Des Esels Schatten Lustspiel in drei Aufzügen (mit freier Anlehnung an Wielands Abderiten) von Ludwig Fulda     Stuttgart und Berlin J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger 1921     Personen.         Kassander , König von Makedonien Onolaos , Archon von Abdera Leukippe , seine Frau Morsimos , Ratsherr Struthion , Arzt Eubuleus , Lichas und Kleophanes ,         vornehme Bürger Arethusa , Phila und Glauke ,         ihr Frauen Demokrit , ein Philosoph Iris , Tänzerin Theopomp , Oberpriester der Aphrodite Agenor , Oberpriester der Pallas Physignatos und Kinesias ,         Anwälte und Demagogen Philippides , Richter Anthrax , Eseltreiber Gorgo , seine Frau Chremes und Baton ,         Leute aus dem Volk Xanthias , Diener des Archon Ein Bote Ratsherren, Bürger, Volk, Musikanten, Diener, Bewaffnete Ort der Handlung: Die griechische Stadt Abdera Zeit: Das klassische Altertum     Erster Aufzug Der Marktplatz von Abdera Rechts vorn das stattliche Haus des Archon, mit Eingang an seiner seitlichen Front und einer Marmorbank an seiner Vorderseite. Links vorn Tempel der Aphrodite. Den Hintergrund nimmt das Rathaus ein, mit einem um mehrere Stufen gegen den Platz erhöhten Säulenvorbau, vor dessen beiden Mittelsäulen ein Marmorsessel für den Richter steht. Erster Auftritt Demokrit (sitzt links vorn auf den Stufen des Tempels, ganz in tiefe Beschaulichkeit versunken). Lichas , Kleophanes (zwei feine Herrchen, kommen von links geschlendert und begegnen dem) Eubuleus (der von rechts hinten selbstbewußt einherstolziert) Lichas . Da kommt Eubuleus. Kleophanes (ihm entgegen) .     Teurer, sei gegrüßt. Eubuleus . Seid mir gegrüßt, Kleophanes und Lichas. Lichas . Ein schwüler Tag. Kleophanes .                     Ein äußerst schwüler Tag. Eubuleus . Ihr nehmt, beim Zeus, das Wort mir aus dem Mund. Ein schwüler Tag, recht angetan zur Einsicht, Wie groß der Scharfsinn unsrer Väter war, 8 Die hier, grad hier den Marktplatz angelegt, Wo ringsum Häuser stehn, die Schatten werfen. Lichas . Und wir, indem wir diesen Scharfsinn rühmen, Bezeugen klärlich, daß wir ihn geerbt. Eubuleus . Sehr gut gesagt. Kleophanes .                     Vorzüglich. Lichas .                                               Oder hat Man je gehört von einem Abderiten, Der auf die Welt kam ohne hellen Kopf? Kleophanes . Das wär' ein Widerspruch in sich. Eubuleus .                                                       Bloß Einer, Versehentlich geboren in Abdera, Schlug aus der Art. (Auf Demokrit zeigend)                             Dort sitzt er. Kleophanes .                                   Ja, der Narr Der Querkopf Demokrit. Eubuleus .                             Zwölf lange Jahre, Stellt euch das vor, zwölf Jahre hat in Ländern, So fern, daß uns ihr Name kaum bekannt, Er sich herumgetrieben. Kleophanes .                       Unbegreiflich! Eubuleus . Und jetzt, vor kurzem endlich heimgekehrt, Was tut er? Nützt er seine Zeit wie wir Zu wichtigen Geschäften? Pflegt wie wir Gewählten Umgang? Fügt sich unserm Zuschnitt? Nein, Anstoß gebend lungert er umher, Glotzt in die Luft und redet mit sich selbst, Recht wie ein Tagedieb. Kleophanes .                       Laßt uns ihn aufziehn!         (Sie treten an ihn heran) He, Landsmann, he! – Was schaffst du da? – Was treibst du? – Hält dich das Spiel der Mücken so gebannt? Lichas . Es scheint, er hört nicht gut. 9 Kleophanes (lauter) .                       He, Demokrit! Demokrit (wendet sich lächelnd ihnen zu) . Ihr wünscht? Lichas .               Wir wüßten gerne, was du tust. Demokrit . Je nun, ich denke. Kleophanes (spottend) .           Denkt euch doch, er denkt! Lichas . Und das ist alles? Demokrit .                       Das ist alles, freilich. (Lachen der Drei) Lichas . Das nennt er etwas tun! Kleophanes .                             Haha, für uns Wär' das so gut wie nichts getan. Demokrit .                                         Das glaub' ich. Eubuleus . Doch was, du Denker, hast du dir gedacht, Da, mündig kaum, du deiner Vaterstadt Den Rücken wandtest und so lang' sie miedest? Demokrit . Wollt' mich ein wenig umsehn außerhalb. Lichas . Und hast ein Dutzend Jahr' dazu gebraucht? Demokrit . Ja, weil die Welt beträchtlich ausgedehnter, Als von Abderas höchstem Dach sie scheint. Eubuleus . Doch ist Abdera nicht ihr Mittelpunkt? Demokrit . Von hier besehn, gewiß; und ihr sogar Die Mittelpunkte dieses Mittelpunktes. Eubuleus . Drum, hoff' ich, wirst am Ende deiner Müh' Du Weitgereister uns Daheimgebliebnen Schamvoll gestehn: Es gibt nur ein Abdera. Demokrit . Unzweifelhaft! Nur ein Abdera gibt es. Doch Abderiten traf ich überall. Kleophanes . So trafst du wohl auch mitten auf dem Weg Die unsichtbaren kleinsten Teilchen an, Woraus, wie man erzählt, nach deiner Meinung Die Welt besteht? Demokrit .                   Sie treff' ich hier erst recht. 10 Eubuleus . Hier? Lichas .               Wo denn? Kleophanes .                       Zeig'! Demokrit .                                     Ist doch von euch ein jeder Des großen Alls unsichtbar kleiner Teil. Kleophanes . Haha, wir klein! Eubuleus .                             Unsichtbar wir, die Spitzen Des Bürgertums, die Löwen der Gesellschaft? Demokrit . Vom nächsten Dorf aus nicht mehr wahrzunehmen, Um wieviel weniger vom nächsten Stern. Lichas (halblaut, zu Eubuleus) . Er weiß nicht, was er redet. Kleophanes (hat nach rechts geblickt) . Laßt, ihr Freunde, Den Einfaltspinsel! Dort im Säulengang Entdeck' ich einen bessern Zeitvertreib: Iris, die Tänzerin, hier angelangt Vorgestern gradenweges aus Athen, Wo höchlich man sie schätzt. Eubuleus .                                   Was den Athenern Gefällt, gefällt uns drum noch lange nicht. Lichas (nach rechts blickend) . Hübsch aber ist sie. Eubuleus (ebenso) .         Hübsch! Das geb' ich zu. Kleophanes . Und jedenfalls nicht spröde. Eubuleus .                                               Mindestens Nicht gegenüber Männern unsres Rangs. Kleophanes . Die Zeit ist günstig. Unsre frommen Frauen Sind zum Gebet im Tempel Aphroditens Und wir vor ihnen sicher. Drum geschwind! (Alle drei schleichen auf Zehen davon, nach rechts vorn) 11 Zweiter Auftritt Demokrit (versunken wie vorher). Arethusa , Phila , Glauke (kommen aus dem Tempel, von) Theopomp (bis an dessen Schwelle geleitet) Theopomp (der unwiderstehliche schöne Mann, mit pfäffischer Salbung) . Wohl euch, ihr Zierden edler Weiblichkeit! Erneute Huld verheißt euch Aphrodite Durch meinen, ihres Oberpriesters Mund. Arethusa (ihn beiseite nehmend, leis und zärtlich) . Dank, Theopomp. Phila (ebenso) .               Dank, lieber Theopomp. Glauke (ebenso) . Dank, allerliebster, süßer Theopomp. (Theopomp ab in den Tempel) Arethusa . Man schreitet vom Altar der Liebesgöttin Doch stets getröstet heimwärts. Phila .                                             Und erquickt. Glauke (nach rechts deutend) . Dort – unsre Männer! Phila .                               Richtig! Arethusa .                                       Welches Ziel Beflügelt ihren Fuß bei solcher Hitze? Glauke . Seht nur! Phila .                   Ja, seht nur! Arethusa .                                 Traut man seinen Augen?! Sie flattern um das Weibsbild aus Athen, Die durch und durch bedenkliche Hetäre! Phila . Als wären sie nicht ehelich gebunden! Glauke . Als nähmen wir's mit ihr an Reiz nicht auf! Arethusa . Nenn', Glauke, nicht in einem Atem uns Mit jener. Zu gewaltig ist der Abstand. Phila . Doch unsre Männer hüpfen drüber weg. 12 Arethusa . Nur weil sie arglos auf den Köder beißen, Den ausgelernte Buhlschaft ihnen wirft. Phila . O, seht nur! Glauke .                 Seht! Arethusa .                       Ich sah bereits genug. Die weltberümte Reinheit unsrer Sitten Schwebt in Gefahr; ja, ganz Abdera wankt, Wenn man's nicht schirmt vor diesem Ärgernis. Laßt uns zum Archon gehn. Phila (Leukippe gewahrend) .         Hier seine Gattin. Dritter Auftritt Vorige . Leukippe (ist aus dem Haus des Archon getreten) Arethusa (ehrerbietig) . Gruß dir, Leukippe. Leukippe .                                               Gruß, ihr Teuren, euch. Arethusa . Vernimm! Wir kamen eben aus dem Tempel . . . Leukippe . Da will ich eben hin. Arethusa .                                 Da sahn wir . . . (nach rechts deutend) Schau! Phila (beiseite, zu Glauke) . Absichtlich geht sie später zum Gebet Als wir, um Theopomp allein zu finden. Glauke . Verlornes Mühn, ich wette drum. Phila .                                                     Ich auch. Arethusa (zu Leukippe) . Nun, wie bedünkt dich das? Leukippe .                                                             Mir ganz unfaßbar Wie Männer Augen haben für ein Weib, Das nicht ihr eignes ist. Mein Mann, der Archon, Zum mindesten hat Augen bloß für mich. Glauke (beiseite, zu Phila) . Wer's glaubt. Arethusa .                                           Um so gerechter unsre Fordrung, Daß er dem Unheil steuert. 13 Leukippe .                               Seid gewiß, Ich selbst vertrete sie. (Nach hinten gewandt) Da kommt er grad Vom Rathaus mit den Führern der Parteien. (Sie treten alle etwas nach links zurück) Vierter Auftritt Vorige . (Ans dem Rathaus kommen debattierend) Archon (in der Mitte), Physignatos , Kinesias (zu seinen beiden Seiten und bewegen sich langsam nach vorn) Archon (wohlgenährter, großspuriger Machthaber) . Ein Meisterstück war deine Rede heut, Kinesias; ein gleiches Meisterstück War deine Gegenrede, Physignatos. Doch was ergibt sich draus? Physignatos (selbstgefälliger Streber) . Vermehrte Macht Gebührt der Oberschicht. Kinesias (engstirniger Parteimensch) . Der Unterschicht. Physignatos . Zu viele Freiheit hat das Volk. Kinesias .                                                   Zu wenig. Physignatos . Die Zügel sind zu locker. Kinesias .                                             Sind zu straff. Physignatos . Wir müssen rückwärts. Kinesias .                                         Vorwärts müssen wir. Archon . Zu viel, zu wenig; zu geschwind, zu langsam; Zu locker und zu straff. Nehmt an, ihr Herrn, Zwei Pferde ziehn, eins vorwärts, eins zurück, Mit gleicher Kraft am Karren, – wie sodann Verhält am klügsten sich des Karrens Lenker? Er läßt getrost ihn auf dem alten Fleck. Da habt ihr kurz und bündig meine Staatskunst. Physignatos . Doch unser Gaul ist stärker. 14 Kinesias .                                               Nein, der unsre. Physignatos . Wir werden sehn. Kinesias .                                 Beim Styx, wir werden sehn. (Physignatos geht nach rechts hinten ab, Kinesias nach links hinten, indem sie einander feindselige Blicke zuwerfen) Leukippe (vortretend) . Hör', Onolaos! Dich, den Archon, ruf' ich. Archon (sie umarmend) . Was bleibt vom Archon übrig denn vor dir, Du mein Juwel, als ein beglückter Gatte? Leukippe . Dir klagen muß ich einen Schmerz . . . Archon .                                                             Ei, kennt Nicht Struthion, dein vielbewährter Arzt, Für alle deine Schmerzen stets ein Mittel? Leukippe . Ich klag' ihn dir im Namen dieser Frau'n, Die um die Unschuld ihrer Männer zittern. Die fremde Tänzerin . . . Archon .                               Fremd und doch heimisch; Denn Abderitin ist sie von Geburt Und soll in unserm Haus demnächst erweisen, Was in Athen an Künsten sie gelernt. Leukippe (nach rechts deutend) . Schon heut erweist sie's, wie du dort gewahrst. Archon (hinschauend) . Hm, hm, ei sieh doch einer an, hoho. Leukippe . Du bist entrüstet, hoff' ich. Archon .                                             Überaus. Arethusa . Wir fragen dich, den Hüter dieser Stadt: Muß hier nicht was geschehn? Archon .                                       Geschehn? Weshalb? Den höchsten Vorzug meiner Herrschaft nenn' ich's, Daß nichts geschah, seit ich am Steuer bin; Denn alles, was geschähe, brächte Störung Abderas hergebrachtem Gleichgewicht. 15 Glauke . Wenn aber unsern Gatten was geschieht? Archon . Dem beug' ich vor durch meine Meisterschaft, Unebenheit mit einem Hauch zu glätten. Habt acht, ich führ' im Handumdrehn die Wackern In unversehrtem Zustand euch zurück. Leukippe . Mein Unvergleichlicher, du glättest alles. Erleichtert kann ich nun zur Andacht gehn. (Ab in den Tempel) Archon (ihr nachrufend) . Ja, geh, du Heißgeliebte; geh.         (Sobald sie ihm den Rücken gedreht hat, wendet er sich schäkernd zu den Frauen)                                             Sie ging, Und wärt ihr Holden halb so schlau wie niedlich, Dann ließt ihr eure Männer Männer sein, Um euch mit mir, der Obrigkeit, zu trösten. (Die Frauen kichern) Phila (nach rechts deutend) . Achtung! Sie nahen. Archon .                         Legt euch auf die Lauer. (Er zieht sich mit ihnen hinter sein Haus zurück) Fünfter Auftritt Demokrit . (Von rechts vorn kommt) Iris (umschwärmt von) Lichas , Kleophanes , Eubuleus . (Dann) Archon Iris (einige lose Rosen in der Hand tragend) . Genug, ihr Herrn; ich bitt' euch, gebt mich frei. Eubuleus . Sind wir nicht selbst Gefangne? Lichas .                                                   Schlug dein Zauber Uns nicht in Rosenketten? Kleophanes .                           Zappeln wir Nicht hilfsberaubt im Netze deiner Anmut? 16 Iris . Spart euren Honigseim für gröbre Gaumen. Dem meinen widersteht er.         (Sie bemerkt Demokrit und stutzt)                                         Wer ist dies? Eubuleus . Ein blöder Tropf, nicht der Beachtung wert. Iris . Merkwürdig nur, daß er nicht mich beachtet. Lichas . Er ist zu dumm dazu. Iris .                                       Bis heut entdeckt' ich Noch keinen Dummkopf, der in Ruh mich ließ. Sein Name? Eubuleus .         Zu viel Ehre, daß du fragst. Iris . Nennt ihn! Kleophanes .     Der Kerl heißt Demokrit. Iris .                                                         Wär's möglich? Ein sehr bekannter Name! Kleophanes .                           Wer wird schneller Bekannt als ein Hanswurst? Eubuleus .                                 Schad jedes Blickchen, Um das du seinetwegen uns verkürzest, Die wir Abderas erste Bürger sind. Archon (seit kurzem wieder aufgetaucht, hat sich der Gruppe behutsam genähert und tritt nun gewichtig dazwischen) . Von mir, dem allerersten, abgesehn. Lichas (erschrocken) . Der Archon! Archon .             Und in dieser Eigenschaft Find' ich's mit unserm strengen Schamgefühl Und makellosen Wandel unvereinbar, Wenn erste Bürger – ersten Bürgerinnen, Mit denen sie vermählt sind, zum Verdruß – Auf öffentlichem Markt sich locken lassen Von einer Circe. Iris .                         Mit Verlaub, ich habe 17 Nicht sie gelockt; vielmehr, sie lockten mich, Und zwar durchaus erfolglos. Archon .                                     Eilt, ich rat' euch, Den Donner, der euch droht, besänftigen. Eubuleus . Den Donner? Kleophanes .                 Merkten unsre Frauen . . .? Archon (nach hinten deutend, wo die drei Frauen wieder erschienen sind) .                                                                       Alles. Lichas (bestürzt) . Ihr Götter! Eubuleus .                           Arethusa! Lichas .                                               Phila! Kleophanes .                                                 Glauke! (Sie eilen auf die Frauen zu und werden von ihnen wie Sträflinge nach links hinten abgeführt) Sechster Auftritt Demokrit . Iris . Archon . (Dann) Leukippe Archon . Vergiß nicht, Grazienliebling, daß du hier Am Sitz der Tugend bist und sorglicher Als in dem argen Lasterpfuhl Athens Acht haben mußt auf deiner Augen Feuer, Damit kein Brand verheerend ihm entspringt. Iris (die inzwischen umsonst versucht hat, mit Demokrit zu liebäugeln) . Vergiß nicht, Archon, daß ich meine Reise Sogleich nach meiner Ankunft fortzusetzen Entschlossen war und sie nur unterbrach, Weil man mich dringend bat, auch hier zu tanzen. Archon . Worauf wir alle fieberhaft gespannt. Iris . Falls aber meine bloße Gegenwart Ein Loch brennt in die Tugend von Abdera, Will ich noch heut verschwinden. 18 Archon .                                           Und den Lorbeer Im Stiche lassen? Iris .                           Mein bescheidner Ehrgeiz Begnügt sich mit dem Lorbeer von Athen. Archon . Gemüse, weiter nichts! Der einzig echte Wird ausgeteilt nur von uns Abderiten Als unfehlbaren Richtern des Geschmacks. Mag deinen Tanz die ganze Welt bewundern, Uns gilt er keinen Deut, eh wir ihn selber Mit überlegnem Urteil nachgeprüft. Iris . Ist Urteil denn des Tanzes Zweck? Archon .                                             Ausschließlich. Iris . Nicht auch Ergötzen? Archon .                           Was uns an der Kunst Ergötzt, ist die Gelegenheit, zu zeigen, Um wieviel klüger wir als andre sind. Iris (ironisch) . Mich reizt fürwahr die Probe drauf. Archon .                                                             Du bleibst? Iris . Sofern der Archon vor den Ehemännern Mich ebenso beschützt, wie sie vor mir. Archon (ihr näher tretend) . Beschützt man Tänzerinnen sicherer, Als wenn man selbst sich liebreich ihrer annimmt? Was meinst du, Schätzchen? Iris .                                           Wie? Archon .                                             Ermunternd winkt uns Der Augenblick. Mein treues Weib im Tempel, Ich frei von Staatsgeschäften, hier mein Haus Und drin ein lauschiges Gemach . . . Iris .                                                       Ei, sag' mir, Wie dies mit eurem strengen Schamgefühl Und makellosen Wandel sich vereinigt? Archon . Dadurch, daß niemand was davon erfährt. 19 Iris . Von solcher Tugend freilich ahnt man nichts Im Lasterpfuhl Athens. Archon .                             Komm, Herzchen, komm. Iris . Vergib, Großmächtiger, ich habe niemals Verhehlt, was ich getan, und niemals tu' ich, Was ich verhehlen müßte. Archon .                                 Schelm, du flunkerst. Iris . So will's das Schamgefühl der Tänzerin. Archon . Die beste Zeit verrinnt. Laß dich bereden . . . Leukippe (erscheint mit Theopomp auf der Schwelte des Tempels, zärtlich) . Dank, Theopomp! Theopomp .                 Der Segen Aphroditens Geleite dich. Leukippe (erschreckend) . Mein Gatte! Archon (ebenso) .                               Meine Gattin! (Theopomp ab in den Tempel) Leukippe (eilt auf den Archon zu) . Wie find' ich dich?! Archon .                       Inmitten meiner Amtspflicht.         (Zu Iris streng) Noch einmal, sieh dich vor. (Zu Leukippe) Die hat ihr Teil, Von mir herabgeputzt bis zur Zerknirschung. Leukippe . So folg' ins Haus mir, Liebster. Archon .                                                   O wie gern! Hab' ich doch, Liebste, nur auf dich gewartet. (Beide ab ins Haus des Archon) Siebenter Auftritt Iris . Demokrit . Iris (wirft dem Demokrit, der sich noch immer nicht um sie kümmert, ihre Blumen ins Gesicht) . Da, grober Holzklotz! 20 Demokrit .                       Dank dir, Blumenmädchen. Ich kaufe nichts. Iris .                         Wofür denn hältst du mich? Demokrit . Dich? Für ein Weib. Iris .                                         Hast du noch nichts von Iris, Der Tänzerin, gehört? Demokrit .                       Kann sein. Wohl möglich. Iris . Sie warf dir diese Rosen zu. Demokrit .                                 Weshalb? Iris . Dir, Demokrit, von dem man in Athen Erzählt, er sei der Weiseste der Weisen. Demokrit . Wodurch verdien' ich dort so schlechten Ruf? Iris . Wodurch verdien' ich deine Nichtbeachtung? Demokrit . Will sagen: Wem ich Rosen warf, der werfe Flugs mir zu Füßen sich. Da, nimm sie wieder. Iris (wirft sie zu Boden und stampf darauf) . Du Garstiger! Gefall' ich dir so wenig? Demokrit . Was liegt dir dran, die allen du gefällst? Iris . An diesen allen liegt mir nichts. Mir liegt An dir allein. Demokrit .           Weil du die übrigen Bereits geschirrt an dein Triumphgespann Und ich der Eine bin, der dran noch fehlt. Iris . Und wenn erstickt vom Weihrauch der Verehrer Ich um so durstiger den Einen suche, Dem ich Verehrung widmen kann? Demokrit .                                         Dein Pfeil, Haha, wie scharf gezielt! Und doch – er ritzt Mich tiefer nicht als deiner Rosen Dorn. Ob ich der Weiseste der Weisen sei, Stell' ich dahin; doch keinem Weib gelingt's, Zum Törichtsten der Toren mich zu machen. Iris . Wär's gar so töricht, wenn du schön mich fändest? 21 Demokrit . Schön bist du. Grade dies hält mich dir fern. Iris . Schön bin ich, sagst du? Sag's noch einmal, bitte! Demokrit . Du hast's wohl noch nicht oft genug gehört? Iris . Von dir möcht' ich es tausendmale hören. Demokrit . Du forderst Unerschwingliches von mir. Iris . Was kostet's dich? Demokrit .                   Was Weibern äußerst wohlfeil, Doch mir das teuerste Besitztum: Zeit. Iris . So mag es bei dem einen Mal denn bleiben, Und eben weil dir's unwirsch, widerwillig Entschlüpfte, wiegt's mir tausend auf. Demokrit .                                               Wozu Spielst du mit mir? Gesteh's! Iris .                                           Auf daß du mitspielst. Ist Liebe nicht ein Spiel, das holdeste Von allen, die man spielt zu zweien? Demokrit .                                             Falsch! Die Liebe, Kind, ist eine Nervenkrankheit, Den Schlaf uns raubend und den klaren Kopf. Iris (scherzend) . Da wär' ich denn schon oft erkrankt gewesen Und hätt' es nicht bemerkt. Demokrit .                               Weil dieses Fieber Dein Handwerkszeug nicht so verdirbt wie meins. Ich wirke mit dem Hirn, du mit den Füßen . . . Iris . Doch zwischen Hirn und Füßen pocht das Herz. Demokrit . Das deine herrschend über die Vernunft, Das meine fest von ihr im Zaum gehalten, Ich bohrend ins Gestein, du drüber schwebend, Kurz, ich die Schwere, du die Leichtigkeit. Was hättest du von mir? Iris .                                     Ich hätte dich. Demokrit . Mich haben die Gedanken. Sei gewarnt. Iris . Den ganzen Mann besitzt ein Weib doch niemals, 22 Und wenn geteilt sein muß, dann lieber noch Mit den Gedanken als mit andern Frau'n. Demokrit . Besitzt ein Mann denn je das ganze Weib? Iris . Du könntest, wenn du möchtest. Demokrit .                                         Gauklerin, Willst du bereits mich vor der Täuschung täuschen? Iris (stolz) . Ich liebte viel, verließ und ward verlassen; Doch täuschen konnt' ich nie. – (Da er lächelt) Du traust mir nicht? Demokrit . Nun sag' nur noch, du seiest nach Abdera Gekommen ganz ausschließlich meinethalb. Iris . Wie sollt' ich ahnen, daß es einen Mann In seinen Mauern birgt wie dich? Erklär', Ich bitte dich, mir bloß, was dich verschlug In dieses von ganz Griechenland verhöhnte, Heillose Gimpelnest. Demokrit .                     's ist meine Heimat. Iris . Die meine gleichfalls. Aber ihr entrückt Seit frühster Kindheit, hätt' ich sie gewiß Nie mehr betreten, läg' sie nicht am Weg Zum König Makedoniens, Kassander, Der mich an seinen Musenhof berief. So kam ich her, nur um vorbeizukommen, Und schon die kurze Rast, bevor ich deiner Ansichtig ward, wie hat sie mich gereut! O, was für eine Stadt! O, was für Menschen! Wie schal, wie dünkelhaft, wie gleisnerisch! Zu nichts geschickt, nichts wissend, nichts begreifend, Und doch in engster Enge so durchdrungen Von ihrer eignen Götterähnlichkeit, Daß alles, was nicht ihrer Armut gleicht, In ihrem Aug' ein Schimpf und Greuel ist. Auf mich, die Freie, die sich frei verschenkt, 23 Schau'n sie herunter, weil sie's heimlich treiben Im feigen wechselseitigen Betrug: Die Männer hinter mir wie gier'ge Hunde, Die Frau'n im Tempel Aphroditens mehr Dem Priester als der Göttin huldigend! O Demokrit, wie kamen wohl wir beide, Wir, die so meilenweit vom Stamm gefallen, Wie kamen wir zu solcher Vaterstadt? Demokrit . Mein Kind, nicht wo der Mensch geboren wird, Nur wie der Mensch geboren wird, entscheidet, Und ward er's unter einem guten Stern, Dann löst er sich vom Boden, der ihn zeugte, Worin die andern gleich der Pflanze haften, Und wächst vom Bürger einer Stadt zum Bürger Der weiten Welt. Iris (lebhaft) .               Ja, ja, so ist's! – Und doch, Wie deut ich's, daß du vor der weiten Welt Dich hier vergräbst? Demokrit .                     Trag' ich sie nicht in mir? Als Jüngling lief ich fort, empört wie du, Durchzog den halben Erdkreis, überall Der Menschen Sinn, der Dinge Sinn erforschend, Und kehrte lächelnd heim. Ja, lächelnd, Kind, Wie einer lächelt einem Satyrspiel, In nichts verstrickt, was auf der Bühne vorgeht, Hinschauend nur, sobald 's ihn unterhält, Und wenn's ihn langweilt, seine Blicke wendend In sich hinein. Iris .                     Lehr' mich dies Lächeln, Meister! Demokrit . Das geht nicht so geschwind. Iris .                                                     Ich hab' Geduld. Demokrit . Jedoch der König Makedoniens, 24 Der seine neue Tänzerin erwartet, Wird ungeduldig werden. Iris .                                       Mag er nur. Ich kam nicht deinethalb; doch würdest du Noch zweifeln, daß ich deinethalb verweile? Demokrit . Nun fürcht' ich's fast – und fürchte fast noch mehr, Daß mir's nicht unlieb ist, wenn du verweilst. Iris (ihn küssend) . So will ich hangen an der Weisheit Lippen. Demokrit . Bedenk', was wird aus unserm Unterricht? Iris . Ich zahl' ihn dir mit Küssen. – Fürchte nichts. Du spendest mir ein Stückchen deiner Schwere, Ich dir ein Stückchen meiner Leichtigkeit. Was für Gefahr?         (Man hört einen lauten Wortwechsel)                         Ein Zank! Demokrit .                               Ein regelrechter. Iris . O komm, laß uns entfliehn. Demokrit .                                 Nein, laß uns lauschen. Denn wer nicht lächeln lernt, wenn Abderiten Sich in den Haaren liegen, lernt es nie. (Sie ziehen sich in den Hintergrund zurück, bleiben dort während des folgenden noch eine Weile beobachtend sichtbar und verschwinden dann hinter dem Tempel) Achter Auftritt Struthion , Anthrax (kommen von links vorn, in heftigem Streit einander überschreiend, so daß man sie erst allmählich versteht) Struthion (atemlos und in Schweiz gebadet) . Verruchter Strolch, daß dich der Tartarus Verschlinge! 25 Anthrax .           Filz, daß dir der Höllenhund Dreimäulig fahr' in deine Hammelbeine! Struthion . Zeus treffe dich mit seinem Wetterstrahl! Anthrax . Poseidon spieße dich auf seine Gabel! Struthion . Den Strick dir um den unverschämten Hals! Anthrax . Den Knüttel dir auf dein verdammt Gesäß! Struthion . Das wirst du büßen, Gauner, sag' ich dir! Anthrax . Das wird dir schlecht bekommen, feiner Kunde! Struthion . Du wirst mir haften! Anthrax .                                 Haften – ich? Wer haftet? 'nen Dreck dir haft' ich. Haften wirst mir du! Struthion . Es gibt zum Glück noch Richter in Abdera. Anthrax . Jawohl, die gibt's, damit sie dich verknaxen, Du Schmutzfink! Struthion .                 Nein, du Erzhalunke, dich! Anthrax Wart's ab! Struthion .               Warts ab! Anthrax                                 Nun findet sich's! Struthion .                                                         Nun gilt es! Anthrax . Wir sind am Ort. Struthion .                         Wir sind's. Anthrax .                                           Und dies die Stunde, Wo hier wird Recht gesprochen öffentlich. Struthion . Dich fordr' ich, Lump, vor diesen Richterstuhl. Anthrax . Dich, wärst du nicht freiwillig da, dich nähm' ich Und schleifte dich wie ein Stück Vieh vor ihn. Struthion . Gericht! Anthrax .                 Gericht! Struthion .                             Wo bleibt Philippides? Anthrax (rufend) . Stadtrichter, heda, holla! 26 Neunter Auftritt Vorige . Philippides (begleitet von) zwei Gerichtsdienern (kommt aus dem Rathaus. Später) Physignatos , Kinesias Philippides (ein schon ziemlich wackeliger Alter) . Welch ein Lärm! Zur Stelle schon ist das Gericht.         (Er nimmt Platz auf dem Marmorsessel. Die Gerichtsdiener stellen sich zu beiden Seiten von ihm auf die Stufen)                                               Seid ihr Die Widersacher? Struthion , Anthrax .   Ja! Philippides .                     Wer klagt? Struthion .                                         Ich! Anthrax                                                   Ich! Struthion . Den da verklag' ich. Anthrax .                                 Ich verklage den. Philippides . Zwei Kläger also. Klag' und Gegenklage. Nennt Namen mir und Stand. Struthion .                                   Kennst du mich nicht, Philippides? Philippides .       Wie werd' ich dich nicht kennen? Zogst du mir doch erst gestern einen Zahn. Anthrax . Und mich nicht auch? Philippides .                             Ja, dich und deinen Esel, Der manches liebe Mal mich trug. Anthrax (stolz) .                                 Nicht wahr? Ein Esel, Herr, wie's keinen zweiten gibt! Philippides . Als Mensch kenn' ich euch beide gut; als Richter Hingegen bin ich blind wie Themis selbst. Drum sagt: Wer seid ihr? 27 Struthion .                           Ich bin Struthion, Der Arzt. Anthrax .       Und Anthrax ich, der Eseltreiber. (Physignatos, von rechts, und Kinesias, von links, tauchen kurz nacheinander im Säulenvorbau des Rathauses auf, spitzen die Ohren und folgen der Verhandlung mit steigendem Anteil) Philippides . Was also klagt ihr, Struthion und Anthrax? Struthion . Der Lümmel hier . . . Anthrax .                                   Der Pflasterstreicher da . . . Struthion . Dem ich . . . Anthrax .                       Der mir . . . Struthion .                                       Als ich mit ihm . . . Anthrax .                                                                       Nachdem er . . . (Sie reden unverständlich durcheinander) Philippides . Sprecht einer nach dem andern. Struthion .                                                   So beginn' ich. Anthrax . So fang' ich an. Philippides .                     Sprich, Struthion, zuerst. Anthrax . Warum denn er zuerst? Philippides .                                 Warum denn du? Anthrax . Weil ich im Recht bin. Struthion .                                 Just im Gegenteil, Ich bin im Recht! Philippides .               Das wird sich bald erhellen, Wenn ihr der Reih' nach redet. Anthrax .                                       Hol's der Henker! Struthion . Die Sache, die war so . . . Anthrax .                                         Das lügt er schon! Philippides . Still! Struthion .           Ich, als Arzt, muß öfters über Land, Im nächsten Flecken Kranke zu besuchen, Drei Stunden weit von hier. Weil nun heut' nacht Mein eigen Reittier, meine Eselin, 28 Ein Füllen hat geworfen, mietet' ich Zu vorbenanntem Zweck heut früh den Esel Des Treibers mir. Anthrax .                   Den Esel, wohlbemerkt! Er mietete den Esel. Philippides .                   Ja, den Esel. Anthrax . Nichts als den Esel, Herr. Struthion .                                     Ich ritt; er folgte Mit seinem Stecken spornend hinterher. Der Pfad geht über eine dürre Heide, Wo heut so mörderisch die Sonne stach, Daß halben Wegs erschöpft, nach Kühlung lechzend, Ich innehielt und aus dem Sattel stieg. Kein Baum, kein Strauch, kein schattenspendend Etwas Ringsum zu sehn – so blieb mir keine Wahl, Als in des Esels Schatten mich zu setzen, Solang' nur, bis ich Kraft gesammelt hätte Zum Weiterritt. Anthrax .                 In meines Esels Schatten! Struthion . Doch der da scheucht mich polternd auf: Was machst du? Was fällt dir ein? Du mietetest von mir Den Esel . . . Anthrax .               Wohlverstanden, Herr, den Esel. Philippides . Ja, ja, den Esel. Struthion .                           Seinen Schatten aber Hast du nicht mitgemietet. Wörtlich so! Nicht mitgemietet! Hält man es für möglich? Den Esel zwar . . . Anthrax .                     Den Schatten aber nicht! Struthion . Den Schatten nicht, obwohl ich ihm den Mietpreis, Fünf blanke Drachmen, bar vorausbezahlt! 29 Anthrax . Den Mietpreis für den Esel. Frag' ihn, Richter, Ob er heut früh den Schatten einbedang. Struthion . Und schnauzt mich an: Wenn du des Schattens Nießbrauch Noch obendrein zu dem des Esels willst, Dann zahl' den Preis dafür gefälligst nach. Anthrax . Doch der, als hätt' ihn ein Skorpion gestochen: Nachzahlen, ich? so plärrt er; keinen Deut! Ich nutze deinen Esel – meinen Esel! – Solang' die Mietfrist währt, wie's mir beliebt – Wie's ihm beliebt! – und hätt' er tausend Schatten, Wär' ich befugt, in deren jeden mich, Soviel ich will – soviel er will! – zu setzen! Struthion . Doch der da zetert: Ha, das wird sich zeigen! Anthrax . Und der da gröhlt: Ja, zeigen wird sich das! Struthion . Und zwingt, statt an mein Ziel mich zu befördern, Wild fuchtelnd mich zur Umkehr in die Stadt. Anthrax . Zur Umkehr ich? Zur Umkehr zwangst mich du, Nach Richtspruch brüllend wie der Stier nach Kühen. Struthion . Verdrehung! Anthrax .                       Schwindel! Struthion .                                       Spitzbub! Anthrax .                                                         Lügenbold! (Sie schimpfen wieder gleichzeitig durcheinander) Philippides . Gebt Ruh! Gebt Ruh doch! – Übereinstimmung Ergab sich für den wesentlichen Kern Des Tatbestands. Worauf nun also klagt ihr? Anthrax . Ich klag' auf Zahlung für Gebrauch des Schattens. Zum Reiten borgt' ich meinen Esel her, Nicht, daß er müßig bratend in der Sonne Den Weichling decke vor der Mittagsglut, 30 Wodurch ein Esel schwerlich besser wird. War so was vorgesehn? War's ausgemacht? Wo nicht, wie kann er's dann umsonst verlangen? Stehn wir auf dem Geschenkfuß, ich und er? Nichts da, verdienen will ich nach Verdienst, Ja, will gevierteilt eher sein als weichen Vom Anspruch, daß er zu des Esels Mietgeld Nochmals die Hälfte für den Schatten fügt. Philippides . Das leuchtet ein. Struthion .                             Ich für den Schatten zahlen?! Ich für den Schatten eines Esels zahlen? Daß ich ein Esel selber wär'! Wann hat man, So frag' ich, wann, seitdem Abdera steht Und Esel sind allhier vermietet worden, Von einer solchen Klausel je gehört? Und ob der Kerl mit Gründen, aus der Luft Herabgeholt, sein Maul noch weiter aufreißt Und mir den Dolch setzt mitten auf die Brust, Nichts zahl' ich, nichts! Für meinen Teil vielmehr Klag' ich auf Schadloshaltung für die Praxis, Die mir entging durch Bruch des Mietvertrags. Philippides . Auch das hat Hand und Fuß. Anthrax .                                               Das Urteil, Richter! Struthion . Jawohl, das Urteil! Anthrax .                               Schaffe mir mein Recht! Struthion . Hilf mir zu meinem! Philippides .                             Hm, verzwickter Fall! Kein ähnlicher ist in den dreißig Jahren Mir vorgekommen, seit im Amt ich bin. In Ansehn aber, daß der Gegenstand Kein groß Gewicht hat . . . Anthrax .                                 Kein Gewicht? Mein Esel? Man stell' ihn auf die Wage! 31 Philippides .                               Nicht der Esel; Der Klage Gegenstand. Struthion .                         Mir wiegt er Berge! Philippides . So rat' ich: Nehmt Vernunft an und vergleicht euch. Struthion . Vernunft? Ist unvernünftig mein Begehr? Anthrax . Vergleichen? Mich vergleichen, ich mit ihm? Philippides . Du, wackrer Anthrax, magst ihm zugestehn, Daß eines Schattens Preis nicht münzbar ist. Anthrax . Ich sterbe lieber! Philippides .                     Du, mein Struthion, Legst ihm freiwillig eine Drachme drauf Des Friedens halber. Struthion (schreiend) .       Keinen Obolos! Dem Übeltäter Buße nach Gebühr! Anthrax (schreiend) . Verknaxt will ich ihn sehn bis auf die Knochen! Struthion . Mein Recht! Anthrax .                       Mein Recht! Kinesias (ist über die Stufen herabgekommen und tritt neben Anthrax) .                                                   Brav, Anthrax! Festgeblieben! Dein Recht ist klarer als der lichte Tag, Und wenn du mich zum Beistand nimmst, verfecht' ich's. Anthrax . Schon gut, Kinesias. Was aber kostet's? Kinesias . Dich nichts; doch deinen Gegner um so mehr. Anthrax . Dann los! Kinesias .                 Denn zehnfach soll er's, hundertfach, So wahr als ich des Volkes Anwalt bin, Entgelten, daß er einem schlichten Werkmann Sein redlich Teil betrügrisch vorenthielt. Anthrax (zu Struthion) . Du hörst! Struthion .                                 Ich platze! 32 Physignatos (ist nun auch die Stufen herabgestiegen und tritt neben Struthion) .                                                             Standhaft, Struthion! Dein ist der Sieg, wenn du nicht locker läßt. Nimm zum Vertreter mich, und schon allein, Damit zur Schröpfung angeseh'ner Bürger Dem niedern Pack die Lust vergeht, erhärt' ich, Daß leichter sich an einem Block von Erz Läßt rütteln als an deiner guten Sache. Struthion . Topp, Physignatos! Kinesias (zu Anthrax) .               Unbesorgt! (Er wirft sich ins Zeug) Ist's denkbar? Trau' meinen Ohren ich? Der Arzt im Recht? Als Zeugen ruf' ich Menschen an und Götter, Daß nie so groß ein Unrecht war wie seins. Hat, als er auszog, im entferntesten Er an Gebrauch des Schattens nur gedacht? Ja, wär' durch eine Laune der Natur Der Esel von Geburt an schattenlos, Hätt' er ihn minder drum heut früh gemietet? Nein! Denn ihm lag an der Befördrung bloß; Der Schatten war ihm nichts, der Esel alles. Und als der Zufall ihn des Schattens Dasein Samt dessen ungeahntem Sonderwert Nachträglich überhaupt erst ließ entdecken, Wie durft' er mir nichts dir nichts da von diesem Besitz ergreifen, ohne daß zuvor Er um Ermächtigung den Eigentümer Des Schattens gegen ein Entgelt ersuchte Und ihm sie der ausdrücklich übertrug? Anthrax . Ha, gut gefochten! Kratze sich, wen's juckt! Physignatos (zu Struthion) . Jetzt paß mal auf! (Plädierend) Ein sauberer Beweis! Denn was beweist vor Menschen er und Göttern? 33 Daß schuldig Anthrax, schuldlos Struthion. Der Schatten war ihm nichts? Das greif' ich auf: Der Schatten war ihm nichts, weil er ein Nichts ist, Und falls ein Etwas, dann so herrenlos Wie Luft und Wind und Sonnenschein und Mondschein. Was? Ist Abdera keine freie Stadt? Sind frei nicht seine Bürger? Und was bliebe Von Freiheit übrig, dürft' ein Abderit Sich frei nicht mehr in einen Schatten setzen, Gleichviel, ob ihn ein Baum, ein Haus, ein Tempel, Ob ihn ein Esel wirft? Behagt es mir, Dann setz' ich ungescheut mich in den Schatten Des Archon, außer, wenn er sich höchstselber Dagegen sträubt. Und sträubte sich der Esel? Nein, weil ihm besser kund als seinem Herrn, Was rechtens in Abdera, hielt er still. Wär' Anthrax diesem lobenswerten Beispiel Gefolgt, so hätt' er nimmermehr für das, Was unvermietbar, Mietzins eingefordert Und stünde jetzt nicht hier vor seinem Richter, Der schmählichsten Erpressung überführt. Struthion (zu Anthrax) . Da hast du's. Wohl bekomm's dir! Kinesias (zu Anthrax) .                                                     Sei getrost! Jetzt fass' ich ihn. (Plädierend) Schwindsücht'ge Widerlegung, Bereits erledigt vor dem Gnadenstoß. Wer übt Erpressung? Wer auf Lohn besteht Für Leistung? Oder, wer sich roh gewaltsam Aneignen möchte, was ihm nicht gehört? Der Schatten unvermietbar? Meinethalb. Doch was ergibt sich draus? Daß er dem Arzt Heut früh nicht mitvermietet ward, sonach 34 Beim Eselsmietpreis unbeglichen blieb. Wenn aber zur Bemäntlung dieser Blöße Hier von des Schattens Herrenlosigkeit Uns was gefaselt wird, so wüßt' ich gern, Warum solch herrenloser Eselsschatten Als Schattenesel nicht spaziert für sich, Vielmehr untrennbar klebt an seinem Körper. Der Schatten ist das Eigentum des Esels, Der Esel ist des Anthrax Eigentum, Der folglich unumschränkter Herr von beiden, Und Struthion, trotz Mahnung dies mißachtend, Vergriff sich freventlich an fremdem Gut. Anthrax (zu Struthion) . Wie schmeckt das, Dicker? Würg' dich blau daran! Physignatos (zu Struthion) . Gib acht! Zum Hauptschlag hol' ich aus. (Plädierend) Wie? Träum' ich? Zu hänseln wagt man das Gericht mit Gründen, Zu plump selbst für ein neugeboren Kind? Zwei Fälle gibt's, und beide sprechen laut Für Struthion. Gehört der Schatten nicht Zum Esel, dann gehört er auch nicht Anthrax, Und Anthrax hat kein Recht auf Lohn für ihn. Ist er jedoch, wie hier behauptet wird, Vom Esel unzertrennlich, mit ihm eins, Just so sein eigentümlich Zubehör Wie Beine, Schwanz und Ohren, dann genau Wie diese schloß der Mietsvertrag ihn ein, Und Anthrax, der ihn ausschloß, unterschlug ihn. Indes, wie schlimm schon hierdurch sein Vergehn, Es kommt hinzu, was schwerer ihn belastet: Unmenschlich war's, vom Recht ganz abgesehn, Unmenschlich, einem hilflos Schmachtenden, 35 Der seinen menschenfreundlichen Beruf Ausübend Kranken Heilung wollte bringen, Das bißchen Labsal feilschend zu entziehn; Unmenschlich, wie wenn eines Landguts Herr Den Trunk aus einem Quell auf seinem Boden Dem müden Wandrer erst versteigern will. Struthion . Hoho, das traf! Kinesias (zu Anthrax) .         Nun geb' ich ihm den Rest. (Plädierend) Unmenschlich, Anthrax? Umgekehrt vielmehr! Unmenschlich war's von Struthion, dem satten, Bequemen Reiter, daß dem Mann zu Fuß, Der nicht nur ausnahmsweis, nein, der alltäglich, Allstündlich schwitzt, er den bescheidnen Sold Für Überdienst bestrebt war abzuzwacken Und so dem ganzen Volk ins Antlitz schlug. Physignatos . Nicht doch! Ein Schlag ins Antlitz ward versetzt Von Anthrax dem gesamten Bürgertum. Kinesias . Weil unverkennbar drum des Treibers Klage Nach Anlaß, Inhalt und Bedeutung weit Hinausragt über einen Einzelzwist . . . Physignatos . Weil klärlich drum die Klage Struthions, Verdeckte Wunden unsres Staats enthüllend, Dem Allgemeinwohl an die Wurzeln rührt . . . Kinesias . Drum namens der gekränkten Unterschicht Hier stehend fordre, Richter, ich das Urteil, Das Anthrax freispricht, Struthion verdammt. Philippides (der inzwischen durch Mienen und Gebärden seine steigende Verwirrung verraten hat) . Hm, ja, sehr triftig; doch . . . Physignatos .                             Deshalb hier fußend Im Namen der gekränkten Oberschicht 36 Das Urteil, Richter, fordr' ich meinerseits, Das Anthrax straft und Struthion entschädigt. Philippides . Sehr überzeugend gleichfalls; aber . . . hm . . . Kinesias . Den Spruch! Physignatos .               Den Spruch! Struthion , Anthrax .                       Den Spruch! Philippides (sich am Ohr krauend und räuspernd) .     Hm . . . also . . . Ja . . . Zu Recht erkannt: In Ansehn, daß der Esel Des Schattens – wollt' ich sagen, daß der Schatten Des Esels halb Gemeingut ist, halb nicht, Halb an ihm klebt, halb frei herumspaziert, Im Mietsvertrag halb ein-, halb ausgeschlossen Und demzufolge von den beiden Klägern Ein jeder halb im Unrecht, halb im Recht: Dahero schuldet Struthion zwei Drachmen Dem Anthrax für Beschattung, schuldet Anthrax Dem Struthion zwei Drachmen für Verlust; Will heißen, Gleich und Gleich geht restlos auf, Und so hat jeder das, worauf er klagte. Anthrax (schreiend) . Was hab' ich da? 'nen Schmarren hab' ich! Kinesias (zu Anthrax) .                                                             Wart' nur! Struthion (schreiend) . Wie?! Leer soll ich hier ausgehn? Physignatos (zu Struthion) .                                           Ruhig Blut! Kinesias . Dies Urteil, das, statt schwarz von weiß zu scheiden, Im gleichen Topf sie durcheinandermengt, Fecht' ich als nicht entscheidend an. Physignatos .                                       Ich auch. Und bei dem großen Rat Abderas leg' ich Berufung ein. 37 Kinesias .             Desgleichen ich. Die Sache Wird neu verhandelt vor dem großen Rat, Mit allem Volk als Zeugen. Philippides (erleichtert) .           Einverstanden! Nun beiße der an dieser Nuß die Zähne Sich aus. Den Göttern Dank, daß ich sie los bin. (Er geht mit den zwei Gerichtsdienern ins Rathaus zurück) Zehnter Auftritt Vorige (ohne Philippides) Physignatos (nimmt Struthion geschäftig beiseite) . Auf, Struthion! Die Zeit bis zum Gerichtstag Verbündet sich mit uns, wenn wir nicht ruhn, Für deinen Sieg sie weidlich auszubeuten. Und siegen mußt du, mußt – um jeden Preis. Struthion . Verlaß dich nur auf meine Wut. Physignatos .                                           Vortrefflich. – Verteilen wir die Rollen. Die Partei Der Obern – das verbürg' ich als ihr Führer – Geht wie ein Roß, von scharfem Sporn gestachelt, Mit uns durch dick und dünn. Doch nicht genug, Es muß, wer irgend Macht und Einfluß hat, Geknetet werden von geschickten Fingern, Bis er mit Eifer zieht an unserm Strang. Zumal die Ratsherrn . . . Struthion .                             Und der Archon selbst. Physignatos . Bei dem, so fürcht' ich, wird's am schwersten halten; Denn auf zwei Schultern trägt er. Struthion .                                       Laß ihn mir! Physignatos . Du glaubst . . .? Struthion .                             Bin ich doch Arzt bei seiner Frau, 38 Ja, mehr als Arzt; Vertrauter, darf ich sagen, Und ihren Wünschen widersteht er kaum. Physignatos . Sehr gut. Struthion .                   Sie, hoff' ich, hilft mir überdies Den Oberpriester Theopomp gewinnen, Der wegen ihrer seltnen Gottesfurcht Ihr mancherlei zulieb tut. Physignatos .                         Um so besser. Zur menschlichen die göttliche Gewalt. Ans Werk nun! Dort gewahr' ich Freunde. Komm. (Beide gehen ab nach links hinten) Kinesias (hat währenddessen im Hintergrund auf Anthrax eingesprochen und kommt jetzt mit ihm nach vorn) . Kurz, Anthrax – Höchstes steht hier auf dem Spiel. Du treibst nicht mehr den Esel nur; du treibst Zum Kampf die Geister. Das Geschick erkor Für die Partei der Untern dich zum Sturmbock, Der Bresche legen soll. Anthrax .                           Durch Wände renn' ich, Wenn bloß der Schweinehund vermöbelt wird. Kinesias . Drum schleunigst alle Hebel in Bewegung, Und eins vor anderm: Wer den Archon hat, Hat auch den großen Rat. Ein Mittel nur, Das diesen Aal auf deine Seite bringt! Anthrax . Im Ohr will ich ihm liegen, bis . . . Kinesias .                                                   Vergebens. Er trägt sein Ohr im Auge. Was kein Mann Ihm abgewinnt mit einem Schwall von Worten, Ein hübsches Weibchen schafft's mit einem Blick. Ja, wenn du derlei hättest an der Hand . . . Anthrax (nach rechte vorn deutend) . Schau jene rosig Rundliche, die dort Getrippelt kommt. Wie dünkt sie dich? 39 Kinesias .                                                 Nicht übel. Anthrax . Was meinst du, wenn ich die zum Archon schickte? Kinesias . Du kennst sie? Anthrax .                       Ziemlich gut. 's ist meine Frau. Kinesias . Dann schick' sie hin. Ich sorge für das weitre. (Ab rechts hinten) Elfter Auftritt Anthrax . Gorgo (von rechts vorn) Gorgo . Du Faulpelz, komm' ich auf die Sprünge dir? Seit wann denn machst du mittags Feierabend? Seit wann denn kehrt zum Stall der Esel heim Auf eigne Rechnung, statt von dir getrieben? Anthrax . Ha, Gorgo, Geister treib' ich jetzt! Gorgo .                                                       Gewäsch. Anthrax . Sieh mal genau mich an. Was, denkst du, bin ich? Gorgo . Das gleiche, was du warst. Anthrax .                                       Nein, blindes Weib, Da gehst du gründlich fehl. Ich bin ein Sturmbock. Gorgo . Ihr Himmlischen! Verlor er den Verstand? Anthrax . Im Gegenteil, ich ward ein Mann im Staat, Und mein Triumph, das merke dir, ist sicher, Wenn du mit nachhilfst. Gorgo .                               Ich versteh' kein Wort. Anthrax . Du mußt zum Archon gehn. Gorgo .                                             Zum Archon – ich? Anthrax . Dort meine Sache führen. Gorgo .                                         Deine Sache? Anthrax . Davon erzähl' ich dir. Gorgo .                                   Was weiß ich denn, Wie man mit solch gestrengen Herren spricht? 40 Anthrax . Nicht redend. Blickend! Mit demselben Blick, Mit dem du mich dereinst geangelt hast. Gorgo . Doch falls er etwa diesen Blick erwidert Wie du dereinst? Anthrax .                   Wohl uns! Dann schnappt er zu. Gorgo . Ei, bangt dir nicht, er schnappe dir was weg? Anthrax . Unmöglich. Gorgo .                       So? Anthrax .                           Dem Esel würd' ich eher Zutrau'n, daß er mir untreu wird, als dir. (Man hört Stimmengewirr) Gorgo . Was gibt's denn da? Anthrax .                             Was stolz dich machen wird Auf einen Mann wie mich. Zwölfter Auftritt Vorige . Kinesias (kehrt heftig agitierend von rechts hinten zurück, umringt von) Agenor , Chremes , Baton (und mehreren anderen) Leuten aus dem Volk Kinesias (aus Anthrax deutend) .       Hier seht ihn, Freunde! Seht ihn, den Kämpen, der in edlem Zorn Für sein und seiner Brüder heilig Anrecht Sich aufbäumt gegen Vergewaltigung. Wer steht von euch nicht hinter ihm? Chremes , Baton (und) Andere .               Wir alle! Agenor (hagerer, verbissener Zelot) . Und auch die Göttin Pallas. Ja, sie selbst! Kinesias . Hört ihr den würdigen Agenor? Agenor (auf Anthrax deutend) .                   Ihn Zum Werkzeug wählt sie. Denn das Maß ist voll. Nahm Struthion, der Pfuscher, mir, dem Priester, 41 Der ich durch sie, die Göttin der Arznei, Die Wunderkraft empfing zur Krankenheilung, Nicht gotteslästerlich die Kundschaft fort? Darbt nicht seither mein unscheinbarer Tempel, Indes der Reichtum seine fetten Gaben, Um diesen Heuchler Theopomp zu mästen, Hierher ins Prunkhaus Aphroditens schleppt? Das Maß ist voll. Ich, Anthrax, weihe dich Zum Streiter für den Glauben! Dreizehnter Auftritt Vorige . (Von links hinten kommen) Physignatos , Struthion (umgeben von) Eubuleus , Lichas , Kleophanes (und anderen) Bürgern . (Beide Gruppen, die nun abgesondert einander gegenüberstehen, erhalten während des Folgenden noch Verstärkung durch neu Hinzukommende. Zuletzt) Demokrit , Iris Eubuleus .                                     Himmelschreiend! Kleophanes . Haarsträubend! Lichas .                                 Unerhört! Physignatos .                                         Wen unter euch Wird man nicht künftig an der Nase zupfen, Bleibt ungerochen solch ein Übergriff? Eubuleus (zu Struthion) . Dein Streit ist unsrer, Struthion. Drum zähl' Auf uns wie auf dich selber. Lichas , Kleophanes (und) Andere . Zähl' auf uns. Kinesias (hinüberdeutend) . Da habt ihr schon den Blutaussauger-Klüngel! Physignatos (ebenso) . Dort grüßt uns schon die Beutelschneider-Zunft! 42 Kinesias (zur Gegengruppe) . Schmarotzer ihr, in fremdem Schatten sitzend Und euer nichtig Dasein bloß dem Körper Des Volks entlehnend, spüren sollt ihr endlich, Wie sehr ihr die Partei der Schatten seid. Physignatos (ebenso) . Nennt ihr uns die Partei der Schatten, gut! So nennen wir euch die Partei der Esel. Kinesias . Sei's! Die Partei der Esel – dieser Name Soll uns fortan ein Ehrentitel sein; All der geplagten Esel, deren Rücken Von euch nicht fürder Prügel dulden will. Physignatos . Mag dieser Handel denn die Kräfte messen. Kinesias . So recht, er bring' uns den Entscheidungskampf. Physignatos . Hie Schatten– unser Losungswort! Kinesias .                                                           Hie Esel, Das unsrige! Physignatos .       Hie Struthion! Kinesias .                                   Hie Anthrax! Die Gruppe links . Hie Struthion! Die Gruppe rechts .                     Hie Anthrax! (Struthion und Anthrax werden von ihren Anhängern auf die Schultern gehoben) Anthrax .                                                         Gorgo, staunst du? Die Gruppe links . Hie Schatten! Gorgo .                                       Das begreif', wer kann. Die Gruppe rechts .                                                         Hie Esel! (Beide Gruppen ziehen lärmend ab. Gorgo folgt ihrem Mann – Demokrit und Iris sind hinter dem Tempel hervorgekommen) Iris . Die Narrheit hebt man jauchzend auf die Schultern! Demokrit . Die Weisheit bleibt vor diesem Los bewahrt. Iris . Und dennoch kannst du lächeln? Demokrit .                                       Ebendrum. 43 Zweiter Aufzug Empfangshalle im Haus des Archon Der nach oben dem freien Himmel rechteckig geöffnete Raum wird auf drei Seiten von Säulen umstanden, hinter denen die drei Wände in ihrer Mitte je eine Tür haben; die in der Mittelwand ist der Haupteingang. Gepolsterte Bänke, Sessel und kleine Tische, auf denen blumengefüllte Vasen stehen, sind wohnlich verteilt Erster Auftritt Morsimos (kommt durch die Mitte, geleitet von) Xanthias . (Gleich darauf) Archon Morsimos (älterer Mann) . Zum Hausherrn führe mich. Xanthias (auf den von rechts eintretenden Archon deutend) .                                           Hier ist er schon. (Ab) Morsimos . Erhabner Archon . . . Archon .                                       Ratsherr Morsimos, Gegrüßt. Was bringst du mir? Morsimos .                                 Ein Bündel Sorgen. Archon . Die lös' ich dir im Feuerwein von Chios, Wenn dich mein Haus hernach zu andern Gästen Erwarten darf. Morsimos .             Vergaßest du, daß heut 44 In der bewußten Eselsschattensache Der große Rat Gerichtstag hält? Archon .                                         Zum Glück Zähl' ich nicht zu den Richtern. Morsimos (seufzend) .                       Aber ich. Archon . Dir bleibt vorher noch Zeit genug für Becher Und Augenschmaus. Denn, um's dir zu verraten, Den Kennern wart' ich auf mit einem Tanz Der schönen Iris. Morsimos .               Nein, vergib, ich kann nicht. Mir dreht sich's vor den Augen ohnehin. O welch verwünschter Streitfall! Wieviel Nächte Flieht mich um seinetwillen schon der Schlaf! Und naht er doch, so rückt ein Alp in Form Von einem Riesenesel auf den Bauch mir, Zertrampelt mich mit Gründen für und wider, Und schweißgebadet fahr' ich aus dem Traum. Archon . Wie mag man denn durch solchen Mückenkrieg Sich so vertattern lassen? Morsimos .                           Mückenkrieg? Als hätt' er unser friedliches Abdera Nicht bis zum Grund schon aufgerührt! Als wäre Nicht beider Kläger Anhang schon so groß, Daß beinah die gesamte Stadt, gespalten In die Partei'n der Schatten und der Esel, Ingrimmig knurrend sich die Zähne weist. Archon . Ein Stürmchen, das von selbst sich legen wird Nach der Entscheidung. Morsimos .                         Doch – wie lautet sie? Was gibt bei diesem so verknüpften Knoten, Bei diesem so verknüllten Knäul den Ausschlag? So frag' ich ratlos mich; so fragt sich ratlos Der ganze große Rat. Nur einen Wink 45 Von dir, ob du nach Einsicht und Gesinnung Mehr Schatten oder ob mehr Esel bist! Archon . Den Richtern Winke geben – ich? Morsimos .                                               Wer sonst Als du, des Staates Lenker, der noch stets Bisher die Wogen öffentlicher Händel In aller Stille glattgebügelt! Archon (ihm geschmeichelt auf die Schulter klopfend) . Glaub' mir, Auch diese werd' ich glätten. Morsimos (mit gedämpfter Stimme) . Unter uns: Bist du für Struthion? Archon .                           Ich will's erwägen. Morsimos . Für Anthrax? Archon .                         In Betracht will ich es ziehn. Morsimos . Und wann werd' ich erfahren . . .? Xanthias (durch die Mitte) .                               Herr . . . Archon .                                                                     Was ist? Xanthias . Ein Weibsbild, mehrmals von mir abgewiesen, Kam wieder und verlangt sogleich Gehör. Morsimos . Wann wird mir dein Bescheid? Archon .                                                   Vor der Verhandlung. Morsimos . Ich wollt', es wäre schon der Tag darauf. (Ab Mitte) Archon (wendet sich, nachdem er ihn zur Tür geleitet hat, zu Xanthias) . Jetzt hab' ich keine Zeit. Xanthias .                             Ich sagt' es ihr. Archon . Ein Weibsbild? Alt? Xanthias .                             Nein, jung. Archon .                                                 Doch häßlich? Xanthias .                                                                     Hübsch. Bildhübsch. Archon .             Und mehrmals von dir abgewiesen?! 46 Hab' ich, des Volkes Vater, nicht für jeden Und jede stets ein Ohr? Herein mit ihr! (Xanthias geht ab und läßt Gorgo eintreten) Zweiter Auftritt Archon . Gorgo (durch die Mitte) Gorgo (ihre Befangenheit tapfer bemeisternd) . Hochmögender . . . Archon (schmunzelnd) .     Da schau' mal an! Gorgo .                                                     Verzeih, Wenn unempfohlen ich es wage . . . Archon .                                               Wag's. Du bist empfohlen, Täubchen. Sehr empfohlen. Beredter dich empfehlen könnte niemand Als du dich selbst. Nur näher. Was beliebt? Gorgo . Dich bitten komm' ich . . . Archon (schwärmend) .                   Dieser Augenaufschlag . . . Dies Purpurlippenpaar, dies Marmorhälschen . . . Gorgo . Dich bitten komm' ich . . . Archon .                                       Ja, ganz recht, mich bitten . . . Gorgo . Im Auftrag meines Manns . . . Archon (ernüchtert) .                           Wie? Deines Manns? Warum dann schickt er dich und kommt nicht selber? Gorgo . Er meint, es hat mehr Wirkung. Archon (wieder schmunzelnd)                 Allerdings, Das geb' ich zu. Wer ist er denn, dein Mann? Gorgo . Der Eseltreiber Anthrax. Archon .                                   Der? Was tausend! Und wütet um den Schatten seinem Grautiers, Anstatt sich glückbegnadet auszuruhn Im Schatten seiner allerliebsten Frau? 47 Gorgo (etwas zutraulicher) . Ja, Herr, da kennst du meinen Anthrax schlecht. Sein Esel hat bei ihm den ersten Platz Und ich den zweiten. Denn, so sagt er, Gorgo – Ich heiße Gorgo nämlich – Gorgo, sagt er, Der Esel bringt sein Futter ein, du nicht. Und sag' ich dann: Ei, sag', wer fegt und spinnt Und kocht für dich, was dir am besten schmeckt? Dann sagt er nichts. Archon .                       Ich aber, Gorgo, sage: Da wär's nicht mehr als billig, wenn desgleichen Bei dir den ersten Platz ein andrer hätte – Es müßte ja nicht grad ein Esel sein. Gorgo . O möchtest du doch einer werden! Archon .                                                   Ich?! Gorgo . Dies eben, Herr, ist meine Bitte. Archon .                                               Wie? Gorgo . Daß du für meines Manns gerechte Sache Dich zur Partei der Esel neigst. Archon .                                       Ach so! Gorgo . Steht ihm doch bei sogar die Göttin Pallas Archon . Wie weißt du das? Gorgo .                               Durch ihren Oberpriester Agenor hat sie's offenbart. Archon .                                 Aha. Gorgo . Drum wird sie dir es lohnen, wenn . . . Archon .                                                         Und du? Gorgo . Gewiß, ich auch. Archon .                           Womit? Gorgo .                                           Mit meinem Dank. Archon . Nun ja, zu seinen Gunsten spricht wohl manches. Gorgo . Nicht wahr? 48 Archon .                 Zum Beispiel – (ihre Hand ergreifend) dieses dralle Händchen, (sie beim Kinn fassend) Dies weiche Kinn, (ihre Wange streichelnd) dies Aprikosenwänglein Und diese ganze süße Rundlichkeit . . . (Er zieht sie an sich) Gorgo (mit leichtem Sträuben) . Du schnappst wahrhaftig zu. Archon .                                     Was tu' ich? Gorgo (sich verbessernd) .                                 Ach . . . Für Anthrax dich erwärmst du, wollt' ich sagen. Archon (nachdem er sie geküßt) . Ihr Götter, wer vermöchte solcher Fürsprach Zu widerstehn? Gorgo .                   Du bist gewonnen, Herr? Archon . Noch nicht so ganz. Doch wenn du weitre Gründe Vorbringen kannst von gleicher Triftigkeit . . . Gorgo . Ich soll . . . Archon .                 Komm, folg' mir in mein Amtsgemach. Gorgo . Weshalb? Archon .               Damit ich so genau sie prüfe, So frei von Störung, wie's die Pflicht gebeut. Gorgo (unschlüssig) . Jedoch . . . Archon .                                   Du zauderst? Gorgo .                                                         Ich besinn' mich nur, Was jetzt für Anthrax besser ist. Archon .                                         Wohlan, So geh nach Haus und melde deinem Anthrax Du habest mich nicht völlig überzeugt. 49 Gorgo . Er würde bös. Archon (aufhorchend) .   Die Stimme meiner Frau! Entschließ dich. Gorgo .                   Herr, nun ja – zu seinem Besten. (Beide ab rechts) Dritter Auftritt Leukippe , Struthion (von links) Leukippe (im Auftreten, zärtlich) . Arzt meines Herzens! Liebster Struthion! Struthion (ebenso) . Stern meines Daseins! Göttliche Leukippe! Leukippe . Wie bebt noch, denk' ich deines Abenteuers, Mein Busen! Hing es doch an einem Haar, So traf, als dich der Unhold aus dem Schatten Vertrieb, dein teures Haupt ein Sonnenstich! Und was – o Schauder! – wurde dann aus mir? Wo fürder fänd' ich Lindrung meiner Leiden, Wo Balsam für mein widerspenstig Blut, Wärst mir durch ein Verhängnis du geraubt, Mein Stab und meine Stütze! Struthion .                                 Das Verhängnis, Noch ist's nicht abgewandt. Denn ob auch damals Vor Siedehitze mich der Schlag nicht traf, So kann er leicht mich heut vor Ärger treffen, Falls mir zum zweitenmal gerechte Sühnung Verweigert wird. Leukippe .               Bau' nur auf mich, Geliebter. Dein Ärger soll sich wandeln in Frohlocken. Zu welchem Zweck denn hätt' ich einen Mann, 50 Zu welchem Zweck wär' dieser Mann der Archon, Als daß er dir zu deinem Recht verhilft? Und auch für Theopomp leist' ich Gewähr. In wenig Augenblicken wird er hier sein. Struthion (lauernd) . Es wird gemunkelt, alle Frau'n Abderas Wetteiferten, ihn zu verhimmeln. Leukippe .                                       Wenn auch! Er, blind für alle, dient allein der Gottheit. Struthion . Blind auch für dich? Leukippe .                               Du fragst? Struthion .                                               Mich will bedünken, Du seist nicht blind für ihn. Leukippe .                               Vernehm' ich recht? Beargwohnt werd' ich – und von dir? Du zweifelst An meiner Tugend? Undankbarer du! Struthion . Er stünde nicht bei dir in Gunst? Leukippe .                                                 Als Priester, Der mein und sein Gebet zusammenschmelzend Vermittelt zwischen mir und dem Olymp. Jedoch als Mann – o muß ich erst beteuern, Wie tief der Abstand ist von ihm zu dir! Struthion . Nun, so vergib! Leukippe .                         O geh! Struthion .                                     Vergib, Leukippe! Leukippe (schmollend) . Du glaubst mir nicht! Struthion .                       Ich glaub' dir. Leukippe .                                             Vorsicht! 51 Vierter Auftritt Vorige . Theopomp (durch die Mitte) Theopomp .                                                         Herrin, Ich segne dich im Auftrag Aphroditens. Leukippe . Dank, Theopomp. Und weil's in einem geht, So spende deinen Segen auch zugleich Dem Wackern hier, der heute sein bedarf. Theopomp . Er hat bisher noch nie bei mir geopfert. Leukippe . Erkläre dich für ihn – so holt er's nach. Theopomp (zögernd) . Je nun . . . Fünfter Auftritt Vorige . Archon (von rechts) Archon (wohlgelaunt) .                   Ich grüß' euch. Leukippe (auf ihn zueilend) .                                   Endlich, mein Gebieter! Was hielt so lang' dich abseits? Archon .                                       Amtsgeschäfte, Mein trautes Weib. – Wie dankbar bin ich drum Den Pflegern deines Leibs und deiner Seele, Daß mittlerweil sie dir die Zeit verkürzt. Leukippe . So zeig dich dankbar – ihm, dem du verdankst, Ein in Gesundheit blühend Weib zu haben, Und der nun selber hartverwundet ringend Sich gegen beispiellosen Unglimpf wehrt. Von neuem leg' ich seine gute Sache Dir an das Herz, und wenn mein Fürspruch je, Wenn je dir meine Wünsche was gegolten, Tritt ein für Struthion! 52 Archon .                           Was tät' ich dir Nicht, Liebste, gern zu lieb! Jedoch ergaben Grad jetzt sich meiner sorglichen Erkundung Zeugnisse von erheblichem Gewicht Für Anthrax. Struthion .           Herr, dann waren sie gefälscht! Archon . O nein, die waren echt. Struthion .                                 Wenn ich dir schildre, Wie sich's entspann, wie's weiterging, sich auswuchs Durch seine Schuld, kurzum aufs Haar genau Den ganzen Hergang . . . Leukippe (zum Archon) .           Ja, den laß dir schildern. Archon (gelangweilt) . Meintwegen denn! Leukippe .                                             Hör', Theopomp, ihn auch. Theopomp (abwinkend) . Ich kenn' ihn schon. Struthion (mit lebhaftem Einsatz) .                   Ich mietete den Esel . . . (Er geht, eifrig auf den Archon einsprechend, mit ihm nach dem Hintergrund) Theopomp (nimmt im Vordergrund Leukippe beiseite) . Ein Wörtchen . . . Leukippe .                   Vorsicht! Theopomp .                               Wissen möcht' ich nur . . . Leukippe (zärtlich) . Was, du mein Einziger, mein Hort und Heil? Theopomp . Aus welchem Anlaß du dem Pillendreher So feurig Hilfe wirbst. Leukippe .                       Ich möchte wissen, Aus welchem Anlaß du sie vorenthältst. Theopomp . Dein Eifer ist verdächtig. Leukippe .                                       Trügt mein Ohr? Verdächtig? Du – du hast mich im Verdacht? Und gar mit ihm? Es wohnt in dir ein Zweifel 53 An meiner Züchtigkeit? O Theopomp, Das wahrlich hab' ich nicht um dich verdient! Theopomp . Er wäre nicht von dir verwöhnt, verhätschelt? Leukippe . Als Meister seines Fachs halt' ich ihn wert Und mag ihn nicht vermissen. Doch als Mann . . . O muß ich dir Vergöttertem erst schwören, Daß er von deinem Licht verdunkelt wird Gleichwie ein Glühwurm von dem Glanz der Sonne! Theopomp (selbstgefällig) . Hierin liegt Wahrheit. Leukippe .                       So gewähr' ihm Beistand, Zum Zeichen, daß du mir vertraust. Theopomp .                                         Ich soll In Irdisches mich mengen – ich? Archon (mit Struthion nach vorn zurückkehrend) . Recht schön. Recht gut. Und doch – es reicht nicht zur Entkräftung Der Gegengründe. Struthion (ungeduldig) .   Was denn mangelt noch? Archon . Anthrax hat nämlich eine Schützerin . . . Leukippe . Die mehr dir gilt als ich?! Archon .                                         Die Göttin Pallas. Theopomp (auffahrend) . Wer brachte diese Fabel aus? Archon .                                                                   Agenor Hat es orakelt. Theopomp .           Ha, dann allerdings, Dann dreht sich's hier nicht bloß um Erdenhändel, Vielmehr um Heiligstes. Das schaut ihm ähnlich, Dem neidischen, verbohrten Hungerleider! Orakelnd will er mir durch Volksverhetzung Abspenstig machen meine Gläubigen! Doch wart, Orakler, warte nur, wie bald Ich dein Orakel in den Staub orakle! 54 Wenn Pallas zur Partei der Esel trat, Tritt zur Partei der Schatten Aphrodite! Leukippe (strahlend) . Was willst du mehr noch, Struthion? Die Göttin Der Liebe selber deine Schützerin. Theopomp (Leukippe und Struthion je eine Hand reichend) . Ja, ganz und gar der Eure! Leukippe (schmeichlerisch) .       Mein Gemahl, Muß dieses schöne Bild von drei Vereinten Nicht mit Gewalt in unsern Kreis dich ziehn? Archon (ausweichend) . Laßt uns beim Wein erwägen . . . Struthion .                                         Aufschub?! Theopomp .                                                         Nein, Mich ruft zu rasch entschloßner Gegentat Ein göttliches Geheiß. Komm, Struthion; Mit meines ganzen Ansehns Aufgebot Will auf dem offnen Markt ich die Verführten Zu dir bekehren durch mein Priesterwort. (Beide schnell ab durch die Mitte) Sechster Auftritt Archon . Leukippe Archon (ihnen nachrufend) . Halt! Wollt ihr denn der Iris Tanz versäumen? – Taub sind sie. Leukippe .             Taub – du bist's für mich. Archon .                                                       Mein Kleinod, Ich lobe deinen Eifer für den Freund. Nur sollt' ich meinen, dir als meinem Weib Kann's gleich sein, ob dein Ehemann ein Esel, Ob er ein Schatten ist. 55 Leukippe .                         Als Ehemann Sei beides meinethalb; jedoch als Archon . . . Archon . Verkenne meine Herrscherklugheit nicht, Die jedesmal mit Vorbedacht zwei Türen Sich offen hält und, was auch kommen mag, Rechtzeitig so den rechten Ausgang findet. Jetzt aber laß uns an das Nächste denken. Leukippe (spitz) . An Iris! Archon .                         Ei, wer hat mich denn bestürmt, Ich soll sie tanzen lassen? Du, mit anderm Neugier'gen Weibsvolk. Leukippe .                           Dennoch – solch Geschöpf In unserm reinen Haus . . . Archon .                                   Nur um so heller Wird deine Keuschheit strahlen. – (Nach der Mitteltür weisend) Unsre Gäste. Siebenter Auftritt Vorige . (Durch die Mitte kommen paarweise) Eubuleus (mit) Arethusa , Lichas (mit) Phila , Kleophanes (mit) Glauke . (Kurz darauf bringen) Xanthias (und andere) Diener (durch die Mitte Weinkrüge und Becher und stellen sie auf die Tische) Eubuleus . Wir grüßen euch, ihr Edlen. Archon .                                             Seid willkommen. Eubuleus . Es war kein leichtes Stück, uns durchzuwinden, Da sich die Menge zur Gerichtsverhandlung Vorm großen Rat in dichten Scharen drängt. Archon . So laßt sie doch. In triftigeren Dingen Sollt zu Gericht nun erst ihr selber sitzen, Sollt als die schönen Geister von Abdera Der Iris Kunst vor eure Schranken ziehn 56 Nach jenem unabänderlichen Maßstab, Den fix und fertig jeder Abderit Für alles, was im weiten Griechenland Gedacht, geformt, gewirkt, geleistet wird, Bei der Geburt schon mitbringt auf die Welt. Arethusa . Nur fragt sich, ob zu Richtern Männer taugen, Die schon ein Lärvchen so geschwind bestach. Phila . Und ob nicht neue List sie neu benebelt. Glauke . Und ob's nicht ratsam, daß ein Zwischenraum Sie schirmt und uns vor giftiger Berührung. Kleophanes . Sie beißt ja nicht. Archon .                                 Beruhigt euch, ihr Frau'n. Selbst einen unbewachten Gatten dürft Ihr ohne Furcht in ihrer Nähe wissen, Seit in erstaunlicher Geschmacksverirrung Sie just sich an den Demokrit gehängt. Lichas . Unglaublich! Kleophanes .             Unverständlich! Eubuleus .                                         Rätselhaft! Archon . Und dieser blöde Taps, der noch vor kurzem Den eingerollten Igel hat gespielt, Folgt nun auf Schritt und Tritt ihr wie ein Hündlein Und macht sich lächerlicher als zuvor. Kleophanes . Das wär' ein Spaß gewesen, hättest du Den Pinsel aufgefordert, mitzukommen, Damit er uns zum Lustigmacher dient! Archon . Ich tat's. Eubuleus .           Und er? Archon .                           Im Anfang schlug er's rund Mir ab und schützte vor, daß ungesellig Ihn die Natur gezeugt. Als aber Iris Hinzutrat und ihn maulend fragte: »Wie? Du willst nicht mit dabei sein, wenn ich tanze?« 57 Da küßt' er fügsam, schmiegsam ihr das Pfötchen Und zirpte: »Gut, um deinetwillen sei's«. (Lachen) Kleophanes . Ha, kostbar! Lichas .                             Seht, hier rückt er an, beim Bacchus! Achter Auftritt Vorige . Demokrit (ist durch die Mitteltür eingetreten, die offen bleibt. Ein allgemeines Gelächter begrüßt ihn) Demokrit (kommt, ohne sich beirren zu lassen, nach vorn) . Mitbürger, welch ein ehrender Empfang! So stürmisch von euch ausgelacht zu werden, Durch welch unsterblich Werk errang ich das?         (Zum Archon) Herr, du befahlst . . . Archon (heiter) .                 Ein Irrtum, Demokrit; Sie war's, die dir befahl. Kleophanes .                       Haha, du lerntest Geschwind, wie man sich duckt ins Weiberjoch. Demokrit . Ich lernt' es von Abderas Ehemännern. Eubuleus . Hetärensklav' bist hierzuland nur du. Demokrit . Drum spotten meiner, die's gern gleichfalls wären. Lichas (beiseite, zu Eubuleus und Kleophanes) . Ein furchtbar dummer Kerl. Leukippe .                                 Nehmt Platz, ihr Freunde. (Alle setzen sich; Demokrit abgesondert rechts vorn, die andern links, die Männer hinter den Frauen) 58 Neunter Auftritt Vorige . Iris (durch die Mitte). Zwei Flötenspielerinnen (folgen ihr. – Die Tür wird geschlossen) Archon (offiziell) . Wohlan denn, Iris, unser Kunstgericht Ist hier versammelt. Zeig' uns, was du kannst. Iris (wechselt mit Demokrit einen verständnisinnigen Blick und beginnt, von den Flötenspielerinnen musikalisch begleitet, ihren Tanz, der sich zuerst in feierlich gemessenen Formen bewegt, dann ins heiter Anmutige übergeht und zuletzt durch alle Stadien erwachender und wachsender Leidenschaft hindurch sich bis ins Mänadische steigert. – Nachdem sie geendet hat, begibt sie sich zu Demokrit und setzt sich neben ihn. Die Flötenspielerinnen entfernen sich) (Ein kurzes frostiges Schweigen, dann ein Getuschel, aus dem sich der folgende gedämpfte Dialog heraushebt) Phila . Ich bin enttäuscht. Glauke .                         Ich bin entsetzt. Arethusa .                                               Fürwahr, So tanzen könnt' ich auch, verböte mir's Der Anstand nicht. Phila .                         Das nennt sie Kunst? Und hat Kein einzig Mal sich auf den Kopf gestellt! Glauke . Geäugelt aber hat sie desto mehr. Leukippe . Ich habe mich geschämt, recht hinzuschau'n. Phila . Selbst unsre Männer rührten keine Hand. Arethusa . Das wollt' ich ihnen auch geraten haben. Eubuleus (halblaut, zu Lichas und Kleophanes) . Sie hat sich unsern Beifall nicht verdient. Lichas . Und doch – wie schön! Kleophanes .                           Der Tanz? Lichas .                                                   Ach was, die Beine. Kleophanes . Schön ist für mich nur, was ich greifen kann. 59 Archon (mit Amtsmiene) . Gebt eure Stimmen. (Die Männer und Frauen stecken wichtigtuend mit ihm die Köpfe zusammen) Demokrit (zu Iris) .                                         Deinen Ruhmeskranz, Hab' acht, wie gründlich sie dir ihn zerpflücken. Iris . Was liegt mir dran? Ich tanzte nur für dich. Demokrit . Doch reizt es mich zu einem Tanz mit ihnen . Archon (in die Mitte tretend) . Abdera hat geurteilt – leider muß ich's Dir künden, Iris – über dich geurteilt, Kopfschüttelnd und voll innigen Bedauerns, Daß du, sein Landeskind, von der Natur Unleugbar vielversprechend ausgestattet, Geraten bist auf so verkehrten Weg. Was hätt' aus dir wohl alles werden können, Wenn du geblieben wärst, woher du stammtest, Und nach dem Vorbild unsrer Frau'n und Mütter, Großmütter, Urgroßmütter deine Gaben Entfaltest hättest im bewährten Gleis. Demokrit (aufstehend) . Beim Herakles, da stimm' ich bei. Lichas .                                                                         Bezaubernd! Ihr Busenfreund stimmt bei. Kleophanes .                             Aus Zorn, so wett' ich, Weil sie bereits ihn tüchtig hinterging. (Lachen) Demokrit . Ja, mehr noch . . . Kleophanes .                           Laßt ihn reden, uns zum Spaß! Demokrit . Mehr noch, mich selber fühl' ich mitbetroffen. Iris und ich, wie haben doch wir beide, Da wir uns losgelöst von solcher Heimat, Auf ewig unser wahres Heil verscherzt! Sie hätt' es bis zur Abderitengattin, 60 Vielleicht sogar zur Ratsherrnfrau gebracht, Und ich, ich könnte heut – so hoch versteigt sich Mein Denken – könnt' als angesehner Bürger Am Markt Gewürz verkaufen oder Wurst, Statt daß wir nun, zwei Minderwertige, Vor unsern Landsgenossen unsern Blick Beschämt, zerknirscht, zerschmettert niederschlagen. Archon . Siehst also du Verirrter endlich ein, Daß nichts zu finden auf der weiten Welt, Was in Abdera wir nicht besser hätten? Demokrit . Gewiß, gewiß! Obwohl man immerhin, Falls Aug' und Ohr man wachsam offen hält, Auf Reisen doch das Ein' und Andre trifft, Was zur Vollkommenheit euch hier noch mangelt. Archon (mitleidig) . Uns mangelt etwas zur Vollkommenheit?         (Lachen) Ei, so verrat' uns doch: In welcher Stadt Von den unzähligen, die du durchwandert, Gibt's klüg're Männer? Leukippe .                         Tugendhaft're Frau'n? Demokrit . O nirgends, nirgends! Aber dennoch – seht, In einem Punkt ist man euch in Ägypten Voraus. Leukippe .   Wieso? Archon .                   Wodurch? Demokrit .                                 Mich lehrte dort Ein Priester des Osiris ein Geheimnis, Das, wenn ihr's wüßtet, eurer Männer Klugheit Und eurer Frauen Tugend würd' an Leuchtkraft Verhundertfachen. Leukippe .                   Ein Geheimnis? Arethusa .                                           Welches? Demokrit (zögernd) . Hm! 61 Phila .                             Nenn' es doch! Glauke .                                                 Erzähl' es uns! Kleophanes (zu Eubuleus) .                                             Möcht' wissen, Was da herauskommt. Eubuleus .                         Wohl ein taubes Ei. Archon (zu Demokrit) . Du stockst? Warum? Demokrit .                                                 Nun gut, als Gegengabe Für den bescheidnen Platz, den hier uns beiden Ihr in geziemender Entfernung gönnt, Will ich's euch anvertrau'n. Leukippe .                               So komm doch näher. Demokrit . Euch vielmehr bitt' ich, daß ihr näher kommt. (Die Frauen gehen eilig nach rechts hinüber, setzen sich dort unweit von Iris. Die Männer folgen ihnen) Kleophanes (auf die Frauen deutend, im Hinübergehen) . Die Scheidewand, errichtet von der Strenge, Wird von der Neugier überhüpft. Demokrit (geheimnisvoll) .                   Vernehmt: Es lehrte jener Priester mich ein Mittel, Um jederzeit untrüglich festzustellen, Ob eine Frau dem Gatten oder Liebsten Die Treue hielt. (Die Frauen sehen einander verdutzt an. Die Männer spitzen die Ohren) Kleophanes .           Nicht übel. Iris (mit lebhaft erwachendem Interesse) . So was gibt's? Lichas (zu Demokrit) . Untrüglich, sagst du? Demokrit .                                               Tausendfach erprobt. Gar manche scheinbar makellose Tugend Hat in Ägypten sich als morsch erwiesen, Wenn man ihr derart auf den Zahn gefühlt. Leukippe (sich fassend, zu Demokrit) . Ist's weiter nichts, dann spar' dir bloß die Müh'! 62 Solch Mittel mag Ägyptern wichtig sein; Für Abderiten ist es überflüssig.         (Zustimmung der Frauen) Nicht wahr, mein Onolaos? Archon .                                   Allerdings. Doch kann nicht schaden, daß man's kennen lernt.         (Zustimmung der Männer) Leukippe . Ein Mittel, das den Zweifel an der Treue Zum Ursprung hat? Abscheulich! Arethusa .                                         Niederträchtig! Demokrit . Nein, das dem Zutrau'n die Gewähr verleiht. Wenn hier die Frau'n zu treu sind, um zu täuschen, Zu klug die Männer, um getäuscht zu werden, Was könnte beiden Beßres dann geschehn Als die Bekräftigung, die sichre Bürgschaft Nach innen und nach außen durch ein Zeugnis, Das umumstößlich ist? Eubuleus .                         Da hat er Recht. Arethusa (zu Eubuleus, strafend) . Schweig' du doch still! Leukippe .                         Wir bürgen selbst für uns Am sichersten. Nicht wahr, mein Teurer? Archon .                                                       Freilich. Dies Zeugnis braucht von euren Gatten keiner. Nur laß der Wissenschaft zulieb uns hören, Worin's besteht. Die Männer (zu Demokrit) . Ja, sprich. Demokrit .                                         Ganz einfach . . . (Geräusche von draußen) Leukippe (ablenkend) .                                                   Horcht! 63 Zweiter Auftritt Vorige . Struthion , Theopomp (kehren erregt durch die Mitte zurück. Während des Augenblicks zwischen Öffnen und Schließen der Tür hört man das Brausen der Volksmenge) Theopomp Wie du begehrt, Leukippe, hab' ich donnernd Für Struthion die Massen aufgewühlt. Struthion . Doch grad so donnernd wühlte sie für Anthrax Agenor auf. Theopomp .       Pah, kein Vergleich! Struthion .                                       Schon sammelt Sich das Gericht. Theopomp .               Und wird von den Partei'n Umdrängt, umworben. Leukippe (eifrig) .               Höchste Zeit, mein Gatte, Daß du die Hand ans Steuer legst. Struthion .                                         Ja, wahrlich! Archon . Geduld! Ich tu's im rechten Augenblick. Doch, Demokrit, zuvor dein Mittel. Leukippe .                                           Wie? Eubuleus , Lichas , Kleophanes . Dein Mittel! Leukippe .         Jetzt, indes da draußen . . . Archon .                                                     Hurtig! Demokrit . Es ist so leicht wie wirksam. Eine Feder, Aus irgendeines Spatzen Schwanz gerupft – Nur muß der Spatz lebendig sein, darf sonst Nicht Schaden leiden und hierzu nicht zweimal Verwendet werden, sondern je von Fall Zu Fall ein andrer – diese Feder legt man Der Frau behutsam, wenn sie schläft, aufs Herz, 64 Und alles, was in dessen tiefsten Falten Sich etwa birgt, sie plaudert's dann im Schlummer Vom Anfang bis zum Ende klärlich aus. Archon . Und bleibt sie trotzdem stumm? Demokrit .                                             So darf man schwören: Ihr Herz ist rein wie frisch gefallner Schnee. (Bewegung bei den Frauen) Kleophanes . Das muß man mal versuchen! Eubuleus , Lichas .                                     Ja! Kleophanes .                                                   Noch heut Jag' ich nach einem Spatzen. Lichas .                                     Hoch bezahl' ich Den Gassenjungen, der mir einen fängt. Eubuleus . Ich kauf' ein Vogelgarn; drin fangen sie Sich gleich im Dutzend. Arethusa .                           Albernes Gefabel! Phila . Wer glaubt solch Ammenmärchen! Glauke .                                                 Kinderkram!         (Zu Kleophanes, drohend) Komm du mit einem Spatzen mir nach Haus! Kleophanes (eingeschüchtert) . Bloß prüfen will ich . . . Glauke .                               Prüfen – mich, dein Weib? O schwarzer Undank! Phila .                               O Beleidigung! Arethusa . Leukippe, du, die stets das Beispiel gab, Das edle Beispiel, dem wir alle folgten, Du schweigst zu diesem Greul? Leukippe (zwischen Struthion und Theopomp stehend, hat unterdessen mit beiden Blicke getauscht) .                                                 Weil mir Empörung Beinah die Zunge lähmt. Hier aber stehn Mein Priester und mein Arzt, in deren Fach 65 Die Frage schlägt, ob nicht schon der Versuch Mit diesem Mittel wirken müßt' als Gift. Struthion . Er wär' aufs äußerste gesundheitsschädlich. Theopomp . Aufs höchste wär' er gotteslästerlich. Leukippe . Du hörst es, mein Gemahl, und ich, im Namen Von allen Ehefrau'n Abderas hoffe: Du wirst verbieten, daß man Spatzen fängt. Archon . Verbieten, was erlaubt ist vom Gesetz? Wie kann ich das? Wie könnt' ich, tät' ich's dennoch, Verhindern, daß es insgeheim geschieht? Und wenn's geschieht, wird's dann nicht jeder Frau Zum Ruhm geschehn, die so wie du, Geliebte, Nichts ihrem Gatten zu verhehlen hat? Leukippe (sich auf die Zunge beißend) . O! – Elfter Auftritt Vorige . Morsimos (ist durch die Mitte gekommen. Bei seinem Auftreten hört man wieder das Volksgetöse) Morsimos (tritt eilfertig und ängstlich zum Archon) .             Herr, dich rufen komm' ich. Die Verhandlung Beginnt sogleich . . . Leukippe (drängend) .       Ja, denk' an deine Pflicht. Struthion (ebenso) . Denk' an mein Recht. Morsimos .                                             Der große Rat getraut Nur unter deiner schirmenden Ägide Sich an sein heut so schweres Richteramt. Archon (zu Morsimos) . Sei's drum, ihr Hasenfüße. Morsimos (ihn beiseite nehmend) . Dein Bescheid? Archon . Bescheid? Morsimos .             Auf welche Seite du dich neigst? Archon . Hab' ich dir das nicht schon heut früh gesteckt? 66 Morsimos . Nein, mich auf jetzt vertröstet. Archon (achselznckend) .                             Mir unmöglich, Noch deutlicher mich auszudrücken. – Freunde, Beiwohnen laßt uns diesem Zwischenspiel Und haltet, bitt' ich, unsre Gasterei Nicht für beendet, bloß für unterbrochen. (Archon, Morsimos, Struthion, Eubuleus, Lichas, Kleophanes gehen ab durch die Mitte. – Die Frauen haben sich links vorn zusammengetan. Demokrit und Iris behaupten beobachtend ihren alten Platz rechts) Leukippe (hält Theopomp, der mit den andern abgehen will, zurück) . Bleib, Theopomp! Du, stets der Frauen Zuflucht, Behüt' uns vor der grenzenlosen Schmach Des Spatzenfangs. Phila (ihn beiseite nehmend) . O Theopomp, was tun? Arethusa (ebenso) . O Theopomp, ich bin halb tot vor Angst. Glauke (ebenso) . O Herzenstheopomp, was würd' aus mir, Was würd' aus dir, wenn ich im Schlummer spräche? Theopomp . Weshalb so glaubensschwach, ihr Gottgeliebten? Könnt ihr vermöge meiner Mittlerschaft Nicht bauen auf den Beistand Aphroditens? Ließ je die Liebesgöttin eine Frau, Die sich an sie gewendet in Bedrängnis, Zugunsten eines Ehemanns im Stich? Arethusa . Doch dieses Mittel? Theopomp .                           Bestes Gegenmittel Bei Hausgefahr ist öffentlicher Zwist. Ich eile drum, noch stärker ihn zu schüren, Bis jeglicher Gedank' an Spatzenfedern Verdunkelt in des Esels Schatten tritt.         (Ab durch die Mitte) Arethusa . Als böte das uns irgend Sicherheit! Phila . Als müßte man hinfort nicht Nacht für Nacht Sich vor der Feder graulen! 67 Glauke .                                   Nicht ein Auge Werd' ich mehr zutun! Arethusa .                         Unser Schlaf ist hin. Leukippe . Ja, trotz dem allerlautersten Gewissen! Denn was man aus dem Traum bewußtlos plappert, Ist unberechenbar. Deswegen kommt In mein Gemach, damit wir unbelauscht Beraten, wie wir dieser Not begegnen. (Leukippe, Arethusa, Phila, Glauke ab links) Zwölfter Auftritt Demokrit . Iris Demokrit (sich die Hände reibend) . Hei, denen tränkt' ich's ein, den Heuchlerinnen! Für jedes unverschämte Nasenrümpfen, Für jedes Lippenkräuseln, Schulterziehn, Womit ihr Hochmut sich an dir verging, Hab' ich an ihnen dich gerächt. Iris .                                               Wozu, Mein Demokrit? Ihr Hochmut stört mich nicht, Ja, ganz Abdera widert mich nicht mehr, Im Gegenteil, ergötzt, erheitert mich, Seit du mich liebst und mich dein Lächeln lehrtest. Demokrit . Ich lehrt' es dich – und hab's durch dich verlernt. Iris . Wie das, mein Freund? Demokrit .                         Weshalb denn lächelt' ich? Woher vermocht' ich's? Weil ich unbeteiligt An Lieb' und Haß, an Lust und Pein der Menschen Von ihnen abseits stand, weit außerhalb, Weit oberhalb, und sel'gen Göttern gleich 68 Nur mit dem kühlen Auge des Betrachters Auf ihr Gekreuch und ihr Gekribbel sah. Doch nun – wovor zeitlebens ich geflüchtet, Wogegen diesmal ich zu schwach gekämpft – Nun hat Gefühl sich mein bemächtigt, Iris, Gefühl für dich, und so mit einem Schlag Ward ich hinein in ihres Treibens Mitte Durch dies Gefühl wie durch ein Seil gezerrt. Ich bin ergrimmt auf jede, die dich ächtet, Ich hasse jeden, der voll Gier dich anblickt, Möcht' jeden prügeln, dem dein Tanz mißfällt, Und mehr als jeder, den ich je belächelt, Schein' ich nun selber mir belächelnswert. Iris . Du Lieber, kann allein die Weisheit lächeln? Nicht auch das Glück? Demokrit .                         Die Weisheit lächelt immer, Das Glück, nur wenn es blind ist. Iris .                                                   Blind? – Ich wußt' es, Dir blieb ein Rest von Mißtrau'n. Demokrit .                                         Von Vernunft. Iris (dringend) . Doch dein ägyptisch Mittel? Sag', beruht, Was du von ihm erzählt, auf Wahrheit? Demokrit .                                                 Zitterst Auch du davor? Iris (leidenschaftlich) .   O nein! Ich nicht! Ich nicht! Mag's jenen von der Stirn die Larve ziehn, Dahinter sie gebrochnen Schwur versteckten – Ich halte hoch, was ich dir nie beschwor, Gab hüllenlos dir wie den Leib die Seele Und könnt' im Schlaf nichts andres dir bekennen, Als was ich dir im Wachen längst bekannt. Daß manchen ich geliebt vor dir, doch keinen Wie dich, nein, erst erschaffen ward zur Liebe, 69 Seitdem ich dein bin, dein Geschöpf, dein Teil! Der Makedonierkönig mahnt umsonst Mich Säumige durch immer neue Voten: Dir fern sein däucht mir tödliche Verbannung, Mir Heimaterde, was dein Blick mir spiegelt, Mir Heimatluft, was mir dein Atem haucht, Sei's in Abdera, sei's im Tartarus. Drum segn' ich dieses Mittel, drum ersehn' ich's Und fleh' dich an: Durchschau mich bis zum Grunde, Damit du bis zum Grund mir glauben kannst! O zögre nicht! Sobald in deinen Armen Heut nacht ich eingeschlummert, mach' die Probe; Leg' mir die Spatzenfeder auf die Brust! Demokrit . Und wenn – was gern ich dir vorauszuglauben Erbötig bin – die Probe heut gelingt? Iris . Wär's nicht genug an dem? Demokrit .                               Genug für heut. Doch ob für morgen auch, für übermorgen, Die nächste Woche, gar den nächsten Mond? Kann sich von Tag zu Tag das Bild nicht ändern? Und wollt' ich täglich drum von neuem prüfen, Wo nähm' ich, Iris, all die Spatzen her? Iris . So zahllos viele durch den Äther schwirren, So zahllos viele Mal erforsche mich! Nicht neben dir, nicht nach dir hat mein Herz Für einen Andern Raum; denn meine Liebe Zu dir wird ewig währen. Demokrit .                             Ewig, Iris? Vorüber wandert' ich im Morgenland Am Trümmerschutt von tausendjähr'gen Reichen; Und was Granit nicht kann und nicht Metall, Das könnt' ein sterblich Herz? Iris .                                             Solang' es schlägt. 70 Demokrit . Mein Kind, nicht deins noch meins vermag prophetisch Für seinen künft'gen Taktschlag einzustehn. Drum laß die Probe! Nicht ist sie bestimmt Für Herzen, die zu wahrhaft sind, zu stolz, Einander zu betrügen; ach, sich selbst Betrügt man um so leichter, und am schlimmsten Trügt uns des Lebens abgefeimte List. Die Liebe will getäuscht sein, wär's auch nur Vom holden Blendwerk wandelloser Dauer, Und wenn die Täuschung welkt, so welkt sie mit. In deines Kusses flücht'gem Augenblick Wird Ewigkeit zur Gegenwart. O komm, Laß mich sie kosten. (Umarmung) Iris .                                 Weiser Demokrit, Ich liebe dich um deiner Weisheit willen Und möcht' um deiner Liebe willen doch, Du wärest so betört, wie du dich wähnst. (Leukippe, Arethusa, Phila, Glauke kommen von links zurück, eine lebhafte Debatte noch leise fortsetzend) Demokrit (halblaut) . Da kehrt sie wieder, die gescheuchte Herde. Auf und davon! Sie werden uns nicht missen. Iris . Wir sie noch weniger. (Beide ab durch die Mitte) Dreizehnter Auftritt Leukippe . Arethusa . Phila . Glauke Leukippe .                         Dies Bündnis gilt Und sei durch unsern Händedruck besiegelt: Ein Frauenbund, zu Schutz und Trutz geschlossen. 71 Kein Mann erhält zum Ehebett mehr Zulaß, Bevor er feierlich den Eid geleistet, Er berge keine Feder im Gewand, Und obendrein auf jedem freien Platze Wird schleunigst für die Spatzen Gift gestreut. (Vielstimmige Rufe von außen her) Arethusa . Was gibt's? Vierzehnter Auftritt Vorige . Archon , Eubuleus , Lichas , Kleophanes (kommen durch die Mitte. Dann) Struthion , Physignatos . (zuletzt) Theopomp Archon .                       Leukippe, wirf mir niemals wieder Mein Zaudern vor. Dein Wunsch ging in Erfüllung. Leukippe . Was trug sich zu? Archon .                               Dein Schützling hat gesiegt. Leukippe . Du Tapfrer sprachst für ihn? Archon .                                               Ich schwieg für ihn. Und hierdurch ward, wie der Erfolg dir zeigt, Ihm mehr gedient, als hätt' ich widerrechtlich Mein Machtgewicht geworfen in die Wage, Die ohnehin zu seinen Gunsten sank. Eubuleus . Denn Physignatos übertraf sich selbst, Mit solcher Wucht gewalt'gen Redeschwungs, Daß er den großen Rat zu Tränen rührte. Lichas . Und ob Kinesias zum Gegenangriff Auch alle Schleusen seiner Lunge zog, Von seines Anhangs Beifall überbrüllt . . . Kleophanes . Vergeblich. Struthion, in Anerkenntnis, 72 Daß er den Eselsschatten mitgemietet, Ward freigesprochen; Anthrax ward verurteilt Zu Tragung aller Kosten und Ersatz Des Schadens. Lichas .                 Die Partei der Schatten jubelt. Eubuleus . Und die Partei der Esel schäumt vor Wut. Archon . Nichts mehr davon. Der Fall ist abgetan. Wir kehren drum zu wichtigeren Dingen Befreit zurück. Leukippe (ängstlich) . Zu wichtigeren? Archon .                                           Ja, Zum Becher und den Frau'n (rufend) He, Xanthias, Noch Wein. Eubuleus (nach hinten weisend) .                   Der Sieger naht mit seinem Anwalt. Kleophanes . Laßt uns ihn feiern! Eubuleus , Lichas , Kleophanes .   Heil! (Struthion, Physignatos sind durch die Mitteltür, vor der während ihres Eintritts eine tumultarische Menschenansammlung bemerkbar war, erschienen und kommen rasch nach vorn. beide atemlos und in großer Aufregung) Struthion .                                             Spart euren Heilruf! Physignatos . Ruft Rache lieber, wenn ihr Männer seid. Struthion . Mein Anwalt hier – ihn bring' ich mit als Zeugen . . . Frag', Archon, ihn . . . Physignatos .                     Gibt's, frag' ich, Archon, dich, In dieser Stadt noch Obrigkeit? Archon (ungeduldig) .                       Potz Hagel, Was denn schon wieder? Habt ihr nicht gesiegt? Was noch verlangt ihr mehr? Struthion .                                 Verfluchter Sieg! 73 Hol' ihn die Pest, wenn das die Früchte sind! Ich bin gelähmt; ich beb' am ganzen Leib. Erst von den Freunden vor Begeisterung Beinah zu Brei zerquetscht, ward ich sodann Vom immerzu verstärkten Feindesschwall, Der durch der Unsern Phalanx wie ein Heer Von tollgewordnen Stieren tobend brach, So mörderlich bedroht, beschimpft, bespien, Daß ich des Todes war, wenn dieser Wackre Mir nicht hierher gebahnt mit Rippenstößen Den Rettungsweg! Physignatos .             So wird ein Mann behandelt, Weil er den Ringkampf mit des Unrechts Hydra Glorreich bestand! Lichas , Kleophanes .   Erbärmlich! Eubuleus .                                       Sollen das Wir Schatten dulden? Physignatos (zum Archon) .   Lässest Zucht und Ordnung Du so mit Füßen treten? Archon .                               Nur gemach! Meint ihr, ich könnte die geschwollne Flut Nicht meistern, weil ich's für geratner halte, Zu warten, bis von selbst sie sich verläuft? Durch Urteilspruch des obersten Gerichts Ist dieser Fall erledigt; binnen kurzem Wird, sag' ich euch, danach kein Hahn mehr krähn. Drum setzt euch her und spült mit Chierwein Den Staub der Schlacht hinab. (wachsender Lärm von außen her, bis zum Schluß des Auftritts) Physignatos .                                 Erledigt? Hör' doch! 74 Theopomp (eilig durch die Mitte) . Dergleichen ward, solang Abdera steht, Noch nicht erlebt! Archon .                     Was will, was schreit man? Theopomp .                                                       Aufruhr! Archon . Warum nicht gar! Theopomp .                       Und seine Spitze wendet Sich, Archon, gegen dich. Archon .                                 Ha, das ist stark! Theopomp . Schon kläfft an deines Hauses Tür die Meute . . . Archon . Ein Blitz aus meinen Augen bändigt sie.         (rufend) Mein Diadem und meinen Herrscherstab! (Die Diener bringen ihm das Verlangte) Theopomp (währenddessen zu den Frauen, halblaut) . Verhieß ich euch zuviel? Wovor euch bangte, Vergessen sinkt's in diesem Strudel unter. Wenn Irgendwer nun Federn lassen muß, Die Spatzen sind es nicht. Leukippe (halblaut) .               Wir atmen auf. Archon (nachdem er das Diadem aufgesetzt, den Stab erhebend) . So! Leukippe (sich ihm nähernd, zärtlich) .         Du begibst dich in Gefahr! Archon .                                         Sei furchtlos, Mein teures Weib! Leukippe (mit einem Blick nach Theopomp) .                               Ich bin es. Archon .                                         Heldenseele! – Wohlauf! (Er wendet sich großspurig zum Gehen) 75 Fünfzehnter Auftritt Vorige . (Die Mitteltür fliegt krachend auf.) Kinesias , Anthrax , Agenor , Chremes , Baton (und andere) Leute aus dem Volk (dringen mit drohender, geräuschvoller Gewaltsamkeit herein) Kinesias .       Da seht nur! Seht! Hier prassen sie, Die Schattenhäupter! Hier als Spießgesellen Des schmählich losgeschwindelten Betrügers, Des Eselschattendiebs begehn sie festlich Den Meuchelmord an der Gerechtigkeit! Agenor . Den Frevel an den Göttern! Chremes .                                       Den Verrat Am Volk! Anthrax .         Den Schurkenstreich an mir! Archon .                                                     Was wagt ihr?! Wie Räuber fallt ihr in mein Haus, verletzt In mir des Staates Hoheit . . . Kinesias .                                     Räuber? Nein, Als Ausgeraubte nahn wir. Und Verletzung? Verletzt sind wir – wir, die Partei der Esel . . . Anthrax . Besonders ich! Kinesias .                       Verletzt bis in das Mark Durch diesen schamlos niederträcht'gen Fehlspruch Und fordern – wohlverstanden, Archon – fordern, Daß du für null und nichtig ihn erklärst. Archon . Ich soll . . . Struthion .                 Verruchtheit! Archon .                                         Ich am Urteil rütteln, Das rechtens fällten unsre höchsten Richter?! Physignatos . Bruch des Gesetzes! 76 Kinesias .                                     Steht in dem Gesetz Abderas nicht geschrieben, daß der Archon In Fällen, die das Wohl des Staats berühren, Umstoßen kann des großen Rats Entscheidung Und frei noch einmal selbst entscheiden darf? Physignatos . Nichts andres dürft' er dann, als diesen Spruch Bestätigen! Kinesias .           Verwerfen müßt' er ihn! Verwerfen, weil er eingestandnermaßen Für falsch ihn hält. Archon .                     Wer sagt das? Anthrax .                                         Meine Frau. Glückstrahlend kam sie von dir heim und brachte Mir dein Versprechen mit, mir beizustehn. Physignatos (auffahrend) . Wie? Struthion .                               Was? Leukippe .                                         Du hättest . . . Archon (verlegen) .                                                   Hm, ein Mißverständnis . . . Anthrax . Nichts da, sie sagt, sehr gut verstand sie dich. Sie habe, sagt sie, dich durch ihre Gründe Von meinem Recht vollkommen überzeugt. Archon . Wohlwollend, väterlich empfing ich sie, Versprach Erwägung . . . Kinesias .                             Und erwogst wie immer Bald hin, bald her, versprachst so hier wie dort Und tatest nichts. Doch dieses Doppelspiel, Nicht Fisch, nicht Fleisch, wir Esel sind's nun satt. Physignatos . Wir Schatten auch. Kinesias .                                   Wir wollen einen Lenker, Der klar die Richtung hält, nicht ziellos schaukelnd Im Zickzack fährt. Physignatos .               Wir gleichfalls 77 Archon .                                           Undankbare! Den Frieden gab euch meine Lenkerkunst: Im Zickzack bricht ein Steuermann die Wellen, Und schaukelnd fährt er in den Hafen ein. Kinesias . Damit ist's aus. Zwei Häfen liegen jetzt Im wildentbrannten Zwist sich gegenüber: Entweder Esels- oder Schattenhafen; Nur in den einen steuern kann das Schiff. Archon . Des Staates Haupt ist über den Parteien. Physignatos . Drum unparteiisch triff die Rechtsverhöhner! Kinesias . Ja, triff sie! Physignatos .             Selber nun bestehn wir drauf: Als allerhöchster Richter unzweideutig Erkläre dich für Struthion! Kinesias .                                 Für Anthrax! Physignatos . Sonst stürzen dich von deinem Sitz auch wir. Kinesias . Sonst bleibt kein Stein Abderas auf dem andern. Archon (händeringend) . Starrköpfige, besinnt euch doch zuvor, Ob um der ungestörten Ruhe willen, Die hier geherrscht hat seit Urväterzeit, Sich diesem unglücksel'gen Massenhader Nicht besser als durch neuen Richterspruch Ein Ende machen ließe durch Versöhnung, Verständigung! Kinesias .               Was? Wir uns mit den Schatten Versöhnen? Physignatos .       Was? Wir mit den Eseln uns Verständigen? Agenor .               Selbst wenn die Menschen, Archon, Versöhnlich wollten sein, die Göttin Pallas Ist's nimmermehr. Theopomp .               Die Göttin Aphrodite Noch weniger. 78 Agenor .                 Weh dieser Stadt, wenn Leugnung Der Gottheit ungerochen bleibt! Wer gläubig Emporblickt zu den Göttern, der erfleht Bei Sonnenbrand von ihnen eine Wolke; Doch Struthion, den Schatten statt beim Himmel Beim Esel suchend, hat sie frech verneint. Theopomp . Verzerrung! Anthrax leugnete die Götter, Von denen just so wie der Wolke Schatten Auch der des Esels stammt. Weh dieser Stadt, Wenn man in ihr solch deutlich Gottgeschenk Darf straflos hinterziehn! Agenor .                               Weh, dreimal wehe Der Stadt, in der ein hartgesottner Satyr Wie Theopomp die Seelen irreführt. Theopomp . Weh tausendmal der Stadt, in der die Schädel Ein Frömmler wie Agenor füllt mit Spreu. Agenor (fanatisch) . O Pallas, strenge Walterin, vernimm Die Lästerung. Hilf deinem schwachen Diener Im Streit um deine Größe! Gib ein Zeichen, Ein unverkennbar Zeichen deines Zorns! Theopomp . Dies Zeichen, Aphrodite, sende du! Beide Parteien . Ein Zeichen! – (Kleine Pause während der Alle wartend stehen, den Blick emporgerichtet) Physignatos (zuckend) .             Ha! Bemerktet ihr? Es flirrte Von oben was Geflügeltes herab – Zum Haupt Leukippens hin. (Große Bewegung) Leukippe (hat nach ihrem Haar gegriffen) .                                           Es zappelt was In meinem Haar. Archon (sich ihr nähernd) . Ja, was Lebendiges. Agenor Dank, Himmlische! Das Zeichen ist's der Pallas. 79 Theopomp . Nein, dies ist Aphroditens Flügelpost. Agenor . Drum weh den Schatten! Theopomp .                                 Wehe drum den Eseln! Archon (hat aus dem Haar der Leukippe einen kleinen Vogel genestelt und hält ihn in der geschlossenen Hand) . Es ist ein junger Spatz. Die Ehemänner (anzüglich) .   Ein Spatz! Die Frauen (entsetzt) .                             Ein Spatz! Archon . Hierher verflogen hat er Schutz gesucht In meiner Gattin Lockenwald. Agenor .                                       Erkenne, Was Pallas dir durch diesen Boten kündet: Das schwerbedrängte Recht sucht letzte Zuflucht In deinem Haus. Theopomp .               Vielmehr der wahre Glaube Sucht hier im Haus – dies kündet Aphrodite – Schutz bei der frömmsten Frau. Leukippe (angstvoll zum Archon) .       Laß ihn doch fliegen! Archon (feierlich) . O nein! Denn wahrlich, Theopomp, Agenor, Ich pflicht' euch bei: Dies ist ein göttlich Zeichen, Und zwar ein doppeltes, von allen beiden Göttinnen uns zugleich herabgesandt, Und wundersam bin ich von ihm erleuchtet: Der Pallas Botschaft wendet sich an mich, An meine Gattin die der Aphrodite, Damit wir uns im Wirbel dieser Zeit Als euer echtes Führerpaar bewähren. Pallas, der Klugheit Göttin, trägt mir auf, Daß ich durch einen Spruch von höchstem Scharfsinn Den Apfel eures Zanks verwandeln soll In einen segensreichen Leckerbissen; 80 Und binnen einer Woche sei's vollführt.         (Beifall) Die Liebesgöttin aber – könnt' ich zweifeln Mit diesem Spatzen in der Hand? – verlangt Gleichzeitig von der Perle des Geschlechts, Von meinem hehren Weib die Tugendprobe. Leukippe (zwischen Struthion und Theopomp, wankend, leise) . Ich bin verloren! Theopomp (leise) .       Fassung! Struthion (leise) .                       Mut! Archon .                                           So zupf' ich Dem heil'gen Vogel denn vor euren Augen Die Feder aus dem Schwanz; und in Erwartung Der großen Dinge, die er euch verheißt, Kehrt heim im Frieden! Kinesias (drohend) .               Nur im Waffenstillstand! Physignatos (ebenso) . Bis zu dem Spruch! Archon .                                                   Ihr werdet sehn, es schmücken Der Eselschatten und die Spatzenfeder Abderas alten Ruhm mit neuem Gold. Denn dartun werden sie vor Stadt und Erdkreis, Daß ihr den klügsten Mann zum Archon wähltet Und ihm der Himmel gab die treuste Frau. (Während er die halb ohnmächtige Leukippe an seine Brust drückt, fällt der Vorhang) 81 Dritter Aufzug Derselbe Schauplatz wie im ersten Aufzug Der Richtersessel ist mit Blumen geschmückt Erster Auftritt Demokrit (sitzt wieder sinnend, wie zum Beginn des ersten Aufzugs, auf den Stufen des Tempels). Iris (kommt von rechts hinten) Iris . Ich suche dich, mein Freund. Demokrit .                                   Ich, meine Freundin, Tu' hier das nämliche. Iris .                                 Das nämliche? Demokrit . Ich suche mich. Iris .                                   Und kannst nur hier dich finden, Wo dich zuerst ich fand? Nicht auch bei mir? Demokrit . Bei dir such' ich die Liebe, hier die Ruhe. Iris . Auf offnem Markt, wo heute – weißt du's nicht? – Vorm ganzen Volk der Archon Recht soll sprechen! Schau, sie bekränzten schon den Richterstuhl. Demokrit . Was kümmert's mich? Im lautesten Gewühl Gehör' ich mir. Iris .                       Nur nicht in meiner Nähe. Demokrit . Kein Wunder, Iris, da nur du von allen Gleichgültig mir nicht bist. 82 Iris .                                         Wie glaub' ich's noch, Wenn du mich meidest? Demokrit .                           Meiden? Bin ich dir Nicht jede Nacht gesellt? Iris .                                       In festem Schlaf. Demokrit . Es muß doch einer in Abdera schlafen, Wo das Parteiungsfieber alle Männer Und alle Frau'n ihr bös Gewissen wach hält. Iris . Auch dich hielt anfangs deine Liebe wach. Demokrit . So gönne mir, den Schlummer nachzuholen. Iris . Sei redlich, Demokrit. Gesteh mir ein, Daß du mich nicht mehr liebst. Demokrit .                                     Da würd' ich lügen. Iris . Du bist nicht bei mir, wenn du bei mir bist. Oft kommt's mir vor, als wärst du tausend Meilen Und tausend Jahre fern. Demokrit .                           Du wolltest ja Nicht hören, Kind, als ich vor mir dich warnte. Verschwieg ich dir, daß du mich teilen mußt Mit meinen beiden älteren Geliebten? Iris . Wie? Gleich mit zweien? Demokrit .                             Einsamkeit und Wahrheit. Zwei spröde Schwestern, deren jede nur Den Werber, der um beide wirbt, erhört. Iris . Könnt' ich sie doch vergiften! Demokrit .                                   Eifersucht! Zwar liebt ihr wohl den Mann um seine Taten; Doch seine Taten haßt ihr um den Mann. Iris (trotzig) . Und falls auch ich – bloß der Vergeltung wegen – Dich teilen ließe? Demokrit .                 Dann geschähe mir, Worauf ich stets gefaßt war. 83 Iris (leidenschaftlich) .                   Grausamer! Ich will ja nicht! Ich will dir Treue halten! Doch wenn du mich noch liebst, gewähr' dies eine: Laß uns aus dieses Nestes Kerkerenge, Die mich zermalmt – laß uns von hier entfliehn! Demokrit . Sie schien dir jüngst noch Heimat meinethalb. Iris . Vernimm: die Stunde drängt mich zum Entschluß. König Kassander, meiner Säumnis zürnend, Verließ, wie man mir meldet, seine Hauptstadt, Und nach Abderas Grenze ging sein Weg. Demokrit . Wohl gar, weil er dich holen will? Iris .                                                             Vielleicht. Demokrit . Fürwahr, ein seltner Kunstfreund! Iris .                                                             Sprich ein Wort, Und ihm ein Schnippchen schlagend folg' ich dir, Wohin du willst, Geliebter! Demokrit (bewegt) .                   Holde du, Dies Wort, es wäre meiner Torheit Gipfel. Ein König naht voll Sehnsucht, Gunst um Gunst Mit dir zu tauschen, allen Glanz des Lebens Zu Füßen dir zu streu'n. Was zum Ersatz Müßt' ich alltäglich dir, allnächtlich bieten, Damit du nie bereuend überschlügest, Wieviel um meinetwillen du verscherzt! Und ob den schönen Kopf du schüttelst, glaub': Es rächt sich, Iris, rächt sich ohn' Erbarmen, Wenn man, um treu zu bleiben eins dem andern, Sich selber untreu wird. Iris (aufwallend) .                   Sag's rund heraus: Du magst nicht meine Treue, fürchtest sie, Weil sie dir Störung wäre, Hemmnis, Fessel. Du magst sie nicht und bist sie drum nicht wert. Du nicht und Keiner! 84 Demokrit (begütigend) .       Kind! Iris .                                           Genug! Ich hielt Zu lange schon dich ab vom Stelldichein Mit deinen beiden älteren Geliebten. Vergnüge dich mit ihnen; hätschle sie, Soviel du Lust hast! (Eilig ab links hinten) Demokrit (ihr nachrufend) . Iris! Hör' mich doch!         (Mit einem Seufzer) Was hilft's? (Er versinkt wieder in Nachdenken) Zweiter Auftritt Demokrit . (Von rechts hinten kommen) Arethusa , Phila , Glauke (sich mühsam fortschleppend) Arethusa .           O Pein! Phila .                               O Qual! Glauke .                                           O Folter! Arethusa (auf Demokrit weisend) .                       Hier Der Maledeite, der den Schlaf uns stahl, Sodaß Gespenstern gleich am hellen Tag Wir schlottern ohne Ruhstatt. Phila (zu Demokrit) .                       Schnödes Untier, Wer hieß dich unsres Herdes Traulichkeit Mit deinem Stank verpesten? Glauke .                                       Graben wir Ihm seinen Lohn mit Nägeln ins Gesicht! (Sie nähern sich ihm drohend) Demokrit . Den Weibern, ob sie schmeicheln, ob sie kratzen, Muß aus dem Wege gehn, wer denken will. (Ab links vorn) 85 Dritter Auftritt Arethusa . Phila . Glauke . (Dann) Gorgo Arethusa . Der Feigling! Phila .                           Ach, wie lang' noch trotzen wir Der Schlafsucht? Glauke .                     Mehrmals bin ich wider Willen Zur Unzeit eingenickt. Phila .                               So ging's auch mir. Arethusa . Auch mir. Und jeder unsrer Männer trägt Bei sich beständig die verruchte Waffe. Glauke . Wie soll man ahnen, ob auf unserm Herzen Sie nicht schon lag? Phila .                           Ob wir nicht schon geplaudert? Arethusa . 's ist ein Verhängnis! Gorgo (ist von rechts hinten aufgetreten, hat aus einiger Entfernung gelauscht, nähert sich nun der Gruppe, schüchtern und verstört) .                                         Sagt, ihr Frau'n, ich bitt' euch, Ob's wahr ist, wirklich wahr ist, was die Spatzen Von allen Dächern pfeifen? Arethusa .                                 Ja, sie pfeifen Der Feder nach, die fehlt in ihrem Schwanz. Gorgo . O, wenn mein Anthrax das erfuhr, was dann? Arethusa (zu den beiden andern) . Kommt, spüren wir im Aphrodite-Tempel Uns ein verstecktes Schlummerplätzchen aus. (Die drei Frauen ab in den Tempel) 86 Vierter Auftritt Gorgo . (Gleich darauf) Anthrax Gorgo (allein, zitternd) . Was dann, ihr Götter? Anthrax (von links vorn, mit einem Säckchen in der Hand)                                   Gorgo, schon am Ort? Gorgo (heftig zusammenfahrend) . Ha! Anthrax . Was? Gorgo .             Wie hast du mich erschreckt! Anthrax                                                       Wodurch? Gorgo . Durch deine Stimme, scheint mir. Klingt sie doch So kritisch rauh, seitdem du Sturmbock bist. Anthrax (geschmeichelt) . Heut, Gorgo, leg' ich Bresche, gib mal acht. Pflanz' dich nur möglichst vorn hin, wenn hernach Der Archon seinen Spruch tut. Gorgo .                                         I, gewiß. Anthrax . Bin doch begierig, ob er dir ins Antlitz Wagt zu verleugnen, was er dir gelobte. Gorgo . Wohl kaum. Anthrax .                 Denn falls du mir genau berichtet, Was damals zwischen dir und ihm sich zutrug . . . Gorgo . Aufs Haar genau. Anthrax .                         Mir nichts verschwiegest . . . Gorgo .                                                                       Nichts. Anthrax . Hm, schade nur, daß ich nicht mit dabei war. – Du zitterst. Gorgo .             Ich? Anthrax .                 Weshalb? 87 Gorgo .                                   Um dich, mein Anthrax. Wem anders denn gilt all mein zärtlich Sorgen Als dir und deinem Esel? Anthrax (mit einem Blick auf das Säckchen) . Gut; recht gut. Gorgo Was hast du da? Anthrax .                       Da hab' ich, wie du siehst, Ein Beutelchen. Gorgo .                   Doch was ist drin? Anthrax .                                             Was drin ist? Schau nach. (Er öffnet es ein wenig) Gorgo (hineinsehend, bestürzt) . Ein Spatz! Anthrax .                                               Den ich heut früh mir fing. Gorgo (hastig danach greifend) . So gib! Anthrax .     Wozu? Gorgo .                   Damit ich ihn dir brate. Anthrax . Nein, der bleibt leben. Gorgo .                                     Anthrax! Anthrax .                                                 Der ist kostbar. Das höchstbezahlte Wild jetzt in Abdera. Kein Ehemann, der nicht schon einen hat. Ich fing den letzten. Gorgo .                         Wie, du wärst imstand . . .? Anthrax . Ei, sollen wieder nur die feinen Leute So vornehm sein? Wer etwas auf sich hält, Versucht's damit, vom Archon angefangen; Und ich als wicht'ger Mann im Staat soll nachstehn? Gorgo . Aushorchen willst du mich im Schlaf? O pfui! Anthrax . So sei doch froh. Nun wird sich's offenbaren, Wie treu du mir und meinem Esel bist. Gorgo . Als ob du das nicht wüßtest ohnedies! Anthrax . Ich will's noch sichrer wissen. 88 Gorgo .                                               Nein, das leid' ich, Das duld' ich nicht! Anthrax .                       Es tut nicht weh, du Schaf. Ein Federchen . . . Gorgo .                         Ich bin ja doch so kitzlig! Anthrax . Du wirst's nicht spüren. Gorgo (verzweifelt) .                     Eh du das mir antust, Eh lauf' ich dir davon. Anthrax .                           Wie du dich sträubst! Fast könnt' man ja vermuten, daß tatsächlich Du was Geheimes auf dem Kerbholz hast. Gorgo (krampfhaft) . Haha, da lach' ich. Anthrax .                                           Lachst und bist so bleich Dabei wie Kalk. Gorgo .                     Vor Lachen. Anthrax .                                     Um so besser. Dann lach' ich mit am Ende. Gorgo (plötzlich flehend) .             Liebster Anthrax, Erspar' mir das! Anthrax .                 Nun grade nicht. Gorgo (händeringend) .                       Erlaß mir's. Ich will, du goldnes Männchen, dich dafür Noch süßer kosen, dir noch leckrer kochen Als je zuvor. Anthrax (in das Säckchen greifend) . Nicht doch, ich zupfe. Gorgo (mit Aufschrei) .                                                     Halt! Anthrax . Wie? Gorgo .             Zupfe nicht! Es kommt auf eins heraus. Muß ich dir schlafend beichten unabwendbar, Wozu die Marter noch, die Todesangst? Nein, lieber beicht' ich wachend auf dem Fleck. Anthrax . Mir beichten?! 89 Gorgo .                         Ja. Anthrax .                           Hoho, da haben wir's! Nur zu! Gorgo .         Sei stark! Anthrax .                     Na, wird's bald? Gorgo (nach Luft schnappend) .                 Ach, ich kann nicht! Anthrax (wieder in das Säckchen greifend) . Wohlan, so zupf' ich. Gorgo .                         Laß! Anthrax .                               Heraus damit! Gorgo . Sei standhaft! Anthrax .                   Sprich! Gorgo (würgend) .                   Der Archon . . . Anthrax .                                                       Was? der Archon . . .? Gorgo . Hat zugeschnappt. Anthrax .                         Versteh' ich recht!? Gorgo .                                                         Hat gänzlich Hat gründlich zugeschnappt. Anthrax                                     Verflucht! Gorgo                                                         Ach, Ärmster, Du hast es ja gewollt. Anthrax .                         Gewollt? O Schandweib! Gorgo . Wer schickte denn mich in des Löwen Höhle? Wem zu Gefallen ging ich zagend hin? Anthrax . Gewollt, daß du mich hintergehst?! Gorgo .                                                         Es fiel Mir hart genug, es ward mir sauer, Anthrax. Ich wehrt' und wand mich; doch er ließ nicht locker, Und weil sein Beistand nur um diesen Preis Erhältlich war, drum schließlich, dir zulieb . . . Anthrax . Ich hau' dem Kerl den Schädel ein! Gorgo .                                                         Besinn' dich! Wär' dann mein Opfer nicht umsonst gebracht? 90 Würd' er mit eingehau'nem Schädel dir Zu deinem Recht verhelfen? Anthrax (mit Eingebung) .             Ja, beim Zeus, Den hab' ich in der Zwicke jetzt! Gorgo .                                             Nun also! Anthrax (schmunzelnd) . Der muß mir kuschen! Gorgo .                                                         Was verlangst du mehr? Anthrax . Doch du, mir aus den Augen, Buhlerin! Gorgo . Ist das dein Ernst? Anthrax .                         Mir aus den Augen, sag' ich! Gorgo (weinerlich) . Das hab' ich nun, weil mir zu deinem Sieg Nichts übrig blieb als meine Niederlage. Anthrax . Untreue Natter, fort! Gorgo .                                   Ward ich dir untreu, So war's aus Treue nur. Anthrax .                             Hinweg! Wir zwei Sind fertig miteinander. Gorgo .                               Fertig? Anthrax .                                       Lieber Schlaf' ich im Stall beim Esel als bei dir. Gorgo . Und wer versieht mit Suppe dich? Anthrax .                                                 's ist aus Mit Suppe. Gorgo .             Wer bereitet Speck heut mittag, So wie du's gern hast? Anthrax .                           's ist vorbei mit Speck. Gorgo (in Tränen ausbrechend) . Ach, Ungeheuer du! Anthrax (nach dem Haus des Archon weisend) .           Vor allen Dingen Ein Wörtchen jetzt mit dem da! (Er klopft an die Tür) He! 91 Gorgo .                                           Du wirst's Schon merken, wart' nur, wirst es schwer bedauern, Wenn mich der Kummer in die Grube warf. (Sie läuft laut heulend ab rechts vorn) Fünfter Auftritt Anthrax . (Gleich darauf) Leukippe . (Dann) Struthion Anthrax (wieder klopfend) . Holla! Leukippe (kommt aus dem Haus, übernächtig, erschöpft, mit taumelnden Schritten) .           Wer pocht so heftig? Anthrax .                                   Mit Verlaub, Ich will zum Archon, hab' was Dringendes Mit ihm zu reden. Leukippe .                   Er ist nicht zu Haus. Anthrax . Dann werd' ich nach ihm suchen gehn. (Er will nach rechts hinten abgehen und prallt zusammen mit Struthion, der von dort aufgetreten ist) Struthion .                                                         Ha, Strauchdieb, Rennst mich nach allem auch noch übern Haufen! Anthrax . Nicht nötig, Mistfink; heut besorgt man's dir. Struthion . Dich wird man, Schurk, verdonnern, heut erst recht. Anthrax . Paß auf, du wirst dich umsehn, Halsabschneider. (Er geht nach gegenseitigen drohenden Gebärden ab rechts hinten) Sechster Auftritt Leukippe . Struthion Leukippe . O Struthion, dich sendet mir der Himmel! Struthion (teilnahmvoll) . Leukippe, bist du krank? 92 Leukippe .                                                         Ich kann nicht mehr. Seit sieben Nächten ständig in Gefahr, Mich zu verraten – und dich mit, mein Teurer . . . Wie halt' ich das noch länger aus? Struthion .                                         Du nahmst Mein Tränkchen doch, das schlummerscheuchende? Leukippe . Allabendlich. Wie hätt' ich sonst bisher Das Unheil abgewendet? Zwanzigmal Des Nachts, kaum daß die Lider ich geschlossen, Hat er die Feder mir aufs Herz gelegt, Und immer fuhr ich, seinen Zweck vereitelnd, Rechtzeitig aus dem Halbschlaf wieder auf. Struthion . Die sieben Nächte sind zum Glück vorüber. Hauptsache, daß kein Spürchen von Verdacht Ihn hindern wird am Spruch zu meinen Gunsten. Leukippe . Mir gleich. Struthion .                 Dir gleich? Du hast nicht kräftig mehr Für mich gewirkt? Leukippe .                   Soviel von Kraft mir blieb; Doch nun bin ich am Rand. Mag meinethalb Das Äußerste geschehn, der Erde Krach, Des Himmels Einsturz – alles ist mir gleich. Ich will nur schlafen, schlafen . . . (Sie sinkt auf die Marmorbank vor ihrem Haus) Struthion .                                         Nein, du darfst nicht! Leukippe . Ich muß. Struthion .               Und wenn er dann . . . Leukippe .                                                 Mir alles gleich. Struthion (mit Einfall) . Nun wohl, so nütz' die Stunde, während hier Die Richterpflicht ihn festhält. Geh ins Haus, Verriegle dich in dein Gemach und schlaf. 93 Leukippe (macht einen Versuch, aufzustehen) . Ich geh' ins Haus . . . Struthion .                       Zu letzter kurzer Zwiesprach Erwartet mich mein Anwalt. Alsobald Kehr' ich zurück, um wachsam dich zu hüten Vor unverhofftem Überfall. (Ab links vorn) Siebenter Auftritt Leukippe . (Gleich darauf) Archon . (Dann) Anthrax Leukippe (schlaftrunken, sucht wieder aufzustehen) . Ich geh' Ins Haus . . . verriegle mich in mein Gemach . . .         (Schon halb bewußtlos, mechanisch wiederholend) Ich geh' . . . ins Haus . . . (Vom Schlaf überwältigt sinkt sie um und schläft ein) Archon (kommt aus dem Rathaus in angestrengter Überlegung, spricht zu sich selbst, während er langsam die Stufen herab und nach vorn schreitet) .                                           O Schicksal, einen Faden, Der aus dem Wirrwarr dieses Labyrinths Ein Ausgangstor mir weist! Wie mich entscheiden? Für Struthion? Für Anthrax? Beidemal Dieselbe Mißlichkeit! Gefällt mein Spruch Den Eseln, so verfeind' ich mir die Schatten; Freut er die Schatten, lädt er mir hinwieder Den bittren Groll der Esel auf den Hals. Wann stand ein Richter, wann ein Staatsmann je Vor einer heiklern Wahl? (Er gewahrt Leukippe)                                     Ah, was erblick' ich? Sie schlummert. (Sich auf den Zehen behutsam heranschleichend)                         Schlummert augenscheinlich tiefer 94 Als in den sieben Nächten. Schnarcht sogar. Nun endlich, endlich die Gelegenheit! (Er hat eine Kapsel hervorgezogen, nimmt ein Federchen heraus und legt es ihr auf die Brust. Über sie gebeugt, horcht er gespannt) Spricht sie? – Noch nicht. – Jetzt aber gleich! Die Lippen Bewegt sie schon . . . Anthrax (von rechts hinten zurückkehrend, sieht den Archon) .                                 Hallo, da hab' ich ihn!         (Vortretend) Dich, Archon, sucht' ich. Archon (abwinkend) .               Pst! Anthrax .                                       Ein Wort mit dir Hätt' ich zu tauschen. Archon (heftiger abwinkend) . Pst! Anthrax .                                   Hier frommt kein Pst. Die Sach' ist ernst und eilig. Archon (eindringlich flüsternd) .     Leise! Anthrax .                                             Laut, Ganz laut soll's dir gesagt sein: Ich weiß alles! Archon (flüsternd) . Was? Anthrax (schreiend) .         Alles! Archon (immer zugleich Leukippe beobachtend) . Weck' sie nicht. Anthrax .                                                                             Warum nicht? Archon .                                                                                                     Still! Anthrax . Mag sie's nur hören! Archon .                                 Schweig doch! Im Begriff Zu reden ist sie . . . Anthrax .                       Nein, jetzt red' erst ich. Archon . Ein andermal! Anthrax .                     Hier auf der Stelle red' ich. Du Lüstling hast mir meine Frau verführt! 95 Archon (erschrocken) . Wer wagt das zu behaupten? Anthrax (läßt ihn in das Säckchen sehen) .                   Da! Archon (noch mehr erschrocken) .                                     Das Mittel! Anthrax . Sie hat geschwatzt. Archon (in doppelter Klemme, nicht wissend, wie er seine Aufmerksamkeit verteilen soll)                                       Mein guter Freund . . . Anthrax .                                                                 Wir Freunde? Durch dies? Auf solche Freundschaft hust' ich was. Archon (sich windend) . Ein Irrtum . . . Anthrax .                                         Flausen! Archon .                                                       Träume, deren Sinn Du falsch gedeutet . . . Anthrax .                           Soll vor deiner Frau Sie das Geständnis wiederholen? Archon (mit Seitenblick aus Leukippe, verzweifelt) . Mensch, Sie wacht mir auf . . . Anthrax .                         Ich hole sie. Dann wird Zur Abwechslung die Tugendprobe sich An einem Ehemann vollziehn. Archon . (wie oben) .                       Sie regt sich! Anthrax . In zwei Minuten wird sie hier sein. (Er macht Miene, zu gehen) Archon (ihn am Gewandzipfel festhaltend) .       Bleib! Anthrax . So gib dein Leugnen auf, ertappter Sünder. Archon (will ihn nach links drängen) . Komm bloß ein wenig abseits! Anthrax .                                       Keinen Zoll Weich' ich von hier, bevor du für den Schimpf, Den greulichen, den du mir angehängt, 96 Für mein durch dich zerscherbtes Eheglück, Für meines heißgeliebten Weibs Verderbnis, Für meinen ungeheuren Seelenschmerz Entschädigung mir zugesichert. Archon . (sich ergebend) .                   Fordre! Anthrax . Den Preis, um den sie sich verkaufte, fordr' ich: Freispruch für mich, für Struthion Verknaxung Vom Scheitel bis zur großen Zeh'. Archon .                                             Gewährt – Wenn du nun gehst. (Er sucht ihn nach hinten zu drängen) Anthrax .                       Kein Hintertürchen, Fuchs! Archon (ihn treibend) . Nein. Geh nur unbesorgt. Anthrax (nach einem Schritt stehen bleibend) .         Erst schwöre mir! Archon (wie oben) . Ich schwöre dir. Anthrax (wie oben) .                         Bei den gesamten Göttern Der Oberwelt. Archon (wie oben) .   Jawohl. Anthrax (wie oben) .             Sowie bei denen Der Unterwelt. Archon (wie oben) .   Auch das. Anthrax (wie oben, auf den Richtersessel zeigend) . Vor diesem Stuhl Sehn wir uns wieder. Archon .                         Mach' nur, daß du fortkommst. Anthrax . Ich werde pünktlich auf dem Posten sein. (Schritt für Schritt hat ihn der Archon nach links hinten befördert und verschwindet, ihn weiter treibend, mit ihm hinter dem Tempel) 97 Achter Auftritt Leukippe . Struthion . (Dann) Archon . (zuletzt) Theopomp Struthion (erscheint gleichzeitig mit dem Verschwinden des Archon von links vorn, sieht die schlafende Leukippe) . Das fehlt mir noch! Dies Unglücksweib! Da liegt sie Der Länge nach und schlummert öffentlich!         (Er eilt zu ihr hin und rüttelt sie) Leukippe! – Hörst du nicht? – Wach auf, Leukippe! Leukippe (erwacht und kommt langsam zu sich) . Wer ist . . . Ach du! – Wo bin ich denn? – Ach, hier. Struthion . Leichtsinnige! Leukippe .                       Wahrhaftig, ja, mir däucht, Mich unterwarf die Müdigkeit, bevor . . . Struthion . Wenn dich dein Mann so fand! Leukippe (sieht nach links hinten, fährt zusammen) . Oh! Struthion .                                                             Wie? Leukippe .                                                                       Dort ist er! Struthion . So kam ich gar bereits zu spät?! Leukippe (an ihre Brust greifend) .                 Was juckt mich?         (Mit leisem Schrei) Entsetzen! Auf dem Herzen hab' ich sie! Struthion . Die Spatzenfeder?! Leukippe (bebend) .                 Sage mir nun einer, Ob ich nicht schon geplauscht . . . Struthion (gleichfalls bebend) .               Mich bloßgestellt . . . Leukippe (nach hinten weisend) . Er naht! Struthion .     Was nun? 98 Leukippe .                     Erst sehn, woran wir sind. Am besten drum, ich tu', als schlief' ich weiter. (Sie nimmt schnell ihre vorige Lage wieder ein und stellt sich schlafend) Archon (kehrt zurück, sieht Struthion) . Du hier? Struthion (unsicher) . Ich wollte grad . . . Archon (nähert sich, mit dem Finger auf dem Mund) . Pst! Meine Frau . . . Struthion (als ob er sie jetzt erst entdecke) . Ach so, sie schläft. Archon (sich vergewissernd, erfreut) . Wohl mir. Schläft in der Tat Noch ahnungslos und friedsam wie vorher.           (Gepreßt aufseufzend) Ein übler Vorfall! Struthion (tastend) .     Stieß dir etwas zu? Archon . Ja, denk' nur, unterbrochen ward ich eben Im lang' ersehnten günst'gen Augenblick, Da mir nach manch gescheitertem Versuch Die gottgewollte Probe zu gelingen Begann. Just hob die Schläfrin an zu lispeln . . . Struthion (wieder bebend) . Verständliches? Archon .                                                 Durch eines Andern Stimme Ward leider ich behindert am Verstehn. (Leukippe, einen Moment die Augen öffnend, wechselt hinter seinem Rücken einen Blick der Erleichterung mit Struthion) Struthion (obenauf) . Recht ärgerlich. Archon .                                         Nicht wahr? Struthion .                                                         Doch immerhin –         (Mit Doppelsinn) Es ist noch nichts verloren. 99 Archon .                                   Ebendrum Nun still, damit ich wieder horchen kann. Struthion . Mir ist, als spitze sie den Mund. Archon .                                                   Ja, wirklich! (Er horcht) Theopomp (tritt aus dem Tempel, laut) . Archon, vor deinem Spruch tret' ich noch einmal Als Mahner . . . Archon , Struthion (abwinkend) .                         Pst! Theopomp (verdutzt) .       Was habt ihr denn? Archon . Struthion .                                       Die Probe! Theopomp (beunruhigt, zum Archon) . Ist's möglich wohl? Du huldigst immer noch Dem blöden Aberglauben? Archon (überlegen) .                 Aberglaube? Mit nichten, Freund. Vorhin an dieser Stelle Ward mir ein äußerst schlagender Beweis, Daß nichts vor diesem Mittel bleibt verborgen. Theopomp . Ach, Possen! Archon .                           Da! Sie raunt schon was! Theopomp (geängstigt) .                                           Selbst wenn Sie tollen Schnack bewußtlos raunen sollte, So braucht er drum noch lang' nicht wahr zu sein. Archon (sich zu ihm wendend, dringlich) . Gib Ruh'! Laß uns doch horchen! (Leukippe wirft Theopomp rasch einen aufklärenden Spießgesellenblick zu) Theopomp (hat begriffen) .                   Mag's denn sein. Ich horche mit. (Alle drei stehen in erwartungsvoll lauschender Haltung. Kleine Pause) Leukippe (beginnt, wie aus dem Schlaf sprechend, stoßweise und abgerissen) .                         Mein Herz – ist übervoll. Archon (flüsternd) . 's geht los. 100 Struthion (ebenso) .                 Ganz deutlich. Leukippe .                                                   Magische Gewalt – Zwingt mich – es auszuschütten. Archon (atemlos vor Spannung) .           Jetzt! Leukippe (allmählich fließender, zu visionärem Schwung sich erhebend) O Glut In allen meinen Adern! Liebesglut, Maßlose, namenlose, grenzenlose, Die sich unlöschbar im Verzehren mehrt! O Männer . . . Archon (zuckend) .   Männer?! Leukippe .                             Kühne, stattliche, Kraftstrotzende . . . Archon (mit langem Gesicht) . Hm! Leukippe .                                   Ihr, begabt mit allem, Was einem schwachen Weib gefährlich . . . Archon (mit Grimasse) .                                     Ih! Leukippe . Mir seid ihr samt und sonders leere Luft . . . Archon (aufatmend) . Ah! Leukippe .                       Weil der Mannheit ganze Zaubermacht Sich mir verkörpert in dem Einen, Einen, Der siedend Feuer mir geträuft ins Blut Und immerdar es schürt zu neuem Lodern, Dem Besten, Klügsten, Schönsten . . . Archon (brennend) .                                     Welchem? Leukippe .                                                                   Ihm, Den ich in unerschütterlicher Treue Bis in den Tod und übern Tod hinaus Anbeten werde – meinem Onolaos! Archon (selig, in strahlendem Triumph) . Haha! Was, Freunde, sagt ihr nun? Struthion .                                           Ein Wunder! 101 Archon (auftrumpfend) . Ein Aberglaube, Theopomp! Theopomp .                                                           Erschauernd Streck' ich die Waffen, durch und durch bekehrt. Archon . Hat solche Lieb' und Treue, frag' ich euch, Hienieden ihresgleichen? Theopomp .                         Niemals! Struthion .                                         Nirgends! Theopomp . Beneidenswerter! Struthion .                             Glückbegnadeter! Theopomp (ihm die rechte Hand schüttelnd) . Zu dieses Edelsteins Alleinbesitz Nimm meinen wärmsten Glückwunsch. Struthion (ihm gleichzeitig die linke schüttelnd) . Auch den meinen. Archon . Seht mich gerührt zu Tränen.         (Zu Leukippe, indem er sanft ihren Kopf emporhebt)                                                   Einzige, Schlag die geliebten Augen auf; erwache! Leukippe (scheinbar geweckt, richtet sich auf, sich wie verschlafen die Augen reibend) . Wer ruft mich? – Mein Gemahl! – (Die Verlegene spielend) Ich glaube gar, Ich hielt ein Schläfchen hier im Freien ab, Ganz gegen Schicklichkeit. Verzeih mir! Archon .                                                     Segne Mit mir dies Schläfchen! Was aus ihm du sprachst . . . Leukippe . Ich sprach? Was sprach ich denn? Archon .                                                       Mir aufgetan Hat sich dein Herz im Bann der Tugendprobe. Leukippe . Du nahmst sie vor? Archon .                                 Ja, Treueste der Treuen; Und glänzend über jeglichen Begriff Bestandst du sie. 102 Leukippe .                 Hast du gezweifelt, Böser? Archon . Nein, Göttliche. Doch daß du mir mein Glück, Mein kaum zu fassendes, dir unbewußt In überströmender, aus tiefstem Born Der Leidenschaft geschöpfter Flammenrede Vor dieser Zeugen Ohr beglaubigt hast, Wie soll – o komm an meine Brust – wie soll Ich je dir das entgelten? Leukippe (sich an ihn schmiegend) . Mir entgelten? Archon . Verlang von mir, du Kleinod, was du willst! Leukippe . Und du versprichst Erfüllung? Archon .                                                 Wenn es irgend In meiner Macht steht. Leukippe .                         Schwör' mir das! Archon .                                                     Ich schwör's. Leukippe . Bei deinem Leben! Archon .                                 Und beim deinigen. Leukippe . Wohl, so verlang' ich, daß du Struthion Durch deinen heut'gen Spruch den Sieg verleihst. Archon (bestürzt zurückprallend) . Das ist . . . Leukippe .         Das ist, ich weiß, dir kinderleicht. Archon (stammelnd) . Jedoch . . . Leukippe .                                 Jedoch weil nun die gute Sache Fest auf dich zählen darf, so zähl' auch du Hernach beim Wiedereintritt in dein Haus Auf überschwänglichsten Empfang. (Ab ins Haus) Archon (ihr nachrufend) .                         Leukippe . . .! Theopomp (zum Archon) . Du hast vor uns geschworen. Struthion .                                   Hoch und teuer. Theopomp (nach hinten weisend) . Schon rücken dort ins Treffen die Partei'n. 103 Neunter Auftritt Archon . Struthion . Theopomp . (Nach und nach kommen, erregt und geräuschvoll, von links hinten) Kinesias , Agenor , Anthrax , Chremes , Baton (und) Volk , (von rechts hinten) Physignatos , Eubuleus , Lichas , Kleophanes , Morsimos (und andere) Ratsherrn , Bürger . (Die zwei Parteien nehmen links und rechts vom Richtersessel auf und vor den Stufen streng gesondert ihren Stand, so daß in der Mitte zwischen ihnen ein freier Raum bleibt; die Führer auf der obersten Stufe. Nur die Ratsherrn stellen sich vor die Säulen hinter den Sessel. Struthion und Theopomp begeben sich zu den Ihrigen. Zunächst dem Sessel stehen schließlich links Kinesias, Anthrax Agenor, rechts Physignatos, Struthion, Theopomp. Man weist einander knurrend und murrend die Zähne) Archon (hat sich in äußerster Ratlosigkeit rechts vorn auf die Bank niedergelassen und spricht während des Auftritts und der Gruppierung der immer dichter werdenden Massen vor sich hin) . Weh mir Unseligem! Was tat ich da? Was schwor ich da? Zwei Schwüre, deren einer Den andern ausschließt wie der Tag die Nacht, Mit messerscharfem Widerstreit mein Hirn Zerspaltend! Halt' ich den, so brech' ich jenen, Und halt' ich jenen, brech' ich wieder den! O, lag auf mir die Bürde der Entschließung Nicht schon genug erdrückend ohnehin? Mußt' ich noch selbst sie türmen tausendfach? Ich, der bisher aus jeder engsten Klemme Mit nie verlegnem Geist sich durchgeschlängelt, Wie find' ich da mit heiler Haut heraus? Physignatos . Die Stunde kam! 104 Kinesias .                               Ist überschritten schon. Physignatos . Wir stehn gewappnet auf dem Platz. Kinesias .                                                           Wir auch. Nur noch der Archon fehlt. Anthrax (nach vorn zeigend) .       Dort sitzt er ja. Kinesias . Ruft ihn! Baton (geht nach rechts vorn, zum Archon) . Erhabner, alle harren dein. Archon (sich mühsam erhebend) . Gleich, gleich!         (Baton geht nach hinten. Archon für sich, verzweiflungsvoll)                       Weh, kein Entrinnen, kein Verzug! Ihr Himmlischen, erhört mein Flehn! Ich biet' euch Die Hälfte meiner Habe, nein, zwei Drittel Zum Opfer dar; nur tragt von diesem Ort Mich weg auf hundert Meilen, sendet mir, Mich unsichtbar zu machen, eine Wolke, Reißt einen Abgrund auf, der mich verschluckt, Zeigt mir ein Mausloch, drein ich schlüpfen kann! Physignatos . Welch Zögern! Rufe links .                           Archon! Rufe rechts .                                       Archon! Archon (knieschlotternd) .                                   Ja, hier bin ich. Physignatos . Besteig' den Richterstuhl! Kinesias .                                             Beginn' die Tagung! Archon (schleppt sich mit schwankenden Schritten zum Sessel, dann) . Vergebt . . . mir ist nicht gut . . . es schwindelt mir. (Er sinkt auf den Sessel) Theopomp . Ermanne dich! Agenor .                             Ans Werk! Archon (sich zusammenraffend) .               Nach dem Geheiß Der Gottheit und kraft meinem Amts eröffn' ich Das oberste Gericht. 105 Physignatos .                   Aufs erste Wort, Gerichtsherr, mach' ich Anspruch. Kinesias .                                             Ich aufs letzte. Archon . Sprich, Physignatos! Physignatos .                         Hochgebietender! Wenn sich der feste Grund, auf dem wir stehn, Urplötzlich höb' und senkte krampfgeschüttelt, Wenn Feuerkugeln prasselnd vom Zenith Herniederschössen und der Ozean Gebäumt hereinbräch', all dies wäre nur Die sehr natürliche Begleiterscheinung Des ungeheuren, schicksalschwangren Tags, Wie keinen diese Stadt, wie dieses Land, Wie Vor- und Mitwelt keinen je gesehn; Und lediglich das felsenfeste Zutraun Zu deiner gottverheißenen Erleuchtung Hemmt mühsam den Orkan in jeder Brust. Ein Rechtsfall wuchs zum Daseinskampf sich aus, Zum Ringen um der Menschheit höchste Güter; Und wo zuerst mein Kläger einsam stand, Schart als ein Heer von Klägern hinter ihm Sich die Gemeinschaft aller Gutgesinnten; Denn gutgesinnt und Schatten sein ist eins! (Beifall rechts, Widerspruch links. Er wiederholt mit verschärftem Nachdruck) Ist eins! Hier fragt sich, wer da herrschen soll, Ob Anstand, Vätersitte, Recht, Gesetz, Ob Willkür, Umsturz, Tyrannei der Gasse; Hier fragt sich, ob Gedeihn, ob Untergang. Könnt' aber sich dies schroffe Gegenüber Von Licht und Dunkel sinnenfälliger Verkörpern als in Struthion und Anthrax, In ihm, der auszog, Sterbende zu retten, 106 Und ihm, der unterwegs dem Lebensretter Getrachtet nach dem Leben? Oder wie? Wer dem vor Hitze halb Gerösteten Den Platz im Schatten wehrt, was tut er andres, Als wer dem halb Ertrunkenen die Planke, Daran er sich zu klammern sucht, entreißt? Und wenn das Strafmaß an das Maß der Schuld Annähernd reichen soll, war dann das Urteil Des großen Rats, das ein verführter Troß Von Schreiern ankläfft, nicht noch viel zu mild? Wir alle traun, wir wären insgesamt Mit Weib und Kind von Stund' an vogelfrei, Dem Anschlag jedes Meuchlers ausgeliefert, Würd' hier kein warnend Beispiel aufgestellt, Nachwirkend bis zu spätesten Geschlechtern. Deshalb verlang' ich – und mit mir verlangt's Einstimmig nicht nur die Partei der Schatten, Verlangen Würde, Sicherheit, Bestand Und Wohlergehn des Staats: Für Struthion Abderas Ehrenbürgerrecht, für Anthrax Die Todesstrafe wegen Mordversuchs. (Starker Beifall rechts, lärmender Widerspruch links) Rufe rechts . Den Tod für Anthrax! Kinesias (mit Stentorstimme)             Oberster Gerichtsherr, Gebiete Schweigen! Archon .                         Sprich, Kinesias! Kinesias (nachdem sich die Unruhe einigermaßen gelegt hat) . Ich weiß nicht, was ich mehr bestaunen soll: Den hohlen, aufgedunsnen Redepomp Des Gegners, oder mit wie dreister Stirn Er seine Dolche stieß ins Herz der Wahrheit. Zwar wessen konnte man sich sonst versehn Von der Partei, die lahm zu Boden purzelt, 107 Wenn Lug und Trug ihr nicht zur Krücke dient; Von dieser Rotte, die sich selbst – o Hohn! – Die Gutgesinnten heißt! Wo doch der Säugling Erkennt beim ersten Schluck der Muttermilch, Daß schlechtgesinnt und Schatten gleichbedeutend Und man ein guter Abderit nur sein kann, Wenn man ein Esel ist! Beifall und Widerspruch. Heftig wiederholend)                                   Ein Esel, sag' ich! Und welches neuste Basiliskenei Ward im Bewußtsein der verlornen Sache Geheckt von dem Gelichter? Unsern Anthrax, Den schlichten Heros, der sich aus dem Volk Erhob, um's zu befrein von Druck und Wucher, Ihn, dem dies Volk bei seinem Heldenstreit Ums Recht in Reih' und Glied Gefolgschaft leistet, Ihn zeiht man – traut ihr euren Ohren, Esel? – Nun gar der Mordgier? Mordgier war vielmehr In Struthion, als er dem Hungernden, Der ihm den Platz im Schatten – ach, wie gerne! – Hätt' überlassen für ein Kupferstück, Sein karges Brot verkürzte; Mordgier war's, Als er um solchen Pfifferling die Fackel Der Zwietracht warf in seine Vaterstadt Und so mit hochverräterischer Hand In einen Brand sie steckte, den nur Blut Noch löschen kann. Denn in dem einen Punkt Komm' ich mit meinem Gegner überein: Hier geht's um Wohl und Weh des Ganzen, geht Um das Geschick des lebenden Geschlechts Wie der noch Ungebornen; und gewaltig Wie das Verbrechen muß die Sühne sein. Nur eins drum bleibt noch, was der bis zum Rande 108 Gestiegenen Erbittrung Halt gebeut, Was nicht mein Mund allein, was die Partei Der Esel, was des Volks entschloss'ner Wille, Was mit Gigantenzunge jeder Quader Des Staatsgebäudes unerbittlich heischt: Für Anthrax lebenslängliche Besoldung Aus städtischem Besitz, für Struthion Die Todesstrafe wegen Hochverrats. (Beifallstosen links, wütender Widerspruch rechts) Rufe links . Den Tod für Struthion! Physignatos (zum Archon) .               Entscheide, Schiedsmann! Kinesias (ebenso) . Fäll' deinen Spruch! Rufe rechts .                   Den Spruch! Rufe links .                                         Den Spruch! Archon (mehr tot als lebendig, stammelt mechanisch) .     Den Spruch . . . Agenor . Denk' an der Pallas Offenbarung! Theopomp .                                             Denk' An Aphroditens Botschaft! Archon (würgend) .                   Abderiten . . . Struthion (dicht an den Archon herantretend) . Du zauderst noch? Entschied nicht schon dein Schwur? Anthrax (ebenso) . Du säumst zu künden, was du mir beeidet? Archon . Mitbürger . . . Rufe links .                 Sprich das Urteil! Rufe rechts .                                         Sprich das Urteil! Archon (in völliger Verzweiflung sich selbst aufgebend, platzt heraus) . Das Urteil wollt ihr? Und von wem? Von mir? Häng' ich denn mit mir selber noch zusammen? Bin ich nicht mittendurch entzweigeborsten Vom gleichen Riß, der durch Abdera klafft? 109 Laßt jede meiner Hälften Richter sein! Ich, der ich nicht mehr ich bin, ich vermag's nicht! Kinesias , Agenor . Du mußt! Physignatos , Theopomp .                 Du wirst! Struthion . Anthrax .       Du schworest! Rufe rechts .                                         Richte! Rufe links .                                                       Richte! Archon (mit letzter Kraft) . So richt' ich denn: Der Fall ist unentwirrbar; Ihn löst kein Mensch, kein Gott, kein Dämon auf, Und zerrt man dennoch wie mit glühnden Zangen Mir aus dem Leib Entscheidung, dann entscheid' ich: Die Kläger haben alle beide Recht! (Allgemeiner heulender Aufschrei, in wildesten Tumult übergehend) Physignatos , Kinesias . Nasführung! Struthion , Anthrax . Meineid! Theopomp , Agenor .              Ketzerei! Rufe durcheinander .                           Betrug! Die beiden – das ist keiner! Packt ihn! Haut ihn! Herab mit ihm vom Richterstuhl! Herab! Physignatos . Wer so sich selbst gerichtet hat, kann länger Nicht unser Archon bleiben. Wir erklären Ihn seines Amtes für entsetzt! Kinesias .                                     Wir auch! Archon (bricht sich zwischen drohenden Fäusten Bahn wie ein gehetztes Wild und flüchtet in sein Haus) . Chremes . Kinesias ist nun Abderas Archon! Kleophanes . Abderas Archon ist nun Physignatos! 110 Kinesias . Volk von Abdera! Wo das Recht versagt, Da muß Gewalt entscheiden. Physignatos .                               Ja, Gewalt. Rufe rechts . Hie Physignatos! Rufe links .                             Hie Kinesias! (Getümmel. Mehrere werden miteinander handgemein; andere stürmen kampfbegierig nach verschiedenen Seiten davon. Morsimos und die Ratsherrn eilen angstvoll ab ins Rathaus) Anthrax (zu Struthion) . Haha, nun hol' ich mein versagtes Recht Von dir, du Lauskerl, mir auf eigne Faust! (Er fällt über ihn her) Struthion (schreiend) . Mord! Mord! Anthrax .                                       Nein, Keile! Struthion .                                                       Keile, Schuft, für dich! (Beide gehen, aufeinander losdreschend, ab rechts vorn) Zehnter Auftritt Die Parteien (haben sich inzwischen nach vorn gewälzt, so daß nun) Physignatos , Theopomp , Eubuleus , Lichas , Kleophanes (rechts vorn, und) Kinesias , Agenor , Chremes , Baton (links vorn mit ihrem Anhang einander frontmäßig gegenübertreten. Gleich darauf) Demokrit . (Dann) Iris . (zuletzt) ein Bote Kinesias (hinüberrufend) . Ich bin der Herr der Stadt. Ergebt euch drum! Physignatos (ebenso) . Der Herr der Stadt bin ich . Drum beugt euch nieder! Kinesias . Wir haben, was euch zwingt. Heraus die Waffen! (Er und die Seinen ziehen verborgengehaltene Schwerter hervor) 111 Physignatos (tut mit den Seinen desgleichen) . Ha, kommt nur an! Auch wir sind vorgesehn. Kinesias . Auf, Esel, auf! Zermalmt, zerschmettert sie! Physignatos . Auf, Schatten! Mäht sie nieder! (Sie wollen aufeinander eindringen) Demokrit (hat sich, von links hinten kommend, durch einen Menschenknäuel durchgezwängt, will nach vorn) .                                                               Laßt mich durch! Kinesias (ihm entgegentretend) . Wohin? Demokrit (zwischen die Schwerter beider Gruppen geraten) .               Wo nicht gebrüllt wird und gerauft. (Er will nach rechts vorn) Kinesias . Halt! Bürgerkrieg brach aus. Du mußt wie jeder Die Seite wählen, wo du stehst. Demokrit .                                     Dann wähl' ich Die Außenseite. (Er will wieder fort) Physignatos (ihn aufhaltend) .                         Halt! So kommt hier niemand Vorbei. Demokrit .   Was gehn mich eure Händel an? Physignatos . Erst sag', zu welcher von den zwei Partei'n Du dich bekennst. Demokrit .                   Zu keiner. Physignatos .                               Ausgeschlossen! Kinesias . Entweder, oder! Demokrit .                       Weder, noch. Physignatos .                                         Du kannst Nur einer Meinung folgen. Demokrit .                               Meiner eignen. Kinesias . Schwarz oder weiß! Es gibt kein Drittes. Demokrit .                                                           Doch! Der Esel selber ist zum Beispiel grau. (Empörtes Murren auf beiden Seiten) 112 Physignatos . Wer nicht Partei nimmt, ist der Gegner aller. Kinesias . Er ist ein Feind des Volks! Agenor .                                         Ein Götterfeind! Physignatos . Ein Schädling, der Abderas Luft verseucht! Kinesias . Ergreift ihn! Physignatos .             Fesselt ihn! (Einige von links und rechts nehmen Demokrit fest) Iris (ist von links vorn aufgetreten, eilt in die Mitte) . Was geht hier vor? Demokrit . Entdeckt ist meine Staatsgefährlichkeit. Iris . Laßt los! Kinesias .       Fort ins Gefängnis! Iris .                                             Seid ihr toll? Ihn, euren größten Landsmann, den an Wert Ihr allesamt nicht aufwiegt . . . Demokrit .                                     Schau' darin Den Ausdruck ihrer Anerkennung, Iris: Wertvolles schließt man ein. Physignatos .                             Hinweg mit ihm! (Demokrit wird nach rechts hinten abgeführt) Iris . Ihr sollt's bereu'n! (In einiger Entfernung dreimaliger Trompetenstoß. Alle horchen auf) Physignatos .               Da! Hörnerschall! Ein Bote (kommt von links hinten atemlos herbeigestürzt) . Der König Von Makedonien mit vielem Kriegsvolk Zog in die Stadt. (Er eilt nach rechts hinten weiter, seine Botschaft hinter der Bühne wiederholend) Kinesias (frohlockend) . Sieg, Sieg! Physignatos (ebenso) .                   Triumph! Triumph! Iris . In seinen Schutz befehl' ich den Gefangnen. (Rasch ab links hinten) 113 Elfter Auftritt Vorige (ohne Demokrit und Iris) Kinesias (hinüberrufend) . Jetzt ist es aus mit euch. Physignatos (ebenso) .           Grad umgekehrt, Mit euch ist's aus. Kinesias .                   Werft hin die stumpfen Schwerter, Ihr Überrumpelten! Denn daß ihr's wißt, Des Nachbarreiches König zieht herein Von uns zu Hilfe gegen euch gerufen Und hat als mächtiger Verbündeter Uns zugesichert eure Bändigung. Physignatos . Ihr Blinden, ihr Gefoppten! Welch ein Wahn! Wir riefen ihn; mit uns ist er verbündet, Und euch zu knebeln hat er uns gelobt. Kinesias . Ihr werdet euer blaues Wunder sehn. Physignatos . Ihr auch. (Nach hinten weisend)                             Und zwar sogleich. Zwölfter Auftritt Vorige . König Kassander (in voller Rüstung, den Kriegshelm auf dem Haupt, kommt klirrend von links hinten geschritten; ihm zur Seite) Iris . Bewaffnete (folgen ihm und besetzen den ganzen Hintergrund. – Gleich darauf treten) Arethusa , Phila , Glauke (aus dem Tempel und bleiben auf dessen Stufen als neugierige Zuschauerinnen stehen. Noch andere) Frauen (drängen sich nach und nach von links und rechts hinten schaulustig herbei. Dann) Archon , Leukippe . (Später) Anthrax , Struthion Rufe links und rechts .                                   Heil! Heil dem König! König (zu Iris, ohne zunächst für Andere Augen zu haben) . Kein reizenderer Herold konnte mir 114 Den Willkomm bieten als der Göttin Anmut Erlesenste Gesandtin. Jeder Vorwurf, Bereit gehalten für die Säumige, Zerschmolz wie Schnee beim ersten Sonnenblick. Physignatos (vortretend) . Ehrfürcht'gen Gruß, Durchlauchtigster, im Namen Der Schatten spende ich dir. Kinesias (ebenso) .                       Empfang durch mich, Großmächtigster, die Huldigung der Esel. König (in die Mitte gekommen) . Seid ihr die Führer der Partei'n? Physignatos .                                     Ja. Kinesias .                                               Ja. König . So hört. Ich ward von jedem der zwei Lager, In denen euer Volk sich selbst zerfleischt, Um Beistand meines Arms zur Unterwerfung Der Gegenseite dringend angefleht. Auf diesen Doppelnotruf hier erschienen Willfahr' ich, meinem Königswort getreu, Dem Wunsch der einen Hälfte wie der andern Und unterwerfe drum die ganze Stadt. (Große Bewegung, lange Gesichter) Archon (ist mit Leukippe in zögernder Behutsamkeit aus der Tür seines Hauses getreten und hat die letzten Worte gehört) . Was habt ihr angerichtet, ihr Verrannten! König . Der Freistaat von Abdera, den ich längst Mit Augen eines Liebenden begehrt, Um meine Grenzen mit ihm abzurunden, Fällt so, dank euch, von selbst mir in den Schoß. Ich einverleib' ihn meinem Reich, und ihr, Von meiner Krieger Eisenwall umgürtet, Bedürft wohl kaum noch meiner ernsten Mahnung, Daß mir als eurem Herrscher ihr fortan 115 Streng zu gehorchen habt. Von heut ab gibt's Hier kein Gesetz als die von mir erlass'nen Und keinen Willen als den meinen mehr. (Gedrücktes Schweigen. Nach einer kleinen Pause) Zunächst befehl' ich rascheste Befreiung Des weisen Demokrit aus Kerkerhaft . . . Iris . Laß mich es ihm verkündigen. (Auf seinen zustimmenden Wink geht sie mit einigen Begleitern ab rechts vorn) König .                                           Sodann Schafft mir die zwei berühmten Kläger her. (Eubuleus und Lichas ab rechts vorn) Durch lückenlose Kundschaft unterrichtet Von allem, was im Eselsschattenstreit Bis kurz vor meiner Ankunft sich begab, Bring' ich höchstselber nun den Fall zum Austrag Und spreche Recht kraft meiner Macht. (Eubuleus und Lichas bringen von rechts vorn Struthion und Anthrax , die völlig verprügelt, zerrauft und mit zerrissenen Gewändern heranhinken) Eubuleus .                                                 Hier sind sie. König . Tritt näher, Struthion. Tritt näher, Anthrax. Ich merk', ihr Hähne habt bereits einander Weidlich gezaust. Jedoch zu weitrer Buße Für die Verbohrtheit eurer Händelsucht Verfüg' ich: Dein Vermögen, Struthion, Fällt halb anheim der Kasse meinem Staats. Dein Esel, Anthrax, geht samt seinem Schatten In meinen Marstall über. Struthion , Anthrax .             Gnade! König (gebieterisch) .                           Still! – Zum Zeichen überdies, daß ihr den Hader 116 Bedauert und für alle Zeit begrabt, Umarmt euch hier vor meinem Angesicht! (Beide sträuben sich, erst auf eine energische Gebärde des Königs hin gehorchen sie mit verbissenen Mienen) Struthion (während der Umarmung, fauchend) . Genickbruch wünsch' ich dir! Anthrax (ebenso) .                         Verrecken sollst du! König . Zum selben Zweck umarmen sich vor mir Die Häupter der Parteien. (Da sie widerstreben) Wollt ihr wohl? (Physignatos und Kinesias gehorchen) Kinesias (während der Umarmung, zischend) . Schandflecken! Physignatos (ebenso) . Eiterbeule! König .                                       Gleichermaßen Die beiden gegnerischen Priester. – Flink! (Theopomp und Agenor umarmen sich Zähneknirschen) Theopomp (währenddessen, leise) . Dummheitsschmarotzer! Agenor (ebenso) .                   Jahrmarktsgaukler! König .                                                             So! Nach diesem edlen Schauspiel der Versöhnung Erklärt mein Mund Abderas innern Frieden Für wiederhergestellt, und wer hinfürder Versucht an ihm zu rütteln, wird geköpft. Als Bürge, daß ihr sämtlich dies Gebot Befolgt, wird unter meiner Oberhoheit Mir haftbar sein der Archon Onolaos. Rufe . Der ist nicht Archon mehr! König .                                       Er ist es wieder. Ich setz' ihn ein von neuem – als den besten Für mich und euch, der sich erträumen läßt. 117 Dreizehnter Auftritt Vorige . Iris , Demokrit (von rechts hinten) Iris . Da bring' ich den Gelösten. König (zu den Abderiten) .             Und nun sprecht: Wie werdet ihr an diesem seltnen Mann Gutmachen, was ihr Übles ihm erwiest? Demokrit . Mir Übles, Herr? Im Gegenteil, sie taten Mir wohl. Ich fühlte niemals hierzuland Mich freier als in jener stillen Zelle, Wo niemand mein Fürmichsein unterbrach. König . Gleichviel, es schuldet einem solchen Sohn Die Vaterstadt ein würdigeres Obdach.         (Zu den Abderiten) Drum ordn' ich an: Sie geb' ihr schönstes Haus, Umbuscht von weiten Gärten, zum Geschenk Dem Demokrit als ihrem Ehrenbürger. (Allgemeines Murren) Archon (herantretend) . Herr, allem wollen wir Gehorsam leisten, Was du befiehlst; nur dies befiehl uns nicht! Ein Mensch, verschrie'n bei jedem Hiesigen Als unsres Stammes mißgeratner Auswuchs, In Windeln schon sich was Besondres dünkend, Weil für ein redliches Gewerb zu faul, Der soll hier Ehrenbürger sein? Undenkbar! Demokrit . Landsleute, keine Furcht! Ich selbst entlast' euch Vom Zwang, zu handeln wider die Natur. Kann jeder doch nur ehren, was ihm gleicht; Ich aber kam als Fremdling hier zur Welt, Fremd weilt' ich unter euch, fremd nehm' ich Abschied 118 Und greife wieder, lang' gehegtem Plan Gemäß, zum Wanderstab. König (auf Iris deutend) .             So komm wie Diese Mit mir an meinen Hof. Dort, gleich der Schönheit, Hat auch die Weisheit einen hohen Rang. Demokrit . Die Schönheit, Herr, bedarf, um recht zu strahlen, Der goldnen Fassung wie der Diamant; Jedoch die Weisheit leuchtet nur im Dunkeln. Iris . Begreif, o König, ihn, wie mir erst heut Er ganz begreiflich ward. In Ketten frei, Wird er durch jedes noch so zarte Band, Womit ihn Neigung, Freundschaft, Gunst umschlingt, Sich selbst entzogen. Wer ihm wahrhaft gut ist, Lass' ihn allein. (Dicht an Demokrit herantretend, schnell und leise)                         Dem nichtgeliebten Mann Folg' ich, damit der immerdar Geliebte Sein unbeteiligt Lächeln wieder lernt. Demokrit . Durch eine Wehmut wird's geläutert sein.         (Mit kurzem Händedruck) Leb' wohl. Treu wie dein Wesen sei dein Glück. (Nach einer Verneigung vor dem König ab links vorn) König (zu Iris, die dem Demokrit bewegt nachblickt) . Vorm Aufbruch in die Hauptstadt, Iris, schmücke Mein Zelt als Gast bei festlichem Gelag.         (Zu den Abderiten) Ein letztes euch, damit ihr nicht vermeint, Ich kam zum Nehmen bloß und nicht zum Geben. Von mir gestiftet soll hier auf dem Platz Kunstvoll in Marmor ausgehau'n der Esel, Durch dessen unvergängliches Verdienst Ich ohne Schwertstreich Herr Abderas ward, 119 Als überlebensgroßes Denkmal stehn, Zum Sinnbild eurer Stadt für alle Zeiten. (Er geht mit Iris ab links hinten. Die Bewaffneten folgen ihm nach. Trompetenstoß) Vierzehnter Auftritt Vorige (ohne Demokrit, Iris, König. – Zuletzt) Gorgo Archon (nach einem beklommenen Schweigen) . Ihr Bürger von Abdera, trauert nicht! Wir haben zwar die Freiheit eingebüßt, Sind zwar in makedonisch Joch geraten; Doch bringt uns der Verlust nicht auch Gewinn? Den einz'gen Mann, der geistig minderwertig, Die einz'ge Frau, die sittlich anfechtbar, Wir sind sie los und wieder unter uns, Geeinigt in der tiefen Überzeugung, Daß an Vortrefflichkeit, an innerm Wert Wir über jedes andre Volk erhaben, Und daß der Menschenschlag der Abderiten Nicht ausstirbt, eh die Welt in Stücke geht. Kinesias (verkniffen) . Gleichwohl – wir sind besiegt. Archon (mit Blick auf Leukippe) .                               Nein, Sieger sind wir! Ward nicht ein stolzerer Triumph, als jemals Ein Schlachtenheld ihn durch das Schwert errang, Von uns errungen durch die Spatzenfeder? Rufe . Ja! Archon .   Wer hat ihre Kraft erprobt? Die Männer .                                     Wir alle! Eubuleus . Von uns ein jeder schob sie seiner Gattin Sacht auf das Herz . . . 120 Arethusa (zu Phila und Glauke) . Die Hinterlistigen! Eubuleus . Und jede, zum Beweis der Unschuld, blieb Stumm wie ein Fisch. Archon .                           Doch meine sprach sogar! (Er gibt Leukippe einen Wink. Sie nickt verstehend und geht ins Haus) Gefeiert sei drum, was uns niemand raubt Und niemand nachmacht. (Zustimmung) Flötenspieler, Bläser Und Zimbelschläger her zum Siegesfest! (Leukippe bringt aus dem Haus einen goldenen Käfig mit einem Spatzen darin und reicht ihn dem Archon, der ihn Theopomp weiterreicht) Hier, Theopomp, der Käfig mit dem Spatzen, Der mich erst ganz gelehrt, wie reich ich bin. Nimm ihn und häng' als Weihgeschenk ihn auf Im Allerheiligsten. (Mit erhobener Stimme) Ihr Männer, kommt, Laßt in geschlossenen Reih'n uns Aphrodite Dank sagen für die Tugend unsrer Frau'n. Leukippe . Laßt uns, ihr Frau'n, der Pallas ebenso Dank sagen für die Klugheit unsrer Männer. (Männer und Frauen gruppieren sich zu zwei getrennten Zügen, deren ersterer von Theopomp, deren letzterer von Agenor geführt wird, der eine von männlichen, der andere von weiblichen Spielleuten begleitet. Mit Musik und im Reigenschritt wallfahrtet der Zug der Männer in den Aphrodite-Tempel, der Zug der Frauen nach rechts hinten, zu dem dort gedachten Tempel der Pallas) Anthrax (hält den Archon, der sich dem Zug der Männer anschließen will, zurück, ihn beiseite nehmend) . Und ich der Einz'ge, der die Zeche zahlt? Gebleut, gerupft, verlustig meines Esels, Getäuscht von meiner Frau, geprellt von dir! Archon . Halt' reinen Mund – und ich, zur Schadendeckung, Verleihe statt des einen dir entrissenen Fünf Esel dir aus meinem Stall. (Er geht mit dem Zug in den Tempel) 121 Anthrax (sein Glück noch nicht fassend) . Fünf Esel! Gorgo (ist von rechts vorn gekommen, sieht Anthrax, wehklagt voll ehrlichsten Mitleids) . Ach, Mann, wie haben sie dich zugerichtet! Laß wenigstens dich von mir flicken! Anthrax (im Freudentaumel alles vergessend, eilt auf sie zu) . Gorgo! Der Archon schenkt mir statt des einen fünf – Fünf Esel, Gorgo! Gorgo .                       Dich nicht mitgerechnet. Und wem verdankst du das? Anthrax (sie umarmend) .               Dir, bravem Weib.