bis an den schöngestickten Gürtel hinunter. Alle hatten Putz und Zierat über ihren Gewändern aus hellem gegerbtem Leder oder rot und blau bedruckten Wollstoffen, wie sie die Hudsonbay-Company in den Handel bringt, angelegt. Gewirkte Bänder, Amulette aus Glasperlen, Ketten aus Muscheln und aus Haargeflecht, glitzernde Metallkugeln und Schmuck aus gefärbten Stachelschweinstacheln flimmerten und gaukelten vor den erstaunten Blicken im Sonnenschein. 132 »Wo ist Matschata-weosa!« frug der Blinde. » Matschata weosa, kuwa! « Der »Indianer« kam und kniete vor dem Blinden nieder. Er war wie die andern Knaben im roten Sweater und hatte seinen ganzen Staat zu Hause gelassen. Der Blinde tastete über Haar und Gesicht des Knaben. Dann öffnete er den Mund, wiegte den Kopf und sagte: » Ai, wake Passiuk! Wake Watschitschun! « Ein junges Chippewagesicht grinste vom Boden zu Guy auf und übersetzte: »Du nicht Franzose, du nicht Gespenst (Blasser) sein!« »Sag ihm, ich bin ein Kundschafter unter den Watschitschun.« Der junge Chippewa sann einen Augenblick, sprang auf und rief dem Blinden ein paar Worte ins Ohr. Der Blinde fuhr mit seiner runzeligen Hand liebkosend über das Haar des Knienden. Dann faßte er den Kopf Guys, bog ihn stark beim Genick bis auf die Erde nieder und rieb mit der rechten Handfläche von unten über die Stirn und den Scheitel des Knaben. Die Mädchen hatten sich zu den Töchtern der Chippewas gesellt. Diese waren hübsch, und da heute ihr großer Tag war, hatten sie sich so bunt und kostbar, wie's ihre Familien nur erschwingen konnten, hergerichtet. Ray, Lollie, Hazel, Kathryne, Gene kamen aus dem Entzücken gar nicht heraus. 133 Hier hatte eine ihr Gewand über und über mit Glasperlen in wunderbaren Ornamenten schwarz, rot und gelb zickzackförmig benäht! Eine andere trug einen geflochtenen Gürtel aus buntem Süßgras! Eine hatte eine Jacke ganz aus Hermelinschwänzen! Alle hatten Halsbänder, Stirnbänder und Armschmuck aus Perlmutter, Münzen und kleinen geschnitzten Tierknochen, silberne Ringe an ihren schöngeformten, großen Händen. »Wie heißest du?« frugen die Mädchen die mit der Hermelinjacke. »Waduta!« antwortete das Mädchen. »Und du?« »Roter Regen!« »O, ich heiße Strahl!« sagte Ray. »Und ich Haselstrauch!« sagte Hazel. »Die dort heißt Glaube,« sagten die Mädchen, auf Faith zeigend, die abseits von allen stand, an einen Baum gelehnt, und sich die Zöpfe in einen Kranz um den Kopf steckte. Die Töchter der Chippewas kamen näher an Faith Otis heran, betasteten ihre feine, mit Spitzen verzierte Bluse, ließen ihr Medaillonkettchen durch die braunen Finger gleiten, »Du reiches Mädchen sein?« frug Waduta. Faiths Kolleginnen streckten die Hände aus: »Alles hier, ganzes Land, gehört ihrem Vater!« Die Chippewamädchen sahen erstaunt in die Runde, auf die Hügel, 134 den Wald, als sähen sie sie zum erstenmal. »O! Vater von Mädchen!« Drüben war die Sonne im Sinken, aber hier, nicht weit weg, wo die fast wagerechten Strahlen die Schatten der Bäume in den Wald zurückschoben, sprangen ein paar grellbeleuchtete bunte Gestalten zwischen den Stämmen und einem hohen Holzstoß hin und her. Mit großen, wilden Gebärden sprangen sie herbei und davon, schleppten Reisig und Scheite und kletterten auf dem schon über mannshohen Haufen auf und nieder. Der Alte hatte seine Stimme wieder erhoben, die Chippewas, Männer und Weiber, all die weißen Kinder lagerten in großem Kreise herum um ihm »Die Geister bringen viel Essen für das Volk auf den Grashügeln mit, aber sie bringen nicht die alte Freiheit zurück und die Büffelherden haben sie auf ewig vertrieben!« Miß Burden hatte auf ihrem Schoß Minnie Dearborns hellblonden Lockenkopf liegen; das Kind blickte ganz verträumt auf diese Versammlung von Traumwesen rings; auch die anderen, all die Kinder der Reichen sahen betört, wie auf eine augenblicklange, gleich verschwimmende Vision, den kühnen und phantastischen Gestalten zu, die im Kreise 135 hockten, leise Rundgesänge anstimmten, die Hände hoch hoben, flach auf den Boden niederstießen, tierähnliche Laute hervorjohlten, mit einem jähen Schmerzenslaut abbrachen, wenn über die Lippen des Blinden der Name des Großen Geheimnisses kam . . . Zwischen den Zweigen des Waldes ließ Upihanska, die Drossel, ihre Schläge ertönen. Uabeda, der große Wolfshund des Lagers sprang nach Upihanska in die Höhe. Die Buben, die vor den Hügeln, am Rande des Zeltlagers dem Wettlauf zusahen, ahmten das Beispiel der Jünglinge nach und spornten die Laufenden mit Pfiffen und Geheul an – Pfiffen des Wiesels und des Bibers und gedehnten Heullauten, wie sie nachts der streifende Coyote ausstößt, vor dem der Mensch ins Lager zurückflieht, so schnell ihn seine Beine tragen. Hie und da sprang ein roter Sweater den Läufern eine Strecke lang nach, Sid, Ira und der flinke Heskett O'Hagan, dessen Muskel geheilt war. Um den Scheiterhaufen tummelten sich, angesteckt von dem Eifer der Holzschlepper, rote Sweater hin und wider, auf und ab. Unter munterem Geschrei des freundlich gesonnenen Volkes halfen Knaben und Mädchen den Weibern der Chippewas das Mitgebrachte, Büchsen mit Tee, Säckchen mit Mehl, Würfelzucker, Backpulver 136 und Kakes in ihre luftigen Behausungen bringen – sahen verwundert zwischen den Stangen im Innern der Zelte, an ein Brett gebunden, das weinende Papoose baumeln, das augenblicklich mit Weinen aufhörte, sobald ihm die Mutter einen von den Kakes in den kleinen Mund hineinbröckelte.   Weit weg am Rand der Niederlassung, beim Knochenhaufen und Kehrichtberg, im letzten elenden Zelt wälzte sich der Bursche Kangiska in vergeblicher Anstrengung, die Whiskyflasche, die ihm entrollt war und deren Inhalt der Lehmboden gierig aufsog, wieder ins Bereich seiner Finger zu bringen. Schluchzend und die Augen voll Tränen rollte er der Flasche nach und leckte unterwegs den Whisky vom Boden. Diese wertvolle Flasche im Zelt des Counselors, im Schatten der Truhe gefunden, während die Buben die Körbe packten – schlau und geschickt hatte er sie den ganzen Weg durch den Wald in seinen Lumpen verborgen – auf dem Bauch, mit Schwimmerstößen, Arme und Beine geworfen, ruderte er ihr jetzt nach, dem Ausgang zu – endlich rührten seine Fingerspitzen an den Flaschenhals! Die letzten Tropfen rannen ihm über die Hand in den schmutzigen Ärmel hinunter – leer! 137 Verfluchte bleiche Gespenster! In seinem Gehirn tobte ein Gewitter. Draußen scholl Geschrei. Jetzt spien sie Hohn gegen ihn, die draußen. – Er riß den Zeltvorhang weg und kroch auf allen Vieren ins Freie! Alle Zelte standen dunkel in der Dämmerung. Nur dort, woher das Hohngeschrei über sein Gesicht klatschte wie Peitsche, Brandschein! Bleischwer hob er seinen Rumpf, noch schwerer fiel der Kopf herunter. Um sich schlagend taumelte er vorwärts dem Schein zu. Silbern blaß stand der erste Stern auf dem Abendhimmel – über dem Holzstoß, aus dem die erste Flamme in die Höhe stach. Gesang und taktmäßiges jauchzendes Geheul schlugen quer über den Weg des Betrunkenen. Einer tanzte keuchend, mit schrillen Schreien vor der Schar her. Der heilige Bärenspeer schwankte über seinem Kopf, sein Kopf war ganz fleckig von Schweiß und Aufregung. Hüpfend folgten die Söhne des Stammes hinterdrein, bei jedem Aufstampfen auf den Boden ein Schrei, ihnen nach drängten jene Verfluchten mit den hellen Gesichtern, ein Gewoge von blutroten Wolljacken. Kangiska fühlte sich von weichen Mokassinen zertrampelt, von harten Stiefelsohlen geschlagen, gequetscht, beiseite gestoßen. Wild biß er in die Luft, behielt einen Stoffetzen zwischen den 138 Zähnen. Die Schar machte einen Bogen um ihn, vorn vereinigte sie sich mit einem Trupp, der von der anderen Seite her sich dem Holzstoß entgegen bewegte. Laternen und Fackellicht hüpften in bunten Flecken auf einem gleißenden Otterfell, Adlerfedern schwangen auf und ab von rhythmischem Stampfen geschüttelt, die winselnden Weiber, die lauten, jauchzenden Töchter, alle Gesichter glühend und immer röter vom Schein des lichterloh brennenden Scheiterhaufens. – – – – – – – – – – – »War damals solches Licht zwischen den Bäumen, wie ihr nachts in unser Lager geschlichen kamt?« frug Faith. »Nein, weißes. Wo bist du? Ich sehe dich nicht!« sagte Guy. Kleine Zweige knackten, Faith kam näher, griff ihm ins Haar. »Ich hätte dir dein schwarzes Haar ganz abschneiden können, mit meiner Schere, als ich die Schleife zurücknahm!« »Und ich hätte dir einen Pfeil durch deine Zöpfe schießen können und das war früher!« Die Sternennacht stand über den Bäumen und die Helligkeit des Gewimmels oben wetteiferte mit dem Gesprühe der roten Funken fernher durch den Wald. »Bald holt sich jetzt einer die Braut!« sagte Guy, das Gesicht in die Höhe gewendet. 139 »Ja, dann kommt er und holt sich die mit dem Hermelin, weil die die reichste ist!« sagte Faith, »du glaubst wirklich an den Stern, der sich eine holt, das Kindergeschwätz?« Er riß sie beim Arm herum, daß ihr ein Schmerzenslaut entfuhr: »Wer so wie ihr immer Geld in den Gedanken hat, der kann nicht an die Sterne glauben!« »Wie kommt der Stern und holt sie, sag, wenn du es weißt!« »Dort, hinter uns, über den See fallen die Sterne nieder in der Nacht! Wenn der Holzstoß ganz niedergebrannt ist und erloschen, da ziehen die jungen Männer ihre Mäntel über das Gesicht und folgen den Mädchen in den Wald . . .« »Sie dürfen sich nicht sehen, wenn sie sich finden?« »Nein, erst später darf das Mädchen das Gesicht von ihrem Liebsten erblicken!« »Dann sieht sie ja, daß es nicht der Stern gewesen ist!« Guy schwieg. »Doch! Gerade!« »Jetzt ist ein Stern gefallen, o sicher. Hörst du die Schreie?« sagte Faith nach einer Weile. »Komm hin, wo man nur den Himmel sieht und nicht den Feuerschein! Hast du Angst, daß sie uns suchen werden?« 140 »Sie werden uns schon immer suchen! Erst die Lehrer, dann die Eltern, mein Vater! Wenn wir längst fort sind, du bei dem Waldvolk, ich oben in den Goldlagern . . .« »Ich werde schon . . .« sagte Guy, »aber du, du wirst doch nie unter die Weiber von den Goldgräbern gehen, das weißt du gut!« »Ist es wahr, die Töchter hier werden schon mit vierzehn Jahren gefreit?« »Wenn ihr noch mit Puppen spielt, binden sie schon ihr Papoose auf den Rücken!« »Ich habe nie mit Puppen gespielt, mein Vater hat mich mitgenommen in seine Minen, in die Fabriken . . .« »O jetzt . . . sahst du das Licht oben zwischen den Zweigen? Faß mich an der Hand!« »Halte mich stärker! Noch! Ich seh den Weg nicht!« »Es ist keiner.« Über der ganzen Wiese lag der Brandschein ausgebreitet. Die Baumstämme, Hügellehnen, die gemalten Zeichen auf den Zelten, die vor den bösen Kräften bewahren sollten, Gesichter und Gestalten der Tanzenden zuckten in der flackernden Beleuchtung. Wind von den Hügeln her, das Gestampfe des Reigens, Schreie der Tänzer fachten die Flammen zu Garben an, lichterloh. 141 Bellendes Gebrüll, von allen zugleich hinauf zum Himmel gestoßen, wies durch den Schall den Himmelsgenossen ihren Weg herunter. Im äußersten Kreise glühten die Gesichter der weißen Kinder wie kleine helle Scheinwerfer mit, das Licht nach oben. Wie das Reisig über den Scheiten tiefer und tiefer herunter brannte, kam inmitten des glühenden Schuttes im brennenden Holzhaufen eine Form zum Vorschein, der Kern des Scheiterhaufens. Es war ein mannshoher Stein von Kegelform, rötlich wie Basalt, aber vielleicht auch weiß, nur von den Flammen und Sprühfunken rot beschienen. Je tiefer das Feuer um ihn heruntersank und je höher er aus dem Feuer heraus stieg, um so wilder wurde der Tanz um den brennenden Stoß. Die Mädchen schlüpften in die vorderste Reihe und begannen das Feuer zu umkreisen. Sie hielten sich bei den Händen, die Glut versengte fast ihre Haare und Haut. Zuweilen blieben sie stehen, wanden ihre Oberkörper unter schweren Seufzern hin und her, dann riß sich bald die eine, bald die andere los und hockte auf der Erde nieder mit solch jähem Stoß, daß sie selber oder die Nächste im Reigen Gefahr lief, ins Feuer zu fallen. Dazu ging ihr klagendes Seufzen in einen hohen, 142 ungezügelten Schrei über, den alle, mit Ausnahme der ganz alten, wiederholten. Counselor Fox bahnte sich einen Weg zu Miß Burden: »Ich glaube, wir gehen nun nach Haus!« Miß Burden sah Counselor Fox ins Gesicht: »Ich denke auch, es ist Zeit. Vielleicht hätten wir das nicht tun sollen.« »Zum Glück verstehen die Kinder nichts von dieser ganzen Geschichte . . .« »Sie mit Ihren demokratischen Ansichten von Gleichheit und Brüderlichkeit! Da sehen Sie. Alte tierische Gebräuche, mitten in unserem zivilisierten Land!« »Ach, Zivilisation! die ein ganzes Volk auf den Aussterbeetat setzt.« »Wir müssen unseren Führer haben, rasch, gehen Sie, sehen Sie nach dem Burschen . . .« Counselor Fox sammelte die Knaben: »Boys, stellt euch hierher, alle! Dicht um die Mädchen herum. Wir gehen.« »Warum denn? Warum gehen?« riefen die Kinder. Aus dem wirr bewegten, taumelnden, brüllenden, kreisenden Haufen des Chippewavolkes suchte Counselor Fox den Zerlumpten herauszufinden, der die weiße Schar zurückleiten sollte durch den Wald, fort, fort von hier, zurück ins Lager! – – 143   In großem Bogen kam Kangiska an die Tanzenden um den Feuerhaufen heran. Kläffend und mit lustigen Sprüngen lief Uabeda, der Hund, an ihm vorbei, in derselben Richtung, aber Kangiska wußte, daß Uabeda leichter in die Nähe der Männer, der Jünglinge, der Jungfrauen gelassen werden würde als er. Seine Rippen taten ihm weh von Fußtritten und von dem Hämmern seines aufgeregten Herzens, seine Augen standen ihm wie bloß, wie ganz aus dem Schädel herausgedrängt, sein ganzer Körper juckte ihn unerträglich, am liebsten wäre er mit einem Satz mitten in das Feuer gesprungen. Er sah, wie die alten Weiber unter weinerlichem Singsang Kräutersamen und Zwiebelknollen auf den Steinkegel warfen und wie sich die Mannbaren, Mutsinamakan, der Sieger, Wolkenmann und Mustatem-Mutiapek, ja sogar der vierfingrige Machpitopa auf einen Haufen scharten, auf das Zeichen des heiligen blinden Medizinmannes wartend. Vorwärts und rückwärts schwankend beobachtete er die fortschreitende Zeremonie. Er ahnte, was ihm bevorstand, wollte er sich, wie es der Brauch war und wozu ihn sein Alter berechtigte, zu den Jünglingen begeben, mit ihnen stehen, warten . . . Plötzlich warf er sich, den Kopf nach vorn, mitten zwischen die Leute, stieß mit Kopf und Händen nieder, was ihm im Weg 144 war, fuhr auf den Holzstoß los und kriegte einen gewaltigen brennenden Klotz mit beiden Händen zu packen. Damit hieb er um sich, auf Männer, Weiber, Kinder, Rote und Weiße, Menschen und Tiere, bis kreischendes Entsetzen nach allen Seiten vor dem Wahnwitzigen auseinanderstob, er sich mit dem Feuer über dem Kopf ein paarmal um sich herumdrehte und dann fortstürzte, wie ein scheu gewordenes Tier.   Aus dem dunklen Grund des Gestrüpps hob sich Guy dunkel in die Höhe und das feuchte Gesicht des Mädchens folgte seiner Bewegung. »Das hört sich an wie Mord oder Hilfegeschrei!« »Still . . .« »Hörst du's jetzt?« »Ja . . .« Durch das zerbrechende Dickicht und das zerreißende Gewirr des Waldbodens tappte sich etwas näher, auf die beiden zu, stockend, bald vorwärts geschlagen, Mensch oder Tier, ohne andern Laut als den seiner Flucht, wie beladen mit dem fernen Getöse. Im Wald verschwinden, in der Nacht, vor den Augen des ganzen Volkes! Die Alten, die Medizinmänner des Stammes wußten von Sagen zu singen: in einem einzigen Satz wirft sich das Große Geheimnis von oben herab, 145 auf den Verachtetsten des Stammes, im Augenblick, in dem sich in ihm der Haß aller umkehrt in die Wut gegen alle, fährt es in ihn wie ein feuriger Strahl, den er allein verspürt, der ihn ausbrennt bis auf den letzten Grund, der ihn austilgt aus dem Gedächtnis des Stammes, bis er lange Zeit später auftaucht, anders, durchsichtig, ohne Fehl . . . Bei Nacht sich in den See werfen, hinüberschwimmen zur Insel in seiner Mitte, dem Herzen des Sees, Tschante, das jeder meidet . . . Der Wald ist dort wie eine ewige Nacht so dicht gewachsen, an dem gefürchteten Ort, mit dem Gesicht auf den Boden gepreßt hungern, schweigen, bis die Stille voll Stimmen und die Luft voll von Tierphantomen ist, dann, wenn der Winterfrost die Eisdecke hart gemacht hat, zurückwandern dorthin, wo schon die Totengesänge vergessen sind, das Zelt zerbrochen und das Zelttuch mit der Erinnerung vom Wind weggeweht . . . In seiner Kindheit, kaum dem Tragkorb entwachsen, hatte Kangiska der Leichenfeier solch eines Büßers, aus Zügellosigkeit und Schmach durch Hunger und Einsamkeit Auferstandenen beigewohnt . . . Zwischen dem fernen Feuerlicht und dem bläulichen vom Mond, der über Minniwakan emporstieg, stand eine verschwommene Gestalt plötzlich 146 vor Kangiska aus dem Dickicht auf. Er duckte sich, hielt sich mit beiden Fäusten an Gras und Blattwerk fest. Mit einemmal teilte sich die Gestalt auseinander und es standen vor ihm Zwei, versperrten seinen Weg. Mit einem Brüllen aus Schmerz und Angst fuhr Kangiska auf das Wesen los. » Toka-ahedo! Der Feind! Toka-ahedo! « Im Nu wurde das Wesen wieder zu Einem unter der furchtbaren Umklammerung der wie Eisenklammern es umsperrenden Arme des Rasenden. Jetzt war das Wesen Drei und dieses Fabelwesen rollte in wildverkrampftem Ringen aneinandergeschmiedet und ineinander verbissen, dem steilen Absturz zum See zu. Gekreisch und Geheul aus tierischer Gurgel, knabenhaft umkippender Kinderstimme und hohen Zeterlauten erfüllten den Wald. Dann kollerte eine Masse Erde, ein riesiger poröser Klumpen von sandigem Gestein über die Stürzenden, stopfte die aufgerissenen schreienden Münder zu gurgelndem, qualvollem Geächz, schlug die hochaufspritzenden Wellen tief unter den Spiegel nieder, zerjagte das Mondlicht in weite Kreise über das Wasser hin. – – – – – – – – – – – Ein paar Monate nach dem Erscheinen des Tagebuchs im Chikagoer Blatt dachte kein Mensch 147 in dem raschlebenden Erdteil mehr an das Abenteuer der Elkridges und der Martha Washingtons. Miß Burden saß in einem Stübchen in Paris und erteilte englischen Unterricht. Die unglücklichen Chippewas der Minniwakan-Reservation hatten durch Hunde, die übers Eis liefen, die verweste Leiche des verkommenen Burschen entdeckt und mit Flüchen nach jeder Schaufel voll im Wald verscharrt. Eines Tages traf bei den Montrealer Champauverts eine Nachricht aus Nord-Vancouver ein – ein befreundeter Sportsman war bei den Squamishs einem jungen Indianer begegnet, der französisch sprach und dem verschwundenen Sohn des Quebecer Zweigs der Familie ähnlich sah. Die Champauverts und die Otis rüsteten eine Expedition aus, aber als sie an Ort und Stelle ankam, war der junge »Passiuk«, wie die Squamishs ihn nannten, fort. Es war keine Frauensperson in seiner Nähe gesehen worden. Die Töchter des Stammes wußten, als man sie ins Gebet nahm, von wiederholten verzweifelten Werbungen des fremdartigen jungen Menschen zu berichten. Aber welche Tochter hätte sich mit einem Fremden, einem Habenichts, der sich zudem durch keine einzige Tat als reif und mannbar erwiesen hatte, eingelassen? Wie im Herbst den Wald um den Minniwakan, 148 so durchforschten jetzt im Frühjahr Banden von Indianerpolizisten und Burns-Detektiven die nördlichen Territorien Britisch-Kolumbiens nach Matschata-weosas und Faith Otis Spuren. Bis an sein Lebensende biß sich der alte Otis in der Hoffnung fest, er werde sein einziges Kind doch noch wiedersehen. Aber es wird in alle Ewigkeit niemand erfahren, was aus Faith Otis geworden ist. 149     Der Feind in der Kampagna Die wackeren alten Herren, wie lieben wir sie alle! Ihr rührenden alten Streiter – euch gehört unser Herz. Es kommt uns ihrer einer entgegen, von der Piazza del Popolo her kommt er auf uns zu (unter Pinien und Lorbeergebüsch haben sie dort ihre Kegelbahn errichtet), – augenblicklich lösen sich unsere Züge, die irgendwelche heimliche Anspannung verzerrt hielt, in Milde und Heiterkeit auf. Ehrfurchtsvoll springen wir zur Seite und geben die schmale Straße frei, damit dies ehrwürdige Stück bereits in die Kunstgeschichte eingegangener Menschlichkeit bequem an der Modellkirche der Via Babuino vorüber könne. Wie oft sind wir dabei der daherklingelnden elektrischen Straßenbahn in den Schuß gesprungen und haben mit Freuden unser Leben gewagt für den Zeugen vergangener Zeiten, in der noch saumtierbespannte Karren den Verkehr versehen haben in St. Peters ewiger Stadt. Der anachronistisch grünliche Leibrock, auf dessen Sammetkragen die uralte Künstlermähne sich silbern herniederringelt, entlockt uns ein Lächeln liebevollen Vergnügens. Lange blicken wir ihm noch nach, bis er hinten in den Lichtkaskaden der Spanischen Treppe in Glorie sich aufgelöst hat! – Bescheiden, wie's uns ziemt, haben wir unser Plätzchen an dem untersten Ende der grünen Tafel, im Festsaal des 152 Künstlervereins mit den Fresken. Oben, in der Ferne, unterm blauen Vesuv, aus dessen Lavakegel sich der Kleiderhaken der Marchesa, die in diesem Palazzo vor Zeiten gehaust hat, herausbohrt, ferne sitzen die Alten, hinter ihren gewaltigen Strohflaschen, neigen sich zueinander, rufen einander Namen in die Ohren: der alte Koch, der alte Overbeck, Scheffel . . . Vom süßen Wein der Schlösser bekömmt uns, die Wahrheit zu melden, nur das erste Glas. Bisbing, unser Freund, fand sich nach kurzem Zaudern bemüßigt, den Verein zu meiden. Er trinkt ausschließlich Mineralwasser, und man fing an, daraus allgemeine Schlüsse auf das Künstlertum heutigen Tages zu ziehen, zu Füßen des indigoblauen Vesuvs. Wir müssen früh am Morgen hinaus, zur Via Appia, in die Berge; die Nebel, die koloristisch über der Landschaft zerstieben, sollen sich nicht berühren mit den fahlen Dünsten innerhalb unserer Köpfe. Wir verbergen ja unsre Hängeschultern unterm Homespun und haben unsre Beine mit Knickerbockers umgeben, aber seht uns doch einmal vor unsern Staffeleien stehen, im Sonnenbrand, im giftigen Abendhauch! Bisbing der Geächtete gar hat sich bis in die Maremmen vorgewagt und einen Sumpf heimgebracht, der sich sehn läßt! 153 Bisbing kann was, Bisbing ist ein Kerl. Wir andern sind nur Schlucker. Mir hat er ganz und gar den Pinsel aus der Hand geschlagen, ich muß meinem Selbstbewußtsein mit Geschreibsel auf die Beine helfen, ich finde die Kraft nicht, eine Tube über meiner Palette auszuquetschen – im übrigen zum Teufel mit mir. Bisbing – im Sommer sitzt er am anderen Ende Europas, in Holland, wo's in der Luft van goghisch zugeht, wenn's kühler wird, kommt er dann zurück unter unsern Kitschhimmel und malt ohne Blinzeln weiter! Seine Bilder läßt er liegen – wir aber, die Freunde, halten sie zusammen, denn das ist einmal einer, den's auf ein Leben lostreibt. Jetzt ist er seit Wochen fort, keiner weiß, wo er steckt, ich seh ihn, seh ihn vor mir, mürrisch sitzt er da, jemand berichtet irgend etwas Possierliches, plötzlich verkrümmt sich der ganze Kerl, es schüttelt ihn eine Sekunde lang – dann sitzt er wieder steif und unwirsch wie zuvor. – Das ist die Geschichte: Ich hatte diesmal nichts auszustellen, so war ich dabei, wie die alten Herren die Bilder aussuchten, die sie einmal im Jahr rings um den Vesuv an die Wände hängen. Aus all dem Kram in der Villa droben, in Bisbings verlassenen vier Wänden, hatten wir eine Landschaft hervorgezogen: die Lichtung 154 im Gehölz auf dem Sterpara hinter Tivoli, früher Morgen mit schräg einfallendem Licht, das erst an die Gräser vorne anstößt, dann ans niedere Buschwerk, immer gewaltsamer, an die Oliven, zuletzt an die Pinien, bis all das leblos wässerige, stumpfgraue, bleischwarze Zeug tausend Farbenfunken sprüht. Nun, ich stand da und wartete darauf, daß Niccolo sich an den Rahmen heranmacht und ihn ins Licht hineinbefördert. Die alten Herren kamen nacheinander heran, einer las den Namen Bisbing vom Blendrahmen herab, einer murmelte: »Aha der!« Dann führten sie ihre Brillen über das Bild und dann war's angenommen. Ich ging, ziemlich enttäuscht, nach Hause. Weinschenk aber, der dort geblieben war, erzählte mir alles, was sich nachher zugetragen hat. – Der alte Lebrecht hatte sich das Bild nochmals ans Fenster stellen lassen, dann ist der alte Weishut gekommen und der alte Holdbein und Rubensohn, der Ewigjunge, und da haben sie herausgebracht: es könne mit dieser Landschaft doch nichts anderes gemeint sein, als eine gewisse Lichtung im Walde hinter Tivoli – sie kannten doch ihre Kampagna, es war die Sterparalichtung – bei Gott, die Sterparalichtung, sie war's! Der Ausschnitt gab den natürlichen Rahmen an, vorn Oliven, 155 hinten Pinien, nur eben: Gott straf mich, es waren doch Oliven und Pinien, und da saß etwas Krapprotes, und Zitronenfarb und Ultramarin, eine umgestülpte Kehrichttonne, aber nicht die Kampagna von Rom! Und plötzlich erinnerten sie sich: sie hatten ja diese Lichtung einst selber gemalt, vor dreißig Jahren etwa, oder so? Und Rubensohn, der nebenan wohnt, lief und holte seine abgeknallte Schwarte herbei, und dann liefen die alten Herren heim nach den sieben Hügeln der Stadt und holten ihre Schwarten vom Speicher und die Woche drauf hingen sie alle, der Reihe nach, an der Wand, Bisbings in der Mitte, – es benahm sich ungebärdig, drohte herauszuspringen aus all dem sorgfältig gesäuberten, mit Firnis aufgestrichenen Stumpfgrau und Bleischwarz und Wassergrün, es schmetterte, platzte los, stieß Trompetentöne aus. In ihren Feiertagskleidern standen die alten Herren in der Ecke und sahen feierlich erregt zu, wie sich die Leute an den Bildern vorbeischwatzten. Sie verhielten sich abwartend und wollten geholt sein. Drüben in der Tür drängten wir uns, wir erwarteten das Abenteuer. Als aus dem Gewisper immer deutlicher Bisbing herauszuhören war, da rückte Weinschenk mit dem Vorschlag heraus: man sollte doch zu den alten Herren hinübergehen und 156 ihnen ein paar verbindliche Worte über ihre Bilder sagen – manierlich und dabei so aufrichtig, wie's irgend zuwege zu bringen wäre – meinte Weinschenk; sie täten ihm leid, die alten Herren in ihrer Ecke, mit ihren dünnen alten Locken, wir werden doch einmal alle alt und abgeknallt in der Ecke stehn, meinte Weinschenk; aber Weinschenk ist keine so philosophische Seele sondern ein Schlaukopf, ein Paktierer und Streber. Dennoch gingen wir hinüber und schüttelten den alten Herren ihre runzligen Malerhände. – Freund Bisbing aber schicken wir nächstens ein paar von diesen luftigen Hundertlirescheinen, die Lichtung ist angekauft und er kann's brauchen, obzwar niemand es herausgebracht hat, ob er sich aus Geld etwas macht oder nicht. Und in ein Zeitungsblatt wollen wir's ihm einschlagen, darin ein Korrespondent seinen Lesern beteuert, er werde jetzt wieder durch die Kampagna gehen, um sich mit frischen Augen im Kopf das Land daherum anzusehn. Auch das schicken wir Bisbing, wenn wir auch wohl wissen, wieviel ihm daran liegt, ob der Korrespondent mit seinen Augen ausgeht oder zu Hause bleibt. Mag sein, es schüttelt ihn, und das ist gewonnen. Aber all dies war die Vorgeschichte. 157   Eines Herrgottsmorgens um Pfingsten ereignet es sich: unsere alten Herren marschieren durchs Lorenzotor nach der Via Tiburtina hinaus. Jedermann weiß es: man kann mit der Trambahn nach Tivoli; aber nein, sie marschieren, marschieren unverdrossen, und Niccolo in der Nachhut mit Mänteln, Schirmen und gewaltigen Ledertaschen hat sein Teil der guten historischen Landstraße in Mund und Nase. Vorne schimmern wie Glas, weiß, grün und blau, die Sabinerberge, Monte Gennaro zuhöchst wie leichter Zigarettenrauch ganz fein an den Himmel geblasen – Rubensohn, der Ewigjunge immer ein paar Schritte vor dem Häuflein her, bald in die Gangart des Kontadins verfallend, der nach guten Geschäften in der Stadt sich zickzackförmig heim begibt, bald mit einem Ruck stillstehend, um mit den Händen vor dem Mund den Pfiff nachzuahmen, womit der Vorstadt-Paino sein Mädel um die Ecke lockt – man kennt, man kennt diese Späße, vergnügt sich aber immer noch an ihnen. Die Sonne gleitet den Himmel hinauf und zieht die Sabinerberge tiefer hinein in sich. Man marschiert verwegen drauf los, wie in den Tagen der flinken Beine. Diligenza um Diligenza rollt vorbei, rollt von dannen und verschwindet in Wolken von Staub. Ponte Lucano ist weit, am Ponte 158 Lucano wartet der Imbiß und das Karriol zum Sterpara hinauf. Ein leerer Weinwagen kommt gemächlich dahergetrottet, nickend mit buntbemaltem, lampionförmigen Leinwanddach, klingelnd mit schellenbehängtem Rößlein – plötzlich setzt sich der alte Holdbein in Trab, der alte Holdbein kennt alle Dialekte weit und breit, der Weinbauer dreht den Kopf unterm Dach hervor, der alte Holdbein kennt alle Finten daherum, eins zwei ist man handelsein, das Rößlein taucht mit dem Kopf tiefer vor dem beladenen Karren, drin auf dem Stroh, das vom Wein noch duftet, haben sich's die alten Maler bequem gemacht, und eh man sich's versieht, ist man den hohlen Bogen des Ponte Lucano hinauf- und wieder hinuntergerollt. –   Was nun Sora Nina vom Ponte Lucano anlangt, einst war sie schlank wie ein Füllen, jetzt ist sie rund wie das moosige Römergrab an der Brücke; eifrig gibt ein altes Knie sie dem andern weiter in der Runde; zuweilen dreht sie sich um und lacht mit drei fürchterlichen Zähnen dem alten Holdbein ins Gesicht, schreit dem alten Weishut in die Ohren, schlägt mit dem Gläsertuch nach Rubensohn, der seinen Scherz angebracht hat . . . alte Erinnerungen! Hat man nicht hier um den nämlichen Tisch 159 gesessen und: »Schleswig-Holstein, meerumschlungen . . .« gesungen, und: »Sie sollen ihn nicht haben . . .« Nun, Gott segne das Vaterland, wie ist es stark und einig geworden, und saß man nicht wieder beisammen, einig und ungeteilt, dieselben Ideale im Herzen? Ach, man will den alten Lebrecht hören, der alte Lebrecht soll aufstehn und sprechen. Und der alte Lebrecht steht auf und spricht; der Heimat gedenkt er und der Helden, es ist eine feine Steigerung in seiner Rede, als er auf die Kunst zu sprechen kommt, und sein Glas in die Höhe hebt auf das gute Land ringsum – da draußen brütet die Nachmittagssonne über dem Sterpara – Rubensohn hat seinen Blitz und stimmt trotzig den Kampfgesang an: » Sie sollen ihn nicht haben! « – Vor dreißig Jahren, man entsinnt sich, hat das ein richtiges Quartett gegeben, allein nach den ersten Takten schon schmilzt der Gesang herab und verstummt, es sind ja Tenöre geworden, vier ausgesprochene Tenöre . . . Uns daheim in Rom verfloß der Abend in Sorge um die Alten. Da waren ängstliche Seelen, die trieben sich zwischen Zi Pippos Kneipe und der Kegelbahn hin und her, die Alten fehlten hier wie dort; da waren trübe Geister, die düstere Vermutungen aussprachen, Unfall, Krankheit, Tod – aber muß 160 man sie nicht lieben drum, die Alten, daß es die Kunst war, die Schuld an allem hatte? Nun, ich liebe sie, denk ich mich in die verzweifelten Bettstellen des Wirtshauses an der Brücke, und in ihre alten Anatomien hinein, mein Herz möchte überfließen, wenn ich mir's vorhalte, daß das schlimme Nachtlager einzig der Morgenstunde willen gehalten worden ist, Bisbings Morgenbeleuchtung willen, am Fuß des Sterpara! Denn eh noch der verhungerte Kampagnahahn seinen ersten Schrei ausgestoßen hat, holpert das Karriol schon den Berg hinauf, mit vier alten Malern befrachtet, die sich schweigend in ihre Mäntel wickeln, und mit Niccolo, dessen Schnarchen von der hintern Bank her allmählich mit dem Knarren der Räder in Takt gerät. – Noch gibt's wenig zu sehn in der Runde; streng genommen gibt es noch gar nichts zu sehen hier herum. Aber man hat das gute Sabinergebirge doch schon erkannt, wie eine alte Geliebte, die man im Schlaf überrascht. Hier kommt die ehrliche Kunst zu Berge gefahren, und sie ist unverrückt die gleiche geblieben, wie das Land ringsum und ist nicht eine Hand breit von der Stelle gewichen. Zwischen den Nebeln der Nacht, die ein Einschlag von weißlichen Schleiern durchwebt, zieht der Weg dahin, vom Dunstgeröll der Travertinbrüche und den krampfigen 161 Gespensterhecken der verknoteten Olivenstämme eingefaßt. Noch haben die Umrisse der Dinge sich nicht der Augen bemächtigt, aber in Stunden, in denen die Außenwelt ungewiß ist, verbürgt sich gut die innere Anschauung, man sitzt da und läßt Natur und Tageslicht einfach gewähren. Wie Wolken erscheinen die Pinienkronen oben in der Luft, erst nach einer Weile zeigt es sich, daß sie gar nicht frei schweben, sondern von dünnen, abenteuerlich durchsichtigen Säulen vom Boden her gestützt sind. Und da treten auch die Arabesken der Oliven, die modrigen Flecke der Gebüsche aus den Schattengeweben hervor, rücken zusammen, von rechts und links, und während der Wald den Weg aufnimmt, wird's dem Grau in den Hintergründen schwerer, sich zu erhellen. Mühselig windet sich das Karriol den steilen Serpentinenpfad hinauf. – Irgendwoher muß schon ein wenig Licht über die Welt gekommen sein; die Gegenstände, auch die entlegeneren, verbergen sich nicht mehr so griesgrämig wie noch den Augenblick zuvor, es wird alles offenbarer ringsum. Hellzitternde Olivenzweiglein zeigen wie kleine Finger auf den Wagen, greifen in die Räder, streicheln über das Holz, hinten in dem erstarrten Gelenk des Stammes nistet schon ein Farbenfleck. Die Pinienkronen verbinden sich mit den 162 Säulen, auf denen sie ruhen, ein Stein, an den Ecken abgescheuert, trägt einen Tautropfen, der wie ein Stern aufblitzt, nein, jeder Halm schaukelt schon seinen Tropfen, das neblige Weiß ist einem genau noch nicht bestimmbaren Ton gewichen, der wird selber bald aufgesogen von dem Licht, in dem allmählich mehr und mehr Farben laut werden. Drin im Karriol haben sich die Alten aufgesetzt; vier alte Augenpaare, acht alte Maleraugen passen auf, passen auf, die alte Geliebte hat leise die Lider aufgeschlagen. In einem wilden Bogen ist die Straße durch einen schmalen Hohlweg plötzlich ganz nach dem östlichen Abhang des Sterpara hinübergeraten. Eine Minute lang gaukelt drüben auf gleicher Höhe Tivoli, das unwahrscheinliche Felsennest mit den schäumenden Riffen, vor den Blicken. Aber gleich wieder krümmt sich die Straße einwärts, und mit klingenden Hufschlägen geht's jetzt geradeswegs ins Licht hinein! Ein Tag Italiens bereitet sich vor, der erste, wirkliche Sonnenstrahl bricht sich aus den milchigen Luftschichten los und fährt siegreich in die gierigen alten Augen, die in die Runde lugen. Wonach denn? Soll die Schönheit, die man ein Leben lang gesucht hat, sich auftun mit einem Schlage? oder aus der Ferne die Jugend herüberzucken, und sich an die 163 Wimpern hängen, mit feuchtem Hauch? – Mit einem halblauten Fluch ist Niccolo, von der Sonne geweckt, aus dem Schlaf gefahren; erschrocken langt er unter die Bank, ob die Strohflaschen noch heil sind? Die alten Augen schauen, schauen nach allen Seiten aus, versunken, und doch scharf und überwach. Krapprot! Es gab Menschen, die gaben an, Krapprot herausschreien zu hören, aus dem stumpfen Einklang von Oliven, Laubgewedel und bestaubtem Gebüsch, mit dem tauben Piniengebrumm im Grunde! Ein kurzer Stoß, darauf das unsanfte Zurückprallen an die Lehne, und hier ist die Lichtung! Schwerfällig springt Niccolo hinten hinaus und kommt herum, um den alten Herren über die Radspeichen zu Boden zu helfen; erst wiegt man sich vorsichtig in erstarrten Knien, dann fliegen die Mäntel in die Karre zurück, Schirme und Taschen kommen zum Vorschein und nach kurzem Suchen hat der alte Holdbein auch schon den Fleck ermittelt, von dem man einst die Lichtung gesehen, aufgenommen und für ewige Zeiten festgehalten hat. Ist's der Fleck? Ist er's? War's nicht ein wenig weiter weg, rechts mehr, da hinten, wo jetzt die Steine im Haufen liegen? Nun, sicherlich stand man hier genau an der Stelle, wo dieser 164 Krapprote, dieser Bisbing, seinen Augenpunkt hatte: mit dem natürlich sich ergebenden Ausschnitt, in dem der Raum dennoch auf eine so aparte Weise verteilt erschien . . . Man ist zur rechten Zeit angelangt, ein kegelförmiger Schatten fällt in den Wald hinein, und dieser Schatten ist durchkribbelt von tausend Farbensplittern. Sachte schmeichelt sich das Licht den Hang herauf, legt sich in alle Falten des jungen Grases, versetzt das äußerste Ende des Gezweiges in Vibration, stößt sich an dem zackigen Ausschnitt der Kulisse wund und reißt gleich in farbige Fetzen auseinander, die vor den schweren Massen des Hintergrundes hin und her flattern. Die Wärme saugt lüstern die letzten Tröpfchen von dem erquickten Laub, zerbläst sie in winzige tanzende Pünktchen, die vor Ungeduld durcheinander geraten, eh sie in der Atmosphäre verschwinden – die Halmspitzen schnellen in die Höhe und wiegen sich, von der Sonne ab, nach der Sonne hin, von ihrer Last befreit, im Spiel der Nässe, die sich oben rasch, tiefer auf dem Boden langsamer verwandelt, durchaus ihren Zustand verändern will, schließlich ergötzlich auf der Bühne der Lichtung herumirrwischt, alles, was träge, wässerig und dumpf dahin geduselt hat, mit sich reißt in ein Getümmel . . . 165 Die alten Herren stehen eng beisammen in ihrer Ecke und staunen einander über die Schultern weg ins Bild hinein. Sie stehen ganz still, keiner spricht, keiner sieht den andern an, aber wer vermöchte es zu sagen, was in den alten Augen vorgeht, jetzt da sie vor ihrer Lichtung stehen, die sich nur wenig gewandelt hat, im ganzen vielleicht nur in den Konturen ein wenig verjüngt hat in all diesen Jahren, und die dennoch mit jedem Zweig und Halm und Luftatom den Bisbings gehört, wie sie einst den Holdbeins gehört hat und in hundert Jahren wahrscheinlich den Bisbings und Holdbeins gehören wird, deren Namen wir uns heute nicht träumen lassen . . . Das Frühstück, die fröhliche Stunde, schleicht ohne sonderliches Behagen davon; ist etwa der Wein der Sora der Wein der guten alten Zeit geblieben? Man rümpft die Nase und die Flasche im schwefelgelben Strohgewand wirft abseits ihren ultramarinblauen Schatten auf den rötlichen Rasen. Unter den aufgespannten Schirmen sind die Ledertaschen umgestülpt worden, verschollene alte Bücher von abenteuerlichem Format haben die Reise mitgemacht, Skizzenbücher voll von längst vergilbten Blättern, auf denen verwischte Bleistift- und Kohlenzeichnungen zu sehen sind, Köpfe von der 166 Babuinokirche, Umrisse von den Appiagräbern – Folianten und windige längliche Heftlein sind an einer Stelle aufgeschlagen, auf der man deutlich die Lichtung erkennen kann – den Ausschnitt hier oben im Walde des Sterpara, mit haardünnen Strichelchen gewissenhaft abkonterfeit, – mit grauen und grünlichen Aquarelltupfen erhöht und mit bleischwarzer Schraffierung des Hintergrundes zu einem Bilde zusammengefaßt, sauber gestellt und fertig zur Ausführung daheim im Atelier. – Von Hand zu Hand zärtlich hinübergereicht, wandern die Bücher im Kreise herum. Voll Rührung blickt man ins Buch des Nachbarn, vergleicht das Bild mit dem eigenen, macht aus der Bewunderung, die sich dabei im Herzen entfaltet, kein Hehl – die Gespräche wagen sich wieder hervor, – ein gut gezieltes Scherzwort schlägt die Verstimmung in die Flucht, – aus den wurmstichigen Blättern steigen Erinnerungen frisch und liebwert hervor und setzen sich leibhaftig auf den Rasen zwischen die Alten nieder – niemand denkt mehr an die treulose Geliebte, die wenige Schritte weg im flimmernden Kankan betört sich mit einem andern dreht! Indes, man muß die Schirme aufrecht stellen, denn die Sonne ist schon hoch gestiegen. Man 167 wirft einen Blick hinter den Schirmen hervor, dabei erweist es sich, man hat hier nichts mehr zu schaffen. Alles schwimmt jetzt in grellem Glanz, alle Farben sind vermischt und hinuntergeschlungen in einen weißglühenden Schlund. Man wird dieses Stück Erde verlassen! Eh es aber heißt Adieu fürs Leben, wollen sich die Alten noch einmal in die Ecke stellen, ganz nahe an den Steinhaufen, um die Lichtung ein letztes Mal zu sehen. Eilig, aus Pflichtgefühl, sehen sie einander über die Schultern weg, wenden dann die Blicke zu den Büchern zurück, die sie entweder zu nah oder zu weit vor die Augen gebracht haben, eine Weile bleiben sie ganz enge beisammen . . . Plötzlich ist jemand aus dem Häuflein heraus getreten. Jemand geht mit gezücktem Schirm auf die Lichtung los, es ist Rubensohn, sein Büchlein hält er aufgeklappt in der Linken. Die schirmbewehrte Rechte saust auf die Oliven nieder, Äste, die sich unbotmäßig vorwärtsrecken, auf kecke Art die Skizze Lügen strafen, fallen ins Gras, ein unbeglaubigtes Stämmchen, das im Vordergrund seine Zweige mit lustiger Gebärde in der Sonne schüttelt, muß weg, die guten Wurzeln klammern sich trotzig an dem steinigen Boden fest, es nutzt nichts, sie 168 geben nach – da hinten in der Gruppe belustigt man sich an dem Einfall des Ewigjungen, es wird ein wenig gekichert, aber da kommt der alte Lebrecht vor, nach ihm der alte Weishut und der alte Holdbein, sie alle haben ihre Schirme und Stöcke, ihre Hefte, Büchlein und Folianten krampfhaft zwischen den Fingern fest, und während vom Karriol her Niccolo und der Vetturin mit offenen Mäulern zu den ewig unbegreiflichen Deutschen hinüberstarren, ist in der Lichtung auf einmal ein groß Gemetzel im Zuge – das junge Laub, die wilden Gräser, all die hellen Spitzen und Blättchen schaukeln nicht mehr herausfordernd durch das Dunklere, Zweige sind von den Ästen geflogen, Äste brechen und springen nieder von den Stämmen, die geschlagen ins Bild zurückweichen, es ist eine Viertelstunde guter schweißtriefender Arbeit, als sie verstrichen ist und die atemlosen Kämpfer innehalten und sich umblicken in der Lichtung, da haben die Skizzenbücher recht behalten . . . Abends hat Weinschenk die alten Herren über die Piazza del Popolo gehen sehen. Arm in Arm gingen sie dahin, federnden Schrittes, wie junge Gesellen aus dem Norden, über denen der Traum von Rom eben aufgegangen ist. Weinschenk ist mit ihnen in die Lorbeerbüsche hinaufgestiegen, wo 169 sie ihre Kegelbahn haben. Sie waren in ihrer Kampagna gewesen, ihre Kampagna hatte es ihnen wieder angetan, das Land der Jugend! Sie trällerten ein paar Takte vor sich hin . . . sie sollen ihn nicht haben . . . die Kugeln sausten nur so hinaus, lustig und verheerend mitten zwischen die Kegel! 170     Das Mädchen am Pier Der Sturm hatte die Landung des »Benjamin Franklin« im Hafen verhindert, und so hatte auch unsere Ausreise einen Aufschub erlitten. Jetzt, eine Stunde vor der ursprünglich festgesetzten Zeit war die aus Europa mitgebrachte Ladung noch nicht gelöscht. Man hatte in alle Hotels der Stadt telephoniert und in den Morgenblättern stand die Nachricht: der »Benjamin Franklin« werde erst in den späteren Stunden des Nachmittags die Ausreise antreten – aber ich hatte meine Wohnung schon aufgegeben, mein Gepäck vorausgeschickt und war, gleich nachdem das schöne Mittagsglockenspiel der alten Grace-Church am unteren Broadway verklungen war, nach Hoboken hinübergefahren und an Bord gegangen, um mich schnell in meiner Kabine einzurichten. Es waren schon einige Leute auf dem Schiff; Leute wie ich, Leute ohne Anhang, die niemand und nichts mehr an die Stadt fesselte; Leute, die es kaum erwarten konnten, ihren Aufenthaltsort zu verändern. Wir saßen in den inneren Korridoren, vor der großen offenen Loge des Oberstewards beisammen und sahen hinter Zigarrenrauch und Pfeifendunst einander an. Etliche hatten sich in ihren Kabinen bereits umgekleidet und gingen nun in bequemen Anzügen und mit niederen Schuhen aus und 174 ein, aufs Deck und in die Korridore zurück. Jeden Augenblick kamen Postboten aus der Stadt. Einige unter uns schossen an die Loge heran, so oft sich ein Bote sehen ließ, erhielten wohl auch Briefe und Telegramme. Ich erhielt weder Brief noch Telegramm. Es war ein herrlich klarer, von Kraftströmen durchwehter Wintertag. Der gestrige Schneesturm hatte all den Dunst und Nebel, der über der Stadt gelegen war, weggerissen und unbekannt wohin fortgeweht, in der Luft war nur jene beseelte Frische übriggeblieben, die wonnig auf der Haut sticht und mitten im Winter schon viel mehr vom Sonnenschein als von Frost an sich hat. Dies ist die richtige Reiseluft. Sie verheißt die Jahreszeit, der man entgegenreist. In ihr ist die Verheißung eines Zieles. Sie entspricht irgendeinem verwandten Drang in unserem Blute, das uns durch die Länder jagt. Darum ertrugen wir sie auch so gut, ohne Pelze und Paletots zu benötigen. Die Wartenden, die Seßhaften, die Einheimischen auf dem Pier hingegen hüpften frierend von einem Fuß auf den andern, bliesen hinter ihren aufgeschlagenen Fellkragen Wolken von warmem Atem in ihre Nasen und über ihre Gesichter hinauf – nur zuweilen sah man von dort einen Blick über die 175 Barriere des offenen zugigen Gepäcksaales zu uns auf dem Schiffe herüberschweifen, denen ein Handschuh an der Hand so viel Wärme spendete, wie ihnen ihre drei Pelz- und Tuchhülsen über den ganzen Leib, von den Sohlen bis ans Kinn. Mit freundlichen Blicken, von keinem Schatten, keiner Sorge bedrückt, betrachtete ich die Leute um mich und die dort drüben in der offenen Halle des Piers. Unter ihnen mochten sich welche befinden, die sich plötzlich aus einer Gruppe, einem Gespräch, aus einer Umarmung loslösen und zu uns herüber begeben würden, Fahrtgenossen, Schicksalsgenossen. Gab's welche unter denen dort drüben, die zu meiner Familie gehörten, so traute ich es meinen Augen schon zu, daß sie sie erkennen würden. Noch hatte die Stadt den Strom der Mitfahrenden nicht über die Halle des Piers ausgeschüttet; das sollte erst in den Nachmittagstunden geschehen. Es konnte keine gesteigerte Erregung an denen dort drüben wahrgenommen werden, nicht an denen, auf die es mir ankam; man stand mit dem Rücken gegen die Landungsbrücke in der Halle gekehrt und im Rahmen der Barriere und vertrieb sich die Zeit nach Können. Um so fremdartiger mußte mir darum ein junges Mädchen erscheinen, das, seit ich auf dem 176 Schiff war und beobachtend mich über die Reling des Promenadendecks beugte, bewegungslos an die Barriere der Halle drüben auf dem Pier angepreßt gestanden hatte. Sie war leicht, keineswegs der Jahreszeit entsprechend gekleidet. In ein etwas zu farbiges Kleid, an dem Bändchen, Mäschchen, Flitter und Spitzen in Fülle zu sehen waren. Sie zeigte den Typus der Italienerinnen, aber in der Verwandlung, die der längere Aufenthalt in Amerika bei den Rassen der Eingewanderten bewirkt. Wie sie ihr Haar trug, unter dem dunklen Hut, in einer blauschwarzen Welle quer über die Stirn niedergestrichen, das war reizvoll. Ihre Augen schienen unter der mattgelben Stirne, von der nur ein Dreieck zu sehen war, in eigenem Feuer zu leben. Die Blässe des Gesichts stimmte nicht zu dem glücklichen Ausdruck, der aus den Augen sprach. Die Augen lachten nicht, sondern glühten, auch dies widersprach dem Ausdruck des Gesichtes und beunruhigte. Ihre Hände waren bloß, ohne Handschuhe, mit einigen zierlichen Ringen auf dem Ringfinger der linken Hand geschmückt. Diese Hände waren schön und klein geformt, man konnte es ihnen nicht ansehen, daß sie in der Kälte froren. Die Barriere war hoch, und obzwar das junge Mädchen schlank und von guter Figur war, ließ 177 die Barriere von ihr eben nur den schönen Kopf und die Hände sehen – diese Hände, die sich an die Barriere klammerten, zuweilen über dem aufgestützten Ellbogen die Haare glattstrichen, mit einer verträumten Geste, die bezaubern mußte, fesseln und verwirren mußte. Aber so dicht ich mich auch an die Reling hinstellte – unser Schiff lag knapp an den Pier geschmiegt, zwischen meinem Standort und der Barriere drüben waren nicht mehr als vier bis fünf Schritte Raum – es gelang mir nicht, von dem Mädchen bemerkt zu werden; ihr Gesicht war aufwärts zum Sonnendeck gewandt; keine Sekunde lang wollten sich ihre Blicke zu meinem Standort auf dem Promenadendeck unweit der Kajütentür herabsenken. Unverwandt waren ihre Blicke nach oben gerichtet, auf eine vergessene, schwärmerische, ausdrucksvolle Weise, die auch ein minder schönes Gesicht ganz gewiß verklärt und idealisiert hätte. Eine ganze Weile standen wir uns so gegenüber, sah ich zu ihr hinüber, sie aber an mir vorbei, aufwärts. Dann verließ ich meinen Platz an der Reling. Ich ging in meine Kabine hinunter, holte ein Buch und ging damit ins Lesezimmer, wo ich die ersten Seiten aufschnitt. Nach etwa zehn Minuten war ich wieder bei der Reling: da stand sie drüben, wie 178 ich sie verlassen hatte. Jetzt war eine Bewegung in die Züge gekommen, die ich früher nicht an ihnen beobachtet hatte. Die Augen sprachen, die Lippen regten sich, wie um stumme Worte zu formen, die Hände krampften sich um das Holz, ließen es los, beschrieben heftige kleine, südliche Gesten. Sie stand da und verständigte sich offenbar mit jemand, der oben auf Sonnendeck Zeichen mit ihr tauschte. Ich sah es deutlich, wie ihre Lippen immer wieder ein und dasselbe Wort formten. Noch konnte ich's nicht lesen, nicht erraten, in welcher Sprache es gesprochen war; wenn ich auch seinen Sinn erriet, konnte ich doch nicht mit Sicherheit behaupten, daß dieses Wort ein Wort der Liebe war. Ich ertappte mich dabei, daß ich eine ganze Weile schon versonnen an der Reling gelehnt und zu ihr hinübergestarrt hatte. Ich bemerkte es daran, daß mich fror. Und immer, während ich da stand und sie ansah, war ihr Blick hinauf, zu dem andern oben auf Sonnendeck gerichtet. Ich wunderte mich, was für ein Mensch das sein mochte, der so standhaft diese Zeichensprache mit dem Mädchen führte. Dabei merkte ich, wie ihr Antlitz sich verwandelte. Es geschah nicht plötzlich, sondern in leiser, unmerklicher Wandlung. Aus der Hingabe, der Trauer wurde in einer zaghaft zögernden Verschiebung aller 179 Linien des Gesichtes ein sprechender Ausdruck von Zorn und Haß. Und auch dies erwiderte jener dort oben. Denn es war nicht zu erkennen, daß irgendwelche milderen Gefühle von dort her die Verzerrung ihres eigenen Gesichtes gelockert hätten. Es kam mir vor, als habe sich aus den Blicken der beiden Menschen, aus den kurzen bedeutungsvollen Gebärden dieses sichtbaren und jenes unsichtbaren Menschen, eine stark verflochtene Kette von primitiver Leidenschaft gebildet. Wütend und hart zog und zerrte jedes diese Kette vom anderen zu sich herüber. Bald schien das Mädchen sie an sich gerissen zu haben. Dann nahm ich wahr, wie ein Lächeln des Triumphes, wie von befriedigter Begierde, über ihre Züge huschte. Bald war sie es, deren Kraft nachließ. Dann schienen ihre Züge, die eben noch fest und herrisch gewesen, in Selbstaufgabe, verlorenem Unterliegen aufgelöst, wie von unsichtbaren Tränen flüssig geworden. Für mich, der ich isoliert, abseits, von keinem der beiden bemerkt, ungebeten und des Zusammenhanges bar, auf meinem Schiffe stand, gab es keine Hoffnung, den starken Strom zu durchdringen. Resignierend mußte ich mich zum Zuschauer eines Schauspiels hergeben. Es war ja auch nicht das Mädchen, auch nicht jener Fremde, dem mein 180 Gefühl entgegenzog. Es war der Strom zwischen den beiden, eben dieser fest geflochtene Zusammenhang eines Menschen mit einem anderen, der mich inwendig gepackt hatte; der mir die abgrundtiefe Unbefriedigung meiner Seele, die die Seele eines Weltfahrers, des Liebhabers eines vagen Planeten war, enthüllte. Jetzt begannen mehr und mehr Leute aufs Schiff heraufzukommen. Ich ging an der Loge des Stewards vorbei, der eine umfangreiche, eben angekommene Post in die Brieffächer verteilte. Fast in jedem Brieffach steckten Briefe, Telegramme. Ich sah erregt zu, wartete, bis das Päckchen ganz verteilt war. Aber in meinem Fach war auch diesmal nichts, kein Brief und keine Depesche. Darauf begab ich mich ins Lesezimmer zurück, um in meinem Buch ein paar Seiten aufzuschneiden, ein paar Sätze zu lesen: einen Briefbogen erst mit Worten, dann mit Zeichen, Konturen einer Landkarte zu bekritzeln. Nahm den Katalog der Schiffsbibliothek zur Hand, legte ihn weg, griff nach der Liste der Mitreisenden. Als ich auf meinem Spaziergang dann wieder an der nach dem Pier stehenden Seite des Promenadendecks vorüberkam, sah ich das Mädchen immer noch drüben hinter der Barriere stehen und mit dem dort oben auf Sonnendeck durch Zeichen korrespondieren. 181 Ich mußte wirklich sagen, daß diese Beharrlichkeit mir ein bißchen lächerlich, ganz gewiß töricht und abgeschmackt vorkam. Wenn man sich so viel zu sagen hat, so mannigfaltige Empfindungen in sich aufsteigen fühlt, der Reihe nach, und sie doch gerne loswerden möchte, warum kommt man nicht auf dem Schiff zusammen oder drüben auf dem Pier, oder in Dreiteufelsnamen irgendwo an einem dritten Orte, meinetwegen in einem Hotel oder Kaffeehaus oder in einem Trambahnwagen, oder in der Untergrundbahn, statt hier stundenlang in der eisigen Kälte vor aller Welt eine Komödie aufzuführen? Aber das waren ja Liebesleute, nicht wahr? Unzurechnungsfähiges Volk, das sich und den anderen etwas zu verheimlichen hatte, seine guten Gründe für die Wahl der Zeit und des Ortes haben mochte, Leute, die sich auf dem Land getroffen hatten und sich jetzt nicht beisammen zeigen mochten. Vielleicht war der unsichtbare Geliebte dort oben der Marconi-Telegraphist oder ein Schiffssteward, oder ein Matrose, der nicht von seinem Posten abtreten konnte oder durfte, nun, weiß Gott, es war ja auch gleichgültig, ich hatte an Wichtigeres zu denken! Nach einem flüchtigen Abschiedsblick auf die hartnäckige Mimikerin begab ich mich in meine hübsche, behagliche Kabine hinunter, deren rundes 182 Fenster nach der Wasserseite und nicht nach der Pierseite hinausging. Ich machte mich nun ernstlich an die Lektüre meines Buches, fing ganz von vorne mit der ersten Seite an, zündete meine Pfeife an und genoß, auf dem Sofa ausgestreckt, den kostbaren Zustand, für eine Woche auf dem Schiffe daheim zu sein, das, ohne daß ich meinen bequemen Platz zu verlassen brauchte, vom Lande weggleiten, sicher über die schaukelnde See dahinschwimmen wird, mich in entlegene Länder tragen wird, in Länder . . . Auf die Dauer gelang es mir nicht, mich selber zu belügen. Ich fühlte mich nicht behaglich; das Buch, das Aufzeichnungen eines Weltenseglers enthielt, ließ mich, wie mein eigenes Tagebuch im Koffer, darin ich meine mannigfaltigen Erlebnisse aufgezeichnet hatte, kalt; dieses Schiff war nicht meine Heimat; meine Reise machte mir keine Freude; und die Länder, denen mein Schiff mich entgegenführen sollte, waren mir in diesem Augenblick verhaßt wie dieser ganze Erdball. Ich warf das Buch in die Ecke; ich dachte daran, das beste wäre, morgen vor Tagesgrauen auf hoher See mich über die Reling zu schwingen und der Nutzlosigkeit dieses Daseins ein Ende zu machen. Und durch alle diese Launen hindurch sah ich schmerzhaft und klar das ausdrucksvolle Gesicht des Mädchens auf dem Pier, 183 das an mir vorbei in die Höhe blickte, dessen Mienen Zwiesprache führten mit jemand, der unendlich viele Male glücklicher war als ich. – Bald litt es mich nicht länger in der Kabine. Oben auf dem Promenadendeck waren jetzt alle Korridore, die Treppen voll von Menschen. Das Innere des Schiffes zitterte vom Stampfen der Maschinen. Was mir aber sonst als freudige Bewegung lebhaft und beglückend die Adern erfüllt hatte, umschwirrte mich jetzt wie hohles Gerassel. Hinter den aufgeregten Mienen all der Leute gewahrte ich die grinsende Fratze des Nichts. Ich sah das Nichts über all den Menschen brüten, wie ich es über all den Errungenschaften der technischen Vollendung thronen sah, über dem Wunderwerk dieses Schiffes, des ins Meer versenkten Piers, der enormen Silhouette New Yorks drüben im Abendnebel. Ach, vor all diesem lauten Treiben sich in die Kabine zurückzuflüchten, sich hinzulegen und alles vergessen! Abschied und Fahrt zu verschlafen, nichts sehen und nichts hören von allem, das wäre das Beste! Doch es kam anders. Als ich des Mädchens drüben wohl zum letztenmal in meinem Leben ansichtig wurde, da wurde mir durch ihre Haltung, ihr Gesicht, ihr ganzes Gehaben ein Eindruck 184 vermittelt von solch erstaunlicher Intensität, daß ich jetzt nach Monaten noch mich versucht fühle, die Feder niederzulegen, das Heft wegzuschieben, mich zu erinnern. Willen, Verzweiflung, Angst und gewalttätiger Eifer schienen zusammengeschossen zu sein in dem vollständig regungslosen Antlitz, aus dem jede Spur von Farbe gewichen war. Die Augen waren Wirbel, die die Kreatur, auf die sie gerichtet waren, in sich zu ziehen drohten. Die stumme, wie versteinerte Fratze, denn anders konnte man dieses tragische Antlitz nicht mehr nennen, hatte nun, wie ich bemerkte, auch die Aufmerksamkeit anderer Menschen neben mir an der Reling auf sich gelenkt. Ich bemerkte, wie einer oder der andere sich über die Reling hinausbeugte, das Gesicht in die Höhe gewandt, um zu sehen, wer dort oben auf Sonnendeck stehen mochte, dem der Blick des Mädchens galt. Da half kein Leugnen: ich war also wirklich gründlich und definitiv um meine Freude an dem Fahren, der Freiheit, der gottgleichen Ungebundenheit gebracht! Und durch wen? Durch ein unbekanntes, einer zweifelhaften Gesellschaftsklasse angehöriges Mädchen, das ich zufällig erblickt und das mich nicht im entferntesten anging. Ich versuchte, mir vorzustellen, was geschehen wäre, hätte 185 ich plötzlich die Leidenschaft in mir erwachen gefühlt, die dieses Mädchen am Pier dort drüben für den Unsichtbaren empfand. Ich versuchte es mir einzureden, daß ich wahrscheinlich meine Reise aufgegeben hätte, wäre solch ein Blitzschlag des Glücks unvermutet in mich niedergefahren . . . Es war schwierig, an der Reling zu verweilen. Massen von Menschen schoben und drängten der Schiffsbrücke zu, um hinüber auf den Pier zu gelangen. Ich ließ mich von meinem Platze wegtreiben, flüchtete zur Stiege hinüber, die hinauf nach dem obersten, dem Sonnendeck führte, und befand mich nun oben, in frischer Luft zwischen den Schloten und Masten, im kalten, schneidenden Winterwind, von dessen Wehen und Zerren die Takelage wie Harfen ertönte. Hier hatte man einen wunderbaren freien Rundblick über die nächsten und entfernteren Piere, die himmelhohe Wolkenkratzerstadt drüben, die Hügel Hobokens und weiter draußen die Inseln und Städte der Bai. Fern im Grau stand wie eine Vision: Liberty, die Göttin, ein ungeheurer Schatten aufgerichtet im hereinbrechenden Abend. Schon schimmerte das Lichtbündel auf dem fernen Riesenturm des Metropolitan Building. Das grünliche Licht auf dem Turm der »World« warf einen 186 kalten Glanz in die winterlich tonlose Atmosphäre hinaus. Über dem stets erneuten Staunen angesichts der unglaubwürdigen Stadt hatte ich das Schiff und mich selbst einen Augenblick lang fast vergessen. Erst als das tiefe dröhnende Brüllen aus einem der Schlote in meiner Nähe atemraubend herausfuhr, ging ich auf die Pierseite des Sonnendecks hinüber, um den Anblick des Davongleitens unseres »Benjamin Franklin« mit anzusehen. Hier oben auf Sonnendeck war niemand außer mir. Alles spielte sich ja in dieser Stunde auf den unteren Decken ab. Aber hier oben auf Sonnendeck mußte doch einer noch sein, einer, der hier schon die ganze Zeit verweilt hatte, dem die Blicke des Mädchens dort drüben galten, alle die Zeichen, Gebärden, die mich heimlich und lang nachhaltend, schwer und tückisch belasteten, gegen meinen Willen, und denen ich unterlegen war, ob ich's wollte oder nicht . . . Ich stand jetzt genau an der Stelle, wo der andere gestanden haben mußte. Ich stand allein da, außer mir war niemand weit und breit. Es war ganz gewiß kein Zweifel möglich, niemand war mehr auf Sonnendeck außer mir anwesend. Auch war kein Kabinenfenster zwischen dem Platz, wo ich stand 187 und dem Promenadendeck, auf dem ich bis vor kurzem gestanden hatte. Ich sah zu dem Mädchen hinüber. Ihr Gesicht drückte Trauer aus, ihre Hände bewegten sich in Gesten, wie ich sie bei süditalienischen Frauen, Frauen des Volkes in Neapel und Sizilien gesehen hatte, in Kirchen und auf Friedhöfen, wo sie ihre Lieben, besser gesagt ihre eigene trostlose und für immer verschüttete Liebe beweinten. Nein, nicht bei den Lebenden hatte ich solche Gebärden gesehen, sondern auf Reliefen der Antike, auf Kunstwerken alter Perioden, in denen die Trauer, menschenunähnlich, gehalten und göttlich zum Symbol gesteigert erscheint. Ich hätte den Anblick dieser Augen, die sich jetzt an meine Augen geklammert hielten, des ganzen Gesichtes, das sich voll meinem Gesicht zugewandt hatte, nicht ausgehalten, wär es mir nicht ganz deutlich und tief in der Seele bewußt geworden, daß all dies ebensowenig mir galt, wie es irgendeinem anderen menschlichen Wesen gegolten hatte. Denn das war mir jetzt bewußt: die ganze Zeitlang hatte niemand auf dem Deck gestanden, auf dem ich jetzt stand. Ganz kühl und ruhig wiederholte ich es: Niemand! Ich ging etwa zwanzig Schritte weiter nach der Back zu – der 188 Blick des Mädchens folgte mir nicht, sondern hing in unverminderter Intensität an dem Phantom fest, das ich gekreuzt hatte, dessen Stelle ich bewußt einige Augenblicke lang eingenommen hatte, ohne es durch meine körperliche Anwesenheit zu verdrängen. Dem Phantom, das immer noch unbeweglich dastand, in alle Ewigkeit dastehen wird, und zu dem auch jetzt noch, da wir uns entfernten, langsam ins Meer hinausglitten, die Blicke des zurückbleibenden Mädchens unverwandt in die Höhe gerichtet waren . . . Der Nachtwind ging kalt. Wir hatten die Bai verlassen. Nur mehr wie ein vager Schein lag New York hinter uns im Westen. Der einzige leuchtende Punkt am Firmament, die Lichtfackel der Freiheitsstatue, flimmerte vor dem Auge undeutlich in der Ferne. Ich konnte nicht unterscheiden: sah mein Auge noch diesen leuchtenden Punkt am Nachthimmel, oder gaukelte nur die Phantasie diesen letzten Schein meinem Auge noch vor? Es war schon spät, fast alle auf dem Schiff waren schon in ihren Kabinen. Langsam und müde ging ich einige Schritte auf und ab auf dem Promenadendeck, ehe ich mich zur Ruhe begab. Plötzlich änderte ich meinen Sinn und ging statt die Treppe zu den Kabinen hinunter die Treppe zum Sonnendeck 189 hinauf. Dort war es finster und still. Ich lehnte an dem Fleck der Reling, dort, wo ich die Blicke des Mädchens Stunden vorher am Abend aufgefangen hatte, für einen Augenblick. Ich fühlte mich jetzt ruhig, heiter fast, mein Los, das Los des Erdenfahrers erschien mir durchaus nicht so grau, so aller Wärme bar wie vor Stunden noch. Ich hatte es gesehen, das Mädchen, im Augenblick, da unser Schiff abgefahren war. Ihr Blick war von allem Erdenschmerz verklärt auf den Fleck gerichtet, woher keine Erwiderung kommen konnte, wo niemand und nichts zu sehen war für Menschenaugen in alle Ewigkeit. Ich klammerte mich an die Reling, sah zum Nachthimmel hinauf und fühlte mich heiter und beruhigt. So stand ich eine ganze Weile noch an jener verzauberten Stelle und blickte in die wellengehobene Winternacht hinauf – mit liebenden Augen in den dunklen Himmel über unserem Schiff hinauf. Um Mitternacht ging ich dann in meine Kabine und schlief acht Stunden lang tief und gesund. 190     Straßenecken-Legende Was bin ich? Eine Straßendirne, ein verworfenes Geschöpf, und mein Los auf Erden ist: daß die Männer all den Haß und die Wut, womit ihr Leben sie erfüllt, an mir auslassen und mir Geld geben dafür, daß ich es erdulde. Ich liebe es nicht, daß junge Knaben zu mir kommen, auch nicht die gierigen, geilen Alten, ich will mein Schicksal fühlen, so hart es mich auch geschlagen hat, dafür bin ich ein Mensch! Ich weiß ganz gut, welch ein Schimpf das ist, sagt mir's einer ins Gesicht, du Mensch! aber wenn ich ganz allein bin, da spreche ich's mir doch vor, du bist ein Mensch, ein Mensch, trotz allem. Ich habe es mir abgewöhnt, darüber zu weinen, wovon sollt ich denn leben; eine traurige Hure ist keines Geschmack. Aber jüngst, da kam einer zu mir, der wollte mich traurig haben. Er hat gesagt, ich soll die Lippen zusammenpressen und ihn aus halbgeschlossenen Augen ansehen, so als sei ich schläfrig. Er ist dann bei mir sitzen geblieben, auf einem Stuhl mir gegenüber, und hat mich erst lang angesehen, bis er dann anfing, leise und mit großer Achtung zu mir zu sprechen – ich merkte gleich: der spricht nicht zu mir, sitzt nur da und denkt an eine andere, und ich soll die andere vorstellen. 194 Darum wagte ich's auch gar nicht, mich zu rühren, nur wie er dann seinen Kopf mir in den Schoß legte, da habe ich ihm mit den Händen ganz sacht über die Haare weggestrichen – und dann hat er mich geküßt. Seine Augen waren zu, und beim Fortgehen gab er mir Geld, mehr als ich's gewohnt bin. Aber wirklich, er hat mich auf den Mund geküßt, als wär mein Mund ein Menschenmund, geschaffen, ruhige Worte zu sprechen, die aus einem freudigen Herzen und einem gebildeten Hirn hervorkommen. Schon dreimal war er hier, und noch immer scheint er diese elende Stube nicht zu bemerken und nicht dieses elende Kleid, in dem ich ihm an der Straßenecke begegne, und das ich mir vom Leib reiße, sobald ich ganz allein bin. Neulich hab ich ein paar Worte zu ihm gesprochen, und er hat mich ganz entzückt angesehen, so daß ich glaube: auch meine Stimme muß im Klang ähnlich sein wie die Stimme der Frau, die er lieb hat – ganz stolz und glücklich bin ich darüber, denn nichts ist mir so grauenhaft, wie die Stimmen der Mädchen, die mit mir an der Ecke stehen in der Nacht. Nichts weiß ich von ihm, als daß er fein gekleidet ist und schöne, gepflegte Hände hat. Er ist nicht wie die anderen, ich kann ihm zuhören, 195 solange ich mag, am Ende ertappe ich mich dabei, daß ich mir kein Sterbenswort von allem gemerkt habe, obzwar ich hörte, wie er von seinem Leben sprach, seiner Arbeit, seiner Mutter. Es kommen oft welche zu mir, die sprechen, sprechen, aber ihr Feind ist's, der ihnen zuhört und sich merkt, was sie ihm antun, das ist nicht so bei meinem Liebsten. Einmal hat er mich gefragt, ob ich ein Kind habe? Ich gab darauf gar keine Antwort, denn ich weiß ja, ich bin die andere, und zu der spricht er, nicht zu mir. Erst wenn er mich in den Armen hält, bin ich wieder ich, ich selbst, denn ich bin ja auch wieder eine andere, und zu der kommt er wohl auch! Aber wenn wir uns lieben, dann bin ich nicht die, dann bin ich ich selbst. So betrüge ich ihn! Wenn ich ihn nur nicht verliere. Oft ist's mir, wenn ich ihn ansehe, als könnt's nicht lange mehr dauern, und ich wünsche mir, er käme eines Tages und hörte von den Mädchen beim Tor: die ist gestorben, heut hat man sie weggetragen. Und jedesmal, wenn er fortgeht, sage ich mir: sieh ihn gut an, siehst ihn nicht wieder. Er spricht auch wenig mehr zu mir, sieht mich kaum an, und das letztemal, als er mich eine Weile angeschaut hatte, da hat er mich geschlagen! Er hat mir nicht weh getan und ich hab vor Lust geweint, 196 aber er hat sich dann, wie ein Kind, mit der Stirn gegen die Wand gestellt und geschluchzt vor Scham und Schwäche und ist dann gegangen. Ich hab mich gefürchtet vor seinem Blick – er hat mir die Hand gereicht und hat mich angeblickt, so als sähe er mich zum erstenmal, mich, darum hatte ich Angst. Denn eher möchte ich tot fortgetragen werden aus diesem Haus, als daß er nicht wiederkäme! Und jetzt ist er schon so lange nicht mehr dagewesen. Was mag mit ihm sein. Ich fürchte mich! Ich hatte sein Gesicht noch so gut in der Erinnerung, und nun auf einmal nicht mehr. Ich sitze nur da und starre in meinen Spiegel, traurig, mit zugepreßtem Mund und schweren Lidern – und ertappe mich dabei, wie ich gar nicht an ihn denke, sondern an sie, an die Frau! Immer denk ich jetzt an die, mit dem zugepreßten Mund und den schläfrigen Augen, die mir so sehr ähnlich sieht. Ich bin in ein anderes Quartier verzogen und denke mir jetzt: er sucht mich und kann mich nicht finden. Die Männer, die mich früher gekannt haben, kommen auch nicht und das ist gut für mich. Ich habe das Geld aus der Sparkasse geholt und meine Hurenkleider verkauft, aber ich muß im Gang und Aussehen noch etwas haben, das die Leute sich 197 nach mir umdrehen läßt. Darüber gräme ich mich. Denn ich gehe jetzt halbe Tage lang in der Stadt herum, es treibt mich, ich weiß gar nicht, was ich suche.   Ich weiß es, jetzt weiß ich's! Gestern sah ich sie. Aus meinem Spiegel hab ich sie erkannt. Sie ist aus einer Equipage gestiegen und quer vor mir übers Trottoir in ein Modegeschäft eingetreten. Sie ist hellblond wie ich, sie hat meinen Wuchs, sie hat denselben Kinderhals, sie hat den schläfrigen Blick und die zugepreßten Lippen, aber sie ist blaß, nicht bloß so aus eleganter Affektiertheit, sondern als wollte sie in Wirklichkeit die Augen nicht auftun, um die Welt nicht zu sehen, und den Mund nicht, weil sie was zu verschweigen hat. Die! – sagte ich zu mir. Und wieder habe ich die entsetzliche Angst gespürt von damals, wie er zum letztenmal fort ist, eine entsetzliche Angst, mit einemmal. Ich bin der Frau nachgegangen, in das Geschäft, stellte mich in ihre Nähe und suchte einen Stoff aus. Die Kommis, die uns bedienten, rissen die Augen auf, sahen sich heimlich an und machten freche Gesichter, aber die Dame hat's nicht bemerkt, so etwas bemerkt nur 198 unsereiner. Von der Kassiererin habe ich dann ihren Namen erfahren. – Ich sehe in meinem neuen Kleid ganz anständig aus, niemand würde mich für eine Prostituierte halten, eher für eine Erzieherin, bessere Kammerzofe oder so. Gestern war ich bei der Dame. Man hat mir gesagt, sie empfängt niemand. Ich hab die Klinke in der Hand gehalten, die er gewiß so oft niedergedrückt hielt, ich war ganz schwach, ich hab mich abweisen lassen und sagte nur kleinlaut, ich wollte in ein paar Tagen wiederkommen. Ich log, ich sei Manikure und an die Dame empfohlen. – Ich will dies Handwerk lernen und probieren, ob ich mich durchschlage. Ich bin auch gleich zu unserer Manikure in der Christinenstraße gegangen und habe aufgepaßt, wie sie's macht. Und morgen geh ich wieder zu der Dame, und sollte ich die Zofe über den Haufen rennen müssen, ich werde hineinkommen und erfahren, was es mit meinem Liebsten ist! Ich war heute bei ihr. Was hab ich da erlebt. Sie saß an ihrem Schreibtisch und frug mich, wer mich schickt? Aber eh ich noch ein Wort herausbrachte, sah sie mich wie erstarrt an, so hat sie's auch gleich gemerkt, wie ähnlich ich 199 ihr sehe. Ihre Augen sind ganz klein geworden. Ich ging ganz nahe zum Schreibtisch und suchte, ob ich ein Porträt in einem Rahmen dort finden würde, es war aber nur ein kleiner, verwelkter Veilchenstrauß da, in einer silbernen Vase. Da erinnerte ich mich, daß er mir auch ein-, zweimal Veilchen mitgebracht habe, ich hab sie aber nicht mehr, ich hab sie nicht aufbewahrt. Sie frug ganz leise, was ich will? Da fing ich auf einmal, ich weiß nicht wie, zu weinen an und nur, wie sie mich nach einer Weile, schon wie im Zorn, gefragt hat, was ich will, hab ich mich fest gemacht und sie grad aufs Gesicht zu gefragt, was mit meinem Liebsten ist? Erst hat sie mich ganz erstaunt angeblickt, aber lange konnte sie meinen Blick nicht ertragen: die Tränen schossen ihr in die Augen, aber sie schluckte nur und sah weg. Da hab ich gewußt: er ist tot und sie ist schuld daran. Ich bin dagestanden vor ihr und keins hat gesprochen, lange Zeit. – Am Ende aber hielt ich's nicht länger aus und fing zu sprechen an. Ich sei ein armes Mädchen, aus der Provinz, und habe meinen Liebsten kennen gelernt, als ich bei seiner Mutter Arbeit hatte. Kaum hab ich das gesagt, ist mir auch schon eingefallen: daß ich mir ja dann bei seiner Mutter hätte Rats 200 holen können. Ich wurde ganz verlegen, sie aber stand auf und zeigte nach der Tür: »Sie gehen von hier! Sie gehen augenblicklich!« Aber ich habe mich nicht gerührt, stand da und sah sie an. Im Spiegel bei der Tür erblickte ich mein Gesicht: ich dachte, es blicke voll Verachtung, aber es war mein Straßeneckengesicht, das mir entgegenblickte. Sie war ins andere Zimmer gegangen und hatte sich hinter der Portiere versteckt. Ihre Zofe kam, doch mich anzurühren traute sich die nicht. Ich bin dagestanden und hab gesprochen. Hast du schon keinen, der dich aus Liebe anhört, wenn du deine Not klagst, so redest du's dir vom Herzen vor einem, auf den du den größten Haß hast in dieser Welt! Ich sagte alles her, wie er zu mir gekommen war, daß ich erst sie vorgestellt habe und daß er mich auf den Mund geküßt hat. Und daß er mich auch auf den Mund geküßt hat nachher, wie er mir von ihr erzählt hat und von ihrem Kind, von ihrem Kind auch! Ich habe es ein paarmal gesagt: daß er mir von ihr erzählt hat und von ihrem Kind, obzwar ich nur eine Straßendirne bin, eine Straßendirne. – Sie hat den feinen Vorhang in Stücke gerissen, in lange Fetzen, die herunterhingen, und hinter denen ich ihre Augen sah. Ich war ganz 201 von Atem und mußte mich setzen, so stark pochte mein Herz. Als es dann ruhiger wurde, hörte ich, wie sie immer ein paar Worte vor sich hinmurmelte . . . von einem reinen Andenken, das jetzt beschmutzt war, das reine Andenken beschmutzt . . . Nun, wenn du reiche, gebildete Frau nichts weiter aus dir heraus findest, als diese Worte, sagte ich mir, dann hasse ich dich nicht, dann hasse ich dich nicht. Ich fürchtete mich, aufzustehen, denn da würde sie doch sicher schreien: Kommen Sie mir nicht in die Nähe! und die Hände an ihr Kleid pressen wie in einem Theaterstück. Wo ich sie doch gar nicht berühren will, nicht im Guten und nicht im Bösen. Ich bin ganz verlegen geworden, für sie, nicht für mich, und auch nicht wegen einer Lüge wie zuvor, sondern aus Wahrhaftigkeit, denn ich hab zum erstenmal, seit ich denke, Mitleid gespürt mit einem Menschen, der nicht ich war. »Ich gehe,« hab ich gesagt, »ich möchte Sie nicht beflecken mit meinem Hauch, denn ich bin ja eine, die jeder für Geld kaufen kann und an die wohl keiner in seiner Todesstunde denkt, nicht einmal meine Eltern haben's getan. Und doch: wenn die guten Stunden gezählt werden, die einer auf Erden gehabt hat, und die schlimmen, und es wird dann gefragt, wer hat sie dir geschenkt, 202 die guten, wer hat sie dir angetan, die bösen – Ich hab nicht gewußt, wie ich den Satz zu Ende sprechen soll, ich hab meinen Schirm genommen und bin rasch hinaus, und im Vorzimmer ist das Kind gestanden, ein blasses kleines Mädel in einem Spitzenkleidchen. Aber wie ich auf der Straße war, bin ich mir gar nicht mehr wie ein Auswurf vorgekommen. Ich habe sogar die Blicke ausgehalten, und an die Manikure dachte ich nicht mehr, dachte nicht mehr daran. – –   Was alles ist weit. Ein Jahr zurück? Viele? Heute war ich wieder im Modengeschäft, und wie ich aus meinem Wagen steige, hält vor mir einer und die Dame steigt aus, die von dazumal, und tritt vor mir ins Geschäft ein. Ich hätte sie kaum wiedererkannt, sie hat sich sehr verändert, so dürr, mit solchem Kinderhals, als wär sie eingegangen, kleiner geworden – sie sieht mir gar nicht mehr ähnlich. Mich hat derselbe Kommis bedient wie damals. Die Leute schauen mich nicht mehr frech an, ich habe mich herausgemacht in der Zeit. Ich ließ mir den teuern Chinastoff vorlegen, aus dem Schaufenster, er paßt sehr gut zu meinem Teint und zu meiner Gestalt und zu meinem Haar. 203     Landsend Kleiner roter Stein auf meinem Tisch, kleiner viereckiger roter Stein, du hast ja einen grünen Bart! Draußen zieht Gewölk, weiß und leicht wie Schaum über den Himmel weg, Windsbraut treibt es schwadenweis vor sich her, daß es nur so herunterpfeift durch den Kamin zu mir in die Stube. Da zuckt der Federkiel, da steht die Federspitze nach dem Stein wie eine Kompaßnadel, da muß ich an das rote Land überm Meer denken, an das winddurchwehte Frühjahr und an die Menschen, so schwankend im Sturm, so fest in der Erinnerung, gar nicht zu verrücken. Die Möwen schrien dort Tag und Nacht. Wie dicke Spindeln, ganz umwickelt mit schneeweißer Wolle, waren ihre feisten Leiber, die planenden unbewegten Flügel trugen sie durch die Luft. Auf einmal – hinunter auf die Wollen und fort! Sie leben unter dem Wasser so gut wie unter den Sternen. Sie kämpfen und hacken in das undichte Fleisch der Fische, die in die weißen Rümpfe mit ihren scharfen Flossen blutige Kerben schneiden, sie bohren ihre Schnäbel tief in die Augen des Fisches hinein und heben die zappelnde Beute mit sich in den Sonnenglanz hinauf. Dort brüsten sie sich vor ihren Weibern mit ihrer Kraft und ihrem Futter, aber sie lassen 206 den erkämpften Fisch lieber aus der Höhe zurück ins Wasser fallen, als daß es ihnen einfiele, stumm zu bleiben inmitten des Gekreisches, das die tausend klappernden Schnäbel in der Luft vollführen. Auf Enis Dodman sitzt das Möwenvolk zu hundertmal Hunderten beisammen; sie haben den flachen Rücken des Felsens über und über beschmutzt und angestrichen. Klatschend fahren die Wellen von allen Seiten den Felsen hinauf, der mitten im Wasser steht, sie fahren durch das Felsenloch, das wie ein Tor ist zur Zeit der Ebbe und wie ein Fenster zur Zeit der Flut, sie quirlen und stoßen sich rund um den roten Felsen herum und manchmal bei Sturm, da hat eine Welle gleich aus Labrador herüber, ein rollender Berg des Atlantik oben über Enis Dodmans Felsendach weggeschürft, wohin sonst nur das schale Wasser des Regens und Schnees hinkommt. Was kreischen die dort oben? Was treibt den schrillen Schrei unaufhörlich aus ihren Kehlen heraus? Vielleicht sitzt der Dämon Tregeagle mitten unter ihnen und erzählt ihnen Geschichten? Vielleicht wohnen in den Spindeln die Seelen der Ertrunkenen und sie, tierisch und dumpf auf der Wanderung begriffen, haben unten in der Tiefe vom verwesten Fleisch ihrer eigenen verlassenen Menschenleiber 207 gegessen und scheuchen jetzt mit Geschrei den salzigen Geschmack des Fleisches von ihren entsetzten Schnäbeln. Die Möwen! Gewiß sehen sie mehr, als wir Menschen auf dem Festland sehen. Sie wissen Tieferes vom Meer, von den Felsen und den Winden über beiden, und sie schwätzen und schwätzen sich ihre Geheimnisse in die befiederten Ohren hinein. Wenn's auf Sturm geht und die Nebelkobolde führen ihren Tanz auf, wenn's Unglück geben soll und die Leuchttürme auf dem Longship und dem Wolfsfelsen ihre Feuer im Kreise herumjagen, da segeln die boshaften Tiere den Schiffen entgegen und kreischen um den zerbrechenden Mast, damit der Kapitän die Signale der Sirene und der Nebelhörner nicht hören soll. Dann schießt das gute hölzerne Haus schwank und schnell auf die Zickzackklippe zu, die die Schiffer die Irische Lady nennen – die Schiffer schrein: seht! seht! und bekreuzen sich, denn sie haben auf der Spitze der Klippe die Lady in eigener Person sitzen sehn – ihr schwarzes Haar fiel ihr zu beiden Seiten auf die Hüften herunter, ihre Augen waren grau und sie hatte eine rote Rose im Mund, den Stengel einer roten Rose zwischen den Zähnen – der Tod. Nachher scheint die Sonne wieder. Das Land, ganz rotgebacken von Feuern in der Urzeit, liegt 208 glühend da unter seiner schütteren Moosdecke, und der Wind ist sanft geworden um die Steine. Nur im Innern der Erde, wo das Zinn und das Kupfer wächst, rumort es tückisch weiter. Ein Kind, ein Wiegenkind schreit in einem Haus. Seine Mutter ist in die Küche gegangen, um nach dem Brot im Ofen zu sehen. Diesen Augenblick hat der Riese Bolster benutzt, um durch das Fenster in die Stube hereinzugucken und das Wickelkind zu erschrecken. Es wird aufwachsen, mit namenlosem Schrecken in seiner Kindesseele, denn es hat ja den Riesen Bolster gesehen, wie er von Carn Bria nach dem Schreienden Hügel hinüberschritt, einen Schritt tat über die siebzehn Meilen weg. Und das Kind wird ein Dichter in seinem Herzen sein, bis der harte Daseinskampf es zwingen wird, ein Tagfronknecht zu sein, da wird es den Riesen Bolster über dem Riesen Leben vergessen. Die Gespenster haben es schwer im Lande Cornwall heutzutag!   Im »Ersten und Letzten Wirtshaus von England«, das dicht hingebaut ist an den abschüssigen Rand vom Landsend, da wohne ich mit vielen Büchern und vielem Papier. Ich habe eine Lupe auf meinem Tisch liegen und in einer Schachtel kleine Fetzen von Moos, Kräutern, Flechten und auch 209 Algensträhnen, die nach Salz riechen. Es ist früh im Jahr, März, und wenn die Sonne dir nicht grade über dem Scheitel steht, so kann es kalt sein wie um Silvester. Im Haus leben nur wenige Menschen, wir sind vier im ganzen: ich, der Wirt ein alter Mann, seine alte Frau, die meine Kleider bürstet und für mich und den andern Gast, der auf demselben Flur wie ich haust, das Essen kocht. Vier Menschen am Landsend, jeder für sich; die Möwen sind geselliger. Ich bin jung und leide darunter, daß keiner mit mir spricht. Einmal war ich eine halbe Stunde weit in einer kleinen weißen Hütte, wo man Whisky und Eierlikör trinken kann, aber die Augen der Wirtstochter haben mir nicht gefallen und ich bin nicht wieder hingegangen. Der Mann auf meinem Korridor, er geht jeden Tag hin. Wenn ich nach der Mahlzeit; die wir im langen Speisesaal am selben Tisch einnehmen – er sitzt am westlichen Ende, ich am östlichen, wir sehen uns kaum, so lang ist der Tisch – wenn ich so um Zwei herum meinen Spaziergang nach Pordennack Point, zur schönen grünen Tellerflechte mache, da sehe ich ihn, weit weg, auf der Landstraße zur Whiskyhütte gehen. Und wenn ich um Sonnenuntergang heimkehre, da ist er auch schon 210 zurück: er hat getrunken und ist nicht sicher auf seinen Füßen – er steht auf einem Felsenvorsprung hart am Rand, zuweilen liegt er auch dort, lange, sein Körper schwankt, aber sein Blick ist starr und grade auf das Meer hinaus gerichtet und auf den Logan Rock, der fein und unnahbar, wie ein riesiger Pilz abenteuerlich anzuschaun sich vom Abendhimmel abhebt. Logan Rock – was ist das? Die den Riesen Bolster nie gesehen haben, die sagen, es ist ein Spiel der Natur. Die Natur hat zwei aufeinander liegende Felsblöcke so geformt, daß der obere breit auf dem unteren, wie ein Kegel zulaufenden, liegt, schaukelnd, schwingend vom Windshauch, unverrückbar durch die Kraft von Menschenmuskeln. Sie sagen: die Natur . . . Die den Riesen Bolster gesehen haben, die sagen, er hat in der Wut einen Felsen ringsherum angeknabbert wie eine Mohrrübe, und ihn dann, dumm und täppisch wie er nun einmal ist, mit der Spitze nach oben hingestellt, dann ist er weg und hat vom Schreienden Hügel her meilenweit ein Steinchen, einen Kiesel, der gut und recht seine neunzig Zentner wiegen mag, nächtlicher Weile auf die Rübe hinübergeworfen, da schaukelt er seither: logging schaukelnd, rock Felsen, probiers, ob du ihn wegrücken kannst. 211 Dann gibt's welche, sie haben den Riesen Bolster gesehen und nicht gesehen, sie sitzen, die Nase in der Luft, im Britischen Museum in London unter dem Glasdom der Bibliothek, die sie vermehren – die haben herausgebracht: die Loganrocks im Land Cornwall sind Wahrzeichen, Grabmäler, Denkzeichen aus der Zeit, in der Recke, Priester und Skalde noch eins waren, und sind hingepflanzt worden auf gefährliche Klippen, damit der Mensch nicht vergessen soll, daß er ein rätselvolles, schaukelndes Gebilde ist am Rand des flutenden Nichts, jeden Augenblick erschwankend, vom Fall bedroht, von einer Kraft im Gleichgewicht gehalten, die er nicht kennt, nach der er nicht forschen darf, denn nur der Feste darf kennen und forschen, der schaukelt darf es nicht. Was soll man nun glauben? Wen soll man befragen? Die Wirtsleute sind dumpf und schläfrig, mein Nachbar ist stumm zu mir und hat mich noch nicht angesehen all die Zeit. Komm, kleine Lupe, treue Freundin, und zeige mir die Wunder der Algen und Flechten, die hier am Landsend wunderbar wachsen, so wie nirgends sonst im weiten Europa!   Halt – die drei könnte ich nach dem Geheimnis des Loganrock fragen, die drei, die ich gestern über den Kamm gehen gesehen habe. Es waren 212 zwei Frauen und ein kleiner blinder Knabe. Es waren die beiden Walküren, die alte und die junge, und zwischen ihnen ging Johnny. Genauer gesagt, es war Susan, die Besitzerin der Whiskyhütte, mit ihrer Tochter Cherry, deren Augen ich nicht liebe, und ihrem kleinen Sohn, dessen Augen die Glut des Landsend nimmer sehen werden. Cherrys Augen hasse ich, sie sind grau wie die von Unserer lieben Frau vom Schiffbruch, der mit der Rose zwischen den Zähnen, und wenn sie mit ihren Augen einen Mann ansieht, dann gibt's Sturm um die Klippe! Schreckliche Dinge werden von Cherry erzählt. Sieben betrunkene Grubenarbeiter aus Gwithian sind in einer Nacht bei Mutter Treworn eingekehrt, haben Cherry auf die Wiese gelockt und ihr einen Knebel in den Mund gesteckt. Als aber der Hahn krähte, da stand Cherry vom Boden auf, riß lachend den Knebel aus dem Mund und band sich, rosig und mit funkelnden Augen, das Haar auf. Und die sieben Sünder schlichen grau und sich in einem fort bekreuzend heim über den Berg. Cherry Treworn ist die Männerhexe. – Mit flatterndem Haar geht sie über den Grat, sie hat weiße Strümpfe und Schnallenschuhe an und einen kurzen roten Rock, rot wie das Land. Wenn ein Mann sich ihr nähert und Cherry sieht seine 213 Lippen zittern, da wirft sie den Kopf zurück und spricht: erst gib Geld! Ich bin sicher vor ihr und ihrer windverbrannten Haut – denn ich denke dein, Henriette! – aber wie steht's um meinen Nachbarn? Neulich hat sie Johnny zu ihm hergeschickt, den blinden Knaben. Er findet seinen Weg, der Blinde, er hält sich an die Landstraße, und wenn er das »Erste und Letzte Haus« erreicht hat, dann stellt er sich in die Mauerecke hinten beim Wagenschuppen und lauscht und lauscht, denn dorten kann man das Brausen und Rauschen so sonderbar scharf hören, jede kleine Welle für sich, und Johnny hört und kennt jede. Er weiß, die schlägt an Enis Dodman, die kommt vom Longship her, die vom Geharnischten Ritter, die zerschellt jetzt an der Irischen Lady. Jede kleine Welle singt ihre eigene Stimme im Chor mit und alle zusammen singen für Johnny bei der Mauer. Johnny liebt den Penny nicht, er wirft ihn von sich wie Schmutz, einmal hab ich ihm meine kleine Bergkristallkugel geschenkt, seither jauchzt er, wenn er von weitem meinen Schritt hört. Er kommt oft auf Botengang zu uns, die Wirtsleute müssen seiner Mutter oft mit Biskuit und Gewürzen aushelfen, hie und da bringt er ein Papier von Cherry an Herrn Donegan mit. Herr Donegan ist mein Flurnachbar, der Gast am andern Ende des Tisches. 214 Was treibt er hier? Was sucht er am Landsend um diese frühe Zeit des Jahres. Ist er ein Pilger? Oder ein Flüchtling? Oder ein Sklave Cherrys bloß? Heute sah ich beide auf der Landstraße in verschiedenen Richtungen aneinander vorübergehen. Sie blieben nicht stehen. Er sah sie nicht an, sie sah ihn nicht an. Sein Gesicht war ganz zerstückelt wie verwitterter Stein, ganz Gram, ihr Gesicht glänzte und funkelte wie Sonne, ganz Spott, und wie ich die beiden sah, da fuhren mir Gram und Spott wie zwei blitzscharfe Messerchen rasch durch das Herz. Sie schickt ihm Briefe. Sie sahen sich nicht an. Es ist also aus zwischen ihnen? Oder ich irre mich vielleicht und es hat noch nichts zwischen ihnen gegeben? Aber was kümmert's mich denn, ich bin ein Kindskopf, wahrhaftig. Am Abend, ich bin spät heimgekommen (dies schreib ich bei offenem Fenster nachts, bei Vollmond), am Abend sah ich Herrn Donegan. Er hatte seinen Mantel auf dem Wiesenabhang gelassen. Das Herz stand mir still . . . er war über die steilen Felsen, den schwindligen Schrund zum Loganstein hinübergeklettert, er kam zurückgeklettert, zog auf der Wiese seinen Mantel wieder an und ging fort. 215 Er brauchte sich nicht gewaltsam gerade zu halten, er ging gerade, er war nüchtern. – Herr Donegan stellt mich im Korridor vor meiner Tür. Er richtet einige absurde Fragen an mich. Zum erstenmal kann ich ihm voll ins Gesicht sehen, zum erstenmal höre ich seine Stimme richtig zu meinem Ohr sprechen. Sein Gesicht ist beschattet und seine Augen blicken kraus; seine Stimme ist nicht schön, sie klingt wie zerbrochen und nicht einmal wie zerbrochenes Metall. Er sagt zu mir: »Was ist los mit uns? Die anderen Leute leben alle weit weg, nur grad wir beide sind hier am Landsend! Sie sind ein junger Mann, man hat mir gesagt, eine Universität hat Sie hergeschickt, damit Sie ein Buch über Moos und Algen schreiben. Sie schreiben über so etwas wie Algen? Zu welchem Zweck lebt man denn eigentlich? Glauben Sie, so etwas wie Algen beschreiben ist vielleicht Schicksal? Werden Sie eines Tags alt genug geworden sein, um nicht mehr einem Zweck zu gehorchen, sondern dem Schicksal?« Spricht's, wartet gar nicht auf Antwort, sondern geht rasch in sein Zimmer zurück, der Kauz! Seither haben wir bei Tische ein paar Worte miteinander gewechselt. Er ist lange in Indien gewesen, jahrelang ganz allein in den Bergen um Darjeeling, Regierungsbeamter. Die 216 Wirtsleute wissen auch nicht, was er hier tut. Sie lassen ihn in Frieden, die Alten. Den halben Tag verschlafen sie in ihrer rauchigen Küche und sammeln Kräfte für den Sommer, wenn die vielen Leute kommen, » the rush «.   Natürlich hat's etwas zwischen Donegan und Cherry gegeben. Heute früh vor dem Haus, sie war mit einem Korb am Arm da, Donegan kommt aus dem Haus, will an ihr vorüber, sie schlägt den Deckel des Korbs herunter und schreit ihm ein Wort ins Gesicht. Die Wirtsleute standen im Fenster, ich war ein paar Schritte weit weg, auf der Wiese. Herr Donegan hob die Faust auf, ganz hoch über seinen Kopf, wie einen Hammer. Aber das flinke Mädchen entwischte ihm und hat ihm das Wort dann noch einmal nachgeschrien. Die Wirtsleute blicken spöttisch hinter ihm drein seither, ins Gesicht zu zeigen trauen sie sich doch nicht. Sie haben mir das Wort erklärt, es ist schwer zu übersetzen, es ist ein altes cornisches Wort, man könnte es so übersetzen: du abgeschiedener Geist, du Memme, du Irrwisch! Es ist ein tödliches Schimpfwort hierzulande, wo die Weiber viele Kinder kriegen. – 217   Ich habe jetzt segeln gelernt und steuere mein Boot geschickt zwischen der Lady und dem Wolf an Enis Dodman und der Klippenküste vorbei. Neulich, die See war still, da habe ich die Segel eingezogen und das feine Schifflein mit dem Ruder durch Enis Dodmans Torweg durchgetrieben. Mitten im Tor erblickte ich plötzlich Herrn Donegan, hoch oben auf dem Felsen des Sagensteins. Ich sah zwei emporgereckte Hemdsärmel unter dem Stein, den Stein stemmen, wie es mir scheinen wollte. Was suchte dieser Mensch dort? Wozu war er wieder hinübergeklettert zum Schwingenden? Was trieb er, was für ein Zweck, was für ein Schicksal trieb ihn, an den beiden übereinander liegenden Steinen zu rütteln? Auf einmal rufe ich das cornische Wort, das Schimpfwort. Enis Dodman rollt es zwischen seinen Felsenwänden, unter seinem Felsendach hin und her, es rollt wie Donner in einem Dom, das Meer hallt ringsherum wider davon. Wie ich wieder auf dem Meer draußen bin, da ist die Gestalt oben hinter dem Logan verschwunden. Er hat mich gehört und versteckt sich hinter dem Stein. Unsinnig – was war das mit mir – jetzt hab ich diesen Menschen gekränkt. Wer hatte mir denn eingegeben – Mir war bös zu 218 Mut, ich fuhr weit hinaus, ich schämte mich und wollte zur Ruhe kommen mit mir selber. Das vergrämte Gesicht war mir so gegenwärtig, daß ich es in den Wolken zu sehen glaubte, die sich zusammenzogen im Südwesten. Ganz genau! Was waren das für Phantasien! Ich war zu lange schon einsam, zu lange am Landsend! Plötzlich strich der Wind dicht über die Wellen weg, dem Land zu. Das Boot legte sich auf die Seite. Ich machte, daß ich heimkam. Es war an der Zeit. Ich langte ganz durchnäßt im Gasthaus an, über Dodman stand bereits der Sturmhund und bellte. – Furchtbar hauste das Märzgewitter über dem Land. Man konnte nicht aus dem Fenster sehen. Die Möwen waren fort, die Winde knatterten und bissen um sich, in das rote Felsgestein des Landsend hinein. Meine armen Moose, der Sturm harkte ihre grünen und grauen Krusten mit dem schütteren Erdreich von den Steinen weg, der Guß schwemmte sie über die Abhänge hinunter, aber Algen wird das Meer aus der Tiefe heraufreißen – Geduld! Einmal lief ich zum kleinen Hafenplatz hinunter, um nach dem Boot zu sehen. Mitten in den Regenströmen, die so dicht niederfielen, daß man 219 auf zwei Schritte nichts mehr unterscheiden konnte, kreuzte eine langsam daherwandernde Gestalt meinen Weg. Unter der Kapuze sah ich einen Moment lang Donegans Augen. – Die Pupillen weiteten sich, dann tauchte der Blick unter – im nächsten Augenblick hatte der Regen alles verschlungen. Das Schiff im Schuppen war voll Wasser. In meinen undichten Schuhen arbeitete ich zwei Stunden lang mit einer Schöpfkelle, bis ich es umstülpen konnte. Als ich ins Gasthaus zurückkam, hatte ich Fieber. Ich lag zehn Tage, die Wirtsleute pflegten mich mürrisch, sonst kam niemand, mich zu besuchen.   Jetzt schreiben wir April. Der Arzt aus Penzance war hier und hat mir erlaubt, vors Haus zu gehen und ein bißchen in der Sonne zu sitzen. Der Arzt hat im Korridor mit den Wirtsleuten gesprochen, ich habe kein Wort verstanden, aber ich weiß, es war nicht von mir die Rede. Wieder kreischen die Möwen ums Haus. Aber es rumort hier herum noch von anderen Dingen. Es kommen Leute in Scharen nach dem Landsend, obzwar es noch früh im Jahr ist. Als ich heute zum erstenmal wieder auf der Bank vor dem Hause saß, sah ich vieles Volk draußen auf den 220 Klippen stehen, in Gruppen, und zu zweit, dritt, und tuscheln, nicht laut. Aus den Wirtsleuten ist nichts herauszukriegen, sie blicken zur Seite, wenn ich sie frage, zerbeißen ein paar Worte und ziehen die Tür zu hinter sich. Sie haben ein Dienstmädchen aus Gwithian aufgenommen, das hilft beim Kochen und Bedienen. Es sind jetzt oft zehn, oft zwanzig bei Tische zu Mittag. Herrn Donegans Platz ist besetzt, also er ist fort! Die Leute reden leise unter sich, einige unter ihnen, es sind Ehrwürdige, Alte, aber auch Junge, mit irgendeiner Seltsamkeit in der Tracht, reden ein fremdartiges Idiom, Altcornisch wahrscheinlich. Zu mir redet keiner, aber ich bin ja ein Fremder. Und es handelt sich um eine Angelegenheit des Landes, das habe ich schon heraus. – Die Luft betäubt mich noch recht sehr. Aber ich will heute meinen Stock nehmen und nach dem Loganrock marschieren. Um den Loganrock handelt es sich! Ich sehe die Leute dort um die Klippen kreisen, von denen man zum Logan hinüber kann, wenn man Mut dazu hat, wie jener! Ich gehe hin – erstaune – man hat einen Steg hinübergeschlagen, über den Abhang, ein paar Stämme, Bretter, von Eisenhaken zusammengehalten – Leute sind um den Stein, sie strecken die Arme, 221 rühren an den oberen, kommen mit starren Gesichtern wieder auf das Land herüber. Was ist's mit dem Loganrock? – Wie die Nacht kommt, es ist kein Mensch mehr da, gehe ich über den Steg und berühre mit meiner Hand zum erstenmal den schaukelnden Stein. Ich strenge mich an, stemme und versuche zu heben, ist's meine Schwäche noch? – er rührt sich nicht. Man kann sehen, es ist etwas mit ihm geschehen, irgendeine Kraft hat sich an seinem heiligen Gleichgewicht gemessen, vermessen, welche Kraft aber? und zu welchem Zweck? um welchen Schicksals willen? Ich bin ein Fremder in diesem Land, meine Vorfahren haben es nicht von ihren Vätern überliefert und ich habe es nicht meinen Enkeln weiterzugeben, was es mit dem Loganrock auf sich hat, auch glaube ich als Mann der Wissenschaft nicht an die Riesen und Dämonen Cornwalls, und doch, ich fühle, wie mir's kalt wird um Stirn und Augen. Der Logan schaukelt nicht mehr. Wie hingewachsen und tot liegt er schwer auf seinem Postament. Loganrock nicht mehr . . . Es ist schon ganz dunkel, wie ich aufs Land zurückgehe. Der Stein schaukelt nicht mehr! Vielleicht hat es einen krank gemacht, daß er wußte, 222 es ist Leben in dem Stein, und er hat ihn ins Meer hinunterstoßen wollen und der Stein hat sich zur Wehr gesetzt. Der Stein schaukelt nicht, der Loganstein schaukelt nicht mehr! Hundert Schritte vor dem Haus kommt etwas aus dem dunkeln Himmel zu mir herab. Eine Möwe kreist mit Geschrei um meinen Kopf, sie schwebt nicht sehr hoch, sie schlägt mit den Flügeln, ich bleibe stehen! Es ist ein junger Vogel, grau noch, wie ich sehe. Ich gehe durch das Tor in das beleuchtete Haus. Die Möwe bleibt draußen, schlägt mit den Flügeln an die Mauer, einmal, zweimal. Dann steigt sie in die Luft empor und fliegt den Weg zurück, den ich gegangen bin, zum Meer zurück. – Es ist Ostern, die Wagen bringen Leute nach dem Landsend. Aus St. Just, St. Ives, vom Lizard, aus Penzance, ja aus dem fernen Truro kommen Männer und Frauen Cornwalls herbei, um den Loganrock zu sehen, der gestorben ist. Sie kommen nicht aus Neugierde, sondern um den Stein zu beweinen. Um Ostern kommen diese Christen daher und weinen um ihren heidnischen Gott. Stumm und traurig gehen sie, einzeln, über den Steg zum Stein hinüber. Vom Festland schauen die andern zu, wie der eine, immer 223 ein anderer, die unbewegliche Masse mit der Wange und der Stirn berührt (wenn's eine Frau ist), oder ihn mit kräftigen Armen zu rücken, zu schütteln versucht (wenn an einem Mann die Reihe ist). Einzeln gehen sie den Weg zurück und mischen sich stumm und traurig unter die anderen, an jeden kommt die Reihe. – Es ist schönes Wetter und mein kleines Boot fährt heute zum letztenmal mit dem Winde. Ich wage meinen Hals und fahre zum Abschied in einem großen Bogen um den Longship-Leuchtturm hinaus, gerate in Sehweite der Scilly-Inseln, und sehe auf der andern Seite all das Rote, Pordennack, Cap Cornwall und Dodman blasser werden, sich auflösen, erlöschen. Da wende ich, erschrocken über solche Kühnheit, das Schiffchen herum und fliege mit prallem Segel über Hügel und Täler heim nach dem Landsend. Auf den Klippen stehen die schwarzen Menschen, auf Enis Dodman sitzt das feindliche Möwenvolk, schlohweiß und mit Geschrei beisammen. Die Sonne gleitet herab zum Wasser. Jetzt sehe ich: niemand geht mehr über den Steg, alle waren schon dort, einsam liegt der Logan mit all den verschwendeten Muskelkräften und Gebeten an seinen Rändern; einsam der Stein, der lebendig 224 war, als ich kam, und tot ist, da ich von dannen gehe. Algenbüschel werfen sich um meinen Schiffsschnabel. Ich hole mit der Hand das grüne schleimige Gezeug, werfe es zurück. Mein Bericht ist fertig, ich brauche bloß die Bogen in den Umschlag zu stecken, Siegel drauf, und morgen gehe ich fort von Landsend. Jetzt löse ich die Schnüre – und das lebende Segel, eben lebend noch im Winde, fällt schwer herunter ins Boot und ist nur mehr ein grober Sack. Rotes Land! unermeßlicher Ozean! Plötzlich stehen meine Ruder wagrecht – still. Was gibt's? Geschrei auf den Klippen. Eine Welle trägt mich dem Lande näher; ich schaue hinauf, hinauf: alle Menschen im Lauf zum Logan. Eine kleine Gestalt, die Gestalt eines Kindes steht mit emporgereckten Ärmchen unter dem Stein. Es hat sich auf die Zehenspitzen erhoben, und es kann auch so nur mit den Fingerspitzen den Stein erreichen. Die Menschen schreien, zum erstenmal höre ich am Landsend Menschenstimmen den Möwenlärm überschreien. Es ist, als lauschten die Weißen auf dem Enis, ich höre sie nicht mehr. Das Land ist von Purpur, weiße Wölkchen liegen über dem geröteten Himmel darüber, ich sehe es deutlich – der Loganstein schaukelt, der 225 Loganstein schwebt sanft und gelehrig, von den kleinen Fingern eines Kindes gelenkt. »Johnny!« schreie ich vom Wasser hinauf, so laut ich kann. »Johnny!« Der Blinde hört mich nicht. Die Menschen stehen, eine schwarze Schnur, oben am Saum des Abhangs und rufen. »Johnny!« Ich bin im Boot aufgesprungen und habe, wie trunken vor Entzücken das Segel gepackt, als könnte ich es wie eine Fahne über meinem Kopf schwenken. Die Bewegung reißt mich fast um, mitsamt dem Boot. Ein Ruder gleitet weg und schwimmt mir davon. Ich muß mich leicht machen, halte mich an dem Mast fest, liege da, mit ausgreifender Hand über den Rand gebückt . . . Da hebt eine Welle das Boot in die Höhe und aus dem tiefen Wasser schaut mich etwas an, es ist Herrn Donegans Gesicht mit offenen Augen, Schatten um den schwankenden Blick, Algen um das Kinn, auf Stirn und Wangen den roten Widerschein von den Felsen Landsends.