Ernst von Wolzogen Der Thronfolger – Zweiter Band Roman in zwei Bänden Neuntes Kapitel. Im Trauerhause. Zwei Kabinettsschreiben. Wie sie es alle tragen. Kospoth war nach dem Wortwechsel mit dem Erbgroßherzog um die Hofjägerei herumgegangen, um das Haus unauffällig durch die Vorderthür betreten zu können. Dann hatte er oben bei Treysas angeklopft und von dem Dienstmädchen erfahren, was sich soeben hier zwischen erstem Stockmerk und Bodenraum zugetragen. Das gnädige Fräulein sei eben noch zurecht gekommen, um den letzten Blick und den letzten Seufzer ihrer Mutter aufzufangen. »Ja, ist denn der Tod so plötzlich eingetreten?« fragte Kosvoth, um die Geschwätzigkeit des Mädchens abzulenken und sich selbst dem Vorwurfe zu entziehen, als ob er durch Dienstbotenklatsch hinter Melanies Geheimnisse zu kommen gesucht habe. »Fräulein Melanie hat wohl nicht ahnen können, daß es so schnell zu Ende gehen würde, sonst wäre sie doch gewiß nicht vom Krankenbette gewichen.« »Ja, es ist freilich rascher gegangen, als wir alle gedacht haben – das heißt: der Doktor hat schon heute mittag gesagt, er konnte nicht dafür stehen, daß die Frau Generalin die Nacht noch überlebten. Wie das gnädige Fräulein aus der Stube gingen, weil sie sagten, sie könnten sich nicht mehr aufrecht halten und müßten sich durchaus etwas hinlegen, da waren Frau Generalin gerade ein bißchen eingeschlafen – es ist aber wohl nur die große Schwäche gewesen. Ich blieb so lange bei ihr – ich dachte mir ja wohl gleich, daß das kein richtiger gesunder Schlaf sein könnte! Ich sage Ihnen, es flog alles nur so an ihr, und Frau Generalin warfen sich auf den Kissen hin und her, daß es reine gar nicht mitanzusehen war! Und der Herr General – ach nein, wissen Sie, der Herr General überleben die gnädige Frau nicht lange! Es war schon den ganzen Tag, mit Respekt zu sagen, nicht ganz richtig mit ihm. Er lief immer hin und her und 'nein in die Krankenstube und wieder 'naus und brummte immer so was vor sich hin, daß man kein Wort verstehen konnte. Reine zum Fürchten war's! – Und nachher auf einmal machten die Frau Generalin die Augen so weit auf und guckten um sich, als ob sie was suchen thäten. Und wie ich ihr was zu trinken geben wollte, da sahen sie mich so erstaunt an, als ob sie mich gar nicht mehr kännten, und verlangten nur immer nach dem gnädigen Fräulein. Na, da half's doch nichts, da mußt' ich doch wohl hingehen und sie wecken, so leid mir's auch that um das gnädige Fräulein, das die ganze Nacht nicht ins Bett gekommen waren und schon selber wie so eine halbe Leiche aussahen. Ach Gott, Herr Baron, ich kann Ihnen sagen: wie ich Sie das gnädige Fräulein nicht auf ihrem Bette fand, da kriegte ich Sie keinen schlechten Schreck. Und dann war mir auch so graulich, weil der Herr General sich immer so auf dem Kopfe kratzten und vor sich hin sprachen und aus seiner großen Pfeife qualmten – im Krankenzimmer mit der Pfeife! Und wie ich 'nauskomme, da hör' ich drüben den Herrn Kammerherrn brüllen wie närr'sch, mit Respekt zu sagen: er wollte e Pferd haben. Denken Sie bloß: e Pferd, e Pferd! ich gebe wer weiß was für e Pferd! schrieen der Herr Kammerherr immer. Na, ich sage! Wo doch unser Herr Kammerherr gar nicht reiten thun bei ihre Korpulenz! Und wie sie mich dann anschnauzen thaten und das Fräulein Doris mit 'nem Gesichte wie 's reine Wachs. ... Nein, ich kann Ihnen sagen, Herr Baron, da wurde mir's so dummrich! ...« Sie hätte in ihrer Redseligkeit ihm den Vorgang auf der Treppe sicherlich gern noch einmal erzählt, wenn er ihr nicht mit der Frage ins Wort gefallen wäre, ob die Generalin bei Bewußtsein gewesen, ob sie die Tochter noch erkannt hätte, ehe sie starb. »Ja, das kann ich nicht 'mal genau sagen,« antwortete das Mädchen. »Das gnädige Fräulein rannten in die Stube mit ganz wilden Haaren und schmissen sich förmlich auf die Kniee vorm Bett. Wie ich 'neinkam, hielten sie die Hand von der gnädigen Frau gefaßt und schluchzten zum Erbarmen. Nein, Herr Baron, so 'was von Weinen hab' ich nie gehört, mein Lebtag nicht! Und unsre gnädige Frau hatten immer die Augen weit auf und sahen das gnädige Fräulein an, in einemzu bis zum letzten Seufzer. Und nachher, wie's vorbei war, da ist das gnädige Fräulein ohnmächtig geworden, und wir haben sie auf ihr Bett getragen. Ich mach' ihr kalte Umschläge.« »Nun, dann gehen Sie nur wieder hinein, versäumen Sie sich nicht! Was macht der Herr General?« »Der sitzt immer noch und raucht seine Pfeife. Denken Sie bloß, Herr Baron: bei der Leiche sitzt er und raucht! Nein, nein, der Herr General machen's nicht mehr lange! Der Doktor hat auch gesagt: der Friedrich soll sich immer um ihn halten und ihn nicht aus 'm Auge lassen, weil's ihm so vorkäm', als ob der Herr General nicht recht bei sich wären.« »Ich danke Ihnen, Marie. Wenn Fräulein Melanie besser ist, sagen Sie ihr doch, daß ich hier gewesen bin. Wenn die Herrschaften meine Hilfe nötig hatten, dann sollten sie nur zu mir schicken, ich bliebe den ganzen Abend zu Hause, und morgen früh spräche ich auf jeden Fall bei ihnen vor.« – – – Als etwa eine halbe Stunde später, dem Wunsche seines Vaters Folge leistend, Georg Friedrich sich in die Gemächer des Großherzogs begeben hatte, da war ihm schon im Vorgemach der Flügeladjutant Prinz Usingen entgegengetreten und hatte ihn gebeten, sich wieder zurückzuziehen, da die Aerzte jeden Besuch, der aufregend auf den hohen Kranken wirken könnte, streng untersagt hätten. »Ja, aber mein Vater hat mich doch selbst zu sehen gewünscht,« wandte der Erbgroßherzog ein. Worauf Prinz Usingen versetzte, die Frau Großherzogin habe es selbst übernommen, ihn zu entschuldigen. »Wer ist jetzt augenblicklich beim Großherzog?« »Die Frau Großherzogin und Prinzessin Eleonore.« »Könnten Sie nicht vielleicht meine Schwester davon benachrichtigen, daß ich hier bin und sie zu sprechen wünsche?« »Ich will es versuchen – wenn Königliche Hoheit hier warten wollen?« Der Erbgroßherzog schaute der hohen Gestalt des prinzlichen Flügeladjutanten ein wenig befremdet nach. Die gemessene Förmlichkeit seines Wesens und sein ernster, fast vorwurfsvoller Blick hatten ihn stutzig gemacht. Offenbar hatten die Herren vom Hofe von seinem Auftreten gegen den Vater Wind bekommen. Das konnte er niemand anderm als dem Grafen Worbis zu verdanken haben! Sein blondes Schnurrbärtchen zwischen zwei Fingern zwirbelnd, schritt er ein paarmal auf dem dicken Teppich auf und ab und setzte sich dann in der dunkelsten Ecke des Gemaches auf einen Polstersessel, um nachzudenken. Eigentlich kam es ihm doch sehr erwünscht, daß die Unterredung mit seinem Vater noch einmal hinausgeschoben werden konnte. Er wußte ja, daß er ihm nicht zu Willen sein konnte, daß er fest auf seinem Entschluß beharren würde, lieber seine Ungnade über sich ergehen zu lassen, ja sogar lieber dem Throne zu entsagen, als der Geliebten sein Wort zu brechen. Aber der Skandal, der unvermeidliche, abscheuliche Skandal! Es war kaum denkbar, daß nicht von dem peinlichen Vorfall in der Hofjägerei eine, wenn auch noch so dürftige Kunde in die Oeffentlichkeit dringen sollte, mochte der Baron von der Rast die Sache auch noch so diplomatisch zu vertuschen suchen und selbst Kospoth trotz seiner rasenden Eifersucht dem hohen Range des Freundes die Rücksicht angedeihen lassen, daß er seinen gerechten Zorn vorderhand noch in sich verschloß. Welch eine unglückselige Fügung der Umstände, daß an diesem Tage, der über das Schicksal zweier Liebenden entscheiden sollte, sein Vater krank werden, ihre Mutter sterben mußte! Wurde die Scene von heute ruchbar, dann stand er in den Augen seiner künftigen Unterthanen nicht mehr nur als leichtfertiger, galanter Prinz, sondern als ein schlechter, herzloser Sohn da, und sie – o, er wagte nicht auszudenken, welchem Schicksal sie entgegenging! Durch seine Schuld würde sie in den Augen jedes anständigen Menschen, nicht nur einer prüden, vorurteilsvollen Gesellschaft als ein Geschöpf dastehen, das die Herzlosigkeit so weit getrieben hatte, die sterbende Mutter zu verlassen, um zu einem heimlichen Stelldichein zu eilen. O Gott! Er wußte ja selbst am besten, wie sehr gerade die Betäubung all ihres Denkens und Empfindens durch das Vorgefühl des schmerzlichen Verlustes seiner wild erregten, rücksichtslosen Leidenschaft in die Hände gearbeitet hatte; wie sie nur darum sich auf einen Augenblick von dem Krankenbette hinweggestohlen hatte, damit er ihr den Schwur der Treue noch einmal mit bebenden Lippen ins Ohr raunen sollte, bevor es Ereignis ward, was ihrem fröhlichen Mädchendasein ein so rasches Ende zu bereiten drohte – den frohen Mut, den Kospoths Warnung ihr zu erschüttern versucht hatte und dessen sie so dringend bedurfte, um das Leid zu ertragen, das nun über sie hereinbrechen mußte, den sollte die Gewißheit seiner Liebe ihr geben! Darum nur war sie gekommen, und er – er hatte die Hilflose, Trostsuchende mit hineingerissen in den Gefühlssturm, den verzweiflungsvoller Trotz und heiße Sehnsucht in seiner Brust entfachten, in die Raserei der Sinne, welcher ihr keuscher Stolz bisher immer siegreich widerstanden hatte. Oh, er wollte sein Wort halten! Kospoth sollte nicht Recht bekommen mit seinem schimpflichen Zweifel! Aber jetzt gleich vor seinen Vater hinzutreten, gerade heute, an diesem fürchterlichen Tage des allgemeinen Aufruhrs – wo sollte er, der Schuldbeladene, die Kraft finden, dem gütigen Fürsten Trotz zu bieten, dessen Wille so rein war wie sein Leben!? – Nur Zeit gewinnen, bis die erste rohe Kraft des Sturmes gebrochen war! Starb die Mutter wirklich – er mußte ja nicht, daß sie schon tot war – so würde Melanie sicherlich mit ihrem Vater nach Treysa zurückkehren; sie würde der skandalsüchtigen Gesellschaft und dem zürnenden Vater aus den Augen entrückt werden – und seine unwandelbare Treue wie die Allheilerin und Trösterin Zeit würde ihm das Herz des Vaters endlich doch versöhnen und selbst die Gesellschaft seine Liebe achten lehren. Nur Zeit gewinnen, nur Zeit! So wühlten die Gedanken, die Selbstanklagen, die Wünsche in seinem Hirn, und er merkte gar nicht, daß über so schmerzlichem Sinnen fast eine halbe Stunde verflossen war, als endlich seine Schwester eiligen Schrittes, mit weich rauschenden Gewändern das Gemach betrat. »Ah, bist du noch da, Georg? Das ist gut! Ich konnte nicht früher kommen – Papa hätte sonst etwas gemerkt.« Mit diesen Worten war sie zu ihm in die dämmerige Ecke getreten. Er hatte sich rasch erhoben, sobald ihn ihre Stimme aus seinem bangen Traume weckte, und erkundigte sich nun eifrig, wie es dem Vater gehe. »Er fühlt sich etwas besser nach dem Schlaf, den ihm die Mittel des Arztes verschafft haben,« antwortete die Prinzessin; »aber eine neue Aufregung könnte ihn töten. Ich glaube, Georg, du hast Ursache, mir dankbar zu sein, daß ich dich verhindert habe, ihm heute wieder vor die Augen zu kommen. Ich weiß, daß ich ein gutes Recht habe, so zu handeln, wie ich's gethan habe. Ich habe gelogen, Georg; aber ich habe damit ein gutes Werk gethan, und du wirst es mir danken – bald vielleicht schon,« »Was hast du gesagt? Doch nicht etwa ...« »Ich habe ihm gesagt, du wärest tief erschüttert durch das Unheil, das dein unbesonnener Trotz heute morgen angerichtet habe.« »Eleonore! Das hast du ihm gesagt – nachdem du mir vor ein paar Stunden erst versichert hast, du wolltest zu mir stehen, was auch kommen möge!?« »Ich werde zu dir stehen, verlaß dich drauf! Aber höre nur, ich habe noch mehr gethan: Ich habe Papa versichert, daß du bitter bereutest und daß du morgen früh schon abzureisen gedächtest – was fährst du so auf? Nicht gleich zur Brautschau! Vorläufig nur zu deiner eignen Beruhigung und Zerstreuung. Aber ich habe ihm versprochen, du würdest nicht eher wieder vor sein Angesicht treten, als bis dein Gemütszustand dir erlaubte, mit ihm wieder zu reden, wie ein Sohn zu seinem Vater reden muß, dem er die aufrichtige Verehrung und die dankbarste Liebe entgegenbringt.« »Eleonore, das ist ja ... ah, das hast du mit Kospoth abgekartet! Du läßt dich dazu benutzen, ihm die Geschäfte seiner eifersüchtigen Rachsucht zu besorgen. Vortrefflich ersonnen, Freund Hans Jochen!« Die Prinzessin zuckte die Achseln und lächelte verächtlich, »Möglich, daß er dergleichen mit mir vorhatte; aber da hat er sich gründlich in mir getäuscht. Nein, Georg, verlaß dich drauf, ich meine es gut mit dir! Wir beide müssen zusammenstehen – jetzt mehr als je!« »Aber, Eleonore, begreifst du denn nicht,« rief der Prinz vorwurfsvoll, »daß deine Lüge ...« »St! Du wirst laut! Usingen ist nebenan. Komm, laß uns gehen.« – – – – – Kospoth hatte die Nacht sehr schlecht geschlafen und erst gegen morgen die ersehnte Ruhe gefunden. Es war bereits zehn Uhr vorüber, als ein wiederholtes Klopfen an seiner Thür ihn endlich aus einem unruhigen Traume erweckte. Auf sein Herein trat ein großherzoglicher Jäger ins Zimmer und überreichte ihm einen Brief in großem amtlichen Format. »Sollen Sie auf Antwort warten?« fragte Hans Joachim gähnend vom Bett aus. »Nein, Herr Baron, nur zu eignen Händen übergeben, auf Befehl Seiner Excellenz des Oberhofmarschalls.« »Ach, wollen Sie so gut sein, die Vorhänge zurückzuschlagen?« »Sehr wohl, Herr Baron!« Es hatte sich gestern ausgeregnet. Die helle Sonne strömte zu beiden Fenstern hinein, so daß Kospoth geblendet den Kopf in die Kissen zurücksinken ließ und mit dem Schreiben die Augen beschattete. »Wie geht es dem Großherzog heut?« erkundigte er sich noch, als der Jäger schon auf der Schwelle stand. »Königliche Hoheit haben eine ziemlich ruhige Nacht verbracht. Ihre Hoheit, Prinzessin Eleonore, hat die eine Hälfte der Nacht bei ihm gewacht und die Frau Großherzogin die andre Hälfte.« »Und der Erbgroßherzog?« »Seine Königliche Hoheit sind heute morgen um acht Uhr vierzig mit dem fahrplanmäßigen Zuge abgereist.« »Abgereist? Wohin?« Kospoth richtete sich halb im Bett auf und starrte den Jäger groß an. »Das weiß ich nicht, Herr Baron. Ich glaube, Seine Königliche Hoheit belieben im strengsten Inkognito zu reisen. Es ist nur Herr Graf Bracke mit ihm, und beide Herren waren in Zivil.« »Weiß man im Schlosse schon, daß gestern abend die Frau Generalin von Treysa gestorben ist?« »Jawohl! Der Diener des Herrn Generals überbrachte die Trauernachricht noch spät am Abend; ich habe sie selbst den höchsten Herrschaften übermittelt.« »Es ist gut; ich danke Ihnen.« Sobald der Jäger die Thür hinter sich geschlossen hatte, riß Kospoth mit zitternden Fingern den Briefumschlag auf und entfaltete das Schreiben. »Kabinett Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs ... was ist das?« und sein Auge flog über die Zeilen dahin. Das amtliche Schreiben lautete also: »Nachdem Seine Königliche Hoheit der Großherzog am gestrigen Vormittage mit dem Thronfolger eine Unterredung gehabt, in deren Verlaufe einschneidende Meinungsverschiedenheiten zwischen Seiner Königlichen Hoheit und dessen durchlauchtigstem Sohne hervorgetreten sind, konnten Seine Königliche Hoheit Sich zu Höchstseinem Bedauern der Ueberzeugung nicht verschließen, daß sich der Herr Erbgroßherzog Beeinflussungen zugänglich gezeigt habe, welche Seine Königliche Hoheit in Hinsicht auf die gegenwärtigen und zukünftigen Pflichten des Thronfolgers nur als verderbliche bezeichnen können. Seine Königliche Hoheit glaubt diese Beeinflussungen auf Ew. Hochwohlgeboren zurückführen zu müssen und erwartet demgemäß, daß Sie, Seinem Allerhöchsten Wunsche nachkommend, den vertrauten Umgang mit dem Herrn Erbgroßherzoge auf möglichst nicht verletzende Weise abzubrechen bemüht sein werden. Da Höchstdesselben Gesundheitszustand ihm für die nächste Zeit verbieten dürfte, andere als nur die wichtigsten Audienzen zu erteilen, so haben Serenissimus mich zu beauftragen geruht, Ew. Hochwohlgeboren Allerhöchst seinen gnädigsten Dank für die Seiner Königlichen Hoheit dem Erbgroßherzog während Hochdesselben Reise erwiesenen hochschätzbaren Dienste sowie Seine besten Wünsche für Ihr ferneres Wohlergehen zu übermitteln. Im Allerhöchsten Auftrage gez. Graf Worbis, Generaladjutant und Oberhofmarschall.« Als Kospoth das Schriftstück zu Ende gelesen hatte, warf er es, höhnisch auflachend, auf die Bettdecke und knirschte halblaut vor sich hin: »Also ausgewiesen aus der Residenz – nur in etwas höflicherer Form als irgend ein Sozialdemokrat, dessen Mundwerk unbequem wird! Bravo, Excellenz Worbis! In diesem stilistischen Meisterwerk erkenne ich Ihr diplomatisches Genie. Warum ist auch der Mohr nicht gleich gegangen, sobald er seine Arbeit gethan und den allerdurchlauchtigsten Sprößling frisch und gesund wieder zu den Stufen des Thrones abgeliefert hatte. Nun, meinetwegen freut euch eures Triumphes, ihr Großwürdenträger des Reiches! Wäre der Großherzog diese Nacht gestorben, so würdet ihr höchst wahrscheinlich heute morgen schon bei mir antichambrieren.« Eine Stunde später hatte Kospoth bereits seine Toilette beendet, sein Frühstück zu sich genommen und seinen Koffer gepackt. Es war halb zwölf Uhr, als er sich in der Hofjägerei bei dem General von Treysa melden ließ. Der alte Herr saß in einem bequemen Lehnstuhl am Fenster seines Zimmers und las einen Roman. Waldmann und Diana räkelten sich zu seinen Füßen in der Sonne. Sein scharfes Jägerauge, das er sich bis in sein hohes Alter in ungeschwächter Kraft erhalten hatte, vermochte sogar noch die mächtige Tabakswolke zu durchdringen, die sich zwischen seinem Haupte und dem Buche gelagert hatte. Das war alles ganz wie gewöhnlich – und wie gewöhnlich auch raffte sich der Greis bei Kospoth's Eintritt mit einem kräftigen Ruck von seinem Sessel empor und ging ihm mit ausgestreckter Hand entgegen, »'n Morgen, Hans Jochen! Freut mich, daß Sie kommen – mwa!« Jener drückte kräftig die dargereichte Hand und sagte ernst: »Ich brauche wohl keine Worte zu machen, Herr General. Sie wissen, wie aufrichtig ich an allem teilnehme, was Sie und Ihr Haus betrifft.« »Weiß ich! Mummummumm – danke! Dumme Geschichte das! Meine gute Frau! Hna, muß auch 'runtergewürgt werden und so weiter! Ich werde Ihnen nichts Vorflennen ... mummummumm.« Und dabei fuhr er sich mit der zitternden Rechten über die Augen und wischte sich mit einer ärgerlichen Grimasse zwei kleine Thränenperlen weg, die, funkelnd im hellen Sonnenstrahl, an seinen Wimpern hingen. »Ich hoffe, Sie werden mir erlauben, mich Ihnen nützlich zu machen,« begann Hans Jochen wieder, nachdem er der Aufforderung des Generals, sich zu ihm zu setzen und eine Cigarre zu rauchen, gefolgt war. »Ja, ja, weiß schon: Totenschein, Sarg, Leichenweiber, Anzeigen, Begräbnis und so weiter – kenn' ich, kenn' ich, mwa! Hab' ich alles schon durchgemacht, x-mal. Scheußlich alles – mummummumm! Aber das Niederträchtigste ist – jetzt geht das verdammte Heiraten schon wieder los!« Kospoth traute seinen Ohren nicht. Er starrte dem wunderlichen Greise ins Gesicht und wußte nicht, ob er diese Aeußerung für eine Art Galgenhumor oder für Verrücktheit halten sollte. Das ehrwürdige weiße Haupt schwebte geisterhaft über der dichten Tabakswolke, und die große fleischlose Hand, die unten aus dieser Wolke hervorschaute, spielte ganz behaglich mit Dianas Schlappohren. Er wußte absolut nicht, was er erwidern sollte, und wartete deshalb schweigend, bis der alte Sonderling wieder kopfschüttelnd zu mummeln begann: »Ja, die Weiber, hehe! Ich habe immer ein großes Penchant für sie gehabt – hna! – und so weiter. Waren alle dreie gut, sehr gut – sehr gut, mummummumm! Eine immer besser wie die andre – mwa, wird schwer halten, wieder eine zu kriegen! Kann aber ohne nicht leben – – und das Mädel, die Melanie, will tanzen und so weiter – kann ich nicht machen – Ballvater und so weiter ... niederträchtig! Jetzt bin ich – hna! vierundachtzig Jahr', alter Knackstiefel – mummummumm! Aber vor fünf Jahren – jawohl fünf Jahren ... da unten – Dingsda Karpaten und so weiter, da hab' ich noch einen Bären geschossen! Lichter rein ausgeblasen, hoho! Das ist nämlich immer das beste – dann kann die Bestie nichts mehr machen. Weidwund schießen ist gefährlich – dann geht Petz auf den Menschen! Aber wenn man ihm die Lichter ausbläst, dann hat man ihn. Folgen Sie meinem Rate: Auf der Bärenjagd immer einen Lauf voll Schrot und dann zwischen die Augen halten: prodatuni sst, hehehe! Die Bestie kam auf mich los – ich konnte nicht schnell genug zur Seite springen, und da hat sie mir noch eins ausgewischt – sehen Sie, da!« Dabei knöpfte er mit seinen zittrigen Fingern seinen linken Hemdärmel auf und streifte ihn ein gut Stück den sehnigen, dicht behaarten Arm hinauf, um seinem jungen Freunde die Narben von der Bärenklaue zu zeigen. Kospoth hatte, wie alle seine berühmten Jagdgeschichten, so auch diese schon öfters gehört und die Narben mit gebührendem Respekt bewundert. Heute aber lag ihm doch so viel Wichtigeres am Herzen, daß er den alten Herrn sich nicht in seine weidmännischen Erinnerungen verlieren lassen mochte, und darum warf er rücksichtslos die Frage dazwischen, wo das Begräbnis der Generalin stattfinden sollte. »Begräbnis? Mwa! In Treysa natürlich! Habe ja auch meinen Abschied schon in der Tasche.« »Ihren Abschied?« rief Kospoth sehr erstaunt, indem er aufsprang und mit den Händen die Tabakswolke fortzuwehen suchte, um das Gesicht des Generals sehen zu können. Der zog aus seiner Rocktasche ein Schreiben, genau von demselben Aeußern, wie Kospoth heute früh eins erhalten hatte, und reichte es ihm stumm durch den wallenden Nebel entgegen. Hans Jochen entfaltete es hastig und las. Es war gleichfalls von Graf Worbis im allerhöchsten Auftrage und auch in demselben lächerlichen Kurialstile verfaßt. Der Großherzog ließ ihm darin seine Teilnahme für den erlittenen schmerzlichen Verlust aussprechen und enthob ihn sodann – in Rücksicht auf eben dieses traurige Ereignis, das ihm doch wohl den ferneren Aufenthalt in der Residenz verleiden würde – in Gnaden seines Amtes als Oberhofjägermeister. Auch er wurde zum Schluß wegen der Krankheit Seiner Königlichen Hoheit von der Verpflichtung des förmlichen Abschieds entbunden. Titel und Uniform seiner Hofcharge sollten ihm, wenngleich er sie nur provisorisch verwaltet hatte, als Zeichen besonders gnädiger Gesinnung seines allerhöchsten Herrn belassen werden. »Die haben's sehr eilig, mich los zu werden – natürlich, mummummumm – weil mein Mädel jetzt nicht mehr tanzen kann. Mwa! Schranzenpack!« knurrte der alte Herr, als Kospoth ihm das Schreiben wieder überreichte. »Ich fürchte, Sie haben recht, Herr General,« rief Hans Joachim ironisch. »Ich habe auch so ein Kabinettsschreiben in der Tasche, auch einen Abschied, aber keinen so gnädigen. Nun, es ist wenigstens ein Zeichen, daß es nicht gar so schlimm um den Großherzog stehen kann; aber ich glaube, gewisse Leute werden seine Schwäche benutzt haben, um ihm diese Entschließungen abzulocken. Meine radikalen Ansichten sind den Herren Ministern und andern Würdenträgern ein Gräuel, und ich fürchte, Fräulein Melanie ist einigen einflußreichen Damen zu gefährlich.« »Ja, ja, das Hab' ich auch schon gedacht. Sie sieht ihrer Großmutter ähnlich,« nickte der General. Und dann paffte er mächtige Wolken von sich und schien in Nachdenken zu versinken, während dessen er von Zeit zu Zeit unverständlich vor sich hin mummelte. Kospoth rief ihn endlich wieder zu sich durch eine Frage nach Melanies Befinden. »Schlecht! Schlecht!« antwortete der alte Herr trübselig. »Zwei Nächte nicht geschlafen, geweint und so weiter – mwa! Gestern war sie wie toll, wollte sich nicht von mir anrühren lassen – hna, Unsinn und so weiter! Gehen Sie mal hinein in das – Dingsda – Sterbezimmer; vielleicht finden Sie die Melanie dadrin.« Ohne etwas zu erwidern, erhob sich Kospoth und schritt aus dem qualmerfüllten Zimmer des Generals hinaus und dann, langsam und tief Atem holend, durch den Empfangssalon hindurch. Er klopfte an die gegenüberliegende Thür des Schlafzimmers an – kein Herein. Er öffnete zögernd die Thür und sah sich der Leiche der Frau von Treysa gegenüber. Sie lag, die Hände über der Brust gekreuzt, im Bette, das feine Gesicht mit dem tief eingegrabenen Leidenszuge noch immer zur Seite gekehrt und eingerahmt von einem breiten schwarzen Bande, welches man ihr bereits umgebunden hatte, um das Herabfallen der Kinnlade zu verhüten. Das Fenster war geöffnet, und die kalte, feuchte Februarluft erfüllte das nicht eben große Gemach. Das Bett des Generals war für diese Nacht in dessen Arbeitsstube hinübergesetzt worden; an seiner Stelle stand ein alter Armstuhl mit hoher Lehne, und in diesem saß schlafend, den Kopf nach vorne gesenkt, eine Decke über den Knieen und einen kostbaren Sorti de bal, einen Umhang von weißem Atlas, mit Zobelpelz gefüttert, um die Schultern – Melanie! Hans Joachim hatte kaum einen Blick für die so friedlich ausruhende Tote. Der Ausdruck tiefen Seelenleidens, der die Züge der Geliebten, selbst im Schlummer noch, entstellte, war viel schrecklicher anzusehen, als das starre Dulderantlitz der Erlösten. Von Zeit zu Zeit lief ein Frösteln durch die ganze lieblich üppige Gestalt; es zuckte in ihrem Gesicht auf wie im Schmerz, und das dunkle Köpfchen schnellte unruhig empor, um dennoch gleich wieder matt herabzufallen. Es that ihm leid, ihr den langentbehrten Schlummer stören zu sollen, aber er konnte endlich doch nicht umhin, sie beim Arme zu ergreifen und ihr ihren Namen ins Ohr zu rufen. Sie öffnete die Augen und blickte verstört zu ihm auf. Sie schien ihn nicht zu erkennen, »Melanie!« rief er abermals, indem er ihr unter die Achseln griff und sie so aufzuheben suchte. »Du darfst nicht schlafen hier, du erkältest dich ja auf den Tod!« Nun stand sie auf den Füßen; aber er mußte sie mit Kraftanstrengung stützen, damit sie nicht wieder zurücksank. Er legte einen Arm um ihren Oberleib und versuchte sie mit sich fortzuziehen, indem er ihr immer wieder zuredete. Der Frost schüttelte ihre Glieder, Sie fuhr sich mit den Händen an den Kopf, rieb die Augen, und dann sagte sie, ihm ängstlich ins Gesicht blickend: »Du, Hans Jochen? Ach, laß mich! Rühre mich nicht an – mich soll keiner anrühren! – Es ist so furchtbar kalt hier.« »Ja gewiß! und du sollst zu Bett und schlafen. Komm, ich will das Mädchen rufen.« Damit umfing er sie aufs neue und drängte sie mit sanfter Gewalt in ihr Schlafzimmer, welches, nach hinten zu gelegen, an das Sterbezimmer anstieß. Der Rollvorhang war noch herabgelassen, es herrschte tiefe Dämmerung in dem ganzen Gemach, aus welcher nur das Linnen des noch ungemachten Bettes matt hervorleuchtete. Er nötigte sie, sich darauf auszustrecken, und breitete das Deckbett über sie. Dann wollte er eilen, das Mädchen herbeizurufen. Aber sie hielt seine Hand fest und sagte, in Thränen ausbrechend: »Du bist so gut zu mir, Hans Jochen! Ich verdiene es nicht, wahrhaftig, ich verdiene es nicht! Ach, du weißt ja nicht ... Oh, wie Mama mich ansah – bis sie starb, unausgesetzt! Ich bin gewiß, sie hat es in meinem Gesichte gelesen – und mit dem Gefühl ist sie in die Ewigkeit gegangen!« Kospoth krampfte sich das Herz zusammen. Auch er las jetzt in ihrem Gesichte, ahnte aus ihren unzusammenhängenden Worten, was geschehen war. Aber nur Mitleid, heißes Mitleid mit dem unglücklichen Mädchen erfüllte seine Seele, und seine ganze Empörung richtete sich gegen den, der heute morgen davongeflohen war und sie mit ihrem namenlosen Schmerz allein gelassen hatte. Seine Finger zitterten, indem er ihr beruhigend über das wirre Haar strich, und auch die Stimme zitterte, mit der er ihr zuflüsterte: »Weine nicht, Melanie! Ruhe dich jetzt aus! Ich will unterdessen alles besorgen, was es hier noch zu thun gibt, damit ihr so bald wie möglich fortkommt nach Treysa. Dort wird dir wieder wohl werden.« Sie lallte eine Antwort, die er nicht verstehen konnte, und seufzte tief auf. Ihre Sinne verwirrten sich unter dem Einfluß seines Streichelns, und der bleierne Schlaf der Uebermüdung hielt sie aufs neue gebannt. Eine ganze Weile noch fuhr er fort, ihr langsam und gleichmäßig über den zierlichen runden Hinterkopf zu streichen; dann steckte er ihre kalten Hände unter die Decke, beugte sich noch einmal mit einem langen, schmerzlich liebevollen Blicke über sie und verließ endlich auf den Fußspitzen das Schlafgemach. – – – – Den ganzen Tag über war er beschäftigt mit den Vorbereitungen zur Ueberführung der Leiche und der Uebersiedelung nach Treysa, Der alte General saß, scheinbar teilnahmlos, über seinem Roman oder nickte in seinem Lehnstuhl ein. Er schien es ganz selbstverständlich zu finden, daß Kospoth ihm alle dringenden Geschäfte abnahm, und gab zu allen seinen Anordnungen sogar ungeduldig seine Zustimmung. Bei Tische waren die beiden Herren allein, denn Melanie schlief immer noch. Der alte Friedlich wartete auf und mußte sich von Zeit zu Zeit, sich hinter seinem Herrn verbergend, die großen Tropfen von den lederartigen Wangen tupfen. Er hatte gegen den jungen Baron schon seine Besorgnisse um den Verstand seines lieben Herrn Generals ausgesprochen; denn, meinte er, es sei doch zu unnatürlich, daß ein Mann sich gar nicht um die Leiche seiner Frau bekümmere, sondern nur immerzu dasäße, wie ein Schornstein qualme und Romane läse! Als Friedrich zum Schluß des sehr eiligen Mittagsmahles den Kaffee und die Schnäpse auf den Tisch gesetzt und sich wieder entfernt hatte, brachte der alte General, der über Tische nur von ganz gleichgültigen Dingen geredet hatte, endlich etwas heraus, was auf die Ereignisse des Tages Bezug hatte: »Wär' doch eigentlich ... hna! anständig gewesen, wenn der Großherzog seinen Sohn hergeschickt hätte zum – zum Dingsda – Kondolieren!« »Der Erbgroßherzog ist heute morgen abgereist,« sagte Kospoth, langsam betonend, und blickte dabei, aufmerksam forschend, zu dem alten Herrn hinüber. Der zog die buschigen weißen Brauen drohend zusammen, stürzte einen Cognac hinunter und brummte alsdann, sich mit grimmiger Miene die Lippen leckend: »Abgereist?! Aha, kein Interesse mehr für Damen in Trauer! – hna, gesegnete Mahlzeit!« Und damit raffte er sich empor und schlurrte eiligst aus dem Zimmer hinaus. Ahnte er doch vielleicht, welche Beziehungen zwischen dem Thronfolger und seinem Kinde bestanden? Hatte der alte Diener ihm etwa einen Wink gegeben, der doch sicherlich durch das schwatzhafte Dienstmädchen von allem unterrichtet war, was sich Verdächtiges im Hause zugetragen hatte? Kospoth beschloß, ihn auszuforschen, sobald es auf ungezwungene Art und Weise geschehen könnte. Seine Abneigung gegen den dicken Kammerherrn von der Nast schien übrigens Friedrich zu teilen; denn als er ihm befohlen hatte, diesen Herrn auf keinen Fall vorzulassen, hatte der alte Mann gar verständnisvoll mit dem Kopfe genickt. Uebrigens war diese Maßregel, wenigstens für den heutigen Tag, überflüssig, da der Kammerherr denn doch das Zartgefühl oder auch die Scheu besaß, Melanie nach der unglückseligen Entdeckung des gestrigen Abends nicht sogleich wieder vor Augen treten zu wollen. Er hatte, wie so mancher gewissenlose Cyniker, doch auch so etwas wie ein Gemüt. Er war zum Beispiel bei einem Rührstück im Theater immer der erste, der zum Taschentuch greifen mußte, und wenn kleine Kinder am Weihnachtsabend fromme Sprüchlein herbeteten, konnte er die bittersten Thränen vergießen. So traf es ihn denn auch in Wirklichkeit schmerzhaft ins Herz, daß er seine unglückliche Tochter durch seine Schuld leiden sehen mußte. Zwar hatte der Schreck für Doris außer einer kurzen Ohnmacht weiter keine üblen Folgen gehabt; aber aus ihrem gramverstörten Gesicht am andern Tage, aus der ängstlichen Scheu, mit der sie seiner Berührung, ja selbst seinem Blicke auszuweichen suchte, mußte er erkennen, wie tief der Mißbrauch, den er mit ihrer Harmlosigkeit getrieben hatte, sie empört und verletzt habe. Mit der demütigen Miene eines reuigen Sünders machte er sich zärtlich besorgt um sie zu thun und bemühte sich, ihr seine Handlungsweise als Eingebung eines gutherzigen, romantischen Mitgefühls mit den Liebenden darzustellen, denen ja die größte Heimlichkeit durch die hohe Stellung des Liebhabers geboten gewesen sei. Des Prinzen Edelsinn und Melanies gute Erziehung und Herzensreinheit hatten ihm eine sichere Bürgschaft dafür gewährt, daß er die moralische Verantwortung ruhig übernehmen dürfe. Ein ganz gutes Gewissen hatte er freilich bei solchen sophistischen Rechtfertigungsversuchen nicht – und Thränen, Seufzer und Kopfschütteln waren die einzige Antwort, die Doris für ihn hatte. Dem Treysaschen Dienstmädchen wußte er durch Geld und gute Worte das Versprechen ihres Schweigens abzunötigen; doch war er freilich nicht so vertrauensselig, das gefährliche Geheimnis nunmehr wirklich für begraben zu erachten. Er ging sogar am andern Tage mit der bangen Sorge nach dem Schlosse, daß man dort vielleicht schon mit Fingern auf ihn weisen werde. Wenn der Großherzog von der Geschichte erfuhr, so war nichts wahrscheinlicher, als daß er seiner Stellung und des damit verbundenen Einkommens verlustig ging – und deshalb konnte er nicht umhin, seinem allergnädigsten Herrn im stillen das Gegenteil einer raschen Genesung zu wünschen. Man empfing ihn im Schlosse zwar ganz wie gewöhnlich, allein die überraschende Nachricht von der plötzlichen Abreise des Erbgroßherzogs trug nicht dazu bei, seine bange Sorge zu verscheuchen. Bedeutete diese Reise eine Verbannung, dann wußte der Großherzog wahrscheinlich auch schon, was gestern in der Hofjägerei vorgefallen war. Graf Worbis aber, dem er auf der Treppe begegnete, begrüßte ihn mit lächelnder Zuvorkommenheit wie immer, versicherte ihm, daß der Erbgroßherzog aus eigenem Entschluß gereist sei, und entließ ihn mit dem wohlwollendsten Händedruck. »Aha, ich sehe schon, dem alten Fuchs ist da irgend ein kecker Streich geglückt!« dachte der Kammerherr, als er den hageren Würdenträger so ungewöhnlich elastischen Schrittes davoneilen sah. »Die Freude über Serenissimi Genesung allein hat das nicht zuwege gebracht.« Als er eine Viertelstunde später, da man seiner Dienste nicht weiter benötigte, das Schloß wieder verließ, sah er vor dem Portal die Prinzessin Eleonore im Begriff, zu Pferde zu steigen. Sobald sie seiner ansichtig wurde, winkte sie ihn heran, trat ein paar Schritte beiseite und fragte so leise, daß der Reitknecht und der zur Begleitung befohlene Kavalier sie nicht vernehmen konnten, ob er nicht wisse, wann die Treysas abzureisen gedächten; denn sie nehme an, daß sie doch wohl vorziehen würden, wenigstens die erste Trauerzeit auf ihrem stillen Gute zu verbringen. »Das dürfte allerdings wohl der Fall sein, Hoheit,« versetzte der Baron, »Herr von Kospoth ist heut schon früh heraufgekommen, wahrscheinlich um bei der Uebersiedelung behilflich zu sein. Ich selbst habe allerdings noch keine Gelegenheit gehabt, die Herrschaften nach dem gestrigen traurigen Ereignis zu sprechen, aber ...« »Sehr begreiflich!« fiel die Prinzessin spitz ein. »Ich weiß alles ... o, beruhigen Sie sich! Ich billige zwar durchaus nicht die Rolle, die Sie dabei gespielt haben; aber ich habe auch keine Veranlassung, Sie zu verraten. Es liegt mir sogar meines Bruders wegen viel daran, daß der Großherzog nichts davon erfahre.« »Oh, ich versichere Hoheit, nur meine Ergebenheit gegen Seine Königliche Hoheit den Erbgroßherzog ...« »Bitte, keine Entschuldigungen! Mein Bruder ist abgereist, aus Achtung vor dem frischen Schmerz des Fräuleins – Sie begreifen! Sollte Fräulein von Treysa darüber in Unruhe geraten, so sagen Sie nur ... oder nein, besser, bereiten Sie sie darauf vor, daß ich ihr in den nächsten Tagen einen Kondolenzbesuch abstatten würde. Und im übrigen strengste Diskretion, mein lieber Baron – wenn anders Sie auf die meinige einigen Wert legen!« Der Kammerherr verbeugte sich tief und verließ den Schloßhof mit bedeutend angenehmeren Gefühlen, als mit welchen er ihn betreten hatte. Zwar war es ihm durchaus nicht klar geworden, ob die kluge Prinzessin die romantische Leidenschaft ihres Bruders unterstützen, oder ihr entgegenarbeiten wollte; aber unter ihrem hohen Schutze durfte er sich doch wenigstens vorläufig wieder sicherer fühlen. Seine gute Laune erfuhr noch eine erhebliche Steigerung, als er daheim eine große, an seine Tochter adressierte Kiste vorfand, welche laut Frachtbrief den ihr vom Erbgroßherzog als Geschenk versprochenen photographischen Apparat enthielt. Er ließ die Kiste sofort in das Atelier hinauftragen und machte sich, vor Eifer glühend, daran, sie auszupacken. Aber er hatte nicht daran gedacht, wie peinlich gerade jetzt dem Zartgefühl der armen Doris die Annahme eines Geschenkes sein mußte, welches eine so verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Kuppelpelze besaß. »Nein, Vater, nein! pack es nur wieder ein!« rief Doris, mühsam einen neuen Thränenausbruch unterdrückend, als er ihr die funkelnd neue Camera mit den sauber gearbeiteten Messingschrauben und Beschlägen vergnüglich lächelnd vor Augen hielt. »Du mußt es alles wieder zurückschicken, ich nehme nichts von ihm an – ich kann nicht!« »Aber, liebes Kind, wie du nun wieder bist!« versetzte er bekümmert. »Einem solchen Geber darf man keine Geschenke zurückschicken. Das wäre ja ein Affront – Gott bewahre, nein! Der Erbgroßherzog meint es doch so gut mit dir. Wie kannst du nur seine Absicht so verkennen! Und dann sieh mal, jetzt, wo du deine Freundin verlierst, wird dir eine neue Zerstreuung so gut thun. Komm, wir wollen mal gleich die Anleitung zusammen studieren, und morgen fangen wir tapfer an zu photographieren. Ich borge mir vom Theater ein Kostüm, und dann nimmst du mich als Richard den Dritten auf! Du schüttelst den Kopf? Ja, warum denn nicht – ach so, ja freilich! Na, dann meinetwegen als Falstaff –: So lag ich aus, so führt' ich meine Klinge! – ahähäh!« Sie hatte nur ein Seufzen als Antwort; aber er achtete nicht darauf und fuhr, munter plaudernd, fort, die übrigen Gegenstände auszupacken und vor ihr auf den Tisch zu stellen. »Alle Wetter!« rief er, die Aufschriften der Chemikalienflaschen buchstabierend. »Was ist denn das für heilloses Giftzeug! Hier Quecksilbersublimat zum Verstärken – Cyankali zum Abschwächen – Gift! Gift! Gift! Totenkopf! Zwei Knochen! Scheußlich! Das nehme ich dir fort, das ist kein Spielzeug für kleine Mädchen!« »Nimm nur alles fort, Vater, alles fort, ich mag nichts davon sehen!« rief Doris tonlos, indem sie sich erhob und matt zum Fenster schleppte. Er ging ihr nach, er streichelte sie über die Arme, er redete ihr abermals gut zu – aber es half alles nichts! Er sah ein, daß er ihren Schmerz durch das alles nur vergrößere, und überließ sie endlich sich selbst. Sobald sie sich allein sah, humpelte sie wieder an den Tisch und suchte mit zitternder Hand die Flasche mit dem Cyankali heraus. Sie entfernte mit Anstrengung den eingeschliffenen Glasstöpsel und führte vorsichtig das Gefäß an ihre schmale, spitze Nase. Dann schloß sie die Augen und holte tief Atem, als wollte sie versuchen, sich durch den bittersüßen Geruch zu betäuben. Als sie aber keine Wirkung spürte, setzte sie das Glas wieder nieder, ging nach der Thür, riegelte sie zu und suchte dann aus der Tischlade ein leeres Medizinschächtelchen hervor. Da hinein schüttete sie einen kleinen Teil des farblosen Pulvers und verschloß dann die Schachtel in dem sichersten Fache ihres Schreibtisches. »Für alle Fälle!« murmelte sie leise vor sich hin und dann brach sie in krampfhaftes Schluchzen aus, ließ sich auf den Stuhl am Schreibtisch sinken und vergrub ihr wachsbleiches Gesicht in die langen, schmalen Hände. Zehntes Kapitel. Ein hoher Kondolenzbesuch Am andern Nachmittage erst raffte sich Melanie zu dem Entschlusse auf, ihre Freundin Doris wiederzusehen. Sie hatte mehr als den halben gestrigen Tag und die ganze Nacht in festem Schlafe verbracht, und dadurch hatte ihre gesunde Natur die Folgen der Überanstrengung, sowie der fürchterlichen Aufregungen wenigstens äußerlich überwunden. Als sie am Morgen zum erstenmal wieder dem treuen Hans Joachim die Hand reichte – er hatte die überstürzte Abreise aufgegeben, da der Erbgroßherzog durch seine Flucht ihm zuvorgekommen war – da wollte es den armen Freund bedünken, als habe er sie noch niemals so schön gesehen. Das tief in ihrer Seele weiter glühende Fieber des leidenschaftlichsten Schmerzes hatte ihre Lippen und Wangen aufs neue mit dem zartesten Karmin frischester Lebenslust überhaucht, und aus den dunklen Schatten, welche selbst der lange Schlaf nicht aus ihren Augenhöhlen zu verscheuchen vermocht hatte, schimmerte das Weiß und leuchteten die großen braunen Sterne nur um so glänzender hervor. Holde Träume von dem überschwenglichen Glück einer nahen Zukunft hatten sie im leiseren Morgenschlaf umgaukelt, und an diesen Träumen rankten sich, wie die zarte Zaunwinde an frisch strotzendem Ufergebüsch, neuer Lebensmut und süßeste Hoffnung empor. Noch krampfte sich ihr das Herz zusammen, noch füllten sich ihre Augen mit Thränen, wenn sie an den letzten Blick der Mutter dachte, der mit so gramvoller Anklage das stumme Geständnis ihrer schweren Schuld gefordert hatte; aber schon regten sich Stimmen in ihr, welche sie gegen die grausame Anklage in Schutz nehmen und die Schuld auf die unglückliche Verkettung der Umstände abwälzen wollten. Auch die Notwendigkeit, sich den ganzen Vormittag über mit praktischen Dingen, mit der Sorge für die Trauerkleidung und dergleichen zu beschäftigen, trug viel dazu bei, ihr Denken und Empfinden von dem harten Drucke des Schuldbewußtseins zu entlasten. Als sich am Nachmittage da oben im Atelier die beiden Mädchen zum erstenmal nach jener letzten peinlichen Begegnung wieder gegenüberstanden, bekamen sie beide einen Schreck: Melanie vor dem totenbleichen, verstörten Aussehen der kleinen Malerin, und diese vor der frisch erblühten Schönheit der bis dahin angebeteten Freundin, die Angst und Gram abgeschüttelt zu haben schien, wie eine junge Schwalbe die Tropfen von ihren Flügelspitzen schüttelt, wenn sie im Fluge mutwillig die Wasserfläche berührt hat. Am ganzen Körper zitternd, stand Doris da und stützte sich mit einer Hand schwer auf den Tisch, auf dem sich immer noch die verschiedenen Gegenstände des fürstlichen Geschenkes befanden. Melanie trat raschen Schrittes auf sie zu, ergriff ihre freie Hand mit ihren beiden Händen und begann, sie warm drückend: »Doris, liebe, gute Doris, kannst du mir verzeihen!?« Es drängte Doris, zu erwidern, daß sie ihrer Verzeihung kaum mehr zu bedürfen scheine; aber wie sie diese schönen strahlenden Augen so innig flehend, und doch halb lächelnd dabei, auf sich gerichtet fühlte, da wagte das arme schwache Wesen mit keinem Worte dem Gefühle bitterster Enttäuschung Ausdruck zu geben, das ihr mit einem Schlage ihr bißchen Lebensfreude so grausam vergiftet hatte. Und Melanie schien zu ahnen, was in ihr vorging. Sie, die der schwer Gekränkten hätte zu Füßen fallen sollen, maßte sich das Recht des Mitleids an, indem sie die Zitternde sorglich, mit sanftem Zwange nach dem Diwan geleitete und sie dort Platz nehmen hieß. Dann setzte sie sich selbst dicht an ihre Seite, faßte ihre beiden Hände und begann aufs neue: »Ach, Doris, gutes Herz, du weißt ja nicht, wie ich ihn liebe! Und die Liebe macht so furchtbar selbstsüchtig. Ich habe wahrhaftig nicht daran gedacht, dich zu kränken, dein Vertrauen zu täuschen, du Arme – ich habe eben an gar nichts gedacht als an mich selbst und an ihn, der mich bestürmte, ihm hier im Hause ein heimliches Stelldichein zu gewähren. Du siehst doch ein, nicht wahr, daß es für uns gar keine andre Möglichkeit gab, miteinander allein zu sein? Und wir mußten uns doch hin und wieder sehen! Kannst du dir nicht vorstellen, welche furchtbare Qual zwei Liebende erdulden müssen, die da wissen, daß sie einander für Zeit und Ewigkeit angehören und sich dabei doch nur immer auf flüchtige Minuten nahe sein dürfen, von hundert Argusaugen beobachtet, auf Schritt und Tritt belauscht! Und als dann dein guter Vater Georg den Vorschlag machte... ach, Doris, ich habe mich ja so dagegen gesträubt, wahrhaftig! Ich traute meiner Schwäche nicht, denn ich liebe ihn ja so wahnsinnig – und man ist machtlos, wenn man so liebt! – Daß dein Vater ihm einen zweiten Schlüssel hatte machen lassen, das habe ich erst gar nicht gewußt. Ich bekam auch einen solchen Schreck, als ich es hörte, und ich wollte es dir gleich sagen und überhaupt dich ins Vertrauen ziehen. Aber Georg verbot es mir – er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß es dann doch vielleicht mit unsrer süßen Heimlichkeit ein Ende nehmen müßte, – viermal sind wir ja überhaupt nur hier zusammengekommen. – Ach, Doris, ich sage dir, du glaubst nicht, wie lieb und gut er war! Ich mußte mich selbst auslachen wegen meiner dummen, kindischen Angst. Und vorgestern ... Ach, Doris, ich war ja schon halb von Sinnen durch die Nachtwachen, durch die Angst um die arme Mama – und da kam Georg, um mich aus meiner Verzweiflung aufzurichten. Hier lag er zu meinen Füßen und hielt mich umfaßt und erzählte mir, wie er dem Großherzog seinen festen Entschluß, mich zu seiner Frau zu machen, eröffnet hätte, und daß ihn keine Macht der Erde davon zurückbringen könnte. Ich wäre ihm teurer als Eltern, Thron und Reich, schwur er mir, und er könnte ohne mich nicht leben. Mir zuliebe wollte er der Thronfolge entsagen, ja sogar, wenn der Vater unerbittlich bliebe, einen bürgerlichen Namen annehmen und für mich arbeiten ... ach, ich hörte kaum, was er alles sagte, so brauste es mir in den Ohren! Ich habe es ja von Anfang an gefühlt und er auch, daß wir füreinander geboren sind – und jetzt gehöre ich ihm ganz! Das Schlimmste ist ja schon überstanden: der Bruch mit seinem Vater! Jetzt kann uns ja keine Macht der Erde mehr trennen! – Wir gehen jetzt nach Treysa, und du wirst sehen, er kommt mir dahin nach, um mich zu holen. Ach, vielleicht kommt er heute noch her, um das Notwendige für die nächste Zukunft zu besprechen. Nicht wahr, Herz, einmal gewährst du uns noch Gastfreundschaft? Es ist ja bestimmt das letzte Mal! Und nicht wahr, du verzeihst mir, du bist mir nicht mehr böse? – Freust du dich denn gar nicht ein bißchen über mein Glück?« Doris seufzte tief auf und sagte endlich, traurig mit dem Kopfe schüttelnd: »Ich verstehe wohl nichts von solchem Glück!« »Du wirst es verstehen, wenn du uns als Mann und Frau siehst. Wir laden dich auch bestimmt zur Hochzeit ein.« Wer könnte der holden Schwärmerei eines verliebten glücklichen Mädchens widerstehen! Doris stimmte diese Schwärmerei nur noch trauriger: aber sie löste wenigstens ihre Verbitterung in Wehmut auf, und zürnen konnte sie der schönen, vertrauensseligen Freundin nicht länger. O, wie gerne hätte sie die Zuversicht Melanies geteilt! Aber sie wußte ja, daß Kospoth, der doch den Erbgroßherzog genau genug kannte, an die Standhaftigkeit seiner redlichen Absichten nicht glaubte – wenigstens hatte sie sich das hinterher aus der Erinnerung an sein Wesen und seine Worte zusammengereimt; und dann sagte ihr auch selbst ihr bißchen Welt- und Menschenkenntnis, daß ein Liebesverhältnis, bei welchem ihr Vater die Hand im Spiele hatte, wohl schwerlich auf den reinsten Absichten beruhen könnte. Und wie sie sich dem starken, siegesbewußten Mädchen so nahe und dabei doch in ihrer krüppelhaften Schwäche so weit entfernt fühlte, hätte sie nie gewagt, den Essig irgend eines Zweifels in den feurigen Wonnewein des herrlichen Geschöpfes zu schütten. So schmerzlich sie eben noch die Kränkung empfunden, die Melanie ihr angethan hatte, nun, da sie wieder neben ihr sitzen, sich von ihren Händen berühren, von ihren Worten umschmeicheln lassen durfte, beglückte sie diese Herablassung fast ganz wie früher, und sie bemühte sich, um nicht undankbar zu erscheinen, auf Melanies Versuche, sie wieder heiter zu stimmen, lächelnd einzugehen. Melanie wandte nun auch dem photographischen Apparat ihre wißbegierige Teilnahme zu und veranlaßte dadurch auch Doris, ihre Abneigung gegen die Annahme dieses Geschenkes zu überwinden. Mit der ihr eignen raschen Fassungsgabe war Melanie sehr bald die Handhabung der Camera klar geworden, und dann begann sie der kleinen Freundin aus der beigegebenen Anleitung vorzulesen. Sie wollte sich sogleich daran machen, die verschiedenen Bäder nach den gegebenen Vorschriften herzustellen, und freute sich ganz besonders über die hübsch gearbeitete Wage und das polierte Kästchen mit dem Satze blanker Messinggewichte. »Komm, jetzt wollen wir gleich 'mal ein bißchen Gift mischen,« rief sie heiter. »Hu! Da ist ja sogar Cyankali! Wie viel wohl nötig ist, um ein kräftiges Frauenzimmer meines Schlages umzubringen?« Sie öffnete die Glasbüchse und führte sie im Uebermut ganz dicht an ihre Lippen. Wahrhaft entsetzt riß Doris sie ihr aus der Hand und schrie auf: »Um Gottes willen! Laß das!« Aber Melanie griff aufs neue nach dem Glase und sagte bittend: »Nein, laß es mir noch ein bißchen! Weißt du, schon als kleines Mädchen hat mich immer Papas Gewehrschrank magnetisch angezogen, und Hans Jochen konnte mir keine größere Liebe erweisen, als wenn er mich 'mal seine Pistole abschießen ließ. Ich habe mich zwar immer schrecklich vor dem Knall gefürchtet und den Kopf ganz weggedreht beim Losdrücken; aber ich mußte es trotzdem immer wieder versuchen. Und nachher, wie ich aus der Pension nach Hause kam, hat mir Papa auch wirklich ein Tesching geschenkt! O, ich sage dir, ich schieße jetzt famos – Eierschalen, weißt du, die an einem Faden im Winde baumeln. Aber ein so starkes Gift habe ich noch nie in der Hand gehabt. Ich finde das furchtbar interessant. Weißt du, du könntest mir ein bißchen davon abgeben – für alle Fälle!« »Melanie, du! – Was meinst du damit?« »O, ich meine nur, es ist so schön zu wissen, daß man es in der Hand hat! Das finde ich wenigstens. Mit dem Leben spielen – das ist doch das spannendste und vornehmste Hazard! Danach müßten freilich die Akrobaten sehr vornehme Leute sein, haha! – Ach, geh, lache mich aus! Das ist ja alles nur Unsinn!« Sie blickte ein paar Sekunden lang, ernst sinnend, über den Tisch hin. Dann flog plötzlich ein flüchtiges Rot über ihr Gesicht, sie strich sich mit der Hand über die Stirn und griff wieder zu dem photographischen Leitfaden, um die Vorlesung fortzusetzen. Schon nach wenigen Minuten wurden sie unterbrochen durch den alten Diener, welcher die Meldung überbrachte, daß Ihre Hoheit die Prinzessin Eleonore unten im Wohnzimmer das gnädige Fräulein erwarte. »Ah! siehst du! Ist das nicht hübsch von ihm, daß er seine Schwester zu mir schickt?« flüsterte Melanie Doris zu, küßte sie auf die Wange und verließ rasch das Zimmer. – –- Prinzessin Eleonore saß wartend auf einem Stuhl in dem bescheidenen Salon, dem man den vorläufigen Charakter der Einrichtung, das eilig und leihweise Zusammengestoppelte gar sehr ansah. Das Fräulein von Katz stand hinter ihrer Herrin und horchte mit lächelnder Miene nach dem Nebenzimmer hin, von wo her man den alten General dumpf murren und murmeln hörte. Er hatte die Hoheit um Entschuldigung bitten lassen, daß er sie nicht sogleich empfangen könnte; denn er befand sich just in einem derartigen Bequemlichkeitszustande, daß er unmöglich ohne ziemlich tiefgreifende Umgestaltung seines äußeren Menschen sich vor ihren Augen blicken lassen durfte. Und nun war er eben dabei, sich von Friedrich in ein gestärktes Oberhemd hineinhelfen zu lassen. Die Prinzessin hatte ein schwarzseidenes Kleid angelegt und darüber einen pelzbesetzten Samtdolman, wodurch ihre schlanke Figur vorteilhaft hervorgehoben wurde. Ein großer Samthut mit wallenden schwarzen Straußenfedern beschattete ihr etwas blasses Gesicht. Auch die kleine Hofdame war der Uebereinstimmung halber in Schwarz erschienen. Da trat Melanie herein und begrüßte ihren hohen Besuch mit einer tiefen Verbeugung. Ehe sie noch den Mund zu einer Entschuldigung aufthun konnte, war die Prinzessin ihr bereits entgegengetreten. Sie legte ihre Arme ganz lose um ihre Schultern und küßte sie flüchtig auf die Wange, »Mein herzlichstes Beileid, meine liebe Melanie!« begann sie kühl und griff nach Melanies kleiner, weicher Hand, um sie nach einem raschen Druck gleich wieder los zu lassen. »Die Großherzogin ist durch die Krankheit des Großherzogs selbst sehr in Anspruch genommen; aber ich habe den Auftrag, Ihnen und Ihrem Herrn Vater den Ausdruck ihrer vollen Teilnahme an Ihrem schmerzlichen Verluste zu überbringen.« Melanie lud zum Sitzen ein, und dabei ging ihr der Gedanke durch den Kopf, wie förmlich und ungeschickt doch selbst die geistvollsten Menschen sich zu benehmen pflegen bei dergleichen traurigen Anlässen. Die Prinzessin hatte doch sonst auf vollkommen freundschaftlichem Fuße mit ihr verkehrt und von Anfang an einen Ton anzuschlagen gewußt, der, ohne ganz das Bewußtsein des Standesunterschiedes aufzuheben, dennoch einen ungezwungenen Gedankenaustausch, wie zwischen gleichstehenden Freundinnen, ermöglichte. Und nun auf einmal diese eisige Kälte! Unwillkürlich wirkte sie ansteckend, und auch Melanie fand auf die landläufigen Redensarten und Erkundigungen nach dem Leiden und den letzten Augenblicken der Dahingeschiedenen nur die landläufigen Antworten. Und während das Gespräch so einförmig, kühl betrübt hin und her ging, hob die Prinzessin von Zeit zu Zeit ihr langgestieltes Lorgnon an die kurzsichtigen Augen und forschte mit schlecht verhohlener Neugier in dem blühenden Gesichte Melanies nach den Spuren all der Aufregungen. Ihr Bruder hatte ihr in seiner Offenherzigkeit nicht verschweigen können, welch unliebsame Vorgänge sich in jener verhängnisvollen Dämmerungsstunde abgespielt hatten. Ja, kannte denn dieses Mädchen gar keine Scham, daß sie trotz alledem so auszusehen, mit den großen braunen Augen so stolz und frei um sich zu blicken wagte?! Auch Eleonore mußte sich, gerade so wie Kospoth am Morgen, sagen, daß sie das Fräulein von Treysa nie so verführerisch schön gesehen habe wie heute, und sie konnte nicht umhin, sich einzugestehen, daß der Mann, der sich um dieses Mädchen in Liebe verzehrte, zum mindesten einen guten Geschmack bewies. Um ihretwillen also verschmähte man selbst die Liebe einer Prinzessin, die obendrein eine Dame von seinem Geist und, wo sie liebte, voll warmer Teilnahme für die weit ausschauenden Pläne des Erkorenen war. Aber das galt ihm alles nichts – dieser blühende Körper hielt seine Sinne in Bann und ließ ihn alles andre darüber vergessen, auch wohl gar die hohe Lebensaufgabe, die er sich gesteckt hatte – ja, sie ließ ihn sich selbst so weit erniedrigen, zu den Füßen dieses gedankenlosen Geschöpfes weiter zu schmachten, trotzdem es sich aus Eitelkeit und moralischer Haltlosigkeit einem andern hingegeben hatte! O, wie sie diesen Mann jetzt verachtete, diesen modernen Marquis Posa, für den sie geschwärmt hatte wie ein thörichter Backfisch für irgend einen Theaterprinzen, der sich vermittelst Schminke, Perücke und falscher Waden des Abends aus einem hageren Kahlkopf in einen Adonis verwandelt! Und wie haßte sie dieses Mädchen! Sie wußte, daß sie ihr aller Wahrscheinlichkeit nach heute zum letztenmal gegenüberstände, und darum hob sie immer wieder die Gläser an ihre Augen, um sich jeden kleinsten Zug in der Erscheinung dieses Geschöpfes, welches so unheilvoll in ihr und ihres Bruders Leben eingegriffen hatte, fest ins Gedächtnis zu prägen. Und Wally von Katz schien den Auftrag zu haben, ihr hierin nach Kräften beizustehen, um ihre Beobachtungen durch die ihrigen zu ergänzen. Melanie konnte nicht umhin, dieses Angestarrtwerden seitens der beiden Damen unangenehm zu empfinden. Der Aerger darüber begann ihre Wangen dunkler zu färben, und ihre Antworten auf die teilnahmlos hingeworfenen Fragen der Prinzessin sielen immer kürzer aus. »O, Sie gedenken uns also wirklich schon in diesen Tagen zu verlassen?« versetzte die Hoheit auf eine bezügliche Aeußerung Melanies. »Es wird meinem Bruder sehr leid thun, sich nicht mehr persönlich von Ihnen verabschieden zu können. – Ach, richtig! Bald hätte ich vergessen, Ihnen den Ausdruck seines Beileids und seinen Abschiedsgruß zu überbringen.« »Abschiedsgruß?!« stammelte Melanie erbleichend und schaute die Prinzessin aus großen Augen fragend an. »Nun ja! Hat man Ihnen denn nicht gesagt, daß er gestern früh abgereist ist?« »Abgereist? Darf ich fragen: wohin?« stammelte Melanie, sich mit aller Gewalt zur Ruhe zwingend. Und die Prinzessin lächelte boshaft und erwiderte zögernd, indem sie den schmalen Kopf geziert zur Seite neigte: »Das ist eigentlich wohl noch ein Staatsgeheimnis. Ich bin selbst nicht eingeweiht – ich habe nur so meine Vermutungen. Unter uns gesagt, liebe Melanie: Der Großherzog wünscht, daß mein Bruder endlich Anstalten treffen soll, sich zu verheiraten. Es ist ihm die Hand einer königlichen Prinzessin angetragen worden, und da dürfte man wohl nicht fehl gehen ...« Melanie ließ sie gar nicht ausreden. Mit flammenden Blicken sprang sie auf, streckte ihre Rechte gebieterisch vor sich aus und rief mit halberstickter Stimme: »Das ist nicht wahr!« Nun erhob sich auch Eleonore, und die kleine Katz folgte, ganz Ohr und ganz Äuge, ihrem Beispiel. Die Prinzessin nahm ihren Muff vom Tisch und sagte mit eisiger Ruhe: »Sie vergessen sich, Fräulein von Treysa!« »Und Sie, Hoheit, sind gekommen, um mich ... Oh, jetzt ahne ich, weshalb Sie gekommen sind!« Unfähig, ihre Leidenschaft zu bemeistern, drückte Melanie die geballten Hände gegen ihren heftig wogenden Busen und stand mit vorgebeugtem Haupte wie eine zum Sprunge sich duckende Tigerin vor der Prinzessin. »Gehen Sie, Wally! Erwarten Sie mich unten im Wagen,« sagte Eleonore, zu ihrer Begleiterin gewendet. »Verzeihung! Wollten Hoheit nicht lieber ...« wagte die kleine Hofdame einzuwenden. Sie an der Stelle der Prinzessin hätte Angst gehabt, mit Melanie allein zu bleiben. Aber ihre Herrin gab ihr nur einen befehlenden Wink und rief ihr noch leise zu: »Kein Wort von dem, was Sie gehört haben! – Zu niemand!« – – Trotz dieses strengen Befehls hatte Wally von Katz die allergrößte Lust, sofort zu dem dicken Kammerherrn von der Rast hinüberzuhuschen und dem in aller Geschwindigkeit das frische Geheimnis anzuvertrauen, in der Erwartung, daß sie als Gegengabe von diesem etwas Näheres über die Vorgänge am vorgestrigen Abend erfahren werde, über welche zu ihrem großen Leidwesen aus Wölfchen Bracke so gut wie nichts herauszubekommen gewesen war. Aber nein, das war doch zu gefährlich! Denn Ihre Hoheit konnte ja jeden Augenblick die Unterredung mit Melanie abbrechen und dann ... nein, den Kammerherrn mußte sie ein andermal abzufassen suchen. Und sie stieg langsam die Treppe hinunter. Als sie aber eben aus der Hausthür treten wollte, öffnete sich diese und vor ihr stand – Baron Kospoth. »Ah, Sie Baron!« rief die kleine Hofdame und klammerte sich in ihrer Aufregung gleich an seinen Arm. »Denken Sie nur, was da oben bei Treysas vor sich geht! Die Melanie ist gegen meine Hoheit ausfallend geworden. Nein, ich sage Ihnen, ich traute meinen Ohren nicht! Und darauf hat sie mich gleich hinausgeschickt. Na, die werden einander viel Liebenswürdiges zu sagen haben!« »Was? Die Prinzessin ist oben bei Melanie? Allein mit ihr?« rief Kospoth zusammenzuckend. »Ja gewiß! Ach, mein lieber Baron, ich fürchte, Sie haben da einen schönen Unfug angerichtet, und ich habe es doch so gut mit Ihnen gemeint und Sie rechtzeitig gewarnt! Aber Sie müssen vorgestern abends einen ganz dummen Streich gemacht haben – nehmen Sie mir's nicht übel. Die Prinzessin ist seitdem ... na, ich weiß doch, wie schlimm sie sein kann; aber so habe ich sie noch nie gesehen! Nehmen Sie sich in acht! Sie ist eine gefährliche Feindin, und mit ihrer Energie beherrscht sie den Großherzog und sogar ihren eigensinnigen Bruder. Was sie will, das setzt sie durch.« »Ah, dann habe ich ihr auch wahrscheinlich meine Ausweisung zu verdanken!« »Wie? Man will Sie ausweisen aus der Residenz? Sie, den Duzfreund des Thronfolgers? Natürlich hat das die Prinzessin veranlaßt hinter dem Rücken des Erbgroßherzogs – darauf möchte ich wetten!« »Und jetzt ist sie gekommen, um der armen Melanie schadenfroh ihre kühnen Hoffnungen zu zerstören. Oh, ich bin auch noch da! Ich will doch ...« So knirschte er vor sich hin und stürmte, ohne Wally von Katz, die ihm ängstlich nachrief, er möge sie ja nicht verraten, weiter zu beachten, die Treppe hinauf. Ohne sich erst anmelden zu lassen, betrat er den kleinen Salon. Und ehe er noch ein Wort gesprochen hatte, fühlte er Melanies Arme auf seinen Schultern. Den dunklen Kopf gegen seine Brust drückend, sprach sie atemlos auf ihn ein: »Ach, Hans Jochen, Gott sei Dank, daß du da bist! Sie beleidigt mich – oh, sie ... Ich glaube, ich werde wahnsinnig! Sag du ihr, daß sie lügt, daß Georg kein treuloser Verführer ist! Du kennst ihn ja auch – ach, sag du es ihr!« Sie brach in Thränen aus, und er strich ihr beruhigend über das Haar und bat sie, ihn mit der Prinzessin allein zu lassen. Aber sie hörte nicht auf seine Bitte. Ihr glühendes Gesicht voll Haß der Feindin zukehrend, rief sie lauter: »Und denke dir: meine Großmutter hat sie mir vorgeworfen! Ich sei eine würdige Enkelin der schönen Caffarelli. Ach, Hans Jochen, das ertrag' ich nicht!« Und wieder erstickte ihre Stimme in Schluchzen, und sie barg ihr flammendes Gesicht an seiner Brust. Die Prinzessin trat einen Schritt auf die beiden zu und sagte, ironisch mit den Achseln zuckend: »Wie können Sie sich darüber so ereifern? Fragen Sie doch diesen Darwinisten einmal, was man unter Atavismus versteht. – Uebrigens: Sie fliegen ja von einem Arm in den andern! Da darf man ja wohl hoffen, daß Sie nicht untröstlich sein werden.« »Ah!« schrie Kospoth auf, »ist das Ihre Rache, Prinzessin? Ich denke, Sie können mit diesem Erfolg vorläufig zufrieden sein. Ich wüßte nicht, was Hoheit hier sonst noch zu verrichten hätten.« »Sie sind impertinent, Herr Baron!« entgegnete die Prinzessin, sich hoch aufrichtend, mit leise bebender Stimme. »Wenn Sie glauben, daß man in Ihrem idealen Zukunftsstaate in diesem Tone zu Fürsten reden darf, dann hoffe ich, Ihr goldnes Zeitalter nicht mehr zu erleben. Bitte, geben Sie den Weg frei!« Kospoth trat mit Melanie einen Schritt von der Thür zurück, und die Prinzessin schickte sich an, hoch erhobenen Hauptes an ihnen vorbeizuschreiten, als sich die gegenüber liegende Thür aufthat und der alte General, in langem schwarzen Gehrock, in untadelig gestärkten Vatermördern und schwarzseidener Krawatte auf der Schwelle erschien. Die Prinzessin kehrte um und ging mit großen Schritten auf den weißhaarigen Greis zu. »Ah, mein lieber Herr General!« rief sie, ihm die Rechte entgegenstreckend, die er sich beeilte, galant an seine Lippen zu führen. »Ich stelle mich in Ihren Schutz! Man weist mir die Thür! Darf ich Sie bitten, mich hinauszubegleiten, um mich vor weiteren Insulten zu schützen!« »Wa? Insultieren – Hoheit!? Mummummum! Unsinn! Ich, ah ...« Der alte Herr vermochte seinem maßlosen Erstaunen keinen deutlicheren Ausdruck zu geben und bewegte schließlich nur noch, unverständliche Worte kauend, seine Kinnladen. Eleonore betrachtete ihn mit mitleidigem Lächeln und nahm dann, mit dem Kopfe nach der Richtung deutend, wo Kospoth stand, wieder das Wort: »Dieser Herr da scheint mir zukünftige Rechte antizipieren zu wollen, indem er sich schon jetzt als Hausherrn aufspielt.« »Was? Was?« brauste der General auf, »Liebesgeschichten und so weiter! Unsinn! Mwa! Lassen Sie die Dummheiten bleiben, Hans Jochen. Lieb' ich nicht – Überraschungen.« »Also wirklich? Doch so etwas im Wege?« fiel die Prinzessin rasch ein, Kospoth, der eben etwas erwidern wollte, das Wort abschneidend. »Ah, wie liebenswürdig von Ihnen, Herr von Kospoth! Ich beglückwünsche Sie, mein Fräulein. O, der Großherzog wird entzückt sein! Er wird nur bedauern, daß es wahrscheinlich bei Ihren Grundsätzen Ihnen nicht möglich sein dürfte, einen Orden zu acceptieren.« Kospoth erbleichte vor Empörung über diese boshafte Beleidigung. Er trat auf die Prinzessin zu, die unwillkürlich vor dem drohenden Blick seiner Augen zurückwich und den Arm des Generals ergriff. Der Zorn schnürte ihm die Kehle zusammen, und so konnte er nur tonlos hervorkeuchen: »Ich – ich überlasse Sie Ihrem Gewissen, Prinzessin. Wenn Sie sich wieder zu Ihrem bessern Selbst – zurückgefunden haben werden – dann werden Sie sich schämen müssen über diese – empörende Kränkung, die Sie – einem Manne von Ehre – anzuthun wagten. Komm, Melanie!« Er legte seinen Arm um Melanies Schultern und führte sie rasch hinaus, um sich mit ihr unter den Schutz der toten Mutter zu stellen. – – – Der General stand immer noch, den Arm der Prinzessin fest an sich drückend, mitten im Zimmer und bewegte in stummem Entsetzen die Kinnbacken auf und nieder. Auf dem Antlitz der Prinzessin aber wechselten Totenblässe mit dunkler Röte. Kospoths Worte hatten sie aus dem Taumel ihres blinden Hasses erweckt, und sie sah mit Schrecken und Beschämung ein, wozu sie sich hatte hinreißen lassen. Mehrmals mußte der alte Herr an ihrer Seite seine undeutlich hervorgestammelte Bitte um Erklärung wiederholen, ehe sie ihn verstand. »Ah so, Pardon! Sie wissen ja nicht, was vorhergegangen ist,« versetzte sie, sich mühsam zu einem ruhigen Tone zwingend. »Nun, mein lieber General, es wird Ihnen doch vielleicht nicht entgangen sein, daß die Schönheit Ihres Fräuleins Tochter auf meinen Bruder einen lebhaften Eindruck gemacht hat – dem er vielleicht etwas allzu deutlich Ausdruck verliehen hat. Man soll, wie ich höre, in der Gesellschaft bereits seine Glossen über das Verhältnis gemacht haben. Mein Bruder ist jedenfalls etwas unvorsichtig gewesen – mein Gott! bei seinem feurigen Temperament – Sie begreifen! Kurz und gut, Fräulein Melanie gefiel sich in der Einbildung, daß der Erbgroßherzog ihr seine Hand reichen werde – wenn sie auch vermutlich nur auf die linke hoffte. Bei meiner lebhaften Teilnahme für Fräulein Melanie hielt ich es für meine Pflicht, sie, bevor sie uns verlaßt, auf dies Mißverständnis aufmerksam zu machen, da es doch leicht unliebsame Folgen haben könnte – für beide Teile. Das unerwartete Dazwischentreten des Barons Kospoth, seine etwas eigentümliche Parteinahme für Ihre Tochter hat mich gereizt. Ich gestehe, daß ich zu weit gegangen bin – es thut mir leid. Bitte, führen Sie mich fort, Herr General!« Der alte Herr setzte sich mechanisch in Bewegung und geleitete die Prinzessin kavaliermäßig aus seiner Wohnung hinaus und die Treppe hinunter. Aber er war den ganzen Weg über außer stande, seine Gedanken zu ordnen oder gar Worte zu finden. Als er mit ihr aus der Hausthür trat und die wenigen steinernen Stufen hinabsteigen wollte, blieb die Prinzessin, plötzlich zusammenzuckend, stehen, und er fühlte deutlich, wie ihr Arm in dem seinen zitterte. Zur Seite des Weges, in dem kleinen Vorgarten, standen, mit den Mützen in der Hand, einige Tischlergesellen und schienen mit ihren Körpern den Handwagen hinter ihnen verdecken zu wollen, auf welchem der Sarg stand, der mit seinem noch nicht ganz trockenen Lack und seinen Blechbeschlägen aufdringlich glitzerte. Auch einige Bedienstete der Hofjägerei standen mit verlegenen Mienen, sich tief verneigend, herum. Aber die Prinzessin hatte in ein paar Sekunden ihre Schwäche überwunden und schritt vollends die Treppen hinunter und an den Wagen. Der Lakai hielt den Wagenschlag geöffnet, mit dem Hut in der Hand. Etwas zur Seite stand Wally von Katz und blickte mit neugierigem Mitleid zu dem greisen Kavalier empor. »Nochmals mein aufrichtiges Beileid und herzlichstes Lebewohl in unser aller Namen!« sagte die Prinzessin und drückte dem General bewegt die Hand. Dann bestieg sie das Coupé. Die Hofdame sprang ihr elastisch nach, der Diener schloß die Thür, schwang sich auf den Bock, nochmals verneigten sich alle Anwesenden, die Prinzessin beugte hinter dem offenen Fenster noch einmal den Kopf vor – und dann rollte der Wagen davon. – Der alte Friedrich war seinem lieben Herrn gefolgt. Er sah ihn, an allen Gliedern zitternd, mühsam die Treppe hinaufsteigen und beeilte sich, ihm seinen Beistand anzubieten. Als die beiden Alten zwei Minuten später den Salon im ersten Stock wieder betraten, stürzte die weinende Melanie, ohne die Anwesenheit des Dieners zu beachten, ihrem Vater entgegen, ergriff seine Hand und bedeckte sie mit Küssen. Der Genera! raffte sich gewaltsam zum Sprechen auf. »Was ist das? Was hab' ich da gehört – mummummum!? Liaison mit ... Königliche Hoheit und so weiter!« »Nein, Vater, nein! Keine Liaison! Die Prinzessin lügt. Ich bin seine Braut!« »Braut – mwa! – Unsinn! Gibt's nicht, so was – mummummum! Niedertracht!« Sie sank ihm zu Füßen. »Mein lieber, lieber Papa! so höre mich doch! Er hat es mir geschworen – ich bin sein.« »Was? Sein bist du? – Aha – – Caffarelli! Fort, fort! – Geh weg – Will dich nicht mehr sehen! – Friedrich – ausziehen! hna! schnell! – Meine Pfeife! – Cognac!« Er hielt seine heftig zitternde Rechte fortweisend über dem Kopf der Tochter ausgestreckt, mit der Linken griff er, nach einem Halt suchend, in der Luft umher. Kospoth und der alte Diener beeilten sich, ihn zu stützen und in sein Zimmer zu führen. Melanie blieb mitten im Salon auf ihren Knieen liegen und horchte, mit weit geöffneten Augen nach der noch offen stehenden Flurthür starrend, hinaus. Von der Treppe her erscholl ein dumpfes Poltern. Die Männer trugen den Sarg hinauf. Elftes Kapitel. In welchem der Leser die Bekanntschaft Kospoths des Aelteren macht und Hans Jochen ein Abenteuer mit einer schmählich verkannten kleinen Dame hat. Fast zwei Monate ruhte nun schon die Frau Generalin von Treysa, geborene von Coß, an der Seite der ehemaligen Signora Caffarelli, von Rechts wegen Therese Käferle geheißen, der liebreizenden und abenteuerlichen Ahnfrau des jungen Geschlechts, in der Familiengruft derer von Treysa, welche sich jedoch nicht in Treysa selbst, sondern in dem größeren Kirchdorfe befand, dem das Waldschloß mit den paar zum Gute gehörenden Kätnerhäuschen eingepfarrt war. Dem rauhen März war ein milderer, aber meist stürmischer April gefolgt, der mit vollgriffigen Accorden durch den dunklen Tannenwald und das kahle Geäst der alten Buchen und Eichen im Parke harfte und obendrein in der Stille der Nacht alle Schornsteine des alten Schlößchens zu einem unheimlichen Orgelkonzerte benutzte. Manche lange Frühlingsnacht hindurch lauschte das schöne Schloßfräulein den geisterhaft klagenden Tönen und vermischte ihre eignen bangen Seufzer mit den Schmerzenslauten der in Frühlingswehen ringenden Natur: und wie die Stimme des Waldes bald zu mächtigem Donner anschwoll, bald zurückebbte zu sanftem, fernem Meeresrauschen, so wühlte der Frühlingssturm in ihrem jungen Busen die Gefühle bald auf zu wildem Schmerz und heißer Sehnsucht und beruhigte sie auch wieder bis zur still gehegten Hoffnungsfreudigkeit. Ihr körperliches Befinden bot ein getreues Spiegelbild des seelischen. Bald schlich sie bleich, verweint und kopfwehgeplagt umher; dann konnte sie wieder auf einige Tage herrlich aufblühen und fast mit Freudigkeit den nun auf ihr allein ruhenden Geschäften der Hausfrau nachgehen. Just ebenso wechselnd in seinen Stimmungen wie seine junge Tochter war seit dem Tode der Gattin auch der greise General geworden. Es kamen Tage, wo er völlig vergessen hatte, was sein geliebtes Kind ihm angethan, wo er sich mit fast schon kindischem Behagen ihre zärtliche Verhätschelung gefallen ließ; und dann erwachte wieder die Erinnerung an das Geschehene in seinem müden Gehirn und er würdigte die arme Melanie kaum eines Wortes und wies sie, die buschigen weißen Brauen zornig gesträubt, mit ungeduldigem Murren ab, so oft sie ihm zu nahen wagte. Der einzige, der ihm an solchen Tagen ohne Furcht begegnen durfte, war der alte Friedrich – und die beiden Lieblingshunde Waldmann und Diana, denen gegenüber er an guten wie an bösen Tagen immer der gleiche blieb. Hans Joachim von Kospoth hatte den alten Herrn nach Treysa hinausbegleitet und ihm alle Anordnungen für das Begräbnis und was sonst durch den Tod seiner Frau von Geschäften an ihn herantrat, abgenommen. Wie er aber im Grunde seines Herzens gegen ihn gesinnt sei, das war schwer zu erkennen. Er schien nach wie vor die Dienstwilligkeit seines jungen Freundes als etwas ganz Selbstverständliches anzusehen und Aeußerungen besonderer Dankbarkeit für überflüssig zu halten. Kam einmal die Rede auf die Ereignisse in der Residenz, so versank er sofort in ein mürrisches Brüten und machte seinem Groll nur durch gewisse kräftige Aeußerungen über das Schranzenpack Luft. Bei seinen immer noch fast bei jedem Wetter vorgenommenen Spazierfahrten mußte ihn jetzt außer den Hunden auch der Stallknecht begleiten. Melanie nahm er fast nur dann noch mit, wenn seine Besuche Familien mit Töchtern galten. Bald aber bat sie ihn selbst, sie gerade bei diesen Gelegenheiten daheim zu lassen, weil sie hatte bemerken müssen, daß Gerüchte von ihren Beziehungen zum Erbgroßherzog in die Kreise des Landadels gedrungen waren, Gerüchte, welche, nach dem auffällig veränderten Benehmen der Leute zu schließen, ihr sicherlich nicht das Beste nachsagen konnten. So kam es, daß auch der General den Verkehr mit mehreren Familien abbrach und immer ausschließlicher die Freundschaft des Barons von Kospoth Vater kultivierte, der sich in seinem großen burgähnlichen Schlosse Volkramstein meist recht herzlich langweilte und in Ermangelung von etwas Besserem sogar die alten Jagdgeschichten des Generals zum neunundneunzigsten und hundertsten Male anhörte. Hans Jochen hatte vierzehn Tage bei seinem Vater zugebracht, der ihm wohl anmerkte, daß mit seinem Gemüte etwas Schnurriges passiert sein mußte, wie er sich ausdrückte, und der nicht müde ward, ihn wegen seines »Hochverrats an der heiligen Sache der Crapüle« während seiner Höflingsepisode weidlich aufzuziehen. Der alte Baron Wichhart von Kospoth war nämlich selbst trotz seiner harmlos konservativen und unzweifelhaft loyalen Gesinnung ein Mann, dem sein Selbstbestimmungsrecht über alles ging und dem alle Fuchsschwänzer und Scherwenzler ein Greuel waren. Er hatte sich in seiner Jugend mit den Wissenschaften nicht allzu sehr herumgeplagt und infolgedessen für die Studien seines Hans Jochen wenig Verständnis; aber das begriff er denn doch auch, daß das Leben bei Hofe mit sozialdemokratischen Grundsätzen nicht zu vereinigen sei. Es half dem jungen Revolutionär auch nichts, daß er gegen solchen Spott dieselben Gründe ins Gefecht führte, mit welchen Prinzessin Eleonore ihn erst jüngst zum Bleiben hatte überreden wollen; der alte Baron Wichhart hatte vielmehr für alles Reinmenschliche einen vortrefflichen Blick und daher bald genug herausgefunden, wo bei seinem Hans Jochen der Hase im Pfeffer lag. Und so nahm er sich ihn denn eines Tages ernstlich vor und sagte ihm rund heraus: »Hör 'mal, alter Junge, die Sache fängt an, mir langweilig zu werden! Wenn du durchaus mit deiner goldnen Freiheit nichts mehr anzufangen weißt, so heirate doch, ins Dreideibels Namen! Die Melanie soll mir sogar als Schwiegertochter noch zehnmal willkommener sein als irgend eine andre. Ich wüßte auch wirklich nicht, was sie an dir auszusetzen haben könnte.« Da mußte denn Hans Jochen wohl oder übel beichten. Alles sagte er seinem Vater, und es war ihm eine Wohlthat, es einmal gründlich vom Herzen herunter zu bekommen. Eins nur verschwieg er ihm – und das war freilich gerade das, was seine Sache für ihn so hoffnungslos machte. Er konnte ihm nicht verraten, wie weit Melanie sich hatte hinreißen lassen und wie gerade dadurch eine Heirat mit ihr auch auf seine Ehre einen schlimmen Makel geworfen hätte. Das, was er zu hören bekam, konnte der Vater freilich leicht nehmen. »Na, hör 'mal, Hans Jochen,« lachte er, »für einen so grasgrünen Idealisten hätte ich dich doch nicht gehalten! Wenn eine leibhaftige Königliche Hoheit vor ihr auf den Knieen herumrutscht, dann kannst du dich doch nicht wundern, wenn sie die einem simplen Baron – und noch dazu einem ohne Ahnen – einstweilen vorzieht. Bilde dir nur ja nicht ein, daß irgend ein Frauenzimmer das anders gemacht hätte! Auf den Leim kriechen sie alle! – Aber nun laß 'mal erst ein paar Wochen oder Monate ins Land gehen! Die Melanie ist doch im allgemeinen ein ganz vernünftiges Mädel – sie wird sich die Dummheiten schon aus dem Kopfe schlagen. Inzwischen würde ich mich aber an deiner Stelle ein bißchen rar machen. Es macht entschieden – nimm mir's nicht übel – einen etwas gottsjämmerlichen Eindruck, wenn du ihr, trotzdem sie dir den Korb gegeben hat, gar nicht von der Pelle gehen willst! Du sollst 'mal sehen, wie du bei ihr im Werte steigst, wenn sie dich ein paar Wochen nicht sieht. – Daß der Alte nicht mehr mit ihr an Hof geht, darauf kannst du Gift nehmen. Er wird ja fuchsteufelswild, wenn man nur davon anfängt. Die Melanie überlaß nur inzwischen mir. Verlaß dich drauf, ich seh' es ihr an der Nase an, wann es für dich Zeit ist, wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.« »Wenn nur der Prinz nicht etwa inzwischen heimlich hierher kommt,« warf Hans Jochen finster ein. »Ich sage dir, Vater, wenn ich ihn hier träfe, mit kaltem Blute könnte ich ihn ...« Er machte die Gebärde des Schießens. »Na, na, halb so wild!« rief Kospoth Vater. »Ich glaube, du bist wirklich ein bißchen ...« Er deutete auf seine Stirn. »Die Liebe ist nun einmal eine brutale Leidenschaft! Ob da zwei Hirsche sich gegenseitig das Geweih in den Leib zu rennen suchen oder zwei weiße Täuberiche aufeinander loshacken oder zwei vernünftige Männer auf einmal ihre Busenfreundschaft vergessen und mit der gespannten Pistole einer hinter dem andern herlaufen, das ist doch toute la même chose! Beim Kampfe ums Weibchen werden die Männchen närrisch; aber Kampf muß sein – sonst war ja verflucht wenig Witz bei der Geschichte! – Uebrigens dürfte diese Affaire sehr ruhig ablaufen – hast du heute den Generalanzeiger noch nicht gelesen? – Nicht? – Na, warte 'mal! Wo war's doch gleich? Richtig, hier!« Und er las aus der genannten Zeitung: »Man schreibt uns aus ......: In hiesigen Hofkreisen behauptet sich das Gerücht, daß die Verlobung der Prinzessin Clementine, Königliche Hoheit, mit dem Thronerben eines dem königlichen Hause von alters her verwandtschaftlich verbundenen Großherzogtums für nahe bevorstehend zu erachten sei. Wir dürften wohl kaum irre gehen, wenn wir die geheimnisvolle Reise Seiner Königlichen Hoheit des Erbgroßherzogs mit diesen Gerüchten aus der ...schen Hauptstadt zusammenbringen.« »Das ist schändlich! Das ist eine ...« Hans Joachim ballte grimmig die Fäuste und suchte nach Worten. »Na, hör 'mal, so ein sonderbarer Schwärmer ist mir aber noch nicht vorgekommen,« spottete der Vater. »Ich dachte, du könntest froh sein, daß du diesen unangenehmen Nebenbuhler auf so bequeme Art los wirst. Du thust ja gerade, als ob du dich persönlich dadurch beleidigt fühlst, daß er deinen Schatz nicht heiraten will.« »Er hat es ihr mit dem heiligsten Eide zugeschworen,« rief Hans Joachim mit der Wärme der Entrüstung, »und Melanie hat seine Schwüre ernst genommen! Vergiß das nicht, Vater! Sie mußte es ernst nehmen, nachdem er ihr einen scheinbar unumstößlichen Beweis seines eignen Ernstes dadurch gegeben hatte, daß er es wagte, seine Absicht dem Großherzog zu bekennen. Soll ich das nicht schändlich finden, daß er sich nun plötzlich, wo die Sache ihm selbst allerlei Nöte zu bereiten anfängt, kein Gewissen mehr daraus macht, das Mädchen ihrem Unglück zu überlassen?« »Ich kenne dich gar nicht wieder, Hans Jochen,« fuhr der alte Baron auf. »Du spielst dich als einen Philosophen und Menschenkenner auf – na, ich danke! Das ist ja alles unsinniges Gefasel, was du da vorbringst. Wenn der Erbgroßherzog dem Mädel das Blaue vom Himmel herunterschwört und nachher hintritt vor seinen Vater und sagt: »Du, Papa, ich will die kleine Treysa heiraten,« so beweist er damit nur, daß er ein gefühlvoller Junge und hinter den Ohren noch nicht ganz trocken ist. Und wenn er sieht, daß seinen Vater über dieser Eröffnung vor Schrecken der Schlag rührt, und sich beizeiten auf seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit als künftiger Landesvater besinnt und in die Einsamkeit hinausflieht, um dort seinem romantischen Traum ein paar Thränen nachzuweinen, so sage ich einfach: Schön! Bon! Gut! – Und was wird das Mädel thun? Tüchtig weinen, natürlich; und sich die Haare ausraufen – bildlich heißt das! Und dann wird sie dem treulosen Verräter die heilige Pestilenz – das heißt: einen Drachen von Frau an den Hals wünschen. Und schließlich wird sie mit Kußhand einen andern nehmen, und der wirst du sein, mein Junge. Du bist ja auch in diesem Falle wirklich der erste und der beste. – Siehst du, so urteilt der gesunde Menschenverstand. – Der Prinz und du, Herr Jakobiner, ihr seid einander vollkommen würdig mit eurer romantischen Grillenfängerei.« Hans Jochen erhob sich mit einem Seufzer und sagte, indem er den Rest seiner Cigarre ärgerlich in den Aschbecher stupfte: »Ich sehe schon, Vater, wir werden uns über diese Dinge nicht verständigen.« »Ich möchte wissen, warum nicht,« rief der Vater jovial. »Über solche allgemein menschliche Dinge müssen sich vernünftige Leute immer verständigen können! Darauf braucht man nicht studiert zu haben. Aber du bist freilich vom bösen Geiste unglücklicher Liebe besessen, und da kann man dir ein bißchen Gestörtheit nicht übel nehmen. Na, in vier Wochen wirst du wohl auch so denken wie ich. Ich werde inzwischen die Melanie als Schwiegertochter in spe poussieren.« »Um Gotteswillen, thue nichts dergleichen! Ich fürchte, du würdest es bald bereuen müssen!« »Was Teufel!« fuhr der alte Baron auf und klatschte sich dabei auf den gewaltigen Oberschenkel. »Steht die Sache so?« »Ich glaube, ja!« versetzte Hans Jochen, trübselig zu Boden blickend. Der Vater sprang auf, versenkte seine Hände in die Hosentaschen und begann mit großen Schritten in dem dunkeln, holzgetäfelten Gemach auf und ab zu schreiten. »Hm! hm! Das hatte ich doch der Melanie nicht zugetraut,« brummte er. Aber gleich darauf stand er still, schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und sagte: »Ach was! Unsinn! Gott verzeih mir die Sünde! Es ist niederträchtig, wenn ein vernünftiger Mann ein Mädchen wegen so etwas verurteilt. Vor so einem Unglück schützt keine Tugend, sondern nur Häßlichkeit und Temperamentlosigkeit. Ich als alter Schwerenöter muß es ja am besten wissen, daß bei solchen Geschichten allemal der Mann der Schuldige ist. Das heißt: so ein verliebter armer Teufel kann oft auch nichts dafür! Es ist eben, wie gesagt, eine brutale Leidenschaft, die sogenannte Liebe! – Na, ich hebe keinen Stein auf weder für ihn noch für sie! Aber daß du's gerade sein mußt, der die Kosten zu bezahlen hat – Donnerwetter, das ist niederträchtig! Du thust mir aufrichtig leid, mein Junge, hm, hm! Es ist ja eigentlich eine nichtsnutzige Ungerechtigkeit, daß wir uns alles erlauben und den Weibern nichts! – Na, aber was will man machen? Man ist doch nun 'mal ein gebildeter Europäer, und da kommt man über so was eben doch nicht weg.« Hans Jochen nickte stumm mit dem Kopfe. Und dann sprachen sie von etwas anderm. – – Drei Tage später befand sich der junge Weltverbesserer schon in der Hauptstadt des Königreichs, welche der Vater der Prinzessin Clementine regierte. Er hatte eigentlich die Absicht gehabt, nach der Rückkehr von seiner großen Orientreise sich in Berlin niederzulassen; nun aber war plötzlich die Erleuchtung über ihn gekommen, daß es für ihn bedeutend nützlicher sei, zunächst einmal die wirtschaftlichen Verhältnisse jenes industriereichen Staates gründlich zu studieren. Er studierte auch, ja; er besuchte Werkstätten aller Art, trat den Führern der sozialen Bewegung näher und hielt ziemlich häufig Vorträge in volkswirtschaftlichen Vereinen und Arbeiterversammlungen; aber er war nicht mehr so wie früher mit ganzer Seele bei der Sache. Er war unzufrieden mit sich selbst und merkte gar bald, daß auch die Parteigenossen kein rechtes Vertrauen zu ihm zu gewinnen schienen. Sein aristokratischer Name und seine intimen Beziehungen zu jenem großherzoglichen Hofe machten ihn den Volksmännern verdächtig. Ihn geradezu für einen Spitzel zu halten, das ging nicht wohl an, weil er den gebildeten Genossen durch seine Schriften schon als wissenschaftlicher Verfechter ihrer Sache bekannt war. So hielten sie ihn denn für einen Akademiker, für einen nicht taktfesten Kompromißler, dessen Vorträge man wohl mit Achtung anhören könnte, mit dem sich näher einzulassen man sich jedoch hüten müsse. Wenn er in geistvoller freier Rede seine Ideen über soziales Königtum entwickelte, fand der überwachende Polizeilieutenant niemals Anlaß, die Versammlung für aufgelöst zu erklären; aber der Beifall, der ihm dafür von den Zuhörern zu teil wurde, war dafür auch ein recht lauer, und es kam mehr als einmal vor, daß ihm beim Verlassen der Tribüne mit höhnischen Hochrufen auf die internationale Sozialdemokratie geantwortet wurde. In seiner Seele tobte ein Kampf, der seiner reinen Begeisterung für die Sache, die er verfocht, sehr gefährlich wurde. Die herbe Erfahrung, die er mit der Freundschaft des Thronfolgers, mit der Neigung der Prinzessin hatte machen müssen, hatte so viel tiefen Groll in seinem Herzen aufgehäuft, daß er auf dem besten Wege war, ein Tyrannenhasser plumpster, lächerlichster Art zu werden, wahrend auf der andern Seite sein hohes Gerechtigkeitsgefühl ihn davor warnte, seine zufälligen persönlichen Erfahrungen in so vernunftwidriger Weise zu verallgemeinern. Die aufrichtige Hochschätzung, die er vor dem edlen, wohlmeinenden Großherzog hegen mußte, die Leichtigkeit, mit der er den so glücklich beanlagten Prinzen wie auch dessen geistvolle Schwester von der Nichtigkeit seiner Ideen hatte überzeugen können – alle diese Erfahrungen hätten in ihm die Erkenntnis befestigen müssen, daß Unfähigkeit oder böser Wille den gerechten Forderungen der Zukunft gegenüber sicherlich an keinen bestimmten Stand, an keine bisher bevorzugte Kaste gebunden, sondern eben wie alle Intelligenz, alle guten oder bösen Charaktereigenschaften in gleicher unendlicher Verschiedenheit der Spielarten unter allen Ständen verteilt seien. Immer wieder kam ihm das kluge Wort der Prinzessin Eleonore in den Sinn, daß es eine schreiende Ungerechtigkeit sei, die Revolutionen immer nur von unten zu beginnen. Alles das war ihm klar, und dennoch fühlte er sich oft genug versucht, die lautesten Schreier wider Monarchie und Aristokratie durch den Schmerzensruf seines gemarterten Herzens zu übertönen. Mit Schrecken ward er an sich selbst inne, daß die wütende Selbstsucht der natürlichen Empfindungen der Freiheit des menschlichen Geistes weit schwerere Ketten anzulegen wisse, als selbst das grausamste Gesetz und alle gesellschaftliche Sitte. Mit welchem Eifer auch immer er seinen Studien oblag und den Verkehr mit den Genossen pflegte, es gelang ihm doch nicht, sein Herzeleid darüber zu vergessen, und der heimliche Nebenzweck, der ihn bei der Wahl seines Aufenthaltsortes geleitet hatte, nahm ihn, wie er sich gestehen mußte, seelisch mehr in Anspruch als seine soziale Aufgabe. Des Morgens stürzte er sich mit nervöser Hast auf die Zeitung, um den Hofbericht daraufhin zu durchforschen, ob nicht etwa Georg Friedrichs Anwesenheit in der Residenz darin gemeldet würde oder gar das Gerücht von seiner Verlobung mit der Prinzessin Clementine eine offizielle Bestätigung erführe. Aber seine Nachforschungen blieben wochenlang ohne Ergebnis, und es wurde Mitte April, ohne daß er irgend etwas in Erfahrung gebracht hätte, was geeignet gewesen wäre, jener Nachricht im Generalanzeiger den Stempel der Wahrheit aufzudrücken. Es war ganz natürlich, daß er, nachdem er durch sein öffentliches Auftreten in der ganzen Residenz als Sozialist bekannt geworden war, keine Fühlung mit den Hofkreisen finden konnte, selbst wenn er sie in seiner gegenwärtigen Verbitterung hätte suchen wollen. Und in den Kreisen, die jetzt seinen vertrauteren Umgang bildeten, interessierte man sich für die Herzensangelegenheiten von Prinzen und Prinzessinnen nicht im mindesten. Er hatte auch öfters daran gedacht, irgend einen seiner Bekannten aus der großherzoglichen Residenz um Aufklärung zu bitten, aber diesen Gedanken immer wieder verworfen, weil er sich sagen mußte, daß dann unzweifelhaft in der Hofgesellschaft davon gesprochen werden, daß man Mutmaßungen aufstellen würde, die nur dazu dienen könnten, ihn als einen Spion im Dienste Melanies erscheinen zu lassen. Sonderbarerweise dachte er niemals daran, daß er eine Freundin dort besitze, die jedenfalls verschwiegen und überdies glücklich gewesen wäre, ihm einen Dienst leisten zu können – nämlich Doris von der Rast. In seiner Erinnerung wurde ihre rührende Gestalt ganz verdeckt von der ihres Vaters, des ihm in tiefster Seele verhaßten Kammerherrn. Es war an einem Montage, als ihm, seit langer trüber Zeit zum erstenmal, beim Aufziehen der Vorhänge die lachende Frühlingssonne die Augen blendete. Er hatte sich am Abend vorher in einer Versammlung wieder einmal recht gehörig ärgern müssen und infolgedessen eine schlechte Nacht gehabt. Mit einem tiefen Seufzer hieß er das klare, langentbehrte Himmelsblau willkommen und beschloß, seine matten Lebensgeister durch einen tüchtigen einsamen Spaziergang zu erfrischen. Eine Morgenzeitung gab es ja heute nicht, er konnte sich also ohne Säumen auf den Weg machen. Es war wirklich ein köstlicher Tag, und Kospoth fühlte, sobald er aus dem Gewühl der Straße heraus und in die parkähnlichen öffentlichen Anlagen eingetreten war, welche sich am Ufer des Flusses über eine Stunde weit ausdehnten, wie der frische Erdgeruch ihm, gleich der Blume eines edlen Weines, lieblich berauschend zu Kopfe stieg. In tiefen Atemzügen sog er diesen belebenden Frühlingsodem ein, und seinen müden Augen that das helle Grün so wohl, welches alle Hecken und Wipfel seit kurzem erst mit seinem zarten Schleier zu überspinnen begonnen hatte. Es wurde ihm allmählich leichter ums Herz, und als er sich nach stundenlangem Umherwandern ermüdet auf eine Bank niederließ, welche auf einem hübschen Aussichtspunkt am Rande eines Teiches angebracht war, dicht neben der hier vorbeiführenden Chaussee, da war er bald in einen leichten Halbschlaf versunken, und ein gefälliger Traum versetzte ihn in den heimischen Wald und zauberte ihm das Bild der Geliebten in holdester Greifbarkeit vor die Sinne. Alles war so gekommen, wie sein Vater es ihm mit solcher Zuversicht vorausgesagt hatte, bevor er wußte, welch trostlose Gewißheit trennend zwischen seiner und Melanies Zukunft stand. Diese vermeintliche Gewißheit war nur ein böses Gaukelspiel seiner überreizten Einbildung gewesen. Keiner andern Schuld als nur einer verzeihlichen Eitelkeit bewußt, durfte die Geliebte ihm nun ins Auge schauen und ihr Lebensglück in seine treuen Hände legen. O, wie süß träumte sich's an diesem stillen, milden Morgen! Ein Schwanenpaar, das mit stolz geblähten Flügeln langsam über die spiegelnde Wasserfläche dahinglitt, war das letzte Bild, das seine Augen auffingen, bevor sie ihm zufielen, Spatzengezwitscher und Finkenschlag das letzte, was sein Ohr deutlich vernahm. Als er nach etwa einer Stunde wieder erwachte, bemerkte er zu seinem größten Erstaunen, daß er zwischen den Fingern seiner Rechten eine Visitenkarte hielt. Er traute seinen Augen nicht, als er darauf den Namen »Wally von Katz« las, und auf der andern Seite fand er mit Bleistift folgende Worte hingekritzelt: »Bin seit gestern mit meiner Prinzessin hier. Muß Sie notwendig sprechen. Seien Sie, bitte, morgen früh zehn Uhr am Eingang der neuen Gemäldegalerie.« Er rieb sich die Augen, er glaubte noch zu träumen. Er stand auf und machte einige Schritte – aber nein, es war Wirklichkeit – er hielt das Kärtchen in der Hand und las dieselben Worte noch einmal; dann begann er auf allen Wegen und Stegen ringsumher ein planloses Suchen nach der Schreiberin. Allein vergebens! Er begegnete nur fremden Gesichtern unter den nicht eben zahlreichen Fußgängern wie unter den Insassen der vorüberrollenden Wagen. Am andern Morgen aber war er pünktlich zur angegebenen Stunde am Orte des Stelldicheins. Er brauchte nicht allzulange zu warten. Etwa zehn Minuten nach Zehn stieg die kleine Hofdame, sehr hübsch angezogen, die breite Treppe zu dem Museum hinauf und begrüßte ihn schon von ferne mit heiterem Lächeln und vertrautem Augenwink. »Nun, was sagen Sie zu meinem Geniestreich?« begann sie munter die Unterhaltung, ihm freundschaftlichst die Hand schüttelnd. »Ja, ja, Sie blöder Sterblicher – Pardon! Ich wollte sagen: Sie holder Schläfer – haben natürlich keine Ahnung, welcher Kobold Ihnen mein Billetdoux in die Hand gesteckt hat. Selbstverständlich haben Sie die ganze Nacht kein Auge zugethan, vor Sehnsucht, Ihre angebetete Wally von Katz wiederzusehen. Leugnen Sie nicht! Denn wenn Sie mich etwa kränken durch die Behauptung, Sie beteten mich nicht an, dann mache ich gleich wieder kehrt und Sie kriegen gar nichts zu hören.« »Ich habe auch thatsächlich schlecht geschlafen, mein gnädiges Fräulein,« versetzte Kospoth, jedoch ohne den leisesten Versuch, auf ihren scherzhaften Ton einzugehen. »Aber gesehen habe ich Sie doch schon – Sie und Prinzessin Eleonore – gestern abend im Hoftheater. Die junge Dame, neben der unsre Hoheit saß, war also vermutlich die erwählte Braut des Erbgroßherzogs.« »Das wissen Sie also schon! Das heißt: Erwählt par ordre ... ich hätte beinahe gesagt: de moufti. Wir sind nämlich jetzt hier, um das Terrain aufzuklären, wie die Lieutenants sagen. Das heißt: ich glaube, meine Hoheit hat den Auftrag, die Prinzessin Clementine so quasi um Entschuldigung zu bitten für das sonderbare Benehmen ihres Zukünftigen bei seinem ersten Besuch.« »Er war also doch schon hier und hat angefragt?« »Mein Gott! Wissen Sie denn von gar nichts? Haben Sie denn gar keine Verbindungen unterhalten mit unserm Hofe? – Wissen Sie übrigens, daß ich drauf und dran war, Ihnen einen schönen, langen und sehr interessanten Brief zu schreiben? Heute vor acht Tagen war ja Ihr Geburtstag! Sie sind siebenundzwanzig Jahr' alt geworden – Sie wissen, Geburtstage sind meine Spezialität. Es ist mir wahrhaftig schwer geworden, Ihnen nicht zu gratulieren; aber in meiner Stellung ist es doch nicht ganz ungefährlich, etwas Schriftliches von sich zu geben.« »Wenigstens an mißliebig gewordene Personen – ich verstehe!« »Ganz recht! Aber für die gute Absicht können Sie mir einstweilen die Hand küssen – da! – Ich wäre nämlich sicher ins Schwatzen gekommen, wenn ich Ihnen zu schreiben gewagt hatte, und da wären mir am Ende die gefährlichsten Staatsgeheimnisse aus der Feder gewutscht. Sie wissen ja wohl, ich bin berüchtigt dafür, daß ich durchaus nicht dicht halten kann. Klatschen und petzen sind freilich als ein Laster angesehen: aber ich finde, ein wohlwollender Diplomat kann auch davon manchmal einen sehr nützlichen und löblichen Gebrauch machen. Daß ich so ein Diplomat bin, das wissen Sie ja schon – ich bin aber auch im ganzen ein leidlich guter Mensch – wahrhaftig, ich kann sogar sehr nett sein gegen Leute, die mir nichts gethan haben!« »Daran hab' ich nie gezweifelt,« versetzte Kospoth, indem er sich lächelnd verbeugte. »Ach, natürlich haben Sie daran gezweifelt!« rief sie kokett. »Sie haben mich, wie alle Welt, für eine mokante, süffisante, womöglich auch arrogante kleine Katz gehalten. Ich will Ihnen nur gestehen, Sie waren mir auch anfangs gar nicht sympathisch; aber ich habe mich doch bald mit Ihnen ausgesöhnt – und wie ich dann später merkte, wo Sie der Schuh drückte, und daß Sie wegen Ihrer unglücklichen Liebe zu der dummen Treysa ... uhjeh! sehen Sie mich nur nicht so böse an! Wenn man unsern Georg Friedrich so gut kennt wie ich, dann hat man wirklich das Recht, ein Mädchen dumm zu nennen, die ihn einem Hans Jochen von Kospoth vorzieht! – Na, so bedanken Sie sich doch! So etwas Schmeichelhaftes werden Sie wohl nicht alle Tage zu hören kriegen.« »Oh, mein gnädiges Fräulein, Sie werden mich verderben!« suchte er zu scherzen. »An Ihnen ist doch nichts zu verderben!« gab sie schlagfertig zurück, »Sie sind ein rettungslos verlorener Musterknabe! Aber das ist ja freilich eine alte Geschichte, daß den tugendhaftesten Leuten in dieser bösen Welt am übelsten mitgespielt wird. Und sehen Sie, ich bin immer noch so brav und naiv, daß mich so was empört. Wie Ihnen damals meine Hoheit in ihrer eifersüchtigen Wut mitgespielt hat, das war ganz abscheulich – o, ich weiß alles, mir bleibt ja nichts verborgen! Es hat ihr auch leid gethan, daß sie gegen Sie so ausfallend geworden ist – sonst hatte sie sich mir gegenüber nicht verraten. Aber sehen Sie, seit der Zeit haben Sie an mir eine treue Freundin, auf die Sie sich verlassen können.« Kospoth konnte sich nicht enthalten, das schwatzhafte kleine Fräulein ein wenig mißtrauisch von oben herab anzusehen. Außerdem waren ihm ihre persönlichen Gefühle herzlich gleichgültig, während er vor Neugierde brannte, endlich die Geheimnisse zu erfahren, mit denen sie so wichtig that. Er bedankte sich für ihr Mitgefühl mit etwas sauersüßer Miene und wagte sie daran zu erinnern, daß sie ihm immer noch nicht erzählt habe, wieso sich der Erbgroßherzog bei Gelegenheit seiner Brautschau »sonderbar benommen«. »Ach so, das Hab' ich Ihnen noch gar nicht erzählt?« rief die kleine Katz ganz verwundert, »Na, also denken Sie: am Tage nach dem Tode der Frau von Treysa reiste der Erbgroßherzog ab, wie Sie wissen. Meine Hoheit hatte es glücklich fertig gebracht, ihn davon zu überzeugen, daß er durchaus, wenn er nicht die Schuld am Tode seines Vaters auf sein Gewissen laden wollte, wenigstens zum Scheine sich seinem Willen fügen und hier am königlichen Hofe seine Aufwartung machen müßte. O, ich sage Ihnen, Prinzeß Eleonore kriegte es fertig, einen Bismarck zu überreden, daß er Eugen Richter zum Kriegsminister machen müßte! Die ist geboren für den schwierigsten Thron Europas. – Na, also, wie gesagt, unser Georg Friedrich befolgt ganz gehorsam seine Marschroute und begibt sich – bloß auf einem kleinen Umweg – um sich erst ein bißchen abzukühlen – hierher. Inzwischen aber hat meine Hoheit dem Grafen Worbis schon die nötigen Depeschen in die Feder diktiert – und wie unser Erbgroßherzog nach ein paar Tagen hier eintrifft, weiß natürlich der ganze Hof bis zum jüngsten Pagen herab, daß man in ihm den offiziellen Epouseur Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Clementine zu erblicken habe. Hier wird natürlich schleunigst Hofball angesagt und überhaupt auf alle Art dafür gesorgt, daß es den beiderseitigen Allerhöchsten Herzen nicht an Gelegenheit fehle, sich zu finden. Was thut aber unser Georg Friedrich? Er stellt sich an, als ob er nicht bis drei zählen konnte, bewegt sich hier bei Hofe herum, als ob er aus Holz geschnitzt wäre und auf Rädern liefe! Mit der Prinzessin Clementine tanzt er pflichtschuldig seine paar Touren herum und unterhält sie – es ist unglaublich! – über die moralischen Vorzüge der Vielweiberei im Orient! Das arme Prinzessel – sie ist übrigens soweit ein ganz nettes, harmloses Tierchen – lief natürlich, solange er hier war, mit verweinten Augen herum; und als er nach vier oder fünf Tagen sich wieder verabschiedete, da machten der König und sein ganzer Hof drei Kreuze hinter ihm her. Natürlich war das alles böswillige Absicht gewesen – damit er nachher dem Großherzog sagen konnte, er habe zu seinem Bedauern vor den Augen Ihrer Königlichen Hoheit keine Gnade gefunden. – Na, man muß auch gerecht sein: eine Melanie von Treysa so mir nichts dir nichts vergessen zu machen, dazu ist diese gute Prinzessin Clementine weder ihrem Geist noch ihrer Schönheit nach angethan! Unser Großherzog muß das wohl auch eingesehen haben, denn er schien sich mit dem bewiesenen guten Willen ja einigermaßen zufrieden zu geben; ich glaube aber nicht, daß der König ihm sehr entzückt über seinen Sohn geschrieben hat. Aber die Großherzogin ist ja auch eine kluge Frau, die hat gewiß zum Guten geredet und Abwarten anempfohlen. – Na, ich fürchte, sie werden lange warten können, bis der Erbgroßherzog gutwillig auf die Freite geht. Denn ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht eifrig mit der Melanie korrespondiert – der dicke Baron von der Rast ist ja doch der geborene Postillon d'amour, nicht wahr?« Jetzt endlich konnte sich Kospoth nicht mehr enthalten, ihren Redefluß zu unterbrechen. Er würgte einen Fluch hinunter und fragte sie dann mit aufrichtigem Erstaunen, woher sie denn das alles wisse. »O, ganz einfach!« erwiderte sie lachend. »Ich stehe mich eben seit einiger Zeit sehr gut mit Wölfchen Bracke. Sie glauben gar nicht, was das für ein lieber Mensch ist! Er sagt mir alles, was ich wissen will. – Ich finde es übrigens hier gar nicht gemütlich zum Schwatzen, und aus den Bildern mach' ich mir auch nichts – das war bloß ein Verwand, um ein paar Stunden Urlaub zu kriegen. Wissen Sie, ich habe einen großartigen Hunger und eine großartige Idee: gehen wir frühstücken! Wissen Sie nicht ein hübsches, seines Restaurant mit cabinets séparés , wie sie immer in den französischen Lustspielen vorkommen? Ich möchte so furchtbar gern 'mal meine Freiheit benutzen und ein bißchen durchgehen. Zwischen uns beiden ist ja so was ganz ungefährlich – Sie müssen mir bloß schwören, daß Sie es Wölfchen nicht wiedersagen.« »Beim Barte des Propheten!« schwor Kospoth lächelnd. »Das Gräflein hat wohl ernste Absichten?« »Ich habe sie – und das genügt!« gab Wally schelmisch zur Antwort. Eine halbe Stunde später saßen die beiden zwar nicht in einem cabinet séparé , aber doch in einer durch Vorhänge abgetrennten Koje eines von verliebten Paaren sehr bevorzugten Weinrestaurants. Hans Joachim war zwar im Grunde durchaus nicht in der Stimmung, mit der koketten kleinen Hofdame auf Abenteuer auszugehen; aber er wußte ja, daß er das mindestens von seiner Seite aus ohne Gefahr wagen durfte – und es war ihm doch zu wertvoll, ihre geschwätzige Laune ausnutzen zu dürfen. Es gewährte Wally von Katz ein außerordentliches Vergnügen, sich aus der reichhaltigen Speisekarte allerlei Leckereien zu einem Gabelfrühstück zusammenzusuchen und sich von dem klassischen Oberkellner bedienen zu lassen, dessen Haltung und Gesicht einen Mann zu verraten schienen, der zwar selbst über menschliche Schwächen erhaben ist, aber es doch nicht verschmäht, aus der wohlwollenden Duldung solcher Schwächen seinen Vorteil zu ziehen. Gegen Herrschaften, welche, wie dieser braungebrannte, kurzgeschorene junge Mann mit seinem niedlichen vogelaugigen Schatz, mit Austern und Chablis ansingen und darauf Chateaubriand und echten Champagner, nicht etwa billigen Kasinosekt, folgen ließen, gegen solche Herrschaften trieb er die Herablassung so weit, daß er sogar höchst eigenhändig die Bratenschüssel präsentierte! Wally wurde bald sehr vergnügt. Solche kleinen Extravaganzen, mit etwas pikanter Heimlichkeit verbunden, bedeuteten für sie, die als armes Edelfräulein in sehr dürftigen Verhältnissen aufgewachsen und in dem ewigen Einerlei und beständigen Zwange des Hoflebens ihre unbändige Daseinslust niemals so recht auszutoben im stande war, geradezu einen Hochgenuß. Zum Essen und Trinken brauchte man sie auch durchaus nicht zu nötigen – ihr Appetit hätte sogar einer kleinen Operettensängerin Ehre gemacht – und die außerordentlichen Anstrengungen, welche sie ihrem flinken Mundwerk zumutete, erforderten eine fleißige Feuchtigkeitszufuhr. Zu Hans Joachims größtem Leidwesen war es ihr unmöglich, mit ihrem kleinen Geplauder bei der Stange zu bleiben. Der kleine Residenzklatsch mit allen seinen Nichtigkeiten wurde von ihr mit ganz derselben Wichtigkeit behandelt, wie die so folgenschweren Meinungsverschiedenheiten in der großherzoglichen Familie, und den allerbreitesten Raum in ihrem Vortrage nahm natürlich ihre neueste Herzensaffaire mit dem kleinen Husarenlieutenant und Adjutanten ein. Mit einer Offenherzigkeit, die selbst Kospoth sich nicht enthalten konnte, reizend zu finden, gestand sie ihm alle die koketten kleinen Manöverchen ein, die sie angewendet hatte, um den harmlosen, nur unter Kameraden renommistisch schneidigen Grafen Wölschen in ihre Netze zu ziehen. »Sehen Sie, jetzt fehlt mir nur noch eins,« kicherte sie übermütig, »die Gelegenheit, uns einmal von meiner Hoheit bei einem Kusse überraschen zu lassen; dann lasse ich einen sehr netten kleinen Schrei ertönen, werde rot bis über die Ohren und stammle in lieblicher Verwirrung: `Verzeihung, Hoheit – ich ... wir ... wir haben uns eben verlobt. – Na, sehen Sie, jetzt habe ich Ihnen doch gewiß einen Beweis meiner ehrlichen Freundschaft gegeben: denn wenn ich Ihnen irgend etwas zuleide thue, dann brauchen Sie mich ja bloß meinem Wölfchen zu verraten, um fürchterlich an mir Rache zu nehmen. Uebrigens können Sie mir glauben, daß ich mein Gräflein wirklich aufrichtig liebe. Er ist ein zu lieber, guter Mensch – und Sie sollen einmal sehen, was ich für eine enorm solide, exquisite Gräfin Bracke abgebe.« »Es lebe die reizende Frau Gräfin!« rief Kospoth und stieß mit ihr an. »Ah, jetzt fangen Sie endlich an, galant zu werden!« sagte sie und lächelte ihn über den Rand ihres Spitzkelches freundlich an. Und er versetzte schnell: »Es wäre sehr hübsch von Ihnen, wenn Sie mir zum Danke dafür nun doch endlich erklären wollten, wie Ihre Karte in meine Hand gekommen ist.« »Ach so, richtig! Na, dann hören Sie also! Vorgestern nachmittag sind wir hier angekommen und gestern früh benutzten wir das schöne Wetter, um die Prinzessin Clementine zu einer Spazierfahrt abzuholen. Die beiden hohen Damen hatten sich, wie Sie sich wohl denken können, allerlei im Vertrauen zu sagen. Darum stiegen sie dort am Teich aus und baten mich, in der Nähe des Wagens zu bleiben, bis sie von einem kleinen Spaziergange zurück kämen. Sobald die Fürstlichkeiten außer Sicht sind, fange ich an, am Ufer des Teiches auf und ab zu wandeln, und entdecke Sie bei der Gelegenheit schlafend auf der Bank. Mein erster Gedanke war natürlich, Sie mit einem Grashalm an der Nase zu kitzeln und mich dann an Ihrem Erstaunen zu werden; aber bei näherer Ueberlegung ließ ich das doch wohlweislich bleiben. Denn wenn meine Hoheit mich mit Ihnen zusammen gesehen, hätte es mir leicht schlimm ergehen können – sie hätte das mindestens als Hochverrat angesehen! Es war ja auch schon keck genug, mir mit Ihnen ein Rendezvous zu geben; denn wenn sie das erfährt ... ich wage gar nicht daran zu denken!« »Sind denn die beiden Prinzessinnen nicht auch bei mir vorübergekommen?« »Nein, die haben glücklicherweise die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Prinzessin Clementine hatte ganz verweinte Aeugelchen, wie sie zurückkamen – aber angenehm verweint, wissen Sie. Nachher war sie auch wieder ganz vergnügt. Ich glaube, meine Hoheit hat ihr über Georg Friedrich reinen Wein eingeschenkt und ihr Mut gemacht, ihn trotz alledem zu nehmen. Du lieber Himmel! Eine Prinzessin darf ja an das Herz ihres Zukünftigen keine allzu selbstsüchtigen Ansprüche stellen – und dann muß sie doch immer bedenken, daß von den inländischen Prinzen von Belang unser Erbgroßherzog doch entschieden der hübscheste, gescheiteste und liebenswürdigste ist – wenigstens soweit ich die Herren kenne.« »Sie glauben also, daß die Prinzessin hier ist mit der Absicht – wenn ich so sagen darf – die Karre, die ihr Bruder in den Sumpf gefahren hat, wieder herauszuziehen. Weiß denn der Erbgroßherzog nichts von dieser Reise?« »Der ist vor ein paar Tagen in die westlichen Jagdreviere gegangen, und das haben mir uns zu nutze gemacht, um ihn hier nolens volens zu verkuppeln. Was hilft's? Einmal muß er ja doch dran glauben!« »In die westlichen Jagdreviere, sagten Sie?« fragte Kospoth mit finstrer Stirn. »Da liegt ja auch Treysa! Er wird doch nicht etwa wagen, sie wieder aufzusuchen?« »Warum sollte er denn nicht?« rief Wally. Und dann legte sie ihren Ellbogen auf den Tisch, stützte ihr Kinn in das hübsche weiche Händchen und blickte mit einer Art schwesterlichen Mitgefühls zu ihm hinüber. »Ich weiß, was Sie mit dem armen Prinzen im Sinne haben,« begann sie leise. »Mein Wölfchen hat mir gewisse Andeutungen gemacht. – Eifersucht kann ich ja sehr wohl begreifen; aber ein so kluger Mann wie Sie, der müßte doch eigentlich auch gerecht sein können. Was kann denn der Prinz dafür, wenn er nun doch einmal die schöne Melanie so unsinnig liebt? Ich kenne ihn ja am besten, und ich kann Sie versichern, diesmal sitzt es tief bei ihm. Ich glaube sogar fest und steif, daß er sie wirklich geheiratet hätte, wenn Sie es nicht gerade im kritischen Augenblick mit meiner Hoheit so gründlich verdorben hätten; denn wenn die ihm beigestanden wäre, dann hätten sie sogar die großherzoglichen Herrschaften herumgekriegt. Sie sind also gewissermaßen ganz allein dran schuld, wenn Georg Friedrich seine Melanie sitzen läßt – und darum sollten Sie doch eigentlich ihm am wenigsten böse sein. Habe ich nicht recht?« »Mein liebes gnädiges Fräulein, kluge Frauen haben immer recht,« versetzte er mit einem unglücklichen Versuch, zu lächeln. Er nagte sich die Lippe und sehnte das Ende dieses Tête-a-Têtes herbei, um an seinen Vater schreiben zu können, den er um telegraphische Auskunft ersuchen wollte, ob sich etwa der Erbgroßherzog in Treysa habe blicken lassen. Sich mit dieser schlauen kleinen Intrigantin in Erörterungen über heikle moralische Fragen einzulassen, dazu war er jetzt nicht im mindesten in der Stimmung. Und Wally von Katz war feinfühlig genug, das zu begreifen und geschickt auf einen andern Gegenstand überzuspringen. Sie hatte auch bald in dem leichten Champagnerrausch allen Ernst vergessen und gab tausend Possen zum besten, die selbst ihm manch herzliches Lachen abnötigten. Als sie nach einer guten Stunde etwa das Zeichen zum Aufbruch gab, waren sie wirklich die besten Freunde geworden, und er mußte dem unverwüstlich lustigen, oberflächlichen Geschöpfchen zugeben, daß es wirklich ein guter Kamerad und eine schätzbare Bundesgenossin sei. »Es ist höchste Zeit, daß Sie mich in eine Droschke packen und nach Hause spedieren. Ich muß durchaus noch eine halbe Stunde Schlaf haben, ehe ich wieder meinen Dienst antrete. Wenn meine strenge Hoheit merkt, daß ich ein bißchen beschwipst bin – das ist nämlich Thatsache! – dann kann ich mich auf ein scharfes Verhör gefaßt machen, und mit dem Lügen kommt man bei ihr gewöhnlich nicht durch. Aber es war doch nett, nicht wahr? Meinen schönsten Dank für das Dejeuner – denn Abenteuer kann ich's wohl kaum nennen: dazu war es doch zu schrecklich harmlos, Sie Erzphilister Sie! Der große Jean hätte wirklich nicht nötig gehabt, uns so diskret die Vorhänge vorzuziehen.« Sie stand mit gespitzten Lippen, sich auf den Zehen wippend, vor ihm und guckte schelmisch zu ihm auf. Er mußte herzlich lachen. »Wenn Sie gestatten, mit Vergnügen!« sagte er, und dabei umfaßte er sie rasch und küßte sie freundschaftlich auf die in Wirklichkeit süßen Lippen – denn sie hatten ihr kleines Frühmahl mit Schaumtorte beschlossen. Sie gab ihm den Kuß mit großer Herzlichkeit zurück und sagte übermütig: »Was wohl meine Hoheit darum gäbe, jetzt an meiner Stelle gewesen zu sein! Ach Gott, die armen Herrschaften haben es wirklich gar zu schlecht! – Na, vielen Dank auch noch für den Kuß – aber bilden Sie sich ja nicht etwa Dummheiten ein! Das war nämlich nur eine Kriegslist von mir: Wenn Sie mich jetzt auch nur durch die kleinste Indiskretion in Ungelegenheiten bringen, dann zittern Sie vor meiner Rache!« Und wahrend er sie zum Wagen führte, sagte sie noch: »Hören Sie, ich finde, Sie sind in Ihrer Toilette nicht soigniert genug. Wenn man sich von liebenswürdigen Feen auf einer Parkbank im Schlafe überraschen läßt, dann darf man nicht eine so skandalös unmoderne Krawatte tragen! Heute bin ich mit Ihrem Aeußeren leidlich zufrieden. Adieu!« »Adieu, liebenswürdiger Kobold! Also, nicht wahr! Sie vergessen nicht, mir zu schreiben, wenn sich irgend etwas ereignet, was für mich von Interesse ist?« »Nein, nein: ein Wort, ein Mann – ein Schmatz, eine Katz!« Noch ein fester Händedruck, dann rollte die Droschke davon. – Als Hans Joachim zehn Minuten später sein Zimmer betrat, fand er auf dem Tisch einen Brief seines Vaters vor, welcher also lautete: »Mein lieber Sohn! »Ich will nicht versäumen, Dir zu melden, daß Dein Freund Georg Friedrich in diesen Tagen hier die Wälder unsicher gemacht hat. Ich müßte mich auch sehr täuschen, wenn er nicht Mittel und Wege gefunden hätte, mit der Melanie zusammenzutreffen. Ich komme eben von Treysa zurück, wo ich 'mal zum Rechten sehen wollte. Die Melanie kam mir mit einem Gesicht entgegen, so selig und verliebt, daß ich natürlich gleich wußte, woran ich war. Das wollte ich Dir bloß schreiben, mein lieber Hans Jochen, und den väterlichen Rat hinzufügen: Schlag' Dir das Mädel aus dem Sinn! Sonst ist hier nichts vorgefallen. Der alte General wird alle Tage tapriger. Mit Gruß Dein treuer Vater Wichhard v. Kosvoth.« Hans Joachim packte sofort sein Köfferchen und fuhr mit dem nächsten Zuge nach Haufe. Zwölftes Kapitel. In welchem die Hochzeitsglocken läuten, das Großherzgl. Hoftheater sich verjüngt und die Katz den Wolf stellt. Die Vermählungsfeier der Prinzessin Georgine mit dem Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Cordell war auf den ersten Mai angesetzt worden. Die gute Durchlaucht Chochotte wollte durch solche sinnige Wahl ausdrücken, daß mit dieser Vereinigung schöner Seelen für sie der wahre Lenz und Wonnemond ihres Lebens erst anhebe, während die bösen Spötter die Wahl ihres Hochzeitstages in witzelnde Verbindung mit der Walpurgisnacht brachten. Für die weitesten Kreise der Residenzbewohner war dieser erste Mai schon in der Erwartung zu einer Art Volksfest gestempelt worden. Die Bürgerschaft gab ihrer stolzen Befriedigung über dies denkwürdige Ereignis, daß ein zwar berühmt gewordenes, aber doch immer noch schlicht bürgerliches Kind ihrer Stadt eine Prinzessin aus dem großherzoglichen Hause zu seiner Hausfrau machen durfte, dadurch beredten Ausdruck, daß sie dem großen Psychiater als Hochzeitsgeschenk den Ehrenbürgerbrief überreichen ließ. Von der bei der Vermählung von Prinzessinnen sonst üblichen Ausstellung des Trousseaus hatte man in diesem besondern Falle Abstand genommen, weil er, wie die durchlauchtige Braut versicherte, in der kurzen Frist zwischen Verlobung und Vermählung nur zum kleinsten Teil hatte fertiggestellt werden können – oder aber, wie alle Welt behauptete, weil eben einfach nichts Besonders auszustellen und auch nicht mehr zu erwarten war. Uebrigens hatten die großherzoglichen Herrschaften, obschon sie von dieser Heirat nicht gerade entzückt sein konnten, – besonders deshalb nicht, weil der Herr Professor nicht daran dachte, seine Residenz aus Rücksicht auf den Hof anderswohin zu verlegen – doch ziemlich tief in die Tasche gegriffen und einige wertvolle Hochzeitsgeschenke beigesteuert. Am meisten hatte sich's der Bräutigam selber kosten lassen, indem er sich's angelegen sein ließ, die für seine hohe Gemahlin bestimmten Gemächer mit wahrhaft fürstlicher Pracht auszustatten. Besonders die ledergepolsterten Eichenstühle, auf deren jedem das Wappen der Prinzessin in farbiger, erhabener Ausführung angebracht war, sowie ein großes Oelgemälde, welches die Stammburg des herzoglichen Geschlechts darstellte und von einem namhaften Künstler herrührte, wurden viel bewundert. Am höchsten aber wurde es ihm, vornehmlich in bürgerlichen Kreisen angerechnet, daß er die ihm angetragene Erhebung in den Adelsstand abgelehnt hatte. Der Verlauf der Festlichkeit entsprach im allgemeinen dem Stile einer fürstlichen Vermählung. Mittags um Zwölf wurde die Trauung auf dem Standesamt vollzogen, wobei nur wenige hochgestellte Personen als Zeugen anwesend waren, und wobei es sich die liebe Straßenjugend der Residenz nicht nehmen ließ, das Brautpaar bei der An- und Abfahrt mit lautem Hurrageschrei zu begrüßen. Darauf versammelte sich die auserlesene Hochzeitsgesellschaft, in welcher der Bruder des Bräutigams, ein behäbiger Landpastor, mit seiner bedenklich aufgedonnerten Gattin besonders auffielen, zu einem Gabelfrühstück im großherzoglichen Schlosse, wobei der Erbgroßherzog und seine Schwester die Wirte machen mußten, da der Großherzog und seine Gemahlin aus Gesundheitsrücksichten dem lärmenden Tage aus dem Wege gegangen waren. Dem Erbgroßherzog fiel naturgemäß die Aufgabe zu, die Gesundheit der Neuvermählten auszubringen. Man war allgemein äußerst gespannt darauf gewesen, wie er sich dieser schwierigen Aufgabe entledigen werde, und erwartete bestimmt, daß er die gute Gelegenheit, seine bekannten liberalen Anschauungen zum Ausdruck zu bringen, nicht ungenutzt vorübergehen lassen, ja man hoffte sogar, daß er irgend welche Anspielung auf seine eignen unbotmäßigen Herzensregungen miteinfließen lassen werde. Doch diese Erwartungen wurden nur sehr unvollkommen erfüllt. Zwar feierte der Thronfolger den Professor als eine Leuchte der Wissenschaft und behauptete, daß er und sein Haus es sich zur besondern Ehre schätzten, mit einem so hervorragenden Vertreter der Aristokratie des Geistes in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten! im übrigen aber enthielt er sich sorgfältig aller pikanten sozialpolitischen oder gar persönlichen Bemerkungen. Der als gewandter Tischredner bekannte Bräutigam war im Ausdruck seines Dankes ebenso vorsichtig und taktvoll. Er ließ die hohe Familie seiner Braut leben, deren Mitglieder, das großherzogliche Paar an der Spitze, so manches erhebende Beispiel einer echt deutschen, christlichen Ehe und glücklichen Familienlebens gegeben hätten. Nach Aufhebung der Tafel suchte Prinzessin Eleonore Gelegenheit, ihrem Bruder warm die Hand zu drücken und ihm für seine weise Mäßigung ihren Dank auszusprechen. »Ich bin auch froh, daß es vorüber ist,« versetzte Georg Friedrich leise. »Es war wirklich nicht ganz leicht, sich mit Anstand aus der Affaire zu ziehen, ohne Papa zu kränken und den verwünschten Zeitungsschreibern Gelegenheit zu politischen Betrachtungen zu geben.« Die Prinzessin lächelte ein wenig boshaft und erwiderte: »Siehst du, da hast du einen kleinen Vorgeschmack davon, wie es uns allen hier zu Mute sein würde, wenn du eine Hochzeit nach deinem Herzen unter uns feiern wolltest.« Der Prinz biß sich auf die Lippen und machte eine rasche Wendung, daß die Sporen an seinen Husarenstiefeln zusammenklirrten. Er ließ die Schwester ohne Antwort stehen und durchschritt das Gemach, um mit dem Pastor Cordell ein gleichgültiges Gespräch anzuknüpfen. Daß sie es doch nicht unterlassen konnte, ihm bei jeder Gelegenheit einen Stich zu versetzen! Nach dem neuesten Streiche, den sie ihm gespielt, indem sie hinter seinem Rücken gewissermaßen seinen Freiwerber bei der Prinzessin Clementine gemacht hatte, konnte er nicht umhin, Eleonore als seine Feindin zu betrachten. Sie hatte ihn durch diesen Gewaltstreich in eine Lage versetzt, aus der nur ein andrer Gewaltstreich ihm herauszuhelfen vermochte. Wenn er es jetzt wagte, einen offenen Bruch mit dem befreundeten und verwandten Königshause dadurch herbeizuführen, daß er seine Schwester Lügen strafte, so mußte er auch den Mut haben, der Thronfolge zu entsagen und die Geliebte ohne Säumen zu seiner rechtmäßigen Gemahlin zu machen. Worauf sollte er denn jetzt noch warten? Auf den Tod seines Vaters vielleicht? – O nein! Wenn er erst selbst die Krone trug, dann war er noch viel weniger Herr seiner Entschlüsse – das fühlte er wohl. Aber er fühlte auch, wenn er daran zurückdachte, wie schwer jene erste Ankündigung seiner Absicht den Vater getroffen hatte; daß er es jetzt noch weit weniger übers Herz bringen würde, den Edlen, Gütigen so tödlich zu verwunden. Damals, im ersten Rausche wilder Leidenschaft, hatte er, ohne rechts und links zu blicken, auf das so verlockende Ziel eines märchenhaften Liebesglückes losstürmen können; nun aber, seit die blendende Erscheinung der Geliebten ihm ferne gerückt war, hatte er wieder sehen gelernt und mit Schrecken erkannt, an welch einem Abgrund er blindlings dahingetappt war. Noch immer war seine Liebe zu Melanie so stark, daß der Gedanke an eine kalte politische Heirat ihn mit unerträglichem Abscheu erfüllte und die Treulosigkeit gegen die Geliebte, die sich ihm voll begeisterten Glaubens an die Heiligkeit seiner Schwüre hingegeben hatte, ihm nicht geringere Gewissensnot bereitete, als die schmachvolle Auflehnung wider seine Kindes- und Fürstenpflicht, wozu die Treue gegen die Geliebte ihn gezwungen hatte. Zu all dieser Seelenqual kam auch noch das Bewußtsein der neuen Schuld, die er dadurch auf sich geladen, daß er trotz des seiner Mutter gegebenen Versprechens Melanie heimlich wiedergesehen hatte. Er hatte es gut gemeint mit diesem gefährlichen Schritt: er hatte geglaubt, die Verzweiflung, welche aus Melanies Briefen sprach, nur durch liebevollen, vernünftigen Zuspruch bekämpfen zu können. Er hatte gehofft, daß seine bloße Gegenwart genügen würde, sie so ruhig und vernünftig zu machen, daß er sogar wagen dürfte, sie um Entbindung von seinem Schwur zu bitten. Ach, er hätte ja tausend Gründe gefunden, um sich selber die Notwendigkeit des Schrittes darzuthun, zu welchem einfach die unerträgliche Sehnsucht ihn getrieben hatte! – Aber all die guten Gründe, so billig wie Blaubeeren, all die ernsten Vorsätze wurden achtlos über die Hecke geworfen, sobald er die Geliebte im dunklen Tann von Treysa in ihrem schwarzen Trauerkleide auf sich zueilen sah, und waren vollends vergessen, als er wieder die köstlichen Früchte ihrer Küsse von ihren fieberheißen Lippen pflücken durfte. Sie hatten sich gegenseitig berauscht an Zärtlichkeiten, an Beteuerungen ewiger Liebe – und er hatte angesichts ihrer seligen Zuversicht nicht den Mut gefunden, sie vorzubereiten auf das, was er als grausame Notwendigkeit kommen sah. Er hatte sich und die Geliebte mit der Hoffnung getröstet, daß die Zeit irgend welche Lösung aller Schwierigkeiten bringen würde, und ihr hatte im Glücksrausch des Augenblicks, in dem Bewußtsein, daß sie nach wie vor sein ganzes Herz besitze, dieser so ganz nebelhafte Trost genügt. Nur der augenblickliche Abschied zerriß ihr das Herz, sie dachte nicht daran, daß es vielleicht ein Abschied für immer sein könnte, und die zaghaften Andeutungen, die er ihr machte über die Schwierigkeiten, die sich noch zwischen ihnen auftürmen würden, hatte sie nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. – Und für ihn hatte sich die Süßigkeit des heimlichen Wiedersehens alsbald in bitteren Wermut verwandelt. Das Herz voll peinigender Selbstanklagen, voll niederdrückender Schwermut, war er nach der Residenz zurückgekehrt, um hier als erste Neuigkeit zu erfahren, daß seine Schwester ihn sozusagen meuchlings verlobt habe! Hundert Rücksichten zwangen ihn nun, die Heirat mit der Prinzessin Clementine als eine Notwendigkeit anzusehen, der er sich nicht mehr lange entziehen konnte, wenn er nicht eine recht unglückliche, ja sogar lächerliche Rolle spielen wollte gegenüber den deutschen Fürsten und einer großen Öffentlichkeit, welche bereits durch Zeitungsnachrichten, die wohl mittelbar Prinzessin Eleonore veranlaßt hatte, aufmerksam gemacht worden war. – Und was es mit dieser Lächerlichkeit auf sich habe, davon hatte ihm heute das Gejohl der Straßenbuben angesichts der Hochzeit seiner Tante einen üblen Vorgeschmack gegeben. – O, was hatte diese unglückselige Leidenschaft, die einerseits alles, was in der Tiefe seines Gemütes an edler Begeisterung knospte, zur Blüte gebracht, auf der andern Seite für eine furchtbare Zerstörungsmacht entfaltet! Sie hatte die lauterste Freundschaft gemordet, die geliebte Schwester zu seiner Feindin, seine aufrichtig verehrten Eltern krank und traurig gemacht, seinen frischen, jugendlichen Schaffensdrang gebrochen, ja sogar seinen Lebensmut geknickt – und das alles nur, weil er unglücklicherweise ein Prinz, ein Thronfolger gar und kein gewöhnlicher Sterblicher war! – Selbstmordgedanken hatten sich seiner gleich nach seinem jüngsten Abschied von Melanie bemächtigt und wollten ihn nicht mehr loslassen. Er sehnte jetzt geradezu Kospoths angedrohte Herausforderung herbei – wie freudig wollte er sich ihm stellen und ihn noch flehentlich bitten, ja recht gut zu zielen! In dieser Seelenstimmung hatte der unglückliche Prinz die schwierige offizielle Beglückwünschung des alten jungen Ehepaares übernommen, in diesem Zustande der Hilfs- und Trostlosigkeit des eignen Geistes mußte er die harte Fürstenpflicht erfüllen, sich liebenswürdig zu zeigen gegenüber all diesen Leuten, die ihm teils gleichgültig, teils einfach unangenehm waren. Und Prinzessin Eleonore, die wohl ahnte, was in ihm vorging, beobachtete ihn scharf und sah sich gezwungen, ihn zu bewundern. Sie mußte sich mit Beschämung gestehen, daß sie nicht im stande gewesen sei, ihren Schmerz und ihren Groll mit solcher Selbstbeherrschung zu tragen. – – Am Nachmittag fand in der gedrängt vollen Hauptkirche die Trauung durch den Herrn Generalsuperintendenten statt, über dessen erbauliche Rede die durchlauchtige Frau Geheimrätin, die in ihrem weißen Brautgewande, mit Myrtenkranz und Schleier zum Weinen komisch aussah, sich nicht versagen konnte, reichliche Thränen zu vergießen. Am Abend fand im Hoftheater die erste Aufführung des neu einstudierten »Fliegenden Holländers« statt und trug begreiflicherweise, auch ohne daß es auf dem Zettel stand, den Charakter einer Galavorstellung, da alle die zahlreichen Teilnehmer an dem nach dem Theater stattfindenden Festmahle und auch viele der weit zahlreicheren Neugierigen in festlichem Gewande erschienen waren. In der Hofloge hatten der Erbgroßherzog und seine Schwester, sowie fast vollzählig die Hofchargen Platz genommen, während die Neuvermählten in einer benachbarten Loge des ersten Ranges saßen, die sie nur mit dem würdigen Landpastor und seiner beleibten Gattin teilten. Prinzessin Chochotte hatte diesen Theaterbesuch am Hochzeitstage ausdrücklich gewünscht, weil er ihr die beste Gelegenheit gab, der Oeffentlichkeit gegenüber mit einer gewissen Koketterie ihren freudigen Verzicht auf die Vorrechte ihres Standes zu bekennen. Natürlich waren alle Augen und Operngläser andauernd auf die geheimrätliche Loge gerichtet, und die durch die starke Schnürung und die bräutliche Erregung heute in ganz besonders tiefem Inkarnat strahlende Durchlaucht trug dieser allgemeinen Aufmerksamkeit dadurch Rechnung, daß sie bald mit naiver Zärtlichkeit mit ihrem schönen weißbärtigen Gatten tuschelte, bald sich mit herablassendster verwandtschaftlicher Zutraulichkeit an ihre hochwürdige Frau Schwägerin wendete, welche, obwohl sie aus Angst beim Dejeuner den Speisen und Getränken nur sehr wenig zugesprochen hatte, dennoch vor Hitze und Befangenheit schier betäubt war. Auf der andern Seite des ersten Ranges, welche altem Herkommen gemäß immer noch die bürgerliche genannt wurde, obwohl es schon längst nicht mehr zutraf, was ausländische Spötter behaupteten, daß nämlich die rechte Hälfte des ersten Ranges im großherzoglichen Hoftheater ausschließlich für den hohen Adel reserviert und nur der linke dem übrigen P. T. Publiko geöffnet sei – auf dieser linken Seite also saß in einer der ersten Logen, ihre sehr hübsche sechzehnjährige Tochter zur Seite, in tief ausgeschnittenem Festgewande und etwas allzu reichlich mit Schmuck behangen, die Primadonna, Frau Thea Lindner. Sie hatte sich die beiden Plätze zu dieser Vorstellung bereits eine Woche vorher bestellt und aus ihrer Tasche bezahlt. Sie wollte doch sehen, ob das Publikum, welches seit zwanzig Jahren ihre Leistungen auf dieser Bühne bewundert hatte, es wirklich wagen würde, dieser blutigen Anfängerin, dieser ebenso anmaßenden wie talentlosen Person, der Boland, Beifall zu klatschen in einer Rolle, die sie selbst vor kaum mehr als einem Dutzend Jahren kreiert und für welche sie sogar die wärmste Anerkennung Meister Richard Wagners selbst eingeheimst hatte. Sie wußte freilich, wie erbärmlich, feig und bestechlich dieses Publikum der Jugend und einem leidlich hübschen Gesicht gegenüber sei; aber wenn man sie, die Meisterin, in eigner Person im Theater sitzen sah, würde man doch wohl nicht die Stirn haben, dieser neuen Senta mehr als höchstens wohlwollende Aufmunterung zu spenden. Der Herr, welcher den Holländer sang, war ehemals ein berühmter Barytonist gewesen, der auch heute noch durch vorzügliche Gesangskunst einigermaßen über die hereinbrechende Altersschwäche seiner Stimmmittel hinwegzutäuschen wußte. Auch ihm war in den letzten Jahren eine Rolle nach der andern abgenommen worden, und Frau Lindner fühlte sich als seine Schicksalsgenossin verpflichtet, ihm nach der großen Auftrittsarie auf das lebhafteste zu applaudieren, obwohl sie sich sagen durfte, daß ihre Stimme denn doch noch erheblich leistungsfähiger geblieben sei als die des bedeutend älteren Kollegen. Sie wagte sogar, nachdem sich der erste Beifallssturm ganz ungemein rasch gelegt hatte, das Signal zu einem zweiten zu geben, fand jedoch nur sehr vereinzelte Nachahmer. Dafür aber war man wenigstens auf ihre Anwesenheit aufmerksam geworden, die vor Beginn der Vorstellung bei der ausschließlichen Anteilnahme für die Neuvermählten doch wohl nicht sehr bemerkt worden war. Die gewohnheitsmäßigen Theaterbesucher lächelten sich verständnisinnig zu, da es für sie keiner weiteren Erklärung dieses auffälligen Ereignisses bedurfte. Und unter heimlichem Geraune bildeten sich schon jetzt unter den Zuhörern Zwei Parteien, welche, je nachdem sie dem Oberhofmarschall oder dem Intendanten näher standen, für die Lindner oder für die Boland zu stimmen beschlossen. Aber schon, als sich zum zweitenmal der Vorhang hob und die jugendliche Senta mit ihrem zarten Profil, die Augen weit geöffnet und traumverloren auf das Bild des bleichen Seemanns gerichtet, sich in der Unbeweglichkeit eines lebenden Bildes den Blicken darbot, begann, durch den rührend schönen Anblick bestochen, dieser und jener von der Partei der Lindnerianer wankend zu werden. Und sobald sie die erste Strophe ihrer Ballade gesungen hatte, wußten jene Leute, daß ihre Sache verloren sei. Mochte es auch mit der Gesangskunst der Boland noch nicht allzu weit her sein, die frische Kraft und Schönheit ihrer Stimme, die leidenschaftliche Empfindung, die ihren Vortrag und ihr Spiel beseelte, wirkten unwiderstehlich hinreißend. Und so erhob sich denn gleich nach der Ballade, weit mehr aber noch nach dem großen Duett mit dem Holländer, dessen schöne Reste neben dem Glanz der Jugend vollständig verblichen, ein so begeisterter Beifall, wie ihn das großherzogliche Hoftheater nur äußerst selten erlebte. Die Partei der Jugend triumphierte und konnte sich nicht genug thun in lauten Zurufen, während die Alten fühlten, daß es geschmacklos gewesen wäre, diesen Sieg nicht anzuerkennen, und mit einem halb scheuen, halb mitleidigen Blick nach der Loge der Frau Lindner, möglichst unter Deckung, ihre Hände zusammenklatschten. Fünfmal mußte die Boland vor dem Vorhang erscheinen, und der alte Baryton war taktvoll genug, sie schon beim viertenmal allein gehen zu lassen. Und da flog ihr ein riesiger Lorbeerkranz mit breiten goldbedruckten Atlasschleifen vor die Füße. Der Herr Hofgärtner, der gern ein wenig aus der Schule schwatzte, hatte schon einigen Herrschaften, die heute das Theater besuchten, verraten, daß der Herr Kammerherr von der Rast dieses umfangreiche Ruhmesgemüse für die neue Senta bei ihm bestellt habe. Es sprach sich also sehr rasch im Zuschauerraum herum, und aller Blicke richteten sich auf den dicken Baron, der mit seinem strahlendsten Lächeln in der Hofloge stand und aus Leibeskräften klatschte. Die Boland aber führte vor diesem Kranze eine niedliche kleine Komödie auf, indem sie erst, bescheiden abwehrend, die Hände von sich streckte und den Blick zur Seite wandte, dann aber, durch den ununterbrochen tosenden Beifall ermuntert, ihn mit einer kindlich befangenen Miene aufhob und einen um Entschuldigung flehenden Blick nach dem Platze der Primadonna hinaufwarf, welche sie soeben durch ihren großen Sieg entthront hatte. Frau Lindners Gefühle zu schildern, fühlt sich der Griffel des Chronisten ohnmächtig. Als sie den weißen, faltenlosen Hals der gefährlichen Nebenbuhlerin so verführerisch sich vorstrecken sah, während der jungen Kehle die Töne so voll und warm entquollen, da wäre sie am allerliebsten gleich von ihrem Platze aus mit einem gewaltigen Katzensprung der Verhaßten mit Zähnen und Krallen an diese zarte, weiße Kehle gefahren. Sie war Künstlerin und urteilsfähig genug, um zu wissen, daß nach dieser glänzenden Leistung ihre erste Rolle am Hoftheater ausgespielt sei, daß nach dieser Probe als Senta die übrigen jugendlichen Wagnerpartieen ihr gleichfalls erbarmungslos abgenommen werden würden – und damit wurden ihrer künstlerischen Stellung die letzten Stützen entzogen. Sie sah ein, daß sie ihre Pensionierung nachsuchen, ihre Thätigkeit auf die Mitwirkung in Kirchenkonzerten beschränken und ihrer weiblichen Eitelkeit durch die Bewunderung, die der alte Graf Worbis ihren klassischen Formen zollte, werde genügen lassen müssen. Jede Beifallsäußerung traf sie wie eine körperliche Züchtigung und mit immer wachsendem Grimm bemerkte sie, daß niemand darauf achtete, wie sie bei jedem nicht ganz glockenreinen Ton, bei jedem nicht ganz kunstgerechten Atemzug der Boland die kläglichsten Gesichter schnitt, den Kopf schüttelte oder, mitleidig lächelnd, die Schultern hob. Als aber gar am Aktschluß die Hervorrufe nicht enden wollten – sie hatte in den letzten Jahren als Senta nie mehr als ihrer zwei erzielen können! – als gar der Riesenlorbeerkranz geflogen kam und sie den Blick der Siegerin auf sich gerichtet fühlte, da verlor sie vor Wut fast die Besinnung. Ein paar höhnische Lachtöne gellten in den lauten Jubel hinein, und sie klopfte mit ihrem Fächer auf die gepolsterte Brüstung, als wollte sie dadurch die Ruhe herstellen. Ihr Fräulein Tochter, dieses Zeichen zornigster Erregung gänzlich mißverstehend, hielt es vielmehr für eine starke Beifallsäußerung und beeilte sich, ihrer ehrlichen, naiven Begeisterung für die prächtige Kunstleistung, die sie sehr wohl zu würdigen wußte, durch lautes Händeklatschen Luft zu machen. Beim dritten Schlag schon platzte dem hübschen jungen Mädchen ein Handschuh, und beim vierten ereilte ihr rühriges Händchen gar der mütterliche Fächer mit einem so empfindlichen Klaps, daß sie sich nicht enthalten konnte, ein lautes erschrockenes »Au!« zu rufen. Im Zwischenakt ging Frau Thea Lindner in die Konditorei, aß eine Portion Eis und trank eine ganze Flasche Selterwasser dazu. Sie nahm sich aufs äußerste zusammen und grüßte im Vorbeigehen alle Welt, Bekannte wie Unbekannte mit dem allerlieblichsten Lächeln, obwohl selbst ihre ältesten Freunde und Bewunderer ihr ängstlich auswichen, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, nach ihrer Meinung über die Boland gefragt zu werden. Das Töchterchen war in dem Gedränge auf den Korridoren von ihr getrennt worden und alsbald auf ihren Vater, den Lokalkomiker, gestoßen, welcher von der Parterreloge der Schauspieler aus das Gebühren seiner Gattin aufmerksam beobachtet hatte und nun voll Sorge herbeigeeilt kam, um sie nach Hause zu führen. Das arme verängstigte Kind hing sich an seinen Arm und stieß schluchzend hervor, ohne auf die neugierigen Gesichter ringsum zu achten: »Ach, Papa, Mama hat mich so geschlagen! Nimm mich zu dir in die Loge, – ich mag nicht mehr neben ihr sitzen!« »Ja, siehst du, Kind, Mama hat eben immer ein sehr schlagfertiges Urteil besessen. Das war eben ein Theatercoup von meiner Thea. Mach dir nischt draus, mein Tierchen – bei der Biene setzt's eben Stiche!« Und während der alte Komiker dem weinenden Mädchen, also witzelnd, das abgestrafte Händchen streichelte, standen ihm selber die Augen voll Thränen. Und dann folgte er der Gattin in die Konditorei, zog sie dort in eine Ecke und beschwor sie, mit ihm das Theater zu verlassen. »Was? Fliehen soll ich?« fiel ihm Frau Thea ins Wort. »Ich harre aus, und wenn es mich mein Leben kostet!« »Was hast du nur davon?« versetzte der Gatte betrübt. »Du blamierst uns höchstens noch mehr.« »O, fürchte nichts! Ich habe es überwunden. Ich werde mich mit dem Erz der Verachtung umpanzern und stolz erhobenen Hauptes den Kampfplatz verlassen. Morgen suche ich meine Pensionierung nach.« »Du wirst doch nicht!« rief Herr Lindner erschrocken, »den Leuten den Gefallen thun? Versuch's doch erst einmal mit der komischen Alten; Herrjemerschnee nu ja! Ich habe doch auch in meiner Jugend mal den Romeo gespielt! Aber wie sie da mit faulen Aeppeln schmissen, habe ich doch nicht gleich die Kunst an den Nagel gehängt, sondern hab' mich einfach vom Kothurn auf die Socken gemacht.« »So kann eben nur ein Mann reden, der niemals Verständnis gehabt hat für den Adlerflug des Genius,« versetzte Frau Thea pathetisch. »Soll ich mir jetzt die getollte Haube auf den Kopf setzen, der gewohnt ist, Kronen zu tragen?« Herr Lindner schnitt eine schmerzhafte Grimasse und fiel rasch ein: »Höre, nur keine Anspielungen auf gekrönte Häupter!« Sie maß ihn mit einem verächtlichen Blick, zuckte die entblößten klassischen Schultern und sagte, ohne seinem zweideutigen Scherze Beachtung zu schenken: »Ich habe das Recht, auf meinen wohlerworbenen Lorbeeren auszuruhen, dächte ich.« »Erworbisten willst du wohl sagen?« gab er ironisch zurück und machte sich mit diesem schnöden Scherze aus dem Staube, als fürchte er, nun gleichfalls von ihrem Fächer ereilt zu werden. Seine gute Kleine nahm er mit in die Schauspielerloge – und Frau Thea verfügte sich wirklich ganz allein auf ihren Platz zurück. Kurz vor Beginn des dritten Aktes ließ sie der Intendant Baron von Camp durch den Logenschließer herausrufen und ersuchte sie mit strengster Amtsmiene, sich aller Aeußerungen des Mißfallens zu enthalten. Ihr Betragen sei von den höchsten Herrschaften nicht unbemerkt geblieben, und er werde sich genötigt sehen, sie dafür in Strafe zu nehmen. »Das dürfte dann auch das letztemal sein, daß Herr Baron dienstlich mit mir zu thun bekommen,« versetzte sie kalt lächelnd. »Ich gedenke um meine sofortige Entlassung zu bitten.« Der Baron Camp zog die Augenbrauen hoch, verbeugte sich stumm und eilte davon, um diese Freudenbotschaft dem Fräulein Boland noch in die Garderobe überbringen und einen zärtlichen Kuß als Dank dafür ernten zu können. Es gab heute wohl keinen glücklicheren Menschen unter den Zuschauern als den dicken Kammerherrn von der Rast – selbst die durchlauchtige Braut nicht ausgenommen, welcher die überraschend schlanke Taille des hochzeitlichen Gewandes derartige Folterqualen verursachte, daß nach Beendigung des Zweiten Aktes ihr gelehrter Gatte sich genötigt sah, sein erstes Machtwort zu sprechen und trotz ihres todesmutigen Widerstrebens mit ihr nach Hause zu fahren, unter dem Vorwande, daß ihre Wirtspflichten sie abriefen. Baron von der Rast aber lächelte heute sein sattestes Lächeln; er war der Einzige, von dem man sagen konnte, er habe ein wahrhaft hochzeitliches Gesicht mit ins Theater gebracht. Mit ungewöhnlicher Geschmeidigkeit bewegte er seinen gewichtigen Körper durch das in den Logengängen promenierende Publikum, sprach alle Welt auf den Erfolg seiner jungen Freundin hin an und ließ sich mit behaglichem Schmunzeln die neckende Bezeichnung als Vater der Debütantin gefallen, die ihm der spaßhafte Major von Bomst angehängt hatte. Als er von weitem seinen verhaßten Nebenbuhler, den Intendanten, das Vorzimmer der großherzoglichen Loge betreten sah, konnte er sich nicht enthalten, die günstige Gelegenheit zu benutzen, um den Versuch zu machen, wenigstens einen Händedruck von seiner angebeteten Nachtigall, ein paar süße Dankesworte für den gespendeten Lorbeer zu erhaschen. Mit beängstigender Schnelligkeit sprang er die eiserne Wendeltreppe hinunter, welche vom ersten Rang nach der Loge des Intendanten führte, und betrat durch die kleine Pforte, welche nach der strengen Hausordnung des großherzoglichen Hoftheaters sich nur den Mitgliedern öffnen durfte, die Bühne. Es trat ihm auch sofort ein Wächter jener strengen Hausordnung in Gestalt des Beleuchtungsinspektors entgegen, welcher ihn höflich, aber entschieden darauf aufmerksam machte, daß er ihm den Zutritt nicht gestatten dürfe. »Ich weiß, ich weiß, lieber Freund,« keuchte der Kammerherr atemlos, indem er dem Beamten gönnerhaft auf die Schulter klopfte. »Sagen Sie mir nur schnell, wo ist der Herr Baron? Ich habe einen Allerhöchsten Auftrag an Fräulein Boland auszurichten.« Der Inspektor verbeugte sich. »Ah so – dann freilich. ... Der Herr Baron ist nicht hier; aber ich will das Fräulein herausrufen. Wenn Sie vielleicht im Konversationszimmer einen Augenblick warten wollen?« Der Kammerherr folgte dem Inspektor auf dem Fuße, unterwegs überaus freundliche Blicke an die zwischen den Coulissen herumstehenden Choristinnen austeilend, soweit sie jung und hübsch waren. Die Thür des Wartezimmers für die Mitwirkenden stand weit offen, und mitten im Zimmer im Kreise einiger Kollegen die glückstrahlende Senta. Sobald die dicke Gestalt des Kammerherrn auf der Schwelle erschien, flog die kleine Boland auf ihn zu und packte ihn mit dem lauten Ausruf: »Ach, mein goldiges Gönnerchen, da ist es ja!« bei den Schultern. Sie brachte ihr hübsches Gesichtchen mit den von Glück und Schminke hochrot gefärbten Wangen nahe an das seine, guckte ihm zärtlich in die Augen, schüttelte ihn übermütig lachend und wandte sich dann wieder zu ihren Kollegen herum, indem sie halb ironisch, halb elegisch die Frage an sie richtete: »Ist er nicht süß?« Ehe noch irgend jemand eine Antwort auf diese schwierige Frage gefunden, hatte die Boland schon ihrem Anbeter seinen eignen Riesenkranz, der den ganzen Tisch im Konversationszimmer bedeckte, um den Hals gehängt, so daß sein glühendes Antlitz wie eine seltsame Tropenpflanze aus dem dunkeln Grün hervorleuchtete und die mächtige rote Schleife seine Kniee zusammenzubinden schien. Vergebens war sein sanftes Sträuben, sie hielt ihn immer noch bei den Schultern fest und redete ihn aufs neue mit drolligem Pathos an: »Ich kröne das wahre Verdienst; denn Sie sind es gewesen, mein liebenswürdiger väterlicher Freund, der zuerst mit seltenem Scharfblick das noch verborgene Talent in mir erkannt und durch seine Teilnahme geweckt, mich in meinem künstlerischen Streben auf das wirksamste unterstützt hat. O, mein teurer Herr Kammerherr, wie soll ich Ihnen meine Dankbarkeit beweisen? Ich küsse Ihnen das Herz, mein hoher Gönner.« Und sie beugte sich ein wenig herab und berührte mit ihren geschminkten Lippen den heraldischen Vogel inmitten des großherzoglichen Hausordens, den er auf der linken Brust trug. Der Baron von der Rast war durchaus nicht thöricht genug, um nicht zu merken, daß die siegestrunkene Sängerin sich in ihrem Uebermut einen etwas dreisten Scherz mit ihm erlaubte – die zuckenden Gesichter der unterstehenden Sänger, der durch die Thür hereinspähenden Chormitglieder zeigten ihm ja auch deutlich genug, wie diese Ansprache gemeint gewesen war. Er mochte sich nicht auslachen lassen von diesen Leuten, und andrerseits konnte er auch dem reizenden Kobold nicht böse sein. Als sie den Kopf emporhob, erfaßte er sie mit raschem Griff und drückte ihr einen schallenden Kuß auf die Wange. »Dies Zeichen freudigster Anerkennung habe ich Ihnen im Namen unsrer verehrten Frau Thea Lindner zu überbringen,« sagte er und brachte durch diesen schnöden Scherz die Lacher auf seine Seite. Nun drang die Boland mit Fragen auf ihn ein, wie man sich denn in den Hofkreisen und besonders wie ihre entthronte Vorgängerin sich über ihre Leistung geäußert habe. Dabei zog sie ihn nach einer Ottomane im Hintergrunde des kleinen Zimmers und nötigte ihn, neben ihr Platz zu nehmen. Dann steckte sie ihren hübschen dunklen Kopf mit unter den Lorbeerkranz und blickte halb schalkhaft, halb schmachtend zu ihm auf, wahrend er, mit ihrer Hand spielend, Bericht erstattete. Er war noch im besten Erzählen begriffen, die Wahrheit aus seiner Phantasie geschmackvoll ergänzend, als völlig unangekündigt der Intendant hereintrat. Einige Sekunden lang stand der Baron von Camp sprachlos vor Ueberraschung, als er des so traulich gesellten Pärchens in der üppigen grünen Umrahmung gewahr ward. Fräulein Boland sah es sofort seiner Miene an, wie wenig Geschmack er an dieser Überraschung fand. Sie beeilte sich, den Kopf wieder unter dem Kranze hervorzuziehen, und schritt auf ihn zu, um seinem Grimm durch irgend ein scherzendes Wort die Spitze abzubrechen. Aber der gestrenge Chef war durchaus nicht in der Laune, sich von seinem Liebling beschwatzen zu lassen. Er schob sie einfach beiseite und trat mit zornig zusammengezogenen Augenbrauen vor den Baron von der Rast, der jetzt, verlegen lächelnd, den Kranz von seinen Schultern nahm und sich gleichzeitig mit einiger Anstrengung von dem niedrigen Polster emporraffte. »Sie sind erstaunt, mich hier zu finden, lieber Baron,« begann er möglichst harmlos. »Aber nach diesem pyramidalen Erfolge konnte ich es wirklich nicht unterlassen...« »Herr von der Rast, die Hausordnung ist Ihnen sehr wohl bekannt!« unterbrach ihn der Intendant in einem Tone, der seine unterdrückte Eifersucht nur schlecht verbarg. »Ich muß Sie ersuchen, sofort die Bühne zu verlassen.« »Na ja doch! werden Sie nur nicht gleich feindlich, lieber Herr Amtsbruder!« versuchte der Kammerherr zu scherzen. »Man wird doch mal seine reine Begeisterung in allen Ehren an den Mann... ich wollte sagen, an das Mädchen bringen können.« »Sie wissen recht gut, daß das an meinem Institut nicht Sitte ist. Ich möchte wissen, woher Sie die Berechtigung für sich ableiten, hier einzudringen, da Sie doch zu den Mitgliedern des Theaters in absolut keiner andern Beziehung stehen als irgend ein Zuschauer.« »Ich in keiner andern Beziehung ...!? O, ich will...« brauste der Kammerherr auf. Es war für die Umstehenden sehr spaßhaft anzusehen, wie die beiden wohlbeleibten Herren in ihren goldgestickten Galauniformen einander so wie die Kampfhähne auf Armlänge gegenübertraten. Der Baron von der Nast brach kurz ab – er merkte, daß er im Begriff gestanden hatte, sich eine arge Blöße zu geben. Er schluckte seinen Aerger hinunter und wandte sich mit seinem gewohnten Lächeln an die hinter ihm stehende Sängerin, beugte sich zu einem flüchtigen Kusse auf ihre Hand hinab und sagte: »Ich hätte nie geglaubt, daß eine so gewichtige Persönlichkeit wie ich so leicht hinauszuwerfen sei. Ich gratuliere Ihrem gestrengen Chef zu dieser Kraftprobe. Aber mein Unsterbliches lasse ich in Ihren schönen Händen zurück, mein Fräulein.« Mit dieser sinnigen Aeußerung zog er sich würdevollen Schrittes zurück. Er wußte recht gut, daß der Intendant ihn haßte als den Mann, der, das schwarze Herz voll böser Wünsche, auf das Freiwerden seiner Stellung lauerte. Mit welcher Genugthuung er wohl die Gelegenheit ergriffen haben mochte, den verhaßten Anwärter auf seine Nachfolgerschaft von der Bühne zu weisen! Aber sein Abgang war nicht so übel gewesen! Es hatte den Herrn von Camp sichtlich geärgert, daß er nicht wie ein beschnieener Pudel davongeschlichen war. O, er wollte ihn noch weit mehr ärgern – und mit dem harmlosesten Lächeln von der Welt betrat er die Loge des Intendanten. Auf einem erhöhten Lehnstuhl, hinter dem roten Vorhang wohl verborgen, saß die kleine Baronin Camp, eine einfache, zarte Dame, die mit ihrem grauen Haar viel älter aussah, als sie wirklich war, und auf einem niedrigen Stuhl vor ihr Wally von Katz, die, einer liebenswürdigen Regung folgend, gekommen war, um der wenig beachteten Baronin aus ihrem großen Sack voll Neuigkeiten ganz geschwind einige Leckerbissen zuzustecken. Baron von der Rast schob den Kopf zur Thür herein und rief, der kleinen Hofdame vergnügt zulächelnd: »Ah, ich sehe, ich bin hier überflüssig! Der Kurier mit den neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatz ist ja bereits eingetroffen.« Dann aber, der freundlichen Aufforderung der Intendantin folgend, trat er doch näher und küßte der Dame die Hand. »Nun, was sagen Sie, gnädige Frau? Großer Sieg auf der ganzen Linie! Ich habe sofort eine chiffrierte Depesche an Seine Excellenz den Grafen Worbis abgesandt.« »Daß Sie doch immer boshaft sein müssen!« sagte die Baronin und drohte ihm, matt lächelnd, mit dem Finger. »Ich muß sagen, mir thut die arme Lindner recht leid, obwohl sie sich, wie ich höre, etwas auffallend benommen hat.« »O! wenn Sie sich nach der Aera Lindner zurücksehnen, meine gnädigste Frau – dazu könnte wohl Rat werden,« begann der Kammerherr geheimnisvoll. »Ich muß gestehen, unsre junge Diva hat es mir heute derartig angethan, daß ich die größte Lust hätte, sie Ihrem Herrn Gemahl abspenstig zu machen.« »Wie das?« fragte die kleine Dame. »Sind Sie denn etwa ein verkappter Bevollmächtigter eines andern Theaters?« Der Kammerherr schlug sich auf den Mund. »O weh! Ich habe schon zu viel gesagt! Verraten Sie mich nur nicht Ihrem Herrn Gemahl, gnädige Frau! Ich fürchte so wie so, wir werden hart aneinander geraten dieser reizenden Senta wegen. Ihr Herr Gemahl scheint sie ja sehr, sehr hoch zu schätzen.« »Ja, allerdings!« versetzte Frau von Camp, ein wenig errötend. »Er hat sich ja auch sehr viel Mühe mit ihr gegeben, und gerade diese Partie hat er ihr in letzter Zeit nach der darstellerischen Seite hin so sorgfältig einstudiert... Sie war fast täglich bei uns! Ich glaube, mein Mann darf sich wohl einen Teil des heutigen Erfolges gut schreiben.« Der Kammerherr begleitete die Rede der Baronin mit seinem gewohnten halb ironischen Lächeln und setzte dadurch die schüchterne Frau in einige Verlegenheit. Sie konnte ihn im Grunde ebensowenig leiden wie ihr Gatte, war aber in ihrer grenzenlosen Gutmütigkeit seiner versteckten Bosheit gegenüber völlig wehrlos. Fräulein von Katz kam ihr geschickt zu Hilfe, indem sie das Gespräch auf das Brautpaar lenkte und allerlei nichtsnutzige, aber drollige Bemerkungen über die durchlauchtige Medizinalrätin, sowie über deren neue geistliche Verwandtschaft zum besten gab. Das Gespräch wurde unterbrochen durch den Eintritt des Grafen Bracke, welcher im Auftrage der Prinzessin Eleonore erschien, um das Fräulein von Katz auf ihren Posten zurückzurufen. »Uebrigens,« setzte der schmucke Adjutant, zu Herrn von der Rast gewendet, hinzu, »der Erbgroßherzog hat nach Ihnen gefragt.« »Ich komme sofort,« versetzte der Kammerherr. »Nur noch wenige Minuten! Sie verzeihen – eine kleine verschwiegene Angelegenheit mit der gnädigsten Frau.« »O, wir sind diskret!« sagte Fräulein von Katz, mit einem neugierigen Blick auf den dicken Baron, und dann huschte sie, von ihrem schüchternen Anbeter gefolgt, zur Thür hinaus. Der Kammerherr horchte einen Augenblick hinaus und setzte sich dann mit geheimnisvoller Miene neben die schon wieder befangen errötende Intendantin. »Ich habe mir vorhin eine unvorsichtige Andeutung entschlüpfen lassen, meine Gnädigste,« begann er gedämpften Tones. »Aber ich kenne ja Ihr gutes Herz und Ihre Verschwiegenheit, und das verleiht mir den Mut, Sie zu bitten... ah, hm! Kurz und gut: Wie denken Sie über Fräulein Boland? Ich meine nicht als Künstlerin – in Bezug auf ihre persönlichen Eigenschaften? Sie haben ja durch den täglichen, ich darf wohl sagen intimen Verkehr mit der jungen Dame gewiß Gelegenheit genug gefunden, sich über sie ein Urteil zu bilden.« »O, ich kann nicht anders sagen,« versetzte die gute Baronin etwas unsicher, »sie hat mir von Anfang an einen recht angenehmen Eindruck gemacht.« »In der That? – Ja, Sie müssen schon verzeihen, gnädige Frau, daß ich Sie mit dieser Affaire zu belästigen wage; aber der Scharfblick einer klugen, erfahrenen Dame ist der sicherste Pilot für einen verliebten Mann. Haha! Uebrigens, Ihr Herr Gemahl wäre wohl auch in dieser Sache etwas allzu sehr Partei gewesen,« »Nie meinen Sie das?« »O, ich ... Wer sollte ein so bezauberndes Mädchen nicht entzückend finden? – Also, Sie meinen wirklich, gnädige Frau, daß Fräulein Boland ... ah – Sie halten sie für comme il faut ?« »O gewiß – ein charmantes, heiteres Mädchen!« »Nicht wahr? Wie freue ich mich, daß unsre Ansichten so übereinstimmen! Tausend Dank, meine gnädige Frau! Und – Diskretion, nicht wahr?« Der Kammerherr stand auf und verabschiedete sich mit einem Handkuß. »Ja, haben Sie denn wirklich ernste Absichten?« wagte endlich die kleine Dame mit verlegener Neugier zu fragen. Und der Kammerherr tippte bedeutungsvoll auf sein Herz und sagte: »Es gärt noch!« Dann machte er eine abermalige rasche Verbeugung und verließ die Intendantenloge. – In demselben Augenblick, wo er über die Schwelle in den engen Vorraum trat, löste sich Wally von Katz mit einem kleinen erschrockenen »O weh!« aus den Armen des Grafen Bracke, der seinerseits noch viel tiefer errötete als das kleine Fräulein und sich mit einem verlegenen »Pardon!«, als hatte er ihm auf den Fuß getreten, vor dem Kammerherrn verbeugte. Der riß seine kleine Aeuglein weit auf und drohte mit seinem breitesten Lächeln dem ertappten Liebespaar. »Ei, ei! – Oder darf man gratulieren?« Wally suchte in großer Hast ihr duftiges Spitzentüchlein hervor, kehrte ihr Gesicht nach der Wand zu und versuchte zu meinen. »Sie alter, gräßlicher Mensch, Sie!« schalt sie unter ihren Händen hervor, die sie kindisch an die Augen gedrückt hielt. »Natürlich bringen Sie das jetzt sofort in der ganzen Residenz herum!« »O, bitte recht sehr! Sie kränken mich tief!« flüsterte der Kammerherr, dicht hinter sie tretend. »Sie haben nur zu befehlen, und Ihr süßes Geheimnis bleibt in meinem verschwiegenen Busen begraben bis zum jüngsten Tage!« Dieser kleine Aufenthalt hatte genügt, um das zaghafte Gemüt des verliebten Husaren zur Entscheidung zu treiben. Mit leichter Befangenheit, die sein frisches Gesicht geradezu anmutig erscheinen ließ, trat er dem Baron einen Schritt näher und sagte: »O, bitte sehr! Sie brauchen Ihren verschwiegenen Busen gar nicht anzustrengen. Wir haben uns soeben zwischen Thür und Angel verlobt.« »Bravo! bravo!« rief der Kammerherr ein wenig doppelsinnig, indem er zuerst Wally von Katz die Hand schüttelte. »Nein, was wird die durchlauchtige Medizinalrätin sich freuen, daß ihr bräutliches Glück so unwiderstehlich ansteckend auf die jungen Herzen wirkt!« Und dann schritt er lachend voran und das junge Pärchen, ganz kecklich Arm in Arm, hinter ihm drein. »Habe ich es so recht gemacht?« flüsterte Graf Bracke dem glückstrahlenden kleinen Fräulein unterwegs zu. »Gräßlich lange hast du mich zappeln lassen,« tuschelte sie zurück, »Und ich glaube, wenn dieser alte Ekel uns nicht ertappt hätte ...« »O nein, gewiß nicht! Heute abend beim Balle wollte ich die Schicksalsfrage thun, auf Ehre!« »Ja, ja, Sie hatten ja auch guten Grund, an Ihrer Unwiderstehlichkeit zu zweifeln, Herr Lieutenant! Wenn Sie mich nicht so heillos kompromittiert hätten, so würde ich mich natürlich noch sehr bedacht haben, ob ich es mit einem solchen notorischen Schmetterling wagen dürfte.« »Ich Schmetterling? O, o! Höchstens äußerlich!« »Also ein Lamm im Wolfskleide!« kicherte sie. »Nun, sei nur still! Ich weiß ja – du bist einfach süß, Wölfchen!« – – Noch bevor der dritte Akt begann, hatte das Brautpaar die Glückwünsche der hohen und höchsten Herrschaften in Empfang genommen. Der Erbgroßherzog aber winkte, ehe er seiner Schwester und den übrigen Herrschaften vom Hofe in die Loge folgte, den Kammerherrn von der Rast zu sich heran und fragte ihn, ob er keinen Brief für ihn abzugeben habe. »Jawohl, Königliche Hoheit! Allerdings! Ich wagte nicht in Anwesenheit ...« Der Kammerherr kam ins Stottern, denn er hatte thatsächlich gar nicht mehr daran gedacht, daß er ein Schreiben Melanies bei sich trug. Georg Friedrich biß sich auf die Lippen, überzeugte sich durch einen raschen Umblick, daß er unbeobachtet sei, und steckte dann das dargereichte Schreiben in größter Hast zu sich. Er schritt bis an die Flügelthür der Hofloge, blieb dort stehen, strich sich mit der Hand über die Stirn, sann einen Augenblick nach und sagte dann, zu dem Kammerherrn gewendet: »Ach, lieber Rast, gehen Sie doch hinein und sagen Sie meiner Schwester, ich hätte Kopfschmerzen. Ich wollte mir den dritten Akt in der kleinen Loge anhören.« Der Baron verbeugte sich, und der Erbgroßherzog schritt rasch an ihm vorüber nach der äußeren Thür. O, wie viel freudig erregte Gesichter gab es doch heute im großherzoglichen Hoftheater! Nicht einmal der unheimlich gellende Chor der gespenstischen Holländermannschaften vermochte dieses Wölfchen Bracke oder diese Wally von Katz mit achtungsvollem Schauder zu erfüllen! In der hintersten Stuhlreihe der Hofloge, ganz oben in der Ecke waren sie dicht zusammengerückt, und sie rieb, leise kichernd, ihre Schulter ein ganz klein wenig an seinem Aermel, und er trat sie, listig lächelnd, ein ganz klein wenig auf die Zehen – und das fanden diese lieben Kinder ungemein spaßhaft! Die andern Hofchargen in der Loge wie auch die Crême ringsum im ersten Rang wandten die neugierigen Blicke immer wieder von der Bühne ab und diesem jüngsten Brautpaar zu, und schienen an seinem kindischen Spiel mehr Gefallen zu finden, als an dem leidenschaftlichen Vorgang auf der Bühne. Auch der Kammerherr von der Nast saß so behäbig auf seinem Sessel und lächelte so überaus wonnig, als würde nicht der fliegende Holländer, sondern eine pikante französische Komödie dort unten dargestellt. O, dieser Baron von Camp! Wie der sich wohl giften würde, wenn ihm seine harmlose Gattin wiedererzählte, was er so geheimnisvoll mit ihr verhandelt hatte! O nein, er war nicht der Mann, um sich von einem Herrn von Camp ungestraft blamieren zu lassen! Und das übrige Publikum freute sich des Sieges der Jugend im großherzoglichen Hoftheater und jubelte dem Fräulein Boland zu. Und das geistliche Ehepaar Cordell, das nach dem Weggang des jungen Paares in die erste Reihe eingerückt war, glaubte wenigstens in Vertretung lächeln zu müssen, obschon die Musik eben nicht nach des Herrn Pastors frühklassischem Geschmacke war und die Frau Pastorin mit der armen Senta ein Mitleid fühlte, wie etwa mit der heiligen Genoveva, die daheim auf der Pfarre über dem Sofa ihres Wohnzimmers hing. Nur aus der großherzoglichen Prosceniumsloge starrte hinter der hochgezogenen Schiebewand hervor ein bleiches, verstörtes Antlitz teilnahmlos auf die Bühne hinunter. In seinen krampfhaft geballten Händen zerknitterte Georg Friedrich Melanies Brief, und lauter, gellender als das leidenschaftliche Wühlen des vollen Orchesters drang ihm der Verzweiflungsschrei der Geliebten, der aus diesen von Thränen verwischten Zeilen herausklang, durch die gemarterte Seele: Komm! Rette mich vor der Schande oder laß mich mit dir sterben! Dreizehntes Kapitel. Der Thronfolger benimmt sich auffallend. Es war dem Erbgroßherzog unmöglich gewesen, den Schluß der Vorstellung abzuwarten. Er mußte Zeit gewinnen, um seiner Aufregung Herr zu werden, bevor er sich wieder unter diese lächelnd lauernden, festfrohen Menschen begab. Er verließ unbemerkt das Theater und ging, da sein Coupé noch nicht zur Stelle war, zu Fuß nach Hause. Im Schlosse angekommen, gab er der Dienerschaft die nötigen Befehle wegen des Wagens und fügte hinzu, daß er bis zur Abfahrt zur Hochzeitsfeier ungestört zu bleiben wünsche. Er ließ sich eine Lampe auf sein Zimmer bringen, und dann schloß er hinter dem Kammerdiener die Thür ab. Mit großen Schritten durchquerte er einige Minuten lang das hohe Gemach, dann trat er an das offene Fenster und ließ den frischen Hauch der Frühlingsnacht an seine heiße Stirne wehen. Fast unbewegt dehnte sich vor seinem Blicke das dunkle Meer der hohen Wipfel des Parkes, aus welchem nur hier und dort, im sanften Lichte des ersten Mondviertels schimmernd, das Silbergrau gewaltiger deutscher Pappeln, Schaumkämmen gleich, aufleuchtete. Welch ein tiefer Friede in dieser klaren, weit gespannten Himmelswölbung! Aus kühler Unendlichkeit her flimmerten diese Millionen von rastlos kreisenden, furchtbaren Feuerbällen nur wie lustige Illuminationslämpchen auf die schlaftrunkene Erde herab, die, in den tiefen Schatten der Nacht weich wie in Watte verpackt, mit all ihrem milden Schmerz, ihrem nimmer ruhenden Weh dalag. Nur das Pfeifen der Lokomotiven von dem ziemlich entfernten Bahnhofe her gemahnte inmitten der träumerischen Stille an das ruhelose Treiben und Drängen des Menschengeistes. Und das wonnig unheimliche Schweigen des Waldes wurde nur hin und wider gestört durch das spöttische Lachen eines Käuzchens. Lange lehnte Georg Friedrich zum Fenster hinaus; aber die friedliche Stille der Natur wollte nicht, mit Fliederduft und Maienluft vereint, sich einatmen lassen. Kann denn überhaupt die Natur dem denkenden Menschen Frieden bringen? Ist sie denn nicht im Grunde gerade so heuchlerisch verlogen, so des Mitleids bar und selbstsüchtig wie die menschliche Gesellschaft, aus der wir verwirrt und verwundet zu ihr hinausfliehen? Bedeckt sie nicht ihre Abgründe mit Blumen und kleidet sie nicht ihre giftigsten Geschöpfe in die reizendsten Gewänder? Kennt sie ein andres Recht als das des Stärkeren, und ist sie nicht etwa platterdings brutal, wo sie wahr ist? Der Kauz da, das ist ein Weiser, der für den sentimentalen Mondscheinzauber nur ein kaltes Lachen hat. Er flattert durch die verschwiegene Dämmerung des Waldes, in dem liebende Pärchen sich treffen und wonnesam kosen, lautlos einher und – mordet schwächere Geschöpfe im Schlafe. O nein, hier wie dort ganz dieselbe Lüge, dasselbe Bestreben, mit den raffiniertesten Künsten der Verstellung die Wahrheit zu verschleiern. Was das doch für Narren sein müssen, die immer nach Natur, nach Wahrheit schreien! Auch sein Freund Hans Joachim war solch ein sonderbarer Schwärmer gewesen, der ihm hatte einreden wollen, der wahrhaft edle Mensch müsse sich befreien von jeglichem Zwange der Verhältnisse und mit klaren, vernunftgeschärften Sinnen nur auf das eine Ziel zustreben, sich seiner innersten Natur entsprechend auszuleben – so wenigstens hatte er ihn verstanden! Als ob es überhaupt ein freies Wollen gäbe in diesem irdischen Dasein! Eiserner Zwang überall, wohin man schaut! Und ein Sklav' der höchststehende Mensch ebensosehr wie die unscheinbarste der Mikroben! Was hatte er denn anders gethan, als eben seiner innersten Natur nachzuleben versucht? Und wohin war er damit gekommen? – Eben dahin, wohin ein nervenkranker Gymnasiast heutzutage zu kommen pflegt, der nicht versetzt wurde, oder eine schmachtende Nähmamsell, der ihr Schatz untreu geworden ist! Mit einem unterdrückten Fluch trat der Erbgroßherzog vom Fenster weg und richtete einen fast lüstern lächelnden Blick auf den Gewehrschrank, in dessen Scheiben sich das gedämpfte Licht der Lampe spiegelte und die Läufe der darin aufgehängten Mordwerkzeuge verführerisch blinken ließ. Er strich sich über die Stirn und stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf. Nein! Nicht diesen jämmerlichen Komödienschluß! Etwas wollte er als deutscher Fürst aus altem, kernigem Geschlecht doch vor dem weltmüden Plebejer voraus haben! Brutal mußte er sein, wenn die Welt Respekt vor ihm haben und daran glauben sollte, daß er Charakter besitze. Er zog den zerknitterten Brief der Geliebten noch einmal aus der Tasche und glättete ihn auf seiner Schreibmappe, dann ließ er sich langsam in den Ledersessel gleiten und las die inhaltsschweren Zeilen noch einmal durch. Es zerriß ihm das Herz, was er da las, jedes einzelne Wort bohrte sich wie mit einem scharfen Stachel in seine Seele – seine Brust keuchte, seine Nüstern blähten sich und seine Lippen zuckten in dem krampfhaften Bemühen, die heißen Thränen verzweifelten Mitleidens, selbstquälerischer Wut zu unterdrücken. Er küßte die Stellen, welche von ihren Thränen verwischt waren – und dann lehnte er sich in seinen Sessel zurück und preßte seine beiden Hände fest in die Augenhöhlen. Lange Zeit saß er so, in dumpfen Schmerz verloren, und hörte weder das Silberglöckchen seiner Stutzuhr die Stunden schlagen, noch auch die Equipagen in den Schloßhof rollen. Endlich – die Uhr zeigte bereits ein viertel elf – setzte er sich mit einem energischen Ruck aufrecht, nahm einen Briefbogen zur Hand und schrieb mit seinen gewohnten großen Zügen, die Zeilen von unten nach oben schräg laufend, folgende Worte: »Mein teurer Vater! »Du hast recht, ich darf nicht länger zögern. Was mich dieser Entschluß kostet, das weiß ...« Er stutzte bei diesen Worten und machte mit einem halblauten, ärgerlichen »Ach was!« zwei dicke Striche hindurch; dann seufzte er tief auf und fuhr nach kurzem Besinnen fort: »Mein Entschluß ist gefaßt. Ich werde schon morgen, dem Wunsche des Königs folgend, abreisen, und ich denke, daß bereits in wenigen Tagen das glückliche Deutschland durch die Freudenbotschaft von der Verlobung Deines gehorsamsten Georg Friedrich mit der königlichen Prinzessin Clementine überrascht werden wird. Fiat justitia, pereat mundus! Dein getreuer Sohn Georg Friedrich.« »P. S. Die kleine Katz hat heute abend meinen gräflichen Leibtrabanten endlich glücklich eingefangen. Er ist förmlich beschämt über sein Glück. Darf ich ihn unter diesen Umständen noch behalten?« Er überflog noch einmal, was er geschrieben hatte, schüttelte den Kopf und biß sich auf die Lippen. Dieser bitterböse ironische Ton würde seinem Vater wenig behagen, mußte er sich sagen –, und er erhob das Blatt, um es zu zerreißen. Gleich darauf legte er es wieder hin und faltete es mit raschem Entschluß zusammen. Besser, d. h. heuchlerischer brachte er es heute in seiner Verzweiflungsstimmung doch nicht fertig! Er steckte den Brief in den Umschlag und schrieb in festen Zügen die Adresse darauf: »An Se. Königliche Hoheit, den Großherzog u. s. w.« Dann zündete er eine Wachskerze an, um sein Siegel auf das Schreiben zu drücken. Da klopfte es an die Thür. Er warf einen Blick nach der Uhr auf dem Aufsatze des Schreibtisches hinauf; sie zeigte auf halb elf. »Ach, schon so spät!« Das Fest bei Medizinalrats mußte schon längst begonnen haben – und Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Fürsten. Er sprang auf und schob den Riegel von der Thür zurück. Seine Schwester, die Prinzessin Eleonore, trat rasch über die Schwelle. Sie brachte einen feinen Resedaduft mit herein und hatte bereits den weißseidenen, pelzgefütterten Umhang um die Schultern gelegt und ein leichtes Spitzentuch über ihre Frisur mit den blitzenden Diamanten gebreitet. Die raschelnde Schleppe hatte sie mit der Linken emporgerafft, in der Rechten trug sie einen kostbaren Spitzenfächer. »Ach, du bist es!« rief der Erbgroßherzog, sie mit einem raschen, wenig freundlichen Blick musternd. »Mußt du mich wieder einmal an meine Pflicht erinnern? Ja, ja, ich mache dir viel Sorge, nicht wahr?« »Allerdings hast du mir Sorge gemacht,« versetzte Eleonore mit leisem Vorwurf, »Kein Mensch wußte, wo du geblieben seist, als ich am Schluß der Vorstellung nach dir fragte. Ich hatte wohl bemerkt, daß du wieder mit Rast Heimlichkeiten hattest – und das machte mich unruhig.« »Meine gestrenge Gouvernante traute ihrem Schützling das Schlimmste zu, nicht wahr?« spottete der Prinz. »Nun, freue dich, Schwesterchen, dein Werk ist vollbracht. Jetzt wirst du bald wieder gute Tage haben. Sieh 'mal, was da auf dem Tisch liegt. Du könntest so freundlich sein und 'mal inzwischen mein Petschaft aufdrücken. Entschuldige mich einen Augenblick!« Damit zog er sich in das anstoßende Schlafgemach zurück, ließ jedoch die Thür hinter sich halb offen. Neugierig trat die Prinzessin an den Schreibtisch und las die noch nasse Aufschrift des Briefes. »Ah, du hast an Papa geschrieben? Darf man fragen: was?« rief sie laut, indem sie sich anschickte, den Siegellack in die Flamme der Kerze zu halten. Und aus dem Nebenzimmer ertönte die verbissene Antwort: »Ich habe das Todesurteil des anständigen Menschen in mir unterschrieben. Es lebe der Erbgroßherzog!« Ein Lächeln des Triumphes huschte über die feinen Züge der Prinzessin, während sie langsam die flammenden roten Tropfen auf den Briefverschluß fallen ließ. Plötzlich aber nahmen ihre Mienen einen ernsten, fast schmerzlichen Ausdruck an, und als sie das Petschaft von dem Siegel abgehoben hatte, setzte sie sich in den Schreibstuhl und betrachtete mit sinnender Wehmut das großherzogliche Wappen. Es war ihr da eine wunderliche symbolische Beziehung aufgestoßen zwischen dem unbedeutenden Dienst, den sie für ihren Bruder verrichtete, und dem großen Dienst, den sie seinem schwankenden Charakter unaufgefordert, ja hinterlistig erweisen zu müssen geglaubt hatte. Sein weiches, lichterloh brennendes Herz war es, auf das sie den kalten Wappenstein der politischen Pflicht gedrückt hatte. Sie war heute weich gestimmt. Die kleine Katz, die sie immer für eine oberflächliche, kalt berechnende Person gehalten, hatte heute während der Fahrt vom Theater sich ihr, alle Etikette vergessend, so stürmisch an die Brust geworfen, unter echten Thränen gejauchzt und gestammelt: »Nun will ich ja so gut sein! Ich bin so namenlos glücklich! Ach, süße Hoheit, verzeihen Sie mir alle Dummheiten und alle Nichtsnutzigkeiten, die ich je begangen habe ...« Und in diesem echten Katzenstile, aber mit unverfälschten Naturtönen, war es fortgegangen bis heim zum Schlosse. Ja, bis in ihr Schlafgemach hinein hätte sie die kleine Wally mit ihrem glückstrunkenen Geschwätz verfolgt, wenn sie sie nicht beim Kopf genommen und ihr mit ein paar herzlichen Küssen den Mund gestopft hätte. Niemals zuvor in ihrem Leben hatte sie sich zu solchen Zärtlichkeiten gegen ihre Untergebenen hinreißen lassen. Sie war sich ihres eignen glücklosen Mädchentums plötzlich mit stechenden Schmerzen bewußt geworden, und sie hatte, voll neidischer Sehnsucht, von den Lippen dieses Mädchens ein wenig wegstehlen wollen von jener Fülle der Seligkeit, die der erste bräutliche Kuß in junge Herzen auszuströmen pflegt. Das brachte sie in die Stimmung, zu verstehen, was sie ihrem Bruder angethan hatte. – Und das Erbarmen kam über sie. Als Georg Friedrich wieder aus seinem Schlafzimmer herauskam, stand sie rasch auf und ging ihm mit großen Schritten, die vornehme, schlanke Gestalt von den Falten der weißen Seide umrauscht, entgegen. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, suchte mit feucht verschleierten Blicken seine Augen und sprach: »Ich hab' dir sehr wehe gethan, Georg, Wenn du mir das vergeben kannst, so ist es mehr, als ich verdiene. Ich weiß, es war nicht meine Sache, dich an deine Pflicht als Fürst zu mahnen – wenigstens nicht auf diese Art! Was mich dazu bewog, das war ... o, das war so häßlich!« Ganz leise sprach sie die letzten Worte vor sich hin, und dann lehnte sie den eigensinnigen, klugen Kopf an seine Schulter – ein Schauer lief ihr durch den ganzen Körper, so daß die kalten Brillanten in ihrem braunen Haar miterschüttert wurden und bunte Funken stoben. Dann brachen die Thränen unaufhaltsam hervor. »Eleonore!« rief Georg Friedrich, aufs höchste erstaunt. War es doch so lange Jahre her, daß er die stolze Schwester nicht hatte weinen sehen! Sein Gemüt war so leicht zugänglich für fremdes Leid – er drückte die Schwester liebevoll an sich und drang mit sanfter Mahnung in sie, ihm ihr Herz zu öffnen. »Nein, das kann ich nicht!« sagte sie, indem sie sich von ihm losmachte und ihre Thränen trocknete. »Wenn du es nicht errätst ... ich schäme mich zu sehr!« Und dann reckte sie sich empor, daß die Nähte ihres straffen Mieders knarrten, und fuhr ohne Uebergang fort: »Also du hast wirklich Papa geschrieben, daß du nachgeben willst?« »Ja, morgen reise ich zur Verlobung.« »Ah, wirklich! So rasch? – Und hast du schon der armen Melanie geschrieben?« Georg Friedrich nahm die Spitze seines Schnurrbartes zwischen die Zähne und versetzte, bitter lächelnd: »Nein! Wie ich das anstellen soll, das werde ich mir heute nacht noch überlegen, während wir das Strumpfband der durchlauchtigsten Medizinalrätin austanzen.« »Mein armer, lieber Bruder!« sagte Eleonore in einem Tone, wie er ihn so weich aus ihrem Munde kaum noch vernommen hatte. »Komm!« rief der Prinz. »Wir haben uns schon ganz ungebührlich verspätet. Ich erzähle dir unterwegs, was mich heute endlich zu dem Entschluß gebracht hat. – Ich kann es dir übrigens auch gleich in zwei Worten sagen.« Und während er sich den Säbel umschnallte, den Dolman um die Schulter warf und den Kolpak aufs Haupt stülpte, sagte er in hartem, verbissenem Tone: »Melanie leidet unter den Folgen der Verirrung einer leidenschaftlichen Stunde. Als Thronfolger eines deutschen Bundesstaates kann ich mich aber unmöglich aus diesem Grunde zur Heirat zwingen lassen, wie mein Kutscher, wenn er mit meinem Küchenmädchen Dummheiten gemacht hat. Ganz Europa würde schreien: Das ist lächerlich! Das ist skandalös! – Und ganz Europa würde Recht haben – obgleich meiner bescheidenen Ansicht nach mein Kutscher vielleicht der sittlichere Mensch von uns beiden wäre. Nun bliebe mir noch übrig, mit ihr vereint zu sterben – und dadurch ein paar beutegierigen Dichterlingen willkommenen Stoff zu liefern. Gräßlicher Gedanke! Es bleibt mir nichts übrig, als Charakter zu zeigen und ihr zu sagen: Kannst du nicht ohne mich leben, so stirb! – Hans Jochen hat mir übrigens versprochen, mich für den Fall, daß ich einmal diesen fürstlichen Charakterbeweis geben sollte, über den Haufen zu schießen. Ich hoffe, daß er Wort halten wird. Dann ist es auf einmal ausgestanden und alle Teile können zufrieden sein!« »Georg! Bist du bei Sinnen? Das kann nicht dein Ernst sein, das ist ja ...« Entsetzt über den verzweiflungsvollen Hohn in den Worten ihres Bruders, lief die Prinzessin auf ihn zu, um ihn zurückzuhalten. Aber er hatte schon die Schwelle überschritten, und draußen im Vorzimmer stand Graf Bracke und der Kammerdiener. Die Lippen fest aufeinander pressend, legte sie ihren Arm in den des Bruders und ließ sich von ihm die Treppe hinunter an den Wagen geleiten, in welchem das Fräulein von Katz ihrer bereits ungeduldig harrte. Georg Friedrich nahm in einem zweiten Coupé mit seinem Adjutanten Platz. – »Entschuldigen Sie, lieber Bracke, daß ich Sie so lange habe warten lassen!« »Königliche Hoheit befinden Sich hoffentlich jetzt besser.« »Das könnte ich eben nicht sagen. Ich will einmal versuchen, mir die Kopfschmerzen wegzutanzen. Uebrigens: ich habe Ihnen noch gar nicht so recht ordentlich Glück gewünscht. Sie werden wohl heute ausschließlich mit Ihrer Braut tanzen. Sagen Sie, wie hat sich denn das so plötzlich gemacht? Warum haben Sie sich gerade den Zwischenakt des fliegenden Holländers zur Verlobung ausgesucht?« »Ja, ich weiß eigentlich selbst nicht recht, wie die Sache anfing. Den Kuppelpelz hat sich jedenfalls Herr von der Nast verdient.« »Ach, der?!« rief der Erbgroßherzog, unangenehm berührt. Und er versank von da an in Schweigen und hatte für die muntere Selbstverspottung, mit welcher sein Adjutant die Geschichte seiner Ueberrumpelung zum besten gab, nur ein mattes, abwesendes Lächeln. Fünf Minuten später stieg er bereits die Treppe zu den Festräumen in der Villa des Professors hinauf, wo die glänzende Gesellschaft schon seit einer Stunde versammelt war und in jämmerlich ausgehungertem Zustand auf das Erscheinen der jungen Herrschaften gewartet hatte. Tante Chochotte schien nicht übel Lust zu haben, ihm die arge Verspätung als eine absichtliche Nichtachtung auszulegen, und er mußte bei Tische als ihr Nachbar eine geradezu krampfhafte Liebenswürdigkeit entfalten, um sie wieder zu versöhnen. An seiner andern Seite saß die brave Frau Pastorin Cordell, und es war wahrlich keine leichte Aufgabe für den armen Prinzen, die Unterhaltung mit zwei solchen Nachbarinnen im Fluß zu erhalten und gleichzeitig sich auf eine abermalige kleine Tischrede vorzubereiten, die man doch ohne Zweifel von ihm erwartete. Er mußte rasch und viel trinken, um seiner trostlosen Stimmung Herr zu werden; dann aber wurde er so gesprächig und heiter, daß alle Welt, und besonders die Frau Pastorin, ganz entzückt von ihm war. Auch das Hoch auf das würdige junge Ehepaar glückte ihm überraschend gut, obwohl er in dem Augenblick, als er sich erhob, noch keine Ahnung hatte, was er sagen würde. Es waren lauter Redensarten, wie sie jeder loyale Zeitungsschreiber bei dergleichen Anlässen, ohne sich lange zu besinnen, aufs Papier wirft. Der Redner selbst fand den verlogenen Schwulst, den er der festlichen Tafelrunde auftischte, abgeschmackt genug; aber in seiner Galgenlaune that er sich so recht eine Güte damit an, daß er Phrasen auf Phrasen häufte, indem er den erbaulichen Gedanken von der Macht der reinen Liebe, welche die engen Schranken alter Standesvorurteile allein niederzureißen im stande sei, wie einen Kuchenteig platt ausrollte. – Als nach Aufhebung der Tafel Prinzessin Eleonore die erste Gelegenheit ergriff, um dem Bruder mit sanftem Vorwurf ihre Bedenken über seine gefährlich liberale Rede auszusprechen, da zwirbelte er mit leisem Hohnlachen sein blondes Bärtchen auf und erwiderte: »Was willst du denn? Das ist der bekannte Thronfolger-Liberalismus, der gehört auch mit dazu. Jetzt wird mich unsere weltbewegende Presse zu ihrem Renommierfürsten erheben, und über acht Tage werde ich für diese überwältigende Ehrenbezeugung durch meine Verlobung mit einer königlichen Prinzessin quittieren. Weht der Wind aus Westen, dann kriegen die alten Excellenzen, die Worbisse und ihresgleichen, das Reißen in allen Gliedern und gehen ernstlich mit sich zu Rate, ob sie wohl auf ihre alten Tage noch einmal ihre Gesinnungen wechseln könnten! Und springt er dann plötzlich wieder nach Osten um, dann recken die wackligen Alten die Hälse wieder steif in die Höh', und die flotte Jugend läßt die Köpfe hängen und ballt die Faust in der Tasche. Was soll unsereinem denn sonst noch Spaß machen in diesem niederträchtigen Leben, wenn man sich nicht mehr daran ergötzen könnte, wie artig diese Menschenpuppen tanzen, mit denen es unsereins zu thun hat! – O, verlaß dich darauf, ich befinde mich jetzt vollständig auf der Höhe meiner Aufgabe. Ich denke, der heutige Tag hat mich thronreif gemacht; denn was man so als Selbstverleugnung zu rühmen pflegt, das ist doch meistens nur das Talent, seine Mitmenschen über seine wahren Meinungen und Gefühle geschickt zu täuschen. Sie wollen es ja nicht anders haben!« Die Prinzessin kam nicht dazu, ihm zu antworten, denn in diesem Augenblick begann die Musik zur Polonaise aufzuspielen, und sie mußte sich dem voranschreitenden jungen Ehepaar am Arme eines der vornehmsten Gäste anschließen. In der nächsten Tanzpause aber forderte sie den Erbgroßherzog zu einem Gange durch die entlegeneren Zimmer auf; denn es drängte sie, ihm etwas zu sagen, worüber sie schon den ganzen Abend über nachgedacht hatte. Sie fanden das Studierzimmer des Professors von Menschen leer, und Eleonore benutzte die gute Gelegenheit und sagte hastig, jedoch voll Wärme: »Du machst mir solche Angst, lieber Georg, mit deiner abscheulichen Philosophie! Wohin soll das führen – diese Menschenverachtung, dieser trostlose Pessimismus? Gerade du hast ja mehr Gelegenheit gehabt, die Menschen achten zu lernen, als leider die meisten unserer Standesgenossen.« »Was meinst du damit?« fragte der Prinz unsicher. Und Eleonore wandte den Kopf ein wenig zur Seite, scheinbar von einem Gemälde angezogen, und erwiderte: »Ich glaube nicht, daß du trotz deines Liebesleidens es so weit in der Weltverachtung gebracht hättest, wenn du nicht im Unfrieden von Kospoth geschieden wärest. In ihm hattest du doch einen Freund zur Seite, der sich nie zu einer dieser feigen Lügen bequemt hat, die dir die Menschheit so verächtlich machen, und der trotzdem die gesellschaftlichen Formen zu meistern verstand, wie man es von jedem Manne von guter Erziehung verlangt. Dein leidenschaftliches Temperament treibt dich immer gleich ins Extreme. Du wirfst das Unbedeutendste mit dem Allergewichtigsten zusammen, um deinen Groll damit zu heizen.« »Hast du mich hierher gelockt, um mir diese Predigt zu halten?« unterbrach sie Georg Friedrich ungeduldig. »Wundert es dich, wenn ich ausschlage und um mich beiße, wenn mir der kategorische Imperativ die Sporen ins wunde Fleisch jagt? Hast du schon vergessen, wozu dich selbst die leidenschaftliche Verblendung getrieben hat? Und dein berühmter Kospoth. ... Ach so, jetzt begreife ich auch! Eine schöne Zwickmühle, in der da mein armer Schädel zu Pulver verrieben wird! Haha! Hans Jochen war auch nur so lange der ideale, selbstlose Zukunftsmensch, als bis er entdeckte, daß sein Mädchen mich lieber mochte, als ihn; aber sobald ihm darüber ein Licht aufgegangen war, da hatte auch seine allumfassende Gerechtigkeit ein Ende. Er forderte seinen Carlos vor die Mündung seiner Pistole – derselbe Mann, der das Duell für ein Verbrechen oder mindestens doch für eine Dummheit erklärte!« Eleonore antwortete gar nicht auf diese höhnische Anklage, sie schüttelte nur den Kopf und seufzte. Und dann, als sie im Nebenzimmer Stimmen sich nähern hörte, griff sie rasch nach ihres Bruders Hand und flüsterte ihm hastig zu: »Thu' mir die Liebe, Georg, und schicke den Brief, den du heute an Papa geschrieben hast, nicht ab! Ich wage nicht daran zu denken, was alles daraus entstehen könnte, und ich müßte die Verantwortung dafür mittragen – und davor zittere ich! Schreibe heute noch an Kospoth, öffne ihm dein Herz ohne Rückhalt und bitte ihn um seinen Rat! Hörst du, Georg? Versprich mir das!« »Kospoth sollte in dieser Frage entscheiden? Das wäre doch wohl ein bißchen viel verlangt!« sagte der Prinz, ironisch lächelnd. »Ich glaube, du bist nicht recht ...« Er zuckte die Achseln und entzog seine Hand ihrem festen Griff, da in diesem Augenblick die breite Figur des Kammerherrn von der Rast in der Thüröffnung erschien. Schleppenden Schrittes und atemlos vor sich hin keuchend, schob sich der dicke Hofmann über die Schwelle und trocknete sich im Vorwärtstappen den Schweiß vom Gesicht. Dabei entging ihm die Anwesenheit der jungen Fürstlichkeiten, welche hinter der nach innen sich öffnenden Flügelthür standen, und er ließ sich, ungeniert ihnen den Rücken zuwendend, in einen niedrigen Polstersessel fallen und stöhnte ganz laut: »Ah! Puh! Jemine! Gräßlich!« »Sie sind ja ganz aufgelöst, Baron!« rief der Erbgroßherzog scherzend, indem er mit zwei raschen Schritten hinter den Sessel des Kammerherrn trat, der alsbald pflichtschuldigst aufspringen wollte. »Nein, bitte, bleiben Sie nur sitzen!« fuhr er fort, indem er ihn wieder auf seinen Sitz hinunterdrückte. »Sie haben wohl aus Begeisterung über den Sieg der Boland ein wenig zu eifrig getanzt?« Der Kammerherr bemühte sich, das gewohnte Lächeln in seine fleischigen Züge zu zaubern, und versetzte: »O nein, ich habe nur einen Rundtanz gewagt – aber der hatte es in sich! Nachdem Königliche Hoheit bei der Polonaise das Beispiel gegeben, hielt ich es für meine Pflicht, die Frau Pastorin Cordell aufzufordern. Sie sagte unbegreiflicherweise nicht nein – und das hat mir den Rest gegeben.« Obwohl ihm der Kammerherr seit heute abend noch verhaßter war als vordem schon, konnte sich der Erbgroßherzog doch nicht enthalten, über seine klägliche Miene zu lachen. Und Prinzessin Eleonore trat auch mit einer bedauernden Bemerkung herzu, aber nur in der Absicht, in seinen Mienen nachzuforschen, ob er nicht vielleicht nur eine Komödie mit ihnen spiele, um es zu verbergen, daß er im Nebenzimmer gehorcht habe. Allein diesmal schien er in der That unschuldig zu sein, oder er war wirklich ein ausnehmend guter Schauspieler. Er hatte sich nun doch emporgerafft und sagte mit einem so ernsthaften Gesichte, wie man es fast niemals bei ihm sah: »Ich kann Königliche Hoheit versichern, es ist mir heute so wenig nach Tanz und andrer Lustbarkeit zu Mute, daß ich am liebsten bitten möchte, mich zurückziehen zu dürfen.« »Ja, was haben Sie denn? Ist Ihnen etwa Fräulein Boland untreu geworden?« fragte der Erbgroßherzog ironisch. »Ich habe mein armes Kind sehr krank gefunden, als ich aus dem Theater nach Hause kam,« antwortete der Kammerherr, indem er den dicken Kopf traurig senkte, und leiser setzte er hinzu: »Sie hatte einen Brief aus Treysa bekommen, der sie maßlos aufgeregt hat.« »Aus Treysa? Ah!« Georg Friedrich schrak zusammen und blickte hinter sich. Eleonore huschte über den weichen Teppich geräuschlos aus dem Zimmer. Er war mit seinem Vertrauten allein und wiederholte noch einmal leise die bange Frage: »Aus Treysa?« »Ja, Fräulein Melanie hat ihr geschrieben ... Königliche Hoheit werden es ja inzwischen schon aus ihrem eigenen Briefe erfahren haben. Ich muß gestehen, ich war selbst ganz starr. Von dieser Möglichkeit hätte ich mir nichts träumen lassen! – Ich will Königliche Hoheit keinen Vorwurf machen – wer kann wissen, wozu die Leidenschaft. ... Aber meine arme Doris hat sich das Unglück so zu Herzen genommen – sie redet sich ein, sie wäre mit daran schuld, weil sie sich zum Werkzeuge ihres Vaters gebrauchen ließ! O, Königliche Hoheit, das arme Mädchen, das nie ein unfreundliches Wort über seine Lippen gebracht hat, hat mir Dinge gesagt! ... Und ich habe doch nur gethan, was ich als treuer Diener meines gnädigsten Herrn für meine Pflicht hielt.« Georg Friedrich biß sich auf die Lippen, daß es schmerzte, und wandte sich ab. Er vermochte nichts zu erwidern; aber sein Gewissen sagte ihm: »Der Schuldigste bist du!« Der Kammerherr schien zu erwarten, daß er ihm zu Hülfe kommen, ein entschuldigendes Wort an ihn richten würde; aber da keine Antwort erfolgte, seufzte er nur tief auf und betupfte sich abermals mit seinem gelbseidenen Schnupftuch das erhitzte Gesicht. Dann fuhr er flüsternd mit einem halb verlegenen, halb selbstbewußten Lächeln fort: »Ich glaube, Königliche Hoheit werden mit mir zufrieden sein. Wenn die Unglücksgeschichte ans Tageslicht kommt, wird alle Welt mich für den Missethäter erklären. Na, ich habe ja einen breiten Rücken, der schon einen kleinen Steinhagel aushalten kann! – Mein armes Mädel hegte ja eine solche schwärmerische Verehrung für Fräulein von Treysa, daß sie über ihren Verlust trauert, wie wenn ihr zum zweitenmal die Mutter gestorben wäre. Ich glaube aber, ich habe den rechten Trost für sie gefunden – und hoffe, damit auch Eurer Königlichen Hoheit einen Dienst zu leisten, der ...« »Was wollen Sie thun?« rief der Erbgroßherzog fast laut und wandte sich dabei so plötzlich herum, daß der Kammerherr erschrocken zusammenfuhr und unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Ein wenig unsicher und mit einem halb demütigen, halb erwartungsvoll gespannten Gesichtsausdruck sprach er: »Ich habe meiner Tochter gelobt, mein Unrecht dadurch zu sühnen, daß ich Melanies Schmach auf mich nehme und ihr meine Hand anbiete.« Georg Friedrich öffnete die Augen weit und streckte die Arme gegen den Baron vor, als wollte er ihn an den Schultern packen. »Herr! Das haben Sie Ihrer Tochter gesagt?« rief er mit heiserer Stimme. »Sie sind ja ...!« Er vermochte nicht weiter zu reden. Und das nichtsnutzige breite Lächeln legte sich wieder um den Mund des Kammerherrn, als er, die Aufregung des Prinzen völlig mißverstehend, erwiderte: »Ja, die Größe meines Opfers schien allerdings auch Doris im ersten Augenblick zu überwältigen. Ich hielt es für das beste, ihr Zeit zu lassen, sich zu fassen.« Georg Friedrich starrte dem Sprecher ins Gesicht, als traue er seinen Ohren nicht. Nur mit Anstrengung gelang es ihm, einen sehr deutlichen Ausdruck seiner Empörung, der ihm unwillkürlich auf die Lippen trat, hinunterzuwürgen. Und der Kammerherr, der das ausdrucksvolle Gesicht seines jungen Fürsten so voll Haß und Verachtung auf sich gerichtet sah, wich erstaunt und ängstlich zurück und begann unzusammenhängendes Zeug zu stottern. In diesem Augenblick stimmte drüben im Ballsaal die Musik einen leichtsinnig dahinrasenden Galopp an und Georg Friedrich drehte sich kurz auf dem Absatz herum, daß die Sporen klirrten, und verließ eiligst das Studierzimmer des Professors. Im raschen Durchschreiten der zwischenliegenden beiden Zimmer bemerkte er, in einem lauschigen Erker versteckt, seinen Adjutanten im traulichen Zwiegespräch mit seiner Braut. Er trat auf das Pärchen zu, verbeugte sich kurz vor dem Grafen und fragte: »Ist es erlaubt?« »O, bitte sehr, Königliche Hoheit!« beeilte sich der zu versichern, obwohl es gegen die Sitte und ihm wenig angenehm war, sein Bräutchen schon am Verlobungstage einem Andern zum Tanze abtreten zu sollen. Er selbst ergriff Wally bei der Hand und führte sie dem Erbgroßherzog entgegen; trotzdem sie halb schmollend, halb befangen sich gegen diesen Bruch mit dem Herkommen wehren zu wollen schien. Ehe sie noch die Schwelle des Ballsaals überschritten, hatte sie der Prinz bereits um die Taille gefaßt, und nun stürmte er durch die erstaunt Platz machenden Zuschauer hindurch in rasendem Tempo mit ihr in den Wirbel der Tanzenden hinein. Dem Fräulein von Katz schlug das Herz in banger Sorge, daß das seltsame Benehmen des Thronfolgers sie in den Augen der Gesellschaft bloßstellen könnte. Viele von diesen Leuten erinnerten sich gewiß noch der üblen Nachrede, die vor einigen Jahren über ihre Beziehungen zu Georg Friedrich im Schwange gewesen war, und es war gar nicht so undenkbar, daß sein auffälliges Benehmen irgend einen boshaften Beobachter reizte, ihren ahnungslosen Bräutigam auf eine gefährliche Fährte zu bringen. Seit er von seiner Reise zurückgekehrt war, hatte der Erbgroßherzog kein vertrauliches Wort mehr mit ihr gewechselt und sich ängstlich gehütet, ihr gegenüber auf Vergangenes anzuspielen. Aber wie sie nun in seinem Arm lehnte und ihre leichte Gestalt wie im Fluge von ihm durch den bacchantischen Wirbel tragen ließ, da spitzte sie ängstlich die Ohren; denn sie glaubte bestimmt, daß er nur die Gelegenheit gesucht habe, ihr irgend etwas Anzügliches zuzuraunen. Aber er blieb stumm, er hatte nicht daran gedacht, das Fräulein in Verlegenheit zu setzen. Er wollte sich nur in den Strudel stürzen, um sich zu betäuben, die hämmernden Pulse sollten die schmerzhaft einschneidenden Bande zersprengen, mit denen der Ekel ihm die Kehle zusammenschnürte, und das gewaltsam in Wallung gesetzte Blut sollte ihn davor bewahren, daß die eisige, starre, dumpfe Verzweiflung ihn nicht umkrallte, die sein fieberndes Auge in leibhaftiger Schreckgestalt schon langsam auf sich zukriechen sah. Drei, vier, fünf Mal umkreiste er mit dem kleinen Fräulein den ziemlich weiten Saal. Sie war die beste und unermüdlichste Tänzerin der Hofgesellschaft, darum hatte er gerade sie erwählt. Und er drückte sie immer fester an sich – er sah das Ungeheuer in seiner Einbildung trotz seiner rasenden Flucht immer näher kommen, und er wollte sich festklammern an das lustige, heiße, blühende Leben. »Bitte, bitte! Ich kann nicht mehr!« keuchte Wally von Katz, als er zum sechsten Mal mit ihr herumtanzen wollte. Aber er hörte sie nicht, gewaltsam riß er sie weiter, bis sie endlich die Hand fest von seiner Schulter abstemmte und fast laut ausrief: »Sie müssen mich loslassen! Ich kann nicht mehr!« In der Ecke, in der sie gerade Halt machten, stand ein leerer Stuhl, auf den das taumelnde Fräulein sich völlig erschöpft niedergleiten ließ. Und auch der Prinz schwankte und mußte sich an der Lehne dieses Stuhles sowie an der Wand festhalten, um nicht umzusinken. Vornübergebeugt, keuchend, stand er da und starrte an ihr vorbei mit irrem Blick in das Gewühl des Tanzes. Wally bemerkte, wie die in der Nähe herumstehenden Gäste sie und den Prinzen neugierig beobachteten, wie man sich lächelnd seine Bemerkungen zuflüsterte, und sie geriet ganz außer sich vor Scham und Zorn. Wofür sah sie denn der Prinz an, daß er glaubte, sich mit ihr etwas erlauben zu dürfen, was kein Kavalier sich einer Dame, und noch dazu einer jungen Braut gegenüber herausgenommen hätte! Das war ja kein Tanzen mehr, das war eine wilde Jagd gewesen! Und wie er sie an sich gedrückt hatte – alle Welt mußte es bemerkt haben! Sie war dem Weinen nahe und wäre am liebsten aufgesprungen und allein durch den Saal davongelaufen. Aber das hätte das peinliche Aufsehen nur ärger gemacht. Ah, da kam ja Graf Bracke schon auf sie zu! Gewiß war er eifersüchtig, entrüstet wohl gar. Wenn er nur keine Scene machte! – Ein öffentlicher Skandal an ihrem Verlobungstage – schrecklich! Rasch erhob sich die kleine Katz und flüsterte dem Prinzen zu: »Führen Sie mich meinem Bräutigam entgegen, Königliche Hoheit! O, warum haben Sie das gethan?« Der Prinz warf mit einem Ruck den Kopf in die Höh' und suchte sich zu besinnen; aber er schien den Sinn ihrer Worte nicht begriffen zu haben. Denn er sah mit einem so abwesenden Blick über sie hinweg, daß ihr wie ein Blitz der Gedanke durch den Kopf fuhr, er müsse krank sein. Ein paar Sekunden später stand Graf Bracke vor ihnen, verbeugte sich kurz vor dem Erbgroßherzog und sagte leise, mit ernster Miene: »Königliche Hoheit gestatten wohl, daß ich meine Braut ...« Nun sah der Prinz mit seinem unheimlich weiten Blicke den Sprecher an, dann verzog er den Mund zu einem Lächeln und unterbrach ihn halblaut und keuchend: »Schon? Ach, schade! Fräulein von Katz tanzt so göttergleich, daß man niemals aufhören möchte. Lassen Sie mich nur noch diesen Galopp zu Ende ... dann ist ja alles aus!« Der Adjutant trat noch näher an seinen Herrn heran und flüsterte ihm zu: »Königliche Hoheit sind krank. Man ist bereits allgemein aufmerksam geworden. Ich möchte bitten, Königliche Hoheit nach Hause begleiten zu dürfen.« Da packte Georg Friedrich den zierlichen Husaren fest um das linke Handgelenk und versetzte leise, fast flehend: »Was wollen Sie von mir? Lassen Sie mich doch tanzen! Ich werde wahnsinnig, wenn ich nicht mehr tanzen darf!« Graf Bracke warf seiner Braut einen bedeutungsvollen Blick zu, dann reichte er ihr den Arm und geleitete sie, ohne seinem unglücklichen Fürsten weiter Rede zu stehen, aus dem Saale hinaus und wieder nach jenem Erker im Nebenzimmer, von wo aus sie der Prinz zum Tanze geführt hatte. Wally vermochte nicht mehr an sich zu halten. Sobald sie wieder auf ihrem alten Platze saß, brach sie in Thränen aus, und ihr Bräutigam konnte sie nur mit Mühe durch die Versicherung beruhigen, daß er ihr keineswegs zürne, und indem er sie bat, auch dem Erbgroßherzog nicht nachtragen zu wollen, wozu ihn seine krankhafte Aufregung verführt habe. »Du glaubst nicht,« schloß er, »wie furchtbar tief ihm die Geschichte mit der Treysa gegangen ist. Jetzt muß da eine Krisis eingetreten sein. Ich habe es ihm wohl angemerkt, daß er heut wieder einen aufregenden Brief bekommen hat. – Furchtbar leid thut er mir – aber was wird's ihm helfen? Es weiß ja schon alle Welt, daß er sich nächstens mit der Prinzessin Clementine verloben muß. Warte hier einen Augenblick, ich will mich hinter den Medizinalrat stecken, der muß ihn bewegen, nach Hause zu fahren.« Er war noch nicht zwei Minuten fort, als plötzlich, ohne daß sie ihn hatte kommen sehen, der Erbgroßherzog vor Wally stand. Er lehnte sich über die eichene Brüstung, welche den Erker im Halbkreis umhegte, schaute mit brennenden Blicken in ihr ängstliches Gesichtchen und flüsterte: »Ach, kleine Katz, liebe, kleine Katz! Als wir uns liebten, da war alles anders, da war ich glücklich! Das ist jetzt alles aus! Komm, laß uns nur noch einmal zusammen tanzen! Es packt mich wieder, wenn ich nicht mit dir tanzen darf! Komm, komm, du warst mir doch früher so gut!« Und er streckte seinen Arm über das Geländer hinweg, um sie bei der Hand zu ergreifen. »Prinz! Sie sind wahnsinnig!« flüsterte Wally entsetzt, indem sie rasch aus dem Bereich seiner Arme zurückwich. »Ich rufe um Hilfe, wenn Sie nicht fortgehen! Sehen Sie doch, dort kommen Leute!« Mit wirrem Lächeln wandte Georg Friedrich sich um. Durch die nach dem Flur führende Thür trat ein Diener herein, der verschiedene kalte Getränke auf einem Präsentierbrett trug, und in der andren Thüröffnung, die nach den Wohnräumen führte, erschien im selben Augenblick schwankenden Schrittes, von dem schönen, weißbärtigen Professor begleitet, die plumpe Gestalt des Kammerherrn von der Rast. Bei seinem Anblick schien den unglücklichen Prinzen der helle Wahnsinn zu packen. Mit drohend erhobenen Fäusten stürzte er auf den verhaßten Kuppler los, um ihn zu Boden zu schlagen. Und fast hätte den Professor Cordell, der mit rascher Geistesgegenwart dazwischentrat, der wütende Schlag getroffen, wenn er nicht noch im letzten Augenblick den Kopf zurückgebogen hätte. »Lassen Sie den Baron in Frieden,« redete der berühmte Arzt den Rasenden mit zwingendem Ernste an, und dann legte er ruhig seine Hand auf den zitternden Arm des Prinzen und hielt ihn so fest, bis der Kammerherr das Zimmer durch die Außenthür verlassen hatte. »Was wollten Sie dem Manne anthun?« begann er dann von neuem leise und vorwurfsvoll. »Königliche Hoheit wissen wohl nicht, daß er soeben an das Totenbett seiner Tochter gerufen worden ist?!« »Was ist das?« rief Georg Friedrich laut, und die überraschende Kunde schien ihn wieder zu sich zu bringen. Die Scene war vom Ballsaal aus beobachtet worden, und da zudem der Tanz gerade aufhörte, so war in wenigen Sekunden ein großer Teil der Hochzeitsgäste in das Empfangszimmer geströmt, hatte sich mit rücksichtsloser Neugier um den Thronfolger und den Professor geschaart und versuchte zu erlauschen, was dieser mit leiser Stimme seinem fürstlichen Verwandten mitzuteilen hatte. »Mein Diener brachte mir vor wenigen Minuten die traurige Botschaft, daß Fräulein von der Rast von ihrem Dienstmädchen, das neben ihr in der Bodenkammer schlief und durch Schmerzensgestöhn aus dem Schlafe geweckt wurde, tot im Bett gefunden worden sei. Der Diener traute sich nicht, die Nachricht selbst zu überbringen, und so mußte ich die traurige Pflicht übernehmen.« »Wie nahm er es auf?« fragte der Prinz rasch, mit gieriger Spannung. »Er brach zusammen, wie vor den Kopf geschlagen, und dann stöhnte er: Sie hat sich vergiftet mit dem verfluchten Zeug – ja, pardon! er sagte: mit dem verfluchten Zeug, das Königliche Hoheit ihr geschenkt hätten.« Nur Georg Friedrich hatte die Worte deutlich vernommen und aus dem ernsten Ton, mit dem sie gesprochen, dem vorwurfsvollen Blick, mit dem sie begleitet wurden, entnehmen müssen, daß ihn der Professor für einen Giftmischer oder dergleichen zu halten scheine. Da übermannte ihn aufs neue eine rasende Wut, und er hätte sich diesmal wirklich thätlich an dem würdigen Herrn Geheimrat vergriffen, wenn ihm nicht in dem Augenblick, wo er wie zum Anlauf zurücktrat, der Diener mit dem Präsentierbrett vor Augen gekommen wäre. Der Mann stand mit offenem Munde, ihn neugierig anstarrend, dicht neben ihm und bekam, als er nun plötzlich den wutfunkelnden Blick des Erbgroßherzogs auf sich gerichtet fühlte, eine solche Angst, daß er dermaßen zu zittern begann, daß die gefüllten Gläser auf seinem Präsentierbrett aneinander klirrten. Der komisch dumme und zugleich entsetzte Ausdruck in diesem glattrasierten Bedientengesicht brachte wunderbarerweise den Rasenden wieder zu sich. Er sah um sich und bemerkte nun erst, daß er der Mittelpunkt der allgemeinen Neugier sei. Die jung vermählte Geheimrätin, der man soeben die Schreckenskunde in den Ballsaal gebracht hatte, ihr fürstlicher Neffe habe die Hand gegen ihren Gemahl erhoben, stürzte in diesem Augenblicke, vor Aufregung ganz außer sich, durch das Gedränge und warf sich dem Professor um den Hals, um ihn mit ihrem Leibe zu decken. Ihr folgte auf dem Fuße, totenbleich im Gesicht, Prinzessin Eleonore und berührte den Bruder leise am Arm, wie um ihn zu sich zurückzurufen. Von der andern Seite her trat gleichzeitig Graf Bracke auf ihn zu, bereit, sich mit Aufbietung seiner ganzen Kraft auf den Wahnsinnigen zu werfen. Andre Herren drängten sich ihm nach, während die meisten Damen sich ängstlich zurückzogen. Da reckte sich Georg Friedrich hoch auf, wie um den Bann von seinen Sinnen zu schütteln. Ein verächtliches Lächeln zuckte über sein Gesicht und dann ging er rasch auf den Diener zu, ergriff eins von den Gläsern mit Limonade und rief, es mit ironischer Höflichkeit gegen den Professor erhebend: » Vivat sequens !« Mit ratlosem Erstaunen blickte einer dem andern ins Gesicht, und der Professor wußte vollends nicht, ob er hinter diesem Worte einen schauerlichen Doppelsinn, oder nur einen gleichgültigen Scherz vermuten sollte. Da rief Graf Bracke mit lauter Stimme: »Bitte die Herrschaften zur Quadrille zu engagieren!« Ein dankbarer Blick der Prinzessin Eleonore belohnte ihn für diesen vortrefflichen Einfall, und auch der Prinz wandte sich, nachdem er sein Glas geleert hatte, rasch nach ihm um und nickte ihm freundlich zu. Dann verbeugte er sich vor der Geheimrätin, die eben erst zaghaft ihre umklammernden Arme von dem Halse des Gatten gelöst hatte, und sagte: »Verehrte Tante, darf ich vielleicht bitten?« »Um Gotteswillen!« platzte die kleine Durchlaucht ungeschickt heraus, setzte jedoch, sich rasch verbessernd, sogleich hinzu: »Nein, danke! Ich tanze nicht mehr.« Gleich darauf ertönte auf Anordnung des Adjutanten, der das Amt des Tanzordners wie bei Hofe, so auch hier, zu versehen hatte, aus dem Ballsaal die Aufforderung zur Quadrille, und die neugierig herumstehenden Gäste mußten sich, um den Anstand zu wahren, bequemen, sich allmählich zurückzuziehen. Als sie außer Hörweite waren, zog Prinzessin Eleonore ihren Bruder beiseite und redete ihm, voll ängstlicher Besorgnis, zu, sofort heimzufahren. »Ja, du hast recht!« versetzte der Prinz und griff sich seufzend an die Stirn. »Man hält mich vermutlich für verrückt. Die Leute haben vielleicht recht. Ich fürchte selbst, ich kann mich nicht mehr lange aufrecht halten. Ich weiß nicht, was da in mir vorgeht, es ist heut zu furchtbar viel auf mich eingestürmt!« »Du bist sehr krank, Georg! Ich komme mit dir, ich werde dich nicht verlassen.« Er drückte ihr warm die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, und dann trat er wieder auf den Professor zu, der noch damit beschäftigt war, sein Frauchen, das sich immer noch zitternd an seine Seite schmiegte, zu beruhigen, und entschuldigte sein sonderbares Benehmen, so gut es gehen wollte. »Es wird mir schwer, Ihnen jetzt alles zu erklären,« schloß er; »Sie werden vielleicht einmal verstehen ... oder auch nicht. Glauben Sie mir, ich bin nur toll bei Nordnordwest! Es ist nur, daß ich diesen Rast nicht mehr sehen kann, ohne wild zu werden. Ich denke, er soll mir nicht mehr vor Augen kommen. – Liebe Tante, es thut mir unendlich leid, daß ich Ihr Hochzeitsfest so unangenehm gestört habe.« Die beiden Herrschaften schnitten seine Entschuldigungen durch einige bedauernde Redensarten ab, und dann ließ der Professor, da die Hofkutschen noch nicht zur Stelle waren, seinen eignen Wagen anspannen und geleitete selbst seinen hohen Gast samt dessen Schwester bis vor die Hausthür. – Die Turmuhr hatte eben drei geschlagen, als endlich das Licht im Zimmer der Prinzessin Eleonore verlöschte. Um halb zwei Uhr hatte sie ihren Bruder verlassen, nachdem er ihr sein Ehrenwort gegeben, daß er sich zu keiner verzweifelten That hinreißen lassen wolle. Dann erst war sie in ihre Gemächer hinuntergestiegen, um sich einen bequemen Morgenrock anzuziehen und einen langen, inhaltschweren Brief zu schreiben. Die Adresse lautete: »An Herrn Baron Hans Joachim von Kospoth.« – – – Erst spät am andern Tage erwachte der Kammerherr von der Rast aus seinem unruhigen, von schweren Träumen gestörten Schlafe. Auf seinem Nachttisch lag noch der Zettel, den er bei der Leiche der unglücklichen Doris gefunden hatte. Die wenigen Zeilen, in ihrer steifen, ungeschickten Kinderhandschrift geschrieben, lauteten: »Sei mir nicht böse – ich kann dies Leben nicht länger ertragen. Ein paar Wochen lang habe ich geglaubt, es gebe auch für mich ein Glück durch die Freundschaft schöner, edler Menschen. Ich bin zu furchtbar enttäuscht und gemißbraucht worden von denen, die ich in der Welt am liebsten hatte. Was habe ich jetzt noch vom Dasein zu erwarten? Wem kann ich noch etwas sein? Auch wir beide, mein Vater, werden uns nie wieder recht verstehen lernen nach dem, was Du mir heute abend gesagt hast. Auch Du wirst freier aufatmen können, wenn ich nicht mehr bin. Lebe wohl und gedenke in Liebe Deiner unglücklichen Doris.« Eine halbe Stunde später saß der Kammerherr einsam am Kaffeetisch und rührte minutenlang mit dem Löffel in seiner Tasse herum, ohne einmal den schweren Kopf von der Hand zu erheben, auf die er ihn stützte. Wie alt, wie verfallen der Mann aussah nach dieser fürchterlichen Nacht! Da trat das Dienstmädchen herein und legte stumm einen Brief vor ihn hin auf den Tisch. Er starrte gleichgültigen Blickes darauf. Es war ein zartgefärbtes Couvert von absonderlicher Form, mit wunderlichen Verzierungen in Buntdruck aufgepreßt. Mechanisch griff er danach und öffnete sorgfältig, wie er es gewohnt war, mit seinem Federmesser den Umschlag, entnahm ihm einen im gleichen Stile ausgestatteten Briefbogen und las: »Mein goldiges Kammerherrchen! Mein süßer, wohlbeleibter Freund! »Was höre ich von Euch? Ihr wollt mich heiraten – sagte mir soeben mein verehrter Chef mit dem malitiösesten Lächeln von der Welt. Die Idee ist großartig, ganz Eures erhabenen Geistes würdig, und ich zweifle nicht daran, daß ich mich an Eurer Seite als Baronin von der Rast ganz famos ausnehmen werde. Sollte es Euch mit Euren Gefühlen ernst sein, mein teurer Sir John, so könnte ich mich darauf gefaßt machen, daß mein eifersüchtiger Chef sich bestreben würde, mir meine fernere Wirksamkeit am großherzoglichen Hoftheater nach Kräften zu verekeln. Er läßt womöglich das nächstemal die Lindner wieder die Senta singen! Da ich aber immer für das Solide gewesen bin, so würde ich trotz alledem Euren ehrenvollen Antrag annehmen, falls Ihr nicht bis morgen früh andrer Meinung geworden seid. Der Chef will nämlich wissen, woran er ist. Also eilet mit thunlichster Beschleunigung in die Arme Eurer Hochachtungsvoll ergebenen Seraphine Boland. » P.S. Nach dem Bombenerfolg von heute abend bin ich gar nicht darum bange, daß mich auch erste Bühnen mit Kußhand engagieren. Also wenn Du die Konventionalstrafe zahlen willst, mein süßer Freund, so folge ich Dir zum Altar, sobald Du es wünschest.« Der Kammerherr ballte das duftende Briefchen wütend zusammen und schleuderte es mit einem Fluch zu Boden. Vierzehntes Kapitel In welchem viel gute Worte in den Wind gesprochen werden. Etwa eine Woche nach den zuletzt geschilderten Ereignissen, an einem wundervollen Maientage, waren die Herren von Kospoth, Vater und Sohn, wieder einmal auf Schloß Treysa zu Besuch. Hans Jochen hatte seinen Vater nicht ohne Schwierigkeit dazu überredet, ihn diesmal zu begleiten; denn der joviale alte Baron ließ sich nicht gern in seiner Behaglichkeit stören, und Melanies Anblick schuf ihm das allerpeinlichste Unbehagen, seit er wußte, daß sie und ihr unglückseliges Schicksal es war, was seinen guten, vernünftigen Jungen so gänzlich aus dem Häuschen gebracht hatte – wie er sich ausdrückte. Heute aber brauchte ihn sein Sohn ganz unumgänglich nötig zu dem Zwecke, den alten General zu beschäftigen, damit er ungestört mit Melanie reden könnte. Die Briefe, die er mit der Prinzessin Eleonore gewechselt, hatten seine Hoffnung, daß vielleicht doch noch alles wieder gut werden könnte, aufs neue belebt. Seiner energischen Natur war es geglückt, den furchtbaren Druck, den das tiefe Mitgefühl mit der Verzweiflung der Geliebten auf seine verwundete Seele ausübte, abzuwälzen. Jetzt, wo er aus voller Ueberzeugung ihr gegenüber als Anwalt des Prinzen auftreten konnte – die Briefe der klugen, hochherzigen Prinzessin hatten ihm diese Ueberzeugung verschafft – jetzt durfte er hoffen, daß sein hingebendes Bemühen, Melanies Lebensmut wieder aufzurichten, doch vielleicht nicht vergebens sein werde. Jedes Wort, das er ihr sagen wollte, hatte er sich sorgfältig überlegt, die Einwendungen, die sie vorbringen konnte, erwogen – wenn sie ihn überhaupt anhörte, wenn sie nur bei ihrer krankhaften Erregung fähig war, einer vernünftigen Auseinandersetzung zu folgen, so konnte diesmal sein Bemühen nicht gänzlich ohne Erfolg bleiben. Und diese Ansicht trieb ihm das Blut rascher durch die Adern, rötete aufs neue seine in den letzten schweren Wochen bleich gewordenen Wangen, und der köstliche Ritt durch den im jungen Grün prangenden Forst that noch ein Uebriges, seine Zuversicht zu stärken. Auf Melanie aber schien der verheißungsvolle Witterungsumschlag, die lebenstrotzende Pracht des voll erblühten Lenzes nicht die geringste Wirkung ausgeübt zu haben. Die beiden Kospoth erschraken unwillkürlich bei ihrem Anblick. So geisterhaft bleich hatten sie sie noch nie gesehen. Eine unheilvolle Entschlossenheit prägte sich in ihren Zügen aus, und als der alte Baron seinem Sohne bei der ersten Gelegenheit zuraunte: »Du, die hat etwas vor!« sprach er damit nur Hans Jochens eigene bange Empfindung aus. Es war ihnen auch nicht entgangen, daß ihr Besuch Melanie so ungelegen wie möglich komme. Der greise General dagegen war außerordentlich erfreut, die beiden Herren bei sich zu sehen. Es schien überhaupt, als ob der Frühling mit neu belebendem Hauche in sein nur noch glimmendes Lebensfünkchen geblasen habe; denn er vermochte nicht nur dem Gespräche mit Verständnis zu folgen, sondern war auch auf seine Art so redselig, wie seit langer Zeit nicht. Trotzdem er darüber klagte, daß seine Augen seit diesem Winter schwächer zu werden anfingen, entwickelte er doch allerlei Pläne, wie er das edle Waidwerk auszuüben gedenke; ja er sprach sogar die Absicht aus, demnächst eine Anzahl Herren zu einer Treibjagd einzuladen. Man nahm den Kaffee im Garten ein, wobei Melanie einsilbig und mit müden Bewegungen die Wirtin machte. Der Verabredung gemäß schlug Baron Kospoth dem General eine Partie Piquet vor, und als Melanie um die Erlaubnis bat, sich zurückzuziehen, folgte ihr Hans Jochen nach. »Wollen wir nicht einen Gang durch den Park machen?« begann er freundlich. »Wozu? Wir sind ja schon vor dem Kaffee ringsherum gewesen. Ich bin so müde, entschuldige mich!« versetzte sie, ohne ihn dabei anzusehen. Sie war augenscheinlich ungeduldig, von ihm loszukommen. Doch er ergriff ihre Hand und sprach: »Nein, ich lasse dich heute nicht los, Melanie, ich habe Wichtiges mit dir zu reden.« »Laß doch nur! Es hilft ja doch nichts!« antwortete sie mürrisch und suchte ihm ihre Hand zu entziehen. Aber er ließ sie nicht los. »Ich habe Briefe aus der Residenz bekommen, die dich sehr nahe angehen. Sieh, ich habe mich bisher immer gescheut, mit dir vom Erbgroßherzog zu reden. Ich habe mir Mühe gegeben, deine Gedanken auf alle mögliche Weise abzulenken; aber jetzt sehe ich ein, daß das ganz nutzlos war. Komm, wir müssen uns einmal offen aussprechen. Jetzt erst weiß ich selbst ganz sicher, was ich von Georg Friedrich zu halten habe, und du wirst mir nicht mehr vorwerfen können, daß ich aus Eifersucht ungerecht gegen ihn sei.« Mit einem bittern Lächeln zog sie ihre Mundwinkel nach unten und sagte: »Ah so! Ich weiß schon, was du meinst. Der Klatsch ist auch bis zu mir gedrungen. Irgend ein ungenannter Freund, oder wahrscheinlicher noch eine Freundin, hatte die Aufmerksamkeit, mir das abscheuliche Schmutzblatt zuzuschicken, in dem die Hochzeit der Prinzessin Georgine in so boshafter Weise beschrieben wurde. Der Thronfolger hätte dabei die freie Liebe leben lassen und den vortrefflichen Weinen so eifrig zugesprochen, daß er schließlich gar habe anfangen wollen, sich mit dem Professor zu raufen, worauf ihn dieser in seinem eigenen Wagen hatte nach Hause schaffen müssen. Zum Schluß hieß es dann noch so recht höhnisch: Sicherem Vernehmen nach steht die Verlobung dieses jovialen Prinzen mit einer ***schen Prinzessin schon in allernächster Zeit zu erwarten. – Das wolltest du mir doch wohl auch erzählen, nicht wahr?« »Nein, Melanie! Von dieser Schurkerei weiß ich noch gar nichts. Traust du mir wirklich eine so niedrige Rachsucht zu?« Er sah sie traurig vorwurfsvoll an, und sie senkte beschämt den Blick zu Boden, und dann sagte sie leise: »Verzeih! – Komm, laß mich hören was du mir zu sagen hast!« Am grünen Ufer des Baches, der, munter plätschernd, den Park durchschnitt, gingen sie entlang, bis sie einen kleinen Hügel erreichten, auf dem unter einem sogenannten Pilzdach eine Gartenbank zum rastenden Genuß der lieblichen Aussicht einlud. Dort nahmen sie Platz, und er las ihr einen Brief vor, den er am heutigen Morgen erst von Wally von Katz empfangen hatte, und worin sie ihm mit allen Einzelheiten, und zwar in einem sehr geschickten, drollig anschaulichen Stile, die kurze Geschichte ihrer Verlobung erzählte und daran einen langen Bericht über den so aufregenden Verlauf des Cordellschen Hochzeitsfestes anschloß. Es ging daraus hervor, daß allerdings die überwiegende Mehrheit der Anwesenden den Erbgroßherzog für betrunken gehalten hatte; doch ihr Bräutigam und der Professor hatten sich hernach aufs eifrigste bemüht, ihn als krank darzustellen – und das sei in der That Wahrheit gewesen. Infolge des traurigen Endes der unglücklichen Doris von der Rast sei auch die Erinnerung an die Gerüchte, die seiner Zeit über die Besuche des Prinzen in der Hofjägerei umgingen, wieder aufgefrischt worden, und nicht nur sie selbst mit ihrer »phänomenalen Kombinationsgabe, sondern auch ganz mediocre Intelligenzen« hätten nunmehr wohl begreifen müssen, woher sich die nervöse Aufregung des Erbgroßherzogs und sein Haß gegen den Kammerherrn schreibe, zumal da man wußte, daß die allgemein besprochene Verlobung mit der Prinzessin Clementine thatsächlich beschlossene Sache sei. »Alle Duckmäuser und Philister der Residenz,« hieß es dann weiter, »die unserm liebenswürdigen Prinzen von jeher seine galanten Abenteuer nachgetragen haben, schwelgen jetzt in Entrüstung und wollen das nächstemal einen Republikaner in den Landtag wählen, falls ein solcher im Großherzogtum aufzutreiben sein sollte. Alle verständigen und gefühlvollen Leute aber, wie zum Beispiel meine Kleinigkeit, bedauern ihn nicht nur aufrichtig, sondern sehen auch diese traurigen Aeußerungen seines Herzeleides für einen Beweis dafür an, daß sich sein Empfinden in den letzten Jahren gerade durch diese schmerzliche Erfahrung bedeutend verfeinert und vertieft habe. – Wissen Sie eigentlich, wie es Melanie von Treysa geht? Von der hört man ja gar nichts mehr; denn in diesem Punkte darf sich mein Wölfchen leider nicht des Allerhöchsten Vertrauens rühmen, (Wölfchen ist übrigens zu süß! Denken Sie, gestern erst wagte ich ihm zu gestehen, daß ich schon sechsundzwanzig Jahre alt bin – ein geschlagenes halbes Jahr älter als er! Aber er fiel nicht einmal um vor Schreck. Wissen Sie, was er sagte? ›Habe ich dich so lange sitzen lassen, mein Schatz, dann kannst du jetzt auch einmal stehen bleiben, während ich dir ein paar Jahre vorausgaloppiere‹. Nett! Nicht wahr?) Ja richtig, die Melanie! Ich konnte sie erst aus gewissen Gründen nicht ausstehen; aber sie war doch eigentlich ein prachtvolles Mädchen. Wie trägt sie es denn nun? Ich möchte ihr etwas von meinem Leichtsinn wünschen, damit sie darüber wegkommt. Wenn Sie sie sehen sollten, so geben Sie ihr doch einen recht schönen Kuß von mir und sagen Sie ihr, es thäte meiner Hoheit schrecklich leid, daß sie sie damals beim Abschied so schlecht behandelt hat. Sie hat mich zwar nicht beauftragt, das zu sagen; aber ich habe es ihr doch aus allerlei gelegentlichen Aeußerungen angemerkt. Die Prinzessin ist überhaupt seit meiner Verlobung viel, viel liebenswürdiger zu mir. Ich glaube übrigens selbst, daß ich vorher nicht viel getaugt habe; aber jetzt bin ich wirklich ein ganz guter Kerl, und mein Wölfchen soll schon mit mir zufrieden sein! Da ich vor ihm keine Heimlichkeiten haben mag, so wird dies wohl der letzte Brief sein, den Sie von mir kriegen. »Herrjeh! Beinah' hätte ich das Interessanteste vergessen! Denken Sie, neulich war ich so dreist, meiner Hoheit von Ihnen zu sprechen – und sie war gar nicht böse! Sie hätten nur sehen sollen, wie nett sie errötete und wie geduldig sie zuhörte, als ich dann ein Loblied auf Ew. Hochwohlgeboren anstimmte! »Mit diesem angenehmen Eindruck will ich mich Ihnen empfehlen, mein verehrter Freund und Gönner. Fahren Sie nur immer unentwegt fort, recht freundlich zu gedenken Ihrer aufrichtig ergebenen Wally von Katz, demnächst Gräfin Bracke. »Bracke heißt bekanntlich Hund! Hund und Katz kommen da im heiligen Ehestand zusammen. Ist das nicht süß? Wölschen findet es schneidig !« Melanie war der Vorlesung aufmerksam, jedoch ohne eine besonders lebhafte Teilnahme an den Tag zu legen, gefolgt. Ihre großen, glänzenden Augen starrten trübsinnig in die Landschaft hinaus, nur zuweilen zuckte es über ihr Gesicht, wie wenn die scherzhaften Wendungen der Briefschreiberin sie verletzten. Nur ganz am Schlusse, als von dem veränderten Benehmen der Prinzessin die Rede war, horchte sie auf, und ihre erste Frage, nachdem Kospoth geendigt hatte, knüpfte auch an diese Stelle des Briefes an. Er berichtete ihr in kurzen Worten, welch peinliches Mißverständnis damals die Rache der schmerzlich enttäuschten Prinzessin herausgefordert habe, und dann fuhr er fort: »Nun du dies weißt, wirst du es auch richtig zu schätzen wissen, was es bedeutet, wenn diese stolze Prinzessin mir freimütig ihr Unrecht eingesteht und mich um Verzeihung bittet für die harten Worte, mit denen sie uns beide in der ersten Erregung verblendeter Eifersucht gekränkt hat. Sieh, Melanie, da habe ich zwei Briefe von ihr! Willst du sie lesen? – Mein Gerechtigkeitsgefühl ruft die Prinzessin an, ich soll der Richter sein über ihres Bruders Handlungsweise! Denke dir, ich, dem er das Teuerste geraubt hat, was ich ...« Er brach bewegt ab, denn er wollte nicht in dieser vielleicht entscheidenden Stunde sein eigenes Leid in den Vordergrund drängen. Jetzt war ihre volle Teilnahme erweckt. Halb ängstlich, halb bewundernd schaute sie zu ihm empor und wartete darauf, daß er weiter sprechen sollte. Allein er schwieg und drückte ihr, ohne sie anzusehen, die Blätter in die Hand. Erst nachdem sie eine ganze Weile gelesen hatte, wagte er sie wieder anzublicken und den Eindruck zu beobachten, den die beredten Worte der Prinzessin auf sie machten. Er sah, mit wie gespannter Teilnahme ihre Augen über die Zeilen hinflogen und wie ein sanftes Rot dabei ihre blassen Wangen zu beleben begann. Als sie sich dem Ende näherte, füllten sich ihre Augen mit Thränen, so daß sie mehrmals innehalten mußte, um sie zu trocknen. Und als sie dann endlich zu Ende war, lehnte sie sich, leise aufschluchzend, zurück und reichte ihm mit ihrer zitternden Rechten die Briefe hin. Er ließ ihr Zeit, sich ein wenig zu beruhigen. Dann erst griff er nach ihrer Hand und sagte, sie leise streichelnd: »Nicht wahr, Melanie, du siehst es auch ein, daß sie Recht hat? – Ich will dir's nur gestehen, ich habe in der blinden Leidenschaft meiner ersten Empörung dem Erbgroßherzog aufgelauert, als er damals am Todestage deiner Mutter mit dir heimliche Zusammenkunft hatte, und ich habe ihm gedroht, ihn niederzuschießen, wenn er versuchen sollte, sich der einzig möglichen Sühne zu entziehen, die er dir schuldig war.« »Das hast du gethan?« unterbrach sie ihn, rasch atmend, und starrte ihm mit entsetzter Miene ins Gesicht. »Es war wohl verzeihlich,« entgegnete er leise, den Blick zu Boden senkend. Da legte sie ihre Hand über die Augen und seufzte: »Ach, freilich! Ich vergesse immer ... Verzeih' mir, Hans Jochen! Du bist so gut, so selbstlos, und ich ... ich kann nur immer an das eine denken! Ich habe nicht mehr die Kraft, mich aufzuraffen. Ich ... ich danke dir für deine treue Liebe, Hans Jochen! Kein Bruder hätte das für mich gethan, was du gethan hast, trotzdem ich dich so furchtbar ...« Die Stimme versagte ihr, und sie legte den Kopf in ihre hohlen Hände auf den Rand des Gartentisches. Er rückte ihr näher, strich ihr leise über das Haar und sagte liebevoll: »Du darfst dich nicht länger dieser dumpfen Verzweiflung hingeben. Du mußt doch einsehen, daß die Prinzessin recht hat mit jedem Worte, daß sie da über ihren Bruder schreibt. Siehst du, er hat ja eigentlich noch schwerer zu leiden als du; denn er muß das Bewußtsein mit sich herumtragen, daß er allein schuld ist an dem tiefen Elend, das er über dich gebracht hat.« »Schuldig?« fuhr Melanie heftig auf. »Ich begreife nicht, was für eine Schuld darin liegen soll, daß er mich liebte und daß er's mir gestand. Hast du das nicht auch gethan? Wer kann wissen, wozu die Leidenschaft uns treibt? Führt sie zum Unglück, dann ist es eben ein Verhängnis, dem wir nicht entgehen konnten.« Kospoth schüttelte den Kopf und unterbrach sie ernst: »Nein, nein! Er mußte missen, wozu die Leidenschaft euch beide treiben konnte; denn er kannte ja sein heißes Blut. Und er mußte auch wissen, daß es ein gewaltiger Unterschied ist, ob er als Fürst ein leidenschaftliches Verhältnis mit einem leichtsinnigen Mädchen gewöhnlichen Schlages eingeht, oder ob er die Ehre einer Dame ...« »Du verurteilst ihn also doch?« unterbrach sie ihn rasch und heftig. »Nein, ich verurteile ihn nicht! Ich sage: er hat Unrecht gethan, und er hat sich nicht als ein starker Charakter bewährt, als er seiner Leidenschaft so die Zügel schießen ließ. Aber diese Leidenschaft selbst war tief und rein. Er wollte das Gute – und er täuschte sich nur über seine eigene Kraft, seine reine Absicht gegen die feindliche Macht der Verhältnisse zu verteidigen. Er unterschätzte den sittlichen Wert der bestehenden Gesellschaftsordnung, zu deren Hüter gerade er in erster Linie berufen ist. Und darum verdient sein Vergehen nicht Verurteilung sondern Mitleid. – Wir beide, die am schwersten unter seinem Irrtum haben leiden müssen, wir haben jetzt die Pflicht, ihm in seiner furchtbaren Gewissensnot beizustehen. Wir müssen uns selbst als freie, starke Menschen bewähren, damit wir ihm helfen können, seine Selbstachtung, die Kraft zur Pflichterfüllung wiederzugewinnen. Ach, Melanie, glaube mir, es geschehen so viele Verbrechen auf der Welt, an denen, im Grunde genommen, niemand schuld ist – und da gibt es meistens keine andre Sühne, als daß eben der Getroffene sich zu hochherziger Duldung emporrafft. Das ist ja der hohe und ewige Wert des Christentums, daß es uns ein so erhabenes Beispiel solcher allsühnenden Duldung vor Augen gestellt und den alten blutdürstigen Gott der Rache aus der Welt geschafft hat. Du weißt, Melanie, für mich gibt es kein Dogma und keine Konfession mehr – aber Christen laß uns sein! Verstehst du mich wohl?« »Hast du in diesem Sinne an den Erbgroßherzog geschrieben?« fragte Melanie nach einer nachdenklichen Pause. »Nein, ihm habe ich gar nicht geschrieben,« versetzte Kospoth. »Ich habe ja selbst unrecht gegen ihn gehandelt. Wie darf ich ihm da jetzt meine Verzeihung aufdrängen! Das sähe ja aus, als ob ich mich dadurch rächen wollte, daß ich ihn beschäme. Ich weiß ja auch durch die Prinzessin, wie sehr er leidet durch den Gedanken an das, was er mir angethan hat. Ich habe es ihr überlassen, ob sie ihm von meiner Sinnesänderung Mitteilung machen will oder nicht. Ich höre ja auch, daß er vorläufig noch so geistig und körperlich zu leiden hat unter der letzten gewaltsamen Erschütterung seiner Nerven, daß er unzugänglich ist für jede ruhige Erwägung. Du siehst ja auch aus dem Briefe, daß der Großherzog selbst auf die Vorstellungen der Prinzessin hin sich bemüht hat, einen Aufschub der Verlobung vom Könige zu erlangen. Aber es ist eben nur ein Aufschub – du wirst dich doch mit dem Gedanken vertraut machen müssen, ihn über kurz oder lang mit der Prinzessin Clementine verlobt zu sehen.« Sie zuckte die Achseln und wandte sich ab. Er begriff nicht, was in ihr vorging, und versuchte in ihren Zügen zu lesen. Doch die waren wieder bleich und leblos geworden wie zuvor, und mit derselben starren Gleichgültigkeit wie zuvor ließ sie auch den Blick auf der Landschaft ruhen. Er berührte ihre Schulter und sprach besorgt auf sie ein: »Melanie, ich bitte dich, sieh mich an, sage, was du denkst! Bleibt euch beiden etwas andres übrig, als der Verzicht? Eine andre Lösung gibt es wirklich nicht.« »Vielleicht doch!« versetzte sie tonlos. Tief aufseufzend ergriff er ihre beiden Hände und suchte ihr Auge; aber sie wandte sich nicht zu ihm, sondern hielt ihren Blick nach wie vor starr in die Weite gerichtet. »Kannst du dich wirklich nicht von diesem unglückseligen Gedanken befreien?« begann er endlich mit leisem Vorwurf in sie zu dringen. Sie zuckte nur die Schultern. »Melanie, denke doch wenigstens an deine nächsten Pflichten! Denke an deinen alten Vater!« »Er wird mich kaum mehr vermissen,« versetzte sie bitter. »In seinen lichten Augenblicken, wenn die Erinnerung an die jüngste Vergangenheit wieder in ihm lebendig wird, dann haßt er mich geradezu. Ich habe Angst vor ihm, wenn er mich dann so vernichtend ansieht – du mußt es doch auch schon bemerkt haben! Und sonst, wenn sein Geist wieder einschläft, dann ist ihm jede andre Pflege und Gesellschaft gerade so recht und lieb wie meine. Er würde höchstens eine Veränderung zum Besseren empfinden, wenn ihr irgend eine heitere und sorgfältige Wärterin für ihn engagiert!« »Du irrst dich, Melanie,« entgegnete er eifrig. »Glaube mir, nichts quält und ärgert alte Leute mehr, als ein Wechsel in der gewohnten Umgebung. Uebrigens haben mein Vater und ich heute beide den Eindruck gehabt, als wäre der General in der herrlichen Frühlingsluft körperlich und geistig neu aufgelebt.« »Das wäre nur ein Grund mehr für mich, ihm aus den Augen zu gehen,« rief sie ungeduldig, »Denke dir, heute morgen war er mir nachgeschlichen zu Mamas Grab. Ich hatte ihn nicht kommen hören auf dem weichen Rasen und erschrak furchtbar, als er plötzlich vor mir stand und mit seinem grimmigsten Gesicht mich anfuhr: ›Du brauchst gar nicht zu weinen um die da unten. Das ist gar nicht deine Mutter ... die Dingsda – die Caffarelli, das ist deine Mutter!‹ O, ich ... wenn noch irgend etwas gefehlt hätte, um mich in meinem Entschlusse zu bestärken, das war das Letzte!« »Armes Kind!« flüsterte Kosvoth tief erschüttert vor sich hin. Und dann versuchte er es mit einem neuen Einwande, indem er sie darauf hinwies, daß ihr ja nach dem Tode des Vaters aus der Verwaltung des Gutes Treysa eine so fruchtbringende, die trüben Gedanken ablenkende Thätigkeit erwachse, durch die sie gewiß Vergessen und Gesundheit wieder gewinnen werde. Da aber ließ sie ihn gar nicht einmal ausreden, sondern entzog ihm vielmehr jäh ihre Hände, sprang auf die Füße und rief, mit zornfunkelnden Augen auf ihn herabblickend: »So, glaubst du wirklich, daß ich von diesem verfluchten Boden auch nur einen Fußbreit in meinem Besitz behalten würde, wenn mein Vater nicht mehr lebte? Gott weiß, wie rein mein Herz war, als ich ... ein Rausch der Leidenschaft hatte uns beide ... ach! Meine Seele war ja so frei von jeder niedrigen Berechnung – gerade so wie seine auch – – das mußt du mir glauben, ich bitte dich! Es ist die lautere Wahrheit und vielleicht meine letzte Bitte an dich. Aber wie sollt' ich es der abscheulichen Welt, unsrer fürchterlichen guten Gesellschaft klar machen, daß ich mich nicht auch für eine gute Versorgung verkauft habe, wie meine galante Großmutter? Wie eine schamlose Dirne würde ich mir vorkommen, wenn ich mich jemals Herrin von Treysa nennen wollte! Es hängt ein Fluch an diesem Sündenlohne, der wirkt bis ins dritte und vierte Glied! Das ist Schicksal – daran glaube ich fest – so fest wie an deine Vererbungslehre, mit der du mir damals als Student schon das bißchen Gottvertrauen verleidet hast, das ich mir noch aus der Kinderstube gerettet hatte. Jetzt habe ich ja die Wahrheit am eigenen Leibe erfahren müssen. – O ja, gewiß! Mädchen, die keine Caffarelli und keine fürstlichen Don Juans zu Großeltern gehabt haben, die werden wohl nicht in solche Versuchung kommen, wie ich – haha! Mögen die sich meinetwegen mit ihrer Tugend spreizen – für mich gab es überhaupt gar keine Versuchung, keine Ueberlegung, kein Schwanken zwischen Tugend und Sünde! Was geschehen ist, das mußte geschehen – das haben unsre edlen Ahnen zu verantworten! Aber in meinen Beziehungen zur Außenwelt, da erkenne ich kein Muß an, da will ich mir meinen freien Willen wahren – hast du es mich nicht selbst so gelehrt? Die allergnädigste Schenkungsurkunde über Schloß und Herrschaft Treysa würde ich dem Großherzoge mit einigen sehr passenden Worten zurückschicken, wenn ich Papas Tod erleben müßte!« Diese letzten Worte bezeichnete sie mit entschiedenen und bezeichnenden Handbewegungen, und dann wandte sie sich rasch von ihm weg, wie um davonzuschreiten. Hans Jochen aber hielt sie fest, erhob sich gleichfalls und wollte reden: doch die Worte versagten ihm! – Wie schön sie war! Die Erregung hatte ihre Wangen gerötet, ihre Augen belebt – ja, sie war ganz so unwiderstehlich, so reizend, wie sie ihm nur je in seinen süßesten Träumen erschienen war. Und wie die Worte immer rascher, leidenschaftlicher aus ihrem Munde kamen, ein Echo der allerneuesten Philosophie, die er selber, ein frühreifer Pedant, dem Pensionatsfräulein vorgetragen hatte, da kam es ihm, ach, so schwer an, die Eifernde nicht gewaltsam an seine Brust zu reißen und ihr glühendes Gesicht mit glühenderen Küssen zu bedecken! Doch er war Mannes genug, sich zu bezwingen. Ihre Hand haltend, ging er ein Stück Weges neben ihr her, und erst als eine neue Frage Melanies sein Urteil herausforderte, erwiderte er, stehen bleibend und seinen innigen Blick tief in ihren unruhig fordernden senkend: »Ja, Melanie, du hast recht mit allem, was du gesagt hast. Es ehrt dich, daß du so stolz denkst – und daß keine gemeine Schuld dich trifft, das weiß ich so gut wie du, mein liebstes Mädchen! Und siehst du, weil ich diesen Glauben an dich mir aufbewahrt habe, darum darf ich auch immer noch hoffen, daß du trotz alledem und alledem mit dem Leben fertig werden wirst. Zertrümmere doch, wie du gesagt hast, dieses steinerne Denkmal der Gründung deines Geschlechtes« – er deutete nach dem Schlößchen hinüber, das eben durch die Bäume hindurch sichtbar wurde – »und dann, das sollst du sehen, wirst du auch Raum gewinnen, um deinen freien Willen weiter zu bethätigen. Du sollst ja nicht allein stehen dabei, Melanie; ich will bei dir sein, ich will dich nie verlassen! Wenn mir beide zusammen kämpfen, dann müßte es uns doch wohl gelingen, es mit dem bißchen Leben aufzunehmen! Hier ist meine Hand, Melanie – nicht zum Abschied sollst du sie drücken – du sollst sie festhalten fürs Leben als deines treuesten Freundes, deines Bruders Hand – und vielleicht ... später einmal ... man verschmerzt ja so Großes und Schweres in einem reichen, thätigen Leben! – Vielleicht überzeugst du dich doch einmal davon, daß eine erste heiße Leidenschaft nicht immer den ganzen Vorrat eines Menschenlebens erschöpft, und dann ...« »Hans Jochen, was sagst du da!?« fiel sie ihm mit einer Art wilden Erstaunens ins Wort. »Du meinst doch nicht im Ernste ...? Oder weißt du etwa nicht, was mir bevorsteht? Aber nein – ich bin ja doch erst durch deine Andeutungen darauf gebracht worden, was mein leidender Zustand zu bedeuten haben könnte!« »Ich weiß alles und ich bedenke alles,« versetzte er, sie wieder bei den Händen fassend. »Aber selbst wenn du dich nicht täuschen solltest ... es wäre ja schwer. Aber ich liebe dich einmal, Melanie, und ich weiß, daß meine Liebe auch stark genug wäre, dies zu überwinden, wenn ich dafür nur eine größere Gewißheit erlangen könnte, daß du einmal mehr als nur den Freund und Bruder in mir liebtest.« Ihre Augen strahlten ihn in feuchtem Glänze an, immer noch in staunender Verwirrung auf ihm ruhend. Ihre Brust begann sich rascher zu heben und zu senken – sie war bewegt – Kospoth bemerkte es mit bebender, hoffnungsfreudiger Spannung – sie versuchte zu, lächeln – und dann löste sie rasch ihre Hände aus den seinen, barg ihr Gesicht hinein und brach in Thränen aus. – Und er zog sie sanft an sich, lehnte ihr dunkles Haupt gegen seine Schulter und begann, ihre weiche Stimmung benutzend, ihr die Zukunft an seiner Seite als Genossin seines arbeitsreichen und vielleicht sehr einfachen Lebens mit beredten Worten zu schildern. Er war darauf vorbereitet, daß ihm nach dem Tode seines Vaters sehr wahrscheinlich das Majorat durch den Prozeß der entfernteren Verwandten entzogen und er dadurch ganz auf seine eigene Kraft gestellt sein werde – und er suchte auch ihr seine frohe Zuversicht mitzuteilen, daß gerade durch diese Notwendigkeit ernster Arbeit für sie beide innerer Friede und Gesundung gewährleistet werde. Ein paar Minuten lang hörte sie, still vor sich hin weinend, zu und ließ sich von ihm langsam den dunkeln Laubengang hinabführen. Plötzlich aber stand sie still, hob ihr Haupt von seinem Ruheplatz, trocknete rasch ihre Thränen und sagte, Kospoth mitten in einem Satz unterbrechend: »Du lieber, lieber Hans Jochen! – Ich glaube, es gibt keinen hochherzigeren Menschen auf der Welt als dich! Daß ich unglückliches Geschöpf in meinem Jammer einen solchen Freund finden durfte, das ist eine unverdiente Wohlthat – oder nein, das ist vielleicht das Grausamste an meinem Geschick, daß ich alle, die mich lieben, unglücklich machen muß! Die arme Doris habe ich gar in den Tod getrieben – und du, Hans Jochen, wirst am ehrlichsten um mich trauern – dir allein werde ich einen wirklichen, tiefen Schmerz bereiten. – Aber siehst du, du bist ein Mann, du wirst dir durch deine Arbeit auch darüber hinweghelfen – das ist's eben, was wir nicht können – ich wenigstens sicherlich nicht! – Laß uns scheiden als Bruder und Schwester. – Wenn ich mich jetzt von dir überreden ließe und deine gütige, liebe, starke Hand annähme, dann würde ich dir deine Liebe schlecht lohnen. Ich weiß es ganz bestimmt, mein abscheulicher Stolz würde es nicht ertragen. Deine barmherzige, alles verzeihende Liebe würde mich zu Boden drücken – ich könnte dir nicht dankbar dafür sein – oder gerade meine Dankbarkeit würde in meinem Herzen keine volle, frohe Gegenliebe aufkommen lassen. Ich kenne mich zu gut! Wie eine aus einer Besserungsanstalt entlassene Verbrecherin, scheu und innerlich gedrückt, würde ich mich unter deinen sorgenden Augen durchs Leben quälen – – dein ganzes Leben würde ich dir so freudlos machen, daß du ...« Hier hielt sie plötzlich inne, um mit ängstlich gespannten Zügen die Schläge der nahen Schloßuhr zu zählen. Kospoth hatte mehrmals versucht, sie zu unterbrechen. Auch jetzt wieder benutzte er die Gelegenheit, Einwände zu erheben gegen ihre Selbstanklage. Aber sie winkte ihm Schweigen zu – und während sie den Glockentönen lauschte, wich alle Farbe von ihrem Gesicht, das wieder jenen Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit annahm, der Kospoth bei der ersten Begrüßung heute schon so erschreckt hatte. »Sechs Uhr!« sagte sie ganz leise und doch deutlich vor sich hin. Dann fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn, wandte sich Hans Jochen wieder zu und sagte hastig und tonlos: »Laß nur, laß, du Guter, es ist alles umsonst! Glaube mir, es muß sein! Leb' wohl, mein Bruder, und verzeih' mir, daß ich dich nicht anders habe lieben können. – Da – einen Kuß zum Abschied! Ich weiß, du wirst meinen letzten Kuß nicht verachten, weil ich ... ich habe ja keinen andern Dank für dich. Leb' wohl, Hans Jochen!« Und sie drückte ihre Lippen fest auf seinen Mund – zum erstenmal wieder seit ihren Kindertagen! Dann machte sie sich aus seiner Umarmung los und schritt rasch den Laubengang hinunter dem Schlosse zu. Einen Augenblick nur stand Kospoth verwirrt und unschlüssig da; dann aber eilte er ihr mit großen Schritten nach und rief hinter ihr her: »Melanie, was heißt das? Um Gottes willen, was hast du vor!?« Da kehrte sie sich ihm zu, streckte mit einem rührend flehenden Gesichtsausdruck die Arme abwehrend gegen ihn aus und bat: »Laß mich meinen Weg allein gehen – hörst du, Hans Jochen? Wenn du mich lieb hast, hindere mich nicht, mache auch niemand von den andern aufmerksam.– Es muß sein! Leb' wohl!« Noch einmal winkte sie ihm zu – und dann verschwand die dunkle Gestalt im raschen Laufe um die nächste Biegung. Nun war Kospoth wirklich fassungslos. Er rang im langsamen Vorwärtsschreiten die Hände, schlug sie gegen seine Stirn – und hätte am liebsten vor Schmerz laut aufgeschrieen. Da sah er aus einem Seitenweg den alten Diener Friedrich mit allen Anzeichen lebhafter Aufregung auf sich zu eilen. »Herr Baron, Herr Baron, haben Sie nicht vielleicht das gnädige Fräulein gesehen?« rief ihm der alte Graukopf schon auf fünfzehn Schritt Entfernung entgegen. »Sie ist diesen Augenblick nach dem Hause zu von mir gegangen. Was gibt es denn?« »Ach Gott! Herr Baron wissen ja auch alles, Ihnen darf ich es ja wohl sagen: Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog ist eben im Walde gesehen worden – sie wollen gewiß wieder mit unsrem gnädigen Fräulein ein Rendezvous haben. Ich hab's dem Herrn General schon gemeldet, wie's mir befohlen war – und jetzt suchen der Herr General das Fräulein Melanie überall. Ach, ich bin so froh, daß Ihr Herr Vater bei ihm ist – denn sonst wäre mir bange um unser armes gnädiges Fräulein, so aufgeregt wie der Herr General sind!« »Der Erbgroßherzog, sagten Sie? Herr Gott im Himmel, sollte das ...!?« Kospoth griff sich mit beiden Händen an den Kopf und dann fuhr er, den greisen Diener am Arme packend, fort: »Der Herr General weiß also?« »Ja, gewiß! Wie sich die jungen Herrschaften das letztemal hier heimlich getroffen haben, da war mir's hinterbracht worden, und ich hielt es für meine Pflicht, dem Herrn General alles zu sagen, sobald er wieder einmal bei sich war; denn es ist doch ...« »Ja, ja, schon gut. Wissen Sie vielleicht, wo sie das vorigemal zusammen gekommen sind?« »Jawohl, draußen bei der Krähenhütte nach Niklasrode zu, da hat man sie gesehen, und seitdem hat der Herr General mich beauftragt, daß ich immer fleißig aufpassen soll, falls der Herr Erbgroßherzog sie einmal wieder ...« »Ich danke Ihnen, lieber Friedrich,« unterbrach ihn Kospoth ungeduldig. »Bitte, sagen Sie meinem Vater, er möchte doch um keinen Preis den alten Herrn hier verlassen, bis ich zurückkomme, und auch das gnädige Fräulein im Auge behalten. Ich ginge jetzt in den Wald. – Und sonst zu niemand ein Wort, hören Sie, Friedrich?« Damit eilte er rasch davon. – – – Fünfzehntes Kapitel. Des alten Jägers letzter Schuß. Abrechnung zwischen zwei Zeitaltern. Die Sonne neigte sich zum Untergang. Durch den hochstämmigen Buchenwald hindurch leuchtete die purpurne Glut und troff wie Blut hernieder an den glatten grauen Leibern der gewaltigen Baumriesen. Kospoths Auge wurde geblendet von dem Flimmern und Flackern durch das bewegte Laub, von dem raschen Wechsel des graugrünen Dämmerlichts mit dem feurigen Widerscheine der Himmelsbrunst, als er, alle Sinne und Nerven gespannt, den nächsten besten Waldweg, der die Richtung auf Niklasrode einschlug, entlang lief und dabei fortwährend rechts und links ausspähte, jeden Kreuzweg, jede Schneise mit raschem, durchdringendem Blick bis ans Ende verfolgend. Grüne Kreise schwammen vor seinen Augen, wenn er sie von dem blutroten Westen fort einer andern Richtung zuwandte. – Dann mußte er still stehen und die Hände auf die Lider drücken, um den blendenden Farbenspuk los zu werden. Und jedesmal fürchtete er, daß gerade während eines solchen Aufenthaltes der Prinz irgendwo vorübergegangen sein oder gar ihn bemerkt haben und ihm entschlüpft sein könnte. Seine Pulse hämmerten vor Aufregung. Jeder Schlag seines Herzens klang ihm in den Ohren wider – wie ein Stoßgebet um Erfüllung seines brennenden Wunsches! Wenn es ihm gelang, Georg Friedrich zu sprechen, ehe er mit Melanie zusammenkam, dann durfte er doch noch hoffen, das Entsetzliche abzuwenden! Aber nirgends wollte sich die hohe, schlanke Gestalt des Prinzen erblicken lassen. Kein Mensch begegnete ihm auf seinem einsamen Wege, den er hätte um Auskunft fragen können. Und als er endlich nach fast halbstündigem Laufen erhitzt und atemlos den Waldrand erreichte, da mußte er zu seinem Schrecken bemerken, daß er in der Aufregung die Richtung verfehlt hatte. Die Krähenhütte, die er auf gut Glück zum Ziel gewählt hatte, mußte erheblich weiter südwärts liegen. Er ging also am Waldrande entlang ohne Weg und traute sich nicht einmal auf das freie Feld hinaus, um nicht etwa zu früh bemerkt zu werden. Ueber trockene Zweige und altes Laub stürzte und stolperte er vorwärts. Da endlich, nach abermals zehn Minuten anstrengenden Marsches, als er sich eben durch ein dichtes Haselgebüsch hindurch gearbeitet hatte, sah er die Krähenhütte vor sich liegen. Er schaute nach allen Seiten um – keine menschliche Seele weit und breit! Er ging um das Häuschen herum – er drückte auf die Thürklinke – die Thür war verschlossen. Nichts – umsonst – verfehlt! Er stieß einen tiefen Seufzer aus und schwankte wieder nach der Vorderseite, um sich auf der Rasenbank dort niederzulassen, völlig erschöpft, wie er war. Er nahm den Hut ab, trocknete sich die Schweißperlen von der Stirn und bemühte sich, seiner fiebernden Erregung Herr zu werden, ruhig nachzudenken. Aus dem nahen Dörfchen, da unten am Fuße des Hügels, klangen so friedlich die Abendglocken herauf, im Grase zirpten die Grillen, und eine müde Lerche senkte sich nahe vor ihm flatternd und zwitschernd zu ihrem Neste hinab. So friedfertig schickten Wald und Au sich an, zur Ruhe zu gehen – und dort das arme, gequälte Menschenherz, das auch wohl um diese stille Abendstunde sich verzweifelt an die leere, knöcherne Brust des Todes werfen wollte. Ach, vielleicht während er hier rastete und den Grillen lauschte, war das Schreckliche schon geschehen, das zu verhindern er davongestürzt war! Melanie, die zum Aeußersten Entschlossene, zurückzuhalten, sollte den beiden alten Herren geglückt sein, nachdem all sein liebendes Bemühen erfolglos gewesen? Vielleicht war sie jetzt schon an einer ganz andern Stelle des Forstes mit dem Geliebten zusammengetroffen und tauschte die letzten Küsse und Liebesschwüre mit ihm oder überredete ihn gar, mit ihr gemeinsam das ewige Vergessen zu suchen! Oh, nur schnell fort von hier, aus dieser entsetzlichen Friedensstille! Auf nach einer andern Richtung – irgendwohin – gar weit vom Schlosse konnten sie sich nicht entfernt haben – irgendwo mußte er sie doch noch treffen! Und er schüttelte die Mattigkeit von sich, erhob sich rasch und wollte eben um die Hütte herum wieder dem Walde zueilen – als er plötzlich ganz in der Nähe Schritte sich nahen hörte! Lauschend blieb er stehen. Da – jetzt hielt der Schritt an der Rückseite des Häuschens – und jetzt wurde ein Schlüssel knirschend in dem verrosteten Schlosse herumgedreht und dann die Thür aufgestoßen. Mit wenigen großen Schritten erreichte Kospoth die Thür und – stand dem Erbgroßherzog gegenüber! Georg Friedrich – er war im Jagdanzug, jedoch ohne Gewehr – prallte zurück, als er so gänzlich unvermutet die hohe Gestalt des einstigen Freundes auf der Schwelle erscheinen sah. Aber nur wenige Pulsschläge lang blieben seine weitgeöffneten Augen mit diesem Ausdruck erschrockenen Staunens auf Hans Joachim ruhen; dann trat er entschlossen auf ihn zu – und ein fast verächtliches Lächeln verzerrte seinen hübschen Mund, als er die ersten Worte fand. »Ah so – eine Falle also!« rief er Kospoth entgegen. »Du hast ja gedroht, mich über den Haufen zu schießen, falls ich an ihr zum Schurken würde. Hier ist der Schurke – schieß zu! Du hast ja auch das beste Recht dazu – ich will mich nicht wehren! Zum Sterben bin ich ja auch hierhergekommen. ... Also bitte – wir wollen nicht lange rechnen – ich glaube dir's gern, daß die Summe stimmt: ich bin ein Schurke und damit basta!« »Nein, Georg, das bist du nicht – mein armer, armer Freund! Wie bin ich glücklich, daß ich dich noch hier treffe, damit ich dir sagen kann: verzeih mir meine Drohung von damals! Ich war ja selbst von Leidenschaft so verblendet – aber nun komme ich, um dir aufs neue die Hand entgegenzustrecken, um dir zu helfen, wenn du dir helfen lassen willst!« Mit solchen milden, aus tiefstem Herzen bebend hervorquellenden Worten hatte er sich dem Prinzen genaht und mit warmem Drucke seine Hand ergriffen. Und Georg Friedrich traute seinen Ohren nicht, blickte mit schier hilflosem Staunen zu ihm auf und vermochte nichts zu erwidern, als nur immer: »Ja, aber – ich begreife nicht ... dir soll ich verzeihen – dir?« Da zog ihn Hans Jochen hinaus aus dem dumpfen, finstern Räume, geleitete ihn auf die Rasenbank und nötigte ihn, dort neben ihm Platz zu nehmen. »Eine Frage zunächst,« begann er, indem er eine Hand fast zärtlich auf des Prinzen Schulter legte: »Hattest du dich mit Melanie auf diese Stunde und hierher verabredet?« Georg Friedrich nickte Bejahung. »Und weißt, mit welchem wahnsinnig verzweifelten Entschluß sie hierher kommen wollte?« »Sie wird also nicht kommen?« fragte der Prinz rasch. »Hat sie dich beauftragt? ...« Kospoth setzte ihm den Zusammenhang auseinander und dann fügte er hinzu: »Sage mir aufrichtig: bist du ihrer Einladung gefolgt, um sie abzuhalten von dem verhängnisvollen Schritt, und wolltest du etwa gar mit ihr? ...« »Ich bin schachmatt – ich sehe keinen Zug mehr für mich,« versetzte der Thronfolger mit einem halb verlegenen Seufzer. »Nun ja, du hast die Dame verloren – aber doch noch Offiziere genug! Ein ordentlicher König wehrt sich sogar noch ganz allein solange wie möglich. Und schließlich – laß die Partie selbst remis sein! Dann baut man eben das Spiel von neuem auf! – Ja, lieber Georg, es ist ja so begreiflich, daß du matt und müde bist von dem aufreibenden, harten Kampfe; aber eben daß du so hart gekämpft hast, das verpflichtet dich, die Waffen nicht aus der Hand zu legen, ehe die ganze Kriegsarbeit gethan ist! Hast du denn nicht bemerkt, wer mit dir kämpft? – Deine Schwester, Georg, deine hochherzige, kluge Schwester!« Und dann erzählte Kospoth dem verwundert Aufhorchenden, wie durch Eleonores beredte Verteidigung die Verblendung des eifersüchtigen Hasses von ihm genommen und seine Seele zur Vergebung, zu neuer Hoffnung gestimmt worden war. »Meine gute, kluge, starke Schwester!« sprach Georg Friedrich halb vor sich hin. »Du wärst der bessere Thronfolger von uns beiden!« »Nein, gib dich nicht selbst so mutlos auf!« mahnte Kospoth milde. »Du wirst sehen, du wirst gestählt aus diesem harten Kampf hervorgehen. Charaktere werden im Feuer des Leides geschmiedet, Georg! Wenn du auch die letzte, schwere Pflicht noch gethan haben wirst ...« »Du meinst?« »Melanie zu sagen, daß sie leben muß, trotzdem deine höhere Pflicht dich zwingt, ihr dein Wort zu brechen! – Komm mit mir nach Volkramstein, sei unser Gast – und dann, wenn der Arguseifer des alten Generals wieder nachgelassen hat, dann werdet ihr euch wohl sehen können.« »Ich soll sie sehen?« »Ja, wenn du mir dein Wort gibst, mit allem Ernste gegen ihre Selbstmordgedanken anzukämpfen! Du hast Gewalt über sie – dir wird sie gehorchen.« Georg Friedrich schüttelte traurig zweifelnd den Kopf. »Nun, wenn wirklich alles vergebens bleibt, dann muß auch das ertragen werden! Das haben wir beide dann ja zusammen zu tragen!« Mit abgewandtem Gesichte griff der Prinz nach Kospoths Hand. – Und so saßen sie schweigend lange Zeit. Da zuckten sie plötzlich gleichzeitig zusammen und sahen einander erschrocken ins Gesicht. Ganz in ihrer Nähe, im Walde hinter ihrem Rücken war ein Schuß gefallen. Wer konnte zu dieser Dämmerstunde hier pürschen gehen? Von unheimlicher Ahnung getrieben, gingen die beiden dem Knall nach auf dem Waldweg nach der Krähenhütte, den Kospoth als denjenigen erkannte, der ihn direkt vom Schlosse hergeführt hätte. Und etwa dreißig Schritte waldein auf diesem Wege stand hoch aufgerichtet, trotz der Dämmerung noch deutlich erkennbar, auf die Büchse gelehnt, die hohe Gestalt des Generals von Treysa. Hans Jochen sprang voraus und packte den greisen Jäger rauh am Arm. Mit Anstrengung nur gelang es ihm, die Worte hervorzuwürgen: »Worauf haben Sie da geschossen?« Da lachte der Alte leise, unheimlich boshaft vor sich hin, deutete mit dem Zeigefinger der Rechten zitternd nach vorn und auf den Boden und stammelte: »Den haben wir – hehe! Mitten zwischen die Lichter – paff! plautz – da lag er – wie der – hna! Dingda – der ungarische Bär und so weiter. – Oho, ich – ich mwa! hab' noch die Augen offen – o ja! Hmummum, hier wird nicht mehr – hna! äh! Dingda – Caffarelli gespielt auf Treysa!« Und dabei reckte er sich stolz empor und erhob drohend die Büchse in die Luft. »Was? Sie wollten doch nicht den Erbgroßherzog ...?« »Ja, dem wollt ich eins – haha ... da liegt er, da!« »Herr des Himmels!« schrie da hinter ihm der Prinz auf. »Hat der Mann einen Menschen erschossen?« Der General stutzte bei dem Tone dieser Stimme und wandte sich rasch dem Sprecher zu. Kaum aber hatte er den Erbgroßherzog, den er getötet zu haben vermeinte, in ihm erkannt, als er mit einem heiseren Schrei das Gewehr an seine Backe riß ... Doch ehe er noch den Finger an den Abzugsbügel zu bringen vermochte, verzerrte sich plötzlich, wie vom Blitz getroffen, sein Gesicht und er stürzte der Länge nach zu Boden. Weder Kospoth noch der Prinz bekümmerten sich um ihn, sondern rannten vorwärts bis an die nahe Biegung des Weges, wo sie erst, als sie auf etwa zehn Schritte heran waren, eine dunkle Masse sich von dem grünen Moose abheben sahen. Das Gesicht nach unten gekehrt, den schönen Kopf von der mörderischen Kugel ihres Vaters durchbohrt, lag Melanie von Treysa da – tot! – – – Als etwa zehn Minuten später der Baron Kospoth mit dem alten Friedrich herbei kam, da standen die beiden jungen Männer noch immer bei der Leiche Brust an Brust gedrückt, sich mit den Armen fest umklammernd, als müßte einer an dem andern festhalten, um nicht von dem ungeheuern Schmerz zu Boden geschleudert zu werden! Nun erst, nachdem auch die beiden Neuhinzugekommenen sich überzeugt hatten, daß jede Spur des Lebens aus dem schönen Körper des unseligen Mädchens entflohen war, dachten sie daran, sich nach dem Mörder umzusehen. Das weiße Haupt, von dem im Fallen der Hut heruntergeflogen war, nach oben gerichtet, lag der alte General quer über den Weg, Kolben und Lauf seiner Büchse noch krampfhaft mit den langen, knochigen Fingern umkrallt. Der Schlag hatte ihn getroffen, als ihm in dem Augenblicke, da er des Erbgroßherzogs ansichtig geworden, seine fürchterliche That so plötzlich blendend, markerschütternd, wie ein Blitz zum Bewußtsein gekommen war. Aber er war nicht tot. Alle seine Glieder zuckten noch fortwährend in dem ohnmächtigen Bemühen, sich aufzuraffen, seine Augen blickten unheimlich weit aufgerissen voll Entsetzen unter den buschigen, weißen Brauen hervor und seine Kinnbacken bewegten sich, unverständliche Laute in dem zahnlosen Munde zerkauend, hin und her. Sein alter, treuer Diener kam selbst fast von Sinnen über das Furchtbare, das sich hier vollzogen hatte, und die jüngeren Männer wurden dadurch gezwungen, die eigene Lähmung des Entsetzens, den Herzkrampf des grausamsten Leides von sich abzuschütteln, um dem völlig fassungslosen Alten mit ruhigem Zuspruch beizustehen. Aber er war nicht zu bewegen, mit ihnen nach dem Schlosse zurückzukehren, um einen Wagen herbeizuschaffen – er wollte inzwischen die Totenwacht halten bei seiner jungen Herrin, und des Mörders greises Haupt auf seinem Schoße betten, bis die andren zurückkämen. Baron Kospoth wollte dem General die Büchse aus den Händen winden, um sie mit sich zu nehmen, – aber da fiel ihm der alte Friedrich in den Arm, löste selbst die krampfhaft widerstrebenden Finger von der Mordwaffe und dann schoß er den zweiten Schuß in die Luft ab, packte den Lauf bei der Mündung und schmetterte in rasender Wut mit einem derben Fluche die Büchse gegen einen Buchenstamm, daß der Kolben zersplitterte – und dann trat er wie ein Rasender mit dem Stiefel auf das lose Rohr, und schleuderte es endlich, da es nicht biegen noch brechen wollte, von sich, soweit seine schwache Kraft es vermochte. »Du Aas, du verfluchtes!« knirschte er in ohnmächtiger Wut, während ihm die Thränen stromweis die runzeligen Wangen herabliefen. Dann erst kauerte er sich am Wegrand in das weiche Moos und hob schluchzend das Haupt seines Herrn auf seinen Schoß. Im Innersten erschüttert, taumelten die drei andern Männer auf dem düstern Waldsteige davon dem Schlosse zu, und unterwegs gab Baron Kospoth, der ältere, die Erklärung dieses entsetzlichen Ausgangs. Der General hatte mit Gewalt Melanie auf ihr Zimmer gesperrt und die Thür hinter ihr zugeschlossen, und dann war er, scheinbar zufrieden, mit ihm, dem Baron, in das nach vorn herausliegende Wohnzimmer zurückgekehrt, hatte ihm ganz harmlos eine neue Zigarre angeboten und war, abgerissene, unverständliche Sätze vor sich hinmurmelnd, eine ganze Weile, heftig gestikulierend, vor ihm im Zimmer auf und ab geschritten. Dann hatte er gebeten, ihn für einen Augenblick zu entschuldigen, und war hinausgegangen. Erst als er eine Viertelstunde vergebens auf seine Rückkehr warten ließ, war er, Kospoth, stutzig geworden und hatte in immer steigender Angst sämtliche Räume des Hauses durchsucht. Zuletzt hatte er auch an die verschlossene Thür von Melanies Schlafgemach gepocht, ohne eine Antwort zu erhalten. Die Thür war auch von Innen verriegelt. Mit Hilfe des alten Friedrich hatte er gewaltsam das Schloß erbrochen – und das Zimmer leer gefunden. Aber die Fenster standen offen und von den dünnen Leisten des Weinspaliers darunter zeigten sich einige zerknickt, Laub und Ranken heruntergerissen. Melanie war durch das Fenster in den Garten geflohen! Und dann hatte er in atemloser Eile mit dem alten Diener den Weg nach der Krähenhütte eingeschlagen. Der unheimlich durch den schlummernden Wald hindröhnende Knall der Büchse hatte ihnen schon auf halbem Wege ein furchtbares Zu spät! entgegengerufen. Und wieder suchten sich die Hände der beiden jungen Männer, um in ihrem warmen Drucke Mut und Kraft zum Weiterschreiten zu suchen. Und dann preßte der Erbgroßherzog den grünen Jägerhut an sein wildpochendes Herz, den Melanie auf ihrem Todesgange getragen und der durch seine männliche Form in dem unsicheren Dämmerlicht die Sinnestäuschung des greisen Jägers veranlaßt haben mochte. Dicht über der Krempe war ihr die Kugel in den Kopf gedrungen, und die ganze Stirnseite des leichten Filzes war von ihrem Blute durchtränkt. Sobald die drei Herren auf dem Schlosse angelangt waren, befiel den Prinzen eine so bedenkliche nervöse Erregung und zugleich fiebernde Mattigkeit, daß gar nicht daran zu denken war, ihn wieder zu der Unglücksstätte zurückkehren zu lassen. Der alte Kospoth übernahm allein die traurige Pflicht, die letzte Heimfahrt der letzten Treysas anzuordnen. Den Leuten gab er, wie sie es verabredet hatten, die Erklärung, daß der General auf die Pirsch gegangen sei, und seine Tochter, die ihm ohne sein Wissen nachgefolgt sei, in seinem altersschwachen Uebereifer erschossen habe. Und als der Wagen aus dem Hofe hinausgerasselt war, da machte sich Hans Joachim daran, den kleinen Jagdwagen des Generals selbst anzuschirren, um den kranken Prinzen nach Volkramstein hinüber zu geleiten, weil er unter diesem Dache den Kranken vor dem Grimme des alten Friedrich nicht sicher glaubte. Die Wirtschafterin mußte ihm helfen, den an allen Gliedern Schlotternden in das Wägelchen hinein zu heben. Dann setzte er sich selbst neben ihn und ergriff die Zügel. Schwer lehnte sich der Prinz gegen seine Schulter, wie ein müdes Kind, dem nach einem lustigen Tage auf dem Heimwege die Augen zufallen. »Du bist befreit – du wirst es überwinden!« sagte Hans Jochen leise vor sich hin – und dann seufzte er tief auf. Aber Georg Friedrich hatte ihn nicht mehr vernommen. – In Volkramstein hoben sie ihn bewußtlos aus dem Wagen. – – – Wochenlang lag der Thronfolger an einem hitzigen Nervenfieber danieder. Und da es unmöglich war, ihn nach der Residenz zu schaffen, so mußte sein Leibarzt und auch eine treue Pflegerin auf Volkramstein Wohnung nehmen – die Prinzessin Eleonore! – – – Sobald er wieder sicher auf den Beinen stand, reiste Georg Friedrich mit seiner Schwester zu längerem Aufenthalt in die steirischen Alpen, um erst nach Monaten wieder in die Residenz zurückzukehren, und zwar – als Verlobter der Prinzessin Clementine! Der furchtbare Schmerz, den er in so jungen Jahren erdulden mußte, hatte Georg Friedrich zum Manne gereift, und mit Stolz und freudigster Erwartung für seine Zukunft als Herrscher blickten die Residenzler zu ihrem Thronfolger auf. Der General von Treysa erlangte weder den Gebrauch seiner geistigen noch seiner körperlichen Kräfte wieder; aber es dauerte noch Jahr und Tag, ehe ihn, den letzten reckenhaften Zeugen einer sittenlosen Vergangenheit, der erlösende Tod aus der Haft des Irrenhauses befreite. – – Schloß und Herrschaft Treysa fiel damit an den Lehnsherrn zurück, und auf Bitten ihres Sohnes rief die gütige Großherzogin dort eine wohlthätige Stiftung für mittellose Genesende ins Leben. Der Kammerherr von der Rast hatte den allerhöchsten Wunsch, sich aus der Nähe des Hofes zurückzuziehen, nicht erst abgewartet, sondern sich vielmehr beeilt, schon bald nach dem tragischen Ende seiner Tochter das freundliche Anerbieten des gottbegnadeten Fräuleins Boland und gleichzeitig eine mäßig besoldete Stellung als Vergnügungsdirektor in einem vielbesuchten Badeorte anzunehmen. Im Winter folgte er seiner reizenden Gemahlin ins Engagement, und die Qualen der Eifersucht, die sie ohne jegliche Gewissensbisse ihren beleibten Schleppenträger erdulden ließ, erklärte die hohnlachende böse Welt als eine gerechte Strafe für die zahllosen Sünden seiner kammerherrlichen Vergangenheit. – – – Hans Joachim von Kospoths Name, sonst so häufig in der sozialistischen Presse genannt, ist seither ganz daraus verschwunden. Sein jugendlicher Idealismus, der ihn zu einem ebenso überzeugten wie praktisch eifrigen Parteigänger gemacht hatte, war verraucht – das arme gequälte Herz hatte seinen so wohlgeschulten Verstand ein wenig zu unsanft in die Lehre genommen! Er sah ein, daß das Beurteilen von Menschen und Verhältnissen nach irgend einem philosophischen System, nach einer Parteischablone zu eitel Ungerechtigkeit und unfruchtbarem Doktrinarismus führe. Seine herben Erfahrungen hatten ihn zum Manne gereift, und er schämte sich jetzt seiner knabenhaften Lehrwut. Er bemühte sich zunächst einmal zu vergessen, was er aus Büchern und schwungvollen Reden von angeblichen Wahrheiten sich angeeignet hatte, und machte sich daran, seine Lehrzeit als Prophet einer besseren Zukunft von vorn zu beginnen, indem er in der unendlichen Verschiedenheit der Erscheinungen das Bleibende, das allgemein Menschliche zu erkennen versuchte. Statt statistische Tabellen zu studieren, beschloß er sich selbst als Arbeiter in eine Fabrik zu begeben, statt von Menschenwürde und Völkerverbrüderung zu schwärmen, selbst einmal in die Kolonieen zu gehen und dem Civilisationswerk Kärrnerdienste zu leisten. Fort mit dem Pathos und der Schulweisheit! Gerechtigkeit und Liebe, das sollte fortan in seinem ernsten Streben das A und das O bedeuten. Ende.