Ernst von Wolzogen. Die Kinder der Excellenz 1888. Erstes Kapitel. Mit welchem die Geschichte plötzlich anfängt, indem die Lersens wieder unter die Leute kommen. Am Hauptportal des Berliner Rathauses fuhren an einem der letzten Apriltage des Jahres 1886 zahlreiche Equipagen vor. Das Wetter war rauh und der fast senkrecht herabfallende schwere Regen spritzte von den glatten Granitplatten des Bürgersteigs hoch empor. Kutscher und Diener der vornehmsten Fuhrwerke steckten von den hohen Hüten bis zu den Knöcheln herab in gelbweißen Gummifutteralen und die weniger großartigen, sowie die vereinzelten Droschkenlenker erster Klasse waren bis zur Nasenhöhe in den überhängenden Mantelkragen untergetaucht. Die Lakaien sprangen vom Bock, sobald die dampfenden Pferde parierten, spannten ihre Regenschirme auf, öffneten mit kurzem Ruck die Wagenthüren und reichten dann die Linke hinein. Und in diese großen Lakaienhände legten sich schmale, schlanke Damenfinger, und leicht beschuhte Damenfüße streckten sich nach dem Trittbrett tastend unter sorgsam erhobenen Kleidersäumen hervor: eine reiche Auswahl elegantester Strumpfwaren, in allen Farben und Tönen von Schwarz bis Weiß, Füße und Füßchen von allen Größen und Formen. Und auf so verschiedenen Säulenpaaren, vom großmütterlich dorischen bis zum kindlichst korinthischen Stile, bewegten sich eilfertig unter den hochgehaltenen Schirmen mehr oder minder unförmliche Pyramiden von Kleidungsstücken dem schützenden Dache zu. Eine gewöhnliche Droschke zweiter Klasse, welche jetzt eben vor demselben Portale hielt, nahm sich in der stolzen Reihe aristokratischer Kutschen fast unbescheiden einfach aus. Und doch hatte dieser triefende, zur Hälfte ausgeblichene, zur Hälfte gelb angelaufene Fliegenschimmel die Ehre gehabt, drei unzweifelhaft vornehme Damen von einer der äußersten Straßen Moabits bis hierher zu ziehen, nämlich die Generalswitwe Freifrau von Lersen, Excellenz, und ihre beiden Töchter, die Baronessen Asta und Trudi, deren Schönheit vielleicht noch nicht von allen Lieutenants der Garde vergessen war, obwohl sie schon zwei Winter hindurch nicht mehr in der Gesellschaft gestrahlt hatte. Das Amt des Schirmträgers übernahm für diese Damen ein ungewöhnlich beleibter Herr, nachdem er sich mit Vorsicht und Würde durch die enge Thür hinausgezwängt hatte. Ihm folgten die Excellenz Mutter, Asta und endlich leichten Sprunges Trudi, die es natürlich wieder nicht für der Mühe wert hielt, ihr Kleid ordentlich aufzuraffen, sondern einfach in ihrem sehr wohlfeil aussehenden Regenmantel, die Hände in die Vordertäschchen gesteckt und ein Schnupftuch um den blonden Krauskopf geschlagen, nachdem sie den Kutscher bezahlt, den Vorangegangenen nachlief. »Du, Mama,« sagte Trudi, während sie alle vier die Treppe hinaufstiegen, »heute werde ich Tantalusqualen ausstehen müssen! Gott, wie lange habe ich keine Schlagsahne mehr zu sehen bekommen – und heute soll ich so zu sagen mitten drin sitzen und Konditormamsell spielen! Ob ich das wohl aushalte?« Der dicke Herr lachte: »Na, Trudi, wenn du brav bist, kaufe ich mir einen Apfelkuchen bei dir und – schenke ihn dir.« »Onkel Muz hat doch immer noch das großartigste Herz von der Welt,« rief das junge Mädchen lustig. Und die Mutter wandte sich lächelnd zu ihr: »Sei nur nicht zu übermütig und ausgelassen heut in deiner Rolle, hörst du, liebes Kind? Bedenke immer, daß unser lieber Major euch nur gewissermaßen durch eine Hinterthür unter die Damen des Vereins bringt.« »Na ja, wenn auch,« versetzte der Major. »Deswegen braucht ihr euer Licht doch nicht unter den Scheffel zu stellen, Kinder. Beweist dem Verein eure Dankbarkeit, indem ihr die brillantesten Geschäfte für seinen Bazar macht. Und dann, Asta, können Sie ja den älteren Damen ein paar liebenswürdige Redensarten zuwenden, nicht?« Asta runzelte die Brauen ein wenig und erwiderte mit einem Anflug von Bitterkeit im Tone: »Sagst du das mir besonders, weil du weißt, daß mir das besonders schwer werden wird? Ja, Mama, ich empfinde es nun einmal als eine Demütigung, daß wir uns hier den Zutritt erschleichen...« »Erschleichen!« unterbrach die Excellenz vorwurfsvoll. »Nun ja – seit unsre Mittel es uns nicht mehr erlauben, die Beiträge für solche vornehmen Wohlthätigteitsvereine zu zahlen!... Es ist mir recht lieb, daß ich nur Weißwaren zu verkaufen habe – das wird wenigstens ein stiller Posten sein.« »Wie du immer gleich bist, Asta,« schmollte die Schwester. »Ich freue mich ganz diebisch auf diesen Scherz.« »Aber, liebes Kind, laß doch nur diese burschikosen Redensarten,« sagte die Mutter leise mit sanftem Vorwurf. Sie waren in der Garderobe angelangt und entledigten sich ihrer vielfaches Hüllen. Asta, die hochgewachsene, dunkelblonde, entpuppte sich als ein holländisches Bürgermädchen, Trudi, die kleinere, mit dem blonden Krauskopf und den sehr dunkelblauen, fast schwarzen Augen als eine sehr niedliche, salonmäßig idealisierte Schweizerin. Ihre Excellenz, eine noch immer schöne Vierzigerin, sah in ihrem schwarzseidenen Kleide mit dem spanischen Spitzenschleier sehr vornehm aus. Wer sie genauer kannte oder wer längere Zeit mit ihr sprach, der bemerkte wohl an der müden Schwere, mit welcher die Lider auf den etwas umflorten, braunen Augen lasteten, daß diese Frau mancherlei Sorge und Kummer zu tragen habe; im übrigen aber konnte ihre Erscheinung nicht den Eindruck früh entsagender Hoffnungs- und Wunschlosigkeit machen. Und doch schleppte sich Frau von Lersen mit einer Last auf der Seele herum, einer von ihrem verstorbenen Gemahl ererbten Gewissenslast, von welcher ihre Kinder keine Ahnung hatten, und welche weit schwerer drückte, als die Notwendigkeit äußerster Einschränkung, welcher sie sich mit edler, klageloser Ruhe anbequemt hatte. Wenn sie daheim über ihrer Handarbeit saß, pflegte sie oft ganz ihre Umgebung zu vergessen und mit jenem müden Blicke lange zum Fenster hinauszustarren – und es war weder ihrem Sohne, dem Dragonerlieutenant Bodo, noch ihren beiden Töchtern jemals in den Sinn gekommen, die schweren Seufzer, die sich dann ihren Lippen entrangen, einem andern Grame zuzuschreiben, als dem ihrer Witwentrauer. Und diesen Gram wußten auch der leichtsinnige, nichts weniger als sentimentale Bodo und die sonst immer lustige Trudi zu ehren. Und wie nun die Excellenz am Arme ihres Freundes, des »alten Muz«, d. h. des Majors a. D. von Muzell, den großen Saal betrat, in welchem der Bazar für Feierabendhäuser veranstaltet wurde, da seufzte sie auch heimlich auf. Empfand sie, wie ihre stolze Asta, ihre Einführung in diese Gesellschaft des selbstverständlichen Luxus, des sorglos üppigen Wohlthätigkeitssports als eine Demütigung? Aber sie hatte ja doch die Pflicht, ihre Töchter auf irgend eine möglichst wohlfeile Art mit der Gesellschaft in Berührung zu bringen, in welche sie nach Geburt und Erziehung gehörten. In ihrer engen Wohnung, drei Treppen hoch, weit draußen in der Stromstraße, konnte sie keine Gäste bewirten, und folglich durften sich auch die Mädchen nicht zu größeren Gesellschaften einladen lassen – abgesehen davon, daß ihr äußerst karges Taschengeld nicht den bescheidensten Kleiderstaat gestattete! Und sie waren doch beide so heiratsfähig – sechsundzwanzig und zwanzig Jahre! Irgendwo mußten sie doch Männer sehen – auch außerhalb der Rousseau-Insel, die ja leider nur in den billigen Eismonaten in Betracht kam! Die guten Kinder waren nichts weniger als Mannsanglerinnen, sie hatten die Herren im Gegenteil in den Tagen ihres Glückes, als der Vater noch lebte und ein glänzendes Haus machte, immer sehr gleichmütig herankommen lassen. Aber jetzt waren sie durchaus auf eine Heirat angewiesen; denn sie hatten beide eine so feine Erziehung genossen – Asta in der Schweizer Pension, Trudi daheim durch die Gouvernante – daß sie durchaus außer stande waren, sich irgendwie erwerbend zu beschäftigen! Sämtliche jungen, vornehmen Damen der modernen Kulturländer könnten allenfalls Blümchen auf Porzellan malen, einen englischen Roman schlecht übersetzen und ein armes Kind auf Klavier dressieren: aber eben darum sind diese Jammerkünste so brotlos! Talente haben sie alle – aber wie viele haben Talent? Und wenn das bißchen Pensionatswissen immer ausreichte, um damit als Erzieherin und Lehrerin aufzutreten, und wenn vornehme Familien ihre Gouvernanten nur aus den Kreisen verarmter Mädchen von Stande beziehen wollten – ach, du lieber Himmel! es dürfte ihnen schwer fallen, die nötigen Kinder für die vielen »Fräuleins« aufzutreiben! Also heiraten, heiraten – auskömmlich heiraten, oder? ... Trostloses Oder! ... – Ja, Ihre Excellenz hatten wohl Grund zu seufzen! – – Die Lersens wären fast die letzten von den beim Verkauf beteiligten Damen. Man hatte sie offenbar mit einer gewissen Spannung erwartet, denn sobald sie in den großen Saal eintraten, wendeten sich die Blicke aller Anwesenden ihnen zu, das laute Geplauder verstummte für einige Sekunden, und dann, nachdem die erste flüchtige Prüfung anscheinend »befriedigend« bestanden war, eilten von allen Seiten alte Bekannte zur Begrüßung herbei. Gott, Lersens hatten früher ein so nettes Haus gemacht! Der General war bis in seine letzten Tage ein so geschmeidiger, fast jugendlich kecker, schöner Kavalier gewesen, hatte bei den Bällen, die er gab, selbst an den Rundtänzen mit schneidiger Unermüdlichkeit teilgenommen und es wie kein andrer verstanden, durch sein Beispiel den jungen Offizieren die appellmäßige Steifheit, von welcher sie sich sonst im gesellschaftlichen Verkehr in den Häusern ihrer hohen Vorgesetzten nur schwer oder gar nicht loszumachen vermögen, gänzlich abzugewöhnen. Die Generalin stand ihm mit vornehmer Sicherheit und stets sich gleichbleibender Liebenswürdigkeit zur Seite und die gefährliche Schönheit und geistige Ueberlegenheit Astas war ein Magnet für die Herrenwelt gewesen, um welchen das Lersensche Haus von vielen töchterreicheren beneidet wurde. Da war ganz plötzlich die Excellenz gestorben, und diesem Todesfalle war fast auf dem Fuße der Abbruch aller gesellschaftlichen Beziehungen, Verkauf der prächtigen Einrichtung, Uebersiedelung in eine geradezu plebejische Stadtgegend, mit einem Worte, ein Zusammenbruch der ganzen Lebensverhältnisse gefolgt, welcher in dem weiten Bekanntenkreise fast wie ein bedenklicher Bankerott besprochen wurde. Aber es war nun zwei Jahre her – und das ist eine lange Zeit für das kurze Gedächtnis der guten Gesellschaft! Freilich hätte man sich der Lersens erinnert, wenn von ihnen die Rede gewesen wäre, aber es war eben schon lange nicht mehr die Rede von ihnen gewesen! Und nun tauchten sie hier plötzlich als Mitspielerinnen auf in der aristokratischen Komödie, genannt »Wohlthätigkeitsbazar!« Also die guten Leute lebten noch? – Ja, allerdings – der Dragonerlieutenant Bodo von Lersen war ja seit einigen Monaten zur Central-Turnanstalt kommandiert und hier und da in Offiziershäusern bemerkt worden. Aber die Damen? – Sie lebten immer noch drei Treppen hoch weit draußen in Moabit, und beide Töchter noch unverheiratet?! – Wer weiß, ob sie nicht vielleicht Klavierstunden geben oder dergleichen! – Ja, haben denn die armen Mädchen überhaupt etwas anzuziehen? – Sehen wirklich noch recht nett aus für ihre Verhältnisse! – Asta macht's mit einem bißchen weißer Wäsche und reichlich bloßen Armen – die Arme waren ja schon immer ihre great attraction – haha! – Wissen Sie noch: die lebenden Bilder bei der Gräfin Wolffenstein? Ja, was haben ihr die weichen, kosigen Arme geholfen? Mit ihrem harten Kopf und ihrem kalten Geist stößt sie ja doch alle Männer wieder ab, die sie mit den Armen herangelockt hatte ... Na, und die Kleine, – wie heißt sie doch? – hat sich ja recht entwickelt. War damals noch eine etwas reichlich unschuldige Fähnrichsflamme. Das Schweizerkleidchen hat sie sich für zehn, zwölf Mark zusammengebandelt. Armes Putchen, wer soll's nehmen?! Dergleichen Gespräche und Betrachtungen huschten, leiser und lauter geflüstert, durch die Gruppen. Die jüngeren Damen und besonders die ganz jungen Komteßchen und Baroneßchen schauten auf den hohen Rat der Mütter, um nach deren Benehmen den Grad der Herzlichkeit, mit welcher sie den Lersens begegnen dürften, abzumessen. Jetzt knicksten die drei Damen vor der alten Fürstin Berleburg-Dromst-Führingen, auf deren kleinem verwitterten Gesichtchen das Lächeln angeborener Liebenswürdigkeit den zahllosen feinen Runzeln die Richtung gegeben hatte, so daß die freundliche Dame nun als Greisin entschiedener lächelte, denn je zuvor. Sie ließ ihre achteckig gefaßten Augengläser aus der Perlmutterscheide herausschnappen, blickte mit ihren runden Vogeläugelchen flüchtig hindurch, und erhob sich dann mit Hilfe ihres Elfenbeinstabes hurtig von ihrem Ehrensessel, um der Excellenz-Witwe einen Schritt entgegen zu thun. Sie trug ein Kleid von perlgrauer Seide mit prachtvollen, matten alten Spitzen garniert, und die Orden an ihrer linken Schulter funkelten um die Wette mit dem Brillantenzweig, der ihr Gewand am Halse schloß. »Das ist ja meine gute Lersen!« redete die Fürstin mit ihrer spinnwebfeinen, unfaßbar hohen Stimme sie an. »Meine liebe Excellenz, wo haben Sie bloß so lange gesteckt? Haben Sie die tour de monde gemacht, Südseeinseln annektiert, oder so etwas Zeitgemäßes? Ich weiß, ma foi, nicht mehr, wie lange ich Sie nicht gesehen habe! Wann starb doch mein guter General? Zwei Jahre ist das schon her – o! ich erinnere mich so gut – ich – sehe ihn noch so vor mir, ein Jüngling mit seinen weißen Haaren! Ein Soldat – o! und dabei doux comme un agneau gegen uns alte Leutchen! – Ach ja, sie sterben alle so wunderbar jung, ces vieux guerriers d'aujourd'hui – ich könnte schon lauter Excellenzen zu Enkeln haben! Ihre Töchter? Ah – ah! – Wie schön, wie allerliebst!« Das Augenglas schnellte wieder hervor und die lächelnde, alte Fürstin klopfte den Fräulein auf die Schultern und nannte mit drollig beschreibender Handbewegung Asta eine Rose, purpurn, samtweich, Trudi ein Maiglöckchen! »Macht immer Bimbimbim! Fenster und Thür sind auf; Liebe kann mit dem Maienwind herein, – Bimbimbim! Besucht mich doch, meine Lieben, ich mag so gern hübsche Jugend um mich sehen!« Die beiden Mädchen küßten mit tiefer Verneigung die duftenden Handschuhe der munteren Greisin und zogen sich dann mit der Mutter zurück. Das herzliche Willkommen der alten Fürstin hatte viel dazu beigetragen, ihre anfängliche Befangenheit zu verscheuchen, und die mutwillige Trudi konnte sich nicht enthalten, die hohe Stimme der Patronin nachahmend, »Bimbimbim! bimbimbim!« zu machen, während sie ihren Verkaufsstand betrat, so gleichsam die Eröffnung ihres süßen Geschäftes einläutend. Einzelne Damen, die es mit der Berleburgerin hielten, beeilten sich nun zwar, es an Liebenswürdigkeit gegen die Lersens der Patronin gleichzuthun, die größere Anzahl jedoch hatte es damit weniger eilig. Die Gräfin Wolffenstein, Gemahlin des Gesandten eines süddeutschen Bundesstaates, flüsterte der Oberstallmeister-Witwe, Frau von Bohnsdorf, mit jenem mitleidigen Lächeln, das so oft ihre etwas zu schwellenden Lippen umspielte, ins Ohr: »Ujegerl, was die Fürstin mit den Lersens Mädeln für ein Wesens macht! Wenn eins von uns einmal so eilfertig von der Bildfläche verschwunden ist, wie die da, dann pflegt's doch einen Haken gehabt zu haben. Man nimmt sich doch Zeit Und schaut sich erst einmal die Verhältnisse genauer an. Aber bei der Alten ist die Leutseligkeit bald ein bisserl gemeingefährlich!« Die Bohnsdorf nickte beifällig: »Ja wirklich, Gräfin. An jungen Mädchen zum Verkaufen fehlte es uns doch wahrhaftig nicht, und ich hätte diese Lersens gewiß am allerletzten eingeladen. Der Major von Muzell soll's bei der Fürstin durchgesetzt haben – dort, der korpulente Herr, der immer um die schwarze Excellenz ist. Ich hörte, man habe ihm den Abschied sehr gern bewilligt. Und dann war er ja auch zu Lebzeiten des Generals deklarierter Hausfreund ... Hm! Ich denke mir, er wird die großen, reifen Mädchen unter die Haube bringen wollen und dann seine alte Verehrung heiraten. Wissen Sie, ob sie geerbt haben, die Lersens?« »O ja – Schulden vom Papa!« »So so! Also darum?! Der General war ein bißchen ein viveur – lebte über seine Verhältnisse wahrscheinlich.« »Na, dafür überlebten seine Verhältnisse ihn,« scherzte die Gesandtin, welche oft ganz witzige Einfälle hatte, besonders auf Kosten Abwesender. Und die Bohnsdorf kicherte hinter ihrem großen Fächer: »Nein, Gräfin, was Sie doch immer für gute Sachen sagen! Seine. .. hahaha! – Verhältnisse! Also in dieser Art war Excellenz Lersen auch?« Die Gräfin zuckte die Achseln, als ob sie wer weiß was für Geheimnisse bewahre. »Ja, ja, der gute General,« seufzte die Bohnsdorf. »Er hatte ein bißchen viel Temperament, das hab' ich immer gesagt! Nun, einem stattlichen Soldaten steht das ja sehr gut; aber wenn sich's auf die Töchter vererbt hätte! – Sehen Sie bloß, Gräfin, die kleine, kecke Person da in der Konditorbude! Natürlich, das ist ja die jüngste Lersen! Wie sie dem Ulanen den Teller auf Armeslänge entgegenhält. Wenn's auch für die Wohlthätigkeit ist – so etwas bleibt doch unpassend! – Und wie sie den Kopf beim Lachen hintenüber wirft! Ich muß doch meiner Leonie einen Wink geben!« Die kleine, vertrocknete Oberstallmeisterin war sonst eine ganz harmlose Frau, aber sie besaß in ihrer Leonie eine Tochter von so vollendeter Reizlosigkeit, daß sich ein fast kindischer Groll gegen alle Mütter hübscher Mädchen in ihrem Herzen eingenistet hatte. Leonie überragte ihre kleine Mama um reichlich ein Drittel! ihrer ganzen Länge und tanzte nun schon elf Winter hindurch, ohne einen Liebhaber für ihre ansehnliche Mitgift gefunden zu haben. Heute hätte sie gar zu gern die so gangbaren Zuckerwaren zu verkaufen übernommen – nun hatten sie ihr die Trudi von Lersen da hinten aus Moabit vorgezogen und sie selbst mit den Wollwaren abgefunden! Uebrigens bekundeten die Vorstandsdamen ein feines Stilgefühl durch diese Wahl; denn die ›Bohnsdorfstange‹ war genau so langweilig, dauerhaft und warmsitzend, wie die naturwollene Handstrickerei der grauen Winterstrümpfe, welche sie feilzubieten hatte. Unterdessen hatte das Publikum begonnen sich einzufinden. Zunächst kamen die zärtlichen Verwandten der verkaufenden Damen, welche neugierig waren auf den Eindruck, den die Nichten, Basen und Schwägerinnen in ihren bunten Trachten, in ihrer neuen Eigenschaft als dilettierende Geschäftsdamen machen würden. Es bildeten sich zahlreiche Familiengruppen bei den einzelnen Warenauslagen und jeder sagte den lieben Seinigen so viel Hübsches und Ermunterndes wie möglich. Mehrere wohlwollende Großpapas scherzten da mit jener halbneckischen Artigkeit, mit jenem freundlichen Lächeln, welches vornehmen, alten Herren so wohl ansteht, mit ihren Enkelinnen und Großnichten und griffen auch wohl zu den Börsen, um den Grund zur Tageskasse zu legen. Und die jungen Damen nahmen alle die verwandtschaftlichen Aufmerksamkeiten als ebenso bare Münze entgegen, wie die ersten Goldstücke. Die ganz schüchternen Neuen erröteten lieblich vor sittsamer Verlegenheit und freudiger Erwartung der verheißenen Triumphe, die Aelteren und Gewandteren betrachteten die guten Onkelchen und Tantchen als Probekunden, an denen sie ihre kleinen Versucherkünste, ihre liebenswürdigen Redensarten auf den Effekt prüfen konnten. Und dann lösten sich allmählich die Sondergruppen, man suchte und begrüßte die nähere Freundschaft und Bekanntschaft, beglückwünschte die Mütter, erfreute die würdigen Vorstandsdamen durch ungemessenes Lob des ›charmanten Arrangements‹, kurz, man schwelgte so gutmütig gedankenlos in Bewunderung und heiterster Zufriedenheit, daß die hierdurch erzeugte Eröffnungsstimmung eine so wohlthuende ward, wie man sie nur irgend von einem Wohlthätigkeitsbazar erwarten darf. Allmählich, je näher die Stunde rückte, in welcher der Kronprinz mit seiner hohen Gemahlin zur eigentlichen, feierlichen Eröffnung erwartet wurde, fand sich jenes größere Publikum ein, auf dessen Kauf- und Unterhaltungslust die wohlthätigen Damen am meisten rechneten: die einzelnen Herren der Hof-, Militär- und Beamtenkreise. Alle die wohlbekannten, bei keiner derartigen Gelegenheit fehlenden Charakterköpfe und ausgeprägten Gattungsmenschen waren bald in beträchtlicher Anzahl zur Stelle. Vom wohlgepflegten, angegrautes Major bis zum schmächtigsten rehfüßigen Gardelieutenant, vom ernstesten, mehr oder minder geheimen Rat bis zum durchgescheitelten Allerwelts-Referendar mit der Renommierquart auf der glattrasierten Wange waren alle Schichten der gut situierten Gesellschaft, der noblen Berufe durch ihre Abgesandten vertreten. An Astas Weißwaren und Trudis Zuckerbäckereien gingen die meisten Besucher zunächst noch vorüber. Manche stutzten, schienen sich der beiden Gesichter dunkel zu entsinnen, doch den Namen nicht finden zu können, andre, zumal von den jüngeren, erst neuerdings zur Gesellschaft gestoßenen Herren, setzten die Klemmer fester, schauten sehr interessiert darein und wandten sich dann mit eifrigen Fragen flüsternd an ihre Bekannten. Mit der Zeit fand sich aber doch ein kleiner Kreis von guten Freunden aus früheren Tagen zusammen, welche sich merklich freuten, die Lersens wiederzusehen. »Ah, mein gnädiges Fräulein! Sind Sie es wirklich? Wie reizend, daß Sie sich endlich wieder unter uns sehen lassen! – Sie haben sich wohl mit Ihrer Frau Mutter im Ausland aufgehalten? Nicht? O, dann haben wir aber allen Grund, Ihrer verehrten Frau Mama böse zu sein, daß sie Sie uns so lange entzogen hat. Jetzt werden wir aber doch wieder häufiger das Vergnügen haben, nicht wahr? Wie, Sie leben ganz zurückgezogen? Ihre Frau Mutter bedarf der größten Schonung? Aber erlauben Sie, meine Gnädigste, Ihre Excellenz sehen ja ganz brillant aus, ich begreife nicht – o ... o ...« Diese und ähnliche Redensarten bekamen die beiden Baronessen einmal über das andre zu hören. Aber während Asta mit Anstandslügen über den wahren Grund ihrer Zurückgezogenheit hinwegzutäuschen suchte, plauderte Trudi munter die Wahrheit aus und belehrte die verblüfften Offiziere und Assessoren, daß man in der Stromstraße sehr hübsch billig wohne, daß ihre Mittel ihnen nicht erlaubten, gesellig zu leben, daß es aber jedenfalls heute »furchtbar nett« sei. Und dann lachten die Herren und aßen Apfelkuchen zum wohlthätigen Zweck, während Astas Stickereien nur sehr wenige Käufer fanden. Zweites Kapitel. In welchem der alte Muz den Töchtern der Excellenz einen merkwürdigen jungen Mann vorstellt und Ihre Excellenz selbst beinahe in Ohnmacht fällt. »Nun wie geht's, Fräulein Asta?« fragte der alte Muz und lächelte der schönen Holländerin ermutigend zu. Und des stolzen Mädchens dichte, dunkle Brauen zogen sich unwillig zusammen, als es dem beleibten, alten Freunde zuflüsterte: »Ich kann dir nur sagen, es kocht schon in mir. Alle fragen sie mich aus, wie nach einem auswendig gelernten Leitfaden. Ich weiß nicht, wie viele dutzendmal ich schon gelogen habe, daß Mama zu leidend sei, um an der Geselligkeit teilzunehmen – und wenn mich jetzt noch einer fragt, ob ich die Sembrich schon gehört habe, dann fange ich, glaub' ich, vor Zorn an zu weinen. Mir ist gerade so zu Mute. – Du hättest uns doch nicht hierherbringen sollen.« »Aber, Kind – sei kein Kind!« suchte sie der Major zu beruhigen. »Ihr müßt doch einmal wieder unter Menschen, ihr müßt doch – wie soll ich sagen? – nun ja: gesehen werden ...« »Ihr müßt doch heiraten – willst du sagen,« unterbrach ihn Asta Kurzweg. »Gewiß, das weiß ich, das will ich auch. Ich soll ja – Charakter haben – haha! Ich habe mir vorgenommen, einen Mann zu bekommen, so fest wie nur der stärkste Männerwille sich vornehmen kann, eine bestimmte hohe Stellung zu erringen. Aber diesen Unglücksmenschen werdet ihr mir nicht so wie ihr meint, so – mit Zuhilfenahme der öffentlichen Wohlthätigkeit verschaffen!« Das schöne Mädchen lachte wieder bitter auf; aber sie sah jetzt mit den warm geröteten Wangen um so schöner aus. »Wenn er dich so sähe?« rief der Major mit einer drolligen Geste der Bewunderung aus. »Welcher Er? Hast du vielleicht schon einen für mich auserwählt?« »Hm! wer weiß!«, schmunzelte Muzell und drückte sein linkes Augenlid fest zu, indem er zugleich den herabhängenden rechten Schnurrbartzipfel in die Höhe pustete. Auf diese Weise pflegte er einen bedeutungsvollen Hintergedanken pantomimisch auszudrücken, und die Grimasse stand dem dicken Herrn so komisch zu Gesicht, daß Asta jedesmal darüber lachen mußte. »Ich fürchte, Onkel Muz, du wirst wenig Glück mit Ihm haben,« versetzte Asta gutlaunig. »Du glaubst nicht, wie fad mir unsre ganze Herrenwelt heute wieder vorkommt, nachdem ich zwei Jahre lang nicht den Vorzug gehabt! Sie mögen sich durch Wissen und Talente unterscheiden, wie alle andern Menschen auch, aber uns Frauenzimmern gegenüber geben sie sich ordentlich Mühe, immer genau einer wie der andre zu erscheinen. Sie meinen vielleicht, weil wir die Uniformen lieben! Schade, daß es nicht Sitte ist bei diesen Herren, sich ihr notariell beglaubigtes Einkommen auf die Visitenkarte drucken zu lassen; dann gäb's doch einen Unterschied, an den man sich halten könnte!« »Laß die Mama so etwas nicht hören – es möchte sie betrüben,« sagte der Major ernst. Aber dann spielte gleich wieder sein listig ironisches Lächeln über die vollen, roten Wangen, als er fortfuhr: »Ich wäre doch begierig, zu hören, wie so ein Mann für dich beschaffen sein müßte.« Und Asta erwiderte, ohne sich einen Augenblick zu besinnen: »Wenn er sehr, sehr viel Geld hat, dann kann er meinetwegen horrent dumm sein, denn in diesem Falle würde ich meine freie Selbstherrlichkeit schon zu bewahren wissen. Will der Betreffende aber Geist haben, so bitte ich mir so viel aus, daß er mir imponiert, immer, unter allen Umständen, auch wenn er ein großer Taugenichts ist.« »Und wie viel muß der mit dem imposanten Geist haben?« »Natürlich reichlich genug zur standesgemäßen Lebensführung.« »Standesgemäß?! Hol's der Teufel, das verdammte Wort,« brummte der alte Muz in seinen grauen Schnauzer: »Das hat schon schauderhaft genug aufgeräumt unter ehrlichen Eseln!« Und lauter setzte er hinzu: »Deine Ideen kommen mir ganz amerikanisch vor, Miß Asta. Komisch genug für ein preußisches Generalsmädchen!« »Ganz recht, Onkel Muz,« sagte sie mit lebhafter Erregung. »Seit ich aus eigner, trauriger Erfahrung weiß, was unser schöner Idealismus im Verein mit uralten Vorurteilen für unglückselige Verhältnisse zu Stande bringt, seitdem bin ich als deutsche Romanheldin nicht mehr zu gebrauchen, und ich beneide die amerikanischen Damen aus voller Seele. Erzieht ihr uns zu Prunkstücken, dann müßt ihr auch dafür sorgen, daß wir auf einem soliden Sockel und in eine würdige Umgebung zu stehen kommen.« Der alte Major lächelte so eigen vor sich hin: »Also ein Amerikaner – ein solider Sockel!? Schön, bon, gut Kind, ich verschaffe dir deinen soliden Sockel! Paß 'mal auf – ich backe ihn dir hier in meinem Hute zurecht wie der Zauberkünstler einen Eierkuchen!« Eine alte Dame, welche etwas Gesticktes zu kaufen beabsichtigte, unterbrach das Gespräch und der Major zog sich mit einem ganz verschmitzten Gesicht zurück. Als er wenige Schritte weiter seiner alten Freundin, der Excellenz, begegnete, schwenkte er übermütig seinen besagten Zauberhut und raunte ihr zu: »Heute habe ich Glück, scheint's. Es kann noch toll genug heut kommen!« Und ehe die überraschte Dame noch ein Wort der Verwunderung über diese wunderliche Anrede äußern konnte, war der alte Muz schon weit weg auf dem Weg nach dem Haupteingang, in dessen Nähe er sich nunmehr aufstellte, um mit der Miene eines alten Thorschreibers die Eintretenden zu mustern. Frau von Lersen eilte nach Trudis Platz, um bei ihr Aufklärung zu suchen über die eben vernommenen Rätselworte. Aber die Leckerbude war gerade stark von Herren umlagert, unter denen sich eben auch zwei Gestalten befanden, welche sich von dieser gleichmäßig glänzenden Goldschnittgesellschaft so entschieden abhoben, wie ein Paar ehrliche Schulbände in einer eleganten Salonbibliothek. »Ach, sieh da, Herr Musikdirektor!« rief die Excellenz überrascht und reichte einem weißköpfigen, glattrasierten Herrchen die Hand, welches sich mindestens sechsmal verbeugte und die Hand gar nicht wieder loslassen wollte. »Und Ihren Herrn Sohn haben Sie auch hierherbekommen? Das müssen wir Ihnen aber hoch aufnehmen, mein lieber Herr Doktor.« »O, durchaus nicht, Excellenz,« erwiderte der jüngere, blondbärtige Herr. »Wo viele Menschen beisammen sind, lassen sich immer naturwissenschaftliche Studien treiben.« Und die lachende Trudi fiel ein: »Du, Mama, ist das nicht nett von Diedrichsens? Sie hatten es mir aber auch fest versprochen, zu kommen und mein Geschäft durch Ihren Appetit in Blüte zu bringen. Der arme Herr Doktor hat schon drei Baisers mit Schlagsahne vertilgen müssen – man sieht's ihm auch noch an.« Der junge Gelehrte errötete leicht und beeilte sich, die Schaumspuren von seinem üppigen Schnurrbart zu entfernen. Der frühere Musikdirektor, jetzige Rentner Diedrichsen, war Lersens Hauswirt, und sein, ihn um ein Bedeutendes überragender, stattlicher Herr Sohn, war Privatdocent der Zoologie an der Universität. Der freundliche Alte gab Trudi aus Gefälligkeit Gesangunterricht und hatte auch seinen gelehrten Hans, seinen Stolz, seinen einzigen in die Familie eingeführt. Die Excellenz hatte gegen den Umgang mit diesen bescheidenen, herzensguten Menschen nichts einzuwenden gehabt und so war der Verkehr im Laufe des letzten Jahres ein ziemlich vertrauter und auch, durch die gehaltvolle und doch nicht pedantisch belehrsame Unterhaltung des Doktors ein besonders für Trudi geistig anregender geworden. Der kleine Musikdirektor wandte sich an Frau von Lersen mit der Bitte, ihm einige der hervorragendsten Persönlichkeiten namhaft zu machen. Er lenkte ihre Aufmerksamkeit besonders auf eine Gruppe von Herren und Damen, welche gerade vor Anton von Werners Kongreßgemälde versammelt war. »Wie merkwürdig, daß Ihnen gerade diese auffallen,« lachte die Excellenz. »Sagte Ihnen Ihr musikalischer Instinkt, daß dies unsre Hof-Wagnerianer sind?« »Wirklich? Ach – nun kenne ich sie auch! Das muß unser Minister des Innern sein, nicht wahr? Und diese famose Brünnhilde mit den überlebensgroßen Augen, die da so auf den Schirm gestützt eifrig auf ihn einspricht?« »O, das ist ja die Comtesse Gerhilde Wollin!« »Wenn die Stimme hätte – Herr Gott!« rief der kleine Musikdirektor und, fuhr sich mit der flachen Hand über den kurzgeschorenen Weißkopf. »Der möchte ich die Götterdämmerung einstudieren!« Trudi hatte ihn gehört und flüsterte ihm hinter der vorgestreckten Hand zu: »Die Comteß soll Baßklarinette singen, sagt man. Immer: bu, bubu, budeldidu! Hören Sie sie bloß einmal reden.« Und der alte Herr lachte seiner jungen Freundin zu und näherte sich der Wagnergruppe, als diese sich eben auflöste. Die Brünnhilden-Comteß schob ihren Arm unter den der Gräfin Wolffenstein, welche just mit der Bohnsdorf dahergeschritten kam. »Nun, Gräfin, was wissen Sie Neues?« hörte Diedrichsen sie fragen; und wirklich ganz wie: bu, bubu, budeldidu! »Neues? Nit grad vüll – Gerhildimauserl! Die Lersens sind wieder aufgetaucht; wenn Sie das interessiert.« »Ja, denken Sie – und unsre gute Fürstin natürlich – Sie kennen sie ja doch! – ein Entzücken – als ob uns wer weiß was gefehlt hätte, weil die Lersens sich zurückgezogen hatten!« Das sagte die gute Bohnsdorf, welche eben erst Zeuge von Trudis glänzendem Geschäft gewesen war, nachdem ihr ihre Leonie mit feierlichem Lächeln berichtet, daß sie erst ein einziges Paar Socken an einen uralten a. D. abgesetzt habe. »Aber die Lersens waren doch recht nette Leute, soviel ich mich entsinnen kann,« versetzte die Comteß. »Gute Familie...« »Mag wohl sein,« beharrte die Bohnsdorf. »Aber ein Vater, den seine Verhältnisse ruiniert haben – Damen, von denen man jahrelang nicht erfährt, wo und wovon sie leben – hm! – Da sieht man sich doch als Fürstin und erste Vorstandsdame ein bißchen vor!« »Wenn es nichts Schlimmeres ist!« lachte kräftig die Wollin. »Unsre liebe, alte Berleburg-Dromst-Führingen sieht noch ganz andre Leute bei sich. Ich war neulich auf ihrem ersten Rout – Mama zuliebe ging ich mit hin, wissen Sie. Und wie mich die Fürstin bemerkt, tippt sie mir so mit ihrem Lorgnon auf den Arm und flüstert mir ganz geheimnisvoll zu: ,Heute sollen Sie einmal Musik zu hören bekommen, meine Liebe!' – Daß sie von unsrer Kunst nichts versteht, weiß ich ja, aber ich dachte, sie wollte zum mindesten d'Albert, die Senkrah oder so etwas auftischen – und was war's schließlich? – Die vielbesprochene Dingsda, die Primadonna vom Walhalla-Theater sang uns französische Chansonetten vor: › digué, ligué, vingué, mon bon ‹ und solch Zeug – ohne alle Stimme noch dazu – es war einfach skandalös.« »Was Sie sagen, die Grigori? Die schöne Wallachin oder was sie sonst ist?« »Jawohl, dieselbe. Aber schön?! So gehen ihr die Backenknochen auseinander und die Augen schillern in allen Farben! Der gute Prinz Führingen machte ihr übrigens in einer Weise den Hof! ... Muß in seinem Geschmack nach der Tante arten! Und denken Sie, die Dame wurde nettement und sans façon zur Gesellschaft gezogen, wie sonst kaum eine große Künstlerin.« »Aber sie benahm sich ganz comme il faut , das muß ihr der Neid lassen,« bemerkte der Regimentsadjutant der Gardeulanen, der eben vorüberklirrte. »Pardon, meine Damen; aber ich mußte Ihre Konversation überhören; der Wahrheit die Ehre; die Grigori benahm sich wie eine große Dame! Man munkelt ja auch, daß sie ganz etwas Apartes sein soll – den höchsten Kreisen nahestehend!« »Ja warum denn nit,« sagte die Gräfin Wolffenstein ironisch. »Solche Damen haben immer so viele weitläufige Onkels und entfernte Vettern, daß wir am Ende alle mit ihnen verwandt sein können.« »O, o, o, Gräfin!« Man lachte und die Damen waren sehr amüsiert über die Wolffenstein, die immer so starke Sachen sagte. »Sehen Sie dort, meine Gnädigsten,« rief der Adjutant. »Der kleine Provinzialdragoner da soll auch zu den Enthaupteten der Grigori gehören und mindestens seine ganze Kommandozulage in Blumen für die schöne Serbin anlegen.« »Wer ist er?« fragte die Bohnsdorf. »Der junge Lersen – wissen Sie, Bodo von Lersen, der einzige Sohn der verstorbenen Excellenz.« »Lersen? Natürlich; der Apfel...« zischelte die Bohnsdorf im Weitergehen. Die seinen Ohren des alten Musikmeisters hatten gerade genug von diesem interessanten Gespräch verstanden, um sich recht gehörig darüber zu ärgern. Seine lieben, verehrten Lersens nannte man so geringschätzig in einem Atem mit der ersten besten Abenteurerin; und dieser Schlingel, der Bodo! Er wußte, wie sauer es der atmen Excellenz Mama wurde, die nötige Zulage zu erschwingen! Plötzlich entstand ein merklicher Aufruhr in dem wohlgefüllten Saale. Die kronprinzlichen Herrschaften waren erschienen. Der patriotische Diedrichsen drängte sich in die erste Reihe der Spalier bildenden Menschen und hätte wahrscheinlich seinen Hut geschwenkt und Hurra gerufen, als der Thronfolger, seine Gemahlin am Arm, vorüberschritt, wenn ihm nicht ein freundlicher Referendar noch rechtzeitig einen kleinen, abmahnenden Rippenstoß versetzt hätte. Und als sich die Gasse hinter den Fürstlichkeiten schloß, bemerkte der alte Diedrichsen unter den ersten der nachströmenden Herren den ihm wohlbekannten Major von Muzell, der den Arm eines jungen Mannes fast zärtlich durch den seinigen gezogen hatte. Und der alte Muz geleitete seinen Schützling geradeswegs nach dem Weißwarengeschäft der Baronesse Asta. »Liebe Asta, erlaube, daß ich dir den Sohn eines lieben Jugendfreundes von mir vorstelle: Herr Rudolf von Eckardt aus Buffalo.« »Aus Buffalo? Amerika?« Asta schaute mit lächelndem Zweifel auf den Major. »Allerdings, mein Fräulein, – ich bin Amerikaner!« antwortete der Fremde und verbeugte sich kurz aber artig. »Ich wußte nicht, daß du Freunde drüben hättest,« wandte sich Asta wieder an den Major und errötete tief in der Erinnerung an ihr vorheriges Gespräch. »Ich wußte das auch nicht,« versetzte Muzell. »Bis mir dieser angenehme Republikaner hier zufällig in den Weg lief und ich ihn als den einzigen Sohn meines alten Eckardt von den niederschlesischen Siebenundvierzigern erkannte. Er ist kaum vierzehn Tage hier.« »Ja, und Sie, mein Fräulein, sind die erste deutsche Dame, der ich vorgestellt wurde.« Der junge Mann, ein angehender Dreißiger mochte er sein, sprach langsam und vorsichtig, als ob er nur so der Gefahr, in einen nicht salonfähigen deutsch-englischen Slang zu verfallen, aus dem Wege gehen könnte. »Du, sieh 'mal, Asta,« fiel der Major ein. »Da läßt sich eben der Kronprinz von Trudi ein Eis geben. Muß doch horchen, wie sich die Kleine benimmt. Entschuldigen Sie, Mister Eckardt!« Und damit war er auch schon fort. Asta war mit ihrem hergezauberten Amerikaner so gut wie allein für einige Minuten, da der Hauptstrom der Besucher den hohen Herrschaften folgte, um Zeuge ihrer Liebenswürdigkeiten gegen die glücklichen jungen Mädchen zu sein. »Ich fürchte, Herr von Eckardt,« nahm die Baronesse das Gespräch wieder auf, »wir deutschen Frauen werden Ihnen wenig gefallen, wenn Sie lange genug drüben waren, um ein wirklicher Amerikaner zu werden.« »Ich bin seit meinem vierzehnten Jahre drüben und in allem, was die Auffassung des praktischen Lebens betrifft, ein ganzer Amerikaner geworden,« erwiderte der junge Mann. »Aber nun, wo ich im praktischen Leben so ziemlich das erreicht habe, was ich wollte, da fing mir an etwas zu fehlen – etwas, was wohl das besonders Deutsche sein muß, wie ich kalkuliere – so etwas Gemütliches – das Ideale, worüber man bei uns so gern lacht. Und das suche ich bei den deutschen Frauen, sehen Sie. – Ich bin gekommen, mir eine deutsche Frau zu holen – you know .« Asta wurde wieder rot – ganz gegen ihre Gewohnheit. Aber es war doch wirklich ein zu auffallendes Zusammentreffen – die so klipp und klar ausgesprochene Absicht dieses Mannes und die Ankündigung des alten Muz! Sie lachte, um ihre Verlegenheit zu verbergen. »Da seid Ihr eben am rechten Ort,« citierte sie scherzend. »Hm!« machte der Amerikaner, sah sich flüchtig im Kreise um und strich sich seinen Schnurrbart »Das sieht ja aus, als wollten Sie mit dem Schüler antworten: ›Aufrichtig, möcht' ich schon wieder fort,‹ neckte das schöne Mädchen belustigt. Und er erwiderte: »O, das nicht, es sind sehr hübsche Damen hier, aber – aber eben nur Damen – und Damen, die gern etwas vorstellen wollen, was sie zu Hause nicht sind, I guess .« »Da haben Sie allerdings recht, Herr von Eckardt. Aber Sie betonen das Wort Damen so, – mögen Sie keine Damen?« »Eigentlich – nein!« war die bündige Antwort. »Damen, Ladys, haben wir bei uns auch sehr gut – das wäre kein glücklicher Artikel für den Import. Ich will mir eine Frau mitnehmen, wie ich sie so oft bei den deutschen Einwanderern der geringsten Klassen gefunden habe. So eine Frau, Miß, die nichts sein will, wie eben meine Frau – so recht meine Hälfte, you know ; aber auch nicht meine bessere Hälfte, wie das Wort geht, sondern nur meine gute Hälfte – ebenso gut wie ich.« Asta mußte herzlich lachen: »Entschuldigen Sie, ich lache Sie nicht aus, aber – Sie sind wirklich sehr gut!« »O, ich denke, ich passiere,« versetzte Eckardt mit ganz ehrbarer Miene. »Und sehen Sie, was ich meine ist: Wenn ich auch nicht viel taugte, so sollte doch meine Frau ganz damit zufrieden sein und ...« »Auch nicht viel taugen – ja?« »Wenn Sie mich recht verstehen wollen, ja! Bei uns drüben sind unsre Damen die einzigen Adligen, you know – sie allein haben alle Vorrechte einer höheren Menschenklasse und ihnen allein gesteht man sie so unterthänig zu, wie den Fürsten und Grafen in einem alten monarchischen Lande. Wir Männer sind das gemeine Volk, das dazu da ist, für sie zu arbeiten und sie dafür zu verehren.« Jetzt wurde das Fräulein von Lersen ernst. Das war ja gerade das Ideal, welches sie von der Stellung der vornehmen Frau hegte, und von diesem Ideal wollte gerade dieser offenbar sehr kluge Mann gar nichts wissen. »Mein Herr,« sagte sie lächelnd. »Ich fürchte fast, daß Sie aus dem Regen in die Traufe gekommen sind – Sie müßten denn bei den kleinen Pastorstöchtern nachfragen.« »Aber, nein,« beharrte Rudolf mit ernstem Nachdruck. »Ich will gerade eine ganz vornehme Frau haben und it is all one to me – es ist alles eins zu mir, ob sie eine große Gräfin, oder eine kleine Pastorstochter ist. Sie soll sehr gescheit und für mich mit gebildet sein – denn dazu habe ich bis jetzt noch nicht viel Zeit gehabt. Sie soll mich lehren können, ohne deshalb sich mehr zu dünken, als ich ... sie soll ...« »Sie soll, sie soll! O, Sie werden ein bösartiger Ehetyrann werden, Herr von Eckardt.« »Gewiß nicht, aber sie muß nicht zum Dank für all ihre guten Eigenschaften, alle qualities and accomplishments meine gehorsamste Verehrung, sondern nur meine Liebe haben wollen! Sehen Sie, ich bin erst vierzehn Tage hier und noch so unbekannt. Dem lieben Herrn Major hab ich's auch gleich gesagt, was ich brauche, und Sie, Miß, sind die erste deutsche Lady, die ich kennen lernte, darum sage ich's Ihnen auch gleich, damit Sie mir helfen sollen, meine Frau zu finden, denn ich habe nicht mehr sehr viel Zeit zu verlieren. Wollen Sie?« Er streckte ihr die Hand über den Verkaufstisch zu. Sie blickte zur Seite. Wie eigen sie seine drollige, ernsthafte Art berührte. Sie flüchtete ihre Bewegung hinter ein reizendes Lächeln und sagte: »Also bis zum Abgang des nächsten Dampfers habe ich Ihnen eine Frau zu verschaffen?« » Come along, shake hands! « rief er recht unceremoniös, mit leichtgerunzelter Stirn. Und sie mußte wirklich ihre feine, weiße Hand in seine große, grobe legen und sie tüchtig schütteln lassen. Und dann sagte sie, gleichfalls ernster: »Ich bin nun freilich für diese Aufgabe gar nicht besonders geeignet, ich habe wenig Bekanntschaften; wir sehen auch niemand bei uns, denn – wir sind arm!« Es ging ihr so mühelos über die stolzen Lippen, das bittre Wort. Doch diesem erzoffenen Menschen gegenüber ward auch ihr die Offenheit natürlich. In diesem Augenblick flog Trudi daher, ihre Bude achtlos im Stich lassend. Mit ausgelassener Hast, des Fremden nicht achtend, redete sie auf die Schwester ein. »Ach Asta, ich muß dir gleich erzählen, ich bin zu glücklich! Hast du gesehen, der Kronprinz? – Nein?! – Denke dir, er hat bei mir Eis gegessen und mir zwanzig Mark gegeben, und wie er fort war, hab' ich natürlich gleich den Löffel ausgeleckt.« Sie klatschte, hell auflachend, in die Hände. »Die Grete Rochwitz, die kleine Dicke mit dem gesunden Teint, kam wie ein Falke auf mich zugeschossen und riß mir beinahe den Eislöffel aus der Hand – aber da war die Arbeit schon gründlichst besorgt! Hat die sich aber gegiftet!« Die Excellenz Mama trat nun auch hinzu, am Arm des alten Muz, und während die andren herzlich lachten über den hübschen Tollkopf, die Trudi, verwies sie ihr milde lächelnd die Ausgelassenheit. »Erlaube, Mama,« fiel Asta ein, als die kleine Strafpredigt zu Ende war. »Onkel Muz war so freundlich, mir diesen Herrn zuzuführen: Meine Mama, Herr von Eckardt aus Amerika.« »Herr von – Eckardt – aus – Amerika?!« stotterte die Excellenz. Sie ward plötzlich sehr blaß und stützte sich schwer auf den Arm des Majors. »Fassung, liebe Freundin, Fassung!« flüsterte er ihr zu. »Herr von Eckardt – Sie sehen mich sehr erfreut...« »Der Sohn eines alten Regimentskameraden von mir. Ich las neulich zufällig seinen Namen in der Fremdenliste des Centralhotels. Aus Buffalo – fiel mir auf – erkundigte mich und – wahrhaftig, er war's. Der kleine Rudolf von Eckardt, der als Quartaner nach Amerika ging.« »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, es ist hier so heiß...« »Mama, was ist dir? Du wirst ohnmächtig.« »O nein, nein! Ihr dürft eure Posten nicht verlassen, Kinder! Es ist nichts! Der Major wird mich auf eine Minute auf den Korridor führen.« – – Und noch auf dem Wege dahin fragte die Frau, blaß, zitternd, aufs höchste aufgeregt: »Rudolf von Eckardt? Wirklich – unser Eckardt?« »Ja, unser Eckardt! Ach, meine liebe Excellenz, wie mich das freut, daß ich den Jungen endlich gefunden habe – nach fast zwanzig Jahren!« »Weiß er denn? ...« »Nichts weiß er – und er soll's auch erst erfahren, wenn Asta seine Frau ist.« »Asta seine Frau? ... Was haben Sie nur für Ideen – ich...« »Die böse alte Schuld soll ihre Mitgift sein; dann haben Sie die Last von der Seele, und wir alle sind die dumme Geschichte los. Ach, wenn uns das Mädchen bloß den Gefallen thun wollte, sich recht unvernünftig in ihn zu verlieben, dann quittiert er Ihnen gewiß mit Freuden und tausend Dank obendrein! Aber, liebe Excellenz, nichts merken lassen, sonst stehe ich für nichts – Sie kennen ja Asta auch!« »Ich kann's gar nicht fassen! Ich kann ihm gar nicht in die Augen sehen! Mir ist, als müßte er mich mit einem Blick zu Boden werfen, dieser Rudolf! – Asta und er! Sind Sie denn Ihrer Sache so sicher? Und woher denn?« »Das sage ich Ihnen alles später. Asta – Amerikanerin!« »Er war wirklich die ganzen zwanzig Jahre drüben? Was ist er denn dort gewesen?« »Schlossergeselle.« »Schlossergeselle?!!!« Drittes Kapitel. Was ein harmloses Tischgespräch für seltsame Dinge zu Tage fördern kann, und was der Lieutenant Bodo sonst noch auf dem Herzen hat. Vierzehn Tage nach dem geschilderten Bazar im Rathause, es war an einem Sonntage, fand sich der Dragonerlieutenant Bodo von Lersen bei seiner Frau Mutter zu Tische ein. Sie, sowie die beiden Schwestern bemerkten sofort, daß er nicht so frisch wie gewöhnlich aussehe. Er leugnete zwar entschieden, daß ihm etwas fehle und war, um dies zu bekräftigen, ganz ungewöhnlich lustig und gesprächig. Aber seine Heiterkeit hatte etwas Gezwungenes an sich und die nervöse Unruhe in seinen Blicken, in allen seinen Bewegungen strafte seine Beteuerungen Lügen. »Na Trudi,« sagte Bodo zu seiner »kleinen« Schwester. »Dir kann man ja zu deinen Erfolgen als Büffettmamsell gratulieren! Die Herren Kameraden haben sich dir zuliebe alle den Mägen an deinen Süßigkeiten verdorben! Muß ja ein brillanter Kassensturz gewesen sein! Hast du auch alles richtig abgeliefert – nichts verloren?« Er deutete auf sein Herz. »O nein, du,« versetzte Trudi und warf den hübschen Kopf in die Höhe. »Das verliere ich überhaupt nicht, das verschenke ich höchstens. Aber von deinen Herren Kameraden kriegt es keiner, daß du's nur weißt! Die kommen sich alle so unwiderstehlich und begehrenswert vor, daß sie ein Herz nicht einmal geschenkt nehmen, wenn's nicht noch tüchtig 'was dazu gibt.« »Ja, so seid ihr nun, ihr kleinen Weiber! Denkst du, daß wir nicht selber lieber jeder seinen Herzensschatz heiraten möchten, als so einen dürren Einer mit möglichst vielen Nullen dran?« »Na, für eine recht große Null ist wenigstens immer gesorgt, wenn einer von deiner Sorte heiratet!« rief Trudi spitzig. »Potztausend!« fuhr der Bruder ärgerlich auf. »Du bemühst dich wohl jetzt, ebenso unausstehlich zu werden, wie früher Asta war?« »Aber liebe Kinder,« mahnte die Excellenz von ihrem Fensterplatz aus. »Müßt ihr euch denn immer gleich zanken, wenn ihr nur fünf Minuten zusammen seid?« »Ja, sage doch selbst, Mama,« sagte der Lieutenant. »Die Trudel war doch früher das feudalste kleine Kommißmädel, das man sich denken konnte, und jetzt ...« »Ja früher!« lachte die Blonde und machte sich mit dem Decken des Tisches zu thun. »Früher kannte ich auch noch keine Menschen, sondern nur Uniformen.« »Haha! Und wo hast du denn jetzt auf einmal die wahren Menschen gefunden? Hier in dieser schönen Stromstraße vielleicht? Deinen Doktor Diedrichsen meinst du wohl, den Demokraten?« »Doktor Diedrichsen ist gar kein Demokrat!« »Ach was! Doktoren sind alle Demokraten, Atheisten und dergleichen – die Naturforscher ganz besonders, die glauben an gar nichts!« »Bist du etwa so ein frommer Mann, Bodo?« »Fromm? – Ein anständiger Mensch muß doch 'was glauben!« »Ja, du glaubst, daß dir dein blauer Ueberrock famos steht, und daß du der schneidigste und stilvollste aller Lieutenants seist.« Der Bruder hörte nicht auf ihre Bosheit: »Dieser Diedrichsen ist also der wahre Mensch! Seine Spezialität sind ja wohl Würmer? Pfui Teufel!« »So, wirklich!« rief Trudi sehr aufgebracht. »Er beschäftigt sich mit höchst anständigen Säugetieren, daß du's nur weißt du – du ... ach mit dir rede ich gar nicht!« Und damit lief sie aus dem Zimmer. Bodo lachte ihr nach, als ob sein Witz sie besiegt hätte, und wandte sich dann an Asta, die mit einer Handarbeit ihrer Mutter still gegenüber saß. »Da hat mir dein Amerikaner wahrhaftig noch besser gefallen, wie dieser Lohengrünliche Hausgelehrte.« »Mein Amerikaner?« fragte die schöne Aelteste, und schüttelte lächelnd den Kopf. »Nu ja – er war doch kaum von dir fortzubringen! Nein, was unser alter Muz bloß alles für fabelhafte Bekannte aufgabelt! Ich schleifte ihn nachher noch mit Mühe und Not zu einigen der Hauptmädchen. Denke dir, alle die nobelsten Comtesseln und Baronesseln siezte er ganz gemütlich an! ›Gnädiges Fräulein‹ klingt ihm wahrscheinlich zu unrepublikanisch! Und wenn er wieder fortging, wollte er ihnen immer die Hand schütteln. Es war wirklich enorm scherzhaft!« »Ich habe allen Grund, diesen Herrn ganz ungewöhnlich zu schätzen,« lachte Asta. »Er war der erste und einzige, der mich nicht fragte, ob ich die Sembrich schon gehört hätte – das werde ich ihm nie vergessen!« »Was mir unser lieber Major von Herrn von Eckardt erzählte, hat mich auch für ihn eingenommen,« mischte sich die Excellenz ins Gespräch. »Er ist als vierzehnjähriger Knabe auf eignen Antrieb nach Amerika gegangen, nachdem sein Vater, ein Regimentskamerad eures Vaters übrigens, durch unglückliche Umstände sein Vermögen verloren hatte und daher nicht im Stande war, den einzigen Sohn für einen höheren Beruf vorbilden zu lassen. Er trat drüben bei einem Schlosser in die Lehre und brachte es durch seine große Geschicklichkeit, unablässigen Fleiß und Sparsamkeit dahin, daß er nun selbständiger, technischer Leiter einer großen Maschinenwerkstatt ist.« »Der reine Musterknabe!« gähnte Bodo. »Die schwieligen Hände hat er nun freilich zum ewigen Angedenken behalten; aber sonst steckt doch noch – weiß der Teufel wo! – ein bißchen 'was Ritterliches in dem Menschen. Den möcht' ich als Einjährigen bei meiner Schwadron haben; ich glaube, aus dem formlosen Republikaner wäre da noch ein ganz leidlich patenter Kerl herauszuputzen gewesen. So weit hat ihn ja schon der Major gebracht, daß er sich seinen plebejischen Schlosserkragen abgeschnitten hat und sich einen ganz netten Schnurrbart angewöhnt. Ich habe übrigens schauderhaften Hunger, Mama – essen wir noch nicht bald?« Trotz seines »schauderhaften« Hungers aß aber der junge Lersen nachher bei Tische auffallend wenig. »Hast du enge Stiefeln, Bodo?« fragte Trudi über dem Braten. »Wieso? Willst du wieder mit mir anbinden, du kleiner Kampfhahn?« »Ich meine nur – weil du so ein gekniffenes Gesicht machst, als ob dich der Schuh gewaltig drückte.« »O ahnungsvoller Engel, du!« dachte der Bruder Lieutenant und bemühte sich, durch Lachen und Spotten die Verräterei seiner Mienen wieder gut zu machen. Aber die bösen Schwestern hörten nicht auf, ihn zu necken. Asta, die seit jenem Bazar, zu dem sie so widerwillig gegangen war, in auffallend sanfter, heiterer Laune sich befand – Asta beteiligte sich nun auch an dem grausamen Spiel. »Du bist gewiß wieder verliebt, armer Bodo – ich sehe dir's an! Denke dir, ich weiß auch in wen?!« »So? Da bin ich doch begierig ...« »Bianka heißt sie mit Vornamen – siehst du, wie du rot wirst!« »Wer hat dir denn das gesagt? Was für eine Bianka?« »Ach, leugne doch nicht. Aus Abscheu vor der Operette schickst du doch gewiß nicht die vielen Bouquets an Fräulein Grigori?« »Fräulein Grigori? Wer ist das?« fragte die Excellenz. Und der hübsche, kleine Dragoner zupfte an seinem blonden Bärtchen und antwortete: »Die erste Sängerin des Walhallatheaters, Mama. Ich leugne nicht, daß ich sie entzückend finde. Diese Grazie, diese reizende Koketterie – Stimme hat sie ja freilich gar nicht! – und diese süperbe Figur. Die feurigen, südlichen Augen und dieser himmlische, dieser – wie soll ich sagen? – dieser mollige Accent!« Frau von Leisen mußte lächeln. »Nun, ich habe nichts dagegen, wenn du dich für diesen – molligen Accent begeisterst. Aber ich bitte dich, lieber Bodo, laß dich nicht weiter mit dieser Person ein ...« »Person!« fuhr Bodo etwas gereizt auf. »Fräulein Grigori ist eine Dame, Mama, das weiß ganz Berlin! Ich wage auch nur, sie aus der Entfernung zu verehren; bei ihr einzudringen sans façon , wie sonst bei diesen Schönen, ist ganz unmöglich – sie soll sogar neulich den Prinzen Führingen abgewiesen haben.« »So?« fragte Asta zweifelnd. »Sie hat aber doch bei seiner Tante, der alten Fürstin Belleburg, gesungen?« »Woher wißt ihr denn das alles?« rief Bodo erstaunt. »Hat vielleicht der Major? ...« »O nein, wir haben ganz andre Verbindungen! Unsre Ohren reichen bis in die höchsten Kreise!« sagte Trudi geheimnisvoll. »Gratuliere zu solchen langen Ohren,« lachte Bodo. Dann holte er aus seinem Taschenbuch eine Photographie hervor und überreichte sie seiner Mutter. »Urteilt selbst, ob ich einen schlechten Geschmack habe. Du solltest sie nur einmal sehen, Mama, du würdest sie nicht mehr ›Person‹ titulieren.« »Allerdings – sehr interessantes Gesicht – nicht eigentlich schön,« meinte Frau von Lersen und gab das Photogramm an Asta weiter. »Mein Gott – was ist das?« rief das schöne Mädchen aufs höchste überrascht. »Was denn? Was hast du, Asta?« »Ich kann mich kaum täuschen – das ist die Grigorescu – meine Adriane!« »Die aus der Pension? Deine Genfer Busenfreundin? Die Tochter des Ministers?« riefen die Mutter und die Geschwister fast gleichzeitig. »Ja doch, ja!« Asta war aufgesprungen und holte nun ihr Album herbei, um ein früheres Bild ihrer geliebtesten Pensionsfreundin mit dem der Operetten-Diva zu vergleichen. Trudi und Bodo erhoben sich nun gleichfalls vom Tische und blickten ihr über die Schulter. Es war kein Zweifel möglich: Adriane Grigorescu und Bianka Grigori waren ein und dieselbe Person! »Donnerwetter, wenn das nicht ein Wink des Schicksals ist!« rief Bodo aus und streichelte zärtlich Astas Arm. »Du, Schwesterchen – du wirst nun doch deine alte Busenfreundin bald einmal aufsuchen wollen. Da erlaubst du wohl, daß ich, so zu sagen, als Anstandsherr mitgehe?« »Wo denkst du hin!« rief Asta und machte unsanft ihren Arm los. »Ich sollte sie aufsuchen – sie, die sich so tief erniedrigt hat?« »Erniedrigt? Erlaube gütigst!« eiferte der Lieutenant. »Heißt das etwa sich erniedrigen, wenn eine Dame ihre Talente ausnutzt, um sich ihren Unterhalt und ihre Lebensstellung zu verdienen? Denkt ihr vielleicht, ihr seid etwas Bessres, weil ihr hier als arme aber anständige Excellenzentöchter artig bei Mamachen sitzet und dem lieben Herrgott die Tage abstehlt?« »Na, Bodochen, was das letztere betrifft ...« schaltete Trudi spitzig ein. Und die Mutter schüttelte den Kopf und sagte: »Du ereiferst dich sehr am unrechten Orte, lieber Junge. Du kommst aus deiner kleinen Garnison, das Theater und die Theaterleute sind dir etwas Neues, Unbekanntes. Dir erscheint das alles noch so ideal wie – wie etwa einem jungen Mädchen ...« »Das den Namen Joseph Kainz aus dem Theaterzettel schneidet und auf dem Butterbrot verzehrt,« warf wieder die naseweise Trudi dazwischen. »Na, das nimm mir nicht übel, Mama,« versetzte der junge Offizier gekränkt. »Ein solches Lämmlein weiß wie Schnee bin ich denn doch wohl nicht. Ich weiß ganz gut zu unterscheiden. Und siehst du: der Grigori merkt man die Dame auf mehrere Kilometer Entfernung an.« »Die Grigori! So von sich reden zu lassen! Jeder Schlächtergeselle, der sein Galeriebillet bezahlt hat, darf sagen: Das Frauenzimmer, die Grigori krächzt ja wie ein Rabe! O pfui! – Und das war meine teuerste Freundin, meine schöne, stolze Adriane! Le parfait de noblesse nannten sie uns beide in der Pension. Alle meine Gedanken fanden ein so starkes Echo bei ihr, sie war mir ein zweites, bessres Ich! Wie haben wir uns geliebt! Wie habe ich sie beneidet um ihre urwüchsige Grazie, ihr hinreißendes Naturell!« »Ach ja!« seufzte Bodo. »Aber, liebes Kind, rege dich nicht so auf. Du hast dich eben in ihr getäuscht!« »Und wir glaubten uns so zu verstehen, so erhaben zu sein über die kleinliche Frauenzimmerlichkeit unsrer Mitschülerinnen – und nun? Ach laßt mich, laßt mich – es ist zu abscheulich.« Und Asta, die so kalt gescholtene, ruhige Asta brach in zornige Thränen aus und verließ das Zimmer. – Als die gute Trudi ihr nach ein paar Minuten folgte, um sie zu trösten, fand sie sie im Schlafzimmer auf ihr Bett gestreckt. Sie biß auf ihr Taschentuch, um ihr Schluchzen zu bemeistern. Die Schwester strich ihr zärtlich über das weiche, volle Haar und redete ihr liebreich zu. Aber noch einmal wallte der Zorn in Asta auf: »Da hast du's, Trudi! Auch eine Excellenzentochter! Und wahrhaftig, Bodo hat ganz recht: Adriane hat noch das bessere Teil erwählt. Ich bin überzeugt, daß auch ihre Familie ein Unglück betroffen hat, wie uns. Ihre Eltern haben gewiß auch über ihre Verhältnisse gelebt. Aber sie brachte es fertig, ihre vornehmen Gesinnungen samt ihrer vornehmen Garderobe zum Trödler zu tragen und – eben die Grigori zu werden, die Allerwelts-Grigori. Wir dagegen, wir sitzen hier wie die Aschenbrödel im Märchen mit unsern kleinen Füßen und warten darauf, daß unsre Prinzen sich drei Treppen zu uns heraufbemühen! Bis dahin tragen wir unsre alten Kleider artig auf und nähren uns von Hoffnung und Erbsensuppe.« »Ach, du komische, arme Asta! Unsre ewige Erbsensuppe hat mir heute wieder ausgezeichnet geschmeckt, und was die Prinzen betrifft: meiner braucht bloß eine Treppe zu steigen, und die Trudi wird ihm recht geschwind aufthun, wenn er bei ihr anklopft.« »Was sagst du da, Liebchen?« Asta lächelte durch ihre Thränen. »Ja, da's nun doch einmal heraus ist – ich liebe ihn, Asta! Den guten, langen, blonden Hans! Ach! Das Verliebtsein ist ein prachtvolles Gefühl! Du solltest es auch einmal versuchen.« »Meine süße Trudi – manche Menschen haben kein Talent, glücklich zu sein. Ich fürchte, ich gehöre auch zu denen.« Bodo war nun mit seiner Mutter allein. »Erlaubst du, daß ich mir eine Cigarre anstecke, Mamachen?« begann er, indem er seine Ledertasche, auf welcher ein silbernes Achselstück mit der Nummer seines Regimentes befestigt war, hervorzog, und die darin enthaltenen Cigarren eine nach der andern ernsthaft prüfte. Die Excellenz bewilligte gern seine Bitte und holte noch selbst eine Schachtel Zündhölzer herbei für ihn. »Danke tausendmal, liebe Mama.« Er hielt das brennende Hölzchen empor. »Deine Hand zittert ja, Bodo,« bemerkte die Freifrau aufblickend. »Hast du Katzenjammer? Ich hoffe, du gewöhnst dir hier kein so unregelmäßiges Leben an. Du weißt, deine Gesundheit ist nicht allzu robust und außerdem erlauben dir deine Mittel nicht ...« »Ja, besonders gegen Ende des Monats,« fiel der Sohn ihr seufzend ins Wort. »Beruhige dich nur, Mama, meine Gesundheit läßt nichts zu wünschen übrig. Ich zittere nur – vor dem Ersten, weißt du. Es sind da so ein paar verwünschte Rechnungen zu bezahlen, und ich weiß nicht recht ...« Der junge Offizier lächelte mühsam. »Du hast Schulden, Bodo?« »Ja, Mama – ich kann es nicht länger verschweigen. Das Leben in Berlin ist eben doch viel teurer, als ich glaubte, und man kann sich so schwer gewissen Anstandspflichten entziehen, weißt du.« »Berlin teuer! O nein, ganz im Gegenteil, mein Junge. Wer hier billig leben will, kann es viel besser, als in einer kleinen Garnison. Hier bist du durch nichts gezwungen, es den reicheren Kameraden in irgend einer Richtung nachzuthun. Du hast tausend Entschuldigungen, wenn dich die Herren zu einer kostspieligen Zerstreuung verleiten wollen. Du kannst die Uniform ausziehen, sobald du deinen Dienst gethan hast und dadurch alle die Luxusausgaben sparen, die sonst der Offiziersrang fordert.« »Aber beste Mama,« rief Bodo dazwischen und durchmaß mit großen Schritten das Zimmer. »Es ist doch gewiß keine Sünde, daß ich die Gelegenheit benutze, die mir dies Kommando in der Reichshauptstadt gibt, 'mal was andres von der Welt zu sehen und zu hören, als was mir Treptow an der Rega und Schwedt an der Oder bieten können! Man will doch als junger, schneidiger Offizier so zu sagen seine allgemeine Bildung bereichern, sein Leben genießen ...« »Nennst du das vielleicht deine allgemeine Bildung bereichern, wenn du alle Abende dieselbe alberne und frivole Operette anhörst und dabei den ›molligen Accent‹ dieser unglücklichen Grigorescu bewunderst?!« Der Dragoner biß sich ärgerlich auf die Lippen und fuhr auf: »Ich weiß nicht, du und die Mädchen, ihr seid in eurer Zurückgezogenheit so scharf geworden, so ironisch – das war doch früher nicht!« Die Excellenz trat vor ihren Sohn, ergriff mit warmem Druck seine Rechte und sprach: »O, mein lieber Bodo, wenn du doch endlich anfangen wolltest, unsre traurig beschränkte Lage ernst zu nehmen! Muß ich dich wirklich erst wieder erinnern, welche Entbehrungen sich deine guten Schwestern freiwillig auferlegt haben, um es mir möglich zu machen, dir eine kleine Zulage zu geben? Du weißt, wir haben gar keine Aussicht, unsre Vermögenslage je zu verbessern: wenn du also meinst, als Dragoner nicht auskommen zu können, so mußt du dich zur Infanterie versetzen lassen, oder gar einen andern Beruf erwählen.« »Ich, Mutter – ich?!« brauste Bodo auf. »Da wäre ich ja nicht wert, meines Vaters Sohn zu sein. Für einen echten Lersen gibt's nur einen Beruf auf der Welt – und ich will ein echter Lersen sein. Mein Vater ist wahrhaftig auch kein Duckmäuser gewesen – im Gegenteil, soll's lustig genug getrieben haben in seinen jungen Tagen. ...« »Ja leider!« »Leider? Er ist doch ein Reitergeneral geworden, wie ihrer die Armee nicht viele gehabt hat. Glaubst du, Papa wäre damit einverstanden gewesen, wenn sein einziger Sohn jetzt wie ein Dorfschulamtskandidat sein junges Leben vermückerte?« »Und glaubst du, daß Papa damit einverstanden gewesen wäre, seine Familie in solcher Dürftigkeit zurückzulassen, wenn nicht seine lustigen Jugendstreiche es ihm unmöglich gemacht hätten, beizeiten für sie zurückzulegen? Ach Bodo, werde deinem teuren Vater in allen Stücken ähnlich, nur nicht in diesem einen! Die Verirrungen der Eltern sollen den Kindern zur Lehre dienen.« »Verirrungen, Mama? Ich kann nicht glauben, daß mein Vater. ... Was hat er gethan, das du eine Verirrung nennen müßtest?« Frau von Lersen trat an das Fenster und blickte mit thränenumflorten Augen hinaus: »Laß uns nicht weiter davon sprechen, mein Kind. Halte deinen Vater in hohen Ehren, aber laß die kleinen Entbehrungen deiner Jugend dich lehren, deinen ererbten Hang zu leichtherzigem Genusse zu bemeistern. – Wieviel betragen deine Schulden?« »Viertausend Mark, Mama!« »Viertausend Mark! Bodo, Bodo! O mein Gott, – weißt du denn nicht, daß das mehr ist, als unser ganzes Jahreseinkommen beträgt?« Die arme Excellenz mußte sich auf den nächsten Sessel niederlassen und rang verzweiflungsvoll die Hände im Schoß. »Wie hast du es nur fertig gebracht, eine solche Summe in so kurzer Zeit zu vergeuden?« »Ja, siehst du, Mama; ohne Gaul hält es der Kavallerist eben doch nicht lange aus und dann ... dann habe ich auch verdammtes Pech im Spiel gehabt.« »Im Spiel? Aber Bodo, es ist euch doch so streng verboten?...« »O natürlich nicht Hazard, Mama! Ein ganz harmloser Skat, bloß daß der Point fünfzig Pfennige kostete – weißt du, es waren ein paar reiche Herren von der Garde dabei; man konnte sich doch nicht lumpen lassen! Ich habe sonst immer so kolossalen Dusel im Skat gehabt, daß eigentlich gar kein Risiko dabei war. Da muß mich der Teufel reiten, daß ich ein Schwarz ansage – die vier Jungens hatte ich in der Hand – und da...« »Bitte, verschone mich mit den Details. Wo hast du denn nur eine solche Summe leihen können?« »Ich traf hier zufällig den kleinen Beseler vom Corps in Wahlstadt wieder, der wegen schwacher Brust abgehen mußte. Der ist jetzt bei der Reichsbank angestellt. Famoser Kerl übrigens. Und da Beseler zufällig auch dein Conto bei der Reichsbank kennt, so nahm er keinen Anstand, mir das Geld auf Wechsel zu verschaffen.« »Mein Conto bei der Reichsbank?« Frau von Lersen war ganz bleich geworden und drückte ihre Schläfen mit den flachen Händen zusammen. Der Lieutenant sah es nicht; denn nun war er an das Fenster getreten und blickte hinaus, um die Mutter nicht die Scham und Angst von seinen Zügen lesen zu lassen. »Ja, die dreißigtausend Mark,« sagte er fast tonlos. Aber wie erschreckt er sich umwandte, als nach einer längeren, peinlichen Stille die bebende Stimme der Mutter an sein Ohr klang: »Mein Sohn, mein Sohn, was hast du mir da gethan! Von diesen dreißigtausend Mark gehört nicht ein Pfennig uns. Damit hat dein unglücklicher Vater sich die Ruhe seiner Seele nach dem Tode erkauft. Dies Kapital ist heilig – ich darf es nicht anrühren!« »Mutter, was sagst du da?« »Es muß noch mein Geheimnis bleiben, Bodo! Vielleicht, daß ich bald schon sprechen darf – vielleicht erfahrt ihr es erst nach meinem Tode. – Gib mir dein Wort, daß du den Schwestern nichts von dieser Summe sagen willst.« »Ja, Mutter – mein Ehrenwort! – Aber wie, um Gotteswillen, – soll ich denn meine Wechsel bezahlen? In acht Tagen sind sie verfallen!« »Ich kann dir nicht helfen, Bodo. Ich kann nicht. Ich darf nicht! Aber thu nichts Uebereiltes, rede erst mit dem Major. Du weißt, morgen ist sein Geburtstag. Gestehe ihm alles und dann ...« »Dem alten Muz alles gestehen? Ha, das wird ja ein wahres Fest werden für den alten Bullenbeißer! Eine schöne Predigt werde ich da zu hören bekommen.« »Hast du sie nicht reichlich verdient? Schäme dich, Bodo, und sprich nicht so von unserm lieben Major. Er ist stets unser treuester Freund gewesen.« »Ja, aber er borgt grundsätzlich keinen roten Heller.« »Er wird dir einen guten Rat geben können.« »Mit einem guten Rat kann ich mir noch keine Pistole laden.« »Bodo, du sollst nicht so sprechen – ich verbiete es dir.« Und der Lieutenant kniete vor seiner Mutter nieder und bedeckte ihre vornehme schmale Hand mit brennend heißen Küssen. »Ach liebe, gute Mama – sei mir nicht böse. Ich bin der unglücklichste Offizier in der Armee, wenn die Geschichte zum Klappen kommt, ich ... laß mich gehen, laß mich! Ich höre Trudi lachen – ich kann sie jetzt nicht sehen! Ich gehe morgen zum Major! Adieu, Mama, und Verzeihung!« Als wenige Minuten später Trudi das Zimmer wieder betrat, fand sie ihre arme Mutter in Thränen. »Aber liebe, süße Excellenz Mamachen!« rief das reizende Mädchen herzlich bekümmert und war mit ein paar raschen Schritten an ihrer Seite. »Du weinst doch nicht auch um die dumme Grigori? Herrjemine, da würde ich ja heute die einzig Vernünftige in der ganzen Familie sein! Höre doch bloß auf zu weinen – ich will mich ja auch ganz geschwind und artig verloben, wenn dich das wieder aufheitern kann, goldiges Mutterchen! Alles dir zuliebe.« Und Frau von Lersen mußte durch ihre Thränen lächeln und küßte ihre herzige, neckische Trudi liebreich auf die Stirn. Viertes Kapitel. In welchem der alte Muz den unglücklichsten Geburtstag seines ganzen Lebens feiert. Der Major von Muzell kehrte in ausgezeichnet guter Laune von seinem gewohnten Spaziergang zurück. Zwar kam er arg pustend und keuchend wie immer an, aber die gewöhnliche Fluchsalve über die »Satanshimmelsleiter«, die drei Treppen zu seiner Wohnung in der Zietenstraße, ward heute nicht abgegeben, denn er hatte sich erst heute früh beim Erwachen selber das Versprechen abgenommen, daß er zur Feier seines achtundfünfzigsten Geburtstages nun endlich einmal ernstlich daran gehen wollte, die schwere Kunst des »Maulhaltens« zu erlernen. Ja, das war das Unglück des trefflichen alten Herrn von jeher gewesen: er hatte immer sein Herz und so zu sagen auch seinen Kopf auf der Zunge gehabt und, trotzdem er sonst durch und durch Soldat war, niemals die militärische Tugend des »Maulhaltens« sich aneignen können. Man sagte dem alten Grimmbart nach, er habe bereits als milchwangiger Degenfähnrich »räsonniert, daß das Ende von weg war!« Seine Vorgesetzten hatten niemals seinen Diensteifer und seine ungewöhnliche Befähigung verkannt, aber freilich auch die Unbotmäßigkeit seiner scharfen Zunge nicht ungerügt und ungeahndet lassen können. Höchst komisch war es, daß er, obwohl er sich seiner Untugend wohl bewußt war, nichts weniger vertragen konnte, als wenn sich ein Untergebener ihm selbst gegenüber in ähnlicher Weise verging. Eine kleine Rede, die er während der Schlacht von Spichern an sein Bataillon gehalten haben sollte, war als geflügeltes Wort in der ganzen Armee herumgekommen. Als nämlich die erste Granate in sein noch in der Reserve stehendes Bataillon einschlug und zwei unglücklichen Füsilieren die Beine wegriß, wandte er sich auf deren durchdringenden Schmerzensschrei mit seinem Rosse um und rief: »Kerls, wer räsonniert hier? Wer stirbt, stirbt ruhig! – Hier hat keiner zu reden, wie ich – verstanden?« Ja, ruhig zu sterben, das hätte auch der alte Muz unter allen Umständen fertig bekommen; aber ruhig zu leben, ohne jederzeit und jedermann seine ehrliche Meinung ins Gesicht sagen zu dürfen, das ging ihm zu sehr wider den Strich – und so war es eben gekommen, daß sein alter, lieber Waffenbruder Lersen bereits die Generalsstreifen an die Hosen nähen lassen konnte, als er sich zum drittenmal bei der Beförderung zum Oberstlieutenant übergangen sah. Da hatte er denn doch wohl oder übel seinen Abschied einreichen müssen und er sagte selber, daß das betreffende Schriftstück »nicht ganz von Pappe gewesen sei«, aus welchem Grunde man ihm das bescheidene Sternchen selbst als Trost im Ruhestande versagt hatte. Da er übrigens noch eine recht wohlhabend gewesene alte Tante zu verzehren hatte, so litt unser guter Major in seinem Ruhestande durchaus keinen Mangel, wenn er auch gerade nicht viel zurücklegen konnte. In das dritte Stockwerk war er nur aus Gesundheitsrücksichten gezogen und das tägliche Treppensteigen gehörte mit zu seiner Entfettungskur. Er wohnte recht hübsch und seine Einrichtung war ganz stilgerecht, militärisch und hagestolz. Ein Gewehrschrank, ein Bücherspind, französische, österreichische und dänische Waffen und Uniformstücke als Kriegstrophäen an den Wänden, Gruppenbilder von Kameraden und Mannschaften, an die zwanzig Jahrgänge, einige galante Kupferstiche, Photogramme von dekolletierten Dämchen und über dem erzbehaglichen Rückendiwan das Porträt seines innigstgeliebten Schlachtrosses »Cassilde« in Oel gemalt von einem mehr strebsamen als genialen jungen Künstler. Lautenschläger, sein letzter Bursche, den er als Diener mit in den Ruhestand genommen hatte, und welcher die selige »Cassilde« noch zu bedienen das Glück gehabt hatte, Lautenschläger verrichtete jeden Morgen beim Staubwischen seine stille Andacht vor dem Bildnis der verblichenen Fuchsstute. – »Heute habe ich einen Bärenhunger mitgebracht, Lautenschläger, mein Jungchen. Besorge mir 'mal schnell ein opulentes Frühstück,« so redete der alte Muz seinen Diener beim Betreten des Wohnzimmers an. »Ist Herr von Eckardt vielleicht schon dagewesen?« »Nein, Herr Major,« antwortete jener in strammer Haltung. »Aber Briefe sind noch ein paar angekommen zu Herrn Major seinen Geburtstag.« Während der alte Muz die Gratulationen durchlas, trug Lautenschläger den begehrten Imbiß auf: Zwei Dampfbrötchen, drei Scheiben Schlackwurst und die Butterdose. Dann schenkte er noch ein Glas Rotwein ein und meldete: »Herr Major, es ist serviert.« »Das nennt der Kerl ein opulentes Frühstück!« »Herr Major kriegen nicht mehr, denn Herr Major haben in den letzten acht Tagen zu- statt abgenommen.« »Unmensch, Jungchen, willst du mir nicht einmal eine einzige Sardine gönnen zu meinem Wiegenfeste?« »Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer,« erwiderte treuherzig-pfiffig der brave Lautenschläger. »Aber eine Sardine für den Herrn Major das wäre wie Giftgrün für die Wanzen! Morgen wiegen der Herr Major drei Centner, wenn ich das riskieren thäte.« Der Major knurrte spaßhaft zornig, während er an seinem Wurstbrötchen kaute: »Hast du auch genau gewogen, ob sie ja nicht über fünfundsiebzig Gramm sind, diese Brötchen?« »Es stimmt aufs Haar. Herr Major können sich darauf verlassen, daß ich mir nicht verwiegen thue.« »Na, dann gib mir wenigstens noch ein Glas Rotspohn zur Feier des Tages.« »Kann ich nicht genehmigen, Herr Major.« »I, du verwegenes Jungchen, du, willst du gleich die Bouteille hergeben!« »Kann ich nicht, Herr Major – ist gegen die Instruktion!« Und dabei stellte sich der wackere Lautenschläger militärisch stramm vor dem Buffett aus und drückte die Weinstasche mit der Rechten gegen seine Flanke, als ob »Stillgestanden – Gewehr auf!« kommandiert worden wäre. »Ach was! Scher dich zum Deibel mitsamt deiner dämlichen Instruktion!« »Zu Befehl, Herr Major! Aber Herr Major haben mir selbst die dämliche Instruktion von wegen die Entfettung erteilt!« »Rührt euch! Raus mit dir – und zur Strafe kippst du das Fläschchen allein aus! Auf meine Gesundheit, verstanden?« »Zu Befehl, Herr Major! Wird Herrn Major auch besser bekommen, als wenn Herr Major sie austrinken ...« »Maul halten! Holla da klingelt's. Wenn das der Herr von Eckardt ist, gleich rein mit ihm!« »Nein, es ist der Herr Lieutenant von Lersen,« meldete der Diener einen Augenblick später und ließ Bodo eintreten. Der alte Muz ging ihm entgegen und drückte ihm kräftig die Hand: »Tag, Bodo, mein Jungchen! Wo hast du denn deine Damen gelassen? Sind doch nicht etwa krank?« »Nein, sie sind ganz munter und kommen später. Ich habe nachher Dienst, da wollte ich dir doch meine Glückwünsche...« »Na das freut mich sehr – dank' dir schön, Bodochen – setz dich, steck dir einen Tabak an und sei gemütlich. Lautenschläger! – Nu rücke 'mal das Flacon wieder 'raus!« Aber der pflichteifrige Bursche hatte sie bereits, dem Befehl, gemäß, auf die Gesundheit seines Herrn geleert und es mußte eine neue Flasche geholt werden. Der Herr Lieutenant saß inzwischen mit einem so wehleidigen Gesichte da, als ob er sehr eines stärkenden Schluckes bedürftig sei. »I Bodo, was ist das mit dir? Laß doch die Cigarre nicht ausgehen – oder hast du Atemnot? Du bist ja so weiß wie 'ne Gipskatze!« rief er in seinem unverkennbaren Ostpreußisch seinen jungen Freund aufmunternd an. Der aber zerrte seine Handschuhe in die Länge, blickte auf seine Stiefelspitzen hinunter und sagte hastig: »Du erwartest wohl heute vormittag noch andern Besuch?« »O ja – wieso?« »Ich möchte dir, ehe wir gestört werden ... Onkel Muz, bist du heute guter Laune?« »Danke, es geht. Ich habe heute geschworen, mir das verdammte Räsonnieren abzugewöhnen, und ich hoffe sehr, daß du mich nicht in Versuchung führen willst, meinen Schwur zu brechen.« »Ja, ich fürchte, lieber Onkel, du wirst mir sehr böse sein, aber...« »Verflucht noch eins! Was kostet der Scherz?« rief der alte Herr in drolliger Entrüstung und holte mit heftigem Stirnrunzeln seine seidene Börse aus der Tasche hervor. »Wenn ein Lieutenant oder ein Student schon so anfängt, dann geht's immer ans Portemonnaie.« Und nun kam die ganze, böse Geschichte heraus, wie sie die arme Excellenz schon kannte. Doch glaubte Bodo dem grimmigen Major gegenüber kürzer zu verfahren, wenn er seinen Leichtsinn gar nicht zu beschönigen versuchte. Er war auf eine furchtbare Bußpredigt gefaßt gewesen; aber einen so niederschmetternden Ausbruch der Entrüstung, wie er ihn jetzt über sich ergehen lassen mußte, hatte er doch nicht für möglich gehalten. Der Major war erst dunkelrot, dann kreidebleich geworden, und sein weißer, weicher Schnurrbart zeigte das Erzittern seiner Lippen an, bevor er nach einer langen Pause zu reden anhob. Der schöne, geschmeidige Körper des jungen Offiziers bebte und zuckte zusammen unter den strafenden Worten, wie unter schmerzhaften Geißelhieben. Schon einmal hatte der Major, um der Mutter die Sorge zu ersparen, stillschweigend eine nicht ganz unerhebliche Schuld für Bodo bezahlt, und nun, da der leichtsinnige Sohn von dem Vorhandensein der dreißigtausend Mark gehört, hatte er sich Hals über Kopf in diese neuen Schulden gestürzt! Das empörte den alten Muz, der allezeit so väterlich und wohlmeinend sich dieses Sausewindes angenommen, ganz besonders. »Die kleine Mitgift deiner Schwestern, die für dich sparen und entbehren helfen, setzest du auf die Karte, du ...« »Die Mitgift meiner Schwestern?« fiel Bodo rasch ein, es war das erste Wort, das er zu erwidern wagte. »Mama sagte mir, mit diesem Gelde hätte mein Vater eine alte Schuld bezahlen wollen, oder – ich weiß nicht, wie sie sich ausdrückte – sage mir doch, was ...« »So? Das hat die Mama also verraten?« unterbrach ihn Muzell, ohne auf den Schluß seiner Einrede zu hören: »Schön! Dann will ich dir auch verraten, daß ich über jene Summe zu bestimmen habe, und daß ich nicht dulden werde, daß du auch nur einen Groschen davon anrührst. Meine eigne Tasche halte ich gleichfalls zu – das habe ich dir damals bei deinem ersten Streiche versprochen – und davon gehe ich nicht ab, mein Jungchen. Richte dich danach!« »Dann bin ich verloren! – Dann ist alles aus!« stöhnte der Unglückliche auf und verbarg verzweiflungsvoll sein Gesicht in den Händen. »Du mußt die Folgen deines unverantwortlichen Frevels tragen! Mitleid mit dir wäre eine Sünde gegen die Deinen und auch gegen die Armee Seiner Majestät. Ein Offizier, der die Würde und den Ernst seines Standes so wenig begreift, ist ein Hohn auf den fleißigen Bürger, der mit seinen Steuern den Schmarotzer ernähren muß.« Bodo sprang auf und durchmaß mit großen, schwankenden Schritten das Zimmer. »Wenn das meinem Vater gesagt worden wäre,« brauste er auf, »der auch nicht verstanden haben soll, mit Geld umzugehen! An dem hätte die Armee doch wohl etwas zu verlieren gehabt.« Und der Major erwiderte ironisch auflachend: »Ja wenn du dich so ohne weiteres für einen ebenso genialen Offizier hältst, wie dein Vater, dieser Feuergeist, einer gewesen ist, dann müßte ich dich freilich um Entschuldigung bitten. Aber ich habe von dir noch keine Thaten gesehen, die irgendwie unmenschlich bedeutend gewesen wären.« Der Dragoner lief noch einigemal hin und her und dann trat er vor den alten Freund und sprach: »Lieber, alter Muz, wie oft hast du nicht selbst geschimpft auf die hunderttausend Musse, die uns jungen Offizieren wie die Blutegel an den dünnen Geldbeutel gesetzt werden – deine eignen Worte, Onkel! Ehrengaben, Feste, Liebesmähler, Musiksteuer und so weiter. Uebrig bleiben kann doch nichts! Und wenn man nun als junger, lebenslustiger Kerl endlich mal aus seiner kleinen Garnison in die Residenz kommt, ist es da so unverzeihlich ...?« »Ja, unter deinen Verhältnissen ist es unverzeihlich! Und wenn ich wirklich das von den Blutegeln gesagt habe – das kommt eben von meinem verdammten Räsonnieren her, und hat gar nichts mit der Sache zu thun! Der Offizier dient um die Ehre seinem Könige und seinem Vaterlande; nicht ums Geld. Hat er selbst 'was von Hause, na, dann mag er's meinetwegen verjubeln und zum Ruhme des Offiziercorps den Noblen spielen, hat er aber nichts, dann ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, mit nichts auszukommen – Basta! Oder er hängt eben den bunten Rock an den Nagel und wird sonst 'was Gutes.« Jetzt war die Reihe bitter aufzulachen an Bodo: »Sonst 'was Gutes! Wenn man nur müßte, was! Ach – Onkel, magst du mich auch einen Windhund oder gar einen schlechten Kerl schelten, ich fühl's doch zu bestimmt in mir, daß ich noch etwas mehr vom Vater geerbt habe, als nur die Geschicklichkeit im Geldausgeben. Wenn doch bald ein frischer, fröhlicher Krieg kommen möchte, da wollte ich dir schon zeigen, ob ich ein echter Lersen bin oder nicht; aber bei den niederträchtigen, faulen Friedenszeiten kann unsereins ja vor Langerweile die Mondsucht kriegen.« Der tolle Thatendrang, die ungestüme Jugendkraft, die aus solchen Worten sprachen, stimmten den alten Räsonnierer wider Willen milder gegen den Uebelthäter. Er strich sich den grimmigen Schnauzbart und sagte nach kurzem Besinnen: »Nu, nu, halb so wild! Nicht auf den lieben Frieden geschimpft. Es gibt gerade heutzutage höllisch viel zu thun für junge Männer voll Wagelust und soldatischer Entschlossenheit. So ein Mordskerl von Afrikareisendem, der mit einer Handvoll unzuverlässiger Schwarzer in das unbekannte Land voll Gefahren hinauszieht, wo hinter jedem Kaktuskraut der Tod auf ihn lauern kann, imponiert mir beinahe noch mehr, als der Offizier, der im Granatengeplätscher ohne Regenschirm spazieren geht. Ich will dir 'was sagen, mein Jungchen: Ich kenne zufällig ein paar Herren von der Ostafrikanischen Gesellschaft; die sucht jetzt junge schneidige Offiziere, um ihre Kolonisten hinauszuführen, um die ersten Ansiedelungen zu befestigen und nötigenfalls zu verteidigen. Das wäre 'was für dich, Bodo, wenn du dich eine Weile hinsetzest und tüchtig büffelst, um dich gehörig vorzubereiten. Da unten in Usagra und wie die Raubstaaten alle heißen, gibt's weder Kasinos noch Operettenfängerinnen – da kannst du deine Dittchens hübsch zusammenhalten – noblens, Koblenz!« In diesem Augenblicke öffnete Lautenschläger die Thür und meldete: »Herrn Lieutenant von Eckardt« an; denn es ging über sein Begriffsvermögen hinaus, daß ein kavaliermäßig ausschauender junger Herr etwas andres als Offizier sein könne. – Der Besuch wurde vom Major auf das herzlichste willkommen geheißen. Lautenschläger setzte drei Gläser auf den Tisch und schenkte Rotwein aus der vom Keller neu heraufgeholten Flasche ein. – »Für Herrn Major auch eins?« fragte er mit bedenklichem Nachdruck. »Natürlich, Esel! Hol der Kuckuck den Schweninger, wenn man nicht einmal seinen Aerger runterspülen dürfen soll!« brummte der Alte. »Aerger, Herr von Muzell? Was ist Ihnen denn widergefahren?« erkundigte sich der Amerikaner. Bodo räusperte sich laut, und der Major, darauf aufmerksam gemacht, daß er sich beinahe dem Fremden gegenüber verplaudert hätte, redete sich damit heraus, daß er behauptete, in seinen Jahren ärgere man sich naturgemäß über jeden neuen Geburtstag. Bodo versuchte seine Aufregung zu bemeistern und möglichst unbefangen zu erscheinen, indem er ein gleichgültiges Gespräch in Gang brachte. »Haben Sie sich Berlin schon ordentlich angesehen, Herr von Eckardt? Wie finden Sie unsre Reichshauptstadt? – Großartig, was?« »O ja, fängt an,« – antwortete jener gleichmütig. »Hat sich noch nicht recht an ihre Großartigkeit gewöhnt, sitzt ihr noch somewhat steif, wie ein neuer Anzug.« »O! da drüben bei Ihnen in New York wundert man sich wohl über gar nichts mehr?« »Wozu? Das muß doch alles so sein, wie es geworden ist. Wir kennen nur die Gegenwart.« »Aber die Theater, die Konzerte, die Ausstellung, Museen? Auch schon alles gesehen, nichts Besondres dran gefunden?« »O ja! Cirkus Renz ist ein sehr gutes Theater.« Bodo lachte krampfhaft über diesen Kanadier. »Im Opernhause waren Sie wohl noch nicht?« »O gewiß, die Musik war sehr schön und sehr laut; auf der Bühne standen Menschen mit roten Köpfen und sperrten den Mund auf. Gehört habe ich nichts; aber man sagte mir, bei Wagner käme es mehr auf das Orchester an: darum wollten wohl die Sänger nicht stören.« Der Major fand diese unbewußt schlagende Kritik seines ungefirnißten Schützlings köstlich. »Haben Sie auch den neuesten Stern, die Grigori im Walhallatheater, gehört? Ich rate Ihnen, sie unvergleichlich zu finden, sonst bekommen Sie es mit diesem jungen Herrn zu thun!« » Oh very good taste indeed ,« wandte sich Eckardt an den Dragoner. »Sie haben ein sehr gutes Geschmack – ich finde diese Dame auch sehr angenehm. Kommen Sie, schütteln Sie Hände! Ich werde Miß Grigori von Ihnen grüßen und sagen, daß der hübsche, blaue Offizier ein sehr gutes Geschmack hat.« Der Lieutenant war fast starr vor Erstaunen. »Sie kennen Fräulein Grigori bereits persönlich?« »O ja! Da sie mir so gut gefiel, habe ich ihre Wohnung nachgefragt und ihr am andern Tage meinen Besuch gemacht mit einem Kistchen sehr schöner Pflaumen, die für die Kehle so gut sind.« »Und sie hat sie angenommen?« »Ich wundere, warum sie nicht sollte! Sie lachte sehr mit vielen, weißen Zähnchen. ›Aber, mein Herr, wie komme ich dazu, von Ihnen Geschenke anzunehmen?‹ ›O‹, sagte ich, ›nehmen Sie nur: Sie haben mir Vergnügen gemacht, so mache ich Ihnen wieder Vergnügen – they will do you good !‹ Und dann schüttelte ich ihr die Hand und ging wieder nach Hause.« »Na, das ist aber sehr gut!« rief der erstaunte Bodo und lachte unmäßig. Innerlich aber ärgerte er sich gewaltig, daß dieser naive Schlossergeselle und Musterknabe ihm in so unverfrorener Art zuvorgekommen war. Er besann sich bald, daß er in den Dienst müsse und verabschiedete sich mit möglichster Grazie. »Ueberlege dir das mit den Kaffern!« rief ihm der Major noch nach. »Na, hören Sie 'mal, das muß ich sagen,« sagte der Major, als sie allein waren. »Sie sind ein komischer Kauz, lieber Eckardt. Vor ein paar Tagen erklären Sie mir, daß Asta von Lersen den tiefsten Eindruck auf Sie gemacht habe, daß Sie bei der nächsten Gelegenheit um ihre Hand anhalten wollten, und nebenbei laufen Sie gegen das Herz der schönen Grigori mit türkischen Pflaumen Sturm und erzählen das obendrein noch ganz gemütlich dem Bruder Ihrer Angebeteten. Haben Sie es sich mit Asta etwa anders überlegt?« Der Amerikaner machte ein sehr langes Gesicht: »Anders überlegt? O nein, warum? Ich bin gekommen, weil Sie mir gesagt haben, daß ich Miß Asta heute hier treffen würde, und weil ich sie fragen will, ob sie Misses Eckardt werden möchte. Aber Fräulein Grigori will ich doch nicht heiraten! Ich habe nur meine Bewunderung durch ein kleines Geschenk ausgedrückt, und nun ist es gut, die Sache ist fertig.« »Ja, aber was wird Asta dazu sagen? Wenn sie Sie liebt, muß sie doch eifersüchtig werden auf diese gefährliche Operettenprinzessin.« »O nein – so dumm ist Miß Asta nicht,« versetzte Rudolf kaltblütig. »Eifersucht ist Dummheit, und danach sieht die wunderschöne Miß nicht aus.« Der Major mußte seinem neuen Freunde lachend recht geben und er benutzte die Gelegenheit, seinen Liebling Asta nach Kräften herauszustreichen. Er verschwieg ihm jedoch auch nicht, daß sie früher die Männer durch etwas übermütig zur Schau getragene Geringschätzung ihres Geistes, durch witzige Verspottung ihres lediglich in herkömmlichen Wendungen verlaufenden Gespräches oft ebensosehr verletzt, wie sie sie durch ihre Schönheit entzückt habe. Aber trotz ihrer Verachtung des faden Lieutenantstones und geschniegelten Lieutenantswesens sei sie doch an beides so sehr gewöhnt gewesen, daß ihr bei Männern von freierem Geiste und freieren Formen wieder die Abwesenheit jener bequemen Normaltugenden als ein verstimmender Mangel erschienen sei. Rudolf hörte mit der vergnügtesten Miene von der Welt diese Auseinandersetzung zu Ende und sagte dann mit ruhiger Ueberzeugung, während er die Asche seiner Cigarre mit dem kleinen Finger abstreifte: »Nun, da werde ich gerade der Richtige für sie sein. Geben Sie mir nur Gelegenheit, ordentlich mit ihr zu sprechen. Geld hat sie nicht, nicht wahr?« »Nicht einen roten Heller, soviel ich weiß.« »Dann hat sie ja gar keinen Grund, mich abzuweisen. Trinken wir auf meine Frau Gemahlin!« »Prost!« »Prost!« Der alte Muz lachte, bis ihm die Augen übergingen. Zehn Minuten später traten die Lersenschen Damen ein, sonntäglich, aber äußerst einfach gekleidet, und überbrachten ihre frommen Wünsche und kleinen Gaben. Asta schenkte ihm einen Notizblock zur täglichen Aufzeichnung seines Gewichtes, auf dessen Deckel sie ein sehr drolliges Bildchen gemalt hatte: die bekannte Räuberhauptmannsfigur des Reichsdoktors Schweninger im Kostüm des Shylock fuchtelte mit wilden Augen und blankem Schlachtmesser vor einem ungeheuer korpulenten Kaufmann von Venedig herum, welcher eine entfernte Ähnlichkeit mit dem alten Muz aufwies, um ihm auf die bekannte grausame Art mehrere Pfunde Fett zu entziehen. Der Major, weit entfernt, diesen Spaß übelzunehmen, sah ihn vielmehr für ein erfreuliches Zeichen heiterer Gemütsstimmung bei Asta an, Trudi hatte ein Täschchen mit Rosen und Vergißmeinnicht bestickt. »Zur Aufbewahrung von Verlobungsanzeigen,« erklärte sie selbst seinen Zweck. »Hoho!« lachte der alte Muz. »Meinst du, daß mir, auf meine alten Tage noch so viele Verlobungen bevorstehen, daß ich einer eignen Mappe dafür benötigte.« »Wir werden unser Möglichstes thun, sie zu füllen,« sagte Trudi mit einem drolligen Knicks. Die Excellenz wandte sich an Herrn von Eckardt und verwickelte ihn in ein Gespräch über seine Berliner Eindrücke. Seine mit größter Unbefangenheit zum besten gegebenen Urteile und komischen Vergleichungen machten Frau von Lersen das größte Vergnügen und auch Asta setzte sich und nahm herzlich lachend und lebhaft fragend und plaudernd an der Unterhaltung teil. Der alte Muz zog indes die Trudi zu sich an das Fenster und fragte neckend: »Du sag 'mal, Trudi, ernsthaft – hast du Absichten?« »Ja, Onkelchen – ganz solide Absichten,« flüsterte sie mit komisch ehrbarer Miene zurück. »Nur so im allgemeinen oder ...« »Nein, ganz im speziellen. Er ist nämlich Spezialist für Säugetiere, besonders Affen – kann noch 'mal wirklicher geheimer Affenschädelvermessungsrat werden.« »Aha – kommst du mir so! Also der Doktor Hans Lohengrin?« Dabei pustete der Major seinen Schnauzbart auf und zog die buschigen Brauen in die Höhe. »Nicht Doktor – Professor Hans! Ich nehme ihn erst, wenn er Professor geworden ist.« »Hat er denn schon etwas gesagt?« »Keine Silbe!« »Und doch so gewiß? Woher weißt du denn, ob er will?« »Das weiß man immer, Onkelchen, wenn man ein gescheites Mädel ist! Neulich äugte er mich gar lange mit seinen blauen Lichtern an und dann öffnete er den Mund, schnappte nach Luft und sagte: ›Fräulein Trudi, ich ... weiß nicht – lieben Sie die See mehr oder das Gebirge?‹ Und dann seufzte er tief. Ach! er liebt mich rasend, der süße Hans. – Magst du ihn nicht auch gern leiden?« »Hm! I – o – ja – ja! Für so einen Professor gar nicht übel!« brummte der Alte und freute sich über Trudis ärgerliches Gesichtchen. »Ach du! Brauchst gar nicht so herablassend gnädig zu thun. Lerne ihn nur erst näher kennen, da wirst du schon sehen, was an ihm ist.« »Na, ich kann ja auch 'mal mit ihm baden gehen,« neckte der Major, indem er seine pfiffigste Miene aufsetzte. »Uh,« schmollte Trudi, – »mit dir kann man als junges Mädchen gar nicht reden, du gräßlicher alter Muz!« »O weh! Also bis nach der Hochzeit sind wir Schuß?« »Schuß!« Und damit schnitt sie dem alten Freunde eine schreckliche Grimasse und setzte sich zu den andern.– – »Ich weiß nicht, Bodo wollte doch auch gratulieren kommen,« wandte sich die Exzellenz an den Major. »Er war heute früh schon hier,« sagte jener mit einem bedeutungsvollen Blick. »Ich hätte gern Bodos wegen mit Ihnen gesprochen, lieber Freund, aber ...« Herr von Eckardt erhob sich und machte Anstalt, das Feld zu räumen. Doch Muzell nahm ihm sogleich den Hut wieder aus der Hand und sagte: »Aber junger Freund, Sie werden doch nicht davonlaufen! Da müßten unsre beiden Fräuleins glauben, sie hätten Sie vertrieben! Ich ziehe mich mit Frau von Lersen ein paar Minuten ins andre Zimmer zurück und Sie leisten den jungen Damen Gesellschaft.« Der Major hielt die Thür für die Excellenz offen und gab Rudolf einen leicht verständlichen Augenwink, bevor er selbst folgte. Herr von Eckardt wollte als echter Amerikaner geradeswegs auf sein Ziel losgehen; aber dennoch fühlte er sich von einiger Befangenheit nicht ganz frei, als er sich nun so plötzlich vor die Aufgabe gestellt sah, so ganz ohne die Begeisterung eines berauschenden Augenblicks, so zu sagen auf den nüchternen Magen, einen Heiratsantrag zu machen. Er nahm wieder bei den Damen Platz, beschaute sich das Futter seines neuen, grauen Hutes und suchte nach einem schicklichen und doch deutlichen Anfang. Trudi, dieser Kobold, merkte aus seinem nachdenklichen Schweigen sofort, daß die Atmosphäre zwischen den beiden elektrisch gespannt sei und hatte ihre heimliche Freude daran. »Cassilde war doch ein süßes Geschöpf,« rief sie ganz plötzlich, innerlich kichernd, mit einer verhimmelnden Geste gegen das Bildnis des von Muzellschen Leibrosses gewendet. »Schwärmen Sie auch für Pferde, Herr von Eckardt?« »Schwärmen? – Pferde? Ich? – nein! Ich schwärme überhaupt nicht!« Rudolf zog seine Stirn in ärgerliche Falten. »Entschuldigen Sie, Miß, Sie haben mich untergebrochen.« »Unterbrochen? – Sie haben ja gar nichts gesagt.« »Nein, aber ich dachte eben über etwas nach, was ich Ihrer Schwester sagen wollte.« » I beg your pardon, Mister of Eckardt – Sie hören, ich kann auch sehr schön englisch! – Wieviel Zeit brauchen Sie noch zum Nachdenken?« Sie erhob sich und stellte sich, die Hände auf dem Rücken verschränkend, vor die altmodische Stutzuhr, die auf dem Gewehrschrank stand. Rudolf mußte lachen. »O, ich denke es wird besser sein, wenn ich ohne Nachdenken sage, was ich will – wenn es auch nicht schön gesagt sein wird; denn mir ist die deutsche Muttersprache etwas fremd geworden da drüben, ich muß mich oft auf ganz gemeine Worte besinnen.« »Dann thun Sie allerdings besser, sich gar nicht zu besinnen,« lachte Asta. Und Trudi neckte: »Da gehe ich wohl lieber hinaus?« »Nein, Sie können ruhig bleiben. Was ich Fräulein Asta zu sagen habe, ist gar kein Geheimnis,« entgegnete Rudolf ganz gelassen, da er nicht merkte, daß die Mädchen ihm seinen Sprachirrtum aufmutzen wollten. »Ich wüßte auch nicht, was für Geheimnisse ...« begann Asta etwas unsicher und blickte Rudolf groß an. »Doch, doch, Miß,« fiel jener lebhaft ein. »Wir haben auf dem Bazar etwas miteinander abgemacht und Sie haben mir die Hand darauf gegeben, wissen Sie nicht mehr?« »Ach, Sie meinen, daß ich Ihnen meinen Beistand versprach in Ihren Bemühungen, eine Frau zu finden?« »Ei, das ist interessant,« jauchzte Trudi höchst drollig, setzte sich geschwind nieder und zog den Stuhl ganz dicht an den Tisch. »Haben Sie sie vielleicht gefunden – meine Frau, Miß Asta?« Er rückte der Schönen näher und sein warmer, ernster Blick suchte dem ihren zu begegnen. »Leider nein,« sagte Asta, leicht errötend. »Ich sagte Ihnen ja gleich, daß Sie an mir eine sehr schwache Verbündete haben würden. Wir kommen fast gar nicht unter Menschen. Neue Bekanntschaften, wenigstens unter jungen Mädchen, haben wir nicht gemacht, und von unsern alten Freundinnen paßt wirklich keine für Sie.« Rudolf lehnte sich in seinen Stuhl zurück, ließ den Schnurrbart durch seine Finger gleiten und sprach: »Das müßte ich eigentlich bedauern, denn ich habe keine Zeit, noch lange zu suchen. Heute haben wir den zwölften Mai; wenn ich am ersten Juli nicht zurück bin, so verliere ich meinen Platz bei Jefferson and Jenkins, Buffalo. Und da die Ueberfahrt, wenn das Wetter recht günstig ist, doch vierzehn Tage nimmt, so habe ich nur noch vier Wochen Zeit zum Heiraten – inklusive Verlieben und Verloben.« Asta lachte, äußerst belustigt durch seine geschäftsmäßige Darstellung, leise vor sich hin und Trudi klatschte in die Hände und rief übermütig: »Na denn nu 'mal aber ein bißchen Trrrab! Das Verlieben geht übrigens furchtbar schnell, kann ich Ihnen sagen, Herr von Eckardt!« »O ja, ich weiß! Das ist mir gar nicht schwer geworden!« »Also in der Beziehung sind Sie schon so weit. Vom Verloben verstehe ich zwar noch nichts; aber für einen Mann kann das doch gar nicht so schwer sein.« »Schwerer als ich glaubte – ich – ich – Miß Asta, Sie sollen mir sagen, ob die Dame, die ich liebe, die Rechte für mich ist, oder ob ...« »Oder ob er sich vorbei verliebt habe,« ergänzte die naseweise Trudi und blickte mit Augen, die vor Uebermut förmlich Funken sprühten, zwischen den beiden hin und her. »Wie kann ich denn so etwas sagen,« meinte Asta verlegen. »Kenne ich denn die Betreffende überhaupt?« »Sehr gut sogar – I guess ,« versetzte Rudolf und rückte doch etwas verlegen mit seinem Stuhle hin und her. Ein flüchtiger Blick traf auch Trudi. Und sie verstand sofort diesen Blick, führte in großer Hast ihr Taschentuch an die Nase und rief in weinerlichem Tone: »Ujeh! – so schreckliches Nasenbluten – schnell, schnell!« Und damit lief sie spornstreichs zum Zimmer hinaus. »Ich danke sehr, Miß Trudi!« rief Rudolf dem drolligen Mädchen nach und dann zu Asta gewendet: »Ja, sie hat recht, die kleine Schwester – so etwas kann man nicht vor Zeugen herausbringen. – Fräulein von Lersen! – ich habe die Frau, die ich mir mitnehmen möchte da hinüber, schon gefunden. Die wunderschöne Holländerin aus dem Rathaussaale habe ich Tag und Nacht nicht mehr aus dem Sinn bekommen. Erinnern Sie sich noch, was wir da zusammen gesprochen haben? Ich weiß noch jedes Wort und ich hätte Sie am liebsten gleich über den Tisch hinüber mit den gestickten Sachen gefragt: I say, Miss, would you mind becoming mistress Eckardt ? Aber ich habe es nicht gethan, weil ich leider gar nicht leichtsinnig bin, weil ich immer alles überlege und berechne, was ich thun will. Und da habe ich gedacht: Ralph, old fellow, dont be silly, look about first. Well – ich habe mir angesehen so viele Damen ich konnte: ich habe gar nichts gethan, wie immer Damen anzusehen; schöne, junge Fräulein, schwarze, blonde, kluge, dumme, reiche, arme, tugendhafte und – im Gegenteil; aber diese Miß Asta stand immer neben mir, mit dieser stolzen Nase und diesen lächelnden Lippen – gerade wie Sie da sitzen, so standen Sie in meiner Einbildung immer neben mir! – und wenn ich so eine schöne Miß bewonderte und dachte: oh, she is rather nice after all ! dann machte Ihr Gespenst an meiner Seite nur immer so mit dem Kopf und – die Miß war entlassen von mein Kopf und mein Herz.« »O, Herr von Eckardt, ich ... Sie beschämen mich ... ich ...« schaltete Asta verlegen ein. »Unterbrechen Sie mich nicht, Miß. Sie verderben meine Rede,« rief Rudolf mit einer abwehrenden Handbewegung. »Ich spreche gerade so sehr gut deutsch. – Von allen diesen Damen blieben Sie die einzige, die mir zu begreifen schien, daß zum Leben wie zum Heiraten etwas mehr gehört, als nur dressing, flirting und so weiter! Meine Ansichten wissen Sie ja vom Heiraten, und was ich von Ihnen noch nicht wußte, hat mir unser guter Major gesagt. Sie haben Ihr Geld alles verloren, ich habe mir meins mit diesen Händen verdient, und will jetzt für meine schöne, liebe Frau noch viel mehr verdienen. Das Geld, das man sich sauer verdient, macht viel größere Freuden, als das, welches man von seinen Ahnen ererbt hat. Mein Vater ist vor Gram gestorben, weil ein leichtsinniger Jugendfreund ihn um das kleine Vermögen gebracht hat, das er mir einmal hinterlassen wollte – er hat mir das auf dem Totenbett gesagt und ich habe den Mann, den ich nicht kannte, tausendmal verdammt, wie ich von der Schule und von der Heimat fort mußte in die Neue Welt, ohne Kadettenkorps mit Freistellen für arme Adlige – wo ich mit meinen kleinen, weißen Händen um mein bißchen Brot so sauer arbeiten mußte, daß mir am Abend alle Knochen wie zerklopft waren. Aber jetzt bin ich dem Schicksal gar nicht mehr böse, Fräulein Asta, denn ich hab's durch eigne Kraft so weit gebracht, daß ich jetzt meine Hände wieder pflegen darf und mit dem Kopfe arbeiten kann, mehr vielleicht, wie so ein studierter deutscher Maschineningenieur. Ich bin jetzt Werkstattdirektor bei Jefferson and Jenkins, Buffalo – Gas-, Wasser- und Kanalisationsanlagen. Warum fahren Sie zusammen, Miß Asta? Es ist ein sehr gutes Geschäft, und ich kann mir so viel zurücklegen, daß ich vielleicht selbst einmal eine Fabrik gründen werde.« Er machte eine kleine Pause und atmete tief und erregt, während er sein Auge voll sehnsüchtiger Bewunderung auf ihrem von lieblicher Röte übergossenen Antlitz ruhen ließ. Als sie aber den Mund öffnete, um zu reden, machte er wieder seine abwehrende Bewegung und fuhr mit leise bebendem Tone fort: »Sie wissen, Miß, ich bin herübergekommen, um mir eine deutsche Frau zu holen. Ich habe unterwegs auf dem Steamer ein paar deutsche Bücher gelesen. Liebesgeschichten, weil ich sehen wollte, wie man im alten Lande Liebe macht. Ich weiß nicht, ob Sie das auch sehr schön finden, was in diesen Novellen von Liebe steht. Mir kam es wie großer Humbug vor. Diese unwiderstehlichen deutschen Liebhaber haben alle den kleinen Katechismus schlecht gelernt, wo doch drin steht: Du sollst nicht schwören, zaubern, lügen oder trügen im Namen Gottes – oder im Namen der Liebe, was alles dasselbe ist. Ich will nichts schwören, liebe Miß, ich kann Sie auch nicht bezaubern, wie die schönen Offiziere in den bunten Uniformen – aber lügen und trügen kann ich noch viel weniger. Ich bin wahrscheinlich anders, wie alle jungen Herren, die Sie kennen – und Sie sind anders, wie alle jungen Damen, die ich kenne; ich wäre so glücklich, Sie zu besitzen und wollte so sehr gerne Sie auch glücklich machen, und darum glaube ich – daß ich Sie lieb habe, Asta! – Nun können Sie sprechen.« – Sie war tief bewegt und vermochte nicht sogleich zu antworten. Sie erhob sich und trat langsam ans Fenster. Rudolf folgte ihr und blieb zwei Schritte hinter ihr stehen, seines Schicksals harrend. Da wendete sie sich zu ihm. Ihre Augen glänzten feucht und sie streckte ihm beide Hände entgegen. »Lassen Sie uns einander die Hände drücken, wie gute Freunde, damit wir uns recht verstehen,« sagte sie mit innigem Tone. Und dann holte sie tief Atem und fuhr fort, während ihre Hände noch ineinander ruhten: »Ihr Antrag ehrt mich – nein: er macht mich froh und stolz, Herr von Eckardt; denn von einem Manne mit Ihrem klaren Blick, Ihrem warmen Herzen so geschätzt zu werden, muß ein Mädchen stolz machen. Aber Sie überschätzen mich auch; ich würde Ihnen nicht das sein können, was Sie von einer Frau erwarten. Ich kann auch nicht leichtsinnig sein – in dem Punkte sind wir uns ähnlich. Ich kenne mich zu gut; ich weiß, daß früher oder später ein Tag kommen würde, an dem Sie erkennen müßten, daß Sie eine falsche Wahl getroffen haben. Die Stellung, welche die Frau in Amerika einnimmt, ist mir bisher als ein Ideal erschienen. Und Sie wollen gerade eine deutsche Frau haben, mit all der Selbstverleugnung, der Anspruchslosigkeit, der beglückten Hingabe, welche man uns nachrühmt – und eine solche bin ich gar nicht! Man hat mich leider zu einer Dame der großen Welt erzogen, ich möchte sagen: international verbildet. Meinen Platz in dieser Welt, in der vornehmen Gesellschaft, der ich ja auch mit allen ererbten Gesinnungen angehöre, werde ich nun zwar nicht mehr einnehmen können, da ich arm bin, wie Sie wissen. Das muß ich als meine Strafe hinnehmen. Aber Sie, der Sie es so ehrlich mit mir meinen, Sie dürfen nicht darunter leiden. Meine Zukunft wird sich vielleicht traurig öde gestalten, aber ich will nicht davor in Ihre Arme fliehen, mit dem Bewußtsein, daß meine Gegenwart Ihre Kraft nur lähmen würde, die Sie doch zum Kampfe mit dem Leben so nötig haben.« Rudolf hatte seine Hände längst aus den ihren gezogen. Mit heftig arbeitender Brust stand er vor ihr und sagte: »Und Sie würden Ihre ver ... Ihre vornehmen Gesinnungen nie aufgeben können, nie Republikanerin werden und ...« »Ich glaube nicht daran, daß fertige Menschen sich so ändern können, und ich war schon frühe ein fertiger Mensch,« erwiderte Asta abgewandten Blickes. »Nur eins wirkt vielleicht manchmal ein solches Wunder: – eine große Leidenschaft.« »Und die fühlen Sie natürlich nicht für mich!« »Nein, Herr von Eckardt. Ich habe Sie durch unsre kurze Bekanntschaft schon schätzen gelernt, wie keinen Mann vorher – außer unserm lieben Major vielleicht – aber eine heiße Leidenschaft muß doch etwas ganz andres sein.« »Diese heiße Leidenschaft können Sie nur für einen Ihrer schönen Grafen oder Gardeoffiziere empfinden – nicht wahr?« »Sie würde wenig nach Rang und Stand fragen. Aber ohne solche Leidenschaft könnte ich allerdings nur einem Manne angehören, der an Bildung und Stand mir ebenbürtig wäre, und dessen Reichtum die enge Vertraulichkeit, welche beschränkte Mittel fordern, aufheben könnte.« »Das verstehe ich nicht, mein – gnädiges Fräulein!« »Nun, wenn sehr reiche Leute merken, daß ihre Ehe keine wirklich glückliche werden kann, dann erlauben ihnen eben ihre Mittel Schranken, Entfernungen zwischen sich zu legen, die jeden Zusammenstoß unmöglich machen, und bei denen sich das sogenannte Dekorum vor der Welt bewahren läßt.« – Rudolf machte ein fast entsetztes Gesicht. Dann lachte er bitter auf und fragte spöttisch: »Ah! Wieviel müßte ich denn nach Ihrer Rechnung wert sein, wenn ich von Ihnen ohne Leidenschaft geheiratet sein wollte?« »Sie wollen mich mißverstehen, lieber Freund. Es ist gut, daß wir unterbrochen werden.« – Die Thür des Nebenzimmers öffnete sich und Frau von Lersen, die Spuren eben erst vergossener Thränen noch in den Augen, trat, vom Major gefolgt, wieder ein. »Wir müssen gehen, Asta,« redete sie ihre Tochter an. »Wo ist denn Trudi?« »Das Fräulein bekam leider Nasenbluten,« rief Rudolf in unnatürlich lautem Tone. Die Excellenz blickte voll Erstaunen und Angst von ihm auf Asta. Doch faßte sie sich rasch und brachte einige Entschuldigungen wegen ihrer langen Abwesenheit vor. »O, bitte sehr, Frau Baronin,« versetzte Rudolf ironisch, »Miß Asta und ich haben uns sehr gut unterhalten.« »Vielleicht haben wir auch das Vergnügen, Sie bald einmal in unsrer bescheidenen Häuslichkeit zu sehen, Herr von Eckardt?« »Ich bedaure sehr, aber ich glaube ...« In diesem Augenblick stürmte Trudi durch die andre Thür hinein: »So, es ist alles wieder gut!« rief sie lustig. »Ich habe mein zartes Geruchsorgan unter die Wasserleitung gehalten und Lautenschläger hat mir dabei die Geschichte von Cassildens letzten Stunden noch einmal erzählt. Es war furchtbar rührend.« Niemand vermochte zu lachen, so daß Trudi sich mit langem Gesicht im Kreise umsah. Das kluge Mädchen hatte sofort die Sachlage richtig erfaßt und stimmte ihre frohe Laune gleich den übrigen zu höflicher Kühle herab, als man Abschied nahm. Rudolf erklärte, daß er sehr bald wieder heimkehren müsse. Man bedauerte ungemein, verbeugte sich förmlich gegeneinander und dann geleitete der Major die Damen hinaus. – Als er zurückkehrte, stand Rudolf am Tische und stürzte eben das dritte Glas Rotwein hinunter. »Nichts?« fragte der alte Muz. »Nichts!« gab Rudolf zurück und goß sich zum viertenmal das Glas voll. »Was Teufel! Kann Sie etwa das Mädel nicht ausstehen?« »O, doch! Miß Asta fühlte sich hochgeehrt! Aber da mir noch einige Cents an der Million fehlen ...« »Ih, daß dich! Das ist ja ganz unmöglich.« »Lassen Sie sich's doch von der jungen Dame selbst erzählen. Ihr Wein ist sehr gut – ich habe großen Durst bekommen. Hahaha! Ohne Liebe hätte sie mich vielleicht auch genommen, aber nicht unter zehntausend per annum . Und ich habe nur dreitausend! Abhandeln wollte ich ihr nichts, denn ich konnte mich doch nicht selbst unterschätzen! Wie, Herr Major?« »So schlag doch gleich ein heiliges Kreuzbombendonnerwetter drein!« fluchte der alte Muz und die Zornesader auf seiner Stirn schwoll dick auf. »Jawohl, zusammenschlagen!« knirschte der Amerikaner und ballte seine starken Fäuste drohend zusammen: »Einen Amboß möcht' ich hier haben und das ganze alte Eisen zusammenschlagen mit dem schwersten Schmiedehammer, daß die Funken ihnen nur so um die vornehmen Nasen tanzen sollten! Internationale Verbildung hat sie es genannt! Dummheiten sind's – alt Eisen – bang, dang ! immer drauf! Major, haben Sie nichts zu zerbrechen hier? I'm afraid, I'm getting tremendously nervous! « »Rudolf, Jungchen! Du bist mein Mann! Hier den Stuhl opfern wir. Krach! krach! So ist's recht – laß mir nur auch was übrig, du Teufelskerl! – So, da! Knick, knack! Da liegt der Plunder. Das Räsonnieren habe ich abgeschworen; jetzt mach' ich mich an das Möblement! Teurer zwar, aber gründlicher!« Da standen die beiden heißblütigen Männer und betrachteten mit wildfunkelnden Blicken die am Boden zerstreuten Glieder ihres unglücklichen Opfers, eines armen, unschuldigen Rohrstuhles. Und dann trocknete sich der alte Muz die Stirn und seufzte schwer auf: »Meine arme, arme Excellenz! Der Sohn macht Schulden wie ein Major und die Tochter. ... Das ist ja, um gleich Muselmann zu werden.« »Der Sohn macht Schulden?« warf Rudolf aufhorchend ein. »Jawohl. Hält Pferde, spielt und macht der Grigori den Hof.« »Wer hat seine Wechsel?« »Weiß ich nicht. Ich bezahle sie nicht!« »Aber ich!« »Was Tausend! Mann, Sie werden doch nicht?« »Ja, ich werde! Und heute abend noch bringe ich der Grigori eine neue Kiste Pflaumen, aber in Banknoten eingewickelt!« »Mensch! Bist du verrückt?« » Death and starvation, no! Geld oder die große Leidenschaft hat die Baronesse Asta gesagt. Thunderbolt and rattle-snakes ! Die große Leidenschaft ist da! – Was thu' ich mit dem Geld? Haha! Ich will lustig sein in dem verdammten, alten Lande! Ich will schwören, zaubern, lügen oder trügen: ich will angebetet werden, Herr Major, für mein schönes Geld! Und wenn das zu Ende ist, dann will ich wieder hinüber und den großen Blasebalg treten und dann immer mit dem großen Hammer bang, dang! aufs alte Eisen. – I wish you good morning, Sir! « Und damit ging er hinaus und warf die Thür kräftig hinter sich ins Schloß. Der alte Muz war noch kochgar vor Zorn. Er schüttelte den großen grauen Kopf und brummte schier verblüfft: »Na, du bist mir ja ein rechter, biederer Beamter!« Und dann steckte Lautenschläger ganz vorsichtig den Kopf zur Thür herein, sah die Trümmermasse auf dem Boden, und sagte schließlich harmlos grinsend: »Herr Major, haben 'mal Ihren Geburtstag recht lustig gefeiert?« »Jawohl, du Esel, verdammt lustig! Aufhängen möcht' ich dich zur Feier des Tages, wenn's nur die Nägel in dem faulen Mörtel aushalten könnten. Da hast du einen Thaler. Laß mir den Stuhl da wieder flicken, wenn's geht. Und wenn du künftig merkst, daß mir das Räsonnieren ankommt, dann hältst du mir geschwind das Ding hin, verstehst du? damit ich's dir gleich um die Ohren schlagen kann, mein Jungchen, mein süßes!« »Zu Befehl, Herr Major!« grinste Lautenschläger ganz vergnügt. Fünftes Kapitel. Aus welchem der Leser allerlei erfahren wird, obgleich nicht viel darin vorgeht. Frau von Lersen hatte ein paar schlaflose Nächte und einige Tage voll banger Sorge, voll nagenden Kummers hinter sich. Die entschiedene Weigerung des Majors, auch nur einen Finger zu rühren, um Bodo noch einmal aus seiner Bedrängnis zu helfen, seine eindringliche Mahnung, den leichtsinnigen jungen Mann diesmal seinem Schicksal zu überlassen und so zum Aufgeben der militärischen Laufbahn zu zwingen, hatte sie dermaßen erschüttert, daß sie sich seitdem geistig und körperlich wie gelähmt fühlte. Und nun mußte auch noch Asta, ihre geliebte, verständige Asta, ihr den bösen Streich spielen, aus lauter Verständigkeit die frohe Hoffnung zu zerstören, mit der sie einer Verbindung mit dem ausgezeichneten Amerikaner entgegengesehen hatte. Ach, und was hatte das unbegreifliche Mädchen ihr auf ihre zärtlichen Vorwürfe geantwortet! Welche leidenschaftliche Verbitterung war da aus der stolzen Seele der Tochter hervorgebrochen, wie ein lang fortwühlendes, inneres Feuer durch einen plötzlichen Zugstoß zur hochlodernden Flamme angefacht! Welche unbarmherzigen Anklagen gegen die Eltern, die so eitel auf sie gewesen, und die nun, durch ihren Eifer dem hochbegabten Mädchen alle Schätze moderner Bildung zugänglich zu machen, ihr die Anwartschaft auf eine glänzende Stellung unter den Auserwählten ihres Geschlechtes zu verschaffen, die schwere Schuld auf sich geladen haben sollten, ihr die Fähigkeit zu beglücken geraubt zu haben! Die arme Excellenz fühlte sich unfähig, einen Entschluß zu fassen. Der alte Muz ließ sich nicht mehr bei ihr sehen und zweimal war sie bei ihm gewesen, ohne ihn zu treffen. Er sei mit Herrn von Eckardt ausgegangen hieß es beidemal. Auf einen Brief hatte er ihr gar nicht geantwortet. Auch Bodo war seit dem letzten Familiensonntage nicht wieder bei ihr gewesen. Allerdings konnte er von ihr keine Hilfe mehr erwarten, nachdem sie ihm eröffnet hatte, daß die in der Reichsbank niedergelegten dreißigtausend Mark nicht ihr gehörten. Aber es hätte den Sohn doch treiben sollen, in seiner verzweifelten Lage bei der Mutter Trost und Teilnahme zu suchen! Der Major hatte es ihr zur Gewissenssache gemacht, all ihren Einfluß aufzubieten, um Bodo zum Aufgeben seiner Offizierslaufbahn zu bewegen, und zwar sofort, aus freien Stücken, ehe er vielleicht mit schimpflichem Zwange daraus entfernt wurde. Und sie hatte wirklich bereits den Versuch gemacht, an Bodos Oberst zu schreiben, um ihm, unter möglichst milder Darstellung der leichtsinnigen Streiche seines Lieutenants zu erklären, daß sie außer stande sei, ferner für den Sohn aufzukommen und ihn bitten müsse, dessen Abschiedsgesuch zu unterstützen. Aber sie hatte den angefangenen Brief wieder zerrissen, weil das Gefühl der Angst vor der Verantwortung, welche sie durch diesen entscheidenden Schritt auf sich lud, sie zu mächtig erfaßte. Wenn es doch noch einen Ausweg aus der Not gegeben hätte, der dem armen Jungen das Verbleiben in einem Berufe ermöglichte, für den er geboren, dem er mit ganzer Seele ergeben war – hatte er sie dann nicht mit noch weit größerem Rechte als Asta der Zerstörung seines Lebensglückes anklagen müssen? Astas Vorwürfe wegen der heillosen Folgen der sogenannten »standesgemäßen« Erziehung gingen der Excellenz Tag und Nacht im Kopfe herum. Ja, tausendmal ja mußte sie nach den jüngsten traurigen Erfahrungen zu allem sagen, was ihre scharfdenkende, weltkluge Tochter vorgebracht hatte. Vermögensgemäß sollte man leben und seine Kinder erziehen; nicht danach fragen, was die Würde des Standes, den man selbst innehat, den Leuten zu erfordern scheint, sondern nur danach, was die Zukunft mit Sicherheit unsere Nachkommen zu gewähren haben wird. Frau von Lersen hatte freilich ihrem Manne eine ansehnliche Mitgift mitgebracht; aber der größte Teil derselben war schon in den ersten Jahren ihrer Ehe für die Bezahlung seiner drängendsten Lieutenantsschulden geopfert worden, und auch später hatte weder der Major, noch der Oberst, noch der General von Lersen jemals die schwere Kunst gelernt, sich mit seinen Ausgaben streng innerhalb des Etats zu halten. So war zu der Zeit, als er Excellenz wurde, das Kapital vollständig verbraucht. Das große Gehalt erlaubte ihnen zwar auch ohne Zubuße aus dem Eignen auf ziemlich großem Fuße zu leben, aber sie wußten auch, daß nach dem Tode des Generals nur die Pension übrig bleiben würde; und trotzdem thaten sie nichts, um die Kinder an diesen Gedanken zu gewöhnen. Und nun hatten sie es erreicht, daß Bodo durch die einseitige Bildung des Kadettenhauses allerdings ein recht brauchbarer junger Offizier geworden war, dem aber die Möglichkeit, einen andern Beruf zu ergreifen, nicht nur ungebührlich erschwert, sondern vermöge seiner fest eingewurzelten Geistesrichtung geradezu als undenkbar erschien. Und aus Asta war eine Dame von höchster aristokratischer Vollendung geworden, voll hoheitsvoller Grazie, unbedingter Beherrschung der gesellschaftlichen Formen und äußerst seiner Geistes- und Geschmacksbildung – eine Prinzessin, welche jedem Throne Europas, inklusive Japans, zur Zierde gereicht hätte, in das Haus eines anspruchslosen Mannes mit bescheidenen Mitteln aber durchaus nicht paßte. Welch ein Glück, daß wenigstens Trudi von dem Teufelssegen der standesgemäßen Erziehung bewahrt wurde durch das Herzensbedürfnis der zärtlichen Eltern, ihr Nestküken bei sich zu behalten, um unter den Liebkosungen des süßen Schmeichelkätzchens die Entbehrung der älteren Kinder zu vergessen. Ihre Lehrerin war ein ganz junges, lebenslustiges und erzgescheites Mädchen aus guter Familie gewesen, die ihr spielend beibrachte, soviel sie selber wußte und im übrigen nicht sowohl ihre gestrenge Gouvernante, als vielmehr ihre ältere Freundin war, deren eigne Entwickelung sich in glücklicher Harmonie mit der ihrer Schülerin vollzog. Beide Schwestern hatten sich ohne Klage, mit wirklich vornehmer Selbstverleugnung in die veränderte Lage gefügt, aber Astas schone Augen schienen die Mutter stets wie mit stillem Vorwurf anzublicken, während Trudis Augen lachten und wärmten wie die liebe Sonne selbst, und auch trostreich wie diese, wenn sie über kalte Mauern, durch finstere Höfe in die Kammern der Darbenden und Siechen dringt. Und noch etwas andres quälte die Baronin und verfolgte spukhaft ihr Denken bis in die Träume der Nacht hinein. Das war die Frage, was nun aus jenen dreißigtausend Mark werden sollte. Der Leser wird längst richtig vermutet haben, daß dies unantastbare Vermächtnis des Generals das Eigentum unsers wunderlichen Amerikaners war. Dies Geld hatte eine verhängnisvolle Rolle gespielt in den Beziehungen ihres Gatten zu seinem einstigen Freunde und Kameraden, dem älteren Herrn von Eckardt, eine Rolle, die ihren Kindern für immer ein Geheimnis bleiben sollte, damit das Andenken des geliebten Vaters ihnen nicht entweiht werden möchte. Nun war die Auffindung des Knaben Rudolf, um welche sich der General so viele Jahre hindurch vergebens bemüht hatte, durch einen glücklichen Zufall dem alten Muz gelungen, sein Plan, durch die Vereinigung der beiden Kinder die Schuld des Vaters zu tilgen, die Geister der Verstorbenen zu versöhnen, der Verwirklichung so nahe gewesen – und da mußte Asta selbst ihn wieder zerstören! Welche unerträgliche Demütigung, ihm jetzt, unmittelbar nach diesem neuen, vielleicht schmerzlicheren Leide, das die Familie Lersen ihm zugefügt, jene Summe überreichen zu müssen! Er mußte ja aus der Verzögerung der Uebergabe sofort merken, daß man auf ihn – spekuliert, vielleicht gehofft habe, er werde, im Besitze von Astas Hand, großmütig auf das Geld verzichten. Die aufbrausende, ein wenig uncivilisierte Art und Weise, mit welcher er die Ablehnung seines Antrages entgegengenommen hatte, ließ das Schlimmste befürchten; sein Betragen konnte es ihr unmöglich machen, den Kindern gegenüber das Geheimnis zu bewahren. Und in dieser Befürchtung beschloß die schwache Frau, falls nicht der alte Freund Muzell mit einem bessern Rat ihr beispringen sollte, Rudolfs Rückkehr nach Amerika abzuwarten und ihm später das Geld dorthin zu senden. – Kein Wunder, wenn die Aengste und Sorgen dieser bösen Tage sich auf dem Gesichte der Excellenz auch für andre wahrnehmbar machten. Zwar gab sie den Töchtern auf ihre besorgten Fragen nach ihrer Gesundheit beruhigende Antwort, doch ohne damit etwas andres zu bewirken, als nur noch erhöhte Aufmerksamkeit. Auch ihrem liebenswürdigen Hauswirt, dem kleinen Musikdirektor, war ihre krankhafte Blässe, ihre nervöse Unruhe bei Gelegenheit der Singstunden aufgefallen, die er Trudi regelmäßig einen Tag um den andern erteilte. Seiner Anregung war es zu danken, daß sie sich endlich den auf sie eindringenden Bitten und Vorstellungen fügte und darein willigte, am nächsten schönen Tage mit den Diedrichsens einen kleinen Ausflug zu unternehmen. – Es war in Berlin ziemlich spät Frühling geworden. Schon mehrmals hatte der hartgesottene Sünder von einem Wintergreis die ungeduldig sich hervorwagenden jungen Sprossen und Knospen mit der bereiften Besenrute unsanft auf die Köpfe geklopft, bis es endlich um Mitte Mai den vereinten Kräften der grünen Schar gelungen war, den unwirschen alten Kerl endgültig aus dem Lande zu verdrängen. Es war wirklich Lenz geworden, jener Berliner Lenz, den Arno Holz, der hinreißendste und modernste Lyriker des »jüngsten Deutschlands« für alle Zeiten mustergültig besungen hat: »O, wie so anders als die Herren singen, Stellt sich der Lenz hier in der Großstadt ein! Er weiß sich auch noch anders zu verdingen, Als nur als Vogelsang und Vollmondschein, Er heult als Südwind um die morschen Dächer Und wimmert wie ein kranker, Komödiant, Bis licht die Sonne ihren goldnen Fächer Durch Wolken lächelnd auseinanderspannt .... Doch draus vorm Stadtthor rauscht es in den Bäumen, Dort tummelt sich die fashionable Welt, Und junge Dichter wandeln dort und träumen Von ew'gem Ruhm, Unsterblichkeit – und Geld. Rings um die wieder weißen Marmormäler Spielt laut ein Kinderschwarm nun Blindekuh, Und heimlich gibt der Backfisch dem Pennäler Am Goldfischteich das erste Rendezvous. Es tritt der Strohhut und der Sonnenknicker Nun wieder in sein angestammtes Recht, Und kokettierend mit dem Nasenzwicker Durchstreift den Park der Promenadenhecht. Das ist so recht die Schmachtzeit für Blondinen, Und ach, so mancher wird das Herzlein schwer; Ein Duft von Veilchen und von Apfelsinen Schwingt wie ein Traum sich übers Häusermeer.« u.s.w. u.s.w. Lersens und ihre beiden Beschützer hatten sich eine offne Droschke erster Klasse vergönnt, um bei einer Fahrt durch den lichtgrün prangenden Tiergarten dieses wirklichen und wahrhaftigen Maiensonntages froh zu werden. Der große Doktor Hans hatte sich bequemen müssen, auf dem Bocke Platz zu nehmen und ärgerte sich furchtbar, wenn er Fräulein Trudi im Wagen hinter seinem Rücken so laut auflachen hörte, ohne daß er bei dem die Ohren durchbrausenden Sonntagsgetöse verstehen konnte, worüber sie denn so äußerst vergnügt war. Sie fuhren um den neuen See herum, und dann auf der Landstraße nach Charlottenburg und weiter bis nach Westend hinauf. Unterwegs erst erfuhren sie, daß heute großes Frühjahrs-Meeting auf der Westender Rennbahn sei. Zu Lebzeiten des Generals, der in jüngeren Jahren selbst ein leidenschaftlicher und ausgezeichneter Reiter gewesen, waren die Lersenschen Damen auf dem Turf von Hoppegarten bekannte Erscheinungen, kannten die Stammbäume der berühmtesten Rennpferde, und wußten sich mit den Besitzern solcher Prachttiere »fachmännisch« zu unterhalten. In ihren jetzigen Verhältnissen wäre der Besuch der Tribüne ein fabelhafter Luxus gewesen, aber die Lust, einmal wieder das lang entbehrte Schauspiel einer vornehmen, eleganten Kavalkade an sich vorüberziehen zu lassen, bewog die Mädchen, die Mama und die Herren zum vorläufigen Haltmachen zu veranlassen. Sie wollten in dem Garten an der Ecke der Ahornallee und der Spandauer Landstraße echt spießbürgerlich ihren Kaffee trinken und die Rückkehr des Wagenzuges von der Rennbahn auf diesem günstigen Beobachtungsposten erwarten. – »Sagen Sie 'mal, Herr Professor,« neckte Trudi ihren blondbärtigen Anbeter. »Sie müssen doch als Zoologe auch 'was von Pferden verstehen, nicht wahr?« »Gewiß. Im übrigen bemitleide ich dies edle Tier zu sehr, als daß ich für den Sport besondres Verständnis haben könnte.« »Da haben Sie wohl nie auf einem Pferde gesessen?« »O doch, in jüngeren Jahren habe ich sogar recht fleißig ein sehr berühmtes Rennpferd geritten: Pegasus heißt es!« »Kenn' ich!« rief Trudi und machte die schelmischen Augen groß auf: »Fuchswallach von ›Othello‹ und der ›Meermaid‹, der Siegerin von Epsom, Ein riesig feudaler Gaul – und den haben Sie geritten? Alle Achtung.« Hans Diedrichsen beugte sich näher zu ihr und flüsterte ihr lächelnd zu: »Ja, Fräulein Trudi – und ich würde vielleicht sogar jetzt noch mit meinen steifen Docentengebeinen ein kleines Handicap riskieren, wenn Sie mir nur in den Sattel helfen wollten.« »Wie soll ich denn das anstellen?« erwiderte das Mädchen und schlug dabei mit so lächelnder, wissender Miene und doch zugleich voll inniger Lockung den blauen Blick zu ihrem Lohengrin auf, daß dieser vor verliebter, freudiger Bestürzung errötete, soweit auf seinem dicht bewaldeten Antlitz noch freies Feld zum Erröten gelassen war, und ihr rasch zuflüsterte: »So zum Beispiel – ich danke Ihnen, Fräulein Trudi –« Der Papa Diedrichsen störte das verheißungsvolle Gespräch durch die laut hingeworfene Bemerkung, daß er nur für ein Pferd auf der Welt schwärme, nämlich für das Roß Grane. »Das verstehe ich nicht,« sagte Asta. »Der gute Grane leistet doch weiter nichts, als daß er die Brünnhilde aus dem Takt zu bringen versucht.« »Was ihm manchmal auch gelingt – ja allerdings,« gab der Musikdirektor zu. »Aber denken sie bloß, meine Damen, was ist das für ein hochbegnadetes, auserwähltes unter den Rossen, das sich statt des gemeineng ›Hottohü!‹ mit dem göttlichen ›Hojotoho!‹ anfeuern lassen darf!« Und der eifrige kleine Wagnerianer sang die fünf Töne des herrlichen Walkürenjauchzers so laut heraus, daß sich die Leute an den Nebentischen nach ihm umdrehten, mit jenem spezifisch berlinischen Ausdruck im Blick, welcher, ins Mündliche übersetzt, ein großes: »Nanu!!??« ergeben würde. Doktor Hans fügte erklärend hinzu, daß sein Papa mit diesem übermütigen »Hojotoho!« alle Feierstunden seines Daseins seiner Umgebung kundzugeben pflege. Der erste überfüllte zweistöckige Pferdebahnwagen, welcher bald darauf mit gefährlich aussehender Hast den steilen Abhang des Spandauerberges hinunterrollte, zeigte das Ende des Rennens und den Beginn des großartigen Wagenkorsos an. Auch die beiden Diedrichsens, welche keinerlei Sportinteresse hatten, ergötzten sich an dem farbenreichen, lebensvollen und modetollen Schauspiel, das sich hier vor ihren Augen im wahren Sinne des Wortes entrollte, und selbst die, Excellenz Mama vergaß auf kurze Zeit ihren Kummer. Asta und Trudi standen Arm in Arm an der Hecke, die den Kaffeegarten umschließt, und tauschten bald laut, bald flüsternd ihre Bemerkungen aus. Da erschienen als Vortrab einige reitende Kommis, reiche Kaufmannssöhne und Patentfexe vom reinsten Wasser. Dann folgten in zahllosen Droschken und eignen Fuhrwerken die Familiengruppen, welche weniger aus Sportbegeisterung, als weil es zum vornehmen Stil gehört, die Rennen besuchten; höhere Staatsbeamte mit Gattin und Töchtern in etwas steifer Haltung, jüdische Kommerzienräte, welche die gelben oder blauen Eintrittskarten auf den weißen Westen flattern ließen, die sich mit erbaulicher Glätte dem stattlichen Embonpoint anschmiegten, und welche mit behaglichem Schmunzeln die elegante Welt umher einzuladen schienen, doch ja ein Auge zu haben auf die exotische Farbenpracht der glutäugigen Schönen, die sich mit ihnen auf den weichen Polstern der lautlos dahinschwebenden Landauer wiegten; zahlreiche Wagenladungen voll junger Herren in unanständig kurzen Paletots und auffallend gemusterten Beinkleidern, oder auch voll extrafeiner Gardeeinjährigen, Dann weiter ältere Stabsoffiziere mit unansehnlichen, einfachen Gattinnen und den hoffnungsvollen Kadettlein auf dem Rücksitz. Geschminkte Dämchen mit durchsichtig blassen Wangen und glänzenden Augen, in extravaganten Toiletten, unfehlbar zu zweien daherfahrend, zum Teil in zweifelhaft aussehenden Kaleschen mit mürrisch dreinschauenden älteren Kutschern; manche schier erdrückt von wahrhaft monströsen Hüten, zu deren Befiederung mindestens je ein halber Vogel Strauß verbraucht worden war. Bescheidene Infanterie- und Artillerieoffiziere in Droschken, oft zu fünfen. Einzelne hocharistokratische Greise in grauen Cylindern und untadelhaften Glacés, mit fürstlicher Grazie zurückgelehnt. Kremser voll johlender Lehmanns, Piefkes und Zademaks aus Berlin S., O. oder N. Und auch in eigner Equipage so mancher Bäcker- und Schlächtermeister mit arg pomadisiertem Sonntagshaar, die schmelzbestickte, aber stets verräterisch stillose »Olle« an der Seite. Nun erst wurden die eigentlichen Sportsleute zahlreicher bemerkt; da diese es mit der Abfahrt nicht so eilig, sondern meist noch mit Kauf und Verkauf von Pferden, Wettberichtigungen und dergleichen zu thun zu haben pflegen. Ah! Oh! Die flinken Trabergespanne, die ängstlich wippenden Gigs, Tandems, Tilburys und wie all die zweiräderigen Spezialitäten heißen mögen! »Sieh doch, Trudi, der Graf Witzenburg kutschiert jetzt auch Tandem,« sagte Asta. »Ob das noch dieselben Rappen sind, mit denen er uns damals gefahren hat?« Eine hohe, gelbe Stagecoache, von einem prachtvollen Viergespann gezogen, rollte vorüber. Die Diener saßen im geschlossenen Coupé, die Damen auf dem hohen Dach bei den Herren, lauter Gardekavalleristen. Die Lersens kannten einige der Offiziere. »Sieh 'mal, da ist der kleine Lasa,« rief Trudi. »Der hat sich ja inzwischen auch verheiratet. Ob die dürre Amazone, mit der er da spricht, seine Frau ist?« Asta hatte im stillen auch schon die Bemerkung gemacht, daß die hübschesten, elegantesten Offiziere so ganz reizlose, wenn nicht gar garstige Frauen an ihrer Seite hatten. Ja, die bösen Schulden und das schöne Geld! Sie kannte den fatalen Lieutenantsroman recht gut. Und nach so langer Abwesenheit von dieser glänzenden Welt fiel es ihr heute auch recht unangenehm auf, daß gerade von den hübschen jüngeren Frauen der Gesellschaft so viele in Kleidung und Haltung, sei's absichtlich oder unabsichtlich, jenen paarweise auftretenden Dämchen der Halbwelt erschreckend ähnlich sähen. Und die Excellenz Mama sagte sich, daß ihre Asta gewiß als die vornehmste von alten erschienen wäre, wenn sie plötzlich auch ihre Schwingen ausgebreitet hätte, um stolzen Fluges zwischen diesen flatternden Tagpfauen und nervösen Motten hindurchzuschweben. »Ist das nicht der Prinz Führingen, der dort den prachtvollen Viererzug lenkt?« wandte sie sich jetzt an Asta. Sie bejahte; und da eben eine Stockung eingetreten war, hielt der Prinz die Peitsche zum Zeichen für die folgenden Wagen empor und parierte sein Fuchsgespann. Er war eine äußerst elegante Erscheinung in solidem Civil. Der dunkle Bart, nach dem neuerdings wieder hochmodernen niederländisch-spanischen Stil zugestutzt, stand ihm vortrefflich und ließ die nicht eben geistvollen, aber edlen Züge noch »distinguierter« erscheinen. »Mama! Sieh doch!« rief Trudi ziemlich laut. »Da auf dem Dache von Prinz Führingens Coach sitzt ja auch Bodo. Da, er hält das lange Tutrohr in der Hand. Wo der sich auch überall heranschlängelt.« In diesem Augenblick brach eine Droschke erster Klasse weiter hinten aus der Reihe und fuhr in scharfem Trabe an der festgeklemmten Wagenwand vorüber. »Das ist ja der Amerikaner vom Bazar!« rief der alte Diedrichsen aus, als der Wagen dem Standorte der Lersens schon ganz nahe war. Und Hans Diedrichsen setzte hinzu: »Tausend, der scheint aber Glück bei den Damen zu haben! Das ist ja eine höchst pikante Erscheinung an seiner Seite da!« Asta hatte diese Dame auch gesehen und auf den ersten Blick, einen halb empörten, halb leidenschaftlich zugespitzten Blick – erkannt. »Weißt du, wer das war?« flüsterte sie mit bebenden Lippen der Mutter zu. »Adriane – die Grigori!« Trudi hatte nichts davon gehört und sagte nun verächtlich: »Du, der hat sich aber rasch getröstet! Wer mag die Person sein? Prinz Führingen grüßte mit der Peitsche, und ... da, jetzt spricht er zu Bodo hinüber.« Die beiden Vorderpferde wurden unruhig und der Prinz mußte ihnen seine ganze Aufmerksamkeit widmen. Dann setzte sich der ganze Zug wieder in Bewegung und – ein ander Bild! Ruck um Ruck wie ein Kaleidoskop. »Ob Bodo uns nicht gesehen hat?« sagte Trudi, beantwortete, sich aber die Frage gleich selbst und leise für sich: »Er wird sich hüten und uns sehen!« Sechstes Kapitel »Ein sehr nettes Kapitel!« werden die jungen Damen sagen, welche es lesen. Frau von Lersen hatte soeben ein sehr liebenswürdiges und überdies angenehm nach Heliotrop duftendes Briefchen von der Fürstin Berleburg-Dromst-Führingen erhalten. Die alte Dame bewies durch eine dringende Einladung zum Thee, daß ihre freundliche Aufforderung, sie doch zu besuchen, nicht bloße Redensart gewesen war. Die Excellenz teilte den Töchtern die Sache mit, fügte aber gleich hinzu: »Es kann natürlich nicht die Rede davon sein, daß wir hingehen. Wir machen der lieben Fürstin morgen unsern Besuch und bitten, uns entschuldigen zu wollen. Bodo kann uns ja an dem Abend vertreten, wenn er Lust hat!« Trudi, welche damit beschäftigt war, gelbe Rüben über einer irdenen Schüssel, die sie auf dem Schöße hielt, abzuputzen, wetzte ihr Küchenmesser am Rande und sagte: »Schön, Mama! Zu der Prinzessin Bimbimbim gehe ich gern mit, aber es muß unzweifelhaft warmes Wetter sein, damit ich in dem Bismarckbraunen per Taille gehen kann. In dem alten Regenmantel sehe ich wie ein höheres Fabrikmädchen aus, und in der dicken Winterjacke jetzt Besuche machen, das wäre so gut, als wollte ich meinen Armenschein gleich beim Portier vorzeigen.« Asta saß über ihre Stickerei gebeugt mit übereinandergeschlagenen Knieen am Fensterplatz. Die Mutter wartete darauf, ihre Meinung zu hören, über welche sie sich aber selbst noch nicht klar zu sein schien. Ihre rosigen, beweglichen Nasenflügel deuteten auf innere Unruhe. Jetzt ließ sie die schöne Rechte mit der Nadel auf dem Knie ruhen, blickte sinnend zum Fenster hinaus und sagte endlich: »Weißt du, Mama, ich möchte doch diesen Abend besuchen – wenn es für uns irgend möglich ist, ein leidlich anständiges Kleid dafür zu beschaffen.« Die Baronin sah verwundert zu ihrem Kinde hinüber: »Du, Asta, du möchtest diesen Abend besuchen? Du, die kaum zu dem Bazar zu bewegen war, die sich immer über das öde Einerlei dieser Routs und Thees und so weiter lustig machte? Die Fürstin ist eine lebenslustige, sehr nette alte Dame, aber doch nicht übermäßig interessant. Viele junge Leute wird sie auch nicht bei sich sehen!« »Da sollen wir die trojanischen Greise entzücken!« lachte Trudi. »Und denke bloß, Asta, wenn sie dich wieder alle nach der Sembrich fragten?« Die schöne Schwester ballte ihre Arbeit ärgerlich zusammen und warf sie in ihren Nähkorb. »Das würde mir den größten Spaß von der Welt machen,« entgegnete sie etwas nervös. »Ich sage euch, ich bin so ausgezeichneter Laune, daß es mir ein Genuß wäre, ein paar Stunden die allerfadeste Konversation der Welt über mich ergehen zu lassen.« Die Excellenz schüttelte den Kopf: »Aber, liebes Kind! Bloß darum das Geld für die Toilette auszugeben, wäre doch wirklich eine Thorheit. Wenn du keine andern Zwecke hast, als ...« »Ich habe aber vielleicht andre Zwecke, Mama!« »So, wirklich? Erwartest du irgend wen dort zu treffen, der ...« »Ich interessiere mich für den Prinzen Fühlingen,« fiel Asta rasch ein, indem sie sich erhob und an den Blumen am Fenster zu thun machte. Ueber Trudis ernsthaft lauschendes Gesichtchen glitt ein flüchtiges Lächeln. Aber sie lag mit verdoppeltem Eifer ihrer Arbeit ob. »Den kennst du ja so gut wie gar nicht. Wie kommst du zu diesem plötzlichen Interesse?« forschte die Mutter. »Neulich in Westend fuhr er die gelbe Coach, weißt du nicht mehr? Einen Viererzug zum Verlieben. Der Charles quint-Bart steht ihm à merveille, alles an ihm ist chic, vornehm, sicher – ich weiß nicht, warum mir der Mann nicht gefallen sollte, Mama!« Trudi verriet durch ein unwillkürliches, leises Räuspern, daß sie sich soeben im Kopfe eine Notiz gemacht habe. »Sagtest du etwas?« wandte sich Asta fragend nach ihr um. »Ich – nein – ich schabe dir bloß Rübchen, Schwester-Herz,« versetzte die Jüngere mit neckischem Doppelsinn und entsprechender Gebärde. »Ich verstehe doch nicht recht, was du vorhaben magst,« sagte die Excellenz nach einer kleinen Weile des Nachdenkens. »Aber wenn dir wirklich so viel daran liegt ... ich will einmal rechnen, ob es sich ermöglichen läßt.« Damit erhob sie sich und ging in das kleine Vorderzimmer, wo ihr Schreibtisch stand. Asta setzte sich Trudi gegenüber an den Tisch und sagte: »Für fünfzig Mark, mein' ich, könnten wir uns ganz passabel herausputzen. Bei Hertzog gibt es sehr hübsche Spitzenstoffe, das Meter zu fünf Mark. Davon lassen wir je ein paar Meter auf unsre alten Seidenen aufarbeiten. Was meinst du?« »Nimm lieber die fünfzig Mark, wenn sie zu kriegen sind, für dich allein, Asta. Wenn man auf den Prinzenraub ausgeht, muß man schon etwas dran wenden. Ich bekomme dann wieder im richtigen Augenblick mein schreckliches Nasenbluten, weißt du!« »Was willst du nur mit deinen ewigen Neckereien, Trudi?« »Das soll nur heißen, daß ich mich wundere, wie sehr dir's trotz alledem der Buffalonier angethan hat.« Asta wurde rot und pochte ärgerlich mit den Schuhspitzen gegen die Diele, während sie sprach: »Welche Idee! Mich kann es doch nur freuen, daß er sich so leicht getröstet hat. Bei der Achtung, die mir dieser Mensch anfänglich einflößte, hat mir der Gedanke wirkliche Pein gemacht, daß ich ihm durch meinen Korb einen großen Schmerz bereitet haben könnte. Wenn er sich aber so eilig zu trösten weiß – mit einem Fräulein Grigori!« ... »Nun, vielleicht wählte er die gerade aus Liebe zu dir,« versetzte Trudi mit klugem Lächeln. »Du hast mir ja selbst immer erzählt, wie sehr Adriane im Denken und Empfinden dir ähnlich gewesen sei.« »Die Aehnlichkeit muß sich in den letzten Jahren gänzlich verloren haben,« spottete Asta und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. »Wirklich?« fragte Trudi ruhig, indem sie die letzte Rübe in Stückchen schnitt. »Sie macht sich ihre Talente zu nutze, um die Männer zu fangen; du wirfst dich in ein neues Halbklares, um den Prinzen Führingen in Versuchung zu führen!« »Trudi!« Es wollte zornig überquellen über diese weichen, verheißungsvollen Lippen. Aber Asta hielt an sich – und dann versuchte sie zu lächeln und sagte: »Ach geh, du bist ein Kind, mit dir ist nicht zu reden!« Da setzte Trudi die Schüssel auf den Tisch, stand auf und legte der großen Schwester zärtlich beide Arme um den Nacken: »O doch, Liebste, mit mir ist sehr gut zu reden! Schau mich nicht so zornfunkelnd an – und sei mir nicht böse. Ich wollte dich zum Sprechen bringen, weil du unglücklich bist, und weil bu dich nicht allein quälen sollst. Ich bin wirklich nicht so kindisch, wie du glaubst. Seit mir die harmlosen Lieutenants fehlen, bin ich auch nicht mehr das harmlose Kommißmädel, wie Bodo mich immer nannte. Ich habe mir unsre Lage vielleicht ebensosehr zu Herzen genommen wie du – und besonders Mamas ewiges stummes Sorgen und Grämen. Mir war meist gar nicht danach zu Mute; aber ein lustiges Gesicht muß im Hause sein, sagte ich mir – ein Kind, vor dem man seine Schmerzen verbirgt, um's nicht früher als nötig aus seinem glücklichen Traume zu wecken. Ich habe mir den Schlaf schon lange aus den Augen gerieben, aber siehst du: mir steht das Kindliche dir hätten sie es nicht geglaubt, liebe Schöne! – Drum schnitt ich mir die Haare ab – o, ich habe lange vor dem Spiegel gestanden und mir's überlegt! – und dann machte ich mich so lockenbubig zurecht und spielte euch immer einen rechten knusprigen Backfisch vor, noch sogar mit recht viel grüner Petersilie drum herum. Verrate mich aber ja nicht der Excellenz Mutter!« Asta preßte ihre liebliche Schwester mit stürmischer Heftigkeit an die Brust und bedeckte ihr blondes, krauses Haupt, ihre Augen, ihre zarten Wangen mit unzähligen, raschen, unersättlichen Küssen. »Du Süße, du Gute, du Liebe!« stammelte sie dazwischen in atemloser Rührung. »Du bist ja soviel tausendmal besser als ich. Daß ich dich habe, daß ich dich nun kenne!« »Und willst du mir jetzt gestehen, Große, daß ich dich auch kenne? Daß du nur darum dein Auge auf den Prinzen geworfen hast, weil du von Bodo weißt, daß er deiner Grigorescu so eifrig den Hof macht?« »Nun ja, ich will dir nur gestehen, daß es mir – zum Aufschreien war, den Mann da gestern mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt neben der Operetten-Diva sitzen zu sehen: den ersten Mann, der mir imponiert hatte, weil er eben so durch und durch ein Mann war. So fest und ungeniert, so unbeirrt durch fremde Meinungen, so sicher in seinem stolzen Selbstbewußtsein und doch dabei so naiv, so gar nicht eitel!« »Und alles das genügte dir noch nicht, um den Mann zu lieben?« Asta antwortete nicht gleich. »Ich kannte ihn ja doch gar nicht. Was ich dir davon ihm rühmte, das war der erste Eindruck. Vielleicht, wenn er mir öfters begegnet wäre, wenn ... aber der Unglücksmensch hat ja keine Zeit, ein Mädchen in sich verliebt zu machen! Sie soll ihn gleich heiraten, weil er mit seiner ehrlichen Miene versichert, daß er ein vortrefflicher Ehemann fein würde! Wie kann ich aber als Baronesse von Lersen mit meiner Schweizerpensionsweisheit und all dem schweren Gepäck von vornehmen Ueberflüssigkeiten nach Buffalo auswandern und mich plötzlich für Gas- und Wasserleitungen, Kanalisation und dergleichen Dinge interessieren; ohne eben bis zur Tollheit verliebt zu sein?« Asta war schon wieder auf ihrem unruhigen Spaziergange begriffen, und Trudi mußte ihr nachgehen und sie beim Arm erfassen, um ihr mit lächelndem Vorwurf entgegnen zu können: »Ei Schwester, in den Prinzen scheinst du mir dann allerdings fast bis zur Tollheit verliebt zu sein, wenn du dir wirklich weis gemacht hast, daß er anbeißen wird, sobald du nur die Angel nach ihm auswirfst. Diese Herren lieben die Grigori und heiraten – die Prinzessin Y. Und wenn sie ja etwas ganz Tolles anstellen wollen, dann heiraten sie eher noch die Grigori, als die Freiin von Z, qui n'a pas le sou!« »Du traust mir aber wenig zu, Trudi!« »Zu viel Gutes, Asta, um dir so etwas zuzutrauen.« Damit fand die Aussprache der beiden Schwestern für diesmal ihren Abschluß, denn es klingelte draußen und gleich darauf trat der Herr Musikdirektor Dieonchsen ein, um seine Gratisklavierstunde zu geben und überdies eine große Freudenbotschaft zu überbringen: Sein Sohn Hans hatte heute morgen seine Berufung zum Professor der Zoologie an der Berliner Hochschule erhalten! Die Excellenz kam auch herein, und alle drei Damen wünschten dem stolzen, kleinen Vater von ganzem Herzen Glück. »Warum ist denn der Herr Professor nicht selbst heraufgekommen?« fragte Trudi. »Ich hätte zu gern versucht, ob man ihm den Außerordentlichen' schon ansieht.« »Er hat sich sofort in Frack und weiße Krawatte gestürzt und ist zum Minister gefahren, um sich für die Berufung zu bedanken. Aber er wird nicht verfehlen, den Gnädigen sofort seine Aufwartung zu machen, wenn er zurückkommt,« sagte der Alte mit drollig schlenkernder Verbeugung, welche weltmännische Geschmeidigkeit karikieren sollte. »Heute spielen wir erst einmal die Jubelouverture vierhändig zusammen, Fräulein Trudi, nicht wahr?« »Mit Vergnügen!« Und das Mädchen suchte mit fröhlichem Eifer die Noten hervor. »Du solltest Mama ein bißchen spazieren führen, Asta. Unsre Spazierfahrt gestern ist dir so gut bekommen, Mama – wir leiden jetzt deine Stubenhockerei gar nicht mehr.« Nach einigem Hin und Her von Entschuldigungen und Höflichkeiten gegen den Musikdirektor, machten sich die beiden Damen wirklich auf den Weg, und Lehrer und Schülerin blieben nun allein. »So, nun wollen wir die Sache 'mal deixeln!« rief der alte Diedrichsen, seine Lieblingsredensart mit Genuß anbringend, und rückte sich den Klaviersessel zurecht. »Eins, zwei, drei, vier los!« Mit dröhnender Begeisterung stürzte sich das komische Paar auf die Tasten, Aber schon bei der dritten Zeile machten sich Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf das Tempo geltend, und wie der Musikdirektor durch kräftiges Klopfen und nachdrückliches Kopfnicken das Gleichgewicht wieder herstellen wollte, griff Trudi sogar höchst energisch daneben. »Aber, aber, aber!« rief der kleine Musiker entrüstet und stemmte, Trudi vorwurfsvoll anblickend, die Arme in die Seiten: »Bei so einer festlichen Gelegenheit spielt man doch ein bißchen ordentlich, denk' ich.« »Er ist ja aber erst ganz unordentlicher Professor geworden,« lachte das Mädchen. »Da verdient er's noch gar nicht besser.« »Sie kleiner Schelm, Sie!« Der Lehrmeister war entwaffnet und küßte die kleine, unaufmerksame Hand der Schülerin. Ach, dem Baroneßchen schwirrten ganz andre Noten im Kopfe herum! – »Wissen Sie Meisterchen,« sagte sie, »bei einer richtigen Jubelouverture muß es schon ein wenig toll zugehen. Ich habe also ganz stilvoll gespielt.« »Jubeln Sie wirklich so toll mit? Ach mein liebes, gnädiges Fräulein, dann kann der Meister Weber freilich nicht mitkommen; dann wollen wir doch lieber ein Wettspielen ohne Noten veranstalten, damit wir sehen, wer's mit unserm Hans am besten meint von uns beiden.« Und ehe sie Zeit hatte, auf diesen übermütigen Vorschlag etwas zu erwidern, bearbeitete der drollige Mann schon die tiefere Hälfte der Klaviatur. In vollen Accorden ließ er ein trompetenhaftes Marschthema erschallen, während die Linke die Pauken und Becken schlug. Und nachdem er so einige Zeit ganz ausschweifend über das Thema der Vaterfreude phantasiert hatte, begann plötzlich Trudi in ganz andrem Takt völlig harmoniefremde Tonleitern zu spielen. »Aber nein – pfui! – hören Sie auf Fräuleinchen!« rief Diedrichsen und hielt sich die Ohren zu. »Wenn Sie's mit meinem Hans nicht besser meinen!« »Mehr darf ich mir doch nicht herausnehmen, dem eignen Vater gegenüber!« neckte Trudi. »Die Tonleiter ist die Grundlage aller musikalischen Gefühle – hören Sie doch, wie ich den Herrn Professor schätze! In A-dur, in Fis-moll, in H-dur, sogar in Dis-moll! Wenn das keine soliden Gefühle sind! Und weiter habe ich doch keine Rechte auf ihn!« »O doch, liebes, kleines, gnädiges Fräulein!« sagte der Musikdirektor und kniff verschmitzt ein Auge zu, während der blonde Krauskopf der Schülerin sich etwas tiefer über die Tasten neigte, und sie fortfuhr, ihre Skalen durch den ganzen Quintenzirkel zu jagen. »Mehr Recht, als der eigne Vater, furcht' ich. Haben Sie denn gar nichts gemerkt? Oder wollten Sie. ... Dürften Sie nichts merken? Ach, gehen Sie ... warum antworten Sie gar nicht?« »Ssst! Ich bin noch nicht herum!« sagte sie ernsthaft, ohne sich stören zu lassen. Der alte Herr erhob sich und legte sein glattes, rundes Gesicht in ärgerliche Falten. Er trat ans Fenster und blickte hinaus auf die hochinteressante Stromstraße. »Wie ist das doch in As-dur, Meisterchen? Nehme ich hier den dritten oder den vierten Finger?« fragte Trudi vom Klavier her. »Gar leinen Finger nehmen Sie – die ganze Hand sollen Sie nehmen, wenn er sie Ihnen anbietet.« Trudi lachte laut auf. »Sind Sie nicht auch beauftragt, mir eine Liebeserklärung zu machen, Herr Musikdirektor?« »Beauftragt? Natürlich, nein! Solche Sachen versteht mein Hans schon allein zu deixeln!« sagte der Alte mit wiederkehrender, lustiger Laune. »Aber da wir einmal im Zuge find ... Fräulein Trudi!« Dabei kniete er mit einiger Schwierigkeit vor dem Mädchen nieder und erhaschte ihre warme, kleine Hand. »Ich habe kein Schloß und keine Krone, aber ein schuldenfreies Haus in der Stromstraße und einen sehr hübschen, ganz außerordentlichen Professor zum Sohne. Ich hätte nie gewagt, meine Augen bis zur Tochter einer Excellenz zu erheben, wenn ich nicht aus der Erfahrung von zwei Jahren zu der Ueberzeugung gekommen wäre, daß diese Excellenzentochter das bescheidenste, liebenswürdigste Menschenkind von der Welt und von ganz Moabit ist, das mit ebensoviel Vergnügen einen außerordentlichen Professor glücklich machen wird, wie einen ordentlichen Offizier oder so etwas – falls sie ihn nur liebt! Sie haben mir Hoffnungen gemacht, Fräulein Trudi. – Sie haben mich zu wiederholten Malen nicht nur Meisterchen, sondern sogar Papachen genannt – und darum finde ich auch jetzt den Mut, Ihnen meine glühende Liebe zu gestehen und Sie zu fragen: Wollen Sie mich zum Schwiegervater haben?« Es war als ein übermütiger Scherz gemeint; aber der kleine, zärtliche Herr hatte sich zum Schlüsse in ganz ernsthaften Eifer hineingeredet und erwartete mit der ängstlich gespannten Miene eines wirklichen, erzverliebten Freiers die Antwort. Und Trudi erhob sich mit schüchterner, errötender Befangenheit, der Rolle getreu, von ihrem Drehsessel, wandte sich halb von dem Knieenden, der noch immer ihre Linke festhielt, und flüsterte: »Sprechen Sie – mit Ihrem Sohne!« Während der Musikdirektor sich lachend und stöhnend zugleich aus seiner unbequemen Liebhaberstellung aufrichtete, klopfte es an der Thür und einen Augenblick später stand der neue Herr Professor Diedrichsen mitten im Zimmer. »Entschuldigen Sie nur, gnädiges Fräulein, wenn ich die Klavierstunde unterbreche. – Du Papa, Herr Müller ist unten, er will dich auf ein paar Minuten sprechen.« »Was für ein Müller denn?« »Weißt du nicht, Herr Müller, der ...« »Ach so! Der Herr Müller,« schmunzelte der Alte verständnisinnig. »Na, mit dem werde ich bald fertig werden – ich bin gleich wieder oben, Fräulein Trudi!« Und dann flüsterte er seinem Lohengrin ein Wort ins Ohr und trollte sich eilig hinaus. – »Wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen, Herr Professor?« sagte Trudi förmlich und wies dem blonden Hans einen Stuhl am Tische an, während sie sich an dessen andrer Seite auf das Sofa setzte. »Mein Vater hat Ihnen natürlich schon gesagt, daß meine Hoffnungen sich überraschend schnell erfüllt haben.« »Mama und Asta werden sehr bedauern, Ihnen nicht auch gleich ihre Glückwünsche aussprechen zu können.« »Sie sind so kühl und gemessen, Fräulein Trudi – freuen Sie sich nicht ein wenig mit mir?« »O gewiß, Herr Professor. Aber Mama und Asta sind ausgegangen und da ...« »Das hat mir die Minna schon gesagt und ich habe mich sehr darüber gefreut, denn es verlangt mich so danach, von Ihnen allein zu hören ...« Hans war aufgesprungen und machte nun Miene, sich neben das vor Erwartung glühende Mädchen auf das Sofa zu setzen. Aber Trudi wehrte ihm das mit erheuchelter Aengstlichkeit und wiederholte nur: »Mama und Asta sind ausgegangen!« »Nun ja, meinetwegen! Ich kann es Ihnen ja auch von diesem Stuhle aus sagen, was mir schon so lange auf dem Herzen liegt, und was auch Sie ahnen müssen: daß ich dich von ganzem Herzen liebe, Trudi!« »Dich?« hauchte das Baroneßchen in seligem Schreck über den süßen, traulichen Klang dieses Wörtchens und legte ihren Lockenkopf in die hohlen Hände vor sich auf die Tischplatte. Und nun setzte sich der Professor dennoch neben sie auf das Sofa, trotzdem Mama und Asta ausgegangen waren; ja, er legte sogar den Arm um ihre schlanke Taille und redete weiter: »Ja, dich liebe ich, Trudi, du süßer Schatz, und »du« sage ich ganz leck zu dir, weil ich weiß, daß du mir das nicht übelnehmen wirst, so lange und so gut, wie wir uns kennen. Ich hätte es auch wohl schon früher sagen können, ohne daß du mir besonders böse gewesen wärest, aber ich wollte erst gegen deine siebenzackige Krone auch meinen Trumpf auszuspielen haben! Und Professor ist doch auch ein hübscher Titel! Daß du mir gut bist, das habe ich schon lange in deinen Augen gelesen, ob du aber auch meine Frau werden magst, Trudi, das mußt du erst noch ausdrücklich sagen. Willst du wohl. Mädchen?« Aber sie verharrte in ihrer straußenhaften Unsichtbarkeit und die Hand des Liebenden, welche ihre Schulter drückte, fühlte, wie die zarte Gestalt leise erzitterte und die Schulter zuckte. »Du weinst doch nicht, Trudi?« »Doch,« sagte sie ganz leise und erhob langsam, tief aufseufzend, ihr glühendes Gesichtchen. Und wirklich, es rannen zwei Thränen über die Wangen; aber die weinenden Augen lachten, die zuckenden Lippen lachten, und was sie so beredt verschwiegen, das war ein jubelndes »Ja« auf die Frage des Geliebten. Er ergriff ihre beiden Hände und versenkte seinen leuchtenden Blick m das feuchte Blau ihrer Augen. »Und glaubst du, daß die Excellenz Mama nichts dagegen haben wird?« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Ach, Trudi! Dann darf ich wohl ...?« Sie hob das Gesichtchen noch ein wenig höher und bot ihm die halb geöffneten Lippen dar. Aber der Professor hatte etwas andres gemeint, sprang vom Sofa auf, ohne ihrer verlockenden Einladung zu folgen, lief er zur Thür und sang mit dröhnender Stimme in den Flur hinaus: »Hojotoho!« Und sofort echote der etwas brüchige Tenor des Papa Musikdirektors zurück: »Hojotoho! hoho!« Er mußte den Herrn Müller schon auf der Treppe abgefertigt haben – sonst hätte er unmöglich in dieser Geschwindigkeit wieder oben im Wohnzimmer bei Lersens sein können. Er fand sie mitten im Zimmer stehend; der große, blonde Hans hielt Trudis Krauskopf mit beiden Händen fest und heftete Kuß um Kuß auf ihren gern gewährenden Mund, sodaß dem glücklichen Vater nichts übrig blieb, als die anmutige Gruppe zu segnen. Und dann gab's ein Erzählen und Lachen und Küssen – Vater Diedrichsen ging auch nicht ganz leer dabei aus! – und dann kehrten die Excellenz und Asta heim, heuchelten großes Erstaunen und hatten ihre aufrichtige Freude daran. Siebentes Kapitel. Ein Monolog des alten Muz. Was Bodo gute Neuigkeiten nennt. Fräulein Grigori vom Walhallatheater macht ihre Aufwartung. Eine alte Dame, die kein passender Umgang für junge Mädchen ist. Wie »Pflaumenschmeißer« aufs hohe Pferd kommt, und die Excellenz Gespenster sieht. »I, nun seh' mir einer die gescheite kleine Marjell an!« rief der Major aus, indem seine Augen immer wieder und wieder die wenigen Zeilen überflogen, die auf der goldgeränderten Karte gedruckt waren, welche ihm soeben Lautenschläger auf den Kaffeetisch gelegt hatte. »Die Verlobung ihrer jüngsten Tochter Gertrud mit Herrn Professor Doktor Hans Diedrichsen beehrt sich hierdurch ganz ergebenst anzuzeigen Mathilde, verw. Freifrau von Lersen geb. Freiin von Brock.« Und auf der andern Seite, angebogen, beehrte sich der Doktor Hans Diedrichsen, Professor der Zoologie an der Königl. Friedrich-Wilhelms-Umversität zu Berlin, der Sicherheit halber dasselbe noch einmal anzuzeigen. Und darunter stand mit Bleistift flüchtig hingekritzelt: »Vorläufig dies mit schönstem Gruß, Die Trudi folgt ihm auf dem Fuß!« »Das ist der erste vernünftige Einfall, den die Lersens feit Jahr und Tag gehabt haben,« brummte der Major halblaut vor sich hin. »Ich könnte fast der Trudi zuliebe mich erweichen lassen und der scharmanten, unvernünftigen Mama noch einmal aus der Klemme helfen.« Er zündete sich eine Cigarre an und paffte nachdenklich vor sich hin. »Aber nein!« sann er weiter. »Durch solche Nachgiebigkeit thäte ich ihnen am Ende doch einen recht zweifelhaften Gefallen. Diese Art Menschen muß vom Schicksal auf Kandare geritten werden; immer fest 'ran an den Zügel, und muß hin und wieder die Sporen gehörig in die Weichen gesetzt kriegen, sonst stecken sie den Kopf zwischen die Beine, wenn's einmal scharf bergunter geht, überschlagen sich dreimal und wundern sich noch, wenn sie mit zerbrochenem Genick unten liegen. Herr Gott, was war mein alter Lersen für ein großartiger Kerl auf dem Schlachtfelde, und selbst auf dem Exerzierplatz! Immer wußte er ganz genau, was er wollte, immer behielt er den kalten Kopf und das klare Gehirn, und. immer neue Ideen drin, die er doch nicht eher herausließ, bis sie ganz reif waren. Und dagegen diese Hilflosigkeit, dies lottrige, fahrige Wesen, wenn sich's um den elenden Quark des bürgerlichen Lebens handelte. Wie ein Stier ins rote Tuch rannte er mit offnem Portemonnaie auf alles los, was viel Geld kostete und ihn reizte. Und wenn man ihm dann seinen Leichtsinn vorhielt und ihn fragte: Mensch, wie willst du das bezahlen, wie willst du je aus dieser Patsche wieder herauskommen? dann lächelte er nur mit so einem wehmütigen Anflug und seufzte: Ja, freilich, so kann es nicht bleiben; es muß ganz entschieden anders werden! Aber wie, dafür ließ er einen Hund sorgen. Himmlischer Vater, wenn ich dran denke, wie er sich 'mal als Premierlieutenant auf der Auktion den authentischen Spieltisch des alten Blücher erstand, und nun ganz überzeugt war, es müsse fortan jede Tante seine Tante werden und ihm alle Schulden bezahlen! Ja, und wie Gott den Schaden besah, da nahm er sich freilich das Unheil, das er angerichtet hatte, arg zu Herzen, wurde in vierzehn Tagen grau vor Reue und Seelenangst und verschwur sich hoch und teuer. – Er will seinen Schwur halten, wenn es mir auch sauer ankommt. Frau Mathilde ist eine liebe Dame, kann ganz bescheiden und vernünftig sein; aber daß man unter Umständen auch das thun muß, was ,doch nicht geht' oder was man ,doch nicht kann', das begreift sie auch nicht. Mit frommem Augenaufschlag sich in ihr Schicksal ergeben, das können diese guten Leute allenfalls; der Anstand gebietet ihnen, nicht zu laut zu murren und zu jammern, aber den plumpen Gesellen, die schmutzige, gemeine Wirklichkeit ohne Handschuhe beim Schöpfe packen und mit ihr ringen, um sie zu überwinden, das .kann man doch nichts »O mein braver Jankee! Du hast mich alten Krippensetzer auch erst recht auf den Trab gebracht! Ins alte Eisen mit den heillosen Vorurteilen, unserm ganzen, steifleinenen Anstand, unserm Bildungshochmut, wenn das alles nur dazu dient, uns kriegsuntauglich für den Kampf des Lebens zu machen! Du hast ja das Handwerk gelernt! Du sollst mir helfen, sie umzuschmelzen und neu auszuhämmern. – Ehe nicht der Bodo seinen blauen Rock ausgezogen und die Excellenz dir dein Vermögen wieder eingehändigt hat, eher setze ich meinen Fuß nicht mehr über ihre Schwelle! »Die kleine Trudi darf mich auch nicht mehr hier finden! Vielleicht ist diese Verlobung schon eine Folge unsrer Kurmethode: aber das liebe Kind könnte mich vorzeitig weich machen und das darf nicht sein!« Als der Major durch solche Erwägungen sich in seiner beschworenen Grausamkeit wieder hinreichend bestärkt glaubte, warf er sich schleunigst in sein forsches, neues Frühlingsjackett aus gelb, grün und gräulich gemustertem Cheviot, ergriff den braunen, steifen Filz und das Bambusrohr mit dem Tulaknopf, und machte sich auf den Weg nach der Reitbahn in der Karlsstraße, woselbst er um diese Morgenstunde seinem jungen Freunde Rudolf Reitunterricht zu erteilen pflegte.– Kaum eine Stunde später kletterte Frau von Lersen mit Trudi die drei Treppen in der Zietenstraße hinauf und hörte mit Staunen und ängstlicher Betrübnis von Lautenschläger, daß sein Herr ausgegangen sei. »Wohl wieder mit Herrn von Eckardt?« erkundigte sich die Excellenz, nicht ohne einige Bitterkeit im Tone. »Wahrscheinlich ja, er läßt den Herrn jetzt reiten,« erklärte der rothaarige Bursche und fügte dann halb flüsternd hinzu: »Ach, gnädige Excellenz, feit der Herr Major die amerikanische Freundschaft haben, sind der Herr Major kaum wieder zu erkennen. Sie haben mich schon seit Wochen nicht mehr angeblasen – und sonst konnten der Herr Major doch so schön fluchen! Aber jetzt geht immer gleich das Gepolter mit den Stühlen los, daß sich die Leute im zweiten Stock schon beim Wirt beschwert haben. – Und wie ich einmal 'reinkommen thu' beim Herrn Major, da hauen sie mit den Bambussen nur immer so auf den Tisch und knurren wie so'n Paar Löwen vor sich hin: Alt Eisen, alt Eisen! Ach Gott, Hab' ich mir bloß »erschrocken über den Herrn Major!« Die Damen trösteten den guten Burschen mit einigen allgemeinen Redensarten und stiegen die drei Treppen wieder hinunter. »Er weicht uns offenbar aus!« sagte die Mama. »Meinst du, weil er Asta so böse ist, daß sie seinen Musterknaben nicht gleich genommen hat?« »Das muß wohl der Grund sein!« antwortete die Excellenz ausweichend. »Laß uns das Asta nicht sagen; es würde sie nur noch hartnäckiger machen.« Als die beiden Frauen um die Apostelkirche herumbogen, kam ihnen von der Genthinerstraße her Bodo entgegen. Er schien recht aufgeräumt zu sein, hatte wieder seine vergnügten blauen Augen wie sonst und überschüttete die junge Braut mit harmlosen Neckereien. Dann gab er seiner Mama den Arm, nachdem er erfahren, daß der alte Muz, den er gerade aufsuchen gewollt, nicht daheim sei und flüsterte ihr, rascher ausschreitend, damit die Schwester ihn nicht hören sollte, ins Ohr: »Gute Neuigkeiten, Mama! Vorgestern sind mir meine Wechsel präsentiert worden!« »Das nennst du eine gute Neuigkeit? Du hast sie doch nicht bezahlen können.« »Selbstredend, nein! Aber jetzt hat's auch keine so große Eile damit. Weißt du, wer die Dinger gekauft hat?« »Nein. Ich weiß nur, daß sie mir gestern auch präsentiert wurden.« »Dir auch, Mama? Haha! Das ist gut!« »Bodo, ich begreife nicht, wie du darüber lachen kannst! Ich war empört darüber, daß du auf diesen kompromittierenden Papieren meinen Namen als Notadresse angabst. Ich weiß nicht, wie du ein so über die Maßen leichtsinniges Verfahren entschuldigen willst.« »Ich mußte Geld haben, denn meine Offiziersehre war verpfändet. Und ohne diese Bemerkung hätte Beseler niemals einen Wechsel an den Mann gebracht. Aber du hast recht, Mama, es war eine große Feigheit von mir, daß ich dir nicht früher alles gebeichtet habe. Du kannst mir glauben, daß ich mir selbst die bittersten Vorwürfe gemacht habe, und daß ich mir die böse Erfahrung in Zukunft zur Lehre dienen lassen will. Für diesmal ist der gute, alte Muz noch einmal als deus ex maccina im richtigen Augenblicke eingesprungen.« »Der Major?« »Ja, hast du denn die Indossaments nicht gelesen?« »Was ist das? Ich habe die Papiere gleich zurückgegeben mit der Erklärung, daß ich außer stände sei, Zahlung zu leisten.« »Nun, auf der Rückseite stehen die Namen der verschiedenen Inhaber des Papieres verzeichnet, und der letzte Name auf allen vier Wechseln ist der unsers Majors. Verstehst du nun? Ist das nicht eine gute Neuigkeit? Ich war faktisch schon drauf und dran, meinen Abschied einzureichen – der alte Muz hat mir angst und bange gemacht. Das sieht unserm famosen, lieben, alten Muz so recht ähnlich: schimpfen muß er erst, daß man sich ins erste beste Mauseloch verkriechen möchte, aber nachher ist er's gerade, der einem wieder auf die Beine hilft! Ich sage dir, Mama, mir war das Heulen nahe vor Freude; ich glaube, ich wäre im stände, ihm einen Kuß zu geben – merkwürdigerweise ist er aber nie mehr zu Hause zu treffen, oder er läßt sich verleugnen, um sich meinem Danke zu entziehen! Wirklich ein zu brillanter Onkel! Habe natürlich eine ganz feudale Flasche Sekt springen lassen auf sein Wohl!« »Das macht mir wenig Zutrauen zu deinen guten Vorsätzen!« sagte die Excellenz mit einem Seufzer. Dennoch aber hatten sich auch ihre Mienen bei der Nachricht von der Handlungsweise ihres alten Freundes erhellt. Sie stiegen jetzt zusammen in die Pferdebahn, um nach Hause zu fahren. »Findest du's nicht auch auffallend, daß der alte Muz jetzt ausschließlich mit Herrn von Eckardt verkehrt?« fragte Trudi ihren Bruder. »So, wirklich, mit dem Pflaumenschmeißer?!« lachte der. »Pflaumenschmeißer? Was ist denn das wieder für ein gräßliches Wort?!« »Spitzname für den edlen Musterknaben aus Buffalo! Meine Erfindung! Deutsches Reichspatent Nr. 9999. Brillant, was?« Und er erzählte zur Erklärung seines patentierten Spitznamens, wie Rudolf sich zuerst um die Gunst der Grigori mit Hilfe der Zuckerpflaumen beworben. Trudi konnte ihre Lachlust nicht ganz unterdrücken, aber sie wurde doch gleich wieder ernst und warnte ihn, diese Geschichte oder den Spottnamen vor Asta laut werden zu lassen. »Wieso? Warum nicht? Asta hat sich doch nicht etwa verliebt in diesen schönen Republikaner?« »Das weiß ich nicht! Vorläufig hat sie seinen Antrag dankend abgelehnt!« »Donnerwetter!« rief der erstaunte Lieutenant ziemlich laut, »der Mensch ist ja von einer gletscherhaften Unverfrorenheit! Hat er ihr nicht auch erst ein Kistchen Pflaumen geschickt?« »Bei Fräulein Grigori scheint er ja mehr Glück gehabt zu haben,« fuhr Trudi fort. »Er begleitete sie ja vom Rennen nach Hause.« »Woher weißt du das?« »Wir haben sie vorbeifahren sehen oben in Westend, und dich auch, Bodo; du hattest das Tutrohr in der Hand und saßest sehr vornehm auf Prinz Führingens Coach. Wie kamst du da hinauf?« »Ich? O ganz einfach! Ich habe an dem Sonntage Führingens ›Messalina‹ geritten beim ersten Hürdenrennen. Ich sage dir, ein wahres Biest von einem Gaul; noch knüppelhart in den Gamaschen! Der Racker machte zweimal vor dem Wassergraben kehrt und sprang schließlich wie ein lahmer Floh. Kein Mensch wollte die Satansstute reiten; aber ich hatte an dem Tage so einen ausgesprochenen Moralischen, daß mir's effektiv Spaß gemacht hätte, den Hals zu brechen!« »Brüderchen! Du renommierst ja heute fürchterlich! Was sagte denn Prinz Führingen zu dir, als die Grigori mit Herrn von Eckardt bei euch vorbeifuhr?« »Na, Führingen war selbstredend wütend und ich nicht minder. Uns schickt sie vor der Hausthür nach Hause, und Pflaumenschmeißer geht bei ihr aus und ein wie bei seinem Spezi, dem alten Muz. Aber ich sage dir, wenn wir nur erst die Thür zu ihrem Boudoir gefunden haben, dann nehmen wir den Pflaumenschmeißer in die Mitte und zermalmen ihn sanft zu Mus!« »Und darauf hin hast du den Prinzen bereits erfolgreich angepumpt?« »O ahnungsvoller Engel, du! Woraus schließest du das?« »Woher sonst, nach dem Moralischen von neulich, heute diese sonnenhelle Miene?« »Schwesterchen, ich habe von jeher deinen Scharfblick bewundert, aber so etwas ...« »Bitte, bemühe dich das K schärfer zu sprechen!« »Danke; will's mir notieren, Frau Professorin.« In dieser munteren Weise hüpfte das Gespräch zwischen den beiden Lersens hin und her, bis man in der Stromstraße angelangt war. Die Excellenz hatte ihren Kindern stumm gegenübergesessen und sich ihren eignen Gedanken überlassen, so daß ihr auch von Bodos neuer Anleihe bei seinem durchlauchtigen Leidensgefährten nichts zu Ohren gedrungen war. Ein Glück für sie, denn es hätte ihr kummervolles Mißtrauen in Bodos gute Vorsätze nur verstärken können. Ihres Sohnes Anschauung von der Handlungsweise des Majors war ihr zunächst freilich auch als die richtige erschienen, eben weil diese Richtigkeit so wünschenswert war in ihrer gegenwärtigen, sorgenvollen Stimmung. Aber jemehr sie darüber nachsann, desto weniger schien ihr des alten Freundes ernste Mahnung, mit unerbittlicher Strenge gegen den Leichtsinn Bodos einzuschreiten, mit dieser so überschwenglichen Freundschaftsthat vereinbar. Sie wußte ja auch, daß seine Mittel nicht so reiche waren, als daß er ohne weiteres eine so große Summe hätte entbehren können. Eine Stimme in ihrem Innern sagte ihr, daß Bodo sich arg verrechnet haben könnte in den Absichten des Majors. Aber sie bemühte sich, diese Stimme zum Schweigen zu bringen, um sich die Freude über Trudis Verlobung nicht dadurch zerstören zu lassen. Es war unterwegs verabredet worden, daß sie Asta abholen und dann gemeinsam den geplanten Höflichkeitsbesuch bei der alten Fürstin Berleburg machen wollten. Und so saßen sie nach Verlauf eines kleinen Stündchens bereits wieder in der Droschke und fuhren nach der stillen Corneliusstraße im Tiergarten, wo die Fürstin eine reizende geräumige Villa besaß, in welcher ihr Neffe, der Prinz Führingen, ihr Gast zu sein pflegte, wenn er auf Wochen oder Monate von seinen Gütern in Hessen nach der Reichshauptstadt kam. Lersens fanden die Fürstin nicht allein. Der prinzliche Neffe war bei ihr und eine junge Dame von auffallend schöner Gestalt, mittelgroß, voll, und doch von zierlichem Ebenmaß. Die reiche Perlenstickerei ihres schwarzseidenen Kleides glitzerte so hell im Sonnenlicht, das auf ihren Rücken fiel, daß sie wie in einem blitzenden Stahlkettenpanzer geschnürt erschien. Auf dem matt glänzenden schwarzen Haar saß ein leichtes Kapottehütchen aus schwarzen Spitzen, gegen welche sich vorn ein kleiner Strauß bescheidener Maiglöckchen hübsch abhob und dessen Bänder seitlich zu einer großen Schleife gebunden waren, welche die rechte Wange zum Teil verdeckte. In den sein beschuhten Händen hielt sie, quer über ihre Kniee gelegt, einen rotseidenen Sonnenschirm mit langer japanischer Krücke. Es hätte der Vorstellung seitens der alten Fürstin gar nicht bedurft, denn sobald die Besucherin ihr Gesicht den Eintretenden zuwandte, erkannte Asta ihre alte Busenfreundin Adriane in ihr, und auch die Excellenz und Trudi, welche die Grigori nur aus der Photographie kannten, schlossen aus dem unwillkürlichen, betroffenen Zusammenfahren der beiden, daß sie es sein müsse. Auch der alten Dame war die Bewegung Adrianes nicht entgangen und sie fragte: »Die Herrschaften kennen sich bereits?« »Ich habe nicht das Vergnügen, Durchlaucht,« sagte die Grigori mit einer verneinenden Kopfbewegung. Und dann machte sie, als die Fürstin sie vorstellte, eine tadellose, respektvolle Verbeugung vor der Freifrau von Lersen, eine leichtere gegen die Baronessen und neigte gegen den Dragoner graziös den Kopf. Asta aber hatte einen raschen, leuchtenden Blick aus diesen südlich warmen Augen aufgefangen, welcher ihr zu sagen schien: Ich freue mich ungemein, dich hier zu sehen, Liebste; aber verrate nicht, daß du die Grigori von früher kennst! Bodo war ganz glückselig über den günstigen Zufall, der ihm endlich die persönliche Bekanntschaft der grausamen Schönen verschaffte, welche ihm schon so viele teure Bouquets gekostet und – nicht einmal dafür gedankt hatte. Als die Fürstin zum Sitzen einlud, trug er sich eiligst ein zierliches, vergoldetes Stühlchen mit ängstlich zarten Beinchen und hochrotem Seidenpolster herbei und nahm dicht neben der Angebeteten Platz. Er eröffnete das Gefecht nach bewährter Lieutenantstaktik mit einem Tirailleurfeuer von kleinen Schmeicheleien und dann, als das Gespräch der andern lauter und lebhafter wurde, dämpfte er seine Stimme und sagte: »Ich dürfte eigentlich voraussetzen, daß ich Ihnen nicht ganz fremd bin, mein gnädiges Fräulein.« »Allerdings. Es sind mir häufig sehr schöne Blumen zugeschickt worden, aus denen mir regelmäßig eine gewisse Visitenkarte entgegenfiel, die wie ein unartiger, kleiner Käfer unter den Blüten versteckt war.« »Der unartige, kleine Käfer bin ich, mein gnädiges Fräulein! Aber ich habe nie gewagt die Blüten zu benagen, ich habe mich immer nur von dem Tau der Hoffnung genährt.« Bodo war sehr stolz auf diese sinnige poetische Wendung. Fräulein Grigori lächelte, neigte den Kopf mit liebenswürdigem Augenaufschlag gegen den galanten, kleinen Dragoner und sagte: »Dieses Nahrungsmittel scheint Ihnen sehr gut zu bekommen, Herr von Lersen, wenigstens haben Sie recht gesunde Farben.« »Das ist nur äußerlich, meine Gnädigste; innerlich bin ich geradezu bleichsüchtig. O, wenn Sie in mein Herz blicken könnten, Grausame!« »Die schönen, jungen Offiziere haben alle einen großen Zettel vor ihrem Herzen hängen: »Chambres garnies à louer«,« spottete die Sängerin. »O – o, meine Gnädigste!« stotterte der Lieutenant, da ihm nicht gleich eine witzige Erwiderung auf diesen Stich einfiel. Die alte Fürstin hatte inzwischen Trudi über ihren Verlobten ausgeforscht und ihre Glückwünsche, mit allerlei kleinen Scherzen untermischt, vorgebracht. »Sie müssen mir Ihren Professor herbringen, liebe Kleine. Er ist doch hoffentlich hübsch – haben Sie kein Bild bei sich?« »Nein, Durchlaucht!« lachte Trudi. »Aber hübsch ist er wirklich – sogar mein böser Bruder weiß keinen schlimmeren Spitznamen für ihn, als ›Lohengrin‹.« – »Lohengrin? Scharmant, scharmant! Dies Genre fehlt gerade noch in meinem Salon,« rief die kleine, muntere Greisin und wiegte vor Vergnügen das leichte Körperchen auf dem elastischen Polster des seidenen Sofas. » Vous ne chantez pas Lohengrin, ma chère ?« wandte sie sich an Fräulein Grigori – und es kam Trudi vor als ob sie das Französische noch eine Quinte höher intonierte als das Deutsche. » Vous vous moquez de moi, Princesse ,« erwiderte die Angeredete lächelnd. » Avec ma voix de petite mésange !« »Sie sollten Fräulein Grigori einmal ungarische Lieder singen hören, mein gnädiges Fräulein!« wandte sich der Prinz Führingen an Asta. »Ja, oder auch serbische, rumänische – ich weiß überhaupt nicht, welche Sprache sie nicht spricht oder singt, unsre petite enchanteresse !« rief die Fürstin begeistert aus. »Was für eine Landsmännin sind Sie eigentlich – man wird gar nicht aus Ihnen klug!«' Adriane fühlte Astas Auge auf sich ruhen und errötete leicht, als sie der alten Dame antwortete: »Ich bin wahrscheinlich in irgend einer Höhle des Balkan zur Welt gekommen und vermute, daß mein Vater ein berühmter Räuberhauptmann gewesen ist. Meine Mutter soll eine ungarische Zigeunerin gewesen sein – ich habe keine Erinnerung mehr an sie, als ihre Wiegenlieder und eine Kette von goldnen Münzen, welche sie im Haar trug. Eine vornehme Wallachin erbarmte sich dann meiner, als ich verwaist war, und ließ mich mit ihren eignen Töchtern zugleich unterrichten. Als sie gestorben war, jagten mich die lieben Mädchen aus dem Hause, und ich mußte mir mein Brot selbst verdienen. Als Erzieherin kam ich weit in der Welt umher, bis mich in Paris er Musiklehrer meiner Herrschaft auf den Gedanken brachte, zur Bühne zu gehen. Das abhängige, an Kränkungen reiche Leben war mir verleidet. Ich folgte dem Rate des guten alten Herrn und bildete mich zur Sängerin aus. Aber meine kleine, unbedeutende Stimme verschloß mir die Thore der Opernhäuser – so kam ich zur Operette.« »Wie romantisch, wie entzückend!« jubelte die Fürstin in ihrer allerhöchsten Tonlage, »Pauvre enfant, Sie haben gewiß viel durchmachen müssen!« »Heiliger Bimbam, kann die lügen!« dachte der Dragonerlieutenant. Und dann ließ sich Fräulein Grigori auf vieles Bitten der Fürstin und ihres Neffen auch bereit finden, ein ungarisches Lied ohne Begleitung zum besten zu geben. Sie stellte sich in lässig anmutiger Haltung vor die schwere Portiere, welche in üppigem Faltenwurf die weite Thüröffnung zum Nebenzimmer verdeckte und sang mit samtweicher, klarer, aber doch gedämpfter Stimme eins jener unbegreiflichen ungarischen Lieder, die unsern Ohren weder Rhythmus noch eine bestimmte Melodie zu haben scheinen, und doch unendlich ergreifend sind, voll süßer Wehmut und leidenschaftlicher Sehnsucht. Bodo wähnte, daß ihre dunklen Augensterne unter den schweren Lidern (das einzig vollendet Schöne an diesem launenhaften, gänzlich unklassischen Gesicht) während des Gesanges nur ihm allein gestrahlt hätten, und baute die kühnsten Hoffnungen auf diese Wahrnehmung. In Wahrheit hatte ihr Blick nur auf Asta geruht, nur ihr das Lied gegolten, das sie so gut kannte, das einst in der Schweizerpension selbst die kühl zurückhaltende Norddeutsche zu Ausbrüchen leidenschaftlicher Zärtlichkeit hingerissen hatte. Auch heute noch bewährte das Zauberlied seine alte Kraft. Thronen wollten sich gewaltsam in Was Augen drängen, alle ihre Pulse flogen, ihr Busen hob und senkte sich in atemloser Hast vor Sehnsucht, die heißgeliebte Freundin wie in den alten, goldnen Tagen an sich drücken zu dürfen – aber sie bezwang sich dennoch und stimmte, als Adriane geendet, nur in die Redensarten der andern mit ein. Nein, sie durfte dieses Weib nicht mehr kennen, das allerdings viel, viel durchgemacht haben mochte – wenn auch andres, als es der guten Fürstin vorgelogen hatte! Bald darauf empfahl sich die Grigori. Die Fürstin bat sie noch, recht hübsche, lustige Sachen zum Vortrage bei ihrer nächsten Abendgesellschaft auszuwählen und reichte ihr dann die Hand zum Kusse. Ihr warmer Lebewohlblick wurde von Asta nur durch ein leichtes höfliches Kopfnicken beantwortet. Prinz Führingen bot ihr den Arm und geleitete sie hinaus. Auf der Treppe sagte sie: »A propos, Prinz – ich habe eine Neuigkeit für Sie, die Sie vielleicht freuen wird. Sie sollen bei mir nicht mehr verriegelte Thüren finden. Ich habe mich entschlossen, mit nächstem Samstag meine Salons zu eröffnen, da ich inzwischen einen Hofmarschall gefunden habe, der die Honneurs des Hauses machen wird. Mein ganzer Hof ist feierlich geladen! Sie können auch den klemm himmelblauen Offizier da oben mitbringen. Er ist einer meiner treuesten Anbeter!« Lachend stieg sie in den Wagen und fuhr davon. »Nun, was sagen Sie? Ist sie nicht reizend, ist sie nicht hinreißend, diese kleine Zigeunerin?« lief die Fürstin aus, sobald sich die Thür hinter der Diva geschlossen hatte. Die Damen gaben ihr höflich, Bodo begeistert recht, und dann fuhr die Fürstin fort: »Ich weiß sehr wohl, man findet es in der Gesellschaft einigermaßen shooking, daß ich eine Operettensängerin bei mir sehe; aber sagen Sie selbst, liebe Frau von Lersen, ist sie nicht eine Dame – ganz comme il faut?« »In der That, sie hat tadellose Manieren!« »Ich glaube natürlich kein Wort von Wer pikanten Räubergeschichte,« lachte die Berleburgenn. »Ich bin fest überzeugt, daß sie von Familie ist – vielleicht ein unglückliches Abenteuer – mein Gott! Das kommt an der Spree so gut vor, wie an der Donau. Mein Neffe ist bis über die Ohren verliebt in sie, und sie läßt ihn erbarmungslos schmachten – ja, ihre Haltung ist wirklich tadellos! Nun, Sie werden sie ja am Mittwoch bei mir sehen und hören. ...« »Verzeihen Sie, Durchlaucht, wir sind leider gezwungen, Ihre liebenswürdige Einladung abzulehnen. Meine Gesundheit gestattet mir nicht, meine Abende in großer Gesellschaft zuzubringen, und außerdem: die junge Braut im Hause, die Arbeit mit der Ausstattung ...« »Aber so bringen Sie doch Ihren Professor mit, liebe Kleine,« beharrte die Fürstin. »Ich wäre ganz untröstlich, Sie entbehren zu müssen. Ich bin zu glücklich, wenn ich hübsche junge Menschen um mich sehe! Ich weiß, es ist eine Sünde, aber ich kann für garstige Leute kaum das Notdürftigste an Liebenswürdigkeit erübrigen. Ich weiß ganz gut, daß ich selbst nie hübsch gewesen bin, aber darum habe ich mich auch als junges Mädchen selber nicht ausstehen können und fand es geradezu bewunderungswürdig von meinem lieben Cousin, dem Fürsten, daß er mich so ohne Murren geheiratet hat. Jetzt bin ich eine alte Frau, da verkriecht man sich in feine Spitzenhaube wie ein Engelein in die Lämmerwölkchen und schaut die Komödie aus der Vogelperspektive an. Ich kann Ihnen nur raten, liebe Baronin, werden Sie achtzig Jahre alt; es ist das vergnügteste Alter, wenn man nur noch mobile Beine und ein scharfes Lorgnon hat. Es ist nur ein Glück, daß ich kein Mann geworden bin, ich wäre ein Vaurien und Hagestolz mein lebenlang geblieben ... Ssst, verraten Sie mich nicht – sonst bringe ich mich vollends um den Respekt bei meinem Neffen!« Prinz Fühlingen trat wieder ein und ward von seiner Tante zu Hilfe gerufen, um die Lersens zum Widerruf ihrer Absage zu bewegen. Aber er war noch zu erfüllt von den Hoffnungen, welche die letzten Worte der Grigori in ihm erweckt hatten, als daß er mit besondrem Geist und Eifer dieser Aufgabe nachgekommen wäre. Die Damen trugen noch allerlei unklare Gründe zusammen und beharrten auf ihrer Absage, nur Bodo nahm für sich an. – Asta seufzte tief auf, als sie auf die Straße traten. Trudi sah sie an und ahnte, was in ihr vorgehen mochte, Sie schob ihren Arm unter den ihrer Schwester und drückte ihn an sich. Bodo führte seine Mama – sie wollten eine Strecke durch den Tiergarten zu Fuß gehen. »Diese vergnügte Berleourg-Dromst-Fühlingen ist wirklich die schneidigste alte Dame im ganzen Reichshauptstädtchen,« sagte der Lieutenant. »Aber eigentlich kein Umgang für junge Mädchen, was Mama?« »Wie meinst du?« Die Excellenz hatte gar nicht hingehört. Sie trieb ihren Sohn zu etwas schnellerem Schritte an und fragte ihn dann leise, wie er denn nun den Major zu befriedigen gedenke. »O, der wird schon mit sich reden lassen,« versetzte Bodo leichthin, und trällerte aus der »weißen Dame«: »Ich laß mir's nach und nach von meiner Gag' abziehn.« Da zuckte die Mutter plötzlich zusammen, wie wenn eine giftige Schlange sich vor ihren Füßen zischend emporgereckt hätte. Ihre Kniee wankten und sie mußte sich einen Augenblick fest an den Arm des Sohnes klammern, um nicht zu Boden zu sinken. »Mama, was ist dir?« »O nichts – ich stieß mit dem Fuß an einen Stein – es ist schon wieder gut. Komm nur weiter,« sagte die Excellenz, sich gewaltsam aufraffend. Aber sie war noch bleich vor Schreck und der Arm zitterte, an dem sie ihr Sohn führte. Sie hatte am hellen Mittag ein Gespenst gesehen, eins Stimme aus dem Grabe gehört – eine laut mahnende Stimme, die ihr mit furchtbarem Ernst zurief: »Der Augenblick ist da, jetzt rede und rette deinen Sohn!« Aber die schwache Frau fand auch jetzt nicht das rechte, das grausame aber vielleicht einzig heilsame Wort, sondern sie brachte es nur zu bekümmerten Ermahnungen und allgemeinen Warnungen, welche Bodo geduldig anhörte und respektvoll – zu den übrigen legte. Sie hatten die Schwestern vorausgehen lassen, da die Mutter nach dem gehabten Schreck nicht mehr so rasch auszuschreiten vermochte. Nun sahen sie, wie die Mädchen vor einem die Allee kreuzenden Reitweg Halt machten, um einen Reiter an sich vorbeizulassen. »Alle Wetter, das ist ja Pflaumenschmeißer – hoch zu Roß!« rief Bodo unwillkürlich ziemlich laut und machte ein paar schnellere Schritte, um dem Reiter nachzublicken: »Der Sitz ist nicht übel. Er scheint ja den Mietsschinder höllisch 'ran zu nehmen. Hat er euch nicht gegrüßt?« »Nein – er sah uns groß an und dann setzte er sich in Galopp – und vorbei,« antwortete Trudi. »Flegel!« Asta warf ihrem Bruder einen mißmutigen Blick zu wegen dieser groben Meinungsäußerung und sagte hochmütig: »Wenn uns an einem Gruße dieses Herrn etwas gelegen wäre, so hätten wir zuerst grüßen müssen, das ist amerikanische Sitte.« »Ach was, er ist lange genug hier, um sich auf deutsch anständig zu benehmen,« eiferte Bodo. »Yankee doodle came to town riding on a pony,« sang Trudi, um die Sache ins harmlos Komische zu ziehen. Aber freilich ohne jeden Erfolg »Ich werde vielleicht noch Gelegenheit finden, diesem Burschen Manieren beizubringen,« prahlte Bodo. »Aber noch etwas energischer, wie der alte Muz das Reiten!« Da legte die Excellenz ihre Hand auf Bodos Schulter und sagte mit bebender Stimme: »Ich flehe dich an, tritt Herrn von Eckardt nicht zu nahe. Vermeide jede Gelegenheit, mit ihm Streit anzufangen – du weißt nicht ...« Die beiden Töchter, sowie Bodo blickten erstaunt und besorgt die Mutter an. So bleich und elend hatte sie noch nie ausgesehen! Sie vermochte ja kaum zu reden vor Schwäche! »Komm, setzen wir uns hier auf die Bank, Mama,« bat Trudi besorgt. »Bodo sucht uns eine Droschke zu verschaffen.« Achtes Kapitel. Der Roman der Grigori. »Das nennen Sie spazieren reiten?« hatte der Pferdevermieter in der Karlstraße entrüstet ausgerufen, als unser Freund Pflaumenschmeißer ihm seinen Braunen wieder nach Hause brachte. »Stuteken, wie haben se dir zujericht'!« Und dabei streichelte er dem armen Tiere über die zitternden Nüstern, die immer noch schnauften wie eine Lokomotive unter Volldampf. Zwei Eisen hatte die gute Stute auf dem Pflaster verloren und naß war sie »zum Auswringen«, wie der Stallknecht mit einem vorwurfsvollen Blick auf Rudolf sich ausdrückte. Der Amerikaner zuckte ungeduldig die Achseln, zahlte den verlangten hohen Mietspreis und gab dem Stallknecht noch ein gutes Trinkgeld. Er war selbst »zum auswringen« von dem tollen Ritt, sein Blut hämmerte gegen die Schläfen und vor seinen Augen tanzten bunte Kreise. Fast taumelnd eilte er seiner nahen Wohnung zu und warf sich erschöpft auf das Sofa. » Fool. fool! You aught to be ashamed of yourself! « knirschte er zwischen den geschlossenen Zähnen hervor und schlug sich mit beiden Fäusten vor die Stirn. Freilich hatte er Ursache sich zu schämen; denn er war seit kaum vierzehn Tagen Reiter und hatte doch sein Pferd in der Gewalt behalten, während sein Herz, sein streng gewöhntes, folgsames Herz ganz schnöde mit ihm durchgegangen war, als er seine stolze Angebetete dort im Tiergarten wiedergesehen hatte. Allerdings hatte er erwartet, daß sie ihn zuerst grüßen müsse, wenn sie ihm hätte zeigen wollen, daß sie ohne Groll seiner gedenke. Der Gegensatz der deutschen und amerikanischen Sitte fiel ihm in seiner Erregung nicht bei. Er war also jetzt Luft für diese hochmütige Freiin von Habenichts aus Moabit. Seit er, der technische Direktor von Jefferson and Jenkins, Gas-, Wasser- und Kanalisationsanlagen, Buffalo, es gewagt hatte, dies gnädige Händchen Nr. 6¼ für sich zu begehren, war kein Rudolf von Eckardt mehr auf der Welt für die schöne Tochter der Excellenz! Ja, er knirschte vor Grimm und begriff sich doch selbst nicht. Auch sie war ja für ihn abgethan. Er hatte sie ja samt ihrer ganzen Sippschaft unter das alte Eisen geworfen und sein ehrliches Herz, noch dampfend von der ersten Leidenschaft, einer zweiten zu Füßen gelegt, einer zweiten, vielleicht ebenso Schönen und Stolzen, die noch dazu unter Dutzenden zu wählen, und seines allein mit warmem Danke entgegen genommen hatte. Zwar war Bianka Grigori, die Operettensängerin, nicht die deutsche Frau, die er zu suchen gekommen war, die ihm als helle Leuchte, als warme Herd- und Herzensflamme erst eine wahre Heimat da drüben über dem Ozean schaffen sollte; aber sie war doch ein hinreißendes Weib, ein Weib, dessen Leidenschaft für sich zu erwecken wohl ein stolzer Triumph heißen konnte für den ehemaligen Schlossergesellen, welcher der Beachtung einer Excellenzentochter so unwert war! Und Rudolf wollte dieses Weib lieben aus Trotz, er, wollte von ihr geliebt werden, um zu wissen, daß er liebenswürdig sei, auch im Sinne dieser eitlen, hochmütigen Baronessen der Alten Welt. Er wollte zeigen, daß der Schlossergeselle den Edelmann nicht umgebracht habe, daß ganz lächerlich wenig Anstrengung und Talent dazu gehöre, um sich vom werkthätigen Buffalonier zum eleganten Faulenzer nach der neuesten Mode von Berlin 1886 umzuformen. Wahrhaftig, dazu bedurfte es keines Umschmelzens im Hochofen der Freiheit, keines Schmiedens in der Weißglut unerbittlicher Not, wie es ihm erforderlich schien, um aus dem alten Eisen gesellschaftlicher Vorurteile, künstlich angerosteter Geistes- und Seelenkräfte blanke, stählerne Triebstangen und Räder zu formen, wie die sausende, gewaltige Maschine der neuen Kultur deren so viele verbraucht. Rudolf hatte einfach Reit-, Tanz- und Fechtunterricht genommen, den besten Schneider der Residenz ausfindig gemacht, die neuesten Theaterstücke gesehen, die neuesten Bücher gelesen, zur Uebung sich befleißigt, jedes Dienstmädchen mit »gnädiges Fräulein« anzureden, unter keiner Bedingung mehr die Hände geschüttelt ... er war im besten Zuge, ein vollendeter, beliebiger Herr von Eckardt zu werden, den sicherlich jeder Offizier nach einiger Zeit gefragt hätte: »Bei welchem Re'ment haben Sie gestanden, Herr von Eckardt?« Daß ihn diese erste Begegnung mit Asta heute so aufgeregt hatte! Er verachtete sie ja doch – nicht wahr? Aber das sollte schon anders werden, und zwar sehr bald. Er wollte sich ihr überall in den Weg drängen, überall sollte man ihn ihr rühmen als den vollendetsten Kavalier von Berlin, als den Liebling der vornehmen jungen Mädchen, den gefürchtetsten Feind aller heiratsfähigen Assessoren und Lieutenants, den vielbeneideten Auserkorenen der schönen Grigori, den nobelsten Verschwender und imposantesten Faulenzer. Es kümmerte ihn nicht, daß er über diesem närrischen Beginnen seine einträgliche Stellung bei Jefferson and Jenkins verlieren konnte, daß er sein sauer verdientes Geld nutzlos zum Fenster hinauswarf. Er wollte nur der Baronesse Asta beweisen, daß es für ihn ein Kinderspiel sei, das alles sich anzueignen, dessen Mangel nach seiner Meinung der eigentliche Grund ihrer Abweisung gewesen war. Er wollte erleben, daß sie bereute, daß sie sich ärgerte – und dann wollte er zurückkehren, vielleicht ohne einen Cent in der Tasche und drüben in harter, herrlicher Arbeit seiner eignen Narrheit und der ganzen Alten Welt herzlich lachen. – Nachdem er etwa eine halbe Stunde geruht hatte, zog er sich vom Kopf bis zu den Füßen um und betrat bald darauf, mit tadelloser Eleganz und bestem Geschmack gekleidet, die Straße. Er bestieg eine Droschke erster Klasse und ließ sich nach der Besselstraße fahren, wo Fräulein Bianka Grigori eine kleine, möblierte Wohnung von drei Zimmern innehatte. Die Zofe empfing ihn wie einen alten Bekannten, denn er pflegte fast täglich um diese Zeit vorzusprechen. Sie zog sich auch sofort zurück, ohne ihn ihrem Fräulein erst anzumelden, da sie wußte, daß Herr von Eckardt immer willkommen war. Er klopfte zweimal an, ohne ein Herein zu vernehmen und trat dann ohne weiteres ein. Bianka war nicht im Wohnzimmer. Er rief ihren Namen und hörte sie aus dem anstoßenden Schlafzimmer antworten: »Sind Sie's, lieber Freund? Einen Augenblick Geduld. Cigaretten finden Sie auf dem Vertiko.« Ordnungsliebe war nicht die hervorragendste Tugend der Sängerin. Heute sah es sogar noch ärger aus, als gewöhnlich. Wahrscheinlich war heute die Schneiderin zur Anprobe der Kostüme für die neue Rolle dagewesen, denn auf der Chaiselongue, teilweise auch auf dem Boden, lagen zahlreiche Kleidungsstücke nachlässig verstreut umher. Rudolf vertrieb sich die Zeit damit, den bunten Kram von kurzen Röckchen, Miedern, seidenen Strümpfen, Stück für Stück aufzuheben, ernsthaft zu betrachten und dann fein säuberlich über einige Stühle zu legen. In der Mitte des ziemlich großen Zimmers, mit der Klaviatur dem offnen Balkonfenster zugekehrt, stand ein schöner Stutzflügel, das einzige Stück der Einrichtung, welches der Grigori zu eigen gehörte. Leider zeigte die dunkle Politur auch schon einige stumpfe Flecke, denn dem Fräulein kam es gar nicht darauf an, die Kaffeemaschine mit dem Spiritusbrenner zur Abwechslung auch einmal auf den Deckel des Flügels zu stellen. Noten lagen stoßweise darauf, einzelne Blätter waren beim letzten Durchstöbern derselben aus den Umschlägen herausgefallen und noch nicht vom Boden aufgehoben worden. Auf einem der verschiebbaren Bretter für die Lichter stand eine Aschenschale aus Metall in Form eines strampelnden Teufels mit ausgebreiteten Fledermausflügeln. Etwas Cigarettenasche war noch auf dem Elfenbein der Tasten liegen geblieben; Rudolf schlug sie sorgsam mit dem Zipfel seines Taschentuches ab. An den Wänden hingen zwischen und über abscheulichen Oeldrucklandschaften vertrocknete Lorbeerkränze mit bedruckten und bestickten Schleifen in allen möglichen Farben. Korbgestelle in Form von Füllhörnern, Schubkarren, Leiern und dergleichen, die Gerippe längst verwelkter, köstlicher Blumengaben lagen verstaubt, lose übereinander getürmt zwischen Spiegelschrank und Ofen. Ein geschweifter Damenschreibtisch, mit allerlei zierlichen Ueberflüssigkeiten überladen, sowie die übliche Staatsgarnitur, Sofa, ovaler Tisch und zwei Lehnsessel in bereits etwas fadenscheinigen, roten Plüschbezügen vervollständigten die Einrichtung. Massenhafte Photogramme von Kollegen und Kolleginnen, auch von Fräulein Grigori selbst, lagen auf der Tischdecke umher und füllten außerdem eine flache Metallschale fast vollständig aus. Zahlreiche Visitenkarten, meist durch Nadellöcher erkennen lassend, daß sie einst an Schleifen und Papiermanschetten befestigt gewesen waren, trieben sich zwischen den Bildern herum. Rudolf machte sich das Vergnügen, aus dem Inhalt der Schale sämtliche Karten zusammenzusuchen, welche den Namen »Bodo Freiherr von Lersen« trugen. Es war ein Päckchen von dreizehn Stück, größtes Format mit Goldschnitt. »Wenn der arme Junge wüßte, wer seine dreizehn Bouquets bezahlt hat,« dachte er und lachte leise vor sich hin. Da that sich die Thür des Schlafzimmers auf und herein trat – ein allerliebster, kleiner Offizier eines fabelhaften Regiments, eines fabelhaften Jahrhunderts. Zierliche, gelbe Reiterstiefeln, violette Trikots, kurze, gepuffte Hosen von braunem Sammet, eine ebensolche Jacke, ein üppiges, weißes Spitzenjabot, ein kecker Federhut, und, an einem breiten Bandelier baumelnd, ein mörderischer Degen. »Guten Tag, lieber Freund, wie gefalle ich Ihnen so?« sagte der kleine Offizier, militärisch grüßend. Und dann tänzelte er im Zimmer herum und sang dazu: » En avant Briquet – tralla lallala!« »Geben Sie einmal acht auf meinen Gang! Ich will mich an das Kostüm gewöhnen und mir den männlichen Schritt einüben.« Und mit krummen Knieen, wie alle Frauen, marschierte die Grigori vor dem erstaunten Amerikaner auf und ab. Plötzlich aber ließ sich dieser auf die Chaiselongue fallen und lachte aus vollem Halse: » O goodness gracious me! Schon wieder dies blödsinnige Operetten-Humbug! Sie stellen natürlich ein verliebtes Mädchen vor, das sich verkleidet, um zu seinem Liebhaber zu kommen, und werden in diesem reizend offenherzigen Kostüm von allen möglichen alten und jungen Herren wirklich für einen Mann gehalten – nicht wahr?« »Ganz gewiß; und um die Täuschung vollständig zu machen, singt dieser junge Offizier auch noch Sopran.« Sie setzte sich an den Flügel, schlug einige Accorde an und ließ einen langen, hohen Triller erschallen. Dann brach sie plötzlich ab, stützte das ganze Gewicht ihres Oberkörpers mit verschränkten Armen gegen die Klaviatur, daß es einen tollen Mißklang gab und sagte ernsthaft, zornig erregt: »Sie haben ganz recht, Freund! Es ist eine Schande, daß man im Dienste dieses Unsinns auch nur einen Finger rührt! Künstlerin? Lächerlich! Ich bin nichts Bessres als die Riesendame, die sich auf den Jahrmärkten sehen läßt! O – wer mir das einst prophezeit hätte, daß ich noch einmal vor einem ganzen Parterre von Libertins und Cocotten meine Beine zeigen und dazu grimassieren würde, wie eine Cafe-Chanteuse!« »Das thun Sie aber gar nicht, gnädiges Fräulein,« beeilte sich Rudolf zu trösten, indem er hinter sie trat Und ihr eine Hand auf die Schulter legte: »Das ist es ja eben, was Ihren Ruhm hier in Berlin gemacht hat, daß Sie nichts von dieser Chansonettenmanier an sich haben.« »So ist es brav, mein Freund,« sagte Bianka mit einem dankbaren Blick, indem sie sich erhob und ihren dunklen Kopf an seine Brust lehnte. »Sagen Sie mir, schwören Sie mir, daß Sie sich nicht nur in meine Waden verliebt haben – Sie sind übrigens falsch, lieber Freund! – sagen Sie, daß Sie mit Ihrem Scharfblick etwas andres hinter meiner Maske zu entdecken glaubten, sagen Sie mir einige dumme Phrasen: Ich sei Ihnen ein schönes Rätsel oder ... irgend so etwas Gutes. Lügen Sie, schwören sie falsch; aber sehen Sie mich mit Ihren ehrlichen Augen dabei an, und ich will es glauben; denn ich bin sehr betrübt und will getröstet sein.« Er löste ihr den Federhut vom Kopfe, streichelte ihr schwarzes Haar und that ihr den Gefallen, sie mit schmeichelnden Redensarten zu trösten. Er that es gern, denn ihr Wesen rührte ihn – und außerdem war es eine gute Uebung in der Civlisation für ihn. »Ich habe Kopfschmerzen, lieber Freund, meine garstige Neuralgie. Thun Sie mir etwas Eau de Cologne auf die Stirn und pusten Sie dann so – ja? Seien Sie so gut!« Sie warf den Degen zu dem Federhut auf das Klavier, streckte sich dann auf die Chaiselongue aus und schloß die Augen. Rudolf holte gehorsam den Zerstäuber herbei, strich sorgsam mit einer Hand die gebrannten Löckchen von ihrer Stirn zurück und besprengte sie mit dem duftenden Wasser von Gegenüber dem Jülichsplatz. Dann beugte er sich über sie und pustete leise darüber hin. Er hatte jetzt Muße, dies Gesicht ganz aus der Nähe zu studieren. Mit geschlossenen Augen sei es eigentlich nicht schön – sagte er sich. Die Backenknochen waren allzu vorspringend, der Mund zu groß, die Nase nicht schmal und lang genug und die Augen etwas weit auseinanderliegend. Und ohne daß er es wußte und wollte, zauberte seine erregte Einbildungskraft ein andres Frauenantlitz an diese Stelle, das keinen von all diesen Mängeln aufwies, das in ebenmäßiger, tadelloser Zartheit und Schönheit ihm einst gelächelt hatte und ihn seither Tag und Nacht mit dem Zauber schmerzlichen Erinnerns gefangen hielt. Ja, er sah Asta von Lersens stolzes Haupt hier vor sich, nur eine Spanne weit von seinen durstenden Lippen, in das weiche Kissen gebettet – und er beugte sich tiefer herab. Da legten sich zwei weiche Arme um seinen Hals, heiße, volle Lippen suchten die seinigen und hefteten sich zu langem Kusse darauf. Er fühlte es an dem raschen Schlagen ihres Herzens, daß sie glücklich war in seiner Umarmung, und er schämte sich, daß er sie betrog – und preßte sie wilder an sich, um sich selbst zu belügen, um zu vergessen, daß es nicht dieser schöne Leib war, den seine Seele liebkoste. Sie drückte ihn sanft von sich und sah ihm mit wehmütigem Lächeln ins Auge. »O, mein Freund, wenn du mich so liebst, warum sagst du mir es nicht?« fragte sie mit ihrer weichen Stimme, der eigentümlich schmeichelnden, fremdartigen Betonung. Ach, ihre Augen waren wunderschön! Sie schienen Rudolf so wissend, so strafend und doch verzeihend anzuleuchten. Er ließ sich vor ihrem Lager auf die Kniee gleiten und stammelte: »Mein gnädiges Fräulein – ich weiß nicht – wie ich es verdiene ... ich ...« Und sie streichelte ihm die roten Wangen und lachte: »Närrischer Mensch, wenn dir ein Mädchen einen so schönen Kuß gegeben hat, dann sagst du nicht mehr ›gnädiges Fräulein‹ zu ihm! Und nun nehmen Sie sich einen Stuhl und hören Sie mir zu, Herr von Eckardt, ich will Ihnen erzählen. Stecken Sie sich eine Cigarre an und geben Sie mir die Papyros – die Geschichte wird lang.« Er brachte die Cigaretten und zündete sich selbst eine seiner eignen Cigarren an. Und Bianka Grigori rauchte, stützte den Kopf auf den linken Ellenbogen und sprach: »Wenn Sie wissen wollen, warum ich gerade Sie einer Gunst gewürdigt, deren sich bisher noch keiner meiner Verehrer zu rühmen hatte, so muß ich Ihnen meine wahre Geschichte erzählen. Sie sind ein Mann, der nicht aussieht, als ob er Geheimnisse in der Stadt herumtrüge. Was ich Ihnen erzählen will, muß unser Geheimnis bleiben, lieber Freund; versprechen Sie mir das?« »Ich verspreche es.« »Gut. Ich heiße eigentlich Adriane Grigorescu. Meine Mutter war eine sehr vornehme ungarische Gräfin, mein Vater entstammte einer der ältesten Familien Rumäniens. Er zeichnete sich schon frühe im Staatsdienst aus und schien eine große politische Zukunft zu haben. Entgegengesetzte Parteieinflüsse drängten ihn aus seiner Stellung und er ging nach Serbien, wo er bald zu hohem Ansehen gelangte und endlich gar erster Minister wurde. Meine Mutter starb kurz bevor der Vater sein Portefeuille erhielt. Ich war die einzige Tochter, sehr verwöhnt und verzogen, Erbin eines ansehnlichen Vermögens. In einer der exklusivsten Schweizer Pensionen sollte ich mir das Ganze der modernen Bildung aneignen. Außer den zahlreichen Sprachen habe ich nicht viel dort gelernt, denn ich war faul und sehr eingebildet. Ich war immer sehr selbständig gewesen, hatte mir von Kind auf über alle Dinge meine eignen Gedanken gemacht, verachtete vieles von dem nach Gebühr, was jungen Mädchen sonst als etwas Kostbares im Kopfe steckt – ich verehrte nur meinen Vater, obwohl er sich nur wenig und dann immer etwas von oben herab mit mir beschäftigte, und die Musik. Ich war sehr ehrgeizig, ich wollte einst eine große Rolle spielen in der Gesellschaft; meine vornehme Herkunft, mein Talent, mein besondres Wesen, das ich wohl der eigentümlichen Mischung des Blutes verdankte – Sie sehen, ich war niemals naiv: ich beobachtete mich selbst durch ein scharfes Glas und rechnete mit dem, was ich in mir Besondres entdeckte! – Alles sollte mir helfen, mich über das gewöhnliche Frauenmittelmaß hinauszuheben. An euch Männer dachte ich nie anders, als an meine Puppen, mit denen ich spielen und die ich dann in die Ecke werfen wollte, wenn sie mich nicht mehr amüsierten. – Alles, was mein Herz an Zärtlichkeit tief in sich verschloß, gab ich einem Mädchen hin, einer Mitschülerin, in meinem Alter. Sie war eine preußische Offizierstochter, schön aber kühl und hart, wie diese abscheulichen, norddeutschen Weine, die man erst auf Eis legen muß, wenn sie die Zunge betrügen sollen! Sie war die beste Schülerin, ein ausgezeichneter Lernkopf, ich in vielen Fächern die schlechteste; und dennoch zogen wir uns von Anfang an gegenseitig an, obwohl wir uns noch mißtrauisch beobachteten und zurückhielten. Eines Tages aber fanden wir uns – ich weiß es noch wie heute: eine hübsche, aristokratische Engländerin, eine dumme Gans mit blondem Haar und sehr großen, weißen Schneidezähnen, lief mit unserm Zeichenlehrer, einem langhaarigen deutschen Esel, davon. Der Skandal regte natürlich die ganze Pension furchtbar auf – wir beide, die Norddeutsche und ich, wechselten auch ein paar Worte darüber. Dabei kam die Uebereinstimmung unsrer Anschauungen heraus – und von dem Tage an schlossen wir einander fest ins Herz und blieben unzertrennlich wie junge Eheleute. Aber verzeihen Sie, was geht Sie diese Mädchenfreundschaft an. Ich wollte ja etwas ganz andres erzählen. Bitte geben Sie mir noch etwas Feuer – danke! Und jetzt drehen Sie mir den Rücken zu, ich kann Ihr Gesicht nicht sehen bei dem, was ich Ihnen jetzt vertrauen will.« Sie that noch einen Zug an ihrer Cigarette, ließ langsam den Rauch aus dem wenig geöffneten Munde hervorquellen und dann warf sie das Papierröllchen in den Aschbecher. Ein Zittern durchlief ihren schlanken Körper, sie legte die Hände vor das Gesicht, wie wenn sie sich dadurch noch mehr verbergen könnte vor dem abgewandt Lauschenden. Und dann begann sie wieder: »Ehe ich noch die Schule ganz durchgemacht hatte, rief mich ein Brief meines Vaters nach Hause. Eine äußerst glänzende Heirat stehe für mich in Aussicht. Ich kam voller Erwartung an, denn ich war natürlich höchst begierig, meinen ersten Freier kennen zu lernen, der sich wahrscheinlich durchaus romantisch in mein Bild verliebt hatte. Mein Vater gefiel mir gar nicht. Er war in einer beständigen nervösen Aufregung, bald unnatürlich lustig, bald seltsam in sich gekehrt, wie geistesabwesend. Er erklärte mir seinen Zustand mit politischen Aufregungen und äußerte die Absicht, bald seine Entlassung aus dem Staatsdienste nachzusuchen. Er gab ein glänzendes Fest nach dem andern mir zu Ehren – aber wenn ich ihn fragte, wer denn nun von all den vornehmen Gästen mein Bewerber sei, lachte er nur und sagte, ich solle nur raten und mich gedulden. Der Fürst war ihm wohl gewogen und erschien öfters bei unsern Festen. Bald aber fiel es mir auf, daß aus dem Kreise der höheren Beamten und der angesehensten Familien die Absagen sich immer mehrten. Ich ahnte etwas Schreckliches; ich spürte meinem Vater nach auf Tritt und Schritt – und bemerkte, daß ein junger Mann, der Sohn eines Wiener Finanzbarons ersten Ranges, öfters und zwar außerhalb seiner Dienststunden zu ihm kam, und daß er sich nach diesen Besuchen meist lange einschloß und später in ganz besonders gedrückter Stimmung zu sein pflegte. Und dann kam der Tag, an welchem er mir eröffnete, daß jener junge Orientale sich um meine Hand bewerbe, und daß ich sie annehmen müsse, wenn ich ihn nicht zu Grunde richten wollte. Er habe durch eine unglückliche Börsenspekulation fast sein ganzes Vermögen verloren – wenn ich jenen Menschen nicht heirate, sei er ruiniert. – Ich war empört, meiner selbst nicht mächtig, ich sagte meinem Vater ... o, lassen wir's. Er bat, drohte, er sperrte mich ein – es gelang mir zu entfliehen und mich bei einer befreundeten Familie auf dem Lande zu verbergen. Und da – nach acht Tagen brachte uns die Zeitung die Nachricht ins Haus, daß die Kammer in einer stürmischen Sitzung den Minister ins Angesicht beschuldigt hatte, daß er – Bestechungen angenommen, die Interessen des Landes schwer geschädigt habe. Er wurde in Haft genommen – für schuldig befunden, sein Vermögen mit Beschlag belegt und... und er entzog sich der entehrenden Strafe durch einen Pistolenschuß. Ich war Waise, mittellos, gewaltsam losgerissen von Vaterland, Rang und Gesellschaft, mein Herz wie erstarrt. Man verschaffte mir eine Stelle als Reisebegleiterin bei einer aristokratischen, englischen Familie. Ich sah die halbe Welt, ich lernte Menschen kennen – sehr genau kennen, von allen Seiten! O mein Freund! In meiner abhängigen Stellung. ... Das sind Erfahrungen, die nur ein Weib machen kann! Ihr Männer untereinander seid so gute Kameraden, ihr laßt einer den andern gelten, wie er ist, und tritt euch einer zu nahe, so greift ihr zu den ehrlichen, edlen Waffen und schlagt euch die Köpfe blutig. Aber wir armen Frauen in dienender Stellung, ohne Zuflucht, ohne Schutz – wir sind machtlos und rechtlos! – Ich gefiel, ich erregte die Neugier, ich wurde begehrt – und ich fühlte, daß ich Weib sei und – nicht nur meinen Trotz, meinen Hochmut, sondern auch mein heißes Blut zu bekämpfen hatte. Ich machte mich unmöglich, wie sie es nannten – nicht in einer, in zehn Familien! – Da versuchte ich es gar nicht mehr. – Ich hatte mich fest gehalten in allen Versuchungen, weil ich das Recht auf eine Zukunft nicht aufgeben wollte, für die ich mich von Natur geschaffen glaubte. Ich hatte alles entbehrt, was meine Seele nötiger brauchte, als Luft und Licht. Ich wollte frei sein, ich wollte herrschen, ich wollte mich rächen an der Niedrigkeit des Männervolkes. Und ich wollte auch Weib sein, glänzen, Leidenschaften erwecken, um sie nach meinem Belieben zu verachten oder zu erwidern! Ich glaubte Talent zur Sängerin zu besitzen. Ich hatte mich jämmerlich überschätzt – man lachte mich aus. Da versuchte, ich es endlich mit der Operette; aber auch da wollte es nicht besonders glücken. Es gab zu viele meinesgleichen auf französischen Bühnen. Ich fiel nicht auf – wahrscheinlich, weil ich zu anständig war. Aber ich konnte nicht anders, die Gemeinheit meiner Umgebung widerte mich an – ich war weniger frei denn je, weil ich nur die Freiheit hatte, gemein zu sein wie sie – und dazu war ich noch nicht reif!« Sie hielt inne und richtete sich auf. Ihre Mienen erhellten sich, ja sie lächelte, als sie dem immer noch stummen Rudolf zurief: »Sind Sie dabei eingeschlafen, mein Alter? Sie dürfen mich wieder ansehen. Ich komme nun gleich zu Ihnen!« Er wendete sich ihr zu und streckte ihr die Hand entgegen, zog sich aber gleich wieder zurück und sagte mit drolliger Resignation: »Ach – beg your pardon – man soll nicht shake hands machen. Also bitte, kommen Sie zu mir!« Und Adriane fuhr fort: »Hier in Berlin ging endlich mein Stern auf. Das Publikum läßt sich hier viel gefallen. Es merkte mir an, daß ich weit her sei, und ich spreche das Deutsche mit einem ganz fremden Accent – wunderliches Volk, diese Deutschen, besonders hier im Norden: sie sind außer sich vor Entzücken, wenn man ihre Sprache mißhandelt! Der Beifall der Berliner hat mir sehr wohlgethan – ich glaube selbst, daß ich seither etwas leiste in meiner Kunst, welche keine ist. Hier fand ich die Gelegenheiten, Bekanntschaften zu machen, wie ich sie brauchte. Lesen Sie nur alle die schönen Namen auf den Visitenkarten da! Die gute kleine Fürstin lud mich sogar in ihr Haus ein, der Prinz bemühte sich auffallend um meine Gunst, zehn andre desgleichen ... und dennoch hielt ich mich streng zurück und spielte die lächerliche Rolle einer tugendhaften Operettensängerin! Ich war feige geworden durch die affreusen Erfahrungen meiner Theaterzeit! Diese deutschen Edelleute erschienen mir harmloser als ihresgleichen in andern Ländern, obwohl ich ihnen nichts Bessres zutrauen wollte! Ich wußte nicht, wie ich mit ihnen dran sein würde, ich zögerte und konnte keinen Entschluß fassen – bis zu dem Tage, wo Sie mit Ihrer Pflaumenkiste erschienen. O die Idee war genial! Und wie Sie nun gar am andern Tage wiederkamen und mir mit dem größten Ernst von der Welt erklärten, Sie hätten die Absicht, sich für mich zu ruinieren, da hatte ich Sie auf der Stelle umarmen können – aber Sie sehen gar nicht so aus, als ob Sie das Bedürfnis hätten, umarmt zu werden. Sie sind ein self made man, als solcher habe ich schon die größte Achtung vor Ihnen – Sie sind der naivste Mann, bei mir je vorgekommen ist, und darum fühle ich deutlich, daß man Ihnen nichts vorlügen darf. Sehen Sie, lieber Freund, darum habe ich Ihnen auch das alles gesagt! Ich werde jetzt meinen Salon der eleganten Herrenwelt öffnen. Man soll sich in guter Form und doch sans gêne bewegen bei mir, von Politik, Kunst und Liebe plaudern, man soll mir die Schuhspitzen küssen und sich für mich zu Grunde richten dürfen – und Ihre Anwesenheit, mein getreuer Eckardt, soll den Stil in die Gesellschaft bringen, und soll mir einen Halt geben. Wollen Sie das für mich thun?« Der freundliche, bittende Blick ihrer großen dunklen Augen machte Adriane in diesem Augenblick so schön, daß sie einen Heiligen hätte verführen können. Aber Rudolf ließ sich nicht hinreißen, sondern erwiderte ganz bedächtig: »Man wird Sie meine Geliebte nennen!« »Glauben Sie, daß mich das kränken könnte nach allem, was ich Ihnen vertraut habe? Und wenn die Leute die Wahrheit sagten ...« sie lächelte schelmisch zu ihm auf. Da endlich taute ihm das Herz auf. Ach, es war doch ein wonniger Trost für den verwundeten Stolz seiner Seele, daß dieses selbstherrliche, welterfahrene Weib sich freiwillig vor ihm neigte, ihn allein teilnehmen ließ an ihrem tiefen Leid, wie an ihren Träumen von Glück und Glanz! Er sprang auf, heiß schoß ihm das Blut ins Hirn, er zog sie empor und schloß sie fest in seine Arme, so fest, daß ihr beinahe der Atem verging. Sie ließ es gern geschehen. Sie fühlte sich wohl in diesen starken Armen, sie spürte nicht nur die Kraft seiner Sehnen, sie fühlte auch zugleich die ganze Wucht seines Charakters, und es war ihr, wie allen trotzigen geistesstarken Frauen, eine Wonne, sich einmal schwach zu empfinden. Jetzt ließ er sie los, um ihr ins Auge zu sehen – und dabei glitt sein Blick an ihr herab und bemerkte, daß sie, die stolze Adriane Grigorescu, die Tochter der serbischen Excellenz, ja noch immer in dem albernen Männeranzug steckte. Sonderbar – sein kurzer Rausch war mit eins verflogen. Es schien ihm lächerlich und unwürdig zugleich, daß er solch Bürschchen in Samtjäckchen und gelben Stulpenstiefeln, wie eine wahrhaftige Geliebte an sein Herz drücken sollte. Ihre ganze Erzählung, die ihn wirklich ergriffen hatte, erschien ihm plötzlich als von höchst zweifelhafter Glaubwürdigkeit. Er ärgerte sich über Adriane wie über sich selbst – und aus den glühenden Liebkosungen, zu denen sein überströmendes Mitgefühl ihn hatte hinreißen wollen, wurden nichtssagende Phrasen des Trostes und billige Schmeicheleien. Hätte das seltsame Weib mit den wunderbaren Augen in Frauenkleidern da vor ihm gestanden, in dem höchst einfachen Morgenrock, in welchem sie ihn schon ein paarmal empfangen hatte, wer weiß, ob nicht das Glück des Augenblicks Worte auf seine Lippen gelockt hätte, die vielleicht seine ganze Zukunft jämmerlich über den Haufen gerannt haben würden. Adriane merkte sofort, daß ihn irgend etwas aus der Stimmung gerissen habe, und sie vermied es mit seinem Instinkt, nach der Ursache zu fragen. Sie machte sich am Schreibtisch zu thun und sagte leichthin: »Ich habe Prinz Führingen heute die frohe Botschaft angekündigt, daß ich fortan für ihn und jedermann, der in der gesellschaftlichen Form hier Eintritt sucht, zu finden bin. Bringen Sie doch auch einmal den dicken Major mit, von dem Sie mir so viel Prächtiges erzählten. Den kleinen Lersen habe ich auch gebeten.« »So? Soll er für seine dreizehn Bouquets endlich belohnt werden? Haben Sie ihn selbst gesprochen?« »Ja, ich traf ihn heute bei der Fürstin; er machte mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern dort Besuch. Kennen Sie seine Schwestern?« »Ich glaube, ich habe sie einmal gesehen – bei einem Bazar.« Er sagte es möglichst gleichgültig. Aber wenn Adriane sich umgewendet hatte, so wäre es ihr nicht entgangen, daß errötete wie ein junges Mädchen. Sie holte aus einem Fache des Schreibtisches eine zierliche Kassette hervor, schloß sie auf und entnahm ihr ein obenauf liegendes kleines Bildnis in Wasserfarben, in einen Rahmen von dunklem Plüsch gefaßt. Sie versenkte sich in den Anblick und sprach leise vor sich hin: »Du bist noch schöner geworden, du liebes Bild! Asta, Asta –meine Asta! Wieviel tausendmal habe ich so deinen Namen in allen den furchtbaren Stunden meines Lebens vor mich hin – gebetet – ja gebetet! Was würdest du thun an meiner Stelle, du Schöne, du Gute? Laß mich dir ins Auge sehen, ob du mich nun verachtest, oder ob die Augen noch mit der alten, süßen Mädchenliebe mich anstrahlen!« Adriane ließ den Kopf sinken, bis ihre Stirn die Platte des Schreibtisches berührte – sie weinte. Und sie merkte nicht, wie es hinter ihr geschlichen kam, und wie zwei brennende Augen über ihre Schulter hinweg das kleine Gemälde der Jugendfreundin anstarrten – lange, lange! Endlich berührte Rudolf leise ihren Arm und fragte: »So wäre also dieses Fräulein von Lersen die Schulfreundin, von der Sie sprachen?« Adriane fuhr empor, wischte hastig ihre Thränen ab und antwortete: »Ja, sie ist es –oder sie war es; denn heut bei der Fürstin hat sie mich auf den ersten Blick erkannt wie ich sie, und doch – jeder ihrer Blicke sagte mir: Ich will dich nicht mehr kennen, eine Operettensängerin existiert nicht für Asta von Lersen! – o!« Und solch ein »O«, halb Knirschen, halb Hohnlachen, stieß auch Rudolf hervor, unfähig, sich zu meistern. »Nicht wahr, mein Freund, sie ist empörend, diese Vornehmheit, die nur in lächerlicher Ungerechtigkeit, in vorurteilsvollem Hochmut besteht?« eiferte die Grigori. »Und Sie hätten dieses Mädchen kennen sollen mit ihrem großen, guten Herzen, mit dieser Fähigkeit begeisterter Hingabe, die unter der kalten Marmorschönheit versteckt war. Ja, man schalt sie schon in der Pension hochmütig, gerade so wie mich, weil wir alles Einfältige, alle kokette Kinderei, überhaupt alle Nichtigkeiten verachteten. Und nun hat das tägliche Beispiel, die dumme Gewohnheit, meine Asta auch heruntergezogen zu sich! O lieber Freund, wenn Sie unsre Liebesschwüre gehört, unsre Briefe gelesen hätten ... da sind sie, ich habe sie alle aufgehoben;« sie wies auf die offne Kassette: »Sie sehen, wie teuer sie mir waren, daß ich ihretwegen sogar ordentlich wurde! Aber das kann Sie ja alles nicht interessieren. Sprechen wir nicht mehr davon. Ich glaube, ich habe großen Hunger. Gehen wir zusammen essen?« »Mit dem größten Vergnügen.« »Entschuldigen Sie mich einen Moment. Ich ziehe mir diesen Affenanzug sehr schnell aus.« Damit eilte sie in das Schlafzimmer. Rudolf hörte, wie sie den Riegel vorschob. Dann trat er rasch an den Schreibtisch, den sie in ihrer Nachlässigkeit natürlich offen gelassen hatte, riß das Bildchen aus der Kassette, blickte mit verzehrender Sehnsucht im Auge lange darauf und bedeckte endlich gar das kalte Glas mit seinen tollen, heißen Küssen. Ja, das waren andre Küsse als die, welche er vor kurzem noch der armen, betrogenen Grigori vergönnt hatte! Und dann griff er aufs Geratewohl einen von den zahlreichen Briefen heraus, verbarg ihn mit scheuer Hast in seinem Taschenbuche und schloß dann die Kassette wieder leise zu. Der geraubte Brief brannte heiß über seinem Herzen. Wie gern wäre er fortgestürmt, um ihn gleich zu Hause mit inbrünstiger Aufmerksamkeit durchzulesen. Aber er mußte seine Ungeduld zügeln, er mußte Fräulein Grigori zu Tische führen, sie dann wieder bis an ihre Hausthür geleiten und nun endlich – da sie vor dem Beginn des Theaters noch eine Stunde der Ruhe bedurfte – nun endlich durfte er sich in den Wagen werfen, heimfahren, die Treppen in großen Sätzen hinaufstürmen und im letzten roten Scheine der sinkenden Maiensonne seinen Brief lesen! Ja – seinen Brief! Denn er war genau so fieberhaft aufgeregt vor Begierde, seinen Inhalt kennen zu lernen, als ob er das erste Liebeszeichen seiner Herzliebsten sei und an ihn selbst gerichtet. Glücklicherweise war er deutsch abgefaßt. Seine Sprache war so glühend, so poetisch ausgeschmückt und leidenschaftlich dahinstürmend, wie die einer Liebenden an den Geliebten. Und Rudolf, der sonst so nüchterne, überlegte matter of fact man, setzte sich ohne weiteres an die Stelle der angeschwärmten Freundin und berauschte sich an der Sphärenmusik dieser ernsthaft überschwenglichen Mädchenschwüre, dieser holden Koseworte – und die »tausend heißen Küsse«, die Asta zum Schluß der Geliebten sandte, preßte er schier in voller Anzahl dem Papiere wieder auf, das vor nun acht Jahren ihre Hand mit fliegender Feder berührt hatte. Selig wie der blondeste deutsche Mondscheinjüngling hockte dieser dreiunddreißigjährige Republikaner und Werkstattsdirektor von Jefferson and Jenkins, Buffalo, über seinem Liebesbrief und las ihn immer wieder von vorn, bis er ihn nahezu auswendig wußte. O du guter Gott! Was war das für ein Wirrsal von Gefühlen in ihm! Vor wenigen Stunden noch hatte er ein hinreißendes Geschöpf, das sich ihm freudig hingab, in den bebenden Armen gehalten, und dabei wußte er es doch nun so deutlich, daß nicht für sie diese tolle, blindwütende Leidenschaft ihm Herz und Hirn versengte, sondern für die Schreiberin dieses gestohlenen Briefes, die sein ernstes, ehrliches Liebeswerben schnöde abgewiesen hatte! O Liebe – dein Name ist süßer denn Honigseim und der Englein Lobgesang, aber dein Sinn ist – Unsinn! Neuntes Kapitel. In welchem es dem Major hinter seinem Rücken schlimm ergeht, der Lieutenant Bodo seine »Affaire« mit Grazie aus der Welt schafft, und die Excellenztöchter auf dem sonderbarsten Umwege hinter das Geheimnis ihrer Mutter kommen. Jedes Mädchen, und wäre es noch so sehr über die gewöhnlichen Schwächen des Geschlechtes erhaben, wird etwas wie Neid empfinden, wenn es eine jüngere Schwester vor sich selbst als glückliche Braut sieht. Die schöne Baronesse Asta machte von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme, weil ihr selbst erst vor kurzem ein gleiches Glück wie vom Himmel zu Füßen gefallen war – nur daß sie zu stolz gewesen, sich danach ein wenig zu bücken! Und gegenwärtig schien ihr alle Hoffnung auf Erfüllung ihrer gerechten Forderung an das Schicksal in unendliche Ferne gerückt. Sie hatte es nach der Zurückweisung des Antrages ebenso machen wollen, wie Rudolf, das heißt sich möglichst rasch in jemand anders verlieben. Der Prinz Führingen war ihr so in den Wurf gekommen. Wäre es ihm heute eingefallen, ihre Hand zu begehren, sie hätte sie ihm ohne Besinnen gereicht – nur um dem eigensinnigen Amerikaner zu zeigen, daß sie nicht auf seinesgleichen angewiesen sei. Der Prinz, der sie von früher her oberflächlich kannte, hätte recht wohl die Gelegenheit ihres Besuches bei seiner Tante benutzen können, um etwas anzubahnen, aber er hatte kaum ein Dutzend Worte an sie gewendet, und dies Dutzend hatte sich obendrein ausschließlich mit Fräulein Grigori beschäftigt. Asta mußte sich wirklich sagen, daß sie auf den guten Prinzen keinesfalls einen überwältigenden Eindruck gemacht habe. Sie war ihm jedoch deswegen nicht im geringsten gram – vielmehr verbanden sich alle die Bächlein der Enttäuschung, des Aergers, der Herzensverlassenheit zu einem schwellenden Strome des Zornes gegen die Geliebte ihrer Pensionatsjahre. – Eifersucht? – Lächerlich! Sie nahm ihr ja nichts fort. Was ging dieser Herr von Eckardt sie noch an, was der Prinz Führingen? Wenn Asta auch wirklich eine Art wehmütigen Neides beim Anblick von Trudis Glückseligkeit empfand, so ließ doch ihr Betragen nichts davon merken. Es war im Gegenteil rührend, zu sehen, wie sie die jüngere Schwester, die sie bisher doch immer etwas von oben herab angesehen hatte, mit einer gewissen bewundernden Zärtlichkeit umgab, sich ihren kleinsten Wünschen mit Eifer dienstbar machte, wie fleißig sie mit Hand anlegte zur raschen Herstellung von Trudis bescheidener kleinen Aussteuer an Kleidern und Leibwäsche. Die Excellenz Mama war sogar dahintergekommen, daß sie einige ihrer wertvollsten Schmuckgegenstände veräußert hatte, um das Material zu einem Hochzeitsgeschenk zu beschaffen, an welchem sie oft bis spät in die Nacht hinein arbeitete – denn die Hochzeit sollte, da durchaus kein Grund zum langen Warten war, schon Mitte Juni stattfinden. Auch ihren zukünftigen Schwager begann sie nun mit andern Augen anzusehen. Sie entdeckte, zu Trudis heller Freude, täglich neue vortreffliche Eigenschaften an ihm, hörte ihm mit Vergnügen zu und veranlaßte ihn selbst, eine angefangene Erörterung bis zu Ende zu führen, sie auf den Grund der Dinge blicken zu lassen, während sie bisher recht sehr von jener vornehmen, geistreich thuenden Sprunghaftigkeit angekränkelt war, die ernsten Menschen so leicht unausstehlich wird. Auch auf Frau von Lersen übte die Freude über Trudis Verlobung einen sehr wohlthuenden Einfluß aus. Sie erkannte jetzt, auch ohne daß Trudi es ihr eingestanden hätte, wie liebenswürdig das Mädchen mit seiner Kindlichkeit Komödie gespielt hatte; denn die junge Braut bewies täglich durch die Art, wie sie von ihrem zukünftigen Haushalte sprach, wie sie mit der Mama rechnete und überlegte, um die Mittel, welche sie zu erwarten hatte, den Lebensgewohnheiten ihres Hans und ihren eignen bescheidenen Bedürfnissen anzupassen, daß sie durchaus nicht kindisch in den Tag hineingelebt, sondern von jeher mit sehr klaren Augen um sich geschaut und sich an den Erfahrungen ihrer neuen beschränkten Lage zur allervortrefflichsten Hausfrau nach bürgerlichen, behaglich einfachen Begriffen herangebildet hatte. Jetzt, da der alte Muz trotz seines grollenden Verstummens sich doch gewillt zeigte, ihrem leichtsinnigen Bodo noch einmal aus der Schlinge zu helfen, die ihm beinahe schon den Hals zugeschnürt hatte; da der rechtmäßige Eigentümer jener Summe endlich gefunden war, welche bestimmt sein sollte, den Vorhang fortzuziehen, mit welchem Scham und Herzenskümmernis das Bild des Gatten in ihrer Seele verhüllt hatten: jetzt hätte sie meinen können, daß Wetter- und Wandernot ausgestanden und ihr ein freundlicher Lebensabend im friedlichen Lampenscheine bescheidenen Familienglückes zugedacht sei. O, wie schön ruhig und glatt wäre alles abgelaufen, wenn Asta ohne ihre unselige, überverständige Grübelei der Stimme ihres Herzens gefolgt wäre, die so rasch und entschieden für den amerikanischen Freier gesprochen hatte. Ja, die gute Excellenz war und blieb wie ein Kind, welches mit dem Kopf gegen die harte Thürkante gerannt ist, daß es ihm nur so in den Ohren summt und die Funken vor den Augen tanzen – und doch zufrieden ist, sobald man ihm ein Guts auf die Beule legt. Der Leichtsinn Bodos, Astas Zurückweisung des Freiers, das waren Beulen gewesen, die einem wohl Kopfschmerzen machen und am Ende gar veranlassen konnten, die gefährlichen Thüren lieber auszuheben, als sich immerwährend von ihnen aufs neue bedrohen zu lassen! Frau von Lersen prügelte die »unartige Thür« und legte sich das Bonbon einer angenehmen Verlobung und eines aufflackernden Hoffnungsschimmers auf die schmerzende Stirn – – und die dreißigtausend Mark blieben in der Reichsbank liegen, der Brief an Bodos Oberst ungeschrieben! Sie sollte aus ihrer glaubensfreudigen Osterstimmung bald und grob genug aufgeschreckt werden! Es war noch keine Woche seit jenem gemeinsamen Besuche bei der Fürstin Berleburg-Dromst-Führingen vergangen, als eines Vormittags, etwa eine Stunde vor Tische, der junge Dragoneroffizier in größter Aufregung zu seiner Mutter ins Zimmer trat, die Thür zum Nebenzimmer hinter sich zuriegelte, um vor dem Einbruch der Schwestern sicher zu sein, und dann, ohne jede Einleitung; in mühsam unterdrückter Wut die Worte hinausstieß: »Unser alter Muz ist ja der ärgste Krawattenmacher von ganz Berlin!« »Bodo! Ist das eine Art und Weise, von dem treuesten Freunde unsres Hauses zu sprechen?« sagte die Excellenz leise mit vorwurfsvollem Tone. »Nun, Mama, wie findest du das, wenn dieser treueste Freund unsres Hauses mir sans gêne et compliment den Gerichtsvollzieher auf die Bude schickt, was?« »Ich bitte dich, sprich ernsthaft – verschone mich mit deinen Scherzen.« Frau von Lersen sprach sehr aufgebracht, erhob sich rasch von ihrem Sitze und trat ihrem Sohne einige Schritte entgegen. Bodo ergriff ihre Hand mit Ungestüm und sagte, seine Stimme dämpfend: »Mir ist effektiv nicht scherzhaft zu Mute. Wie ich heute aus der Turnanstalt nach Hause komme, finde ich den ominösen Beamten in meinem Wohnzimmer, und mein Bursche, das gemütvolle alte Roß, steht vor ihm und flennt, wie ein verwitwetes Krokodil bei Neumond. Ich schicke den Bengel 'raus und frage den Mann mit der Blechmarke nach seinem Begehr. Da zeigt er mir einen Wisch vor: Infolge Auftrages des Herrn Major a. D. von Muzell hier und so weiter ... Zahlung von viertausend Mark bei Vermeidung sofortiger Pfändung. Ich, selbstredend, lächle mit unnachahmlicher Grazie und lade ihn höflichst ein, meine bewegliche Habe in Augenschein zu nehmen. Dieselbe besteht außer den Möbeln, die meiner Fileuse gehören, in meinen Uniformstücken, meinem Räubercivil, diversen Rauchutensilien, einem Photographiealbum, einigen militärischen Handbüchern, Wippchens sämtlichen Kriegsberichten, einer Kollektion von Kotillonorden und der etwas schadhaften Flöte meines Großpapas, auf welcher ich trotzdem zuweilen zu blasen pflege. Der Beamte verkneift sich das Lachen und meint, daß unter diesen Umständen die Pfändung allerdings wenig erfolgreich ausfallen dürfte. Und dann macht mich der Biedermann mit einer verdammt freundlichen Miene darauf aufmerksam, daß im Falle der Nichtzahlung von seiten meines Gläubigers unzweifelhaft meinem Herrn Regimentskommandeur Mitteilung gemacht werden werde! Ich hatte die größte Lust, den freundlichen Mann für den alten Muz anzusehen und ihm den Hals umzudrehen– aber trotzdem lächelte ich nochmals unwiderstehlich und sagte ganz kaltblütig: Mein Herr, ich habe selbstredend solche Summen nicht bei mir im Schreibtisch liegen, ich werde jedoch sofort zu meinem Bankier fahren und die Kleinigkeit flüssig machen. Wenn Sie mir das Vergnügen machen wollen, mich heute nachmittag um vier Uhr nochmals zu besuchen, so können Sie das Geld erhalten. Darf ich Ihnen vielleicht eine Cigarre anbieten? – Na, die Augen hättest du sehen sollen, Mama!« Die Excellenz wandte den Blick von ihrem Sohne ab. Ihre Hände rissen voll nervöser Unruhe an der Uhrkette, ihre Lippen bebten. Sie war empört über die Handlungsweise des Majors, über den übel angebrachten Humor ihres Sohnes. Ihre feinen Nasenflügel zitterten, sie vermochte keine Worte zu finden. Bodo bemerkte diese Zeichen des höchsten mütterlichen Unwillens und erwartete mit ängstlicher Spannung ihre Antwort. Er mochte fühlen, daß sein leichter Ton ihr ganz besonders mißfallen habe und fügte entschuldigend seiner Rede hinzu: »Man kann sich doch von solcher Blechmarke nicht imponieren lassen!« »Leider Gottes lässest du dir von der Not der Deinigen, von den Bitten deiner Mutter noch weniger imponieren, wie es scheint,« versetzte Frau von Lersen rasch. »O, sage das nicht, Mama. Seit unsrer Unterredung von neulich habe ich die besten Vorsätze gefaßt – auf Ehre, Mama! Ich habe von meinem Gehalt sofort einige kleine Ausstände reguliert, ich habe mir zu gunsten meiner Gläubiger effektiv die Taschen umgedreht und wie ich nichts mehr hatte, gar nichts mehr hatte ...« »Nun? Da hast du wieder Schulden machen müssen!« »Schulden – ich?! Gott bewahre! Ich habe nur den Prinzen Führingen angepumpt – du weißt, ich reite seine Pferde beim Rennen – da war es doch effektiv selbstredend...« Die Excellenz wollte ihm ins Wort fallen, aber die Entrüstung machte sie sprachlos. Sie ließ sich wieder in ihren Stuhl sinken und klapperte heftig mit den Anhängern an ihrer Uhrkette. Bodo trat rasch zu ihr, streichelte ihr begütigend mit der Hand über die Schulter und sagte stolz: »Ich hab' ihm schon auf Heller und Pfennig meine Schuld bezahlt – nach kaum acht Tagen, Mama!« »So wirklich? Und wovon denn?« »Ich habe ihm neulich mit seiner ›Diva Bianka‹ ein paar hundert Märker eingebracht, wovon er mir die Hälfte schuldig war, und dann hab ich auch letzten Sonntag in Westend beim Wetten auf ›Teresina‹ ein ganz bärenmäßiges Schw ... pardon! fortune gehabt! Und siehst du, Mama, jetzt läßt sich die fatale Wechselgeschichte auch mit einer gewissen Grazie aus der Welt schaffen: Wir fahren gleich zusammen nach der Reichsbank, heben die dreißigtausend Mark ab, und ich bezahle dem gänzlich konsternierten Muz seinen Mammon bar auf den Tisch. Und dann bohre ich energisch, aber mit Vorsicht, den Prinzen an. O, ich sage dir, Führingen ist eine Seele von Mensch – er wird mir nicht gleich den Gerichtsvollzieher auf den Hals Hetzen, wie dieser nette alte Muz! – Er wird ruhig abwarten, bis ich die Summe ganz solide peu à peu beim Totalisator flüssig gemacht oder ihm mit seinen Gäulen herausgeritten habe.« »Aber Bodo! Hast du denn vergessen, daß ich diese Summe nicht antasten darf!« »Sie wird ja auch gar nicht angetastet, Mama. Heute, morgen, in ein paar Tagen spätestens zahlen wir die entnommenen Gelder wieder ein. Ich begreife nicht, wie man aus dem schnöden Mammon so eine heilige Sache machen kann! Sollte der rechtmäßige Eigentümer der dreißigtausend Mark jemals gefunden werden, so wird es ihm doch jedenfalls höchst gleichgültig sein, ob einmal einige Tausend davon abgehoben wurden, um in wenigen Tagen durch ein paar gleichartige andre Banknoten ersetzt zu werden! Das kann doch, weiß Gott, kein Grund für eine Mutter sein, ihren einzigen Sohn der Schande auszuliefern!« Bodo hob die letzten Worte pathetisch hervor und trat der Excellenz in einer schauspielermäßigen Stellung gegenüber. Er bemerkte, daß sie bereits schwankend gemacht war und beeilte sich, seiner Rede hinzuzusetzen, daß der Major, nach der jüngst gegebenen Probe, sicherlich im stande sei, ihn sofort wegen leichtsinnigen Schuldenmachens bei seinem Regimentskommandeur zu verklagen. »Der Major kennt ja doch unsre Verhältnisse viel zu genau,« sagte Frau von Lersen nach einigem Nachdenken, »als daß er nicht gleich wissen müßte, in wie leichtsinniger Weise wir ihn bezahlt gemacht haben. Ich meine, es wäre weit besser, sich an die Dienstwilligkeit unsres guten Musikdirektors zu wenden. ...« »Mama, ich begreife dich nicht!« fuhr Bodo auf. »Den Schwiegervater meiner Schwester anzupumpen – und gar noch vor der Hochzeit! O, o, nein! So etwas darfst du mir wahrhaftig nicht zutrauen.« Frau von Lersen schlug die Augen beschämt nieder und hatte wirklich das Gefühl, als ob sie ihren feinfühligen Sohn schwer gekränkt habe. Schwache Naturen, wie sie, lassen sich ja so leicht von ihrem eignen Empfinden ins Unrecht setzen, wenn ihnen die entgegengesetzte Meinung nur mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragen wird. »Nun, wenn du meinst ...« versetzte sie schüchtern. »Aber der Major wird mir mit Fug und Recht vorwerfen...« »Ha! Ich meine, wir brauchen uns von dem Major gar nichts mehr vorwerfen zu lassen!« lachte der Lieutenant höhnisch auf. »Ein alter treuer Freund des Hauses hat wohl das Recht dazu; aber hat er sich vielleicht als ein solcher benommen in der Affaire mit Asta und dem Republikaner? Seit Asta dem unverschämten Kerl seinen gebührenden Korb gegeben hat, bricht er jeden Verkehr mit uns ab, beantwortet unsre Briefe nicht, ist nie für uns zu Hause, kauft meine Wechsel, um mich hinterlistigerweise zu schikanieren wie der ärgste Hebräer, und hilft seinem Spezi Pflaumenschmeißer seine Dollars verlumpen.« »Was soll das heißen?« »Nun, Herr von Eckardi, genannt Pflaumenschmeißer, hat vor Zeugen seine Absicht erklärt, sich für Fräulein Grigori – Astas verflossene Intima! – zu ruinieren. Und mit diesem verwünschten Kerl liiert sich unser alter Freund, Vormund, Vertrauensmann und ich weiß nicht was, in einer so eklatant herausfordernden Manier, als ob unsre Asta verpflichtet gewesen wäre zu heiraten, wen er ihr präsentierte; überhaupt, als ob wir Lersens alle nach seiner Pfeife tanzen und von ihm uns geduldig alles gefallen lassen müßten!« Ohne daß er es selbst wußte, hatte Bodo mit dieser letzten ärgerlichen Aeußerung seiner Mutter den stärksten Anstoß zu einer raschen Entscheidung in seinem Sinne gegeben. »Komm,« sagte sie, entschlossen aufspringend: »Wir fahren nach der Reichsbank. Dies eine, letzte Mal, will ich dir noch vertrauen!« Der Dragoner bedeckte ihre beiden Hände mit dankbaren Küssen. Der armen Excellenz schlug das Herz hoch während der Fahrt. Sie war im Begriff, eine schwere Verantwortung auf sich zu nehmen. Aber hatte Bodo nicht recht? Sollte sie diesem ungetreuen, eigensinnigen alten Freunde zu Gefallen ihren einzigen Sohn, der ja doch noch lange kein schlechter Mensch war, in Verzweiflung stürzen, nur um vielleicht ein paar Tage früher das Vermächtnis ihres Gatten einem Manne zur Verfügung stellen zu können, der es doch nur zum Ergötzen seiner Geliebten zum Fenster hinauswerfen wurde? An diesem Gelde hingen so viele Thränen, so viel Kummer und reuevolle Gedanken, daß es ihr sündhaft erschien, es nun in die Taschen eines Wüstlings zu stecken, aus denen es verschwinden würde, wie Wasser aus dem Siebe. Nein, wenn dieser Eckardt, dieser wunderliche Idealmensch des alten Muz, sich hier ruiniert haben und als ein Bettler nach der Neuen Welt zurückgekehrt sein würde, dann wollte sie ihm das Geld schicken, dann mochte es Gutes stiften, feurige Kohlen auf seinem Haupte sammeln und böse alte Tage vergessen machen! – Die beiden Mädchen hatten im Nebenzimmer wo sie mit Wäschezeichnen beschäftigt waren, hin und wieder ein lautes Wort aus dem erregten Gespräch nebenan aufgefangen; und als die Mutter so eilig mit dem Bruder fortgegangen war, ohne ihnen über den Zweck des Ausganges irgend welche Auskunft zu geben, da konnten sie sich leicht zusammenreimen, daß Bodos unseliger Leichtsinn gewiß wieder neue drohende Ungewitter über dem Himmel ihres friedlichen Glückstraumes aufgetürmt habe. »Hast du gehört, Asta?« fragte Trudi die Schwester, »Bodo sprach von dreißigtausend Mark! Er wird doch nicht so viele Schulden haben? Das wäre ja entsetzlich!« »Es war auch von dem Major die Rede, wenn ich recht gehört habe,« sagte Asta nachdenklich. »O Trudi, mir ist, als stünde uns noch weit mehr Unglück bevor, als uns seit Vaters Tode schon betroffen hat. Es ist doch absolut unbegreiflich, warum sich Muz so gänzlich von uns zurückgezogen hat, seit dem Tage ...« »Er hat aber an Hans einen sehr lieben Gratulationsbrief geschrieben. Ich sage dir, es standen furchtbar nette Sachen über mich darin; ich bin ganz rot geworden beim Lesen! Aber freilich, daß er sich um Mama gar nicht mehr kümmert und immer mit diesem Herrn von Eckardt ... du, übrigens habe ich dir schon erzählt? Gestern traf ich die Grete Rochwitz auf der Straße, die wußte ja Wunderdinge von dem sonderbaren Amerikaner zu berichten! Er soll überall in unsern Kreisen Besuch machen, außerordentlich nobel auftreten und sehr angenehme Manieren haben. Die Grete nannte mir ein halbes Dutzend Namen von jungen Mädchen aus der Gesellschaft, die sich alle auf ihn Hoffnung machten. Natürlich ließ sie durchblicken, daß sie selbst ohne Zweifel die Auserkorene sein dürfte – haha! Sie hat ihm auch schon halb und halb das Versprechen abgeschmeichelt, daß er seine Gold- und Silberadern in Deutschland verzehren wollte.« »Gold und Silberadern?« »Jawohl – Herr von Eckardt soll in Kalifornien und anderswo Goldwäschereien und Silberbergwerke und wer weiß, was noch alles besitzen, überhaupt unermeßlich reich sein. Ein ganz romantischer Charakter! Er bleibt dabei, daß er nur in mäßigem Wohlstände lebe, um eine Frau zu finden, die ihn aus ganz uneigennütziger Liebe nimmt. Ein zu komischer Mensch, nicht wahr? Aber er soll sich in den wenigen Wochen seit dem Bazar zu einem perfekten Kavalier entwickelt haben – sagte Grete.« »Du hast ihr doch nicht erzählt, daß ich ... ?« fragte Asta unsicher. »O nein, gewiß nicht, obwohl ich die größte Lust hatte.« In dieser Weise plauderten die Schwestern fort, bis das Ertönen der Flurthürglocke sie aufhorchen machte. »Ich glaube, die Minna ist noch nicht wieder zurück,« sagte Trudi sich erhebend. »Ich muß doch nachsehen – wahrscheinlich ist das mein Hans.« Damit eilte sie hinaus. Asta seufzte schwer auf und ließ ihre Arbeit auf den Schoß sinken. Gleich darauf vernahm sie draußen eine ihr wohlbekannte Stimme, deren einst so geliebter, weicher Klang sie erschreckt emporscheuchte. Doch ehe sie noch das Zimmer verlassen konnte, hatte sich bereits die Thür geöffnet und, von Trudi hereingeleitet, war Adriane Grigorescu über die Schwelle getreten. Mit ausgebreiteten Armen ging sie der alten Freundin einige rasche Schritte entgegen, blieb aber plötzlich stehen, wandte sich nach Trudi zurück und fragte: »Weiß deine Schwester?« Asta nickte nur mit dem Kopfe. Sie war im Augenblick, noch völlig fassungslos über den unerwarteten Einbruch der Operettensängerin und wußte nicht, wie sie ihr begegnen sollte. Nun fühlte sie gar die Arme Adrianes um ihren Nacken und die frischen Lippen preßten sich gegen ihre heiße Wange und suchten dann ihrem Munde zu begegnen. Doch Asta beugte unwillkürlich ihren Kopf zur Seite und löste die feste Schlinge der zärtlichen Arme von ihren Schultern, indem sie die beiden feinbeschuhten Hände mit den ihrigen ergriff und mit sanfter Gewalt herabzog. Die einstigen Pensionatsfreundinnen standen nun Brust an Brust und blickten einander in die Augen. »O meine Asta, ich mußte dich wiedersehen!« nahm Adriane das Wort. »Neulich bei der Fürstin durften wir uns ja nicht kennen. Und du, Böse, hast deine Rolle so gut gespielt, daß ich ganz unglücklich war und glaubte, du wolltest wirklich nichts mehr von mir wissen, weil ich zur Bühne gegangen bin. Aber, nicht wahr, das ist nicht so? Hier bin ich nicht Bianka Grigori, nicht wahr, sondern deine alte, liebe Adriane?« Wie ihr diese Stimme wieder zu Herzen drang! Ohne daß sie es wußte, drückte sie die beiden weichen Hände fester in den ihren, während sie fast stotternd erwiderte: »Adriane! Ich weiß nicht ... ich war so erschrocken, entrüstet, als ich erfuhr, durch ein Bild von dir, das mein Bruder mit sich herumträgt ... wer die Grigori ...« »Die Grigori, diese Person!« rief die Sängerin, lächelnd mit hochmütigem Tone und scharfer Aussprache des S. Und dann kam sie Trudis Aufforderung Platz zu nehmen nach und lachte: »Wie g'spaßig, daß grade dieser kleine Lieutenant von Lersen sich unter die Schar meiner hoffnungslosen Anbeter begeben mußte, um der Schwester mein Inkognito zu verraten. Ich hatte die größte Lust, den jungen Herrn, dessen Karte ich so häufig in meinen Blumen fand, zu fragen, ob er mit jener Asta von Lersen verwandt sei, welche – et cetera. ... Aber ich hätte dadurch zu leicht mein Geheimnis preisgeben können ... und außerdem empfing ich auch damals noch keine Herrenbesuche!« »Damals?! Und jetzt?« fragte Asta mit rasch aufsteigendem Mißbehagen. »O, jetzt bin ich ganz leichtsinnig geworden, jetzt empfange ich sogar den kecken kleinen Lieutenant von Lersen!« versetzte die Grigori heiter. Aber sie bemerkte sofort, daß ihr Ton erkältend auf Astas Empfindungen wirkte, welche sich schon so geneigt gezeigt hatten, im warmen Strahl der herzlichen Begegnung zur alten Liebe aufzublühen. Und sie setzte klug und entschlossen hinzu: »Du weißt vielleicht aus eigner Erfahrung, Asta, daß ein Mädchen, welches einen Pfeil tief da drin sitzen hat, gegen alle Geschosse fest ist. Ja wirklich, warum soll ich es nicht sagen? – Adriane, die Stolze, ist verliebt bis über die Ohren in einen Mann, zu dem sie in ganz erbärmlicher Anbetung emporschaut, den sie für den einzigen wirklichen Mann hält, der ihr noch je begegnet ist. ... Denke dir, ich könnte alle Tage Prinzessin werden, wenn ich wollte; der gute Prinz Führingen hat mir's gestern auf dem Feste seiner Tante in unzweideutigster Weise zu verstehen gegeben, aber ich habe mich schönstens bedankt und ihn ausgespottet noch obendrein; denn ich bin nun einmal so dumm, diesen amerikanischen Mr. Nobody, diesen republikanischen Kavalier von altem deutschen Adel, der sich vom Schlossergesellen . ..« »Herr von Eckardt!« Der laute Ausruf entfuhr Trudi unwillkürlich. Adriane wandte sich zu dem jungen Mädchen: »Sie kennen Herrn von Eckardt?« »Ich? O, wir sahen ihn einmal bei einem Bazar – er war so komisch! – Und, dann sahen wir Sie mit ihm in einer Droschke vom Rennen zurückkommen.« Trudi sagte es einigermaßen befangen und mit unsicheren Seitenblicken auf ihre Schwester, welche offenbar erregt mit der Quaste an der Armlehne ihres Polstersessels spielte. Asta lachte nervös auf: »Dieser erstaunliche Amerikaner geht ja jetzt in der Berliner Gesellschaft um wie ein Geist, um den kleinen, heiratsfähigen Mädchen bange zu machen! Bricht wie ein Wolf in die Schafhürden ein und stört den Seelenfrieden der Lämmer, die er nicht frißt!« Trudi blickte erstaunt ihrer Schwester in das erbleichende Gesicht und Adriane zuckte aus ihrer nachlässigen Haltung empor, als wenn sie ein eisiger Hauch im Rücken getroffen hätte. Ihre Augen bekamen einen eigentümlichen Glanz, ihre Mienen eine auffällige Gespanntheit. »Was willst du damit sagen?« fragte sie mit ironischer Schärfe. »Bin ich das aufgegessene Schaf nach deiner Ansicht? Oder hat er dich vielleicht selbst angebissen, daß du ihm seinen Appetit so übelnimmst?« »Ich? Was geht mich dieser Herr mit seinem Appetit und Geschmack an?« Asta schlug die Füße übereinander und warf verächtlich das schöne Haupt auf. »Sein Geschmack, willst du sagen – für eine Theaterprinzessin, wie?« Auch Adriane sprach nun sehr erregt. Sie erhob sich von ihrem Platze und machte zwei Schritte gegen die Thür, wie um das Zimmer ohne ein weiteres Wort zu verlassen. Sie besann sich jedoch, ging wieder auf Asta zu und sprach, sich ersichtlich mühsam beherrschend: »Nein, Fräulein von Lersen, so dürfen doch zwei einst so gute Freundinnen nicht auseinandergehen! Asta! Was hast du mir vorzuwerfen? Wie kannst du mich verdammen, ungehört – bloß weil du nicht begreifst, wie eine Dame meiner Herkunft und Bildung zur Operettensängerin werden kann!« »Unser Temperament war ja immer sehr verschieden,« warf Asta leicht hin. »O, weit gefehlt! Mein Temperament allein hat mich nicht zur Bühne getrieben – aber ein unglückliches Schicksal, ein Schicksal – für das gerade ihr ewiges Verständnis haben solltet!« »Wir?!« Beide Mädchen riefen es gleichzeitig und blickten überrascht zu der Sprecherin auf. Sie trat dicht hinter Astas Stuhl und flüsterte ihr fast ins Ohr: »Es war mein eigner Vater, der mich in namenloses Elend stürzte, mein leiblicher Vater, der an dem Lande, dem er diente, zum Verräter, zum Diebe wurde!« Auch Asta sprang nun auf und ihre blauen Augen blitzten die ehemalige Freundin zornfunkelnd an. »Dein Vater ein ...« Sie sprach es nicht aus, aber ihre Brust wogte heftig und sie ballte krampfhaft die schmalen Finger zur Faust: »Und dafür sollen gerade wir ein besondres Verständnis haben? Ich hoffe, du wirst uns das erklären?« »Nun, ich dachte, ihr müßtet mich recht gut verstehen,« versetzte die Serbin trotzig. »Lebt ihr nicht auch elend und kümmerlich genug in eurem vornehmen Müßiggange, von euren früheren Lebensgewohnheiten wie durch eine chinesische Mauer getrennt? Und wem verdankt ihr das anders, als dem Leichtsinn eures Vaters?« Nun erhob sich auch Trudi erschrocken und empört. Asta winkte ihr Schweigen zu und nahm das Wort für beide: »Und du wagst durch einen solchen Vergleich das Andenken unsers edlen, hochsinnigen Vaters zu verunglimpfen, der das Geld mit vollen Händen ausgab, weil er es verachtete...« »Und auch mit vollen Händen nahm, wo er es bekam, ohne sich über die Folgen große Gewissensbisse zu machen, wie es scheint!« fiel Adriane ihr gereizt in die Rede. »Ist es etwa so viel edler, seinen besten Freund um das Seine zu bringen, als einem Lande durch seinen Eigennutz Schaden zuzufügen, das gar nicht einmal das Vaterland ist, sondern nur der schlechte Zahler für große Dienste, die man ihm erwies?« »Unser Vater hätte seinen besten Freund ...?!« rief Trudi entrüstet. Adriane sah die beiden Mädchen erstaunt an. »Kennt ihr denn die Geschichte wirklich nicht? – Ja, mein Gott, dann hätte ich freilich lieber schweigen sollen!« »Du bist uns Rechenschaft schuldig,« herrschte Asta sie an. »Wir brauchen dein beleidigendes Bedauern nicht!« Ein Blick in Astas zornbleiches Gesicht, ihre haßerfüllten Augen zeigten Adriane, daß hier nichts mehr gut zu machen sei, und darum bequemte sie sich zu erzählen, was erst am gestrigen Abend ein Gespräch mit der offenherzigen, schwatzhaften alten Fürstin Berleburg-Dromst-Führingen zufällig ans Licht gebracht hatte. Die muntere alte Dame hatte sie scherzhaft wegen ihres Verhältnisses zu dem merkwürdigen Amerikaner geneckt, sie dann beiseite gezogen und ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, daß sie selbst vor dreißig und einigen Jahren, als junge kinderlose Witwe sterblich in einen Lieutenant von Eckardt verliebt gewesen sei, der mitsamt seinem Freunde, dem Lieutenant Freiherrn von Lersen, während eines Manövers in ihrem Schlosse einquartiert gewesen. Der kühne junge Lersen habe ihr allerschleunigst – jedenfalls zur Einrenkung seiner stets etwas ausgerenkten Verhältnisse, da sie immerhin etwa zehn bis zwölf Jahre älter gewesen sei! – einen Heiratsantrag gemacht, den sie jedoch lächelnd abgewiesen habe. Für den wunderschönen Herrn von Eckardt dagegen und seinen sanften Tenor habe sie drei ganze Tage hindurch förmlich herzbrechend geschmachtet, bis sie am Abend des letzten, ihren Liebeskummer noch spät im Park bei Mondschein spazieren führend, ihre englische Gesellschaftsdame in den Armen des schönen jungen Offiziers überrascht habe. Diese so plötzlich aufgesprungene Liebesglut erwies sich seltsamerweise als ein starkes Dauerfeuer und führte nach einem Jahre schon zur Heirat – einer recht unvernünftigen Lieutenantsheirat: denn Miß O'Calloghan, so hieß die junge Dame, war sehr hübsch, sehr brav und recht gescheit, aber arm und kränklich obendrein. Herr von Eckardt hatte auch nichts zuzusetzen, er mußte bald seinen Abschied nehmen und einen bürgerlichen Beruf ergreifen. Nun kamen die hinkenden Boten in Gestalt von recht traurigen Briefen der einstigen Miß O'Calloghan an ihre hohe Gönnerin. Die Geschäfte ihres Mannes gingen von Jahr zu Jahr schlechter. Er hatte einst seinem geliebten Kameraden, dem genialen jungen Freiherrn von Lersen, nach und nach den größten Teil seines Vermögens geliehen und dieser war, bei seinem unverbesserlichen Leichtsinn in Geldsachen, stets außer stande, die Schuld seinen Versprechungen gemäß abzutragen. Er zahlte zwar ziemlich regelmäßig die Zinsen, aber Eckardt bedurfte zu seinen Unternehmungen durchaus des Kapitals. Immer von neuem rechnete er damit, daß Lersen endlich seinen Verbindlichkeiten nachkommen würde – stets vergebens! Die kränkliche kleine Frau war dem Drucke der von Jahr zu Jahr schwerer auf ihr lastenden Sorgen – ganz gemeiner Nahrungssorgen! – nicht gewachsen, und starb mit Hinterlassung eines vierjährigen Knaben – Rudolfs. Trotzdem Astas Hochmut sie gereizt und erbittert hatte, empfand Adriane doch nun Mitleid mit den beiden Mädchen, als sie sah, welch tief schmerzhaften Eindruck ihre Erzählung auf sie machte. Ihr gutes Herz war rasch bereit, die vorausgegangene Kränkung zu vergessen. Sie verwünschte innerlich ihre vorschnelle Zunge und wollte entschuldigend und begütigend den Lersens zusprechen. Doch unterbrach sie Asta schon bei den ersten Worten, und sagte mit schlecht gespielter Gelassenheit: »Und die gute Fürstin hat natürlich ihrer einstigen Gesellschaftsdame das alles bereitwilligst geglaubt! Jeder, der unsern Vater gekannt hat, würde nicht einen Augenblick zweifeln, daß diese ganze herzbrechende Geschichte das Märchen einer geübten Briefbettlerin sei: aber freilich, diese harmlose alte Operettenfürstin scheint von jeher das Talent besessen zu haben, die fragwürdigsten Persönlichkeiten zu ihren Vertrauten zu wählen!« Adrianes ganzes Gesicht bedeckte sich für eine Sekunde mit dunkler Röte, um dann leichenblaß zu werden. Ihre Rechte faßte den Griff ihres Sonnenschirmes fester, wie wenn sie ihn als eine Schutzwaffe gegen einen plötzlichen Angriff zu brauchen gedächte. Mit den zitternden Fingern der Linken zog sie den kurzen rötlichen Schleier vor das Gesicht, wandte sich langsam der Thüre zu und brachte nur mühsam die Worte heraus: »Mademoiselle vous ... c'est assez. Je m'en vais.« Damit ging sie hinaus. Trudi wollte ihr folgen, um ihr die Flurthür zu öffnen und ihr ein gutes Wort zur Entschuldigung für die Schwester mitzugeben. Aber Asta war schneller als sie, ergriff sie hart am Arme und herrschte sie an: »Du bleibst!« Beide Schwestern horchten auf das Schließen der Thür draußen, auf das Verhallen der Tritte auf der Treppe, dann ließen sie sich jede in einen Sessel fallen, wie hingeschleudert von der Wucht der Schreckenskunde. Trudi fand zuerst Thränen und Worte. »Ach! Asta – Du glaubst es ja doch auch? Wenn du nur weinen wolltest! Ich fürchte mich so vor deinen trockenen Augen – sie machen dich so grausam, so ungerecht!« »Laß mir meine Zeit,« sagte Asta nur und dann starrte sie wieder vor sich hin, aber ihr Blick schien nach innen gerichtet, wie wenn sie mit übermüdeten Augen über die sturmgepeitschte Wellenöde ihrer aufgeschreckten Gedanken nach einem fernen Strande ausluge. Das unheimliche Zwiegespräch der Mädchen wurde gar bald durch die Rückkehr der Excellenz unterbrochen. Trudi trocknete geschwind ihre Thränen und versuchte der Mutter mit leidlich heiteren Mienen entgegenzugehen. Doch ehe sie sie noch bewillkommnet hatte, war Asta zwischen sie getreten und hatte fest, wenn auch mit bebenden Lippen, die Frage gethan: »Ist es wahr, Mama, daß unser Vater seinen Jugendfreund Eckardt um sein Vermögen betrogen hat? Ist es wahr, daß Frau von Eckardt den Sorgen zum Opfer gefallen ist, die unser Vater über ihr Haupt brachte; daß er den Freund immer tiefer ins Elend sinken sah, während er von Stufe zu Stufe hinaufstieg zu Ehren, Glanz und Wohlleben; daß er den Vater sterben und den Sohn übers Meer ziehen ließ, ohne einen Finger zu rühren?« »Großer Gott im Himmel – ihr wißt alles!« stöhnte Frau von Lersen und stützte sich schwer auf die Kante des Tisches, um nicht umzusinken. »Wer – wer in aller Welt hat es euch gesagt?« »Es ist also wahr? Alles wahr!« schrie Asta dumpf auf. Und Trudi drängte sich unwillkürlich an die Brust der Schwester und umklammerte sie fest, wie um sie mit ihren zärtlichen Armen zu schützen gegen das Uebermaß des eignen, wütenden Schmerzes. »Wer hat es euch gesagt?« beharrte die Mutter in atemloser Spannung, »War der Major hier?« »Nein, der war nicht da. Aber der weiß es also auch, der gute Mann – und wollte mich an den wiederaufgefundenen Sohn verkuppeln! Wie muß ich mich da bei ihm bedanken, daß er mich ein ganzes Vermögen wert schätzte!« Asta sagte es mit trostloser Bitterkeit. »O nein, nicht so, Asta,« schluchzte die Mutter auf. »Du solltest ihm mit deiner Hand auch die Schuld des Vaters wiederbringen, ihm, dem Nichtsahnenden. O, verdammt euren Vater nicht. Er war leichten Sinnes, er konnte nicht rechnen und sparen und er hat es nie gelernt, denn kein Mensch ändert jemals seine Natur. Aber er hat doch auf seine Weise redlich gekämpft, und die bitterste Reue hat ihn gequält und gestraft bis zum letzten Atemzuge. Und wenn es ihm auch spät, zu spät erst glückte, die dreißigtausend Mark zurückzulegen, es ist ihm doch endlich geglückt und nun ...« »Nun hast du sie dem rechtmäßigen Erben natürlich gleich ausgeliefert?« rief Asta dazwischen. »Nein, ich war schwach, ich habe das Geld noch zurückbehalten, nachdem du durch deine Abweisung die schöne Idee des Majors zerstört hattest; ich dachte ... ich wollte ... Herr von Eckardt weiß ja noch von nichts.« »Er weiß es noch nicht?« rief das glühende Mädchen und griff sich an die schmerzende Stirn. »Wenn er es wirklich noch nicht gewußt hat, Mama, so wird er es jetzt in einer Stunde wissen; denn Adriane hat uns alles entdeckt und Adriane haßt mich seit einer Stunde – und sie hatte immer ein Talent zur Rache! Er muß das Geld noch heute haben, heute noch haben, Mama! Wenn du davor zurückscheust, Mama, gib mir das Geld, gib es mir sofort, und ich – Trudi und ich wollen es ihm selbst hintragen – oder Bodo kann es ihm hintragen, wenn sich das besser schickt; nur gleich, gleich – wenn sich deine Kinder nicht unter die Erde schämen sollen. Wo ist das Geld, Mama?« Die Excellenz hatte sich den Hut vom Kopfe gerissen, ohne vorher die Hutnadel herauszuziehen. Ihre Flechten hatten sich halb losgelöst von der Frisur. Sie atmete krampfhaft, mit offnem Mund.«, ihre Augen starrten Asta an, als sähen sie ein Gespenst. »Das Geld? – Das Geld« – Mein Gott, was habe ich gethan!« Und sie floh hinweg vor den forschenden, strafenden Blicken ihrer Tochter, vor diesen reinen, glänzenden Mädchenaugen floh sie davon und schloß sich in ihrem Zimmer ein. Zehntes Kapitel. In welchem der alte Muz deutsch redet, der Musikdirektor eine geniale Idee hat und Trudi einen Kuß auf der Treppe bekommt. Wählend die beiden Mädchen noch bei Tische saßen – die Mutter war nicht erschienen, sondern mit Schreiben in ihrem Zimmer beschäftigt – während sie noch bei Tische saßen, ohne freilich viel genießen zu können in ihrer Herzensangst, wurde draußen stark, ungeduldig geklingelt. In der aufgeregten Stimmung, in welcher sie sich heute befanden, dünkte den armen Mädchen jedes Glockenzeichen, jeder nahende Tritt als ein Signal für eine neue Schreckensbotschaft. Sie waren aufgesprungen und hatten erschrocken Messer und Gabeln beiseite geschoben, als sich die Thür öffnete und mit kurzem, rauhem Gruß der Major von Muzell auf der Schwelle erschien. »Wo ist eure Mutter? Ich muß sie sofort sprechen!« »Mama hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen – ein wichtiger Brief ...« »Hm! War Bodo heute schon hier?« »Ja!« »Ist die Mutter mit ihm fortgewesen?« »Ja!« »Aha! Dacht' ich mir's doch!« Ein Schlüssel schnappte mit leichtem Knack zurück und Frau von Lersen öffnete halb die Thür ihres Zimmers. »Sie haben mit mir zu reden, Major – bitte, kommen Sie herein!« Ohne die jungen Damen noch eines Blickes zu würdigen, stampfte er eilfertig quer, durch das Zimmer und verschwand im Nebengemache. Und gleich darauf vernahmen die Schwestern von drinnen die mühsam gedämpfte, zornige Stimme des alten Muz und das Aufschluchzen der Mutter. Ihre schlimme Ahnung hatte sie also nicht betrogen; das Ungewitter, das Jahre gebraucht hatte, um sich über ihren Häuptern zusammenzuziehen, sollte sich an diesem einen Unglückstage Schlag auf Schlag entladen. »Ach, Asta, ich ertrage es nicht länger,« schluchzte Trudi auf, »nicht wahr, du bist mir nicht böse, wenn ich dich verlasse – wenn ich mich zu meinem Hans flüchte?« Und sie drückte ihr Tüchlein gegen die überquellenden Augen und ging. »Du Glückliche!« flüsterte Asta hinter ihr drein. Sie rief dem Mädchen, daß es rasch den Tisch abräumen möge und warf sich dann im Schlafzimmer, das hinter dem Eß- oder sogenannten Berliner Zimmer nach dem Hofe hinaus lag, halbentkleidet auf ihr Bett; denn der Tag war heiß und schwül und ihr Kopf schmerzte sie zum Zerspringen.– – Im Wohnzimmer, das nach der Straße hinaus lag, waren gegen die sengenden Strahlen der Mittagssonne die Jalousieen herabgelassen. Es war dunkel im Zimmer, aber doch heiß und dumpf. Die Excellenz saß an ihrem Schreibtisch, das Haar immer noch in Unordnung wie vorhin, und sie starrte mit verweinten Augen auf den halb beschriebenen Briefbogen hin, auf welchem sie bis jetzt vergebens versucht hatte, Bodo von der plötzlich veränderten Lage der Dinge in Kenntnis zu setzen und ihm die Auszahlung des erhaltenen Geldes zu verbieten. Und der Major ging immer noch mit schweren Schritten hin und her, trocknete sich die Perlen mit einem bunten seidenen Tuche von der Stirn und suchte sich Luft zu schaffen, indem er mit dem Zeigefinger zwischen Kragen und Hals herumfuhr. Sie hatte ihm alles erzählen müssen, die alte Freundin, wie es Bodo gelungen war, sie zum Treubruch an dem letzten Willen ihres Gatten zu überreden, und wie sie bei ihrer Rückkehr die Töchter im Besitze des so lange sorgsam gehüteten Geheimnisses gefunden habe. »So so, die Mädels wissen's also?« begann der alte Muz nach einem längeren, peinigenden Stillschweigen. »Nun, da bedanken Sie sich nur allerschönstens bei Fräulein Grigori, Verehrteste! Der Himmel meint es immer noch unverdient gut mit Ihnen. Sie sitzen am Wegrande wie angeklebt und sehen Ihr Ziel vor sich, zum Greifen nahe; und da jammern Sie, daß Sie nicht hinkommen können und denken beileibe nicht daran, hübsch aufzustehen und ein Füßchen vors andre zu setzen. Nein, Sie warten ab, bis Ihnen der Himmel ein freundliches Donnerwetter über den Hals schickt, daß Ihnen Hagelkörner wie die Wallnüsse groß um die Nase fliegen und Sie im Hurra davonjagen und dahin, wo Sie hingehören! – Nehmen Sie mir's krumm oder g'rad', verehrte Excellenz, aber was zu arg ist, ist zu arg! Und wenn ich jetzt noch nicht räsonnieren sollte, da müßte ich Schlagsahne statt Galle im Leibe haben!« Er hatte den Gerichtsvollzieher auf der Straße abgefangen, als er Bodos Wohnung verließ, und als jener ihm mitgeteilt, mit welcher Kaltblütigkeit der Lieutenant ihm geheißen, heute nachmittag um vier das Geld abzuholen, gleich richtig geschlossen, daß er, auf die Schwachheit seiner Mutter bauend, sie zur Entnahme des Geldes aus der Reichsbank zu bewegen suchen werde. »Sie wußten ja, daß ich eine schwache Frau bin; warum haben Sie Ihre Hand so ganz von mir abgezogen? Ich mußte doch an Ihnen irre werden, lieber Freund!« »Ei du – Gift und 'perrment noch 'mal! – eine famose Logik!« wütete der Major und machte einen unglücklichen Versuch zu lachen. »Haben Ihre Excellenz denn so ganz und gar vergessen, was ich hochdenselben an meinem Geburtstage vorzutragen die Ehre hatte? Habe ich Ihnen nicht haarklein die schönen Folgen Ihrer Nachgiebigkeit gegen Bodo aufgezählt, habe ich Ihnen nicht jeden Schritt vorgezeichnet, den Sie zu thun hatten, um das Schlimmste abzuwenden und Ihr gutes Gewissen zu bewahren? Ich habe Ihnen einen Rat als Freund gegeben, weil Sie ihn verlangten – habe ich denn sonst ein Recht über Sie? Kann ich Sie denn zwingen, meine Vorschläge auszuführen? Ich wollte nur sehen, ob es Ihnen endlich einmal Ernst war. Und gerade weil ich Ihre Schwachheit kenne, weil ich weiß, daß Sie alles, was verfluchte Pflicht und Schuldigkeit heißt, mit goldner Rücksichtslosigkeit zu behandeln lieben, bis die himmelsackermentsche Not Sie zwingt, darum habe ich für ein bißchen Not gesorgt, ein bißchen eingeheizt, damit Ihnen der moralische Dampf nicht ausgehen sollte! Ich zog mich zurück, damit ihr sehen solltet, daß es mir verdammter Ernst mit meinen Ratschlägen gewesen, denn sonst haltet ihr ja auch das heiligste Kreuzdonnerwetter bloß für eine Redeblume, ein façon de parler , und lacht über den drolligen alten Muz! War das also freundschaftlich von mir gehandelt oder nicht?« »Sie haben es gewiß nicht anders gemeint,« versetzte Frau von Leisen, mit niedergeschlagenen Augen. »Aber Sie müssen doch auch zugeben, daß Bodo nicht ganz unrecht hatte, wenn er...« »Wenn er verspricht, das Geld ganz solide wieder zu erwetten, zu erreiten – zu erknobeln womöglich,« brauste der Alte ungeduldig auf. »Oha! Sie würden es am Ende auch äußerst lobenswert finden, wenn der hoffnungsvolle junge Mann, da er keine gewöhnliche Tante zu beerben hat, Wechsel auf seine Tante Pharao ziehen wollte. Was man alles an feinen Damen erleben muß, es ist wirklich der Zeitung gleich!« Die gute Baronin mußte allerdings fühlen, daß sie dem zornmütigen alten Muz reichlichen Grund zum Toben und Schelten gegeben habe, aber dennoch war es menschlich, daß sie sein bissiger, schulmeisterlicher Ton kränkte und zum Widerstand reizte. Und in echt weiblicher Weise begegnete sie seinen Vorwürfen durch eine regelrechte – Retourkutsche! »Es ist wirklich sehr leicht für euch Männer, die Schwäche einer Frau, einer Mutter so zu verhöhnen. Ich weiß nicht, ob es besonders rühmlich ist! Wir Frauen sind viel öfter genötigt, gegen die Stimme unsers Herzens unsre Pflicht zu thun, als ihr Männer, die ihr immer so erhaben von kleinlichen Vorurteilen sprecht, wenn es sich um Erfüllung einer Pflicht handelt, die unsern Neigungen unbequem ist. Haben Sie nicht selbst stets über Ihre Pflicht räsonniert, solange Sie Soldat waren? Haben Sie jemals irgend ein brennendes Herzensbedürfnis aufgegeben, um einer einfältigen Pflicht zu folgen?« Sie hatte sehr erregt gesprochen und das Haupt herausfordernd zu ihm erhoben. Jetzt blieb der Major stehen, wendete sich rasch zu ihr, trat einige Schritte auf sie zu und sah sie mit einem Blick an, der sie zwang, ihre Augen rasch niederzuschlagen. Sie errötete über und über, und diese Zauberfarbe unschuldiger Scham ließ die Vierzigerin um zehn Jahre jünger erscheinen. »Das fragen Sie mich?« sagte der alte Muz leise und fast wehmütig. Und nach einer längeren Weile erst, während deren seine grauen Aeuglein zärtlich auf ihrer zerzausten Haarfrisur geruht hatten, nahm er seinen Rundgang wieder auf, kehrte aber bald wieder zu dem Schreibtisch zurück, an welchem die Baronin gesenkten Hauptes saß, und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. »Heute dürfen Sie es ja erfahren, wenn Sie es noch nicht gewußt haben,« sagte er, eigen lächelnd: »Ich habe Sie geliebt, Mathilde, von dem Tage, an dem ich Sie zuerst als Braut meines Kameraden Lersen sah! Ganz toll und unvernünftig geliebt hab' ich Sie – und doch nicht gemuckt, wie der Soldat im Gliede, wenn's stillgestanden heißt und ihm die Gnitzen in die Nase kriechen wollen. Na, und inzwischen ist der Korpus fetter und das Herz vielleicht ein bißchen magerer geworden – aber ich bin doch immer noch der alte hagestolze Onkel Muz geblieben, der zur Belohnung für seine hoffnungslose Liebe zur Mama nun wenigstens an den Kindern ein bißchen Freude erleben möchte. Wenn's ihm aber so sauer gemacht wird, dann ist's ihm auch nicht zu verdenken, wenn er 'mal ein bißchen spektakelt.« Frau von Leisen trocknete sich die frischen Thränen aus den Augen. Dann erhob sie sich rasch, reichte dem Major beide Hände und sagte lächelnd: »Seien Sie mir nicht zu böse, lieber Freund! Und sagen Sie nicht, daß Ihr Herz mager geworden sei: ich hätte Ihr treues starkes Herz jetzt nötiger als je! Noch nie im Leben habe ich mich so elend, schwach und hilflos gefühlt, wie in den Tagen, wo Sie sich so grollend von uns abgewendet hatten.« Der Major zog ihren Arm in den seinigen und führte sie so in ihrem eignen Zimmer spazieren. Sein Gesicht war in lebhafter Bewegung, seine guten Augen blitzten unter den buschigen Brauen bald energisch auf, bald nahmen sie wieder einen sinnenden Ausdruck an. Er hatte offenbar die größte Lust, etwas zu sagen, etwas ganz Überraschendes, vielleicht herzlich Willkommenes, vielleicht Lächerliches. Aber schließlich gab's in seinen fetten Zügen einen sichtbaren Ruck; sein Verstand hatte gemahnt: Wir sind zu alt, um unvernünftig zu sein! Und dann blieb er stehen und sagte, zu einem andern Gegenstande überspringend: »Der Gerichtsvollzieher wird heute nachmittag nicht zu Bodo kommen – Sie werden sich das Geld von ihm wiedergeben lassen und die vollständige Summe sobald wie möglich Herrn von Eckardt zustellen. Und aus alter Freundschaft will ich Ihnen zur Erleichterung der unangenehmen Aufgabe sogar noch eine Lüge erlauben, wenn Sie sich mit der ganzen Wahrheit nicht heraustrauen. Sie dürfen sagen, Sie hätten erst durch Fräulein Grigori erfahren, daß er derjenige Eckardt sei, welcher. ... Daß ich alles gewußt und die Bekanntschaft mit Asta absichtlich eingeleitet habe, das brauchen Sie nicht zu verraten.« »Aber glauben Sie, daß er sich das nicht selber zusammenreimt? Nein! Sie sollen sehen, daß ich jetzt wirklich meinen Kelch bis zur Neige leere. Wenn ich nur wüßte, wie Sie dann zu Ihrem Gelde kommen sollen!« Der Major nahm in einem Lehnstuhle Platz. »Hm! Hm! Lassen Sie uns einmal nachdenken!« sagte er lächelnd und lud auch die Baronin zum Sitzen ein. – – Im ersten Stockwerk bei »Professor Diedrichsen und Vater«, wie der Alte sich und seinen Hans immer stolz vorstellte und anmelden ließ, wurde gleichzeitig ebenso erregt und eifrig beratschlagt wie oben im dritten Stock. Trudi saß neben ihrem Verlobten auf dem Sofa der guten Stube. Er hatte den Arm um ihre Hüfte gelegt, sie schmiegte ihr Köpfchen an seine Schultern. Der Herr Musikdirektor a. D. war natürlich auch dabei wie immer! Der gute Schwiegerpapa litt so zu sagen am thätlichen Verfolgungswahnsinn; das heißt: er hatte die krankhafte Neigung, das Brautpaar auf Schritt und Tritt zu verfolgen! Er war in dieser Beziehung fast schlimmer als selbst die korrekteste Tante; jedoch nicht wie eine solche aus Schicklichkeitsfanatismus, Mißgunst oder Neid, sondern lediglich aus Vaterwonne! Da er nun doch einmal nicht, oder doch nur auf Minuten höchstens, los zu werden war, so hatten die Liebenden gar bald, alle Bande frommer Scheu zerreißend, sich daran gewöhnt, den Papa als Luft anzusehen, sobald sie das Bedürfnis empfanden, sich zu kosen und zu herzen. Und der wunderliche kleine Herr war überglücklich, wenn er bei solchen, oft recht langwierigen pantomimischen Vorstellungen in der höheren Küß- und Kosekunst Zeuge sein durfte. Er pflegte dann in die gegenüberliegende Ecke des Zimmers zu flüchten, sich wie ein wachhabender Papa Storch auf ein Bein zu stellen, mit atemloser Spannung das Schauspiel durch die goldene Brille zu genießen und nach Beendigung jedes Aktes mit Begeisterung zu applaudieren und bis! da capo! noch einmal! zu rufen, bis die verliebten Lippen sich gehorsam wieder vereinigt hatten. So war er denn auch heute im Bunde der dritte und hörte voller Teilnahme, als für ihn mitbestimmt, Trudis Erzählung mit an. Das gute Kind hatte sich zu seinem Geliebten geflüchtet, um dem bedrückten Herzen Luft zu machen, aber nicht bedacht, was von all dem Traurigen, das sich heute offenbart hatte, etwa mitteilbar sei und was nicht. So kam es, daß Trudi fortwährend in ihrer Erzählung stolperte und stecken blieb. Von der schweren Schuld, die der selige Vater gegen die Familie auf sein Gewissen geladen, konnte sie auch dem Bräutigam nicht reden – der Gedanke allein erfüllte sie mit einer Angst und Scham, als sollte sie von sich selbst ein schmähliches Verbrechen bekennen. Sie selbst, die ihren Vater schier angebetet hatte, war überzeugt, daß er nur schwach, nicht schmachvoll gehandelt haben konnte; aber was mußten Fremde davon denken! Sie sagte also nichts, als was sich auf das Verhältnis zwischen Asta und Adriane bezog, sie sprach von sich selbst und der Mutter gar nicht, sondern gab nur ihrer Besorgnis um die Schwester Ausdruck. Die Diedrichsens wußten, daß Herr von Eckardt vergebens um Astas Hand geworben hatte; Trudi hatte ihnen auch nicht ihre Ueberzeugung vorenthalten, daß die Schwester trotz, oder vielleicht gerade nach der Zurückweisung, die lebhafteste, innerlichste Teilnahme für den Amerikaner hegte, eine Teilnahme, die nun durch die Eifersucht auf die einstige Freundin leicht in helle Liebesflammen auflodern mochte. Schon mehrmals hatten die drei Verlobten (den Musikdirektor nämlich immer mit eingerechnet) ernstlich in Erwägung gezogen, ob man nicht auf unauffällige Weise eine neue Annäherung zwischen Asta und dem ungetreuen, anscheinend so tröstbaren Freier herbeiführen könnte. Bei Gelegenheit jenes Besuches bei der alten Fürstin hatte die Grigori auf Trudi einen sehr guten Eindruck gemacht. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie diese feingebildete, so gar nicht halbweltlich auftretende Dame des Umganges mit ihrer Schwester so unwürdig sein sollte. Sie erkannte an, daß der Beruf der Künstlerin einen freien Verkehr mit Männern mit sich brachte, und eben daraus schloß sie ganz richtig, daß durchaus nicht etwa ein leidenschaftliches Verhältnis zwischen der Operetten-Diva und Herrn von Eckardt zu bestehen brauche, und daß Bianka Grigori unter Berufung auf Adriane Grigorescu wohl gar zu bewegen sein dürfte, das Werk der Versöhnung zwischen Asta und Rudolf selbst fördern zu helfen. Auch Professor Diedrichsen und Vater hatten diese Hoffnung geteilt und sich erboten, Herrn von Eckardt, falls sie sich ihm unauffällig nähern könnten, zur »Wiederaufnahme des Verfahrens« anzureizen. Nach dem heutigen Auftritt zwischen den einstigen Freundinnen schien jedoch Diedrichsens eine Versöhnung kaum mehr denkbar und die Befürchtung durchaus gerechtfertigt, daß die wirklich schwergekränkte Sängerin nunmehr alle Künste der Verführung ins Treffen führen würde, um sich Rudolfs Alleinbesitz zu sichern und sich an der Niederlage der Gegnerin zu weiden. »Ach, ihr hättet nur sehen sollen,« sagte Trudi, »wie Asta mich am Arme packte und von der Thür wegzog, als ich der Grigori nachlaufen wollte! Und sie verdiente so sehr ein entschuldigendes, freundliches Wort. Der erste Eindruck, den ich von einem Menschen hatte, täuschte mich bis jetzt noch nie. Die Grigori ist keine unwürdige Person, ganz gewiß nicht! Und sie kam Asta so liebevoll entgegen – wenn sie ein böses Wort gesagt hat, so ist sie durch zehn schlimmere dazu gereizt worden. Wißt ihr, ich hätte die größte Lust, noch heute das Fräulein aufzusuchen und sie für Astas Heftigkeit um Verzeihung zu bitten.« »Trudi, Liebchen! Wo denkst du hin?« rief der Professor Hans. »Warum nicht? Eine Dame, die Herrenbesuche empfängt, wird ja wohl auch Damenbesuche empfangen!« scherzte das Mädchen. »Und vielleicht treffe ich gar zufällig den Amerikaner dort, da könnte ich ihm gleich ein bißchen zu verstehen geben, daß ...« »Aber Kind! Die stolze Asta würde dir so etwas nun und nimmermehr verzeihen. Bedenke doch ...« »Ach was! Wenn es hilft, würde sie's schon verzeihen; denn jetzt liebt sie ihn über die Maßen. Wegen eines gleichgültigen Menschen gerät kein Mädchen in so blinden, eifersüchtigen Zorn. Ich würde mir auch gar kein Gewissen daraus machen, der Grigori ihren Liebhaber wieder abzujagen; wenn eine Operettensängerin einen sicheren und sehr anständigen Prinzen in petto hat, wird sie sich schon zu trösten wissen! Uebrigens hat sie kein Wort darüber verloren, ob Herr von Eckardt sie etwa auch so unsinnig liebt oder gar heiraten will, wie der brave Führingen.« »Aber gutes Trudchen,« beharrte der Professor, »du bist doch sonst nicht so naiv! Wenn der Prinz wirklich dergleichen Andeutungen gewagt hätte, er würde sich hüten und sie wahr machen! Aber es gibt eben genug junge Damen, die hinter jeder nichtssagenden kleinen Anspielung gleich einen Heiratsantrag wittern. Nein, mein Kind, schlage dir diese unglückliche Idee aus dem Sinn. Es ist ganz unmöglich, daß du dieser Dame in solcher Weise nachläufst!« »Aber Kinder, so gehen wir doch alle drei hin,« rief der Musikdirektor und schlug sich laut aufs Knie. »O, ich sage euch, ich verstehe mit den Theaterdamen umzugehen – ich habe doch nicht umsonst fünf Jahre hintereinander die Opernsaison in Pasewalk dirigiert! Die Sache will ich schon deixeln.« Diedrichsen Sohn bemühte sich, Diedrichsen Vater gutmütig auszulachen; sein Lachen verriet jedoch deutlich genug, daß er sich recht herzlich ärgerte über den thörichten Vorschlag seines Papas, welcher an Naivetät den der klugen kleinen Baronesse entschieden weit übertraf. »Nun, dann lassen wir's also bleiben!« entschied die verweinte, kleine Braut etwas schmollend: »Unser Herr Professor ist heute sehr unzugänglich und hartherzig. Hat sich gewiß am Vormittag mit Krustentieren beschäftigt. Ich will mich nur hinter den alten Muz stecken, der kann wenigstens dem Herrn von Eckardt zu verstehen geben, daß noch nicht aller Tage Abend sei. Ich habe so eine Ahnung, als müßte etwas ganz Trauriges geschehen, wenn man den dummen Verliebten nicht rechtzeitig Mut macht. An mir soll es nicht liegen, wenn es so geht, wie in der Komödie, wo die Leute immer krampfhaft das rechte Wort zu sagen vermeiden, bloß damit das Stück noch einen Akt mehr kriegt. – Adieu, Professor Diedrichsen und Vater – ich muß mich sputen, damit ich den Major noch antreffe.« Sie huschte flink zur Thür hinaus, Hans Lohengrin eiligst hinter ihr drein. Und draußen in dem dunklen Vorflur schloß er sie noch einmal in die Arme und küßte sie wunderschön ab! Gar nicht wie ein so würdevolles, gelehrtes Ungetüm, sondern wie ein ganz gemeinverständlicher Mensch und Liebhaber. Und wunderbar: der Schwiegerpapa kam zum erstenmal, seit sie verlobt waren, nicht hinterdrein gelaufen, um den Abschiedskuß als enthusiastischer Zuschauer mitzugenießen, sondern blieb still im Zimmer sitzen, auf dem nämlichen Fleck, auf welchem er bislang gesessen hatte und blickte vor sich hin, offenbar ganz in seine weltbewegenden Gedanken verloren. – Als Trudi eben die letzte Treppe hinaufsteigen wollte, kam ihr der alte Muz entgegen, pustend und mit einem recht sehr roten Kopfe. Und sie machte sofort kehrt, hing sich in seinen Arm und stieg langsam mit ihm hinunter, indem sie ihn dabei schmeichelnd über die Ursache seiner Erregung, über die geheimnisvolle Angelegenheit zwischen Bodo und der Mutter auszuforschen suchte. Aber der Major hielt heute dicht wie ein Patentverschluß und sagte nur: »Nichts für kleine neugierige Marjells!« Dann aber begann er umgekehrt sie auszufragen über alles, was die Grigori gesagt hatte, und Trudi verschwieg ihm nichts und fügte ihrem Bericht noch die herzliche Bitte hinzu, doch ja das Seinige dazu beizutragen, daß Rudolf sich Asta wieder nähere, denn sie glaube dafür einstehen zu können, daß er sich keinen zweiten Korb holen würde. Der alte Muz blieb stehen – es war auf dem untersten Treppenabsatz – sah Trudi an, kratzte sich hinter dem linken Ohr, ließ einige unklare Grunzlaute hören, sah wieder das Baroneßchen von oben bis unten an und nahm es dann plötzlich fest beim Kopf, um ihm einen höchst biederen Majorskuß auf die erschrockenen Lippen zu drücken. Trudi hatte in der Ueberraschung einen kleinen Schrei ausgestoßen. »Sei still, Kind« flüsterte der alte Muz. »Wenn du mir die Leute zusammenschreist, dann sag' ich's öffentlich, daß du der einzige vernünftige Kerl in der ganzen Familie Lersen bist. Adieu – und grüß deinen Schatz von mir.« Damit stampfte er eiligst die letzten Stufen hinunter und zum Hause hinaus. Trudi blickte ihm nach, seufzte, lächelte und klomm dann wieder leicht und federnd wie ein Alpenkind die drei Treppen zu ihrer Wohnung empor. Vor Diedrichsens Thür machte sie nicht Halt, denn sie fühlte sich vorderhand genug geküßt. Elftes Kapitel. In welchem gut gegessen und viel von Pflaumen geredet wird, während der Musikdirektor am Hungertuche nagt. Trotz alledem rettet er sowohl das Roastbeaf als auch die Gemütlichkeit. Ein sehr langes und sehr wichtiges Kapitel. Am Abend desselben Tages finden wir Fräulein Grigori eifrigst mit den Vorbereitungen zu ihrer Abreise beschäftigt. Die Spielzeit des Walhallatheaters hatte ihr Ende erreicht, und die lorbeersatte Primadonna hielt nun nichts mehr in Berlin fest. Ihr Oberhofmeister, Herr von Eckardt, hatte sich bereit erklärt, auch noch das Amt eines Reisemarschalls übernehmen und sie nach Helgoland begleiten zu wollen. Fräulein Bianka, oder sagen wir – da sie vorläufig nichts mehr mit dem Theaterzettel zu schaffen hat – lieber Adriane, reichte der vor einem großen offnen Reisekorbe knieenden Zofe verschiedene Kleidungsstücke zu, welche sie aus ihren überall in wüstem Durcheinander aufgehäuften Besitztümern zusammensuchte, nicht ohne ihrer inneren Unruhe und Ungeduld öfters durch heftiges Zerreißen verknoteter Bänder, an Oesen und Haken festhängender Spitzenbesätze und andre Unarten Ausdruck zu geben. Die Zofe lachte hinter dem Rücken ihrer Herrin, wenn sie sie so planlos und überhastig in den Kleiderhaufen, den Wäschebergen, den ausgezogenen Schubfächern und offnen Schränken herumwühlen sah, und einmal konnte sie sich sogar nicht enthalten, laut herauszuplatzen und zu sagen: »O Jesses, gnädig Fräulein, bei uns sieht's heute aus! Da wird Herr von Eckardt erst seine Freude dran haben.« »Schweigen Sie still! Was erlauben Sie sich?« herrschte Adriane das Mädchen an. Sie war heute sehr ungnädig – es war das erste Mal, daß sie dem sehr dienstwilligen und brauchbaren Mädchen ein böses Wort sagte. Der Auftritt bei Lersens hatte sie im Innersten erregt, ihr leicht erhitztes Blut kochte noch in ihren Adern und mit peinigender Ungeduld erwartete sie Rudolfs Besuch, um ihm ihr übervolles Herz auszuschütten und ihn zum Haß gegen diese Familie zu entflammen, die sein und seiner Eltern Verhängnis gewesen war. Warum er nur gerade heute so lange auf sich warten ließ? Adriane sah alle fünf Minuten mindestens nach der Uhr – es war bald acht! Rudolf war seit jenem Tage, an welchem sie ihm ihre Lebensgeschichte erzählt hatte, auffallenderweise immer seltener gekommen. War es denkbar, daß er sie weniger liebte, seit er ihre Vergangenheit kannte? Nein, das war seinem Charakter nach undenkbar. Heute mußte er ja aber kommen; er hatte versprochen packen zu helfen – morgen wollten sie zusammen abreisen. Da ertönte die Flurglocke. Endlich! Die Zofe wollte aufspringen, aber Adriane gebot ihr, ruhig weiter zu packen und flog selbst nach der Thür, um dem lang Erwarteten zu öffnen. Sie fuhr enttäuscht zurück und hätte fast dem ihr gänzlich fremden alten Herrn die Thür vor der Nase wieder zugeschlagen, welcher, den Hut in der Hand und sich einmal über das andre höflich verneigend, da draußen stand, sich mit vergnügtem Lächeln als den Musikdirektor Diedrichsen vorstellte und um fünf Minuten Gehör bat. »Ja, mein Herr, ich muß sehr bedauern, Sie nicht hereinbitten zu können. Ich bin beim Packen, da ich morgen verreise. Können Sie mir nicht hier sagen ... ? Ich kann wirklich keinen Herrenbesuch mehr annehmen.« »O, das macht gar nichts aus,« beeilte sich der sehr erhitzte Musikdirektor lächelnd zu erwidern. »Ich bin auch so zu sagen Damenbesuch – haha! – ja: ich komme nämlich in Sachen einer Dame.« Er fuhr sich sehr rasch und oberflächlich mit dem Taschentuch über die Stirn und lachte dann nochmals das Fräulein freundlich-verlegen an. »Nun, wenn es Sie nicht geniert – bitte, treten Sie näher!« Adriane seufzte und wies ihn in das Wohnzimmer. Vergebens sah sie sich nach einem leeren Stuhle um, den sie ihm anbieten könnte. Er aber bemerkte rasch ihre Verlegenheit und rief, wieder etwas reichlich laut auflachend: »O bitte, bemühen Sie sich nicht, darüber setzen wir uns schon noch hinweg.« Und seine kurzen Beinchen keck lüpfend, turnte er über einen den Weg versperrenden Reisekorb weg und setzte sich auf denselben. Sie mußte lachen über seine drollige Manier sich einzuführen; und dann fiel ihr ein, wo und in welcher Verbindung sie den Namen Diedrichsen schon gehört habe. »Sie sind, wenn ich nicht irre ...« begann sie zögernd. »Ganz recht, ja; der Vater vom Professorchen und der Schwiegervater vom Baroneßchen. Und das Baroneßchen, das hätte Ihnen etwas zu sagen, nämlich ... wenn ...« »Sie können inzwischen Ihren Koffer fertig packen,« wandte sich Adriane an die Zofe, den Wunsch des Musikdirektors erratend. Sie hatte einen Stoß Wäsche von einem Stuhle entfernt und dem kleinen Herrn gegenüber Platz genommen. »Von Fräulein Trudi haben Sie mir etwas auszurichten?« forschte sie neugierig, als das Mädchen gegangen war. »Ja, allerdings, gewissermaßen ...« er stockte, sah ihr wieder, drollig lachend, gerade ins Gesicht, und dann beugte er sich plötzlich rasch zu ihr hinüber, rief ganz tolldreist: »I, mein Schnuckelchen!« und versuchte ihr die Wangen zu klopfen. Sie sprang von ihrem Stuhle auf und maß ihn vom Scheitel bis zur Sohle mit einem Blicke, der ihm sofort klar machte, daß diese etwas einfache Weise, sich das Vertrauen einer jungen Dame zu erwerben, in diesem Falle nicht ganz so wohl angebracht gewesen sei, wie vielleicht einst beim Pasewalker Opernpersonal. Und seine gänzlich verblüffte, fassungslose Miene nach dieser Erkenntnis war so unwiderstehlich komisch, daß auch Adriane, statt ihrer Entrüstung Worte zu leihen, in ein herzliches Gelächter ausbrechen mußte. Der gute Musikdirektor wußte zwar nicht sogleich, wie dies gemeint sein mochte, lachte aber doch unbändig laut mit und rief endlich, mit einem Hustenanfall kämpfend: »Na sehen Sie – wir sind ja gar nicht so schlimm! Nicht wahr, schönes Fräulein?« »Ich verstehe Sie wohl nicht recht, mein wunderlicher Herr?« fragte Adriane wieder ernster werdend zurück. »Nun sehen Sie: die Sache ist nämlich ganz einfach die und der Umstand der,« begann Diedrichsen, indem er ein Stück weiter vorrückte und an den Fingern die einzelnen Punkte seiner Darstellung abzählte: »Wenn zwei Damen zufällig einen und denselben Herrn lieben – Sie kennen doch das Gedicht ›die Zwickmühle‹ von Heine? – Nicht!? ›Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hatt' einen andern erwählt‹, dieser aber liebte wieder eine andre, und keiner heiratet einen, sondern immer einer den andern, oder wie das Ding sonst heißt! – Nun, das müssen Sie doch zugeben, wenn man so etwas herauskriegt und dann noch nicht böse wird, da ... da hört's eben auf! Und der Soldat sagt: Was hilft mir der Mantel, wenn er nicht gerollt ist, das heißt, was hilft mir die älteste Freundin, wenn sie mir nicht meinen Schatz herausrückt?« »Mein lieber Herr Musikdirektor, Sie werden mir immer unverständlicher!« unterbrach Adriane seinen Redefluß. »Asta von Lersen läßt mir also sagen, daß sie ...« »Ach bewahre, Asta laßt leider gar nichts sagen – die liegt mit gräßlichen Kopfschmerzen da! Aber Fräulein Trudi meinte, Sie hätten gute Augen, mein schönes Fräulein, und man dürfte Sie nicht so im Zorn fortgehen lassen, denn Asta muß sich doch ärgern, wenn ihr Freier ihr untreu wird und ...« »Freier?« fragte Adriane hoch aufhorchend. »Bewirbt sich denn Herr von Eckardt um Astas Hand?« »Hat sich beworben, passé défini, und einen Korb bekommen,« erklärte der Professorenvater schmunzelnd. »Aber deswegen brauchte er doch nicht gleich hinzulaufen und sich in die älteste, beste Freundin der Grausamen zu verlieben – so 'was ärgert einen doch natürlicherweise! Und sehen Sie, die alte Freundschaft brauchte ja gar kein so böses Ende zu nehmen, wenn Sie nur dem amerikanischen Herrn erlauben wollten...« Die Operettensängerin, welche mit unwillig gerunzelter Stirn zugehört hatte, brach hier wieder in ein lautes Lachen aus und rief: »An Ihnen ist ein großer Diplomat verloren gegangen, Herr Musikdirektor! Ich habe nie etwas Aehnliches erlebt! Sie wollen mir also ganz zart zu verstehen geben, daß ich meinen eignen Anbeter auffordern soll, doch lieber sein Heil zum zweitenmal bei seiner ersten Flamme zu versuchen, ehe er mich endgültig weiter anbetet.« Die Ironie, die in ihrem Tone lag, brachte den guten Diedrichsen wieder etwas aus der Fassung. »Aber, mein Fräulein! Nein, wie werde ich denn so etwas verlangen, das wäre ja allerdings sehr freundschaftlich von Ihnen gehandelt, aber. ... Ich meine bloß, weil Fräulein Trudi meinte, Sie hätten so gute Augen und ... hm! ... Sie ließen sich gewiß versöhnen. Hahaha! Ja, wenn's eine schwierige Sache zu deixeln gibt, da muß der liebe Schwiegerpapa immer dran glauben. Ach geh doch hin, Papachen, thu's doch mir zuliebe, Papachen, sag ihr's doch, Papachen ...« »Sagte Fräulein Trudi?« »Sagte Fräulein Trudi, ja, und ich ließ mich endlich erweichen...« Die Zofe trat in diesem Moment ins Zimmer und meldete den Prinzen Führingen und den Lieutenant von Lersen an. »Ich sagte, daß gnädig Fräulein beim Packen wären, aber die Herren wollten sich nicht abweisen lassen,« setzte sie entschuldigend hinzu. »Nun, dann bitten Sie sie meinetwegen ...« »Um Gottes willen!« flüsterte der alte Diedrichsen, die schöne Serbin ängstlich am Arm ergreifend. »Sie werden doch die Herren nicht hereinlassen? Wenn der Lieutenant Bodo mich hier sieht – er sagt's ja natürlich gleich der Trudi wieder und das verzeiht sie mir nie!« »Sie sagten doch aber ...« bemerkte Adriane boshaft lächelnd. Das Mädchen war schon vorher, ihrem heimlichen Winke folgend, hinausgegangen und man hörte die beiden Herren im Korridor näher schreiten. »Herr des Himmels – sie kommen! Lassen Sie mich doch anderswo hinaus – verstecken Sie mich!« keuchte der Geängstete, auf die Thür des Nebenzimmers zuspringend und sie rasch aufreißend. Aber da prallte er wieder zurück: »O weh, ein Schlafzimmer!« Aber Adriane schloß lachend die Thür hinter dem aufgeregten alten Herrn und sagte: »Bleiben Sie nur ruhig da drin. Einen andern Ausgang habe ich hier nicht.« Unmittelbar darauf traten die gemeldeten beiden Herren über die Schwelle; der Prinz ruhig, elegant, etwas steif wie immer, Bodo in unzweifelhaft rosigster Laune, mit einem Sonnenuntergangsteint, welcher deutlich verriet, daß er soeben von einem Liebesmahle kam. Er eröffnete auch in außerordentlich raschem Tempo das Gespräch: »Aber meine Gnädigste, wie ich das von Ihnen finde! Sie wollten uns heimlich entfliehen? Avertierten uns gar nicht von Ihrer Abreise! Sie sehen, eine böse Ahnung hat uns hierher geführt! Ohne Abschied sollen Sie nun doch nicht davonkommen! – Wir dürfen Ihnen doch packen helfen, zauberhafteste aller Nachtigallen?« »Bitte bemühen Sie sich nicht. Mein Mädchen kann ja...« »O, eine Zofe hat keinen Begriff von Packen, meine Gnädigste. Wenn Sie wüßten, was ich letztes Manöver alles in meinen Vorschriftsmäßigen hineingezaubert habe! Das heißt: selbstredend hat mein August gepackt, ich leitete jedoch die Uebung. Kommen Sie, Prinz, legen Sie einmal mit Hand an! Sehen Sie bloß, diese Legion von entzückenden Stiefeln und Schuhen! Wissen Sie, wie man Damenstiefeln einpackt?« Dem durch und durch korrekten Prinzen Führingen war es nicht gegeben, auf den leichten Ton seines jüngeren Sportfreundes einzugehen. Er nahm dem kecken Lieutenant die Stiefeletten aus der Hand und sagte: »Vergreifen wir uns nicht an diesen Heiligtümern!« »Ah! Schön gesagt, mein Prinz!« lächelte die Grigori und verbeugte sich artig. »Wenn Sie als Standesperson das Sitzen nicht verschmähen, so würden Sie mich allerdings verbinden, wenn Sie mir helfen wollten, das Sofa abzuräumen.« Sie sprach ausschließlich mit dem Prinzen und gönnte Bodo keinen Blick. In seiner Weinseligkeit bemerkte er das aber nicht, sondern fuhr fort zu schwatzen. »Ei freilich wollen wir sitzen! O, so leichten Kaufes werden Sie uns nicht los, Gnädigste. Ah! Eine Idee! Wie wäre es, wenn wir ein kleines Abschiedssouper improvisierten?« Der Dragoner war, indem er diesen Vorschlag machte, damit beschäftigt, einen Pack Wäsche vom Sofa auf den Reisekorb zu tragen, der Prinz kniete vor demselben, um verschiedene am Boden liegende Gegenstände aufzusammeln. So hatten sie beide nicht bemerkt, wie die Außenthür leise aufging und Herr von Eckardt eintrat. Adriane forderte ihn durch Zeichen auf, sich nicht selbst bemerkbar zu machen. Denn obwohl der Besuch des genialen Diplomaten Diedrichsen senior sie heiter gestimmt hatte, wünschte sie doch, daß Bodo noch weiter gehen möchte in seinen anmaßenden Vorschlägen, um sich eine Zurechtweisung von seiten ihres Hofmarschalls zuzuziehen. Der liebenswürdige Prinz schien in seiner feinen, ruhigen Art dies selbst thun zu wollen, doch unterbrach ihn der Lieutenant ungeniert mit dem Anerbieten, für das Getränk Sorge tragen zu wollen, falls Führingen die Küche übernehmen wollte. – »O! Eine entzückende Idee!« Mit diesem lauten Ausruf trat nun plötzlich Rudolf vor, und überraschte damit die Dame des Hauses ebensosehr, wie ihre Besucher. »Meine Gnädigste! Entzückt Sie zu so guter Stunde in so guter Gesellschaft zu treffen.« Er küßte ihr galant die Hand und verbeugte sich dann artig gegen die beiden Herren. »Ich habe Ihnen noch einen Gast mitgebracht,« fuhr er dann fort, sich an Adriane wendend. »Einen Gast, den ich Ihnen schon lange versprochen hatte – Herrn Major außer Dienst von Muzell – gestatten, daß ich ihn hereinbitte?« Die Grigori winkte lächelnd Gewährung. Der Lieutenant Bodo aber traute seinen Ohren kaum, als er den Namen seines bösartigen Obermanichäers nennen hörte und konnte sich nicht enthalten, ein halblautes »Donnerwetter, nun wird's hübsch!« in jenen lufterfüllten Raum zu murmeln, den dereinst sein Bart einnehmen sollte. Rudolf führte seinen väterlichen Freund herein, und stellte ihn Fräulein Grigori, sowie Seiner Durchlaucht vor. Der kleine Dragoner, durch reichlichen Genuß alkoholischer Getränke besonders witzig gestimmt, konnte sich nicht enthalten, den »ärgsten Krawattenmacher von ganz Berlin« ein wenig »anzuöden«. Er ließ also die Sporen zusammenklirren, verbeugte sich militärisch kurz und näselte: »Gestatten Herr Major – mein Name ist von Lersen.« Und der alte Muz musterte den jungen Mann mit boshaftem Lächeln von oben bis unten und sagte dann, den Finger drohend erhoben: »So so, der sind Sie also? Na, von Ihnen hab' ich schöne Geschichten gehört!« »Ach so! Herr Major meinen gewiß den stilvollen Scherz mit dem alten Manichäer, der mir den Mann mit der Blechmarke auf die Bude schickte. Denken Sie sich bloß, Herr Major, wie der Beamte vernahm, daß das Geld jederzeit zu seiner Verfügung stehe, zog er sich in Wurmesgestalt zurück und ward nicht mehr gesehen. Der Scherz hat unter den Kameraden Sensation erregt.« Der alte Muz zog unwillig die Brauen zusammen und flüsterte dem übermütigen jungen Manne ernst zu: »Hör' 'mal, mein lieber Junge, ich dächte, du hättest Ursache, etwas weniger – hoch zu sein! Setze dich lieber einen 'runter. Hast du den Brief von Mama nicht bekommen?« »Welchen Brief?« »Ein Brief, welcher jedenfalls sehr ernste, wichtige Mitteilungen enthielt.« »Ich bin um halb fünf fortgegangen und inzwischen nicht wieder nach Hause gekommen.« »So? Dann möchte ich dir raten, dich hier baldigst zu verabschieden, um noch vor Thoresschluß bei Mama vorsprechen zu können.« Damit ließ der alte Muz den Lieutenant stehen und wandte sich Adriane zu. Bodo war einen Augenblick zu Mute, als sei er plötzlich ganz nüchtern geworden. Aber er war nicht der Mann, sich bange machen zu lassen. Wenn wieder ein Platzregen im Anzuge war, dann wollte er ohne Regenschirm, wie es einem Soldaten geziemt, mitten hindurchgehen; aber sich jetzt die rosige Laune verderben, sich von dem alten Muz gewissermaßen vor die Thüre setzen zu lassen, während doch einer der originellsten und amüsantesten Abende seines ganzen vergnüglichen Lebens seiner harrte – nein, das wollte er sich nicht selber anthun. Die guten Geister des Weines würden ihm beistehen, die unbehaglichen Unglücksahnungen zu verscheuchen und seine gesellschaftlichen Talente so zu steigern, daß er die Leitung dieser Uebung ganz in seine Hand bekäme, bei der Grigori glänzend abschnitte und den grimmigen Muz samt seinem Spezi Pflaumenschmeißer schlagrührend ärgerte! Der Gedanke eines Abschiedsschmauses auf gemeinschaftliche Kosten wurde lebhaft wieder aufgenommen, und Adriane sträubte sich nicht lange dagegen, weil sie Rudolf mit solchem Eifer dafür eintreten sah, daß sie annahm, er habe wohl irgend eine bestimmte Absicht dabei. Auch daß er gerade heute, am letzten Abend erst, den Major noch bei ihr einführte, überzeugte sie, daß er etwas Besondres im Schild führen müsse, und als Bodo hinausgegangen war, um durch die Zofe seine Bestellung im Restaurant ausführen zu lassen, und der Major mit dem Prinzen im Gespräch war, benutzte sie die Gelegenheit, um Rudolf etwas beiseite zu nehmen und ihm zuzuflüstern: »Ich habe Sie heute mit Sehnsucht erwartet, lieber Freund – warum kamen Sie nicht früher?« »Der Major besuchte mich,« gab Rudolf rasch zurück. »Er hat mir alles erzählt, was Sie mir gewiß selbst sagen wollten.« »Sie wissen alles? Die Entdeckung ... Lersens ...? O, wie hat man mich gekränkt! Und Sie, Rudolf, was werden Sie thun?« »Lassen Sie das, wir sprechen später noch darüber.« »Was will Ihr Major heute bei mir?« Rudolf zögerte einen Augenblick: »Er will ... er ist mein einziger Freund hier ... beinahe Pflegevater – haha ... er meinte, es wäre doch Zeit, Sie nun kennen zu lernen.« Der ehrliche Amerikaner errötete, denn er war sich bewußt, Andeutungen gemacht zu haben, deren Inhalt ihm im Herzen fremd war. Adriane sah mit leuchtenden Blicken zu ihm auf: »Wir müssen heute noch allein sein.« Wie ein Feuerwerk von hellen Funkengarben und bunten Leuchtkugeln flammten die glücklichsten Hoffnungen vor dem Auge ihrer Seele auf, und in plötzlich heiterster Stimmung mischte sie sich nun in die allgemeine Unterhaltung. Man war bald sehr lustig und sehr lebhaft, selbst der Major, den die Begegnung mit Bodo einigermaßen erbost hatte, gab sich wieder zufrieden und spielte nicht ohne Geschick den galanten Kavalier der alten Schule. Die schwierigen Aufräumungsarbeiten bereiteten den Herren ein großes Vergnügen. Die nötigen Sitzplätze wurden frei gemacht, der Tisch abgeräumt und von der Zimmervermieterin Tischwäsche und Geschirr entlehnt. Nach einer guten halben Stunde kamen die bestellten Speisen aus dem Restaurant an; zwei Eiskübel mit Sektflaschen wurden mit Jubel begrüßt. Man setzte sich zu Tische. Der Prinz hielt die Rechnung in der Hand und las daraus das Menü ab: »Oderkrebse, Hamburger Hühner, Trüffeln in der Serviette, Roastbeaf mit Salat und Kompot, Eis.« »Ein sublimes Menü, nicht wahr, meine Gnädigste?« rief Bodo. »Darin ist nun Führingen einzig. Aber ich wette, daß uns Herr von Eckardt noch eine Ueberraschung zum Dessert aufgespart hat, türkische Pflaumen zum Exempel. Sie haben gewiß Geschäftsverbindungen mit der Türkei, Herr von Eckardt, Ihre Backpflaumen sollen ja von geradezu zauberhafter Schönheit sein. Man sagt Ihnen nach, daß Sie sich den Weg zu den Herzen der Damen mit Pflaumen zu pflastern pflegen.« Der Major warf Bodo einen sehr wenig aufmunternden Blick zu und räusperte sich warnend. Bodo ließ sich dadurch aber nicht im geringsten stören, sondern wandte sich sofort wieder an den ruhig seine Krebsschwänze abknickenden Rudolf und rief ihm über den Tisch zu: »Sagen Sie, ist das wahr, Herr von Eckardt? Sie sollen neulich einer jungen Dame ins Stammbuch geschrieben haben: ›Die Rose riecht, allein sie sticht – Wandle auf Pflaumen und Vergißmeinnicht!‹« Der korrekte Prinz Führingen lachte anständig aber ausgiebig über diesen großartigen Witz und selbst Adriane und der Major konnten sich eines Lächelns nicht erwehren, obwohl sie das offenbare Bestreben des Lieutenants, Eckardt zu reizen, gar sehr verstimmte. Rudolf aber ließ sich kaum in der sorgsamen Zurichtung seiner Krebse stören und versetzte sehr ruhig: »Die Pflaumen heißen auf englisch ›plum‹! « »Ich danke Ihnen für die freundliche Belehrung,« spottete der Dragoner. »Für eine einzige solche englische plum wären Sie, Herr Lieutenant, mein gehorsamster Diener Ihr lebenlang!« Adriane lachte; die andern Herren, Bodo nicht zum mindesten, machten sehr verdutzte Gesichter, da sie nicht verstanden, wo Herr von Eckardt hinauswollte. » A plum – heißt nämlich eine Summe von hunderttausend Pfund Sterling, oder auch der glückliche Besitzer einer solchen Summe,« erklärte Rudolf, sich die Fingerspitzen in der Serviette abwischend. »In diesem Sinne, meine Gnädigste,« wandte sich Bodo an Adriane, »würde ich allerdings auch einen englischen Pflaumenschmeißer einem preußischen Lieutenant vorziehen. – Sie entschuldigen, Herr von Eckardt, aber das Wort ist gut deutsch.« Der Amerikaner blickte erst Adriane fragend an, bevor er mit deutlicher Ironie seinem witzigen Gegenüber erwiderte: »Ich gestehe, daß mir in den Jahren da drüben solche Feinheiten der deutschen Sprache fremd geblieben sind.« Bodo fühlte den Stich und da er nicht sofort zu erwidern wußte, schenkte er sich ein neues Glas Sekt ein, blinzelte über den Rand des Kelches der Sängerin zu und rief: »Es lebe das Glück, es lebe die Liebe! Und Ihnen, meine Gnädigste, vergnügte Pflaumenernte in Helgoland!« Adriane schob mit einem ärgerlichen Ruck ihren Teller von sich, zog die Brauen zusammen und sagte: »Mein Herr Offizier, Sie scheinen mit der Absicht hierher gekommen zu sein, meine Gäste zu verhöhnen und mich zu beleidigen.« »Aber nein, Anbetungswürdigste, wie können Sie einen unschuldigen Scherz ...« Er wurde durch den Eintritt des Mädchens unterbrochen, welches kam, um das zweite Gericht aufzutragen. Erst als die Zofe mit den Krebsen hinausging, unterbrach der Major das minutenlange Schweigen durch die Behauptung, der Mensch sei gerade das Gegenteil vom Krebs. »Wieso?« liefen alle, froh der Unterbrechung. »Weil der Krebs rot wird, wenn man ihn abbrüht – der abgebrühte Mensch aber hat aufgehört zu erröten!« Bodo hatte heute schon zu viel des süßen Weines genossen, als daß irgend welche Vorwürfe oder tadelnde Anspielungen ihn noch besonders empfindlich hätten treffen können. »Bravo, bravo! Sphinx locuta est !« rief er laut. »Reagiert niemand mehr auf diese reaktionären Krebse, so gehen wir zu den harmlosen Hamburger Hühnchen über.« Muzell, der Prinz und Eckardt gaben sich redliche Mühe, durch eine lebhafte Unterhaltung die Taktlosigkeit Bodos in Vergessenheit zu bringen. Der Major besonders benutzte die Gelegenheit, um von Adriane etwas über ihre Jugend zu erfahren, über die Gründe, welche sie bewogen hatten, zur Operette zu gehen. Es versteht sich, daß sie sich in Bodos Gegenwart nicht so aussprechen konnte, wie sie es jüngst Rudolf gegenüber gethan hatte; aber was sie sagte, war genug, um dem alten Muz eine sehr günstige Meinung von ihr zu verschaffen. Der unverbesserliche Lieutenant hatte inzwischen Zeit gefunden, einen neuen Angriffsplan für den kleinen Krieg gegen den verhaßten Nebenbuhler zu entwerfen. Als die Hühner abgetragen wurden, benutzte er die Pause in der Unterhaltung und wandte sich von neuem an Rudolf. »Wie gut, daß ich diese Hühnchen nicht mit Ihnen zu rupfen hatte, Herr von Eckardt!« Und als der Angeredete sich fragend im Kreise umsah, fügte er hinzu: »Sehen Sie, da haben Sie wieder eine Feinheit Ihrer deutschen Muttersprache.« Der alte Muz vermochte nicht länger an sich zu halten. Bodos Betragen hatte ihn von Anbeginn erbost – zerbrechen durfte er hier nichts, er mußte sich mit Worten Luft machen. »Du könntest uns mit deinen schätzbaren Belehrungen verschonen, mein Lieber,« knurrte er ingrimmig. »Herr von Eckardt möchte dir sonst mit einem Deutsch dienen, das dir auch ohne Feinheiten einigermaßen verständlich sein dürfte.« »Das ist's ja eben, was ich meins, Onkelchen,« erwiderte Bodo lachend. »Ich werde mich hüten, mich mit einem Amerikaner in Streit einzulassen, damit er mich womöglich auf Pulvertonnen ankontrahiert! Wie ist das eigentlich mit dem sogenannten amerikanischen Duell, Herr von Eckardt? Haben Sie jemals eins ausgefochten? Geben Sie überhaupt Satisfaktion?« »Ich bin über das Alter der dummen Jungenstreiche hinaus, Herr von Lersen; habe es auch niemals für eine besondre Heldenthat gehalten, jemand aus Uebermut zu kränken und zum Streit zu reizen. Wenn mich aber jemand angreift, so werde ich mich zu wehren wissen.« Bodo setzte mit einer hochmütigen Grimasse seinen Klemmer auf die Nase und sagte, während er langsam an Rudolf hinabsah: »Sie sind ja wohl Schlossergeselle gewesen da drüben? Da müßten Sie eigentlich nur auf Hausschlüssel losgehen.« Rudolf that, als habe er diese letzte Anzüglichkeit des Lieutenants gar nicht gehört und richtete gleichmütig einige Worte über die Vorzüglichkeit der Trüffeln an Adriane. Unter dem Tische trat der Prinz Bodo leise auf den Fuß und versuchte ihm gleichzeitig durch mißbilligende Blicke anzudeuten, daß er mit seinen plumpen Angriffen zu weit gehe. Er brach darauf ein Gespräch über das letzte Nennen vom Zaune, in der guten Absicht, auf dem neutralen Gebiete des Turfs die feindselig erregten Geister wieder zu versöhnen. Aber auch hier führte der bedenklich angeheiterte Dragoner sogleich wieder das große Wort und benutzte die Gelegenheit, über Rudolfs Reitkunst einige zweifelhafte Schmeicheleien anzubringen. Der dicke Major war schon dunkelrot im Gesicht vor Aerger und hatte nicht übel Lust, seinen unbequemen Pflegesohn beim Kragen zu nehmen und vor die Thür zu setzen. Mißmutig legte er seine Gabel beiseite und wischte seinen herabhängenden Schnauzbart ab, als ihm ein guter Einfall kam: »Meine Herren,« rief er, »der Genuß, den uns diese überirdischen Trüffeln bereiteten, wäre nur noch einer Steigerung fähig – aber allerdings einer ganz ungemeinen Steigerung! – wenn unsre schöne Wirtin sich bewegen ließe, uns jetzt ein Lied zum besten zu geben.« Der Vorschlag fand lauten Beifall und alle vier Herren bestürmten Adriane um ein Lied. Sie hatte nicht die mindeste Lust, zwischen Trüffeln und Roastbeaf zu singen, aber sie hoffte, gleich dem Major, daß eine lustige Zwischenaktsmusik vielleicht das geeignetste Mittel sein dürfte, um dieser unerquicklichen Kampfstimmung der Herren ein Ende zu machen. Sie setzte sich also, ohne sich lange bitten zu lassen, an den Flügel und begann zu präludieren. Gleichzeitig erhoben sich auch die Herren, mit Ausnahme des alten Muz, welcher, um besser beobachten zu können, am Eßtisch sitzen blieb und nur seinen Stuhl nach dem Flügel herumrückte. Der Prinz stützte seine Arme auf einen der Wäschestöße und blickte seiner Angebeteten bewundernd in das ausdrucksvolle Gesicht. Bodo lehnte sich vorsichtshalber gegen den neben der Schlafzimmerthür befindlichen Vertiko, so daß die Sängerin ihm den Rücken zukehrte. Doch er übersah, daß ihr gegenüber an der andern Wand ein großer Spiegel hing, in welchem sie ihn sehr wohl beobachten konnte. Wenige Schritte von ihm hatte Rudolf mit untergeschlagenen Armen Aufstellung genommen. Kaum hatte die Grigori die ersten Takte einer lustigen französischen Operettenmelodie mit etwas erzwungener Keckheit herausgeschmettert, als der Amerikaner sich mit zwei lautlosen Schritten dicht an die Seite des Dragoners begab und diesem rasch, aber ohne ersichtliche Aufregung zuflüsterte: »Sie haben sich den ganzen Abend über Mühe gegeben, mich zu reizen. Ich würde mich verdammt wenig darum kümmern, denn es ist klar, daß Sie mehr Wein genommen, als Sie vertragen können; aber Sie haben auch Fräulein Grigori auf das gröblichste beleidigt und ich muß verlangen, daß Sie die Dame in Gegenwart dieser Zeugen dafür um Verzeihung bitten.« »Kostbare Idee!« lispelte der Lieutenant zurück und hob verächtlich eine Schulter. Immerhin ernüchterte ihn die ernsthafte Wendung, die sein übermütiges Unterfangen nun plötzlich nahm, einigermaßen, so daß er im stande war zu begreifen, um was es sich handelte. »Ich möchte wissen, mit welchem Rechte Sie sich so ungebeten zum Ritter des Fräuleins auswerfen, mein Herr?« fügte er nach einer kleinen Pause hinzu. Rudolf fühlte, daß er errötete. Er biß sich leicht auf die Unterlippe, dann aber, ohne sich lange zu besinnen, versetzte er noch leiser: »Meine Beziehungen zu Fräulein Grigori sind derartige, daß man bald öffentlich meine Rechte, zu ihrem Schutze einzutreten, anerkennen wird.« »Ah so!« sagte Bodo einigermaßen überrascht, indem er seinen Zwicker von der Nase fallen ließ: »Dann allerdings ...« »Sie wollen also Abbitte thun?« »Auf Ihren Wunsch gewiß nicht, mein Herr.« Adriane ließ gerade einen langen Triller auf E erschallen, wählend sie aus den Mienen der Flüsternden, die ihr der Spiegel zeigte, den gefährlichen Inhalt ihrer Unterhaltung mit vollster Deutlichkeit ablas. Fast gleichzeitig bemerkte ihr scharfes Auge durch Vermittelung desselben verräterischen Spiegels, wie sich die Thür des Schlafzimmers ein wenig öffnete. Der unglückliche Musikdirektor! Sie hatte des armen Gefangenen in der peinlichen Aufregung der verflossenen Stunde gänzlich vergessen. Lockte ihr Gesang ihn so unwiderstehlich? Nun, wenn er sich verraten wollte, so war das seine Sache. Wenn nicht, so mußte er freilich noch recht lange Geduld haben; denn sie wollte noch heute nacht, wenn die Herren gegangen waren, eine Aussprache mit Rudolf unter vier Augen herbeiführen. Der Unglücksdiplomat könnte leicht bis nach Mitternacht in seinem Gefängnis ausharren müssen! Welche grotesk lächerliche Idee, den alten Herrn wie einen versteckten Liebhaber nächtlicherweile aus ihrem Schlafzimmer zu spedieren! Das alles schoß ihr durch den Kopf, während sie, zum Entzücken des guten Prinzen, der mit brennenden Blicken und verhaltenem Atem dem Spiel ihrer beweglichen Mienen folgte, ihr Chanson mit der weichen kleinen Stimme weiter trällerte. Indessen vernahm das seine Ohr des lauschenden Diedrichsen des Aelteren ganz aus der Nähe die flüsternde Stimme des Amerikaners. »Dann sehe ich mich genötigt, der beleidigten Dame auf andre Weise Genugthuung zu verschaffen.« »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Herr von Eckardt. Nur nicht amerikanisch: das verbietet die Standessitte,« entgegnete Bodo höflich. »O nein, Herr von Lersen: Sie sollen fair play haben. Vor dem Hausschlüssel brauchen Sie nicht zu zittern.« »Sagen wir also: Pistolen!« »Wie Sie wünschen!« »Ihre Zeugen?« »Genügt es nicht, wenn jeder von uns einen Freund mitbringt? Der Major von Muzell wird mir gewiß die Gefälligkeit erweisen, aber ich wüßte nicht, wo ich einen zweiten Zeugen so schnell auftreiben sollte, denn ich bitte zu bedenken, daß ich morgen mittag um elf Uhr sechsundfünfzig Minuten mit Fräulein Grigori nach Hamburg abzureisen gedenke. Ich möchte also unsre Angelegenheit möglichst früh erledigt wissen.« »Ich begreife sehr wohl. Und es soll mich freuen, Ihnen noch ein kleines Andenken mit auf die Reise geben zu dürfen. Sie könnten sich das so hübsch in den Korb von meiner Schwester verpacken.« » Damnation! Herr, hüten Sie Ihre Zunge!« Der Prinz wandte sich und warf Rudolf einen unwilligen Blick zu. Und Rudolf, obwohl bebend vor Erregung, dämpfte seine Stimme noch mehr herab und flüsterte nach einer kleinen Pause weiter: »Sie verschlimmern Ihre Sache nur, wenn Sie Ihr Fräulein Schwester hineinziehen; da Fräulein Grigori von Fräulein von Lersen ebenso grundlos beleidigt wurde, wie von Ihnen ...« »Wie ist das möglich?« unterbrach Bodo erstaunt. »Bei ihrem heutigen Besuch im Hause Ihrer Frau Mutter. Wußten Sie davon nichts?« »Wäre ich sonst heute abend hierhergekommen?« »Allerdings, eine solche Taktlosigkeit ... pardon , mein Herr! ... Also das Nähere morgen früh ...?« »Wird Prinz Führingen mit dem Major arrangieren.« » Allright – sehr schön.« Bravo, bravo, bravo! – Der Gesang war zu Ende. Die Herren, auch der alte Muz, drängten sich um Adriane und klatschten lauten Beifall. Diesen Augenblick, in welchem außer der Sängerin alle Anwesenden ihm den Rücken zukehrten, benutzte der Vater des Professors zu einem tollkühnen Fluchtversuch. Er gelangte wirklich unbemerkt bis zur gegenüberliegenden Thür. Unglücklicherweise hatte aber auch die Zofe nur das Ende des Gesanges abgewartet und trat nun gerade mit der dampfenden Roastbeafschüssel ins Zimmer, als der Musikdirektor schon die Klinke ergriffen hatte. Beide prallten mit dem gleichen Schrecken zurück. Das Mädchen kreischte laut und ließ die Bratenschüssel fallen, der Musikdirektor fing sie auf und sagte nur: »Hopsa!« Die drei Herren wandten sich gleichzeitig nach der Thür. Im ersten Augenblick staunten sie verblüfft und stumm diese wie vom Himmel herabgefallene Erscheinung an, aber der kleine alte Herr, der mit der kläglichsten Armsündermiene von der Welt durch seine goldne Brille auf die unglückliche Bratenschüssel guckte, bot einen zu unwiderstehlich komischen Anblick – man lachte aus vollem Halse, ohne zu begreifen, rücksichtslos, einer den andern immer von neuem mit sich fortreißend. Man lachte die peinlich verlegene, zornige Stimmung der letzten Stunde zum Zimmer hinaus. Man lachte so lange, bis endlich der arme Diedrichsen sich aus seinem Schrecken aufgerafft hatte, die Bratenschüssel energisch auf den Eßtisch setzte und rief: »Wenn ich nun doch schon 'mal verraten bin – dann lassen Sie wenigstens mitessen, Fräulein; ich bin, weiß Gott, halb verhungert!« Immer noch lachend umdrängte man den alten Herrn, schob ihm einen Stuhl unter, brachte ihm Teller und Besteck herbei, legte ihm die saftigsten Scheiben des Roastbeafs vor und bestürmte ihn mit Fragen. Er aber flehte sie an: »Meine werten Herren, thun Sie mir die Liebe und lassen Sie mich erst in Ruhe mein Stückchen Braten verzehren. Ich habe so eine verwünscht feine Nase – das ganze Menü habe ich durchs Schlüsselloch gerochen – und dabei seit zwei Uhr nichts gegessen! Tantalus war Ihnen nur so ein Sportshungerer gegen mich ... Mein Name ist Diedrichsen, Musikdirektor außer Dienst ...« unterbrach er sich selbst, mit eiliger Verbeugung sich dem Prinzen vorstellend. »Prinz Führingen, Premierlieutenant außer Dienst,« murmelte jener zurück. Dem alten Muz dämmerte eine Ahnung der Wirklichkeit auf, als er sich erinnerte, was Trudi auf der Treppe ihm anvertraut. Er wollte dem guten Diedrichsen in seiner Verlegenheit beispringen und einen plausiblen Grund seiner Anwesenheit finden helfen. Darum rief er, als jener seine erste Portion fast vertilgt hatte: »Herr Musikdirektor, Sie sind gewiß von Excellenz Lersen gebeten worden, ihr den Herrn Sohn einzufangen, nicht wahr?« Doch der harmlose Professorenvater griff nicht nach diesem Rettungstau, das ihm der Major so freundschaftlich zuwarf, sondern verließ sich auf seine eignen, sehr geringen Schwimmkünste und versetzte: »Ach nein, davon wüßte ich nichts, Herr Major! Ich wollte nur ... ich dachte ... weil's doch so ein schöner Abend war ... Du wirst einmal ein bißchen mit dem Fräulein musizieren.« »Musizieren – ah! Sie kannten also Fräulein Grigori bereits näher, Schwiegerpapachen?« neckte der Lieutenant. »Freilich, freilich – sie ist ja unter meiner Leitung in Pasewalk zuerst aufgetreten – jawohl, freilich! Alte Bekannte!« »Ich denke, das war vor fünfzehn bis zwanzig Jahren, wie Sie in Pasewalk ...« »In Kinderrollen natürlich,« erklärte schlagfertig dieser Lügensack von einem Musikdirektor. »Sie debütierten als zweiter Meerkater in der Zauberflüte – nicht wahr, Fräulein? Ich weiß es noch wie heute!« »Aber weshalb versteckten Sie sich denn vor uns?« fragte der Prinz. »Weil, weil ... nun sehen Sie, ich bin Vater eines außerordentlichen Professors und Schwiegervater eines ordentlichen Baroneßchens. ... Da muß man schon auf die Würde halten, nicht wahr? Man ist allerdings noch lange kein Meergreis, man fühlt das Herz eines Jünglings im Busen hüpfen, wenn man so einem reizenden Fräulein ins Auge schaut ... aber vor den jungen Herren ... na, Sie werden mich schon verstehen, Herr Major. – Bodochen, goldner Herr Lieutenant, sagen Sie's bloß nicht zu Hause, daß Sie mich erwischt haben.« Die Drolligkeit des naiven Musikdirektors gab immer neuen Anlaß zu lauten Ausbrüchen allgemeiner Heiterkeit und würzte den Gästen das Mahl ebensosehr, wie vorher die schlechten Scherze Bodos ihnen den Appetit verdorben hatten. Nach dem Essen machte man wieder etwas Musik, sehr leichte Musik, bei welcher sich's ganz gut plaudern ließ. Zudem hatten alle des köstlichen Schaumweines so reichlich genossen, daß weder die Vortragenden mehr große Aufmerksamkeit beanspruchten, noch die Zuhörer für ihre Rücksichtslosigkeit besonders streng zu verurteilen waren. Adriane sang. Muz und Eckardt saßen nebeneinander auf dem Sofa. »Sie müssen mir schon den Gefallen thun, lieber Major,« sagte Rudolf. Der Angeredete ließ mit ärgerlichem Ruck die Spitzen seines Türkenschnauzers durch die Finger gleiten: »Aber stellen Sie sich doch bloß vor, mein Bester, diese hirnverbrannte Idee: ich, der älteste Freund des Hauses Lersen, soll Ihnen helfen, das Jungchen, den Bodo, totschießen!« »Beruhigen Sie sich, ich will es so schlimm nicht machen. Uebrigens kann es dem jungen Herrn nicht schaden, wenn Sie ihm auch hierin Ihren vollen Ernst zeigen. Soll man mir etwa nachsagen, daß ich diesen kleinen Dragoner umgebracht hätte, weil seine Schwester mich nicht heiraten wollte at a moments warning? « »Wenn er nun aber Sie anschießt? Er weiß ja nicht, welch traurige Rolle er in dieser Schicksalstragödie spielt. Soll man ihm erlauben, den einzigen Sohn der Eltern, die durch seines Vaters Schuld in Elend und ...« »Durch Sie darf er es nicht erfahren – Ihre Hand darauf!« unterbrach Rudolf fast gebieterisch. »Es wäre feige von mir, wenn ich mich hinter der Schuld des alten Generals vor den Kugeln des Sohnes verstecken wollte. Er soll sehen, daß er es mit einem Manne zu thun hatte! Wenn's das Schicksal will – Schicksal! Humbug! Der Sohn artet eben dem Vater nach, lebt lustig von meinem Gelde und knallt mich dann über den Haufen! Diese Familie gehört als Musterbeispiel in eine darwinistische Naturgeschichte. Die Lersens vertilgen die Eckardts, um ihre Rasse zu vervollkommnen – haha!« »Lieber Freund, Sie sind sehr aufgeregt – Sie gefallen mir gar nicht,« sagte der Major, Rudolfs Auge suchend. »Sie sind nicht der Mann zum Verspeistwerden, sondern zum selbst Verspeisen – das haben Sie Ihr lebenlang bewiesen! Dabei bleiben Sie nun aber auch, und fallen Sie nicht wie ein deutscher Mondscheinjüngling in Ohnmacht, weil Sie sich mit diesem höchst liebenswürdigen Fräulein in unbequeme Verhältnisse eingelassen haben. Die Grigori klammert sich an Sie, weil sie stolz ist und Sie ihr imponieren. Sie würde Sie vielleicht mit Kußhand heiraten, vom Fleck weg – aber daß das eine Dummheit wäre, empfinden Sie schon jetzt, und sie würde es bald genug auch merken. Also warum so ängstlich? Asta ist ja rasend eifersüchtig auf ihre beste Freundin – ist Ihnen das noch nicht genug?« »Ja, und hetzt ihren Bruder auf gegen mich, damit . . ,« »Himmelelement nochmal! Wie können Sie das auch nur denken?!« brauste der alte Muz auf. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß Asta alles weiß, daß sie sich selbst erbot, Ihnen sofort das Geld zu bringen.« »Gewiß, weil ihr Hochmut den Gedanken nicht ertragen kann, daß irgend einer von ihrer Sippe mir noch etwas schuldig sein sollte.« »Mit Ihnen ist heute nicht zu reden!« Der Major erhob sich von seinem Sitze und ging auf den Musikdirektor zu, der mitten im Zimmer rittlings auf einem Koffer saß und den Takt zum Gesange der Grigori schlug. Unmittelbar neben dem Thron des drolligen kleinen Herrn hielt ihn der Prinz Führingen an. »Sie werden Herrn von Eckardt morgen sekundieren, Herr Major?« fragte er ziemlich leise, aber doch nicht so leise, als daß seine Worte den scharfen Ohren des Musikdirektors entgangen wären. Der alte Muz verbeugte sich leicht. »Der Gegner wünscht eine möglichst frühe Stunde. Ich habe mit Herrn von Lersen halb sieben Uhr verabredet, hinter dem Lietzensee im Witzleben. Um die Sache recht unauffällig zu machen, möchte ich mir erlauben, Ihnen vorzuschlagen, daß Sie mit Ihrem Klienten mit der Stadtbahn um sechs Uhr nach Charlottenburg fahren und, am Bahndamm entlang beim Gasthof Lietzensee vorbei, den Platz des Rendezvous aufsuchen. Ich selbst werde Herrn von Lersen in eignem Wagen von der andern Seite aus hinfahren und für alle Eventualitäten meinen Arzt mitbringen.« »Gut. Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Die Bedingungen?« »Ich denke nicht zu schwer! Mein Gott, Neckereien in der Weinlaune, aus Eifersucht ...« Die Herren traten weiter zurück. Mehr konnte der alte Diedrichsen nicht verstehen. Er hatte rasch und ziemlich viel Wein getrunken, er war nicht mehr im stände, den vollen Sinn des Gehörten sich ganz klar zu machen. Er fühlte den dunklen Drang, etwas zu thun, um Unheil zu verhüten, war aber gänzlich unfähig, auf der Stelle einen Plan zu entwerfen. Adriane kam und bat ihn, etwas vorzutragen. Froh, des schwierigen Nachdenkens durch diese Aufforderung überhoben zu werden, kam er derselben sofort nach und griff kräftig in die Tasten. Adriane setzte sich neben den einsamen Rudolf auf das Sofa. Ihr Busen wogte heftig, ihre schönen dunklen Augen glühten, unfähig, ihre Erregung zu meistern, preßte sie Rudolfs Rechte in ihren beiden Händen und flüsterte ihm zu: »O mein Freund, was wollen Sie für mich thun! Ich habe Sie im Spiegel vorhin mit dem Lieutenant beobachtet – ich weiß alles: Sie wollen Ihr Leben einsetzen, um die Schmach zu rächen, die dieser Mann und seine Schwester mir angethan haben. Warum – mein Freund, warum? O! Ich weiß – siehst du nicht, wie ich glühe vor Glück? Der kleine Offizier hat Anspielungen gemacht zu mir, sich entschuldigt, ironisch gratuliert. ... Jetzt weiß ich, daß du mich liebst, so wie ich dich liebe! Höre doch: Rudolf, ich liebe dich! Daß ich's doch singen, hinausschreien dürfte! – Ach, es ist so süß, einem Manne zu sagen: ich liebe dich, ich liebe dich! – Berauscht es dich auch so, Lieber? Du wirst dich nicht schlagen – ich verbiete es dir, ich habe jetzt ein Recht auf dein Blut; jeder Tropfen ist mein! Ich will dich so fest halten, daß du nicht fort kannst, wenn du auch möchtest.« Sie war so im Taumel der Wonne, daß sie wirklich die Arme erhob, als wollte sie feinen Hals umschlingen. Rudolf zuckte zusammen: »Ums Himmels willen, Adriane, man wird aufmerksam, mäßigen Sie sich.« »Ach, es ist wahr – die Menschen! Was gehen sie mich an? – Der gute, liebe Prinz, was er für traurige Augen macht, und wie er seinen schönen Charles-quint -Bart so nervös streichelt! Du mußt wissen, er hat mir einen Heiratsantrag gemacht, der gute, dumme Prinz. Ich habe es dir nicht gesagt, ich wollte dich nicht ärgern.« Rudolf wandte sich mit großen Augen ihr zu: »Der Prinz hat Ihnen seine Hand angetragen – im Ernst?« flüsterte er höchst ehrlich erstaunt: »Und Sie haben ihn abgewiesen?« »Ich wußte doch, daß du mich liebtest,« gab sie zärtlich zurück, mit einem Lächeln, das ihre unregelmäßigen Züge hinreißend schön machte. Er aber schüttelte den Kopf, wendete sich kalt von ihr ab und sagte: »Wie konnten Sie Ihr Glück so von sich stoßen? Sie, die geborene Prinzessin! – Adriane, ich begreife Sie nicht! – Wenn ich Ihnen im Wege bin ...« Sie rang nach Atem, sie wurde sehr bleich, es überlief ihre glühende Haut eiskalt. Betrogen, wieder und schlimmer betrogen denn je! Sie ächzte leise auf und sank ohnmächtig mit dem Oberkörper zur Seite. Rudolf griff nach ihrem Kopfe, sprang auf und stützte sie. Der Prinz, der Major, Bodo eilten erschrocken hinzu – nur der Musikdirektor lärmte im Walzerrhythmus weiter, bis ihm der alte Muz zurief, daß er »ins Dreideibels Namen!« aufhören möchte. Inzwischen hatte der Prinz bereits die Zofe zur Hilfeleistung herbeigeholt und Rudolf Adriane eine nasse Serviette auf das Gesicht gedrückt. Sie schlug nun matt die Augen auf. Die Herren blickten einander an, traten zurück und entfernten sich geräuschlos. Auf der Treppe hielt Rudolf den alten Muz ein wenig zurück: »Wenn der kleine Lieutenant morgen nur treffen möchte!« knirschte er. »Unsinn, mein Junge,« erwiderte der Major. »Der bezechte kleine Lieutenant verschläft morgen die Zeit.« »Was habe ich gethan! Ich kann ihr nicht mehr unter die Augen treten!« »Kneif aus, mein Sohn, kneif aus!« rief der Alte eifrig. »Einem Manne muß man unter allen Umständen entgegentreten, aber vor einem beleidigten Weibe heißt es: sauve qui peut!« – Eine gute halbe Stunde später hielt die Zofe die wieder zum Bewußtsein erwachte Herrin immer noch stützend um die Taille gefaßt. Und immer noch starrte Adriane Grigorescu stumm vor sich hin, atmete schwer und biß sich die Lippen wund. Dem armen Mädchen fielen vor Müdigkeit schon die Augen zu. Fast wäre sie am Busen ihrer Herrin, wie sie so wort- und regungslos neben ihr auf dem Sofa saß, sanft entschlummert. Da schlug die Standuhr eins. Das Mädchen raffte sich auf und rief halblaut: »Wollen Fräulein nicht zu Bette gehen?« Und Adriane erhob sich, brach plötzlich in ein krampfhaftes Schluchzen, mit hysterischem Lachen untermischt, aus und taumelte an der erschrockenen Zofe vorbei in ihr Schlafzimmer. Zwölftes und letztes Kapitel. Von welchem der Autor sich wohl hüten wird etwas zu verraten. Der Professor Diedrichsen saß noch spät bei seiner Arbeit auf. Er hatte wohl schon ein dutzendmal nach der Uhr geschaut und begann schließlich doch um seinen Vater besorgt zu werden. Um halb zwei Uhr des Nachts schwankte endlich der sonst so solide Musikdirektor in sein Schlafgemach, nachdem er dem erstaunten, kopfschüttelnden Sohne weisgemacht, daß er den Major von Muzell zufällig auf der Straße getroffen und auf dessen Einladung »ein Glas Wein« mit ihm getrunken habe. Noch an der Schwelle seines Zimmers blieb er zögernd stehen, ließ einen müden Blick an seinem großen Sohne hinaufschweifen und überlegte, ob er nicht auf alle Fälle Hans ins Vertrauen ziehen und mit ihm gemeinsam beraten sollte, was etwa geschehen könnte, um das unglückliche Duell zu verhindern. Aber seinem Hans zu gestehen, welche wunderliche Rolle er in der tollen Komödie dieses Abends gespielt, das kam ihm doch zu sauer an, und außerdem, wenn es ihm allein gelang, morgen früh die Gegner zu versöhnen, dann war es ja um so besser, wenn niemand weiter um die Sache wußte. Er wünschte also nochmals recht verlegen gute Nacht und zog sich dann hurtig zurück. Der Vorsicht halber schrieb er sich noch auf einen Merkzettel: Charlottenburg, Lietzensee, halb sieben – stellte den Wecker auf fünf Uhr und verfügte sich dann eiligst in sein Bett. Als das Werk am nächsten Morgen pünktlich losschnurrte und wie toll auf der Platte des Nachttischchens polterte, fuhr Diedrichsen aus den Federn, wie eine Kanonenkugel aus dem Rohre. Er war so schlaftrunken, er hatte keine Ahnung, was er sich zu thun vorgenommen, nur das dunkle Gefühl, daß es sehr eilig sei. Trotzdem nickte er, auf der Bettkante sitzend, nochmals ein und erwachte erst nach zwanzig Minuten wieder durch einen recht unsanften Zusammenstoß seiner Stirn mit einer Ecke des Nachttischchens. Er sah nach der Uhr – der Merkzettel lag daneben. In fliegender Hast kleidete er sich an und stürzte dann ungewaschen, unfrisiert, ungefrühstückt zum Lehrter Bahnhof. Der Westender Zug ging ihm vor der Nase weg. Da die Zwischenzüge nur bis zum zoologischen Garten, nicht bis Charlottenburg laufen, so mußte er zwanzig Minuten warten. Eine Ewigkeit für einen Menschen, der Flügel haben möchte, um ein mögliches fürchterliches Unglück zu verhüten. Endlich kam der richtige Zug. Der Musikdirektor bestieg eiligst den nächsten Wagen dritter Klasse. Der Abteil war voller Arbeiter. Die Morgencigarren dufteten unbarmherzig, die Schnapsflasche ging herum und so langsam kroch die Maschine dahin, als hätte sie auch noch nicht ausgeschlafen. Station Charlottenburg! Der alte Herr flog aus der Thür auf den Bahnsteig hinab, als hätte man ihn gewaltsam hinausbefördert. Er nahm drei Stufen auf einmal die Treppe hinab. Die Sonne stand schon hoch und brannte so heiß, wie die Junisonne um sieben Uhr früh nur irgend brennen kann. Und der Musikdirektor keuchte halb trabend unten am Bahndamm entlang und hatte sich den Hut vom Kopfe gerissen. Da lag das einsame Gasthaus – da lag der kleine Lietzensee in seinem üppig grünenden Versteck. Der Musikdirektor sprang durch das hohe feuchte Gras an seinem Ufer entlang. Da draußen auf dem Feldweg hielt ein geschlossener Wagen und dort, wo die Birken so dicht vor den Fichten standen, dort würden die Herren sein. Er war kaum fünfzig Schritte von der Stelle entfernt – – da – – ein Knall! Oder waren es zwei Schüsse gewesen, fast gleichzeitig? Ein Schwarm Spatzen flog laut piepsend und zwitschernd aus den Birken auf – unmittelbar vor den Füßen des Musikdirektors hüpfte ein erschrockener Frosch ins Wasser. Dann war alles still. Der alte Diedrichsen holte dreimal tief Atem und stolperte vorwärts. In zwei Minuten war er auf dem Kampfplatz. Da lag der Amerikaner lang ausgestreckt auf dem Rücken, sein rotes Blut rann aus seiner Brust in den Sand. Der Major und ein fremder junger Mann knieten neben ihm. Der Prinz hielt Bodo am rechten Arm fest. Mit der linken Hand fuhr sich der Lieutenant durch das unbedeckte Haupthaar und stöhnte dabei verzweiflungsvoll: »Doktor, wie steht's? Es kann nicht das Herz sein, es kann nicht ... ich habe nach dem rechten Oberarm gehalten ... ganz nach rechts... ganz nach rechts!« Und der Arzt erhob den Kopf ein wenig. »Ich kann nichts sehen. Die Wunde blutet zu sehr. Ich fürchte, er wird nicht zu retten sein!« Bodo jammerte laut auf: »Das habe ich nicht gewollt ... das nicht! Ich habe ganz rechts gehalten ... ganz rechts ... die Hand zitterte mir wohl... ich habe so wenig geschlafen ... o mein Gott, mein Gott!« »Meine Herren, wir sind nicht allein!« rief Prinz Fühlingen, den Musikdirektor zuerst bemerkend. Der alte, Herr schluchzte wie ein Kind. »Ach! Du Grundgütiger, so ein Unglück, so ein Unglück! Wäre ich bloß zehn Minuten früher gekommen, das Duell hatte gewiß nicht stattgefunden!« »Wie hätten Sie es denn verhindern wollen?« warf der alte Muz etwas geringschätzig hin. »Ich hätte dem Herrn einfach verraten, daß Baroneß Asta ihn liebt, zum Tollwerden liebt! Dann würde er sich wohl gehütet haben, sich vom Bruder totschießen zu lassen!« »Asta soll Herrn von Eckardt? ...« rief Bodo mit unstät rollenden Augen. »Jawohl, Sie haben Ihrer armen Schwester den Geliebten gemordet, in Ihrem dummen, miserablen, gottverdammten Uebermut,« brauste der kleine Herr auf. Und da trat auch schon von der andern Seite der Major auf Bodo zu und raunte ihm ingrimmig ins Ohr: »Ja, und du hast noch weit mehr gethan, mein Jungchen! Du hast den Mann niedergeschossen, mit dessen Gelde du dir lustige Tage gemacht hattest – denn Herr von Eckardt war's, der deine Wechsel in meinem Namen aufkaufte und dem die dreißigtausend Mark rechtmäßig zukamen, von denen du deine Schulden bezahlen wolltest: Rudolf von Eckardt ist der Sohn des Mannes, den der Leichtsinn deines Vaters um das Seine gebracht und in den Tod getrieben hat: und nun bist du es, der ...« »Das ist furchtbar, das ist mehr, als ein Mensch ertragen kann!« schrie Bodo auf. »Führingen, wenn Sie mein Freund sind, geben Sie mir das Pistol wieder! O, mein Gott! Mein Gott! Warum habt ihr mir das nicht früher gesagt!« »Mir war die Zunge gebunden,« knirschte der Major. »Ich glaubte, deine Mutter hätte dir gestern noch geschrieben, als sie dich nicht zu Hause traf. Sie hatte es mir versprochen.« »Es lag ein Brief auf meinem Tische, ja jetzt besinne ich mich – ich war gestern nacht nicht mehr im stande, ihn zu lesen!« Der Arzt erhob wieder den Kopf. »Die Blutung scheint aufzuhören. Er atmet noch schwach. Wo bringen wir ihn hin?« »Er wohnt chambre garni , er würde keine Pflege haben,« überlegte laut der Major. »Ihn in ein Krankenhaus bringen, hieße die Sache an die große Glocke hängen.« Da rief ohne langes Besinnen der Musikdirektor: »Bringen Sie ihn zu mir, meine Herren. Ich bin mit an diesem Unheil schuld; was in Menschenmöglichkeit steht, ihn zu retten, das soll ihm in meinem Hause werden. Meine Schwiegertochter...« Der alte Muz ergriff fest die Rechte Diedrichsens. Sein Auge leuchtete in rascher Hoffnung auf, und er flüsterte ihm zu: »Den Gedanken hat Ihnen der liebe Gott selber eingegeben!« Und mit äußerster Vorsicht hoben sie den Bewußtlosen in die Kutsche des Prinzen.– – Am selben Morgen, es mochte schon gegen zehn Uhr sein, wühlte Adriane immer noch planlos in ihren sieben Sachen umher, warf hier etwas unordentlich in einen Koffer, riß dort ein Stück wieder heraus, um es anderswo unterzubringen. Es war nicht daran zu denken, daß sie mit ihrer Packerei rechtzeitig fertig werde, um den Hamburger Kurierzug zu erreichen. Ruhelos irrte sie in ihren beiden Zimmern umher, sah nach der Uhr, horchte nach dem Korridor hinaus, packte wieder weiter, oder mußte sich angstvoll seufzend auf das Sofa werfen, um das immer wieder auftretende Herzklopfen zu überwinden. Was lag daran, ob sie heute reiste. Rudolfs Begleitung konnte sie nach der niederschmetternden Entdeckung von gestern abend doch nicht mehr annehmen. Wie unsäglich grausam war sie wiederum betrogen morden! Sie krümmte sich noch unter der Wucht des Schlages, den ihr tückisches Schicksal gegen sie gefühlt. O, über die hochfliegenden Pläne, die stolzen Ideale ihrer Jugend! Nicht waren sie, wie es das gewöhnliche Menschenlos ist, als prächtig schillernde Seifenblasen vor ihren lachenden Augen formlos in nichts zerstoben, nein, wie die stolzen Rosen hatten sie schon das Kind zugleich berauscht und verwundet mit den Stacheln des Ehrgeizes, der brennenden Sehnsucht nach dem Ungemeinen. Und als sie aus dem kurzen Traume süß-wilden Mädchentumes erwacht war, da krochen aus den Rosenhecken giftige Schlangen und Skorpione hervor, daß die Angst sie von Ort zu Ort, von Land zu Land hetzte. Wie mußte sie lernen, sich zu bescheiden! Und wie glücklich, zum erstenmal im Leben ganz glücklich fühlte sie sich, als sie sich geliebt glaubte von diesem ehrlichen, starken Manne. Er war gut, er war rein, klar im Geist, warm im Herzen – und die stolze Adriane Grigorescu dürstete einzig nach dem Triumph der Schwäche, nach seliger Hingabe! Und auch er hatte sie betrogen! Seine guten, ehrlichen Augen hatten ihr Herz in Sonnenschein gebadet, mit warmem Regen getränkt, bis es bunte Liebesblumen in üppiger Fülle sprießen ließ – und da hatte er kalt den Rücken gekehrt und gleichgültig gesagt: »Was soll ich mit den Blumen?« Aber trotz alledem setzte er doch sein Leben für sie aufs Spiel, hatte jetzt vielleicht schon sein Blut vergossen, um die trunkenen Beleidigungen eines unreifen Jünglings zu bestrafen, der wohl kaum heute noch gewußt, was er gestern geredet hatte! Er liebte sie nicht und schlug sich für sie – und sie haßte ihn und bangte doch um sein Leben in namenloser Angst! Endlich konnte Adriane die Ungewißheit nicht länger ertragen. Sie hieß das Mädchen, sich in eine Droschke zu werfen, zu Herrn von Eckardt zu fahren und ihm zu bestellen, daß die Gnädige ihre Pläne geändert habe und auf seine Begleitung verzichte. Um halb elf Uhr kehrte die Zofe zurück. Sie war fast so bleich wie ihre Herrin und zitterte merklich vor Aufregung, als sie die Worte sprach: »Herr von Eckardt war nicht zu Hause.« »Nicht zu Hause? Hast du gefragt? ...« »Die Leute sagten, er wäre schon vor sechs fortgegangen und hätte hinterlassen, falls er bis um zehn nicht zurückkäme ...« »Nicht zurückkäme?« »Diesen Brief an das gnädige Fräulein zu besorgen.« Sie holte den Brief aus der Tasche und reichte ihn mit angstvollem Ausblick der Herrin. Adriane riß den Umschlag entzwei und entfaltete mit bebenden Fingern den Briefbogen. Ein zweiter Brief in Umschlag lag darin. »An Herrn Lieutenant Bodo von Lersen – gütigst zu übermitteln.« Sie warf dies Schreiben von sich – ihre Augen überflogen die wenigen Zeilen des offnen Blattes. Mit einem lauten Aufschrei brach sie zusammen. Das Mädchen fing sie auf, schleppte sie zum Sofa und lehnte sie in die Ecke zurück. Das Blatt war zu Boden geflattert. Das Mädchen nahm es neugierig auf und las: »Mein teures Fräulein! »Wenn Sie diese Zeilen erhalten, bin ich nicht mehr unter den Lebenden. Es ist ein wunderbares Verhängnis, das mich in den Tod getrieben hat. Mein Freund, der Major, wird Ihnen alles erklären. Sie sind so gut, so liebenswert, ich wollte Sie lieben. Ich wollte mich selbst betrügen – und betrog Sie am unverantwortlichsten. Verzeihen Sie mir, wenn Sie können, und bewahren Sie mir ein freundliches Andenken, als wie einem Zwillingsbruder im Kampfe gegen ein unvernünftiges, dummes Geschick! »Ich habe Ihnen an dem Tage, an welchem Sie mir Ihr Leben erzählten, heimlich etwas entwendet. Man wird es in meiner Brieftasche (in der inneren Brusttasche links) finden. Vergeben Sie mir und lassen Sie mich das zerknitterte Blatt mit ins Grab nehmen. »Empfangen Sie den letzten Dank eines Toten für Ihre Liebe zu mir und beglücken Sie bald einen würdigeren Mann damit. Werden Sie so glücklich, als Sie es verdienen, das sei der letzte Wunsch Ihres Berlin, am 30. Juni 1886, zwei Uhr morgens Rudolf von Eckardt.« In dem Bette des Professors Hans Diedrichsen lag der Schwerverwundete. Noch war er nicht zur Besinnung gekommen; aber die gefahrvolle Blutung hatte aufgehört, sie hatten die Wunde waschen und verbinden können. Die Töchter der Excellenz gingen mit leisen Tritten im Krankenzimmer aus und ein und leisteten dem Arzte die nötigen Handreichungen. Gegen neun Uhr war des Professors guter Freund, gleichfalls Docent an der Universität und hervorragender Chirurg, gekommen und hatte sich sofort mit seinem Kollegen an die Untersuchung gemacht. Da zeigte es sich, daß die Kugel schräg auf die linke Brust, gerade über dem Herzen, aufgeschlagen, aber in ihrer Gewalt durch das lederne Taschenbuch gehemmt, dann an einer Rippe platt gedrückt und an dieser entlang noch ein beträchtliches Stück ins Fleisch eingedrungen sei. Der Blutverlust war ein so furchtbarer gewesen, daß der Arzt die Entfernung der Kugel vorderhand nicht wagte, doch war er überzeugt, daß die Operation unschwer gelingen müßte, wenn es überhaupt glückte, den todbleichen Mann wieder zu Kräften zu bringen. Aber er sei ja allem Anschein nach so kraftvoller Natur, daß dies bei sorgfältiger Pflege gewiß zu erwarten sei. Asta stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus nach diesen Worten. Sie begleitete den jungen Chirurgen zur Thür hinaus und fragte ihn draußen noch einmal, ob er ihr mit gutem Gewissen Hoffnung machen könne. Und er drückte ihr ermutigend die fiebernde Hand und sprach: »Sie sind seine Braut, gnädiges Fräulein, nicht wahr? Ihnen lege ich sein Leben in die Hände. Sie werden es ihm zu erhalten wissen. Sorgsamste, geduldigste Pflege, Ruhe und wieder Ruhe – halten Sie ihm jede Aufregung ängstlich fern. Er schläft jetzt, das ist sehr gut. Thun Sie das übrige.« Und Asta setzte sich auf den Stuhl zu Rudolfs Füßen und wachte über seinen Schlummer. Ihre Augen, die so zärtlich, so angstvoll auf den wachsbleichen Zügen ruhten, wurden größer und größer und flossen endlich über von warmen Thränen, die ihr Herz von langer, starrer Qual erlösten. – Oben im dritten Stockwerk flossen nicht minder heiße Thränen, vergessen in Scham und aufrichtigster Reue, in selbstquälerischer Zerknirschung. Die Excellenz von Lersen hielt das Haupt ihres Sohnes an ihre Brust gedrückt, und er hatte beide Arme wie ein Kind um ihren Nacken geschlungen. Und die Mutter versuchte den armen Jungen damit zu trösten, daß sie sich selbst in den heftigsten Worten der erbärmlichsten, feigsten Furcht vor der Wahrheit anklagte. – Trudi war dem Geliebten in sein Studierzimmer gefolgt. Er hielt sie auf seinem Schöße und erzählte ihr, was sein guter Papa ihm vorhin gestanden, obwohl er ihm natürlich hatte versprechen müssen, ihn nicht zu verraten. »Ach, Liebchen, ich fürchte, Väterchen hat uns da einen schlimmen Dienst erwiesen. Nicht genug, daß er sich in den Augen aller Herren lächerlich gemacht hat – er hat auch der Grigori eine Waffe gegen unsre Asta in die Hand gegeben ... wenn sie rachsüchtig ist ... wer weiß!« »Laß nur, Hans, trag ihm das nicht nach. Mögen die Leute über ihn lachen, wir wollen ihn nur um so lieber haben, denn er hat doch unsrer Asta den Geliebten wiedergebracht. Er wird nicht sterben, du wirst es sehen. Das Schicksal ist ja so gerecht gewesen bis hierher – alles Böse hat sich zum Guten gewendet – es wird nicht so grausam sein, ihn jetzt sterben zu lassen. Hätte der gute Papa nicht so eifrig meine dumme Idee gegen unsern Willen zur Ausführung gebracht, so hätte er auch nichts von dem Duell erfahren, und dann befände sich Rudolf nicht in Astas Pflege! Glaube mir nur, es war zum Guten!« »Aber die Grigori! Sie wird Asta den Geliebten nicht gönnen. – Jede Aufregung kann ihn töten – er schlug sich für Adriane, bedenke das! Und Astas Stolz ...« Trudi mußte lächeln, trotz ihrer wehmütigen Stimmung: »Ach! Ihr klugen Männer! Von Weibersachen versteht ihr doch gar nichts.« Sie küßte ihren Hans zärtlich. Da steckte der Musikdirektor den Kopf zur Thür herein. »Kinder,« rief er mit gedämpfter Stimme, »das Fräulein Grigori ist hier. Ich konnte sie nicht abweisen – es ist zu traurig! Sprecht ihr mit ihr. Asta braucht es ja gar nicht zu erfahren.« Einen Augenblick später trat Adriane ein. Die schönen Augen in Thränen gebadet, mit fliegendem Atem, wankenden Knieen. Sie sank in den nächsten Sessel. »Ist es wahr,« keuchte sie hervor, »was mir Ihr Vater sagte: »Er lebt, er wird nicht sterben«?« »Ja es, ist wahr. Der Arzt gab die besten Hoffnungen,« antwortete der Professor. »O mein Gott! diese entsetzlichen Stunden – was habe ich gelitten! Dieser Brief – lesen Sie, Trudi– lesen Sie, er hat mich fast getötet.« Sie reichte Trudi den Brief Rudolfs samt der Einlage an Bodo. Dann preßte sie ihr Spitzentüchlein mit beiden Händen in die Augenhöhlen und schluchzte: »Ich fuhr zum Major – er war noch nicht zurückgekehrt seit morgens um Sechs. Der Bursche wußte nichts. Ich fuhr zur Fürstin Berleburg – der Prinz war ausgegangen. Die Dienerschaft schien etwas zu wissen, verriet aber nichts. Da fiel mir ein, daß der Musikdirektor vielleicht gestern etwas gehört haben könnte – ich kam hierher – er lebt! O Gott, mein Gott – heißen Dank!« Sie faltete ihre Hände fest über dem zusammengeballten, thränenfeuchten Tuche, stützte sie auf die Lehne des Stuhles und legte ihre Stirn darauf. Niemand sprach ein Wort. Trudi las Rudolfs Brief zu Ende und reichte ihn dann schweigend ihrem Hans. Auch er las – und seine Augen wurden naß. Dann verließ er still das Zimmer, denn er wußte, daß niemand die Aermste so gut trösten konnte, als seine kleine Braut. Er stieg hinauf zu Lersens und gab den Brief für Bodo ab, der ihn in seiner Gegenwart hastig öffnete. Auf einem losen Zettel standen die Worte: »Sie haben den Prozeß Lersen contra Eckardt auf militärische Art durch einen Gewaltstreich zu Ende geführt. Auch gut! Machen wir einen Strich durch die Rechnung.« Und dabei lagen, in Fetzen zerrissen, Bodos vier Wechsel! – – – Einige Minuten später betrat der Professor wieder sein Zimmer. Er hielt das blutüberströmte Taschenbuch Rudolfs in der Hand und überreichte es Adriane mit den Worten: »Hier, mein gnädiges Fräulein; dies befand sich in der inneren linken Brusttasche. Es hat Herrn von Eckardt das Leben gerettet.« Das angetrocknete Blut und die ausgefransten Ränder des Buches, durch das die Kugel hindurchgeschlagen, bewirkten, daß das Taschenbuch sich nur mit Mühe öffnen ließ. Adriane zerrte, mit zuckenden Fingern heftig die Blätter auseinander. Visitenkarten lagen dazwischen, Rechnungen, ein Porträt von ihr, das sie ihm jüngst geschenkt – die Kugel hatte das Gesicht fast vollständig weggerissen – und da noch ein alter Brief, zerknittert, mit gebrochenen Kniffen, blutbefleckt und natürlich gleichfalls von der Kugel durchbohrt. Vorsichtig faltete sie das Papier auseinander, las die Ueberschrift – und schleuderte es, laut aufstöhnend, von sich. »Das hat er mit ins Grab nehmen wollen!« Es war jener glühende Liebesbrief der Pensionärin Asta von Lersen an ihre Busenfreundin Adriane Grigorescu, den Rudolf ihr einst entwendet, ohne daß sie es bis heute bemerkt hatte. Sie kämpfte nun einen schweren Kampf, die Unglückselige. Trudi sah es mit Angst und innigstem Mitgefühl. Es bedurfte geraumer Weile, bis sie sich wieder gefaßt hatte. Sie erhob sich langsam, trocknete ihre Thränen und sagte: »Bitte, lassen Sie mich Asta einen Augenblick sehen, wenn es möglich ist –« und da sie einen besorgten Blick des Professors nach seiner Braut auffing, fügte sie noch matt lächelnd hinzu: »Fürchten Sie nichts – ich bin ruhig.« Trudi ging mit geräuschlosen Schritten in das Krankenzimmer, flüsterte Asta einige Worte zu und nahm deren Platz ein. Von glühender Röte übergossen, hoch schlagenden Herzens, trat Asta der einstigen Busenfreundin gegenüber. Adriane reichte ihr das blutgetränkte, durchlöcherte Blatt Papier, ließ die vor Erstaunen schier Erstarrende einige Zeilen lesen und erklärte ihr dann in wenigen, halb geflüsterten Worten den Zusammenhang. »Das hat er auf dem Herzen mit sich herumgetragen, das hat ihn ... dir beschützt ... er ist dein ... ich darf ihn nicht halten!« Adriane wandte sich zum Gehen, sie ging wirklich – sie drückte die Thür hinter sich ins Schloß. Da erst vermochte sich Asta aus ihrer Erstarrung aufzuraffen. Sie eilte ihr nach – und in dem dunkeln Korridor, da fiel sie ihr um den Hals und preßte sie an sich mit der alten Inbrunst schwärmerischer Mädchenfreundschaft. Wange an Wange geschmiegt, weinten die beiden Frauen sich aus. Am 10. August fand die Doppelhochzeit der Töchter der Excellenz statt. Der Musikdirektor hatte furchtbar viel Notenpapier in letzter Zeit verbraucht zu Hochzeitsmärschen, Kußwalzern, Brautliedern, zu denen Hans Lohengrin den Text gedichtet, und dergleichen mehr. Am Polterabend erschien der Sekondelieutenant a. D. Bodo von Lersen in seinem nagelneuen Kostüm als Afrikareisender und brachte einen Trinkspruch in der Suahelisprache aus. Ja, er war sehr fleißig gewesen und hatte außer Sprach- und geographischen Studien mit Hilfe seines Schwagers eifrig allerlei notwendige naturwissenschaftliche Kenntnisse erworben. Der alte Muz hatte ihn wirklich im Dienste der Ostafrikanischen Gesellschaft unterzubringen vermocht. Derselbe alte Muz hatte aber auch seiner Zeit ein vernünftiges Wörtchen mit Fräulein Grigori, und ein zweites vernünftiges Wörtchen mit dem niedergeschlagenen Prinzen Führingen geredet. Die Folge davon war, daß Frau Asta von Eckardt noch im Herbst desselben Jahres einen sehr zärtlichen Brief aus Schloß Führingen von Ihrer Durchlaucht der Prinzessin erhielt, in welchem Adriane mit drollig Worten, in einem Gemisch von vier bis fünf Sprachen, ihr häusliches Glück schilderte: »My darling own Prince ist unmusikalisch comme un tambour-major! Aber er hat so schöne Pferde und ein so gutes Herz – überhaupt: ein überraschend anständiger Mensch!« Die gute alte Fürstin Berleburg-Dromst-Führingen bekam es von der Berliner aristokratischen Gesellschaft in allen Tonarten gesungen und gepfiffen, daß ihre eignen »laxen Prinzipien« an dieser skandalösen Mesalliance schuld seien. Aber die heitere Greisin wußte sich bald zu trösten. Uebrigens waren die Grigorescu ja eine sehr alte Familie – sie gehörten zu den allerältesten Wallachen, und die Mutter eine Gräfin Scentlenyi – à la bonheur! Der Major von Muzell war ihr erklärter Günstling geworden in letzter Zeit und seine Lieblingsredensart, daß unsre Vorurteile »ins alte Eisen gehören«, imponierte ihr ungemein. Eckardts gingen bald nach der Hochzeit nach Buffalo zurück. Ein Teilhaber der Firma Jefferson and Jenkins war inzwischen gestorben, und Rudolf trat auf Wunsch des Mr. Jefferson an seine Stelle und steckte seine dreißigtausend Mark ins Geschäft. Asta gewöhnte sich ziemlich rasch an Amerika und suchte ihren Stolz darin, dort als deutsche Frau, nicht als amerikanische Lady zu glänzen. Professor Diedrichsens sind natürlich sehr glückliche Eheleute geworden. Nur der zärtliche Schwiegerpapa stört bisweilen mit seiner Neugier. Aber das mag sich im Laufe der Jahre geben, wenn seine Aufmerksamkeit erst abgelenkt wird. Die Aufregungen der in diesen Blättern geschilderten Wochen sind für die Excellenz von Lersen zu stark gewesen. Sie fängt an alt zu werden, und sie hat es selbst gemerkt – und unter die späten Hoffnungen ihres Herzens einen Strich gemacht. Der alte Muz wohnt neben ihr in der Zietenstraße, drei Treppen. Sie haben jedes seine besondre Flurthür, seine besondre Küche und seine besondre Bedienung; aber sie fühlen sich einander nahe zu jeder Zeit, und das thut ihnen wohl. Nach all dem Unheil, das ihre Schwäche jüngst angerichtet, bedarf die Baronin des starken Anhaltes mehr als je. Sie fragt den alten Freund in jeder Sache um Rat und sie fühlt sich glücklich in der Abhängigkeit von seinem sicheren Wollen. Sonntags ladet sie ihn zu Tisch ein, und wenn er ausgegangen ist, schaut sie einmal in seiner Wohnung zum Rechten. Lautenschläger, der treue Bursche, beklagt es sehr, daß sein alter Major das Räsonnieren ganz aufgegeben habe und auch dem »Prügelstuhle« nie mehr etwas zuleide thue. »Ja, ja, wo die Weiber einmal die Nase reinstecken thun, da is es mit die Jemütlichkeit vorbei!« seufzt er, indem er mit dem Staubtuch über das Porträt der seligen Cassilde wischt. »Fingerdick – würde die Excellenzen das nu wieder nennen! Ja, ja, Cassildeken – du plinkerst auch so mit die Augen, als ob dir »was 'reinjeflogen war«?« Ende.