Herr und Diener Schauspiel in drei Aufzügen (mit Benutzung einer Idee des Bandello) von Ludwig Fulda     Stuttgart und Berlin 1910 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger     Meiner Frau     Personen Kosru , König der Perser Odatis , die Königin Artaban , Wesir Gülsade , seine Gemahlin Sapor , ein Großer des Reichs Bahram , Torwächter Im Gefolge des Königs:     Juba     Mansor Frauen der Königin:     Narida     Thamar Milas , Schloßvogt Artabans Manjana , Dienerin Gülsades Gefolge, Bewaffnete     Erster Aufzug Halle im Königspalast Im Hintergrund führen einige breite Stufen zu einer Galerie, die durch einen Vorhang abgeschlossen werden kann. Auf der rechten Seite keine Wand, sondern nur eine Säulenstellung, die vorn in einen erkerartig vorspringenden Altan auslädt, mit Blick ins Freie; hinter diesem Altan führt zwischen den Säulen eine Treppe zu einer dort gedachten Terrasse hinab. In der linken Seitenwand zwei Türen. Auf dem Altan und rechts vorn Diwans und Sessel; links vorn Schachtisch mit aufgestellten Elfenbeinfiguren Erster Auftritt (Beim Aufgehen des Vorhangs hört man einen Trompetenstoß) Bahram (lehnt am Altan und blickt hinab). Sapor (kommt von links über die Galerie) Sapor (stirnrunzelnd) Und wiederum ein Fest! Bahram (wendet sich nach ihm um)                                     Hier, edler Sapor, Kannst du das Kampfspiel sich entrollen sehn. Der rauhe Krieg zog seine Rüstung aus Und borgt zur Kurzweil sie dem zahmen Frieden. Die weiten Schranken vorm Palast verwandelt, 10 Kaum von der Walstatt siegreich heimgekehrt, Zur frohern Walstatt unsres Heeres Jugend, Wettlaufend, fechtend, ringend, Speere werfend, Als wäre neue Mühsal schönste Rast. Sapor Ein Waffenspiel! Mag mit den Waffen spielen, Und mag dem Spiele zuschaun, wer da will! Mich ekelt's, Bahram, wenn die Kriegsdrommete Tanzweisen schmettert und ein toter Jubel Lebendiges Erinnern übertäubt. Krieg! Wäre doch noch Krieg! Da galt der Mann Nach seinem Vollwert, nicht nach Gunst und Gnade. Bahram Gilt Sapor nicht durch sein Geschlecht? Sapor                                                               Du fragst? Soll mich die Frage stacheln oder höhnen? Bahram Dein Adel stellt am nächsten dich dem König. Sapor Und seiner Huld steht nah nur noch der eine, Der einzige, der heut ihm alles gilt. Bahram Heut wohl; und morgen, Sapor? Morgen auch? Mein Graukopf, schon dem dritten König frönend, 11 Sah manche Huld, gleichwie von Zweig zu Zweig Ein Vogel springt, von Haupt zu Haupte hüpfen. Sind unsre Herrscher über Tod und Leben Der Sonne nicht entsprossen? Und auch sie, Die Herrscherin des Himmels, häuft ihr Gold Nur selten dauernd auf den gleichen Fleck. Sapor (sieht nach links) Die Königin! Zweiter Auftritt Vorige . Nadira , Thamar (sind auf der Schwelle der Tür links vorn erschienen und lassen die) Königin (eintreten. Sapor und Bahram verneigen sich tief vor ihr) Bahram               Erhabne . . . Königin                                   Mein Gemahl Ließ mich zum Wettkampf seiner tapfern Streiter Hierher entbieten. Auge soll ich sein, Nachdem ich Monde lang nur Ohr gewesen Dem Ruhm, zu dem er sie geführt. Bahram (nach dem Altan weisend)           Dein Auge Wird wie ein Sternbild, blinkend vom Zenit, Kraft in sie strömen. Königin (zu Nadira und Thamar, die sich dem Altan genähert haben)                                 Reckt ihr schon den Hals, Neugierige Mädchen? (Zu Bahram) Gut nur, daß ich ihnen 12 Den Weg eröffnet; nicht mit ehrnen Banden Hielt' ich sie sonst im Fraungemach zurück. Nadira flehte, Thamar bettelte: Nur schaun, ach, nur ein Weilchen schauen dürfen, Wie braune Riesen die gestählten Glieder Anspannen um ein Lob, das ihr, nicht wahr,         (wieder zu den Frauen) Zu spenden wär't bereit mit eignen Lippen, So schämig ihr auch tut? Nadira (vom Altan)                 O Herrin, schau Die Ringer dort! Thamar                   Und mit gezückten Schwertern Die Fechter, Schild an Schild, ganz wie im Krieg. Königin Schwelgt immerhin und pflückt euch euren Anteil Von der gesamten Lust. – Und, Sapor, du? Will nur in deinem Blick sie sich nicht spiegeln? Sapor Verzeih, Gebieterin; mein Blick, noch jüngst Bei blutigem Anprall auf den Feind gebannt, Kann so im Nu das glatte Festtagslächeln Nicht wiederfinden. Königin                       Sag ihm nur, er soll's. Dienst du dem Sasaniden Kosru nicht, 13 Dem Sohn der Sonne, dem gewaltigsten Von allen Herrschern der bewohnten Erde? Hat eben dieser Krieg sein Diadem Nicht neu mit lichter Glorie geschmückt? Wer darf sich mit ihm messen, der da lebt, Und würde nicht wie jene Widersacher, Die er gezüchtigt, seiner Größe Schemel? Und wer begnadet ist, in seinem Umkreis Zu atmen, sollte der nicht auf der Stirn Den Abglanz tragen seiner Herrlichkeit? Bahram (deutet nach der Galerie) Erhabene, hier naht er dir. Dritter Auftritt Vorige . (Von links über die Galerie kommen) Juba , Mansor , (gleich darauf) König , Artaban (mit einem goldenen Stab, und) Gefolge Juba (an den Stufen ankündigend)   Der König! (Die Anwesenden, außer der Königin, verneigen sich bis zur Erde) König (im Auftreten, zu Artaban) Die wundersame Frische dieses Morgens Hat unversehens unsern Ritt gedehnt. Schon wartet meiner hier die Königin.         (Er geht zu ihr) Hab' Dank, Odatis, daß du meinem Ruf Willfahrt. Um diesen Freudentag zu krönen, Bedarf ich deiner hohen Gegenwart Und hege mehr im Sinn, als dir wohl ahnt. 14 Es zeigt vorab da drunten auf dem Plan Im Scheingefecht mein Fußvolk dir die Waffen, Mit denen ich die Baktrer schlug, die Grenzen Des Reichs geweitet, seine Wucht gemehrt. Jedoch, sobald sich jede Tüchtigkeit Den Preis, den ich ihr ausgesetzt, errungen, Dann um der Preise köstlichsten zu werben Behalt' ich meinen Auserwählten vor.         (Er gibt Juba einen Wink) Die Großen meines Reichs und meine Ritter Samt allen Sprossen königlichen Bluts Zu einem Lanzenstechen ruf' ich auf – (Juba hat ihm auf samtenem Kissen einen goldenen Kranz gereicht, den er aufnimmt) Und dies die Gabe für den Überwinder; Ein Kranz von lautrem Gold, der Ehre Sinnbild Und drum gewichtiger als sein Metall. Odatis, nimm und wahr' ihn; überlassen Sei dir der Richterspruch, wer ihn verdient; Aus deiner Hand soll ihn der Würdige, Hört, aus der Hand der Königin empfangen. Königin (hat den Kranz durch Nadira entgegennehmen lassen, die ihn auf dem Altan niederlegt) Nimmst du von der Bewerbung niemand aus? König Niemand von allen diesen, bis hinauf Zu Artaban, dem ersten meiner Diener. Artaban Der letzte gern, wenn ich nur dienen darf. 15 König Der erste! Heut und hier bezeug' ich ihm Dies mit erneutem Nachdruck, zum Beweis, Daß ich so wenig geize mit dem Lohn, Wie er gegeizt mit ungemeinen Taten. Er, meines Willens zuverlässige Wage Im Frieden, war im Krieg mein schärfstes Schwert Und schleifte mir das flatterhafte Glück, Das mit dem Feind schon äugelte, gefangen, Gefesselt, unterworfen vor den Fuß. Als Beispiel und als Sporn getreuen Eifers In jedem seiner Ämter neu bestätigt, Führt er mein Siegel, trägt er meinen Stab. Artaban Herr, deine Nachsicht ehrt mich allzu hoch. Königin (lebhaft) Nein, Artaban, du irrst. Der König ehrt Mit seinem edlen Überschwang sich selbst. König (lächelnd zur Königin) Er schweigt, von dir im Wortstreit überwältigt.         (Er geleitet sie an der Hand zum Altan, wo sie sich niederläßt) Geruhe nun von dieser freien Warte Hinabzuspähn. Königin                 Und du? König                                 Mein Platz ist drunten, Inmitten meiner Krieger. (Zu den anderen)                                     Folgt mir!         (Er ist nach links gegangen, bleibt am Schachtisch stehen) 16                                                     Traun, Au einem Blachfeld streif' ich da vorüber, Auf dem ich lang' nicht mehr mich tummelte. Die Heere stehen sich in Reih' und Glied Zum Überfall gerüstet schon entgegen . . . Komm, Artaban, und laß mich deinen Witz, Bevor dein Arm sich übt im Lanzenbrechen, Im Schach erproben. Artaban                         Herr, du wolltest eben . . . König Jetzt will ich anders. Laß die drunten fechten; Ich fecht' inzwischen hier. Artaban                                 Wie du gebietest. (Er gibt einem aus dem Gefolge den Stab, dieser trägt ihn ab durch die Tür links hinten) König Der dieses Spiel ersonnen, war gewiß Ein meisterlicher Kenner unsres Wesens, Das nur im Kampf, nur durch den Kampf sich fristend In der Zerstreuung noch sein Gleichnis sucht.         (Er hat sich an den Tisch, rechte Seite, gesetzt) Der erste Zug bei dir. Artaban (setzt sich, linke Seite) Nein, Weiß zieht an. 17 König Sei's drum. (Sie spielen, während das Gefolge in ehrerbietigem Abstand den Tisch umringt und das Spiel mit Spannung verfolgt) Juba (halblaut zu Bahram) Welch unerhörte Gunst! Bahram (halblaut)                                               Wohl wahr. Doch möcht' ich nicht an seiner Stelle sein. Die Maus, die mit der Katze spielt, verliert So oder so; wenn sie gewinnt, am meisten. Mansor (im Flüsterton) Des Königs Stellung ist die beßre. Jetzt Muß er den Springer ziehn. Juba (ebenso)                           Er zieht den Läufer. Mansor Das war nicht klug. Wenn Artaban den Bauer Vorschiebt . . . Juba                     Er schiebt ihn vor. Mansor                                             Und wendet so Das Blatt. Juba               Mit nichten. Ein unfehlbar Mittel, Den Schaden auszuwetzen, wüßt' ich nun . . . 18 Königin (mit Nadira und Thamar auf dem Altan, hat nur flüchtig und zum Schein hinuntergeschaut und wendet ihre eigentliche Aufmerksamkeit dem Schachtisch zu. Nun winkt sie Sapor herbei, der rechts, abseits von den anderen steht) Tritt näher, Sapor. – Folgst du meinem Rat So wenig? Deine Miene ward nicht heitrer. Sapor Und soll's auch nicht. Wenn andre leichtbegnügt Beiseite stehn wie abgedanktes Spielzeug, Ja, dem, der über ihren Kopf hinweg Sich jählings aufschwingt, noch den Bügel halten, Ich hab' es nicht gelernt und lern' es nie. Königin (bedeutungsvoll) Hier liegt ein Kranz. Sapor                           Ich werb' um ihn, das schwör' ich. Den Huldberauschten fordr' ich mir heraus, Und meinen Rappen spornend bis aufs Blut Heb' ich ihn aus dem Sattel, daß er ächzend Erschlichnen Glanzes bar den Boden küßt. Königin Gelingt es dir, den Kranz davonzutragen, Ich werd' ihn gern dir reichen, herzlich gern. Artaban (nach einem Zug des Königs) Herr, mit Verlaub . . . König                               Was soll's? 19 Artaban                                             Du bist zerstreut. König Durchaus nicht. Weiter nur. Artaban                                       Indessen . . . König                                                               Wie? Artaban Dein Turm ist nicht gedeckt. König                                               Das übersah ich. Artaban Drum nimm den Zug zurück. König                                                 Er ist geschehn. Artaban Nur deiner Hand entglitten wider Einsicht; Und somit gilt er nicht. König                               Ich sag', er gilt. Der Turm ist deine Beute. Raff' ihn weg. 20 Artaban (zögernd) Du willst es. König (heftig)       Ja. Artaban                   Dann aber . . . König                                             Sieh dich vor. Du sollst ihn teuer zahlen. (Er zieht) Artaban (zieht)                       Dies zur Abwehr. König (zieht) Zum Angriff dies. (Triumphierend)                                       Was nun? Artaban (ziehend)                                   Ich biete Schach. König Wo hatt' ich meine Augen? Überrumplung! Der Vormarsch mir gesperrt, und Schach dem König! Artaban Nur dem im Spiel. König                                 Und dem, der spielt, ungleich. Zwei Könige, die mit vereinter Macht Ins Garn gegangen. 21 Artaban                       Keineswegs. Noch gibt Es mehr als einen Ausweg. König (mit wachsender Ungeduld) Galgenfrist! Der König kann den König nicht mehr retten. Sechs oder sieben Züge, dann schachmatt. Artaban Betrachte, Herr, die Stellung nur genauer; Dann wirst du sehn . . . König                                 Ich sehe, du gewinnst. Artaban Sehr fraglich; denn du könntest . . . König                                                         Ich? Soll heißen, Der hier im Spiel. Der könnt' um Mitleid bitten, Bis der Belagrer selber ihm barmherzig Ein Hintertürchen ausweist für die Flucht. Das aber tut ein König nicht. Genug.         (Er wirft die Figuren um und steht auf) Du hast gewonnen. Artaban (aufstehend)       Herr . . . 22 König                                         Es bleibt dabei. Du hast das Spiel gewonnen; ich verlor. Zeit wird es ohnedies, hinabzusteigen. Die Preise teil' ich meinen Kriegern aus. Hab' auf dies Schaustück acht, Odatis. (Zum Gefolge) Kommt. (Er geht ab über die Galerie nach rechts. Bahram, Sapor, Juba, Mansor und Gefolge schließen sich an, untereinander flüsternd. Artaban, der ein wenig betroffen am Schachtisch stehen geblieben, will ihnen nach und geht als letzter langsam nach hinten) Vierter Auftritt Königin . Nadira . Thamar . Artaban Königin Bleib, Artaban. Artaban (sich umwendend) Du hast befohlen, Herrin? Königin (ein paar Schritte auf ihn zu) Befohlen, daß du bleibst. Hör' auch den Grund, Warum ich dir's befahl. Ich will dich warnen. Artaban (ist zu ihr getreten) So dank' ich dir, noch eh' ich weiß, wovor. Königin Du spieltest eben ein gewagtes Spiel. Artaban Ein unentschiednes. König Kosru hatte Nur seinen halben Geist ihm zugewandt . . . 23 Königin Doch deinen ganzen du. Artaban                                     Und nicht das Spiel, Nur die Geduld am Spiel ging ihm verloren. Königin Du warst ihm überlegen. Warst du's nicht? Artaban Ich spielte nach der Regel. Königin                                         Ist's die Regel, Daß einer, der vom Hauch des Herrschers lebt, Sich irgendwie vermißt, ihm gleichzukommen, Wo möglich gar es ihm zuvorzutun? Artaban Ein so Vermeßner wäre sinnberaubt. Doch trau' ich derlei Wahnwitz keinem zu. Königin Nicht? Wirklich nicht? Thamar (vom Altan)                 Ein feierliches Bild Versäumst du, Herrin. 24 Nadira                             Auf den Hochsitz stieg Der König; einzeln führt man die Beglückten Ihm zu . . . Thamar             Wie schade, daß man nicht von näher Sie schauen kann! Königin                     Ihr sollt sie näher schaun. Springt flugs hinab zum unteren Altan, Euch satt zu gaffen. Nadira                         Wie du gütig bist! (Nadira, Thamar eilen die Treppe rechts hinab) Fünfter Auftritt Königin . Artaban Königin Dich, der von Wahnwitz redet, frag' ich nun: Sieht etwa heute sich zum erstenmal Von dir dein Herr und König übertroffen Und nur im Schach? Artaban                         Wenn er bescheidnen Teil Mir zusprach an des Feindes Niederwerfung . . . Königin So war dies nur ein Stückchen von der Wahrheit. Du hattest größern Teil daran als er. 25 Artaban Das rühmten mir gewiß die Neider nach! Es zerrt ihr falscher Lobspruch den Gestiegnen Zum steilsten Gipfel für den schroffsten Sturz. Königin Noch mehr, du wahrtest ihn vorm Untergang. Artaban Ich ihn? Wie kannst du glauben? Ich den König? Königin Am Tage der Entscheidung, da die Schlacht Wie sturmgeschüttelt hin und wider schwankte, Fand er, allein zu weit vorausgesprengt, Sich plötzlich einem Bienenschwarm von Feinden Dicht gegenüber. Pfeilgetroffen brach Sein Hengst verendend unter ihm zusammen. Es war um ihn geschehn und um sein Reich – Denn niemals widerstand ein Perserheer Nach seines Herrschers Fall – da hattest du, Der unbemerkt ihm folgte, dich behender Als mein Bericht vom Roß herabgeschwungen, Halfst ihm empor, so daß beritten wieder Zu den erschrocknen Seinen er entrann, Sie neu beseelend, während nur ein Wunder Dich rettete vor tausendfachem Tod. Artaban Wer, Fürstin, wer verriet dir das? Königin                                                   Er selbst. 26 Artaban Von mir erfuhr es niemand, wird es nie Jemand erfahren. Königin                     Minder noch von mir. Ich aber weiß es, und mir überflutet Schamröte heiß die Wangen, weil mein Gatte Dir, seinem Diener, Sieg und Leben dankt. Artaban Sollt' ich, sein Diener, Leben ihm und Sieg Entreißen lassen? Jedes Persers Blut Gehört ihm, wenn er's fordert, wird mit Freuden Freiwillig ihm geopfert, wenn er's braucht. Und was der letzte seiner Untertanen Ihm schuldig ist, sollt' ich ihm vorenthalten, Ich, dem er Stab und Siegel hat vertraut? Er sei mir Zeuge, daß ich nicht gebuhlt Um dies Vertraun, ihm nicht in gierigem Wettlauf Sein Wohlgefallen keuchend abgejagt. Ich ward von ihm gesucht, und nicht im Staub. Auf meinem Landschloß war ich Fürst im kleinen, Der Scholle Herr, so gut wie er des Reichs. Er rief, ich kam und blieb, erst nur gehorsam, Dann hingegeben bis zum tiefsten Kern. Wer dient, soll drauf bedacht sein, gut zu dienen; Bis dahin fliegt mein Ehrgeiz, höher nicht. Auf seinem Acker lenk' ich meinen Pflug; Die Aussaat steht bei mir, bei ihm die Ernte, Und im Bemühn, den ungeteilten Strom Des Lichts auf seiner hehren Stirn zu sammeln, Wähl' ich getrost im Schatten meinen Platz. 27 Königin Und spürst wohl nicht, was für ein Maß von Hochmut In dieser Fülle von Entsagung steckt? Artaban Entsagung? Königin                   Ja. Nur daß du so beredt Nicht just vor mir dich ihrer rühmen solltest. Wachrütteln könntest du damit Vergangnes, Das du, so dünkt mich, lieber schlafen siehst. Artaban Umsonst, o Fürstin, lass' ich mein Gedächtnis In alle Winkel des Vergangnen leuchten, Um zu verstehn, worauf die Mahnung zielt. Königin Solch leuchtendes Gedächtnis, und darinnen Der eine blinde Fleck! Im Irrtum denn, Durchaus im Irrtum war ich all die Jahre, Wenn ich Vergeßlichkeit für Kunst gehalten, Für eines Arztes schlau bedachten Plan, Allmählich, ohne schmerzendes Erinnern Den Stachel aus der Wunde mir zu ziehn. Artaban Falls dein Erinnern mich bei dir verklagt – Hier steh' ich, Königin. Königin                             So laß doch hören, Ob gänzlich ist verlöscht in deinem Geist, 28 Was dazumal geschah, da du vom König In meine ferne Heimat warst entsandt, Mich einzuholen, deines Herrn Verlobte? Artaban Fürwahr, nicht frischer könnt' es in mir haften, Wär's heut geschehn. Es war die erste Sendung, Zu der mich seine Wahl geweiht, und nie Verhallt in mir der Nachklang jener Stunde, Da feuchten Augs dein königlicher Vater, Mit Segensprüchen für den Zug weitab Zum ungekannten Freier, dich, sein Liebstes, Als zwiefach heilig Pfand mir übergab. Königin Und was ereignete sich auf dem Weg? Artaban Ein räuberisch Gesindel überfiel uns Auf rauhem Bergpaß aus dem Hinterhalt, So stark an Zahl, daß erst nach hartem Weidwerk Ich sie zu Paaren trieb. Königin                             Und dann? Artaban                                             Was noch? Königin Besinne dich! Dein reisiges Geleit, Wie losgelaßne Meute hinter ihnen, 29 Vermochte, da des Abends Schleier schon Die wirren Pfade des Gebirgs umhüllten, Den Zufluchtsort, an dem du meine Schwäche Verbargst und schirmtest, nicht mehr aufzufinden; Spurlos verflattert waren meine Fraun. Wir beide blieben, bis der Morgen kam, Allein. Gedenkst du jener Nacht? Artaban                                           Ich habe Des Königs Braut in jener Nacht behütet, Wie meine Pflicht und Ehre mir gebot. Königin Behütet, besser, als sie selbst es tat, Vor sich behütet – sag' es nur heraus. Denn sie, dem Hafen ihrer Kindheit kaum Entrückt aufs Meer, das Leben vorm Gesicht Wie eines Fabellandes blaue Küste, Sodann den Tod, ja Schlimmres als den Tod, Und knapp an ihm vorbei das Leben wieder, Sie sank im Rausch der Rettung ihrem Retter, Sank ihm zu Füßen hin wie einem Gott, Nicht achtend ihre Herkunft noch ihr Ziel – Ein zitternd Kind erst, nun ein zitternd Weib. Doch von ihm selber ward sie rasch gelöst Aus der Bezaubrung, und statt eines Gottes Stand wunschlos, ohne Willen, ohne Wesen Vor ihr ein Knecht. Artaban                       Daß er nichts andres war, Will darum die Gemahlin seines Herrn Ihn heute schelten? 30 Königin                       Nein, das will sie nicht. Sie liebt mit allen Fasern ihres Herzens Den Göttlichen, dem du sie zugeführt. Doch könnte sie – das merke wohl – dich hassen, Wenn du den Platz im Schatten je verließest, Den du gewählt, und der allein dir ziemt. (Ein Trompetenstoß Sechster Auftritt Vorige . Nadira , Thamar (kommen über die Treppe zurück und bleiben bei ihr stehen. Dann) König Nadira War das nicht köstlich, Herrin? Königin                                               Schon vorüber? Thamar Die Schranken räumt man für das Lanzenspiel. Artaban So bitt' ich denn um Urlaub . . . König (kommt allein über die Galerie von rechts) Artaban, Noch nicht gewappnet? Sollen ohne dich Einziehen in die Stechbahn meine Ritter? Artaban Ich eile. (Er will gehen) 31 König                 Halt, noch eins. Viel edle Frauen Umrahmen wie ein bunter Blütensaum Das grüne Kampfgefild; nur eine fehlt. Ich misse deine liebliche Gemahlin – Denn lieblich, so erzählt man, soll sie sein – Und frage mich. Weshalb noch weilt sie fern, In Abgeschiedenheit von uns, von dir? Artaban Sie weilt auf meinem Landschloß, wo – du weißt es – Kurz vor Beginn des Kriegs ich in der Stille Mich ihr vermählt. Ich folgte dir ins Feld, Vom Feld hierher, zu so gehäuften Bürden, Daß mir bis heut nicht Muße war gegönnt Zum Frauendienst. König                         Ich gönne sie dir gern. Artaban Wenn du befiehlst . . . König                                       Befehlen – ich? Weshalb? Ist's doch gewiß dein Wunsch, sie herzurufen. Artaban Befiehl, damit ich deinen Wunsch vollführe. König Ich sage nicht, du sollst es, und ich sage Noch weniger, du sollst es nicht. – So stumm, Odatis? 32 Königin (als hätte sie die Frage nicht gehört, zu Nadira und Thamar)               Kehrt zurück nach eurem Auslug, Ihr Mädchen. Diesmal kämpft vor euch ein Held. (Nadira, Thamar ab, die Treppe hinunter) König (zu Artaban) Die Königin hegt gleiche Ungeduld Wie ich, im Sattel dich zu sehn. (Artaban nach einer tiefen Verneigung ab über die Galerie nach rechts) Siebenter Auftritt König . Königin König (geht zum Altan und deutet auf zwei Plätze) Wohlan, Den Richtersitz nimm ein zu meiner Rechten. Königin Erst sag' mir, da nach deiner Wiederkunft, Der mondelang ersehnten, glühender Du mich umschlangst, versengender als je, War das nicht neue Hochzeit? König                                         Ja. Weswegen Die Frage? Königin           Weil mir als der Königin Und mehr noch als dem Weibe, das du liebst, Obliegt, zu ragen über alle Fraun, 33 So höheneinsam, daß auch der Gedanke Nicht Stufen zwischen ihnen baut und mir. Mein Rang erfordert Unvergleichlichkeit; Einmal verglichen wär' ich schon erniedrigt, Und du in mir. König                   Wohl schwerlich droht Gefahr.         (hinabschauend) Da reiten sie geharnischt in die Schranken, Mein Artaban voraus – ein Bild von Erz. Gesteh, daß er Bewundrung heischt. Königin                                               Zu viel, Als daß auch noch des Artaban Gemahlin Bewundrung heischen dürfte. König (lächelnd)                           War es das? Königin Prahlt ihrer Schönheit Ruf schon aus der Ferne, Dann dort verharre sie, damit nicht hier, Hier im Palast ein flimmernd Zweigestirn Wetteifre mit dem Strahl des Diadems Und wir nicht forschen müssen, wer gemeint ist, Wenn um uns her man munkelt. Welch ein Paar! König (betroffen) Ein Paar? Königin         Ich wenigstens ertrüg' es nicht So leicht wie du. 34 König                       Wie ich? Königin                                   Nie würd' ich dulden, Wenn ich der höchste Baum des Waldes wäre, Daß langsam kriechend eine Kletterpflanze Sich an mir aufrankt über mich empor. König Was soll das? Ich – und er?! Nach Weiberart Zeigst du mir deine Absicht halb verhüllt, Um mich zu reizen, daß ich sie entschleire. Du fürchtest . . ? Königin (am Altan)       Blick' hinab! Er ist im Anlauf. Ein Bild von Erz, du sagst es. Wie verschmolzen Zur Einheit mit dem Hengste, der ihn trägt. Sein Gegner auch stürmt an und lockt auf sich Nicht mehr Betrachtung als die leere Luft. Er einzig ist der mächtige Magnet Für aller Augen, selbst für das der Sonne, Das wie verliebt auf seinem Panzer ruht. Nun stoßen sie zusammen . . . König                                           Mansor hält Sich wacker. Königin             Da! Der wackre Mansor windet Sich schon im Staub, gefällt vom zweiten Prall!         (Beifallsrufe) Hörst du die Freude? 35 König                             Ja – und teile sie. Der Beifall, der mir seinen Wert bekräftigt, Lobt meine Wahl. Königin                     Und mehr noch den Gewählten, Der schon allein sich zu bewerten weiß. König Du willst ihm Übles. Königin                             Gutes will ich dir. König Des Guten denke drum, das ich ihm schulde. Königin Ich denke dran, seit ich's von dir erfuhr, So stetig, daß um meines Schlummers willen Ich wünschen muß, du hättest mir's verhehlt. König Wie? Königin       Denk' ich doch, daß er dich schwach gesehn Und sich den Stärkern fühlte! Daß dich lösend Aus der Umklammrung von Verlust und Schmach Er in des Dankes Netz dich fing. Ich denke, Daß ihn die einmal übersprungne Kluft 36 Nicht länger schwindeln machen kann und nichts Ihn hindert, sich im Geist voranzurücken Dem eignen Herrn, der nun sein Schuldner ist. König Du glaubst, er könnte je . . . Was frag' ich noch? Tapp' ich im Finstern? Muß von deinem Urteil Ich erst mir Fackeln leihn? Den kenn' ich besser! Wenn Überhebung eine Seuche würde, Die weder Greis noch Weib noch Kind verschont, Ihm schritte sie vorüber. Merkst du nicht, Wie mit Bedacht, mit Eifer, ja mit Angst Er immerzu den Abstand wahrt, als Gnade Verdienten Lohn empfängt, mir niemals vorzählt, Was ihm gelungen, nichts begehrt für sich, Vielmehr ganz Demut hinter mir verschwindet? Königin Und diese Demut, stolzer Perserkönig, Demütigt sie dich nicht? Nimm ihr vom Antlitz Die Maske doch, die mich nicht blenden kann: Was ist denn Überhebung, wenn nicht sie? Könnt' er mit seinen Taten eitler prunken, Als wenn er ihnen schweigend überläßt, Laut für sich selbst zu reden? Hätt' er Grund, So artig zu verschwinden hinter dir, Falls neben dir er sich verschwindend schiene? O nein, aus Hoffart zahlt er deine Gnade Dir unverkürzt in gleicher Münze heim. Aus Dünkel stellt er sich gering und schleicht Gebückt einher, als wollt' er zu dir sagen: »Ich bücke mich, weil, wenn ich aufrecht ginge, Ich größer war' als du.« 37 König (mit mühsamem Lachen) Ha, bei der Sonne, Mag er nur aufrecht gehn, erhobnen Haupts, Gereckt vom Hals bis zu den Zehenspitzen, Ich nehm' es mit ihm auf. (Beifallsrufe) Was lärmen sie? Königin (hinuntersehend) Ein andrer bäumt, von ihm herabgeschleudert, Gen Himmel seine Fersen . . . König (ebenso)                               Das ist Juba. Königin Die Hand gekrallt um seiner Lanze Stumpf; Die Splitter stoben ein paar Ellen weiter. König Noch sind wir nicht am Ende. Königin                                           Nein, gewiß; Noch nicht am Ende des Triumphs, den du Für deinen Liebling sorglich ausgesonnen. Dir war sein heimlich Wachstum nicht genug, Der Vorrang nicht, den du vor all den Deinen Ihm eingeräumt; nun hast du noch dein Volk, Das ihm zum Preis schon Wundermären flüstert, Als ein verschwenderischer Wirt geladen Zum Zeugen seiner Unbezwinglichkeit. König Er ist nicht unbezwinglich! Keiner ist's! Wer unbezwungen bis zum Mittag ficht, 38 Der kann vor Abend seinen Meister finden. Ich prüfe meiner Diener Kraft, wie man Ein Roß, ein Schwert, ein Kleinod prüft. Nicht ihm, Dem Sieger hab' ich diesen Kranz bestimmt. Königin Und wenn er Sieger bleibt? König                                             Noch ist er's nicht. (Beifallsrufe) Königin (hinunterweisend) Zum dritten Male blieb er's. König                                       Leichten Kaufs. Doch ernstre Fährnis wahrlich sucht ihn jetzt. Der Rappe dort, im Zügel kaum zu halten, Und ungebärdig knirschend ins Gebiß, Trägt einen Kämpen, der ihm ebenbürtig. Auf, Sapor, auf! Bewähre deinen Ursprung, Erweise deiner Väter fürstlich Blut! Königin Blindwütig rast er auf ihn ein. König                                                 Das traf! Königin Doch der Getroffne sitzt, als hätt' ein Strohhalm Ihm an den Schild gestreift. 39 König                                       Nun ist's an ihm. Königin Die Lanze legt er ein; er spornt; er zielt . . . König Der Stoß ging fehl. Königin                           Sie schwenken um; sie jagen Zurück und wieder her. König                                 Sie rammen beide Zugleich einander an. Königin                           Die Rosse taumeln; Die Reiter nicht. König                       Noch einmal, Sapor, triff! Ich kenne deine Gier, ihn auszustechen. Die Frucht, nach der du schmachtest, pflücke sie! So recht! Königin         Und so! Die Lanze Sapors kracht; Er fliegt ihr nach; er schmettert auf den Rasen, Und von der Stirn ihm träuft sein fürstlich Blut. (Stärkere Beifallsrufe) 40 König So jubelten sie kaum bei meinem Einzug. Königin Wie beispiellos wird erst ihr Jubel sein, Wenn meine Hand, vor Widerwillen zitternd, Dies blanke Gold auf seinen Scheitel drückt! Mag lieber sie verdorren, eh' durch sie Entfacht wird zu noch gleißenderem Aufgang Die Leuchte, die dich zu verdunkeln droht. König Mich?! Achter Auftritt Vorige . Bahram (kommt über die Galerie von rechts) Bahram         Herr, soll man das Zeichen geben? König                                                               Welches? Bahram Zum Schluß des Wettkampfs. Artaban behauptet Allein das Feld, und niemand stellt sich mehr, Die Ernte streitig ihm zu machen. König                                               Doch, Es stellt sich ihm noch einer.         (Zur Königin, mit gedämpfter Stimme) 41                                             Einer, dem Verdunklung droht von keinem Erdgebornen. Vor dir und alter Welt erhärt' ich dies.         (Zu Bahram) Mein Schlachtroß, Speer und Harnisch auf den Plan! Königin (freudig) Du willst . . . König (zu Bahram) Was zögerst du? Bahram                                       Vergib mir, Herr, Mein Ohr wird altersschwach. Verstand ich recht? Du selber . . .? König                   Meld' es Artaban: die Waffen Zu kreuzen fordert ihn heraus der König. (Bahram ab) Königin Dank, mein Gemahl. Wär' ich die Deine nicht, Du zögst mit dieser königlichen Wallung Gewonnen mich an deine Brust. Und doch Läßt mich dein ungeheures Wagnis schaudern. Wenn etwa . . . König                     Zweifelst du? Königin                                       Nein, nein, unmöglich! Der Zweifel wäre Lästrung, wäre Tod. 42 König Kein andres Wort hab' ich von dir erwartet. Bahram (zurückkehrend) Herr . . . König           Was? Bahram                 Ich bracht' ihm deine Fordrung. König                                                                   Gut. (Er wendet sich zum Gehen) Bahram Er aber . . . König                       Nun? Bahram                               Inbrünstig bittet er, Du mögest von ihr abstehn. König                                       Hör', Odatis! Bahram Er sei gewohnt, für seinen Herrn zu kämpfen, Nicht gegen ihn, und nicht einmal im Spiel Woll' er die Waffe nach dir zücken. 43 König (zur Königin)                                 Hör' Den Vorwand seiner Furcht. So nah der Scheuer Läßt volle Garben ungern man im Stich. Der Unbezwungne bebt vor dem Bezwinger. – Hinab und in den Bügel! (Er geht schnell ab über die Galerie nach rechts, Bahram folgt ihm) Neunter Auftritt Königin . (Dann) Nadira , Thamar Königin (allein, in großer Bewegung) Ob er bebt? Kann sein. Wie aber deut' ich's? Hegt er Furcht, Besiegt zu werden, oder Furcht, zu siegen? Jetzt euer Aug', ihr Falken in der Luft!         (Stimmengewirr. – Sie ruft) Nadira! Thamar! Pflichtvergeßne, laßt Ihr mich vereinsamt? Lüstet euch nach Strafe? Herauf zu mir!         (Nadira, Thamar kommen die Treppe herauf)                         Wer hieß euch . . . Nadira                                                 Herrin, du. – Thamar Du sandtest uns . . . Königin                               Ihr träumt. 44 Nadira                                                   Wir schwangen nur Im Wind gleich allen Frauen seidne Wimpel Dem Sieger Artaban. Thamar                           Da ging ein Raunen, Der König . . . Königin (hinabweisend) Was gewahrt ihr dort? Thamar                                                       Er ist's! Nadira Er reitet ein . . . Königin                         Mit Artaban, dem Sieger, Ringt euer König um den goldnen Kranz. Thamar Dies, Herrin, träumen wir. Königin                                         Seid wach! Seid achtsam! Helft mir als Späherinnen Bild um Bild Auf ehrne Tafeln unauslöschlich graben, Und prägt es in euch selbst, um euren Enkeln Davon zu künden. Nadira                       Alles hält ringsum Den Atem an . . . 45 Thamar                     Gespenstige Stille lagert Auch auf den Kämpfern. Nadira                                 Sie beleben sich. Thamar Sie sprengen vor . . . Nadira                                   Die Lanzen funkeln grell, Zwei Blitzen gleich, die ineinander schießen . . . Königin Es nebelt mir vorm Blick; ich unterscheide Nichts mehr. Thamar               Sie sind verstrickt zu dichtem Knäul. Nadira Sie lösen sich . . . Königin                           Wollt ihr mich martern? Sprecht! Wer liegt am Boden? Thamar                           Keiner, Herrin. Königin                                                   Keiner? 46 Nadira Sie fallen aus zum andern Mal . . . Königin                                                   Was schwatzt ihr, Als wär' ich blind? Ich sehe . . . Nein, mich täuscht Ein Fieberwahn! Des Königs Renner strauchelt . . .         (Mit Aufschrei) Weh mir, du wankst! (Sie schlägt die Hände vors Gesicht)                                 Ich will nichts weiter sehn – Und sehe dennoch durch geschloßne Lider. Traf Artaban ihn schon? Thamar                               Er zaudert. Königin (wieder hinabblickend)                 Zaudert? Was hemmt ihn? Thamar                   Nun erhebt er seine Lanze . . . Nadira Der König rafft sich auf . . . Königin                                         Das tut ihm not. Nadira Die seine hebt auch er, und . . . Herrin! 47 Königin                                                           Was? Nadira Dem Artaban entfällt sie! Königin                                     Stieß der König? Thamar Noch nicht! Königin                   Noch nicht? Und doch . . . Thamar                                                           Jetzt aber, jetzt! – Sieg! Königin   Wessen Sieg? Nadira                           Bewältigt hingestreckt Liegt Artaban. (vielstimmige Rufe) Königin               Zerbrach denn seine Lanze, Bevor sie fiel? Thamar                 Vernimm! Sie jauchzen Sieg, Sieg für den König. 48 Königin (verstört, mit matter Stimme)                               Für den König – ja. Nadira Was ist dir, Herrin? Du bist bleich. Königin                                                   Vor Stolz.         (Auf einen Diwan sinkend) Und wie gelähmt vor Freude. (Ein Trompetenstoß)                                             Geht voran Ins Fraungemach. Das Spiel ist aus. Nadira (besorgt)                                     Und du? Königin Vergaßet ihr mein Amt? Ich muß den Sieger Bekrönen. Geht! (Nadira, Thamar ab links vorn) Zehnter Auftritt Königin . König , Artaban (beide geharnischt, kommen über die Galerie von rechts). Bahram (folgt ihnen) König (in strahlender Laune)                               Aus meiner jüngsten Schlacht, Du Zierde meines Thrones, kehr' ich heim Und bringe dir den überwundnen Helden Als Geisel mit. Königin (ist aufgestanden)                       Heil dir, Bewundernswerter! 49 König Bahram, die Rüstung ab!         (Bahram entwaffnet ihn während des folgenden)                                           Ja, wisse nur, Mein guter Artaban, was mich bewog, Recht aus dem Stegreif mit dir anzubinden. Die Königin, dein Werk bestaunend, meinte, Hinfürder werd' im Volk die Fabel gehn Von deiner Unbezwinglichkeit, und Fabeln Sind manchmal Drachensaat. Im Keime drum Erstickt' ich sie. Artaban                 Du hättest, mein Gebieter, Der Mühe kaum bedurft. Würd' ohnehin Den Frevler man nicht steinigen, der leugnet, In deinem Arm sei mehr als Menschenkraft? Du bist gefeit, und weil du's bist, gereicht Es dir zum Ruhm, mir aber nicht zur Schande, Daß ich dir unterlag. Der Kranz ist dein. (Bahram mit den Waffenstücken ab Tür links hinten) König Dem Fest zuliebe mög' er meinethalb Für diesen einen Tag mein Haupt bekleiden. Hier neigt sich's vor der Richterin. Königin (nachdem sie sich von Bahrams Abgang überzeugt hat)                                                   Ist's billig, Sofern zu richten ich berufen bin, Daß meinem Spruch man vorgreift? 50 König (lächelnd)                                   Wahrlich nein. Den Spruch zuerst, hellsichtiges Orakel, Und dann den Kranz. Königin                           Der Spruch versagt ihn dir. König (zurückprallend) Bist du bei Sinnen? Königin                       Muß ihn dir versagen, Eh' mir dein Sieg verbürgt ist. König                                         Dir verbürgt? Steht nicht vor dir als Bürge der Besiegte? Königin Mir gilt nur als Besiegter, wem der Sieg Entrungen ward aus der geballten Faust, Nicht wer ihn hergab mit gespreizten Fingern. König Ihn hergab? Artaban – erwidre du! Artaban Soll ich mit meiner Gegenwehr mich brüsten? Du hast, o Herr, vermutlich sie gespürt. 51 König (zur Königin) Die Wahrheit ist's; er setzte hart mir zu. Es hing an einem Faden . . . Königin                                     Frag' ihn doch, Warum er diesen Faden nicht zerschnitt; Frag' ihn, warum dich halb Entwurzelten Sein stoßbereiter Arm verschonte . . . König (zu Artaban)                                   Mach' Ein Ende; gib ihr Antwort! Königin                                 Heiß ihn schwören, Daß unfreiwillig er die Lanze hinwarf, Bevor noch du . . . König                           Genug davon, genug! Kein Gaukler war ich je, kein Spiegelfechter, Kein Trödler, der um goldne Kränze feilscht! – Leist' ihr den Schwur, den sie nun einmal will! Artaban (stockend) Erhabner . . . König                   Schwöre, sag' ich! Artaban                                           Wohl, ich schwöre, Daß, wenn du tausend Male mit mir kämpfst, Du tausend Male siegen wirst. 52 Königin (zum König)                       Verstehst du? König (mit aufschäumender Heftigkeit) Bin ich der Sieger oder nur dein Narr? Artaban Du bist des Reiches unumschränkter Fürst Und ich dein Untergebner. Dieser Kampf, Den du mir aufzwangst gegen meine Bitte, War drum bereits entschieden vor Beginn. Mein Roß trug mich allein; jedoch mit dir Im Sattel saß zugleich des Staates Wohl, Des Vaterlands Gedeihn, des Volkes Ehrfurcht. Um dieser aller willen durftest du Nicht übermannt von mir zur Erde sinken. Du mußtest siegen, und du hast gesiegt. König (zur Königin, zähneknirschend) Gib ihm den Kranz. Königin                         Hier ist er. König (ihn ihr abnehmend und Artaban hinhaltend)                                                 Nimm, was dein. Artaban Mit nichten. Dir gehört er. König                                             Nimm! 53 Artaban                                                       Dein Volk Hat dir ihn zuerkannt. König                             So lieg' er hier – Zertreten! (Er hat den Kranz zu Boden geschleudert und stampft darauf) Artaban         Herr, bedenk' . . . König (mit gebietender Bewegung)   Entferne dich! (Artaban ab durch die Tür links hinten) Elfter Auftritt König . Königin König Gefoppt! – Königin                 O nein, beschenkt. Wer hat nun recht? Für die Beschämung, die er dir ersparte, Ward eine schlimmre dir. Du fühlst sie brennen Und mußt ihm noch dafür erkenntlich sein: Er schenkte dir den Sieg, ließ ihn wie Kupfer Aus vollem Säckel in den Schoß dir gleiten. O hätt' ich einen Bettler doch gefreit Statt eines Königs, der von seinem Diener Almosen nimmt! 54 König                       Nicht diese Sprache, Weib! Niemand verhöhnt mich straflos, auch nicht du. Königin Verhöhnung nennst du meinen grimmen Schmerz? Ich log und schmeichelte dir nicht wie er, Hob nicht in falscher Unterwürfigkeit Dich in die Wolken; nein, ich sah dich dort. Unnahbar throntest du für mich da droben, Und schon der freche Trieb, in deine Sphäre Zu klimmen, deuchte mir wie Tempelraub. Nun aber bist du mir herabgestürzt. Ihm, den zu beugen du dich unterfingst, Lagst wehrlos du, wenn er gewollt, zu Füßen; Was ich für Selbstvergöttrung nahm, ist wahr, Und allem Sträuben der Verzweigung trotzend Lebt fürder sein Bewußtsein auch in mir, Daß er dich überragt. König (außer sich)             So spotte mein, Rauf' mir den Bart, sperr' mich in einen Zwinger Und gib mich wie ein seltsam Jahrmarktstier Dem Mutwill meiner Untertanen preis, Wenn nicht noch heut, in dieser Stunde noch, Solang' die Sonne, deren Sohn ich bin, Noch strebt bergan, ich den verbognen Maßstab Einrenke wiederum in deinem Hirn. Ich überragt? Von wem denn, Rasende? Was ist er, wenn nicht mein Geschöpf, mein Werkzeug? Ich, der ihn groß gemacht, kann ihn verkleinern; Zertreten kann ich ihn wie diesen Kranz. 55 Zwölfter Auftritt Vorige . Sapor , Juba , Mansor , Gefolge (kommen über die Galerie von rechts) Sapor (mit einer Schramme auf der Stirn) Unüberwindlicher! Wir nahn, geschwellt Vom brausenden Frohlocken deiner Hauptstadt Und sind ihr Echo. König (gepeinigt)           Ja, schon gut. Juba                                                 Wir feiern In dir den Sieger, der . . . König                                   Schon gut, schon gut. Ihr alle seid beglückt, ich weiß. Sapor , Juba , Mansor , Gefolge       Wir alle. König Beglückt, weil ich ihn zwang, dem ihr erlagt.         (Abwinkend) Schon gut. (Juba, Mansor, Gefolge ab durch die Tür links hinten. Sapor will sich ihnen anschließen)                 Wart, Sapor! Einen Auftrag dir. Geh hin zu Artaban . . . Sapor (widerstrebend)             Ich soll . . . 56 König                                                     Geh hin. Er gebe, so befehl' ich ihm, die beiden Kennzeichen seiner Amtsgewalt heraus. Sapor (in völlig verändertem Ton, freudig) Ich soll . . . König               Du sollst ihm Stab und Siegelring Abfordern und mir bringen. Sapor                                       Augenblicks! (Schnell ab durch die Tür links hinten) Dreizehnter Auftritt König . Königin König Wie der sich freut! Königin                           Was hast du vor? König (mit wiedererlangter Sicherheit)               Merk' auf. Ein neuer Zweikampf zwischen uns hebt an, Mit spitzigeren Lanzen als vorher. Ich will ihn kitzeln, wo sein zähes Fell Am eh'sten blutet, bis ich die Beschämung Gedoppelt ihm beglichen. Merk' nur auf! 57 Vierzehnter Auftritt Vorige . Sapor Sapor (zurückkehrend) Hier Stab und Ring, mein König. König                                               Gab er gleich Sie dir heraus? Sapor                     Ja, gleich. König                                     Mit welcher Miene? Sapor Ihm zuckte keine Wimper. König                                         Doch die Worte – Die Worte, die er sprach, wie lauten sie? Sapor Er sagte keins; was ich in deinem Namen Verlangte, reichte wortlos er mir hin. Königin (ironisch) Beschämung offenbar. König                               Geduld! Geduld! Er hat noch nicht begriffen. (Zu Sapor) Geh zurück; 58 Bestell' ihm, daß ich alle seine Würden Ihm aberkannt, um dir an seiner Statt Sie zu verleihn. Sapor (überschwenglich) Ich küsse dir die Schuhe! Du bist gerecht, bist weise, bist . . . König                                                   Schon gut.         (Ihm nachrufend) Hierher sodann bescheid' ich ihn. (Sapor ab links hinten) Fünfzehnter Auftritt König . Königin Königin (fragend)                               Dies alles . . . König Ist nur ein Spiel, ein Kampfspiel, weiter nichts. Er, dem du mich zu Füßen liegen sahst – Im Geiste freilich nur – er wird alsbald Leibhaftig hier zu meinen Füßen winseln. Ich hör' ihn schon, wie hundertmal zuvor Ich andre hörte. »Was, o Herr, verbrach ich? Und hab' ich nicht, o Herr, dir treu gedient? Versäumt' ich eine Pflicht? Ließ ich an Sorgfalt Es irgend fehlen? Dann gelob' ich dir Von heut an Besserung. Nur nimm, o Herr, O Herr, in deine Huld mich wieder auf!« Ich aber stelle mich ein Weilchen taub 59 Und weide mich daran, wie Zoll für Zoll Er sich der überragenden Gestalt Entäußern wird, vor dir zusammenschrumpfend Wie schmelzend Wachs. Königin                               Ich bin darauf gespannt. Sechzehnter Auftritt Vorige . Artaban Artaban (von links hinten, ohne Waffen) Ich komm' auf dein Geheiß, o Herr . . . König (leise zur Königin)                                 Es fängt Schon an. Artaban           Und harre . . . König (herablassend)                 Was ist dein Begehren? Artaban Das meine? König                       Wohl. Denn meines Willens Botschaft – Nicht wahr? – die hast du doch empfangen? Artaban                                                           Ja. 60 König Kennst ihren Inhalt? Artaban                             Ja. König                                       So wiederhol' ihn. Artaban Du schiedest mich von meinen Würden ab Und übertrugst sie Sapor. König                                   Also! – Sprich! – Verstatte deiner Zunge freien Lauf. – Ich lausche. – Sprich! Artaban                           Wovon? König                                             Was ich dir antat, Wie nennst du das? Artaban                         Dein gutes Recht. König                                                       Und doch Ein Unrecht – wie? (Da Artaban schweigt) 61                             Soll ich dir etwa glauben, Daß du mein Handeln billigst? Artaban                                       Für dein Handeln Steht mir nicht Billigung noch Tadel zu. König Nahm ich dir nicht, was dein war nach Gebühr? Artaban Du nahmest mir, was du mir einst gegeben; Genau so viel, nicht um ein Körnchen mehr. König Den Grund jedoch! Der Grund, warum ich's gab, War dir bekannt. Errietest du den andern? Artaban Nein. König             Und du forschest nicht einmal danach? Artaban Wozu? Wie jenen hast du sicherlich Auch diesen wohl erwogen. König (immer hitziger)                 Weiche mir Nicht aus mit Schlangenglätte! Steh mir endlich! Birg nichts! Erheuchle nichts! Ich bin es müd, 62 Von dir geschont zu werden und gehätschelt Wie ein verzogen Kind. Dir ward soeben Ein wucht'ger Streich von mir versetzt; begegn' ihm; Gebrauche deine Waffen; lehn' dich auf! Artaban Sich aufzulehnen wider seinen König Ist Hochverrat. König                     Ich will den Augenblick Nicht König sein! Vergiß, daß ich es bin! Artaban Ich kann nicht für den Augenblick vergessen, Was ich in langen Jahren nie vergaß. König Für lange Jahre voll Ergebenheit Und makelloser Treue zahlt' ich so! Nun schilt mich undankbar – dies wenigstens Wirst du doch dürfen! – schütte nach der Reihe Gleich Perlen einer aufgetrennten Schnur Mir deine Taten mahnend auf den Tisch. Kurz, als ein Mann, dem Kränkung widerfahren, Beklage dich! Artaban               Ein Mann beklagt sich nicht. Er tut sein Mögliches; doch was auch immer Daraus erwächst, ob Gutes oder Schlimmes, Das nimmt er als Verhängnis ruhig hin. 63 König Verwegener, du bist erkannt! Zutage Liegt klar dein schnöder, grenzenloser Hochmut, Der sich in geilem Wuchern allgemach Aufblähte bis zum Thron. Dies war die Probe, Der ich ihn unterzogen. Hättest du Zur Bitte dich bemüßigt oder auch Dich rückhaltlos beschwert, mein Tun gerügt, Wermut mit Galle mir vergolten – dann War dir verziehn. Doch, daß du nun den Vorwurf Mir just so pomphaft schenktest wie den Sieg, Darin enthüllt sich eine Sinnesart, Die nimmermehr von einem Untertanen Ein Herrscher ungesühnt erleiden darf. – Ich banne dich von meinem Angesicht Nach deinem Landschloß. Überschreitest künftig Du nur um Haaresbreite sein Gebiet, Bist du dem Tod verfallen. Artaban (verneigt sich und geht nach links hinten) König                                     So behend, So willig dein Gehorsam? Erst bekenne Die Quellen deiner stummen Festigkeit; Gesteh, daß dir die Buße winkt wie Lohn Und du beflügelt eilst, für straffen Zwang Dir einzutauschen Rast in weichen Armen. Artaban Hierin, mein König, rätst du fehl. Ich liebe Mein Weib. Doch mit noch tiefrer Leidenschaft 64 Liebt' ich zu dienen. Dieses Feuer glimmt Auch in der Asche fort, und seine Glut Erkaltet nicht, bevor ich selbst erkalte. (Ab links hinten) König (schadenfroh hinter ihm drein rufend) So fühle, daß für diesmal dich dein Herr Nicht nur zum Schein bezwungen! (Er sieht ihm nach, bis er verschwunden ist, und wendet sich dann rasch zur Königin)                                                     Wer ist nun Der Überragende? Königin                       Du nicht. König (mit Aufschrei)                     Odatis! 65 Zweiter Aufzug Gemach im Landschloß Artabans In der Mittelwand links breite Fensteröffnung mit Aussicht auf südliche Gärten und Waldgebirg; rechts Eingangstür. Zwei weitere Türen in der rechten Seitenwand. Rechts vorn Tisch mit Sitzpolstern; links vorn Diwan. Der ganze Raum ist mit Teppichen und Ziergerät reich und warm ausgestattet Erster Auftritt (Die schrägen Strahlen der Nachmittagssonne beleuchten den Garten.) Gülsade (in leichter Kleidung, liegt auf dem Diwan). Manjana (fächelt sie) Gülsade (mit halb geschlossenen Augen) Dies ist nicht Traum noch Wachen, ist ein Drittes. Ein Zauberschlaf, der alle Glieder fesselt In süßer Mattigkeit und alle Sinne Zu lockrem Tanz entführt. Kann dieser Tag Sich nicht ersättigen? Es offenbart Sein schwüler Atem ihn als Liebestrunknen, Und seine Seele loht nur um so heißer, Je mehr von ihren Flammen sie verhaucht. Mich hat er eingelullt auf meinem Pfühl, Die Sehnen mir mit weichem Band geknebelt, 66 Um ohne Scham zu girren. (Blinzelnd) Was beginnst du, Manjana? Nahm er dich in Sold? Manjana                                         Ich fächle Dir Kühlung. Gülsade             Nein, du fächelst, Kupplerin, Mir seine Küsse zu, die brennenden. Laß ab! Manjana (aufhörend)               Ei, was für Küsse? Gülsade                                     Sagt' ich so? Man schwatzt im Traum gar wunderliche Dinge. Da flattern die Gedanken Faltern gleich Wahllos von Wort zu Wort und nippen dran. Sprach ich von Küssen, hab' ich sie geträumt. Und doch – ich träumte nicht. Es waren seine! Durch die Gemarkung streifend sandt' er sie Mir von bewegten Lippen, und ihr Glühn Griff zündend über auf die Botin Luft.         (Sie richtet sich ein wenig auf, stützt den Kopf mit der Hand) Ich wollt', ich wäre nun der rote Mohn, Der seinen Schritt umblüht; ich wollt', ich wäre Das Laub des Kirschbaums, der ihm Schatten spendet; Die reife Purpurtraube möcht' ich sein Am Rebenhang . . .         (Sich zu ihr wendend)                               Manjana, war es gestern? 67 Manjana Was? Gülsade           Als er wiederkam. Manjana                                       Schon viele Wochen Ist's her. Gülsade         Und wieviel Jahre war er fern? Manjana Ein halbes kaum Gülsade (kopfschüttelnd)       Die Uhr in deinem Innern Gibt falsche Zeiten an, weil du nicht liebst. Manjana Mir bangt vor Liebe, seit nach deinen Seufzern Ich dir die Stunden zählen half. Gülsade (sie mit einem Arm umschlingend) O Kind! O töricht Kind! Manjana                 Was bleibt noch unser eigen, Wenn unsres Wesens ganzen Hort und Inhalt An einen Liebsten wir gehängt und der Zu andern Pflichten als den uns geschwornen 68 Ihn mit hinwegträgt? Was noch bleibt zurück Für uns Verlaßne? Gülsade                       Unsre Liebe bleibt Und hält zugleich den Flüchtling klammernd fest. Verlassen? Ich von ihm? Das war ich niemals! Verlieh denn eine wundersame Macht Mir nicht ein Auge, das den Raum durchdrang Auf tausend Meilen? Mocht' im Lagerzelt Er weilen oder im Palast, zum Kampf Ausreiten oder tafeln mit dem König, Schlaflos zur Nachtzeit grübeln oder ruhn, Ich war bei ihm, und mit untrüglichen Fühlfäden spürt' ich, wann er frohen Herzens, Wann voll Betrübnis, wann in Sicherheit, Wann in Gefahr. Manjana (bewundernd) Und von dort überall Konnt' er hinwieder dich erblicken? Gülsade (mit leichtem Seufzer)                   Nein, Das können Männer nicht. Sie sind für uns Der ganze Himmel und die ganze Erde, Wir ihnen bestenfalls ein Stück davon.         (In anderem Ton, lebhaft) Am Morgen seiner Heimkehr – weißt du noch, Wie von Gesichten zeitig aufgescheucht Ich rief: Er kommt! Flicht um die nackten Säulen Ein Blumenkleid! Zum Abend ist er hier! – 69 Und jetzt? Gewahre jetzt ich etwa minder, Daß er sich nähert? Soll ich prophezein? Vom Fruchtland rückgewendet zu den Gärten Durchquert er den Zypressengang, ersteigt Gemach die Böschung, steht am Haus, tritt ein Und . . . (Man hört draußen Artabans Stimme)               Horch! Manjana                   Fürwahr, du trafst es! Gülsade                                                     Schleich dich fort. Ich will so tun, als schlummert' ich. (Manjana ab rechts vorn) Zweiter Auftritt Gülsade . Artaban (kommt mit) Milas (durch die Eingangstür. – Die Besonnung des Gartens ist gewichen; zunehmende Trübe) Milas (im Eintreten)                               Dies wird Ein schweres Wetter, so mir recht ist. Artaban                                                 Leise! Sie schläft. Milas (mit gedämpfter Stimme)                   Es regt sich weder Halm noch Blatt; Kein Heimchen zirpt mehr; dicht am Boden huschen Die Schwalben . . . 70 Artaban (ebenso)           In Gehöft und Ställe soll Die Herden treiben meiner Hüter Troß. Die Schnitter sollen einen Unterstand Sich küren. Niemand bleib' aus offner Flur. (Milas verneigt sich zustimmend und geht ab durch die Eingangstür. – Fernes Donnergrollen. – Er tritt zum Diwan, beugt sich über Gülsade) Ruh' noch ein Weilchen, holde Schläferin; Sei Bildnis nur und laß mich fromm betrachten, Wie lieblich deine Brust gleich eines Weihers Belebtem Wellenspiel sich hebt und senkt. Von ihrer zarten Wölbung wird ein Reich Umschlossen, drin ich herrsche. Hier, nur hier, In diesem engen pochenden Gehäus, Das dennoch ohne Grenzen ist, gehören Der Erde Güter, sonst so wankelmütig, Gehören Macht und Ansehn, Würd' und Rang Mir unverlierbar. Gülsade (wie aus dem Schlaf sprechend)                           Artaban! Artaban                                   Gülsade, Bin ich in deinem Traum? Gülsade (öffnet die Augen und schlingt die Arme um seinen Hals)                                         Du bist in allem, Was mein, und alles, alles ist in dir. Artaban Kann der Demant sich noch gesondert fühlen Vom Goldreif, der ihn hegt? So hegen beide Wir dauernd eingefaßt im Ich das Du. 71 Gülsade (richtet sich auf, setzt sich) Sag', ist's auch wahr? Ist's auch gewißlich wahr? Artaban Was? Gülsade           Werd' ich so von dir gehegt? Artaban (lächelnd)                                       Gelob' ich Dir dies vom Morgen bis zum Abend fort, Alsdann vom Abend weiter bis zum Morgen, Und wähne dich von meiner Schwüre Flut Ertränkt, so waren sie nur Tropfen Wassers, Gegossen in den heißen Sand. Gülsade                                       Ach nein! Jedoch ich wollte . . . Artaban                           Sprich! Gülsade (sich umschauend)               Wie düster wird's! Artaban Um deine Wangen webt ein heitrer Tag. Gülsade Auf deiner Stirne lastet ein getrübter. Ihr bösen Falten! Kaum hinweggestreichelt 72 Erscheint ihr wieder. Fehlt es mir an Kunst? Ich möchte schön sein wie . . . Artaban                                       Schön wie Gülsade. Die Schönheit kennt kein ander Losungswort. Gülsade Ich möchte schöner sein, so machtvoll schön, Daß keine Stelle wär' in deinem Denken, Die mich nicht spiegelte; kein leerer Platz Für schwarze Grübeleien, weil die Liebe Dir jedes Eckchen rosig ausgefüllt! Und sollt' ich dennoch bei der kleinsten Regung Dich überraschen, die von mir entflieht, Ich würf' ihr eine seidne Schlinge nach Und zöge sie zurück. Artaban                         Bedarf es deren? Ich bin ja schon gefangen. Gülsade                                   Leider nein. Glaubst du, daß ich die Schrift in deinen Mienen So schlecht entziffern kann? Sie hehlt mir nichts. Ich sah vorzeiten eine wilde Taube Das Nest umkreisen, draus man sie vertrieben; Nicht anders kreist noch immer all dein Sinnen Um diesen König, der es nicht verdient. Artaban Du bist ihm gram? 73 Gülsade                             Hat er dich doch verbannt! Artaban Hierher – zu dir. Gülsade                           Und raubt mir dich aufs neue, Betrügt mich um dem bestes Teil. Solang' Er ganz dich festhielt, weilte deine Sehnsucht Bei mir. Jetzt – leugn' es nicht – jetzt weilt sie dort. Artaban Mein eifersücht'ger Schutzgeist – Spuk, nichts weiter! Drum fort mit ihm aus deinem Lockenhaupt! Bin ich denn minder dein, weil dann und wann Der jäh durchschnittne Nerv ein wenig schmerzt? Mein rechter Arm ist mir gelähmt und zuckt, Wenn mit dem linken ich ans Herz dich preßte, Noch manchmal unwillkürlich nach dem Schwert. Gülsade Du leidest hier Entbehrung, ach, ich weiß! Artaban War dort ich so beneidenswert? Es lebt Sich nicht bequem auf einer Nadelspitze. Welch einen Aufwand von Geschicklichkeit Braucht's da, sich nur im Gleichgewicht zu halten, Geschweige denn sich selbst genug zu tun! Ein Wort zu wenig oder eins zu viel; Ein Ton zu laut, zu leis; ein ernster Blick 74 Statt eines lächelnden; geschäftig Handeln, Das vorgreift, oder ehrerbietig Zögern; Ein Fehlschlag oder schlimmer, ein Erfolg – Dies all ist gleiches Wagnis. Weh dem Diener, Wenn er nur dient und nicht zugleich gefällt! Nach Wunsch des Herrn, der bald als starken Beistand Ihn will und bald als eigner Stärke Siegel, Abwechselnd muß er Löwe sein und Maus. Man achtet ihn gering, wenn er entbehrlich, Man grollt ihm, wenn er unentbehrlich ist; Und war der Himmel eben wolkenfrei, Im Nu kann auf den Schädel des Erstaunten Ein malmend Ungewitter sich entladen, Gleich dem, das jetzt um unsre Mauern tobt. (Das Wetter ist schon während seiner Rede losgebrochen und erreicht nun den Höhepunkt in einigen rasch aufeinander folgenden Blitzen und Donnerschlägen. Gleichzeitig rauscht ein wolkenbruchartiger Regen nieder) Gülsade Unheimlich dröhnt's. Artaban                                 Wie königlicher Zorn. Gülsade (sich an ihn schmiegend) O bleib! O laß mich nie mehr einsam sein! Artaban (zärtlich) Vorm Donner zagt mein Wiegenkind. Gülsade                                                 Ich zage Vor nichts in deiner Hut. 75 Artaban                               Und bebst? Gülsade                                                 Um dich. – Wie, wenn der König seinen Grimm bereute, Dich neu begnadete? Artaban                         Das wird er kaum. Gülsade Warum nicht? Artaban                       Weil die Königin mich haßt. Gülsade Nicht wahr, du gäbest niemals, niemals mehr Dem Wetterstrahl dich preis? Artaban                                     Denk' dir, Gülsade, Nur einmal unsern alten Schäferhund, Gefüttert und gepflegt in trockner Hütte; Schau, würd' er nicht an seiner Kette reißen, Wüßt' er die Herde draußen unbewacht In Blitz und Sturm? Und ich – ich sollt' ihm nachstehn? Geborgenheit ist nur des Feiglings Glück, Und zeigt sich Not am Mann, bin ich des Königs. Gülsade (lauschend) Mich dünkt, ich höre Hufschlag. 76 Artaban                                         Regen ist's, Der auf die Steine tickt. Gülsade                             Nun deutlicher. Artaban Bei solchem Graus verirrt so leicht sich niemand In unser abgeschiednes Tal. Gülsade                                   So hör' doch! Ganz nahe schon. Artaban (geht zur Fensteröffnung, späht hinaus)                             Ja wahrlich, du hast recht. Ein Reiter trabt, vom Saum des Waldes kommend, Grad aus dem Schlosse zu. Nur seinen Umriß Läßt mich der feuchte Schleier unterscheiden, Der zwischen ihm und mir herniederfließt. Ein Fremdling allenfalls, vom Reisepfad Seitab verschlagen. Gülsade                       Oder gar ein Bote. Artaban Von wem geschickt? Gülsade                                 Je nun . . . 77 Artaban                                                 Er hält am Tor. (Man hört draußen ein starkes Klopfen) Gülsade Und pocht recht keck daran. Artaban                                           Ob Freund, ob Feind, Im Kriege mit dem wilden Element Sind Mensch und Mensch seit Urbeginn verbündet.         (Milas kommt durch die Eingangstür. – Artaban ihm entgegen) Wer ist es, Milas? Milas                         Wie mir scheint, ein Ritter, In unsrer Sprache redend und ersichtlich Durchnäßt bis auf die Haut. Geb' ich ihm Einlaß? Artaban Wie jedem, der drum bittet. Bring' ihn her. (Milas ab) Gülsade Die Sitte heißt mich gehn; allein sie dürfte Mir's nicht verargen, wenn etwa die Neugier Mich blinzeln hieße durch der Türe Spalt. (Ab rechts) 78 Dritter Auftritt Artaban . Milas (kommt durch die Eingangstür und läßt den) König (eintreten, der bis über den Kopf in einen triefenden Mantel gehüllt ist. – Das Gewitter verzieht sich allmählich; der Regen läßt nach; es wird heller) Milas Hier sieh den Herrn des Schlosses. Artaban                                                 Wer auch immer Du sein magst, sei willkommen. König                                             Wer ich bin, Erkunde selbst. (Er wirft den Mantel ab, ist im Jagdkleid) Artaban (starr)         Mein König! Milas (ebenso)                               Unser König!         (Er kniet nieder) König Du stehst verwundert; ich desgleichen. Wisse: Nicht ahnend, wer in diesem Schlosse wohnt, Betrat ich seine Schwelle. Artaban                               Wie geschah, Wie konnte dies geschehn? Des Landes Herrscher Schutzlos, geleitlos in Gewitterschauern Vor Ungemach nicht sorglicher bewahrt Als jeder Niedrigste! 79 König                             Durch eigne Schuld. Man hatte diese Gegend meines Reichs, In der ich nie zuvor mich umgetan, Mir oft gepriesen ob des Überflusses An edlem Wild in ihrer Wälder Schoß. Deshalb zum Schauplatz einer Jagd sie wählend, Vier Tage schon durchpirscht' ich mit den Meinen Den ungeheuren Forst, bis heut am fünften Ein weißes Hirschkalb nicht zehn Klafter weit Von meinem Bogen aus dem Dickicht sprang Und flinker, als mein Pfeil ihm folgen konnte, Waldeinwärts flog. Ich mit verhängtem Zügel Setzt' ihm wie rasend nach, so daß ich bald Mein ganz Geleit zurückließ hinter mir. Abgründe, Dornen, Bäche hemmten nicht Mein tolles Ungestüm, und endlich, endlich In einem unwegsamen Felsenkessel Schien mir die Beute sicher. Da mit eins Verkehrte sich der Tag in Nacht; vom Himmel Traf züngelnd Feuer mich und peitschend Wasser; Verloren hatt' ich meines Weidtiers Fährte Samt meiner eignen; unnütz der Versuch, Die Richtung auszuspähn, woher ich kam. Dem Ungefähr mich blindlings überliefernd Ritt ich und ritt, nur noch bewegt vom Wunsch Nach einem Obdach, als am Waldesrand Mir tröstlich nah dies Haus entgegenwinkte. Artaban Dies Haus, Erhabner, würdigt nach Gebühr Die hohe Gnade . . . 80 König                             Gnade? Du vernahmst, Ich hatte keine Wahl. Artaban                           Ein Untertan, Bei dem sein König einkehrt, ist begnadet. Verstatte mir darum, dich zu bewirten, So gut ich es vermag. König                             Falls mich am Herd Will dulden auch die Wirtin . . . Artaban (zu Milas)                           Das Gesind Ruf mir zusammen; meiner Weisung soll es Gewärtig sein. Und sende deine Herrin Zu Gruß und Willkomm für den hehren Gast. (Milas ab rechts hinten) König Was du mir bietest, wohl, ich nehm' es an, Bis mein Gefolg sich wiederfand. Schon lächelt Versöhntes Licht herab . . . Artaban                                   Doch bald ist's Abend. Du würdest in der Finsternis die Deinen Zum zweitenmal verfehlen, und sie dich. Auch werden sie, sofern der Wald sie hergibt, Mein Dach wohl vorziehn einem nassen Zelt. 81 Geruhe drum zu säumen bis zur Frühe. Vorab jedoch . . . (Er sieht Gülsade eintreten, unterbricht sich)                           Gülsade, neige dich Dem höchsten Herrn. Vierter Auftritt Artaban . König . Gülsade (deren Kleidung durch einen Überwurf ergänzt ist, von rechts vorn) Gülsade (voll einiger Befangenheit)                                     Ich bin beglückt, mein König, Dein Angesicht zu schaun. König (geblendet)                     Und ich – das deine. Gülsade Verzeih, wenn durch dein unvermutet Nahn Mir keine Frist verblieb, mich so zu schmücken, Wie mir geziemte. König                         Deinen reichsten Schmuck Mußt du nicht erst bemüht sein anzulegen. Du trägst ihn unveräußerlich. Gülsade                                     Du wirst Erschöpft und hungrig sein . . . König                                           Ich war's. 82 Gülsade                                                       Man bringt Sogleich dir Labung. Artaban                         Falls dir mittlerweil Gefiele, dein durchfeuchtet Kleid zu tauschen . . . König (ohne den Blick von ihr zu wenden) Herbergen will mich dein Gemahl zur Nacht. Entscheide, was ich soll. Gülsade                               Was ihn erfreut. Artaban Selbst werd' ich Sorge tragen, die Gemächer Für dich zu rüsten. König                           Schalte, wie du magst. (Artaban ab rechts hinten) Fünfter Auftritt König . Gülsade . (Die untergehende Sonne ist durchgebrochen und taucht den Garten in rötlichen Abendglanz) Gülsade (auf einen Sitz am Tische rechts weisend) Dies, bitte, laß den goldnen Thron bedeuten Und nimm vorlieb. 83 König (überhört ihre Aufforderung, in ihren Anblick verloren)                               Der frevlen Lästerung Verklag' ich das Gerücht von deinem Reiz. Das scheinbar so verstiegne Lob war Schimpf; Sonst hätt' es nicht für selten ausgegeben, Was einzig ist; sonst hätte sich die Sprache Mit Worten von gewohnter Klangart nicht Begnügt zur Schilderung des Unerhörten; Sonst würde täglich die verlaßne Straße Zu deinem stillen ländlichen Versteck Von Scharen schaubegieriger Pilger wimmeln Gleichwie der Weg zu einem Heiligtum. Gülsade Herr, einzig macht mich dir die Einsamkeit. Doch deine Hauptstadt birgt gewiß der Frauen Gar viel, vor denen ich verblassen müßte, Trät' ich, von dir ermutigt, neben sie. Zumal die Königin . . . König                               Wie meine Hauptstadt, Wie mein Palast verurteilt war zu darben,. Geschmälert um der Zierden köstlichste, Jetzt erst erfass' ich's. ( Manjana und einige andere Dienerinnen sind inzwischen von rechts vorn gekommen, Gebäck, Früchte und Wein in zierlichen Gefäßen tragend, stellen diese auf den Tisch und gehen dann wieder ab) Gülsade                           Wolle nicht verschmähn, Was dich erquicken soll, ist's gleich bescheiden. 84 Hier süßes Backwerk; Früchte hier, die Kinder Des Heimatbodens, den du väterlich Im Schutz und Segen deiner Hände hältst.         (Ihm einschenkend) Hier Wein von unsern Reben. König (setzt sich an den Tisch und trinkt) Deines Anblicks Genoß die Traube, da sie schwebend wuchs. Kein Wunder, wenn ihr Blut so feurig ward. – Er aber, vormals meinem Thron der nächste, Der solch beseelend Kleinod so vergrub, Daß nur ein Zufall – ewig sei ihm Dank! – Die Pforte mir zum Schatzgewölbe wies, War er nicht schon um seines Geizes willen Verdammenswert? Gülsade                       Nein, geizig ihn zu nennen Hätt' ich, vergib, gerechtern Grund als du. Von allen seinen Gaben weiß ich keine, Die nicht zu meinem Nachteil unvermindert Er dir geweiht, solang' du's ihm erlaubt; Und wenn du mir dadurch um so viel reicher Erscheinen mußtest, als ich selbst verarmt, So hab' ich oft – ich will es dir gestehn – Dich nicht allein um seine Gegenwart, Nein, auch um sein Gefühl für dich beneidet. Sogar noch heut, nachdem er, ein Verbannter, Zu mir zurückgekehrt, wie wär' ich froh, Nur seines Herzens Hälfte zu besitzen; Denn mehr als die – das glaube mir – ist dein. 85 König Dies glauben heißt es tadeln. Wem das Glück Leibhaft geworden sich herniederneigt, Ihm den umkränzten Kelch bis an den Rand Mit Wonne füllend – welch verstockter Tor, Wenn andres Raum noch hat in seiner Brust Als du, nur du! Gülsade (verwirrt)     So schrankenlos, mein König, Herrscht keine Frau. König                             Du könntest! Gülsade                                               Und ich würde Gern wieder seitwärts stehn, wenn ihn du huldreich Vom Bann, der ihn bedrückt . . . König (lebhaft)                                   Bedrückt er ihn? Gülsade Wenn du davon ihn löstest. König                                             Wünscht er das? Gülsade Ich wünsch' es, Herr, für ihn. 86 König                                                 Und was, Gülsade, Für dich? Sechster Auftritt Vorige . Artaban (von rechts hinten. – Das Abendrot ist erkaltet; rasch zunehmende Dämmerung) Artaban (bleibt bei der Tür stehen)                 Erhabner, alles ist bereitet. Bad und Gewänder harren dein. König                                             Nun wohl, Ich füge mich der freundlichen Gewalt. (Er geht mit Artaban ab rechts hinten) Siebenter Auftritt Gülsade . (Gleich darauf) Artaban Gülsade (allein) Was jetzt? Wer rät mir? Wie versteh' ich ihn? (Artaban kehrt von rechts hinten zurück. Milas folgt ihm) Artaban (zu Milas) Bring Fackeln. (Milas ab durch die Eingangstür. – Artaban geht auf Gülsade zu, kaum seine Unruhe bemeisternd)                         Sprich von ahnungsvollen Träumen Mir niemals mehr! Sie ließen uns im Stich. Zwar einerlei – den Glauben hätt' ich ihnen 87 Geweigert; ja, fast weigr' ich ihn sogar Der Wirklichkeit. Gülsade (ihn anschauend) Fremd sind mir deine Züge. Du scheinst ein andrer. Artaban                             Freilich, die Verwandlung Ist für die Kürze groß genug. Du kanntest Bislang mich nur als Herrn; jetzt bin ich Diener, Aufs neue Diener. Haltung, Gang, Gebärde Bequemt sich dem veränderten Gesetz. Gülsade Vermag die Schickung mehr an dir zu tun? Ihn, den Verlorenen, doch nie Verschmerzten, Ihn wirbelt sie dir in dein Haus! Artaban                                         Die Schickung Kann unser Schicksal werden. Laß vereint Uns ihr begegnen. Gülsade                     Was, zu guter Letzt, Kann draus entstehn, als daß er seinem Wirte Die Gastlichkeit mit frischer Gunst vergilt? Artaban Dies fürchtest du? 88 Gülsade                             Dies hoff' ich. Artaban                                                   Sieh mich an. Zum ersten Male sagst du mir nicht alles. Was sprach er? Gülsade                 Schmeichelein. Artaban                                         Das Wort ist mild. Sein Blick war kühner. Gülsade                             Nicht durch meine Schuld. Artaban Nur merkt' ich dran sogleich, wie wohlbedacht Zeit meines Amtes ich die herbe Prüfung Mir auferlegt, von dir getrennt zu sein. Gülsade Darum?! Artaban               Ich zog sie schlimmrem Übel vor. Gülsade Darum als jung Vermählte saß ich hier Gleich einer Witib! 89 Artaban                       Ja. Gülsade                             Wer bin ich denn, Daß du mir so mißtraut? Artaban                               Nicht dir; nur ihm. Gülsade Du hättest mich beschirmt. Artaban                                         Mit meinem Leben. Mein Leben aber liegt in seiner Hand. Gülsade Ich hätte mich verteidigt. Artaban                                       Und zum Angriff Dadurch ihn erst gespornt. Ein Weltgebieter Läßt eher eine Welt in Trümmer fallen, Bevor er einem Widerstand sich beugt. Vermenge tausendfältiger Bejahung Nur das geringste Nein, und seiner Allmacht Gesamtes Aufgebot an Waffen wendet Er gegen dieses Bollwerk, das ihr trotzt. 90 Gülsade Und heute – welche Vorschrift gibst du mir? Bestimme mein Verhalten. Artaban                                 Ist es möglich, Daß dich die Notwehr meiner Liebe kränkt? Gülsade Wie soll die meine sich der Not erwehren? Du hast sie scheu gemacht; nun gängle sie. (Milas und ein anderer Diener kommen durch die Eingangstür mit brennenden Fackeln und befestigen sie in Fackelhaltern an der Wand; dann ab) Artaban (zieht Gülsade nach dem Vordergrund, mit gedämpfter Stimme) Schon morgen ist er wieder fern. Es gilt Ihn über kurze Stunden wegzutäuschen. Du kannst nicht hindern, daß vor seinem Auge Du Wohlgefallen findest; aber ich, Daß er es ohne Zeugen dir beteuert. Solang' ich gegenwärtig, zügelt er, Den keiner zügeln dürfte, wohl sich selbst; Und du, vor jeder Silbe sei gedenk, Daß Eitelkeit, von allen Leidenschaften Die heftigste, je reichlicher genährt, Je schwerer überwuchert wird von andern. Drum zeig', auch wenn er dringlicher dir huldigt, Als deinem Sinn genehm, dich gleich der Biene, Die Honig sammelnd ihren Stachel birgt. Gülsade (mit Blick nach der Tür rechts hinten) Er kommt! 91 Achter Auftritt Vorige . König (in einem anderen Gewande, von rechts hinten. – Draußen ist es inzwischen völlig Nacht geworden) König               Hier euer Gast, von Wohlsein strotzend, Geläutert und geletzt in solchem Grade, Daß ihm des Irrwegs Mühsal wie Gewölk Zerronnen deucht. Wer müßte dieses Haus Nicht loben? Zollt es doch für sich allein Beredtes Lob dem Geiste der Bewohner; Und nichts gebräche mir zu völligem Behagen, sorgt' ich nicht um mein Gefolg', Das jetzt in Sorg' um mich den nächtigen Wald Vergebens kreuz und quer durchstöbern wird. Artaban Schon gab ich meinen Leuten Auftrag, Herr, Nach ihm zu fahnden. König                               Kennen deine Leute Den Wald genau? Artaban                     So mein' ich. König                                             Doch du kennst Ihn besser? 92 Artaban           Ich? König                     Und wenn auch nicht – du hast Als Feldherr manch verwickelteren Pfad Enträtselt. Ich vertraue deiner Führung. Artaban Herr, sie bedürfen meiner Führung nicht. König Doch sie verspricht beschleunigtes Gelingen. Artaban Ich bürge . . . König                         Bürge mir durch den Vollzug. Artaban (mit Gülsade einen Blick wechselnd) Mein König, ist dies ein Befehl? König                                             Dein König Befiehlt nicht, was dein Gast erwarten darf. Artaban (mit qualvoll mühsamer Selbstbeherrschung) So muß ich meinem Gast gehorchen. König                                                     Glaub', Erkenntlich ist er dir dafür. Ich wette, 93 Du wirft nicht rasten, eh' zu mir die Meinen Du selber hergeleitet. Artaban                         Sei gewiß. (Ab Eingangstür) Neunter Auftritt König . Gülsade König (mit einem Schritt auf sie zu) Gönnt mir Verzaubertem die Fee Gülsade Noch einen Zug von ihrem heißen Wein?         (während sie ihm einschenkt) Weshalb erzittert ihre Lilienhand, Senkt sich ihr leuchtend Augenpaar zu Boden? – Folgt ihre Seele züchtig dem Gemahl Auf seine dunkle Wandrung? Hat er doch An Trennung sie gewöhnt; hat doch sie selber Gewünscht, ich soll ihn wieder ihr entziehn, Und länger als auf einen Abend bloß. Gülsade (ihn plötzlich voll ansehend) Nicht so! Wenn Artaban zur Hauptstadt kehrte, So käm' er diesmal nicht allein. König                                           Ist's das?         (Er trinkt) O, nur der Durstige vermag den Trank Zu schätzen, den ein andrer achtlos schlürft. 94 Gülsade Zur Seite wär' ich ihm. König                                       Ist's das? Dein Wunsch – Wie konnt' ich nur ihn so verkennen! – quoll Empor aus deinem eigensten Verlangen. Aus ihren Hüllen drängt voll Ungestüm Zum Licht, zum Tag die Blüte deiner Jugend; Sie will am Rausche, den ihr süßer Schmelz Ergriffnen Blicken beut, sich selbst berauschen, Will, daß vor ihrer königlichen Pracht Sich tausend Häupter, alt und junge, neigen, Vornehmlich eines Königs Haupt. Gülsade                                           Vielleicht. Doch wie du meinen Wunsch auch deuten magst, Gewähr' ihn mir. König                       Und wenn ich ihn gewähre? Gülsade Dann werd' auch ich, o Herr, dem Zufall danken, Der dich hierher geführt. König                                   Nun, so vernimm. Es war nicht völlig Zufall, daß ich kam. Gülsade (erstaunt) Nicht? 95 König                           Sondern ich begehrte dich zu schaun. Es lockte mich zu prüfen, ob in Wahrheit Sich der Vermeßne, der herabgeschnellt Beim Wettflug mit dem Aar, berühmen dürfe, Vermählt zu sein des Landes schönster Frau. Mit Vorsatz drum verlegt' ich meinen Pirschgang In dieses Tal; mit Vorsatz bog ich ab, Den irren Weg erkiesend als den rechten, Und bin am Ziel. Gülsade                   Bis dich ein neues ruft Und wieder eins von all den ernstern Zielen, Die sich ein Mann, die sich ein Herrscher setzt. Schon morgen, wenn du meiner noch gedenkst, Werd' ich für dich das Gestern sein. König                                                   Du bist Vielmehr das Heute, das ich halten will, Festhalten, wie man Unersetzliches, Nach lebenslangem Schürfen Aufgefundnes, Wie man das Leben selbst umklammert hält. Und wie sich meiner Ahnung kühnstes Bild Verflüchtigte vor dir zu fahlem Schatten, So dünkt mir jedes Gestern ausgelöscht, Vorweg mir ausgesogen jedes Morgen, Du seliges Heut, von deiner Allgewalt. Gebrauche sie! Statt eines Wunsches nenne Mir hunderte, so keck, so buntbeflügelt, So märchentoll du sie ersinnen kannst, Und eilends dir zu Füßen schütt' ich aus 96 Ein unversiegbar Füllhorn der Gewährung, Wenn du gewährst! Gülsade                         O Herr, du baust mit Worten Mir sagenhafte Schlösser in die Luft. Greif' ich danach, so werden sie zerflattern. König Gülsade, nein! Gülsade                     Denn ich befürchte schier, Du hast mich meiner Allgewalt versichert, Nur weil du meiner Ohnmacht spotten willst. König In deiner Ohnmacht suche deinen Sieg. – Sei mein! (Er umschlingt sie) Gülsade (windet sich erschauernd los)                 Du bist im Haus des Artaban. König Sei Herrin seines Herrn! Gülsade                                   Ich bin sein Weib. König Geburt bestimmte dir ein reichres Los. Vollendung wurde dir verliehn als Merkmal, 97 Daß du geschaffen seist für mich, den einen, Der einzig ist wie du – zum stolzen Bunde Der höchsten Schönheit mit der höchsten Macht. – Sei mein, Gülsade! Gülsade                       Schonung, Herr! König                                                   Ich werbe! Gülsade Wie soll ich dir erwidern? Wie mich wappnen Als durch ein Flehn? König                             Ich flehe ja zu dir. Gülsade Dem Sturmwind gleich, der knickt, was nicht willfährig. König Dem Sturmwind gleich, der, was er liebt, entführt. Gülsade O scheue doch den Frieden dieser Mauern! König Laß uns von hier entrinnen! Komm! Gülsade                                                     Wohin? 98 König Auf halbem Weg zu meiner Hauptstadt ragt Ein Marmorbau, drin kühle Bronnen rauschen Und goldne Schalen in verschwiegnen Kammern Betäubend hauchen Ströme Wohlgeruch. Dort soll die Liebe dich erhöhn . . . Gülsade                                               Erniedern Will sie mich dort. Sie nimmt mich für den Becher, Aus dem du gierig trinkst, und der zur Neige Von dir geleert zurücktaucht in das Nichts. Was würdest du, wenn alles, was ich bin, Ich dir dahingab, zum Entgelt mir bieten? Brosamen deiner Laune, müde Stunden, Der Weltenherrschaft kärglich abgespart. Wie kindisch unser Wahn, es könne jemals Ein Mann für mehr als einen Augenblick Nur lieben, lieben, müsse nicht bereits Noch angeschmiegt an unsre warme Brust, Im Geist befehlen wieder, dienen, kämpfen Und so durch fremde Glut uns hintergehn! Ja, wer gleich uns vergessen würd' um Liebe, Was ihr nicht eignet, ihren Brand nicht schürt; Wer sich vergeudend bis zum kleinsten Rest Blindlings wie wir in ihren Krater stürzte, Der Mann, der das vermöchte – ja, von dem, Ob König oder nicht, würd' ich es glauben, Daß er auf Erden einzig ist. König                                       Gülsade, Wie, wenn seither, um dieser Mann zu sein, 99 Ich deiner nur ermangelte, des Weibes, Das jenes Flammenopfer lehrt und lohnt? Wie, wenn um solchen Preis die Selbstvergeudung Mir Wucher dünkt? Was ich dir böte, fragst du? So fordre, fordre doch die Morgengabe! Für alles, höre, biet' ich alles dir; Nichts nehm' ich aus. Gülsade                           Wie kannst du mir verheißen, Was einer andern zugehört? König                                       O schweig Von ihr! Gülsade       Das Schweigen deines Marmorbaus Für mich; für sie Palast und Königsnamen Und Diadem . . . König (mit scheuem Ausdruck und heiserer Stimme)                             Entfremdet ist sie mir. Ein Wort von ihr hat mich zerstört, vergiftet. Ich bin ein Kranker, der durch dich allein Genesen kann. Gülsade                 Indem ich mit ihr teile? König Indem du sie zur Ahndung überstrahlst. 100 Gülsade Die Probe denn; die Probe wag' ich drauf. Ja, ja, das ist die Rettung! – Dein die Wahl Sie oder ich. König                 Wohlan, so folg' mir. Gülsade (verständnislos)                         Was . . . König Ich führe dich in den Palast. Gülsade                                         Und sie? König Sie soll dir weichen. Gülsade (schaudernd, halb für sich) Wo gerat' ich hin! – König Sei Königin an ihrer Statt! Gülsade (die Herrschaft über sich verlierend) Dies ist Ein wirres Traumbild . . . König                                   Ich erhebe dich Zur Weltbeherrscherin; die fernsten Reiche, 101 Die meinem Zepter noch nicht unterjocht, Erober' ich, damit auch sie zu dir Als einer Gottheit beten. Komm! Gülsade (wie unter einem hypnotischen Zwang) Entfliehn? König Bevor er heimkehrt. Gülsade                             Nein, er würd' uns treffen. Einholen würd' er uns. König                               Gleichviel! Gülsade                                             Ich stürbe . . . König So wart' ihn ab und geh mit ihm wie sonst Ins Schlafgemach. Sobald sein Schloß und ihn Der erste Schlummer bleiern hält umfangen, Schleichst du heraus. Ich harre dein; ich hebe Die Königsbraut auf mein geschwindes Tier . . . Gülsade Und wenn er aufwacht? Wenn er meiner Flucht Sich widersetzt? König (hält ihr einen mit Edelsteinen geschmückten Dolch hin)                           Hilft andres nicht, so nimm Zu Hilfe diesen, um dich zu befrein. 102 Gülsade (gelangt, auf den Dolch hinstarrend, wieder zu voller Besinnung) Ihn töten? Ich?! König                     Wenn Drangsal es erheischt. Hab' ich geschwankt, als du die Wahl mir stelltest? Du gleichfalls, geht es auch um Tod und Leben, Mußt wählen zwischen ihm und mir. Gülsade (von einer plötzlichen Vision gefaßt, schlägt die Hände vors Gesicht)                                                         Entsetzen! König Was ist dir? Gülsade                 Erde, schlinge mich hinab! Herunter, Dachgebälk, mich zu zerschmettern! König Was flog dich an? Gülsade                         Er naht. König (lauschend)                         Kein Schritt; kein Laut. Gülsade Ich höre, fühle, sehe, daß er naht. Und ich . . . und ich . . . König                                   Soll Angst ihm dich verraten? 103 Gülsade Schon tritt er in den Torweg! König                                               Bist du schutzlos? Wer ist der Stärkere von beiden? Gülsade                                           Du. König Drum fürchte nichts. Gülsade (mit jähem Entschluß) Gib mir die Waffe; gib! König Hier. Gülsade (den Dolch ergreifend)             Tut es not, schütz' ich mit ihr mich selbst. König (in wildem Triumph) Du hast gewählt! Vom Urteilspruch der Liebe Ward mir der Kranz. Wer rüttelt noch daran? Zehnter Auftritt Vorige . Artaban (durch die Eingangstür) Artaban (im Auftreten) Mein König, dein Gefolg . . . Gülsade (von Artabans spähendem Blick getroffen, erwidert ihn mit einem Blick, in dem gemarterte Scham und angstvolle Hingebung sich vermischen, eilt dann, keines Wortes mächtig, hinaus durch die Tür rechts vorn) 104 Elfter Auftritt König . Artaban Artaban (hat sich zur Beobachtung dieses blitzschnellen Vorgangs unterbrochen und richtet erst jetzt wieder voll erkünstelter Ruhe seine stumm fragenden Augen auf den König) König (eine leichte Befangenheit bemeisternd)                                               Du wolltest sagen? Artaban Daß dein Geheiß vollzogen ist. Mit Fackeln, Die hellen Wink durchs schwarze Dickicht sprühten, Bracht' ich die Deinen stracks auf unsre Spur. Sie bergen das erlegte Wild im Vorhof Des Schlosses eben jetzt und werden baldigst Vor dir erscheinen. König                           Nicht vergebens also Sandt' ich auf Kundschaft solchen Boten aus. Gar mannigfach, ich muß gestehn, verpflichtet Mich dir der heut'ge Tag. Vergangne Dinge Rühr' ich dabei nicht auf; denn ob aus ihnen Etwelches Unkraut gleich hervorgekeimt, Ein Wirt wie du hat Anspruch auf Belohnung. Artaban Den Wirt belohnt genügend seines Gastes Zufriedenheit. 105 König                   Ein Knauser müßt' ich heißen, Schlüg' ich, was du mir heut erwiesen hast, Nicht höher an. Artaban                   Was ich dir heut erwies, Hätt' ich dem ärmsten Wandrer nicht verweigert. König (sich setzend) Wozu der Umschweif? Sag' es grad heraus, Daß ich für andre, wichtigere Dienste Den Lohn dir vorenthielt. Artaban                                 So meint' ich's nicht. König Mich aber würd' es freun, dich so zu hören. Entsinnst du dich, weshalb du meiner Gnade Verlustig gingst? Artaban                   Weil ich es unterließ, Mich zu beklagen. König                         Ja, ganz recht; so war's. Dein Stolz verdroß mich. Doch an deiner Stelle Macht' ich den Fehler heute wieder gut. Artaban Wodurch? 106 König                     Indem du nachholst, was du damals Versäumt. Artaban           Es sei denn; ich beklage mich. König Nur immerzu. Artaban                   Doch nicht um dessentwillen, Was du mir nahmst, und was dein Eigentum. König Weswegen sonst? Artaban                         Mit gütigem Verlaub, O Herr, beklag' ich heut mich wegen dessen, Was du mir nehmen willst. König                                     Was wäre das? Artaban Mein Weib. – König (erhebt sich und steht mit verschränkten Armen ihm gegenüber)                               Fahr fort. – Nur weiter. – Oder bist Du schon zu Ende? Artaban                       Deiner Gegenrede Harr' ich in Demut. 107 König                           Ich entgegne nichts. Artaban Die Sprache führt' ich, die du mir empfohlen, Und hoffe, mich dafür belohnt zu sehn. König Du treibst verwognen Scherz. Artaban                                         Nie war mir ernster Zu Sinn. Ich habe mein Versehn von einst Genau nach deinem Fingerzeig verbessert, Und wenn die Klage triftig dir erscheint, Dann zum geringsten zähl' ich drauf, sie bringe So viel von deiner alten Gunst mir wieder, Daß du mir lässest, was mein eigen ist. König Dein eigen? Artaban                 Ja. König                         Was ist in meinem Reich An Gut und Blut nicht mein, sobald ich will? Artaban Nimm Gut und Blut, vertilge dieses Haus Durch Schwert und Feuer; laß in seinen Trümmern Mein Leben, das ich hundertmal für dich 108 Gewagt, verröcheln, und du bist im Recht. Solang' jedoch dies Leben in mir wohnt, Gebietet Halt vor meinem Ehebett Auch dir, dem König, das Gesetz der Treue, Auf dessen unerschütterlichem Grunde Der Thron nicht minder als die Hütte ruht. König Des Königs Macht steht über dem Gesetz. Artaban Um es zu hüten! König                               Wer – so frag' ich – darf Ihr Schranken ziehn? Artaban                         Du darfst es; ja, du mußt, Soll Unumschränktheit zum Gespött nicht werden, Zur Selbstbeschränkung nicht einmal im Stand. König Und nun genug! Just weil durch spitze Worte Du weiser Held mich zu entwaffnen denkst, Schrei' ich's dir ins Gesicht. Ja, zehnmal ja, Ich will Gülsade! Meinen Willen schreckt Kein Recht und kein Gesetz, und ihn befestigt Gewißheit obendrein, daß ihm von ihr Kein Sträuben droht. Was jetzt? Artaban (knirschend)                         Ein wildes Tier Schlägt man zu Boden; doch sogar im Wolf, 109 Der räuberisch in meine Hürde bricht, Acht' ich des Königs Unverletzlichkeit. Nur seinem Frevel wehr' ich! König                                         Wenn du kannst. Mag sein, daß mich gelüstet, Kraft an Kraft Nochmals zu messen, ob du zwar voraus Für jeden Wettkampf zwischen uns den Sieg Mir zugesichert. Laß die Schwerter reden. Ich rufe mein Gefolg, du deine Knechte, Falls gegen mich sie dir gehorsam sind . . . Artaban (verzweifelt) Furchtbarer Zwiespalt! Selber lehrt' ich sie, Dich heilig halten . . . Dieser Kampf ist ungleich! Du fichtst mit Waffen, die mein Glaube dir In langen Jahren eifernd hat gestählt; Zutiefst im eignen Innern, dir verbündet, Kehrt meines Wirkens Geist sich wider mich, Und wenn ich siege, bin ich doch verloren. König So räum' es ein, daß du den Wolf am Raube Nicht hindern kannst. Artaban (von einer Erleuchtung durchzuckt)                                 Doch! Daran hindr' ich ihn! König Ich zweifle. 110 Artaban               Nimmer wirst du mit Gewalt Sie mir entreißen. König                         Laß doch sehn. (Er macht einige Schritte nach rechts) Artaban (vertritt ihm den Weg)               Ja, nimmer! Ich beuge vor. Man soll dereinst nicht melden, Daß König Kosru sich durch eine Schandtat Mit Schmach befleckte; Persiens Oberhaupt Soll nicht in das Gedächtnis später Enkel Eingehn mit einem Brandmal auf der Stirn. Was wiegt auf eherner Jahrhundertwage Der Nachwelt eines Dieners Ehr' und Glück? Wie damals in der Schlacht ich aus den Garnen Des Feinds dich hieb, mich und mein Heil verachtend, So mit noch teurerm Einsatz rett' ich heut Zum zweiten Male deinen Herrscherruhm Für künftige Geschlechter vor Verfinstrung. König Ich bin begierig, was du tust. Artaban                                         Hab acht! –         (Er geht zur Tür rechte vorn, öffnet sie, ruft) Gülsade! 111 König             Wähnst du . . .? Artaban                                   Hab nur acht! Zwölfter Auftritt Vorige . Gülsade (bleich und zitternd, von rechts vorn) Artaban (flüstert ihr schnell zu)                           Vertrau mir! Was auch geschieht, sei stumm.         (Er nimmt sie bei der Hand und führt sie dem König zu)                                                 Hier, Perserkönig, Hier ist das Weib, das du mir rauben willst. Ich aber, um dich dran zu hindern, schenke Sie dir. (Pause. – Gülsade, zwischen beiden stehend, blickt fassungslos vom einen zum andern. Der König, wie durch einen kalten Wasserstrahl zur Besinnung gebracht, ringt vergeblich nach Worten)             Du hast mich wohl nicht recht verstanden? Ich schenke dir Gülsade. König (stammelnd)                 Schenkst sie . . .? Artaban                                                         Ja. Und schmeichle mir, daß niemals fürstlicher Ein Fürst beschenkt ward. 112 König (im Kampf mit seiner wachsenden Beschämung)                                         Wahnwitz spricht aus dir. Artaban Nicht doch, mit wohlerwogenem Entschluß Geb' ich mein letztes Gut aus freien Stücken Dir hin. König (murmelt zwischen den Zähnen)               Ein König, der von seinem Diener Almosen nimmt. Artaban                   Was hält dich noch zurück? Warum ergreifst du nicht in raschem Taumel Die heißbegehrte Beute, nun sie rechtens Und ohne Kampf anheim dir fällt? Zumal Du schon vorher die Zuversicht erlangt, Sie selber werde sich nicht sträuben? Gülsade (aufflammend)                             Wie? (Artaban bedeutet ihr durch eine Gebärde, zu schweigen. Neue Pause) König (mühsam) Du fandest mich bereit, mit dir zu ringen. Doch dein Geschenk – nehm' ich nicht an. Artaban (aufatmend)                                       So spricht Ein König, muß ein König sprechen. Anders Hatt' ich es nicht von dir erwartet, Herr. 113 König Du hast gewußt . . .? Artaban                             Unfehlbar wie des Sternlaufs Granitne Regeln hab' ich es gewußt, Ich dürfe deiner adligen Gesinnung Nur Aug' in Aug' dich gegenüberstellen, Um aus den Schlacken deiner Leidenschaft Zu sieben dieser Antwort lautres Gold. König (stirnrunzelnd) Ein Kunstgriff also! Artaban                       Nein, Voraussicht nur, Gegründet felsenfest auf deine Größe. König Voraussicht eines Mittels, mich zu kirren. Du schenktest mir, was ich erzwingen wollte, Und zwangst mich solcher Art, es zu verschmähn. Gesetzt jedoch, ich hätt' auf das Geschenk, Das nur zum Schein du mir geboten, dennoch Die Hand gelegt, was dann?         (Da Artaban schweigt, eindringlicher)                                           Was dann? Gülsade, Dich frag' ich nun. Gülsade (sich völlig vergessend, zeigt ihm den Dolch)                             Dann hätte dieser Stahl, Den du mir gabst, um Artaban zu treffen, Dein Herz durchbohrt. 114 König (zurückprallend)         Betrug! Artaban (zu Gülsade)                       Was tatest du! König (aus haltloser Scham heraus zu immer wilderer Wut sich steigernd) Heimtückisch Doppelspiel! – Ha, nun durchschau' ich Mit eins der Arglist ganzes Webestück. Reif war der Anschlag schon, als eure Schwelle Mein Fuß betrat; geflochten schon der Fallstrick, In den ich rannte. (Zu Artaban) Dein Geschenk enthielt, Wenn ich es annahm, tödlich Otterngift. Sie war das Werkzeug, das in feigem Haß Du hinterrücks geschärft, mich zu ermorden! Artaban Du irrst. Hab' ich doch nicht einmal geahnt, Daß sie bewaffnet ist. König                             Ein Hochverräter Bist du, von dessen wahrem Antlitz endlich Die stets getragne Heuchlerlarve sank. Von Anfang auf der Lauer, hintern Schild Schmiegsamer Unterwürfigkeit geduckt, Lag deiner Ehrsucht unersättlich Trachten; Verzehrt vom Neid, an Wuchs mir nachzustehn, Zergrübelte dem Hirn sich ruhelos, Durch welche Finten am verläßlichsten Du mich verringertest, mich niederzögst. 115 Und weil dir das mißlang, weil beim Versuch Der Übertrumpfung in die Tiefe dich Geschleudert hat ein Zucken meiner Wimpern, Drum wollte sich nunmehr dein Zwergengrimm In meinem Herzblut kühlen. Dreizehnter Auftritt Vorige . Sapor , Juba , Mansor (und) Gefolge (durch die Eingangstür; hinter ihnen) Milas . (Der Mond ist ausgegangen und ergießt sein Licht über den Garten) Sapor                                       Herr, gestatte, Daß wir zu frohem Gruß . . . König                                         Heran mit euch! Hier den Verworfnen, der mir nach dem Leben Meuchlings gezielt, nehmt fest! Gülsade                                         Nein, mich! König (zu den Verdutzten)                                     Ihr hörtet. Gülsade Herr, du verklagst ihn falsch. Nur ich allein Bin schuldig. König                 In die Hauptstadt fort mit ihm, Und morgen vors Gericht! 116 Gülsade (vor ihm hingeworfen)     Barmherzigkeit! König (ohne sie zu beachten) Die Nacht ist mondklar. Wenn wir wacker traben, Sieht uns das Frührot schon daheim. Gülsade (Artaban umklammernd)               Vergib! Artaban Leb' wohl.         (Er macht sich sanft von ihr los und läßt sich ruhig hinwegführen) König                       Zu Pferde! (Alle ab durch die Eingangstür, bis auf Gülsade und Milas) Vierzehnter Auftritt Gülsade . Milas Gülsade (wendet sich, noch während des Abgangs, zu dem fassungslosen Milas, mit der Geistesgegenwart der Verzweiflung)                                               Milas, augenblicks Den Zelter sattle mir! Milas                               Du willst . . . 117 Gülsade                                               Ich will Mich insgeheim an ihre Fersen heften. Milas (jammernd) Wohin des Wegs bei Nacht? Gülsade                                     Zur Königin. 118 Dritter Aufzug Schauplatz wie im ersten Aufzug Der Vorhang vor der Galerie ist zugezogen Erster Auftritt (Morgengrauen.) Bahram (liegt auf den Stufen und schläft). Sapor (kommt durch den Vorhang) Sapor He, holla, Bahram, auf! Bahram (schlaftrunken)             Was gibt es? Sapor                                                         Reib Den Schlaf dir aus den Augen. Vor dem Tor Selbander stehn der Morgen und der König. Bahram (sich erhebend) Du, Sapor, bist's? Der König, sagtest du . . . Seid ihr nicht auf der Jagd? 119 Sapor                                       Wir sind zurück Und haben ein gar edles Wild gefangen. Bahram (ängstlich) Denk' nicht, ich sei zu alt zum Wächterdienst. Mißdeutung wär' es, wenn du glauben wolltest, Ich hätte nicht gewacht. Sapor                                 Mach' hurtig, wecke Den schlummernden Palast und heiß den Schall Sich breiten bis zum Ohr der Königin. Der König will alsbald sie sehn. Bahram                                         Sogleich. (Ab links vorn) Zweiter Auftritt Sapor . Juba , Mansor (kommen durch den Vorhang, halten ihn offen und lassen den) König (eintreten. Dann) Artaban (und) Bewaffnete . (Tagesanbruch) König (unstet und fahrig) Noch alles ruhig? Sapor                         Dein Befehl erging. König (sich umschauend) Gleich einem Fremdling kehr' ich bei mir ein. So wird vielleicht einmal mein letzter Erbe 120 Durch seiner Väter ausgestorbne Hallen Hinwandeln, fröstelnd in der Dämmerung. Sapor Schon hebt sich, um vor andern dich zu grüßen, Der Sonnenball, von dem du stammst. König (zu Juba und Mansor)                         Ihr wart Zur Seite dem Gefangnen unterwegs? Juba Ja, Herr. König             Habt ihr ihn ausgehorcht? Mansor                                                 Wir hielten Das nicht für unsres Amtes. König (nickend)                           Gut. – Und er? Was etwa hat er euch gesagt? Juba                                           Er schwieg Beharrlich. König (halb für sich) Wiederum! – Mansor                                     Da bringt man ihn. (Bewaffnete sind durch den Vorhang aufgetreten, Artaban führend, der in unverändert fester Haltung einhergeht) 121 König (zu den Bewaffneten) Führt euren Häftling in das Vorgemach Des Thronsaals und bewacht ihn streng.         (Zu Sapor, während Artaban durch die Tür links hinten abgeführt wird)                                                             Er würdigt Mich keines Blicks. Sapor                           Verstocktheit. König (murmelnd)                               Kann wohl sein.         (Zu Juba und Mansor) Ihr aber – geht, versammelt unverzüglich Mir das Gericht: neun Große meines Reichs. Ich selbst als Oberrichter sitz' ihm vor. (Juba, Mansor ab links hinten) Dritter Auftritt König . Sapor . (Dann) Bahram Sapor Erhabner, hegst an Artabans Verschulden Du Zweifel? König (ihn scharf ansehend)                     Ich? Wieso? Sapor                                     Dir ist's erwiesen. Ein Wink von deiner Hand, so fällt sein Haupt. Wozu noch das Gericht? 122 König                                   Brav; äußerst brav. Du redest pfiffig, Sapor. Sapor                                 Herr, ich rede, Wie mir's dein Vorteil anbefiehlt. König                                               Mein Vorteil? Meinst du, mir könne schaden, was er schwatzt, Sich reinzuwaschen? Möchtest, wenn das Volk Um seinen Götzen murrt, auf mich allein Des Mißmuts Bürde laden? (Bewegung Sapors) Oder bangt Es dir vorm Freispruch deines Nebenbuhlers, Weil er noch immer dir gefährlich dünkt? Sapor Mein König, du verkennst mich. König                                                 Unbesorgt! Erleichterst du mir doch durch Eigenlob Des Tauschs Bewertung. Bahram (kommt von links vorn, verneigt sich)                                       Friede sei mit dir, O Herr. (Anmeldend) Die Königin. König (hastig, zu Sapor)                       Es bleibt bei dem, Was ich verfügt. (Sapor nach zustimmender Verneigung ab links hinten. Der König geht der Königin entgegen, nach deren Auftreten Bahram, durch den Vorhang abgehend, sich zurückzieht) 123 Vierter Auftritt König . Königin (begleitet von) Nadira , Thamar (kommt von links vorn) Königin                     Hier bin ich, mein Gemahl. König (unsicher) Ich habe deine Morgenrast geschmälert . . . Königin Du tatest wohl daran. Wie käme mir Die Stunde, die dich heimführt, je zu früh? Kaum gab mein Staunen meiner Freude nach, Da so viel dringender als jüngst beim Abschied Mein Gruß von dir geheischt ward zum Empfang. König Vermehrte Nahrung beut sich deinem Staunen, Wenn dir der Anlaß kund. Königin                                 Was trug sich zu? König Ergiebig war die Jagd. Mein ärgster Feind Ging in das Netz, das er für mich geknüpft.         (Nach links deutend) Und dort, in sichrer Haft, vor seinen Richtern Zu stehn gewärtigt er, des Hochverrats Von mir verklagt. 124 Königin                     Wer ist es? König                                         Artaban. Königin Nein, nein, unmöglich. König                                       Mehr noch, überführt. Königin Er hätte dich verraten? Er? König                                             Kein andrer Als er, von dessen Leuchtkraft meinem Stern Verdunklung irgendwann geweissagt ward. Königin Was tat er? König                       Meuchelmord hat er geplant, Als einsam von den Meinen abgeirrt Ich eine Freistatt gegen Wetternot Vertrauensvoll in seinem Schloß erbeten. Königin In seinem Schloß? König                                 Der Stahl war schon gezückt . . . 125 Königin Um dich zu treffen? König                                   Ja. Königin                                     Du selber sahst es? König (ausweichend) Ein Glücksfall nur hat mich vorm Tod bewahrt. Königin (jubelt auf) O Balsam für mein Ohr! O Tag des Heils Für dich und mich zugleich! Du bist gerettet Und ich erlöst. Mit dieser Botschaft springt Ein Band entzwei, das bleiern meine Brust Umkettet hielt; nach Monden der Beklemmung Schöpf' ich den ersten freien Atemzug. König (befangen) Odatis . . . Königin           Viel hab' ich dir abzubitten. König Wie das? Königin             Doch glaube mir, wenn mich seither Ein Wahn umfing – ich litt von ihm am meisten. Mit Koboldzungen grausam zischelten Ohn' Unterlaß mir innre Stimmen zu, Daß der Gefallne noch, daß der Verbannte, 126 Den Fürstenmantel angeborner Würde Statt nur geborgter um die Schultern schlagend, Unwandelbar dein Überwinder blieb. Jetzt aber, wie bei Sonnenaufgang sich Ein Nebelmeer zerteilt, verflog die Täuschung. Was mir Gemütskraft, Mannheit, Heldentum, Erhabner Gleichmut schien, war Gaukelei, War das Versteckspiel einer Sklavenseele. Vergeltung sann er, recht nach Sklavenart, Lag ruhig, ein getretner Skorpion, Nur passend auf Gelegenheit, zu stechen. König Du sagst es; und mich freut, zu beßrer Einsicht Von Grund auf dich bekehrt zu sehn. Königin                                                 Fürwahr, Ich bin bekehrt! Unangefochten wieder Stehst du vor mir auf jenem goldnen Gipfel, Den, ach, so gern mein Herz dir vorbehält. König (abwehrend) Nichts mehr davon. Königin                       Genug, wenn du verzeihst. König Nun sei mein Erstes, über ihn Gericht Zu halten. Königin           Ihm geschehe nach Verdienst. (König ab links hinten) 127 Fünfter Auftritt Königin . Thamar . Nadira . (Dann) Bahram Königin (in leidenschaftlicher Freude) Sieg, Sieg, ihr Mädchen! Hört, ich jauchze Sieg. Ihr müßt mir nicht wie damals Krücken reichen, Damit ich aufwärts schreiten kann zum Fest. Wer heut am Boden liegt, steht nicht mehr auf Zu neuem Streich; das Kampfspiel ist beendigt. Bahram (kommt durch den Vorhang) Erhabenste . . . Königin                 Was bringst du, guter Bahram? Bahram Soeben angelangt nach weitem Ritt Fleht gar beweglich eine Perserin – Erles'nen Rangs, wie mich der Anschein lehrt – Um die Gewährung, vor dich hinzutreten In dieser Stunde noch. Königin                           Sie wählte klug Die rechte Zeit. Von Segen überträufend Mahnt mich der Tag, aus meinem Freudenborn Die Schale jedem Bittenden zu füllen. – Sie möge kommen. (Bahram ab. – Zu Nadira und Thamar)                               Sputet euch und nehmt Aus meinen Truh'n die köstlichsten Gewänder; Holt all mein funkelndes Geschmeid hervor. 128 Ihr sollt hernach mich zieren und euch selbst, Als ob noch einmal ich den Thron bestiege. Die Spange, die dir so gefiel, Nadira, Sei dein, und, Thamar, dein das Ohrgehäng. Nadira O welches Glück! Thamar                           Dank dir, Gebieterin! (Beide schnell ab links vorn) Sechster Auftritt Königin . (Durch den von Bahram gelüfteten Vorhang ist) Gülsade (verschleiert, erschienen. – Bahram bleibt im Hintergrund abwartend stehen) Königin (zu Gülsade) Tritt näher. – Was ist dein Begehr? Gülsade (nach vorn kommend, verneigt sich) Mit dir Zu sprechen, Herrin. Königin                         Sprich getrost; ich höre. Jedoch warum verhüllst du mir dein Antlitz? Gülsade Mein Antlitz ist verhüllt von dichtem Jammer, Verhüllt von Rabenfittichen des Grams. Auch möcht' ich jetzt nur eine Stimme sein, 129 Doch eine, die mit ehernen Gewalten An deinem Herzen reißt. Königin                               Wie nennst du dich? Gülsade Gülsade. Königin               Diesen Namen sollt' ich kennen . . . Du bist . . . O, nun begreif' ich! Gülsade                                         Nein, noch nicht; Noch nicht begreifst du. Königin (gibt Bahram einen Wink, worauf er sich zurückzieht. Dann voll Genugtuung)                                       Frau des Artaban, Du kommst als Flehende. So laß zuvor Mich doch die vielgepries'nen Züge schaun, Die zaubrisch diesem siebenfach Gefeiten Die Rüstung abgeschmelzt. Gülsade (sich entschleiernd)         Sie sind entstellt. Königin Nicht doch. Die Sorge deiner Eitelkeit Ist unnütz; denn die herbe Leidensmiene Steht ihnen vorteilhaft. Ich muß bekennen, Man hat nicht fälschlich Lärm davon gemacht. Kein überzeugenderes Urbild fände, Wer die Verführung malen will. 130 Gülsade                                         O Herrin . . . Königin Wozu noch Worte? Was dich hergezwungen, Einleuchtend ist es ohnehin. Du möchtest Ihn retten, der dich liebt, und hoffst, ich werde Durch Fürsprach dir dazu behilflich sein. Gülsade Das hoff' ich nicht. Königin                               Ei, sieh doch. Gülsade                                                     Denn ich weiß, Du hassest ihn. Königin (rasch)       Hat er dir einen Grund Für meinen Haß bedeutet? Gülsade                                   Nein. Jedoch Ich weiß, wie Frauen hassen, Königin. Auch deiner ist von allzu hartem Stoff, Als daß dein Mitleid ihn erweichen könnte. Königin Was hoffst du dann von mir? Gülsade                                             Gerechtigkeit. 131 Königin Weh deinem Schifflein, wenn als letzter Anker Ihm die nur bleibt. Mein Mitleid allenfalls Könnt' ich dir zollen – ja, sogar auch ihm. Sein tiefer Sturz hat meinen Haß gekühlt. Gerechtigkeit indessen, die du forderst, Schreit laut nach Züchtigung für den Verruchten, Der seinen König, seinen Gast bedrohte Mit mörderischer Faust. Gülsade                               Nie tat er das! Königin Du willst es leugnen? Gülsade                                 Ja, dies ist nicht wahr; So wenig wahr, daß es die Wahrheit schändet, In Ruß erstickend ihre Flammenschrift. Nie hat in ihm ein leisester Gedanke Die Treue gegen seinen Herrn verletzt. Erniedrigt noch, mißhandelt, weggeworfen Hing er an ihm unlöslich, unverbrüchlich Und hätte lieber jeden Martertod Erduldet, als ein Haar ihm nur gekrümmt. Königin Du wagst, mir vorzuspiegeln, daß der König Mit Unrecht ihn bezichtigt hat? 132 Gülsade                                         Mit Unrecht Ergriff er ihn, der schuldlos ist, und schonte Den Schuldigen. Königin                   Ein andrer wär's gewesen? So stell' ihn doch! Gülsade                     Ich hab' ihn dir gestellt. Königin (ungläubig) Du?! Gülsade   Ja. Königin         Du hättest . . . Gülsade                               Ich allein beging, Womit man ihn belastet, und verlange, Daß mich die Strafe trifft an seiner Statt. Königin Dein Plan ist edel, leider nur zu dünn Von Einschlag; mühlos dringt ein fester Blick Hindurch. Mit deinem Leben willst du seins, Der über alles dich geliebt, erkaufen . . . Gülsade O nein, den König hat er mehr geliebt Als mich – und soll dran sterben, daß ich ihn Mehr als den König liebte. 133 Königin (mit dämmerndem Verständnis) Was . . . was soll Dies heißen? Gülsade               Fragst du, Königin? Königin                                             Der König . . . Gülsade Ich habe, dünkt mich, dir genug gesagt. Königin (sie wild anstarrend) Das also! – Weib, ich will dich Lügen strafen; Ich muß es. – Nur mit deinen Augen glänze Mich so nicht an; nur birg dein Antlitz wieder – Sonst kann ich's nicht. Gülsade                             Wenn ich geahnt, welch Unheil Bestimmt sei, von ihm auszuströmen, wahrlich, Mit diesen Nägeln hätt' ich es zerkrallt. Königin (in zornigem Schmerz aufflammend) O Schmach! – Gülsade (nach einer kleinen Pause)                         Nun wirst du wohl mir zugestehn, Daß mein die Schuld. Wirst vielmal glühender, Als je du glühend Artaban gehaßt, Mich fürder hassen, mich, um derentwillen Dich dein Gemahl vergaß. Und wenn zu spärlich 134 Der Scheiterhaufen deines Hasses loht, So hab' ich neue Feuerbrände noch Bereit, um ihn zu schüren. Dich vergessen Hätt' er um mich? Das war Beschönigung! Nein, dich verfehmt, verleugnet, preisgegeben, Mir angelobt, ich sollt' als Königin An seiner Seite thronen auf dem Platz, Von dem er dich verstoßen . . . Königin                                         Rasende, Halt ein! Ins Ungeheure dich versteigend, Holst du vom Wahnsinn mich zurück. Wer bürgt mir, Bevor ich glaube, daß die Sonne droben Ein Windstoß löschen, eine Knabenschleuder Das Himmelszelt in Scherben schmettern kann, Ja, daß aus wildbewegten Meereswellen Man sichrer fußt als auf der Erde Grund – Wer bürgt, ob nicht vom Anfang bis zum Ende Du mir ein Ammenmärchen aufgetischt? Gib mir Beweise! Gülsade (zieht den Dolch des Königs hervor)                             Kennst du diesen Dolch? Königin (ihn nehmend) Ich kenn' ihn gut. Einst war er meines Vaters; Der sandt' ihn seinem Eidam mit der Braut. – Wie kam er dir zur Hand? Gülsade                                 Ihn steckte mir Der König zu, damit ich Artaban Verstummen machte. 135 Königin                           Und zur Antwort wandtest Die Spitze du nach seiner eignen Brust? Gülsade Ich wollt' es tun. Königin (ausbrechend)       Und hättest recht getan! – Gülsade Entbürde mich nicht vorschnell. Auf die Wage Legt' ich dir erst zur Hälfte mein Vergehn; Wäg' ab zuvor den andern, schwerern Teil. Die stärkste Waffe, die dem Weib verliehn Zu seinem Schutz, war mir bereits entglitten, Als ich vom König diese Wehr empfing; Und was mich trieb, sie gegen ihn zu kehren, War das Gefühl der äußersten Gefährdung Nicht nur durch ihn, fast mehr noch durch mich selbst. Ja, wenig fehlte, daß ich unterlag, Und alles eher als die sanfte Rücksicht Auf dein Geschick hat mich davor bewahrt. Nun weißt du's. Königin (murmelnd)   Ja, nun weiß ich, wem Verdammung Gebührt! Gülsade         Und mußt mich ungesäumt verderben! 136 Königin Nein, dich umschlingen. – Komm. – Dein Gram und meiner Sind nah verwandt, und eng verschwistert uns Des Frauenloses bittere Gemeinschaft.         (Sie zieht die Stutzende und leicht widerstrebende an sich) Komm, hege keinen Argwohn mehr. Ich spreche Von deiner Selbstbeschuldigung dich los. Wer sagt mir denn, ob ich an deiner Stelle Die Kraft wie du besessen? Gülsade                                   Königin . . . Königin O, nenne jetzt mich nicht bei diesem Namen! Gülsade Und Artaban? Königin                       Du hast Gerechtigkeit Von mir gefordert. Meinen Schwur zum Pfand, Sie soll dir werden!         (Sie sieht Juba und Mansor eintreten. – Mit gedämpfter Stimme)                               Still! – Ich führe dich Ins Fraungemach. Dort harre mein, Gülsade. Dein Tagwerk ist vollendet; meins beginnt. (Beide ab links vorn) 137 Siebenter Auftritt Juba , Mansor (sind von links hinten aufgetreten. Ihnen folgt der) König (in vollem Ornat. Dann) Königin König Ich wünsche keinen Aufschub noch Verzug. Beruft mich, wenn die Richtstatt zugerüstet. Juba, Mansor verneigen sich zustimmend. Er wendet sich um, bemerkt die Königin, die auf der Schwelle der Tür links vorn wieder erschienen ist) Odatis, laß von diesen dir den Wahrspruch Verkündigen, der eben ward gefällt. Mansor Einstimmig über den Beklagten wurde Der Tod verhängt. Juba                           Und eh' zum zweitenmal Die Sanduhr abläuft, büßt er unterm Beil. (Juba, Mansor ab durch den Vorhang) Achter Auftritt König . Königin König Bist du zufrieden? Königin (verhalten)           Noch nicht ganz. König                                                       Was mehr, Als daß er stirbt? 138 Königin                     Bestelle nur von neuem Zur Ratsversammlung dein Gericht! König                                                   Weshalb? Königin Die Reihe des Verklagens ist an mir. König An dir? Königin           Ich ebenfalls will rasche Sühnung. König Und deine Klage lautet? Königin                                 Gleich der deinen Auf Hochverrat. König                     Wen zeihst du dessen? Königin                                                   Oder Wie sonst wird es benannt, wenn sich am Haupte Der Königin geheimer Frevelmut Vergreifen will, das Diadem herunter Ihr von der Stirne zerren und sie selbst Von ihrem Thron? 139 König                         Wer hätte das versucht? Königin Wirst du, sobald mein Finger auf ihn weist, Auch ihn dem Arm des Rechtes überliefern, Auch ihn, der mich bedroht hat? König                                             Zeig' ihn mir. Ist seine Schuld so klar wie jenes andern, Vor deinen Augen dann mit eigner Hand Streck' ich zu Boden ihn. Königin                                 So merk' ich wohl, Daß einst mein Vater den geschmückten Dolch, Den ich bei meinem bräutlichen Erscheinen Als Angebinde dir von ihm gebracht, Nicht fruchtlos weihen ließ von Priestermund. Mit seiner Klinge solltest ja dein Weib Du schirmen in der Stunde der Bedrängnis. Wohlauf denn, heut ist's an der Zeit. Erfaß ihn Und schirme mich. – Du säumst? Warum? Ich dächte, Daß niemals du dich von ihm trennst. Wo ist er? König (stockend) Ich – Königin     Ging er dir verloren? 140 König                                       Keineswegs. Jedoch . . . Königin             Erspare dir, danach zu forschen.         (Sie nimmt ihn hervor) Hier hab' ich ihn. König (verblüfft)         Wer hat ihn dir gegeben? Königin Frag' doch nur dich, wer ihn von dir bekam. – Du botst ihn feil – und gabest bei dem Handel Mich in den Kauf zugleich, wie Trödelware, Die man veräußert, weil ihr Wert entschwand. Schließ ab nunmehr die Rechnung: nimm ihn wieder Und laß ihn tauchen tief in dieses Herz! König (mühsam) Man hat mich bei dir angeschwärzt; und du Brichst über mich den Stab, eh' falsch von wahr Du dich bemüht zu sondern . . . Königin (den Dolch auf den Schachtisch legend)                                                 Sonderten Denn falsch von wahr die Richter Artabans, Eh' sie den Stab gebrochen über ihn? War alles ihnen kund, was ich erkundet? – Wie, wenn in ihre Mitte kurz entschlossen Ich treten würd', um's ihnen darzutun? 141 König (braust auf) Nicht über dies noch jenes – was auch immer Geschehn sein mag – schuld' ich dir Rechenschaft. Nicht Frauen sitzen zu Gericht . . . Königin                                             Du willst Doch nicht behaupten, daß es Männer waren, Die dieses Urteil sprachen ihm, der schwieg? Ja, meine Hand will ich ins Feuer legen. Er schwieg! Was hätt' ihm auch Beredsamkeit Geholfen? Wußt' er doch, vor wem er stand! Die lassen keinen frei, den du verklagt, Auch wenn er zehnmal dich verklagen könnte! Ein Mann, ein echter, der von eitel Memmen Und Neidlingen verdammt wird auf Befehl – Das wär' Gericht? Sag' lieber Possenspiel! König Ich traue meinen Ohren kaum. Du nimmst Partei mit einmal für den nämlichen, Den unablässig, unerbittlich du Verfolgt mit wilder Feindlichkeit, nicht ruhend, Bis du mit ihrem Gift mich angesteckt? Königin Nur lag, dir unauffindbar, ihre Wurzel In mir verscharrt – auf ewig, wie mir schien. Heut aber will ich sie vor dir entblößen; Und das, merk' auf, soll meine Rache sein! Ja, hör', so nehm' ich Rache für den Treubruch, So für den Schimpf, den ich von dir erlitt: 142 Bevor ich dein war, hab' ich ihn geliebt Und ward von ihm verschmäht. König (zurückfahrend)                       Nein, nein! – Du fieberst . . . Königin Von ihm verschmäht. Ich will, wenn's dich befremdet, Abrichten einen Star, damit er's stündlich Dir wiederholt. Verschmäht, verschmäht von ihm! König (faßt sich an den Hals) Es würgt mich jemand. Luft! Königin                                     Nicht wahr, das schmerzt? König (keuchend) Erkläre mir . . .! Königin                   O gern, und höchst genau. Damals, auf jener ausgedehnten Wandrung, Als er zur Hochzeit mich geleitete Von meinem Vaterland hierher – was war Mir damals König Kosru? Nur ein Schall, Nur ein Gewölk am Horizont, ein Rätsel, Dem bang und wahllos ich entgegenschritt. Er aber, mein Gefährte Tag für Tag, Mein Halt auf schroffen Pfaden, im Gefecht Mit Schelmenvolk mein markiger Beschützer, Er war mir eines Helden erstes Bild, 143 Ein Mann, wie seinesgleichen keiner je Mir noch genaht . . . König                             Und du? So foltre doch Mich länger nicht! Königin                       Und ich? Aus Zutraun ward Bewundrung, aus Bewundrung Leidenschaft. Im Sturm der Sehnsucht brandete mein Blut, Ihm zu gehören; und in einer Nacht, In der von keinem andern Auge wir Belauert wurden als von dem der Sterne, Gestand ich's ihm. Doch er, die starre Richtschnur Des Dienstes wahrend unerschütterlich, Blieb spröd und kalt wie Marmor, scheinbar selbst In Stein verwandelt, rührte nicht einmal Die Spitze meines kleinen Fingers an Und legte, da wir uns im gleichen Horst Gemeinsam lagerten, sein blankes Schwert Als Trennungszeichen zwischen uns. König (in wütender Verzweiflung)               Weh mir! Auch du bist sein Geschenk – auch du – auch du! – Königin Von dieser Nacht an hab' ich ihn gehaßt. König (innerlich zusammenbrechend) Weh mir! 144 Königin         Und zwiefach, als er mich am Ziel Dir ausgehändigt. König                       Eine Lügnerin Hat mich umarmt im Brautbett! Königin                                           Nein, das nicht. Denn meinem Haß entkeimte meine Liebe Zu dir wie süße Frucht aus herbem Kern. Damit er schauen sollte, daß ein andrer, Ein Größrer mich begehrenswürdig fand, Hab' ich mit meiner ganzen Zärtlichkeit Um dich gebuhlt. Mein trotziges Verlangen, Von dir geliebt zu sein, sobald erfüllt, Ging über in Erwidrung. Solcherart Lernt' ich gemach dich lieben, lernt' es besser, Je deutlicher ich deine Mängel sah. Nun klang's in mir wie göttliche Verheißung, Zu deines Wachstums voller Scheitelhöhe Seist du bedürftig meiner Liebeskraft. Ich wollte dich als Ersten deines Reichs, Bestätigt so durch eigne Pracht und Hoheit, Wie durch des Purpurs angeerbten Glanz. Ich trieb und spornte dich empor; ich wachte Voll Eifersucht ob deines Ruhmes Aufstieg, Wie eine Mutter wacht ob ihrem Kind – Und eines Tages, da mein sorgsam Bauwerk Mir endlich, endlich gilt für giebelreif, Da – wer beschreibt mein Grausen, meine Pein – Werd' ich gewahr, daß deiner Taten Brut 145 Nicht dir, nicht mir entstammt ist, sondern ihm! Von jetzt ab haßt' ich ihn um deinetwillen, Bekämpft' ihn, weil er dir im Lichte stand, Bracht' ihn zu Fall, verwünscht' ihn dann wo möglich Noch mehr beim Blick auf die gebliebne Lücke, Das Denkmal seiner Unersetzlichkeit. So ward, so war ich ihm von Herzen feind, Bis du mit einem Schlage mich gewaltsam Auf seine Seite drängtest. König                                   Ich? Königin                                       Ja, du. Der Faustschlag, den du kränkend wider ihn Diesmal gedacht zu führen, richtete Sich mit derselben Wucht auch gegen mich. Bei diesem Siege, wenn er dir geglückt, Wär' ich mit ihm zusammen unterlegen. Nicht er beging Verrat an dir; nur du Begingst ihn an uns beiden. Drum vernimm. Er darf nicht sterben. König (sich aufraffend)       Hätt' er tausend Leben, Mit tausend Toden müßt' er mir's bezahlen, Daß er dich schwach gesehn. Königin                                     Und wieviel Tode Bestimmst du mir, vor der an tausendmal 146 Du schwächer standst als weiland ich vor ihm, Und heut am schwächsten? König                                       So zerreiß doch nur Das letzte dünne Schleiertuch der Scham! Sag' unverhohlen, daß du von jeher Ihn über mich gestellt; sag', daß die Liebe Zu ihm, bislang in Feindschaft bloß verpuppt, Erneute Schwingen regt! Königin                               O nein, du irrst. In jeglichem Gedanken, den mir Wut Und Kummer eingeflößt; in jeder Silbe, Die Furcht und Hoffnung, Rachsucht und Verzeihn Mir auf die Lippe legen, bin ich noch Gerade wie zuvor dein liebend Weib Und mehr als du besorgt um deine Größe. Wüßt' ich, daß du durch seinen Tod gewännst, Ich spräche: Töt' ihn, ob mit Unrecht auch. Jedoch er würde dir in seinem Sarg Beschwerlicher als je. Den Lebenden Kannst du vielleicht noch überwinden lernen, Den Toten nicht. Sein Schatten, wachsend, wachsend Im ungewissen Duftgeweb der Sage, Wird riesenhaft sich recken aus dem Grab Und dich erdrücken. König                             O, wie meisterhaft Zu wühlen du verstehst in meiner Wunde! 147 Königin Dann freilich könnt' es auch sich leicht begeben, Daß meine Liebe, von dir abgewandt, Sich rückwärts wieder lenken würd' auf ihn. König (beinahe flehend) Mach' mich nicht toll! Ich kann es nicht ertragen, Von dir geringgeschätzt zu werden. Alles Entsprang daraus. Königin (bedeutsam)     Du bist am Scheideweg. König (mit Überwindung) Nun wohl, noch einmal prüfe denn! Ich will Mit meinem todgeweihten Widersacher, Will hier vor deinem Angesicht im Wettstreit Noch einmal mit ihm ringen Brust an Brust.         (Er geht in die Nähe der Tür links hinten, ruft laut) Heda! Die Wache vor! – (Zwei Bewaffnete erscheinen in der Tür)                                         Bringt Artaban Hierher. (Die Bewaffneten ab) Sei wieder du die Richterin Dem grimmigen Ernst, wie dazumal dem Spiel. Noch bin ich König. Alles trau' mir zu, Nur nicht, daß ich mit einer zweiten Stelle Vorlieb zu nehmen willens bin. Entweder Du siehst ihn heute vor mir hingekrümmt, Zum Wurm verwandelt . . . Königin                                     Oder? 148 Neunter Auftritt Vorige . Artaban (wird von den Bewaffneten durch die Tür links hinten hereingeführt. – Die Königin zieht sich auf den Altan zurück und läßt sich dort beobachtend nieder) König (zu den Bewaffneten)                       Tretet ab.         (Sie gehorchen. – Zu Artaban) Ich lasse dich für eines Atems Länge Noch innehalten auf dem schmalen Saum, Der dich vom Rande der Vernichtung trennt – Aus Wißbegier, ob dein verwirktes Leben Dir einen Fußfall wert ist. – Zögre nicht. Das schon geschliffne Beil ist ungeduldig. Hier wirf dich in den Staub und bitte mich Um Gnade. – – – Wie? Dein Herr, dein Schicksal hält Ein Rettungstau dir hin – und du besinnst dich, Danach zu haschen? – Willst nicht, willst nicht bitten? Nicht einmal jetzt? Artaban                       Ein Bettler war ich nie. König Und wenn's mich lüstet, ihn aus dir zu machen, Mit krummem Rücken und mit hohler Hand? Wenn ich um diesen Preis und nur um diesen Dein Leben schonen mag? Artaban                                 Ich acht' ein Leben, Das nur zerlumpt sich noch bewahren läßt, Wie Spreu. 149 König (schnaubend) Nun, dann, bei meinem Diadem . . .         (Er wirft einen scheuen Blick auf die Königin, mäßigt sich) Dann . . . gibt's ein ander Mittel, dich zur Demut Zu nötigen, dich in die Knie zu pressen – Und dir sogar verdank' ich's. Nimm dein Leben; Raff's auf und trag's in einem Bündel heim. Ich schenk' es dir. Artaban                     Das Urteil heiß vollstrecken! König (fassungslos) Was? Artaban   Denn ich nehme dein Geschenk nicht an. König Nimmst nicht . . . Artaban                         So wenig, wie du gestern meins. König Von deinem König kein Geschenk? Artaban                                                 Jetzt nicht mehr. König (außer sich) Und ich? Und ich, dem du wer weiß was alles Schon vorlängst an Geschenken zugesteckt? So zahlreich, so behutsam, daß ich nichts 150 Von meinem Eigensten mehr anzurühren Imstand bin ohne Scheu vor der Entdeckung, Es hab' ursprünglich dir gehört? Und ich? Was du nicht sein willst, ich, nicht wahr, ich durft' es, Und bleiben soll ich's auch fortan – ein Bettler, Der sich vom Abhub deiner Tafel nährt, Wenngleich in seinem Hals ihm jeder Bissen Verpestet wird vom Ekel an ihm selbst? Wer bin ich noch, wenn meine Macht nicht reicht, Nicht einmal reicht, um deine sämtlichen Almosen vor die Füße dir zu schleudern? Wenn halb erdrosselt ich vergebens keuche, Die Bergeslasten, die du tückevoll Auf mich getürmt hast, fürchterlicher Alb, Von mir zu wälzen – ich, der Weltgebieter?! Artaban Glaub' nicht, o Herr, ich hätt' es nicht gefühlt, Daß mich, der bloß dein Diener wollte sein, Du mehr und mehr – gleichviel aus welchem Grund – Als Hemmnis angesehn auf deinem Weg. Den Vorwand, den du wähltest, mich beiseit Zu schaffen, hab' ich drum durch keinen Hauch Erschüttert. Kann mein Ende dich befrein Vom Druck der Einbildung, das heitre Gleichmaß Dir wiederbringen, das der Thron erheischt, Dann für dein Wohl und der unzähligen Mit ihm Verknüpften war und bin ich noch Zum Tod bereit auch ohne Henkerzwang. Gewähre, Herr, dem Opfer seinen Lauf Und laß mich dies als letzten Dienst betrachten, Den ich dem Königtum erweisen darf. 151 König (mit dem Lachen des Wahnsinns) Haha, vortrefflich! Diese Finte hat Gefehlt zur Krönung deiner Fechterkunst! Dich opfern! Ja, warum auch nicht, Verschlagner? Nicht tief genug entwürdigt schein' ich dir. Dein Vorrat war noch nicht erschöpft; es blieb Dein Tod noch übrig, und du legst ihn mir Freigebig obenauf, damit ich vollends Verblut' am Widerhaken, den er birgt! Dein Angedenken soll die Lanze sein, Die mich auf immer aus dem Sattel hebt Und dich zum Sieger macht für alle Zeiten. So war's gemeint! Mit diesem Schachzug erst Schließt sich der Ring der eisernen Umschnürung Allseitig zu; nicht eine Ritze mehr, Draus der umstellte Gegner schlüpfen kann, Und einerlei, was der noch unternimmt, Du hältst – ob in Verbannung, ob im Amt, Fern oder nah, lebendig oder tot – Ihn an der Kehle fest, um dir den Vorrang In jedem Fall zu sichern: Schach dem König! Königin (ist aufgestanden und nähert sich) Bedenk' . . . König                 Ha, blinzelt ihr einander zu? Verständigt schon euch hinter meinem Rücken, Daß ihm, nur ihm der goldne Kranz gebührt? Verlacht ihr mich als Überwundnen? Wähnt, Ich selber müsse kleinlaut mich ergeben? Ihr rechnet falsch! Das tut kein Sonnenerbe! Unüberwindlicher, frohlocke nicht 152 Zu früh! Noch hab' ich einen Ausweg frei. Schau her, wie dich dein Herrscher überwindet! (Er hat blitzschnell den Dolch vom Schachtisch aufgegriffen und stößt ihn sich in die Brust. Wankend) Wer . . . siegte nun . . . Odatis? Königin (entsetzt herzueilend)             Mein Gemahl! Artaban (ihn auffangend) Mein König! Königin               Hilfe! Artaban (läßt ihn sanft auf einen Diwan niedergleiten)                               Keine Hilfe mehr. Königin Du hast ihn mir zerbrochen; du! Artaban                                                 Nicht ich. Er starb an dir. Du störtest meine Pflanzung, Unseligen Zwiespalt senkend in sein Herz. Wozu der Wettkampf, dessen die Geburt Ihn überhob? An mir, dem Untergebnen, Hätt' er sich nimmermehr zu messen brauchen, Dieweil ein Großer seine Größe steigert, Wenn er auf seines Dieners Schultern steht. Von dir gestachelt über sich hinaus, Verlor er seinen blinden Königsglauben. Der Sasanide Kosru starb daran. 153 Zehnter Auftritt Vorige . (Der Vorhang zur Galerie wird von außen zurückgezogen. Oben stehen) Sapor , Juba , Mansor , Bewaffnete Juba Der Richtplatz ist bereitet. Königin (erstarrt)                       Räumt ihn wieder. Ein Opfer fiel. Das Reich verträgt kein zweites.