Karl May Der Weg zum Glück. Erster Band. Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten Dresden, Druck und Verlag von H. G. Münchmeyer. Erstes Capitel. Auf der Alm. »Als ich d'rauf am Morgen schied, Hört ich ferne noch ihr Lied,         Und zugleich mit Schmerz und Lust         Trug ich's fort in meiner Brust. Und seitdem, wo ich auch bin. Schwebt mir vor die Sennerin, Und sie ruft: »Kehr um geschwind!«         Auf der Alm. ja         Auf der Alm, ja Auf der Alm, da giebt's ka Sünd!« So klang es hell und getragen von der Höhe in das Thal hinab, gesungen von zwei Menschenkindern, welche, obgleich verschieden nach Alter und Geschlecht, diesen dritten Vers des bekannten und beliebten Liedes aus voller Brust ertönen ließen. Ihre Gesichter glänzten förmlich vor Vergnügen, und aus ihren blitzenden Augen leuchtete die herzliche Freude über das Echo, welches ihr Jodler an den gegenüber liegenden Felswänden wach rief. Einer, der sie jetzt hätte beobachten können, wäre ganz gewiß zu der Ueberzeugung gekommen: »Das sind zwei gute Menschenkinder! Der Refrain ihres Liedes steht ihnen auf der Stirn geschrieben: Ja auf der Alm, da giebt's ka Sünd!« Die Sonne eines schönen Herbsttages neigte sich den im Westen glänzenden Gletschern und Firnen entgegen. Ihr Licht brillirte im Wasser des Giesbaches, welcher schlank und in weiten Sätzen von der östlichen Höhe sprang. Sonntägliche Ruhe lag unten im Thale, und sonntäglich war auch die Sennerin gekleidet, welche neben der Thür am Holzstoße lehnte und dem Zither spielenden Alten fröhlich zunickte. Sie mochte kaum achtzehn Jahre zählen, war aber körperlich und vielleicht auch geistig bereits weit über dieses Alter hinaus entwickelt. Das in niedrigen Schuhen steckende Füßchen war im Vergleiche zu ihrer hohen, vollen Gestalt klein und niedlich zu nennen. Das kurze, aus roth und blau gestreiftem Zeuge gefertigte und unten mit einer breiten Kante versehene Röckchen reichte nur wenig über das Knie herab und gab die drallen, von schneeweißen Zwickelstrümpfen umschlossenen Waden frei. Die Taille war ungewöhnlich eng und von einem glanzledernen Gürtel umschlossen, an welchem die Schlüssel hingen. Das dunkelgrüne Sammetmieder war tief ausgeschnitten, so daß über den drei silbernen Spangen, welche es zusammen hielten, die ganze Fülle des Busens zu sehen war, welcher, wenn sie während des Gesanges tief Athem holte, die feinen Fälteleien des weißen Hemdes zu sprengen drohte. Die runden, üppigen Schultern trugen einen kräftigen Hals, um welchen sich eine feine Schaumperlenkette legte, an der ein glasgoldenes Kreuzchen hing. Das Gesicht war gebräunt, energisch ausgeprägt und doch von einem weichen Ton überhaucht, der den Ausdruck innerer Selbstständigkeit bedeutend milderte. Das dunkle Haar war in zwei lange, schwere Zöpfe geflochten. Man sah deutlich, daß sich die vollen Locken nur schwer der Strenge des Kammes gefügt hatten, und um die Stirn und an den beiden Schläfen hatten sich einige rebellische Kräusel befreit und krönten nun wie ein Diadem da« frische Angesicht. Die silbernen Spangen waren von sehr alter Arbeit, wohl ein Erbstück von der Ahne her, Kette und Kreuz von ganz geringem Werthe. Das Mädchen war arm, aber von der Natur mit dem größten Reichthum: Schönheit und Gesundheit, begabt, welcher wohl manche reiche, hoch stehende Dame neidisch gemacht hätte. Dieser Vorzug erhielt einen ganz besonderen Werth durch die ausgesprochene Sauberkeit, welche aus jedem Fältchen glänzte. Man sah es deutlich – das Mädchen hielt Etwas auf sich. Auch die Hütte und die ganze Umgebung derselben war ein Bild der größten Ordnung und Reinlichkeit. Da gab es kein erblindetes Fenster und keinen Schlamm- und Schmutzsee vor der Thür, durch welchen man, wie bei so vielen Sennereien, nur auf einzelnen hinein geworfenen Steinen springend gelangen kann. Die Thür stand offen, und da erblickte man die weiß gescheuerten Holzgefäße und den glänzenden Kessel, welcher über dem Heerde hing. Auf dem schmalen Fensterbretts stand ein Vogelgebauer, in welchem ein Finke sein helles »Fink-fing-finkferlink – würz-würz-würzgebür« ertönen ließ. Neben der Thür erhob sich eine Rasenbank, auf welcher der Alte sah, die Zither jetzt neben sich an die Mauer gelehnt. Er war ganz gewiß bereits siebzig Jahre alt. Sein graues, buschiges Haar und der mächtige weiße Schnurrwichs unter der scharf gebogenen Nase stachen recht eigenartig von dem hageren, tief gebräunten Gesichte ab. Alter und Beschwerden hatten dasselbe tief gefurcht; aber aus diesen Falten lugten tausend Schalke und Schälkchen hervor. Das Auge, wohl noch ganz so scharf wie in den Tagen der Jugend, lachte hell und freundlich unter den Wimpern hervor, und so energisch das Gesicht gezeichnet war, es zeigte doch trotzdem einen Ausdruck froher Gutmüthigkeit, welcher herzgewinnend wirkte. Die Kleidung dieses freundlichen Alten bewies, daß auch er wohl nicht mit Glücksgütern gesegnet sei. Die derben, mit großen Nägeln versehenen Bergschuhe waren von der gröbsten Arbeit. Die grauen, wollenen Halbstrümpfe bedeckten nur die sehnigen Waden, so daß die Fußknöchel und die wetterbraunen Kniee nackt frei blieben. Die Hosen waren alt und vielfach geflickt, ebenso die lodene Juppe. Eine Weste trug er nicht, dafür einen breiten Gürtel, in welchem die Buchstaben J. und B. eingestickt waren. Das graue Wollhemde stand auf der Brust offen und ließ auch den Hals frei, denn ein Tuch um den Letzteren schien der Alte für einen sehr überflüssigen Luxus zu halten. Neben der Bank lag ein alter Rucksack, welcher mit knolligen Gegenständen gefüllt zu sein schien. Den Hut hatte der Alte auf seinen Gebirgsstock gestülpt und mit demselben an die Wand gelehnt. Dieser Hut war ein wahres Prachtstück von Kopfbedeckung. Er hatte seit bereits zwei Ewigkeiten die Krempe verloren; ein Löchlein gab es am anderen, natürlich vor Alter, so daß er eigentlich einem Siebe oder Durchschlage glich; durch diese vielen Löcher aber hatte der praktische Alte allerlei Alpenkräuter geschlungen, Aretia, Primula, Soldanella, Saxifraga und andere, so daß der Hut einem Blumentopfe glich, welcher dem Studium der Alpenflora als Anschauungsmittel dienen sollte. Dieser Alte hieß eigentlich Joseph Brendel. Weil er aber allerlei Wurzelwerk in den Bergen sammelte, von dessen Verkauf er lebte, und die Abkürzung von Joseph Sepp lautet, so wurde er allüberall nur der Wurzelsepp genannt. Er war beliebt nah und fern. Er kam sogar zuweilen hinein in die schöne Hauptstadt München, wo die Apotheker ihn seiner seltsamen Wurzeln und seines ehrlichen, gespaßigen Wesens gern willkommen hießen. Und die schöne Sennerin? Diese hieß eigentlich Magdalena Berghuber. Sie war ein armes Waisenkind und diente dem reichsten Bauer der Umgegend als Sennerin. Das Gut ihres Herrn lag an einer Muhre, das heißt an einem Erdhügel, welcher aus den Erdmassen entstanden ist, welche von dem Wasser in des Thal herniedergespült worden sind. Aus diesem Grunde wurde sie allgemein nur die Muhrenleni genannt. Der Wurzelsepp war ihr Pathe. Beide hielten große Stücke auf einander und thaten einander schier mehr zu Liebe, als ihre beiderseitige Armuth zu erlauben schien. Nach Beendigung des Liedes hatte Sepp die Zither neben sich gelehnt, griff in die Tasche und sagte: »So, da hab'n wir Aans gesungen, Das hat schön geklungen. Ein ander Mal thun wir wieder singen, Und das soll noch schöner klingen. Jetzt nun will ich mir einen Tobak in die Pfeifen stopfen; dann nehm ich meine Kraxen und mache mich halt auf die Hachsen.« »Wie?« sagte sie. »Path Sepp, Du willst heute noch abi gehn?« »Was sonst denn?« lachte er. »Wann ich halt bei Dir blieb, Leni, würden die Leut allbereits sagen, ich hätt' mich in Dich verschamerirt, und das thät da meiner alten Zither weh; die ist die einzige Liebste, die ich noch habe.« »Geh! Mach kein solch Gespaß! Der Nachmittag ist vorbei, und Du bleibst. Ich mach Dir halt ein schönes Ei auf Butter und geb Dir auch ein Käs und Brot dazu – –« »O Jerum ja!« fiel Sepp schnell ein. »Und das Alles darbst Du Dir von dem eigenen Munde ab; denn Du bist viel zu ehrlich, um das Ei mit Butter und den Käs mit Brot von Dem zu nehmen, was Deinem Bauern gehört. Gelt, Leni, ich habe Recht?« »Recht hast, Sepp. Aber mein Vorrath reicht. Und was das Ei betrifft, so hat mir die Bauersfrau eine Henne geschenkt und mit herauf gegeben; ich kann also mit den Eiern, welche die Putte mir legt, machen, was ich will.« »Legt sie auch die Butter und den Käs dazu?« »Schweig, Path', und sei nicht so ungut. Ich kann Dich doch nicht so spät noch den schlimmen Steg hinunterkraxeln lassen. Wenn Dir Etwas geschehen sollt, so würde man mir die Schuld geben, und ich könnte es gar nimmer verwinden.« »Ich weiß, weiß! Du bist ein herzig guts Dirndl und thust Deinem alten Pathen gern alles Liebs und Schöns. Der Herrgott wird Dirs vergelten. Heut aber muß ich doch noch hinunter. Weißt, der Wirth braucht Enzianwurzeln für einen neuen Schnaps. Die muß ich ihm noch heut bringen. Da giebts eine Abendsuppe und ein Bett und auch ein Geld. Wenigstens zwanzig Kreuzer zahlt er mir aus. Du siehst also, daß ich heut noch hinunter muß. O weh! Da schau her! Was für ein Unglück ich hab. Die Pfeif ist da, aber in dem Beutel ist nix mehr. Ich hab halt geglaubt, daß noch ein Rest darin sei. Jetzt muß ich halt von meinem Hute rauchen.« Er griff nach dem Hute, um die dürren Pflanzen von ihm zu nehmen und in die Pfeife zu stopfen. »Halt!« sagte die Leni. »Ich will mal sehen, ob ich Etwas für Dich find'!« Sie ging in die Hütte und kehrte gleich darauf mit einem Päckchen Tabak zurück. »Da hast, Path Sepp,« sagte sie. »Es ist ein feiner, österreichischer Kaisertabak, glaub ich.« Er griff schnell zu und schmunzelte vor Freude im ganzen Gesicht. Er hielt das Päckchen empor, betrachtete die Ueberschrift und meinte: »Ja, wenn ich halt doch lesen könnt! Da aber hat's stets gefehlt bei mir. Aber das kaiserliche Siegel ist schon oben darauf. Also ein Oesterreichischer! Wie kommst denn zu dieser Sorten, Leni?« Sie erröthete ein Wenig und antwortete dann: »Es war halt verwichen ein Bergsteiger da; der hatte mehrere solche Packeterle in der Tasche. Da hab ich mir von ihm eins für Dich ausgebeten.« »Schau, schau, daß Du so immer an mich denkst, Leni. Du bist doch ein herzigs Pathchen! Aber wer war denn dieser Bergsteiger? Etwan Einer von der Grenz' drüben herüber?« Er zwinkerte dabei ganz verdächtig mit den Augen. »Mag sein,« antwortete sie möglichst kaltblütig. »Ein Jäger?« »Weiß nicht.« »Oder gar ein Wilderer? Ich hab halt einmal vernommen, daß der Krikel-Anton stets nur vom besten Kaisertabak raucht.« »Was geht mich der Anton an!« Sie wendete sich ab, um die Röthe, welche ihr schönes Gesicht überflog, nicht sehen zu lassen. »Ja, der geht Dich freilich nichts an,« meinte er ein klein Wenig ironisch. »Was hätte denn die Muhrenleni mit so einem berühmten Wilddiebe zu thun. Also kennen thust ihn nicht. Den nämlich, von welchem Du Dir das Packeterl ausgebeten hast; aber rauchen werde ich den Tabak dennoch. So einen feinen und guten hab ich all mein Lebtag nur selten in der Pfeifen gehabt.« Er begann zu stopfen, und brannte dann an. »O, ah! Sappermenterl! Der ist halt nobel! Das reine Gewürz! Fast wie Kraußemünz' und Muskatnuß und ein Lorbeerblatt dazu! Riech einmal!« Er blies ihr einen Mund voll in das Gesicht und fragte triumphirend: »Na, he! Was sagst dazu?« Sie wehte sich verständnißvoll mit der Hand den Rauch an das Näschen und nickte bedeutsam: »Fein, sehr fein!« »Ja, der ist halt noch besser als Dein Ei auf Butter. Jetzt nun werde ich mich aufmachen. Aber, fast hätte ich vergessen – –was macht denn das vornehme Fräulein da drüben?« Er zeigte mit der Hand nach einer gegenüber liegenden Höhe, welche mit dem diesseitigen Felsen durch eine fast lothrechte Steinwand verbunden war, über deren scharfen Kamm sich wohl kein Mensch herüber oder hinüber gewagt haben würde. »Meinst' die Mondsüchtige?« antwortete sie. »Schau, bei Der ists halt gefehlt. Der Arzt hat ihren Eltern gerathen, sie in die reine Luft des Hochgebirges zu bringen. Da sind sie da hinüber gezogen, aber es ist nicht besser geworden. Sie nachtwandelt noch ebenso wie früher.« »Was thut sie denn da?« »Sie steigt auf dem Berge herum und über die Felsen hinweg und hat dabei die Augen immer zu.« »Herrgott!! Wenn sie nun halt abi stürzt!« »Das thut sie nicht. Ein Nachtwandler fällt gar niemals nicht, außer wenn man ihn anruft. Wenns sie unterwegs Jemand trifft, so darf Dieser kein Wort sagen, um sie nicht aufzuwecken. Dann sagt sie allerlei Geheimnißvolles zu ihm, was er ist und was er denkt und was er erleben wird.« »Also eine Weissagende noch dazu?« »Ja.« »Hat sie Dir auch bereits geprophezeit?« »Nein. Ich bin ihr stets aus dem Weg gangen.« »Daran thust recht. Die Mondsucht ist eine wunderhafte Krankheit, daran man nicht mit ordinären Fingern greifen darf. Jetzt aber ist's genug. Leni. Die Pfeifen dampft, und die Sonn' geht hinab. Da muß ich nun auch abi steigen. Horch! Wer ist das?« Es schallte aus der Tiefe ein lauter, durchdringender Juchzer empor. Der Aelpler ist da gewohnt, sofort zu antworten. Leni schritt an den Rand der Höhe vor, hielt die Hände rechts und links an den Mund, ein natürliches Sprachrohr bildend, und jauchzte wieder: »Juhuuu! Holterroihoooo!« Es schallte von unten abermals herauf, und die Leni antwortete wieder. So erklang es mehrere Male herauf und hinab, bis man die Stimme von unten deutlich verstehen konnte: »Dirndl, laß Dichs nicht grämen, Du hast ja doch Alls, Hast ein wunderliebs Köpfchen Und ein Kröpfchen am Hals!« »Ein Trutzgesangerl,« sagte Leni. »Diese Stimme kenn ich. Es ist der Jäger-Naz. Wart, ich werd ihm gleich antworten!« Naz ist die Abkürzung von Ignatius. Jäger bedeutet so viel wie Landgensd'arm, Flurschütz. Das Mädchen sang als Antwort hinab: »Du schreist wie ein Truthahn Und singst wie ein Pfau; Davon thut halt das Ohr weh, Und Alles schreit Au!« Der Wurzelsepp lachte und meinte: »Das war brav! Ich kann den Kerl halt auch nicht leiden. Polizei muß sein, und Polizei ist nothwendig. Der Polizei hat man viel zu danken; aber ein guter Polizist wird sich niemals zum Hausspionen erniedrigen. Horch!« Von unten herauf erscholl es: »Das Dirndl hat Zähnerl So weiß wie ein Schnee, Doch sind sie halt eingesetzt, Drum thut ihr keins weh!« Leni antwortete sofort, ohne sich zu besinnen: »Fall nicht in die Schüssel, Könntst nimmer 'rausgucken, Ich thät Dich ja gleich so Im Löffel 'neinschlucken!« »Bravo, bravissimum!« lachte der Alte, indem er sich vor Vergnügen mit den beiden flachen Händen auf die Oberschenkel klatschte. »Giebs ihm, giebs ihm!« Der Jäger aber, welcher näher und näher kam, ließ sich nicht irre machen. Er sang: »O Du Herzerl, Du Tauserl, Hast 'n Kopf wie ein Mauserl Und ein Herzerl wie Wachs – Krumme Bein' wie ein Dachs!« Um die Wirkung dieses Trutzgesanges zu verstärken, schoß er sein Gewehr ab. Leni antwortete: »Der Jäger hat geschossen Aber 's Schießen nicht könnt Und hat bei der Gelegenheit Sich den Schnauzer verbrennt.« In den Alpen sind nämlich solche Gestanzeln und Tutzlirder gang und gäbe. Der Eine beginnt, und der Andere antwortet. Es geht herüber und hinüber, und ein Jeder ist der Dichter der Reime, welche er singt. Der Jägernaz sang noch einen Vers. Leni antwortete ihm nicht wieder. Sie meinte zu ihrem Pathen: »Wahrhaftig, er kommt zu mir! Ich habe gemeint, er will den anderen Pfad emporsteigen nach der Nachtwandlerin; jetzt aber hör ich, daß er meinem Weg geblieben ist. Was thue ich?« »Fürchtest Du ihn etwa?« »Nein; aber er ist mir zuwider; er ist ein so sehr zudringliches Mannsbild.« »Was? Wie? Hat er Dich etwa einmal falsch anrühren wollen? Dana – –« Der Alte hob die beiden Fäuste in die Höhe. »Er hat es gewollt, aber es ist ihm halt nicht gelungen.« »Das glaub ich. Du bist ein Mädel, welches halt seinen Mann stellt. Aber besser ist besser. Wird er lange hier bleiben?« »Nein. Er bleibt niemals lange hier; ich sorge schon dafür.« »So will ich noch ein Wenig warten. Wehe ihm, wenn er meine Path unrecht anblickt. Sag ihm aber nix, daß ich auch da bin!« Er ergriff Zither, Hut, Rucksack und Bergstock, um sich zu verstecken. Die Sennerin aber sagte: »Brauchst keine Angst um mich zu haben. Dort steht mein Beschützer, der Peter.« Sie deutete nach der Grasalpe, welche sich hinter der Hütte hoch emporzog. Dort weideten die Kühe und Ziegen. In der Nähe der Sennhütte war eine sogenannte Salzlecke angebracht, ein breiter, seichter Holztrog, mit Viehsalz gefüllt. Die Wiederkäuer lecken gern von dem Salze, und ein solcher Trog erleichtert das Zusammenhalten einer Heerde ungemein. Ebenjetzt befand sich der Held und Pascha der Ziegenheerde dort, ein großer, ungewöhnlich starker Ziegenbock. Er war es, den die Sennerin als ihren Beschützer bezeichnete. Der Wurzelsepp meinte aber: »Das Vieh kann Dir da nix helfen. Es ist besser, ich bleibe da.« Er verschwand in der Hütte, blieb aber nicht in dem Sennerraume, sondern trat in das daneben liegende Heustadel, um von dem Jäger nicht gesehen zu werden, wenn dieser in der Hütte nachforschen sollte, ob Jemand da sei. Kaum hatte der Alte sich verborgen, so tauchte der Jäger hinter den Felsen auf, hinter denen sich der Bergpfad in die Tiefe stürzte. Leni hatte sich indessen auf die Bank gesetzt und eine höchst unbefangene Miene angenommen. Er kam herbei, blieb vor ihr stehen und stemmte das Gewehr mit dem Kolbes auf die Erde: »Grüß Gott, Schatz!« Sie schwieg. »Hörst etwa nicht?« »Meinst etwa mich?« Sie blickte erst jetzt zu ihm auf. »Wen sonst? Ist etwa noch eine Andere hier?« »Nein. Aber wenn Du »Schatz« sagst, mußt halt doch eine Andere meinen.« »Oho! Willst mein Schatz nicht sein?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weil Du mir nicht gefällst.« »Nicht? Wie müßt ich denn sein, wenn ich Dir gefallen sollte?« »Ganz das Gegentheil von jetzt.« »Und Jäger dürft ich etwa auch nicht sein?« »Warum nicht?« »Weil die Polizei nirgends beliebt ist und auf der Alm gar erst recht nicht.« »Schwatz nicht so dummes Zeug. Die Polizei muß sein. Sie ist vom Herrgott und von unserem guten König Ludwig eingesetzt. Ohne Gesetz und Polizei könnten wir nicht bestehen, und ohne sie würde es sehr bald drunter und drüber gehen. Also warum sollten wir die Polizei nicht leiden können? Wir ehren und achten sie. Da hast meine Antwort.« »Nun, wenn das so ist, warum willst da nicht mein Schatz sein? Warum magst mich nicht?« »Weil Du eine richtige Zuwiderwurzel bist, auf die man Leibgrimmen bekommt, wenn man sie nur anschaut.« »Der Andere ist wohl besser?« Er blickte sie höhnisch von der Seite an. Sie erhob den Kopf, sah ihm voll in das Gesicht und fragte: »Welcher Andere?« »Nun, der Wilddieb, der Krikel-Anton!« Ihre Wangen erbleichten, ob vor Schreck oder vor Zorn, das war nicht bestimmen. Doch zwang sie sich, in ruhigem Tone zu antworten: »Was soll mich der Wilddieb angehen?« »Was er Dich angehen soll? Sehr viel, denke ich. Denkst etwa, man weiß nicht, daß Ihr einander kennt?« Da stand sie von der Bank auf, stellte sich hoch vor ihn hin und sagte: »Was ich denk, das geht Dich nix an, und was Du weißt, das ist mir ganz egal. Wer bist überhaupt, daß Du zu mir gestiegen kommst und mich Schatz nennst? Nenne so wen Du willst, aber mich nicht! Ich habe mit Dir nix zu schaffen.« Er nickte ihr hämisch zu und antwortete: »Meinst? Aber ich habe mit Dir zu schaffen. Ich komme aussuchen.« »Aussuchen? Was suchst?« »Den Krikelanton.« »Bei mir?« »Ja, bei Dir! Du bist seine Liebste.« Da trat sie so rasch auf ihn zu, daß er zurückfuhr. Ihre kleinen Hände ballten sich. »Jetzt laß mich aus! Nennst mich noch einmal so, dann hat es gefehlt: Merke Dir es! Der Anton war im Winter auf dem Saal, und Keiner hat ihn gekannt. Er hat mit mir getanzt, freilich nur mit mir. Aber hätt ich es gewußt, wer er war, so hätt ich es ihm abgeschlagen. Wer nun aus diesem Grunde sagt, daß er mein Schatz sei, der ist ein schlechter Kerl und will mir an meiner Reputation Schaden machen. Ich bin ein armes Waisenkind und hab Keinen, der mir hilft. Darum ist es doppelt schlecht, mir solche Lügen nachzureden!« »Wie? Du hast keinen?« »Nein.« »Auch den Wurzelsepp nicht?« »Der ist immer fern von hier.« »Ja, der ist der richtige Thunichtgut, der echte Landstreicher. Er stiehlt die Pflanzen und Wurzeln und betrügt die Leute damit. Wenn ich ihn einmal mit seinem Rucksack erwische, so kann er sich in Acht nehmen!« Das Mädchen war im Gesicht feuerroth geworden. Ihre Stimme zitterte, als sie antwortete: »Höre, Jäger, thu mir und Dir den Gefallen, zu schweigen! Meinen Pathen laß ich mir nicht verschimpfirn! Wenn Du noch ein solches Wort über ihn sagst, so hole ich aus und gebe Dir eine Waatschen, daß Du von hier ins Thal hinunterfliegst und drüben den Berg wieder hinauf! Wann nur alle Leuteln so brav wären wie der Sepp; dann wäre es gut in der Welt. Braver ist er, als Du es bist. Merke Dir es!« »Ja, er ist brav, und Du passest sehr schön zu ihm. Denn wenn der Krikelanton mit Dir getanzt hat, so wird er Dich wohl auch heimgeführt haben, und das Herzen und Bußeln wird eine Lust gewesen sein.« »Er ist eher gangen als ich. Ueberhaupt brauche ich nie keinen Heimführer. Und mit dem Herzen und Busseln ists auch nix. Ich würde mich da schon zu wehren wissen.« »Auch gegen mich?« Er hatte das Gewehr gegen die Wand gelehnt. »Gegen Dich erst recht!« »Wollen einmal schauen!« Er trat auf sie zu! Sie blieb stehen, selbst als er die Arme öffnete. »Was willst?« »Einen Bussel.« »Geh da hinauf und bussel die Rothscheckene! Sie steht ganz so mundgerecht da für Dich.« Sie zeigte hinauf nach den Kühen und schnippste dabei so laut mit den Fingern, daß der Ziegenbock es hörte. Das war ein Zeichen für ihn. Er spitzte die Ohren und blickte scharf her. Die rothscheckige Kuh stand bergan, mit den Vorderfüßen oben, mit dem Hintertheile abwärts. Daß dies mundgerecht für den Jäger sein solle, ärgerte ihn ungeheuer. Er wollte nun erst recht auf seinem Willen bestehen und sagte: »Nein, Dich will ich küssen! Und wenn Du nicht willst, so mußt Du!« Er sah gar nicht, daß der Wurzelsepp nahe hinter ihm den Laden des Heustadel geöffnet hatte und seinen Bergstock heraussteckte, um dem Zudringlichen eine Lehre zu geben. Er ergriff die Leni am Arme. »Peter!« rief sie. Der Ziegenbock war wie ein Hund. Er duldete nicht, daß seiner Herrin Gewalt angethan werde. Er kam herbei gesaust, wie aus einer Kanone geschossen. Leni riß sich vom Jäger los. Schon dadurch verlor dieser einen Theil seines Gleichgewichtes. In demselben Augenblicke senkte der Bock die Hörner und sprang mit solcher Macht gegen ihn ein, daß er niedergeschmettert wurde und sich mehrere Male überkugelte. Freilich wollte er sich schnell wieder erheben, aber er kam gar nicht dazu, denn das zornige Thier stieß immerfort auf ihn ein und bearbeitete ihn so mit den Hörnern, daß ihm alle Rippen krachten. »Hilfe, Hilfe!« brüllte er. »Ruft die Bestie fort, sonst massakrire ich sie!« »Massakrire sie doch!« sagte Leni ruhig. Der alte Wurzelsepp aber hatte sich in den Laden des Heubodens geschwungen, schlug sich vor Entzücken mit der Faust den Schenkel und brüllte förmlich vor Lachen: »Herrlich, herrlich! Nein, so ein Gaudium! Nein, so eine Passion! Da möchte man vor Freud gleich die Beine über den Kopf zusammenschlagen. Peter, immer fest, drauf wie Blücher! Hoppsa, hurrah, zur Attacke geblasen, träterätätäh tschinkterumbumbum!« Der Alte war nämlich früher Soldat und zwar Cavallerist gewesen, das Einzige, worauf er sich Etwas einbildete. Er hatte eine Wunde auszuweisen und war stolz darauf, sein Blut für das Vaterland vergossen zu haben. Darum trug er an Sonn- und Feiertagen das Bändchen im Knopfloche, welches sein Kriegsherr ihm als Ehren- und Erinnerungszeichen geschenkt hatte. Leni war zufrieden gestellt, von dem Zugdringlichen befreit zu sein. Sie glaubte, die Lehre, welche er erhalten hatte, sei hinreichend genug, und darum rief sie den Bock zurück. Das Thier gehorchte sogleich, stellte sich aber in Positur, bereit, sofort wieder auf den besiegten Gegner einzuspringen. Dieser stand auf, kupferroth vor Wuth. Er sprang nach seinem Gewehr und erhob es zum Schusse. Da aber sprang der alte Sepp vom Laden herab, faßte ihn am Arme und rief: »Was thust! Willst Du Dich an fremdem Eigenthum vergreifen, Jäger! Weißt nicht, was Das zu bedeuten hat!« »Laß mich aus!« rief der Zornige. »Ich erschieße ihn!« »Das wirst bleiben lassen! Verstanden!« »Er hat mich gestoßen. Er muß sterben!« »Er hat nur seine Herrin beschützt. Was werden Deine Vorgesetzten sagen, wenn sie erfahren, daß Du auf die Alm steigst, um Mädchen Gewalt anzuthun und Ziegenböcke zu erschießen! Nimm Dich überhaupt in Acht. Der Bock ist tapfer; er kommt wie Ziethen aus dem Busch. Er steht schon wieder parat und wird Dich gern und gut den Berg hinabkugeln.« Der Jäger sah ein, daß es gefährlich für ihn sei, seinem Grimm zu gehorchen. Er senkte den Lauf des Gewehres und fuhr den Alten an:. »Was thust hier auf der Alm?« »Was ich thue? Schau, Jäger, ich habe halt kein Geld, um in den Circus zu gehen; darum steig ich den Berg herauf und hab halt mein Vergnügen daran, zuzuschaun, wenn Ziegenböck sich stoßen. Das ist billiger und aber auch so hübsch.« »Kerl, willst mich beleidigen!« »Dich? Das fallt mir gar nicht ein!« »Bist etwa schon längst hier?« »Bereits schon ehe Du kamst.« »Und hast mich belauscht!« »Ja. Es war sehr amüsemangerant.« »Das will ich mir verbitten!« »Schön! Erst will ich die Bürsten holen, um Dich abzukehren, und dann kannst weiter reisen, mit Extrazug, vierter Klasse, auf der falschen Weiche mit Eisenbahnzusammenstoß, bums. Alles vom Bahndamm hinunter!« Er trat in die Hütte. Der Jäger aber hielt es für das Beste, auf das Abbürsten zu verzichten. Er zischte der Sennerin zu: »Das sollst bezahlen, theuer bezahlen! Ich weiß schon, wie. Denk an den Krikelanton!« Und ganz nahe zu ihr herantretend, fügte er hinzu: »Daß Du es weißt: Er ist über die Grenze herüber, gestern bereits, und hat bei uns reviert. Die Wege sind alle besetzt; er kann nicht mehr hinüber. Wir halten eine Hetzjagd, und wenn wir ihn fangen, so spaziert er in's Zuchthaus. Dann, wenn Du mit ihm tanzen willst, kannst hinein zu ihm gehen. Musik werden sie Euch da schon machen. Jetzt steig ich hinauf nach dem Joch, um es zu besetzen. Kommt er etwa da hinauf, so gebe ich ihm gleich die Kugel vor den Kopf. Leb wohl, Sennerin!« Er ging. Hinter der Sennhütte blieb er stehen, um sich den Schmutz von den Kleidern zu wischen; dann stieg er bergan. Jetzt kam der Sepp wieder zur Thür heraus. Er hatte die Kuhstriegel in der Hand. »Ist er bereits fort, Leni?« »Ja.« »Das ist jammerschad. Ich wollte ihm doch das Fell glatt machen. Wie hat er mich genannt? Einen Spitzbuben und Betrüger. Herrgottsakra? Ich will es ihm aber nicht nachtragen, denn er hat es halt im Zorn gesagt, und er ist jung. Wenn sein Haar einmal die Farbe verloren hat, wie das meinige, so wird er ruhiger geworden sein. Aber schön von Dir war es, Leni, daß Du mich so gut vertheidigt hast. Du bist ein wahrer Advocat und Rechtsgelehrter. Dein einziger Paragraph lautet, die Leute zum Berge hinunterwerfen, daß sie wieder hinauffliegen. Nun bist Du den Kerl los und ich kann endlich abi steigen.« »Willst wirklich fort, Sepp?« »Ja, ich muß. Du weißt ja.« Er warf den Rucksack um, stülpte den Staatshut auf den Kopf, hing die Zither an das Band, ergriff den Bergstock und verabschiedete sich: »Behüt Dich Gott und die heilige Jungfrau, meine liebe Leni! Bald kraxle ich wieder einmal herauf zu Dir, wann ich wieder in diese Gegend komme. Denk an den Sepp, Lenerl, denk an ihn; Du bist seine einzige Freud in der Welt, Du und die Zither und – das Bändel im Knopfloch. Und das sag ich Dir: Wann Du meinen Juchezer hörst, so antwortest mir fein hübsch!« Er reichte ihr die Hand und küßte sie auf die Stirn. Seine Augen waren feucht. Auch in den ihrigen standen Thränen. »Behüt Dich Gott, Sepp! Nun hab ich schon gar keine Freud mehr, daß Du fortgehst. Aber ich will Dich nicht bitten, denn ich weiß, daß es doch nix nützen würde. Ich werd sehr oft an Dich denken, Pathe. Bleib gesund. Ich bitte die heilige Mutter Gottes, daß sie Dich beschützen und behüten möge allwegs, wo Du gehst und stehst!« Sie stellte sich an den Rand des Felsens, um ihn so lange wie möglich zu sehen und seine Jodler deutlich zu hören. Er stieg langsam bergab, tiefer, immer tiefer. Als er den Abhang erreichte, da, wo der steile Pfad um die Felsenecke bog, blieb er stehen, hielt die Hand an den Mund und sang mit heller Stimme: »Holderoijooooh!« »Holderoijooooh!« antwortete es von oben herab. Und nun begann er, Worte und Melodie gleich aus dem Stegreife bildend: »Und die Leni ist eine Brave, Und die Leni ist eine Feine, Und wie die Leni, wie die Leni Ist gar nirgends noch Eine!                       Juch, juch, juch!« Der Juchzer erschallte als Echo von dem Felsen zurück, und dann ertönte die Stimme der Sennerin: »Und der Sepp mit dem Rucksack Und der Sepp ist mein Path, Und der Sepp ist mir lieber Als ein Offizier und Soldat.                       Juch, juch, juch!« Die Muhrenleni war bekannt und sogar berühmt als die beste Jodlerin weit und breit. Ihre Stimme hatte einen »ungeheuren Umfang und außerordentliches Metall«, wie der Cantor unten im Dorfe sehr oft gesagt hatte. Das war jetzt zu hören. Es war, als ob die Berge bebten, so mächtig drang es aus der Brust des schönen Mädchens hervor. Wenn ein Kenner diese Stimme gehört hätte, er hätte die arme Sennerin ganz sicher aus der Hütte und von der Alm hinweg genommen, um eine gefeierte Künstlerin aus ihr zu bilden. Dem Sepp lachte das Herz im Leibe, zumal er durch die Worte des Jodlers so hoch geehrt wurde. Darum gab er auch seiner Stimme größere Stärke, als er zum zweiten Male begann: »Und da drüben und da droben. Wo der Ziegenbock springt Und da steht halt die Leni, Die den Wurzelsepp ansingt.                       Juch, juch, juch!« Sofort antwortete sie: »Der König hat eine Krone, Und der Sepp hat einen Hut Und der König wird mein Mann nicht. Doch dem Sepp, dem bin ich gut.                       Juch, juch, juch!« Dabei schwenkte sie ihr weißes Taschentuch. Der Alte hatte keins, viel weniger ein weißes. Er behandelte seine Nase nicht so vornehm. Hatte er ja einmal den Schnupfen, was aber so selten vorkam, daß er sich auf den letzten gar nicht mehr besinnen konnte, so behandelte er die Patientin mit den Fingern. Das war billiger und auch viel bequemer. Darum konnte er nicht auch mit einem »Nastuche« winken, sondern er nahm den Rucksack vom Rücken und schwenkte ihn über den Kopf, daß die Wurzeln heraus- und umherflogen. Er sah es und rief erschrocken: »Herrgottsakra! Da fliegen meine Gulden und Kreuzer umher! Das hat man davon, wenn man mit einem schönen Mädchen Gestanzeln macht Nun kann ich das Zeug nur gleich wieder zusammensuchen!« Er blickte umher und erschrak noch tiefer als vorher. Während des Wechselgesanges war ein Mann hinter der Felsenecke hervorgetreten und hatte mit Erstaunen zugehört. Er trug die Tracht des Gebirges, Bergschuhe, Halbstrümpfe, Joppe, Weste, breiten Gürtel, einen kleinen Hut mit Edelweiß und Spielhahnfeder, einen Rucksack auf dem Rücken und ein Gewehr von der Achsel herab. In der mit kostbaren Ringen geschmückten Hand hielt er den Bergstock, welcher oben mit einer Gemskrikel (Gemshorn) versehen war. Auch die schwere, goldene Uhrkette ließ vermuthen, daß dieser Herr sich in besseren Umständen befinde als der Wurzelsepp. Er war von sehr hoher, kräftiger, imposanter Figur. Sein Gesicht hatte einen edlen, vornehmen, durchgeistigten Ausdruck. Die Züge waren bedeutend. Das Auge zeigte bei aller Schärfe etwas Weiches, Unbestimmbares, fast möchte man sagen, Mystisches. Der Eindruck der ganzen Persönlichkeit und des von einem wohlgepflegten Barte gezierten Gesichtes war ein Ehrerbietung erweckender. Als Sepp ihn erblickte, reckte er sich staunend empor und rief: »Millionenschockteuf – – – ah, oh! Da hätt ich fast beinahe geflucht! Ists denn möglich?« »Was?« fragte der Fremde. »Daß Du der Ludwig – nein, daß Sie der Ludwig bist! O nein, daß Du – daß Sie – Herrgottsakra! Jetzt geht mir halt gar noch der Verstand in die Luft, grad wie die Wurzeln!« »Welchen Ludwig meinst Du denn?« »Na, den Zweiten!« »Ich verstehe Dich noch nicht.« »Das glaube ich. Ich bin ja vor Freude, nein, vor Verlegenheit – nein, auch nicht, Jesses, Jesses – vor lauter Dummheit so außer Rand und Band gerathen, daß ich mich halt selbst schon gar nicht mehr kenne. Aber warten Sie! Jetzt werde ich es wohl richtig fertig bringen!« Er schlug die Fersen militärisch zusammen, richtete sich stramm empor, präsentirte den Bergstock wie ein Gewehr und meldete: »Sie sind Königliche Majestät Ludwig der Zweite von Bayern, mein allergnädigster Gebieter und Herr! Ich aber bin halt nur der Wurzelsepp! Ja, ist's nun so richtig?« »Ja, mein Guter,« lächelte der König. »Woher kennst Du mich?« »Ich habe Sie drin in München gesehen und sodann auch in Hohenschwangau, auf Lindenhof, Schloß Berg und auch am Chiemsee.« »So weit kommst Du herum!« »Alleweile ja, und auch noch viel weiter. Um meinen lieben König zu sehen, würde ich auch nach Lappland rennen und zu den Negern. Freilich, man muß sich schon eine Mühe geben, um dieses hohe Glück zu haben: aber ich meine halt, ein König braucht sich auch nicht von einem Jeden gleich so angaffen zu lassen.« »Da hast Du Recht. Wer ist denn eigentlich die Sängerin, welche da so schön sang: »Doch der König wird mein Mann nicht, Doch dem Sepp, dem bin ich gut!« Sie heirathet also Dich lieber als mich.« »Jess', Maria, Jossepp! Ich glaube gar! Ich meine vielmehr, daß sie Euer Majestät tausendmal lieber nehmen würde als mich, ihren Pathen. Es ist die Leni, die Muhrenleni, Königliche Hoheit, ein Mädchen wie eine Bachstelze, so sauber und wie Gold so rein und so treu.« »So bin ich also auf dem richtigen Wege. Ich will zu ihr.« »Was! Wie! Wo! Majestät wollen zur Leni? Hurrah! Da muß ich sogleich vorauf springen und es ihr sagen, damit sie schnell einen Schmarren oder einen Gugelhopf oder eine tüchtige Dampfnudel backen mag!« Er wollte fort. »Halt! Front!« commandirte der König, und der Sepp gehorchte. »Sie darf nicht wissen, wer ich bin. Ich habe gehört, daß da oben herum ein Bär sein Wesen treibt; den will ich haben, und damit ich morgen früh gleich wohlauf bin, will ich bereits heut zur Halbscheidt emporsteigen und in der Sennhütte bleiben. Man hat mir gesagt, daß es bei dieser Sennerin sauber sei?« »Wie in einem Schatzkästerl, Majestät. Die Leni ist ja selbst ein schmuckes, bildsauberes Leutle. Na, Majestät werden das ja bald selbst gleich weghaben. Aber den Bären giebt es da oben nicht. Der hält sich jenseits der Alpe auf, wo er erst vorgestern wieder in einen Stall gebrochen ist.« »Ich weiß es und will dort hinüber. Ich verbiete Dir, irgendwo davon zu erzählen, daß Du mich getroffen hast. Aber zum Oberförster magst Du gehen und ihm sagen, daß ich bei der Leni bin, wo er sich morgen mit dem Frühesten einzufinden hat. Hier hast Du Etwas!« Er zog die Börse und reichte dem Sepp ein Goldstück entgegen. Der Alte fuhr zurück, als ob er eine giftige Otter angreifen solle. »Heiliger Johannes! Nein, Majestät. Soll ich mir einen Weg bezahlen lassen, den ich für meinen guten König und Herrn thun soll? Nein und tausendmal nein! Eher lasse ich mir die Finger abhacken. Welch eine Freude, für unsern Herrscher laufen zu können! Herrgottsakra, ich würde für ihn zum Mond empor klettern, wenn ein Strick von da oben herunterhing! Und für die paar Schritte soll ich mich bezahlen lassen! O, da kennen Majestät den Wurzelsepp doch noch nicht richtig!« »Es soll ja keine Bezahlung sein. Mein Bild ist darauf; das schenk ich Dir zum Andenken.« »Ach, ist es so! Nun, da mag es geschehen. Also her damit, Herr König! Das soll mir ein Andenken sein, bis sie mich in's Grab legen!« Während er die Doppelkrone einsteckte, fragte der König: »Ist die Leni arm?« »Wie eine Kirchenmaus, Majestät. Sie ist ein Waisenmädel und hat weder Kind noch Keg – – Donnerstag, da hätte ich fast eine Dummheit gesagt! Woher soll denn bei so einem braven Dirndl das Kind kommen, und nun erst gar der Kegel! Nein, sie hat keinen Anverwandten.« »Und sie singt gern?« »Den ganzen, geschlagenen Tag, besonders aber in der Früh und Abends, grad wie eine Amsel. Es ist, als ob sie mit Mehlwürmern und Ameiseneiern gefüttert würde. Lassen Sie sich halt Etwas vorsingen; aber richten Sie ein Compliment von mir aus, und sie soll Sie gut aufnehmen. Sie hat nicht gern mit den Stadtherren zu thun, die alle nix taugen. Meine Empfehlung aber gilt sehr viel bei ihr, denn ich bin der Pathe.« »Schön! Erst aber wollen wir Deine Wurzeln wieder auflesen.« Er bückte sich. Da rief der Alte: »Nein, nein! Kreuzschockschwerebrett! Jetzt werde ich mir auch noch von meinem König die Wurzeln aufklauben lassen! Das kann ich schon selbst thun.« Aber seine Einrede wurde nicht beachtet. Der König hatte an dem Alten Wohlgefallen gefunden und weidete sich an der glückstrahlenden Verlegenheit desselben. Dann schieden sie, wobei Sepp eine so tiefe Verbeugung machte, daß ihm der Rucksack vom Rücken über den Kopf herabfiel. Der Monarch hatte nicht weit zu steigen. Leni stand, als er oben ankam, an der andern Seite des Hauses; er sah sie also nicht und stieß nach der dortigen Sitte einen Juchzer aus. Sofort kam sie um die Ecke geeilt. »Grüß Gott, Muhrenleni!« »Grüß Gott auch! Ja, kennst mich denn?« fragte sie, ihn betrachtend. »Ja; ich hab von Dir gehört. Gefall ich Dir?« »So halb und halb! Wannst nicht ein Stadtherr wärst, so könnst mir halt besser gefallen.« »Ich will diese Nacht bei Dir bleiben.« »Da in der Hütten drin?« »Ja.« »Jesses! Da kommst falsch an. Geh weiter!« »Ich kann nicht weiter.« »Wer bist denn?« »Ich hab mein Amt und Geschäft drin in München und heiße Ludwig. Der Wurzelsepp, Dein Pathe, kennt mich sehr gut und läßt Dir sagen, daß Du mich gut aufnehmen sollst.« Sie blickte ungläubig zu ihm auf. »Obs auch wahr ist!« »Es ist wahr. Ich habe da unten an der Felsenecke mit ihm gesprochen. Sehe ich denn wie ein Lügner aus?« »Na, sauber und accurat bist schon, und ein guts Gesicht hast auch, so ein braves und vornehmes. Ich werde Dich also behalten. Setz Dich einstweilen daher auf die Bank, bis ich wiederkomme. Ich muß die Rinder und Ziegen in den Stall heimsen.« »Bleiben die heut nicht im Freien?« »Sie könnten wohl; aber da jenseits giebt es einen Bären, eine große Rarität und Seltenheit, der sich von drüben herüber verlaufen hat. Wenn der dahergekraxelt käme und mir eine Kuh erwürgte, so könnte ich in meinem ganzen Leben schon gar keine Freud nicht mehr haben.« Sie ging. Er setzte sich und blickte ihr wohlgefällig nach. Als sie dann die Thiere getrieben brachte, beobachtete er ihre Bewegungen, nickte befriedigt vor sich hin und sagte im Stillen: »Große Stimme, schöne Gestalt, gewandte Bewegungen, Umsicht und Gewissenhaftigkeit! Sie soll mir in die Schule. Das giebt eine Sängerin, einen Stern am Kunsthimmel. Ich glaube, ich habe da eine Brunhild, eine Walküre, eine Isolde gefunden.« Als sie dann die Heerde getränkt und in den Stall geschlossen hatte, meinte sie: »Ein Bett werde ich Dir im Heu machen, ein schönes, weiches. Jetzt nun wirst aber auch Hunger haben?« »Ja. Hier im Rucksack befindet sich Allerlei. Mach, was Du daraus bringst. Du sollst mit mir essen und mir dann von Dir erzählen.« Sie gewann Vertrauen zu ihm und gab sich ganz so, wie sie war. Sie aßen zusammen, grad als das Ave Maria-Glöckchen aus dem Thale emporschallte. Da er nicht so schnell das Messer weglegte wie sie, sagte sie: »Mach, daß Du Dein Ave hersagst! So ist das hier oben bei mir Mode!« Dann saßen sie vor der Sennhütte auf der Bank. Leni hatte ganz zutraulich neben ihm Platz genommen. Sie erzählte von ihrem Leben; es war still, einfach und ärmlich verflossen; aber das kleinste Ereigniß gab ihr Gelegenheit, ganz unbewußt ein reiches, tiefes, gemüthvolles Seelenleben zu entwickeln und eine Urtheilsschärfe zu entfalten, über welche sich der König höchlichst wunderte. »Hast auch einen Schatz?« fragte er. »Nein. Ich kenn Einem, dem bin ich halt seelensgut; aber er weiß nix davon und ist ein Wilderer. Da mag ich ihn nicht. So bleib ich also ledig, so lange ich lebe. Glaubst's wohl nicht? Das Herz hat nur eine Lieb, und thut man die begraben, so steht sie nimmer wieder auf.« Das klang so selbstbewußt und so rührend, daß er ihre Hand ergriff und theilnehmend sagte: »Du bist ein braves Mädchen. Schau, die Alpen glühen.« Die Firnen leuchteten goldig- und dann purpurroth, bis sie dunkelten. Dann ging der Mond auf; er war voll und goß sein magisches Licht über die träumende Alpenwelt. »Jetzt solltest Du ein Lied singen!« bat der König. »Ich bin nicht lustig dazu. Wannst mich ansingst, so will ich schon antworten. Oder kannsts nicht?« »Es wird schwer gehen,« lächelte er. »Hast etwa keinen guten Schulmeister gehabt im Singen? Das ist schade!« »Na, er war schon klug, aber ich hatte kein Geschick.« »Versuchs halt nur einmal!« Es überkam ihn eine eigenthümliche Stimmung. Er stand auf, trat einige Schritte vor und sang: »Gen Berg bin ich gelaufen, Gens Thal bin ich gerennt Da hat mich mein Schatzerl Am Juchzen erkennt.« »Schau, es klingt halt gar nicht so übel. Horch! Ein Pferderl, hott hott Und ein Schlitten, tschin, tschin Und ein Büberl, ein Dirndel Die sitzen darin.« Jetzt hatte sie einmal angefangen und sang nun fort. Er hörte ihre herrliche Stimme, aber er folgte dem Texte wohl kaum. Sie sang Lustiges und Trauriges. Er hörte zu, bis sie müd wurde und endlich sagte: »Jetzt ists genug. Geh in Dein Bett; ich werde Dir leuchten.« Er war es zufrieden. Er fühlte sich als Mensch, nicht als Majestät, ganz unter dem Banne ihrer Stimme und ihrer reinen, thaufrischen Mädchenhaftigkeit. Sie hatte ihm auf dem Heu mit reinem Linnen, welches eigentlich für sie selbst bestimmt war, ein sauberes Lager bereitet, sagte ihm gute Nacht und kehrte dann in den vorderen Raum zurück. Er wollte schlafen und konnte doch nicht. Daran war nicht allein der ungewohnte starke Duft des Heues schuld. Er mußte an Leni denken. Er war überzeugt, ein Wesen gefunden zu haben, aus welchem eine gottbegnadete Künstlerin heranzubilden sei, und dachte über die Wege nach, auf denen dies zu geschehen habe. Da hörte er draußen schleichende Schritte. Es schien Jemand an den Brettern des Stadels zu probiren. Wer war das? Es tappte und tappte und stieß gegen die Holzwand. Sollte es ein Dieb sein? Oder hatte die Sennerin doch einen Geliebten? Er stand auf, stieg vom Heu herab und trat zu Leni ein. Sie saß auf dem Schemel, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und schlief. Das Licht hatte sie nicht ausgelöscht. Er zögerte, sie zu wecken, sie, die jedenfalls den Schlaf nothwendig brauchte. Er nahm sein Gewehr, schob leise den Riegel von der Thür und trat hinaus. Der Mond war höher gestiegen. Die Alm war fast tageshell erleuchtet. Wie unter mattem, flüssigem Glase lag das Thal. Die Spitzen der Berge schienen den Sternenhimmel zu berühren. Herr, wie viele sind Deiner Werke. Du hast sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll Deiner Güte! Ludwig horchte. Er konnte nichts hören. Das Schleichen war auf der anderen Seite gewesen. Er wollte dorthin und ging auf den Fußspitzen um die Ecke, das Gewehr schußfertig in der Hand. Hier gab es Schatten. Er mußte noch um die nächste Ecke, um auf die Seite zu gelangen, auf welcher er das Geräusch gehört hatte. Er bog also auch um diese Ecke und – –rannte mit einem Wesen zusammen, welches in demselben Augenblicke von jenseits um die Ecke biegen wollte. Die Büchse entfiel ihm; er hatte keine Zeit, das Gewehr aufzuheben, denn das betreffende Wesen war ein Thier, ein – –Bär. Der König sprang blitzschnell zur Seite. Mit eben solcher Schnelligkeit aber folgte ihm das Thier. Auch hier waren an der Mauer Scheite von Brennholz aufgeschichtet. Der König riß eins an sich, holte aus und schmetterte es dem Bären auf den Kopf – ganz erfolglos. Es war, als habe er mit einem kleinen Hammer auf ein Ambos geschlagen. Er holte zum zweiten Hiebe aus. Der Bär richtete sich empor und streckte die Pranken nach ihm aus. Der Streich fiel, und das Holzscheit prellte dem Könige aus der Hand. Ein brüllendes Brummen war die Antwort des Bären. Er öffnete den Rachen – da blitzte es hart hinter dem Könige auf. Ein Schuß krachte, und zu gleicher Zeit wurde er von einem mächtigen Rucke zur Seite gerissen, so daß er auf ein Knie niederstürzte. Als er sich schnell wieder erhob, erblickte er einen Menschen, welcher dem zu Boden kollernden Bären die Klinge in das Herz stieß und dann gedankenrasch wieder zurücksprang. Ein Zucken, ein Röcheln – das Thier war todt. »Herr, mein Gott! Das war Hilfe in der Noth!« seufzte der König tief auf. »Bist wohl kein Jäger?« fragte der Andere. »Warum?« »Sonst hättest müssen wissen, daß man, wenn man einen Bären schießen will, nicht so unvorsichtig um die Ecke biegt. Da steckt man erst vorsichtig nur derweilen die Nasen herum. Ist die Luft rein, so kann sich der Körper dann nachschieben. Und den Stutzen hast halt auch weggeworfen!« »Ich ahnte nicht, daß es ein Bär sei.« »Nicht? Was hast denn gemeint?« »Ein Mensch.« »Schau, das ist schön, sehr schön! Hast den Bären für den Menschen genommen. Jetzt kannst mir die Freud machen, mich für den Bären zu halten!« »Wer bist Du?« »Nein, wer bist Du?« »Ich bin aus der Stadt.« »Das merkt man schon bereits sehr gut. Heb Deine Büchsen auf, und lege Dich mit ihr in's Bett. Sie ist Dir heut zu nix mehr nütze.« Da hörte man Schritte. Die Sennerin kam herbei. Sie erblickte zuerst die hohe Gestalt des Königs. »Bist Du es, der geschossen hat?« fragte sie. »Was ists? Ich wachte von dem Schusse auf. Dein Stutzen war fort und Du auch, als ich nach Dir schaute.« »Dieser Bär wollte in den Stall,« antwortete er. Jetzt erst erblickte sie das riesige Thier und zugleich den anderen Mann. Sie schlug vor Schreck die Hände zusammen. »Ein Bär! Wohl derjenige von drüben? Ist er auch todt?« »Ja.« »Der heiligen Jungfrau sei Dank! Welch ein Unglück hätte er angerichtet, wenn Du ihn nicht erschossen hättest. Du, ein Stadtherr!« »Nicht ich habe ihn erlegt. Dieser Mann ist es gewesen.« »Der? Ja, wer ist denn der?« Der Andere stand still und bewegungslos da. Sie konnte, da sie sich im Schatten befanden, sein Gesicht nicht deutlich erkennen. Darum trat sie näher zu ihm heran und sah ihn sich an. »Jesses Maria! Der Anton, der Anton! Wie kommst denn Du denn auf meine Almerei, mitten in der Nacht? Weißt nicht, daß – – –« Sie hielt inne, denn sie erkannte, daß sie ihn beinahe verrathen hätte. Es war der Krikelanton, der Wilderer, den sie suchten. Krikel werden die Hörner der Gemsen genannt. Den Namen Krikelanton hatte er erhalten, weil er am schnellsten Einem, der ein Gemshorn mit aus den Bergen heimnehmen wollte, es ihm verschaffen konnte, ein so gewandter Jäger war er. Er wollte ihr eine Antwort geben, deutete aber statt dessen vorwärts nach der hohen, bereits erwähnten Felswand und sagte: »Heilige Maria! Wer ist das dort?« Auf dieser Wand, in schwindelnder Höhe, kam nämlich eine weiße Gestalt langsam herüber geschritten, so sicher, als ob sie sich auf ebener Straße befindet. »Ists möglich! Ein Weib da oben!« sagte der König erschrocken. »Es ist die Mondsüchtige,« erklärte Leni. »Herrgott! Der Felsengrat ist da oben kaum einen Fuß breit! Betet, daß sie nicht herunterstürzt.« Sie eilte vor nach der vorderen, vom Monde beleuchteten Seite des Hauses, von wo aus man die Nachtwandlerin besser beobachten konnte. Dort kniete sie nieder, um zu beten. Die beiden Männer folgten ihr. Das Auge des Königs hing mit Grauen an der Gestalt, welche über einer Tiefe von wohl sechshundert Fuß schwebte und doch langsamen, gemessenen Schrittes, wie ein Gespenst, herüber schritt. Es lief ihm eiskalt über den Rücken. Er wagte kaum, zu athmen. Unten die dämmernde Tiefe, ringsum die im Monde glänzenden Firnen, helles Licht neben dunklen Schatten, und dort die hell beschienene Wand mit der geisterhaften, weißen Gestalt – es war wie ein Traum, aber ein entsetzlicher Traum. Endlich hatte die Geheimnißvolle den Grat hinter sich und schritt auf grasiger Weide langsam grad auf die Sennhütte herzu. »Wer ist sie?« fragte der Könige »Eine Fremde,« antwortete Leni. »Woher? Wie heißt sie?« »Ich weiß es nicht. Nur der Bürgermeister weiß es. Sie soll eine sehr vornehme Dame sein. Wir nennen sie nur die Nachtwandlerin. Sprecht kein Wort zu ihr, kein einziges, sie mag thun und reden, was sie will! Sie kommt, sie kommt herbei!« Es graute den Dreien ganz so, als ob sie eine übernatürliche Erscheinung vor sich hätten. Sie blieben wie festgebannt stehen. Die Mondsüchtige kam immer näher; sie mußte an den Dreien vorüber. Schon konnte man ihr Gesicht erkennen. Sie trug ein langes, weißes Nachthemde und das Haar unter eine eben solche Haube geordnet. Ihre Gestalt war hoch, voll, ihr Gesicht bleich und schön. Man sah, daß sie die Augen geschlossen hatte. Dennoch schritt sie ganz sicher daher, nicht etwa probirend und zaudernd. Jetzt war sie da. Sie konnte nichts sehen, aber als ob sie fühle, daß sich Menschen hier befänden, blieb sie stehen, wie überlegend, wendete sich zu Leni um, trat auf sie zu und betastete sie mit den Spitzen der Finger langsam, sehr langsam und prüfend. Der Sennerin stockte der Athem. Sie war nicht furchtsam und befand sich ja auch nicht allein hier, aber die nächtliche Erscheinung und die Berührung derselben wirkte auf eine unbeschreibliche Weise auf die Nerven und Sinne. Da zog die Nachtwandlerin die Finger zurück, erhob warnend die Rechte und sagte deutlich und in tiefem Tone, ohne die Augen zu öffnen: »Ein König nimmt Dich an die Hand,         Führt Dich in goldne Pforten ein. O traue nicht dein eitlen Tand,         Und trau der Liebe nur allein!« Es war eine Art Schüttelfrost, welcher die Drei überlief. Die Gestalt trat zu dem Wilderer und betastete ihn ebenso. Dann sagte sie, dir Hand ebenso warnend erhebend: »Du steigst empor und stehst, vom Licht         Umflossen und bewundert da. »Verstoß, verstoß die Seele nicht,         Der durch Dich schweres Leid geschah'.« Er regte sich nicht. Er hätte jetzt kein Wort hervorbringen können. Die Mondsüchtige wendete sich jetzt zu Ludwig. Es kam ihm der Gedanke, zurückzutreten; aber mit magischer Gewalt hielt es seine Füße fest. Als sie jetzt mit den zarten, eiskalten Fingerspitzen über sein Gesicht und seine Brust, dann auch über seine Hände strich, war es ihm, als ob ein bewegliches Etwas in seinem Körper diesem Striche folge, von der Stirn bis in die Spitzen seiner Finger herab. Er vermochte nicht, den Blick von den mystisch schönen, marmornen Zügen der Nachtwandlerin zu wenden. Diese legte, ganz entgegengesetzt als bei den beiden Anderen, die Arme über der Brust zusammen, verbeugte sich tief und erhob nun erst die warnende Hand, mit deutlicher Stimme sagend: »Du bist geboren in dem Himmelszeichen. Dess' Strahl den Edelsten verführt. Laß Deinen Geist ja nicht in Höhen steigen. In denen er sich selbst verliert!« Sie blieb noch einige Sekunden lang mit erhobener Hand vor ihm stehen, dann trat sie zurück, wendete sich von ihnen ab, deutete empor nach dem Firmamente und sagte laut und volltönend: »Der Seher schöpft aus ew'gem Quell, Um den des Himmels Sel'gen wandeln. Die Gaben fluthen in Euch hell, Und dunkel nur ist Euer Handeln!« Dann entfernte sie sich wieder, in genau derselben Richtung, aus welcher sie gekommen war. Der König stand bewegungslos, mit fast übernatürlich geöffneten Augen. Von welchem Himmelszeichen hatte dieses Weib gesprochen? Welche gefährliche Höhen hatte sie gemeint? War sie allwissend? Hatte sie wirklich aus einem himmlischen Quell geschöpft? Konnte er daran zweifeln, nachdem sie zu der Sennerin gesagt hatte: »Ein König nimmt Dich an die Hand« –? War er nicht fest entschlossen gewesen und nun erst recht entschlossen, Leni die Hand zu bieten, um sie aus dem Dunkel in die lichte Welt der Kunst und des Ruhmes einzuführen? Er wurde aus diesem Sinnen durch die Stimme der Sennerin erweckt: »Herrgott! Sie steigt wieder auf den Felsengrat!« »Wollen wir sie rufen?« fragte Anton. »Dann erwacht sie und bleibt zurück.« »Nein, nein! Sie ist bereits oben, wo die fürchterliche Gefahr beginnt. Rufen wir sie, so stürzt sie hinab und zerschmettert in der Tiefe.« Sie blickten ihr schaudernd nach. Ihre helle Gestalt schwebte zwischen Leben und Tod, denn der Schlaf war Leben, das Erwachen aber sicherer Tod für sie. Kein noch so leises Wanken verrieth die geringste Unsicherheit ihrer Schritte, ihrer Bewegungen. Nicht ein einziges Mal verwickelte sich ihr Fuß in dem Saume des langen Gewandes. Und diese angsterregende, nervenspannende Scene beleuchtete der Vollmond mit friedlichem, freundlichem Lichte, bis die Geheimnißvolle langsam drüben im Schatten verschwand, welchen die schräg gegenüberliegende Höhe auf den Hintergrund der Felsenwand warf. Jetzt erst holten die Drei laut und tief Athem. Es war ihnen, als ob sie aus einer Verdammniß erlöst seien, und dennoch lauschten sie noch minutenlang, ob nicht ein Schrei ertöne, als Beweis, daß die magnetisch Schlafende doch noch zuletzt in die jähe Tiefe gestürzt sei. Es blieb Alles still. »Gott sei Lob und Dank!« sagte Leni. »Das mag ich im ganzen Leben halt nicht wieder sehen und hören. Erst war ich starr vor Entsetzen. Jetzt nun zittern mir alle Glieder.« »Dir hat sie das Beste gesagt,« bemerkte Anton. »Ein König wird Dich an die Hand nehmen.« »Das Deinige war auch schön. Du wirst bewundert sein und von Licht umflossen.« »Möcht wissen, wer mich bewundern sollte! Das ist Schnickschnack.« »Warte es ab,« sagte der König. »Was für ein Geschäft hast Du?« »Was werde ich sein! Ein armer Wildheuer. Ich hab eine alte Mutter und einen noch älteren Vater, die Beide nix mehr arbeiten können. Eine Gais haben wir auch und eine kleine, magere Kuh, ein Häusle dazu, wo man gleich durch die Wand hinein in die Stuben laufen kann und wo die Diele schwimmt, wenn es ein Bisle regnet. Die Kuh und die Gais wollen fressen. Da wir aber weder Wiese noch Feld haben, so steige ich hinauf an die Abgründe, wo kein Anderer sich hintraut und wo nur noch der Adler wohnt, und hole das Gras und Heu herab, was dort noch zu finden ist und was keinem Herrn gehört als nur Dem, der sein Leben an jeden Halm hängt und mit dem Tode um die Wette lacht. Das ist ein Wildheuer, Herr. Und für diese Müh und Gefahr hab ich all' Tag ein Stückle trocken Brod, weiter nix.« »Das ist freilich schlimm!« »Und wann ich nun da aufi steig und Hunger hab und weiß, daß die Eltern ebenso hungern wie ich, und der Herrgott schickt mir einen Gamsbock zu, damit ich ein bischen Fleisch nach Hause bring, und ich schieße ihn weg, so kommt das Gesetz und steckt mich in's Zuchthaus, und die Eltern mögen nur gleich in das Wasser gehen oder sich mit einand in den Abgrund stürzen, daß es halt aus ist mit der Noth.« »So bist Du ein Wilderer?« »Hast Du noch nicht von dem Krikelanton gehört?« »Ja. Bist Du der etwa?« »Ja, der bin ich, Herr.« »Ich habe gehört, daß man Dich heut hier sucht.« »Ja, ich weiß es. Ich hab einen Gamsbock geschossen, um dem Vater Fleisch zu bringen; dabei hat man mich ertappt, ich aber bin entwischt. Seht meine Hände an, wie blutrünstig sie sind, und meine Kniee und die Füße halt ebenso. Ich habe mich an Felsenkanten festgehalten und an Wänden fortgegriffen, wo nie ein Mensch hinkommen wird, um nicht gefangen zu werden. Sie haben auf mich geschossen. Dann kam ich hier hinüber und sah den Bären durch die Felsen laufen. Ich folgte ihm nach im Mondlicht. Ich hatte Hunger und wollte mir ein Stück von seinem Fleische holen und auch die Senner von dem Spitzbuben befreien. Er lief hierher. Ich kam grad noch zu rechter Zeit, um ihm den Appetit zu verderben. Er hätte Dich ein Wenig aufgefressen.« »Ja, Du hast mir das Leben gerettet. Ich hoffe, daß ich Dir dankbar sein kann.« »Sprich davon nicht. Ich habe meine Pflicht halt nicht des Dankes wegen gethan. Willst Du gut sein mit einem Verfolgten, so gieb mir nur ein Stückle Brod und einen Schluck Wasser; dann will ich weiter gehn und schaun, ob ich meine Eltern wiederseh oder in irgend einem Abgrunde die Bewunderung finde, von welcher die Mondsüchtige zu mir gesprochen hat.« »Dein Wunsch soll erfüllt werden, doch sage auch, ob Du irgend eine vorzügliche Gabe besitzest.« »Eine Gabe? Hm! Ich bin halt ein Bergsteiger und ein Schütz, mit dem es kein Zweiter aufzunehmen vermag. Weiter nix.« »Hast Du nicht eine besondere Lust zu irgend einer Kunst oder Wissenschaft?« »Nein. Ich kann halt ein Wenig lesen und meinen Namen schreiben. Eine andere Wissenschaft kenne ich nicht. Und eine Kunst? Ja, zeige mir eine Gams, und ich hole sie Dir, sie mag hingehen, wohin sie will. Von anderen Künsten kann ich nicht reden.« »So hilf mir, den Bären in die Hütte schaffen; dann kannst Du essen, so viel Du willst, und nachher mit im Heustadel schlafen.« »Danke sehr! Werde mich hüten! Am Besten ist es, ich habe den freien Himmel über mir. In einer Hütte würden sie mich gleich ergreifen.« »Würdest Du Dich nicht wehren?« »Gott behüte, nein. So ein Hallunk bin ich schon nicht, daß ich Einen niederschieße, um der verdienten Strafe zu entgehen. Aus Noth schieße ich mir eine Gams, aber ein Menschenmörder bin ich nicht.« »Das ist brav gedacht. Du hast gefrevelt, aber es kann Dir wohl vergeben werden. Nur mußt Du von dem Bösen lassen und bessere Wege gehen.« »Das wollte ich gern. Gieb mir aber Arbeit, irgend welche, mit der ich mich und meine Eltern redlich ernähren kann, und ich werde weder meinem Kaiser noch dem König von Bayern eine Gams mehr wegschießen. Ich hab das Leben satt. Schau, was für ein tüchtiger Jägersmann könnte ich werden, wann ich so eine Anstellung bekommen thäte. Aber an Unsereinen kommt so Etwas nicht.« »Mach eine Supplik an Deinen Kaiser!« »Wo denkst halt hin! Bei dem bayrischen König ging das wohl eher, aber ich bin halt ein Oesterreicher und kein Bayer.« »So, warum ginge es bei ihm eher?« »Das will ich Dir sagen. Er ist ein feiner Herr, der in Allem etwas Appartes haben will. Ein Wilderer, der ein Jäger wird, schau, das ist so etwas Appartes. Ihm thäte ich es zutrauen, daß er zu mir spräche: »Anton, Du hast mir bis jetzt die Gamsen ohne meine Erlaubniß weggeschossen, von heut an sollst Du es mit meiner Erlaubniß thun, und ich gebe Dir sogar noch ein Salair dazu. Ja, der Ludwig, der thäte das, wenn ich so richtig von der Leber weg mit ihm reden könnt. Aber er ist ein Wenig menschenscheu; da kann man nicht hinan. Und wie so dankbar wollte ich ihm sein! Herrjesses! Mein Leben thät ich für ihn lassen!« Er hob beide Arme hoch empor und schnipste zur Bekräftigung seiner Worte mit den Fingern. Seine dunklen Augen glänzten; das sah man trotz der Nacht. Er war ganz begeistert von dem Gedanken, von der Wilderei ablassen und ein anderes Leben führen zu können, bei dem es nicht mehr nothwendig war, mit den Gesetzen und der Polizei in Conflict zu kommen. Leni war ganz gerührt davon. Sie sagte: »Ja, der Anton ist ein Braver. Er hat noch Keinem ein Leid angethan. Und wann er hätt', was er und seine Eltern für den Schnabel brauchen, dann wär er ein Bub, vor dem man schon bereits immer einen Respect haben müßt'. Das kannst halt glauben, Herr.« Da ergriff der Wilderer schnell ihre Hand und rief im Tone des Glückes: »Leni, das, was Du da sagst, ist so wahr wie das heilige Sakrament. Du hast mich nur zweimal gesehen, heut zum dritten Male, und während alle Anderen Angst vor mir haben und mich meiden, hast Du mit mir getanzt und mich nicht verachtet. Heut sprichst wieder für mich. Das werde ich Dir nie vergessen.« »Plausch kein dummes Zeug nicht, Anton? Ich hab' mit Dir getanzt, weil ich Dich selbiges Mal nicht gekannt hab'. Du hast ein gutes Aug' und ein aufrichtig Gesicht. Darum hab' ich Dir nicht zuwider handeln können. Denn weißt, das Gesicht ist halt das Aushängeschild, was der Herrgott dem Menschen 'geben hat. Auf Deinem steht ein gut Gemüth und ein fröhlich Herz, und einem Menschen, der dieses Beids hat, dem darf man wohl Vertrauen schenken.« Da fragte der König lächelnd: »Was habe denn ich für ein Aushängeschild?« »Du hast ein gar besonderes, sauberes und vornehmes. Gut bist auch, wohl seelensgut, und können thust auch Etwas. Das, was in Dir steckt, das sieht man Dir gleich an der Nasenspitzen an. Vielleicht bist ein Stadtschulmeister oder gar ein Stadtverordneter, denn die schauen Alle so vornehm und appart aus, als wenn sie halt von Zucker gebacken wären, und man darf ihnen nicht zu nahe kommen. Aber das Herz hast doch auch auf dem richtigen Flecke, wenn Du meinswegen auch ausschaust, als ob Du Einen mit einem einzigen Worte oder Blicke zur Maulsperre bringen könntst. Ists so oder nicht?« »Hast nicht ganz schlecht gerathen.« »Nicht wahr! Ja, wir auf den Bergen sind auch nicht von gestern oder gar von ehegestern. Nun aber macht, daß der Bär herein kommt in die Hütten. Dann wollen wir schlafen. Wer früh aufwachen will, der muß sich doch zuvor erst niedergelegt haben.« Sie ging nach der Ecke, wo das erlegte Raubthier lag. Dasselbe war ausgewachsen und schwer; aber den drei urkräftigen Personen gelang es doch, es in die Hütte zu schaffen. Dann sagte Leni: »So ists gethan. Und nun will ich Dir auch ein Lager machen, Anton, wo sie Dich nicht finden, wann sie ja kommen und nach Dir fragen sollten. Der Herr wird wohl ein Einsehen haben und Dich nicht verrathen.« »Nein,« antwortete Ludwig. »Ich verrathe Dich gewiß nicht.« »Meinst wirklich?« fragte Anton, ihn mißtrauisch forschend anblickend. »Ja. Ich gebe Dir mein Wort darauf.« »Das gilt nix. Ihr Stadtherren seid nicht allemal Diejenigen, welche gern Etwas auf ihr Wort geben.« »Ich will da nicht mit Dir rechten. Aber sage selbst, ob ich hier stände, wenn Du nicht im rechten Augenblicke gekommen wärst?« »Nein. Du ständst halt nicht da, sondern Du lägst draußen beim Bär und er hätte Dich allbereits halb und halb verspeist.« »Du hast mir also das Leben gerettet. Könnte ich da so schlecht sein, Dich an die Polizei zu verrathen?« »Ja, schlecht wäre es wohl von Dir; aber wer sagt mir, daß Du es auch wirklich nicht thust?« »Ich sage es, und wenn Du es nicht glaubst, so soll es mir sehr leid thun. Uebrigens mache, was Du willst! Gehe, oder bleibe. Mir soll Beides recht sein. Für alle Fälle aber will ich Dir zeigen, daß ich nicht undankbar bin.« Er griff in die Tasche und zog seine Börse. »Willst mir halt wohl ein Geldl geben?« fragte Anton. »Ja.« »Das laß nur schön bleiben, wenn Du mich nicht beleidigen willst. Um Bezahlung stehe ich keinem Menschen gegen ein Wildthier bei. Da kennst den Krikelanton schlecht!« »Und Du verstehst mich falsch. Ich will Dir doch nicht etwa Deine muthige That bezahlen. Du hast Dein Leben gewagt, das läßt sich nicht mit Geld abmachen. Und das meinige, nämlich mein Leben – nun, es giebt Leute, welche sagen würden, daß es sich auch nicht so genau auf den Pfennig berechnen läßt, wie viel es werth sein könnte. Also kann ich Dir weder für Dein noch für mein Leben ein Geld bezahlen. Aber Du hast mir gesagt, daß Du arm bist und oft mit Deinen Eltern hungern mußt.« »Ja, Herr, das ist freilich rechtschaffen wahr.« »Nun, so will ich Dir etwas für Deinen Vater geben. Es soll ein Geschenk für ihn sein, damit er sich etwas Kräftiges für sein Mahl anschaffen kann.« »Wenn es so ist, dann nehme ich es, Herr. Ich hab halt kein Recht, ein Geschenk zurückzuweisen, welches für den meinigen Vater bestimmt ist.« »Gut, hier hast Du.« Er legte ihm eine Anzahl Goldstücke in die ausgestreckte Hand. Anton machte ein höchst erstauntes Gesicht, zählte sie und sagte dann: »Hast Dich wohl verrechnet. Das sind halt grad an die fünfzehn Doppelkronen, also nach der neuen Münz dreihundert Mark. Das ist ja grad ein Vermögen!« »Ich irre mich nicht. Ich gebe es Dir. Nimm es Deinen Eltern mit!« »Ja, bist denn bei Trost, Herr! Bist so gewaltig reich, daß Du ein solch Summa summarum verschenken kannst, he?« »Ich habe Vermögen. Diese dreihundert Mark verspüre ich gar nicht, wenn sie mir fehlen.« »Heilige Wassersuppen! So möcht ich alleweil mit Dir tauschen! Ich verspür es allbereits, wenn mir ein Pfennig aus dem Sack gerutscht ist. Also, machst Ernst? Wirklich?« »Wirklich! Behalte es!« »Na, dann Gottes Segen über Dich und über Deine Frau. Hast doch eine?« »Nein.« »So reck halt die Arme aus! Wer solche Geldln verschenken kann, dem hängen sich gleich zwanzig Mäderln an jeden Finger, den er ausstreckt. Herrgottsakra! Wird das ein Freuden und Jubilerei sein, wann ich die Goldfüchs auf den Tisch zähl'. Ich glaub, den Vattern nimmts vor Freud den Verstand, und die Muttern wird weinen als obs zur Kirmiß regnen thät! Hab Dank! Hier hast mein Pratschen; schlag ein! Und wenn Du einmal den Krikelanton brauchst, so laß ihn rufen. Er geht durchs Feuer für Dich, und nicht nur einmal, sondern so oft es gut und nothwendig für Dich ist.« Er gab dem König die Hand, welche dieser ergriff und herzlich schüttelte. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Ludwig, daß der Wilderer sich die ganze Haut der inneren Handfläche abgeschunden hatte. »O weh!« sagte er. »Das muß ja schmerzen!« »Ja, schmerzen thuts freilich. Und schau auch die Knie, wie blutrünstig sie sind! Aber was ist das gegen die Freud, meinen Eltern das Geld mitzubringen. Ich fühl halt keinen Schmerz nicht mehr. Und wann die Leni herzgut ist und mir ein Branntweinerl giebt, so reib ich mir mit demselbigen die Wunden ein und bekomm allzumal sogleich eine neue Haut darauf.« »Den sollst haben,« sagte das Mädchen. »Und Du, lieber Herr, bist ein braver Bub, daß Du an dem Anton seinige alten Eltern denkst. Hast auch mir eine große Freuden damit gemacht. Ich werd Dir am Morgen einen Kaffee kochen, der so dick sein soll, daß Du drinnen auf dem Kopf stehen kannst, ohne umzufallen. Für so ein guts Haxerl wie Du kann man schon allemal ein Uebrigs thun. Aber, schau, wollen wir den Bären noch bei der Nacht aufthun oder willst nun wieder ins Heu gehen?« »Wir können ihn bis zum Morgen liegen lassen. Der Schlaf ist auch nothwendig. Wird der Anton sich mit hinaus zu mir legen?« »Nein. Wo denkst hin! Wann sie kämen, so hätten sie ihn ja sogleich. Nein, ich weiß da ein besseres Nest, wo er einischlupfen kann.« »Wenn sie auch kämen, sie würden ihm doch nichts thun.« »Meinst? Da kennst die Jäger und die Gegend sehr schlecht. Sie würden ihm ein paar Handstrickerle umbinden und ihn fortschaffen, da hinein, wo die Eisenstäbe vor den Fenstern sind anstatt der Sonnenfächer. Nein, so weit wolln wir es halt doch nicht kommen lassen.« »Sie würden es doch nicht thun. Weißt Du, Leni, ich bin in der Residenz gar gut bekannt und bei Denen von der Polizei.« »So denkst etwa, sie lassen ihn laufen, wenn Du ihnen ein gut Wort vergönnst?« »Ja.« »Glaubs nicht, glaubs nicht! Da gilt die Freundschaft nix. Sie müssen ihre Pflicht thun.« »Und wenn sie es thäten, so würde ich Fürsprache halten. Das hilft.« »Nix hilft es, gar nix! Hast etwa einen Vetter bei der Polizei?« »Gar im Ministerium.« »Na, das ist halt schön. So einen Vettern kann man oft sehr gut gebrauchen. Besser aber ists doch, man hat ihn gar nicht nöthig. Heut will ich dem Anton sein Ministeriumvetter sein und ihn so gut verbergen, daß ihn auch die Katz nicht finden könnt, selbst wenn sie sich eine Brillen auf die Nas klemmen thät.« »Du scheinst in solchen Dingen viel Erfahrung zu besitzen, Leni?« Diese Worte klangen etwas scharf. »O nein. Ich hab keiner Polizei und keinem Gericht das Geringst' zu verheimeln; aber wann so ein armer Schacherl kommt, den sie abgetrieben haben, weil er seinen Eltern ein Brot schießen will, so thut mirs im Herzen weh und ich such einen Winkel, wo er sich einhuscheln kann, bis die Luft wieder rein' für ihn ist. Meinst etwa, daß dies ein Unrecht ist?« »Ja, jedenfalls.« »So will ichs auf Seel' und Gewissen nehmen. Der Herrgott wird ein Einsehen haben und es mir nicht allzu hoch anrechnen, wann ich später mal die Augen zuthue. Also geh Du zu Bett. Du brauchst nicht zu wissen, wohin ich den Anton steck. Und wann Du ganz sicher schlafen willst, so schieb den innerigen Riegel vor; da beißt Dich keine Maus und auch kein Bär. Schlaf wohl!« Dies war in einem so bestimmten Tone gesagt, daß der König lächelnd meinte: »Du scheinst eine gestrenge Herrin zu sein, der man gehorchen muß!« »Du hast fernerhin Recht. Ich bin die Sennerin, und wer nicht thut, was ich ihm sag, der kann hinaus spazieren. Aber, gelt, hasts doch nicht etwa bös genommen?« »O nein.« »Es war auch nicht so gemeint. Für einen solchen Herrn, der ein solch Geschenk macht, habe ich halt keine Grobheiten in der Tasche. Schlaf also wohl, Herr, und wann Du träumst, so träume auch ein Bisserl von der Leni und von dem Kaffee, den sie Dir am Morgen aufikochen wird.« Sie reichte ihm die Hand. Er drückte dieselbe sehr freundlich und trat in das Heustadel. Die Beiden hörten, daß er den Riegel vorschob, wie Leni es ihm gerathen hatte. Er that dies, um ihnen die Ueberzeugung zu geben, daß er sie nicht belauschen wolle. Anton aber nahm es anders. Er sagte: »Hörst, daß er den Riegel herüberthut? Er fürchtet sich vor dem Wilderer.« »O nein. Er sieht gar nicht so aus, als ob er sich vor Etwas fürchten könnt.« »So fürchtet er sich nicht vor mir, sondern davor, mit mir hier getroffen zu werden. Hat er sich eingeriegelt, so muß man ihm glauben, wenn er sagt, daß er von meinem Hiersein gar nix weiß.« »Das ist aber grad recht, grad gescheidt von ihm.« »Ja, gescheidt ist es; aber ich bin auch so klug und trau ihm nicht.« »Dazu hast keine Ursache nicht. Du hast ja gesehen, wie dankbar er ist. Er wird Dich nicht verrathen.« »Wer weiß es! Hat er etwan nicht gesagt, daß es nicht recht von Dir ist, wenn Du mich verbirgst?« »Das hat er doch nicht so gemeint, daß er Dich wohl ausliefern möcht, wann sie kommen. Weißt, wohin ich Dich steck?« »Nun?« »Ueber den Stall in's Stroh. Der Stall stößt an den Berg und hat im Dach ein Guckloch. Kommen sie ja und suchen nach Dir, so kannst in der Noth zu demselben Loch hinaus und bist gleich auf dem Berg.« »Und Du?« »Ich? Was ich? Was meinst?« »Was wird dann mit Dir?« »Was soll mit mir werden? Nix.« »Das denkst nur; aber es wird doch anders. Wann sie kommen und ich reiß aus, so merken sie, daß Du mich versteckt hast, und dann nehmen sie Dich mit anstatt meiner.« »Und ich geh auch etwan mit?« »Jawohl.« »O Du talketer Hanns! Weiß ich denn, daß Du bei Nacht kommen bist und Dich in meinem Stall versteckt hast? Gar nix weiß ich, gar nix!« »Das ist freilich pfiffig!« »Hast mich etwa für unpfiffig kaufen wolln?« »Nein.« »Sonst hättst auch nicht zu mir kommen brauchen!« Jetzt machte er eine rasche Wendung mit der Schulter, blickte dem Mädchen forschend in die Augen und fragte: »Du denkst, ich hab zu Dir kommen wollen?« »Ja. Bist ja da bei mir!« »Das wär schön, das wär sehr schön von mir! Da wär ich ja gar nicht werth, daß Du mich nur mit einem Auge anschaust.« »So begreif ich Dich nicht.« »Hast denn nicht gehört, was ich vorhin gesagt hab? Daß ich dem Bären nachgegangen bin?« »So hast gar nicht eine Zuflucht in meiner Hütten suchen wollen?« »Nein.« »Hältst mich für eine Verrätherin?« »Wie könnt ich das, Leni! Du bist das bravst und best Dirndl weit und breit; wie könnt ich einen derigen Gedanken auf Dich haben! Aber grad deretwegen, weil ich weiß, wie gut Du bist, und weil ich so große Stücke auf Dich halt, ist es mir gar nicht in den Sinn kommen, Deine Hütten aufzusuchen. Ich bin verfolgt, und man hat alle Wege besetzt; wer mir ein Obdach giebt, der wird bestraft. Kann ich ein Freuden daran finden, grad Dich mit in's Unglück zu ziehen? Nein, ich hatte mich droben in den Felsen versteckt. Da kam der Bär, und ich ging ihm nach. Nun hab ich ihm den Garaus gemacht und werd wieder gehen.« »Wohin?« »Das weiß ich freilich nicht. Ich muß halt schauen, wo sie mir ein Loch offen gelassen haben, durch welches ich schlüpfen kann.« »Das siehst aber doch nicht bei Nacht!« »Ich wart bis zum Tag.« »Aber hier bei mir!« »Nein. Wie leicht könnt Jemand kommen. Dann geht es mit über Dich hinein.« »Denke das nicht. Ich kann Dich nicht fortlassen. Du bist matt und mußt schlafen. Du hast Hunger und Durst und mußt essen und trinken.« »So thu ein Uebriges und gieb mir ein Käs und Brot und ein Wasser. Dann geh ich fort und schlaf droben auf dem Berge.« »Etwa beim Jägernaz?« »Ist der da oben?« »Ja, er ging vor dem Dämmern hier vorüber und sagte mir, daß er Dich fangen will.« »Er ist Dein Schatz?« »Der? Mein Schatz? Eher heirathet der Keller die Feueresse!« »Aber alle Leuteln sagen es!« »Was! Wie können sie das sagen! Wer hat gesehen, daß ich mit dem Naz freundlich bin?« »Er selbst sagt es.« »Er selbst? So lügt er es!« »Er sagt all überall, Du seist sein Schatz, und er erzählt, daß er des Abends zu Dir auf die Alm emporsteig und des Morgens wieder hinab.« »Das hat er gesagt? Das hat er erzählt, der Erzhallunk? Was thu ich nur mit ihm? Was thu ich? Weißt, ich hab einen Käs draußen, der wiegt über dreißig Pfund. Den schlag ich ihm so lange um die Ohrlapperln, bis er sich für eine Käsemaden oder für einen Käsemadrig hält, der Lump, der unverschämte!« »Also ists wirklich nicht wahr?« »Hasts etwan gar geglaubt?« »Nein. Hätt ers zu mir erzählt, so hätt ich ihn zu Boden geschlagen, daß er vergangen wär wie Luft. Der Kerl ist mir Gall' und Aloe; er ist mir Gift und Opperment. Er hat's nur grad immer auf mich abgesehen, und wenn wir einmal zusammengerathen, so kann es gar leicht kommen, daß er in Scherben geht, wie ein alter Milchkrug, den man zur Trepp hinunterkollert!« Beide, er und sie, waren zornig geworden. Sie standen hoch aufgerichtet vor einander. Selbst der Neidischeste hätte sagen müssen: ein prächtiges Paar. Sie funkelten sich gegenseitig mit den Augen an, als ob sie untereinander zornig seien. Das fühlte Leni. Sie stieß ein lustiges Lachen aus und sagte: »Schau, sind wir nicht die richtigen Hansnarren? Ereifern uns, als ob wir gegen einand ärgerlich seien, und haben uns doch gar nix gethan!« »Hast Recht! Dieser Kerl ist nicht werth, daß wir von ihm reden.« »Aber nimm Dich halt nur in Acht vor ihm.« »Hast Sorg' um mich?« »Nein. Bist ja selber Manns genug!« »Dachte, Du wärst ein Wenig bange.« »Warum sollte ich das?« »Weil – weil – – na, weil ich halt ein Bursch bin und Du ein Dirndl.« »Geh! Bange ist man doch nur um den Schatz.« »Und der bin ich nicht?« Sie stemmte die vollen, kräftigen Arme in die Hüften und antwortete: »Nein? Du wärst mir der Richtige!« »Warum?« »Weil Keine Dein Schatz sein kann, keine Einzige.« Er wechselte die Farbe. »Habe ich etwan nicht Recht?« fragte sie. »Weiß nicht.« »Du weißt es; Du mußt es wissen. Schau, Du bist so ein sauberer Bub und ein guter dazu. Du bist arm; aber es gäb viele, viele Dirndln, welche sich freuen thäten, wenn sie Dich haben könnten. Aber Du gehst auf dunklen Wegen, und überall ist die Polizei hinter dir. Dein Dirndl befänd sich stets in der Gefahr, auch mit auf das Amt zu müssen. Und wenn Du sie nähmst, was sollte werden? Eines Tages brächten sie Dich getragen von oben herab, aus den Bergen, wo die Kugel des Jägers Deinem Treiben ein End' gemacht hat. Ists so oder nicht?« Er hatte sich auf den Schemel gesetzt und den Kopf in die Hände gestemmt. Jetzt fragte er, aber ohne zu ihr aufzublicken: »Habe ich nicht vorhin gesagt, daß dieses Leben mir leid thut und daß ich es gern ändern möcht?« »Das hast freilich gesagt, aber nun ändre es auch!« »Wie denn?« »Hast nicht die Mittel in der Hand?« »Meinst die dreihundert Mark?« »Ja. Kannst nichts damit anfangen, he?« »O, wohl gar! Einen kleinen Handel, irgend ein Kleingeschäft.« »So thu's!« »Wie Du das so sagen kannst. Bin ich nicht wie das Wild, welches getrieben wird? Muß ich nicht flüchten und immer wieder flüchten, weil man mich fangen will?« »Doch nur hier in Bayern?« »Ja. Ich bin halt so klug gewesen, nur hier diesseits der Grenz auf die Jagd zu gehen.« »So komm nicht wieder herüber!« »Man holt mich doch. Das Oesterreich muß mich ausliefern, weil ein Wilderer kein politischer Verbrecher ist.« »So bist freilich daran wie der Gamsbock, der weder Ruh noch Frieden hat. Aber einmal muß es doch anders werden!« »Ja, wann sie mich ergriffen haben und einistecken.« »Dann kommst aber doch wieder heraus?« »Ja, aber wann! Und das möcht gern noch sein. Aber wer da drin gesteckt hat, den sieht kein Mensch wieder an, und alle Leuteln zeigen mit den Fingern nach ihm.« »Das kann nur ein Schändlicher thun!« »Würdst etwa Du mich anschaun?« Er erhob jetzt zum ersten Male wieder den Kopf. Sein Auge war mit einem geradezu angstvollen Blick auf ihr Gesicht gerichtet. Sie erröthete, aber doch antwortete sie fest und muthig: »Noch lieber als jetzt.« Da fuhr er schnell von dem Schemel empor. »Was sagst?« Ists wahr?« »Hat die Leni schon einmal gelogen?« »Nein. Also Du würdst mich nicht verachten?« »Das könnt mir gar nie in den Sinn kommen.« »So möcht ich gleich jetzt auf das Amt gehen und mich freiwillig stellen!« »Thu es, Anton, thu es! Es ist das Best' für Dich.« »Das geb ich halt zu. Ich hab selbst schon alleweil daran gedacht. Und wann ich freiwillig komm, so geben sie mir wohl eine gelindere Straf als sonst. Aber meine Eltern – die lieben, lieben Leutln!« »Denen wird Gott indessen beistehn.« »Meinst, daß er vom Himmel steigt?« »Nein, das hat er in unserer Zeit nicht mehr nöthig. Wir sind halt Christen und müssen an seiner Stell handeln. Wann Du Deine Pflicht thust, so will ich gern zuweilen hinüberschaun nach dem Vater und der Mutter. Ich hab nur drei Stunden zu laufen, und wann der Winter kommt, so zieh ich von der Alm, und es giebt fast nichts mehr zu thun. Da kann ich aller vierzehn Tag' hinübergehn.« Er streckte seine Arme aus, um ihre Hände zu ergreifen, zog sie aber wieder zurück. Er wendete sich um, lehnte den Kopf an die Wand und sagte nichts. Sie wartete eine Weile. Sie sah, daß seine Brust arbeitete. Da trat sie zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte: »Was ists, Anton? Warum sagst nix mehr?« Sie beugte sich vor, um ihm in das Gesicht zu sehen. Er hatte die Lippen fest zusammengepreßt, und Thränen standen ihm in den Augen. »Herrgott! Du weinst!« sagte sie. »Muß ich nicht?« »Meinswegen wohl? Hab ich Dir wehe gethan?« »So wehe und auch wiederum so wohl, Leni! Ist das wahr, daß Du zu den Eltern gehen würdst, um sie zu beruhigen und zu trösten?« »Ja, ich würde gehen.« »Aber warum, warum?« Er drehte sich ihr wieder zu und hielt das nasse Auge auf sie gerichtet. Jetzt wurde sie verlegen. »Weil – weil – weil es doch Christenpflicht ist.« »Christenpflicht? Ja. Aber wie kommst grad Du dazu, diese Pflicht an uns zu üben?« »Weil – ich – weil ich es gern thu.« Da leuchteten seine Augen triumphirend auf. Er erfaßte ihre beiden Hände und fragte: »Und weil Du mich gern hast?« Tiefe Gluth bedeckte ihr Gesicht. »Dich gern? Wo denkst hin, Bub? Mußt nicht gleich meinen, daß Du nun Kaiser bist!« »Kaiser? O, der mag ich halt gar nicht sein. Der hat eine Frau, welche gar nicht die meinige werden kann. Wenn ich aber Dich haben könnt', Leni, dann würde ich mit keinem Kaiser, mit keinem König und auch mit keinem Papst nicht tauschen.« »Auch mit dem Papst nicht?« »Nein.« »Weil Dir auch dem seine Frau nicht paßt!« »Geh! Lach halt nicht. Das ist mir nur so über die Zung herauskommen. Weißt was? Sollst meine Kaiserin sein!« »Wart, bis Du halt Kaiser bist!« »Nicht eher?« »Nein. Jetzt bist derweil noch ein Wilderer, den sie suchen. Da hats noch lang keine Gefahr mit dem Kaiser sein.« Sie hatte das mehr ernst- als scherzhaft gesagt. Er ließ ihre Hände los und meinte traurig: »So ists recht! Ich wollte gleich die höchste Alp dersteigen, und nun rutsch ich abi ins tiefste Thal hinein. Aber es soll mir nicht umsonst gesagt sein, Leni. Du hast mir das Aug geöffnet, und ich schau um mich her und in mich selbst hinein. Es soll anders werden. Jetzt nehm ich meine Büchs und den Rucksack und geh. Entweder siehst mich wieder oder nicht. Siehst mich nicht wieder, so lieg ich irgendwo und der Adlergeier schwebt über meiner Leich. Siehst mich aber einmal wieder, so wirst schauen, daß es anders mit mir geworden ist.« Er wandte sich ab und griff nach seinem Gewehre. Da hielt sie seinen Arm fest. »Nicht so, Anton! Mußt mich nicht falsch verstehen.« »Wie sonst?« »Ich meins halt gut und treu mit Dir; aber wer ein Dach bauen will, der muß doch erst die Mauer und die Wand haben, worüber es kommen soll. Gieb den Rucksack her! Ich werde Dir eine Wenigkeit hineinthun.« »Ist nicht nöthig, Leni.« »Hast doch Hunger?« »Jetzt nicht mehr.« »Schau, was für ein wetterwendiger Bub Du bist. Das hätt ich gar nie gedacht von Dir. Wenn Dir der Hunger vergangen ist, so wird er wohl bald wiederkommen, und Du mußt doch Etwas im Rucksack haben. Also her damit!« Er weigerte sich nicht länger und sah schweigend zu, als sie ihm von ihren Vorräthen auswählte. Es was das Beste, was sie ihm gab. Sein Auge folgte jeder ihrer Bewegungen. Er sagte sich immer und immer wieder, daß es weitum kein so schönes und braves Mädchen gebe. Dann, als sie für Speise gesorgt hatte, brachte sie ein Fläschchen mit Branntwein. Jetzt gieb Deine Händ' her, damit ich nach den Wunden sehe!« Er gehorchte ihr. Nur den Blick auf ihr schönes Angesicht gerichtet, zuckte er mit keiner Wimper, als der Spiritus ihm in das rohe Fleisch brannte. Sie rieb ihm auch die an den Felsen geschundenen Kniee damit ein. Als er auch da nicht ein einziges Mal zuckte, sagte sie verwundert: »Macht das keinen Schmerz?« »Nein.« »Dann kannst gar kein Gefühl nicht haben.« »O, es würde schon wehe thun, wenns nicht von Dir käme. Aber Deine Hand ist so lind, daß man gar nicht an den Schmerz denkt, den es giebt.« Sie sah ihre kräftigen aber kleinen Hände lachend an. »Schau, Du machst mich fast begierig, meine Hand zu schaun! Ich hab gar nicht gewußt, daß ich gar so besonderbare Finger hab.« »Das liegt nicht allem in der Hand.« »Wo noch sonst?« »In – – in dem Herzen.« »In dem meinigen?« »Nein, in dem meinigen.« Sie knieete vor ihm, da sie ihm ja die Kniee eingerieben hatte. Jetzt blickte sie mit einem Gesichtsausdrucke zu ihm auf, der so mächtig wirkte, daß auch er sich langsam niederließ. »Leni!« »Anton!« »Ich möcht gleich so hier bleiben und Dich anbeten, immer-, immerfort!« »Lästre nicht!« »Da ist keine Lästerung dabei!« »O doch!« »Nein. Ich hab meinen Gott und meine heilige Madonna, zu der ich bet. So fromm und heilig wie sie, kommst auch Du mir vor. Darum möcht ich auch Dich anbeten, nur in anderer Weise als sie, nicht mit Bibelworten und frommen Versen, nein, gar nicht mit Worten, sondern mit der That. Weißt, so, wie man zum Himmel schaut, zu den Sternen, die man doch nicht anbetet und aber dennoch anbetet, weil sie so licht, so rein, so mild sind. Ich kann es nicht sagen, wie ich es sagen möcht. Verstehst mich?« »Ja, ich verstehe Dich, Anton.« »So komm, steh auf, und laß Dir noch 'was sagen!« Er zog sie mit sich empor, drückte leise, leise ihren Kopf an seine Brust und fragte: »Gehst wirklich zu meinen Eltern, wann ich da – da – – dadrin stecke?« »Ja; ich thue es gewiß.« »So werd ich gleich morgen gehn und mich melden. Ich will sühnen, was ich gethan hab; dann bin ich frei und kann Jedem in das Gesicht schaun. Werd ich dann Dich noch hier in der Gegend treffen?« »Ich geh nicht fort.« »Und darf einmal zu Dir kommen auf die Alm?« »Ja, gern. Du wirst willkommen sein.« »Und dann – dann – – was thue ich dann? Rathe mirs doch, Leni?« »Weißts nicht selbst?« »Ich weiß es; aber ich darfs nicht sagen.« »Sags in Gottes Namen!« »Gut. Ich werd Dich dann fragen, ob Du mich gern hast. Darf ich das fragen?« »Du darfst.« »Und was wirst antworten?« Seine Stimme hatte gar nicht den gewöhnlichen Ton. Es war jener unnachahmliche Klang, der nur dann zu hören ist, wenn zwei Herzen zum ersten Male mit einander sprechen. »Mußt das jetzt bereits wissen?« fragte sie. »Ja. Es wird mir ein Trost und eine Zuversicht sein in der Gefangenschaft.« »So kannst fröhlich sein. Ich werd warten, bis Du wiederkehrst, denn ich hab Dich gern.« »Ists wahr, Leni, ists wahr?« »Ja.« »Dies Wort mag Dir Gott vergelten. Es macht aus mir einen Mann, vor dem die Leut Respect haben sollen. Jetzt brech ich auf und trag den Eltern die dreihundert Mark hinüber. Da haben sie zu leben, bis ich wiederkehr. Dann will ich arbeiten, daß mir die Haut von den Händen geht, grad so, wie sie jetzt ausschaun.« »Das hast nicht nöthig, Anton.« »O doch. Das Geld ist dann ja alle, und ich muß ganz von vorn anfangen.« Er hielt noch immer ihren Kopf an seine Brust. Jetzt erhob sie das Gesichtchen zu ihm empor und sagte mit dem Ausdrucke des Glückes zu ihm. »Ja, Dein Geld ist dann alle, aber dann hab ich ja welches!« »Du?« fragte er erstaunt. »Ja. Weißt, was mein Vater gewesen ist?« »Nein.« »Er war Botenmann, vom Dorf zur Stadt so hin und wieder her, weißt?« »Ich weiß schon. Aber Botenleut sind arme Leut.« »Aber mein Vater ist sehr sparsam gewesen. Die Mutter ist gestorben, als sie mich zum ersten Male im Arme gehalten hat, und da hat der Vater ihr versprochen, recht brav für mich zu sorgen. Das hat er halt gethan. Er hat sich das Brod am Mund abgebrochen, um mir eine Milch und Semmel zu geben und einen Kreuzer in die Sparbüchs zu thun.« »Das ist brav!« »So ist Kreuzer auf Kreuzer gewachsen, ganz so lustig, wie auch ich gewachsen bin; aber Vater hat sich zu sehr angegriffen gehabt, und plötzlich ist er todt gewesen. Der Doctor hat ihn untersucht und die Krankheit gesagt, an der er gestorben ist.« »Wie lautet sie?« »Famelicus.« »Das verstehe ich halt nicht.« »Es ist ein lateinisches Gelehrtenwort, weißt, wie die Aerzte alle sprechen, nur der Dorfbader nicht. Mein Pathe hat das Wort vom Doctor gehört und es sich gemerkt. Dann hat er es mir einmal gesagt. Später ist einmal ein fremder Herr zu mir auf die Alm gekommen mit einer blauen Brillen auf der Nasen. Er hat Kräuter gesucht und Steine zerschlagen und einer jeden Sach einen fremden Namen gegeben. Den habe ich gefragt, was für eine Krankheit dieses Famelicus ist.« »Und was hat er gesagt?« »Ein Famelicus ist ein Verhungerter.« »Herrgottle!« »Ja. Der Vater hat nicht genug gegessen, und darum ist er gestorben, weißt, nicht an so einem plötzlichen Hunger, wann man eine Woche lang nichts ißt, sondern an einem langen Hunger, wann man alle Tagen nicht genug ißt und dabei immer matter wird. Das hat er meinetwegen gethan, der Kreuzer wegen, die er in die Sparbüchs für mich legte.« »Der Herrgott wirds ihm im Himmel gedenken!« »Das bete ich täglich! Vor seinem Tode hat er den Pathen kommen lassen, den Wurzelsepp, und ihm die Ersparung für mich anvertraut. Der Sepp hat das Geld nach München getragen, wo es eine Sparkaß auf Zinsen giebt, und jetzt nun sind an die vierhundert Gulden beisammen.« »Heilige Maria!« »Und weil man jetzt nicht mehr Gulden sagt, sondern Mark, so sind es an die tausend Mark.« »O jeh, Dirndl, was bist reich geworden!« »Meinst?« »Ja. Das ist ja ein Geldl, daß Einem der Verstand still stehen möcht!« Sie sah ihn glücklich lächelnd an, nickte ihm höchst befriedigt zu und sagte: »Schau, das ist nachher Dein!« »Mein?« »Ja.« »Dann machst wohl Spaß?« »Gar nicht! Wann ich Deine Frau bin, so ist doch mein Geld das Deinige! Oder nicht?« »Am Ende gar! Ich kanns aber doch nicht fassen!« »O, fassen wollen wir es schon. Ich lauf hinein nach München und hol es gleich da in der Schürzen heraus!« »Das wirst nicht thun; da könnts hüben und drüben herausfallen. Es wird sich wohl so ein Schubsack finden lassen, in den wir es stecken können. Herrgottsakra! Wanns doch gleich so weit wäre!« »Es kommt schon so weit!« »Ja, und nachher werd ich Juchhe machen, damit es recht bald wieder alle wird!« »Das thust nicht. Du nicht!« »Nein, Leni. Ein Geldl, woran Dein Vater verhungert ist, das hat mir der liebe Herrgott nur geborgt, damit ich ihm die Zinsen bezahl. Da muß man brav alle Händ darüber halten. Nun jetzt ist mir das Herz leicht geworden. Also ich lauf in der Nacht hinüber zu meinen Eltern und geb ihnen die Dreihundert. Dann geh ich in die Gefangenschaft.« »Und ich besuch Dich manchmal drin.« »Willst das wirklich thun, Leni?« »Gewiß. Du bist mein Bräutigam, und ich komm zu Dir, so oft ich darf, um Dir ein freundlich Gesicht und einen frohen Blick mitzubringen, damit es Dir im Herzen nicht gar so dunkel wird. Gelt?« Da legte er ihr die Hände auf den Kopf. »Leni, was sag ich Dir nur für diese Lieb und Barmherzigkeit? Ich möcht Dir so Vieles sagen und find doch nix, gar nix! Aber halt, da fällt mir ein! Es ist nix aus mir selber heraus, gar nix Neues; auch hast Du es bereits sehr oft gehört; aber ich kann Dir wirklich nix Besseres sagen als dieses. Bitt schön, Leni, thu Deine Händ falten und hör zu!« Es standen ihm glänzende Tropfen in den Augen. Sie hielt den Kopf still, auf welchem seine Hände noch lagen und faltete die ihrigen, den Blick innig zu ihm erhebend. Und da sprach er: »Leni, meine gute, liebe Leni, der Herr segne und behüte Dich; der Herr erleuchte sein Angesicht auf Dich und sei Dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden! Amen!« »Amen!« flüsterte auch sie. Es blieb eine ganze Weile still in der kleinen Sennhütte. Der einfache, ungelehrte Aelpler hatte nichts Anderes gefunden, seinen herzbewegenden Gefühlen Ausdruck zu geben. Hätte er wohl auch etwas Besseres finden können? Nein. Es war ihnen Beiden zu Muthe, als ob sie in der Kirche ständen, in Weihrauchsduft und Orgelton. Es war, wie das fromme Sprüchwort sagt: Ein Engel schwebt durch den Raum. Dann, nach längerer Zeit flüsterte er ihr zu: »Leni, hab ich Dir mißfallen?« »Mißfallen? Heilige Mutter Gottes! Wie kannst Du mir mißfallen haben!« »Weil ich den Segen sprech, wann ich bei meinem Schatzle bin.« »Kannst ja gar nichts Besseres sagen!« »Aber Andre würden drüber lachen!« »Schau, was Andere thun, werden doch wir nicht thun? Ich sags Dir gleich: Ich hab meinen Herrgott über Alles lieb, und erst nach ihm kommst Du. Dann kommt gleich der Wurzelsepp. Diese Reihenfolg wird bleiben. Ich mag nix wissen von Freud und Lust und Vergnügen, wobei die Sünd vorhanden ist. Wann das auch Dir recht ist, so werden wir sehr glücklich sein, Anton!« »O, grad das ist mir sehr lieb und recht. Weißt, es giebt nix Schöners für mich, als wenn ich des Abends zu Haus bei den Eltern sitz und les ihnen vor aus der alten Hauspostillen, worin die großen Bilderbuchstaben sind. Wann man darauf schlafen geht, so ists grad so, als hab ein Engel Einem das Bett gemacht und der liebe Gott hätt nachher das Kopfkissen recht weich gelegt. Da schläft man so gut und so fest wie - – wie – – –« »Wie Einer, der auf der Alm wildern gewesen ist!« fiel sie mahnend ein. »Ich bitt Dich schön, Leni, sprich das nicht wieder! Was ich gethan hab, das will ich büßen, und dann geschieht es halt nicht wieder. Vielleicht hat der liebe Gott es mir bereits jetzt vergeben, und so darfst es mir nicht mehr vorwerfen!« »Hast Recht, Anton! Hier meine Hand darauf, daß ich nie wieder davon sprech!« »Gut! Deine Hand und – und – und noch was!« »Was?« »Ein Busserl.« »Geh! Schäm Dich!« »Magst nicht?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weil – weil – – weil Du eigentlich noch gar nicht richtig mein Bräutigam bist.« »Hast aber doch bereits vorhin gejagt, daß ich es bin!« »Hab mich da halt versprochen.« »Was bin ich nun dann?« »Mein – Schatzerl.« »Und das Schatzerl küßt man nicht?« »Nein.« »Nur den Bräutigam?« »Ja.« »Da sag doch 'mal, wo das geschrieben steht! Etwa im Matthäus oder Marcus?« »Nein.« »Wo sonst? Es muß doch irgendwo geschrieben stehen, weil Du Dich darnach richtest!« »Ja, es steht auch geschrieben.« »Nun, wo denn da?« »Ja – in –« sie suchte nach einer Antwort und fand sie auch, denn sie fuhr fort, »in – in – –in der Geographie.« »In der Geographie! Handelt die denn etwa vom Busseln?« »Ja, sehr.« »Da hab ich noch nie nix gefunden.« »Hast denn schon bereits Geographie getrieben?« »Ja, in der Schul'.« »Das taugt nix. In der Schul wird Dir der Lehrer doch nicht das Capitel vom Busseln bringen.« »Wann sonach denn?« »Später, wann man selber liest.« »Das hab ich ja auch gethan. Unser Cantor hat ein Buch, wo die Geographie drin geschrieben steht, von Wien und Nürnberg, von Paris und Prag, von Rußland und den Alpen, aber das Küssen hab ich da nicht gefunden.« »So hast nicht aufgepaßt.« »Grad gar sehr!« »Nein. Hast auch von der Türkei gelesen?« »Ja. Dort ist nur der Halbmond. Einen Vollmond oder einen Neumond wie bei uns haben sie dort gar nicht.« »Das weiß ich nicht; aber in der Türkei dürfen sich die Liebesleut gar nicht sehen. Der Bub bekommt sein Dirndl erst nach der Hochzeit zu schaun; also darf man nur als Bräutigam und Braut busseln. Hasts verstanden?« »Verstanden hab ichs wohl, aber es gefallt mir nicht. Bist etwa eine Türkin?« »Nein.« »Und ich bin auch kein Türke. Wir haben uns also nicht nach dem dortigen Brauch zu richten, sondern nach der Sitt', die man in Oesterreich oder Bayern findet.« »Und wie ist dieselbige?« »Da küßt der Bub das Madel, welches er lieb hat, bereits schon längst vor der Hochzeit.« »Das ist zu früh!« »Meinst wirklich?« »Ja.« »So hast mich halt nicht lieb.« »Geh! Das glaubst selber nicht. Würd ich Dich hier bei mir leiden, wann ich Dich nicht lieb hätt'?« »Nein; das weiß ich, denn Du bist ein bravs Dirndl; aber den Kuß darfst mir nicht versagen.« »Ist ein Kuß denn gar so schön, daß Dich so sehr nach einem verlangt?« »Wunderbar schön, sag ich Dir!« »Woher weißt das? Hast etwa schon bereits so viele Dirndln gehabt?« »Kein einzigs. Du bist meine erste Lieb: das kannst mir glauben. Aber wann ich Dir so zuwider bin, so will ich verzichten und lieber warten, bis Du Dich an mich gewöhnt hast.« Er griff nach seinem Rucksack und warf sich denselben über den Rücken. Als er auch nach dem Gewehr langte, sagte sie: »Anton, willst mir gar bös sein.« Er blickte ihr treuherzig in die Augen. »Nein, Leni, bös kann ich Dir gar nicht sein. Ich weiß, wie Du bist. Es hat Dich noch nie kein Bub anrühren dürfen; darum fallt Dirs schwer. Dir den Kuß geben zu lassen. Es kommt die Zeit von selbst, wo die Lieb stärker sein wird als die Sprödheit, und das kann ich erwarten. Jetzt schlaf nun wohl, Leni! Ich geh.« »Wart halt noch den Augenblick! Hier!« Sie trat rasch auf ihn zu, legte ihm beide Arme um den Hals und küßte ihn auf den Mund. »So, Anton! Bist nun zufrieden?« »Ja, ganz glücklich bin ich!« »Das ist der erste Kuß, den ich geb!« »Aber nicht der letzte?« »Nein.« »Doch nur mir allein?« »Nur Dir allein!« »Wirst auch Wort halten, Leni? »Bist etwa bereits eifersüchtig?« »Nein; aber ich hab da halt eine sehr strenge Ansicht. Ich hab noch nie ein Dirndl beim Kopf gehabt und nie Einer ein Busserl gegeben; so soll es auch bei Dir sein. Wann Du einmal einen Andern küßtest, wärs auch nur im Scherz und beim Pfandspiel, so wär es aus mit uns.« »So denk ich auch, grad so wie Du. Der Kuß ist nur für Mann und Frau.« Sie sagten sich das so ernsthaft, als ob von dieser Mittheilung Leben und Tod abhängig sei. Sie ahnten dabei nicht, wie entscheidend grad diese Worte für ihr späteres Schicksal sein sollten. »Hast Recht, Leni! Und nun hab ich Alles, Alles, was ich mir wünschte, viel, viel mehr, als ich hoffen durfte, ehe ich dem Bären folgte. Jetzt laß uns scheiden.« »Wann Du einmal gehen willst, so kann ich es nicht ändern. Aber laß Dich nicht ergreifen!« »Nun kann mirs gleich sein! Ich will mich ja doch melden.« »Aber freiwillig. Dann wird die Straf gelind ausfallen. Ergreifen sie Dich, wirds schlimmer.« »So will ich mich in Acht nehmen.« »Der Jägernaz sagte. Du könntest nicht durch.« »Laß ihn reden! Sie haben zwar alle Weg' besetzt, aber ich fürcht mich nicht. Sie mögen mir so einen Bergsteiger bringen, wie ich bin. Und nun Du die Meinige bist, werden sie mich erst recht nicht fangen. Weißt, die Lieb giebt Flügel. Wann sie jetzt kämen und ich ständ am tiefsten Abgrund, ich käm doch hinüber. Es ist mir ganz so, als ob ich gar keinen Körper mehr hätt, als ob ich nur aus lauter Glück und Seligkeit beständ und als ob Alles grad genau so geschehen müßt, wie ich es will. Darum – horch!« »Herrgott! Es kommt wer!« Man hörte Schritte nahen. »Hinaus! Hinaus!« bat Leni. »Dazu ists zu spät.« »So versteck Dich?« »Wohin?« »Hinaus in das Heustadel.« »Ich kann doch nicht hinaus. Der Fremde hat ja von innen zugeriegelt.« »Heilige Mutter Gottes! Was thun wir!« Diese Worte waren in höchster Eile gewechselt worden. Leni fühlte eine fürchterliche Angst. Anton hingegen hatte seine Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit keinen Augenblick verloren. Er sah sich um und meinte: »Verstecken kann ich mich nun nicht. Ich setz mich hierher und thu, als ob ich schlaf. Was dann geschieht, das kommt ganz darauf an, wer Diejenigen sind, welche da kommen.« Er zog den Schemel schnell hinter die Thür und setzte sich darauf, den Rücken nach der Thür gerichtet. Das Gewehr zwischen den Beinen und das Gesicht in die beiden Hände gelegt, nahm er eine Haltung ein, in Folge deren man seine Züge gar nicht sehen konnte. Von dem Augenblicke, an welchem die Beiden die Schritte gehört hatten, bis jetzt, war noch keine Minute vergangen. Nun mußte es sich entscheiden, denn es war deutlich zu vernehmen, daß Jemand hart an der Thür stehen blieb und leise einige befehlende Worte sprach. Es waren also mehrere Personen draußen. Und das ging eigentlich ganz natürlich zu. Der Wurzelsepp hatte, wie bereits gesagt, vom Könige den Befehl erhalten, dem Oberförster zu sagen, daß er mit Anbruch des Morgens in der Sennhütte erscheinen solle. Der Beamte hatte aber aus Pflichteifer nicht so lang warten wollen; er war viel, viel eher aufgebrochen und hatte sogar drei Jägerburschen mitgenommen, damit sie dem Monarchen die Gemsen vor den Lauf treiben sollten. Jetzt nun hatten sie die Alm erreicht und näherten sich dem Häuschen, aus besten kleinem Vorderfenster zu ihrem Erstaunen noch der Schein eines Lichtes leuchtete. »Die Leni wacht,« sagte der Förster zu den Gehilfen. »Jetzt nun will ich Euch sagen, was ich Euch bisher verschwiegen habe. Seine Majestät, der König, befinden sich nämlich auf der Alm, um mit Tagesanbruch zu jagen. Natürlich dürfen wir nicht stören; darum dachte ich, daß wir uns hinter der Hütte ins Gras legen würden, um zu ruhen, bis die Majestät erwacht ist. Da aber die Sennerin auch noch nicht schläft, wollen wir sehen, ob wir drin Platz finden oder auf dem Stroh über dem Stalle. Wartet hier. Ich will einmal nachschauen.« Sie nahmen die Gewehre ab und blieben stehen, da, wo der Weg von der Alm nach unten führte. Der Oberförster aber trat zur Thür, um zu horchen. Er hörte nichts und ging zum Fenster. Durch dasselbe sah er die Sennerin am Herde sitzen, bleich und mit offenen Augen. Jetzt kehrte er an die Thür zurück und klopfte leise, um den König, welcher sich auf alle Fälle im Stadel befand, nicht zu wecken. »Herein!« sagte Leni ebenso leise, doch so, daß er es hörte. Er trat ein und merkte, da er die offene Thür in der Hand behielt und da auf der Schwelle stehen blieb, zunächst gar nicht, daß sich hinter der Ersteren noch Jemand befand. »Guten Mor – – –« Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Sein Blick war auf den Bären gefallen. »Tausend Teufel!« fuhr er dann fort. »Ein Bär! Wie kommt der hierher!« Die Sennerin war aufgestanden. Sie mußte den Namen des Ankömmlings nennen, damit Anton erfahre, wer da sei. »Guten Morgen, Herr Oberförster. Du bist auf der Alm?« »Ja, Leni. Aber antworte! Wie kommt der Bär hierher?« »Leise, leise! Der Herr wacht sonst auf, welcher da draußen schläft.« »Kennst Du diesen Herrn?« »Nein.« »Ach so! Hat etwa er den Bären geschossen?« »Ja. Es ist derselbige Bär, welcher jenseits in die Ställe gebrochen ist.« »Natürlich! Also hat er sich nun auch hier bei uns umschauen wollen! Das ist ihm schlecht bekommen. Aber welch ein Unglück, wenn der Kö – – – wenn der Herr, welcher draußen schläft, von der Bestie getödtet worden wäre! Wie hat sich denn das Abenteuer zugetragen?« Er trat in die Hütte hinein, ohne aber die Thür aus der Hand zu lassen. Leni antwortete: »Ja weißt, der Herr hat den Bären schnuppern hören und ist hinausgegangen.« »Allein?« »Ja, ich schlief.« »Und er hat Dich gar nicht geweckt?« »Nein. Ich bin erst aufgewacht, als der Schuß fiel.« »Donnerwetter? Ich bin ganz starr und steif vor Schreck! Welch ein Herzeleid wäre über das Land gekommen, wenn – –ah, da sitzt ja Einer!« Er hatte jetzt die Thür halb zugemacht und erblickte Anton, welcher noch immer that, als ob er schlafe. »Wer ist der Mann?« »Ein Fremder.« »Ein Fremder? Mit einem Gewehr? Hm, den muß man sich einmal ansehen.« Er trat zu Anton hin und rüttelte ihn an der Achsel. »Heda! Aufgewacht!« Anton gähnte und knurrte wie Einer, welcher im Schlafe gestört wird und sich aber nicht stören lassen will. »Na, wie wirds! Steig empor, damit man Dein Gesicht sehen kann!« Jetzt wäre Weigerung Unsinn gewesen. Anton stand auf. »Tausend Teufel!« rief der Oberförster »Sehe ich recht? Der Krikelanton!« »Ja, der bin ich,« antwortete Anton, den Fuß zum Sprunge ansetzend. »Hast was dagegen?« »Dagegen, daß Du es bist, habe ich gar nichts. Vielmehr freue ich mich königlich darüber. Gieb Dein Gewehr her, Bursche!« Das hatte der Wilderer erwartet. Er war darauf gefaßt gewesen, sein Gewehr zurücklassen zu müssen; darum hatte er es so neben sich hingelehnt, daß es, als er aufstand, zwei Schritte weit von ihm entfernt war. Der Förster mußte sich natürlich vor allen Dingen dieser Waffe bemächtigen. Er trat hinzu, sie an sich zu nehmen. Dadurch bekam Anton einen freien Raum zum Handeln. Ein schneller Sprung brachte ihn an diejenige Seite der Thür, an welcher sich dieselbe öffnete. Aber bereits hatte sich der Förster wieder umgedreht. Geistesgegenwärtig, wie der erfahrene Mann war, sah er sogleich, daß es für ihn bereits zu spät sei, den Wilderer mit der Hand zu erlangen. Er hatte aber draußen seine Gehilfen stehen. Darum rief er mit laut dröhnender Stimme: »Achtung draußen! Der Krikelanton! Haltet ihn fest!« Anton hatte die Thür aufgerissen und sprang hinaus, eben als dieser Ruf erschallte. Er erblickte die drei Burschen, welche ihm sofort den Weg verlegten. Er sah, daß er nicht hindurch konnte, weder auf- noch abwärts. Zur Seite springend, blieb er einen Augenblick halten, den Blick über die mondeshelle Alpenlandschaft werfend. »Haltet ihn! Haltet ihn!« fügte der Oberförster seinem Rufe bei, jetzt auch aus der Hütte springend, hinter Anton her. »Da ist er. Drauf!« Er sprang auf den Wilderer ein. Schon streckte er beide Hände nach ihm aus. »Heut noch nicht!« rief da Anton und schnellte zur Seite und dann grad aus, in weiten Sprüngen entfliehend. »Ihm nach!« rief einer der Gehilfen. »Halt! Nein! Um Gotteswillen!« schrie der Förster. »Dort ist ja der Abgrund!« »Eben dort ergreifen wir ihn. Er kann ja doch nicht weiter!« »Hier geblieben! Er muß auf alle Fälle zu uns zurück!« Die Gehilfen gehorchten. Niemand folgte dem jungen Manne. Jetzt war auch Leni aus der Hütte gesprungen. Sie sah den Geliebten nach dem Abgrunde zueilen, über dessen scharfen Felsengrat die Mondsüchtige herübergekommen und dann wieder zurückgekehrt war. »Herr, mein Heiland!« rief sie aus. »Anton, Anton, wo willst Du hin!« Er wandte einen Augenblick den Kopf. »Hinüber!« »Unmöglich! Kehr um!« »Du weißt ja, ich hab heut Flügel!« »Denk an Deine Eltern!« »Eben deretwegen! Gute Nacht!« »O heiliger Gott! Er wagts! Er ist verloren!« Sie sank in die Kniee und bedeckte ihre Hände mit dem Gesicht. »Pah!« rief der Oberförster. »Der Kerl wird nicht so wahnsinnig sein! Alle Teufel, doch!« Anton war jetzt da angelangt, wo der kaum einen Fuß breite, scharfe Felsengrat begann. Man sah, daß er sich eine kurze Zeit lang bückte. Dann setzte er den Fuß auf den Grat. Er hatte nicht einmal den Bergstock bei sich. »Himmel! Er will wirklich drüber!« rief einer der Gehilfen. »Jetzt, bei Nacht!« fügte schaudernd ein Anderer hinzu. »Es ist am hellen Tage unmöglich.« »Nun, ganz, wie er will!« sagte der Oberförster entschlossen. »Er rennt auf alle Fälle in sein Verderben.« Er schritt weiter vor, nach dem Abgrunde zu. Die Gehilfen aber blieben bei der Hütte stehen, da wo Leni kniete. Da trat der König aus der Sennhütte. Er hatte das Geschrei vernommen und war aufgestanden. »Was geht hier vor?« fragte er. Einer der Gehilfen wendete sich zu ihm um und erklärte in ehrerbietigem Tone: »Der Krikelanton, Majestät, ist hier.« »Ich weiß es. Wo?« »Da drüben läuft er.« Ludwig richtete den Blick nach der Seite, welche der Mann mit dem ausgestreckten Arme bezeichnete. Dort sah man beim hellen Scheine des Mondes den Wilderer langsam über den Grat schreiten, so wie ein Akrobat über das hohe Thurmseil geht, rechts und links gähnende Abgründe unter sich. »Himmel!« rief der König, aufs Tiefste erschrocken. »Das ist ja ein unmenschliches Wagniß! Warum thut er es?« »Er will entfliehen.« »Vor wem?« »Vor uns. Der Herr Oberförster hat ihn erwischt.« »Was will der schon hier. Wie kann man ohne meine Erlaubniß – ah! Anton, Anton, komm zurück, zurück!« Er hatte die Hand an den Mund gelegt, damit der Ruf zu dem Genannten dringen solle. »Majestät, der kann nicht zurück,« sagte der Gehilfe. »Sobald er sich umdrehen wollte, würde er in die Tiefe stürzen.« »Anton, halt!« hörte man jetzt den Förster rufen, welcher in einer Entfernung von vielleicht sechzig Schritten weiter vorn am Abgrunde stand. Der Gerufene kümmerte sich nicht darum; er schritt weiter. »Halt, sage ich!« Und als der Fliehende auch jetzt noch nicht gehorchte, erklang es wieder: »Zum Teufel, halt, Kerl!« Auch das half nichts. Da sah man, daß der Oberförster das Gewehr anlegte. Nur der König bemerkte es nicht, da sein Auge an der Gestalt des kühnen Bergsteigers hing. Eben näherte sich ein Wölkchen dem Monde. »Gott, er will schießen,« bemerkte der Gehilfe. Jetzt erst wurde Ludwig auf das Gewehr seines Beamten aufmerksam. »Halt!« gebot er laut. »Nicht schie – – –« Es war zu spät. Mit der letzten Silbe, welche der König aussprach, krachte der Schuß, dröhnende Echo's erweckend. Man sah Anton wanken, gar taumeln, dann langsam zusammenbrechen – das Wölkchen trat vor den Mond; es glitt rasch vorüber – Anton war verschwunden; man hörte seinen stürzenden Körper, von Zacke zu Zacke aufschlagend, in die schauerliche Tiefe fallen. Drüben von jenseits erklangen auch einige Schüsse und laute Rufe erschallten herüber. Jedenfalls waren die Rufenden Beamte, welche dort postirt waren des Krikelantons wegen. Sprachlos standen Alle, von Grauen und Entsetzen gepackt. Nur der Oberförster wendete sich um, kam langsam näher und sagte: »Er hat es nicht anders gewollt. Nun schießt er uns keine Gemse mehr.« Da erschall ein Schrei, so schrill, so entsetzlich, als müsse sich alles Fürchterliche des Menschenlebens in diesem einen Laute Luft machen. Leni war es. Sie hatte sich, als der Schuß fiel, emporgeschnellt und starrte nach der Gegend hin, wo der Geliebte verschwunden war. »Wo ist er, wo?« rief sie aus. »Da hinab,« antwortete der Förster. »Erschossen? Von Dir?« »Er hat es gewollt.« »So gehe ich zu ihm.« Sie eilte fort, dem Abgrunde zu. »Um Gotteswillen, haltet sie!« gebot der König. Die Gehilfen sprangen ihr nach. Es gelang ihnen, sie zu erreichen und festzuhalten. Eine kurze Weile wehrte sie sich, dann ergab sie sich, in scheinbarer Ruhe sagend: »Ihr habt Recht. Es muß nicht gleich sein; es kann zu jeder Zeit geschehen.« Sie ließ sich willig in die Hütte führen. Dorthin rief der König auch den Oberförster. Die Stimme des Monarchen war trotz der zugemachten Thür in lautem, zornigem Tone zu hören. Es wurde wohl über eine Viertelstunde verhandelt, dann trat der Beamte heraus. Er schwitzte vor Verlegenheit und Scham. »Kreuzhimmeldonnerwetter!« fluchte er. »Wer hätte das denken können. Dieser Krikelanton hat der Majestät das Leben gerettet, und ich habe ihn erschossen. Der König hat ihm Alles vergeben und ihn sodann anstellen wollen, und da komme ich und schieße ihn weg. Was sagt Ihr dazu?« Die Gehilfen schwiegen; da aber doch eine Antwort erfolgen mußte, sagte endlich Einer: »Das ist freilich Pech!« »Pech? Schafskopf! Was heißt Pech! Es ist um meine Stelle, um mich selbst, um Alles geschehen. Nun sitzt noch die Sennerin da drin und thut, als ob sie wahnwitzig sei. Sie spricht kein Wort, giebt keine Antwort – hört Ihr, wie der König in sie hineinredet? Nun ist es für mich am Besten, ich stürze mich auch in den Abgrund, in welchem jetzt der Hallunke liegt!« Statt dessen aber setzte er sich auf die Bank und stemmte den Kopf in die Hände. Seine Leute blieben wortlos daneben stehen. Nach einiger Zeit trat Ludwig heraus und befahl: »Aus unserm Pürschgange wird nun nichts. Wir steigen abwärts, und es wird sofort nach dem Leichnam des Unglücklichen gesucht. Die Sennerin will es so, und es hat zu geschehen.« In Kurzem waren Alle unterwegs. Ludwig, die vier Forstbeamten und Leni, welche wortlos an der Seite des Königs hinschritt. Hätte der Mond weniger hell geleuchtet, so wäre dieser Abstieg höchst gefährlich gewesen; aber er wurde ohne Unfall zurückgelegt. Der König begab sich zum Pfarrer, um bei diesem den Rest der Nacht zuzubringen. Die Anderen gingen nach der Schänke und zum Ortsvorstande, um Leute aufzubieten, welche sich an der traurigen Suche betheiligen sollten. Leni schloß sich natürlich Denjenigen an, welche nach der Schänke gingen. Sie wußte, daß ihr Pathe dort übernachtete. Als dieser hörte, was geschehen war, wollte er es gar nicht glauben. Sie erzählte ihm Alles. Es wurde ihm Angst um sie. »Herr Jesses,« sagte er, »laß doch nur derohalben den Kopf nicht sinken. Es ist halt Einer erschossen worden; das ist Alles.« »Alles?« erwiderte sie tonlos. »Erschossen worden! Ist das nichts?« »Nun ja! Aber wie gehts im Kriege, wo in einer einzigen Schlacht gleich dreihundert Mann erschossen werden oder wohl gar zwanzigtausend!« »Aber der Anton ist da nicht dabei!« »Der Anton? Himmelsakra! Was hast denn grad mit diesem zu schaffen?« »Er ist mein Bräutigam.« »Dein – –wa – wa – –waaas?« »Mein Bräutigam.« »Das sagst so ernsthaft!« »Soll ich dazu lachen?« »Nun, lächerlich ists eigentlich. Wie kommst denn zu einem solchen Bräutigam?« »Aus Liebe.« »Aus Lie – –Sternhageldonner! Das weiß ich schon beinahe, daß man nicht aus Haß und Rache zu einem Bräutigam kommt!« »Hast etwa was dagegen?« »Nein, gar nix, wann er noch lebte. Er war halt ein braver Bub; das weiß ich besser als die Andern Alle. Aber nun da er todt ist, so – –ah, ich möcht noch gar nicht daran glauben, daß er wirklich todt ist.« »Er ists!« »So ein Kerl und todt! Das will sich halt gar nicht auf einander reimen. Na, wir werden gar bald Gewißheit haben. Hörst, da sind die Leut alle beisammen; da gehts nun fort. Du willst doch nicht auch mit?« »Ich gehe mit.« »Ein Dirndl auf der Such? Sei gescheidt, und bleib da!« »Es kann mich nix abbringen!« »Auch meine Bitte nicht?« »Nein.« »Aber denk an Deinen guten Ruf? Was müssen die Leut sagen, wann Du bei Nacht und Nebel kommst und zu ihnen meinst: Er war mein heimlicher Schatz; er ist diese Nacht bei mir gewest und darum erschossen worden? Es ist aus mit Dir, ganz und gar aus. Bleib hier in der Schänk in meiner Stub, die mir der Wirth geben hat. Ich komm bald wieder und sag Dir, was wir gefunden haben.« Sie sah doch ein, daß er Recht hatte und fügte sich in seinen Willen. Als die Bewohner des Ortes mit Laternen, Leitern und Seilen abgezogen waren, begab sie sich in die Kammer, aber nicht um zu ruhen; das war ihr unmöglich. Sie schritt in dem Raume auf und ab. Sie fand weder Worte noch Thränen. Als bei Tages Anbruch die Wirthin kam und sie fragte, ob sie Etwas genießen wolle, schüttelte sie den Kopf. Ihr Kopf brannte. Sie hatte Fieber. Endlich, endlich kehrte der alte Wurzelhändler zurück. Sein Bericht lautete: »Wir haben nix gefunden, gar nix. Er muß drüben auf der andern Seiten abgestürzt sein. Nun sind sie hinüber, um da zu suchen; ich aber bin schnell herbeigelaufen, um Dir zu sagen, wie die Sachen steht.« Sie blickte starr vor sich hin; dann plötzlich den Kopf hebend, fragte sie: »Hast Geld? Er fuhr bei dieser so unerwarteten Frage förmlich zurück. »Geld! Himmelsakra! Wie kommst zu dieser Fragen? »Hast Geld?« »Nun ja, freilich! Wieviel?« »Viel.« »Wozu?« »Für mich.« »Das weiß ich, daß es nicht für den Kirchthurm ist. Was willst denn grad jetzt mit dem Geld machen? »Ich will es hinüber zu seinen Eltern tragen.« »Zu den seinigen? Himmelsakra, was fallt Dir ein! Bist etwa dem Krösus seine Frau oder dem Rothschild seine einzige Tochter, he? »Ich bin reich!« »Reich? Jetzt nun bleibt mir alleweil der Verstand im Kopfe still stehn! Das Dirndl will reich sein! Wieviel hast denn im Vermögen?« »Tausend Mark.« »So! Und da bist halt reich? Hast wohl Wespen im Kopf? Tausend Mark, das ist ein Quark! Verstanden! Und die willst etwa alle gleich hinübertragen?« »Ja.« »Schön! Trag sie 'nüber! Aber von mir bekommst sie nicht. Das sag ich Dir gleich. Man sollt gar nicht glauben, was sich so ein Dirndl gleich einbilden thut, wann ihr 'mal die Lieb verkehrt läuft. Jetzt ist der Anton todt, und nun will sie vor Grimm gleich Alles derschlagen; sogar ihr ganzes Geldl will sie todtschlagen. Da wird nix daraus! Da bin ich halt auch noch da, der Path und Vormund. Heut wird überhaupt nix unternommen, gar nix. Man soll nicht gleich im ersten Augenblick thun, was Einem einfallt, sondern man soll sich sein hübsch Alles überlegen. Wart bis morgen; dann ist auch noch ein Tag!« So sprach er nach seiner kräftigen, halb komischen Manier in sie hinein, und es gelang dem guten Alten wirklich, sie einigermaßen zu beruhigen. Sie erklärte, warten zu wollen, bis man auch auf der andern Seite des Felsengrates gesucht habe. Indessen wurde ein Mädchen, welches grad Zeit hatte, hinauf zur Alm geschickt, um dort einstweilen Leni's Stelle zu vertreten, damit die Kühe nicht eingeschlossen blieben und zur Weide gehen konnten. Erst gegen Mittag kamen die Leute zurück. Sie hatten nichts gefunden, da die eine Seite des Abgrundes so unzugänglich war, daß man gar nicht hinabgelangen konnte. Da unten mußte vermutlich der vollständig zerschmetterte Leichnam liegen. Als Leni diese Nachricht erhielt, brach sie vor Schmerz fast zusammen. Der Wurzelsepp saß bei ihr und weinte mit. Sein Liebling war ihm so an das alte Herz gewachsen, daß er den Schmerz des schönen Mädchens tief mitfühlte. »Wer hätt' das gedacht,« sagte er, »weißt, gestern, als wir mit einander jodelten, und der König kam dazu. Hast denn nicht gewußt, daß er es war?« »Nein.« »Ja, ich kanns mir denken, wie das gewesen ist. Erst hasts nicht gewußt, und nachher, als Du es merktest, hast keine Zeit gehabt, an den König zu denken. Jetzt gehts auch ihm zu nahe, denn er ist wohl ein Wenig mit schuld daran. Er denkt nicht an die Gamserln und sitzt beim Pfarr wie ein Einsiedlermönch. Aber Du darfst den Kopf nicht sinken lassen. Du bist halt nicht die Einzige, die so etwas erlebt. Andere können halt auch davon reden.« »Du nicht, Path Sepp!« »Ich nicht? Was?« »Nein, Du nicht. Du bist ein alter Junggesell und hast keinen solchen Kummer gehabt.« »So, also ich nicht! Sag doch einmal, was schlimmer ist, wenn der Liebste stirbt, oder wenn er Einem untreu wird.« »Nun, die Untreu ist wohl noch schlimmer als der Tod.« »Siehst! Warum bin ich denn Junggesell blieben, he? Ich hab nie nicht gemeint, daß ich ledig bleiben werd. Ich hab auch ein Mädchen gern gehabt, so sehr gern, daß ich glaubt hab, ohne sie gar nicht sein und leben zu können. Da bin ich eingezogen worden zum Militair und hab fort gemußt. Erst hat sie mir geschrieben, dann immer weniger und endlich gar nicht mehr. Und als ich nachher wieder heim kommen bin, ist sie mit einem Andern verheirathet gewesen.« »Das war schlecht!« »Meinst? Es hat da wohl einen Grund gegeben, daß sie mein nimmer hat denken wollen. Ich bin verleumdet worden. Weißt, wie der ihrige Mann nachher geheißen hat?« »Nein. Wie?« »Berghuber war sein Name.« »Herrgott, das ist ja der meinige!« »Ja, sie ist Deine Mutter gewesen.« »Wer davon weiß ich doch gar nix!« »Ist auch nicht nöthig. Heut aber, wo Du thust, als ob Du alls Elend der Welt allein zu tragen hast, da hab ich Dirs sagen wollen. Damals ist mirs auch gewesen, als ob ich vor Gram und Harm zerfließen soll; aber ich hab mich halt aufgerafft und bin sogar der Freund meines Nebenbuhlers geworden. Er hat mich zu Deinem Pathen gebeten, und dann, als Deine Muttern starb und nachher auch der Vater, da bin ich Dir Vater und Mutter gewesen und will es bleiben, bis der Herrgott mich von hinnen ruft. Je älter man wird, desto mehr sinkt die Erd mit all ihrem Jammer in das Nichts zusammen. Man kommt dem Himmel näher und hört bereits die lieben Englein die Cympeln und die Harfen stimmen. Willst mir einen Gefallen thun, so geh jetzt mit zum Kirchhof, wo draußen Deine Eltern liegen. Da wollen wir beten, und dann wird Dir Dein armes, junges Herz ruhig werden, so wie das meinige auch ruhig geworden ist durch das Gebet und in der Arbeit und Sorg des Lebens. Willst mit, Leni?« »Ja, komm, lieber Path!« Sie gab ihm die Hand, und so gingen sie durch das Dorf nach dem Kirchhofe, in dessen Mitte die Kirche stand. Die Thür war offen. »Horch!« sagte der Sepp. »Der Cantor probirt.« Es waren soeben die getragenen Töne des Chorales zu vernehme«: »Steig nieder, Gott, vom Himmelsthrone, Und schenk mir Deines Friedens Ruh. Mich drückt des Schmerzes Dornenkrone; Mein einz'ger Trost, o Herr, bist Du.« »Kennst das Lied?« fragte der Sepp. »Das paßt für Dich und auch für mich. Wollen wir einmal eintreten und uns hinsetzen. Wann ich die Orgel höre, so ist es mir stets, als ob der Herrgott herniederlange, um mir Balsam in das alte Herz zu träufeln. Den brauchst auch Du jetzund.« Er führte sie hinein. Sie setzten sich auf eine der gleich voran stehenden Bänke und lauschten. Der Cantor war ein guter Organist. Er verstand, mit den Registern umzugehen. Er spielte eine Melodie nach der andern, nicht blos Kirchenlieder, sondern auch andere. Zuletzt ging er zu dem ergreifenden Gebete über: »Herr, ich trete im Gebete Vor Dein heilig Angesicht. Laß Dir sagen meine Klagen; Höre, was mein Flehen spricht. Meines Lebens kurze Stunden Neigen sich zum Abendroth; Alles Hoffen ist verschwunden, Und mein Sein sinkt in den Tod. Darum trete im Gebete Ich jetzt vor Dein Angesicht. Laß Dir sagen meine Klagen; Höre, was mein Flehen spricht!« Diese Melodie wirkt unwiderstehlich auf jedes empfängliche Gemüth. Leni saß da, mit gefalteten Händen, und in lauter Thränentropfen löste sich der Schmerz von ihrem Herzen. Auch der Wurzelsepp fuhr sich fleißig mit der Hand nach den Augen. Beide hatten gar nicht bemerkt, daß sie nicht mehr allein seien, sondern daß hinter ihnen Einer stand, der sie teilnehmend beobachtete. Als dann der letzte Ton verklungen war, legte sich eine Hand auf Leni's Achsel. »Kommt mit mir! Ich habe mit Euch zu sprechen.« Sie drehten sich um. »O Himmel! Der König!« sagte der Sepp. »Erschrickst Du vor mir?« »Nein, Majestät. Mein Gewissen ist gut, wenn auch grad jetzt uns die Herzen schwer sind.« »So geht mit mir! Vielleicht gelingt es mir, sie Euch zu erleichtern.« – – – Zweites Capitel. Gebrochene Liebe. Der Krikelanton hatte, seit er so glücklich gewesen war, den Kuß Leni's auf seinen Lippen zu fühlen, wirklich eine solche innere Leichtigkeit empfunden, als ob er nun fliegen könne. Er war ein berühmter Bergsteiger, hatte tausendmal zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod gehangen und dem Verderben kühn in das grosse Angesicht geschaut. Ein Wagniß wie das, da über den Grat zu gelangen, hatte er freilich noch nicht unternommen; aber er sagte sich, was eine Mondsüchtige leiste, könne auch er vollbringen und so hatte er in seiner Verwegenheit Leni zugerufen: »Ich kann fliegen; weißt's ja!« Uebrigens gab es keinen Ausweg für ihn. Widerstand wollte er nicht leisten, um die Strafe nicht zu erhöhen; ohne ihn kam er aber nicht durch, und da er sich auch nicht ergreifen lassen wollte, so mußte er eben über die schmale, scharfe Felsenkante hinüber. Er wußte zur Genüge daß es darauf ankam, keinen Fehltritt zu thun und das Gleichgewicht zu erhalten. Seinen Alpenstock hatte er zurücklassen müssen, und darum bückte er sich, hart an der Kante angekommen, nieder und hob zwei schwere Steine auf, mit denen er, in jeder Hand einen, balanciren konnte. So betrat er den mehr als gefährlichen Grat. Ueber sich den Vollmond, welcher ihn hell beleuchtete, unter den Füßen den scharfen Felsen, blickte er nur auf diesen Letzteren und hütete sich, einen Blick rechts und links hinunter in die gähnende Tiefe zu thun. Es ging besser, als er gedacht hatte. Verlor er ja das Gleichgewicht, so konnte er sich niedersinken lassen, um sich auf den Felsengrat zu legen. Nur mußte er sich hüten, schwindelig zu werden. In diesem Falle war er unbedingt verloren. Uebrigens beruhigte ihn das Bewußtsein, daß er niemals auch nur die geringste Anwandlung eines Schwindels gefühlt hatte. So schritt er weiter und weiter. Er hörte die Rufe hinter sich, konnte sie aber natürlich nicht beachten. Sorge machte ihm nur das Wölkchen, welches sich sehr schnell dem Monde näherte. Verdunkelte es diesen so sehr, daß er den Fels nicht mehr erkennen konnte, so konnte er seine Rechnung mit dem Leben schließen. Da ertönte das »Halt!« des Oberförsters hinter ihm. Es wurde wiederholt. »Wird er etwa gar schießen, wenn er zum dritten Male gerufen hat, und ich gehorche nicht?« fragte sich Anton. Der Oberförster war als ein ausgezeichneter Schütze bekannt. Es stand nicht zu erwarten, daß seine Kugel fehl gehen werde, zumal bei der fast tageshellen Mondesbeleuchtung. Dennoch durchzuckte den Wilderer ein rascher Gedanke. Er konnte die Beamten täuschen, so daß sie glauben mußten, daß er hinabgestürzt sei. Grad dazu war ihm das Wölkchen höchst willkommen. Der Ruf des Oberförsters ertönte zum dritten Male, dann krachte der Schuß. Anton fühlte Etwas, als ob er durch ein Rohr stark angeblasen worden sei; das war vom Luftdruck der hart an seinem Kopfe vorübergehenden Kugel. In demselben Augenblicke zog das Wölkchen vor den Mond, denselben ziemlich stark verdunkelnd, so daß Anton nicht von der Alm aus gesehen werden aber doch den unter seinen Füßen liegenden Felsengrat noch gut erkennen konnte. Schnell that er zehn – fünfzehn – zwanzig Schritte vorwärts; dann ließ er sich nieder und legte sich auf den Felsen. Schüsse und Rufe ertönten auch von da herüber, wohin er wollte. Das waren jedenfalls Leute, die dorthin postirt waren, um ihm auch jenseits den Weg nach Oesterreich abzuschneiden. Dann trat eine augenblickliche Stille ein. Er nahm an, daß Alle dahin blicken würden, wo er sich im Momente des Schusses befunden hatte, und da er zwanzig Schritte weiter vorgerückt war, so sah man ihn wohl nicht, obgleich das Wölkchen den Mond jetzt wieder freigegeben hatte. Er ließ die Steine in die Tiefe fallen. Das Geräusch, welches sie verursachten, mußte die Leute auf den Gedanken bringen, er selbst sei abgestürzt. Laute Schreckensrufe waren hinter ihm erklungen, ein Beweis; daß seine Absicht, die Männer zu täuschen, gelungen sei. Nun kroch er vorwärts, den Körper in liegender Stellung haltend, nicht langsam, sondern möglichst schnell, wie ein Wiesel, so gewandt. Das mußte er, denn er hörte eilige Schritte von der Höhe, nach welcher er seine Flucht richtete, herabkommen und laute aufmunternde Stimmen erschallen. Er mußte eher als diese Leute an dem Rande des Abgrundes ankommen. Jetzt erreichte er die Stelle, wo der Schatten des Berges sich auf den Felsengrat legte, doch war dieser Letztere noch immer zu erkennen. Er erhob sich und balancirte sich weiter. »Ist er getroffen worden?« fragte eine athemlose Stimme von aufwärts herab. »Weiß nicht,« antwortete eine andere, welche von weiter abwärts und viel näher ertönte. »So schnell, schnell, damit wir ihn noch auf dem Grat überraschen!« Jetzt galt es! Wohl noch dreißig Ellen waren zwischen Abgründen zurückzulegen. Anton sprang mehr, als er ging. Da – da – noch ein kühner, weiter, tigerartiger Satz, und er hatte den Rand erreicht. Zugleich aber tauchte die Gestalt des ersten, ihm entgegenkommenden Feindes auf. Anton sprang seitwärts weiter. Er war gesehen worden. »Halt! Halt!« rief es. Die Gefahr verlieh ihm doppelte Schnelligkeit. Er konnte unmöglich den steilen Berg empor, in den Abgrund, dem er soeben erst entgangen war, auch nicht; er mußte also grad vorwärts, seinen Verfolgern entgegen. Er schlug einen kleinen Bogen und warf sich dann glatt zur Erde nieder. Der erste Verfolger rannte in kurzer Entfernung an ihm vorüber. Jetzt erhob er sich und schnellte vorwärts. Vor ihm tauchte das Alpengebäude auf, in welchem die Nachtwandlerin wohnte. Jenseits desselben erklangen die eiligen Schritte der ihm entgegenkommenden Verfolger, und hinter ihm hatte sich der erste derselben wieder umgedreht und kam auf ihn zu. Anton befand sich also grad in ihrer Mitte. Es gab keine andere Rettung als in dem Hause. Er zog blitzschnell die Bergschuh aus, um seinen Tritt unhörbar zu machen, und sprang auf das Gebäude zu. Dieses war nicht eine gewöhnliche kleine Almhütte, sondern es bestand aus einem Erdgeschoß mit mehreren Räumen und zwei darüber liegenden Giebelstübchen. Das Dach ragte nach der Sitte des Gebirges weit vor. Eben wollte er um die Ecke des Hauses biegen, hielt aber den eiligen Schritt noch zur rechten Zeit an, um erst um dieselbe zu blicken. Er sah da zwei Gestalten stehen, eine männliche und eine weibliche, die er sofort als die Mondsüchtige erkannte. Dahin konnte er also nicht. Wohin aber denn? Die hintere Seite des Häuschens war an den Berg gebaut; er konnte also hinten nicht vorüber. Er erhob den Blick. Das Giebelfensterchen oben war erleuchtet. Unten im Erdgeschoß gab es auf dieser Giebelseite zwei Fenster, deren eins mit einem Laden verschlossen war; das andere stand offen, und es brannte da kein Licht. Schnell stieg er hinein, die Schuh natürlich fest in der Hand haltend. Gegenüber dem Fenster mußte die Thür liegen. Er ging auf dieselbe zu. Sie war nur angelehnt. Draußen im engen Flur stand eine Lampe. Jedenfalls hatten die beiden vor dem Hause stehenden Personen sich hier in der Stube befunden, hatten die Schüsse und Rufe vernommen und waren hinaus geeilt, die Lampe mit sich nehmend und im Hausflur niedersetzend. Hier unten durfte er nicht bleiben. Vielleicht gab es oben einen Versteck. Eine schmale Stiege führte empor. Er bemerkte, daß die Hausthür so wenig offen stand, daß er von den beiden draußen Stehenden nicht gesehen werden konnte, trat schnell in den Flur hinaus und stieg eiligst die Stiege hinauf. Oben war es dunkel. Er tappte mit den Händen umher; der Platz war sehr eng, rechts und links eine Thür, vor und hinter sich das Dach. Die Thür zur rechten Hand war verschlossen, die zur Linken nicht. Aber er wußte ja, daß hinter der Letzteren eine Lampe brannte. Sollte er da hinein? War Jemand drin? Während er überlegte, hörte er unten Stimmen und die deutlichen Worte: »Ist er hier vorüber?« »Nein.« »So muß er ins Haus herein sein.« »Unmöglich!« meinte eine andere Stimme, nämlich diejenige des Mannes, welcher mit der Nachtwandlerin vor dem Hause gestanden hatte. »Wissen Sie das genau, gnädiger Herr?« »Ja. Sobald der Schuß erschallte, bin ich mit meiner Cousine hier vor die Thür gegangen und habe bis jetzt den Platz nicht verlassen. Ich hätte es also sehen müssen, wenn eine Person eingetreten wäre. Uebrigens würde ich einem Flüchtigen jedenfalls den Eingang energisch verwehrt haben.« »Einen zweiten Eingang giebt es nicht?« »Nein.« »Aber am Giebel steht das Fenster offen. Er könnte ohne Ihr Wissen da eingestiegen sein. Ich muß Ihnen leider beschwerlich fallen und Sie höflichst ersuchen, nachschauen zu dürfen.« »Thun Sie es!« Wie gut war es, daß Anton nicht in der Unterstube geblieben war. Es gab jetzt keine Wahl mehr, er mußte in die erleuchtete Oberstube treten. Leise klinkte er die Thür auf. Es bot sich ihm ein überraschender Anblick dar. In dem kleinen, niedrigen Raume befand sich ein weiß überzogenes Bett, ein länglicher Tisch, zwei Stühle, ein Spiegel, eine Kommode und ein kleiner Hundeofen. Auf dem Tisch brannte die Lampe. Das wäre nun nichts Merkwürdiges gewesen; aber am Fenster stand, das Gesicht nach der Thür gerichtet, eine Dame im Alter von vielleicht achtundzwanzig bis dreißig Jahren. Sie war höchst üppig, ja stark gebaut. Man hätte ihren Anzug für ein Schlafnegligé halten können, wenn nicht einiges Fremdartige dabei gewesen wäre. Sie trug nämlich ein langes, bis fast auf die Knöchel reichendes, weißes, hemdartiges Gewand, welches über den Hüften von einem Gürtel festgehalten wurde und die Formen des colossalen Busens deutlich sehen ließ. Um den entblößten Hals legte sich eine breite Goldkette. Das Gewand hatte keine Aermel; die fetten Arme waren nackt und über dem Ellenbogen und an den Handgelenken mit Spangen versehen. Auch die Füße waren nackt und trugen eine für das bayrische Oberland und die herbstliche Jahreszeit verwunderliche Bekleidung, nämlich Sandalen, welche mit um den Unterschenkel kreuzweise geschlungenen Riemen befestigt waren. Das Haar war in einen griechischen Knoten geschlungen, und über der Stirn glänzte ein breites, hohes Diadem. Das Gesicht dieser Dame war sehr bleich und zeigte den Ausdruck größter Gutmüthigkeit, nur jetzt in diesem Augenblicke nicht, an welchem sie Anton eintreten und die Thür hinter sich zuziehen und verriegeln sah. Sie erschrak natürlich über sein Erscheinen. »Gott! Was woll – – –« Sie rief das lauter, als ihm nöthig erschien. Er unterbrach sie schnell mit einer bittenden, beruhigenden Armbewegung, beugte sich vor, als ob er vor ihr niederknien wolle, und sagte mit von der gehabten Lungenanstrengung zitternder Stimme: »Rette mich!« Sofort nahm ihr Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an, fast des Entzückens. »Retten?« fragte sie. »Ists ein Abenteuer?« »Ein lebensgefährliches sogar.« »Ein Liebesabenteuer?« »Ist auch dabei.« »O wunderschön! Wunderschön!« Sie nahm die Feder, welche hinter ihrem Ohre steckte, hervor und legte sie auf den Tisch zu den Schreibereien, welche sich dort befanden. »Er nennt mich sogar gleich Du!« flüsterte sie entzückt. »Bist Du Der, welchen sie suchen?« »Ja.« »Sie wollten Dich erschießen?« »Grad als ich auf der Felswand lief.« »Herr, mein Gott! Dahin hast Du Dich gewagt! Mensch, kannst Du fliegen? Du bist ein Held! Warum verfolgt man Dich?« »Weil ich ein Gamserl geschossen hab.« »So bist Du ein Gemsenjäger? Wohl gar ein Wildschütz?« »Es ist schon so.« »Dann rette ich Dich! Du bist mir hoch willkommen, ein Sujet, wie ich es gar nicht interessanter finden konnte!« »So mach halt schnell; sie werden gleich kommen!« »Leg Dich ins Bett! Ich decke Dich zu!« »Nein, das thue ich nicht. Ich will mich nicht aus dem Schlafkasten heben lassen. Ich steig zum Fenster hinaus – – –« »Unten steht eine Wache!« »Das thut nix. Ich will gar nicht hinab, sondern mich nur auf den Dachbalken setzen.« »Auf den Sparren? Der Wächter wirds hören.« »Nein, gar nicht. Ich weiß schon so leise zu machen, wie ein Mäusle. Thu mir das Licht einen Augenblick weg, damit man mich nicht hinaussteigen sieht und mach das Fenster dann zu. Nachher aber, wann sie fort sind, kannst mich wieder hereinschlupfen lassen.« »Gut! Schnell! Ich glaub, sie kommen schon.« Es ließen sich wirklich Schritte auf der Treppe vernehmen. Die sonderbare Dame stellte das Licht unter den Tisch. Anton hatte die Schuhe wieder angezogen und trat an das offene, jetzt dunkle Fenster. Als er hinunterblickte, zeigte ihm sein scharfes Auge, daß der Wächter für einen Augenblick um die Ecke gegangen war. Ueber dem Fenster ragte der Dachwinkel wohl gegen zwei Ellen über die Mauer hervor; die Sparren waren durch zwei Querbalken verbunden. Anton schwang sich auf diese Letzteren hinauf. Da klopfte es auch schon an der Thür. »Franza!« sagte eine Stimme. Sie machte das Fenster zu, hob die Lampe wieder auf den Tisch und wendete sich dann in der stolzen Haltung eines Feldherrn nach der Thür. »Was ist?« fragte sie. »Bitte, mach auf!« »Für wen?« »Es ist Polizei da.« »Kann nicht. Ich dichte und befinde mich also im Costüm.« »So wirf Etwas über!« »Warte!« Die Garderobe befand sich wohl unten, denn in dem Stübchen war gar nichts zu sehen, was einem Mantel oder Umschlagetuch ähnlich gewesen wäre. Die Dichterin aber wußte sich zu helfen. Sie zog die weiße, gewaffelte Tagesdecke vom Bette, warf sie um sich und schloß dann auf. »Tretet herein, Ihr Mandataren des allmächtigen Gesetzes!« Sie sagte das in einer Haltung und einem Tone, als ob sie sich als Heldenspielerin auf der Bühne befinde. Ein junger Herr in Civil und zwei Jäger kamen herein. »Verzeihung, Cousine!« bat der Erstere. »Diese Herren verfolgen einen Verbrecher und wollen sich überzeugen, daß er sich nicht hier bei Dir befindet.« »Einen Verbrecher? Ich wollte, er wäre hier! Ich könnte ihn gebrauchen!« »Du scherzest!« »Nein. Es ist mein völliger Ernst. Ich brauche ein schreckliches Individuum als Sujet zu meinem neuen Romane. Meine Herren, wenn Sie den Kerl finden, so bringen Sie ihn für einige Stunden zu mir. Ich will sehen, welche Gräuel ich ihm entlocken kann. Mein Roman soll nämlich den Titel haben: Der Schauder-, Schucker-, Schreckenskönig oder der Waldteufel in der Gebirgshölle. Gedichtet und erlebt von Gräfin Furchta Angstina von Entsetzensberg.« Die beiden Fremden wußten nicht, woran sie waren. Der Eine machte ein Gesicht, als ob er vor Mitleid schluchzen wolle, und der Andere sah aus, als ob er sich die größte Mühe gebe, das Lachen zu verbeißen. »Also, meine Herren, suchen Sie!« sagte die Dichterin, mit einer wahrhaft königlichen Armbewegung in dem Stübchen umherzeigend. Die Jäger blickten unter den Tisch und unter das Bette, griffen auch in dasselbe hinein. »Hier ist er nicht,« sagte der Eine, »Und das Fenster ist auch zu. Er kann also nicht hereingestiegen sein.« »Nein. Dazu müßte er auch eine Gestalt haben wie der Wolkenschieber Ranunkulus. Wollen Sie vielleicht auch noch hier herein sehen, um sich zu überzeugen?« Sie zog den Tischkasten auf. Der Jäger hatte eine scharfe Zurechtweisung auf den Lippen, auf einen begütigenden Blick des Civilisten aber sagte er nur: »Da müßte er nun desto kleiner sein. Verzeihung, daß wir gestört haben, Fräulein von Stauffen!« Sie gingen. Als sie draußen die Thür hinter sich zugemacht hatten, sagte der Civilist: »Sie dürfen meiner Cousine nicht zürnen. Sie leidet an Dichterithis.« »Was ist das?« »Sie will dichten und Romane schreiben und bringt nichts fertig; das hat ihr den Kopf verdreht, und darum ist sie zuweilen nicht so ganz zurechnungsfähig.« Die Jäger verabschiedeten sich. Draußen an dem Giebel, wo die Wache stand, blieben sie noch einen Augenblick stehen. Einer sagte: »Eine unglückliche Familie! Die eine Tochter ist mondsüchtig, und die andere hat den Dichterwahnsinn. Ich wäre grob geworden, wenn der Freiherr von Brenner mir nicht gewinkt hätte. Wo aber ist nun der Krikelanton!« »Er ist uns also doch entkommen.« »Das ist gradezu unmöglich. Vorüber hat er nicht gekonnt, und rückwärts in den Abgrund wird er doch auch nicht gesprungen sein. Hast Du ihn denn genau gesehen?« »Hm! Ganz deutlich nicht. Hier hüben scheint der Mond ja nicht.« »Es ist irgend ein Schatten gewesen, den Du für den Anton gehalten hast.« »Ich hab aber doch seine Schritte gehört!« »Das werden wohl die unserigen gewesen sein. Nein, er ist sicher erschossen worden und in die Tiefe gestürzt.« »Wollen wir hinab?« »Nein, das dürfen wir nicht. Wir können unsern Posten nur dann verlassen, wenn wir abgelöst werden, also zur Mittagszeit. Kommt!« Sie entfernten sich. Anton hatte jedes Wort gehört. Er war nun seiner Rettung gewiß, wartete eine Weile und klopfte sodann an das Fenster. Franza von Stauffen öffnete und fragte: »Sind sie fort?« »Ja.« »So komm herein?« Er stieg hinein. Als er nun vor ihr stand, machte sie das Fenster wieder zu und betrachtete ihn. »Also so sieht ein Wilderer aus!« meinte sie, ihn mit wohlgefälligem Blicke in das kühn geschnittene Gesicht blickend. »Gefall ich Dir nicht?« »Oja, Du gefällst mir sehr gut, und ich freue mich, Dich gerettet zu haben.« »Ich werd es Dir halt nimmer vergessen. Hab Dank auch tausendmal!« Er streckte ihr die Hand entgegen, welche sie freudig ergriff. Ihr Gesicht nahm einen beinahe liebevollen Ausdruck an. »Hast Du jetzt noch Zeit?« fragte sie. »Ja. Ich kann halt noch nicht fort.« »So setz Dich. Ich will mir mein Sujet auch nicht so schnell entgehen lassen. »Was ist das für ein Wort?« »Süscheh wird es ausgesprochen und Sujet geschrieben. Es ist französisch und heißt so viel wie Gegenstand zu einem Gedichte oder Romane. Du sollst das Sujet für den Roman sein, den ich zu schreiben gedenke. Du scheinst ein sehr tüchtiger Kerl zu sein. Ich liebe die Alpenwelt. Kennst Du den Tell von Uhland?« »Den Tell kenne ich; aber der meinige ist von Bürglen in Uri und nicht von Uhland. Den Ort kenne ich gar nicht.« Da lachte sie auf und meinte: »Kostbar, sehr kostbar! Eine richtige Gebirgsnaivität! Komm her; ich muß Dich küssen!« Sie trat auf ihn zu und wollte ihn auf die Stirn küssen. Er wehrte ihr erschrocken ab. »Laß sein! Ich mag kein Geschmatz. Ich kenn Dich ja gar nicht.« »Aber Du wirst mich schon noch kennen lernen. Uhland ist gar kein Ort, sondern ein Dichter, der auch über die Alpen gedichtet hat. Da sagt er: »Grün wird die Alpe werden, Stürzt die Lawin' einmal; Zu Berge ziehn die Heerden, Fuhr erst der Schnee zu Thal.« und ich, die ich auch Dichterin bin, würde hinzusetzen: »Mit innigen Geberden Grüß ich Euch tausendmal!« »Die Heerden?« »Ja, die Heerden, die Lawinen, die Berge und auch Dich. Du bist gewandt, stark, schön und verwegen. Auf Dich paßt die Strophe: »Wär ich ein Sohn der Berge, Ein Hirt am ewgen Schnee, Wär ich ein kecker Ferge Auf Uri's grünem See,« und ich, die ich auch Dichterin bin, würde hinzusetzen: »So thäten mir die Zwerge Ja meinem Herzen weh.« »Hast etwan Zwerge verschluckt?« »O nein! Das ist nur eine dichterische Redeblume. Ich meine damit die vielen kleinen Gefühle, welche im Herzen wohnen.« »Das ist ganz besonderbarlich. Ich pfleg das Ding beim richtigen Namen zu nennen. Du schaust doch sonst gar nicht aus, als ob Du verrückt seist!« »Verrückt? Das ist kostbar, höchst kostbar. Ich muß Dich küssen.« Er streckte sofort zur Abwehr die Arme vor. »Nein, nein! Ich dank schön! Ich hab der Leni versprochen, nur sie allein zu busseln.« »Du hast eine Leni?« »Na, und was für eine! Die hat Augen wie Karfunkel und eine Stimm wie ein Nachtergall. So krähen wie die kann nicht mal der allerbeste Hahn im Dorf. S' ist eine Pracht!« »Die möcht ich sehen!« »Hast sie noch nicht geschaut, die Sennerin da drüben?« »Die? Ja, die hab ich wohl gesehen. Sie ist ein bildsauberes Mädchen. Du hast sie wohl sehr lieb?« »Lieb! So lieb, so ganz lieb, daß ich sie halt gleich fressen möcht, auch ohne daß sie ehebevor in der Pfann gebraten ist. Sie ist appetitlich wie Keine.« »Auch appetitlicher als ich?« Er kam in Verlegenheit, zog sich aber aus derselben durch die Antwort: »Ja schau, das kommt halt auf den Geschmack an. Wer eine Sennerin haben will, so recht derb und kräftig, der muß sich eine Leni nehmen; wer aber eine Dichterin begehrt, weich und fett wie eine Martinsgans, der muß zu Dir kommen.« Sie brach abermals in ein herzliches Lachen aus. »Eine Martinsgans! Welch eine köstliche, glückselige Unbefangenheit! Du bezauberst mich ganz und gar. Komm her; ich muß Dich – – –« »Bleib mir vom Leib!« fiel er schnell ein. »Ich darf mich halt nicht von einer Jeden im Gesicht bemaulen lassen. Wann ich schmutzig bin, wasch ich mich schon stets selber ab. Ich geb es ja zu, daß Du ein besonderlich hübsches Weibsbild bist, obgleich Du Dich in das Bettlaken eingewickelt hast wie ein Gespenst; aber deswegen brauchst mich doch nicht immer busseln zu wollen. Damit laß mich aus!« »Prächtig, ausgezeichnet!« lachte sie noch immer. »Du bist der richtige Alpensohn, den ich mir nur wünschen kann. Du wirst mein bestes Sujet sein. Und wenn Dich die Decke stört, so will ich sie ablegen.« Sie warf sie von sich und stand nun wieder in ihrer vorigen, fremdartigen Kleidung vor ihm. Er musterte sie mit eigenthümlichem Blicke. Er hatte das Gefühl, daß sie vielleicht an ihrem geistigen Zustande unschuldig sei, denn er wußte gar wohl, daß gewisse Krankheiten und Sünden der Eltern sich an den Kindern rächen. Darum fühlte er ein aufrichtiges Wohlwollen und ein mit Respect gepaartes Mitleid für sie. »Aber sag, gehst Du denn in diesem Hemd auch auf die Gaß?« fragte er »Hemd? Das ist eine Tunika. Sieh mich doch an, was ich eigentlich vorstelle!« »Wohl eine Seiltänzerin?« »Welch eine Verwechslung! Weißt Du, wer Kalliopo und Erato sind?« »Nein. Sinds vielleicht fremde Thiere? Etwan Papageiern?« »Ganz Alpenkind, ganz Alpenkind! Kalliopo und Erato sind die Musen der Dichtkunst. Ich bin als Erato gekleidet. Nur in diesem Gewande kommt der Geist über mich.« »Alle guten Geister loben ihren Meister!« rief er aus, drei Kreuze schlagend. »Ich meine nicht ein Gespenst, sondern den Geist der Dichtkunst. Der hat jetzt Deine Gestalt angenommen. Dein Erscheinen begeistert mich zu einem Alpenroman oder zu Alpenliedern, durch welche ich großen Ruhm erlangen werde. Schon wenn ich Dich nur ansehe, möchte ich gleich singen: Zu Dir zieht michs hin. Wo ich geh und bin, Hab nicht Rast und Ruh, Bist ein netter Bu! und dazu möcht ich in alle Welt hinausjodeln, daß man es von Island bis nach Sizilien hört.« »Verschluck nur keine Noten dabei. Laß das Jodeln lieber mir und der Leni über.« »Ja, die ist Meisterin im Jodeln; das habe ich sehr oft gehört. Erzähle mir doch von ihr, damit ich Euch kennen lerne und über Euch schreiben kann!« Da traf sie den richtigen Punkt. Er sprach gar zu gern von der Leni. Doch meinte er: »Erzählen will ich Dir wohl Alles, aber aus dem Schreiben wird nix. Wann wir einander einen Brief senden wollen, knaxen wir ihn selber zusammen. Wann auch die Buchstaben ausschaun wie Hühnertapfen, so wissen wir halt doch, was es zu bedeuten hat.« Und nun begann er, zu erzählen, von sich und seinen alten, armen Eltern, von der Leni, von ihren beiderseitigen Verhältnissen und Erlebnissen und endlich auch von dem Ereignisse der letzten Nacht. Das Interesse der Dichterin wuchs von Wort zu Wort. Die Liebe des Sohnes zu den Eltern that ihr wohl und nahm ihre ganze Sympathie in Anspruch. Und nun erst seine heutige Flucht! »Anton, Du bist ja der reine Held!« sagte sie am Schlusse seiner Erzählung. »Also sogar einen Bär hast Du geschossen! Hast Du Dich nicht gefürchtet?« »Gefürchtet? Etwan vor ihm? Das fallt mir doch nimmer ein! Wann er sich muxt, so bekommt er die Kugel, und dann ists ab.« »Du bist wirklich ein außerordentlicher Mensch, ein Bayard, ein Roland, ein – ein – –ich finde gar keine Worte; ich muß es Dir durch die That beweisen, wie ich Dich achte. Komm her, und laß Dich küssen!« »Halt! Komm mir nicht zu nahe! Willst nun endlich Ruhe geben oder nicht! Was hast denn nur von dem Geküß und Geschnalz! Nimm den Löffel, und iß eine Hollundersuppen mit Knoblauch dran! Das schmeckt grad ganz genauer so wie ein Busserl mit Schnurrbart. Oder kauf Dir einen Hampelmann vom Jahrmarkt! Mit dem kannst schamerirn und Honig kaun nach Noten!« Sie schüttelte sich vor Lachen. »Das wird besser und immer besser! Anton, Dein ganzes Leben ist ein Roman; ich will auch selbst eine Rolle in demselben spielen. Ich will mit thätig eingreifen in die Gestaltung Deiner Zukunft. Darf ich?« »Meinswegen! Aber der Griff darf nicht wehe thun. Verstanden?« »Hab keine Sorge! Zunächst gilt es, Dich aus der gegenwärtigen Verlegenheit zu reißen. Wohin willst Du fliehen?« »Zunächst zu den Eltern.« »Wo wohnen die?« »Jenseits der Grenz im Salzburgischen, in der Gegend von Elsbethen.« »Und Du kannst nicht hinüber?« »Es wird halt schwer gehen. Allüberall sind die Wege besetzt, daß ich nicht hindurch kann.« »Ich bringe Dich dennoch hinüber.« »Du?« fragte er ungläubig. »Ja, ich!« »In wieso denn?« »Wir verkleiden Dich.« »Verkleiden? Meinst, daß ich etwan ein ander Gewandl anthu?« »Ja. Dann kennen sie Dich nicht.« »Als was soll ich da laufen?« »Als Cavalier.« »Cavalier? Das kenne ich nicht. Mußts richtig sagen! Du meinst doch wohl als Kavallerist?« »Nein. Cavalier ist ein feiner Herr, der vornehme Kleider und Manieren hat.« »Na, das kann ich schon!« »Fein und vornehm sein?« »Kannsts nur glauben! Ich kann die Beine spreizen und ein Gesicht machen, daß der Kalk vor lauter Angst und Demuth von den Wänden fällt. Wann ich den Schnurrwichs dreh und die Augen verzerr, mal nach rechts und dann mal nach links, so reißen alle Hunde aus, weil sie denken, ich bin tollwüthig und beiß sie an. Nicht wahr, das ist so wie ein Cavallerier?« »Ja, so ähnlich. Kannst Du reiten?« »Und ob! Ich bring das Pferd weit eher auf mich, als daß es mich unter sich kriegt. Ich bin sogar schon mal auf einer Kuh geritten. Das war ein Gespaß! Kannst Dirs denken.« »Und wann möchtest Du da von hier fort?« »Noch während der Nacht.« »Gut. Mein Vater ist verreist, und damit ich mit der Schwester indessen nicht allein bin, ist der Cousin Freiherr von Brenner einstweilen hier, derselbe der vorhin mit den Jägern bei mir war. Der Vater hat fast Deine Gestalt, und Niemand wird es merken, wenn ich Dir einen Anzug von ihm leihe. Soll ich ihn holen?« »Ja, hole ihn. Ich will sehen, ob man aus so einem Gewand den Krikelanton herausfinden wird. Ich bin fast neubegierig darauf.« Sie ging. Er mußte lange Zeit warten, bis sie mit einem Pack Kleider und Wäsche zurückkam. »Wir haben zu laut gesprochen,« warnte sie. »Die Schwester schläft, aber der Cousin fragte mich, was ich für einen Lärm hier oben mache.« »Was hast geantwortet?« »Daß ich declamir.« »In der Nacht?« »Das sind sie von mir gewöhnt. Also hier hast Du Hose, Weste, Rock, Ueberrock, Hut, Stiefel, Hemde, Taschentuch, Cravatte und Manchetten.« »Da schauts freilich schlimm aus. Ich hab noch niemals nicht keine Cravatten angezogen.« »Die wird umgebunden aber nicht angezogen.« »Und die Manchetten, die passen mir nicht.« Er hielt sie kopfschüttelnd gegen das Licht. »Warum nicht?« »Meinst etwan, daß ich so einen langen, dummen Hals hab! Und nun gar zwei! Ich bin doch wohl kein Doppeladler!« »Die kommen ja an die Hände!« »An die Händ? Diese Röhren? Ich denk an die Händ zieht man Fäustlinge oder seine Handschuchers. So ein Cavalier muß doch wohl eine Uhr ganz ohne Perpedenkel im Kopfe haben; anders kann ich es mir nicht denken, sonst würd er sich nicht seinen gesunden Körper mit solchen Sachen verschimpfirn. Wann zieh ich mich denn um?« »Jetzt gleich.« »Was wird da mit Dir? Soll ich etwan in das Hemd und in die Hosen schlupfen, wann Du dabei stehst und mir zuschaust?« »Nein. Ich gehe fort und ziehe mich heimlich an.« »Du Dich? Willst auch mit fort?« »Natürlich! Ich bringe Dich heim. Wenn ich bei Dir bin, so wird Dich Jedermann für einen Verwandten von mir halten. Wir spazieren nach der Stadt hinein; dort bekommen wir Pferde und Wagen, damit fahren wir bis an Deine Hausthür.« »Sehr gut! Auf diese Weis ists möglich, daß ich nicht abgefaßt werde.« »Siehst Du, wie nützlich ich Dir werden kann! Aber dafür kannst Du mir dann einen Kuß geben!« »Fängst schon wieder an!« »Wenn ich Dich rette, ist es Undank von Dir, wenn Du nicht chevaleresk bist!« »Chevaleresk? Sag das Wort doch nur richtig! Es heißt Arabeske! Ists denn gar so nothwendig, daß ich Dir zum Dank eine Arabeske in das Gesicht gebe! Kannst doch verzichten! Ich bin einmal kein Freund von der Küsserei.« »Ich beanspruche diesen Kuß als ganz besondere Erkenntlichkeit.« »Nun gut, sollst ihn haben. Und weißt, wie?« »Wie denn?« »Ich gebe ihn meinem Vatern, und der giebt ihn Dir. So ists ganz genau dasselbe, als ob Du ihn von mir selber bekommen hältst. Weißt, der Vätern kann halt noch ganz besondern Druck drauflegen. Dann ist ein Doppelbusserl.« »Darüber werden wir noch anderweit einig. Jetzt ziehe Dich um. Ich gehe.« Sie entfernte sich und schloß ihn ein. Er machte sich über die Kleider her, die ihm so fremd waren, weil er stets nur im Aelpleranzug gegangen war. Die natürliche Folge davon war, daß die Dichterin bei ihrer Rückkehr fast laut aufgeschrieen hätte vor Lachen. Der gute Anton gewährte einen Anblick, welcher gradezu einzig genannt werden mußte. Er war eben bemüht, den rechten Handschuh an die linke Hand zu ziehen und sagte in einem höchst ärgerlichen Tone: »Das ist halt eine verdammt sakrische Geschicht. Ich weiß nicht, was ich mit die Handschucher anfangen soll. Wann ich die Finger dran zähl, so sinds fünf, und gradi fünf hab ich auch an der meinigen Hand; aber wann ich den Handschuh anzieh, so ist halt ein Finger dran zu viel. Da, schau mal her! Und der kleine Fingerl ist ganz viel zu weit abseits angesetzt. Da mag sich der Teufel reinfinden!« Er hielt ihr die Hand hin; sie betrachtete dieselbe und lachte ihn natürlich aus. »Erstens hast Du ihn an der verkehrten Hand, den rechten an der linken, und zweitens bist Du mit zwei Fingern in ein und dasselbe Fingerloch gefahren. Darum hat der Handschuh einen Finger zu viel, und Du kannst nicht hinein.« »Sakermentski! Ist es so? Aber woran kann ichs denn schauen, welches der rechte und der linke ist?« »An dem Daumen und der Oeffnung. Der von der rechten Hand sitzt links und der von der linken rechts, und die Oeffnung ist unten. Der Handschuh wird doch an der innern Handfläche zugemacht.« »Das ist mir viel zu gelehrt. Am Besten ists halt doch, man zieht gar keinen an.« »Als Cavalier mußt Du doch Handschuhe anhaben. Und wie siehst Du denn sonst noch aus! Was ist das hier mit der Weste?« »Die ist auch von einem dummen Schneider gemacht worden. Sie hat ein Knopfloch zu viel und aber dafür einen Knopf zu wenig.« »Nein. Du hast hier oben den zweiten Knopf in das erste Loch gesteckt. Und nun gar das Oberhemde!« »Ja, das ist auf dem Buckel hinten geplättet und vorn nicht!« »Nein. Du hast es ja verkehrt an, die vordere Seite hinten und die hintere vorn.« »Das ist nicht wahr. Schau, da hast den Schlitz. Der muß doch vorn sein, denn ein Hemde wird doch allemal vorn zugemacht.« »Diese Art nicht. Das ist eine ganz neumodische Sorte; die ist vorn, wo geplättet wird, zu und hinten offen.« »Na, wer sich das ausgesonnen hat, der kann sich halt auch einpöckeln lassen. Ein Hemde hinten zuzumachen! Das hab ich all mein Lebtage noch nimmer nicht gehört. Das ist ja grad ganz dasselbige, als ob ich den Stiefel auf den Kopf setzen und die Zipfelmützen an die Füß ziehen thät. Ihr Stadtleut habt doch auch weiter nix zu thun, als Euch Alfanzereien und Dummheiten auszusinnen. Da sind wir halt ganz andere Leutln!« »Ja, das sieht man hier an Deinem Anzuge. Was hast Du denn da um den Hals gewürgt?« »Das schöne weiße Tucherl.« »Das kommt ja nicht an den Hals!« »Wohin denn etwan sonst?« »In die Tasche.« »Himmelsakra! Ein Halstucherl in die Taschen! Wer hat das schon Mal vernommen!« »Es ist ja kein Halstuch sondern ein Taschentuch!« »Was sagst? So ein blitzweiß' Tucherl soll ein Nastuch sein, ein Schnupftuch zum Schneuzen?« »Ja.« »Jetzt hör mir nun mal auf! Kein vernünftiger Mensch wird sich die Nasen mit so ein fein Servietterl wischen! Wer sich da hinein schnaubt, der muß so viel Geldl haben, daß es ihm aus dem Sack herausfällt. Das kost doch wenigstens zwanzig Pfennige. Und denk Dir mal, wann ich halt ein Schnupfer wär, wie da das Tücherl ausschauen thät. Mein Mutterl gäb mir eine Watschen nach der andern ins Gesicht, wann sie es mir nachher waschen müßt. Und hier, da hast auch die Strümpf zurück.« »Wie? Die hast Du nicht angezogen?« »Nein. Ich bin darbst in die Stieferln geschlupft. Für so ein Paar saubere Strumpfen ists doch halt jammerschad, wann man sie dreckig machen oder gar zerreißen wollt. Wann ich so leben wollt wie Du, so müßt ich grad ein Rothschild sein. Wo denkst hin! Und nun sag, wozu ist denn das seidene Banderl mit der breiten Schlupfen daran?« »Das ist der Schlips.« »Schlips? Was ist das? Etwan das Strumpfband?« »Nein, sondern das Halsband.« »Ach, es kommt um den Hals? Schau, schau! Da kannst mich nur gleich damit an den nächsten Nagel oder Baumast aufknüpfen. Um den Hals bring ich so ein Ding schon gar nimmer nicht.« »Ich werde Dir helfen. Komm!« Sie band ihm das Schnupftuch vom Halse ab; da zeigte es sich, daß er keinen Kragen angeknöpft hatte. »Wo ist denn der Kragen?« fragte sie, sich umblickend. »Der Kragen? Ja da ist ja gar keiner am Hemde dran gewesen.« »Der wird angeknöpft. Ich habe Dir einen Stehkragen mitgebracht.« »Ein Stehkragerl? Das kenn ich noch gar nicht. Ich hab keins gesehn. Meinst etwan das hier?« Er zog den Kragen aus der Hosentasche hervor. »Freilich ist er es. Warum steckst Du ihn denn ein?« »Weil ich nicht gewußt hab, was es ist und wozu. Da hab ich halt gedacht: »Weg damit!« und das Kragerl in die Taschen einisteckt.« »Und da! Was ist denn das nun gar? Mach einmal den Rock weiter auf! Du hast doch die Hosenträger über der Weste! Sie sind auch gar nicht angeknöpft!« »Warum soll ich sie anknöpfen? Die Hose fallt gar nit herab, weil ich den Gürtel drum geschnallt hab. Und soll ich etwan die schöni gestickten Hosentragerl unter die Westen thun, wo man sie gar nicht sehen kann? Wozu sind sie so sakrisch fein und hübsch, wann sie Niemand nicht anschauen soll! Und wozu ist denn das Stöckerl da, was Du auf den Tisch gelegt hast?« »Das ist kein Stock, sondern eine Reitgerte.« »Eine Reitpeitschen? Wozu denn?« »Weil ein Cavalier gern so eine Gerte in der Hand trägt, auch wenn er nicht reitet.« »Das ist nun auch wieder ganz besonderbar. Eine Peitschen in der Hand ohne zu reiten, das ist doch ebenso albern, als wenn ich nicht schlaf und trag das Bett mit mir herum! Geh mir weg! Eure Cawalleriere können mir gestohlen werden. Da ist doch ein jeder, der bei uns mit Schwammb handelt, gescheidter als sie.« »Streiten wir uns nicht darüber! Du mußt jetzt den Cavalier spielen, und da ist es nöthig, ganz so zu thun, als ob Du wirklich einer seist. Vergiß nicht, daß Du ein Baron bist, wenn man Dich unterwegs fragen sollte.« »Ein Baron? Ich? Hast wohl Schierling gefressen?« »Nein. Du hast doch vorhin selbst gesagt, daß Du groß und vornehm thun kannst.« »Ja, das kann ich schon, wann es verlangt wird. Also ein Baron! Schön! Aber wie heiß ich denn?« »Arthur von Höllendampf.« »Himmelsakra! Ist das ein Nam! Der Arthur, der gefallt mir schon ganz gut; aber vor dem Höllendampf hab ich Respect. Giebts keinen hübscheren Namen für so einen vornehmen Kerl, wie ich zu spielen hab?« »Nein. Höllendampf ist gut. Wer diesen Namen hört, dem wird gleich so höllisch zu Muthe, daß er es vergißt, weiter zu fragen. Und wenn Du dazu ein ernstes Gesicht machst, so fällt es vor Angst sicherlich keinen Menschen ein, sich weiter um Dich zu bekümmern.« »Was das Gesicht betrifft, so brauchst halt keine Sorg zu haben. Ich werd so finster dreinschauen, daß ein Jeder, der mich anblickt, denken soll, die Cholera sei bei ihm ausgebrochen.« »Recht so! Und nun ziehe Dich schnell wieder um. Das Hemd muß anders sein; das, was Du hinten hast, muß vor.« »So geh halt hinaus!« »Das kann ich nicht thun. Wenn ich immer heraus und herein gehe, so fällt es dem Cousin auf.« »So drehe Dich wenigstens hinum, und reck mir den Buckel her, damit Du mich nicht schaust, wann ich das Hemd herunterthu!« »Gut! Mach aber schnell!« »Ja. Aber daß Du Dich nicht etwan schnell herumdrehst, wann ich nicht fertig bin, sonst werf ich Dir die ganzen Sachen an den Kopf!« Sie drehte sich um, und er zog Rock und Weste aus und gab sodann dem Hemde den richtigen Sitz. »So, jetzt kannst Dich wieder umiwenden,« sagte er. »Nun aber mach mir da einmal die Knöpfen zu; das bring ich nicht.« Sie war ihm behilflich, bis er sich vollständig in dem ungewohnten Anzug befand. »Nun der Hut. Hier. Es ist ein Chapeau claque.« »Ein Schaboh klack? Was ist denn das?« »Man kann ihn zusammendrücken. Schau einmal her! So!« »Donner und Doria! Was seid Ihr für Leut! Da kauft Ihr Euch Hüt', die man zusammenquetscht wie einen Kuchenteller. Wozu denn aber doch! Und warum soll ich grad diesen Cylinderhut aufsetzen, diese Angströhre, die grad so ausschaut, als ob ich einen Schornsteinerl auf dem Kopfe hätt! Laß mich doch mein Hüterl aufithun! Das schaut viel besser und manierlicher aus!« »Nein; das geht nicht. Ein Cavalier muß unbedingt einen Cylinder tragen.« »Na, einmal Cavallerier und nie nicht wieder; das sage ich Dir! Wann gehts fort?« »Jetzt gleich. Ich will noch den Mantel umthun und den Hut aufsetzen.« Sie trat an den Spiegel, um die beiden genannten Stücke anzulegen. Als sie das gethan hatte und sich umwendete, mußte sie sich Mühe geben, nicht überlaut aufzulachen. Er stand hinter ihr bereit, den Hut auf dem Kopfe und die Reitgerte in der Hand, zugleich aber noch – –den Rucksack auf dem Rücken. »Was soll denn das bedeuten?« fragte sie. »Was denn?« »Der alte Leinwandsack.« »Das ist mein Rucksack, weißt.« »Was ist denn drin?« »Meine Kleidagen und das Käs mit Brod, was mir die Leni geben hat.« »Und das willst Du mitnehmen?« »Freilich! Meinst etwan, ich hab zu Haus zehntausend Anzüg' hangen? Ich bin arm, und da heißt es halt immer: Mein Herz und Dein Herz Ist ein Klumpen; Mein Rock und Dein Rock Ist ein Lumpen. Ich muß den Anzug haben, denn denselbigen hier, denn Du mir aufizwungen hast, werd ich gar nicht lang auf den Achseln hangen haben. Ich steck in dem Stehkragerl wie eine Ratten in dem Falleisen und kann fast gar keinen Athem herauf bekommen. Ich will froh sein, wann ich wieder in mein eigenes Zeug schlupfen darf.« »Aber den Rucksack darfst Du doch nicht mitnehmen. Der paßt unmöglich zu dem feinen Anzuge.« »Wer die Sachen kann ich doch auch nicht hier lassen, weil ich sie notwendig brauchen thu. Wann Dir der Rucksack nicht nobel genug ist, so borg mir etwas Anderes, eine Truhen oder Laden, eine Kisten oder Kommoden, worin ich die Sachen thu.« »Und die willst Du auch mitnehmen?« »Natürlich!« »Wie denn? Wie willst Du sie fortbringen?« »Ich trag sie auf dem Buckel.« »Eine Kiste oder Kommode?« »Ja. Meinst wohl, ich hab nicht die Kraft dazu? Da kommst eben schön an! Kannst Dich selbst auch noch oben drauf setzen, so trag ichs doch!« »Herrgott! Was bist Du für ein Mensch!« »Doch wohl ein guter!« »Ja, aber auch ein unüberlegsamer. Ein Kiste auf dem Rücken sieht ja noch viel schlechter aus als ein Rucksack, verstanden!« »So gieb mir halt etwas Anderes, was nobler ist!« »Gut; ich habe in der gegenüber liegenden Kammer eine Reisetasche, in welche wir die Sachen stecken können.« »So, hole die Taschen, und mach schnell, damit wir endlich fortkommen. Aber schau, was ist das, was Du mir hierher gelegt hast?« »Das ist ein Pincenez.« »Ein Pengseneh? Habe in meinem ganzen Leben dies Wort noch niemals nicht gehört.« »Gewöhnlich sagt man, ein Klemmer.« »Ah, eine Klemmbrillen?« »Ja.« »Soll ich sie etwan auch aufsetzen?« »Natürlich.« »Was fallt Dir ein! Meine Augen sind so gut, daß ich durch zehn Thüren schauen kann.« »Dieser Zwicker gehört für jeden Cavalier.« »Hols der Teuxel! Ich seh nicht ein, warum ich so eine Nasenquetschen in mein Gesicht klemmen soll.« »Probir es nur einmal! Sie gehört meinem Vater. Hier an der Schnur wird sie um den Hals gehängt.« »Auch noch!« »Ja. So! Jetzt setz sie auf! Du siehst prächtig aus!« »Ja, wie ein dressirter Pudel, den man die Brillen auf die Nasen steckt und die Tabakspfeifen in die Schnautz. Will doch mal sehen, wie ich ausschau.« Er trat an den Spiegel. Kleidete ihn schon der elegante, enge Anzug ganz wunderlich, so sah er mit dem Klemmer in dem wettergebräunten Gesicht nur noch unbeschreiblicher aus. Er starrte eine Zeitlang in den Spiegel, trat hin und zurück, hielt den Kopf nahe an das Glas und dann wieder ferner, dann sagte er: »Tausend Donner! Jetzt seh ich nun gar nix mehr, nicht einmal mich selbst.« »Ja, die Brille ist sehr scharf.« »Dann müßte ich doch auch scharf sehen!« »Sie paßt nicht für Dein Auge.« »Nun, so thu ich sie eben herunter!« »Nein, laß sie drauf!« »Aber ich sehe Dich nicht einmal!« »Das schadet nichts. Wenn nur ich Dich sehe! Jetzt hole ich die Tasche. Uebe Dich einstweilen am Spiegel. Nach einiger Zeit wirst Du schon sehen können.« Sie ging, und er trat wieder an den Spiegel. Er gab der Brille verschiedene Stellungen auf der Nase; er schob sie hin und her – vergebens. Wenn er Etwas sehen wollte, so mußte er über oder unter derselben hinwegblicken. »Donnerstag! Was sind doch diese Kavalleriere für dämliche Kerls! Wozu eine Brillen auf der Nas, wann man nachher nicht mal diese Nas mehr sieht!« Da ging die Thür auf. Er glaubte, die Dame sei eingetreten und meinte: »Höre, mit dem Nasenquetschen ists halt nix. Ich thu sie wieder herab.« »Alle Teufel!« sagte eine männliche Stimme. »Was meinst?« »Wer sind Sie?« »Wer – –? Mach kein Gespaß!« »Ich frage, wer Sie sind!« »Kennst mich ja! Warum verstellst nun auf einmal Deine Stimme?« »Mein Herr, ich verstelle meine Stimme nicht und frage Sie alles Ernstes, wer Sie sind!« Das klang so gebieterisch, ja drohend, daß Anton sofort die Brille von der Nase nahm. Ein junger Mann stand vor ihm, ganz derselbe, welcher vorhin mit den Jägern hier gewesen war. »Himmelsakra!« rief Anton. »Da kommt Einer da herein, ohne anzuklopfen!« »Ich werde anklopfen, damit Sie sich indessen verstecken können. Ich wiederhole meine Frage: Wer sind Sie?« »Schau, wie neugierig Du bist! Wer bist denn Du?« »Ich bin der Freiherr von Brenner, ein Cousin der Dame, bei welcher Sie sich befinden.« »Cousin? Was ist das?« »Ihrer Kleidung nach müßten Sie wissen, was das ist. Cousin heißt so viel wie Vetter, bekanntlich.« »So, so! Also der Vetter bist? Schön, sehr schön! Kannst mir willkommen sein!« »Die Hauptfrage ist ganz im Gegentheile, ob Sie uns willkommen sind. Ich verbitte mir das Dutzen; Sie haben mich Sie zu nennen!« »Sie? Schön! Sehr gut! Ganz so, wie Sie willst. Ich kann auch höflich sein. So viel Contewitten haben wir auch gelernt. Also sagen Sie mir, weshalb Sie hier hereini kommst?« »Donnerwetter! Stellen Sie meine Geduld nicht auf eine so harte Probe! Ich kann nicht dulden, daß hier in diesem Hause Strolche verkehren!« »Strolche? Hören Sie, machen Sie Dich nicht etwan gar zu breit! Sonst fliegst Sie sofort zur Thür hinaus! Ich bin auch ein Vetter!« »Ja, was für einer! Ich fordere endlich Ihren Namen!« »Den kannst Sie haben. Ich heiße Arthur.« »Wie noch?« »Höllendampf. Ich bin Baron!« »Ah!« »Arthur von Höllendampf! Merk Dirs!« »Mann, sind Sie verrückt!« »Ja, wer Dich anschaut, kann leicht verrückt werden.« Da trat der Freiherr näher und rief: »Soll ich Sie arretiren lassen!« »Arretiren? Mich? Sie armes Wurm, Du! Dich freß ich doch auf. Und brauch nicht mal eine halbe Semmel dazu. Mich arretiren!« »Nun, sind Sie etwa hier eingeladen worden?« »Ja.« »Von wem?« »Von dem Dirndl, vom Fräulein.« »Meinen Sie Fräulein Franza?« »Ja.« »Die soll Sie eingeladen haben? Jetzt, mitten in der Nacht!« »Wann sonst! Ich bin doch ihr – ihr – ihr – Schatz.« Da fuhr der Freiherr zurück. »Wie? Sie wären ihr – ihr Geliebter?« »Ja, der Deinigte natürlich nicht!« »Das ist eine Lüge!« »Höre, komm mir nicht mit dem Worte Lüge, sonst hau ich Dir eine Watschen in's Gesicht, daß Du die österreichischen Alpen für ein Zwiebel- oder Karteuffelbeet ansehen sollst. Du wärst mir der Kerl, mich einen Lügner zu schumpfen, wann ich von der meinigen Liebsten red!« In diesem Augenblicke kehrte Franza zurück, mit der Reisetasche in der Hand. Sie hatte die Stimmen der Sprechenden bereits von draußen gehört. »Was willst Du hier, Cousin?« fragte sie, ohne eine Spur von Schreck zu zeigen. »Was ich will? Das fragst Du noch!« »Jawohl!« »Nun, so will ich Dir antworten. Ich hörte schon längst hier oben reden. Du sagtest mir, daß Du declamirtest, und ich wollte es glauben. Endlich aber unterschied ich deutlich eine männliche Stimme, und dann hörte ich die Thür gehen. Ich stieg also herauf, um mich zu überzeugen, ob Du wirklich keine Gesellschaft hier oben habest. Ich trat herein und fand diesen – diesen – –diesen Mann, der sich dummer Weise für einen Baron von Höllendampf ausgiebt.« »Der ist er auch!« »Unsinn! Diesen Namen giebt es gar nicht. Du wirst ihn in keinem Adelsverzeichnisse finden.« »Kennst Du diese Verzeichnisse alle so gut auswendig, daß Du das behaupten kannst?« »Ja. Ueberdies giebt er sich für Deinen Geliebten aus und behauptet, von Dir eingeladen worden zu sein.« Es glitt ein übermüthiges Lächeln über ihr Gesicht. »Er hat die Wahrheit gesagt. Er ist mein Bräutigam.« »Franza!« »Cousin!« »Du spielst Comödie!« »Nicht im Geringsten.« »Ich begreife Dich nicht. Man ist zwar an Deine romanhaften Schrullen gewöhnt, aber einen wildfremden Menschen zu solcher Stunde bei Dir zu empfangen, das geht doch über alle Begriffe!« »Kann ich nicht thun, was mir beliebt?« »Eigentlich ja; aber ich befinde mich an Stelle Deines Vaters hier, und wenn ich sehe, daß so ein zweifelhaftes Subject sich bei Dir befindet, so muß ich – – –« Da unterbrach ihn Anton zornig: »Was bin ich? Wie nennst Sie mich? Ein zweifelhaftes Subject? Kerl, wenn Du noch so ein Wort sagst, so pfeife ich Dir ein Ohrfeigen hinein, daß Sie denken sollst, der Hund hat eine Katz geheckt! Das könnt mir gefalln! Ein Subject, und noch dazu ein zweifelhaftes! Das laß Dir ja nimmer wieder einfallen, wann Dir Deine Knochen lieb sind!« Der Freiherr retirirte vorsichtig, sagte aber doch: »Welche Ausdrücke! Und das soll ein Baron sein!« »Er ist ein Baron! Reize ihn nicht, so wird er höflich mit Dir sein!« »Aber was thut er denn hier?« »Was jeder Jüngling bei seiner Geliebten thut!« »Wie? Was? Ich kann doch nicht annehmen, daß Du im Ernste sprichst. Und zum Scherz ist diese Angelegenheit doch auch nicht geeignet.« »Nein; es ist Ernst.« »Und wie ich sehe, bist Du zum Ausgehen angezogen. Darf ich fragen, wohin Du willst?« »Nein.« »Ah! So muß ich denn doch die Gewalt, welche Dein Vater mir gegeben hat, in Anwendung bringen. Ich verlange von Dir, daß Du den Mantel ablegst und zu Hause bleibst.« »Du hast mir nichts zu befehlen!« »In diesem Falle, ja. Und Ihnen, mein sogenannter Herr Baron, gebiete ich, dieses Haus sofort zu verlassen, wenn Sie nicht wollen, daß –« Er trat wieder einen Schritt auf Anton zu. Dieser fragte rasch: »Was soll ich wollen, he?« »Daß ich Sie hinaus werfe!« »Himmelsakra! Mich? Hinauswerfen willst Sie mich? Soll ich Dir eine Watschen geben, daß Du denkst, Dein Gesicht ist eine Getraidestoppel? Sie wärst mir derjenige Kerl, der mich hinauswerfen könnt. Du armes Schunkerl Du! Dich zerdrück ich da zwischen meinen Pratzen, daß der Syrup herunterläuft. Husch Dich hinaus! Das ist das Allerbest' für Dich!« Der Freiherr zog sich wieder bis zur Thür zurück und fragte höhnisch: »Willst Dich wohl von ihm entführen lassen?« »Nein, nur spazieren gehen will ich mit ihm.« »Das verbiete ich Dir!« »Das hilft Dir nichts!« »Ich werde es sehen. Wenn Du mich dazu zwingst, so wende ich nötigenfalls Gewalt an. Und was sehe ich! Hier liegt ja ein Gebirgsanzug – Kniehosen, Wadenstrümpfe, Bergschuhe und so weiter. Was hat denn das zu bedeuten?« Er musterte den Krikelanton mit scharfem Blicke und fuhr dann erstaunt fort: »Ich glaube gar, das ist ein Anzug Deines Vaters! Dieser Mann hat sich wohl verkleidet? Alle Teufel, mir geht ein Licht auf! Mensch, bist Du etwa der Krikelanton?« »Was gehts Dich an!« antwortete der Gefragte. »Jetzunder bin ich halt der Herr Baron von Höllendampf.« »Das machst Du mir nicht weiß! Jetzt bin ich mir klar! Du bist der Wilddieb, den sie suchen. Warte, Bursche, ich werde sofort nach Hilfe rufen!« Er wollt zur Thür hinaus, aber Anton ergriff ihn schnell bei der Hand und schleuderte ihn zurück. »Hier bleibst!« gebot er. »Ich will Dir lernen, Lärm zu machen!« »Was, Du vergreifst Dich an mir! Ich werde laut rufen, daß man es unten im Dorfe hört!« Da legte ihm der Anton die Faust auf die Achsel und sagte in warnendem Tone: »Das wirst unterlassen, denn sobald Du den ersten Ruf erschallen läßt, schlage ich Dir Eins auf den Kopf, daß Du meinst, Du habest sechs Fixstern' gefressen. So ein schukkeriges Leutl, wie Du bist, fallt ja gleich in tausend Stücke, wann ich ihn so angreif, wie ichs gewöhnt bin. Setz Dich hier hernieder auf den Stuhl, und nimm eine gute Lehr entgegen! Ich will Dir gar nix thun, aber wann Du mir etwan den Spaß verdirbst, so werf ich Dich in die Höhe, so daß Du oben in der Luft kleben bleibst!« Der Freiherr fühlte die Faust des Aelplers so schwer auf sich ruhen, daß er es für das Beste hielt, einstweilen gehorsam zu sein. Er setzte sich also auf den Stuhl und stöhnte ganz verzweifelt: »Also doch! Es ist der Krikelanton! Franza, hast Du die Stirn, es zu leugnen?« »Nein,« antwortete sie. »Ich leugne es nicht. Er ist es.« »Und Du hast ihn vor der Behörde versteckt?« »Ja, ich habe ihn gerettet.« »Wo stack er?« »Draußen auf dem Dachbalken.« »Weißt Du denn, was das heißt? Du bist dadurch seine Mitschuldige geworden.« »Ich will es darauf ankommen lassen.« »Aber, was hast Du davon!« »Was? Es ist das herrlichste Sujet zu meinem neuen Romane, Cousin.« »Dieses Sujet kann Dich in's Zuchthaus bringen!« »Dann müßtest Du mich verrathen.« »Ich muß es. Es ist meine Pflicht!« »Gut, so gehe hin, und melde der Polizei, daß Deine Cousine, die Baronesse von Stauffen, sich eines armen, abgehetzten Menschen angenommen hat!« »Was thue ich! Was thue ich! Franza, Du bringst mich in die schrecklichste Verlegenheit!« »Du befindest Dich nicht in der mindesten Verlegenheit. Du brauchst Dir mir den Anschein zu geben, daß Du gar nichts wissest; dann kann Dir gar nichts geschehen.« »Und was willst Du jetzt thun? Was hast Du vor?« »Ich werde den Anton nach Hause bringen.« »Ueber die Grenze?« »Ja.« »Mädchen! Bist Du toll?« »Es ist ein Roman!« »Den Du mit Freiheit und Ehre zu bezahlen haben kannst! Denke Dir, daß Deine Schwester krank ist und Dein Vater alt – – –!« »Eben deshalb. Meine kranke Schwester und mein alter Vater können diesen Verfolgten nicht retten, eben weil sie krank oder alt sind. Übrigens ist der Vater abwesend. Du wirst zum Schutze der Schwester hier bleiben; da kann ihr nichts geschehen. Unterdessen spazieren wir nach der Stadt und nehmen einen Wagen. Kein Mensch wird uns fragen oder gar anhalten. Es ist also gar keine Gefahr für mich vorhanden.« »Das meinst Du jetzt; aber es kann sehr leicht ganz anders kommen, als Du denkst.« »Das warte ich ruhig ab.« »So wasche ich meine Hände in Unschuld und lege mich schlafen. Ich weiß von nichts.« Er wollte fort. Aber sein Gesicht schien dem Krikelanton nicht zu gefallen, denn dieser sagte: »Meinst etwan, daß ich Dir das glaube? Du wirst Dich ins Bett legen! Das fallt Dir schon gar nicht ein. Ich seh Dirs an der Nasenspitzen an, daß Du den Schalk hinter dem Ohrlappen sitzen hast. Nein, es wird anders, als Du denkst. Du gehst nicht hinab in Deine Stuben, sondern Da bleibst hier.« »Willst Du mir etwa Gewalt anthun?« brauste der Freiherr auf. »Nein, wannst nämlich Verstand annimmst. Warum willst denn hinab?« »Weil unten mein Bett steht.« »Hier heroben steht auch eins.« »Da schläft diese Dame!« »Die schläft heut gar nicht, also kannst Dich ruhig auf das ihrige legen.« »Das schickt sich nicht. Leider scheinst Du davon keinen Begriff zu haben.« »Ich hab vielleicht viel besseren Begriff als Du. So zum Beispiel begreife ich ganz gut, daß Du fort willst, um mich ergreifen zu lassen.« »Wer sagt das.« »Ich.« »Da bist Du auf sehr verkehrten Gedanken.« »Wohl nicht. Ich sehe es Deinem Fuchsgesicht schon deutlich an, was Du im Schilde führst.« »Mensch, beleidige mich nicht abermals!« »Thu halt nicht dick!« »Wenn ich Dich verrathen wollte, so würde ich doch dieser Dame schaden!« »O, das kannst sehr leicht so einrichten, daß es ihr keinen Schaden bringt. Das begreif ich schon sehr gut. Wenn Du nix gegen mich vorhast, so kannst Du hier oben bleiben.« »Das thue ich nicht.« »Wirst es doch thun. Ich will es, und da muß es auch geschehen.« »Das wollen wir sehen.« Er wollte nach der Thür. Anton aber hielt ihm die Faust entgegen und drohte: »Setz Dich auf den Stuhl! Oder soll ich Dir Lust machen, mir zu gehorchen? Mit so einem Schlinkelschlankel wird kein großer Summs gemacht! Wir Beid gehen, und ich werd die Thür hinter uns verschließen, aber den Schlüsserl stecken lassen. Wann dann die Nachtwandlerin in der Früh erwacht, wird sie kommen und Dich herauslassen. Bis dahin aber bleibst hier!« Der Freiherr sah keinen Ausweg. Er hatte allerdings die Absicht hinab in das Dorf zu eilen oder einen Posten aufzusuchen. Wenn er die Sache so darstellte, daß Anton die Cousine vergewaltigt habe, so konnte dieser nichts geschehen. Nun aber sollte er nicht fortgelassen werden. Widerstand gegen den löwenstarken Jäger war nicht gerathen. Da fiel sein Blick auf das Fenster. Das Häuschen war nicht hoch. Ein Sprung aus dem Fenster schien gar kein Wagniß zu sein. Darum that der Freiherr, als ob er keinen Widerstand leisten werde, und seufzte nur: »Franza, ich füge mich; aber Du wirst Alles zu verantworten haben.« »Ich weiß, was ich thue, und werde es vertreten.« »So mach, was Du willst!« Jetzt wurde kein Wort mehr gesprochen. Anton steckte seine Sachen in die Reisetasche, und dann wandte er sich mit Franza zum Gehen. Aber als er bereits unter der geöffneten Thür stand, drehte er sich noch einmal um und warnte: »Bleib ruhig hier bis in der Früh! Wann es Dir einfallen sollt, nicht zu gehorchen, so könntst Schaden davon haben.« Er machte die Thür zu und drehte den Schlüssel um, ließ denselben aber stecken. Sie stiegen leise die Treppe hinab, um die schlafende Schwester Franza's nicht zu wecken, und verließen das Haus. Anton blickte sich sehr vorsichtig um, gewahrte aber nichts Verdächtiges. »Komm!« sagte sie, ihn am Arm ergreifend. »Noch nicht. Sag mir zuvor, ob Du Deinem Vettern gut bist.« »Dem Freiherrn? Warum fragst Du?« »Ich hab auch meine Absicht.« »Ich kann ihn nicht leiden.« »So thut es Dir nicht weh, daß er eingesteckt ist?« »Nein.« »Das wollt ich wissen. Und nun setz Dich hier auf diesen Stein, und wart eine Minute!« »Willst Du fort?« »Nicht weit.« »Wohin?« »Unter sein Fenster.« »Glaubst Du vielleicht, daß er herabspringen könnte? Das thut er nicht.« »Ich traue ihm nicht weiter, als ich ihn sehe. Ich will einmal nachschaun, ob er noch Licht hat.« »Ich gehe mit.« »Ich kann Dich nicht gebrauchen.« »Und ich laß Dich nicht allein. Ich will Dich retten, und da darf ich nicht von Deiner Seite weichen.« »Ist Dirs etwa angst um ihn?« »Nein. Komm!« »Nun gut; Aber sei still; darfst nicht einen Laut hören lassen.« Sie schlichen sich zum Gebäude zurück, nach der Giebelseite, an welcher sich Franza's Stübchen befand. Vorsichtig an der Ecke stehen bleibend, lugten sie um dieselbe herum. Das Fenster oben war dunkel. »Er hat schon das Licht ausgelöscht,« flüsterte das Mädchen befremdet. »Weißt, warum?« »Nein. Ob er sich schon niedergelegt hat?« »Fallt ihm nicht ein. Nach einem solchen Begebniß legt man sich nicht so schnell zum Schlaf. Nein. Er hat Mucken im Kopf. Er hat das Licht verlöscht, damit man nicht sehen soll, was er thut. Horch!« »Das Fenster klingt.« »Er hat es geöffnet.« »Um heraus zu blicken?« »Nein, sondern um herauszusteigen und herunterzuspringen.« »Wozu?« »Mich fangen zu lassen.« »Nein, nein!« »O doch! Da, schau empor, aber vorsichtig. Siehst nicht gegen den Himmel die Beine?« »Wirklich!« »Hab ich nicht immer Recht? Da, halt mir einmal den Hut, die Feueresse.« »Warum?« »Damit der Vetter mich nicht gleich an der alten Röhre erkennt.« »Was willst Du mit ihm?« »Nix, gar nix. Ich will ihm nur zeigen, daß ich noch da bin und mich von ihm nicht übers Ohr schlagen lasse. Sei still!« Er nahm den Hut vom Kopfe, langte in die Reisetasche, zog sein eigenes Hütchen heraus, setzte es auf und lauschte dann an der Ecke. Droben am Fenster ließ sich ein kräftiges Streichen hören, wie wenn Jemand mit den Füßen an der glatten Wand einen festen Halt sucht, dann that es einen Sprung – Anton trat sofort um die Ecke und fragte halb laut: »Wer da?« Der Freiherr war herabgesprungen und mit auf die Hände zu liegen gekommen. Er richtete sich auf, warf einen Blick auf den Frager und antwortete: »Gut Freund!« »Das kann Jeder sagen, mein Bursch. Was springst da herab. Wer bist!« Der Mond war gesunken, und da hier überhaupt die Schattenseite war, so lag der Giebel im ziemlichen Dunkel, so daß Antons Züge nicht so leicht zu erkennen waren. Ueberdies verstellte er seine Stimme; das führte den Freiherrn irre. »Ich wohne hier,« antwortete er. »Und springst aus dem Fenster!« »Weil man mich gewaltsam eingeschlossen hat.« »Wer?« »Der Krikelanton.« »Himmelsakra!« »Ja. Sie gehören jedenfalls zu den Jägern, die nach dem Menschen suchen?« »Natürlich bin ich einer von denen Jägern.« »Denken Sie sich, während Sie ihn bei meiner Cousine suchten, hat er da oben auf dem Balken gesessen!« »Der verfluchtige Schnauzerl!« »Dann ist er hineingekommen – – –« »Was? Einistiegen ist er in die Stuben?« »Ja. Jetzt soeben ist er wieder fort. Wenn Sie schnell machen, so werden Sie ihn finden.« »Wohin ist er?« »Nach der Stadt hinein.« »Da muß ich ihm schnell nach.« »Halt! Nicht so rasch! Ich muß Ihnen vorher mittheilen, daß meine Cousine bei ihm ist.« »Sapristi! Hat er sie etwan gestohlen?« »So ähnlich. Kommen Sie! Ich gehe mit und werde Ihnen unterwegs erzählen, wie Alles zugegangen ist und wie die Sachen stehen.« »Wie die Sachen stehen, das weiß ich halt auch.« »Nein, Sie wissen es nicht!« »O, sehr genau: Du stehst hier, und ich stehe hier.« »Ja, aber – – –« »Schweig! Und nun stehe ich noch hier. Du aber stehst nicht mehr hier sondern Du liegst.« Er holte aus und schlug ihm die Faust an den Kopf, daß der Freiherr besinnungslos niederstürzte. Franza hatte hinter der Ecke gestanden und Alles gehört. Jetzt kam sie schnell herbei. »Um Gotteswillen! Du hast ihn geschlagen!« »Ja, ich hab ihm Eins gegeben.« »Er ist wohl gar todt!« Sie kniete bei dem Cousin nieder. »Todt? Fallt ihm nicht ein!« »Er bewegt sich aber doch nicht!« »Das will ich ihm auch nicht gerathen haben. Schaust nun, daß er Schlechtigkeiten im Kopf gehabt hat! Dafür hab ich ihm so ein kleins Pocherl auf den Kopf geben, daß er für eine halbe Stund Ruhe hat. Nachher wird er wieder aufwachen.« »Ists wahr?« »Ganz gewiß.« »Wer wenn er todt wäre! Herrgott, ich fände meine Ruhe nie wieder!« »Wie kannst denken, daß er todt ist! Ich hab ihm so einen kleinen Hieb geben, wie wann man einen Floh derschlägt. Wann er hätt todt sein sollen, nachher hätt ich halt ein Wenig besser ausgeholt. Untersuch doch mal, ob er noch Athem hat und ob sein Herz noch schlägt!« Sie that das und meinte dann beruhigt: »Ja, er lebt noch; er ist nicht todt.« »So laß ihn liegen und komm!« »Ihn hier liegen lassen? Sollen wir ihn nicht hineinschaffen?« »Hineinschaffen? Hm! Willst ihn nicht auch noch in ein seiden Tucherl wickeln, ihm eine Schokoladen kochen und ihn in die Wiegen legen, um ihn einzusingen: ›Eia popeia, ein Ganserl bist Du – mach doch die Augen und den Schnabel bald zu!‹ Nein, so haben wir nicht gewettet. Du willst einen Roman machen, und, weißt, in einem Roman darf's nicht so mild und zärtlich hergehen. Da muß Blut fließen, und die Knochen müssen fliegen wie bei einem Hagelwetter.« »Du hast Recht, Anton. Er hat auch mich verrathen wollen und ist nicht werth, daß ich mich um ihn bekümmere. Fast hätte er mir mein prächtiges Sujet verdorben. Lassen wir ihn also liegen! Komm, Anton!« »Ja, komm! Wir haben keine Zeit übrig.« Sie gingen. Anton wußte so ziemlich, wo die Posten standen. Da sie vorhin, nachdem auf ihn geschossen worden war, vom Berge herabgekommen waren, ließ sich vermuthen, daß sie nun wieder oben standen. Er hielt sich also so tief wie möglich, und so gelang es ihm, unbemerkt von dieser Seite der Alm hinwegzukommen. Sie mußten freilich sehr nahe am Abgrunde vorüber. Da erblickten sie Lichter unten in der Tiefe. »Da unten giebt es Leute,« sagte Franza. »Was mögen die dort wollen?« »Weißts nicht?« »Nein.« »Sie suchen meine Leich'. Sie denken, ich bin hinabgestürzt. Du liebs Herrgottl! Vielleicht ist gar auch die Leni dabei! Wann ichs doch nur da hinunterrufen dürft, daß ich noch heroben am Leben bin. Die wird sich was grämen!« »Sorge Dich nicht. Ich will es ihr sagen, daß Du glücklich entkommen bist.« »Willst wirklich?« »Ja, auf dem Rückwege.« »Vergelts Gott! Bist eine liebe, gute Seele, Franza! Ich werd zu den Heiligen bitten, daß sie Dir mal einen Mann verschaffen, mit dem Du recht zufrieden sein kannst. Nicht?« »Ja, bitte sie darum! Aber ein Held muß er sein, so wie Du oder Friedrich der Große.« »Das ist halt sehr schön, daß Du mich mit diesem vergleichst. Nur hat er es ein Wenig weiter gebracht als ich. Doch schau, nun wollen wir nix mehr sprechen. Wir sind grad über dem Dorf, und da können sie uns sehr leicht hören. Wir gehen rechts ab an der Halde hin und kommen nachhero auf den Weg nach der Stadt.« Das gelang ihnen. Franza hatte ihren Arm in den seinigen gelegt; er mußte sie halb tragen, des ungebahnten, steinigten Bodens wegen. Dennoch aber kamen sie schnell vorwärts, und der Tag war noch nicht angebrochen, als sie die Stadt erreichten. Anton war hier bekannt. Er wußte einen Fuhrwerksbesitzer, welcher geweckt wurde. Dieser wunderte sich, als er hörte, daß er einen vornehmen Herrn mit einer ebenso vornehmen Dame nach einem so kleinen Orte, wie Elsbethen ist, fahren solle, und noch dazu in solcher Stunde, war aber für den Preis, welchen Franza ihm bot, gern bereit, es zu thun. Er hatte eine Laterne angebrannt und bat die Herrschaften, einstweilen in die Stube zu gehen. Diese zogen es aber begreiflicher Weise vor, auf der vor dem Hause angebrachten Bank Platz zu nehmen. Da saßen sie, während angespannt wurde, und plauderten mit einander, natürlich leise, um nicht gehört zu werden. Antons Dialect hätte sofort verrathen, daß er kein vornehmer Herr sei. Da kam Einer die Gasse herab, der eine Laterne in der Hand trug. Als er näher kam, war auch das Horn und der Spieß zu erkennen. Der Mann war der Wächter der Nacht. In kurzer Entfernung blieb er stieß ins Horn und sang dann: »Hört, Ihr Herrn, und laßt Euch sagen, Die Glocke, die hat vier geschlagen. Bewahrt das Feuer und das Licht, Daß der Stadt kein Leid geschützt. Und lobet Gott, den Herrn! Und ich hab die Latern!« Das war nun freilich ein Schluß, über welchen Franza lachen mußte. Sie that dies so laut, daß der Beamte der Stadt es hörte. »Wer hats da zu kichern?« fragte er, indem er näher herbei kam. Die Beiden antworteten natürlich nicht. Er kam ganz heran und hielt ihnen die Laterne vor die Gesichter. Als er Antons bärtiges Gesicht erblickte, rief er erschrocken aus: »Verdimmi verdammi! Was hab ich da geschaut! Bist etwan nicht der Anton?« Franza nahm sogleich das Wort: »Welcher Anton?« »Der Krikelanton.« »Wer ist das?« »Na, dera saubere Krampen, welcher von dena Polizisten überall gesucht wird.« »Da sind Sie wohl an den Unrechten gekommen!« »Glaubs nicht. Den Anton kenne ich genau.« »Kennen Sie auch mich?« »Nein.« »Ich bin die Baronesse Franza von Stauffen.« »Das glaub ich nicht.« »Wie, das glauben Sie nicht?« fragte sie, sich hoheitsvoll vor ihm aufrichtend. »Nein,« antwortete er aufrichtig. »Eine Baronessen setzt sich nicht mit einem Landstreicher hier auf die Schemmelbank und thut mit ihm poussirn, so spät in der Nacht. Wer weiß, was Du auch für eine Kabruschen bist. Ich werd Euch Beide einiwickeln und ins Loch stecken.« »Sieh mich erst an!« befahl sie. Er leuchtete ihr in das Gesicht und meinte dann: »Was denn nun? Deine Nasen habe ich gesehen. Aber dadurch wirds nicht anders. Wo kommst her?« »Von meiner Wohnung drüben auf der Alm.« »Die kenn ich nicht. Und wo willst hin?« »Nach Salzburg.« »Da hinüber, wo der Anton zu Haus ist? Das ist ja grad dem gerichtlichen Alibi sein Corpus delicatus. Damit ists bewiesen, daß dieser der Krikelanton ist. Macht Euch auf und geht mit!« »Wir sind keine Landstreicher. Wir sitzen nur einstweilen hier, bis der Fuhrmann da drin angespannt hat.« »Was, Ihr wollt fahren?« »Auch noch! Das will ich mir verbitten. Daraus wird nun und nimmer nix. Wilddieb und fahren! So nobel und bequem sollt Ihrs doch nicht haben dürfen. Vorwärts!« »Fällt mir nicht ein!« »Nicht? Weißt, was das ist? Das ist Widerstand gegen meine Staatsgewalt und wird doppelt bestraft. Ich frage Euch zum letzten Male, ob Ihr mir folgen wollt! Sonst zeige ich Euch auch noch an wegen Hausfriedensbruch auf nächtlicher Gassen der Vaterstadt!« Jetzt stand auch Anton auf. Er hatte sich den Klemmer auf die Nase gesetzt, stellte sich kerzengrad hin und sagte in strengem Tone: »Schau mich an!« Der Nachtwächter that dies, indem er die Laterne emporhob. »Na, hast mich nun gesehen?« »Ja.« »Hat der Krikelanton eine Brillen auf der Nasen?« »Nein.« »Hat er einen solchen Angströhrenhut?« »Nein.« »Oder solche Handschucher an den Händen?« »Auch nicht.« »Oder hat er eine Reitpeitsch und eine solche feini Reisetaschen mit Blumen darauf?« »Nein.« »Wie kannst also sagen, daß ich der Anton bin!« »Weil Du grad denselbigen Bart hast und auch dasselbiges Gesicht wie er.« »So, also nur deshalb! Weißt nicht, daß Bärter und Gesichterln einander ähnlich sehen?« »Das ist freilich schon wahr.« »Na also! Hast aber schon mal eine Brillen gesehen, grad so wie die meinige?« »Nein.« »Oder einen Hut so, wie der?« Er nahm ihn ab und ließ die Feder spielen, so daß der Hut sich zusammendrückte und dann wieder in seine vorige Fassung zurückkehrte. »Verdimmi, verdammi! Das hab ich noch nie gesehn.« »Wie also kann ich der Anton sein! Ich bin der Baron von Höllendampf, und wann Du noch ein einzig Mal sagst, daß ich der Anton bin, so setz ich Dir eine Watschen ins Gesicht daß Deine Nasen in fünf Minuten sie ein Butterfaß ausschaut. Verstanden!« »Herrjegerl! Ists so gemeint!« »Ja, so ists gemeint! Und nun laß mich aus, und mach Dich von dannen, sonst geb ich Dir Sprungfedern in die Bein'!« Da nahm der Nachtwächter seine Kopfbedeckung ab, verbeugte sich und sagte: »Bitt gar schöni um Verzeihung, Herr Baron! Nur der Schnurrwichs hat mich irr gemacht. Der Teufel soll ihn holen! Jetzt seh ich halt ein, daß Du nicht der Anton bist. Wünsch glückliche Reis', und wann Du wiederkommst, so brauchst halt nicht davon zu sprechen, daß ich mich an Dir verschaut hab. Es wär da um die ganzi Reputation geschehen!« »Na, so trab von dannen, und ich will Dirs vergeben und es Dir nicht anrechnen!« Der Mann ging mit seiner Laterne weiter. Unterwegs brummte er noch in sich hinein: »Verdimmi, verdammi! Da war ich halt an den Richtigen kommen! Das war ein Feiner, ein Vornehmer! Wie der mich angeschnauzt hat, so gar wie ein General oder Armenhäuslervater! Ja diese Sorte kann commandiren! Wann ich nur so mit dem blauen Auge davonkomme! Der verteufelte Schnauzer! Aber die Brillen, die Brillen! Und der Hut! Wie kann das der Kritelanton sein! Wo hab ich halt nur die Augen gehabt und die Latern! Ja, die Latern, die ist nicht gut geputzt, und da schaut halt Alles anders aus, als wie es ist. Ich muß die meinige Frau mal tüchtig ausschimpfiren, damit sie mir ein ander Mal die Laternengläser heller macht, sonst kann man gar noch um Amt und Würden kommen!« Anton hatte sich wieder niedergesetzt und fragte: »Nun, was sagst? Hab ich den Baron gut gespielt oder nicht?« »Außerordentlich gut.« »Ja, schau, so dieses Vornehme, das ist halt angeboren. Wers nicht hat, dem kanns niemals nicht ein Schulmeister geben. Der Wächter ist gar schön abgelaufen. Er wird es nicht wieder thun.« Nach einiger Zeit war der Fuhrmann fertig. Die Beiden stiegen ein, und die Fahrt begann. Als der Wagen den Ort hinter sich hatte und auf der Höhe angekommen war, brach der Tag an. Die im Westen sich erhebenden Spitzen der Alpen warfen die Röthe des Morgens zurück, und rundum erschollen die Jodler der Senner und Sennerinnen, welche ihr Tagewerk begannen. Zunächst war es einsam auf der Straße. Dann traf man Fußgänger und auch einzelne Wagen. Die Beiden fuhren in einem sogenannten Berner Wägeli, welches ohne Verdeck war. Darum waren ihre Gestalten und Gesichter deutlich zu erkennen. Anton verließ sich nicht auf Hut und Brille allein. So oft er Jemandem begegnete, zog er das »Sacktuch« hervor und hielt es vor das Gesicht. Auf diese Weise kam er unerkannt über die Grenze hinüber. Dort erst wurde ihm das Herz wirklich leicht, obgleich er auch vorher nicht Das gehabt hatte, was man Angst zu nennen pflegt. Jetzt führte der Weg wieder abwärts. Links erhoben sich himmelhohe Felswände, und rechts stürzte der Abhang jäh in das Thal. Es mochte gegen acht Uhr sein, als der Fuhrmann von der Straße in einen Dorfweg einbog. Anton hatte ihm den Namen seines Dorfes genannt. Als sie dasselbe erreichten, war ganz eigenthümlicher Weise kein Mensch zu sehen. Vor einem kleinen, höchst ärmlichen Häuschen ließ Anton halten und stieg aus. »Hier ists, wo Du wohnst?« fragte Franza. »Ja. Nicht wahr, das ist kein Palast?« »Nein. Aber nicht nur in Palästen giebt es glückliche Menschen. Gehen wir hinein!« Jetzt nickte der Fuhrmann vor sich hin, stieß ein Lachen aus und rief: »Jetzund wird mirs hell im Kopf!« »Wieso?« lachte auch Anton. »Bist ein sakrischer Malefizbub! Jetzt nun bist der Krikelanton. Wer hätt glauben sollen, daß Du auch ein Baron sein könntst! Jetzt hab ich Dich aus der Polizei errettet!« »Du? Bilde Dir das nicht ein. Uebrigens fahr ich wieder retour mit Dir.« »Fällt mir nicht ein. Dich nehm ich nimmer auf.« »Warum nicht?« »Weil ich sonst gar selbst noch bei der Parabel genommen werd.« »Brauchst keine Angst zu haben. Ich will eben nach der Polizei, um mich zu melden. Fahr jetzt nach dem Wirthshaus. Wir kommen dann hin und werden zahlen, was Du verzehrt hast.« Der Kutscher gehorchte dieser Weisung, und Anton trat mit seiner Beschützerin in die ärmliche Stube. Diese war leer. »Ja, wo sind sie denn?« fragte er. »Jetzt fangen die Leuteln an, bereits am frühen Morgen spazieren zu gehen.« »Vielleicht kehren sie bald zurück?« »Ich werd gleich nach ihnen ausschaun; aber in dieser Kleidung kann ich das nicht. Da würden mir alle Hunde und Gäns im Dorf nachlaufen. Setz Dich auf den Stuhl und wart ein Wenig.« Er trat mit der Reisetasche in die Kammer und kehrte bereits nach kurzer Zeit zurück. Er hatte seinen Gebirgsanzug wieder an und dafür die Verkleidung in die Tasche gepackt. »So! Jetzt bin ich wieder ein Mensch. Es ist mir in Deinen Kleidern zu Muth gewesen wie einer Schneck, der das Häuserl zu eng gerathen ist. Jetzt will ich den Vatern und die Muttern holen.« »Weißt Du, wo sie sind?« »Sie gehen nimmer weiter als zum Nachbarn hinüber. Ich werd bereits bald wieder da sein.« Das traf nun freilich nicht zu. Franza mußte wohl fast eine Viertelstunde warten. Da hatte sie Zeit, sich umzusehen. Das Stübchen war weiß getüncht und sauber. Es enthielt einen Kachelofen, einen Tisch, zwei Stühle, einen Schemel als Meublement. An der Wand, der Thür gegenüber, hing ein Muttergottesbild. Die Stubendecke zeigte Spuren, daß der Regen hereingedrungen sei. Draußen im Nebenkämmerchen befanden sich drei Lagerstätten, aus Moos und Laub hergerichtet. Das Alles machte den Eindruck tiefster Armuth, war aber doch so reinlich und sauber gehalten, wie es bei dieser Aermlichkeit eben möglich war. Endlich hörte Franza die Schritte des Zurückkehrenden. Als er eiligst hereintrat, waren seine Wangen hoch geröthet, und seine Augen blitzten unternehmend. »Hast Du sie gefunden?« fragte sie. »Nein. Sie sind gar nicht im Dorf, sondern droben auf der Alm.« »Die alten Leute!« »Ja, das ganze Dorf ist hinauf. Alt und Jung, Mann und Weib. Nur die kleinen Kinderln sind zurückblieben und die ganz schwachen Greise. Ich traf ein alts Mutterl, welche es mir sagte.« »Ist denn Etwas los?« »Jawohl! Ein Unglück. Es hat gestern einen Felsensturz geben.« »Sind Leute verunglückt?« »Einheimische nicht, aber zwei Fremde. Ein großer Musikmeister aus Wien hat sich die Alpen anschaun wollen und ist gestern früh ohne Führer hinauf. Dann später um Mittag hat es einen großen Donner geben. Da ist der hohe Stein herabgestürzt, und die beiden Leuteln sind nicht mehr vorhanden gewesen. Da hat man gesucht. Ihn, den Musikmeister, haben sie gegen Abend unter dem Schutt hervorgegraben, und sein Weib ist erst heut ganz in der Früh entdeckt worden, droben, wo der Felsrutsch begonnen hat. Dort hangt sie an der Wand. Keiner kann hinauf, weil keine Leiter lang genug ist, und Keiner kann herab von der Felsenspitz zu ihr, weil diese nie nicht erreicht worden ist.« »Herrgott! Lebt sie?« »Ja. Man hört sie wimmern und rufen.« »So muß Alles versucht werden, sie zu retten.« »Freilich. Hunderte von Menschen sind oben, aber Keiner weiß eine Hilfe. Auch mein alter Vatern ist mit der Muttern hinauf. Sie haben ihn hinauf begehrt, weil er der gewandtest Bergsteiger gewesen ist, und vielleicht einen Rath geben kann. Gehst etwan mit?« »Ja, natürlich.« »So komm! Aber gleich?« Sie stand auf und wollte mit ihm fort. Zu ihrer Verwunderung ergriff er den hölzernen Stuhl, auf welchem sie gesessen hatte. »Willst Du etwa den Stuhl mitnehmen?« »Ja.« »Wozu?« »Ja, das weiß ich auch nicht; aber es ist möglich, daß man ihn braucht. Ich kenn den Ort nicht, an welchem die Frau hängt. Kann man ja zu ihr gelangen, so ist es aber doch jedenfalls ihr unmöglich, herabzusteigen; also muß sie abigetragen werden, und dazu ist der Stuhl sehr gut.« Ohne weiter ein Wort zu sagen, ging er fort. Sie schritt neben ihm her. Sein ganzes Wesen, seine Sicherheit, sein Selbstbewußtsein, das Alles machte einen eigenartigen Eindruck auf sie. Sie sagte sich unwillkürlich: »Wenn die Verunglückte zu retten ist, so ist er es, der sie rettet.« Sie schürzte sich hoch und hielt Schritt mit ihm, obgleich er in Beziehung auf die Schnelligkeit gar keine Rücksicht auf sie nahm. Er hielt zunächst gar keinen gebahnten Weg ein. Es galt, eine hohe, mit kurzem Grase bewachsene Lehne zu erklimmen. Oben auf der Höhe gab es dann einen schmalen Pfad, welcher aufwärts führte. Dort kam ihnen ein Weib entgegen. Als es die Beiden erblickte, blieb es stehen, schlug froh die Hände zusammen und rief: »Anton! Da bist endlich! Gott sei Dank!« »Was ists mit mir?« »Das ganze Volk hat alls auf Dich gewartet. Wo hast denn so lang gesteckt?« »Auch in der Welt. Warum wartet Ihr auf mich?« »Weil Du die Frau holen sollst.« »Ich? Ist kein Anderer da?« »Das wohl! Wir haben muthige Buben in der Menge, aber das ist schier zu gefährlich.« »Und da soll halt grad ich den Hals brechen? Ja, um den Krikelanton ists nicht schad!« »So ists nicht gemeint; aber es ist kein Anderer, der Dein Auge hat und Deine Kraft, Deine Ausdauer und Deine Kniekehlen.« »Kann man denn zu ihr hinauf?« »Keiner hälts für möglich; aber Dein Vatern sagt: Wann mein Anton da wär, so möcht ers wohl bringen.« »Dann bring ichs auch. Der Vatern versteht seine Sach. Wo ist der Platz?« »Folg nur immer diesem Weg. In einer halben Stund kommst zur Stelle. Ich muß hinab, um nach der Wirtschaft zu sehn, da ich Niemand daheim zu Haus habe.« Sie eilte weiter. Anton sagte zu Franza: »Hasts gehört? Immer auf diesem Weg grad fort, dann kannsts nicht verfehlen.« »Du doch auch.« »Ich werd jetzt schneller gehen. Vielleicht ist gar Gefahr im Verzug. Du wirst nicht so rasch steigen können.« »Ich bleib bei Dir.« »So komm!« Er nahm sie bei der Hand. Es war eine Art von Begeisterung über sie gekommen. Zunächst lag das wohl im allgemeinen menschlichen Mitgefühl, sodann aber auch in dem Interesse der Schriftstellerin. Es galt, ein zwar unglückliches aber hoch interessantes Ereigniß mit zu erleben, da fühlte Franza weder Anstrengung noch Müdigkeit. So ging es rasch bergauf. Eine Viertelstunde verging und noch eine. Da führte der Pfad um eine Ecke, und nun war die Unglücksstelle zu sehen; sie lag grad vor ihnen. Ein Hochthal, dessen Sohle fast ganz mit Geröll und Felsbrocken aller Größen bedeckt war, bot den Anblick einer ungeheuern Verwüstung. Hier hatte eine hohe Felsenwand gestanden, welche gestern in sich zusammengebrochen war. Auf dieser Wand, auf welche sehr leicht zu gelangen gewesen war, hatten sich die beiden Verunglückten im Augenblicke der Katastrophe befunden. Unten wimmelte es von Menschen. Da, wo der Felsen sich hinter der eingebrochenen Wand fast senkrecht erhob, bemerkte Anton einen dunklen Punkt, dessen Beschaffenheit er jetzt noch nicht zu unterscheiden vermochte. »Komm, komm!« rief er und zog Franza in doppelter Eile mit sich fort. Sie kamen näher, und Anton wurde erkannt. »Der Krikelanton!« rief eine laute Stimme. »Juhu! Er ist endlich da!« »Juhu!« wiederholten Hunderte, und Alles eilte ihm entgegen. Hundert Rufe schallten in sein Ohr, und jeden einzelnen sollte er beantworten. Er beachtete gar keinen und schritt auf den Pfarrer zu, welcher, das Cruzifix in der Hand, ihn erwartete. »Ist die Hilf möglich, Hochwürden?« fragte er. »Gott allein weiß es, mein Sohn. Hast Du bereits erfahren, wie es zugegangen ist?« »Nur wenig; aber ich kann es mir selber erklären. Da oben ist die Frau?« »Ja, da ist ein kleiner Vorsprung, auf dem sie gesessen hat, als der Berg neben ihr wich und ihren Mann mit hinab nahm.« »Der lebt noch?« »Er lebt und ist vollständig unverletzt. Komm mit zu ihm.« Kein Mensch achtete auf Franza. Der Pfarrer nahm Anton bei der Hand und führte ihn nach einem Felsbrocken, auf welchem ein Herr in Touristenanzug saß, der freilich sehr gelitten hatte. »Hier, Herr Professor, ist der Anton,« sagte der Geistliche. Der Fremde hatte ganz zusammengesunken dagesessen, das Gesicht in die Hände gestützt. Jetzt, bei diesen Worten, hob er den Kopf und sprang von seinem Sitze empor. Er hatte wohl viel geweint. Seine Augenlider waren geschwollen. Sein bleiches Gesicht war übernächtig. Er schien sich kaum auf den Füßen erhalten zu können. »Der Anton!« rief er, tief athmend. »Endlich, endlich! Junger Mann, komm her! Blicke da hinauf! Siehst Du sie?« »Ja. Es ist Deine Frau?« »Sie ist es. Bringe sie mir herab, und Alles, was ich besitze, ist Dein. Ich bin reich.« Anton maß mit scharfem, bedachtsamem Blicke die Höhe und sagte: »Herr, wann der liebe Gott will, daß Deine Frau gerettet werden soll, so will er doch nicht, daß Du die Rettung bezahlen sollst!« »Ich weiß, daß eine solche That nicht mit Geld zu bezahlen ist. Ich weiß auch, daß kein einziger Mensch den Muth hat, sie zu unternehmen. Ich hörte, daß es nur einen Einzigen giebt, der es wenigstens versuchen könnte, und der bist Du.« »Kannst Deine Frau hören?« »Nein. Es ist zu hoch.« »So weißt ja gar nicht, ob sie noch lebt.« »Das weiß ich. Sie hat noch vor kaum zehn Minuten mit dem weißen Taschentuche gewinkt. Sage mir, ich frage Dich bei Gott und bei Deiner Seligkeit, ob es möglich ist, zu ihr zu gelangen!« »Mit einer Leitern nicht, und von oben herab mit einem Strick auch nicht; denn die Kuppe ist unersteigbar.« »Mein Gott! So ist sie verloren! Sie muß elend verschmachten!« Er sank auf einen Stein nieder. Niemand sagte ein Wort. Aller Augen hingen an dem Gemsenjäger, welcher mit seinem Blicke die ungeheuere Wand musterte. Der Pfarrer trat an seine Seite. »Anton!« sagte er halblaut. »Weiß schon, Hochwürden!« »Ich will Dich nicht in das Verderben senden; aber da oben streckt der Verzweiflungstod seinen entsetzlichen Rachen einem armen Menschenkinde entgegen. Ich kenne Dich; ich brauche Dir kein Wort weiter zu sagen.« »Ist nicht nöthig, Hochwürden. Hält irgend wer die Rettung für möglich?« »Kein Mensch, als Dein Vater allein.« »So will ich zu ihm. Wo ist er?« »Ganz da vorn. Er hat sich die Wand noch einmal ganz genau betrachten wollen.« Anton schritt zwischen den Trümmern auf den alten Vater zu, welcher mit seinem Weibe auf einem Steinblocke stand und den Blick nach der Unglücksstätte gerichtet hielt. Er wußte, daß sein Sohn sich nicht suchen lassen, sondern zu ihm kommen werde. Alle Anwesenden folgten hinter Anton, und als dieser seine Eltern erreichte, gruppirten sie sich in einem engen Kreise um die drei Personen. »Kommst endlich!« sagte der alte Warschauer, indem er dem Sohne die Hand entgegenstreckte. »Schau, da droben liegt die Arme. Sie kann nicht herab, und wir können nicht hinauf. Was meinst dazu, Anton?« »Ja, Du bist der Vatern; erst kommst Du. Was meinst denn dazu?« »Ich mein, daß es schlimm ist, wann das Alter kommt. Einmal, in vorheriger Zeit, war ich noch kräftig und zähe. Da bin ich an allen Wänden emporgelaufen.« »Auch an so einer?« »Nein, an so einer noch nicht; aber ich weiß nicht, ob ich nicht auch das versucht hätt.« »So meinst, daß ich es versuchen soll?« »Nein, das mein ich nicht. Schau, Du bist jung, und das ist der Tod.« Er deutete bei den letzten Worten nach der Wand. Der Professor hatte es gehört; er trat herbei und sagte: »Ich wiederhole, was ich bereits hundert- und tausendmal gesagt habe: ich gebe dem Retter mein Vermögen. Warschauer, rede Deinem Sohne zu, daß er es sich verdiene!« Der Alte machte eine ganz unbeschreibliche Handbewegung und antwortete in zornigem und beinahe verächtlichem Tone: »Wer bist denn, he, daß Du mir Dein Vermögen bietst? Ein Professor? Ist ein Professor oder sein Weib mehr werth, als ein anderer Mensch? Wie groß ist Dein Vermögen? Sag!« »Ueber hunderttausend Gulden. Sie sind Euer, wenn Ihr mir meine Frau bringt.« »Hunderttausend Gulden? Was ist das denn weiter? Das ist ein Dreck gegen das Vermögen, was ich besitze. Da schau her? Hier steht mein Vermögen, der Anton, mein einzig Kind. Was giebst mir, wann der von der Felswand abistürzt und todt ist? Kannst mich dann mit hunderttausend Gulden bezahlen?« »Nein, das kann ich nicht. Aber ich flehe Euch an, hier auf meinen Knieen, daß Ihr – – –« Er war wirklich auf die Kniee niedergesunken. »Halt ein!« gebot ihm der Alte. »Du darfst nur vor Deinem Herrgott niederknien. Wann Du von Lohn sprichst, so ist das eine Beleidigung für uns. In den Bergen wohnen arme Leuteln, aber brav sind sie doch. Ihr reichen Leut kommt herauf zu uns und streicht da herum, wo ihr nicht hingehört. Ihr bringt Geld mit Euch und meint nun, daß Ihr die Berge kaufen könnt. Ihr macht uns die Nahrung theuer, und wann Ihr fort seid, so habt Ihr das mit Euch mit fortgenommen, worauf wir stolz sein konnten allimmerdar: die Einfachheit, die glücklich macht, auch wann man arm ist und nur das trocken Brod hat. Ich mag von den reichen Leute nix wissen; aber sie sind halt auch Menschen, und wann Einer sich in Gefahr befindet, so frag ich halt nicht, ob er arm ist oder reich; ists möglich, so soll er gerettet werden. Aber wann Du mir nochmals Geld bietest, so gehe ich heim und nehm den Anton mit!« »Warschauer!« sagte der Pfarrer in verweisendem Tone. »Bedenke, was der Herr Professor fühlen muß!« »Weiß schon! Aber Hochwürden mag auch bedenken, was ich und mein Weib fühlen müssen, wenn wir den Anton da hinauf schicken!« »Gott wird ihn schützen!« »Das wohl. Das ist auch der einzige Grund, wegen dem ich überhaupt in dieser Sach den Mund aufthu. Jetzt, Anton, schau einmal grad recht scharf hinauf. Siehst keine Möglichkeit?« »Ich hab sie schon gesehen.« »Ja, ja!« meinte der Alte stolz. »Du bist mein Sohn, mein richtiger Sohn. Du siehst halt sofort und gleich, was Keiner sieht. Es geht ein Weg hinauf.« »Wo? Wo?« fragte es rundum. »Was hilfts Euch, wann Ihr es erfahrt? Es kraxelt doch Keiner von Euch hinauf. Sag, Anton, wieviel Seil' Du brauchen wirst!« »Zwei.« »Das ist richtig. Ich seh, daß Du ganz Dasselbige meinst, wie ich. Und einen Hammer mußt haben und zwei Spitzeisen zum Einschlagen. Und den Stuhl hast auch schon mit. Willsts wagen?« »Was sagst dazu, Vater, Mutter?« »Ja, was sollen wir sagen, Bub? Wir sagen nicht Ja und nicht Nein. Glückts, so ists halt gut; glückts aber nicht, so dürfen wir nicht den Vorwurf haben, daß wir Dich in den Tod getrieben haben. Thu, was Du willst.« Alle waren still. Sie hielten die Hände gefaltet. Sie wußten, daß das nächste Wort Antons die Entscheidung bringen werde. Das Auge des Professors hing mit unbeschreiblich ängstlichem Ausdrucke an den Lippen des jungen Mannes. Endlich sagte dieser: »Und wann ich verunglück, werdet Ihr es mir vergeben, daß ichs gewagt hab, Vater, Mutter?« »Vergeben? Mein Sohn, wir werden hungern müssen, aber wir werden stolz auf Dich sein!« »So will ichs thun!« Wer war der größere Held, der Sohn oder der Vater mit der Mutter, welche bereit waren, ihr Ein und Alles zu opfern, um ein fremdes Menschenleben zu retten? Der Alte hatte gesprochen wie ein ächter Spartaner. Als der Sohn nun seinen Entschluß kund gab, ließ sich ein großer, tiefer, allgemeiner Athemzug hören, ein Seufzer der Erleichterung, welcher aus Aller Brust kam. Der Professor stieß einen Jubelruf aus und sagte: »Ich soll nicht wieder vom Gelde sprechen; aber wenn Du ja verunglückst, was Gott in seiner Barmherzigkeit verhüten möge, so werden Deine Eltern nicht darben, denn ich werde ihr Bruder sein. Das verspreche ich Dir!« Es wurden zwei Seile zur Stelle geschafft, welche Anton sich um den Leib wickelte. Sie waren lang und dünn, aber außerordentlich haltbar. Ein Fläschchen mit Kirschengeist steckte er ein, und endlich nahm er einen Hammer und zwei Spitzeisen in den Gürtel. Nun war er fertig. Aber er trat keineswegs schon jetzt den fürchterlichen Weg an, sondern er ging zum Pfarrer, der ihn beobachtet hatte, was er thun werde. »Hochwürden, wollen ein Wenig zur Seit treten; ich will beichten.« »Recht so, mein Sohn! Mag der Allmächtige beschlossen haben Leben oder Tod; Du sollst auf den Letzteren vorbereitet sein.« Als Anton dann vor dem Priester niederkniete, sanken alle Anwesenden auch auf die Kniee und entblößten ihre Häupter. Alle beteten für ihn und für die Verunglückte, deren Retter er sein wollte. Als er gebeichtet und die heilige Absolution empfangen hatte, ging er zu den Eltern. Sein Gesicht zeigte keine Spur von Angst. »Nun, Vater, wolln wir Abschied nehmen,« sagte er heiter. »Wie lange Zeit ich fortbleibe, das weiß ich halt nicht. Vielleicht ists länger, als ich denk; dann magst für mich beten.« Er umarmte und küßte ihn. Dann legte er auch die Arme um das alte, graue Mütterchen. »Mein liebs, liebs Mutterle, wein halt nicht. Mein Weg führt nach oben: zur Rettung oder in den Himmel. Hab tausend Dank für Alls, was ich Dir schuldig bin. Wann ich untergeh, so freu Dich nur, daß Du mich im Himmel wiederschaust. Leb wohl viel tausendmal!« Alle schluchzten laut; selbst der Pfarrer weinte. Anton riß sich los. Da erblickte er Franza. Er ging zu ihr, gab ihr die Hand und sagte: »Leb auch Du wohl! Vielleicht siehst jetzt, daß der Wilderer kein böser Mensch ist – – –« »Ich wiederhole es. Du bist ein Held. Mag geschehen, was da wolle, ich werde Dich nie vergessen.« »So thu mir einen Gefallen!« »Welchen?« »Geh hin zur Leni, und sag ihr meinen Abschied! Wann es nicht gelingt, wann ich abistürz, so werd ich halt noch in dem Augenblick, an welchem ich den Halt verlier, ihren Namen rufen. Sag ihr Das, und nun leb wohl!« Er reichte allen Bekannten reihum die Hand; dann schnallte er sich die Steigeisen an, band sich den Stuhl auf den Rücken und ergriff den Bergstock, welchen er sich ebenso wie die Steigeisen hatte borgen müssen. Als er nun nach der Felsenwand schritt, gingen Alle mit. Dort angekommen, sagte sein Vater noch: »Anton, gieb mir Deine Hand!« Er nahm sie und fühlte nach dem Pulse. »Meinst, ich hab Angst?« fragte der Sohn. »Nein. Du bist mein Sohn und hast niemals Angst gehabt. Aber ein solch Erlebniß macht das Blut leicht unruhig.« »Das meinige ist ruhig.« »Ich fühle es. Also steig aufi, Anton! Der Herrgott mag seine tausend Engel senden, daß sie Dich halten und beschützen. Amen!« Jetzt traten Alle zurück. Sie wußten, daß ihre Nähe ihn nur stören müsse. Sie wichen so weit zurück, daß sie die Wand in ihrer ganzen Höhe und Breite überblicken konnten. Nur die scharfen Augen des Alten und seines Sohnes hatten eine Möglichkeit ersehen, die Wand zu erklimmen; einen Weg, eine Ritze, in welcher man sich emporschieben konnte, gab es gar nicht. Jetzt schwang sich Anton auf einen Vorsprung, auf einen zweiten und dritten. Als er so weit emporgekommen war, daß die vorliegenden Trümmerhaufen ihn nicht mehr verdeckten, sondern er zu sehen war, wie eine Fliege an der senkrechten Wand hängend, entfuhr dem Munde des anwesenden Dorflehrers der Anfang eines Kirchenliedes – Alle stimmten ein, und brausend erklang es bis hinauf zu der unglücklichen Frau: »Hier liegt vor Deiner Majestät Im Staub die Christen-Schaar, Das Herz zu Dir, o Gott erhöht. Die Augen am Altar. Schenk uns, o Vater, Deine Huld! Vergieb uns uns're Sündenschuld! O Gott, vor Deinem Angesicht Verstoß uns arme Sünder nicht. Verstoß uns nicht, Verstoß uns Sünder nicht.« Es war ein Augenblick, wie selten einmal im Leben eines Menschen. Alles Irdische war gesunken, und nur der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, hatte Macht und Gewalt über die Seelen. Die Mutter Antons vermochte es nicht, ihrem Sohne mit den Augen zu folgen. Sie hatte sich hinter einem Felsblock niedergekniet und betete aus inbrünstigem Herzen. Ihr Mann aber saß regungslos und verwendete keinen Blick von dem Sohne. Freilich war es entsetzlich. Aus dieser Entfernung schien die Wand ganz glatt und ohne alle Hervorragungen zu sein. Oft hielt Anton still und suchte lange Zeit vergebens mit dem Fuße oder dem Bergstocke einen festen Halt. Oft glaubte man, ihn bereits stürzen zu sehen, und Alle schrieen dann laut auf. Aber es war nur eine verwegene Bewegung gewesen, welche ihn sicher vorwärts brachte. Man wagte nicht, laut zu sprechen. Die Bemerkungen, welche man machte, flüsterte man sich nur leise zu. So ging es höher und höher, über eine Stunde lang. Oft mußte der kühne Steiger minutenlang ausruhen, wenn er einen Punkt fand, an welchem dies möglich war. »Herrgott, nur nicht einen Krampf!« flüsterte sein Vater. »Schwindel giebts nicht bei ihm. Wann er nur nicht einen Krampf bekommt!« Kurz und gut, jeder Gedanke war jetzt ein Gebet. Und diese stillen, unausgesprochenen Gebete schienen erhört zu werden. Wenigstens ging der kühne, unbegreifliche Aufstieg ohne nennenswerthe Unterbrechung von statten. Aber wie Anton zu der Frau gelangen wollte, das war Allen außer seinem Vater ein Räthsel. Grad da, wo sie sich befand, rund um den Vorsprung, auf welchem sie tag, war der Felsen wirklich glatt, ohne die Spur einer Stelle, auf welcher nur eine einzige Zehe hätte Halt finden können, viel weniger aber ein Fuß und also der ganze Mann. Jetzt befand der kühne Mann sich grad so hoch wie die Frau, aber vielleicht zwanzig Ellen rechts von ihr. »Was wird er thun? Wie kommt er hin?« fragte Einer den Andern, und Keiner wußte die Antwort. Als er nun aber noch immer höher stieg, begann den Leuten die richtige Ahnung aufzudämmern, was er beabsichtige. Nämlich grad über dem Standort der Verunglückten, ungefähr zehn Ellen höher, gab es eine kleine Vertiefung, auf welche Anton es abgesehen hatte. Sein adlerscharfes Auge hatte ihm gesagt, daß es ihm möglich sei, dorthin zu gelangen, natürlich nur dann, wenn er das Leben für nichts achtete. Diese Vertiefung erreichte er glücklich und setzte sich dort nieder. Ein überlauter, jubelnder Schrei erscholl zu ihm empor. Den Zuschauern schien es, als sei das ungeheuer schwierige Werk bereits halb gelungen. »Noch nicht den zehnten Theil,« sagte der alte Warschauer. »Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt.« Die Vertiefung hatte kaum Platz für einen Menschen. Darum hatte Anton den Stuhl gelockert, so daß derselbe an der Schnur von seinem Rücken herabhing. Unter sich die ungeheure Tiefe, um sich nichts als nackte, glatte Felswand, begann er zu arbeiten. »Was thut er?« fragte man unten. Als Alle athemlos lauschten, hörten sie von oben herab ein leises, kaum wahrnehmbares Geräusch, wie das regelmäßige Ticken einer Uhr. Anton schlug mit dem Hammer das Spitzeisen in das Gestein, um einen festen Halt für das Seil zu bekommen. Diese Arbeit war mühsam. Es dauerte über eine halbe Stunde, ehe man bemerkte, daß er das Seil befestigt hatte. Dann plötzlich hing er an demselben in der Luft, hin und her schwebend wie ein Pendel. Immer weiter und weiter nieder griff er sich. Er kam der Frau näher und immer näher, und da – da hatte er den Vorsprung erreicht und kniete bei ihr nieder. Lauter Jubel schallte von unten herauf. Er hörte ihn kaum. Der Vorsprung war nicht unbedeutend, wohl zehn Ellen lang und vier Ellen breit. Da lag die Frau, unbeweglich und mit geschlossenen Augen. Anton zitterte jetzt, nicht um sich, sondern um sie. Sie lag in unmittelbarer Nähe der Kante. Eine Bewegung nach auswärts, und sie stürzte hinab. Weiter her zu lag das weiße Taschentuch, mit welchem sie gewinkt hatte. Anton band zunächst den Stuhl los und setzte ihn nieder. Dann kroch er hin und zog die Frau so weit zurück, daß sie nicht hinabfallen konnte. Sie hatte das Aussehen einer Leiche. Sie hatte sich die zarten Händchen blutig gerungen. Er zog die Flasche hervor und tröpfelte ihr ein Wenig Kirschengeist zwischen die halbgeöffneten Lippen. Sie schlug die Augen auf, starrte ihn eine Weile an und fragte sodann: »Wo bin ich jetzt?« »Fast in Sicherheit.« »Fast in Sicherheit? Also noch nicht todt? Lebe ich denn noch?« »Ja, Du lebst halt schon noch und sollst wohl auch nicht sogleich sterben.« »Mein Gott! Wer bist Du? Wohl ein Engel!« »O nein. Ich bin der Krikelanton. Hast denn noch nimmer von mir gehört?« »Nein. Du bist ein Mensch?« »Ja, ein richtiger Mensch, ein armes Teuferl, der sich freut, daß er hat da heraufi zu Dir kraxeln können.« »Wie ist das möglich! Hier herauf kann kein Sterblicher! Nur dem Adler ist es möglich, herbeizukommen.« »Hm! Es muß schon auch Anderen möglich sein, denn Du siehst ja auch mich hier.« »Also doch, doch! Welch eine Kühnheit! Und Du willst mich retten?« »Ja, wannst mit hinab willst.« »O Gott, o Gott! Rettung, Rettung!« Sie schloß die Augen. Nach all dem Jammer und der entsetzlichen Todesangst machte der Gedanke, daß Rettung möglich sei, sie schwindeln. Er flößte ihr noch einige Tropfen ein, und sie öffnete die Augen wieder. Jetzt nun dachte sie an die Wirklichkeit: »Mein Mann!« »Der sitzt da unten.« »Wie! Er ist nicht todt?« »Gar nicht. Er ist ganz schön mit abigerutscht und hat sich nachhero herauspasseln lassen.« »Gott, Gott, ich danke Dir! Ich war überzeugt, daß er zerschmettert worden sei!« »Wie ists denn geschehen?« »Wir stiegen herauf. Ich setzte mich hierher, um auszuruhen. Es gab da einen langen Spalt durch das Gestein, aber nicht breit, kaum einen Zoll breit. Niemand konnte ahnen, daß eine ganze Wand sich vom Felsen trennen und in die Tiefe stürzen werde. Während ich ruhte, ging mein Mann weiter vor, um einige Pflanzen zu holen. Da begann es zu krachen, zu bersten und zu donnern. Der Fels verschwand vor meinen Augen und mein Mann mit ihm. Ich wurde ohnmächtig.« »Schrecklich! Der Fels muß aber doch nur langsam abigebrochen sein, sonst wär Dein Mann zerschmettert worden.« »Gottes Engel haben ihn gehalten.« »Ja, sicher. Er ist verschüttet gewest und aber bald herausgraben worden. Nachher hat er sich gewaltig um Dich gekümmert.« »Welche Angst mag er ausgestanden haben!« »Größer nicht als die Deinige.« »Ganz gewiß nicht. Ich werde nie beschreiben können, was ich hieroben ausgestanden habe. Die Verzweiflung hat mich in ihren Krallen geschüttelt seit gestern.« »Wir werden ihr die Krallen verschneiden.« »So meinst Du wirklich, daß ich gerettet werden kann?« »Mit Gottes Hilf alleweil ja.« »Aber wie?« »Na, klettern kannst halt nicht?« »Nein.« »Das dacht ich schon. So werd ich Dich also wohl tragen müssen.« »Wohin?« »Da hinunter.« Er zeigte in die grausige Tiefe hinab. »Unmöglich!« »Warum?« »Da kann kein menschliches Wesen hinab.« »Bin ich nicht auch heraufi stiegen?« »Wie das möglich geworden ist, kann ich mir nicht denken. Ich bin nur einmal bis zum Rande hingekrochen, um einen Blick hinab zu werfen, aber es ist mir sogleich schwarz vor den Augen geworden.« »So bist leicht schwindelig?« »Ja.« »O wehe! Da werde ich Dir die Augen verbinden müssen.« »Ist das nöthig?« »Unbedingt. Wann Du im Schwindel eine falsche Bewegung machst, sind wir alle Beid verloren.« »Aber wie willst Du mich denn tragen?« »Das ist ganz schön und hübsch für Dich. Schau den Lehnstuhl dort! Auf diesen setzest Du Dich, und ich bind Dich und ihn mir auf den Buckel. Auf diese Art und Weis spazier ich nachhero abwärts.« »Mit solcher Last!« »O, Du bist halt keine dicke Bäckerswittwe, die drei Centner Speck am Leibe hat. Mit Dir werd ich schon bald fertig werden. Hast Hunger?« »Nein.« »Das ist gut, denn ich hab nix zu Essen mit. Aber wann wir hinab kommen, nachhero kannst Alles haben, was Dein Herz begehrt. Jetzt nun will ich das Eisen fest machen.« Er holte das zweite Eisen heraus und den Hammer, und begann das Erstere in den Felsen zu treiben. Als er aus allen Kräften zu hämmern begann, rief die Professorin erschrocken: »Um Gotteswillen, was thust Du!« »Ich mach ein Loch.« »Der Felsen zittert. Wenn er nun abstürzt!« »So stürzen auch wir und sind todt.« »So halte doch auf!« »Das kann nix nutzen. Schau, wann wir hinab wollen, so muß ich hier das Seil festmachen, nachhero sind wir gerettet; also muß ich klopfen. Bricht der Stein ab und wir mit ihm, so haben wir einen raschen Tod; das ist doch besser, als daß ich nicht klopfe, und wir verschmachten hier.« Sie sah ein, daß er Recht hatte. Als das Spitzeisen im Felsen einen festen Halt gefunden hatte, schlang er sich das zweite Seil vom Leibe und befestigte es an das Eisen. »Es ist ja viel zu kurz,« sagte sie. »Das hast sehr richtig gesagt,« antwortete er lächelnd. »Es müßt grad zwanzigmal länger sein, wann es bis hinab reichen sollt. Aber ich will mich auch nicht seilen bis ganz hinab.« »Wie sonst?« »Schau, grad unter uns ist wieder so ein kleiner Stein, gar nicht groß und breit, höchstens eine Viertelellen, so daß man gerad den Fuß darauf setzen kann. Wann ich nur einmal da auf demselbigen steh, sodann ists gut; es wird dann schon die Stellen geben, wo ich den Stock einhaken kann oder Platz für die Fußspitz find.« »Das ist doch gefährlich!« »Nicht so gefährlich wie hier bleiben und verschmachten. Willst mit hinab?« »O Gott, mir graust vor dieser Tiefe!« Sie verhüllte die Augen mit den Händen. »Aber hinab mußt doch einmal! Thu mir den Gefallen und denk an Deinen Mann!« »Verzeihe mir! Du erscheinst mir wie ein Engel vom Himmel, und ich bin so kleinmüthig.« »Denk an das heilige Bibelbuch, worinnen zu lesen ist, daß die Engel kommen und den Menschen halten, daß er an keinen Stein stößt. Nicht wahr. Du steigst mit abi?« »Ja.« »So komm her, und setz Dich auf den Stuhl!« Sie that es. Er band ihren Leib und ihre Arme an die Lehne und ihre Beine an diejenigen des Stuhles fest. Dann verband er ihr mit ihrem Taschentuche auch die Augen, was sie ruhig geschehen ließ. »Ich ergebe mich Gott und Dir!« hauchte sie. »Gott wird uns schützen. Ich werd schon ganz gut hinab kommen, wann Du mir nur versprichst, Dich nicht zu regen und zu bewegen, auch nicht zu schreien. Du mußt grad ebenso sein, als ob Du todt und begraben seist.« »Ich verspreche es Dir.« »So mag es denn beginnen.« Jetzt kauerte er sich nieder, um sich den Stuhl auf den Rücken zu binden, so daß die Stuhllehne zwischen seinem Rücken und dem ihrigen zu liegen kam. Dann erhob er sich. »Gehts fort?« fragte sie. »Ja. Ich wollt aber erst auch probirn, wie schwer Du bist. Das ist grad wie eine Feder. Wann Du still bist, so werd ich denken, ich hab gar nix auf dem Buckel. Bet auch recht schön leise immerfort, denn jetzt beginnts.« Er mußte natürlich das obere, erste Seil, mit dessen Hilfe er hierher gekommen war, hangen lassen. Jetzt kroch er bis zum Seitenrande des Vorsprunges, kniete dort nieder, ergriff das Seil, rutschte langsam vom Steine ab und ließ sich sodann am Seile hinab. Den Alpenstock, von welchem das Gelingen des ungeheuren Wagnisses ab hing, hatte er natürlich nicht auf dem Vorsprunge zurückgelassen; er trug ihn mit sich, so daß er die obere Krümmung desselben in den Zähnen hielt. So ging es am Seile abwärts, bis er die erwähnte Stelle erreichte, auf welcher sein Fuß Halt fand. »Hörst mich, Frau?« fragte er. »Ja.« »Das Seil ist zu End, und ich muß mich nun nur auf meine Füß und auf den Stock verlassen. Leg Dich recht schwer nach hinten, so daß mich Dein Gewicht nicht von der Wand abzieht, sonst stürzen wir hinab.« Sie gehorchte. Er nahm eine möglichst zusammengebogene Stellung ein. um im Gleichgewicht zu bleiben, mußte sich aber freilich sagen, daß die geringste Bewegung ihrerseits ihr beiderseitiges Verderben sein werde. Glücklicher Weise war sie vor Angst fast gelähmt. Sie bewegte sich nicht. Sie wagte ja kaum zu athmen. Was er bisher gethan hatte, war fast nur ein Kinderspiel zu nennen gegen das, was er noch zu unternehmen hatte. Auf dem kleinen Vorstoße hangend, richtete er den klaren, scharfen, furchtlosen und schwindelfreien Blick neben und unter sich, um einen zweiten Punkt für Fuß und Stock zu finden, dabei aber immer berechnend, daß es von da aus auch weitere Anhaltspunkte gebe. So begann der Abstieg, bald grad abwärts, bald zur rechten oder zur linken Seite. Oft gab es keine Stelle mehr, um Fuß zu fassen, und dann mußte er mit Lebensgefahr wieder zurück, um dann andere Stellen zu suchen. Es gehörten, die Eigenschaften der Seele ganz abgerechnet, Muskeln von Eisen und Flechsen von Stahl, Nerven aber wie von Erz dazu, diesen Gang in den Abgrund auszuführen. Und das war bei Anton vorhanden. Immer tiefer und tiefer kam er. Die zuschauende Menge hielt es nicht für möglich. Noch fünfzig, noch vierzig Ellen war er vom Boden entfernt; dann nur noch dreißig, zwanzig – zehn Ellen. Noch fünf – vier – drei – zwei Ellen; dann that er den kleinen Sprung. Er stand auf fester Erde – die Professorin war gerettet. Man hätte denken sollen, daß nun ein großer Jubel zu hören gewesen sei, aber mit nichten. Der Augenblick war ein zu gewaltiger. Alle sanken auf die Kniee nieder. Da begann der Pfarrer: »Ich rief den Herrn in meiner Noth: Ach Gott, vernimm mein Schreien! Da half mein Helfer mir vom Tod Und ließ mir Trost gedeihen. Drum Dank, ach Gott, drum dank ich Dir. Ach danket, danket Gott mit mir! Gebt unserm Gott die Ehre!« Alle sangen mit. Alle, nur Antons Eltern nicht und der Professor nicht; diese fanden selbst zu diesem Lobliede keine Worte, keine Töne. Und Anton stand unbeweglich da, aber seine Kniee zitterten. Nach der entsetzlichen, übermenschlichen Anstrengung trat die Reaction ein. Er kniete langsam nieder, so daß er den Stuhl zur Erde setzte, und löste den Strick, mit welchem er ihn an sich befestigt hatte. Bereits war der Professor herbeigesprungen. Er riß seiner Frau das Tuch von den Augen und zog sie weinend in seine Arme, obgleich sie noch an den Stuhl gefesselt war. An den Schultern Antons aber hingen seine alten Eltern, laut schluchzend vor Freude, Glück und Stolz. Das dauerte aber gar nicht lange, denn nun drängten sich auch die Andern heran. Jeder wollte dem muthigen Retter die Hand drücken und ihm ein Wort der Bewunderung, der Anerkennung sagen. Der Professor umarmte ihn. »Anton,« sagte er, »was Du heut an uns gethan hast, das hast Du Dir gethan. Ich will nicht von Dank sprechen; aber Gott soll meiner vergessen, wenn ich dieses Augenblickes vergesse. Sei mein Bruder, mein Sohn! Was ich habe, das gehört auch Dir!« In jubelndem Triumphe wurden Retter und Gerettete hinab in das Dorf geführt. Dort angekommen, flüchtete Anton sich mit den Eltern sogleich in sein Hüttchen. Franza war mit nach dem Gasthause gegangen, wo der Professor logirte. Die Frau Professorin befand sich in einem höchst hilfsbedürftigen Zustande, und die derben Bewohnerinnen des Ortes waren zur Behandlung der zarten Dame so wenig geeignet, daß eben Franza sich derselben annahm. Natürlich mußte Anton vor allen Dingen berichten, was er während der Rettungsthat gedacht und gefühlt habe. Dann aber wurde er gefragt, warum er erst heut nach Hause gekommen sei. Er erzählte seine Erlebnisse, und da fiel ihm erst das Geld ein, welches er einstecken hatte. Vor Eifer, für die Professorin das Wagniß zu unternehmen, hatte er gar nicht daran gedacht. Er zog die blanken Goldstücke hervor, legte sie auf den Tisch und sagte: »Da schaut, was ich Euch mitgebracht habe.« »Herrjesses!« rief seine Mutter, vor Entzücken die Hände zusammenschlagend. »Das sind ja meiner Seel lauter Goldstückerln! Wo hast denn diese her?« »Von dem Herrn aus München, bei dem ich den Bären erschossen hab.« »Der gute! Was aber fangen wir nun alleweil mit dem gar vielen Geldl an?« »Das werd ich Dir gleich sagen.« »Nun?« »Davon lebst und zehrst mit dem Vatern, bis ich wieder aus meiner Gefangenschaft zurückkehr.« »Gefangenschaft?« »Ja.« »Was plauschest da! Wirst doch nicht in Gefangenschaft gehen, da sie Dich nicht ergriffen haben!« »Doch werd ich gehen. Es ist besser, ich bin die Sorg los. Und nachher wird die Leni mein Weib.« »Die Leni? Da will ich gar nix dagegen haben; aber das mit dem Gefängniß, da wird nix daraus. Nicht wahr, Alter.« Der Vater antwortete bedächtig: »Der Anton hat noch nicht gesagt, wie er auf diesen Gedanken kommen ist. Wie ich ihn kenn, so thut er nix, ohne es sich vorher überlegt zu haben. Laß ihn reden. Wir hören ihn an, und sodann wird es sich zeigen, was wir davon zu denken haben. Also sprich, Anton!« Und nun erklärte der Sohn, wie er durch Leni und seine Liebe zu ihr auf den Gedanken gekommen sei, dem Gesetze nachzukommen. Er sprach längere Zeit in aller Aufrichtigkeit und Eindringlichkeit zu den Eltern. Und als er fertig war, hatte er den Vater so überzeugt, daß dieser sagte: »Hast Recht, Anton. Geh hinüber und stell Dich dem Gericht. Dann bists los.« »Und wann?« »Wann Du denkst.« »Dann recht bald. Je rascher ich beginne, desto rascher bin ich es wieder los. Was meinst, ob ich heut schon geh?« »Thu es, Anton. Etwas Gutes soll man nie nicht auf die lange Bank schieben.« »Nein, nein, heut nicht!« rief die Mutter. »Heut, nachdem Du so Großes vollbracht hast, wollen wir Dich bei uns haben.« »Und grad derowegen möcht ich gehen. Weißt, nun kommen die Leut all, und ich soll Red und Antwort stehen. Vielleicht kommt gar auch noch der Professor und will sich extra bedanken; das ist mir zuwider, und daher geh ich lieber fort.« Die Mutter war nun freilich ganz dagegen, aber der Vater gab ihm Recht, und so wurde beschlossen, daß er sich noch heut dem Gerichte stellen solle. »Fährst mit dem Freifräulein hinüber?« fragte der Alte den entschlossenen Sohn. »Eigentlich wollte ich; aber sie wird mir widerreden.« »Warum?« »Sie will mich partutemang glücklich machen, und da paßt es ihr natürlich nicht in ihren Kram, daß ich gefangen bin. Ich möcht lieber ohne sie hinüber. Aber wann ich lauf, so ergreifen sie mich.« »Kannst auch fahren.« »Mit wem?« »Des Nachbars Knecht wollt hinüber mit Heu. Er ist nur durch das Unglück droben am Bergsturz abgehalten worden. Ich will mal nachschauen, ob er noch fährt.« Er ging und kehrte schnell mit der Nachricht zurück, daß der Knecht doch noch fahre und bereits beim Anspannen sei. Nach kurzer Zeit sahen sie den Wagen vorüberrollen, und Anton nahm Abschied von den Eltern. Das brach ihnen das Herz keineswegs. Diese derben Leute haben sich auch lieb, aber ihre Liebe ist keine weichherzige; sie macht weniger Umstände als bei anderen Menschen. Anton holte vor dem Dorfe den Wagen ein und kroch, da der Knecht bereits unterrichtet war und er ihm also keine lange Rede zur Erklärung zu halten brauchte, in das Heu, wo er nicht bemerkt werden konnte. Es war wenig nach Mittagszeit, als sie in der Stadt ankamen. Anton ging sofort nach dem Gerichtsamte, wo die Bureaustunden für den Nachmittag eben begonnen hatten. In dem Anmeldezimmer befand sich der Amtswachtmeister und – der Nachtwächter, welcher entweder auch des Tages über hier eine Beschäftigung fand, oder in eigener Angelegenheit da zu thun hatte. Als der gute Mann den Wilderer eintraten sah, stand ihm vor Erstaunen der Mund weit offen. »Herrgottsakra, der Krikelanton!« rief er aus. Der Wachtmeister fuhr herum, betrachtete den jungen Mann und sagte: »Das ist er? Das? Unmöglich.« »Warum halt unmöglich?« »Weil der Fuchs doch nimmer in der Höhle des Löwen erscheinen wird.« »O, ein Fuchs verlauft sich auch mal!« »So wärs wahr? Bists wirklich?« »Ja, ich bins,« antwortete Anton ruhig. »Bist nicht gescheidt! Kannst Dir doch denken, daß wir Dich festhalten!« »Das weiß ich.« »Und kommst dennerst?« »Eben deswegen komme ich. Ich will halt hier festgehalten sein.« »Bist wohl nicht richtig beim Kopfe?« »Ich bin wohl sehr richtig.« »Weißt, wen wir mal haben, den lassen wir nicht sobald gleich wieder fort!« »Ich will auch gern bleiben. Kannst mich bei dem Herrn Amtmann melden.« »Gleich bei dem? Warum nicht vorher bei dem Herrn Actuar oder Referendar?« »Weil ich halt gleich reine Sach haben will.« »Nun, so mußt noch ein Wenig warten. Setz Dich nieder. Da steht die Bank.« Anton setzte sich. Der Nachtwächter wußte noch immer nicht, ob er seinen Augen trauen dürfe. Er kam langsam näher und fragte: »Willst Dich wohl gleich selbst freiwillig stellen.« »Ja.« »Das ist ein' Seltenheit.« »Aber es ist besser, sonst fängst Du mich noch und arretirst mich ins Loch.« »Das kann sein.« »Meinst?« »Ja. Ich hätt' Dich heut in der Nacht beinahe schon ergriffen und eingearretirt.« »Glaub's kaum!« »O ja! Aber als der Herrgottle den Schaden besah, warst Du es nicht, sondern ein Anderer.« »Wer?« »Hab den Namen vergessen.« »Wohl der Baron von Höllendampf?« »Verdimmi, verdammi! Du kennst ihn?« »Sehr gut. Er hatte eine Brillen auf, eine Reitpeitsch und einen Hut zum Zusammen- und Auseinanderthun? Nicht wahr?« »Ja. So einen Hut hab ich noch gar nimmer geschaut. Er könnt gedrückt und gezogen werden grad wie eine Ziehharmonie. Aber woher weißt Du es?« »Weil ich dabei war.« »Du?« »Ja.« »Es war nur ein Weibsbild dabei.« »Ein Weibsbild und ich. Der Baron von Höllendampf war ich selber. Verstanden!« »Du – Du – wärsts – –gewesen?« »Ja.« »Verdimmi, verdammi! Nicht zu glauben!« »Hab ich Dich nicht gut angeschnauzt? Du bist davon gangen wie der Pudel, wenn man ihm Wasser auf den Pelz schüttet.« »Hör mal, Anton, das will ich mir verbitten! So weit geht die unserige Freundschaft nicht, daß ich mich von Dir einen Pudel schimpfen laß!« »Das hab ich halt auch nicht gethan. Es war doch nur ein Vergleich, den ich gemacht hab.« »So giebts noch andere Sachen, mit denen Du mich vergleichen kannst; es braucht nicht eben grad nur ein Pudel zu sein.« »Was denn? Ein Aff oder Heupferd?« »Schweig! Hier befindst Dich auf amtlichen Boden, und wann Du mich vorrinjurirern willst, so kannst schon schnell eingesperrt werden!« »Wohl wieder wegen Hausfriedensbruch auf nächtlicher Gassen? Hast wieder den Alibi gefunden vom Corpus delicatum?« »Sei still, Anton! Davon braucht Niemand nix zu erfahren. Wann sie hören, daß ich Dich hab laufen lassen, so bekomm ich eine Nasen, die für fünf Nashörner und für zehn Aliphanten ausreicht. Die gestrengen Herren verstehen halt so leicht keinen Spaß. Eigentlich hab ich Alles zu verarretiren, was ich auf der Straßen find, wann ichs nicht kenne. Wer ein Amt hat, der hat auch eine Sorg. Es ist nur gut, daß mit dem Amt auch gleich allemal der Verstand kommt.« Jetzt trat eine Person aus dem Bureau des Amtsmannes, welcher also nun zu sprechen war, und der Wachtmeister meldete Anton an, welcher sogleich vorgelassen wurde. Der Beamte mochte überrascht sein, daß der vielgesuchte Wilderer freiwillig zu ihm komme. Er musterte ihn einen Augenblick lang, und diese Musterung schien von gutem Erfolg gewesen zu sein, denn er fragte in mildem Tone: »Was führt Sie zu mir?« »Mein freier Wille, Herr Amtmann. Ich möcht meine Straf absitzen.« »Absitzen? Sie scheinen das plötzlich recht eilig zu haben!« »Ja, je ehnter ich beginn, desto ehnter hörts auf.« »Aber es ist Ihnen doch noch gar keine Strafe zuerkannt worden!« »Nicht? Kann das nicht gleich sofort geschehen?« »Nein. Es muß ja vorher über das Verbrechen oder Vergehen verhandelt werden.« »Ich hab halt glaubt, das ist nicht nöthig. Es steht ja im Gesetzbuch geschrieben, welche Straf ein Verbrechen hat.« Das war nun freilich eine sehr naive Ansicht, und sie wurde mit einer solchen Unbefangenheit geäußert, daß der Amtmann Mühe hatte, das Lachen zu verbergen. Er gab ihm die nöthige Erklärung und ließ ihm sodann eine Zelle anweisen, in welche Anton internirt wurde.     Als heut am Vormittage Leni mit dem Wurzelsepp in die Kirche gegangen war, hatten Beide nicht bemerkt, daß sich der König bereits in derselben befand. Ludwig war bekanntlich ein begeisterter Liebhaber der Musik. Er wußte, daß der Cantor ein guter Spieler sei und hatte ihn veranlaßt, die Orgel zu spielen. Am Schlusse war er zu Leni und Sepp getreten und hatte sie aufgefordert, ihm zu folgen. Er ging nach dem Pfarrhause, in dessen Hof die Beiden zunächst ein Weilchen warten mußten; dann wurden sie hinein gerufen. Sie kamen aber nicht, wie sie erwartet hatten, zu dem König, sondern zu dem Pfarrer, welcher sie höchst wohlwollend aufnahm und ihnen die Sitze anwies. Er wendete sich an Leni: »Du weißt wohl, liebes Kind, daß ich stets eine aufrichtige Theilnahme für Dich gehabt habe. Der Grund dazu lag einestheils in dem Umstande, daß Du ein Waisenkind warst und anderntheils in Deinem fortwährenden Wohlverhalten, durch welches Du Dir die Achtung Aller reichlich verdient hast. Ich habe Deinen Entwickelungsgang scharf beobachtet. Ich kannte die Gaben, welche der Herrgott Dir verliehen hat, ohne daß Du es ahntest. Es sind reiche, aber auch gefährliche Gaben, an denen bereits manches Menschenkind zu Grunde gegangen ist. Darum und weil es hier keine Gelegenheit zur Ausbildung derselben gab, schwieg ich darüber und hütete mich, Dich darauf aufmerksam zu machen. Ich war der Meinung, daß das Weib eines braven Aelplers ebenso glücklich sein und wenigstens ebenso Gott zur Ehre leben könne wie eine Künstlerin, welcher sich die Versuchung und Verführung auf Schritt und Tritt entgegenstellen. Diese meine Meinung ist jetzt nicht mehr begründet. Es ist ein Anderer, welcher mächtiger ist, als ich es bin, auf Dich aufmerksam geworden, und er ist bereit, die herrlichen Gaben, welche Du besitzest, zur Ausbildung und Reife zu bringen. Du stehst heut vor einem hochwichtigen Wendepunkte Deines Lebens; und wir wollen bitten, daß die Entscheidung, welche Du triffst, Dir zum Heile und auch Andern zum Segen gereiche!« Er hielt inne. Das klang so feierlich, daß es Leni noch banger werden wollte, als es ihr heut so schon war. Er fixirte sie mit seinem Blicke und fragte sodann: »Weißt Du, welche Gabe ich meine?« »Nein, geistlicher Herr.« »So hast Du noch gar nicht gehört, daß Du für die beste Jodlerin weit und breit giltst?« »Das hab ich schon bereits oft gehört, aber ich glaub es halt nicht.« »Du kannst es getrost glauben; es ist wahr, der Herrgott hat Dir einen Reichthum in Deine Kehle gelegt, welcher unschätzbar ist. Es ist derselbe Reichthum, welchen Schiller meint, wenn er von dem gottbegnadeten Sänger Ibykus singt: »Ihm schenkte des Gesanges Gabe, Der Lieder süßen Mund Apoll, So wandert er am leichten Stabe Aus Rhegium, des Gottes voll.« »Hast Du schon einmal eine Sängerin gesehen?« »Ja.« »Wo?« »Drin in der Stadt zum Jahrmarkt. Da war eine Gesellschaft hier, die spielten und sangen, und war auch ein Dirndl dabei, die konnte so gar sehr schön.« »Hm!« lächelte der Pfarrer. »Was sang sie denn?« »Sie hat gesungen: Der Hahn kräht schon in aller Früh Der Henne vor sein Kikriki. Wann sich der Frühling melden läßt, So singt das Schwalberl in sein' Nest. Sogar der dumme Gimpel schreit Von Liebesgram und Liebesleid.« »Nun, das ist denn doch nichts gar Besonderes!« »Sodann hat sie auch gesungen: »Blickt der Jüngling nur die Jungfrau an, Gleich fängt das Herz zu pinken an!« »Auch das ist nichts Bewundernswerthes. Dieses Mädchen ist eben keine richtige Sängerin gewesen. Du wirst wohl noch keine gehört haben. So Eine, wie ich meine, die singt nur vor dem Kaiser und König, vor Fürsten und Grafen und verdient sich viele Tausende im Jahre.« »Herrgottle!« »Himmelsakra!« entfuhr es dem Wurzelsepp. »Sie singt im Hoftheater, wo alle hohen Herrschaften auf ihren Gesang lauschen. Und wenn die Sorgen den König quälen, dann geht sie zu ihm und singt ihm aus einem Kunstwerke vor, wie David vor Saul gesungen hat, um die Geister des Leides zu vertreiben. Möchtest Du das nicht auch?« »Vor dem Könige? Warum nicht?« »Und würdest Dich nicht fürchten vor ihm?« »Ich begreif nicht, warum ich mich fürchten sollt. Er würd mich schon nicht anbeißen. Er mag herbeikommen auf meine Alm; da will ich ihm vorsingen, so viel er begehrt.« »Er hat keine Zeit, zu Dir zu kommen; aber er hat gehört, welch eine herrliche Stimme Du besitzest, und will Dich zu einem berühmten Lehrer des Gesanges thun, welcher Dich ausbilden soll, damit Du eine berühmte Künstlerin werden magst.« »Mich ausbilden? Ich kanns ja schon!« »Wohl kaum!« lächelte er. »Na, ich brauch doch nur den Mund aufzumachen, so kommt es heraus!« »Das ist kein künstlerischer, sondern ein roher Gesang. Du kannst ja sogar die Noten nur soweit, als es für den Festgesang hier in der Kirche erforderlich ist, wo Du allerdings stets meine beste Sängerin warst. Also der König läßt Dich fragen, ob Du ihm den Gefallen thun und Ja sagen willst.« »Ich soll dem König einen Gefallen thun? Ja, das will ich schon herzensgern. Ich möcht ihm mein Leben geben, wann es gut für ihn ist. Aber eine Theatersängerin werden – –nein, geistlicher Herr, das kann ich nicht.« »Sapperment!« entfuhr es dem Wurzelsepp. »Warum nicht?« fragte der Pfarrer. »Weil – weil – ich kanns nicht sagen.« »Mir kannst Du es doch sagen und dem Sepp auch. Er ist Dein Pathe und Vater, und ich bin Dein geistlicher Berather, vor welchem Du keine Geheimnisse haben sollst. Dir graut wohl vor dem sündhaften Bühnenleben?« »Ich weiß nicht, was die Bühn ist, und weiß auch nicht, obs dort eine so große Sünden giebt.« »So hast Du einen andern Grund?« »Ja.« »Welchen?« »Ich möchts gern nicht sagen, geistlicher Herr.« »Dummheit?« fuhr der Wurzelsepp auf. »Wann Dus nicht sagst, so sag ichs!« »Ja, sag Dus!« »Ihr Grund ist nämlich der Krikelanton.« »Ah!« machte es der Pfarrer. »Ist er Dein Geliebter, liebe Leni?« »Ja,« antwortete sie erröthend. »Ein Wilderer!« »Aber ein braver Bub!« antwortete sie schnell. »Ob ein Wilderer brav sein kann, darüber wollen wir nicht streiten; er kann auf keinen Fall der Grund sein, daß Du den Wunsch des Königs nicht erfüllst, denn er ist nun ja todt.« »Grad eben weil er todt ist, kann ich nicht.« »Wieso?« »Schau, geistlicher Herr, der Anton wollt heut nach Haus und seinen Eltern das Geld geben, was ihm der König geschenkt hat. Sie sollten davon leben, und er wollte indessen in das Gefängniß gehen, um freiwillig seine Straf anzutreten. Darnach wollte er nie wieder eine Gams schießen, und wir wollten Mann und Weib werden und brav arbeiten. Das hatten wir uns so gut und schön ausgesonnen, und nun ist er erschossen worden!« Sie begann zu weinen. »Das freut mich,« sagte der Pfarrer ernst. »Also ist er doch mit dem festen Vorsatz der Besserung gestorben und wird nun bei Gott Gnade finden. Aber Dich kann das in Deinem Entschlusse nicht beengen.« »Gar wohl? Ich muß doch zu seinen Eltern!« »Wie meinst Du das?« »Die hab ich halt von ihm geerbt. Sie sind alt und arm. Ich hatt ihm versprochen, sie oft zu besuchen, wann er im Gefängniß sitzt. Nun ist er gar für immer fort, und da muß ich freilich nun ganz zu ihnen gehn.« »Welch eine Dummheiten!« zürnte der Sepp. Aber über das Gesicht des Pfarrers ging eine tiefe Rührung. Er streckte dem Mädchen die Hand entgegen und sagte: »Das ist brav gedacht von Dir. Du hast das Herz da, wo es hingehört, Leni; aber wie nun, wenn die Eltern auch ohne Dich auskommen?« »Das können sie nicht.« »Ich meine, wenn ihnen unser guter König um Deinetwillen ein kleines Jahrgehalt zahlte?« »Das wäre sehr brav und lieb, und ich wollt für ihn beten dafür, aber Geld thut es doch nicht; ich muß halt selber hin zu ihnen.« »Wohl! Ich will nicht in Dich dringen; ich darf Dein Herz nicht hindern, in seiner Weise Gutes zu thun; aber es ist auch meine Pflicht, Dir zu sagen, worauf Du verzichtest. Es öffnet sich vor Dir eine Bahn des Ruhmes und der Ehre; Du sollst eine Künstlerin werden, welche da wirkt zum Preise Gottes und den Menschen zur Erhebung. Du kannst da an einem einzigen Tage mehr Gutes wirken, als sonst während Deines ganzen Lebens, wenn Du zu den Eltern Antons ziehst. Kennst Du das Gleichniß von dem ungetreuen Haushalter oder von den verschiedenen Pfunden? Die heilige Schrift verbietet es, das von Gott empfangene Pfund zu vergraben. Du willst die Dir verliehene Gabe verkümmern lassen; wenn Du das thust, so machst Du Dich einer schweren Sünde schuldig. Bedenke das wohl, meine Tochter!« Es entstand eine Pause. Leni blickte vor sich nieder. In ihrem Gesicht sah man den Ausdruck der verschiedensten Gefühle kommen und gehen. Endlich erhob sie den schönen, jetzt so ernsten Kopf und sagte: »Ich kann nicht, Hochwürden. Wann ich müßt vor den Theaterleuteln singen, dann müßt ich an den Anton denken und an seine alten, lieben Eltern, und dann thät ich stecken bleiben, denn die Kehl hätt gar keinen Platz für den Gesang.« »Das denkst Du jetzt. Das Herzeleid, welches Dich heut bewegt, wird seine Macht mit der Zeit verlieren, und dann wirst Du es bitter bereuen, heut nicht auf meinen Vorschlag eingegangen zu sein.« »Ich glaubs nicht, ich glaubs nicht. Was ich heut denk und fühl, das wird stets und immer so bleiben.« »Du kennst das Menschenherz noch nicht. Es ist – –« Er wurde unterbrochen. Die zum Nebenzimmer führende Thür, welche nur angelehnt gewesen war, wurde aufgestoßen, und der König trat herein. »Hochehrwürden, dringen Sie nicht weiter in sie!« sagte er. »Es sind zwei Stimmen, welche jetzt auf sie eindringen, die Stimme der Kunst, welche trügerisch ist, und die Stimme des Herzens, welche stets nur Göttliches redet. Mag sie der Letzteren gehorchen. Ich verzichte auf die Genugthuung, welche ich bereits fühlte bei dem Gedanken, ein einfaches Kind meines Volkes emporheben zu können zur Höhe, in welcher die göttlichen Musen walten. Vielleicht hat Leni Recht. Sie kann als Künstlerin Gott dienen und viel Gutes wirken; aber denken Sie an die Worte Uhlands »Doch schön ist nach dem großen Das schlichte Heldenthum.« Leni hat sich für dieses schlichte Heldenthum entschlossen, und vielleicht ist dasselbe Gott wohlgefälliger als der glänzende Ruhm, den wir ihr bieten und den sie verschmäht, weil sie auf die Stimme ihres Herzens und Gewissens achtet.« Und dem braven Mädchen die Rechte auf das Haupt legend, fuhr er fort: »Gehe hin und handle stets so, wie Du heute gehandelt hast, Leni; dann wirst Du stets den Frieden mit Gott und mit Dir selbst genießen. Dein König bleibt Dir gewogen, und hast Du später einmal einen Herzenswunsch, so komme zu ihm; er wird Dir ihn erfüllen. Für die Eltern des Krikelanton aber laß auch mich mit sorgen!« Sie sank in die Knie, küßte mit tiefster Bewegung die Hand des hohen Herrn und ging dann fort, gefolgt von dem Wurzelsepp, welcher mit seinem Alpenstock in der Luft herum hantierte, als ob er alle Welt erschlagen wolle. »Weißt, was Du gethan hast?« fragte er grimmig. Sie antwortete nicht. »Eine Dummheiten hast gemacht, eine unverschämt große und unverzeihliche!« Und nach einer Weile fragte er wieder: »Und weißt, was Du bist?« Auch jetzt antwortete sie nicht. »Eine Gans bist, eine sehr dumme! Keine Sängrin werden wollen! Herrgottsakra! Wann doch nur mir mal so ein Weizen geblüht hätt'! Ich hätt' sogleich laut geschreit: ›Ich will zwei Sängrinnen werden und meinswegen auch gar drei!‹ Wie hättsts haben können! Seidene Kleider, tausend Gulden das Stück, ein Kammerdiener, eine Jungfer, ein Kutscher, ohne die Köchin und alles Andere! Und der König hätt' sein Freuden daran gehabt und der Wurzelsepp auch!« Er machte vor Grimm so schnelle und weite Schritte, daß sie Mühe hatte, ihm zu folgen, und zürnte weiter, indem er mit dem Stocke fuchtelte: »Und der Ruhm, der Ruhm und die Ehr, die Ehr! Wann der Vorhang aufgeht, so schmeißen sie die Kränz von allen Seiten Dir an den Kopf, und alle Tag kommt der Juwelerirer und bringt goldene Ring und Armbroschen und Halscastagnetterls oder Ohrdiademerls und Handbummerln, welche die Grafen und Herren Dir kauft haben. Und wann ich dann mal komm, um Dich zu besuchen, so trink ich Schokoladen und gieß Schamblanscher hinein und die Köchin setzt mir Maccaroninuderln vor mit Kiefiar und Austernbrei. Und nachher setz ich mich in Deine Eglipasche, fahr spazieren und streck den Leuten vor Stolz die ganze Zungen heraus! So sollte es sein! So konnte es sein! Aber Du – Du – –!« Er drehte sich um, in der Absicht, ihr sein zornigstes Gesicht zu zeigen. Sie war fort. »Herrgottsakra! Was ist denn das? Wo ist denn nun die Leni? Die ist mir allewegs eschappirt! Der hat mein Gezank nicht gefallen wolln, und da hat sie sich halt nach rückwärts consternirt wie die Franzosen. Aber ich lauf auch zuruck und werd sie schon bald finden. Nachher soll sie schon ganz Anderes noch anhören müssen.« Er wendete um, aber er fand die Leni nicht. Sie war, um ihn in ihrer Seelentrauer nicht auch noch anhören zu müssen, auf einem schmalen Gartenweg entschlüpft, welcher aus dem Dorfe hinaus führte. Sie wollte allein sein, allein mit den Gedanken und Gefühlen, welche auf sie einstürmten. Der Antrag des Königs hatte gar wohl einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Wäre das nicht heute, sondern später gewesen, wo der Schmerz sich gemildert haben würde, so hätte sie vielleicht nicht Nein gesagt, denn das Singen war ihre Lust, ihre Passion. Fast war es ihr, als müsse sie umkehren und dem König sagen, daß sie seinen Wunsch erfüllen wolle. So ging sie langsam hinter dem Dorfe hinab bis in die Gegend, wo der Weg empor zur Wohnung der Nachtwandlerin führte. Da wurde sie durch das Geräusch von Schritten aus ihrem Sinnen aufgeschreckt. Die Büsche, welche zu beiden Seiten des Weges standen, theilten sich, und der Freiherr von Brenner stand vor ihr, der Cousin Franza's. Er hatte sie schon öfters gesehen und gedacht, eine kleine Liebschaft mit ihr zu beginnen. Es hatte aber nicht gepaßt. Jetzt hatte er, auf dem Weg nach dem Dorfe begriffen, sie kommen sehen und war stehen geblieben, die erste Angel nach ihr auszuwerfen. Sie sah kurz zu ihm auf und wollte weiter. »Halt, Mädchen!« sagte er. »Wohin?« »Gehts Dich was an?« fragte sie kurz. »Ja.« »Warum?« »Weil ich mit Dir reden muß.« »Was hättst mit mir zu reden?« »Kennst Du mich?« »Ja« »Nun, wer bin ich?« »Der Herr, der zuweilen droben bei der Nachtwandlerin auf Besuch ist.« »Richtig. Hast Du mich gesehen?« »Manchmal.« »Ich Dich auch, und da hast Du mir immer sehr gut gefallen.« »Du mir nicht. Adjes!« Sie wollte fort, er aber ergriff sie bei der Hand und sagte in bittendem Tone. »Bleib noch! Ich habe Dir ja nichts gethan!« »Die Kröten und der Frosch haben mir auch nix gethan, und doch mag ich sie nicht leiden.« »Vergleichst Du mich mit solch einem Ungeziefer! Du bist ein schönes Mädchen, und ich bin Dir gut!« »Da bist dumm genug! Warum hast nicht Eine lieb, welche Dich leiden mag?« »Weil ich es grad auf Dich abgesehen hab. Oder hast Du vielleicht schon einen andern Schatz? Der Krikelanton ist gestern Abend in Deiner Hütte gewesen. Ist der es vielleicht?« »Ja, der ists.« »Der! Sapperment! Der ist ein schöner Kerl. Wenn ich ihn einmal erwische, so wird es ihm sehr traurig ergehen.« »Den wirst nimmer erwischen!« »Oho! Wohl weil er mir gestern Abend entkommen ist, als er sich in unserm Hause versteckte und nachher mich niederschlug, daß ich die Besinnung verlor? Dem begegne ich schon wieder!« Sie blickte ihn mit großen, starren Augen an, als ob sie einen Geist sehe. »Was plauschst denn da?« »Ich plausche nicht. Der Kerl ist ja gar nicht erschossen worden. Er hat bis gegen vier Uhr da oben bei uns gesteckt und ist dann heim.« Ein lauter, unartikulirter Schrei entrang sich ihrer Brust. »Du lügst!« »Es ist wahr!« »Schwörs!« »Ich kann alle Eide darauf leisten.« »Und heim ist er?« fragte sie athemlos. »Ja doch!« »Das muß ich wissen!« Sie wendete sich um. Er hielt noch ihre Hand fest, welche sie ihm in ihrer Ueberraschung gar nicht entrissen hatte. Er zog sie zu sich retour. »Halt, schöne Leni! Für das, was ich Dir da gesagt hab, will ich eine Belohnung!« »Was für eine?« fragte sie wie abwesend. »Einen Kuß!« »Geh da hinein zum Einödbauern und küß seine Kuh; die ist auch schön?« Sie wollte sich losreißen; er aber hielt ihre Hand mit seiner Rechten fest, legte den linken Arm um sie und näherte seine zugespitzten Lippen ihrem Gesichte. Da riß sie sich mit einem kräftigen Rucke von ihm los und holte mit beiden Händen aus. Klitschklatsch, bekam er zwei gewaltige Ohrfeigen, so daß er sich mit beiden Händen nach den Wangen fuhr. »Da hast die Watschen, alberner Bub! Den Kuß heb ich für den Andern auf!« Sie rannte über die Wiese hinüber nach dem Wege, welcher zur Stadt führte. Er wollte ihr nach, hielt aber schon beim dritten Schritte ein, ballte die Faust und drohte ingrimmig: »Verdammte Wespe! Das werde ich Dir gedenken! Du kommst mir schon wieder in den Weg!« Ihr fiel es gar nicht ein, zurückzublicken, um zu sehen, welche Wirkung ihre Ohrfeigen hervorgebracht hatten. Ein großer, unaussprechlich glücklicher Gedanke schwellte ihre Brust: »Er lebt! Er lebt! Er ist nicht todt!« jubelte sie laut hinaus. Dabei rannte sie weiter und weiter, ohne sich Rechenschaft zu geben, was sie eigentlich wolle. Sie wollte mehr hören; sie wollte Gewißheit haben. Darum trieb es sie vorwärts auf denselben Weg, den auch er wohl gegangen war. Gerettet, gerettet war er! Welch ein stolzer Gedanke, daß ihr Geliebter mitten in der Nacht über den Felsengrat gekommen war, trotz des Schusses und trotz der Verfolger. Das machte ihm Niemand nach, kein Einziger!« So eilte sie weiter, der Stadt entgegen. Sie erreichte dieselbe da, wo auch der Weg, welcher von drüben herüberkam, in die erste Gasse einbog. Ein mit zwei Pferden bespannter Leiterwagen kam ihr entgegen. An den noch an ihm hängenden Resten sah sie, daß der Knecht Heu geladen gehabt hatte. »Wo fährst hin?« fragte sie. »Hinüber, jenseits der Grenz.« »Nimmst mich mit?« »Gern. Wohin willst? Zu wem?« »Zum Krikelanton.« Sie sagte das in ihrer Aufregung ganz offenherzig, ohne sich vorher zu fragen, ob es auch gerathen sei oder nicht. »Wann Du zu dem willst, so kannst bleiben!« »Warum?« »Er ist nicht mehr drüben!« »Wo sonst?« Schon wollte sie die Angst beschleichen, daß er dennoch erschossen worden sei. »Er ist hier in der Stadt, im Gefängniß. Er hat sich selbst freiwillig gestellt.« »Herr mein Gott! Weißts gewiß?« »Ja; ich hab ihn ja selbst hierhergefahren. Kennst ihn wohl gut?« »Ja, sehr gut.« »Kannst stolz auf ihn sein. Er hat noch vorher das Weib eines Professors aus Wien von der Felswand herabgeholt, wo sie seit gestern gehangen hat. Kein Anderer wollte hinauf.« »Machst doch nicht Lügen?« »Nein. Wenn Du mir nicht glaubst, so geh in das Amt und frag selber nach!« »Das werd ich sogleich thun!« Sie eilte weiter, in der Richtung nach dem Amtsgebäude. Der Knecht hatte sich nicht lange in der Stadt aufgehalten. Er hatte sein Heu abgeladen, einen Schnaps getrunken und war dann wieder aufgebrochen. Also war es auch nur wenige Minuten her, daß Anton sich auf dem Gerichtsamte befand. Die resolute Leni kannte weder Furcht noch Zagen. Sie wollte die Bestätigung dessen, was sie von dem Freiherrn und dem Knechte erfahren hatte; darum trat sie stracks in das Gebäude ein. Soeben kam der Nachtwächter die breite Treppe herab. Seine Dienstmütze bezeichnete ihn als Beamten. Uebrigens kannte sie ihn bereits. »Kommst aus dem Amt?« fragte sie ihn. »Ja.« »Hast den Krikelanton gesehen?« »Ei wohl! Warum?« »Weil ich geglaubt hab, er ist todt.« »Na, der und todt. Wann der mal gestorben sein wird, muß man ihn noch extra todtschlagen und auch noch an den Ast aufhangen!« »Warum noch aufhangen?« »Weil er den Galgen verdient hat.« »Den Galgen? Hör mal, wann Du nicht der Wachterl wärst, so würde ich Dir jetzt eine Watschen in das Gesicht langen, daß Du meinen solltst, das ABC fängt hinten beim Z an anstatt vorn. Wann nur alle Leuteln so brav wärn wie der Anton!« »Verdimmi, verdammt! Hat das Dirndl eine Schneid! Kennst denn den Anton?« »Besser als Du!« »So bist wohl seine Muhme oder gar seine Großmüttern väterlicher Seits?« »Nein, seine Urgroßahni bin ich, daßts weißt. Und wann ich Dein Ahnerl oder Großmutterl wär, so bekämst alle Tag die Ruthen und nix zu essen dazu! Den Anton schlecht zu machen, der keinem Niemand nie nicht kein Leid gethan hat!« »Keinem Niemand? Nie nicht? Etwa auch mir nicht, he? Meinst?« »Ja, das mein ich!« »Schau doch mal an! Hat er mich nicht heut in der Nacht an der Nas herumgeführt, als ich ihn hab verarretiren wollen? Da hat er mir weiß gemacht, daß er ein Baron sei, und ich hab ihn laufen lassen. Ist das nicht eine Sünden und Schanden?« »Nein, ein Spaß und Lust ists gewesen. Wann Du so eine dumme Nasen hast, so darfst nicht darüber reden, wenn man Dich dabei anfaßt. Und wann Du sie mir jetzt zu weit herbeihältst, so pack ich Dich auch dabei an und zieh Dich durch alle Straßen, die es in der Stadt giebt.« »Alle Teufel! Bist Du ein resolut sakrisches Leut! Aber Euch wird schon auch noch der Muth vergehn! Wann nur erst der Anton für zehn Jahr im Zuchthaus steckt, dann wirds andere Gesichter und andere Reden geben!« »Ins Zuchthaus? I Du Schlankerl! Ehe der hineinkommt, bist Du längst selbst drin! Was bist Du für ein talketer Wischwascherl! Jetzt werd ich gleich zum König gehn und ihm sagen, daß er den Anton freilassen thut!« »Zum König? Freilassen? Bist wohl dumm!« »Gescheidter bin ich als Du! Kannst nur gleich stehen bleiben und warten, bis der Bot vom König kommt und den Anton herausverlangt!« »Verdimmi, verdammi! Bist wohl auch mit dem König Gevattern gewest?« »Ja, damals, als Dir beim Taufgang unterwegs das Gehirnl erfroren ist. Weißt! Leb indessen wohl, und wart hier an der Thür, bis der Bot kommt!« Sie eilte fort, durch die Gassen, zur Stadt hinaus und dem Dorfe wieder zu. Sie ging nicht auf dem gebahnten Wege, sondern immer geradeaus, durch Dick und Dünn, bergauf und bergab. So kam sie ganz außer Athem in der Pfarre an, wo sie von dem Priester mit einigem Befremden empfangen wurde. »Geistlicher Herr, ist der König noch hier?« erkundigte sie sich. »Ja. Er erwartet den Wagen, um baldigst abzufahren. Was ist mit Dir. Du stehst ja ganz sonderbar und überhitzt aus.« »Ojegerl! Es ist auch darnach. Ich muß sogleich mit dem König reden.« »Weshalb?« »Weil ich eine Sängerin werden will.« »Wie? Was? Hast Du Deinen Entschluß so schnell geändert? Das bin ich an Dir gar nicht gewöhnt. Du hast stets einen festen Character gezeigt.« »Den hab ich wohl auch jetzt noch. Aber es ist Etwas passirt, was mir die ganze Seel umgedreht hat. Der Anton ist nicht todt.« »Was Du da sagst!« Da ging die bereits erwähnte Thür wieder auf. Leni hatte sehr laut gesprochen, so daß der König ihre Stimme gehört und erkannt hatte. Er kam herein. Sobald sie ihn erblickte, sank sie vor ihm nieder, erhob die gefalteten Hände und rief: »Herr König, ich muß Dich gar schön bitten, ich will Dir den Gefallen thun und Sängerin werden. Ich werde mir alle Mühe geben, und Du sollst gewiß Deine Freuden an mir erleben.« »Woher diese plötzliche Sinnesänderung, mein Kind?« fragte der Monarch in mildem Tone. »Weil der Krikelanton noch lebt. Also brauch ich nicht zu seinen Eltern zu ziehen.« »Sollte das möglich sein? Er lebt! Er ist nicht todt! Ist das wahr?« »Ja. Er ist entkommen und steckt jetzt drin in der Stadt auf dem Amt. Er hat gethan, was wir gestern verabredet haben. Er hat sich selber zur Straf gestellt und ist vorher bei den Eltern gewest. Da hat er auch die Frau eines Professors aus Wien gerettet. Sie hat oben an der Felswand gehangen seit gestern, und Niemand hat sich hinaufgetraut als nur der Anton.« »Woher weißt Du das?« »Ich habs erfahren.« »So erzähle!« Sie erstattete ihren Bericht mit der Beredtsamkeit der Liebe. Der König hatte sie vom Boden aufgehoben und blickte nun mit Wohlgefallen in ihr schönes, vom Eifer geröthetes Gesicht. Als sie geendet hatte, meinte er: »Aus Dem, was Du erzählst, geht allerdings mit Bestimmtheit hervor, daß er noch lebt, und daß es ihm durch außerordentliche List gelungen ist, sich freiwillig zu stellen. Der Bursche scheint es wirklich auf ernste Besserung abgesehen zu haben.« »Ganz gewiß, Herr König! Und meinst nicht auch, daß ich nun Sängerin werden kann?« »Da es so steht, so freut es mich, daß mein Wunsch in Erfüllung gehen kann.« Da machte sie ein bedenkliches Gesicht und meinte: »Ja, aber so leicht ists halt doch noch nicht!« »Giebts noch eine Schwierigkeit?« »Eine schier große.« »So nenne sie mir. Ich will versuchen, ob sie vielleicht zu überwinden ist.« »Das brächtst schon fertig, wann Du nur wolltst. Schau, wann ich Sängerin werd, so kann ich doch nicht bei den Eltern des Anton sein!« »Das ist richtig.« »Aber er ist halt doch auch nicht bei ihnen, denn er steckt doch im Gefängnisse!« »Aha!« lächelte der Monarch, mit dem Kopfe nickend. »Ich verstehe bereits.« »Also muß ich doch hin und kann nicht eher Sängrin werden, als bis der Anton frei ist. Meinst nicht?« »Das ist freilich rechtschaffen wahr.« Sie blickte ihm mit rührender und doch zugleich pfiffiger Aengstlichkeit in das Gesicht und fuhr fort. »Wann ich also Dir die Freud machen soll, Sängrin zu werden und wann dies sogleich geschehen soll, so weißt nun halt wohl, daß dies nicht gut angeht.« »Ja, freilich; da werde ich verzichten müssen.« Er sagte dies in absichtlich sehr ernsthaftem Tone. Das gefiel ihr aber nicht, und darum fiel sie schnell ein: »Du meinst, daß ich es nun gar nicht werden soll?« »Das nicht. Wir schieben es nur auf, bis der Anton wieder frei ist.« »Da wirst aber sehr gefehlt haben!« »Warum?« »Hernach mach ich auch nicht mit.« »Doch nicht!« »Ja, dann ist mir halt schon bereits die Lust vergangen. Wann Du mich haben willst, so mußt mich gleich nehmen.« »Du sagst aber ja selbst, daß dies nicht geht. Der Anton ist ja noch gar nicht frei.« »Nun, da giebt es doch leicht Hilf und Rettung!« »Wieso denn?« »Du bist ja der König; Dich kostets halt nur ein einzig Wort, so machen sie die Thür des Gefängnisses auf und lassen ihn herausi.« »Meinst?« »Ja, das meine ich!« »Aber ob er es auch werth ist!« »Werth? Der Anton? Ich sage Dir, der ists mehr werth als mancher Graf und Baron, daß er eingesteckt wird und sogleich wieder herausi gelassen. Wann ich es Dir sag, so kannsts schon sehr gern glauben.« »Hm! Das ist allerdings eine Bürgschaft, auf welche ich wohl eingehen möcht.« »Willst?« fragte sie, indem ihr Gesicht vor Freude leuchtete. »Ja, Leni, ich will. Dir zu Gefallen und weil er mir das Leben gerettet hat.« »O heilige Jungfrau! Ists wahr, ists wahr? Komm her und gieb mir Deine Hand; ich muß Dir einen Kuß darauf geben! Das werd ich Dir nun und nimmer nicht vergessen. Und wann ich mal nicht schön sing, so brauchst mich nur an heut zu erinnern, so werd ich jauchzen, daß es klingt wie lauter Pfeifen, Zinken und Posaunen!« Sie küßte ihm die Hand, während ihr die hellen Freudenthränen über die Wangen liefen. »Das werde ich schon thun, wenn es nothwendig ist,« lächelte er. »Aber ich mache eine Bedingung.« »Welche?« »Du gehst gleich heut mit mir fort.« »Heut schon?« »Ja. Ist das nicht möglich?« »O, wohl sehr. Ich hab nur meine Truhen zusammenzupacken und von dem Bauern Abschied zu nehmen. Und da soll ich wohl mit Dir fahren?« »Ja. Ich nehme Dich gleich mit.« »Herrjesses! Ich soll mit dem König fahren! Was werden da die Leuteln vor Augen machen! Aber wann wird denn da nun der Anton heraus gelassen?« »Sofort. Ich werde gleich den Befehl geben, welchen der Ortsvorstand schleunigst auf das Amt schaffen mag. Du kannst jetzt gehen und mit dem Bauer sprechen. Ich gebe Dir drei Stunden Zeit; dann mußt Du mit Deinen Sachen hier sein.« »Ja, schreib gleich! Ich wills selber dem Gemeindeburgermeister hintragen.« Er mußte über die Eile lachen, welche sie hatte, that ihr aber den Willen. Er setzte sich an den Schreibtisch, schrieb auf einen leeren Bogen die Adresse des Gerichtsamtes und des Amtmannes und fügte hinzu: »Der Wildheuer Anton Warschauer, welcher sich heute zur Untersuchung gestellt hat, ist augenblicklich zu entlassen, da Wir ihn begnadigen und die Angelegenheit niedergeschlagen wünschen. Amtliches Rescript folgt noch.       gez. Ludwig II., König v. Bayern.« Er setzte sein Siegel darunter, wozu er sich seines Ringes bediente, schloß den Bogen in ein Couvert, welches er ebenso adressirte und versiegelte und gab es sodann dem glücklichen Mädchen. »Hier, Leni, spring zu dem Gemeindevorstand und gieb ihm seine Instruction!« »Die soll er haben,« sagte sie schnell. »Brauchst schon gar keine Sorgen zu haben. Ich werd ihm schon Feuer unter die Füß machen, daß er laufen soll!« Und husch war sie zur Thür hinaus. Sie eilte den Dorfweg hin, als ob es ein Menschenleben zu retten gelte. Als sie dann ganz außer Athem bei dem Gebieter des Gemeindewesens eintrat, sagte dieser: »Die Leni! Ja, was bringst denn Du? Du bist ja gelaufen, daß Du nicht zu schnaufen vermagst! Und ein Gesicht hast, als wenn Dir das Christkindle begegnet wär!« »Das ist auch beinahe schon so. Weißt, daß der Anton nicht todt ist?« »Der Anton? Der hat sich doch verstürzt!« »Nein, das ist ihm gar nicht eingefallen. Er lebt. Er ist in die Stadt gangen und hat sich dem Gericht gestellt, um seine Strafen zu bekommen.« »Was Du sagst! Ist's wahr?« »Gar wohl ists wahr. Ich werds doch nicht sagen, wann es unwahr wäre. Und nun hab ich mit dem König gesprochen, der hat ein Gnadengesuch an den Amtmann gemacht, daß dieser den Anton sogleich aus der Gefangenschaft herauslassen soll.« »Wie? Der König ein Gnadengesuch?« »Ja.« »An den Amtmann?« »Ja.« »Was fallt Dir ein! Der König wird doch nie und nimmer nicht ein Gnadengesuch an den Amtmann machen!« »Glaubsts nicht? So laß es bleiben! Ich bin ja schon grad ganz selber dabei gewest, als er es geschrieben hat. Und ein Siegellack hat er auch darauf verbrannt und auch hier heraußen drauf. Schau her!« Sie gab ihm mit triumphirender Miene den Brief in die Hand. Der Beamte betrachtete ihn auf allen beiden Seiten und sagte: »Ja, das ist schon richtig das königliche Siegel. Was steht denn drin in dem Schreiben?« »Hasts immer noch nicht gehört? Bist heut wohl recht langsam von Verstand? Der Anton soll herausgelassen werden. Er hat dem König das Leben gerettet; darum schenkt ihm der Ludwig nun die Freiheit.« »Schau, schau! Das ist grad ebenso, als wann man in die Stadt geht zum Buchbinder in seine Leihbibliothek und leiht sich eine schöne, rührende Romannovelle zum Lesen. Der Anton lebt und wird begnadet! Wundersam! Aber warum bringst diesen Brief denn grad zu mir herbei?« »Ich bin von dem König geschickt worden. Du sollst gleich Dein Pferd satteln und nach der Stadt reiten, um den Amtmann den Brief zu bringen.« »Satteln? Reiten? Ich? Hat er das gesagt?« »Ei wohl!« »Das ist ja ganz besonderbar! Ich hab keinen Sattel!« »Er sagt, Du sollst Dir einen ausborgen.« »Auch noch! Ich bin niemals in meinem Leben geritten, und heut soll ich den Courier oder gar die königliche Stafetten machen. Wann ich herunterfall, so ists gefehlt.« »Der König sagt, es schadet nix, wann Du auch herabfallst. Die Hauptsache ist, daß der Brief so rasch wie möglich nach dem Gerichtsamt kommt.« »So, das schadet nix? Aber wann ich fall und brech den Hals, so kommt der Brief doch gar nicht hin, sondern er bleibt mit mir liegen, und das Pferd läuft davon. Kann ich denn da nicht lieber mein Berner Wägele anspannen?« »Ja, das kannst auch, sagte der König; aber nur sehr rasch machen sollst!« »Nun, das soll so schnell geschehen, wie es geschehen kann. Freilich hab ich das Pferd draußen auf dem Acker; da muß ich erst die Margreth hinaus senden, um es zu holen.« »Wie lang dauert das?« »Eine halbe Stunden. Ebenso lang brauch ich auch, um das andere Geschirr anzulegen, und saufen muß der Schimmel doch vorher auch; das macht eine gute Stunden wenigstens.« »Und in einer halben Stunden läuft man zu Fuße in die Stadt!« »Freilich wohl.« »So lauf doch lieber!« »Das geht doch nicht!« »Warum nicht?« »Der König hat befohlen, daß ich reiten soll oder fahren.« »Aber er hat auch gemeint, wann das Pferd draußen auf dem Acker ist, sollst lieber laufen.« »So, das hat er gesagt?« »Freilich.« »So werd ich laufen.« »Aber halt schnell und nicht wie ein Schneck, so tipp – tipp – tapp! Verstanden?« »Nein; es geht tipptapptipptapp!« »So mach halt, daßt fortkommst!« »Nun, so schnell gehts doch nicht. Ich muß wohl erst doch vorher die Stiefel anziehen. Mit meinen Diensttagsladschen kann ich doch schier nicht auf das Gerichtsamt gehen. Die Leuteln dort müßten schon denken, daß ich gar keinen Verstehst mich hätt!« »So mach so schnell Du kannst! Und, weißt, sag auch noch einen schönen Gruß von mir!« »Dem Amtmann?« »Nein, dem Anton natürlich.« »Was hast denn mit Dem?« »Das geht Dich halt nix an!« »Meinswegen! Ich soll also warten, bis er frei ist?« »Natürlich mußt Du richtig schaun, daß das Gnadengesuch auch richtig respectirt wird.« »Es ist ja gar kein Gnadengesuch!« »Was sonst?« »Eine höchstselbige königliche Kabinetsurkundenschreiberei.« »Das ist ganz egal. Gnade ist Gnade, ob sie aus dem Kabinet kommt oder ob sie auf einer Urkund steht; das thut nix zur Sachen. Jetzt werd ich gehen. Aber wann Du etwan in fünf Stunden noch hier stehst und das Maul aufsperrst, so lauf ich zum König und laß Dich vom Dienst bringen!« »Himmelsakra! Bist Du ein Weibsbild!« »Euch Männern muß man auch allbereits die Höll heiß machen, sonst klebt Ihr an der Wand wie ein altes Kalenderblatt. Und noch Eins: Kennst etwan auch den Nachtwächter?« »Natürlich schon!« »Der immer ›Verdimmi verdammi‹ sagt?« »Ganz denselbigen.« »Wannst ihn siehst, so sag ihm ein schönes Compliment von mir und der Anton wär frei.« »Warum ihn?« »Das ist egal. Der König hats gesagt.« »Auch das noch! Was nur der König mit dem Nachtwächter zu schaffen hat!« »Darnach hast nix zu fragen. Plausch nicht ewig, und steig in die Strümpf, daß Du fortkommst!« Sie ging, und der Gemeindevorstand zog sich so eilig an, daß er in vollen Dreiviertelstunden endlich den Weg unter die Füße nahm. Freilich, wie er nun lief, so war er in seinem ganzen Leben noch nicht gelaufen. Das Umkleiden hatte sehr lange gedauert. Unterwegs aber strengte er sich so an, daß er nach Verlauf einer Viertelstunde bereits die Stadt erreicht hatte. Der Zufall wollte, daß ihm der Nachtwächter begegnete. Dieser kannte den Dorfbeamten und grüßte, verwundert über die Eile, welche derselbe zeigte. »Wo willst hin?« fragte er. »Du fliegst ja allbereits wie eine Schwalben herein!« »Aufs Amt.« »Ists so eilig?« »Sehr wohl! Und was ich Dir sagen will, ich hab auch ein schönes Compliment an Dich auszurichten.« »An mich? Von wem?« »Vom König.« »Bist verruckt?« »Ich hab meinen vollen Verstand.« »So meinst wohl Einen, der König heißt?« »Nein. Ich mein Den, der König ist. Er ist bei uns im Dorf.« »Der Ludwig?« »Ja.« »Und der läßt mir ein schönes Compliment sagen?« »Ja.« »Verdimmi, verdammi! Das ist mir all mein Lebtag auch noch nicht passirt. Was soll denn dieses Compliment zu bedeuten haben?« »Daß der Krikelanton frei wird.« »Bist bei Trost?« »Sehr. Hier hat der König einen Brief aufgesetzt an den Amtmann, den zeig ich vor, und da wird der Anton auf derselbigen Stell sofort freigelassen.« »Das sollt man gar nicht glauben! Und das laßt der König mir kund und zu wissen thun?« »Der König oder die Leni, ich weiß es halt nicht mehr so genau.« »Die Leni! Die war im Amte vorhin. Verdimmi, verdammi! Sie sagte es, daß der Anton loskommen werd! Also hat sie Recht gehabt!« »Wahrscheinlich hat sie ein guts Wörtle für den Anton eingelegt. Sie scheint beim König einen Stein im Sauerkrautfaß zu haben.« »Schau, da muß ich mit; das muß ich sehn!« »Was?« »Den Anton, wann er herauskommt.« »Meinswegen. Aber es wird wohl ganz derselbigte Anton sein, der hineingegangen ist.« Sie eilten mit einander weiter. Der Wächter blieb vor dem Gebäude stehen, der Ortsschulze aber ging nach dem Wartezimmer und ließ sich bei dem Amtmanne melden. Dieser erstaunte nicht wenig, als er den Brief las. Er überflog die wenigen Zeilen zweimal und dreimal. Er prüfte jedes Wort und auch die Siegel. Es war gar kein Zweifel, der Brief war vom Könige. Der Gerichtsamtmann ließ den Schulzen abtreten und den Krikelanton kommen. »Kennst Du den König?« fragte er ihn. »Nein. Ich hab von ihm gehört, ihn aber noch nie gesehen.« »Hm! Er ist hier in der Nähe.« »Ich weiß kein Wort davon.« »Sonderbar. Ich habe soeben hier einen allerhöchsten Befehl erhalten, daß ich Dich entlassen soll.« »Daran liegt mir nix.« »Nichts? Das ist mir auch noch nicht vorgekommen!« »Ich will meine Strafe abmachen.« »Du hast nichts abzumachen. Die Strafe ist Dir geschenkt. Ich habe Dir mitzutheilen, daß die Untersuchung gegen Dich niedergeschlagen ist. Der König hat Dich begnadigt.« Anton starrte den Amtmann sprachlos an. »Ists wahr? Begnadigt?« fragte er nach einer Weile. »Ja.« »So erhalt ich gar keine Straf?« »Nein.« »Bin frei?« »Ja.« »Juch – juch – juchheirassassassassassassa!« Er stieß einen Jodler aus, daß die Fenster zitterten und die Thür wackelte. »Pst! Beherrsche Dich!« mahnte der Amtmann wohlwollend »Wir haben nun noch –« »Beherrschen? Himmeltausendsakra! Da soll ich mich beherrschen! Ich bin frei, frei, frei! Da kann ich wohl jetzund fortgehen?« »Freilich haben wir noch vorher –« »Ich kann – ich kann?« fragte Anton nochmals. »Ja, aber vorher mußt Du Dich unterschreiben –« »Unterschreiben?« fragte Anton. »Schreib Du selbst mal meinen Namen hin. Ich hab heut keine Zeit und halt auch keine Lust dazu. Behüt Dich Gott!« Wie der Wind war er zur Thür hinaus. Er sprang durch das Vorzimmer, oder vielmehr er wollte durch dasselbe springen; da aber trat der Ortsschulze auf ihn zu und so rannten die Beiden zusammen, daß sie wieder aus einander prallten und hüben und drüben an die Wände flogen. »Herrgottssakra!« schrie der Schulze. »Alle Wetter!« rief Anton. »Nimm Dich doch in Acht, und schau auf, wohin Du läufst! Du haust mich ja an die Wand!« »Und Du kannst auch die Augen aufmachen, daß Du siehst, wem Du auf den Leib rennst. Jetzt, wann ich von Glas oder Pfefferkuchen gewesen wär, so könntst mich nur wieder zusammenleimen lassen!« »Hab ich das von Dir verdient? Ich hab Dich doch erst frei gemacht. Ohne meiner stäckst noch im Loch!« »Ohne Deiner?« »Ja.« »Das machst mir nicht weiß.« »Hab ich doch den Gnadenbrief gebracht!« »Du?« »Ja, ich! Ich bin der Schulz vom Dorf! Sie schrieen sich so laut an, daß es der Amtmann hören mußte. Dieser öffnete die Thür und sagte, als er den Krikelanton noch stehen sah: »Anton Warschauer, wir sind ja doch nicht fertig!« »Schau, daßt allein fertig wirst!« »Das ginge wohl, aber Du brauchst doch meine Unterschrift.« »Ich brauch sie nicht.« »Nun, so lauf fort, und laß Dich arretiren!« »Das fallt mir gar nicht ein!« »Was willst Du dagegen machen?« »Wer mich halten will, dem geb ich Eins auf die Nasen, daß er genug hat.« »Das wäre Widerstand gegen die Staatsgewalt und würde Dich sofort erst recht in Strafe bringen.« »Aber ich bin doch frei!« »Ja, aber Niemand weiß es. Keiner wird es Dir glauben, wenn Du es ihm sagst. Aber wenn ich Dir die Bescheinigung gebe und Du zeigst sie vor, so darf sich Niemand an Dir vergreifen.« »Schau, das ist sehr gut. So schreib mir doch sogleich die Bescheinigung! Ich will sie gern bezahlen.« »Du hast nichts dafür zu zahlen. Komm herein!« Jetzt nun ging er sehr gern wieder mit hinein. Als er wieder aus dem Zimmer kam, wartete der Schulze noch auf ihn. »So,« sagte er. »Jetzt kommst wenigstens verständig heraus. Mein Kopf brummt noch von vorhin her.« »So ist der Deinige dümmer als der meinige, denn der brummt halt nicht mehr.« »Ja, ein Gescheidter bist, und Glück hast auch! Aber daran bist nicht Du schuld, sondern die Leni.« »Die Leni? Wieso?« »Wieso? Nun, die ist zum König gegangen und hat ein Supplik für Deiner gemacht.« »Was! Die Leni! Wo ist denn der König?« »Im Dorf beim Pfarrer.« »Himmelsakra! Da muß ich hin! Der Leni muß ich einen Kuß geben und tausend Dank!« Er wollte fort. Der Schulze ergriff ihn beim Arme. »Langsam, Anton, langsam! Wannst zur Leni willst, so können wir halt Beide zusammen –« »Laß mich aus! Was willst noch von mir! Ich hab mit Dir nix zu schaffen. Ich muß fort.« Er schob ihn zur Seite und eilte zur Thür hinaus. Die Treppe abwärts nahm er zwei oder gar drei Stufen auf einmal. Unten neben dem Eingange stand der Wächter. Er hörte Jemand gerannt kommen und trat in demselben Augenblicke in den Eingang, an welchem Anton zu gleichen Beinen heraus wollte. Natürlich rannten sie zusammen, und zwar mit solcher Gewalt, daß der Nachtwächter rückwärts herausflog und einen riesenhaften Purzelbaum bis auf die Mitte der Straße schlug. »Donner unds Messer!« rief Anton, sich die Stirn reibend. »Da rennt halt schon wieder Einer an mich heran! Was habens heut nur vor, daß sie Alle nur auf mich einistürzen! Der Wachter ists, der Wachter! Na, dem kann ichs grad gönnen!« Der Wächter der Nacht krabbelte sich langsam wieder aus dem Schmutze auf, kam fluchend herbeigehinkt und meinte in zornigstem Tone: »Ist das denn eine Art und Weisen, auf der Amtstreppen herunter zu springen, Du Luftikus Du! Kannst nicht langsam gehen und verständig und ehrerbietig wie andere Leut!« »Soll ich etwan ehrerbietig wegen Deiner gehen?« »Ja, das versteht sich; grad das verbitt ich mir! Ich bin auch ein Mann in Amt und Würden!« »Das sah ich grad, als Du da im Dreck lagst.« »Schweig! Wer ist schuld daran, daß ich da drin gelegen bin? Du natürlich!« »Ich? Nein, Du selbst! Warum trittst mir sogleich vor die Nasen, wann ich aus der Thür will? Was lungerst überhaupt hier herum? Geh nach Haus und leg Dich in Deine Mausefallen schlafen, damit Du dann in der Nacht die Augen offen hast!« »Komm mir nicht so, sonst – verdimmi, verdammi – sonst nehm ich Dich zwischen die Finger und werf Dich über alle Berg hinüber!« »Das möcht ich mit anschaun. Ehst mich aber da hinüber wirfst, kannst erst noch mal her zu mir sehen. Du hast mich doch fangen wollen. Jetzt kannst mich leicht derwischen. Greif zu!« »Dank schön! Wann Du nun frei bist, kannst gut so sprechen. Aber wann wir wieder mal nach Dir suchen, so nimm Dich in Acht vor mir. Da wird Dir keine Brillen Etwas helfen und kein Ziehharmoniehut, wie Du in der Nacht auf dem Kopf hattest. Dir hab ich es getippt. Dir und der Leni »Auch der Leni?« »Ja.« »Warum?« »Weil sie mich angeschnauzt hat wie einen Vagalumpazi, als sie vorhin hier war.« »Was? Sie war hier?« »Freilich. Sie hat nach Dir gesucht. Sie hat halt geglaubt wie Alle, daß Du Dich zu todt gestürzt habest, und als sie hörte, daß Du noch am Leben seist, ist sie her kommen, um zu sehen, obs auch wahr sei.« »Das liebe Dirndl! Und da hasts gesehn?« »Ja.« »Und mit ihr gesprochen?« »Ja, und wie!« »Nicht wahr, sie ist ein herzig Maderl?« »Herzig? Verdimmi, verdammi! Davon hab ich nun grad gar nix geschaut. Sie hat mich anrassaunt, daß mir Hören und Sehen vergangen ist. Na, die ist Eine, welche mal den unstätsten Mann kurirt! Die hats Maul auf dem richtigen Fleck! Die, wann die mal stirbt, so muß man ihr das Mundwerk noch extra verkrämpeln und derschlagen, sonst schimpfirt sie noch im Grab weiter fort!« »Meinst?« »Ja, das mein' ich halt. Sogar Waatschen hat sie mir angeboten! Mir, dem Wachter!« »Sie hat halt wohl gemeint, daß Du besser wachst, wann Du zuweilen durch eine gute Waatschen aufmuntert wirst. Unrecht hat sie wohl nicht.« »Was? Wie meinst? Ist das Dein Ernst?« »Alleweil red ich mit Dir immer im Ernst.« »So wags nur nicht wieder! Ich steh hier vor Dir in Amt und Würden, und wann Du mir so kommst, so ist das die Beleidigung der königlichen Majestät und Hoheit und eine Zerbrechung des Landfriedensbruches. Darauf ist halt eine hohe Strafen gesetzt, und wann ich jetzt hinein geh und Dich anzeig, so wirst wieder eingesponnen und kommst halt Dein Lebtag nimmer wieder heraus!« »Schau, was Du da sagst! Ja, Du bist Einer, vor dem man genugsam Respect haben muß. Mir wird ordentlich angst vor Dir, und da ist's besser, ich laß Dich hier stehen. Kauf Dir für zwei Kreuzer Tischlerleim und mach Dir den Bruch des Landfriedens wieder ganz. Grüß Deine Majestät und schlaf wohl!« Er ging. »Verdimmi, verdammi!« brummte der Wächter. »Da läuft er hin, aus Königs Gnad und Barmherzigkeit. Ich, wann ich König wär, ich wollt ihn schon kuranzen! Aber so ists in der Welt: Wer ein Amt hat, vor dem hat kein Mensch die richtige Ehrerbietung. Wann man nicht selbst seine Hochachtung für sich hätt, so wär es fast gar aus. Ich danke sehr schön!« Anton war natürlich außerordentlich entzückt über seine Begnadigung. Er war frei. Er konnte gehen, wohin er wollte, und kein Mensch durfte ihm ein Hinderniß in den Weg legen. Er konnte dieses Glück kaum fassen. Und das hatte er seiner Leni zu danken. Natürlich war sein erster Weg hin zu ihr. Er eilte aus der Stadt hinaus und dem Dorfe entgegen. Um möglichst schnell dort anzukommen, ging er nicht die Straße, sondern er schlug einen Fußsteig ein, welcher ihn eher zum Ziele bringen mußte. Dieser Weg führte durch ein kleines Gebüsch. In der Mitte desselben machte er eine Krümmung. In dem Augenblicke, als Anton in diese einbiegen wollte, kam ihm Einer von jenseits entgegen, und da wegen der Weichheit des Bodens die Schritte nicht zu hören gewesen waren, stießen die Beiden zusammen. »Sakrament!« rief Anton. »Rennt denn heut auch Alles auf mich ein!« »Donnerwetter!« schrie der Andere. »Der Krikelanton! Hab ich Dich! Endlich, endlich!« Anton wich einen Schritt zurück. »Der Naz, der Jager!« »Ja, Bursch, der bin ich! Aber wie ist mir denn alleweil! Ich denk, Du bist todt?« »Ja, das bin ich auch!« lachte Anton. »So bist jetzt Dein Geist?« »Ja, ich geh um.« »Schau, das ist schön! Das ist gut. Ich hab vor Zeiten den Geisterbann gelernt. Vielleicht kann ich auch Dich jetzt bannen. Wo hast denn Dein Gewehr?« »Meinst, ich hätt eins?« »Ja, Du hast stets eins.« »So suchs!« »Werd's schon noch finden. Jetzt aber vor der Hand will ich erst mal Dich selber festhalten. Schau, wie wunderbar! Wir haben geglaubt, Du bist abgestürzt und liegst zerschmettert im Grund, und da trittst Du mir leibhaftig entgegen. Dich laß ich nun nicht wieder aus. Du wirst mit mir gehn.« »Meinst?« »Ja. Ich verarretire Dich.« »Wie willst das anfangen?« »Siehst hier mein Gewehr? Ich hab es in die Hand genommen. Wann Du die Miene machst, mir zu verwischen, so schieß ich Dir eine Kugel in den Leib, daß Du genug hast.« »Hab keine Sorg, Jager, ich reiß nicht aus.« »So gieb Deine Händ her, damit ich sie Dir ein Wenig zusammenbind. Es ist besser, ich hab Dich fest.« »Bist wohl nicht bei Trost? Willst mich verarretirn? Warum denn?« »Nur von wegen der Deinigen Wilddieberei.« »Das gilt nix mehr.« »Nix? Wer hat das gesagt?« »Ich sags.« »Ach so! Und Du meinst, weil Du es sagst, so kann es mir verimponiren? Da irrst Dich!« »Der König hats auch gesagt.« »Das verimponirt mir erst recht nicht. Das ist eine Lügen, die gar nicht größer gemacht werden kann. Ich werd Dich ins Amt schaffen, wo sie Dich nach dem Zuchthaus verdefendiren. Dann, wann Du dort bist und Wollen zupfest, werd ich mit der Leni Jodler singen, daß die Thäler zittern.« »Bist wohl gut mit ihr dran?« Der Jäger hatte einen Riemen hervorgezogen, um Anton die Hände zu binden; er ließ dies aber aus der Acht, vor Eifer, den Wilderer zu ärgern. »Fein bin ich mit ihr dran, sehr fein.« »So ist sie wohl gar Dein Dirndl?« »Ja. Auf vierzehn Tag hin ist die Verlobung.« »Schau, das gefreut mich außerordentlich. Wer hätt aber auch des gedacht!« »Wer? Alle Welt hats gedacht. Alle Leut haben gewußt, daß ich des Abends zu ihr auf die Alm geh.« »Und Dir Busserln von ihr holst?« »Ja, tausend Küsse.« »Oder sinds vielleicht keine Küss', sondern Waatschen?« »Wo denkst hin!« »Ich werd wohl sehr richtig denken. Du bist doch erst gestern oben gwesen und hast Dir von ihr eine Antworten geholt, die ich nicht haben möcht.« »Wer hat Dich da angelogen?« »Es ist wahr gewesen, denn sie selber hat es mir gesagt.« »Teufel und Hölle! Du warst bei ihr?« »Ja. Sie ist mein Dirndl, und heut in der Nacht ist es fest geworden, daß sie auch mein Weiberl wird. Kannsts gut glauben, Jager!« Da fuhr der Naz zornig auf: »Was, Du warst bei ihr? Beherbergt hat sie Dich? Verheimlicht vor uns, vor dem Gesetz? Einen Aufenthalt hat sie Dir geben, dem Wilderer? Das wirst auch vor Gericht sagen müssen!« »Ich werde es nicht leugnen.« »Gut, so kommt Ihr Alle Beid ins Zuchthaus, der Stehler und der Hehler. Das soll mir eine Freuden sein, eine große Freuden! Jetzt gieb die Händ' her, damit ich sie zusammenbind. Solch einem saubern Vogel darf man die Schwingen nicht frei lassen.« »Ganz wie Du denkst! Vorher aber sag mir doch mal: Kannst auch wohl lesen, Jager?« »Wohl besser als Du.« »Das gefreut mich sehr! Ich will schaun, obs auch wahr ist. Da, lies doch mal diesen Zettel.« Er zog die Bescheinigung hervor, welche er von dem Gerichtsamtmann empfangen hatte, und gab sie ihm hin. Der Jäger ergriff das Document, faltete es aus einander und las es. Sein Gesicht wurde länger und immer länger. »Schau, was hast für eine Visagen!« lachte Anton. »Sie scheint von Elasticum zu sein. Bald wird Dein Kinn bis zum Gürtel herabhangen und Dein Maul steht so weit auf, daß ein Aliphant seine Herbergen darinnen finden kann.« Das Gesicht des Jägers hatte wirklich den Ausdruck einer gradezu lächerlichen Enttäuschung. »Wie kommst zu diesem Papier?« fragte er. »Das kannst Dir denken!« »Da ist dem Herrn Amtmann sein Facsimulus. Hat er den selbst geschrieben?« »Meinst etwan, er muß ihn von einem Anderen machen lassen, weil er nicht schreiben kann.« »Das ist doch des Teufels!« »Sag das dem Herrn Amtmann selber!« »Du bist frei!« »Natürlich freust Dich darüber?« »Wart! Vielleicht ist diese Unterschrift falsch!« »So ein Gescheidter wie Du muß das sehr bald herausfinden. Weißt, wie man das macht?« »Wie?« »Mußt Dich bücken und die Bein' breit machen. Da schaust zwischen durch und hältst Dir die Schrift dabei vor die Nasen. Da siehsts gleich in der Perspectiven, daß die Schrift richtig ist und Du bist ein Esel.« »Höre, beleidige mich nicht!« »Dazu bist mir viel zu vornehm. So was kann mir gar nicht in den Sinn kommen. Nun aber sag, ob Du mir noch die Flügel binden willst.« »Wie das zugangen ist, kann ich nicht verzifferiren, aber Glück hast gehabt, großes Glück. Hier hast das Papier wieder. Es ist ein richtig Dokermentum und hat seine Giltigkeit. Nun kannst wieder von vorn beginnen mit der Wilddieberei!« »Das werd ich bleiben lassen. Ueberhaupt bist zu albern, um mir was beweisen zu können. Du lebst halt nur immer im Traume.« »Du, hüte Dich, mich zu beleidigen! Ich dulde das nicht. Ich will mir Ehrerbietung behandelt sein. Du bist ein Wilddieb, das behaupte ich, und was ich sag, das ist stets die Wahrheit.« »Etwan auch das von der Leni?« »Ja, auch das.« »So bist des Abends bei ihr gewesen?« »Oft.« »Und hast sie geküßt?« »Ja.« »Das ist eine so große Lügen, daß man ihr End gar nicht abschauen kann!« »Es ist die Wahrheit. Wann die Leni freundlich mit Dir than hat, so wars nur aus Angst und Furcht, weil Du wilddiebt hast; ich aber bin ihr richtiger Schatz. Das kann ich Dir unterschreiben.« »Schön! Und wann Du es unterschreibst, so will ich Dir mein Siegel dazu geben. Da hast es!« Er holte aus und gab dem Jäger eine Ohrfeige von solcher Wucht, daß der Getroffene in den nächsten Busch stürzte und das ganze Gezweig zusammendrückte. Schnell aber raffte er sich auf und drang auf Anton ein. »Kerl! Hund!« brüllte er. »An mir vergreifst Dich, an mir, dem Jager! Ich mordsakrire Dich!« Er erhielt aber eine zweite Ohrfeige, welche ihn ebenso wieder niederwarf. Sein Gewehr war ihm entfallen. Er griff darnach, sprang wieder auf, legte an und brüllte: »Jetzt ists aus mit Dir! Jetzt hast Deinen Lohn!« Der Schuß krachte. Der Lauf war grad auf Antons Brust gerichtet gewesen. Dieser hatte den Blick scharf auf dem Finger des Jägers gehabt und war im richtigen Moment zur Seite gesprungen, so daß die Kugel nicht traf. Im nächsten Augenblicke aber hatte er dem Jäger das Gewehr entrissen. »Morden willst mich!« rief er. »Wart, Bursch, da schau, was ich thu!« Er hatte das Gewehr beim Lauf ergriffen, holte aus und schlug den Kolben gegen den Boden, daß derselbe abbrach; dann schleuderte er das Andere weit von sich, in die Büsche hinein. »So! An Dir will ich mich nicht wieder vergreifen: Du bist mir zu schwach dazu. Jetzt hol Dir Deine Flinten wieder zusammen!« »Ich zeig Dich an, ich zeig Dich an!« antwortete der Andere. »Du hast mir das Dienstgewehr zerbrochen. Du hast mich geschlagen, mich, einen Mann im Amte.« »Das hab ich gethan. Die Ohrfeigen hast erhalten, weil Du ein braves Dirndl verschumpfen hast, und die Büchsen hab ich zerbrochen, weil Du auf mich geschossen hast. Jetzt nun mach die Anzeig, wir wollen sehen, wer Recht behält und wer seine Straf bekommt.« »Du, Du bekommst die Strafe! Ich arretire Dich! Du gehst mit mir! Augenblicklich!« Er ergriff Anton beim Arme. Dieser blickte ihn an, wie ein Mann einen Knaben mitleidig ansieht, schüttelte ihn von sich ab und sagte lachend: »Was meinst? Mich willst verarretiren? An mir willst Dich vergreifen? Wer bist denn eigentlich? Ich bin der Krikelanton und freß zehn solche Kerls, wie Du einer bist! Rühr mich nicht wieder an, sonst werf ich Dich in die Höhe, daß Du in der Luft hangen bleibst!« »Probirs doch, ob ich hangen bleib!« Der Jäger faßte in seiner Wuth wieder nach ihm. Da aber ergriff Anton ihn am Gürtel, hob ihn empor und schleuderte ihn weit in die Büsche hinein. Dann setzte er seinen Weg fort, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen. Er wußte, daß der Besiegte ihm nun nicht nachkommen werde, und es war ihm ganz gleichgiltig, ob derselbe Schaden genommen habe oder nicht. Als er aus dem Gebüsch heraustrat, lag drüben die Alp im Sonnenstrahle vor ihm. Sein scharfes Auge erkannte Leni, welche bei ihren Kühen zu schaffen gehabt hatte und soeben in das Innere ihrer Hütte trat. Er legte die Hände an den Mund, um ihr einen frohen Jodler zuzusenden, ließ sie aber wieder sinken. Es dünkte ihm viel schöner, ganz unerwartet zu ihr heran zu treten und sie zu überraschen. Darum sprang er schnell, um ja nicht von ihr gesehen zu werden, über die Blöße hinüber und eilte dann den Weg in das Dorf hinab. Er richtete es so ein, daß er quer durch einige Gärten kam und von Niemandem gesehen wurde. Jetzt hatte er das Dorf hinter sich und stieg nun den Bergpfad empor, welcher ihn zur Alm führte. Kein Mensch begegnete ihm. Er erreichte die Höhe und bemerkte, daß Leni sich noch immer im Innern der Sennhütte befand. Aber oberhalb dieser Letzteren saß noch ein zweites Mädchen. Es war Diejenige, welche der Bauer als Nachfolgerin Leni's bestimmt hatte. Anton schlich sich zum Häuschen heran, duckte sich nieder, um nicht durch das Fenster gesehen zu werden, und lauschte. Drinnen ließ sich die Stimme der Sennerin liebkosend vernehmen: »Matz, mein lieber Matz, jetzt siehst mich halt wohl zum letzten Male. Das ist so traurig, nicht wahr? Wir sind so gute Kameraden gewest und haben uns was vorgesungen und vorgepfiffen, wann uns das Herz mal traurig war. Ich thät dich so gern mitnehmen, aber das geht doch halt nicht an. So wirst noch hier bleiben müssen; aber ich habs der Bertha auf die Seel' gebunden, daß sie dich nicht darben läßt, du liebes Vögerl du!« Es wurde dem Lauscher so eigenthümlich zu Muthe, fast ängstlich. Was war denn das? Sie nahm Abschied von ihrem Finken? Anton trat ein. Leni stand inmitten der Hütte und hatte den Vogelbauer in der Hand. Ringsum lagen ihre Sachen, ganz so, als ob sie mit dem Einpacken derselben beschäftigt sei. Sie erblickte ihn und erschrak so, daß sie fast den Vogelkäfig fallen ließ. »Jesses, der Anton!« rief sie aus. »Du erschrickst vor mir?« fragte er befremdet. »Bin ich seit in der Nacht so viel anders geworden, fürchterlicher, Leni?« »O nein! Aber ich hab nicht geahnt, daß Du jetzt zu mir kommen werdest.« Er blickte in dem kleinen Raume umher. »Was hast?« fragte er. »Was geht vor? Ich vernahm von draußen Deine Red'. Das klang ganz grad so, als ob Du von dem Vogel Abschied nehmst.« »Das that ich freilich.« »Wie? Du bleibst nicht hier oben?« »Nein.« »Hast eine Nachfolgerin? Ziehst hinab zum Bauer?« »Nein, weiter.« »Weiter? Etwan gar aus dem Ort hinaus?« »Ja, es geht weiter fort.« Ihr Gesicht hatte jetzt keine Farbe mehr. Sie befand sich sichtlich in einer Beklemmung, welcher sie nicht Herrin zu werden vermochte. Er sah sie groß an und seine Brauen zogen sich zusammen. »Ich begreif Dich nicht! Kennst mich wohl gar nicht mehr, Leni?« »Warum sollt ich Dich nicht mehr kennen?« »Weilst mich nicht willkommen heißest und mir nicht mal die Hand zum Gruß bietest.« »Das ist, weil Du mich so überrascht hast, da hab ichs halt vergessen. Grüß Gott, Anton!« Sie streckte ihm die Rechte entgegen; er aber that, als ob er es gar nicht bemerke. »Weißt noch, was wir heut in der Nacht besprochen haben, Leni?« fragte er. »Ich weiß noch Alles.« »Daß wir uns lieb haben?« »Ja.« »Und daß Du meine Frau werden willst, wann meine Gefangenschaft zu End gegangen ist?« »Ja, Anton.« »Und daß Du auch nach meinen Eltern schauen wolltest? Ach so, jetzt weiß ich, was Du thust. Du nimmst Deine Sachen zusammen, um hinüber zu den Eltern zu gehen. Nicht wahr?« Sein Auge war wie dasjenige eines strengen Examinators auf sie gerichtet. Sie raffte sich aus ihrer Verlegenheit, trat einen Schritt näher und sagte: »Anton, mußt nicht so sprechen. Du glaubst nicht, wie wehe so ein Wort thut und so ein Blick!« »Meinst etwan, es thut nicht wehe, wann ein Mädchen fortzieht, ohne ihrem Buben erst ein Wort davon wissen zu lassen?« »Es ist so schnell gekommen.« »Schnell? Wo willst denn hin?« »Hinein ins München.« »Ins München? Herrgott! Das ist nicht wahr! Leni, das kannst nicht vorhaben!« »Ich muß, Anton. Es geht nun nicht anders.« »Ins München hinein! In die Stadt, zu die lockern Buben, wo die Soldaten herumlaufen und die Dirndln verführen! Dahin willst? Dort willst wohl Mamsell werden oder Kellnerin?« »Nein, das würd ich in meinem ganzen Leben nicht thun, Anton, das nicht.« »Was denn? Was willst drin thun?« »Ich soll eine Künstlerin werden.« »Eine Künstlerin? O Jesses und Maria! Willst etwan auf dem Seil tanzen oder in einer Vogelschießbuden die Ausschreierin machen?« »Wie kannst von mir so was denken, Anton!« »Nun, was sonst?« »Ein große Sängrin soll ich werden.« »Eine Sängrin? Wirklich?« »Ja.« Er schien zu wanken; er setzte sich auf den Schemel nieder und legte das Gesicht in seine beiden Hände. Als er einige Zeit so gesessen hatte, ohne ihr ein Wort zu sagen, legte sie ihm die Hand auf die Achsel und sagte in bittendem, beruhigendem Tone: »Was erschrickst so, Anton! Es ist ja nix Böses, was ich vorhab, gar nix Böses!« Da hob er langsam den Kopf empor. Sein Gesicht war leichenblaß und ein blauer, tiefer Rand lag um seine Augen. Nur leise fragte er: »Sängrin willst werden? Wohl beim Theater?« »Ja.« Da sank er wieder in sich zusammen. Sie wartete eine Weile. Er bewegte sich nicht. »Anton, sei gut, sei verständig!« bat sie voller Angst. »Es ist nicht so, wie Du denkst.« Da stand er vom Schemel auf, ergriff ihre beiden Hände, blickte ihr tief, tief in die Augen und fragte: »Leni, nicht wahr, es ist ein Gespaß? Du willst mich nur ein klein Wenig derschrecken?« Sie wendete das Gesicht halb ab und antwortete: »Ich wollt schon, daß es so wär, aber es ist kein Gespaß, sondern es ist Ernst.« »Das kann ich halt unmöglich glauben! Die Leni eine Sängrin, eine Theaterpuppen! Das kann nicht sein, das kanns gar nicht geben in der Welt! Ich bitt Dich um Gotteswillen, erlös mich von der Pein und sag mir, daß ich falsch gehört hab!« »Das kann ich nicht sagen, Anton.« »Also doch, doch, doch! Herr, mein Gott, was fang ich an! Wer ist daran schuld? Wie ist das so schnell kommen? Leni, sag mir das, sag es!« »Der König wills haben.« »Der König? Wie kann der auf den Gedanken kommen, Dich ins Theater zu thun?« »Er hat meine Stimm gehört, und ich hab ihm versprechen müssen, eine Sängrin zu werden.« »Der König, der König!« Er setzte sich wieder auf den Schemel nieder und blickte starr vor sich hin. Sein Auge war weit geöffnet, als ob es erschrocken in eine weite Ferne blicke. Kein Zug seines Gesichtes bewegte sich, bis er dann leise klagend wiederholte: »Der König, der König! Ist er nicht reich genug, nicht glücklich genug? Giebt es nicht Sängerinnen und Theaterspieler und Gaukler genug in der Welt? Muß er hier herkommen und Dich holen? Hat er nicht Silber und Gold und Edelstein', so viel er will? Kann er nicht Freud und Vergnügen haben zum Ueberdruß, essen und trinken alle Herrlichkeiten aus weiten Ländern? Hat er nicht drin im München vornehme und schöne Frauen, an denen er seine Freud und Wonn' haben kann? Warum muß er hierher kommen, um dem armen Wildheuer sein einzig Gut zu rauben, seine Freud und seinen Trost im Leben und Sterben, warum, warum, warum?« Sein Auge blickte noch starr und trocken vor sich hin, aber mitten aus dieser heißen Oede des Auges brach eine einzelne, große, schwere Thräne hervor und rollte über die Wange herab. Leni wurde angst und bange. »Anton, Anton!« sagte sie. »Sprich nicht so, nur nicht so! Ich hab Dich ja lieb, ich laß nicht von Dir, ich bleib Dir treu, so lang ich leb!« »Du hast mich lieb und gehst von mir? Du bist mir treu und willst auf das Theater?« »Es ist ja das Alles nicht so, wie Du es denkst!« »Nicht? Weißt Du das so genau? O, jetzt erkenn ich, was die Mondsüchtige gestern gemeint hat. Ich hab mir wohl gemerkt, was sie zu Dir sagte: »Ein König nimmt Dich an die Hand, Führt Dich in goldne Pforten ein, O traue nicht dem eitlen Tand, Und trau der Liebe nur allein!« Der König ist da und er hat Dir die Hand gereicht. Geld, Gold und Flimmer bietet er Dir, Leni, und das hat Dich verführt, das hat Dich halt irr gemacht!« »Nein, Anton, nicht Gold und Flimmer!!« »O doch, doch! Aber denk daran, wie die anderen Worte lauten! Es ist nur eitler Tand, auf den Du Dich nicht verlassen sollst. Nur der Liebe allein sollst Du trauen, nur ihr allein. Und diese Lieb, diese Lieb giebts hier bei mir, da, da!« Er legte die Hand auf sein Herz. »Nein, das darfst nicht denken!« bat sie. »Ich tracht' nicht nach Geld, gewiß nicht. Der König hat mich gebeten, und ich hab ihm widerstanden, ich hab nein zu ihm gesagt, Anton.« »Aber jetzt willst dennoch!« »Weils jetzt anders ist als vorher. Ich hab geglaubt wie die Andern, Du seist todt, erschossen von dem Oberförster. Da haben sie Dich gesucht, aber nicht gefunden. Der König wollt mich mit sich nehmen; ich aber habs ihm erzählt, was ich Dir versprochen hab, und er wars zufrieden, daß ich nicht eine Sängrin werden sollt. Ich wollt mir vom Wurzelsepp mein Geld geben lassen und hinüber zu Deinen Eltern ziehen und bei ihnen bleiben bis zu ihrem und bis zu meinem Tod.« »Nun, warum hast das nicht gethan?« »Weil ich nachher vernommen hab, daß Du nicht todt bist, sondern im Gericht steckst als Gefangener. Da bin ich zum König gesprungen und hab Dich frei gebeten. Und damit er Dich frei lassen soll, hab ich ihm mein Wort gegeben, Sängrin zu werden. So ist es, Anton.« »So, also so! Frei hast mich gebeten, und um meinetwillen willst Sängrin werden? O mein Herr und mein Heiland! Das ist ja grad das Allerschlimmst', was Du hast thun können.« »Siehsts denn nicht ein, daß ichs gut gemeint hab?« »Nein, das seh ich nicht ein, nun und nimmer nicht. Hättst mich in der Gefangenschaft gelassen! Das war besser, viel besser. Du wärst kommen, mich zu besuchen. Du wärst zu meinen Eltern gangen, und ich wär stolz gewesen auf meine Leni und hätt mit keinem Kaiser nicht getauscht. Nun aber bin ich frei. Und was hab ich von meiner Freiheit? Das Glück hab ich dafür hingeben müssen, das ganze, ganze Lebensglück!« »Nein, Anton, nein!« »Gewiß, gewiß, Leni!« »Aber nein und nein! Ich bin ja doch Dein!« »Meinst wirklich?« »Ja. Ich mag doch keinen Andern!« »Das sagst jetzt, aber das wird dann hernach anders, viel, viel anders!« »Anton, hier hast meine Hand! Ich weiß, daß der liebe Heiland verboten hat, zu schwören, und ich habs auch nie gethan. Jetzt aber in dieser schweren Sorg und Noth will ich die Sünd auf mich nehmen und Dir den Schwur geben, daß –« »Halt!« unterbrach er sie. »Schwöre nicht, Leni! Du weißt ja gar nicht, was Du sagst und thust!« »Ich weiß es; ich weiß es ganz genau!« »Nein, Du weißt es nicht, und Du ahnst es nicht. Kannst Dich noch erinnern, als wir heut in der Nacht sagten, daß Mann und Frau nur sich ganz allein gehören dürfen?« »Daß sie keinen Andern und keine Andere küssen dürfen, auch nicht im Scherz beim Pfänderspiel?« »Das haben wir gesagt.« »Nun, ich war einmal drin in Salzburg im Theater, ganz oben, wo es am billigsten ist. Da wurd' ein Stück gegeben, ein Stück, worüber Alle klatschten und Bravo geschrieen haben. Ich aber bin ganz still gewesen, weil es mir nicht gefallen hat.« »Warum nicht?« »Fast kann ich es Dir nicht sagen.« »Sage es doch! Wir reden von einer ernsten und wichtigen Sach, da kannst wohl sprechen.« »Wann Du so meinst, dann will ichs sprechen. Schau, die Damen auf der Bühn' haben Kleider angehabt, ganz ohne Aermel, so daß die Arme nackt gewesen sind bis an die Achsel. Und ein Leibchen ist auch nicht am Kleid gewesen. Man hat Alles, Alles sehen können bis fast auf den Gürtel herab. Ist das nicht eine Sünd und eine Schand? Sogar der halbe Rücken ist nackt gewesen. Pfui!« »Das würd' ich niemals thun!« »Du mußt!« »Nein, nein!« »Und ich sag, Du mußt! Und wannst auch nicht willst, und wanns Dir auch widerstrebt. Wannst einmal dabei bist, so geht bald nach und nach der Abscheu verloren, grad wie beim Branntweintrinken, und endlich stehst auch da, grad wie die Andern, und lassest Dich anschaun, fast unbekleidet, für das Geld, welches die Leut bezahlen.« »Und ich sag, daß ich es nimmer thun werd!« »Ja, ja, ich weiß schon! Und sodann war Eine dabei, eine Junge, Hübsche. Die hat einen Vater gehabt, der aber nur im Theaterspiel ihr Vater gewesen ist; der hat sie immer und immer ›mein Kind‹ genannt und sie dabei geküßt. Und sodann hat sie einen Schatz gehabt, der aber auch nur im Spiel ihr Schatz gewesen ist. Der hat sie auch viel geküßt und sie immer umärmelt und sie sogar auf seine Knie genommen und die Arm' um sie gelegt und sie an sich drückt.« »Das würd' ich gar niemals dulden!« »Kannst etwan anders, wann Du spielst?« »So spiel ich eben kein solches Stück.« »Du wirst halt gar nicht gefragt.« »O, ich werd mich schon wohl fragen lassen. Ich werd sagen, daß Du mein Schatz bist und daß ich es nicht will und daß Du es nicht duldest.« »Sie werden darüber lachen, weiter nix.« »O wohl! Ich werd mit dem König darüber sprechen, und er wird ihnen befehlen, ein anderes Stück zu spielen, wo ich nicht geküßt werd.« »Ich weiß gar wohl, daß Du das jetzund im Ernst sagst, Leni; aber dann später wird es doch weit anders. Wer in den Schmutz fällt, der wird schmutzig, und selbst wann er sich wieder abbürstet, bleibt doch ein Fleck zurück. Und es ist Schmutz, worin Du Dich begeben willst. Ich weiß das sehr genau.« »Hast nicht einmal das Gleichniß gelesen, daß die Krähen den Schwan schmutzig machten, er aber tauchte im Wasser unter und war nachher weiß wie zuvor?« »Ich habs im Schulbuch gelesen. Aber das stimmt doch nicht. Es ist auch für den Schwan besser, wann er gar nicht dorthin geht, wo Krähen sind. Dann braucht er sich gar nicht abzuspülen. Leni, sag mir mal recht aufrichtig, obst mich lieb hast, wirklich von Herzen lieb?« Er stand vor ihr und ergriff ihre Hand. »Von ganzem Herzen, Anton!« antwortete sie. »Und meinst, daß ich ein guter Mann sein kann, und daß wir glücklich sein werden?« »Ja, das denk ich gewiß.« »So bitt ich Dich Eins, nur Eins im ganzen Leben: Thu mir den Gefalln und geh nicht zum Theater!« »Ich muß ja doch! Ich habs dem König versprochen.« »Er wird Dir Dein Wort zurückgeben!« »Ich darf ihn nicht bitten.« »Warum nicht?« »Weil es Undank wär. Er hat Dich ja um deswegen frei gegeben.« »Ists nur das?« »Nur das!« »Gut, so gehe ich jetzt gleich wieder ins Amt und melde mich. Ich will gefangen sein.« »Das geht nicht.« »Meinst, sie nehmen mich nicht wieder an?« »Sie können Dich nicht annehmen. Was der König befohlen hat, das gilt, das muß bleiben.« »Ja, wann ich mirs überleg, so kann ich mirs denken, daß sie mich fortweisen werden. Aber wann Du dem König Alles sagst, so wird er ein Einsehen haben und Dich zurücklassen.« Sie blickte nachdenklich vor sich hin; ihr Busen hob und senkte sich; Anton hörte ihren Athem schwer gehen. Sie kämpfte einen schweren Kampf. Wer würde siegen, die Liebe oder die Rücksicht für den König, die Rücksicht auf ihr gegebenes Wort – die Dankbarkeit? Endlich sagte sie: »Jetzt will auch ich Dich fragen, Anton: Hast mich lieb, gewiß und wahrhaftig lieb?« »Lieber, viel lieber als mein Leben!« »Denkst vielleicht, daß ich ein schlecht und lüderlich Dirndl bin?« »Nein, das bist nicht, nun und nimmer nicht.« »Hast also Vertrauen zu mir?« »Ja.« »Ists wahr?« »Gewiß.« »Nun, so mußt doch auch zeigen, daßt wirklich Vertrauen hast. Wannst Vertrauen hast, so wirst auch glauben, daß ich immer so bleib wie ich jetzt bin, so gut und brav.« »Das glaub ich ja!« »Nun, wann ich also beim Theater brav bin, warum willst Dus mir verbieten?« »Weil Du dort nicht brav bleiben wirst.« »So hast also kein Vertrauen!« »Leni, thu mir nicht weh! Was Du da sagst, das ist eine Spitzfindigkeiten.« »Nein, es ist nicht spitzfindig. Ich hab noch niemals mein Wort gebrochen; soll ich es grad jetzt nun brechen, da ich es einem König geben hab?« »So gilt er Dir mehr als ich?« »Nein, Du bist mir lieber; aber er ist unser Herr und Wohlthäter.« »Unser Peiniger ist er!« brauste er auf. Da antwortete sie in ernstem Tone: »Das ist nicht wahr; das dulde ich nicht, auch von Dir nicht, Anton! Er ist auch Dein Wohlthäter. Er hat Dich frei gemacht und Dir gestern Abend dreihundert Mark geschenkt!« »Dreihun – – –« Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Er starrte sie ganz verständnißlos an. – »Nun ja,« nickte sie. »So war Der – Der – Der der König?« »Ja.« »Und Du hasts mir nicht gesagt!« »Ich habs selber nicht gewußt. Ich erfuhr es erst nachher, als Du fort warst.« »Der, Der, Der! Drum hat er mich begnadigt, weil ich den Bären erschossen hab? Aber das macht die Sachen doch nicht anders! Grad er mir sein Leben zu verdanken hat, soll er mir das Mädchen lassen, ohne welchs ich nicht leben mag!« »Geh! Du sollst ja gar nicht ohne mich leben!« »Sprich nicht so, Leni! Wann Du eine Sängrin wirst, so ists aus mit uns Beiden.« Er sagte das in bestimmtem Tone und blickte ihr dabei finster in das Gesicht. – »Ich denk, das wirst Dir noch überlegen!« »Es ist überlegt!« »So meinst, ich soll mein Wort brechen und dem guten König undankbar sein?« »Ja, Du mußt!« »Ich muß? Wer will mich dazu zwingen?« »Ich!« antwortete er zornig. Sie wollte ihm in demselben Tone antworten, besann sich aber doch und sagte eindringlich: »Ich bitt Dich dennoch, es zu überlegen. Schau, es war drunten beim Pfarrer, daß ich mit dem König gesprochen hab. Der geistliche Herr hat mir auch zugesprochen, daß ich dem König den Wunsch erfüllen soll. Er hat mir gesagt, daß ich sehr viel Gutes stiften kann als Sängrin, daß ich singen könne den Menschen zur Freude und dem lieben Gott zur Ehre!« »Ja, den Menschen zum Aerger und dem lieben Gott zur Schande! So ists!« »Anton!« Sie hatte seine Hand losgelassen und war zurückgetreten. Jetzt blitzte auch ihr Auge zornig auf. »Was willst?« stieß er kurz und barsch hervor. »Ich möcht nicht, daß Du zu weit gehst. Tausend Maderln wär es ein Glück und eine Ehr, wann der König sie zu einer Künstlerin machen thät, und nun, da mir diese Ehr widerfährt, sprichst Du zu mir wie zu einem unguten Dirndl!« »Das bist auch, wann Du mir nicht gehorchst!« »Gehorchst? Meinst etwan, daß ich Dir bereits jetzt unterthänig sein soll? Da irrst. Noch bin ich meine eigne Herrin und kann machen, was mir beliebt. Weißt das etwan nicht?« Da schlug er mit der Faust auf den Heerdrand und rief aus: »Jetzt, ja, jetzt zeigst das richtige Gesicht! Jetzt kommt die Krall von der Katz!« Das war nun freilich mehr, als sie vertragen konnte, ohne zornig zu werden. – »Wie nennst mich? Eine Katz? Kralla hab ich? War ich etwa gestern eine Katz, als ich Dich verbergen wollt, als ich Dir den ersten Kuß meines Lebens gab. Dir, den von der Polizei Verfolgten? Hatt ich etwan heut auch Krallen, als ich Dich beim König von der Gefangenschaft losgebeten hab? Hasts vergessen, was ich that und was Du mir schuldest?« Da fuhr er von ihr zurück, so weit es ging. »Wer hat mir gestern versprochen, nix wieder von der Vergangenheit zu sagen? Du! Jetzt fängst bereits schon wieder an, zu beginnen! Jetzt kommen die Vorwürf! Wie soll das später werden! Ja, eine Katz bist, und Krallen hast! Ich fühl sie bereits in meiner Seele.« »So geh fort, daßt sie nicht mehr fühlst!« »Das kann ich halt thun! Behüt Gott!« »Behüt Gott!« Er öffnete die Thür. Bereits war er draußen. Da erklang es hinter ihm: »Anton!« Er blieb stehen, doch ohne sich zurückzuwenden. »Anton!« »Was ist?« »Solls wirklich so enden?« »Ja.« »Es könnt ja ganz anders sein!« »Freilich.« »Komm her!« »Kannst auch zu mir kommen!« Er war vor der Thür stehen geblieben, den Rücken ihr noch immer zugekehrt. Sie kam herbei, legte ihm von hinten den Arm um den Hals und sagte: »Komm herein, und sei gut!« »Willst gehorchen?« »Laß mich mit fort! Wann ich dann merk, daß man Solches, wie Du gesagt hast, von mir verlangt, so kehre ich ganz von selber zuruck.« »Nein. Du bleibst gleich heut!« »Anton, sei doch vernünftig!« »Sei Du es doch!« »Es ist ja gar nicht nöthig, daß ich zum Theater geh! Es giebt auch Sängerinnen, die nur in Concerten singen. Ich hab das gehört.« »Du sollst nicht im Theater und nicht im Concert singen. Ich duld es nicht. Sagst ja oder nicht?« »Denk doch an den König!« »Was geht der mich an! Ich bin quitt mit ihm. Ich hab ihm das Leben gerettet, und er hat mir die Freiheit gegeben. Dich aber soll er in Ruhe lassen. Dein König bin ich! Wirst gehorchen?« Da nahm sie ihre Arme von ihm zurück. »Gehorchen? Nein!« Sie sagte das in einem so entschiedenen Tone, daß er sich schnell zu ihr herumdrehte. »Nicht?« »Nein. Noch bin ich Dir nicht Gehorsam schuldig!« »Gut, so sind wir geschiedene Leut!« »Wenn Du nicht anders willst, so muß ich es auch zufrieden sein.« Ihre Stimme bebte aber dennoch, als sie das in möglichst gleichgiltigem Tone sagte. Er deutete nach rechts hinüber, nach dem Felsengrate. »Schau, dort bin ich in der Nacht hinüber. Da hatt ich Flügel; das Glück hatt sie mir geliehen. Aber ich wollt, ich wär da abigestürzt und läg dort unten im Abgrund, wo mich kein Mensch nicht mehr finden könnt!« »Und Deine Eltern!« »Die wüßten es nicht anders, und Du wärst ja bei ihnen. Du hasts ja gesagt. Nun aber ists viel, viel schlimmer, als wann ich todt wär. Jetzt ist meine Lieb gestorben, meine Seel gestorben, mein Glück gestorben, Alles, Alles ist todt, nur ich leb noch allein!« »Deine Lieb ist auch gestorben? So kann sie nicht groß und stark gewesen sein. Aber ich kenne Dich schon. Der Zorn spricht aus Dir. Wann eine Zeit vergangen ist, so wirst schon ganz anders denken. Darum sag ich Dir auch jetzt noch: Ueberleg es Dir!« »Es ist überlegt.« »Dennoch werd ich Dir von München aus einen Brief schreiben. Wirst mir antworten?« »Nein.« »Anton, Du wirst antworten; ich weiß es. Du hast mich lieb. Dein Herz wird schon noch den Sieg gewinnen über den starren Kopf. Und wann ich Dir schreib und schick Dir tausend Grüße, so wirst nicht hart bleiben können, sondern mir eine Antwort senden und auch einen Gruß. Nicht?« Sie legte ihm nochmals die Hand auf den Arm und blickte ihm warm in das Auge. Da zog es ihn herum zu ihr. »Leni!« rief er aus. »Ich kann Dich nicht fortlassen. Thu mir das nicht an! Bleib hier!« »Ich muß mein Wort halten; ich habs Deinetwegen gegeben; aber wann ich merk, daß ich dort nicht brav bleiben kann, so komm ich zu Dir zuruck, Anton!« »Das ist nix! Entweder ganz hier bleiben oder ganz fort von mir, immer, immer! Entscheide!« »Ich gehe!« »So ists gut! Du bist doch die falsche Katz, wann Du es auch nicht zugiebst. Ich geh, und Du wirst mich nicht wiedersehn. Behüt Dich Gott auf ewig!« Er stieß sie von sich und stürmte fort. Sie schlug die Hände vor das bleiche Gesicht. Es war ihr todesweh um das Herz. Sie lauschte mit verdecktem Angesicht, bis seine Schritte verklungen waren. Dann ließ sie die Hände herab. »Heilige Mutter Gottes, was soll ich thun?« hauchte sie. »Da geht er fort, mein Glück, meine Lieb und mein Leben!« Und als ob ihre Liebe jetzt mit verzehnfachter Gewalt im Herzen lebendig werde, eilte sie vor an den Rand des Abhanges, wo man den Bergpfad überblicken konnte. Da unten ging Anton, gerade an der Stelle, an welcher gestern der König dem Sepp die Wurzeln mit zusammengesucht hatte. Leni hielt die Hand an den Mund und stieß einen Jodler aus. Anton ging weiter, ohne zu antworten. Da überfiel sie eine unendliche Bangigkeit, eine Sehnsucht, welcher sie nicht zu widerstehen vermochte. »Anton, Anton!« rief sie hinab. Jetzt wendete er sich um. »Was willst!« »Komm wieder herauf!« »Fallt mir nicht ein!« »Ich will bleiben!« »Jetzt brauchsts nun auch nicht mehr!« Er ging und verschwand um die Ecke. Da eilte sie vom Rande zurück, an der Hütte vorüber und den Pfad hinab. Sie wollte ihm folgen, ihm gute Worte geben, ihn festhalten und zurückführen. So schnell sie konnte, folgte sie ihm. Sie erreichte die Stelle, an welcher er verschwunden war. Eben wollte auch sie um die Ecke, da fuhr sie noch rechtzeitig wieder zurück. Sie hatte Jemand reden gehört. Sie blieb stehen und horchte. Da sagte eine Stimme, in welcher sie diejenige ihres Pathen, des alten Wurzelsepp, erkannte: »Bist verrückt, Anton! Was fallt Dir ein?« »Nein, ich kanns nicht dulden!« »Aber Du stößst Dein Glück von Dir!« »Ein Theaterglück!« »Red keine Dummheiten! Du wärst der Kerl, über Kunst und Glück parleriren zu können! Da bist viel zu dumm dazu. Verstanden? Von mir kannst so ein Wort annehmen. Ich bin alt und meins ehrlich mit Dir!« »Ich mag keine Theaterpuppen haben!« »Das wird die Leni nicht!« »O doch, und schon sehr bald!« »Da kennst sie schlecht und mich auch!« »Ich kenn sie sehr wohl. Sie ist eine falsche Katzen. Und Du, Du wirsts halt auch nicht anders machen können, wanns mit ihr bergunter geht.« »Oho! Thu nicht so klug! So gescheidt wie Du bin ich allemal auch. Nicht bergunter sondern bergauf wirds mit ihr gehen.« »Ja, bergauf, bis da hinauf, wo die wohnen, welche ein Jeder haben kann für Geld.« »Himmelsakra! Was meinst?« »Ich mein, was ich sag. Ich mag nix mehr von ihr wissen. Sie will ihre Schand, und so mag sie sie auch haben. Eine Hur' brauch ich nicht. Adieu!« Er stürmte weiter. Der Wurzelsepp schleuderte ihm noch einige zornige Worte nach und setzte dann seinen Weg fort. Er hatte zu Leni gewollt und war ihm begegnet. Als er um die Ecke trat, sah er das Mädchen schluchzend an dem Felsen lehnen. Er ergriff sie bei der Hand. »Komm zuruck, Leni! Der Kerl soll für das Wort, was er jetzt gesagt hat, Dir noch zu Füßn knien und Dich um Verzeihung bitten. Komm, Lenerl, komm!« – – – Drittes Capitel. Der Wasserfex. Der Herbst, in welchem die letzt erzählten Ereignisse sich begeben hatten, war in das Land gegangen, der Winter ihm gefolgt. Nach diesem hatte der Frühling seinen Weg über die hohe Mauer der Alpen herüber gefunden; laue Lüfte begannen zu wehen; die Knospen an Baum und Strauch brachen auf, und an vielen Fruchtbäumen waren auch bereits die Blüthen zu sehen. Nur der Tannenwald, welcher den Berg bedeckte, schien den Gruß des Frühlings noch nicht empfangen zu haben. Ernst und finster zog er sich hüben empor, um drüben sehr steil wieder hinabzusteigen, und nur wenige junge, grüne Spitzen zeigten, daß der Mai seinen Einzug gehalten hatte. Durch diesen Wald und über die Höhe hinweg zog sich ein ziemlich breiter Pfad, reich mit abgefallene Tannennadeln bedeckt und also weich, wo nicht die Wurzeln der Bäume die Oberfläche berührten. Er war wohl nur für Fußgänger angelegt, doch zeigten auch einige veraltete Radspuren, daß hier auch Wagen gegangen waren, Holzfuhren wohl, wie sie im Walde ja hier und da nothwendig sind. Diesen Weg stieg eine Dame hinan. Sie war ziemlich corpulent, mochte gegen dreißig Jahre zählen und blieb von Zeit zu Zeit verschnaufend stehen, ein sicheres Zeichen, daß ihre Wohlbeleibtheit eigentlich nicht für eine solche Bergtour prädestinirte. Ihre eigentliche Kleidung war nicht zu sehen, da ein grauer Staubmantel bis zu den derben Bergschuhen herniederhing; dennoch gab es an ihr Einiges, was auffällig zu nennen war. Sie trug einen großen, breitkrämpigen Amazonenhut mit einer riesigen Feder, welche hinten bis auf die Schulter herabhing. Hinter ihrem Ohre steckte eine Gänsefeder, deren schwarze, nasse Spitze verrieth, daß vor kaum Minuten noch mit ihr geschrieben worden war, und an dem Regenschirm, welchen die Dame trug, war anstatt des Griffes oder Knaufes ein silbernes Tintenfaß angebracht, dessen Deckel geöffnet war und also errathen ließ, daß die Tinte sich in Gebrauch befunden hatte. Unter dem Arme trug die Dame ein Buch und auf dem Rücken an einem Riemen einen Plaid. Dieser war zusammengerollt, doch guckten an der einen Seite der Rolle das Eckchen einer Semmelzeile und das Ende einer Wurst neugierig heraus. Langsam, sehr langsam ging es bergauf. Die Dame suchte mit den Augen nach rechts und nach links, nicht nach Pflanzen etwa, sondern es war ihren Blicken anzusehen, daß sie auf irgend einen Menschen zu treffen hoffte. Dieser Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Aus einem schmalen Seitenwege trat ein Mann oder vielmehr ein Männchen von sehr kleiner, sehr schmaler und dünner Statur, aber außerordentlicher Beweglichkeit. Er trug schwarze Hosen, schwarzen Frack, schwarze Weste, einen schwarzen, sehr breitkrämpigen Künstlerhut, schwarze Glacéhandschuhe, einen schwarzseidenen Regenschirm und einen schwarzen, ebenholzenen Spazierstock. Auf der langen, schmalen Nase saß ein Klemmer, in schwarzes Horn gefaßt. Die Stiefel waren von Lackleder gefertigt, und auf der Schleife seiner Halsbinde glänzte ein ziemlich großer, werthvoller Diamant. Als die Dame ihn erblickte, blieb sie stehen. »Guten Morgen, mein Herr!« grüßte sie. »Guten Marken, buona mattina , Signora,« antwortete er. »Es geht sich sehr langsam hier herauf.« »Sehr! Largo, largo assai, largo di molto! « »Sind Sie hier bekannt?« »Begannt? O, ich sein begannt! Ich gennen jeder Weg und jeder Baum.« »Hat man noch weit in die Thalmühle?« »In die Thalmühlen? Gar nix weit, gar nix. Nok ein halber Stund.« »Und immer diesen Weg?« »Immer, semper . Ich wohnen dort.« »Ah, das ist schön! Wie wohnt es sich dort?« »Ausgeseichnet, sehr vortrefflik, eccellente, egregio, perfetto – ßehr, ßehr!« »Ich wohne auch dort.« »Auk? Hab nix gehabt die Ehr, ßu ßehen Signora.« »Ich ziehe erst jetzt ein. Mein Name ist Franza von Stauffen. Mein Vater ist mit der Schwester Elisa bereits nach der Mühle. Ich aber habe, als wir die Bahn verließen, diesen romantischen Waldweg eingeschlagen. Ich bin nämlich Dichterin.« »Dickterin? Eine Poeta ? Eine Verseggiatora ? Ssehr schön, ßehr schön! Vortrefflick. Ich erlaube mir, mich vorßustellen. Ich bin Signor Rialti, Concertmeister.« Dabei nahm er den Regenschirm wie eine Violine an das Kinn und strich mit dem Spazierstocke wie mit dem Violinbogen darüber hinweg. »Sehr angenehm, Signor! Wir sind also geistesverwandt. Gehen Sie nach der Mühle?« »Ja, ßehr, ßehr grade?« »So darf ich mich Ihnen wohl anschließen?« »Gern, ßehr gern, molto gern, Signora. Ich sein ganz froh, ßuh haben Ihrer Gesellschaft!« Er fuhr dabei mit dem Stocke über den Regenschirm, als ob er einen lustigen Läufer geige und schloß daran einen Triller, bei welchem alle Finger der linken Hand zappelten. Die Beiden gingen eine Strecke neben einander her, ohne zu sprechen. Sie beobachteten und taxirten einander mit verstohlenen Seitenblicken, bis sie auf der Höhe ankamen, wo der Weg sich wieder abwärts senkte. Da, an dieser Stelle war ein Leichenbrett an einen Baum befestigt. In vielen, besonders katholischen Gegenden ist es nämlich Sitte, an Gräbern und an Stellen, wo Jemand verunglückt ist, ein langes, schmales Brett anzubringen, auf welchem die nöthigen, oft aber auch unnöthigen Bemerkungen angebracht sind, meist Verse von sehr zweifelhaftem Werthe. Da der Tischler, welcher das Brett hobelt und bemalt, meist auch der Dichter der Reime ist, so darf man an diese Letzteren keine künstlerischen Ansprüche erheben. Oft kommt es da vor, daß ein solches Gedenkbrett einen ganz entgegengesetzten Eindruck als den beabsichtigten ernsten macht. So war es auch hier. Auf dem Brette war nämlich ein Baum abgemalt, welcher auf einem Menschen lag, und darunter stand: »Beglückt und ohne Sorgen Ging ich am frühen Morgen Auf meine Arbeit aus. Da traf mich eine Eiche, Und ach, als eine Leiche Kam Abends ich betrübt nach Haus.« Die beiden Wanderer blieben stehen und lasen die eigenthümlichen Reime. »Wie gefällt Ihnen das Gedicht?« fragte die Dame. »Es ist kut, ßehr kut, ßehr!« »Ja. Der Dichter hat seine Sache gut gemacht. Es kommen darin vor Glück und Sorgen, eine Eiche, eine Leiche, der Morgen und auch der Abend. Das ist genug für diese wenigen Zeilen. Der Dichter hat einen beneidenswerthen Gedankenreichthum besessen. Er ist im Wald zu Hause; das hört man gleich. Der Wald begeistert zur Poesie. Hören Sie zum Beispiel, was ich auf uns Beide jetzt dichte!« Sie schlug ihr Buch auf, zog die Feder hinter dem Ohre hervor, tauchte sie in den Regenschirmknopf, schrieb einige Zeilen und las dann vor: »Im Wald gehn wir spazieren Und thun uns amüsiren, Ein Herrchen thut mich führen; Zu Zweit – gehn wir auf Vieren.« Sie blickte ihn erwartungsvoll an, was er dazu sagen werde. Er machte ein Gesicht, als ob er mit der rechten Hälfte lachen und mit der linken weinen wolle. »Nun, wie gefällt es Ihnen?« fragte sie. »Köstlich, ßehr köstlich! Dispentioso, prezioso! « »Nicht wahr! Nun sollten Sie erst meine Reime hören, wenn ich im Kostüm dichte. Dann kommt der Geist über mich, und ich dichte unvergleichlich. Was aber diese Gedenktafel betrifft, so muß hier höchstwahrscheinlich ein Unglück passirt sein.« »Ja, ein Unfall, una sventura, una sciagura .« »Ich wäre begierig, es zu erfahren.« Da erscholl eine Stimme hinter einem Busch hervor: »Das könnet Ihr halt schon bald erfahren.« Die Beiden erschraken und drehten sich nach der Seite um, in welcher gesprochen worden war. Ein alter, graubärtiger Mann trat hinter dem Busche hervor und nahm höflich den Hut ab, durch dessen viele Löcher zahlreiche Zweige gesteckt waren. »Grüß Gott die Herrschaften!« sagte er. »Ihr braucht Euch nicht zu fürchten. Ich thu Euch nix.« »Wer sind Sie?« fragte die Dame. »Wer soll ich sein? Der Wurzelsepp bin ich.« »Diesen Namen habe ich schon gehört, wohl vorigen Herbst, wenn ich mich nicht irre.« »Das ist halt richtig. Ich kenne Dich.« »Wirklich?« »Ja. Du bist die Schwester der Mondsüchtigen, die Dichterin. Du hast da drüben gegen die Grenz hingewohnt und dem Krikelanton damals aus der Patschen geholfen.« »Mein Gott! Das weißt Du?« »Alle Welt hats erfahren. Aber Du brauchst Dich halt nicht darüber zu schämen. Es war ganz sehr brav von Dir. Also, was dies Brett zu bedeuten hat, willst wissen?« »Ja; weißt Du es?« »Das wohl. Hier ist nämlich ein armer Holzknecht von einer großen Eichen erschlagen worden, die er hat fällen wolln. Da habn sie ihm das Gedenklein her gehangen.« »Der Arme! Hat er Familie hinterlassen?« »Einen Buben, den Wasserfex unten in der Thalmühl. Wann Du hinuntergeht wirst ihn sogleich sehn. Er sitzt am Wasser und fährt die Leut über. Gehst wohl hinab?« »Ja.« »Ich auch. Wir können halt mitsammen gehn.« Er fragte also gar nicht, ob es der Dame und dem Herrn angenehm sei, daß er mit ihnen ging. Er holte ganz einfach seinen Rucksack hinter dem Busche hervor, warf ihn über den Rücken und schritt neben den Beiden her. Der Concertmeister machte ein saures Gesicht; die Dichterin aber betrachtete den Sepp mit freundlichen Augen. »Freut mich, daß ich Dich kennen lerne,« sagte sie. »Ich habe die Naturkinder gern.« »Ja, die unnatürlichen hat man niemals gern,« antwortete er sehr ernsthaft. »Bist Du auf der Mühle bekannt?« »Sehr.« »Es wohnt sich gut da?« »Ja und nein. Wer als Badegast hier wohnt, dem gehts halt nicht sehr übel; wer aber als Gesind beim Müller ist, der mag sich schon in Acht nehmen.« »Ist er schlimm?« »Ja, er und seine Peitsch.« »Wie! Gebraucht er die Peitsche?« »Sehr. Er leidt nämlich an der Gicht und kann also nicht von der Stell, sondern sitzt Tag und Nacht in seinem Lehnstuhl. Damit er nun trotzdem das Gesind erreichen kann, hat er sich eine lange Peitschen angeschafft, welche über die ganze Stub weggeht. Wann er nun was anbefiehlt und es geschieht nicht sogleich, so greift er zur Peitschen und giebt dem Befehl solch eine Kraft, daß sofort Alles rennt. Darum heißt er auch der Peitschenmüller. Am Schlechtsten hats der Fex bei ihm.« »Der Sohn des verunglückten Holzknechts?« »Ja. Damals hat Niemand das arme Kind annehmen wollen, welchs bereits vorher ein Waisenkind gewest ist. Es ist nämlich mal eine Zigeunerband hier gewest, die den kleinen Bubn hier zuruckgelassen hat. Der Holzknecht hat sich seiner angenommen, und als er von der Eich' erschlagen worden ist, da fand sich Keiner, der den Buben haben wollt. Da ist er dann von Gemeindewegn zum Müller gethan worden. Der hat ihn erzogen, aber wie. Mit der Peitschen, mit Hunger, Durst, Frost und nix weiter sonst.« »Das ist doch unmenschlich!« »Was fragt der Müller darnach. Der Bub hat alle Schul versäumen müssen und nix lernen können, weil er für vier Personen arbeiten mußt. Jetzt nun hat er die Fähre über bei Tag und Nacht. Er bekommt halt keinen rothen Pfennig dafür, denn Alles, was er einnimmt, muß er dem Müllern geben. Wann Ihr seine Kleider anschaut, so wirds Euch warm ums Herz werden. Und mit der Nahrung ists ebenso.« »Wie alt ist er?« »Das weiß Niemand genau. Ich schätz ihn halt so achtzehn Jahr. Er ist ein ganz besonderbarer Mensch, gar nicht wie andere Bubn. Er spricht ganz selten ein Wörtle. Wer ihn nicht kennt, der muß ihm die Antwort abkaufen. Aber er hat auch Ursach dazu, denn Alles, Alles hackt auf ihn eini, und wann ein Unrecht geschehen ist, so soll er es gewesen sein.« »Ist er denn so wild?« »Wild ist er halt schon, stark und gewandt wie ein Luchs. Sie haben ihn zum Thier gemacht, und nun kann ihn auch Keiner nicht zähmen als nur die Paula allein.« »Wer ist das?« »Dem Müllern seine Tochter, sein einziges Kind. Er ist der reichste Mann im ganzen Kreis, und sie ist seine einzige Erbin, ein Dirndl wie Schneeglanz und helle Morgenröth. Ich hab fast noch niemals kein so schöns und lieblichs Maderl geschaut. Wer sie anblickt, der muß ihr gut sein, und wann im Frühjahr die Badeherrschaften kommen und droben in der Stadt wohnen, so hat der Müllern hier herunten in seiner Mühl ein Resterauterazionen eingericht, was eigentlich ein Schankwirthschaften ist, und nachher kommen die Herrschafterle allzutag herab, um hier zu essen und zu trinken, eigentlich aber nur um die Paula anzuschaun.« »So ist sie wirklich so hübsch?« »So hübsch, daß kein Malerkünstler ihr Bild so fertig bringen könnt, wie sie wirklich ist. Allhier herum wird sie oft auch die Eichkatzerlpaula genannt, weil – –na, horcht! Da ist sie ja!« Aus dem Wald heraus, dessen Tannen sich jetzt mit Buchen und Eichen mischten, erklang eine milde, liebliche Frauenstimme: »Die Eichkatzerln schaun mir So freundlich ins G'sicht, Und die Eichkatzerln lieb ich. Doch die Bubn lieb ich nicht.« »Das ist die Paula?« fragte die Dichterin. »Ja. Und wann Du sie sehn willst mit ihren Katzerln, so komm mit: aber thu sacht und stat, daß Du die Thierlern nicht verscheuchst!« Er drang in den Wald ein, und die Beiden folgten ihm leise und vorsichtig. Sie waren nur wenige Schritte gegangen, links abseits vom Wege, so hörten sie dieselbe klare, reine, sympathische Stimme: »Die Eichkatzerln klettern Zum Baume hinan. Das Männerl mit dem Weiberl Und das Weiberl mit dem Mann.« Ein leises, süßes Zirpen ließ sich hören, wie wenn man ein Lieblingsthier mit zärtlichen Lippen lockt, und dann ertönte von derselben Stimme und in derselben Melodie: »Wer ich so ein Kätzerl Herinnen im Wald, Ich sucht mir ein Männerl Und fänds wohl auch bald.« Dann hörte man wieder den lockenden Ton, und als die Drei weiter schlichen, hörten sie die Stimme sprechen: »Hanserl, willst gleich schaun, daß Du zuruck gehst! Das Buchheckerl ist für die Gretl, aber nicht für Dich. Und Du, Liesbetherl, komm halt auch her! Hier hast ein Zuckerküchle. Du warst doch krank in letzter Woch. Hast im Winter hungern müssen, arms Schöpferl! Jetzt nun aber wirst bald wieder gesund und lustig werden, wann ich Dir Arzneien bring und ein hübsch Liedel dazu.« Jetzt hatten die Drei den Saum einer kleinen Lichtung erreicht, und es bot sich ihnen ein Anblick, wie man ihn wohl nur in einem lieblichen Kindermärchen beschrieben finden kann. Es gab da mehrere nahe bei einander liegende und von weichem Moose überzogene Felsenblöcke. Auf einem derselben, der hart am Stamme einer Buche lag, saß ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen, in die Landestracht gekleidet, aber von einer Schönheit, wie man sie fast nur auf Gemälden finden kann. Die Wunderliebliche hatte ein Bein über das andere gelegt, so daß das kurze Röckchen sich noch höher als gewöhnlich emporgezogen hatte. Ueber den kleinen, kinderzarten Füßchen, welches in niedrigen Schuhen steckte, legten sich weißglänzende Strümpfe um die kräftigen, über das Alter entwickelten Waden, welche bis an die rothledernen Strumpfgürtel zu sehen waren. Oben umschloß eine Taille, welche man mit den Fingern umspannen konnte, obgleich sie aus vollen, runden Hüften herauswuchs, ein rothsammetnes, tief ausgeschnittenes Mieder, von der weißen Krause des Hemdes umsäumt und von breiten, silbernen Schlössern zusammengehalten. Diese Schlösser bildeten den einzigen Metallschmuck, welchen das reizende Mädchen trug. Die glänzenden Schultern waren entblößt, da Paula das Jäckchen ab- und neben sich gelegt hatte, die schön geformten Arme ebenso. Das rosige Gesicht war von einer unbeschreiblichen Lieblichkeit, und die zwei starken Zöpfe, in die das reiche Haar geflochten war, hatte Paula nach vorn genommen, so daß sie weit über die Brust herabhingen. Dieses Bild jugendlicher Anmuth und Schönheit wurde belebt durch eine wunderhübsche und seltene Staffage. Nämlich rund auf den Steinen hockten in den possirlichsten Stellungen eine ganze Zahl rother und schwarzer Eichhörnchen. Eins saß in dem kleinen Gebirgshütchen, welches am Boden lag, wie ein Hühnchen im Ei und knupperte an einer Nuß. Ein Anderes, das ›kranke Liesbetherl‹ war in das Jäckchen warm und fürsorglich eingewickelt und streckte das Köpfchen mit den klugen Aeuglein und den beiden Ohrfahnen heraus. Ein Drittes war dem Mädchen auf den Schooß gesprungen, hatte den Verschluß des Hemdes aufgerissen und sich nun in den warmen, keuschen Busen gehuschelt, aus welchem beneidenswerthen Plätzchen es vergnügt hervorlugte. Ein Viertes saß auf der einen Achsel Paula's und beugte das Köpfchen weit vor, um ihr ein Zuckerstück von den Lippen zu nehmen. Es mochten wohl acht oder zehn dieser Thierchen sein, welche so zahm waren, daß ein Jedes auf seinen Namen hörte und an der Herrin emporsprang, wenn derselbe genannt wurde. »Nun, hab ich halt Recht?« flüsterte der Sepp. »Ein wunder-, wunderliebliches Bild!« antwortete die entzückte Dichterin. »Ja, lieblick, ßehr lieblick! Giocondo ed dilettevole, forte dolce ed soave !« stimmte der italienische Concertmeister bei, indem er den Regenschirm wie ein Cello ansetzte und leise mit dem Stocke darüber strich, als ob er im Begriff stehe, einige gefühlvolle Tacte vorzutragen. Aber dieses lebende Bild wurde leider unerwartet gestört. Es gab noch einen Lauscher, welcher ungesehen hinter einer Tanne gestanden hatte, ein großer, starker Bursche, welcher jetzt hervortrat. »Schau, die Paula!« rief er mit rücksichtsloser Stimme. »Da futterts und hätschelts wieder die Viehzeuger; Unsereinen aber läßts hungern und durften. Wann ich nur auch mal da drin stecken könnt, im Mieder, da wo das Eichthier steckt: Da wollt ich mich schon auch so wohl befinden.« Das Mädchen sprang erschrocken auf. Ihr Gesichtchen glühte vor Scham, so halb entblößt überrascht zu werden. Während sie schnell nach der Jacke griff, um sie anzuziehen, entflohen die Eichhörnchen blitzschnell an den Bäumen empor. »Wie roh!« flüsterte die Dichterin. »Man sollte diesem Flegel einige Hiebe geben!« Der Wurzelsepp war mit den Augen unwillkürlich den kleinen Flüchtlingen gefolgt und hatte hoch oben in einer Baumkrone Etwas entdeckt, was ihn zu der leisen Antwort veranlaßte: »Hab keine Sorg'! Er bekommt schon seinen Zahlaus. Schau, dort oben sitzt der Wasserfex in den Zweigen. Das wird ein Theadrum mundi geben, denn der Fingerlfranz, der da kommen ist, hats auf die Paula abgesehn; kein Mensch kann ihn leiden, und der Wasserfex hat erst recht ein großes Gift und Gallen auf ihn. Er ist ein starker und gewaltthätiger Patron und malträtirt den Fex, wo er ihn nur finden kann. Der Fex duldet es; aber er fürchtet sich nicht vor ihm. Jetzt nun, wo es um die Paula gilt, wirds wohl ein Schauspiel geben, bei dem auch ich den Stock gebrauchen kann. Schau, wie dem Fex seine Augen förmlich herunterglühen!« Die beiden Andern blickten empor nach dem Baume, auf welchem der Genannte saß. Die Blätter, welche sich aus den kaum aufgebrochenen Knospen entwickelt hatten, waren noch zu klein, als daß sie ein wirkliches Laubwerk hätten bilden können; sie konnten keiner menschlichen Person als verbergender Schleier dienen; darum hatte sich der Fex eng an den Stamm geschmiegt, um hinter diesem versteckt zu sein. Von da aus, wo Paula gesessen hatte, war er nicht zu sehen, auch von da aus nicht, wo der unberufene Störenfried gestanden hatte. Von der Stelle aus aber, an welcher der Wurzelsepp mit der Dichterin und dem Concertmeister sich befand, war er zu sehen, wenn auch nicht so deutlich, daß man alle Einzelnheiten seiner Gestalt hätte zu unterscheiden vermocht. Man sah ein kleines, im Nacken sitzendes Gebirgshütchen, einen dichten, wirren Busch blonder Haare und ein bleiches, helles Gesicht, aus welchem zwei Augen wie die Lichter eines zornigen Raubthieres herniederfunkelten. Die übrige Gestalt hatte sich so eng an den Stamm und die starken Aeste geschmiegt, daß sie von denselben kaum zu unterscheiden war. Die drei Lauscher standen so versteckt, daß sie weder von Paula noch von dem Fex oder dem Franz gesehen werden konnten. Fingerlfranz war ein Beiname, welchen der Betreffende jedenfalls von einer Geschicklichkeit erhalten hatte, die droben in den Bergen sehr in Uebung und Pflege ist. Zwei Burschen, welche ihre Kräfte messen wollen, haken ihre Zeige- oder sonst einen beliebigen Finger gegenseitig in einander, und Jeder giebt sich nun alle Mühe, den Andern von seinem Platze weg und an sich zu ziehen. Es kommt dabei sehr oft vor, daß die starken Söhne des Gebirges dabei Bänke, Tische, Stühle und Alles umreißen, was ihnen im Wege steht. Der Franz war als der beste Fingerheld im weiten Umkreise bekannt; Keiner vermochte, ihn zu besiegen, und als Anerkennung für diese Stärke und Gewandtheit hatte man ihm den Namen Fingerlfranz gegeben. Als er jetzt vor dem erschrockenen Mädchen stand, war er das echte, treffende Bild der rohen, ungefügen, rücksichtslosen Körperkraft. Seine großen Füße, welche in derben Nagelschuhen steckten, die starken Waden, von hartwollenen Strümpfen umschlossen, die nackten, massigen, vom Wetter gegerbten Kniee, die stämmigen Oberschenkel, die massiven Hüften, aus denen ein robuster Körper mit außerordentlich breiter Brust hervortrat, der starke Hals mit einem wahren Stiernacken, die wie aus knüppeligem Holze gearbeiteten Arme, deren Muskulatur man deutlich sehen konnte, weil er die Jacke ausgezogen über der linken Schulter trug und die Hemdsärmel emporgestreift hatte, das breite Gesicht mit der niedrigen Stirn, der breiten Stulpnase, den wulstigen Lippen, den hervortretenden Backenknochen und den kleinen, tief liegenden, grauen Augen, das kurz geschorene, struppige Haar, welches an der einen Kopfseite zu sehen war, weil er den Hut auf die andere geschoben hatte, die Spielhahnfeder und der Gemsbart, welche an dem Hute steckten und ihn als Bergsteiger, Schütze und Raufbold kennzeichneten, das Alles waren sichere Zeichen, daß der vielleicht sechs- oder siebenundzwanzigjährige Bursche nicht etwa allzu zart beanlagt sei. Jetzt stemmte er die mächtigen Fäuste in die Hüften, lachte schallend vor sich hin und sagte: »Was machst für ein Gesicht, Madel! Bist ja ganz so verschüchtert wie die Eichkatzerln. Möchtst wohl auch gleich vor Angst am Baum emporlaufen?« Sie hatte sich gefaßt. Erschrocken war sie wohl über sein unerwartetes Erscheinen, aber ihn fürchten, nein, das that sie dennoch nicht. Darum antwortete sie: »Erschreckt hast mich; aber am Baum emporlaufen, das thu ich nicht. Deinetwegen noch lange nicht!« »Was? Hast so einen Uebermuth, Du kleins Katzerl Du? Das gefreut mich sehr, denn wann Du Dich nicht vor mir fürchtst, so bist mir am End gar wohl ein Wengerl gut!« »Ich Dir? Gut? Da irrst Dich! Wann Du Jemand suchst, der Dir gut ist, so mußt anders wohin gehn.« »So! Schau doch an! Auch aufrichtig bist, mehr aufrichtig, als man wohl verlangen kann. Wie aber kommts dann wohl, daßt mir Nicht gut bist?« »Weil Du so ein Ungestümer bist, der kein Herz hat und kein Gefühl.« »Meinst? Da bist aber freilich auf falschem Weg, Dirndl. Ein Herz hab ich gar wohl und auch ein Gefühl drin, ein größer und mächtger Gefühl als hundert Andre, die allerwärts seufzen und die Augen verdrehn.« »Das machst mir nicht weiß!« »Wird schon die Zeit kommen, wann Du mirs glauben mußt. Grad jetz und, wann ich Dich anschau, merk ich gar am Besten, daß ich ein Herz hab und ein Gefühl. Und da in diesem Herzen drin wohnst Du, Paula. Freust Dich da nicht ein Wengerl drüber?« »Kanns nicht sagen. Ich wohn am Liebsten da, wo ich mich selbst und freiwillig eingemiethet hab. Dein Brustkasten ist kein Häuserl für mich. Thu halt doch eine Andre hinein, so wohl die Großmagd vom Staffelbauern oder eine Aehnliche.« »Himmeldonner! Willst mich etwan ärgern mit dem Staffelbauern seiner Magd?« »Nein. Ich meins sehr ehrlich. Das wäre so eine Richtige für Dich. Hat auch so breite Schultern wie Du, eine grad solche Fumpsnase und wascht sich alle Jahr nur zweimal. Da, wann Du sie nähmst, könntst sehr viel Wasser ersparn.« »Bist doch ein Sakrifix! Schau, schau, willst Dich über mich breit machen! Das gefallt mir; das ist mir schon recht; so Eine hab ich gern. Wann Du nachher später das meinige Weib bist, so nimmst Du den Besen und ich die Mistgabel, und wir probiren damit, wer der Herr im Haus iß.« »Du nicht und ich nicht. Wann ich mal ein Haus hab, so wirst Du halt weit davon wohnen.« »Au weih! Das klingt schlecht und schlimm; aber es wird halt nicht grad so ausgelöffelt, wie Du es in die Suppen quirlst. Weißt, wo ich jetzt grad eben hingehn will, Dirndl?« »Nein.« »So rath einmal!« »Ist nicht nöthig. Wo Du hin willst, das ist mir sehr schnupprig; warum soll ich mir also den Kopf darüber zerbrechen. Lauf, wohin Dein Schnabel zeigt.« »Nun, der zeigt zu Dir und nach der Thalmühl hin.« »Was willst da? Ein Kalb kaufen oder eine Kuh? Grad alleweil haben wir nix feil. Mußt also warten bis zum Herbst. Komm nachher wieder!« »Schau, wie rasch Du bist, mich fortzujagen. Ich bin zwar ein Viehhändler, und ich kauf auch viel bei Euch, heut aber komm ich nicht, um mir einen Ochsen anzusehen. Es ist zwar auch ein Handel, den ich machen will, aber kein solcher, wie Du meinst.« »So brauchst halt gar nicht zu kommen.« »Meinst? Na, ein Kalb ists eigentlich auch, was ich haben will, eine kleine, junge, hübsche Kalbin, und diese, die heißt Paula.« Sie trat einen Schritt zurück, blickte ihn groß an und fragte: »Eine Kalbin? Die heißt Paula? Meinst etwas mich?« »Wen sonst?« »Nun, das ist gut! Das ist schön. Für einen Grobian kennt Dich ein jeder Mensch, aber daßt gar so ein großer Flegel bist, das hab ich mir doch nicht dacht. Das ist auch schon mehr als Flegel; das kann nur ein ganz Ausverschämter sagen, ein Rumpauf und Unhold, wie nur Du allein bist und wie es gar nimmer keinen zweiten giebt. Jetzt kenne ich Dich noch genauer als vorher, und jetzt nun kann ich weiter nix zu Dir sagen als: Mach, daßt mir aus den Augen kommst! Ich schäm mich vor mir selber, daß ich überhaupt hier steh und mit Dir reden thu. Mach fort, und recht schnell!« Sie streckte den Arm gebieterisch nach der Gegend aus, in welcher der Weg vorüber ging. Sie war in ihrem Zorne so wunderbar schön, daß selbst er sich davon begeistert fühlte; aber anstatt eine höflichere Entschuldigung auszusprechen, lachte er laut auf und sagte: »Gehen? Ja, gehen will ich; aber nicht allein gehe ich hier fort, sondern Du mußt mit. Arm in Arm mit mir. Du wirst einhängen bei mir. Komm!« Er hielt ihr den Arm hin und machte eine spöttische Verbeugung dazu. Sie trat noch weiter zurück und antwortete ihm: »Das fallt mir eben ein! Wann Du nicht gehen und mich allein lassen willst, so muß halt ich selber das Feld räumen und fortgehen. Aber vorher will ich Dir sagen, daß ich nicht in den Wald zu meinen Eichkatzerln geh, um Dich hier zu treffen. Verstanden!« »Ist der Wald etwan Dein?« »Nein; aber er ist groß genug, daß Du Dir einen andern Weg suchen kannst. Brauchst nicht immer dahin zu gehen, wo ich bin. Du weißt, daß ich Dich nicht leiden mag, und wannsts ja noch nicht weißt, so will ichs Dir jetzt noch mal extra sagen. Ich mag Dich nicht schaun; Du bist mir zuwider, und wann Du nun noch eine Ehr und Reputation im Leib hast, so wirst Dich nimmer wieder vor mir sehen lassen.« Da warf er mit einer zornigen Bewegung die Jacke von der Schulter, trat ihr näher und fragte in zischendem Tone: »Das sagst mir? Mir?« »Ja, hörsts ja!« »Und das meinst im Ernst?« »Ganz im Ernst.« »Wirklich? Wirklich?« »Wirklich ja! Wann ich Dich seh, so ists mir alleweil niemals spaßig zu Muthe.« Da ballte er drohend die Fäuste. »Und weißt, was es heißt, mir das zu sagen?« »Nun, was solls weiter heißen? Nix!« Er fand nicht sogleich die richtigen Worte. Seine Brust arbeitete. Wär Paula ein Bursche gewesen, so hätte er sich auf sie gestürzt, und bei seiner rohen Natur kostete es ihm keine geringe Anstrengung, dies nicht zu thun. Die Dichterin sah natürlich, daß sich eine Katastrophe vorbereitete. Sie flüsterte den beiden Andern zu: »Wir müssen ihr helfen!« »Wie denn?« fragte der Wurzelsepp. »Wir müssen hin!« »Warten wir noch!« »Aber er wird sie wohl gar schlagen. Wir müssen ihr Hilfe bringen.« »Die kommt allbereits. Schau, dort!« Er zeigte nach dem Baume, auf welchem der Wasserfex gesessen hatte. Dieser hatte natürlich Alles gehört und gesehen. Mit der Behendigkeit und Geräuschlosigkeit eines wilden Thieres hatte er sein Versteck verlassen. Nicht herabgeklettert war er, nein, so durfte man es nicht nennen – herabgewunden hatte er sich wie eine Schlange. Jetzt stand er unten, hinter dem Baumstamme, den glühenden Blick auf den Fingerlfranz gerichtet. Dieser hatte seine Wuth so leidlich niedergekämpft. Er sagte: »Was es heißen soll? Daß ich Dich sogleich niederschlagen möcht, wannst ein Bursch wärst. Da Du aber eine Dirn bist, eine dumme, alberne Dirn, so soll mich Dein Gelapp und Geplapper jetzt nicht rühren. Später wirst schon merken, wast eingebrockt hast, später, dann, wannt meine Frau bist.« »Ich Deine Frau? Weißt, wann ich die sein werd?« »Nun?« »Am Nimmermehrstag.« »Das denkst nur blos; aber es wird ganz anders kommen, als Du meinst. Hast nicht meinen Vatern gesehen dieser Tag?« »Ja.« »Wohl gar gestern?« »Wohl; er war bei uns.« »Und warum ist er da gewesen?« »Was gehts mich an? Ich frag nicht darnach.« »Wirst doch darnach fragen, denn er ist da gewesen wegen Deiner und wegen meiner.« Sie erbleichte. »Schau, wie Dir die Farb aus den Wangen geht! Ja, jetzt merkst wohl, was im Zeug ist? Unsre Vatern, der Deinige und der meinige, sind die beiden reichsten Leut allhier herum, und weil sie es sind, soll das viele Geldl halt zusammengethan werden. Es sind schon ein paar Jährle her, daß sie uns Beid für einander bestimmt haben.« »Daraus wird nix!« rief sie schnell aus. »Meinst?« »Nun und nimmer nicht!« »Da irrst! Gestern ists ausgemacht worden. Du wirst meine Frau.« »Lieber sterb ich auf der Stell!« »Das Sterben geht nicht so schnell. Mein Vatern ist gestern Abend nach Haus kommen und hat mir gesagt, wie die Sach steht. Nun muß ich heut nach der Thalmühl zu Euch, weil es doch so Brauch ist, daß der Bub vorerst mit dem Dirndl redet. Und weil ich mir denkt hab, daß Du hier heraußen bist bei den Viecherln, so bin ich halt zunächst in den Wald gangen, und richtig, ich hab Dich funden. Und gelt, nun weißt, woran Du bist?« »Ja. Und Du weißts auch?« »Freilich weiß ichs. Der Vatern hat mirs ja gesagt.« »Was Der Dir gesagt hat, das gilt nix.« »So? Was dann?« »Hier gilt freilich nur Das, was ich Dir sag.« »Himmelsakra!« »Ja, verstehst?« »Nun, was sagst dann?« »Ganz dasselbige, was ich bereits vorhin gesprochen hab: Ich kann Dich nicht ausstehn, und Du magst mir niemals wieder in den Weg kommen!« »Sapperment, bist kurz angebunden und ein resulut Weibsbild! Na, ich werd meine liebe Noth mit Dir haben; das schau ich bereits vorher!« »Gar keine Noth wirst haben, gar keine! Wir gehn einander nix an. Heirath, went willst, aber mich nicht. Ich brauch Dich nicht, und ich mag Dich nicht!« »Aber ich mag Dich!« »Was kümmert mich das? Nix!« »Nix? So! Soll ich Dir etwan zeigen, daß es Dich zu kümmern hat? Ein jeds Dirndl wär froh, wenn der Fingerlfranz nach ihm ausschaun that. Du allein thust apart und rabiat; aber damit hast freilich bei mir kein Glück. Du bist mir versprochen, und ich komm zu Dir. Jetzt werd ich ein Busserl von Dir fordern, und Du wirst mirs geben!« »Ich?« fragte sie zornig. »Ja, Du!« Sie streckte beide Hände abwehrend aus und zeigte eine Miene tiefsten Abscheus. »Da irrst! Ehe ich Dich küß, küß ich lieber dem Dorfschneidern seine Perruckenatzel oder dem Schulmeistern seinen Glatzkopf. Vor Dir aber schuckerts mich, als hältst Trichinen und Wurmern im Maul.« »So, Trichinen! Wart, die sollst aber doch gleich auch bekommen!« Er griff nach ihr. »Halt!« rief sie laut. »Ich schrei um Hilf!« »Was soll Dirs helfen? Wer wird kommen?« »Der Fex!« Er lachte laut und verächtlich auf. »Der Fex! Hahahaha, der Fex!« »Er ist da unten am Wasser!« »Ehe der hier heraufkommt, hab ich Dich bereits hundertmal gebusselt!« »Ja, wannst so frech bist, einem schwachen Dirndl eine solche Schanden anzuthun. Aber nachher, wann er da ist, wird er Dirs geben, daßt genug hast!« »Der, der Lodrio? Der kann gleich ganz hier nebenbei stehn, so küß ich Dich, daß die Funken fliegen. Da, paß mal auf! Jetzt gehts los!« Er packte sie bei den Armen. »Fex, Fex!« rief sie, so laut sie konnte. »Fex, Fex, komm!« rief auch er lachend, indem er sie an sich riß, sie mit einem Arme an sich drückte, mit der andern Hand ihr Köpfchen festhielt und nun seinen Kopf niederbeugte, um sie zu küssen. »Fex, Fex, ach, Fechserl, komm!« jammerte sie. »Bin schon da!« erklang es hinter dem Fingerlfranz, der sich sofort umdrehte. »Ah, bist da!« lachte er. »Schau zu, wie ich das Dirndl schmatz! Schau her!« »Wirsts nicht thun, Bub, gewiß nicht!« Der Fex stand still lächelnd bei ihm, als ob es sich um eine ganz freundliche Unterredung handle. Paula hing still und bewegungslos in den Armen des Viehhändlers. Ihr Gesicht zeigte, daß sie jetzt keine Angst mehr habe. Es glänzte vor Vertrauen zu dem Retter, welcher ihr erschienen war. »Wie? Nicht werd ichs thun?« lachte der rohe Bursche. »Warum nicht? Wer wird mirs verbieten?« »Ich!« »Du? Nun, schau her, wie ich mich vor Dir fürcht! Jetzt eben gehts los!« Er bog sich zum zweiten Male nieder. Da aber that es einen Krach, als ob man mit einem Axthelm auf Holz geschlagen habe, und der Fingerlfranz stürzte wie ein Stock zu Boden. Der Fex hatte ihn mit einem einzigen Faustschlag an den Kopf niedergeschmettert. Da Paula fest umschlungen war, war sie mit niedergerissen worden. Schnell aber machte sie sich los und sprang empor. »Fex,« rief sie, »Fex, das war die Hilf zur allerrichtigen Zeit. Aber – – –« Sie sprach nicht weiter. Franz war aufgesprungen. Er war nicht etwa besinnungslos geworden, o nein, dazu war sein Schädel viel zu dick. Freilich war es ein fürchterlicher Hieb gewesen, ein Schlag, den man der schlanken Gestalt Dessen, der ihn gegeben hatte, nie zugetraut hätte, und der Kopf brummte dem Getroffenen auch dermaßen, daß er ihn mit beiden Händen hielt und nicht gleich zu einem Entschlusse kommen konnte. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Das Weiße derselben war mit rothen, drohenden Adern unterlaufen. »Hund!« brüllte er. »Das wagst!« »Das hast verdient,« antwortete der Fex in aller Ruhe. »So bekommst sofort den Zahlaus dafür!« Er hatte jetzt die vorübergehende, halbe Betäubung überwunden und sprang auf den Fex ein. Dieser wich zur Seite aus und warnte: »Das laß sein, sonst bekommt Dirs schlecht!« »Mir? Nein Dir!« Er holte zu einem fürchterlichen Hiebe aus. »Fex, flieh, flieh!« rief Paula voller Angst. »Warum? Da schau!« antwortete er. Der Hieb des Viehhändlers war daneben gegangen; dafür aber hatte er selbst einen empfangen, einen Fausthieb von unten herauf, an den Mund und die Nase, daß er um mehrere Schritte zurückgeschleudert wurde. Das Blut drang ihm sofort aus den beiden getroffenen Theilen. Da, seiner nicht mehr mächtig, griff er in die Tasche. »Jetzt, jetzt ists aus mit Dir!« brüllte er. Er hatte einen mit Stacheln versehenen, eisernen Schlagring hervorgezogen, welchen er als gefürchteter Raufer immer bei sich trug. Diesen Ring an die Hand gesteckt und dann mit der geballten Faust einen Hieb auf den Kopf, mußte die stärkste Hirnschale zerschmettern. »O Gott, o Gott, flieh, Fex!« rief Paula, indem sie vor Entsetzen die Hände faltete und in die Knie sank. »Hin, schnell hin!« rief die Dichterin. Der Wurzelsepp aber faßte sie beim Arme und sagte: »Noch nicht. Noch ists nicht gefehlt. Ich kenn den Fex!« Und er hatte Recht. Der Fex hatte einen Sprung zum nächsten Baume gethan, an dessen Stamm er sich lehnte, um den Feind leuchtenden Auges zu empfangen. Dieser sprang ihm nach, holte aus und führte einen Hieb nach seinem Kopfe, welcher einen Ochsen niedergeworfen hätte – stieß aber in demselben Augenblick einen fürchterlichen Schrei aus und ließ den Arm sinken. Der Fex war im richtigen Moment, sich niederbückend, zur Seite gewichen, und der Hieb hatte den Baum getroffen. Eine kleine Weile war Alles still. Paula kniete entsetzt im Moose; der Fex stand hoch aufgerichtet neben dem Baume, und Franz hielt vor dem Letzteren, ganz bewegungslos, als ob ihn der Schlag gerührt hätte. Dann stieß er einen unartikulirten Schrei aus und wendete sich wieder gegen den Feind. Aber er setzte den bereits erhobenen Fuß wieder nieder, fuhr mit der linken Hand nach dem rechten Arme, und ließ einen gräßlichen Fluch hören. Er konnte den Arm nicht erheben. »So, da hast den Lohn!« sagte der Fex in aller Ruhe. »Jetzt kannst zum Bader gehn und Dir den Arm neu flicken lassen. Wirst wohl nicht gleich wieder Eine küssen wollen, die nix von Dir wissen mag! Oder willsts nun vielleicht auch noch mit der linken Hand gegen mich versuchen?« Franzens Gesicht war vor Grimm zu einer förmlichen Fratze verzerrt. Er erhob den linken Arm und that einen Schritt gegen den Fex zu; aber er besann sich, ging zu seiner Jacke, welche am Boden lag, hob sie auf und schritt langsam weiter, dem Rande der Lichtung zu. Dort angekommen, drehte er sich um, erhob die geballte Linke und drohte: »Das bezahlst theuer, Fex! Dich zertret ich wie einen Wurm. Merk Dirs gut!« Dann verschwand er hinter den Sträuchern. Der Fex ging ihm eine kurze Strecke nach, um sich zu überzeugen, daß er sich auch wirklich entferne. Dann kehrte er zurück. Paula hatte sich wieder erhoben. Mit ausgestreckten Armen eilte sie auf ihn los. Es war ganz so, als ob sie ihn umschlingen wolle. Er war stehen geblieben und erwartete sie mit schlaff herabfallenden Armen, indem seine großen, blauen Augen ihr wonnig entgegen leuchteten. War es dieser große, mächtige, erwartungsvolle Blick, oder war es etwas Anderes? – Paula ließ die Arme sinken und blieb, ihre Gefühle beherrschend, vor ihm stehen. »Gott sei Lob und Dank!« sagte sie, tief aufseufzend. »Das war die größte Gefahr, in der ich mich in meinem Leben befunden hab. Und Du auch!« Als sie die Arme vor ihm sinken ließ, verloren seine Augen den leuchtenden Glanz, und sein Gesicht erhielt einen Ausdruck, als ob eine schwere Wolke eine sonnige Landschaft verdunkle. »Ich auch?« fragte er beinahe leise. »Ja. Er konnt Dich ja erschlagen!« Da zuckte es wie eine unbeschreibliche Verachtung um seinen Mund. »Der, und mich!« »Fürchtst ihn nicht?« »Hab ich etwan ausgeschaut, als ob ich ihn fürcht?« »Nein, freilich nicht. Aber ich hab Dir auch niemals eine solche Körperkroft zugetraut!« Sie blickte bewundernd an seiner schlanken Gestalt empor. Er schüttelte trübe lächelnd den Kopf. »Ja, wirst mir auch noch viel Anderes nicht zutrauen. Der Fex ist ein Schwächling und Dummkopf. Er ist der Sündenbock, auf den Alles hineinschlägt.« »Ich nicht, Fex, ich nicht!« »Ja, Du nicht und noch Einer!« »Wer noch?« »Der Wurzelsepp. Kennst ihn doch auch.« »Ja. Ihr Beid habt freilich eine große Freundschaft. Dennoch darfst nicht denken, daß ich Dich veracht. Nein, Du bist mir werth. Du bist ja stets mein Schutz gewest, wann ich als kleins Dirndl mal irgend ein Angst und Jammer gehabt hab. Und vorhin, als der Franz mich nicht lassen wollt, da hab ich sogleich an Dich dacht. Schau, der Hallodri hat dort hinter dem Busch standen und mich angeschaut, obwohl ich hier die Jacken auszogen hatte. Der Mensch hat weder Scham noch Ehr im Leib. Wie aber bist so schnell zur Hilf da gewesen?« Vorhin hatte sein bleiches Gesicht selbst während der Anstrengung des Kampfes sich nicht um einen leisen Schatten gefärbt; jetzt aber erröthete er fast wie ein Mädchen. »Ich war hier nahe dabei.« »Wo?« »Dort.« Er zeigte nach der Richtung, in welcher der Baum stand, in dessen Zweigen er gesteckt hatte. Durfte er sagen, daß er sich da oben befunden hatte, nachdem sie so entrüstet über den Umstand war, daß der Fingerlfranz sie belauscht hatte? Nein. Sie aber fühlte sich nicht befriedigt und fuhr fort. »Dort? Wie weit? Was hast denn gethan? Du sollst ja unten am Wasser sein!« Sie blickte ihm forschend in die Augen, und er senkte den Blick wie ein Schulknabe, welcher bei irgend einer Missethat ertappt worden ist. »Prächtig!« flüsterte die Dichterin. »Das sollte man malen. Ein Gedicht aber werde ich darüber machen, ein Sonnet von zwanzig Zeilen!« Wohl hatte sie nicht Unrecht. Die beiden jungen Menschen bildeten eine Gruppe, welche eines geschickten Pinsels werth gewesen wäre. Wer den Fex jetzt erblickte, mußte sich mit Staunen fragen, wie er zu diesem erniedrigenden Beinamen gekommen sei. Freilich, er war mehr als armselig gekleidet. Schuhe trug er gar nicht; seine Füße waren nackt, und die Wadenstrümpfe, welche bis an das ebenso nackte Knie reichten, waren mit allen möglichen Farben geflickt, gestopft und ausgebessert, ebenso die kurzen Kniehosen, welche nicht einmal von einem Gürtel sondern nur von einer groben Hanfschnur an den Hüften festgehalten wurden. Eine Weste gab es auch nicht, und die dunkle Jacke war auch vielfach ausgebessert und ihrem Träger zu kurz geworden. Das weiße Hemde bestand aus den verschiedensten Flecken, Leinen, Halbleinen und Kattun von ebenso verschiedener Feinheit, aber es war sauber gewaschen. Ueberhaupt machte der junge Mensch trotz der großen Aermlichkeit seines Anzugs den Eindruck peinlichster Sauberkeit und – noch Etwas, was sich aber gar nicht so leicht herausfinden ließ. Fühlen konnte man es wohl, aber beschreiben nicht. Seine Gestalt war schlank aber nicht schwächlich; seine Glieder standen im schönsten Verhältnisse zu einander, und wer ihn zum ersten Male sah, dem wurde es schwer, den Blick von seinem Gesicht abzuwenden, denn dieses Gesicht war ein eigenartig schönes. Der kleine, feine Mund, über welchem die ersten Sprossen des Bartes keimten, die zart gebogene Nase mit den beweglichen Flügeln, die hohe Stirn mit den tiefdunklen Brauen, unter denen ein Paar tiefe, große Augen in der Bläue des Himmels leuchteten, das volle, blonde, kaum zu bewältigende Haar und dabei eine Haltung, so ungezwungen und doch dabei so stolz und selbstbewußt - das bildete ein Ganzes, welches eigentlich im größten Widerspruch stand mit dem Ausdrucke halber Stupidität, den man in diesem Gesichte zu sehen gewöhnt war. Und jetzt, als die Frage des schönen Mädchens ihn peinlich berührte, trat dieser Ausdruck ganz und gar deutlich hervor. Wer ihn soeben sah, mußte ihn für einen stumpfsinnigen Menschen halten. »Es fuhr Niemand über,« antwortete er langsam. Da ging ich herein in den Wald.« »Was hattst da zu thun, Fex?« »Ich wollt - ich dacht – – ich – - –« Er stockte; er war sehr verlegen geworden. Nun flog über ihr Gesicht eine helle Röthe. »Halt, ich weiß, was Du gewollt hast, Fex,« sagte sie. »Ich habs leicht errathen, weil Du Dich fürchtest, es mir zu sagen. Weißt, was es ist?« Er antwortete nicht. »Schlecht bist gewesen, ebenso schlecht wie der Andre. Gesehen hast mich und belauscht! Willst leugnen?« »Nein,« antwortete er aufrichtig. Wie kam es nur, daß Paula vorhin, als sie erfuhr, daß der Fingerlfranz sie belauscht habe, nur zornig geworden war und sich aber nicht geschämt hätte, während sie jetzt tief erglühte, da doch nur der Blick dieses stumpfsinnigen Menschen auf sie gefallen war? Im menschlichen Herzen liegen tiefe Räthsel vergraben. Wer vermag sie zu lösen? »Also wirklich, hast mich angeschaut, als ich hier saß bei den Eichkatzerln und die Jack herunter gethan hatte? So, das ist sehr schön von Dir. Jetzt kann ich mich nun auch noch vor Dir in Acht nehmen, nun ich weiß, daßt mir auch hinterher läufst!« »Nein, das ist nicht wahr, Paula! Nachgelauft bin ich Dir nicht; das kannst glauben!« »So! Bist etwa ehnter da gewesen als ich?« »Ja.« »So konntst nicht still fortgehen?« »Nein; das ging halt nicht.« »Warum? »Ich saß ja da oben auf dem Baum.« Er zeigte empor nach dem Orte, an welchem er versteckt gewesen war. Jetzt wurde sie wirklich zornig bei der Vorstellung, daß er von da oben herab geblickt hatte. Das Eichhörnchen hatte ihr die Halskrause zerrissen und sich da einen Schlupfwinkel gesucht, wo der Blick des Fex von oben ebenso leicht hatte eindringen können. Sie ballte die beiden, kleinen Hände und rief ganz aufgebracht: »So, ein solcher Schubian bist? Auf die Bäum kletterst hinauf, um herab zu schaun, wo man sitzt und keine Ahnung hat, daß Jemand da ist? Jetzt kannst mir wohl ganz gestohlen werden! Schäm Dich in Deine Seel hinein, Fex! Ich hab immer stets ein Stück auf Dich gehalten und bin Dir manchmal beigesprungen, wenn Andre auf Dich hineingehackt haben; jetzt aber mögen sie Dich zwicken und zwacken, wie sie wollen, ich sag kein Wort mehr dazu. Du, bist ein schlechter Kerl! Hasts verstanden?« Er nickte langsam mit dem Kopfe. Dabei ging ein ganz undefinirbares Etwas über sein Gesicht, fast wie ein Zug diplomatischer Schalkheit. »Brauchst nicht gar so sehr bös zu sein, Paula,« meinte er. »Ich hab ja doch nicht hingeschaut.« »Wohin denn, he? »Nun, wo das Eichkatzerl saß.« »Ach so! Aber das Eichkatzerl hast gesehen?« »Das schon.« »Herrgottl! Er will nicht hingeschaut haben und hat doch das Viecherl gesehen! Weißt, wer das Katzerl sieht, der - der – sieht auch das Nestl, worin es krochen ist, Du heilloser Bub Du!« »Aber nachher hab ich mich gleich umidreht!« »So! Hast also nur einmal hingeschaut?« »Nur ein einzig Mal.« »Und nur kurz, ganz kurz?« »So kurz, daß ich fast gar nicht hingeschaut hab.« »Aber was hast dann auf dem Baum zu suchen, wann Du nicht wegen meiner hinauf steigst?« »Wegen denen Katzerln war ich halt oben.« »So, wegen denen? Mach mir keine Flattusen vor! Es glaubts Dir doch Niemand.« »Aber doch ists wahr. Hast mir denn nicht vergangen gesagt, daß Dir zwei Eichkatzerln fehlen?« »Ja, die sind weg.« »Schau, da hab ich nachdenkt, wohin sie sein mögen.« »Und da spazierst auf den Bäumerln herum, um sie allerwärts wohl aufzusuchen?« »So nicht. Du mußt mich nur ausreden lasten. Du hast die Thierle so lieb, und es hat mir so wehe than, daß Dir zwei fehlen. Sie sind so zahm, daß sie sicher kommen wärn, wanns könnt hätten. Es muß ihnen halt ein Unglück geschehen sein.« »Meinst? Das sollt mich kränken!« »Ja, das hab ich mir dacht. Und sodann könnt doch noch eins und noch eins verschwinden; darum hab ich sucht, wohins kommen sind, und was hab ich funden? Erraths, Paula!« »Ich weiß nicht.« »Einen Habicht hab ich fliegen sehn.« »Herrgottl! So hat ders wohl gefressen?« »Jawohl. Ich hab den Habicht beobachtet und sein Nest entdeckt. Er hats erst kurz zu bauen anfangt da droben auf dem Baum; aber da hab ich auch die Stückle von die Bälg gefunden von denen Eichkatzerln. Sodann hab ich ein Stückle Fleisch geholt aus der Mühl und ein Rattengift dazu und habs dem Habicht hingelegt. Gestern nun hat seine Frau davon gefressen, und ich fand sie todt hier unten liegen. Und heut nun ist auch er dran gestorben. Er liegt oben im Nesterl. Ich bin hinauf klettert, um ihn herab zu holen; aber grad als ich droben ankommen war, kamst Du hier unten an. Und weil - weil – weil – – –« »Jetzt weiter! Weil – – –?« »Weil Du gleich die Jack auszogen hast und die Eichkatzerln gerufen, so wollt ich es nicht wissen lassen, daß ich allbereits – allbe – –« »So red doch, Fex!« »Daß ich allbereits dorthin geschaut hatt, wo ich nicht hinschauen sollt. Darum blieb ich lieber dort oben sitzen.« »Und hast dann aber ganz richtig hingeschaut!« »Nein, nicht wieder! Ich hab mich umidreht und nicht eher den Kopf gewandt, als bis der Fingerlfranz kommen ist.« »Und sodann bist mein Retter worden. Also von wegen meinen Katzerln hast oben gesessen? Das ist schön. Ein Herzeleid hast mir ersparen wolln? Schau, das ist gut; das gefallt mir von Dir.« »Also bist wohl nicht mehr bös?« »Ein klein Wenig sollt ich's wohl noch sein. Aber wann Du nicht da gewesen wärst, so hätt ich mich von dem Franz busseln lassen müssen, und da wär ich vor Scham und Unglück gestorben!« »Ists so schlimm?« »Ja. Ich hätt nicht länger leben mögen; das magst nur glauben. Und weilst mich da gerettet hast, so wollen wir wieder gute Freunde sein, Fex. Machst mit oder nicht?« Sie blickte ihm versöhnlich lächelnd in das Gesicht und streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff dieselbe mit seinen beiden Händen und betrachtete das kleine, weiße, sammetne Händchen mit einem Blicke, als ob er das größte Kleinod umfaßt halte. »Ja, ich mag schon,« sagte er dabei. »Und gern?« »Freilich.« »Und da haltst meine Hand so fest? Ists denn so was gar Besonderbares damit?« Er erröthete und gab die Hand frei. Da ging ein kindlich lustiges Leuchten über ihr Gesicht. Sie meinte: »Meinst etwan gar, daß ich ein hübsches Patscherl hätt?« »Ja, grad das mein ich.« »Das gefallt mir schon. Weißt, wir Dirndln sind gern hübsch. Hast mal die Geschicht gehört von der verzauberten Prinzessin?« »Nein, noch nicht.« »Die ist verzaubert gewest, und nachher ist ein Prinz kommen und hat sie gerettet. Nachher hat sie nachgesonnen, was sie ihm dafür thun soll. Und was meinst wohl, was sie sich ausgedacht hat?« »Sie ist seine Frau worden?« »Ja; aber das war später. Ich mein, vorher?« »Das weiß ich schon gar nicht. Ich hab halt noch keine Prinzesserl erlöst!« »Nun, sie hat ihm die Hand hingehalten, und er hat ihr einen Kuß drauf geben dürfen.« »Das laß ich mir gefallen. Die Prinzeß ist, wie mir scheint, eine sehr vernünftige Weibsperson gewesen.« »So! Denkst wohl. Andere sind nicht so vernünftig?« »Oft nicht.« »Da ist Deine Guitarrn sehr falsch gestimmt! Ich werd Dir beweisen, daß man kein Prinzesserl zu sein braucht, um ein vernünftig Weibsbild zu sein Du hast mich vorhin gerettet, nicht?« »Warst verzaubert?« »Nein, gar nicht. Der Franz ist Keiner, in den ich verzaubert sein könnt. Aber erlöst hast mich doch, und da will ich's grad so machen wie die Prinzeß.« Um seine Lippen zuckte es leise, als er fragte: »Willst also meine Frau werden?« »Was fallt Dir ein! So schnell brauch ich noch keinen Mann! Aber einen Kuß auf das Patscherl darfst mir geben. Willst oder nicht?« »Ich möcht halt schon. Weißt, es muß das schon eine große Delicateß sein!« »Das weiß ich nicht, kannsts aber probirn. Da!« Sie hielt ihm die Hand wieder hin; er ergriff sie, beugte sich darauf nieder und küßte sie. Aber als ob sie dabei ein beängstigendes Gefühl gehabt habe, zog sie die Hand schnell wieder an sich und betrachtete sie einige Augenblicke. Vielleicht wollte sie auch nicht sehen lassen, daß sie roth geworden war. Gleich aber flog ein neckisches Lächeln, welches ihr wunderbar gut stand, über ihr Gesicht, und sie meinte: »Nun, wie wars? Delicat?« Er stand vor ihr und hielt die Augen geschlossen. Als er sie dann aufschlug, drang aus der blauen Tiefe ein so mächtiger, strahlender Blick zu ihr herüber, daß sie sich unwillkürlich abwendete. »Das kann ich nicht sagen,« flüsterte er. »Warum nicht?« »Weil – weil ich vorher darüber nachsinnen muß, Paula.« »Ists denn so geheimnißvoll?« »Ja, es ist halt, als ob man nun selber auch verzaubert wär.« »Geh! Jetzt fängst auch Du an und sagst grad eben solche Dummheiten wie andre Leut. Aber Eins wirst wohl wissen. Hör, Fex, warum bist denn eigentlich mit mir so viel anders als mit Andern?« »Weil auch Du ganz anders mit mir bist.« »Ich? So? Und warum machst mir so – so – so große und tiefe Augen? Wann Du andere Leuteln anschaust, so siehst so – so dumm aus und so albern, als obst nicht weißt, was drei ist oder vier.« »Wann ich Andre anschau, so weiß ich wirklich nix; aber wann ich Dich vor mir hab, so – so – –so – – –« »So weißt wohl was?« »Ja.« »Was dann?« »Daß – daß Du so gut bist.« »Weiter nix?» »O doch.« »Nun, so sage!» »Jetzund nicht.« »Wann sonst?« »Wann – wann ich Dich wieder mal gerettet hab.« »Bist doch ein besonderer Bub. Aus Dir kann man nie nicht klug werden. Jetzt nun aber haben wir lange genug gesprochen. Ich will gehen.« »So geh ich mit!» »O nein; Du kannst bleiben.« »Das fallt mir nicht ein. Wann der Fingerlfranz unten am Wasser auf Dich wartet, so kannst wieder in Noth kommen grad wie vorher.« »Ich geh nicht ans Wasser. Ich fahr noch nicht über. Ich will nicht nach Haus, jetzt noch nicht.« »Warum? Dein Vatern wird warten.« »Grad darum geh ich nicht. Der Franz ist bei ihm, und Du hast gehört, weshalb?« »Ja, das hab ich wohl vernommen.« »Nun, so weißt auch, warum ich noch nicht heimgehen will. Da, Fex, schau mich mal ordentlich an?« Sie stellte sich, das Hütchen, auf welches sie eine Maiblume gesteckt hatte, in der Hand, vor ihn hin. »Dich anschaun, das thu ich wohl. Wer warum?« »Siehst mich auch richtig, das ganze Dirndl?« »Ei wohl!« »Nun, so sag mir doch mal, ob ich so ausschau wie Eine, die allbereits einen Mann haben muß!« »Nein, so siehst nicht aus.« »Wie dann?« »Wie ein Blümerl, das noch jung ist und noch recht lang blühen soll. Und dem Franz gönn ich Dich nun erst grad recht gar nicht.« »Der bekommt mich auch nicht. Darauf kannst Dich verlassen. Die beiden Vatern wollen nur das Geldl beisammen haben, aber ob dann auch die Leutln beinander gut thun, darnach fragens schon gar nicht. Ich, wann ich mir mal einen Mann nehm, so weiß ich ganz genau, was ich thu.« »Was?« »Nun, ich nehm ihn mir, ich selber. Ich brauch keinen Vatern dazu. Und nachher schau ich nicht nach der Taschen und in den Geldsack, sondern ich nehm mir grad Einen, der nix hat, gar nix.« »Etwa so Einen, wie ich bin?« »So wohl ungefähr.« »Warum grad einen Armen?« »Das fragst auch noch? Denk Dir doch nur die Freuden, die er hat, wenn er so ein reichs Dirndl bekommt! Und denk Dir dann auch die Freuden, die ich hab, wenn ich ihm so die Markerln und Thalern hinlegen kann und sagen: Schau, Fex, das ist nun jetzt Alles – – – Herrgottl!« Sie hielt erschrocken inne und wurde blutroth. Hatte er nichts gemerkt, oder besaß er, welcher für halb stumpfsinnig galt, eine Selbstbeherrschung, daß er sein Gesicht so in der Gewalt hatte? Kurz und gut, er fragte ganz unbefangen: »Worüber erschrickst denn so?« »Weil ich mich versprochen hab. Hast denn gar nicht aufgemerkt?« »Ich hab ja gar nix gehört. Es war ganz richtig.« Da meinte sie in höchster Eile: »Nein, es war grad ganz falsch. Nur weilst grad eben da bei mir standst, hab ich »Fex« gesagt. Es war aber ein ganz Andrer gemeint.« »Wer dann, Paula?« »Das kann ich doch nicht wissen; ich kenn ihn gar nicht, denn ich hab ihn noch gar nicht gesehn. Ich mein blos, daß es mir so große Freuden machen wird, wenn ich ihm das viele Geldl geb und er kann nachher auch essen, was andre Leuten bekommen und in's Wirthshaus gehn, um ein Bier zu trinken. Und auch eine Cigarren darf er rauchen, und eine ganze Hosen soll er haben und Schuh, nicht mehr baarfuß, und eine Westen und eine Uhren mit einer goldenen Ketten und Berlocken dran. Ich werd ihn mir schon herausstaffirn, daß die Leut schauen sollen und vor Aerger grün und gelb werden im Gesicht. Ja, das thu ich, das thu ich, weil er ein so arms, guts Schunkerl ist und Alles haut auf ihn ein und Keins ist brav und mitleidend mit ihm als nur ich allein und der Wurzelsepp!« »Ja, Du und der Wurzelsepp!« bekräftigte er. Da fiel ihr nun freilich ein, daß sie wieder eine Dummheit gesagt hatte. Sie erglühte über und über. Halb Mädchen und halb noch Kind, ließ sie sich von den Vorstellungen ihres guten Herzens und von dunklen Regungen, über deren Vorhandensein sie sich selbst noch keine Rechenschaft zu geben vermochte, zu Worten hinreißen, deren Bedeutung sie erst erkannte, als sie ausgesprochen waren. »Was sagst da?« fragte sie rasch. »Was hast wieder mal verstanden?« »Daß der Wurzelsepp Dich kennt.« »Ja, das wars freilich; so hab ich gesagt,« stimmte sie erleichtert bei. »Jetzt aber nun muß ich fort. Vorher aber bitt ich Dich schön: Nimm Dich vor dem Franz in Acht. Er hat es nun auf Dich abgesehn, und wo er die Gelegenheit findet, wird er sich rächen. Er ist zu Allem werth; das weißt ja selber. Und wann Dir was geschäh, ich könnts nicht verwinden! Denk Dir, wann ich mal heraus zum Wasser käm und wollt überfahren, und Du lägst da und er hatt Dich niedergeschlagen. Heilige Jungfrau, was thät ich dann!« »Das wird nicht geschehn, Paula, nie nicht.« »Das kannst nicht wissen.« »Ich weiß es! Wann ich nur einen Talisman oder ein Amuletterl haben thät, so wie ichs brauch. Nachher könnt ich sicher sein.« »Was mußt dann für eins haben?« »Zu so einem Amuletterl gehört ein Blätterl aus dem Gesangbuch.« »Und das hast nicht?« »Das hätt ich schon. Aber nachhero braucht man auch noch dazu ein Maiblümerl, was ein Dirndl gepflückt hat, die noch keinen Schatz hat und es Einem gern herschenken thut.« »So kannst doch meins bekommen! Willst?« fragte sie rasch, indem sie nach ihrem Hute griff. »Ich wollt schon. Aber giebsts auch gern her?« »Dir doch allemal ganz gern?« »Und hast auch keinen Schatz?« »Nein.« »Wirklich nicht?« »Nein doch! Was plauscht nur wieder mal! Die Leutln haben doch Recht, wann sie sagen, daß Dir eine große Forellen im Kopf herumschwimmt. Wann die dann Dir mit ihrer Schnauz ans Maul kommt, dann schnappt allemal was Dummes heraus. Also willst das Maiblümerl zum Amuletterl?« »Ja, ja, giebs schnell her!« Sie nestelte es los. »Da hasts! Brauchst sonst noch was?« »Jetzt nicht. Später dann.« »Was dann?« »Das darf ich jetzt noch nicht sagen. Aber wann die richtige Zeiten kommen ist, in welcher das Amuletterl fertig wird, dann werd ichs schon sagen.« »Hab ich's dann?« »Nein. Du hasts nicht, aber Du wirsts mir dennoch geben.« »Das ist nun wieder eine Reden, aus der man nicht klug werden kann. Man kann doch das nicht geben, was man selber nicht hat.« »O freilich doch!« »Nein, niemals nicht!« »So weißts halt nicht. Man hats zwar nicht, aber indem mans giebt, wird was draus.« »Du redst grad wie unser Hochzeitsbitter im Dorf. Wann der mal einladen kommt, so hält er eine Reden, die so gelehrig ist, daß man am End nachher nicht weiß, ob er zu einer Hochzeit eingeladen hat oder zu einer Kindtauf oder gar zu einem Leichenschmauß. Das letzte Mal, als der Vatern Gevatter sein sollt, hab ich gar denkt, es soll ein Schweinschlachten sein. So ists auch mit Dir.« »So muß ich Dir ein Beispiel sagen. Schau, wann ich Dir einen Kuß geben sollt, hab ich ihn etwan schon vorher?« »Nein.« »Oder hast Du ihn?« »Auch nicht.« »Aber wann ich Dich nachher küß, so hab halt ich einen Kuß, und Du hast auch einen. So sind also die beiden Busserln aus Nix fertig worden. Und wannst auch das wieder eine Forellen nennst, so wirds am Besten sein, daß ich Dirs einmal zeig. Komm her!« Er that einen Schritt auf sie zu. »Nein, nein!« rief sie aus. »Ich glaubs nun halt schon. Mit dem Busseln habt Ihr Bubn fast immer Recht; das ist aber auch das Einzige, worinnen man Euch glauben darf.« »Schau, wie klug Du nun schnell bist!« »Noch klüger ist's, wann ich jetzt geh. Kannst nachher immer aufmerken, wann ich Dich ruf; dann will ich übers Wasser fahren. Behüt Dich Gott!« Sie eilte fort. Er blickte ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war; dann sah er die Blume mit leuchtenden Augen an, und drückte sie wiederholt an die Lippen. Nachher zog er aus der Tasche ein kleines Stückchen Seidenpapier, um das kostbare Geschenk in demselben zu verwahren. Die drei Lauscher hatten sich indessen nicht etwa entfernt. Zwar besaß der Wurzelsepp soviel Zartgefühl, daß er die andern Beiden leise zum Fortgehen mahnte, aber für den Concertmeister war die Scene zu interessant, als daß er auf sie hätte verzichten mögen, und die Dichterin war erst recht nicht wegzubringen. Es ging ihnen kein Wort des interessanten Gesprächs verloren. Franza von Stauffen war ganz Ohr. Sie trippelte leise mit den Füßen vor Entzücken, und bei der Abschiedsscene wollte sie gar aus dein Versteck hervorbrechen. Aber der Wurzelsepp hielt sie fest. »Willst gleich bleiben!« raunte er ihr zu. »Was sollen die beiden Leuteln von uns denken, wann sie erfahren, daß wir sie belauscht haben.« »Was sie denken sollen? Daß ich ihre Freundin bin und daß sie mir zu meinem neuen Roman ein Sujet geben, welches gar nicht herrlicher sein kann. Ich muß hin, ehe sie fortgeht.« »Nein, Du bleibst! Brauchst doch den Roman nicht hier im Wald zu machen!« »Grad hier im Waldesgrün kommen Einem die besten Gedanken!« »Das scheint nicht so! Daß Du hier ausbrechen willst, das ist gar kein guter Gedanke.« »O doch! Schau, nun ist sie leider fort, und er papiert die Blumen ein. Ich muß hin!« Sie riß sich los und trat heraus auf die Blöße. Helles Entzücken glänzte auf dem Angesichte des Wasserfex. Er wurde leider aus demselben gerissen, indem die Dichterin sich ihm leise genähert hatte und die Hand auf seine Schulter legte. Er fuhr erschrocken zu ihr herum. »Wer bist? Was willst?« fragte er. »Wer ich bin?« meinte sie, sich hoch und stolz emporrichtend. »Ich bin eine Priesterin der himmlischen Muse, welche Gedichte macht und Romane drucken läßt.« Er starrte sie verständnißlos an und sagte: »Bist wohl verruckt?« »Verrückt? Nein. Aber es kommt der Geist über, mich, so daß ich in Versen und Reimen reden muß. Höre und staune!« Und die Rechte mit dem Tintenfaßsonnenschirm hoch erhebend, declamirt sie laut: »Hier steht unser Fex, Im Ringen ein Rex, Die Paula – eine Hex Und der Fingerlfranz – –ein Klex!« Lautes Lachen erscholl. Der Concertmeister hatte es nicht verbeißen können. Er trat vor und der Wurzelsepp folgte ihm. »Was lachen Sie?« fragte sie in strengem Tone. »Meine Muse ist keine lächerliche. Sie verzeichnet die Thaten der Menschenkinder mit ehernem Griffel in ihr Memorandum. Und als ihre Beauftragte notire ich über diesen jungen Helden Folgendes:« Sie schlug ihr Buch auf, nahm die Feder hinter dem Ohr hervor, tauchte sie in den silbernen Knauf des Schirmes, schrieb einige Zeilen und las dann: »Der Fex rang mit dem Fingerlfranz Und warf ihn nieder mit viel Glanz. Wen der mit seinen Fäusten packt. Der hat am ganzen Leib geknackt!« Darauf blickte sie sich triumphirend um und fragte den Italiener: »Nun, Signor, ist das nicht einzig?« »Einzig, ja,« antwortete er. »Einzig, solamente, unicamente , ßehr, ßehr, Signora.« »Und Du, was sagst Du dazu. Du hochpoetischer Sohn dieser Berge?« fragte sie den Wurzelsepp. »Ich sag halt einstweilen gar nix dazu!« »Du hast das gute Theil erwählt. Schweigen ist Gold! Und Du, des Tages Held und Recke?« Diese Frage galt dem Fex. Er machte ein unbeschreiblich dummes Gesicht, deutete mit dem Finger an die Stirn und antwortete kopfschüttelnd: »Bist ein armes Wurm. Kannst mich dauern. Was hab ich von Deinem Muß!« »Muß!« lachte sie. »Welch eine urwüchsige Verwechslung! Du gleichst den gefeierten Recken des grauen Alterthums. Sie kämpften furchtlos mit Drachen und Ungeheuern, ohne in die Heiligthümer der Gelehrsamkeit eingedrungen zu sein. Du bist ein würdiger Enkel von ihnen. Ich muß Dir das Wort des Dichters entgegenrufen: »Dem Verdienste seine Kronen!« Komm her zu mir, trauter Fex! Ich muß Dich küssen!« Sie streckte die Arme nach ihm aus. Er aber sprang ganz erschrocken zurück und rief aus: »Himmelsakra! Was will Die mit mir! Fangt sie ein, und sperrt sie hinein ins Spritzenhaus!« Der Concertmeister lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen liefen. Die Dichterin aber rief entzückt: »Welch ein köstlicher, urweltlicher Gedanke! Welch geistreiche Persiflage auf die göttlichen Musen! Welch ein granitner Witz eines vorsündfluthlichen Geistes! Sie lachen, Herr Concertmeister. Sie begreifen also die himmlische Ironie in der Interjection dieses von der Sünde noch nicht abgeleckten Helden. Ist er nicht unvergleichlich, unerreicht?« »Ja, unvergleiklik, unerreichtet, incomparabile, imparagonabile, inarrivabile , ßehr, ßehr, außerordentlik sehr!« »Ja, wenn ich einen Lorbeerkranz hätte, ich würde seine Stirn mit demselben schmücken und krönen. Da wir uns aber nicht im Lande der Hesperiden befinden, so wirds auch eine Fichte thun.« Eine kleine Fichte stand in der Nähe. Sie brach einen Zweig derselben ab, bog ihn rund zusammen und machte Miene, ihn dem Fex auf den Kopf zu setzen. Dieser aber stieß sie von sich ab und sagte: »Fort! Geh ins Irrenhaus!« Anstatt ihm nun zu zürnen, meinte sie erstaunt: »Wie? Ins Irrenhaus? So habe ich ihn also nicht verkannt, sondern ihn ganz richtig beurtheilt. Er wird für einen Idioten gehalten, aber er kennt die Völker, bei denen der Wahnsinn als ein Geschenk der Götter gilt, bei denen die Irren zu den Erleuchteten des Himmels gezählt werden. Komm her zu mir, mein Bruder in den neun Musen! Wir sind geistesverwandt. Ich muß Dich küssen!« Sie trat ihm näher. Er aber wich zurück und sagte: »Geh fort! Wann Du Einen umärmeln willst, so thu's mit dem Schwarzen da! Ihr seid alle Drei verrückt. Ich hab mit Euch nix zu schaffen.« Er eilte fort, zwischen die Bäume hinein. »Wie stolz!« sagte sie. »Ich wollte ihn studiren, um ihn in meinem Romane als Sujet zu verwenden. Aber er ist unnahbar. Nicht?« »Ja, unnahbar incomprensibile ! Con lui non c'e da far niente ; es ist nichts mit ihm ßu maken.« »Vielleicht mehr als mit anderen Leuteln,« meinte der Wurzelsepp. »Wann Ihr endlich nun nach der Thalmühl wollt und überfahren, so macht, daß Ihr mitkommt! Ich geh halt jezt.« Da hier nichts mehr zu schaffen war, folgten ihm die Beiden. Er führte sie nach dem Waldwege zurück, den sie vorhin verlassen hatten und welchen sie nun wieder folgten. Die Dichterin wollte ihn wieder in ein Gespräch verwickeln, um ihn nach Verschiedenem zu fragen, aber er war wortkarg und sehr nachdenklich geworden und hielt nicht mehr Stich. Bald hörten sie Wasser rauschen. Sie kamen an den Fluß, welcher am Fuße des Berges vorüberging. Auch das gegenüber liegende Ufer desselben war mit Bäumen bestanden, doch gab es eine Stelle, an welcher sich das Grün zu einer Aussicht auf die Mühle öffnete. Diese lag als ein ziemlich bedeutender Gebäudecomplex an einem Mühlgraben, welcher vom Flusse abgeleitet war. Mehrere hohe Gebäude ließen vermuthen, daß der Müller sein Geschäft im Großen betreibe. Rechts schloß sich ein großer Garten an dieselben an, und links lag auf der Höhe eine Art Villa, welche der Müller zur Sommerszeit an Badegäste vermiethete. Oberhalb des Dorfes nämlich, zu welchem die Mühle gehörte, und mit demselben fast zusammenhängend, lag an beiden Ufern des Flusses die weltbekannte Badestadt, in welcher Tausende Heilung oder doch wenigstens Linderung ihrer Leiden suchten und auch fanden. Der Wurzelsepp blickte suchend am Ufer hinauf und auch hinab. Er schüttelte den Kopf. »Wo ist die Fähre?« fragte er. »Die kann doch nirgends anders sein, als hier!« Er legte einen Finger in den Mund und stieß einen scharf gellenden Pfiff aus, welcher sofort im Walde beantwortet wurde. »Wer gab diese Antwort?« fragte die Dame. »Der Fex. Der Pfiff ist das Zeichen, daß Einer überfahren will. Kannst Dirs merken!« »Aber ich kann nicht pfeifen.« »So rufst seinen Namen Fex; dann kommt er.« Man hörte eilige Schritte, und dann sahen sie den Fex durch die Büsche brechen. »Wo ist denn die Fähre hinkommen?« fragte Sepp. Der Fex blickte auch nach rechts und links – von der Fähre keine Spur. »Fingerlfranz!« sagte er, weiter nichts, dann sprang er, gleich in den Kleidern, wie er war, in die kalte, tiefe, rauschende Fluth. »Herrgott!« rief die Dichterin erschrocken. »Was thut er? Er kann sich den Tod holen!« »Der nicht,« lachte der Sepp. »Aber er kommt doch nicht wieder empor!« »Nicht? Schau da hinunter!« Ein bedeutendes Stück abwärts tauchte der Fex wieder auf, holte Athem und verschwand dann wieder. »Warum thut er denn das?« fragte der Concertmeister. »Weil der Franz allein übergefahren ist und nachher die Fähre nicht anbunden hat, um den Fex zu ärgern. Nun ist sie hinabgeschwommen, und muß sie suchen und heraufbringen.« »Dabei könnte er doch laufen!« »Schau die hohen Felsen, die hier ans Ufer treten. Wann er sie ersteigen wollt, so würde eine sehr schöne Zeit vergehn. Lieber schwimmt er Und wann man unterm Wasser schwimmt, so geht's halt schneller, als oben; darum kommt er nur herauf, wann er Luft schöpfen will. Um den braucht Ihr keine Angst zu haben; der ist im Wasser zu Haus wie wir auf der Erd. Er macht sogar die Augen auf, wann er unten schwimmt. Da sieht er die Fischen und alle Gethier, was es drinnen giebt. Er ist selber wie so ein Fischen; selbst wann er im Winter im Wasser ist, wird er nicht krank davon. Er hat schon Einigen das Leben gerettet.« »So bekam er die Rettungsmedaille?« fragte Franza von Stauffen. »Der, und eine Medallien? Das fallt wohl keinem Menschen ein. Es heißt, daß der Fex seine fünf Sinners nicht beisammen hat, und so ein armes Wurmel kann retten, so Viel er will, aber ein Ordensknöpferl bekommt er halt nicht.« »Desto größere Theilnahme fühle ich für ihn. Ich muß ihn unbedingt näher kennen lernen.« »So hüt Dich nur, ihm wieder einen Bußerl anzubieten! Bei dem nagelst keinen an; das sag ich Dir. Er find keinen Geschmack an solchem Larifari.« Der Fex hatte Recht gehabt, als er beim Fehlen der Fähre den Namen des Fingerlfranz genannt hatte. Dieser hatte mit größter Selbstüberwindung seine Wuth hinabgewürgt und die Rache auf später verschoben. Er hatte darum den Kampfplatz verlassen, ohne den Kampf mit der einen, unverletzten Hand fortzusetzen, und war hinab nach dem Flusse gegangen, um nach der Mühle überzufahren. Die Fähre lag hüben am diesseitigen Ufer, an welchem sich ja auch der Fex befand. Beide Ruder zu führen, das war dem Franz jetzt unmöglich. Er sprang hinein, band die Fähre los und setzte sich ans Steuer. So erreichte er das andere Ufer; freilich weit unterhalb derjenigen Stelle, an welcher gewöhnlich angelegt wurde. Statt nun die Fähre zu befestigen, sprang er heraus und ließ sie abwärts treiben, um den Fex einen Streich zu spielen. Er wußte, mit welcher Härte derselbe von dem Müller, welchem die Fähre gehörte, behandelt wurde. Jetzt nun begab er sich nach der Mühle. In dem Parterre des einen Gebäudes befand sich rechts die Wohnstube und links die Restauration. Auch in dem Blumengärtchen vor derselben standen Tische und Stühle für die Badegäste, welche an schönen Tagen nach der Mühle kamen, um Waldluft, Speise und Trank zu genießen, sich an den berüchtigten Grobheiten des Wirthes zu erheitern und – der schönen Müllerstochter einen freundlichen Blick in die herzigen Augen zu werfen. Auch jetzt saß ein solcher Gast in dem Gärtchen. Als der Fingerlfranz vorüberging, zog er seinen Hut. Er kannte den Herrn. »Guten Morgen, Herr Capellmeister,« grüßte er. »Guten Morgen,« dankte der Gegrüßte. »Kommen Sie vielleicht aus dem Walde?« »Ja.« »Sind Ihnen Spaziergänger begegnet? Ich warte nämlich auf den Concertmeister Rialti.« »Hab nix gesehn.« Damit trat er in das Haus und dann rechts in die Wohnstube. Diese war sehr altmodisch ausgestattet. Ein riesiger Kachelofen stand in der einen Ecke, in der Andern ein so großes Sopha oder vielmehr Kanapee, daß vier Personen auf demselben hätten schlafen können. Eine alte Wanduhr mit deckenhohem Kasten, mehrere Teller- und Schüsselbrette, ein großer, eichener Ausziehtisch nebst ebensolchen Stühlen – so sah es in der Stube aus, deren Fenster nicht mit Vorhängen versehen waren. Auch einen Spiegel gab es nicht. Die Diele war gescheuert und mit duftigen Tannen- und Fichtenzweigen belegt. Am Tische stand ein breiter, bequemer Polsterstuhl, welcher auf Rollen ging. In diesem saß der Müller, eine starke Gestalt, jetzt aber zusammengefallen und von der Gicht geplagt. Seine Beine waren mit Watte dick umwickelt und die Füße steckten in unförmlichen Filzstiefeln. Auf dem Kopfe trug er eine braunwollene Zipfelmütze, und der Oberleib wurde von einer sogenannten Fitzjacke eingehüllt. Das Gesicht war grob, wie aus Holz zugehackt. Keine Spur von Weichheit war in demselben zu bemerken. Härte, Härte und immer wieder Härte war das Einzige, was man aus diesen Zügen zu lesen vermochte. Es schien unglaublich zu sein, daß dieser Mann der Vater Paula's war. Neben sich, an der Armlehne des Stuhles, hatte er eine alte Clarinette hängen, während die rechte Hand mit einer Peitsche spielte, deren Stiel kurz, die Schnur aber desto länger war, so daß sie bis in die entfernteste Ecke reichte. Diese Peitsche war das Scepter, mit welchem der Müller regierte. Er konnte nicht vom Stuhle auf, also leitete er von demselben aus seinen Haushalt und sein ganzes Geschäft. Die Peitsche war sein Dolmetscher, wenn er es nicht für nöthig hielt, ein Wort zu sprechen. Und alle kannten die Stimme dieses Dolmetschers genau. Vom leisesten Schmitz durch die Luft bis zum stärksten Klatschen und Knallen um die Beine irgend eines lässigen Dienstboten gab es eine Stufenleiter als Ausdruck aller Gefühle des Müllers, von der wohlgefälligen Zustimmung bis hinauf zum höchsten Grimme. In seinem Hause gab es keine Person, welche nicht bereits die Peitsche gekostet hätte. Mancher neu eintretende Dienstbote nahm sich vor, beim ersten Hieb fort zu gehen; aber der Müller zahlte so gute Löhne und die Verpflegung war um so viel besser als in andern Häusern, daß man sich bald an das eigenartige Scepter gewöhnte. Sehr viel trug freilich Paula dazu bei. Wer einmal in den Dienst des Müllers getreten war, dem hatte es das gute, liebe Mädchen bald so angethan, daß es ihm schwer wurde, das Haus zu verlassen. Fragte man nun, wer mit der gefürchteten Peitsche am Meisten in Berührung kam, so war sicher ein Jeder sofort mit der Antwort da: der Fex. Und eigentümlich: Alle glaubten auch, daß er dies reichlich verdiene. Er bekam sein Essen und Trinken, aber keinen Lohn. Und Jahre wären vergangen, ohne daß er irgend ein Kleidungsstück erhalten hatte. Er sprach mit keinem Menschen ein anderes Wort, als was ganz unumgänglich nothwendig war, und schlief im Sommer und im Winter draußen in der Fähre. Wie er das im Sturme und Schneegestöber aushielt, das hätte Keiner begreifen können, wenn es überhaupt irgend Einem eingefallen wäre, diese Frage sich vorzulegen Am Wortkargsten war er mit dem Müller selbst. Nie, wenn er mit diesem sprach, hatte Jemand gesehen, daß er eine Miene bewegte oder mit der Wimper zuckte. Selbst der schärfste Peitschenhieb war nicht im Stande, ihm den leisesten Seufzer des Schmerzes oder eine Bewegung des kleinsten Fingergliedes zu entlocken. Und warum das? Alle meinten, es sei Verstocktheit, Ehr- und Gefühllosigkeit; er aber allein wußte es besser. Der Grund, aus welchem er die furchtbare Sclaverei wie ein heiliger Märtyrer trug, hieß – –Paula. Der Fex war ein Waisenkind, von einer fremden Zigeunerin hergebracht, welche hier gestorben war. Er war damals vielleicht vier Jahre gewesen und hatte eine fremde Sprache gesprochen, welche Niemand kannte. Später hatte sich nur der Müller seiner angenommen, aus Speculation. Er bekam einen Dienstboten, dem er keinen Lohn zu zahlen brauchte. Sonst waren Beide, der Müller und der Fex, einander fremd – natürlich! Dennoch aber gab es Leuten welche im Stillen meinten, daß zwischen diesen Beiden ein Geheimniß obwalte. Wehe Dem, welcher bei der Lösung dieses Räthsels die Kosten zu tragen hatte! Es war keinem Menschen eingefallen, den Fex in die Schule zu schicken. Der Schulzwang schien für ihn gar nicht vorhanden zu sein. So war es gekommen, daß er weder zu lesen noch zu schreiben verstand und auch nicht wußte, daß zwei mal drei sechs ist. Sogar das Geld kannte er nicht, wie es schien. Für die Ueberfahrt nahm er, was man ihm gab, und lieferte es getreulich an den Müller ab. Es war da fast zu verwundern, daß er von der Thurmuhr ablesen konnte, welche Stunde es sei. Er war eben ein Fex, ein geistig impotenter Mensch, und was ihm ja von verschwindenden Geistesgaben angeboren war, das war ihm durch seine Verstecktheit vollständig verloren gegangen. – Als der Fingerlfranz jetzt beim Müller eintrat, befand der Letztere sich allein in der Stube. »Grüß Gott!« brummte der Kommende und warf seinen Hut in die Ecke des Kanapees, sich selbst daneben hin. »Himmelsakermentski, wie siehst aus!« rief der Müller erschrocken. »Wie soll ich aussehn, he?« »Als obt aus einer Rauferei kommst.« »Das kann wohl sein.« »Jetzund bereits? Am Morgen schon?« »Giebts alleweil eine bestimmte Stunden, an welcher das Raufen beginnen darf?« »Das nicht. Wer Lust hat, der kann sich zu jeder Zeit den Hals brechen lassen. Aber zugericht bist hübsch, das muß ich sagen. Die Nasen ist fast ganz entzwei, und das Maul ist angeschwollen, wie eine doppelte Leberwursten.« »Also ists doch appetitlich!« »Finds nicht grad so. Mit wem bist dam so scharf zusammengerathen?« »Wird Dich nicht sehr interessirn!« »Grad sehr! Du bist der stärkste Kerl allüberall, und Keiner ist Dir über. Da möcht man schon gern wissen, an wem Du den Meister gefunden hast.« »Den Meister? Was fallt Dir ein! Wann die Rauferei ehrlich ist, so giebts für mich nie keinen Meister. Wer wann man heuchlerings überfallen wird, so kann auch der Riese Goliath nix dafür, wann er einen Schmarren ins Gesicht erhält.« »Wie? Hinterrücks bist überfallen worden?« »Kannsts doch denken.« »So sag doch, von wem!« »Von einem Gesind von Dir.« Da hob der Müller die Peitsche empor und ließ sie mit leisem Pfiff durch die Lust gehen, so daß es klang, wie wenn Einer vor Verwunderung die Luft pfeifend durch die geöffneten Lippen stößt. »Einer von mir? Das denkst wohl blos nur! Ich wüßt Keinen bei mir, der es wagen wollt, sich mit Dir zu messen.« »Ja eben hinterrücks!« »Dem wollt ichs anschreiben!« Bei diesen Worten gab er mit der Peitsche einen scharfen Schwipps, wie man einem Pferde, welches sich nicht in den Strang legen will, das Peitschenende an die empfindliche Gegend des Bauches schwippt. »Wirst nicht viel schreiben!« meinte Franz. »Oho!« »Es ist doch Dein Liebling!« »Mein Liebling? Wer wäre das? Seit wann hätt denn der Thalmüller einen Liebling?« »Seit langer Zeit.« »So! Und wie heißt derjenige Favorit?« »Fex.« Da fuhr die Peitsche mit einem lauten Knalle durch die Luft. »Der Fex ists? Der hat sich an Dir vergriffen?« »Ja freilich!« »Und gar von hinten, unverhofft?« »Ganz ohne daß ichs ahnen könnt.« »So, so! Dem werd ichs sauber anstreichen! Wie ists denn eigentlich kommen?« »Ich traf die Paula – – –.« »Die? Das ist gut. Hast ihr was gesagt?« »Ja. Sie hat aber noch nix gewußt.« »Ist auch nicht nothwendig. Ein Dirndl erfährts allemal noch zu zeitig. welchen Mann sie todtärgern soll. Also Die hast troffen! Was hat sie nun dazu gesagt?« »Nun, es kam ihr freilich unverhofft, und da springens Einem nicht gleich so an den Hals. Ich hab freundlich zu ihr sprochen, und sie war auch nachher gar nicht übel dabei. Das hat mich so gefreut, daß ich sie gar um ein Busserl beten hab.« »Schau, schau!« schmunzelte der Müller, indem er dem Sprecher einen leisen, freundlichen Hieb mit der Peitsche gab. »So rasch gehts bei Euch! Was hat denn die Paula dazu sagt?« »Sie hats gemacht, wies jedes Weibsbild beim ersten Male macht. Sie hat verschämt gethan und sich ein Wengerl geziert und gesperrt. Das muß ja so sein, denn eine Dirne, die gleich das Maul weit aufsperrt, wie ein Kukuk, den die Rothkätherln nicht derfüttern können, die taugt dem Teuxel nix. Darum hat auch das mich gefreut, denn das darf nicht sein, wies im Gestanzel heißt: »Das Dirndl hat gesagt:         Hier hast den Schlüssel: Sperr auf, und komm         Zu mir ein Bissel.« Es ist alleweil immer besser, wann der Bub sich eine Müh dabei geben muß, und die hab ich mir eben auch geben wollen. Das hat der Paula gefallt: sie hat gelacht und sich gespreizt, und dabei sind wir uns mit dem Schnaberle immer näher kommen – weißt schon, wie mans macht – – –« »Ja, und da hat sie Dir ein so kräftig Busserl geben, daß Dir Maul und Nas blutet hat!« »Willst mich etwa auch noch verspotten und verlachen! Dazu hab ich halt keine Lust; das kannst Dir denken!« Der Müller gab ihm einen leisen, beruhigenden Peitschenhieb und sagte: »Was Du gleich rabit wirst! So aber ist das Jungvolk immerfort. Erzähl jetzt nun weiter!« »Also wir sind grad nahe am Busseln gewest, und ich hab ganz deutlich gemerkt, daß die Paula sich darnach gesehnt hat, da plötzlich empfang ich von hinten einen Hieb an den Kopf, und als ich da die Paula gehen laß und mich umschau, steht der Fex da und macht mir ein Gesicht, als ob er mich morden wollt. Die Augen haben ihm geblitzt wie lauter Pulver, Colphoni und Bärlappmehl, weißt, wann man damit einen Blitz durch die Lampen bläßt.« »Verteuxeli! Was fällt ihm ein!« »Grad so hab ich ihn auch gefragt; dafür aber hat er mir noch einen solchen Schlag geben.« »Und Du, was hast nachher mit ihm gemacht?« »Ich hab ihn freilich angefaßt und an die Erd geworfen, daß ihm die Knochen kracht haben.« »All so ists recht! Und dann?« »Nun, dann bin ich gangen.« »Wieso! Was fallt Dir ein!« »Nein, Dir, was fallt Dir ein! Meinst vielleicht, wann man so unterbrochen und weggestört wird, daß man nachher noch weiter fortmacht? Mit dem Dirndl muß man bei vier Augen sein, mehr nicht. So denk ich, und so ists richtig.« »Meinswegen. Aber Du konntst ihn fortjagen!« »Das sagst halt Du, Müller. Du bist immer Einer, der sich grad nix aus den Leuteln macht; aber der Bräutigam muß anders sein; die Braut muß ihn für zart halten, für gnädig und vergeberisch. Wann man Großmuth übt, das rührt die Weiber, in der Seel und im Gewissen; darum hab ich mich nicht weiter an dem Fex vergreifen wollen, weil die Paula dabei gewesen ist.« »Das ist mir zu fein; das hätt ich nicht gethan. Aber Du magst nicht Unrecht haben, denn heut zu Tag ist die Welt nur auf Fixfaxen und Complimentern eingerichtet. Aber von den zwei Buffen, die er Dir geben hat, kann Dir doch die Visag nicht in der Weis zersprungen und zerdunsen sein!« »Nein. Das Schönste kommt ja noch. Also ich geh fort und will übersetzen – – – –« »Uebersetzen? Wo warst dann mit Paula?« »Drüben am Platz, wo sie vorjährig die Eichkatzerle freigelassen hat, die nun mit ihrem Nachwuchs kommen, wann sie sie lockt. Also will ich überfahren, aber es war die Fähre nicht da. Ich pfiff nach ihr. Da plötzlich kam der Fex aus dem Busch, mit dem Ruder in der Hand und schlug es mir an den Arm, daß ich ihn gleich nimmer rühren konnt – – –« »Alltausendhimmelsturm! Hast ihn doch gleich niedergeschmettert und zertreten?« »Konnt ichs mit dem Arm hier?« Er ergriff mit der linken Hand den rechten Arm und bewegte ihn hin und her. »Kannst ihn wirklich nicht bewegen?« »Freiwillig nicht.« Der Müller wollte vor Wuth aufspringen, fiel aber mit einem lauten Schmerzensruf wieder in den Sitz zurück. Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirrschten, und sagte dann: »Na, wart, Bursch! Dir werd ich die Psalmen lesen, daß Du die Cherubimerl und Seraphimerl singen und pfeifen hören sollst! Da ist wohl gar der Knochen entzwei geschlagen?« »Das wohl nicht. Vielleicht ist nur ein Gelenk ausgekettelt, oder es hat sich ein Nagerl gebogen. Der Bader mags untersuchen, bevor ich zum Arzt geh, der so viel theurer ist. Aber weiter! Nach diesem ersten Hieb schlug er mir das Ruder noch ins Gesicht, daß gleich die Nasen aufsprang wie bei einem Boxerhund mit Doppelschnauz, und aus dem Mund lief auch das Blut. Unterwegs hab ich nachher auch gemerkt, daß einige Zähne locker sind. Wann ich auch diesen einen Arm nicht rühren kann, so hätt ich den Himmelsakra doch mit dem andern überrungen und niedergeschlagen; aber er ist mir gleich schnell exschappirt, in den Busch hinein, wo ich ihn nicht habe finden konnt.« »Wie aber bist dann über das Wasser herüber?« »Die Fähr ist verschwunden und ist wohl auch jetzund noch nicht wieder da. Er hat sie versteckt gehabt, um mich ganz sicher zu derwischen. So hab ich also dort gestanden, bis zufälliger Weis der Fischpachter kommen ist mit seinem Kahn. Der hat mich herüberbracht.« »Da sollen doch alle tausend Teufel fluchen! Versteckt der Hallunk die Fähr, um Dich anzufallen wie ein Räuberhäuptling. Aber hab nur keine Sorg! Er soll sein Zahlaus bekommen, und zwar nicht für die Langeweile. Ich werd ihn nachher rufen lassen. Jetzt aber, wann Du wirklich keine großen Schmerzen hast am Arm, wollen wir erst darüber klar werden, worüber ich gestern mit Deinem Vater sprochen hab.« »Der Schmerz ist auszuhalten. Gar schlimm wirds vielleicht doch nicht werden.« »Mag sein, und wollens hoffen; die Straf aber bleibt ganz dieselbige. Der Fex soll mir den Schwiegersohn nicht vermaltraterirn. Das will ich mir ein für alle Mal sehr verbitten!« Unterdessen hatte der Fex die Fähre gefunden und stromaufgerudert und die drei Passagiere an das diesseitige Ufer gesetzt. Wenn er auch gesagt hatte, daß er mit dem Wurzelsepp bekannt sei, so hatte er mit demselben doch kein Wort und keinen Blick gewechselt, woraus auf irgend ein Einverständniß zu schließen gewesen wäre. Der Sepp warf seinen Rucksack auf den Rücken und schritt voran, der Mühle zu, wo er sich in dem Blumengärtchen an einem Tische niederließ, in der Nähe desjenigem, an welchem der Capellmeister des Bades saß. Franza von Stauffen ging nicht nach der Mühle, sondern nach der bereits erwähnten Villa, wo ihr Vater mit der Schwester jedenfalls bereits angekommen war. Der italienische Concertmeister folgte dem Sepp gemächlich nach; als er aber in die Nähe der Mühle kam und den Capellmeister im Gärtchen erblickte, beschleunigte er seine Schritte, um diesen Letzteren auf das Freundlichste zu begrüßen. Seit er hier als Badegast wohnte, hatten die Beiden eine nähere Bekanntschaft geschlossen. Beide waren weit bekannte Musiker, der eine als Dirigent und der Andere als berühmter Violinist. Der Capellmeister hatte den Italiener bereits mehrere Male gebeten, sich in einem Concert hören zu lassen, war aber abschläglich beschieden worden. Einestheils war Rialti hier im Bade seiner Gesundheit wegen, nicht aber, um zu concertiren. Sodann waren die eigentlichen Badehabitues bis jetzt noch nicht eingetroffen, die Lions der Saison; erst in den letzten Tagen hatten sich zahlreiche Familien aus der Aristokratie des Geistes, des Geldes und der Geburt eingefunden. Und endlich wollte der Virtuos nur dann auftreten, wenn er es mit anderen berühmten Größen in Gemeinschaft thun konnte. Sich allein mit der Badecapelle durch ein ganzes Concert zu quälen, das war nicht nach seinem Geschmacke. Jetzt nun zeigte die verheißungsvolle Miene des Kapellmeisters und die Eile, mit welcher er von seinem Stuhle aufsprang und dem Italiener entgegentrat, daß er irgend eine wichtige und auch erfreuliche Neuigkeit zu verkünden habe. »Endlich, endlich kommen Sie, Signor!« sagte er, ihm die Hand gebend. »Ich habe bereits stundenlang mit Schmerzen auf Sie gewartet.« »Auf mir kewarten!« antwortete der Italiener in seiner gebrochenen Weise. »Mit Schmerzen? E' egli possibile. Ist es möklik?« »Ja. Ich bringe heut gleich eine ganze Anzahl von Neuigkeiten, über welche Sie staunen werden.« »Staunen! Bravissimo! Vortrefflik! Ich sein neubegier, ßu hören das Neuigkeit!« »Zunächst: Sie sind da.« »Wer, wer? Chi? Chi va là? « »Die hohen Herrschaften. Wir haben in letzter Woche diejenige Einquartirung bekommen, vor welcher Sie sich mit gutem Gewissen hören lassen können – Generale, Minister, Fürstlichkeiten. Und, Ihnen will ich es unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit vertrauen: Nächster Tage werden wir sogar einen König begrüßen.« »Ein Gönik? O che incatare! Welk Entzücken! Was für ein Gönik wird er ßein?« »Der unserige, Ludwig von Bayern.« »Unmöklik! Gönik Luigi kommen nie in Bad, sondern ßein ßehr einsam, ßehr, ßehr.« »Er kommt, und zwar aus einem ganz besonderen Grunde, welchen ich Ihnen natürlich mittheilen muß.« »Ich höre, mit allem Ohr, mit Allem!« »Denken Sie, es wird mir aus der Hauptstadt die vertrauliche Mittheilung, daß der König in vorigem Herbst auf irgend einer Alp eine wunderschöne Sennerin entdeckt hat, welche eine ebenso wunderbare Stimme besitzen soll.« »Ein Sennerin? Una vaccara? Reizend!« »Er hat sie nach der Hauptstadt beordert und sie einem unserer ersten Meister zur Ausbildung anvertraut. Das Mädchen soll eine geradezu phänomenale Begabung besitzen und ebenso für den Gesang wie für das Spiel talentirt sein. Jetzt aber kommt die Hauptsache: Nächster Tage soll sie sich öffentlich hören lassen, zum ersten Male.« »Ah! Dann reißen wir nach der Hauptstadt.« »Nach München? New, dort tritt sie nicht auf.« »Nicht Münken? Wo denn?« »Rathen Sie! Oder lieber will ich es Ihnen gleich sagen. Hier tritt sie auf, bei uns!« » Che occorrenza! Welch Ereikniß!« »Ja, gewiß. Sie singt unter Begleitung meiner Capelle. Und der König will sie hören.« »Er kommt kewiß?« »Ganz gewiß. Das ist eigentlich ein Wunder und sodann ein Beweis, daß diese angehende Sängerin ein Lumen, ein Licht zu werden verspricht, sonst würde die Majestät sich nicht bewogen fühlen, nach hier zu kommen.« »Sicker, kanz und kar sickerlick!« »Also was sagen Sie dazu?« »Ik freuen mir, ßehr, ßehr!« »Aber ich bin mit meinen Neuigkeiten noch nicht fertig. Sie werden sich noch viel, viel mehr freuen, wenn Sie das Weitere hören. Ja, ich behaupte gradezu, daß Sie entzückt sein werden.« »Sprecken Sie, sprecken Sie!« Da neigte sich der Kapellmeister ihm zu, hob die Brauen hoch empor und fragte im wichtigsten Tone: »Kennen Sie einen gewißen Liszt?« Da fuhr der Italiener von seinem Sessel hoch empor. »Liszt! Der Abbé?« »Der Virtuos auf Piano?« »Derselbe.« »Was ßein mit ihm? Was? Schnell, schnell!« »Er kommt auch.« »Nak hier?« »Ja, ja!« klang es beihnahe jauchzend. »Als Gast in Bad, aber nicht um ßu spiel!« »Nicht als Gast, sondern um zu spielen.« »Er dock nicht mehr spiel! Er kiebt kein Concert mehr jetzt!« »Aber auf ganz besondere Einladung des Königs hat er zugesagt, eine Nummer des betreffenden Concertes zu übernehmen, eben weil der König sich selbst unter den Hörern befindet.« »Das ßein freilik viel, ßer viel, ßer! Es ßein kaum ßu klauben, kaum!« »Ich gebe mein Ehrenwort.« »Ich muß, muß ihn hören, muß, diesen Fürsten des Piano und dieses junge Licht, die Sennerin und auk Sängerin. Es wird ßein großartik!« »Natürlich. Wir werden Furore machen. Aber nun befinde ich mich in einer außerordentlichen Verlegenheit, bester Signor.« »In welken?« »Ich habe den ersten Pianisten der Welt und eine Sängerin, welche bereits den Fuß auf die Stufenleiter des höchsten Ruhmes setzt; aber das Hauptinstrument ist noch verwaist – die Violine.« Der Concertmeister lachte fröhlich auf. »Die Violin! Weiß Sie, wer schön spielen die Violin? Wer?« »Nun?« »Ich, Concertmeister, maestro di mussica Signor Antonio Rialti.« »Ah! Wollen Sie?« » Si, si, ja, ich wollen! Ssehr, ßehr!« Er nickte dabei so oft und freudig mit dem Kopfe, daß es dem Capellmeister angst wurde. »Schön! Herrlich, herrlich! So bleibt mir nichts zu wünschen übrig! Liszt, der Concertmeister Antonio Rialti und die Sängerin.« »Wie sein ihr Name?« »Sie heißt Mureni.« »Ich nicht kennen dieser Name.« »Höchst wahrscheinlich ist es nur ein Künstlername, und sie heißt eigentlich anders. Also Sie haben zugesagt. Könnte ich baldigst erfahren, welche Stücke Sie wählen werden?« »Sofort, gleik, all' istante . Kommen Sie!« Er stand auf und eilte fort, nach der Villa zu, und der Capellmeister hinter ihm her. Bald hörte man aus den geöffneten Fenstern der dort befindlichen Wohnung des Concertmeisters Töne erklingen, wie man sie hier noch niemals gehört hatte. Töne, so süß klagend wie heimliches Liebesflehen, Töne, welche sich neckisch haschten, und fingen, wie spielende Libellen und Schmetterlinge, Töne, herzzerreißend, klagend wie singende Thränen auf eingesunkenen Grabeshügeln, Töne, berauschend und bestrickend wie wogender Frauenbusen und berückende Sirenenschultern, Töne, zum Tod begeisternd wie Schlachtgesang und Rosseswiehern, Töne, dumpf rollend wie Erdbeben, grollend und zürnend wie hohler Donnerschall, Töne, zitternd und bebend wie Hunger und Frost im Menschengebein, Töne, aufjauchzend und jubilirend wie Lerchentriller und Finkenschlag. Ja, der Concertmeister Antonio Rialti war ein Beherrscher der Violine von Gottes Gnaden! Wer, wie war es? Töne, welche man hier noch niemals gehört hatte? Wirklich niemals? Lag nicht da drüben am Flusse, da wo die Felsen an das Wasser stießen, oben auf den Steinen ein kleiner Hügel, auf welchem jetzt noch die letzten Märzviolen und die ersten Maiblumen blühten? Dort, an dieser Stelle war die Zigeunerin gestorben, welche den Fex mit ins Land gebracht hatte. Dort hatte man sie eines Morgens, nachdem sie mehrere Tage lang vermißt worden war, als Leiche gefunden, und Niemand konnte sagen, ob die Ursache ihres Todes der Frost oder der Hunger gewesen sei. War sie vielleicht an Beiden gestorben und – –auch vor Gram? Sie war an derselben Stelle eingescharrt wollen. Sie, die Zigeunerin, war doch keine Christin, sondern eine Heidin. Man durfte sich nicht an der geweihten Erde versündigen. Und als nachher der Fex, ihr Bube, einst von Weidenruthen ein armseliges Kreuz geflochten und auf den Hügel gesteckt hatte, da war man schnell gewesen, es heraus zu reißen und in das Wasser zu werfen. Das Zeichen des Kreuzes auf ihrem Grabe hätte ja wohl die Qualen ihrer Verdammniß lindern können, und das war die Heidin nicht werth. Jahrelang wurde dieses Grab gemieden. Kein Mensch kam in seine Nähe. Es war ein verfluchter Ort. Nur der Fex, der sich nicht von seiner Mutter lossagen wollte, schleppte in seinen Händen fruchtbare Erde hinauf, welche er heimlich im Garten der Mühle gestohlen hatte, und pflanzte Blumen hinein, Hahnenfuß und Löwenzahn, weißen Klee und rothblühende Taubnesseln. Etwas Besseres konnte der arme Knabe nicht beschaffen. Dann aber erbarmte die kleine Paula sich seiner. Sie bettelte im Dorfe sich Saamen und Senker zusammen, für sich, wie sie sagte, aber sie gab Alles dem Fex, welcher damit das Grab der – Verdammten schmückte. Und eines Tages, als der neue Herr Caplan einst am Flusse entlang ging und, den Fex droben erblickend, hinaufgestiegen kam und dem Knaben mit milden Worten das Geständniß entlockte, daß hier seine Mutter schlafe, die Heidin, die er aber von der Verdammniß losbeten wolle, da nahm er den Verachteten bei der Hand, führte ihn mit sich in den Pfarrgarten, gab ihm Stecklinge von seinen prächtigen Ayrshirerosen, und als das die Leute hörten und nachher die gefüllten Blüten das steinigte Grab bedeckten, da stieg doch zuweilen Jemand auch hinauf, um die Düfte einzuathmen und dabei zu denken, daß, wenn der liebe Gott die Rosen hier blühen lasse, er der Heidin vielleicht wohl einen kleinen, ganz kleinen Theil der ewigen Verdammniß schenken werde. Ja, selbst am Abende, wenn der helle Schimmer des Mondes an den Fluß lockte, kam es wohl vor, das Einer oder der Andere sich in die Nähe des Grabes wagte; aber das hörte sehr bald wieder auf, denn – die Zigeunerin hatte keine Ruhe gefunden; sie ging um, drin im Felsen unter ihrem Grabe. Von da heraus klangen geheimnißvolle Töne, fremdartige, herzzerreißende Weisen. Das klagte und wimmerte; das schluchzte und jammerte, als ob da drin Ströme von Thränen flössen. Und dann plötzlich erhob sich ein gottloses Kreischen und Klingen, ein Jauchzen und Jubiliren, ein trunkenes Gewirr von Tönen, Accorden, Trillern, Läufern und Cadenzen; es war zum Rasendwerden. Kein Mensch kam mehr hin. Die Zigeunerin hatte eine Geige mitgebracht gehabt, eine alte Fiedel, nicht zehn Kreuzer werth, die hatte man bei ihrer Leiche nicht gefunden. Natürlich hatte sie sie ins Grab nachgeholt und mußte nun ruhelos spielen alle, alle Nächte, bis in die Ewigkeit. Und wieder nach längerer Zeit war ein neuer Cantor in das Dorf gekommen, ein Herr, welcher glaubte, daß auch ein Heide selig werden könne, wenn die Zeit des Fegefeuers vorüber sei. Der hatte von der unterirdischen Musik gehört und war so muthig gewesen, zur Mitternachtszeit nach dem Grabe zu gehen. Dort hatte er fast bis zum Anbruche des Morgens gesessen, und am Abende, als er mit den Bauern unter der Linde saß, erzählte er, daß die Musik wirklich zu hören sei, etwas Gotteslästerliches aber sei nicht daran. Ein Geist spiele nicht Violine, meinte er; es walte hier ein Geheimniß ob, welchem man schon noch auf die Spur kommen werde. Er gab sich Mühe, Andere nun auch, aber das Räthsel konnte nicht gelöst werden; es war eben ganz gewiß, daß die Zigeunerin spiele. Wer es war doch nun wenigstens so weit gekommen, daß das Grauen vor dem Orte verschwunden war und daß des Abends zuweilen ein Neugieriger stehen blieb, den geheimnißvollen Tönen eine kleine Weile lauschte und nachher, den Kopf schüttelnd und drei Kreuze schlagend, wieder weiter ging. So stand es noch heute. Also die Töne, welche jetzt aus der Wohnung des maestro di musica Signor Antonio Rialti klangen, waren nicht die einzigen derart bestrickenden, welche hier gehört worden waren. Die ruhelose Seele der Zigeunerin spielte auch jetzt noch ihre schluchzenden Klagen und ihre jauchzenden Jubilosos. Während, also der Italiener dem Kapellmeister seine Bravoorstücke hören ließ, um eine Auswahl treffen zu können, war die Unterredung des Müllers mit dem Fingerlfranz beendet worden, und der Erstere sagte: »Jetzt nun sind wir einig worden, und es wird Zeit, den Hallunken kommen zu lassen, den Fex.« »Vielleicht kommts ihm in den Sinn, Alles zu leugnen. Was wirst da thun?« »Er soll nur leugnen; da macht ers nur noch schlimmer. Uebrigens ist doch zuerst auch die Paula dabei gewesen; die kann bezeugen, daß er Dich von hinten angefallen hat.« »Ja, weißt, die hat auch so ein weiches Herz wie Butter. Der ihr Gemüth läuft halt auseinander wie Schnee in der Sonne. Wann sie bemerkt, daßt den Fex strafen willst, wird sie ein gutes Wort für ihn einlegen, und, wenn dies nix hilft, die Sach wohl gar ganz anders darstellen, als sie sich ereignet hat.« »Das kenn ich auch schon bereits, aber damit lockt sie mir den Hund nicht vom Ofen fort. Ich werd auch nicht so kopfüber ins Zeug springen. Er soll seine Straf empfangen, aber nicht auf einmal, daß er sie bald los ist, sondern so nach und nach, damit er recht lang daran zu tragen hat.« Er ergriff die alte Clarinette, welche an seinem Stuhle hing, und blies hinein. Es war ein kurzes, aus drei Tönen bestehendes Signal, welches er gab, fast so wie beim Militär. Es wurde draußen nicht sofort vernommen, so daß er es zweimal wiederholen mußte; dann trat ein Knecht herein. »Was ist denn das?« donnerte er diesen an, indem er mit der Peitsche drohend hin und her schwippte. »Habt Ihr keine Ohren mehr! Ich will Euch welche machen! Lauf schnell hinüber zum Wasser und sag dem Fex, daß er herbei zu mir kommen soll! Ich hab mit ihm zu reden.« Und als der Knecht sich umdrehte, um hinaus zu gehen, holte der Müller aus und schlug ihn mit der Peitsche so sicher und so kräftig in die nackten Knieekehlen, daß er laut aufschrie und mit einem raschen Sprunge draußen stand. Dann lief er, so schnell es ging, hinüber zur Fähre. Dort saß der Fex am Ufer. Er lauerte auf Paula, welche er ja überfahren mußte, wenn sie nach Hause wollte. Als er hörte, daß er zum Müller solle, stand er auf, ohne eine Miene zu verziehen, obgleich er ziemlich wohl wußte, weshalb er geholt wurde. »Aber nimm Dich fein zusammen, Fex!« warnte der Knecht. »Der Alte hat schlechte Laune.« Auch hierauf sagte er kein Wort. Während der Knecht schnell zurückkehrte, ging der Fex langsamen Schrittes auf die Mühle zu. Da plötzlich blieb er stehen. Er hatte die Violine des Concertmeisters gehört. Er lauschte einige Augenblicke. Sein Gesicht nahm einen ganz andern Ausdruck an. Es war, als ob mitten durch finstere Wetterwolken ein heller, goldener Sonnenstrahl blitze oder als wenn ein Kind mitten im Weinen aufhört, um, noch thränendem Auge, die Mutter jubelnd anzulachen. Er ging weiter, langsam, wie von einem Magnet angezogen, nicht nach der Mühle hin, sondern auf die Villa zu. Dort am Fuße der Höhe, auf welcher diese stand, hielt er an. Das Gesicht, welches er jetzt machte, war gar nicht zu beschreiben. Er schien vor Entzücken trunken zu sein. Er streckte den linken Arm grad aus, als ob er eine Geige in demselben halte, und fuhr mit der rechten darüber hinweg, als ob er auch Violine spiele. Jetzt machte der Concertmeister eine Pause. Der Fex seufzte tief auf, drehte sich energisch um, als ob es ihm große Ueberwindung koste, diesen Ort zu verlassen, und ging nach der Mühle. »Wo steckst denn so ewig?« brüllte der Müller ihn an, als er in die Stube trat. »Der Knecht hat Dich doch getroffen! Warum kommst nicht gleich?« Er zog die Thür hinter sich zu, blieb stehen und gab keine Antwort. »Nun, kannst etwan nicht reden?« Und als er auch jetzt noch schwieg, klatschte ihm die scharfe Schmitze der Peitsche um die nackten Füße. Er zuckte nicht mit der Wimper. »Komm näher!« gebot der Müller. Der Fex ging einige Schritte auf den Polsterstuhl zu und blieb dann wieder stehen. »Was hast mit dem Franz gehabt?« Der Fex sah weder den Franz an noch gab er eine Antwort. »Willst reden!« Und als diesem Befehle nicht Folge geleistet wurde, knallte die Peitsche wieder um die Füße. Ein Anderer war vor Schmerz in die Höhe gesprungen; der Fex aber rührte kein Glied. Es war, als ob er gar kein Gefühl besitze. »Hast ihn angefallen!« »Nein.« Das war das erste Wort, welches er hören ließ. »Lüg nicht!« Der Alte gab ihm einen dritten Hieb. »Er lügt, nicht ich!« »Weiß schon! Dich kenne ich! Da, sieh mal sein Gesicht an! So hasts ihm mit dem Ruder geschlagen.« Der Delinquent sah weder den Müller noch den Franz an; aber er spuckte verächtlich aus. »Was! Ausspucken thust! Das will ich mir doch verbitten. Du Lodrian und Taugenichts! Und den Arm hast ihm auch entzwei geschlagen! Wann er aufs Amt geht und zeigt Dich an, kannst wegen Mordversuchs oder der Verletzung eines lebendigen Körpers zehn Jahr lang eingesperrt werden! Bist wohl nicht bei Sinnen gewest? Was gehts Dich an, wann er mit der Paula eine Zärtlichkeiten absolviren will. Gleich gehst her, und bittsts ihm ab!« Der Fex bewegte sich nicht. »Gehst oder nicht?« Der Fex zuckte ganz leise mit der Achsel. »Nicht? Gut, hier hasts!« Er holte aus. Die aus einem dreifachen Rinnen zusammengeflochtene Peitschenschnur schlang sich für einen Augenblick laut klatschend um das Gesicht des Fex, und dennoch zuckte der Getroffene nicht mit der Wimper. Er sagte nur die Worte: »Frag die Paula!« »Meinst, daß sie Dich in Schutz nimmt?« »Sie wird die Wahrheit sagen.« »Hast ihr wohl schon ein gutes Wort geben, und sie hat versprochen, aus dummer Barmherzigkeit ihren Vater zu belügen? Da habt Ihr wohl kein Glück damit. Schäm Dich, die Tochter zu verführen, den Vater zu belügen! Aber so ein Beest wie Du hat keine Schaam und kein Gewissen!« Der Fex zeigte auf den Franz und sagte: »Hier sitzt das Beest!« »Wie? Was?« Sofort knallte die Peitsche wieder um das Gesicht des Blödsinnigen. »So! Und wannt noch nicht genug hast, brauchst nur noch ein Wort zu sagen, so bekommst noch mehr! Jetzt will ich Dir Deine erste Straf geben.« Er blies in die Klarinette, und sofort kam eine Magd herein geeilt. »Kathrin, das Ihrs wißt, der Fex erhält drei Tage lang nix zu essen und zu trinken. Wasser kann er im Fluß bekommen!« Sie grinste wohlgefällig mit dem breiten Gesicht und machte schleunigst, daß sie hinauskam, denn das Wetter war ihr hier nicht geheuer. »Und,« fuhr der Müller fragend fort, »Du bist ja ganz naß. Kauf ich Dir deshalb die Kleider, daßt Dich damit im Wasser herumwälzen sollst? Wo hast denn die Fähr gehabt? Sie war doch weg!« »Dieser hat sie losgebunden und fortschwimmen lassen.« Sofort klatschte ihm die Peitsche wieder um den Leib, und der Alte schrie ergrimmt: »Lügen über Lügen! Willst mir die Unwahrheit ins Gesicht hinein streiten! Ueber Dich muß ich mich noch zu Tod verärgern. Mach Dich hinaus, daß Du mir aus den Augen kommst. Du Galgenstrang! Und wann Du Deine drei Tage gehungert hast, nachher wird die zweite, dritt und vierte Straf kommen. Hinaus!« Der Fex ging so ruhig und unbewegt, wie er gekommen war. Draußen saß der Wurzelsepp noch aus seinem Platz. Er gab dem Fex einen heimliche Wink und brach dann auf, um hin nach der Fähre zu schlendern. Der Fex aber ging zunächst wieder nach der Villa zu, wo die Violine des Concertmeisters von Neuem erklang. Wie bezaubert lauschte er eine Zeit lang den Tönen, dann riß er sich mit Gewalt los und ging zur Fähre. Dort fand er den Sepp zwischen Sträuchern stecken. »Kommst nun?« sagte derselbe. »Jetzt sieht uns Niemand, und ich will Dir die Hand geben, Fex. Bist ein braver Kerl und auch ein starker Bursch worden. Hab mich über Deiner gefreut und auch gewundert, wie Du den Fingerlfranz so abgemuckt hast. Der kann sichs merken! Aber schau, was hast da im Gesicht? Das sind ja zwei Streifen, blau und roth und gelb!« »Das ist von der Peitsch des Müllers.« »Wann?« »Soeben jetzt.« »Warum?« »Weil ich den Franz getroffen hab. Der hat Alls herumdreht und den Müllern anders erzählt. »Und da schlägt der Dich mit der Peitschen?« »Wie immer.« »Und das leidst? Das läßst Dir gefalln!« »Ja.« »So bist wirklich so schiefsinnig, wie Dich die Leut ausrufen. Mir sollt das geschehn! Mit Deiner Körperstärk klopft ich den Müller zu Mehl und den Franz zu Gries!« »Das wird auch noch. Jetzt ist nur die richtige Zeit dazu nicht kommen.« »Auf was wartest denn noch?« »Wirsts auch dann erfahren.« »Und warum erduldest so ruhig das Hundeleben? Was geht der Müller Dich an? Was hast mit ihm zu schaffen? Geh doch fort!« »Du weißt nicht, was ich weiß, sollst es aber hören. Jetzt mag das ruhen. Kommst heut am Abend zu mir?« »Ja, freilich.« »Das ist gut! Da sollst eine Musiken hören, eine Musiken, wie Du noch nicht gehört hast.« »Hast sie kauft?« »O nein. Wo soll ich das Geld dazu finden? Aber da drüben geigt Einer, und was der geigt, das werd auch ich geigen.« »Hast die Noten?« »Noch nicht.« »Ob er sie Dir giebt!« »Frag nicht! Ich frag auch nicht.« »Gut! Das geht mich auch nix an. Aber ich hab Dir die Noten mitbracht, die Du mir aufgeschrieben hattst. Sie stecken da im Rucksack. Ich mag sie nicht mit in die Stadt schleppen. Kann ich sie Dir jetzt gleich geben?« »Ja,« antwortete der Fex, nachdem er vorsichtig durch die Zweige gelauscht hatte. Und nun hielt er die Augen wie mit gierigem Heißhunger auf den Rucksack gerichtet. Der Wurzelsepp öffnete denselben und sagte dabei: »Wer weißt, die Kompernisten, welche die Musik machen, sind die richtigen Hallodri's. »Warum?« »Von wegen dem Titel und der Ueberschriften, die sie den Stucken geben. Der Musikhändler hat sie mir wohl zehnmal vorlesen müssen, und ich hab sie mir nachher im Stillen aufgesagt, bis ich sie auswendig könnt hab. Solch kuriose Aufschriften sollt man nicht für die Möglichkeit halten. Er zog eine Papierrolle heraus und fuhr fort, indem er sie öffnete: »Das sind lauter Noten für Deine Vigoline. Da ist das erste Stuck. Das hat die dumme Ueberschrift: Ein runder Blechofen!« Der Fex griff darnach. Seine Augen leuchteten. Er las den Titel. Wunderbar! Er sah ganz anders aus und sprach jetzt das schönste Hochdeutsch. »Ein runder Blechofen? Das ist freilig lustig. Hier steht: Rondeau von Bethoven.« »So klingts? Da hab ichs falsch versetzt. Aber hier, das weiß ich gewiß. Da steht geschrieben oder gar gedruckt: Ein Rock vorne und ein halbes Vieh.« »Unsinn? Ein Nocturne von Halevy.« »Himmelsakra! Bei Dir klingts freilich viel anders. Nun aber jetzund. Das kannst mir nicht bestreiten. Das heißt: Ein Fizzlifazzlo von Hühnerwurst. Das ist doch so ein schnackischer Titel, daß man ihn gar nimmer für möglich halten sollt! Ein Fizzlifazzlo! Was ist das für ein Ding! Und von Hühnerwurst hab ich auch noch nie nicht was gehört!« »Sprich es nur richtig aus, lieber Sepp! Es heißt: Ein Pizzicato von Hühnerfürst; Hühnerfürst ist nämlich ein Dresdener Componist. Und ein Pizzicato ist ein Stück, welches nicht mit dem Violinbogen gestrichen, sondern mit dem Finger geklimpert wird.« »Wann zehnmal! Warum setzens diese fremden Worte her! Sie könnten doch drucken: Eine Klimperei anstatt ein Fizzlifazzli. Jetzt weiter! Das weiß ich ganz genau. Es steht da: Ein Kuriosum von Mückenschwanz.« Er blickte den Fex forschend und neugierig an. Dieser aber erklärte lachend: »Es heißt: Ein Furioso von Schicketantz. Schicketantz ist ein Componist, und Furioso ist ein Stück, welches feurig, rasch oder gar recht wild gespielt werden muß.« »Das ist dem Schicketantzrich zuzutraun; schon der Name ist ganz wild. Aber nun das allerletzte Stuck. Wann ich auch dieses falsch gelernt hab, so will ich den allen Compernisten Abbitt thun im Sack und in der Aschen. Da steht ganz groß und deutlich – oder wart einmal! Sag, trinken Die aus der Post etwan viel Lindenblüthenthee?« »Warum fragst Du das?« »Weil hier steht, daß sie davon so dumm werden.« »Das steht nicht da.« »Willst etwan mit mir streiten?« »Du irrst Dich, Sepp. So Etwas kann doch gar nicht da stehen?« »Nicht? So schau doch mal selbst her! Ist da nicht zu lesen: Die Post ist dumm von Lindenblättern?« »Nein. Das heißt: Postludium von Lindpaintner. Ein Postludium ist ein Nachspiel, und der Componist heißt Lindpaintner, der auch am Theater in München Kapellmeister gewesen ist und nachher in Stuttgart.« »So, so! Jetzt ists mir im ganzen Kopfe dumm, aber nicht von Lindenblättern, sondern von Deinen Compernisten und ihren Noten und Ueberschriften. Das halt doch der Teuxel aus! Da lob ich mir meine Zithern; die hab ich auswendig gelernt ohne Noten und Compernisten, und was ich drauf spiel, das compernir ich mir selber. Jetzt aber muß ich zur Stadt, in die Apothek, wo ich meine Wurzeln verkauf. Heut Abend dann komm ich wieder. Weißt schon, um welche Zeit.« Er gab die Hand zum Abschied und ging. Der Fex rollte seinen Notenschatz zusammen und sprang in die Fähre. Mit dieser steuerte er abwärts und hing die Kette an dem Felsen an, welcher senkrecht aus dem Wasser emporstieg. Sodann zog er unter dem Sitze ein Stück Wachsleinen hervor, in welches er die Noten so sorgfältig einschlug, daß kein Tropfen Wassers hineindringen konnte. Dann sprang er in das Wasser, tauchte unter und kam nicht wieder. Hätte noch eine Person außer dem Wurzelsepp mit in der Fähre gesessen, so wär es ihr himmelangst um den Fex geworden; sie hätte unbedingt glauben müssen, daß er ertrunken sei. Drin aber, im Felsen, auf welchem oben das Grab der Zigeunerin lag, ertönten einige dumpfe Schläge, welche sich nach kurzer Zeit wiederholten. Dann tauchte der Fex wieder an die Oberfläche empor und stieg, vom Wasser triefend, wieder in die Fähre, welche er loskettete und aufwärts nach dem Landeplatze ruderte. Er strich die Kleider fest an den Leib, damit das Wasser ablaufen solle. Und kaum war er damit fertig, so hörte er drüben den Ruf: »Fex, lieber Fex!« Das war Paula's Stimme. Er ruderte hinüber. Da stand sie am jenseitigen Ufer, ein Eichhörnchen in den Händen. »Das ist wieder ein Patienterl,« sagte sie, »den ich mit nach Haus nehmen muß, um ihn zu pflegen. Aber, Herrgottle, wie siehst aus?« Sie machte ein ganz und gar erschrockenes Gesicht, indem sie ihm in das Gesicht blickte. Die beiden Schwielen waren stark angeschwollen. »Woher hast das?« »Vom Müller.« »Er hat Dich mit der Peitschen geschlagen?« »Ja.« »Wegen was?« »Wegen dem Fingerlfranz.« Da sprang sie eiligst in die Fähre und rief: »So mach schnell über. Ich werd gleich ein Wort mit dem Vatern reden. Du rettest mich von dem Ueberfall dieses Schubiak und erhältst als Dank dafür die Peitschen! Das darf ich nicht dulden; das kann ich nicht zugeben!« »Wart noch, Paula! Der Franz hat dem Müllern Alles falsch erzählt. Er hat gesagt, ich hätt ihn hinterrücks angefallen. Darum war der Müller so zornig. Und wann Du ihm nun auch sagen wirst, wie es eigentlich war, so wird er Dirs doch nicht glauben. Darum ists besser. Du sagst gar nix. Ich will nicht haben, daß Du für eine Lügnerin gehalten wirst.« »Aber ich will nicht haben, daß Du geschlagen wirst. Und ich will auch sehen, ob der Vatern dem Franz mehr glaubt als mir. Also fahr über!« »Ja. Aber, da kommt noch Einer.« Den Bergweg herab kam ein junger, kräftiger Mann, welcher einen länglichen Kasten auf dem Rücken trug. »Grüß Gott!« sagte er. »Kann ich mit hinüber?« »Ja, steig ein!« Der Fex hatte längst seine stupide Miene wieder vorgelegt. Er fragte den Fremden: »Bist wohl ein Tabuletkramer?« »Ja. Ich will ins Bad. Da wohnen die Geldleuteln, die gern was kaufen können.« Drüben angekommen, bezahlte er ein Fünfpfennigstück und schritt dann, unbekümmert um die beiden Andern, auf die Mühle zu und lenkte dann links in den Weg ein, welcher nach der Stadt führte. Als er an der Villa vorüber wollte, stand Franza von Stauffen vor derselben. Als sie ihn erblickte, rief sie erstaunt aus: »Ists möglich! Bist Dus wirklich?« Er blieb stehen und betrachtete sie. Dann fragte er: »So kennst mich halt noch?« »Freilich! Ich werde doch den Krikelanton kennen, mit dem ich damals einen ganzen Roman erlebt habe und der mir entwischte, ohne sich zu verabschieden. Was treibst Du denn jetzt?« »Ich bin halt Tabuletkramer worden von den dreihundert Mark, die der König mir damals geschenkt hat. Weißts wohl nicht?« Sie kam näher heran. »Von dem Geschenk des Königs weiß ich,« sagte sie. »Du hast mir damals ja davon erzählt. Aber daß Du Tabuletkrämer geworden bist, davon hab ich nichts erfahren. Du warst, wie man mir sagte, nach der Stadt gegangen, um Dich dem Gericht zu stellen. Ich blieb bis am Abende bei der Frau Professorin aus Wien, welche Du gerettet hattest, und da ich Dich nachher nicht mehr vorfand, mußte ich allein zurückfahren. Der Herr Professor war bös auf Dich, daß Du fortgegangen warst, ohne seinen Dank abzuwarten.« »Ja, und ich war halt wieder bös auf ihn, weil er mir die damalige Sach hat mit Geld zahlen wolln. Das hat mich wohl sehr kränkt, natürlich. Als ich nachhero wieder frei gewesen bin, gleich denselbigen Tag, kam ich des Abends zurück zum Vatern und zur Muttern, und da ist er dagewest, um nach mir zu fragen und Abschied zu nehmen, weil er zuruck nach Salzburg gemußt hat. Da hat er dem Vätern einen Zettel in die Hand geben, auf welchem die Überschriften gestanden hat › Anweisung ‹. Und weißt, was das gewesen ist?« »Nun, jedenfalls eine Belohnung.« »Ich dank für eine derartig Belohnung! Ja, sehr dank ich dafür! Erst hab ich halt auch geglaubt, daß er mir was geben will, und derowegen bin ich ja zornig gewest, denn mein Leben spendir ich doch nicht daran, um ein paar Gulden oder ein paar Markerln zu bekommen. Aber als ich nachher den Zettel richtig gelesen hab, dann, ja freilich hab ich ihn nicht selber gelesen, sondern dem Nachbarn sein Schulbub hat ihn mir vorlesen müssen, nachher hab ich gewußt, daß der schöne Herr Professor mich nur hat mit einer Nasen heimschicken wollen.« »Das glaub ich nicht!« »Nicht glauben willsts? Nicht? Da bist ebenso dumm wie er. Ich aber bin halt gescheidter als Ihr und hab mich gehütet, auf dena Leim zu springen.« »Du irrst, Anton. Die Professors sind Beide so sehr dankbar gewesen!« »Ich auch; ich bins sogar noch, denn ich bedank mich noch heut für den ihrigen Dank.« »Nun, was hat denn auf den Zettel gestanden?« »Das will ich Dir gleich sagen. Zuerst hats so gut und schön klungen, daß ich wirklich eine große Freuden gehabt hab. Ich soll nämlich, wann ich einmal in Noth bin und ein Geldl brauch, hinein ins Salzburg gehn, nämlich nicht ins Ländl Salzburg, sondern in die Stadt, und mir so viel geben lassen, wie ich brauch.« »Nun, das ist doch sehr, sehr gut. Nicht einmal eine bestimmte Summ hat er angegeben.« »Ich hab auch glaubt, daß es sehr gut ist; aber nachhero sind mir die Augen aufgangen; nachhero hats halt ganz anders gelautet. Da hat gestanden, ich soll auf die Bank gehn, zum Gottlob Beck; da soll ichs erhalten.« »Also eine Anweisung an einen Bankier.« »Bankier? Was das ist, das weiß ich nicht. Es wird wohl so ein welsches Wörtl sein, oder ists gar lateinisch oder hebräisch. Aber der Gottlob Beck ist selber so arm, daß er keinen Pfennig geben kann.« »So? Wunderbar! Was ist er denn?« »Nun, Tischler ist er natürlich. Was soll er denn anders sein, wann ich wegen der Bank zu ihm soll.« »Ah, jetzt ahne ich es. Das ist ein Mißverständniß.« »Nein, das ist keins. Ich kenn den Gottlob bereits seit vielen Jahren, und als ich zum Spaß zu ihm gangen bin und ihn fragt hab nach dem Professorn, da hat er ihn gar nicht kennt.« »Hast Du ihm Etwas von der Anweisung gesagt?« »Werd mich hüten. Auslachen laß ich mich noch lange nicht.« »O weh, da hast Du eine Dummheit gemacht!« »Ich? Fallt mir nimmer ein!« »Doch! Giebt es denn nicht noch einen Gottlob Beck in der Stadt Salzburg?« »Wohl. Es giebt schon noch einen.« »Und was ist der?« »Nun, der ist Kaufmann. Er handelt mit Geld und mit Kassenbilleterls. Weißt, man sagt Wechsler.« »Nun, so ist der gemeint gewesen.« »Der? O weh! Wo denkst hin! Der hat keine Bank. Der sitzt auf Sammtstühlen und auf einem seidenen Kanapee. Eine Bank findst bei ihm gar nimmer.« »Nun, so ists erwiesen, daß es ein Mißverständniß ist. Weißt Du, ein Geschäft, in welchem mit Geld gehandelt wird, das nennt man ja eben ein Bankgeschäft oder eine Bank.« »Willst mir wohl auch nur was weiß machen?« »Gar nicht.« »Freilich! Aber zupf Dich nur an Deiner Nas. Du schaust auch nicht grad so aus, als hättst die Klugheit mit Löfferln gefressen. Und von Dir, Franza, hätt ichs schon erst gar nicht glaubt, daß Du mir so ein X hermachen willst.« »Ich schwöre aber darauf, daß ich die Wahrheit sag!« »Schwör ja nicht! Denn das wär ein meineidiger Schwur! Ein Bankgeschäft ist halt ein Geschäft, wo man sich eine Bank kaufen kann, weißt, eine Holzbank, wodrauf man sich setzen kann.« »Du verwechselst Tischlerei und Bankgeschäft, Anton. Was hast Du denn mit der Anweisung gemacht?« »Mit dem Zettel? Den hab ich mir aufgehoben. Ich denk, daß ich dem Professorn wohl einmal begegnen kann, und da will ich den Wischerl bei mir haben, damit ich ihm dera Anweisung fein um den Kopf schlagen kann.« »Ah, Du hast sie einstecken?« »Ja, da in meiner Brieftaschen.« »Darf ich sie mir einmal ansehen?« »Gern! Da wirst aber alleweil gleich sehen, daß ich sehr Recht hab. Hier, schau her!« Er zog eine sehr einfache Brieftasche heraus, in welcher er außer seinem Hausirschein und andern Dingen auch die Anweisung stecken hatte. Sie nahm dieselbe und las sie. Dann sagte sie: »Ich habe doch Recht. Es ist eine richtige Anweisung an den Bankier Gottlob Beck in Salzburg, und noch dazu auf eine unbestimmte Summe. Es ist nicht der Tischler, sondern der Wechsler Beck gemeint.« Da machte er nun freilich ein ganz anderes Gesicht. »Ists auch wahr?« fragte er. »Ja.« »Du weißts gewiß?« »Ich kann tausend Eide darauf schwören.« »Himmelsakra! So war ich der Dumme?« »Ja freilich! Du hättest Dir viel Geld geben lassen können, Anton.« »Wie viel denn?« »Das steht nicht da. Hier steht, daß er Dir zahlen soll, so viel Du verlangst.« »Herrgottl! Wann ich nun hundert Markerl begehrt hätt?« »So hättest Du sie erhalten.« »Vielleicht gar auch noch mehr?« »Freilich! Auch tausend, fünftausend oder zehntausend. Der Professor ist ja reich, wie ich damals merkte.« »Sakramentsky! So ist er am End gar ein braver Kerl und kein solcher Scherwenzerl, wie ich dacht hab!« »Natürlich ist er brav. Er hat es nicht verdient, daß Du ihm die Anweisung um den Kopf schlägst.« »Na, das werd ich nun auch bleiben lassen. Jetzt wollt ich, er ständ gleich hier, daß ich ihm sagen könnt, wie so dumm ich gewesen bin.« »Ja, hier hast Du die Anweisung wieder; heb sie Dir gut auf. Du kannst jederzeit Gebrauch davon machen. Wenn Du sie bei dem Wechsler Beck vorzeigst, so bekommst Du so viel Geld, daß Du Dein gegenwärtiges Geschäft vergrößern kannst.« »Das brauchts nicht; ich bin zufrieden.« »So geht Dirs gut?« »Ja; ich mach kein übel Geschäfterl. Weißt, ein Tabuletkramer verdient immer sein Geldl, wann er thätig ist und lustig und höflich und ehrlich, so daß er die Leutln nicht betrügt. Hier in meinem Kasten hab ich Sacherln, die mir hundert Prozenterln einbringen. Eine Marken hab ich dafür geben und zwei Mark bekomm ich dafür. Magst mir nix abkaufen?« »Was hast Du denn Alles?« »Alls, was der Mensch halt brauchen kann, um sich schön zu machen: Ringerln, Ketterln, Hefterln, Knöpferln, Brocherln, Schlippserln – –« »Ah, so hast Du jetzt ja Sachen, die Du damals noch gar nicht kanntest!« »Ja, jetzund hab ich sie freilich kennen lernt. Auch Uhrschlüsserl hab ich, Federhalterl, Bleistifterl, Stahlfederln, Haarnaderln, Staubkämme, Heftpflasterln, spanische Fliegen, Schuhwichsen, Schnürsenkerln, Schnupftoserln, Elastigummerln, Steck- und Nähnaderln, Zwirn, Notizbücherln, Einrahmerln zum Photographienerln, Streichhölzerln, Portmonnaierls, Nägel, Pinserln und noch gar Vielerlei.« »So will ich sehen, ob ich Etwas brauchen kann. Vorher aber mußt Du mir sagen, wie es Deinen Eltern geht.« »Schlecht und recht gehts ihnen halt. Jeden Monat lauf ich auf den Handel, und nachhero komm ich auf ein paar Tag nach Haus. Da giebts allemal eine Lust und Freuden, denn weißt, in dero Zeit hab ich mir allemal so ein Hundert Markerl verdient und auch noch ein halbes Hundert dazu. Da wird fein flott gelebt. Da giebts auch einmal Speck an die Kartofferln und Syrupen aufs Brod. Und dem Vatern bring ich ein paar Packetle Tabak mit. Herrgottle, ist das allemal ein Fest!« »Ihr bescheidenen, glücklichen Leute!« »Ja, glücklich sind wir. Freilich – –hm!« Es zog trübe über sein männliches, gebräuntes Gesicht. »Was ists? Hast Du ein Herzeleid?« »Ja, freilich!« »Darf ichs erfahren?« »Wirst Dir auch nix draus machen!« »Meinst Du? Du weißt ja doch, daß ich sehr viel Antheil an Dir nehme.« »Ja, damals hast mir hübsch durchgeholfen, und wem man einmal was Guts gethan hat, den vergißt man halt nicht wieder; das ist wahr. Aber besser wärs am End doch gewest, ich wär damals in den Abgrund gefallen.« »Nicht doch! Warum?« »Nun, die Leni, weißt!« »Was ists mit ihr?« »So hast nix gehört?« »Was sollte ich gehört haben?« »Sie ist doch nicht mehr auf der Alm.« »Nein. Sie war plötzlich fort.« »Und weißt, wohin?« »Nein.« »Ans Theater.« »Unmöglich!« »Ja doch!« »Wie ist denn das gekommen?« »Der König hats so gewollt. Mir aber hats das Herz brochen; das kannst glauben.« Er machte dabei so ein trübseliges Gesicht, daß sie sogleich das innigste Mitleid mit ihm fühlte. »Das Herz gebrochen! Du Aermster!« »Ja, es ist ein rechtes Kreuz und Elend.« »So leidest Du an einer unglücklichen Liebe?« »Freilich wohl. Weißt, wie das ist?« »Nein. Aber es ist mir lieb, daß es so ist.« »Was, lieb ists Dir, daß ich eine unglückliche Lieben hab?« »Natürlich!« »Na, da dank ich schön! Da bist freilich ein sehr guts Weibsbild, wann Du Dich aber darüber freust, daß andere Leuteln unglücklich sind, so –« »Nein, darüber freue ich mich nicht.« »Worüber dann?« »Versteh mich nur richtig! Du weißt doch, daß ich einen Roman schreiben will?« »Ja, das weiß ich schon bereits lange Zeit. Ist er denn noch nicht fertig?« »Nein. Ich habe ihn noch gar nicht angefangen.« »O weh! Hast wohl keine guten Tinten?« »Die Tinte habe ich schon; aber der Stoff fehlt mir.« »Ich denk, ich hatt Dir Stoff gebracht?« »Ja; aber der reichte noch nicht aus. Ich brauche auch eine unglückliche Liebe. Die finde ich jetzt bei Dir, und darum freue ich mich, darum.« »Ach so!« »Ja, und weil Du mir wieder so ein gutes Sujet bringst, so bist Du mir hoch willkommen. Sage mir einmal, wie ists denn eigentlich, wenn man eine unglückliche Liebe im Herzen trägt?« »Meinst wohl, daß man das beschreiben kann?« »Natürlich.« »Nein, das geht nicht.« »Pah! Was man fühlt, kann man auch sagen.« »Nicht so leicht.« »Versuchs nur einmal!« »Wann ich Dir damit einen Gefallen thun kann, will ichs schon versuchen. Schau, wann man sich ein Schweinerl kauft und in den Stall thut und futterts recht gut und hälts recht lieb und giebt ihm Kartoffelschaalen und faule Apferln und Maisschroot und Gerstenkleie und Alles, was man hat, und zu Weihnachten will mans schlachten, und in der Nacht vorher kommt der Spitzbub und stiehlt Einem die Sau, so daß man nun keinen Schinken und keine Wursterln und kein Garnix hat – so thut die unglückliche Lieb im Herzen drin.« »Welch ein Gleichniß! Das ist der reine Materialismus der Dichtkunst. Du bist einzig! Komm her, Anton; dafür muß ich Dich küssen!« Sie trat auf ihn zu. »Was? Busserln willst? Hasts noch nicht verlernt? Kommst heut schon wieder damit!« »Du hasts verdient.« »Ich mag keinen Schmatz!« »Aber Dein Vergleich ist doch einzig!« »Nein, der ist nicht einzig. Ich kann Dir ganz sehr gut noch mehrere bringen.« »So dring noch einen.« »Nun, wann Einer zur Liebsten will und steigt auf den Zaun, und sie schaut zum Fensterl heraus und winkt und wirft ihm Handkusserln zu und sagt, er soll recht schnell machen, weil sie so große Sehnsuchten hat, und er springt vom Zaun herab und springt in seinem Sonntagshabiterl hinein ins Jauchenfasserl, daß die Hallunkenbrüh über ihn zusammenschlägt, und er stinkt so sehr, daß er sich einen Monat lang nicht sehen lassen kann, und wann er dann zum ersten Mal wieder vor seine Thür heraustritt, so läuft sie mit einem Andern vorüber nach der Kirchen, um sich dort trauen zu lassen – das ist unglückliche Lieb, nicht?« »Ja freilich!« »Oder wann Einer einen guten Schluck thun will und macht das Wandschränkerl auf und nimmt die Flaschen heraus, in der der Kirschengeist ist und trinkt und trinkt, bis sie leer ist, und dann merkt er, daß es die Fischthranflaschen gewesen ist, und er giebt Alles wieder von sich, seiner künftigen Schwiegermuttern auf die weißseidene Schürzen, so daß sie aufspringt und davon läuft und ein Hallodria macht zehn Dörfer weit – so ist die unglückliche Lieben; so ist's Einem zu Muth, wann man Eine haben will und kann sie doch nicht haben.« »Deine Beispiele sind außerordentlich kräftig.« »Das brauchts auch, denn eine unglückliche Lieb ist nix Sanftes und Zuckeriges. Das darfst mir glauben.« »Ists denn wirklich aus mit der Leni?« »Ja.« »Nur weil sie zum Theater gegangen ist?« »Ist das nicht genug?« »Sie kann ja eine große Künstlerin werden?« »Eine brave Frau, welche Scham und Ehr besitzt, ist tausendmal mehr werth als die größeste Künstlerin; halb nackt auf der Bühn herum laufen, das ist keine Kunst, sondern eine Schand und eine Sünd!« »Das verstehst Du nicht!« »Schön! Und dem Herrgottle sei Dank, ich mags auch gar nicht verstehn.« »Wenn Sie eine Griechin oder eine Römerin geben soll, so muß sie sich doch so kleiden, wie die damaligen Frauen gegangen sind.« »Warum muß sie eine Griechin oder eine Römerin geben? Sie mag dem Krikelanton seine Frau geben; dann kann sie sich so kleiden, wies Sitt und Brauch ist. Verstanden?« »Sieh, ich kleide mich ja auch anders, wenn ich dichte. Dann ziehe ich mich als Muse an.« »Nein, dann ziehst Du Dich nur halb an; das hab ich ja gesehen. Aber Du kannsts; Du bist Deine eigene Herrin und eine Dichterin dazu. Vielleicht brauchen sich die nicht zu schämen, und wann sie nackt auf dem Jahrmarkt herumlaufen. Aber wir wollen uns nicht streiten. Lieber wollen wir ein Geschäft machen. Also, kaufst mir was ab?« »Ich will sehen, ob Du Etwas hast, was ich brauchen kann.« »Das ist nicht nothwendig. Kauf nur immer zu! Wann Dus nicht selber brauchst, so kannsts ja verschenken. Es giebt genug arme Schacherln, die Du ganz glücklich machen kannst, wann Du ihnen ein Schnürsenkerl, ein Ringerl oder ein hübsch Lauskammerl giebst.« »So komm mit herauf zum Vater und zur Schwester. Die mögen sich Etwas auswählen.« Er folgte ihr mit in die Wohnung, welche der Baron von Stauffen heut mit seinen Töchtern bezogen hatte. Der alte Herr hatte ein sehr vornehmes und ehrwürdiges Aussehen. Bei einem schärferen Blick aber sah man es ihm an, daß ein stiller Kummer an seinem Innern nagte – der Kummer über seine Töchter. Die Eine war mondsüchtig und die Andere litt an dichterischer Ueberspanntheit. Der Baron war zum Ausgehen angekleidet. Als der Krikelanton bei ihm eintrat und ihn stehen sah, lachte er fröhlich auf und sagte: »Himmelsakra! Schau, das kenne ich. Das ist hübsch!« »Wer ist dieser Mann?« fragte der Baron streng. »Wer ich bin? Das weißt nicht? Nun, ich bin der Krikelanton, und die Hosen und Westen, der Gottfried, den Du anhast, die Manchetterln und der Ziehharmoniehut da auf Deinem Kopf, in all diesen Sachen hab ich auch schon einmal steckt. Weißts halt nicht?« »Ah, das ist also der Gemsjäger, der damals unter Deinem Schutz geflohen ist, Franza?« »Ja, lieber Vater.« »Nun, das war ein Streich, welchen ich mildestens einen unüberlegten nennen muß. Da er aber keine unangenehmen Folgen nach sich gezogen hat, so will ich ihn nicht fernerhin erwähnen. Also dieser Mann ist der Held jener Thatsache. Was will er hier?« »Was ich will?« meinte der Anton. »Schau, ich komm zu Dir, damit Du mir etwas abkaufst.« »Was hast Du denn?« »Sollsts gleich sehen.« Er setzte seinen Kasten ab, öffnete ihn und legte vor. »Nun,« sagte der Baron lächelnd, »das sind lauter Sachen, die wir eigentlich nicht gebrauchen können.« »Was schadet das? Bist ja ein Baron und auch reich. Wer wills Dir verwehren, wann Du kaufst?« »Ja, wir müssen den braven Menschen unterstützen, lieber Vater!« bat Franza. Ihre Schwester Elise, die Mondsüchtige, stand dabei und schaute mit mildem Blick auf den Tabuletkrämer. Sie war eine Schönheit; das mußte Jeder zugeben, der sie sah. Nichts, als nur die Blässe und Feinheit ihres Gesichts, hätte verrathen, daß sie Nachtwandlerin sei. Sie begann ein Gespräch mit Anton, und als er in seiner kräftigen, treuherzigen Weise antwortete, erwarb er sich sogar das Wohlgefallen des Barons in dem Maße, daß dieser ihn zum Sitzen einlud. Dann suchten sich die beiden Damen Verschiedenes aus, Kleinigkeiten, die sie vielleicht auch selbst gebrauchen konnten, und Anderes, was gelegentlich zu einem Geschenk für untergeordnete Personen taugte. Und als dann zusammengerechnet wurde, machte der Betrag an die fünfzig Mark. »Himmelsakra!« rief der Krikelanton. »Das ist halt ein Geschäft! So eins hab ich halt gar noch nimmer gemacht. Wann das all Tag so wär, so fragt ich den Herrgottl, was der Montag bis zum Sonnabend kost, und den Sonntag müßt er mir dreingeben; sodann wär die Welt mein Eigenthum, und ich – – –« »Nun, was würdest Du da machen?« lächelte der Baron. »Ich gäb Alls dem Vatern und der Muttern, denn das ist halt meine größte Freuden, wann auch die sich über was gefreun können.« »Das ist brav von Dir, und ich meine – – –« Er konnte nicht sagen, was er meinte, denn es klopfte an die Thür, und zwar so stark und kräftig, wie der Baron es wohl nicht gewohnt war. »Herein!« sagte er, indem er die Brauen zusammenzog und ganz so aussah, als ob der unhöfliche Klopfer sich auf eine bedeutende Rüge gefaßt machen könne. Aber sein Gesicht heiterte sich sofort auf, als er einen Blick auf den Eintretenden warf. Dieser war ein sehr langer und pfahldürrer Kerl, hager zum Zerbrechen und mit einer Nase, welche eigentlich bestimmt gewesen schien, als Zeiger einer Sonnenuhr zu dienen. Sein Anzug war ein sonderbarer. Er trug lange Stiefeln, von deren oberen Rand breite, bunte Schleifen herabhingen. In den Schäften dieser Stiefel steckte eine kurze Hose, deren rechte Hälfte roth, die Linke aber gelb aussah. Die Weste war grasgrün, und der Frack, dessen Schöße bis an den Boden reichten, war, ganz entgegengesetzt der Hose, rechts gelb und links roth. Zwei Vatermörder stachen aus einem himmelblauen Halstuche hervor. In der linken Hand hielt der Mann einen riesigen Regenschirm mit einem karmoisinfarbenen Ueberzug und in der rechten einen Dreispitz mit einem gelben Federbusch. An der Brust, dem Gürtel, den Achseln und Ellbogen waren bunte Bänder und Schleifen befestigt. Das Allerbeste an dem Manne aber war unbedingt sein Gesicht. Etwas Dümmeres konnte es nicht geben. Die reichste Phantasie eines Malers hätte es nicht vermocht, dümmere Züge auf das Papier zu bringen, als diejenigen waren, welche dieser Mann hatte. Und zwar sah man auf dem ersten Blick, daß er sich nicht etwa verstellte, sondern daß diese Dummheit sein wirkliches, unbestrittenes Eigenthum sei. Das war der Hochzeitsbitter des Dorfes, von welchem bereits im Walde erwähnt worden war, daß man, wenn er gesprochen habe, nicht wisse, ob er zu einer Hochzeit, einer Kindtaufe, einem Begräbnisse oder einem Schweinschlachten eingeladen habe. Er hatte das Amt, welches er bekleidete, wohl aus reiner Ironie, höchstens aus Mitleid erhalten, um sich zuweilen eine Kleinigkeit verdienen zu können, da er zu einem einträglichen und geordneten Geschäft oder Handwerk die Gabe nicht besaß. Dennoch hielt er sich keineswegs für so albern, wie er war. Er meinte, ein verkanntes und verfolgtes Genie zu sein. Seine größte Leidenschaft war es, eine Rede zu halten, und das war ein Unglück für ihn und eine ewige Quelle der Heiterkeit für Diejenigen, welche ihm zuhörten. Als er die Thür hinter sich zugezogen hatte, trat er drei kleine, zierliche Tanzmeisterschritte vor, verbeugte sich mit der Grandezza des vorigen Jahrhunderts, schwenkte Hut und Regenschirm leise einmal hin und her und fragte: »Hab ich die Ehr, meine Herrschaften?« »Welche Ehre meinen Sie?« fragte der Baron. »Die große Ehr.« »Nun weiter! Welche?« »Sie zu sehen?« »Ja, diese Ehre haben Sie.« »Nämlich den Herrn Baron zu sehn?« »Gewiß.« »Ich mein halt den Herrn Baron von Stauffen?« »Der bin ich.« »Mit den zwei lieblichen Kindern der Schönheit?« Er machte jeder der jungen Dame eine Verbeugung, wie er übrigens bei jeder Frage eine solche gemacht hatte. »Diese Damen sind meine Töchter.« »Die natürlichen aber!« Der Baron blickte fast zornig auf, machte aber sofort wieder ein lächelndes Gesicht, als er das Schafsgesicht des Mannes sah. »Ja, meine natürlichen Töchter.« »Freut mich! Sie wohnen hier?« »Wie Sie sehen.« »Schön! Weil Sie hier wohnen, komme ich hierher.« »Sehr angenehm.« »Im Auftrage des Müllers.« »Ah!« »Ja! Sie sind zwar heut erst eingezogen, aber doch ist es seine Pflicht, Sie mit einzuladen, da Sie eben bei ihm wohnen.« »Einladen? Wozu?« »Warten Sie! Das geht nicht so rasch, wie Sie denken. Das will richtig oratorisch und rhetorisch behandelt sein.« »Gut! Thun Sie das!« Der Baron lehnte sich an den Tisch und kreuzte erwartungsvoll die Arme über die Brust. Seine Töchter standen neben ihm und der Krikelanton saß auf dem Stuhle, von welchem aufzustehen er wegen dieses Mannes sich nicht verpflichtet hielt. Die Bänder und Schleifen am Anzüge des Hochzeitsbitters ließen ahnen, weshalb er gekommen sei. Er lehnte den Regenschirm in die Ecke, zog ein roth- und blaugewürfeltes Taschentuch aus den langen Frackschooß – es hatte beinahe die Größe eines Tischtuches – trocknete sich damit die Stirn, schwenkte den Hut, hustete, räusperte sich, schlug die Augen andachtsvoll auf, hustete wieder – – –« »Himmelsakra!« rief der Anton. »Mach jetzt, daßt ansangst, sonst klopf ich Dir aufs Gesäß, dann wirds schon kommen!« Der Bunte warf ihm einen vernichtenden Blick zu, verbeugte sich vor den Andern und sagte: »O santa sombolia! Verzeihn Sie ihm halt! Er weiß nicht, was er thut. Schon der Dichter sagt: Es liebt die Welt, das Niedrige zu schwärzen und das Gemeinste in den Staub zu fliehn oder ziehn oder blühn oder grün. Jetzt kann ich nun seinetwegen wieder von vorn anfangen. Also, passens halt auf!« Er strich sich wieder mit dem gewürfelten Riesentuche über die Stirn, hustete, räusperte sich, schwenkte den Hut, verbeugte sich tief und begann: »Damals, als der Vater Abraham mit dem Apostel Paulus in Paris zusammentroffen ist und der Apostel hat noch nicht heirathet gehabt, hat der Erzvater Abraham zu ihm sagt: Es ist nicht gut, daß zwei Menschen allein seien; ich geb Dir eine Frauen und Du giebst mir eine; nachhero ist uns allen Beiden geholfen.« Er wischte sich die Stirn ab und fuhr fort: »Da hat der Apostel Paulus die Sarah genommen, und der Vater Abraham hat die Judith geheirath, nicht auf dem Standesamt, wies jetzund Mod ist, sondern in der Kirchen allein, wie sichs schickt und gehört und wies auch schon allbereits damals war. Und nachhero drei Jahr später, als der Kaiser Rothbart in Bethlehem den Kindermord hat tödten lassen, ist eins davon ins Wasser fallen und der Moses hats heraus zogen und gerettet; darum ist die Wassertaufen eingerichtet worden bei den Kindern Israel, alsgleich der Pharao nicht hat dulden wollen. Aber grad ihm zum Trotz taufen wir noch heut zu Tags die Jungs und die Mäderls, damit die Hebamm Etwas verdienen kann und ich auch.« Er trocknete sich wieder den Schweiß ab. »Kannst Deine Sache sehr fein!« lachte der Anton. Der Bunte zuckte mitleidig die Achsel und sagte: »Kinder und Narren reden die Wahrheit. Das hat schon allbereits der erste Napolium gesagt. Jetzt nun weiter! Und nachher, als einst der Hiob nach Rom kommen ist und der arme Lazarus storben war, da trat er an den Eingang der Gruft und spuckte dreimal aus und rief hinunter: ›Perlikkum, perlokkum; komm heraus!‹ Nachher kam der arme Lazarus wieder heraus und war lebendig und hat noch lange gelebt, und von ihm stammen noch ab die Kananiter, die Moabiter, die Ammoniter, die Hethiter, die Raubritter und auch wir Leichenbitter. Alles, was hinten hinaus mit ›iter‹ zu Ende geht. Darum wird von jener Zeit das Begräbniß eines jeden Menschen mit einer Festlichkeit begangen, Kuchen, Schnaps, Glockengeläut, Leichenred und Enterbungsprozeß.« Der Baron wußte nicht, was er aus diesem Manne machen solle. Er hatte noch nichts von ihm gehört. Verrückt konnte der Kerl doch nicht sein! In Wahrheit hatte er bereits drei Einleitungen gebracht, zu einer Hochzeits-, Kindtaufs- und Leichenfestlichkeit. Und jetzt brachte er die vierte, nachdem er sich die Stirn abermals getrocknet hatte: »Und wann nachher der Mann geheirathet hat und die Kinder allzusammen getauft worden sind und Keiner mehr sterben thut, nachhero kommt der Herbst, wos nothwendig wird, für den Winter zu sorgen, wo draußen nix mehr wächst und Alles derfrieren thut. Darum wird nachhero die Sau aus dem Stall gezogen und todt geschlagen, Salz dazu und Salpeter, daß hübsch roth wird, Pfeffer, Majoran und Thymian hinein, auch Zwiebeln oder Knoblauchen, drei Mark Schlachtsteuer, und die Sach ist fertig, das schönst Familienfest im ganzen Jahr.« Jetzt endlich hatte er auch diese Einleitung herunter. Nun konnte er auf des Pudels Kern kommen. Er schwenkte also den Hut, wehte mit dem Schnupftuch, verbeugte sich und begann wieder: »So auch der Thalmüller!« Er sagte das mit außerordentlichem Nachdruck und nickte dazu. »Ah! Jetzt endlich kommts!« meinte der Anton. »Was?« fragte der Bunte in strengem Tone. »Nun, die Hauptsachen.« »Was weißt denn davon?« »Nix. Ich werds aber nun hören.« »Du brauchst gar nix zu hören. Dich kenn ich nicht; Dich hab ich halt noch nimmer gesehn, und zu Dir bin ich ja auch gar nicht gesandt. Halt also Dein Maul und schweig still, sonst geb ich Dir Eins drauf. Oder bist etwan ein Schnupfer?« »Warum?« »So hätt ich Dich um ein Priesen beten. Die Nas ist mir trocken worden von der Red, die ich halten hab.« »Steck sie in die Wurst, von der Du jetzund eben sprochen hast, die wird Deine Nasen couriren. Ein Schnupfer bin ich nicht.« »So brauchst überhaupt gar nimmer hier zu bleiben und meine schöne Reden mit anzuhören. Von Deinetwegen hab ich sie mir nicht vom Schneidern einstudiren lassen!« Jetzt wurde es offenkundig. Der lustige Schneider hatte ihm eine Rede einstudirt, in welcher eben Alles vorkam. Der Baron wußte, woran er war und wen er vor sich hatte. Er nickte dem Manne ermunternd zu und sagte: »Bitte, fahren Sie fort!« »Ja, das ist ein Wort! Das laß ich mir schon gefalln. Wenn man so eine Aufmunterung erhält, so kann man schon sicher sein, daß man nachhero auch ein Trinkgeld bekommt. Und so eins brauch ich halt schon nothwendig: Je mehr, desto besser. Also weiter!« Er machte wieder eine tiefe Verbeugung und fuhr fort. »Also, so auch der Thalmüller. Es hat nicht lange gedauert, nur eine halbe Stunden, so ist's schon fertig gewesen. Kein Mensch hat's geahnt, kein einziger.« »Was?« fragte der Krikelanton. »Schweig! Es ist nix für Dich! Reich ist er; das ist wahr und der Andere auch; das kann kein Mensch bestreiten, und im Wald haben sie sich kennen lernt; bei denen Eichkatzerln. Es soll keine Zeit verloren gehen, darum hat er sofort mich kommen lassen, um der Einladungen wegen, die nun geschehen müssen. Darum lauf ich schon jetzt im Dorf herum. Zwar ist's eine Traurigkeit, wann ein jungs Herzerl muß auf's Glück verzichten, und sterben thut man doch; aber sterben muß doch halt jedes Schwein, wann's verpökelt werden soll, und darum mein ich, daß wegen einer Verlobung noch grad nicht auch die Hochzeiten vor der Thüren ist. Der Schulmeister ist auch dabei und die ganzen Nachbarn. Ich hab gleich mein Gewandl schnell anzogen, um die meinige Pflicht zu thun. Musik wird auch gemacht und ein Gesangbuchvers Wie sie so sanft ruhn, Unten im Grabe nun, Können uns nix mehr thun, Laßts also weiter ruhn! Und da ist der Herr Baron der Erst gewesen, zu dem ich sprungen bin, um ihm zu sagen, daß ich ihn einzuladen hab auf Sonntag Abends. Kleider kann er anziehen wie er will und die beiden Töchter auch. Vorschriften mach ich da nicht. Und wann einer nobel ist, so bindet er wenigstens sechs Mark ein, damit der Kindtaufsvatern auf seine Kosten kommt. Auch braucht Keiner allzusehr zu häulen und zu flennen; es hilft ja doch nix. Weg ist weg. Und wer einmal storben ist, der kommt doch nicht wieder, außer um Mitternacht als Gespenst, wann es nicht regnen thut. Und billig macht's der Fleischern auch, zwei Mark für die Sau und das Gedärm für die dünnen Würst bringt er auch mit, kostet fünfundzwanzig Pfennige mit denen Wurstspreilern. Und wann Einer dazu schießen will, ehebevor das Brautpaar aus dem Haus herauskommt, so hat er den Herrn Vorstand um Erlaubniß zu fragen. Getauft aber muß es einmal werden, außer der Vatern tritt aus der Kirch heraus, was man einen Disputenten nennt. Nachher giebts halt keine Kindtaufen, aber die Schand ist groß. Und wer halbwegs nicht gar zu arm ist, bringt doch einen Hausrath mit, einen Topf, ein halb Dutzend Tellern oder eine Bratpfannen. Einen Trost müssen die Hinterlassenen doch haben, wann der Todte voller Herzeleid heimgangen ist. Und es wird Abends um acht Uhr sein und Musik dazu. Ich schlag den Dreiangel beim Walzer. In der großen Stuben kommen Alle zusammen, und es wird nix gespart werden, soll ich sagen und All mit nander sind willkommen, bis sie wieder gehn. Amen! Ich bin fertig!« Er verbeugte sich dreimal gegen den Baron und dessen Töchter, setzte da Dreimaster auf, holte den Regenschirm, und streckte nachher gegen den Baron die Hand aus in der sichern Erwartung, daß er Etwas erhalten werde. Dieser nahm auch wirklich seine Börse heraus, fragte aber lächelnd: »Sind Sie wirklich fertig?« »Ja.« »Gewiß?« »Ja doch!« »Das glaub ich nicht.« »Warum?« »Es fehlt noch etwas.« »Nein. Ich hab halt Alles gesagt.« »Aber die Hauptsache noch nicht.« »Das ist nicht wahr. Ich hab weiter nix gelernt.« »Nun, so will ich Ihnen auf die Sprünge helfen. Also ich bin für Sonntag Abends acht Uhr zu dem Müller in die große Stube eingeladen?« »Ja, ich hab's doch deutlich gesagt.« »Wozu denn?« »Himmelsakra! Das wissen's nicht? Soll ich etwa nochmals anfangen?« Der Baron wehrte mit beiden Händen ab: »Um Gotteswillen, ja nicht!« »Aber wann Sie nicht wissen, was Sie dort sollen, so muß ich doch noch mal beginnen. Macht aber nachhero das doppelte Trinkgeld!« »Sie sollen Ihre Rede nicht noch einmal halten. Aber sagen Sie mir: Ist vielleicht Jemand gestorben?« »O Jegerl! Gestorben? Fallt keinem Menschen ein!« »Oder ist Schweineschlachten?« »Auch nicht.« »Hochzeit?« »So rasch geht das nicht.« »Was sonst? Etwa Verlobung?« »Freilich, freilich! Endlich kommens drauf auf das Richtige. Verlobung ist, natürlich Verlobung.« »Nun, so weiß ich, woran ich bin.« »Und Sie werden halt kommen?« »Das weiß ich jetzt noch nicht genau. Hier, mein Guter, haben Sie?« Er gab ihm einen Thaler. Als der Leichenbitter dieses für ihn so bedeutende Geldstück sah, machte er einen Luftsprung, daß die Frackschöße beinahe über seinen Kopf zusammenflogen. »Ein Thaler, ein Thaler! Juchhei, juchhei! Das ist mir noch nicht passirt! Das hab ich noch nicht erlebt. Da muß ich mir halt gleich einen Pommeranzen oder einen Magenbittern genehmigen. Ich dank auch schön, Herr Baron! Adieu und gute Nacht!« Er wollte fort, aber Franza hielt ihn noch auf: »Halt, mein Lieber! Sie sind noch immer nicht fertig.« »Was? Nicht fertig? Was noch?« »Wir wissen, daß es eine Verlobung geben soll; aber wir wollen auch erfahren, wer die Verlobten sein werden.« Er stand ganz starr vor Erstaunen. »Was! Das wissens nicht?« »Nein.« »Wirklich noch nicht?« »Nein, sonst würde ich Sie doch nicht fragen.« Da ging er wieder in die Ecke, legte mit der ernsthaftesten Miene seinen Regenschirm hinein, nahm den Hut ab, zog das carrirte Tuch heraus, wischte sich die Stirn ab, verbeugte sich sehr tief und begann folgendermaßen: »Damals, als der Vater Abraham mit dem Apostel Paulus in Paris zusammenge – – –« »Halt, halt, um aller Welt willen!« lachte Franza. »Was fällt Ihnen ein!« »Was mir einfallt? Anfangen will ich wieder! Macht noch einen Thaler!« »Nein, diesen Thaler werden Sie sich nicht verdienen. Von wieder anfangen kann keine Rede sein!« »Aber wann Sie nicht mal wissen, wer die Verlobten sein werden – –« »So werden wir es auch dann noch nicht wissen, wenn Sie Ihre Rede zum zweiten Male beendet haben. Sagen Sie lieber einfach: Wer ist der Bursche?« »Wer? Himmelsakra! Das hab' ich doch bereits zehnmal gesagt!« »Nicht einmal?« »Oho!« »Nicht ein allereinziges Mal!« »Was? Daß der Fingerlfranz es ist, das soll ich nicht gesagt haben? Das wär gar noch schöner!« »Nun, jetzt haben Sie es gesagt.« »Na, also! Ich habs doch gewußt!« »Also der Fingerlfranz! So, so! Und wer ist denn seine Verlobte?« »Das fragens mich? Auch das? Jetzt aber hört mir nun bald Alles auf! Soll ich etwan das nicht gesagt haben?« »Nein.« »Da steht mir gleich all mein Verstand still! Wann ich einmal eine Reden halt, so werd ich doch all mein Lebtag nicht grad die Hauptsachen vergessen. Es ist halt sehr schön, daß ich einen Thalern bekommen hab, aber zum Narren brauchens mich doch deshalb nicht zu machen. Da muß ich denn doch ganz schön bitten. Ich bin ein Mann im Dorf, der größte Redner wen und breit. Alle Welt hält mich in Respect, und hier soll ich grad die Hauptsachen vergessen haben. Das ist mir grad zu bunt!« »Nun,« lachte sie, »so verzeihen Sie mir, vielleicht habe ich nicht genau aufgemerkt.« »Wie? Was? Nicht aufgemerkt habens? Das ist noch viel besser! Das kann mir sehr gefallen! Ich halt meine schönste Reden und mach meine besten Visimatenten mit den Armen und denen Beinen dazu, und da wird nicht aufgepaßt! Ich will mich aber nicht aufregen! Wann ich einmal sag, daß der Fingerlfranz der Bräutigam sein wird, so werd ich doch nimmer vergessen, daß er die Paula heirathen wird.« »Die Paula!« rief Franza erstaunt. »Natürlich!« »Also doch, doch!« »Ja, nicht wahr, doch, doch!« »Er hat es ihr im Wald gesagt!« »Ja, das sagte mir der Müllern. Die Beiden haben sich im Wald kennen lernt, und der Fex, der Thunichtgut, hat den Franz derschlagen wollen.« »Er hat sehr Recht gehabt.« »Der? Recht? Da sinds halt schief gewickelt! Der Fex hat niemals Recht; das ist ein gottlosiger Bub, vor dem man sich hüten muß. Sie kennen ihn noch nicht. Nehmens sich vor den in Acht! Das rath ich Ihnen. Nun aber muß ich fort. Behüt Ihnen Gott! Und wanns mal Einen brauchen, der eine Einladung auszutragen oder eine große Reden zu sprechen hat, so kommens nur zu mir. Einen Zweiten findens nicht, zehn ganze Meilen um diese Gegend herum.« Er ging. Franza konnte nicht begreifen, wie diese Verlobung so schnell hatte beschlossen werden können. Sie erzählte dem Vater und der Schwester ihr Erlebniß, und der Krikelanton hörte mit zu. Als sie geendet hatte, meinte er: »Das ist ein schöner Bursch, dieser Fingerlfranz! Der, wann er mir mal so zwischen die Fäust käm, den wollt ich kuranzen! Und der Fex, das ist etwan der Ueberfahrer?« »Ja.« »So hab ich ihn gesehen. Er macht kein klug Gesicht; aber er gefallt mir dennoch sehr. Und auch die Paula muß ich derblickt haben; sie ist mit mir übers Wasser herüber. Diese Geschicht verintressirt mich sehr. Wann ich in der Stadt fertig bin, werd ich doch mal heraus gehn, um mir den Müllern anzuschaun. Jetzt nun aber muß ich fort. Wann ich mal was recht Schöns hab, so was Saubers und auch Feins, so komme ich wieder. Nicht?« »Ja, komm nur; ich kauf Dir es ab.« Er machte sich auf den Weg nach der Stadt, sehr zufrieden mit dem Geschäft, welches er gemacht hatte. Im Dorfe und in der Mühle war er noch nicht gewesen, in der Stadt aber bereits einige Male. Er kehrte wieder in den Gasthof ein, in welchem er bereits vorher eingekehrt war. Ueber der Thür desselben stand in großen Buchstaben zu lesen »Gast- und Einkehrhaus des Tobias Matthes«. Es war nicht etwa ein Hotel, sondern es war das allerälteste Gasthaus des Ortes, und noch heut verkehrten nur die einfachen, anspruchslosen Gäste da, für welche es vor langer Zeit errichtet worden war. Der Wirth war allbekannt. Er spielte leidenschaftlich Scat und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, sich diesem Vergnügen hinzugeben. Selbst wenn ihn Jemand aus dem Bette geholt hätte, um einen Scat zu spielen, er hätte mitgemacht. Als Anton in die Stube trat, befand sich kein Gast in derselben; aber der alte Scat-Matthes, wie er genannt wurde, saß mit seiner Frau und seinem Sohne an einem der Tische. Und diese Drei, was machten sie? Sie – spielten Scat. »Grüß Gott!« meinte Anton, indem er seinen Kasten ab- und sich an einen Tisch setzte. Beide, die Frau und der Sohn, blickten gar nicht von ihren Karten auf und dankten auch nicht auf den Gruß. Der Wirth warf ihm einen kurzen Blick zu und antwortete schnell hinter einander: »Grüß Gott! Guten Tag – schönen Dank! Sei willkommen – dank auch sehr! Setz Dich nieder – bitt gar schön!« Dann sah er wieder in seine Karten. »Gieb mir ein Bier!« meinte Anton. »Ich hab keine Zeit!« »Oder Deine Frau oder der Sohn?« »Auch nicht.« »Aber ich hob Durst!« »So nimm Dirs selber! Da ist das Faß und daneben stehn die Gläser. Ich kann Deinetwegen hier nicht viel Komplimenters machen. Ich spiel eben einen Solo mit drei Matadoren und wenn ich da nicht aufpaß, so verlier ich ihn. Also Grün ist Trumpf; Schellen hab ich stochen. Spiel aus, Alte!« Das Spiel wurde fortgesetzt und der Anton schänkte sich selbst ein. Als der Solo von dem Wirth gewonnen worden war, fragte Anton: »Kann ich heut bei Dir übernachten?« »Ja, ganz gut. Willst jetzt mitspielen? Es fehlt der vierte Mann.« »Nein. Ich muß noch hausiren gehn.« »So red nicht und halts Maul. Mit Deinem Geschwätz machst Einen nur irr!« Da Anton bereits hier gewesen war, so kannte er seinen Mann und nahm dessen Worte ruhig hin. Bald aber trat ein neuer Gast herein, welcher hier noch nicht verkehrt war – der Wurzelsepp, welcher den Krikelanton nicht sitzen sah, weil dessen Waarenkasten dazwischen stand. »Grüß Gott!« meinte er und legte seinen Sack auf die Bank, sich daneben setzend. Der Wirth hatte Karte gegeben, blickte in sein Spiel und antwortete, ohne her zu sehen: »Grüß Gott! Guten Tag – schönen Dank! Sei willkommen – Dank auch sehr! Setz Dich nieder – bitt gar schön!« Dann trieb er seinen Vordermann zum Spiel. Der Sepp machte ein ganz erstauntes Gesicht. »Sapperment, ist das ein Gruß!« sagte er. »Das habe ich noch nicht gehört.« »Halts Maul!« rief der Wirth. »Oho! Wann ich hier einkehr, werd ich doch wohl mit dem Wirthen reden dürfen.« »Aber nicht, wann ich spiel.« »Ists so nothwendig?« »Notwendiger als Dein Schlabbern. Wart, bis dieses Spiel zu Ende ist.« Das that der Sepp. Dann aber verlangte er einen Schnaps. Der Wirth antwortete: »Weißt, wann Du etwan wiederkommst, so will ich Dir gleich heut sagen daß ich mich im Spiel nicht stören laß. Lieber werf ich Dich hinaus. Darum sag ich, wann Einer kommt, gleich die ganzen Grüßen und Antworten hinter einander her; nachhero bin ich fertig. Also merk Dirs! Was willst für einen Schnaps?« »Einen recht starken und bittern.« »So geh selber her und nimm. In der zweiten Flasch findst den besten. Wann Du nachher noch einen willst, so schänk nur ein; aber red nicht dabei. Wirst wohl schon selber merken, wie viele Du nachher trunken hast. So, jetzt bin ich ganz aus dem Athem heraus. Nun weißt Alles und bist still!« Der Wurzelsepp schüttelte den Kopf, brummte leise Etwas in den Bart und ging hin an den Wandschrank, um sich einzugießen. Da erblickte er den Anton und dieser ihn. Anton sprang sogleich auf und streckte ihm die Hand entgegen. »Sepp, Du!« sagte er. »Willkommen! Darum kam mir also Deine Stimmen so bekannt vor, als ich Dich jetzt reden hörte. Nun – –!« Nämlich der Wurzelsepp griff keineswegs nach der angebotenen Hand. Er that einen Schluck aus seinem Glase und antwortete: »Setz Dich nur wieder hin, wohin Du gehörst! Hasts gehört, daß man hier nicht sprechen darf.« »Mit den Spielern nicht. Wir aber können doch gern mit nander reden.« »Gern? Wohl nicht! Mir liegt gar nix dran.« »Nicht? Meinst etwan, daß ich Dir zuwider bin?« »Ja, dasselbige mein ich halt!« »So, schau, schau! Vielleicht bist so gut, mir zu sagen, weshalb Du mich nicht leiden magst.« »Das ist meine Sachen und nicht die Deine!« »O doch! Hast mir doch früher immer ein freundlich Gesicht gemacht.« »Damals, ja.« »Warum jetzt nicht?« »Jetzt paßts mir nicht mehr. Laß mich in Ruh!« Er ging an seinen Tisch, setzte sich neben seinen Sack und blickte zum Fenster hinaus. Anton blieb noch einen Augenblick lang stehen. Er kämpfte mit sich selbst. Dann aber ging er dem Sepp nach, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte: »Sepp, wann ein Anderer so zu mir gesprochen hätt, so weißt, was geschehen wär. Dir aber will ich nicht bös sein. Du bist ein braver Kerl, und ich halt gar große Stucken auf Dich. Es thut mir weh, daß Du so zuwider thust; ich will Dich auch gar nicht weiter molestiren, denn aufbringen thu ich mich niemals keinem Menschen nicht; aber sagen mußt mir, was ich Dir than haben soll.« »Mir? Nix, gar nicht,« antwortete der Alte gleichmüthig, ohne den Blick von der Gosse zu wenden. »Also Dir nicht? Wen dann sonst?« »Das brauchst gar nicht zu fragen.« »Ich frag's aber doch. Du bist ein verständiges Mannerl und wirst mir nicht die Antwort verweigern, um die ich Dich bitten thu.« Da drehte sich der Wurzelsepp langsam zu ihm um. »Soll ichs Dir wirklich sagen, Anton?« »Ja.« »Du weißts nicht selber?« »Nein.« »So denkst wohl gar nicht an die Leni?« »Ah! Also wegen der Leni! Ah?« »Ja, wegen ihr. Weshalb sonst?« »Ich hab ihr aber doch nix than.« »Nix? Wirklich nix?« »Nein.« »Schau, wast für Einer bist! Erst schamerirst mit ihr, daß sie Dir ihr ganzes Herzerl schenkt: nachher nennsts eine Huren und gehst fort von ihr, und nun sprichst auch noch, daßt ihr nix than hättst, gar nix! So Einer kann mir gestohlen werden!« »Machsts wohl gar viel schlimmer, als es wirklich ist, Wurzelsepp?« »Nein, ich sag, was wahr ist. Du hast ihr das Herz brochen, verstanden, Anton, das Herz!« Da setzte sich der Tabuletkrämer zu ihm hin. »Sepp,« meinte er, »weißt, was das heißt, wann Einem das Herz brochen ist?« »Meinst, ich weiß es nicht?« »Nein, Du nicht!« »Aber Du?« »Ja.« »Woher denn. Du Gescheidtkopf?« »Ich weiß von mir!« »So ist wohl Deins entzwei?« »Ja.« »So, so! Das ist lustig!« »Höre, Sepp, das ist gar nicht lustig! Wann ich den Vätern und die Muttern nicht gehabt hätt, so hätt ich mir deromals eine Kugeln in den Kopf geschossen. Das sag ich Dir!« »Einer Huren wegen? Bist nicht recht klug im Kopf. Geh, das machst mir nicht weiß.« »Damals war sie noch gut.« »Damals! Heut wohl nimmer?« »Nein.« »Woher weißt das?« »Ich habs mir denkt.« »Ach so! Und was Du Dir denkst, das freilich ist allemal richtig. Wann Du so ein Klugkopf bist, so sölltst eigentlich gar nimmer mehr an das Dirndl denken. Sie ists ja nicht werth.« Anton blickte vor sich nieder, finster, brütend. Dann sagte er, wie im Zorn: »Ich denk auch nimmer mehr an sie.« »Und doch ist Dir das Herz entzwei!« »Jetzt nicht mehr.« »So ists halt geheilt? Schau, das freut mich! Jetzt bist also wieder gesund, und so hast nun alleweil kein Ursachen mehr, auf das Dirndl zu zanken. Das ist recht von Dir. Sie hat Dich auch schon allbereits vergessen.« »Meinst?« »Ja« »Woher weißt das?« »Sie hat mirs selber sagt.« »So! Du warst also bei ihr?« »Ich bin halt sehr oft bei ihr.« »Wirklich? Hats Dich dann noch gern? Bist ihr dann willkommen, wannst sie besuchst?« Er hatte den Stuhl näher gerückt. Seine Wangen waren röther geworden, und seine Augen leuchteten. Es war ihm anzusehen, daß er nur zu gern von der Geliebten etwas hören mochte. Sepp bemerkte das wohl, that aber nicht so. Er antwortete: »Warum sollt ich ihr nimmer willkommen sein? Ich bin halt doch ihr Pathen!« »Ich meint, sie wär stolz geworden!« »Die? Stolz? Ja, sie könnt gar wohl stolz werden; aber das thut sie nicht.« »Wann warst zuletzt dort?« »In voriger Woch.« »Hast auch – hast auch vielleicht von mir gesprochen?« »Ich? Das ist mir nicht eingefallen!« »Oder sie?« »Der Leni fallts noch viel weniger ein. Seit der Stund am Felsen unten, an der Ecken, wann man von der Almhütten herabkommt, weißt, und seit dem Wort, was Du damals sagt hast, seit dem spricht sie nimmer von Dir. Sie meint. Du bists gar nicht werth.« »Wann sie das denkt, so ist auch sie nicht werth, daß ich von ihr sprech.« »Hasts auch nicht nöthig.« »Aber schau, wovon solln wir sonst sprechen, wann wir hier so beinander sitzen?« »Ich bin nicht schuld daran, daß wir beisammen sind. Geh hinüber zu Deinem Kasten.« »Das mag ich auch nicht. Ich halt gar große Stucken auf Dich, und es gefreut mich darum sehr, daß ich Dich hier troffen hab. Aber sag mir doch mal: Ist sie noch immer drin in München?« »Wer?« »Nun, die Leni.« »Ah, von der sprichst noch! Bist doch ein sehr besonderbarer Mensch. Willst gar nix mehr von ihr wissen und fragst doch immer wieder nach ihr.« »Nur so, weißt, damit man was zu reden hat.« »Wir können doch auch von was Anderem reden. Vom Geschäft. Wie geht das Deinige?« »Gut, ich bin zufrieden. Und Du?« »Ich auch. Ich hab so meine feste Kundschaft, und wann ich diese befriedigen kann, nachher hats keine Noth mit mir.« »Machst auch in München viel Geschäft?« »Auch.« »Ich hab denkt, Du gehst nur der Leni wegen hin.« »Nein, ich hab da meine Apothekern und anderen Leut bereits seit langer Zeit.« »Und wo wohnt sie denn?« »Wer?« »Nun, die Leni.« »Ach, von der sprichst allbereits schon wieder? Brauchst keine Sorg zu haben. Sie hat ein Logement, mit dems sehr zufrieden sein kann.« »Bei wem?« »Bei einer Tragödistin.« »Was ist das?« »Das weißt nicht? So muß ich Dirs erklären. Weißt, es giebt verschiedene Stucken auf dem Theater, solche, wo sie einander bekommen, und solche, wo nicht, auch solche, wo sie leben bleiben, und solche, wo die Meisten umbracht werden. Ein Theaterstuck nun, wo sie einander nicht bekommen und wo sie zuletzt alle todt sind, daß ist eine Tragöderei. Ein Mann, der da mitspielt, ist ein Tragödist und eine Frau eine Tragödistin.« »So, also bei einer Schauspielerin wohnt sie?« »Ja.« »Himmelsakra!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was hast?« »Kann sie dann nicht wo anders wohnen?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weil die Frau Tragöderistin ihr Unterricht giebt im Theaterspielen, und nachher kommt die Musiklehrerin und der Musikprofessor. Da hat sie am ganzen Tag zu singen und zu deklamiren.« »Wann sie sich doch zu Tode deklamiren 'thät!« »Hör, das sagst nicht wieder, sonst ists gefehlt mit Dir! Ich bin ein alter Kerl, aber eine Hand hab ich auch noch, um Dir eine Watschen einzulangen, daß Du Dir die zweiunddreißig Zähne alle da unten in den Schuchen zusammenklauben mußt.« »Na, so schlimm wars halt nicht gemeint. Aber daß sie beim Theatervolk bereits wohnt, daß sie nicht nur singt, sondern auch deklamirt, das hätt ich doch nicht dacht, Sepp.« »Ja, am Besten ists halt. Du denkst gar nix. Du hast ja bereits gesagt, daß Du nimmer an sie denkst.« »Nun, zuweilen kommt noch so ein kurzer Gedanke, weißt, wann ich es gar nicht merk.« »So mußt halt besser aufpassen. Es ist nicht gut, wann Du Dinge nicht vergessen kannst, die nun doch vergessen sein müssen.« »Müssen?« »Ja. Mit Euch Beiden ists doch einmal aus.« »Das ist schon richtig.« »Also rath ich Dir, Dich nach einer Andern umzuschaun.« »Gottssakra! Das fallt mir nimmer ein!« »Warum?« »Weil ich nicht mag.« »Willst ledig bleiben?« »Ja.« »Das ist nicht gut. Weißt, das seh ich an mir. Wer kein Weib hat, der hat keine Heimath und keine bleibende Stätte, wo er sein Haupt zur Ruhe legen kann. Wann ich eine Frau genommen hätt, so braucht ich jetzt nicht herum zu wandern wie der ewige Jude, der den Herrgott geschumpfen hat. Ich sags halt noch einmal: Schau Dich bald nach einer Andern um!« »Das meinst nicht im Ernst.« »Es ist mein Ernst. Aber warum sprechen wir von dieser Sachen. Aus ist aus! Reden wir von andern Dingen. Bist mal in Wien gewesen?« »Nein.« »Nicht bei dem Musikprofessorn?« »Nein.« »Ich denk, Du hast seiner Frauen damals das Leben gerettet!« »Das ist schon wahr.« »Hat er Dich nicht eingeladen?« »Nein.« »Schau, schau! Ader so ists halt stets. Diese vornehmen Leuteln sind undankbar.« »Der Professor nicht. Er hat mir viel Geldl angeboten, sehr viel.« »Und hasts nicht genommen?« »Nein. Das Geld macht auch nicht glücklich. Was ich brauche, das verdiene ich mir. Und das Andere, nun, das muß eben getragen werden. Aber sag, geht sie viel spazieren?« »Wer?« »Nun, die Leni.« »Ach, von der sprichst schon wieder! Nein, sie kommt nicht viel aus. Aber das Theater sieht sie sich an.« »Und das gefallt Ihr sehr?« »Freilich.« »Oder kommen Leuteln zu ihr auf Besuch?« »Ja.« »Auch Bubn?« »Hör mal, Anton, Bubn giebts da gar nicht. Die da kommen, die sind vornehme Herrn.« »Alle Teufel!« Er fuhr empor. »Was hast?« »Das will ich mir verbitten!« »Was?« »Das solche Schnuderln zu ihr laufen!« »Was gehts Dich an? Du hast ihr ja doch den Abschied geben! Oder etwan nicht?« »Ja, das ist freilich wahr« meinte Anton kleinlaut. »Nun, so gehts Dich also auch nix an, wann solche Herrn zu ihr gehen.« »Sinds etwan Kavalleristen?« »Nein. Soldaten sinds nicht.« »Das meine ich auch nicht.« »Kavalleristen sind doch Soldaten!« »Ach ja! Weißt, ich meine Kavallerire.« »Das kenne ich nicht. Du willst wohl sagen Cavaliere?« »Ja, weißt, solche mit Handschuchern und Ziehharmoniehüten und einer Quetschbrillen auf der Nasen. Diese Sorten mein ich.« »Ja, die kommen zu ihr.« »Und was wollen die?« »Das sind ihre Lehrer, oder sie kommen vom König, um nach ihr zu fragen.« »Kommt der nicht auch selber?« »Nein.« »Hm! Hat sie denn bereits was gelernt?« »Das will ich meinen! Als ich am letzten Male bei ihr war, da hat sie mit mir eine Probirerei abgehalten. O, was für Liederln hat sie da sungen! Eins war dabei, besonders schön; da lauteten die letzten Worte allemal »Ihm hat ein goldner Stern gestrahlt«. Das war eine Pracht und eine Herrlichkeiten! Und nachher hat sie mir noch Anderes vorsungen, weißt, so la la la la la la hinauf und la la la la la la herunter. Auch hoch oben im höchsten Ton ein Trrrrrrrrr und ganz unten wieder ein Brrrrrrr. Es war ausgezeichnet schön. Sie hat trillert wie eine Lerchen. Und weißt, am Schönsten ists gewest, wann sie das Maul hat aufgesperrt, daß der Magen hat beinahe herausgeschaut und nachher hats gemacht Lrlrlrlrlrlrlr und nachher wiederum doppelt Llrrllrrllrrllrrllrrllrr. Und dabei hat sie geschnippst und gewippst wie ein Bachstelzerl mit dem Schwanzerl. Ich sag Dir, das wird eine Künstlerin, wie noch gar keine da gewesen ist auf dera Welt.« »So hat sie keine Lust, zu verzichten?« »Auf was?« »Aufs Theater.« »Das fallt ihr gar nimmer ein. Sie wird ja in den nächsten Tagen bereits ein Conzert geben.« »Ein Conzerten?« »Jawohl!« »Bist gescheidt!« »Sehr.« »Wo soll dieses Conzerten denn sein?« »Das ist Dir ja gleich.« »Warum?« »Weilst so wie so nimmer an sie denkst.« »Aber hören möcht ich sie doch mal.« »So! Ach so! Das bringst nicht fertig.« »Warum?« »Das kostet Geld.« »Nun, was das wohl kost, das hab ich.« »Wie viel denkst?« »Fünf Groschen. Das ist doch nobel.« »Dank sehr für dera Nobleß! Fünfzehn Mark kostets im Stehn, und wer sitzen will, der muß gar zwanzig zahln.« Der Krikelanton sperrte den Mund auf. »Fünfzehn – zwanzig Markerln! Dafür kann ich mir daheim eine Stuben miethen fürs ganze Jahr! Du machst mir was weiß!« »Fällt mir gar nicht ein. Weißt, das Conzertl ist nur für reiche Leutln, für Kenner, welche oft auch noch mehr zahlen. Und die Leni ist nicht allein dabei, sondern es kommt noch Einer, der schlägt das Clavier, ein berühmter Mann, der die ganze Brust voller Orden hat und den Buckel hinten auch. Er hat vor allen Potentaten bereits gespielt und heißt entweder Gescheidt oder Kluge oder Lißt, ich weiß es nimmer genau. Grad wegen dem ist's so theuer. Und der König kommt auch.« »Wirklich?« »Ja, es ist bestimmt. Die Leni sagte mirs.« »So geh ich auch.« »Mensch! Fünfzehn Markerln.« »Ich zahl sie; ich zahl sie. Ich will sie hörn.« »Du hörst sie nicht. Das Conzertl ist nicht für alle Leutln. Es bekommt nicht ein Jeder ein Billeten.« »So! Wo ists denn?« »Hier im Bad.« »Hier, hier? Und wann?« »Am Sonnabend Abend. Es spielt auch noch Einer mit, der die Vigelinen hat; das hab ich nicht gewußt, sondern erst heute erfahren. Bist denn am Sonnabend noch immer hier?« Anton blickte sinnend nieder. Es schien ihm gerathener, dem Sepp gar nicht merken zu lassen, was er vorhabe. Darum antwortete er ihm: »Nein. Am Sonnabend bin ich schon lang wieder fort.« »Siehst, daßt sie also nicht sehen kannst.« »Ja, leider! Aber sag, wie wird sie denn angezogen sein?« »Meinst, was für ein Kleid sie hat?« »Ja.« »Das kann ich doch nicht wissen.« »Hat sie denn ein schönes Gewandel zu so einem Conzerterl, Sepp?« »Gewandeln hats schon genug.« »Von wem?« »Vom König. Der zahlt Alles.« »O Jerum! Und in welchen Gewandeln singt sie daheim, wann sie Stund hat?« »In einem Gewandel, das wird ein Hausrock geheißen.« »Singt sie nicht auch manchmal in einem Kleiderl, wo – wo – –wo keine Aermel dran sind?« Er war ganz roth im Gesicht geworden. »Keine Aermel? Was bist für ein talketer Kerl!« »Und – und auch vorn kein Kleid und kein Hemd?« »Auch vorn nicht? Jetzt hör mal auf! Was denkst eigentlich von mir. Sie muß zwar manchmal ein ganz besonderbars Habiterl umthun, aber vorn ist doch allemal ein Gewand und das Hemderl erst recht. »So, also ein besonderbares giebts doch manchmal? Wie dann, Sepp?« Er war ganz Feuer und Flamme. Das, ja besonders das mußte er erfahren. Grad der Umstand, daß eine Sängerin entblößt erscheinen muß, wenn die Rolle es mit sich bringt, war ja der Grund gewesen, daß er so zornig gewesen war. »Nun,« antwortete der Sepp, »ich habs einmal gesehen, als ich am letzten Male bei ihr war. Weißt, es ist da ein Compernist, der heißt Wagner und Richardt auch. Auf den hält der König sehr große Stucken. Er soll ein vielgescheidter Kerl sein und ein Musiken compernirn, wie noch niemals ein Anderer eine compernirt hat. Der verintressirt sich sehr für die Leni und kommt oft, um zu hören, was sie indeß wieder gelernt hat. Und am letzten Male war ich in der andern Stub und könnt durch die Glasthüren hineinblicken. Da mußt die Leni eine Saloppen umthun und dann band er sie mit dem Leib an den Thürknauf, daß sie nicht fallen könnt. Nachher mußt sie den Oberkörper weit vorwerfen und mit den Armen so hinausschlagen und battalgen, als ob sie schwimmen wollt.« »Das ist doch verruckt!« »Nein. Es giebt ein Theaterstucken, worinnen das vorkommt.« »Wie heißt das?« »Rheingold heißts. Und nachher, als sie so in der Stuben schwamm, aber freilich ohne Wasser, da setzt er sich ans Clavier und begann zu spielen. Nachher rief er laut: »Jetzunder, Woglinde, jetzt!« Und nun sang sie zum Schwimmen.« »Leni hat er doch gesagt!« »Nein. In diesem Stucken heißt sie alleweil Woglinde, und da hat sie gesungen: »Weia! Waga! Woge, du Welle, Walle zur Wiege! Wagalaweia! Wollala weiala weia!« »Himmelsakra! Das ist doch eine Dummheiten, wies gar keine zweite nimmer giebt.« »Was?« »Das kann doch nur ein ganz verrückter Kerl singen. Das sind doch gar keine richtigen Versen!« »Na, behüt Dich Gott, Anton! Bist Du und dumm! Wann Eine schwimmt, soll sie auch noch richtige Versen singen! Spring doch mal ins Wasser und sing ein Gestangel mit einem Jodler, wann Dir dabei das Wasser ins Maul läuft und zur Nasen wieder heraus! Da verstehst Du halt gar nix von! Der Wagners Richard ist ganz toll gewesen vor Freuden, daß sies so schön gemacht hat. Er hat ihr auf die Wang klopft und dabei – –« »Der Teuxel soll ihn holen!« rief Anton aus. »So? Warum dann?« »Was hat er ihr an die Wang zu klopfen!« »Gehts Dich etwas an vielleicht?« »Nein.« »Und wann er sie auf den Buckel klopft oder noch tiefer drauf, so kanns Dir ganz egal sein! Verstehst mich! Und gelobt hat er sie. Und nachher mußt sie die Saloppen wieder anders umthun und ein Schnupftücherl in die Hand nehmen und damit wedeln und Etwas dazu singen. Das klang so mächtig und prächtig, daß die Fenstertafeln klirrt haben. Und als sie nachher fertig war, da hat er sie wieder auf die Wange klopft – – –« »Donnerwetter!« »Halts Maul! – – – und zu ihr sagt: das war richtig; das war gut; so ists recht! Das ist die richtige Isolden!« »Isolden? Was ist das?« »Isolde heißt Eine, die auch im Theater abgesungen wird. Ihr Liebster heißt entweder Tristan oder Christian; ich habs nicht ordentlich verstanden. Ja, dero Wagner ist ganz verschossen in die Leni, sag ich Dir und wann – –« »Verschossen? Da soll doch gleich ein Donnerwetter dazwischen schlagen, daß Alles kracht!« »Willst gleich ruhig sein, Einfaltspinsel! Was gehts Dich an! Uebrigens mußt mich richtig verstehen. Wann ein Compernist sich in eine Sängerin hinein verschießt, so ist das nicht etwan eine Liebelei, sondern es ist nur – nur – nur ein Kunstgenuß. Er ist nicht in das Maderl verliebt, sondern in die Noten, die sie trillert.« »So mag er doch auf das Notenpapier klopfen und nicht auf ihre Wangen, der Haxerl, der!« »Schweig Dich aus, sag ich Dir! Alles, was Du heut sprichst, das sind Dummheiten. Du thust ja grad ganz so, als ob Du der Leni ihr Schulmeister wärst und als ob sie Dir zu gehorchen hätt! Daraus wird nix! Wärst nicht so zuwider gewest, so wärt Ihr einig blieben und Du wärst nachher der Mann von der größten Sängerin worden; nix arbeiten, sondern die Händ in die Hosentaschen stecken und Caviar und Pumpernickel essen, das wär Deine Zukunft gewesen. Nun aber hasts nicht so haben wollen, bist fortgelaufen, und nun kannst Dir immer eine Andre suchen. Mit der gehst hausiren, und wann Ihr Hunger habt, so kocht Ihr Euch den Kragen von einem alten Reisepelzerl und trinkt ein gekochtes Gummiarabigummerl dazu. Das hält den Magen auch zusammen, daß er nimmer aus einander geht.« »So schlimm wirds nicht werden!« »Wie sonst? Die Leni kriegst nun nicht mehr!« »Hab ich etwan gesagt, daß ich sie noch will?« »Na, daßt sie noch willst, das sieht man Dir doch ganz deutlich an dera Nasenspitzen an!« »Bekümmer Dich um Deine eigene Nasen, und wart, ob Ihr, nämlich Du und die Leni, einmal Cavuar und Pumpermichel zu essen habt. Du hast auch nur das große Mundwerk, weißt! Und wann das Singen gar so viel Geldl macht, so hab ich auch noch eine Stimme und kann ebensogut ein Künstler werden.« »Du? Das bild Dir nicht ein!« »Warts ab! Jetzt aber hats mich schon gereut, daß ich so freundlich mit Dir gewesen bin. Wannst mir weiter nix erzählen kannst, als daß der Richardl, das Wagnerl, der Leni an die Wangen greift, so kannst mich nur blos dauern. Du als Path sollst darauf sehen, daß kein Mann ihr so im Gesicht herum tätschelt, verstanden? Das schickt sich nicht für ein Dirndl, und das schickt sich auch nicht für einen Pathen!« Er war vom Stuhle aufgestanden und ganz zornig geworden. »Oho!« meinte der Wurzelsepp. »Was begehrst dann auf einmal so auf! Du hast gar nix zu befehlen, gar nix! Verstanden!« Da drehte sich der Wirth von seinen Karten ab und rief herüber: »Jetzt, wann Ihr nicht endlich aufhört, nehm ich die Peitschen und prügel Euch alle Beid hinaus! Das wär mir eine Sachen, hier in meiner ruhigen Stuben einen solchen Scandöps aufzuführen! Ich rath Euch Guts! Schlängelt Euch zur Thür hinaus, sonst setzts was Gepfefferts! Ich spiel hier Scat, und da habt Ihr so still zu sein, als ob Ihr in der Kirchen wärt!« »Na, beten wirst auch nicht dabei, Matthes!« antwortete Anton. »Aber weil Du mit dera Peitschen kommen willst, so kann ich halt schon gehn, sonst könnts kommen, daß Du Deine eigene Peitschen zu schmecken bekommst.« »Du!« drohte der Wirth. »Mach mir kein Geschimpf, sonst werf ich Dir alls an den Kopf, was ich find!« »Versuchs doch!« »Was! Glaubst etwan, das ich nicht Wort halt? Hier schau, da kommts bereits.« Die drei Scatspieler hatten drei Blechbüchsen vor sich stehen, in denen sich das Geld befand. Der Wirth ergriff die seinige und warf sie mit sammt dem Gelde dem Anton an den Kopf.« »So! Hast genug?« fragte er zornig. »Immer weiter!« »Gut! Hier und hier auch! Gefallts Dir so?« Er nahm auch die Büchse seines Sohnes und seiner Frau und warf beide nach Antons Kopf, so daß die Geldstücke in der Stube herumkollerten. »Ja, das gefallt mir sehr gut!« lachte der Tabuletkrämer. »So kannst auch noch die Karten haben.« Er schleuderte ihm auch noch die Karten ins Gesicht, stand dann auf und griff zum ersten besten Gefäß, welches auf dem Büffet stand. »Hast nun genug oder willst auch noch den Bierkrug haben und das Wasserschäffel dazu?« »Nein, ich dank, Matthes! Jetzt hab ich genug!« »So mach Dich hinaus, und zahl erst Dein Bier.« »Was kosts?« »Zehn Pfennige.« »Hier hast! Wann ich wiederkehr, werd ich Zeit haben, Dir Dein Geldl mit aufzuheben. Bis dahin kannsts liegen lassen.« Er ging lachend fort, und auch der Wirth lachte, daß er sich zu der Dummheit, Geld und Karten in der Stube herum zu schleudern, hatte verleiten lassen. Jetzt nun begann Anton, zu hausiren. Da sich das Geschäft heut beim Baron von Stauffen so gut angelassen hatte, so hoffte er, daß es wohl auch nicht unbefriedigend endigen werde. Er hatte sich nicht getäuscht. Er fand zahlreiche Käufer, so daß er noch nie einen so günstigen Tag gehabt hatte, wie heut. Ms der Abend bereits herein zu dunkeln begann, kam er noch in ein sehr anständiges Haus, wo er in der Parterrewohnung nichts verkaufte. Er stieg zur Treppe empor. Da war an die Thür eine Visitenkarte befestigt, auf welcher zu lesen war »Professor Weinhold.« Er beachtete den Namen gar nicht und klingelte. Ein Dienstmädchen öffnete. Als sie hörte, was er zu verkaufen habe, ließ sie ihn in die Küche treten, um sich seine Raritäten anzusehen. Beide waren bald in voller Thätigkeit und mochten dabei etwas lauter sein, als sich's gehörte, denn es wurde eine Thür geöffnet, eine feine Dame trat halb heraus und sagte mit gedämpfter Stimme: »Nicht so laut, Anna! Du weißt ja, daß mein Mann componirt!« Anton hatte ihr den Rücken zugekehrt. Schon wollte sie sich wieder zurückziehen, da drehte er sich um. Ihr Blick fiel auf ihn. Da rief sie laut im Tone freudiger Ueberraschung: »Was? Ists möglich? Der Krikelanton!« Er sah sie forschend an. Sie sah viel anders aus als damals, wo er sie halb todt und verschmachtet oben auf dem Felsen gefunden hatte; dennoch aber erkannte er sie sofort auch. »Du bists!« antwortete er, ihr die Hand entgegenstreckend. »Das hätt ich nicht gedacht. Grüß Gott auch!« »Grüß Gott und willkommen, Anton! Wie geht es denn?« »Immer gut. Schau, was ich geworden bin! Ein Tabuletkramer. Kannst mir auch was abkaufen!« »Natürlich! Aber komm herein zu meinem Manne, der sich ebenso wie ich freuen wird.« »Natürlich, natürlich!« erklang es hinter ihr. »Ich hörte den Namen Krikelanton und bin natürlich gleich auch heraus gekommen. Laß Deine Sachen da in der Küche, Anton, und komm herein!« Bald saßen die Drei beisammen in der Wohnstube. Der Professor befand sich mit seiner Frau hier im Bade. Beide waren aufrichtig erfreut, den Retter wiederzusehen, und machten ihm die größten Vorwürfe, daß er nichts hatte von sich hören lassen. »Und wie steht es mit der Anweisung?« fragte der Professor. »hast Du sie benutzt?« »Nein,« antwortete der Gefragte. »Ich hab halt glaubt, Du führst mich an der Nas herum.« »Dich? Den Retter meiner Frau? Was traust Du mir zu!« »Ich hab den Zetterl noch einistecken.« »Behalt ihn nur, und verlier ihn nicht. Wenn Du Geld brauchst, so gehst Du nach Salzburg; da bekommst Du es, sobald Du die Anweisung vorzeigst.« »Das werd ich schon wohl nicht thun. Ich hab, was ich brauch. Lieber kannst mir einen andern Gefalln erweisen.« »Gern. Was wünschest Du?« »Wirsts aber auch thun?« »Ganz sicher, wenn ich kann.« »Ich möcht ein Billeterl zum Conzertl.« »Ein Billet zum Concert? Wenns weiter nichts ist! Welches Concert aber meinst Du?« »Am Sonnabend für fünfzehn Mark zum Stehen.« »Sapperlot!« meinte der Professor erstaunt. »Woher weißt denn Du bereits von dem Concert? Ich denke, es ist noch Geheimniß. Ich selbst habe es erst vorhin von dem Capellmeister gehört.« »Ich werds doch wissen! Weißt, ich mag das Geldl für das Billeterl nicht etwan von Dir!« »Nicht?« »Nein. Ich zahls selbst.« »Warum soll ich Dir da das Billet besorgen?« »Ich hab hört, daß nicht ein Jeder ein Billeterl bekommt, auch dann nicht, wann ers zahlen will. Darum sollst Du es mir versorgen.« »Sehr gern. Aber wie kommt es denn, daß Du grad dieses Concert hören willst?« »Weil die Leni singt.« »Wer ist das?« »Das ist die Sennerin, die mein Schatz war.« »Ah. Ja, eine Sennerin singt. Auf dem Programm wird aber nicht Leni stehen. Wie ist ihr Zuname?« »Sie heißt Leni Berghuber.« »Sie singt unter dem Namen Mureni.« »Mureni? Ah, das begreif ich schon. Sie ist bei uns die Muhrenleni genannt worden. Mureni klingt fast beinahe so.« »Und die ist Deine Liebste?« »Jetzund nicht mehr.« »Warum nicht?« »Eben weil sie zum Theater gangen ist. Das kann ich nicht dulden.« »Aber ist das nicht vielleicht ein Irrthum, Anton? Die Mureni, welche singen wird, ist eine Schützlingin des Königs Ludwig von Bayern.« »Ja, das ist grad die meinige auch.« »Das wäre ja höchst interessant! Wie ist sie denn mit dem Könige bekannt geworden?« »Das will ich Euch halt erzählen.« Er erzählte, wie lange er bereits der Sennerin gut gewesen war und wie er nachher an jenem Abende das Glück gehabt hatte, den König aus den Krallen des Bären zu befreien; dann weiter, immer weiter, bis zum Augenblick, an welchem er sich unten an der Ecke des Felsens von Leni getrennt hatte. Die Beiden hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Als er geendet hatte, sagte der Professor: »Das ist ja eine Novelle, ein Roman, ein wirklicher, erlebter Roman! Aber, Anton, ich begreife Dich nicht! Die Leni war also hübsch?« »Hübscher als Alle.« »Und gut?« »Sie war die Bravste, die ich kannt hab.« »Und Du hast sie von Dir gestoßen!« »Ja. Ich mag keine Sängerin, keine Schauspielerin!« »Das ist ein Vorurtheil. Es giebt unter den Künstlerinnen ganz brave Damen.« »Aber eine Dame mag ich halt nicht!« »So will ich sagen, es giebt ganz brave Mädchen unter ihnen.« »Das glaub ich nicht.« »Wenn ich es Dir sage, so kannst Du es glauben. Ich bin Professor der Musik. Ich habe bereits manchen Künstler und manche Künstlerin ausgebildet. Ich habe mich zwar zuweilen in diesen Leuten getäuscht, aber ich habe auch sehr oft die freudige Genugthuung gehabt, daß meine Schüler oder Schülerinnen nicht nur in Beziehung auf ihre künstlerischen Leistungen, sondern auch in Bezug auf ihre Moralität alle meine Hoffnungen erfüllt haben.« »So sag mir einmal Eins: Muß eine Sängerin auch mit bloßen Armen gehen, wohl gar auch in einem ausgeschnittenen Gewand?« »Zuweilen ja.« »Das ists grad, was ich nicht dulden mag.« »Auch das ist Vorurtheil!« »Nein. Meine Frau soll nicht so gehn und sich nicht so den Leuten zeigen. Ich müßt mich schämen in meine und auch in ihre tiefste Seel hinein, wann fremde Leutel von ihr Das sehen dürften, was höchstens nur der Mann erschauen darf.« »Aber in den Augenblicken, an welchen sie die Gestaltungen der Kunst zur Darstellung bringt, ist sie nicht Frau, sondern Künstlerin!« »Grad eben das ist der Fehler! Meine Frau soll nix weiter sein als meine Frau. Was Du da sagst, das ist auch nicht unanfechtbar, Professor. Weißt, ebenso gut könntst auch sagen, eine Frau dürft sich mit andern Männerln abgeben, denn an dem Augenblick, an welchem sie dies thut, ist sie nicht Frau, sondern die Liebste des Andern. Auf diese Art und Weis würd es gar niemals eine Ehebrecherin geben und überhaupt gar kein Verbrechen. Nein, ich mach nicht mit.« »Also Du willst ganz auf die Leni verzichten?« Diese Frage war in einem so eindringlichen Ton ausgesprochen, daß Anton vor sich niederblickte und mit der Antwort zögerte. Darum sagte die Professorin: »Du hast uns von Deinem Mädchen erzählt, und ich hab aus Allem gehört, daß Du die Leni sehr lieb gehabt hast.« »Lieber als mein Leben!« »Und daß Du sie auch heut noch liebst?« »Ja freilich leider!« antwortete er, ihr offen in die Augen blickend. »Ich wollt, es wär nimmer so.« »Nun, so entsage noch nicht!« »Das hab ich mir auch so denkt. Ich will sie eben erst mal singen hören. Wann sie dann ordentlich gekleidet kommt, so mags gehen. Wann sie aber etwan nackt im Conzertl herumläuft, so ists für immer ab mit uns. Also willst mir das Billeterl verschaffen?« »Gern. Aber es hat doch eine kleine Schwierigkeit, Anton. Es ist wahr, daß zu so einem Concert nur sehr feine Herrschaften gehen. Dazu aber paßt Dein Anzug nicht.« »Das ist bös!« »Und soll die Leni Dich denn sehen?« »Alleweil auf keinem Fall!« »Aber in diesem Anzug würdest Du vom andern Publikum so abstechen, daß sie Dich sofort erblicken müßte. Abgesehen davon, daß sie Dich nicht bemerken soll, würde es auch möglich sein, daß Dein Anblick sie irre macht und sie aus Schreck umwirft.« »Das wär eine Schand für sie, und das darf nicht sein.« »So mußt Du also einen andern Anzug haben.« »Ich werd wohl einen geborgt erhalten.« »Ja, und zwar von mir. Wir sind gleicher Gestalt.« »Der würd mir jedenfalls besser passen, als das Kleidungsstück damals vom Baron. Der ist schwächer, als ich bin, und ich hab drin steckt wie der Aliphant im Schneckenhäuserl. Aber es soll auch Niemand weiter erfahrn, daß ich das Conzertl mitmach. Du darfsts also Niemand sagen.« Während hier diese für den Krikelanton so hochwichtige Angelegenheit berathen wurde, war auf dem Bahnhofe ein Zug angekommen. Unter den Aussteigenden befand sich ein Herr, welcher sofort nach dem Telegraphenamt ging und sich ein Depeschenformular geben ließ. Als er es ausgefüllt hatte und es dem Telegraphisten gab, warf dieser, nachdem er es gelesen hatte, einen erst forschenden und dann ehrerbietigen Blick auf den Herrn und fragte sehr höflich: »Wohin soll ich die Antwort senden?« »Ich warte in der Bahnrestauration.« »Sehr wohl!« Der Passagier entfernte sich. Zufälliger Weise trat soeben der Vorstand des Bahnhofes in die Telegraphenexpedition. Der Telegraphist sagte zu ihm: »Wir haben hohen Besuch und werden heut wohl auch noch höheren bekommen.« »Wen?« »Lesen Sie!« Er gab ihm die Depesche hin. Der Vorstand las: »An Siegfried, Bahnlagernd Rosenheim. Bin soeben hier angekommen. Wann darf ich Sie erwarten? Und soll ich auspacken? Tristan.« »Eine eigenthümliche Ueber- und auch Unterschrift!« bemerkte der Vorstand. »Ahnen Sie, wer die beiden Korrespondenten sind?« »Nein.« »Ja, Sie sind kein großer Verehrer der musikalischen Künste. Tristan und Siegfried sind zwei Heldengestalten aus Wagner'schen Opern – – –« »So viel weiß ich freilich auch.« »Andere wissen, daß der König und Wagner, wenn sie privatim mit einander verkehren, sich oft bei solchen Opernnamen nennen.« »Alle Wetter! Sie meinen – – –?« »Daß Wagner diese Depesche aufgegeben hat.« »Wirklich?« »Ja, gewiß.« »Sie haben ihn erkannt?« »Natürlich. Ich habe ihn schon einige Male gesehen, und wer dieses Gesicht erblickt hat, der kann es mit keinem andern verwechseln.« »Und so meinen Sie, daß der Adressat seines Telegramms der König sei?« »Ich vermuthe es.« »Dann käme er hierher!« »Bestimmt! Es ist schade, daß wir verschwiegen sein müssen. Diese Nachricht würde ungeheures Aufsehen erregen, zumal der König die Einsamkeit so liebt, daß es schwer ist, ihn einmal zu erblicken.« »Ja, schweigen müssen wir; aber höchst begierig bin ich auf die Antwort. Geben Sie mir sofort Nachricht, wann sie angekommen ist.« Bereits nach einer Viertelstunde ließ der Telegraphist den Vorstand holen. Die Antwort war angekommen und lautete folgendermaßen: »An Tristan. Ich komme nicht mit dem Zuge. Will nicht bemerkt werden. Gehe zu Fuß über den Berg. Packen Sie aus. Ankunft acht Uhr. Siegfried.« Diese Depesche wurde nach dem Wartezimmer erster Classe getragen. Dort hing das Bild Wagners an der Wand. Wer dasselbe mit dem Passagier verglich, der mußte sich allerdings sagen, daß dieser Letztere kein Anderer als der berühmte Operncomponist sei. Nachdem er die Depesche gelesen hatte, trat er hinaus auf den Perron. Er schien Jemand zu suchen, aber zweifelhaft zu sein, wen er wählen solle. Da kam die Gestalt des Wurzelsepp langsam und gemächlich um die Ecke des Stationsgebäudes geschlendert. Er hatte sich im Gasthause des Spielmatthes, gelangweilt und war nach dem Bahnhof spaziert, weil es für ihn ein großes Vergnügen war, Bahnzüge kommen und gehen zu sehen. Als Wagner ihn erblickte, heiterte sich sein Gesicht auf. Er schritt auf ihn zu. »Wurzelsepp, Du hier! Das ist schön!« »Du auch hier, Herr Kompernist! Das ist auch schön! Hier hast meine Patsch! Willkommen auch! Kommst aus dem München?« »Ja.« »Hast die Leni gesehen?« »Gestern noch.« »Und was macht das Dirndl?« »Sie befindet sich wohl und übt fleißig.« »So bist mit ihr zufrieden?« »In hohem Grade –« »Schau, das gefreut mich; das gefreut mich sehr! Aber sag, was treibst denn da hier im Ort?« »Ich will für einige Tage die Einsamkeit genießen.« »So wohnst hier?« »Ja.« »Im Gasthofe?« »Nein. Es war annoncirt, und da habe ich brieflich eingemiethet, nämlich ein Parterre bei einem Müller, welcher Kellermann heißt.« »Kellermann? Das ist nicht in der Stadt, sondern draußen im Dorf in der Thalmühl.« »Kennst Du sie und den Müller?« »Ei wohl, sehr genau.« »Ists weit hinaus?« »Gar nicht. Eine Viertelstund den Fluß hinab. Der Müllern aber wird Dir nimmer gut gefallen. Er ist ein Grobsack und Zuwiderkopf.« »Ich werde mit ihm nichts zu schaffen haben. Nun aber könntest Du mir einen Gefallen thun.« »Drei oder vier, auch fünf oder zehn anstatt nur einen. Ich hab nix zu thun und kann Dir helfen.« »Ich habe nämlich Gepäck hier. Niemand soll wissen, wo ich logire. Jedenfalls bin ich bereits erkannt worden, und darum sollst Du mir das Gepäck besorgen. Du nimmst einige Leute, die sich nicht ausfragen lassen, und bringst es mir hinaus.« »Na, das ist auch nicht sehr klug.« »Wieso?« »Weil die Leut dann aufpassen, wohin wir gehn. Ich werd es also anders machen.« »Wie denn?« »Der Scatmattheswirth hat ein Pferd und Wagen; das borg ich mir aus, lad Alls hinauf und brings Dir hinaus. Da bin ich allein und kann es so einrichten, daß gar Niemand merkt, wohin ich fahr.« »So ist es recht. Und nun noch Eins. Dir kann ich es anvertrauen, denn ich weiß, daß Du verschwiegen bist. Der König kommt heut Abend acht Uhr hier an. Er will einige Tage unerkannt bei mir wohnen, und er telegraphirt mir, daß er über den Berg kommen will. Weißt Du, wo das ist?« »Freilich. Ich komm auch allemal da herüber. Man steigt an der letzten Station aus und kommt nachher unten an der Thalmühl an den Fluß. Da ist die Fähr, mit der man hinüberrudert. Und wannst jetzund nach der Mühl willst, so gehst halt gar nicht durch die Stadt, sondern immer am Fluß hin. Nachher siehst die Gebäuden der Mühl dort stehen und gehst gleich ins erste hinein. Rechts von der Hausthür wohnt der Müllern. Kannst ihn gar nicht fehlen und brauchst nicht zu fragen.« Sie trennten sich. Richard Wagner folgte der Weisung des Wurzelsepp und erreichte die Mühle, ohne sich geirrt zu haben. Im Gärtchen saßen einige Badegäste, welche er aber gar nicht beachtete. Er ging in die bezeichnete Stube, natürlich nachdem er vorher angeklopft hatte. »Herein!« hatte der Müller von innen gerufen. Wagner grüßte. Das Aeußere des Müllers wollte ihm gar nicht gefallen. »Was willst?« fragte dieser. »Ich heiße Wagner und habe Ihr Parterre gemiethet.« »Sag Du zu mir; ich sags auch zu Dir. Willst jetzt hinein ziehen?« »Ja.« »Hast Geld mit?« »Natürlich.« »So zahl die Mieth! Alle Wochen wird vorher bezahlt. Wannst dann die Möbeln und Sachen gut hältst, so haben wir nix mit nander zu schaffen. Wannst aber unerzogen hanthierst, so werf ich Dich hinaus.« Wagner ignorirte diese Grobheit, zahlte ihm den Betrag hin und fragte: »Wo ist die Wohnung?« »Drüben in der Villa. Hier ist der Schlüssel zum Eingang. Die andern Schlüsserln stecken an den Thürn.« »Wohne ich allein?« »Nein.« »Wer wohnt noch dort?« »Schau sie Dir selber an! Und jetzund machst, daßt fortkommst! Ich hab keine Zeit zum Schwatzen.« Wagner nahm den Schlüssel, welche auf dem Tisch gelegen hatte, und ging. Er hatte die Villa bereits im Vorübergehen gesehen. Als er die Anhöhe erstiegen hatte, und eben eintreten wollte, kam der Italiener heraus. Beide stutzten. »Was!« rief Wagner. »Sie hier, Herr Concertmeister! »Und Sie, Signor! Welch eine Ueberraschung! Che bell sorpresa! « »Sie wohnen hier?« »Ja, ich hier wohnen, ßehr, ßehr!« »Wer noch?« »Einen Baron von Stauffen mit zwei Töchter.« »Das geht. Ich ziehe nämlich ins Parterre.« »Sie ßiehen ins Parterr? Ists möklik?« »Ja. Ich freue mich, daß wir uns hier treffen und sogar in einem Hause wohnen. Aber ich möchte nicht von den Leuten belästigt werden und lieber unbekannt bleiben. Kommen Sie mit herein. Wir wollen sehen, was ich für eine Wohnung habe.« Nach einiger Zeit kam der Wurzelsepp mit dem Fuhrwerk. Zwei Koffer und einige Kisten wurden abgeladen, und dann schaffte er das Geschirr wieder in die Stadt zurück. Gegen Abend ging er aber wieder hinaus nach der Mühle, lenkte aber hinüber nach der Fähre, wo der Fex am Ufer saß und ihn erwartet hatte. Sie unterhielten sich, obgleich Niemand zugegen war, leise mit einander, bis eine halbe Stunde vor acht Uhr Wagner und der Concertmeister kamen und übergesetzt zu werden begehrten. Der Fex gehorchte und kam sodann wieder herüber gerudert. »Was mögen die Beiden noch im Wald zu suchen haben,« sagte er. »Der Fremde sah sehr vornehm aus.« »Na, wann Du wüßtest, wer er ist, so würde es Dich sehr gefreuen, Fex.« »Nun, wer?« »Richard Wagner.« »Der Wagner! Ah! Es ist wahr. Ich hab sein Bild gesehen; er ists; ja, er ists. Ist er im Bad?« »Freilich. Und er wohnt seit vorhin beim Müllern, drüben im Parterre der Villa. Nachher kommt auch der König, den sie jetzt abholen. Du wirst ihn überzusetzen haben.« Das Erstaunen des Fex war natürlich ein großes. Der berühmte Komponist hier! Und gar der König auch! Er war ganz Feuer und Flamme und versprach es dem Sepp sehr gern, das Geheimniß zu bewahren. Dann meinte er: »Jetzt werden wir wohl auch eine Musiken hören, eine sehr gute, und – –aber horch!« Von flußaufwärts ließ sich ein eigentümliches Geräusch vernehmen, wie ein unterdrücktes Brüllen. Der Fex lauschte noch einen Augenblick und sagte dann: »Geh schnell weg! Das Wasser kommt!« Er riß den Sepp weit vom Ufer zurück, sprang sodann in die Fähre und befestigte sie noch mit einer zweiten Kette. Das war das Werk kaum einer Sekunde. Dann sprang er wieder an das Land, zog den Sepp noch weiter zurück und sagte: »Paßt auf! Gleich wirds da sein!« »Welches Wasser?« »Aus der Schleichen. Schau, da kommts!« Es war zwar nicht mehr Tag; aber heut war Vollmond, und obgleich derselbe noch nicht am Himmel erschienen war, lag es ziemlich hell auf dem Flusse. Auf diesem Letzteren kam eine hohe, hohe Fluthwelle brüllend herangewälzt wie eine Wand. Als sie vorübergesaust war, stand das Wasser sofort mehr als eine Elle höher im Flußbette, auch war es reißender geworden. Wären die Beiden nicht zurückgewichen, so wären sie von der plötzlichen Fluth mit fortgerissen worden. Die Fähre schaukelte heftig und zerrte knirschend an ihren Ketten. »Aus der Schleußen kommt das Wasser?« fragte der Sepp. »Wieso ist das denn?« »Jetzt zum Fruhjahr wird das Holz herabgeflößt, und da werden die Schleußen geöffnet, daß die Fluth das Holz herunterträgt. Jetzt sind die großen Waldstämme droben an der Stadt ankommen. Morgen am Tag wird das Wehr geöffnet, und das Holz geht hier vorüber, immer weiter hinab nach der Donau zu.« »Ist das gefährlich?« »Nein. Nur wann das Holz das Wehr durchstößt, so daß es plötzlich kommt, nachher giebts zu schaffen, daß kein Unglück geschiecht. Horch!« »Fex!« rief die Stimme des Concertmeisters von drüben herüber. »Jetzt bringen sie den König,« sagte der Sepp. »Ich will zur Seiten gehn, daß er mich nicht sieht. Ich kenn ihn, und er will nicht erkannt sein.« Er steckte sich hinter die Büsche. Der Fex aber stich einen lauten Ruf aus, zum Zeichen, daß er die Aufforderung gehört habe, machte die Fähre los und ruderte hinüber. Das machte ihm viel zu schaffen, weil der Strom außerordentlich reißend geworden war. Als er drüben anlegte, stand die hohe, imposante Gestalt des Königs neben Wagnern und dem Italiener. Wagner sagte: »Wie kann das Wasser plötzlich so gestiegen und reißend geworden sein?« Und als der Fex es erklärt hatte, fragte er: »Ist es gefährlich, jetzt überzusetzen?« »Eigentlich nicht, wann das Holz nicht durchbricht. Wir können warten, bis die Fluth vorüber ist.« »Wie lange dauert das?« »Wohl fast eine ganze Stunden.« »So lange warten wir nicht,« erklärte der König. »Das Holz wird doch nicht grad dieses Mal durchbrechen. Auch müßte es gleich bei dem ersten Andrang das Wehr durchstoßen haben. Jetzt ist das nicht mehr zu befürchten.« »Ei gar wohl!« entgegnete der Fex. »Wann die Baumstämmen lange Zeit gegen das Wehr stemmen, kanns leicht nachgeben.« »Wir kämen dennoch hinüber. Kannst Du kräftig rudern, Fährmann?« »Das möcht ich schon meinen!« »So steure ich.« »Kannst das auch richtig?« »Ja. Also eingestiegen!« Er nahm auf dem hohen Sitze am Steuer Platz. Die beiden Andern setzten sich auf die hintere Ruderbank, und der Fex ergriff das vordere Ruderpaar. »Sollen wir mit rudern helfen?« fragte Wagner. »Nein, ja nicht,« antwortete der Fex. »Ihr könntets leicht verderben. Es wär allemal besser, wann wir noch ein Bisle warteten, ob das Wehr und der Damm auch gehalten haben.« »Das ist unnöthig,« erklärte der König. »Vorwärts!« Die Fähre ging vom Ufer ab. Leider aber zeigte es sich, daß der Fex Recht gehabt hatte. Sie hatten kaum die Mitte erreicht, so sah man von oben eine dunkle Masse herabkommen. Der Fex, dessen Blick immer nach aufwärts gerichtet gewesen war, bemerkte sie zuerst. »Wir müssen zurück!« rief er aus. »Das Holz kommt. Lenk um, lenk um!« »Nein, vorwärts, vorwärts! Wir kommen noch hinüber. Leg Dich nur fest in die Ruder.« »So gebs Gott!« Der Fex griff so mächtig ein, daß sich die Ruder bogen. Die dunkle Masse kam schnell heran. Es schien, als ob die Fähre gar nicht vorwärts käme. Wagners Angst stieg. Er rief: »Schnell, schnell! Um Gotteswillen schnell! Herr Concertmeister, greifen Sie mit zu den Rudern! Wir müssen helfen.« »Nein, nein!« schrie der Fex. »Ich brings allein schon fertig! Wann Ihr falsch einlegt, so ists um uns geschehen.« Aber die Beiden ließen sich nicht belehren. Sie stießen die Ruder in die Fluth und begannen zu arbeiten. »So nicht, so nicht!« rief der Fex. »Ihr rudert ja zuruck! Weg mit den Rudern.« »Ja, schnell fort!« stimmte der König bei. »Ihr versteht es nicht. Wir haben nun schon mehrere Ellen eingebüßt. Fährmann, rasch, kräftig! Um des Himmels willen! Das Holz wird augenblicklich hier sein!« Der Fex stieß einen Ruf aus, wie der Löwe brüllt, wenn er seine ganze Kraft zum Sprunge zusammennimmt. Von der übermenschlichen Gewalt, welche er anlegte, brach eins seiner Ruder, aber die Fähre hatte einen so mächtigen Anstoß erhalten, daß sie mit diesem einzigen Ruck fast an das Ufer gelangte. Der Fex ergriff die Kette und that den gefährlichen Sprung an das Land, welches er auch glücklich erreichte. Die Fähre mit der Kette an das Ufer ziehend, rief er dem Könige zu: »Jetzt schnell das Steuer grad, daß die Fähr so langhin ans Ufer trieben wird!« Dabei befestigte er die Kette, damit das Fahrzeug nicht mit fortgerissen werde. Aber der König gab in halber Bestürzung dem Steuer eine falsche Richtung. Im nächsten Augenblicke waren die riesigen Baumstämme da. Ein Stoß an den hintern Theil der Fähre, daß man glauben konnte, Alles sei zerschmettert und – der König stieß einen Schrei aus und wurde in das Wasser geschleudert, mitten zwischen die rollenden Stämme hinein. Einen Augenblick lang versagte dem Concertmeister und Wagnern die Sprache. Dann schrieen Beide entsetzt auf. »Herr, mein Gott! Er ist verloren!« rief Wagner, indem er eine Bewegung machte, nachzuspringen. »Rettung! Rettung? Hilfe!« zeterte der Italiener. »Soccorso, soccorso, ajuto!« »Halt! Still!« kommandirte der Fex, welcher keinen Augenblick die Geistesgegenwart verloren hatte. »Springt an das Land, sonst ergreifts auch Euch. Ich hole ihn heraus.« »Das ist unmöglich!« rief Wagner. »Ich bring ihn. Paßt auf! Wann ich nicht gleich komm, so habt keine Angst.« Er that einen Satz hinaus auf die Stämme und fuhr untertauchend zwischen sie hinein in die kochende, wirbelnde Fluth. Wagner stand steif in der Fähre. Er brachte kein Wort hervor. Der Italiener jammerte in allen Ausdrücken der italienischen und der deutschen Sprache. Da rief es vom Ufer her: »Steigt heraus! Die Fähr kann leicht zerdruckt werden, und nachher seid auch Ihr verloren.« Das half. Die Beiden sprangen an das Land. Wagner erkannte Den, welcher gerufen hatte. »Wurzelsepp, Du! Weißt Du, was geschehen ist?« »Ja, der König ist ins Wasser stürzt.« »Eile, lauf in die Mühle und ins Dorf. Es sollen Leute kommen mit Fackeln, Lichtern, Stangen und Stricken, um zu retten. Schnell, schnell!« »Das werd ich halt schon bleiben lassen.« »Wie? So laufe ich selbst.« Er wollte fort, aber der Sepp hielt ihn fest. »Willst gleich bleiben!« »Herrgott! Er ist ja sonst verloren!« »Nein! Schau mich an! Ich weiß halt auch, daß der König ins Wasser stürzt ist, aber ich bin dennoch ruhig und heul und zetre nicht.« »Ja, Du, Du – – –!« »Was, ich! Ich weiß, daß er gerettet wird.« »Wie denn?« »Der Fex holt ihn heraus.« »Das ist unmöglich! Hier zwischen und unter diesen Stämmen heraus? Undenkbar!« Er rang die Hände. Freilich hatte er Recht. Die starken Stämme füllten die ganze Breite des Flusses und schoben, sich immer fortwälzend, sich einer auf den andern. Wer da drunter steckte, der konnte nicht heraus, der war sicher verloren. »Wann der Fex ihn nicht rettet,« sagte der Sepp, »so retten ihn auch hundert Andere nicht. Und wann er nicht schon jetzund gerettet ist, so ist er überhaupt bereits verloren, erstickt, ersoffen und zermalmt von denen Baumstämmen da.« »Aber wir müssen doch am Ufer suchen!« »Das bringst nimmer fertig. Es ist zu felsig. Wart nur fein still! Ich kanns mir denken, was der Fex than hat, und das ist auch das Allereinzige, wie der König errettet werden kann. Heraus hat er nimmer könnt, sonst wär er von denen Stämmen derquetscht worden. Er hat unterm Wasser bleiben müssen.« »So erstickt er ja!« »Schweig still! Was verstehst davon, ob der König dersticken wird oder nicht! Nur noch eine Minuten warten wir. Dann, wann wir keine Nachricht erhalten, dann ist der König todt.« »Ich kann nicht warten; ich kann nicht!« »Wirst gleich schweigen! Niemand kann helfen als nur der Fex allein. Wann er nicht hat helfen können, so ists dann noch immer Zeit, zu sagen, daß der König vertrunken ist.« »Ich begreife Dich nicht! Ich muß fort, fort!« Er wollte abermals fort; aber der Sepp hielt ihn wieder fest und rief: »Nur diese Minuten noch! Wann er gerettet wird, kann er sehr zornig sein, daß Du Alles im Dorf ausgeschreit hast.« »Jesus Christus!« schrie jetzt der Italiener. »Dort hinsehen, dort, da! Qui, qui, li, là, colà! « Er deutete auf eine Stelle mitten im Strome, wo eine Gestalt zwischen den Stämmen auftauchte und sich Mühe gab, auf denselben, ohne vorher zerdrückt zu werden, festen Fuß zu fassen. »Fex!« rief der Wurzelsepp. »Bists?« »Ja,« antwortete er. »Ist er gerettet?« »Ja.« »Er lebt?« »Freilich!« Da warf der Sepp den Hut in die Luft und schrie: »Juchheirassassa! Hab ichs nicht gesagt! Hab ich nicht Recht gehabt! Der Fex, ja der Fex, der ist der einzge Mensch, ders zuwege bringt. Komm herüber; komm! Ich muß Dich umarmen, Fex!« Das war nun freilich leichter gesagt als gethan. Der junge, todesmuthige Fährmann hatte sich, unten im Wasser die Augen öffnend, eine Lücke zwischen den Stämmen gesucht, durch welche er auftauchen könne. In der Nähe des Ufers, wo sich Stamm über Stamm thürmte, gab es keine solche Lücke. Und als er endlich eine fand, war er dem Ersticken nahe. Er schob sich zwischen den Stämmen empor, aber diese Stämme drohten, sich zu vereinigen, in welchem Falle er sicher zermalmt worden wäre. Endlich gelang es ihm, herauf zu kommen. Nun sprang er von Stamm zu Stamm. Die mächtigen Klötze drehten sich um sich selbst. Sein Fuß fand also kaum einen Augenblick festen Halt auf dem Holze, und ein jeder Fehltritt war sein sichrer Tod. Aber er war mit der Gefahr vertraut, und Gottes Hand waltete über ihn. Er erreichte das Ufer. Dort aber sank er vor Anstrengung sofort zu Boden. Die Drei knieten augenblicklich bei ihm nieder und bestürmten ihn mit Fragen. Es war, als ob sich eine Ohnmacht seiner bemächtigen wolle; aber sein Geist war doch stark genug, diese Schwäche zu überwinden. Er stand langsam wieder auf, dehnte und streckte sich und sagte: »So eine Gefahr hab ich noch nicht erlebt!« »Ist er denn wirklich gerettet?« drängte Wagner. »Ja, freilich.« »Wo ist er?« »In Sicherheit.« »So führ uns hin, schnell, schnell!« »Da würdest wohl Wasser schlucken müssen. Wer zu ihm will, der muß bis auf den Grund des Flusses hinab.« »Da wäre der König doch todt!« »Er lebt. Horch drauf, was ich Dir sag! Ich hab ein kleins Oertle, ein Versteckle, was kein Mensch weiß als nur der Wurzelsepp allein. Dahin hab ich den König bracht. Und weil eben kein Mensch dieses Plätzle kennen darf, so kann ich Dich auch nicht hinführen zu ihm.« »Aber er ist munter und wohl?« »Ja. Er sitzt da und raucht ein Cigarren.« »So sei dem Herrgott Dank!« »Ja, wann Ihr mir gehorcht hättet, so wär es nicht geschehen. Aber so vornehme Leutle, die wollen immer klüger sein als so ein armer Fex. Merkts Euch das!« »Du hast Recht. Auch unser Leben haben wir Dir zu verdanken. Wir werden es Dir nie vergessen. Erlöse uns nur auch von der Sorge um den König. Er ist doch nicht von den Stämmen verletzt?« »Gar nicht.« »Aber durchnäßt. Er wird sich erkälten!« »Eine Verkältung ist immer noch besser, als eine Versaufung. Und schau, da kommen bereits schon weniger Stämme. Wann das Wasser wieder frei ist, so bring ich ihn wieder her. Ich bin nur kommen, um Euch zu sagen, daß er gerettet ist. Nun aber muß ich halt wieder hin zu ihm.« Trotz der Anstrengung, welche er hinter sich hatte, sprang er wieder in das Wasser und tauchte unter. Bekanntlich war König Ludwig ein ausgezeichneter Schwimmer. Als er von der Steuerbank herab und in das Wasser geschleudert wurde, verlor er keineswegs die Besinnung, sondern er tauchte augenblicklich unter, weil er sich sagte, daß er sonst von den Stämmen zermalmt werden müsse. Der einzige Rettungsweg schien ihm, hinter der Fähre wieder emporzutauchen. Darum schwamm er unter dem Wasser gegen den Strom, um nicht fortgetrieben zu werden. Als er die Fähre erreicht zu haben glaubte, tauchte er vorsichtig auf, fühlte aber, daß er wirbelnde Stämme über sich habe. Er hatte die Richtung verfehlt, und das war schlimm. Er war zwar ein sehr guter Schwimmer, aber doch kein Wasserfex, das heißt also Einer, der im Wasser zu Hause ist fast so gut wie in der freien Luft. Er hatte sich nicht geübt, die Augen zu öffnen und unter dem Wasser sein Gesichtsvermögen zu gebrauchen – natürlich so weit es in dem nassen Elemente möglich ist. Bereits merkte er, daß ihm der Athem ausgehen wolle. Er schien nun die gräßliche Wahl zu haben zwischen dem Tode des Erstickens oder dem des Zermalmtwerdens zwischen den wirbelnden Stämmen. Trotzdem er die Augen geschlossen hielt, lag es ihm wie eine hell purpurne, von goldenen Lichtern durchblitzte Fläche vor denselben. Das war ein sicheres Zeichen, daß aus den von der Luft aufgetriebenen Lungen ihm das Blut nach dem Gehirn gepreßt wurde. Ein leises Singen und Klingen hob vor seinen Ohren an, die beginnenden Stimmen des Todes. Da fühlte er einen weichen, menschlichen Körper neben sich; er wurde ergriffen, bei den Haaren, wie ein bedachtsamer Mensch einen in das Wasser Gefallenen anfaßt – der Retter war da, und zwar war es natürlich kein Anderer als der Wasserfex. Mit Gewalt biß der König den Mund zusammen, um den Athem noch nicht entweichen zu lassen, denn that er das, so war er verloren; das wußte er. Trotzdem bei den geschlossenen Augen eine Beobachtung der räumlichen Verhältnisse ausgeschlossen war, fühlte er doch, daß er mit rapider Geschwindigkeit fortgerissen wurde. Dann stieß er erst rechts, nachher links an scharfe, harte Felsenkanten. Er befand sich jedenfalls in einem schmalen Gange, einem Felsenrisse, einer engen Kluft und wurde dann emporgezogen. Es war ihm nicht mehr möglich, den Athem zu halten. Er stieß ihn aus und hörte ein lautes, gurgelndes Quirlen; dann drang ihm das Wasser in den Mund – aber nur einen kurzen Augenblick lang. Er hatte gefühlt, daß jetzt der Tod da sei. Ein lauter Schrei der Angst, den er wunderbarer Weise selbst so deutlich vernahm, als ob er sich nicht mehr im Wasser befinde. Luft, Luft, erquickende, belebende Luft drang wie ein gewaltiger, greifbarer Strom in seine leere Lunge. Er öffnete die Augen – finster, schwarz war es um ihn; sein Körper stack im Wasser, aber sein Kopf ragte aus demselben hervor, an den Haaren gehalten von einer kräftigen Hand, und zugleich fragte eine Stimme über ihm: »Bist noch bei Sinnen? Hörst mich?« »Ja,« stieß er hervor. »Wo bin ich?« »Gott sei Dank, daßt noch lebst! Du bist grad eben jetzt in guter Sicherheit.« »Wer bist Du?« »Kennst mich nicht an meiner Stimm?« »Es klingt wie der Fex.« »Der bin ich halt auch. Ich konnt Dich nicht übers Wasser in die Höh bringen, sonst wärst von den Balken und Stämmen todtgequetscht worden. Darum bin ich mit Dir unter dem Wassern fort bis hier herein in meine Kapellen.« »In eine Kapelle?« fragte der König erstaunt. »Ja.« »Unterirdisch?« »Freilich. Merksts noch nimmer?« »Das ist ja ein sehr außerordentliches Abenteuer.« »Das ists auch. Wer bevor ich Dich herein laß, mußts mir versprechen, daßt keinem Menschen Etwas sagst, wo Du jetzt gewesen bist.« »Ich werde schweigen.« »Gut! Weißt, jetzt nun laß ich Deinen Kopf los. Du brauchst halt nur empor zu greifen an den Stein, worauf ich lieg, und heran zu klettern. Es geht ganz leicht. Faß an!« Der König fühlte, daß er sich am Ende der Felsenritze befand, in welche der Fex ihn gezogen hatte. In diese Ritze, welche unter der Oberfläche des Flusses lag, trat das Wasser desselben herein. Er langte mit den beiden Armen empor, hielt sich oben an dem Steine fest und zog sich hinauf. Da saß er nun neben dem Fex in tiefem Dunkel und ebenso tiefer Stille. Das Rauschen des Wassers war hier nicht zu hören. »So, jetzt bist heroben,« sagte der Fex. »Dein Wort hab ich, daßt mich nicht verrathen willst, und nun wart nur noch ein ganz klein Wenig: nachhero wirst gleich sehen, wo Du bist.« Der Fex entfernte sich. Der König hörte einen Schlüssel klirren und dann eine eiserne Angel kreischen. Es raschelte wie Papier; sodann gab es einen hohlen, klingenden Ton, wie wenn man an ein Streichinstrument, an eine Geige oder an eine Guittare stößt. Die Angel kreischte und der Schlüssel klirrte wieder. Sodann blitzte es in dem Dunkel auf, wie wenn ein Streichholz angestrichen wird. Es flammte auf – der Fex brannte eine Lampe an. Jetzt war es hell in dem geheimnißvollen Raume. Der König sah sich um. Er befand sich in einem Gelaß, welches vielleicht fünf Ellen lang und ebenso breit war, dabei nicht ganz so hoch. In der Mitte waren vier Pfähle in den Felsboden getrieben und auf denselben mehrere zusammengestoßene Bretter genagelt. Das gab einen Tisch. In der Nähe standen drei Stühle, aus Knüppeln zusammengesetzt. Neben der Lampe, welche der Fex auf den Tisch gesetzt hatte, lag ein kleines Schächtelchen aus dünner Pappe. In der Ecke erblickte der König ein Beil, einen Hammer und einige andere alltäglich zu brauchende Instrumente und Gegenstände; sonst aber war der ganze Raum vollständig leer. Da vorn, wo der König in triefenden Kleidern am Boden saß, blickte die finstre Fluth des Flusses aus dem Felsenspalt empor. Hinten gab es nicht, wie an den drei andern Seiten, eine Felsenwand, sondern eine Steinmauer, welche, wie man auf dem ersten Blick bemerken konnte, aus schlechtem Material und mit vieler Mühe aufgeführt worden war. In dieser Mauer befand sich eine Thür, aus alten Latten und Holzstangen so primitiv zusammengenagelt, daß es genug Lücken gab, um hindurchblicken zu können. Der König erhob sich von dem Boden und trat näher an den Tisch heran. »Nicht wahr,« lächelte der Fex, »allhier ists besser als da drunten im Wassern?« »Natürlich! Es war die allerhöchste Zeit, daß ich Luft bekam. Noch zwei oder drei Sekunden, und ich wär eine Leiche gewesen.« »Habs mir gedacht! Darum bin ich auch geschwommen wie eine Forellen, als ich Dich beim Schopf hatte. Aber Du bist schon ganz selber schuld!« »Nein, sondern die beiden Andern. Hätten die nicht verkehrt gerudert, so wären wir noch zur rechten Zeit am Ufer angekommen. »Na, ich will mich nicht mit Dir streiten, denn Du bist ein großer Herr, und diese Sorten hat schon allemal Recht. Besser wärs gewesen, wann wir drüben gewartet hätten, bis das Holz vorüber war. Jetzt setz Dich halt nieder, und wart, bis ich wiederkomme! »Du willst fort?« »Ja freilich muß ich.« »Wohin?« »Ich muß doch zu den Deinigen zwei Kameraden gehen und ihnen sagen, daßt in Sicherheiten bist, sonst laufens ins Dorf und machen einen Spektakeln, daß die Mäus und Ratten davonlaufen.« »Da hast Du Recht. Es darf kein Mensch erfahren, was geschehen ist. Du weißt zwar noch nicht, wer ich bin; aber wenn Du es später erfahren wirst, so – – –« »Meinst, daß ich es wirklich nicht weiß?« unterbrach ihn der Fex, indem er ein schlaues Lächeln zeigte. »So weißt Du es also?« »Ja.« »Hast Du mich vielleicht schon einmal gesehen?« »Nein.« »Woher willst Du es denn wissen, wer ich bin?« »Der Wurzelsepp hat mirs gesagt.« »So ist dieser hier?« »Ja.« »Die Plaudertasche!« »Nein, er ist keine Plaudertaschen. Er hats mir nur deshalb gesagt, daß ich bei der Ueberfahrt recht gut Acht auf Dich geben soll. Und er hätts mir nicht gesagt, wann er nicht wußt, daß ich es Keinem verrathen thu.« »Das wünsche ich auch. Es soll Geheimniß bleiben. Und vor allen Dingen soll kein Mensch erfahren, daß ich mich heut in so einer Gefahr befunden habe.« »Na, da kannst Dich gut verlassen. Ich bin so still wie ein Karpfen oder eine Schleihen im Teich. Nun aber muß ich fort, sonst machen die Andern dennoch ihre Dummheiten.« »Wie kommst Du hinaus?« »So wie ich hereinkommen bin. Ich tauch unters Wasser und schwimm hinaus.« »Einen andern Weg giebts nicht?« »Nein.« »So muß auch ich diesen Weg nehmen?« »Ja. Fürchtst Dich etwan? Ich bin bei Dir. Brauchst halt keine Sorgen zu haben.« »Ich schwimme nicht schlecht. Warum aber soll ich nicht lieber jetzt gleich mit?« »Weil jetzt noch die Stämme draußen vor meiner Kapellen vorüberschwimmen. Da könnt Dich einer treffen, und dann wärst mausetodt.« »Wer Dich kann doch ebenso gut einer treffen!« »Mich? Da kennst mich nur schlecht. Ich bin im Wasser wie auf dem Kanapee. Mir thut kein gar Nix etwas. Wir müssen wegen Deiner noch warten, bis das Holz vorüber ist. Nachhero kannst fort, eher nicht. Und wann ich jetzt geh, so komm ich doch gleich schon in einer Minuten wieder. Und damit Du etwas zu thun hast, bis ich zuruckkehr, will ich Dir hier eine gute Arbeiten geben, damit Du Dir die Zeit vertreibst.« Er zog einen Stein aus der Mauer und nahm ein kleines, in Wachsleinen eingeschlagenes Packetchen heraus. »Hier hast!« meinte er. »Kannst Dir eine Cigarre anstecken. Das ist keine, woran zehn Ochsen ziehen müssen, um Luft zu bekommen, sondern es ist eine feine Hoflakaienzigarren, die auch schon der König einmal rauchen kann. Vielleicht sind sie gar aus derer Kisten, aus welcher Du selber geraucht hast.« »So! Woher hast Du sie?« »Das werd ich Dir wohl gleich sagen, he? Meinst etwan? Da bist mir zu scharf gebraten! Nein, den Liferanten kann ich Dir nicht sagen, sonst erhalt ich keine mehr. Verstehst mich wohl?« »Sollte man es denken? Cigarren von mir!« lächelte der König, indem er das Päcktchen öffnete. »Ja, vielleicht. Gewiß weiß ichs auch noch nicht. Aber kannst mirs halt schon gönnen. Unsereiner will auch einmal einen guten Geruch vor der Nasen haben. Und nun geh ich. Hab keine Angstigkeiten um meiner; ich komm bald wieder. Und wann Dich bei dero Nässen frieren sollt, so strample hier so hin und schlag die Armerln zusammen. Das macht warm.« Er stieg in das Wasser hinab, tauchte unter und verschwand. Dem Könige war es ganz eigenthümlich zu Muthe. Er fühlte weder Nässe noch Kälte. Seine ganze Aufmerksamkeit war gefangen genommen von dem Abenteuer, dessen Held er gegenwärtig war. Dasselbe wäre wunderbar gewesen für einen gewöhnlichen Mann, wie viel mehr also für einen Monarchen! Es verstand sich ganz von selbst, daß hier ein Geheimniß obwalte. Warum nannte der Fex diesen unterirdischen Raum seine Kapelle? War derselbe bestimmt zu irgend einer Art von Andacht?« Der König ergriff das kleine Schächtelchen, welches auf dem Tische lag. Es enthielt Kolophonium. Wozu das? Die Fläche dieses Geigenharzes war nicht glatt; es zeigte deutliche Spuren, daß mit einem Violinbogen darüber hingestrichen worden sei. War der Fex musikalisch? Spielte er hier unten Violine? Ludwig trat zu der Thür. Hinter derselben war es dunkel. Er nahm die Lampe und leuchtete hin. Aber die Zwischenräume der Latten waren so eng, daß kein genügendes Licht durch dieselben dringen konnte. Jetzt untersuchte er das Schloß. Es war ein altes Hängschloß; der Fex hatte den Schlüssel abgezogen; es war zu. Aber die eiserne Krampe, in welcher der Bügel des Schlosses hing, schien nicht sehr fest in der halb verfaulten Latte zu stecken. Ludwig rüttelte ein Wenig daran, und siehe, die Krampe gab nach; sie war leicht herauszuziehen. Jetzt konnte der König die Thür öffnen. Aber sollte er? Durfte er? Hatte er ein Recht, in die Geheimnisse seines Retters einzudringen? Er legte sich diese Frage vor. Er hatte nicht die Erlaubniß erhalten, hier einzutreten; aber es war ihm auch nicht verboten worden. Und – sagte er sich, grad weil er König war, konnte es für den Fex von Nutzen sein, wenn jetzt die beiden wißbegierigen Augen in das Geheimniß blickten. Ludwig zog also die Krampe, den Haspen heraus. Die Lampe in der Hand, trat er ein. Er sah sich in einem Raume, welcher ebenso groß war wie der vordere, eine Seite war gemauert und die drei anderen aus Felsen bestehend. Die Decke wurde von starken Holzknüppeln gehalten, welche eng neben einander lagen. Oben in der einen Ecke gab es ein Loch, welches wohl nach außen führte, der nothwendigen Lüftung wegen. Vor demselben war der siebartige Schlauch einer alten Netzkanne angebracht, welcher der Luft den Zutritt gestattete, aber verhinderte, daß irgend ein kleines Thier hindurch könne. Links befand sich ein Mooslager am Boden, aus langem, weichem, getrocknetem Wassermoos bestehend. Darauf erblickte der König eine Violine, einen Bogen und mehrere gedruckte Notenhefte. Diese Gegenstände hatte der Fex vorhin, bevor er Licht anbrannte, hier herausgeschafft. Also lag es doch nicht in seiner Absicht, daß der König diesen zweiten Raum betreten solle. Der König öffnete eins der Hefte. Es enthielt Violinstücke, welche nur ein außerordentlich guter Violinist spielen konnte. War der Fex ein solcher? In der Nähe des Lagers gab es eine alte Kiste, welche auch mittels eines Hängschlosses verschlossen war. Auf derselben stand eine Flasche, welche Oel enthielt. Rechts von dem Bette, an der andern Wand, gab es einen kastenartigen Gegenstand, welcher mit einem alten Saloppentuch zugedeckt war. Darüber hing an der Wand ein roh geschnitztes Holzkreuz und ein Farbenbild, welches den Heiland mit der Dornenkrone vorstellte. Hatten diese Gegenstände Bezug auf den Namen »Kapelle«, welchen der Fex diesem Raum gab? Der König stellte die Lampe auf die Kiste, um beide Hände frei zuhaben, und zog das Tuch fort. »Mein Himmel!« entfuhr es ihm. Er trat erschrocken zurück und war vor Schreck todtesbleich geworden. Der Kasten, welchen er jetzt erblickte, war ohne Deckel und enthielt – eine weibliche Leiche! Diese Person konnte nur erst vor wenigen Stunden gestorben sein, so frisch sah sie aus und so gar keine Spur von Fäulniß zeigte sie. Es war eine Frau, welche wohl nicht über dreißig Jahre alt geworden war, aber doch älter erschien, denn ihre Züge zeigten den Typus der Zigeuner, deren Frauen ja bekanntlich sehr schnell altern. Sie hatte die braunen Hände unterhalb der Brust gefaltet, und ein seltener Reichthum schwarzen Haares floß ihr vom Scheitel über die Wangen herab bis faßt auf die Füße, sie einhüllend wie in einen Mantel. Eingehüllt war die Gestalt in ein altes Bettuch, welches oft geflickt war und trotzdem noch viele Risse und Löcher zeigte. Da erklang es hinter dem Könige wie rauschendes und tropfendes Wasser. »Herrgott!« rief eine Stimme draußen. Der König drehte sich um. Er sah den Kopf des Fexes über dem Wasser, während der Leib noch in demselben steckte. »Komm herauf!« gebot er ernst. Der Fex schwang sich herauf auf das Trockene. Seine Augen blitzten zornig. Er trat herbei und fragte: »Hier stehst? Hier herein bist gangen? Das Schloß hast aufbrochen? Wer hat Dir gesagt, daß Du das thun sollst?« »Niemand. Ich hab es aus eigenem Antrieb gethan.« »So! Hast etwan ein Recht dazu?« »Vielleicht sogar eine Pflicht!« »Eine Pflicht? Das denk ja nicht! Diese Stuben ist nur allein mein; sie gehört keinem Andern. Sie ist meine Kirchen und Kapellen, in welcher ich bet, wann mir das Herz schwer worden ist.« »Und in diesem Heiligthum tödtest Du Menschen?« »Tödten? Ich?« fuhr der Fex auf. »Ja. Oder ist diese Frau vielleicht heut ertrunken und hast Du sie hier herein geschafft?« »Heut?« »Natürlich! Sie kann doch erst heut gestorben sein!« »So fühl doch mal ihr Gesicht an!« Der König that es. Das Gesicht war kalt und hart wie Stein. Ihn schauderte. »Klopf nur mal drauf, oder auf die Händ!« Auch das that der König. Es gab einen Ton, als wenn man auf einen Stein klopft. »Sie ist versteinert!« sagte er überrascht. »Ja. Es ist lange Zeit her, daß sie gestorben ist.« »Und wie und warum hast Du sie hier herein geschafft?« »Das werd ich Dir sagen; aber Du müßt mir versprechen, es nimmer zu verrathen.« »Dieses Versprechen kann ich nicht geben.« »Warum nicht?« »Es kann sich hier um ein Verbrechen gehandelt haben, oder überhaupt ist es geboten, daß eine Leiche in geweihter Erde begraben werde.« »So! Warum habens dann dieser die geweihte Erden versagt?« »Man hat sie ihr versagt?« »Ja, weil sie eine Heidin gewesen ist, eine Zigeunerin. Darum ist sie eingescharrt worden da, wo sie verhungert und verfroren ist. Da oben ist ihr Grab gewesen, grad über uns. Das hat sich gesenkt, tiefer und immer tiefer, denn unter dem Grab ist der Felsen hohl gewest, und endlich ist die Leich abistürzt hier herein, wo sie jetzund liegt.« »Und das hat man nicht bemerkt?« »Nein. Erst ist gar kein Mensch heraufkommen an den verfluchten Ort. Nachher, als doch zuweilen eine mitleidige Seelen heraufstiegen ist, um ein Ave Maria zu beten, ist das schier auch nur ganz selten gewest. Ich aber bin alle Tagen am Grab gesessen, wann ich nicht hab überfahren müssen. Als ich gemerkt hab, daß die Leichen hier einibrochen ist, bin ich nachklettert und hab entdeckt, daß hier herunten der Stein hohl ist und daß man vom Fluß hereingelangen kann. Nachher hab ich gleich in der Nacht das Grab so vorgericht, daß man nix sehen konnt, daß es einibrochen war. Und spätem hab ich hier herinnen die Stuben gebaut und Alles so gemacht, wie es jetzunder ist.« »Sonderbar! Welches Interesse hast Du denn an dieser Leiche?« »Welches? Diese Fragen ist freilich besonderbar. Sie ist doch meine Muttern.« »Wie? Diese Zigeunerin ist Deine Mutter?« »Ja.« »Das ist vollständig unmöglich. Du kannst nicht der Sohn der Zigeunerin sein.« »Meinst nicht? Warum?« »Du bist blond und hast den kaukasischen Typus.« Ueber das hübsche Gesicht des Fex glitt ein verschmitztes Lächeln, doch machte er sofort wieder sein gewöhnliches dummes Gesicht und antwortete: »Wast da sagst, versteh ich nicht. Ich weiß gewiß, daß sie meine Muttern ist. Und ich muß es doch besser wissen als Du, wannt auch der König bist.« Ludwig fragte ihn nach seiner Vergangenheit und erhielt die Auskunft, welche der Fex für nöthig hielt. Dieser sagte dem Könige keineswegs Alles, was er ihm hätte mittheilen können, und schloß daran die Frage: »Und nun nicht wahr, die Muttern darf hier liegen bleiben?« »Darüber will ich jetzt noch nicht entscheiden. Ich will es mir überlegen, ob es nicht gegen Gesetz und Gewissen ist, die Ueberreste Deiner Mutter hier in der Höhle zu lassen.« »Ueberlegen willst? Aber bis dahin wirsts etwan Keinem sagen?« »Nein; ich werde schweigen.« »So will ich mich in Ruh darein ergeben.« »Hast Du denn hier geschlafen?« »Ja.« »Neben der Leiche?« »Warum nicht? Meinst, daß ich mich vor der Muttern fürchten sollt? Nein, daß thu ich nicht. Wann ich mich niederlegt hab und wann ich aufstanden bin, so hab ich vor ihr gebetet, und der Herrgott wird mir die Lieb anthun, ihrs zu vergeben, daß sie eine Zigeunerin gewesen ist.« Der König war tief gerührt. »Du bist ein braver Bub!« sagte er. »Ganz abgesehen davon, daß ich Dir heut mein Leben verdanke, fühle ich für Dich eine solche Theilnahme, daß ich versuchen will. Deinem Schicksale eine Aenderung zum Bessern zu geben. Darf ich?« Der Fex blickte sinnend vor sich hin. Es dauerte eine Weile, ehe er antwortete. »Weißt, ich machs wie Du; ich muß es mir vorerst überlegen.« »Erst überlegen?« fragte Ludwig erstaunt. »Ja.« »Das begreife ich nicht?« »Wirsts aber bald begreifen, wann ichs Dir sag. Weißt, ich hab den Fluß lieb gewonnen und die Mühlen und diese Kapellen hier und den Wald und Alles, wo ich bin und was ich kann. Ich möcht schon gar nimmer fort von hier sondern immer und immer hier bleiben.« »Nun, das kannst Du ja.« »Meinst? Das wär schön.« »Ja. Deine Lage kann ja eine bessere werden, ohne daß Du dadurch gezwungen wirst, den Ort zu verlassen, der Dir eine zweite Heimath geworden ist. Ich werde darüber nachdenken. Aber ich kann noch nicht begreifen, wie Du hier schlafen kannst. Du bist doch völlig naß, wenn Du hier aus dem Wasser steigst!« »Da zieh ich halt mich aus. Und da in der Kisten hab ich ein Tuch, in welches ich mich einwickle.« »So, so! Und wem gehört diese Violine?« »Mir.« »Kannst Du spielen?« »So ein Wenig darauf herumpatschen kann ich schon. Wann ich nur erst die Noten könnt und die Tonleiter dazu! So weit aber werd ichs all mein Lebtag nicht bringen.« »Du hast aber ja Noten hier!« »Die hat in voriger Zeit ein Badegast zurückgelassen, der in der Mühlen gewohnt hat. Ich hab sie hier einischmuggelt; aber was die vielen Notenköpfen und Stricherln zu bedeuten haben, das weiß ich nicht und brings auch nicht.« »Ja, diese Noten wirst Du niemals spielen lernen.« »Meinst wirklich?« fragte der Fex mit der Miene eines Menschen, der auf Alles verzichtet. »Ja, niemals. Wer diese Stücke geigt, der ist ein Virtuos.« Dabei blätterte der König in den Noten herum und fügte hinzu: »Wenigstens ist er der Virtuosität sehr nahe. Aber wenn Du solche Lust zur Musik hast, so gehe doch zum Kantor oder zum Lehrer. Vielleicht zeigt er Dir die nöthigen Griffe.« »O, das hat er ja auch than.« »Und hat es nichts genützt?« »Nix. Du sagst ja selber, daß ich diese Sachen nimmer spielen lernen werd.« »Nun, es müssen nicht grad solche schwere Stücke sein. Vielleicht kannst Du einen Lehrer erhalten, unter dessen Leitung Du es mit der Zeit so weit bringst, daß Du in ein Musikkorps treten und Dir Dein Brod verdienen kannst. Wir werden über diesen Gegenstand noch sprechen. Einstweilen aber wollen wir uns gegenseitig das tiefste Schweigen geloben. Nicht?« Er lächelte den Fex so gütig an, daß diesem das Herz aufgehen wollte. Dennoch aber drängte er die Mittheilungen, welche ihm auf die Zunge traten, zurück und antwortete: »Ja, ich sage nix, daß Du heut versaufen wolltst, aber Du mußt auch schweigen!« »Ja, ich verrathe Deine Kapelle nicht. Wenigstens werde ich keinen Menschen etwas darüber mittheilen, bis ich nicht vorher mit Dir gesprochen habe. Jetzt aber wird es mir kalt. Meinst Du, daß wir noch lange hier warten müssen?« »Ich werd einmal nachschaun. Als ich vorhin wieder kam, ist das Holz beinahe schon vorüber gewest.« Er verschwand im Wasser, kehrte aber sehr bald zurück und meldete: »Du kannst mitkommen. Es schwimmt zwar noch zuweilen ein Stamm vorüber, aber das hat schon nix zu sagen; dem weichen wir halt aus. Jetzt werd ich vorerst meine Kapellen in Ordnung bringen. Es war sehr ungut von Dir, daßt da hereini drungen bist. Man muß seine Nasen nicht überall hinstecken, denn es ist leicht möglich, daß man mal einen Klapps drauf bekommt.« Er pochte die Krampe wieder fest und nahm dann die Lampe, um sie auszulöschen; sagte jedoch vorher: »Nun kanns fortgehen. Also jetzt tauchen wir da hinab. Du brauchst nur das Maul zuzumachen und mir die Hand zu geben. Nachher bring ich Dich schon dahin, wo Du hin gehörst.« »Schwimmst Du wieder unter dem Wasser?« »Nein; das ist jetzund nicht mehr nöthig. Wann wir hinaus in den Fluß sind, tauchen wir gleich' empor. Nachher kannst neben mir aufwärts schwimmen bis dahin, wo das Richardl ist.« »Richardl? Wer?« »Nun, der Wagner, der Componist.« »So kennst Du auch den?« »Ja, ich hab sein Bild gesehen, und der Sepp hats mir auch gesagt, wer er ist. Also komm!« Er blies die Lampe aus und setzte sie auf den Tisch. Dann schritt er dem Könige voran nach der Stelle, an welcher das Wasser begann. Er stieg hinein, und der König folgte. »Jetzt nun noch das Maul zu,« sagte er, »und hol nimmer Athem, als bis wir oben sind.« Er faßte ihn beim Arme und zog ihn hinab. Das Wasser schloß sich über ihnen. Der König fühlte, daß er durch die Felsspalte hinaus in den Fluß und dann empor zur Oberfläche dirigirt wurde. »Jetzt kannst wieder Luft schnappen,« hörte er den Fex neben sich sagen. Er öffnete die Augen. Der Mond war über den Horizont emporgestiegen, und sein Strahl drang zwischen den Wipfeln der Bäume und zwischen den Felsen herein auf den Fluß, so daß dessen Oberfläche glitzerte und flimmerte wie flüssiges Silber. Es war Vollmond wie an jenem Herbstabende, an welchem Ludwig bei Leni auf der Alpe gewesen war. Beide schwammen rüstig aufwärts, bis dahin, wo die Felswand endete und die Fähre lag. Der Fex war dem Könige voran. Als er aus dem Wasser stieg, sagte Wagner erschrocken: »Du kommst doch wieder allein! Wo ist der König?« »Schau da hinab! Da kommt er.« Jetzt sah man auch die Gestalt des Königs, welcher gleich darauf das Ufer erreichte und an das Land stieg. Wagner war so ergriffen, daß er fast niedersank. »Dem Himmel sei Dank, Majestät!« sagte er mit bebender Stimme. »Was ich in dieser Zeit gefühlt habe, das ist unbeschreiblich.« Der Italiener aber war ganz still. Er fand in diesem Augenblicke keine Worte, um seinen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu geben. Der König reichte beiden die Hände und meinte: »Mir ists wie im Traume. Ich habe Gräßliches erlebt, und doch ist es mir, als sei ich der Held eines Märchens von Tausend und einer Nacht gewesen.« »Wo haben Majestät das rettende Asyl gefunden?« »Hier bei diesem braven, kühnen, jungen Manne, dem ich nicht genug dankbar sein kann. Ueber die Einzelheiten der Rettung aber wollen wir schweigen. Ueberhaupt wünsche ich, daß nie oder wenigstens so lange ich lebe. Jemand erfahre, was heut Abend und hier geschehen ist.« Und dem Fex nun auch die Hand reichend, fuhr er fort: »Ich werde Deiner nicht vergessen. Ich wohne ja hier, und so sehen wir uns baldigst wieder. Nun aber wollen wir schleunigst gehen, damit die Kälte und Nässe mir nicht ebenso gefährlich oder noch gefährlicher werde als der Sturz in das Wasser. Ich muß mich sofort umkleiden.« Sie gingen. Nun trat der Wurzelsepp, wieder hinter den Sträuchern hervor, wohin er sich bei der Ankunft Ludwigs zurückgezogen hatte. Er sagte: »Jetzund möcht ich singen und lobpreisen vor Freuden; daß Dir Alles so gut geglückt ist, Fex. Ich hab eine Aengsten ausgestanden, die ich den beiden Leuteln gar nicht hab merken lassen können. Jetzt aber ist nun Dein Glück gemacht. Jetzt wird der König Dir dankbar sein, und Du wirst ein Mann werden, vor dem man den Hut abzieht und die Zipfelmützen auch noch dazu.« »Und ich wollt, es wär gar nicht geschehen.« »Warum? Aus Sorg um den König?« »Nein, sondern wegen meiner.« »Nun, Du brauchst doch nimmer zornig darüber zu sein, daß Du der Retter des Königs geworden bist!« »Nein, aber darüber, daß er meine Kapellen gesehen hat.« »Ja, Du konntest ihn nicht anders retten; Du mußtst ihn da hinein bringen. Und wann die Höhlen nicht gewesen wär, so hätt er elend versaufen müssen. Aber er hat doch wohl nicht Alls geschaut?« »Alls! Das eben ists, was mich ärgert.« »So bist selber schuld!« »Ich? Meinst?« »Ja. Hättst es ihm nicht gezeigt.« »Hab ichs ihm denn gezeigt? Hab ichs?« »Ja, sonst hätt ers nicht sehen können!« »Schau, wie klug Du redst! Ja, Du bist auch Einer, der die Graserl und die Sauerampferln wachsen hört! Nix hab ich ihm gezeigt, gar nix! Ich hab ihn am Rand sitzen lassen in der Finsterniß und sogar erst noch die Geigen und die Noterln fort geschafft, bevor ich Licht angezunden hab. Aber nachher, als ich hierher schwommen bin, um zu sagen, daß er gerettet ist, hat er die Thüren mit Gewalt aufgemacht und sich in der Kapellen umgeschaut. Ich bin grad dazu gekommen, als er das Tuch von dero Leichen hinweg genommen und sie angeschaut hat.« »Himmelsakra!« »Ja, so ists!« »Was hat er denn da drinnen zu suchen! Muß sogar der König seine Nasen in jeds Mauslöcherl stecken! Nun ists verrathen. Alles, Alles!« »Nein, nichts ist verrathen.« »Hat er Dich denn nicht gefragt?« »Freilich. Er hat mich sogar für einen Mördern gehalten.« »Bist auch gescheidt? Du, sein Retter, sollst auf einmal ein Mördern sein!« »Ja freilich. Er hat glaubt, die Leich sei erst heut gestorben, weil sie so frisch ausschaut, und ich hab sie umgebracht. Nachher hat er freilich auch gemeint, sie sei im Wasser vertrunken und ich hab sie hineingerettet in die Höhlen. Er hat mich ausgefragt, und ich hab ihm gesagt, daß es meine Muttern sei und daß das Grab eingefallen ist und ich hab dabei die Höhlen entdeckt.« »Weiter nix?« »Gar nix.« »Weiß er nicht, daß man auch noch anders als blos durchs Wassern in dera Höhlen gelangen kann?« »Nein. Ich werd mich hüten, es ihm zu sagen.« »Und daß auch ich mit gebaut hab heimlich, um die Kapellen fertig zu bringen?« »Auch da hab ich geschwiegen.« »Das ist recht. Aber nun hat er auch die Geigen gesehen. Nun ists verrathen, wer da des Nachts unter der Erd die Musiken macht.« »Das weiß er nun freilich; aber er wird nix sagen. Er hat mirs versprochen. Und ob die Leichen da liegen bleiben darf, das will er sich auch noch überlegen.« »Er mag sie nur halt lassen, wo sie ist. Was geht ihn die Zigeunerin an! Hat sich bishero kein Mensch um sie kümmert, braucht auch nun sich Niemand hinein zu mischen in dera Angelegenheiten. Er mag sich ins Bett legen und einen Fliederthee trinken oder Camillen, damit er in Schweiß kommt und nicht den Dampf und Keuchhusten kriegt auf der Brust; aber sonst mag er schweigen und uns treiben lassen, was uns gefallt. Wie stehts denn nun mit uns? Bleibst noch hier?« »Nein. Jetzt fahrt kein Mensch mehr über. Und wann ja einer kommen sollt, so mag er rufen; ich werds doch hören. Komm mit, Sepp!« Sie gingen in die Büsche hinein und um den Felsen herum, auf dessen Höhe sich das Grab befand, welches nun freilich die Leiche nicht mehr enthielt. Hier standen am Fuße des Felsens dichte Sträucher, unter denen sich allerlei Steingeröll angesammelt hatte. Der Fex kauerte sich nieder und scharrte die Steine zur Seite. Unter ihnen kam ein breites Bret zum Vorschein, wie der Deckel einer Kiste. Als er auch dieses entfernt hatte, gab es dahinter eine Oeffnung, grad weit genug, daß ein Mann hinein steigen konnte. »Jetzt schlupf eini!« sagte er zum Sepp. »Ich komm hinterher, um das Bret wiederum aufzulegen.« Der Wurzelsepp folgte dieser Weisung. Er verschwand in dem Loche, nach ihm der Fex, welcher das Bret über sich auf die Oeffnung legte. Da es unter den Büschen einen dichten Schatten gab, konnte man trotz des Vollmondes nicht bemerken, daß hier am Erdboden eine Veränderung vorgegangen sei. Uebrigens war die Lage des Ortes eine solche, daß man mit Sicherheit darauf rechnen konnte, daß, wenigstens jetzt am Abend, Niemand den Fuß grad an diese Stelle setzen werde. Der enge Gang war mit Stufen versehen. Er führte in die zweite Kammer und mündete an der Stelle, an welcher die Kiste stand. Vorher war das eine mit lockerer Erde gefüllte Felsenritze gewesen. Der Fex hatte diese Erde nach und nach in den Fluß geworfen und so den Gang hergestellt. Der Wurzelsepp kannte die Gelegenheit. Unten angekommen, schob er die Kiste bei Seite und kroch in die Kammer. Der Fex folgte nach. Durch ein kleines Loch neben dem Hängschlosse greifend, konnte er dieses öffnen und also die Thür aufschieben. Dann nahm er Streichhölzer hinter dem Steine hervor, hinter welchem auch die Cigarren gesteckt hatten, und brannte die Lampe an. Der Blick des Sepp fiel auf die Cigarren, welche auf dem Tische lagen. »Hat er eine geraucht?« fragte er. »Nein.« »Das ist gut. Sie wären ihm wohl sehr bekannt vorgekommen. Darum ists halt besser, daß er sie gar nicht gekostet hat.« Der Fex hütete sich, ihm zu sagen, daß er gegen den König geplaudert habe, und kehrte in die hintere Kammer zurück, um die Kiste wieder vor die Oeffnung zu schieben. Dabei trat der Sepp an die Leiche heran, zog das Tuch weg und betrachtete sie. »Wirst heut wieder hier mit mir schlafen?« fragte ihn der Fex. »Ja. Zu Zweien gehts. Aber allein, wie Du, möcht ich doch nicht hier liegen. Ich glaub, mir träumt von lauter Geistern und Gespenstern.« »Das hat auch mir oft träumt; aber ich fürcht mich doch ja nicht.« »Ja, dafür ists auch Deine Muttern.« »Meinst?« »Etwan nicht? Hast mir doch gesagt, daß sie es ist.« Der Fex warf einen langen, langen Blick auf das Gesicht der Todten und dann einen ebenso langen auf den Sepp; dann antwortete er: »Schau! Du hast mich oft gefragt nach den frühern Zeiten, und ich hab Dir nix gesagt, obwohl Du mein bester Freund bist. Heut, da nun auch der König meine Heimlichkeiten geschaut hat, will ichs Dir sagen, daß diese Frau nicht meine Muttern ist.« »Nicht?« meinte der Sepp erstaunt. »Nein, sie ist es nicht. Meine Muttern war weiß im Gesicht und hat Haare gehabt, wie ich so blond, und Augen wie der Himmel. Diese hier aber hab ich nicht anders als Südana genannt und bin mit ihr aus einer weiten Ferne herkommen. Als sie mir den Müllern zum ersten Male zeigt hat, da hat sie die Hand geballt und dabei ausgeruft: » Je lukrul Drakului !« Und nachher, als er sie ermordet hat, hab ich sie rufen gehört » Aschutoriu !« Dieselbige Sprachen hab ich damals auch verstanden; nun aber hab ich sie vergessen und weiß gar nimmer mehr, was diese Worten zu bedeuten haben. Wann ichs noch wüßt, so wüßt ich auch, in welchem Land ich geboren bin.« Der Wurzelsepp starrte ihn erschrocken an. »Was sagst!« rief er aus. »Der Müllern hat Diese da ermordet?« »Ja.« »Weißts genau?« »Freilich.« »Warum zeigsts da nicht an?« »Weils doch nix helfen thät. Ich war ein kleiner Bub, der noch nimmer deutsch reden konnt, und meine Sprachen habens nicht verstanden. Und nachhero wärs doch zu spät gewesen. Auch hab ich nicht gleich gewußt, daß er sie getödtet hat. Es ist mir erst später so in den Sinn kommen.« »Aber wie ists dabei zugegangen?« »Ich bin hier unten am Wasser gesessen und die Südana oben auf dem Stein. Da auf einmal hat sie laut aufgeschreit und ich bin hinaufklettert. Als ich oben ankam, hat sie da am Boden gelegen, und der Müllern hat auf ihr kniet und ein Gesicht gemacht, so schlimm, daß ich mich vor Angst hinter dem Stein versteckt hab und nimmer hervorkommen bin. Er hat ihr die Taschen ausgesucht und sie nachher liegen lassen. Als er fort war, bin ich zu ihr hingangen und hab glaubt, sie schlaft. So bin ich bei ihr gesessen wohl mehrere Tag, bis sie uns gefunden haben; dann wurd sie eingescharrt. Erst nachhero später, als ich hab besser nachdenken konnt, ist mir der Gedank kommen, daß er sie todt gemacht hat. Das Uebrige weißt halt bereits.« »So würd ich noch heut die Anzeigen machen.« »Nein, das fallt mir nicht ein. Ich hab auch meine Ursach, daß ich schweig. Es wird wohl die Zeiten auch kommen, wo ich reden kann.« »So weißt halt noch mehr, was Du mir nicht sagst?« »Ja. Auch selbst Du brauchst jetzt noch nicht Alles zu wissen. Ich hab eine Rechnung mit dem Müllern, und bevor ich die ihm verzählen kann, muß ich noch viel aufpassen und viel erfahren.« »Drum duldest die Behandlung, die Du bei ihm hast!« »Ja, darum, und auch noch wegen was Anderem. Aber jetzt wollen wir die Todten todt sein lassen und lieber eine Musiken machen.« »Ja. Du hast mir doch versprochen, mir heut was ganz Extrafeins vorzugeigen, was ich noch gar nimmer gehört hab.« »Das kann nicht jetzt gleich sofort losgehn. Da muß ich erst vorher den Spitzbub machen.« »Was fallt Dir ein! Wirst doch nicht etwan gar das Mausen anfangen!« »Nein, das Mausen nicht; aber ähnlich ists dennoch. Ich werd mir nämlich die Violin und die Noten des Concertmeisters borgen.« »Wird er sie Dir geben?« »Ich frag ihn ja gar nicht. Ich geh in seine Stuben und hol sie mir.« »Hör, das ist dennoch gespitzbubt!« »Nein, denn ich trag sie ihm wieder hin, bevor es Morgen geworden ist.« »Und wann er Dich dabei erwischt!« »Das thut er nicht. Du wirst Wachen stehn.« »Hör, damit laß mich aus! Da mach ich nicht mit.« »So geh ich allein.« »Ich bitt Dich, laß es lieber sein. Wenn Du ertappt wirst, so stecken sie Dich ins Loch, und nachhero kannst Grillen sangen und Regenwürmern fressen.« »Das laß meine Sachen sein. Jetzt, da nimm Deine Zithern her. Wir wollen beginnen. Es ist eine sehr lange Zeiten her, daß wir nimmer zusammen gespielt haben. Heut wollen wir uns mal eine Güten thun und denken, der König ist unser Publikum.« »Ja, aber helfen thuts Dir nix. Der liebe Herrgottle hat Dir ein Talent und ein Schenie für die Musiken geben. Du brauchst Dich gar nimmer zu plagen, da fliegts nur so hinein. Du könntst bereits die allererste Vigelinen geigen im Dorschester beim Hoftheatern, aber Du bist wie angeleimt hier an dem Fluß und an dera Mühlen. Was hilfts da, wann Du so gut spielen lernst wie zwei Virtusen zusammengenommen! Es wird doch nix aus Dir als nur der Wasserfexen! Aber ich will mich heut nicht verräsonnerirn. Nimm Deine Kolatschigeigen her! Wir wollen einistimmen.« Der alte Wurzelhändler hatte seine Zither und seinen Rucksack vorhin vom Rücken genommen und auf den Tisch gelegt. Jetzt griff er zu der Ersteren, und nachdem die beiden Instrumente in gleiche Stimmung gebracht worden waren, begannen die wunderlichen Freunde zu musiciren Indessen hatte Ludwig sich umgekleidet und einige Gläser heißen Glühweins getrunken. Wagner hatte ihn gebeten, das Lager zu suchen, um zu schwitzen und so einer Erkältung von vorn herein zu begegnen. Ludwig aber, auf seine kräftige Constitution vertrauend, war nicht dazu zu bringen gewesen. Dann hatten die Beiden ihr Abendmahl gehalten, und später hatte sich der Italiener eingestellt, um mit Richard Wagner zu musiciren. Dabei war es spät geworden. Die Töne schwiegen, und die drei Herren traten noch heraus ins Freie, um den Anblick der Vollmondlandschaft zu genießen. Diese war herrlich. Der Fluß schimmerte in seinen Windungen wie der Schleier einer Fee aus dem Dunkel des Waldesrandes heraus. Die Berge lagen da, emporstrebend wie versteinerte Strophen eines Abendgebetes. Einige leichte Wolken schwebten am Himmel hin, und ihre Schatten huschten geisterhaft über Wasser und Wiese, über Wald und Feld. Es war nicht kalt, und trotz der Nähe des Flusses lag nicht eine Spur feuchten Nebels im nächtlich feiernden Thale. Der König schritt langsam von der Thür fort und den Abhang hinunter. Die beiden Andern folgten. Richard Wagner flüsterte dem Italiener zu: »Er liebt diese monddurchglänzten Nächte. Wir dürfen ihn nicht stören, aber folgen wollen wir ihm doch.« Sie schritten in respectvoller Entfernung hinter ihm her. Er ging langsam nach der Mühle und bog dann rechts nach dem Flusse ein, als ob es ihn nach dem Orte ziehe, an welchem heut sein Leben in einer so großen Gefahr geschwebt hatte. Beinahe an der Fähre angekommen, blieb er lauschend stehen, dann wandte er sich nach links zu dem Felsen hin. Als die beiden Andern die Stelle erreichten, an welcher er stehen geblieben war, hielt auch der Concertmeister seinen Schritt an, ergriff den Arm Wagners und sagte: »Halt! Ferma tevi ! Hören Sie was?« Wagner lauschte. »Ja. Es ist wie Musik.« »Es ßein Mußiken, Mußiken von die Geist, von die Geßpensten!« »Sie scherzen!« »Wie? Ich maken Scherz? Burla, baja, celia ? Nein, ich ßpreken Ernst, ßehr Ernst, ßehr, ßehr.« Da winkte der König. Beide eilten zu ihm. Er stand am Fuße des Felsens. »Haben Sie schon gehört?« fragte er. »Ja,« antwortete der Kapellmeister. »Was meinen Sie davon?« »Es ßein Mußiken von Geßpensten,« wiederholte der Concertmeister. »Von Geist, larva, ombra .« »Daran glauben Sie doch selbst nicht!« »Nicht? O, ich klauben daran, ßehr, ßehr! Ich wissen kenau, daß wahr ßein!« »Von welchem Gespenst sprechen Sie?« »Von eine Zikeunerin, Gitana, Zingaritta. Sie ßein da oben bekraben und ßpiel in der Nakt Violin im Krab.« »Das ist ein Wahnglaube.« »Nein, es ßein Wahrheit. Majestät kommen mit heraufen! Hören oben besser das Mußiken als unten abbasso !« Er stieg an dem Felsen empor, und die beiden Andern, Ludwig und Wagner, folgten. Rund um den Rand des Felsens standen Büsche. In der Mitte desselben aber war er frei, und da lag der Grabhügel, unter welchem, wie der König wohl wußte, jetzt keine Leiche war. Sie hörten die Töne jetzt viel deutlicher als vorher. Wagner kniete nieder und legte das Ohr an die Erde. »Wunderbar!« sagte er dann. »Man kann die einzelnen Töne nicht unterscheiden; aber ich möchte schwören, daß wir jetzt das Stabat mater hören.« » Stabat mater ?« meinte der Italiener. »Von welken Instrument?« »Es klingt wie Violine; aber es ist auch eine Begleitung dabei.« »Ja, es ßein die Violin der Zigeunergeßpenst. Aller Menschken wissen es. Auch ich wissen es ßehr, ßehr, ßehr kenau.« Der König konnte diese Töne sehr wohl erklären. Er ahnte, daß der Fex in seiner »Capelle« Violine spiele; aber er hatte ihm Verschwiegenheit versprochen, und darum sagte er nichts. Der Italiener behauptete, daß die Töne von dem Geiste der Zigeunerin kämen. Wagner suchte nach einer natürlicheren Erklärung, konnte aber keine finden und wurde schließlich in seinen Vermuthungen durch einen Ausruf des Concertmeisters unterbrochen. »Da, da! O Himmel, o cielo ! Da kommen nok ein Geßpensten! Da, da!« Er deutete zwischen den Büschen, welche am Rande standen, hindurch. Als Wagner und der König ihre Blicke dieser Richtung folgen ließen, gewahrten sie eine hohe, weibliche, ganz in Weiß gekleidete Gestalt, welche von der Villa her langsam näher kam und den Felsen zum Ziele zu haben schien. Ihr Gang war so eigenthümlich, daß Wagner sofort sagte: »Eine Nachtwandlerin!« »Eine Somnambula? Ach! Oh! Also keine Geßpenst? Eine Naktwandlerin! Das ßein interessant, ßehr interessant, ßehr, ßehr!« Er trat ganz an den Felsenrand heran, um die Gestalt genau zu sehen. »Ja,« sagte Wagner. »Ich habe noch niemals eine Mondsüchtige gesehen; aber ich möchte wetten, daß wir hier eine vor uns haben.« »Es ist eine,« stimmte der König bei. »Ich kenne sie bereits.« »Wie? Ist das möglich?« »Ja. Jetzt sehe ich auch ihr Gesicht ganz deutlich. Sie ist es. Sie ist mir bereits einmal im Schlafwandeln begegnet.« »Hier, Majestät?« »Nein, anderswo. Sie hat die Eigenheit, in Reimen zu sprechen und Denen, denen sie begegnet, als Hellseherin die Zukunft zu verkünden. Ach wirklich, sie kommt herbei. Sie bleibt unten stehen und lauscht auf die Töne. Vielleicht kommt sie gar herauf. In diesem Falle ziehen wir uns so weit wie möglich zurück.« Die Mondsüchtige schien die Töne gehört zu haben; sie war stehen geblieben. Dann stieg sie den Felsen empor, sicher, als ob sie auf ebener Erde wandle. Und doch hatte sie die Augen geschlossen. Sie war, wie damals auf der Alpe, in ein langes Nachtgewand gekleidet, dessen Weiße hell von dem dunklen Felsen und Buschwerk abstach. Sie trat zwischen den Sträuchern hindurch auf den freien Platz und schritt langsam dem Grabe zu. Die drei Herren waren bis an den gegenseitigen Rand zurückgewichen und ließen die seltsame Erscheinung nicht aus den Augen. Aber bald kam hinter derselben noch eine andere Gestalt zum Vorschein, nämlich – der Fex. Dieser hatte es für an der Zeit gehalten, seinen Vorsatz auszuführen und sich nach der Wohnung des Concertmeisters zu schleichen. Er war also durch den Gang gekrochen. Als er dann einige Schritte gegangen war und sich unwillkürlich umblickte, sah er die weiße Gestalt der Nachtwandlerin am Felsen emporklimmen. Was wollte diese Gestalt da oben? Er mußte es wissen. Weit entfernt, sich zu fürchten, folgte er ihr nach. Und als er oben leise zwischen den Büschen hindurchtrat, sah er, daß er sich mit ihr nicht allein an diesem Orte befinde. Der Mond beschien die Höhe fast tageshell, und so erkannte der Fex die drei Herren ebenso wie sie ihn. Er blieb erstaunt und erwartungsvoll stehen. Die Musik hatte nicht aufgehört. Der Wurzelsepp spielte auf der Zither, deren Töne nur wie leise Hauche heraufklangen. Die Mondsüchtige lauschte eine lange Weile, bis die Musik aufhörte. Dann erhob sie den Kopf, als ob sie in die helle, volle Scheibe des Mondes blicke; aber die Augen waren dabei vollständig geschlossen. »Ich muß sie prüfen,« flüsterte Wagner. »Ich will sehen, ob sie wirklich somnambul ist.« Er trat näher und stellte sich grad vor sie hin. Sie beachtete ihn nicht. Er schien für sie gar nicht vorhanden zu sein, obwohl seine Augen kaum eine Elle von ihrem Gesicht entfernt waren. Auch der Concertmeister kam heran. Er erhob die Hand und hielt sie ihr so nahe an das Gesicht, daß er dasselbe beinahe berührte. Auch das empfand sie nicht. Sie hielt die geschlossenen Augen noch immer gegen den Mond gerichtet. Jetzt kam der Fex langsam herbei. Sofort schien sie den Einfluß einer magnetischen Kraft zu empfinden. Sie wendete sich ihm entgegen und winkte. Als er nahe bei ihr angekommen war und da stehen blieb, strich sie ihm mit den Spitzen der Finger über das Gesicht und die Brust und sagte dann deutlich und mit erhobener Stimme: »Ob man Dich noch so sehr verhöhne,         Ich seh Dein Leuchten schon von fern: Ein Meister in dein Reich der Töne,         Gehst bald Du aus als heller Stern.« Dann ergriff sie den Fex bei der Hand, schritt mit ihm zum Grabe, blickte erst, allerdings immer mit geschlossenen Augen, zum Monde empor und sagte dann, auf das Grab deutend: »Da unten wallt der Locken Fluth         Um ein versteinert Angesicht, Und unter ihrer Fülle ruht          Dein Schicksal und sein Strafgericht.« Die beiden Worte Dein und sein betonte sie ganz besonders. Bei dem Ersteren deutete sie auf den Fex, und bei dem Letzteren erhob sie den Arm und zeigte nach der Mühle. Wagner und der Concertmeister waren beide zurückgewichen. Sie konnten sich eines Schauderns nicht erwehren. Die Scene hatte etwas wirklich Unirdisches und wirkte also auch in dieser Weise. Dadurch wurde die Gestalt des Königs, welcher hinter diesen Beiden gestanden hatte, frei. Sie schritt langsam zu ihm hin, blieb vor ihm stehen, strich ihm mit den Fingerspitzen auch über das Gesicht und die Brust und sagte dann im Tone einer Seherin: »Das Wasser hielt Dich schon umfangen         Und wollte nicht zurück Dich geben. Komm niemals irr zu ihm gegangen;         Es trachtet Dir nach Deinem Leben!« Sie erhob dabei warnend ihre Hand und wendete sich dann ab, den Felsen ebenso sicher hinabsteigend, wie sie gekommen war. »Wer mag sie sein?« fragte Wagner. »Ich kennen ßie,« antwortete der Italiener. »Sie ßein die Tokter von Baron Stauffen, welker mit wohnen in unßerer Villa.« »So wohnt sie in unserem Hause?« »Ja, hehr, ßehr!« »So werden Sie die Güte haben, mich ihrem Vater vorzustellen. Ich muß diese Dame kennen lernen. Der Somnambulismus ist noch immer ein unerklärtes Räthsel, und das Erscheinen dieser Dame hat mich wunderbar ergriffen. Ich möchte wissen, was man von ihren Weissagungen zu halten hat.« »Sie scheinen wörtlich zu nehmen zu sein,« antwortete der König, über dessen Gesicht ein hoher, fast finsterer Ernst sich gebreitet hatte. »Das wollen wir ja nicht wünschen,« fiel da Wagner schnell ein. »Warum?« »Das, was sie zu Ew. Hoheit sagte, wäre im Stande, sehr zu beunruhigen.« »O nein. Sie warnte mich vor dem Wasser. Dieses Element ist einem Jeden gefährlich, der ihm ein allzugroßes Vertrauen schenkt. Der Inhalt dieser Prophezeiung ist also ein ganz gewöhnlicher. Aber was sie dem Fex sagte, das – ah, wo ist er?« Der Fex war verschwunden. Er hatte es nicht für gerathen gehalten, länger hier zu bleiben. Was die Worte der Nachtwandlerin in seiner Seele für eine Wirkung hervorgebracht hatten, das konnte er nicht beschreiben. Es war ein ihm ganz und gar fremdes Gefühl. Er wollte der Mondsüchtigen folgen und sie anreden, aber als er den Fuß des Felsens erreichte, raschelte es neben ihm in den Büschen und der Wurzelsepp trat hervor. »Du?« fragte der Fex, nicht auf das Angenehmste überrascht. »Warum bleibst nicht unten? Wolltest doch nicht mitgehen!« »Ich bekam auf einmal eine Ängsten und Sorgen um Dich und bin herausi krochen, um zu sehn, wo Du bist.« »Ich muß dahin, ihr nach!« »Wer ists?« »Die Nachtwandlerin.« Er eilte fort, der Wurzelsepp aber ihm nach. Bereits hatte der Fex die Somnambule fast erreicht, da ereilte ihn der Sepp, hielt ihn fest und raunte ihm zu: »Halt! Wirst stehen bleiben! Weißt nicht, daß man eine Nachtsüchtige nicht anreden darf!« Die Hellseherin konnte diese Worte unmöglich gehört haben; aber wie vom einem geheimen Fluidum erfaßt, drehte sie sich um, deutete auf die Mühle und sagte: »Geh hin! In diesem Augenblick         Hält in den Händen er Dein Glück. Versäume ja nicht diese Stunde;         Das Schicksal ist mit Dir im Bunde!« Dann drehte sie sich um und ging fort. »Hasts gehört?« fragte der Wurzelsepp leise. »Das war ja ganz besonderbar! Wen kann sie meinen?« »Des Müllern meint sie. Das weiß ich ganz gewiß. Komm mit! Ich muß hin.« »Was willst bei ihm? Er schläft schon ganz gewiß!« »Der, jetzund bereits schlafen? Was denkst! Der kommt nicht so schnell zur Ruh. Wann Alles still worden ist im Haus, nachhero bekommt er erst den richtigen Besuch, der ihn nicht schlafen läßt.« »Besuch, des Nachts? Wer könnt das wohl sein? Er hat doch nicht etwan ein hübsch Weibsbild, mit der er im Dunkeln schamerirt?« »Hör einmal, Sepp, wann Du mal einen Witz willst machen, so laß halt einen bessern los. Es kommt zu ihm weder ein Weibs- noch ein Mannsbild. Den Besuch, den ich mein, den bekommt er in seiner Seel, in seinem Innern, in seinem Gewissen. Da hinein schleichen sich des Nachts allerhand Geistern und Gespenstern, allerlei Gedanken und Vorwürfen, die ihn drücken und drucken und zwicken und zwacken, die ihm keine Ruh lassen und ihm den Schlaf nehmen. Da ächzt und stöhnt er; da jammert er und klagt und seufzt. Und wann er ja ein wenig eindusselt ist, so weckt ihn das Gewissen allsogleich wieder auf, und er balgt sich mit Gespenstern herum, die nur er sieht aber kein Anderer nicht.« »So hat er freilich ein bös Gewissen.« »Freilich! Und das ist ja auch gar nicht zu verwundern. Wenn Einer Mörder ist, so hat er die Höllen schon hier auf der Erden. Aber komm! Wie hat der Spruch gelautet, den die Nachtwandlerin sagte?« »Ich hab ihn mir ganz genau gemerkt. Er lautete: Geh hin! In diesem Augenblick         Hält in den Händen er Dein Glück. Versäume ja nicht diese Stunde;         Das Schicksal ist mit Dir im Bunde!« »Siehst, ich soll nicht saumselig sein. Mach schnell, damit wir hinkommen!« Während dieses kurzen Wortwechsels war die Mondsüchtige in der Villa verschwunden. Die Beiden bekümmerten sich nicht um den König und seine zwei Genossen. Sie gingen nach der Mühle, bis zu den Fenstern der Stube, in welcher der Müller bei Tag und Nacht seinen Aufenthalt hatte. Diese Fenster waren mit hölzernen Läden verschlossen, die ein bedeutendes Alter hatten. Einer derselben hatte rechts einen ziemlich bedeutenden Riß und links ein offen gewordenes Astloch. Durch Beide konnte man leicht in die Stube blicken. Der Wurzelsepp stellte sich an den Riß und der Fex an das Astloch Beide blickten hindurch in die von der Lampe erleuchtete Stube. »Siehst was?« fragte der Sepp leise. »Ja,« flüsterte der Fex. »Ich kann die ganze Stuben überschauen. Der Müllern sitzt gleich hier am Fenstern am Tische. Sein Kopf liegt tief unten auf der Brust. Kannst ihn auch sehen?« »Freilich wohl! Er hat jetzt nicht sein bös Gewissen, denn er schlaft.« »Meinst? Siehst nicht, daß er zuckt und zittert?« »Ja, das schau ich wohl, und – –Halt! Jetzt fährt er empor und blickt sich um. Er macht ein Gesicht, als ob er einen großen Schreck erfahren hätt.« Der Müller war aus einem unruhigen Halbschlummer emporgeschreckt. Er blickte sich angstvoll und starr um. Dabei vernahmen die Lauscher seine Worte: »Was? Bist schon wieder da? Alle guten Geister loben ihren Meister. So! Jetzt mußt wieder fort. Wann Einer diesen Vers sagt, verschwinden die Geister. Wie? Du willst nicht gehorchen? Wart, ich werd Dir sogleich die Thüren zeigen!« Er ergriff die neben ihm liegende Peitsche und führte einen gewaltigen Hieb aus, als wenn er Jemand, der vor ihm stehe, treffen wolle. Dann kicherte er schadenfroh: »Bist weg? Bist fort? Ja, die Peitschen, die Peitschen, die ist der richtige Zauberstab. Jetzt hast gleich Reißaus genommen und wirst nicht so bald wiederkommen.« Er lehnte die Peitsche wieder hin. Dann aber blieb sein Blick erschrocken in der einen Ecke haften. »Wie?« fragte er. »Bist doch noch nicht fort? Hast Dich in die Eck gelehnt und lachst mich nun an mit Deinem Todtenkopf? Hier hast Eins, hier!« Er ergriff die Peitsche wieder und schlug nach der Ecke, aber vergebens. Das Phantasiegebilde, welches er zu erblicken wähnte, tauchte immer von Neuem auf, bald hier, bald dort, er konnte zürnen oder bitten und schlagen wie er wollte. Da endlich sank er mit dem Kopfe in die Lehne zurück und ächzte: »Ja, Dich kenn ich schon! Du gehst halt nicht eher, als bis ich klein zugeben und Dir gebeicht hab. Willsts heut wohl auch wieder wissen?« Nach einer kurzen Pause, während welcher er wie auf eine Antwort gelauscht hatte, fuhr er fort: »Ja, ich solls sagen! Nun gut, ich hab sie erwürgt. Jetzt kannst gehen!« »Jetzt meint er die Südana!« flüsterte der Fex. »Horch! Er redet ja weiter!« Wirklich fuhr der Müller fort: »Ihr Bild willst wieder sehn, der Andern ihrs? Hasts doch bereits schon tausendmal gesehen! Aber ich wills Dir doch noch mal zeigen, sonst bleibst da stehn in alle Ewigkeit.« Er machte die geschwollenen Beine auseinander, bückte sich mühsam nieder, griff mit den Händen zwischen seinen Beinen an die vordere Seite des Sitzes seines Polsterstuhles, nestelte da ein Weilchen herum und zog dann einen Kasten heraus. »Schau, da giebts ein verborgenes Geheimniß,« flüsterte der Wurzelsepp. »Das hätt ich nicht gedacht.« »Ich auch nicht. Niemand hats gewußt, daß ein Kasten im Stuhl ist. Aber sei still! Wir müssen hören, was er weiter spricht.« Der Müller hatte den Kasten nicht ganz herausziehen können, weil ihm dabei die Beine im Wege waren. Aber derselbe stand doch so weit offen, daß er hinein langen konnte. Er zog eine Photographie heraus, hielt sie empor und sagte: »Da schau ihr Bild! Hier ists. Nun bist wohl zufrieden?« Aber die Gestalt, welche er zu sehen meinte, schien nicht zufriedengestellt zu sein, denn er fuhr gleich fort: »Nicht? Du schüttelst den Kopf? Was willst dann noch sehen? Etwan die Papieren oder gar mein Geld? Das bekommst nimmer zu schaun. Das ist verdientes Geld und kein geraubtes. Ja, wann ich den Schatz gefunden hätt, droben am Scheideweg, der dort vergraben ist, der hätt mir nicht gehört. Da könntst so eine Visagen machen. Geh fort, geh, sonst werf ich Dir hier die Flaschen an den Kopf!« Er griff nach einer Branntweinflasche, welche auf dem Tisch stand. Der Duft des Getränkes schien ihn aber auf den Gedanken zu bringen, daß es besser sei, den Inhalt zu trinken als ihn einem Geiste an den Kopf zu werfen. Er setzte die Flasche an den Mund und that einen tüchtigen Zug. Dieser Schluck kräftigte ihn und seine Nerven so, daß die Gesichts-Hallucination sofort von ihm wich. Er sah keinen Geist mehr. »Ha!« lachte er in befriedigtem Grimm. »Jetzt ist er fort, der Geist! Er hat sich vor der Flaschen gefürcht. Oder ist ers, der den Schatz bewacht, und nun hat er Angst, daß ich doch noch mal nach demselbigen suchen möcht. Da ist er gleich fort, um ihn zu behüten. Ja, den, wann ich finden könnt! Das sollen lauter Goldstuckern gewesen sein. Dieses Geld und nachher das, was ich hier im Kasten hab, da war ich grad ein Millionenreicher. Dann thät ich nach einem schönen Bad fahren, wo sie Einem die krummen Knochen wieder grad machen, und lebt nachhero wie das Herrgottle in Frankreich. Oh, ich bin müd und will nun schlafen. Wann nur der Gespensterl nicht wiederkommt!« Er senkte das Kinn auf die Brust und schloß die Äugen. Die Lauscher blickten noch eine kleine Weile durch das Astloch und den Ritz; dann sagte der Sepp: »Es ist nun wohl gut. Er sagt nix mehr und wird einischlafen. Wollen wir gehn?« »Ja, komm! Ich hab genug gehört.« Sie verließen ihren Lauscherposten; aber bereits nach wenigen Schritten blieb der Fex stehen und sagte: »Du, Sepp, was sagst von dem Bild?« »Es war eine Pfotografieen.« »Ja, das weiß ich gar wohl. Ich habs ebenso gut gesehn wie Du. Aber ich mein, wessen Bild es wohl sein mag.« »Wohl von Der, die er ermordet hat.« »Also von meiner Südana.« »Das wirds sein. Wann ich mir seine Worten richtig überleg, so kanns nix Andres bedeuten.« »Ich muß sie sehen!« »Da hätt ich auch eine Lust dazu.« »Und die Papiere, von denen er redete. Ich mein', daß sie für mich wichtig sind.« »Freilich wohl. Aber wie willsts halt anfangen, daß Du sie Dir anschaun kannst?« »Das weiß ich nicht. Er sitzt die ganze Zeiten auf dem Polsterstuhl bei Tag und bei Nacht. Er ist gar nimmer hinweg zu bringen.« »Meinst? Hm!« »Was brummst da in den Bart? Da helfen weder gute Worten noch die Grobheit Etwas. Er steht nicht auf von dem Stuhl.« »Ja, die Grobheiten nicht und auch die guten Worten nicht, aber – aber – hm – –hm!« »Weißt etwan ein Mittel?« »Vielleicht.« »Welches?« »Die List.« »Ja, die List! Aber da bin ich gleich da, wo der Strick alle wird. Zur List bin ich nimmer geboren.« »Du nicht? Da kennst Dich selber noch nicht. Ich kenn Einen, ders vielleicht fertig brächt. Der hat bereits so viele Narrenstreich' verübt, daß er sich nur mal hinterm Ohr zu kratzen braucht, so fallt ihm gleich ein guter Gedank heraus.« »Und wer mag das sein?« »Das fragst auch noch? Der Sepp ists, der Wurzelsepp.« »Du?« »Ja. Oder meinst vielleicht, daß ich Einer von den Dummen bin, welche die Hosen nicht anders an die Beine heraufziehen können als mit der Beißzangen oder der Kneipzangen?« »Nein, das denk ich schon nimmer. Du bist halt nicht auf den Kopf gefallen, und grad hinter Deiner Stirn krabbeln gar viele bunte Raupen herum. Das aber, was Du meinst, das ist gar sehr schwer.« »Nun, ich werd schaun, ob es nicht leicht zu machen ist. Was hat er wohl mit dem Schatz gemeint?« »Das ist eine große Dummheiten. Schau, die Leut hier denken, daß der Franzosenkaiser dazumal, als seine Soldateln hier durchkommen sind, eine große Kriegskassen hier vergraben hat, und die soll noch daliegen.« »Wo?« »Da zwischen der Mühlen und der Stadt, wo der Weg rechts abgeht nach dem Dorf.« »Ah, da! Hm! Ob der Müllern allbereits schon mal nachgraben hat?« »Fast scheint es so.« »Werd mirs überlegen.« »Was? Wegen dem Schatz? Da ists gefehlt. Das von der Kriegskassen ist nur eine Albernheiten.« »Für uns ists keine Albernheiten. Da kannst Dich drauf verlassen. Und an was ich denk, und was ich mir überlegen will, das brauch ich Dir auch nicht grad auf die Nasen zu binden. Komm, wir wollen gehen und noch eine Musiken machen!« »Ja, aber keine solche wie vorhin.« »Willst doch nicht noch die Vigolinen des Concertmeisters holen?« »Die Vigolinen und auch die Musikstucken, die er heut gezeigt hat.« »Du, wannst erwischt wirst!« »Da werd ich mich schon in Acht nehmen. Es geht ganz leicht. Er schlaft in der Schlafstuben und daneben liegt die Wohnstuben, wo die Geigen liegt. Da steht immer des Nachts das Fenstern auf.« »Kannst denn hinauf?« »Ja, ich brauch nur auf das Dingerl zu klettern, was sie die Veranda nennen; da ist gleich das Fenstern, wo ich hineinsteig. Und nachhero, wann wir fertig sind, trag ich ihm seine Sachen wieder hinauf. Da ist er noch gar nicht aufistanden und wird also gar nix merken.« »Du hast sakrische Anlagen zu einem Spitzbubrich! Mir wird fast angst um Dich. Aber ich will Dich doch nicht allein lassen, sondern mitgehen. Wann ich nicht selber so ein Musikgokerl wär, würd ich mich halt schon sehr hüten, so eine Einbrechereien mit zu machen. Aber ich möcht auch gern hören, wie so ein Concertmeister-Instrumenten klingt. So komm also! Wir wollen schaun, ob wir die Vigolin wegkneipen können. Aber in Acht nimmst Dich! Verstehst?« Sie schlichen sich die Anhöhe zur Villa hinan. Zum Glück stand der Mond nach der entgegengesetzten Seite des Hauses, so daß die Veranda im Schatten lag. Dort angekommen, umschlich der Fex zunächst das Haus, um sich zu vergewissern, daß kein Lauscher vorhanden sei; dann stieg er auf Sepps Schultern und schwang sich hinauf. Sepp sah, daß er im offenen Fenster verschwand. Nach wenigen Augenblicken leuchtete ein Licht oben auf. Nach einiger Zeit verlöschte es, und der Fex kam wieder heraus auf die Veranda gestiegen. »Fang die Vigolinen auf und die Noten!« flüsterte er von oben herab. Der Wurzelsepp that dies und sagte dann, als der Fex leise herabgestiegen war und nun neben ihm stand: »Was fallt Dir ein, Du Sapperlotern Du! Was hast ein Licht anzubrennen!« »Ich muß doch Licht haben, wann ich die richtigen Noten finden will.« »Aber Du konntst erwischt werden!« »Nein. Die Thür zu der Schlafstuben war zu. Jetzt aber komm, daß wir uns weiter machen! Ich kanns kaum erwarten, auf dieser Geigen zu spielen.« Sie gingen und verschwanden nach kurzer Zeit unter dem Grabe der Zigeunerin. Ein Glück für sie, daß der Italiener gleich nach seiner Heimkunft schlafen gegangen war. Wenn jetzt nun Jemand in die Nähe des Grabfelsens gekommen wäre, so hätte er noch ganz andere Töne und Weisen gehört als Diejenigen, denen vorhin der König mit Wagner und dem Konzertmeister gelauscht hatten. Später, als der Mond untergegangen war und der Morgen bald graute, schlichen sich die beiden Freunde wieder zur Villa, um die Violine zurück zu bringen. – – Viertes Capitel. Schalksstreiche. Es war schon spät am andern Morgen, da kam der Wurzelsepp langsam auf die Mühle zugegangen. Er trat in den für Gäste bestimmten Vorgarten und setzte sich wie gestern an einen der Tische. Eine Magd war beschäftigt, Unkraut zu jäten. Sie war eine übergroße, breitschulterige Gestalt. Wenn sie zur Zeit des preußischen Soldatenkönigs gelebt hätte und von diesem gesehen worden wäre, so hätte dieser sich ganz gewiß sofort ihrer bemächtigt, um sie einem seiner Riesengardisten zur Frau zu geben. Ihre Züge waren grob wie ihre ganze Gestalt und ihre Bewegungen eckig und massig. Sie hatte den Alten kommen sehen, nahm sich aber nicht die Mühe, zu grüßen. Ihr Character erlaubte ihr selbst diese einfache Höflichkeit nicht. »Nun, Käthe,« sagte er, »siehst mich nicht?« Sie antwortete nicht, und so fuhr er fort: »Ja, ich glaubs gar wohl, so eine gar Schöne und Jugendliche wie Du mag so einen alten Knaxer, wie ich bin, gar nicht anschaun. Könntst Dich sonst an mir vergaffen und dann bald auch so einen Schnurrbarten bekommen, wie ich einen hab.« Da fuhr sie aus ihrer gebückten Stellung schnell empor. Er hatte sie bei ihrer verwundbarsten Seite angegriffen, denn die schöne Käthe besaß bereits einen ganz respectablen Haarwuchs unter der Nase. Ihr Gesicht glühte vor Zorn, als sie sich nun hören ließ: »Was sagst? Was meinst? Einen Schnurrwichsen hätt ich im Gesicht?« »Nein, das hab ich nicht gesagt; ich hab nur gemeint, daß Du Dir an mir einen verschaun könntst.« »Das versteh ich halt schon, wiests meinst! So ein alter Gansrichbraten, der gar nimmer weich wird, sollt sich um sein selig End kümmern, aber nicht um andre Leut! Dich kenn ich auch schon gut! Du bist wie der Ameis, der auch gleich beißt, wo er hinkommt. Für uns Beid', für Dich und mich, wärs auch am Besten, wann Eins davon vom Teuxel geholt würd; da käm ich allerwegen gleich in den Himmeln.« »Ja, Du! Dich, wann Du dann ein Engelein wärst, möcht ich singen und trompeten hören. Das möcht auch klingen grad wie ein Dudelsacken, wann in demselbigen die Ratten ihre Jungen futtern. Warum kannst denn nicht fein höflich grüßen, wann ein Gast kommt, der ein Geldel hier verzehren will?« »Du? Ein Gast, der eine Zechen machen will? Du wärst auch der Richtige dazu! Du kaufst Dir für zwei Pfennige ein Bier und nachhero für drei Pfennige ein feins Mittagsessen; aber warm muß es sein, und drei Gänge muß es haben oder gar vier. Wann Du Dich auf den Kopf stellst und die Bein' gen Himmel streckst, so fallt Dir kein Groschen aus der Taschen. So ists, und nun weißts!« »Himmelsakra, hast Du eine Schneid und ein Maulwerk! Ich will Dich grad nicht beschrein, aber wann die Russen kommen und die Franzosen, so kannst ganz allein das Deutschland retten. Brauchst blos Dein Plappermaul in Gang zu setzen, so reißen die Kossaken aus und die Zuaven und Turkiko's bis hinauf ins Sibirium hinein. Jetzt aber nun wisch Dir die kleinen Patscherln ab und geh hinein. Ich brauch ein Bier und ein Käs mit Brod. Aber gutes Maaß, verstehst, sonst heirath ich Dich hier auf der Stell'.« Seine Antworten hatten etwas Lustiges an sich, so daß sie nicht wohl noch gröber werden konnte. Darum wischte sie sich, wie er scherzhaft gesagt hatte, ihre großen Dragonerhände an der Schürze ab und fragte in milderem Tone: »Hast dann auch Geld?« »Mehr als Du!« »Zeigs her!« »Hier ists! Davon kann ich fragen: Was kost't die Welt und auch die Thalmühlen dazu mit sammt der Käth!« Er griff in die Tasche und warf eine Anzahl Pfennige und Zweipfennigstücke auf den Tisch. »Damit willst die Welt kaufen?« meinte sie. »Na, mit dera Million lockst auch kein Hund aus der Hütt. Aber für ein Bier mit Käs und Brod wirds wohl ausreichen. Ich werds holen.« Sie schickte sich an, in das Haus zu gehen. In diesem Augenblicke trat Paula, die Müllerstochter, aus der Thür. Sie hatte einen belegten Teller in der Hand. Sie sah rosig aus wie ein junger Sommermorgen. Als sie den Alten erblickte, erglänzte ihr liebliches Gesichtchen vor Freude, und sie rief ihm bereits von Weitem zu: »Wurzelsepp, Du bist hier? Das ist ja recht lieb und gut von Dir! Sei auch willkommen bei uns!« »Willkommen Du auch, Herzensdirndl,« lachte er fröhlich. »Das klingt allbereits doch ganz anders als vorhin bei der Käth, die mir ein Gesicht gemacht hat wie ein Scheffel voll verfaulte Zwieberln!« »Ist sie ungut mit Dir gewesen?« »Na, ich will nicht über sie klagen, sonst bekomm ich von ihr den richtigen Buckel voll Prügeln. Da steht sie noch, anstatt daß sie mir bringt, was ich begehrt hab. Was hast denn da auf dem Tellern? Ah, ein Butterbemmen mit Rauchwursten! Das laß ich mir gefallen! Und was für eine Portionen! Hast schon einen solchen Hunger in der Fruh?« »Ich nicht.« »Wer denn sonst?« »Der Fex.« »So! Ihm willsts hintragen?« »Ja. Es ist sein Fruhstucken.« Da trat schnell die Magd herbei. »Was! Dem Fex willsts hinschaffen?« fragte sie. »Ja.« »Hast nicht gehört, daß er nix bekommen soll!« »Er kann doch nicht hungern?« »O, er soll hungern; der Müllern hats befohlen.« »Das hat der Vatern nicht so schlimm gemeint.« »Wie ers gemeint hat, das geht mich nix an. Der Fex, der Faullenzer und Lodrian, soll nix bekommen, und ich darf nicht dulden, daß Du es ihm giebst. Her damit! Ich werds Deinem Vatern erzählen!« Sie riß ihr den Teller aus der Hand und eilte mit demselben in die Mühle. »Was fallt Dieser ein!« meinte Paula ganz erstaunt. »Wer hat hier zu befehlen, sie etwan?« »Ja,« antwortete der Wurzelsepp. »Die Käth ist eine zuwidere Personen. Ich kann sie nimmer leiden. Wann ich sie schau, so ists mir immer, als ob ich ein Seekalb vor Augen hätt!« »Jetzt werd ich ihr nachlaufen und ihr den Marsch blasen, wie sie ihn noch nimmer gehört hat!« Zornig drehte Paula sich um und folgte der Magd in die Wohnstube, aus welcher bald die laute, scheltende Stimme des Müllers zu hören war. Sie kehrte nicht wieder zurück. An ihrer Stelle kam die Magd, um dem Sepp das Bestellte zu bringen. »Nein, so eine Ungehorsamkeiten!« sagte sie. »Jetzt will sogar die Tochtern dem Vatern nicht mehr gehorchen. Ich, wann ich das dem meinigen gemacht hätt!« »Was hätt der da gethan?« »Er hätt mir ein Ohrwatschen geben, das mir der Verstand stehen blieben wär.« »Ach so! Bei Dir steht er nicht?« »Wie meinst das?« »Er lauft davon? Nun, dann wär so ein Ohrwatschen ja recht gut für Dich.« »Hör Sepp, fang nicht etwan wieder an, mit mir zu beginnen! Ich hab keine Lust, mich mit Dir zu ärgern. Man hat so schon genug Grimmigkeiten und Zürnewuth. Der Fex hats verdient, daß ihm die Seel vor Hunger schreit.« »Womit denn?« »Das fragst auch noch? Scham Dich, Alter, daßt noch so dumm bist. Ich, wanns auf mich ankommt, geb ihm kein Stuckerl Brod mehr in das Maul.« »Und Deine junge Herrin zeigst bei ihrem Vatern an! Das ist ja recht schön von Dir!« »Das soll die Herrin sein? Die kaum erst aus dem Ei krochen ist? Das kann mich gefreun!« »Na, was hat der Müllern gesagt?« »Gelobt hat er mich, daß ich seine Befehle so achten und ehren thu.« »Ja, Du bist die Lieblingsperson in der Mühlen und auch im ganzen Ort. Aber der Fex wird trotzdem heut nicht hungern.« Er packte das Brod und den Käse in seinen Rucksack. »Wie meinst das? Willst ihm das wohl hintragen?« »Ja.« »Das darfst nicht!« »Wer wills mir wehren?« »Ich« »Du? Ja, Du bist die richtige Personen dazu! Vor Dir hab ich so einen Respect, daß ich vor Hochverachtung schier ganz krumm und bucklig werd.« »Ich werds dem Müllern sagen!« »Meinst, daß der mirs auch verbietet?« »Ja, das mein' ich halt.« »Ich glaubs nicht.« Während er das sagte, glitt ein pfiffiger Zug um seinen Mund. Sie antwortete schnell: »Ich will Dirs sogleich beweisen!« Sie eilte fort, zum Müller. Sepp blickte ihr lächelnd nach und brummte vor sich hin: »Jetzt hab ich sie gefangt. Jetzt will sie mir zuwider sein und thut doch grad das, was ich gewollt hab. O, das Weibsvolk, was ist das doch so schwach und albern gegen uns Männern! Da braucht man nur blos mit dem Fingern zu schnippsen, so laufens gleich dorthin, wo man sie haben will. Wär diese dumme Käthchen nicht gewesen, so hätt ich gar nicht gewußt, wie ich meine Sach bei dem Müllern anbringen sollt.« Nun erschien die Magd wieder unter der Thür. Sie winkte dem Sepp und rief ihm zu: »Sollst sogleich hereinkommen zum Müllern und Deine Reproschen und Auszahlung empfangen!« Er stand von seinem Sitze auf und brummte, indem er diesem Gebote Folge leistete, vergnügt in den Bart: »Vor dieser Reproschen fürcht ich mich schon nicht. Aber Du dumme Käth sollst eine Auszahlung erhalten von meiner Statt; dafür werd ich sorgen. Warte nur!« Als er bei dem Müller eintrat, saß dieser auf seinem gewöhnlichen Platz. »Grüß Gott, Thalmüller!« grüßte er. Der grimmige Mann antwortete ihm nicht, sondern blickte ihm zornig entgegen und fuchtelte mit der Peitsche in der Luft herum. Der Wurzelsepp that, als ob er dies gar nicht bemerke. Er setzte sich auf den nächsten Stuhl, legte die Beine bequem über einander, zog den Rucksack und die Zither nach vorn, daß er sich gut anlehnen konnte, und fragte: »Du hast mich rufen lassen. Was willst Du von mir?« »Was ich will? Ausschelten will ich Dich.« »Mich? Was bist doch heute für ein Spaßvogel!« »Oho! Ich scherze gar nicht, sondern ich meins ganz im Ernst. Was hast mit dem Fex?« »Mit Dem? Gar nix.« »Warum willst ihm da Dein Brod hintragen?« »Weil er Hunger hat.« »Den soll er haben!« »Verduseli! Den soll er haben? Warum denn?« »Weil er nimmer gehorcht!« »Ach so! Das hab ich nicht gewußt« »Also schau! Wirst ihm das Brod auch nun noch geben?« »Nein. Wann er so ein Zuwiderwurzen ist, so ists ihm ganz recht, wann sein Magen Fasttag hat.« »Das ist gescheidt von Dir. Wann Du anders gesprochen hättst, so wär Dirs schlecht ergangen.« »Wieso wohl?« »Nun, ich hätt Dir die Peitschen um den Kopf gepfiffen, daß Du hättst gedacht, der Hund und die Katz fressen aus einer Schüssel!« »Das hättens auch than, die Beiden!« sagte der Sepp mit allem Nachdruck. »Was willst damit meinen?« »So wärst Du der Hund gewesen und ich die Katzen. Hätt ich die Peitsch schmecken müssen, so hättst Du sie auch bekommen. Das ist doch nachher aus einer und derselbigen Schüsseln gefressen.« Die Augen des Müllers blitzten auf. »Du hättst mich gehauen? Was?« »Ja, und zwar tüchtig und kuraschirt!« »So hätt ich Dich dafür umgebracht!« »Du mich?« Er lachte laut auf. »Du armes Wurmerl! Du kannst nimmer von Deinem Stuhl hinweg und willst mich umbringen! Eh Du die Hand aufhebst bin ich ja bereits schon zur Thüren hinaus, oder ich hab Dich angefaßt und werf Dich in der Stub herum, daß Du in lauter Stucken ausnander fliegst, die Beine dahin und der Kopf dort hin!« »Du, das sagst mir nicht noch mal!« »Warum etwan nicht?« »Weil ich das nicht dulden werd!« »Nicht? Meinst etwan, daßt gescheidter bist als ich?« »Hundert mal mehr.« »So! Das gefreut mich sehr! Aber da kennst mich schlecht. Wann Du gescheidt bist, nachhero giebts eben gar keinen Dummen mehr in der Welt. Dich halt ich zum Narren und fuhr Dich an der Nasen herum, ohne daßt nur ein kleins Ahnungerl davon hast!« Der Müller erhob die Peitsche. »Laß Deine Peitschen in Ruh! Schau, hier hab ich den Bergstock in der Hand. Ein Hieb mit Deiner Peitschen, und ich schlag Dir den Stock auf den Kopf, daß Du meinen sollst, alle Glocken im bayrischen Land läuten zur Kirchweih! Verstanden! Oder meinst, weil Du reicher biß? Pah! In kurzer Zeit bis ich tausendmal reicher als Du.« Das Gesicht des Müllers war vor Zorn dunkelroth geworden. Nur mühsam stieß er hervor: »Du? Reicher als ich? So ein Haderlump wie Du? Da möcht ich auch wissen, woher Dus nehmen wolltst!« Der Wurzelsepp stellte sich auch sehr erbost. Er that, als ob er nur im Grimme das Geständniß mache: »Woher? Daher, wo Du freilich kein Garnix bekommst! Vom Schatzheben nehm ichs her!« Das Gesicht des Müllers veränderte sich sofort. Er horchte auf, sah den Sepp erstaunt an und fragte: »Vom Schatzheben?« »Ja.« »Ists wahr?« »Freilich – aber Himmelsakra, jetzt hab ich mich versprochen! Jetzt ists mir herausgefahren! Nein, das wollt ich nimmer sagen! Ich hab halt nur Spaß gemacht.« »Spaß? Das ist nicht wahr.« »Freilich ists wahr!« Und in sehr eindringlichem Tone fügte er hinzu: »Das vom Schatz darfst wirklich nicht glauben, Thalmüller!« »Oho! Meinst etwan, daßt mich jetzt betrügen willst? Nein, an der Nasen laß ich mich schon nicht herum führen, wannts auch vorhin gesagt hast. Ich habs Dir ganz genau und accuratemang angesehen, daß es Dein Ernst gewesen ist. Gesteh nur!« »Und ich sag, daß Du Dich irrst.« »Nein und tausendmal nein! Und wann Du es nicht gestehen willst, so werd ich Dich einen Lügner nennen, so lang Du lebst. Verstanden!« »Nun, ein Lügner ist der Wurzelsepp all sein Lebtag nimmer nicht gewesen. Das weißt ja.« »So lüg auch jetzund nicht! Willsts gestehen?« »Es ist ja nur ein Traum!« »Sakkerment! Ein Traum! Das ists ja eben, worauf es ankommt! Hast von einem Schatz geträumt?« »Ja.« »Wann?« »In letzter Nacht.« »Wo er liegt?« »Ja, eben das.« »Nun, so sag mir, wo er liegt!« Der Sepp blickte dem Müller mit größtem Erstaunen in das Gesicht und antwortete dann: »Das soll ich Dir sagen? Das?« »Freilich!« »Was fallt Dir ein! So dumm bin ich nicht.« »Liegt er etwan hier in der Nähe?« Er blickte den Alten mit wirklich ängstlicher Spannung an. Dieser aber meinte kopfschüttelnd: »Nein, sehr weit von hier. Es ist drüben gegen die österreichische Grenz hinüber.« Da lichtete sich das besorgte Gesicht des Müllers schnell wieder auf. »Da drüben? Ach so! Hast den Ort denn wirklich ganz deutlich geträumt?« »So deutlich, daß ich ihn des Nachts finden kann. Ich kenn ihn schon bereits seit langer Zeit.« »Wird Dich aber doch nix nützen.« »Warum?« »Weil Du den Schatz nicht heben kannst.« »O Jerum! Da bist schief gewickelt!« »Weißt dann nicht, daß ein jeder Schatz auch von Geistern bewacht wird?« »Das weiß ich sehr wohl, besser als Du.« »Aber diese Geister muß man bannen!« »Auch das weiß ich.« »Wie willst das anfangen?« »Das ist meine Sach,« antwortete der Sepp im zuversichtlichen Tone, indem er mit den Augen blinzelte. »Du! Willst etwan klüger thun, als Du bist?« »Nein, gar nicht. Vor denjenigen Geistern aber brauch ich mich nimmer zu fürchten.« »So kannst sie bannen?« »Was gehts Dich an!« »Nix, aber ich verinteressir mich für solche Sachen.« »So glaubst auch an Geister?« »Ei wohl.« »Und an den Teufel?« »Grad ebenso.« »So wärst eigentlich ganz der richtige Mann für so Etwas. Ich hab mir lange, lange Zeit gewunschen, daß es mir einmal von einem Schatz träumen sollt. Wie man ihn leicht heraus bekommt, das hab ich allbereits schon seit ewig langer Zeit gewußt; aber wo einer liegt, das hab ich nimmer erfahren können. Nun endlich hat mirs in verwichener Nacht ganz deutlich träumt, und jetzt weiß ich gewiß, daß ich ein reicher Mann sein werd.« Der Müller hatte ihm die Worte förmlich von den Lippen hinweg gelesen. Er beugte seinen Kopf so weit wie möglich vor und fragte in größter Spannung: »Also Du weißt, wie man einen Schatz heraus bekommt? Du weißt es richtig und wirklich?« »Ja.« »Woher?« »Das ist meine Sachen aber nicht die Deinige.« »Geh! Thu doch nicht so verschweigheimlich damit! Mir kannsts schon sagen.« »Dir? Du bist grad der Letzte, dem ichs sagen möcht!« »Warum?« »Hast mich nicht eben erst prügeln wollen?« »Das war nur ein Gespaß von mir.« »Ach so! Du spaßest Dich mit der Peitschen?« »Ja. Ein Jeder hat seine eigne Art und Weisen. Auch will ich ja nicht Alles genau wissen, sondern nur, wie Du es erfahren hast.« »Wanns nur das ist, so kann ich Dirs schon sagen. Schau, als ich da drüben im Oesterreichischen war, um meine Wurzerln zu verkaufen, hab ich einmal in einem Kloster übernachtet. Da ist die Thürschwellen verfault gewesen in der Zellen, in welcher ich geschlafen hab, und da hat Etwas darunter herausgeschaut, grad wie etwas Geschriebenes.« »Was wars?« »Wart doch nur! Ich habs unter der Schwellen hervorgezogen, und da ists ein Heft gewesen, von Pergamenten, mit allerlei Kreisen, Kreuzen und anderen Figuren und mit einer Schrift in einer ganz fremden Sprachen.« »Du kannst ja nicht lesen!« »Ich kann unsere Sprachen nicht lesen, diese fremde abers erst recht nicht.« »So hat Dich dieses Pergamenterl doch auch gar nimmer nix nützen können?« »Meinst? Schau, jetzt kommts heraus, daß ich dennerst gescheidter bin und klüger als Du. Sag mir doch, was hättst mit dem Hefterl gethan?« »Ich hätts freilich heimlich mitgenommen.« »Das hab ich natürlich auch than. Aberst nachher?« »Nachher hätt ichs von Einem lesen lassen.« »Von wem?« »Von einem gelehrt Studirten.« »Ja, aber der hätts für sich gelesen und Dir gar nicht zurückgegeben.« »Da wär er freilich schön ankommen bei mir!« »Was hättst dagegen thun wollen?« »Ihn anzeigen.« »So hätt das Gericht gefragt, woher Du das Pergamenterl hast. Verstanden! Und weil kein gar Niemand so eins haben darf, wärst gar noch bestraft worden mit Gefängniß und Karzer.« »Nun, was hast dann Du da gemacht?« »Weißt, bei mir gings sehr gut. Ich hab eine alte Muhm. Der ihr Vettern mütterlicher Seits hat mal bei einer Familie Gevattern gestanden, wovon dero jüngste Sohn nachher geheirathet hat. Dem seine Tochter hat einen Bauern zum Mann genommen, dem seine Bas' einen Liebsten hat, dessen Bruderssohn ein beinahe Studirter ist. Er ist noch nicht ganz fertig, aber er kennt die Sprachen, in der man mit den Geistern reden thut.« »Sakra! Demselbigen hasts zeigt?« »Ja.« »Das ist freilich etwas Andres. So ein naher Verwandter wird Einen nimmer verrathen. Was für eine Sprachen ists dann gewest?« »Die Schleswig-Holsteinsche.« »Alle Wettern! Die hat er verstanden?« »Sehr gut. Und nachher hat er mir das ganze Pergamenterl ins Deutsche übersetzt.« »Aber dann hasts dennerst noch nicht lesen können!« »Das braucht ich nicht. Nachhero bin ich heimkommen und hab mirs von meinem Nachbarsbuben so lange vorlesen lassen, bis ichs auswendig konnt hab. Schau, so muß mans machen.« »Ja, Du bist nun fast ein gar sehr Gescheidter. Aber was hat auf dem Pergamenterl gestanden?« »Fast möcht ich Dirs gar nimmer sagen.« »Geh! Warum nicht? Ich bin doch Dein guter Freund! Das weißt schon längst. Komm her, und trink mal mit mir! Da steht die Flaschen.« Er gab ihm die Schnapsflasche hin und sagte, als der Sepp einen tüchtigen Zug gethan hatte, in möglichst gewinnendem und herzlichem Tone: »Was zwischen uns gesprochen wird, das erfährt kein Anderer nicht. Da drauf kannst Dich schon verlassen! Also sags: Was hat drauf gestanden?» »Der dreifache Höllenzwang.« »Alle guten Geister – – –!« »Ja!« nickte der Alte wichtig. »Was ist denn das?« »Nun, man kann die Geister auf dreierlei Art zwingen, nämlich auf einerlei Art, auf zweierlei Art und auf dreierlei Art. Verstanden?« »Ja.« »Und deshalb heißts der dreifache Zwang. Und weil diese Geister meist zur Winterszeit, wann es kalt ist, in der heißen Höllen wohnen, wo man sie damit herauszwingen thut, so heißts der dreifache Höllenzwang.« »Ists so! Ja, nun kann ichs begreifen. Aber ob sie sich auch wirklich zwingen lassen?« »Warum nicht? Sie müssen ja! Schau, so ein Pergamenterl ist wie ein Wechselpapier. Wanns kommt, so mußt zahlen, sonst wirst ausgepfändt. Nicht?« »Ja.« »Und wann ich das Pergamenterl hab, so müssen die Geister gehorchen, sonst – sonst holt sie der Teufel.« »Sappermentl! Da haben die's doch auch sehr streng!« »Das kannst Dir denken. Warum sollts denn in der Höllen hübscher sein als bei uns?« »Hast Recht! Du hast überhangt eine ganz besondere Arten und Weisen, es Einem zu erklären.« »Das liegt daran, daß mein Vatern, als ich auf die Welt kommen bin, gemeint hat, daß ich einmal Schulmeister werden sollt. Seit demselbigen Tag hab ich an Weisheit und Verstand immer weiter zugenommen, könnt aberst doch kein Schulmeister werden, weil ichs so gar sehr auf die Wurzelsucherei abgesehen gehabt hab. Ein Jeder machts eben nach dem seinigen Gusto.« »Hast nicht Unrecht. Wurzeln werden auch gebraucht. Aber wie ists nun eigentlich mit dem Pergamenterl? Wie fangt mans an, um die Geistern zu bannen?« »Zuerst muß man sich in Acht nehmen, daß es stets am richtigen Tag geschieht.« »Welcher ist das?« »Immer der zweite Tag nach dem Vollmond.« »Sakra! Das war ja morgen!« »Ja, grad morgen ist so ein Tag.« »Und was hat man an demselbigen zu thun?« »Weißt, das ist sehr verschieden. Das richtet sich ganz nach dem Ort, wo er liegt, und auch nach noch anderen Dingen. Aber auf alle Fälle muß man einen Geist haben, um den Schatz empor zu bringen. Den muß man rufen.« »Kommt er nachhero?« »Ganz gern.« »Wie ist der Ruf?« »Das soll ich Dir etwas sagen und verrathen?« »Warum nicht?« »Hast etwan auch einen Schatz?« »O nein.« »So brauchsts auch nicht zu wissen.« »Aber aus Wißbegierde. Ich thu Dir auch schon bald einmal einen andern Gefallen!« »Das ist schon gut. Aber – –na, wann ich Dir auch diesen einen Vers sag, so weißt doch die andern nicht. Aber er ist schwer zu merken.« »Ich merks mir schon.« »Vorher muß man einen Erbschlüssel haben.« »Davon hab ich bereits auch gehört. Was ist das aber für ein Schlüssel, ein Erbschlüssel?« »Nun, einer, den Du geerbt hast und nicht gekauft.« »Da hab ich mehrere.« »Schau, wann Du dieselbigen mal gebrauchen könntst! Ich hab nur einen einzigen.« »Was thut man damit?« »Das kann ich nicht verrathen.« »Aber der Vers?« »Der lautet: »Ambos, Hexos, Hippopodamos. Nun ist auch gleich der Teufel los.« »Das kann man sich schon merken. Aber warte dennerst ein Wenig. Ich werds mir aufschreiben.« »Warum?« »Ums zu merken.« »Du willst doch nicht einen Geist bannen!« »Nein, aber ich hab Dir bereits gesagt, daß ich mich grad für diese Sachen gar sehr verinteressir.« Er nahm eine Schiefertafel vom Tisch, ließ sich die zwei Zeilen nochmals sagen und schrieb dieselben mit schwerer Hand auf die Tafel. »So!« sagte er. »Also wann man dies sagt, so kommt der Geist.« »Auf der Stellen.« »Wie schaut er aus? Wohl fürchterlich?« »Gar nicht. Es kann sogar vorkommen, daß man ihn gar nicht zu sehen bekommt, nämlich wann man sich das Gesicht verdecken muß. Es kommt eben ganz auf den Ort an, an welchem der Schatz vergraben liegt, und auch auf den, der ihn vergraben hat.« »Nun, wanns nun eine Kriegskassen wär?« »O, die läßt sich sehr leicht heraufheben.« »Warum?« »Weils eigentlich keine bestimmte Person geben hat, der diese Kassen gehört hat. Ich, wann ich so eine wüßt, die müßt in einer Dreiviertelstunden heraus. Und dabei thät ich gar nach spazieren fahrn.« »Da machst wohl nur blos Spaß?« »O nein. Es ist mein richtiger Ernst. Aber die andere Person muß auch zuverlässig sein und muthig dazu.« »Welche Andre?« »Das Weibsbild, welches man dazu braucht.« »So macht mans nicht allein?« »Nein. Zwei müssens sein, ein Mannsen und ein Weibsen, sonst gehts halt nicht. Man muß sich das größte und stärkste Weibsbild heraussuchen, welches man im Haus besitzt.« »Das war bei mir die Käth.« »Ja, die ist stark genug.« »Was hätt sie da zu machen?« »Das ist auch wieder unbestimmt. Auf diese Frag und auf noch gar viele andre kann man keine Antwort geben, wann man nicht weiß, um was sichs handelt. Und weil Du keinen Schatz zu heben hast, so ists ganz unnütz, davon zu reden. Ich hab heut mehr zu thun. Ich muß jetzt in die Stadt hinein.« Er stand von seinem Stuhle auf. Das war dem Müller höchst unangenehm, denn dieser hätte den Alten doch gar zu gern vollends ausgefragt. Er war fast überzeugt, daß der Sepp es verstehe, Geister zu citiren, und doch wollte er ihm nicht mittheilen, daß er einen Schatz liegen wisse. Es kam nun jetzt darauf an, sich zu vergewissern, daß der Alte baldigst wiederkomme. Darum fragte der Müller: »Bleibst noch lange hier?« »Bis ich meine Wurzeln verkauft hab.« »So gehst doch heut noch nicht?« »Nein.« »Und wo wohnst?« »Bald hier und bald da.« »Könntst doch bei mir schlafen!« »Dank sehr schön! Das will ich nicht verriskirn.« »Warum nicht?« »Weils bei Dir die Peitschen setzt, aber nix zu essen.« »Das ist doch nur beim Fex.« »Wann auch. Ich geh lieber.« »Aber so kommst doch heut mal wieder?« »Weiß es nicht.« »Oder morgen?« »Ja.« »In der Früh?« »Warum da?« »Weil ich da vielleicht was mit Dir zu reden hab.« »Schön! So werd ich kommen. Behüt Dich Gott.« »Behüt!« Der Sepp ging. Draußen legte er den kleinen Betrag seiner Zeche auf den Tisch und wandte sich nachher der Stadt entgegen. Zum Fex brauchte er nicht zu gehen. Daß er diesem sein Brod hatte hintragen wollen, war nur ein Vorwand gewesen. Er hatte mit ihm bereits in der Nacht genug gegessen. Während er nun langsam dahinwanderte, nickte er lachend vor sich hin. Er war sehr befriedigt. »Der Hecht hat angebissen!« brummte er. »Aber der Vergleich ist alleweil ein falscher. Dieser Thalmüllern ist kein Hecht, sondern ein so dummes und albern Mondkalb, wie ich noch keins nicht troffen hab. Ich weiß freilich noch gar nicht, was ich mit ihm anfangen werd, aber der richtige Gedank wird mir schon noch kommen. Ihn will ich ärgern und diese saubere Magd auch. Und wann ich nachhero diesen Hallodri, den Fingerlfranz, auch noch mit dazubekommen könnt, so hätt ich eine Freuden, die ich gar nicht für hundert Gulden verkaufen thät. Aber schau, was ich gesagt hab! Wann man den Teufel nur an die Mauern malen thut, so ist er auch schon schnell da!« Er sagte das, weil ihm Derjenige, dessen Namen er soeben genannt hatte, jetzt entgegenkam – der Fingerlfranz. Dieser schob seine riesige Figur langsam des Wegs daher. Er ging gesenkten Hauptes und sein Gesicht hatte einen außerordentlich finsteren Ausdruck. »Grüß Gott auch!« grüßte der Sepp freundlich. Der Riese blickte ihn unmuthig an und antwortete: »Halts Maul!« Damit wollte er vorübergehen, schien sich aber auf Etwas zu besinnen, denn er blieb stehen und fragte: »Wo hast übernachtet?« »Warum?« »Weil ichs wissen will!« »Darum also? Nun, darum erfährsts eben nicht.« »Wann ich Etwas frag, will ich auch eine Antworten haben. Verstehst mich oder nicht?« »Meine Antworten hast.« »Aber ich bin nicht mit ihr zufrieden!« »Desto mehr ich. Mir gefallt sie ganz gut.« »Du bist ein Grobsack! Und wannt nicht so alt wärst, so haut ich Dir Eine ums Ohr.« »Da könnts Dir gehn wie gestern auch!« »Wieso? Was meinst?« brauste der Franz auf. »Das mit dem Fex.« »So weißts auch bereits?« »Alle wissens.« »So hol der Satan die Waschweibern, die solche Sach gleich überall herumtragen. Aber es ist nix Wahres dran. Nicht wahr, man hat Dir weiß gemacht, daß der Fex mich besiegt hätt?« »Man hats so erzählt.« »Das ist eine Lügen. Ich hab nach ihm geschlagen, und weil er geflohen ist, so hab ich den Baum troffen und mir den Arm aus den Gelenk geprellt. Der Badern hat gemeint, er sei zerbrochen, der Esel; aber als ich nachher zum Stadtdoctorn kommen bin, hat der ein Wengerl am Arm zogen und ihn gleich wieder in's Gelenk geruckt. Also mit dem Fexen brauchst nicht zu prahlen. Den schlag ich bald in Grund und Boden hinein. Und daß ich Dich fragt hab nach dem Nachtquartier, das hat seine Ursach auch.« »So sag doch, welche?« »Es ist heut in der Nacht ein Dieb bei uns gewesen.« »Und da fragst mich nach meinem Quartier?« »Ja doch.« »Denkst etwan, daß ich der Dieb gewesen bin?« »Nein, obgleich ich Dir auch nicht grad lauter Nobels zutrau, denn ein Herumstreicher und Landläufer bist doch auch. Aber ich hab gemeint, wo Du in der Nacht bleibst, da bleiben auch noch Andre Deines Schlags, und so Einer muß der Dieb gewesen sein. Da könntst vielleicht ein Wörtle gehört haben, was mich auf den Thäter zu bringen vermag.« »So, so! Also helfen soll ich Dir?« »Wannt kannst, ja.« »Und dabei beleidigst mich bei jedem Wort? Was hat man Dir denn gemaust?« »Eine Sauen, ein fast fettes Schwein.« »So, so! Eine fette Sauen! Der Spitzdieb ist kein dummer Kerl gewest. Ein Schwein giebt halt Schinken, Würst und Speck und Schmalz. Der Kerl hat einen guten Geschmack. Ich könnt ihn fast beneiden; aber kennen thu ich ihn nicht, und eine Spur von ihm kann ich auch nicht vermuthen. Behüts Gott!« Er wendete sich um, blieb aber bereits nach drei Schritten stehen. Es kam ihm eine plötzliche Idee, unter der seine alten Augen lustig aufleuchteten. »Fingerlfranz! Halt noch mal!« »Was willst noch?« fragte der Franz, welcher sich nun ebenso zurückwendete. »Einen guten Rath kann ich Dir doch geben.« »Nun?« »Weißt bereits, daß man Spitzbuben fest machen kann?« »Ja. Wer der meinige ist bereits fort.« »Er muß wieder zuruck.« »Das wird er sich hüten!« »Er muß, sage ich.« »Wer könnt dies fertig bringen?« »Zu wem gehst jetzt?« »Zum Thalmüllern.« »So frag ihn. Er weiß Einen, der solche Sachen machen kann. Und wann Du nachher die Grobheiten drinnen behältst und ein höflich Wort sagst, so ist der Mann Dir vielleicht behilflich. Deine Sauen wieder zu bekommen und den Dieb zu fangen. Ueberleg Dir die Sachen. Vielleicht sehn wir uns bald wieder.« Er ging nach der Stadt, und der Franz schlenderte langsam nach der Mühle. Die Worte des Alten hatten ihm zu denken gegeben. Dieser Letztere hatte keineswegs Handelsgeschäfte in der Stadt. Er hatte seine Wurzeln bereits gestern verkauft und hätte nun leicht seinen Wanderstab weitersetzen können. Aber er gehörte nicht zu den rastlosen Geldverdienern. Er betrieb sein Geschäft in aller Gemütlichkeit und pflegte, wenn er demselben obgelegen hatte, auch seinen Freunden einige Zeit zu widmen. Hier an dem Badeorte hielt ihn nun eine ganz besondere Herzensangelegenheit fest. Er hatte bei seiner letzten Anwesenheit in München seine Pathe Leni besucht und von ihr erfahren, daß sie hier nächsten Sonnabend im Concerte auftreten werde. Natürlich mußte er sie da hören. Er war der Erste, welcher das Recht hatte, sich an ihrem Triumphe zu erfreuen, und so war er gleich direct nach hier geeilt, hatte seine Wurzeln verkauft und blieb nun ganz selbstverständlich bis nach dem Concerte hier. Zu thun hatte er nichts, und so ging er spazieren. Während des ganzen Tages kam ihm die Schatzhebergeschichte nicht aus dem Kopfe und wiederholt ertappte er sich bei dem wohlthuenden Gedanken: »Und den Fingerlfranz, den Schurkian, bring ich auch mit hinein, damit er sich mit dem Müllern verfeindet, und nachhero bekommt er die Paula nicht, die ich für den Fex aufheben werd.« Er hütete sich wohl, in die Mühle zu gehen, obgleich er wußte, daß der Müller ihn nun mit Ungeduld erwartete. Am Abende, als es dunkel war, suchte er den Fex auf. Die Beiden musicirten miteinander und holten sogar die Geige und die Noten des Concertmeisters wieder. Da es gestern geglückt war, so hatte der Alte heut weniger dagegen einzuwenden, und als dann der verachtete junge Mann im Innern seiner »Kapellen« die schwierigen Passagen nur so herunterstrich, fühlte sich der Alte glücklicher als ein König. Erst am nächsten Morgen spazierte er wieder nach der Mühle. Die große Magd war ebenso wie gestern im Garten beschäftigt; aber sie empfing ihn heut ganz anders. Kaum hatte sie ihn erblickt, so rief sie ihm bereits von Weitem zu: »Kommst endlich mal wieder! Warum machst Dich jetzt plötzlich so rar, Sepp?« »Weil ich weiß, daßt mich doch nicht magst.« »Ja, wannt etwas jünger wärst!« »Und hübscher wohl auch?« »Ja freilich.« »Na, das halt ich nun nicht grad für nothwendig. Zu Deinem Erbsengesicht thät ich schon noch ganz gut passen. Meinst nicht auch?« »Willst mich schon wieder ärgern?« »Nein. Weißt, Erbsen sind halt mein Lieblingsgericht. Also kannst hören, daß ich Dich für hübsch halt.« »Du bleibst der Gespötter alle Zeit. Geh nur nun schnell hinein!« »Zu wem?« »Zum Müllern.« »Schnell auch noch! Was ists mit ihm? Liegt er in den letzten Zügen und will mir die Mühlen veruniversalerbvermachen?« »Nein. Er hat mit Dir zu reden.« »Ich mit ihm nicht.« »Auch der Fingerlfranz war gestern dreimal da nach Dir. Er hat Dich auch in der Stadt gesucht.« »Schau, was für ein Wichtigkeitler ich geworden bin! Wer hätt das noch gestern denken mögen, wo Du mich beim Müllern anzeigt hast! Wie aber steht es mit dem Fex? Hungert er noch immer?« »Er erhält so lange nix zu essen, wie der Müllern es bestimmt hat. Davon beißt keine Maus keinen Faden ab.« »Ja, der Müllern ist der richtige Kurakter. Was der sich mal vorgenommen hat, dabei muß es auch bleiben. Ich will doch schaun, weshalb er so begierig nach mir verlangt. Kannst mir indessen ein Bier und ein Käs und Brod zurecht machen.« »Das brauchts nicht.« »Warum nicht? Ich hab Hungern.« »Wirst Alles drin finden beim Herrn.« »Das ist mir noch lieber. Darum will ich springen, daß ich hinein komm.« Er ging nach der Wohnstube. Sein Schnurrbart zuckte verrätherisch, und ein siegreiches Schmunzeln legte sich über sein altes, ehrliches, gutes Gesicht. »Wenn der Geizhals mir das Frühstucken bereitet hat,« dachte er, »so ist das ein Zeichen, daß ich schon jetzt gewonnen hab. Ja, an mir ist halt ein großer Diplomaterich verloren gegangen. Ewig Schade drum!« Er klopfte höflich an. »Herein!« hörte er die ungeduldige Stimme des Müllers. Als dieser ihn erblickte, legte er die Peitsche, welche er in der Hand gehalten hatte, eiligst fort und sagte: »Endlich, endlich!« »Grad wie aufm Bilderbogen.« »Was?« »Da ist ein Bild mit Schulbuben, die mit einem Geisbock kämpfen, und darunter steht: Endlich ist der Sieg errungen Und der Ziegenbock bezwungen.« »Du bist und bleibst doch ein aller Spaßvogerl, und Du wirst in Deinem Leben auch nicht änderst!« »Nein, nun nicht mehr. Aber, grüß Dich Gott!« »Dich auch! Gieb die Hand!« Das war das erste Mal, daß der Müller dem armen Wurzelhändler die Hand geboten hatte. Sepp that, als ob sich das ganz von selbst verstehe. Er drückte sie ihm in jovialer, brüderlicher Weise und sagte dabei: »Siehst heut recht wohl aus und bist lebendig. Das kann mich gefreun. Vielleicht stehst bald auf von dem Stuhl, sonst wachst er Dir noch hinten an.« »Ja, das wird möglich sein. Aber sag, warum kommst so spät heut?« »Es ist nicht später als gestern.« »Und warum kamst nicht gestern noch mal?« »Ich hatt hier nix zu suchen.« »Aber der Franz hat Dich gesucht.« »Der mags bleiben lassen. Ich hab mit ihm gar nix zu schaffen.« »Warum?« »Weil er mich einen Herumtreiber und einen Landstreicher geschumpfen hat.« »Das meint er nicht so. Weißt, er ist von kräftger Art, grad so wie ich, und da kommt manchersmal ein Wörtle anders heraus, als es gesollt hat. Er hält gar viele Stucken auf Dich.« »Sappermentsky! Davon hab ich noch gar nicht das allerkleinste Ahnungerl gehabt!« »Kannsts glauben. Er wird Dich gut zahlen.« »Wofür? Er ist mir gar nix schuldig.« »Ich mein, von wegen der Sauen.« »Er hat mir niemals keine abkauft. Ich hab kein Geldl von ihm zu fordern.« »So thu doch nur nicht, als obst mich nimmer verstehen thätst. Ich mein das Schweinerl, was ihm gestohlen worden ist.« »Ach so! Davon hat er gestern gesprochen.« »Du willst sie ihm wiedern verschaffen?« »Ich?« »Ja. Und den Spitzbuben dazu.« »Wer hat das gesagt?« »Du doch selber!« »Ist mir nimmer eingefallen.« »Er hats aberst ja gesagt!« »Er? Dieser Lügner.« »Hast Du ihn nicht zu mir geschickt?« »Ja, das hab ich freilich than.« »Und er soll mich fragen von wegen der Persönlichkeiten, die einen Spitzbuben festmachen kann?« »Ja, das hab ich ihm freilich gerathen. Hast ihm dann auch einen guten Rath geben?« »Freilich! Den besten, den es geben kann. Ich hab ihm gesagt, daß Du derjenige Geisterbeschwörer bist.« »Da hast zuviel gesagt.« »Nein, ich weiß, daß Dus bist.« »Aber ich hab nur mit Dir davon reden wolln. Was hast dem Franz davon zu sagen?« »Warum hast ihn zu mir her gesandt!« »Um ihn los zu werden?« »So willst ihm nicht helfen?« »Nein.« »Aber er läßt Dich gar sehr schön bitten, zu ihm zu kommen. Er läßt Dir sagen, wo Du ihn finden kannst.« »Wo?« »Beim Scat-Matthes, vor dem Mittagsessen und nachhero wieder von vier Uhr an.« »Er mag warten. Ich hab meine Kunst nicht gelernt, um gestohlenen Sauen nachzulaufen.« »Aber um Schätze zu heben?« »Schätze? Ich brauch nur den Einen, von dem mir gestern träumt hat.« »Nur diesen einen?« »Nur ihn.« »Und wann ich nun noch einen wüßt?« »Der geht mich nix an.« »So würdst ihn mir lassen?« »Gern. Hol ihn nur?« »Ja, das kannst gut sagen. Ich kann doch den Geist nicht bannen. Wie soll ich da den Schatz holen?« »Das ist freilich schlimm.« »Kannst mir nicht helfen?« »Nein.« »Warum aber nicht?« »Bist etwan Du so schnell mit Deinen Gefälligkeiten?« »Dir, ja Dir thät ich doch Alles zu Lieb!« »Das seh ich jetzunder. Steh ich doch bereits eine ganze Halberstunden hier und hast noch nicht mal gesagt, daß ich mich niedersetzen soll. Nennst das Gefälligkeiten?« »Himmelsakra! Das hab ich ganz vergessen. Da setz Dich nur schnell nieder!« Sepp wollte auf dem Stuhle Platz nehmen, worauf er gestern auch gesessen hatte. »Nein,« rief der Müller. »Nicht dorthin. Setz Dich zu mir her an den Tisch. Ich bin eben beim Fruhstuck. Kannst mir helfen.« »So bei Zeiten schon!« »Warum nicht! Hier hast Schinken, selber geschlacht't und geräuchert. Auch eine Servellatenwursten und eine Kalbsfußsülzen mit weißen Semmeln. Da hast auch einen Sempfen, und Paprumkapfeffern. Die Buttern steht hier und der Käs dorten. Und wannt eine Bratwursten auch noch willst und einen Eierkuchen, so darffts wohl nur sagen.« Sepp setzte sich an den Tisch, griff zum Messer und antwortete schmunzelnd: »Ja, das kannst noch machen lassen: Eine gebratene Wursteln und einen Eierkuchen mit Rabunzerln dazu in Essig und Oelen. Nachher auch eine Gänselebern und einen halben Kapaunen. Und wann das einmal gemacht wird, nachher geht auch noch ein Karpfen und ein geräucherter Lachsen mit darein. Sags nur der Magd. Sie mag sich sputen!« Der Müller zog ein eigenthümliches Gesicht. Er hatte nicht erwartet, daß der Sepp auf eine solche Höflichkeit in dieser Weise eingehen werde. »Aber das kannst ja nicht Alles essen!« meinte er. »Nicht? O, das eß ich Alles.« »So bist ein solcher Nimmersatt und Vielfraß worden in letzter Zeit?« »Ja,« antwortete Sepp einfach. »Aber einen Karpfen hab ich nicht da!« »So fangt Ihr einen.« »Und einen Lachsen giebts halt gar nicht.« »So nehm ich dafür eine hübsche Keulen von einem Kalb, oder giebst mir da den Schinken mit.« »Was! Mitgeben auch?« »Was sonst? Meinst, daß ich Alles auf einmal auffressen werd, was Du mir da geschenkt hast und was ich mir noch bestellt hab?« »Ach so! Das willst Alles mitnehmen?« »Ja. Es kommt hier hinein in den Rucksack.« »So! Hör mal, das nimm mir nicht übel! Du sollst fruhstucken, aber nicht einstecken.« »Ach so! Mir auch recht. So werd ich mich also nun da ins Zeug legen!« Er schnitt sich gehörig ab, so daß es dem Müller bange werden wollte. »Was machst für Augen?« fragte der Sepp lachend. »Wie müßtst thun, wann der Fex sein Essen bekäm!« »Ja, so viel bekommt der nimmer, wie Du Dir da vorschneidst. Da hätt der vier Tage dran.« »Meinst? Nun, freuen mußt Dich doch drüber. Das Geben ist selger als das Nehmen. Nicht?« »Ja, und Dir geb ichs auch gern. Aber wann Du ein so gewaltig Stuck Schinken in's Maul steckst, so wirst nicht reden können!« »Das will ich auch nicht. Jetzt eß ich!« »Himmel und Höll! Und jetzt schiebst gar einen ganzen Ziegenkäser hinein! Theil doch die Gottesgab besser ein. Wann man Brod daliegen hat, so frißt man doch nicht nur Schinken und Käs!« »Brod hab ich immer! Verstehst? Hast nicht auch eine saure Gurken oder den eingelegten Bohnensallat? Das thät gut hierzu passen.« »Damit kommst mir nicht noch auch! Du hast hier genug. Wann Du was Saures willst, so stell Dir mir vor, wie sauer es Einem wird, so einen fetten Schinkel zu mästen, den Du da verschlingst, wie ein Haifischen. Wann man nur wenigstens dabei mit Dir reden könnt.« Der Sepp hatte die Backe so voll, daß der Müller kaum die Antwort verstehen konnte: »Ich red doch immer!« »Ja, aber wie! Ich wollt Dich wegen dem Schatz fragen. Hörst mich?« »Ja, hören thu ichs schon.« »Nun, was sagst dazu?« »Daß der Schinken ein Wengerl zu scharf pöckelt ist. Ein andermal mußt ihn drei oder vier Tag eher aus dem Faß nehmen.« »Red ich denn etwan vom Schinken?« »Nein, sondern ich.« »So horch auf mich und denk nicht immer auf den Gefraß! Du meinst also, daß Du mir den Schatz lassen thätst?« »Ich wollt schon gern; aber ich glaub halt nicht, daß viel darum übrig bleiben thut.« »Warum soll nix übrig bleiben?« Sepp schluckte einen riesigen, erst halb zerkauten Bissen hinab, steckte einen noch größeren hinein und antwortete nun mit größter Mühe: »Weil er mir schmeckt.« »Schmeckt? Der Schatz?« »Unsinn! Der Schinken.« »Donnerwetter! Red ich denn etwas vom Schinken?« »Nein, aber ich!« »Das hast nicht nöthig. Ich seh schon allbereits, daß man in zwei Minuten gar nimmer mehr von dem Schinken reden kann, und er war neun und drei Viertelpfund schwer!« »Schad nix, Müller; die wieg ich nachher mehr!« »Das glaub ich schon. Aber das Pfund kost' jetzt fast zwölf Groschen.« »In zwanzig Jahren wirds Pfund drei Marterln kosten; drum wolln wir uns itzunder dazuhalten. Brauchst nicht zu weinen. Es schmeck mir schon gut, und Schaden thu ich mir nicht. Wenn mein Magen ein bravs Essen wittert, so dehnt er sich vor Vergnügen aus, daß er dreimal größer wird als der meinige Rucksack.« »Du lieber Himmel, bin ich mit dem Fresser gestraft! Aber dafür muß er mir auch sagen, wie mau die Geistern citirt. Nicht wahr?« »Ja, ich sags Dir.« »Nun, wie fangt man es an?« »Grad so, wie ichs jetzt mach. Nachher wirds leer.« Er nahm die große, volle Senfbüchse in die linke und den Hornlöffel in die rechte Hand und begann zu essen. »Wer redet denn vom Sempfen!« raisonnirte der zornige Müller. »Du nicht, aber ich.« »Ja, Du hast – – – O Jerum jeh! Jetzt frißt er mir gar den Sempfen mit dem Löffel gleich aus der Büchsen! Bist gescheidt!« »Bin ich etwan dumm, wann ich ess', was mir schmeckt?« »Aber dieser Mostrichtsempfen beißt Dir doch den Magen entzwei!« »Das fallt ihm gar nicht ein! Der thut meinem Magen so wohl wie der Fischthran meinen Schuhen, wann sie ihn aller fünf Jahr mal zu schmecken kriegen. Jetzt haben sie ihn lange Zeit nicht gesehen; drum flimmern sie so roth wie die Morgenröthen, wann sie am Schönsten ist. Schau!« Er streckte ihm die Füße hin. »Laß mich aus mit Deinen Beinen! Bist fertig?« »Ja. Schau.« Er hielt ihm die leere Senfbüchse hin, steckte den letzten Löffel voll des scharfen Zeugs in den Mund und legte dann Beides fort. Dann nieste er einmal, aber so gewaltig, daß die Mühle zu zittern schien. Das war die einzige Wirkung des Senfes. »Prost!« knurrte der Müller. »Gott behüts!« »Ja, er mags behüten,« meinte der Müller mit einem Blicke auf die noch übrigen Eßwaaren. Der Sepp aber wischte sich die Nase mit dem Aermel ab, griff wieder zum Messer und riß sich ein pfundschweres Stück Schinken ab. »Immer noch mal!« rief der Müller. »Ja freilich! Vorhin war er mir fast ein Wengerl zu fett, darum hab ich den Sempfen zu Hilf genommen. Nun gehts wieder von Neuem. Müllern, Du glaubst halt gar nicht, was so ein Sempfen für einen Appetiten macht. Merk Dir das!« »Gott steh mir bei! Jetzund hat er mehr Hunger noch als am Anfang!« »So ists auch wirklich. Kannst Dich gefreuen! Es ist immer eine Ehr und ein Vergnügen, wanns den Leuterln bei Einem schmecken thut.« »So meinst, daß dies wirklich schmeckt?« Er machte dabei ein Gesicht, als ob er den Sepp verschlingen wolle. Dieser aber antwortete treuherzig: »Na, und ob! Kannst's immer glauben! Ich thät Dirs wahrhaftig nicht sagen, wanns nicht wahr wäre.« »Brauchsts auch gar nicht zu sagen. Ich sehs ja!« »So, das gefreut mich sehr. Schau, da hast nun blos noch den Knochen. Wann Du ihn zerhackst, so findest noch viel Marks darinnen; das kochst aus, und es giebt eine famose Suppen.« »Soll ich sie Dir etwan aufheben?« »Nein. Sie hält sich nicht so lange. Lieber greif ich nun jetzt zur Sülzen. Das ist ein Leibgericht von mir. Weißt, sauer macht lustig.« »Aber es verdirbt die Zähne!« »Die meinigen nicht. Darauf kannst Dich schon verlassen. Ich werd sie Dir nachhero zeigen, ob Du einen Fehlern daran erblickst, wenn ich mit dero Sülzen fertig worden bin.« »Fertig? Willst sie etwan auffressen?« »Etwan nicht?« fragte der Sepp erstaunt. »Eine so große Schüsseln voll!« »Das thut nix, und das macht nix; das schad't auch nix, denn ich kenn mich und ich kenn auch die Sülzen. Die sieht groß und viel aus, aber im Magen da schwind't sie zusammen wie Schnee an der Sonne. Oder meinst etwan, daß ich Dir ein kleines Resterl übrig lassen soll? Ich hab dacht, daßt mir wohl nicht nachessen wirst.« Während dieser Erklärung hatte er aber bereits gleich mit dem großen Löffel zu essen begonnen. »Nein, nachessen werd ich Dir freilich nicht,« zürnte der Müller, »denn das geht nicht.« »Ja, dazu bist viel zu vornehm.« »O, das mein ich nicht.« »Was sonst?« »Ich kann Dir nicht nachessen; das ist unmöglich, weil Du alles vorher aufgefressen hast.« »Ja, diese Ehr will ich Dir anthun. Du sollst sagen können, daß es denen Leuteln bei Dir schmecken thut.« »Obs aber auch wohl bekommt?« »Warum solls nicht?« »Ich weiß es nicht. Aber treib Dich nur nachher nicht noch lange in der Nähe meiner Mühlen umher! Wann dies Frühessen bei Dir zum Ausbruch kommt, nachhero kanns gefährlich sein!« »Gar nicht. Kannsts ruhig mit abwarten. Wannt dabei stehst, nachhero wirsts glauben. Ich bin ein guter und gesetzlicher Kerl, und Alles was ich thu und mach, das geht in der richtigen Ordnung von statten. Schau, da ist die Sülzen verschwunden. Nun hast nur noch die Zerverlatenwursten. Weißt, die macht keine Arbeiten nicht. Wir können nun mit nander reden. Dabei werde ich sie so basteltant hinunterknabbern.« »Basteltant! Eine Wursten von einem Pfund und einem halben! Das nennt er knabbern!« »Ja, wann ich nicht blos knabbern sondern richtig essen soll, so mußt eben mehr herbeischaffen.« »Himmelsakra! Willst vielleicht das ganze Sauerkrautfaß auf den Tisch haben!« »Nein, so ungenüglich bin ich nicht. Ich weiß auch, was sich schickt und gehört und halte mich gern bescheiden zurück, wann ich bei Jemand essen thu Aber so einen Topf voll davon kochen, und einen hübschen Theil Schweinsknochen dazu, da thät ich noch mit. Könntsts vielleicht nachhero zum Mittag machen lassen.« »Da wolltst schon wieder essen?« »Schon? Was bist nur für ein gespaßiger Schöpf? Zu Mittag muß man doch essen!« »Na, so nimm mirs nicht übel! Wann Du Deinen Schatz hebst, so wird er bald verschwunden sein. Du hast ihn in vierzehn Tagen aufgefressen.« »Er hält länger an. Er ist groß genug dazu.« »Größer wie der meinige nicht.« »So! Also hast doch einen?« »Freilich. Eine Kriegskassen. »So! Wo?« »Unter einem Kreuzwegen.« »Hm! Und den willst heben?« »Ja. Ich denk, daß Du mir sagen wirst, was ich zu thun haben werd.« »Hab keine große Lust dazu.« »Nicht? Hör mal, Sepp! Erst hast gefressen wie ein Scheunendrescher, jetzt bist sogar bereits auch mit der Zerverlatenwursten schon fertig, und nun willst mir nicht mal den Gefallen thun! Du bist mir ein schöner Kerl! Du kannst mir gestohlen werden!« Sepp strich sich mit den beiden Händen behaglich über den Bauch und antwortete: »Fahr nur nicht gleich so oben hinaus! Ich meins nicht schlecht mit Dir. Aber ich denk, es nutzt Dir nix, wann ich Dir auch Alles sag.« »Wann?« »Weil Du es nicht ordentlich machst.« »Ich bin doch kein Kind! Ists so sehr schwer?« »Nein, sehr leicht; aber wann nur ein einziger Buchstab falsch gesagt wird, so ists aus!« »Und nachher ists wohl gar gefährlich?« »Bei einer Kriegskassen nicht. Bei einem andern Schatz aber kanns Einem an den Kragen gehen.« »So brauch ich also gar keine Angst zu haben?« »Gar keine. Das kannst mir glauben.« »Nun also, so sag mir, was ich thun soll!« »Sag mir vorher: Hast bereits dort nachgegraben?« »Ja, zweimal.« »Und was gefunden?« »Gar nix.« »So liegt er nicht dort sondern wo anders.« »Sapperment! Dann find ich ihn doch nicht!« »Ja freilich. Du thätst ihn nimmer finden, wann ich nicht wär. Das ist schon ganz richtig.« »Du kannsts also?« »Ja. Aber freilich folgen mußt.« »Sehr gern.« »Dann nun, wie ist's aber? Du kannst doch nicht von Deinem Stuhl hier fort!« »Freilich laufen kann ich nicht.« »Das ist schlimm. Kannst fahren?« »Mit Pferden?« »Bist Du doch dumm! Kannst mit Pferden einen Schatz heben? Hast das schon gehört?« »Nein.« »Also! Aber auf einem Karren kannst Dich fahren lassen, auf einem Schubkarren, auf einem Schiebebock oder einer Radewelle, he?« »Das geht vielleicht.« »Nun, so brauchst eben das stärkste und größte Weibsen dazu, wie ich Dir bereits gesagt hab.« »Die Käth ists.« »Wird sie mitthun?« »Gewiß.« »Und sich nicht fürchten?« »O, die ist kuraschirt wie ein Fleischernhund.« »Das hab ich gemerkt. Aber es darf weiter kein Mensch etwas davon wissen!« »Ich werd mich hüten, es auszuplaudern.« »Schön! Kannsts auch so machen wie eine Sau, wann sie grunzt?« »Das ist doch leicht. Warum aber das?« »Weißt, weil die bösen Geistern damals in die Schweine gefahren sind, so muß man auch grunzen, um ihnen wohl zu gefallen.« »Sonderbar! Sie haben also doch auch ihre Mukken und ihren eigenen Geschmack.« »Ja; weißt Du nun Alles? Soll ich Dir noch sagen, was Du weiter zu thun hast?« »Ich brenn ja drauf, es zu erfahren.« »So versprichst mir vorher, nie nicht keinen Menschen dasselbige zu lehren. Wo ein Schatz ist, da wolln wir ihn selber heben und ihn nicht andern Leuteln überlassen.« »Ich versprech es Dir.« »Gut! So paß nun auf! Nimm auch die Schiefertafeln her, um Dir die Sprüch nieder zu schreiben, die Du auswendig zu lernen hast!« Der Müller nahm die Tafel auf die Beine und den Stift in die Hand. So wartete er voller Spannung auf die Instruction des Alten. Dieser begann: »Punkt zwölf schickst die Käth hinaus auf den Weg, wo Du schon gegraben hast. Du giebst ihr einen Erbschlüssel mit. Den legt sie mitten auf den Weg und sagt dabei die Worte, die Du Dir schon aufschrieben hast: »Famos! Heros! Hippopodamos! Nun ist auch gleich der Teufel los!« »Ist er denn auch wirklich gleich los?« »Ja, aber sie merkt nix davon.« »So thut es ihr nix?« »Gar nix. Es ist so, als ob sie am hellen Tag hingangen war. Wann sie den Vers sagt hat, geht sie wieder heim, darf aber dabei kein Wort reden.« »Das will ich ihr schon beibringen.« »Nachher machst Dir das Gesicht schwarz mit Ruß und auch die Händ'.« »O weh! Warum?« »Weil der Schwarze den Schatz bewacht, der Teufel. Wer den Schatz haben will, muß auch schwarz sein, aber nur blos im Gesicht und an den Händen. Die Gestalt muß weiß sein.« »Wie mach ich das?« »Du darfst nur die Unterhosen und das Hemden anhaben. Verstanden?« »O Jerum! Da erfrier ich!« »Sei doch nicht dumm! Es ist gesagt was Du anziehen sollst, aber nicht, wie viel Du anziehen sollst. Wanns Dich friert, so zieh meinswegen zehn oder zwanzig Hemden und Unterhosen an.« »Das geht. Aber die Füß?« »Weiße Strümpfen.« »Und die Käth?« »Muß auch so schwarz und weiß sein wie Du. Aber sie kann alle Arten Kleidungsstückerln anziehen, wanns nur weiß sind. Nun aber kommt die Hauptsachen. Wanns Mitternacht geschlagen hat in der Stadt, grad eine Viertelstunden nachher muß sie wieder nach der Stell gehen, wo sie den Schlüsseln hingelegt hat. Liegt er noch dort, so wird aus der Sachen nix; ist er aber weg, so bekommst Du den Schatz. Wann dies der Fall ist, da wird ein Schiebkarren dort stehen; den holt sie zu Dir hierher. Du steigst darauf und sie bindet Dich an, daß Du nicht herunterfällst. Nachher deckt sie ein dunkles Tuch über Dich und fährt Dich hin an die Stell, wo der Karren gestanden hat. Dabei darf kein Wort gesprochen werden.« »Später auch nicht?« »Wart nur, was ich Dir noch sagen werd. Punkt halb Eins wird der Geist kommen.« »Brrrr!« »Brauchst Dich nicht zu fürchten. Er thut Dir gar nix. Er wird kein Wort sagen als nur das eine einzige: ›Komm!‹ Da geht er voran, und die Käth fährt Dich immer hinter ihm her.« »Wohin?« »Dahin, wo der Schatz vergraben liegt.« »Ists wahr?« »Natürlich. Aber von dem Augenblick an, wo er kommt, sagt, mußt Du grunzen wie eine Sau, damit er Wohlgefallen an Dir hat. Thust Du das nicht, so ists gefehlt und er dreht Dir, wann er grad bei schlechter Laune ist, das Gesicht auf den Rücken.« »Na, so soll er mich grunzen hören. Grunzt die Käth auch?« »Nein, sie darf keinen Laut von sich geben, keinen Hustrich und auch keinen Niesrich.« »So darf sie nicht vorher einen Napf voll Sempfen auffressen.« »Du, werd mir nicht anzüglich! Wann Du sticheln willst, so kann ich gehen.« Er stand vom Stuhle auf. Der Müller ergriff ihn am Arm und sagte: »Halt! So wars nicht gemeint. Es fuhr mir nur so raus. Hast aber denn gar keine Ahnung, wohin er uns führen wird?« »Das kann ich nicht wissen; aber weit kanns nicht sein, denn Punkt Eins muß die ganze Geschichten zu End gegangen sein.« »Da hab ich auch den Schatz?« »Freilich!« »Muß ich nicht graben?« »Was denkst! Ein Geist braucht keine Hacken und Schaufel. Wann er will, so winkt er mit dera Hand, und der Schatz kommt empor. Nur aber muß die Käth ganz fest sein. Sie darf sich ja nicht irr machen lassen. Der Geist stellt Einem auf die Prob. Er machts Einem vor, als obs in die Stadt hinein geh, in die Kirchen oder auf den Markt oder gar ins Wirthshaus. Aber das ist Alls nur Spieglung in den Lüfterln. Es scheint auch so, als ob Einem Leuteln begegneten, die auf Einem einreden. Aber auch das ist nicht wahr. Wann Ihr da antwortet oder stehen bleibt, so ists grad ab und alle mit Euch. Aber wann Ihr Eure Sachen richtig macht, nachher steht der ganze Schatz gleich neben dem Karren.« Der Müller hatte die Hände gefaltet, und seine Augen blickten mit glühender Begierde starr vor sich hin, als ob er den Schatz bereits erblicke. Seine Brust arbeitete. Er holte tief Athem und sagte: »Sepp, bist Du Deiner Sache wirklich so gewiß?« »Ganz und gar, wann Ihr nämlich keinen Fehler begeht.« »Wir werden keinen machen!« »So mußt Du aber die Worte richtig in Acht nehmen, welche Du auswendig zu lernen hast.« »Wie lauten sie?« »Auch mußt Du sie zur ganz gehörigen Zeit sagen. Wann der Geist der Käth gebietet, den Karren stehen zu lassen, da, wo der Schatz ist, wird er einen Reim sagen. Darauf antwortest sogleich: »Fitzsiputzli, Auerhahn! Seht nur mal den Tolpatsch an!« »Wird ers aber nicht übel nehmen?« »Er ist ja gar nicht gemeint, sondern der, welcher den Schatz in die Erden gegraben hat.« »Ach so!« »Also schreibs genau auf.« Er dictirte die Worte langsam, so daß sie von dem Müller aufgeschrieben wurden. Dann fuhr er fort: »Wannst diesen Vers gesagt hast, wird der Geist wieder einen sagen. Darauf antwortest sogleich: »Krikli krakli, wumdi bum! Dieser Kerl ist doch zu dumm!« »Aber der Geist ist doch nicht etwan damit gemeint?« »Nein. Schreibs auf.« Dies geschah, und sodann lautete die weitere Instruction aus dem Munde des lustigen Wurzelsepp: »Jetzt sagt er wieder einen Vers und nimmt das Tuch fort, welches die Käth über Dich ausgebreitet hat. Das ist nun die letzte aber auch die schwerste Proben für Dich. Wann Du auch sie noch bestehst, so hast gewonnen. Er mag Dir vorgaukeln, was er will, so glaubs nur nicht. Vielleicht scheints, als ob gar auch noch andre Leuteln mit dabei seien; aber das ist lauter Lug und Trug. Kurzum, Du magst sehen, was es sei, so antwortest auf seinen dritten Vers so: »Holler koller, dran und drauf! Sperrt nun mal die Augen auf!« »Wer soll sie aufsperren?« »Du und die Käth, weil nun der Schatz vor Euch steht. Hasts verstanden?« »Ja.« »So schreibs auf! Und wann es ja nun noch was geben sollt, was ich nicht vorher wissen kann, so lässest Dich ganz einfach von der Käth heimfahren, und dann wird der Schatz hier in Deiner Stuben stehen.« »Hier wirklich?« »Ja, ich geb Dir mein Wort darauf. Also von da an, wann er erscheint, hast zu grunzen wie eine Sau, bis der Karren steht. Nachhero mußt ihm mit den drei Versen antworten. Ist das schwer?« »Ganz leicht!« »So mein ich, daßt keinen Fehlern machen wirst. Verinstructire nur die Käth genau. Die Weibsern haben lange Haaren und kurzen Verstand. Sie darf nicht abweichen von dem, wast ihr sagst.« »Laß mich nur machen. Ich werd sie einexerzieren wie einen Rekruten. Um die ist mir auch gar nicht angst. Sie wird ihre Sachen schon machen. Wann Du uns nur auch das Richtige gesagt hast!« »Das ist gewiß.« »Hat denn der Vettern von der Muhm ihrer Tante ihrem Mann seinem Bruder – oder wie diese Verwandtschaften war, auch alls richtig übersetzt aus den Schleswig-Holsteinischen?« »Wort für Wort!« »Damit nicht er etwan einen Fehlern gemacht hat!« »Der? Na, da kennst ihn schlecht!« »Ich kenn ihn eben gar nicht. Was hat er denn studirt? Wohl den Theologikus?« »Nein.« »So vielleicht das Injurikum?« »Auch nicht. Er hat das studirt, was bei den Gelehrten ›Viele so ein Vieh‹ genannt wird. Verstehst?« »So war er Vieharzt?« »Wo denkst hin! Wird ein Vieharzt die Schleswig-Holsteiner Grammadicka kennen! Diese berühmte Wissenschaft heißt ›Viele so ein Vieh‹, weil gar viele Professors dazu gehören, um aus einem Studenten so ein gelehrtes Vieh herauszubringen. Das begreifst wohl gut?« »Ja, jetzt hab ichs schon campirt. Und also so ein gelehrtes Vieh ist dieser Vetter geworden?« »Und was für eins!« »So mag es mit dem Geistercitiren seine Richtigkeit haben, und ich will mich auf ihn und auf Dich verlassen.« »Auf mich?« »Ja.« »Du, das bilde Dir ja gar nicht ein! Ich bin nicht mit dabei. Ich mag nix damit zu schaffen haben. Wann ich ganz allein und für mich so Etwas thu, so weiß ich, woran ich bin; aber wanns Andre machen, so will ich nicht dabei genannt sein. Verstehst mich?« »Warum nicht?« »Giebst mir etwan ein Viertel von dem Schatz oder gar die Hälfte?« »Nein. Das haben wir nicht ausgemacht.« »Nun, so laß auch meinen Namen dabei aus. Du weißt, daß Schatzgraben verboten ist.« »Donnerwettern, ja!« »Und ich will mich nicht bestrafen oder gar einisperren lassen für Etwas, wovon ich keinen Kreuzern bekomm. Das laß Dir gesagt sein!« »Schön gut! Wer der Käth werd ichs doch nicht sagen, daß es verboten ist, sonst macht sie nicht mit.« »Das ist Deine Sachen; da kannst machen, was Du willst. Jetzt nun werd ich gehn.« »Zu wem?« »Zum Pfafferumbulum! So fragt man die Leuteln aus, nicht wahr? Ich geh meinen Weg für mich und Du den Deinigen für Dich. Aber es sollt mich sehr gefreun, wann ich morgen wiederkäm und erfahren könnt, daß Du den Schatz erhalten hast.« »Hör, wannst kommst, und es steht Alles gut, so werd ich Dich wieder so vergastiren wie heut, wann ich Dir auch nicht gar so viel auf den Tisch leg wie vorhin. Je mehr man Dir giebt, desto mehr verschlingst!« »Ich?« »Ja, Du!« »Da hast doch nicht richtig Achtung geben. Nicht ich bins gewesen, sondern hier Die – meine Lodenjoppe.« Und nun zeigte er die Taschen her. Sie waren voller Schinken und Käse und Wurst. »Schau, wie ich das anfangen hab! Das bringst wohl auch nicht fertig. Nicht wahr?« »So willsts mitnehmen?« »Ja.« »Spitzbub!« »Nun jetzt leid ich das gern. Ich werd diese Delicateressen nicht selber verspeisen.« »Wer dann?« »Das geht Dich gar nix an. Aber es wird ihm donnerst sehr wohl bekommen. Jetzt nun behüt Dich Gott, Müller! Mach Deine Sachen gut und laß Dir den Schatz nicht wieder entwischen.« Er hing sich den Rucksack und die Zither um, gab ihm die Hand und ging – gradewegs zum Fex, um ihm die Mundvorräthe zu bringen. Dieser war sehr erstaunt über dieselben und fragte nach ihrem Herkommen. Der Wurzelsepp antwortete: »Das wirst später erfahren.« »Gewiß aus der Mühlen?« »Möglich. Ich geh nun zur Stadt.« »So denk auch mit darüber nach, wie wir an den Polsterstuhl des Müllern gelangen können.« »Das werd ich thun. Hör, sag mal, weißt Du nicht einen alten, großen Topf, den Niemand mehr gebrauchen kann?« »Wozu?« »Das ist jetzt noch meine Sachen.« »Ja, einen sehr großen könnt ich schon verschaffen.« »Je größer desto besser.« »Weißt, der Müllern hat erst einen so sehr großen Kachelofen gehabt: daran war ein großer Ofentopf zum Wasser wärmen. Als ein anderer Ofen hereingesetzt wurd, ist der Topf hinauskommen hinter die Mühlen in den alten Kegelschub. Dort steckt er noch. Wann er hier bei mir steht, reicht er mir fast bis an den Leib.« »Das ist sehr gut; das gefreut mich! Und ists hier leicht, Frösch und Kröten zu fangen?« »So viel Du haben willst.« »Schön. Verschaff mir für heut Abend, wann ich komm, den Topf, und mach ihn voller Fröschen und Kröten.« »Kannst auch Eidechsern dazu haben.« »Noch besser.« »Wozu brauchst ihn aber?« »Es ist von wegen dem Müllern sein Polsterstuhl. Ich erklär Dir nachhero am Abend schon Alles.« Jetzt nun spazierte er nach der Stadt. Unterdessen hatte der Müller die Magd zu sich rufen lassen. Sie kam nicht gern, denn wenn er ein Gesinde in dieser Weise zu sich beorderte, so hatte es stets einen unliebsamen Grund und einen unangenehmen Ausgang. Sie blieb erwartungsvoll an der Thür stehen. Er musterte sie mit wohlgefälligen Blicken, was ihr das Herz erleichterte, und sagte dann: »Käth, mit Dir bin ich am Meisten zufrieden unter allen Andern. Heut will ichs Dir beweisen. Aber sag mir vorher, obs Gespenstern giebt.« »Ja, Teufeln und Geistern und Gespenstern.« »Woher weißt das?« »Aus dem schönen Lied, worinnen es heißt: Wie heult der Sturm so fürchterlich         Heut um mein Kämmerlein! Da kommt der Teufel sicherlich         Und grinst zum Fenster 'rein!« »Das ist ein Lied; das gilt nix.« »Warum nicht? Weißt nachher nicht, daß auch Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, einer reichen Erbin an dem Rhein? Da kam seine Vorherige als Geist und Da erblickt er seine Wilhelmine,         Die im Sterbekleide vor ihm stand, Denn dort an der Nachtkaffeemaschine         War der Spiritus bereits verbrannt.« »Ich sag Dirs ja, daß dies nix gilt. Was im Gedicht steht, das verimponnt mir nicht. Die Dichter sind lauter Lügenschelme. Sie heißen ja nur darum Dichter, weil sie die Lügen alle Tage dicker und dichter machen. Nein, aber gesehen muß man Geister haben. Nachhero kann mans glauben.« »Ja, auch dann giebts welche.« »Woher weißts?« »Beim Thürmer in Nürnberg hats mal ans Fenstern geklopft, und als er hinaus geschaut hat, da stand draußen ein Geist, der so lang gewesen ist, daß er von der Straßen bis hinauf zum Thurmspitzen gereicht hat. Der Nachtwächtern hat ihn nachher fortschreiten sehen. Und der war mein Großvatern.« »Der Geist?« »Nein, aber der Nachtwächtern.« »So, da stimmts. Aber fürchtest Dich etwan vor den Gespenstern?« »Fallt mir gar nimmer ein. Ich hab mir schon oft gewunschen, daß eins kommen möcht, weißt, so um mir zu sagen, daß ein Schatz vergraben liegt.« »Ah, Du bist auch keine Dumme! Dir will ichs sagen: Bei mir ist einer gewest.« »Wegen dem Schatz?« »Ja.« »O Jegerl! Wann er doch lieber zu mir kommen wär! Da thät ich auf der Stellen – – –« Sie hielt inne. »Nun, was thätst?« »Ich thät mir den Schatz holen und heirathen.« »Heirathen? Himmelsakra! Hast einen Bubn?« »Ja, schon bereits lange.« »Wo ist er?« »Bei der Ziehmuttern, weil ich ihn doch nicht mit hier haben kann.« »Bei der Ziehmuttern?« rief der Müller. »Was? So einen mein ich nicht. Also einen kleinen Buben hast! Verschlampampert bist worden von einem Burschen! Und davon weiß ich nix! Da schlag doch gleich der helle, lichte Teuxel drein!« »Das ist nicht grad nothwendig. Verschlampampert bin ich nicht worden, verstanden! Der Bub ist mein, und sein Vatern ist ein Schneider!« »Ein – ein Schnei – Schnei – neider! Du so eine Riesin und ein – –Schneider! Meck – meck – meck – meck! Wie groß war er dann?« »Er ist mir grad bis an die Achsel gangen.« »Nicht weiter? O Jerum!« »O ja, er ist auch noch weiter gangen, viel weiter, nämlich fort, in die weiten Welt, und ich hab ihn nimmer wieder zu sehn bekommen.« »Was bist da für ein dummes Ding gewest! Einen Schneidern, so einen kleinen, dürren Fipps! Wie hast Dich nur an den versehen können!« »Weißt, es war das schöne Gethu.« »Ah! Sakkerment! Worinnen bestand denn das?« »Das kann ich eigentlich auch nicht sagen. Weißt, er hat so was Nobles gehabt, wie ein fortgejagter Grafensohn, so einen Hunderttausendguldenschritt und einen Oberstleutnantsblick. Das war eine Pracht und Herrlichkeiten. Und das Schneidern brauchst ihm auch nicht nachzuschumpfen, dann gearbeitet hat er gar nicht viel; dazu war er zu vornehm. Wann er mit mir im Saal war, so hat er sich zwei Uhrengewichterln in die Rockschoßerln gesteckt, und wann wir nachhero tanzten, so sind die Gewichterln mit den Schoßerln nur so geflogen. Und wann er zärtlich war, o zärtlich, ja! Ein Busserl von ihm hat gewiß allemal eine ganze geschlagene Viertelstunden gedauert.« Sie war ganz poetisch geworden und berechnete den Eindruck gar nicht, welchen ihre Beschreibung machen mußte. Der Müller unterdrückte mit Mühe ein lautes Gelächter und sagte: »Das muß freilich hübsch gewesen sein!« »Delicat wars; das sag ich Dir!« »Leider ist er fort!« »Ja, das Talent, das Schenier hat ihm keine Ruhe gelassen. Er wollt ein großer Mann werden.« »Und reicht Dir nur bis an die Achsel!« »Seine Seele war groß!« »Ach so! Aber Du sprachst vorhin vom Heirathen. Hast den einen Andern?« »Ja.« »Wen denn?« »Den Essenkehrern.« »Etwan den Feuerrüpel, der hier die Essen kehrt?« »Denselbigen.« »Bist verrückt!« »Nein. Du mußt ihn nur sehn, wann er sich abgewaschen hat!« »Ich hab ihn gesehn, und da war er besoffen.« »Da ist gewiß ein Geburtstag gewesen oder so ein Amtsjubiläum, wo er mal lustig gewesen ist. Ah, Müller, ist der eine Seele von einem Menschen!« Sie seufzte tief auf. »Warum eine Seele?« »Weil, wann er hier kehren kommt, er mir allemal einen so zärtlichen Tatschen ins Gesicht giebt, daß mir drei Tage lang der Kopf brummt. Wann er sich dabei so sehr anstrengt, muß die Lieb doch wohl groß bei ihm sein.« »Jawohl. Will er Dich heirathen?« »Ja. Aber es geht noch nicht.« »Warum?« »Weils noch am Besten fehlt.« »So! Wieviel fehlt denn?« »Ich, wann ich fünfhundert Mark hätt; so thät ich gleich die Verlobung ins Blatt setzen.« »Fünfhundert? Hm! Die könntest vielleicht schon bereits morgen haben.« »Was? Wie? Von wem?« »Von mir?« »Wofür? Denn umsonst giebst sie halt nicht!« »Nein, da hast immer sehr Recht. Hasts denn aber ganz vergessen, daß ich vorher von dem Schatz gesprochen hab?« »Von dem Schatz, ja, ja!« »Ich weiß einen.« Sie blickte ihm starr ins Gesicht und platzte dann heraus: »Soll ich ihn etwan mit heben?« »Willst wohl?« »Auf der Stell, gleich auf der Stell!« »Es sind nämlich grad tausend Mark, die da vergraben liegen. Die theilen wir.« »Ich bin einverstanden.« »Und fürchtest Dich nicht?« »Vor wem denn? Wann ich mich vor keinem Schneidern und vor keinem Feuerrüpeln fürchtet hab, so mach ich mir aus einem Geist nun erst recht nix.« »Das ist mir lieb. Aber der Schatz soll bereits heut Abend gehoben werden!« »Am Liebsten gleich schon in diesem Augenblick!« »Nein; am Tag geht so Etwas nicht von statten.« »Wo liegt er denn?« »Das wirst heut Abend erfahren. Jetzt will ich Dir sagen, wie es geschehen soll. Paß auf!« Er sagte ihr, was sie zu thun haben werde, und das couragirte Mädchen war mit Allem einverstanden. Sie, eine durch und durch materiell angelegte Person, kannte keine Schwächen und Feinheiten des Geistes und des Herzens. Sie ging dem heutigen Abenteuer mit derselben Gemüthsruhe entgegen, als ob sie irgend eine gewöhnliche Arbeit zu verrichten habe. Die Beiden wurden vollständig einig. Unterdessen hatte der Wurzelsepp die Stadt erreicht. Er hütete sich, den Fingerlfranz gleich aufzusuchen; er wußte, daß mit dem Warten die Ungeduld wächst und die Schärfe des Urtheiles sich verringert. Erst am Nachmittag ging er nach dem Gasthofe des Tobias Matthes. Dieser Letztere saß mit einigen Gästen am Tisch und spielte Scat. Als Sepp grüßte, antwortete er: »Guten Tag, schön Dank – grüß Gott, danke sehr – willkommen, setz Dich nieder – bitt sehr schön; o, es hat nix zu sagen!« Das war dem Sepp doch zu viel. Er sagte: »Aber, Matthes, sag mir doch mal, warum Du gleich so eine Litaneien machst, wann Einer zu Dir hereintritt!« Der Wirth nahm sich doch die Zeit, zu antworten: »Weißt, das ist so: Wann ich mit dem Gast so red wie Andre, so vergeht von dem ›Guten Tag‹ bis zu dem ›Ich bitt schön‹ eine halbe Stunden, und ich versäum dabei das Spiel. Lieber sag ich da gleich Alls her, meine Grüßen und seine Antworten. So braucht er das Maul gar nicht aufzuthun, und ich bin mit ihm rasch fertig und kann weiter spielen.« »Der Gedank ist freilich nicht übel.« »Nicht wahr? Aber nun halt auch Deinen Schnabel! Ich kann mich nicht den ganzen Tag mit Dir abgeben. Da bin ich beim Eichel-Tournée und weiß nimmer, wie ichs machen soll. Hast mich ganz irr gemacht.« Der Fingerlfranz saß als Mitspieler neben ihm. Er sagte jetzt: »Mach Dir keine große Sorg darüber. Es ist das letzte Spiel. Ich muß nun aufhörn.« »Warum?« »Weil ich mit dem Wurzelsepp zu sprechen hab.« »Red morgen mit ihm oder übermorgen!« »Nachhero ists zu spät. Da haben die Spitzbuben meine Sau bereits aufgefressen. Spiel aus, damit wir fertig werden!« Das geschah; aber als das Spiel zu Ende war, sagte der Wirth: »So, jetzt red mit ihm! Nachhero, wann Du fertig bist, spielen wir weiter.« »Vielleicht dauerts lange.« »So machs kurz!« »Es ist eine Heimlichkeiten!« »Unsinn! Wegen der Sau? Es ist doch Niemand hier als ich. Du und da der Balbierer. Da kannst sicher sein, daß nix ausgesprochen wird. Hast etwan eine Spur von dem Spitzbuben entdeckt?« »Nein, sondern die soll da der Sepp entdecken. Komm mit her an den Tisch, Wurzelsepp, und trink ein Bier mit mir. Ich zahls gern und gut.« Der Alte folgte der Aufforderung, bemerkte aber dabei in zurückhaltendem Tone: »Dein Bier soll mir wohl schmecken; aber ob es Dir Nutzen bringt, das glaub ich nicht.« »Red nicht! Wann Du willst, so kannst!« »Was soll er wollen?« fragte der Wirth. »Den Dieb fest machen.« Da fuhr der Barbier mit seiner spitzen Nase herbei und rief aus: »Festmachen? Das ist Magie, schwarze Magie und weiße Magie! Wer kann das?« »Der Sepp da,« antwortete der Fingerlfranz. »Da irrst Dich gewaltig!« meinte der Alte. »O nein. Der Müllern hat mirs gesagt.« »Was der sagt, das gilt nix.« »Bei mir gilts grad. Er ist mein Schwiegervatern, und auf Sonntag ist Verlobung; wann Du aufrichtig mit ihm bist, kannsts also auch mit mir sein.« »Das klingt schon gut und fein; aber man darf von solchen Sachen gar nicht reden.« »Hier bist sicher. Hier von uns wirst nicht verrathen. Darauf kannst Gift nehmen, Sepp!« »Das glaub ich schon wohl. Aber dennerst soll man sich nicht mit solchen Dingen abgeben. Man weiß nicht, wie sie ablaufen.« Da legte der Franz ihm die Hand auf die Schulter und bat ihn: »Sag mir nur das Eine: Kannst erfahren, wer der Dieb gewesen ist?« »Ja, und auch noch mehr.« »Was noch?« »Ob die Sau noch lebt, wo sie sich befindet und noch vieles Andere. Ja, ich könnts sogar so weit treiben, daß der Spitzbub Dir die Sauen dahin bringen muß, wohin Du sie haben willst.« »Etwan auch hierher zu mir?« fragte der Wirth, indem er ein sehr gespanntes Gesicht machte. »Ja, auch hierher.« »Das wär viel! Das wär ein Kunststücken, wies nimmer gleich ein zweites giebt.« »O, und dennerst ist es sehr leicht. Man muß es nur richtig machen,« erklärte der Sepp in bestimmtem Tone. »Ist etwan eine Geistergeschichten dabei?« erkundigte sich der Fingerlfranz vorsorglicher Weise. »Fürchtst Dich etwan vor Geistern?« »Warum nicht? Ein Mensch mag mir kommen, wie er will, so hau ich ihn nieder; aber bei Geistern hilft keine Ohrfeigen und keine Backpfeifen nix. Der Geist, wann er will, braucht mich nur anzuschaun, so erhalt ich eine schiefe Nasen oder der Kopf läuft mir auf wie ein Lockermotivenkessel. Drum ists besser, man giebt sich alleweil gar nimmer mit Gespenstern und Geistern ab.« »Hasts aber doch gethan!« »Wann?« »Das weiß ich nicht, aber vor gar sehr langer Zeit kanns nicht gewest sein.« »Warum denkst das?« »Schau mal Deine Nasen an! Sie ist doppelt, wie bei einem englischen Doggenhunderl, und Dein Maul ist angeschwollt, wie ein Luftkissen von Elastikum, wo die vornehmen Leutln sich in der Eisenbahn von hinten drauf setzen.« »Sei still, und bekümmer Dich um Deine eigene Visaschen! Meinst wohl wirklich, daß mir ein Gespenst begegnet ist?« »Ja, grad dieses mein' ich eben. Du siehst ganz blau und braun im Gesicht, und roth und violett dazu.« »Ein Geist ists nicht gewest, sondern ein Kerl, der mich hinterrucks überfallen hat. Wann ich ihn wieder mal treff, werd ich ihm die Rippen entzwei schlagen. Es soll ihm nimmer geschenkt sein.« »So nimm Dich nur in Acht, daß er Dir nicht abermals von hinterrucks mit der Faust über das Gesichterl spaziert! Was aber unsere heutige Angelegenheiten betrifft, so brauchst nicht zu fürchten, daß ein Geist dabei ist. Es geht ganz ohne die Höllen und ohne den Teufel dabei her.« »Aber ein Zauber muß doch dabei sein. Ohne den könntest doch den Spitzbub nicht zwingen, zu kommen.« »Ja, ein Zauber ist freilich dabei, doch kein böser sondern ein guter.« »Und wie ist dieserjenige?« »Der ist sehr leicht. Wo hat das Schwein gesteckt?« »Im Stall natürlich. Oder meinst etwan, daß bei uns die Sauen im Glasschränkerl stecken, was droben in der guten Stuben steht?« »Das mein ich wohl nicht. Und weiter muß ich fragen, obst ein guts Sonntagshabiterl hast, außer dem Gewanderl, welchs Du jetzt am Leib tragst.« »Natürlich hab ich eins.« »Aber es muß eben für den Sonntag sein.« »Freilich ists. Ich habs erst einmal angehabt, am Sonntag in der Kirchen.« »So ists recht! Und hast vielleicht auch einen Schiebebock oder eine Schubkarren?« »Das werd ich doch haben!« »Und kannst leicht Etwas auswendig lernen, ein kleins Liedl oder einen Reim?« »Das fallt mir schon bereits schwerer. Aber wanns nicht gar so groß ist, so werd ichs schon bringen.« »Nun, dann ist ja Alles beisammen, wast brauchst. Ich könnt eine Wetten machen um tausend Gulden, daß der Spitzbuben kommt.« »So machs!« »Ich werd mich hüten?« »Warum? Schau, ich zahl Dirs gut. Ich geb Dir zehn Markerln. Oder willst zwanzig?« »Gar nix will ich. Solche Sachen darf man sich nicht bezahlen lassen, sonst gelingen sie nicht. Wann ich es nicht thun will, so liegt das nicht am Geldl, sondern an der Polizeien.« »Wieso an der Polizeien?« »Weißts noch nicht, daß diese solche Dinge nicht leiden mag? Zauberei ist verboten.« »So machen wirs im Geheimen.« »Ja, wer giebt mir die Sicherheit, daß es auch wirklich heimlich geschieht, daß Niemand Etwas erfährt?« »Ich!« »In wiefern dann?« »Ich geb Dir mein Wort drauf.« »Ich auch – ich auch!« fügten der Wirth und der Barbier hinzu, welche Beide auf den Verlauf dieser Angelegenheit im höchsten Grade neugierig waren. »Gebt Ihr mir Eure Händ?« »Ja, hier!« Er nahm die drei Hände in Empfang, drückte dieselben und sagte dann: indem er eine sehr ernste Miene machte: »Nun gut, so will ichs versuchen. Aber kein einziger Mensch außer uns darf Etwas erfahren!« Nachdem er eine abermalige kräftige Versicherung der Verschwiegenheit erhalten hatte, fuhr er fort: »So war zunächst ein Erbschlüsserl nothwendig.« »Hab schon einen.« »Wie kommt das?« »Der Müllern hat mirs gesagt, daß zu so einer Zermonie ein Erbschlüssel nothwendig ist. Da hab ich einen mitgebracht.« »Der kann auch sein Maul nicht halten. Seid nur Ihr verschwiegener, sonst ists gefehlt. Und jetzt gebt mir mal eine Kreiden her zum Schreiben und ein Stuckerl Spagatbindfaden.« Beides wurde geschafft. Er malte mit der Kreide einen Kreis auf den Tisch und zeichnete einige Figuren hinein, wie sie ihm gleich einfielen. Dann band er den Schlüssel an den Bindfaden. »Jetzt wollen wir sehn, ob die Sauen noch lebt.« Er hielt den Schlüssel am Bindfaden über den Kreis, ließ ihm einige Schwingungen machen und sagte dann, als der Schlüssel über einer der Figuren schweben blieb: »Hab mirs kaum noch denken könnt. Das Schweinerl lebt noch. Es ist noch nicht geschlacht worden. Jetzt nun wolln wir sehen, was für eine Personen der Spitzbuben ist.« Er wiederholte das vorige Experiment, machte, als der Schlüssel wieder still hängen blieb, ein sehr zufriedenes Gesicht und sagte: »Das ist schon ganz wahrscheinlich gewest. Der Dieb ist nämlich ein Frauenzimmern. Ein Mannsenzimmer wär so gescheidt gewest, das Sauerl sogleich zu schlachten.« »Ein Weibsbild?« fragte der Fingerlfranz. »Sollt mans für die Möglichkeit halten, daß so ein Weibsen den Muth hat, meine Sauen zu stiebitzen!« »Da wunderst Dich auch noch?« meinte der Wurzelsepp. »Die Frauensleut sind grad die Rechten; die sind größere Spitzbuben als die Männer; die mausen wie die Raben.« »Aber wer sie sein mag!« »Das wirst erfahren, wannst sie anschaust.« »Dann also weiter! Sag nur, wie Alles kommen muß.« »Nun, zunächst muß so was immer am zweiten Abend nach dem Vollmondl geschehn.« »Der war vorgestern; also ist grad heut der richtige Tag. Das ist mir sehr lieb. Wann ich noch länger warten müßt, thätens mir das Schweinerl bis dahin abmorxen.« »Also willst heut?« »Freilich ja.« »Und wohin willst die Diebin bringen?« »Das möcht ich vorher richtig überlegen.« »Nix giebts zu überlegen!« fiel da der Wirth schnell ein. »Wo denkst hin, Franz! Hier bei mir machen wirs jetzunder aus, und folglich wird sie hierher zu mir gebracht.« »Um diese Zeiten sind aber noch Gäst bei Dir!« »Grad das ist sehr gut. Eine Frauen, die Sauen maust, muß blamirt werden. Und das geschieht am Allerbesten hier in dem Gasthof, wo Viele dabei sind. Wannst sie her zu mir bringst, geb ich zum Vergnügen ein guts Freibier zum Besten.« »Das thät ich mir schon gefallen lassen. Was meinst dazu, Wurzelsepp? Soll ich ihm den Gefallen thun?« »Ich hab nix dagegen, wann Ihr meine Bedingungen erfüllt, die ich da machen muß.« »Was für welche?« »Es darf bevor kein Mensch was wissen. Und auch nachher darf Keiner erfahren, daß ich die Hand im Spiel gehabt hab. Ich will nimmer als Zaubrer gelten. Und nachher könnt mir auch die Familie der Diebin gar noch was auswischen.« »Wir sagen nix, kein Wort. Hier hast unsere Händ nochmals drauf. Ein Mannerl, ein Wörterl!« »Schön! So magst sie also hierher bringen. Jetzt aber laßt Dir vom Wirth ein Papiererl geben, daßt Dir die Reden aufschreibst, die Du lernen mußt.« Das Stück Papier wurde gebracht und ein Bleistift dazu. Dann fuhr der Wurzelsepp fort: »Also, Franz, wann es gegen zwölf Uhren geworden ist, so ziehst Dein guts Sonntagsgewanderl an, machst Dir mit Ruß das Gesicht und die Händen schwarz, nimmst ein großes, weiß Betttucherl und gehst in den Saustall.« »Pfui Teufi! Was soll ich dorten?« »Die Arzneien holen, mit der Du die Diebin fangst.« »Was ist das?« »Der Auswurf von dem gestohlnen Schweinerl.« »Bist gescheidt!« »Na, willst etwan nicht? Mir kanns gleich sein und auch egal und Wurst und Schnuppe! Da aber schau zu, ob Du das Sauviecherl wiederkriegst!« »Na, werd nur nicht gleich so fuchsteuxelswild. Also mach lieber weiter fort!« »Schön! Das steckst Dir also in die Taschen.« »Was – – –?!« Der Fingerlfranz machte ein ziemlich langes Gesicht. Der Sepp aber antwortete in unbefangenem Tone: »Was? Das fragst noch? Was bist doch schwer von Begriffen! die Arzneien mein' ich natürlich, von der ich gesprochen hab.« »Den Dünger von der Sauen?« »Ja.« »Den soll ich einstecken?« »Freilich!« »In mein guts Sonntagsgewanderl?« »Wohin sonst? Eben ein Sonntagskleid muß es sein, sonst hilfts nix. Verstanden.« »Das ist mir eine wunderbare Sachen!« »Ja, bei der Zauberei ist eben Alles wunderbar.« »Und wie viel soll ich einstecken?« »So viel Du hineinbringst. Alle Taschen müssens ganz voll sein, die Hosen, die Westen und auch die Joppen.« »O sakri! Und als ich das Gewanderl bestellt hab, da hab ich dem Schneidern noch heilig andeutet, mir recht extra große Säcken und Tascherln zu machen. Ich sag Dir, in diesem Gewanderl bring ich beinah eine ganze zweispännige Mistfuhren fort!« »Desto besser! Das gefreut mich außerordentlich, denn da weiß ich, daß Alls gar sicher gelingt.« »Aber das Gewanderl geht flöten!« »Warum nimmer gar! Das Schweinerl hat doch nicht in so einem dünnen Morasten gelegen!« »Nun, meinst etwan, daß ich sie in Marzipanum und Flattergold gelegt hab, das Packeterl zu fünfzig Kreuzern? Und ob ich mich nachhero in diesem Anzugerl wieder schaun lassen darf! Ich mein', daß noch nach einem Jahr die Leutln sich die Nasen zuhalten werden, wann ich nur von Weiten komm.« »Du malsts zu schlimm aus. Du brauchst Dir doch nur die guten Brocken auszusuchen!« »Auch noch! Meinst etwan, daß ich mit denen Fingern im Schweinestall spazieren geh? Oder darf ich ein Licht mitnehmen?« »Nein; das ist verboten. Aber wannst eben nicht willst, so ist mirs recht. Ich dring mich nimmer auf. Mir liegt ja gar nix dran. Ich hab nur denkt, Dir einen Gefalln zu thun. So lassen wirs also sein!« »Nein, nein! So ists nicht gewettet! Meine Sauen will ich wieder haben, und da soll mirs auch auf ein Komposthäuferl in jeder Taschen nicht ankommen. Also nun weiter! Was hat nachher zu geschehen?« »Nun, wann Du Dir die Taschen voll gesackt hast, nachhero nimmst das große, weiße Betttucherl über – – –« »Das geht. Ich dacht schon bereits, ich sollt auch das vollsacken – weißt schon was!« »Nein. Du nimmsts über und gehst fort.« »Wohin?« »Warts nur ab! Vorher muß ich Dir sagen, daßt Dich jetzt von keinem Menschen sehen lassen darfst.« »Mit dem weißen Tucherl? Das leuchtet doch so weit, daß Jedermann mich gewahren muß!« »Es ist ja spät gegen Mitternacht. Und Du mußt eben eine solche Richtung einschlagen, daß kein Mensch Dir so leicht begegnet. Du mußt laufen mit dem Wassern, aber nicht gegen dasselbige, und bleibst am ersten Punkt stehen, wo ein andrer Weg abzweigt.« »Aha! Das ist also gegen die Thalmühlen hin.« »Ja. Also dort bleibst stehen und nimmst den Erbschlüsseln heraus. Den wirfst hin. Nachhero machst auch alle Taschen leer, und indem Du das Alles von Dir hin auf den Weg wirfst, sagst Du den Spruch, den Du Dir jetzunder aufschreiben sollst.« »Hör, grad appetitlich gehts bei so einer Zaubereien auch nicht her. Da soll ich mit den zehn meinigen Fingern die Tascherln leer machen!« »Hasts erst mit den Fingerln einisteckt, so kannsts dann auch mit denselbigen wieder außithun! Und um was handelt sichs dann? Etwan nicht um eine Sauen?« »Freilich wohl.« »Nun weißt, wann sichs um was Reinlichs handelt, um eine verzauberte Prinzessinnen zu erlösen oder um eine schöne Wunderfee zu zitiren, so gehts allemal auch reinlich her. Wann man aber eine Sauen zitirt, so kann man doch kein Makronentorterl oder einen Himbeersaften hinwerfen. Davon versteht das Schweinerl nix. Also willst oder nicht?« »Nun, so muß ich schon!« »Gut! Also indem Du den Schlüssel und das Andere von Dir auf den Weg wirfst, sagst Du dazu: Schlüssel, Schlüssel, klinglingling,         Mist und Dünger aus der Taschen! Grade hier will ich das Ding,         Das die Sau gemaust hat, haschen! »Soll ich das etwan laut sagen?« »Nun, zu schreien brauchst grad nicht, daß mans drinnen in Frankreich oder drunten in der Türkeien hören kann, auch wann man taub ist. Du mußts eben so sagen, daßts selber gut hörst. Verstanden?« »Jawohl!« »Nachhero gehst langsam fort. Aber weißt, das muß grad an demselbigen Augenblick geschehen, wanns um Mitternacht schlägt. Nicht früher und nicht später!« »Das kann ich schon dazu einrichten.« »Wohl? Nachhero also gehst fort, aber nimmer sehr weit, so daßt den Ort grad im Aug haben kannst.« »Das paßt sich sehr gut, denn da ist der Mühlgraben, woran das Erlengebüsch steht. Wann ich mich hinter die Sträuchern steck, so sieht mich kein einziger Mensch, ich aber kann Alles sehn.« »Ja, es ist ganz so, als ob Alls grad für Dich so recht hübsch hergerichtet war. Nachhero also paßt scharf auf; sie wird bald kommen.« »Die Diebin?« »Ja. Aber weißt, vorher muß ich Dir noch die Hauptsach erklären. Wann Du von Daheim fortgehst, so mußt den Schubkarren mitnehmen. Denselbigen läßst Du da stehen, wo Du das Sprücherl gesagt und den Schlüsserl fortgeworfen hast. Sodann wird die Diebin kommen und den Karren holen.« »Teufel! Das ist schön! Das ist gut! Das kann mich gefreun.« »Nicht wahr?« »Ja. Du hältst mich etwan für einen großen Dummkopf?« »Ich? Dich? Was fallt Dir ein?« »Weilst mir so einen guten Rath ertheilst!« »Nun, das muß ja sein!« »So dank ich schön für die ganze Geschichten!« »Wie? Warum wirst auf einmal so ganz perflex?« »Weil ich mir zu dem Schaden auch noch den Spott und das Gelächter holen soll. Erst ist mirs Schweinerl gestohlen worden, und sodann schaff ich der Spitzbübin auch noch den Schiebebock hin, daß sie das Sauerl recht hübsch und gemüthlich zu Markt fahren kann! Soll ichs ihr nicht etwan nachhero auch noch abkaufen?« »Was bist doch gleich für ein Obenhinaus! Sie wird das Schiebebockerl holen, um Dir auf demselbigen die Sauen herbei zu bringen.« »Ah! So meinst!« »Ja, so ists!« »Kann sie nicht ihren eigenen Schubkarren nehmen?« »Weißt so genau, daß sie einen hat?« »Freilich nein!« »Und der Deinige muß es sein, weil Du selbsten es bist, der das Schweinerl haben will. Weißt, die Magie ist so, daß sie gezwungen ist, Demjenigen das Viecherl zu bringen, dem der Karren angehört.« »Ach so! Das ist was ganz Andres!« »Ja natürlich! Wann sie mit dem Karren fort ist, wird sie die Sauen auf denselbigen laden und sie auf den Weg hinbringen. Dort setzt sie den Schiebebocken nieder und wartet. Du gehst hin zu ihr und sagst nur das einzige Wörtle: ›Komm!‹ und laufst voran. Da wird sie Dir nachfolgen, immer hinter Dir her.« »Ueberall, wohin ich geh?« »Ueberall!« »Auch bis hierher zum Gasthof?« »Ja, und sogar bis in diese Stuben herein.« »Das wär freilich ganz wunderbar!« »Ich sag Dir, daß sie muß. Der Zauber zwingt sie dazu. Sie kann gar nicht anders.« Die Andern hatten ruhig zugehört. Jetzt sagte der Wirth: »So was ist aber doch kaum zu glauben!« »Wirsts heut am Abend schon glauben, wanns so eintroffen ist, wie ich sag!« »Ja, Dein Gesicht ist so ernst dabei, und Du redest so davon, als obst ganz und gar überzeugt wärst.« »Das bin ich auch.« »Hasts wohl bereits sehr oft gemacht?« »Nicht nur einmal! Es muß ganz sicher gelingen, wann man nur Alls richtig thut und macht. Ganz besonders darf man sich nicht versprechen, wann man die Sprücherln hersagt.« »Es ist doch nur blos eins!« meinte Franz. »Sorg Dich nicht darum! Es kommen schon noch einige. Nämlich wann Du hier in der Stuben ankommen bist, und die Diebin hat den Schiebebocken niedergesetzt, nachher mußt laut sagen, daß Alle es hören: Holderi und Holdera, Dschingterum, jetzt sind wir da!« »Das ist nicht schwer zu merken.« »Ja. Nachhero wird die Sauen antworten.« »Was? Die soll reden?« »Obs reden wird oder quiecken oder grunzen, das weiß ich freilich nicht vorher. Grunzen aber wirst sie bereits unterwegs hören, so daßt überzeugt sein kannst, daß das Schweinerl da ist. Kurzum, sie wird Dir auf den Vers antworten. Und sodann sagst nachher: Rumdi, bumdi, Mückennest, Jetzt habn wir den Rackern fest!« »Auch das ist nicht schwer. Aber sehr eigenthümlich thun diese Gestanzeln doch klingen!« »Weil überhaupt die ganze Sachen eine ungewöhnliche ist. Nachher antwortet das Schweinerl wieder. Es ist mit einem Betttucherl überdeckt. Das ziehst nun hinweg und sagst dabei: Schlingel, Schlangel, Schnipp und Schnapp, Nun ziehn wir das Fell ihm ab. Nachhero ist die Geschichten aus. Die Sauen ist wiederum Dein, und mit der Diebin kannst machen, wast willst.« »Weiter kommt nix vor? Weiter wird nix verlangt? »Gar nix.« »So ists noch auszuhalten. Nur Eins macht mir Bedenken. Ich hab das Tucherl um und ein schwarz Gesicht. Wann wir nach der Stadt kommen, so werden alle Leutln uns nachlaufen. Das kann mir nicht gut gefallen.« »So mußt bedenken, daß es inzwischen Eins geschlagen hat. Da wird wohl Niemand mehr auf der Straßen herumlaufen. Und der Gasthof hier liegt doch gleich in der ersten Gassen nach dem Dorf hinaus. Die Hauptsachen ist, daß Niemand erfahren darf, daß es sich um eine Zaubereien handelt, sonst wirst von der Polizeien in Straf genommen. Das mußt Dir gut merken.« Es wurde noch Manches hin und her gesprochen, und zum Schluß zeigte der Fingerlfranz sich vollständig bereit zu dem sonderbaren Unternehmen. »Das soll mir ein Spaß werden,« sagte der Wirth, »wann wir die Spitzbubin ergreifen. Da will ich auch nix dagegen haben, daß wir jetzt bei dieser Geschichten unser Spiel versäumt haben. Jetzt aber ist die Sachen beschlossen, und so können wir von Neuem beginnen. Franz, Du bist an der Reihe zum Kartengeben.« Aber es gab doch noch eine Unterbrechung, nämlich jetzt trat der Leichenbitter herein, grad so geschmückt wie bereits beschrieben. Er pustete kräftig und sagte: »Das ist eine Mühen und Arbeiten, daß man zuletzt gar nimmer weiß, ob man der Vatern von seinem Sohn oder der Sohn von seinem Vatern ist!« »Natürlich bist Beides zu gleicher Zeit, wannt nämlich überhaupt einen Vätern gehabt hast und jetzt einen Sohn. Was hast denn für eine schwere Arbeiten, daßt so ganz in Schweiß ausnander läufst?« »Das weißt noch nicht?« »Nein.« »Ich lauf doch bereits seit ehegestern in der ganzen Gegend umher, um die Gäst zusammenzubitten.« »Wozu?« »Auch das weißt noch nicht?« »Das ist ja dasselbige, was ich schon soeben nicht wußt!« »Ach so! Nun, so kann ich Dirs sagen; aber vorher gieb mir einen Schnaps. Meine Zungen liegt nur im Maul wie der Stahl in einer Plattglocken. Dieses Reden, und dieses Erklären! Jetzund in unserer Zeiten sind die Menschheitskinder gar nimmer so hell im Kopf als wie ehedem. Damals brauchte man nur A zu sagen, da wußten sie sogleich, daß dies ein Buchstab ist. Jetzt aber, wann ich zwei geschlagene Stunden in einem Athem fort gesprochen hab und mich nun freu, daß ich endlich fertig bin, da sperrens die Mäulers auf und fragen mich, weshalb ich eigentlich kommen bin. Ich sags immer, die Menschheit geht weiter und weiter zuruck. Dabei wirds Gehirn kleiner und der Magen – –« »Hast Recht!« unterbrach ihn der Wirth. »Jetzt hast auch schon bereits fünf Minuten geredet, und ich weiß noch immer nicht, weshalb Du Umgang hast.« Der Mann blickte ihn ganz erstaunt an und fragte: »Hast schon bereits wieder vergessen?« »Hafts mir etwan schon gesagt?« »Freilich, wohl zwei oder dreimal schon. Mein Geschäft bringts doch mit sich, daß ich aufpaß und daß ich höflich bin. Wann ich also gefragt werd, so ist auch sogleich die schnelle Antworten da. So kennst mich doch bereits allezeit. Nicht?« »Nein. Ich kenn Dich nur so: Wann ich Dich nach Tabak frag, so antwortest von Zwetzschchen oder Pommeranzen, und wann ich Etwas vom Wettern wissen will, so fängst an, von Tint zu sprechen, von Kattun, von Ofengabeln und Ziegenböcken.« Der Leichenbitter schlug die Hände zusammen und rief: »Herr Jerum noch einmal! Gehts jetzt Einem schlecht, wann man ehrlich ist und sich fein rechtschaffen durch die Welt schlagen will! Nur schlecht gemacht wird man und verschumpfen und vernießt und verschnupft. Wie aber sind die andern Leut? Da giebts keinen Glauben mehr und kein Vertrauen. Da macht die liebe Sonnen das Wettern nicht mehr richtig, und wann man Mehl kauft, da ists verfälscht, und Kalken ist im Zuckern. Da ist Einer über den Andern hinein, und selbst kein Adverkate kann da mehr helfen. Die Ofen rauchen in die Stub, und in der Wursten sind Krichiners. Und nachhero, wann man fast gegen sechzig Jahr alt worden ist, erhält man nicht mal einen Schnaps, wann man ihn bestellt hat und auch zahlen will.« »Geht das auf mich?« »Ja freilich! Auf wen sonst?« »Dort steht die Flaschen. Schenk Dir selber ein! Dabei kannst uns nun endlich sagen, für went heuten in der Stadt umherläufst.« »Das hab ich doch soeben zum dritten Mal gesagt!« »So? Jetzt laß mich aus. Wannt etwan denkst, ich hab lange Zeit für Dich übrig, so werf ich Dich hinaus! Ists denn eine Hochzeiten oder ein Leichenschmauß?« »Keins von Beiden, obgleich auch beim Schweineschlachten viel gegessen wird. Kaum hat mans den Leuteln gesagt, so kommens schnell gelaufen und fressen Einem das beste Stücken vom Wellfleisch hinweg. Nachhero, wann die Beiden nicht gut für nander passen und sich nur von wegen der Thalers geheirath haben, giebts eine schlechte Ehen. Auch kommt die Cholera dazu, der Kühfuß und die Tümpherümdiß. Wie können da die Kinder gut gerathen! Sie werden allsammt verzogen, und dann heißts, die Hebammen ist schuld daran. Aber ich will nimmer klagen und die Sach so kurz wie möglich machen. Zwar soll ich Dich nicht einladen, Scat-Matthes, aber es wird Dich doch auch verinteressiren von wegen der Thalmühlen – – –« »Gott sei Dank!« rief der Wirth. »Endlich weiß mans nun doch, daß sichs um die Thalmühlen handelt!« »Das hältst bereits lange wissen können, wannst besser aufpaßt hättst! Wannt nicht gut hörst, so gewöhn Dirs Schnupfen an? Eine Priesen Lotzbeck oder Schneebergern Augentobaken thut da Wundern. Das Schnupfen öffnet die Nasen und giebt dem Verstand den richtigen Kraft und Saft. Gegen vierzig Personen werdens sein, Männer und Weiber. Auch Vornehme sind dabei, die mir vor lauter Freud gleich einen Thalern geschenkt haben, und passen thut das Paar zusammen; das muß man sagen. Die Letzte im vorigen Jahr wog fast über zwei Zentner; das sind zehn Stein oder zweihundert Pfund. Schmeer hatte sie grad wie ein Ochs, und gefressen hat sie bis zum letzten Augenblick. Aber so ists, man weiß nicht, ob man morgen noch unter den Lebendigen ist, und wäre der Bahnzug damals nicht vom Damm herunter gefahren, so lebte Mancher noch. Schließlich kam der Hirnschlag dazu und er wurde in erster Klassen begraben, mit Glockengeläut und einem Gesangsbuchsliedl unterwegs. Die älteste Tochter hat sich scheiden lassen von wegen böswilliger Verlassung der ehelichen Familienhindernissen, und nachhero paßt doch Keiner so gut zur Paula wie der Fingerlfranz. Zehnmal und zwanzig Mal ist der Alte bereits Gevattern gewesen; da zieht er allemal die Kalblederstiefeln an mit den lackirten Spitzen – – –« »Und Du bist ein lackirter Affen!« unterbrach ihn der Wirth lachend. »Jetzt hast geschwatzt und geschwatzt, und nur so ganz nebenbei kanns man herausriechen, daßt vom Fingerlfranz und von der Paula redest!« Der Hochzeitsbitter machte ein ganz und gar unbeschreibliches Gesicht, legte den Regenschirm und den Hut weg, welche Beide er bisher in den Händen gehalten hatte, holte tief, tief Athem und sagte: »Wie? Was? So nebenbei riechsts heraus. Jetzt hab ich mir schon das Maul lahm geriet, und kein einziger Mensch hat richtig drauf gehört? Natürlich red ich von den Beiden! Wannst das nicht weißt, so bist taub und auch blind dazu. Er sitzt ja selber da, der Fingerlfranz, der Verlobungsbräutigamerl, da grad neben Dir! Ist das nicht genug?« Alle lachten, und der Wurzelsepp stand auf, um zu gehen. Er hatte seinen Zweck erreicht und fühlte keine Lust, die ferneren Reden des Leichenbitters mit anzuhören. »Also heut Abend,« sagte Franz zu ihm. »Deine Zechen bezahl ich. Kommst doch auch mit her?« »Ich weiß noch nicht, glaubs auch kaum. Den Rath hab ich geben; weitern bin ich nimmer nöthig. Besser ists allemal, wann ich nicht mit da bin. Aber ich werd Dich morgen aufsuchen, da kannst mir mal das Schweinerl zeigen, das man bei Dir ausbrochen hat.« »O, einbrochen ist Niemand; das war gar nicht nothwendig. Die Sau war nicht bei den andern im großen Stall, sondern sie steckte ganz hinten im letzten Koben am Garten. Da war früh der Holzriegeln von der Thüren zurückgeschoben und das Vieh verschwunden. Die Spitzbubin hat sich gar keine Mühen zu geben braucht.« Der Wurzelsepp ging. Er wollte den Fex aufsuchen, um sich nun mit ihm zu besprechen. Da er den gewöhnlichen Weg bereits herzu gegangen war, schlug er diesesmal einen andern ein, welcher durch die Felder führte und um das Dorf herumging. Nach einiger Zeit war es ihm, als ob er Etwas gehört habe. Er blieb stehen und lauschte. Richtig! Da von rechts herüber klang es wie ein tiefes, wohlgefälliges Grunzen. Er schritt auf den Ort zu, von welchem die Töne kamen. Mitten in einem großen Felde, welches im vorigen Jahre mit Rüben bepflanzt worden war, hatte man eine sogenannte Miete errichtet, um diejenigen Rüben, für welche der Besitzer im Hause keinen Platz gehabt hatte, im Freien über dem Winter aufzubewahren. Die Rüben waren aufgeschichtet und wohl einen halben Meter hoch mit Erde zugedeckt worden. Und da drin in diesem Haufen stack – ein Schwein, welches sich tief hineingewühlt hatte und behaglich grunzend von den saftigen Rüben futterte. Keine Spur von einem Stricke oder einer sonstigen Fessel. Es war klar: dieses Thier gehörte dem Fingerlfranz. Es war nicht gestohlen worden, sondern einfach echappirt. Vielleicht hatte der Knecht oder die Magd beim Abendfüttern vergessen, die Stallthür richtig zu verschließen; das Thier war fortgelaufen, hatte zufälliger Weise die Miete gefunden und sich in diesen reich gedeckten Tisch tief hineingefressen. Jedenfalls fiel es ihm gar nicht ein, diesen Ort sogleich wieder zu verlassen. »Das laß ich mir gefalln!« schmunzelte der Sepp. »Nix kann mir besser passen als grad das! Jetzunder werdens glauben müssen, daß ich wirklich hexen kann!« Er blickte sich um. Kein Mensch war zu sehen. Er zog eine starke Schnur aus seinem Rucksack und schnitt sich mit dem Messer einen Pflock aus einem nahen Busch. Dann kroch er zu dem Schweine hinein, trieb den Pflock mit einem Steine tief in den Boden und band an denselben das Schwein mit einem Hinterfuße fest. Auf diese Weise war das Thier an der Flucht verhindert. Dann ging er weiter, der Mühle zu. Er hatte dieselbe noch lange nicht erreicht, so sah er den Concertmeister, welcher ihm entgegenkam und große Eile zu haben schien. Er blieb stehen und zog seinen Hut. »Grüß Gott, Herr Concertenmeistern! Verteuxeli, hasts heut nothwendig! Mußt wohl gar zum Leihhaus laufen?« Der Virtuos hörte gar nicht so recht auf diese Worte. Er dankte kurz, lief vorüber und rief dabei: »Hab keine Zeit. Muß zu ihr. Ssie kommt, ssie, ssie!« »Sssssie? Sssssie? Wer ist nachher diese Sssssie?« Da schien der Italiener sich auf Etwas zu besinnen. Er blieb stehen, drehte sich um und kam zum Sepp zurück. »Ich haben kehört, daß Sie ssein begannt mit ihr?« »Mit ihr? Wen meinst dann?« »Das rath Sie nicht?« »Sie nennst mich? Was fallt Dir denn ein? Hältst mich etwan für dem Großsultan seinem Hauswirth, dem er die Miethen schuldig ist? Ich bin der Wurzelsepp und will Du geheißen werden. Verstehst?« »Ja, ja, ich verstehn Du! Wer Du ssein ihr Begannter, ihr Freund, ihr Pathen, ihr conoscente, amico e patrino ? Ssein das wahr?« »Was sagst da für ein Zeug? Thu mir doch den Gefalln, und laß die fremden Wörtern weg! Red doch gleich lieber, wie Dir der Schnabel gewachsen ist!« »Ich fragen, ob Du wirklik ssein ihr Pathen!« »Von wem redst denn eigentlich?« »Von damigella , von canterina , von Sängerin Signora Mureni.« »Mureni! Gott sei Dank! Jetzund giebts endlich mal ein deutsches Wort! Mureni. Die Muhrenleni meinst?« »Ja, ssie mein ich, ssie, ssie, ssie!« Dabei strich er mit dem Stocke, welchen er in der rechten Hand hielt, über den ausgestreckten, linken Arm, als wenn er ein kräftiges, abgerissenes Sforzato geigen wolle. »Nun freilich, der ihr jeniger Path bin ich schon.« »So! Da wollen ich Dir ssaken, daß Ssie kommen.« »Sie kommen? Wie viele denn?« »Ssie, ssie, ssie, die Sängerin.« »Ach so! Ssssie, die Leni? Wann kommt sie?« »Jetzt, aukenblicklik, subito, incontinente !« »Was? Cupido? Den kenn ich schon. Das ist bei den Chinesern der Hochzeits- und Heirathsschlingel. Du, Musikmeistern, Du willst mir doch nicht etwan mit diesenjenigen Cupido der Muhrenleni aufs Tupeh springen? Das laß sein! Dazu bist allbereits zu alt und auch zu magern. Da hast falsch gerechnet!« »Ich verstehen Dich nicht. Ich wollen Dir nur ssaken, daß ssie kommt, mit dem näksten Zug auf der Eißenbahn. Ich laufen, ssie abzuholen.« »Himmelsakra! So lauf ich auch!« Er setzte sich mit dem Musikmeister in Bewegung. Natürlich hatte der Sepp ganz andre Lungen als der Italiener. Bereits nach einer halben Minute war er ihm weit voraus. Da aber kam ihm ein Gedanke. Er blieb halten, ließ ihn herankommen und fragte: »Wie viel Uhr kommt denn der Zug?« »Ssieben Uhren, le settimo .« »Um Sieben! Heiliger Severinus! Und da rennst so, als obt Feuer in den Hosen hättst! Da habn wir ja noch eine ganze Stunden Zeit! Jetzt laß mich aus! Was seid Ihr Musikantern doch für unbegreifige Leutln! Hast noch so viel Zeit, und rennst davon wie ein auskneifiger Spitzbuben. Der Schweiß rennt Dir in die Schuhen, und wannst nachhero auf dem Bahnhof stehst und frierst, so klapperst mit den Knochen und bekommst einen Quatarr und einen Schnupfrich, daß Dir die Nasen tropft wie eine Dachtraufen beim Wolkenbruch. Lauf also doch, wie sichs fein gehört! Und sag mir lieber, woherts weißt, daß die Leni kommt.« »Mein Freund hat ssu mir heraußen schicken, der Kapellenmeister, il maestro di capella . Ich müssen ssie mit abholen von der Bahnhofen, ich, weil ich mit ssie sspielen und maken Concert.« »Ach so. Du spielst mit ihr? Schön! Aber weißt vielleicht auch schon, in welchem Gasthof sie logiren wird?« »Nix in kein Kasthofen, in kein Hotel. Ssie werden wohnen in die Mühle – mulino .« »Meinst etwan in der Thalmühlen?« »Ja. Mein ssehr kehehrtes Freund Richardt Wagner Riccardo Caroadore hat kesproken mit das Müller, mulinaro . Dort ssein ein Logis ssu finden.« »Etwan in der Villa bei Euch?« »Nein, no, no, ssondern in Mühlen sselber, ein Treppen hoch, mehrere Zimmer, piu molti appartamenti .« »Das ist droben in der guten Stuben und neben dran, wo der Müllern nur aufschließen thut, wann er mal Besuch bekommt. Dies Logemang hat er hergeben? Das ist ja ein blaues Wunder! Da hat er mal eine sehr gute Launen gehabt. Jetzt horch! Da schlägts auf den Thurm. Nun haben wir noch drei Viertelstunden Zeit. Aber weißt, Du bist halt ein vornehmer Mosjeh, und mein Habit paßt nicht zu dem seinen Gottfried, dent angezogen hast. Drum will ich Dich nicht vor den Leutln verblamerirn. Lauf Du durch die Stadt; ich geh hinten herum.« Sie trennten sich, was dem Concertmeister auch ganz lieb zu sein schien. Unter vier Augen mochte er wohl einmal gern mit dem originellen Wurzelsepp beisammen sein; aber mit ihm durch die Stadt gehen, das hielt er doch nicht für sehr gerathen. Also ging er gradaus, und der Alte schlug einen schmalen Pfad ein, welcher lang hinter diesem Theile des Badeortes hinführte. »Jetzt nun bin ich neugierig,« murmelte er in den Bart, »was die Leni für ein fein Gewanderl anhaben wird, wann sie aus dem Wagen steigt. Freilich muß sie sich nun kleiden wie eine richtige neumodische Mademosellen, so ein lang Kleid von Seiden mit einem Schlamperl daran, was hinterher die Cigarrenstummerln auf der Straßen zusammenfegen thut, nachhero einen Sammethut mit einem Vogerl drauf oder mit einer toden Katzen aus Amerika; daran kommt dann so ein Schmachtlapperl, was sie den Schleiern heißen, in der einen Hand ein Sonnen-Parumblüh mit Quasterln und Spitzerln dran herum, und in der andern Hand das weiße Schneutztucherl, was man so hübsch hin und her schlenkert. Und große Schritten darf sie auch nicht machen, wie wann Unsereiner über den Graben springt, sondern sie muß so zimperlich hipperln und tripperln, wie wanns lauter Ameisen zwischen denen Fußzeherln hätt. Na, ich bin begierig, obs mich dann auch noch kennt und anschaut, besonders wann so vornehme Herren dabei sind, der Musikmeistern und der Musikdirectorn!« Und stehen bleibend und sich mit der Faust vor den Kopf schlagend, fuhr er laut fort: »Was? Wurzelsepp, was bist doch für ein Hallunken und schlechter Kerlen! Du meinst, daß die Leni Dich nimmer kennen wird? Soll ich Dir selber eine Watschen hinein hauen, daßt ein Purzelbaumerl fliegst von hier bis ins Oesterreicherl hinein. Die Leni ist ein braves Dirndl; die verleugnet den Sepp nicht, und wann selbst der König dabei steht und der Großmogul und der Reichstagslasker und der Eugen Richter mit sammt dem Fürsten Windischgrätz! Die, wann sie aussteigt und sieht mich dabeistehen, so schaut sie die vornehmen Schlankerln gar nimmer an, sondern die wirft vor Freud den Sammethut in die Luften, macht einen Jauchzersprung und fallt mir um den Hals, daß ich gleich denk, ich hab in deren Braunschweigischer Lotterien die Fünfmalhunderttausend gewonnen. Nachhero – – –« Er war mit beschleunigtem Schritte wieder weiter gegangen, blieb aber jetzt abermals und plötzlich stehen, hielt mitten in seiner Rede inne und starrte nach einer nahe liegenden Gartenecke. Dort kam zwischen zwei Häusern ein schmaler Steig heraus, welcher auf den Weg mündete, den der Sepp eingeschlagen hatte. Auf diesem Steig war Jemand herbei gekommen und beim Anblicke des Alten dort an der Zaunecke ganz ebenso freudig überrascht wie er stehen geblieben. »O Jerum Postum Natum, ich weiß nix mehr vom Datum!« rief er aus. »Ists wahr? Bists, oder bists nicht?« »Ich bins halt schon!« »Leni!« »Sepp!« »Mein liebs Lehnerl!« »Mein alts, guts Patherl! Komm her! Ich muß Dich umarmeln und Dir vor lauter Freuden ein Busserl geben!« Sie breitete die Arme aus und kam auf ihn zu. Er aber hielt ihr die ausgespreizten zehn Finger entgegen und rief abwehrend: »Halt! Nicht so schnell! Erst muß ich mir das Maul abwischen, eh mich so ein saubers Vögerl anbeißen darf. Weißt, ich hab auch meine Lebensart gelernt!« Er wischte sich einigemal mit dem Aermel so derb über den grauen Schnurrbart, als ob dort einige Frühbeete hinweg zu räumen seien. »So, jetzund ists appetitlich. Nun schmatz drauf los!« Sie lachte hell und munter auf, schlang die Arme um seinen Hals und gab ihm einen – zwei – drei schallende Küsse. »Da, Sepp, hast Dein Willkommen! Schau, so sehr freu ich mich, daß ich Dich seh!« Er leckte sich die Lippen ab, als ob er Honig gegessen habe, und meinte schmunzelnd: »Ja, so was laß ich mir schon gefallen. Wanns allemal so wär, so lief ich halt gleich jetzt wiederum fort, um in einer Viertelstunden wieder so ein Willkommen zu halten. Aber, du Wetterhexen, was thust eigentlich hier hinter den Häusern? Willst etwan Sperlingen fangen?« »Ja!« lachte sie. »Oho!« »Aber nur einen einzigen.« »Bist doch gespaßig!« »Und zwar einen recht alten und grauen.« »So mach schnell, daßt ihn auch erwischst!« »Ich hab ihn schon!« Dabei hielt sie ihn an seiner alten Joppe fest. »Potz Flammri! Meinst wohl gar mich?« »Ja doch!« »Nun, so hast Recht. So ein alter, grauer Spatzen und Matzen bin ich schon freilich. Also mich hast fangen wollen? Das soll ich wohl auch bald glauben?« »Kannsts glauben! Ich bin durch alle Straßen gelaufen und hab in alle Wirthshäusern geschaut, aber da ist kein Sepp zu sehn gewesen. Hernach hab ich denkt, ich will mal ins freie Feld blicken, ob er vielleicht da herum springt. Drum bin ich dahier heraußikrochen, und richtig – da hab ich Dich verwischt.« »Schau, schau! Wer hätt das denken könnt! Und weißt halt, wohin ich eben wollt?« »Nun?« »Nach dem Bahnhof, um Dich außisteigen zu sehen.« »Siehst, da hättst freilich nix geschaut. Ich bin schon bereits mit dem vorigen Zug ankommen, und weil ich weiß, daßt auch hier bist, so bin ich allsogleich ausgangen, um Dich zu suchen. Aber woher weißt halt, daß ich mit diesem Zug kommen soll?« »Von einem Italienern, einem Concertmeistern, dems der Musikdirectoren gesagt hat.« »Ach so, der! Ja, der Musikdirectoren hat uns telegraphirt, daß er uns mit der feinsten Equipaschen abholen will, und daß er auch bereits ein sehr hübsch Logis für uns hat.« »Uns? So bist nicht allein da?« »Jetzt bin ich allein; aber nun kommt Frau Director Gualèche, weißt, meine Gesangslehrerin.« »Ja, das Kalescherl.« »So heißts nicht, Sepp. Gualèche ist ein französischer Nam und wird ausgesprochen wie Galehsch.« »Ja freilich, wie Kalesch, und das ist doch ein Wagerl, mit dem man leicht und rasch spazieren fahren thut, ein Kalescherl. Die Madame ist also die Frau Directoren Kalescherl.« »Galehhhhhsch! Verstanden?« »Ja, hörsts doch! Kalescherl!« »Mit Dir ist nix zu machen. Du bist und bleibst der alte Wurzelsepp!« »Und Du bist und bleibst mein bravs Lehnerl. Nicht?« »Ja, was soll ich denn sonsten sein?« »Nun, Du könntst gar vielerlei sein; aber am Besten ists, wann Du die Leni bist. Nun sag aber auch, warum Du so zeitig kommen bist und nicht mit Deiner Madamen Kalescherln?« »Ja, schau, das war so eine Marotten von mir.« »O weh! Hast doch auch bereits Marotten?« »Einen ganzen Haufen! Weißt, die Directorin hat ihr Stubenmädchen mitgenommen und ein Gepäck, als obs nach Merika auswandern wollt. Und weil wir abgeholt werden sollen, so hats ein fein Seidenkleid anzogen, und ich sollt auch als so ein feins und vornehms Kreaturl mitkommen. Nun denk Dir mal, Sepp: Ein Schnürbrusten mit acht Pfund Fischbeinen und da vorn herunter ein halber Zentner Stahl; auf dem Kopf ein großer Schapoh de Mariong mit einer Straußenfedern drei Ellen lang. Nachhero die Haaren fein gesalbt und geflochten und zwanzig Naderln hinein und ein Diademerl von Silbern mit Granaten drin – –« »Alle Wetter!« unterbrach er sie schnell. »Granaten? Ist das Kalescherl gescheidt oder nicht? Wann nun die Granaten platzen?« »Das sind keine solchen, sondern andere. Und weiter: Dann soll ich Glassehschuhen an die Händen thun und Glanzstieferletten an die Füßen. Einen Fächern soll ich in die Finger nehmen und damit so auf und nieder wedeln, als ob mich die Fliegen und Wesperln schon bereits halb aufgefressen hätten. Und nachhero den Palletoh und den Reisemantel, eine Plüschdecken und ein Plähd aus Schottenland, was aussieht wie ein Damenbrett. Fünf Hutschachterln und zehn Cartongeln, drei Sonnen- und zwei Regenschirmer, zwei Pelzmuffkasten und den Fußsacken, dreißig Papierpaketerln und vierzig – – –« »Halt auf, halt auf!« schrie der Sepp, indem er sich mit beiden Händen nach den Ohren fuhr. »Und das Alles hast mitnehmen sollen?« »Ja. Und dazu still sitzen und Bonbons fressen und ein Gesicht machen wie ein Schaf, wann mans mit dem Grashalm in der Nasen kitzelt. Und nachhero, wann man aussteigt, diese Komplimenters und Verbeugebungen und Knixen, daß man sich die Hüften verdreht und die Achseln verrenkt. Dann in eine feine Equipaschen gesteckt und wie die Prinzessin Harifaridarina ins Logement geschafft und dort fein säuberlich niedergesetzt wie ein Glasweiberl, was ja leicht zerbrechen könnt! Nein, da ist mir himmelangst worden, und ich bin ausgerissen.« »Wie? Was? Wirklich ausgerissen?« »Freilich.« »Weiß dann das Kalescherl, daßt hier bist?« »Daß ich schon hier bin, weiß sie nicht. Ich hab halt mein Alpengewandl hervorgesucht und heimlich anzogen. Herrgottl, wie mir da so wohl geworden ist! Das glaubst halt gar nicht. Ju – hu – hio!« Sie schnippste mit den Fingern in die Luft und stieß einen schallenden Jodler aus. Der Sepp wurde davon sofort angesteckt. Er faßte sie mit beiden Händen an der Taille, hob sie hoch empor und schrie: »Hol – de – ro – dri – oh! Juch, juch! Dirndl, Du hast mirs angethan! Der Teuxel soll das vornehme Gelimper und Gelamper holen!« »Hast Recht, Sepp, hast Recht! Also ich hab mein Gewandl anzogen und bin eschappirt. Vorher aber hab ich einen Brief geschrieben, daß – –« »Was? Was sagst? Briefschreiben kannst auch schon?« »Na, was ich alls gelernt hab, das glaubst gar nimmer. Also ich hab der Madamen Qualèche geschrieben, daß ich allbereits fort bin; ich werd einen Umweg machen und erst morgen am Vormittag hier ankommen.« »Sapristi! Bist Du ein durchtrieben Geschöpferl!« »Ja, so muß mans anfangen, wann man mal wiederum ein richtig und munter Menschenkind sein will. Aber freilich bin ich schon früh kommen und nicht erst morgen. Nun möcht ich wissen, was die Frau Director für ein Gesichterl gemacht hat, als sie den Schreibebrief lesen that. Das muß gespaßig gewest sein!« »Und was für Gesichter der Concertmeistern und der hiesige Kapellmeistern machen wird, wann sie hörn, daßt nicht mit dabei bist, das möcht ich auch schaun. Aber nun sag doch mal, Leni, wannt so allein gefahren bist, wo hast nachher das Geldl dazu hergenommen?« »Meinst, ich hab keins?« »Nun, woher sollsts genommen haben?« »Sepp, soll ich Dir meine Kassen zeigen?« »Ja, zeigs doch mal. Dadrin wirds wohl auch traurig ausschaun, denn Sennrin bist nun nimmer mehr, und ein Dienstlohn bekommst also nicht. Aber Hab nur keine Sorgen und Aengsten. So lang der Sepp da ist, da soll Dir geholfen sein. Was Du brauchst, das hab ich halt schon.« »Meinst von dem Meinigen, wast mir in München aufgehoben hast?« »Was Du dem Krikelanton seinen Eltern geben wolltst? Nein, das wird nicht angerührt. Wann Du ein Geldl brauchst, so geb ich Dirs von den weinigen Ersparnissen. Ich hab mir schon denkt, daßt kein solch Concerten hier singen und so eine Reisen machen kannst ohne Geld. Und hier brauchst doch auch Etwas. Nicht?« »Das wird schon wahr sein.« »Nun, so will ich Dirs geben.« »Wie? Das willst wirklich thun? Geld willst mir geben?« »Ja freilich!« Um ihren Lippen spielte es stillvergnügt. »Nun, wie viel nur?« Er zog sein kleines, schmutziges, armseliges Lederbeutelchen hervor und öffnete es. Er nahm ein Papierchen heraus, reichte es ihr hin und antwortete: »So viel, Leni. Weit wirds wohl nimmer reichen; aber besser ists doch immer als gar nix.« Sie nahm es und öffnete es. Es war ein zusammengelegter Fünfzigmarkschein. In ihren Augen glänzte es feucht, und ihre Lippen zuckten verräterisch. »Das willst mir geben, Sepp, das?« »So viel!« »Leni, für eine Sängrin ists so wenig; das kann ich mir gar wohl denken.« »Aber wie lang hast drüber gespart?« »Das geht Dich gar nix an!« »O, das geht mich schon was an! Das geht mich sogar sehr viel an; Mein armer, alter Pathen, der nur trocken Brod ist und am Tag über kaum eine Mark verdient, wann der mir gleich auf einmal fünfzig Mark schenken will, so kann ich schon darnach fragen, obs ihm auch keinen Schaden bringt!« »Da brauchst keine Angst zu haben. Ich sterb schon nicht daran!« »Nein, gleich nicht. Aber wannst in Deinen alten Tagen Dir nicht auch mal eine Güten thun kannst, so verkürtzst Dein Leben. Verstanden! Ich nehm das Geldl nicht.« »Leni!« rief er halb bittend und halb grollend. »Sepp! Hältst mich für hartherzig?« »Nein, eben nicht!« »So behalt Dein Geld!« »Nein, Du nimmsts!« »Soll mich Gott behüten! Ich branchs auch nicht. Ich wollt nur mal sehen, wie viel Du mir geben thätst.« »Du brauchsts schon nothwendig!« »Nein, ich hab Geld.« »Kannsts beweisen?« »Ja.« »Na, so mach den Beutel auf!« »Gut, schön! Sollsts gleich sehen.« Sie drückte ihm den Kassenschein wieder in die Hand, zog ein Portemonnaie heraus, öffnete dasselbe und hielt es ihm hin. »Nun, so schau!« Er warf einen langen, erstaunten Blick hinein, trat dann zurück und sagte: »Jesses, Marie und Josepp! Hast Du aber ein Geldl!« »Nicht wahr?« »Lauter Gold!« »Na, also!« »Lauter Zehn- und Zwanzigmarkerln!« »Nur? O, ich hab auch noch mehr. Schau hier nach!« Sie öffnete noch ein verschlossenes Fach und zog mehrere Hundertmarkscheine hervor. »So! Hier sind noch fünfhundert Mark.« Da hob er die Hand erschrocken empor und brach in den alten Stoßvers aus: »O Herr behüt mich hier auf Erden, Daß ich nicht mög ein Spitzbub werden!« »Willst etwan bei mir einbrechen?« lachte sie. »Nein, bei Keinem, und bei Dir nun erst recht gar nicht. Aber, schau, das sind doch fast achthundert Markerln. Wo hast die denn eigentlich her?« »Ach so! Jetzt denkst, ich sei irgendwo einibrochen!« »Nein, aber ich kanns nicht begreifen, daßt so ein Geldl hast. Eine arme Sennerin und so ein Vermögen! Sags schnell, damit ich ruhig werd!« »Vom König hab ichs.« »Ah! Vom König!« »Ja. Er zahlt Alles und giebt mir noch extra auch ein Nadelgeld, wovon ich mir Dieses hier gespart hab.« »Ein Nadelgeldl?« fragte er erstaunt. »Und davon hast das hier zuruck gelegt?« »Ja.« »Himmelsakra! Das mag auch begreifen, wers begreift! Von dem Geldl, was Du brauchst für Steck-, Näh- und Haarnaderln hast das gespart?« »So wörtlich ists nicht gemeint. Schau, Nadelgeld heißt das, was eine Dame monatlich für Alls erhält, was sie braucht, was sie sich selber kaufen muß.« Er sah sie groß an, zog die Brauen empor, nickte ihr langsam und verständnißinnig zu und sagte: »Eine Dame! Ah, Schlipperment! Eine Dame bist also! Nun, das ist wohl auch richtig. Und wie viel giebt Dir der König im Monat, he?« »Ich bekomm am Tag fünf Mark, am Monat also hundertfünfzig Mark. Hundert spar ich davon, und weil ich nun bereits vom September bis Mai in der Gesangslehr bin, also acht Monaten, so sinds auch grad achthundert Markerln.« »Und die sind auch Dein?« »Natürlich!« »Du brauchst nix zuruck zu geben, wast nicht brauchst?« »Wo denkst hin! Wird der König Etwas wieder zuruck nehmen. Er hat den Betrag aus seiner Privatschatullen angewiesen, und da wirds nun ausgezahlt, ob ichs brauch oder nicht.« »O heiliger Baldrian! So eine Privatschatullen, wann ich auch hätt! Ich fräß den ganzen geschlagenen Tag von früh bis Abends saure Kartoffeln mit Speckgriefen dran! Was bist nun da plötzlich für ein reiches Dirndl worden, Leni! O Himmeljerum! Du brauchst nur die zehn Fingern hinaus zu halten, wann Du einen Mann haben willst, nachher klebt an jedem Fingerl ein ganzes Batallgon. So eine Unsummen von Reichthum! Aber schau, das gefreut mich sehr, daßt so gespart hast. Konntsts ja auch verwichsen wie Andre, und es hätt kein Hahn darnach gekräht. Aber so ist nun die Leni!« »Soll ichs etwan zum Fenstern naus werfen? Ich erhalt ja Alles, was ich brauch, Wohnung und Kost, Lehrgeld und Kleidung, und was für Kleidung. Hör, Sepp, wannt mich im neuen Konzertkleid siehst, so geht Dir der Verstand flöten!« »Du, da schau ich Dich lieber gar nimmer an!« »So willst mich also nicht anhören?« »Ich möcht wohl. Darf ich?« »Du sollst sogar. Wann ich zum ersten Mal als Sängrin auftret, so mußt unbedingt dabei sein. Ich geb Dir ein guts Freibilleterl.« »Auch noch ein guts?« »Ja. Mein Path, der soll mit vorn sitzen bei denen vornehmen Herrschaften. Verstehst?« »Verteuxi!« »Oder fürchtest Dich etwan?« »Ich? Vor wem? Nun grad setz ich mich erst recht voran, denen Herrngeschaften vor die Nasen.« »Mußt Dich aber fein sauber machen!« Er kratzte sich hinter den Ohren und meinte: »Ja, das möcht ich wohl gern, aber – aber – –hm!« »Was meinst?« »Ich versteh nix davon.« »Vom sauber machen?« »Ja eben. Schau, waschen thu ich mich wohl alle Tagen mehrmals und kämmen auch; damit ists bei mir genug. Das Weiteren kenn ich nicht. Wann ich mich so herrichten soll wie die hiesigen Stutzern, so wird mir gleich himmelangst. Ich weiß ja gar nimmer mehr, was sie Alls thun, um schön hübsch zu sein. Ich habs wohl mal gehört aberst auch wiederum vergessen. Ich hab vernommen, daß sie sich Mehl ins Gesichten blasen, um recht schön weiß zu sehen und Bartstiefelwichscn in den Schnurrbrich. Für die Fingernagerl habens ganz besonderen Bürsten und auch ein feins Scheerle zum Abschneiden, wo ich sie mir gleich so blos abbeißen thu. Nachher kämmens sich einen Strich über den Kopf bis hinten zum Genick herunter, daß der Kopf gleich nur zwei Hälften hat, rechts herübern und links hinübern; ein Glas sperrens sich ins Auge, und einen Stecken nehmens in die Hand, der nicht mal bis zur Erden herunter reicht. Die Hosen müssen ganz eng sein, daß man die Wadeln gut erkennen kann, weils zu klein sind, und hinten kommt eine dicke Watten hinein, weils da auch am Fleisch fehlt. Die Brust macht der Schneidern und die Achseln auch, – sogar eine Schnürbrust sollens anlegen, und wann nachhero so ein armer Teuxel in dem Gewandl steckt, so soll es ihm grad so zu Muthe sein, als ob er oben erstickt, unten ersäuft, vorn erdrosselt und hinten aufgehangen werden sollt. Und nun frag ich Dich, ob ich etwan mich auch so herausstaffiren lassen sollt. Da wärs mir angst um mein arms Wengerl vom Leben.« »Nein, das sollst nicht. Du sollst nur einen neuen Kragen, ein hübsch Hals- und Schnupftucherl und ein Paar Manschetten haben. Und die Schuhen mußt Dir auch sauber machen.« »Weiter nix?« »Nein. Und den Kragen, die Manschetten und das Halstucherl werd ich Dir selber anmachen, weißt, daß es hübsch accurat wird. Ich will grad einen großen Staat mit Dir machen, denn die Leutln werden natürlich fragen, wer der Hallodri ist, der es wagt, sich zu ihnen zu setzen.« »Der Hallodri? Herrgott sakra, da werd ich ihnen aber eine Antworten geben, mit welcher – – –« »Ja, weißt, laut werdens nicht fragen.« »Wie sonst?« »So ganz still, mit Blicken.« »O, meinst etwan, ich kann nicht auch blicken? Ich kann Augen machen wie – wie – –wie ein Ofenloch, wann die Steinkohlen drin zerplatzen und heraus in die Stuben fliegen. Mir sollen diese Rackern nicht etwan mit ihren Blicken kommen; ich werd sie anblitzen, daß sie denken, der Donner kommt sogleich dahinter her.« »Das ist auch falsch.« »So? Wie soll ichs dann machen?« »Gar nix sollst machen. Mußt so thun, als obst grad hin gehörst und nirgends anders hin. Mußt gar nix sehn von ihnen; mußt denken: Blaßt mir den Staub von den Füßen, und flickt mir die alten Strümpf zusammen! Verstanden?« »Ja, so kann ich auch thun ganz gewiß, wann ich nur erst mal wollen thu. O, ich bin ein sakrischer Kerl, das glaubst kaum richtig. Ich kann ein Gesicht machen; wie dem Millionär sein Köderhund, wann ein Bettler kommt. Er bellt ihn gar nicht an; dazu hat er viel zu viele Kassenscheinerl im Schrank.« »Ja, so mein' ichs und so will ichs. Aber hier stehn wir nun schon fast eine halbe Stunden. Wo gehn wir nun mal hin?« »Willst etwan gleich in Dein Logis?« »Wo ist das?« »Weißts noch nicht?« »Nein doch.« »Das ist in der Thalmühlen draußen, wo auch der König wohnt.« »Der ist schon da?« »Ja; aber es solls wohl Niemand wissen. Und der Richardl ist auch bereits hier. Na, die habn auch schon ein Abenteuern durchgemacht, was hätt schlimm ausfalln können, wann der Fex nicht gewesen wär!« »Wer ist das, der Fex?« »Das werd ich Dir nachher schon Alls klar und kein erzählen, Leni. Jetzt aber – –Ah, wer kommt da?« Die Beiden hatten Aufmerksamkeit nur auf sich selbst gehabt; darum war es ihnen entgangen, daß es ganz in der Nähe einen heimlichen Beobachter gab. Nämlich das Haus, an welchem der schmale Steg vorüberging und hinter dessen Gartenzaun die Beiden standen, war der Gasthof des Scat-Matthes. Dort befand sich der Fingerlfranz noch. Er war einmal heraus in den Hof gegangen und hatte da die Jauchzer der Beiden gehört. Die Stimme Leni's war ihm sofort aufgefallen, und so hatte er einige Schritte weiter heraus in den Garten gethan. Zu seinem Erstaunen sah er da hinter dem Zaune den alten Sepp in einer sehr intimen Unterhaltung mit einem außerordentlich hübschen Mädchen. Von der Wand eines Schuppens gedeckt, schlich er langsam näher. Er sagte sich, daß er kaum jemals so ein schönes Mädchen gesehen habe. Er hatte Recht. Als Sennerin hatte Leni doch immerhin etwas Eckiges, Unfertiges an sich gehabt. Jetzt war sie voller und runder geworden, auch schien sie in die Höhe gewachsen zu sein. Das Sonnenbraun war von ihren Wangen gewichen und hatte einer leisen, hochinteressanten Röthe Platz gemacht, zu welcher der schneeige Teint des übrigen Gesichtes und des Halses, sowie die dunkle Fülle ihres Haares außerordentlich gut paßte. Es war gewiß, sie hatte geistig gewonnen. Ihre Mienen, ihre Bewegungen waren ganz andre geworden. Ihre Schönheit, früher so zu sagen nur eine körperlich-seelische, war nun auch eine geistige geworden. Das Studium der Musik hatte ihrem ganzen Wesen den Adel geistiger Arbeit aufgedrückt. Darum machte sie einen außerordentlichen Eindruck auf den Fingerlfranz. Dieser sagte sich zunächst freilich nur, daß sie hübsch, üppig, verführerisch sei. Sie trug ärmliche Kleidung und redete mit dem Wurzelsepp, der für einen halben Bettler galt. Das war für den Franz genug. Er war reich und hielt sich für einen außerordentlich hübschen Kerl; darum konnte es ihm ja gar nicht schwer fallen, hier eine so interessante Bekanntschaft anzuknüpfen. Er beobachtete die Beiden noch ein Weilchen, aber ohne ihre Worte verstehen zu können; dann ging er näher. Als er sah, daß er von dem Sepp bemerkt worden sei, rief er laut: »Was, bist noch immer da, Sepp? Ich hab glaubt. Du bist schon längst fort gangen.« »Das war ich auch; aber ich bin bereits wieder zuruck.« »Und hast Gesellschaft troffen?« »Freilich.« »Das laß ich mir gefalln. Darf ich auch diese gute Bekanntschaften machen?« »Ich rath Dirs nicht.« »Warum nicht?« »Es ist zu gefährlich.« »O, wirst doch nicht etwan eifernsuchtig sein, wann ein Jungbursch mit dem Dirndl redet!« »Ich? O nein.« »Was hats denn sonst für eine Gefahren?« »Das kannst bald erfahren, wannst etwan nicht drin im Garten bleibst.« Der Fingerlfranz schickte sich nämlich an, über den niedrigen Zaun zu steigen. Er ließ sich durch Sepps Worte nicht irre machen, sprang heraus, kam herbei und antwortete: »Nun, so werd ichs also jetzt sehen, denn ich bin da. Aber ein alter Sakrifizi bist doch, he!« »Warum?« »Suchst Dir noch so ein bildsaubers Dirndl heraus!« »Meinst etwan, ich hab keinen Geschmack!« »O, einen sehr guten hast sogar. Es giebt in der ganzen Umgegend kein so schöns Maderl. Ich kenn sie noch gar nimmer. Wer ists denn?« »Mein Patherl.« »Ah! Und woher?« »Aus ihrer Heimath.« »Das glaub ich alleweilen schon. Wo aber liegt denn eigentlich diese Heimathen?« »Grad unterm Mond, wann er drüber steht.« »Donnerwettern! Willst mir wohl gar keine Auskunften ertheilen, Wurzelsepp?« »Wozu ists nöthig!« »Weil ich das Dirndl gern kennen lernen will.« »Damit ist nix. Sie ist nur heut da und kommt nimmer wiederum her. Und Du hast die Deinige.« »Was schadet das? Muß etwan gleich geheirathet sein? Ein Busserl thuts auch.« »Du, das ist gefährlich. Hasts ja bereits erfahrn.« »Wie kannst dies behaupten?« »Greif an Deine geschwollene Nasen und an Deine aufgelaufenen Lippen!« »Was hat das mit dem Busserl zu thun?« »Du hättst diesen Hieb nicht erhalten, wann Du die Paula in Ruh gelassen hättst.« Der Franz blickte ihn zornig an und rief: »Alle Teufel! Weiß man das auch bereits?« »Alle Welt weiß es.« »Von wem aber?« »Die Eichkatzerln habens verrathen, weißt, welche Du da draußen verscheucht hast.« »Ja, den Eichkater, ders verrathen hat, kenn ich wohl, und ich werd auch sehr bald mit ihm zusammenrechnen. Aber das gilt doch hier nix. Hier steht ein anderes Dirndl, und ich bin der Fingerlfranz. Schlag ein, Dirndl, wir gehn Sonntag mitnander zum Tanz!« Er hielt ihr die Hand hin. »Sonntag hast Verlobung!« meinte der Sepp. »Nun gut, so können wir gleich jetzt beisammen bleiben. Komm also herein, Sepp, und bring Dein Patherl mit! Ich zahl ein Bier und Schnaps.« »Dank sehr schön! Wir haben keine Zeit.« »Hast so nothwendig! Wo willst hin?« »Dahin, wohin Du nicht gehörst.« »Sappermenten! Bist doch jetzt auf einmal ein recht Bilsenkraut und Giftschierling! Aber damit machst mich nicht ängstlich. Ich geh mit Euch.« »Das wirst bleiben lassen!« »Na, Sepp, Dich werd ich da nicht viel fragen. Das Madel gefallt mir, und so geh ich mit.« »Gefallst denn etwan auch ihr?« »Das werden wir sogleich hören. Sag, Dirndl, nicht wahr, ich gefall Dir? Nicht?« Leni hatte sich mit sehr gleichgiltiger Miene die Gegend angesehen und gethan, als ob der rohe Mensch gar nicht vorhanden sei. Jetzt, da er sich nun bereits zum zweiten Male direct an sie wandte, drehte sie sich langsam um, blickte ihn mit verächtlich zusammengekniffenen Augen vom Kopf bis zu den Füßen an und antwortete: »Du mir? Diejenige, der Du gefällst, die ist entweder ganz ohn allen Verstand oder sie taugt auch so gar nix, grad wie Du.« »Wie, ich taug nix? Woher weißt das?« »Schon Dein Ochsengesicht sagts, und nachher wer ein Dirndl hat und Deine Worten zu einer Andern spricht, der ist ein Hallunken durch und durch. Mach Dich nur von dannen. Bei mir kommst schief an!« Diese Abweisung reizte ihn noch weit mehr als sie ihn ärgerte. Sie war so schön. Sein glühender Blick ruhte verlangend auf ihr. Er antwortete halb zornig und halb höhnisch: »Ah, Du bist doch eine rechte Heldin! Siehst denn nicht, daß ich größer bin und breiter als Du?« »So groß und breit Du bist, so armselig bist auch. Vor Dir braucht man sich nicht zu fürchten.« »Wollen doch mal sehen. Jetzt werd ich Dich in meine Arme nehmen und Dir ein Busserl geben.« »Du,« rief der Sepp, »das werd ich mir verbitten. Mein Patherl laß ich nicht anrühren. Ich hab Dir auch bereits gesagt, daß es gefährlich ist.« »So! Soll ich mich vor Dir fürchten?« »Obst mich fürchtest oder nicht, das ist ganz gleich. So lang ich noch einen Arm hab und einen Stock, so lang rührst das Dirndl doch nicht an.« »Halt!« bat Leni. »Du sollst gar nix damit zu thun haben, Path Sepp. Ich bin schon selbiger Diejenige, die mit einem solchen Bub zu reden vermag.« Dabei schweifte ihr Blick nach einer alten, hohlen, fast ganz abgestorbenen Weide, welche grad neben ihr am Zaune stand. Der Fingerlfranz lachte laut auf. »Das ist schön, daßt mit mir zu reden vermagst! Das wünsch ich mir grad eben. Und darum wolln wir jetzt unser Gespaß anfangen und zwar mit dem ersten Busserl, was ich Dir geb.« Er streckte die Arme nach ihr aus. Sie wich bis an die Weide zurück und drohte ihm: »Laß ab von mir, Ungeziefern Du, sonst ergehts Dir nimmer so, wie Dus wünschen thust.« »Das werden wir gleich sehen!« Er wollte sie umfassen und bog den Kopf herab. Da aber holte das tapfere Mädchen aus und schlug ihm mit der Faust so auf die bereits beschädigte Nase, daß das Blut wieder herauslief. Er fuhr mit beiden Händen nach dem verletzten Gesichtstheile, so daß dieselben auch für einen Moment seine Augen bedeckten. Diesen Moment, an welchem er nicht sehen konnte, was sie that, benützte Leni blitzschnell. Sie griff hinter sich in die hohle Weide hinein, an welcher sie lehnte und nahm beide Hände voll von dem feinen Modermehle, welches sich dort angesammelt hatte. Der Fingerlfranz hatte sein Gesicht, wie gesagt, nur für diesen Augenblick in den Händen gehabt. Jetzt nahm er sie wieder von demselben weg und schrie: »Verdammtes Geschöpf! Das sollst mir entgelten!« Er griff nach ihr. Aber ehe er sie zu fassen vermochte, warf sie ihm gedankenschnell die beiden Hände voll Staub in die vor Wuth weit offenen Augen und schlüpfte zwischen ihm und dem Zaune hindurch. Er schrie laut auf und begann, zu wischen, zu sprudeln und zu pusten. »Hab ich Dirs nicht gesagt!« meinte der Sepp. »Es war gefährlich. Nun hasts!« »Hölle und Tod! Wann ich nur sehen könnt, so zermalmt ich sie, die Teufelin!« »Ja, mein Patherl ist des Teufels Großmuttern. Sie hat Feuern in den Fingerln. Fühlsts nicht?« Statt seine Augen von dem Mehle frei zu bringen, wischte der Franz dasselbe nur erst recht hinein. Er fühlte einen entsetzlichen Schmerz und brüllte laut. »Komm, Path Sepp, er hat genug,« sagte Leni leise. Sie faßte ihn beim Arm und zog ihn fort. Noch einige Zeit erklangen hinter ihnen die Drohungen des gewaltthätigen Menschen; dann sahen sie ihn, als sie sich einmal umblickten, über den Zaun zurücksteigen. Das war das Allerbeste, was er thun konnte. Beim Wirth fand er frisches Wasser zum Auswaschen der Augen. »Wast für ein wackres und tapfres Dirndl bist!« lobte der Sepp seine Leni. »Mit so einem großen Riesen fertig zu werden! Das hätt ich nimmer dacht!« »Ja, weißt, man braucht sich nur nicht zu fürchten, nachhero siegt man stets. Wer war denn dieser niederträchtige Kerlen?« »Ein Viehhändler. Ich erzähl Dir schon noch von ihm. Wollen wir jetzt nicht mal nach dem Bahnhof gehn?« »Was wolln wir dorten?« »Ich möcht so gern die Empfangs-Depertation anschaun, wannt nicht mit dabei bist.« »Sepp, das ist mir zu gefährlich.« »Warum?« »Wann wir sie sehn, so sehn sie uns auch.« »Hm! Wir müssen uns verstecken.« »Auf Bahnhöfen giebts keine solchen Verstecke wie im Feld oder im Wald.« »O, hier dennoch. Ich weiß bereits eins.« »So? Wo?« »Weißt, da drin im Wartesaal erster Klassen, da hab ich mal hineingeschaut, weil ich auch sehen wollt, ob man sich in erster Klassen von vorn oder von hinten niedersetzt. Da hab ich eine Thüren gesehen, dadran ist zu lesen gewest: »Toilettenzimmer«. Weißt, was das ist?« »Nun?« »Ich hab sogleich den Kellnern gefragt, und der hats mir verklärt. Wann nämlich eine Herrschaften auf der Reisen recht schmutzig worden ist, so gehens da hinein, um den Dreck herunter zu waschen und die alten Strümpfen auszuziehn und die neuen wieder hinan. Nachhero sinds reinlich worden und dürfen sich wieder vor den andern Menschen sehen lassen. Hast schon mal davon gehört?« »Freilich wohl,« lachte sie. »Glaubsts wohl nicht?« »Oja.« »Weil Du lachst.« »Ich lache, weil Dus mit dem Dreck ein Wenig gar zu kräftig machst.« »Wohl nicht. Dreck ist Dreck. Oder meinst, daß es nur bei einem Bauern Dreck ist, bei einem Bürger Schmutz und bei einem Vornehmen Reisestaub? Meinswegen! Die Sach aber bleibt immer dieselbige. Nun mein' ich aber, wann wir in diese Toiletten gehen, so können wir Alles sehen. Und wann das Fenstern offen ist, so hören wir auch, was gesprochen wird. Meinst nicht?« »Ja, das ist richtig.« »Willst?« »Meinswegen. Aber es muß bezahlt werden!« »Ein Markerl für die Person; das sind zwei Markerl; die zahl ich gern für das Vergnügen. Komm also! Der Zug wird bereits bald da sein.« Als sie nach dem Bahnhof gelangten, hielt eine feine Equipage in der Nähe des Perrons, und dabei stand der Concertmeister mit dem Capellmeister. »Schau,« erklärte der Sepp, »dort stehn die beiden Meistern, welche Dich erwarten. Sie dürfen uns nicht sehen. Komm, wir gehn durch die andre Thüren.« Der Kellner, von welchem Sepp den Schlüssel zur Toilette verlangte, guckte diesen nicht schlecht an. Das war ihm noch nicht vorgekommen, daß so ein Rucksackträger sich so fein erwies. Als die Beiden eingetreten waren, schob Sepp den Riegel vor, um nicht etwa gar von Denen, die er belauschen wollte, überrascht zu werden. Es läutete zum ersten Male, und gleich darauf fuhr der betreffende Zug herein. Die beiden »Direktoren« eilten herbei. Sie richteten ihr Augenmerk natürlich nur auf die Coupées erster und zweiter Classe. Grad gegenüber dem Fenster des Toilettenzimmers wurde ein Coupé geöffnet. Eine Dame blickte suchend heraus. »Signora Mureni,« rief der Kapellmeister laut. »Wo befindet sich Signora Mureni?« »Hier,« antwortete die erwähnte Dame. Die beiden Herren eilten herbei, rissen die Hüte von den Köpfen und verbeugten sich tief. Dann fragte der Capellmeister: »Darf ich hier meinen Freund vorstellen? Ich bin Capellmeister Naumann, der Verfasser des heutigen Telegrammes. Dieser Herr ist der Herr Concertmeister Rialti aus Bologna, welcher sich außerordentlich glücklich schätzt, bei dem Concerte mitwirken zu dürfen. Bitte, Ihre Hand, Signora!« Er half ihr aussteigen. Aber je weiter die Dame sich aus dem Coupé hervorarbeitete, desto länger wurde sein Gesicht. Die Aussteigende hatte eine Taille, auf welche jener Reim gemacht zu sein schien »Wenn ich so schlanke Taille hätt Wie da Frau Marthe Stoffeln, Fräß ich den ganzen Ziegenbock Mit sammt dem Korb Kartoffeln.« In Wahrheit war die Coupéöffnung beinahe zu eng für die Gestalt dieser Frau. Ihr hochrothes Gesicht glänzte vor Fett; der Athem schien ihr zu fehlen. Von einem Tritte auf den Anderen herabzusteigen, schien für sie eine so große Anstrengung zu sein, daß beide Herren sie unterstützen mußten und die Last kaum halten konnten. »Ist das die Mureni?« fragten sie sich. Unmöglich. Das war jedenfalls nur die Anstandsdame. Die Sängerin steckte wohl noch im Coupé. Der Capellmeister warf einen Blick hinein. Es war leer. Unter Angst und Bangen erkundigte er sich: »Kommen Signora allein oder in Begleitung?« Die Dame hatte sich von der Anstrengung des Aussteigens noch nicht ganz erholt. Sie blies Luft von sich wie eine Wallfischtante und wedelte sich mit dem Taschentuche Kühlung zu. »Nicht – nicht allein.« hauchte sie. »Ach, Gott sei Dank!« dachte der Capellmeister. »Ich – hab – hab mein Stuben – Stubenmädchen mit – dritter Classe – Gepäck – dort!« Sie zeigte nach weiter hinten, wo die Wagen der dritten Classe standen und eine Person, welche man an der Kleidung sofort als Dienstbote erkannte, im Schweiße ihres Angesichtes eine entsetzliche Menge von Handgepäck aus dem Coupé zu zerren. Die Dicke sah das. Das Mädchen schien ihr nicht sorgsam genug mit den Sachen umzugehen, denn sie setzte sich in möglichst eilige, watschelnde Bewegung nach der Stelle hin und rief dabei mit fetter Stimme. »Halt! Halt! Um Gottes – –willen! Meine Mor – Morgenhau – haube? Meine Krau – Krausen! Mei – meine Saffi – Saffianpan – pantoffeln!« So verschwand sie von der Bildfläche des Fensters, wie an dem Meere eine dicke Seekuh an der kleinen Badecabine vorüberschwimmt. Sepp lehnte hüben und Leni drüben am Pfeiler des offenen Fensters. Als er die Dame erblickte, sagte er: »Der da machens ein Complimenten. Wer mag diese wohl sein.« »Das ist sie,« antwortete Leni. »Wer?« »Die Frau Directorin Qualéche.« »Das Kalescherl! Potztausend! Die hab ich mir halt ganz anders vorgestellt. Ein Kalescherl ist doch ein flottes Fahrzeug; die aber kommt heraus wie ein Möbelwagen. Und von der lernsts Singen?« »Ja.« »Das ist schön! Das ist gut! Das ist sogar einzig! Kann die denn singen?« »Jetzt vor Fett nicht mehr. Früher aber war sie eine berühmte Concertsängerin.« »Sie kanns nicht mehr und lernts Dir doch? Sie muß Dirs doch zeigen, wie Dus machen mußt!« »Dazu hat sie ihre Tochter, welche sie beim Unterrichte unterstützt.« »Sapristi, so hab ich stets, wenn ich bei Dir war, die Tochtern für die Muttern gehalten. Denn diese Gestalt ist mir noch nimmer vor die Augen kommen. Schau mal, die Gesichter, die die Beiden machen!« »Ja, es ist köstlich. Sie halten sie für mich!« »Na, das ist auch einzig. Sie verschwindet. Jetzt nun soll michs wundern, was noch geschehen wird.« Es war wirklich ein Genuß, zu beobachten, mit welchem Gesichtsausdrucke der Capell- und der Concertmeister einander anblickten. »Ists denn möglich!« seufzte der Erstere. »Möklik – possibile !« schüttelte der Andere den Kopf. »Das soll sie sein!« »Ssein, ja ßein soll es ßie, ßie, ßie!« »Eine Sennerin!« »Ja, eine Ssennerin, ßehr, ßehr! Eine Ssennerin aus Jtalia, eine Italiana!« »Ists zu glauben?« »Kaum ßu klauben!« »Die sollen wir singen hören!« »Ja, ßingen, ßingen, cantare !« »Die kann doch gar keine Stimme haben!« »Nein, keine, kar keine.« »Ich möchte beinahe behaupten, wir seien mystificirt, gefoppt.« »Ja, das ßein foppen, ein Fopperei, corbellatura, coglionatura , ein motteggio !« »Ich kann mir das nicht erklären. Was thun wir, Herr Concertmeister?« »Ja, waß thun, waß, waß, waß!« »Und der König soll sie hören!« »Sokar der Könik!« »Aber auf seinen Befehl ist sie hier! Es kann also doch keine Täuschung sein.« »Nein, keinen Täuschunk, nein, nein!« »Es ist ja möglich, daß sie Sennerin gewesen ist, aber vor dreißig Jahren, als sie noch schlank war. Jetzt könnte sie keine Alm besteigen. Sie würde abrutschen wie ein Laubfrosch an der Fensterscheibe.« »Ja, Laubfroschen – rana arborea .« »Geben Sie mir einen Rath!« »Ja, einen Rathen, Ssie mir, ßie, ßie!« »Auch Sie sind rathlos! Nun, es geht nicht anders, als daß wir uns in dieses Schicksal ergeben, wenigstens einstweilen. Natürlich müssen wir unsere Befürchtungen sofort der Majestät mittheilen.« »Ja, ßoforten, ßoforten!« »Aufgepaßt! Jetzt kommt sie wieder. Lassen Sie sich nichts merken. Die größte Höflichkeit. Vielleicht ist sie doch eine gesangliche Größe, obgleich ich noch nie gehört habe, daß eine fette Wachtel wie eine Nachtigall geschlagen hat.« Die Dicke kam zurück, und die beiden Herren rissen ihre Hüte wieder von den Köpfen. »Also,« sagte sie, »Sie haben die Güte gehabt, für ein Unterkommen zu sorgen?« Sie war jetzt besser bei Athem. Sie konnte ihren Satz ohne Unterbrechung aussprechen. »Wir haben es mit größtem Vergnügen gethan,« antwortete der Kapellmeister. »Es ist doch in der Nähe?« »Da war es unmöglich, ein Logis zu finden, wie wir es Ihnen gern bieten wollten, Signora.« »O wehe! Wie weit ists?« »Vor der Stadt, in einer Mühle.« »Was? In einer Mühle?« fuhr sie auf. »Sie scherzen doch jedenfalls?« »Das würde ich gegenüber einer solchen Künstlerin mir doch nicht gestatten.« »Also doch! In einer Mühle! Aber, sehen Sie mich doch an! Bedenken Sie doch meine Constitution! Wenn ich den Mehlstaub einer Mühle bei meiner unglückseligen Corpulenz einschlucken soll, so bin ich morgen früh bereits ein todter Mann – wollte sagen, eine todte Dame, auf alle Fälle aber eine Leiche!« »Da kann ich glücklicher Weise Signora beruhigen. Sie wohnen keineswegs in dem Gebäude, in welchem sich das Werk in Gang befindet.« »So! Das klingt freilich beruhigend. Also Mehlstaub giebt es nicht?« »Keine Spur.« »Mühlengeklapper?« »Auch nicht.« »Dann will ich mich gern fügen. Aber welche Gelegenheit habe ich, nach meiner Wohnung zu kommen?« »Ich hatte die Ehre, Ihnen telegraphisch zu melden, daß ich eine Equipage besorgen würde. Dort steht sie, wenn Signora sich bemühen wollen.« »Schön! Bitte bringen Sie mir mein Handgepäck!« Sie deutete nach der Stelle, wo dasselbe lag. Die beiden Herren eilten diensteifrig hin; sie aber watschelte nach der Kutsche und wurde mit vieler Anstrengung von dem wartenden Kutscher hineingepfropft. Dann kamen die Beiden mit dem Mädchen herbei, alle Drei mit Gepäck beladen. Der Kutscher musterte das Letztere. »Signora,« fragte er, »fährt das Mädchen mit?« »Unbedingt!« »Und dieses Gepäck soll auch mitgenommen werden?« »Unbedingt!« »Das ist unbedingt unmöglich!« »Es ist unbedingt nothwendig!« »Dann bitte ich, mir anzugeben, wo ich Alles unterbringen soll.« »Das ist Ihre Sache. Ich bin nicht Kutscher.« Sie legte sich in den Wagen zurück und machte die Augen zu. Das Einsteigen hatte sie angegriffen. Nun sahen die beiden »Meister«, der Kutscher und das Stubenmädchen einander an. Das Letztere zuckte die Achsel und sagte: »Außer diesem haben wir auch noch Frachtgepäck.« »Auch noch!« »Ja, zwei Koffer und zwei Reisekörbe.« »Und das soll Alles mit? Das ist – –« »Pst!« unterbrach der Kutscher den Sprechenden leise. Er winkte in den Wagen hinein, wo die Dicke in der Ecke ruhig athmete, und flüsterte: »Sie hat die Augen zu. Schläft sie etwa?« »Das ist so ihre Angewohnheit, wenn Sie sich angestrengt hat. Freilich ists kein eigentlicher Schlaf, sondern nur so ein halber Dussel.« »Dussel!« wiederholte der Kapellmeister, die Hände faltend und den Italiener verzweifelnd anblickend. Dieser streckte die Linke aus, wie wenn er mit derselben eine Violine halte, that, als ob er mit der Rechten den Dämpfer auf den Geigensteg setze, simulirte sodann einen langen, leisen Bogenstrich und sagte: »Leiße, leiße sprecken! Con sourdine, con sordino . Ssie schlafen!« Da machte der Kutscher eine pfiffige Handbewegung und flüsterte lächelnd: »Steigen Sie zu mir auf den Bock, Fräulein. Ich fahre so leise ab, daß sie es gar nicht merkt und unterwegs auch nicht aufwacht. Dann besorgen die beiden Herren ein Fuhrwerk, auf welches das ganze Gepäck aufgeladen und Ihnen augenblicklich nachgeschickt wird.« »Richtig!« stimmte der Kapellmeister bei. »Das ist das Allerbeste, was wir machen können.« So geschah es auch. Das Mädchen stieg auf, und die Equipage setzte sich leise, ganz leise in Bewegung, nach und nach in einem schnelleren Gang fallend. Die beiden Herren blickten ihr nach. »Da fährt sie hin!« grollte der Capellmeister. »Ja, hin, ßie, ßie! Oh!« »Ich hatte es mir ganz anders gedacht.« »Ich auk!« »Ich glaubte, wir würden mit bei ihr Platz nehmen, um sie zu begleiten.« »Ein Bekleitunk – accompagnamento !« »Ich hielt sie für jung.« »Ich auk!« »Für schön!« »Ssehr schön, ßehr, ßehr!« »Und interessant!« »Ssehr interessante !« »Ich glaubte, daß wir eine geistreiche Unterhaltung haben würden. Denken Sie, Herr College, eine lustige Sennerin, welche der König ausbilden läßt! Es war so schön gewesen!« »Ssehr schön kewesen, ßehr!« »Wir hätten galant sein können, ihr Rath geben, sie unterstützen können, ein freundliches, anerkennendes Lächeln aus schönen Augen erhalten, und nun, nun – dieses Ungethüm!« »Ja, Unkethüm – spettro, mostro, prodigio !« »Eine Sängerin, welche von Mehlstaub gleich bis morgen früh ersticken will! Das ist doch eine Ungeheuerlichkeit sonder Gleichen. Nun haben wir die Equipage besorgt; sie schläft im Handumdrehen ein, und wir haben das Vergnügen, auch noch einen Frachtwagen zu beschaffen. Alle Teufel, ich halte es für möglich, daß sie sogar im Concert, während sie singt, sich niedersetzt und mitten in einem Triller einschläft! Und da sollen die Besucher ein so hohes Entree bezahlen! Aber kommen Sie, wir müssen einen Wagen haben, denn wenn sie nicht sehr bald ihre Effecten erhält, ists möglich, daß sie vor Aerger schon heute erstickt anstatt morgen vor Staub.« Es war zum Glück ein passender Wagen in der Nähe, auf welchen Alles geladen wurde. Das Dienstmädchen hatte den Gepäckschein zurückgelassen. Erst als auch dieser Wagen sich in Bewegung setzte, konnten die beiden Herren den Bahnhof verlassen. Der Concertmeister wollte direct nach Hause gehen, der Kapellmeister aber zuvor den Director des Theaters, in welchem das Concert stattfinden sollte, aufsuchen, um ihn von der großartigen Enttäuschung zu unterrichten und dann um weitere Instruction zu bitten. Sepp und Leni hatten von dem offenen Fenster aus auch den letzten Theil der Humoreske mit ansehen können. Leni sagte lachend: »So ist sie. Sie muß ihr halbes Möblement mitnehmen. Nun aber, wenn sie an der Mühlen aussteigt und ihre Sachen nicht vorfindet, wird es eine unbeschreibliche Scenen geben. Ich muß nur schnell machen, daß ich noch hinkomm.« »Wie? Du willst ihr nach?« »Ja doch.« »Und wolltst doch erst morgen kommen!« »Das war nur Scherz. Ich wollt bequem fahren und den Complimentern entgehn. Das hab ich erreicht, und nun bin ich eben da.« »Das ist schad, jammerschad!« »Warum?« »Ich hab glaubt, daß ich heut ganz mit Dir zusammensein könnt. Ich hab Dir doch so viel zu verzählen, Leni.« »Das können wir doch auch trotzdem thun. Wo bleibst Du über Nacht?«« »Beim Fex in seiner Capellen.« »Wo ist das?« »Das ist ein großes Geheimniß, was ich Dir auch noch entdecken wollt, wanns der Fex mir erlaubt.« »Können wir uns denn heut Abend nicht treffen?« »Das kann ich jetzund noch nicht genau sagen; aber darf ich zu Dir kommen, wann ich mit Dir reden will, Leni?« »Wer will Dirs wehren. Komm getrost! Jetzt aber gehen wir nun schnell.« Sie bezahlten ihre zwei Mark und gingen, und zwar auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren, hinter der Stadt herum. Als sie dann am anderen Ende der Stadt in den richtigen Fahrweg einbogen, trafen sie mit dem Italiener zusammen. Bei Sepps Anblick erinnerte sich derselbe, daß der Alte die Sängerin auch hatte sehen wollen. Er nickte ihm mißmuthig zu und fragte: »Hast Du ßie kesehen?« »Ei wohl!« lachte der Gefragte. »Und ßie ßein Dein Pathen?« »Natürlich.« »Warum ßein Du nicht hinkekommen?« »Weil ich Euch nicht stören wollte.« »Kann Dein Pathen ßingen?« »Wie ein Lerchen in der Luft.« »Ich mökt ßie ßehen fliegen in der Luft! Oh, oh, das ßein ein Ssängerin, ein Ssängerin!« »Wirst schon noch Deine Freuden an ihr erleben!« Der Italiener hatte keinen Blick von Leni verwandt. Ihre Schönheit machte jedenfalls auf den Südländer trotz seines Alters einen mächtigen Eindruck. Er antwortete auf Sepps Bemerkung: »Ich klauben es nicht. Mit so einer Kehlen kann Niemanden ßingen. Wer ßein diese Mädchen, die Du hast hier?« »Das ist eine Bekannte von mir.« »Wohnt hier?« »Nein. Sie ist nur auf Besuch hier. Sie ist eigentlich auch eine Sennerin von droben herab.« »Oh! Ach! Eine Ssennerin! Ssehr schön, ßehr! Ich lieben die Ssennerinnen, weil ßie ßingen so ßehr schön, ßehr, ßehr! Ssie ßingen hübsch Lieder und maken schön Jodler. Ich haben nok nie hören Jodler. Maken diese Ssennerin auk Jodler?« »Na, und wie!« »Wirklik?« »Ausgezeichnete Jodler.« »Das ßein schön, sehr ßehr schön! Laß ßie jetzt maken ein Jodler, ein schön Jodler, ich bitt!« Der Sepp wendete sich an die Leni: »Hasts verstanden, was er will?« »Ja.« »Willst ihm den Gefallen thun?« »Warum nicht? Wir sind im freien Feld, und es sieht uns Niemand. Da kann ichs schon thun.« »Das freuen mich ßehr, ßehr!« rief der Italiener. »Alßo fangen an, jetzt kleich, schnell!« »Was für Jodler willst Du?« fragte sie. »Bekannte oder solche, die ich mir selber gleich mache?« »Nicht bekannte, lieber maken.« Es flog schelmisch über ihr liebes Gesicht. Auch der Sepp drückte das eine Auge zu und blinzelte mit dem anderen nach ihr hin, um ihr anzudeuten, daß sie diese Sache nicht allzu zart zu nehmen brauche. Und da sie sich bei guter Stimmung befand, ging sie sehr gern drauf ein. Sie sagte: »Da wirst Dich freilich freun. Alle Leut kennen mich wegen meiner Stimm und meines Gesanges. Ich bin berühmt als Jodlerin.« »Das ßein ausgeßeichnet gut! Ich hören kleik einer berühmten Jodlerin. Anfangen schnell!« »So paß mal auf!« Sie stemmte die linke Hand in die Hüften, hielt die andere frei zum Gestikuliren, setzte den Fuß vor und sang mit schrecklich krächzender Stimme und in möglichst unreinen Tönen: »Da drüben und da draußen.         Da steht ein Soldat, Der wackelt mit dem Kopf         Und schneidet Gurkensallat.« Er blickte ihr ganz erstaunt in's Gesicht und fragte dabei: »Das ßein Kesang? Das ßein Jodler?« »Ja, freilich! Hör nur weiter: Da drüben und da draußen,         Wo der Finkerl so singt. Da tanzt unser Küster         Daß der Hut runter springt.« Sie hatte jetzt womöglich noch schrecklicher gesungen als vorher. Er hielt sich die Hände an den Ohren, strampelte mit den Füßen und rief: »Halt, halt! Das ßein kein Kesang! Du haben anfangt in Es-dur und aufhören in Gis-moll. Das zerreißen Einem die Ohr aller Beiden!« »So hast kein ordentlich musikalisches Gehören! Kann etwan Jemand schöner jodeln als jetzt: Da drüben und da draußen.         In das Welschland hinein. Da giebts so viele Flöh,         Und da möcht ich nicht sein. Judirullilla juch, juch!« Jetzt ärgerte ihn sogar außer den Tönen auch der Text. Er ballte zornig die Faust und sagte: »Was kiebts in Welschland, in Italia? Flöhen? Das sein eine Lükenhaftigkeiten! Wir haben kein Flöhen, pulci ! Du ßelber haben wohl die Flöhen! Du ßelber ßein ein Floh! Du haben eine Sstimm wie ein Floh; Du ßingen wie ein Floh, und Du mit Worten stechen wie ein Floh! Du hast jetzt anfangen in G-moll und aufhalten in kar kein Tonarten. Du ßingen wie ein zerbrochenen Glas. Dein Geßang klingen wie ein Schnabel von Klarinette, wenn steckt er in ein Maul von die Affen. Ich niks mehr hören!« »Was?« antwortete sie scheinbar zornig. »Du schimpfst mich und willst mich tadeln! Du verstehst gar nix davon! Du willst ein Musikus sein und kannst nicht mal eine Noten von einer Pausen unterscheiden! Da hör doch gleich mal!« Und in ohrzerreißender Weise sang sie: »Da drüben und da draußen,         Da ists so der Brauch, Und wann's wirklich besser kannst,         So jodl doch mal auch! Judirullilla! Juch, juch!« »O welk ein Unklük, welk einen Qual!« rief er aus. »Das reißen mir die Kedärm aus die Leib und die Sseel aus das Bauch! Du ßein so ein schön Mädchen und hast ßo ein häßlicher Kehlkopfen! Man kann mir in Dir verlieben und doch Dich schlagen todt, ßobald Du anfangen ßu hingen.« »Nun, so sing doch also selber mal!« »Ich haben ein Geigen aber kein Stimmen; ich nicht singen ßondern spielen Violin!« Dabei zeigte er mit dem rechten über den linken Arm hinweg. Leni aber rief: »Schumpfen kannst also, aber besser machen kannst nix. Das will ich Dir gleich vorsingen: »Da drüben und da draußen,         Thut Mancher gar groß, Und wann er auch Concertmeister ist,         So hat er doch nix los! Judirullilla! Juch, juch.« Jetzt hatte sie sich die größte Mühe gegeben, alle möglichen Untöne hören zu lassen, so daß er sich umdrehte und davon lief. Sie aber sprang ihm nach, faßte ihn, den kleinen, dünnen Kerl, um den Leib und wirbelte sich tanzend mit ihm auf der staubigen Straße herum, daß sie sich in einer förmlichen dicken Wolke befanden. Dazu krähte sie mit weithin schallenden Fisteltönen das »Judirullilla« und ließ dann bei dem zweiten »Juch« den athemlos keuchenden Mann so plötzlich los, daß er eine weite Lerche schoß und drüben sich höchst unfreiwillig auf ein frisch gedüngtes Ackerfeld niederließ. Dann rannte sie fort, sich weder um ihn noch um den Sepp kümmernd. Sie hatte von Weitem die Mühle blicken sehen und ahnte sehr leicht, daß diese Gebäude das Ziel ihrer Wanderung seien. Der Italiener saß mitten im Felde, stöhnte laut und befühlte seine Gliedmaßen, ob dieselben keinen Schaden gelitten hatten. Der Sepp aber stand dabei und lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen traten. »O Unklüken, o Jammer und Elenden!« rief der Kleine. »Erst mir zerreißen den Ohren mit Jodler, nachher tanzen und dann werfen dahin wo ßtinken vor Mist, bovima, pastura ! Und da lacken dazu wie ein Esel, asino, cinco, miccio !« »Ja, ein sakrisch Dirndl ists! Nicht wahr; sie kann jodlen wie Eine und tanzen, und Gewalt hats auch in den Armen! Sie hat Dich schön herum gerissen! Das war doch zu köstlich! Ja, die Leni, die Leni!« »Das ik will mir verbitten!« »Nun, gefallt sie Dir nicht? Ist sie nicht ein schönes Dirndl, ein bildsaubers Weibsbild?« »Ja, schön, ßehr schön!« »Na also! Aber steh doch auf!« »Ik sehen wollen, ob ik auk kann.« Er krappelte sich langsam auf und versuchte, zu gehen. Als er bemerkte, daß es ging und daß er unbeschädigt sei, heiterte sich sein Gesicht auf. Er klopfte sich den Schmutz aus den Kleidern, wobei ihm der Sepp behilflich war, und meinte dabei: »Ssehr schön sie ßein, allerdinks ßehr, ßehr! Diesen schönen Kopf und Kesicht!« »Ja, ein Gesichterl hats wie eine Puppen.« »Diesen Taillen und Busen!« »Der gefallt Dir wohl?« »Ssehr, ßehr. Er sein nur versteckt unter die Hemd und nikt so unter Kleid wie bei Damen!« »Freilich, das ist so die Gebirgstracht. Und nachgemacht ist er auch nicht. Die Leni braucht sich die Brust nimmer auszustopfen mit Watten und Herzbetterln und Fetzen wie Eure Damerln, welche die Waden haben wie der Storch und den Busen wie eine Kletterstangen. Die ist halt von guter Art.« »Und diese Arme, braccia ! Wie ein Venus oder Juno ßo herrlik, so nackt bis hinauf!« »Ja, der Arm gefallt mir auch!« »Ssehr, ßehr kut! Ein herrlik Frauen! Man könnt gleik heirathen ßie; aber ßie hat das Teufel in Leib; man muß sik vor ßie in Akt nehmen!« »So schlimm ists nicht. Das hat nur so gescheint. Sie war halt ein Wengerl ausgelassen. Sonst ists so lieb und mild wie ein Kind.« »Ik danken für so einen Kind! Und eine Stimm hat ßie wie ein verßtimmten und verbogen Trompet, tromba, trombetta !« »Heut, ja,« lachte der Alte. »Aber ich werd sie schon bald wieder einstimmen. Nachher sollst sie hören! Da wirst Dein blaues Wunder an ihr erleben!« »Ik möken nikt hören wieder! Ik gehen nach Hausen. Ik haben satt von die Sennerin!« »Meinswegen! Ruh Dich aus von dem Galopp, den sie mit Dir getanzt hat. Aber wann sie Dir so gefallt und Du sie etwan heirathen willst, so mußt mich um Erlaubniß fragen. Ich bin der einzige Verwandte von ihr. Behüt Dich Gott!« Er ging querfeldein davon, nach der Fähre hin, um sich mit dem Fex wegen heut Abend zu besprechen. Er hatte mit seinen letzten Worten natürlich nur Scherz gemacht; er wußte nicht, daß der Eindruck Leni's auf den Italiener ein wirklich ungewöhnlicher war, trotz ihres ungewöhnlichen Verhaltens zu ihm. Während der Concertmeister langsam nach der Villa hinkte, war die Leni bereits an der Mühle angekommen. Eine Magd stand da, neben derselben ein Knecht. Beide sprachen sehr angelegentlich mit einander, als ob etwas Außerordentliches passirt sei. Aus der Wohnstube des Müllers hörte man dessen zornig scheltende Stimme erklingen. Leni trat zu den Beiden und fragte: »Ist hier nicht eine Sängerin ankommen?« »Leider!« antwortete der Knecht, sie neugierig betrachtend. »Wo wohnt sie?« »Da oben, eine Treppen hinauf. Willst etwan zu ihr?« »Ja.« »So nimm Dich in Acht, sonst könntst leicht einen Stuhl oder gar gleich das Kanapee an den Kopf bekommen.« Und als sie sich nach der Thür wandte, meinte er zu der bei ihm stehenden Magd: »Was für ein wundersaubers Dirndl! Wer mag das sein, und was mag das von der Dicken wollen!« Eben als Leni in den Hausflur trat, kam Paula eilig zur Treppe herab. Ihr hübsches Gesichtchen war von Anstrengung und Aufregung hoch geröthet. Die beiden Mädchen betrachteten sich einen Augenblick lang mit der instinctiven Sympathie wie für einander geschaffener Seelen. »Sag, bist vielleicht die Tochter des Müllern?« fragte Leni in freundlichem Tone. »Ja, die bin ich schon.« »Das gefreut mich. Ich will hinauf zur Sängerin.« »Das laß ja bleiben!« »Warum?« »Die hat eine Launen wie der Bär, wann ihm die Ratten das Schwanzerl wegfressen haben!« »O, die wird auch schnell wiederum gut.« »So? Kennst sie wohl bereits?« »Sehr genau.« »So gehörst wohl zu ihr?« »Freilich.« »Warum bist da nicht gleich mitkommen?« »Weil ich noch zu thun hatt in der Stadt. Wann ich gleich dagewest war, so hättst sehen sollen, daß die Sängerin ein gar guts Weibsbild ist.« »So hast eine Gewalt auf sie? Sie folgt Dir?« »Gar gern.« »Das ist gut! Nun wird mir auch gleich das Herzel wieder leicht. Ach Gottel! Schau, ich hab noch gar keine so berühmten Sängerin gesehen, und da war die Angsten vor ihr groß. Jetzt sitzt sie oben, ganz außer Athem vor Zornmüthigkeit, und Keins kanns ihr richtig machen. Sie ist so dick und schwer, und als sie sich niedersetzt hat, da ist der Stuhl unter ihr zerbrochen und sie hat in der Stuben gesessen wie ein Spanferkel, wanns die Ohrlen spitzt. Da ists nachher losgangen, und wie! Unsere Stühlen sind nicht eingerichtet für so eine doppelte Personen, und derjenige, darauf sie sich auf selbigen gesetzt hat, der hat wohl schon einen kleinen Rissen oder Knicksen gehabt. Seitdem sitzts auf dem Kanapee und schnappt nach Athem. Drei Menschen waren nothwendig, um sie ausi zu heben von der Dielen. Sollt man denken, daß die berühmten Sängerinnen gar so sehr spectakelhaftig sein können!« »Es giebt auch gute!« »Ja, wann die Eine wär! Mureni solls heißen!« »Die Mureni ist gut, und sie wird Dir schon auch gefalln; drauf kannst Dich verlassen. Laß mich nur erst hinauf, nachher bekommt die Geschicht ein ganz anderes Gesichten. Wer sag, wie Du heißt?« »Paula.« »Dieser Name gefallt mir. Ich heiß Leni. »Das klingt auch hübsch.« »Meinst? Wollen wir ein Wengerl gut mit nander sein und freundlich auch, Paula?« »O wie so gern!« antwortete die Müllerstochter, indem ihr Auge herzig aufleuchtete. »Das gefreut mich. Gieb mir die Hand drauf.« »Hier hast sie!« »Schau, Du gefällst mir noch viel bessern als schon der Name vorher. Wannt mich kennen lernt hast, so wirst mir bald vielleicht gut sein.« »O, ich bin Dir jetzund bereits gut.« »Ich Dir auch. Komm her, ich muß Dir sogleich ein recht bravs Busserl geben!« Sie zog sie an sich. Beide küßten sich. Dann aber fuhr Paula aus der freundschaftlichen Umarmung auf, deutete zur Thür hinaus und sagte: »O Jemine, da kommt der Wagen mit der Sängrin ihren Sachen, nach denens so geschreit und geschumpfen hat. Jetzt kann man nur eilen, daß Alls schnell hinaufi kommt, und sich in Acht nehmen, daß ein jedes Stucken fein richtig und sanft angefaßt wird, sonst kanns ein Donnerwettern geben.« »Ja, fein säuberlich muß damit umgangen werden, sonst wirds bös und grimmig. Ich will schnell hinauf.« Aber ehe sie hinaufkam, hatte die Dicke bereits die Ankunft des Wagens bemerkt und das Fenster aufgerissen. Ihre fette, scheltende Stimme ertönte um die Wette mit der Clarinette des Müllers, welcher drin in seiner Stube das Zeichen gab. Das Gesinde war in Zweifel, wem zuerst zu gehorchen sei, dem strengen Herrn oder der Fremden, deren hochrothes Gesicht drohend aus dem Fenster blickte. Käthe, die Magd, eilte nach kurzem Besinnen zum Müller. Dieser hatte die Peitsche in der einen Hand und die Klarinette, in welche er ohne Aufhören blies, in der anderen. Als er die Magd eintreten sah, setzte er das Instrument ab und schrie sie an: »Himmelmillionenschocktausendhöllenteufeln! Warum hört Ihrs nicht, wann ich das Signalen geb?« »Weil Die da droben so schreit. Das geht noch über Deine Klarinetten; die hört man da gar nicht.« »So! Das ist schön! Das laß ich mir gefallen! Jetzt bin ich nicht mehr Herr im Haus! Wart, das soll anderst werden, und zwar allsogleich! Hast den Mann gesehen, welcher die Stuben für sie gemiethet hat?« »Nein.« »Er heißt Herr Wagnern, drüben in der Villa, im Parterr. Zu ihm gehst hinüber und sagst, er soll sofort das Weibsen wieder weg nehmen, sonst werf ich sie durchs Fenstern herab!« »Der wird mich schön anschaun!« »So schaust ihn wiederum an! Und wann er Dir Etwas dagegen sagt, so merks: Wer der Gröbste ist, der hat gewonnen. Zeig nur gleich, daßts Maul auf dem richtigen Fleck hast!« »Na, angewachsen ist mirs grad nicht.« »Das weiß ich; darum schick ich Dich hinüber. Die Geschichten draußen auf dem Wagen werden nicht abgeladen. Die dicke Elephantin kann sich gleich selber draufsetzen und zum Teuxel fahren. Sag das draußen. Wers wagt, abzuladen, den jag ich aus dem Dienst! Und nun mach schnell, daßt hinübern kommst, sonst kannst auch noch die Peitschen schmecken!« Er knallte mit der Letzteren so kräftig und drohend, daß die Käthe eiligst zur Thür hinaus fuhr. Nachdem sie draußen den Befehl übermittelt hatte, daß die Effecten nicht abgeladen werden sollten, ging sie nach der Villa. Sie nahm sich vor, gleich recht grob anzufangen; das paßte auch ganz zu ihrem Bildungsgrad und Character. Darum klopfte sie auch gar nicht an. Sie machte die Thür auf und trat ein. An dem einen Fenster saß der König, in einem Buche lesend, und Wagner schrieb Noten am Schreibtische. Dieser Letztere drehte sich um. Ehe er aber ein Wort sagen konnte, begann sie bereits: »Bist etwan der Wagnern?« »Wer?« fragte er streng. Der scharfe Blick seines Auges verwirrte sie doch ein Wenig. Darum wiederholte sie: »Obst der Herr Wagnern bist?« »Ja. Und wer bist Du?« »Ich bin die Käth und dien bei dem Müllern.« »So merke Dir ein für alle Mal, daß Du ohne ganz specielle Erlaubniß hier nicht einzutreten hast. Hast Du nicht schon in der Schule oder von Deinen Eltern oder auch überhaupt gehört, daß man anzuklopfen hat, wenn man zu Jemand will?« »Das weiß ich grad so gut wie Du und vielleicht gar noch bessern. Wer hier bin ich zu Haus, und wo man zu Haus ist, da braucht man nicht anzuklopfen.« »Jetzt bin ich der Herr dieser Wohnung, und bei mir wird angeklopft. Wenn Du diese Höflichkeit unterlassest, werde ich mich bei Deinem Herrn beschweren.« »Das kannst schon thun; ich hab gar nix dagegen. Grad der Herr hat mich herübern geschickt und mir anbefohlen, daß ich richtig grob mit Dir sein soll!« »Das ist eine gradezu klassische Aufrichtigkeit!« Die Käthe hatte das Wort klassisch noch niemals gehört; aber da sie nach den gegebenen Verhältnissen annehmen wollte, daß es eine Beleidigung bedeute, antwortete sie in ihrem schnippischsten Tone: »Ja, die Dicke ist auch klasserisch!« »Wer?« »Die Dicke drüben!« »Ich versteh Dich nicht.« »Nun, die Sängerin.« »Ach so! Sie ist vorhin angekommen. Wir sahen die Equipage vorüber fahren. Kommst Du ihretwegen?« »Ja. Der Müllern laßt Euch sagen, daß sie sogleich wieder hinaus muß. Und wann Ihr das nicht wollt, so wirft er sie zum Fenster hinaus und Euch Beid auch dazu. Habt Ihrs gehört? Jetzt konnte sich der König nicht länger halten; er brach in ein herzliches Lachen aus, und Wagner stimmte natürlich mit ein. Das erboste die Magd. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und rief: »Was habts zu feixen und zu kicheriren? Meint Ihr etwan, ich mach Spaßen mit Euch? Mit solchen Leutln fallt mir das schon gar nicht ein. Da seid Ihr mir zu dumm dazu! Ich werd mir aberst schon Respect verschaffen. Ich bin die Käth! Verstanden!« »Ah! Die Käth bist Du?« meinte Wagner in gewaltsam erzwungenem Ernste. »Das ist etwas ganz Anderes. Ja, da haben wir freilich Respect.« »Ja endlich! Das will ich mir auch verbitten! Mit solchem Gezeug muß man eben ernsthaft reden, sonst kommt man gar nimmer durch. Das kenn ich schon bereits. Das Stadtvolk hat Mucken im Kopf; aberst wir sind auch noch auf dera Welt.« »Das seh ich, und das hör ich auch. Aber sag mir doch einmal, warum die Sängerin so schnell wieder fort soll?« »Weils eine unbändige Sakrifaxen ist, eine Teufelin, mit ders kein Mensch aushalten kann.« »So bist Du wohl ein Engel gegen sie?« »Ja, der reine Erzengel.« »Hm! Unbegreiflich! Woher wißt Ihr denn bereits, daß sie ein solcher Ausbund ist?« »Weil sie sofort anfangen hat, als sie hier ankommen that. Sie wollt gleich ihre Sachen haben, und die waren nicht da. Nachher haben wir sie fast gar nimmer aus der Kutschen herausbracht. Und als sie dann da stand, da hat sie nur so gepiebt und gebebt vor Zorn und Aerger. Nachhero brachtens wir kaum zur Treppen hinauf. Ich hab ziehen müssen und zwei Knecht schieben. Als wir oben ankommen sind, hat sie keinen Athem gehabt und kaum giebsen könnt. Da hat sie sich auf den Stuhl gesetzt, welcher unter ihr zerbrochen ist, so daß sie in der Stuben gesessen hat, auf ihrem eignen Schinken, Speck und Fetten. Das hat ein Zedrio geben, bis wir sie aufgewunden haben mit großer Noth und vielem Schweißen. Und als wir sie aufs Kanapee geschafft haben; sind allsogleich die Spannfedern zerbrochen. Nun jetzt hat sie das Fenstern aufgemacht und den Kopf herausgesteckt und schimpfirt von oben herab wie ein Rohrspatzen oder gar wie der alte Dessauern dazumal. Meint Ihr, daß wir das zu leiden haben? Nein, sie muß fort, und das auf der Stell, sonst fassen wir sie an und tragens hinüber in den Fluß, da mag sie schwimmen, wohins will, meinswegen immer fort bis Dingsdum und noch weiter hin!« »Das klingt sonderbar. Du sprichst doch von der Sängerin, welche Signora Mureni heißt?« »Von wem denn sonst? Hast keine Ohren!« »Und die ist so dick und schwer, daß sie von drei Personen über die Treppe geschafft werden mußte, und daß dann der Stuhl unter ihr zerbrochen ist?« »So dick wie eine Ausstellungssauen!« Da platzte Wagner los. Er konnte das Gelächter nicht zurückhalten und der König ebenso wenig. Die Magd aber schrie im höchsten Zorn: »Wann Ihr Dummrianer weiter nix wollt, als nur lachen, so könnt Ihr mich rund herum pfeifen! Ich geh!« Wagner stieß mit größter Mühe den Bescheid hervor: »So sag dem Müller, daß wir die Sache besorgen werden!« Sie fuhr zur Thür hinaus. Draußen standen der Concert- und der Capellmeister. Ersterer hatte soeben angeklopft, und so stieß ihm die Magd die Thür mit aller Gewalt an den Kopf. »Auch wieder so ein Unnutz und Galgenstrickerl!« rief sie. »Pack Dich hinein; da kannst mit feixen und Gesichtern schneiden um die Wetten! Ihr paßt doch allesammt zusammen, und Keiner taucht was.« Sie stürmte fort. Der Italiener blieb, sich den Kopf haltend, mit seinem Gefährten unter der geöffneten Thür stehen. Beide waren nicht wenig überrascht, den berühmten Componisten und den sonst so ernsten, ja oft sogar düsteren Monarchen bei so außerordentlich heiterer Stimmung zu treffen. Die Angelegenheit, in welcher sie kamen, bereitete ihnen ernste Befürchtungen. Die Meldung, daß die erwartete einstige Sennerin, unter welcher sie sich ein hübsches, schlankes, junges Mädchen vorgestellt hatten; eine ungeheuer dicke, an Athemnoth und Brustbeklemmung leidende, schlafsüchtige Person sei, war erwartungsgemäß von dem Könige mit großer Enttäuschung entgegen zu nehmen. Darum fühlten sie sich einigermaßen beruhigt und ermuthigt, als sie jetzt bemerkten, daß er sich in so ungeahnt vortrefflicher Laune befinde. Beide traten unter tiefen Verbeugungen ein, wobei der kleine Concertmeister noch immer den Kopf in der einen Hand hielt. Der König und Wagner lachten noch immer. Ersterer trat den Audienz Suchenden einen Schritt entgegen und sagte in bedauerndem Tone: »Das war eine höchst kräftige Carambaloge, Herr Concertmeister. Ich hoffe, daß sie nicht von nachhaltiger Wirkung sein werde. Haben Sie Schmerzen?« »Schmerzen, dolori, affani ? Ein Wenik thun es weh. Das Thüre ßein mehr hart als mein Kopf, aber er ßein dok nok nicht kanz entßwei zerbrocken, und er hören schon jetzt auffen, ßu brummen, mormoreggiare, borbogliare e brontolare . Es ßein kut, ßehr kut!« »Das freut mich, denn so hoffe ich, erfahren zu können, aus welchem Grund ich Sie bei mir sehe.« »Gründen? Ursaken? Causa, cagione e origine ? Signor Capellenmeister mag saken es. Er können besser ßprecken Deutsch als ich.« Und als der König nun eine halbe Wendung gegen den Genannten machte, sagte dieser: »Zunächst, Königliche Majestät, haben wir dringend um allerhöchste Verzeihung zu bitten, daß wir uns zu dieser Belästigung veranlaßt sehen müssen. Es handelt sich um die erwartete Sängerin.« »Sie meinen Signora Mureni?« »Ja. Die Angelegenheit erschien uns bedeutend genug, um zu Zweien vor Euer Hoheit zu erscheinen, damit der Eine die Worte des Andern bestätigen könne.« »Das setzt die Annahme voraus, daß ich einen Zweifel in diese Worte legen könne?« »Gewiß, das mußten wir annehmen.« »So habe ich jedenfalls eine ganz ungewöhnliche Mittheilung zu erwarten, Herr Kapellmeister.« »So ungewöhnlich, daß ich offen gestehe, ganz fassungslos gewesen zu sein.« »Wie? Die Mureni hätte Sie aus der Fassung gebracht?« »Vollständig!« »Ich soll doch nicht vielleicht hoffen, daß Etwas geschehen ist, was sie am Auftreten hindert?« »Ein solches Ereigniß ist freilich nicht eingetreten; aber ich bezweifle überhaupt sehr, daß die Mureni wird singen können.« »Warum?« »Ihre Gestalt, ihre ganze Persönlichkeit, ihre gegenwärtige Constitution, kurz, das Alles läßt vermuthen, daß sie nicht wird singen können.« »Ich verstehe Sie nicht.« Der Capellmeister suchte in größter Verlegenheit nach passenden Worten. Die Mureni stand unter dem ganz besonderen Schutze des Königs; er hatte sie zur Sängerin bestimmt. Durfte man ihm jetzt sagen, daß sie für diesen Beruf untauglich sei? Und doch waren seine Augen so erwartungsvoll auf den Musiker gerichtet, daß dieser ganz verwirrt wurde und in dieser Pein gradezu herausplatzte: »Sie hat keinen Athem.« »Was? Die Mureni hat keinen Athem?« fragte der Monarch im Tone des höchsten Unglaubens. »Ja. Ihr Athem reicht kaum zum Sprechen zu. Beim Singen aber wird er ihr ganz sicher ausgehen.« »Das möchte ich denn doch bezweifeln!« »Ich berufe mich auf das Zeugniß des Herrn Concertmeisters, den zu diesem Zwecke mitzubringen, ich mir erlaubt habe.« »Wirklich?« Bei diesem Worte blickte der König den Italiener an, und so beeilte sich dieser zu der zustimmenden Erklärung: »Majestät, meine Freund hab kesakt das Wahrheit. Die Mureni hat kein Athem. Ssie wird ihn lassen fahren beim Ssingen. Es wird ßein ßehr schauderhaft, ßchr, ßehr!« Jetzt fiel Wagner ein: »Das muß ein Irrthum sein. Ich habe sie noch kurz vor meiner Abreise singen lassen. Sie war sehr gut bei Brust. Es ist doch ganz unmöglich, daß unterdessen ein Asthma sie überfallen habe.« »Asthma?« rief der Italiener. »Ja, es ßein Asthma, kanz Asthma, kanz!« »Unmöglich!« »O dock ßein es Asthma!« »Bei dieser Jugend!« »O, ßie ßein über fünfßik Jahren!« »Ueber fünfzig Jahre? Welch ein Irrthum.« »Und haben einen Leib, einen Bauk, ßo dick, ßo, ßo dick!« Er beschrieb während dieser Worte mit seinen beiden Händen einen weiten Bogen über seinen Unterleib nach abwärts, um anzudeuten, was für einen großen ›Bauch‹ die Sängerin habe. Wagner und der König blickten sich an. Es wurde ihnen schwer, ein Lachen zu verbeißen. Der Erstere hustete einmal in sein Taschentuch, um zu verbergen, daß die mit einer solchen Gestikulation verbundene Aeußerung des Concertmeisters sein Zwerchfell reize, und sagte: »Wie? So stark soll sie sein? So dick?« »Sso dick, ßo, ßo, wie einen Muschel, conchiglia !« »Und über fünfzig Jahre? Wo haben Sie sie denn gesehen, Herr Capellmeister?« »Auf dem Bahnhofe,« antwortete der Gefragte. »So! Haben Sie mit ihr gesprochen?« »Eine ganze Weile, bevor wir sie in der Equipage nach der Mühle schickten. Die Dame hatte, mit allem Respect zu vermelden, einen solchen Umfang, daß sie das Innere der Kutsche ganz allein ausfüllte. Keine Menschenseele, selbst die magerste nicht, hätte neben ihr noch ein Plätzchen gefunden.« Wieder blickte Wagner nach dem König und dieser nach ihm. Dann aber war es ihnen unmöglich, länger ernst zu bleiben. Sie brachen Beide in ein herzliches Lachen aus, welches immer stärker wurde, je dümmer sich die Gesichter der beiden Musici zeigten. Diese blickten bald einander und bald die lachenden Herren an; ihre Gesichter wurden länger und immer länger, und endlich meinte der Italiener trotz der Anwesenheit des Königs: »Ssie lacken, lacken uns außer! Wir hab kesakt den Wahrheiten. Die Mureni ßein dick wie ein Maulwurfen, talpa , wie ein Dassen, tasso , wie ein Ballon von die Luft, pallone aerostatico ! Ssie Hab eine Leib wie einen Bierfaß und Beine wie einen ßweien Butterfaß, zangola . Ich hab kesehen Alles, Alles. Wenn ßie anfangen, ßu ßingen, wird der Luft ßein fort, kanz fort, wie bei ein Blaßenbalken, wo ßein ein Riß darinner.« Er begleitete diese Worte mit so lebendigen und possierlichen Gestikulationen, daß die beiden Lacher nur noch lauter lachten. Der König drehte sich um; es war ja für ihn eigentlich nicht rathsam, sich einer solchen ungewöhnlichen Heiterkeit hinzugeben, und nur mit großer Anstrengung gelang es ihm endlich, wieder ein ernstes Gesicht zu zeigen. Dann wendete er sich an den Concertmeister: »Ich bin vollständig überzeugt, daß hier eine große Verwechslung vorliegt. Die Mureni ist weder so alt noch von einem solchen Embonpoint, wie Ihr Herr College sie beschreibt. Sie müssen eine ganz andere Person für die erwartete Sängerin gehalten haben.« »Das ist unmöglich, Majestät. Als der Zug kam, haben wir laut den Namen Mureni gerufen, und sie hat sich sofort zu demselben bekannt.« »Bitte, erzählen Sie doch einmal!« Der Kapellmeister folgte dieser Aufforderung, und der Italiener streute in seinem gebrochenen Deutsch so drastische Bemerkungen ein, daß die beiden Zuhörer sich alle Mühe geben mußten, möglichst ernst zu bleiben und nicht abermals in ihr Lachen zu verfallen. Als der Bericht beendet war, nickte Wagner mit dem Kopfe und sagte nur den Namen: »Madame Qualèche.« »Ja, richtig!« fiel der König ein. »Also diese korpulente Dame hat nur ein Mädchen bei sich gehabt?« »Nur!« »Es war keine weitere junge Dame bei ihr?« »Nein.« »So ist Signora Mureni entweder bereits früher angekommen, oder sie kommt mit einem späteren Zuge. Meine Herren, Sie haben die Wirthin der Sängerin mit dieser Letzteren verwechselt. Madame Qualèche war früher eine sehr gesuchte Concertsängerin, und ihre Tochter ist es noch. Die Dame wird als Anstandsdame der Mureni nach hier gekommen sein.« Der Capellmeister machte ein sehr betretenes Gesicht und versuchte, sich zu entschuldigen: »Aber, Majestät, als ich auf dem Perron den Namen ›Signora Mureni‹ laut rief, beschied mich diese Dame mit einem deutlichen ›Hier‹ zu sich hin!« »Ganz richtig und auch sehr erklärlich. Sie gehört zur Mureni, und ich denke mir, daß Ihr Verhalten vielleicht nicht geeignet gewesen ist, das wunderliche Quiproquo aufzuklären.« »Das mag sein. Wir haben sie eben ganz so behandelt, als ob sie die Erwartete sei.« »Ja, ja! Und die gute Dame ist, wie ich mir auch habe sagen lassen, so denkbequem, daß es ihr gar nicht eingefallen ist, auf die Idee zu kommen, daß sie verwechselt wird.« »Gott sei Dank! So sind also unsere Sorgen glücklicher Weise umsonst gewesen. Diese corpulente Person konnte doch unmöglich vor einem so ausgewählten Publikum singen!« »Nein,« lächelte Wagner ein wenig ironisch. »Wenn Sie die Sennerin Leni erblicken, werden Sie sofort sagen, daß diese geeigneter dazu ist.« »Aber wo mag sie sein? Da sie nicht mit Madame Qualèche gekommen ist, weiß sie nun doch gar nicht, welches Logis für sie bestimmt ist.« »Das ist freilich ein unangenehmer Umstand. Soeben schickte der Müller zu uns, um uns sagen zu lassen, daß er die Sängerin Mureni durch das Fenster werfen lassen werde, wenn sie nicht sofort selbst gehe. Die Dame scheint einige Ansprüche gemacht zu haben, für welche dieser Mann kein Verständniß hat. Es ist eine Kommödie der Irrungen, welche wir sogleich aufklären müssen. Es muß Einer von uns hinüber in die Mühle. »Ick werden kehen, ich ßelber, ßoforten, ßoforten,« erklärte der Italiener dienstbereit. »O bitte, Herr Concertmeister! Ihr Deutsch dürfte wohl kaum hinreichend sein, den zornigen und rohen Mann zu besänftigen. Ich werde selbst – –« »Das ist auch nicht nöthig, mein Lieber,« unterbrach ihn da der König, welcher in der Nähe des Fensters gestanden und einen zufälligen Blick hinausgeworfen hatte. »Ich sehe da Einen kommen, der sich sehr freuen wird, um als Bote zu dienen. Es ist das ein ganz eigenartiger Zufall, welchen ich benutzen werde, eine Begegnung zwischen zwei Personen zu veranstalten, welche sich sehr gern und doch wohl auch sehr ungern wiedersehen. Er soll mich nicht sofort erblicken; darum rufen Sie ihn herein. Er heißt Anton.« Der Betreffende war kein Anderer als der Krikelanton, welcher sich ja vorgenommen hatte, heut noch einmal nach der Mühle zu spazieren. Er hatte keine Ahnung, welche Begegnung ihm bevorstand. Eben als er an der kleinen Anhöhe, auf welcher die Villa lag, vorüber wollte, wurde ein Parterrefenster derselben geöffnet. Dort stand Wagner. »Anton!« rief er laut. Der Tabuletkrämer, welcher aber jetzt natürlich seinen Kasten nicht mit hatte, blieb stehen. »Meinst mich?« fragte er. »Ja, Dich!« »Was solls?« »Komm doch einmal herein zu mir!« »Wozu?« »Das wirst Du ja hören.« »Ich kenn Dich gar nimmer, und ich hab auch keine Zeit.« Er wollte gehen. »Höre,« lachte Wagner, »für so einen ungeselligen Menschen habe ich Dich freilich nicht gehalten.« Da blieb der Anton stehen und fragte: »Ja, Du kennst mich vielleicht?« »Hätte ich Dich sonst bei Deinem Namen gerufen?« »Nun, wannst mich kennst, so werd ich hinein kommen. Wart ein kleins Bisle!« Er stieg die Anhöhe hinan und begab sich in die Stube, nachdem er vorher angeklopft hatte. »Verdimmi, verdammi!« rief er aus. »Da möcht ich doch gleich so rufen wie der Nachtwächtern, welcher mich dazumalen hat verarretiren wollen. Das bists ja, gar der König selber!« Die drei Andern waren doch ein Wenig verwundert, als der König ihm die Hand entgegenstreckte und in freundlichster Weise sagte: »Freilich bin ich es. Sei willkommen bei Dem, welchem Du damals das Leben gerettet hast!« »Na, von dasselbige brauchst gar nimmer viel zu reden,« meinte der Krikelanton, indem er die ihm dargebotene Hand kräftig schüttelte. »O doch! Oder meinst Du, daß ich mein Leben so gering anschlagen muß, daß ich meinem Retter den Dank verweigere?« »Wir sind quitt!« »Nein, nein!« »Ja freilich. Ich hab den Bären derschossen, und Du hast mir die Freiheiten geschenkt. Da hat nun Keiner dem Andern was heraus zu zahlen. Wer warum hast mich jetzt zu Dir herein rufen lassen?« »Um Dich zu begrüßen zunächst, und sodann auch, um Dich um eine kleine Gefälligkeit zu bitten.« »Na, so schieß los! Du weißt ja, daß ich Dir ganz gern einen Gefallen thu.« »Weißt Du die Mühle?« »Ja, ganz gut.« »Da wohnt jetzt eine Sängerin, welche Signora Mureni heißt. Willst Du nicht einmal zu ihr gehen?« »Wannst mich schickst, so geh ich schon.« »Gut! Sage ihr, daß sie sogleich einmal zu mir kommen soll. Aber Du darfst Niemandem sagen, wer ich bin. Man kennt mich hier nur als den Herrn Ludwig.« »Schön! Das hab ich schon verstanden. Soll ich etwan auch wieder mit kommen?« »Das ist nicht nothwendig. Hast Du vielleicht einen Wunsch, den ich Dir erfüllen kann?« »Ja.« »So sage ihn.« »Ich wünsch, daßt immer recht hübsch gesund und munter bist, und daß Deine Geschäften bei der Regierung so gut gehen wie die meinigen jetzt auch!« Er sagte das in so treuherziger, aufrichtiger Weise, daß Alle fühlten, wie gut und ehrlich es gemeint sei. »Ich danke Dir!« antwortete der König. »Es freut mich, zu hören, das es Dir wohl geht. Was treibst Du denn jetzt?« »Ich bin Tabuletkramer worden, weißt, von den dreihundert Markerln, die Du mir damals geschenkt hast. Das Geschäft ist kein gar Übels; es nährt seinen Mann bester als – als das Gamsenschießen, weißt.« »Ja,« nickte der König ernst. »Das hast Du also ganz gelassen?« »Ganz und gar. Ich kanns ja nimmer bester haben, als Du mir es mit dem Geldl gemacht hast.« »So bist Du also ein braver Mensch geworden, wie ich es damals wünschte. Darüber werden Deine alten Eltern sich herzlich freuen.« »Ja, das thun sie schon sehr.« »Und freut sich nicht noch Jemand?« »Wer sollte das sein?« »Nun, bist Du nicht verheirathet?« »Ich? Das fallt mir gar nicht ein!« »Aber wenn Dein Geschäft Dich so befriedigt, so kannst Du doch an die Gründung eines eigenen Hausstandes denken!« »Damit darfst mir nicht kommen. Ich hab kein Haus und auch keinen Stand. In unserer kleinen Hütten hat die Kuh ihren Stand; einen andern kenn ich nicht und einen andern mag ich nicht. Wann Einer sich einen Hausstand schaffen will, so muß er sich eine Frau nehmen, und das ist aber die allergrößte Dummheiten, die man begehen kann.« »Warum?« »Weils nicht eine einzige Frauen giebt, die was taugt.« »Solltest Du Dich da nicht irren?« »Nein. In diesem Kartoffelnbrei hab ich ein Haar funden, oder vielmehr nicht etwan ein einzig Haar, sondern gleich einen ganzen Weibernzopf. Weißt, wannst so herum hausirst wie ich, so schaust gar Manches, was kein Anderer nicht sieht. Da seh ich Dir Weiber, o Jerum! Die Eine hat keine Zähne, und die Andere hinkt; die Dritten schielt, und gar die Viert läßt die Milchen ins Feuern laufen. Die Fünft geht davon, um Theatern zu spielen, und die Sechst wascht die Hemden, daß sie ausschau, als obs in der Tinten gelegen hätten. Nachhero die Siebent, das ist erst die richtige Prise, von der kann man gleich das Liedl singen: O Du alte Kraxen Mit den krummen Haxen, Mach mir keine Faxen, Sonst will ich Dich paxen. Geh, du alte Tratschen, Du Charfreitagsratschen, Jetzt sing ich den lieben Augustin! 'S Geldl ist weg, 's Madl ist weg. Und nun habn wir Beid ein Dreck. O, du lieber Augustin, Alles ist hin!« Er sang wirklich diese letzten Zeilen nach der bekannten Melodie und tanzte dazu in dem Zimmer herum. Dann fuhr er fort: »Und weißt, was dann mit der Achten ist? Die kann keinen richtigen Strumpfen stopfen und keine Brodsuppen kochen. Die Neunt wieder putzt sich von Früh bis Abends und hängt Primperln und Pramperln an, hinten und vorn, oben und unten, aber am Rock hangen die Fetzen und die Schürzen triefelt aus, daß die Faden hinterher wehen eine ganze Meilen weit. So könnt ich zählen nicht nur bis zur Neun oder Zehn, sondern gleich bis zur Hundert oder gar Tausend. Sie sind alle nur gut zum in den Syrupen stecken und nachhero sich selber ablecken.« »So hat Dir Keine gefallen?« »Nein.« »Aber früher doch?« »Ja, da hats gar wohl Eine gegeben; aber auch die ist mir unstat geworden und vom Weg abwichen und ins Kraut gerathen. Ich mag nimmer daran denken und auch nimmer davon sprechen. Laß mich aus mit dem Heirathen. Wer da heirathen thut, der erhält immer stets eine Nieten; sie aber hat dafür allemal das große Loos!« »Wirklich?« fragte da Wagner. »Ja. Oder meinst etwan vielleicht, daßt auch selbst so eine Nieten bist?« »Das wohl nicht. Ich möchte mich doch viel lieber für einen Treffer halten.« »Nun schau, so hab ich Recht, und Deine Frauen hat in dera Lotterien gewonnen. Wir Männer ab erst müssen immer nur verlieren. Darum bleib ich, was ich bin, mein eigener Herr. Und nun will ich hinüber zur Mühlen, um die Botschaften auszurichten. Hat sonst noch Einer was zu bestellen?« »Nein,« antwortete der König. »Aber vergiß nicht, zu wem Du gehst, wenn Du einmal Hilfe brauchst.« »Da komm ich halt zu Dir. Ich weiß schon, daßt ein guter Kerlen bist; ich habs ja erfahren. Also nun behüt Gott derweilen, und bleibt allesammt recht hübsch gesund! Das ist das Best, was man haben kann.« Er ging. Die Begegnung mit dem Könige hatte ihm große Freude bereitet und ihn in gute Laune versetzt. Das zeigte sich sogleich, als er vor der Mühle die große Käthe traf. »Grüß auch Gott.« sagte er. »Hast schon einen Schatz?« Sie blickte ihn an, als ob sie ihn fressen wolle. »Was meinst?« »Obst bereits einen Schatz hast.« »Willst mich etwan?« »Nein.« »Warum fragst so dann?« »Ich wollt ihm sagen, daß er sich lieber eine Andre nehmen sollt. Verstanden?« Du kam er aber an die Unrechte. Sie trat einen Schritt näher, holte mit der Rechten aus und rief: »Willst vielleicht gleich was?« »Nun, was könnt das wohl sein?« »So ein Ohrschwapperl, daßt Dich rumminummi drehst.« »Dank schön! Hast so gar viele erhalten, daßt jetzt eine davon abgeben kannst? Sag, Du dienst wohl hier bei dem Müllern?« »Ja.« »Hab mirs doch denkt!« »Wieso?« »Nun, der Müllern soll so ein Urianer sein, so ein Heimducken, dems man nie recht machen kann. Und weilst auch so ein Aschkastengesicht hast, so hab ich gleich gemeint, daßt zu ihm gehörst.« »Hör, Du Schlankel, wann ich jetzt eine Heugabeln hier in der Hand hätt, so thät ich Dich damit auf den Leib kitzeln, daßt denken sollst, in dera Welt giebts lauter dumme Jungs, und Du seist der Allerdümmst von ihnen.« »Schau, wie Du reden kannst! Das steht Dir gut. Du hast so was Nobels' dabei! Aber sag, wohnt nicht hier bei Euch eine Sängerin, die Mureni heißt? »Ja. Gehörst etwan zu ihr?« »Freilich.« »Was bist von ihr?« »Ihr Urgroßvatern.« »Ja, grad ganz so schaust aus! Na, da mach Dich nur schnell bald wiedern fort, sonst wirst mit ihr allsogleich herausgeschmissen!« »Himmelsakra! Bei Euch scheints halt gar streng herzugehn. Nicht?« »Ja. Aber wannst zur Mureni willst, so mußt hier ins Haus gehn und zur Thür hinein, die zur rechten Hand ist. Da findst sie sogleich.« Er blickte sie scharf an. Er mochte aus ihren Mienen lesen, daß sie einen Hintergedanken habe. Er meinte darum: »Das kann ich thun. Aber wannst mich etwan an eine falsche Adressen sendest, so magst auch selber auslöffeln, wast einbrockt hast. Ich laß mich ganz gern an der Nasen herumführen, aber nur von derjenigen Person, die auch das richtige Geschick dazu hat.« Er ging. Sie murmelte höhnisch hinter ihm her: »Da spaziert er zum Müllern. Na, das wird eine Geschichten geben! Da möcht ich mal eine Maus sein, um unbemerkt horchen zu können! Aber ich werd mich aus dem Staub machen. Das ist nun das Beste, was ich jetzt thun kann.« Der Krikelanton klopfte an. »Herein!« rief der Müller. Anton trat ein. Draußen war die Dämmerung nahe. Hier in der Stube aber war es schon so dunkel gewesen, daß der Müller die Läden hatte schließen und sich Licht bringen lassen. Er liebte die Dunkelheit nicht. Wenn er sich im Finstern befand, so kamen auch finstere Gedanken, welche ihn beängstigten. – Er warf einen kurzen Blick auf den Eintretenden und fragte: »Wer bist?« »Der Krikelanton.« »Ich kenn Dich nicht. Was willst?« »Ich wollt zu der Sängrin.« Anton war hart an der Thür stehen geblieben. Das Gesicht des Müllers war kein Vertrauen erweckendes. »Zur Sängrin willst? Tausend Teufel! Hört das denn nimmer auf? Kommst auch Du noch, um mich mit ihr zu ärgern! Da hast Eins, Du Hallunk!« Er holte aus und versetzte dem Anton einen sehr kräftigen Peitschenhieb. Der Getroffene bewegte sich nicht, aber seine Augen funkelten zornig auf. »Was hast mich zu schlagen, he! Hab ich Dir etwan was than, Thalmüllern?« »Ja, geärgert hast mich!« »Ich hab nach der Sängrin fragt, und die Magd hat mir sagt, daß ich sie hier finden thät.« »So hats Dich belogen.« »Hast da mich zu schlagen, wann sie die Prügel verdient hat? Ich komm ganz höflich zu Dir herein und steh Dir Reden und Antworten, und dafür haust mich mit dera Peitschen! Das bin ich nicht gewohnt!« »Wirsts gleich gewohnt werden. Da hast noch Eins!« Er versetzte ihm einen zweiten kräftigen Hieb. Anton stand, wie gesagt, noch ganz an der Thür. Er fuhr mit den Händen hinter sich, scheinbar damit er von der Peitsche nicht an dieselben getroffen werde, in Wirklichkeit aber in einer ganz andern Absicht. Er griff nämlich an das Thürschloß und schob den Riegel vor. Als ihn dann der Hieb getroffen hatte, sagte er, aber in aller Ruhe: »Hör mal, so haben wir nicht gewettet. Deine Prügel werd ich nicht gewohnt. Wannst also nicht selbern welche haben willst, so thu die Peitschen fort und sag mir in Frieden, wo ich die Sängrin find!« »Beim Teufel findst sie, verstanden! Und wann Du mir mit Prügeln drohst, so kommst an den Unrichtigen. Ich bin der Herr im Haus, und wer zu mir kommt, der hat sich meine Arten und Weisen gefallen zu lassen. Und wannst nicht glaubst, so hast hier grad noch Eins, und zwar ein Derbs!« Er holte aus. Der Peitschenriemen schwirrte durch die Luft. Anton streckte die Hand aus und fing ihn auf. Ein Ruck – und er hatte dem Müller die Peitsche entrissen. Er schleuderte sie zur Seite und schritt langsam auf den Haustyrannen zu. »Nun,« sagte er, »komm auch ich an die Reihe.« »Was willst?« fuhr der Alte auf. »Geh zuruck, und komm mir nicht zu nahe, sonst kannst auch noch eine ganze Wetzen voll Feigen haben, nämlich um die Ohren!« »Das eilt nicht sehr! Dreimal hast mich geschlagen; wir müssen vorher quitt werden, ehe Du wieder haust. Da, eins – zwei – und drei!« Er gab dem Müller drei schallende Ohrfeigen. Der Alte wußte gar nicht, wie ihm geschah. Die Ohrfeigen waren gesalzen gewesen; aber er fühlte vor Erstaunen den Schmerz gar nicht. Das geschah ihm – ihm – ihm! So Etwas war noch niemals dagewesen. Er starrte den Krikelanton ganz fassungslos an. »Nun,« lachte dieser. »Was machst für Augen? Denkst noch immer an die Backpfeiferln, die Du mir versprochen hast?« Diese Frage brachte den Müller zur Besinnung. »Ja,« brüllte er, »da hast sie!« Er faßte den Anton am Gürtel, um ihn an sich zu ziehen, und holte aus. »Ah! Machst wirklich Ernst?« sagte dieser. »Schau, das kann mich gefreun. Das hab ich gern. Da wolln wir mal nander das Gesetz und den Paragraph auslegen.« Der Hieb des Müllers hatte ihn nur leicht getroffen; jetzt aber erhob er beide Hände und beohrfeigte den Alten von rechts und links mit solcher Schnelligkeit, daß die einzelnen Ohrfeigen fast gar nicht zu unterscheiden waren, so rasch ging es. Der Müller wollte sich wehren, er wollte schreien, um Hilfe rufen; aber er kam weder zu dem Einen noch zu dem Andern. Er brachte den Mund gar nicht auf; sobald er ihn öffnete, wurde er ihm gleich wieder von der einen oder der anderen Seite zugeschlagen. Nur ein unverständliches Murmeln und Gurgeln brachte er hervor. Mit herabgesunkenen Armen nahm er regungslos die verdiente Züchtigung entgegen, bis Anton meinte, genug gethan zu haben. »So!« sagte dann dieser Letztere. »Jetzt hab ich Dir zeigt, wie man auf eine höfliche Fragen auch eine angenehme Antworten geben muß. Und Do wirst mir bezeugen, daß ich eine saubere Arbeiten gemacht hab.« Der Müller brachte vor Wuth kein Wort heraus. Anton nahm einen Stuhl, zog ihn hin zu demjenigen des Müllers, setzte sich darauf und fuhr fort: »Jetzt nun kennen wir uns, und da können wir also unsere Sachen in Lieb und Gemüthlichkeiten abmachen. Also, ich will zu der Sängrin, und da hat man mich zu Dir gewiesen. Du wirst mir also wohl sagen, wo ich sie finden kann.« Der Müller erhob die geballten Fäuste, streckte sie ihm entgegen und zischte: »Hund – ich – ich – ich zermalme – –Dich!« Der Grimm benahm ihn noch immer die Sprache. Anton aber meinte ruhig: »Hör, ich kann die Schläg nicht leiden; das hab ich Dir bewiesen. Das Schimpfirn behagt mir auch nicht. Soll ich Dir das vielleicht auch beweisen?« Die Brust des Müllers arbeitete heftig. Er bebte am ganzen Leib, und dicke Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Er griff zur Clarinette. »Ich werd um Hilfe blasen!« stieß er hervor. »Die Leut sollen kommen und Dich todtschlagen.« Er hielt das alte Instrument an den Mund; aber er zitterte vor Aufregung so sehr, daß er das Mundstück nicht zwischen die Lippen brachte. »Sapperlot, was bist für ein seiner Musikant!« lachte der Anton. »Du und das Clarinetterl, Ihr Beid paßt sehr hübsch zusammen. Aber thu es doch lieber wieder weg. Damit pfeifst keine Maus herein. Ich hab den Riegeln vorgeschoben.« Der Müller ließ den Arm sinken. Er fragte ganz erschrocken: »Den Riegeln? Willst mich etwan vermorden!« »Nein. Ich komm in aller Freundschaft zu Dir. Aber als Du mich mit der Peitschen schlugst, da hab ich allsogleich merkt, wast für ein Menschenkind bist. Schau, Du bist ein Beelsebuben, der seine Leuteln vermalträterirt und mit der Peitschen vercommandirt. Sie lassens sich gefallen, weilst sie dafür zahlst und weil sie keinen Muth haben. Du meinst, daß Du der Herr bist und viel besser als Andere. Das aber ist nicht wahr. Du bist der größest Aff unter allen Afferln. So ein Orangbudang, so ein Plavian und Mehlaff, wie Du, kann auf der Welt gar nimmer sein. Daß muß man Dir mal zeigen. Und weils Dir kein Andrer zeigt, so will ichs Dir zeigen, und darum hab ich die Thören verriegelt, damit ich nicht dabei gestört werden kann.« »Herrgott! Was willst mir thun?« »Gar nix, wannst Verstand annimmst. Kopfnüssen hast nun bereits genug erhalten; bezahlt hab ich Dich also, und nun brauchst blos höflich zu sein, so geschieht Dir weiter nix. Wannst aber wieder mich promovirst, so regnets so viel Ohrwascherln, daßt denkst, es graupelt in der Stuben!« Was noch niemals vorgekommen war – der Müller fühlte Respect vor diesem resoluten Menschen. »So sag, wast willst!« sprach er. »Ich will wissen, wo die Mureni ist.« »Da droben, grad über mir.« »So, so! Schau, wast für ein Dummrian bist. Wannt das allsogleich gesagt hättst, so wär mirs gar nimmer beikommen, auf Deinem Gesicht Klavier zu spielen. Merks für spätern, und sei andermal gescheidter! Jetzt nun weiß ich, was ich wissen wollt, und werd gehn. Nachher wirst wohl Deine Dienstleut auf mich hetzen?« Der Müller antwortete nicht; aber in seinem Gesicht stand die Bejahung dieser Frage geschrieben. Das merkte der Anton, und darum sagte er: »Ich schau Dirs gleich an, daßt so was ausgesonnen hast. Aber denk nur ja nicht, daßt damit zu mir auf den Jahrmarkt kommst. Es hat kein Mensch gesehen, daß ich Dir im Gesicht spazieren gangen bin. Niemand kanns beweisen. Und nachhero, wann Dus selber denen Leuteln sagst, so wirst auslacht. Es wird kein Mensch den Andern verzähln, daß er Prügel erhalten hat. Nun mach also, wast willst. Ich hab gar nix dagegen. Du kannst Dir die Peitschen nachhero von Jemand aufheben lassen; ich hol sie Dir nicht herbei. Also nimm Dir die Lehr, die Du heut erhalten hast, fein zu Herzen, und bessre Dich, dann können wir wohl gar mal gut Freund mit nander werden. Jetzt aber leb wohl, und laß Dirs gut bekommen!« Er stand auf, setzte den Stuhl wieder an seinen Ort, schob den Riegel zurück und ging. Kaum war er hinaus, so ertönte die Clarinette des Müllers. Ein Knecht hörte das Zeichen und kam herein. »Hast den Kerl gesehn, der jetzt bei mir war?« lautete die Frage. »Ja.« »Von den Mägden hat ihn Eine zu mir herein gewiesen. Frag mal herum, welche!« »Gut, sogleich.« »Und gieb mir die Peitschen her!« Der Knecht hob sie auf und gab sie ihm hin, fuhr aber dann schnell zur Thür hinaus, welche er fürsorglicher Weise offen gelassen hatte. Es war schon oft da gewesen, daß Jemand für das Aufheben der Peitsche, wenn diese der Hand des Müllers entfallen gewesen war, einen derben Hieb mit derselben erhalten hatte. Anton war langsam die Treppe emporgestiegen. Droben stand Paula, beschäftigt, ein Rouleau am Vorplatzfenster aufzumachen. »Guten Abend auch!« grüßte er. »Kannst mich wohl zu dera Sängrin bringen?« Sie drehte sich um. »Ach, Du bists?« sagte sie. »Warst nicht heut mit mir übers Wasser gefahren?« »Ja, mit Dir und dem Fex.« »Und zur Sängrin willst? Zur Signora Mureni? Komm da herein.« Sie öffnete eine Thür. Da drin stand die Leni, aber mit dem Rücken nach dem Eingänge. »Sag Ders! Die bringt Dich zu ihr,« meinte Paula. Leni drehte sich um. Die beiden früheren Liebesleute standen einen Augenblick lang ganz bewegungslos. Leni bediente sich zuerst ihrer Sprache. »Anton!« »Leni!« Sie hatte unwillkürlich ihre Arme erhoben und kam auf ihn zu. Ihr Gesicht glänzte vor Freude. Er aber blieb stehen, die Hände schlaff herabhängen lassend. Da hielt sie auch ihren Schritt an. Ihr Gesicht entfärbte sich. »Was willst bei mir?« fragte sie. »Von Dir? Gar nix!« antwortete er kalt. »Und doch kommst zu mir?« »Zu Dir? Nein. Zur Sängrin will ich, zur Mureni.« Sein scharfes Auge stach förmlich in das ihrige hinein. »Die bin ich ja!« sagte sie. Er neigte den Kopf einige Male wie Einer, der seine Vermuthung bestätigt findet. Hinter ihm aber, wo Paula ganz ohne Absicht stehen geblieben war, fragte diese ganz erstaunt: »Was sagst? Du bist die Mureni?« »Freilich.« »Nicht die Dicke?« »Nein, sondern ich.« »So bist nicht die Dienerin, sondern die Herrin?« »Ich bin nicht Herrin und nicht Dienerin; aber ich bin Die, für welche dies Logis gemiethet worden ist.« »Und das sagst erst jetzt! So hast ein Wenig Theatern gespielt mit mir?« »Ja, das kann sie, das Theaterspielen,« meinte Anton in anzüglichem Tone. »Das werd ich Dir schon bald erklären,« lächelte Leni, »erst aber muß ich nun erfahren, was der Anton von mir will.« »Ich will nix von Dir, selbsten jetzt nicht, da ich weiß, daßt die Mureni bist. Ich komm als Bot zu Dir. Der Herr Ludewig sendet mich. Sollst gleich mal zu ihm hinüberkommen.« »Warst etwan bei ihm?« »Ja. Er hat mich rufen lassen.« »Und was thust nun hier in der Gegend?« »Ich bin Tabuletkramer worden und heut hier ankommen; morgen aber geh ich wieder fort. Jetzt hab ich meine Botschaft bestellt und kann nun wieder fort. Behüt Dich Gott!« Er wendete sich um, ohne ihr die Hand zu bieten. »So willst gehn?« fragte sie mit bebender Stimme. »Wie anders?« »Kannst mir nicht die Hand geben?« »Wozu?« »Das fragst auch noch!« »Ich hab mit Dir nix mehr zu schaffen. Du bist die Theatersängrin, und ich hab den Hausirschein auf meinen Kasten. Das paßt nicht zusammen. Adjeh!« Er ging. Sie aber nahm schnell ihr Hütchen vom Nagel, setzte es auf und eilte ihm nach. Unten vor dem Hause holte sie ihn ein. Es war kein Mensch zu sehen, da der Knecht die Mägde zusammengeholt hatte, um die erwähnte Erkundigung einzuziehen, eine Bemühung, welche ganz vergeblich war, da die Käthe sich hütete, es einzugestehen. Leni ergriff ihn am Arme. Er wollte sich losmachen, sie aber hielt ihn fest und zog ihn eine Strecke mit sich fort. »Was willst doch nur von mir!« sagte er in zornigem Tone. »Wir Beid haben nix mehr mit nander zu schaffen. Dabei bleibts.« »So, das ist Dein fester Will?« »Ja.« »Und ich mags noch nimmer glauben. Anton, willst mir einen Gefallen thun?« »Sag, welchen!« »Sag erst ja!« »Das kann ich nicht. Ich muß wissen, wast willst.« »So wart eine kleine Weil, bis ich zurückkomm!« »Das ist unnöthig!« »Nein. Wannst nicht ganz und gar schlecht sein willst, so wartst diese eine kurze Minuten!« »Nun, für schlecht will ich grad nicht gelten. Ich werd also warten. Aber wo?« »Es braucht uns Niemand zu sehen. Lauf also da hinüber nach dem Fluß. Dort ist ein Fels mit Sträuchern. Dort komm ich hin.« »Gut! Aber nun mach schnell zum Herrn Ludewig. Ich sollt Dirs gleich sagen und bin doch erst lange Zeit beim Müllern gewesen. Und – eigentlich sollt ich nicht so gut mit Dir sein; aber ich wills Dir dennerst verrathen, obgleich Dus nicht werth bist.« »Was?« »Kennst den Ludewig?« »Ja.« »Was! Du weißt, daß es der König ist?« »Das kann ich mir schon denken. Ich weiß, daß er da drüben wohnt bei dem Richard Wagner.« »Was! Auch Der ist dabei?« »Auch Der. Also will ich eilen. Du aber wartest ganz gewiß da drüben?« »Was ich versprochen hab, das halt ich auch,« brummte er mürrisch und ging fort. Sie wendete sich der Villa zu. Es dämmerte schon sehr, als sie dort eintrat und an die Thür klopfte. »Herein!« sagte die ihr so bekannte Stimme Wagners. Sie trat ein. Es war indessen eine dreiarmige Lampe angebrannt worden. Sie eilte sogleich auf den König zu, welcher auf einem Fauteuil saß, beugte die Knie und drückte ihre Lippen auf die Hand, welche er ihr unter einem wohlwollenden Lächeln entgegenstreckte. Als sie sich dann erhob, betrachtete er sie einen Augenblick, nickte wohlgefällig und sagte: »Also als Sennerin? Ich hatte die Mureni in einem andern Gewände erwartet. Wollen wir also so thun, als ob wir uns nochmals auf der Alm befänden.« »Ganz so?« fragte sie erröthend. »Ja, ganz so!« »Nun, wannts meinst, so ist mirs recht und auch noch lieber. Also willkommen auch!« Sie knickste nach ihrer früheren Weise und that dies auch gegen Wagner, welcher ihr die Hand reichte und, auf den Concert- und Kapellmeister deutend, sagte: »Diese Herren wollen nicht glauben, daß Du die von ihnen erwartete Signora Mureni bist.« »Weiß schon.« »Wie? Du weißt es?« »O, schon gar sehr gut. Wannst da dem kleinen Concertmeistern sagst, daß ich eine Sängrin bin und auch singen kann, so wird er Dirs nimmer glauben, sondern Dich alleweil gar tüchtig auslachen.« »Wirklich?« »Ja.« »Warum auslachen?« »Weil ich ihm was vorsungen hab, und das hat ihm gar so sehr schlecht gefallen.« »Unmöglich!« »Ja, da frag ihn nur gleich selber. Nicht?« Bei dem letzten Worte nickte sie dem Italiener vertraulich ironisch zu. »O ja!« sagte dieser. »Das ßein ein Ssängrin schauderhaft, orrido, orribile . Wenn ßie ßingen, so laufen davon die Mäußen und die Ratten.« Wagner blickte Leni fragend in das Gesicht und meinte lächelnd: »War das nicht wieder einer von Leni's Schalksstreichen? Darf ich erfahren, was Du dem Herrn Concertmeister vorgesungen hast.« »Er hat sagt, daß ich jodeln soll, da draußen auf der Straßen. Der Wurzelsepp war auch dabei.« »Ah der! So ist es leicht begreiflich, daß da irgend eine Lustigkeit ausgeführt worden ist. Und was hast Du da gejodelt?« »Soll ichs etwa singen?« »Wenn Majestät gestatten?« Der König nickte lächelnd. »Aber wanns nun den Herrn Concertmeistern ärgert?« »Aergern? Mir?« sagte der Italiener. »Es kann mir nix ärgern. Nur immer ßing! Dann ßein auk ßokleik bewiesen, was ich kesakt hab, daß Du ein schauderhaft Ssängerin.« »Nun, so will ich nur den einen Vers singen, der ihm noch am Besten gefallen hat.« Sie stemmte den einen Arm in die Seite, setzte den linken Fuß vor und sang: »Und da drüben und da draußen         In das Welschland hinein, Und da giebts so viele Flöh,         Und da möcht ich nicht sein!« Sie sang es womöglich noch mehr ohrzerreißend, als sie es draußen gesungen hatte. Die Wirkung blieb nicht aus: Alle fuhren sich mit den Händen nach den Ohren. Wagner sprang nach der Thür, um hinaus zu eilen. Glücklicher Weise aber war sie fertig, als er noch nicht ganz draußen stand. Er kam zurück und rief lachend: »Das ist ja fürchterlich, entsetzlich!« »Ja, fürchterlik, entsetzlik, schrecklik, schrecklik!« stimmte der Italiener bei. »Und da ßie saken, daß ßie können ßingen!« »Nun,« meinte Wagner, noch immer lachend, »eigentlich sollte sie es auch können, da sie ja bei dem beabsichtigten Concerte mitwirken soll.« »Die? Mitwirken? Schrecklik! Schrecklik!« »Ja, denn sie ist ja unsere Mureni.« »Unß – –Mur – –!« Die beiden Wörter blieben ihm eine Zeitlang im Munde stecken, bis nachher doch die beiden Sylben kamen – »reni!« Er hatte den Mund weit offen und starrte Wagnern an. »Gewiß!« sagte dieser. »Oder glauben Sie es nicht?« »Ssie maken Spaßen!« »Es ist mein Ernst. Ich werde Ihnen sogleich beweisen, daß sie singen kann.« Er bat mit einer stummen Verbeugung den König um die Erlaubniß, und als dieser still lächelnd nickte, öffnete er das Pianino, setzte sich vor dasselbe und schlug einige leise Accorde an. »Meine Herren, Signora Mureni wird die »Marterblume« von Heinrich Heine singen, wenn Sie es gütigst gestatten.« »Componirt von – – –?« fragte der König. »Von einem unbekannten Compernisten, wie der Wurzelsepp sagen würde.« Diese Antwort genügte. Der König wußte nun, daß es eine jener Augenblickscompositionen Wagners sei, auf welche dieser keinen Werth zu legen pflegte, da er sie nur für gewisse Personen und Stimmen zu schreiben pflegte. Alle waren im höchsten Grade gespannt. Der König wohl am Allermeisten. Seit jener Nacht auf der Alm hatte er Leni's Stimme nicht wieder gehört. Jetzt sollte es sich zeigen, ob er sich in der Begabung des schönen Mädchens geirrt habe oder nicht, ob die an sie gewandte Mühe auch Früchte getragen habe. Der Italiener aber kratzte sich hinter dem Ohre. Er konnte nicht begreifen, daß ein Mann wie Richard Wagner sich so tief erniedrigen könne, eine so fürchterliche Sängerin zum Vortrag eines Liedes aufzufordern und sie noch dazu zu begleiten. Leni stellte sich hinter Wagnern. Sie nahm ihr Hütchen ab. Ihr schönes, volles Haar war jetzt ganz zu sehen. Als Wagner zu präludiren begann, erhob sie langsam das Köpfchen und warf einen Blick in das erwartungsvoll auf sie gerichtete Gesicht des Königs. Sie fühlte, daß es jetzt galt, zu beweisen, daß sie seine Gaben mit Dank empfangen habe. Dann suchte ihr Auge das Fenster. Es weilte draußen am gegenüberliegenden dunklen Waldesgrün und schien sich mählich und mählich zu vergrößern. Jetzt schloß Wagner das Vorspiel mit einer Fermate, und nun begann sie. Ihre Lippen schienen vollständig geschlossen zu sein. Leise, ganz leise, wie aus weiter, unendlicher Ferne erklang ein Ton, der unmöglich aus ihrer Brust zu kommen schien. Er schwoll langsam an, mehr und immer mehr, bis er endlich in wahrer Orgelstärke durch das Zimmer klang und sich aus ihm die Motive und Sätze entwickelten, auf denen die Verse des sterbenden Dichters getragen wurden, wie die Leichen ertrunkener Schiffbrüchiger auf den trübdunklen Wogen des Oceanes auf und nieder schweben. Es war eine ganz eigenartige Musik zu dem ebenso eigenartigen, geheimnißvollen Text des Sterbenden in der Matratzengruft. Und mehr als eigenartig war auch die Stimme dieses Mädchens. Sie war geradezu unvergleichlich. Und so einfach die Melodie gehalten war, so bot sie an vielen Stellen dennoch der Sängerin Gelegenheit, zu beweisen, daß sie auch in der rein äußeren Technik des Gesanges ungeahnte Fortschritte gemacht habe. Leni's Stimme schien gar nichts Einzelnes, Selbstständiges zu sein. Es war, als oh sie den ganzen Raum, das ganze Herz und die ganze Seele der Zuhörer erfülle. Sie drang nicht durch das Ohr, sondern sie schien aus dem Innern der Hörer heraus zu klingen und ihnen so die Thränen aus der Seele empor in die Augen zu treiben. Der König hatte sich in die Lehne zurückgelegt und hielt seinen Blick gerade so wie die Sängerin hinaus auf den Wald gerichtet. Und dennoch schien er von demselben gar nichts zu sehen. Der Kapellmeister hielt die Arme über die Brust verschlungen, und sein Gesicht glänzte förmlich vor Entzücken. Unbeschreiblich aber war der Anblick, welchen der Italiener bot. Er glaubte zu träumen. Mund und Augen waren so weit offen, als es überhaupt möglich war. Er griff sich mit den Händen an den Leib, an die Nase, an den Kopf, um sich zu überzeugen, daß er wirklich lebe, daß er in Wahrheit hier stehe und diese wunderbaren Töne höre. Er fuhr sich mit den Fingern in das Haar, daß es grad emporstand. Er streckte bei gewissen Stellen den linken Arm aus und strich mit dem Rechten darüber, als ob er den Gesang mit der Violine degleite; kurz und gut, er war ganz und vollständig außer sich. Da erklang endlich die letzte Strophe: »Frag, was er strahle, den Karfunkelstein,         Frag, was sie duften, Nachtviol' und Rosen, Doch frage nie, wovon im Sternenschein         Die Marterblume und ihr Todter kosen!« Die Begleitung wurde leiser und leiser, und die Stimme Leni's verklang langsam, als ob sie sich von hier fort verliere in jene weite, unendliche Ferne zurück, aus welcher sie vorher gekommen zu sein schien. Jetzt war das Lied zu Ende. Der Italiener wollte mit den Händen einen stürmischen Beifall klatschen; aber da fuhr das Gesicht des Königs blitzschnell zu ihm herum, und es traf ihn ein Blick, so gebieterisch zornig, daß er sofort die Hände sinken ließ und voller Schreck und Angst hinter seinen hochlehnigen Sessel retirirte, hinter welchem seine kleine, hagere Gestalt fast verschwand. Der König wandte den Kopf langsam wieder nach dem Fenster; ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem tief durchgeistigten Gesicht mit den königlich schönen Zügen. Wagner blieb am Instrumente sitzen und bewegte kein Glied. Er kannte die Art und Weise seines königlichen Freundes. Auch Leni stand wie eine Statue. Ihr Gesicht schien ein ganz anderes geworden zu sein. Welch ein Unterschied zwischen jetzt und vorhin, wo sie den trivialen Reim in so alle Nerven zerreißender Weise gejodelt hatte. Ihr Gesichtchen war bleich, ohne alle Farbe. Es schien aus Alabaster gemeißelt zu sein. War vorher ihre Schönheit eine hervorragend körperliche gewesen, so sah man jetzt gar nicht auf diese äußeren Formen, welche sich so rund, so voll und üppig dem Auge des Beschauers boten, sondern der Blick wurde gefesselt durch den geistigen Ausdruck oder vielmehr Inhalt ihres Gesichtes. Sie schien nicht mit dem Munde gesungen zu haben; nicht sie, wie man sie körperlich da stehen sah, sondern ihre Seele schien die Schöpferin dieser wunderbaren, hinreißenden und auf das Tiefste ergreifenden Töne gewesen zu sein. Endlich bewegte sich der König. Er stand langsam auf und trat ebenso langsam auf Leni zu. Er legte ihr beide Hände leicht an die Seiten ihres Köpfchens, beugte sich nieder und hauchte einen Kuß auf ihr reiches, volles Haar; dann sagte er mit vibrirender, halblauter Stimme: »Ich habe mich nicht geirrt. Du bist von Gott begnadet wie selten eine Andere. Dein König weiht Dich der Kunst, der schönen, edlen, erhabenen. Sei stets ihrer würdig, und bleibe rein und gut. Gott segne Dich und nehme Dich in seinen starken Schutz, wenn Deiner Seele die Prüfungen nahe treten, welche Dir nicht ausbleiben können.« Er wendete sich ab und verschwand, ohne mit einem der Andern ein Wort gesprochen zu haben, im Nebenzimmer. Leni brach langsam in die Kniee. Sie faltete wie betend die Hände, hob sie empor und flüsterte: »Gott, o Gott? Ists möglich! Ists möglich!« Da erhob sich Wagner vom Stuhle, ergriff sie au der Hand und zog sie leise empor. »Es ist eine große Stunde, welche Sie eben erlebt haben,« sagte er gedämpften Tones. »Vergessen Sie dieselbe nie! Und wenn die Verführung an Sie herantritt, um Sie dahin zu ziehen, wo Staub und Sünde wohnen, so denken Sie des Augenblickes, an welchem die Lippe Ihres Königs Sie berührte. Wir hätten jetzt so viel zu fragen und zu sagen; aber der Moment ist Ihnen ein heiliger, und wir wollen ihn nicht entweihen. Gehen Sie also jetzt, um im Stillen mit dem Gotte zu sprechen, welcher über uns allen wohnt und welcher Ihnen soeben bewiesen hat, daß er auch in Ihrem Herzen waltet!« Sie antwortete nicht; sie ging. Es war ihr, als ob sie Flügel habe, als ob sie die Erde gar nicht fühle, über welche ihre Füße schritten. Ihr Herz war so weit, so unendlich weit. Sie fühlte keine Grenzen, keinen Anfang und kein Ende ihrer Gedanken und Gefühle – sie hatte ja gar keinen Gedanken, gar kein Gefühl; sie wurde von einer Seligkeit erfüllt, welche kein einzelnes Gefühl war, sondern eine Gesammtheit aller beglückenden Regungen und Empfindungen genannt werden mußte. So ging sie, sie wußte gar nicht, wohin, nicht wachend und nicht träumend. Obs wohl im Himmel einmal grad so sein wird? Oder noch schöner, noch herrlicher? Wäre das möglich? Als sie endlich wieder zur wirklichen Klarheit kam, stand sie am Ufer des Flusses. Draußen ging der Mond in silbernem Lichte auf; über ihr flüsterten die Zweige und hüllten sie in lauschiges Dunkel. Vor ihr flutheten die Wellen, und geheimnisvolle Reflexe zuckten auf den Wassern dahin. Es überkam Leni mit unwiderstehlicher Macht. Es war ihr, als ob eine unsichtbare Gewalt sie bei den Schultern fasse und in die Kniee niederdrücke. Sie hob die gefalteten Hände empor und betete: »O, Du lieber Vater im Himmel, bleib bei mir und verlaß mich nicht, daß ich nicht stolz und hochmüthig werde. Du Heiland aller Sünder, laß mich stets bedenken, daß ich eine arme Sünderin bin! Du heiliger Geist Gottes, steh mir bei, daß ich den Hochmuth besiege, der mich jetzt bald ergreifen will. Du reine Mutter Gottes, schau freundlich auf mich hernieder und bitte für mich, daß ich fromm bleibe und voller Demuth. Du großer, dreieiniger Gott, gieb, daß ich die Gabe, die Du mir verliehen hast, nur allein gebrauche zu Deiner Ehre und zum Segen der Menschen. Ich bin so klein, so gering. Laß mich so klein und gering bleiben allezeit, damit ich groß bin nur in Deiner Gnade! Amen!« »Amen!« erklang es wie ein Echo hinter ihr. Sie fuhr erschrocken empor. »Wer ist da?« fragte sie angstvoll. »Ich; aber brauchst Dich nicht zu fürchten. Ich bins« »Wer bist denn?« »Ich, der Sepp.« Der Genannte kniete hinter ihr am Stamme eines Baumes. Jetzt erhob er sich und trat auf sie zu. »Du bists, Path? Was machst hier?« »Ich kam, weil ich Sorg gehabt hab um Dich.« »Warum das?« »Schau, das war so: Ich saß beim Fex an der Fähr, und wir redeten mit nander. Da hörten wir einen Gesang, der kam wie vom Himmel herab. Der Fex hat gemeint, ein lieber Engel thät singen; ich aber hab gleich gewußt, daß mein liebs Lehnerl der Engel gewesen ist.« »Woher hasts gewußt?« »Weil ich den Gesang bereits hört hab von Dir, im München drin, als der Wagnern dazu am Klavieren spielen that. Das war der Gesang von der Todtenblume. Ich habs dem Fex gesagt, und er ist ganz närrisch worden. Wir sind nach der Villa'n gelaufen ohne Athem und haben zugehört, bist fertig gewesen bist. Nachhero kamst heraus und gingst fort, nicht etwan auf dem Weg, sondern gleich über die Wiesen hinüber und auf das Wassern zu. Da bist so sakrisch wetterwendsch gelaufen, bald rechts und bald links, bald vorwärts und bald wieder zuruck. Dazu hast gekilpert und getaumelt, als obst betrunken wärst, und da ist mirs himmelangst um Dich worden. Ich hab schnell meine Schuhen auszogen, daßt mich nicht hören sollst, und bin Dir nach. Du hast Dich aber auch gar nicht umgeschaut und mich also nicht gemerkt, obgleich ich nur ein Paar Schritten hinter Dir gewesen bin. Nachher bist gar noch niederkniet und hast betet. Herrgottl, wie mir da geworden ist! Meine Seel hat zittert und bebt, denn ich hab denkt, es ist Dir was passirt und Du willst noch erst beten und nachhero gleich hinein ins Wassern springen.« »Das hast dacht!« »Ja freilich.« »Von Deiner Leni!« »Ich konnt halt gar nicht anders.« »Du hast meinen konnt, daß ich mir das Leben nehm, daß ich eine Selbstmörderin werden kann!« »Jetzt bist mir wohl gar bös?« »Beinahe.« »Das darfst nicht sein! Schau, es ist halt doch nur die Lieb zu Dir. die mir solch eine Aengsten gemacht und so einen Schweiß austrieben hat!« »Das weiß ich gar wohl, und drum will ich Dir auch nimmer zürnen. Bin ich denn wirklich gar so sehr hasprig gelaufen?« »Sehr! Aber als ich nachher das Gebet gehört hab, da ist mir der ganze, große Stein vom Herzen herunterfallen, und ich bin auch niederkniet und hab mit beten müssen.« Sie hörte es noch jetzt seiner Stimme an, daß er vor Rührung geweint hatte; sehen konnte sie es nicht, weil sie unter den Bäumen im Schatten standen. Sie schmiegte sich an ihn und sagte: »Du lieber, guter Sepp!« »Ja, das bin ich auch! Lieb hab ich Dich, und gut bin ich Dir über alle Maßen. Wanns so gewesen war, wie ich fürchtet hab, so war ich gern für Deiner ins Wassern gelaufen. Ich will doch liebern sterben, als daß Dir ein Leid geschieht. Wer sag mir, warum bist denn gar so außer Dir gewesen?« »Warum? Denk Dir nur, Sepp, ich hab vor dem König singen müssen!« »Das hab ich ja gehört.« »Und es hat ihm gefallen!« »Natürlich! Wann die Leni singt, so muß es einem Jeden gefallen, sonst hat ers mit mir zu thun!« »Und was er hernach zu mir sagt hat!« »So? Was denn?« »Daß der liebe Gott mir eine große Gnaden erwiesen hat, und daß ich gut bleiben soll und fromm.« »Da hat er grad das Richtige gesagt. Aber daß der liebe Herrgottl Dir gut ist, das ist ja gar kein Wundern und Mirakeln, denn ich bin Dir ja auch gut. Und wanns mal Einem gäb, der Dir nicht gut wär, dem streckt ich die Fäust ins Gesicht, daß er mich kennen lernen sollt!« »Und sodann ist mirs ankommen, als ob ich eine ganz besonderbare Personen sei, als ob ich besser sei als Andere – – –« »Das bist auch!« »Nein; red nicht so, Sepp! Das ist ja der Verführer, vor dem ich mich hüten soll, wie der König sagt hat! Es hat mich aufgebläht, als ob ich stolz und vornehm sein müßt, und da hab ich an mein' alten Vatern denkt, der vor Hungern storben ist, und an den Sepp, der nicht mal einen ganzen Hut hat auf den Kopf, und an meine Alm, und wie ich so arm und gering gewesen bin, und nun denk ich, daß ich besser bin als Andere, und da hab ich den Herrgott bitten müssen, daß er mich vor Hochmuth bewahr und vor dem Stolz, denn weißt – ich mag nicht vornehm sein; ich mag nicht vergessen, was ich gewesen bin, und daß ich in meiner Sennhütten vielleicht glücklicher war, als ich später wohl sein werd.« »Das ist wohl brav von Dir, Leni; aber glücklicher wirst wohl sein als vorher.« »Glaubs nicht!« »Wirsts mir selber sagen. Schau, wann heut der König so mit Dir zufrieden gewesen ist, so ist dann ganz sicher, daßt auf dem Concertl auch eine große Furoren machen wirst. Das ist doch ein Glück!« »Ich hab das noch nicht gefühlt; ich werd ja sehen, obs wirklich eins ist. Aber horch, dct kommt mir ein Gedank, ein schöner Gedank!« »Welcher? Sags!« »Meinst, daß es schwer ist, auf so einem Concerten zu spielen oder zu singen?« »Warum solls schwer sein?« »Weil man was lernt haben muß.« »Das hat man ja!« »Ich mein' halt so: Thätst Du Dich fürchten, wannt auch mitsingen und mitspielen solltst?« »Ich? Nein, fürchten thät ich mich nicht. Ich könnt aber halt nur das spielen, was ich gelernt hab.« »Freilich. Hör, Sepp, wolln wir mit nander ein Concertl geben?« Er machte eine Bewegung der Ueberraschung. »Ich? Mit Dir? Wir mit nander?« »Ja.« »Was ist das nun für ein talketer Gedank!« »Der ist gar nicht talket. Wann nun die Leutln mal hören wolln, wie auf der Alm jodelt wird?« »Ja, das könnt ich ihnen schon ganz gut zeigen.« »Mit Deiner Ziethern?« »Ja, und auch mit meiner Stimmen. Ich bin nun bereits ein altes Haxerl; aber meine Stimmen ist noch ganz so frisch wie mein Zahnwerk im Maul. Beißen kann ich noch und auch jodeln, so viel man nur verlangen mag.« »Und, weißt, grad so müßts sein wie auf meiner Alm, wannt kamst oder wannt gingst.« »Ja, da haben wir uns allemal ansungen. O Jerum, das hat nun freilich für immer ein End!« »Drum wollen wirs noch mal thun, recht schön und recht herzig, grad in einem Concertl.« »Dirndl! Plausch nimmer solch Zeug!« »Ich meins im Ernst. Außer wannt Dich fürchtst?« »Hoho! Ich furcht mich vor dem Teufeln nicht, und wann ers versuchen will, so werd ich mit ihm um die Wetten jodeln, bis ihm der Athem ausgeht und er fortlaufen muß, um sich einen neuen zu holen.« »So ists ja gut. Sepp, komm doch morgen in der Früh mal zu mir! Da hab ich Dir was zu sagen.« »Von wegen dem Concertl?« »Ja.« »Na, Dirndl, Du hast jetzt in dieser neuen Zeiten recht muckige Gedanken. Das schwärmt und summt, als ob lauter Muckerln in der Lüften wären. Aber ich werd dennerst kommen, denn ich bin gar neubegierig, wast Dir ausgesonnen hast. Viel Klugs und Gescheidts aber wirds wohl gar nimmer sein.« »Da wirst Dich verrechnet haben. Es ist was sehr Gescheidts. Drauf kannst Dich verlassen. Aber nun sag, wast heut am Abend noch vor hast!« »Nix. Zunächst werd ich Dich nach der Mühlen begleiten, und nachhero, dann geh ich – – –« »Nein, Sepp, begleiten wirst mich nicht!« fiel sie schnell ein. »Warum nicht?« »Weil ichs nicht will.« »Wie? Seit wann will denn die Leni nicht, daß ihr Path, der Wurzelsepp, bei ihr ist?« »Seit nirgends. Du bist mir immer und alleweg willkommen. Aber heut mußt mich schon mal allein laufen lassen.« »Hast etwan eine Heimlichkeit?« »Und wanns nun eine wär?« »Gehts meiner Personen was an?« »Nein.« »So Hab ich mich auch nix darum zu kümmern.« »Bist mir etwan bös?« »Nein. Ich hab schon meinen richtigen Verstand. Ich bin der Path und hab Dich lieb; aber der Polizeier bin ich nicht, der hinter Dir herlauft und Dich nicht aus den Augen läßt. Du bist kein Kind, dem man stets die Amm mitgeben muß. Du bist groß genug, um zu wissen, wast zu thun und zu lassen hast, und was Unrechts wirst nie und nimmer thun. Das weiß ich ganz genau, Leni.« »Ja, so ists richtig, Sepp.« »Also willst allein nach Haus gehn?« »Ja.« »So will ich jetzt nun ausreißen. Also morgen in der Früh komm ich zu Dir. Gute Nacht!« Er gab ihr die Hand und zog sie an sich. Er wollte ihr einen Kuß auf das Haar geben. Sie war das so gewöhnt und pflegte sich auch keineswegs dagegen zu sträuben. Bereits hatte er den Mund so nahe, daß sein Schnurrbart ihr Haar berührte. Da plötzlich fuhr sie zurück. »Was ist? Was hast?« fragte er verwundert. »Nicht so, nicht dorthin, nicht aus den Kopf,« bat sie. »Wohin denn?« »Wohin Du willst, Sepp, nur nicht auf den Kopf.« »Bist auf einmal scheu worden?« »Nein. Komm, küß mich lieber auf den Mund!« Sie hielt ihm den Mund entgegen, und er küßte sie auf denselben. »Schau,« sagte sie, »daraus siehst doch wohl, daß ich nicht scheu gegen Dich worden bin?« »Ja, freilich wohl. Aber warum sollt ich Dir nicht an den Kopf kommen, Leni?« »Weil – weil mich der König dahin küßt hat.« »Himmelsakra! Ists wahr? »Ja.« »Der König hat Dich küßt, der König!« »Still, schrei nicht so! Wanns nun Jemand hört!« »Jemand? O, Alle sollens hören, Alle, alle Menschen! Ist das ei Ehren und Connexionen!« »Willst gleich schweigen! Jetzt schau ich schon bereits, daß ich auch Dir nicht Alles sagen darf!« »Oho!« »Ja, sonst machst mir Dummheiten!« »Fallt mir gar nicht ein!« »Freilich fallt Dirs ein, grab jetzt auch!« »Warum solls denn Niemand erfahren?« »Weil die Leut das nicht verstehen. Schau, wannst betet hast, sagst das auch gleich Allen?« »Gar Keinen.« »Das ist richtig. Was man mit dem Herrgott sprachen hat, das ist nicht für die Menschen. Und was man mit dem König sprochen hat, das braucht auch Keiner zu wissen. Was ein König thut, das ist was ganz Andres als wanns ein Andrer thut, und doch kanns Leuten geben, die's grad so nehmen. Der König ist unsers Herrgotts Statthalter. Verstehst?« »Das begreif ich wohl!« »Er hat mich mit dem Kuß gesegnet an Gottes Statt. Drum soll nicht mal Dein Mund dahin kommen. Es ist mir, als hätt der Herrgott selber vor mir standen, und da thust mir den Gefallen und redest nicht davon, sonst werd ich bös und spinnefeind!« »Hör, da ists gleich aus mit dem Plaudern. Wannst mir spinnefeind werden willst, so werd ich so stumm sein wie ein Fischen im Wassern oder wie ein Baum im Wald. An den kann man mit der Axt klopfen, er sagt auch kein Wort. Also sind wir nun einig worden. Gute Nacht, Leni!« »Gute Nacht, Sepp! Schlaf wohl!« Er ging, und zwar am Wasser hinab, ein Umstand, welcher ihr nicht lieb war, weil das auch ihr Weg war. Sie wartete, bis seine Schritte verklungen waren, und folgte dann langsam nach. Als sie an die Stelle kam, an welcher die Fähre lag, befand sich kein Mensch in oder bei derselben. Sie schlich sich im Schatten der Büsche nach dem Felsen hinüber und stand da sehr bald vor Anton, welcher ihr Kommen beobachtet hatte. »Bist auch sehr lang,« klagte er. »Ich hab nicht eher könnt!« »Wann ichs Dir nicht versprochen gehabt hätt, so wär ich längst wieder fort. Es sind doch fast zwei Stunden vergangen, seit ich hier bin.« »So mußt verzeihen. Oder hast so nothwendig zu thun heut noch?« »Gar nicht. Aber hier ist ein Ort, wo's Einem kann unheimlich werden.« »Warum?« »Da oben auf dem Stein ist ein Grab.« »Warst oben?« »Ja.« »Ich hab nicht gewußt, daßt Dich vor einem Grab fürchtest.« »Ich hab mich niemals gefürchtet und auch heut noch nicht. Aber es ist mir so gewesen, als ob hier herum etwas Lebendiges sei, was man aber nicht scheu und nicht derwischen kann. Es hat so um mich her geschlichen wie Gespenstern.« »Es wird ein Eidechsen gewesen sein.« »O, denen Eidexern kenn ich schon. Wann man so viele Nächten lang im Freien gelegen ist wie ich, so weiß man ein jeds Geräusch von dem andern zu unterscheiden. Das, was ich hier gehört hab, das sind Menschen gewesen. Laß uns wenigstens hinauf ans Grab steigen. Dort kann man Alles überschaun, und Niemand kann Einen belauschen.« Er hatte Recht gehabt. Was er gehört hatte, das waren die schleichenden Schritte des Sepp und des Fex gewesen, welche sich in ihren unterirdischen Aufenthalt begeben hatten. Er hatte sie wohl gehört, aber nicht gesehen, und auch sie hatten ihn nicht bemerkt. Leni kannte keine Furcht. Sie hatte manche Nacht allein auf der einsamen Alpe sein müssen, als daß sie ein ängstlich Gemüth hätte haben sollen. Sie scheute sich also nicht vor dem Grabe. In der Nähe desselben hatte der Fex sich einen niedrigen Rasensitz hergerichtet. Darauf ließ Leni sich nieder. Anton blieb vor ihr stehen. Der Mond schien ihr hell in das Gesicht, während das seinige beschattet war. So verging eine kleine Weile, ohne daß Eins von Beiden ein Wort sagte. Er schien ebenso wie sie keinen rechten Anfang zu finden. Endlich aber meinte er in ungeduldigem Tone: »Du hast mich bestellt, und ich hab auf Dich gewartet. Was hast mir nun zu sagen?« »Erst möcht ich Dich fragen, obst mir nix zu sagen hast, Anton.« »Was sollt ich Dir zu sagen haben!« »Nix von Dir?« »Ich weiß nix.« »Und auch nix von Deinen Eltern?« »Was gehn sie Dich an?« »Hab ich etwan früher nicht nach ihnen gefragt?« »Das war früher!« »Meinst, das es jetzt nun anders ist?« »Nein, es ist gar nicht anders. Es sind Deine Eltern, und da denk ich an sie, grad so wie ich an Dich denk, und ich möcht gern wissen, was sie machen und wie es Ihnen geht.« »So? Denkst also zuweilen am mich?« »Immer.« »Und was denkst da?« »Daßt ein recht verschlossener Bub worden bist.« »Das war ich immer.« »Nein. Damals bist offen gewest und aufrichtig. Da hast Einem Alles gesagt. Jetzt aber sagst nichts, kein Wort, obgleich Du weißt, was ich Alls auf dem Herzen hab.« »Und was hast darauf?« »Siehst! Fragst mich bereits wieder! Und doch weißts ganz ebenso genau wie ich selber.« »Ich weiß nix, gar nix,« sagte er in hartem Tone. »Anton!« bat sie. »Was willst?« »Herrgottl! Bist gar so hart?« »Ich bin weich, sehr weich. Mich kann man um den Fingern herumwickeln; aber gar noch schlimmer laß ich mirs doch nicht machen.« »Wer hats noch schlimmer gemacht?« »Du.« »Das ist nicht wahr.« »Willsts leugnen?« »Was nicht ist, kann man nicht leugnen.« »Ja, es ist nix, und es ist auch nix gewesen. Und so weiß ich auch nicht, warumst mich heut bestellst.« »Weil ich so gern mit Dir hab reden wollen; weil ich Dich nimmer vergessen kann, und weil ich Dich noch ganz ebenso lieb hab wie ehebevor.« »Das machst mir nicht weiß!« »Glaubs Anton!« Sic ergriff seine Hand, die er ihr aber sofort wieder entzog. Er antwortete: »Dir glaub ich schon gar nix mehr. Du sagst, Du hast mich noch lieb ganz wie vorher. Ja, das ist wahr. Du hast mich nicht lieb, denn Du hast mich überhaupt gar niemals lieb gehabt.« »Wann Du das sagst, so bist ein schlechter Kerl!« »Oho!« »Ja! Denk zuruck, was ich Dir damals sagt hab und was ich Alles hab thun wollen für Dich und die Deinigen Eltern. Ist das nicht der Beweis, daß ich Dich lieb gehabt hab?« »Nein. Du hasts blos thun wollen, aber nicht gethan.« »Weil Du wieder frei worden bist.« »Das ist nun eine Ausreden, die sehr billig ist. Denk an den Tag, an dem ich zum letzten Mal bei Dir in der Almhütten gewesen bin! Was hab ich Dir da für gute Worten geben! Aber nix hats geholfen!« »Weil ichs dem König versprochen hatt. Und doch, als Du nachher fortliefst, weißt, was ich Dir nachher noch hinterdrein gerufen hab?« »Habs wohl vernommen.« »Nun, was wars?« »Daßt thun wolltst, was ich will.« »War das keine Liebe von mir? Wann ich doch dem König mein Wort brechen wollt um Deinetwillen?« »Es war nun zu spät!« »Ja, Du bist nimmer umkehrt, mir zu Liebe. Du hast den harten Kopf gehabt.« »Warum bist fort, und nicht auf der Alm blieben?« »Sollt ich das Opfer bringen, auch wannst fortläufst, mich nicht anschaust und nix mehr von mir wissen magst?« »Ich wär doch wiederkommen!« »Das sagst jetzund.« »Sei still! Was hast nun drin im München gethan?« »Ich hab eine schwere Zeiten durchgemacht. Tag und Nacht hab ich arbeiten müssen im Singen und Spielen, in der Musiken und in anderen Dingen. Der König hat mir Lehrer geben auch in Allem, was man bei gebildeten Leuten wissen und können muß.« »So! Gehörst wohl nun zu denen gebildeten Leuten?« »Vielleicht.« »Man siehts Dir aber nicht an.« »Warum?« »Weilst immer noch so da sitzt wie auf der Alm, in demselbigen Gewande und mit derselbigen Sprache.« Er hatte bisher Alles in einem harten und ironischen Tone gesagt. Dennoch antwortete sie in ihrer ruhigen, beinahe demüthigen Weise: »Das wirfst mir vor?« »Nein.« »Aber Du machst mich lächerlich drüber! Und doch könnts Dir lieb sein. Ich könnt mich ganz anders kleiden und ich kann auch wohl ganz anders sprechen; grad daß ich dieses mein liebstes Gewandl anthu und mit Dir grad so red wie frühern, das sollt Dir eine Freuden und ein Vergnügen sein!« »Was hab ich davon, und was hätt ich davon? Eine Sängrin bist ja nun doch! Und gearbeitet hast? Weiter nix? Bist nicht im Theatern gewesen?« »Freilich oft. Das hab ich gemußt.« »So! Da hast wohl lernen müssen, wie man es macht, wann man in der Schleppen geht und dabei doch oben nackt und bloß?« »Ich hab lernen müssen, wie man spricht, wie man singt und wie man sich bewegt.« »So! Früher hast wohl gar nicht gesprochen, gesungen oder Dich bewegt?« »Auch, aber nicht so, wie es sein muß.« »Aber mir hats grad so gefallen. Seit Du fort bist, ists aus mit uns. Das ist nicht anders.« Da stand sie auf und ergriff seine beiden Hände. Er wollte sie ihr entziehen; aber sie hielt sie fest. »Anton, denk wohl über die Worten nach, welche Du redest! Wir sind nicht viel mit nander zusammen gewest, aber ich kenn Dich dennerst besser als Du Dich selber. Die Lieb hat halt ein scharfes Auge.« »So? Kennst mich besser? Nun, wie denn?« »Du thust, als obs aus sei zwischen uns, und doch hast mich noch grab ebenso lieb wie vorher.« »Das darfst Dir ja nicht einbilden!« »Ich bild mirs nicht ein, denn es ist wirklich so. Du hast den Gram im Herzen und den Harm in der tiefen Seel; aber Dein Kopf ist hart und will sich nicht fügen. Ich weiß, daß Du das Herzeleid mit Dir herumträgst, und darum hör ich Deine bösen Worten an und bleib ruhig dabei. Wann das nicht war, so würd ich Dich hier stehen lassen und fortgehen. Ich bin jetzt ein ganz ander Dirndl als dazumal; ich verkehr mit Leuten, wo Du gar nimmer herankommen darfst, aber dennoch bist mir der Liebste von Allen, und ich halt Dir die Lieb und die Treu, als ob Du mich nicht von Dir gestoßen hallst. Mein Herz sagt mir, daß mal die Zeiten kommen wird, in welcher Du Dich nach mir sehnst mit großem Verlangen, und wo Du vielleicht ohne meiner gar verloren sein wirst.« »Ich!« brauste er auf. »Verloren!« »Ja. Du bist ein muthiger Bub und auch ein fleißiger Mensch und ein guter Sohn. Aber von der Welt und von Dem, was im Leben alls vorkommen kann, hast doch keinen Begriff. Kein Mensch darf stolz sein. Und gar mit der Lieb soll man sein sauber und weich umgehen. Weißt, es giebt rin Lied, darinnen kommen die Zeilen vor: »O lieb so lang Du lieben kannst,         O lieb, so lang Du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt,         Wo Du an Gräbern siehst und klagst!« »Willst mich mit dena Gedichten fangen? Das ist kein Leim für mich. Wanns wirklich wahr ist, daßt mich noch lieb hast, so gehst fort von München und kommst zu mir. Wir können mitnander aufs Hausiren gehn und viel Geldl verdienen. Da schaust auch die Welt und erfährst, was in derselbigfalls geschahen kann. So ists. Jetzt sag, obst willst!« »Das kann ich nicht.« »Wirklich nicht?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weil ich nun schon zu weit gangen bin. Damals hätt ich Dirs zu Lieb thun können. Nun aber bin ich acht volle Monaten in München gewest, und der König hat paar Tausend Mark für mich zahlt. Sag selber, was er von mir denken sollst, wann ich ihm nun den Stuhl vor die Thüren setzen thät.« »Dem kanns egal sein. Sängrinnen giebts außer Dir genug, und Geld hat er auch genug.« »Und doch war es eine Undankbarkeiten sonder Gleichen, wann ichs thät.« »Geh weg! Das ist eine Ausreden! Du hängst an der Sachen; ich weiß eS; ich habs gehört.« »Wann?« »Vorhin, als Du gesungen hast.« »Das hast mit augehört?« »Ja. Ich hab doch gewußt, daß Du bei dem König bist und daß Du's also warst, die da sang.« »Das konntst auch gleich an meiner Stimm hören.« »Nein.« »Kennst sie doch.« »Jetzt nicht mehr. Sie ist zwar noch ganz dieselbige, und dennerst ist sie ganz anders worden, so ganz anders. Ich hab an dem Gesang gehört, daßt für mich auf immer nun verloren bist.« »Wie kannst das daraus hören?« »Sehr leicht. Deine ganze Seel ist dabei gewest; Du hast nicht gesungen, sondern Du hast geweint, keine Thränen, sondern Töne. Und wer das thut, der gehört dem Gesang an und kann nimmer von ihm lassen. Das ist gewiß.« Er ahnte nicht, daß er, der einfache Naturmensch, jetzt ein tiefes Verständniß verrieth, welches nur Einer besitzen kann, dem Gott ganz dieselben Gaben verliehen hat, welche er an Andern verdammt oder in Fesseln schlagen will. »Du magst da Recht haben,« sagte Leni nachdenklich. »Wann ich aufrichtig mit Dir sein will, so muß ich Dir sagen, daß ich nicht blos wegen dem König allein nun bei dem Studium verbleib. Ich hab nun in eine Welt geschaut, welche edler und höher ist als diejenige, in der ich mich vorher befunden hab. Wann ich ihr nun entsagen wollt, so würd ich mir selbst entsagen, und das darf kein Mensch.« »Ah, so bist also jetzt selbst edler und höher als ich?« »In einem gewissen Sinne, ja. Aber das sag ich ja nicht aus Hochmuth und weil ich mein' ich sei besser als Du. Doch das kann ich Dir sagen, daß es mir ein großes Glück und eine wirkliche Seligkeiten wär, wann ich Dich dahin bringen könnt, wo ich jetzund bin.« »Ans Theatern etwan?« »Nein, das ists nicht, was ich meinen thu. Ich will sagen, Du sollst auch so denken lernen und fühlen wie ich. Du sollst Dich auch erfreun an der Kunst und an Dem, was höher ist als Käs und Brod und als Tabaken und Milch.« »Ich dank dafür. Wann ich tüchtig zu essen hab und zu trinken, und bin auch gesund dazu, so ists genug, so bin ich glücklich.« »So denkt der niedrigste Mensch. So denkt auch der Hund und die Katz.« »Mit denen willst mich vergleichen? Das wird ja immer besser!« »Du verstehst mich nur falsch.« »Nein, ich versteh Dich schon ganz recht. Ich gehör zu denen niedrigen Menschen, die grad neben dem Viehzeug stehen. Aber Dir wirds auch noch kommen. Du wirst auch noch mit Sehnsucht an mich denken. Denk nur mal zuruck an den Abend, an welchem die Mondsüchtige kam! Ich weiß noch ganz genau, was sie gesagt hat. Weißts auch?« »Ja.« »Deins lautete: O traue nicht dem eitlen Tand, Und trau der Liebe nur allein! Da hast ganz deutlich die Warnung vor dera Welt, die Du so hoch und so edel nennst.« »Das ist nicht gemeint, sondern nur der Flitter, dens überall giebt, auch in der Deinigen Welt. Aber Dein Spruch, den sie Dir sagte, der hieß: Verstoß, verstoß die Seele nicht, Der durch Dich schweres Leid geschah! Weißt auch, welche Seelen da gemeint ist?« »Nein.« »Da« könntst aber wissen.« »Etwan Du?« »Ja.« »Dir wird nimmer viel Leid geschehen sein. Du hast Dich sehr bald heraus gefunden, und nun gefallt Dirs so in Deiner hohen, edlen Welt, daß Dirs ganz gleich ist, wie ich mich befind, ob wohl oder übel.« »Das ist eine Lügen, und an sie glaubst selber nicht. Wanns wirklich so wär, so ständ ich jetzt nicht hier vor Dir, sondern ich hätt Dich gar nicht angeschaut. Aber ich seh, daß Du Dein Herz verstockt hast und daß darum all mein Reden nix fruchtet. Darum will ich nur noch den letzten Versuch machen.« »So mach ihn doch!« »Sogleich.« Sie faßte ihn an, drehte ihn gegen den Mond und betrachtete ihn fast eine Minute lang mit Augen, vor denen er sich fast zu fürchten begann. »Was willst noch von mir?« fragte er. »Nix, nur eine einzige Antwort noch. Schau, ich hab Dich so lieb gehabt wie mein Leben, und ich hab Dich auch jetzt noch ebenso lieb. Wir sind wie für nander geschaffen. Mir hat man immer sagt, daß ich ein schöns Dirndl sei, und Du bist auch ein feiner Bub, der sich sehen lassen kann. Die Hauptsachen aber ist, daß wir auch im Innern zusammenpassen –« »Das merk ich nicht!« sagte er. »Weilst nicht weiter schaust als bis heut. Wann wir ein Paar wärn, so könnten wir glücklich sein, und alle Leutln müßten ihre Freuden an uns haben. Darum möcht ich so gern, daßt denken lernst, so wie ich denk. Das willst aber nicht, und ich geh nun auch nicht mehr zuruck. Du kamst herauf zu mir, ich aber kann und darf nimmer wieder hinab zu Dir; das wär eine Versündigung an dem König, an mir selber und auch an dem lieben Gott. Darum sag ich Dir, daß ich Deine Frauen werden will; es soll kein Anderer mich berühren dürfen, und ich will ganz nach Deinem Willen sein. Ich will auch nicht aufs Theater sondern nur in Concerten und Kirchen singen. Was ich verdien, das soll Dir gehören, als ob Du's selber verdient hättst. Ich will Dich in Ehren halten, Dich und Deine alten, treuen Eltern, die guten, lieben Leutln, aber Du mußt mich gehen lassen in meinem Beruf, wie ich gehen will.« »Und wohin willst gehn?« »Das verstehst nun wieder falsch!« »O nein, ich verstehe schon gut. Ich weiß auch ganz genau, wohinaus das will. Jetzt versprichst mir alles Guts, aberst nachhero, wann ich Dein Mann bin, da wirds ganz anderst, da singst auch auf dem Theatern, und da muß ich tanzen, wie Du pfeifst, weil Du das Geld verdienst.« »Ich halt mein Wort!« »Das denkst vielleicht jetzt wirklich, aber wahr ist's nicht. Nein, ich laß mir nix vormachen. Wannt mich lieb hast, so gehst mit mir; das kann ich verlangen, und das verlang ich auch.« »Und dabei bleibst fest?« »Davon geh ich nicht abi.« »So wissen wir also alle Beid, woran wir nun sind. Aber Eins will ich Dir noch sagen – –« »Machs kurz!« »Hab keine Sorg! Ich werd Dich nicht gar lange mehr belästigen, aber später würdst sehr froh sein, wannt Dich von mir belästigen lassen könntest. Ich hab Dir bereits gesagt, daß ich Dich besser kenn, als Du Dich selber kennst. Euch Männern muß man überhaupt nur kennen. Ihr seid die Herren von der Schöpfung, denkt Ihr. Nun ja, das will ich zugeben, denn es giebt ja wohl tausende von Männer, welche schier so Großes geleistet haben. Einer allein, wie tausend Andre zusammen nimmer fertig bringen. Aber der Herrgott hat uns neben Euch gestellt, und wir haben schon auch das Recht, zu leben, zu fühlen, zu denken und zu wollen. Aber wir denken und fühlen ganz anders als Ihr, und so wollen wirs auch dürfen, denn das ist unsere Arten nnd Weisen, die uns Gott gegeben hat. Ihr aber glaubt halt, daß Alles nach Eurem Kopf gehen muß und wir haben unser Glück nur darinnen, daß wir uns ducken und fügen. Das ist aberst falsch von Euch. Wann nun einmal so ein Dirndl oder so eine Frauen auch einen Willen haben will, so fahrt Ihr sogleich oben hinaus und setzt einen Trumpf darauf. So bist Du ganz besonders. So bist auch stets gewesen. Deine Eltern hättst auch nähren gekonnt, wann Du den Tagelöhnern gemacht hättst; aber das hast nicht gewollt, weilst da Deinen Willen nicht hättst haben können. Darum hast lieber Dein Leben auf die Gemsjagd gewagt und nicht daran dacht, daß die Eltern verhungern werden, wann Dir mal ein Unglücken geschieht. Und so bist nachher auch gegen mich gewesen. Wo mir der König ein so großes Glück geboten hat, hab ich verzichten sollen, weil die Sängrin sich mal doch von einem Andern berühren lassen muß. So eigensüchtig bist gewesen, und so bists auch noch. Ich soll mich für Dich aufopfern. Du aber willst gar nix thun. Jetzt soll ich hausiren gehn, wo ich eine wirklich große Zukunften hab. Was denkst denn eigentlich von mir und von Dir? Bist etwan so etwas ganz Hohes und Besondres, und ich bin gar nix gegen Dich?« »Himmelsakra! Bist etwan die Königin selber?« »Nein, ich bin ein armes Dirndl, welchs jetzt des Königs Almosen braucht. Aber Du bist doch auch kein Kaiser nicht, verstanden! Wir könnten uns so leicht entgegenkommen, ich ein Stuckerl zu Dir hin und Du ein Stuckerl zu mir her, aber das willst nicht; das Stuckerl ist Dir zu viel, und ich soll da den ganzen Weg machen. Ich weiß gar wohl, wies in Deinem Herzen steht. Du hast mich lieb, und Du hast wohl auch denkt, mir ein gute Worten zu geben. Das hast denkt, alst allein warst; aber nun ich bei Dir bin, bringsts nicht heraus, sondern thust bärbeißig, weilst denkst, daß Du Dich wegen eines guten Wortes schämen mußt. Nachhero, wann ich fort bin, wirsts bereuen, aber Du wirsts dann nimmer gut machen können. Ich hab Dich lieb, aber ein Waschlapperl bin ich nicht. Ich hab fein sanft und zart mit Dir sprochen; ich habe keine Beleidigung und keinen Aergern schauen lassen, aber mein letztes Wort mag ernst gemeint sein. Wann wir jetzt wieder unversöhnt aus nander gehn, so werd ich einen großen Kummer haben, aber ich werd ihn zu tragen und zu verwinden wissen. Meinen Weg laß ich mir dadurch nicht verstören. Nachher weiß ich, was werden wird. Ich werd berühmt sein und reich; schön bin ich auch, das sag ich ohne alle Eitelkeiten und Ueberhebung. Ich weiß, mit was ich zu rechnen hab. Nachhero, wann ich auf der Leiter emporgestiegen bin, was bist nachher Du? Ein Tabuletkramer, ein braver zwar, aber doch nur immer ein Tabuletkramer. Und wannst von mir hörst oder gar einmal mich erblickst, nachher wird der Feind erwachen in Deinem Innern und Dich peinigen Tag und Nacht. Nachher wird die Reuen kommen mit aller Gewalt, und Dein einziger Trost wird sein, daßt an Allem selber Schuld bist. Ich red da streng mit Dir, aber ich meins aufrichtig gut, weil ich Dich lieb hab und Dich so herzensgern glücklich sehen möcht.« Sie stand vor ihm in ihrer einfachen armen Tracht, aber doch in all ihrer Schönheit. Sie hatte nicht zuviel gesagt; als sein Auge an ihr herniederglitt, sah er erst die Veränderung, welche mit ihr vorgegangen war. Es durchzuckte ihn, die Arme um sie zu schlingen und sie an sein Herz zu nehmen. War es denn etwas gar so Großes, wenn er sich ihrem Willen fügte? Nein. Aber da dachte er wieder daran, daß auf der Bühne ein Anderer diese rothen, schwellenden Lippen küssen, diese herrlichen Arme, diesen vollen Busen berühren könne, und das ergrimmte ihn. »Bist fertig?« fragte er kurz. »Ja. Und nun sag jetzt, was hast beschlossen?« »Nix Andres als was ich vorher gesagt hab.« »Ich soll mit hausiren gehn?« »Ja.« »So hausir allein! Du denkst nicht daran, daß eine Hausirersfrau noch ganz andere Gefahren hat als eine Sängrin. Du bist Dein eigner, größter Feind und wirsts auch bleiben. Gute Nacht!« »Leb wohl!« Er sagte das kalt, als ob ihn die Trennung ganz gleichgiltig lasse. Dennoch blieb sie nach drei oder vier Schritten stehen und drehte sich um. »Anton!« Er antwortete nicht. »Bleibst wirklich so hart?« »Du bist hart, Du allein!« Da kehrte sie schnell zu ihm zurück, legte die Arme um ihn, zog ihn an sich und bat: »Gieb nach, Anton, gieb nach! Ich bitte Dich um Deines eignen Glückes willen, gieb nach.« »Nein!« »Wirklich nicht?« »Ich kann nicht.« »Ich verlang ja nicht zu viel. Ich will ja nur auf Concerten und is Kirchen singen!« »Das glaub ich nicht. Laß mich aus! Wer eine Sängrin wird, die ist verloren auf immerdar, denn sie wird ganz sicher eine – –« »»Halt, sag das Wort nicht!« sagte sie streng. »Soll ich nicht mal reden?« »So ein Wort nicht! Das duld ich nicht!« »Wirsts noch oft dulden müssen, wanns Dir ins Gesicht gesagt wird. Du denkst, wann ich Dir mal begegnen werd, so werd ich mich ärgern. O nein, ich werd hinkommen zu Dir und es Dir ins Gesichten sagen, wast bist, nämlich eine – –« »Schweig! Ich dulde das nicht. Ich hab mir von Dir heut viel sagen lassen, das aber hör ich nicht mit an. Du hast Recht: Es ist aus mit uns. Leb wohl auf immerdar!« »Ja, scher Dich fort!« rief er zornig, als sie sich von ihm wendete. »Ich mag nix mehr von Dir wissen, denn Du bists doch auch bereits, eine –« »Was?« fragte sie, nochmals stehen bleibend. »Was bin ich bereits? Sags doch nun, wann Dus beweisen kannst, daß ichs bereits bin!« »Ja, ich kanns, denn Du willst eine Sängrin werden. Du bist eine Huren!« Da stand sie aber auch wieder vor ihm, holte aus und gab ihm eine Ohrfeige, daß er, der einen solchen Hieb gar nicht erwartet hatte, zurück in die Büsche taumelte. Die Sennerin hatte auch jetzt noch eine außerordentlich kräftige Hand. Er wußte gar nicht, was er von dieser so unerwarteten Energie denken sollte. Am Allerwenigsten aber dachte er daran, ihr den Schlag zurückzugeben. Davor schien sie aber auch gar keine Angst zu haben, denn sie floh nicht etwa, sondern sie schritt ganz ruhig und langsam fort, ohne sich nach ihm umzublicken, den Felsen hinab. Als sie den ebenen Boden erreichte, gab es ihr zur rechten Hand ein leises Geräusch, welches sie aber gar nicht beachtete. Sie begab sich in grader Richtung nach der Mühle. Zwar stand der Wagen nicht mehr da, aber die von demselben abgeladenen Effecten lagen noch an der Erde. Der Müller hatte noch nicht erlaubt, sie herein zu schaffen. Er wollte die Sängrin auf alle Fälle loswerden. Leni hielt es nicht für nothwendig, erst Erkundigungen einzuziehen. Sie klopfte bei ihm an und trat auf seinem Ruf in die Stube. Er hatte, wie gewöhnlich, die Peitsche in der Hand und rauchte eine Meerschaumpfeife. Leni grüßte höflich. »Wer bist?« fragte er. »Ich bin die Mietherin des Logis über dieser Stube,« antwortete sie. »Du?« fragte er erstaunt. »Ja.« »Das ist doch für die Sängrin gemiethet worden!« »Die bin ich ja.« »Die Mureni etwan?« »Ja.« »Ich denk, die Dicke ists?« »O nein. Sie ist nur meine Ehrendame.« Das war ihm ganz und gar unbegreiflich. »Was! Du in diesem Röckerl und in diesem Contuscherl hättst eine solche Ehrendame!« »Ja.« »Das machst mir nicht weiß. Da müßtst doch noch viel nobler gehn wie sie selber.« »Das thu ich auch.« »Davon seh ich nix.« »In der Stadt leg ich andre Kleidung an. Aber ich war eine arme Sennerin, und ich lieb das Leben auf dem Dorf. Darum trag ich am Liebsten diesen Anzug, wanns halbwegs möglich ist.« »Das könnt mir eigentlich gefallen, wanns wirklich auch richtig so ist.« »Es ist so. Oder schau ich wie eine Lügnerin aus?« »Nein, das nicht. Aber was willst bei mir?« »Ich möcht gern unsere Sachen herauf in die Stuben haben. Du aber hasts verboten.« »Ja, Du wärst mir schon recht, aberst die Dicke, die mag ich nicht leiden.« »Warum nicht? Bist doch selbst auch nicht dürr!« »Was gehts Dich an! Hast auch das Maul auf dem richtigen Fleck. Nicht?« »Ja freilich. Wie könnt ich sonst eine Sängrin sein, wann ich das Maul in der Taschen hätt. Also, darf ich die Sachen hereinschaffen lassen?« »Deine Sachen, ja; aber die Dicke muß fort.« »Damit bin ich ganz auch zufrieden. Aber laß sie nur wenigstens so lange da, bis ich einen Wagen besorgt hab, mit dem sie nach der Bahn fahren kann!« »Dagegen will ich schon nix haben. Nachher aber muß sie fort. Verstanden?« »Freilich. Und wannst dann willst, geh ich auch gar selber mit. Schlaf wohl!« »Schlaf wohl auch Du!« Als sie hinaus war, brummte er: »Ein sakrisch Weibsbild. Wann die Einem so unter die Augen hineinschaut, so kann man fast gar nimmer Nein sagen. Das ist grad so Eine, die den Männern die Köpfen verdrehen kann. Ich kann froh sein, daß ich kein Junger mehr bin, sonst thät ich Der gleich das ganze Haus vermiethen und die Mühl und die Felder und Wiesen dazu!« – Das Geräusch draußen am Grabe, welches von Leni nicht beachtet worden war, kam aus dem geheimen Eingang in dem Felsen. Da unten hatte der Fex mit dem Sepp gesessen. Sie hatten Stimmen über sich gehört und waren hinauf gekrochen, um nachzusehen, wer da oben so laut rede. Grad als Beide den Gang verlassen hatten, war die Sängerin an dem Strauche, hinter welchem die Beiden steckten, vorübergegangen. »Die Leni,« flüsterte der Sepp. »Sie hat mit Jemand gesprochen. Wer mag das sein?« »Das werden wir bald erfahren. Hier führt ja der Weg vorüber.« »Ich sollt sie nicht nach der Mühlen begleiten. Sie hat also gewußt, daß sie Jemanden trifft. Ich glaub gar, sie hat ein Stelldichein gehabt. Der Kerl muß noch oben sein. Gehn wir hinauf!« »Wannst meinst, ja. Verrathen ists doch nicht, daß wir aus dem Felsen kommen.« Sie warteten noch einige Augenblicke, dann stiegen sie langsam hinauf. Droben stand Anton noch. Er war sehr verwundert, zwei Leute kommen zu sehen, war aber sogleich beruhigt, als er sie erkannte. Der Sepp that, als ob er keine Ahnung gehabt habe, daß Jemand sich hier oben befinde. »Hollah!« sagte er. »Da steht ein Kerl! Wer ists?« »Fürcht Dich nur nicht, Sepp! Ich bins,« antwortete der einstige Wilderer. »Ah! Der Krikelanton! Was machst denn hier heroben?« »Ich geh spazieren.« »Da auf dem Felsen?« »Und da unten geht auch Eine spazieren? Die ist von Dir gekommen. Wer ists gewesen?« »Gehts Dich was an?« »Nein, aber neugierig bin ich.« »So muß ichs Dir sagen, sonst stirbst daran. Es war die Magd aus der Mühlen.« »Welche?« »Das brauchst nicht zu wissen. Meinst, daß ich Dir meine Liebschaften verrathen werd?« »Nein, das brauchst nicht, denn ich kenn sie schon bereits. Ich müßt ein schlechter Path sein, wann ich nicht meine Leni kennen thät. Hattst sie her bestellt.« »Nein, sondern sie mich. Da Du sie erkannt hast, so will ichs auch gestehn.« »Sie Dich? Seit wann bestellen denn die Dirndln die Buben?« »Seit die Buben die Dirndln nicht mehr bestellen.« »Da kannst sehr Recht haben. Du bist doch immer Derjenige, von dem man die beste Auskunften erhalten kann. Aber wann sie Dich herbestellt hat, so ists doch nur gewesen, um Dir zu sagen, daß Du ihr nimmer nachzulaufen brauchst?« »Oder auch anderst. Ich bins, der ihr sagt hat, daß es nun ganz aus ist mit uns Beiden.« »Schau, das ist schön von Dir; das gefreut mich außerordentlich. Da hast doch den richtigen Verstand gehabt. Du passest doch nimmermehr zu ihr.« »So? Warum?« »Du bist zu vornehm und zu gut für sie.« »Oder meinst vielleicht, sie für mich?« »Kanntsts nehmen, wie Du willst.« »Willst Streit anfangen? Ich bin grad bei der richtigen Launen dazu. Brauchst blos ein Worten zu sagen, so fliegst augenblicklich da hinunter und in das Wassern hinein. Wann Du da versaufst, so ists nicht schad um Dich, alter Heuchlering!« »Wie? Was bin ich?« »Ein alter, heuchleringser Kerlen bist!« »So? Kannst das beweisen?« »Ja, sehr wohl kann ich das.« »So thu es doch!« »Hast etwan nicht stets gesagt, daßt mein Freund bist.« »Das hab ich wohl gesagt.« »Aber wahr ists nicht.« »Oho! Willst mich zum Lügnern machen?« »Was brauch ich Dich dazu zu machen? Du bists ja schon! Du sagst, Du seist mein Freund und bist doch gegen mich.« »Wieso?« »Hast stets bei der Leni gegen mich gesprochen.« »Das ist mir nicht eingefallen.« »Warum ist sie dann so ungehorsam gegen mich!« »Ungehorsam? Hast etwan bereits Gehorsam von ihr zu verlangen, he?« »Ja, sie ist mein Dirndl gewesen.« »Aberst noch nicht Deine Frauen.« »Das ist schon ganz egal. Das Dirndl muß dem Bubn grad so gehorchen wie die Frau dem Manne.« »Schau, da hast schon bereits eine ganz neue Moden entdeckt, von der ich noch gar keine Ahnung gehabt hab. Bist doch ein schlauer Burschen. Wer auch wannst da Recht hättst, wärst dennerst vorhin auf einem falschen Weg gewesen. Ich hab das Dirndl nicht von Dir abgelenkt.« »Aber Du hast ihr die Kunst in den Kopf gesetzt!« »Singst Du nicht auch? Wer hats Dir in den Kopf gesetzt?« »So mein' ichs nicht. Du hast ihr vorgeschwatzt von denen Herrlichkeiten, die sie haben wird, wenns zum Theatern geht.« »Ja, davon hab ich zu ihr sprachen. Lügen thu ich nicht. Was ich sagt hab, das gesteh ich ein. Aberst das ist doch nicht gegen Dich. Ihr könnt doch auch ein Paar werden, wann sie beim Theatern ist.« »Nein, denn das duld ich nicht.« »So mußt Dich halt nach einer Andern umschaun, und sie heirathet einen Grafen.« »Den soll der Teufel holen!« »So schnell geht das nicht. Der Teufel holt erst andre Leutln. Gestern hat in der Zeitung gestanden, daß in der Höllen recht nothwendig ein Tabuletkramer braucht wird. Für einen solchen muß der Teufel zunächst sorgen.« »Geht das auf mich?« »Nein, sondern auf den Teufel.« »Das wollt ich Dir auch gerathen haben, sonst hättst mich kennen lernen können.« »Bist doch heut recht kampfbegierig! Hast wohl den Absagebrief erhalten, weils Dich so grimmt?« »Ihr hab ich ihn geben, nicht sie mir.« »Das könnt ich bestreiten, ihr zu Lieb. Aber ich wills zugeben, denn ich bin ein aufrichtiger Kerlen. Sie hat Dich lieb, und Du bists aber nicht werth – –« »Wurzelsepp!« »Ja, das ist wahr!« »Willst mich in Harnisch bringen!« »Steig meinswegen in den Harnischen oder auch in die Filzschuhen; mir solls ganz egal sein. Ich hab Dir bereits meine Meinung gesagt, und ich sag sie Dir wieder, wann ich will. Sie meints gut und ehrlich mit Dir; Du aber bist so ein Wiedehopfen, mit dem sich nichts reden läßt. Nun geht Ihr aus nander, und die Schuld wirfst auf mich. Das ist schon so die richtige Höhen. Erst verdreht man einem braven Dirndl den Kopf; nachhero, wanns sich hat aufopfern wollen, nennt mans eine Huren, und dennerst lauft man ihr nach und laßt ihr keine Richen, daß nur das arme Herzerl nicht aus dem Kummer herauskommt. Das ist so die richtige Sorten, wie Du bist. Mir kannst gestohlen werden, und wer Dich wiederbringt, den verklag ich und laß ihn einistecken wegen Beleidigung.« »Schau, wast für ein Rednern bist!« »Ja, wann ich Dich anschau und an die Leni denk, so lauft mir sogleich die Galle über. Könnsts so gut haben bei ihr und so sein. Der König ist so gut auf Dich zu sprechen und auf sie. Was wär das für ein Paar geworden! Und da bist so conträr und ausverschämt und hast das Gewissen, sie um ihr Glück zu bringen. Dabei sagt der Kerl auch noch, daß er sie lieb hat, der Scheinheilige!« »Du, nimm Dich in Acht! Dergleichen Schimpfirereien mag ich nicht leiden, auch von Dir nicht!« »Halts Maul! Dich werd ich viel fragen, wie ich zu Dir sagen soll. Wegen Deiner wickle ich meine Worten nicht in Seidenpapier und trag sie Dir auf dem Präsentirtellern entgegen. Dazu bist der Kerlen noch lange nicht. Da mußt Dich erst mit Schmierseifen einreiben und mit einer Soda abwaschen, daß der Schmutz herunter kommt. Und richtig kämmen mußt Dich und die Fingernägeln abschneiden auch dazu. Und sogar nachhero red ich noch immer nicht mit Dir. Hab ichs so ehrlich und gut gemeint mit dem Hundsbuben, und nun nennt er mich einen Lügnern und einen heuchleringsen Menschen. Meine Mündel had ich ihm wollen geben, und nun sagt er, daß er ihr die Abschiedsschluppen anzogen hat! Da muß doch gleich der alte Teuxel zwanzig Junge kriegen! Hörst, daß ich auch meine Galle hab! Ja, wann die überlauft, dann werd ich zornig, und mann ich zornig bin, nachhero ist mit mir kein Auskommen mehr. Da bin ich gar im Stande und nehm den allergrößten Prügel, den ich find, und schlag Alles todt, mich gleich zu allererst. Denn leben mag ich in einer so miserabligen Welten schon gar nimmer mehr. In einem Leben, wo's den Guten bös und den Bösen gut geht, da mag ich schon gar nimmer sein. Da dank ich für! So, jetzt hast Dein Fett und Dein Schmalz! Reib Dirs hinter die Ohren und mach, daßt fortkommst, sonst zieh ich auch noch die Schuhen aus und schlag sie Dir um die Ohren, daßt denkst, wird in die Kirchen gelauten, Du Unnütz Du!« Er hatte sich in den größten Aerger hineingeredet. Und, eigenthümlich, der Krikelanton unterbrach ihn nicht. Einestheils achtete er den Alten sehr und anderntheils fühlte er gar wohl, wie weit derselbe Recht hatte. Und, um eine Hauptsache nicht zu vergessen, mit der Ohrfeige, welche er von Leni erhalten hatte, war es ihm gegangen wie jenem Tauben, welcher eine tüchtige Maulschelle erhielt und da in der Meinung, daß man Etwas zu ihm gesagt habe, beistimmend nickte und sprach: »Das läßt sich hören!« So ging es auch Anton. Alle Reden und Bitten Leni's hatten nichts gefruchtet; aber die Ohrfeige war auf den besten Boden gefallen. Mit ihr hatte sie nach seiner Meinung den kräftigsten Beweis geliefert, daß sie ein braves Mädchen sei. Darum befand er sich nun in größter Uneinigkeit mit sich selbst. Am Liebsten wäre er ihr nachgelaufen, um doch noch ein freundliches Abkommen mit ihr zu treffen, allerdings möglichst auf der Basis der Bedingungen, welche er ihr gestellt hatte. Er sagte sich jetzt, daß sie doch vielleicht auf seine Ansichten eingegangen wäre, wenn er freundlicher mit ihr gewesen wär und nicht so kalt und ungefüge. Vielleicht war dies noch nachzuholen, aber auch blos dann, wenn er es mit dem alten Sepp nicht verdarb, der ja so großen Einfluß auf seine Pathe hatte. Darum beschloß er die beißenden Reden des Alten ruhig hinzunehmen. Dieser blickte ihn forschend an und fragte: »Nun, wie stehst da wie ein Oelgötzen und guckst in die Luft hinein? Kannst Dich vielleicht verdesendiren?« »Ich könnt schon vielleicht.« »Das machst mir nicht weiß. Die Leni ist ein curagirtes Ding, aber sie hat auch – –« »Ja, curagirt ist sie; das hab ich heut gesehen.« »So? Wie denn?« »Sie hat mir eine Backpfeifen gegeben, daß mir der Kopf fast auf den Buckel flogen ist.« »Hat sie das? Nun, das gefreut mich sehr. Wohl bekomms Dir auch, Anton! Aber bei all dieser Curagirtheit hats doch ein mildes Herz und ein zart Gemüth. Das will feiner anfaßt sein, als Dus vermagst. Wann dann so ein Drommeldar hineintrampelt in das Zeug, so werden halt alle Blumen und Blüthen niedertreten, die in so einem jungen Herzen blühn, und wann nachhero nur die Disterln aufgehen und die Quecken und das Unkraut, nachdem wunderst Dich auch noch darübern! Hab ich Recht, oder hab ich Unrecht?« »Vielleicht hast Recht.« »Vielleicht auch noch! Nein, gewiß hab ich Recht, ganz gewiß! Siehsts ein oder nicht?« »Ja.« »Na endlich? Da ists nun auch möglich, daß Alls noch gut werden kann. Ich sag Dir, Bub, das Dirndl bekommt meiner Seel einen Grafen, oder gar einen Fürsten zum Mann, vielleicht gar einen Bischof oder einen Cardinalen, denn sie ist schön und sein und brav und demüthig, obgleich sie es hoch bringen wird. Den Schatz, der in der Leni steckt, kannst gar nicht messen, nicht zählen und nicht begreifen. Es wär so mein Gaudium, wann ich später so »gnädige Frau« oder »höchstdero Baronessen« oder »Hochselige Gräfin« zu ihr sagen könnt, denn von dieser Ehren fiel doch mich ein Theil mit auf mich und in meinen Rucksack hinein; aberst am Allerliebsten gönn ich sie doch Dir, das kann ich Dir sagen. Also sei gescheidt und klug, und laß die Dummheiten! Wannst meinen Rath befolgst, wirst der Mann von einer berühmten und reichen Frauen, deren Gemüth aber so rein und treu bleibt wie das Gemüth eines Kindes.« Dem Anton wurde das Herz leicht und weit. Er holte tief Athem und fragte: »Was meinst Du, was ich thun soll?« »Zunächst das Maul halten und die Geschicht ruhig abwarten.« »Donnerwetter! Soll ich etwan warten, bis ein Anderer kommt und sie mir wegschnappt!« »Verdient hättsts schon reichlich, denn Du hast ja sagt, daßt ihr den Abschied geben hast. Da wärs Dir schon zu gönnen, daß ein Andrer kommt. Da schnappt sie schnell zu; er schnappt sie weg, und Du aber, Du schnappst über! Aber laß nur mich sorgen. Sie hat Dich lieb, und daß sie Dir eine Backpfeifen geben hat, das ist allemal das richtige gute Zeichen. Wann Eine Einem Eine hineinhaut, so ist das der Beweis, daß die Sympathrie auf die Zuneigung von der weiblichen Hingebung in der gehörigen Quallritäten und Quandritäten vorhanden ist. Das kannst mir glauben. So ein Alter wie ich, der hat Mancher schon hinein ins Herz geschaut. Also laß den Muth nicht sinken, und hab Vertrauen zu mir. Aber folgen mußt und gehorchen, sonst kannst nur gleich fortlaufen und Maulaffen verkaufen. Wannst vorhin mit mir da oben am Wassern gewesen wärst und gehört hättst, was die Leni than hat, so würdst, einsehn, daß sie ein Dirndl ist, um die man sich eine Mühen nicht verdrießen lassen darf. Was hast? Da fiel wohl was herunter?« »Ja. Ich hatt die Hand in den Gürtel steckt, und da muß was drinnen gewest sein.« »Was?« »Ich weiß nicht. Ich hab nix drinnen gehabt.« Alle Drei hatten das Aufklingen eines metallnen Gegenstandes gehört, welcher herabgefallen war. Sie bückten sich. Es hatte sich ein Wind erhoben, welcher zahlreiche Wölkchen getrieben brachte, die den Mond verfinsterten. Darum war nicht leicht Etwas zu erkennen. Die Drei suchten also mit den Händen tastend nach dem betreffenden Gegenstand. Der Wurzelsepp war es, der ihn fand. »Ich habs!« sagte er. »Da bei meinen Füßen hats gelegen. Was ists? Ah, ein Schlüsseln, ein kleiner Schlüsseln, wie zu einem Tischkasten so groß.« »Wie aber soll ein Schlüsseln in meinen Gürtel kommen?« fragte der Krikelanton. »Hast keinen gehabt?« »Nein. Ich hab nur einen einzigen, nämlich den Schlüsseln zu meinem Kastan, und den hab ich hier im Portmornerch stecken. Da ist er.« »So hat dieser hier gar nicht in dem Deinigen Gürteln gesteckt.« »O dennoch. Ich hab ihn mit den Fingern gefühlt, bevor er herunter fiel.« »Oder hat er vorher hier gelegen,« bemerkte der Fex. »Zeig ihn mal her, Sepp!« Der Alte gab ihm den gefundenen Schlüssel. Der Fährmann hielt ihn gegen den Mond, welcher eben von Wolken frei war, und betastete ihn dann höchst sorgfältig. Dann sagte er in freudigem Tone: »Sollts möglich sein? Sepp, Sepp, was haben wir gefunden!« »Nun, was?« »Den Schlüsseln, den wir brauchen.« »Welchen denn?« »Nun, zu dem Müll – –ah, weißt schon, zu dem Polsterstuhlen.« »Pst! Still! Das wissen nur wir Beiden. Aber Du wirst Dich irren. Wie sollt der Schlüsseln vom – –weißt schon, hierherkommen?« »Ja, das weiß ich auch nimmer. Das kann ich doch nicht begreifen.« Und sich an Anton wendend, fragte er diesen: »Warst vielleicht heut in der Mühlen?« »Ja.« »Bei wem?« »Beim Müllern selber.« »Ah! Was hast da than?« »Das Ein-mal-eins habe wir einander aufgesagt, er erst mit der Peitschen und nachhero ich mit den beiden Händen. Dann habn wir gar groß Vergnügen an einander funden und sind als die besten Freunden aus nander geschieden.« »Wie ist das gewesen? Erzähls doch mal!« Der Krikelanton erzählte das Abenteuer. Als er fertig war, meinte der Sepp lachend: »So wars gut, und so wars fein! Da hat er doch mal seinen Mann funden. Anton, jetzund bin ich Dir grad noch mal so gut als vorher!« »Das brauchts nicht dazu. Ich hab mir schon selber eine Gütchen than, indem ich ihn so ausgehauen Hab. Derselbige Kerlen hat ein Gesicht, das mir gar nimmer gefallt, und wann ich ihm noch mal was ausverwischen könnt, so sollts mir lieb sein.« »Das kannst. Das kannst schon bald, vielleicht gar noch am heutigen Abend.« »So? Das brauchst nur zu sagen, und wann ich damit Dir und dem Fex einen Gefallen thu, so ist mirs recht und auch sehr lieb. Soll ich ihm vielleicht nochmals die Karten schlagen?« »Nein, aber helfen kannst uns ein Wengerl. Wir haben nämlich eine Zaubergeschichte zu spielen.« »Sind Geistern dabei?« »Ja, aber die sind wir selber.« »So thu ich mit. Sagt nur, was ich machen soll!« »Nachhero sollsts erfahren. Jetzt aberst möcht ich halt erst wissen, wie sein Schlüssel in Deinen Gürteln kommen ist.« »Sein Schlüsseln? Gehört derselbige denn dem Müllern?« »Ja freilich; der Fex hats gesagt, und der muß es wohl wissen. Fex, kennst den Schlüsseln genau?« »Ganz genau. Schau, es ist ein kleins, roths Bänderl dran. Daran kenn ich ihn und auch am Bart. Der Müllern hat ihn stets in seiner Taschen, oft aber auch so grad in der Hand.« »Verteuxeli!« rief der Anton. »Da fällt mir ein, daß ich das Schlüsserl sehen hab, als ich ihm die erste Ohrfeigen geben wollt. Er hats in der linken Hand gehabt, und mit derselbigen packt er mich nachher am Gürteln, und mit der Rechten schlug er zu.« »So hat er den Schlüsseln fahren lassen in den Gürteln hinein und sodann gar nicht wieder an ihn dacht. So ists gewesen, so.« »Ja, anders kanns schon nimmer geschehen sein. Und den Schlüsseln braucht Ihr heut Abend?« »Ja, ganz nothwendig wird er gebraucht. Wann wir ihn nicht durch denselbigen guten Zufall funden hätten, wärs uns schwer worden, den Kasten zu öffnen, der im Polsterstuhlen steckt. Wie meinst, Fex, wolln wir ihm Alles sagen?« »Das mußt selber wissen. Ich kenn ihn nicht.« »O, er ist ein braver Kerlen, der uns gern helfen und uns aber nimmer verrathen wird.« »So sags ihm meinetwegen. Aberst es darf weder heut noch fernerhin ein Wort darüber gesprochen werden; das muß ich mir freilich ausbitten.« »Hab darüber keine Sorgen. Der Anton ist ein verschwiegener Bursch. Weißt, er ist vormals ein berühmter Wilderer gewest. Da giebts viel Geheimnissen zu bewahren, und er hat niemals kein Wort aus der Schulen geschwatzt. Also, Anton, hör, was ich Dir sagen werd! Nämlich der Müllern ist – –ah, pst! Da kommt Einer!« Er deutete in der Richtung nach der Villa hin. Trotzdem die Wolken nach und nach dichter geworden waren, sah man ganz deutlich einen Mann langsam auf den Felsen zukommen. »Wer mag das sein?« fragte der Sepp. »Den kenn ich schon,« antwortete der Fex, dessen Augen sehr an die Dunkelheit gewöhnt waren, da es keine Stunde der Nacht gab, in welcher er nicht wach gewesen war und sich im Walde herumgetrieben hatte. »Wer so klein und dürr ist wie Der, der kann nur der Concertmeistern sein.« »Der! Was mag er wollen?« »Das weiß ich nicht. Er kommt grad auf den Felsen zu. Was thun wir, wann er gar heraufsteigen sollte?« »Er darf uns hier nicht sehen, wenigstens mich und den Anton nicht. Dich aber kann er immer treffen. Er weiß ja, daß hier das Grab der Zigeunerin ist, und daß Du oft hier oben sitzest.« »So paßt auf! Ja, wirklich, er kommt herauf. Macht Euch zuruck, und versteckt Euch hinter dem Busch. Aber hervorkommen dürft Ihr nicht, bevor er wieder fort ist.« Der Sepp und der Anton versteckten sich eiligst. Sie hatten grad Zeit genug, sich in bequemer Lage hinter den Büschen zu postiren, da war der Italiener auch bereits oben. Er erblickte den Fex, welcher aufrecht am Grabe stand, und erschrak. » Oh Dio! Oh poveretto me – o Gott! O ich Unglücklicher!« rief er aus. »Wer ßein das? Ein Kespensten wohl?« »Nein,« sagte der Fex. »Ich bins nur.« »Ah, Du ßein es, der Fex. Was wollen Du hier in der Nackt?« »Was willst Du hier?« lautete die Gegenfrage. »Ich kehen ßpaßier.« »Und ich bin hier daheim.« »Ja, hier lieken bekraben Deine Mutter. Ich es wissen. Aber es ßein vielleikt kut, daß ich Dich treffen. Wie?« »Das weiß ich nicht.« »Aber ich wissen es. Willst Du haben ein kut Keld für Trinken?« »Ein Trinkgeld? Sehr gern.« »Ich Dir eins geben. Aber Du mußt auk ßein mein Verbündeter!« »Was soll ich thun?« »Hier bleiben und Antworten keben.« »Wenn ich kann, ja.« »Und Niemand saken, Niemand verrathen!« »Ich kann schweigen.« »So setzen ich mik hier auf Rasenbanken und Du Dich auf Erdboden.« Er setzte sich auf dieselbe Bank, auf welcher vorhin Leni gesessen hatte. Der Fex legte sich neben ihm auf die Erde nieder. Nicht drei Schritte weit hinter ihnen lagen die beiden Lauscher. Der Italiener legte einen langen Gegenstand, welchen er in der Hand getragen hatte, zur Seite und nahm seine Börse heraus. Dabei sagte er: »Wenn Du mir treu dienen, geben ich Dir eine ganzen Mark.« »Wie lange soll ich dafür dienen?« »Nur jetzt. Wann ich Dich später brauken, so Du erhalten wieder eine Mark.« »Ich bin zufrieden.« »Kut, ßehr kut. Es ßein besser, wenn man haben bei Abenteuer von Lieben einen Verbündeten, confederato, alleato . Es kehen so viel besser, ßehr viel, ßehr!« Er gab ihm die Mark. »Hier Dein Lohn.« »Danke!« »Schön, ßehr schön! Du haben das Geld, und nun mir auk antworten! Hast Du ein Keliebte, ein amanta, innamorata ?« »Das verstehe ich nicht.« »Ich ßprecken dock deutlick!« »Aber so viele fremde Worte.« »Kut! Ich sie weklassen, alle, alle. Alßo, hast Du ein Keliebte, ein Mädchen?« »Ja.« »Wie? Alßo dock! Du auck! Wunderbar! Auk der dümmsten Kerl bekommen ein Keliebte! Was mackst Du mit ihr?« Der Fex kam in einige Verlegenheit, doch antwortete er frisch drauf los: »Ich küsse sie.« »Ah! Schön, ßehr schön, ßehr. Du küssen alßo viel und ßehr kern?« »Ja, sehr gern.« »Ich auk. Aber ich haben nock kein Keliebte. Ich erst werd haben eine. Sie ßein ßehr schön, ßehr. Du hast sie auk schon keßehen.« »Ich? Wer ist es?« »Signora Mureni.« »Ah, die!« Der Krikelanton gab dem neben ihm liegenden Sepp einen Rippenstoß und flüsterte ihm zu: »Die Leni will er! Soll ich hingehn und ihm den Hals umminummi drehen?« »Bist perplex! Schweig still!« »Ja, die!« fuhr der Italiener fort. »Ein ßehr schön Mädchen, ßehr, ßehr! Oder nickt?« »Ja, sie ist schön.« »Reitzend, herrlick! Hast Du keßehn ihr Taille?« »Ja.« »Ihr Bußen?« »Nein.« »So müssen Du besser anschauen! Ihr Arme?« »Ja.« »Präcktick! O, wie herrlick, wenn ßie ßo ein Arm am mein Hals herumleken! Es ßein nun zehn Uhr; da bald Alle schlafen kehn. Ich will ßie ßehen, wann ßie Kleid ableken.« »Himmelsakra!« fluchte der Anton leise. »Er will sie sich anschaun, wann sie sich auszieht! Der Saubraten solls bei mir treffen!« »Leiser, leiser!« warnte der Sepp. »Diese Italiener sind alle lüstern, und die Alten sind noch viel schlimmer als die Jungen. Ich habs ihm bereits angesehen, daß er auf die Leni ganz versessen ist. Jetzt will er sie gar anschaun, wann sie sich auszogen hat und ins Bett hineinsteigt! Aber wie er das anfangen will, das möcht ich wissen!« Als hätte der Fex diese Worte gehört, fragte er den verliebten Kapellmeister. »Wie kannst Du sie da sehen?« »Dort lieken die Mühlen dock!« »Ja, dort liegt sie freilich; aber hinein in die Stuben kannst doch nicht schaun!« »Ich kann hinein schaun; nur vorher muß ich wissen, in welker Stuben ßie ßein. Wissen Du es vielleikt?« »Ja.« »Nun, in welker?« »Grad über dem Müllern seiner. Da sind vier Fenster erleuchtet. In zweien wohnt sie mit der Dicken, und in den zwei andern schlafen sie mit nander.« »Schön! Ssehr schön, ßehr! Jetzt ich hineinblicken!« Er nahm das lange Ding wieder in die Hand. »Sacra!« sagte der Fex. »Das ist wohl gar ein Fernrohrperspectiven?« »Ja. Es ßein ein Fernrohr, telescopio .« »Und da kannst hineinschaun bis in das Zimmer?« »Ja, ßehr, ßehr!« »Nun freilich! Die Vorhäng sind nicht herab gelassen. Die Leutln haben doch keine Ahnung, daß hier Einer sitzt, der sie mit dem Mondglas beobachten will. Und der Fels hier liegt grad so hoch wie die Fenstern dort. Das paßt.« »Ja, das passen ßehr, ßehr! Jetzt ich versucken!« Er hielt das Rohr an das Auge und drehte es auf, für seine Sehkraft passend. »Hallunk, verfluchter!« zürnte der Anton. »Wart, ich werd Dir ein Fernrohr besorgen, durch das Du in alle Himmeln und Höllen schauen kannst!« Er erhob sich leise, und dieses Mal sprach der Sepp nicht dagegen. »Jetzt, jetzt!« sagte der Kleine. »Ich haben das kanze Zimmer vor mir ... Ich ßehen Alles, Alles! Da sitzen die dicke Muschel, conchiglia und nehm aus Mund die falsche Zahnen. Und in anderes Zimmer – oh che piacere , welk ein Freuden, ich ßehen Signora Mureni. Sie flechten auf das Haar. Ssie sein kanz négligé. Ssie ßein ßo schön, ßo reitzend, ßo lieblik! Ich möckt dort ßein, ßie ßu küssen, küssen, küssen!« »Und ich bin da, Dich zu prügeln, prügeln, prügeln!« erscholl es in wüthendem Tone hinter ihm. Er sprang auf und blickte sich um. Zwei Kerle standen da, alle vier Arme nach ihm ausstreckend. Sie kamen ihm vor wie schwarze Gespenster. Er that einen Sprung von ihnen weg, wie man ihn nur in der Todesangst thun kann. » Ahi! Oimé !« brüllte er auf. »Weh, oh weh! Das ßein Teufeln! Ajuto, ajuto – zu Hilfe, zu Hilfe!« So laut schreiend, wie er nur konnte, sprang er den Felsen hinab. Da er die Oertlichkeit nicht genau kanme, so stolperte er, kam zum Fall und kollerte hinab. Unten angekommen aber raffte er sich schleunigst wieder auf und rannte zu gleichen Beinen weiter. Sem Hut und das Fernrohr lagen oben, wo er gesessen hatte. Die Drei lachten ihm herzlich nach, aber nicht so laut, daß er es noch hätte hören können. »Der kommt halt nicht wieder,« meinte der Sepp. »Wenigstens heute nicht.« »Auch morgen nicht und übermorgen,« versicherte der Fex. »Wann er mich ja fragen sollt, was noch passirt ist, so werd ich ihm schon eine Geschichten verzähln, daß ihm der ganze Schopf und Zopf zu Bergen steigen soll!« »Dieser Erzhallunk und Dirndlmeier!« zürnte der Anton. »Will der mir die Leni anschaun! Der mag doch sonst wohin schaun, aber nicht nach mein Dirndl, der Lodrian! Er mag sich doch ums Leichentuch kümmern und um sein Testamenten, aber nicht um die Arme von der Leni!« »Und dennerst ists gut, daß er da war,« sagte der Sepp. »Es ist ein wahres Glück für den Fex.« »Wieso?« fragte dieser. »Wegen deren Vigolinen und auch wegen dem Concert. Ich werds Dir morgen schon verklären. Es ist mir ein Gedank kommen, der viel werth ist. Das kann gut werden, ausgezeichnet gut. Jetzund aber wolln wir an das deuten, was am Notwendigsten ist. Schaut, der Wind wird stärker, und die Wolken sind fast schwarz. Es wird vielleicht ein Regen kommen. Hast die Fröschen bereit, Fex?« »Den ganzen Topf voll.« »Den müssen wir noch anmalen, damit der Müllern nicht erkennt, daß er von dem seinigen Kachelofen ist. Aberst wie kommen wir hinein in seine Stuben, wann er fort ist? Er wird freilich zuschließen, und daran hab ich gar nicht dacht.« »Aber ich. Als es Zeit war, die Läden zuzumachen, hab ich mir einen Behelf genommen, so daß ich es thun mußt. Dabei hab ich bei dem hintersten Laden den Vorstecker nicht einisteckt und nachhero auch noch den Fensterwirbeln aufidreht. So also können wir zum Laden hinein.« »Das ist sehr gut gemacht. Vielleicht ists gar nicht nöthig, daß ich mit hineinsteig. Wann der Anton mit helfen will, kann er bei Dir sein, ich aber geh in die Stadt zum Scat-Matthes, wohin die Beschwörer kommen werden.« »Thus lieber nicht, denn da wird Dirs gar schlecht ergehn, Wurzelsepp.« »Meinst wirklich. Ich hab keine Angsten. Ich weiß schon, was ich sag und thu. Jetzt gehn wir hinab in den Fährkahn; da sitzen wir unter den Bäumen, wann es regnet, und können dem Anton verzählen, was wir heut thun wollen.« – Wie der Sepp vermuthet hatte, so geschah es auch; es begann um elf Uhr zu regnen, und um Mitternacht verschlimmerte sich das Wetter noch. Aber den drei wetterfesten Kerls war das ganz und gar gleichgiltig. Es galt, das Geheimniß des Polsterstuhles zu enthüllen, und da konnte der Regen kein Hinderniß bieten. Kurz vor zwölf Uhr wurde der Topf hinter die Mühle geschafft; dort stellten sich der Fex und Anton auf die Lauer. Der Sepp aber wanderte trotz des Regens nach der Stadt. Unterwegs aber bog er querfeldein, nach der bereits erwähnten Miete hin. Dort angekommen, überzeugte er sich zunächst, daß das Schwein noch vorhanden sei. Kaum hatte er das gethan, so hörte er es zwölf Uhr schlagen. Er zog einen Strick aus der Tasche, band denselben dem Thiere an das Bein, löste es von dem Pflocke und trieb es mit Hilfe eines Stockes, den er sich vorher zu diesem Zwecke losgeschnitten hatte, dem Dorfe entgegen, an dessen äußerstem Ende das Gut lag, welches dem Fingerlfranz oder vielmehr dessen Vater gehörte. Er war früher dort gewesen und kannte die Gelegenheit ganz genau. Natürlich schlug er die geeignete Richtung ein, dem Franz, welcher nun jedenfalls auch bereits unterwegs war, nicht zu begegnen. Vorher hatte er wegen des Schweines Sorge gehabt. Es konnte ja widerspänstig sein und Lärm machen. Aber, mochte nun der strömende Regen dem Thier behaglich sein, oder mochte es merken, daß es nach dem heimathlichen Stall getrieben werde, kurz es folgte dem Sepp mit großer Bereitwilligkeit. Dieser kannte eine schmale Gartenpforte, durch welche er den Weg nahm. Gleich am Garten lag der Schweinestall, aus welchem das wanderlustige Thier entwichen war. Die Thür stand offen, und das heimathsselige Thier rannte hinein. Sepp band ihm den Strick wieder vom Beine los, machte die Thür zu und schob den Riegel vor. Dann wanderte er, ganz glücklich über das Gelingen dieses Theiles seines Programmes, der Stadt entgegen. Unterdessen staken seine beiden Verbündeten mit ihrem Topfe in einem Lattenverschlage, welcher mit Schindeln gedeckt war, so daß sie nicht vom Regen getroffen wurden. Als es nur noch einige Minuten bis zwölf Uhr war, schlich sich der Fex nach der anderen Ecke des Hauses, um die Thür desselben zu bewachen. Bereits nach kurzer Zeit kehrte er zurück und meldete, daß die Magd bereits aufgebrochen sei. Nun gingen nach einer Weile alle Beide nach vorn. Sie hatten noch nicht lange gewartet, so sahen sie die lange, breite, in ein weißes Tuch gehüllte Gestalt der Käthe mit einem Schubkarren zurückkehren. Sie gab sich die größte Mühe, alles Geräusch zu vermeiden. Als sie die Hausthür mittelst eines Schlüssels geöffnet hatte, verschwand sie mit dem Karren im Hausflur und schloß die Thür hinter sich wieder zu, um ja eine zufällige, von außen kommende Störung zu vermeiden. »Jetzt schnell hin ans Fenstern,« sagte der Fex. »Wir werden sie wohl mit nander reden hören.« Er hatte sich nicht geirrt, denn als sie sich gegen den Laden des Fensters neigten, in dessen Nähe der Müller am Tisch zu sitzen pflegte, hörten sie ganz deutlich die Stimme desselben: »Wann ich nur beim Teufeln wüßt, wo der Schlüsseln hin ist! Er muß mir gradezu gestohlen worden sein.« »Wer wird ihn stehlen können, wannst immer grad selber dabei sitzest,« antwortete die Magd. »Morgen werd ich besser suchen lassen, am Tag, wann es hell geworden ist. Jetzt nun aber müssen wir schnell fort. Das Gesicht und die Händen hab ich schwarz; nun gieb mir noch das Betttuchen um.« »So gehts nicht gut, wannst noch im Stuhl sitzest. Ich werds auf den Karren breiten; wannst Dich draufsetzt hast, leg ichs um Dich herum.« »Wirst mich auch heben können?« »Bin ich etwan ein Kind?« »Wohl nicht, aberst ich bin schwer. Und hast Alles richtig gemerkt, was ich Dir gesagt hab?« »Sorg Dich nur um Dich und nicht um mich! Ich werd keinen Fehlern machen und mich auch nicht fürchten. Wer nachher mußt auch ehrlich zahlen!« »Bis auf den Pfennig. Nun mach!« Die Lauscher vernahmen ein nur mit Mühe unterdrücktes Aechzen und Stöhnen, leise Flüche und Schmerzensrufe; dann wurde die Stubenthür von außen verschlossen. »Sie sind bereits im Hausflur,« flüsterte der Fex. »Komm fort, damit sie uns nicht derwischen!« Sie stellten sich hinter die Ecke, von wo aus sie bald den Aufbruch der wunderlichen Geisterfuhre beobachteten. Nachdem die Käthe die Hausthür verschlossen hatte, stampfte sie mit dem Schubkarren, auf welchem der Müller unter dem weißen Tuche hockte, rüstig in die regnerische Nacht hinein. »So, nun sind wir an der Reihe,« sagte der Fex. »Jetzt schnell den Topf herbei!« Sie holten ihn und schafften ihn unter das betreffende Fenster. Der Fex zog den Laden auf und stieß die beiden Fensterflügel zurück. Dann stieg er ein. Anton reichte ihm den Topf, welcher eine ziemliche Schwere hatte, hinein und stieg sodann nach, worauf der Laden und das Fenster vorsichtig geschlossen wurde. Auf dem Tische stand die brennende Lampe. Um bei der Rückkehr sogleich Licht zu haben, hatte der Müller sie nicht auslöschen lassen. »Hier steht der Stuhl, in welchem mein Glück verborgen liegen soll, wie die Mondsüchtige mir versprach,« sagte der Fex, indem er auf den alten Polstersessel deutete. »Es ist ein großes Glück, daß wir den Schlüsseln haben. Ohne denselben hätten wir den Kasten aufbrechen müssen. Jetzt versuchen wir, obs auch der richtige ist, ob er schließt.« Der alte Polsterstuhl hatte sehr niedrige Beine, dennoch aber saß man in demselben ebenso hoch wie in jedem anderen Stuhle, weil der Sitz ungewöhnlich dick war. Nämlich unterhalb des Polsterkissens gab es noch einen Kasten, welcher eine Schublade enthielt. Sie war gegenwärtig verschlossen. Ein Schlüsselloch war nicht zu sehen, aber rechts und links befanden sich je eine messingene Rosette, und als der Fex dieselben zu entfernen suchte, zeigte es sich, daß beide zur Seite zu schieben seien. Sobald dies geschehen war, kamen die unter ihnen verborgenen Schlüssellöcher zum Vorscheine. Die Probe zeigte, daß der Schlüssel ganz genau in Beide paßte. Der Fex schloß auf. Der Kasten schien einen gewichtigen Inhalt zu haben, denn er war nur sehr schwer heraus zu ziehen. Als der Fährmann ihn dann so weit wie möglich hervorgezogen hatte, zeigte sich der Inhalt. Dieser bestand in einer großen Menge versiegelter Geldrollen, deren Beschaffenheit und Schwere vermuthen ließen; daß sie nicht Silber- sondern Goldstücke enthielten. Der ganze Kasten war davon so gefüllt, daß kaum genug Platz blieb für eine sichtlich sehr alte Brieftasche, welche in einer Ecke obenauf lag. »Verteuxeli, muß das ein Geldl sein!« sagte der Anton. »Wem gehörts aber?« »Natürlich dem Müllern.« »Ich hab meint, daßts mausen hast wollen.« »Was hättst da than?« »Natürlich hätt ich das nicht gelitten.« »Brauchst mir gar nicht zuwider zu sein. Ein Spitzbuben bin ich schon lange nicht. Ich will hier alleweil nur suchen, ob ich was find, was mir gehört.« »Das könnt nur diese Brieftaschen sein.« »Anders nicht. Ich werd mal sehn, was sie enthält.« »So bin ich auch schon neugierig, es zu sehen. Mach sie doch mal auf.« Der Fex nahm die Brieftasche heraus und öffnete sie. Sie enthielt mehrere zusammengefaltete Papiere. Als er sie aus einander schlug, zeigte es sich, daß sie in einer Sprache geschrieben waren, welche er nicht verstand. Sogar die Buchstaben waren ihm vollständig unbekannt. Es war weder die deutsche Current- noch die gebräuchliche latein-englische Schrift. »Was mag das sein?« fragte der Anton. »Ja, wann ich das wüßt!« »Weißt, das sind lauter Dokumentumen; das sind Zeugnissen oder amtliche Scheinen.« »Warum denkst das?« »Warum? Darum! Das mußt doch gleich schauen an den Siegellacken, die so schön petschafterirt sind. Das kommt ja immer nur dann vor, wann ein Gerichtsamten, oder ein Pfarramten, oder ein Stadtrichtern, oder ein Bezirksthierarzten eine Bescheinigungen ausstellt und darunter das Siegelum dransetzt. Das hat hernach die richtige amtliche Kraft und Geltung. So was muß es sein!« »Das glaub ich halt selbst auch. Wann man aber nur wüßt, wer damit gemeint ist.« »Etwan Du?« »Es ist doch am End die Möglichkeit.« »Hör, Fex, ich will Dir mal was sagen. Du hast mir erzählt, daßt in diese Stuben gehen willst, um nachzuschaun, obt nicht irgend was finden thätst, aus dem Du ersehen kannst, wert eigentlich bist. Weitern hast mir nix gesagt. Dennoch bin ich bereit gewesen. Dir mit zu helfen. Aber daßt etwan hier was mit fortnimmst, was Dir nicht gehören thut, das leid ich freilich nicht.« »Das brauchst überhaupt gar nicht zu sagen. Ich bin ebenso ehrlich wie Du und werd mich nimmer an fremder Leuts Eigenthum vergreifen.« »Nun gut. So schau hier richtig nach, und wannt die Schrift nicht lesen kannst, so kannst auch nicht beweisen, daß sie Dir gehört; dann mußt sie hier liegen lassen.« »Freilich wohl!« »Aber schau, da ist doch noch ein zugemacht Fach in der Brieftaschen. Machs mal auf!« Der Fex that dies. Das Fach enthielt ein Couvert aus starkem Papiercarton, in welchem – eine Photographie steckte. Sie stellte eine junge, wunderhübsche Frau vor, in der kleidsamen Tracht vornehmer Walachinnen. Das goldig blonde Haar und die himmelblauen Augen konnten zwar durch die Photographie nicht dargestellt werden, aber dennoch sah der Beschauer sofort, daß zwischen dieser Frau und dem Fex eine große Ähnlichkeit vorhanden sei. Das Bild machte einen ungeheuren Eindruck auf den Fex. Er drückte es an sein Herz, an seine Lippen und rief dabei mit innigster Inbrunst: »Mama, Mama, das ist meine gute, gute, einzige Mama! O Gott, o Gott.« So kniete er vor dem offenen Kasten, die Brieftasche und das Bild in der Hand. Sein Gesicht war verklärt von einem Entzücken, welches eben unbeschreiblich ist. Anton störte ihn nicht, meinte aber endlich doch: »Du kennst also diese Frauen?« »Freilich, freilich kenne ich sie! O, warum sollte ich sie nicht kennen! Kann ein Kind jemals das Angesicht seiner Mutter vergessen.« »Also wirklich Deine Muttern ists?« »Ja. Ich hab sie so lange, lange nicht gesehen. Man sagte mir, sie sei zum lieben Gott gegangen. Sie ist todt. Aber diese Augen, welche mich einst so herzinnig anleuchteten, diese Lippen, welche mich bei den süßesten Namen riefen; ich hab sie gesehen bei Tag und bei Nacht, im Wachen und im Traume. Sie ists; sie ists; ja, sie ists!« »Wie aber kommt das Bild zum Müllern?« »Er hats gestohlen.« »So hat er wohl die ganze Taschen gestohlen mit sammt den Dokermenten.« »Ganz gewiß.« »Dann mußt ihn anzeigen.« »Kann ichs ihm beweisen?« »Du mußt Jemand suchen, der die Dokermenten lesen kann.« »Obs hier so Einen giebt!« »Zeig sie nur einem Adverkaten! Der wird schon bereits wissen, was damit zu machen ist.« .»So muß ich sie also mitnehmen.« »Freilich nimmst sie mit! Dagegen kann ich halt gar nix haben. Du hast ja Deine Muttern erkannt; das gehört doch ganz gewiß dem Sohn!« »Ja, ich nehm die Brieftasche mit. Mags der Müller immerhin merken.« »Mag ers! Wann sie Dir nicht gehört, kannst sie ihm ja wiedersenden, ohne daß ers erfährt, wer sie ihm heut genommen hat. Mach den Stuhl wieder zu, und steck die Taschen ein! Wir wollen schaun, daß wir wieder von hier fortkommen.« »Den Schlüsseln lassen wir da. Wir wollen ihn wo hinlegen, aber wo? Der Müllern muß meinen, daß er ihn hier verloren hat.« »Schau, die Dielen ist sehr alt, und hier an der Mauern ist ein Loch hineinfault. Da hinein legen wir ihn.« »Gut. Und den Topf stellen wir auf den Polsterstuhl.« »Schön. Er wird sich freun, wann er diesen Schatz hier öffnet.« Der Fex steckte die Brieftasche ein, verschloß den Stuhlkasten, legte den Schlüssel in das ausgefaulte Loch. Sodann hoben Beide den großen Topf auf den Polsterstuhl. Nun trat der Anton an das Fenster. »Willst etwan da hinaus?« fragte der Fex. »Ja freilich.« »Nein, das thun wir nicht.« »Wir müssen doch wieder da hinaus, wo wir hereingekommen sind. Oder nicht?« »Nein, Schau, wann wir zum Fenster hinaus steigen, so können wir die Fenstern und den Laden von draußen nicht zumachen. Wann der Müllern nach Hause kommt und ihm Alles so verkehrt gangen ist, wird er Verdacht haben und überall nachschaun, ob Wer in die Stuben hereinkonnt hat. Wann dann hernach die Fensterflügeln und der Laden nicht verschlossen sind, wird er gleich merken, woher das Lüfterl weht hat. Nein. Die müssen wir zumachen.« »Wie aberst kommen wir fort.« »Zur Hinterthüren hinaus. Die versteh ich von draußen zuzumachen.« »Aber dann steht ja hier die Stubenthüren offen, die er vorhin, als er gangen ist, verschlossen hat!« »Was bist so sehr dumm! Diese Stubenthüren hat gar keinen Schlüssel, sondern sie wird von einem Schraubendrehling draußen aufgemacht, den man wie einen Schlüsseln ab- und anstecken kann. Der gilt auch gleich als Drücker, wann er ansteckt. Weißt, so ists sehr oft in alten Häusern.« »Weiß schon. Also diese Thüren können wir von innen öffnen und von außen wieder zudrücken?« »Ja. Jetzt mach ich zu.« Er verschloß die Fensterflügel und den Laden und löschte das Licht aus. Dann gingen ste hinaus in den Hausflur. Die Stubenthür ließ sich sehr leicht von draußen in das Schloß drücken. Die Hinterthür, welche in den Hof führte, war zugeriegelt. Der Fex machte sie auf und verschloß sie, nachdem sie leise hinaus in den Hof getreten waren, dadurch, daß er mit der Klinge seines Messers durch eine ziemlich breite Bretterspalte hereinlangte. Aus dem Hofe gelangten sie einfach dadurch, daß sie über die Mauer kletterten, ins Freie. Es regnete noch immer, wenn auch nicht mehr so sehr als vorher. Die Wolken begannen sich bereits zu lichten. »Was thun wir nun?« fragte der Krikelanton. »Für mich ist gesorgt; fertig sind wir hier. Wer Du, wo wirst nun heut Nacht schlafen?« »Darüber laß Dir keine grauen Haaren wachsen, Fex. Ich hab mein gut Logement in der Stadt; da kann ich kommen und gehen, wann ich will.« »Auch noch so spät?« »Zu jeder Zeit. Wannt mich nun nicht mehr brauchst, werd ich zu dem Scat-Matthes gehen. Ich möcht doch gern erfahren, wie die Sach ausgefallen ist.« »So geh. Morgen werden wir uns wohl wiedersehn.« Sie nahmen Abschied. Der Anton ging nach der Stadt und der Fex nach der Fähre, um den Wachsleinensack zu holen; er brauchte ihn, weil er abermals die Violine des Concertmeisters stibitzen wollte. Die durfte ja nicht naß werden, und so mußte er sie und die Noten in den Sack stecken. Indessen war die »Zaubergeschichte« am Scheidewege vor sich gegangen. Um ja die richtige Minute nicht zu versäumen, hatte, der Fingerlfranz bereits lange vor der bestimmten Zeit seine Einleitungen getroffen und dann trotz des strömenden Regens im freien Felde den Stundenschlag abgewartet. Er war in Folge dessen bis auf die Haut naß. Daraus aber machte er, der vor Gesundheit strotzende Mensch, sich gar nichts. Als es in der Stadt schlug, begab er sich mit dem Schubkarren an Ort und Stelle, warf den Schlüssel zur Erde und sagte laut die Zauberformel: Schlüssel, Schlüssel, klinglingling, Mist und Dünger aus der Taschen! – –« Eigentlich waren noch zwei Zeilen zu sprechen; aber als er während der letzten Worte in die Taschen griff, fühlte er, daß der Inhalt derselben durch den Regen seine Consistenz verloren hatte und in einen unbeschreiblichen Zustand gerathen war. »Donnerwettern!« fluchte er. »Wie wird mein Sonntagshabiterl ausschaun, wann ichs bei Licht beseh, und das Betttucherl dazu! Und meine zwei Händen – –Verteuxeli! Na, so einen Strammantsch hats auch noch nicht geben! Aber ausgeführt wirds dennoch, da ichs einmal anfangen hab!« Er sagte also seine zwei Zeilen vollends her und entledigte sich dabei, so gut oder so schlecht es gehen wollte, des felddüngenden Inhaltes aller seiner Taschen. Dann sprang er über den Graben hinüber. Vom Regen war der Boden schlüpfrig geworden; Franz glitt aus und stürzte, so lang er war, in den Graben hinein. Mit einem lauten Fluche raffte er sich wieder heraus und fuhr hinter das Gebüsch. Als er eine kurze Zeit dort gestanden hatte, hörte er Schritte. Er sah trotz des Regens eine lange, weiße Gestalt, welche von der Mühle her näher kam, am Kreuzweg stehen blieb und dort nach dem Karren tastete, den er dort stehen gelassen hatte. Sie fand ihn und entfernte sich mit demselben in der Richtung, aus welcher sie gekommen war. »Das geht gut; das trifft schön zu,« sagte er zu sich selbst. »Jetzt nun wird sie die Sauen aufladen und herbei bringen. Bis dahin aber muß ich warten. Im Stehen thun mir die Beinen weh; naß und voller Dreck bin ich einmal schon, so ists ganz gleich; ich setz mich nieder.« Er setzte sich auf den aufgeweichten, lehmigen Grasboden und ließ das Wasser auf sich niederregnen und unten wieder ablaufen. Nach einer Viertelstunde ungefähr hörte er das Rad des Schiebebockes bereits von Weitem knarren. »Holla, da kommt die Spitzbübin!« murmelte er befriedigt. »Der Wurzelsepp ist doch ein sehr gescheidter Kerlen; er hat mich nicht getäuscht. Jetzt nun über den Graben hinüber, aber daß ich nicht abermals hineinfall! Nasser kann ich zwar nimmer werden, aber so ein Bad ist doch nicht angenehm.« Er sprang hinüber und wartete mitten auf dem Wege. Die Käthe kam bei ihm am und setzte den Karren nieder. »Komm!« sagte er in gebieterischem Tone. Sofort begann der Müller unter seinem Betttuche zu grunzen, und die Käthe nahm den Karren wieder auf. Der Franz voran, setzte sich der wunderliche Zug in Bewegung. Es war für die Magd keine Kleinigkeit, in strömendem Regen und bei dem aufgeweichten Zustande des Weges den schweren Müller vor sich her zu schieben. Wer sie war stark, und die Hoffnung auf den Schatz verdoppelte ihre Kräfte. Sie kam in Schweiß und pustete laut wie eine Locomotive, aber sie setzte nicht ein einziges Mal nieder, um einen Augenblick lang auszuruhen. Es war eigentlich ein Glück, daß es in dieser Weise regnete; da gab es keinen Menschen, dem man begegnet wäre. Der Müller grunzte nach Kräften, und die Fuhre verlief ohne alle Störung. Nur als der voranschreitende Franz in die Straße der Stadt einbog und sogar dann in den offen stehenden Flur des Gasthofes einlenkte, fragte sich die Käthe leise, ob sie ihm jetzt noch folgen solle. Aber es handelte sich um den Schatz. Die Stadt und der Gasthof waren jedenfalls nur eine leere Spiegelung, durch welche die Geister sie irre machen wollten. Nein, das sollte ihnen doch nicht gelingen. Die beherzte Küthe folgte also dem Führer sogar da höchst couragirt, als derselbe die Thür öffnete und in die Gaststube trat. Als der Wurzelsepp dort angekommen war, hatten die gewöhnlichen Abendgäste das Local bereits verlassen. Der Wirth saß mit seinem Sohne und dem Barbier am Tische und spielte Scat. An einem zweiten Tische saßen noch einige andre Männer. »Guten Abend!« grüßte der Sepp, indem er den vor Nässe triefenden Hut ausschwenkte. Der Wirth legte ganz gegen seine gewöhnliche Weise sofort die Karten weg, noch dazu mitten im Spiele, machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte: »Was? Du kommst auch, Sepp!« »Siehsts ja doch!« »Du wolltst doch nicht!« »Ja, das dacht ich erst. Nachhero aber hab ich mich fragt, obs die Leutln wohl auch richtig machen werden, und so bin ich herkommen, um zuzuschaun, wies halt gehen wird.« Darauf antwortete Einer von Denen, welche an dem andern Tische saßen: »Das ist ganz recht von Dir, Sepp. Es ist halt immer besser, Du bist auch selbst dabei.« Da machte der Alte ein höchst bedenkliches Gesicht, schüttelte den Kopf und fragte: »Ja, so sag doch mal, wobei ich auch sein soll!« »Nun, bei der Zauberei.« »So, so! Was weißt Du davon, he?« »Der Barbiern hats uns sagt, und darum sind wir noch hier sitzen blieben, um zu warten.« »Ach so! Der Barbiern hats also ausplaudert! Hab ich denn nicht sagt, daß kein Mensch nix davon hören darf?« »Vorher nicht. Jetzund aber sinds ja bereits schon draußen auf dem Weg!« vertheidigte sich der Barbier. »So! Das hast denkt? Wast doch für ein gescheidter Kerlen bist! Da könnt ichs ja gleich in die Posaunen blasen oder an die große Glocken hängen, damits ins Land hinein gelautet wird. Jetzt kann mich die ganze Sach gereuen, denn nun ists gefehlt!« »Meinst?« fragte der Barbier, indem er eine höchst betretene Miene zeigte. »Ja freilich. Nun wird nix daraus.« »Das hättst sagen sollen!« »Hab ichs denn nicht sagt? Aber das ist nun immer so. Ihr Barbiern seid die alten Weibern und könnt das Maul nimmer halten. Jetzt nun wissen die Geistern bereits, daß die Geschicht verrathen ist, und wer weiß, was sie dem armen Fingerlfranz anthun!« »O weh! Es wird ihm doch nicht etwan gar an den Kragen gehen?« »Sehr leicht! Und dann bist allein Du schuld daran.« »Giebts kein Mittel dagegen?« »Nur ein einzigs.« »Welchs?« »Das müßt Ihr aber sofort machen, sonst ist der Franz verloren.« »So sags schnell!« »Habt Ihr Eure Schneuztücherl mit?« »Schneuztücherl? Ich nicht. Ein Schnupftuch thut man doch nur Sonntags in die Taschen; heut aberst ist erst Donnerstag.« »So sagt rasch, wer hat noch keins mit?« »Ich – ich – ich auch nicht!« rief es überall. Es stellte sich also heraus, daß kein einziges Taschentuch vorhanden war. Der Sepp machte ein sehr bedenkliches Gesicht und sagte: »So mag die Wirthin schnell Jedem eins borgen.« »Wozu?« »Ihr setzt Euch alle rund um diesen einen Tisch, die Lamp in der Mitten, und legt beide Füßen vor Euch hin, heraufi auf den Tisch. Sodann werd ich langsam in der Stuben hin und her gehen. Ihr zählt meinen Schritt, und allemal beim Dreizehnten muß Einer von Euch reihum sich die Nase schneuzen. Der Wirth fangt an, und so gehts rund um weiter.« »Ich auch mit?« fragte die Wirthin. »Ja, aber weilst eine Frau bist, brauchst die Füß nur auf die Hitzschen zu legen und nicht auf den Tisch. Lauf schnell und hol die Tucherln! Auf dem Tisch darf weiter nix sein als die Lamp und Eure Füßen, und reden darf auch keiner ein Wort, als bis der Franz hereini kommen ist und die Spitzbübin dazu.« Er hatte das in so ernstem und eindringlichem Tone gesagt, daß Keiner sich eine weitere Frage oder gar einen Widerspruch erlaubten. Die Männer setzten sich zusammen an einen Tisch und legten die Beine auf denselben. Die Wirthin holte die Taschentücher herbei, vertheilte sie und setzte sich dann mit zu ihnen. Jetzt begann der Sepp langsam und gravitätisch hin und her zu gehen; bei seinem dreizehnten Schritt fuhr sich der Wirth mit dem Tuche an die Nase und folgte der Weisung des Sepp in so kräftiger Weise, daß man hätte befürchten können, seine Nase werde explodiren. Die Andern wollten hinter ihm nicht zurückbleiben. Sie gaben sich der magischen Beschäftigung mit ganzer Seele und ungeheurer Aufmerksamkeit hin. Für den Wurzelsepp war es keine leichte Aufgabe, ernst zu bleiben; aber er stieg mit der Miene eines Paracelsus im Zimmer auf und ab und gab stets bei dem dreizehnten Schritte mit der Hand das Zeichen, daß die erwähnte Explosion zu erfolgen habe. So verging eine geraume Zeit. Den Anwesenden begannen nicht mir die hochliegenden Beine, sondern auch die Nasen zu schmerzen. Endlich, endlich war ein Geräusch im Hausflur zu vernehmen wie das Rollen eines Rades. Dann wurde die Thür geöffnet, und der Franz trat ein. Wären die Anwesenden nicht so überzeugt gewesen von dem überirdischen Ernste der Situation, so wären sie jedenfalls in ein mehr als homerisches Gelächter ausgebrochen. Der Fingerlfranz bot einen gradezu unbeschreiblichen Anblick. Erst das Gesicht und die Hände mit Ruß geschwärzt, sodann die bekannte Füllung sämmtlicher Taschen vorgenommen, das Betttuch übergeworfen, im strömenden Regen gestanden, welcher den Ruß im Gesicht in dunklen Strömen herabrinnen ließ, die Taschen mit den Händen ausgeleert und dabei mit dem Tuche in Berührung gekommen, in den Graben gestürzt und über eine Viertelstunde lang auf der sumpfigen Wiese gesessen – kurz und gut, sein Anblick war ein gradezu unbeschreiblicher. Und hinter ihm schob die Käthe den Schubkarren herein. Sie sah kaum weniger schrecklich aus, doch, obgleich der Regen ihr schwarzgefärbtes Gesicht auch getroffen hatte, waren ihre Züge doch ebenso wenig zu erkennen wie Diejenigen des Fingerlfranz. Unter dem Betttuche, welches über den Karren gebreitet war, grunzte der Müller, so laut er nur konnte. Als sie herein waren, beeilte sich der Sepp draußen das Hausthor und natürlich auch die Stubenthür zu schließen. Der Fingerlfranz war über die Stellung, in welcher die Gäste am Tische saßen, erstaunt; da er aber den Sepp bemerkte, so sagte er sich gleich, daß dies von demselben angeordnet sei und nothwendig mit zur Sache gehöre. Er trat also herbei und declamirte: »Holderi und holdera, Tschingterum, jetzt sind wir da!« Sofort ertönte es unter dem Betttuche, unter welchem Alle das gestohlene Schwein vermutheten, hervor: »Fizlipuzli, Auerhahn, Schaut nur mal den Tolpatsch an!« Daß das Thier menschlich sprechen konnte, und noch dazu in Reimen, das war außerordentlich. Da aber bei einer Zauberei eigentlich nichts außerordentlich ist, fuhr der Fingerlfranz fort: »Rumdi bumdi, Mückennest, Jetzt habn wir den Racker fest!« Und vom Schubkarren her ertönte es: »Krikli krakli, wum die bum, Dieser Kerl ist doch zu dumm!« Da trat der Fingerlfranz an das einrädrige Fuhrwerk heran, griff nach dem Tuche und zog es weg mit den Worten: »Schlingel schlangel, schnipp und schnapp, Jetzt ziehn wir das Fell ihm ab.« Sogleich richtete sich der Müller möglichst hoch empor und antwortete: »Holler, toller, dran und drauf, Sperrt nun mal die Augen auf.« Sie folgten freilich dieser Weisung fast wörtlich. Und nicht nur ihre Augen waren offen. Sie waren Alle vom Tische aufgesprungen und traten hin zum Schiebebock. Der Fingerlfranz hielt das Tuch in der Hand und starrte auf den Müller. »Was!« rief er aus. »Das soll meine Sauen sein!« Und der Müller seinerseits rief ebenso laut: »Was! Das soll der Geisten sein, der denen Schatz bewachen thut!« »Was soll ich sein? Ein Geist?« »Und was ich? Eine Sauen? Alle Teufeln! Und wo bin ich eigentlich? Ich glaub gar, die Käth hat mich zum Scat-Matthesen hergefahren!« »Die Käth?« fragte der Franz. »Die Käth! Und Deine Stimme kommt mir auch bekannt vor. Bist doch nicht etwan der Thalmüllern!« »Freilich bin ich Der! Wer soll ich denn sonst sein? Eine Sauen nicht! Und Deine Stimm kenn ich auch und Deine Gestalt! Du bist der Fingerfranzel?« »Der bin ich allezeit!« »Da muß doch gleich ein Graupelwettern dreinschlagen. Käth, was ist Dir eingefalln! Warum schaffst mich hier herein?« Die Magd war fürs Erste auch ganz perplex gewesen, jetzt aber erhielt sie ihre Sprache wieder: »Was? Willsts etwan auf mich schieben?« »Auf wen sonst?« »Ich hab nur than, wast mir selber sagt hast; ich bin Dem da hinterherfahrn.« Sie deutete auf den Franz. »Dem da? Ist denn der draußen gwest?« »Kein Anderer.« »Aber, Franz, was machst da draußen?« »Ich wart auf meine Sauen, die mir gestohlen worden ist. Der Sepp sagt, die Spitzbübin werd sie mir auf dem Schubkarren bringen.« »Was? Jetzt hört mir Alles auf! Da ist die Käth die Diebin, und ich bin das Schwein! Und das hat der Sepp sagt? Komm mal her, Alter! Komm herbei zu mir! Ich hab Dir was zu sagen!« Er streckte dem Sepp die Fäuste drohend entgegen. Dieser kam auch herbei, aber nicht so nahe, daß er von den Fäusten erreicht werden konnte. Er machte eine höchst erstaunte Miene, schlug die Hände zusammen und rief: »Der Müllern! Der Thalmüllern! Es ist also doch wahr! Nein, so was hat noch nimmer gelebt! Was willst denn Du hier in der Stadt, so spät, bei nachtschlafender Zeiten?« »Was ich will, Du Schwindelmeiern? Das fragst auch noch? Weißts wohl noch nimmer?« »Nein, kein Wort!« »So komm doch näher herbei! Ich wills Dir gleich derklären, da mit meinen Händen! Hab ich Dich etwan nicht von wegen dem Schatz um Rath gefragt?« »Ja, das hast.« »Nun also.« »Ah! Oh! Bist etwan wegen dem da?« »Na freilich?« »O meiner Seelen! Jetzt wird mirs ganz schlimm zu Muthen! Was ist das für ein Glück, daß wir hier die Schneuztücherl gehabt haben! Nein, nein, nein!« Er schüttelte den Kopf wie Einer, der vom Ertrinken errettet worden ist und dies gar noch nicht begreifen kann. »Was hast nun auch noch mit denen Schneuztücherln?« fuhr ihn der Müller an. »Sei stat und ruhig! Wannst wissen thätst, in welcher Gefahren Du gewesen wärst, so könntst vor Schreck gleich gar nicht reden! Was bist doch für ein Mensch. Warum hast mir nicht sagt, wo der Schatz liegt!« »Werd mich hüten!« »Und daßt ihn heut holen willst!« »War das nothwendig?« »Freilich, denn dann wärt Ihr heut nicht mit nander in so verschiedener Sach zusammengerathen. Ihr habt Euch gestört. Einer den Andern, Du und der Fingerlnfranz.« »Das sagst jetzunder! Aber wehe Dir, wann ich merk, daßt Dir nur ein Spaßen mit mir hast machen wolln. Dann ist Dein letztes End sehr bald vorhanden gewest!« »Spaß und Scherz? Was denkst! Was hätt ich davon? Ich habs ehrlich gemeint mit Dir und dem Franz. Aber ich hab doch nicht wissen konnt, daß Ihr Eure Sachen mit nander macht, zur selbigen Stund und auch am selbigen Ort. Das bist doch selber überzeugt, daß ich das nicht wußt hab?« »Das ist freilich wahr. Aber wann ich dran denk, so kann ich mir die Haar alle einzeln ausraufen. Ich, der kranke Mann, der nicht von seinem Stuhl aufi kann, hab in diesem Hundewettern unter tausend Schmerzen in den Beinen mich zum Spiel-Matthesen fahren lassen. Nachts ein Uhr, und dabei grunzen müssen wie ein Eber! Und nun ist gar sicher der Schatz verloren!« »Vielleicht doch nicht. Hast Deine Sachen richtig macht?« »Ganz und gar.« »So ist noch immer Hoffnung vorhanden. Aber es muß erst Alles verzählt und verglichen und bedenkt werden. Die Wirthin mag ein warmes Wassern bringen und Seifen dazu. Ihr müßt Euch waschen. Es könnt Einer kommen, der nix von dieser Angelegenheiten zu sehen und zu wissen braucht. Nachhero sprechen wir weitern darüber.« Die Magd verschwand in der Küche, der Fingerlfranz auch; der Müller aber mußte gleich in der Stube gereinigt werden, da er nicht laufen konnte. Dann wurde er auf das Sopha gesetzt. Als die Magd zurückkehrte, setzte sie sich in eine dunkle Ecke. Sie wußte nicht, ob sie sich mehr schämen oder mehr ärgern solle. Sie that Beides in gleichem Maße. Der Franz hatte, seit er das Tuch vom Schubkarren genommen und den Müller erkannt hatte, noch nicht zur Klarheit kommen können. War der Sepp schuldig oder nicht? Im ersteren Fall nahm der Viehhändler sich vor, sich in ganz energischer Weise an dem Alten zu rächen. Er setzte sich jetzt ihm gegenüber, um sein Gesicht genau beobachten zu können. Dasselbe zeigte freilich einen Ausdruck wirklich kindlicher Unschuld. Wer den Wurzelhändler so dasitzen sah, der mußte auf seine Unschuld schwören. »So,« sagte er, »jetzund sitzen wir beisammen, und so wollen wir sehen, ob wir die Sach derklären können. Die meiste Schuld hat freilich der Barbierer hier. Er hat die Sach ausplaudert, und wann dies geschieht, so gehts allemal schief ab.« »Oho!« rief der Genannte. »Jetzund kann ich Dir sogleich beweisen, daß ich grad nicht schuldig bin. Der Müllern wär auch kommen, wann ich nix gesagt hätt.« »Ja, aberst es wär doch ganz anderst worden. Das kann ich behaupten, weils ich verstehen thu. Und ich will gleich eine Wetten machen, daß auch noch andre Fehlern vorkommen sind. Ich werd mal Euch alle Beid in's Verhör nehmen. Zuerst den Fingerlfranz. Hast Deine Sach genau so macht, wie ichs gesagt hab?« »Ja,« antwortete der Franz. »Nix dazuthan?« »Nein.« »Auch nix weggelassen?« »Nein.« »Dich auch nicht versprochen?« »Auch nicht.« »So kann ichs nicht begreifen. Wannst keinen Fehlern macht hättst, so wär die Sauen jetzt hier mit sammt der Spitzbubin. Du mußt also doch was Falsches than oder sagt haben. Denk mal nach?« Der Franz überlegte sich die Sache und gestand dann: »Da fallt mir Eins ein – – –« »Aha! Heraus damit!« »Als ich den Reim sagte und dabei in die Taschen griff, um sie leer zu machen, da war Alls so zerlaufen, daß – nun, da schaut Euch mal mein Gewandl an! Das ist mein Festtagsgewandl? Wie schauts aus!« »Ja,« meinte der Wirth. »Das kannst kaum mehr anziehen. Wer neben Dir sitzt, der merkts gleich aus der ersten Hand mit der Nasen.« »Nun, das hab ich eben auch so merkt, und da ist mir mitten im Vers ein Fluch herausfahren.« »Siehst, schaust!« rief der Sepp. »Da hasts! Drum ists nicht richtig worden. Nun hasts Gewandl verschimpfirt und bist auch noch um die Sauen!« »Ist da keine Hilfe möglich?« »Wohl freilich schon.« »So sags! Wannst mich veralbert Host, so wirst sehen, was für Prügel Du bekommst. Ich schlag Dich so breit wie einen Zwetzschenkuchen. Wannsts aber ehrlich meinst, so erhältst eine gute Belohnung.« »Die brauch ich nicht und mag ich nicht. Das hab ich Dir bereits schon sagt. Du weißt schon, wie große Stucken ich auf Dich halt; drum bin ich aufrichtig mit Dir west; aberst wannst mir mit Prügeln drohst, so kannst mich nur dauern. Da werd ich mich schön bedanken. Dir auch noch guten Rath zu geben!« »Das darfst nicht so nehmen. Es war nicht so bös gemeint. Wo sag, obs noch Hilfen giebt.« »Ja freilich, wannsts richtig machst.« »Was soll ich thun?« »Wie viel war die Sauen werth?« »So hundertzwanzig Markerln.« Da zog der Sepp seinen Beutel und langte zwei Fünfzigmarkscheine heraus. Die legte er auf den Tisch und sagte: »Das ist mein Geldl, was ich mir mühsam derspart hab in vielen Jahrn. Aber ich schenk Dirs heut, wannst nicht die Sauen bekommst. Aber richtig mußts machen. Glaubsts nun, daß ich meiner Sachen sicher bin?« »Da muß ichs schon glauben, wann so ein arms Hascherl hundert Markerln dran riscirt. Also sag, was ich beginnen soll!« »Du nicht allein. Es muß noch Einer dabei sein, der auch einen Fehlern mit begangen hat.« »Das ist halt der Barbier, der plaudert hat.« »Ja, der ists. Ihr Beid geht dahin, wo Du den Fehlern macht hast. Weißts doch wohl?« »Ja, am Weg.« »Dort giebt er Dir eine Ohrfeigen.« »Donnerwettern!« »Ja. Nachhero gehst hinten hinein in Deinen Garten. An der Pforten giebt er Dir die zweite Ohrfeigen.« »Warum Ohrfeigen?« »Zur Strafen für den Fehlern, dent begangen hast. Und nachhero geht Ihr bis an den Koben oder an den Stall, wo die Sauen steckt hat; da giebt er Dir die dritte Ohrfeigen. Und nachhero ist der Fehler bestraft und gesühnt, und die Sauen wird sich im Stall befinden.« »Ists wahr?« »Ich geb ja hier das Geldl zum Pfand.« »Das macht Vertrauen. Ich möchts versuchen. Wie ists damit. Barbierer?« Der Genannte konnte, wie der schlaue Sepp recht gut wußte, den Franz nicht leiden. Ihm drei Ohrfeigen geben dürfen, das war ihm ein Gaudium, zumal er keine Rache, sondern vielleicht gar eine Belohnung dafür zu erwarten hatte. Darum antwortete er in diplomatisch schlauer Weise: »Was hab ich davon, daß ich in Wind und Regenwettern hinaus geh? Nix, gar nix! Mir hat Niemand keine Sauen gestohlen. Ich bleib hier.« »Wannst mitgehst, geb ich Dir drei Markeln!« »Das ist zu wenig.« »Fünf?« »Giebst sie gleich?« »Ja, aber der Sepp muß seine Hundert einsetzen.« »Sie liegen da,« sagte der Alte. »Gut, so gehn wir gleich. Hier sind die Fünf. Und nun komm gleich mit!« Er stand auf und der Barbier auch. »Halt!« sagte der Sepp. »Ich muß Euch vorher sagen, daß Ihr kein Wort reden dürft, bis Ihr wieder hier seid. Und auch mir dürfen grad so lang nicht davon sprechen. Paßt also auf, damit nicht abermals ein Fehlern geschieht.« »Ich mach keinen mehr. Aber, Sepp, ists nicht wohl erlaubt, eine Laternen mitzunehmen? Da könnt ich mir die Sauen gleich genau betrachten, damits nicht wieder ein Müllern ist, der nur so grunzt.« »Ja, die kannst mitnehmen. Der Wirth mag sie Dir leihen. Aber lauft schnell und laßt uns nicht lang warten. Und Dir, Barbiern, muß ich noch sagen, daß die zweit Ohrfeigen stärker sein muß als die erst, und die dritt ist die letzt und muß auch die stärksten sein. Merks gut.« »Schön!« lächelte der Barbier, welcher seine fünf Mark schmunzelnd einsteckte. »Du,« meinte der Franz zu ihm, »ich will hoffen, daßt nicht gar zu sehr zuhaust! Je leiser Du anfangst, desto gelinder kannst auch aufhören.« »Weiß schon. Hab nur keine Sorgen!« Eben als die Beiden aufbrachen, trat der Krikelanton herein und setzte sich mit an den Tisch. Die Anderen blickten den Sepp fragend an. Dieser nickte zustimmend und sagte in beruhigendem Tone: »Der kann schon dableiben. Er ist ein guter Bekannter von mir und kann Alles hören. Er wird kein Wort sagen.« »Und vorher habt Ihr Euch hier bei mir so zankt?« meinte der Wirth. »Das war ein Spaßen, weiter nix.« Und der Anton fügte hinzu: »Der Sepp ist auch nicht der einzige gute Freund, den ich hier finde. Der Thalmüllern kennt mich auch so gut. Nicht wahr, Müllern?« »Hm!« brummte dieser im Andenken an die Ohrfeigen, die er von ihm erhalten hatte. »Oder meinst, daß ich erzählen soll, wie wir uns kennen lernt haben? Es ist intressant.« »Brauchsts nicht. Du bist ein guter Freund von mir, und das ist genug. Kannst ruhig sitzen bleiben.« Der Fingerlfranz und der Barbier beeilten sich, ihren Weg möglichst bald zurückzulegen. Beide waren außerordentlich neugierig, ob sie die Sau auch wirklich im Stalle finden würden. Am Kreuzweg angekommen, stellte sich Franz genau an die Stelle, ao welcher er den Fehler begangen hatte, und gab dem Andern einen Wink. Dieser holte aus und versetzte ihm eine so schallende Ohrfeige, daß der Getroffene alle Geistesgegenwart zusammennehmen mußte, nicht wieder zu fluchen. Er zog den Athem pfeifend zwischen den Zähnen ein und dachte bei sich: »Wann die Erste so kräftig ausfallt, wie werden da die andern Beiden werden!« Sie gingen weiter. An der Gartenpforte erhielt der Franz die Zweite, die nach der Anweisung des Sepp noch gewichtiger war als die Erste. Die Wange brannte ihm wie Feuer. Dennoch hielt er an sich und blieb still. Vor der Thür angekommen blieb er wieder stehen und erhielt die Dritte. Die hatte einen solchen Nachdruck, daß er trotz seiner kräftigen Gestalt an den Stall taumelte. »Warte nur!« dachte er. »Ich komme auch noch an die Reihe. Aber dann, dann, dann!« Jetzt zog er den Holzriegel weg, öffnete die Thür und leuchtete hinein. Ja wirklich, da lag sein Schwein im Stall und grunzte ihm entgegen. Er schob es hin und her, um sich zu überzeugen, ob er seiner Sache gewiß sein könne; aber er irrte sich nicht; es war kein anderes, als das ihm gestohlene Thier. Jetzt machte er den Stall wieder zu, schob den Riegel vor und eilte so schnell fort, daß der Barbier ihm kaum zu folgen vermochte. Als dann die Beiden wieder in die Gaststube traten, blickte der alte Sepp ihnen vergnügt lächelnd entgegen. »Nun, wie stehts?« fragte er. »Bist ein tüchtiger Kerl,« antwortete der Franz. »Also?« »Sie ist da!« »Die richtige?« »Ja, sie liegt im Stall.« »Und hast sie Dir richtig angesehen?« »Genau, und auch angefühlt. Es ist gar kein Zweifel möglich. Sie ist es in aller Wirklichkeit.« »So kann ich also mein Geldl wieder einistecken?« »Ja, thus wiedern in den Sack!« »Das gefreut mich sehr, um Deinet- und auch um meinetwillen.« »Aber wie stehts dann mit der Diebin?« »Wie solls mit ihr stehen?« »Ist sie nicht zu erwischen?« »Nein. Hättst den Fehlern nicht begangen. Sei froh, daßt die Sauen wieder hast.« »Schon recht! Aber werd ich sie auch behalten?« »Ja, wannst sie Dir nicht wieder stehlen läßt.« »Da werd ich schon sorgen. Aber ich mein, wegen dem Zauber.« »Wieso?« »Geht der nicht wieder zuruck?« »Nein.« »Auch nicht, wann ich zuruck ging?« »Wie meinst das?« »Wann mir zum Beispiel der Barbiern mein Geldl wieder herauszahlen thät, mein ich halt.« »Nein, auch dann nicht. Die Sau ist wieder in dem Stall, und da bleibt sie nun auf alle Fälle.« »Brauchst keine Sorg zu haben. Ich geb Dir das Geldl schon nich wieder heraus!« meinte der Barbier, der noch neben dem Franz stand, die Laterne in der Hand. »Aber ich geb sie Dir heraus.« »Was?« »Die Ohrfeigen.« Er holte aus und versetzte dem Ahnungslosen drei Ohrfeigen aus dem FF. Bei der Ersten drehte sich der Barbier um sich selbst und ließ vor Schreck die Laterne fallen; bei der Zweiten setzte er sich auf den Stuhl, daß dieser krachte, und die Dritte expedirte ihn von dem Stuhle herab auf die Diele, wo er eine ganze Weile sitzen blieb, sich die beiden Backen mit den Händen haltend. »Hättsts so gemacht, wie ichs Dir sagte,« meinte der Franz. »Hättst leise anfangt und gelind aufhört. So aber hast stark begonnen und nachhero also den Unverschämten machen müssen.« Der Barbier stand langsam auf und ballte die Fäuste. Am Liebsten hätte er sich auf Franz gestürzt. Dieser aber trat ihm in seiner hohen, breiten Figur drohend entgegen und fragte: »Willst etwan noch Prügeln haben? Ich bin bereit dazu. Fang Du nur immer an!« »Fallt mir nicht ein! Mit Dir noch lange nicht!« »Da bist auch klug. Ich hätt Dich an die Wand worfen, daßt kleben blieben wärst und ein Jeder hätt denkt, es hängt das Bild von einem Affen dort.« »Aber merken werd ichs mir!« »Ja, das bitt ich mir auch aus! Deshalb hab ich sie Dir ja geben, daßt sie Dir merken sollst. Jetzt nun sind wir quitt, und Du bist still!« Die Andern hatten mit größtem Vergnügen zugesehen. Sie gönnten Beiden die Lection, welche Einer dem Andern gegeben hatte. Keiner sagte ein Wort dazu; aber der Wirth konnte doch nicht schweigen. Er fragte: »Hör mal, Franz, jetzt kann ich Dich nun schon nicht begreifen. Der Barbierer hat Dir mit holfen, das Schwein zu finden, und Du giebst ihm dafür die drei Ohrwascheln. Warum hast das eigentlich than?« »Weil er mir auch drei geben hat.« »Das mußt er doch!« »Aber nicht so stark! Bei deren Ersten ists mir wie Zunder im Kopfe wesen, bei deren Zweiten wie Stahl und Stein, und bei deren Dritten sind mir nachhero gar die Funken aus denen Augen sprungen, daß ich Deine Laternen gar nimmer von Nöthen gehabt hab. Da liegt sie nun. Er mag sie aufheben und das Oelen zusammenlecken!« »Aber Deine Watschen sind doch wohl noch stärker wesen als die, die er Dir geben hat!« »Mag sein! Ein Jeder nach der seinigen Art und Weisen. Ich hab halt auch andre Händ als er. Aber gefreun thuts mich doch außerordentlich, daß dem Sepp seine Magie sich bewährt hat.« »Was sprichst von Magie!« lachte der Alte. »Du verstehst halt gar nix davon. – Es giebt eine weißen Magie, eine schwarzen, eine blauen und eine gelben. Bei denen letzten Beiden wirds Einem ganz blaugelb vor denen Augen, grad als ob man Ohrwatscheln bekommen thät. Das hast ja auch selber merkt. Jetzt nun möcht ich bald wissen, wies mit dem Müllern seiner Sachen gangen ist.« »Schlecht natürlich!« brummte der Müller. »So hast auch einen Fehlern macht.« »Ich weiß keinen.« »Aberst ganz gewiß!« »Ganz gewiß nicht!« »So denk einmal nach!« »Das hat ich schon bereits than; aber ich kann nix finden, was unrecht gewesen wär.« »Nun, so liegts daran, daßt nicht aufrichtig gegen mich wesen bist. Wo war der Ort, wo Du den Schatz sucht hast?« »Grad da, wo der Franz die Sauen sucht hat.« »Ja, dann ists freilich gefehlt. Hat denn die Käth den Fingerlfranz nicht erkannt?« »Nein,« antwortete die Magd aus ihrer Ecke. »So ists richtig. Du hast den Fehlern begangen. Du hast doch sehen müssen, daß es kein Geisten nicht war!« »In denen Regenwettern!« »Grad da sieht mans auch.« »Und er hat sich das Gesicht schwarz gemacht.« »Aber die Stimm!« »Er hat nur ein einzig Wort sprachen!« »Und wannst aufpaßt hättst, so wärst leicht dahinter kommen, daß es ein Mensch war aber kein Geisten. Du bist schuld an der ganzen Sachen. Aber so ists allemal, wann ein Frauensbild dabei ist!« »Magst Recht haben,« meinte der Müller, welcher die ganze Zeit leise stöhnend dagesessen hatte. »Jetzt hab ich meine Gichten und Podergra spazieren fahren lassen ins Regenwettern hinein, und nun wird michs wieder Monaten lang zwacken und zwicken an allen Ecken und Enden. Das aber möcht noch sein, wann nur nicht der Schatz verloren wär!« »Was ists denn eigentlich für ein Schatz?« fragte der Wirth. »Meinst, daß ich Dir das sagen werd?« »Etwan nicht?« »Nein. So Etwas darf man nur allein wissen.« »Brauchst keine Sorg zu haben. Ich mag nicht mit Dir theilen, Müllern.« »O, Dir ist auch nicht zu trauen!« »Da irrst Dich sehr. Ich will sogar gut sein und Dir einen guten Rath ertheilen.« »Da bin ich neugierig drauf.« »So sollsts gleich hören. Der Franz hat einen Fehlern begangen, aber der Sepp hat ihn wiedern gut macht. Deine Käth hat auch einen macht. So wend Dich an den Sepp. Vielleichten kann er auch Dir helfen.« Das leuchtete dem Müller ein. »Kannst etwan?« fragte er den Sepp. »Warum nicht.« »So thus doch!« »Wirsts wiedern falsch machen!« »Gewiß nicht. Was hätt ich zu thun?« »Gar nix Schweres! Mußts grad so machen, wie's der Franz auch macht hat. Der Käth ihr Fehlern ist, daß sie den Franz für einen Geisten halten hat. An welcher Stell ist das geschehen?« »Am Kreuzweg.« »Und wohin willst den Schatz haben?« »Hm! Wohin meinst?« Die Augen des Müllers flimmerten vor Begierde. »Wohin Du willst.« »Wird er auch ganz gewiß so da sein wie dem Fingerlfranzen sein Schweinen?« »Ebenso sicher.« »Nun, dann möcht ich nicht darnach laufen oder fahren müssen.« »Das hast gar nimmer nothwendig.« »Könnt ich ihn in meinem Haus finden?« »Gern.« »Gar in der Stuben?« »Jawohl. Sogar auf dem Polsterstuhlen, auf dem Du sitzest. Dahin ist er auch am Allerleichtesten zu bringen.« »Meinst?« »Ja, weilst selbern Jahr aus Jahr ein drauf sitzest.« »Nun wohl, so will ich ihn halt auf den Stuhl haben!« »Soll geschehen, wannst keinen Fehlern machst.« »Werd mich hüten! Aber wann?« »Gleich wannt nach Haus kommst.« »Das, wanns wahr ist, so sollst mich kennen lernen als einen nobligen und splendirbaren Kerlen!« »Ich mag nix. Das hab ich Dir schon bereits gesagt. Mach nur Deine Sachen gut, damits nicht fehl geht und ich mich nicht hernachers über Dich ärgern muß!« »Werd mir schon Mühen geben. Aber nun sag mir auch, was ich thun soll!« »Habs schon gesagt: Ganz dasselbige, wies beim Franz geschehen ist.« »Ohrfeigen etwa?« »Ja. Straf muß sein. Das verlangen die Geistern so. Und denen muß man ihren Willen thun.« »Soll ich sie bekommen?« »Nein, sondern die Käth; die hat ja den Fehlern gethan.« »Das ist mir schon noch liebern. Aber wo?« »Die Erst giebst ihr dort, wo sie den Franz für den Geist ansehen hat, die Zweit vor Deiner Stubenthüren, bevor Du diese öffnest. Wannst sie nachhero aufgemacht hast, so brennst Licht an. Dann wirst gleich sehen, daß der Schatz auf dem Stuhl ist. Da mußt Dich hinfahren lassen und mußt ihr die dritte Watschen geben.« »Auch eine immer stärker als die andre?« »Freilich!« »Ob ichs aber auch so leiden werd!« meinte die Käth. »Mußts schon, wannt den Schatz nicht verlieren willst.« »So mag er nur sein leise zuschlagen!« »Werd mich schon in Acht nehmen,« meinte der Müller. »Aber wanns so ist, so will ich auch die Zeit nicht hier versäumen. Mach Dich fertig, Käth, damit wir aufbrechen!« »Gleich! Ich will nur zuvor in die Küchen gehen und mein Tuchen holen, was ich dort zum Trocknen an den Ofen aufihängt hab.« Sie ging hinaus. Da flüsterte der Sepp: »Merk Dirs gut, Müllern: Je stärker Du die Ohrfeigen giebst, desto größern wird der Schatz.« »Meinst?« »Ja, freilich! Je größer die Strafen ist für den begangenen Fehlern, desto mehr sind die Geistern ausgesöhnt.« »So solls nicht daran fehlen! Ich hab auch noch Kraft zu einer Ohrfeigen, die fest sitzen bleibt.« »Und wir müssen auch erfahren, obst zu dem Schatz kommst,« meinte der Wirth. »Wir gehn mit.« »Euch brauch ich nicht.« »O doch! Zum Zählen!« »Ich dank gar sehr! Das thu ich schon selbst.« »Aber ansehen dürfen wir den Schatz.« »Nein.« »Bist auch ein Geizhals und Pfennigfresser!« »Nein. Aber wann Ihr mitlauft, macht Ihr mich unterwegs irr, so daß ich Fehlern mach.« »Wir kommen weit hinterher.« »Nein, Ihr bleibt zuruck. Morgen könnt Ihr kommen. Da will ich ihn Euch zeigen.« »Na, meinswegen. Er ist Dein, und wir haben nichts dran zu befehlen. So fahr also allein!« Die Käthe kam aus der Küche zurück, und der Müller wurde aufgeladen. Ohne Ach und Weh ging das nun freilich nicht ab. »Stöhn und lamentir nicht so!« warnte der Sepp. »Wann Ihr hier zur Thüren hinaus seid, so dürft Ihr kein Wort sprechen und auch keinen Laut hören lassen: nicht mal gehustet oder niest darf werden.« »Das ist schlimm. Bis wann dauert das?« »Bis der Schatz geöffnet ist.« »So will ich wünschen,« sagte der Wirth, »daß nix verkehrt geht. Nehmt also Euern Verstand zusammen, Ihr beiden Leutln. Morgen in der Früh komm ich, um nachzuschaun, wie gros; dern Schatz gewesen ist.« »Es ist jetzt bereits morgen. Die Mitternächten ist bereits längst vorübern. Nun muß ich aufbrechen. Ich zahl die Zech.« Nachdem er bezahlt hatte, spannte sich die Magd hinter dem Schiebebock und kutschirte fort. »Ich möcht doch wissen, obs so gelingt wie mit mir!« sagte der Franz. »Ja, ich möcht auch nicht warten.« meinte der Wirth. »Sepp, sag doch mal, obs was schadet, wann wir hinterher laufen.« »Gar nix schadet es.« »So seh ich auch nicht ein, warum wirs nicht thun wollen. Wir machen so leis, daß der Müllern uns gar nicht hören kann. Wer geht noch mit?« Es meldeten sich natürlich Alle ohne Ausnahme. Sogar die Wirthin wär mitgegangen, wenn nicht ihr Mann es auf das Strengste verboten hätte. Sie brachen auf und folgten den Beiden. Die Magd kam mit ihrer Last nur langsam fort. Daher kam es, daß die Männer die Beiden bald vor sich bewerkten. Schritte waren in dem weichen Boden nicht zu vernehmen. Aber das Kreischen des Rades am Schiebekarren hörte man sehr deutlich. Plötzlich hörte dieses Kreischen auf. »Horcht!« sagte der Sepp leise. »Jetzt hält die Käth an und erhält dir erste Ohrfeigen.« Sie lauschten. Ein lauter Klatsch ließ sich hören. Er klang scharf, fett und voll. »Donnerwettern!« meinte der Wirth. »Wer so eine Watschen erhält! Ich wett sofort mit Jedem, daß sich die Käth auf die Straßen niedergesetzt hat.« Und er hatte Recht. Es war dem Müller sehr um die Größe des Schatzes zu thun. Als die Magd anhielt und ihm die Wange hinhielt, glaubte sie natürlich, daß er es sehr gnädig machen werde. Ihrer Ansicht nach kam es nicht aus die Stärke der Ohrfeige an, sondern darauf, daß sie überhaupt eine erhielt. Er aber holte aus Leibeskräften aus und gab ihr eine, aus welcher er sehr leicht ein paar Dutzend hätte machen können. Sie setzte sich augenblicklich in den Schmutz der Straße nieder. Sie hätte ganz sicher laut aufgeschrieen, wenn nicht der Schreck ihr die Sprache geraubt hatte. Als sie dann wieder reden konnte, war es ihr mittlerweile zum Glück eingefallen, daß sie nicht reden dürfe. Darum schwieg sie. Sie raffte sich also langsam auf und schob ihre Last weiter. An der Mühle angekommen, hatte natürlich keins von Beiden eine Ahnung, daß während ihrer Abwesenheit Jemand in der Stube gewesen war. Die Käthe hatte die Schlüssel einstecken. Sie schloß die Hausthür auf und schob ihre Last in den Flur hinein. Als sie die Thür wieder verschlossen hatte, hielt sie wortlos dem Müller ihren Kopf abermals hin. Es war dunkel. Er sah nichts. Darum fühlte er mit der Hand nach ihr. Während er mit der Linken ihren Kopf betastete, holte er mit der Rechten aus und gab ihr die zweite Ohrfeige. Diese war anbefohlenermaßen noch stärker als die Erste. Käthe flog an die Wand. »Kreuztausenddonner – – –!« schrie sie auf, hielt aber sofort wieder inne. »Alle Teufel!« rief er zornig. »Was hast zu schreien? Weißt nicht, daßt still sein sollst, infamte Kröte!« »Du redst ja jetzt auch!« »Weilst erst anfangen hast. Jetzt halts Maul, und mach, daß wir hineinkommen!« Sie schloß die Thür auf, schob den Karren hinein, zog die Thür hinter sich zu und brannte die Lampe an. Die Thür völlig zu verschließen, war ihr nicht als nothwendig vorgekommen. Als das Licht aufleuchtete, waren natürlich die Blicke Beider sofort gierig nach dem Polsterstuhle gerichtet – da stand auf demselben ein ungeheuer großer, zugebundener Topf. Bereits hatte der Müller gedacht, daß der Schatz verloren sei, weil Beide das Schweigen gebrochen hatten. Jetzt nickte er dem Mädchen triumphirend zu. Sie schob ihn hin zum Topfe. Er befühlte denselben, und sie hielt ihm dann den Kopf wieder hin. Angesichts des Topfes nahm er nun alle seine Kraft zusammen. Er holte weit aus. Es wäre ein Schlag gewesen, welcher lebensgefährlich hätte werden können. Sie wich demselben aus, und durch die Kraft, welche er in den Hieb gelegt hatte, wurde er von dem Karren herabgeschleudert. Er fiel in die Stube. »Kerl!« rief sie erbost aus. »Willst mich etwan todtschlagen!« »Was hast wieder zu sprechen!« schrie er dagegen. »Warum läßt Dir die Ohrfeigen nicht geben!« »Weil ich leben bleiben will!« »Ich werd Dich nicht umbringen.« »O ja! Die beiden Ersten haben mich bereits halb todt gemacht. Mußt denn zuhauen, als wenn ein Schmieden aufs Ambos schlägt!« »Weißts nicht. Je mehr ich zuhau, desto größer ist dera Schatz.« »Wer hat Dir das weiß macht?« »Der Sepp, und der verstehts.« »Ich hab nix davon hört.« »Weilst in der Küchen warst, Gans Du! Willst den Kopf hergeben!« »Wannst leiser schlägst!« »Nein. Die Letzte muß am Stärksten sein.« »So mach ich nimmer mit.« »Dann geht der Schatz verloren.« »Meinswegen.« »Bist etwan verruckt?« »Nein. Mein Leben ist mir lieber als das Geld.« »Du wirst nicht davon sterben.« »Aber taub kann ich werden, oder irr im Kopf, wannst mir das Hirn verschutterst.« »Dummes Dirndl! Du hast gar kein Hirn!« »Mehr wie Du hab ich schon!« »Halts Maul! Willst nun den Kopf hergeben!« »Wannst leiser machst.« Es kam ihm der Gedanke, daß es klüger sei, sie zu täuschen, als sich mit ihr zu zanken. Sie hatten bereits draußen im Flur und nun jetzt hier in der Stube einander so laut angeschrieen, daß die Hausbewohner erwacht waren. Sie hörten Schritte über sich. Darum sagte der Müller mit leiserer Stimme: »Komm, sei verständig! Heb mich auf und setz mich da auf den Rohrstuhl. Den bringst Du neben den Polsterstuhl. Mach schnell, Käth, mach!« Sie setzte den bezeichneten Rohrstuhl neben den gepolsterten, und würgte dann den schweren Müller darauf. Sie rückte ihn zurecht, und diese Gelegenheit ersah der schlaue Kerl. Eben hielt sie den Kopf gesenkt, da holte er aus und gab ihr die dritte Ohrfeige. Das Mädchen stürzte auf die Diele und kugelte eine ganze Strecke fort. Dann aber raffte sie sich blitzschnell auf, sprang herbei und begann seine Backen mit einer Vehemenz zu bearbeiten, daß ihm Hören und Sehen verging. »Wart, Urianer, Dich will ich walken!« schrie sie dabei. »Mich sollst nimmer wieder schlagen ohne meine Erlaubnis. Da hast, da, da!« Immer schlug sie auf ihn ein, immerfort, bis ihr die Arme weh thaten. Er war ganz perplex geworden. Er ließ sich schlagen, ohne einen Laut auszustoßen, ohne eine Bewegung zu machen. Dann aber, als sie die müden Arme sinken ließ, begann er ein Zetermordio. Er schimpfte sie in allen Tonarten und gab ihr alle ehrenrührigen Namen, die ihm grad einfielen. »Und,« fügte er hinzu, »was hast von all diesen Dummheiten? Nix, gar nix. Der Schatz ist da; die drei Ohrenwatschen hast auch bekommen; also ist die Sachen in Richtigkeiten, und Du brauchst nicht aufzubegehren wie ein unvernünftig Geschöpf oder Thier.« »So! Der Schatz ist da, und die Watschen hab ich auch? Das klingt ja recht schön und gut! Aber solche Kopfnüssen, wie Du mir geben hast, brauch ich mir wohl gefallen zu lassen etwan? Wer ist das unvernünftige Thier wesen. Du oder ich, he? Ich laß mich nicht schlagen. Ich geh aus dem Dienst, gleich in der Früh oder noch liebern gleich jetzund. Mach den Topf auf, und gieb mir mein Theil; dann mach ich, daß ich Dir aus dem Haus komm. So einen Tyrannen wie Du giebts auf der ganzen Erden nimmer wieder!« »Meinst? Nun, da kannst ja gehn. Du hast mich schlagen, und da hab ich das Recht, Dich augenblicklich aus dem Haus zu jagen. Mach also augenblicklich da hinaus, wo deren Zimmermann das Loch offen lassen hat! Ich mag Dich keinen Augenblick länger sehen!« »So schnell solls gehen? Augenblicklich? Ach so? Da aber kommst bei mir sehr schief an die Unrichtige!« »Nimm das Dienstbuchen her und schau Dir nur die Faragraphern an! Da stehts drin, daß ich Dich sogleich hinauswerfen kann, weilst mich prügelt hast.« »Das weiß ich wohl. Ich werd auch sofort gehen. Aberst vorher will ich meinen Lohn haben, der noch rückständig ist, und auch den Theil vom Schatz, der mir gehören thut.« »Davon brauch ich Dir nix zu geben.« »Nicht? Hasts mir Nicht versprochen?« »Ja; aber daßt mich prügeln sollst dabei, das ist von uns nicht dabei ausgemacht worden.« »Und daß Du mich schlägst, auch nicht. Ueberhaupt will ich mehr haben als die paar Markerln, die wir ausgemacht haben.« »Was? Noch mehr?« fragte er erbost. »Ja freilich!« »Warum und wieso denn?« »Weil der Schatz größern ist, als ich denkt hab.« »Der kann so groß sein bis in die Wolken hinein, so gehts Dich nix an. Er gehört mir.« »Das mußt erst beweisen. Hast ihn etwan auf Deinem Grund und Boden funden?« »Ja. Ist der Polsterstuhlen etwan nicht der Grund und Boden, der mir gehören thut?« »Ja, aber der Schatz hat draußen gelegen auf dem Kreuzweg. Er gehört also nicht Dir, und weil wir Beid daran arbeitet haben, ich noch mehr als Du, so haben wir Beid auch gleiches Recht daran. Er wird also in zwei Hälften theilt, ich eine und Du eine.« »Ach! Schau, wast für ein gescheidtes Wurm bist. Theilen willst? Das ist schön! Das ist prächtig! Aber ob ich mitmachen thu, das wirst gleich schaun. Nun bekommst nämlich gar nix, nicht ein Markel und nicht einen Pfennig. Der Topf ist mein, und Du magst Dich davon machen, sonst weck ich die Leuteln und laß Dich hinauswerfen oder gar verarretiren!« Er hatte gar nicht darauf geachtet, daß die Leute, von denen er sprach, bereits erwacht waren. Es waren Schritte zur Treppe herabgekommen, und draußen vor der Thür stand man, um zu horchen, was es in der Stube für einen Lärm gebe. Die Käthe hatte ihn ganz neben den Polsterstuhl setzen müssen; er konnte den Topf also sehr leicht erreichen und legte bei seinen letzten Worten beide Arme um denselben zum äußern Zeichen, daß er das Anrecht auf denselben für sich allein beanspruche. Damit aber war die Käthe ganz und gar nicht einverstanden. »Was?« schrie sie auf. »Allein willst den Topf? Ganz nur für Dich? Da kommst freilich bei mir an die Richtige! Ich hab Dich auf dem Karren schleppen müssen, hin und zurück, bin naß worden durch und durch, vor Schweiß und Regen, und nun soll ich nix haben! Ich hab das gleiche Recht mit Dir. Und wann Du ihn allein haben willst, so kann ich ihn auch ganz für mich behalten. Her also mit dem Topf!« Sie griff nach demselben. Er hatte eine ziemliche Schwere und war oben mit einem alten Lappen zugebunden. Beide zogen hin und her. »Laß los!« schrie er, »sonst hau ich zu!« »Das kann ich auch!« zeterte sie. »Wannst den Topf nicht frei giebst werf ich ihn Dir an den Kopf.« »Was? Wart? Da hast Eins!« Den Topf mit der Linken festhaltend, stieß er ihr die rechte Faust vor die Brust. Darüber ergrimmte sie noch mehr. Zornbebend rief sie: »Schlagen thust mich schon wiedern? Wart, das will ich Dir heimgeben!« Mit einem gewaltigen Ruck entriß sie ihm den Ofentopf, holte aus und stieß ihm denselben mit aller Gewalt an den Kopf. Obgleich er beide Arme zur Abwehr vorgehalten hatte, traf ihn dieser Stoß doch mit solcher Gewalt, daß er mit sammt dem Stuhl um- und in die Stube stürzte. Das hatte die Magd nicht berechnet. Die von ihr angewendete Kraft war größer, als der Widerstand, den sie gefunden hatte, und darum stürzte sie auch mit nieder – der Topf auf den Müller und sie oben darauf. Dem konnte das alte Geschirr nicht widerstehen – es zerbrach in mehrere Stücken. Einige Augenblicke nach dem Krach, den der Topf gethan hatte, war es still in der Stube, dann aber brach ein Lärm los, welcher gar nicht größer gedacht werden konnte. Der Topf war nämlich bis oben an den Rand herauf mit allerlei Gethier, meist kalten Lurchen gefüllt gewesen, Fröschen, Kröten, Salamandern, Wassereidechsen. Dazu kam ein halbes Dutzend Fledermäuse, welche in einem dunkeln Winkel des Kornspeichers ihren Winterschlaf gehalten hatten, von dem Fex vor einiger Zeit entdeckt und nun heut mit in den Topf gesteckt worden waren. Sie flatterten ängstlich in der Stube und um die Lampe herum. Eine derselben war mit ihren Krallen im Zopfe der Magd hängen geblieben und schlug nun mit ihren Flughäuten um sich, um los zu kommen. Der kalte, kribbelnde und krabbelnde Inhalt des Topfes hatte sich natürlich zunächst über den Müller ergossen. Kröten auf dem ganzen Leibe und im Gesicht – er fürchtete sich vor dem Teufel nicht, vor diesem Viehzeug aber desto mehr, und konnte doch wegen der Gicht nicht aufspringen. Die Folge war, daß er um Hilfe nicht schrie, sondern geradezu brüllte. Und die Magd, welche aufgesprungen war, getraute sich nicht, das vermeintliche Ungethüm, welches sie auf dem Kopfe hatte, anzugreifen. Sie kreischte, schrie und zeterte mit dem Müller um die Wette. Es war ein ganz und gar unbeschreiblicher Skandal. »Hilfe, Hilfe! Feuer! Mörder! Diebe! Um Gotteswillen, herein, herein! Hilfe, Hilfe!« Draußen standen die Neugierigen aus der Stadt. Sie hörten natürlich diese Rufe und konnten doch nicht zur zugeschlossenen Hausthür herein. Darum schlugen und trommelten sie mit aller Gewalt an die Läden. Drin aber wurde die Stubenthür aufgerissen. Die Knechte und Mägde drangen herein. Hinter ihnen Paula, Leni und das Dienstmädchen der dicken Direktorin. Alle blieben an der Thür stehen. Der Anblick, welcher sich ihnen bot, war derartig, daß sie nicht wußten, ob sie lachen oder sonst was sollten. Der Müller wälzte sich hin und her und schlug mit den Armen um sich. um das Gezücht von sich abzuwehren. Ein Feuersalamander wollte ihm in den weit aufgerissenen Mund kriechen. »Hilfe! Schnell, schnell!« brüllte er. »Er kommt, er kommt! Er will mir ins Maul hinein!« Das Thier selbst anzufassen, getraute er sich nicht. Paula sprang herbei und riß es weg. Die Fledermäuse schwirrten hin und her und kamen dabei, da die Decke sehr niedrig war, mit den Köpfen der Hereingedrungenen in Berührung. Nun begannen auch diese zu schreien. In der Stube krabbelte es überall, in allen Ecken und Ende». »Reißt aus!« schrie eine der Mägde. »Das Viehzeug ist giftig! Der Teufel ist los! Ich laß mich nicht beißen. Fort, fort!« Sie riß aus, die Andern hinter ihr her. Paula gab sich Mühe, ihren Vater aufzurichten, und dabei nicht auf das Gethier zu treten. Die beherzte Leni eilte zur Käthe und riß ihr die Fledermaus aus dem Haar. Das ging natürlich nicht ohne den Verlust eines kleinen Theiles der Haare ab; das schmerzte, und in ihrer Wuth holte die Magd aus, um der Leni eine Ohrfeige zu geben, kam aber damit freilich an die Unrechte, denn die frühere Sennerin war noch schneller und brachte ihr eine schallende Ohrfeige bei. »Was? Ich helf Dir, und dafür willst mich haun!« rief sie aus. »Da, hast noch was dafür!« Sie griff nieder, nahm blitzschnell eine große Kröte empor und schob sie der Käthe unter das Busentuch. Diese brüllte, als ob sie am Spieße steckte und rannte hinaus. Droben erhob sich die fette Stimme der dicken Madame Qualèche. Sie hatte ihre Schlafstube verlassen und war heraus an die Treppe gekommen. »Feurio, Feurio! Hilfe, Hilfe!« schrie unten die Käthe, indem sie mit ihrer Kröte durch die unterdessen geöffnete Hinterthür in den Hof hinaus rannte. Die Frau Direktorin glaubte also, es brenne unten. »Hilfe, Hilfe!« begann nun auch sie. »Ich bin da, ich, hier, hier! Rettet, rettet mich doch!« Und als Niemand kam, versuchte sie, sich selber zu retten, indem sie die Treppe herabstieg. Aber sie war eine so schmale, steile Holztreppe nicht gewöhnt; sie schritt zu weit aus, verlor den Halt, kreischte laut auf und fuhr – Schlitten herab, glücklicher Weise auf demjenigen Körpertheile, welcher nicht zerbrechen kann. Unten angekommen, hatte sie vor Entsetzen die Sprache verloren und blieb mit auseinander gespreizten Beinen vor der Treppe sitzen. Da kam Einer durch die Hinterthür herein gesprungen – der Fex, welcher von draußen über die Mauer gestiegen war, hinter ihm der Wurzelsepp. »Was ist denn los dahier?« rief er laut. »Der Teufel, der Teufel!« brüllte der Müller in der Stube. »Der Teufel ist los. Hilfe, Hilfe!« »Nein, ich bin los, ich!« jammerte die Dicke. »Hilfe, Hilfe! Ich kann nicht aufstehen!« Der Fex griff zu und zarte die schwere Person wenigstens so weit empor, daß er sie auf die letzte Treppenstufe setzen konnte, auf welcher sie allerdings nur sehr ungenügenden Platz fand. »Hier bleibst sitzen und zuckst Dich nicht!« gebot er ihr. »Aber es brennt ja! Ich muß fort!« »Es brennt nicht. Sei still!« Nun eilte er in die Stube, wo Leni und Paula sich vergeblich abgemüht hatten, den Müller in die Höhe zu bringen. Der Sepp war bereits bei ihnen. Die beiden Männer ergriffen den Müller und hoben ihn in den Polsterstuhl. Er stöhnte und wimmerte vor Angst wie ein Kind. Dann machte der Fex ein Fenster und den Laden auf, damit die Fledermäuse hinaus konnten, und wendete sich nachher mit der unschuldigsten Miene den Müller: »Aber was ist denn das dahier? Wie kommst zu diesem Gethier hier in Deiner Stuben?« »Ach! Oh! Au!« seufzte der Gefragte athemlos. »Nun, so sags doch!« »Oh! Au! Meine Beine! Mein Buckel! Mein Leib! Mein Kopf! Ich bin todt vor Schreck und Angst! Ganz todt!« »Ganz noch immer, denn Du kannst noch reden. Also sag gleich, was geschehen ist!« Ehe die Antwort erfolgen konnte, tönten laute Stimmen im Hausflur. Die mit dem Spiel-Matthes draußen stehenden Männer hatten den nämlichen Weg eingeschlagen, auf welchem vorher der Sepp und der Fex eingedrungen waren; sie waren über die nicht sehr hohe Hofmauer gestiegen und kamen nun durch die Hinterthüre in das Haus. Als Matthes die dicke Direktorin noch klagend und wimmernd auf der Treppenstufe sitzen sah, kam ihm dieser Anblick so komisch vor, daß er nicht an die einer Dame schuldigen Ehrerbietung dachte; er schlug vielmehr ein lautes Gelächter auf, in welches die Anderen ebenso laut einstimmten, und rief: »Sappermentsky! Was sitzt denn da für eine weiße Schleiereulen?« Der Ausdruck Schleiereule war wegen des weißen Nachtgewandes, welches weit und leicht die dicke Gestalt der Directorin umfloß, zwar nicht höflich aber auch nicht ganz unzutreffend gewählt. Sie aber nahm die Worte natürlich dennoch übel. »Wie nennen Sie mich?« fragte sie zornig. »Eine Schleiereule! Das will ich mir denn doch auf das Strengste verbitten. Wer sind Sie denn eigentlich, daß Sie es wagen, sich solcher Ausdrücke zu bedienen?« Sie wollte sich in ihrem Zorne erheben, aber ihr Sitz, die unterste Treppenstufe, war zu einem schnellen Aufspringen für so eine corpulente Person viel zu schmal und zu niedrig; sie fuhr zwar ein Wenig empor, setzte sich aber sofort wieder nieder, von ihrer Schwere abwärts gezogen, rutschte dabei von der Stufenkante ab und kam nun auf die harte Steinplatte zu sitzen. Das Regenwasser war unter der Thüre in den Flur hereingedrungen, und so erhielt die Directorin einen so nassen Sitz, daß ihr Nachtgewand sofort von dem Wasser durchdrungen wurde. Die Nässe und Kälte desselben hatte die augenblickliche Wirkung, daß die Dame wie eine Ertrinkende die Arme emporstreckte und laut zu rufen begann: »Hilfe! Hilfe! Ich sitze im Wasser! Soll ich ertrinken? Hebt mich auf; hebt mich auf!« Alle, welche sich in der Stube befanden, den Müller natürlich ausgenommen, kamen herbeigeeilt. »Was ist geschehe? Was ist los?« rief der Fex. »Die Dicke da ersauft,« antwortete der Wirth. »So schlimm wird's halt doch nicht sein. Helft nur mit! Wir wollen si« aufheben und hinaufschaffen. Sie mag sich ins Bett legen.« Er griff zu. »Nein, nein!« zeterte sie. »Ich bleibe unten!« »Wozu aber denn?« »Es brennt ja; es ist ja Feuer! Ich will nicht in demselben umkommen! Ich will hinaus.« »Ja, wo brennt es denn?« »Das weiß ich nicht. Ich habe aber ›Feuer‹ rufen hören.« »Das war halt eine Dummheiten. Und Du machst die Faxen noch viel größer. Du willst verbrennen und auch hier versaufen, und es ist doch gar kein einziger Gedanke daran. Es ist gar keine Gefahr vorhanden. Komm also her! Wir heben Dich auf und schaffen Dich hinauf in Deine Stuben. Arbeit wirds freilich machen.« »Nein, nein; ich bleib unten!« rief sie aus. »Na, meinswegen' Bleib sitzen in alle Ewigkeiten; ich Hab gar nix dagegen, wannst hier im Haus schwimmen lernen willst.« Da aber flüsterte der Barbier, welcher so stand, daß sie ihn nicht sehen konnte, dem Scat-Matthes in das Ohr: »Ich werde sie gleich aufbringen.« Er ergriff einen riesigen Wasserfrosch, welcher soeben mit weiten Sätzen aus der Stube herausgesprungen kam, beim Hinterbeine und warf ihn ihr in den Schooß. Kaum erblickte sie das Thier, so sprang sie, ohne die geringste Hilfe zu brauchen, auf und schrie. »O wehe, o wehe! Eine Kröte, eine Kröte! Ich muß hinauf; ich gehe; ich eile! Schiebt, schiebt, schiebt schnell!« Sie wendete sich nach der Treppe, ergriff das Geländer und pustete und stöhnte wie eine Lokomotive hinauf. »Ja, schiebt, schiebt!« lachte der Matthes. Er und der Barbier faßten, neben einander stehend, hinten an; der Sepp griff zwischen ihnen hindurch, und so schoben die Drei die heulende und schreiende Dame zur Treppe empor bis hinauf auf den Dorplatz, wo sie in höchster Eile in ihrer Stube verschwand. »Auch das noch!« zankte der Müller unten. »Diese alle Mutschel macht die Sach noch erst schlimmer als vorher. Sie muß fort, gleich in der fruh!« »Wenn ich den Wagen für sie hab,« sagte die Leni, welche sich in diesem Augenblicke mit Paula allein bei ihm befand. »Nein; so lange wart ich nicht.« »Du mußt?« »Wer will mich zwingen?« »Ich!« »Oho!« »Ja; ich hab Dein Wort, welches Du mir gegeben hast.« »Das geht mich nix an. Ich brauchs nicht zu halten.« »So? Warum?« »Weil sie immer neue Dummheiten macht.« »Sie? Das ist nicht wahr.« »So? Hasts nicht etwan jetzt gesehen?« »Nein. Die Dummheiten hast Du gemacht. Nicht mal Ruh des Nachts findet man in diesem Logis. Was machst da für einen Lärm und Scandal bei nachtschlafender Zeit! Wer hat das Viehzeug hereinbracht?« »Ich nicht.« »Wer sonst? Und wanns ein Anderer wesen ist, so bist doch Du selber Schuld daran. Die Dame bleibt hier!« »Nein, sie muß fort!« »Sie bleibt!« »So werf ich sie hinaus!« »Du? Mit Deinem Padagra?« »Wann ich nicht selber kann, so hab ich meine Leut dazu.« »Da kannst ein großes Unheil anrichten. Da kannst in die Häfen fliegen Du und alle Deine Leutln.« »Wieso?« »Weil – ah, das weißt ja gar nimmer. Hasts noch nicht gehört, wer der Mann ist, der das Logis gemiethet hat?« »Den kenn ich wohl. Wagnern heißt er.« »Und was ist er?« »Das weiß ich nicht; das geht Mich gar nix an.« »So! Er heißt nicht nur Wagner, sonders auch noch Richard dazu. Verstehst mich nun jetzt deutlich?« Der Müller machte ein erstauntes Gesicht. »Richard Wagner?« fragte er. »Ja freilich.« »Etwan gar der berühmte Opernmann?« »Ja, derselbige.« »Verteuxeli! Sollt mans glauben!« »Der ists. Und zu ihm ist Einer mit eingezogen, der sich nur Ludwig nennt. Verstehst auch das?« »Doch nicht etwan der König Ludwig?« »Derselbige.« »Da muß doch gleich die ganze Wand wackeln! Der Wagnern und der König! Wohnen bei mir in der Mühlen! Das muß ich sogleich allen Leutln sagen! Hört, Ihr –« »Halt!« gebot die Leni, indem sie ihm schnell den Mund zuhielt. »Willst wieder eine Dummheiten machen?« »Wieso?« »Die beiden Herren wohnen incognito bei Dir.« »In Congnito? Unsinn! Im Parterre sind sie!« »Du verstehst das Wort nicht. Incognito heißt, daß Niemand sie kennen soll.« »Ach so!« »Kein Mensch darf es wissen, daß sie hier sind.« »Warum?« »Weil man sie sonst angaffen und nicht in Ruh lassen thät. Ich habs auch Dir nur im Vertraun sagt, daßt nicht abermals eine Dummheiten machen sollst. Verstanden!« »Ja, wanns so ist, dann muß ich wohl das Maul halten!« »Das versteht sich ganz von selbst, denn ich – –« Sie mußte abbrechen, denn die Andern traten ein. Leni hatte diese Mitheilung machen können, weil es grad jetzt Niemand gehört hatte. Die erwähnten Drei schoben die Directorin zur Treppe hinan, und die Andern standen unten im Hause, um zuzusehen. Jetzt aber war das vorüber, und sie kamen nun herein. Die Knechte und Mägde faßten nun auch ein Herz und kamen näher, um zu sehe, was es noch geben werde. »Aber, Thalmüllern, was hast doch nur gemacht?« sagte der Sepp, indem er ein möglichst verwundertes Gesicht zog. »Ich? Nein, Du!« rief dieser zornig. »Du bists, der diese ganze Dummheiten angerichtet hat!« »I – i – i – i – ich?« »Ja, Du nur allein!« »Das kann ich nimmer begreifen!« »Hast nur etwan nicht den Rath geben?« »Welchen Rath?« »Wegen dem Schatz.« »Nun freilich!« »Also bist doch schuld.« »Ich gewiß nicht. Wer weiß wast gemacht hast!« »Was soll ich gemacht haben? Nix, gar nix weitern, als wast mir selber gesagt und gerathen hast.« »Und da wär so eine Bescheerung fertig worden?« »Du siehsts ja! Schau das Gethier an! Ists nicht grad so, als thäten wir in dem Noah seiner Archen sitzen?« »Beinahe. Wer wie ists so kommen?« »Wie? Das fragst auch noch, Dummkopf? Aus dem Topf da sind sie kommen, die Frösch und Kröten alle!« »Aus welchem Topfen? Ich seh doch keinen?« »Aber die Scherben siehst?« »Nun freilich. Also er ist zerbrochen?« »Ist er etwan noch ganz?« »Nein. Aber Du mußts erzählen, wie's gewesen ist!« »Werd mich hüten!« »Warum?« »Weil Alle da stehn und sperrn die Mäulern auf.« »So jag sie fort. Nur die Käth mag da bleiben, die andern Knecht und Mägd können gehen. Vorher aber mögen sie einen Korb holen oder zwei um die Thieren hinein zu thun und hinaus zu schaffen. Der Müller gab den betreffenden Befehl, und nun begann eine lustige Jagd. Keine Person des Gesindes wollte ein solches Thier mit den Händen anfassen; darum gab es die verschiedensten lächerlichen Situationen, ehe die krabbelnde Einquartirung sich in den Körben befand und hinausgeschafft werden konnte. Die mit anwesenden Gäste des Spiel-Matthes durften bleiben, weil sie bereits Mitwisser des Schatzheber-Geheimnisses waren; die Andern alle mußten fort, auch Leni und Paula. Der Fex ging auch; er that so, als ob er gar noch nichts wisse. Dann, als die Eingeweihten alle beisammen waren, wurde die Thür von innen verriegelt. »Also hast wirklich keinen Fehlern gemacht?« fragte der Sepp den Müller. »Gar keinen.« »Auch die Käth nicht?« »Nein.« »Das glaub ich nicht.« »So brauchst mich doch gar nicht zu fragen, wannst mir nicht glauben willst, was ich Dir sag.« »Verzähl mir doch mal die ganze Sachen!« »Was giebts da zu verzählen! Gar nix.« »Hast denn der Käth die Ohrfeigen geben?« »Freilich.« »Und wohl fein sanft?« »Nein, sondern so derb, wie ichs nur konnt hab.« »Und was hat sie dazu sagt?« »Nun, die Erst hat sie sich wohl gefallen lassen!« »Ach so! Die Erst allein! Und die Zweit?« »Bei der hat sie freilich aufbegehrt.« »Himmelsakra! Das war draußen im Haus?« »Ja, bevor wir die Stubenthüren aufmacht haben. Ich könnt nix sehen, weils finstern war; da Hab ich ihr den Kopf mit der linken Hand fest halten und mit der Rechten die Ohrfeigen geben.« »Also kräftig?« »Das kannst Dir denken; so derb wars, daß sie gleich grob worden ist.« »Sie hat also geredet?« »Geredet nur? Nein, zankt hat sie und geschumpfen.« »Und Du wieder auch?« »Soll ich etwan zu ihren Grobheiten ruhig sein?« »Habs mir wohl dacht, daß so was wesen ist. Und aber nachher? Was habt Ihr nachhero mit einander than?« »In die Stuben sind wir und haben das Licht anbrannt. Ich hatts brennen lassen, als wir gingen; es muß indessen ausgelöscht sein. Als wir nachhero sehen konnten, da hat der große Topf da auf meinem Stuhl standen.« »Der Schatz also! Ganz, wie ichs vorhersagt hatte.« »Der Schatz? Da kommst schön an! Hasts ja sehen, was da Alls in dem Topfen drin steckt hat. Lauter Gewurmern und Viehzeugers, das man nimmer anfassen kann. Wannst das einen Schah nennst, so bist dümmer als dumm!« »Wolln erst sehn, wer der Dumme ist! Was habt Ihr denn nachher than, als Ihr herein in die Stuben kommen seid und den Topfen sehen habt?« »Da hat die Käth mich zu ihm setzen müssen, und ich wollt ihr die dritt Ohrfeigen geben. Das aber hat sie nicht leiden wollen. Sie hat sich dagegen gewehrt und gesträubt.« »Warum?« Die Käthe war mit anwesend. Sie saß in einer Ecke und hatte bisher nichts gesagt; nun aber antwortete sie schnell: »Weil der Müllern ausholt hat, als ob er hat einen Ochsen verschlagen wollen. Mein Kopf brummt mir noch jetzt davon wie eine große Baßgeigen.« »Das mußt so sein,« meinte der Müller. »Aber ich hab sie doch noch vermischt und ihr Eine geben, die war nicht von Pappe.« »Ja, hast sie aberst wiederkriegt, doppelt und dreifach!« erklärte die Magd schadenfroh und selbstgefällig. »Was? Geschlagen hat sie Dich?« fragte der Sepp im Tone des allergrößten Erstaunens. »Ja,« gestand der Müller. »Das niederträchtige Weibsbild hat auf mich einhauen, daß ich gar nimmer dazu kommen bin, mich zu vertheidigen.« »So habt Ihr Euch geprügelt, richtig geprügelt?« »Ja.« »Und auch dabei geredet?« »So laut, daß die Leut aufwacht und herbeikommen sind.« »Und da nennst mich dumm? Mich, mich?« »Wer ists sonst?« »Du, Du selber! Hab ich Euch nicht sagt, daß kein Wort gesprochen werden darf?« »Ja freilich.« »Und da haut Ihr Euch und schimpfirt, daß die Leut erwachen und herbeigerannt kommen!« »Soll ich etwan dulden, daß mich die Magd todtschlägt?« »Das geht mich gar nix an? Ihr habt geredet, und da ists ganz aus mit dem Schatz. Das duldet der Geist nicht, und da hat er das Geldl in Frösch und Kröten verwandelt.« »Darum? Wegen dem Sprechen?« »Natürlich!« »Alle tausend Wettern! Daran hab ich in der Wuth und im Aergern gar nicht mehr dacht!« »So bist eben selber schuld am Allen, aber nicht ich!« »Ich könnt mich gleich selbern maulschellirn!« »Thus nur. Und wanns nicht gut geht, so sags nur mir. Ich will Dir so viel Kopfwatschen geben, wie Du nur immer verlangen kannst, Du Dummkopf, Du!« Und sich an die Andern wendend, fuhr er fort: »Da schaut nun mal her; diese Scherben! Wie groß und wie stark! Was für ein Topfen muß das gewesen sein! Der hat ja mehr als einen ganzen Scheffel gefaßt! Und der ist voller Geld gewesen! Denkts Euch!« »Sapristi!« rief der Barbier. »Ja. Vielleicht ists gar lauter Gold gewesen und Kassenscheiners von hundert Thalern. Und da prügeln sich die beiden albernen Menschen und machen einen Skandöbs, daß die Leut herbeiströmen! Nein, nein, so was hab ich doch noch nimmer erlebt! Und da hat der Müllern auch noch das große Maul und giebt mir die Schuld.« »Ja, das ist dumm, so dumm, daß mans gar nicht begreifen kann!« sagte der Fingerlfranz, der sich bisher ganz still und passiv verhalten hatte. »Denk Dir mal, Müller, das Geld, das Geld!« »Ja freilich!« gab dieser kleinlaut zu. »Aber, wer ist schuld daran, wer? Sagt mirs doch nur mal?« »Du!« rief der Sepp. »Ich? Das fallt mir nicht ein.« »Wer sonst?« »Die Käth. Die hat anfangt zu reden.« »Und Du hast ihr antwortet.« »Aus Aergern und Grimm. Nachher hat sie mich gar gehaut. Aber muß fort. Ich hab ihr sagt, daß sie sogleich gehen kann!« »Das werd ich nun auch thun,« meinte die Käthe, indem sie von ihrem Stuhl aufstand. »Meinst etwan überhaupt, daß mirs gar so sehr bei Dir gefallt? Du bist der reine Teufel. Wer bei Dir dient, der ist wie in der Höllen. Aberst ich hab Dich ausgewischt. Ich hab Dir eine ganze Meng Ohrfeigen geben, und die sind aus dem Herzen kommen. Das kannst nur glauben!« »Was? Auch noch!« brüllte der Müller. »Gebt mir doch gleich mal schnell die Peitschen her, damit ich sie so verhau, daß sie gar nimmer laufen kann!« »Jetzt kann ich noch laufen, und da will ich schnell machen, daß ich fortkomm von Dir, Du Lodrian!« Sie eilte an die Thür, riegelte dieselbe auf und ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend, daß das ganze Haus zu zittern schien. »Na, wart!« rief der Müller. »Du sollst ein Zeugniß ins Buch bekommen, daß gewiß kein Herr Dich wieder in den Dienst nimmt. Du alberne Dirn, Du!« »Das wirst unterlassen,« meinte der Sepp. »So? Warum etwan?« »Weil sie überall verzählen thät, was hier passirt ist.« »Das mag sie thun!« »So willst Dich auslachen lassen?« »Warum nicht? Ich bleib doch der Thalmüllern.« »Nun, wannst so denkst, so kann ich auch nix dagegen haben. Besser aber wärs, wann gar nimmer von dieser Geschichten geredet würd.« »Gesprochen wird auf alle Fäll davon. Wenn die Käth auch nix sagen thät, so stehn hier genug Leut, die das Maul nicht halten können. Schau doch mal den Barbieren an! Dem wackelt bereits die Zung. Er kann sie kaum noch erhalten. Heut in der Fruh, wann er zu seinen Kunden geht, wird er sie all mit nander gleich mit der neuen Schatzgeschichten einseifen.« Da hob der Barbier die Hand wie zum Schwur empor und rief in betheuerndem Tone: »Schau her zu mir, Müllern! Ich versprech Dir – –« »Nun, was?« »Daß ich nix sagen werd.« »Wie lange?« »In alle Ewigkeiten.« »Wie lang dauert bei Dir eine Ewigkeiten?« Da lachte der Gefragte. »Fast ein paar Wochen.« »Siehst! Heut aber wirst nicht warten können.« »Bis ich nach Hausen komm, ganz gern. Nachhero aber muß ichs doch meiner, Frauen verzählen.« »Ja, ja, das hab ich wußt. Aber meineswegen verzählt es allen Leutln; ich hab grab nix dagegen. Da giebts wieder mal ein Hallodria über den Thalmüllern, und der bleibt doch dabei Der, der er ist. Aber Sepp, sag mir das Einzige: Ist der Schatz verloren?« »Ja.« »Auch für immer?« »Nein, nur für heut.« »Das ist gut! Das kann mich gefreun. So hab ich doch die Hoffnung, daß ich ihn mal bekommen kann. Dazu paßt wohl ein jeder Nachvollmondstag?« »Ein jeder.« »Und ich muß es grad so machen wie heut?« »Wannst wieder Frosch und Kröten haben willst, ja!« »Nein, so mein' ichs nicht.« »Wie sonst?« »Ob die Vers dieselben sind.« »Ganz dieselben. Aber reden darfst nicht und Dich auch nicht prügeln mit dera Magden, sonst ists gefehlt. Nun aber hab ich für heut genug. »Ich geh!« »Ja,« meinte auch der Spielmatthes. »Da aus der Sachen nix worden ist, so stell ich mich auch nicht länger her. Aberst wannt das Geld gehabt hättst, Thalmüller, so wär ich nicht sogleich gangen, sondern da hätt Dein Kellern was hergeben müssen.« »Meinst? Nix hättst bekommen, gar nix!« »Ja, geizig bist; das weiß ich wohl; aber wir hätten Dich wohl auch nicht lang gefragt. Jetzt aber ists ganz umsonst. Kommt, Ihr Leutln! Wir wollen gehn und lieber bei mir noch ein Bier auf diesen Schreck trinken. Das ist besser, als wann man von seiner eigenen Magd geprügelt und gehauen wird.« »Ja, mach nur gleich, daßt hinauskommst, sonst kannst noch die Peitschen zu schmecken kriegen, Du Nixnutz!« rief der Müller. »Von Dir?« »Ja, von mir!« »Das müßt auch gut ausschaun. Aber so weit wolln wirs gar nicht kommen lassen, sonst würd die Peitschen auf dem Deinigen Rücken tanzen anstatt auf dem meinigen! Kommt, wir wollen schaun, daß wir gehn!« Sie gingen Alle; nur der Fingerlfranz blieb noch da, weil der Müller ihm einen Wink gegeben hatte. »Was willst noch?« fragte der Viehhändler. »Wissen will ich, wast zu dieser Geschichten sagst.« »Gar nix.« »Mußt doch auch eine Ansichten haben!« »Die hab ich auch.« »Und wie lautet sie?« »Das werd ich mich hüten. Dir zu sagen.« »Warum?« »Könntst leicht bös auf mich werden.« »Auf Dich? Fallt mir nicht ein!« »Nun, ich denk, daßt sehr dumm wesen bist.« »Das klingt freilich nicht höflich!« »Drum hab ich mich gleich vorerst entschuldigt.« »Warum meinst denn grad dies?« »Weilst gesprochen hast, sonst hättst jetzund das Geld.« »Du glaubst also dem Sepp?« »Natürlich!« »Und ich möcht meinen, daß er mir einen Possen spielt hat.« »Da bist falsch auf dem Weg.« »Ich trau ihm nicht.« »Und ich trau ihm sehr.« »Ja, weißt, er ist so Einer, der das best Gesicht machen kann, so gut und lieb, wie eine Jungfer; aber hinter denen Ohren hat er es faustdick liegen.« »Das mag sein; hier aber ist er ehrlich gewest.« »Hm! Bin noch nicht überzeugt davon. Wo kommen so schnell die Fröschen und Kröten her?« »Von denen Geistern, weilst geschwatzt hast.« »Er kann sie auch hereini schafft haben.« »Wann? Er war doch beim Matthes!« »Bevor er zu diesem gangen ist.« »Wie hätt er herein könnt? Hattst nicht verschlossen?« »Das hatt ich wohl. Aber er ist gut mit dem Fex, und dem trau ich auch nimmer. Und schau – da fallt mir eben ein, daß der Fex die Laden heut zugemacht hat. Er kann leicht ein Fenster auslassen haben.« »Um den Topf herein zu setzen?« »Ja. Schau mal nach! Denn dann müßts noch aufi sein, weil er von draußen nicht zumachen kann.« »Will gleich sehn.« Er untersuchte die Fenster und Läden sehr sorgfältig. »Es ist Alles zu,« referirte er sodann. »So hab ich mich freilich täuscht.« »Das hab ich mir denkt. Der Sepp meints ehrlich. Warum hab ich meine Sauen erhalten?« »Nun, warum?« »Weil ich keinen Fehlern begangen hab. Der Barbiern, der Hallunk, hat sich auch eine Güten than und mir die Ohrfeigen geben, daß ich dacht hab, der Himmeln soll einistürzen; aber ich hab dennerst nicht räsonnirt und kein Wörtchen sagt. Drum hab ich die Sauen erhalten. Nachher aberst, als ich sie sicher habt hab, da hab ich ihm die Watschen mit Zins zuruckgeben. Du aber hast nicht schweigen konnt.« »So meinst wirklich, daß dies schuld ist?« »Ja.« »Magst Recht haben. Die Geistern sind zornig worden über die Käth und haben das Geld in die Thieren verwandelt. Aber die Käth muß nun fort, und den Schatz bekomm ich doch noch; dafür werd ich schon sorgen. Weißt, ich hab Angst habt, daß Jemand hier in der Stuben gewest ist, während ich fort war.« »Angst? Warum da gleich Angst?« »Weil mir mein Geldschlüsseln fehlt.« »Sapperment! Den hat man Dir doch nicht etwan stohlen?« »Ich weiß nicht. Ich hab ihn nicht finden konnt.« »Wo ist er Dir wegkommen?« »Allhier in der Stuben.« »Und wo hast Dein Geld?« »Das brauchst nicht zu wissen. Aber da nimm die Lampen, und such mal nach, ob er nicht zu finden ist!« »Das will ich schon thun. Aber sagen thust mir nicht, wo Du's Geldl hast? Ich mags gar nicht wissen; ich bin reich genug und mach bei meinem Schwiegervatern nimmer den Spitzbuben. Eine Beleidigung ists auf jeden Fall. Zeig her das Licht!« Er nahm die Lampe und leuchtete auf der Diele herum. Es währte auch gar nicht lange, so war das Suchen von Erfolg. Er richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf. »Hier liegt ein Schlüsseln. Ists derselbige?« Der Müller griff begierig nach. »Ja, der ists! Gott sei Dank!« »Hast schon suchen lassen?« »Die Käth.« »Und die hat ihn nicht funden? Ja, diese Weibsbilder haben allüberall die Augen, aberst nimmer da, wo sie dieselbigen grad haben sollen.« »Und wo hat er gelegen?« »Die Dielen ist durchfault; da ist ein Loch, und er lag drinnen, mit Staub verhüllt.« »So hat sie ihn von wegen dem Staub nicht sehen könnt. Ich abers: bin froh, daß ich ihn wieder hab. Und nun weiß ich auch, daß Niemand hier in deren Stuben gewest ist. Das macht mirs Herz ruhig.« »Hast wohl gar sehr viel Geldl da stecken?« »Es ist nicht nur ums Geld allein, sondern es sind auch noch andere Sachen dabei, die mir Niemand anschauen darf. Doch das ist nun gut. Jetzund hab ich Dir noch was zu sagen. Gehst gleich nach Haus?« »Ja. Oder meinst, daß noch nicht die Zeit dazu ist?« »O wohl! Es ist bereits spät nach Mitternacht. Da könntst doch mal gleich mit zum Hochzeitsbittern gehn.« »Jetzund? In deren finstern Nacht?« »Ja, weils nothwendig ist.« »Etwan wegen unsrer Verlobungen?« »Ja. Wir müssen noch Wen einladen lassen, gleich beizeiten in der Fruh, wanns Morgen worden ist.« »Wen?« »Das kannst nie und nimmer errathen. Ich mein' nämlich die beiden Herren drüben im Parterr.« »Den Wagnern und den Ludwigen?« »Warum sollen die mit dabei sein?« »Weil sie gar so vornehme Herren sind.« »Vornehmer als die Andern doch aberst nicht. Oben, über ihnen wohn ein Baronen und ein Conzertmeistern; die sind doch vornehmer als Die da unten.« »Grad nicht! Es ist ein Geheimnissen; aberst Dir kann ichs verrathen, eben weilst der Bräutigam bist. Der Wagnern ist der Richard Wagnern, weißt, der die Opern machen thut.« »Donnerwettern! Meinst den Richard Wagner?« »Ja. Erst neulings hat er wieder eine solche Opern gemacht; er hat sie den »Gottfried« genannt.« »Siegfried heißts!« »Ach so! Na, meinswegen! Zwischen Siegfrieden und Gottfrieden wird kein großer Unterschied sein.« »Ein sehr großer sogar! Der Siegfried soll ein großer, berühmter Held sein. Der Schulmeistern hat in der Dorfschänken davon erzählt.« »Nun, der Gottfrieden war auch ein großer Held. Das hab ich selbst auch vom Schulmeistern gehört. Der Gottfried hat vorigesmal das ganze Jerusalem derobert. Er ist von Adel wesen und hat Gottfried von Oleum geheißen. Da siehst, daß ich auch meine Weltgeschichten im Kopf hab. Also der Wagner, der drüben bei mir wohnt, der ist der berühmte Comperniste, und der Andere, welcher Ludewig heißt, der ist gar der König selber.« Franz trat erstaunt um einen Schritt zurück. »Ja, da machst Augen!« sagte der Müller triumphirend. »Der Kö – – – nig – – –?!« »Freilich! Oder willsts etwan gar nimmer glauben?« »Fast möcht ichs nimmer glauben.« »Ich weiß es gewiß.« »Der König in der Thalmühlen! Was will er hier?« »Weiß ichs? Solche Leuten haben immer mal was Heimlichs vor. Weißt, solche große Herren nennt man doch die Dippelmaden; die dippeln überall herum, wo's in der großen Politiken mal einige Maden giebt.« »Wer hats Dir denn gesagt, daß es der König ist.« »Die Sängrin droben. Die weiß es gewiß.« »Ja, die muß es freilich wissen, denn die Leut vom Theatern, die kennen den König sehr genau. Und den also willst mit einladen?« »Ja, mit dem Wagnern.« »Warum?« »Das fragst auch noch?« »Wir brauchen sie ja nicht.« »Nein; aberst was für eine Ehren und ein Honneur das ist, wann wir sagen können, daß der König bei uns zur Verlobung gewest ist!« »Freilich! Die Leut werden uns sakrisch beneiden. Aber ob der König auch kommen wird?« »Warum nicht? Ist etwan der Thalmüllern ein Haderlump? Es ist für keinem König eine Schand, mein Gast zu sein. Ich fürcht mich nicht vor ihm. Mir ists ganz gleich, ob ich mit dem König red oder mit Dir, und in eine Angelegenheiten von mir dürft er nicht reden; da bin ich selbern Herr und König. Aber etwas anders müssens wir nun doch thun, als ich vorheren wollt.« »In wiefern?« »Mit dem Essen und Trinken.« »Ach so!« »Ja, wann der König da ist, dann muß es auch was Extrafeins geben, nicht nur so einen Wein, wie die Bauern trinken, weißt, welcher so schmeckt, als ob man eine Katz verschluckt und zieht sie nachhero beim Schwanz wieder heraus. Da muß man solchen trinken, weißt, wo die Stöpseln bis zur Deck in die Höhen springen. Wie heißt er gleich?« »Das weiß ich – Pam – Kam – Dam – Schlam – Fam – Ham – – –« »Ja, ja, so beinahe ists. Es ist so wie Schlamm, und nachher wie ob Einer im Wasser panscht, so ein – ein – ein – so ein Panscher.« »Ja, richtig, jetzt hab ichs: Schlammpanscher.« »Ja, so, so heißts, Schlammpanscher, wie wann Einer mit denen nackten Beinen im Schlamm herumpanscht. Was doch die Menschheit albern ist! Immer denen besten Sachen giebt man die schlechtesten Namen. Woher aber kann man solchen Wein erhalten?« »Vom Hotel in der Stadt.« »Und wie theuer kostet eine Flaschen?« »Der Ortsrichtern hat mal mit trunken. Er sagt, die Flaschen hätt zehn Markerln kostet, und noch eine bessere Sorten gar fünfzehn.« »Himmelsakra! Weißt, so kannst mal hingehn zum Hotel, nicht?« »Ja. Wie viel soll ich bringen?« »Zwei halbe Flaschen, dem König eine und dem Wagnern auch eine.« »Denen Andern nicht?« »Nein, denen nutzt der Schlammpanscher doch nix.« »Aberst dem Bräutigam könntst auch eine vorsetzen!« »Dir? Da bin ich viel zu gescheidt dazu. Du wirst welchen trinken, ohne daß ich ihn Dir kauf.« »Das möcht ich auch erfahren, wie?« »Das weißt nicht? So hast auch die Gescheidtheit nicht mit denen Löffeln gefressen! Der König muß doch eine Gesundheiten mit Dir trinken, nicht?« »Ja, weil ich der Bräutigam bin.« »Und der Wagnern auch?« »Freilich.« »Nun, so bekommst also Schlammpanscher.« »O weh! Denkst etwan, diese Herren trinken so wie wir? Die geben ihr Glas nicht her, sondern die stoßen nur mit Demjenigen an, dem seine Gesundheiten sie meinen.« »Das geht Dich nix an. Du mußts grad so machen wie mit denen Bauern. Wann der König Dir das Glas entgegenhält, und wann er sagt: »Prost, Deine Gesundheiten, Herr Bräutigam!« so greifst nicht etwan nach Deinem Glas, sondern nach dem seinigen und trinksts gleich aus. Nachhero hältst ihm das Deinige hin und sagst: »Schön Dank, Herr Ludwigen, wohl bekomms auch!« und er nimmts und trinkts auch aus. So habt Ihr die Gesundheiten mit nander trunken und seid quitt.« »Und mit dem Wagnern auch?« »Freilich! Und auch ein feins Essen müssen wir haben, weißt, solch Zeug, wobei es Unsereinem gleich ganz schlimm und übel wird wie bei deren Seekrankheiten.« »Was meinst?« »Es wird aus Heringseiern gemacht und heißt Ki – Ke – Ku – hinten dran ist er.« »Ach so, Kiviar?« »Ja. Das soll eine große Delikatessen sein. Ich habs in der Stadt gehört beim Kaufmann.« »Wie wirds denn gessen?« »Gessen nicht, sondern trunken zur Schokoladen. In eine Tasse Schokoladen rührt man zwei Eßlöffel voll Kiviar ein. Nachhero schmeckts. Und sodann giebts noch so eine große Delicatessen. Das sind Muscheln, die im Meer wachsen und gleich lebendig gefressen werden.« »Ach, meinst Flaustern?« »Ja, Flaustern. Da hab ich auch schon den Kaufmann fragt. Sie sind was theuern, drei Markerl das Dutzend. Aberst so viel brauchen mir ja gar nicht für die beiden Herren. Wann Jeder nur eine hat, so ists genug; dann wissens schon, daß mir Lebensart besitzen. Die werden auch im Hotel zu haben sein.« »Natürlich! Dort habens Alles. Aber ich hab noch keine gessen. Muscheln sind doch zu. Weißt auch schon, wie man sie aufmacht?« »Freilich! Der Kaufmann hat mirs sagt. Sie werden aufbocht wie die Nüssen. Darum legen wir denen Beiden den Hammer hin; die werdens nachhero schon selber machen.« »Und was wird dazu gessen?« »Syrupen wird aunschmiert, denn die Flaustern müssen süß schmecken, sagt der Kaufmann. Drum setzen wir eine obere Kaffeetassen voll hin. Beim Krämer bekommt man für zehn Pfennigen die ganze Tassen voll, daß sie überlauft. Kannst also die Flaustern mit besorgen, zwei Stuck und auch den Kiviar.« »Wie viel da?« »Wir geben blos Jedem eine Tassen Schokolade, also brauchen wir vier Löffel voll. Kannst sie Dir gleich in eine Düten geben lassen. Und nun geh auch, daßt zum Hochzeitsbittern kommst!« »Darf ers wissen, daß es der König ist?« »Nein, aberst andeuten mußts ihm, daß er seine Sachen aufs Allerfeinst machen soll, daß wir keine Schand mit ihm verleben und – – – Was willst?« Diese Frage war an Paula gerichtet, welche jetzt hereinkam. Vorhin, als Alle hinaus mußten, war sie mit Leni und dem Stubenmädchen der Directorin hinauf zu dieser Letzteren gegangen, um sie zu beruhigen, obgleich sie selbst sich keineswegs innerlich ruhig fühlte. Sie konnte sich das außerordentliche Vorkommniß der heutigen Nacht, den Lärm, die Frösche und Kröten, den zerbrochenen Topf, die Anwesenheit so vieler Männer, welche gar nicht in die Mühle gehörten, gar nicht erklären, und nahm sich vor, den Vater zu fragen, obgleich sie denselben gut genug kannte, um zu wissen, welche Art Antwort er auf solche Erkundigung zu geben pflege. Als nun die Männer fort waren, wartete sie noch ein kleines Weilchen und kam nun herab. Ohne erst zu horchen, trat sie ein. Sie hatte geglaubt, ihr Vater sei allein, und so erschrak sie, daß sie grad diesen verhaßten Menschen bei ihm fand. »Ich wollt mit Dir reden,« antwortete sie; »aber weilst nicht allein bist, so kann ich wieder gehen.« Sie machte Miene, die Stube zu verlassen; ihr Vater aber gebot ihr: »Halt! Du bleibst! Wast so mitten in deren Nacht mit mir zu reden hast, kann ich mir nicht denken; aber weilst einmal da bist, so paßts auch gut. Also red!« »Ich hab so große Sorgen um Dich, daß – – –« »Sorgen?« fiel er ihr halb höhnisch in die Rede. »Wie käm es denn, daßt mal Sorgen um Deinen Vatern hättst!« »Ich wollt gern wissen, was heut geschehen ist.« »Ach so! Also nicht Sorgen sinds, sondern Neubegierde ists. Und da meinst, daß ich sie Dir stillen werd?« »So ists nicht gemeint. Ich hab denkt, daß Dir ein Unglück widerfahren sei.« »Unsinn! Ein Spaß ists nur gewest. Nun weißts und hast nimmer danach zu fragen. Das ist also abgemacht. Aberst nun hab ich noch mit Dir zu reden. Siehst, wer da steht?« Er deutete auf den Fingerlfranz. »Den seh ich schon. Er ist groß genug.« »Dein Bräutigam!« »Vater – – –!« »Still!« unterbrach er sie. »Ich habs gesagt, und es bleibt dabei. Da wird nimmer gemuxt!« »Laß Dir nur ein einziges Wort – – –« »Wirst gleich schweigen!« fuhr er sie abermals an, obgleich sie die Hände bittend erhoben hatte und im demüthigsten Tone sprach. »Ich werd es mir wohl gar gefallen lassen sollen, daß die Tochtern mir nicht gehorcht!« Sie wagte es dennoch, wieder zu sprechen: »Grad weil ich Deine Tochtern bin, und Du bist mein Vatern, hab ich das Recht, mit Dir zu – – –« »Wannt nicht sogleich schweigst, sollst sehen! Franz, heb doch mal die Peitschen auf, und gieb sie mir her!« Der Bursche, anstatt sich des Mädchens anzunehmen, holte die Peitsche wirklich herbei. Da färbte sich das bleiche Gesicht Paula's dunkelroth. »Also der ist mein Bräutigam?« fragte sie. »Ja, ich habs so wollt!« »Und ich soll seine Frau werden?« »Wannst nicht willst, so mußt!« »Er sagt, daß er mich lieb hat; er verspricht mir alles Glück und alle Freud und giebt Dir doch die Peitschen, daßt mich schlagen sollst!« »Weil sichs so gehört!« »So weiß ich ganz genau, was ich von ihm zu erwarten hab, ganz genau!« »Die Peitschen auch, wannst ihm dann nicht gehorchst. Er wird der Mann sein, der zu befehlen hat!« »Und Du willst mich ihm wirklich geben?« »Fragst auch noch!« »Das kann ich gar wohl. So eine Fragen ist ganz am richtigen Ort, wann der Vatern im Voraus erkennt, daß die Tochter Prügel bekommen wird.« »Dagegen hab ich gar nix, wann die Prügeln nur verdient sind. Du hast den Mann zu ehren, zu achten und zu lieben, von ganzem Herzen.« »Einen solchen Mann? Niemals!« »Was? Nicht?« Er erhob die Peitsche. Aber anstatt sich einschüchtern zu lassen, trat sie einen Schritt näher und antwortete muthig, indem ihre Augen unter Thränen blitzten: »Niemals!« »Das geht mich auch nix an! Liebt Euch, oder liebt Euch nicht; das ist Eure Sachen! Aber gehorchen mußt!« »Auch nicht! Einem Mann, den ich nicht lieben kann, werde ich auch nicht gehorchen, denn ich werde ihn überhaupt gar nicht heirathen.« »Ah! Wo? Wie? Was? Nicht, gar nicht?« Er schwenkte die Peitschenschnur scharf hin und her. »Nein, gar nicht!« antwortete sie. »Auch nicht, wann ich es befehl?« »Auch dann nicht!« »So willst mir widerstehen?« »Ja. Ich kann nicht mit Dir im Guten reden, denn Du hörst mich gar nicht an; also bleibt mir nichts übrig, als für mich selbst zu handeln. Ich sage Dir, daß ich den Franz nicht heirathen werd. Schau sein Gesicht an! Es ist noch geschwollen von der Straf, die er für seine Rohheit erhalten hat. Wie kann ich so einen Menschen achten oder gar lieben. Und wannt mich wirklich zwingen willst, so geh ich aus dem Haus und in einen Dienst. Ich will liebern die allergeringste Magd sein und mir die Hand blutig arbeiten, als die Frau eines solchen Menschen. So, das ist nun meine Meinung, und von der geh ich nicht ab!« Es war das allererste Mal im Leben, daß die sonst so schüchterne Paula in dieser Weise mit ihrem Vater zu sprechen wagte. Sie hätte jedenfalls gar nicht aussprechen können; er wäre ihr schon längst in die Rede gefallen; aber das ungeheure Erstaunen darüber, daß sie es wagte, ihm zu widersprechen, benahm ihm die Sprache. Er saß mit offenem Munde da und starrte sie an, als ob er eine ganz unbekannte Erscheinung vor sich habe. Dann aber, als sie geendet hatte, platzte er los: »Kreuzmillionenhageldonner! Was denkst eigentlich, wer ich bin. Du alberne Gans Du! Willst mir gar ins Gesicht sagen, daßt mir nicht gehorchen magst! Das ist mir noch nicht widerfahren! Jetzt gleich auf der Stell knieest hier vor mir nieder und machst die Abbitten, sonst – – –« Er klatschte mit der Peitsche; sie aber blieb stehen, ohne sich zu bewegen. »Nun! Wirds bald?« donnerte er. »Knieen? In Liebe kann ich vor dem Vatern knieen und wann er mir was zu verzeihen hat. Aber um einer Grausamkeiten willen auch noch Abbitten thun auf der Erd, das thu ich nicht!« Die Adern seiner Stirn färbten sich blauroth. »Nicht, also nicht?« brüllte er. »So kennst mich noch schlecht! Ich weiß die Mittel, Dich zu zwingen! Ich bin der Thalmüllern? Verstanden? Verstanden?« Da nahm auch ihr so schönes und liebliches Gesicht den Ausdruck einer unbesiegbaren Energie an, und sie antwortete mit erhobener Stimme: »Und Du kennst mich auch schlecht! Ich bin die Tochter des Thalmüllern; ich bin sein Fleisch und Blut und hab denselbigen festen Willen wie er. Ich laß mich nicht zwingen, niemals! Verstanden? Verstanden?« Er holte aus, um sie zu schlagen; aber es traf ihn ein so leuchtender Blick aus ihren Augen, daß er den Arm langsam niedersinken ließ. »So! Was willst dagegen machen, wenn ich Dich zwing?« »Ich geh fort!« »Und ich schließ Dich ein!« »So spring ich aus dem Fenster!« »Ich steck Dich in den Keller!« »Es wird sich eine mitleidige Seelen finden, die mich dann doch mal herauslaßt. Dann geh ich fort.« »Und ich schick Dir den Schandarm nach und laß Dich zurückbringen, zu Deiner großen Schand!« »Dann werd ich mich an das Gericht wenden. Dort werde ich erfahren, ob ein Vatern das Recht hat, sein Kind mit aller Gewalten in das Unglück zu jagen?« Es war ein wirkliches Wunder, daß der Müller noch nicht losgebrochen war. Es war ihm aber anzusehen, daß er sich kaum mehr halten konnte. Er schrie sie an: »In das Glück! Verstanden? Das muß ich wissen, ich allein! Du dummes Ding bist viel zu albern und zu jung, um zu wissen, was Dir zum Glück oder zum Unglücken ist! Später wirsts mir auf den Knieen danken, daß ich Dich zwungen hab, den Franz zu nehmen!« »Ich werds Dir nicht danken, weil Du mich nicht zwingen wirst.« »Nicht? So?« »Nein. Ich hab Dir sagt, daß ich mich nicht zwingen laß. Dabei bleibts!« »Ah! Dabei bleibts! Das ist stark, nein, das ist allbereits schon zu stark! Weißt, wobei's bleibt? Bei meinem Willen bleibts! Nun weißts! Und hier hasts Siegel drauf! Mach Dich hinaus!« Er holte aus und versetzte ihr einen schallenden Hieb. Sie verzog keine Miene; sie sagte auch kein Wort; sie ging ruhig hinaus. Draußen aber brach sie in ein leises, unterdrücktes Schluchzen aus, welches desto lauter wurde, je höher sie die Treppe emporstieg, um in ihr Stübchen zu gelangen. Droben wurde leise die Thür geöffnet. Leni trat heraus. »Wer weint da?« fragte sie halblaut. »Ich bins,« antwortete Paula, welche sich noch im Dunklen befand, so daß der aus der geöffneten Stubenthür fallende Lichtschein sie nicht traf. »Du, Paula, Du! Was hast? Wer hat Dich betrübt?« »Der Vatern.« »Der? Komm herein! Das mußt mir sagen!« Sie ergriff sie bei der Hand. »Nein, laß mich!« bat Paula. »Warum? Hast kein Vertrauen zu mir?« »O, ja.« »Haben wir nicht Freundschaft schlossen, da unten an der Treppen?« »Kannst mir auch nicht helfen!« »Woher weißt das?« »Weil mir überhaupten Niemand helfen kann.« »Das darfst nicht sagen. Oft kommt die Hülf, wann und wohero man sie gar nicht erwartet hat. Komm also herein und verzähl mir, was Dich gar so sehr traurig macht hat. Du armes Wurmerl! Der Bock stoßt Dich ja an, so sehr hast zu weinen! Komm!« »Ach, Leni, ich möcht sterben!« weinte Paula, indem sie den Kopf an die Schulter der Freundin legte. »Nein, das darfst grad nicht. Wann ich hätt sterben wolln, sobald ich ein Herzeleid hatt, so wär ich bereits längst schon todt. Komm, komm!« Sie zog sie in die Stube, machte die Thür zu und führte sie zum Kanapee. »Du wirst die Madam stören!« warf Paula ein. »Nein. Die schlaft wie ein Murmelnthier und schnarcht Die ein Stadtpfeifern. Hörsts nicht? Also sag mir bald, was Dich so traurig macht?« Sie setzte sich zu ihr, zog sie an sich und strich ihr mit der Hand über das weiche Haar. »Ach Gott, das ist gar schlimm, sogar sehr schlimm!« antwortete Paula. »So sags, was es ist!« »Das Heirathen.« »So? Das? Das ist so schlimm?« »Ja freilich!« »Aber Viele, so sehr Viele meinen, daß es sehr schön sei!« »Aber nicht, wann man Einen nehmen muß, den man nimmer leiden mag.« »Ists so bei Dir?« »Ja.« »So will man Dich gar zwingen?« »Ja, der Vatern will es haben. Er schlägt mich sogar.« »Weißt, Dein Vatern ist ein böser Kerl. Ich sags Dir, obgleich Du seine Tochtern bist. Wannst ihm nicht folgst, so thust gar nicht etwan eine Sünd damit.« »Ich will ihm auch nicht folgen. Ich geh liebern aus dem Haus. Aber so schnell, so schnell hatt ich mirs doch nimmer dacht!« »Soll es so rasch gehn?« »Am Sonntag bereits soll die Verlobung sein.« »Mit wem?« »Mit dem Fingerlfranz.« »Herjemineh! Mit dem?« »Kennst ihn etwan auch?« »Freilich! Und er mich auch, sehr gut!« »Woher?« »Er wollt mich partutemang küssen, und da hab ich ihm eine derbe Watschen geben, und als das noch nix helfen wollt, da hab ich ihm Mehl in die Augen geworfen, daß er gar nimmer hat sehen können.« »Der Hallodri!« »Den also! Den sollst heirathen?« »Ja! Und ich haß ihn doch so sehr!« »Freilich! Die, welche Dem gut ist, die möcht ich an denen Filzpantofferln haben, um sie abzulaufen. Nein, Paula, den nimmst nicht, auf keinen Fall!« »Aber der Vatern will mich zwingen!« »Das leiden wir nicht!« »Wir?« »Ja, ich werd Dir helfen.« »Ja, wennt das könntst!« »Ich werd schon können! Weißt, vor Deinem Vatern fürcht ich mich schon lange nicht. Ist er noch auf?« »Ja.« »So werd ich gleich hinuntergehn und mit ihm reden.« Sie wollte aufstehen. Paula hielt sie fest. »Halt! Bleib da! Der Franz ist noch bei ihm!« »Desto bessern! So hab ich gleich alle Zwei beisammen und werd ihnen eine Suppen einquirlen, in der sie Pfeffern und Salzen genug finden werden!« »Nein, bleib lieber da! Ich bitt Dich gar sehr schön! Wannt jetzt hinunter kämst, so wird sicherlich nix Gutes fertig. Der Vater ist ganz in einer Launen, daß er auf Dich schlagen thät.« »Hat ers bei Dir than?« »Ja.« »Das soll er büßen müssen. Wart, wir werden uns gegen ihn verbünden, und ich will sehn, ob zwei brave Dirndln nicht Herr werden über einen Vatern, der kein Herz im Leibe hat und über einen Buben, der von mir bereits so abfertigt worden ist. Aberst, Paula, sei gescheidt, und sag mir vorerst, warumt den Franz nicht magst!« »Er ist mir zuwider.« »Wohl – wegen – einem Andern?« Sie blickte dabei liebevoll forschend der Freundin in die Augen. Diese erröthete und antwortete leise: »Nein.« »So hast keinen Schatz?« »Nein.« »Und auch Keinen, an den Du still gern denkst?« »Auch nicht.« »Schau, das ist gut, sehr gut! Einen heirathen sollen, den man nicht mag, das ist noch lange nicht so schlimm, als wann man Einen gern mag und kann ihn doch nicht bekommen. Das kannst glauben.« »Weißts wohl genau?« »Ja.« »So hast Einen gern, dent nicht bekommst?« »Leider! Schau also, Paula, wir haben Beide ein Leid, und das meinige ist noch viel größern als das Deinige. Dir kann geholfen werden mir aber nicht. Und wann Dein Vatern ganz fest auf seinem Willen besteht, so kannst doch wenigstens fort.« »Er will mich einsperren!« »O, ich laß Dich heraus! Nachher suchen wir uns einen – –ach, warum denn nicht bereits jetzt?« »Was?« »Ich wollt gleich sagen, daß wir uns einen Freund suchen wollen, der Dir helfen wird.« »Ja, wen?« »Hast keinen?« »Nein. Der Fex ist wem bestern Freund. Aber Der, welcher mir helfen soll, der muß mächtiger sein, viel mächtiger als das arme, gute, treue Fexerl. Der freilich, wann der mir helfen könnt, der thäts allsogleich und wanns sein Leben kosten thät!« »Hat er Dich so lieb?« »Sehr!« Sie hatte das in einem Tone gesagt, als ob sie von etwas ganz Gleichgültigem. Selbstverständlichem spreche; als sie aber jetzt Leni's Augen mit eigenthümlich fragendem Blick auf sich gerichtet sah, erröthete sie, als ob sie etwas sehr Ungeschicktes gesagt habe. »Und Du bist ihm wohl auch gut?« fragte Leni. »Ja. Wir sind Beid neben nander groß worden.« »Ach so! Und er kann Dir nicht helfen?« »Gar nicht.« »So ist mir Einer eingefallen.« »Welcher?« »Ja, weißt, als Du sagtest, daß es ein Mächtiger sein muß, da hab ich gleich an denselbigen dacht.« »Sag mirs!« »Nun, rathests nicht?« »Nein.« »Weißt, ich bin ein gar kuraschirtes Hatscherl. Wann ich einmal zu einem Mächtigen laufen soll, so such ich mir doch gleich den Allsmächtigsten heraus. Und wer ist das? Denk mal nach!« »Um Gotteswillen, Du meinst doch nicht etwan – –« »Nun, wen?« lächelte die Sängerin. »Den König gar!« »Ja, den mein ich grade.« »O Gott, nein, nein!« »Warum nicht?« »Wie kann der an so ein dummes Maderl denken!« »So? Bist wirklich dumm? Paula, ich war noch viel, viel dummer als Du und er hat doch mit mir sprochen, von meinem Herzeleid und meinen Wünschen. O, er ist ein sogar besonderbarer Guter!« »Er soll so stolz sein!« »Der? Wer das sagt, der kennt ihn nicht. Ja, er ist ein Eigenthümlicher, so hoch und erhaben; aber wann er einmal herabsteigt, so ists schier grab, als ob man mit einem Engel sprechen thät.« »Aberst ein König, und ich, die Müllerpaula!« »Ein König und ich, die Muhrenleni! Er hat doch auch mit mir sprochen. Warum sollt er nicht auch mit Dir reden?« »Ich fürcht mich gar so sehr!« »Fürchtst Dich auch vor dem lieben Gott?« »O nein!« »Und der ist doch noch höher als der König!« »Aberst es ist doch etwas ganz Andres. Unser Herrgott ist die Liebe, die Barmherzigkeit!« »Meinst, daß unser guter König nicht auch barmherzig sein kann und nicht auch liebreich?« »Ich glaubs wohl, aber ich fürcht mich bereits, wann ich zum Ortsrichter gehen muß, wie viel mehr aberst, wann ich zum König gehen sollt.« »Das sollst ja gar nicht!« »Was sonst?« »Ich geh zu ihm.« »Du? Du willst für mich sprechen?« »Freilich! Hab nur keine Sorg! Ich werds noch viel besser machen, als obsts selber wärst.« »Und fürchtest Dich nicht?« »Fallt mir gar nicht ein. Ich red so ganz von der Leber herunter und er hört mich an und antwortet, ganz so, als ob ich – als ob ich die Leni wär.« »Ja, so eine Extrakuraschen hab ich freilich nicht! Aber meinst denn wirklich, daß er mir hilft?« »Natürlich!« »Aber ob ers auch kann?« »Das ist eine komische Reden. Wer soll es denn wohl besser können, als grad der König, der grad der Mächtigste ist im Land.« »Und wie er es anfangen wird?« »Das weiß ich sehr genau.« »Nun?« »Er wird zu Deinem Vätern gehen und zu ihm sagen: Höre, Müllern, wird er sagen. Du bist ein sehr dummer und ein sehr harter Kerlen! Du hast eine Tochtern, wird er sagen, die ist ein braves und liebes Dirndl, und dennerst willst sie dem Fingerlfranz geben. Ich kann Dich gar nimmer begreifen, wird er sagen. Sei gescheidt und mach keine solchen Faxen, denn das kann ich nicht leiden, wird er sagen. Die Paula mag sich einen Andern heraussuchen. Laß ihr nur Zeit, sie wird schon Einen finden, wird er sagen. Nachhero kannst auch Verlobung machen und Hochzeiten. Aberst mit dem Fingerlfranz, da laß sie nur in Ruh, wird er sagen.« »Meinst?« »Ja, so wird er sagen,« antwortete Leni im Tone und mit der Miene tiefster Ueberzeugung.« »Aber der Vatern – –!« »Nun, der wird gehorchen.« »Glaubst Du?« »Natürlich. Wann der König redet, hat ein Jeder zu schweigen und zu gehorchen.« »Aber obs mein Vatern thut, das ist noch nicht fest.« »Nun, da wird sich der König gar nix draus machen. Vor dem ist ein Müllern wie eine kleine Fliegen, wie eine Mucken in der Luft.« »Und wann wein Vatern dennerst widerspricht?« »Nun, so wird ihn der König nur so ein Bischen von oben herab anschaun und zu ihm sagen: »Thalmüllern, bei Dir rappelts wohl im Kopfe? Soll ich Dich in's Zuchthaus stecken lassen, zehn Jahre lang oder fünfzehn oder gar lebenslänglich, wird er sagen. Dann wird Dein Vatern klein zugeben müssen.« »Ich trau doch nicht recht.« »So denkst, daß er sich lieber einsperren laßt?« »Nein, sondern ich denk, daß der König nimmer so scharf mit ihm redet.« »So? Das laß nur meine Sorg sein. Ich werds ihm schon sagen, wie man mit dem Thalmüllern reden muß. Und nun sag, bist noch traurig, Paula?« »Nicht so, wie vorher. Du hast mir wiedern ein wenig Muth gemacht. Ich danke Dir.« »Ja, schau, wann man sein Herzeleid Jemanden sagen kann, nachhero ists immer, als ob es viel kleiner geworden war. Paß auf, morgen um diese Zeit ists wohl ganz vorüber.« »Ach, wie wollt ich da dem Herrgott danken und auch Dir. Ich würd Dirs niemals vergessen!« »Ich thu es so sehr gern.« »Aber wirds der König mir auch nicht übel nehmen, wann Du zu ihm von mir redest?« »Das fallt ihm gar nicht ein. Er wird sich freuen, wann er einem seiner braven Landeskinder das Herzerl wieder leicht machen kann.« »Leni, es ist bereits viel leichter. Was bist doch für eine gute Seelen! Ich hab Dich erst so kurze Zeit kennt und bin Dir doch bereits so gut, als obst meine Schwestern wärst seit langer Zeit.« »So geht mirs auch mit Dir, Paula.« »Bist mir also wirklich auch gut?« »Von ganzem Herzen.« »So nimmsts mir wohl am End auch nicht übel, wann ich Dich jetzt noch um was bitten thu.« »Dir konnt ich gar nie was übel nehmen.« »So darf ich?« »Ja. Kann ich die Bitt aber auch erfüllen?« »Ich weiß es noch nicht. Weißt, der arme Fex –« »Ah, der Fex!« lächelte Leni. »Was meinst?«' fragte Paula erglühend. »Daß ich mich freu, daßt von ihm redest.« »Kennst ihn denn?« »Ja, ich hab ihn doch gesehen. Aber sag mir doch mal gleich, was er eigentlich ist.« »Er ist mit einer armen Zigeunerin als Kind hier ins Land kommen. Sie ist storben. Da nahm ihn ein Holzknecht als Kind an; der starb aberst auch bald und so kam er her zu uns und ist Fährmann worden.« »So hat er keinen Verwandten?« »Keine Seel auf Gottes weiter Welt und keinen Freund, als nur allein den Wurzelseppen.« »Ah – so! Und Du?« »Ich halt auch große Stucken auf ihn, weil er so gut und aufmerksam zu mir ist. Die andern Leut aber verachten ihn und thun ihm Alles zum Schaden.« »Verdient er Geld mit der Fähre?« »Er muß Alles dem Vatern geben.« »So sieht er aus! Kein Schuh und kein gar nix ist bei ihm zu sehen, und dennoch – –Paula, hast ihn Dir einmal so recht deutlich angeschaut?« »Oft!« »Ich mein, obt ihn angeschaut hast mit dem Gedanken, ob er ein hübscher Bub ist oder nicht?« »Nein.« Sie senkte die Augen verlegen nieder. »So sag, was meinst von ihm? Ist er hübsch?« »Häßlich wohl nicht.« »Nein. Ich sag Dir, daß ich noch gar keinen so hübschen Buben sehn hab als den Fex – außer Einem.« »Ach, demjenigen, dennt nicht bekommen kannst?« »Ja. Aber Du wolltest mich doch wegen dem Fexen um Etwas bitten?« »Ja, weißt, er liebt die Musik so sehr – – –« »Das gefreut mich von ihm.« »Und er hat doch noch nie was Ordentlichs gehört.« »So!« »Ja, nicht mal ein Conzerten!« »Ah, ich errathe, waßt willst.« »So? Sags doch!« »Er will das meinige Conzert mit anschauen?« »Er hat mir nix davon sagt; aberst es könnt mir keine größere Freuden geschehn, als wann er hören könnt, wie Du singst und wie die andern großen Künstlern spielen.« »Willst auch Du mit in's Conzert?« »Sehr gern möcht ich mit, aber dem Vatern darf ich nicht damit kommen, und auch bring ich das große Geldl nicht zusammen, was es kostet.« »Nun, das ist das allerwenigste. Deinen Vatern will ich leicht so weit bringen, daßt mitgehen kannst, und ein Freibilletl geb ich Dir dazu.« »Du Gute!« jubelte Paula. »O, es kostet mich gar nix. Da brauchst also nicht groß zu danken. Und was den Fex betrifft so, hm, ich könnt ihm auch ein Billeten geben, aber –« »Was, aber?« »Hat er denn ein guts Gewandel?« »Nein.« »Er muß doch noch andre Kleider haben als die, die ich an seinem Leib sehen hab!« »Er hat nix Andres.« »Unmöglich!« »Ja, der Vatern gibt ihm nix.« »So mußt halt Du draufsehn, daß er ein ordentlich Habiten bekommt. Wann er zur Thalmühlen gehört und alles Führgeld abgeben muß, so kann er auch verlangen, daß er ordentlich ernährt und gekleidet werd.« Paula blickte der Freundin ganz betroffen in das Gesicht. Sie hatte an diese Sache, so einfach und selbstverständlich dieselbe war, gar nie gedacht. Sie hatte den Fex nie anders gesehen, als in Kleidern, die er von Andern geschenkt bekommen und sich selbst mit Hilfe von Nadel und Zwirn mühsam zugerichtet hatte, und das war ihr bis an diesem Augenblick als etwas ganz und gar Selbstverständliches erschienen. »Du schaust mich so ganz sonderbar an!« sagte Leni weiter. »Hast wohl daran noch gar nicht dacht?« »Noch nie,« gestand Paula. »Und auch kein Andrer nicht?« »Nein.« »Auch der Fex selbst vielleicht noch nicht?« »Ich glaub, halt auch er nicht.« »Du, da irrst Dich ganz sicher. Weißt, wie alt er ist?« »Nein, Niemand weiß es.« »Nun, ich schätz ihn achtzehn Jahre oder auch eins noch mehr. Und es giebt keinen Buben, der in diesem Alter nicht gern ein saubers Gewandt auf dem Leib trägt.« »Ja, sauber ist er doch!« »Du meinst reinlich nur. Ja, das ist er. Aber was er trägt, das sind ja lautern Fetzen. Wann er sich das gefallen laßt, so thut er das nur Deinetwegen.« »Meinst?« Sie erglühte abermals bis tief in den Nacken herab. »Ja, gewiß. Er verlangt nix, um sich nicht mit Deinem Vatern zanken zu müssen.« »Wie gern möcht ich ihm da helfen!« »Kannst etwan nicht?« »Nein. Der Vatern hats Geldl, ich nicht.« »So wart mal, Paula. Ich werd Dir da gleich mal was zeigen.« Sie ging hin an den Tisch, auf welchem die Lampe stand, stellte sich so, daß sie Paula den Rücken zukehrte, griff in die Tasche, nestelte dann an Etwas herum und kam sodann zurück. »Mach mal Deine Hand auf!« sagte sie. »Warum?« »Ich will Dir was hinein thun.« Sie hielt die Hand hin. Leni that ihr das Betreffende hinein und sagte dann: »Jetzt schau es an!« »Herrgott, das ist ja Geld!« sagte Paula, wieder von der Hand aufblickend. »Freilich!« »Drei Goldstuckerln von zwanzig Mark!« »Ja, zusammen sechzig.« »Warum?« »Meinst, daß es reichen wird?« »Wozu?« »Zu einem Gewandl für den Fex.« »Gewandl – für – für – Leni!« »Was?« »Was soll ich dazu sagen!« »Nix, gar nix.« »Ich bin ganz starr!« »Das seh ich schon bereits!« »Ists Dein Ernst?« »Natürlich.« »Aberst das kann ich doch nicht annehmen!« »Warum nicht?« »Willsts etwan herschenken?« »Ja.« »Also nicht mal borgen! Das geht ja gar nicht!« »Ich möcht wissen, warums nicht geht.« »Wie kann eine reiche Müllerstochtern sich von einer armen Sängrin so was schenken lassen!« »O Du liebs Hascherl Du, was bist doch für ein talkets Dirndl! Bist wirklich so reich?« »Ja.« »Und vorhin sagst, daßt kein Geldl hast, sondern nur Dein Vatern hat es!« »Aberst ich bin sein einzig Kind. Was sein ist, das ist ja auch mein. Oder meinst etwan das nicht?« »Er kann Dich doch enterben, wannst den Fingerlfranz nicht nimmst.« »Wirklich?« »Ja. Ich denk mirs, daß er das kann. Dann bist auch nimmer reich. Und woher weißt, daß ich arm bin?« »Ich habs mir denkt.« »Da hast sehr falsch dacht. Weißt, der König zahlt Alles für mich und giebt mir auch noch viel Geld, was ich mir sparen thu. Ich kanns also geben?« »Aber ich kanns mir nicht schenken lassen!« »Schenk ichs Dir?« »Wem denn?« »Dem Fex.« »Ach so, ach so!« nickte Paula. »So ists! Aber so giebs ihm doch auch selbst!« »Nein. Er solls nicht wissen, von wems ist. Auch darfst nicht denken, daß ich da von Dir einen Dank erhalten muß, weil ichs etwan Dir zu Gefallen thu. Das ist ganz falsch. Weißt, der Wurzelsepp ist mein Path und mein allerbester Freund; dem sein Freund ist nun wiederum der Fex, und dem Fex schenk ich das Geldl zu den Gewandl, damit ich dem Sepp eine Freud bereite.« »Ja, wenns halt so ist –« »So ists.« »So werd ichs dem Fex geben?« »Ja, giebs ihm.« »Oder soll ich ihm lieber das Gewandl geben?« »Das wär noch hübschern. Aber giebts in der Stadt Einen, der solche Kleider verkauft?« »Es wird wohl Einen geben. Freilich hab ich in den Läden nur lauter Stadtherrenanzüg gesehen, weils eben ein Badeort ist, und es kommen lauter Herren, die kein Gebirgsgewandl tragen.« »So mußt halt selber sehn, wieds machen wirst. Ich hab nur deswegen dran denkt, weil der Fex mein Concerten hören will. Da muß er doch ein ordentlich Gewandl haben.« »Ach so! Aber damit ists gefehlt.« »Warum?« »Weil alle Leut schaun würden, wann er sich mit zu ihnen setzt. Sie würden bös darüber sein, selbst wann er ein guts Kleid an hat. Nein, so hat ichs nicht gemeint. Ich hab mir denkt, er könnt das Concertl mit anhören, ohne daß er von Jemand gesehen wird.« »Hm! Das ist auch zu machen.« »Aberst wie?« »Wann er sich hinter die Coulissen steckt.« »Erlaubt man ihm das?« »Ganz gern, wann ichs dem Directorn sag.« »O bitt schön! Sags ihm doch!« »Ja, das werd ich thun, gleich in der Früh, wann ich ins Theatern zur Proben gehen muß.« »Wie gut Du bist! Jetzt fühl ich wirklich fast gar nix mehr von dem Herzeleid und von der Ängsten, die ich vorhin mit hereinbracht hab.« »Schau, das kommt davon her, daß man eine Freundin hat. Meinst nicht auch, daß wir Freundinnen bleiben wollen für alle Zeit?« »Ach, wie so sehr gern, Leni!« »Auch wann wir nicht bei nander sind?« »Ja, da können wir uns doch schreiben.« »So gieb mir einen Kuß darauf.« »Von ganzem Herzen! Ich hab noch keine Freundin gehabt. Der Vatern ist so streng und hat mir Alles verboten. Ich hab so einsam lebt, wie – wie – ach, ich kanns gar nimmer sagen, wie, denn erst jetzt, wo ich Dich funden hab und so lieb gewonnen, da fühl ich diese Einsamkeiten. Und wann ich nicht zuweilen beim Fex gesessen hätt oder mit ihm durch den Wald strichen war, so hätts gar Niemand geben, der sich meiner erbarmt hätt. Freundlich sinds ja Alle zu mir wesen, aber Freunde nicht, weißt, denen man Alls so sagen kann, wie ich Dir und Du mir.« »Dem Fex aberst hast Alles sagen können?« »Ihm allein, aber auch nicht Alles.« »Warum nicht?« »Das weiß ich nicht. Vielleicht – vielleicht weil – weil – weil er kein Dirndl ist, sondern ein Bub.« »Hast Recht; so ists! Und nun will ich Dir mal was ganz neues sagen vom Fex.« »Weißt was?« fragte Paula schnell. »So sags! Ists was Gutes, Leni?« »Was sehr Gutes. Gieb mal Dein Ohr her.« »Warum?« »Es ist eine so große Heimlichkeiten, daß nur das eine Ohr es hören kann; nicht mal das andere darf Etwas davon wissen. Komm also her!« Sie zog Paula zu sich heran. Diese ließ die drei Zwanzigmarkstücke aus der Hand auf das Sopha gleiten und neigte sich ihr zu. Leni legte dem schönen Mädchen die Hand an das Ohr und flüsterte: »Du liebst den Fex.« Paula fuhr zurück, blickte ihr fast verständnißlos in das schöne Gesicht und fragte: »Was sagst?« »Hasts nicht verstanden?« »Die Worte, ja.« »Und weißt nicht, wie ichs gemeint hab?« Jetzt erst ging Paula das Verständnis auf. Was so lange Zeit unbewußt und unerkannt in ihr geruht und gelegen hatte, das trat plötzlich groß und voll vor ihr geistiges Auge. Sie wurde leichenblaß. »Was hast?« fragte Leni schnell. »Bist verschrocken?« Jetzt zog eine tiefe, glühende Röthe über Paula's Angesicht. Sie beugte sich nieder und verbarg die Gluth unter ihren Händen. »Paula, bist mir bös?« Keine Antwort. »Paula? Paula! Ich bitt Dich schön, sag doch ein Wort!« Da fuhr sie empor, schlang die Arme um Leni, zog diese mit herzlichster Innigkeit an sich und küßte sie auf die Lippen. »Ich bin Dir gar nicht bös,« flüsterte sie. »Gute Nacht!« Ehe Leni sie fest zu halten vermochte, war sie zur Thür hinaus. Sogar das Geld hatte sie auf dem Sopha liegen lassen. In ihrem Stübchen war es dunkel. Sie trat an das Fenster. Es regnete nicht mehr und die Sterne leuchteten in mildem Glanze vom Himmel nieder. Das Auge des schönen Mädchens richtete sich nach oben. »Du liebst den Fex!« Lang es noch jetzt in ihrem Ohre. Und das tönte auch in ihrem Herzen nach. Es war ihr so leicht, so wohl, so wonnig. Keine Spur mehr von dem Kummer, mit welchem sie die Stube des Vaters verlassen hatte. »Fex, Fex, lieber Fex!« flüsterte sie vor sich hin. So hatte sie ihn oft gerufen und sich doch nichts dabei gedacht, als daß er ihrem Rufe folgen solle. Und nun jetzt, was hatten diese Worte doch für einen ganz anderen Sinn! Noch lange, lange stand sie am Fenster und blickte hinüber nach der Stelle, an welcher die Fähre lag. Dann endlich trat sie vom Fenster zurück. Die Hände über dem wonnig wogenden Busen gefaltet, flüsterte sie nochmals: »Fex, lieber Fex, gute Nacht!« – Sie war so in Gedanken versunken und mit ihren Gefühlen beschäftigt gewesen, daß sie gar nicht bemerkt hatte, daß unten die Thür auf- und wieder zugeschlossen worden war. Der Fingerlfranz war gegangen, nachdem er noch so lange Zeit mit dem Müller gesprochen und von diesem die feste Versicherung erhalten hatte, daß am Sonntag die Verlobung gefeiert werde. Er schritt dem Dorfe zu. Fast in der Mitte desselben stand ein kleines Häuschen, der Besitz eines armen Webers. Auf der hinteren Seite gab es einen einfenstrigen Käfig – Stube konnte man es unmöglich nennen – in welchem sich der Hochzeitsbitter für wenige Mark jährlich eingemiethet hatte. Franz suchte dieses Fenster auf und klopfte an den Laden. Im Inneren ließ sich ein Geräusch von raschelndem Stroh vernehmen und eine halb gähnende, halb krächzende Stimme rief ärgerlich: »Laßt mich in Ruh, Ihr Lodrianers!« Der gute Mann wurde nämlich sehr oft von der übermüthigen Jugend aus dem Schlafe geschreckt. »Es ist kein Lodrian!« antwortete der Franz. »Wer denn?« »Der Fingerlfranz.« »Ach so! Was willst?« »Mach auf! Ich hab Dir was zu sagen.« »Bringts auch was ein?« »Ja.« »So werd ich öffnen.« Nach kurzer Zeit wurde das kleine Schiebfenster aufgeschoben und der Laden aufgestoßen. Es war stille Nacht, so still, daß man leise reden mußte, um nicht von unberufenen Ohren gehört zu werden. Darum näherte der Fingerlfranz seinen Kopf dem geöffneten Fenster, fuhr aber schnell wieder zurück, denn es war ihm etwas sehr Hartes und Weißes in das Gesicht gefahren, und zwar an die noch nicht geheilte Nase. »Donnerwetter!« fluchte er. »Was schiebst mir denn da herausi an die Nasen?« »Den Kopf.« »Wie dann?« »Siehsts nicht? Ich bins ja selber!« Ja wirklich, der Leichenbitter hatte seinen schmalen, langen Kopf, welcher in einer weißen Zipfelmütze steckte, herausgeschoben und war mit demselben dem Franz an die Nase gefahren. Aus der Zipfelmütze guckte nur die lange Nase, der breite Mund und das spitze Kinn hervor. »So schieb doch die Nachthauben von denen Augen weg, daßt sehen kannst, wohint den Kopf auch steckst!« »Ist nicht nothwendig. Es ist ja finstern draußen.« »Wart, so werd ich helfen!« Er griff zu und zog ihm die Nachtmütze ab. »Verfluchtger Kerlen! Willst mir etwan meine neue Nachthauben mausen!« meinte der Redekünstler. »Fallt mir nicht ein! Wozu könnt ich sie auch brauchen! Du sollst nur die Mützen von denen Augen thun, damit Du auch siehst, went vor Dir hast.« »Das seh ich bereits. Also, was willst?« »Sollst noch Zwei einladen für den Sonntag.« »Schon wiedern!« »Ists Dir zu viel?« »Nein; aberst mit Euch kommst man halt doch gar nimmer an ein allerletztes End!« »Nun aber wird der Schluß sein.« »Wills hoffen. Was zahlst?« »Wieviel willst?« »Das kommt darauf an, wers ist.« »Sie wohnen in der Villa bei der Mühlen.« »Bin ich schon gewest.« »Ja, in der Etagen, aber nicht im Parterr. Da wohnt ein Herr Wagner und ein Herr Ludewig. Die sollst noch einladen.« »So sag, was es für Leutln sind.« »Sehr vornehme.« »Mach mir nix weiß. Ich weiß schon. Die Vornehmen, wann man zu ihnen kommt, sinds die gröbsten und dümmsten. Tausendmal möcht man wiederholen, was man allbereits zehnmal schon sagt hat, und denn erst verstehn sie's noch immer nicht.« »So sags deutlicher.« »Deutlicher? Wie meinst das?« »Sollst kein Kohl reden!« »Kohl? Donnerwettern! Willst mich etwan beleidigen? Soll ich Dich zum Zweikampfen fordern, zum Duellen? Soll ich Dir den Spekulanten senden?« »Den Sekundanten meinst etwan?« »Ja, 's ist egal; aberst beleidigen lasse ich mich nicht!« »So halts Maul! Also die Beiden sind die feinsten Leut, welche geladen sind. Ihretwegen wird Kiviar mit Schokoladen und Schlammpanscher getrunken. Du mußt also Deine Sachen so fein wie möglich machen, damit sie einen Respecten vor Dir und vor uns bekommen.« »Vor mir werden sie ihn schon bekommen, ob aber vor Euch, das kommt drauf an, wie Ihr zahlt.« »Nun, was verlangst denn?« »So biet doch mal!« »Zwanzig Pfennige, für Jeden einen Groschen.« »Was? Für so ein Lumpengeldl soll ich mich in meinen Gallum werfen!« »Galla meinst doch!« »Schweig! Was verstehst davon! Wann die Frau sich anputzt, so heißts Galla, und wann der Mann sich putzt, so heißts Gallum. A ist weiblich und um ist männlich. Da frag den Schulmeistern, der fast so viel gelernt hat wie ich selberst.« »Also willst?« »Für diesen Preis nicht.« »So biet ich dreißig Pfennige.« »Fallt mir auch nicht ein! Für dreißig Pfennige soll ich mich in den Gallum werfen und zwei neue Reden einstudiren! Das ist zu viel verlangt.« »Neue Reden? Das machst Niemandem weiß.« »So? Ach? Wast doch für ein gescheidter Kerle? bist? Natürlich muß ich bei jedem anderen Menschen auch allemal eine andere Reden halten, sonst paßts ja nicht auf ihn. Ich hab in meinem ganzen Leben bei keiner Einladung auch nur ein einzig Wörtle zweimal sagt. Das ist einzig von mir, das macht mir Niemand nach, das hat Kopf und auch Ellbogen. Und für dreißig Pfennige. So wird kein Schenie bezahlt und kein Talent! Merks!« »So! Also willst nicht?« »Für diesen Preis? Nein!« »So sind wir fertig, denn mehr geb ich nicht. Gute Nacht! Träum Dir einen bessern Preis!« Er kannte seinen Mann und that, als ob er gehen wolle, doch kaum hatte er drei Schritte gethan, so erklang es hinter ihm: »Franz!« Er antwortete nicht. »Franz, Fingerlfranz!« rief es ängstlicher. »Komm noch mal her!« »Lohnts auch was?« »Mach keinen Spaß des Nachts. Man braucht den Schlaf und hat keine Zeit zu so langen Geschichten. Also sags aufrichtig, wast mir zahlen willst.« »Nun, gar nix.« »Oho!« »Nein, gar nix!« »Meinst, daß ichs umsonst thu?« »Nein, das verlang ich nicht. Ich werd die Herren selberst einladen. Das Trinkgeld kann ich mir auch verdienen, was sie mir geben.« »Da bekommst nix!« »O, wenigstens einen Thalern. Die sind gar nobel!« »Das kennt man schon! Je nobler, desto schofelner!« »Die nicht. Die sind reich, steinreich.« »Hast ihnen in die Taschen guckt?« »Und Künstler!« »So, na, da mags gehen. Die Künstlern sind immer nobel. Sie pumpen lieber Andere an, aberst ein Trinkgeldl geben sie allemalen. Also will ichs für die dreißig Pfennige machen.« »Ist mir zu viel.« »Wie? Hast sie doch vorhin geboten!« »Aber jetzt nun geb ich sie nicht mehr. Hättst vorhin mitgemacht!« »Das ist die reine Schlechtigkeiten, zumalen ich mein Geldl nicht mit Sünden und Faullenzen verdien.« »Ich geb fünfzehn!« »Gieb wenigstens zwanzig!« »Nein. Gute Nacht!« »Halt! Ich thu es für die fünfzehn!« »O, hättst vorher eingeschlagen! Jetzt geb ich halt nur noch einen Groschen. Und wannt nicht mitmachst, so geh ich fort und Du brauchst dann auch zur Verlobung nicht zu kommen!« Da freilich wurde es dem Manne angst. So ein Fest wie diese Verlobung wollte er auf keinen Fall einbüßen. Darum rief er schnell: »Halt! Ich machs für die zehn Pfennige!« »Und auch gut?« »Hochfein! Die beiden Herren solln in ihrem ganzen Leben noch keine solche Red gehört haben.« »So, gut! Hier hast den Groschen. Aber geh vor bei Zeiten hin, damit sie's nicht zu spät erfahren.« »Ich kenn schon meine Pflicht und weiß, was ich solchen Leuteln schuldig bin. Schlaf wohl!« »Gute Nacht!« Er warf ihm die Nachtmütze zum Fenster hinein, als der Kopf verschwunden war, und ging.