Gustav Wied Die Karlsbader Reise der leibhaftigen Bosheit I. Villa Rörholm, Kopenhagen, den 6. Mai. Lieber Oberclausen! Du hast im Laufe des Winters mehrmals davon gesprochen, daß Du, wenn es nach dem Kalender, an den wohl kein Teufel mehr glaubt, Sommer würde, ein wenig hinauswolltest, um Dein pädagogisches Skelett zu lüften. Nun hat mir ein verrückter Doktor geraten, Karlsbad zu besuchen. Mein Magen ist ja schon lange, ebenso wie die Landwirtschaft und die Frauenzimmer, nicht so gewesen, wie er sollte. Du weißt, ich habe Dir erzählt, daß er – nun Du liebst ja die Details nicht, aber kurz, das Leben ist hart! Natürlich halte ich eine Karlsbader Kur für Humbug. Da aber auch ich das Bedürfnis habe, andere Tiere und Menschen zu sehen, so reise ich. Willst Du mit? Ich mache mich hierdurch mit Namensunterschrift verantwortlich, Deine sentimentalen Knochen nach Gammelköbing zurückzubringen! Lebend oder tot! Und solltest Du momentan nicht im Besitze des erforderlichen Betriebskapitals sein, obwohl Gott und alle Welt weiß, daß Du einer der schlimmsten Geizkragen in Gammelköbing bist, will ich Dir gern das Nötige vorschießen. Jedoch innerhalb gewisser Grenzen. Ich habe gedacht, ich wollte alle Transportkosten, Übergewicht, Droschke, Straßenbahn eingerechnet, tragen. Essen, Trinken, Logis und Frauengunst dahingegen mußt Du selber bestreiten. Als Gentlemen, die wir sind, reisen wir selbstredend erster Klasse. Aber das schert Dich ja also nichts. Heute in vierzehn Tagen, morgens 10 Uhr 10 Minuten, starten wir von dem schönen Hauptbahnhof in Kopenhagen. Aufenthalt in Berlin und Dresden; und dann weiter über Bodenbach nach der Schwemme! Willst Du also mit? Antwort umgehend erbeten. Alles überflüssige Getratsche verbeten! Dein getreuer H.P.G. Knagsted. »Die »Villa Rörholm« liegt draußen an einem der kleinen Frederiksberger Seitenwege, wohlgeborgen in einem großen alten Garten mit einem morastigen, schleimigen Wasserloch in der Mitte. In dem Wasserloch wächst in günstigen Sommern außer Schafgarben und Entenflott ein kleiner niedlicher Wald von drei- bis vierundzwanzig langen, bleichsüchtigen Röhrichtpflanzen (davon Wohl der Name der Villa) sowie fünf Wasserrosen und ein Schwan. Sowohl der Schwan wie auch die Wasserrosen sind von Blech und werden jeden Frühling um Pfingsten angemalt. Die Wasserrosen sind mit Blumen und Blättern an langen Stöcken befestigt, die in den Boden »des Sees« hineingebohrt werden ... und der Schwan schwimmt auf einem hölzernen Bricken, der mit Hilfe von Rollen und Steinen ein paar Zoll unter dem Wasserspiegel schwimmend gehalten wird. Das Ganze sieht außerordentlich zierlich aus. Und wenn man mit einem Ruder kräftig in das Wasser schlägt, bewegen sich das Tier, die Blumen und die Rohrhalme auf außerordentlich lebhafte Weise.– Knagsted hatte den Besitzerinnen des Hauses vorgeschlagen, eine Diana mit erhobener Lanze an dem einen Ufer des Sees anzubringen und an dem andern ein mechanisches Reh, das aufgezogen werden und dann umherspringen und zwischen den Johannisbeerbüschen verschwinden könnte. Und die Damen interessierten sich lebhaft für den Plan. Aber es war nun wirklich ein herrlicher Garten mit großen, grünen Rasenplätzen und mächtigen Bäumen und einem breiten, schattigen Nußgang am Wege entlang. Und das Haus selber war traulich und gemütlich: ein langes, ockergelbes, einstöckiges Gebäude mit großer, dreifenstriger Mansarde in der Mitte, rotem Ziegeldach und Schlingrosen um die perlgrauen Türen und Fenster. Im Erdgeschoß wohnten die Besitzerinnen, zwei alte Fräulein Paludans, Karoline und Emmy, Töchter eines Propstes. Und in der Mansarde wohnte »Esau« Knagsted, benamset »die leibhaftige Bosheit«. Wie »Gott und alle Welt« weiß, war Knagsted Zollkontrolleur in Gammelköbing gewesen. Aber als der alte Konsul Mörch starb und ihm etwas Geld hinterließ – viel Geld, sagte man –, hatte er seinen Abschied genommen und war in die gelobte Stadt Kopenhagen gezogen.– Gleich nachdem er dort hinzog, hatte er in einem Pensionat am Vaernedams-Wege gewohnt, aber das konnte er nicht lange aushalten, da das Pensionat seiner Aussage nach hauptsächlich mit »verrückten Frauenzimmern« bevölkert war und die Pensionatsdame selber eine Klappe vor dem linken Auge trug. – Und dann eines Tages, als er seine allmorgendliche Radeltour machte, war er an dem Garten der Villa Rörholm vorübergekommen, und an der Gitterpforte war mit Briefmarkenpapier ein kleiner Zettel befestigt, auf dem zu lesen stand: Mansarde von drei Zimmern und Bodenkammer p.p. zu vermieten. Augenblicklich ging er hinein, fand Gefallen an der Wohnung und den Damen – namentlich weil die eine taubstumm war – und mietete die Mansarde auf fünf Jahre. Es wären jedoch noch beinahe Schwierigkeiten entstanden, bevor der Mietskontrakt ordnungsmäßig abgeschlossen war. Denn als Knagsted die drei Zimmer und die Bodenkammer besichtigt hatte, verlangte er, was durchaus billig war, zu wissen, was dies p.p. verberge, das unten auf dem Plakat stand. Damit wollte indessen Karoline, die redefähige Schwester, nicht heraus. Sie errötete, zitterte und schlug die Augen nieder. Und als Emmy die taubstumme, ihre Verlegenheit sah, holte sie schnell eine Tafel und einen Griffel hervor, um die Ursache aufzuschreiben. Kaum aber hatte sie das Rezept gelesen, als sie errötend und zitternd kehrtmachte und wie ein kleiner, sausender Windstoß die Treppe hinunterfuhr. »Na,« sagte Knagsted ein wenig ungeduldig, »was soll denn daraus werden?« Karoline stotterte: »Aber mein Herr – Sie – Sie – es ist ja – Sie können doch recht verstehen –« »Nein,« sagte Knagsted, »ich verstehe keinen Muck! Warum haben Sie p.p. auf das Plakat gesetzt, wenn da kein p.p. ist?« »Ja, da ist eins! Ja, da ist eins!« nickte die Dame. Und plötzlich machte sie kehrt wie die Schwester und eilte die Treppe hinab, indem sie im Vorübereilen auf eine kleine Tapetentür am Ende des Ganges zeigte und sagte: »Da! da!« Knagsted ging still hin und öffnete die Tür. Es war das niedlichste Klosett mit Dachfenster, weißer Gardine, Luftrohr, Seidenpapier auf einer Rolle ... und so weiter. Verständnislos schüttelte er den Kopf. »Ich könnte es begreifen.« sagte er, »wenn das schöne Geschlecht nicht selber genötigt wäre, einen solchen Raum zu besuchen. So aber! ... Wo zum Kuckuck kriegen sie die Affektationen her? Ich glaube, diese Satansdichter und ihre albernen Verse verderben sie.« Von neuem betrachtete er die Lokalität: »Und noch dazu dies hier, das geradezu stimmungsvoll wirkt!« Es war am Morgen zwischen acht und neun, am zweiten Tage, nachdem die sogenannte leibhaftige Bosheit die Karlsbader Epistel nach Gammelköbing abgesandt hatte ... an einem schönen Maienmorgen mit Sonne, blauem Himmel, Vogelgezwitscher und dem Duft harziger Kastanienknospen. Knagsted hatte seinen Morgenkaffee getrunken und seine zwei mit Butter bestrichene Weizenzwiebäcke gegessen. Das Teebrett mit der Anrichtung hatte er in das Flurfenster vor seiner Tür gestellt und saß nun tief in einer dunklen Sofaecke, aus seiner langen Pfeife paffend. Und über dem Sofa an der Wand hinter seinem Rücken hingen drei wohlgelungene Bilder von seinen drei Idealen: Napoleon, Bismarck und Wilhelm Beck ... Wilhelm Beck ist der Stifter der inneren Mission in Dänemark. Ein Nebel, ein Tabaksqualm erfüllte das Zimmer, und der Raucher in der Sofaecke glich einem Zauberer aus Tausendundeiner Nacht, der da saß und Bubenstreiche braute, um, wenn sie sich so recht verdichtet hatten, die Fenster zu öffnen und sie in die Sonne hinauszulassen, in die Welt hinaus, über die Menschen ... »das Pack«! Und doch sah Knagsted jetzt ganz außerordentlich zivilisiert aus. Sein struppiges Haar und der wirre Bart, die ihm in der Gammelköbinger Zeit den Namen Esau verschafft hatten, waren jetzt gestutzt und wohlgepflegt und in den richtigen künstlerischen Grenzen gehalten. Selbst die Haarbüschel in den Ohren waren verschwunden. Nur die buschigen Augenbrauen und die behaarten Hände und Handgelenke verrieten noch seine »satyrischen Neigungen«. Der Kleidung nach glich er einem recht wohlhabenden Kammerrat oder einem schwedisch-norwegischen Konsul aus einer kleineren Provinzstadt: graubrauner Jackettanzug, weißer Kragen, keine Manschetten, blaupunktierter Schlips und Stiefel mit Gummizügen. Die Entreetür unten schellte. Und nach einer Weile erschallten Schritte auf der Treppe. Knagsted runzelte die Stirn. Er mochte nicht gern gestört werden, während er »präparierte«, wie er es nannte. Es wurde diskret an die Tür geklopft. Knagsted sagte kein Wort, sondern schielte wütend nach dem Türdrücker hinüber, der sich langsam herumdrehte. »Wer ist da?« Die Tür tat sich auf, und Oberlehrer Clausen stand da, lang, mager und lächelnd, in grauen Beinkleidern und Diplomatenrock. »Was zum Teufel willst du?« »Guten Morgen, lieber Freund!« »Was willst du hier um diese Zeit?« Der Oberlehrer nieste in dem Tabaksqualm. »Bester Freund, daß du kein Fenster aufmachst! Und es ist doch das herrlichste Frühlingswetter!« Esau erhob sich langsam von seinem dunklen Sitz und schritt durch den Nebel. Und ohne ein Wort zu sagen, ging er an seinem Gast vorüber und zur Tür hinaus. »Kann ich nicht ein paar Fenster aufmachen, Knagsted?« »Ja!« – Die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt, stand Clausen da und sah in den Garten hinab. Der schwarze Schoßrock war zur Seite geglitten und ließ seine mageren Beine in ihrer ganzen eckigen Länge sehen. Von hinten gesehen, glich er einem der alten hölzernen Pferde aus den Zeiten der Leibeigenschaft, dem ein humaner Gutsbesitzer, um es weniger schreckeinflößend zu machen, ein Paar graukarierte Beinkleider hatte anziehen lassen. Die Morgensonne hing warm über Bäumen und Rasenplätzen. Unten vom Nußgang am Wege her ertönte das einförmige Kratzen einer Harke, die regelmäßig über den Kies hin und her geführt wurde. Geschäftige, summende Bienen umkreisten die Aurikeln und Tausendschönchen auf den Rabatten der Rasenplätze. Und von den fernen Alleen und Straßen her vernahm man das gedämpfte Klingeln der Straßenbahnen. Der Oberlehrer sog die warme, feuchte Luft mit innigem Wohlbehagen ein. Den Hut hatte er auf einen Stuhl gelegt, und er erhob das Gesicht und ließ die Sonne seine Stirn, seine Augenbrauen und seine alten, feingeröteten Kinderwangen bescheinen. Ein Plätschern und einige merkwürdig unartikulierte Laute wurden hörbar. Erschrocken öffnete der Oberlehrer die Augen und sah nach der Seite hin. Es war die taubstumme Emmy, die unten am Ufer des »Sees« stand und mit einem langen Stock in Form eines Ruders im Wasser plätscherte. Die kurzen, bleichsüchtigen Schilfhalme neigten sich, die Wellen gingen hoch, und Wasserrosen und Schwan wiegten sich gar lieblich. Auf einer weißgestrichenen Bank saß die redefähige Karoline unter einem noch ganz kahlen Fliederbusch; sie schaute träumend zu, während die Schwester in ihrer Naturfreude rohrdrosselartige, kleine Schreie ausstieß. Knagsted kehrte von seinem Ausflug zurück. Über seiner Stirn lag ein finsterer Schatten. »Das sieht reizend aus!« sagte Oberclausen und zeigte auf das Genrebild im Garten. »Entzückend! ... Du kannst sicher Erlaubnis bekommen, mitzuspielen.« Clausen sah ihn bekümmert an: »Wie ging es da draußen?« »Z.g.« »Herrgott! du auch! ... Aber du sollst sehen, es wird besser, wenn du nach Karlsbad kommst.« »Meinst du?« »Ja, natürlich!« »Hm! ... Kommst du denn mit? Warum zum Teufel bekam ich gestern keinen Brief von dir, wie ich dir doch geschrieben hatte?« »Nein, ich wollte lieber mit dir reden. « »Kommst du mit, frage ich?« »Ich finde fast, es ist zuviel, daß du auch für mich bezahlen sollst.« »Dann bezahl' selber; darüber werden wir uns schon einigen.« »Nein ... ja ... das heißt ... « Knagstedt faßte ihn am Rock und versuchte, ihn zu schütteln: »Kommst du mit, oder kommst du nicht mit?« Clausens Augen strahlten, und er lächelte durchgeistigt: »Wie herrlich würde es sein, nach Dresden zu kommen und die Gemäldesammlung zu sehen!« »Du kommst also mit?« Der Oberlehrer starrte träumend vor sich hin, als sähe er über ein Meer von Glückseligkeit hinaus. »Ja, ja!« nickte er. »Hab' Dank, daß du an mich gedacht hast!« »Keine Ursache. Ich hatte ja sonst niemand.« »Wenn man sich denkt,« flüsterte Clausen in poetischer Ekstase und preßte seine Hand gegen das Herz, »die herrlichen Kunstwerke zu sehen, von denen man während seiner ganzen Jugend geträumt hat!« Der Zollkontrolleur packte ihn hart beim Arm: »Clausen!« »Ja!« »Schläfst du?« »Ob ich schlafe ...?« »Ja, ich meine, kannst du verstehen, was ich zu dir sage?« »Verstehen? Warum sollte ich nicht verstehen können?« »Ach, du machst ein so schafdämeliges Gesicht! Setz' dich da auf den Stuhl hin!« Clausen setzte sich. Knagsted legte eine Hand auf seine Schulter und sagte: »Ich will ein kolossales Diner bei Hiller Unter den Linden geben, wenn du mir eins versprechen willst.« »Und das wäre?« »Du darfst alle Gerichte selbst wählen; und du brauchst gar keine Rücksicht auf mich zu nehmen.« »Was soll ich denn versprechen?« »Und auch den Wein darfst du wählen; alles, was du am liebsten magst!« Clausen wand sich, denn ihm ahnte etwas Furchtbares. »Ja, aber was soll ich denn versprechen?« »Du sollst dich auf Ehre und Gewissen verpflichten, wenn wir nach Dresden kommen, nicht hineinzugehen, um die Raffaelische Madonna zu besehen!« »Ja, aber liebster, bester Freund ... « Knagsted hielt ihm die Hand hin: »Dein Wort?« »Nein ... nein ... was sollte man dann wohl in Dresden?« Esau lachte höhnisch: »Ja, das dacht' ich mir, das dacht' ich mir ja!« »Ja, aber liebster Freund!« »Ist dir denn nicht schon längst schlimm und übel geworden, wenn du alle die männlichen und weiblichen Lehrkräfte vor Entzücken über dies Frauenzimmer aufjauchzen hörst?« »Nein,« lächelte Clausen entzückt, »nein ... nein!« Und er schloß die Augen und verging fast in der Ekstase der Erwartung. Knagsted sah finster auf ihn herab: »Wird sie ohnmächtig, die alte Klosterdame?« fragte er dann. »Da steht Wasser auf der Kommode!« Und sie fuhren nach dem Strandwege hinaus. – Die Frühlingssonne hing warm und strahlend über Bäumen und Häusern, und draußen auf den blauen Wogen des Sundes glitten Schiffe und Boote mit Dampf, Segeln und Rudern dahin. Die meisten Villen standen noch leer mit geschlossenen Läden. Aber ringsumher in den Gärten knospten die Büsche, und geschäftige Männer und Frauen gruben, hackten, säten und pflanzten. – – Oberlehrer Clausen erhob sein Antlitz gen Himmel wie eine Sonnenblume im August: »Hier ist es wunderschön!« sagte er. »Wunderschön!« »Wunderschön!« nickte der Exzöllner. »Und dann riecht es hier so herrlich nach Dünger und verfaultem Tang.« »Ja, aber das gehört doch gerade zu dem Sommer mit dazu!« »Hm, ja!« Zwei Radler sausten vorüber: weißer Flanell, nackte, behaarte Arme und Beine und Gesichter und Hälse wie Hummer in Mayonnaise. »Das ist eine häßliche Menschenrasse!« sagte Knagsted. »Sie fahren sich die Seele aus dem Leibe und enden voraussichtlich in Zukunft einmal als zwei große, bewegliche Schenkel.« »Radeln Sie nicht etwa selber, mein Herr?« fragte Clausen schelmisch. »Ja, das tue ich«, nickte Knagsted ruhig. »Aber ich fahre mit Delikatesse und Anstand! Ich habe mein Gehirn nicht zu einem Kilometeranzeiger gemacht, will ich dir sagen! ... Du solltest dir auch so ein Fuhrwerk anschaffen, kleiner Oberlehrer!« und sah dann wissenschaftlich an seinem langen Freund auf und nieder. »Du würdest dich großartig machen auf einem Waldwege! Namentlich wenn du dir ein Paar kleine weiße Taubenflügel auf den Rücken deines Diplomatrockes nähtest ... Du könntest das Ideal eines Morgenspazierganges personifizieren.« Clausen lachte laut und herzlich. Er war in strahlender Sommerlaune, so wie die Sonne: »Und du , womit hast du denn Ähnlichkeit?« fragte er. »Mit einem Stachelschwein, das guter Hoffnung ist.« sagte Esau – »das weiß ich sehr wohl. Aber ich bin auch nur zum Schrecken und zur Warnung hier auf die Welt gesetzt, während du dahingegen in erster Linie veredelnd und begeisternd wirken sollst: Dein weißes Haar, deine klassische Nase, deine kindlichen Augen, kurz, dein ganzer idiotisch-geistiger Ausdruck muß ›den Beschauer entzücken und bezaubern‹, so wie gewisse Überlieferungen aus dem Altertum es einem on dit zufolge tun sollen.« Clausen schlang einen Arm um die Schulter des Freundes und preßte ihn an sich: »Na, na, na!« sagte er. »Wollen wir uns jetzt nicht das Versprechen geben, daß wir gut gegeneinander sein wollen, jetzt, wo wir einen Sommer auf uns angewiesen sein werden?« »Natürlich! ... Aber wollen wir nicht doch, für alle etwaigen Fälle, einige Sicherheitsmaßregeln treffen, einige Eidschwüre ablegen ...?« »Wie meinst du ...?« »Ich meine: einige Forderungen aufstellen, die wir respektiert zu sehen wünschen, und dann darauf schwören, daß wir unsere Versprechungen nicht brechen wollen.« »Hm, ja –« »Aber ich schlage vor, daß es nur negative Forderungen sein dürfen; ich bin nämlich kein Freund von irgendwelchem Zwang ... Nun kannst du ja anfangen, du bist ja der Älteste.« »Ja, ich weiß wirklich nicht ... «, lächelte der Oberlehrer sinnend, »ich finde nicht, daß ich –« »Nun ja! Dann fange ich an! Höre jetzt zu: Erstens mußt du schwören, dich nie mehr zu betrinken, als daß du allein nach Hause gehen kannst.« »Ja, aber lieber Freund ... «, protestierte Clausen. »Nun, das kannst du also nicht halten! Dann gehen wir weiter.« »Nein, nein, du mißverstehst mich!« »St! Davon reden wir später! ... Zweitens: Ich will unter keiner Bedingung etwas mit deinen eventuellen Frauenzimmergeschichten zu schaffen haben!« (Clausen machte eine ungeduldige Bewegung, Knagsted aber fuhr fort): »Solltest du, sei es in Berlin, Dresden, oder wo wir sonst hinkommen, in irgendeine Art von erotischen Verwicklungen geraten, so mußt du dich unbedingt selbst aus der Patsche ziehen!« »Aber –« »Drittens: Du darfst nicht verlangen, daß ich dir immer antworten soll, wenn du es für gut befindest, mit mir zu reden.« »Ja weißt du was ...« »Du kannst es ja z.B. lassen, mit mir zu reden!« »Ja, aber –« » Viertens – und das ist nun eine mehr positive Forderung – viertens : Du mußt unter Verlustiggehen jeglicher ferneren Reiseunterstützung dich verpflichten, sobald wir in einem neuen Hotel ankommen, dich auf den Gang hinauszubegeben und das jedesmalige W.C, aufzusuchen und mir dann einen Orientierungsplan anfertigen, so daß ich nicht Gefahr laufe, fehlzugehen.« Clausen schüttelte den Kopf: » Immer mußt du davon reden!« Der Exzöllner packte seinen Freund bei der Schulter und drehte ihn zu sich herum: »Ja, siehst du,« sagte er, »wenn das und einige andere Notwendigkeitsartikel nicht existierten, so endeten du und die Frauenzimmer und ein Haufen anderer ›poetischer Gemüter‹ im Größenwahn im Trallerkasten. Ihr könnt ohnehin schon verrückt genug sein, in dem Maße ist es euch zu Kopf gestiegen, zu den sogenannten ›höchsten Wesen‹ der Schöpfung zu gehören! Aber der Staat hat ganz einfach nicht die Mittel, so viele Wahnsinnanstalten zu gründen, mein Freund ... deswegen solltet ihr und der Staat mir dankbar sein, daß ich hin und wieder einmal die Menschheit daran erinnere, daß sie nicht lediglich aus ›Geist‹ allein besteht!« Sie kamen nach »Constantia«. Knagsted ließ die Droschke halten und bezahlte den Kutscher. »Wollen wir jetzt ein wenig in den Charlottenlunder Buchenwald gehen?« fragte er. »Ja, gern!« Drinnen im Walde sangen die Vögel und flogen geschäftig mit Strohhalmen und Federn umher. Die Büsche standen mit springenden Knospen da. Der Waldboden war grün. Und die hohen, schlanken Buchen und knorrigen Eichen streckten entzückt die Finger nach der Sonne aus. »Kannst du wohl sehen, Knagsted, die Anemonen fangen schon an zu kommen«, sagte Clausen und zeigte unter die Bäume. »Ja,« nickte Knagsted, »die Anemonen kommen schon.« Der Oberlehrer lächelte glückselig. »Der Wald wird sicher zu Pfingsten grün! Es ist beinahe unrecht, um diese Zeit außer Landes zu reisen.« »Es gibt auch wohl anderwärts Wälder.« »Ja, aber der dänische Frühling, lieber Freund!« »Na, der kann manchmal recht zweifelhaft sein!« »Ja, aber dies Jahr läßt er sich so herrlich an!« »Dies Jahr läßt er sich herrlich an, ja ... Du kannst ja ein paar Photographien davon mitnehmen.« Aus einer Tannenschonung heraus kamen zwei kleine untersetzte Frauengestalten, jede ihr Rad vor sich hinschiebend. Sie schwitzten, so daß ihnen das Wasser wie glänzendes Öl an den Wangen herablief. Sie hatten weiße leinene Blusen an, trugen kurzes Haar und Radelhosen. Mit dicksohligen Stiefeln stampften sie auf die Erde wie ein Paar Gardisten, und ihre Gesichter waren breit, energisch und sonnengebräunt mit kleinen Schnurrbärten. Als die Damen vorübergestampft waren, drehte Clausen vorsichtig den Kopf ein wenig um und sah ihnen nach: »Dieser Frauentypus existierte in meiner Jugend gar nicht«, sagte er. »Nein, aber damals waren die Frauenzimmer auch noch nicht ›befreit‹! ... Es muß schrecklich sein, so einem Paar Walküren an einem dunklen Abend auf einem einsamen Wege zu begegnen!« »Hm, ja! Aber glaubst du nicht, daß sie auch einige gute Eigenschaften haben?« »Sehr wahrscheinlich ... aber man kann es ihnen nur nicht ansehen.« Der Oberlehrer legte den Kopf ein wenig schelmisch auf die Seite: »Man kann es dir auch nicht ansehen, lieber Knagsted, daß du eigentlich ein ganz prächtiger und brillanter Mensch bist!« »Nein, aber man kann es mir ansehen, daß ich ein Mann bin! Man hat eine gewisse Verpflichtung, finde ich, sein Geschlecht zur Schau zu tragen. Das andere ist eine Verwirrung der Begriffe.« »Hm ...« »Und dann sind diese hier wohl obendrein Lehrerinnen . Was muß das nicht für eine Jugend werden, die die Frauenzimmer groß – radeln! Die weiß ja schließlich gar nicht mehr, was ein Er und was eine Sie ist! Wenn ich Kultusminister werde (und warum sollte ich es nicht werden?), sollen alle Volksschullehrerinnen mit Perücken gehen, bis ihre eigene natürliche Mähne mindestens eine Elle lang wird! Perücke oder Abschied – ganz nach Belieben!« Plötzlich hemmte der Zöllner seinen Redestrom und zog den Freund neben sich auf eine Bank nieder, die hinter Buchengestrüpp verborgen stand. »Still!« »Aber was ist denn da?« »Sieh nur, sieh!« Zwei junge Menschenkinder, ein Mann und eine Frau, kamen Seite an Seite über die zunächst gelegene Lichtung geschritten. Sie gingen Schritt für Schritt, ohne zu reden. Ihr Kopf war verschämt auf die Brust gesenkt, und in den Händen hielt sie eine Blume, die sie in stiller Verlegenheit in lauter kleine Stücke zerzupfte. Er aber schritt rank und siegesstolz einher und sah lächelnd auf ihre geschäftigen Finger nieder. Eine Studentenmütze saß ihm tief im Nacken, und er hatte sich eine halberschlossene Anemone in das Knopfloch seines Jackenaufschlages gesteckt. Die Sonne schien golden auf ihr Haar, und die Vögel jubelten in den Bäumen rings um sie her. Die Augen des Oberlehrers leuchteten elegisch. »Der Lenz!« flüsterte er. »Der junge Lenz!« Der Exzöllner fand auch, daß die beiden Jungen nett anzusehen seien. Aber er mochte es sich nicht merken lassen, und deswegen kniff er ein Auge satyrisch zusammen und sagte: »Werden wir erotisch, alter Ziegenbock?« »Pfui,« sagte Clausen und wandte sich empört ab, »immer mußt Du zynisch sein!« »Ja, das ist nun einmal mein Beruf.« Der junge Mann war stehengeblieben und hatte seine Hand weich und zögernd auf den Arm seiner Begleiterin gelegt. Er zog ihn aber sofort wieder zurück, als erschrecke er über seine unerhörte Kühnheit. Auch sie stand still. Die Blume war ihren Händen entfallen; ihre Arme sanken schlaff an den Seiten nieder, und ihr Kopf senkte sich noch tiefer. »Sieh doch nur die kleine Zuckerpuppe an, wie sie sich kostbar macht!« flüsterte Knagsted. »St!« sagte Clausen. Sie saßen dort hinter dem Gebüsch auf der Lauer wie ein paar Faune. Jetzt erfaßte der Student die herabhängende Hand seiner Dame und führte sie an die Lippen. Und da mußte sie ihm wohl ein holdseliges Wort gesagt haben, denn er schlang plötzlich einen Arm um ihre schlanke Taille und preßte sie wieder und wieder an sich. »Jetzt kommt's!« sagte Knagsted. Die Dame machte sich sanft frei und bedeutete dem Kavalier, daß er sich passend aufführen solle. Aber er war ganz wild vor Glück! Er faßte sie mit beiden Händen um die Taille, hob sie empor und schwenkte sie herum, so daß ihre Füße in der Luft zappelten. Esau konnte nicht länger an sich halten; er sprang hinter dem Gebüsch hervor, klatschte in die Hände und rief: »Bravo! Bravo!« Das Mädchen riß sich schnell los, nahm ihren Freund bei der Hand und wollte mit ihm entfliehen. Sie zog und zerrte. Der Student aber stand fest. Und in seiner überströmenden Wonne nahm er die Mütze vom Kopf und schwenkte damit zu den beiden alten Herren hinüber. » Gratuliere! « rief Knagsted. »Danke! Danke!« schrie der Student. Dann aber siegte die Dame und riß ihn mit sich fort ... In schnellem Lauf sprangen sie über das Gras dahin und verschwanden zwischen den Bäumen. Und Knagsted winkte mit der Hand hinter ihnen drein und zitierte Shakespeare: Adieu, ihr Kleinen! Euch ward schöner Tage Glück; Die schönen Nächte habt ihr noch zurück! II. Die Sonne fuhr fort zu scheinen. Kräuter und Blumen sproßten hervor; und die Bäume bekamen Blätter. Draußen in Villa Rörholm waren die vierundzwanzig Schilfstengel über eine halbe Elle hoch gewachsen, und die taubstumme Emmy ließ täglich den Schwan und die Wasserrosen auf den erregten Wassern des Sees schaukeln. Die Natur stand im Brautgewande da. Knagsted aber war wütend. Unmittelbar bevor er und Clausen ihre epochemachende Reise antreten sollten, hatte sich der Oberlehrer erkältet und wurde bettlägerig. Esau war ein paarmal bei ihm in Gammelköbing gewesen und hatte ihn ausgescholten. Aber das hatte nicht sonderlich geholfen; der Mann lag noch immer im Bett und sollte noch fernere vierzehn Tage liegenbleiben. »Du wirst wohl ohne mich reisen müssen, lieber Freund.« »Nicht vom Fleck rühre ich mich!« sagte Knagsted. »Glaubst du, daß ich verrückt bin? Ich hatte mich zu der Reise ja hauptsächlich nur entschlossen, um mich über deine reizenden, blödsinnigen Einfälle zu freuen. Und dann sollt' ich allein von dannen ziehen ... Sieh du jetzt nur zu, daß du dich sputest.« Clausen lächelte matt. Er schwitzte gottergeben unter einem mächtigen Oberbett. Er lag mit Senfpflaster unter den Fußsohlen und warmen Umschlägen auf dem Magen. Und alle Viertelstunde gurgelte er den Hals mit Salbei, so daß es wie eine Sturmflut klang. – – Eines Tages traf der Zöllner am Lager des Freundes eine kleine, schwarzgekleidete Mannsperson mit kugelrundem, bleichfettem Gesicht, himmelblauen Engelsaugen, weißem Schlips und blondgelocktem Haar. Es war der Schullehrer und Kirchensänger J.P. Mikkelsen-Sejstrup. Er dienerte und scharrte, kam Knagsted mit herzlichem, männlichem Handschlag entgegen und erklärte, es sei ihm eine ungeheur–re Ehr–re, den Kontr–rolleur wiederzusehen. »Woher kennen Sie mich denn?« »Aber–r Herr–r Kontr–rolleur–r! Mein Kirchensprengel liegt ja nur eine Meile von diesem Or–rt! Sollte ich Sie da nicht kennen?« »Hm! ... Wie geht's denn heute mit dir, Clausen?« »Danke, lieber Freund! Viel besser, Freitag soll ich aufstehen.« »Dann können wir wohl den nächsten Freitag reisen?« »Ja, das denke ich ... wenn alles gut geht.« Der Küster legte den Kopf auf die Seite: »Die Herr–ren wollen eine kleine R–reise machen?« »Ja.« »Wohin, wenn man so fr–ei sein dar–rf?« »Nach den Kapverdischen Inseln.« Herr Mikkelsen, der keineswegs von gestern war, lächelte breit: »Herr–r Kontr–rolleu–r belieben zu scher–zen.« »Ja.« »Ach ja, das liebe, kleine, dänische Volk ist in r–reichem Maße mit dieser–r guten Geistesgabe ver–rsehen ... Vielleicht zu r–reichem Maße.« »So–o?« »Ja, wahr–rlich! Wir–r Dänen sind wohl ein wenig geneigt, den Er–rnst in Scher–rz zu er–rtr–änken.« »Na, der rappelt sich schon wieder heraus, Herr Sejstrup! Wir haben ja die Hochschulen.« »Und ein Land ohne Er–rnst geht seinem Unter–rgang entgegen. Betr–rachten wir–r nur–r die Gr–iechen und R–römer in der–r Zeit ihr–res Ver–rfalles, wo alle Sittlichkeit, alle Mor–ral geschwunden war–r, währ–rend das ganze Volk sich in Laster–r und Gottlosigkeit wälzte.« »Amen!« sagte Knagsted und wandte sich dann dem Oberlehrer zu: »Bist du nicht müde. Clausen?« »Nein, nicht im geringsten.« Der Küster erhob sich: »Dann will ich adieu sagen. Her–r Ober–rlehrer! Und baldige Besser–rung! Und dann denken Sie wohl freundlich über–r die vor–rgetr–ragene Sache nach?« »Was für eine Sache ist das?« fragte der Exzöllner kriegslustig. »Meine lieben Gemeindekinder–r haben mich er–rmächtigt, für–r die Er–richtung einer Volksbibliothek zu sor–gen ... Vielleicht würde der Herr–r Kontr–rolleur–r, der–r ja dieser–r Gegend nicht ganz fr–remd ist – –« »Nein!« Mikkelsens Engelsaugen funkelten wütend. »Gott im Himmel, steh uns in Gnaden bei!« sagte Knagsted, griff nach seinem Hut und entfloh. – Wenn der Exzöllner daheim in seiner Wohnung in der Villa Rörholm seinen Morgenkaffee getrunken, seine Pfeife geraucht usw., usw., pflegte er sich auf sein Rad zu schwingen und zwei oder drei Stunden landeinwärts zu fahren, nach Balby, nach Bröndshöj oder auf den Strandweg hinaus. Aber eines schönen Tages hatte er den Einfall, mit dem Zug 7 Uhr 53 Minuten nach Roskilde zu fahren, wo er 8 Uhr 30 Minuten eintraf. Wie er zu seiner Schande gestehen mußte, war er noch nie in dieser Stadt gewesen; da wurde ihm denn allerdings ein bißchen sonderbar zumute, als er auf der Station eine Dame zu einer andern sagen hörte: »Ja, Roskilde, das lebt ja von seinen Leichen !« Im Roskilder Dom liegen sämtliche dänischen Könige. Sie sah nun freilich nicht aus, als lebe sie von dieser Nahrung allein , so groß und üppig und reich mit Fleisch ausgestattet war sie nach allen Richtungen hin. Aber vielleicht war sie aus einer andern Stadt. Auf dem Platz vor dem Stationsgebäude bestieg Knagsted sein Rad und rollte ›mit Delikatesse und Anstand‹ durch die Stadt. Nachdem er eine Weile in Straßen und Gassen umhergestreift war (der Exzöllner hatte außer vielen anderen unpraktischen fixen Ideen auch die , daß er niemals nach dem Weg fragte, sondern ihn absolut aus eigener Kraft finden wollte), kam er auf eine Straße hinaus, die Frederikssundvej hieß. Sie fiel sehr steil ab, so daß er wie ein Verrückter an Häusern und Gärten und an einem Torweg vorübersauste, auf dem mit großen Buchstaben Holzhof stand. Dann bog er nach links ab, kam an einer alten Kapelle vorbei und sauste weiter, nach dem Hafen hinab. Über eine Wiese hinweg sah er den Dom stolz und imponierend mit seinen beiden schlanken Türmen direkt in den Himmel aufragen. Unten am Hafen liegt auf einem hohen Hügel ein ziemlich großes Dorf, das man »den Berg« nennt. Aber so hoch fühlt sich Roskilde über seine Umgebungen erhaben, daß man überall in der Stadt unten auf dem Berge sagt. Knagsted schob sein Rad einen steilen Weg hinan, an der Dorfkirche vorüber. Vor einem kleinen Hause da oben hielt ein Bauer mit seinem Wagen. Auf der Schwelle des Hauses saß eine Katze und ein vier- bis fünfjähriger Junge. Als Esau vorüberging, beugte sich der Bauer zu dem Knaben hinab und fragte in etwas verwundertem Ton: »Was, dein Vater ist tot? Und wo ist denn deine Mutter?« »Die ist auf dem Abtritt«, sagte der Knabe ruhig. Knagsted strich teilnehmend dem Verlassenen über das Haar und gab ihm ein Stück Schokolade. Drinnen im Walde fand er einen gastfreien Pavillon, wo er sich eine Flasche Sodawasser geben ließ. Und an jenem Tage begegnete ihm dann weiter nichts Merkwürdiges. Und er gewann diesen Wald so lieb, daß es fast seine tägliche Morgentour wurde, mit dem Zug 7 Uhr 53 Minuten nach Roskilde zu fahren. Was ihn da draußen am meisten entzückte, war, daß er stundenlang auf den Wegen und Stegen des Waldes umherfahren konnte, ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen, so daß ihm diese Fahrten zu einem Symbol der großen heiligen Einsamkeit wurden, die, wie man behauptet, sehr berauschend wirken soll. Und er war ja ein Stück von einem »Träumer«, das war er, wenn auch behaart. Ganz entzückt konnte er unter den hohen, kuppelförmigen Buchen umherwandern und dem Gesang der kleinen Vögel lauschen. Oder er konnte sich tief zwischen die kleinen, dicken, lebenstrotzenden Tannen bohren, die da standen und alle die graugrünen, rundlichen Finger in die blaue Luft hinaufstreckten und einander zuwinkten und flüsterten und tuschelten im Sonnenschein und wuchsen und sich streckten, so daß man förmlich hören konnte, wie es in ihnen knackte. Da drinnen hatte er eine moosbewachsene Lichtung gefunden, wo er sein Rad gegen einen Baum stellte, eine Zigarre anzündete und sich, die Arme unter dem Kopf, so lang er war, hinlegte und zu den segelnden Wolken hinaufstarrte und seine unruhigen Gedanken mit ihnen schweifen ließ ... Oder er lag unten am Fjord und sah über das Wasser hinaus und lauschte dem Schrei der Möwen und sah die fleißigen Fischer ihr Garn auswerfen und wieder aufziehen ... mit anderthalb Aalen und einer toten Katze beschwert. Mitten im Fjord liegt ein kleiner, grasbestandener Werder: Möwen und Meerschwalben hausen dort unter Kreischen und Schreien und Zanken und Liebe. Die flachen Küsten können weiß sein von Vögeln, und dann sieht es so aus, als habe der Fjord in einer wilden Sturmnacht all seinen Schaum und all seinen Gischt da hinaufgeschleudert und ihn dann nachher vergessen. Aber dann können plötzlich alle Vögel mit Schreien und Lärmen in die Höhe fahren, und dann sieht es so aus, als werde ein großes weißes Tuch in tausend Fetzen und Stücke zerrissen und von einem Wirbelsturm über das Wasser ausgebreitet. Und der Grund war folgender: Eines Tages, als er da unten lag, kamen zwei Männer aus dem Walde, eine Trift Kälber, drei junge Kühe und einen jugendlichen Stier vor sich hertreibend. Sie zogen sie ins Wasser und fingen an, nach einem Boot hinauszuwaten, das zwanzig, dreißig Ellen vom Lande entfernt lag. Die Tiere leisteten Widerstand, stemmten die Vorderbeine fest in den Sand und wollten nicht weiter. Aber unter Rufen und Prügeln gelang es den Leuten doch, sie in das Boot hinauszutreiben. Dann wurden die Stricke an den Hintersteven festgebunden; die Männer nahmen auf den Ruderbänken Platz, griffen nach den Rudern und fingen an, das Boot in Bewegung zu setzen. Einen Augenblick später befand man sich in tiefem Wasser, und die Tiere mußten schwimmen. Man sah nichts weiter von ihnen als die vier Köpfe, die über die Wasserfläche dahinglitten. Aber dann plötzlich stieg der Hinterkörper des letzten Schwimmers hoch aus den, Wellen auf, während einer der andern ein halbunterdrücktes Brüllen ausstieß und sank und sank! Es war der jugendliche Stier, der (quand méme) seine flammende Begierde nicht zu zügeln vermochte. Die Männer im Boote lachten, so daß es am Waldesrand widerhallte; es war, als lachten die Faune da drinnen mit. Dann nahm der eine der Bootsleute sein Ruder und stieß den Pascha von seinem Thron herunter. Und dann gelangte man wieder in seichtes Wasser. Die Körper der Tiere stiegen nach und nach aus den Wellen empor. Und der Vogelschwarm stob mit einem Jammergeschrei auseinander und flüchtete in die Lüfte. Das Boot ruderte zurück, und die Männer verschwanden im Walde. – – Und drüben auf der öden Insel standen die vier Kuhäugigen und sahen sich verwundert um. Dann schlichen sie langsam, beinahe zögernd, den Strand hinauf. Als sie dann aber da oben standen und die große Fläche ohne Umzäunung und ohne Wächter vor sich liegen sahen, da sprengten sie plötzlich alle auf einmal in einem ungeschickten, hopsenden Galopp über das Gras dahin. Und die Schwänze streckten sie in die Luft wie vier glückselige Standarten! » Sonne und Luft und Essen und Trinken und Liebe und Schlaf! « murmelte Knagsted, der dasaß und neidisch zu den glücklichen Vierfüßern hinüberstarrte. » Sonne und Luft und Essen und Trinken und Liebe und Schlaf! ... Wenn ihr nicht werdet wie die Tiere, werdet ihr nimmermehr das Glück schmecken! Und dann treten sich die Herren Staatsreformatoren vor lauter Eifer, ›das Volk aufzuklären‹, fast auf die Zunge!« Am Waldessaum, die Fassade direkt nach Süden, liegt eine kleine, strohgedeckte, weißgekalkte Hütte mit blaugestrichenen Fenstern und Türen. Davor, nach dem Wege hinaus, erstreckt sich ein mehrere Ellen breiter, blumengefüllter Garten – und in der Hütte wohnt die fröhlichste Frau von der Welt. Eines Tages, als Knagsted sein Rad vorüberschob, machte er ihre Bekanntschaft. Sie stand mit bloßen Armen im Waschnegligé da und hängte Wäsche zum Trocknen auf, während die Sonne ihren Kopf goldig umstrahlte und der Wind in den Bäumen des Waldes sauste. Aber sobald sie den fremden Mann gewahrte, hielt sie schämiggemütlich fünf rote ausgespreizte Finger vor das Gesicht und tanzte mit einem schelmischen: »hi– puhah!« über die Schwelle in das Haus hinein. Sie schien Anfang der Sechziger zu sein und hatte grauweißes krauses Haar und große fröhliche Augen. »Na, Sie haben noch Wind in den Segeln, Madame!« rief ihr Knagsted nach. »Ha, ha, ha!« sagte sie und streckte lachend den Kopf zum Fenster hinaus. »Wir sind ja in unseren besten Jahren!« »Kann man einen Trunk Wasser bei Ihnen bekommen?« »Dazu reicht es noch so eben, Herr! Warten Sie aber man, bis wir in Toilette gekommen sind; denn wir haben uns ja die Taille ausgezogen wegen der Wäsche, ha, ha, ha!« So wurde die Bekanntschaft gemacht; und Esau hielt seither manch ein gutes Plauderstündchen mit der Waldstine, wie die Leute sie nannten, oder auch muntere Stine oder auch Erntebier-Stine. »Denn wir haben in unserer Jugend ja getanzt!« sagte sie und ließ die Füße gehen, während sie am Fenster saß und die Sonne auf sie herabschien und sie eifrig an einem übernatürlich langen wollenen Strumpfe strickte. »Und sie können sich gewiß noch mal herumdrehen!« »Na und ob! Ha, ha, ha! Wenn wir bloß jemand fänden, der so 'ne alte Garnwinde herumdrehen will! Soll ich Ihnen ein Stück vorspielen?« Knagsted sah sich im Zimmer um: »Haben Sie denn ein Klavier?« »Ja! Das liegt da oben auf dem Bord! Soll ich Ihnen was vorspielen?« »Ja, gern. Ich liebe Musik sehr.« Stine warf ihr Strickzeug hin, sprang auf einen Stuhl und holte eine große Pappschachtel von einem Bord unter der Decke herunter. In der Schachtel lag eine feine Handharmonika mit Glockenspiel und allem Zubehör. »So, jetzt soll'n Sie mal hören! ... Soll ich zur Hochzeit oder zum Begräbnis aufspielen?« »Zur Hochzeit! Zur Hochzeit!« Und dann setzte die fröhliche Frau sich auf einen Stuhl mitten in der Stube und spielte einen lustigen Tanz nach dem andern; die alten roten Finger fuhren über die Knöpfe hin, den Kopf hielt sie ein wenig schief, die Augen strahlten, der Mund lachte. »Na?« sagte sie. »Ha, ha, ha! Das ist doch ganz gut für so 'ne alte Feuerzange!« »Ausgezeichnet!« nickte Esau. »Sagen Sie mal, hätten Sie nicht Lust, sich mit mir zu verheiraten?« Die Alte ließ die Handharmonika in ihren Schoß sinken und lachte, so daß es an den Brettern an der Decke widerhallte. »Und wozu wollten Sie so 'ne alte abgetakelte Schute wohl gebrauchen?« »Ich würde mit Ihnen auf den Jahrmärkten umherziehen und Sie als die letzte fröhliche Frau in Dänemark sehen lassen; Sie können mir glauben, wir würden Geld verdienen!« Stines Gesicht wurde ernsthaft. »Ja,« sagte sie, »es sieht man aus mit der Freude heutzutage, wo ist die eigentlich abgeblieben?« »Das mag der Teufel wissen, Stine! Wir sind zu klug geworden.« »Ja, so was wird es wohl sein, ja«, nickte sie eifrig. »Es ist nicht mehr fein, sich zu amüsieren! Denn mir ist es auch aufgefallen, daß alle die Knechte und Mädchen hier aus der Gegend, die von der Volkshochschule kommen, reine Leichenbitter geworden sind, wenn sie wieder nach Hause kommen!« »Nützt es denn nicht, wenn Sie Ihnen was vorspielen?« »Ach nee! Es ist nämlich nich mehr fein, Handharmonika zu spielen! Jetzt muß es immer ein Forte– pi–a-no sein!« »Ja, es sind schlechte Zeiten! ... Spielen Sie aber jetzt noch einen Walzer, eh' ich gehe.« »Ja, das will ich! Ha, ha, ha!« Und dann spielte Stine einen Walzer, den sie Mädchenlust nannte, die Glocken klingelten, und die Finger gingen, und sie saß auf dem Stuhle da und hüpfte buchstäblich im Takt zur Melodie. Plötzlich sagte sie: »Wissen Sie, Herr, was ich über Nacht getan hab'?« »Nein!« »Ha, ha, ha! Ich hab', weiß Gott, Kopf gestanden.« »Die ganze Nacht?« »Ha, ha, ha, ha! Mehrstenteil. Um ein Uhr wachte ich mit ganz gottserbärmlichen Zahnschmerzen auf. Und dann stand ich auf und macht' mir einen Schluck Kamillentee. Ich setzte draußen in der Küche Wasser auf: aber während es dann an zu kochen fing, wurd' es so fürchterlich mit den Zähnen, daß ich nicht mehr wußte, was ich tun sollte und zuletzt den Kopf man da unter das Federbett steckte. Und dabei bin ich denn ja eingeschlafen, ha, ha, ha! Und als ich heute morgen aufwach', ist die Uhr sechs!« »Und Sie hatten keine Kleider an?« »Nichts außer meinem Hemd, ha, ha, ha!« »Aber Stine!« »Ja, ha, ha, ha! Was soll einer dazu sagen! Aber das Zahnweh war weg! Und da hatten wir die ganze Nacht gestanden und den Hintern in die Luft gesteckt, ha, ha, ha!« »Und Sie haben sich nicht erkältet?« » Erkältet !« sagte sie mit unsäglicher Verachtung – »wir sind doch kein simpler Schneider! ... Aber heute woll'n wir übrigens den Zahn loswerden!« »Müssen Sie denn ganz in die Stadt zum Zahnarzt?« Stine hielt die Hand vor das Gesicht und guckte zwischen den Fingern hindurch: »Nein, ich hab' ihn näher, ha, ha, ha! Woll'n Sie ihn sehen?« Sie sprang vom Stuhl herunter und ging an das Fenster. »Hier ist er«, sagte sie und zeigte einen Pfriemen an einem Holzstiel vor, den sie aus einer Lederstrippe am Fensterbrett zog. »Wenn es dunkel wird, setz' ich mich hin und bohr' damit so lange im Zahn herum, bis er herausgeht.« Knagsted schüttelte verwundert den Kopf. Die Frau lachte laut auf, als sie sein Gesicht sah. »Sie glauben wohl, wir sind mall? Ha, ha, ha!« »Bewahre, Madame! Aber ich finde nur, es wäre bequemer, zum Zahnarzt zu gehen.« Die Frau verdeckte abermals das Gesicht: »Ja, aber wir haben den Mut nicht, will ich Ihnen sagen. Wir sind ein Hasenherz! Ich bin einmal vor seiner Tür gewesen, aber da ging das Zahnweh über; und was soll man dann da?« »Es kam doch gewiß wieder?« »Das tat es, ha, ha, ha! Auf dem Rückweg. Aber dann nahmen wir den Pfriemen und bohrten ihn heraus.« »Wie lange gebrauchen Sie dazu?« »Ach, so ein vierzehn Tage, drei Wochen. Aber dann geht die Zeit damit hin!« »Sie sind eine Satansfrau!« »Ja, ha, ha, ha!« »Jedesmal, wenn ich schlechter Laune bin, will ich zu Ihnen kommen.« »Mit Vergnügen, mein Herr! Angtreh gratis.« »Na, denn adieu, Stine, vielen Dank für Ihren guten Humor!« »Adieu, Herr, adieu! Soll'n wir Sie nich 'rausspielen?« »Ja, gern! Ein kleiner Hopser wäre gar nicht so Übel, um in Gang zu kommen!« Und während Knagsted sein Rad auf den Weg hinausschob und sich daraufschwang, stand Stine auf der Türschwelle und traktierte die Handharmonika. »Was wollen Sie jetzt tun!« rief Esau zurück, als er schon im Davonrollen begriffen war. »Was wollen Sie nun tun, Madame, wenn ich weg bin?« »Wir ziehen unsre Taille wieder aus, Herr, und machen unsere Wäsche fertig, ha, ha, ha! Adieu, adieu!«   Der Oberlehrer war jetzt gut acht Tage außer Bett gewesen, und die Abreise der beiden Freunde war auf den Dienstag festgesetzt: Am Sonnabend war der Exzöllner nach Roskilde geradelt, um Abschied von seinem geliebten Walde zu nehmen. Die Sonne schien wie gewöhnlich, und da draußen herrschte ein berauschender Duft von Waldesgrün und Sommer. Esau lag gemütlich ausgestreckt in dem weichen Moos oben zwischen den Tannen auf dem hohen Ufer, der »Insel der Seligen« gegenüber. Er lag da und paffte auf seiner Zigarre und war nach und nach in diesen unbeschreiblichen Zustand des Wohlseins geraten, in dem es einem ganz eminent gleichgültig sein würde, ob zwei mal zwei plötzlich fünf würde. Durch einen Ausblick zwischen den Tannen konnte er das Wasser des Fjords stahlblank und still daliegen sehen. Kein Wind rührte sich und nicht einmal eine Welle. Die Möwen und Seeschwalben waren gewiß aufs Meer hinausgezogen, und man hörte in dem ganzen Walde keinen Laut außer dem gurgelnden Gurren einer vereinzelten Taube. Und drüben auf der öden Insel lag, mitten in der glühenden Sonne, der junge Zeus mit seinen drei Jos. Sie wiederkäuten gewiß, die Glücklichen! Plötzlich aber richtete sich Knagsted auf den Ellenbogen auf und lauschte. Unten, von der Wiese her, am Fuße des Abhanges, erschollen Schritte und Stimmen. »Pfui Teufel!« murmelte Esau und stürzte zu seinem Rad. »Pfui Teufel! ... Und nun ist mir obendrein dieser ganze herrliche Wald verdorben! Wie die Bäume schon jetzt aussehen! Und wie die Vögel singen!« III. Es war auf der Fahrt von Gjedser nach Warnemünde. Das Wetter war gut genug: Sonnenschein und klarer Himmel, aber es wehte ein wenig reichlich aus Osten her. – Unten in einer der Kajüten lagen Zollkontrolleur Knagsted und Oberlehrer Clausen einander gegenüber, jeder auf seinem roten Plüschsofa. Sie lagen gerade auf dem Rücken, die Nasen in die Luft und die gefalteten Hände hart gegen die Bauchgegend gepreßt. Und so hatten sie gelegen, seit der Dampfer das äußerste Bollwerk ihres Vaterlandes verlassen hatte. – Sehen konnten sie sich nicht, denn es stand ein Waschtisch zwischen ihnen. Und im übrigen konnten sie auch nicht einmal einen Finger rühren, da dann sofort der in Restved erstandene Frühstückskorb und der Kaffee von der Masnedö-Fähre in ihren Magen zu rollen begannen. »Angenehme Situation für zwei erwachsene Mannsleute, kleiner Ober!« »Hm, ja!« Sie sprachen hin und wieder ein paar Worte miteinander; vertrieben sich aber im übrigen die Zeit damit, starr nach der Decke hinaufzuglotzen, wo der Lichtschein aus dem runden Kajütenfenster kam und schwand, kam und schwand, je nachdem das Schiff nach rechts oder nach links hinüber schaukelte. – Oder sie schlossen die Augen und lauschten dem unaufhörlichen Plätschern der Wellen gegen die Planken. Gluck ... gluck ... gurle – gurle – gurle ... gluck ... gluck ... gurle – gurle – gurle ... »Clausen?« »Ja ... « »Schläfst du?« »Nein ... « »Gräßlich, so dazuliegen und das Meer anzuhören!« »Ja-a!« Sie sprachen beide direkt zu der Decke hinauf und fast ohne die Lippen zu bewegen. Das Schiff schaukelte und wiegte. Gluck ... gluck ... gurle – gurle – gurle ... gluck ... gluck ... gurle – gurle – gurle ... »Clausen ... « »Ja ... « »Glaubst du, daß außer uns noch jemand seekrank ist?« »Ganz sicher.« »Wirst du immer seekrank?« »Nein ... wenn die See ruhig ist, nicht.« »Als wir heute morgen von Kopenhagen abfuhren, fand ich es gar nicht windig.« »Ach, Knagsted, schweig doch jetzt und laß das viele Reden nach.« Der Sturm nahm sich auf. Das Schiff schlingerte gewaltig. Man hatte jetzt die ganze Ostsee von der Seite, und das Wellengeplätscher nahm ganz sonderbare, unheilverkündende Nebentöne an: Gluck ... gluck ... umbö – i ... ratsch ... gurle – gurle – gurle ... »Herjemine! Wir gehen unter! War das eine Sturzwelle, lieber Clausen!« Die Augen des Oberlehrers standen ihm wie auf Stengeln aus dem Kopf heraus, und er hatte seine Hände gleichsam in seinen jammervollen Magen gebohrt . »So schweig doch still!« sagte er, »und laß mich in Frieden!« Aber einen Augenblick später war Knagsted schon wieder da: »Weißt du, worüber ich mich freue, Clausen?« »Hm ... « »Ich freue mich, daß wir uns augenblicklich nicht in die Gesichter sehen können! ... Hast du verstanden, was ich sagte?« »Ja ... « »Freust du dich nicht auch darüber?« »Ja!« »Na, also!« Und dann folgte eine längere Pause. Aber der Sturm nahm noch immer zu. – Zuweilen ging es wie ein zitterndes Stöhnen durch das Schiff. Das war, wenn sich die Schraube einen Augenblick über die Wellen erhob. Das Wasser spülte über das Deck hin, und ein paar Luken und Türen fielen dröhnend ins Schloß. Aus der Damenkajüte erscholl Brüllen und Stöhnen, die Stewardessen liefen gegeneinander und schimpften sich in ihrer kopflosen Geschäftigkeit aus. Gluck ... gluck ... umbö – i ... ratsch ... gurle – gurle – gurle – Platsch! eine See über Deck. Bums! eine Tür fiel ins Schloß. – Stewardeß! Stewardeß! – Schnurr! die Schraube erhob sich über die Wellen. Stewardeß! Stewardeß! – Ja, jetzt komme ich! Pardauz! Zwei Stewardessen prallten aufeinander. – Können Sie sich nicht in acht nehmen, Sie Schaf! – Schnurr! die Schraube hob sich wieder über die Wellen empor. – Stewardeß, Stewardeß, ich sterbe! – Gluck – umbö – i – ratsch – gurle – gurle – gurle ... es war, als halte Se. Majestät der Satan Klubball ab. Aber dann auf einmal wurde alles ruhiger. – Man war in Lee irgendeiner freundlichen Landzunge gekommen. Die schlingernden Bewegungen des Dampfers mäßigten sich, und die Fahrt ging gleichmäßiger vorwärts. Die Schraube schnurrte, wie sie sollte; Türen und Luken hingen hübsch artig in ihren Hängen; die Frauen dachten nicht mehr ans Sterben, und die Gemüter der Stewardessen wurden versöhnlicher.– »Clausen!« »Ja ... « »Lebst du noch?« »Ja – so etwas.« »Ich glaube, das Schlimmste haben wir hinter uns.« »Gott gebe es!« Knagsted versuchte, vorsichtig sich auf die Seite herumzudrehen, ließ sich aber spornstreichs wieder auf den Rücken fallen. »Weiß Gott! Ich glaube, du rührst dich!« sagte Clausen ganz entsetzt. (Er selber lag noch immer steif und stramm auf dem Rücken, als sollte ein Gipsabguß von ihm genommen werden.) »Ja–a!« sagte der Zöllner, »aber ich bereue es.« »Ja, so was soll man nicht tun, bis man ganz sicher ist ... « »Nein ... Weißt du, was ich jetzt wohl möchte, Clausen?« »Nein!« »Ich wollte, da wäre ein Spiegel oben an der Decke, so daß ich dich sehen könnte! – Du siehst gewiß großartig aus! ... Man könnte dich gewiß direkt in einem Museum aufstellen!« »Hm ... « »Clausen ...? Clau –sen? « »Ja.« »Du bist ja ›Naturfreund‹, nicht? Hat dir jetzt, während du da lagst, auch die ›Größe‹ und die ›Gewalt‹ der Natur imponiert?« » Nein , ich habe gar nicht–« »Das freut mich! Denn weißt du, was ich finde? Ich finde, es ist recht wenig fein und sehr parvenüartig von deinem lieben Gott, so einen Skandal mit Wind und Sturm und Wellen und all dergleichen zu machen.« »So-o?« »Ja, weiß Gott, das finde ich! Denn herrje, wir wissen doch, daß er das kann !« »Erstaunlich, wie redselig du auf einmal geworden bist, kleiner Zöllner!« »Hm, ja! Man wird alt.« Eine Stewardeß steckte den Kopf durch den Vorhang und nickte holdselig. »Jetzt sind wir in der Einfahrt, meine Herren. Jetzt können Sie gern aufstehen!« Und langsam und mit der größten Vorsicht stützten sich die beiden Freunde prüfend auf die Ellenbogen.   Weiß, grün, gelb und blau in den Gesichtern kamen die Passagiere aus den Kajüten hervor. Sie sahen ein wenig derangiert in der Kleidung aus. Ihre Augen waren groß und verwacht, und um ihre Lippen spielte ein bitteres Lächeln. Langsam glitt der Dampfer durch die lange schmale Strommündung, die zu dem Zollgebäude und dem Bahnhof führt. Auf die reizendste und rücksichtsvollste Weise bewegte er sich dahin. Niemand würde es dem scheinheiligen Ekel ansehen, daß er noch vor kaum einer Viertelstunde draußen auf dem Meere wie wahnsinnig herumgetanzt war, mit drei bis vier Dutzend halbtoter Mausoleumsfiguren im Lastraum. Clausen und Knagsted standen ein wenig schlaff und matt da und sahen nach dem Ufer hinüber. Zur Rechten lagen dicht nebeneinander, alle mit den Giebeln dem Strom zugewandt, eine unendliche Reihe von kleinen Häusern mit Glasveranden davor (sie glichen Schaukasten). Und hinter den Fenstern saßen fette, deutsche Männer und Frauen und tranken Bier. Sie drehten langsam die fleischigen Gesichter herum und sahen nach dem Dampfer hin: dann drehten sie die Gesichter wieder ebenso langsam herum, ihren Seideln zu ... Links erblickte man, jenseits der Holzplätze und Kohlenlager, breite, grasreiche Wiesen, die in meilenweiter Entfernung am Horizont von blauschwarzen Wolken umrahmt waren. »Dort liegt Rostock.« sagte Knagsted und zeigte matt auf eine Sammlung Türme, die über den Bäumen aufragten. »So, da liegt Rostock ... « »Ja, da liegt Rostock ... « Noch immer glitt der Dampfer an Glashäusern und Glashäusern und abermals Glashäusern vorüber ... und noch immer saßen Deutsche hinter den Fensterscheiben und tranken Bier. »Rostock soll ja einen so schönen Bahnhof haben?« »Ja.« »Kommen wir daran vorüber?« »Ja–a! ... Wenn der unerforschliche Gott uns jemals das Ende dieser Strommündung erreichen läßt.« »Ja, du bist aber doch schon früher hier gewesen, Knagsted.« »Ja ... Aber ich glaube, er ist gewachsen!« Und sie fuhren und fuhren und fuhren ... »Na, da haben wir endlich den Bahnhof?« Aber es war nicht der Bahnhof; es war ein Speicher oder eine Kaserne. Knagsted streckte die Arme in die Luft und gähnte. »Dies ist beinahe, als wenn man im Grundgesetzgebungsfestzug steht«, sagte er.   Aber endlich langte der Dampfer doch ans Ziel und legte an. »Geh jetzt hübsch artig hin und bedanke dich bei dem Kapitän für die angenehme Reise.« »Ach was, Unsinn!« Man sah sofort, daß man sich in Deutschland befand: die Zollbeamten und die Schutzleute trugen die Uniformen stolz und stramm, als wären sie Offiziere, und die Schnurrbartspitzen ragten steif bis an die Augen hinan wie Fledermausflügel. Natürlich stampften die Passagiere, als gelte es das Leben, um zuerst von Bord zu kommen. Clausen wollte sich in den Kampf stürzen, aber Knagsted hielt ihn am Diplomatenrock fest: »Na, na, kleiner Ober! Bleibe du nur fein ruhig hier. Wir kommen doch zu rechter Zeit.« Und mit der einen Hand auf den Walplatz zeigend, sagte er: »Sieh sie dir an! Sieh dir diese rasende Menge an! ... Niemand wird jemals den Grund angeben können für diese Eisenbahn- und Dampferrabies, die selbst verhältnismäßig lahme Personen, ja sogar Leute mit hölzernen Beinen erfaßt! Sie puffen sich in den Rücken, zerren sich an den Röcken und reißen an den Kleidern, als seien sie vor dem gelobten Lande angelangt und sollten sich jetzt die fettesten Grundstücke erobern!« Vor den Schranken im Zollokal wurde das Handgemenge fortgesetzt. Das war ein Lärmen und Poltern, ein Rufen und Schreien. Und das »schwache Geschlecht« raste am heftigsten, namentlich ein paar lange, unfruchtbare Tanten und ein Paar mehr als fette Frauen. – Als die Reihe an das Gepäck des Oberlehrers kam, zog ihn der Zöllner am Rock und flüsterte in sehr unruheerregender, scheuer und geheimnisvoller Weise: »Du hast doch wohl keine Zigarren im Koffer?« Clausen erblaßte: »Ja–a! Du hast mir doch selbst gesagt, ich sollte welche mitnehmen!« »Wieviel hast du?« »Eine Kiste – hundert ... « »Herr du meines Lebens! Dich köpfen sie!« »Ja, aber –« »So, da kommt er!« Der Oberlehrer trippelte wie ein Huhn in einer Wasserpfütze. Der Zöllner sah ihn mit durchbohrenden Blicken an: »Haben Sie etwas?« »Was –?« » Haben Sie etwas? « » Nein ... nein! ich habe nichts! « Der Kerl wühlte ein wenig zwischen den oberen Schichten der Koffer herum und ging dann zu dem nächsten. »Du kannst wirklich sehr hübsch lügen, kleiner Obermensch!« »Ja, lieber Freund, was – was sollt' ich wohl machen?« »Nein, natürlich! Ich glaubte nur nicht, daß du soviel Kultur hättest! ... Wollen wir jetzt hingehen und uns ein Abteil suchen?« – – – Und sie bekamen ein Abteil erster Klasse ganz für sich ... Übrigens ein ziemlich schäbiges und schmutziges Abteil mit klappernden Fensterscheiben und verschlissenem Plüschbezug. »Was für ein Material sie einem immer auf dieser Route bieten!« sagte der weitbereiste Exzöllner indigniert. (Er war dreimal in Berlin gewesen, Tour – Retour.) Aber Clausen, der anfing, sich ein wenig von den Strapazen der Seereise zu erholen, fand, daß es hier sehr schön sei. Und er stürzte von einem Fenster zum andern, um das fremde Land zu betrachten. Sie rollten über Wiesen, über viele kleine rasselnde Brücken, vorbei an Seen, Kornfeldern und Wäldern. Und Sonne und blaue Luft lag über dem Ganzen. »Es hat viel Ähnlichkeit mit Dänemark!« sagte der Oberlehrer. »Hm, ja! Aber Dänemark ist schöner !« Clausen wandte sich um: »Knagsted, bei dir weiß man nie, ob du im Ernst redest, oder ob du dich lustig machst.« »Ja – das ist doch gerade das Interessante an mir!« Die Lokomotive pfiff – ein sonderbar dünnes und kindliches Pfeifen, wie aus dem Dampfkessel einer Molkerei. »Aber das mußt du doch zugeben, lieber Clausen, daß man in Dänemark viel schöner pfeift !« Der Oberlehrer hatte keine Zeit zu antworten; man rollte in den Rostocker Bahnhof hinein. »Der Helsingörer ist besser!« sagte der Zöllner. Ein fröhlich grinsender Zeitungsverkäufer heulte vor dem Abteil: »Berliner Tageblatt! Lokalanzeiger! Fliegende Blätter! Politiken! Berlinste Tidende! Verdens Gang! Aftonbladet! Le Figaro! Times! Jugend ... « » Weltgeschichte, wie!?« sagte Knagsted. »Ja–a!« nickte Clausen mit strahlenden Augen. »Du, frag ihn mal nach dem Simplizissimus!« Eifrig vergnügt steckte der Oberlehrer den Kopf heraus und rief: »Wollen Sie mir Simplizissimus geben!« Der Mann wandte sich rasend nach ihm um. » Verboten , bitte!« sagte er, und er war dunkelrot vor Zorn. Clausen fuhr entsetzt zurück. Knagsted gluckste vor Wonne. »Du wußtest also recht gut, daß er verboten war, Zöllner?« »Ja, lieber Freund; aber ich wollte, daß du merken solltest, wo wir sind!« – – –   Und sie rollten weiter. Der Zug sauste schneller, und schneller dahin; das Abteil schaukelte und wiegte, die Fenster klapperten, und durch alle Spalten und Öffnungen wirbelte der Staub herein. – Kornfelder, Seen und Laubwälder wurden seltener, schließlich verschwanden sie ganz, und man sah jetzt nur große, wogende Sandflächen, spärlich mit Tannen und Fichten bestanden. Müde und hungrig und schweigend saßen die beiden Freunde jeder in seiner Ecke. – Knagsted zeigte auf das Sandmeer hinaus: »Jetzt sind wir in Preußen ... « »Das sieht ziemlich trist aus ... « »Hm, ja! ... hör mal, lieber Clausen, ist dir nicht ganz sonderbar zumute bei dem Gedanken, daß du dich so immer weiter von den Fleischtöpfen deines geliebten Vaterlandes entfernst?« »Nein!« »So, also nicht ...? Ja, denn ich werde immer ganz traurig, wenn ich auf Reisen bin. Den Fall gesetzt, man würde krank oder stürbe, ohne weder der Freiheitssäule noch dem Rundenturm oder dem ›Pferd‹ auf dem Königs-Neumarkt und all dem anderen daheim so recht ordentlich Lebewohl gesagt zu haben!« »Willst du dich nun schon wieder lustig machen?« Knagsted schüttelte schwer sein behaartes Haupt: »Ja, das ist ja der Fluch, wenn man ein sogenannter ›Sathrikus‹ ist«, sagte er. »Wenn die edleren Instinkte ausnahmsweise einmal obenauf kommen und man sich nach Sympathie umsieht, so ergeht es einem wie dem Jungen, der die Leute neunmal an den Bach lockte, indem er rief, daß er hineingefallen sei – der durfte trotz seines Geschreis jämmerlich ersaufen, als er zum zehntenmal allen Ernstes kopfüber ins Wasser gefallen war!«   Bei Neustrelitz wurde ein Speisewagen angehängt, und die beiden Freunde gingen zusammen da hinein. Knagsted bestellte ein »Beefsteak von Filet mit Bratkartoffeln« sowie eine Flasche »Gießhübler Sauerbrunnen«, und Clausen ein »Kalbskotelett mit drei Spiegeleiern« und eine Flasche »Original Pilsener Bier aus der Pilsener Genossenschaftsbrauerei in Pilsen« – – – und schon allein das Bestellen dieser Sachen in deutscher Sprache war den Herren eine Wonne! – Im übrigen war der Aufenthalt im Restaurationswagen nicht ausschließlich angenehm; denn als der Zug in volle Fahrt gekommen war, schlingerte und schaukelte der Wagen so zügellos, daß Teller, Gläser, Flaschen und Schüsseln bunt durcheinander rasselten und an die Erde zu fallen drohten. Der Exzöllner erfaßte mit schnellem Griff seinen Gießhübler, als sich dieser gerade zu ergießen anschickte. »Dies ist wohl so etwas, was die Zeitungsreferenten ein ›lebhaftes Diner‹ nennen?« sagte er. »Ja«, sagte der Oberlehrer, und er war ganz bleich; »ich bin wirklich kurz davor, wieder seekrank zu werden! ... Und wie soll ich zu meiner Semmel gelangen?« »Wo ist die?« »Ich halte sie mit dem Fuße fest, und die Teller hier kann ich nicht loslassen!« »Laß du die Semmel rollen, mein Junge! So, jetzt kentern wir!« Der Zug machte eine so halsbrechende Kurve, daß Knagsted mit Blitzesgeschwindigkeit alle seine zehn Finger auf das Beefsteak und zwischen die Bratkartoffeln pflanzen mußte, damit sie nicht denselben Weg gehen sollten wie das Brot. »Das ist doch die ärgste Fahrt, die mir je vorgekommen ist! Spute dich doch, Clausen, damit wir fertig werden, ehe wir daliegen!« Clausen war aber eifrig beschäftigt, ein halbes Spiegelei von seinem Rockaufschlag abzunehmen: »Ach, mein Rock!« klagte er und versuchte den Rest mit dem Messer abzukratzen. »Du schneidest dir ja den Hals ab, Mensch!« sagte der Zöllner und entriß ihm die Waffe. »Laß das nur sitzen, bis wir an Land kommen!« Und dann fochten sie sich weiter durch das Essen hindurch.   »Jetzt geht es ja verhältnismäßig gut ... « »Ach ja!« Sie waren auf einer Zwischenstation in ihr eigenes Abteil geschlüpft und lagen nun da und streckten sich schläfrig jeder auf seinem Sofa. »Bist du müde?« »Ja–a, ein wenig ... « »Bist du denn schon mit deiner Zigarre fertig?« »Ja.« »Na, dann laß uns schlafen ... Es entstand eine kleine Pause, und Clausens Augen schlossen sich. Rasselnd und brausend fuhr der Zug dahin, und seine schlingernden Bewegungen zerrten und rissen an den Liegenden. »Willst du ein Stück Schokolade zum Einschlafen haben, Clausen?« »Ach, du mit deiner Schokolade!« Der Zöllner reichte ihm eine Tafel Galapeter hinüber: »Willst du mal abbeißen?« »Nein!« »Ich kann dir ja auch ein Stück abbeißen!« »Ach, laß mich doch schlafen, Knagsted!« »Das ist die reine Liebenswürdigkeit von meiner Seite, kleiner Obermann, und ich finde es höchst sonderbar, daß du es so unfreundlich aufnimmst.« »Na, denn laß mich in Gottes Namen abbeißen!« Knagsted hielt ihm die Tafel hin. »Bitte schön!« »Danke!« Clausen biß ab. »Bitte; da hast du sie wieder.« »Vielen Dank! – – – Na, schmeckt das nicht gut?« »Ausgezeichnet! Wollen wir jetzt aber nicht schlafen?« »Ja ... Etwas möchte ich allerdings erst noch gern sagen!« »Hm!« »Ich fand, du sahest vorhin so vornehm aus mit dem Spiegelei auf dem Rockaufschlag.« »So–o?« »Ja. Du glichst einem Ritter vom japanischen Sonnenorden.« »Hm ... « »Und du hättest es nicht abwischen sollen, finde ich.« »Nicht?« »Nein. Denn hier in Deutschland legt man außerordentlich großes Gewicht auf Dekorationen.« »Hm ... « »Und wir würden beide mit weit größerer Achtung behandelt worden sein!« »Hm ... « »Hm, ja! Darf ich dir morgen ein Ei auf deinen Rockaufschlag legen? Dann sollst du auch zehn Kronen haben.« Clausen gab keinen Ton mehr von sich. Er schlief. – Und der Zug rasselte dahin, und der Wagen schlingerte ... Knagsted aber lag auf seinem Sofa und starrte mit müden Augen zu der Lampe an der Decke empor. Er konnte nämlich am Tage nicht schlafen, und am allerwenigsten auf der Reise. Es war spät am Nachmittag. Unten am westlichen Horizont hing die Sonne hinter einem Nebelschleier, die Niederungen dampften, und die Vögel gingen zur Ruhe ... Der Zug näherte sich Berlin. »Das sieht beinahe aus wie Nörrebro!« Nörrebro, Vorstadt von Kopenhagen. sagte der Oberlehrer, als sie an langen Reihen hoher, schmutziggelber Häuser und schmaler, schnurgerader Straßen vorübersausten. Aber dann war das überstanden, und sie fuhren durch einige Villenstädte, wo der gelbe Sand in den Gartengängen schimmerte, und wo Vergnügungslokale mit Ballonschaukeln und Karussells waren. Und an einer Stadt von »Koloniegärten« kamen sie vorüber mit Hunderten von kahlen Gitterlauben, die aussahen wie große, nackte Tierskelette. Aber hinter den Rippen sah man Tische und Bänke, an denen fröhliche, langbärtige Deutsche mit ihren Frauen und Kindern saßen und Bier tranken. Dann kamen wieder Stadtviertel mit Nörrebro-Häusern. Und die Gärten verschwanden. Aber zu beiden Seiten der Bahnschienen standen hohe, blühende Akazien. Ratsch! Der Zug sauste unter einer Brücke hindurch, und es folgte noch eine und noch eine. »Aber nein,« sagte Clausen, der wieder ganz wohl und wach war nach seinem Schlaf – »da oben fährt ja auch ein Zug!« »Ja, das ist die Ringbahn.« »Ist das die, die an einigen Stellen über die Häuser hinwegfährt?« »Ja, und deren Endstation sich oben auf der Siegessäule befindet.« »Es wird furchtbar amüsant werden, Knagsted, sich so recht umzusehen.« Ratsch! Noch eine Brücke, und dann eine Station, wo es aussah, als seien die wartenden Passagiere in Glasschränken aufgestellt. »Wie hieß die Station?« »Das mag der Teufel wissen!« »Sieh, da ist eine Kirche!« »Ja!« »Wie heißt die?« »Das mag der liebe Gott wissen!« »Wir müssen doch gleich heute abend noch ein wenig ausgehen, lieber Zöllner?« »Das müssen wir!« »Wo wollen wir hingehen?« »Ach, ich habe mir gedacht, wir gehen zu Keck in der Leipziger Straße.« »Was ist das?« »Das ist ein Fleischverkauf!« »Ein Fleischverkauf? Was sollen wir da?« »Uns die Waren ansehen – feine Fleischwaren im Aufschnitt – und Tabak rauchen.« – Der Zug bog auf das Bahnhofsterrain ein. Die elektrischen Lampen ringsumher waren schon angezündet, und es war, als führe man in dem klarsten Mondschein. – Ein Zug brauste vorüber und verschwand. Und auf der andern Seite auch einer! Aus einem in der Nähe gelegenen Schuppen ertönten flinke Hammerschläge und Gesang. Und ringsumher auf den Straßen erschallte das Klingeln der Straßenbahnen, das Rufen der Zeitungsverkäufer und das »Töfftöff« der Automobile ... »Stettiner Bahnhof!« sagte der Oberlehrer mit strahlenden Augen – »jetzt sind wir da, Knagsted!« »Ja, jetzt sind wir da.« Sie rollten unter ein Glasdach, es klang wie dröhnendes Donnern. – Die Lokomotive Pfiff und gab Kontredampf. Der Zug hielt: die Wagentüren wurden aufgerissen, und die Reisenden wimmelten heraus. Zwei ungeheuer fette Männer stürzten im selben Augenblick aufeinander los und küßten sich drei-, viermal: es klatschte, als wenn man die flache Hand gegen einen Schinken schlägt. – Der ganze Bahnsteig küßte sich: Eltern und Kinder. Onkel und Tanten und Vettern und Kusinen und Großeltern und Urgroßmütter ... es platzregnete förmlich von Küssen. »Küss' auch,« sagte Knagsted, »sonst können sie sehen, daß du ein Ausländer bist, und dann ziehen sie dich auf!« Ein Gepäckträger näherte sich. »Küss' den Gepäckträger, Clausen, dann befördert er deinen Koffer gratis.« » Unsinn! « »Haben Sie Gepäck, mein Herr?« Der Zöllner reichte dem Manne die Gepäckzettel: »Und eine Droschke.« »Jawohl!« Die Menge wälzte sich den Ausgängen zu. Man wurde gepufft und gestoßen und gedrängt. Clausen wurde förmlich herumgerollt zwischen ein Paar atemlosen Damen mit Hutschachteln. »Hier! Hier!« rief der Gepäckträger und winkte. Knagsted faßte den Oberlehrer unter den Arm und zog ihn mit sich hinter dem Wegweiser her durch eine Glastür zur Rechten und eine breite steinerne Treppe hinab. Dort unten stand ein barscher Schutzmann mit einer Menge kleiner Blechmarken auf dem Bratspieß. Er hielt dem Gepäckträger eine Marke hin: »Achthundertundvierundfünfzig!« »Jawohl«, sagte Knagsted und zog weiter mit seinem Jonathan. Auf dem Marktplatz vor der Station stand ein Heer von Droschken. »Achthundertundvierundfünfzig!« rief der Zöllner. »Hier!« Der Wagen fuhr vor, und die beiden Freunde stiegen ein. »Gepäck, bitte?« »Augenblick, ja ...!« »Merkwürdig, wie gewandt du bist, Knagsted!« »Ja, man ist doch Weltmann!« Der Oberlehrer wandte und drehte sich auf dem Sitz und sah sich nach allen Seiten um. Droschke auf Droschke rollte vor das Portal, nahm Passagiere auf und rollte wieder davon. Die Pferde bohrten sich zwischen die Straßenbahnen und die Omnibusse, deren Kutscher fluchten und schalten und drohten, während Radler und Automobile zischend und prustend und klingelnd vorüberfuhren, und die Züge drinnen in der Bahnhalle pfiffen, dampften und lärmten. Der Gepäckträger kam mit den Koffern: »Fünfunddreißig Pfennig.« »Bitte!« »Danke schön!« »Hotel du Nord unter den Linden!« »Schön!« Der Kutscher schlug auf das Pferd los, und die Droschke stürzte sich in das Gewühl. »Es ist doch unverantwortlich, wie er fährt!« sagte der Oberlehrer und hielt sich mit beiden Händen fest. »Klipp – klapp, klipp –klapp!« klangen die Hufschläge gegen den Asphalt. Man drehte um Ecken und sauste an Omnibussen vorüber. Die elektrischen Bahnen warfen einen Regen von kleinen Funken unter die Räder. Die Radfahrer klingelten, die Automobile tuteten ... und Oberlehrer Clausen war nahe daran, sein bißchen Atem zu verlieren. »Jetzt sind wir in der Friedrichstraße.« »So ... Ja, ich mag eigentlich gar nicht fahren ... « »Nicht? ... Kannst du das große Haus da sehen? Das ist eine Kaserne.« Die Droschke hielt mit einem Ruck an. Aus einer Straße der Kaserne gegenüber kam eine Abteilung Soldaten steif und stramm über den Fahrdamm marschiert. Das Kasernentor wurde wie auf Zählen: eins ... zwei, eins ... zwei geöffnet, und die Krieger zogen in den Hof ein. »Stramme Kerls, was, Clausen?« »Ja«, sagte Clausen; er zitterte um sein Leben. Denn die Wagenfahrt, die durch die Soldaten unterbrochen war, begann jetzt von neuem, und ein paar Sekunden lang glich die Straße einem Wirbelstrom von Fuhrwerken. Zwölf bis vierzehn Droschken. Arbeitswagen, Omnibusse und Straßenbahnen schienen rettungslos ineinander verwickelt wie zu einem Knoten. Aber der Knoten löste sich auf das eleganteste, ohne daß auch nur zwei Räder gegeneinander geschurrt hätten. – Und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. »Siehst du wohl, alter Freund, es ging alles gut!« Oben an der Weidendammer Brücke war ein Pferd gestürzt, es lag da und zappelte und konnte nicht in die Höhe kommen. Ein Haufen Menschen hatte sich gesammelt, das Schauspiel mit anzusehen. Die Droschke aber rasselte gefühllos vorüber, auf die Brücke hinauf. »Jetzt fahren wir über die Spree«, erklärte der Zöllner. – »Kannst du wohl das Gebäude da drüben rechts sehen, mit der vergoldeten Pfefferbüchse auf der Spitze? Das ist das Reichstagsgebäude.« »So–o? Sind wir noch nicht bald beim Hotel?« »Ja, jetzt sind wir gleich da! – Siehst du, da ist die Ringbahn wieder!« Sie fuhren unter einer Eisenbahnbrücke, die quer über die Straße lief. Im selben Augenblick brauste ein Zug über ihren Köpfen dahin. Es klang, als rasselte die ganze Welt zusammen. Und als sie auf der anderen Seite wieder herauskamen, war der Oberlehrer gleichsam eine Viertelelle kleiner geworden. »Sind wir denn noch nicht bald da?« »Ja, ja! ... Sieh, da kommt eine elektrische Droschke! Möchtest du lieber mit einer solchen fahren?« »Nein, weiß Gott, das möchte ich nicht.« »So, da haben wir das Café Victoria! Und da sind die ›Linden‹.« »Ach ne–e!« sagte der Oberlehrer ganz enttäuscht. »Sind die Bäume nicht größer ?« »Und da liegt das weltberühmte Café Bauer.« »So–o? Aber darüber kann ich mich gar nicht beruhigen, daß die Linden nicht größer sind.« »Und da drüben ist die Universität und die Hauptwache und das Zeughaus und ... « Clausen nahm plötzlich den Hut ab und nickte holdselig lächelnd nach dem Bürgersteig hinunter. »Wer zum Teufel war denn das ?« fragte Knagsted ärgerlich. »Das war ja Mikkelsen – Sejstrup.« »Was für ein Schafskopf ist das?« »Aber lieber Freund, das ist doch der Schullehrer, den du bei mir trafst, als ich krank war!« » Der Küster? « rief Knagsted aus und streckte die Hände beschwörend zum Himmel empor. – »Herr du meines Lebens! ... Der Küster! mit den Gr–riechen und den R–römern und der Mor–ral und der Volksaufklär–rung und der ganzen Pr–rost Mahl–zeit! ... Aber das will ich dir sagen, Clausen.« brauste er auf – »wenn ich ihm begegne, so morde ich ihn!« – – Die Droschke hielt. Man war am Hotel angelangt.   Bei Keck. – Die Uhr war erst halb zehn, und es waren noch nicht viele Gäste erschienen. Auch von den Wirtinnen saß nur hier und da eine vereinzelte schläfrig über ihrem Bier. Aber die elektrischen Flammen und Kronen waren angezündet, das Gold leuchtete an den Deckenornamenten und den Säulenkapitälen; und die nackten Männer und Frauen ringsherum auf den großen Wandgemälden stellten schamlos ihre weißen Glieder zur Schau. Clausen und Knagsted saßen wohlgeborgen hinter einer Säule rechts von den vergoldeten Glaseingangstüren, die langsam auf und zu klirrten. Sie hatten jeder eine Tasse Café au lait vor sich, und Clausen vergaß beinahe, seine Zigarre in Brand zu halten: »Was für ein Lokal ist dies eigentlich, in das du mich geführt hast?« »Ein ganz ausgezeichnetes Lokal, kleiner Ober; ein Lokal, in dem man viel lernen kann.« Die Glastüren klirrten leise, und ein paar halberwachsene Jungen von 16-17 Jahren schlichen scheu herein. Sie blieben jäh stehen, geblendet von dem Duft und dem Gold und den Gemälden. Es war offenbar das erstemal, daß sie hier waren; und der eine machte eine hastige Bewegung, als wolle er entfliehen. Aber ein gewandter, befrackter Kellner sprang herzu und wies mit liebenswürdiger Handbewegung den beiden Novizen Plätze an einem entlegenen Tisch unter dem Fenster an. Ein Paar Mädchen klatschten in die Hände und stimmten ein gellendes Gelächter an: »Die süßen Jungen! Kommt mal her!« Errötend wendeten die Knaben die Köpfe ab, man konnte ihnen aber ansehen, daß sie sich geschmeichelt fühlten. »Kommen auch Kinder hierher?« sagte Clausen, ganz erschüttert in seinen Grundfesten. »Hm, ja,« sagte Knagsted – »man muß dies ja wie eine Art Anschauungsunterricht betrachten.« »Ja, aber wenn nun eine von diesen – von diesen Damen hingeht und mit den jungen Menschen anbändelt ...?« »Das dürfen sie nicht. Sie müssen auf dem Platz sitzenbleiben, den sie sich einmal gewählt haben.« »So–o!« sagte Clausen, offenbar beunruhigt – »also das müssen sie!« »Ja ... Aber die Knaben können sehr wohl zu den Damen hingehen!« »Ja, aber das wagen sie nicht!« nickte der Oberlehrer zuversichtlich. Knagsted lächelte und streichelte ihm die Hand: »Nein, das wagen sie nicht, nein ... Wir sind ja selber einmal jung gewesen!« – – Die Glastür klirrte jetzt unaufhörlich. Gäste strömten herein; Männer in allen Altern und aus allen Gesellschaftsklassen. – Und dann kam eine »Dame« nach der andern mit viel Gelärm und Geräusch. Sie sahen sich in der Versammlung um und lächelten und nickten und grüßten und nahmen dann Platz, einzeln oder zu zweien an kleinen Tischen mitten im Saal. Von Zeit zu Zeit kamen aber auch ein Bürger mit seiner Frau oder ein Handwerker mit seinem Mädchen angeschlichen. Sie sahen sich geniert und verlegen um, wenn sie aber erst einen stillen, verborgenen Platz gefunden hatten, fingen sie eifrig flüsternd an zu plaudern und schienen sich göttlich zu amüsieren. – – Mitten im Lokal, gerade unter dem größten Kronleuchter, hatte sich eine große, schlanke, brünette, buntgekleidete »Dame« niedergelassen. Sie hatte einen großen funkelnden Rubin in dem einen Ohr und ihre langen, weißen Finger blitzten von Diamanten. Sie gestikulierte lebhaft nach rechts und links und rief den Kolleginnen um sie herum Witze zu. »Das ist die ›Königin‹«, sagte Knagsted; »nicht eins von den andern Mädchen wagt es, sich auf ihren Platz zu setzen.« »So–o?« Die Augen des Oberlehrers leuchteten. »Wer hat ihr diesen Rang verliehen?« »Weiß ich nicht ... vermutlich der Kaiser.« Ein Herr in langem, gelbem Staubmantel und hohem Zylinderhut erhob sich von einem Tisch und ging hinaus. Und nach einer kleinen Weile raffte die »Dame«, mit der er gesessen und sich unterhalten hatte, ihre Kleider zusammen, setzte ihr blumengeschmücktes Mühlrad von Hut zurecht und verschwand auf demselben Wege. – – Die Kolleginnen sahen ihr neidisch nach. »Wo wollen die beiden hin?« »Clausen, Clausen! Du bist ja freilich aus Gammelköbing, aber – –« Der Oberlehrer wurde dunkelrot und barg sein Gesicht über seiner Kaffeetasse. »Nein, das süße kleine Gretchen!« Knagsted zeigte auf ein ganz junges Mädchen von 15–16 Jahren, das zur Tür hereingeschwänzelt kam. Sie war lang aufgeschossen und noch nicht völlig ausgewachsen. Ihr blondlockiges Haar hing in einer langen Flechte über die kurze Jacke herunter, und auf dem Kopf trug sie einen kleinen weißen Strohhut mit hellblauem Bande ... Sie sah aus, als wolle sie auf die Schultour. Die »Königin« erhob sich und winkte und nickte, und die Kleine eilte an ihren Tisch, wo sie Platz nahm. »Das sollte doch wirklich verboten werden«, sagte Clausen. »Ja, ist es nicht sonderbar, lieber Freund?« nickte Knagsted, »aber es ist mir faktisch unmöglich, hierüber sentimental zu werden.« »Was meinst du damit?« »Ich meine, daß diese lieben Kleinen sich ja sehr wohl fühlen. Sieh nur, wie vergnügt sie aussehen, wie geputzt sie sind, und wie sie drauflosreden!« »Ja, aber wenn sie dann nach Hause kommen!« »Meinst du: allein? « »Pfui ... Ja!« »Na, dann schlafen sie und kochen Kaffee und lesen Romane und denken an ihren Staat für den nächsten Abend, und ... « »Aber wenn sie alt werden?« »Ja–a!« sagte Knagsted und kratzte sich nachdenklich in seinem üppigen Haarwuchs – »dann werden sie wohl ein bißchen traurig ... aber dann können wir Junggesellen uns ihrer ja annehmen und uns mit ihnen verheiraten.« »Guten Abend, meine Her–ren! So tr–reffen wir–r uns also auf den Wegen des Laster–rs, ha, ha, ha?« Clausen erstarrte vor Schrecken, denn vor ihnen stand Herr Schullehrer Mikkelsen Sejstrup, dienernd, lächelnd, weiß beschlipst. »Gleich und gleich gesellt sich ger–rn!« fuhr der Küster fort, und sein Antlitz glänzte in dem elektrischen Licht voll und rundlich wie ein überseliger Engelhintern. Gestatten die Herr–ren, daß ich mich zu Ihnen setze?« Und er setzte sich. Clausen sah verstohlen zu Knagsted hinüber, um die Wirkung zu erfassen. Der Zöllner aber lächelte ganz friedlich und sagte äußerst freundlich: »Es ist uns ein Vergnügen. Herr Sejstrup!« Und dann sahen sie sich alle drei ein Paar Sekunden lang starr an. »Hier–r ist es sonder–rbar zu sein!« begann der Küster dann von neuem. »Aber–r man muß es ja sehen! Die Herr–ren tr–rinken Kaffee?« »Ja – wollen Sie auch eine Tasse haben?« fragte Knagsted. »Danke für gütiges Anerbieten!« Der Kaffee wurde bestellt und gebracht. »Sind Sie schon lange in Berlin gewesen, Herr Sejstrup? – Nehmen Sie Sahne?« »Bitte schön! –Vie–r Tage. Und von hier–r r–reise ich nach Par–ris und London.« »Sie wollen sich offenbar einmal ordentlich amüsieren?« Clausen war ganz starr über die Freundlichkeit des Zöllners. »Ich r–reise nicht, um mich zu amüsier–ren, Herr–r Kontr–rolleur–r!« »So, also nicht – – nun weshalb denn?« »Das hohe Minister–rium ist so gnädig gewesen, mir–r dr–reihundert Kr–ronen zu gewähr–ren; und für–r dies Geld mache ich jetzt Studien.« »Hier bei Keck?« »Hier–r bei Keck, ja, und ander–rwär–rts.« »Ah! – – Haben Sie die kleine Dame da drüben beachtet: die mit dem weißen Hut?« (Herr Mikkelsen drehte den Kopf nach der angedeuteten Richtung um.) »Sie sieht brillant aus, wie?« »Ach ja,« sagte der Küster ruhig und sachlich – »sie scheint einen sehr angenehmen Kör–rper zu haben ... « Plötzlich wandten alle Gesichter sich der Eingangstür zu; und zwei Kellner liefen schnell hin und rissen sie weit auf. Ein großer Diener in Livree kam mit einem kleinen, zusammengesunkenen Greis herein, der fest an seinem Arme hing. Der Alte bewegte sich mühsam mit Hilfe eines Stockes vorwärts. Er war weißhaarig, und sein kleines, runzeliges Gesicht war pergamentgelb. Aber die kleinen braunen Augen schimmerten von Leben unter einem Paar buschiger Brauen. Er glich einem Raubvogel ... einem alten, kranken Raubvogel, der nicht sterben will. Er wurde mit Händeklatschen und Bravorufen empfangen. Und alle Mädchen standen auf und winkten. »Hierher! Hierher!« Aber der Diener schleppte ihn an den Mitteltisch, wo die »Königin« und das kleine »Gretchen« saßen. Dort wurde der Alte in einem Stuhl zwischen ihnen angebracht. Dann zog der Diener sich zurück, und die Kellner scharten sich um den Tisch. Der Alte legte seinen beiden Nachbarinnen einen zitternden Arm um den Hals: »Was wollen Sie denn heute abend haben, meine kleinen Damen?«   Knagsted, Clausen und der Küster gingen zusammen die Friedrichstraße hinab, nach den »Linden« zu. Die Bürgersteige wimmelten von lachenden, plaudernden und kritisierenden Fußgängern. Auf dem Asphalt kreuzten sich die Droschken in sausender Fahrt. Die Schwefelholzverkäufer riefen ihre Ware aus. Ein Schutzmann schleppte mit einem schreienden Frauenzimmer von dannen. Ein Pferd glitt aus und stürzte ... Und hoch über dem ganzen Gewimmel leuchteten kalt und leidenschaftslos die bleichen elektrischen Lampen. An der Ecke einer Seitenstraße schimmerten ihnen eine Reihe erleuchteter Fenster entgegen. Und über der Tür stand mit großen goldenen Buchstaben: Café National. Der Küster blieb stehen: »Gucken die Herr–ren hier–r nicht noch einen Augenblick mit ein?« »Nein, jetzt wollen wir wahrhaftig zu Bett,« sagte Knagsted, »die Uhr ist ja gleich eins ... Was ist denn da drinnen zu observieren?« »Da sind auch unglückliche Mädchen, aber–r sie sind einen Gr–rad ger–ringer als bei Keck.« »Haben Sie denn noch nicht genug von diesen kleinen Zuckerpuppen, Sejstrup?« »Ich bin Mitglied des Vereins gegen den gesetzlichen Schutz der Unsittlichkeit«, sagte der Küster mit finsterem Ernst. »Und zu dem Zweck mache ich Studien zu einem kleinen Aufsatz über diese ar–rmen Fr–rauen und ihr–r Leben und Tr–reiben!« Und damit verschwand er in das Café. »Dreihundert Kronen!« sagte Clausen nach einiger Zeit, »für die Summe kann er doch wirklich nicht durch ganz Europa reisen!« »Mein Gott ja!« sagte Knagsted. »Und du sollst sehen, er bringt noch gut hundert wieder mit nach Hause! ... Das ist ja einer von den Gründen, weshalb wir ihnen nicht widerstehen können, der Teufel mag wissen, wie sie es anfangen, uns hat er doch auch gleich die Tasse Kaffee abgeknöpft.« Der Bürgersteig auf der rechten Seite der »Linden«, vom Brandenburger Tor bis am königlichen Schauspielhaus vorüber, stand gedrängt voll von Neugierigen. Um zwölf Uhr sollte der Kaiser vorüberkommen. Es sollte irgendein Denkmal draußen in der Tiergartengegend enthüllt werden. (Es sollten stets Denkmäler enthüllt werden, wenn man in Berlin ist.) – Größere und kleinere Militärabteilungen waren schon mit bunten Standarten und lärmenden Musikkorps vorübergezogen. Lange Wagenreihen mit lächerlich ausstaffierten Studenten in roten, blauen und grünen Uniformjacken und weißen, enganschließenden waschledernen Beinkleidern waren in derselben Richtung hinuntergejagt. Offiziere mit klirrenden Sporen und wehenden Helmbüschen stolzierten auf dem abgesperrten Asphalt dahin ... Und berittene Schutzleute fuhren dazwischen hin und her, winkten mit ihren weißbehandschuhten Händen und riefen und erteilten Befehle, während die goldenen Helme in der Sonne blitzten und der Schaum in großen Flocken von den Zäumen der Pferde floß ... Oberlehrer Clausen stand ganz oben auf der Spitze seiner längsten Zehen vor dem Café Bauer. »Ist er da?« fragte der Zöllner, der ungleich ruhiger als sein Freund an einem Tische saß und eine Tasse Schokolade trank. »Nein, noch nicht ... « Clausen streckte sich immer mehr; es sah aus, als trainiere er sich, um in die Luft aufzusteigen. »Aber Clausen, daß du auch nie achtgeben kannst!« »Was ist denn nur los?« »Nun hast du ja schon wieder vergessen, deine Hose zuzuknöpfen!« Die Hände des Oberlehrers fuhren ganz verwirrt nach den Knöpfen herunter und verrichteten das Geschäft. »Das ist wirklich ganz schrecklich!« sagte er. »Ja, du solltest dir eine Kammerjungfer halten.« Ein rasselnder Trommelwirbel, mit gellenden Kommandorufen untermischt, scholl von der Hauptwache her. Zwei Schutzleute auf blankbraunen, schnaubenden Pferden kamen in sausendem Trab die Reihen hinab. Eine wogende Unruhe, ein hastiges Murmeln ging durch die Menge: »Der Kaiser! Der Kaiser!« »Da ist er!« sagte der Oberlehrer. Und der Zöllner vergaß seine Ruhe und sprang auf ... Wie ein Blitz sprengte die kaiserliche Equipage auf ihren Gummirädern vorüber. Man sah nur wie einen Schimmer das bleiche Gesicht des Kaisers mit dem breit gespreizten Schnurrbart. Seine kleinen, kalten Augen glitten scheu und hastig über das Publikum hin, nach rechts und links, und er senkte fast unmerklich den Kopf und grüßte, die Hand an die Uniformmütze gelegt. Nur einzelne Hüte wurden gelüftet, und hier und da ertönte ein vereinzeltes Hurra ... Man hatte eher den Eindruck, daß »das Volk« einem Schauspiel beiwohnte, als daß es von Angesicht zu Angesicht mit seinem von Gott bestallten Cäsar stand. Der Wagen verschwand, und der Menschenstrom schlug hinter ihm zusammen. »Nun hast du ihn also gesehen. Clausen!« »Ja–a! Vergnügt sah er nicht aus.« »Ach nein; die Zeit der gemütlichen Monarchen ist vorüber. – – – Aber jetzt ist da mehr Hallo!« Zehn, zwölf scharfe, gellende Pfeifen, von ebenso vielen taktfesten Trommeln begleitet, erschollen unten in der Friedrichstraße: Eins, zwei – eins, zwei. Man konnte förmlich die disziplinierten Beine der Soldaten die Straße abmessen sehen wie eine Abteilung wandernder Zirkel. Sie kamen näher und näher; deutlich hörte man jetzt die Fußtritte auf dem Asphalt. Aber dann plötzlich fiel ein hundertstimmiges Orchester mit einem Getöse ein, das jeden anderen Laut übertönte: Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands – Heil, König, dir! ... Die Musik schlug gegen die Fassaden der Häuser, wurde zurückgeworfen und sank und stieg in der engen Straße, bekam Fahrt und wurde vorwärts getrieben, bis sie über die »Linden« hinausgeschleudert wurde wie eine Kaskade von Tönen! Abermals fuhren alle Gäste von ihren Stühlen auf und stürzten auf den Bürgersteig hinaus. Es war die Wachtparade, die aufzog. Und nun bog sie ein und kam am Café Bauer vorüber. Tschim da-da, tschum da-da, bum, bum, bum: ... Fühl' in des Thrones Glanz, die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein – Heil, König, dir! sangen die Instrumente, und einzelne hochgestimmte Patrioten fielen mit ein, indem ihre Gesichter förmlich bleich wurden vor Begeisterung, während ein heiliger Schauer ihnen durch das Rückgrat lief. Hüte wurden geschwungen, Händeklatschen und Hurrarufe ertönten ... Das war was für »das Volk«! »Man bekommt förmlich Lust, Soldat zu werden!« »So–o?« »Und solche Lust, mit dem Bajonett draufloszugehen!« Der Oberlehrer machte mit der geballten Faust einen wilden Ausfall gegen die Rippen des Zöllners. »Reitet dich der Böse?« »Das ist die Musik!« sagte Clausen, und seine Augen funkelten vor Verlangen draufloszugehen. »So was ist mir doch, weiß Gott, noch nie vorgekommen! ... Willst du dich schlagen?« »Nein, das will ich nicht; aber, aber – –« »Aber was?« »Ich – ich mußte plötzlich an mein Vaterland denken!« »Nein ...? Nun bitt' ich Sie, Frau Heilbunth!!« »Ja, du bist natürlich Anarchist!« »Sag' mal, Clausen, bist du verrückt geworden?« »Nein, das bin ich nicht!« »Also doch nicht?« »Nein ... aber so ein Eiszapfen wie du, der kann natürlich keine Begeisterung empfinden.« »Ja, weiß Gott, das kann ich! Ich bin zum Beispiel diesen Augenblick gang rasend begeistert über dich! « »Puh!« sagte Clausen und sank schlaff auf seinen Stuhl nieder. Man konnte die Musik nämlich nicht mehr hören.   Der Tiergarten ist das Schönste von Berlin. Und wunderbar ist es, daß dieser prachtvolle Wald in diesem fuchsroten Sand hat wachsen können. Aber nun steht er also da! – Clausen und Knagsted kamen im Taxameter durch das Brandenburger Tor gesaust. Ihre Köpfe wackelten wie ein paar chinesische Puppen. »Ich mag eigentlich absolut nicht fahren, Knagsted –« »Nein, das magst du ja nicht.« Der Wagen rummelte quer über die Straßenbahnschienen und die Allee zur Rechten hinab, an dem Reichstagsgebäude vorüber. »Das ist ein reizender Palast!« Clausen sah verstohlen zu dem Freund hinab. »Findest du das?« »Ja, und so leicht und elegant in allen seinen Linien! ... Wenn er nur nicht einmal direkt zum Himmel aufsteigt.« Dann bogen sie um die Siegessäule und fuhren die Siegesallee hinunter, wo alle die weißen Kolossalstatuen sich schimmernd von dem dunklen Hintergrund der Bäume abheben. » Dies ist wirklich pompös«, sagte Knagsted. »Welch eine Menge Sieger Preußen gehabt hat!« In weniger als zwei Minuten hatte der Wagen das Ende der langen Allee erreicht. »Dreh' dich um!« sagte der Zöllner, »dann wirst du etwas sehen!« Clausen wandte sich um und sah wie in einer flüchtigen Vision die beiden Reihen schimmernder Marmorfiguren und ganz unten als Abschluß den hohen Obelisk mit der goldenen Siegesballetteuse auf der Spitze in der Vormittagssonne gleißen. »Prachtvoll!« »Prachtvoll, ja; nur schade, daß die da oben die Arme nicht bewegen kann!« Dann fuhren sie die Tiergartenstraße hinab, wo die Villen der Millionärjuden Seite an Seite liegen, mit prangenden Blumengärten davor. Und zwischen den Blumen hüpfen die niedlichsten Rehe und Hasen, und hinter Buschwerk und Blattpflanzen gucken schelmische Zwerge und Zwerginnen mit roten Zipfelmützen über den häßlichen Porzellanfratzen hervor. »Meinen kleinen Paludans daheim in Villa Rörholm würde bei diesem Anblick das Herz im Leibe hüpfen!« sagte der Zöllner. »Und welch ein Paar herrliche Hunde das sind!« Hinter einem feuervergoldeten Gartengitter saßen ein Paar mächtige blaugraue Grand-Danois auf ihren Schwänzen und sahen ganz idiotisch aus. »Sind die auch aus Porzellan?« »Die sind auch aus Porzellan, ja, oder was für ein Arkanum es sein mag ... Ich finde es übrigens sonderbar, daß man nicht so ein Paar vor dem Reichstagsgebäude angebracht hat!« – Jetzt bog der Wagen in einen Seitenweg zwischen den Bäumen ein. Hier war es frisch und kühl, und nirgends standen Porzellanfiguren, wenigstens vorläufig noch nicht! Auf den Bänken da drinnen saßen Ammen und Kindermädchen in bunten Nationaltrachten: kurze, schwarze Röcke mit breiten, bunten Borten, Zwickelstrümpfe und große, weiße, flatternde Kopfbedeckungen. – Sie genierten sich nicht, diese Damen; wenn die Kinder irgendein größeres oder kleineres Bedürfnis empfanden, knöpften sie auf, streiften herunter oder banden auf und präsentierten die ganzen Herrlichkeiten des Kindes ohne Scheu dem Vorübergehenden. »Sie könnten doch gern ein wenig ins Gebüsch gehen ... «, sagte Clausen empört. »Das finde ich auch«, entgegnete Knagsted. – »Aber das wollen sie nun einmal nicht.« Der Kutscher fuhr an die Seite des Weges, und der Wagen hielt. »Was gibt's denn jetzt?« Es war ein ganzer Aufzug, der vorüberkam. An der Spitze ritten ein paar mittelalterliche Ritter mit Federhüten, Pumphosen, langen Stiefeln und goldgestickten Samtwämsen. Sie saßen kerzengerade in den Sätteln, die linke Hand in die Seite gestemmt. Und die Pferde waren mit Schabracken und buntem Lederzeug aufgeputzt. Dicht hinter den Vorreitern folgte Wagen auf Wagen. Wohl an zwanzig Stück, mit Flaggen und Grün geschmückt und voll von plaudernden, lachenden Männern, Frauen und Kindern. – Im mittleren Wagen sah ein Orchester von zehn bis zwölf Personen, die tuteten und trommelten und triangelten, so daß es im Walde widerhallte. – Unter allen Wagen hingen an schweren eisernen Ketten baumelnde Biertonnen mit Laubwerk um den Magen. – Und der ganze Zug ward beschlossen von zwei berittenen Landsknechten in Lederkollern und aufgekrempten Schlapphüten und langen, wimpelgeschmückten Lanzen. Sie pusteten und stöhnten unter dem Staat, und der Schweiß trieb ihnen in reißenden Bächen über ihre roten, grinsenden Gesichter ... Der Droschkenkutscher sah dem Zuge neidisch nach und setzte den Wagen wehmütig in Gang: »Das war ein Schneiderverein, der eine Waldpartie macht«, erklärte er. Und man konnte es seinen schwimmenden, träumenden, sehnsuchtsvollen Blicken ansehen, daß er mit Freuden den Verein mit einem ganzen Dutzend Patentscheren beschenkt haben würde, wenn er hätte mitmachen dürfen. Sie fuhren über eine Menge sich kreuzender, kiesbedeckter Steige und breiter, asphaltierter Wege. Und ständig wechselten die Umgebungen. Bald war es, als befinde man sich in einem einsamen, vernachlässigten Walde, wo die Bäume wuchsen, wie sie gerade Lust hatten, und wo die Zweige dem wehmütigen Kutscher um die Ohren schlugen und nahe daran waren, ihm den Wachstuchhut abzureißen. – Und bald rollte man große, helle Alleen mit Straßenbahnen und Omnibussen und elektrischen Ständern entlang. – Aber immer war es der Tiergarten. »Schloß Bellevue«, meldete der Kutscher, als der Wagen an einem großen, grauen, zweistöckigen Gebäude mit spitzzulaufendem ziegelgedeckten Dach über zwei Reihen hoher, schmaler Fenster mit Hunderten von kleinen, blitzenden Fensterscheiben vorüberfuhr ... Auf dem öden, grasbewachsenen Schloßhof standen ein paar rostige Kanonen auf ihren Granitfundamenten und glotzten dummdrohend auf den Weg hinaus. » L´ancien régime! « sagte der Oberlehrer; er konnte nämlich Französisch. »Ja,« sagte der Zöllner – »die alte, gute Zeit! Wer doch sein eigener Urgroßvater wäre! Damals gab es doch etwas, wovor man Respekt haben konnte.« »Meinst du das wirklich?« »Ja, weiß der liebe Gott, das meine ich! All dies hier mit Freiheit und Fortschritt und elektrischen Straßenbahnen und lenkbaren Luftschiffen mag meinetwegen der Teufel holen! Man bekommt es so satt. Nein: Türhüter in einem alten Königsschloß 1781. Das ist das Ideal!« Clausen wandte sich nach dem Freund um und sah ihn eindringlich an: »Ich möchte so gern vernünftig mit dir reden, Knagsted,« sagte er – »so über alles ... « »Rede nur los!« »Ja, aber wenn wir mitten in der Unterhaltung sind, zerschneidest du das Ganze ... « »Tue ich das? Das ist nicht recht von mir. Aber das tue ich auch wohl nur, wenn ich hungrig bin.« Nur acht bis zehn Tage wollten die Herren sich in Berlin aufhalten. Und Knagsted zerrte deswegen seinen Freund in Museen und Sammlungen und in Theater und Tingeltangel, so daß sie beide todmüde wurden. »Aber du mußt doch was einsammeln, wovon du zu Hause zehren kannst, lieber Clausen! ... Laß uns jetzt hier hineingehen! Das ist das Zeughaus.« Sie durchschritten viele große und hohe Säle, mit Kanonen und Fahnen und Waffen aller Art aus allen Zeitaltern angefüllt. »Daran ist gar nichts zu sehen! Komm nur mit mir!« »Hier sind doch aber viel sehr interessante –« »Hm, ja! Aber komm du nur mit mir!« Und sie trabten und trabten. Und die Leute wandten sich um und sahen dem kleinen, sonderbar behaarten Mann nach, der mit dem großen, hübschen, kindlich aussehenden Herrn abzog ... Ein Sancho Pansa mit einem Don Quichotte. »Hier ist es,« sagte Knagsted, »hier unten in dieser Ecke.« Und gleich darauf standen sie vor einem großen, vieleckigen Glaskasten, in dem man hinter den Glasscheiben Hunderte von Orden und Medaillen an bunten, vielfarbigen Bändern erblickte. Ganz oben in dem Glaskasten aber, auf einer kleinen, samtbezogegen Erhöhung lag ein alter, dreieckiger, schwarzer Filzhut, rostrot vor Alter, durchlöchert und zerrissen und an einzelnen Stellen mit grobem, grauschwarzem Bindfaden zusammengenäht. »Siehst du den?« fragte der Zöllner in einem beinahe feierlichen Ton. »Siehst du den Hut da?« »Ja ... « »Ich komme nie nach Berlin, ohne daß ich nicht hierhergehe und meine Andacht verrichte.« »So–o? Und wessen Hut ist es denn?« Der Oberlehrer war angesteckt von der Feierlichkeit seines Begleiters; er war ganz blaß. »Es ist Napoleon des Großen Hut!« »Ja ... « Es entstand eine Pause von fast einer Minute. – Man hörte das Publikum ringsumher in den Sälen reden und lachen. Und draußen Unter den Linden ertönte Rufen und Wagenrasseln und Lärm und brausendes Leben. »Weißt du, was ich immer denken muß, Clausen, wenn ich hier stehe?« »Nein!« »Ich muß immer denken, wenn ich, ohne entdeckt zu werden, diesen Hut stehlen und nach Frankreich zurückbringen könnte, so täte ich es, und wenn ich dann hinterher auch gerädert werden sollte.« »Und was für einen Zweck sollte das wohl haben?« fragte Clausen unwillkürlich. Der Zöllner erhob den Kopf mit einem Ruck. »Nein.« sagte er lächelnd, »nein, natürlich hast du recht, du alter Idealist! Was für einen Zweck sollte das wohl haben! ... Komm, laß uns gehen!« »Ja, aber Knagsted ... Knagsted ...!« Aber der Exzöllner war schon längst verschwunden. – – Als sie auf dem Rückwege durch die Ruhmeshalle kamen, blieben sie einen Augenblick vor dem großen, herrlichen Öldruck stehen, der Kaiser Wilhelm den Ersten als Triumphator in goldenem mit sechs weißen Rossen bespannten Wagen, umgeben von Generalen und Balletteusen, darstellt. »Das ist wirklich schön!« sagte Knagsted – »wirklich schön! Aber als ich das letztemal in Berlin war, sah ich eine Ansichtskarte von Bismarck, der in dem himmlischen Wintergarten von Sankt Peter und einigen anderen Seligen empfangen wird ... das war denn doch noch schöner!«   Draußen peitschte der Regen. – Von der Straße her ertönte ein unaufhörliches Plätschern und Sickern, und die Linden da draußen sahen ganz melancholisch aus mit ihren triefenden klatschnassen Blättern. Knagsted saß unten im Lesesaal des Hotel du Nord und trank seinen Morgenkaffee. Das Lokal war öde, dunkel und leer; er war der einzige Gast, der aus dem Bett gekrochen war, und doch ging die Uhr schon stark auf zehn. Er gähnte und schüttelte sich und murmelte halblaut vor sich hin: »Daß man nicht samt und sonders zu Deliristen wird!« Die Tür zur Vorhalle wurde schnell geöffnet, und ein junger Mann trat pfeifend ein. Sobald er aber den Herrn am Kaffeetisch gewahrte, hielt er mit der Musik inne und setzte sich still an das Fenster und sah über die »Linden« hinaus. – »Er war groß und schlank und gut gewachsen, mit blondem, lockigem Haar und einem schönen, vornehmen, ein wenig sonnengebräunten Gesicht, das von Jugend und Lebensmut strahlte ... «, wie in den Romanen geschrieben steht. Und er schien sich den Kuckuck auch an den Regen zu kehren, saß da und hüpfte förmlich vor Vergnügen auf seinem Stuhl. Knagsted schielte über seine Kaffeetasse zu ihm hinüber: Hm – hat der einen Überschuß an Humor! Es war wahrhaftig lange her, seit ein gewisser anderer so wohlbeschlagen gewesen! ... Wo aber hatte er doch dieses Milchgesicht und diese »Locken« schon gesehen? Der junge Mann, der wohl fühlen mochte, daß er beobachtet wurde, wandte sich vom Fenster ab und sah zu dem Zöllner hinüber. Er schien zu stutzen, und ganz unwillkürlich erhob er sich von seinem Stuhl und verneigte sich: »Godmorgen!« »Godmorgen«, grüßte Knagsted ein wenig widerwillig. »Sind Sie ein Däne?« »Ja!« »Ich meine, ich müßte Sie kennen–« »Ja, ich meine auch ... « Plötzlich glitt ein Lächeln über das Gesicht des Zöllners. »Sie sind ja der Student aus Charlottenlund!« Der junge Mann lächelte ebenfalls und errötete. »Ja – und Sie sind einer der Herren, die auf der Bank saßen und sahen – –« »Ja, wir sahen den Skandal , ja! – – Aber wo ist denn die Kleine?« Der Student errötete noch tiefer. »Ach –« lachte er geniert – »die liegt oben und schläft!« »Seid ihr durchgebrannt?« Jetzt lachte der junge Mann laut auf: »Nein – nein – nein! Wir sind auf Reisen mit ihrer Mutter!« »Gratuliere!« »Danke – ha, ha, ha!« »Nun, gratuliert habe ich Ihnen ja übrigens schon einmal!« »Ja – aber da hatten wir es noch nicht gesagt .« (Plötzlich blitzten zwei kleine leuchtende Glückseligkeitsflammen in seinen Augen auf:) – »Da ist sie!« Die Tür zur Vorhalle hatte sich abermals geöffnet, und eine junge Dame erschien auf der Schwelle: »Hugo, Mutter wartet ... « Auch sie war hell und blond und strahlend wie ein – wie ein Sonntag im Mai! »Hugo, Mutter wartet ... « »Ja, jetzt komme ich!« Der Student hatte sich erhoben und verneigte sich leicht in der Richtung nach Knagsted hin wie zum Abschied. »Ach, kann ich sie nicht mal ordentlich sehen?« Der Zöllner war selber ganz erstaunt, wie weich und flehend seine Stimme klang. Die Augen des jungen Mannes strahlten. »Ja«, sagte er, ging hin und faßte die Herzliebste bei der Hand. – »Sie ist auch wirklich wert zu sehen! – – Hier ist ein Herr, der dich gern begrüßen möchte, Agnes!« (Er führte sie näher an den Tisch heran:) »Kennst du ihn nicht?« »Nein,« sagte sie verwirrt – »nein – –« Der Student lachte laut. »Ich bin die leibhaftige Bosheit!« sagte Knagsted mit finsterer Stimme. »Die leibhaftige –?« »Die scheinbare leibhaftige Bosheit, ja!« »Ja, aber Hugo – ich –« Der Student stand da und freute sich unbarmherzig an ihrer Hilflosigkeit. Aber dann bekam er doch Mitleid: »Wollen wir ihr nicht erzählen, wer –?« »Nein! Nein!« sagte Knagsted sehr bestimmt. Im selben Augenblick kam Clausen zur Tür herein – morgenfrisch, sauber und munter. »Und das ist die leibhaftige Güte, schönes Fräulein!« stellte der Zöllner vor. »Ja!« sagte der Student und grüßte überrascht, »da ist wirklich der andere!« Der Oberlehrer stand da wie Lots Frau. »Ja, dann geht nur, Kinder!« nickte Knagsted. »Vielen Dank, daß ihr euch gezeigt habt.« »Ja, aber sollen wir nicht ... sollen wir uns nicht vorstellen ...?« »Nein! Geht nur!« Der junge Mann lachte von neuem, so daß es im Zimmer schallte: »Das ist doch wirklich ein amüsantes Reiseabenteuer! Dann komm nur, Agnes!« Und sie gingen. – Und draußen peitschte der Regen. Der Oberlehrer war mitten im Zimmer stehengeblieben. Er sah, mit Respekt zu melden, geradezu dumm aus. Knagsted saß noch immer bei seinem Kaffee. »Abscheuliches Wetter heute, Clausen; wir kommen gewiß nicht nach Potsdam.« »Nein ... Wer waren die beiden jungen Leute?« »Hast du dein Frühstück bestellt?« »Ja–a! ... Wer waren die beiden?« »Du hast sie also beachtet?« »Ob ich sie beachtet habe ...! Ja, dazu war ich doch wohl gezwungen!« »Wer sie waren? ›Das Leben‹ und ›das Glück‹, kleiner Ober!« »Kanntest du sie?« »Nein ... « »Du sprachst doch mit ihnen!« »Ja–a! ... Da ist dein Kaffee.« Ein Kellner kam mit einer Portion Kaffee auf einem Teebrett herein, das er auf den Tisch des Zöllners stellen wollte. »Nein!« sagte Knagsted bissig – »nicht hier! ... Da«, und er zeigte auf einen Tisch ganz in der entgegengesetzten Ecke. – »Ich will nicht Gesellschaft haben in diesem bösen Gewitter!« Der Kellner knickte zusammen und schnitt eine fürchterliche Grimasse, um seinen Kellneranstand zu bewahren (es sah aus, als bekäme er Bauchkneifen), er setzte das Teebrett auf den bezeichneten Tisch und verschwand. Clausen ging hin und setzte sich. »Du bist sehr launenhaft, Knagsted!« »Das bin ich, weiß Gott!« Dann entstand ein Schweigen. Man hörte nur das Rasseln der Messer und Teelöffel. – Und draußen peitschte der Regen gegen die Fensterscheiben. »Ein abscheuliches Wetter, Clausen!« »Ja.« »Wir kommen heute wohl nicht mehr nach Potsdam!« »Nein!« »Schmeckt der Kaffee gut?« »Ja.« »Bist du ärgerlich?« »Nein!« »Aber beleidigt?« »Hm ... « »Ich will dir nämlich sagen. Clausen,« begann Knagsted plötzlich – »ich gerate allemal in so abscheuliche Laune, wenn ich zwei junge, glückliche und verliebte Menschen sehe.« »Dazu ist aber doch gar kein Grund vorhanden!« »Ja, lieber Clausen, dazu ist wohl Grund vorhanden! ... für einen denkenden Menschen wenigstens! Nun kannst du sagen, ich könne das Denken ja nachlassen, aber das ist gar nicht so leicht, wenn man daran gewöhnt ist! – – Und wenn ich zwei solche ... Perlhühner sehe, die glauben, daß das ganze Leben nur ein Sommerball mit bunten Lampions ist, so kann ich es nicht lassen, darüber nachzugrübeln, was für kleine allerliebste Niederträchtigkeiten euer lieber Vater Zeus nun wohl ersonnen hat, um sie so recht mitten ins Schwarze zu treffen.« »Hm ... Wer waren denn die jungen Menschen?« »Bei Gott im Himmel, Clausen, ich ahne es nicht! Aber das, finde ich, ist auch ganz gleichgültig. Sie sind froh und ›glücklich‹ – – ergo müssen sie ›gezwickt‹ werden.« »Nun, das steht doch wohl nicht so fest ... « »Das steht so fest wie die Tatsache, daß du über ein halbes Dutzend unvollkommener Schwanzwirbel besitzest!« »Hm!« »Willst du meine neue Theorie hören, Clausen?« »Hast du nun wieder neuen Blödsinn ausgeheckt?« »Ja ... Da nun die Menschen einmal gequält werden sollen, und das steht ja nun einmal fest, so meine ich, es würde viel besser sein, wenn sie das Leben damit begönnen , daß es ihnen schlecht erginge!« »Hm ... « »Und zu dem Zwecke sollte man seine Kinder auf alle Weise quälen und peinigen ... ja, wir beide haben ja keine, und das ist wohl im Grunde das einzige Anständige an uns! ... Aber die Leute, die Kinder haben, sollten sie prügeln und sie hungern lassen und sie kneifen und ihnen kalte Duschen mit Eisklumpen darin geben, bis sie konfirmiert werden! Wie seelenvergnügt würden die Gören da nicht sein, wenn sie aus dem Elternhause wegkämen! Und wie licht und rosig würde ihnen da nicht die Gegenwart und die Zukunft erscheinen, wenn sie an ihre Kindheit zurückdächten!« »Wenn dich jemand so reden hört. Knagsted, müßte er doch glauben, daß du verrückt wärest.« »Ja, das müßte er, aber das glaubt man ja anfänglich von allen großen Reformatoren! ... Nun höre aber einmal weiter: Jetzt dahingegen verzieht und verhätschelt man die Kinder auf alle mögliche Weise, man packt sie in Baumwolle und gibt ihnen Pfannkuchen und Brustzucker und süße Milch und Nußkerne ... « »Ja, aber das ist doch gerade hübsch !« »Das ist idiotisch ! Denn die Folge davon ist nur, daß sie, sobald ihnen, wenn sie erwachsen sind, etwas Unangenehmes zustößt, melancholisch und sentimental werden und sich nach ihrer Kindheit zurücksehnen und keuchen und stöhnen und die Nase putzen und meinen, das sei doch die schönste Zeit ihres Lebens gewesen!« »Ja, aber ... « »Halt's Maul! ... Während dahingegen diejenigen, die nach meiner Theorie erzogen würden, sich vergnügt die Hände reiben und sagen würden: Ach ja, dies hier mag schlimm genug sein; aber wir hatten es, hol' mich der Teufel, doch tausendmal schlimmer, als wir Kinder waren bei diesen Schindmähren von Eltern, mit denen wir begabt waren! ... Und dann würden sie an ihre Arbeit gehen und eine lustige Melodie pfeifen und entzückt darüber sein, daß das Ärgste jetzt überstanden ist.« »Du hast gewiß eine unglückliche Kindheit gehabt. Knagsted ... « »Ich!? ... Frauenzimmerlogik! Ich habe es gerade als Kind so wunderbar, kolossal, himmelblau herrlich gehabt, daß das schuld daran ist, daß ich jetzt das abscheuliche, alte, mürrische, unverbesserliche Stachelschwein bin! ... Möchtest du gern wissen, wer die beiden Amoretten vorhin waren?« »Ja ... ja ... « »Das waren die beiden armen jungen Menschenkinder, die wir im Frühling in Charlottenlund einander in die Arme fallen sahen.« »Nein, waren es die?« sagte Clausen, und ein glückliches, strahlendes Erinnerungslächeln klärte sein Gesicht auf. »Und was meinst du, daß dein lieber Herrgott für sie vorbehalten hat?« »Für sie vorbehalten hat ...?« wiederholte Clausen unsicher. »Ja ... Glaubst du etwa, daß sie sich gleich verheiraten können?« »Nein ... sie sind ja noch so jung ... « »Na ja ... ja, dann wird er sich mit Gottes Hilfe wohl die ›galante Krankheit‹ holen und sie anstecken!« »Pfui!« Der Oberlehrer erhob sich so hastig, daß sein Stuhl umfiel. – »Du bist ein Schwein , Knagsted!« Der Zöllner sah ihn ruhig an: »Glaubst du etwa, daß ich so etwas zu meinem Vergnügen sage?«   »Nach dem Park von Sanssouci!« »Jawohl, mein Herr!« Der Kutscher krabbelte auf den Bock und peitschte auf seine Antiquität von einem Pferd los, das sich mit einem Sprung in Bewegung setzte, so daß sein Herr nahe daran war, hintenüber zwischen seine Passagiere zu stürzen ... Von den andern Droschkenkutschern auf dem Platz ertönte ein schallendes Gelächter! »Der Mann ist gewiß betrunken!« flüsterte der Oberlehrer ängstlich. »Total!« sagte der Zöllner. Potsdam ist die reizendste und gemütlichste kleine Provinzstadt, die man sich vorstellen kann, mit kleinen, niedrigen Häusern, schmalen Straßen, spitzen Pflastersteinen und Gras auf den Bürgersteigen. Aber dann sind da ja leider auch Soldaten und Kasernen und Militär-Waisenhäuser und ein königliches Schloß und ein »Schauspielhaus« und fünf, sechs Kirchen, unzählige Denkmäler und Mausoleen und Grabkapellen und der Teufel und seine Großmutter und ein »Brandenburger Tor« ... Der Mund stand dem bleihaltigen Kutscher keinen Augenblick still, während sie durch Straßen und Gassen fuhren und über Brücken, Plätze und Markte. Er schwatzte in dem Maße, daß er das Pferd vergaß, und wenn dies dann aus eigenem Antrieb um Straßenecken bog, wippte der Mann auf dem Bock ganz auf den einen Schinken hinüber und war mehr als einmal kurz davor, kopfüber vom Wagen herunterzufallen. »Da liegt das Rathaus ! Und da liegt der Palast Barberini ! Und da die Kommandantur ! Und da die Garnisonkirche mit einem schönen Glockenspiel: ›Lobe den Herrn‹ und ›Üb' immer Treu und Redlichkeit‹ ... « Sie rollten durch das »Brandenburger Tor« und über den »Luisenplatz«, vorüber an der »Friedenskirche« und hielten schließlich vor dem »Grünen Gitter«. Der Kutscher machte eine flotte Handbewegung: »Hier, meine edlen, hochwohlgeborenen Herrschaften, tritt man in den Park von Sanssouci!« Die Herren stiegen ab, und Knagsted gab dem hochwohlbetrunkenen Rosselenker ein Zweimarkstück. Was offenbar die Veranlassung war, daß der Kerl seinen Hut zwischen seine Füße setzte und mit entblößtem Haupt davonfuhr, mit einer Ehrerbietigkeitsverbeugung, von der wieder aufs Gleichgewicht zu kommen ihn mindestens dreißig Sekunden kostete. Dann standen sie in dem wunderbaren Park mit seinen herrlichen Lindenalleen, seinen Fontänen, Statuen, Terrassen, Orangerien und prachtvollen Blumenanlagen. Knagsted blieb gleich hinter dem Tor stehen. »Ja, hier in diesem schönen Garten, lieber Clausen,« sagte er, »hier mag ich eigentlich am liebsten allein wandern ... « Der Oberlehrer sah ganz bestürzt aus. »Ja, aber lieber Freund, das kannst du doch gern tun ... « Der Zöllner steckte freundlich seinen Arm unter den seinen und zog ihn mit sich fort: »Du ließest mich nicht ausreden,« sagte er. »ich wollte folgendermaßen fortfahren: ... aber ich bin sehr entzückt, daß ich dich hier bei mir habe, denn deine liebliche Nähe und deine herrliche Redseligkeit befreien mich von der tiefen Schwermut, die sich an Stätten wie diese immer auf mich herabläßt. Ich bin nämlich, mein lieber guter Clausen, trotz deines und aller reinlich lebenden Bürgerinnen Urteil ein ganz außerordentlich ›poetischer‹ Kater. Das Sausen dieser historischen Bäume und der Anblick dieser verwitterten Marmorfiguren, dieser Springbrunnen, dieser Bänke, dieser Terrassen, dieses Schlosses ... das alles erfüllt mein sogenanntes Gehirn mit einer bittersüßen Sehnsucht nach den entschwundenen heiligen Zeiten, als die Könige von Gottes Gnaden waren und ihren Morgenspaziergang mit Zepter und Krone machten ... als alle Straßen in der Welt eng und schmal waren und man vier Wochen gebrauchte, um von Kopenhagen nach Hamburg zu reisen. – – Sieh dir einmal die Terrasse dort an ... Siehst du nicht den kleinen, mageren, knabenhaft schmächtigen Friedrich den Großen dort mit dem ›Ungeheuer‹ Voltaire an seiner Seite hinabwandern? Sie sind beide zierlich gekleidet in Kniebeinkleidern, Spangenschuhen, Allongeperücke und Spitzenmanschetten. Ihre kleinen Augen stechen und flammen. Sie disputieren, der kleine, große König stampft auf die Marmorfliesen, so daß ihm der Puder wie eine Wolke um den Kopf steht. Er stößt wütend mit dem Fuß nach einem seiner Windspiele, so daß es heulend die Stufen hinuntertründelt. Er will recht haben! Will ! Will ! Er glaubt an nichts als an sich selber. Er hat Preußen aufgebaut. Er ist der Grundstein, auf dem das ganze Reich ruht. Und das weiß er ! Wenn er seine Knabenhand erhebt, beugt sich sein ganzer Hofstaat bis zur Erde. Und über den gebeugten Häuptern leuchtet sein blasses, nervöses Lächeln höhnisch, voller Verachtung ... und Mitleid. – Er hat Voltaires Namen gehört, und er hat Voltaires Bücher gelesen. Und eines Tages hat er zu sich selber gesagt: Ich will ihn sehen! Vielleicht ist er stärker als ich! Und Voltaire kommt (er ist ja nur ein Dichter). Und sie disputieren. Die Worte sausen zwischen ihnen hin und her. Keiner von ihnen will sich ergeben.– Aber der König siegt; er fühlt bei sich, daß er auch hier der Stärkere ist. Und warum? Weil er an nichts glaubt, an nichts ! als an sich selbst. – Der Dichter dahingegen, der Philosoph glaubt an seine ›Ideen‹, an seine ›Ideale‹; er will die alte ›Moral‹ umstürzen und eine neue aufbauen, und die soll die einzig seligmachende sein! – Der König lacht, so daß es unter den Kronen der Bäume widerhallt: Moral ! Und Seine Majestät schlägt die Rockschöße zurück und klopft sich auf seinen spitzen Hintern. – Dann trennen sie sich gehässig, ergrimmt, verbittert. Und Voltaire verläßt das Schloß und schwört, daß er nie zurückkehren will. – Aber der König grübelt und grübelt. Er hat sich in einem schwachen Augenblick so weit erniedrigt, daß er sich vorstellen konnte, dieser ›philosophische Dichter‹ wäre vielleicht ihm ebenbürtig. Dies muß gerächt werden! – Und er weiß Rat. In einem freundschaftlichen Schreiben ruft er den Dichter zurück ... und natürlich kommt er, seine Eidschwüre vergessend (er ist ja Dichter ). – Und da hat der kleine große Knaben-König ihm das Zimmer einrichten lassen, wo alle die Fehler und Gebrechen und Laster eines Dichters von der Decke, von der Tür, von den Wänden und von den Möbeln herabstarren ... Und man hört noch heutigestags Seiner Majestät Lachen die Luft zerreißen ! – Und nun, lieber Clausen, kannst du gern sagen, daß all dies lange Gerede gar nichts mit der Sache zu tun hat; und natürlich hast du recht: Was tot ist, ist tot ! Und trotzdem frage ich dich: Wer spielt jetzt Herr in diesen Sälen und in diesem Garten und auf diesen Terrassen? Du und ich und Schneidermeister Kümmel aus Berlin und Margarinefabrikantin Schulze aus Neu-Ruppin. Und wir beglotzen und betasten und beschnüffeln ... uns das alles für fünfundzwanzig Pfennig! ... ›Bitte schön, meine edlen, hochwohlgeborenen Herrschaften, nur fünfundzwanzig Pfennig pro persona und Trinkgeld nach Belieben!‹«   »Kommst du mit hier hinein? Ich will mich frisieren lassen.« »Ja, gern!« »Willst du nicht auch ein wenig in deinen Locken aufräumen lassen?« »Nein, ich habe mein Haar erst ganz kürzlich schneiden lassen. Aber ich will gern mit hineingehen. Es ist ja ganz amüsant zu sehen, wie es in einer hübschen Friseurstube hergeht.« »Ja, du kannst mir glauben, es wird amüsant werden! ... Aber du mußt mir eins versprechen, Clausen, daß du nämlich deinen Mund hältst, was auch geschieht und was auch ich vornehme. Auch nicht mit einer Miene darfst du die Bewegung verraten, die dich wahrscheinlich überkommen wird.« »Was hast du denn vor?« fragte er. »Ich ›habe vor‹, du Lieber!« sagte der Zöllner mit einem beinahe teuflischen Lächeln – »ich habe nichts weiter vor, als mich ein wenig waschen und striegeln und salben und parfümieren zu lassen, wie es seit Roms Verfall niemand zuteil geworden ist!« »Das wird aber interessant!« »Das wird es! ... Du versprichst also, weder deinen Beifall noch dein Mißfallen zu erkennen zu geben, was auch vorfallen mag?« »Ja!« »Gut! ... Dann komm.« Und sie gingen in das Friseurgeschäft, das »Unter den Linden« dem Café Bauer ungefähr gerade gegenüberliegt. – Clausen setzte sich gleich in eine Ecke des Lokals und begann die Illustrierten Blätter zu studieren, während Knagsted festen Schrittes eine Guillotine bestieg. Da waren vier von diesen Höllenmaschinen, und in dreien davon lagen schon weiß gekleidete Sünder. Auch Knagsted wurde in ein Meßgewand gehüllt und ergab sich wehrlos auf Gnade und Ungnade Scheren, Kämmen, Bürsten, und glühend heiße Krolleisen tanzten in den Händen von Meister und Gesellen. Es war wie in einer mittelalterlichen Folterkammer. Die Henkersknechte standen eifrig über die Opfer gebeugt und setzten die Instrumente in sie hinein. Und zuweilen vernahm man einen zischenden Laut, und es roch verbrannt. Knagsted wurde von dem Meister selber, einem kleinen, blonden Juden mit Raubtiernase und feuchtem Mund, behandelt. Er fuhr voller Leidenschaft in dem kräftigen Haar und Bart des Zöllners herum. Die Zotteln fielen von der Schere und bildeten auf dem weißen Hemd Flecke wie die Hermelinschwänze auf dem Futter eines Krönungsmantels. Und er konversierte, so daß er schwitzte. Knagsted aber sagte kein Wort. – Dann war das Schneiden überstanden, und das Frisieren begann. Der Meister entnahm den Glasschränken an den Wänden ungeheure Kruken und Flaschen, die er dem Zöllner präsentierte, mit der Frage, ob er es versuchen wolle? Es sei ganz unerreicht! Knagsted nickte. Und der Meister öffnete die verschiedenen Behälter und schmierte ein und salbte und parfümierte. Nach einer Weile triefte der Zöllner förmlich von Öl und stank dazu wie eine »Halbdame«. Aber er rührte sich nicht, erhob keine Einwendungen, ließ sich ruhig beschmieren. Nur von Zeit zu Zeit schielte er nach Clausens Ecke hinüber und sah dann die Augen des Freundes groß und rund über den Illustrierten Blättern. – Jetzt war auch das Balsamieren beendet. Knagsted durfte sich in einem Spiegel betrachten: »Wieviel?« fragte er mit abgewandtem Blick. »Eine Mark fünfzig« ... Ob der Herr nicht ein paar Bartbinden haben wolle? Sie seien ganz unerreicht, großartig, ausgezeichnet, vortrefflich! »Ja!« »Wie viele! Ein halbes Dutzend etwa?« »Ja!« »Und hier war eine Zahn- und Nagelbürste, ganz kolossal brillant! Ob der Herr ein paar davon wünsche?« »Ja!« »Und dieser Rückenfrottierer? Der Prinz von Schaumburg-Lippe bediente sich eines ebensolchen!« »Ja, geben Sie mir lieber auch gleich einen Frottierer ... Wieviel macht es dann im ganzen?« »Ist da nicht noch anderes, was ...?« »Danke! Wieviel bekommen Sie?« Der Meister begann eifrig zusammenzuzählen. Seine Finger zitterten vor Geschäftsfreude: »Die Flaschen, die Kruken, die Bartbinden, die Nagelbürste, die Zahnbürste, der Rückenfrottierer – fünfundvierzig Mark und dreißig Pfennige!« Knagsted bezahlte eine Mark und fünfzig für das Frisieren: »Wollen Sie mir dann das andere ins Hotel schicken?« Der Meister wurde ein wenig blaß: »Welcher Name?« »Baron (hier ließ der Oberlehrer die Zeitung fallen) Baron Kopperhielm, Stockholm. Hotel Kaiserhof.« Ob – ob der gnädige Herr Baron keine Visitenkarte habe? Knagsted öffnete standesgemäß sein Taschenbuch: Nein, er habe keine Karte bei sich, sagte er ... Ob der Herr Friseur nicht Papier und Bleistift habe? »Ei natürlich, in Unmengen!« Und als der Zöllner das Gewünschte erhalten hatte, schrieb er mit fester und vertrauenerweckender Hand: Baron Arvid Kopperhielm Stockholm z. Z. Hotel Kaiserhof. Bitte zahlen!            Kopperhielm »Bitte schön!« Der Meister gewann sofort seine natürliche Gesichtsfarbe wieder und folgte, gekrümmt vor Hochachtung, den beiden Herren bis auf die »Linden« hinaus. »Danke sehr, gnädiger Herr Baron! ... Auf Wiedersehen!« Knagsted lüftete freundlich den Hut und sagte mit einem herzgewinnenden Lächeln: »Du kannst dir die Beine nach dem Geld abrennen, du Gauner!« Kaum waren sie um die Ecke der Friedrichstraße gebogen, als der Oberlehrer seine Sprache wiederfand: »Aber Knagsted!« sagte er in der tiefsten Erbitterung – »das war ja geradezu Betrug!« »Das war es«, nickte der Zöllner. »Aber ich hatte mir geschworen, Rache an dem Halunken zu nehmen! Als ich vor ein paar Jahren zum erstenmal hier in Berlin war, ging es mir ganz ebenso da drinnen bei ihm. Er seifte mich mit all seinem Dreck und Jux ein. Damals war ich ja unschuldig und glaubte, das würde mit in die Bezahlung hineingerechnet. Als ich dann aber gehen wollte, zwang er mich, ihm fünfzehn Mark für alle seine Kruken und Flaschen zu geben. Ich konnte nichts weiter tun, denn er schlug einen furchtbaren Lärm und sprach von zur Polizei schicken. Aber jetzt , jetzt ist man ja klüger geworden!« »Ja ... aber ... « »Nein, ganz und gar nicht! Das ist auch eine von euren ›ethischen‹ Torheiten, daß man die rechte Wange hinhalten soll, wenn man einen auf die linke bekommen hat! Unsinn! Meinst du, daß Napoleon, Bismarck und Wilhelm Beck das jemals getan haben? ... Und dann gehörte der da ja außerdem zu dem vernünftigen Alten Testament, die Auge um Auge, Zahn um Zahn ... und Pomade um Pomade sagen! Die Rache ist süß, kleiner Obermann! Und ich bin sogar so raffiniert, daß ich fünf Mark in den Klingelbeutel geben würde, wenn ich in einem der Glasschränke des Meisters sitzen und sein Gesicht sehen könnte, wenn der Bote vom Hotel Kaiserhof zurückkommt!«   Es war der letzte Abend in Berlin. – Die beiden Freunde waren im Theater gewesen und hatten die Oper »Falstaff« gehört und sich an den herrlichen Tönen und der wunderbaren Plastik deutscher männlicher und weiblicher Sänger erfreut. Dann hatten sie in einem Restaurant in der Friedrichstraße, dem Bahnhof gegenüber, zu Abend gegessen – in einem dieser Bierrestaurants, in das man sich nicht ohne Schmierstiefel oder wenigstens doch nur mit heilen Galoschen hineinwagen kann, wenn man sich nicht einen Halskatarrh oder eine Lungenentzündung zuziehen will. Der ganze Fußboden in dem Restaurant von der Eingangstür bis zum Büfett schwimmt von Bier. Die Kellner fahren in langen Reihen, mit sechs bis acht Seideln an jeder Hand hängend, hin und her; der Schaum fließt über alle Ufer und macht die ganze Passage zu einem Wateplatz, wo sich ältere, sensitive Herren sehr wohl einige Nägel zu ihren geehrten Särgen holen können. Denn es ist nicht gut, mit nassen Füßen dazusitzen! Überhaupt: Wenn Dante heutzutage, und zwar in Deutschland gelebt hätte, würde eine seiner Höllenstrafen zweifelsohne »Die Biertonne« oder vielleicht »Das Spundloch« benannt sein. Und er würde sehr umständlich beschrieben haben, wie deutsche Männer und Frauen nackend darin herumschwämmen und sich das Bier durch alle größeren und kleineren Öffnungen des Körpers strömen ließen und so aufschwollen, daß sie ungeheuren Ledersäcken glichen, ohne Glieder und ohne Gesichtszüge, nur als große, aufgepustete Schweineblasen, mit Bier gefüllt. Und nach und nach würden die Blasen in das Bier-Meer hinabsinken, bis sie, wenn sie bis an den Rand gefüllt waren, mit einem Knall und Schäumen aufsprangen und sich leerten und wieder an die Meeresoberfläche aufstiegen und von vorne anfingen, sich wieder zu füllen und von neuem zu leeren, bis in alle Ewigkeit ... Als die beiden Reisekameraden im Hotel angelangt waren und Schuhe und Strümpfe gewechselt hatten, saßen sie in Knagsteds Zimmer und rauchten ihre Pfeifen (lange Porzellanpfeifen, die sie aus ihrem lieben alten Dänemark mitgebracht hatten) und nippten an einem milden Whisky und Sodawasser. Und da sie seit mehreren Stunden das Blaue vom Himmel herabgeredet hatten (dänischen Männern steht der Mund ja eigentlich nie still; es soll der Statistik nach ja sogar die Nation sein, die am meisten im Schlafe redet!) so erhob sich Knagsted endlich vom Tische und sagte: »Na, dann müssen wir wohl zu Bett, alter Ober! Und morgen schnüren wir also unsere Sandalen und ziehen weiter in die unendliche Welt!« »Ja! – nach Dresden!« lächelte der Oberlehrer erwartungsvoll. »Nach Dresden, ja! ... Und was ist dein unmaßgeblicher Eindruck von dem bisher Gesehenen?« »Ja-a ... « »Nicht mehr ? Du bist ein undankbarer Kerl!« »Nein, nein, Knagsted, versteh mich recht! Hier ist ja viel Schönes und Amüsantes und Eigentümliches ... Willst du mir aber glauben – es gibt ja Dinge, an die man sein ganzes Leben lang gedacht und die man sich glühend zu sehen wünschte, weil man davon gelesen und davon gehört hatte, und weil man es sich als etwas ganz Wunderbares vorgestellt hat ... wie nun zum Beispiel hier in Berlin ›Unter den Linden‹! Ich versichere dich, seit ich als kleiner Junge zuerst von ›Unter den Linden‹ in meiner Geographie las, habe ich mir darunter etwas Ungeheures, etwas Überwältigendes vorgestellt, das einem völlig den Atem benehmen müsse – schon allein der Name klingt ja wie die süßeste Musik! Und dann kann ich dir nicht sagen, welch einen peinlichen Eindruck es auf mich machte, als wir neulich abends von der Eisenbahn gefahren kamen und du plötzlich sagtest: Hier ist ›Unter den Linden‹! Es war, als habe mir jemand einen Schlag ins Gesicht gegeben ... Anfangs glaubte ich, du wolltest Scherz mit mir treiben, und lächelte nur triumphierend im stillen und dachte: Nein, er kann mich nicht anführen, das weiß ich besser! ... Als es mir dann aber klar wurde, daß du recht hattest, und daß es wirklich ›Unter den Linden‹ war , ich versichere dich, Knagsted, da hätt' ich weinen können, so verlegen und enttäuscht war ich, als ich diese armen verkrüppelten Bäume sah! Ich hatte mir die Bäume ja so mächtig und groß und schattig gedacht, daß es wie ein Märchen sein müsse, einmal darunter wandern zu dürfen! Bäume mit Kronen wie Wälder und Stämmen wie die dicksten Masten ... und dann standen da nur diese! Das war scheußlich, scheußlich ! Ich habe ja nun freilich später manches Schöne und Herrliche hier in Berlin gesehen, ja, das habe ich, und dafür bin ich auch dankbar ... aber diese erste Enttäuschung mit ›Unter den Linden‹ – die kann ich doch nicht verwinden.« Knagsted hatte während dieser langen Suada abermals Platz genommen. Er sagte nichts. Aber er paffte und paffte aus seiner Pfeife, während er nachsichtig lächelte wie ein verständiger Vater. Er glich einem kleinen Gott, der der kindischen Klage eines törichten Menschen lauscht. Clausen sah ihn an mit einem Blick, der um eine gute und beruhigende Antwort bat: »Und glaubst du nun auch, Knagsted,« begann er tastend, »glaubst du nun auch, daß es eine Enttäuschung für mich wird, wenn ich nach Dresden komme und die Raffaelische Madonna sehe?« » Unbedingt !« sagte der Gott. »Aber du brauchst ja nicht hineinzugehen und sie dir anzusehen! Wir können morgen noch hierbleiben; dann gebe ich dir das Diner bei Hiller, das ich dir versprochen habe.« Der Oberlehrer saß eine Weile grübelnd da: »Nein,« sagte er dann und nickte zuversichtlich vor sich hin –»nein, ich will es doch noch einmal versuchen.« IV. Es war Sonntag, und sie kamen per Droschke nach dem Anhalter Bahnhof gefahren, lösten Billetts, ließen die Koffer expedieren und suchten sich ein leeres Abteil. Aber im letzten Augenblick wurde es von einem Dritten geentert. – Es war ein dicker, fröhlicher Bursche zwischen den Dreißigern und Vierzigern mit blondem Haar und Bart und kleinen, lebhaften, blauen Augen. Clausen und der Zöllner saßen einander gerade gegenüber an dem einen Fenster (der letztere wütend über die Reisegesellschaft). Und der Fremde hatte es sich mit seinen Siebensachen und seinem Handgepäck am andern Fenster bequem gemacht. – Als er sein Fett in den Polstern zurechtgerückt hatte, begann er neugierig zu den beiden Freunden hinüberzulugen. Er hatte offenbar große Lust, eine Unterhaltung anzuknüpfen, wagte aber nicht anzufangen, da er nicht wußte, welcher Nationalität sie angehörten. Wahrscheinlich war er nicht sehr sprachkundig. Dann aber fragte Clausen plötzlich: »Um welche Zeit sind wir in Dresden. Knagsted?« Und sofort klärte sich das Gesicht des fetten Burschen zu einem herzlichen Lächeln auf: »Die Herren sind Dänen?« sagte er, noch bevor der Zöllner hatte antworten können, und lüftete fidel den Filzhut (einen Filzhut, der viel zu klein für seinen fleischigen Kopf war, und der ihm ein eigenartig übermütiges Gepräge verlieh, da er ein wenig schräg saß. Dazu war er mit der Maschine geschoren, so daß seine rosa Kopfhaut durch das Haar hindurchschimmerte. Und außerdem hatte er im Nacken drei dunkelrote, stark sonnverbrannte Fettkrillen). – »Die Herren sind Dänen, höre ich?« Knagsted sah ihn an, wurde aber erweicht durch sein fröhliches, gutmütiges Gesicht: »Ja.« sagte er. »wir haben die Ehre.« Und Clausen nickte freundlich und sagte: »Ja, wir sind Dänen!« »Wollen wir uns dann nicht lieber gleich vorstellen?« fragte der Fremde. – »Mein Name ist Jägermeister Krüger von Lolland ... Elisabethsminde bei Nakskow, wenn die Herren zufällig einmal in die Gegend kommen sollten.« Die beiden Freunde dankten und gaben gleichfalls ihre Titel und Namen auch, jedoch ohne Einladungen. »So. Sie sind also aus Kopenhagen, Herr Knagsted. Eine schöne Stadt!« »Eine herrliche Stadt, ja!« »Da ist doch, weiß Gott, noch Humor in der Sache, wenn man sich darauf versteht! Die Kopenhagener, die wissen zu leben ! Die sind nicht wie wir Duckmäuse, die das ganze Jahr Rüben füttern!« »Nein, es ist eine vergnügliche Rasse ... « »Ja, und schneidige Frauenzimmer haben sie!« »Großartige kleine Mädchen«, nickte Knagsted sachverständig; der Reisegefährte gefiel ihm mehr und mehr. »Sind die Herren lange in Berlin gewesen?« »Gut vierzehn Tage! ... « Knagsted zeigte plötzlich mit dem Daumen zu Clausen hinüber. – »Ich will Ihnen nämlich sagen,« fuhr er treuherzig lächelnd fort – »ich konnte den da nicht wegbekommen – da war so eine süße kleine Zuckerpuppe, die ... « Clausen errötete bis an die Haarwurzeln. »Aber Knagsted! –« Der Jägermeister lachte, daß die Fenster klirrten: »Ha, ha, ha! Im Ausland hat man ja weiteren Spielraum, wenn man für gewöhnlich in einer Provinzstadt oder draußen auf dem Lande lebt!« Er rückte näher an Clausen heran und klopfte ihn gemütlich aufs Knie. »Ich will schon den Rand halten, Herr Oberlehrer!« nickte er. »Ich kenne den Rummel!« »Ja – aber –«, begann Clausen. Der Jägermeister hörte aber gar nicht auf das, was er sagte und fuhr fort: »Ich habe meiner Frau auch versprechen müssen, schlank durch Berlin durchzufahren und direkt nach Karlsbad ... (Ich leide an den Nieren). Sie paßt mir nämlich höllisch auf, will ich Ihnen sagen, wenn ich so allein auf den Bummel gehe! ... Aber ich hab' sie natürlich belauert«, nickte er seelenvergnügt. »Ich konnte es wirklich nicht übers Herz bringen, so direkt durchzusausen ... Und wenn Madame es nun nicht zu wissen bekommt ...!« »Nein ... Aber kann sie das nicht an Ihren Briefen sehen?« Der Jägermeister lächelte furchtbar listig: »Ha, ha, ha! Ich schrieb natürlich Karlsbad darüber. Und sie sieht wahrhaftig nicht nach der Briefmarke.« »So–o?« meinte Knagsted skeptisch. »Na ja – und wenn sie es denn wirklich tun sollte – dann hab' ich ja so ein paar extraordinäre Geschenke für sie mit – damit stopf' ich ihr dann den Mund! ... Sind die Herren verheiratet?« »Nein ... « »Ja, denn sonst wollt' ich Ihnen einen guten Rat geben, so ein Zeug von einem seidenen Kleid – – – so ganz dicke Seide, die man so ›Steh‹ sagt! Das ist was ganz Prächtiges, wenn man seiner Frau was in die Sprachröhre stopfen will! – – Damit Sie es man wissen, wenn das Unglück mal eintreffen sollte, ha, ha, ha! Wo wollen die Herren denn eigentlich hin, mit Erlaubnis zu fragen?« »Wir wollen auch nach Karlsbad!« »Direkt durch, heute?« »Nein, wir bleiben ein paar Tage in Dresden.« »Verdammt, daß ich ein durchgehendes Billett genommen hab'. – – Na, an Dresden ist ja gerade nicht viel!« »Da ist doch die Gemäldesammlung!« sagte der Oberlehrer ein wenig verletzt. » Die ist da, mein Gott ja, die ist da! Aber die habe ich schon das erstemal gesehen, als ich in Karlsbad war, im Jahre 98! Und wissen Sie was: mehr als einmal , wie? Dann kann man ja sagen, daß man dagewesen ist ...?« Knagsted nickte mit einem kleinen boshaften Seitenblick zu Clausen hinüber: »Ja, das ist ganz genügend!« »Ach Gott, ja, wir sind in einer kleinen halben Stunde durch all' die Säle getrabt ... Viel ist nicht daran! Die Bilder haben bloß solchen Ruf, weil sie so alt sind ... Aber Madame war ja damals mit ... Sind die Herren schon früher in Karlsbad gewesen?« »Nein, wir waren noch nicht da!« »Na, dann können Sie sich freuen! Da kann man wirklich eine Prämie fürs Langweilen fordern! Verdammt und verflucht! Des Morgens um fünf aus den Federn, und schon um neun in die Klappe; und kein Essen und keinen Schluck aus der Flasche! – Aber helfen tut es! Was fehlt den Herren, mit Erlaubnis zu fragen? Bei mir sind es die Nieren, und dann hab' ich ja ein paar Pfund schieres Fleisch zuviel.« Knagsted nickte zu Clausen hinüber: »Dem da fehlt nichts.« sagte er, »und ich leide an chronischer Selbstbeherrschung.« »Ha, ha, ha!« brüllte der Jägermeister los (wären Kinder dabei gewesen, würden sie sich rettungslos die Hosen naß gemacht haben vor Schrecken) und sah mit einem beinahe verliebten Blick zu dem Zöllner hinüber. »Und der Humor scheint auch prima prima zu sein!« »Der Humor ist tiptop–tadellos!« sagte Knagsted. »Ich kann des Abends vor lauter Jux nicht einschlafen!« Der Jägermeister hielt ihm seine große Pfote hin: »Sie sind mein Mann!« sagte er. »Darf ich Ihnen die Hand drücken? Wozu soll man den Schnabel hängenlassen? Verdammt und verflucht! Nützen tut es ja doch nicht!« »Nicht im geringsten!« »Na, also!« Man war jetzt über die Grenze gelangt und fuhr durch das Königreich Sachsen. Zu beiden Seiten der Bahnlinie erhoben sich weit draußen am Horizont kleine, kuppelförmige, waldbewachsene Berge. Und in den Tälern zwischen den Höhen guckten weiße Häuser hervor, und hie und da ragte ein rauchgeschwärzter Fabrikschornstein gleich einem mächtigen Pfeiler gen Himmel empor. Das Wetter war noch immer schön mit Sonnenschein und Sommerwärme, und beide Wagenfenster standen offen. »Was ist das da?« fragte Clausen und zeigte auf einen hohen Lehmberg, auf dessen südlichem Abhang lange Reihen laubumschlungener Stangen standen. »Ist das Hopfen?« »Nein, das ist Wein !« sagte der Jägermeister, stolz über seine Kenntnis. »Jetzt fahren wir ja durch ein Wein land!« »Ist das Wein ?« sagte der Oberlehrer mit einem seligen Lächeln. »Es ist das erstemal, daß ich einen Weinberg sehe! Hast du schon einen gesehen, Knagsted?« »Ach, lieber Freund, die hab' ich in Unmassen in Frankreich und in Italien gesehen!« »Ach, das ist wahr, das hast du ja natürlich«, sagte Clausen ganz benaut. Er selber aber saß da und starrte unverwandt voller Interesse auf die Landschaft hinaus, wo die Berge höher und höher wurden, und wo die Häuser an ihren Abhängen oft nur kleinen, weiß gestrichenen Starenkasten glichen. Der Zöllner und der Jägermeister waren in lebhafter Unterhaltung begriffen: »Sehnen Sie sich nicht zuweilen, Herr Krüger, irgendwo anders, nur nicht daheim auf dem flachen, fetten Lolland zu wohnen?« »Ich und mich sehnen !« sagte der Jägermeister und sah Knagsted mit einem Blick an, in dem deutlich zu lesen stand: dergleichen Frauenzimmerfragen hätt' ich wirklich nicht von Ihnen erwartet. »Ich und mich sehnen ! Nein, weiß Gott, ich sehne mich nicht. Man soll nirgends anders wohnen, als wo man geboren ist!« »Nein, darin mag ja etwas sein – aber Lolland !« Herrn Krügers Gesicht wurde einen Schatten röter: »Lolland. Lolland!« wiederholte er beinahe höhnisch. »Ich weiß nicht, was die Leute immer an Lolland auszusetzen haben! Lolland ist doch Dänemarks Speisekammer, und Essen müssen wir doch haben!« »Ja – ja, natürlich! Aber es ist doch so eine verteufelt häßliche ›Speisekammer‹.« »So–o? Sind Sie schon mal dagewesen?« »Ja!« »Na, und finden Sie vielleicht, daß es schöner in Jütland ist, wo das Korn auf dem Felde steht und Ach und Weh zum Himmel emporschreit, und wo die Ähren einen Kneifer aufsetzen müssen, wenn sie sich gegenseitig sehen wollen?« »Nein – was so die Fruchtbarkeit anbetrifft –« Der Jägermeister geriet in Eifer (und das wollte der Zöllner ja gerade): »Von den kahlen Bergen und Tälern kann man nicht leben, wenn nichts darauf ist! Und dann ist es ja auch der reine Unsinn, dies ewige Gerede, daß Lolland so häßlich sein soll. Es ist nicht häßlich, verdammt und verflucht! Sie sollten nur mal so in einer Oktobernacht vom Erntefest nach Hause fahren, wenn der Mond durch die Weiden scheint ... Man wünscht, weiß Gott, manchmal, daß der Weg doppelt so lang wäre! Und dann im Sommer , mein Freund! Man fährt ja wie durch einen Garten, Schatten ist da überall, während man drüben in Jütland, Herr du meines Lebens, in lauter Margarine waten muß, wenn man nur eine kleine Viertelmeile geht! Ich hab' da drüben ein Jahr Landwirtschaft gelernt: das ist die reine Hölle für Pferde wie für Menschen.« Jetzt hatte Knagsted genug von dem Ton, deshalb fragte er: »Aber wie sind Sie eigentlich dazu gekommen. Landmann zu werden, Herr Krüger? Das soll doch heutzutage ein verdammt schlechtes Geschäft sein.« »So, soll es das, mein Lieber, hm? Aber wenn ich Ihnen nun geradeheraus sage, daß es das einzige ist, was sich des Lebens verlohnt!« »Also, der Ansicht sind Sie?« »Ja, der Ansicht bin ich, weiß Gott! Es ist die einzige Stellung, in der man wirklich sein eigener Herr ist. Man sitzt da ja auf seinem Gut wie ein kleiner König auf seinem Thron.« »Nun, da habe ich doch freilich viele Landleute ganz gottsjämmerlich klagen hören, unter anderem über die Leuteverhältnisse.« »Ja, die sind ganz miserabel!« nickte der Jägermeister. »Aber das sind sie ja in jeder Stellung. Aber dann hat dies auf dem Lande wohnen den Vorteil, daß man in der freien Luft ausschelten kann. Das ist überhaupt der einzige Ort, wo man wirklich so richtig ausschelten kann ! In den Stuben ist nicht Platz genug. Ich nehme die Sünder gern mit auf eine Wiese hinaus, die nördlich von meinem Hof liegt, und dann schimpfe ich sie aus, was das Zeug halten will, so daß die Krähen von den Bäumen drinnen im Garten herunterpurzeln! Aber das hilft , können Sie mir glauben; es endet immer damit, daß sie um Verzeihung bitten ... und dabei erleichtert man sich selber dann auch gleich ... und wird so verdammt schön hungrig hinterher!« Knagsted lächelte huldselig. »Das muß großartig sein!« sagte er träumend. »Ich könnte wohl nicht hin und wieder einmal nach der Wiese kommen, um mich zu erleichtern? Das würde sicher ein gutes Mittel sein gegen diesen chronischen –« »Ja, ha, ha, ha! Kommen Sie nur! Und dann ist da so ein famoses Echo nach der Scheunenwand zu. Es klingt, weiß Gott, als stünden da vier Dutzend Jägermeister und brüllten, sobald ich loslege. Und die Kerls, die lassen wir auch keine Sekunde zu Wort kommen! Wir überbrüllen sie. Das ist das einzige , wovor sie Respekt haben, und sie schleichen, bei Gott, schließlich ganz beschämt davon, den Schwanz zwischen den Beinen wie ein Jagdhund bei Regenwetter ... Man ist doch wohl noch Herr auf seinem eigenen Grund und Boden!« »Wissen Sie, was Sie tun sollten, Herr Jägermeister? Sie sollten in Dänemark umherreisen und die Disziplin wiederherstellen. Das tut groß nötig!« »Hm, ja, sie wollen mich auch gern alle leihen ringsumher auf allen Höfen in der ganzen Gegend. Aber ich sage: Scheltet selber aus, sonst nützt es nicht. Meine Wiese will ich euch gern zum Einüben überlassen.« »Ich glaube, Sie haben unrecht, Herr Jägermeister,« sagte Clausen plötzlich und wandte sich vom Fenster ab, ihm zu, »das ist sicher nicht die richtige Art und Weise, Leute zu erziehen!« »Zu erziehen! Die Leute sollen zu gar nichts weiter erzogen werden als zum Gehorsam , verdammt und verflucht! Ich bin der beste Herr gegen diejenigen von meinen Leuten, an denen was dran ist, aber gehorchen , das sollen sie, weiß Gott!« »Ja, natürlich!« nickte Knagsted. »Mein Freund Clausen ist nur so altmodisch.« » Alt modisch!« »Ja, alt modisch, lieber Freund! Das Schlagwort mit der ›Erziehung‹, das war ganz gutes Latein in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, aber jetzt sind die vorgeschrittenen Geister, wie z.B. der Herr Jägermeister und ich, weit, weit darüber hinaus! Nein, Hundeloch und Holzpferd, das fehlt uns!« »Nein, nein!« sagte der Jägermeister ein klein wenig unsicher, »jetzt gehen Sie denn doch wohl zu weit, Herr Partikulier. Aber Hiebe ... « »Hiebe sind auch gut«, nickte der Zöllner. »Ein solider Eichenknüttel –« »Das meinst du ja gar nicht, Knagsted! Warum willst du denn so was sagen?« »Bei Gott, er meint es!« versicherte der Jägermeister. »Ja, weiß Gott, meine ich es«, sagte Knagsted. »Und ich habe mich nach den besten Vorbildern gerichtet. Man soll es nur so machen wie die Großmächte in China: ›Wollt ihr wohl gehorchen, ihr Kerls!‹ ›Nein, weiß Konfuzius, das wollen wir nicht!‹ – ›Gut, dann wollen wir es euch, weiß Gott, in Jesu Namen lehren!‹«   Man rollte durch das Elbtal. Die Weinfelder wurden größer und zahlreicher, die Berge höher und zusammenhängender ... Hie und da ragten große, rotbraune Steine aus dem gelben Lehmboden der Abhänge auf, nackend und kahl von Wind und Wetter. Sie standen da wie finstere, tausendjährige Riesen, verbissen und verbittert, und schauten über das breite Tal hin, durch das der Zug dahineilte, mit seinen geschäftigen Rädern klappernd, und wo Häuser und Villen und rauchende Fabriken lagen und im Sonnenschein lächelten und sich den Teufel auch daran kehrten, was sich an dem Morgen der Zeiten zugetragen hatte, als die alten Steinriesen unter Blitz und Donner, mit Krachen und Tosen aus dem glühenden Bauch der jungen Frau Terra aufstiegen ...   »In welchem Hotel wollen die Herren absteigen?« »Wir dachten in ›Bellevue‹.« »Das ist auch ganz ausgezeichnet. Und dann liegt es so angenehm mitten im Zentrum an allen Straßenbahnen ... Sie steigen wohl erst am alten Bahnhof ab?« »Ja.« »Es ist im übrigen ein abscheulicher Tag, nach Dresden zu kommen, so ein Sonntag. Da ist die Stadt noch langweiliger.« »Nun, das wird schon gehen.« »Diese Brühlsche Terrasse, die so berühmt ist, wie ist die eigentlich?« fragte der Oberlehrer. »Ach, daran ist im Grunde nicht viel! Ja, es sind ja ganz gute Treppen, die da hinaufführen, mit breiten Stufen und bequemen – –« »Man soll von da oben eine so schöne Aussicht haben ... « » Aus sicht! Nein! Man sieht nur auf die Elbe. Abscheuliches, dreckiges, gelbes Wasser ... Und dann drüben auf der anderen Seite liegt die Neustadt. Nein, da ist wirklich nichts zu sehen!« Clausen seufzte tief auf und sah ganz hoffnungslos unglücklich aus über diese Ortsbeschreibung. – Knagsted lächelte still vor sich hin. – Aber der Jägermeister, der des Oberlehrers finstere Verzweiflung gewahrte und den Grund ahnte, beugte sich zu ihm hinüber und klopfte ihm gutmütig auf das Knie. »Kehren Sie sich nur nicht daran, was ich hier schwatze, Herr Oberlehrer «, sagte er, und sein fettes Knabengesicht mit den kleinen, guten Augen strahlte vor gutmütigster Liebenswürdigkeit. – »Was versteht der Bauer von Gurkensalat! Es kann ja gern sein, daß Sie das Ganze großartig finden. Ein jeder nach seiner Schakön, wie dieser Tierarzt Fredriksen sagt. Ich versteh' mich nun mal nicht auf andere Aussichten als auf Rübenfelder! Verdammt, daß man seine Ansicht nicht für sich behalten kann! – Aber Sie fragten ja doch!« »Ja, ja, ja ... «, lächelte Clausen geniert-dankbar und klopfte wieder. »Sie haben natürlich das Recht, Ihre Ansicht zu sagen. Herr Jägermeister ... Aber ich gebe zu, daß ich ein wenig enttäuscht war – ein ganz klein wenig ... «   Der Zug sauste dahin usw. Man näherte sich Dresden. – Kleine gemütliche Wege mit Spaziersteigen und Baumpflanzungen wurden sichtbar. Häuser mit Gärten ringsumher und Villen mit beschnittenen Hecken. Eine Fabrik lag neben der andern. Und hie und da stand ein kleines Stück angefangener Straßen, deren hohe, fünfstöckige Kasernen mit ihren schimmernden Dächern und neugestrichenen Fenstern und Türen aussahen, als seien sie in einer einzigen Nacht aus der Erde aufgeschossen. »Jetzt sind wir gleich da«, sagte der Jägermeister und erhob seine mächtige Faust (sie glich einem Riesen-Kotelett) und zeigte auf eine Sammlung von Kuppeln und Türmen, die draußen am Horizont sichtbar wurden. »Es ist sehr langweilig, daß ich nun allein weiterrummeln soll!« »Wir sehen uns ja schon in ein paar Tagen wieder! Lieben Sie uns denn so sehr?« »Ja, das tue ich auch, ha, ha, ha! Aber das meine ich eigentlich nicht; es war die Fahrt ... Können Sie nicht lieber gleich mit durchrutschen?« »Nein, das können wir nicht gut, nein; wir haben uns ja einmal vorgenommen, hier einen Aufenthalt zu machen ... « »Hm ... Darf ich den Herren das Hotel National in Karlsbad empfehlen? Da wohne ich selber, und da wohnen beinahe alle Dänen.« »Danke!« nickte Knagsted freundlich. (Im stillen aber fügte er hinzu: Dann kehren wir natürlich nicht dort ein.) Clausen saß da und sah zum Fenster hinaus. Er befand sich in einer gespannten, gehobenen Stimmung infolge all des Neuen, was er sah; er empfand wohl ungefähr dasselbe wie ein Student aus Horsens, der zum erstenmal Kopenhagen sehen sollte und deshalb unter der Gnadengabe der Erwartung zittert. »So!« sagte der Jägermeister. Die Lokomotive pfiff, und der Zug rollte vor den Bahnsteig. »Dies ist also der neue Bahnhof?« »Dies ist der neue Bahnhof, aber Sie tun besser daran, bis zum alten mitzufahren.« »Ja, das wollen wir auch. Hier sind nicht viele Menschen zu sehen.« »Nein, im Vergleich zu Berlin ist es ja auch nur eine kleine jämmerliche Stadt ... « Aber kaum hatte der gute Jägermeister diese häßlichen Worte gesagt, als er sie auch schon bereute; und einen erschrockenen Blick auf den Oberlehrer werfend, fügte er hinzu: »Aber im übrigen ist Dresden ja eine schöne Stadt, eine sehr schöne Stadt. Ich verstehe mich nicht weiter auf desgleichen.« Und dann fuhren sie weiter. »Ist das die Elbe?« fragte Clausen; sie fuhren über eine dröhnende Brücke. Und auf dem Wasser zu beiden Seiten wurden Boote und Prähme von langen, keuchenden Dampfern geschleppt. Der Jägermeister war fortwährend besorgt, der Freude seines lieben Reisegenossen keinen Abbruch zu tun: »Ja, das ist die Elbe!« nickte er und tat, als interessiere es ihn. »Können Sie da hinübersehen? Ein paar schneidige Brücken, die sie hier haben. Unten bei der Brühlschen Terrasse ist eine, die ist geradezu großartig, die ›Augustus-Brücke‹ heißt sie. Man sagt, sie soll sieben, acht Jahrhunderte alt sein – geradezu großartig. Ja, bauen, das konnten sie in alten Zeiten!« »Nein, was für eine schöne alte Kirche!« »Ja, die ist nicht zu verachten! Sie liegt am Theaterplatz. Sie haben sie im Bellevue gerade vor sich.« »Ist da nicht auch ein königliches Schloß?« »Ja–a, aber daran ist gerade nicht viel – – Ja, das heißt, es ist natürlich sehr nett, natürlich; aber es liegt ein wenig eingeklemmt. Mein Gott, ein Schloß ist ja immer schön. Ich hätte nichts dagegen, wenn es mein Wohnhaus wäre, ha, ha, ha!« Knagsted saß in stiller Wonne da. »Die Gemäldesammlung ... wo ist denn die?« »Ja, die haben Sie ja auch gleich beim Hotel. Die ist schön ... Das Gebäude meine ich, ›der Zwinger‹, wie es heißt; es ist so etwas wie unsere Amalienburg – aber schöner ! Und die Gemälde sind auch sehr schön, weiß Gott, das sind sie. Ich war so hungrig , als ich da war, und das ist verkehrt. Ich will den Herren raten zu essen, ehe Sie dahin gehen; es ist ja ziemlich ermüdend.« »Ja, wir bestellen uns jeder ein paar Beefsteaks mit Spiegeleiern«, nickte Knagsted. »Ja, das ist recht, ha, ha, ha! So, jetzt sind wir da.« Der Zug rollte in den alten Bahnhof hinein, und Clausen und Knagsted stiegen aus. »Also dann adieu, Herr Jägermeister! Vielen Dank für die angenehme Reisegesellschaft!« »Adieu, adieu, meine Herren! Danke gleichfalls. – Verdammt langweilig, daß ich jetzt allein bleibe!« »Nun, es sind ja nur noch ein Paar Stunden. Glauben Sie nicht, daß Sie ein wenig schlafen könnten?« »Ob ich schlafen kann? Ja, darauf können Sie Gift nehmen.« »Aber dann schlafen Sie doch!« »Ja, das will ich auch, darauf können Sie sich verlassen, ha, ha, ha! – Hallo, hallo! Soll ich Zimmer für Sie im ›National‹ bestellen?« »Nein, ich danke, um Gottes willen nicht!« rief Knagsted sich vergessend. »Na, dann nicht. Darum keine Feindschaft nicht ... Adieu, adieu! Verdammt langweilig, daß ich jetzt allein bleibe!«   Der Zwinger. – »Ja, da kannst du sehen: Montags 10–2 Uhr 1.50 Mark ... Aber morgen können wir gratis hineingehen. Wollen wir dann nicht lieber bis morgen warten?« »Nein, das finde ich nicht ... « »Bist du so darauf erpicht?« »Ja-a ...!« »Gut, dann laß uns hineingehen! Aber du mußt selbst bezahlen.« »Ja, natürlich!« Und sie gingen in die Vorhalle hinauf, gaben ihre Stöcke ab und berappten jeder anderthalb Mark. »Wollen wir nicht einen Katalog kaufen?« »Nein; es ist ja ganz gleichgültig, wer die Bilder gemalt hat.« Als sie in den vorderen Saal gekommen waren, blieb Knagsted sehr entschlossen stehen und sagte: »Ja, hier will ich aber allein gehen!« »Aber mein Gott, Knagsted, das kannst du ja auch sehr gut ... Aber wie sollen wir uns nur nachher finden?« »Ach, nach dem Hotel findest du dich wohl allein zurück, wenn wir uns nicht treffen sollten. Adieu! Amüsier' dich gut!« Clausen aber packte ihn beim Arm: »Was hast du nur einmal, lieber Freund?« fragte er zögernd. »Ja, verzeih, daß ich frage, aber du bist so sonderbar gewesen ... gestern abend und nun auch heute morgen.« »So-o?« »Bist du ... bist du meiner Gesellschaft überdrüssig?« Knagsted lachte ein wenig krampfhaft: »Nein! Ach nein! Im Gegenteil! Du bist mir eine wertvolle Stimulanz, lieber Obermann! ... Nein, mich drückt ganz was anders. Aber du magst ja nicht, daß ich davon spreche ... « »Ja, sprich du nur frisch von der Leber weg, es sollte mich ja so sehr freuen, wenn ich vielleicht helfen könnte.« Knagsted kniff ein Auge zusammen. »Ja, dann sage ich es also ...?« »Ja, ja ...!« nickte der andere eifrig. Der Zöllner packte ihn am Rockkragen und zog ihn zu sich heran: »Ich bin zwei Tage nicht auf Tante Meyer gewesen!« flüsterte er ihm ins Ohr. – »So, jetzt weißt du es. Adieu!« – – Und dabei schritt er ab nach rechts in den Seitensaal.   Clausen schlug langsam den entgegengesetzten Weg ein ... Er dachte an seinen unglücklichen Freund und bedauerte ihn aufrichtig und wünschte, daß er ihm helfen könne. Er wollte alles tun, was in seiner Macht stand, um dem Freund eine leichtere Lebensauffassung einzuflößen ... Aber Knagsted wollte sich ja nichts sagen und raten lassen. Es mußte schrecklich sein, in einer solchen Laune umherzugehen! Aber wenn man nur ernstlich wollte, so ... Ach nein, das große Bild da! Wie wunderschön es doch war! ... Und das! ... Und das! ... Und nach und nach stürzte der gute alte Oberlehrer sich kopfüber in die Gemälde in glücklichem Vergessen aller Sorgen und Nöte, aller Knagstede und schlechter Mägen, aller Krankheit und alles Elends ...   Als Knagsted in den Saal zur Rechten gekommen war, blieb er stehen, schlich dann an die Tür zurück und guckte sich nach dem Freund um. – – Und als Clausen in den nächsten Saal gegangen war, schlich er ihm nach und folgte ihm so von Raum zu Raum. Den Kunstwerken ringsumher an den Wänden schenkte er keine weitere Aufmerksamkeit. Wenn aber der Oberlehrer in Andacht versunken vor einem Bilde stand, so amüsierte und befriedigte es den Zöllner weit mehr, in Gedanken das Gemälde ausfindig zu machen, vor dem der Freund das nächste Mal stehenbleiben, von dem er sich begeistern lassen würde. – Und es waren immer die großen, »abstrakten« Bilder, die Vorwürfe wie »Die Hoffnung«, »Die Wahrheit«, »Der Glaube«, »Die Gerechtigkeit« usw. darstellten. Auch die sogenannten »idealen« Landschaften und Bilder mit historischen und biblischen Motiven genoß Clausen lange und intensiv ... mit um so größerem Entzücken, je größer ihr Quadratinhalt war. An den »Holländern« aber ging er flüchtig vorüber, auch die Porträts fesselten ihn nicht weiter: Nur vor einem Pastell, das den jugendlichen Thorwaldsen darstellte, verweilte er ein paar Minuten mit einem holdseligen Lächeln um den Mund: Ah, da haben wir ja unsern eigenen Thorwaldsen!   Und dann gelangten sie endlich an den Raum, wo in einsamer Majestät Ihre Königliche Hoheit: die Raffaelische Madonna residiert. Clausen blieb eine Sekunde auf der Schwelle stehen wie geblendet und überwältigt. – Dann senkte er demütig den Kopf und trat ein ... Knagsted ging schnell an der Türöffnung vorüber. Es war voll Menschen da drinnen. – Dann machte er kehrt, schlich zurück und guckte hinein: Der Oberlehrer stand mitten im Zimmer, gerade vor dem Bilde. Seine Arme hingen schlaff herab an den langen Schößen seines Gehrocks, er starrte das Gemälde mit einem Ausdruck innigster und tiefster Ehrfurcht an. So völlig religiös verzückt schien der Mann zu sein, daß es Knagsted gar nicht wundergenommen hätte, wenn er plötzlich mit gefalteten Händen vor dem Bilde niedergesunken wäre ... nieder auf seine alten, spitzen, ehrlichen Pädagogenknie ... Das alles war ja ganz schön und stimmungsvoll ... Aber dann saßen und standen dort ringsherum an zwölf – vierzehn – zwanzig Weibsbilder, fette Madamen und magere Fräulein: sieben Engländerinnen mit Stangenlorgnette, vier deutsche Pensionatsdamen mit astronomischen Ferngläsern, fünf kleine, behende, schwarzgelockte, französische Mademoiselles und sechs kurzhaarige, untersetzte, nasenbeklemmte (offenbar dänische) Volksschullehrerinnen. Und alle Nationalitäten stöhnten und keuchten vor Begeisterung! Dies, wenn man sich so ausdrücken darf, »Herbarium« würde hinreichend gewesen sein, um Knagsted jedes Entzücken (falls er es überhaupt empfunden hätte) aus Herz und Nieren herauszuniesen. – Aber auf den frommen Oberlehrer machte es nicht den geringsten Eindruck. Er sah, hörte und roch seine Umgebung nicht, so ganz in die höchsten Kristallhimmel erhoben war er, über allen Verstand begeistert, bis zum Blödsinn hingerissen, wie man es einem Kunstwerk gegenüber sein soll und muß , das mit fetten Buchstaben in Sr. Majestät König Baedeker angeführt steht!   »Zöllner! Zöllner!« sagte der Oberlehrer, als er eine halbe Stunde später Knagsted drüben im Hotel traf. »Zöllner! Zöllner!« sagte er, und in seinen Augen leuchtete noch immer das heilige Feuer – »warum bist du doch nicht mit zur Madonna hineingegangen?« »War sie so verführerisch?« Clausen machte eine überlegen abwehrende Handbewegung und lächelte siegesgewiß: »Ach, es ist mir ganz einerlei, ob du dich lustig machst! Mich rührt es nicht im geringsten! ... Aber du hast dir selber im Licht gestanden, Knagsted! du hast dich um den reinsten Genuß betrogen, der einem Menschen beschieden sein kann: So wie sie dastand, das Kind auf dem Arm ... « »Und Max und Moritz zu Füßen ... « »Max und ... heißen die Max und Moritz?« »Diesmal bist du also nicht enttäuscht, kleiner Ober?« Der Oberlehrer erhob dankbar die Augen gen Himmel: »Nein,« sagte er, »mein lieber Freund, nein, diesmal bin ich nicht enttäuscht worden! Ich werde an dies Bild denken, solange ich lebe!«   Die beiden Freunde hatten im Hotel zwei Zimmer nebeneinander mit einer Tür dazwischen bekommen. Es wurde Knagsted sehr schwer, am Abend einzuschlafen. Er lag eine Stunde da und las, ehe er das Licht auslöschte und sich in Schlafstellung legte: flach auf den Rücken, das rechte Bein unter das linke gezogen, den Kopf erst auf dem linken Ohr, und dann, gerade in dem Augenblick, in dem er im Begriff war einzuschlafen, mit einer raschen Drehung auf die rechte Seite herum. Mißlang aber dies Experiment, oder hörte er im Drehungsmoment irgendeinen Laut, das Knacken eines Möbels, ein Rascheln hinter der Tapete, ein Bumsen über sich oder ein Klatschen gegen die Fenster, so war er gleich wieder wach und mußte wieder von neuem anfangen. Und so konnten viele Stunden vergehen, ehe er endlich, vor Müdigkeit und Nervosität zitternd, in die begehrenswerteste aller Daseinsformen hineinglitt. Und konnte er keine »Ruhe und Vergessen« auf andere Weise finden, so hatte er auf seinem Nachttisch eine kleine Spieluhr stehen, die er im Dunkel der Nacht »aufzog« und auf sein eines Ohr legte, während er gleichzeitig einen Finger tief in das andere hineinstopfte. So geschützt, schlief er dann endlich ein. Aber der Friede war nur von kurzer Dauer, denn das Instrument mußte genau jede zwölfte Minute wieder aufgezogen werden. Und dann war da auch das Schreckliche bei der Sache, daß sie zwei Stücke spielen konnte: einen sanften, erquickenden, leisen Walzer, den er benutzte, und eine wilde, lebenweckende Galoppade von Offenbach. Er hatte so viel mit diesem Teufelsinstrument herumgestellt, daß es in der Regel den Walzer von sich gab, aber es konnte auch plötzlich in Offenbach übergehen – und dann war alle Hoffnung aus! Natürlich waren es namentlich die Hotels , die dem armen Zöllner Nachtweh verursachten. Er wurde schlecht, wenn er dort wohnte, und er haßte sie aus ganzer Seele. Mehr aber noch haßte er doch die Gäste. Und am meisten diejenigen unter ihnen, die zwischen zwölf Uhr des Nachts und acht Uhr des Morgens nach Hause kamen, fröhlich und mit knarrenden Stiefeln. Er hätte ihnen ohne die geringsten Gewissensbisse eine Kugel durch die Zehen schießen können! Und wenn dann doch wenigstens Clausen da drinnen auch nicht hätte schlafen können! Kaum aber hatte das alte Ungeheuer seine Flamingobeine zwischen die Laken gesteckt, als er auch schon eingeschnarcht war, gottbeschützt und engelumflattert wie ein milchgesättigter Säugling.   Knagsted riß die Augen auf und fuhr im Bett in die Höhe. Wieviel war die Uhr? Ein Viertel über sechs! Und er war erst gegen vier eingeschlafen und hatte obendrein in der letzten Stunde mit der Dose schlafen müssen! Er legte die Uhr wieder auf den Nachttisch, ballte die Fäuste und lauschte: »Da sollte denn doch auch der leibhaftige Satan!« Ein paar Zimmer weiter schlug ein Tenorsänger seine herrlichen Triller. Der Gesang quoll rein und klar und unbekümmert aus seiner Kehle. Man konnte deutlich hören, daß er stolz auf seine Stimme war und froh über sie und nun meinte, die ganze Welt müsse derselben Ansicht sein. Wahrscheinlich stand er mitten im Zimmer und schlug mit den Flügeln, wie eine morgenfrohe Lerche tontrunken und gottvergnügt über einem taufrischen Kleefeld in die Lüfte steigt. Sie kehrt sich an nichts, fühlt nichts, glotzt nur direkt in die Sonne hinein und heult darauf los. Knagsted sprang mit einem Satz zum Bett hinaus. (Die Haare an seinen nackten, untersetzten Bocksbeinen standen förmlich zu Berge vor Verzweiflung): »Clausen, Clausen!« Er stürzte auf die Tür zwischen den beiden Zimmern zu und öffnete sie. »Clausen!« »Rrrr!« »Clau-sen-nn!« »Ja, ja; was gibt's, lieber Freund?« »Kannst du denn nicht einmal das hören?« »Was?« »Hör doch!« (Der Tenor setzte gerade mit dem hohen F ein.) Rotwangig und seelenvergnügt hatte sich der Oberlehrer aus dem Schlafe aufgerichtet. Und nun begann er zu lauschen, den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt, mit hellen, lächelnden Augen: »Ja, ja, jetzt höre ich!« sagte er und nickte glückselig. »Das klingt schön, ganz wunderschön! Wie liebenswürdig von dir, mich zu wecken! Ich höre des Morgens so gern Gesang; das ist ein gutes Omen für den ganzen Tag.«   Der Dampfer »Bodenbach« keuchte die Elbe hinauf. Die Räder lärmten und plätscherten und gaben sich alle mögliche Mühe; aber es ging nur langsam vorwärts; der Strom war reißend. Oberlehrer Clausen hatte sich zu Ehren dieser Elbfahrt ein Reisefernglas zu 15 Mark bei Max Kretzschmar, Seestraße 7, erstanden, und saß nun auf einem Feldstuhl ganz unten in dem Vordersteven des Dampfers und besichtigte die Natur. Es sah aus, als solle Dresden niemals ein Ende nehmen; beständig waren da Häuser, Straßen und Fabriken zu beiden Seiten des Flusses. Er war nun wohl schon eine Stunde lang gefahren, immer aber waren da neue Straßen und neue Häuser. Bis auf einmal bei einer plötzlichen Biegung des Flusses eine Reihe hoher, rotbrauner, zerklüfteter Granitfelsen fast lotrecht am Ufer aufragten. Es war ein Steinbruch. Große, viereckige, längliche Blöcke lagen nach allen Seiten zerstreut umher, ganz bis ins Wasser hinein; hin und wieder erscholl ein Krachen und Poltern, und ein ungeheurer Stein hüpfte wie ein Ball die Felswand hinab. Es fehlte nicht viel daran, daß die Augen des Oberlehrers in die Gläser des Fernrohrs hineinkrochen, so gespannt verfolgte er diese Naturerscheinungen. Man kam an einem Steinbruch nach dem andern vorüber. Es sah aus, als hätten gewaltige Riesenfäuste sich in die Felsen hineingebohrt und in unbändiger Wut große Stücke aus ihnen herausgerissen. Aber es lagen auch friedlichere Landschaften dazwischen mit bewaldeten Höhen, rinnenden kleinen Bächen und niedrigen kleinen Häusern, wo Kühe und Ziegen unten auf den Wiesen standen oder in dem hohen Grase lagen und ihren Schöpfer priesen und wiederkäuten. Dann machte der Fluß abermals eine Biegung. Jetzt war es, als fahre man über einen großen und stillen Waldsee dahin. Alle Aussicht war versperrt. Dicke, masthohe Tannen standen in langen steifen Reihen an den Berghängen hinan, sahen sich über den Kopf und nickten ernstlich bekümmert ihren eigenen Spiegelbildern zu, die von dem keuchenden, lärmenden Dampfer in tausend Splitter und Stücke zerrissen wurden. Und nochmals machte der Fluß eine Biegung. Da lag eine Fabrik, groß und imponierend, mit zehn bis vierzehn turmhohen, rauchgeschwärzten Schornsteinen. Eine ganze kleine Stadt. Das Geräusch von Wagen und Maschinen tönte aus ihr heraus. Und am Flußufer entlang lagen Haufen von schwarzen Schlacken und rostrotem Abfall. Aber mitten zwischen den Haufen, durch eine alte, verfallene Mauer, ergoß sich, wie aus einem Rohr, das warme Wasser der Dampfkessel, silberklar und rein wie das Wasser eines Quells. Und in einem Bassin am Fuße des Quells tummelte sich eine Schar nackter Kinder unter Rufen und Lachen. Der warme Dampf umwallte sie, sie schrien auf, bespritzten sich mit Wasser, heulten, kreischten. prügelten sich ... ein dampfender Kessel voll lebendiger Jungen! Und das Schiff plätscherte weiter. Knagsted, der eine Weile auf Deck auf und nieder gewandert war, blieb neben Clausen stehen: »Es geht langsam aber sicher«, sagte er. »Ich bin kurz davor einzuschlafen. Bist du damit einverstanden, daß wir bei der ersten Haltestelle an Land gehen?« »Ja, das können wir gern tun. Aber ich finde eigentlich, daß es eine unterhaltende und interessante Fahrt ist.« »Mein Gott, lieber Freund, dann fahren wir! Bis ans Ende der Welt, wenn du willst. Deinetwillen geben wir ja dies Fest. Bist du mit dem neuen Fernglas zufrieden?« »Ausgezeichnet! Es ist ein ganz brillantes Glas! Willst du es einmal versuchen?« »Ja, gern!« Der Oberlehrer hatte sich erhoben und stand nun mitten im Sonnenschein. Der Zöllner nahm das Glas, trat ein paar Schritte zurück und richtete es direkt auf ihn. »Ja, ein großartiges Glas!« sagte er. »Ich kann deutlich die Knöpfe an deiner Hose schimmern sehen!« Clausen griff entsetzt nach der Unglücksstätte: »Mein Gott,« sagte er erschrocken und half dem Schaden nach, »habe ich denn schon wieder –« »Ja, du hast ›schon wieder‹, ja! An deiner Stelle würde ich überhaupt keine Hosen mehr anziehen; das würde in verschiedener Beziehung viel einfacher sein.« »Pfui, Knagsted!« »Und du hast ja nicht einmal die Berechtigung , so zerstreut zu sein, lieber Clausen, du –« »Willst du es nicht, bitte, nachlassen, dies Gespräch noch weiter fortzusetzen?« » ... denn so ein Genie bist du doch im Grunde nicht, wie? Nun, ich wollte dir ja keine Vorwürfe machen, wenn der Schlitz hinten säße, aber so –« »Jetzt hältst du den Mund, Knagsted!« »Nein, weiß Gott, das tu ich nicht! Glaubst du etwa, daß ich Lust habe, dich durch ganz Europa mit den – – Mitternachtssonnen dort zu schleppen ... Aber wozu in aller Welt hast du auch an der Stelle Messing knöpfe, Mensch? Andere gebildete Sterbliche ... « »Bitte, meine Herrschaften, das Frühstück!« Ein Kellner tänzelte auf seinen lautlosen Schuhen an den beiden Herren vorüber: »Bitte, meine Herrschaften, das Frühstück!« »Danke«, sagte der Zöllner und steckte seinen Arm unter den des Freundes. »Du bist doch nicht beleidigt, lieber Clausen? Ich rede ja nur zu deinem eigenen Besten. Du bist ja im übrigen so ein schöner und feiner älterer Herr, da – –« Clausen zerrte an seinem Arm, um ihn zu befreien. Beleidigt war er: »Hm ja, wenn du mich in etwas anderer Welse darauf aufmerksam machtest ... « Knagsted strich ihm lächelnd und versöhnlich über die Hand. »Das will ich tun, lieber Freund, das will ich tun! ... Darf ich dir nur noch eins sagen?« »Hm ... « »Der Sicherheit halber solltest du doch sehen, ob dir deine Knöpfe hier an Bord nicht ein wenig übergeteert werden könnten.« Der Frühstückstisch war unter dem Sonnensegel auf dem Achterdeck gedeckt. Als Knagsted und Clausen Platz nahmen, saßen schon ein paar Dutzend Personen, Engländer, Deutsche und Franzosen um ihn herum. Alles schwatzte in seiner Zunge drauflos, aß und trank, betrachtete die Aussicht und sagte Ach! und Oh! und Wunderschön! und Beautiful! ! und Ravissant ! so daß es einem nur so um die Ohren schwirrte. Aber dann verstummte plötzlich jegliches Gespräch, und man blieb sitzen, Messer und Gabel unbeweglich in den Händen und starrte mit kugelrunden Augen auf die Kajüte. Dem Eingang zu derselben »entstieg« ein Paar, ein Herr und eine Dame, und »schritt« langsam, einander fest umschlungen haltend, auf den Tisch zu. »Nun bitte ich Sie, Frau Heilbunth!« murmelte Knagsted unwillkürlich. Und eine deutsche Dame flüsterte ihrem Nachbar nur das eine Wort »Famos« zu. Aber das Paar schritt (man kann kein anderes Wort zur Bezeichnung ihrer Gangart gebrauchen) unangefochten näher. Sie war in leichtes, seidenartiges Gewand gehüllt, graugelb mit vielen glitzernden Perlen übersät. Um den Hals war ein weißer Federboa geschlungen, der im Verein mit dem »champagnergelben« Haar ein kleines, blasses Miesekätzchengesicht mit einem Paar großer, schmachtender, blauer Augen umrahmte. – Sie war geschminkt, gekittet und gepudert. Und auf dem Kopf trug sie einen drei Viertel Vogel Strauß. Er war bekleidet mit enganschließendem weißen Flanellanzug, weißer Mütze und weißen Stiefeln. – Und außerdem war er gut gewachsen und hatte einen männlichen aschblonden Vollbart. Sie schmiegte sich mit reizender, babyartiger Zärtlichkeit an ihn, denn sie war wohl erst vierzig Jahre alt und er kaum mehr als dreißig. »Paulchen, mein Herz,« zwitscherte sie mit einer ersterbenden Vogelstimme, »wir bekommen hier wohl schwerlich etwas zu essen ... diese Menschen haben ja alle Plätze eingenommen ... « »Mein Gott, das ist ja eine Dänin«, sagte Clausen ganz überrascht. »St!« flüsterte ihm Knagsted zu. »Kennst du die Dame nicht? Das ist das Sängerpaar Leopold Svendsen aus Kopenhagen. Sie sind auf der Hochzeitsreise ... Sprich nicht zu laut. Laß die Tiere sich in Freiheit entwickeln.« Das Paar hatte Platz am Tisch gefunden. Und er saß nun da und studierte die Speisekarte. Seine Stirn war gefurcht und seine Brauen zusammengezogen, als habe er die Partitur zum »Fliegenden Holländer« vor sich. Sie legte eine kleine, weiße Samtpfote auf seine Schulter, und indem sie zärtlich-begehrlich zu ihm aufsah wie ein Kanarienvogel zu einem Stück Zucker, zwitscherte sie: »Paulchen, mein Herz, hast du etwas für unsere Gaumen gefunden?« »Ja«, sagte er und legte mit einer seelengroßen Armbewegung die Speisekarte hin. »Da ist gefüllte Taube.« »Gefüllte Taube,« meinte sie träumend, »gefüllte Taube ... Aber mein Herz,« (und ihre Augen waren mit Tränen betaut), »begehen wir nicht ein Unrecht, wenn wir das fromme Tier verzehren?« »Da ist auch Fasan, mein Lieb«, sagte der Sänger. »Ach nein, Paulchen, mein Herz ... laß uns nur die Tauben nehmen ... die kleinen Tierchen sind ja nun doch einmal geschlachtet.« Und sie bekamen die Tauben. Und sie verzehrten sie. Er männlich und resolut. Sie schwärmerisch-hingebend, als äße sie Engelfleisch. »Mich dürstet, Paulchen, mein Herz.« Eine Flasche Mosel wurde gebracht. Das Paar »griff« zu den Gläsern: »Marie Antoinette!« sagte er. »Paulchen!« »Hab' Dank für deine Liebe , Marie Antoinette!« »Und habe du Dank für deine Stimme , Paulchen!« Die Gläser wurden geleert, und sie »schaute« bezaubert, und den drei Viertel Vogel Strauß auf die Seite neigend, auf die Landschaft hinaus: »Niemals werde ich diese Rheinfahrt vergessen, Paulchen!« »Wir fahren auf der Elbe , Marie Antoinette ... « »Ist es die Elbe ...? Ach, laß es den Rhein sein, Paulchen! Ich möchte so gern, daß es der Rhein wäre!« So plauderten sie miteinander, fein und idiotisch, bis die »Gefüllte« verzehrt war. Dann »schritten« sie wieder armumschlungen in die Kajüte hinab. Sie hatten eine unglaubliche Aufmerksamkeit erregt! – – »Das sind ja ein paar sonderbare Menschen!« rief der Oberlehrer aus, als sie verschwunden waren. » Menschen , lieber Clausen? Nein, weißt du was, mein Junge, das waren Künstler !« sagte der Zöllner.   »Puh! müssen wir noch höher hinauf?« »Ja, ich dachte ja eigentlich, wir wollten ganz auf den Gipfel hinauf ... « Knagsted stieß resigniert seinen Stock in den harten Granit und begann den Aufstieg von neuem: »Du bist grausam in deiner Ausdauer, Clausen,« sagte er, »grausam! Du müßtest beim Kriminalgericht angestellt werden und mit den Gefangenen spazierengehen, die nicht bekennen wollen.«   Als der »Bodenbach« bei dem kleinen Dorf Rhaden angelegt hatte, waren die beiden Freunde, der langsamen Fahrt müde, von Bord gegangen. Das heißt, der Oberlehrer hatte herzlich gern noch eine unbegrenzte Anzahl Stunden den Fluß hinaufplätschern können. Der Zöllner aber hatte ihn ganz still beim Kragen genommen und ihn über die Landungsbrücke geschleppt. Auch das Sängerpaar Svendsen war an Land »gestiegen«. »Paulchen, mein Herz, sind das Berge ... « »Ja. Marie Antoinette, dies ist die Sächsische Schweiz.« »Ach, ist dies die Sächsische Schweiz? Hier wollen wir verweilen ... « »Um Himmels willen, laß uns entfliehen«, sagte der Zöllner zu dem Oberlehrer. »Ich vertrage nicht mehr von dieser Crême!« Und sie entflohen.   Und nun stöckerten sie sich mühsam über einen finsteren, steilen Schacht am Bergpfad dahin, wo gewaltige braunrote Steinmassen wie dunkle Männer zu beiden Seiten standen. – Aber hoch über ihren Häuptern, oben am Rande der Mauern, flochten laubreiche Buchen ein dunkelgrünes Dach, durch das die Sonnenstrahlen hell und spielend ihre flimmernden Klingen bis auf den Boden des Schachtes entsandten. Und in den Spalten der Felswände wuchsen Moos und hellgrüne Farne. – »Verteufelt raffiniert angelegt!« sagte Knagsted plötzlich ganz wütend und zeigte auf die Kräuter. »Sieh nur z. B. diese Gemüse. Die hat der liebe Gott doch nur dahingepflanzt, damit naive Seelen in Entzücken geraten und rufen sollen: Nein, wie schön! Ach, wie reizend! Seht doch nur diese lieblichen roten Blumen hier mitten auf den kahlen Felswänden! ... Und darüber sollen sie dann die verdammte Mühe vergessen, die man hat, um hier hinaufzugelangen!« »Per ardua at astra!« sagte der Oberlehrer mit einem gelehrten Lächeln. »Hier in der Welt erreicht man ja nichts, lieber Knagsted, ohne daß es etwas kostet!« »Nein. Und das findest du ganz in der Ordnung?« »Ja, natürlich!« »Hm – ich finde, daß es einfach gemein ist ... Hätte er uns dann doch wenigstens wie die Tiere bleiben lassen, oder auch nur wie die Kinder ! Aber uns erst jeden Tag Kirschensuppe und Pfannkuchen zu Mittag zu versprechen und dann schließlich zu Wesen mit Gehirn zu machen ... das ist wahrhaftig unchristlich ; er muß noch eine gute Portion vom Hebräer an sich haben!« Clausen stand da und sperrte Mund und Augen auf über diese Eruption: »Aber liebster Knagsted,« sagte er – »sich so über ein Paar Blumen aufzuregen, die wachsen ... « »Ein Paar Blumen, die wachsen, ja,« höhnte der Zöllner – »gerade die Blumen , mein Freund, sind das Kriminelle bei der Sache; sie sind die Schminke der Erde! ... Was würdest du zum Beispiel sagen, wenn du an einem herrlichen Mondscheinabend ein schönes Frauenzimmer gefaßt kriegtest und dann, wenn du mit ihr in den Bereich des Lampenlichts kämst, entdecktest, daß es ein abscheulicher, alter, angemalter Alligator ist, der dich mit ausgehungerten Augen anglotzt und mit seinen widerlichen Kiefern nach dir hascht! Ob du dann wohl niederfallen und sie anbeten würdest?« Der Oberlehrer schüttelte sich unwillkürlich. »Du bedienst dich Bilder, Knagsted ... « »Ja, ich bediene mich vieler Bilder!« »Und daß du hier mitten auf der Landstraße in Ekstase geraten kannst!« »Ich bin immer in Ekstase! Aber ich leide bekanntlich an einer kolossalen Selbstbeherrschung!« »Du?« »Ja, ich!« »Du, ha, ha, ha! Ja, das will ich meinen! Du, der du immer mitten auf Jägermeister Krügers Wiese zu stehen scheinst!« Knagsted sah den Freund überrascht an: »Also du kannst auch witzig sein!« sagte er und nickte anerkennend. »Ja, denn du mußt doch zugeben, lieber Knagsted ... « »Nein! ... Aber ihr könnt eurem Schöpfer für diese pompöse Selbstbeherrschung danken, das könnt ihr! Denn wenn ich nur ein einziges Mal frisch von der Leber weg redete, mich nur ein einziges Mal gehen ließe – die Erde würde aus ihren Bahnen galoppieren! ... Berge würden zu Ebenen werden! ... Meere würden Dampfformen annehmen ... Und die Flamingobeine mit allen kleinen Oberlehrern auf und davon gehen! – Wollen wir jetzt unsere Wanderung fortsetzen?« ... Oben unter dem Glasdach des Restaurants saßen Knagsted und Clausen und aßen Bratwurst mit Kartoffelpüree ... Von Osten her zog ein Gewitter herauf, eine ungeheure große, blauschwarze Wolke mit Fingern, beweglichen Ausläufern, die sich ganz bis an den Zenit erstreckten. Draußen im Westen strahlte die Sonne noch in all ihrem Glanz von einem Streifen klaren blauen Himmels herab. Aber die Gewitterwolke stieg mit rasender Geschwindigkeit und hüllte allmählich, je näher sie herangejagt kam, die Landschaft in einen dichten, schmutziggrauen Nebel ein. Die Häuser verschwanden und mit ihnen die Wälder und die Berge und der Fluß. Die Sonne kämpfte einen verzweifelten Kampf, jagte ihre Strahlen in den Nebel hinein und ließ sie hier und da in einer blankgeputzten Fensterscheibe, in einer vergoldeten Wetterfahne aufblitzen. Plötzlich aber mußte sie den Kampf aufgeben; die Wolkendecke hatte sich über den ganzen Himmel gebreitet, und der Regen stürzte herab. Im selben Augenblick fuhr ein greller Blitzstrahl durch die Luft, und ein rasselndes, polterndes Donnergetöse folgte, als polterten tausend schwere eiserne Balken im Chaos zusammen. – Das Publikum war ganz erschrocken unter das vorspringende Glasdach des Restaurants geflüchtet, und es erschallte ein vielstimmiges Geschrei von Frauen und Kindern, als der Blitz seine Feuersäule in den nur zehn Schritte entfernten Felsen zu bohren schien. Aber der Schrei ward im selben Augenblick von dem rollenden Poltern des Donnergetöses übertäubt. Dann folgte einen Augenblick lautlose Stille. Man wagte kaum zu atmen. Alle Gesichter waren blaß, und alle Augen starrten groß und entsetzt in das Unwetter hinein: Wie wenn der nächste Blitz zerschmetternd durch das Glasdach hinunterführe, mitten zwischen die Menge! Da plötzlich mitten in die Stille und die Angst hinein fing ein kleines lustiges Automatklavier auf einer Erhöhung in der Ecke an zu spielen. – Irgendeine listige Seele hatte heimlich ein Zehnpfennigstück hineingesteckt, und nun hämmerte es unverzagt und unberührt von den Nöten des Lebens drauflos: Im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion, ist Holzauktion ... Zuerst starrte man sich empört an. Man runzelte die Brauen: Was für Knabenstreiche waren dies in einer so ernsten Situation! – Dann aber stahl sich bald hier, bald dort ein kleines Lächeln hervor; ein unterdrücktes Glucksen ward hörbar. Und als ein dicker Herr ganz unwillkürlich seinen rundlichen Oberkörper im Takte nach der Melodie zu wiegen begann und ein Kind im selben Augenblick in die Hände klatschte, auf ihn zeigte und seelenvergnügt rief: »Sieh, sieh doch, Mütterchen, der Dicke, der Dicke!« da war der Bann gebrochen, und die Angst und die feierliche Stimmung wich einem schallenden Gelächter, das das sausende Plätschern des auf das Dach aufschlagenden Regens übertäubte. – Und nun ließ man die Blitze knattern und den Donner poltern. Man achtete nicht mehr auf das Gewitter. Man stellte sich in langer Reihe hintereinander auf, um zehn Pfennige ins Klavier zu stecken, das wieder und wieder seine fröhliche kleine Polka von der Holzauktion im Grunewald herunterhämmern mußte ... Ganz hinten unter dem Glasdach aber, oben in der Ecke, wo das Automatklavier stand, hatten Knagsted und Clausen gesessen und Bratwurst und Kartoffelpüree gegessen. Und als sie satt waren und das Gewitter sich verzogen hatte, stiegen sie den Berg hinab und begaben sich wieder an Bord des »Bodenbach«, mit dem sie nach Dresden zurückfuhren. V. »Abfahren!« Die Signalglocke. Ein Pfiff der Lokomotive. Rufen und Getümmel. Und der Zug nach Karlsbad setzte sich in Bewegung. – – »Ich hätte noch lange, lange hier in Dresden bleiben können«, sagte der Oberlehrer und sah melancholisch zum Wagenfenster hinaus. »Ich auch!« sagte der Zöllner, »aber wir müssen jetzt zu dem Brunnen hinunter.« »Glaubst du, daß es helfen wird?« »Bewahre.« Sie fuhren an der Elbe entlang, genau denselben Weg, den sie neulich mit dem Dampfer zurückgelegt hatten. Es war die Aussicht auf dieselben Steinbrüche, dieselben Wege, dieselben Wälder. Aber das amüsierte natürlich den Oberlehrer, und er geriet sogleich in geschäftige Bewegung und machte auf die ihm bekannten Punkte aufmerksam: »Sieh, da ist das , Knagsted! Und da ist das ! Und da ist das !« Sie kamen an der Station »Rahden« vorüber. »Und da drüben ist die Bastei, Knagsted! Sieh nur. sieh!« »Ja!« nickte Knagsted. »Gott weiß, ob ›Paulchen‹ und seine gefüllte Taube noch da oben ›herumturteln‹?« »Ja, das war ein sonderbares Paar ... Warum Künstler wohl eigentlich immer so – so sonderbar sein müssen?« »Ach, das ist wohl die Folge der Genialität! – Aber ich möchte sie im Grunde gerne sterben sehen, die Taube ... Ja, ich bin nicht boshaft, lieber Clausen, ganz und gar nicht! Ich meine nicht, daß sie von der Bastei herunterfallen und den Hals brechen soll! Nein, ich möchte sie nur gern auf ihrem Totenbett sehen, verstehst du – – von rein wissenschaftlichem Standpunkt aus! – Natürlich liegt sie in Spitzen vom Scheitel bis zur Sohle, mit Ringen an allen Fingern. Das Haar ist auf das lieblichste gelockt; sie ist sorgfältig geschminkt und gepudert. Und auf dem Nachttisch vor ihrem Bett ist ein Gesangbuch mit Goldschnitt angebracht und ein Kruzifix zwischen zwei brennenden Wachskerzen in silbernen Leuchtern ... ›Paulchen, mein Herz, küsse mich ... Glaubst du, daß Gott böse auf seine Marie Antoinette ist, Paulchen? ... Ach, sage nein! ... Gib mir den kleinen Spiegel da! ... Bin ich nicht sehr blaß? ... Vergiß auch nicht, daß ich unser Hochzeitsnachthemd anhaben will. Paulchen ... und zwei blaßrosa Chrysanthemen in der Hand ... und das Haar wie Margarethe im Faust ... Gib mir das Kruzifix, damit ich unsern Heiland küssen kann ... Wie schön du als Don José warst ... und wie du sangest! ... Nimm das Gesangbuch, Paulchen ... singe, singe! ... Schminke! Schminke! ... In deine Hände befehle ich meinen Geist ... ‹ – – Und dann stirbt sie. – Und niemand hat jemals eine so schöne Leiche gesehen. Paulchen hat sie auch eigenhändig eingekleidet, geschminkt und gepudert. Er ist untröstlich beim Begräbnis. Man muß ihn in die Droschke tragen . – Aber vierzehn Tage später tritt er wieder in ›Carmen‹ auf und entzückt durch seine Stimme, seinen vollendeten Wuchs und seinen Witwerstand das gesamte weibliche Publikum von den Logen bis zur Galerie hinauf.«   Die Bahnlinie führte immer am Fluß entlang. – Der Zug raste jetzt in voller Fahrt dahin; die Landschaft wurde förmlich von den Fenstern weggerissen . Und wenn man an einer Station vorüberkam, war es, als stürzten die Gebäude hinter dem Zug zusammen. Die beiden Freunde saßen einander schweigend gegenüber, taumelnd und verwirrt von der sausenden Fahrt und dem Getöse. Clausen hatte sich in die Polster zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Knagsted dahingegen saß steif, aufrecht und starrend da. Sie waren allein im Abteil. – Da aber tat sich plötzlich die Tür zu dem nächsten Wagen auf (es war nämlich ein sogenannter »D-Zug«) und ein kleiner, vierschrötiger, wildaussehender, älterer Herr schwankte herein. Er mußte sich an Sofaecken und Fensterriemen festklammern, um bei den heftigen Bewegungen des Zuges das Gleichgewicht nicht zu verlieren. – Dann kam er endlich zum Sitzen. Er glich einem Neptun. Struppiges, grauschwarzes Haar und Bart umgaben seinen Kopf mit einem Fall über Nacken und Schultern wie von langem Schwimmen. Die Augen waren groß und klar mit buschigen, ebenfalls zurückfallenden Brauen; die Nase war plattgedrückt und der Mund breit und schmal mit cholerisch herabhängenden Winkeln. Hätte er einen Dreizack in der Hand und einige Austern und Muscheln in Haar und Bart gehabt, würde man nicht im Zweifel über seine Lebensstellung gewesen sein, namentlich, da sein Gesichtsausdruck sehr empört und verbittert war, wie das bei jemand der Fall zu sein pflegt, der sich nicht in seinem wahren Element befindet. Steif und unbeweglich saß er da auf dem Sitz, die Hände auf die Knie gestützt und ließ sich, wie es schien, mit einem gewissen Wohlbehagen von den Bewegungen des Wagens auf und nieder wiegen. Den Kopf trug er aufrecht auf einem kurzen dicken Halse. Es lag etwas Majestätisches, Herrscherhaftes über seiner ganzen Erscheinung. Auf einem Felsblock inmitten eines Wasserstrudels angebracht, würde er Ehrfurcht eingeflößt haben.   Bodenbach , böhmische Grenzstation. Zwei Züge waren fast gleichzeitig, jeder von seiner Seite, in die Station eingelaufen: der Zug aus Prag und der Zug Dresden – Karlsbad. Der Dresdener Zug hielt dem Bahnhofsgebäude zunächst, der andere auf dem Geleise dahinter ... Knagsted kam aus der Restauration, ein Glas Pilsener in jeder Hand. – Es wimmelte um ihn her von Reisenden und Zollbeamten und kleinen brünetten österreichischen Soldaten. Das Gepäck sollte nachgesehen werden. Und es wurde nach einigen Zweigbahnen umgestiegen. »Her–rzlichen guten Tag. Herr–r Zollkontr–rolleur–r! Und willkommen!« »Herr du meines Lebens, Mensch, sind Sie auch hier?« »Ja, ha, ha, ha!« lachte Mikkelsen-Gejstrup mit breitem Grinsen und zeigte die starken, weißen Zähne in seinem Himmelsangesicht. »Sich tr–reffen und wieder scheiden, das ist des Lebens Gang! Herr Zollkontr–rolleur–r befinden sich wohl?« »Ja, ich danke ... Aber woher, zum Teufel, kommen denn Sie jetzt? Sie wollten ja doch nach Paris?« »Ich befinde mich ja auf dem Wege dahin, über Dr–resden–Leipzig. Aber dann kam mir der Einfall, er–rst einen kleinen Abstecher–r südwär–rts zu machen und die Bor–rdellverhältnisse in Pr–rag zu studier–ren.« »Und alles für die dreihundert Kronen?« »Alles für–r die dr–reihundert Kr–ronen, ja! Man weiß ja mit dem lieben Mammon umzugehen, ha, ha, ha! – Sie tr–ragen da zwei Gläser–r Bier–r?« »Ja – wollen Sie das eine haben?« »Wenn Sie es mir–r so fr–reundlich anbieten!« (Herr Mikkelsen nahm das Glas und leerte es bis auf den Boden.) »Ah, das er–rquickt! Ich sehe den lieben Herr–rn Ober–rlehr–rer–r gar–r nicht?« »Der sitzt dort im Wagen.« »Wollen wir–r nicht einmal zu ihm gehen?« »Ja, tun wir das. Es wird ihn freuen, Sie zu sehen.« »Ja, er–r schätzt mich sehr–r! Ach, nehmen Sie das.« (Er reichte das leere Glas einem vorübergehenden Gepäckträger, der es überrumpelt entgegennahm. – Knagsted konnte in diesem Augenblick nicht umhin. Herrn Mikkelsen zu bewundern.) – »Dann gehen wir–r wohl?« »Ja, gehen wir – « Im Wagen drückten der Oberlehrer und der Küster einander herzlich die Hand. »Hier ist dein Bier, Clausen. Herr Mikkelsen hat mir die Ehre erwiesen, meins auszutrinken.« »Ha, ha, ha! Und es hat wahr–rhaftig vor–rtr –refflich geschmeckt! Ich will doch nicht hoffen –« »Bewahre! Mir ist Bier gar nicht zuträglich. Der liebe Gott selber hat Sie gesandt!« »Herr Mikkelsen kommt direkt aus Prag, Clausen.« »So–o? Sind Sie in Prag gewesen, Sejstrup?« »Ja, wahr–rhaftig, dor–rt bin ich gewesen. Ich ging auch mit dem Gedanken um, einen kleinen Abstecher nach Wien zu machen, aber–r mein Kapital –« »Ach, das hätte schon ausgereicht«, meinte Knagsted. »Ja. vielleicht. Aber–r ich habe es doch für–r diesmal aufgegeben.« »Prag soll eine schöne alte Stadt sein?« fragte der Oberlehrer. »Ich habe nicht viel von der–r Stadt gesehen ... Meine Tätigkeit liegt ja fast ausschließlich in den Stunden der–r Nacht. Es waren tr–raur–rige Ver–rhältnisse. sehr–r traur–rige Ver–rhältnisse! Ich war–r in einem Bor–rdell, wo sich Mädchen von unter–r zwölf Jahr–ren befanden. Sehr–r inter–ressant übr–rigens! So schlimm ist es doch bei uns nicht!« »Nein, das ist es wohl nicht.« »Nein, nein, Herr–r Kontr–rolleur–r, und Gott sei Lob und Dank dafür–r! Ich hätte wohl Lust, noch weiter–r südwär–rts zu gehen. Man hat mir er–rzählt, daß es in R–rom Bor–rdelle mit Knaben gibt, wie in den Zeiten des Ver–rfalls!« »Mögen Sie das vielleicht lieber?« Ein großes, nachsichtiges Lächeln erhellte das Antlitz des Küsters: »Immer–r sind der–r Herr–r Konti–rolleur–r witzig!« sagte er und schüttelte sanft seinen Engelskopf. Clausens Gesicht war dagegen ein wenig unruhig geworden. Knagsted aber holte unbekümmert seine Zigarrentasche heraus und präsentierte: »Wollen Sie nicht rauchen. Herr Sejstrup?« »Danke, danke!« sagte der Küster eifrig und bemächtigte sich einer Zigarre. »Tabak ist hier–r unten ja ein uner–rschwinglicher–r Luxus. (Er kniff die Augen zusammen:) Sind die aus Dänemar–rk?« »Ja, die haben wir eingeschmuggelt.« »Ha, ha, ha!« »Wollen Sie sich nicht ein paar einstecken, Herr Sejstrup?« »Vielen Dank für–r Ihr–re Güte! Danke, danke r–recht sehr–r!« (Er eignete sich drei Stück an.) Knagsted sah ihn mit einem beinahe verliebten Blick an: »Darf ich Ihnen die Tasche nicht auch schenken? Ich mag Sie so verteufelt gern leiden!« »Her–rzlichen Dank, Herr–r Kontr–rolleur–r, aber–r –« »Nehmen Sie sie nur! Ich hab' noch eine im Koffer. Und Zigarren zerbrechen so leicht, wenn man sie lose in der Tasche trägt.« »Ja, dann danke ich tausendmal! Es soll mir–r eine liebe Er–inner–rung sein!« Der Küster steckte geschwind die Gabe ein. Clausen saß wie auf Kohlen. Aber Knagsted kehrte sich nicht an seine Unruhe. Er sah sich gierig im Abteil um: »Möchten Sie nicht etwa noch andere Sachen haben? ... Hier ist eine Reisemütze, wollen Sie die haben?« »Nein, nein, Herr–r Kontr–rolleur–r, ich –« »Ja, mir ist sie zu klein. Ich kann sie doch nicht gebrauchen.« »Ja, wenn Sie sie nicht gebr–rauchen können, so ... « »Aber nein! Sie brauchen sich wirklich nicht zu genieren! ... Und die Reisetasche hier? ... « »Nein, die gehört mir «. sagte Clausen schnell. »Aber–r ich bin doch nun, weiß Gott, so r–reichlich beschenkt!« lächelte der Küster, dabei schielte er doch verlangend zu der ihm entgangenen Tasche hinüber. »So, hier ist ein Plaid!« fuhr der Zöllner fort, seine Stimme zitterte, und seine Bewegungen waren sonderbar unbeherrscht. Der Oberlehrer packte ihn beim Arm: »Knagsted!« bat er eindringlich. »Gehört dir das etwa auch?« »Nein, aber –« »Na, dann kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten! ... Er ist so geizig«, erklärte er, zu dem Küster gewendet, der dastand und die Decke mit seinen himmlischen Augen verschlang. – »Bitte schön, die Reisedecke gehört Ihnen!« »Nein, Herr–r Kontr–rolleur–r, die nehm' ich nicht!« sagte Sejstrup mit einem ernsthaften Kopfschütteln. »Nehmen Sie die nicht? Natürlich nehmen Sie die. Die gehört ja zu der Mütze. Können Sie nicht sehen, daß sie beinahe dieselbe Farbe hat?« »Ja, ja, wahr–rhaftig, das sehe ich –« »Na ja, also! Das wußte ich ja! Bitte schön!« »Ja, aber–r ist das denn nicht zuviel –« »Ach nein, durchaus nicht! Bitte schön!« Mikkelsen legte zärtlich das Plaid über seinen Arm: »Ja, dann bedanke ich mich tausendmal –« »Ach, ich bitte! Aber jetzt müssen Sie wohl machen, daß Sie aus dem Wagen herauskommen! Der Zug kann jeden Augenblick abgehen.« »Meinen Sie?« sagte der Küster ganz entsetzt und stürzte mit seinem Raub auf den Bahnsteig hinaus. Hier klopfte er noch einmal an das Fenster des Abteils: »Hör–ren Sie bitte einmal!« Der Oberlehrer lieh das Fenster herab. Knagsted rührte sich nicht; er saß da und schwitzte. »Hätte ich nicht beinahe das allerwichtigste ver–rgessen, lieben Freunde!« ertönte Herrn Mikkelsens klangvolle Stimme draußen. »Wir–r wer–rden in Kopenhagen ein Linksministerium bekommen, meine Herr–ren, daheim in unserem alten Dänemar–rk!« »Prost Mahlzeit!« murmelte der Zöllner von seinem Platz aus. »Was sagen Sie?« rief der Oberlehrer und errötete vor freudiger Überraschung. – »Woher wissen Sie das ?« »Von meinem Amtsbruder–r der–r mir–r geschrieben hat. Das Volk jubelt, schr–reibt er–r, ein fr–reier, gewaltiger–r Lufthauch str–reicht über–r das Land hin.« »Ja, das will ich glauben«, nickte der Oberlehrer bewegt. – »Wir haben auch lange unter dem alten toten Schlendrian geseufzt!« Das Abgangssignal ertönte. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. »Ja, ist es nicht schön, wenn das Licht anfängt, sich Bahn zu br–rechen?« (Der Küster trabte neben dem Wagen her.) »Wie schön, daß jetzt die Unter–rdr–rückten r–regier–ren und ihre gebundenen Kr–räfte pr–robier–ren sollen! Die Ober–rklasse hat – lange genug – an den Fleischtöpfen gesessen.« (Er blieb immer weiter zurück.) »Jetzt sind wir–r es, die – Adieu! Adieu! meine Herren!« rief er und schwenkte das Plaid. Plötzlich aber setzte er die Hände an den Mund und schrie aus der vollen Kraft seiner Lungen: »Können Sie mich noch hören? Sollten Hur–ren in Karlsbad sein, so haben Sie wohl die Güte, ein Paar–r kleine Aufzeichnungen für–r mich zu machen.« Die Bahnlinie beschrieb eine Kurve. Man sah nichts mehr von Herrn Mikkelsen. VI. In Bodenbach war nur das Handgepäck visitiert worden, infolgedessen entstand nun in dem viel kleineren Zollokal in Karlsbad ein erbitterter Kampf ums Leben und um die Koffer, da Hunderte von Kurgästen herbeiströmten, um das Gepäck nachsehen zu lassen. – Clausen und Knagsted ließen sich eine Viertelstunde geduldig stoßen, puffen, zerren und treten von allen den rasenden männlichen und weiblichen Walküren, die mit flammenden Augen, ausgestreckten Armen, gekrümmten Fingern, heiseren Schreien und gellenden Notrufen vor dem Tisch des Zollsaales kämpften. Durch ein Loch in der Decke beobachtet, würde die Sammlung Desperados den Beschauer an die untere Hälfte von Michelangelos »Jüngstem Gericht« erinnert haben. »Puh!« sagte der Zöllner. »Nein, dies halt' ich, weiß Gott, nicht länger aus! ... Komm, Clausen!« Und mit geballten Fäusten und schonungslosen Stiefelabsätzen kämpfte er sich und den Freund bis in die Vorhalle durch. »Puh! Das tut gut! In welches Hotel wollen wir gehen?« »Jägermeister Krüger empfahl uns ja Hotel National; dort sollen so viele Dänen wohnen ... « »Nicht um alle Diamanten Golkondas, lieber Clausen! Ich liebe meine Landsleute, weiß Gott, das tue ich, aber man reist doch nicht nach Böhmen, um ins Tivoli zu gehen! – Komm, wir wollen uns mal die Omnibusse da draußen ansehen!« »Wir müssen uns aber vorsehen, daß wir nicht in ein zu teures Hotel kommen. Knagsted!« »Ja, natürlich! Im übrigen können wir uns ja aber morgen gleich nach ein paar Zimmern in der Stadt umsehen; das soll das billigste sein ... Sieh, da hält ja ein netter bürgerlicher Omnibus: Hotel Birmingham. Laß uns den versuchen!« Kaum hatten die beiden Herren ihre Blicke auf den Hotelwagen geworfen, als ein Hausknecht von dort her auf sie zugestürzt kam: »Hotel Birmingham, Herrschaft bitte?« »Ja«, nickte der Zöllner. »Aber unser Gepäck soll revidiert werden – sein! Können Sie es vielleicht klarieren?« »Ja, ja!« Knagsted zog seinen Gepäckschein und seinen Schlüssel aus der Tasche und gab ihm beides. »Können wir das denn auch riskieren ?« flüsterte Clausen. »Ja, natürlich! Gib ihm nur die Sachen. Dann kommen wir selbst doch wenigstens mit heiler Haut davon.« Zögernd händigte Clausen dem Manne Schlüssel und Gepäckschein ein. »Wenn es nur geht?« »Natürlich geht es!« Sie wanderten nun eine Weile auf dem Platz auf und nieder. Vor der Fassade des Bahnhofsgebäudes hielten lange Reihen von Droschken und Omnibussen. Und jeden Augenblick trennte sich ein Wagen aus der Reihe und rollte davon. Von einer eigentlichen »Stadt« sah man wirklich nicht viel. Die ganze Aussicht, die man von diesem Platz aus hatte, beschränkte sich auf einen großen, tiefen Kessel voll von Baumkronen, über die hier und da das Dach eines Hauses oder die Spitze eines Kirchturmes aufragte. Und rings am Horizont, in einem Kranz, lagen hohe, bewaldete Berge. »Bitte, meine Herrschaften, einsteigen.« Es war der Hoteldiener, der die Koffer schon hatte nachsehen lassen und auf dem Verdeck des Wagens anbrachte. »Siehst du wohl, daß es ging, lieber Clausen?« »Ja«, lächelte der Oberlehrer ganz beruhigt. Außer ihnen war niemand im Wagen. Und die roten Samtpolster sahen ziemlich verschlissen aus und rochen muffig. »Wenn es nur nicht ein zu schäbiges Hotel ist, Clausen ... « »Ach, es ist ja nur für eine Nacht.« »Ja, aber man kann viele Läuse in wenigen Stunden bekommen, mein Lieber.« »Läuse?« »Ja, diese Boiturette hier sieht nach allerlei aus ... So, jetzt kommen wir scheinbar in die Stadt.« Der Wagen rollte von dem asphaltierten Bahnhofswege auf eine gepflasterte Straße mit hohen, vier-, fünfstöckigen Häusern. »Kaiser-Franz-Joseph-Straße«, las der Oberlehrer an einer Ecke. Nach einer Weile machte der Wagen abermals eine Biegung und arbeitete sich nun einen steilen ausgefahrenen Weg hinan, wo das Terrain zu beiden Seiten in dem wildesten Chaos aufgewühlter Erde und Steine und Lehm dalag, mit tiefen, wassergefüllten Löchern dazwischen. Der Wagen schaukelte und stieß in den grundlosen Geleisen. Die Räder ächzten, und die Fensterscheiben klirrten. Und Kutscher und Diener auf dem Bock steckten die Köpfe zusammen und sahen unheimlich aus. »Es sollten doch wohl nicht ein paar Fichtelgebirgsräuber sein, an die wir geraten sind!« sagte der Zöllner. »Ach nein! So schlimm wird es wohl nicht sein. Aber es ist gewiß ein Hotel dritter, vierter Klasse, zu dem sie uns fahren. Diese Pferde. Sie können ja kaum ziehen.« Knagsted sah sich die Tiere an: »Ja, die sehen allerdings aus, als wären sie bei einem Trödler gekauft«, sagte er. »Aber sieh nur, jetzt scheint das Ärgste überstanden zu sein.« Der Weg wurde besser und ebener; und sie kamen an einer prächtigen Kirche vorüber mit bunter, bilderverzierter Fassade und vergoldeten umgekehrten Radiesen auf den Türmen. »Ein Russe!« bemerkte Clausen. »Ja, ein Russe!« nickte Knagsted. »Je ärmer das ›Volk‹, um so reicher die Priester ... die Römer im dreizehnten – – Nein, sieh doch das Schloß da!« »Das ist ein Hotel!« »Ist das ein Hotel?« »Ja, das kannst du doch sehen; über dem Gartentor steht: Savoy-Westend-Hotel ... Und sieh nur, da oben am Eingang steht ein Araber!« »Verdammt, daß wir nicht dahinein sollen!« sagte der Zöllner ärgerlich. »Bester Knagsted, das wäre ja viel zu teuer geworden!« »Ach, für eine Nacht! Und dann hätten wir weder Läuse noch Wanzen bekommen ... Aber sieh doch, da liegt noch so ein Schloß. Das ist beinahe noch flotter!« »Ja; ein, zwei, drei, vier, fünf Stockwerke! und mit einem Turm ! – Aber mein Gott!« »Was hast du nur?« »Da steht ja Hotel Birmingham über dem Tor!« Der Zöllner rieb sich vergnügt die Hand: »Weiß Gott, das steht da! – Jetzt halt die Ohren steif, kleiner Obermensch, jetzt geht's los!« »Wollen wir – wollen wir nicht sagen, daß wir uns geirrt haben?« »Bist du verrückt? – Halt du bloß die Ohren steif! Tue, als käme dir das Ganze viel zu klein vor! Deine Hosen sind doch zugeknöpft?« »Ach was!« Der Omnibus hielt vor dem Portal des Hotels. Ein reich galonierter Portier riß die Wagentür auf, und die Herren stiegen aus. »Zwei Zimmer!« sagte Knagsted mit dem Anstand eines Rheingrafen. »Jawohl, meine Herrschaften!« Auf den Stufen der mit Teppich belegten Marmortreppe standen zwölf Kellner in Frack und weißer Halsbinde und sechs Pikkolos in kurzen Jacken mit Galons in einer Reihe aufgestellt. Die ganze Bande schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich. – Und oben zwischen den Säulen der Vorhalle stand der Wirt. Groß, mager, elegant und soigniert, in langem englischen Diplomatenrock und riesenhohem Kragen und schimmerndem Manschettenhemd mit Diamantnadel. Als die beiden Freunde an ihm vorüberkamen, legte er eine Hand aufs Herz, verneigte sich tief und sagte: »Küss' die Hand!« Außerdem fügte er noch was hinzu, daß ihm niemals, seit er das Licht der Welt erblickt, eine so formidable Ehre zuteil geworden sei! »Zwei Zimmer!« sagte Knagsted. Der Wirt winkte. Acht Kellner und zwei Pikkolos liefen herbei und öffneten zwei Türen. Dann stellten sie sich in einer Reihe auf, zweimal zwei Erwachsene und ein Pikkolo an jede Tür, schlugen die Hacken zusammen und verneigten sich bis zur Erde. Und Zöllner und Oberlehrer schritten durch die Türen. Sie wagten nichts anders zu tun. Weiß mit Gold. Sechs Ellen hoch bis zur Decke. Brüsseler Teppich. Spitzengardinen. Elektrische Kronleuchter. Weißlackiertes Bett; weißlackierter Waschtisch; weißlackierte Stühle und Tische. Marmorkamin. Weiße, mit Ölfarbe gestrichene Wände. Stahlstiche in vergoldeten Rahmen. Doppelte Flügeltüren mit Filz. Sächsisches Porzellan. Kristallflasche und Gläser. Seidene Decken über den Betten ...   Als es draußen auf dem Gang ganz still geworden war und das Kellner- und Pikkoloheer dem Anschein nach abgezogen sein mußte, öffnete Oberlehrer Clausen vorsichtig seine Tür ein klein wenig und guckte hinaus. Sofort kam ein Mädchen aus einer Fensternische gestürzt. Es klang, als wäre sie in Zeitungspapier gekleidet, so raschelte sie von gesteiften Gewändern. »Wünschen Sie etwas, Herr Doktor?« »Nein ... nein,« sagte der Oberlehrer und errötete vor Verlegenheit – »ich wollte nur mit meinem Freund sprechen.« »Ja! Ja!« nickten die gesteiften Gewänder und zeigten auf Tür vierzehn. Und gleichzeitig stürzte aus einer andern Nische ein Pikkolo, der die Hacken zusammenschlug und die Tür weit aufriß. – Knagsted stand am Fenster und sah auf die Landschaft hinaus. – Die Aussicht war prächtig: das Hotel lag auf dem höchsten Punkt des sogenannten »Schloßberges«. Und an den Abhängen des Berges lag Villa neben Villa, umgeben von blumengefüllten Gärten und Parks mit beschnittenen Hecken, Bäumen, Statuen. Marmortreppen und Springbrunnen. Die Sonne stand am westlichen Horizont. Am Fuße des Berges sah man die Häuser der Stadt, die Türme und Kirchen aufragen. Hie und da guckten Flüsse hervor und die Ecke einer Brücke. Ein armdicker Springbrunnenstrahl sank und stieg hinter ein paar kuppelförmigen Bäumen. Die vergoldeten Radiese auf der russischen Kirche schimmerten ... Und gleich einem Kranz umgaben die hohen, bewaldeten Berge das ganze Panorama. Nur nach Südosten hin erschloß sich ein Einblick ins Land hinein, mit seinen Kornfeldern, Bauernhöfen und Dörfern. Aber auch diese Aussicht wurde am Horizont von Bergen versperrt, deren wellenförmige Konturen sich zu heben und mit dem Abendnebel zu verschwimmen schienen ... »Hübsch, nicht wahr?« sagte der Zöllner – »hast du eine ebenso schöne Aussicht von deinem Zimmer?« »Nein, ich sehe nur auf den Weg hinaus.« »Na ja, ich bin ja auch der Kranke! – Das mit diesem Hotel war doch eine Überraschung, Clausen, wie? Hier ist es, weiß Gott, so fein, daß man kaum wagt, das Porzellan zu benutzen!« »Ja; kannst du das mit dem abscheulichen Omnibus verstehen?« »Nein, über so etwas denke ich nie nach! Geh aber jetzt hinein und mach' dich fein, damit wir etwas zu essen bekommen können.« »Morgen ziehen wir doch um, Knagsted? Dies hier würde doch zu teuer werden.« »Natürlich ziehen wir um. – – Aber geh jetzt in dein Zimmer und mache dich fertig, du Plaudertasche, ich bin hungrig.« »Ja, ja – jetzt gehe ich,« sagte der Oberlehrer und trippelte unruhig umher – »aber ich möchte gerne vorher noch etwas mit dir besprechen.« »Hm – dann nimm gefälligst Platz.« Clausen ließ sich unwillkürlich auf einen Stuhl sinken. Auch Knagsted setzte sich. »Ja, sieh, was ich sagen wollte,« begann der Oberlehrer und drehte in seiner Verlegenheit wie wahnsinnig seinen Rockknopf herum – »was ich sagen wollte –« Der Zöllner zog ruhig sein Taschenmesser aus der Tasche, öffnete es und reichte es Clausen. »Bitte schön!« Der Oberlehrer starrte das Instrument ganz verwirrt an: »Was soll ich damit?« »Ach, ich dachte nur, es sei leichter für dich, den Knopf abzuschneiden .« »Ach was!« sagte Clausen und schlug nach dem Messer, so daß es zur Erde fiel. – »Mit dir kann man auch kein vernünftiges Wort reden.« »Freilich kann man das! Aber wenn unsere edelsten Absichten mißverstanden werden –! Was wolltest du denn sagen?« (Clausen sah sehr beleidigt aus.) »Na. na, kleiner Obermann, so rede doch, ich bin ganz Ohr.« »Ja, weißt du, ich wollte so gern – – nein, jetzt ist es mir unmöglich, du machst dich doch nur lustig über mich.« »Bewahre, bewahre, lieber Freund! Ich verspreche dir, so ernsthaft zu sein wie ein Mitglied des Stadtrates – – Nun?« »Ja, die Sache ist ja die , Knagsted, daß jetzt, wo wir ein neues Leben hier in diesen schönen Umgebungen anfangen wollen –« »Ja?« Der Zöllner sah sehr wohlwollend und teilnahmsvoll aus. »So meine ich – – ich weiß ja nämlich nicht recht – ich halte so große Stücke auf dich , aber – –« »Clausen –!« »Ja – ja – ich glaube doch auch, daß du mich gern hast,« fügte der Oberlehrer schleunigst hinzu – »weshalb hättest du mich sonst etwa zu dieser Reise eingeladen, aber – –« »Aber was? – – Willst du dich etwa mit mir verloben?« »Nein, sei jetzt ernsthaft, Knagsted!« flehte Clausen. »Ich möchte so gern, daß du mich recht verständest – –« »Ich soll dich verstehen ! Ich kenne dich in- und auswendig!« »Ja, ja, aber ich – – Du hast kein Vertrauen zu mir!« platzte er dann plötzlich heraus, »und ich möchte dir so gern etwas sein!« Knagsted lächelte väterlich milde: »Du bist mir etwas, Clausen: Du bist mein besseres Ich . In dir durchlebe ich meine ganze glückliche Kindheit noch einmal wieder.« Der Oberlehrer schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich möchte so gern, daß du dich glücklich fühltest!« schloß er. »– – So – so wie wir anderen.« » Kinder sind glücklich und Tiere und Frauen ; aber wir Menschen sind es nicht«, sagte der Zöllner mit tiefer Prophetenstimme. – »Nein, nein, nein,« fuhr er fort und legte sanft seine Hand auf das Knie des Freundes – »werde nun nicht gleich wieder böse. Du sollst mich kennenlernen. Ich will ›Vertrauen‹ zu dir haben. Ich will dir mein Herz erschließen! Erschrick aber nicht zu sehr über das, was du zu sehen bekommst. Weißt du nämlich, was der Grundzug in meinem Charakter ist, lieber Clausen? ... Neid, gelber Neid ! Ich bin so unbeschreiblich, so rasend neidisch auf dich und die Tiere und die Frauenzimmer. Ihr nehmt nämlich das Ganze als etwas Selbstverständliches hin: Sommer und Winter, Herbst und Frühling und Sonnenschein und Regen und Blumen und Magenschmerzen und Sterne und Krätze und den lieben Gott und den Teufel und die Elektrizität und den Magnetismus – das alles nehmt ihr als das Natürlichste von der Welt hin. Und wenn ihr nicht versteht, so glaubt ihr ! ... Deshalb seid ihr glücklich. Und darum bin ich ganz spinatgrün an den Gedärmen entlang vor schierem Neid. Und wahrscheinlich trägt das die Schuld an meinem schlechten Magen.« »Verstehen–?« sagte der Oberlehrer und zwinkerte verwirrt mit den Augen – »verstehen–? und glauben? Du glaubst doch auch an etwas?« »Keinen Deut, nein! Aber ich versichere dir, daß ich manch einen Abend vor meinem Sofa daheim in der Villa Rörholm knie und mit ausgestreckten Händen rufe: ›Beck, Beck, bete du da oben, wo du bist, daß mein Gehirn werde, wie das eines dieser Kleinen!‹« »Mein Gott,« sagte der Oberlehrer spitz, »bist du denn so begabt?« »Ganz furchtbar! – – Aber geh jetzt hin und mache dich fein, denn jetzt will ich endlich was zu essen haben!«   Himmlisches Tal des Heilsegens, Tore der Gesundheit, Wundergeschenk des alle Liebenden! Flechte auch mein bescheidenes Dankesblümchen in den verdienten Ehrenkranz, welcher in alle Weltteile hinaus süß duftet! Himmlische Quelle, auch mich tränktest du mit deinem Rettungstrank in düstern Stunden, und ich verließ dich geheilt und jubelnd im Sonnenschein meiner Seele. Dankbar will ich dir einst einen Tropfen wiederschenken, meine letzte Träne fließt dir ewig, mein liebes Karlsbad! 1806. C. G. Stange.   Es ist sechs Uhr morgens. Von allen Straßen, Gassen und Wegen strömen die Kurgäste den Quellen zu. Der Schlaf sitzt ihnen noch in den Augen, sie gähnen leidenschaftlich und sind blaß vor Verstimmtheit. Unten in den Mühlbrunnen-Kolonnaden spielt die Musik. Der Musikdirektor Labetzki schwingt morgensteif seinen Elfenbein-Taktstock, und die Herren Musizi sind blau vor Kälte unter den hohen Hüten. Aber sie blasen mit Todesverachtung über die Köpfe der gläubigen Herren und Damen hin, die, den heiligen Wasserkrug in den frommen Händen, dahinwallen. An dem Kay der Tepl stehen die Blumenverkäuferinnen mit ihren taufeuchten Rosen, Nelken und Kornblumen und sehen freundlich aus und versuchen zu lächeln. Aber das Publikum geht gleichgültig an ihnen vorüber, ganz in Anspruch genommen von dem Gedanken, die vorgeschriebene Zahl Gläser zu leeren und zu Pupp oder nach dem Posthof zu kommen und in der sehnsuchtsvoll erwarteten Morgenmahlzeit zu schwelgen, nach der ihr Magen jammert. Obwohl es noch früh in der Saison ist, sind doch schon zwischen zehn- und fünfzehntausend Gäste angekommen. In langen, gewundenen Reihen stehen sie vor den gesuchtesten Quellen und warten, bis ihre Krüge gefüllt werden. Aufmerksam, adrett und untereinander zankend, lassen die kleinen, schneidigen Quellenmädchen die Gläser von Hand zu Hand gehen, die leeren nach rechts herunter, die gefüllten nach links hinauf, herunter und hinauf, unaufhaltbar, ununterbrochen, ohne Rast und Ruh wie eine Maschine ... Und langsam, Fuß für Fuß, rücken die Reihen vor. Manch ein älterer Herr, manch eine korpulente Dame geht mit geschlossenen Augen und träumt sich in die verlassenen Kissen zurück.   Knagsted und Clausen tranken beziehungsweise Kaiser-Karl-Quelle und Marktbrunnen. – Am Tage nach ihrer Ankunft im Hotel Birmingham hatten sie sich zwei gemütliche Zimmer in einer der Villen am Südabhang des Schloßberges gesucht. Sie waren die ersten Gäste des Hauses in dieser Saison und wurden daher mit tiefster Ehrfurcht von der Besitzerin und der Dienerschaft empfangen. – Und die Villa trug den Poetischen Namen: Villa Tennyson. Es war eine furchtbare Tortur für die beiden Freunde gewesen, um fünfeinhalb Uhr des Morgens aufzustehen. Sie schwankten wie betrunken aus ihren Betten und nach der Quelle hinunter; ergrimmt, erbittert und gehässig schielten sie vor sich hin, ohne ein Wort miteinander zu reden. – Nach einigen Tagen war es infolge der Gewohnheit besser geworden. Aber sie hatten doch die Übereinkunft getroffen, einander so weit wie möglich des Morgens zu meiden und sich erst nach der Kurzeit gegen acht Uhr bei Pupps zu treffen, wo sie dann ihr Frühstück gemeinsam verzehren und hinterher einen längeren Spaziergang machen wollten. – Bei dieser Ordnung befanden sie sich wohl. Und wenn sie in Pupps Veranda beim Frühstück saßen, während der Springbrunnen in der Goldfischkumme draußen im Garten plätscherte und die Sonne schien und die netten Kellnerinnen in ihren schwarzen, wollenen Kleidern und weißen, gestickten Schürzen sie lächelnd, fröhlich, höflich und morgenfrisch umschwärmten, so befanden sie sich ausgezeichnet und verbrachten die Zeit damit, zu essen und zu trinken, zu rauchen und geistreiche Bemerkungen über die anderen Kurgäste zu machen, und die Laune war um so besser, als das Kaiser-Karl-Quellwasser wirklich einen günstigen Einfluß auf den verstockten Magen des Zöllners zu gewinnen schien. Dem Oberlehrer fehlte ja nichts. – Hatten sie aber das Unglück, einander zufällig zu begegnen, ehe sie ihre zwei Gläser getrunken und ihre vorschriftsmäßigen Verdauungspromenaden gegangen waren, so schnitten sie die schrecklichsten Grimassen, sagten »Pfui Kuckuck«, machten schnell kehrt und entflohen, jeder nach seiner Richtung hin.   Hinter dem Hotel Pupp mit seinen Cafés und Restaurants liegt ein großes und sehr gesuchtes Etablissement, dem Knagsted diskreterweise den Namen »Zentraldrückerei« oder kurzweg »die Zentrale« gegeben hatte. Es ist wohl das größte seiner Art in Karlsbad, wo dergleichen Anstalten infolge der segensreichen Wirkung des Wassers eine ganz hervorragende und bei den meisten Kurgästen sehr geschätzte Rolle spielen. Im übrigen gibt es ähnliche monumentale Zufluchtsstätten an der Mühlbrunnen-Kolonnade und hinter dem Hauptquellsprudel. Und ringsumher in der ganzen Stadt und Umgegend sind kleinere Filialen errichtet: In den Gärten, in den Parks, an den Abhängen der Berge, auf den schönsten Aussichtspunkten – überall wo Menschen verkehren, haben die verständigen und weitschauenden weisen Männer Karlsbads diese mehr oder weniger eleganten, immer aber zweckmäßigen kleinen Pavillons anbringen lassen.   Nach dem Morgenimbiß (Prager Schinken mit Spiegeleiern und Kaffee mit Brot ohne Butter) machten dann die beiden Freunde eine lange Morgenwanderung, von der sie zwischen 11 und 12 Uhr nach der Villa Tennyson zurückkehrten. Sie liebten beide die Regelmäßigkeit und pilgerten deswegen beständig und unveränderlich denselben Weg: Goetheweg, Posthofpromenade, über die Ploberbrücke (wo sie die Forellen in der Tepl fütterten) nach dem Nikolaus-Dumba-Wege und dann nach Hause auf dem Schönbrunner Stieg, dem Marienbader Weg, Alte Wiese, Marktstraße und Schloßweg ... Zu Hause im Garten wurden sie dann in der Regel vom Hausknecht Ander in Empfang genommen, der von Natur so höflich war, daß er, wenn er die Hände voll von Teebrettern mit Gläsern, Tellern und Schüsseln hatte, was häufig der Fall war, und infolgedessen den Kopf nicht entblößen und auch nicht entsprechend tief dienern konnte, auf den herben fühllosen Kiesweg niederkniete und sein Antlitz in dem Geschirr vergrub. – – – Und drinnen im Vestibül stand das Dienstmädchen Millinge Wache und fuhr wie ein sausender Wind die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf, wo die Zimmer der Herren lagen, riß die Türen auf, lächelte wahnsinnig, faltete die Hände und sank in den Staub nieder ...   Um zweieinhalb Uhr aßen sie zu Mittag (Prager Schinken mit Spiegeleiern) entweder bei Pupp oder im »Goldenen Schild« auf der neuen Wiese oder in »Stadt Hannover« auf dem allersteilsten Abhang des Schloßberges, wo die Wagen, wenn sie hinabfahren, die Hinterräder bremsen mußten, damit das Fuhrwerk nicht mit den Pferden durchging, und deshalb riesigen apoplektischen Infekten glichen, die ihre toten Hinterkörper über das Steinpflaster schleppten. – Nach dem Tische machte man abermals einen Spaziergang, diesmal jeder für sich. Dann nach Hause, um zu ruhen, empfangen mit Ehrensaltomortalen von Ander und Millinge. – Um sechseinhalb Uhr Abendessen (Prager Schinken mit Spiegeleiern). – Wieder nach Hause. Gute-Nacht-Kniefall der Dienerschaft. Präzise neun Uhr zu Bett. – Und am nächsten Tage fing man wieder von vorne an: Um fünfeinhalb Uhr aufgestanden – Brunnentrinken – Morgenwanderung – Forellenfütterung usw. gleich Erdkugeln, die ihre himmlischen Bahnen nach ewigen, unwandelbaren Gesetzen beschreiben! »Welchen Arzt haben die Herren?« »Arzt? Wir haben keinen Arzt!« »Sie haben keinen Arzt?« »Nein!« »Dann wünsche ich, daß ihr alle beide Steine im Magen bekommt!« Diesen christlichen Wunsch sprach der Hofjägermeister Krüger aus. – Er hatte die beiden Freunde vor Pupp getroffen. Und nun saßen sie alle drei in der Veranda und tranken ihren Morgenkaffee. »Fräulein Ida!« rief der Zöllner. »Hier!« sagte Ida und kam, über ihr ganzes kleines, hübsches Gesicht lächelnd, herbeigestürzt. »Butter, bitte! Zweimal Butter, Fräulein ... du willst doch auch Butter haben, Clausen?« »Ja–a!« nickte Clausen – »dies hier ist ja ein wenig trocken auf die Dauer.« Der Jägermeister sah wütend bald den einen, bald den andern an. »Ihr seid, verdammt und verflucht, ein paar nette Käuze,« sagte er dann, »euch ins Bad zu schicken! Zum Arzt geht ihr nicht, und Butter eßt ihr auch?« »Sie sind neidisch, Herr Jägermeister.« »Ja, weiß Gott, das bin ich, ha, ha, ha! Hier sitz' ich und quäl' mich mit meinem trockenen Brot ab, während ihr schmälzt!« Ida stellte zwei glänzende Ballen Butter direkt vor die Nase des Jägermeisters: »Weg!« sagte er und schlug sie auf die Finger. »Weg damit. Fräulein! Ich kann keine Butter vor Augen sehen! – Und das schönste Mädchen habt ihr natürlich auch gekapert!« fuhr er fort und warf der Kellnerin ein Paar verliebte Augen zu.– »Ja, ihr seid, verdammt und verflucht, ein paar nette Hengstfohlen, die man nicht auf eigne Hand ausschicken sollte!« Im Café herrschte jetzt ein lebhaftes Treiben. Die Uhr war halb neun, die Kurzeit war zu Ende. Die Kellnerinnen flogen von Tisch zu Tisch und nahmen Befehle in Empfang. An vielen Tischen hieß es nur: »Wie gewöhnlich, Fräulein!« dann wußten die Mädchen gleich Bescheid und brachten das Gewünschte. – Die meisten Gäste waren anfangs verstimmt und unzugänglich, sobald ihnen aber der Kaffee unter der Nase dampfte, wurden sie milder gestimmt. »Es ist eigentlich großartig,« sagte Jägermeister Krüger, »denn das erste Jahr, als ich hier war, durften wir keinen Kaffee anrühren , es war das reine Gift ! Aber dann kam wohl ein Lieferant und schmierte die Ärzte. Und jetzt ist der Kaffee das Beste , was man trinken kann!« »Da ist die Henne!« flüsterte der Oberlehrer plötzlich. »Ja, da ist sie, das süße Tier!« sagte der Zöllner. Es war eine große, korpulente, würdige Dame mit einem winzig kleinen, spitznäsigen Gesicht, dessen kleine, kugelrunde, brauenlose Augen scheu und aufmerksam im Tageslicht blinzelten. Wenn sie sich setzte, umgab das Kleid sie brausend, und sie hielt sich steif und vorsichtig auf dem Stuhl, als habe sie irgend etwas unter den Röcken, um das sie besorgt war, daß es Schaden nehmen könne. Es lag etwas Mütterlich-Prüdes und Gutmütig-törichtes über ihr und dabei etwas Vertrauenerweckendes, Breites, Gemütliches ... Knagsted behauptete, sie habe die Hosen voller Kücken, die sie fortwährend im Gehen ausbrüte. Ein Stück Kalk hatte sich irgendwo vom Schornstein oder dem Hausfirst losgelöst und rollte rasselnd auf dem Glasdach entlang. Die »Henne« hielt den Kopf auf die Seite und zwinkerte erschreckt in die Höhe, der Richtung des Geräusches folgend, während sie gleichzeitig beschützend um ihre Röcke griff. »Sieh doch! sieh doch!« sagte der Zöllner begeistert. »Herr du meines Lebens! Ist sie nicht brillant? Sie glaubte, es sei ein Habicht!« »Da ist der ›Rasenbesprenger‹!« flüsterte der Oberlehrer von neuem. Der »Rasenbesprenger«, auch der »Zappelpeter« genannt, war ein kleiner, abgehauener Hüne mit einem kräftigen, graumelierten Vollbart um ein außerordentlich freundliches, vergnügtes und liebenswürdiges Gesicht, er nickte den Kellnerinnen immer freundlich zu und sagte mit ein wenig heiserer, kindlicher Greisenstimme: »Morgen, Fräulein! Wie befinden Sie sich?« – Es war absolut nichts Abnormes an dem Manne zu bemerken, ehe ihm seine Speisen gebracht waren und er angefangen hatte zu essen. Da aber sah man, daß seine Hände und sein Kopf in dem Maße und in so verschiedenem Takt zitterten, daß man wirklich sagen konnte, er habe seine Aufgabe gelöst, wenn er die Speisen schließlich in seinen Mund hineinpraktiziert hatte. Wenn er seinen Prager Schinken zerteilte, war es, als rasselten zwanzig, dreißig Messer und Gabeln ringsumher auf den Tellern. Und biß er von seinem Brot ab, sah man gespannt zu ihm hinüber, ob er sich nicht die Zähne gleich mit ausreißen würde, so hieb er drauf ein. – Nach der Mahlzeit griff er eifrig nach der Kaffeekanne und schwang sie, als wolle er einen Toast ausbringen oder sie einem der Gegenübersitzenden an den Kopf werfen. Und war es ihm endlich gelungen, die Flüssigkeit einzuschenken und mit Sahne und Zucker zu vermischen, so legte er beide Hände um die Tasse, starrte sie an, als ziele er und wartete dann eine verhältnismäßige Meeresstille ab, ehe er sie an den Mund schwenkte. Man darf jedoch keineswegs glauben, daß diese doch sicher zuzeiten recht genierende Beweglichkeit ihm irgendwie peinlich war oder ihn betrübte. Im Gegenteil, sie schien ihn zu belustigen. Er gluckste förmlich vor Wonne, wenn es so recht verkehrt ging. Und er kokettierte sogar mit seinem Zustand. Das sah man am besten, wenn er nach dem Kaffee seine Zigarre anzünden wollte; denn dann blitzten seine Augen von fröhlicher Schelmerei, während das Streichholz wie ein Irrlicht in einem Meer sein bartbewachsenes Gesicht umtanzte, ehe es infolge einer Art Überrumpelung ihm und der Zigarre gelang, sich zu begegnen. Aber er war auch ehrgeizig und besorgt in bezug auf seine Würde als selbständiges Wesen. Eines Tages kam er nämlich in Begleitung eines jüngeren, normalen Herrn ins Café, der kraft der größeren Macht, die er über seine Gliedmaßen besaß, dem andern hin und wieder eine liebenswürdige Handreichung zukommen lassen wollte. Keine Rede davon! Der Alte schlug ihn ärgerlich auf die Finger. Er wollte allein! – Und als der Junge nach dem Kaffee zuvorkommend ein Streichholz anzündete und es ihm hinhielt, ließ der Alte seine Zigarre die kompliziertesten mathematischen Figuren beschreiben und endete damit, daß er ihm das Streichholz mit einem wütenden: »Es geht ja aber nicht!« entriß und seine Zigarre selber anzündete. – Den Namen »Rasenbesprenger« hatte ihm Knagsted gegeben: »Ich möchte ihn schrecklich gern einmal sein Wasser lassen sehen, Clausen«, hatte er gesagt. – »Vorher müßte ich mir ja aber natürlich erst einen Regenschirm kaufen.«   Tag für Tag strömten die Gäste herbei. Der Kurliste nach befanden sich jetzt fünfundzwanzigtausend fremde Seelen in der Stadt. – Des Morgens auf der Promenade konnte man sich kaum hindurchdrängen. Und die Jungen aller Erdenreiche brausten einem um die Ohren. – Konzerte, Bälle, Gartentombolas, Konfettifeste, Wettrennen, Theater- und Varietévorstellungen gingen Hand in Hand: Die armen kranken Gäste mußten ja zerstreut werden. – Hier jammerte die »Kurkapelle«, dort heulte die »Pleiersche Konzert-Kapelle«, und überall blies die »kaiserlich-königliche Militärkapelle«. Es fehlten nur ein Paar Bärentreiber, Seiltänzer, Waffelbuden und Feuerfresser, um das Ganze in ein großes Jahrmarktstreiben zu verwandeln. Aber präzise neun Uhr hörte jeglicher Tingeltangel auf, und man bestieg sein keusches Lager mit dem Bewußtsein, einfach jeder Richtung hin »kurgemäßes« Leben zu führen.   Knagsted und Clausen waren noch immer außerordentlich zufrieden mit ihrem Logis in der Villa Tennyson. Freilich waren jetzt mehrere von den Zimmern des Hauses vermietet, teils aber wurden sie von stillen und friedlichen Leuten bewohnt, von denen man weder etwas sah noch hörte, und teils hatte nur das Erdgeschoß Liebhaber gefunden. Im ersten Stockwerk waren die beiden Freunde noch immer Alleinherrscher. – Das Zimmer des Oberlehrers lag nach Süden mit Aussicht über Stadt und Land und die fernen Berge. Der Zöllner dahingegen hatte ein nach Norden gelegenes Zimmer gewählt, nach dem Schloßweg hinaus, wo die Aussicht in der Entfernung von ein Paar hundert Ellen von dem waldbedeckten Berg verschlossen wurde und wohin die Sonne niemals kam. Er fand nämlich, daß dies auf die Dauer weit mehr mit seiner ernsten und düsteren Lebensanschauung übereinstimmte, als die banale Augenlust aus dem Fenster seines lackierten Salons im Hotel Birmingham. – Überhaupt bekam ihm der Aufenthalt in Karlsbad außerordentlich gut; das Wasser hatte die köstlichste Wirkung auf seinen Magen, und die regelmäßige Lebensweise und das viele Wandern in der leichten und frischen Bergluft bewirkten, daß er fast augenblicklich einschlief, wenn er des Abends ins Bett kam, und fast immer schlief er ununterbrochen durch, bis die kleine Weckuhr, die er auf dem Nachttisch stehen hatte, ihn zwanzig Minuten nach fünf wachklingelte. Seit den ersten Nächten hatte er nicht zur Spieluhr zu greifen brauchen. Doch mit des Geschickes Mächten – – –   An einem wunderschönen sonnigen Nachmittag zwischen vier und fünf Uhr lag er in seinem offenen Fenster und lauschte einem Papagei, der sich im Nachbargarten produzierte. Jeden Tag um zwölf Uhr morgens wurde der Papagei in den Garten hinausgetragen und schloß dann seinen energischen Schnabel nicht wieder, bis er gegen sieben Uhr ins Haus zurückgetragen wurde. Das Tier selber konnte man nicht sehen, da der Bauer auf einem Tisch hinter einer blühenden Rosenhecke angebracht war. Dafür konnte man es aber hören . Sein Maulwerk, mit Erlaubnis zu sagen, stand keine Sekunde still. Das Ungetüm repräsentierte die ganze Familie. Es weinte und lachte, hustete, spie, räusperte sich, schimpfte, sang und pfiff. Das Lachen und Weinen klang wie das eines vierjährigen Kindes. Der Vogel konnte lachen, so daß es gluckste, und so bitterlich weinen, daß das Herz einer Mutter abwechselnd lächeln und bluten mußte. Aber mitten in die Trauer oder Freude hinein konnte er dann anfangen zu husten, zu spucken und zu schnauben wie eine alte, brustschwache Dame. Es war offenbar die Großmutter des Hauses, die er dann kopierte. Dann begann er plötzlich in einem kreischenden Ton eine Person namens Lieschen auszuschelten. Das war die Hausfrau, die Justiz übte. Worauf er in ein schallendes Gelächter überging und mit tiefer Männerstimme (die des Hausherrn?) »Ach du lieber Au ... « sang. Weiter kam er nicht mit dem Liede. Aber es wurde mit Bravour herausgeschmettert. – Und dann endete die ganze Vorstellung ausnahmslos damit, daß er in einem energischen und unabweisbaren Tone sagte: »Du sollst Zucker haben, Papagei!« welches gerichtliche Urteil er unausgesetzt in einem immer erregteren Tone wiederholte, bis er, ganz wütend darüber, daß er nicht erhört wurde, sein Papagei–i– i–i–i so lang und gellend in die Luft hinausschmetterte, daß alle die kleinen Vögel im Garten entsetzt in die Berge hinauf flüchteten. – Und dann fing das Ungetüm sein Repertoire von vorne wieder an mit dem Weinen des Babys, dem Hustenanfall der Großmutter, der Strafrede der Hausfrau und dem »Ach du lieber ... « des Hausherrn, bis es von neuem mit seinem: Du sollst Zucker haben. Papagei–i–i endete. Als Knagsted sechs von diesen Dakapos genossen hatte, schloß er übersättigt das Fenster. – Im selben Augenblick aber sah er drei Droschken vom Schloßberge her einbiegen und auf die Villa zufahren. – (In der vorderen Droschke saß eine ungeheuer starke, ältere Dame, schwarz gekleidet, mit blaurotem, gepudertem Gesicht und drei mächtigen Doppelkinnen. Sie rührte sich nicht, denn sie konnte sich nicht rühren, saß nur steif und stramm auf dem Sitz und fächelte sich mit einem sehr großen, schwarzen, perlenbesetzten Federfächer. Neben ihr verschwand beinahe in ihrem Schatten eine kleine grau gekleidete, barhäuptige Frau. – Die beiden andern Droschken waren vollgepfropft mit Koffein, Kasten, Schachteln und Unbestimmbarem. Und auf dem Bock neben jedem Kutscher sah ein hünenhaftes männliches Wesen in Zivil. Der Hausknecht Ander kam aus der Villa auf den vordersten Wagen zugestürzt, und die Jungfer Millinge stand, auf und nieder kniksend, auf der steinernen Treppe, als werde sie von einem inneren Mechanismus getrieben. Knagsted öffnete von neuem das Fenster. Die Herrschaft da unten war eine russische Gräfin Sonja Wolokoisky, die eben mit dem Zuge angelangt war und nun Logis für sich und ihre Dienerschaft suchte. Es entstand eine mächtige Bewegung in der Villa. Die kleine barhäuptige Frau und die beiden Hünenhaften kamen mit der Wirtin des Hauses, gefolgt von Ander und Millinge, in das erste Stockwerk hinauf, um die dort befindlichen leeren Zimmer zu besichtigen. Währenddes saß die Gräfin unten im Wagen und fächelte sich. Sie wollte sich nicht hinaufbemühen, bis alles abgemacht war. In dem Zimmer neben Knagsteds Zimmer wurde ein Fenster geöffnet, und nun begann ein lautes Parlamentieren zwischen der Gesellschafterin und der Herrschaft. Sie sprachen russisch und gestikulierten gewaltig. Die benachbarten Villen hallten wider von ihrer Unterhaltung, und selbst der Papagei verstummte. Aber das Ende der Verhandlungen war, daß die beiden Zimmer gemietet wurden. Dann suchte man einen Tragsessel aus den Droschken heraus; die beiden Hünenhaften zerrten die Gnädige aus dem Wagen und trugen sie in die Wohnung hinauf. Sie wurde in einem Bett untergebracht, das an der Flügeltür stand, die zu Knagsteds Asyl führte. Sie kommandierte und schalt, und die von Ander und Millinge unterstützte Dienerschaft fuhr die Treppe auf und nieder mit dem Gepäck. Die kleine Barhäuptige sollte mit der Gräfin zusammen in dem einen Zimmer wohnen. In dem andern Zimmer sollte das Gepäck untergebracht werden. Es gelang aber weder Knagsted noch Clausen jemals, ausfindig zu machen, wo die beiden hünenhaften Diener einquartiert wurden. Dann wurden die Droschken bezahlt, und alles wurde verhältnismäßig ruhig. – Ander und Millinge begaben sich krumm vor Ehrfurcht an ihr Tagewerk, und der Papagei wagte sich mit ein paar Nummern seines Repertoirs hervor. Er weinte bitterlich und sang dazu: »Ach du lieber Au ... «   Und mit dem Frieden in der Villa Tennyson war es wirklich auch vorbei. Nicht daß Madame Sonja geschrien und gelärmt hatte. Hätte sie das nur getan, dann hätte Knagsted doch mit Fug und Recht einschreiten und einen vielleicht erfolgreichen Protest erheben können. Nein, sie war nur so übernatürlich fett. Wenn sie nebenan im Bett nur ein Bein bewegte, krachten und ächzten Matratzen und Holzwerk, als werde Tennis mit einer Tonne Weizen gespielt. So schwer war sie, daß, wenn der Boden der Bettstelle eingebrochen wäre, sie zweifelsohne bei dem Fall gleich durch die Decke des Zimmers und in das Erdgeschoß hinuntergeplumpst sein würde, vielleicht gar noch in den Keller hinab. Und so mit überflüssigem Fleisch besetzt war sie, daß sie nicht imstande war, die Beine anzusetzen, geschweige denn zu gehen. Hätte man sie geschlachtet, zerlegt und feilgeboten, würde sie mit Leichtigkeit Sonntagsbraten für ein größeres Dorf geliefert haben. – Sie lag beständig im Bett, aß und trank, spielte Bezique und brauchte die Karlsbader Kur pp. Das schlimmste aber war doch, daß sie auch massiert wurde. Und zwar genau in der Stunde zwischen dem Frühstück und dem Mittagessen, die Knagsted auf seinem Sofa mit seiner Pfeife zuzubringen pflegte. Einen Tag und den zweiten Tag hielt er das Klatschen aus. Am dritten aber entfloh er: Ihm wurde schlimm und Übel. Sobald er die Stimme der Masseuse draußen auf dem Gang vernahm, floh er zu Clausen hinüber, dessen Zimmer dem seinen gegenüber, in entgegengesetzter Richtung von dem Orte der Tat lag. »Es ist auch wirklich dumm. Knagsted, daß da, wo du wohnst, immer so etwas sein muß. Aber ich habe dir doch gesagt, du solltest lieber dies Zimmer nehmen, lieber Freund – du weißt, ich bin nicht so empfindlich gegen Geräusche.« Der Zöllner lachte bitter: »Ja!« sagte er. »ja, dann hätte die Wolokoisky ganz einfach das Zimmer hier nebenan zum Klatscherheim ausersehen.« »Meinst du wirklich?« »Natürlich! Ich kenne die ewigen Götter! – Hör' doch nur! Man kann es, weiß Gott, bis hierher hören!« Der Oberlehrer lauschte: »Ja, wahrhaftig!« »Ach, hier ist es gar nichts! Geh nur mal nach meinem Zimmer hinüber.« »Findest du, daß ich das tun sollte?« »Natürlich, so etwas erlebt man nur einmal im Leben.« Clausen schlich über den Gang hinüber und kam nach einigen Minuten ganz blaß zurück. »Nun, was sagst du?« »Ja, das ist allerdings fürchterlich!« »Ja, nicht wahr? Man wird förmlich seekrank. Es klingt, als würden drei, vier große Seehunde gegeneinander geworfen.« »Justizrat Stabelsteen! – Zollkontrolleur a. D. Knagsted! Oberlehrer Clausen!« »Ebenfalls a. D.« »Ebenfalls a. D., ach ja!« Jägermeister Krüger machte die Herren in einer frühen Morgenstunde draußen im Garten des Etablissements ›Freundschaftssaal‹ miteinander bekannt. Die Sonne schien durch das Laub der Kastanien, herab. Die Rosen dufteten. Die Vögel sangen. Und das Publikum plauderte. Ein Dutzend junger Krähen (mit diesem Gattungsnamen hatte Knagsted alle die kleinen, schwarzbekleideten, weißbeschürzten Kellnerinnen getauft) standen mitten im Sonnenschein und spähten nach Gästen aus, die in Scharen durch den Garten gezogen kamen. Jede Krähe hatte ihre bestimmten Kunden zu bedienen, und wenn sie sie in der Menge entdeckte, lächelte sie über das ganze Gesicht und nickte: »Morgen, Herrschaft!« und flog davon, um sie zu bedienen. »Hier ist es herrlich!« nickte Justizrat Stabelsteen und faltete seelenvergnügt die kleinen Hände über dem Elfenbein-Stockgriff. »Herrlich!« wiederholte Oberlehrer Clausen. Der Justizrat war ein winzig kleines, steifes Männchen mit dem weichsten schneeweißen Haar und dito Backenbart, beides wuchs so dicht und üppig, als wären es Watteschichten, die auf ihm festgeleimt waren. – Er war ungeheuer sanft und freundlich von Gesicht und dabei außerordentlich höflich und bescheiden in seinem Auftreten. Aber sehr klein und mager. Ungefähr wie ein Schuljunge in den Schlingeljahren. Sein Kopf saß eingeklemmt zwischen einem hohen ›Vatermörder‹, und wenn er ihn umdrehen wollte, mußte er die ganze Person umdrehen. Aber reizend war er in seiner Kleinheit. Man bekam Lust, ihn auf den Schoß zu nehmen und mit Zuckerstangen zu füttern. Er war siebenundsechzig Jahre alt und Apotheker in Nakskov gewesen. Jetzt lebte er selbigen Orts von seinen Zinsen. – Seine Frau war vor drei bis vier Jahren gestorben. Was, wie man sagte, ihn sehr belebt haben sollte. »Ja, hier ist es herrlich!« sagte der Oberlehrer noch einmal. »Großartig!« bestätigte der Jägermeister und nickte seiner Privatkrähe zu, die die ganze Zeit den Tisch umschwärmt hatte. »Ja, die beiden Herren a. D. haben es natürlich nicht länger als bis zu Pupp aushalten können.« »Nein,« sagte Knagsted, »und in Zukunft beabsichtigen wir, das erste Frühstück im ›Elefanten‹ einzunehmen, das ist noch näher.« »Ja, ihr seid ein paar nette Kurgäste! – Denken Sie sich nur, Stabelsteen, die beiden Kavaliere sind nicht einmal zum Arzt gegangen!« » Nicht zum Arzt gewesen !« sagte der Justizrat und drehte sich steif wie eine Wetterfahne auf dem Stuhl herum. »Nein! Und Butter essen sie auch!« » Butter , das widerspricht doch den elementarsten Kurregeln!« »Ja, nicht wahr? Ich will Ihnen wünschen, daß Sie so viele Steine im Magen bekommen, daß Sie Übergewicht bezahlen müssen, wenn Sie nach Hause reisen!« »Sagen Sie mal, Herr Jägermeister,« fragte Knagsted mit einem kleinen listigen Lächeln in den Augenwinkeln, »haben Sie wohl den wunderschönen Kapaun gesehen, der am Mittag im ›Goldenen Schild‹ auf dem Büfett stand?« Clausen lächelte leise. »Ob ich den gesehen habe!« entgegnete der Jägermeister. »Das Wasser lief mir, verdammt und verflucht, im Wunde zusammen!« »Davon bekamen der Oberlehrer und ich jeder eine tüchtige Portion zu Tische.« Der Jägermeister wurde dunkelrot bis unter das mit der Maschine geschnittene Haar: »Das ist nicht wahr!« platzte er heraus und schlug mit der Hand auf den Tisch, so daß die junge Krähe, die gerade beschäftigt war, den Kaffee hinzustellen, entsetzt das Teebrett zurückzog. »Das ist nicht wahr! Das konnten Sie doch nicht übers Herz bringen! Wie, Herr Oberlehrer – – schon allein meinetwegen!« »Ja.« nickte Clausen – »wir aßen wirklich –« »Daß der liebe Gott euch nicht auf der Stelle totschlug! Daß er so etwas zugeben kann! Und ich hatte mich schon so gefreut, daß der Wirt damit sitzenbleiben würde. Leuten, die auf Wasser und Brot gesetzt sind, so ein prächtiges Tier vor die Nase zu stellen! Und dann geht ihr beiden Freßsäcke mir nichts dir nichts hin und helft dem Schwein, den Vogel zu vertilgen! – – Haben viele davon bekommen? War er gut?« »Großartig!« nickte der Zöllner und schnalzte – »Er schmolz nur so auf der Zunge!« Der Jägermeister sank vernichtet zusammen: »Schweigen Sie!« stöhnte er – »Schweigen Sie! Ich kann es nicht vertragen, davon zu hören!« – Dann richtete er sich wieder in seiner ganzen Größe auf. – »Aber wartet nur,« drohte er, »bis ich mit der Kur fertig bin, dann sollt ihr was erleben! Ich reise über Hamburg nach Hause. Ja, das tue ich! Und dann könnt ihr Gift darauf nehmen, daß ich mir ein Diner bei Pforte bestelle, von dem man bis über die Landesgrenze hinaus reden soll! – –« Und abermals sank er zusammen. – »Ach, mein Gott, daß ihr beiden Protzen von dem Kapaun bekommen habt! Ich habe drei Nächte hintereinander davon geträumt ... Ich träumte, er läge auf dem Stuhl vor meinem Bett, braun und zart und knusprig ... Aber ich konnte nicht herankommen ... ich konnte mich nicht aufrichten ... Und dann geht ihr ganz ruhig hin und laßt euch davon zu Tische geben ... Wenn ihr doch nichts davon bekommen hättet, würde es für mich zu ertragen sein! – –« Knagsted und Clausen brachen in ein lautes Gelächter aus über die Verzweiflung des Mannes. – Aber der winzig kleine Justizrat schüttelte seinen Wattekopf ernsthaft. »Lieber Herr Jägermeister.« sagte er, »Sie nehmen sich die Sache zu sehr zu Herzen.« »Ja, Sie !« schrie der Jägermeister und sprang auf – »Sie ahnen ja gar nicht, was es heißt, mit hungrigem Magen umherzulaufen! So ein – Zwerg wie Sie! Sie brauchen ja nicht einmal ordentliches Essen. Sie haben ja nichts, wo Sie es lassen können!« »Ach ja,« sagte er äußerst bescheiden – »einen kleinen Magen hab' ich ja doch auch –« »Das glaub' ich nicht! Wo sollte der wohl sitzen? ... Wollen wir uns jeder eine Portion Butter zum Kaffee geben lassen?« »Unter keiner Bedingung!« »Nein, da sehen Sie – – Und wenn ich mir nun privatim eine Portion Butter geben ließe, würden Sie das ausplaudern, wenn wir wieder nach Nakskov kommen?« »Unbedingt!« sagte der Justizrat und lachte mit seinem kleinen hölzernen Gesicht – »denn entweder gebraucht man eine Kur, oder man gebraucht sie nicht . Ich würde Sie absolut verklatschen, sobald ich das erstemal die Ehre hätte, Ihre Frau Gemahlin zu sehen! Ich habe eine gewisse Verantw – –« Hier hielt er plötzlich mitten in der Rede inne, und während seine Augen förmlich strahlten, streckte er seine mageren, stockähnlichen Finger nach der rechten Schulter des Zöllners aus und sagte: »Nein, sehen Sie doch nur, was für eine wunderschöne Spinne da kriecht!« Knagstedt knipste mit einer schnellen Bewegung das Tier weg. Der Wattenmann sprang vom Stuhl auf. »Aber mein lieber Herr Zollkontrolleur!« sagte er vorwurfsvoll und zog eiligst eine Schwefelholzschachtel aus der Hosentasche, fing die Spinne, die im Kies davonlief, und setzte sie in die Schachtel. »Aber was wollen Sie nur mit dem abscheulichen Tier?« fragte Clausen mit einem gelinden Schauder. Der Jägermeister bearbeitete warnend die Beine des Oberlehrers unter dem Tisch, als wollte er sagen: »Sprechen Sie um Gottes willen doch nicht davon!« »Ich studiere diese Tiere«, sagte der Justizrat ruhig und steckte die Schwefelholzschachtel wieder in die Tasche. »Und dies war gerade ein sehr schönes Exemplar.« »So, jetzt haben wir den Salat!« murmelte der Jägermeister. Der Wattenmann drehte langsam sein Gesicht zu ihm herum: »Ja, ich weiß ja recht gut, daß es Sie nicht interessiert« – sagte er still und bescheiden. »Nein!« »Nein, Sie haben keinen Sinn für dergleichen.« »Auch nicht die Spur!« »Sie halten es wie die meisten in Nakskov für eine fixe Idee.« »Eine ganz verrückte Idee, ja! Das hab' ich Ihnen schon sooft gesagt.« »Das haben Sie allerdings getan.« Es huschte ein so schmerzlicher Zug über das Gesicht des kleinen Mannes, daß der Sentimentaliker Knagsted Mitleid mit ihm bekam. Und eine Hand auf seine steife Schulter legend, sagte er: »Was ist denn das mit den Spinnen, Herr Stabelsteen? Ich interessiere mich sehr für wissenschaftliche Untersuchungen.« Der Justizrat sah scheu zu dem Jägermeister auf: »Ich tue es so ungern«, sagte er. Aber nun gewann auch in des Jägermeisters weicher Seele die Gutmütigkeit die Oberhand. Er nickte dem Wattenmann freundlich zu: »Erzählen Sie nur frisch von der Leber weg, Stabelsteen.« sagte er, »wenn es die andern amüsiert! Ich kann mir ja inzwischen die kleinen Mädchen hier rundherum ein wenig ansehen.« Der Justizrat errötete freudig: »Ja, dies ist ja nämlich meine Lebenssache«, sagte er. »Ob Herr Oberlehrer Clausen aber auch davon hören mag?« »Ja, ja«, nickte Clausen. »Mit dem größten Vergnügen werde ich Ihnen zuhören. Herr Justizrat!« Der kleine Mann sah noch vergnügter aus. »Ja. sehen Sie, meine Herren,« begann er darauf, »man hat meiner Meinung nach den Spinnen lange unrecht getan. Man behandelt dies Tier nicht nach Verdienst, viele Menschen scheuen es sogar. Aber die Spinnen müssen, bei Lichte besehen, zu der Klasse unserer Haustiere gerechnet werden. Das ist meine Idee! Die Spinne ist nämlich in hohem Maße ein Nutztier !« »So–o?« sagte Knagsted, und Clausen machte einen langen Hals, um besser zu hören, während der Jägermeister schalkhaft mit den Augen blinzelte, als wollte er sagen: »Jetzt ist er in seinem Element!« »Ja.« nickte das kleine Watten- und Holzmännchen als Antwort auf das Fragezeichen des Zöllners – »ich habe mich ja mehrere Jahre eingehend mit dieser Sache beschäftigt. Ich habe mit mehreren Kapazitäten des In- und Auslandes darüber korrespondiert und sehr entgegenkommende Antworten erhalten. – Nur das liebe Nakskov«, schloß er mit einem feinironischen Lächeln und einem kleinen Blick zu dem Jägermeister hinüber, »zuckt noch die Achseln über mich.« »Das dürfen Sie sich nicht zu Herzen nehmen«, warf der Zöllner ein. »Nein, das tue ich auch nicht. Als Gelehrter muß man ja auf Neid und Widerstand gefaßt sein, namentlich, wenn man mit etwas Neuem kommt ... doch vielleicht«, fügte er bescheiden hinzu, »ist es zu anmaßend von mir selber, mich einen Gelehrten zu nennen; Amateur wäre wohl richtiger.« »Es ist ja einerlei, wie man es nennt ,« meinte Knagsted, »das Verdienst bleibt ja dasselbe – – und die Ehre !« »Ja, nicht wahr, Herr Zollkontrolleur?« lächelte der Justizrat dankbar. – »Es kommt ja nur darauf an, ob man sich seiner Sache mit ganzer Seele hingibt!« »Ja natürlich! – – Aber zu welchem Resultat sind Sie dann mit Ihren Studien dieser Ihrer Ansicht nach verkannten kleinen Tiere gelangt?« »Ich bin zu dem Resultat gelangt, Herr Knagsted, daß ebenso wie man in fast allen Häusern – namentlich auf dem Lande – seine Katzen und Hunde hält, die ihr Tagwerk zu verrichten haben – – Mäuse und Ratten, Iltis und Marder, Füchse usw. auszurotten; so sollte man es auch – – dies ist meine Idee, und dies ist das , wofür ich augenblicklich eintrete! – ebenso sollte man auch in jedem wohlgeordneten Hause, namentlich auf dem Lande, wo die Plage am empfindlichsten ist, Spinnen halten – natürlich in größerer oder geringerer Anzahl, je nach Bedarf.« Es entstand eine kleine Pause nach dieser Äußerung – – Knagsted und Clausen senkten die Augen, um einander nicht anzusehen. Und der Jägermeister machte ganz kehrt, aber seine Wangen, die man infolge ihrer Dimensionen auch von hinten sehen konnte, waren blaurot. Der kleine Justizrat sah sich hilflos um, sein Blick war unsicher, als drohe ihm eine nahe Gefahr, und seine kleinen, mageren Hände lagen hilflos in seinem Schoß gefaltet ... Da aber sagte Knagsted in ruhigem, völlig sachlichem Ton: »Je nach Bedarf, sagen Sie, Herr Justizrat – – Was wollen Sie damit sagen?« Der Justizrat lächelte erleichtert: »Ich will damit sagen, Herr Knagsted,« erklärte er, »daß die größeren oder kleineren Hausstände natürlich eine größere oder kleinere Anzahl Tiere anschaffen müssen, je nach dem Kubikinhalt der Speisekammern.« »Der Speisekammern !« wiederholte der Oberlehrer in höchstem Entsetzen. »Wollen Sie die Spinnen in den Speisekammern haben?« Und der Jägermeister ließ ein Prusten ertönen, das einem vorweltlichen Pflanzenfresser alle Ehre gemacht hätte. »Ja,« lächelte der Justizrat schwach, und seine kleinen Augen nahmen einen melancholischen Ausdruck an – »ich habe es mir gleich gedacht , immer bei diesem Punkt stoße ich auf Widerspruch – – Und dann fürchte ich auch, daß ich die Herren ermüde«, fügte er beinahe demütig hinzu. »Keineswegs«, entgegnete Knagsted. »Im Gegenteil, es interessiert uns außerordentlich! – Aber was sollen denn diese Tiere in der Speisekammer?« »Mein lieber Herr Zollkontrolle«ur, das ist doch ganz einleuchtend, scheint es mir! – – Natürlich Fliegen fressen!« »Ah! Vorzüglich! Ausgezeichnet!« Jetzt machte der Jägermeister kehrt; er sah ganz aufgeregt aus. »Ja, aber verdammt und verflucht! Er bringt die Frauenzimmer nie im Leben dazu, sie da aufzunehmen!« sagte er.– »Meine Frau zum Beispiel springt himmelhoch vor Angst, wenn sie nur von einer Spinne hört!« Der Justizrat lächelte überlegen: »Das schöne Geschlecht wird es lernen ,« sagte er, »wenn man es nur nach und nach daran gewöhnt.« »Nie im Leben!« »Ach, wenn man ihnen nur auseinandersetzt, daß es hier eine wichtige Frage für die Menschheit zu lösen gilt!« »Sie werden darauf pfeifen und Reißaus nehmen!« »Lassen wir das vorläufig auf sich beruhen«, meinte Knagsted. – »Das ist eine untergeordnete Frage. Wenn wir Männer Spinnen in der Speisekammer haben wollen , sind wir doch wohl Manns genug, die Sache durchzudrücken!« »Man hört es Ihnen an, Verehrtester, daß Sie unverheiratet sind. Und wenn Sie ihr mit Kanonen zu Leibe gingen, brächten Sie meine Mathilde nicht dazu, so ein Tier auch nur mit einer Feuerzange anzufassen!« »Ei ja!« nickte der Justizrat zuversichtlich. – »Wenn Ihre liebe Frau nur erst von andern von den Erfolgen gehört hätte ... denken Sie doch nur, von Fliegen befreit zu sein!« »Und wenn auch Seine Majestät König Christian der Neunte die Tiere in seiner Privathofspeisekammer einführte – sie täte es doch nicht !« »Aber sagen Sie mir doch. Herr Stabelsteen,« fragte Knagsted. »welche Art von Spinnen haben Sie denn in erster Linie im Auge?« »Die Kreuzspinne,« nickte der Wattenmann, »es war eine Kreuzspinne, die ich vorhin fing, ein ganz hervorragendes Exemplar! – Ich habe seit mehreren Jahren Versuche mit verschiedenen Arten angestellt. Die Kreuzspinne kann ihre vierzig Fliegen in der Stunde verzehren.« »Den ganzen Tag entlang?« »Nein, natürlich wird sie fett, so wie jedes andere Geschöpf, das seine Freßlust ungehindert befriedigen kann ... Aber deswegen muß man auch in einer Speisekammer von etwa Mittelgröße mindestens zehn, fünfzehn ausgewachsene Exemplare haben.« »Zehn, fünfzehn Stück«, sagte Clausen schaudernd. »Mathilde würde den Tod davon nehmen«, sagte der Jägermeister. »Aber woher wollen Sie die erforderlichen Tiere nehmen, Herr Justizrat?« fragte Knagsted. »Aus den Gestüten!« »Aus den Gestü ...?« »Ja«, nickte der Justizrat eifrig, und eine leichte Röte färbte seine kleinen Wangen bis unter die Wattenschichten. (Die verschwimmenden Farben erinnerten ein wenig an das sogenannte »Alpenglühen«.) » Das ist meine Idee! Ich habe zu Hause eine Broschüre liegen, die ich über diese Sache ausgearbeitet habe.« (Er wurde immer eifriger.) »Denn es ist meine vollste Überzeugung, daß hier eine wirklich humane Aufgabe liegt. Denken Sie doch nur, wie sehr wir alle unter den Fliegen leiden! Und nicht in der Speisekammer allein, sondern überall, wo Menschen leben. Wie ungleich angenehmer würde nicht der Sommer, die schönste Zeit des Jahres, für uns sein, wenn diese Plage, ich darf nicht sagen aufhörte, aber doch verringert würde. Der Staat müßte ringsumher im Lande Brutstätten errichten. Ich habe an verschiedene angesehene Gelehrte darüber geschrieben. Und ich habe meine Broschüre an König Georg von Griechenland geschickt; Seine Majestät besitzt ja ein Palais und ein Landgut hier in Dänemark. Und ich nähre die beste Hoffnung, daß man sich entgegenkommend stellen wird; ich habe es unter der Hand erfahren. Die Bewegung verbreitet sich bereits. Nakskov ist wahrscheinlich der einzige Ort, wo man noch lächelt. Aber es wird auch zur Einsicht gelangen ... Und dann triumphiere ich, Herr Jägermeister! – – Aber nun muß ich auf die Expedition. Adieu, meine Herren, auf Wiedersehen! Ich will Sie nicht länger ermüden!« Und mit einer kleinen steifen Abschiedsverbeugung durchschritt der Justizrat mit der Haltung eines Meilenzeigers den Garten, wo die Rosen dufteten und die Vögel sangen.   Nach einer längeren Pause sagte der Jägermeister: »Man kann es Stabelsteen wirklich nicht ansehen!« Und Oberlehrer Clausen schüttelte traurig den Kopf und sagte: »Der Ärmste!« »Der Ärmste!« wiederholte der Zöllner. – »Verkehrte Psychologie, kleiner Obermann! Er ist ja nämlich der Ansicht, daß wir verrückt sind! ... Gott gebe, daß ich die Broschüre über die Kreuzspinnen geschrieben hätte!« Hierüber lachte der Jägermeister so, daß es unter den Kastanien widerhallte. Vierzigtausend Gäste tranken nun von dem Wasser des Lebens. Und es war ein Vergnügen zu sehen, welch eine ausgezeichnete Wirkung es auf sie ausübte. Namentlich an den Leberleidenden konnte man es bemerken; ihre gelbbraunen, melancholischen Gesichter wurden mit jedem Tage heller und heiterer. – Aber auch Knagsteds verstimmter Magen befand sich in fortschreitender Besserung. Er wurde mit jedem Glase, das er trank, pünktlicher und freundlicher. Und wie ihm, so erging es unzähligen andern. Es war ihm geradzu eine Wonne, die vergnügten Mienen zu beobachten, mit denen seine Leidensgenossen die »Zentrale« bei Pupp frequentierten. Auf seinem Wege dahin und daher begegnete er jeden Morgen denselben Individuen. Und er sah, wie das Lächeln um ihre Lippen und der Glanz ihrer Augen sich erhöhten. Schon allein der Aufenthalt innerhalb der vier Wände war ihm ein Genuß. – Er war niemals Soldat gewesen und hatte nie an einem Kriege teilgenommen, wenn er aber dort in der Zentrale in seinem kleinen abgeschlossenen Raum saß, hatte er täglich ein Bild von den mannigfachen Lauten des Krieges! Es war, als säße er mitten auf dem Schlachtfelde von Waterloo. – Das Etablissement erfreute sich eines kolossalen Zuspruches. Die beiden aufwartenden Frauen schwitzten vor Geschäftigkeit. Und zuweilen war das ganze Haus ausverkauft, so daß man warten mußte. Was sehr peinlich sein konnte, zuweilen aber auch sehr ergötzlich. – Eines Tages stürzte eine der Frauen, gefolgt von Knagsted, Jägermeister Krüger und fünf andern Notleidenden, die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf (der Jägermeister war rot vor Lachen), um möglicherweise dort einen Platz zu finden. – Die Frau stürzt an der Spitze ihrer Schar die Treppe wieder hinab (jetzt war der Jägermeister blau ). Auf dem Rückweg begegnet das Heer einem kleinen, dicken, alten Juden, der im Aufstieg begriffen ist – im Erdgeschoß war er abgewiesen worden. »Alles besetzt!« sagt die Jeanne d'Arc und macht eine abweisende Bewegung mit der Hand. »Gutes Geschäft!« entgegnet der Jude mit einem Ausdruck in seinem Gesicht, als neide er der Frau das Geschäft. Aber Jägermeister Krüger wand sich wie ein Wurm die Treppe hinab, grün vor Lachen.   Die beiden Freunde standen vor der Inschrift auf dem Felsblock an der kleinen hölzernen Brücke vor dem Garten des »Freundschaftssaals«. »Lies!« sagte der Zöllner. »Lies vor! Du liest so schön.« Und der Oberlehrer las: Getrennten Weltteils Seelenflammen, Schlagt hier zu einer Glut zusammen, Sprecht hier den Völkerschranken Hohn, Legt Würden hier und Orden nieder Und fallt ans Menschenherz, ihr Brüder, Hier in der Freundschaft Felsenthron, Im Brautgemach der Göttertriebe! Wie selig – sel'ger noch als Liebe Ist's, hier im freundschaftstrunknen Hain Ans volle Bruderherz zu fallen Und vor Entzücken kaum zu lallen: »Für Ewigkeiten bist du mein!« »Und so weiter und so weiter aus derselben Siruptonne!« unterbrach Knagsted den Vorleser mitten im Gedicht. »Die Deutschen, die verstehen es! Gott weiß, woher sie all das – Süßholz beziehen! Wollen wir beide nicht übrigens auch ein Dankgebet schreiben, lieber Clausen, und es an einer Marmortafel aufschlagen? ... Hast du, à propos , das oben am Goethe-Weg gelesen? Das ist wirklich schön: » Himmlisches Tal des Heilungssegens, Thron der Gesundheit, Wundergeschenk des alle Liebenden –, wie?« »Es liegt doch etwas Schönes in der Begeisterung über die wiedererlangte Gesundheit, Knagsted.« »Weiß Gott, tut es das! Darum schlug ich dir ja auch vor, daß wir uns hinsetzen und ein Gleiches tun wollten!« »Ja, du kannst doch nicht leugnen, daß dein Magen viel, viel besser geworden ist.« »Das ist er! – Aber du kannst dich darauf verlassen, lieber Obermann, daß dein guter Vater, der liebe Gott, mir noch irgendein kleines Cadeau zugedacht hat. – – Es ist mir, als spürte ich schon ein so wunderbares Ziehen in meinem linken Bein.« »Du bist auch immer gleich so mißtrauisch!« »Ja, ich traue ihm wahrhaftig nicht über die Türschwelle!« – – Sie wanderten nun weiter im Gänseschritt. Clausen voran, den steilen Weg hinauf, der an der Tepl entlang führt. Die Tannen dufteten im Sonnenschein, und drüben von der Promenade jenseits des Flusses ertönte das Knirschen vieler Fußtritte im Kies. – Hier und da erschloß sich eine Aussicht zwischen den Bäumen, und man gewahrte das Wasser des Flusses, der da unten über die Steine dahinbrauste, schäumend und hastig nach dem Wolkenbruch neulich. Plötzlich blieb der Oberlehrer stehen: »Das ist wahr, Hans Peter« (Clausen hatte in letzter Zeit angefangen, den Zöllner mit Vornamen zu nennen. Aus welchem Grunde, ist unbekannt): »weißt du, wen ich heute morgen im Stadtpark gesehen habe?« »Nein ... du läufst ja umher und machst so viele lächerliche Bekanntschaften!« »Den Studenten und seine Braut!« »Was für einen Studenten?« »Den Studenten aus Charlottenlund, den wir auch im Hotel du Nord in Berlin trafen.« »So – o? Sind die jetzt hier? War die Schwiegermutter auch dabei?« »Ja, sie gingen wenigstens mit einer großen, schönen, älteren Dame. Und dann war da auch ein elegant gekleideter, schwarzhaariger Herr, der deutsch sprach.« »Hm – was tat denn der?« »Er ging zwischen Mutter und Tochter und machte eifrig Konversation.« » Und der Student ?« fragte der Zöllner und packte Clausen am Arm. » Wo war der Student ?« »Ja, der torkelte so sonderbar verlassen und trübselig hinterher.« »Clausen!« rief der Zöllner aus und stieß seinen Stock hart gegen den Boden – »du sollst sehen, es geht in Erfüllung, was ich in Berlin prophezeit habe.« »Was?« »Daß Vater Zeus einen Schalksstreich mit den jungen Leuten im Schilde führte! Sie hatten sich zu lieb. Sie waren zu ›glücklich‹!« »Ach, fängst du nun schon wieder an!« »Die Götter sind neidisch – dies Pack!« »Aber Knagsted!« »Ja, das sag' ich, weiß Gott, warum können sie die denn nicht in Frieden lassen!« »Sei demütig, Hans Peter!« »Fällt mir den Deubel auch ein! Wenn man für das Gute danken soll, hat man doch wohl auch das Recht, auf das Schlechte zu schimpfen!« »Du fluchst heute so entsetzlich, Knagsted!« »Findest du?« »Und dabei weißt du gar nicht einmal, ob –« »Natürlich weiß ich das, ich kenne den Rummel! Die beiden Kinder hatten sich so lieb, gleich bekommt der Alte da oben hinter den Wolken Bauchgrimmen: ›Meiner Treu, da müssen wir ein wenig bremsen! Das geht nicht so weiter! Die sind wirklich zu glücklich miteinander!‹ – Und schwaps steckt er seine allmächtige Nase dazwischen und stört ihnen das Ganze!« Der Oberlehrer schüttelte verzagt den Kopf: »Willst du die Götter auch dahinein mischen?« »Ja – es fällt ja kein Sperling vom Dache, ohne daß es ihr Wille ist, das weißt du doch! – Aber da sitzt er ja!« »Wer?« »Der Student!« Sie waren um eine Ecke gebogen, und auf einer Bank, ein wenig von ihnen entfernt, saß ganz richtig der blondlockige Student. Er saß vornübergebeugt, einsam und verlassen und ritzte mit seinem Stock schwermütige Zirkel in den Sand. »Ach, mein Gott,« sagte Knagsted. »ist das der lebensprühende Jüngling aus dem Charlottenlunder Walde und aus Berlin? – Hör' einmal, Clausen,« fuhr er fort und zog den Oberlehrer wieder in das Versteck zurück – »willst du mir einen Gefallen tun und denselben Weg zurückgehen und mich allein mit dem Menschen lassen?« »Ja, aber –« »Nein, beide können wir nicht auf ihn zugehen, dann erschrickt er sich nur.« »Du pflegst sonst immer zu sagen, man soll sich nicht in die Angelegenheiten anderer mischen,« sagte der Oberlehrer spitz, »und nun –« »Ja, ja, das ist ganz richtig! Darin habe ich vollkommen recht, aber ich muß hin und ihn trösten! – Gehst du nun?« »Ja, das kann ich dann ja tun ... Aber jetzt mußt du – –« »Ja, ich will dir versprechen, daß ich ihn mit der äußersten Delikatesse behandeln will.« »Ja, dann will ich gehen«, willigte der Oberlehrer gutmütig ein. »Wann sehen wir uns?« »Ich komme nach Hause und hole dich zu Tische ab.« »Hm, ja – dann gehe ich. – Auf Wiedersehen!« »Adieu, lieber Obermann! – Du bist ein furchtbar liebenswürdiges Geschöpf.« »Hm!« Clausen machte kehrt und humpelte zurück, den Pfad hinab. – Der Student saß noch in derselben Stellung. Der Stock beschrieb einen Zirkel nach dem andern. Er konnte offenbar nicht klug werden aus den Runen des Lebens. Der Zöllner beschleunigte seine Schritte und ging flott an der Bank vorüber. Dann blieb er wie überrascht stehen: »Aber zum Kuckuck!« sagte er –»sind Sie das, junger Mann? Willkommen!« Auch der Student war überrascht. Aber er sprang schnell auf und grüßte höflich: »Guten Tag, Herr Knagsted! Das ist ja amüsant!« »Woher zum Teufel wissen Sie, wie ich heiße?« Der junge Mann errötete: »Wir konnten es ja nicht lassen, wir mußten im Hotel in Berlin in der Fremdenliste nachsehen ... « »Haben Sie die Braut mit hier?« »Ja, sie ist im Hotel bei ihrer Mutter«, sagte der Student und wandte sich ab. »Und wie geht es ihr?« »Danke, ganz gut!« »Störe ich Sie? – Darf ich mich ein wenig zu Ihnen setzen?« »Mit Vergnügen!« Sie nahmen beide Platz. Und Knagsted sah auf dem Kiesweg vor sich den einen verzweifelten Zirkel den andern schneiden. »Mathematik?« fragte er und zeigte vor sich nieder. »Hm – ja!« »Es ist wohl nicht so ganz leicht, da herauszufinden?« »Nein.« Pause. »Es ist schön hier, nicht wahr?« begann der Zöllner. »Ja–a,« sagte der Student, »sehr schön!« Die Bank stand ziemlich hoch oben auf dem Abhang. Man übersah das Tal mit seinem Fluß, seinen Bäumen und Häusern. Im Hintergrunde erhoben sich die grünbewaldeten Berge mit dem zackigen Aussichtsturm der Stephanie-Warte auf dem höchsten Gipfel. Der junge Mann machte eine Anstrengung, um sich zusammenzunehmen und nicht unhöflich zu erscheinen: »Haben Sie Ihren Freund nicht mit hier in Karlsbad, Herr Knagsted?« »Ja, Herr – wie heißen Sie?« »Möller.« »Kandidat?« »Ja – cand. phil. « »Ja ja, das ist ja immer ein Anfang. Sie studieren jetzt Medizin?« »Ja. Woher wissen Sie das?« »Ach, das habe ich erraten! – Ja–a, mein Freund Clausen ist auch hier. Wir können gar nicht ohne einander leben. Wir ergänzen uns.« Der Student lächelte matt, als möchte er am liebsten nichts von diesem Geplauder hören: »Ja, ich entsinne mich, Sie nannten Ihren Freund die ›leibhaftige Güte‹ und sich selber nannten Sie –« Er hielt zögernd inne. »Die ebensolche Bosheit!« vollendete der Zöllner. »Und die größte unter ihnen ist die Bosheit!« »Ja!« Abermalige Pause. Dann rückte Knagsted ein wenig näher an den andern heran: »Es sieht schlecht aus mit unserer Laune?« sagte er darauf und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Der Student wandte sein Antlitz ab. Seine Augen schimmerten plötzlich blanke Tränen, und dies mußte um alles in der Welt verborgen bleiben. »Was zum Teufel wollen Sie sich die Geschichte so zu Herzen nehmen!« platzte der Zöllner heraus. »Es gibt ja Frauenzimmer genug auf diesem Erdball.« Der Student schwieg hartnäckig. Aber er hatte sich vornübergebeugt und saß nun wieder da und quälte sich nervös mit seinen Zirkeln ab. »Ja, ich weiß nicht, ob ich Sie störe,« sagte Knagsted, »denn dann will ich lieber gehen –« Das Kinn und die Lippe des jungen Mannes zitterten, als sei er kurz davor, in Tränen auszubrechen: »Nein. Herr Knagsted,« sagte er, »bleiben Sie – – verzeihen Sie!« Knagsted legte ihm die Hand sanft auf seine Schulter. »Ich begegnete euch heute morgen im Stadtpark.« log er unbefangen, »und ich konnte ja gleich sehen, daß nicht alles so war, wie es sein sollte.« »Ja. so ist es.« Der Student hatte den Stock hingestellt und saß auf der Bank zurückgelehnt und starrte trübe vor sich hin. »Was ist denn los?« »Dieser Deutsche, der hat Agnes und ihrer Mutter Raupen in den Kopf gesetzt!« »Hab' ich mir's nicht gedacht? Schießen Sie ihn nieder, den Kerl.« »Ha, ha«, lächelte der Student matt. »Will er Ihnen die Braut abspenstig machen?« »Das weiß ich nicht ... aber das will er wohl ... Wir trafen ihn in Dresden. Und nun ist er mit hierhergereist. Er ist immer mit ihnen zusammen.« »Ist es eine alte Bekanntschaft?« »Nein, sie haben ihn früher nie gesehen.« »Können Sie ihn denn nicht wegjagen, Mensch?« »Nein! Meine Tante mag ihn so gern, und ich glaube, sie hat die Absicht, Agnes mit ihm zu verheiraten.« »Und das lassen Sie sich gefallen?« »Ja, was soll ich machen ... Nach meiner Meinung fragt niemand.« »Sie sind also ein Waschlappen! Pardon! Aber weiter! Ihre Tante , sagen Sie?« Der Student sah den Zöllner ein wenig von der Seite an und fuhr dann fort: »Ja, Agnes' Mutter ist eine Schwester meiner verstorbenen Mutter. Mein Vater ist auch tot. Ich bin seit meinem sechsten Jahr im Hause meiner Tante gewesen.« »Und jetzt sind Sie mit Ihrer Kusine verlobt?« »Nein; Tante sagte, wir wären zu jung ... Aber sie hat mir doch den Vorschlag gemacht, mit ihnen zu reisen. Und sie weiß recht gut, daß wir uns lieb haben; wir haben es ihr beide gesagt.« »Hm – ist dieser Windbeutel reich?« »Meine Tante?!« »Ja. Ihre Tante auch! Im übrigen meine ich eigentlich den Deutschen.« »Meine Tante ist sehr wohlhabend.« »Und der Deutsche?« »Ja, er ist ein reicher Gutsbesitzer aus Schlesien.« »So–o? Den Teufel auch, ist er das? Können Sie diesem Herrn denn nicht auf irgendeine Weise zu verstehen geben, daß er Sie geniert?« »Ich kann nicht viel Deutsch. Und Tante hat mir gesagt, ich sollte ihn gefälligst höflich und freundlich behandeln, sonst könnte ich nach Hause reisen.« »Das ist ja ein infames Frauenzimmer!« Der Student lächelte matt: »Nein, das ist sie wirklich nicht. Herr Knagsted! Sie ist sehr gut und lieb ... aber dieser Gutsbesitzer hat sie durch seine Vornehmheit und sein flottes Auftreten völlig hypnotisiert.« »Hm – und was sagt denn – Agnes dazu?« Der junge Mann sah tieftraurig aus. »Das ist es ja gerade!« sagte er, und seine Stimme bebte. »Sie ist in der letzten Zeit ganz anders gegen mich geworden. Ich glaube nicht, daß sie sich was aus dem Deutschen macht; sie sieht immer so ängstlich aus, wenn er mit ihr spricht, sie sieht so aus, als möchte sie am liebsten vor ihm fliehen.« »Ja, können Sie sie denn nicht zur Vernunft bringen?« »Nein – sie flieht auch, wenn ich komme. Ich bin in den letzten vierzehn Tagen nicht mit ihr allein gewesen. Und dann ist sie so scheu und nervös geworden ... Ich glaube, Tante predigt ihr was vor und will sie bereden, daß sie den Deutschen nimmt.« »Das sähe ihr ähnlich! Ja, entschuldigen Sie, ich meine, sie findet natürlich, daß es schneidig sein würde, mit einem ausländischen Gutsbesitzer als Schwiegersohn in die Heimat zurückzukehren.« »Ja, das fürchte ich auch! Und Agnes ist ja ein Kind, sie läßt sich so leicht beeinflussen, namentlich von ihrer Mutter, die sie so hoch stellt ... Aber wenn ich nur wüßte, daß sie mit dem andern glücklich werden könnte, so –« »Unsinn!« Der Student sah verwundert auf. » Unsinn ! hab' ich gesagt. Romanphrasen! Solchen Blödsinn sagt man nur! Natürlich wollen Sie die Kleine gern selber haben und sind fest überzeugt, daß sie am ›glücklichsten‹ mit Ihnen werden wird.« »Ja, das glaube ich allerdings«, sagte der Student und schlug die Augen nieder. »Natürlich glauben Sie das! Denn Sie haben sie doch recht lieb? Es ist doch wohl nicht nur um Ihres –« » Ob ich sie lieb habe! Es hat kein anderes weibliches Wesen für mich existiert, seit ich zwölf Jahre alt war.« »Na, na! Und sie liebt Sie?« »Ja,« nickte der junge Mann mit Überzeugung, »das muß sie tun!« »Und weshalb?« » Weshalb? Weil – ach, Sie wissen ja nicht, Herr Knagsted, wie glücklich wir zusammen waren, ehe dieser Gutsbesitzer auf der Bildfläche erschien! Wir musizierten zusammen und lasen zusammen, machten lange Spaziergänge, und alles, was wir dachten, vertrauten wir uns an. Es ist unmöglich , daß sie mich nicht lieb hat, ganz unmöglich! Sie hat es mir ja Hunderte von Malen gesagt! Und wir haben darüber gesprochen, wie wir unsere Zimmer und unser Haus und das Ganze einrichten wollten, wenn wir erst verheiratet sind. Ach, es ist unmöglich, ganz unmöglich, daß sie mich nicht liebhaben sollte.« Der Zöllner war ganz mit fortgerissen von dem Ausbruch des jungen Mannes, sein altes, ein wenig fossiles Herz fühlte mit ihm: »Dann sollt ihr, hol' mich der Teufel , euch auch haben!« sagte er und schlug mit der Hand auf die Bank. »Aber Sie müssen nicht so ein Schlappschwanz sein, Herr Möller, mit Erlaubnis zu sagen! Sie dürfen den Kopf nicht so hängen lassen! Zeigen Sie den Frauenzimmern, daß Sie ein Mann sind, setzen Sie ihnen den Stuhl vor die Tür, davor haben sie schließlich alle Respekt! Gehen Sie auf den Deutschen los. Machen Sie Witze über ihn. Fragen Sie, ob seine Güter etwa im Mond liegen und dergleichen. Ich bin ja nämlich der Ansicht, daß er ein Halunke, ein Glücksritter ist, der es nur auf das Geld der Kleinen abgesehen hat. Sagen Sie Ihrer Tante, Sie hätten gehört, es hinge nicht richtig zusammen mit seiner Vornehmheit und seinem Reichtum. Erzählen Sie ihr, er hätte seine Rechnung im Hotel nicht bezahlt, und sagen Sie meinetwegen, ich hätt' es Ihnen erzählt.« »Ja, aber das ist nicht der Fall, Herr Knagsted – er streut das Geld förmlich aus!« sagte der Student. »Gut, dann denken Sie sich was anderes aus! – Vor allen Dingen aber den Humor nicht verlieren! Und lassen Sie sich seine Anmaßungen nicht gefallen. Weil die Deutschen uns Schleswig genommen haben, steht ihnen doch das Recht nicht zu, uns auch unsere Mädchen zu nehmen! Das können Sie ihm ja sagen!« »Ja, ha, ha, ha!« »Sehen Sie,« fuhr der Zöllner ruhig fort und klopfte dem jungen Mann auf die Schulter – »ich hab' es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß Sie und die kleine Agnes sich haben sollen. Ich hab' euch nicht vergessen, damals im Walde bei Charlottenlund, das war eine wahre Augenlust zu sehen – Und ihr kriegt euch auch.« fügte er mit Überzeugung hinzu – »das unterliegt keinem Zweifel!« »Glauben Sie wirklich?« Der Student ergriff unwillkürlich Knagsteds Hand. »Das steht bombenfest! – Sagen Sie nur zu sich selber: Ich will Agnes haben!« »Ha, ha!« »So, sagen Sie das jetzt mal! – Oder nein! Sie können noch lieber sagen: Ich will, hol' mich der Deubel , Agnes haben!« »Ha, ha – nein, aber Herr –« »Na, wird's bald?« »Ja aber, Herr Knag–« »Sie machen sich also doch nicht so ganz furchtbar viel daraus, sie zu bekommen?« »Ja, ja!« »Na, denn heraus mit der Sprache: Ich will, hol' mich der Deu – Na!« Der Student lachte geniert. »Na, na!« wiederholte Knagsted, »das will ich Ihnen nur sagen, Herr Möller, wenn Sie nicht herzhaft fluchen , dann bekommen Sie sie auch nicht!« »Meinen Sie wirklich?« sagte der junge Mann ganz erschrocken. »Das steht bombenfest! Es ist ganz erstaunlich, wie so ein kleiner Fluch der Energie aufhilft! Als ich Sie vorhin hier sitzen und die Quadratur des Zirkels studieren sah, da schwur ich mir zu, nicht vom Fleck zu gehen, ehe ich Sie nicht wieder in leidliche Laune verseht hätte. Und das ist mir ja so einigermaßen gelungen ... Ich benutzte denselben vorzüglichen Fluch, will ich Ihnen sagen! Und ich bin fest überzeugt, wenn ich nicht geflucht hätte, säßen Sie höchstwahrscheinlich noch hier und grübelten sich von Sinn und Verstand über den Deutschen! – Also: Ich will, hol' mich der Deu – Na!« Der Student lachte laut auf. Und dann sagte er mit zerschmetterndem Nachdruck nach jedem einzelnen Wort: » Ich will, hol' mich der Deubel, Agnes haben, koste es, was es wolle! – – So, genügt das?« »Brillant! Die Ergänzung, die Sie dem Formular gaben, war großartig! Und Sie können sich darauf verlassen, ehe vierzehn Tage vergangen sind, gehört das Mädchen Ihnen!« Die Augen des Studenten leuchteten. »Glauben Sie das wirklich?« »Ja!« nickte Knagsted. » unbedingt! – Aber Sie müssen arbeiten! Nicht den Kopf hängen lassen! Und sich nicht von dem Deutschen imponieren lassen!« »Das verspreche ich Ihnen,« sagte der Student, von Energie schwellend – »der soll sich nicht länger auf meine Kosten wichtig machen!« »Sie Können ihn auf dänisch ausschelten, wenn Ihr Deutsch nicht ausreicht!« »Ja! – Und vielen, vielen Dank, daß Sie so ermunternd zu mir geredet haben, Herr Knagsted.« »Ach, ich bitte! – – Und wenn Sie nun Agnes zurückerobert haben, so kommen Sie zu mir und erzählen es mir?« »Sie glauben also wirklich, daß –« »Nein, ich glaube es nicht mehr – – ich weiß es!« »Ach!« sagte der Student und schlang in gewaltiger Begeisterung beide Arme um den etwas kurzen Hals des Zöllners. – »Sie haben mir meinen ganzen Lebensmut wiedergegeben, Herr Knagsted.«   Der gute dicke Junge, Jägermeister Krüger, saß ganz vernichtet auf einer Bank auf der »Alten Wiese«, einem Delikatessengeschäft gerade gegenüber, in dessen Fenster eine Schüssel mit acht schnickefetten Kücken ausgestellt war, fertig, um in den Ofen geschoben zu werden. Kontrolleur Knagsted kam vorüber und empfand Mitleid mit ihm: »Also hier sitzen Sie, Herr Jägermeister, guten Tag!« »Guten Tag!« nickte der Jägermeister geistesabwesend – »ach, setzen Sie sich doch ein wenig zu mir hin.« (Der Zöllner setzte sich und Krüger zeigte): »Können Sie die Schüssel da drüben im Fenster sehen?« »Ja.« »Welches davon möchten Sie wohl haben?« Knagsted musterte den Vorrat. »Nummer drei von oben rechts.« »Nein«, sagte der Jägermeister und schüttelte den Kopf. »Nein, das ist zu fett. – Nein, das Kleine da, Nummer zwei links, in einem geschlossenen irdenen Topf geschmort mit ein klein wenig Butter, und dann im Kochtopf angerichtet ... Ich würde ein Jahr meines Lebens dafür geben! Jetzt hab' ich 'ne geschlagene Viertelstunde hier gesessen, ohne mich losreißen zu können.« »Es ist Ihnen nicht gut, sich so selber zu foltern, Herr Jägermeister.« »Nein – ja, natürlich ist es mir gut! Es ist doch immerhin etwas ! – Ich versichere Ihnen, ich bin beinahe so weit, daß mich dieses Diäthalten um Sinn und Verstand bringt. Ich werde förmlich krank , wenn ich ein gutes Stück Fleisch sehe, weil ich es nicht essen darf! Wenn ich keine Diät zu halten brauchte, ist es gern möglich, daß ich mir nichts daraus machte, aber so –« »Ja, es ist Tierquälerei!« sagte der Zöllner – »weiß Gott, das ist es! – Aber wollen wir nicht lieber ein wenig gehen? Das könnte Sie vielleicht zerstreuen.« »Ja, lassen Sie uns gehen. – – Erst aber müssen Sie einmal mit ans Fenster kommen.« Sie gingen an das Fenster hinüber. »Ja, es ist doch möglich, daß Sie recht haben. Herr Knagsted«, sagte Krüger und drückte die Nase beinahe flach an der Fensterscheibe. – »Das da, Nummer drei von oben rechts, könnte das beste sein ... Mögen Sie diese französische Soße mit Champignons zu Kückenbraten?« »Nein!« »Nein, nicht wahr! Wir bitten um die gute altmodische Fasson mit dem, worin sie gebraten sind, und dann reichlich Petersilie dazu.« »Und pommes naturelles ... « »Und pommes naturelles , ja. – Nicht diese Schweinerei mit gebräunten Kartoffeln. Und am liebsten junge !« »Am liebsten junge, natürlich! – – Wollen wir jetzt gehen?« »Ja, gehen wir. – – Sehen Sie, das kleine da in der Mitte mit dem Hals – das könnte bei guter Behandlung auch etwas werden!« »Ach ja – aber Nummer drei – –« » Nummer drei ist das beste unbedingt! Sehen Sie nur, wie es daliegt und sich spreizt ... Es weiß recht gut, daß es all die andern einsteckt, wie?« »Kommen Sie jetzt, Jägermeister!« »Na, es eilt wohl nicht so! – Was mögen Sie vom Kücken am liebsten?« »Die Brust!« »Ein ordinärer Geschmack!« »Die Brust macht am wenigsten Mühe.« » Mühe ! Das Essen, das am meisten ›Mühe‹ macht, schmeckt doch am besten.« »Kommen Sie nun, Jägermeister.« »Ja, jetzt komme ich, jetzt komme ich!« Und Herr Krüger riß sich los. »Herrgott im hohen Himmel, ja!« sagte er. Und dann gingen sie. Draußen in Pupps Anlagen war Nachmittagskonzert. Die jungen Krähen flatterten mit dunkelroten Köpfen um die Tische herum. Es war gedrängt voll von Gästen. – An einem Tische mitten in dem allerärgsten Gedränge saß der »Rasenwässerer« und spielte Springbrunnen mit einem Syphon Sodawasser. Das Wasser brauste und schäumte um ihn herum wie der Dampf, der aus der Lokomotive gelassen wird. Aber er schwatzte auf seine Gesellschaft los und lachte und gestikulierte und schien sehr befriedigt durch die Situation zu sein. Auf einer ein wenig entlegenen Bank saß die »Henne« und häkelte. Von Zeit zu Zeit legte sie den Kopf auf die Seite und guckte mit einem kleinen, zwinkernden Auge in die Höhe nach den Wolken. Aber die waren sonnenhell und sommerleicht, so war denn kein Grund für sie vorhanden, das Warnungsglucksen auszustoßen, das ihr immer in der Kehle saß. Sie hatte nämlich seit dem Gewitter einen solchen Schrecken im Leibe, daß das kleinste mystische Geräusch in den Bergen sie erzittern machte und um ihre Röcke greifen ließ, die sich kräftiger bauschten denn je, und die gesamten Kücken von mindestens ein Paar Dörfern zu beherbergen schienen.– Das Orchester lärmte, so daß alle anderen Geräusche erstarben. »Lieben Sie Musik, Herr Knagsted?« schrie der Jägermeister seinem Begleiter ins Ohr. »Hm, ja!« brüllte der Zöllner zurück, »der Dirigent macht mir Spaß!« »Wollen wir uns denn einen Platz suchen?« »Ja, tun wir das.« Sie kamen hinter zwei prachtvoll ausstaffierte Damen zu sitzen, die ein paar tüllumwundene Räder, mit Federn, Blumen und Spitzen, Seide, Gold und Diamanten behängt und besetzt, auf den Köpfen trugen. »Kolossal, wie die Frauenzimmer sich aufputzen«, sagte der Jägermeister, als die Musik endlich schwieg. »Sie waren lange nicht so aufgetakelt, als wir nach Karlsbad kamen.« »Nein,« sagte der Zöllner, »aber sie reizen sich gegenseitig auf.« »Ja, sie verstehen es nun mal nicht besser! – Wollen Sie mal meine Frau sehen?« »Ist die hier?« »Nein! – Gott sei Lob und Dank! hätt' ich beinah gesagt, denn dann wäre sie ebenso verrückt geworden wie die andern. Nein – ich habe aber gestern ein Bild von ihr und den Kindern bekommen ... Wollen Sie es mal sehen?« »Ja, gern!« Krüger holte seine Brieftasche heraus und entnahm ihr ein Kabinettbild, das er dem Zöllner nicht ohne einen gewissen Stolz überreichte. »Ihre Frau ist hübsch!« »Ach ja, es gibt häßlichere! Aber was noch besser ist, sie ist eine großartige Frau!« »Und die drei prächtigen Kinder!« »Ja, nicht wahr!« nickte der Jägermeister mit vergnügt schimmernden Augen. – »Und wie sie sie hält ! Wie Grafen kinder! Der da« (er zeigte eifrig), »der Kleine, Dicke mit den Locken, den sie auf dem Arm hat, der heißt Peter nach meinem Großvater – das ist ein richtiger kleiner Prachtkerl erster Güte! Und die Einfälle , die der Junge hat!« Knagsted sah von dem Bilde auf. »Sagen Sie mir doch, Herr Krüger, ist es nicht schwer, Vater zu sein?« »Es ist oft schwerer, es zu sein , als es zu werden , ja! – Aber man hat doch eine große Freude an den Gören! – Wenn man so zu Tische hereinkommt und sie gesund und munter und hungrig und schwatzend dasitzen sieht ... « »Puh!« sagte Knagsted und schauderte – »ich kenne nichts Schrecklicheres, als mit Kindern bei Tische zu sitzen!« »Ha, ha, ha!« lachte der Jägermeister, daß es nur so gluckste. »Hagestolz, Hagestolz! Sie sind ein echter Hagestolz!« »Und dann die Verantwortung ... « »Die Verantwortung! Den Teufel auch mit der Verantwortung! Man füttert und kleidet sie und schickt sie in eine gute Schule – Punktum!« »Und was soll man zu ihnen sagen , und was soll man nicht sagen – und was soll man sie lehren , und was soll man sie nicht lehren! Puh, nein! Ich danke!« »Ach, das kommt alles ganz von selber, wenn man sie nur erst hat !« »Sie sollen doch nicht noch mehr haben?« »Ja, das kann ich doch nicht wissen ... Wenn das Unglück es will – aber ich habe meiner Frau gesagt, wenn noch mehr kommen, will ich sie als Frikassee essen, denn drei sind genug!« »Zwei hätten eigentlich auch genügt!« » Zwei ? Meinen Sie, daß ich Peter entbehren wollte? Nicht um das halbe Laaland!« Und der Jägermeister entriß dem Zöllner das Bild und barg es geschwind in seiner Tasche, als fürchte er, daß Knagsted den Originalen schaden könne, wenn er es länger behielt. – »Nur unter einer Bedingung will ich es mir gefallen lassen, noch mehr Kinder zu bekommen,« sagte Krüger und kniff ein Auge zusammen – »nämlich, wenn es weibliche Zwillinge werden!« »Herr du meine Güte!« »Ja, ich möchte verdammt gern zwei kleine Zwillingsmädchen haben!« »Lieber Freund!« »Ja, und sie da liegen und heranwachsen und sich ähneln sehen! Aber ich habe mir sagen lassen – ha, ha, ha! daß sie mit einem Schwupp gemacht werden müssen, und darauf verstehe ich mich nicht!« »Danken Sie Ihrem Schöpfer dafür!« »Ha, ha, ha! Ja, da mögen Sie recht haben!« Jetzt fing die Musik von neuem an zu tosen. »Wollen wir nicht lieber ein wenig spazierengehen?« fragte Knagsted. Sie gingen auf die »Posthof-Promenade« hinaus. Das Wasser in der Tepl war wieder zu seiner gewöhnlichen Sommerhöhe gesunken. Träge und langsam schlürfte es über die Steine des Bettes. – Aber ringsumher auf den Bergesabhängen lagen geknickte Fichten, Tannen und Birken bunt durcheinandergeworfen von den gewaltigen Fäusten des Wirbelsturms. – »Ha, ha!« lachte der Jägermeister plötzlich auf. »Können Sie das kleine Männchen sehen, das dort über die Bäume dahinkrabbelt?« »Ja.« sagte Knagsted und guckte – »das ist ja der alte Justizrat, ich kenne ihn am ›Schnee‹.« »Wissen Sie, er ist aus seinem Logis in der Villa Moltke herausgeschmissen.« »Nein! Und warum denn?« »Ach Liebster. Liebster, Liebster, diese verdammten Spinnen ... Er war ja so gut Freund mit seiner Wirtin, denn brav, das ist er ja. Aber dann, am letzten Donnerstag, war er in ihre Speisekammer geschlichen und hatte zweiundzwanzig von den fettesten Karlsbader Spinnen da drinnen angebracht. War das ein Skandal, als die Frauenzimmer darüber zukamen! Die Mädchen kreischten, die Wirtin schalt. Da kommt Stabelsteen aber herbeigestürzt und will seine Tiere retten. Er hätte sie in der besten Absicht dahin gesetzt, sagt er. Die Frau sollte sich nur ganz ruhig daran gewöhnen, sie um sich zu haben, sie würde ihm noch dafür danken ... und Sie wissen ja, was er alles sagen kann! Aber da hat sie ihn herausgeschmissen. Er mußte noch in derselben Stunde umziehen! Und nun haben wir ihn im National! ... Sagen Sie mal, könnten Sie ihm dies nicht ausreden mit diesen Tieren? Es ist ja schade um ihn. Auf mich will er nicht hören.« »Schade,« sagte Knagsted –«es würde vielmehr ›schade‹ sein, wenn man ihm die Tiere nehmen wollte.« »Ja, er ist aber doch verrückt!« »Nicht verrückter als Sie zum Beispiel!« » Ich ?« »Ja Sie ! – Sie haben drei Kinder und wünschen sich trotzdem ein Paar ›weibliche Zwillinge‹!« »Ja, aber ich habe die Kinder lieb.« »Hm!– Und er hat die Spinnen lieb!« »Das ist denn aber doch ein verdammter Unterschied!« »Keine Spur! Beides ist gleich wahnsinnig.« »Ha, ha, ha! – Darf ich Ihren Puls befühlen?« »Mit Vergnügen! – Aber begreifen Sie denn nicht. Herr Krüger, daß er ebenso unglücklich werden würde, wenn er seine Tiere verlöre, als Sie, wenn Sie Ihre Gören hergeben sollten.« Der Jägermeister sah tiefsinnig vor sich hin. »Nein, das begreife ich nicht ,« sagte er dann – »aber wenn ich darüber nachdenke, regt sich doch etwas in meinem Innern, was mir sagt, daß Sie gewissermaßen recht haben können.« »Nun ja, das ist doch immer etwas ! – Haben Sie Oberlehrer Clausen nicht gesehen? Er ist mir ganz abhanden gekommen.« »Ja, ich begegnete ihm heute morgen unten am Sprudel in Begleitung eines Herrn – Wollen wir aber nicht noch ein wenig über diese ›Verrücktheit‹ reden? Es interessiert mich so!« »Nein! ... Was für ein Herr war das?« »Ich glaube, ein Adjunkt aus Aalborg; er wohnt auch im National.« »Hm –« »Aber warum wollen Sie jetzt nicht mehr davon reden?« »Weil das auch wahnsinnig ist.« »Sie sind ein sonderbarer Kauz!« »Ja, das ist nun mal meine Existenzberechtigung!« »Ja! – – Sagen Sie mal, kommen Sie nicht heute abend zu uns ins Hotel? Wir wollen ein kleines Picknick arrangieren.« »Um wieviel Uhr?« »Um halb sieben!« »So viel ist es ja!« »Das ist doch nicht möglich!« »Ja!« »Bei Gott, halb sieben! Ja, dann muß ich gehen. Kommen Sie mit?« »Nein, ich bin nicht fertig mit meiner Nachmittagspromenade.« »Dann kommen Sie wohl nach?« »Ja – vielleicht.« »Es ist mir ein Vergnügen gewesen, mit Ihnen zusammen zu sein!« »Mir gleichfalls, Herr Jägermeister.« »Ja, dann gehe ich.« »Adieu! Adieu!« »Sagen Sie mal« – der Jägermeister hatte sich schon abgewandt, kam jetzt aber noch einmal zurück –, »sagen Sie mal,« begann er verlegen, »ich wollte Sie gern um etwas bitten –« »Nun?« »Ja, sehen Sie – wenn auch alle die andern davon essen, das ficht mich nicht an – Aber wollen Sie und Oberlehrer Clausen mir nicht versprechen, nicht von den Kücken zu essen, die wir auf der ›Alten Wiese‹ im Fenster liegen sahen? ... Sie können sich nicht denken, wie viele Tage es mich gewurmt hat, daß Sie von dem Kapaun gegessen hatten. Sie wissen, damals im ›Goldenen Schild‹. Wollen Sie mir das versprechen?« »Wir wollen nicht einmal an einem Hals riechen!« sagte Knagsted. »Ja, es ist nicht, daß ich Ihnen den Genuß nicht gönne, aber –« »Die Kücken sollen Luft für uns sein, Herr Jägermeister.« »Danke, Herr Kontrolleur! Ja, dann adieu! Und auf Wiedersehen im National!« »Adieu! Adieu!« Als Knagsted von seinem Nachmittagsspaziergang in die Villa Tennyson zurückkam, lag da ein Brief an ihn von Oberlehrer Clausen, der ihn bat, doch auf alle Fälle nach dem Hotel National zu kommen. Es würde sicher sehr amüsant werden, da alle Gäste des Hotels beschlossen hätten, einen recht gemütlichen Abend zusammen zu verbringen, »und da sind fast alle Nationalitäten vertreten, lieber Knagsted«. Ohne zu zögern, setzte sich Knagsted hin und schrieb folgende Antwort, mit der er den Hausknecht Ander von dannen galoppieren ließ: »Herrn Oberlehrer Clausen z. Z. Hotel National Karlsbad. Ich kann es nicht ertragen, mit irgendeiner Art von Menschen zusammen zu sein: Nicht mit Norwegern: die sind so eingebildet. Nicht mit Schweden: die sind so hinterlistig. Nicht mit Deutschen: die schwadronieren so. Nicht mit Dänen: die sind so neidisch. Nicht mit Franzosen: die riechen nach Pomade. Nicht mit Engländern: die stinken nach rohem Fleisch. Nicht mit Amerikanern: die legen die Beine auf den Tisch. Und nicht mit Italienern: die haben Flöhe! Der einzige Mensch, mit dem ich auf die Dauer zusammen sein mag, ist Dein ergebener Hans Peter Ernst Knagsted. Deshalb bleibe ich zu Hause bei ihm.« Elbogen heißt die kleine böhmische Stadt, die eine gute Meile östlich von Karlsbad liegt. Es ist eine reizende Stadt und eine alte Stadt, und sie hat 4000 Einwohner. Hoch über allen den roten Dächern der Stadt ragt auf einem steilen Felsen »die Burg« auf, die im Jahre 870 n. Chr. von einem Markgrafen von Wohenburg erbaut sein soll. Jetzt aber wird das Gebäude als Zuchthaus verwendet. Wenn man auf der Landstraße von Karlsbad gefahren kommt, sieht man bei einer plötzlichen Biegung des Weges die grauen, verwitterten Mauern und Türme der Stadt über einem kuppelförmigen Wald von Eichen und Eschen aufragen, die sich oben in den Felsabhang eingefressen haben. Und rings um den Fuß des Berges schlingt die Eger ihr Gewässer und bildet gleichsam einen natürlichen Festungsgraben um Burg und Stadt und die 4000 Einwohner. Ganz natürlich sind diese 4000 stolz auf ihr altes Schloß, ihren Fluß, ihre Felsen und Wälder. Noch stolzer aber sind sie auf die über den Fluß führende »Kettenbrücke«. Man kann keine zehn Worte mit einem Menschen dort in der Stadt sprechen, ohne daß der Betreffende fragt, ob man sie gesehen hat. Sie hat 90 000 Gulden gekostet, die Stadt selber hat 30 000 davon bezahlt, den Rest hat der Staat dazu gegeben ... Und weiter lautet der Bericht: »Der Oberstburggraf von Böhmen, Graf Kalowrat, legte am 18. Juli 1834 den Grundstein, und Ihre Majestäten Kaiser Ferdinand I. und Kaiserin Anna setzten am 16. September 1836 den Schlußstein. Die Brücke ist 63 Meter lang und 23 Meter hoch.« Und im Rathaus werden noch der silberne Hammer und die Maurerkelle aufbewahrt, »mit welchen Kaiser Ferdinand der Gütige den Schlußstein zur Kettenbrücke legte«. Außerdem wird im selbigen Rathaus mit Ehrfurcht gezeigt: »das Eisen, mit dem die Verbrecher in alten Zeiten gebrandmarkt wurden«. »Zwei Steinkugeln aus Ferdinands III. Zeit.« Sowie (was höchst interessant ist): »der verwünschte Burggraf«, ein böser harter Burgherr, der »in grauer Vorzeit« in Veranlassung seiner Unmenschlichkeit auf das eindringliche Gebet einer armen Frau zu Gott in »einen ursprünglich 108 Kilogramm schweren Meteorstein von der Gestalt eines Pferdekopfes« verwandelt wurde. »Gegenwärtig ist aber nur der kleinere, etwa 22 Kilogramm schwere Teil desselben zu sehen, während sich der größere im k.k. Hofnaturalienkabinett in Wien befindet.« Angeregt durch Fräulein Millinges Bericht, hatten Knagsted und Clausen beschlossen, dieser sehenswerten Stadt eine Visite abzustatten. Und an einem strahlenden Sonntag, nachmittags zwei Uhr, setzten sie sich in einen bequemen Landauer und rollten von dannen. Auf dem Bock saß ein ganz junger Bursche als Kutscher, und die Pferde waren munter und feurig, so daß der Oberlehrer sich ein wenig skeptisch zu dem Unternehmen verhielt. Sie verließen die Karlsbader »Fremdenstadt«, wo Straßen und Anlagen von Hygiene und Sauberkeit schimmern, und gelangten in den mehr nationalen Charakter der Stadt hinein, wo der Staub und der Schmutz zollhoch auf den Straßen liegt, und wo es nach Rauch und Ruß und halbnackten Kindern stinkt. Als dann aber das überstanden war und sie an der Bahnstation vorübergekommen waren, rollten sie auf einer breiten, weißen Landstraße dahin, die mitten in Gottes eigene freie Natur hineinführte. Die Sonne lachte, die Vögel sangen, die Pferde tänzelten, und der Kutscher knallte mit der Peitsche. »Ich finde, er fährt reichlich forsch, Knagsted«, bemerkte der Oberlehrer und hielt sich an den Wagenpolstern fest. »Ja, das ist doch gerade das Schöne dabei, lieber Clausen!« »Ach ja«, sagte Clausen und biß die Zähne zusammen. Sie kamen an eine Bahnüberfahrt. Der Schlagbaum ging dem Fuhrwerk gerade vor der Nase herunter, und der Zug kam keuchend und schnaubend daher. »Ich will lieber gehen !« sagte der Oberlehrer plötzlich resolut, und ehe man ihn daran verhindern konnte, riß er die Wagentür auf und sprang auf seinen Flamingobeinen in den Schutz eines Steinhaufens am Grabenrand. Knagsted kreuzte die Arme über der Brust und sah ihm höhnisch nach. Der Bursche auf dem Bock lachte übers ganze Gesicht. Die Pferde standen einen Augenblick auf den Hinterbeinen, und dann war der Zug vorübergesaust. »Du bist eine Bangbüchs', Clausen!« »Ja, das leugne ich nicht, soweit es sich ums Fahren handelt!« sagte der Oberlehrer und kam heran. »Sie können die Pferde doch wohl ganz regieren?« fragte er dann vorsichtigerweise den Kutscher. »Jaa, jaa!« grinste der Kerl in seinem Böhmer Deutsch. Und der Oberlehrer stieg wieder ein.   Eine Viertelstunde später, gerade als die beiden Freunde im stillen Genuß der prachtvollen Aussicht über das Egertal dasaßen, sahen sie ein winzig kleines Männchen, weißhaarig und weißbärtig, auf sie zugetrippelt kommen. Er schlich am Wegesrande dahin, in der linken Hand trug er eine alte, mit Papier bedeckte Hummerdose. Er sah ungeheuer »hinterlistig« aus. Die Finger der rechten Hand waren raubtiergierig gespreizt, und von Zeit zu Zeit ließ er sich pardauz in das Gras hineinplumpsen und schnappte mit einer unglaublich schnellen Handbewegung irgendeine Beute auf, die er dann in der Hummerdose barg, deren Papier er vorsichtig in die Höhe hob und wieder schloß. »Das ist, weiß Gott, der Justizrat!« sagte der Zöllner. Und es war der Justizrat. Er fing Spinnen. Als der Wagen bis zu ihm herangekommen war, ließ Knagsted den Kutscher halten. »Guten Tag. Herr Justizrat! Sind Sie hier?« Stabelsteen erhob den Wattenkopf und sagte ohne die geringste Überraschung: »Guten Tag, meine Herren, guten Tag, guten Tag! Ja, wahrhaftig, hier spaziere ich!« »Wollen Sie uns nicht das Vergnügen machen, mit uns zu fahren, Herr Justizrat?« »Nein, ich danke, ich danke! Ich bin auf Fang aus.« »Wir wollen nach Elbogen«, sagte Clausen. »Es soll so hübsch dort sein.« »Ja, es soll sehr hübsch sein.« »Wollen Sie nicht mit? Wir haben reichlich Platz.« »Kann nicht!« lächelte der Wattenmann. »Ich fange !« »Ja, das sehe ich. Haben Sie denn etwas gefangen? Genug?« (Jetzt sprach Knagsted.) »Ja!« nickte der kleine Mann vergnügt und trippelte näher heran. »Sehen Sie!« sagte er und hob das Papier von der Dose. (Man sah in einen wimmelnden Abgrund von Spinnen hinab.) »Ganz brillante Exemplare!« Clausen schauderte. Knagsted aber sagte sehr interessiert: »Ja, die sehen wirklich brillant aus!« (Dann konnte er sich nicht länger beherrschen): »Sie sind, wie ich höre, ins ›National‹ gezogen, Herr Justizrat?« »Ja, ich bin umgezogen!« sagte der Justizrat ruhig. »Die Dame, bei der ich wohnte, war außerordentlich unliebenswürdig, und da zog ich aus. Aber jetzt muß ich den Herren Lebewohl sagen! Ich bin sehr beschäftigt.« »Ich finde wirklich. Sie sollten mit uns fahren!« sagte Clausen gutmütig. »Das wäre doch eine kleine Abwechslung für Sie?« »Abwechslung!« lächelte der Wattenmann matt, nachsichtsvoll. »Ein Wann der Wissenschaft, selbst von meinem geringen Wert, Herr Oberlehrer, bedarf keiner ›Abwechslung‹! Die Arbeit ermüdet ihn nicht. Er ist im Gegenteil stolz und froh, ihr jede Stunde seines Tages zu widmen! Also, adieu, meine Herren! Und auf Wiedersehen!« Und der kleine Mann machte höflich, aber beleidigt seinen Kratzfuß mit Watte und Hummerdose und trippelte an den Wegesrand hinüber. »So, da hast du es!« sagte der Zöllner. Gleichzeitig aber sah er Stabelsteen, diesem unbeschreiblich glücklichen Arbeiter im Weingarten des Herrn, grün vor Neid nach!   Die Landstraße lief beständig am Egertal entlang, das sich breit und grün tief unten am Fuße der Hügel hinzog. Hie und da ragte der hohe Schornstein einer Fabrik (Porzellan) in die Luft auf gleich einem rußbefleckten Zeigefinger. Sonst herrschte nur spärliches Leben und Treiben. Einzelne kleine, niedrige Häuser und weißgekleidete Kirchen guckten zwischen den Bäumen hervor. Ein paar Kühe und Ziegen grasten auf den Wiesen, und eine Schar nackter Kinder plätscherte und lärmte um einen alten, morschen Prahm herum, der halb am Ufer, halb im Fluß lag. Nach einer längeren, gedankenvollen Pause sagte der Zöllner: »Weiß der liebe Gott, Clausen, ich freue mich sehr darauf, unser Dänemark wiederzusehen.« »Ja, und wenn du dann glücklich zu Hause angelangt bist,« nickte der Oberlehrer, in dem der Zorn noch nicht verraucht war, »so sehnst du dich wieder hinaus!« »Ja – das Leben ist ein Jammertal voll Sorg und Leid! Kaum hat man sich so recht satt gegessen, so – – und so weiter!« »Du solltest dich wirklich schämen, so zu reden; du, der du alle Güter des Lebens in Hülle und Fülle hast!« »Welche, wenn ich fragen darf?« »Ich meine, daß du, der du Vermögen hast – so viel Geld, wie du nur gebrauchen kannst, und –« » Geld macht es wirklich nicht, Clausen!« »Nicht allein , nein – aber nun ist dein Magen ja auch auf dem besten Wege, in Ordnung zu kommen!« »Ja!« »Ja, nicht mehr!« »Ja – hm! Und im vorigen Jahr hab' ich fünftausend Kronen in der Lotterie gewonnen.« Clausen schlug die Hände zusammen: »Und dann bist du noch nicht zufrieden?« »Nein – ich lasse mich nämlich nicht bestechen! – – Das heißt das Geld nehme ich natürlich an, aber ich lasse meine Anschauungen dadurch nicht beeinflussen.« »Bestechen?« »Bestechen, ja! – Wenn du zum Beispiel fünftausend in der Lotterie gewännest, oder, ich will mal sagen, wenn du nur zum Titulatur-Professor ernannt würdest, so würdest du sofort finden, daß die Welt ›noch‹ schöner ist, und daß dein guter lieber Gott ein Prachtkerl ist! Siehst du, das ist der Unterschied zwischen uns.« »Ja, aber man muß doch dankbar sein, wenn –« »So – o? Gegen wen?« »Wie?« » Wem muß man dankbar sein?« »Wem?« »Ja! Du Schafskopf!« »Ich meine nur, man empfindet doch so ein gewisses Bedürfnis, zu danken, wenn – –« » Wem zu danken? Zum Teufel auch!« »Wem – – wem, ja – – der Vorsehung !« »Hm! – Mein Magen ist besser! aber jetzt habe ich ein krankes Bein; soll ich da vielleicht –?« »Ach, dein Bein ist gewiß gar nicht so schlimm –« »Darum handelt es sich nicht, lieber Clausen! Es fragt sich: soll ich der ›Vorsehung‹ für den Magen danken?« »Ja, natürlich!« »Das heißt mit andern Worten, daß ein Mensch, der Lungenentzündung hat, der ›Vorsehung‹ danken soll, daß er zum Beispiel nicht obendrein noch die Krätze hat ! ... Die Erde würde ja schief werden vor Dankbarkeit.« »Ach, mit dir ist gar nicht zu reden!« »Ja – a?« »Da ist keine Spur von gesundem Menschenverstand in dir!« »Vielleicht nicht viel, nein. Aber ich bin nun trotzdem ganz gedankenanregend, lieber Clausen.« »So – o?« »Ja, das bin ich – denn ich gebe der Kugel den Anstoß. Ich bin der Fuß, der den Spaten treibt. Ich bin der Finger auf dem Knopf der Alarmklingel. – Kannst du das verstehen?«   Sie gelangten jetzt an die vorhin erwähnte Drehung der Landstraße. Und vor ihnen, jenseits des grünen Tales, lag auf ihrem bewaldeten Felsen die uralte Burg Elbogen. Ihr plötzliches Sichtbarwerden wirkte so überwältigend auf die beiden Freunde, daß sie sich gleichzeitig bei der Hand packten und ausriefen: »Nein, sieh doch nur!« Der große, viereckige Mittelturm des Schlosses stand von der Sonne beleuchtet da, während die zahlreichen niedriger gelegenen Dächer, Anbauten und kleinen Türme zwischen den grünen Schatten der Bäume hervorlugten. Und als Rahmen um das ganze Bild lagen da die fernen, bewaldeten Berge, der tiefblaue Himmel und die leicht gekräuselten Wasser der Eger. »Prachtvoll!« sagte der Oberlehrer. »Wie eine Theaterdirektion!« sagte der Zöllner. Der Kutscher aber, der sich verteufelt wenig aus Türmen und Flüssen und bewaldeten Bergen machte, zeigte mit der Peitsche in die ganz entgegengesetzte, Richtung und sagte: »Da liegt die Kettenbrücke, meine Herrschaften!« Im selben Augenblick bog ein anderer Landauer um die Ecke auf dem Wege von der Stadt her, und es fehlte nicht viel daran, so wären die beiden Fuhrwerke ineinandergefahren; nur des Kutschers schneller und gewandter Griff in die Zügel verhinderte den Zusammenstoß; und die Wagen sausten in einer Entfernung von ein paar Zoll aneinander vorüber. »Guten Tag! Guten Tag, Herr Knagsted!« »Guten Tag! Guten Tag, Herr Student!« Der Student lächelte und nickte und wehte mit seinem Taschentuch. Und dann war der Wagen um die nächste Ecke verschwunden. Aber Knagsted hatte doch Zeit gehabt, zu sehen, daß vier Personen darin saßen, zwei Herren und zwei Damen, und daß das Gesicht des Studenten glänzte wie eine Pfütze in der Maiensonne ... Eine sanfte Freude glitt durch die Seele des Zöllners: »Hast du ihn gesehen?« fragte er. »Hast du ihn gesehen, Clausen? Sahest du, wie er vor Glück strahlte? – Gott sei Dank, daß ich ihn dazu kriegte, daß er ›Hol' mich der Deubel!‹ sagte. – Jetzt ist die Kleine ihm sicher.« »Ja, hast du aber gesehen,« fragte Clausen, noch ganz blaß von dem überstandenen Schrecken – »hast du gesehen, daß wir kurz davor waren, ineinanderzufahren?« »Ach was!« entgegnete der Zöllner und machte eine abweisende Bewegung mit der Hand. »Wir taten es ja aber nicht!« »Nein –«   Im » Weißen Roß « – »ausgezeichnet durch den Besuch hoher Herrschaften« – kehrten sie ein, aßen Forellen und tranken Hochheimer auf der Terrasse über der Stadtmauer, von wo aus sie auf eine Wiese hinabsahen, wo gemäht wurde, und auf eine kleine Birkenplantage, die sich traulich und gemütlich an beiden Seiten des Flusses entlang zog. In dieser Wirtschaft war eine kleine, niedliche und goldhaarige Kellnerin, die vom ersten Augenblick an eine tiefe und rührende Zuneigung zu Oberlehrer Clausen gefaßt zu haben schien. Standhaft und unermüdlich sandte sie ihm die wärmsten Blicke zu. Und wenn sie ihm die Speisen reichte, verweilte sie lange und innig an seiner Seite. Sie glich einer Mutter, die ihr Kind füttert. Es war, als empfinde sie das tiefste Bedürfnis, ihn auf den Schoß zu nehmen und satt zu machen. Clausen aber wurde mit jedem Gericht röter und röter. »Du hast Anziehung für das weibliche Geschlecht, kleiner Oberlehrer«, sagte der Zöllner. »Nach mir fragt niemand.« »Ach, die verrückte Person!« »Sage das nicht! Sie ist wirklich allerliebst, und ich beneide dich!« »Ja, sie ist ganz nett, aber –« »Da siehst du! – Soll ich ein wenig verschwinden?« »Blödsinn!« Das Mädchen wurde immer zärtlicher, und als Knagsted beim Kaffee fragte, ob sie nicht einige Kuchen bringen könne, breitete sie die Arme aus, als wolle sie Clausen umschlingen und sagte: »Zuckersüße Herren müssen zuckersüße Sachen haben!« Und als sie ihre Rechnung bezahlt hatten und adieu sagten, ergriff sie Clausens Hand, küßte einen Kreuzer von dem erhaltenen Trinkgeld und steckte ihn ihm unter den Kragen: »Zum Andenken, lieber Herr Doktor! Zum Gruß und Andenken!« Der Oberlehrer raste und schnob vor Wut, während die Münze an seinem Körper herabglitt. Es fehlte nicht viel, so hätte er mit den Beinen ausgeschlagen. Der Zöllner aber sagte sanft und milde: »Wie bezaubernd kann doch eine Frau in ihrer zarten Liebe sein!«   Dann wanderten sie eine Weile umher und besahen die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Sie waren im Rathaus und betrachteten andachtsvoll die silbernen Maurergeräte und die zweiundzwanzig noch vorhandenen Kilo von dem verwünschten Burggrafen . Sie waren in der Dekanalkirche zu St. Wenzel und wohnten einer katholischen Kindtaufe bei. Sie trabten ein paarmal über die Kettenbrücke hin und her. Und sie besahen die Burg von innen und von außen. Als die Uhr zwischen sechs und sieben war und die Sonne sich ihrem Untergange zuneigte, promenierten sie in den Birkenanlagen am Fluß. – Steil standen die alten Stadtmauern mit ihren bogenförmigen Bastionen da und schirmten die friedliche kleine Stadt, deren Dächer und Schornsteine da oben über der Brustwehr hervorguckten wie treue Wachtposten, die die Wache ins Gewehr rufen sollten gegen »den Schmutz und die Verderbnis der großen Welt«. – In dem gekräuselten Wasser des Flusses tummelten sich fröhliche Kinder, Knaben und Mädchen in nackter Unschuld. Und von einer morschen hölzernen Brücke, hinter einer schirmenden Wand blühenden Holunders, ertönte Rufen und munteres Lachen. Es war die männliche Jugend der Stadt, die jetzt nach dem Feierabend in die Eger hüpfte, um den Staub des Tages und der Arbeit von den müden Gliedern zu spülen ... Durch das feine, zitternde Laub der Birken fielen die Strahlen der Sonne auf ihre weißen Glieder herab ... Das Heu duftete, und die Vögel sangen – alles atmete Anschuld und Frieden. Es war, um mit dem Dichter zu reden, wie ein Abend am Morgen der Zeit. – Als aber die beiden Freunde an den schirmenden Holunderbüschen vorüberkamen, schlüpften ein paar junge, hellgekleidete Bürgerstöchter errötend heraus und verschwanden laufend in der Richtung der Stadt. »Nein, hast du je so etwas erlebt?« sagte der Oberlehrer. »Ja, das habe ich allerdings!« entgegnete der Zöllner. Vier Tage nach dem Ausflug nach Elbogen bestiegen Knagsted und Clausen den Zug am Buschterhader Bahnhof und verließen die warme Bonbonschachtel Karlsbad, um wieder in den kalten Norden zurückzukehren. – Der Magen des Zöllners war besser, viel besser, das ließ sich nicht leugnen. Aber nun hatte er ja dies Bein, das ihn plagte. Es war höchstwahrscheinlich Gicht oder Ischias, was darin steckte, und es verursachte ihm zuweilen bedeutende Schmerzen und wirkte genierend auf seine bekannte Lebensfreude. – Er hatte sich hin und wieder mit dem Gedanken getragen, zu seiner Nachbarin, der Gräfin Wolakoisky hineinzugehen; teils weil sie wahrscheinlich eine so kräftige und heilbringende Wärme entwickelte, daß sich das Bein wohl dabei fühlen mußte, teils weil die Masseuse da drinnen, erschöpft von dem Fett der Gräfin, dem auf den Grund zu kommen gewiß sehr beschwerlich war, es geradezu als eine Erquickung empfinden würde, wenn sie sich eine Freiviertelstunde mit ihm beschäftigen konnte. Aber dieser zugleich praktische und humane Gedanke war doch nicht zur Tat geworden: »Denn, siehst du, lieber Clausen, mir ist eingefallen, daß damals, als mein Magen anfing besser zu werden, die Götter mir dies mit dem Bein bescherten. Und wenn ich nun hingehe und das Bein kurieren lasse, kann man nicht wissen, was für eine Überraschung die Herren dann für mich ersinnen. Deshalb habe ich beschlossen, die Götter vorläufig anzuführen und das Bein so zu behalten, wie es ist.«   Die letzten Karlsbader Tage waren dem Zöllner übrigens angenehm und gemütlich verstrichen. Er war bis acht Uhr in seinem guten Bett liegengeblieben und war dann zu Pupp gehinkt, wo er den Oberlehrer getroffen hatte, der, geizig, wie er im Innersten seines Herzens war, bis zum letzten Augenblick die Segnungen des Wassers genießen wollte und deshalb blaß und übernächtig von der Quelle kam. – Eines Tages hatte sich Jägermeister Krüger in Begleitung einer kleinen pummeligen Frau Hansen aus Nakskov ihnen angeschlossen. Die junge Frau litt an etwas, das sie in ihrem kindlichen Jargon »durchgegangene Niere« nannte. Sie hatte deswegen Haus und Hof, Mann und sechs Kinder und Laaland verlassen und war nach Karlsbad gekommen, »das ja, weiß Gott, so berühmt ist«, um den Versuch zu machen, besagte Niere zu bändigen. Im übrigen war sie fröhlich und munter und redselig und geputzt, und ehe noch eine Viertelstunde vergangen war, hatte sie den drei Herren ihren ganzen Lebenslauf bis in die intimsten Details mitgeteilt. Der Mund stand ihr nicht still, und man saß in steter Angst, daß die leichtsinnige Niere einmal diesen Ausgangsweg benutzen könne. Ihr Mann war Hardesvogt und war, weiß Gott, so beschäftigt. Und sie hatten einen Garten und sechs Kinder, vier Knaben und zwei Mädchen. Und in der Stadt erzählte man sich, das jüngste Mädchen hätte Ähnlichkeit mit dem Assessor, und das konnte, weiß Gott, gern möglich sein, denn der war so hübsch, daß man ihn ansehen mußte , und er hatte während der ganzen Schwangerschaft bei Tisch gesessen, und sie hatte zu ihrem Mann gesagt, er müsse die Folgen hinnehmen, denn das wisse man ja doch, was man in dem Zustand ansah, dem wurde das Kind ähnlich. Aber nun hatte sich der Assessor selbst mit der reizendsten kleinen Frau von Maribo verheiratet, und sie waren im Dom getraut, und sie wohnten so wunderhübsch; jeden Mittag nach Tisch lag die junge Frau eine Stunde in Weiß auf der Chaiselongue, und dann kam der Assessor mit einer hochroten seidenen Decke und bedeckte sie. Aber sie hatten jedes seine Schlafstube, was, weiß Gott, Affektation war, denn wenn man erst verheiratet war, war doch nichts mehr zum genieren. Sie, Frau Hansen, und ihr Mann, waren nun sieben Jahre verheiratet und hatten sechs Kinder und hatten immer zusammengeschlafen , und das jüngste kleine Mädchen war zwei, und das Verhältnis zwischen ihnen war heutigestags noch ebenso unschuldig und rein wie am Hochzeitstage selber! Knagsted hatte schweigend dagesessen und dem Gezwitscher der kleinen Frau gelauscht, wie man einem unmündigen Kinde zuhört, das den Mund hirnlos laufen läßt wie ein aufgezogener Phonograph. Er hatte hin und wieder »Ja« und »Nein« und »So – o« und »Wirklich?« gesagt und im übrigen seinen Kaffee getrunken und das Publikum angesehen. Als die junge Frau aber anfing, von der »Reinheit« zwischen ihr und dem Manne trotz der siebenjährigen Ehe, dem gemeinsamen Schlafzimmer und sechs Kindern zu reden, da erhob er unwillkürlich den Blick von der Kaffeetasse und guckte schelmisch zu den Herren Krüger und Clausen hinüber. Diese aber schienen seine Gegenwart gänzlich vergessen zu haben, so in Anspruch genommen waren sie von der Dame aus Nakskov. – Der Jägermeister starrte sie (wahrscheinlich auch eine Folge der erzwungenen Diät) ganz bezaubert und begehrlich an, mit genau demselben Blick, wie er neulich das Kücken Nr. 3 von oben rechts auf der Alten Wiese angestarrt hatte. – Und der Oberlehrer saß, hingerissen von ihrer holden Unschuld und babyhaften Unmittelbarkeit da und betrachtete sie mit einem so törichten und lammartig entzückten Ausdruck seines ganzen Kopfes, daß man hätte glauben können, er sei der heiligen Jungfrau von Lourdes von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt. Die Schelmerei in Knagsteds Augen erlosch plötzlich, und er schämte sich tief seines Geschlechts und wurde ärgerlich: »Reines Verhältnis!« höhnte er in einem Ton, der Clausen aus allen sieben Himmeln stürzte. – »Ja! Es gibt, meine verehrte gnädige Frau, kein in dem Sinne ›reines‹ Verhältnis, solange die Menschen gezwungen sind, sich auf die bizarre Weise zu paaren, auf die dies bisher stattgefunden hat!« Der Oberlehrer sprang mit einem Satz vom Stuhle auf. Und der Jägermeister schlug empört mit der Hand auf den Tisch: »Sie sind ein Schwein! Verdammt und verflucht! Ja, das sind Sie!« »Nein, das bin ich nicht !« sagte der Zöllner ruhig – »keineswegs! Ich bin nur ein ›unerschrockener‹ Denker!« Darauf griff er aber geschwind nach seinem Hut, verneigte sich ehrerbietig und überließ die anderen ihrem Schicksal.   Sprudelstein-Mosaik ist ungefähr das Häßlichste, was man mit seinen Augen sehen kann. Alle Läden in Karlsbad sind mit Nippes- und Gebrauchsgegenständen überschwemmt, die mit diesem Material verziert sind. Und wahrscheinlich müssen diese Gegenstände ihre Käufer finden, da die geschäftsfähigen Deutschen im entgegengesetzten Fall sicher längst aufgehört haben würden, sie auf den Markt zu bringen. – Es war Knagsteds Absicht, seiner Freundin, der alten Stine im Boseruper Walde bei Roskilde – »der letzten fröhlichen Frau in Dänemark«, wie er sie nannte – ein kleines Geschenk mitzunehmen. Und er genoß schon im voraus ihr entzücktes: »Ih-h!« und übriges Freudengeschrei, wenn er ihr den Gegenstand überreichte und erzählte, daß er ihn tief unten im Böhmerlande gekauft und ihn den weiten Weg in seinem Koffer mitgebracht hatte. Er sah sie sofort die Harmonika vom Bord herunternehmen und einen sausenden Erntefestgalopp anstimmen. Aber was sollte er nur kaufen? Es mußte ja natürlich etwas sein, was man nicht auch in Roskilde kaufen konnte, etwas, worauf Stine stolz sein und was sie vorzeigen und worüber sie sprechen konnte, wenn sie Kaffeebesuch von den Frauen und Mädchen aus der Nachbarschaft bekam ... etwas, das so märchenhaft fremdartig war, daß man glauben konnte, es sei vom Himmel herabgefallen; und auf der anderen Seite, da ja Stine eine praktische und verständige Frau war, etwas, was sie gebrauchen und wovon sie Nutzen haben konnte ... Da war ja dieser schreckliche Nähkasten, dessen Deckel mit den schrecklichen Sprudelsteineinlagen verziert war ... Stine würde ihn ja wunderbar schön finden ... Aber Knagsted wurde schlimm und übel davon. Diese leberartigen Farben der Steine und scheckigen Zusammenstellungen erinnerten ihn an Seekrankheit; es drehte sich alles in ihm um, wenn er nur daran dachte . – Und doch endete es schließlich damit, daß er den Kasten kaufte! Als er nämlich eines Tages an dem Laden vorüberging, in dem das »Vomitiv« ausgestellt war, stand eine Bauernfamilie, Vater, Mutter und Tochter, da und betrachtete die verschiedenen Gegenstände hinter der Fensterscheibe. Und da hörte er denn die Frauenzimmer sich in den höchsten Lobeserhebungen über diese »wunderschönen« Sachen ergehen. Namentlich erregte der Nähkasten ihre Bewunderung. Die Tochter erklärte geradezu, daß, wenn sie auf irgendeine Weise in den Besitz dieses Kastens gelangte, sie für den übrigen Teil ihres Lebens glücklich sein würde! – Der Vater zog und zerrte an den beiden Frauenzimmern, um sie von diesem gefährlichen Ort zu entfernen. Aber er konnte sie nicht vom Fleck bekommen. Sie waren wie an das Fenster festgeleimt. »Du könntest doch gern hineingehen und fragen, was der Nähkasten kostet«, meinte die Mutter. »Nein!« »Ach ja!« bat die Tochter (sie war ein allerliebstes, blondlockiges Gretchen mit großen, blauen Vergißmeinnichtaugen), »geh doch nur hinein und frage, was er kostet .« Der brave Vater ging hinein und fragte, aber er kam gang erschüttert in seinen Grundfesten zurück. »Fünf Gulden«, sagte er und zerrte wieder an den Frauenzimmern. And diesmal bekam er sie mit: »Fünf Gulden für einen Nähkasten!« Es schwindelte ihnen! – Aber Gretchen sah, als sie sich vom Fenster abwandte und ihrem Erzeuger folgte, trotzdem aus, als könne sie hier auf Erden nie wieder fröhlich werden ... Der Zöllner blieb einen Augenblick stehen und sah ihnen nach. Dann stürzte er plötzlich in den Laden, kaufte den Kasten und stürzte wieder hinaus ... Als er die Familie erreichte, ergriff er, ohne ein Wort zu sagen, die Hand des jungen Mädchens, steckte den Nähkasten hinein, klemmte ihre Finger tüchtig zusammen, machte kehrt und ging in den Laden zurück. Aber in der Tür konnte er es nicht lassen, sich umzusehen, und da sah er Mann, Frau und Tochter stehen, wie er sie verlassen hatte, mitten auf der Straße, wie vom Himmel gefallen, Mund und Augen weit aufgerissen, ganz blödsinnig vor Freude und Erstaunen, ungefähr, als glaubten sie, der allgütige Großvater selber habe sie besucht ... Drinnen im Laben aber kaufte sich Knagsted noch einen Nähkasten, genau so wie den ersten, denn wenn er eine solche Macht auf die einheimischen Seelen ausübte, so mußte die alte Stine daheim im fernen Dänemark doch mindestens zum Boseruper Walde hinausfahren vor Entzücken, so ein Ungeheuer geschenkt zu bekommen. »Verdammt langweilig, daß Sie nicht ebensogut nächsten Freitag reisen können, denn dann hätten wir ja zusammen fahren können.« »Ja – a –, aber wir wollen hier nun nicht länger sein!« sagte der Zöllner. »Nein, das wollen Sie offenbar nicht–« Der Oberlehrer starrte vor sich hin in die Ferne: »Mir ist es, als seien wir ein ganzes Jahr fortgewesen«, sagte er. »Ja, das kennen wir«, nickte der Jägermeister. »Und wenn man dann einen Tag in dem alten Schlendrian zugebracht hat, so ist es einem, als hätte man nie einen Schritt vor die Tür gesetzt! Die Herren bleiben wohl ein paar Tage in Berlin?« »Nein, wir sausen direkt durch, nicht wahr, Clausen?« »Ja, jetzt müssen wir wirklich nach Hause!« »Dänemark sehnt sich nach uns!« sagte der Zöllner. »Ha, ha! Aber dann kommen Sie doch im Laufe des Sommers beide einmal zu uns, um zu sehen, wie wir bei Nakskov herum leben. Sie sollen auch gut behandelt werden.« »Ja gern, nicht wahr, Clausen? Nun haben wir ja einmal Blut geleckt.« »Ja, vielen Dank, Herr Jägermeister. Ich möchte Laaland gern einmal sehen; Sie sagen ja, daß es so schön ist.« »Hm ja! Die Gegend, die man lieb hat, ist immer schön; ich weiß ja nicht, wie Sie es finden werden, Herr Oberlehrer. Aber am Essen soll es nicht fehlen!« »Und wir dürfen jeden Tag gratis auf Ihre Wiese hinausgehen?« »Das dürfen Sie, verdammt und verflucht, Herr Kontrolleur, ha, ha, ha! Und ich will mich gern verpflichten, jeden Tag ein neues Individuum zum Ausschimpfen zu liefern. Einige Schafsköpfe hat man ja immer auf einem Gut.« »Sonst können wir uns ja auch gegenseitig traktieren!« »Ja, schaden könnte es am Ende nicht.« »Nein. Was machen Ihre Nieren übrigens, Herr Jägermeister?« »Denen geht es brillant! Viel besser! Diese Diät bekommt einem ja. Aber wenn man nun wieder zu den eigenen Fleischtöpfen kommt, so nimmt man natürlich Revanche.« »Das sollten Sie nicht tun, Herr Jägermeister.« »Nein, da haben Sie ganz recht, Herr Oberlehrer, ha, ha, ha! Aber ich tue es ja doch! Ich kann es, weiß Gott, nicht aushalten, dazusitzen und Mücken zu essen, während die anderen Gänsebraten futtern! Und Ihr Magen, Herr Zollkontrolleur?« »Dem geht es ebenfalls brillant! Aber ich habe allerdings die Absicht, die Diät fortzusetzen.« Der Jägermeister schlug ein Gelächter an, das die Umhersitzenden auffahren machte. »Sie meinen die Diät mit Kapaunen und Kücken und Ochsenfilet und Schweinsbraten?« »Man muß sich ja durchprobieren.« »Ja, Sie sind ein netter Kunde! Ihnen hat, weiß Gott, nie was gefehlt.« »Und jetzt behauptet er auch, daß sein eines Bein krank geworden ist«, sagte der Oberlehrer. »Den Teufel auch ist es krank! Ich hab' ihn ja auf der Straße umherlaufen sehen wie einen Kiebitz.« »Das ist nur meine pyramidale Selbstbeherrschung, meine lieben Freunde.« »Selbstbeherrschung? – Sie und Selbstbeherrschung? Kommen Sie mir nur damit nicht. Wie haben Sie die kleine Hardesvögtin neulich morgens bei Pupp traktiert! Das reden Sie gefälligst andern ein!« »Ja, er treibt es zuweilen ein wenig arg«, nickte Clausen. »Ein wenig ? So etwas zu sagen, in Gegenwart von Damen !« Knagsted lächelte vor sich hin: »War das denn so schlimm?« »Ob es schlimm war, ha, ha, ha! Und dann kniffen Sie aus und ließen uns in der Patsche sitzen.« »Das tat ich, ja, und das schadete euch gar nichts. Aber sagen Sie mir doch, Jägermeister, können Sie erzählen, was Sie dachten ?« »Was ich dachte ? Wann?« »Bei derselben Gelegenheit; Sie saßen ja da und verschlangen die kleine Hansen mit ein paar Augen, als wäre sie ein Kotelett mit Trüffeln.« Der Jägermeister errötete: »Was ich gedacht habe?« »Ja. Sie haben mich ausgescholten, weil ich das gesagt habe; lassen Sie uns nun Ihre Gedanken einmal etwas genauer betrachten.« »Gedanken sind zollfrei.« »Das sagt man, ja. Aber ich bin Zollkontrolleur.« »A. D., wenn ich bitten darf.« »Nein, zuweilen amtiere ich noch. Also: heraus mit der Sprache!« »Sind Sie verrückt? Ha, ha, ha! Glauben Sie, es sollte mir einfallen, Ihnen zu erzählen –« »Soll ich es etwa übernehmen?« »Nein, weiß Gott, das sollen Sie nicht! Man darf doch wohl denken , was man will. Wollen Sie mir etwa einreden, daß Sie nichts dabei empfinden, wenn Sie dicht neben einer so niedlichen kleinen Frau sitzen, die frisch von der Leber weg über ihre Schlafstube und ihr Bett und – und all dergleichen plaudert? Und noch dazu ich, der ich solange von meiner Frau fortgewesen bin? Das tun, weiß Gott, alle Männer. Sie sollten bloß hören, was wir uns alles erzählen, wenn wir im Winter zum L'hombre zusammenkommen. Aber das ist ja eine andere Sache, wenn man unter sich ist. Aber sagen, was Sie sagten, wenn eine Dame zugegen ist, das tut man nicht – ja, entschuldigen Sie –, das tut man, weiß Gott, nicht, wenn man als gebildeter Mensch angesehen werden will.« Knagsted lächelte von neuem: »Und was sagt mein Freund Clausen?« fragte er. »Herr Krüger hat selbstverständlich recht !« sagte der Oberlehrer energisch. »Ja, dann muß ich mich ja beugen.« Das war der letzte Abend in Karlsbad. Die drei Herren saßen im Restaurant im »Stadtpark« und verzehrten ihren Prager Schinken und lauschten den Tönen der Musik.   Am nächsten Tage, nachmittags 1 Uhr 40 Minuten, verließen die Freunde, Clausen und Knagsted, das herrliche Böhmen und zogen heim nach dem noch herrlicheren Dänemark. Schluß. Villa Rörholm. 12. Juli. Lieber Clausen! Ich habe meinen Abendtee getrunken. Die Pfeife ist angezündet, und ich sitze nun wieder auf meinem Sofa und befinde mich so leidlich unter den Herren Napoleon, Bismarck und Wilhelm Beck. »Denn nirgends blühen die Rosen so reich, und nirgends sind die Daunen so weich als die, worauf in Kindheitsunschuld wir geruht!« Ich weiß freilich nicht, wer von uns beiden den meisten Grund hat, dem andern dankbar zu sein, aber ich empfinde, wie es heißt, ein tiefes Bedürfnis, Dir schon an dem ersten Tage, an dem ich den Boden meines geliebten Vaterlandes betreten habe, ein paar freundliche Worte zu sagen. Ich will Dir meine Ehrerbietung für Deinen Charakter bezeugen! Allerdings bist Du meiner Ansicht nach zweifelsohne ein Idiot. Aber ein süßer Idiot. Ein Idiot, den man liebgewinnen muß. Einer von den Idioten, von denen man Dänemark ein paar mehr wünschen möchte. Denn Du wirkst versöhnend. Hab' Dank, daß Du mit mir reisen wolltest! Mir ist, als entbehre ich Dich. Was hoffentlich eine Lüge ist! Doch, knöpfe an einem der nächsten Tage Deine Hose vorne gehörig zu und überschreite mit Deinen Flamingobeinen meine Türschwelle. Die kleinen Paludans sehnen sich. Dein treuer Freund H. P. E. Knagsted. Es war so wunderschön draußen im Garten der Villa Rörholm, jetzt zu Anfang Juli. Die Bäume standen voll von schattenspendendem Laub; die Rasenflächen und Steige lagen geharkt und wohlgepflegt da, und rings um die Blumenrabatten begannen die Rosen, weiß, rot und gelb, die Köpfe hervorzustecken. Die siebenundzwanzig Rohrhalme unten im »See« waren jeder eine halbe Elle gewachsen, und der Schwan und die Wasserrosen schimmerten frischgemalt. Am Morgen aber war die Schönheit am größesten. Am Morgen zwischen sechs und sieben, wenn die Sonne noch nicht allzuhoch über die nach Osten gelegenen Nachbargärten gestiegen war, während der Tau noch auf Gras und Büschen schimmerte und nur einzelne Fußtritte in dem Kies auf dem Spazierwege vor der Ligustrumhecke knirschten. Die kleinen Paludans waren um diese Zeit immer im Garten, wenn es gerade nicht platzregnete. Sie standen im Sommer regelmäßig um halb sechs Uhr auf (»Daran sind wir ja von Hause von der Propstei her gewöhnt«), tranken ihren Kaffee – und dann die breitkrempigen Strohhüte auf und in den Garten hinab! Hier pusselten sie umher, harkten, jäteten, beschnitten, bis sie, genau wenn die Dampfpfeife acht Uhr Pfiff, in die Gartenstube hinaufgegangen und ihr weichgekochtes Ei aßen und sich noch eine Tasse Kaffee leisteten, ehe sie an das »Häusliche« gingen. Ihre Tage waren eingeteilt wie nach einem Stundenplan, jede Stunde hatte ihr »Joch«, und es war ganz undenkbar, daß z. B. Karoline in der Stunde Einkäufe machen konnte, die zum Abstäuben bestimmt war. Und geschah es, daß sie von ihren Exkursionen bei den Kaufleuten fünf Minuten später kam, als abgemacht war, so schrieb sie Emmys ganze Tafel voll von Entschuldigungen und Erklärungen, die ausnahmslos damit endeten: »Aber die Pferdebahn ist Schuld daran; die ist nie präzise.« – Nach dem Mittagessen um zwölf Uhr, das mit einer »kleinen« Tasse Kaffee beschlossen wurde, saß jede in ihrem Stuhl am Fenster und »wärmte die Augen«. Um halb zwei machten sie sich nach dem Schlummer in der Schlafstube ein wenig zurecht und saßen ein paar Stunden »zum Staat« im Saal mit irgendeiner feinen Handarbeit und warteten auf Visiten. Dann deckten sie zum Fünfuhrtee, den sie mit »Cakes« dazu tranken. Und um sechs Uhr waren sie wieder im Garten. Aber um diese Zeit arbeiteten sie nicht dort unten, sie gingen spazieren oder besahen die Blumen, oder sie saßen mit irgendeinem »guten« Buch in der Laube oder belustigten sich am See mit dem Schwan und den Wasserrosen. Um sieben Uhr aßen sie zu Abend. Und wenn die Tafeluhr auf dem »Sekretär« halb zehn schlug, lagen sie in ihren Betten und schliefen. – – Es war das Ideal eines Daseins ... And dann hatten sie obendrein vor ungefähr drei Wochen eine große und unerwartete Freude gehabt: Eines Morgens lag in ihrem Briefkasten die Mitteilung von der Eisenbahn, daß auf dem Zollbureau eine Kiste für sie aus Berlin stände. »Kannst du es begreifen, Emmy, wer uns etwas aus Berlin schicken kann?« schrieb Karoline auf die Tafel. »Und was ist es denn?« entgegnete Emmy. Sie beschlossen, eine halbe Stunde später zu essen, machten sich fein und begaben sich auf das Zollbureau. Sie rissen und zerrten aneinander und stellten sich auf die Zehenspitzen und waren kurz davor, sich zu entzweien, während die Kiste geöffnet wurde. Karoline schlug Emmy auf die Finger und erklärte dem Personal: »Meine Schwester ist nämlich taubstumm!« Beide hatten dunkelrote Köpfe vor Eifer, zuerst zu kommen. Als dann aber die Sendung endlich aus dem Papier und den Sägespänen ausgepackt war und in vollem Glanz auf dem Tisch stand, waren sie starr vor Entzücken: »Nein, Emmy!« Und Emmys Augen wurden feucht, während sie die grauen Zwirnhandschuhe über der Mantille faltete. Nie im Leben hatte sie etwas so Süßes gesehen! »Ist es denn auch wirklich für uns?« fragte Karoline. »Ja!« lächelte der Zollbeamte, »hier auf dem Adreßbrief steht: An die Fräulein K. und E. Paludan.« »Ja, aber wer hat es uns nur geschickt?« »Ja, darüber steht hier nichts.« Dann bat Karoline einen der Packträger, eine Droschke zu holen. Und die Schwestern fuhren mit dem Geschenk von dannen. Es war das reizendste kleine Porzellan-Rehkalb in Lebensgröße. Seine Beine waren so fein, so fein, sein Körper so zierlich und schlank, und den Kopf hielt es ein wenig schräge und sah die beiden Damen mit seinen süßen, kleinen, braunen Augen an. – – Es stand auf dem Rücksitz, und die Schwestern sahen gegenüber. Hand in Hand. Wenn man ihnen die ewige Seligkeit versprochen hätte, so hätten sie nicht glücklicher sein können. Sie hatten vor ein paar Jahren einen Kanarienvogel gehabt, der starb. Und seit der Zeit hatten sie sich nie die Möglichkeit nur vorstellen können, je wieder ein Tier liebzuhaben. Aber das gegenwärtige Porzellanreh machte die Erinnerung an den heimgegangenen Kanarienvogel ganz verblassen. Der Oberlehrer war zu Besuch bei dem Zollkontrolleur. Sie hatten einen kleinen Spaziergang durch den Garten gemacht und die Paludans begrüßt und saßen nun oben in Knagsteds gemütlicher Wohnstube auf dem Sofa und besprachen die vielfältigen Erlebnisse ihres Reiselebens ... Während einer Pause im Gespräch nahm Knagsted plötzlich ein Buch von dem Tische vor sich und reichte es Clausen: »Dies Buch mußt du lesen, lieber Freund«, sagte er mit ruhigem Ernst. – »Meine kleinen Damen da unten haben es mir geliehen. Sie sind ganz begeistert davon. Und ich muß sagen, daß auch ich es sublim finde.« »So – o?« fragte der Oberlehrer mißtrauisch. »Wie heißt denn das Buch?« »Sonnenrain, Lichtblick aus dem Leben in einem dänischen Pfarrhause von Frieda Himmelstrup.« »Ja, darüber habe ich eine brillante Kritik im Christlichen Tageblatt gelesen.« »Ganz recht ... Und die verdient es auch wirklich! – – Sieh nur!« (Knagsted öffnete das Buch und zeigte auf das Titelblatt.) » Sonnenrain. Lichtblick aus dem Leben, Fried Himmelstrup ...! Das nennt man Stil! Bist du nicht schon ganz erfüllt von Erwartung und Andacht?« »Willst du dich lustig machen?« »Keineswegs! – Und sieh hier hinten auf dem Titelblatt: ›Von Gott – zu Gott.‹ –Und hier: ›An Mutter‹ ... Na, alter Junge! Das ist doch prima, prima! Und es ist schon in zweiter Auflage erschienen. – – Willst du es leihen?« »Ja – a!« sagte Clausen zögernd. Aber Knagsted fuhr fort: »Ich habe ebenso wie die kleinen Paludans einen ›unsagbaren‹ Genuß durch die Lektüre dieses Werkes gehabt! Sieh nur: Frieda Himmelstrup! Das soll dem Sonnenrain und dem Lichtblick und Gott und Mutter entsprechen! Die Verfasserin ... (denn das Buch muß von einer Sie geschrieben sein, wir Männer können uns nicht zu dieser Höhe aufschwingen, wie begabt wir auch sind) – – die Verfasserin heißt wahrscheinlich Friederike, aber merkst du wohl, wieviel geistiger dies einfache ›Frieda‹ sich ausnimmt? Der verständnisvolle Leser braucht im Grunde nichts weiter als das Titelblatt zu lesen. Das genügt! ... Aber sieh hier: Es fängt mit einem ›Briefwechsel‹ und einer ›Hochzeit‹ an. Er wohnt in dem Pfarrhaus« zu Sonnenrain , und sie wohnt im Rosenhain . (Hätten sie in Dalldorf oder bei der Wasserkunst gewohnt, hätte nichts aus der Geschichte werden können!) Er heißt Knud Engelbrecht , und Sie heißt Agnete Weiß ... wie? Und höre einmal, wie er aussieht, Seite 17 ... groß, aufrecht, breitschulterig, so recht ein Bild nordischer Kraft (so recht ein Leckerbissen für eine Friederike!). Das Haar war blond, die Stirn gewölbt, die Züge gemeißelt (in was?) und der Ausdruck um den Mund fest und bestimmt. – Dann wird ihre Hochzeit im Rosenhain gefeiert ... Als aber der Star, der in einem der Bäume des Gartens Wohnung genommen hatte, sich ans Fenster setzte, um zu sehen, wie es da drinnen zuging, hatte er das Glück, folgenden Vers aus Knuds Lied an Agnete zu hören: Die Hand an den Pflug zusammen in Jesu Namen wir legen, Aus der Ruhe in Seinen Armen schöpfen Kraft wir und Segen, Fröhlich im Kindesvertrauen Eine Brücke wir täglich bauen, Zu kürzen den Weg zwischen Himmel und Erde. Da soll die Hochzeitsfreude täglich sich mehren, Aus immer tieferem Herzen wollen den Schöpfer wir ehren, Ihm sei geweiht unser Haus, Von dem diese Freude ging aus, Ale im Paradies er sprach sein »Werde!« Du verstehst natürlich keinen Muck davon, Clausen, aber dem Star erging es auch wohl nicht besser! ... Und dann ziehen sie heim nach Sonnenrain, Pastor Knud und seine Agnete, »um die Hand an den Pflug in Jesu Namen zu legen«. – – Nun sollte man ja meinen, daß dies mehr eine geistige Manipulation sein muß; aber Prost Mahlzeit! Nach Verlauf von einigen Monaten entging es Knuds Aufmerksamkeit nicht, daß in der letzten Zeit eine Schwerfälligkeit (?), von der er bisher nichts verspürt hatte, über Agnete lagerte: etwas Finsteres, Verschlossenes (?). Er wußte, daß dies zum Teil seinen Grund darin haben konnte, daß sie sich nicht wohl fühlte; aber er fühlte auch zugleich, daß es im wesentlichen ein geistiger Kampf war, den sie kämpfte. – Und dann, eines Abends, bricht es los: Er zog sie auf sein Knie nieder (er ist also einbeinig, was Friederike bis zu diesem Augenblick durch eine licentia poetica uns vorenthalten hat). ›Agnete, was fehlt dir? Jetzt sollst du es sagen!‹ Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Ihre Stirn war kalt und weiß. (Es muß nun auch keine Kleinigkeit sein, da zu sitzen und auf dem einen Bein zu balancieren); sie war in Seelennot (?). Endlich kam es unter Stöhnen: ›Knud, es ist dieser Gedanke, daß auch ich teilhaben soll an der Fortpflanzung der Sünde.‹ Sie schwieg eine Weile und fuhr dann fort: ›Jetzt kenne ich die Geschichte des Sündenfalls aus meinem eigenen Herzen und weiß daher, daß sie zuerst fiel. (Pfui, Friederike!) Sie brach in ein heftiges Weinen aus, das sie lange in ihrer Brust gesammelt hatte‹ ... usw. usw. Kurz und gut: Die kleine Frau ist in gesegneten Umständen! Was ja übrigens, wie ich hörte, bei Pfarrersfrauen bei zweckentsprechender Behandlung vorkommen soll. – Durch alle die vorausgegangene Seelennot könnte man ja nun in Versuchung gefühlt werden zu glauben, daß, wenn Agnete das Malheur nun doch einmal passiert war (mein Gott!), sie, wenn sich die Zeit erfüllet hatte, wenigstens einen Krummstab oder eine kleine Bischofsmütze oder etwas nach der Richtung hin zur Welt bringen würde; aber da geht die junge Frau, weiß Gott, hin und – – – doch ist es besser, sich an den Text zu halten: »Am Abend des zehnten Mai stand Agnete an ihrem Schlafstubenfenster und sah zu der sinkenden Sonne hinüber. Es war ein naßkalter, stürmischer Tag gewesen, wie sie oft im Mai vorkommen, aber jetzt ging die Sonne in all ihrer Schönheit unter. Auch durch Agnetes Herz war ein starker Sturmwind gesaust. Sie wußte, daß es Schwäche war, aber ... Jetzt hatte sich die Stille der Christnacht auf ihre Seele herabgesenkt. Sie hatte ihr Leben ganz in die Vaterhand gegeben (die Hand einer examinierten Hebamme wäre praktischer gewesen) und betete nichts als: Dein Wille geschehe . Und damit hatte sie ihre Freudigkeit wiedergewonnen. (Jetzt kommt es!) Am nächsten Morgen lagen da wirklich (?) zwei (die Hervorhebung ist von Friederike) gesunde, wohlgebildete Knaben in der Wiege neben Agnetes Bett. (Sie ahnte, weiß Gott im Himmel, nicht, woher sie gekommen waren!) – – Niemals hatten die Vögel in Sonnenrain so jubelnd gesungen wie in dieser Morgenstunde, dachte Knud, als er um neun Uhr einen Gang in den Garten machte. Und er selber? Was war die Freude der Vögel gegen die seine? Er hatte allen Grund, froh und stolz zu sein wie ein Asger Nyg, fand er. (Dienstmänner können auch Zwillinge machen, finde ich.) Eine Frau wie Agnete und nun zwei (die Hervorhebung ist von Knagsted) Söhne in der Wiege! – Hätte er nicht gefürchtet, daß Großmutter oder Lise (die Köchin) oder Madame Jensen (man hatte also die Madame doch auch zugezogen!) ihn von den Fenstern sehen könnten, ja, weiß Gott, ob er nicht (welch eine schelmische Konstruktion!) – der Hochehrwürdigkeit und all dergleichen überflüssigem Anhängsel zum Trotz – gleich hier auf dem Rasenplatz einen Purzelbaum geschossen hätte. Er war wie ein ausgelassener Junge. Nur Agnete fehlte ihm. – Indessen zügelte er seine springerischen Gelüste (aber Friederike!) und begnügte sich damit, einen Strauß Veilchen zu pflücken.« »Das steht da nicht, Knagsted!« unterbrach der Oberlehrer die Lektüre. »Ich versichere dir ...! Lies selber!« Clausen nahm das Buch und las. Und es stand wirklich ganz oben auf Seite 26. – Still gab er das Buch zurück. »Nein, behalte es nur gleich«, sagte der Zöllner. »Nun kannst du ja selbst weiterlesen, wenn du nach Hause kommst.« »Ich will das Zeug gar nicht lesen«, sagte Clausen plötzlich rot und heftig. »Das ist ein abscheuliches, verschrobenes Gewäsch!« »Aber Mensch, bist du verrückt? Das ist ja Poesie!« »Ach, du glaubst nun auch wirklich, daß ich ein völliger Idiot bin, dem du alles bieten kannst.« »Aber Clausen , liebster Freund!« »Ja, das sage ich! Und du findest ja auch selber, daß es ein affektierter, verschrobener Blödsinn ist.« »Was für Ausdrücke du gebrauchst, Clausen! – – Das Buch ist im Christlichen Tageblatt gelobt und erschien in zweiter Auflage.« »Was geht es mich an, daß die Welt von Schafsköpfen wimmelt.« »Ja, aber lieber, bester Clausen!« Der Oberlehrer schäumte: »Meiner Ansicht nach,« sagte er und schlug nach ›Sonnenrain‹, so daß es an die Erde fiel, »meiner Ansicht nach ist so etwas Jux ... « »Du darfst nicht so von meinem neuen Lieblingsverfasser reden!« Clausen aber fuhr fort: »– wodurch das Christentum geschädigt ist und noch immer geschädigt wird, wo es sich um denkende Menschen handelt! Wenn man solchen – Mist gelesen hat, kann man es lange Zeit hindurch nicht ertragen, Worte wie ›Gott‹, ›Glauben‹, ›Vorsehung‹ zu hören, ohne daß einem schlimm und übel dabei wird! – – Du hast doch selber einmal gesagt, daß diese Art von Büchern das Christentum untergraben.« »Hm, ja,« meinte der Zöllner, »das eine kommt zu dem anderen ... « »Und was, meinst du, würde der da gesagt haben, wenn er sie gelesen hätte?« fragte der Oberlehrer plötzlich und zeigte auf Wilhelm Becks Bild über dem Sofa. »Du behauptest ja, daß er ein so kluger Mann gewesen ist.« »Was er gesagt haben würde!« wiederholte er nachdenklich – »ja, was würde er wohl gesagt haben? ... Ich glaube eigentlich, daß er das Buch in seinem Blatte gelobt haben würde. – Aber dann wäre er wahrscheinlich hinterher in seine Kammer gegangen und hätte die Tür hinter sich abgeschlossen und sich ein homerisches Gelächter geleistet!«   Wenige Tage nach seiner Heimkehr hatte Knagsted seine morgendlichen Radfahrten wieder aufgenommen. Dem kranken Bein, dem er infolge seiner Empfindlichkeit gegen Witterungsveränderungen den Namen »das Barometerbein« gegeben hatte, sagten diese Übungen gar nicht recht zu, aber er hoffte durch Ausdauer seine Mucken zu besiegen. Und als er sich und das Bein acht Tage trainiert hatte, beschloß er eines schönen Morgens, mit dem Nähkasten der fröhlichen Stine nach Boserup zu fahren. Zu diesem Zweck setzte er sich in den gewöhnlichen Zug 7 Ahr 53 Minuten und langte 8 Uhr 30 Minuten in Roskilde an. Als er von dem Marktplatz vor dem Bahnhofsgebäude in die Uhlstraße einbog, sah er alle Häuser im Flaggenschmuck prangen. Es sah aus, als erwarte man den Besuch von mindestens einem Dutzend von Königen, so festlich präsentierte sich die Straße. So weit das Auge reichte, wie es in Romanen zu heißen pflegt, hing Banner neben Banner. Er zählte bis zu fünfzig. »Tod und Dompropst!« dachte er, »was mag hier los sein?« Und als er einen netten älteren Herrn fragte, der mit einem elfenbeinbekrückten Stock auf dem Bürgersteig wandelte, erhielt er die Antwort: »Wo sind Sie denn her, Verehrtester? Es ist ja doch heute die Hochzeit von Bäcker Petersens Tochter mit Schneider Hansens Sohn aus Köge!«   Der Weg war der gewöhnliche; durch die Ahlstraße, vorüber am »Hotel Prinz«, dann die Olsstraße hinab, am »Holzhof« und der alten Kapelle vorbei, und dann am Hafen entlang nach dem »Berg«. Vor dem kleinen Hause dort oben, der Kirche gerade gegenüber, saß genau so wie vor ein paar Monaten der kleine vier- bis fünfjährige Junge mit seiner Katze. Sie sahen beide so aus, als hätten sie sich nicht vom Fleck gerührt, seit der Zöllner zuletzt hier war; und er dachte einen Augenblick daran, hinzugehen und den Kleinen zu fragen, ob auch seine Mutter noch immer abwesend sei. Aber er gab es auf, bestieg sein Rad und rollte weiter durch das Dorf und am St.-Hans-Hospital vorüber, den Hügel hinab, der an der Steig über die Wiese führt. Bald konnte er die frischen grünen Baumkronen des Boseruper Waldes erkennen, und ganz leise beschlich ihn die Freude, die alte, vergnügliche Stine und ihre gemütliche Stube wiedersehen und ihren Freudenschrei und ihr munteres Geplauder hören zu sollen. Ob sie wohl draußen im Garten stand und Wäsche zum Trocknen aufhängte wie das erstemal, da er sie besuchte? Er sah sie die roten, gespreizten Hände vor das Gesicht halten und ins Haus laufen mit einem: »Herr du meines Lebens, kommen Sie jetzt wieder, gerade wo wir mitten bei der Wäsche find!« Er dachte sich eine ganze kleine Rede aus, die er über den mitgebrachten Nähkasten halten wollte – wie diese Sprudelsteine durch Ablagerung des Wassers entstanden, wie sie behauen und geschliffen und zu diesen wunderbar schönen Mustern zusammengesetzt wurden, die alle fremden Menschen in Karlsbad erpicht machte, sie zu laufen und in alle Reiche und Länder der Erde mitzubringen. Und er wollte ihr von dem »Sprudel« selber erzählen, wie hoch der sprang und wie er vor vielen hundert Jahren von einem König entdeckt wurde, der auf der Jagd war und der plötzlich seinen Lieblingshund vermißte und ihn schließlich in der Quelle gekocht fand. Wie würden Stines große, vergnügte Augen vor Erstaunen glänzen! Und wie würde sie lauschen , um später, wenn sie Besuch hatte, bei passender Gelegenheit diese wunderbaren Dinge wiedererzählen zu können! Jetzt fuhr er an der Schmiede vorüber und in den Wald hinein. Und dort guckte die kleine, strohgedeckte Hütte mit ihren weißen Mauern und ihren hellblau gestrichenen Fenstern und Türen hervor. Im Garten stand ein Gewimmel von Blumen, und da drinnen hinter den Blumen wohnte die letzte fröhliche Frau in Dänemark. Knagsted fuhr in einem Bogen vor die Gittertür. Er lächelte vor sich hin, so »gespannt« war er auf das Wiedersehen. Er war gewiß ein ganz lächerlicher Mensch! Aber mein Gott: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein –« »Stine! Guten Morgen, Stine! Warum waschen wir denn heute nicht? Hier hab' ich Ihnen was Schönes mitgebracht!« Eine große, wütend aussehende Frau erschien in der Tür: »Was stehen Sie da und schreien?« »Ist Stine nicht zu Hause?« »Stine? Nein!« »Wo ist sie denn? »Die ist ja tot, Mensch! Wissen Sie das nicht?« »Tot?!« »Ja, sie ist vor vier Wochen hier draußen von ein paar durchgegangenen Pferden überfahren.« – – Aber am Tage darauf erhielt der Zöllner folgenden Brief: Bellaggio am Como-See, Juli. Lieber Herr Knagsted! Sie haben wohl mein Taschentuch wehen sehen, als wir vor Elbogen aneinander vorüberfuhren? Ja, jetzt ist also alles wieder gut; Agnes und ich sind bessere Freunde wie je zuvor. Sie sitzt hier neben mir, während ich schreibe, und sendet Ihnen die freundlichsten Grüße. Ich habe ihr erzählt, daß Sie mich gelehrt haben, »Hol' mich der Deubel« zu sagen, damals auf der Bank am Nikolaus-Dumba-Weg, und jetzt geht sie herum und sagt es in alle Ecken hinein zu Tantes großem Entsetzen. Aber ich vergesse ja ganz, Ihnen zu erzählen, daß Sie wirklich auch in bezug auf den deutschen »Gutsbesitzer« recht haben sollten. Er war ein Betrüger, wie Sie ja von vornherein behaupteten. Denken Sie nur, eines Tages, als wir alle miteinander im Salon des Hotel Continental in Wien saßen, kam die Polizei und holte ihn. Er war Kammerdiener bei dem Gutsbesitzer, für dessen Sohn er sich ausgab, und er hatte 15 000 Mark gestohlen und war in die Welt hinausgereist und hatte den großen Herrn gespielt. Sie haben keinen Begriff davon, wie sehr sich Tante den Skandal zu Herzen nahm; sie tat mir ordentlich leid, aber jetzt ist es ja schon besser. Und Agnes und ich waren damals ja schon ausgesöhnt, folglich freuten wir uns beide, daß der Deutsche das Feld räumen mußte. Mit uns kam es folgendermaßen: Eines Tages in Karlsbad, als wir zufällig allein beieinander in Tantes Zimmer saßen, sagte ich zu mir selber, jetzt müsse es entweder biegen oder brechen, und dann ging ich ganz ruhig zu ihr hin und nahm ihre Hand und sagte: »Ich will dich haben, hol' mich der Deubel!« Sie hätten Agnes' Gesicht sehen sollen. Zuerst sah sie ganz erschreckt aus, dann aber fing sie so an zu lachen, daß ich sie halten mußte, und dann küßte ich sie, und dann war das überstanden. Sie kann jetzt gar nicht begreifen, daß sie jemals so häßlich gegen mich hat sein können; aber der abscheuliche Deutsche war ja schuld daran, und jetzt macht es ja nichts, da alles so gekommen ist, wie es ist. Wir reisten gleich ab, als er arretiert war, fort von Wien; Tante wollte dort keinen Tag länger bleiben. Und nun wohnen wir hier bis Mitte des Monats, dann geht's nach Hause in die Villa am Strandwege. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schön es hier ist! – – – Der See liegt wie ein großer, blauer Spiegel hier draußen, und ringsherum stehen die hohen, schneebedeckten Alpen: und was für Spaziergänge gibt es hier nicht in den Bergen! Agnes und ich machen jeden Tag zwei lange; wenn wir Ihnen nur einmal begegnen könnten, lieber Herr Knagsted; ich glaube, wir fielen Ihnen beide um den Hals, denn Sie haben uns doch wieder zusammengebracht! Agnes bittet mich, Sie zu grüßen; ich selber sende Ihnen meine wärmste Freundschaft und einen herzhaften Händedruck! Mit Hochachtung Ihr dankbar ergebener Hugo Möller. Unter dem Briefe stand in steiler »englischer« Damenschrift: Ich kann nicht begreifen, wie Sie es wagen können, sich die »leibhaftige Bosheit« zu nennen, denn Sie sind, » hol' mich der Deubel «, der Genius des Glückes für Hugo und mich gewesen. Agnes. Als der Zöllner dies Schreiben gelesen hatte, setzte er sich mit seiner Pfeife auf das Sofa und war zwanzig Minuten lang guter Laune.   Worauf er sich erhob, still in die Luft hinein nickte und zu seinen drei schweigsamen Hausgenossen Napoleon, Bismarck und Wilhelm Beck gewendet, sagte: »Ja, meine Herren, wir sind höchstwahrscheinlich in vielerlei uneinig gewesen, in einem Punkte aber stehen wir Schulter an Schulter: » Was wäre das Leben ohne die Liebe ! Ihre Macht ist groß, und sie überwindet alle Hindernisse! – – Ich z. B. habe eine Witwe gekannt, die ihren Mann in dem Maße liebte, daß sie noch viele Jahre nach seinem Tode fortfuhr, Kinder zu bekommen!«