Korfiz Holm Mehr Glück als Verstand Roman   Deutsche Hausbücherei Hamburg Berlin Band Nr. 231 Copyright by G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung 1936 Einbandentwurf: Werner Rebhuhn: Gesetzt aus der Borgis Palatino-Antiqua Gesamtherstellung: Hanseatische Druckanstalt, Hamburg-Wandsbek 2. Auflage; Printed in Germany 1957     Dem Ewig-Weiblichen der Münchnerstadt     In diesem Buch, sei's schlecht, sei's gut, Dröhnt nicht des großen Meeres Flut, Doch auch im Tropfen Tau, der fällt, Malt sich das Spiegelbild der Welt.     Der Hinkepink und das Genie Es war im heißen Sommer neunzehnhundertelf, der Juli neigte sich dem Ende zu, ein heiterer Tag hielt seinen fast toskanisch blauen Himmel über München ausgespannt. Noch das gedämpfte Licht, das durch die rußigen Glasdächer des Hauptbahnhofes drang, trug Sonne in sich und ließ das Kunterbunt von sommerlich geputztem Menschenvolk, das unten auf den Steigen wimmelte, zu ruhiger Harmonie verschmelzen. Rauch puffte zornig oder wallte still aus stämmigen Lokomotivenschloten, er hüllte sich nach oben immer mehr in Glanz und floß unter dem Dach streifig zu Schwaden auseinander, durch die die Helle draußen wie durch einen zart gemusterten Achatschliff fiel, wechselnd von kaltem Weiß und duftigem Blaugrün über reich gestuftes Gelb bis zu den wie mit chinesischer Tusche untermalten Tinten eines warmen Brauns. Der alte Bahnhof, sonst als häßlich in der Welt verschrien, hatte seinen schönen Tag. Nur schade: unter all den Augen, die das sahen, bemerkten es kaum zwei. Die Reisezeit stand grade recht in Blüte, es herrschte ein erbittertes Gedräng, Mundarten aller deutschen und so mancher fremder Gaue wurden laut. Die meisten dieser Leute, ob sie nun keuchend mit den Ellbogen fochten oder müßig warteten, trugen den gehetzten, leergequälten Ausdruck im Gesicht, der sich von selber einstellt, wo der Mensch seinem ertiftelten Gemächte, der Maschine, gegenübertritt. Seit sie ihm Zeit spart, hat er keine Zeit. Ein solches Bahnhofspublikum aus der Verkrampftheit in entfernte Dinge loszureißen und ihm die Augen für die nahe Wirklichkeit zu öffnen, braucht es sinnfälligerer Reize als die Schönheit glanzdurchwobnen Rauches. Die Schönheit einer jungen Dame etwa, zumal wenn sie herausfordernd modisch aufgetakelt ist, bewirkt schon mehr; die allgemeinste Teilnahme aber, wenn dies Wort für diese Sache paßt, erringt sich stets, was durch Absonderlichkeit die Spottsucht weckt. Diese Art von Teilnahme erregte ein junger Herr, der eben aus der Schalterhalle trat. Wo er hier ging und stand, da wendeten sich Köpfe nach ihm um, man grinste hinter ihm drein, gutmütig oder hämisch, wie sich's eben traf. Feinfühlige Menschen freilich schauten ihm mit Bedauern nach, wohl auch von jenem halben Ekel angefaßt, der geradgewachsene Schönheitlinge beim Anblick eines Krüppels überläuft. Eins seiner Beine war zu kurz – sein rechter Stiefel zeigte eine Sohle von mindestens drei Fingerbreiten Höhe. Die richtige Dicke war das keinesfalls – sonst hätte dies Opfer schusterhafter Orthopädie nicht so fanatisch, durfte man wohl sagen, hinken können. Im übrigen war er auffallend dürr und eher groß als klein, engbrüstig und schmalschultrig. Sein feingeschnittenes Gesicht wies eine ungesunde Blässe auf, mit leiser Rötung überall, wo diese Farbe störend wirkt. Zu langes Haar, hell aschblond wie der ausgefranste kleine Schnurrbart, hing ihm in glatten Strähnen auf den Kragen nieder. Die Augen sah man nicht: ein schwarzes Glas verdeckte sie, ein Kneifer mit zu klobigem schwarzem Horngestell, der statt an eine Schnur an ein fast fingerbreites schwarzes Doppelband gekettet war. All dies Schwarz ließ sein Gesicht noch käsiger erscheinen. Schief auf seinem Kopf saß ein für ihn zu großer, aus ungebleichtem Leinenstoff genähter, kühn zerknüllter Hut. Um den lila und weiß gestreiften Kragen war eine sogenannte Künstlerschleife von lebhaftem Grün geschlungen. Eigenwillig zusammengestellt erschien der Anzug: ein graugelber kurzer Schoßrock, eine Weste aus blaugrundigem Goldbrokat und weite Hosen von der Art, die man Pepitahosen nennt – das Ganze offenbar das Werk eines bescheidnen Winkelschneiders in einem weltverlorenen Nest. Etwas vollkommen Zeitentrücktes aber lieh dem Menschen seine Reiseausrüstung im engeren Sinn. An einem Riemen umgehängt trug er eine der ledernen, mit überflüssigem Weißmetall bepflasterten »Kuriertaschen«, die weiland unsern Vätern auf der Reise unentbehrlich schienen, über die Schulter hatte er ein schmalgefaltetes altmodisch großes Plaid geworfen, und von seinen Händen schleppte die linke schwer an einem mit abgewetztem rotem Plüsch bezognen Mantelsack. Die stärkste Verblüffung aber weckte das Gerät, das der seltsame Reisende in seiner Rechten hielt. Es war nicht etwa ein handfester Stock, als Hilfe für den kurzen Fuß, nein, es war eine Reitgerte, hell buttergelb lackiert, von ungewöhnlich mächtigem Format. Zu welchem Zweck sie dienen mochte, blieb ein Rätsel; denn sich diesen Mann zu Pferde auszumalen, überstieg die üppigste Einbildungskraft. Eine so seltsame Erscheinung war der junge Mann, der um die Mittagsstunde eines Tages gegen Ende Juli im Jahre neunzehnhundertelf stark hinkend aus der Schalterhalle des Münchner Hauptbahnhofes trat. Es wirkte fast, als würde er trotz seinem schwarzen Glas geblendet durch das farbige Gewühl: er machte staunend halt, und zwar so nah der Windfangtür, daß die ihm einen Puff ans Schulterblatt versetzte. »Äcks!« schrie er auf, drehte den Kopf herum und fügte mit leisem Vorwurf väterlich hinzu: »Nu, nu! Wie kann man denn!« Dies galt der Tür. Er redete mit ihr, wie man mit einem Menschen spricht. Zugleich trat er um einen Schritt zurück und stieß an etwas federnd Pralles hin. »Soß!« warnte eine heisere Baßstimme hinter ihm. Der junge Mann fuhr jäh herum. Ein dicker Herr mit ungepflegtem Hängeschnauzbart in dem rundlichen Gesicht warf ihm aus wasserblauen Äuglein grimmige Blicke zu. »Pardon! Wie meinten Sie? Ich konnte nicht verstehn?« fragte der Fremde in unverfälschtem Baltisch-Deutsch. »Steigen S' mir gleich am Kopf!« erklärte sich der Münchner deutlicher. Nun aber sah er, was der Preuße – dafür hielt er ihn – für ein »z'samm'zupftes Mannsbild« war, und fuhr friedlicher fort: »Tun S' a bißl Obacht gebn, Herr Nachbar, gel?« Die Ehrung mit dem Nachbartitel versetzte den andern in einen leicht ironisch abgedämpften Wonnetaumel. Er strahlte wie ein Ethnolog, dem es im Urbusch Neuguineas an dem Verhalten eines redlichen Kanakers aufgeht, daß man Menschen fressen kann und deshalb doch kein schlechterer Mensch zu sein braucht als die angeblich so kultivierten Europäer. »Herr ... ä ...« Er wollte »Nachbar« sagen, brachte es aber doch nicht recht heraus. »Ach, bitte, können Sie mir nicht ...? In dieser Riesen-Station ... Der Zug nach Tegernsee, wo jeht er ab?« »Was? Tegernsee? Im Südbau drüben.« Der Münchner wollte grade durch eine träge Drehung seines Ellbogens in die Richtung weisen, als etwas Furchtbares geschah: ein junger »Gent« schoß eilig zwischen den beiden durch und stieß mit seiner Handtasche an das linke Schienbein des dicken Herrn. Der wendete sich um und wurde blau. Mit einer Stimme, die vor Wut beinahe röchelte, schrie er: »Ja Sapperlott! Schlawak hundshäutener!« und stürzte, zum äußersten entschlossen, dem Frechling nach. Der aber tat gar nicht dergleichen und ließ sich vom Gedräng verschlucken, weil ihm an der Begegnung offenbar nichts lag. Doch auch der Dicke gab beim vierten Schritt schon keuchend die Verfolgung auf. Da er den Feind nicht hatte in der Luft zerreißen können, tat er sein Bestes, ihn wenigstens moralisch abzutun. »Pfundshammel gräuslicher! Geh her, du, wanns d'dir traust!« schrie er und schob, um seine Kampfbereitschaft zu beweisen, den Ärmel drohend vom Handgelenk zurück. Und selbst als er schon seinen Rückzug nach der Schalterhalle angetreten hatte, schaute er, daß jeder wisse, wer der Sieger sei, noch einige Male hinter sich und stieß drohende Töne aus. Der Balte folgte ihm beifällig mit dem Blick und stellte sachlich fest: »Die Leidenschaft des Greises ist enorm.« Das klang fast wie ein Übungsbeispiel aus dem »Kleinen Plötz«. Dann aber fiel ihm wieder ein, was jetzt die Stunde von ihm forderte, und er fuhr lächelnd fort: »Erbarmung, Südbau! Ich soll wissen!« Unschlüssig spähte er umher, faßte endlich einen Entschluß, raffte den Mantelsack vom Boden auf und hinkte, einer dunkeln Stimme seines Innern folgend, gegen Norden, das ist klar. So mußte er, als es nach dieser Seite nicht mehr weiter ging, quer durch den ganzen Hauptbahnhof zurück. Je länger sich sein Weg erstreckte, desto heller strahlte sein Gesicht; und als er endlich doch am Ziele stand, sprach er begeistert vor sich hin: »Hab ich es nicht jewußt! Der letzte wieder mal von sämtlichen Perrons!« Er kramte in der Umhängtasche zapplig nach der Fahrkarte, fand sie zum Schluß im rechten seiner gelben Zwirnhandschuhe, reichte sie dem Beamten an der Sperre und fragte argwöhnisch: »Dies ist doch auch der richtije Zug nach Tegernsee?« »Ja, freilich«, murmelte der Eisenbahner, und die Zange machte knips. »Wei, warum is dann außerdem noch Tölz und ... und, was weiß ich ... Dingsda anjeschrieben?« Das wurde ihm ausführlich erklärt und daran der Rat geknüpft, er möge einen der direkten Wagen wählen, damit er unterwegs nicht umzusteigen brauche. »Hotz, das versteht sich wohl von selbst! Der weise Mann baut vor und lehnt jegliche Kraftverjeudung ab«, erklärte er und hinkte los. Als er dann aber die direkten Wagen München-Tegernsee erreichte, flößten sie ihm doch nicht genug Vertrauen ein – er hoffte offenbar auf noch direktere zu stoßen. So kam er schließlich vorn bei der Lokomotive an, wo ihm nichts übrigblieb, als wieder einmal umzukehren. Erfreulich dünkte ihn das nun nicht mehr – sein Mantelsack bekam allmählich ein abscheuliches Gewicht. Er schleppte sich noch ein Weilchen fort, beachtete jetzt aber keine Richtungstafel mehr, sondern wendete sich bald mit einem Ruck nach links und stieg in den nächstbesten Wagen ein. Etwas von Spannung fühlte er immerhin, als er die Schiebetür aufmachte. Gott sei Dank: er sah sich in der dritten Klasse, es war nicht einmal voll; ah, und da hinten wurde auch geraucht. Was wollte er noch mehr! Ob er in Zukunft einmal umzusteigen hätte, focht ihn fürs erste wenig an. »Vorbauen« mochte der Pedant, der weise Mann vertraute seinem Stern. Er wählte mit Bedacht den Fensterplatz auf einer zweisitzigen Bank, wo er zunächst für sich allein und ohne Gegenüber war. Kaum daß er dasaß, steckte er sich schon eine Zigarette an. Wie gut tat nach der langen Pause dieser erste Zug! Bald fühlte er sich dank dem Tabak wieder obenauf und sah neugierig in die Welt! Welch sonderbares Volk da mit der Zeit hereingezogen kam! Die größte Freude machte ihm ein langer Lümmel in Schlierseer Tracht, der mit gebirglerischer »Echtheit« so behängt war, daß er selbst auf den Fremdling aus dem Baltenland, obgleich der Ahnungslose ihn für einen richtigen Bauern hielt, nicht anders als belustigend wirken konnte. »Die Einjeborenen von Tegernsee sind lebhaft in der Farbe und tragen Jötzenbilder in Jestalt silberner Pferde auf dem Bauch«, sprach er vergnügt zu sich. Er hatte anscheinend für solche lehrbuchhaften Feststellungen was übrig. Der Wagen füllte sich nur langsam, und der Balte hoffte immer stärker, daß ihm unterwegs die lieben Nächsten nicht belästigend nah zu Leibe rücken würden. Das Schicksal schien ja seinen Wünschen unberufen hold zu sein: schon kreischte eine Pfeife anspornend durch die Luft und setzte auf dem Bahnsteig viele Füße in Galopp, die eben noch gemächlich hingeschlendert waren, indessen sich hier drinnen tugendstolze Schadenfreude ob des Gelaufs der Spätlinge erhob; schon gellte, kurz jetzt und gebieterisch, der zweite Pfiff, schon knarrte durch den Wagenbau verstohlen ein wehleidiges Geächz, schon kam, was vor den Fenstern festgestanden hatte, in ein für den ersten Blick beinah gespensterhaftes Rückwärtsfließen, und immer noch saß er allein. Da, horch: die Schiebetür rückwärts von ihm flog in die Wand und krachte wieder zu. Er schaute sich nicht um – er wußte schon Bescheid. Und richtig, eine helle Männerstimme fragte: »Bitte, ist da frei?« Der Balte nickte gottergeben. Ein junger Mann, fürs erste nur von hinten sichtbar, hob seine Handtasche aus einem zweifelhaften Stoff, der sich umsonst bemühte, Leder vorzutäuschen, schwungvoll ins Netz. Dann drehte er sich um und sank, erleichtert seufzend, auf den anderen Fensterplatz. »Die Ehre!« sagte er noch atemlos, nahm seinen sonnverbrannten Strohhut von der üppigen Frisur, zog ein vor ein paar Tagen frisch gewesenes Taschentuch hervor und wischte sich umständlich den Schweiß. Da stockte ihm die Hand, er starrte verwundert auf sein Gegenüber. Was war das für ein sonderbarer Kauz! Aber er faßte sich sogleich und tat, als wäre gar nicht er so überrascht gewesen. Der Balte hatte zu dem Gruß nur stumm genickt. Auf einmal wurden seine Augen gleichfalls groß, das heißt, will man genau sein, wohl nur eins von ihnen. Denn jetzt, wo er das schwarze Glas nicht mehr trug, zeigte sich's, daß, wie sein rechtes Bein, so auch sein rechtes Auge seltsam verkümmert wirkte und bedeutend kleiner als das linke war. Das Erstaunen aber blitzte bei ihm nur flüchtig auf, dann sah er wieder gelangweilt drein. »Eine Hitze hat es!« suchte der andre eine Unterhaltung anzuspinnen. »Hm«, entgegnete der Balte ablehnend und blickte durch das Fenster in die Welt hinaus, obgleich die hier, so nah beim Hauptbahnhof, recht arm an landschaftlichen Reizen schien. Bei flüchtiger Betrachtung hielt man den neuen Fahrgast für einen dürren kleinen Kerl mit »überlebensgroßem« Kopf, schaute man aber näher hin, so merkte man, daß nur die Haartracht seinem Schädel diesen Schein von Größe lieh. Er war getreu nach einem Idealporträt Ludwig van Beethovens frisiert und also wahrscheinlich ein Glied der Musikantengilde, die sich die Lebensüberwinderlocken, die dem Meister selbst nur von Kitschmalern angedichtet wurden, zum Vereinsabzeichen auserkoren hat. Die dunkle Haarfülle beschattete ein bartloses, heute aber noch nicht rasiertes lebhaftes Gesicht, das etwas Verschobnes und Verdrücktes aufwies. Breite Backenknochen über hohlen Wangen, niedrige Stirn, kurze Stülpnase, grob geformter sinnlicher Mund, vorspringendes Kinn, neugierig wache braune Augen, deren Blick nur selten standhielt und, wenn er es einmal tat, etwas gewaltsam Harmloses bekam – der ganze Mensch so etwa in der Mitte zwischen Lausbub und Verbrecher, naiv und hinterhältig, frech und unsicher zugleich. Ein Mehltau gleichsam von Schäbigkeit lag über der Erscheinung dieses jungen Herrn, der ungewaschen wirkte, obgleich er sich, vielleicht, sehr gründlich wusch. Es gibt ja Leute, die sich das Waschen ruhig sparen dürften, weil man es ihnen ohnehin nicht glaubt. Sich selbst gefiel der junge Mann, und deshalb dünkte es ihn kaum begreiflich, daß ihn sein Gegenüber einfach schnitt. Und darum wohl lag ein gewollter Schwung darin, als jetzt auch er sich eine Zigarette aus der Schachtel klaubte und sie anzündete. Dann sank er, wie erschöpft vom Tragen seines großen Kopfes, schlaff in sich zusammen, stützte den Ellbogen aufs Knie und seine Wange an die Faust und sah unter grüblerisch gefurchten Brauen in die Grenzenlosigkeit des Alls und seiner eigenen Tiefen, kurz, ließ es sich der Mühe nicht verdrießen, ungemein bedeutend auszusehn. Der Balte blieb hartnäckig blind dafür, wenngleich ein Lächeln, das zuweilen hehlings seinen Mund umspielte, den Verdacht erregen konnte, es sei nicht nur die Landschaft Oberbayerns, was ihn so erheiterte. Als aber dann der Zug zum dritten oder vierten Male hielt, wurde er unruhig und sah sein Gegenüber hilfesuchend an. Denn dies war eine größere Station, der Schaffner leierte da draußen eine lange Litanei, von der man nicht ein Wort verstand, und viele Leute drängten sich zur Tür hinaus. »Erbarmung«, sagte er, »muß ich hier umsteijen?« Der Musiker erwachte bemerkenswert geschwind aus seiner Versunkenheit: »Kommt ganz drauf an, wohin Sie fahren.« »Wei, nach Tegernsee!« »Dann bleiben Sie nur sitzen! Dieser Wagen hier geht Tegernsee direkt.« »Hotz, soll das möglich sein! Und wissen Sie es auch jenau?« »Na klar! Ich fahr ja selbst nach Tegernsee. Und möglich? Warum nicht?« »Ja, weil ... Ich habe ersten, wie ich einstieg, gar nicht nachjesehn. Und dann führt einen Gottes Jüte sonst doch rejelmäßig in den unjeeigneten Waggon.« »Man kann doch aber nachschaun«, fand der Musiker. »Nein, wirklich?« rief der Balte überrascht. »Wer hätte das vor einem Jahr jedacht!« Der andere schlug verwirrt die Augen nieder und sagte wie beiläufig: »Ich hab in Tegernsee auch einen alten Freund, der Balte ist.« »Herrje, wie wissen Sie?« »No, nach dem Dialekt.« »Ich? Welche Kränkung!« »Das kenn ich genau. Ich war ja selbst im Sommer sieben droben engagiert.« »Ja drum! Wo hatt ich meinen Kopf!« sagte der Balte etwas rätselhaft. »Wie meinen?« »Nein, ach nichts! Pardon, daß ich Sie unterbrach! Sie haben also einen Freund am Tegernsee, der auch ...?« »Ja, ein Graf Groot von Brokkenhuus«, warf der Gefragte lässig ein. Der Balte sagte nichts als: »Ach?« Vielleicht verschlug Bewunderung ihm die Rede. »Den Namen kennen Sie ja wohl?« meinte der Musiker. »Schließlich, dort in Ihrem kleinen Land ...« »Die ganze Welt erweist sich mir in diesem Augenblick als riesig klein«, fiel ihm der sonderbare Fremdling, wieder ziemlich rätselhaft, ins Wort. »Was?« rief der andere. »Sie kennen ihn wohl selbst?« »Bei seinem leiblichen Onkel kann man das ja nicht vermeiden.« »Nein, der Zufall!« klang es hastig zurück. »Ja, ich kenn den Herrn Grafen Brokkenhuus recht gut. Ich hab ihn ... öfters getroffen bei dem Doktor Rapp. Ja, und ... der Doktor Rapp ist ein intimer Freund von mir. Aber Sie kennen ihn wohl auch?« »Pfui, keine Spur, ich kenn ihn nicht, ich hab ihn nie jesehn, auch seinen Namen nie jehört, ich bin nicht mal mit ihm – befreundet«, sagte der Balte unschuldsvoll. Dem andern gab es einen Stoß, doch er verschluckte seinen Zorn und antwortete anscheinend arglos lächelnd: »Den Namen Rapp haben Sie sicher oft gehört.« »Nicht daß ich wüßte! – Doch, ach ja! Napoleon hatte jemand um sich, der so hieß.« »Den mein ich nicht. Sie werden aber wohl schon Rappenbräu getrunken haben?« »Münchner Rappenbräu? Das allerdings. Und dann?« »Da steckt der Name Rapp doch drin.« »Hei, Gott zum Gruß: ein Witz!« Der Balte lächelte mit heiterer Höflichkeit. »Nein, nein, kein Witz!« »Erbarmung, halten Sie mich, bitte, nicht für zu naiv! Dies Bier ist nach dem schwarzen Pferd benannt, das selbige Brauerei im Wappen führt.« »Und dieses schwarze Pferd verdankt sein Dasein halt dem Namen Rapp. Die Rapps sind eine altberühmte Münchner Brauerdynastie.« Der Balte nahm auch das als Witz und lachte: »Dynastie ist nett jesagt.« »Was glauben Sie!« entgegnete der Musiker. »Die Geheimrätin, vom Doktor Rapp die Mutter, heißen sie in München überhaupt bloß Königin Gambrina.« »Anmutig! Und sie bildet sich noch was drauf ein?« »Die schon! Das kann sie auch, bei ihrem Geld!« Der Musiker stieß einen neidischen Seufzer aus. »Da muß ich sagen, daß mein Freund, der Doktor ...« »Der Großfürst-Thronfolger Cäsarewitsch?« »Nein, der ist nicht so. Er gibt sich ganz gemütlich münchnerisch.« »Hotz tausend! In der Tat: leutselig wie ein andrer Mensch, obwohl er, sag und schreibe, Bier erzeugt?« »Woher doch! Ach, Sie meinen, der braut Bier?« »Nicht mal? Was macht er dann?« »No, so ... Privatgelehrter schimpft er sich, obschon er's gar nicht nötig hat. Er schafft sich auch nicht tot mit der Chemie. Die Rappenbrauerei ist längst in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, und da sitzt der Doktor Rapp feudal im Aufsichtsrat und schiebt so recht kommod bloß Dividenden und Tantiemen ein.« »Wohl ihm!« erwiderte der Balte. »Ja, wir sind per Du!« sagte der Musiker ohne rechten Zusammenhang. »Wohl Ihnen!« »Und Ihr Herr Onkel auch.« »Pardon! Sie duzen sich mit Onkel Woldemar?« »Nicht ich. Der Doktor Rapp.« »Ach so!« Der Balte schien beruhigt, aber auch gelangweilt. Seine Augen schweiften wieder in die Gegend, die nun etwas Hügliges bekam. Als er aber ein paar Minuten später sein Etui aus Birkenmaserholz hervorzog, hielt er es doch dem andern hin und sagte: »Hei, verjiften wir uns mild mit Nikotin! Sie rauchen wohl? Ach ja, natürlich rauchen Sie.« »Dank schön! Ich mag Sie aber nicht berauben.« »Was heißt berauben? Bitte, nehmen Sie! Ganz rauchbare Papiros, selbst jestopft.« »Dann bin ich so frei, Herr Graf.« »Erbarmen Sie sich! Graf? Wie kommen Sie auf die Idee?« »Wenn doch Graf Brokkenhuus Ihr Onkel ist?« »Dann müssen alle seine Neffen Grafen sein?« »Leiblicher Onkel, haben Sie mir doch gesagt?« Der Balte sah pfiffig gespannt aus, als er lässigen Tones fragte: »Und dann? Ich setz voraus, daß Sie gleichfalls das obligate Dutzend Onkel haben. Heißen die nu durch die Bank – Bachhuber?« Die Wirkung, die dies Wort erzielte, übertraf sein Hoffen noch. Der andre knallte einfach an die Banklehne zurück und saß mit offenem Munde da. »Wo ... woher wissen Sie?« rang es sich aus ihm los. »Ihr Name prägt sich leichter ein als – Rapp. Franz de Paula Bachhuber – das klingt! Pardon übrijens, ich heiße Henne, einfach bürjerlich.« »He ... henne?« »Ja. Erschrecken Sie darüber nicht! Es ist mir selbst nicht anjenehm.« »Und woher kennen Sie mich eigentlich? Dann hat die ›Woche‹ also doch mein Bild gebracht? Wann war es denn beiläufig drin?« »Da bin ich überfragt, ich les' die ›Woche‹ nie.« »Ja, aber woher sonst?« »Denken Sie bißchen nach!« Der Balte drückte sein größeres Auge zu. »Ich seh Sie vor mir: nicht verkleinert in der ›Woche‹, sondern lebensgroß im Frack. Sie streichen sich die Locken aus der Stirn und machen Ihr Paklonn.« »Was heißt: Paklonn?« »Ihre Verneijung. Und die Menschen trinken helles Kymmelsches Bier und rasen milde vor Bejeisterung. Es ist fast auf den Tag vier Jahre her.« »Sie waren bei der Uraufführung meiner Zarathustra-Symphonie am Rigaschen Strande in Majorenhof bei Horn?« »Ich war.« »Und wie hat Ihnen meine Symphonie gefallen?« »Wei, mir jefiel sie wohl nicht«, sagte Henne schlicht. Der Musiker war starr und zwang sich mühselig die Antwort ab: »Sie sind – sehr aufrichtig.« »Erscheint das Ihnen als moralischer Defekt?« »Ich find es wenigstens – originell.« »Ja, eben, wenn ein Mensch die Wahrheit sagt, jilt er sofort als orijineller Kopf. Und es ist auch bequem, denn Lüjen kompliziert den Denkprozeß doch unjemein«, erklärte Henne mit dem ernstesten Gesicht. »Sie lügen also nie?« »Nie – wär schon wieder eine Lüje, weil zuviel behauptet. Aber nicht nur aus Spielerei und dummer Anjewohnheit, wie das üblich ist.« »Und ... verstehn Sie denn was von Musik?« »Jenau so viel, wie Gott mir gab.« »Was? Sind Sie Musiker?« »Im Jegenteil: Rendant.« »Rendant?« »An der Stadtsparkasse in Riga, ja. Sie hätten mir den widernatürlichen Verkehr mit Kassabüchern wohl nicht zujetraut? Rendanten hier im Ausland sehn meist anders aus?« »Allerdings.« Bachhuber lachte schluckend auf. »In Riga auch«, verriet ihm Henne. »Aber dies Unrendantische in der Erscheinung ist in mancher Hinsicht Goldes wert. Es ärjert meine Direktoren, wissen Sie.« »Und andre Leute ärgern – freut Sie scheinbar?« »Ach, Papping, immer noch bei Ihrer Symphonie?« »Lachhaft, finden Sie sie ruhig schlecht! Und, das geb ich selber zu: es war noch eine Jugendarbeit. Ich kann heute mehr.« »Wie anjenehm für Sie!« »Bedenken Sie auch die Verhältnisse! Ich stamme von ganz kleinen Leuten her. Ich habe mir mein Brot verdienen müssen, ja!« »Doll!« rief der Balte überwältigt. Bachhuber zog die Stirn in Falten. »Spotten ist leicht. Sein Sie aber bloß einmal jahrelang Cellist in Kurkapellen oder an Provinztheatern! Stumpfsinnig dazuhocken und beiläufig alle drei Minuten einmal auf dem Marterholz von Instrument schrumm schrumm zu machen – das ist eine Lust!« »Nu, und wo machen Sie zur Zeit schrumm schrumm? In Tegernsee?« »Nein, das ist Gott sei Dank vorbei: grad damals nach dem Abschluß der Saison im Sommer sieben in Majorenhof hab ich den Bettel einfach hingeschmissen.« »Beinah vier Jahre schon? Warum rejen Sie sich dann noch drüber auf?« »Die Jahre vorher reuen einen doch. Was hätte man da alles schaffen können!« »Das haben Sie seitdem wohl nachjeholt? Sie stehn vermutlich schon bei Ihrer neunten Symphonie und lejen Beethoven jewaltije Rekorde vor?« »Och, Symphonien, nein, die zahlen sich nicht aus. Aber ich bin jetzt über einer Oper, die was Unerhörtes wird!« »Nu, ein Bewunderer ist schließlich auch schon was!« »Wir könnten endlich wohl das Thema wechseln! Finden Sie nicht auch?« fauchte der Musiker erbost. »Warum nicht? Nichts dajejen! Wechseln Sie!« Henne schaute sein Gegenüber mit heitrer Erwartung an. Bachhuber wurde unter diesem Blick verlegen; er öffnete zwei-, dreimal seinen Mund zum Sprechen, sagte aber nichts. Doch da geschah etwas: Der Zug fuhr eben über eine Weiche hin, wodurch der Wagen stark ins Schwanken kam, und dieser Ruck warf einen länglichen, dünnen, buttergelben Gegenstand, der oben im Netz gelegen hatte, auf des Balten Knie und von dort auf seine Stiefelspitzen nieder. »Äcks!« stöhnte Henne, faßte sich aber sofort und meinte: »O wie gut, daß das kein Jeldschrank war!« Er bückte sich, hob die Reitpeitsche auf, zeigte sie dem Musiker und sagte ernst: »Gott hilft. Hier ist schon der Jesprächsstoff, dessen sie ermangelten.« Bachhuber fragte starr: »Gehört die Ihnen? Sie sind Reiter?« »Funfzehn!« stellte der Balte tiefbefriedigt fest. Im andern regte sich der Verdacht, der Mensch sei nicht gesund im Kopf. Henne aber fuhr fort: »Seit ich von Riga abreiste, sind Sie der Funfzehnte, der mich das fragt.« »Das haben Sie gezählt? Die Frage liegt ja auch nicht fern.« »Seh ich denn aus, als ob ich mich selbstmörderisch entschließen könnte, auf ein wildes Tier hinaufzuklettern? Ich schließe schon mit meinem Leben ab, wenn ich in einen Kaseliner steije.« »Was heißt: Kaseliner?« »Nu, ein Fuhrmann.« »Ach, eine Droschke! No, dann sind Sie offenbar recht ängstlicher Natur.« »Wahnsinnig feig sogar«, erwiderte der Balte. »Und das geben Sie so schlankweg zu?« »Gottchen, Sie wissen doch, daß ich der orijinellen Wirkung halber meist die Wahrheit sag. Nu, und ein Hinkepink wie ich ...« »Ein, bitte, was?« »Ich hab doch da das hinkende Jebein.« Der Balte zeigte seine dicke Sohle vor. »Ach, woher haben Sie denn das?« »Wei, anjeboren.« »So?« Bachhuber schwieg verlegen eine Weile. Dann fuhr er fort: »Eigenartig: auch Ihr Onkel, der Herr Graf, ist nicht recht gut zu Fuß.« »Das hat nu wieder andere Gründe. A propos: ich war zwölf Jahre nicht mehr mit ihm zusammen. Wie sieht er denn aus?« »Mei, wie ein Toter, den man wieder ausgebuddelt hat.« »Welch freundliche Beschreibung!« »Ihm selber«, fügte Bachhuber hinzu, »dürfte ich das ja zwar nicht sagen. Darin ist er sonderbar.« »Orijinell im höchsten Grad«, gab Henne zu. »Also jehts ihm jesundheitlich wohl nicht besonders? Davon schrieb er nie ein Wort.« »No ja, die Füße wollen nimmer recht. Sie wissen doch? ›Vergnügte Beine‹, wie's der Berliner heißt.« Henne stieß einen Seufzer aus. »Vergnügte Beine. Anjenehm frivol! Sonst aber wird er eher melancholisch sein.« »Nein, der Herr Graf ist immer guter Laune.« »Immer?« »Wenn ich ihn gesehn hab ...« »Sie sehn ihn wohl nicht immer.« »Häufig doch. Beim Doktor Rapp.« »Verkehrt er denn so viel in diesem Philisteer?« »Jeden Abend bereits. Die zwei sind dicke Freunde, und sie wohnen ja auch dicht beisammen. Nein, der Herr Graf bläst niemals Trübsal, er macht seine Witzchen, trinkt recht gern sein Glaserl ... Wird ihm nicht leicht zu spät; er macht der schönen Centa so auf seine Art den Hof ...« »Der schönen Senta?« »Centa«, verbesserte Bachhuber. »Gut, spricht man den Namen falsch aus!« sagte Henne nachgiebig. »So, so, der Frau von seinem besten Freund!« »No, was man seine Frau nennt, ist sie ja zwar nicht.« »Erbarmung, was denn sonst?« »Ja, seine Freundin halt.« »Seine Mätresse?« fragte Henne neugierig. Bachhuber lächelte. »Den Titel würd ich ihr an Ihrer Stelle doch nicht geben, wenn sie's hört.« »Ich danke Ihnen für den guten Rat. Sonst hätt ich es bestimmt jetan.« »Sie müssen mich fei auch nicht mißverstehn«, betonte Bachhuber. »Er schneidet ihr natürlich bloß im Scherz die Cour. Obzwar ... Trotz seinen Jahren und ... Er ist noch alleweil ein Bewunderer des schöneren Geschlechts.« »Ich hab sein frühes Altern auch noch nie auf Weiberhaß zurückjeführt«, lächelte Henne. »Und ist denn die Marjell wirklich so hübsch?« »Das glaub ich!« sagte der Musiker. »Kopf größer bald wie ich! Wenn eine Frau mich reizen soll, dann muß sie groß sein; finden Sie nicht auch? Groß, üppig und gesund. Und nicht zu klug. – Ja, ja, der tut sich leicht, der Rapp«, fuhr er plötzlich gehässig fort, »mit seinem ekelhaften Geld! Schmeißt es für sich hinaus wie Dreck, der Protz! Und wenn ... Ach was, hol ihn der Fuchs!« »Die Freundschaft macht Sie wenigstens nicht blind«, erkannte Henne freudig an. Der Musiker rief hastig: »Dies selbstverständlich – unter uns! Sie sagen doch dem Doktor Rapp nicht wieder, was ich ...?« »Ach? Ist das hiesiger Komment?« erkundigte sich Henne. »Dann hab ich Ihr Wort?« forschte Bachhuber nicht ganz unbesorgt. »Nein, keine Angst! Aber mein Ehrenwort braucht man deswegen wohl nicht zu bemühn. Erzählen Sie mir lieber noch was von Onkel Woldemar und Fräulein Senta. Wie ist sie denn sonst?« »Nicht weiter welterschütternd. Kleines Münchner Bürgersmädel von solidem Mittelschlag.« »Solid? Ach was?« »No, immerhin k. b. Beamtenstochter!« »Beamter ist ein weites Feld. Beamter kann Minister heißen oder Konduktör.« »Ihr Vater ist sogar was bei der Bahn gewesen. Oberexpeditor oder so. Nix Hohes, aber – im innern Dienst. Darauf legt sie besonderes Gewicht.« Bachhuber grinste hämisch. »Und vielleicht wird sie doch noch Frau Doktor Rapp. Ich glaub zwar nicht, daß er drauf Wert legt, aber wenn sie's auf Biegen oder Brechen anlegt ...« »Dann glauben Sie, daß er ...?« Der Balte hob mit beiden Händen die Reitgerte von seinen Knien und formte sie bedeutungsvoll zum Bogen. Bachhuber sah ihm versonnen zu. »Wenn Sie nicht reiten«, begann er unvermittelt, »was machen Sie dann mit dem Ding?« »Ich fürchte mich vor Hunden«, sagte Henne. »Wie meinen? Ach, Sie schlagen damit zu, wenn Ihnen ein Hund ...?« »Erbarmung, nein! Ich halt sie in der Hand. Von weitem denken sich naivere Hunde doch vielleicht ...« »Daß einer sich vor Hunden fürchten mag!« Bachhuber fand das unglaubhaft. »Wenn Sie von Löwen oder Tigern reden würden! Aber ein Hund, der einem, der ihn schindet, noch die Hände schleckt!« »Das ist, pardon, der ahnungslose Menschengrößenwahn. Wenn man ein Tier durch dammlije Dressur verpfuscht, glaubt man, daß man es auch durchschaut! In jedem Hunde steckt der Wolf.« »In jedem Menschen steckt der Aff!« bemerkte der Musiker. »Die Anwesenden, hoff ich, ausjenommen?« fragte Henne. »Sie müssen es nicht gleich auf sich beziehn.« »Ich dachte eijentlich wohl nicht an mich.« »Und schließlich stammen wir doch von den Affen ab. Liegt darin etwas Kränkendes?« »Sie meinen: für die Affen?« Bachhuber schaute eine Minute wie traumverloren vor sich hin. Dann rief er mit einer gewissen Bitterkeit: »Herrschaft, man wünschte sich manchmal, man wär ein Aff!« »Ja, ich versteh«, der Balte lächelte, »sie säen nicht, sie ernten nicht, sie komponieren niemals frei nach Richard, sei es Wagner, sei es Strauß.« »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie meine Oper freundlichst aus dem Spiele ließen!« »So? Wieder schon ein Themawechsel anjenehm? Es sei!« antwortete Henne, schob eine wirkungsvolle Pause ein und fuhr im Plaudertone fort: »Bildschönes Wetter heute, nicht?« »Hm«, machte Bachhuber. »Und jestern auch.« »Hm.« »Überhaupt die ganze Zeit schon.« »Hm.« »Der Barometerstand scheint meinen Plänen jünstig.« »So? Was haben Sie denn vor?« fragte der Musiker und – ärgerte sich, weil ihm das wider Willen herausgefahren war. »Vor?« erwiderte der Balte. »Zunächst so vierzehn Tage Tegernsee.« Ob er von dort aus wieder heimwärts führe, wollte Bachhuber wissen. »Pfui«, sagte Henne, »wo ich jetzt zum erstenmal im Ausland bin, gras' ich lieber noch bißchen mehr von Deutschland ab.« »Wo wollen Sie denn alles hin?« »Nu, wird man sehn! Ich überlaß es der höheren Jewalt.« »Sie stellen Ihren Reiseplan also gewissermaßen – Gott an= heim?« spöttelte Bachhuber. »Gott scheint mir doch klein bißchen hoch jegriffen«, meinte Henne nicht besonders klar. »Dem Zufall also?« »Nein.« Der Balte schüttelte den Kopf. »Zufall ist er auch nicht in höherem Grad als jeder andre Mensch. Im Jejenteil: als Majoratsherr wird man meist wohl nicht nur aus Versehen in die Welt jesetzt.« »Was? Wer ist Majoratsherr?« rief der Musiker. »Mein Reisekamerad.« Bachhuber starrt staunend auf den leeren Platz zur Seite des andern hin. »Ach, suchen Sie ihn nicht!« riet dieser ihm. »Wenn er vorhanden wäre, hätten Sie ihn längst bemerkt. Er ist von sehr jewaltigem Format: sechs Fuß, drei Zoll. Der Gute badet sich erst noch in Gastein den Rheumatismus ab und kommt dann nach. Das jebe der Allmächtige! Ich bin ihm nämlich ausjespickt.« »Ein Gutsbesitzer?« fragte Bachhuber. »Ja, das ist eine Eijentümlichkeit der Majoratsherrn – wenigstens bei uns.« »Und hat er denn ein schönes Gut?« »Nu: wie so'n kleineres deutsches Fürstentum.« »Ach, was Sie sagen! Gibt es das? Da muß er aber klotzig reich sein?« »Am Hungertuche nagt mein Vetter Brokkenhuus wohl nicht, soweit ich unterrichtet bin.« »Auch ein Graf Brokkenhuus? Wie kommt's denn dann, daß unser Graf ...? Er ist doch schlecht dran mit dem Geld?« Der Balte musterte den Frager mit leisem Erstaunen und fragte: »Oh? Er hat Sie angepufft?« »Wie? Angepufft? Ach so, Sie meinen angepumpt? – Nein doch, woher!« rief Bachhuber mit einiger Hast. »Aber er hat beim Krach der großen Bank in ... Dings – wo war's noch gleich – hübsch was eingebüßt.« Ein verständnisinniges »Mhm!« war alles, was der Balte hören ließ. Es schien ihm klar, in welchem Zusammenhang allein sein Onkel hatte darauf verfallen können, dem Musikanten dies ungeschmeichelte, ja sogar planvoll grau in grau gemalte Bild von seinen Verhältnissen zu malen. »Und dieser Herr, Ihr Reisegefährte, kommt ebenfalls nach Tegernsee?« erkundigte sich Bachhuber. »Ich nehm es an und rat es ihm, bei meinem Zorn!« »In nächster Zeit schon?« Henne kniff das kleinere Auge zu. »Das möchten Sie wohl wissen?« »Och ...« warf Bachhuber nachlässig hin. »Und sonst? Was ist er denn sonst für ein Mensch?« »Lieber Gott: ein Rumpf, zwei Beine und zwei Arme und ein Kopf. Oder in welcher Hinsicht meinen Sie?« »So überhaupt. No ja: ob er zum Beispiel ... musikalisch ist?« Der Balte zuckte mit den Achseln. »Er war wohl, glaub ich, fünfmal in der ›Lustijen Witwe‹ drin. Sonst hab ich nichts bemerkt. Wie kommen Sie darauf?« »Man fragt halt; nicht?« erwiderte Bachhuber und dachte: »Versteh nicht, was der Depp zu grinsen hat!« Im Grunde aber verstand er es genau. Denn Hennes Mienenspiel gab an kränkender Wahrheitsliebe seinem Mundwerk wenig nach. Gewogen bleiben durfte ihm der Kerl! Trotzig stemmte er den Ellbogen auf die Fensterbrüstung, stützte den Kopf in die Hand und sah vornehm müd ins Leere. Der Balte brannte sich eine frische Zigarette an und schien vom Zorn Bachhubers nichts zu merken. Auch er sah nun hinaus, nicht aber, wie der Komponist, ins Leere, sondern mit steigendem Vergnügen auf die grüne Flur, die draußen vorüberzog, pfeilschnell im Vordergrund und um so langsamer, je weiter seine Augen schweiften. Wo der Angelpunkt für diese drehende Bewegung saß, konnte er nicht erkennen; die Hügelkette aber, die, nicht gar so fern, die Aussicht sperrte, hatte schon die andre Fahrt. Sie eilte vorwärts mit dem Zug, und auch die Berge, die sie ferneblau überragten, reisten mit. Den Sohn des sandigen Ostseestrandes dünkte es fast, als blicke er in einen üppigen, gepflegten Park. Nur selten zeugte ein Kornfeld oder ein Kartoffelacker von harter Pflugarbeit. Sonnenbeschienene Matten dehnten sich sanft gebuckelt bis an den Höhenrand, und darüber hingestreut das tiefere Grün von Wäldchen, kleineren Baumgruppen, Ulmenalleen und einzelstehenden breitkronigen Ahornen. Manchmal grüßte ein Bauernhof herüber mit weißen Mauern unter rotem Dach, behäbig hingelagert wie ein kleiner Fürstensitz, und weiter hinten an den Hang geschmiegt tauchte ein Dorf mit stämmigem Zwiebelturm auf, sauber wie aus der Spielzeugschachtel. Hennes Blick hing liebevoll an diesem Land, das ihm von Reichtum ohne saures Mühen und von wurzelständiger Kultur gesegnet schien. An seinen Fahrtgenossen, der sich gleicher Reize allerdings nicht rühmen konnte, dachte er überhaupt nicht mehr. Bachhubers Groll verpuffte unbemerkt und machte bald ihm selber kaum noch Spaß. Aber als erster das Gespräch von neuem anzufangen, ging ihm gegen den Stolz. Er gähnte verstohlen vor sich hin. Allmählich fielen ihm die Augen zu; bleierne Müdigkeit beschlich ihn, und er nickte ein. Als Henne endlich wieder nach ihm sah, schlief er schon fest.   Ach, wachen Sie doch auf! Wir sind ja da!« rief Henne und tippte mit dem Finger an die Schulter Bachhubers. »Wie? Was? Schon Tegernsee? Hab ich geschlafen?« fragte der verwirrt. »Wenn nicht, dann stellten Sie sich wenigstens mit täuschendem Erfolg so an«, sagte der Balte, und die beiden machten sich bereit. Der Wagen hatte sich derweil geleert; sie traten als die letzten in den Sonnenschein hinaus. »Wie komm ich nu hin?« erkundigte sich Henne, als die Sperre durchschritten war. »Ob man wohl einen Fuhrmann kriegt?« »Och, massenhaft! Es hat bloß wenig Zweck. Es sind ja höchstens zehn Minuten, und bereits die ganze Zeit bergauf. Man wird's kaum schneller fahren, als man's geht.« »Ich hab ja keine Eile. Und bergauf, mit meinem hinkenden Jebein ... Aber, bitte, fahren Sie doch mit! Wir haben wohl den gleichen Weg?« »Nein, besten Dank, ich ...« »Wollen Sie nicht zu Doktor – nu, wie heißt er – Rapp?« »Ja, nein ... Ich weiß noch nicht. Ja, doch. Ich muß mich nur zuvor rasieren lassen.« »Verschwendung wär es nicht«, räumte der Balte ein. »Und für nen Vollbart ist's wohl noch zu kurz. Auch jing Beethoven immer glattrasiert.« »Ist Ihnen diese Ähnlichkeit auch aufgefallen?« rief der Musiker. »Wie denn nicht? Beethoven sah frappant so aus wie ein verkitschter Bachhuber.« »Ach Sie, mit Ihren Witzen!« lächelte der Komponist ein wenig sauersüß und lenkte ab: »Moment! Ich tu bloß erst mein Kofferl in das Handgepäck. Ich bin gleich wieder da.« Er lief und kam zurück. Sie schritten auf den Ausgang zu. Grade noch ein Einspänner stand wartend da. »Können Sie fahren?« fragte Henne. »Ha?« Der Kutscher sah ihn zweifelnd an und rückte höflich seinen grünen Hut ein bißchen tiefer in die Stirn. »Gel, Sie sind frei?« dolmetschte Bachhuber. »Schon«, erwiderte der Mann und wendete sich unvermittelt an sein Roß mit einem grimmigen: »Brr! Heb dich stad, Häuter elendiger!« Denn der Schimmel hatte angezogen, als der Balte eben seinen kurzen Fuß aufs Trittbrett stellte. Dieser wich entsetzt zurück. »Gott schütz! Das Pferd hat Nücken!« Bachhuber schüttelte den Kopf und grinste. »Fassen Sie ein Herz! Der alte Gaul frißt Sie schon nicht.« »So alt wird er nicht sein!« behauptete der Kutscher. »Da hören Sie's!« rief Henne. »Und das tückische Beest – Kucken sie, wie es die Ohren hinterlegt! Sobald ich einsteig, rast es pleng Karrieer in die Buschkaden. Und das wär mein Tod!« »Sie! Geht Ihr Schimmel manchmal durch?« erkundigte sich Bachhuber. Der Kutscher erwiderte mit großer Sicherheit: »Da könnt er was erleben!« »Und im entscheidenden Moment reißt dann die Jageleine ab«, sagte der Balte. »Nein!« Der Rosselenker sah ihn zwinkernd an, er fragte aber nur: »Ja, fahrt der Herr jetzt oder fahrt er net?« »Wer? Ich? Auf keinen Fall! Hier, nehmen Sie!« »Vergelt's Gott!« brummte der Kutscher, steckte das Markstück ein und rief plötzlich: »Hü!« Ein Zügelruck, ein Peitschenknips, der Wagen ratterte davon. »Was meinen Sie«, erkundigte sich Henne, »ob irjend so ein Jeannot aufzutreiben ist, der mir den Weg zeigt und die Sachen transportiert?« Er wendete sich um und schaute in den Schalterraum. »Wei, ist der Mensch da der Stationschef oder ein Expreß?« »Sie, Dienstmann!« rief der Musiker; und als der Graubart mit der roten Mütze langsam herangekommen war, sprach er ihn an: »Sie, wissen S'den Herrn Grafen Brokkenhuus?« »Ach, das ist der magere alte Herr, wo sich ein bißl hart marschiert, droben beim Six?« »Ganz recht. Da sollen Sie das Gepäck hinschaffen von dem Herrn.« »Ich jeh gleich mit«, fiel Henne ein. »Hier, nehmen Sie mir das erst ab.« Staunend musterte der Dienstmann den Mantelsack und kratzte sich hinter dem Ohr. »Aber ein Markl kostet es fei schon«, erklärte er. »Hotz, ich versteh den Menschen nicht. Was will er?« fragte Henne. »Eine Mark verlangt er«, sagte Bachhuber. »O jern! Ich find es fast jeschenkt, verglichen mit Gastein. – Expreß, jetzt holen Sie mir meinen Tschemodann. Hier ist das dazu nötije Flick Papier.« Der Dienstmann nahm den Zettel in Empfang. »Was soll ich holen?« »Wird so was wie ein Koffer sein?« erriet Bachhuber. »Keine Spur! Ganz leicht! Ein mittelgroßer Tschemodann.« »Zwölf Kilo!« rief der Dienstmann, als er auf dem Gepäckschein nachgesehen hatte. »Kost es drei Mark; das ist die Tax.« Es hatte sichtlich sein Ehrgefühl verletzt, daß dieser Zugereiste seine Dienste fast geschenkt fand. Henne nickte kurz und sagte: »Nitschewo! Pascholl!« Merkwürdig: russisch schien der Oberbayer zu verstehn. Er machte kehrt und setzte sich sogar in eine Art von kleinem Trab. »Wir gehn derweil voraus«, schlug Bachhuber vor. »Bis wir drunten am Eck sind, kommt er schon nach.« Die staubige Straße lag im heißen Sonnenschein und war belebt von Menschen, die zum Bahnhof pilgerten. »Die Masse Leut!« sagte der Musiker. »Und für den Bummelzug? Kann mir nichts andres denken, als es ist in Tölz was los.« »Dann wohl ein Maskenfest?« vermutete der Balte. Bachhuber lachte und offenbarte ihm, daß hier die feine Welt tagtäglich so herumlief – jeder halbwegs jüngere Mann, auch die Krummbeinigen, in der kurzen Wichs und selbst Kommerzienrätinnen bis zu zwei Zentner Lebendgewicht im Dirndlgewand. »Was? Kurze Wichs? Sind das die ausjewachsenen Höschen mit den kahlen Knien? Pardon, und wie nennt man das Farbenfreudije, in das sich diese Damen hüllen?« »Dirn-del-ge-wand«, skandierte Bachhuber. »Dirn, das ist eine Bauernmagd.« »Ach so! Jestatten Sie, und ziehn sich hier die landschen Weiblichkeiten in der Tat so ähnlich an?« »Hm, sagen wir: entfernt. Der Stil ist eher wohl Berliner Warenhaus. Weiß nicht: vielleicht entwirft der Poiret in Paris jetzt auch schon welche. Jedenfalls sind Dirndlgewänder neuerdings am Land die große Mode. No ja, es ist ein billiges Tragen, und es modelliert die Formen schön heraus.« »Berauschend!« stimmte der Balte zu, aber es lag nicht die Spur von Trunkenheit in seinem Blick. »Und jetzt ...« Bachhuber hielt an einem Fahrweg, der nach links abbog. »Ich geh weiter gradaus, Sie müssen drüben nauf. Da kommt auch schon der Dienstmann. Also dann ...« Der Balte reichte ihm die Hand. »Adieu. Dank für die lichtvolle Insbildsetzung! Auf Wiedersehn!« »Die Ehre!« sagte Bachhuber und fügte beiläufig hinzu: »Ach, was ich noch ... Falls Sie je mit dem Doktor Rapp auf meine Symphonie ...« Henne aber unterbrach ihn: »Keine Angst! Wie werd ich nu – Mäzene kopfscheu machen!« »Ha?« Bachhuber starrte ihn entgeistert an, fegte dann mit der Hand wegwerfend durch die Luft und stellte fest: »Das wird wohl keine Schand sein. Ein Vergnügen ist's einmal sicher nicht.« »Auch noch? Das war wohl etwas viel verlangt«, fand Henne. »Nun ... Ach, einerlei!« Der Musiker zog seinen Hut. »Empfehl mich. Hat mich gefreut.« Er setzte sich in Marsch. »Moin!« rief ihm Henne nach. »Ganz meinerseits! Recht schmerzlosen Friseur und glückliche Verrichtung!« So trennten sich für diesmal ihre Wege. »Soll mir gewogen bleiben, der Prolet, der windige!« sprach Bachhuber vor sich hin. »Was für ein spezifiker kleiner Knot!« erwog der Balte sehr vergnügt bei sich. Prolet und Knot – in der Bedeutung weichen die beiden Wörter wenig voneinander ab. Und diese Gegenseitigkeit des Urteils bewies schlagend, wie gut die zwei sich unterhalten hatten. Ein Hauptreiz menschlichen Verkehrs liegt ja bekanntlich darin, daß sich jeder dem andern an Bedeutung, Geist und Klasse ohne den kleinsten Zweifel überlegen fühlt. Onkel Woldemar Als Henne mit dem Dienstmann in die langsam ansteigende Nebenstraße eingebogen war, mühte er sich, ein Gespräch in Fluß zu bringen, um so Kundschaft über Land und Leute zu gewinnen. Doch die Verständigung erwies sich als zu schwierig; drum ließ er Leute Leute sein und hielt sich dafür an das Land, das klar und freundlich zu ihm sprach und ihm mit jedem Schritt bergauf ein neues Stück von seinem Reiz enthüllte. Er hatte das Gefühl, als herrsche hier ein ewiger Feiertag – so heiter majestätisch stiegen die Berge himmelan, so launisch buntscheckig glänzten die mit Häusern übersäten Ufer, so farbenstark erschien der See, tiefblau, doch streifenweise, wo ihn ein Windhauch traf, seidig grün überschauert. »Ist es noch weit, Expreß?« Henne zog seinen Hut, um sich den Schweiß zu wischen. »A naa! Da vorn noch durch den Hohlweg bloß, na haben mir's bereits.« Gleich darauf erreichten sie auch schon die Stelle, wo die Straße quer durch eine Bodenrippe schnitt; die grasige Böschung stieg beiderseits steil an. Auf einmal machte Henne halt, zeigte nach links und rief: »Erbarmung! Was ist das?« »Ja, wo?« Der Dienstmann schaute verständnislos. »Das Tier!« sagte der Balte, bleich vor Schreck. Und allerdings stand dort ein weiß und sandfarben geschecktes Rind und musterte die Wanderer neugierig. Nichts als der Kopf, die Brust und die obere Hälfte der Vorderschenkel hob sich vom Blau des Himmels ab, der Rest war durch den Hang verdeckt. Der Alte fragte unbewegt: »Und nacha?« »Es ist ein Bolle, nicht?« Die Stimme Hennes klang gepreßt. »Ha?« »Nu, wie sagt man denn? Ein Ochse.« »Woher doch!« »Nein, ich mein: ein Ochse männlichen Jeschlechts. Das heißt, nu ja ... Wie nennen Sie denn so ein Tier?« »Ja, Kuh.« »Was, eine Kuh? Die Milch jibt? Mensch, wie wissen Sie, wo doch kein Euter sichtbar ist?« »Dös spannst aso: am Kopf.« »Sie denken also, daß wir unser Leben nicht riskieren, wenn wir weiterjehn? – Dann nehmen Sie doch wenigstens die Mütze ab!« »Zu was denn?« »Daß ihn das knallrote Dings nicht reizt, wenn es am Ende doch ein Bolle ist.« Der Kuh schien es zu dumm zu werden, daß man ihre Weiblichkeit so hartnäckig bezweifelte. Sie brüllte dumpf. Und nun ereignete sich etwas, worüber der Dienstmann beinah erschrak, im nächsten Augenblick aber breitmäulig grinste: der fremde Herr, der sich auf glatter Straße schon mit Laufen schwer tat, klomm überraschend flink den rechten Hang hinan. Der Alte schüttelte den Kopf und sagte: »Kruzifix!« Als Henne oben war, hielt er die Hand aufs Herz und keuchte schwer. Aber es stärkte seinen Mut, daß ihn nun gut das Dreifache der Straßenseite von dem verdächtigen Vierfüßler schied. Er schwang sogar die Reitgerte und stieß ein scheuchendes: »Tisch, tisch!« hervor. Dafür, daß er hierdurch die Kuh erschrecke, gab es keinen Anhaltspunkt. Sie musterte das sonderbare Menschenwesen nur gelangweilt, fast betrübt, und wendete sich voll Verachtung ab. »Bei Gott, das Euter ist vorhanden!« stellte Henne fest. Als wolle ihm das Vieh den letzten Zweifel daran nehmen, hob es den Schwanz, und etwas Dunkles fiel fett platschend ins Gras. »Pfui Schweinerei! Tisch, tisch! Jeh weg!« erdreistete der Balte sich zu rufen. Die Kuh aber schritt gemächlich querfeldein. Er sah ihr eine Weile prüfend nach, dann sagte er: »Gott half! Sie hatte Angst vor mir.« »Dös kennt man gleich«, bestätigte der Dienstmann mit verdächtigem Ernst. Henne war entzückt und dachte still bei sich: »Welch kultiviertes Land! Jewöhnliche Expressen schon erweisen sich mit Ironie behaftet.« Laut fuhr er fort: »Ach, lieber Mann, wie komm ich nu da wieder runter?« Seine Augen maßen sorgenvoll den Hang – er konnte es nicht mehr verstehn, auf welche Art er ihn erklettert hatte. »Zu was denn?« rief der andre. »Weil ich hier nicht übernachten will!« »Spazieren S' halt droben weiter; net, Herr Dokta? Die Straßen ziahgt si so von selber nauf.« »Welch praktische Idee!« Henne hinkte hastig vorwärts, und da seine Angst verflogen war, wuchs neu der Wunsch in ihm, daß dieser Weg durch lähmende Sonnenglut recht bald ein Ende nehme. Er beschirmte die Augen mit der Hand und schaute gespannt voraus. Nun, dort kam endlich eine Menschensiedlung in Sicht. Links lief entlang der Straße eine Mauer, die bergwärts ein geräumiges Stück Land umschloß. Prachtvolle alte Bäume waren, bald einzeln, bald gleichsam zum Strauß vereint, darüber hingestreut; saftgrüne Matten aber herrschten vor, da und dort mit jungen Obstbäumen bepflanzt. Eine niedrige Bodenstufe trug ein breites Haus in Tegernseer Bauart, und vor ihm glühte im Sonnenschein, gleich einem Wasserfall über die Böschung niederstürzend, ein farbenreicher Staudenflor. So lustig dies Bild Henne zu Herzen sprach – er wurde doch nicht froh daran. Das war trotz aller Mimikry von Ländlichkeit ein Herrensitz; dort konnte Onkel Woldemar nicht wohnen. »Sagen Sie, Expreß, sind wir bald da?« »Freilich, gleich vorn!« »Ja, wo? Man sieht doch nichts als diese Mauer, die kein Ende nimmt.« »Nein, auf der drübern Seiten.« Der Alte zeigte auf ein graues Dach, das rechts von der Straße über einen Buckel des Geländes lugte. »Gott sei Dank!« rief Henne. »Und wem jehört das noble Höfchen da?« Er deutete nach links. »Mir sagen ›Diffidendenburg‹ dazu.« Der Dienstmann zwinkerte vergnügt. »Er selber freilich heißt's: ›Mei Ruh‹!« »Erbarmung! Wie?« »Weil er halt Wert drauf legt, auf seine königlich boarische, der Rappenbräu.« »Ach, ist es dieser Doktor Rapp, der reiche Mann?« »Dös glaub i! Ja, da sitzt a Geld! Zwei Auto halt er sich. No, überhaupts!« Sie kamen an ein schmiedeeisernes Gittertor, das einen neuen, hier aber durch Gebüsch beschränkten Einblick in den Garten der Besitzung öffnete. Henne bemerkte eine ansehnliche Tafel aus dunkelgrünem Serpentin, die in den rechten Torpfeiler eingelassen war und eine Inschrift in vertieften Goldbuchstaben trug. Er hinkte hin und las: Haus »Meine Ruh!« Hausierern, Bettlern, Ideologen usw. ist der Eintritt strengstens untersagt. Henne nickte und bemerkte lächelnd für sich: »Es zeigt sich gleich: ein Plukkat ist er nicht, der Freund von Onkel Woldemar. Wer seine kleinen Witzchen immer gleich fürnehm in Marmortafeln graben kann!« Wo die Gartenmauer der Villa Rapp rechtwinklig bergwärts abbog, lag an der andern Straßenseite ein stattlicher Bauernhof. Das große, noch in guter alter Zeit erbaute Haus mit steinbeschwertem Schindeldach kehrte dem Wanderer, der aus dem Tal kam, die Rückseite zu. Hier führte eine schräge Tennenbrücke zum Heuboden im ersten Stock. Darunter lag die Stallung; ein wohlgepflegter Misthaufen vor ihr kündete von reichem Viehstand. Der vordere Teil des Hauses enthielt die Wohnräume. Die Giebelwand schaute mit ihren handwerksmeisterlich schön verteilten Fenstern in einen Grasgarten, dem alte Kirsch- und Apfelbäume mit ausdrucksvoll verrenktem Astwerk Schatten gaben. Henne, in dem der Sinn für solchen stillen Reiz lebendig war, staunte billigend an der weißgetünchten Hausfront hinauf. Doch wurde ihm nur wenig Zeit dazu gelassen; denn als sie in den Garten traten, fuhr beim Haus ein schwarzer Hund mit wütendem Gebell aus seiner Hütte. »Äcks!« stöhnte Henne und fuhr jäh zurück. »Muß das nu kommen? Fürchterlich! Er will mich fressen, und ich schmeck doch gar nicht schön.« »Ja, mögen taat er schon. Wenn er net anghängt waar«, entgegnete der Dienstmann. »Ah, Herr Dokta, gehn S' nur zu!« Henne befolgte diesen Rat nicht. Dem rabiaten Tier noch näher kommen – danke, nein! Der Köter aber hatte kaum bemerkt, wie sehr sich dieser Fremde fürchtete, als er vor Schneid und Leidenschaft einfach in Raserei verfiel. Sein Bellen wurde zum Gekeif, er machte Sprünge, daß ihn die Kette auf die Hinterbeine riß und er sich mit dem Halsband fast erdrosselte. »Geh, Rußl, blöder Tropf! Halts Mäu, Mistviech elendigs! Am Sack! No, wird's!« zeterte die Stimme einer jungen Frau, die plötzlich unter der Haustür stand. Ein Haselstecken, den sie in der Rechten wippen ließ, gab ihrer Rede Nachdruck und Gewalt. Der Zorn des Hundes zerschmolz zu knurriger Verlegenheit. So bang geduckt, daß er wie kreuzlahm wirkte, kroch er rücklings in seine Hütte und knurrte nur noch gedämpft. Doch nahm dies nicht einmal der Balte ernst; er hob die Gerte, die er vorher schamhaft hinter sich gehalten hatte, und rief stolz: »Pascholl in Budka! Kusch!« »Grüß Gott, Sixin!« sagte der Dienstmann. Die Bäuerin fragte kurz: »Was mögts denn ös?« »Zum Graf ... Dingskirchen, no, wie schreibt er sich?« »Brokkenhuus«, erklärte Henne. »Im Austragshäusl.« Die Hand der Frau wies auf ein kleineres Gebäude, das dem Haupthaus mit etwa fünfzig Metern Abstand gegenüberlag, und dessen gleichfalls weißgetünchte Front einladend durch die Obstbäume leuchtete. Da sich die beiden nun dem Häuschen näherten, erschien dort in der Tür ein sechzehnjähriger Bursch, den seine Tracht – zimtbraune Hose mit hellgelber Biese und weißblau gestreifte Ärmelweste – als Diener zu erkennen gab. Ein dummer Zug von Würde in dem apfelbäckigen Gesicht und die mit Wasser glattgescheitelte Frisur zeugten von seinem Drang, lakaienhaft zu wirken. »Moin, junger Mann!« rief Henne heiter. »Der Herr Graf zu sprechen?« »Nein, um diese Zeit gar nie, weil Herr Graf jetzt schlaft«, erwiderte der Diener und schwoll an vor Selbstgefühl. Henne aber sagte: »Einerlei! Dann wart ich, bis er ausjeschlafen hat. Nimm dem Expreß die Sachen ab, und führ mich irjendwo herein, wo ich mich unterdes verpusten kann!« Das schien dem jungen Diener doch ein starkes Stück. Der hergelaufene Schlawiner tat ganz kalt, wie wenn sie Brüderschaft getrunken hätten! Er sagte aber lieber nichts und ließ sich folgsam Mantelsack und Koffer reichen; denn die sichere Art, wie dieser sonderbare Gast befahl, war herrschaftlich und schloß jegliche Widerrede aus. Der Dienstmann wurde abgelohnt; mit einem lebhaften »Vergelt's Gott!« ging er seiner Wege. »Vorwärts, Jeliebter!« mahnte Henne. »Augenblick!« erwiderte der Bursche, setzte das Gepäck hin und verschwand durch eine Seitentür. Aus dieser trat sogleich ein nicht mehr junges, beleibtes Frauenzimmer und schaute den Fremdling prüfend an. »Wei, Jungherr Manny!« rief sie dann verblüfft. »Kuck: weiland Tante Ischens Perle, die Karline! Und seit wann sind Sie in Tegernsee?« Der Balte reichte ihr die Hand. »Fünf Jahr zurück. Wie meine Gnädije starb. Hat Jungherr nicht jewußt?« »Nee, keine Ahnung, wo Sie abjeblieben waren. Und Onkel Woldemar? Schläft Mittag, was?« »Wer sagt? Der Sepp? – Du Schmurjel!« fuhr Karline den Diener an. »Sitzt du auf Ohren? Vor Viertelstund schon hat jeklingelt, daß ich Kaffee mach. Jehn Sie bei ihm hereiner, Jungherr! Ist schon auf.« Sie klopfte an die Türe, die dem Eingang gegenüber lag, und öffnete sie, ohne die Antwort abzuwarten. »Besuch, ganz fremder, ist bei uns jekommen«, verkündete sie geheimnisvoll. »Besuch?« knarrte eine brüchige Männerstimme. »Fix! Wo ist denn Sepp? Daß er mir hilft!« »Nu, kann Herr Graf schon liejenbleiben. Der Besuch erlaubt.« Karline machte Henne Platz. Der hinkte schnell hinein und stutzte, als er seinen Onkel sah. Zweifelnd musterte der Graf mit den vorstehenden blauen Augen seinen Gast und rief dann: »Manny! Grüß Gott! Wo kommst du her?« »Moin, Onkel Woldemar! Nu, aus Gastein. Bekamst du unsere Karte nicht?« »Ja, schriebt ihr nicht, daß ihr erst in etwa vierzehn Tagen kommt?« fragte der Graf. »Und wo ist Goswin?« »Der Süßing beendet vorher seine Kur. Ach, Onkel Woldemar, kann ich solange bei dir wohnen?« »Furchtbar jern. Karline, was, es wird doch jehn?« »Jeht alles, wenn muß«, stimmte die Köchin zögernd zu. »Nu schön!« rief Henne. »Jetzt nur schleunigst einen Stuhl! Die Bergtour hier herauf bei dieser Glut! Ein Königreich für eine Sitzjelejenheit! O prachtvoll! Danke schön!« Er sank aufseufzend in den Korbsessel, den ihm Karline dienstfertig herangeschoben hatte. »Voilà, als erste Rate auf das Königreich anbei das Zepter und die Krone, sprach der Fürst.« Er übergab ihr Hut und Peitsche. »Eine Reitjerte?« Der Graf bemerkte diesen Gegenstand erst jetzt. »Onkel Woldemar, du bist von Riga ab der Sechzehnte, der darnach fragt! Laß mich erst mal jenießen, daß ich sitz!« Er lehnte sich zurück und sah sich in der Bauernstube um. »Welches berauschende Appartement, das du bewohnst.« »Ja, nobler Saal ist, was wir haben!« warf die Köchin verächtlich hin. »Karline billigt prinzipiell in Bayern nichts«, erläuterte der Graf. »Ach«, fragte Henne, »ist es hier nicht schön?« »Nu ja, so lila, Jungherr. Wo Herr Graf bleibt, hält Karline auch noch aus. In erste Zeit war wohl jemein: Kein Wort nicht zu verstehn – die Leute sprechen hier so falsches Deutsch.« »Manny«, fiel ihr der Graf ins Wort, »du wirst wohl hungrig sein?« »Wie soll ich wissen, Onkel Woldemar! Jenau wird das erst festzustellen sein, wenn ich mir meine völlig ausjespakte Gurjel bißchen anjefeuchtet habe, falls dies jeht.« »Was willst du, Manny? Bier? Ich denk mir, für den Durst ...« »Oh, Buddel Bayrisch muß jetzt schmecken wie der liebe Gott!« »Ich hol gleich, Jungherr«, rief Karline, prallte aber an der Tür auf Sepp und schickte den nach dem Getränk. »Und wie ist nu mit Essen?« fragte sie. »Natürlich; machen Sie nur was!« bestimmte der Graf. »Mittag, Manny, ist bei uns vorüber – schon um eins. Was hättest du denn jern?« »Ach, gleichviel was! Wenn es nicht Klunkermus ist oder Hafertumm mit Beestmilch, Leber, Kaldunih und andere Einjeweide, und um Gottes willen nichts, wo Beeten drin sind, eß ich, was ich krieg.« »Ja«, lächelte Karline, »mäkeln hat Jungherr Manny schon verstanden, wie er noch kleiner Spuz jewesen ist.« Der Graf, der die Beredtheit seiner Stütze kannte, hemmte ihren Redefluß: »Karline, was jibt es nu für ihn?« »Was wir jejessen haben auch. Ist haufenweise nachjeblieben, weil Herr Graf nur wie Kanarienvogel eßt. Buljong ist und jestowtes Kalbfleisch ist, das wärm ich auf – ich hab noch Feuer in die Pliete; und Klimpen im Buljong und Bratkartoffeln mach ich frisch – und Kirschkissell mit Tropfchen süßen Schmant ist auch.« »Hei, lauter Essen, das ich lieb!« rief Henne. »Alles wohljesinnt und blond, und nur der Kirschkissell als starker Farbenklecks darin.« »Blond ... Nu?« »Ja, wirklich, Onkel Woldemar: ich lieb zum Essen nur, was blond, und trink nur jern, was nicht zu naß schmeckt – notabene, wenn ich nicht so proletarisch durstig bin wie eben.« »Wo bleibt Sepp mit dem Bier?« fragte der Graf. »Zur Stelle!« klang es von der Gangtür her. »Dir muß man nach den Tod wegschicken!« tadelte Karline, nahm die Flasche, schenkte ein und gab Henne das Glas. »Nu, Jungherr Manny, prost!« Er schüttete das Bier in einem Zug herunter. »Himmel, schmeckt das schön!« stöhnte er atemlos. Plötzlich aber krümmte er sich in seinem Stuhl und seufzte jämmerlich. »Ich jeh jetzt Essen machen«, meldete Karline. »Himmel, rennen Sie nicht weg!« rief Henne. »Manny, ist dir schlecht?« fragte der Onkel besorgt. »Nee, aber kodderig und flau ... Erst dieser heiße Weg ... Und dann der Katarakt von Bier ... Mir liegt's im Magen wie ein glitschrig kaltes Krokodil. Onkel Woldemar, kann man sich vor dem Essen wohl ein Schnäpschen einverleiben? Sakußka, da jenügt ein Scheibchen Rundstück oder Franzbrot.« »Selbstverständlich. Allasch muß noch da sein, Manny. Nicht, Karline?« »Halbe Flasche voll ist noch, Herr Graf. Und mit Sakußka – Sardinen mach ich kleine Büchse auf.« »Feenhaft!« sagte Henne. »Kaum ist das Wort jesprochen: Allasch – schon erschrickt das Krokodil und zieht sein Schwänzchen ein.« »Eiskaltes Kruxedull in Bauch!« Karline verzog spöttisch den Mund. »Männer wollen Schnaps ja immer nur wie Medizin.« Henne schlug die Augen zur Decke auf. »Erbarmung! Ist ein Schnaps schon Alkohol?« »Trink ruhig zwei und drei!« sagte der Graf. »Und außerdem, Karline, sind Sie hier nicht als Kinderwärterin engagiert.« Die Köchin zeigte ein beleidigtes Gesicht und ging. »Halt, Sepp! Bleib da!« befahl der Graf. Der Bursch stand fragend stramm. »Du, Manny«, fing sein Herr verlegen und ein wenig zögernd an, »was wollt ich sagen? Hast du unsere Aussicht schon bewundert? Von dem Fenster da!« Verblüfft erhob sich Henne, ging folgsam hinüber und musterte den See im Rahmen seiner Berge ohne rechte Anteilnahme. Es war ein schönes Bild, aber er hatte es unterwegs sattsam genossen; und daß er jetzt fast mit Gewalt darauf gestoßen wurde, dünkte ihn sonderbar. Da lenkte ein Zufall seine Augen auf den Spiegel, der schräg vorgeneigt zwischen den Fenstern hing. Und plötzlich wußte er Bescheid: er hatte nur nicht zusehn sollen, wie der Graf mit Hilfe seines Dieners von dem Divan aufstand, man durfte beinah sagen: aufgestanden wurde, und sich durch das Zimmer zu dem Tisch im Herrgottswinkel begab. Er hängte sich beim Gehen in den Arm des Burschen, und seine Füße tappten unsicher voraus, als traue er der Festigkeit des Bodens nicht. Henne mußte seufzen. Was Krankheit doch für rasche Arbeit tut! Zwölf Jahre nur hatte er Onkel Woldemar nicht mehr gesehen, heute aber spürte auch der Laie, daß diesem Mann von allen Zielen, die der Mensch erreichen kann, nur noch das eine übrigblieb: mit Anstand und ohne viel Aufhebens zu sterben. Henne, durch die Krüppelhaftigkeit und Schwäche seines Körpers schon von Kind auf der Entsagung seltsam vertraut und so daheim in ihr, daß er den Abstand, den ihm dies von den Derben und Gesunden gab, zuweilen beinah wollüstig genoß – Henne fühlte, daß sein Onkel sich erst hatte hart erkämpfen müssen, was ihm selbst still durch die Jahre zugewachsen war; denn Armut lastet leichter als Verarmung. Eine gerührte Spannung faßte ihn, es weiter zu erleben, wie sich hier ein tapferer Mensch mit seiner Not vertrug. Als der Graf am Tisch im Korbstuhl lehnte und sein Atem wieder ruhig ging, sagte er: »Wie findest du die Aussicht, Manny?« Henne schluckte erst einmal herunter. »Meiner Billijung würdig!« rief er dann. »Ah, und da kommt ja auch Karline mit dem Schnaps! Hei, Gott zum Gruß, jeliebte alte Seele!« »Seele braucht mir Jungherr auch nicht schimpfen«, wehrte die Köchin ab. »Sepp, mach, daß du heraußerkommst! – Nu, und von alt, was Jungherr meint ... Fünf Jahr zurück, da wollt noch ein ganz richtig feiner Mann – Posaamentihr war er –, ich möcht ihm heiraten. Mit eijenes Jeschäft in große Scharrenstraße; Kinder von ihm waren auch erwachsen. Bloß weil Herr Graf mir schrieb, ich soll bei ihm im Ausland kommen, sagt ich zu den Herrn, ich habe keine Zeit nicht, sagt ich. Wie ich von Dünaburjer Bahnhof abfuhr, hat er mir noch ausbegleitet und hat auf Station jeplinzt wie kleines Kind. Da spricht man nicht von alt.« Während dieses Berichtes deckte Karline schnell den Tisch. »Nu friedlich! Das war lediglich als Huldijung jemeint.« Henne verneigte sich. »Das ist schon ein Jebot der Dankbarkeit: weil Sie durch diesen Allasch meinen vorzeitijen Tod verhindern.« Er schenkte sich mit geübter Hand das Gläschen voll. »Nu, ohne Schnaps wär Jungherr auch nicht wegjestorben«, grollte Karline herb. »Wenn aber lieber Gott mal jibt, denn muß man Mund von Jungherr noch expreß totschlagen.« »Karline«, fragte der Graf, »und glauben Sie, daß diese Prozedur bei – Ihnen von Erfolg begleitet wär?« »Kein Wort nicht sag ich mehr, Herr Graf, und jeh in meine Küche. – Und was ist? Soll ich Kaffee für Ihnen schon gleich bringen?« »Nein, ich wart lieber, bis auch Jungherr Manny trinkt. Und machen Sie die doppelte Portion!« »Dammlig ist Karline auch nicht.« Sie zog die Tür mit kräftigem Ruck hinter sich zu. »Man weiß doch immer, was sie meint«, bemerkte Henne. »Der Ton ist rauh.« Der Hausherr lächelte. »Aber jedacht ist es doch gut, nu, und das Heimatliche dran versöhnt. – Manny, sag, was machst du da?« »Ich kämpf mit der Sardine. Bis man se nen Njurnik reinmacht ...« »Aber übertreibst du nicht die Reinlichkeit? Es bleibt ja überhaupt nichts nach?« »Das ist dann aber einwandfreies Schierfleisch, Onkel Woldemar. Die Kischken und das Leder widerstehn mir. Und die Gräten – nee, Gott schütz! Denn schon die Möglichkeit, daß eine drinjeblieben wäre, kann mich töten. Führ keinen Jejengrund ins Feld: ich weiß das alles selbst; aber an einer Gräte zu ersticken, die garnicht vorhanden ist, wär auch kein schöner Tod.« »Ein orijineller wenigstens«, antwortete der Graf. »Nur schade: ich hab kein Mikroskop, das ich dir puffen könnte!« »Nee, Onkel Woldemar, beraub dich nicht! Es jeht auch so, und zu jenaue Einsicht in die Werkstatt der Natur verdirbt den Appetit.« »Ja, das hat wohl was. Sonst, Manny, könnt ich Sepp vielleicht zu meinem Freund und Nachbarn Rapp herüberschicken. Er hat, wie ich ihn kenn, bestimmt sogar ein Ultramikroskop. So neuere Erfindungen schafft er sich für jewöhnlich an.« »Automobile sogar paarweis«, sagte Henne, anscheinend ganz in die Bereitung seines Imbisses vertieft. »Wie?« rief der Graf. »Du weißt ...?« Sein Neffe kniff das kleinere Auge zu. »Jestatte erst! Jetzt kommt der heiß ersehnte, sauer verdiente Augenblick. Prost!« Er hob das Schnapsglas, kippte dessen Inhalt in sich hinein, schob sich dann einen mit Bröckchen der Sardine lückenlos bedeckten Semmelbrocken so hastig zwischen die Zähne, als hingen von der Raschheit dieses Tuns Gesundheit und Leben für ihn ab, kaute hygienisch langsam und stellte endlich fest: »So, das war gut!« »Ja, aber sag ...!« drängte der Graf. »Was soll ich sagen, Onkel Woldemar?« Henne füllte sein Glas zum zweitenmal. »Du sprachst von meinem Freunde Rapp?« »Ach so! Weißt du, ich denk: er braucht das andre Automobil, weil Senta manchmal jern allein spazieren fährt?« »Auch von Centa hast du jehört?« Der Graf schien fast bestürzt. »Du lieber Gott, woher?« »Daher. Man hat so seine Quellen. Aber, Onkel Woldemar – auf einem Beine kann der Mensch nicht stehen. Prost!« Henne vollführte mit dem zweiten Schnaps und mit dem zweiten vorsorglich gleich mit hergerichteten Semmelbrocken die gleiche Zeremonie wie bei dem ersten Glas. Dies stellte die Geduld des Onkels heftig auf die Probe. »Manny, erklär mir doch! Ich kann gar nicht verstehn ...« »Kuck mal«, dachte sich der Neffe, dem der Allasch Feuer durch die Adern trieb, »wie viv der alte Schlieker plötzlich wird! Ist vielleicht doch was dran, daß er bei dieser Senta irjendwie als ›Holländer‹ fungiert? Natürlich ohne Dämonie, weil so ein leerer Quintenzauber à la Wagner sich für einen Grafen Brokkenhuus nicht paßt.« »Manny, wie kommst du zu der Wissenschaft?« so lag der Graf ihm weiter an. »Du denkst dir: auf dem Weje der Telepathie; was, Onkel Woldemar? Im Jejenteil: die Spatzen zwitscherten im München-Tegernsee-Expreß davon.« »Du hörtest, wie sich Leute von mir unterhielten?« »Einer nur; der andre war ich.« »Und jemand, den ich kenn?« »Ich hoff es wenigstens für ihn. Anfänglich war er sogar intim mit dir befreundet.« »Anfänglich?« »Bis er erfuhr, daß du auch meiner Wenigkeit nicht völlig fremd bist.« »Ach? Von der Sorte? – Nu, und was hat er jewußt von mir?« »Oh, nicht viel mehr, als daß du oft im Rappschen Philisteer verkehrst.« »Da hat er nicht jelogen. Und wer war der Europäer, dem du deine Kenntnisse verdankst« »Rat mal! – Höchst spaßhaftes Jewächs und seines Glaubens ein Genie.« »Schwierijer Steckbrief!« lachte der Graf. »Genie paßt eijentlich auf keinen, den ich hier in diesen Breiten kenn.« »Ich hab ja nicht behauptet: meines Glaubens, sondern: seines, Onkel Woldemar. Besondere Kennzeichen: notdürftig nachjemachter Beethoven.« »Franz de Paula Bachhuber? Spukt dieser Zeitjenosse wieder in der Jejend? – Und Genie? Nu: Pumpgenie!« »Auch dieses überrascht mich kaum«, erklärte Henne. »Schon anjepufft von ihm?« »Das wenijer. Die Sorte hat doch Röntjenaugen und kuckt durch die Hose bis ins Portemonnaie. Und da war eben bei mir nichts Erwähnenswertes sichtbar. Aber dich hat er heimjesucht?« »Sanft nur. Er brach mir Gott sei Dank sein Ehrenwort schon bei den ersten hundert Mark. Meinem Freund Rapp kommt er wohl teurer. Schwatzt ihm ewig was von einer Oper vor, die er ... Und hat doch – darauf nehm ich Jift – niemals im Leben mehr als ein paar Takte komponiert.« »Nimm nicht!« riet Henne seinem Onkel. Dieser schaute ihn zweifelnd an. »Jift nehmen sollst du nicht. Er hat!« »Was hat er?« »Tonjesetzt. Und zwar erbittert. So ein Beest von Symphonie! Ich hab ja in Majorenhof bei Horn selbst die Premiere miterlitten.« »Wie überraschend! Und was hältst nu du von dieser bisher sagenhaften Symphonie?« »Onkel Woldemar, ich muß jestehn: Bach ohne Huber ist mir schon mit Abstand lieber. Verrat aber deinem Freunde, dem Mäzen, ja nichts davon!« »Nein, Manny, keine Angst! Übrijens hat Rapp schon längst jeschworen: keinen Pfennig mehr!« »Armer Bachhuber! Ich war noch niemals so erschüttert«, sagte Henne. »Widmen wir ihm einen stillen Schluck!« Damit verleibte er sich den dritten Schnaps nebst Imbiß ein. »Wenn man dir zusieht, kriegt man selbst fast Appetit«, meinte der Graf. »Warum nur fast? Krieg ihn doch ganz und reajier ihn ab! Ich jeh und sag Karline, daß sie noch ein Glas ...« »Nein, Manny! Lieber nicht! – Nu, oder ja! Wenn ich aus deinem Glas ...« »Wir Deutschen fürchten Gott und – unsre Küchenfee!« stellte sein Neffe bei sich fest. Laut fuhr er fort: »Wenn dir kein reines lieber ist ... Ich hol es jern.« »Wozu! Mir graust vor nix, wie mein Freund Rapp in solchen Fällen zu sagen pflegt«, rief der Graf ein wenig krampfhaft munter. »Jieß mir nur ein! Den Imbiß nehm ich dankend als jenossen an. Sardinen, nein, sind nichts für mich.« Henne stellte das volle Glas vor seinen Onkel hin. Der faßte darnach und – hätte beinah vorbeigegriffen. Mit Not und Mühe nur erwischte er das Glas. »Ach ja, vergnügte Hände also auch!« dachte der Neffe wehmütig. »Prost! Daß es dir bei mir jefällt!« sagte der Graf. »Prost! Und, Onkel Woldemar, wie ist's mit Numero zwei?« »Einen könnte man schließlich noch, obgleich mein Arzt, der Hofrat Astaller ... So! Nicht zu voll!« Brokkenhuus kippte den Allasch mit Genuß. Als aber Henne ihn zu einem dritten Glas verführen wollte, wehrte er lebhaft ab. Denn draußen vor der Tür klapperte Geschirr. Er langte nach dem Schnapsglas, fing es diesmal schon auf Anhieb recht gewandt und schob es hastig Henne zu: »Aber trink du noch einen, Manny!« »Lieber nicht! Der Russe sagt zwar: ohne vier Ecken wird kein Haus jebaut. Aber um sich dem Trunk bis zur Besäufung hinzujeben, ist's noch zu früh am Tag. Und außerdem sieht mich Karline übers Teebrett weg schon strafend an.« Die Köchin stellte die Terrine auf den Tisch und sagte: »Ist auch nicht viel von Allasch nachjeblieben.« »Fünf Gläser sind heraus«, wehrte sich Henne. »Fünf ist wohl wenig!« höhnte sie und hob die Flasche gegen das Licht. »Ich hab sie aber nicht allein ...« rief er und warf einen Seitenblick nach seinem Onkel hin. »Das Krokodil trank mit und ist selig an Alkoholverjiftung einjegangen, Gott sei Dank! Entführen Sie die Buddel also ruhig im Triumph! Sie lassen sie ja doch nicht da.« »Wird besser sein! Weil Jungherr seine Augen sind ja schon ganz blank. Jungherr soll essen auch. Buljong wird kalt.« Damit ging sie hinaus. – Es schmeckte Henne, wie sich zeigte, gut. Er tat allem, was ihm Karline auftischte, viel Ehre an. Sich aber das Essen leicht zu machen, war nicht seine Art. Er widmete den Kalbsbruststücken in dem Frikassee die gleiche mißtrauische Sorgfalt wie zuvor schon der Sardine und brachte nichts als reine Muskelfasern zwischen seine Zähne. Nach dem Fleischgang konnte man wohl der Meinung sein, es läge, da er fertig war, mehr auf dem Teller, als er sich genommen hatte. Deswegen kam sein Magen aber nicht zu kurz, und es schien rätselhaft, warum er bei dem Appetit so dürr geblieben war. Der Graf sah ihm mit neidischer Bewunderung zu. Wie ein Kanarienvogel aß der nicht, o nein: im Hinblick auf die Mengen, die er zu sich nahm, ließ er sich gut mit einem Wolf vergleichen, und was wählerische Mäkelei betraf, mit einem Ziegenbock von edelstem Geblüt. Über dem Garten draußen brütete heiß Nachmittagsstille und strömte durch die Fenster in das Zimmer. Hie und da nur tauschten die beiden ein paar Worte, die kaum etwas sagten. Gedämpft klapperte das Besteck auf Hennes Teller. Selten wehte fernher ein verlorener Laut heran, ein Amselpfiff, ein Truthahnkollern, das Brüllen einer Kuh – hing eine Weile in der Luft und wurde von der Stille eingeschluckt und hatte sie nur greifbar und dem inneren Ohr bewußt gemacht. Sogar der junge Diener dämpfte beim Auftragen seinen Tritt und sah wie schuldbewußt darein, wenn das Geschirr einmal ein bißchen stärker klirrte. Onkel und Neffe, die sich durch die lange Trennung doch ein wenig fremd geworden waren, kamen sich in dieser stummen halben Stunde näher als durch das zugespitzt hintändelnde Geplauder von vorhin. Dies Schweigen zwischen ihnen wob an einem Band der Neigung, dem Blutsgemeinschaft und ein nahverwandtes Schicksal feste Kettenfäden spannten. Plötzlich aber wurde Henne die entrückte Stimmung doch zu schwül; er gab sich einen Ruck und sagte: »Nicht, Onkel Woldemar? Wie still es ist! Aber trotzdem die ganze Zeit so was, als ob die Stille – wie soll man da sagen? – von etwas Jeheimnisvollem kocht. Bis man plötzlich bemerkt, daß es jemeine Stubenfliejen sind, die diese ewije Melodie vollführen. Pfui, tisch tisch! Da sitzt mir eine schon im Haar!« Der Graf schlug matt die Augen auf und antwortete: »Ja, muß man Sepp schon mal nach Fliejenfängern schicken.« Aber der Blick, der seinen Neffen streifte, war sich dieser Worte kaum bewußt und sah auch nichts von Henne. Er ging durch die Wirklichkeiten dieser Welt hindurch und offenbarte in seiner gefaßten Schwermut jenes Wissen um das Letzte, das die wächsernen Gesichter von Toten, die reif und ohne Kampf gestorben sind, so ausdrucksvoll erscheinen läßt in ihrer Ausdruckslosigkeit. Das Lächeln erlosch auf Hennes Lippen, und er blickte hastig weg. Jetzt seinem Onkel in den Augen lesen – das hätte ihm geschienen, wie wenn er einen belausche, der im Schlafe spricht. Er wollte, diesen Bann zu lösen, ein paar muntre Worte sagen, brachte aber nichts hervor. Da griff er nach dem Löffel und beendete mit langsamer Ausführlichkeit sein Mahl. – Erst als dann Karlines berühmter Kaffee die Geister weckte und die Zigaretten brannten, kam das Gespräch wieder in Gang. Der Graf bat Henne, ihm von seinem Leben zu erzählen. »Wei, man lebt«, antwortete der Neffe. »Was soll man viel erzählen! Man wälzt täglich zwischen neun und vier das Kassabuch und ist jewissenhaft darauf bedacht, sich ja nicht aus Versehen totzuarbeiten.« »Manny, du und Buchhaltung, das reimt sich mir so schlecht. Warum nu grade den Beruf?« »Wird man jefragt?« »Weißt du noch, Manny, wo wir uns – du warst wohl noch ein Halbwüchsling – zum letzten Male sahen? – Bei der alten Tante Laura. Und du phantasiertest uns was vor.« »Auf Tante Laurchens Tafelklavizimbel, ja. Und sie, so harthörig sie ist, fand mein Jepauk zu laut, aus Sorje um ihr ehrwürdijes Instrument. Du lächeltest und schwiegst; und das ist auch Kritik.« »Glaub doch nicht sowas, Manny! Ich find's jammerschade, daß du nicht bei der Musik jeblieben bist. Jing es denn gar nicht, daß du doch auf die Akademie ...?« »Mon Dieu, wovon! Wenn man bejütert ist wie eine Kirchenmaus und noch den Haufen Schulden erbt?« Der Graf sah eine Weile schweigend in die Luft. »Sag«, fragte er dann, »ließ sich das denn gar nicht anders machen?« »Onkel Woldemar, bei uns! So etwas muß man doch vertuschen. Nu ja, es ist vielleicht klein bißchen kühn, ›vertuscht‹ zu nennen, was jedes alte Weib im Ländchen wochenlang bekakelt hat. Nu, Gott hatte es Papas Gläubijern glücklicherweise offenbart, was ich noch gar nicht wußte: daß die jesamte unvermählte Tantenschaft mich als den Erben ihrer Rubelstücke vorjesehen hatte.« »Und das war nett von meinen alten Schwestern!« rief der Graf. »Nett, Onkel Woldemar, ist gar kein Ausdruck dafür. Wo ich von Kindesbeinen an schon durch mein Mundwerk bei den Tanten nichts als Ärjernis erregte! Was siegte, war das Mitleid mit dem hinkenden Jebein und meiner, nu, wie sagt man, Lebenstüchtigkeit.« »Und, Manny, weil ja deine arme Mutter die Lieblingsschwester von uns allen war. Nur schade, daß die Erbschaften nicht dir selbst zugute kamen!« »Schweinerei, nicht wahr?« rief Henne. »Nu, einerlei, die Schulden bin ich los.« »Was? Alles abjezahlt?« »Seit Tante Ischens Tod. Es blieb sogar was nach, so daß ich mir einen Bechsteinflüjel leisten konnte für den Hausjebrauch. Jibt ja paar so verrückte Freunde, die mich jern über die Tasten rasen hören.« »Manny, aber dann begreif ich nicht ... Und Tante Laura schrieb mir doch, daß du sie auch beerbst.« »Leere Versprechungen von einer, die ganz ohne Frage ewig lebt!« »Jeh, Manny, sie muß reichlich achtzig sein.« »Sehr reichlich: siebenundachtzig. Was beweist das? Sie stirbt nie. Und ich muß bis zu meinem Tode jeden Sonntag bei ihr Mittag essen, meistens Sachen, die mir widerstehn. Das findet sie erzieherisch.« »Wär damals nicht meine Bank verkracht, dann könnte ich dir helfen«, sagte sinnend der Graf. »Zu schade, daß Leibrente mit dem Tod erlischt! Auf meine Erbschaft würdest du nicht lang zu warten brauchen.« »Laß, Onkel Woldemar!« rief Henne unbehaglich, rührte eifrig in der Tasse, hob dann das Kinn und fuhr lässigen Tones fort: »Es hat auch wenig Zweck – mir fehlt, was Franz de Paula Bachhuber den Mut jibt, Leute anzupuffen: der Glaube an die Sendung als Musiker, was man so die Berufung nennt. – Ich hab mich auch bei langsam an mein Kassabuch jewöhnt und bewundre mich ja so, daß ich das fertig bring! Kurzum: ich, Feigling von Natur, fürchte mich vor nichts so sehr wie vor Veränderung.« Ein Lächeln zog die Lippe von des Grafen vorstehenden Oberzähnen, während sein fliehendes Kinn sich kaum noch vom Hals abhob. »Da hast du dir's unjünstig ausjesucht. Du wirst wahrscheinlich noch recht viel Veränderungen mitzumachen haben.« »Nein, Onkel Woldemar, mit meinem Willen nicht!« »Auch da wird nicht jefragt, was einer will, mein lieber Manny. Ich trau dem Fortbestand der Ruhe in Europa nicht. Es knistert irjendwie schon im Jebälk.« »Ja, ja; das Grundmotiv in deinen Büchern, Onkel Woldemar.« »Und das hast du bemerkt? Die meisten nehmen an, daß ich nur von der – wie soll ich sagen? – Jötterdämmerung des Adels sprech. Adel! Wir leben in einer total verbürjerlichten Welt und haben selbst gar keine andre mehr jekannt. Und ist man mal an sie jewöhnt, hält man's gut in ihr aus, wenn man zufällig mehr in ihren oberen Regionen jeboren ist. Da unten aber – na!« »Was, Onkel Woldemar, denkst du an Revolution? Die Deutschen machen sowas nicht.« »Wer weiß! Hat man in Rußland denn jeglaubt ... Und doch hast du's im Jahre fünf da oben selber miterlebt.« »Ach das? Sehr viel bemerkt hab ich ja nicht davon. Vorm Schützengraben standen paar bedrohliche Maschinenjewehre, und das Straßenleben war bißchen belebter als wohl sonst, soweit ich davon Kenntnis nahm. Zu mir kam nie ein Hooligan. Er hätte auch nicht viel Pretiosen vorjefunden.« Der Graf zeigte ein dünnes Lächeln. »Du siehst das richtig bürjerlich. Wie mein Freund Rapp! Bei dem verkehrt zum Beispiel eine junge Russin, Malerin oder sowas – Nihilistin, wie sie im Buche steht, und die aus ihren Ansichten auch kein Jeheimnis macht. Und glaubst du, das nimmt jemand ernst?« »Wie spannend!« lachte Henne. »Eine lebendije Nihilistin kennenzulernen, hab ich mir längst jewünscht. Ich hielt sie mehr für eine Sage.« »Sage, die Bomben schmeißt.« »Ach, wird sie denn? Wenn du jestattest, nehm ich sie auch nicht ernst.« »Sie selbst – dazu ist wohl kein Grund. Dies russische Intellektuellenjeschwätz! Aber unsre bürjerliche Welt glaubt auch nicht an das tiefe Meer, das oben so kuriose Wellen schlägt. So tanzt man schön jemütlich Walzer auf dem Vulkan und engagiert dazu den Feind.« »Onkel Woldemar, wirkst denn nu du dabei als Stimme eines Predijers in der Wüste?« »Nein, Manny, was hätt das für einen Zweck! Ich hoff ja auch, daß ich's in den paar Jahren, die mir, wenn's Gott so will, noch bleiben, nicht mehr erleb, wie alles dies, in das man nu mal hereinjeboren ist, zusammenkracht.« »Ach, Onkel Woldemar, was wird es denn schon krachen! Wie käm es auf einmal dazu?« »Manny, wenn nu, wie Anno fünf in Rußland, ein Krieg den Anstoß jibt? Es sah die letzten Tage fast so aus. Jetzt hab ich das Jefühl, wir rutschen diesmal grad noch drum herum.« »Ach, weil dies kleine deutsche Kriegsschiff nach Agadir hinfuhr? – Nee, für Krieje ist die Menschheit nicht mehr dumm jenug.« »Wovon wird sie jetzt plötzlich klug jeworden sein«, so widersprach der Graf, »wo sie doch seit dem sechsten Schöpfungstag in jeder Situation das Dümmste tat, was auszudenken ist; und grade, weil sie's mit dem Verstande machen will! Ideologen – nein, Gott schütz!« »Guck mal«, sagte Henne, »endlich weiß man, auf welchem Beet die schöne Warnungstafel am Gartentore deines Freundes wuchs.« »Die kennst du auch schon, Manny?« »Ja, Onkel Woldemar! Und außerdem kenn ich auf Grund nur dieser Tafel deinen Freund jenau.« »Ach, Manny, das sind kleine Scherze, wie er sie liebt. Danach allein darf man nicht urteilen. Er jilt sogar bei andern Chemikern als Licht und ist durchaus nicht dumm.« »›Dumm‹ mein ich auch nicht. Außerdem ist ›dumm‹ in meinen Augen keine Schande. Wenigstens kommt es auf den Grad an. Normale Dummheit ist sehr ledern – jeb ich zu. Sobald sie aber drüber hinausjeht, wirkt sie als interessantes Phänomen, wie, nu, wie negatives Feuerwerk. Kuck beispielsweise Süßing, unsern lieben Goswin, an!« »Man weiß, woher er's hat«, lachte der Graf. »Vorteilhaft für die Rasse war diese Billeringsche ›Blutauffrischung‹ nicht.« »Nu, aber körperlich ...« wendete Henne ein. »Er ist doch eine prachtvolle Erscheinung, bis er – was sagt.« »Ich, Manny, hätt ihn mir nicht als Reisekameraden ausjesucht.« »Erbarm dich, Onkel Woldemar, hab ich das Jeld?« »Ach so!« »Und Tante Aina hatte solche Angst, ihr Süßing könnte durch Einsteigen in falsche Züge oder sonstije Unglücksfälle verlorenjehn. So engagierte sie mich als eine Art von Reisemarschall für das dreiunddreißigjährije Kind. Rendant und Reisemarschall – scheint, daß Gottes Füjung mich prinzipiell am falschen Platz verwenden will.« »Und wie kamt ihr nu miteinander aus?« »Ach ja ... Klein bißchen stört es wohl, daß ich den armen Kerl so schlecht behandeln muß.« »Weswejen mußt du?« »Wenn er für mich bezahlt! Sonst kam man sich ja wie ein Bettler vor!« »Ja aber, da du ihn so plötzlich verlassen hast, muß doch ...« »Nein, nein, das hatte andere Gründe. Es schmissen sich uns dort im Hotel zwei Damen an. Sie gaben sich nämlich als solche aus, aber, sag selbst: wenn sich die eine auf den Adonis Goswin stürzt, den außerdem noch eine Grafenkrone schmückt, kann man das noch für echte Liebe halten; wenn aber die andre mir höchst feurige Avancen macht, sagt das jenug. Muß ich nu Süßings Erfolje bei seiner Circe bewundern und dabei in ewijer Angst vor diesem andern schrecklich zielbewußten Weibe leben? – So bin ich Montag, als der Süßing artig in seiner Badewanne saß, stilliechen ausjekratzt. Und leider muß ich, bis er nachkommt, nun dir auf der Tasche liejen, Onkel Woldemar.« »Manny, bleib, solang du Lust hast! Ob allerdings die gute Aina dir Dank dafür wissen wird, daß du ihn grade da verläßt, wo er bestimmt vor einem falschen Anschluß steht?« »Ich rechne nicht auf Dank«, erklärte Henne. »Und einen schönen Dummerjahn vor Weibern hüten, jeht über Menschenkraft. Ich hoffe nur zu Gott, daß er nicht völlig ausjeplündert hier in den Hafen treibt.« »Nu, schlimmsten Falls«, tröstete der Graf, »hilft mein Freund Rapp ihm aus.« »Der Mensch ist unanständig reich, was, Onkel Woldemar?« »Hier hör ich deine ›Quelle‹ rauschen, Manny. Nein, so reich, wie sich Bachhubers mißjünstige Phantasie das vorstellt, ist nicht mal Vanderbilt. Aber nach seinem ganzen Lebenszuschnitt steht sich Rapp jewiß nicht schlecht. Was wußte denn der kleine Musikant sonst noch von ihm?« »Gott, eijentlich hat er nur mild auf ihn jeschimpft.« »Jeschimpft? Lebt jahrelang von ihm ...!« »Ja, eben, dafür fand ich es mild.« »Ach«, warf der Graf verächtlich hin, »laß er erzählen! Du wirst sehn: Rapp ist ein netter Kerl – ja, apropos: gleich heute nach dem Abendessen hinzujehn, wird dir kaum passen?« »Nein, aber wenn du's vorhast, jeh doch ja! Ich bleib jern allein.« »Manny, was denkst du! Keine Spur! Nein, ich schick Sepp hinüber und sag ab. Sei doch so gut und drück mal auf den Knopf dort an der Tür.« Der kleine Diener kam und stand abwartend stramm. Der Graf erklärte ihm ausführlich, was er dem Herrn Doktor ausrichten solle. Aber während er so sprach, konnte ein feines Ohr vernehmen, daß ihn die Absage im Grund schon wieder reute. In Hennes Blick trat ein verschmitztes Lauern, und als Sepp draußen war, fing er anscheinend harmlos an: »Übrigens, Onkel Woldemar: so furchtbar hat dies Pumpgenie auf den Herrn Rapp doch nicht jeschimpft. Und was er über Fräulein Centa sagte, klang sogar beinah verliebt.« Der Graf hob schnell den Kopf, dann aber gab er mit ruhigem Spott zurück: »Da wird er kaum viel Jejenliebe finden.« »Auf jeden Fall verkörpert sie sein Frauenideal«, schmunzelte Henne; »sie ist doch groß und üppig, nicht?« »So?« lachte der Graf. »Jeht er da nach dem lebenden Jewicht?« »Ja, doch. Groß, üppig und jesund, hat er betont.« »Jesund, das ist sie, Manny, ja, erfrischend und beneidenswert jesund!« »Ich stell sie mir als so ne Art von weiblichem Pendant zu Süßing vor.« Henne sah seinen Onkel harmlos an. »Ach was? Behauptet das der Esel auch?« »Als Lob doch, Onkel Woldemar! Dummheit hält er für einen Reiz bei Frauen.« »Der Dohjan, der! – Weil sie nicht klug schwatzt über Dinge, die sie nicht versteht! Ein Mädel, das Instinkt bis in die Fingerspitzen hat!« »Nu weiß man ja«, stellte sein Neffe bei sich fest, »wer der Magnet für ihn in diesem Hause ist. O Weiber, Weiber, was macht ihr aus euern Knechten! Jung jewohnt, alt – komische Figur. Tja, armer Onkel Woldemar!« Doch gab ihm die Miene des also Bemitleideten wohl zu denken, denn er überlegte weiter: »Nu aber: arm; was heißt denn arm! Ist der der Reichste, der am meisten hat?« Und wieder sahen sie eine Weile schweigend vor sich hin. Die Dividendenburg Vor dem Landhause Doktor Rapps hatte der Baumeister in den abschüssigen Hang eine Terrasse eingeschnitten, über die ein hundertjähriger Ahorn seine Krone neigte. Wo ihr Schatten hinfiel, stand ein mit Nymphenburger Porzellan und blankem Silber aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bestellter runder Kaffeetisch; bequeme Sessel aus Peddigrohr umringten ihn. Ein schlicht livrierter Diener trat lautlos schreitend heran, setzte die Kanne auf den roten chinesischen Lackuntersatz, stülpte die wattierte Wärmhaube darüber, musterte sein Werk zufrieden und stieg, den Kopf mit eingeübter Anmut leicht nach links geneigt, die Freitreppe zur Tür ins Haus empor. Doch auf der zweiten Stufe schon hemmte er seinen Schritt, wich seitwärts aus und machte Front. Die junge Frau, groß, üppig und gesund, die oben auf der Schwelle erschienen war, stieg schnell herab. »Kaffee schon da? Ist recht. Gel, Otto, sagen S' dann den Herrn Bescheid!« »Sehr wohl!« erwiderte der Bediente in farblosem Lakaienton; aber der Blick, den er der Dame folgen ließ, fiel aus dem Stil. Bewunderung lag darin, Bewunderung des Mannes für die Frau, und Mann darf sich ein Diener doch nur fühlen, wenn er Ausgang hat. Übelzunehmen war ihm der verstohlne Seitensprung ins Menschliche zwar nicht, denn Centa Hollerieth war auffallend schön gewachsen, was in dem Dirndlkleide von echt bäuerlichem Schnitt günstig zur Geltung kam, sie hielt sich ungezwungen stolz und hatte einen leichten Gang, wie er bei üppigen Frauen keineswegs die Regel ist. Ihr zierlich gedrechselter Hals trug frei den Kopf, um den sich das braune Haar in einem Flechtenkranze schlang. Rund und frisch wie ein edler deutscher Apfel war das sonnverbrannte Gesicht, dem eine kurze Nase von formvoll feiner Zeichnung die besondre Note gab. Über dem weichen Kinn stand ein großer, vollippiger, aber untadelig geschnittner Mund, der gern die starken, kerngesunden Zähne sehen ließ. Die grünlich braunen Augen hätte man sich vielleicht größer wünschen mögen, aber man vergaß das über ihrem klugen Blick und dem ganz eigenen Leuchten, das, wenn sie lebhaft sprach oder nur lauschte, kindlich klar in ihnen aufging. Und vertiefte noch ein Lächeln ihre Wangengrübchen, dann erstrahlte Centa Hollerieths Gesicht von einer Liebenswürdigkeit, der man schwer widerstand. Otto entriß sich mit einem verhaltnen Seufzer seiner Träumerei und ging ins Haus. Centa nahm am Tische Platz und faßte nach dem Häuflein Briefe, das dort auf einem silbernen Teller lag. Sie sah es so gleichgültig durch, als ob sie sich nur überzeugen wolle, daß bei der Post nichts für sie sei. Dann aber rief sie: »Doch! Ja, was wär das!« und zog ein lila Kuvert hervor, das in einer Kaufmannshandschrift, der auch die lebhaft grüne Tinte keine Eigenart verleihen konnte, die Anschrift trug: »Hochwohlgeboren Fräulein Centa Hollerieth, Tegernsee, Villa Rapp. Persönlich !« Sie lachte: »Schau! Ein billet doux für mich, das auf zehn Meter nach Lavendel schmeckt! – Ja, ist das nicht ...?« kam es verblüfft von ihren Lippen, und sie drehte das Kuvert neugierig um. Ein Absender war nicht darauf vermerkt, aber sie wußte jetzt ohnehin, von wem das Schreiben war – das ließ sich leicht in ihrer Miene lesen. Ihre Hand tastete am Zopf nach einer Haarnadel, die sich als Brieföffner benutzen ließe; plötzlich fuhr sie zusammen, ein Lauschen trat in ihren Blick, und flugs barg sie den Brief im Spenzerausschnitt ihres Dirndlkleides. Wenn niemand ahnen sollte, daß sie etwas mit der Post bekommen hatte, war es auch hohe Zeit dazu gewesen. Denn oben in der Tür erschien ein Herr weit in den Dreißigern. Daß er ein »Herrischer« war, erkannte man sofort, obschon er sich als Tegernseer Bauer trug und seine abgewetzte Lederhose selbst einem Holzknecht bestenfalls am Werktag hätte dienen können. Schon die Schmisse, die sein Gesicht aufwies, die runde Schildpattbrille, hinter der pfiffige Äuglein funkelten, und der englisch zugestutzte Schnurrbart deuteten auf den studierten Mann und Städter hin. Entscheidend aber war der Ausdruck der luftbraunen Züge. Kopfarbeit prägt andere Runen in ein Gesicht als die dem Eingeborenen des Tegernseer Tales eigne Beschlagenheit in Viehhandel und Sommerfrischlerseelenkunde. »Ah, du, Ferdl? Hab dich gar nicht kommen hören«, schwindelte die hübsche Centa, als der Herr des Hauses schon neben ihrem Stuhle stand. »Meinen Kaffeedurst wünsch ich keinem!« brummte er und ließ sich schwer in einen Sessel fallen. »Mach! Es braucht's! Daß man erst einmal richtig wach wird!« Und er reckte sich. »Bis jetzt geschlafen? A?« Sie schüttelte den Kopf. »Weißt du mir bei der Hitz was Klügeres?« fragte er, holte eine halblange Pfeife aus der Tasche und fing sie zu stopfen an. »Zwei Stund am hellen Nachmittag! Das hilft fei auch dazu, daß du so dick wirst neuerdings.« »Ah, laß du meinen Bauch nur gehn! Der ist ganz recht so, wie er ist.« Er zog die Tasse her und rührte um. »Hauptsache, daß du dir gefällst!« »Ah? Und dir nimmer? Geh? Magst dir am End gar einen andern fangen?« »Mei, Ferdl, wenns d' weiter aufgehst wie ein Hefenteig ... Verheiratet sind wir noch nicht.« »No, dein Verdienst wird das kaum sein«, bemerkte er und trank. »Einbilderisch, wie so ein Herr der Schöpfung ist! – Mein Lieber, hätt ich im Ernst einmal den Kopf darauf gesetzt, dann wären wir schon lange ...« »... über den Altar gestolpert?« fragte er. «Glaub's nicht. Zu was denn auch! Geht mir ja so nix ab davon, was man von einer ›legütümen‹ Gattin hat: gönnst mir nimmer den Mittagsschlaf, schimpfst über meinen Bauch und schonst mein Herz durch Zusatz zum Kaffee.« »Kein Bröckerl!« Sie hob ihre Hand zum Schwur. »Freilich, so damisch stark, wie du ihn gern hättst, ist er nicht, weil's dir nicht gut tut; gel?« »Sag ich's denn nicht! Verheirateter kann man schwer sein.« »Ah, Ferdl, du wirst's schon noch spannen, daß man's kann. Zeit lassen! Das kommt von allein.« »Ah, so herum? Du meinst wohl, man wird alleweil älter, dümmer und – erwacht dann eines Morgens in der Früh als Ehemann?« Sie trumpfte auf: »Das sag fei nicht bloß ich. Nein, auch der Brokkenhuus ...« »Der muß es wissen! So, dein Beichtiger? Ich krieg's noch mit der Eifersucht. Wegheiraten wird er dich mir ja zwar nicht.« »Schmarrn!« warf sie hin. »No aber, weiß nicht ... Wenn er mir 'nen Gefallen damit tun könnt, ja, der heiratet mich auch.« »Glänzende Idee! Als Gräfin mit neun Zinken – säh nach was gleich! Schad bloß, daß er zur Ehe – nimmer recht geeignet ist! Du hast halt Pech: er will vielleicht und – kann nicht. No, und ich – von Wollen oder nicht ganz abgesehn – kann schon erst gar nicht, stell dir vor!« Sie hob heftig das Kinn. »Ah, soll das heißen, daß ...?« »Oha, wie wild sie schaut! Wird einem ja bald angst! Und wenn die Angst vor einer andern Frau nicht noch um ein Trumm größer wäre ...« »Was? Andre Frau?« »Reg dich nicht auf! Vor meiner alten Dame halt. Sie hat was gegen die Partie.« »Soll sie!« gab Centa kühl zurück. »Du redst dir leicht! Am letzten Donnerstag wie ich bei ihr gewesen bin ...« »Ich denk, sie ist in Kissingen?« »War sie. Jetzt bleibt sie ein Monat daheim, vor sie sich an den Lido und dann für die Herbstzeit nach Florenz und Rom verrollt.« »Die tut sich leicht!« Centa ließ einen Seufzer hören, der leise neidisch klang. »Das ist so eine ihrer Eigenschaften, ja«, stellte er sachlich fest. Sie fragte lebhaft: »Und du hast von dem mit ihr gesprochen?« »Nein, gesprochen hat schon sie.« »Bin ich ihr am End nicht gut genug?« Centa hob herausfordernd den Kopf. »Mein Großvater ist Doktor gewesen, und mein Vater hätt leicht auch studieren können, wenn ... Und deine Mutter, der ihr Vater ist doch, was ich weiß ...« »... Ladenkoofmich bloß gewesen, Cenzerl, allerdings. Zwar ein vierstöckiger aus der Neuhausergassen; aber was ist Geld! K. b. Beamtenstöchter haben einen andern Stolz. Und ohne diesen Stolz – wo nähm der Staat Beamte her! Recht hast: bild dir nur was ein!« »Ich? Aber deine Mutter braucht es auch nicht tun. Hoffentlich hast ihr das einmal richtig ausgedeutscht?« »Von wegen! Deutsch du der alten Dame etwas aus!« »Ja, und? Was hast denn du auf das hinauf getan?« »Beruhigt hab ich sie: daß ich an Heiraten im Schlaf nicht denk.« »So? Sauber!« »Cenzerl, geh! Friß mich nicht gleich! Hat dir doch sonst nicht so pressiert.» »Pressiert! Pressiert! Ist bald fünf Jahr ...!« »Und was fünf Jahr gehalten hat, bricht nicht auf Schnall und Fall, auch ohne Fangeisen von Ehering. Zu was denn jetzt der Krampf!« »Krampf heißt er das? Ja, ja, ich spür es schon die ganze Zeit, daß du dir nix mehr machst aus mir!« »Wie soll ich dir denn meine ›Leudenschaft‹ beweisen? Soll ich des Nachts auf eine Loatern durch dein Fensterl schliefen, wo's bei der Tür hinein doch viel kommoder geht?« »Ja, Ferdl, ja, das ist der Ton! Auf alles hast du nix wie deine blöden Witz.« »Geh, Cenzerl, hab denn ich im Anfang so geschwollne Spruch gemacht? Und kam ich dir als süßer Troubadour nicht gspaßig vor?« »Du wirst wohl selber wissen, daß du anders warst.« Er seufzte ungeduldig. »Kruzifix! Schau dir die allerbesten Ehen an! Wo hat's denn das, daß man nach fünf Jahren noch so verruckt ist wie die erste Zeit! Wär ja nicht einmal schön. Und was herüben weniger wird, dafür wachst auf der drübern Seiten gleich viel zu, was ganz gewiß nicht schlechter ist.« »Ja, reden kann er wie ein Buch! Nur leider, daß dein Reden keine Heimat hat! Verheiratet – das ist ein Unterschied. Da kommen Kinder, und ...« »Schrei nach dem Kinde?« spöttelte er. »Das ist ja neu!« »Nein, Ferdl, vor ich deine Frau bin, gibt's da nix! Daß meine Kinder hintennach einmal was – andres meinen könnten? Wär mir ja genug!« »Kinder? Du hast es scheinbar gründlich vor?« »Warum denn nicht? Als siebtes Kind von meine Eltern bin ich doch nicht schlecht gestellt. Der Brokkenhuus sagt auch, es war schad um die Rass'.« »Der Brokkenhuus, schau, schau! Geht scheinbar in der Beicht aufs Ganze, wie ein richtiger Kaplan! Brav! Deshalb soll ich heiraten, daß du mir jedes Eckerl möglichst schnell voll Bamsen schaffst? Eigens dafür baut man sich hier das Häusl her und tauft es ›Meine Ruh!‹« »Der Name ist ja auch saudumm«, erklärte sie. »Laßt sich leicht umtaufen. Für einen älteren Hagestolzen mag es gehen ... Sei erst ein junger Ehemann, dann bring ich dich schon auf den andern Trab. »Ja, Schnecken!« Er hob eine Hand und drehte sie abwehrend im Gelenk. »Das, Schatzerl, hättst mir frühestens nach der Hochzeit sagen dürfen; gel?« »Wir sollten dazu am gescheitesten nach England«, meinte sie. »Da braucht's kein Aufgebot und langes Drumherum.« »Jetzt aber Spaß beiseite!« Er rutschte unbehaglich auf dem Stuhl. »Setz dir bloß keine Raupen in den Kopf!« Sie musterte ihn kampfbereit. »Schaut sich bald an, als ob du dich überhaupt davon wegdrucken wolltst?!« »Woher! Bloß meine alte Dame, weißt ...« »Mußt du die fragen?« »Mei, die antwortet auch ungefragt.« »Mit an die vierzig wirst wohl langsam mündig sein?« »Was? Vierzig? Übertreib fei nicht!« »Viel fehlt da nimmer. Und verbieten kann sie's dir kaum.« »Das tut sie kalt.« »Dann bist du grad so kalt und pfeifst ihr drauf!« »Und wenn sie mich dann verflucht?« »Ist es einmal geschehn – kein Vierteljahr, na hat sich's schon gehoben mit dem Fluch. Und wenn! Deswegen wirst kaum schlechter schlafen.« »Doch!« »Warum?« »Weil sie es in der Hand hat, daß ihr Fluch sich erfüllt.« »So? Steht sie im Bund mit den okkulten Mächten?« »Nein.« Er schmunzelte. »Okkult wird diese Macht, womit die alte Frau verbandelt ist, höchstens zum Teil fürs Rentenamt sein.« »Ah, Ferdl, laß mich aus! Du hast dein Erbteil längst.« »Das väterliche – Gott sei Dank! Aber meinst, ich laß mich von ihr freundlichst auf den Pflichtteil setzen?« »Wird so gefährlich nicht gleich sein! Und du kriegst noch alleweil genug!« »Vielleicht. Mag sein, daß ich drauf auch verzichten könnt, wenn's dann nicht meiner geliebten Schwester in die Klauen fiel und ihrem Herrn Gemahl, dem Staatsanwalt – Erbschleicher iuris utriusque . Tat nicht lang dauern, wär ich draußen aus dem Aufsichtsrat, und mein Filou von Schwager drin. Nein, Cenzerl, mußt es selber einsehn und vernünftig sein! Da gibt es gar nix wie Geduld.« Sie überlegte einen Augenblick. »Geduld, Geduld!« brach sie dann los. »Und bis wann meinst denn, daß ich warten soll?« »Ja, liebes Kind, solang die alte Dame diesen Stern bevölkert ...« »Was?! Die lebt bestimmt noch dreißig Jahr!« »Wenn's langt«, gab er gemächlich zu. »Von mir aus wird sie hundert, wenn sie's freut!« warf Centa verächtlich hin. »Na hat sie Zeit, es zu gewöhnen, daß ich ihre Schwiegertochter bin. – Sag, Ferdl, hab denn ich dich schon einmal wegen Heiraten gedrängt?« »Nein, eben nie. Oder doch höchstens stumm: durch gutes Aufkochen und seelenvollen Blick. Weshalb drängst nachher heut?« »Ja, weil ... weil ich dich seit gestern erst auswendig kenn, mein Lieber!« »Geh! Ist doch bloß das ökonomische ...« »Wegen dem blöden Geld!« rief sie. »Und dabei träumt er von Millionen, die ihm seine windige Erfindung tragen soll!« »So windig wird sie wohl nicht sein!« wehrte er ab. »Laß dir nur Zeit! Die freilich braucht's dazu. Deswegen schweben die Millionen heut noch in der Luft. Denn will's das Pech, und kommt ein anderer mir zuvor, war alle Müh umsonst.« »Müh?« Spöttisch kniff sie ein Auge zu. »Jawohl!« betonte er. »Ist mein Hormon nicht, sag und schreibe, Präparat sechshundertdrei. Das zeigt wohl deutlich an, was wir uns haben plagen müssen, bis erst einmal das Richtige gefunden war. Und klär jetzt einmal du die Konstitution davon! Da tatst du anders schaun! Kann Jahre brauchen noch!« »Läßt sich leicht denken, wenn du alleweil so fleißig im Labor hockst wie die letzte Zeit«, gab sie zurück. »A geh, für was war denn der Müller Alois erfunden, verzeih, daß ich dumm frag?« Rapp wendete den Kopf und deutete über die Schulter weg zur Haustür hin. »Wenn man den Wolf nennt ... Und schon schleicht er sich heran, mein Fleiß.« »Ah?! Siehst es selber einmal ein?« antwortete ein abgründiger Baß, der wie verrostet klang. Ein ungeübtes Ohr hätte die Worte kaum verstanden, weil die Zahnlücken des Ankömmlings und die Virginia, die ihm im Munde baumelte, seine Aussprache stark behinderten. Er war ein langer, sehniger aschblonder Mensch mit luftgegerbtem faltigem Gesicht, das trotz seiner Bartlosigkeit doch irgendwie an einen stichelhaarigen Vorstehhund erinnerte. »Alisi«, rief ihm Rapp entgegen, »drah nicht so auf mit deinem Fleiß, der dich so bloß intermittierend wie das Wechselfieber packt!« »Besser noch alleweil wie Faulfieber, das chronisch wird!« murmelte Alois und setzte sich mit einer ungelenken Verneigung gegen Centa. »Wird mir noch ein Kaffee vergönnt?« Sie lächelte und hob die Wärmhaube herunter. »Wer nicht kommt zur rechten Zeit ... No aber, Ihnen den Kaffee entziehn – das wär zu hart.« »Vergelts Gott!« Er schob ihr die Tasse hin. »Sie dürfen mir heut die Verspätung nicht in übel nehmen: denn ich hatt grad im Labor ...« »Der Streber!« stichelte Rapp. »Und damit keiner einen Zweifel hat an seinem Eifer, kommt der bewährte Alchimist in Dreck und Speck daher.« Er musterte den linnenen Laboratoriumsmantel, der die Tegernseer Tracht des anderen verhüllte. Viel von dem ursprünglichen Weiß ließ dies Gewandstück allerdings nicht sehn: Flecken in mannigfaltigen Farben sprenkelten es, auch hatten Säuren und der Bunsenbrenner manches Loch hineingefressen. »Ich mach hernach gleich weiter«, brummte Alois und sah an sich hinunter. »Was fehlt denn dem Kittel! Das da geht in der Wasch auch nimmer aus. Und daß sich ausgerechnet ein Chemiker so drüber aufhält! Braucht einer freilich bloß die manikürten Klupperln von dir anschaun, Dilettant gschneckelter!« Er hob die Hand und wies mit Stolz seine zwar nicht gepflegten, dafür aber dauerhaft hellgelb gefärbten Fingerspitzen vor. »No, und?« fragte der Doktor ruhig. »Hast du mit deinem Pfundseifer nun was Neues ausbaldowert, alter Räubersgesell?« »Freilich! Da wirst du spitzen, Herr Kollega im zeitweiligen Ruhestand!« »Jeßmarandjosef!« wehrte Centa ab. »Fachsimpeln und chinesisch reden dürfts ihr im Labor. Wenn ich bloß so was hör als wie ›Benzolring‹, ›Oximidogruppe‹ und ›noch aufzuklärender Komplex‹, wird mir schon schlecht.« Der Müller Alois schmunzelte nicht ohne einen Anflug von Bewunderung. »No, für das haben S' Ihnen das Chinesisch aber gut gemerkt.« »Es langen ja auch keine hundertmal, daß ich's hab hören dürfen«, sagte sie und wendete sich an Rapp: »Erzähl mir lieber, wie's mit heut abend wird?« »Was soll da weiter sein?« »Wie ist es jetzt? Kommt nun der Hofrat mit der Mena auch?« »Ist doch so ausgemacht: wenn er nix andres hören laßt ... Ja, oder ist von ihm was bei der Post?« Rapp sah sie hastig durch. »Nein, bloß chemische Korrespondenz. Da, da und da!« Er warf drei Briefe nacheinander dem Müller Alois hin. »Meinem geliebten Fleiß zu treuen Händen! Und teil mir aber bloß das Nötige daraus mit!« Nur ein Schreiben riß er selbst unter gereiztem Brummen auf. »Was der schon wieder will?« Während er las, erkundigte sich Alois bei Centa: »Wer kommt heut außerdem?« »Niemand. Das Übliche: der Brokkenhuus, der Paechtli mit seiner Gnädigen, der Evander und die Ly. Na, und Hofrats wahrscheinlich auch.« »Grad meldet sich da noch ein Gast«, kündete Rapp an und steckte den Bogen, den er überflogen hatte, nachlässig in die Tasche. Alois reckte neugierig den Hals. »Die Klaue sollt ich kennen! Ist das nicht ...?« »Ja, freilich!« nickte der Doktor. »Bachhuber?« rief Centa starr. »Das war na doch ein starkes Stück!« »Mit seinem Fell könnt man sich Nagelschuh besohlen lassen, ist schon wahr«, bemerkte Rapp. »Nachdem ich ihn ...« »Das gibt es aber nicht«, erklärte sie, »daß er sich wieder anwanzt als Logierbesuch.« »Gott sei's getrommelt: nein, sich häuslich niederlassen will er nicht«, sagte der Doktor. »Er müßt jetzt schleunigst nach Paris, laßt er mich wissen.« »Paris? Und was sucht er dann hier?« »Ja, was? – Das Geld natürlich für den Zweck. Fünfhundert Emm!« »Nicht einen Pfennig gibst ihm!« trumpfte Centa auf. »No, weiß nicht recht ...« Und Alois Müllers Augen blitzten schlau. »Damit bringst ihn vielleicht endgültig los. Denn daß ihm ein Franzos das Geld zur Heimfahrt pumpt, glaub ich nun einmal nicht.« »Recht hat der Alisi!« rief Centa. »Ja, verfracht ihn nach Paris! Wie kommt er denn auf die Idee?« »Er schreibt, es ist, weil er die Stimmung für den zweiten Akt von seiner blöden Oper nur in Paris einfangen könnt. Käm eine Orgie drin vor.« »So, Orgien sollst ihm finanzieren?« grinste Alois. »Dann rentiert sich's nicht. Ja, nachher deichseln wir's gescheiter anders rum: du tust dich still verdrucken, vor er kommt, und ich schmeiß das Gewächs vierkantig naus.« »So machen wir es!« stimmte Centa zu. »Der Alois hat die richtige Gemütsruh für den Fall. Dich wickelt er ja wieder ein!« »Das tät ich ruhig abwarten!« sagte Rapp. »Hältst du mich denn für dumm?« »Jawohl, ich bin so frei. Und das schreibt sich vom Diridari!« lachte sie keck. »Oder meinst vielleicht, der große Geldbeutel stärkt den Verstand? Wenn einer euch nur den Hanswurschten macht, kauft er euch leicht für dumm. Oder? Weswegen kämen außerdem nur Leut bei uns ins Haus, denen wo du mit deinem Gerschtl imponieren kannst? – Die einzige Ausnahm ist der Brokkenhuus!« »No, Gott sei Dank!« spöttelte er. »Ihn allerdings zieht nix wie deine schönen Augen her!« »Weil er Geschmack hat!« trumpfte Centa auf. »Nicht streiten!« mahnte Alois im Flüsterton und deutete nach dem Gebüsch, dahinter sich das Gartentor verbarg. »Da ist er schon!« Centa sprang auf. »Na will ich schaun, daß ich verschwind!« Doch wendete sie sich noch einmal zurück: »In unser Fremdenzimmer kommt der Dreckspatz aber nur über meine Leich!« »Das werd ich machen, wie ich will!« erwiderte der Doktor bockig. »Recht so, mein Lieber! Lad du ihn ein – und ich zieh derweil in die Stadt zu meine Leut. Jetzt weißt es!« Sie verschwand ins Haus. »Wie ist es, Ferdl?« fragte Alois mit finsterer Entschlossenheit »Soll ich den Bazi nicht doch lieber ungspitzt in den Boden haun?« »Weil ich auf eure Unterstützung angewiesen bin!« lehnte Rapp brummig ab. »Den kauf ich mir schon selber! Bin grad in der richtigen Stimmung, daß er was erleben kann!« »Auch recht! Tatzeugen wirst du keinen brauchen? – Und wenns d' ihn dann erledigt hast, na schaust auf einen Sprung hinüber ins Labor! Weil ich da eine Überraschung hätt für dich. – Die Ehr, Herr Brotgeber!« Und Alois ging. Rapps Lieblingsbracke, ein alter, fettleibiger Hund, der die ganze Zeit faul und vor Hitze jappend im Ahornschatten dagelegen hatte, besann sich plötzlich auf sein Wächteramt und blaffte kurz. »Bürschei, kusch dich«, herrschte ihn der Doktor an, »und tu nicht gar so lebfrisch, alter Hecht!« Da schwang schon Bachhuber den Hut zum Gruß. »Die Ehre!« rief er. »Du hast meinen Brief gekriegt?« »Gekriegt, gelesen und vergessen«, sagte Rapp. »Ja, und willst du mir helfen?« »Nein. Wozu?« »Das sag ich dir sofort.« Bachhuber setzte sich und wischte sich den Schweiß. »Bloß eine Zigarette schenkst du mir zuvor!« »Schön! Unter der Bedingung, daß du keine Friedenspfeife draus konschtruierst.« Der Doktor schob ihm sein Etui hinüber. »Merci!« Der Musiker nahm sich Feuer. »Du, manchmal möcht ich glauben, du weißt nicht, mit wem du's in mir zu tun hast.« »Jessas, war ich froh, wenn ich's niemals erfahren hätt!« »Ich bin, mußt wissen, diese Tag in Kissingen gewesen und hab den ersten Akt dort meinem Meister vorgespielt.« »Was für nem Meister?« »Meinem früheren Lehrer: Engelbert, dem Humperdinck.« »Ah?« Rapps Augen blinzelten verschmitzt. »Ja, und der Humperdinck war einfach weg!« »So, so: Von Kissingen?« »Was heißt: von Kissingen! Vom ersten Akt.« »Weißt, ich glaub eher doch: von Kissingen. Weil ich ihn troffen hab.« »Was? Wen?« »Jawohl: vorgestern, bei deinem Mäzen a. D., dem Herrn Justizrat. Du hast wohl eine ältere Nummer von den ›Neuesten‹ erwischt: der Humperdinck ist schon bald eine Woch zur Nachkur hier am Tegernsee.« »Ja, weißt, es war ... Ist ja auch vierzehn Tag her, daß ich ihm ...« »Dann leidt er an Gedächtnisschwund, der Humperdinck. Denn er hat uns gefragt, was du jetzt treibst und wo du steckst. Er hätt schon ewig nix von dir vernommen.« »Ewig?« Bachhuber schob, was ihm peinlich war, mit einer großen Handbewegung weg. »Die Hälfte gut vom ersten Akt hat ja der Humperdinck schon vor drei Jahr gehört.« »Ja, und wie weit ist er denn heut, der erste Akt?« »Nix wie das große Eifersuchtsterzett geht da noch ab, no, und dann das Finale.« »Recht! Das sagst du mir, solang als ich dich kenn.« »Wenn ich mich erst einmal dahinterhock, ist das in vierzehn Tag geschafft. Jetzt zieht's mich halt zum zweiten hin.« »Ja, oder nach Paris.« »Das brauch ich für die Stimmung! Mensch, ich bin doch kein mechanisches Klavier!» »Nein: so ein Ding macht ja Musik, wenn man ein Geld hineinsteckt. Du? – Daß ich nicht wüßt! Bachhuberle, ich sag dir was: Spar deine Zeit und druck dich gescheiter freiwillig!« »Liegt ganz in deiner Hand, das zu erreichen: gib mir die fünfhundert Mark!« »Werd mich beherrschen.« »Schau, nach den achtundvierzighundert, die du mir schon geben hast, ist das ein Pappenstiel. Und du hast doch die Sicherheit!« »Ah? Das ist mir neu.« »Bin ich nicht zu deinen Gunsten eine Lebensversicherung eingegangen mit zehntausend Mark – wie du's verlangt hast?« »Und glaubst, es reut mich nicht, daß ich der Heuochs war? Weil ich zu allem andern noch quartaliter die Prämien bluten darf!« »Wenn meine Oper fertig ist ...« »Verzähl keine Romane! Das erleben wir zwei nicht.« »Wart's ab. Und selbst gesetzt den Fall, ich stürb vorher – kriegst du zehn braune Lappen bar auf den Tisch.« »Das wäre eine Idee!« Der Doktor wurde vergnügt. »Gut, sollst sie haben, die fünfhundert, wenn du mir zwei einwandfreie Bürgen bringst, daß es dich heuer noch – zerreißt.« »Geld stärkt das Gemüt – ja, das ist wahr!« empörte sich der Musiker. »Und Witze machen ist sehr leicht, aber laß es mir weiter gehn wie jetzt, dann kann ich nach acht Tag in allem Ernst verhungert sein!« »Leere Versprechungen!« »Ja, kommt es dir nicht zum Bewußtsein, wie frivol du redst?« rief Bachhuber, und seine Stimme bebte. »Hier auf der Stelle tot vom Stuhle sollt ich fallen – weiß nicht, ob's dich dann nicht doch reut?« »Klar!« grinste Rapp. »Gäb ja das schönste Ramasuri mit der Polizei. Nein, mein Lieber, um eins bitt ich dich dringend: stirb lieber draußen vor dem Gartentor!« »Rapp, daß du dich nicht schämst!« »Hab ich in meinem ganzen Leben noch gar nie getan«, behauptete der Doktor und fühlte doch ein Unbehagen – Scham vielleicht nicht, aber eine leise Geniertheit rührte sich in ihm. Es war halt so, daß er das Maul nicht halten konnte, wenn es eine Pointe zu bringen galt; und er war nicht der kalte Hund, der das ... Schmarrn, nein, da lag es nicht! Nein, mit Gemüt gab er sich doch nicht ab! Der Witz war halt, daß gratis bloß arme Fretter ihren Mund auf diese Art spazieren führen durften. Weil er ein bißl was hatte, nur darum setzten alle bei ihm voraus, daß er Banknotenpflaster auf die Wunden pappen müßte, die seine Zunge schlug. Ach ja! – Er hob den Kopf und sagte: »Auf eins nimm ruhig Gift: daß ich dir weiter noch den Deppen mach, und du liegst derweil wie eine Boa Konstriktor auf der faulen Haut – damit hat's endgültig geschnappt!« »Entschuldige ...« »Entschuldigt wird hier nix, verstehst! Und unterbrich mich nicht! Vor du mir nicht beweist, daß du dich jetzt am Hosenboden hockst ... Schweig, sag ich dir! – Bring mir in vierzehn Tag, drei Wochen den fertigen ersten Akt, dann spiel ihn vor beim Humperdinck und laß dir's von ihm schriftlich geben, daß es was ist – na finanzier ich dir die Sache mit Paris. Vorher nicht einen roten Knopf!« »Ideen ...!« murrte Bachhuber. »Und willst du mir auch sagen, wovon ich die drei Wochen leben soll!« »Bar? Nein!« stellte Rapp unerbittlich fest. »Aber ist gut: ich will das Letzte tun, was du von mir zu erwarten hast, vor es nicht anders wird mit dir. Ich zahl für dich drei Wochen lang Kost und Logis in der ›Pension zum billigen Jakob‹ in Enterrottach hint.« »In das windige Beisel willst mich schicken?« »Zwingt dich keiner. Bals d' net magst, na laßt es gehn! Spar ich mein Geld!« Der Musiker warf einen Blick zum Himmel und klagte, staunend über so viel Ungerechtigkeit: »Und dabei hat er das Trumm Haus, wo man doch einen Menschen mehr oder weniger überhaupt nicht merkt!« »Dich schon! Denn du bist penetrant. Nein, hierher kommst mir nicht.« »Warum?« »Weil ich nicht will! Und andre ditto, daß du's weißt!« »Hört, hört, die Fräulein Centa!« »Ja, sie auch. Und jeder, der sonst hier im Haus verkehrt. Hast jetzt noch einen Zweifel? Oder ist dir alles klar?« »Lieber Rapp, die ganze Blase wird noch einmal froh sein, wenn sie überhaupt mit mir verkehren darf!« »Von mir aus! Ist's so weit, dann darfst dich wieder melden! Jetzt ist genug geredt. Willst, oder willst du nicht?« »Was bleibt mir übrig!« rief der Musiker, plötzlich entschlossen. »Also, her mit dem Geld!« »Geld? Hab ich dir nicht gesagt ...?« »Mein Gott! Wie denkst du dir das denn?« »Oh, da zerbrich dir nur nicht meinen Kopf! Der Müller Alois geht mit und arrangiert den ganzen Zimt.« »Dafür bedank ich mich!« entrüstete sich Bachhuber. »Mich von dieser verkrachten Existenz saudumm anreden lassen – ging mir ab! Der ... Leichtmatros, der Cowboy – und was weiß ich noch! Und Räuber und Bandit wird er wohl auch gewesen sein!« »Und Boxer!« stellte der Doktor bedeutsam fest. »Also beherrsch dich lieber!« »So etwas Ekelhaftes!« brummte der Musiker. »Und laßt sich's gar nicht anders richten – dann geh wenigstens du selber mit!« »Tät mir grad passen, bei der Hitz! Gibt ja auch keinen bessern für den Zweck als wie den Alois. Der sorgt schon, daß dir keine Extrawurscht gebraten wird: Logis und Kost zahl ich, no, und das Trinkgeld – weiter nix.« »Ach? Und was soll ich selber trinken?« »Wasser. Das ist so gesund!« »Warum trinkst nachher du keins! – Ja, und Zigaretten? Kann ein Mensch denn komponieren, wenn er nichts zum Rauchen hat?« »No, sein wir nobel! Schafft von mir aus der Alois der Wirtin an, daß du täglich ein Fünfundzwanzgerschachterl österreicher ›Sport‹ bekommst.« »Dies Kraut!« Bachhuber fischte sich schleunigst eine Zigarette aus Rapps Etui. »Noch eins, bei mir brauchst du dich nimmer zeigen, vor der erste Akt im Blei ist; klar?« »Du verbietest mir dein Haus?« »Bin schon so frei.« »Du, Rapp, das riecht ja bald nach – Eifersucht.« »No, Größenwahn hast du ja weiter nicht!« Rapp wollte ein Lachen hören lassen, aber ein Blaffen Bürscheis störte ihn darin. Er sah den Weg hinunter. »Ist das nicht der Sepp vom Brokkenhuus?« Der kleine Diener kam heran, zog seine Mütze und stand stramm: »Grüß Gott, Herr Dokta! Schöne Empfehlung von Herrn Graf! Herr Graf laßt bitten, Herr Dokta soll ihm entschuldigen, indem daß Herr Graf heut auf die Nacht nicht kommen könnt, indem daß ein Besuch ...« »Besuch?« »Was ich weiß«, meldete der Bursche, »ist es zum Herrn Grafen ein Kusin.« »Und warum bringt er ihn nicht mit?« »Da ist mir nix bekannt. Soll ich was ausrichten?« »Ja, wart ... Nein, sagst ihm, ich käm selbst vorbei.« »Herr Dokta käm vorbei. Grüß Gott, Herr Dokta!« Sepp knallte die Hacken aneinander und eilte im kleinen Trab davon, was Bürschei so empörte, daß er sich richtig auf die Füße stellte und ein Gekläff erhob. »Ja, ich kenn den Besuch, weil ich heut in der Bahn zufällig mit ihm zum Sprechen kam«, erzählte Bachhuber. »Ein Neffe ist's vom Grafen Brokkenhuus. Ein Balte, welcher hörbar spinnt! Und ausschaun tut er, daß man ihm gleich ein Zehnerl schenken möcht!« »Ah, bloß nicht renommieren!« riet ihm Rapp. »Jetzt aber dalli: ins Labor, daß ich's dem Alois sag. Wird der sich freun!« Er ging dem Musiker voran ums Haus bis zu einem ebenerdigen Vorbau, in dem das Laboratorium untergebracht war. »Endlich!« rief Alois, als der Doktor eintrat. »Jessas!« fügte er bei Bachhubers Anblick hinzu. »Ja, du kriegst Besuch«, verkündete Rapp feierlich. »Pfui, stinkt's in dem Lokal!« Bachhuber hielt sich die Nase zu. »Na lassen S' Ihren zarten Rüssel draußen!« grollte Alois. »Horch einmal!« Rapp faßte seinen Famulus am Arm und zog ihn in den fernsten Winkel. »Du mußt mir schnell was tun!« Hier dämpfte seine Stimme sich; trotz allem Ohrenspitzen verstand Bachhuber keine Silbe mehr. Darum trat er aus Langeweile an eins der hochgeschobnen Fenster des rundum verglasten Arbeitstisches und musterte das über die Schiefertafel verteilte mannigfaltige Gerät. Neugierig hob er ein Probierglas vom Gestell und hielt es prüfend ans Licht. Alois, der ihm nicht über den Weg traute und deshalb immer nach ihm schielte, stürzte wütend auf ihn los und schrie: »Sie, lassen S' freundlichst Ihre Pratzen aus dem Abzug draußen!« Bachhuber fuhr zurück, das Gläschen glitt ihm aus den Fingern, schlug an den Rand des irdnen Abfalltopfes und zersprang in hundert Splitter. »Da kann ich nichts dafür. Wenn einer einen so ...« Er hob bedauernd beide Hände. »Herrgott, Mensch«, keuchte Alois, »zerschmeißen S' uns bloß noch den Kippschen Apparat! Dann können S' was erleben! – Obzwar: erleben täten S' nimmer viel«, fuhr er ingrimmig fort. »Und was von Ihnen überblieb, war grad noch für die ›Thermische‹ zum Holen recht.« »Wenn hier ein Narrenhaus ist, wart ich gescheiter draußen«, warf der Musiker schon wieder patzig hin. »Nur zu!« stimmte ihm Alois bei und sagte zu Rapp: »Muß dir so noch was zeigen. Ist sofort geschehn.« Doch trotzdem wurde Bachhuber die Wartezeit recht lang. Endlich riß ihm die Geduld, er fragte grob zur Tür hinein. »Wird es nun bald?« »Jawohl, jetzt kommt er«, gab Rapp gut gelaunt zurück und drehte sich noch einmal zu Alois um: »Gel, Alter, meine Hochachtung! Sind mir halt wieder weiter um ein Stück. Aber jetzt schleifst mir erst den Delinquenten da in seine trockne Pension!« »Go on!« befahl Alois und ging eilig voran. »Also, auf Wiedersehn!« sagte der Musiker. »Auf das brauchst dich nicht spitzen, vor du den fertigen ersten Akt herzeigen kannst!« Rapp war dabei, das Laboratorium zu verschließen, und übersah die Hand, die Bachhuber ihm bot. Er schaute den beiden nach und konnte noch den Anfang ihrer Unterhaltung hören. »Haben Sie eigentlich Chemie studiert?« erkundigte sich der Musiker. »Zu was?« fragte Alois trocken hin. »Den Ehrendoktor krieg ich so.« »Und verstehn Sie denn dann etwas von dem Fach?« »No, was halt so die Anfangsgründe sind: ich kenn schon Schwefelwasserstoff von Kölnisch Wasser weg – das schmeck ich mit der Nas'.« Rapp lächelte und folgte den beiden um das Haus. Der Diener räumte grade das Geschirr vom Kaffeetisch. »Haben S' die Fräulein Hollerieth gesehn?« fragte der Doktor. »Das gnädige Fräulein ist vor etwa zehn Minuten in die Küche«, antwortete Otto so hochdeutsch, als müsse er seinem Gebieter ein Beispiel geben. Rapp ging hinein, durchschritt die Diele und den Gang und öffnete die Küchentür. »Cenzerl, muß dir geschwind was sagen.« »Ja, was ist?« »Geh her! Nachher erfährst du's schon.« »Sie, Marri, machen S' derweil mit die Mandeln fort!« rief sie der Köchin zu, kam eilig zu ihm heraus und wischte sich die Hände an der Küchenschürze. »So red und schick dich! Weiß nicht, wo mir der Kopf vor lauter Arbeit steht! Weil ich ja den Pariser Igel machen muß.« »No«, grinste er, »ein oberbayrischer ging dir wohl leichter von der Hand? Weils d' heut ja weiter gar nicht borstig bist!« »Wenn ich dem Brokkenhuus versprochen hab, daß es ihn gibt!« »So? Für den Herrn Grafen reut einen freilich keine Müh! Muß dir nur leider mitteilen, daß grad vorhin sein Sepp für ihn absagen kommen ist.« »A was? Warum? Wird ihm doch nicht am End was fehlen?« »Woher! Von seine Neffen war der eine einpassiert.« »Neffe? Wenn's der ist, von dem er mir schon Brief hat lesen lassen, war er schon recht. Wie witzig daß der schreibt!« »Ach, habt ihr zwei denn voreinander auch kein Briefgeheimnis nimmer?« »Ja, das wär 'ne Idee!« rief Centa. »Was wär 'ne Idee?« »A nix! Mir fiel nur grad was ein.« »Scheint mir, du leidest an Gedankenflucht. – Was meinst, ich wollt geschwind drüben vorbei und schaun, daß er doch noch erscheint, samt dem Neveu?« »Das tust, jawohl, und bringst den Neffen dann gleich mit, weil ja der Brokkenhuus natürlich erst unterm Essen kommt!« »Schön!« sagte Rapp und holte sich sein grünes Hütl von dem Kleiderrechen. »Wie hast es mit dem Bachhuber gemacht?« erkundigte sie sich. »Der hat geschaut!« sagte er stolz und fing ihr zu berichten an. Doch während des Redens schmolz seine Selbstzufriedenheit langsam dahin vor dem wortlosen Widerspruch ihrer Miene. »No ja!« Sie schüttelte den Kopf, als er am Ende war. »Wenn er heut abend noch nicht bei uns hockt, kommt er morgen gewiß.« »Soll's bloß probieren! Hilft sonst nix, dann hilft, wie sie's in Österreich drüben heißen, Brachialgewalt!« »Von wegen: Brachialgewalt! O mei, Ferdl, und mit die fünfhundert hättst die Zecken losgehabt. Aber weil die dich reun, muß zuvor noch ein Hunderter – wenn's langt! – hinausgefeuert sein!« »Weiß gar nicht, was du willst!« entgegnete der Doktor ärgerlich. »Sich einfach neppen lassen von dem Kerl? Erst soll er mir beweisen, daß er auch was tut!« »Versteh! Erziehen möchtst du ihn? Weißt, das ist grad so – raffiniert wie diese Kateridee mit der Versicherung.« »Cenzerl, wie stellst du dir das vor! Soll ich fünftausend Meter einfach in den Rauchfang schreiben?« »Woher doch! Da schreibst lieber noch ein paar Tausender für Prämien dazu und fuchst dich alle Vierteljahr, wenn eine fällig wird. Anstatt daß so ein Mannsbild einsieht: hin ist hin! Mein Gott: was eins einmal bezahlt hat, kostet ihm doch nix mehr.« »A was?« rief er ironisch. »Wer sagt dir denn das?« »Halt mein Verstand, und der hat mehr zum bestellen als wie deine Kaufmannsrechnerei! Aber: von mir aus laßt dir deine Witz kosten, was du magst! Mich tät da jedes Fünferl reun.« »Mein liebes Kind, du zäumst den Gaul am Schwänze auf und hältst die Wirkung für die Ursache«, begann er würdig und legte ihr die Zusammenhänge dar, wie er sie sich vorhin für seinen eigenen Gebrauch zurechtgebogen hatte. Centa aber unterbrach ihn bald: «Hör auf! Und spar dir deine Perlen! Mir ist das zu hoch. Weiß schon, daß ich die Dümmere bin und folgedessen die – Hellere. Jetzt muß ich aber zum Pariser Igel. Servus, schöner Ferdl, bhüt dich Gott!« Sie blinzelte ihn an, winkte noch spöttisch mit der Hand, und schon fiel hinter ihr die Küchentür ins Schloß. »No, also, nachher weiß ich's, wer von uns das Rindvieh ist«, lachte der Doktor stillvergnügt in sich hinein, stülpte das Hütl auf den Hinterkopf und trollte sich. Die Rasselbande Dem sonnigen Tag war eine samtig tiefe Neumondnacht gefolgt. Um neun schon funkelte der Himmel von Myriaden Sternen, deren Glanz das Auge Unendlichkeiten ahnen ließ wie sonst nur in den Perseïdennächten des Augusts. »Nu war doch kaum Johanni, und schon diese Dunkelheit! Ja, ja, die Zeit verjeht. Gar nicht so lange, bis es wieder Winter wird«, sagte Graf Brokkenhuus; es klang, als kehre er aus Weltenfernen in seinen gedämpft über den Makadam der Straße knirschenden Rollstuhl zurück. »No, Winter?« meinte Sepp, der dieses Fahrzeug schob. »Grad frieren tut's mich net. Ich schwitz!« Sein Herr ließ ein gedämpftes Lachen hören. Dann wies seine Hand zum Himmel: »Kuck, eine Sternschnuppe! Sepp, wünsch dir was!« »Jawohl, Herr Graf, hab mir schon was gewunschen. – Und Herr Graf?« »Der hat sich das Was-Wünschen schön bei langsam abjewöhnt.« »Weil der Herr Graf so alles hat.« »Du hast's erfaßt, mein lieber Sepp!« Der Diener schob den Rollstuhl vor das Gittertor der Villa Rapp und drückte auf den Klingelknopf. Nach kurzer Zeit erschien Gestettner, ein vielseitiger Mann, des Doktors Gärtner und Chauffeur, der nebenbei das Pförtneramt versah. »Grüß Gott, Herr Graf!« rief er, warf einen Torflügel zurück und trat hinter den Stuhl. »Ich kann schon selber!« wehrte ihm Sepp. »Krischperl du! Geht fei bergauf.« Gestettner grinste mitleidig. »Hab öfters schon wie Sie ...« widersetzte sich der Bursch. »Laß den Jestettner machen!« entschied sein Herr. »Mit dir die Steijung – fühlt man sich stellenweise doch zu sehr in Gottes Hand.« »Ja, das sind andre Pratzen!« Der Chauffeur wies stolz die seinen vor, drängte Sepp kurzerhand beiseite und fuhr los. »Aber schön langsam! Ich hab Zeit«, mahnte der Graf. »Ist recht, Herr Graf, fahrn wir im ersten Gang! Ist mir selbst lieber: kühlt sich heuer bei der Nacht auch nimmer ab. – Obzwar: fürs Auto wär das Wetter wie bestellt. Bis auf den Staub. – Schenkt mir Herr Graf auch wieder einmal die Ehr?« »Wenn es sich treffen sollte, daß ich mal nach München muß ... Nur aus Jenußsucht durch die Jejend karriolen – nein, warum!« »Mit mir passiert fei dem Herrn Grafen nix! Denn wer wie ich erst einmal seine hundertfuchzigtausend Kilometer hat ...« »So war es nicht jemeint. Ich zweifle nicht, daß Sie ein sichrer Fahrer sind.« »Ich hoff, daß ich es dem Herrn Grafen öfters noch beweisen darf. Heißt das: wenn nicht am End ... Was sagen Sie , Herr Graf: kommt's nun zum Krieg?« »Hoffentlich nicht! Gott schütz!« »Das geb ich zu. Wenn man es von der Seiten her betrachtet, bin ich ja Familienvater und hab Frau und Kind; und als gedienter Mann, Gefreiter bei die Leiber, müßt ich gleich mit. Aber wenn die Franzosen ... Daß die mit mir im Feld draußd nix zum Lachen hätten, darf ich schon sagen! Ich mag mich nicht selber loben, aber – alles, was recht ist!« »Erbarmung, lieber Freund, warum plötzlich so blutdürstig?« fragte der Graf. »Und übrijens: wenn Rußland schon mit seiner Rüstung fertig wär – wer weiß! Aber wie nu die Dinge liejen, glaub ich, rutschen wir diesmal noch zur Not daran vorbei.« »Wär einesteils ja gut«, gab der Chauffeur zurück. »Ob man sich aber drüber freuen darf? So, wie es ist – lang kann das nimmer gehn. Die Zuständ, na!« »Jestettner, ich bin starr. Grad Sie hätt ich für beinah restlos glücklich anjesehn.« »Von mir sag ich ja nichts, Herr Graf. Man lebt so halbwegs. Ich mein: überhaupts. Da könnt ein Krieg schon manches anders machen.« »Zweifellos«, bestätigte der Graf. »Nur ... glauben Sie: auch besser?« »Schlechter kanns nicht werden. Da verwett ich meinen Kopf!« »Jestettner, scheint mir fast, wir sind bißchen verwöhnt. Wenn's Krieg jibt, ist die Ursache der Neid der andern jejen uns. Und daß die uns beneiden, weil es uns so schlecht jeht, kommt mir nicht wahrscheinlich vor.« »Mit dem Herrn Grafen diskurieren – muß ich freilich den Kürzern ziehn, als unstudierter Mann. – Es ist halt mein Gefühl ...« erwiderte Gestettner. Sie hatten das Buschwerk durchquert, das den unteren Teil des Weges säumte, nun lag das Wohnhaus frei vor ihrem Blick. »Die Helligkeit schon in der Diele!« rief der Graf. »Sie werden doch noch nicht mit Essen fertig sein?« »Woher, Herr Graf! Brennt nebendran auch noch das ganze Licht. Da, horchen S'!« Ein vielstimmiges Lachen klang durch die offenen Eßzimmerfenster hervor. »Die Lustbarkeit schlägt scheinbar hohe Wellen«, sagte der Graf, als nun der Stuhl auf die Terrasse rollte und vor der Freitreppe hielt. Gestettner wollte ihm auch aus dem Sessel helfen. »Nein, lieber Freund«, wehrte ihm Brokkenhuus, »herauf war ich bei Ihnen in den besseren Händen. Jetzt kommt das andere, wo Sepp mehr Übung hat und – nicht soviel soldatischen Elan.« Der kleine Diener warf sich schmunzelnd in die Brust, und es begann die mühevolle Arbeit des Aussteigens. »Also!« sagte der Graf atemlos, als er endlich auf den Füßen war. »Meinen Stuhl, den fahren Sie einfach da an den Ahornbaum! In diesem Sommer regnet es ja nicht. Dank schön, Jestettner!« Er drückte ihm ein Markstück in die Hand. » Andiamo , Sepp!« Er stützte sich schwer auf den Arm des Burschen. – »Bißchen verpusten!« keuchte er, als er die Freitreppe hinaufgestolpert war, und blieb ein Weilchen in der Türe stehn. Gottlob, hier war es noch ganz menschenleer – er konnte sich ungesehn auf seinen angestammten Platz verfügen. – »So, nun jeht's wieder. Dahin!« Er zeigte nach einem Tischchen in der Nähe der Eßzimmertür. »Das weiß ich doch, Herr Graf!« betonte Sepp und unterstützte seinen Herrn, bis der in dem bequemsten Sessel lehnte, den es hier gab. »Sepp, meinen Hut hängst du nun an die Knagge auf dem Gang und siehst gleich Otto aufzutreiben. Er bringt mich schon nach Hause, aber fragen muß man schließlich doch. Und dann, carissimo , verschwindest du und kriechst gleich in dein Bett! Wer noch im Wachsen ist, braucht seinen Schlaf. – Nein, auch kein halbes Stündchen! Denn das kenn ich schon. Gut Nacht, und mach dich dünn!« »Jawohl, Herr Graf!« Sepp trollte sich, starken Verdruß in seiner Rückenlinie andeutend, zur Gangtür hinaus. Brokkenhuus holte sich eine Zigarette aus der Silberdose auf dem Tisch, entzündete sie nicht ohne Schwierigkeit, blies ihren Rauch behaglich von sich, horchte auf das Stimmengewirr im Nebenzimmer und musterte zufrieden diesen Raum, der seine frohesten Stunden sah. Weshalb er »Diele« hieß, schien rätselhaft. Hier gab es keine Treppenanlage – die hatte der Baumeister in den Gang verbannt, der rückwärts zu den Wirtschaftsräumen führte. Dies war also kein Vorplatz, sondern ein Saal, fast doppelt so breit als tief und seiner ganzen Anlage nach recht zum Verweilen angetan. Decke und Wände glänzten in reinem Weiß; sparsame Stuckornamente im Stil Ludwigs des Sechzehnten teilten die großen Flächen auf. Der Zeit des gleichen Königs entstammte die Überzahl der Möbel: bürgerliches Louis-Seize aus dunkelbraun gebeizter Eiche. Manches ebenso prunklos geformte Stück aus anderen Perioden reihte sich an: Barocksessel und -tischchen, Empirekommoden und Rokokoschränke, ein paar Ohrenstühle aus dem Biedermeier; auch ein moderner Flügel fehlte nicht – Nußbaum- und Mahagoni-, Palisander-, Birkenmaser-, Kirsch- und Rosenholz, ohne viel Rücksicht auf Zusammenpassen hingestellt. Das grade gab dem Raum trotz seiner Größe Wohnlichkeit. Für Unbekümmertheit um Regeln zeugte auch die Wahl der Polsterüberzüge: Gelb, Rot und Orange, hier und da auch ein starkes Blau, ein sattes Grün, hoben sich voneinander ab, ohne daß sich die Farben prügelten. In den Perserteppichen, die fast den ganzen Boden überdeckten, kehrten all diese Töne wieder und verschwammen zu einem tiefen Akkord. Grellbunte Sommerblumensträuße aber, die, wo irgend Platz war, in bauchigen Gefäßen prangten, schmetterten lustige Fanfaren darüber hin. Alle Gemälde an den Wänden waren alt, doch von verschiednem Alter: holländische Stillleben des siebzehnten Jahrhunderts, weibliche Bildnisse vom Anfang des achtzehnten bis in das zweite Drittel des neunzehnten herein. Kunstwerke hohen Ranges gab es darunter nicht, doch wirkte ihr durch das Nachdunkeln verschönter Farbenklang auf der hellen Wand schmuckhaft und still zugleich. Das alles lag strahlend beleuchtet da: der mächtige venezianische Kristallkronleuchter inmitten des Zimmers brannte, dazu ein Dutzend Wandlampetten vor blanken Messingspiegeln und ein paar hohe Stehlampen mit Seidenschirmen von gebrochnem Weiß. »Für mich allein reichlich verschwenderisch, dies Licht!« dachte der Graf. Als aber das Lachen und Geschnatter im Eßzimmer für einen Augenblick verstummte, da spürte er, daß er gar nicht allein war. Das Summen von zahllosen Nachtfaltern füllte die Luft, und ihre Köpfe klopften beinah im Takt gegen das heiße Glas der Glühbirnen. »Natur, die unter unserer Zivilisation zu leiden hat!« dachte der stumme Gast bei sich, und seine Augen starrten nachdenklich in die Luft. Da ging die Gangtür, und Centa Hollerieth trat ein, jetzt in einem reich mit der Hand bestickten hellblauen Voilekleid – ein Stück Natur, dem die Zivilisation wie angegossen saß, fand ihr getreuester Verehrer, als er sie sah. »Ich mußt in der Küche wegen was schaun und treff draußen den Sepp. Recht, Brokkenhuus, daß du so zeitig kommst! – A geh, nicht aufstehn! Grüß dich Gott!« Sie reichte ihm die Hand, an der jetzt ein paar alte Ringe blitzten. Er drückte einen Kuß darauf, blieb aber sitzen. »Ah, ein neues Kleid! Wie Blaßblau dir gut steht!« »Ja, ist auch ein Modell.« Sie sah an sich herunter. »Das hat uns am Montag noch die tüchtige Geßler Mena aufgeschwätzt. Glaub selber: es ist schick? Das kann man freilich auch verlangen um dies Geld. – Was trinkst denn, Brokkenhuus? Halt Sherry wieder, so wie ich dich kenn?« Sie näherte sich einem mit dem Wappen der Medici geschmückten großen Bronzekessel, darin eisgekühlt ein kleines Dutzend Flaschen stand. »Liebe Centa, ich hab Zeit. Entzieh dich deinen andern Jästen nicht!« »Hörst nicht, wie munter daß auch ohne mich die Mäuler gehn?« Sie wies nach der Eßzimmertür. »Wir zwei essen unsern Pariser Igel hier. Die Rasselbande sieht mich nachher noch genug. – Gel, also Sherry?« »Ich bin ja bejeistert, Centa, wenn dein Glanz auf meine alte Hütte fällt ...« »Ach, alte Hütte ... Kokettier nicht, Brokkenhuus!« Sie holte eine Flasche aus dem Kessel und zwei Glasbecher von einem Tischchen an der Wand. »Zum drittenmal frag ich jetzt nimmer. Weil ich so weiß, was du trinkst.« Sie schenkte ein. Er fing sein Glas ein, und sie stießen an. »Ja, so ein trockner alter Sherry!« sagte er dann. »Und mein jestrenger Hofrat sieht es ja fürs erste nicht. Ist er denn nu jekommen?« »Freilich, mit avec . – Aber was glaubst, wer noch ganz eiskalt drinnen hockt? – Der Bachhuber!« »Ach? Ferdinand sagte mir doch ...?« »Ja, der sagt viel! Ich hab es aber gleich gewußt! Grad, wie wir uns zum Essen niedersetzen, spaziert der Bazi auch schon bei der Tür herein: Fleischpflanzerl hätt's in der Pension gegeben, und für den Schlangenfraß bedankt er sich. Der Alisi, kannst du dir denken, hat sich sofort die Ärmel aufgestreift. No aber, weißt ja, wie der Ferdl ist: ich wenn was möcht, spreizt er sich ein dagegen; und so einer springt mit ihm um, wie er grad mag!« »Ach, Centa, und du nicht? Das ist mir neu.« »Brokkenhuus, laß es nur gehn: von dieser Seite kennst ihn du halt nicht. Übrigens: zum lachen hat der Bachhuber heut abend nix. Weißt, da ist dein Neveu der Richtige: wenn er die Leut so sachlich, möcht ich sagen, derbleckt und dazu unschuldig wie ein Schwaiberl schaut. Schönheit drückt ihn ja weniger; macht aber nix: ein ganz famoser Mensch! Was haben wir gelacht!« »Ja, er besticht wohl sehr«, bestätigte der Graf. »Und dabei hat er eijentlich zum Lachen wenig Grund. Seine Kindheit war unerfreulich, und auch jetzt hat er's nicht leicht. Wie er das tapfer hinnimmt – ja, das hat schon was.« »No?« meinte Centa zweifelnd. »Tapfer ist zwar etwas viel behauptet. Denn unsern Bürschei beispielsweise fürcht er doch, als wenn der alte Bettvorleger eine neumodische Art von Lindwurm wär.« »Ja, Centa. Hunde, nu und Tiere überhaupt ... Er ist ja körperlich nicht stark und von klein auf bißchen verschreckt. Seine Mutter, die jüngste meiner Schwestern, starb an seiner Jeburt. Sein Vater aber war von der unduldsamsten Härte jejen den sehr zarten Jungen, wie jejen jeden, abjesehen von sich selbst.« »So Leut lieb ich!« Centa zog den rechten Mundwinkel spöttisch hoch. »Und was ist er denn von Beruf gewesen, dieser Kinderschreck? Ich stell mir so was wie 'nen Gymnasialprofessor vor.« »Nein, er war Jeistlicher; und als Kanzelredner lebhaft umschwärmt, vielleicht jerade wejen seiner verrannten Rechtgläubigkeit. Leider erwies es sich bei seinem plötzlich im Hause einer zweifelhaften Dame erfolgten Tod, daß diese Glaubensunerbittlichkeit in einem schwer belasteten Jewissen ihren Ursprung hatte. Wie er, und noch dazu in Riga, unbemerkt ein solches Doppelleben führen konnte, weiß der liebe Gott! Weiberjeschichten von der trübsten Art und Jeldjeschichten von noch trüberer enthüllten sich, bevor er noch im Grabe lag – Riga stand Kopf. Mein Neffe Manny hatte seinen Vater nie jeliebt; trotzdem sprang er für seine Rehabilitierung wenigstens im Jeldpunkt in die Bresche und sargte damit seine eijenen Zukunftspläne ein.« »Ja, hat er das denn müssen?« fragte Centa erstaunt. »Und Pläne?« »Musik studieren wollte er. Statt dessen kroch er auf einem kleineren Beamtenposten unter, der ihn zur Not vor dem Verhungern schützt. Und müssen? Nein, er mußte nicht und tat es doch. Das ist es eben. Allerdings versteht man bei uns in solchen Dingen wenig Spaß.« »Ich nenn das Krampf!« rief Centa fast erregt. »Und ich wenn er gewesen wär, ich hätt mich von da droben verrollt und hätt die Spießer schwätzen lassen! Ja, oder ist bei euch denn das Gesetz nicht so, daß man Erbschaften ablehnen kann, die einen bloß belasten? Hier weiß ich selber einen Fall ...« »Ach, Centa, davor, daß wir alle Erben sind, und meistens leider mehr im negativen Sinn – davor schützt kein Jesetz. Es liegt schließlich im Blut. Und das ist von unsrer Seite her bei Manny wohl bißchen dünn. Wer mal zum Kämpfen nicht jemacht ist, läßt es besser. Denn er fällt dabei doch nur herein.« »Sich sagen müssen: Kämpfen hat so keinen Zweck; nimms, wie es trifft!« Sie schüttelte sich förmlich. »Was brauchst nu du zu kämpfen, Centa! Du siegst ja auch so.« »Von wegen!« lachte sie ein wenig bitter. »Nein, tut schon not, daß man ...« Sie schielte mißtrauisch nach der Eßzimmertür und wisperte hastig: »Du, vor die andern kommen, hätt ich gern ... Ich hab's heut mit mir ausgemacht, daß ich dem Ferdl pfeilgrad ein Ultimatum stell.« »Was? – Nu, ich hatte doch schon ersten das Jefühl, daß was nicht stimmt. Was ist passiert?« »Passiert ist nix. Bei mir hat es jetzt halt geschnappt. Und ewig sein Verhältnis bleiben – ist das für mich das Richtige?« »Aber bist du nicht seine Frau? Was da noch fehlt, ist lediglich Formalität. Und wenn ein Apfel reif ist, fällt er ganz von selbst herunter.« »Reif dürft er langsam sein mit achtunddreißig! Und ich werd auch schon gräuslich alt.« »Wenn das die größte Sorje ist, die dich bedrückt ...« »Was meinst du: siebenundzwanzig, Brokkenhuus! Hauptsache aber, daß ich Kinder möcht! Und zwar nicht als verkalkte Urschel erst! Zu was ist man sonst auf der Welt!« »Erlaub mir, deine Hand zu küssen!« lachte er und ließ die Tat dem Wunsche folgen. »Ja, da hast du recht! Auf deine Kinder freu ich mich.« »Dann, Brokkenhuus, hilf auch zu mir!« »Tu ich's denn nicht die ganze Zeit, soweit du Hilfe brauchst?« »So leis, wie du es machst – das greift bei seinem Fell nicht an.« »Oh, überschätze seine Epidermis nicht! Das Borstije daran ist eher Schreckstellung aus Angst.« »Angst? Wie? Vor mir?« »Sagen wir: vor irgend etwas in ihm selbst. Das bayrisch Viereckije, was hierzulande ja nicht selten ist, scheint mir ein Lederpanzer, hinter dem sich häufig eine solide Portion Sentimentalität versteckt. Vielleicht ist auch die so beliebte Lederhose ein Symbol dafür.« »Gefühlvoll findst du ihn?« »Wieweit Sentimentalität Jemütstiefe bezeugt, steht hier nicht zur Debatte. – Angst? Nu: grade Angst ...? Dumpf aber spürt er sicherlich, daß du die Stärkere bist. Das seid ihr Frauen überhaupt.« »Ja, gar so schwach komm ich mir auch nicht vor. Aber er ist trotzdem zu ... viereckig, als daß man ihn so einfach ... rollen könnt. Angst, aber keine Besserung!« »Abwarten, Centa! Den Moment ergreifen! Merkt er, daß du ihn rollen willst, dann macht er sich viereckig. Vorsichtig unter ihm den Boden höhlen, bis er von selbst ins Kullern kommt! Pistole auf der Brust weckt Widerspruch.« »Und seine alte Dame fürcht er besser wie mich – das hat der Teufel gesehn!« »Kann ich ihm nachfühlen«, nickte der Graf. »Was, kennst du denn die Mutter?« »Ja; als ich noch in München in Jesellschaft jing ... Zwei-, dreimal bei den Teekonfluxen der alten Fürstin Dettingen. – Ja, sie führt ihren Königstitel schon mit Recht.« »Mei! Königin – Gambrina!« »Nu, wenn man sie so mit einem königlichen Prinzen konversieren sieht, möcht man sich manchmal fragen, wer da wem Audienz erteilt.« »Weiß nicht, auf was sie sich so viel einbilden braucht!« rief Centa. »Meinen Onkel Max, den Forstmeister, weißt, hat sie häufig bedient, wie sie als junges Mädel noch bei ihrem Vater hinter der Ladenbudel gestanden ist. Und der wär ich zu wenig für ihren Sohn!« »Nein?« staunte Brokkenhuus. »Hat Ferdinand sie denn jefragt?« »Enterben tät sie ihn! Was sagst du da dazu?« Er lächelte. »Nu, kannst du ja froh sein! Was heißt das anderes, als letzte Zuflucht vor der Waffenstreckung? Er verkriecht sich hinter Mutters Rock. Denn daß sie nicht so ohne weiteres ihren Sejen jibt, wußte er doch vorher. Der Könijin Gambrina dies plausibel machen kann nur das fait accompli.« »Grad, was ich ihm gesagt hab, Brokkenhuus! – Aber mir wird's zu dumm! Jetzt noch einmal fünf Jahr lang warten – ging mir ab!« »Das kommt doch nicht in Frage, Centa.« »Täusch dich über eins nicht, Brokkenhuus: passive Resistenz – in dem ist er fei tüchtig, glaub mir! Ich werd ihm aber zeigen, wie aktiv daß ich sein kann, wenn ich will.« »Centa, was ist plötzlich in dich jefahren? So richtig hast du's doch bis jetzt jemacht! Das Leben zwingen ... Glück kann man sich nicht schaffen – haben muß man es. Glück ist viel mehr Veranlagung als Schicksal.« »Wüßt nicht, daß ich so glücklich war! Auch darin tust mich überschätzen, Brokkenhuus. Ein armes Mädel, so wie ich – die darf dazuschaun, daß sie mit halbwegs heiler Haut durchs Leben kommt.« »Oh, Centa, da hab ich gar keine Sorje. Denn du hast Instinkt.« »So? Meinst? Und wohin hat er mich schon bracht – der Leichtsinn, den ich sicher hab? Mit siebenundzwanzig ist die Jugend bald herum. Und das Bohemige hängt mir beim Hals heraus. Soll's noch was Rechtes mit mir werden, so wird's langsam Zeit.« »Centa, es ist doch irjend was passiert?« »Woher! – Weil er grad heut von seiner Mutter ... Und überhaupt ... Ich hab gespürt, es wird nie was, wenn ich mich jetzt nicht rühr. Entweder – oder! Zieht er nicht, na laßt er's gehn! Gibt andere: brauch ich bloß winken – und die freuen sich!« »Aber Centa ... Versteh ich dich denn recht? Ist da ein anderer ...?« Der Graf war starr. »Wer weiß! Kann sein,« warf sie nachlässig hin. Lebhafter fuhr sie fort: »Warum soll ich's dir denn nicht sagen! Bleibt ja unter uns. Also, es gibt vielleicht schon einen, der es ernsthafter meint als wie gewisse Leut.« »Herrje, und einer, den du scheinbar wenigstens von fern in Frage ziehst? Kenn ich ihn überhaupt?« »No, einen Deuter hab ich dir schon einmal geben. Kannst du dir's gar nicht denken, Brokkenhuus?« »Einer, von dem du mir erzählt hast? Nein.« »Hab ich dir von so vielen denn erzählt? War vor dem Ferdl doch bloß einer da.« »Ach, ist es dieser ... Erste, der ...?« »Ja, freilich, der Oggetti Karl.« »Oggetti? Du hast mir was anjedeutet ... Dein Kollege von der Bank, nicht wahr?« »Nein, beim Versicherungskonzern ›Verdandi‹ in der Mahnabteilung hab ich für ihn getippt.« »Richtig: Junger Mann aus dem Kontor. Sag, wie bist du denn zu dem jekommen?« »Wie man zu so was kommt,« erwiderte sie leicht verlegen, schlug aber dann den Blick voll zu ihm auf: »Hab ihn halt liebgehabt.« Er starrte vor sich hin. »Und doch ...?« »Mein Gott ... Weil er von München fort ist. Denn er ist ein Tüchtiger gewesen. Da haben sie ihn berufen in die Bremer Zentrale. Zum Heiraten hat's vorn und hint noch nicht gelangt. Und er hat wollen, ich soll mit nach Bremen und dort erst in Stellung gehen für eine Zeit. Kann sein, es wär das Bessere gewesen. Weiß man es denn? No, aber ich ... Von München fortziehn und ... Das hab ich halt nicht mögen. Und da hat's schon Verdruß deswegen geben. Aber was wollt er tun! Und dann ... Die Woch zweimal hätt ich ihm schreiben sollen. Weißt, und mit dem Schreiben hab ich's nicht. Und was in Gottes Namen auch so oft? Die gschmerzten Brief von ihm, die haben mich auch nicht weiter dazu animiert. Und ... wie's halt geht! Ein junges Ding mag doch nicht alleweil hinterm Ofen hocken. Und wenn ich im Fasching einmal fort bin – schon hat's ihm einer von seine Freunderln, oder was weiß ich, gesteckt. Und wieder hat es Divergenzen geben. Und es hat sich dann so troffen, daß ich einmal am Bal paré den Ferdinand hab kennen lernen, no, und der ist a tempo wie verrückt in mich gewesen. Gar nix Unrechts natürlich, bloß lustig unterhalten haben wir uns. Aber das hat der andere in Bremen auch sofort gewußt, und ist ein Brief von ihm gekommen – der hat mich aber schon fuchsteufelswild gemacht: als ob ich mich verkaufen würd an einen reichen Protzen ... No, diesmal hat er meine Antwort nicht lang zum derwarten brauchen. Und die ist so gut deutsch ausgefallen, daß er mir gleich den Ring zurückgeschickt hat, ohne einen Ton. Und ich, kannst du dir denken, ihm postwendend den seinigen auch; und bin den nächsten Mittwoch wieder prompt zum Bal paré. Erst recht jetzt! Und grad ihm zum Trotz!« »Trotz?« Der Graf hob aufhorchend den Kopf. »Hab ich was Dummes gesagt?« Sie lachte stark befangen. »Du meinst, ich hätt dann mit dem Ferdl bloß aus Trotz ...? Nein, hat sich schon etwas gerührt für ihn da drinnen – sonst war ich dem Oggetti Karl vielleicht nicht gleich gar so energisch auf die Zehen treten. Ja schau, der Ferdl ... Anfangs wird's wohl mehr gewesen sein, weil ich mich gar so gut hab mit ihm unterhalten können. Dann aber hat's mich auch erwischt, weil er ... Und grad aus diesem Grund tut es mich kränken, daß er so anders worden ist, wenn ich zurückdenk, wie er gewesen ist die erste Zeit. Und hat vor dem Oggetti Karl manches vorausgehabt und einem manches geben können, was ...« »Centa, sei nu nicht unjerecht! Das kann er sicher eben noch. Und wenn er dir jetzt wenijer zu jeben scheint, liegt das am Ende daran, daß du selbst mehr hast.« »Ach! Ich versteh dich schon! Bin aber auch nicht im Zigeunerwagen groß geworden, Brokkenhuus!« »Centa, wär nicht hier das Milieu das Richtije für dich, dann hättest du dich niemals so drin einjelebt. Das solltest du trotz dieser Rasselbande, wie du sie nennst, nicht unterschätzen. Und ob der Herr Oggetti dir das ersetzen könnte – ich weiß nicht. Wie ist er denn aber so plötzlich wieder aufjetaucht? Von Bremen her?« »Nein, er ist schon seit einem Jahr in Lübeck Generalagent von der ›Verdandi‹.« »Näher ist das aber auch nicht?« »Er ist auf Sommerurlaub da, bei seine Leut. Am Montag sind wir, weil glücklich die beiden Wägen nicht in Ordnung gewesen sind, per Bahn zur Stadt, ich und der Ferdinand, no, und der Hofrat mit der Seinigen noch. In Sankt Quirin – wer steigt da in den gleichen Wagen ein? Kein andrer wie der Oggetti Karl. Mich hat's gerissen, weißt! Ihn aber auch! Und hat, scheint es, gefunden, daß ich derweil nicht wüschter worden bin.« »Kunststück! Blind wird er ja wohl nicht sein.« »Und hat aus seinem Eck alleweil so rüberspitzt, und ... da hat's ihn wieder erwischt.« »Und du?« rief er. »Ich hab natürlich gar nicht hingeschaut und so getan, wie wenn ich ihn überhaupt nicht seh.« »Und dann?« »Ja weiter nix. – Ach so? Und heut ist dann ein Brief von ihm gekommen.« »Mit ... einem Heiratsantrag?« »Ja. Daß, wie er mich gesehn hat, und was man so schreibt ... Und daß er alles das vergessen will von dazumal und auch, was diese Jahre her gewesen ist, wenn ich ... No, du verstehst mich schon.« »Dann war sein Brief der Grund, daß du mit Ferdinand ...?« »Da hatt ich ihn noch gar nicht aufgemacht.« »Ihn aber schon jehabt? Ich sag es ja: du hast Instinkt. – Darf ich dir noch was sagen, Centa? Überleg dir reiflich, was du tust! Er will verjessen, schreibt er. Aber kann er es auch? Centa, lies diesen Brief noch einmal und zehnmal jenau, ob nicht schon da zwischen den Zeilen steht, daß er's nicht können wird!« »Was du dir vorstellst!« rief sie fast gequält, sah ein Weilchen unschlüssig vor sich hin und gab sich dann einen Ruck: »Lies ihn doch selber!« Ihre Hand glitt in den Halsausschnitt, kam aber gleich in großer Eile und – leer zurück; denn hinter der Eßzimmertür erklang ein Tellerklirren, der Diener Otto trat ein und wiegte zierlich eine silberne Platte auf der Hand. »Da kommt ja der Pariser Igel«, sagte Centa. »Tun S' ihn nur her! – Ich hoff bloß, er ist so gut wie der an Pfingsten; weißt du noch?« Sie legte Brokkenhuus und sich je eine tüchtige Scheibe von der mandelgespickten süßen Speise vor. Als der Diener gegangen war, begann der Graf: »Wolltest du mir denn nicht den Brief ...?« »Erst aber tust jetzt essen, Brokkenhuus!« »Der Ijel läuft uns ja nicht weg. Gleich kommen auch die andern ...« »Also, in Gottes Namen: da!« Er nahm den Brief, klemmte sich den Kneifer vor die Augen und las Zeile für Zeile aufmerksam. – »Tja ...« begann er endlich zögernd und gab ihr den Bogen zurück. Sie legte ihn in seine Falten und steckte ihn an den alten Platz. »Brauchst gar nix reden! Kann mir so schon alles denken.« »Nu, wie denn nicht! Warum fragt man denn andre um Rat! Du fühlst ja selbst, daß dies Niveau jetzt ziemlich unter deinem liegt.« »Bloß auf die Feinheit geht's auch nicht zusammen.« »Ja, und fühlst du nicht, daß die – wie sagt man gleich? – aufdringliche Jüte dieses Briefes keine Jüte ist, daß hinter diesem embarras von Edelmut ein kleiner Pharisäer rauskuckt?« »Herrschaft, du verstehst dich drauf, einem was zu verekeln! Und grad das hab ich nun hübsch von ihm gefunden. Aber kann sein, daß du's am richtigeren Zipfel packst.« »Nu Gott sei Dank! Dann also schreib dem Menschen ab, wirf diesen duftijen Brief ins Feuer und ...!« »Ins Feuer werfen? Wär noch schöner! Gut sogar wird er aufgehoben! – Ja, man könnt schon einschüren damit – dem Ferdinand! Daß er es spannt: sind andre auch noch da!« »Centa, das machst du nicht, wie ich dich kenn! Einer, um den herum so heftig spekuliert wird ...! Soll er denn glauben, daß du auch ...?« »Auf was ich spekulier, könnt er bald wissen: bloß auf das, was sich gehört. Geld? Hätt er weniger, dann tät er mehr und machet es sich nimmer gar so leicht. Sein Geld kann mir gestohlen bleiben! Und wenn er sich traut, mir da was Unrechts in die Schuh zu schieben, dann soll er sein blaues Wunder sehn!« »Centa, das ist es ja: bei so was jibt ein Wort das andre; und wohin man kommt, weiß man im Anfang nie. Jeh deinen Weg nur weiter, wie du ihn bis jetzt jingst! Das war sicherlich das Richtije.« »Hat sich gezeigt!« Sie lachte auf. »Und schau, ich kenn mich selber: der Gaul wenn mir durchbrennen will, bleibt so nix, wie ihn laufen lassen – solls grad gehn oder schief!« »Aber ihn mit dem da eifersüchtig machen – lieber Gott!« »Ja, weißt du mir was Besseres, Brokkenhuus? Meinst, ich sollt seiner Mutter das Haus einrennen und mich mit ihr um ihren Segen raufen?« »Erbarmung!« rief der Graf. »Da sixt es selber! Gibt ja keinen andern Weg!« Er schaute abwägend vor sich hin. Dann sagte er: »Wenn du doch zu ihr jingst?« »Auf einmal? Brokkenhuus, ich hab dich im Verdacht, es ist dir bloß ums Zeitgewinnen; und heimlich hoffst du, daß mir derweil der ernsthafte Bewerber abschwimmt?« »Centa, nein, im Ernst: ich seh die Jeheimrätin leibhaftig vor mir! Klein bißchen unheimlich ist sie ja wohl ... Aber sie hat doch Stil und, das möcht ich beschwören, Sinn für Stil. Das jibt mir eine leise Hoffnung, daß du sie erobern kannst.« »Und glaubst vielleicht, es wär für mich ein Zuckerschlecken, zu der zu gehn?« »Nu? Interessant auf jeden Fall!» »Da hab ich keinen Zweifel: sie schmeißt mich vierkantig beim Tempel naus.« »Dazu ist sie zu neujierig und auch – zu klug.« »Das ist ja – wie hast du gesagt? – das ›Unheimliche‹, was sie für mich hat. Ich bin nicht mehr wie dumm. Was hab ich schon gelernt!« »Ach, glaubst du, Klugheit läßt sich lernen ?« »So dumm, wie mich der Ferdl hält«, rief Centa, »bin ich zwar nicht. Und du glaubst in allem Ernst, ich krieg die rum?« »Leicht wird es wohl nicht sein. Nur ... ja, ich stell mir vor, daß dich grade das Schwere reizen muß.« »No, du verstehsts, die Leut zu nehmen, Brokkenhuus! Du brauchst bei andre viel von Schlauheit reden! Weißt: kitzeln könnt es mich ja schon! Bloß diesen dummen Kopf zu sehn, den wo der Ferdl aufsetzen tat, wenn ich ihm den Muttersegen schriftlich brächt!« »Was? Schriftlich? – Ach, das ist nur Spaß! Und diesem Herrn Oggetti schreibst du ab?« »Pressiert das so?« »Ich finde schon. Ein Feldherr, der die Brücken hinter sich verbrannt hat, jeht in der Schlacht ganz anders drauf. Und Draufjehn ist der halbe Sieg.« »Wenn ich bloß nicht diesen Mordsbammel vor der Alten hätt!« Sie unterbrach sich und stieß ihn warnend an den Arm. »Du: drinnen stehn sie auf! Ich überschlaf mir's noch. Jetzt mach dich schleunigst über den Pariser Igel her! Sonst meinen die ...« Schnell steckte sie sich selber einen viel zu großen Brocken von der süßen Speise in den Mund.   Die Eßzimmertür glitt in die Wand, und zehn schon etwas weinselige Leute traten ein – außer Rapp die drei Junggesellen Henne, Bachhuber und Alois Müller, dazu drei Paare, darunter sogar ein richtiges Ehepaar: der aus der deutschen Schweiz stammende Dichter Lothar Paechtli und die ihm seit kurzem vermählte Salondame der bayrischen Hoftheater Gwendolin Conradi, eine Dame von Gardemaß, der ihr ziemlich beleibter Gemahl kaum über die Schulter sehen konnte. Seit einem halben Menschenalter schon und fraglos stärker als durch Ehefesseln verbunden war das zweite Paar: der in ganz München wie ein bunter Hund bekannte, viel zu Rat gezogne und als Arzt doch nicht recht ernst genommene Hofrat Egidius Astaller, ein Mann Mitte der Fünfziger mit roten Backen, und seine vermutlich noch etwas ältere »Freundin« Mena Geßler, die sich die erste Damenschneiderin von München nannte und auch einem ansehnlichen Kundinnenstamm um ihrer gesalznen Preise willen dafür galt. Während nun das Verhältnis dieser beiden stark ins Bürgerliche ausgeblichen schien, sorgte das dritte Paar dafür, daß auch das echteste Schwabing heute vertreten war. Dies Zeugnis durfte man ihnen wohl geben – dem seit seiner Studienzeit auf der Münchner Akademie nicht mehr von Bayern losgekommenen schwedischen Kunstmaler Ivar Evander und seiner »Schülerin« Lydia Platonowna Arbusow aus Nishni Nowgorod. Von diesem Künstler-Zweigespann hatte er sich in letzter Zeit der neuen Richtung des »Blauen Reiters« zugeschworen; sie aber sah aus durchsichtigen Gründen jede Art Malerei als etwas Überwundenes an und war deshalb nicht ohne Erfolg bestrebt, Aufsehen und Geschäfte mit schlampig modellierten Kleinplastiken aus farbigem Wachs und mannigfachem Stoff- und Flitterwerk zu machen – spinnengliedrigen Nippfigürchen von kränklichem Reiz, bei deren Anblick gesunde Menschen fast einen Verwesungshauch zu spüren meinten. Nach lebhafter Begrüßung des Grafen Brokkenhuus rückte der Schwarm zwei Tischchen neben den seinen hin und reihte sich darum zum Kreis. Der Diener schleppte eine riesige Pfirsichbowle herbei, schenkte ein und bot die Gläser herum. Alle bedienten sich, vom Grafen nur bekam er einen Korb; ihm goß statt dessen Centa wieder Sherry ein. Der Hofrat Astaller verzog sein glattrasiertes Bonvivantgesicht zu deutlicher Verwunderung, hob neckisch drohend seinen dicken Zeigefinger und rief in dem Ton, wie ein Erwachsener zu Kindern und etwa ein Arzt zu seinen Pflegebefohlenen bis ins tiefste Greisenalter spricht: »Ei, ei, was trinken wir denn da, Graf Brokkenhuus?« »Köstlichen alten Sherry, lieber Hofrat, den ich Ihnen auch empfehlen kann. Praesente medico wird er mir wohl nichts schaden. Oder glauben Sie – Gott schütz! –, daß Bowle besser für mich wär?« »Nein, aber haben wir nicht ausgemacht: ein Glaserl leichten Mosel, oder höchstens zwei?« »Diese Verabredung war einseitig. Sie haben es verordnet, und ich ... Übrijens hab ich es vorijen Tag folgsam ausprobiert – nicht Ferdinand? –, aber zu meinem Leidwesen konstatieren müssen, daß ›sauer‹ mich nicht lustig, sondern schlankomeerisch macht. Und das ist nicht der Zweck der Übung, kommt mir vor.« »Ich finde auch: wir pfeifen auf Hygiene und verjiften uns zielbewußt mit Alkohol!« schlug Henne vor. »Prost, Onkel Woldemar!« Der Dichter Paechtli grinste, wie er es für teuflisch hielt, und sagte in dem sorgsam gefeilten Hochdeutsch, das seinen Schwyzer Gutturalton doch nicht ganz verbarg: »Die Mediziner meinen nur, daß man ihnen ins Handwerk pfuscht, wenn man sich selbst vergiften will.« »Ich laß nichts auf den Hofrat kommen!« fiel mit ihrer klangvollen Theaterstimme Gwendolin ein, die sich als erfahrne Schauspielerin nur ungern Feinde machte und außerdem bei Mena Geßler heftig in der Kreide stand. »Wenn ich acht Tage Urlaub will, ruf ich ihn nur ans Telephon: er schreibt mir unbesehn ein Zeugnis, wie ich's brauch.« »Ja, Gwen, daß er Gesunde zu behandeln weiß, ist ja notorisch«, höhnte Paechtli. »In Krankheitsfällen dürfte aber doch ein richtiger Doktor vorzuziehen sein.« »Depp!« murmelte der Hofrat. Ivar Evander, ein derber Bursch von mächtiger Gestalt, strich sich die eigensinnige blonde Haarsträhne, die ihm ewig über das linke Auge fiel, mit einer schnellen Handbewegung hinters Ohr und stellte fest: »Hofrat, wann ich dir holen laß, brauchst du deine Hörröhre nicht mit dir zu nehmen; denn dann bin ich sicher tot.« Jetzt wurde es dem gleich von zwei Ausländern Überfallenen doch zu dumm, und er erwiderte: »Tot? Wird es also dein Geist sein, der mich holen laßt? Wo willst den aber bloß nach dem letalen exitus auf einmal herbringen? – Als ein Lebendiger hast nie viel davon merken lassen.« »Lieber Gott, was braucht denn Ivar Geist!« sagte Lydia Arbusow und schüttelte den weißblonden Pagenkopf. »Hauptsache, wenn er andre Qualitäten hat!« Dann aber fuhr sie, während ihre Augen gleichsam verloren durch das Zimmer schweiften, bewundernd fort: »Olala, wie er niedlich ist!« »Wen meinen Sie denn?« staunte Henne. »Nu, den kleinen schiefen Globus!« Die Russin deutete mit dem Daumen auf den Diener Otto; und selbst wer ihre Eigentümlichkeiten schon seit Jahren kannte, war verblüfft. »Geh, laß mein Personal in Frieden!« mahnte Rapp, der als erster die Sprache wiederfand. Otto jedoch, der eben eine Platte vom Wandtisch hatte holen wollen, ließ sie stehn und zeigte – zu stark verdeutlicht freilich – ein Gesicht, als hätte er den Ausspruch Lydias nicht gehört; nur trug er plötzlich seinen Kopf lotrecht auf dem Hals. Dann schlug er sich unhörbaren Schrittes wie ziellos nach der Gangtür hin und war auch schon hinaus. »Schau, er versteht sich zu benehmen.« Rapp unterdrückte den Rest seines Gedankengangs. »Wott, ja, das ist es!« stimmte Lydia zu. »Bemerktet ihr es nicht an seine Rückenlinie, wie er mich tief verachtet? – Könnt ihr ihm mir nicht für ein paar Stunden pumpen, Centa? Ich muß ihm modellieren, wie mit Teebrett geht.« »Nein?» staunte Brokkenhuus. »Sie schaffen Ihre Kunstwerke vor der Natur? Was man auf seine alten Tage noch erlebt!« »Probieren Sie doch, Graf! Sitzen Sie mir Modell, in Klubsessel versunken, so wie jetzt! Welches Symbol für heutige Gesellschaft ich von Ihnen mach, das werden Sie dann sehn!« »Ich muß nicht alles sehen!« Unwillkürlich richtete sich der Graf zu etwas strammerer Haltung auf. »Ly, da wird dir der Schnabel sauber bleiben«, stellte Rapp gemächlich fest. »Und unser Otto dürfte, wie ich ihn beurteil, gleichfalls passen.« »Lieber Gott! Wenn mir drauf ankommt, krieg ich in fünf Minuten jeden Mann so weit, daß er Galoppom bei mir rennt.« »Gnädigste, so blond und doch so ... Nu, wie sagt man?« bemerkte Henne sehr vergnügt. »Meiner Blondheit verdankt Ihr Onkel wenigstens eine Pointe. So ist sie nicht ganz für umsonst.« »Wie?« rief der Graf. »Haben Sie nicht ›ausgeblichne Salome‹ auf mir gesagt?« »Wei, welches Unjeheuer hat das wieder ausjeklatscht?« »Da hat der Graf Sie aber glänzend troffen, Ly«, mischte sich Bachhuber ein. »Ly heiß ich nur für meine Freunde«, gab sie eisig zurück. »Wenn für Ihnen ›gnädiges Fräulein‹ zu schwer auszusprechen scheint, dann doch mit Vor- und Vatername: Lydia Platonowna.« »Den Vaternamen liebt sie heiß und unglücklich«, erklärte Ivar Evander. »Ly, die Platonikerin.« »Erblich belastet durch den Vatersnamen«, grinste Paechtli. »Der Apfel fällt zumeist nicht weit vom Stamm.« »Ich hoffe ganz in Gegenteil, daß ich drei Werst weit weg von diesen Stamm gefallen bin«, wehrte sich Ly. »Mein Vater, dieser alter Idiot ...« »Weißt, meinen Vater ließ ich lieber doch im Grabe ruhn«, fiel Centa ihr ins Wort. »Ich auch. Leider nur schwer zu machen!« sagte die Russin. »Der Tschinownik lebt ja noch und wütet seit sieben Jahre in Asow als Gouverneur. Uns, seine zwei einzige Kinder, hat er rausgeschmissen und verflucht, wo doch mein Bruder, dummer Kerl, nicht mehr ist wie labbriger Menschewik!« »Wie heißt das? Was ist das?« erkundigte sich Gwendolin. »Nu ja, Halbreaktionär; dreiviertel, kann man sagen. Da ist, bei Gott, ein baltischer Baron mir lieber, so wie Sie!« Ly schaute kampflustig den Grafen an. »Oh, das beruhigt mich!« lächelte der. »Pardon«, wendete sich Henne an die Russin, »Onkel Woldemar hat mir dann also nicht zu viel versprochen, und ich steh einer Nihilistin jejenüber? Feenhaft!« »Was Nihilistin! Jeder anständige Mensch ist heute Bolschewik.« »Den Ausdruck habe ich ja noch nie gehört«, erklärte Rapp. »Wir werden dich schon lernen, Doktor, was Bolschewiki für Leute sind«, erwiderte Lydia. »Fangt ihr nur Krieg an; dann – paßt auf!« »Der Krieg ist ja schon wieder abgeblasen«, sagte der Hofrat überlegen. »Da möcht ich nicht drauf schwören«, gab der Müller Alois zu bedenken. »Mir hat erst gestern noch der Bahnverwalter Riedmeier erzählt, es wären im Laimer Bahnhof schon alle Güterwagen für die Mobilmachung angesammelt.« »Gewesen!« widersprach ihm Astaller. »Ich werd's doch wissen. Ist ja der Verkehrsminister ein Patient von mir.« »Ich hab Information aus Petersburg«, erklärte Ly. »Die Großfürstengesellschaft stachelt den Nikolaschka wie verrückt. Aber auskommen wird ihnen nicht. Machen sie Krieg, nu wott, dann machen wir Revolution pa russki , und – Schluß mit Bourgeoisie!« »Hörts auf mit eurer Politik!« warf Centa verdrossen hin und holte vom Nebentisch das Brett mit salzigem und süßem Knabberwerk. »Schauts bloß, wie ihr das Kleidl steht!« rief Mena schwärmerisch. »Paris bleibt doch Paris! Ist freilich ein Genuß, solch ein Figürl anzuziehn.« »Könnts mich bewundern, wenn ich nicht anwesend bin!« erklärte Centa und nahm wieder Platz. »Erst reden sie von Politik eine geschlagne Stund! Und kaum ist's damit gar, dann fangt die Mena mit ihren Geschäften an!« beschwerte sich Rapp. »A du!« schmollte die Schneiderin. »Wenn man sich freut, daß man was Schönes und was Schickes sieht!« »... wofür man die Verpackung selbst geliefert hat«, ergänzte Rapp. » Die Rechnung aber zahl ich dir noch lang nicht, daß du's weißt! Bescheiden ist sie ja nicht grad, und darnach mußt du bald die teuerste Schneiderin von München sein.« »Bitte sehr, von ganz Süddeutschland!« betonte Mena stolz. »Na wird's ja Gott sei Dank kein Kunststück sein, 'ne billigere aufzutreiben.« Centa lachte vergnügt. »A geh!« mischte sich nun der Hofrat ein. »Probier's nicht lang! Denn schließlich kommst du doch zu uns! Dann ist aber das Schönste fort, und du ...« »Hast du die Praxis jetzt ganz aufgesteckt und machst nur mehr den Reklamechef für Mena?« fragte Rapp. »Oder muß man dir auch noch immer was zu verdienen geben? Tat es ja gern! Fehlt mir nur leider gar nix, und den Blinddarm hat mir der Krecke schon vor drei Jahr weggemacht.« »Was ihr bloß mit die Blinddärm habts!« rief Mena. »Wo er als praktischer Arzt doch gar nicht operiert!« »No, fertig bringen tat ich's leicht! Im Grund ist ein Chirurg nix wie ein besserer Handwerker«, sagte der Hofrat stolz. »Handwerker müssen eben etwas können !« stichelte Paechtli. »Wenn ich als Internist nicht mehr könnt wie ein Chirurg, dann hätten meine Patienten nix zu lachen!« gab der Hofrat zurück. »So? Und über dich – da lachen sie?« erkundigte sich Ivar teilnahmsvoll. »Was ihr euch immer am Egidi reiben müßts!« rief Mena ärgerlich. »Das trifft mich doch nicht«, rühmte sich Astaller. »Deswegen hab ich immer noch den schönsten und interessantesten Beruf. Ich wenn erzählen wollt ...! Ich könnt auch Bücher schreiben, lieber Graf.« »Eine Idee!« stimmte Brokkenhuus ihm zu. »Sie schreiben künftig meine Bücher und treten mir Ihre Praxis ab. In die Leute hereinsehn kann ich auch nicht. Also bin ich der jeborne Internist.« »Ein Diagnostiker von Rang scheint mir Herr Astaller trotzdem zu sein«, erkannte Henne freundlich an. »Er hat mein hinkendes Jebein sofort bemerkt.« »Welch reine Freude, wenn auch mal ein Doktor in Behandlung ist!« stichelte Paechtli. »So? Und letztes Jahr, wie du die Gelbsucht kriegtest, hast aber prompt nach mir geschickt!« trumpfte Astaller auf. »Donnerwetter, Hofrat, und die hast du gleich erkannt?« fiel hier der Schwede ein. »Farbenblind bist du also wenigstens nicht?« »Was man von dir, mein lieber Ivar, freilich schwer behaupten kann«, sagte der Hausherr. »Deine Bilder ...« »Himmel – grün, und Wiese – gelb, und Kühe – blau!« rief Mena hocherfreut, weil endlich ein andrer an die Reihe kam. Dies törichte Gerede strafte Ivar mit Verachtung, auf den Angriff des Doktors aber gab er kühl zurück: »Sprich nicht, von was du nichts verstehst! Und warum hast du mir dann Bilder abgekauft? Wo bist du übrigens mit ihnen hin?« »Ins Fremdenzimmer«, lachte Rapp. »Denn schau: da bleiben die Logiergäst nicht so lang.« »Wenn du das möchtest«, nahm nun Ly das Wort, »so hab ich paar Figuren – da fürchten sie sich sogar in der Nacht. Ich geb dir billig, weil sonst nicht leicht verkäuflich sind.« »Dank schön: mir graust genug vor denen , die ich hab«, erklärte Rapp. »Und kaufst dann schließlich doch», seufzte der Schweizer neidisch. »Bildende Künstler können lachen!« »Was willst denn du!« wehrte der Doktor ab. »Bin ich vielleicht nicht der einzigste Mensch auf dieser Welt, der jeden Schmöker von dir bar in der Buchhandlung erstanden hat? Soll ich sie wohl am End auch lesen ?« »Das kannst du halten, wie du Lust hast«, erwiderte der Dichter. »Aber daß du mir für den Sommer nicht das Künstlertheater pachten wolltest, war schundig von dir! Und noch dazu saudumm! Du hättest klotzig dran verdient!« »Lothar, brauch nicht so starke Worte!« flötete Gwendolin. »Paß auf, der liebe Ferdinand tut es schon nächstes Jahr, wenn ich ihn richtig bitt.« »Wahrscheinlich!« höhnte Paechtli. »Der wird für gute Kunst was von dem Mammon übrig haben, den er mit seinem miserabeln Bier verdient!« »Das erste Wort fei vom Herrn Paechtli, was ich unterschreiben muß!« meldete sich plötzlich Alois Müller, der bis dahin stillvergnügt dem Wortgeplänkel gelauscht und sich an die Virginia und sein Bowlenglas gehalten hatte. »Ich hab erst gestern in der ›Seelust‹ eine Halbe Rappenbräu getrunken. Saxendi, kein Wunder, daß die Münchener ›Dividendenplempl‹ dazu sagen!« »Seht nur den Ferdinand, wie der noch lacht!« rief Ivar. »Ist dir scheinbar egal?« »Vollständig«, gab Rapp ruhig zu. »Kommt ja bei mir von Bier bloß Weihenstephan ins Haus.« »Ach, glaubt ihm nicht!« rief Centa. »Das soll bloß geistreich sein. Und bei der nächsten Sitzung schlagt er den Brüdern in der Brauerei den größten Krach.« »Ich?« widersprach der Doktor. »Dem Geheimrat Heflfinger? Nein! Der ist doch recht. Mit gutem Bier Geschäfte machen kann jeder Hanswurscht. Mit schlechter Ware gutes Geld verdienen – ist die Kunst.« »Geh, Ferdl, hör doch auf!« ereiferte sich Centa. »Ach, Fräulein Hollerieth«, beruhigte sie Henne, »so naiv sind wir nu nicht, daß wir den negativen Renommisten nicht durchschaun. – Lieber Herr Rapp, wenn Sie nicht neue Weje zur Verbesserung des Bieres suchten, hätten Sie sicher nicht Chemie studiert.« »Chemie? Beim Bier!« Der Müller Alois stand starr vor solcher Ahnungslosigkeit. »Mein Lieber, das wird fei in Bayern schwer bestraft. Bei uns kommt in den Sud nur, was von Natur hineingehört.« »Nicht gleich so böse!« entschuldigte sich Henne. »Ich nehm alles zurück. – Wozu benötijen Sie die Chemie denn sonst, Herr Rapp?« »Ja, wissen Sie gar nichts von Ferdinands Erfindung?« fragte Gwendolin erstaunt. »Onkel Woldemar, du hast so was erwähnt. Nur, was es ist ...?« Henne schaute den Grafen fragend an. Rapp sagte: «Ja, die Sache ist, daß ich dem Umfang des Sterbens endlich Grenzen setzen will.« »Unsterblichkeit aus der Retorte? Weiter nichts?« »Unsterblichkeit? Verdopplung der Lebensdauer ist ja schon allerhand.« »Und chemisch? Wie denn das?« »Sie wissen wohl, Herr Henne, daß wir Tiere haben, die länger leben als wir: Schildkröten, Papageien, Raben, Elefanten ... Die Viecher bringen's auf zweihundert Jahr und mehr. Da hab ich mich gefragt, wovon das kommt. – Herr Henne, wissen Sie beiläufig, was Hormone sind?« »Hormone? Ja, jelesen hab ich den Ausdruck wohl.« »Hormone sind Abscheidungen der Drüsen, über die die Wissenschaft bisher nicht recht viel mehr gewußt hat als Sie auch. Nun hab ich durch, darf ich behaupten, recht zeitraubende Experimente an langlebigen Tieren festgestellt, daß ihre Drüsen einen Stoff erzeugen, der den Abbau der Zellsubstanz gewissermaßen bremst und die verbrauchten Körperzellen wieder ergänzt. Der Einfluß davon auf die Lebensdauer ist wohl auch für den Laien klar?« »Ja, ich versteh: man muß recht viel Schildkrötensuppe, Elefantenkarbonaden und jestowten Raben oder Papagei mit Reis verzehren – dann wird man uralt?« Der Doktor lächelte. »Wenn man sich's leisten kann und's einem schmeckt. Ich glaub ja nicht, daß die Gastronomie das schaffen wird. Da muß denn die Chemie heran und erstens die Zusammensetzung des Hormons ergründen und es dann zweitens, damit es den Menschen wirklich Nutzen bringen kann, synthetisch, also künstlich, herzustellen suchen.« »Ja: wie man Chinin nicht mehr aus Chinarinde macht und Indigo, soviel ich weiß, aus Teer. Synthese heißt also Verfälschung; nicht?« »Wieso Verfälschung? Ganz im Gegenteil: Verbesserung!« behauptete der Doktor. »Synthetisch kann man die Stoffe viel reiner herstellen, weil die Natur in solchen Sachen glattweg schlampig ist.« »Ja, reiner ...« warf der Graf dazwischen. »Ob aber nicht doch in der Schlamperei, wie du es ausdrückst, der Natur, die mit der Sonne statt mit dem Bunsenbrenner kocht, jerade das Jeheimnis steckt, das die Wirkung bedingt?« »Ah, Aberglauben!« Der Müller Alois nahm vor lauter Eifer sogar die Virginia aus dem Mund. »Beim Bier, da geb ich's zu, no, und bei Nahrungsmitteln überhaupts! Ein guter Butter ist mir selber lieber als wie Margarine. Medikamente und dergleichen aber macht man gescheiter im Labor.« »Da die Chemie so fortjeschritten ist, kann es für Sie doch wohl nicht schwierig sein, herauszukriejen, woraus Ihr Hormon besteht?« fand Henne. »Wenn's weiter nix wär!« Rapp lächelte. »Das kann ich Ihnen gleich verraten: zwanzig Atome Kohlenstoff, siebzehn Atome Wasserstoff, sieben Atome Sauerstoff, sechs Atome Stickstoff, ein Atom Phosphor, drei Atome Eisen – haben wir's bereits!« »Also, was brauchen Sie denn noch?« Alois grinste. »Sie meinen, man nimmt von jedem Stoff die nötige Zahl Atome her und mixt sie dann wie einen Cocktail oder Flip?« »Nu, irjendwie umrühren muß man es ja doch.« »Tja«, lachte Rapp, »das Blöde ist bloß, daß diese Bruttoformel, wie man's heißt, uns wohl verrät, wieviel von diesen Körpern in dem Präparat vorhanden ist, aber nichts über die Verbindungen. Also bleibt uns der Hochgenuß, die Konstitution des Moleküls zu klären. Wir arbeiten zu zweit jetzt schon im dritten Jahr daran; und kann leicht sein, daß es in Zukunft noch einmal soviel und länger braucht, bis man's derpackt.« »Nu, das beruhigt mich«, antwortete der Balte. »Du kannst dir denken, Onkel Woldemar, warum. – Was? Nicht? – Nu: wejen Tante Laurchen. Denn wenn sie dies Medikament erlebt, lebt sie bis an den jüngsten Tag. – Sagen Sie, Herr Rapp, wenn Ihr Produkt dann fertig ist – wie wird es da jeschluckt? Hoffentlicht nicht in Schokolade einjewickelt als Konfekt? Denn Süßigkeiten, Onkel Woldemar, liebt Tante Laurchen heiß.« »Tja, ich glaub fast: löffelweis, wie Lebertran. Denn es gibt wohl ein Kolloid. Oder noch besser wird man es per Spritze direkt in die Blutbahn bringen«, meinte Rapp. »Sicher!« pflichtete ihm der Hofrat bei. »Die neuere Medizin ...« »... macht aus dem armen Patienten eine Art von heilijem Sebastian«, fiel ihm Graf Brokkenhuus ins Wort, »nur daß er statt voll Pfeilen voll von Spritzen steckt.« »Und spritzt nur ja intravenös!« schlug Paechtli boshaft vor. »Das gibt so schöne Blutgerinnsel, daß jeder mit diesem Unsterblichkeitsfluid Lebensverlängerte prompt in drei Tagen um die Ecke geht.« »Deine Lungenentzündung damals kam gar nicht vom Spritzen!« rief der Hofrat erbost. »Und dein Mundwerk schon beweist, daß du noch lebst. Fehlt bloß die Unterstellung, daß wir Ärzte alle Mörder sind!« »Das ist ein starkes Stück«, fauchte Mena kampflustig. »Herrschaft!« mischte sich Centa ein. »Könnts ihr denn nix wie fachsimpeln und euch hackeln? Wird allmählich fad!« »Auch ich plädier für Abwechslung«, stimmte der Graf ihr zu. »Manny, sag mal ...!« »Wie ist der Namen?« unterbrach ihn Lydia. »Manny? Soll das bedeuten: kleiner Mann?« »Wei, keine Spur!« erklärte Henne. »Leider muß ich errötend einjestehn, daß es eine Abkürzung vorstellt von Immanuel.« »Emanuel – der Namen ist doch schön«, rief Mena. »Ach nein: Immanuel mit I und Doppel-M.« »Nach Kant?« vermutete der Doktor. »Keineswegs, mein Vater hat nur an das gleiche Jesangbuchlied jedacht wie Kants Papa: ›Ist euch der Feind zu schnell, hier ist Immanuel. Hosianna! Der Starke fällt durch diesen Held.‹ Ein großer Predijer soll Papa jewesen sein; ein großer Prophet – scheint mir dajejen nicht. Denn mir den Heldenstempel für das Leben aufzubrennen ...!« Da mußte freilich jeder lachen, und Rapp sprach ihnen allen aus der Seele, als er erwiderte: »Hier hat ja allerdings Ihr alter Herr so weit vorbeigeweissagt, wie sich's irgend machen ließ.« »Ihre freundliche Zustimmung – in der gleichen Sache heute nicht zum erstenmal – ist mir ein Labsal fürs verdüsterte Jemüt.« Henne neigte dankbar lächelnd den Kopf. Centa hingegen, der der Unterton in seinen Worten nicht entging, sagte ablenkend: »Auch Immanuel klingt schön.« »So, finden Sie? Ich weiß nicht, ob Immanuel Henne viel stilvoller wirkt als beispielsweise Iphijenie Putning.« »Ja, oder Philomena Geßler«, neckte Rapp. »Sie heißen Philomena, Gnädije – nach der Nachtigall? Wie sinnig?« Henne schmunzelte. »Dies Federvieh schimpft sich wohl Philomele«, stellte Paechtli fest. »Und Philomena heißt: Geliebte. Also war hier der Taufpate anscheinend ein Prophet. Und du, Hofrat, kannst schon aus ihrem Namen sehn, was dir die Mena zu bedeuten hat.« »Und deine Frau, die heißt wohl Gwendolin, weil ihr euch habt in England trauen lassen?« stach der Hofrat zurück. Centa schüttelte den Kopf. »Jetzt schmeißen sie sich auch noch ihre Namen vor!« »Ach, Manny, ja, ich wurde ersten unterbrochen«, sagte hastig der Graf. »Ich wollte fragen, ob du uns nicht bißchen was vorspielen kannst. Ein Flüjel ist vorhanden, und es sind Ewigkeiten, seit ich dich zuletzt ...« »Ach, Onkel Woldemar, glaubst du nu wirklich, daß darnach Bedürfnis ist?« »Freilich!« rief Centa, und die meisten aus dem Kreise stimmten zu. »Ich anerkannter Feigling habe aber Angst: ein Fachmann sitzt dabei.« Der Balte sah Bachhuber an. »Fassen Sie Mut! Erwartet so kein Mensch, daß Sie gleich spielen wie der Liszt«, sagte der Musiker herablassend. »Nu, wenn Sie ein Ohr zudrücken wollen, dann riskier ich es vielleicht.« Henne stand auf. »Was hören die Herrschaften denn jern?« »Ist das Repertoire, was Sie auswendig können, denn so groß, daß man grad wählen darf?« erkundigte sich Bachhuber mit leichtem Spott. »Nu, wählen Sie! Dann wird man sehn.« Der Balte hinkte an das Instrument, hob nicht ohne Anstrengung den Deckel hoch und stemmte die Stütze ein. »Geh, spielen Sie doch, was Sie freut!« schlug Centa vor. »Ja, Manny, phantasier uns was!« sagte Brokkenhuus. »Es sei!« Henne setzte sich auf den Drehstuhl, entblößte die Klaviatur und schlug leicht ein paar Töne an. »Nicht mal ganz so verstimmt wie sonst in vornehmen Familien«, stellte er fest. »Was spielt der Dilettant von Distinktion in einem solchen Fall? – Ich weiß: Variationen über ein Thema von einem unserer sechs großen Bs. Das dürfte der Weihe des Momentes anjemessen sein.« »Sechs große Bs? Was meint er denn damit?« erkundigte sich Gwendolin. »Die großen B in der Musik?« Bachhuber zählte es an den Fingern ab. »Bach, Beethoven, Berlioz, Brahms, Bruckner ... Und wer ist der sechste?« »Immer derjenige, welcher fragt.« Henne verneigte sich gegen den Musiker. »Ah, lassen S' Ihre blöden Witz!« knurrte der ärgerlich. »Müßts ihr euch immerzu aufzwicken?« mahnte Centa. »Fangen S' halt zum spielen an, Herr Henne! Am Klavier kann man ja Gott sei Dank nicht boshaft sein.« »Meinen Sie das im Ernst?« Der Balte lächelte. Er legte seine Fingerspitzen auf die Tasten, während sich sein Oberkörper sonderbar schieflegte und verkrümmte. Dann lockte seine Linke aus den Baßsaiten eine Art von Donner, dessen Wucht man ihm kaum hätte zutrauen mögen; die Rechte holte mächtig aus und ließ im Niederfallen einzelne hohe Töne Blitzen gleich durch das Gewitter funken. »Sein Anschlag ist nicht einmal schlecht«, murmelte Bachhuber. Nun aber lösten sich aus dem Getöse des Vorspiels ein paar feierliche Takte, die sich anscheinend doch nicht recht entschließen konnten, Melodien zu werden. Bachhuber riß die Augen auf. »Das ist ja das Motiv der ewigen Wiederkehr aus meiner Zarathustra-Symphonie! Ihr musikalisches Gedächtnis – allerhand!« Der Balte unterbrach sein Spiel. »Was einem durch Kühnheit imponiert, behält sich leicht. Auch kam mir das schon damals, offen jestanden, nicht so furchtbar fremd vor.« »Soll das heißen, daß ich dies Motiv von irgendwo geklaut hätt?« »Kunst bedeutet meistens: von einander stehlen.« Henne nickte vergnügt. »Sagen wir höflicher: an etwas schon Vorhandenes anjelehnt.« »An was denn? Einfach lächerlich!« »Bewußt – sag ich ja nicht. Aber warten Sie ruhig ab!« Und wieder kam unter Hennes Händen die ewige Wiederkehr wichtig dahergestelzt, kichernde Rhythmen rankten sich um sie, dann wurde Bachhubers Motiv mit keckem Witz variiert. Dabei bekannte es sich immer ehrlicher zu der abgedroschenen Weise, vor der es in der Fassung des Komponisten ängstlich ausgewichen war, und glitt zum Schluß in einen jedem aus der Gesellschaft wohlvertrauten schmelzend süßen Walzer über, hinter dem sich doch noch jenes Pathos des Beginnes in die Brust warf, aber mit seiner Großspurigkeit jetzt überwältigend komisch wirkte. Selbst die Unmusikalischen verspürten das, und immer wieder sprang ein schallendes Gelächter auf. Bachhuber selber lachte nicht. »Auf die Art kann man sich leicht über alles lustig machen!« grollte er. »Möglich!« Henne nickte, indessen seine Finger unwillkürlich weiterklimperten. »Warum auch nicht?« »Wie taktfest daß er Walzer spielt!« rief Centa. »So fein zum Tanzen animierend haben wir nicht einen einzigen auf dem Grammophon. Reißen direkt tut's einen! Geh, Herr Henne, spielen S' uns ein bißl auf!« Die Damen und die meisten von den Herren schlossen sich ihrer Bitte an. »Zum Tanz? Das hab ich nie jemacht. Nu aber, wenn Sie meinen ... Kann ja sein, ich finde dabei den mir vom lieben Gott verordneten Beruf.« Henne senkte fügsam die Stirn. »Das laß ich mir gefallen. Ich schell geschwind dem Otto!« Centa rannte zur Tür und drückte auf den Knopf. »Wenn jedes hilft, ist unser Tanzparkett gleich klar», regte Rapp an. »Hopp, Herrschaften, und keine Müdigkeit jetzt vorgeschützt!« Der Diener kam und machte sich ans Werk, wobei er Lydia vorsichtig in großem Bogen aus dem Wege ging. Und alle anderen, bis auf Henne und den Grafen, halfen mit. Binnen ein paar Minuten waren in der größeren Zimmerhälfte alle Stühle an die Wand gerückt, die Tische auf die Terrasse hin= ausgeschafft, und die gerollten Teppiche desgleichen. Rapp klatschte in die Hände: »Hauskapelle, ersten Walzer, los!« Henne ließ die Straußschen »Donauwellen« wogen, und vier Paare folgten dieser Lockung gleich: Ivar Evander hatte sich Centa geholt, der Hausherr Lydia, der Hofrat seine treue Mena und Alois Müller, der von den Männern weitaus am besten tanzte, die bei ihm sonst wenig beliebte Gwendolin. Bachhuber und der dicke Paechtli, die diese körperliche Betätigung verachteten, hatten sich in die offne Gartentür gestellt und belustigten sich mit spöttischen Bemerkungen über das kindische Getu der kleineren Geister. Graf Brokkenhuus saß noch am alten Platz und folgte mit den Blicken Centa, die der Schwede, wie es ihm schien, beinah zu feurig in die Runde schwenkte. Doch als sie zum dritten- oder viertenmal an ihm vorbeikam, machte sie sich von ihrem Tänzer los und sagte, als der sich dem widersetzte: »Dank dir, Ivar! Ich pausier jetzt ein klein bißl. Weil ich ganz schwindlig bin.« Sie setzte sich neben Brokkenhuus. »Nu!« flehte der Schwede, und seine vorgestreckten Arme unterstrichen die Beschwörung. »Wenn ich erst wieder schnaufen kann – jetzt nicht!« erklärte sie bestimmt. »Nett, daß du dir den Ruheplatz in meiner Nähe suchst!« sagte der Graf und schaute ihr vom Tanze glühendes Gesicht mit Freuden an. »Ich weiß doch, was sich schickt.« Sie nickte ihm übermütig zu. »Nur in Erfüllung deiner Hausfrauenpflichten? Hab ich mir gleich jedacht!« Er nahm sich eine Zigarette aus dem Kasten. »Und weiß auch, was mich freut», ergänzte sie, reichte ihm Feuer und goß ihm wieder ein. »Wohl reichlich heiß zum Tanzen?« fragte er. »Ja, auch.« Sie wehte sich mit dem Taschentuche Kühlung zu. »Und wie wild daß einen der spinnete Wikinger dreht! Da muß eins schwindlig werden! Und hat so eine schlampete Art von Tanzerei, die ich gar nicht verknusen kann. Weißt, und der Ferdl macht die Bowle alleweil zu stark. Ich hol mir schnell ein Fachinger!« Sie eilte an den Florentiner Kessel und kehrte gleich zurück. »Aber jetzt noch nicht trinken! Du bist zu erhitzt!« warnte er sie, als sie den Schlüssel an die Flaschenkapsel setzte. »Das macht mir nix. No, wenn du meinst ... Rauch ich erst eins.« »Was? Rauchen? Du?« »Ja, ausnahmsweise. Zur Beruhigung.« Sie nahm sich Feuer, fing aber nach dem ersten Zug heftig zu husten an. Er schmunzelte. »Wenn ich dich rauchen seh, muß ich mir immer denken: Katz frißt Heu. – Schmeckt es dir denn?« »Nein, schmecken ...? Hast auch recht!« Sie drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus. »Jetzt aber trinken! Keine Angst: bloß einen Schluck!« Sie schenkte sich den Becher voll und setzte ihn an den Mund. »Ah, das tut gut!« Sie stellte das geleerte Glas hin. Plötzlich stammte sich ihr Körper in den Hüften, sie saß sehr aufrecht da. »Ich hab mir's über= legt!« erklärte sie. »Ja und ...?« Er wußte, was sie meinte, und sah etwas besorgt darein. »Ist mir die ganze Zeit im Kopf umgangen ...« »Darum warst du heute wohl so stumm?« »Weißt, Brokkenhuus: die ganze Nacht auch noch drüber sinnieren? Nein! Ich geh zur alten Dame! Und sie muß !« »Hm«, sagte er und kniff ein Auge zu. »Und wann?« »Wenn ich das nächste Mal zur Stadt komm. Denn sie bleibt noch länger. Pressiert ja auch nicht so.« »Bestimmt nicht!« pflichtete er ihr hastig bei. »Inzwischen jibt sich's vielleicht doch noch, daß ... Gleichviel! Und ... dem Herrn – nu, wie heißt er denn? Oggetti?« »Dem schreib ich ab, jawohl. Gleich morgen in der Früh. Anfangs hab ich mir denkt, ich sollt ihn eine Zeitlang in der Hinterhand behalten. Aber das war zu gemein. Ihn zappeln lassen? Hat er nicht um mich verdient! Es wird auch stimmen, was du sagst: er ist heut nimmer das Richtige für mich. Und bei der andern weiß ich schon, wie ich sie anpacken muß. Was wetten wir, daß ich die rumkrieg? Die wird schaun! Ja, und der Ferdl erst!« »Nu Gott sei Dank! Das ist jescheit! Prost also!« Der Graf erhaschte schnell sein Glas und trank ihr zu. »Wär auch dir hart angangen, ohne mich? Gel, Brokkenhuus?« Sie lächelte – er fühlte, daß auch nicht die Spur von Koketterie noch Selbstgefälligkeit in ihrer Frage lag. »Jewiß! Nicht aber, daß du glaubst ...!« beeilte er sich zu versichern. »Wirklich, ich hab nur das im Auge, was für dich ... Wenn man in meine Jahre kommt, ist man es ja jewohnt, daß schön bei langsam eins nach dem andern abschwimmt und ...« Sie sagte frisch: »Mich wirst du auf die Art nicht los. Bin keine Schwimmerin!« Da kam Rapp an den Tisch geschossen und verbeugte sich vor Centa: »Tanzt die Dame auch einmal mit mir, wenn sie sich fünf Minuten vom Herrn Grafen trennen kann? Was, Brokkenhuus, du gönnst mir deinen Schwarm wohl nimmer?« »O wenn du wüßtest! Ganz im Jejenteil«, schmunzelte Brokkenhuus. »Im Gegenteil? Du meinst, wenn sie, das arme Hascherl, nicht dich als Trost hätt, brennte sie mir Rauhbein eines Tages durch?« »Sei nicht so üppig! Kann dir schon noch geschehn!« Centa stand auf und legte die Hand auf seine Schulter. »Kommt nicht in Frage! Brauchen keine Rückversicherung!« witzelte Rapp und schlang den Arm um sie. »Weil wir selber was Sichres sind!« Er drehte seine Liebste flott linksherum zwischen die andern Tanzpaare hinein. Der Graf erwiderte das Nicken, das Centa ihm noch aus der Ferne schickte. Nachdenklich leerte er sein Glas und sprach zu sich: »Sie und die Könijin Gambrina ... Ein verzwicktes Schachproblem, höchst spanische Partie! ›Gardez la reine!‹ ist anjesagt. Nu, wird man sehn! Ich bin jespannt.« Abstecher nach München Die Tage gingen hin und glichen sich. In hohem Bogen zog die Sonne über den grausam klaren Himmel ihre Bahn. Versuchte je ein Lämmerwölkchen diese Reinheit zu beflecken, so büßte es mit schnellem Tod dafür: es wurde auf getrunken von dem tiefen Blau, ihm blieb nicht einmal mehr die Zeit, der Erde, deren Rinde schon hier und da vor Dürre sprang, auch nur das durchsichtigste Schattenfleckchen als kargen Bettelpfennig hinzuwerfen. Auf den Wiesen stockte jeder Wuchs, ihr Grün verblich zu fahlem Gelb. Und auch die Bäume, deren Wurzeln doch aus größeren Tiefen schöpften, ließen mißmutig die Blätter hängen und warfen wohl die Hälfte ihres Laubes vorzeitig ab; so manche Fichte, manche Tanne starb sogar vor Durst, braun wurde, was für immergrün gegolten hatte. Tiere und Menschen fühlten sich stumpf und müde unter dieser Glut, nur daß die Stumpfheit keine Ruhe und die Müdigkeit keine Erholung in sich barg. Es war, als laure irgendwo schon das Gewitter, dem alles Lebende mit Sehnsucht und doch mit einem Beben in den Nerven machtlos entgegensah. Arm an Abwechslung, aber unterhaltsam verfloß die Zeit für Henne. Von vierzehn Abenden hatte er elf bis zwölf im Rappschen Haus verbracht, die anderen – auch nicht ohne einen kräftigen Trunk – bei seinem Onkel Woldemar. Zehnmal war er vormittags nach München hineingefahren, die Ausstellung im Glaspalast und die Sammlungen zu besuchen. Lange war seines Bleibens hier nicht mehr, das wußte er und sah, zwar ohne Ungeduld, dem Telegramm entgegen, das ihm die Ankunft seines Vetters Goswin melden würde. Natürlich traf es zu guter Letzt so ein, daß es ihn und den Grafen Brokkenhuus im Mittagsschlafe störte. Als sie nachher beim Kaffee saßen, fragte der Graf: »Denkst du, daß Goswin hier in unserm Kreis erfreulich wirken wird?« »Belustijend fraglos, Onkel Woldemar.« »Weißt du, ich habe das Jefühl, es könnte eher peinlich sein. Er ist so ...« »Nennen wir es höflich: minderbegabt!« schlug Henne vor. »Das fraglos, Manny, aber auch zu töricht in sein, nu ja, Milieu verrannt, um sich den mal vorhandenen Verhältnissen mit dem jehörijen Takte anzupassen.« »Du meinst wohl, die Verhältnisse sind hier zu landesüblich, und der Süßing wundert sich? Laß er sich wundern, Onkel Woldemar! Kuck, wenn man das ›Milieu‹ bedenkt, das ihn dort in Gastein verschlang, kann man ja hoffen, er wird ziemlich abjehärtet sein.« »Dann doch erst recht«, entschied der Graf. »Nein, besser schon, er kommt gar nicht heraus. In München ist auch viel mehr, was ihn reizen wird.« »Vielleicht«, gab Henne zu. »Also, ganz wie du meinst! Einfahren muß ich doch. Dann bleib ich mit ihm in der Stadt die ein, zwei Tage. – Nur, entschuldije, Onkel Woldemar, willst du auf seinen Anblick überhaupt verzichten?« »Nein, ihn begrüßen und mit ihm bei einem Glas Wein paar Stunden zubringen, das muß ich wohl. Ich könnte ja mit dir ... Rapp leiht mir sicher das Automobil. – Wann kommt er? Morjen?« Henne schaute in das Telegramm. »Von Salzburg depeschiert er. Zwölf Uhr fünfzehn, ja.« »Dann jehn wir sofort zu Rapp hin und erkundijen uns. Du kannst ihnen dort auch gleich adieu sagen. Mit heute abend wird ja kaum was sein, wenn du morjen früh fährst?« »Merkwürdiges Jefühl das, Onkel Woldemar: auf einmal ist es aus! Man kam sich wirklich wie zu Hause vor. Nun hat der Urlaub kulminiert, und abwärts jehts, hast du mir nicht jesehn. Bei langsam sperrt das Kassabuch den Rachen nach mir auf. Hotz, meine Freude darauf ist wohl sehr jedämpft!«   Auf der Terrasse vor Haus »Meine Ruh!« stand auch der Kaffeetisch gedeckt. Der Müller Alois hatte sich bereits empfohlen, Rapp und Centa saßen noch im Ahornschatten und konnten sich nicht entschließen, auf zustehn. Er sog an seiner Pfeife und döste vor sich hin, sie blätterte die Zeitung durch, ohne zu wissen, was sie las. Unten beim Eingang, wo der Weg aus dem Gebüsch ins Freie trat, erschien, auf seines kleinen Dieners Arm gestützt, Graf Brokkenhuus. Er tastete sich unsicheren Schrittes bergan, und Henne hinkte hinterdrein. »Ja, schau nur grad!« rief Rapp. »Da kommt dein ganzes baltisches Spital am hellen Nachmittag dahergehumpelt.« Centa war sichtlich erstaunt. Dann sagte sie: »Dich über andrer Leute Körperfehler spöttisch machen – soll das vielleicht geschmackvoll sein?« »Verbessre du nur meine Kinderstube!« grinste er. Unter dem Tisch erscholl ein Knurren. Centa griff hin und packte Bürschei am Nackenfell. »Das Rabenviech schaff ich hinein – sonst kriegt der Henne wieder einen Todesschreck.« Sie hob den Köter auf den Arm, stieg die Freitreppe hinan und ging ins Haus. »Wenn nur deinen Balten nix geschieht!« rief er ihr nach. Als Centa wiederkam, waren Onkel und Neffe schon jeder in einen Korbsessel gesunken und wischten sich den Schweiß. »Grüß Gott!« rief sie. »Bleib sitzen, Brokkenhuus!« Sie lief hinunter und begrüßte ihn und seinen Neffen. »Sepp«, sagte der Graf, »wir bleiben heut nicht lang. Verzieh dich mittlerweile in die Küche und nimm dir an Otto dort ein Beispiel, wie sich ein perfekter Diener zu benehmen hat!« »Jawohl, Herr Graf.« »A? Wollt ihr so bald wieder gehn?« erkundigte sich Centa. »Warum noch einmal fort?« »Ja, leider«, antwortete Brokkenhuus. »Wir kommen, uns für heute abend zu entschuldijen. Manny fährt nämlich morjen früh.« »Das gibt's fei nicht!« rief Rapp. »Wo ich am Donnerstag Geburtstag hab! Da sind Sie noch dabei! Grad schick wird es: mit Illumination des ganzen Gartens. Echt chinesische Lampions, dreihundert Stück! Vollmond hab ich mir auch bestellt.« »So? Alle Schikanen ohne falsche Sparsamkeit!« lächelte Henne. »Schade nur, daß dieser Glanz mich nicht mehr zu bescheinen den Vorzug haben wird!« »Drei Tag bloß länger!« redete ihm Centa zu. »Fräulein Hollerieth, die harte Faust des Unvermeidlichen rafft mich dahin und wirft mich meinem Vetter Goswin an die Brust. Ein Telegramm von ihm brach jäh auf uns herein.« »Bleibt halt der Vetter auch bis Freitag!« sagte Rapp. »Wir müssen aber weiterreisen.« »Ah, ist er erst hier, dann kriegen wir ihn schon herum.« »Er kommt gar nicht heraus«, beeilte sich der Graf zu melden. »Und besucht dich überhaupt nicht?« Centa war verblüfft. »Nein. Ich muß selbst nach München einfahren, wenn ich ihn sehen will. Deshalb wollt ich mal fragen, ob mich Jestettner morjen früh wohl in die Stadt und dann am Nachmittag wieder nach Hause bringen kann?« »Na klar!« sagte der Doktor. »Nur wär es viel gescheiter, auch der andre Neveu käm raus, und der Herr Henne blieb noch die paar Tage da.« »Ganz ausjeschlossen!« gab der Graf bestimmt zurück. »Sie sehn, das Schicksal stellt sich in den Weg.« Henne zuckte die Achseln. »Schad ist es schon drum. Sie werden uns sehr abgehn«, stellte Centa fest. »Aber wenn es nicht anders ist, dann fahr ich morgen mit hinein.« »Ach, das wär nett!« rief Brokkenhuus, aber ein Zögern klang hindurch. »No, aber, Cenzerl!« spöttelte der Doktor. »Findest du nicht selber, daß dein faible für die Grafen langsam pathologisch wird?« »Depp!« sagte sie. »Weißt nimmer, daß ich übermorgen so hineinmüßt? Spart man Benzin und geht in einem hin. – Auf deinen gräflichen Neveu verzicht ich dankend, Brokkenhuus. Ich hätte auch morgen überhaupt gar keine Zeit dafür.« »Mei, diese Wichtigkeit! Was hast denn alles zu besorgen, armes Ding?« erkundigte sich Rapp. »No, dein Geburtstag?« »A, Präsente willst mir kaufen? Am End gar einen Ehering? Ich laß mir aber keinen durch die Nase ziehn.« »Ja, ich schenk dir schon was!« erwiderte sie eisig. »Du verlierst an meinem Neffen Goswin auch nicht grade viel«, sagte der Graf. »Weiß ich nu nicht.« Henne schielte den Onkel listig prüfend an. »Goswin ist immerhin ein Fall für sich. Ja, und daneben ein so schöner Mann, daß man ihn fast als Mißjeburt mit umjekehrtem Vorzeichen charakterisieren darf. – Aber Sie machen sich wohl nichts aus schönen Männern, Fräulein Hollerieth?« »Und warum schaun Sie mich dabei so kritisch an?« Rapp zeigte ihm scherzhaft die Faust. »Ihr vorteilhaftes Äußere in Ehren, lieber Herr Rapp! Mit meinem Vetter Goswin aber mißt man sich doch schwer. Da jehn von Ihrer Art schon zwei auf einen – wenigstens der Länge nach. Und sein Profil! Wie eine klassische Schtatüh!« »Kann mich nicht reizen«, wehrte Centa ab. »Nein: Stirn und Nas' in eins – so auf die alten Griechenköpf, da kann es gehn. Im Leben aber – Brokkenhuus, findst du nicht auch, daß das sofort was Dummes bringt in ein Gesicht?« »Sie ahnungsvoller Engel!« grinste Henne stillvergnügt. »Aha? – No ja, das pflegt bei schönen Männern vorzukommen«, sagte Rapp. »Was ich aber entschieden häßlich von ihm find, ist, daß er Sie uns entführt. Sie haben uns die ganze Zeit so lustig ... No, wie soll ich's heißen?« »Den Hanswurst jemacht«, ergänzte Henne. »Gott wird Sie trösten. Ein jewählter Kreis von Hofnarren bleibt Ihnen unberufen ja auch ohne mich.« »Dann doch zum wenigsten heut abend noch«, bat Centa. »Wo wir ja schon darauf gerichtet sind. Kommt niemand sonst, wir bleiben unter uns. Sie spielen uns noch einmal was vor ...« »Wär mir ein Fest. Nur muß ich packen«, sagte Henne. »Mein Gott, wann müssen Sie denn drinnen sein?« »Um zwölf Uhr funfzehn steht der Vetter mir bevor.« »Dann ist doch in der Früh noch übrig Zeit«, erklärte Rapp. »Wenn ihr halb zwölf von hier aus mit dem Auto fahrt ...« »Ich?« Henne sackte kraftlos gegen die Stuhllehne zurück. »In ein Automobil? Mitnichten! Selbstmordpläne liejen mir vollständig fern.« »Jeh!« sagte der Graf. »Jestettner fährt so vorsichtig und gut ...« »Kann alles sein. Ich sterbe aber auch nicht jern vor Angst.« »A was, beim Auto passiert viel seltner was wie auf der Bahn«, behauptete der Doktor. »Himmel, wenn Sie mir meine Phantasie nu noch mit Zugentgleisungen verjiften, muß ich zu Fuß nach München jehn!« wehklagte Henne. » Haben Sie denn was davon?« Rapp konnte es nicht lassen: »Meinen Sie, der Tod bei Bahnunglücken ist viel schöner wie bei Autozusammenstößen?« »Immerhin traditioneller«, meinte Henne, »und damit vielleicht um eine Spur natürlicher. Aber bitte, hören Sie jetzt endlich davon auf!« »Ja, ja, die Tapferkeit!« schmunzelte Rapp. »Wer hat behauptet, daß ich tapfer bin? Aber ich fürcht mich nicht und fahr um neun Uhr funfzig mit der Bahn.« »Ich weiß was!« sagte Centa frisch. »Wir nehmen Ihr Gepäck im Auto mit. Sie lassen einfach alles liegen, wie es liegt, und ich pack morgen in der Früh für Sie.« »Oh, Fräulein Hollerieth, heißesten Dank! Nein, das verbietet sich von selbst. Sie stellen sich wahrscheinlich seidene Pyjamas vor? Nein, Illusion: verflickte Jungjesellenwäsche, deren Glück es ist, daß man meist noch was drüber trägt. Nein, nein, ich pack schon selbst«, erklärte Henne, »und stürze mich – jetzt ist es viertel sechs – in einer halben Stunde drauf. Abschied ist ja nicht so was Schönes, daß man es unbedingt verlängern muß. Weinen wir also unsre Träne gleich! Ach, à propos, Herr Rapp, der sojenannten Rasselbande entbiet ich auf französisch meinen Gruß. Herrn Alois Müller aber dürfte noch die Hand zu schütteln sein. Kann ich das eben tun?« »Natürlich, ja. Soll ich ihn rufen lassen? Oder gehn Sie mit mir ins Labor?« »Nu ja, vielleicht. Dies Allerheiligste betrat ich bisher nie.« Henne stand auf. »Sie können sich verbürgen, daß dort nicht am Ende, wenn ich grade drin bin, etwas explodiert?« »Jawohl. Sprengstoffe stellen wir zur Zeit nicht her. Also nur Mut! Da links ums Haus!« – »Morgen muß sich's dann zeigen!« sagte Centa, als sie mit Brokkenhuus allein geblieben war. »Zeijen?« Er blickte sie nachdenklich an. »Du willst ...? Du willst nu doch zu seiner Mutter hin?« »Ja, war's denn nicht so ausgemacht?« »Weil du nie wieder davon sprachst?« »Gedacht hab ich fei jeden Tag daran. Und sag einmal, Brokkenhuus, wer hat mich denn darauf gebracht, daß ich das soll?« »Ich. – Aber wenn's nicht unbedingt ...« »A so? Weil der Oggetti Karl glücklich erledigt war, meinst du? – Da täuschst dich aber.« »Wie? Hast du ihm nicht abjeschrieben?« »Doch. Hab ich. Bloß, er laßt nicht aus und schreibt und schreibt – den dritten Brief schon gestern.« »Nu, und du?« »Mein Gott, ich antwort alleweil das gleiche. Ihm grob kommen geht ja aber nicht. Es ihm in übel nehmen, daß er einen mag, wär unnatürlich; gel, das sagst du auch? Nein, Brokkenhuus, versteh mich recht: kein Schein, daß ich dran denk ... Bloß darf schließlich der andre auch das Seine tun. Und tut's gewiß nicht, wenn man ihn nicht stupft. Es reut mich heut schon, daß ich so lang zugewartet hab. Was einen nicht grad freut, zieht man ja gern hinaus. Einen Termin hab ich mir freilich gleich gesetzt: bis zum Ferdl seinem Geburtstag muß es in der Reih sein, länger wart ich nicht.« Sie lächelte. »Wär auch zu gspaßig, dieser dumme Kopf von ihm, wenn er dazu den Muttersegen als Präsent bekäm! – Bin froh, daß es durch dich schon morgen ist. Und jetzt, wo ich das weiß, hab ich gleich eine andre Schneid. Mit Gottvertraun drauf los! Wirst sehn, daß ich es zwing!« »Siejesjewißheit ist der halbe Sieg.« Brokkenhuus nickte und fügte nach einer Pause festen Tons hinzu: »Ja, ich glaub auch.« Denn ihr den Mut für diesen schweren Gang zu stärken, war eine fromme Lüge wert. Als am nächsten Tag der große sandfarbig lackierte Tourenwagen des Doktors mit angezogenen Bremsen den Giesinger Berg hinunterfuhr, erkundigte sich Centa: »Wohin soll ich dich nun bringen, Brokkenhuus? Zum Hauptbahnhof wär es noch reichlich früh.« Sie schaute auf die Armbanduhr. »Halb zwölf grad durch.« »Ich werd ihn nu am Zug erwarten!« widersprach der Graf. »Ich hab mit Manny verabredet, wir treffen uns in der Odeonbar und bleiben da, bis mich Jestettner wieder holt.« »Also Odeonbar, Gestettner, gel?« rief Centa. »Wie wär's denn ...?« schlug der Graf ihr vor. »Die Neffen kommen sicher nicht vor eins. Frühstück noch schnell mit mir! Ein Schluckchen alter Sherry stärkt ja schließlich auch die Contenance.« »Ich dank dir! Aber leider geht's nicht, Brokkenhuus. Ich hab mich schon zum Mittag angesagt bei meine Leut. War ja so lang nimmer daheim. Nach Tisch mach ich dann meine Kommissionen. Denn zu ihr, der andern, kann ich erst um vier herum. Vorher, weiß ich vom Ferdl, halt sie ihren Mittagsschlaf, und so von fünf an gibt es meistens Teebesuch.« »Da wird's wohl fünf, halb sechs, bis wir heimfahren können«, rechnete der Graf. »Längliche Sitzung ... Aber wenn man seine Kräfte spart ... Und Manny ist dabei. Ein kleiner Trost! Nu, auf die zwei zusammen bin ich ja jespannt. Jespannter aber noch darauf, was du mir dann zu erzählen hast.« »Ach ja«, seufzte sie tief, »wird kaum viel Gutes sein!« »Jeh doch!« sprach er ihr tröstend zu. »Warum denn auf einmal? Mach dir keine Jedanken! Ich bin überzeugt ...« »Auf Ehre und Gewissen, Brokkenhuus: Bist du das echt?« »Wenn ich's dir sag!« beteuerte er lebhaft, lenkte aber schleunigst wieder ab: »Du kommst dann an der Bar vorbei? Und schickst Jestettner rein, daß ich es weiß?« »Ja, ich bleib draußen. Meinst nicht auch?« »Schon besser; denn in ihrer Jejenwart kannst du mir nicht berichten, wie's mit der Könijin Gambrina jing.« »Du«, sagte sie und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Muß ich sie als ›Frau Geheimrat‹ ansprechen?« Er zuckte schmunzelnd mit den Achseln. »Ich sag in solchen Fällen einfach ›gnädige Frau‹. Nu aber, landesüblich mag's ja sein.« »Na sag ich so wie du«, erklärte sie. »Nicht, daß sie mich für was Geringres hält!« Der Wagen hielt vor der Odeonbar. Gestettner stieg aus und öffnete den Schlag. Sie reichte Brokkenhuus die Hand. »Also behüt dich Gott, halt mir den Daumen; gel? Gestettner, helfen S' dem Herrn Grafen doch!« »Grüß Gott! Und, Centa, führ's zum guten Ziel!« Brokkenhuus drückte ihr die Lippen auf den Handschuh und krabbelte sich mühsam hinaus. Sie sah ihm nach, bis er am Arme des Chauffeurs hinter der Tür verschwunden war. Ach ja, da ging er hin! So ähnlich mochten die Gefühle eines armen Sünders sein, der zum Schafott hinaufsteigt, nachdem ihn als der Letzte auch sein Beichtiger verlassen hat. – »Das wär geschafft«, meldete der Chauffeur, die Mütze in der Hand. »Dultstraße!« befahl sie, halb abwesend noch. »Achtzehn, jawohl.« Gestettner ging zum Kurbeln vor. Als der Motor dann ansprang, machte Centa plötzlich ihren Rücken steif. Und aufmunternd sprach sie zu sich: »Ach was, im fünfzigpferdigen Mercedes fährt eins doch nicht zum Schafott!«   »Palazzo Dreißig Prozent« nannten die Münchner so boshaft wie hochachtungsvoll das stattliche Gebäude an der Arcisstraße, vor dessen Türe Centa stehenblieb, als von den Türmen weit und breit zweimal vier Schläge nacheinander niederklangen. Sie hatte ihren Wagen auf dem Königsplatz halten lassen und war das letzte Stück zu Fuß gegangen, weil ihr das passender erschien, und weil Gestettner auch nicht alles wissen mußte. Abweisend stieg die mit Schlichtheit protzende Sandsteinfassade vor ihr auf. »Ah, bange machen gilt nicht! Ohren steif!« sprach sich Centa zu, hob schnell die Hand und klingelte. Der an den Schläfen schon ergraute Diener, der ihr aufmachte, paßte zu dem Hause, wie dafür geboren. Die Tadellosigkeit seiner Erscheinung dämpfte sogar den fast hoflakaienhaften Prunk seiner Livree. Hiergegen war ihr glattgeleckter Otto draußen nur ein Dilettant in seinem Fach. Centa ging unwillkürlich gleich in Abwehrstellung und fragte hochmütig wie eine Herzogin: »Kann ich die Frau Geheimrat sprechen?« »Wen darf ich melden?« »Hier!« Sie gab ihm die Besuchskarte. Er nahm sie und verneigte sich. »Im Augenblick!« Als er aber leichtfüßig die Stufen zum Hochparterre hinaufstieg, fand ihn Centa gar nicht mehr tadellos: sie sah, wie er verstohlen ihren Namen entzifferte, und merkte ihm von hinten an, daß er Bescheid darüber wußte, wer sie war – der freche Kerl! Das ärgerte sie nicht nur, sondern rief merkwürdigerweise ihre gewaltsam unterdrückte Unruhe von neuem wach. Im gleichen Lichte wie der windige Herrschaftsdiener hier sah selbstverständlich jeder Außenstehende ihre Beziehungen zu Ferdinand. Sie fühlte sich auf einmal »klein und häßlich« in dem feierlichen Vorraum mit der kassettierten Decke, den polierten grauen Marmorwänden und dem Perserläufer auf der blankgewichsten Treppe. Wie sich zum Trost trat sie vor den wandhohen Spiegel und nahm befriedigt wahr, daß sie im Grunde weder klein noch häßlich wirkte. Ihr weißes Kleid und der sehr große weiße Hut waren genau, wie sie es wollte: schlicht, aber nicht aufdringlich schlicht, vielmehr, man mußte schon das Fremdwort brauchen: distinguiert. Jetzt schnell noch ein Blatt Puderpapier – die Nase glänzte so – und mit dem Taschentuche nachgewischt! Nun war es recht. Trotzig warf sie den Kopf in das Genick. Die in Bronze gefaßte Glastür oben ging, der Diener kam zurück, verneigte sich, wie sie bedünken wollte, spöttisch und sagte, ohne eine Miene zu verziehen: »Frau Geheimrat lassen bitten!« Der Nebel zaghafter Bedenken sank um Centa herab, klar lag nun wieder ihr gerader Weg vor ihr. Also frisch drauf zu, dann gab der richtige Augenblick ihr schon das richtige Wort! Der Diener führte sie durch zwei geräumige Zimmer, die in ihrer strengen Stileinheit prunkvoll, aber nicht recht wohnlich wirkten – dazu waren sie beinah zu reich mit wahren Museumsstücken aus der Hochrenaissance ausgestattet. Nachgedunkelte Ölgemälde an den Wänden, Perserteppiche in gleichfalls dunkeln Tönen und schwere Vorhänge halfen mit, diesen Gemächern auch an dem sonnigen Sommertag eine entschiedene Düsterkeit zu geben. Der Raum aber, den Centa nachher betrat, lag ganz in goldne Helligkeit getaucht. Es war eine Veranda, um deren Säulen starkstämmiger wilder Wein seine gepflegten Ranken schlang. Zwischen dem Grün hielten zur Hälfte herabgelassene Markisen von lebhaftem Orange die stechende Sonne ab und schufen im Verein mit dem hellgelben stucco lustro des Wandverputzes dies kleidsam warme Licht. Auf ein paar Korbsessel hindeutend, die einen ovalen Tisch umstanden, sagte der Diener: »Bitte, einen Augenblick hier Platz zu nehmen!« Der Augenblick, von dem der Mann gesprochen hatte, zog sich in die Länge. Centa kam auf den Verdacht, daß man sie zielbewußt so warten lasse, und der Zorn darüber vermehrte ihre Ungeduld. Sie merkte bei dem Warten auch, daß sie sich nicht so sicher fühlte, wie sie sich's vorher versprochen hatte. Endlich trat die Hausfrau ein. »Entschuldigen Sie, bitte, daß ich warten ließ – ich hatte grade ... Fräulein Hollerieth? Grüß Gott!« Die Dame mit dem eisengrauen Haarhelm über dem feingeschnittenen Gesicht streckte dem Gast ihre edelgeformte, sorgsam gepflegte Rechte hin. »Gnädige Frau!« Centa neigte die Lippen auf die puderduftige Hand und machte dazu eine Art Hofknicks, wie sie es von jungen Aristokratinnen und solchen, die dafür gehalten werden wollten, öfters bei der Begrüßung älterer Damen im Theater und Konzertsaal hatte sehen können. Ein flüchtiges Lächeln spielte um die Lippen der Geheimrätin und gab Centa das Gefühl, daß sie vielleicht gar zu formell gewesen sei. Ein bißchen unbeholfen setzte sie sich, als die andre sie durch eine Handbewegung dazu aufforderte. Ein Schweigen dehnte sich. Und schon das glich einem Kampf, wie jede von der anderen das erste Wort erwartete. Und hierbei fiel der Sieg der Hausfrau zu – Centa hielt es schließlich nicht mehr aus, sie hob den Kopf, zeigte ins Freie und begann: »Schön haben Sie's hier, gnädige Frau! Man möcht nicht glauben, in der Stadt zu sein.« »Weil man nichts von den Nachbarn sieht? In vierzig Jahr wächst so ein Garten zu.« Die alte Dame lächelte. »Übrigens sagt das jeder, der zum erstenmal hier sitzt, und es gibt Leute, die es jedesmal von neuem sagen; aber ich nehme an, daß Ihr Besuch was anderes bezweckt, als bloß den Garten zu bewundern?« Centa schien es nun Zeit, der Feindin offen ins Gesicht zu sehn. »Da haben Frau Geheimrat recht!« begann sie kampflustig, schlug aber unwillkürlich erst noch einmal einen Haken und fuhr fort: »A was? Seit vierzig Jahr schon steht das Haus? Da muß Ihr Herr ... Ihr Sohn ja schon hier auf die Welt gekommen sein?« »Ja, warten Sie ... Ja, doch! Das heißt, wohl eigentlich im Roten Kreuz. – Mir scheint, jetzt nähern wir uns unserm Thema schon?« »Allerdings!« Centa saß plötzlich sehr gerade da. »Ich muß wohl nicht erst lang ... Denn über meine ... Beziehungen zu Ihrem Sohn sind Sie ja unterrichtet, gnädige Frau.« »Ja, was ganz München weiß, pflegt mir im allgemeinen auch nicht unbekannt zu sein.« »Ach, was die Leut so schwätzen, braucht deswegen längst noch nicht zu stimmen«, sagte Centa. Frau Rapp hielt die Lorgnette vor die Augen. »Ach? Ist es dann am End gar – reine Freundschaft?« »Nein!« sagte Centa schroff. »Das wissen gnädige Frau sehr gut. Und wenn Sie mich damit ...« »Entschuldigen Sie, ich ahnte nicht, daß reine Freundschaft etwas Ehrenrühriges ist! Wie also unterscheidet sich denn dieser Fall von andern Fällen seiner Art? – Vermutlich dadurch, daß es – reine Liebe war?« »So große Worte liegen mir nicht, gnädige Frau. Daß ich ihn gern hab, ist wohl klar. Warum hätt ich denn sonst ...?« »Freilich, ich geb schon zu, daß man sich auch in einen reichen Mann verlieben kann.« »Gnädige Frau!« »Nur friedlich! Ich verkenne nicht die Möglichkeit, daß Sie nicht ahnten, wer er war, und eben ... einfach Glück gehabt haben.« »Weil Reichtum schon dasjenige ist, was glücklich macht! Für Ihren Sohn wär's einmal sicher besser, wenn er weniger hätt!« »Da sind wir ganz d'accord. Läg es in meiner Hand, ihn eine Zeit aufs Trockene zu setzen, tät ich's sofort.« »Mich würde das gewiß nicht kränken, gnädige Frau. Ich mach mir wenig aus dem Geld und bin vollkommen anspruchslos.« »Ansprüche sind was Relatives.« Die Geheimrätin sah Centa lächelnd durch die Lorgnette an. »Die Geßler gilt grad mit Modellen nicht als die billigste. Und Ihr Hut ist von der Lenok, nicht?« »Das sehen gnädige Frau sofort?« »Ich hab ihn selber einmal aufprobiert und darin furchtbar ausgeschaut. Grad wie ein Schwammerling. No, aber Ihnen steht er zu Gesicht.« Centa sagte mit einem Anflug von Schelmerei: »Doch immerhin ein bißchen was von Trost, daß Ihnen wenigstens mein Hut gefällt!« »Nicht nur der Hut. Par distance kenn ich Sie länger schon. Aus den Premieren und Konzerten. Was die Erscheinung anbetrifft, so geb ich zu: in Ihrem Falle hat mein Sohn gezeigt, was sonst nicht immer seine starke Seite ist, nämlich Geschmack.« »Den hat aber sein Vater auch bewiesen, also wird's ein Erbteil sein von ihm.« Und Centas Grübchen tauchten plötzlich auf. »So? Schlagfertig sind wir anscheinend auch?« bemerkte die Geheimrätin. »Ja, gnädige Frau, mag sein, daß ich nicht immer so auf den Mund gefallen bin wie heut. – Gestatten schon – Sie machen's einem auch nicht leicht ... Ich hab 'ne Heidenangst vor Ihnen«, sagte Centa und sah auf einmal wie ein kleines Mädchen aus. »Vor mir?« Die Hausfrau lächelte. »Und nicht am Ende mehr vor Ihrem eigenen Mut?« »Gnädige Frau, es ist die ganze Art von Ihnen und ...« »... und was mein Sohn, der Held, Ihnen von mir erzählt hat, nehm ich an!« ergänzte die Geheimrätin. »Ja, aber ändern werd ich mich in meinen Jahren kaum noch. Heut nachmittag gewiß nicht mehr. Es kann ja jeden Augenblick auch wer gemeldet werden. Also praktisch wär's vielleicht, wenn wir fürs erste mich so ließen, wie ich bin, und Sie zum Zweck Ihres Besuches kämen.« »Den werden sich die gnädige Frau am End schon denken.« »Denken? Ahnen, sagen wir! Aber trotzdem ...« »Schön, Frau Geheimrat, dann erlaub ich mir die Frage: was haben Sie dagegen, daß Ihr Sohn mich heiratet?« Die andere nickte: »So, das möchten Sie? Nun, und mein Sohn: möchte er auch?« »Das wissen Sie doch, gnädige Frau!« »Daraus, daß er's bisher noch nicht getan hat, schließ ich eher aufs Gegenteil. Zeit hätt er ja gehabt.« »Nein, das will nichts besagen. Hat mir im Anfang selber nicht damit pressiert, weil es ... weil's früher oder später doch so kommen mußte, da ich am End ja nicht die erste beste bin.« »Die Erste einmal sicher nicht. Über die Qualität erlaub ich mir kein Urteil, weil von den früheren keine bei mir angehalten hat um ihn.« »Gnädige Frau, wenn ich mich nicht für etwas andres hielt wie jene, säß ich nicht hier. Ich bin nicht irgend so ein Wassermädel oder eine ... eine ...« »... Ladnerin.« Die Hausfrau blinzelte verschmitzt. »Entschuldigen Sie, wenn ich das Wort aus Ihrem Munde nehm! Mir wirft man es ja hier in München vor, daß ich so was gewesen wär, weil ich in jungen Jahren ... Einerlei.« »Laden und Laden ist ja auch ein Unterschied«, gab Centa zu. »Und was meine Familie betrifft ... Reich war mein Vater freilich nicht, aber gehobner Beamter immerhin. Und meine Brüder, alle zwei, haben studiert. Der älteste ist Badearzt in Tölz, der andre ...« »Dank schön! Ich hab auch keinen Zweifel, daß, wenn vielleicht Schwestern ...« »Doch! Fünf Stück!« »Ja, gibt's das auch? Und alle gut verheiratet, nicht wahr?« »Will's meinen! Bloß die jüngste ausgenommen, die nach mir kommt. Denn die ist Lehrerin. Ich selber hab nicht gar so viel studieren mögen ...« »Braucht's für ein Mädel auch nicht«, stellte die Geheimrätin so überzeugt fest, daß es beinah herzlich klang. »Gel, sagen Sie das auch, gnädige Frau!« rief Centa, die allmählich Mut bekam. «Ein bißl gute Kinderstube ist ja recht. Aber die Lernerei! Kommt viel mehr darauf an, daß eine etwas ist !« »Sie meinen: hübsch ist? Oder wie?« »Nein, nicht nur das. – Aber ist Schönheit zu verachten, gnädige Frau? Und hat bei Ihnen nicht die Schönheit mitgewirkt, daß Sie die Frau Geheimrat Rapp geworden sind?« »Mein Mann? Den hab doch ich genommen – nicht er mich.« »Und wenn ich Ihrem Beispiel folg und nehme Ihren Sohn?« »Und Sie wollen behaupten, daß Sie auf den Mund gefallen sind!« Die Hausfrau wiegte schmunzelnd den Kopf. Centa fuhr fort: »Schaun S', gnädige Frau, natürlich fehlt es weit, daß ich so schön und gebildet war, wie Sie damals gewesen sind, vom Geld gar nicht zu reden, und es ist klar, daß ich gar nie solch eine Stellung in der Münchener Gesellschaft erobern kann ... Aber Schande machen als Schwiegertochter würd ich Ihnen niemals, gnädige Frau. – Und es moralisch mir in übel nehmen ... Ganz im Gegenteil! Hätt ich zum Ferdinand gesagt: nein, erst vor's Standesamt, und früher nicht – dann dürft man vielleicht eine Spekulantin in mir sehn.« »Ja«, wendete die Hausfrau ein, »ob's mit dem Spekulieren bloß nicht grad wie mit dem Fahren ist: wer langsam spekuliert, spekuliert gut?» Centa ließ sich durch diesen Einwand nicht beirren und fuhr fort: »Ja, und selbst wenn – wird denn dies sogenannte Ärgernis nicht hintennach durch eine Heirat wieder gutgemacht?« »Leicht!« räumte die Geheimrätin fast müden Tones ein. »Ich kenn in München manche große Dame, die es auf dem Weg geworden ist. Da brauchen Sie mir nichts beweisen. Überhaupt: warum erzählen Sie das alles mir? Auf meinen Sohn hat es wohl nicht gewirkt: Mon Dieu , ich sag nicht, daß ich's will, aber selbst wenn ich's wollt – befehlen kann ich ihm doch nicht, daß er Sie heiratet.« »Verbieten aber scheinbar schon!« fuhr Centa auf. »Wie stellen Sie sich das denn vor? Er hat mir schon als Kind bloß immer so lang gefolgt, wie ich dabei war. Und jetzt dürft er erwachsen sein, wenigstens seinen Jahren nach.« »Juristisch selbstverständlich nicht«, gab Centa zu. »Aber wenn Sie sich so dagegen stemmen, tut er's nicht.« »Mir ganz was Neues! Und ich glaub, Sie täuschen sich. Hindern Sie doch einen Mann, der so was ernstlich will! Ja, können Sie denn glauben, ich stell mich am Petersbergl vor das Standesamt und halt ihn auf?« »Ich weiß nicht«, sagte Centa schneidend, »ob mit dem Enterben drohn am End nicht stärker wirkt?« »Mit dem Enterben drohen? Oh, da bringen Sie mich ja auf was. Merci !« Centa erschrak im Augenblick, antwortete aber kühl: »Braucht's wohl, daß ich Sie auf was bring! Sie haben's ja schon getan!« »Ich? Wann?« »Ach? Ganz vergessen? – Wie der Ferdinand das letztemal bei Ihnen war. So, vierzehn Tag, drei Wochen kann es sein.« »Richtig, da ist er in Geschäften bei mir gewesen. Aber, und mein Gedächtnis ist recht gut: von Ihnen und – Ihren Geschäften war mit keinem Wort die Rede.« »Was? Er hat Sie überhaupt gar nicht gefragt?« stammelte Centa jäh erblaßt. Na wart!« »Das ist er, wie er leibt und lebt!« schmunzelte die Geheimrätin. »Er selber traut sich nicht und sagt deshalb zu Ihnen: Sprich mit meiner Mama!« »Natürlich hat er keine Ahnung, daß ich heut hierher bin«, rief Centa hastig. »Nein, auch nur so viel Schneid säh ihm nicht gleich«, räumte die alte Dame ein. »Jedenfalls ergibt sich daraus klar, wie leidenschaftlich gern er – möchte . Wenn ich Sie wär – den tät ich überhaupt nicht nehmen.« »Ja, das könnt ihm passen!« höhnte Centa. »Ihnen freilich scheinbar auch! Ich aber sag Ihnen: jetzt grad!« Dabei schlug sie mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß eine chinesische Bronzeschale, die als Aschenbecher da stand, einen richtigen Sprung vollführte. »Entschuldigen Sie!« stotterte sie und sah in der Verlegenheit ihren Handballen an. »O bitte, bitte! Die hält schon achthundert Jahr. Der macht das nix. Ist mir nur leid, daß Sie es gar so tragisch nehmen. Das verdient er kaum.« »Wie Sie von Ihrem Sohn zu denken scheinen, sollten Sie froh sein, wenn ihn eine will«, fing Centa wieder an. »Nein, ich bin nicht dafür,« klang es sachlich zurück. »No, eine – vielleicht schon!« »Und warum denn nicht ich ? Ich würd ihm eine gute Frau!« »Kann sein. Fragt sich nur sehr, ob gute Frauen – gut für Männer sind. Besonders für einen Mann wie meinen Sohn. In manchem, wenn auch mehr in seinen schwächern Eigenschaften, gleicht er seinem Vater auf ein Haar. Und den hab ich durch dreiundzwanzig Jahr gekannt. Sie haben mir so dankenswert ausführlich Ihre Tugenden beschrieben ...« »Ja, und das war blöd von mir; ich bin sonst gar nicht so ...« fiel Centa ein. »Macht nichts. Und warten Sie erst ab, wo ich hinaus will! Gesetzt den Fall, daß Sie sich richtig sehn, dann wären Sie für meinen Mann durchaus nicht die gegebne Frau gewesen, und er wär mit Ihnen nie so weit gekommen, wie er gekommen ist mit seinem ›bösen Weib‹. Sie wundern sich, daß ich das selber sag? Ich wiederhol damit ja nur, was sich ganz München in die Ohren flüstert. Oh, die behaupten auch: da er mit noch nicht fünfzig starb, hätt er sich tot geschafft für mich, weil ich so hinterher gewesen wär.« »Das hab ich nie gehört«, betonte Centa, »und das find ich auch ...« »Sie brauchen mich nicht zu trösten«, fuhr die andre fort. »Ich weiß, daß Magenkrebs, wie ihn der Arme hatte, nicht davon kommt. Und haben Sie schon einen gebornen Münchner gesehen, der sich totgeschafft hat? Ich noch nicht. Nein, sollen die Leut nur reden! Ich selber bin mir recht so, wie ich bin, und geb es zu: ich war als junges Mädel schon anspruchsvoll und nicht bescheiden und darum auch aufs Geld aus, gar nicht wegen dem Geld bloß, sondern weil es einfach nichts gibt, was man um Geld nicht haben könnt.« »Das möcht ich doch bezweifeln!« wendete Centa fast entrüstet ein. »Was Sie da sagen wollen, ist Philosophie«, erklärte die Geheimrätin. »Und Geld ist Wirklichkeit. Hätte mein Mann nicht seine Brauerei gehabt, aus der etwas zu machen war, dann hätt ich ihn doch nie genommen. Das geb ich ruhig zu. Und ohne seine Frau, für die er Geld herschaffen mußte, und die ihn sonst auch trieb und ihm so manchen guten Rat gegeben hat – ja, ohne mich wüßt heute nicht die ganze Welt bis zu den Menschenfressern auf den Südsee-Inseln hin, was Rappenbräu besagen will, und niemand außerhalb von München kennte den Namen Rapp!« Das Feuer, mit dem die alte Dame ihre Taten lobte, machte auf Centa Eindruck, aber nach einer kleinen Pause widersprach sie doch: »Das war mein Ehrgeiz nicht. Was ist denn schon damit geschafft? »Geschafft, geschafft!« Die andre zeigte plötzlich auf ihr Gegenüber hin: »No ja, zum Beispiel Ihr Gewand da.« »Grad nackigt wie ein Südsee-Insulaner brauchet ich auch ohne das wohl kaum herumgehn«, gab Centa zurück. »Und dann: wo diese Karre nun einmal im Gang ist, lauft sie doch von allein.« »Wenn Sie sich da nicht täuschen! Mir ist beinah, als hört ich meinen tüchtigen Sohn! So recht kommod bloß in den Mond schaun! Andre Leute brauen wohl kein Bier?« »Ja, sogar besseres«, erdreistete sich Centa zu erwidern. »Lassen S' mich aus mit diesem Schmarrn! Das sind so die bekannten Münchner Sprüch. Wenn es so schlecht wär, wie die sagen, ging's nicht so. Er aber, ja, das kenn ich gut, stimmt ein in den Gesang und trinkt bei sich nur Weihenstephan! So ein Depp, hätt ich beinah gesagt! Froh bin ich, daß ich ihn draußen hab aus dem Geschäft!« »Er ist, denk ich, im Aufsichtsrat!« »Von mir aus gern! Mit seinem Sitzfleisch kann er ja nicht viel verpatzen.« Trotz ihrem Zorn auf Ferdinand mußte nun Centa für ihn eintreten. »Er hat halt andere Interessen.« »Freilich, der Beweis davon sitzt mir ja vis à vis .« »Als Chemiker soll er ... Seine Erfindung ...« »Jessas, Erfindung! Das ist ja so echt, daß er sich auf ein Fach verlegt, wo ihn beileibe keiner kontrollieren kann, ob er denn überhaupt was tut. Die Bastler hab ich dick. Eins ist gewiß: wo andre vielleicht zehn Jahr, da braucht er fünfzig und stirbt drüber weg. Das kann man hintennach auf seinem Grabstein lesen: Ferdinand Rapp, Erfinder von etwas, was niemals fertig wurde. Herr, schenk ihm nach der zeitlichen die ewige Ruh!« »Da haben Sie bloß keine Angst!« fiel Centa ein »Wenn ich erst seine Frau bin, mach ich ihm schon Dampf.« »Ach was? Nein, ich muß dabei bleiben, daß eine bequeme Frau halt nicht das Rechte ist für einen bequemen Mann.« »Ich werd es schon beweisen, daß ich auch unbequem sein kann«, kündigte Centa an. »Jessas, wenn Sie das könnten, wären Sie schon lang mit ihm verheiratet.« »Und ich heirat ihn doch!« »No, Waidmannsheil! Bloß: daß es Ihnen nicht so geht wie damals mir. Als ich ihn einmal hab fest am Krawattl packen wollen, saß er auch schon draußen am lago di Tegernsee. Könnt sein, daß er sich dann in eine andre Gegend hinverzieht.« »Soll er probieren! Hab ich keine Angst!« »Und überhaupt: Sie sind doch so ein nettes Ding und viel zu schad für ihn! Sie finden doch auf Anhieb einen andern.« »Selbstverständlich! Aber ...« »Und dann kommen Sie zu mir! Über 'ne Mitgift laß ich mit mir reden!« »Wär ja noch schöner! Mir so etwas anzubieten! Das ist schon das Höchste! Unerhört, zu glauben, daß ich eine solche wär! Nein, hier wird's die Frau Geheimrat doch einmal erleben, daß man ums Geld nicht alles kriegt!« »Dreht sich ja bloß ums Aushandeln. Daß Sie nicht auf den Sturz ja sagen würden, hab ich schon gewußt. Aber die Möglichkeit bleibt Ihnen offen. Lumpen laß ich mich da nicht. Und wenn ich so was sag, führt es auch was im Mund.« »Kommt nicht in Frage. Ich heirat Ihren Sohn! Ihn deshalb im Ernst aufs Pflichtteil setzen werden Sie ja nicht?« »Vorzügliche Idee! Ich danke Ihnen sehr. Entschieden werd ich das. – Pst, halt, der Diener!« unterbrach die Hausfrau sich. Und schon stand der prunkvoll Livrierte da und meldete: »Seine Exzellenz, Herr General von Broederich.« »Ich lasse bitten!« rief die Geheimrätin. Und als sie wieder allein mit Centa war, begann sie: »Liebes Fräulein, dann ...« Ihr Gast hatte sich schon erhoben. »Gnädige Frau, ist das Ihr letztes Wort?« »Jawohl.« »Dann werden gnädige Frau – Ihr Testament doch ändern müssen.« »Und wenn! Auch die Notare wollen leben.« Die Geheimrätin reichte ihr lächelnd die Hand. Centa ergriff sie nicht. »Gnädige Frau!« Sie neigte hoheitsvoll den Kopf und ging. Doch in der Tür prallte sie fast mit einem in Rohseide gekleideten weißhaarigen Herrn zusammen, der überrascht zur Seite wich. Als sie an ihm vorbei hinausgegangen war, sah er ihr nach und klemmte dazu eigens das Monokel ein. »No, Exzellenz, wie haben wir es denn?« erklang spöttisch die Stimme der Geheimrätin. Er fuhr herum, ließ das Einglas aus dem Auge fallen, trat auf sie zu und küßte ihr die Hand. Dabei fragte er neugierig: »Aber ... war das nicht Ihre, sozusagen, Schwiegertochter? – Phänomenales Weib!« »No, setzen Sie sich, Exzellenz, und ruhn Sie das sturmgeprüfte Kriegerherz von diesem Schock erst einmal aus! Bis dahin kommt dann auch der Tee. – Was für ein Korps ihr Männer seid! Ist eine nur ein bißl jung und hübsch und hat das nötige Holz vor ihrer Hütten, da reißt es – Sie entschuldigen schon – sogar den ältesten Esel noch.« »Zu liebenswürdig, gnädige Frau! Ich bin erkannt.« Der General warf sich in den kürzlich von Centa verlassenen Stuhl. »Und was das Mädel anbetrifft«, sagte die alte Dame und strahlte wie nach einem gottgefälligen Werk, »da kann ich Ihnen eins verraten: ihre Schwiegermutter werd ich kaum; daß sie mich aber heut schon für des Teufels Unterfutter hält – dafür hab ich getan.« »Glücklicher Teufel!« schmunzelte der General. »Um solch ein Unterfutter darf man ihm wohl neidig sein.« »Herrschaft nein, Sie sind und bleiben alleweil der gleiche Schlankl, Exzellenz.«   Graf Brokkenhuus hatte in der Gesellschaft seiner Neffen mehr getrunken, vor allem aber mehr geraucht, als ihm bekömmlich war. Seit einer Stunde schon zog er darum häufig die Uhr zu Rat und fragte sich besorgt, wo nur Gestettner bleibe, und ob diese Verzögerung ein günstiges oder ein schlechtes Zeichen für den Erfolg von Centas Unternehmen sei. Als dann plötzlich kurz vor sechs sie selber dastand, war er verblüfft. »Du, Centa?« stotterte er. »Grüß Gott!« sagte sie munter. »Bleib nur sitzen, Brokkenhuus! – Grüß Gott, Herr Henne! – Ach, und Sie sind wohl der andere Neveu? Grüß Gott!« Sie reichte auch dem blonden jungen Riesen die Hand. Henne stellte vor: »Mein Vetter Goswin Brokkenhuus – Fräulein Hollerieth!« »Ich bin bejeistert«, sagte Goswin und starrte sie mit schon etwas verglasten Augen huldigend an. »Wir fahren gleich, gel, Brokkenhuus!« rief sie und setzte sich. »Ich hatt bloß von der Hitzen so viel Durst.« Goswin winkte mit weiter Armbewegung durch den Raum. »He, Kellner, fix! Ein neues Glas!« Ein Pikkolo kam angerannt. »Nein, keinen Sekt!« erklärte Centa. »Bringen S' mir einen Lemon squash !« »Das sei nu ferne!« widersprach ihr Henne. »Junger Mann, nur über meine Leiche kommt Zitronenjewässer an den Tisch! Man schwimme ab! Das Glas bleibt da! – Nein, Fräulein Hollerieth, von mir Abschied nehmen – jeht nur mit Heidsieck Monopol.« »No dann, Herr Henne, weil Sie es sind! Aber nicht mehr wie ein Glas! – Die Herren haben, scheint's, schon einige Flaschen von der Sorten hinter sich?« »Ach so, Sie merken's meinem kleinen Vetter wohl an seinem Strahlen an, daß er Sie doppelt sieht?« fragte Henne vergnügt. »Pfui, Manny!« wehrte Goswin ihm. »Gnädijes Fräulein, mir ist es, bei Gott, jenug, wenn ich Sie einmal seh!« Henne jubelte. »Fräulein Hollerieth, hab ich zuviel von ihm erzählt? Ist er nicht nett?« »Eine Gewissensfrage!« sagte sie. »Nein mag man und ja darf man drauf nicht sagen. Müßt man sich erst auch näher kennen. Und dafür sind die Aussichten ja schlecht. In fünf Minuten fahren wir. Gel, Brokkenhuus?« »Ja, find ich auch«, stimmte der Graf verdrießlich zu. »Wir kommen sonst noch in die Nacht hinein.« »Hell bleibt es bis um acht Uhr leicht. Aber trotzdem! – Und Sie, Herr Graf, draußen bei uns zu sehn, besteht wohl keine Möglichkeit?« »Wenn Sie mir winken!« Goswin sah sie schmachtend an. »Wei, niemand winkt!« sagte sein Onkel schnell. »Hast du denn Zeit? Du willst auch München kennenlernen. Und ihr müßt dann bald fort.« »Ich bleib mit Wonne hier«, rief feurig Goswin. »Manny, was ist? Wir jeben hier ein paar Tage zu und schenken uns dafür den Rhein!« »Ganz Deutschland sei dir freijebig jeschenkt«, erklärte Henne, »wenn ich paar Tage noch herauskomm an den Tegernsee.« »Also, Herr Henne, sind Sie zum Geburtstag vom Ferdl doch noch da. Der wird sich freun!« rief Centa. » Wessen Jeburtstag?« fragte Goswin. »Von ... meinem Bräutigam.« »Sie sind verlobt?« »Nu ja!« fiel Henne ein. »Ich hab dir doch vom Rappschen Philisteer erzählt.« »Ach so? Dann bin ich schon im Bild. Sie sind – die Braut!« Goswin leuchtete vor Eingeweihtheit. »Wir kommen sicher«, lenkte Henne ab. »Wär es da nicht das einfachste, Sie führen jetzt gleich mit?« schlug Centa vor. Henne erschrak. »Was? Im Automobil? So trunken bin ich doch nicht. Ja, und das Jepäck? Unmöglich!« »Wär auch ein Unsinn!« rief sein Onkel. »Muß es sein, dann ist noch übermorjen reichlich Zeit! Und dann, wo wollt ihr wohnen? Denn für zwei hab ich nicht Platz in meinem winzijen Haus.« »Onkel Woldemar«, beruhigte ihn Henne, »kuck, der mit dem großen Portemonnaie ist einpassiert – wir wohnen unten im Hotel. Heißt es nicht ›Alte Post‹?« »Aber vor übermorjen nicht«, betonte noch einmal der alte Graf. »Und hier die Münchener Sehenswürdigkeiten wollen auch jenossen sein.« »Das jeht doch schnell«, beruhigte ihn Henne. »Bilder, Goswin, werden dich kaum interessieren? Und ich hab sie jesehn.« »Aber die Kirchen?« warf Centa dazwischen. »Ach, die sind doch katholisch«, lehnte Goswin fast verächtlich ab. »Herrschaft, Herr Graf, was sagen Sie denn da von mir? Ich bin es nämlich auch.« Und Centa zog ein zaghaftes Gesicht. »Was sind Sie auch?« »Katholisch.« »Wenn ich Sie ankuck, möcht ich selbst katholisch werden!« seufzte Goswin schwärmerisch. »Und was für Sehenswürdigkeiten interessieren dich noch außer Fräulein Hollerieth?« erkundigte sich Henne. »In die Bavaria muß man herauf klettern.« »Mußt du? Ich nicht. Wird wohl die einzije Bayrin sein, der du zu Kopfe steigst.« »Weiß man das so genau?« wendete Centa ein und musterte Goswin kokett. »Herr Henne, können Sie denn gar nicht anders als so boshaft sein!« Goswin aber überfiel ein Taumel wilder Glückseligkeit. »Prost, gnädijes Fräulein!« Und er hob sein Glas. »Trinken Sie aus! Was kann da sein! – Wir machen Bruderschaft!« »Bist wohl verrückt jeworden, Goswin?« rief sein Onkel ärgerlich. Da legte Centa ihm die Linke auf den Unterarm, zum Zeichen, daß sie sich schon selber half. »Nein, so schnell schießen hier im Bayernland die Preußen nicht», lächelte sie. »Und trinken tu ich keinen Tropfen mehr. Denn der« – sie zeigte auf den Wein – »steigt ganz gewiß zu Kopf. Und das würd doch ein bißl viel, Herr Graf. – Wie ist's dann, Brokkenhuus? Fahren wir jetzt?« »Ja, es wird Zeit«, stimmte er nachdrücklich zu. Und so lebhaft auch die beiden andern widersprachen – dabei bliebs.   Der Graf und Centa wechselten während der ersten fünf Minuten ihrer Fahrt kein Wort. Er war in sich versunken, schaute trübsinnig vor sich hin und ließ die Unterlippe hängen. Sie sah ihn verstohlen an, und es dünkte sie, er wirke älter und hinfälliger noch als sonst. »Bist wohl rechtschaffen müd?« fragte sie schließlich. »Es war recht anstrengend, jawohl, und dieser Teepott von Goswin jeht mir auf die Nerven«, antwortete er matt, »ich wundre mich, daß er dir so jefällt.« »Wenn du das glaubst, bin ich beruhigt, Brokkenhuus.« »Wie meinst du das?« »No, wenn schon du ... Dann kriechen andre noch sichrer auf den Leim.« »Ach so? Sich aber dafür diesen Strohkopf auszusuchen, Centa!« »Ist Stroh zum Feueranzünden denn nicht recht?« »Schließlich ist er ja auch so dumm, daß man nicht einmal eifersüchtig werden kann auf ihn.« »Wart's ab! Was wetten wir, daß es der Ferdl wird? Das laß nur meine Sorge sein! Ich geb schon zu: mir selber wär ein Geistesriese lieber für den Zweck. Ja aber: weißt mir einen? Gel, du auch nicht? Muß man also nehmen, was man hat. Er laßt sich schon verwurschten so als Don-Juan-Ersatz. Gehört ja nicht einmal zum richtigen Don Juan viel Verstand. – Und Spaß beiseite, Brokkenhuus: es muß etwas geschehn, da hilft kein Gott!« Sie dämpfte ihre Stimme, damit Gestettner nichts erlausche, und fügte hinzu: »Du warst doch so gespannt, hab ich mir denkt, und fragst jetzt gar nicht, wie's gegangen hat?« »Ach, Centa, muß ich dich nach alledem noch fragen? Wundert mich nur, daß das Jespräch so lange dauerte.« »Ach, du meinst, weil ich so spät zu euch ...? Nein, ich bin nicht direkt von ihr gekommen. Ich bin nach dem Besuch auf eine Art dermatscht gewesen, daß ich mich bei dem« – sie blickte auf den Chauffeur – »nicht gleich hab zeigen mögen. Wenn ich das Auto auch am Königsplatz hab halten lassen – glaubst du, der hätt es nicht gespannt, wo ich inzwischen gewesen bin? Hab mich deswegen nach der andern Seiten, gegen den Glaspalast, verzogen und bin eine gute Stund zu Fuß herumgestreunt. Hab dabei auch geschwind noch was gekauft – ich zeig es dir dann schon.« »Also war es wohl unerquicklich?« »Ja, hat mir gelangt! Und das Zuwiderste von allem ist, daß ich mich selbst saudumm benommen hab. Ist mir ja klar gewesen schon beim ersten Blick, daß es nix wird, und hab doch noch eine geschlagne halbe Stund den größten Schmarrn daherbracht: daß ich ihm eine gute Frau würd, und was weiß ich!« »Das wirst du aber auch!« sagte der Graf. »Und wenn! Sich klein machen vor der – hat keinen Zweck! Mein einziger Trost ist, daß es jeder andern grad so gangen wär! Ich sag dir: in das Haus bloß wenn du kommst, ist ja die ganze Luft schon voll von ihr!« »Sie ist wohl intensiv«, gab Brokkenhuus nachdenklich zu. »Eine Mistamsel ist sie«, sagte Centa, »eine eiskalte; das bleibt wahr! Aber daneben hat sie was, was einem auch noch in der größten Wut, hol mich der Sparifankerl, imponiert! Sie ist ... Wie heiß ich's gleich? Sie hat ...« »Stil hab ich's wohl mal jenannt«, half er ihr ein. »Ja: Stil und Rass' und ...« »Darum brauchst du sie doch nicht zu beneiden, Centa; denn das hast du auch.« »Bin aber bös aus meinem Stil gefallen, wie ich zu ihr bin. Schau, Brokkenhuus, glaubst du denn, daß sie dazumal auf die Art hin zu ihrer künftigen Schwiegermutter wär?« »Bei ihr kam das ja nach der ganzen Lage gar nicht in Betracht. Und, lieber Gott, sie hat auch wenijer Phantasie.« »Und dafür mehr Verstand. Wenn Phantasie eins nix wie blöd macht – lieber Schluß damit! Ich hab heut viel von ihr gelernt!« »Nein, Centa; eifre ihr nur ja nicht nach! Sich selber treu sein, das führt zum Erfolg!« »Ja, aber wann? – Und es pressiert fei, Brokkenhuus! Durch den Besuch bei ihr hab ich mir nämlich sicher nicht nur nix genützt, sondern vielmehr noch allerhand verpatzt.« »Wieso?« »No, das ist gleich. Ich sag dir's später einmal. – Jetzt schau her!« Sie kramte aus ihrer Handtasche ein lederbezogenes Schächtelchen hervor, doppelt so lang als breit, öffnete es und hielt es ihm entgegen. »Kennst du, was das ist?« »Trauringe!« sagte er erstaunt. »Ja, Eheringe!« nickte sie. »Und, da verlaß dich drauf: umsonst hab ich sie nicht gekauft! Ist anfangs mehr als Witz gedacht gewesen. Als Revanche für den saudummen Spruch, den wo der Ferdl gestern daherbracht hat von wegen Präsent und so, du weißt. Ich bin heut nachmittag, vor ich die Alte aufgesucht hab, schon einmal bei dem Juwelier gewesen, hab mich dann aber doch nicht recht getraut, das zu Verlangen, und hab anstatt dessen ein goldnes Feuerzeug für ihn gekauft. Hat wohl auch was von Aberglauben mit hereingespielt: es könnt von schlechter Vorbedeutung sein, wenn man sich gar so sicher fühlt. Aber wie ich dann von der Bisgurn fort bin – grad extra noch ein zweites Mal zum Juwelier und nix wie eingekauft! Jetzt aber nimmer, um ihn damit aufzuzwicken, sondern weil wir sie brauchen werden, und das bald – die Fangeisen, wie er zu sagen pflegt!« Sie knipste das Kästchen zu und steckte es weg. Der müde Graf war plötzlich hellwach. Er schmunzelte. »Das hätte diese nüchterne Jeheimrätin nie jetan, das bist ganz du! Darin steckt Phantasie!« »Und es wird Wirklichkeit daraus! Jetzt geht es hart auf hart, mein lieber Ferdinand! Glaubst es mir, Brokkenhuus?« »Ja, Centa, aber bißchen Sorje macht es mir, daß du dir grade Goswin vor den Wagen spannen willst. Er ist so ein Idiot!« »A was! Hauptsache, daß man selber kein Idiot ist!« Und auf einmal lachte sie. »Wenn alle Stricke reißen, hab ich ja den Oggetti Karl noch alleweil in der Hinterhand. – Jawohl, da schaust: weil ich nicht zog, hat er sich hinter meine alte Dame klemmt. Wie einem lahmen Gaul ist mir heut mittag zugeredet worden, daß ich ihn nehm, weil's mit dem Ferdinand ja so nix würd. – Da könnt ich einen glücklich machen, Brokkenhuus, und – kann's doch nicht. Ach, diese Welt ist ein verrücktes Kaffeehaus. Muß einen immer bloß das freun, was man nicht von selber kriegt?« »Und eijentlich kommt alles Gute doch von selbst», gab er gedankenvoll zurück. »Brauchts bloß, daß man ihm im richtigen Moment den richtigen Renner gibt«, sagte sie mit froher Zuversicht. »Nein, weißt, wenn ich mir Grafen massenhaft zu Füßen zwing, wird wohl ein Doktor phil. auch zum erobern sein. Das war gelacht!« Italienische Nacht Zu seinem Geburtstag hatte Rapp die ganze »Rasselbande« eingeladen, bis auf Bachhuber. Der aber roch es ja von weitem schon, wenn hier besondere Tafelfreuden winkten, und erschien dann ungebeten. So hatte man sich damit abgefunden, ihn als eine Art Landplage mit in Kauf zu nehmen, gegen die kein Kraut gewachsen sei. Mithin sah Henne an seinem mutmaßlich letzten Abend hier in Tegernsee den gleichen Kreis versammelt wie seinerzeit am ersten auch. Nur sein gräflicher Vetter Goswin war heute als Fremdkörper mit eingesprengt. Der selber freilich spürte nichts von solcher Wirkung: erstens lag ihm der Gedanke fern, er könnte überhaupt je anders auffallen als angenehm, zweitens prallten die Pfeile, die dieser oder jener auf ihn abschoß, vom Harnisch seiner Ahnungslosigkeit zurück, und endlich hatte er für nichts Ohr noch Auge als für seine Tischnachbarin. Je mehr er trank – und er trank viel und hastig –, desto zielbewußter huldigte er Centa, desto größere Belustigung schuf er damit den Unbeteiligten. Selbst Rapp, in dessen Garten einzusteigen sich der Fremdling doch vermaß, fand sein Gebalz zuerst nur komisch und nicht der geringsten Sorge wert. Befremden mußte es ihn dann aber doch, daß Centa diese blöden Schmeicheleien des Balten sozusagen »fraß«, ja, ihrem Strom mit allen Werkzeugen der Koketterie ein glatteres Gefäll zu bahnen suchte, wenn sein Lauf einmal zu stocken schien, oder wenn Lydia versuchte, ihn nach ihrer Seite abzulenken. Centa siegte leicht in diesem Kampf, und Goswin schwoll der Kamm noch stärker in dem Gefühl, daß sich »die Weiber um ihn rissen«. Und da sein Onkel, der ihm sonst bestimmt des öftern Asche auf die Glut geschüttet hätte, erst nach Tisch erwartet wurde, flackerte das Strohfeuer seines Herzens munter fort; immer bewußter wurde er sich seiner Unwiderstehlichkeit. Des Hausherrn Staunen über dies »Affentheater«, wie er es im stillen nannte, wuchs mit der Zeit zu innerlicher Wut, zumal da aus dem Kreise seiner Freunde auch gegen ihn so mancher Pfeil herüberschwirrte. Auch dünkte es ihn gar nicht hübsch von Centa, ihm kalt lächelnd vorzuführen, über welche Liebenswürdigkeit sie mühelos gebot, während sie ihn, der doch der nächste dazu war, den ganzen Tag schon eher häßlich als geburtstagsmäßig nett behandelt hatte. Sollte sie vielleicht doch ...? Wer kannte sich denn mit den Weibern aus! – Nein, Schluß der Vorstellung! Er fragte nichts darnach, ob namentlich die Damen nicht recht gerne noch zum drittenmal von dem trefflichen Pückler-Eis genommen hätten. Er gab Centa einen Augenwink, und sie gehorchte ungesäumt und hob die Tafel auf. Als sie dann in die Diele kamen, saß Graf Brokkenhuus schon an seinem gewohnten Platz hinter dem Sherryglas. Die ganze Schar begrüßte ihn mit lebhaftem Hallo; Centa rückte sich einen Sessel neben ihn, warf sich hinein und fing ein munteres Geplauder an. Da rief Rapp von der offnen Tür: »Vor ihr euch hinhockt, gehts doch her und schauts euch erst einmal die Landschaft an!« Außer Centa und Brokkenhuus drängte sich alles auf die Freitreppe hinaus. »Welch wunderbare Mondnacht!« tönte Gwendolin Conradis klangvolles Organ. »Das einzige, was ich daran vermisse, ist der Mond«, dämpfte ihr Mann, spöttisch wie immer, ihren Überschwang. »Weil er noch hinterm Wallberg steht«, erklärte Rapp. »Da droben, wo es schon so hell wird, spitzt er dann gleich vor.« »Weiß nicht«, meinte Paechtli kühl, »Sinn für Natur ist das Produkt einer recht primitiven Stufe der Zivilisation.« »Aber die Landschaft so in diesem Licht!« widersprach ihm seine Frau. »Nein, besser stellt das auch kein Possart hin!« »Zeit lassen!« sagte Rapp. »Jetzt kommt doch erst das Wunder der Regie!« Er drehte einen Schalter neben dem Türrahmen um, und plötzlich erglühten weithin durch den Garten endlose Ketten in den sanften Feuerfarben der chinesischen Papierlaternen. Ein mehrstimmiges »Ah!« stieg in die Luft. »Elektrisch ...!« Henne schnalzte verächtlich mit der Zunge. »Ja, was denn sonst?« erkundigte sich Rapp. »Sie meinen: Kerzen? Wär ja die erste lang schon ausgebrannt, vor man die letzte überhaupt anstecken könnt!« »Gel ja, Egidi, schön?« rief Mena und lehnte sich hingegeben an ihres Hofrats Schulter. »Daß keine einzige von den Laternen in Flammen aufjehn kann, fehlt einem doch«, fand Henne. »Was ich hinjejen jern vermisse, ist bengalische Beleuchtung, die sonst unbedingt zu so etwas jehört.« »Wott, damit wär der Kitsch vollkommen!« höhnte Lydia. Ivar Evander grauste es geradezu. »Und das sich jetzt gemalt noch vorgestellt! Wie Himbeerlimonade! Durst auf Alkohol kriegt man von das!« »Brauchst es nicht malen», knurrte Rapp. »Und für den Durst ist leicht geholfen. Nur hineinspaziert! Kannst dich gleich in die Bowle stürzen!« – Oh, der Hausherr hatte es sofort bemerkt, daß Goswin nicht mehr hier draußen war. Und richtig saß der Kerl schon wieder süßholzraspelnd bei der Centa. »Nu, schöne Seelen treffen sich!« stichelte Lydia und besetzte den Stuhl zu Goswins linker Hand. Auch alle die andern nahmen Platz und griffen nach den Gläsern. Henne allein blieb in der Tür, um sich die Landschaft noch ein bißchen ohne Kommentare anzusehn. »Wie sich die Centa alleweil das schönste Platzerl zu entdecken weiß!« bemerkte Mena. »Gel?« Centas Augen leuchteten vor Übermut. »Zwischen zwei Grafen sitzen bringt doch Glück – sagt man nicht so?« »Dir sicher, Centa«, grinste Paechtli, »dein neunzackiger Komplex ist uns längst kein Geheimnis mehr.« Da reckte Goswin sich hellhörig auf. »Wollen Sie damit etwas jejen mir rechtens zustehende Adelsprädikate sagen?« Paechtli wurde klein. »O keineswegs, Herr Graf!« erklärte er beflissen. Aber schnell gewann er seinen Mut zurück: »Ich kann sogar behaupten, ohne Krone sah Ihr Kopf gar nicht vollständig aus.« »Ja, Kronen putzen sehr«, bemerkte Rapp. »Du, Rapp, tu bloß nicht so«, fiel jetzt Bachhuber ein, »als ob du dir dein Heim nicht gern mit Adelsnamen und klingenden Titeln schmückst!« »Geh, Bachhuber«, klang es zurück, »daß ich mit so einem Mitteleuropäer wie dir frère et cochon bin, beweist wohl meine demokratische Gesinnung zur Genüge.« »Ich höre immer: demokratisch?« Lydia lachte auf. Rapp nickte sehr vergnügt. »Beruhige dich! Ich weiß schon: Demokrat bin ich auch bloß im Sinne jenes jungen Schnösels aus dem ›Simplicissimus‹, welcher da sagte: Ach, ich pfeif auf Abstammung und Adel – mein Vater war Geheimer Kommerzienrat. Und das genügt mir!« Goswin fuhr so wild von seinem Stuhl auf, daß er beinah vornüber kippte. »Ich hab das nicht richtig jehört! Ist das vielleicht auf meinen Stand als Edelmann jemünzt?« »Ach, Goswin«, nahm Graf Brokkenhuus verstimmt das Wort, »fühl dich nicht so als Mittelpunkt! Reg dich nicht auf und setz dich hin!« Und Henne, der die ganze Zeit mit seinen Augen draußen in der Nacht, mit seinen Ohren aber stets am Tisch gewesen war, hinkte eilig heran, schob seine Rechte unter Goswins Arm und rief: »Du, komm mal schnell! Ich zeig dir was.« »Was soll ich denn?« »Jetzt ist der Mond über den Berg. Das mußt du sehn! Die ganze Welt in Milch der frommen Denkart einjetaucht! Trink mal zur Abwechslung von der!« »Ach Mond! Erst muß ich feststellen ...« Centa sprang auf. »Herr Henne, dann gehn wir ! Hab die Lampions noch gar nicht angesteckt gesehn.« Und als er sie mit einem verstohlenen Seitenblick nach seinem Vetter zweifelnd musterte, blinzelte sie ihm pfiffig zu, wie wenn sie sagen wolle: »Überlassen Sie das mir!« Und ihre Ahnung trog nicht: kaum hatten sie sich auf den Weg gemacht, da zog es Goswin schon magnetisch nach, und er vergaß ganz, was er seinen hundertsechsundzwanzig Ahnen schuldig war. »Nu, was kann sein! Besichtijen wir den Mond!« rechtfertigte er sich vor den anderen. – »Ich – kenn die Sonne, die ihn in den Mondschein zieht«, bemerkte Paechtli grinsend, als die drei verschwunden waren. »Feuriger junger Mann, Herr Graf, Ihr neuer Herr Neveu!« fand Hofrat Astaller. »Ja, leider!« seufzte Brokkenhuus. »Und ich hab Angst, daß er heut abend noch mit – blauer Flamme brennen wird. – Habt ihr bei Tisch so viel jetrunken?« »Das weiß Gott!« beteuerte Ivar Evander, ordentlich stolz darauf, wieviel in ihn hineinging, und reichte Rapp sein Bowlenglas zu neuer Füllung hin.   Auf der Terrasse machte Centa mit den beiden Vettern halt. »Doch wirklich schön!« rief sie. »Daß man bei dieser Nacht da drinnen hockt, ist beinah eine Sünd!« Henne zog Goswin schnell beiseite und sprach leise auf ihn ein: »Sag mal, zu welchem Zweck spielst du den wilden Mann und rammst den Leuten ewig deine Krone in den Bauch?« »Beruhije dich, ich weiß, was sich jehört!« warf hochnäsig der andre hin. »Nein, lieber Freund, das weißt du eben nicht! Man schneidet auch der Hausfrau nicht auf Deiwel komm heraus die Cour.« »Gnädijes Fräulein«, sagte Goswin laut, »haben Sie an meinem Benehmen jejen Sie was auszusetzen?« »Ich? Nein.« Sie lächelte. »Andre vielleicht ... Ich nicht.« »Zum Beispiel der!« Er wies auf Henne. »So? Sie auch?« erkundigte sie sich. »Wei, wer denn noch?« »Nein ... niemand weiter.« »Also jefall ich Ihnen doch klein bißchen, gnädijes Fräulein?« Goswin warf sich in die Brust. Sie zuckte mit den Achseln und schielte ihn spitzbübisch an. »Was soll man auf so was erwidern? Schaun S', Herr Graf, Sie fragen gar zu gradheraus ... No ja, was die Erscheinung anbetrifft – natürlich ...« »Ja, nicht wahr?« spöttelte Henne. »Wie eine Wachsfigur in einer Kleiderbude! Weiße Schmanthosen und weiße Schuh, helljelber Schlips und rostbraunes Jackett! Dazu noch einen andern Kopf darauf – es war ein Bild, wie es der Mond nicht oft bescheint!« »Pfui, Manny!« Goswin schob schmollend die Unterlippe vor. »Gnädijes Fräulein, was fehlt meinem Kopf? Und sagt er Ihnen nichts?« »Ach, Graf, er hat mir heut schon mehr gesagt, wie ich, bei Licht besehn, hätt hören dürfen ...« »Nu?« Goswin blickte seinen Vetter triumphierend an. Der aber fand, es sei jetzt an der Zeit, von diesem Thema abzukommen, und begann: »Die Aussicht hier ist schön. Wissen Sie aber, Fräulein Hollerieth, was man vermißt? – Man sieht fast nichts vom See.« »Sind halt die Obstbäum vom Sixenbauern auf der drübern Straßenseite schuld. Schad ist es schon! – Wissen Sie was? Wir gehn schnell nauf nach dem Salettl droben am Mauereck!« Sie deutete rechts hinter sich bergan. »Von da sieht man den ganzen See.« »Dort oben?« Henne schaute Centa ängstlich an. »Das ist der lange Zickzackweg?« »A nein, woher!« beruhigte sie ihn. »Da gingen wir ja um. Gradaus über die Wiese nauf – dann haben wir es gleich.« »Wenns dir zu weit ist, Manny, bleib doch unten!« schlug Goswin ihm entgegenkommend vor. »Nein!« Centa winkte lächelnd ab. »Herr Henne, gel, Sie gehn doch mit?« »Wird man wohl müssen«, seufzte dieser, und so traten sie die Wanderung an. Kaum aber hatte Henne einen Fuß auf den Grashang gesetzt, da sagte er: »Nein, das auf keinen Fall! Mir viel zu glatt!« Die andern waren schon ein Stück voraus, und Centa wendete sich um. »Na müssen S' halt die Serpentine gehn, und am Salettl treffen wir uns dann.« »Gott scheint es ja zu wollen«, sagte Henne trüb. Bei seinem Ton kam Centa ein Gedanke. »Ja also, dann auf Wiedersehn!« rief sie hinunter. »Und hoffentlich lauft Ihnen nicht der Bürschei in den Weg! Der ist bei Nacht fei immer los.« »Wie furchtbar! Dann auch nicht für eine Million!« jammerte Henne. »Ich jeh gleich herein! Sie hoffentlich doch auch?« Bedauernd meinte Centa: »Wird nix andres übrigbleiben; gel, Herr Graf?« Er wisperte eindringlich: »Schadt nichts! – Ich hab mich so jefreut! Ach, bitte, bitte!« »Soll ich oder soll ich nicht?« Sie wiegte mit gespieltem Zweifel den Kopf, warf ihn dann aber in den Nacken. »No, von mir aus! – Aber brav sein, gel?« »Jewiß, jewiß«, versicherte er obenhin. »Was die nur da zu flüstern haben?« dachte Henne ungeduldig und sah sich bang nach allen Seiten um. »Sie, Herr Henne«, sagte Centa, »Ihr Herr Vetter, wissen S', gibt halt keine Ruh. Gehn Sie derweil nur zu die andern; und wenn einer fragt: wir kämen gleich! – Jetzt links da nauf, Herr Graf!« Sie lachte innerlich. Daß all das wie geschmiert von selber lief! Sie kannte ihren Ferdinand. Jetzt wurde er einmal herausgekitzelt aus der Wurstigkeit. Jetzt ging er hoch – ja, darauf nahm sie Gift! Der schnöd Alleingelassene sah ihnen nach, bis Centas helles Kleid und Goswins weiße Beine hinter dem Gebüsch verschwanden. »Sonderbar!« dachte er. »Dies Fräulein Hollerieth war sonst ein heller Kopf und hatte doch viel Blick für Komik. Schlägt denn Gott mit Blindheit, wen er sich verlieben lassen will?« Henne erwog zu spät, daß er vielleicht doch hätte mitgehn müssen. Und erforderte es nicht der Takt, jetzt hier zu warten, bis sie wiederkämen? Aber allein im Dunkeln – fürchterlich! Und kroch dort zwischen den Georginen nicht schon dies blutdürstige Tier? O nein, sein Leben war ihm lieber als die Seelenruhe Doktor Rapps! Er hinkte schnell zurück auf die Terrasse und die Freitreppe hinan. Der Blick des Hausherrn war inzwischen häufig nach der Tür geschweift. Er sah den Ankömmling zuerst, beugte sich unwillkürlich vor und bohrte ihm die Augen forschend ins Gesicht. Schon hatte er den Mund geöffnet, aber er lehnte sich dann stumm zurück und setzte eine fast zu gleichgültige Miene auf. Er hatte es auch gar nicht nötig, sich da selber zu bemühen. Lydia ergriff sofort das Wort: »Herr Henne, solo? Wo ist Centa? Und Ihr Vetter?« Henne nahm Platz und machte eine unbestimmte Handbewegung. »Sind Sie dem Glühwurmpärchen durchgebrannt?« erkundigte sich Paechtli. »Sei nicht so lyrisch!« riet ihm Rapp in trocknem, aber etwas heiserem Ton. »Und das Glühwurmpärchen sucht verzweifelt nach dem verschwundenen Elefanten!« lachte der Schwede. »Elefant, Gott schütz! Denn Elefanten zapft Herr Rapp Hormone ab.« Graf Brokkenhuus schlug vor: »Verschwenden wir nicht unnütz Jeist an ein Problem, das sich durch das Erscheinen der Vermißten sowieso gleich lösen wird.« »Natürlich!« sagte Henne. »Mir war's nur zu steil. Sie sind noch schnell hinaufjestiegen zum ... Salettel heißt es wohl, wejen der Aussicht; nicht?« »Gut nur, daß Centa nicht – Europa heißt«, lächelte Paechtli. Rapp hob jäh den Kopf. »Europa?« »Ja doch: Damen, die so heißen, werden hie und da von einem Stier entführt.« »Nu!« mahnte der Graf. »Ein solcher Stier soll ruhig kommen, dann tät ich ihn schon bei den Hörnern packen!« Der Humor, den Rapp in diese Antwort legen wollte, glückte nicht so ganz. Der Schweizer konnte sich die Bosheit nicht versagen: »Wenn dann vor lauter Hörnern nur der Mond noch sichtbar bleibt!« »Faß dich an deine eignen Hörner!« fauchte Rapp. »Soll damit meine eheliche Treue angezweifelt werden?« entrüstete sich Gwendolin. »Jewiß nicht, gnädije Frau«, wiegelte Brokkenhuus schnell ab. »Wie wär es überhaupt, wenn wir das Zoolojische von nun an aus dem Spiele ließen? Erquicklich wirkt es grade nicht.« Rapp stand unvermittelt auf, warf hin: »Muß einmal nach der zweiten Auflage von unsrer Bowle schaun!« schritt auf die Gangtür zu und ging hinaus. »Ich glaub, jetzt wird die Nacht erst richtig italienisch«, sagte Lydia und leckte sich die Lippen.   Centa stieg rasch den Hang hinan; Goswin blieb hinter ihr ein Stück zurück – er spürte jetzt, daß ihm Gastein den Rheumatismus nicht ganz ausgetrieben hatte. Als er zu der viereckigen Mauerkanzel kam, hatte sie sich schon auf die Bank gesetzt und zeigte nach dem Platz sich gegenüber hin. »Warum denn da?« rief er. »Warum nicht da?« Er meinte: neben ihr. »Weil Sie den See genießen wollten, Graf.« »Ach, See!« warf er verächtlich hin. »Ja, weshalb sind Sie dann herauf?« »Deswejen wohl nicht.« Und er bot ihr eine Zigarette an. »Nein, dank schön! Rauchen aber Sie nur ungeniert! Weshalb sind Sie also herauf?« Er nahm sich Feuer. »Sein Sie doch nicht so! Sie wissen ja ...!« »Ich? Nein. Und warum stehn Sie noch? Nehmen Sie Platz! – O nein, da drüben; gel?« Etwas verstimmt gehorchte er. Ihn dünkte dieser Anlauf unnütz lang. Sie wendete den Kopf und wies hinaus: »Sagen Sie selbst – ist das nicht schön?« »Ich find Sie – schöner!« »So? Gefall ich Ihnen?« »Nu, und wie!« rief er begeistert. »Und ich Ihnen auch?« »Sie fragen das ein bißl oft, Herr Graf. So fragt man eine Dame nicht.« »Warum?« »Ja, wenn ich Ihnen drauf die Wahrheit sag, bilden Sie sich gleich was ein!« »Oh, Senta, darf ich das?« »Ich heiß nicht Senta. Und ich nenn Sie auch nicht Goswin.« »Tun Sie's, bitte, bitte!« Er saß plötzlich neben ihr und warf die halb gerauchte Zigarette auf den Boden, daß die Funken stoben. »Halt, drei Schritt vom Leib!« wies sie ihn in die Schranken. »Nein, noch ein bißl weiter! So! – Vernünftig bleiben, Graf! Denn wohin soll das führen?« »Einerlei!« »Sie machen es sich leicht! Und ich?« »Senta, ich lieb Sie, und Sie lieben mich ...« »Geh, woher wissen Sie das denn?« »Das merkt man doch! Was fragen wir viel nach der Welt! Heute ist heut!« »Mein Gott, das kommt mir so bekannt vor ... Wo hab ich das schon gehört?« »Ach, kennen Sie nicht das Jedicht: Ob ihren Rosenmund morjen schon Hildegund anderen beut, darnach ich wenig frag, wenn sie mich heut nur mag; heute ist heut.« »Schau, für Gedichte interessieren Sie sich auch?« »Das haben wir in Dorpat auf der Kurischen Kneipe oft jesungen.« »Und morgen eine andre!« sagte sie. »Sie sind ein richtiger Don Juan, kommt mir vor? Grad Herzen brechen! Sind Sie immer so ... draufgängerisch?« »Nur dann, wenn eine mir gefällt!« Er näherte sich ihr und faßte sie am Arm. »Halt, Finger weg!« Sie rutschte ein Stück fort und lauschte in die Nacht hinaus. Kam denn der Ferdinand noch nicht? Das wurde langsam fad. Nun, irgendwie im Gange halten mußte man das Gespräch, und so begann sie wieder: »Ja, Sie sind ein freier Mann, Herr Graf ... Aber mein ... Bräutigam – was sagt denn der dazu?« »Der braucht's ja nicht zu wissen! Und was man so Bräutigam nennt ...« »Ach so?« Sie sah ihn von der Seite an. »Ja, ja, ich les' Ihre Gedanken schon. Für Sie kommt doch nur eine Gräfin in Betracht.« »Das wohl«, räumte er unbefangen ein. »Wenn man durch sechs Jenerationen nur uradlije Ahnen hat, kann man sich nicht das Blut ...« »Gel, es ist blau?« erkundigte sie sich schelmisch andächtig. »Nu, grade blau? Eijentlich wohl rot. Aber ein Unterschied ist doch ...« »Das merkt man Ihnen freilich an«, rief Centa mit scheinheiligem Augenaufschlag. »Aber das bringt mich leider Gottes auf den Glauben, lieber Graf, daß Ihre Schwärmerei für mich halt auch bloß 'ne Verirrung ist.« »Das ist doch grad was Schönes!« sagte er. »Verjessen Sie mal endlich, daß ich Graf bin! Sehn Sie nur den Mann in mir!« Damit legte er keck den Arm um sie. Nun sprang sie auf und machte sich gewaltsam frei. »Ich mein, wir gehn gescheiter!« Und sie legte schnell die Stufen hinter sich. Er folgte ihr bestürzt. »Was ist denn los? Weshalb?« »Weil ich halt nimmer mag!« »Erst waren Sie ... Was ist auf einmal anders?« »Weiter nichts.« Sie wußte ganz genau, was für sie anders geworden war: sie hatte die Bierruhe Ferdinands stark unterschätzt. Der hockte jetzt gemütlich hinter seinem Bowlenglas. So ging sie schnellen Schritts bergab und hörte nicht darauf, was ihr enttäuschter Verehrer im Jammerton daherbrachte. Plötzlich stockte ihr Fuß, sie horchte ... Droben hinter den Hollerbüschen hatte sich etwas gerührt. Das war bestimmt der Ferdinand! Nun galt es, diesen sogenannten Flirt von neuem anzuspinnen. Sonst war die ganze Müh umsonst vertan. Und wie gerufen trat ihr Goswin in den Weg. »Ach, bleiben Sie! Ich weiß nicht, was ich tu, wenn Sie ...!« »Geh, Graf, ist Ihnen selbst nicht ernst! Für Sie ist es doch bloß ein Spiel; und da ... da täuschen Sie sich fei in mir!« »Wie können Sie so etwas von mir glauben?« »Lieber Graf, man nimmt doch eine Dame nicht so ohne weiteres in den Arm und meint, sie muß ... Ein bissel Werben, das gehört sich mindestens!« »Soll ich vor Ihnen auf die Knie hinfallen?« bot er ihr feurig an. In ihren Augen blitzte es auf. Wenn er das täte, und der Ferdl käme drüber hinzu, das gäbe eine Mordsviecherei. »Lieber Graf«, erkundigte sie sich, »vor wieviel Frauen haben Sie denn schon gekniet?« »Vor keiner! Weil das überhaupt bei uns gar nicht mehr Sitte ist. Sie sind die erste! Glauben Sie mir nun?« Schon lag er ihr im Gras zu Füßen. »So stark hat es Sie gepackt?« sagte sie heuchlerisch gerührt und wich zurück. »Senta!« Er rutschte auf sie zu, schlang seine Arme um sie und zog sie fest an sich. »Geh, lassen S' mich doch aus! Was fallt Ihnen denn ein!« Sie wehrte sich erregt, doch war er ihr zu stark. Mein Gott, wenn sie der Ferdl so erwischte, dann spuckte es im Ernst! – Da kam ihr eine Hilfe, die sie nicht erwartet hatte. Unter den nächsten Büschen stürzte Bürschei heraus und fiel mit zeterndem Gekläff ihren Verehrer an. Der ließ erschrocken los und sprang empor. »Verdammte Bestie!« knirschte er und suchte nach dem Feind zu treten. »No aber, Bürschei!« lockte sie. »Geh her! So geh halt her!« Der Hund sprang schweifwedelnd an ihr hinauf und leckte ihr die Hände, stolz auf seine Heldentat. Sie tätschelte ihn. »Ja, bist brav und laßt noch auf deine alten Tag dem Frauerl nix geschehn. – Also«, fuhr sie zu Goswin hingewendet fort, »ich mein: wir nehmen das jetzt als ein Zeichen an, was mir mein Schutzengel gegeben hat ...« Von oben her gellte ein Pfiff, Bürschei gehorchte ihm und keuchte eilig bergauf. »Jessas, mein Bräutigam!« flüsterte sie mit gut gespieltem Schreck. »Ein Segen, daß Sie nimmer knien! Aber jetzt dalli! Und nix wie verrollt!« Mit langen Schritten setzte Rapp den Hang herunter auf die beiden zu. »Die Überraschung!« grinste er. »Der Ferdl!« sagte Centa anscheinend erstaunt. »Und wo sind denn die Herrschaften gewesen, wenn ich fragen darf?« »Bloß am Salettl droben«, sagte sie gefaßt. »Bißchen Mondschein jeschwärmt«, erklärte Goswin recht verwirrt. »O wie poetisch!« höhnte Rapp. »Aber zuviel davon ist ungesund! Jetzt gehn wir schön wieder hinein! Oder haben Sie noch längere Promenaden vor? Sie brauchen's mir bloß sagen! Aber wenn ich Ihnen raten darf ...!« Ein Drohen schwoll in seiner Stimme, und er wies gebieterisch nach der Terrasse hin. Centa trat ihm in den Weg. »Gehn Sie einmal voraus, bloß bis ans Hauseck vor; gel ja, Herr Graf? Wir kommen gleich.« Goswin, der schon den Mund zu einer Antwort offen hatte, blieb lieber stumm, verbeugte sich und ging. Kaum war er außer Hörweite, da herrschte Centa den Doktor leise an: »Wenn dir etwas nicht recht ist, und du hast etwas zu benzen, nachher red sofort und hier! Da drinnen bei der Bagasch wird kein Theater aufgeführt, daß du es weißt!« »Nur noch recht großartig!« lachte er voll Wut. »Da brauchst du dich nicht kümmern! Den Deppen den Hanswurschten machen – ging mir ab! Nicht aber daß du meinst, ich tat dir das vergessen! – Mit dem neunzinkigen Stiesel noch dazu! Möcht wissen, was du an dem findst!« Sie lächelte. »Und eifersüchtig bist ja doch!« »Wegen dem Hammel? So ein Schmarrn!« »A? Warum spionierst du uns dann nach? Und weckst den Bürschei aus dem schönsten Schlaf und setzt ihn auf die Spur?« »Aus Eifersucht? – Nein, weil ich mich dafür bedank, vor denen da zur komischen Figur gemacht zu werden!« »Brüll du nur recht!« zischelte sie. »Na lachen die schon von allein!« Er schaute mißtrauisch zum Haus hinüber. »Schluß also für jetzt! Bloß, in der Sur bleibt dir der Schinken schon, das merk dir gut! – Das Gescheiteste wird sein: die drinnen spannen überhaupt gar nix davon, daß wir uns troffen haben. Ich geh hinten rum, und ihr gehts vorn hinein und – habt von mir gar nix gesehn. Sagst es dem Blödian auch! Den kauf ich mir schon bei Gelegenheit.« »Mein Gott«, spöttelte sie. »Wirst ihn doch nicht gar fordern wollen?« »Dös kannst dir denken!« lachte er auf. »Jetzt weiter! Mach! Je länger daß ihr ausbleibts, je üppiger wird denen ihre Phantasie.« Als sie zu Goswin kamen, hatte dieser sich von seinem Schreck halbwegs erholt, er machte ein hochmütiges Gesicht und zeigte jedem Angriff keck die Stirn. »Jawohl, spazieren S' nur hinein, Herr Graf!« rief Rapp ihn im Vorübergehen spöttisch an. »Und Sie?« fragte der andere erstaunt. »Ich? Nein, ich muß geschwind noch in der Küche nach der Bowle schaun und komm dann anders rum. – Centa, du weißt ... von wegen ...! – Nix da, Bürschei! Geh nur mit!« – »Nu«, triumphierte Goswin, als der Doktor verschwunden war, »sehn Sie: er hat gar nichts jemerkt!« Sie streifte ihn mit einem Seitenblick. »Sje – merken aber alles, lieber Graf! Jetzt horchen S' zu! Wir haben ausgemacht, ich und ... no, er: die andern brauchen es nicht wissen, daß wir ihn getroffen haben. Von dem wird also nix geschnauft!« »Ja, ich begreif!« Er grinste schlau und seufzte plötzlich wieder schmelzend: »Senta!« Seine Hand langte nach ihrem Arm. Sie gab ihm einen Klaps darauf, lief ihm davon und gleich zur Tür hinein. Da faßte er sich denn fürs erste in Geduld und folgte ihr. – »Schon?« lachte Lydia anzüglich, als sie die beiden sah. »Nu, war es schön?« »Ein Traum von einer Mondnacht!« Centa schnitt ihr eine spöttische Fratze. »Und wo ist Ferdinand?« erkundigte sich Paechtli. »Wie?« Verblüfft sah Centa sich im Kreise um. »Ist er nicht da? Wo steckt er denn?« Ivar Evander nickte. »Ja, Glück haben muß der Mensch!« »Ach«, rief ärgerlich Graf Brokkenhuus, »er wollte doch nur nach der Bowle sehn!« »Ja, Bowle!« stimmte Goswin ein. »Und kommt dann anders herum.« Centa drehte den Kopf zu ihm hinüber und konnte einen Seufzer kaum noch unterdrücken. Paechtli strahlte. »Oh, und woher wissen Sie das denn, Herr Graf?« »Ich ... hab mir das nur so jedacht.« »Kalkuhn denkt auch!« flüsterte Henne über den Tisch weg seinem Onkel zu. Die Gangtür ging, Rapp kam herein und wurde grade Zeuge, wie Lydia auf Goswins weiße Hose deutend rief: »Herr Graf, Sie haben ja ganz grüne Knie! Kommt das von einem Fußfall her?« »Ich?« Goswin starrte dumm und machte einen unnützen Versuch, die Flecken wegzuputzen. »A woher!« rief Centa munter. »Ich hatte bloß etwas verloren, und der Graf als liebenswürdiger Kavalier ...« »Sie hatten was verloren?« Goswin stand mit offenem Munde da. »Herrschaft, nein! Doch nicht Ihr Herz?« wendete sich Bachhuber an Centa und – schützte auch schon seinen Kopf mit dem erschrocken vorgebognen Arm. Denn Rapp, der damit einen Ableiter für seine Wut gefunden hatte, fuhr auf ihn los und brüllte: »Hältst du jetzt dein ungewaschnes Maul?« Der Komponist wich, blaß wie eine Leiche, an die Wand zurück und wäre, hätte nur die Möglichkeit bestanden, gern noch in sie hineingeschlüpft, konnte sich aber nicht enthalten, hämisch zu erwidern: »Tapfer, jawohl – sich immer grad den Schwächsten auszusuchen!« Rapp ließ die schon geschwungene Rechte fallen. »Bist mir allerdings zu wenig!« fauchte er und suchte nach einem würdigeren Opfer für seinen Zorn. Doch als er nun Centa ins Auge faßte, maß die ihn mit einem kühlen Blick, drehte sich um und ging gemessenen Schrittes auf die Gangtür zu. »Hier wird geblieben!« rief er ihr noch nach. Als Antwort aber krachte die Tür heftig ins Schloß. Jeder war darauf gefaßt, daß nunmehr Goswin an die Reihe käme. Und dieser selbst sorgte geschickt dafür, daß er nicht in Vergessenheit geriet. »Pardon, die Dame ist ganz unschuldig«, erklärte er ritterlich. »Ach, steht sie unter Ihrem Schutz?« Rapp lachte grimmig auf. »Nu ja, es war ein Mißverständnis, und sie hatte was verloren ...« » Sie aber haben hier nichts mehr verloren!« wetterte Rapp. »Schrein Sie jefälligst nicht! Ich bin nicht taub!« fuhr Goswin auf. »Wie meinen Sie das überhaupt?« »Schwer von Begriffen?« keuchte Rapp. »Sie können anscheinend kein Deutsch? Vielleicht verstehn Sie diese Sprache?« Seine Hand wies nach der Tür. So schlau, den Angriff als die beste Art der Verteidigung zu erkennen, war selbst Goswin. So brüllte nun auch er: »Und Sie erlauben sich ...? Mit Ihnen wollt ich ersten schon ...! Was haben Sie jesagt: Sie pfeifen auf den Adel?« »Oha!« Rapp blickte ihn mitleidig an. »Nehmen Sie das zurück!« »Könnt Ihnen passen! Grad nicht!« »Also betrachten Sie sich als von mir ...!« »Goswin, hör auf und sprich kein Blech!« mischte sich Henne ein. Er war herangehinkt und legte von hinten die Hand auf Goswins Schulter, wich einem Ellbogenstoß, der ihn zur Seite schieben wollte, vorsichtig aus und sagte begütigend: »Jehn wir nach Hause! Es wird besser sein.« »Ich – hierbleiben?« Goswin reckte sich zu seiner ganzen Höhe auf, senkte die Stirn kaum wahrnehmbar vor Rapp und sagte kalt: »Sie werden von mir hören!« »Sie mich auch!« erwiderte der Hausherr überlegen. »Nu, wird man morjen sehn! Kater dämpft Leidenschaft. Recht wohl zu schlafen allerseits!« lächelte Henne, hängte sich bei seinem Vetter ein und führte ihn zu Tür. Goswin drehte sich noch einmal um und rief: »Nu, Onkel Woldemar, was ist mit dir?« »Was willst du noch?« »Was? Und du bleibst in einem Haus, in dem man deinen Stand als Edelmann ...?« »Laß mich zufrieden!« schalt der Graf. »Kriech lieber in dein Bett und schlaf dich aus! Aber verjiß nicht, vorher deine Krone abzunehmen!« »Kusch!« herrschte Henne Goswin an, als der empört erwidern wollte, und zog ihn fort. »Wie schade, daß dieser vergnügte Abend solch ein Ende nehmen mußte!« bedauerte der Hofrat, als die beiden draußen waren. »Nu, ich fand es recht interessant«, erklärte Lydia. »Und Stoff, um Stunden noch davon zu sprechen, ist wohl da.« »Soll ich hinausgehn?« fragte Rapp. »Oder sucht ihr euch dazu nicht gescheiter ein andres Lokal? Hättet ihr's zwangloser.« »Oh, wir verstehen!« grinste Paechtli. »Und da die Hausfrau sich wohl endgültig zurückgezogen hat, wollen wir die Harmonie des trauten Familienlebens nicht mehr stören.« »Bestrickende Idee! Und gute Unterhaltung weiter!« sagte Rapp. – Der Aufbruch der Gesellschaft ging sehr schnell vor sich, und da der Müller Alois unauffällig mit den anderen verschwand, sah sich Rapp bald unter vier Augen mit Brokkenhuus. Der wollte eben davon anfangen, daß es auch für ihn Zeit sei, heimzugehen, als der Doktor, der rastlos auf- und abgewandert war, sich plötzlich zu ihm setzte. »Was sagst du nun zu deinem Neffen?« fragte er. »Ja, wer ihn einen Jeistesriesen nennen wollte, würde lüjen«, erwiderte der Graf. »Und ›von ihm hören‹ soll ich! Will er mir seinen Sekundanten schicken? Den schmeiß ich aber glatt hinaus, wie ich mich kenn!« »Erbarm dich, wo soll er denn einen nehmen! – Nu, wenn er morjen wieder soweit bei Verstand ist – relativ, mein ich –, setz ich ihm schon den Kopf zurecht. Wenn's weiter keine Sorjen jäbe ...« »Sorgen? Glaubst vielleicht, ich hab Angst vor ihm?« »Nee, Angst wohl nicht ... Und ich hab's doch jewußt: er paßt nicht zu uns hier. Wär es nach mir jegangen, dann hättet ihr ihn nie erlebt. Und bißchen viel zu trinken kriegte er hier auch.« »Sag einmal, Brokkenhuus, wie hat sich's denn gemacht, daß er trotzdem herausgekommen ist?« »Ja ... Hat dir Centa nicht erzählt ...?« »Schon. Aber anfangs wollt sie ihn doch gar nicht sehn. Warum hat sie dann in die Bar hin müssen?« »Es war so heiß. Sie hatte Durst.« »Ja freilich! Neugierig ist sie gewesen. Der Henne hätt auch nicht den Pflanz um seine Schönheit machen brauchen! – Und dabei ... Findst du ihn schön?« »Ich, lieber Freund, find schöne Männer überhaupt nicht schön. Und glaubst du, daß die Art, wie Manny davon sprach, so sehr empfehlend wirkte? Ja, und daß Centa, nur um einen schönen Mann zu sehn – das paßt gar nicht zu ihr.« » Weil es nicht zu ihr paßt!« betonte Rapp und schaute den Grafen forschend an. »Denn ihn auf heut herausgebeten hat doch sie. Und muß ihn ziemlich dringend drum gebeten haben?« »Nein, er war gleich bereit. Und wie!« »So meinst, er hat sich auf den ersten Blick in sie verknallt?« »Nu ja, er hat ein Herz, das leicht entzündlich ist. Und viel Verstand zum Bremsen ist nicht da.« Rapp richtete sich auf. »Und sie?« Er legte in die beiden Silben viel Gewicht. »Sie? Ja?« Der Graf sah einen Augenblick stumm vor sich hin. »Du meinst, ob sie ...? Nein, das nehm ich nicht an. Und hab auch wirklich keine Spur von einem Grund ...« Himmel, war das ein peinliches Gespräch! »Warum hat sie ihn denn dann eingeladen?« »Nu, aus Höflichkeit.« »Und heute das, mein lieber Brokkenhuus? Hast du nicht ein klein bißl mehr darin gesehn wie Höflichkeit? Ich schon! – Schau, du kennst sie so gut, in mancher Hinsicht besser noch vielleicht wie ich ... Du bist ihr Freund, und meiner auch; ist es nicht wahr?« »Das brauch ich nicht erst zu betonen, Rapp!« »Dann sag mir, was du von der Sache hältst!« »Wüßt ich nur, von welcher ›Sache‹ du da sprichst!« »Weich mir nicht aus! Ehrlich: glaubst du, sie hat sich ernsthaft in den Kerl verschaut? Entschuldigst es schon, wenn ich ›Kerl‹ sag!« »Bitte, bitte!« »Oder«, fuhr der Doktor fort, »ob da nicht doch was andres noch dahinter steckt?« »Was andres?« fragte Brokkenhuus, der jetzt nur Zeit gewinnen wollte. »Ich mein: ob es nicht eher – Theater war?« »Theater?« »Könnt ja sein, nicht wahr: um, sagen wir, meine Gefühle, no, halt aufzufrischen, ja oder ... anzukurbeln, wie man's beim Auto heißt. Was glaubst?« Das war eine vertrackte Frage für den Grafen, und er fand nicht gleich das richtige Wort. Rapp brannte anscheinend vor Eifersucht. Die für ihn schmeichelhaftere Auffassung, die der Gute nebenbei erwog, war nur der Strohhalm, nach dem er in der Verzweiflung griff, ohne an seine Tragkraft selbst zu glauben. Was tun? Noch Öl ins Feuer schütten, ging nicht an und widerstrebte ihm, es aber löschen oder auch nur dämpfen durfte er der Freundin wegen nicht. Vertrauen bindet den damit Beschenkten. Ekelhaft war dies ... Plötzlich erkannte er, daß der Erfolg dem Mädel ja im Grunde recht gab! Ihr erstes Ziel, Rapp aus der Sicherheit zu reißen, war erreicht. War es deshalb nicht ihre eigene Sache, nun zu sehen, wie sie weiter kam? – Jawohl, er konnte nichts Besseres tun, als heimgehn. »Tja, was soll man sagen?« fing er an. »Das ist's.« Rapp nickte. »Ja, die Weiber sind so ein Kapitel, das ein Mann nie ausstudiert.« »Drum mein ich, Rapp, solltest du einen weiblichen Experten konsultieren. Und wer liegt da näher als eben – Centa selbst? Das Klügste ist: du sprichst mit ihr .« »Da brauchst du dich nicht kümmern: das tu ich sofort und – deutlich!« Der Graf merkte es seinem Ton an, daß Rapps Zorn noch viel zu frisch für eine Aussprache von dieser Art war. Deswegen sagte er: »So eilig ist das auch nicht. Das hat Zeit bis morjen. Besser nicht in der Aufrejung ...« »Bin gar nicht aufgeregt. Bis morgen, meinst? Daß ich die ganze Nacht kein Aug zutu?« »Nu siehst du, Rapp, das nenn ich aufjeregt. Ich seh es aber ein ... Sprich also heute noch mit ihr, wenn es nicht anders ist! Nur bitt ich dich recht sehr, bewahr die Ruhe! So ernst brauchst du doch Goswin nicht zu nehmen.« »Glaubst du, ich nehm den ernst? Haha!« »Dann um so besser! – Und wie ist's: kann mich dein Otto wohl nach Hause bringen?« »Aber gern.« Rapp schellte nach dem Diener, gab ihm die Weisung, reichte Brokkenhuus den Arm und führte ihn hinaus. Der Graf mahnte ihn flüsternd: »Mach es nur mit Vernunft! Tu nichts, was du nachher bereuen mußt! Wirst sehn: bei gutem Willen beiderseits rejelt sich das von selbst. – Und morjen vormittag erzählst du mir vielleicht ... Ich bin ja neujierig.« Er ließ sich in den Rollstuhl helfen, und der Diener schob an. »Auf Wiedersehn«, rief Brokkenhuus, »und denk daran, du weißt ...!« Rapp ging die Freitreppe hinauf, trat in die Tür und sah den beiden nach. Die Festbeleuchtung draußen schien ihm auf einmal töricht und geschmacklos. Als er das Gartentor zufallen hörte, drehte er den Schalter um, das bunte Lichtgefunkel erlosch, und nur der Mond, der jetzt klein, hoch und hell neben dem Hirschberg stand, goß kaltes Licht über das Land. Rapp war es fast, als lächle das Nachtgestirn da oben spöttisch. Er machte sich von diesem Anblick los, stieg ein paar Stufen tiefer und sah am Haus empor: Centas Schlafzimmer im ersten Stock zeigte noch Licht, und offen stand das Fenster auch. So hatte sie die ganze Komödie Wort für Wort mit angehört. – Eine saublöde Sache das! Und jetzt, allein mit sich, ging ihm erst richtig auf, wie lächerlich er sich gemacht hatte. Vor all den Leuten seine königlich bayrische Ruh verlieren! – Aber wer war schuld? – Bloß sie! Und dafür sollte sie ihr Fett bekommen, dafür stand er ihr gut! Eilig durchquerte er die Diele und den Gang, stieg, in der Hast immer zwei Stufen auf einmal nehmend, treppauf, klopfte kurz bei ihr an und wollte hinein. Aber die Tür war zugesperrt. »Mach auf!« schrie er erbost. »Kann mich beherrschen!« klang es kühl zurück. »Wird's bald? Sonst brech ich sie auf!« »Tu, was du magst!« erwiderte sie kalt. »Hast mich und dich noch nicht genug blamiert? Sollen die Dienstboten jetzt auch noch ihre Gaudi haben?« »Laß mich halt ein, ich hab mit dir zu reden!« »Gar kein Drandenken vors du erst einmal nüchtern bist!« Er schlug mit beiden Fäusten an die Tür. »Mach nur so fort!« Auch sie geriet in Zorn. »Eins aber sag ich dir: wenn du nicht auf der Stell jetzt eine Ruh gibst, hast du mich gesehn, a tempo geh ich aus dem Haus! Und daß du mich dann überhaupt nimmer hierher bringst, beim Leben meiner Mutter schwör ich's dir zu!« Er spürte ihren Ernst und wollte sich aufs Bitten legen. »Centa, sei gescheit! Wir können auch in Frieden drüber reden.« »Hab's ja gemerkt, wie gut du das heut kannst!« antwortete sie fest. »Vor morgen bin ich nicht für dich zu sprechen. Dabei bleibt's! Und wenn's das Ende sein sollt, soll's das Ende sein!« Er stampfte mit dem Fuß auf. »Morgen kannst du lange auf mich warten!« knirschte er, stand noch eine Weile horchend da, machte auf einmal kehrt und ging ins eigne Schlafzimmer hinüber. Denn hier bei Nacht noch weiter Krach zu schlagen, wäre verrückt, das sah er ein. »Wird sich ja zeigen, wer auf die Läng den dickern Kopf hat!« knurrte er. Centa seufzte erleichtert auf, als es da draußen still geworden war. Schleunigst zog sie sich aus und kroch ins Bett. Aber sie schlief so bald nicht ein. Jawohl, sie hatte sich talentvoll totgesiegt. Ihr Plan, ihn hochzutreiben, war geglückt, aber – zu gut. Brokkenhuus hatte recht behalten: es ging nicht mit Gewalt. Mochte auch sein, daß sie's ein bissei gar zu bunt getrieben hatte oder, lieber Gott, sich hatte treiben lassen. Saß man einmal in diesem Karren drin, dann lief er ganz von selber weiter und nahm einen mit – gar noch, wenn man so dumm gewesen war, sich einen solchen Büffel einzuspannen. Und es durch Klugheit schaffen, lag ihr überhaupt nicht – auch darin gab sie ihrem alten Freunde recht. Zum zweitenmal in knapp drei Tagen war sie bös aus ihrem Stil gefallen. Ja, und weswegen denn? War überhaupt ein Mannsbild auf der Welt es wert, daß man ihm zulieb so einen Krampf vollführte? – Oh, sie pfiff jetzt schon gehorsamst drauf! Sollte es gehn, wie's wollte, sie rührte keinen Finger mehr darum! – Mit dem Gedanken schlief sie endlich ein, aber der traumlos tiefe Schlummer, den sie sonst kannte, war es heute nicht. Schärfste Bedingungen Auch morgens wurde in der Villa Rapp, wenn es das Wetter duldete – und das tat es in diesem Sommer stets –, der Kaffeetisch auf der Terrasse gedeckt, nur daß er an einer andern Stelle stand als nachmittags, weil jetzt der Ahornschatten anders fiel. Aber der war schon ein Stück gewandert, als Centa aus dem Hause trat – die halbe Kaffeedecke lag im Sonnenschein, und grell hob sich von ihrem hellgelben Grund das Lila eines mit grüner Tinte beschriebnen Brief Umschlages ab. Centa faßte darnach und barg ihn im Spenzerausschnitt ihres Dirndlkleides. Viel Neues versprach sie sich ja nicht von ihm, und andre ging er nichts an. – Aber was hieß das: es stand nur ein Gedeck und eine Tasse da? Sie schaute nach der Armbanduhr – halb elf. Sie war wohl später dran als sonst, trotzdem schien ihr das sonderbar. »Haben die Herren schon gefrühstückt?« fragte sie Otto, als der nun Kaffee, Rahm und Butter brachte. »Jawohl, gnädiges Fräulein: der Herr Müller schon um acht. Er ist gleich nüber ins Labor. Und dem Herrn Doktor hab ich den Kaffee hinauf, vor einer Viertelstund beiläufig. Der Herr Doktor frühstückt heut droben am Balkon.« »Ich weiß ...« warf Centa hin und spürte dabei das Grinsen hinter der steinern ernsthaften Bedientenmaske. »Mögen S' den Tisch nicht in den Schatten tun?« befahl sie schärfer, als er es von ihr gewohnt war. Und weil sie das fühlte, fuhr sie fort: »Halt, ich faß mit an! No, Obacht mit der Kanne! Noch ein bissel! So ist's recht. Die Stühle, ja!« – Ein Blick schräg von der Seite sagte Otto, daß er entlassen war. Centa nahm Platz und goß sich Kaffee ein. – Also der Ferdl spielte die gekränkte Leberwurst. Na, wenn's ihn freute – immer zu! Würde sich dann schon zeigen, wer am längsten bocken konnte. Bestimmt er nicht! Kam er nicht selber zur Vernunft, dann sollte er nur warten, bis er schwarz war – sie tat auf keinen Fall den ersten Schritt! War sogar recht, daß er ihr heute morgen nicht mit seinem hängenden Geletsch den Appetit verdarb? Grad extra schmecken ließ sie sich's! Hatte sie auch nicht viel und reichlich unruhig geschlafen – Gott sei Dank, bei Tag und Sonnenschein sah sich gleich alles anders an! Als sie die letzte Semmel drunten hatte, zog sie den lila Brief hervor und eine Haarnadel aus ihrem Zopf. Sie machte das Schreiben auf, las es nachdenklich durch, schob es wieder in seine Hülle und steckte es weg. »Ja, dauern tut er mich«, sprach sie zu sich. »Er schreibt schon wirklich lieb, und kann ihm doch nix nutzen! No, wenn er morgen heim nach Lübeck fährt, ist es endgültig Schluß. – Da zeigt sich's aber: mach dich rar, na steigst im Wert!« Sie starrte nachdenklich den Hang hinunter. Plötzlich warf sie das Kinn empor. Wer kam denn da aus dem Gebüsch? Dem Hinken nach war es der Henne, aber irgendwie sah er doch anders als gewöhnlich aus. Erst langsam wurde ihr klar, woran das lag: er hatte zu seiner Pepitahose, der Brokatweste und dem verknüllten Leinenhut einen schwarzen Gehrock an, der nicht für ihn gemacht schien – er war ihm viel zu lang, und aus den Ärmeln ragten kaum die Fingerspitzen. »Herrschaft, wie schaun Sie aus?« rief Centa, als er sie begrüßte. »Der Bratenrock von Onkel Woldemar ist mir etwas vollkommen«, räumte er ein. »Merkt man es sehr?« »In dem Verzug läßt Sie Ihr Onkel auf die Straße gehn?« »O nein, er selbst war noch im Bett. Ich ließ mir dieses von Karline jeben.« »Und zu was denn? Soll das vielleicht gar die offizielle Abschiedsvisite sein?« »Nu ja, teils, teils ...« In seinen Zügen malte sich eine gewisse Verlegenheit. »Sie lächeln? Wirk ich hierin nichts als belustijend? So war es eijentlich wohl nicht jedacht.« Sie musterte ihn vergnügt und stellte fest: »Im Gegenteil! Bei näherer Betrachtung schaun Sie runtergerissen wie das Leiden Christi aus. Grün im Gesicht! Was haben Sie? Und setzen Sie sich doch!« »Nein, danke! Nämlich, ich muß ... Was werd ich denn nu haben! Ordinären Katzenjammer.« »Ach Sie Armer! Bloß: gestern sind Sie doch gar nicht so spät ins Bett gekommen?« »Glauben Sie? Wenn man bis vier Uhr Schwarzen Tod in sich hereinjeflößt hat!« »Schwarzen Tod?« »Ja, kennen Sie das nicht? Porter mit Pommery. Schmeckt köstlich wie die Sünde, aber rächt sich mit viel mehr Sicherheit als sie.« »Was, bis vier Uhr? Und wo denn? Alte Post? Mit Ihrem Vetter?« »Nu, der wird bei so was nicht dabei sein! Gräßlicher Kujohn! Entschuldijen Sie, aber er ist ein gräßlicher Kujohn! Mich heute früh um neun Uhr aus dem Bett zu jagen! Rohe Mordjier schon das allein! Ich hab ein Liespfund Antipyrin in mich einschaufeln müssen, bis ich nur wieder Lebenszeichen von mir gab.« »Ja, aber setzen Sie sich doch! Mögen S' nicht was zum essen oder trinken – sauren Hering, oder so? – Halt, Otto, bleiben S' da!« sagte sie zum Diener, der in der Tür erschienen war und sich lautlos wieder entfernen wollte. »Heißen Dank für diese Mitleidsrejung!« entgegnete der Balte. »Aber nein, verschmaddern Sie Ihre Jüte nicht! Denn mein Moralischer wird durch pikante Frühstücke wohl schwerlich zu beheben sein ...« »A? Fehlt es denn auch da?« lächelte sie verschmitzt. »Aber bedeutend«, gab er wehmütig zu. »Wie anjenehm wär Alkohol, wenn man nie wieder nüchtern würd!« Sie sagte munter: »Also, ich steh für eine Notbeicht zur Verfügung. Darum dreht sich's wohl?« »Um Gottes willen, nein!« wehrte er lebhaft ab. »So orientiert bin ich auf diesem mir sonst fernliejenden Jebiete immerhin! – Ach, lieber Mann«, wendete er sich plötzlich an den Diener, der mit gespitzten Ohren in der Tür stand, »ist Herr Rapp zu Hause, und wird man ihn sprechen können?« »Droben ist er«, sagte Centa. »Wollen Sie bei ihm zum Beichten gehn?« »Vielleicht ... Mehr oder wenijer, ja. Wenn ich Sie also um noch etwas bitten dürfte: könnt ich allein zu ihm herauf?» »A was, Geheimnisse mit ihm?« »Nein, es dürfte Sie nur nicht interessieren. Langweilije Männersache!« »So?« Sie suchte mißtrauisch in seinem Blick zu lesen, er aber war in die stumme Betrachtung seiner linken Handfläche vertieft. »Otto«, befahl sie also, »tun S' den Herrn Henne zum Herrn Doktor naufführen; gel?« »Wie jerne blieb ich im Bezirk des Weiblichen«, sagte der Balte. »Aber hoffentlich bin ich bald um ein Pud Steine auf dem Herzen leichter wieder zurück und wirk dann bißchen unterhaltender. Auf Wiedersehn!« Er hinkte schnell die Freitreppe hinan. Sie starrte zweifelnd in die Luft. Ja, konnte es denn sein, daß er im Auftrag des wildgewordenen Nilpferds da war, wie sie ihren neuesten Verehrer wenig zartfühlend bei sich nannte? Ach nein! Sie schlug wegwerfend mit der Hand aus. Henne als Sekundant – war ja ein Witz!   Rapp schien schlecht aufgelegt zu sein, denn sein Gesicht war gleichsam eine einzige Falte. »Hotz«, sagte Henne, als er ihm die Hand gegeben hatte, »ist was mit Ihnen? Sie sehn janz unjewohnt blaßnasig aus?« »Sie auch nicht so besonders blühend!« knurrte Rapp. »Da setzen S' Ihnen nieder! Was verschafft mir schon in aller Früh die Ehr? Und warum haben Sie sich heut so schön gemacht?« »Schönheit war wenijer der Zweck«, erklärte Henne, ließ sich in einen Sessel sinken und tastete mit den Fingerspitzen über die etwas speckigen Rabatten seines schwarzen Rockes. »Ich glaubte, das ist de rigueur für so eine doch bißchen – peinliche Mission.« »Aha!« Rapp schien auf einmal zu erwachen. »Dann ist's schon recht! Mission? Schießen Sie los!« » A propos: schießen!« Henne faßte einen Entschluß. »Ich sollte Ihnen eine Pistolenforderung von meinem Vetter Goswin überbringen und fühle mich in dieser Rolle – etwas deplaziert, weil ich nur dunkel ahne, wie man sich dabei benimmt.« »Will mich bemühn, Ihnen im Notfall – einzusagen.« Der Doktor grinste ohne richtigen Humor. »Bloß – warum kommen denn dann ausgerechnet Sie?« »Nu, weil ich fürchtete, daß ein auf diese Chosen einjefuchster Sekundant vor lauter Fachsimpelei das dümmste Zeug ausbrüten würde. Schießjewehr ist nicht zum Spielen da!« »Weiß ich schon selber! Und von Spielen – keine Red!« grollte der Doktor. »So? Sie sehn die Aufgabe eines Sekundanten darin, Zweikämpfe zu verhindern ?« »Wie denn nu nicht! Wenn Goswin nicht so dammlig wär! Von uns , das ist doch klar, war es als Volksbelustijung und weiter nichts jedacht.« Rapp hob den Kopf. »Wie? Volksbelustigung? Ja, und von ›uns‹? Von wem? Ich hör wohl schlecht?« Der Balte wand sich verlegen auf dem Stuhl und wollte anscheinend erst Zeit gewinnen. »Da werd ich's Ihnen chronolojisch schildern müssen, wie es dazu kam. Als ich jestern abend Goswin glücklich auf die Chaussee bekommen hatte, fiel er von neuem wilder Raserei anheim und wollte noch mal zurück und Onkel Woldemar jewaltsam aus dem Haus wegholen, wo seinem Adel Unbill widerfuhr. Und während wir uns noch deswejen kabbelten, strömte Ihr ganzer Freundeskreis heran.« »... der mir gestohlen bleiben darf!« ergänzte Rapp. »Ich zweifle, ob er Diebe reizen wird«, bemerkte Henne, »aber jestern hab ich das Erscheinen dieser Leute warm begrüßt, weil sie meinen rabiaten Vetter momentan auf andere Jedanken brachten. Nu, er lud sie ein, den anjebrochenen Abend alkoholisch fortzusetzen. Man begrüßte das mit fröhlichem Jekreisch, und wir verfügten uns in die Alte Post. Fern lieje mir ein Zweifel daran, daß dabei allerseits der Plan bestand, den dolljewordenen Berserker durch Jetränkeinflößung fügsamer zu machen. Leider aber hatte dieser dwatsche Bachhuber, der anfangs mit mir jing, eine Idee, die mich, muß ich zu meiner Schande einjestehn, so faszinierte, daß ich Idiot ihm auf die Seele band, sie auch den anderen als süßes Jift ins Ohr zu träufeln.« »So, der Bachhuber?« murmelte Rapp. »Auf die Idee bin ich gespannt!« »Ja, wissen Sie, um dieses zu begreifen, muß man die wohl in hohem Maß vorhandene Besäuftheit mit in Rechnung ziehen. Wir versprachen uns ein großes Amüsement davon, hier, statt vernünftig abzudämpfen, noch klein bißchen scharfzumachen. Kurz, wir malten uns ein fingiertes Duell feenhaft aus.« »Ja, wie denn? Ein fingiertes Duell? Was meinen Sie damit?« »Nu, so wie Keilerei mit Tanzvergnüjen: ein Duell, das keiner ernst nimmt als – die Duellanten selbst.« Rapp schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß Henne fast vom Stuhle fiel vor Schreck. »Ja, Herrgottsakrament, wie stellen Sie sich das denn vor?« »Jetzt, wo ich nüchtern bin, wohl überhaupt nicht mehr«, entschuldigte sich Henne. »Sonst würde ich es Ihnen nicht erzählen.« »Und gestern? Vorwärts! Das muß ich schon wissen!« »Hätt ich nur gar nicht davon anjefangen!« »Also, weiter, weiter!« »Meinetwejen! Nu, wir hatten es uns in der Trunkenheit so ausjedacht: wir wollten die Jeschichte mit allen Schikanen feierlich betreiben, bis sich die beiderseitigen Paukanten auf zehn Schritt Distanz jejenüberstanden, Schießjewehre in der Hand ... Selbst dafür war nämlich jesorgt. Herr Astaller besitzt ein paar jezogene Mensurpistolen – weiß nicht, wozu. Ich dachte, Internisten töten für jewöhnlich nur mit Jift ...« »Jetzt bloß nicht abschweifen! Sie halten das wohl immer noch für witzig? – Zur Sache! Weiter, weiter! Los!« »Was denn nu noch? Ja, also: wenn Sie sich so mit jemachten Testamenten todbereit ins Auge starrten, dann sollte einer von uns in die Mitte treten und freundlich lächelnd mitteilen, daß die Jeschichte nur ein Spaß war und die praemissis praemittendis Duellanten nu jebeten würden, sich die Hand zu jeben und ein solennes Versöhnungsfrühstück in der Waldrast, heißt es, glaub ich – jedenfalls gleich da bei Enterrottach – in den Mund zu nehmen.« »Reizende Leute!« fauchte Rapp. »Vergessen tu ich's der Gesellschaft aber nicht!« »Nu, nu«, beruhigte ihn Henne, »so braucht man das auch nicht gleich aufzufassen. Das Entscheidende bleibt doch, wer das Objekt solch eines Scherzes ist. Ich wär in solcher Lage sicher wegjestorben vor lauter Angst. Aber heldische Naturen, wie Sie und mein jeliebter Vetter Goswin ...« »Sparen Sie sich die Ironie, Herr Henne! Ach, und tun Sie doch nicht so, als könnten Sie kein Wasserl trüben. Ist grad bei Ihnen schon ein bißl Rache für Sadowa mit im Spiel. Ich geb ja zu, ich hab Sie hie und da derbleckt mit Ihrer, no ja, negativen Tapferkeit. Darum hat Sie's gekitzelt, sich zu überzeugen, ob nicht auch mir gegebnenfalls die Schneid ausbleiben tät. Aber bedaure sehr: das täuscht! Wie konnten Sie denn glauben: ich als alter Korpsstudent ...?« »Auch das noch!« seufzte Henne. »Haben Sie denn meine Schmisse nie bemerkt?« »Natürlich, hier im Ausland wird mit dem Kopf pariert statt mit der Plempe! Und dabei haben Sie sich diese Todesverachtung einjeübt? Sie sind ja beinah wie mein Vetter!« »Richtig, der ist auch noch da! Die Hauptperson!« Der Doktor lachte grimmig auf. »Er weiß wohl nichts von Ihrem feinen Plan?« »Doch! Leider! Denn er watete gleich so jenußsüchtig in Ihrem Blut, daß unsere Damen vor Entsetzen fast ohnmächtig wurden und Herr Astaller a tempo einen ›Moralischen‹ bekam. Und stellen Sie sich vor, was tut der Dohjan? Er klärt Goswin darüber auf, wie es jedacht ist, und wiegt sich, naiv wie ein jelernter Diplomat, im Glauben, nu ist alles gut. Und schon war das Malheur jeschehn, und Goswin hatte auf sein Ehrenwort erklärt, daß er sich im Ernst mit Ihnen duelliert – und nicht nur so ›auf drei Schritt Zunge zeijen‹, betonte er; nein: auf jezogene Pistolen und zu den schärfsten Bedingungen.« »No und? Wo steckt da das Malheur?« »Wei, lieber Herr, ich glaub, Sie sind, was Ehrenworte anbetrifft, durch Bachhuber etwas verwöhnt. Bei Goswin ...! Sein Sie überzeugt: wenn er mal aus Versehn sein Ehrenwort dafür verpfändet, daß er sich morjen am Tag erschießt, dann ist der Dämlack morjen abend tot. Nein, er will Sie à tout prix vor der Pistole sehn!« »Sieht er sich dann ja vor der meinen auch!« »Kann Ihnen dieser Unsinn denn Vergnüjen machen?« drängte Henne. »No, vielleicht tu ich's aus heiligem Respekt vor seinem Ehrenwort«, höhnte der Doktor. »Nu, Herr Rapp, dies Ehrenwort ist doch sofort nur ein Flick Wischpapier, wenn Sie ... Der Klüjere jibt nach. Sie nehmen zurück, was ihn beleidigte ... Wer wird dann der Blamierte sein?« »Sie sind wohl nicht gesund im Kopf?« schrie Rapp. »Jetzt sag ich Ihnen was, damit Sie's wissen: hätt er nicht Sie zu mir geschickt, dann wär auf jeden Fall mein Zeuge bei ihm angetreten. War grad dabei, es mir zu überlegen, wem ich den Auftrag geben könnt; und hätt ich auf den Sturz einen gewußt, kann sein, Sie wären ihm schon unterwegs begegnet.« »Wie furchtbar! Hätt ich nie jedacht, daß Sie darin noch rabiater als mein Vetter sind!« »Lieber noch holt ich mir die ganze Blase ran!« Rapp zielte mit der Rechten, als säße ihm darin schon die Pistole. » Mich aber doch wohl nicht?« Und Henne machte Augen wie ein gescheuchtes Reh. Der Doktor grinste kannibalisch. «Weiß nicht: Ihr Gestell einmal so richtig scheppern hören – interessant wär's schon! Und sind der einzige nicht, der kneifen tät.« »Herr Rapp, sein Sie ein bißchen überlejen: Kneifen Sie doch auch! Ich fänd es mutijer!« »So schaun wir aus!« Der Doktor warf. sich in die Brust. »Nein, nein, wir stehn schon unsern Mann!« »Bis Sie auf einmal nicht mehr stehn! Goswin schießt ja so gut!« »Ich werd auch nicht grad mit Kartoffeln schießen!« »Fragt sich nur, ob Sie trotz dreimaligem Kugelwechsel, den er vorschlägt, überhaupt noch dazu kommen«, warnte Henne. »Denn als Beleidigter hat er den ersten Schuß.« »Tät ihm so passen!« lachte Rapp. »Auf solche Scherze laß ich mich nicht ein. Bei drei tut's schnackein – wer zuerst kommt, knallt zuerst.« »Sind Sie nu das, was man einen Kunstschützen nennt?« erkundigte sich Henne. »Nein, wir schaffen's schon auch ohne dem! Und warum fragen Sie? Befürchten Sie, ich pudle gleich so weit vorbei, daß ich – seinen Sekundanten treff?« »Ich mein: weil er bei uns zu Hause für so etwas jilt. Pistolenschießen ist das einzije, was er meisterhaft versteht. Er schießt auf fünfzehn Schritt aus einer Spielkarte das As heraus. Ich hab dem allerdings nicht beijewohnt, weil ich das Knallen nicht vertragen kann. Aber die durchgeschossenen Asse sah ich selbst.« »Das Knallen nicht vertragen? Und wollen bei 'ner Pistolenkiste sekundieren?« »Das werd ich wohl nicht!« wehrte Henne mit Entrüstung ab. »Kommt es im Ernst zu diesem Unfug, so kann sich Goswin einen andern suchen – Bachhuber vielleicht. Der ist am Ausgang des Duells ja sowieso interessiert.« »Bachhuber interessiert?« »Wejen der Wette.« »Wette?« »Goswin hat mit ihm jewettet auf fünfhundert Mark ...« »So ein Geschäft wünscht ich mir täglich!« spöttelte Rapp. »No, und die Wette?« »Ganz frivole Sache! Goswin schwor, daß er Sie in die rechte Kniescheibe trifft. Bachhuber zweifelte das an, und da ... Sollte der Blödsinn doch vonstatten jehn, dann jeb ich Ihnen einen Rat: nehmen Sie dieses Bein, wenn Goswin abschießen will, schnell aus dem Weg. Denn dauernd mit dem rechten Fuß zu hinken, ist beschwerlich – wie ich aus Erfahrung weiß!« »Wär bloß der Bachhuber satisfaktionsfähig!« wünschte sich Rapp. »Dem pelzt ich ja mit Wonne eins hinauf! No aber: Zeit lassen! Er kriegt sein Fett!« »Sie waren nun wohl beide recht besoffen«, sagte Henne tröstend. »Und wenn ich mit Goswin recht eindringlich sprech, kann sein, daß er vielleicht in weichere Teile schießt. Allerdings weiß man bei Kindern und bei Narren nie ...« Rapp sprang plötzlich auf: »Sie möchten mich, scheint mir, das Gruseln lehren? Leider zieht das nicht!« »Das Gruseln lehren? Nein, wieso? Ist das nicht völlig aussichtslos?« Henne erhob sich notgedrungen auch. »Was wollen S' außerdem mit diesen Räubersgeschichten, die Sie mir erzählen?« »Räuberjeschichten? Jedes Wort ist wahr!« »Ja, ich kenn Ihre schlitzohrige Art von Wahrheit! Jetzt aber Schluß! Das weitere besprechen Sie mit meinem Zeugen, gel?« »Da ich ja weiß, daß Sie noch keinen haben, hoff ich weiter.« Henne kniff sein größeres Auge zu. »Die Hoffnung täuscht. Ich hab mir's überlegt und nehm den Doktor Mosler zwei: mein Rechtsanwalt und nebenbei ein Korpsbruder von mir. Sie kriegen bis am Nachmittag um drei Uhr spätestens Bescheid. Sie wohnen in der Alten Post? Jawohl – und die Geschichte selber – sechs Uhr morgen in der Früh. Sagten Sie: Enterrottach? Bleiben wir dabei! Von dort die erste Schneise links vom Weg in die Valepp – da sind wir um die Zeit ganz ungestört.« »Mein Gott, jetzt nimmt der helle Wahnsinn schon bestimmte Formen an!« wehklagte Henne und fügte zaghaft verschmitzt hinzu: »Und wenn ich doch ein Frühstück in der Waldrast vorbereiten laß?« »Bereiten Sie gescheiter etwas andres vor!« polterte Rapp. »Ach, meinen Sie, man sollte zur Sicherheit gleich einen Leichenwagen ...?« fragte Henne unschuldig. »Ich fürchte nur, daß das auffallen könnte.« »Herr Henne, geben Sie sich keine Müh! Und wenn Sie mit all diesem Schmarrn zum Frieden reden wollten, haben Sie das Gegenteil erreicht. Angst machen laß ich mir nicht!« »Weil das gar nicht mehr nötig ist«, erwiderte der Balte fast elegisch. »Was sagen Sie? Ich? Angst?« Mit drohender Gebärde trat Rapp auf Henne zu. »Ich jeh schon!« wehrte der erschrocken ab und rettete sich auf den Gang hinaus. »Mein Zeuge kommt bestimmt vor eins!« schrie Rapp und schlug die Tür zu. »Wenn ich noch länger bleib, erscheint der Zeuje jestern abend schon«, sprach Henne im Hinuntergehn zu sich. »Verfahrne Sache! Ach ja! Was nun? Es muß doch was jeschehn!« Dann plötzlich ging ein Lächeln über sein Gesicht, er stellte bei sich fest: »Aber ein unbehagliches Jefühl im rechten Knie hat er jetzt doch!« Als er auf die Terrasse kam, sah er Lydia Arbusow und Gwendolin Conradi lebhaft auf Centa einreden und wußte gleich, wovon die Rede war. Bei seinem Anblick stürzten sie ihm neugierig entgegen. »So feierlich?« rief Gwendolin. »Was ist denn nun?« »Soll's wirklich ernst mit diesem Unsinn werden?« forschte Lydia. »Nu, langsam über die Brücke!« mahnte Henne. »Sind wir glücklich schon Stadtjespräch? – Wenn es die Damen so interessiert, dann kann man ihnen eventuell eine Tribüne für das Kampfspiel aufbaun. Operngucker haben Sie wohl mit?« Da trat Centa heran. »Jetzt will ich endlich wissen, was ernstlich hinter diesem Unsinn steckt! Und Sie, Herr Henne, tun da mit? Hätt ich von Ihnen ganz zuletzt gedacht!« »Liebes Fräulein Hollerieth, ich darf nichts sagen. So viel sag ich aber doch: ich jeh sofort zu Onkel Woldemar. Res venit ad triarios . Schon bei Homer war doch der weise Nestor der Mann, der den Achilleus und, wie hieß der andere noch, davon abbrachte, jejenseitig Flickerklops aus sich zu machen.« »Nein, erst erzählen Sie! Will Rapp denn auch ...?« erkundigte sich Lydia neugierig. »Verehrte Damen, heute nachmittag bin ich erbötig, Ihnen vorzulüjen, was Ihr Herz bejehrt. Nur eben muß ich jehn! Empfehle mich!« Er schwang den Hut im Halbkreis gegen die drei und hinkte schnell bergab. »Ja, reden S' gleich mit Brokkenhuus!» rief Centa ihm noch nach. »Bei dem weiß man auch nie, wo man ihn hat«, bemerkte Lydia. »Ach, wenn er beteiligt ist, wird's ja nicht gleich um Kopf und Kragen gehen!« meinte Gwendolin. Centa hob den Kopf. »War lieb von euch, daß ihr gekommen seids. Aber bemüht euch weiter nicht! Jetzt kenn ich mich aus und ... hab was andres zu tun.« »So? Dann können wir wohl wieder gehn!« antwortete die Russin spitz. »Jawohl. Also, behüt Gott!« Centa nickte den beiden herablassend zu und stieg die Freitreppe hinauf. Ihr war es, als sei eine Feder in ihr gespannt und treibe sie nun an. Es drehte sich nicht mehr darum, sich aus dieser Komödie von gestern halbwegs anständig herauszuwinden; und wer länger bocken könnte, darauf pfiff sie, mit Respekt gesagt. Jetzt wurde einmal deutsch geredet mit dem Ferdinand! »Großartig!« empörte sich Gwendolin. »Da kommt man und will nur das Beste; aber nein! Heut nacht hat er uns vor die Tür gesetzt, und nun macht sie's uns so!« »Ich finde, Künstler sollten überhaupt mit solchen Leuten nicht verkehren«, stimmte Lydia ein, »weil's einfach unter ihrer Würde ist. Abkaufen wird er uns ja doch nichts mehr. Wott, und wozu dann noch! Statt daß die Spießer froh sind! Ich kann ja nur lachen! Komm!« Klack, spannte sie den Sonnenschirm auf, klack, tat es ihr die andre nach; mit heftigem Jupongeraschel verließen sie den ungastlich gewordnen Ort.   In seinem Arbeitszimmer fand Centa den Doktor nicht. Sie wendete sich zur Balkontür – richtig, draußen stand er, die Hände auf die Brüstung gestützt, und starrte in die Luft hinaus, als ob droben über dem Wallberggipfel etwas Besondres zu erspähen wäre. »No, wie haben wir's?« begann sie spöttisch. »Du?« Er fuhr herum. »Und womit kann ich dienen?» »Möcht wissen, was der Henne von dir wollen hat.« »Das wird wohl meine Sach sein! Oder hat er geratscht bei dir? Es säh ihm gleich!« »Braucht's noch viel ratschen, wo ganz Tegernsee schon seine Gaudi daran hat! Mensch, glaubst du denn, die Rasselbande trägt das nicht herum! Zwei von die Weiber hab ich grad erst nausgefeuert – das vergessen die mir nicht! – Aber tu du nur recht geheimnisvoll!« »Also«, wetterte er los, «dann merkst am End allmählich, was du angerichtest hast?« »A geh, die Spielerei!« »Bloß: aus dem Spiel wird manchmal Ernst!« entgegnete er in einem an ihm ungewohnten Ton gefaßter Männlichkeit. »Heißt das ...?« Sie stockte, brach dann aber los: »Und ausgerechnet du hast es im Ernst vor, dich zu schießen mit dem Blödian, der mir gestohlen bleiben darf?« »Kenn mich schon aus, weshalb du auf einmal so tust!« Er musterte sie mißtrauisch. »Du meinst, ich schieß auf das hin in die Luft, daß deinem Schwarm bloß nichts geschieht? – Jawohl, ich werd mich freundlichst über den Haufen knallen lassen von dem Kerl!« rief er, sichtlich gekränkt durch diese Zumutung. »Bumm bautsch, schon liegt er da!« rief sie erheitert. »No, erstens seh ich dies Duell noch nicht; und wenn – so furchtbar blutig wird es kaum. Dem Sekundanten nach zu schließen, schau ich's nicht so tragisch an.« »Du, das kann täuschen!« sagte er bedeutungsvoll und ließ sie hören, was ihm Henne von Goswins Schießgewandtheit, seinem Ehrenwort und seiner Wette mit dem Musiker berichtet hatte. Centa hörte ihm lächelnd zu und warf dann hin: »Der Henne! Schau, da hast die Quittung für dein ewiges Gefrozzel mit seiner Ängstlichkeit. Hat ihn ja kitzeln müssen, einem auf den Zahn zu fühlen, der so was wie Furcht gar nicht begreift.« »Der Zahn war aber recht gesund!« Rapp warf sich in die Brust. »Er fürchtet sich vor dem Duell – nicht ich! Und wird es schon erleben, daß mich der neunzinkige Depp nicht schreckt, und soll er schießen wie der Buffalo Bill!« »No und: bloß, daß der Henne deinen Mut bewundert, willst dich als Zielscheib aufbaun für so einen, der grad die Ass' aus die Spielkarten fetzt?« »Fangst jetzt du auch mit den Geschichten an? Beruhige dich: dem Zahn fehlt wirklich nichts! – Der Henne – pö! Aber ganz Tegernsee ist außerdem noch da!« »Immer die Kirch beim Dorfe lassen, Ferdl; gel? Das sagt man halt so hin und – übertreibt. Was sich schon Tegernsee drum scheren wird! Und die Rasselbande kann sich von uns aus denken, was sie mag! Denn ein zerschossenes Knie sind ja die Köpf von dem Geschwerl mitsammen gar nicht wert!« Er stampfte heftig auf. »Laß jetzt den Schmarrn und scher dich nicht um Männersachen, die du nicht verstehst! Und soll es gehn, wie's will – ich mach mich nicht lächerlich vor alle Leut!« »Ja, das ist dir die Hauptsach!« klang es erbost zurück. »Du mußt dich duellieren, und ob folgedessen ich wie solch ein Mistviech von Theaterprimadonna oder Zirkushupferl dasteh, um das sich die spinnet gewordenen Verehrer Löcher in den Bauch oder von mir aus in die Haxen schießen, das ist dir egal!« »Und grad durch das Duell wasch ich dich davon rein!« verkündete er stolz. »Mit deinem Blute?« fragte sie in einem Hochdeutsch, das die Zweckmäßigkeit solch einer Säuberung spöttisch anzweifelte. »Ja, liebe Centa, wenn du das nicht wolltest ...« »Nein, ich will's und will's und will's nun einmal nicht, daß wegen einem dummen Witz von mir ein Menschenleben in Gefahr kommt. Gewiß weiß man das bei so Sachen nie!« Er zuckte mit den Achseln. »Hättest du dir früher sagen sollen! Wars vielleicht ich, der diese Komödi angezettelt hat!« Sie drehte ihm den Rücken zu und überlegte. In einem plötzlichen Entschluß fuhr sie herum und sah ihm gerade ins Gesicht. »Gut, spielen wir mit offne Karten, Ferdl! Ja, ich geb dir's zu, daß das saublöd von mir gewesen ist, und daß man draus zur Not selbst einen Grund für dies Duell herleiten könnt. Den Grund nehm ich dir aber weg, und ich verlang, daß du mir glaubst: ist mir dabei doch gar nicht um den Stiesel da mit seinem Schaukelpferdprofil gegangen, sondern ausschließlich bloß um dich! Hochtreiben wollen hab ich dich, jawohl, und weiter nix!« »Und – ich hab's doch gewußt!« rief er in einem völlig neuen Ton und fügte, als sie ihn spöttisch musterte, hinzu: »Frag bloß den Brokkenhuus, der kann's bezeugen!« »Was hat der damit zu tun?« »Ich hab es ihm heut nacht sofort gesagt, es könnt auch so was sein.« Sie schlug sich plötzlich mit der Faust in ihre offne andre Hand. »Da hab ich ja den besten Zeugen, wenn du's mir nicht glaubst! Frag du den Brokkenhuus! Er hat's am Dienstag schon gewußt, zu was ich die zwei Meter gräflichen Idiot verwenden wollt.« »Das ist ja ein Komplott!« »Woher doch! Abgeredet hat er mir wie einem lahmen Gaul. Hätt ich ihm bloß gefolgt!« »Brauchts keinen Zeugen weiter – ich glaub dir auch so!« erklärte Rapp großzügig. Und man hörte ordentlich, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel. »Nein«, widersprach sie ihm, »geh nur zum Brokkenhuus – der Henne ist schon hin – und red auch gleich wegen dem damischen Duell! Weißt, dafür kenn ich ihn, daß er auf das hin seinem Herrn Neveu ein Machtwort sagt, das sich gewaschen hat.« »Hat keinen Zweck mehr! Machtwort reimt sich schlecht auf Ehrenwort.« »Ah, ihr mit eurem wepsigen Ehrenwort!« » Er hat es doch gegeben und hat mich gefordert. Cenzerl, hättst diesen Unsinn unterwegs gelassen. Mich hochtreiben! Wenn ich bloß wüßt, warum?« »Das könntst leicht raten! Bist du denn nicht schon die ganze Zeit verdächtig abgekühlt gewesen und gar nimmer eifersüchtig? Wenn ich an früher denk!« »O Weiber! So also! Eine – no, wie sagt man? – Liebesprob hätt das vorstellen sollen? – Sag ehrlich, Cenzerl, tat das not? Gibt's nicht genug Beweise ohne dem?« »Ja, ich versteh!« erwiderte sie spitz. «Ein Mädel rumkriegen – schon eine Leistung, die sich sehen lassen darf! Ich könnt mir Sachen vorstellen, die mir um einiges mehr bewiesen hätten! Du vielleicht nicht?« »Oha! Jetzt wird es Tag! Zum Heiraten hättst du mich triezen mögen durch das Gespeanzl mit dem Kerl! Das war dann allerdings der richtige Weg!« Als er ihr dies so auf den Kopf zusagte, schämte sie sich plötzlich dessen, was die letzten Wochen her ihre Gedanken ausgefüllt und sie zu mancher Dummheit angetrieben hatte! Stand ihr dies Spekulieren an? Und dann noch elend ausrutschen dabei, und gar dem Brokkenhuus davon erzählen, an dessen guter Meinung ihr doch so viel lag. Sie kriegte eine ehrliche Wut gegen sich selbst und – ließ sie folgerichtig an Rapp aus: »Jawohl! Ich geb es zu! Ob gern, ob ungern, ist ja einerlei. Weiß selber nicht, weshalb ich das getan hab. So ein Wundertier bist schließlich nicht, daß man sich reißen müßt darum! Brauchst mich nicht heiraten und kannst beruhigt sein: ich red zukünftig keinen Ton nimmer von dem!« Er hörte, praktisch, wie er war, von ihrer Rede nur, was ihm gefiel, und stimmte zu: »Das ist gescheit! Dann bleibt's beim alten mit uns zwei; gel, Cenzerl?» Und er griff nach ihrem Arm. Sie riß sich zornig los. »Geh! Finger weg! Mag nicht – daß du's weißt!« »Cenzerl, sei doch nicht so! Und kann sich ganz von selber richten, daß es später einmal doch ...« »Weiß schon: wenn deine alte Dame nimmer unsern Stern bevölkert – so hat's doch geheißen; oder nicht? Natürlich: ich wart gern auch bis an meinen eignen Tod!« »Hast du nicht grad gesagt, daß es dir nicht pressiert?« »Das hab ich nicht gesagt. Ich hab gesagt: ich pfeif dir drauf!« »No, wenn ich aber einmal ansprech, gibst du mir schon keinen Korb!« »Tät es mir zehnmal überlegen, glaub mir!« »Ja, überlegen ist was Gutes, Cenzerl. Hättst du's gestern abend nur getan! Und alles, was dich heut so fuchst, das überleg und – überschlaf es dir! Denn über Nacht kommt guter Rat und zieht sich jeder Schmerz zurecht.« »Ja, das ist deine Art«, warf sie verächtlich hin. »Du bleibst dir treu, du ... du geborner und gebliebner – Privatier!« »Auf einmal?« sagte nun auch er gereizt. »Hat dir doch sonst nicht so vor meinem Geld gegraust!« Wild fuhr sie auf. »Aber vor dem, was dieser Haufen Geld aus dir gemacht hat, graust mir's bald! Du bist ein Feiner, ja! Halbseidne Kavalierskrämpf von Duell und Ehrenwort – jawohl! Mir aber kommt er so!« Sie brach in Schluchzen aus. »Geh, Cenzerl, doch nicht weinen! War nicht bös gemeint!« entschuldigte er sich. »Ach, mein du, was du willst! Ich heul ja bloß aus Wut!« Centa mißhandelte ihre Augen mit dem Taschentuch, aber es half ihr nichts – das Wasser rann. Und Weibertränen haben ihre Kraft. Zum erstenmal, solange er nun Centa kannte, sah Rapp sie weinen, und das plagte ihn doch sehr – ganz abgesehen davon, daß er schon aus Bequemlichkeit immer für Frieden war. Natürlich hatte sie ihm diese ganze Suppe eingebrockt; lag aber, wenn man es bei Licht besah, in dem kindlich-diplomatischen Versuch, seinen Gefühlen wieder einmal Dampf zu machen – lag darin nicht auch etwas Rührendes? Und trug, wenn man nach Centas tieferen Gründen forschte, nicht von früher her er selbst sein Teilchen Schuld? Die Weiber haben es halt irgendwie mit der Romantik und mögen einen hie und da ein bißchen festlicher daherspazieren sehn als alleweil nur in der Joppe scherzhafter Rauhbauzigkeit, die für ein gesundes Mannsbild zum häuslichen Behagen unentbehrlich ist. So dachte Rapp, und unter diesem härenen Vließ rührte sich auf einmal die ihm vom Vater überkommene Weichmütigkeit, und seine Neigung, nichts im Leben schwerzunehmen, schob unwillkürlich nach. Er hob den Kopf, ein Lächeln ging in seinen Augen auf, und ein ihn selber überraschender Entschluß stieg ihm beglückend warm zu Kopf. »Du Cenzerl«, tastete er sich, zunächst noch schüchtern, vor, »bist mir denn echt und ernsthaft bös?« »Jawohl!« fauchte sie hinter dem Taschentuch heraus. »Ich dir aber kein bißl mehr!« »Grad gnädig!« Und ein neues Schluchzen schüttelte sie. »Cenzerl, schau, dein Wunsch, daß ich vor diesem Stiesel kneifen soll, laßt sich halt nicht erfüllen, mußt du doch verstehn! – Aber wie wär's, wenn dies Duell, das dir gar so zuwider ist, für dich doch etwas – Gutes nach sich zög?« »Wüßt nicht, wieso?« »No, aber das wirst wissen, das man vor so Affären – bloß wegen der Ordnung, nicht? – sein Testament macht und, no ja, sein Haus bestellt ...« »So, Testament?« lachte sie auf. »Und überhaupt – ich möcht gar nix von deinem dreckigen Geld!« Sie wischte sich erbost die Tränen ab und barg das Taschentuch im Halsausschnitt. »Und ebenso«, fuhr er, noch immer leicht befangen, fort, »gehört es sich, daß man – sonst alles klar und sauber werden laßt. Das will in diesem Fall besagen, daß ...« Er zauderte, erklärte dann aber flott: »Gesetzt den Fall, ich ging gesund und mit geraden Gliedern draus hervor – denn einen Krumpen wirst ja so nicht mögen –, wenn ich dir nun versprech, daß wir dann heiraten?« »Ha?« fragte sie erstaunt. »Gel?« nickte er. »Da schaust? Für den Fall hast mein Wort! No, und das gilt! Sieht sich nun die Geschicht nicht schon ein bißl anders an?« Sie musterte ihn stumm vom Kopf bis zu den Füßen. Er war starr. Was hieß denn das? Nicht der erhoffte Strahl der Freude brach aus ihren Augen – der Spott in ihnen wurde vielmehr zu offenem Hohn. »Das hat grad noch gefehlt, mein Lieber!« Ihre Stimme zitterte vor Zorn. »Sag nix – ich seh dich durch und durch! Was ich auf die Art kriegen soll, bloß von der Angst erpreßt – das anzunehmen bin ich mir zu gut! Ich laß mich nicht so als geweichte Kerzen vor den Altar stecken von einem, der aus Todesnot errettet ist. Verlob du dich in deinen Ängsten nach Altötting oder Andechs – aber nicht mit mir!« »No aber, Cenzerl, geh!« stammelte er. »Daß du das so auslegen magst! Was ich dir da geboten hab – es ließ sich, mein ich, spüren –, kam aus dem Gefühl!« »Gefühl? Fragt sich nur, was für eins! Muß ich bald an die hartgesottnen Sünder denken, die, wenn's aufs Letzte geht, den Pfarrer rufen. Ich hab schon längst mehr wie ein Haar in dir gefunden, dich aber wenigstens noch immer für ein Mannsbild angeschaut. Auch das ist nix wie äußerlich! Die Angst von dir möcht ich ja sehn, wenn du vor dem seinem Schießeisen stehst!« »Das geht na doch zu weit!« schrie er. »So wenn es wär, brauchet ich doch bloß deinen Rat befolgen!« »Wenn deine Angst vor dem Geschwätz der Leut nicht noch um ein Trumm größer war!« sagte sie kühl. »Lassen wir's gehn und red nicht erst noch lang! Weiß schon, daß du dich anders siehst! Gehört auch dazu Schneid, sich selber richtig sehn!« »Und hast mich nicht du auch – anders gesehn?« mahnte er sie gekränkt. »Ja, und ich hoff zu meiner Ehr, daß du da sogar anders warst ! Wird halt das faule Leben sein, wie du es führst ... Und das verfluchte Geld ... Will's auch nicht ableugnen: ich selber hab's wohl dir – und vielleicht mir – gar zu bequem gemacht ... Und alleweil, wenn man den einen Brokkenhuus nicht rechnen will, nix wie Geschwerl als einzigen Verkehr!« »Das könnt man sich doch leicht vom Halse schaffen!« schlug er vor, die neue Wendung des Gesprächs begrüßend. »Hab die Gesellschaft selber dick; und kann schon stimmen: wo ein Geld ist, sammeln sich die Lumpen.« »Darfst sie von mir aus künftig bei dir wohnen lassen«, warf sie gleichgültig ein. »Was frag ich schon danach! Geh du zu dem Duell; ich weiß, wohin ich geh, denn ich mag meine Ruh!« »Schau, Madel, sei doch bloß gescheit! Siehst es denn nicht, wie raffiniert du mich – natürlich unbewußt – in eine Zwickmühl setzt? Wenn ich auf das hin nun – ich wüßt zwar gar nicht, wie – mich dem Duell entziehen wollt, gäb ich dadurch ja deiner ... irrigen Meinung recht, daß ich mich davor fürchten tät.« »Wieder schon eine Angst? – Na, tröst dich: mit der Zwickmühl wird sich's bald gehoben haben! Denn mein Feld wird frei!« »Ja, Kruziteufel?« rief er starr. »Das kann doch nicht dein Ernst sein! – No ja, in der Hitz ... Wenn du ein bißl nachdenken wolltst ...« »Brauch nix mehr denken!« »Und du wirst es – trotzdem tun!« erwiderte er zuversichtlich. »Schau, wir reden jetzt doch bloß im Kreis herum. Und ich muß überhaupt ...« Er schaute auf die Uhr. »Gleich zwölf! Na wird es höchste Zeit, daß ich verduft! – Du, essen wir heut lieber später – so um zwei, halb drei! Da man grad erst gefrühstückt hat ... Laßt sich wohl richten?« »Ja, von mir aus«, murmelte sie wie abwesend und fügte lebhafter hinzu: »Gehst nun zum Brokkenhuus?« »Im Gegenteil: ich will mich geschwind um einen Sekundanten schaun.« »Dann viel Vergnügen fürs Duell!« »Cenzerl, und mittlerweil machen's wir zwei ein jedes ruhig mit sich selber aus! Und paß nur auf, wenn wir uns wiedersehn ...!« »Jawohl!« Ein Seufzer mischte sich in ihrem Ton mit Spott. »Also, behüt Gott derweil!« Er winkte ihr und ging. »Behüt Gott!« Sie hatte das Gefühl, als setze das Einschnappen der Schloßzunge hinter dies Stück Leben einen Punkt. In einem inneren Zwiespalt ging Rapp durch den sonnigen Tag. Anfangs wog bei ihm der Ärger wegen der Schnödigkeiten vor, die er hatte herunterschlucken müssen, ohne daß ihm gleich die richtige Antwort eingefallen war. Allmählich aber siegte dann doch die Erkenntnis, daß er Centa plötzlich in überraschend neuem Lichte sah. Er hatte sie bis auf diesen Tag nur gern gehabt wie eines von den kleinen Mädeln, die der liebe Gott zum Gernhaben für Junggesellen in seinem Erdengarten wachsen läßt. Und plötzlich zeigte sie ihm hinter dem hübschen auch ein eigenes Gesicht und stand vor ihm als eine, die jeder richtige Mann heiraten durfte, ohne sich ausgeschmiert zu fühlen. Nein, was die zu bestellen hatte – hol's der Fuchs, sie imponierte ihm auf ihre Art! Ob allerdings er selber sich dabei genügend imposant benommen hatte? – »Dumme Frage!« fuhr er sich an und ließ die alte Leichtherzigkeit von neuem Oberwasser kriegen. »Und überhaupt darf man das nicht so tragisch nehmen! Wenn sie sich's erst in Ruhe klar macht, spannt sie schon, was ich ihr da geboten hab! Es ist ihr zu sehr auf einmal gekommen, und sie hat ihr Glück noch gar nicht recht erfaßt.« Er schritt munterer aus und stellte fest: er war im Grunde doch ein netter Kerl! – Es schien, als könnte Centa über ein paar hundert Meter weg Gedanken lesen – eben in diesem Augenblick sprach sie zu sich: »Ja, der Brokkenhuus sagt alleweil, daß der Instinkt die Hauptsach wär auf dieser Welt. Und da geb ich ihm recht: wo der fehlt, fehlt es weit. Der Ferdinand hat nicht die Spur davon und hat auch keinen Takt, statt dessen aber Geld zuviel! – Hab freilich selber auch wenig genug Instinkt bewiesen, wie ich damals auf ihn geflogen bin ... Ach was! Geschehn ist halt geschehn! Hauptsache, daß ich jetzt weiß, was ich will!« Sie ging entschlossenen Schrittes an die Tür und klingelte. Zwei Unbesiegte Rapps rosige Laune hielt nicht stand. Als er die Angelegenheit mit Centa innerlich so flott erledigt hatte, drängte sich der verflixte Ehrenhandel wieder vor. Weil nun sein alter Leibfuchs, Rechtsanwalt Doktor Mosler zwei, drunten in Egern in der Sommerfrische weilte, führte ihn sein Weg am Sixenhof vorbei. Er hemmte ganz von selbst den Schritt, als er so weit gekommen war, und überlegte, ob er nicht trotzdem zu Brokkenhuus hineinsehn solle. Blöd war es schon, sich so um nichts und wieder nichts mit dem Kamel zu schießen. Jetzt, da die Eifersucht einmal verraucht war, hatte für ihn die Sache kaum noch einen richtigen Sinn. Der andre aber sollte selber schaun, wie er mit seinem besoffnen Ehrenworte fertig wurde! Und wenn einer, war Brokkenhuus der Mann dazu, seinen Neveu aus diesem seelischen Konflikt herauszuwurzeln. Centa, die sicherlich nicht wollte, daß er sich als Angsthas zeigte, sah das ganz im richtigen Licht. – Indessen, wenn er nun gleich lief und folgsam tat, was sie verlangte – stellte er sich da nicht gar zu sehr als Lapp und ... als Pantoffelheld auf Vorschuß hin? Und dann: sich denken, daß da drinnen bestimmt der Henne saß! Wie der wohl auf dem Stockzahn lachen tat! – Nein, besser schon zum Mosler gehn! Das brauchte ja noch nicht zu heißen, daß er sich deshalb gleich schoß! Der Mosler kannte sich in diesen Dingen aus und wußte zweifellos den besten Rat. » Avanti !« sagte Rapp und setzte sich wieder in Marsch. Aber so federnd wie vor kurzem noch war jetzt sein Gang nicht mehr. Denn wußte man es auch gewiß, ob so ein Rat, der gut war, einem deshalb auch gefiel? Im Scherrerhof zu Egern traf der Doktor aber nur Frau Mosler an, die ihm erzählte, daß ihr Eduard zu Klettertouren in den Dolomiten sei und heute nach seinem Programm mutmaßlich die Fünffingerspitze »mache«. Seiner Heimkehr sah sie in acht Tagen frühestens entgegen, wenn, unberufen, alles gut abging. »Auch einer, der sich ohne Not in die Gefahr begibt!« schoß es Rapp durch den Kopf, und er empfahl sich unter dem Ausdruck lebhaften Bedauerns, daß er den Freund nicht hatte sprechen können. Unter gelinden Zweifeln, ob sich in dies Bedauern nicht auch eine Spur Erleichterung mische, ging er den Weg, den er gekommen war, zurück und hetzte sich dabei nicht ab – was sich ihm auch nicht gut zumuten ließ; denn es war fürchterlich heiß. – Als Sekundanten mußte er nun notfalls den Müller Alois verwenden, der frohbewegt bereit sein und die schönste Hetz darin erblicken würde. Wie er sich sonst dazu anstellen mochte, schien freilich zweifelhaft. Natürlich konnte man ihn instruieren, oh, das schon; das Pech war nur, daß man sich selber nicht recht taktfest im Komment von so Pistolenkisten fühlte. Und bei der Vorstellung, man müßte sich wegen Tappigkeit in diesen Sachen von dem selbstverständlich ausgekochten Duellanten aus dem Baltenland belächeln lassen – nein, da freute einen bald »die ganze Leich« nicht mehr! Ein Zufall wollte, daß er grade wieder vor dem Eingang zum Sixenhof genötigt war, ein Weilchen haltzumachen, um sich den Schweiß von Nase, Stirn und Hals zu wischen, und sogar von den Brillengläsern, die beim Lüften des Hutes ein paar fettige Tropfen abbekommen hatten. Das brauchte seine Zeit, und die benutzten allerhand Erwägungen, die Rapp vorhin am gleichen Platz von sich gewiesen hatte, dazu, sich wieder seiner zu bemächtigen. – Als er so eine Weile mit dem blöden Blick des Kurzsichtigen in die Luft gesehen hatte, schob er die Brille wieder vor die Augen – richtig klar war sie noch immer nicht – und hatschte matt dem eignen Gartentore zu. Da hörte er trotz ihrer Schwere flinke Schritte hinter seinem Rücken und bezog sie gleich auf sich. Richtig, es war der gräfliche Bediente Sepp. Schon riß der Bursch sich militärisch stramm vor ihm zusammen: »Hab die Ehr, Herr Dokta! Gut, daß ich Herrn Dokta triff! Schöne Empfehlung vom Herrn Graf! Herr Graf ließ den Herrn Dokta bitten, Herr Dokta möcht so gut sein und geschwind einmal hereinschaun.« »Ja, ich komm«, antwortete der Doktor und fügte gleich heuchlerisch hinzu: »Ist doch nicht was passiert?« »Da wüßt ich nix, Herr Dokta«, meldete der Diener. »Werden's gleich erfahren«, ließ Rapp halblaut fallen. Aber oh, wie zügig er jetzt trotz der Hitze ausschritt! Plötzlich schaute sich die Sache völlig anders an: er ging ja nicht aus freien Stücken, nein, man hatte ihn geholt. Da mußte auch Centa verstehn, daß sie nicht bloß anschaffen durfte, und schon hupfte er! – Knapp vor der Haustür drehte er sich noch einmal nach dem Diener um und wollte wissen, ob auch Herr Henne drinnen sei. »Jetzt nimmer«, sagte Sepp. »Grad erst, kaum fünf Minuten kann es sein, ist der Herr Henne mit dem jungen Herrn Grafen fort.« »So, so?« murmelte Rapp gleichgültig und konnte sich's doch nicht verhehlen, daß er dies nicht ungern hörte. Schon hatte Brokkenhuus sich also den Neveu gekauft. Wie gut, daß er beim erstenmal nicht der Versuchung nachgegeben hatte, hineinzugehn! Er wäre heilig auf den Kerl geplatzt. – Hatte er nun nicht recht behalten mit dem, was er doch immer sagte: Überstürzung tut nicht gut, nur keine jüdische Hast, abwarten heißt's, und Kuchen essen, und wer langsam fährt, kommt auch zum Ziel! – Kurzum, ein Rapp, der äußerst mannhaft wirkte, betrat die Wohnstube des Grafen Brokkenhuus. »Schon da?« rief der ihm zu, »das ist ja rasch jejangen.« »Nein, ich kam grad vorbei«, erklärte der Ankömmling kurzatmig, »und da hat mich der Sepp ... Du hast nach mir geschickt? Vor allem aber: Grüß dich Gott!« »Grüß Gott, mein lieber Rapp! Ich steh nicht erst auf. Nimm Platz!« Und als der Doktor saß, verlor der Graf nicht weiter Zeit mit Einleitungen, sondern sagte kopfschüttelnd: »Kinder, was macht ihr für appeldwatsche Sachen!« »Ach, dann war dein Neffe Henne wohl bei dir?« »Ja. Und wie er mir von diesem Unsinn da erzählte, zitierte ich auch Goswin schnell herbei.« »Ach was?« Der Doktor tat überrascht. »Hör, Rapp, wie kann man nur!« »Hab ich denn ihn gefordert?« fragte Rapp. »Daß ich im Anfang dran gedacht hab, geb ich zu. Aber da hatte ich auch einen Grund. Jetzt, wo die Centa mir gesagt hat, wie das alles lief ...« »Ach, hat sie dir jebeichtet? Dann ist's gut! – Damit wird dies Duell nun aber ganz zur Farce, und ich duld es einfach nicht. Das hab ich Goswin ersten auch erklärt.« Dies fand der Doktor sehr gescheit, aber er fragte kühl: »Ja, und? Zieht er die Forderung zurück? Wenn nicht – dann bitte! Ich hab keine Angst!« »Jeh, Rapp, das hat bestimmt noch nie ein Mensch von dir jeglaubt. Und grade, weil du über jede falsche Auslejung erhaben bist, muß es dir um so leichter sein, hier das Vernünftije zu tun.« »Mir schien es praktischer, wenn du erst einmal deinem Neffen den Kopf zurechtsetztest!« »Ja, schön, wenn jejen Dummheit nicht die Jötter selbst verjebens kämpften, und wenn dies Ehrenwort nicht wär!« »Hab ich's ihm angeschafft, daß er im Suff mit Ehrenwörtern umeinanderschmeißt?« »Es ist nu mal jeschehn; und um das überlejen und humorvoll zu betrachten, fehlt ihm das Nötigste.« Der Graf tippte sich an die Stirn. »Da muß der Klüjere beweisen, daß er klüjer ist.« »Danke fürs Kompliment! Und was meinst du nun, was ich jetzt soll?« »Nichts, als ihm's möglich machen, in der Jeschichte halbwegs das Jesicht zu wahren. Tu's mir zulieb! Und mag er zwanzigmal erwachsen sein – wo er jetzt bei mir ist, fühl ich mich seiner Mutter jejenüber doch irgendwie verantwortlich für ihn.« »Kommst du mir auch so wie der Henne?« murrte Rapp. »Soll ich ihn um Entschuldigung bitten, weil er sich schlecht benommen hat? Damit er jedem sagt, ich hätt gekniffen! Ging mir ab!« »Rapp, bis heut abend hält er schon den Mund, dafür verbürg ich mich. Und morjen früh reist er ja ab.« »So, morgen reist er?« »Ja, ich fand es besser. Denn ist er nicht mehr da, so ist er fort. Und kuck – ihr seht euch nie im Leben wieder, von Kurland bis nach Tegernsee ist so ein weiter Weg ...« »Schon; und wär auch alles recht!« räumte der Doktor ein, schlug aber plötzlich auf den Tisch und rief: »Und doch ist mir nicht zuzumuten ...!« »Es soll dir gar nichts zujemutet werden, lieber Freund! Goswin weiß jenau – dafür hab ich jesorgt –,daß, wie die Dinge liejen, höchstens ein Austausch von Erklärungen anwendbar ist, und er will nichts von dir als die Bestätijung, daß dein von ihm falsch aufjefaßtes Wort: ›Ich pfeif auf Abstammung und Adel‹ nichts als ein Zitat war, und daß du damit weder ihm persönlich, noch seinem Stand als Edelmann zu nahe treten wolltest. Nu, hast du das vielleicht jewollt? Natürlich nicht! Die Wahrheit kann man unterschreiben, ohne daß es einen degradiert. Manny und ich als alterfahrene Goswin-Psychologen haben dies Schriftstück, schon bevor er herkam, mit viel List so aufjesetzt, daß nur er selbst blamiert ist, wenn er's einem zeigt – nicht du!« Der Graf nahm einen Briefbogen vom Tisch und gab ihn Rapp. »Dajejen erklärt er sich bereit, dir schriftlich zu versichern, daß ihm bei seinem jestrigen Besuch in deinem Haus jegliche unkorrekte Absicht fernjelegen hat, und daß er es bedauert, wenn sich sein Verhalten anders deuten ließ. Ich denk doch, das jenügt! Die Dokumente werden Zug um Zug jetauscht, mit Manny als Treuhänder sozusagen. Und Goswin kriegt das deinije erst, wenn er seins abjejeben hat.« Der Doktor hatte mittlerweile das Konzept gelesen und antwortete nun: »Ja, Brokkenhuus, das ist nicht ungeschickt gemacht und wär soweit schon recht, ich mein aber doch ... – Du, und was ist das da unten dran, was gar so dick durchstrichen ist?« »Ach, weiter nichts«, schmunzelte Brokkenhuus. «Eine echt Mannysche Idee! Er hatte sich jedacht, noch einen Zusatz anzufüjen, etwa so: Ferner erkläre ich, daß meine mit den Worten: ›Sie mich auch!‹ umschriebene Aufforderung an Graf Goswin Brokkenhuus nicht buchstäblich, sondern symbolisch aufzufassen war. – Aber das strich ich dann doch lieber aus.« »Warum?« rief Rapp. »Wenn ich das aufnehmen darf, soll er den Schrieb bekommen! Macht mir sogar Spaß.« »Nu Gott sei Dank! Dann schreib's nur gleich ins reine! In dem Karton da ist Papier. Feder und Tinte stehen auch bereit.« »Brauchts nicht – hab eine Füllfeder dabei.« Der Doktor nahm sich einen Bogen und fing ohne Zaudern mit der Abschrift an. Der Graf klemmte verstohlen seinen Kneifer vor die Augen und schielte aufmerksam hinüber. Plötzlich sagte er: »Genug! Nein, dies Bonmot von Manny laß doch besser fort! Man soll das Negative bei dem guten Goswin auch nicht überschätzen. So merksch ist schließlich sogar er!« »Meinst du? Wie schad! Hab überhaupt gar nicht gewußt, daß diese Redensart droben bei euch auch üblich ist.« »O Rapp! Hast du sie für ein bayrisches Reservatrecht anjesehn? Ich glaub, sie ist – mit Variationen – international, und stell mir deshalb vor, daß sie im Paradiese schon jebräuchlich war. Zum ersten Male könnte das wohl Adam als Freudenschrei von sich jejeben haben, als plötzlich eine seiner Rippen in Jestalt der Eva vor ihm stand.« Rapp mußte lachen. »Und ich schreib es doch!« sagte er flott. »Wie war's noch gleich gefaßt?« »Daß du's jern möchtest, fühl ich dir schon nach«, erwiderte Brokkenhuus. »Aber es jibt Belustijungen, die sich der weise Mann männlich verkneift. Nein, Rapp, jib deinem Herzen einen Stoß: Ort noch und Datum und die Unterschrift. Nichts weiter sonst!« Der Doktor zögerte, gehorchte aber dem festen Blick, mit dem sein Freund ihn musterte, am Ende doch. »Denken kann ich mir deshalb noch immer, was ich mag!« stellte er sich zum Troste fest. »Hier kannst du es sogar mit lauter Stimme sagen, wenn dich das erleichtert!« lächelte der Graf. »Nur ungeniert! – Nu aber steck das ins Kuvert und adressier: Immanuel Henne, Alte Post. Das Jejendokument kriegst du dann prompt. Erledigt, Schluß! Manny besorgt das weitre. Und ich bin froh!« »Ich auch!« entfuhr es Rapp. Doch merkte er gleich, daß dies zu deutlich nach Erleichterung klang, und fügte schnell hinzu: »Besonders für die Centa freut es mich. War ihr schon arg, daß sich zwei Leute wegen ihr ernsthaft hätten schießen sollen. Ganz auseinander ist sie dir gewesen über dies Duell.« »Hotz Kuckuck, du hast ihr erzählt ...?« »Nein! Das hatten andre Menschenfreunde schon besorgt.« »Ja, wer? Ich find das unerhört! – Dann jeh nur schnell nach Hause, daß sie gleich erfährt ...« Ihm nicht bequeme Dinge aber schob Rapp gern hinaus, und Gründe dafür fanden sich ja leicht. Er widersprach: «Ach, weiß nicht recht ... In so was hab ich meinen Aberglauben. Bloß nicht gackern, vor das Ei gelegt ist!« »Nu, Rapp, es jeht schon glatt!« »Nein, weißt, der Centa jetzt erzählen: so und so, und plötzlich ist es wieder nix, und das Theater geht auf ein neues an.« »Theater?« »No, daß sie sich wieder aufregt, gel? Erwarten tut sie mich ja so noch nicht. Hat fünf Minuten noch bis eins, und ich hab ihr gesagt, ich käm um zwei, halb drei Uhr zu Tisch. – Du tust den Sepp sofort zum Henne schicken? No, und bis dahin ist er lang zurück. Ist besser, ich kann es der Centa dann gleich schwarz auf weiß zu lesen geben.« »Nu, vielleicht ... Ich dachte nur«, begann der Graf. Da klopfte es, er rief: »Herein!« Karline drückte mit dem Ellbogen die Klinke auf und schob sich seitlich in die Stube, sie trug ein Brett mit Eßgeschirr und tat erstaunt: »Ach, ist Herr Doktor da? – Gut Morjen!« »Grüß Sie Gott!« Rapp nickte leutselig. »Kann ich Tisch decken jetzt?« erkundigte sie sich. »Herr Graf muß essen. Höchste Zeit!« »Laß dich nicht stören!« bat der Doktor. »Wenn's dir recht ist, bleib ich noch und schau dir zu.« »Nein, du ißt mit!« bestimmte Brokkenhuus. »Karline, wird's wohl jehn? Was jibt es denn?« »Wenn man früher jewußt hätt!« sagte die Köchin vorwurfsvoll. «Ist nichts Besondres nicht. – Ach ja, ich weiß«, rief sie dann freundlicher, »großes Stück Schierfleisch hab ich da: zu's Abendessen für die Jungherrn. Schneid ich paar Scheibchen ab und mach ich für Herrn Doktor Zwiebelklops.« »Guter Jedanke!« nickte Brokkenhuus vergnügt. »Karlines Zwiebelklops – nu, du wirst sehn! Mir sind dergleichen Dinge leider ärztlich untersagt. – Also, Karline, sorjen Sie ...! Tisch decken kann man dann nachher, bevor die Klopse in die Pfanne kommen. Und jetzt schicken Sie mir Sepp herein!« »Kann er aufdecken«, schlug sie vor, »soviel hab ich ihm schon jelernt.« »Nein, kann er nicht!« entschied der Graf. »Er soll gleich einen Brief wegtragen in die Alte Post herunter.« »Wei, jetzt? Unschuldijes Kind, was wachst, muß Essen kriejen auch zu richtije Zeit.« »Nu gut«, fügte sich Brokkenhuus, »dann füttern Sie ihn noch fix ab! Vor allem soll er schleunigst kommen, daß ich ihm das Nötije sag!« Kaum war die Köchin draußen, da erschien schon Sepp. »Herr Graf?« »Sepp, nimm da den Brief und lauf ... Das heißt: erst ißt du draußen was! Aber im Hui; verstanden? Fünf Minuten sind dir zujebilligt – richte dich darnach!« »Jawohl, Herr Graf!« »Dann trägst du schleunigst diesen Brief hier nach der Alten Post – mach aber keinen Fettfleck drauf! – und jibst ihn dort Herrn Henne ab – ihm in die Hand, verstanden – und fragst, ob du auf Antwort warten sollst!« »Ob ich auf Antwort warten soll ...« »Ja und – Rapp, wär das nicht ganz gut? –, und auf dem Hinweg jehst du in der Villa Rapp an und richtest aus, daß der Herr Doktor heute bei mir Mittag ißt, nach Tisch aber sofort nach Hause kommt.« »Du, Sepp«, rief Rapp dazwischen, »und das erzählst dem gnädigen Fräulein selbst, dem Fräulein Hollerieth! – Ich sag dir's nachher schon, weswegen, Brokkenhuus.« »Dem gnädigen Fräulein selber«, wiederholte Sepp. »Daß Herr Dokta beim Herrn Graf zu Mittag essen tät und ...« »Ja«, fiel ihm sein Herr ins Wort, »schon gut! Schwirr ab!« »Weißt du«, erklärte Rapp, als er wieder allein mit seinem Freunde war, »wenn jetzt die Centa hört, ich wäre hier, spannt sie's schon, wie der Hase läuft. Sie hat mich ums Verrecken deshalb zu dir schicken wollen. Ich aber hab nicht mögen, weißt.« »Und bist dann doch jekommen.« »Nur, weil du mich hast rufen lassen!« »Ja und, war Centas Rat nicht klug?« »Schon, ja, in einer Hinsicht geb ich's zu. No, andrerseits war es mir schon ein Fest gewesen, deinen Neveu um ein paar Lot Blei gewichtiger zu machen!« »Erbarmung!« lächelte der Graf. »Wer hätte diesen Durst nach Blut in dir jesucht! Ich rat dir, lieber Freund, still ihn mit Zwiebelklops! Der ist inwendig auch noch bißchen rot und zweifellos bekömmlicher. Hörst du, Karline klopft ihn schon!«   Daß Rapp vor einer Stunde noch wie wild darauf erpicht gewesen sei, möglichst viel Kugeln mit Goswin zu wechseln, bildete vielleicht er selbst sich ein – dem Grafen schien die auf einmal übersprudelnd muntre Laune seines Gastes vielmehr zu beweisen, daß die unblutige Wendung der Affäre einen Druck von ihm genommen hatte. Karlines meisterliches Essen und ein spritziger Mosel taten das Ihre zur Erhöhung des Behagens. Und als Rapp dann noch drei Tassen Mokka und vier Gläschen grünen Chartreuse getrunken hatte, bemächtigte sich seiner eine angenehme Rührung, die, wie sich leicht verstehen läßt, zunächst ihm selber galt. Erwärmend ging es ihm wieder einmal auf, was für ein netter und großzügiger guter Kerl er war. Das hatte er der Centa heute früh wohl klar genug bewiesen! – Nun war das ja ein bißchen eigenartig von ihr aufgenommen worden; und obgleich dies wenig zu bedeuten hatte – schnöd mißverstanden und verkannt fühlte er sich von dem Mädel doch. So wurde denn die Sehnsucht in ihm wach, sich jetzt von einem andern nach Gebühr geschätzt zu sehn. Die Hemmungen, die ihn sonst hinderten, seine Gefühle vor den Menschen preiszugeben, hatte der Alkohol hinweggeschwemmt. Was Wunder, daß ihm nun die Seele auf die Zunge trat! »Du, Brokkenhuus ...« Er stockte, bevor er weitersprach: »Ich möcht dir im Vertrauen eine Neuigkeit versetzen. Aber halt dich erst fest!« »Doch nichts, daß man erschrecken muß, hoff ich?« »Im Gegenteil! – Wie fang ich nur gleich an? Du weißt, weshalb die Centa deinen schönen Neveu gestern gar so ... ermutigen tat?« »Ich kann mir's denken, ja.« »Ich mein: sie hat es dir gesagt?« »Ja, sie ... sie sagte wohl so etwas. Aber mir schien das nicht der richtije Weg zum Ziel.« »Und wenn sie es nun doch erreicht hat?« fragte Rapp. »Ach was?« Der Graf war starr. »Heißt das ...?« »Ja, schau: ich wollt auch nicht so sein ... Sind jetzt fünf Jahr, daß man sich kennt ... Und weil ihr so dran liegt ... Mir ist es schließlich wurscht, und ich mach keine Wichtigkeit daraus ...« »Evviva, lieber Freund! Sonst dachtest du zwar anders drüber ...« »Geh: es kostet nix wie den Entschluß. Kurzum: wir heiraten! – No, Brokkenhuus, was denkst du nun davon?« Der Graf fing sein Likörglas ein, erhob es huldigend gegen Rapp und sagte: »Endlich! Klug, sehr klug von dir!« »Ob wirklich gar so klug? Aber mein Gott ...« »Glaub es mir: höchste Zeit! – Und sie? War sie nu froh?« »Hast du da einen Zweifel?« lachte Rapp. »Ist doch ihr höchster Wunsch erfüllt!« Jäh aber wurde ihm bewußt, daß er damit ihre Begeisterung stark übertrieb, und schandenhalber setzte er hinzu: »Das heißt ... Im Anfang so ein bißl ein Trara – schau, ohne dem tuns ja die Weiber nicht.« »Trara?« Das Glück ersparte Rapp die Antwort auf die Frage – es klopfte an die Tür. »Herein!« rief Brokkenhuus. »Nu, kommst du endlich, Sepp? Fix, und jib her!« Er nahm seinem Bedienten das Schreiben aus der Hand. »Hab beim Herrn Henne so lang warten müssen«, meldete der. »Und dann am Heimweg in Herrn Dokta seine Villa nüber ...« »Wieso denn Heimweg?« fragte Brokkenhuus und riß den Umschlag auf. »So hat Herr Graf mir's aber angeschafft!« verteidigte sich Sepp. »Unsinn! Erst hättest du ... Nie hört er richtig, was man sagt.« Der Graf schob sich den Kneifer auf die Nase, überflog schnell das Geschriebene und reichte es Rapp. »In Ordnung! Hier das Dokument! Von Manny liegt ein Zettel bei, darauf steht nur: Schwere Jeburt! Der accoucheur ! – Nu, wenn das Kind jesund zum Vorschein kam ...!« »Haha!« platzte der Diener aus. Rapp las und schob das Blatt nachlässig in die Tasche. »Eigentlich schad!« murmelte er. »Ich hätt zu gern ...!« Das Heldenlied, das so begann, kannte Brokkenhuus bereits und gab nicht weiter darauf acht. »Du, Sepp«, erkundigte er sich, »und hast du es dem gnädijen Fräulein wenigstens jetzt ausjerichtet?« »Nein, Herr Graf.« »Was heißt denn: nein?« »Das gnädige Fräulein ist ja nicht daheim gewesen ...« Der Doktor rief verblüfft: »Bald Essenszeit – und nicht daheim?« »Hättest du Ordre pariert und wärst gleich anjegangen!« schalt der Graf. »Ja aber«, murrte Sepp gekränkt, »wie ich hier fort bin und war grad am Mauereck, ist doch das Auto, wo das gnädige Fräulein dringesessen ist, schon naus beim Gartentor.« Rapp fuhr vom Stuhl empor. »Was? Auto?« »Freilich, der Mercedes«, stellte der Kleine fachmännisch fest. »Ich hab ja dem Gestettner eigens noch gewunken, aber er hat nicht geschaut.« »Was kann sie da ...?« Der Doktor fing im Zimmer auf- und abzulaufen an. »Ja, weiter ist mir nix bekannt«, erklärte Sepp. Rapp hielt vor seinem Freunde an. »Verstehst du das?« Der Graf zeigte mit einer hilflosen Bewegung seine Handflächen vor. »Ja, lieber Rapp ...?« »Vielleicht, daß der Herr Graßl ...?« Sepp zeigte nach der Tür. »Weil er ja auch mit rüber ist und den Herrn Dokta sprechen möcht.« »Ist heut die ganze Welt verrückt?« schrie Rapp. »Wer ist Herr Graßl? Kenn ich nicht! Soll sich zum Teufel scheren, der Herr Graßl! Gel?« »Doch der Herr Otto«, feixte Sepp. »Otto? Mein Diener? – Rein dann mit dem Deppen! Aber schnell!« »Und du, Sepp, jehst jetzt in die Küche und spülst ab!« befahl der Graf. Sepp ging, und Otto kam, geleckt wie immer, und stand stramm. »Entschuldigen, Herr Doktor«, sagte er, »aber wie ich vom Sepp gehört hab, wo Herr Doktor sind, hielt ich's für meine Pflicht ...« »Ja, ja«, fiel Rapp ihm barsch ins Wort. »Also: was wollen S' denn?« »Könnt ich Herrn Doktor nicht allein ...?« »Zu was denn? – Tempo! Vorwärts, Mensch!« Otto zuckte mit den Achseln und meldete: »Das gnädige Fräulein ist verreist, vor einer halben Stund beiläufig.« »Sie meinen: ausgefahren!« wies Rapp ihn zurecht. »Wenn eins sein ganzes Sach einpacken läßt und nimmt es mit ...« wendete Otto ein. »Was sagen Sie? Hat sie vielleicht ein Telegramm gekriegt? Daß was bei ihr daheim geschehn wär?« »Da wüßt ich nichts. Aber zwei Telegramme telephonisch aufgegeben.« »So? Sie haben wohl gehorcht?« »Wenn so laut buchstabiert wird ...! An die Leut vom gnädigen Fräulein ist das eine gewesen. Den andern Namen hab ich nicht verstehen können. Bloß mit ›O – wie Oskar‹ hat er angefangen.« »Ach was?« entschlüpfte es unwillkürlich Brokkenhuus. Rapp warf einen schnellen Blick zu ihm hinüber, ihn fragen aber wollte er in Gegenwart des Dieners nicht. Dieser fuhr fort: »Weiter ist nichts Besondres dringestanden. Nur von ›Kommen‹ war die Red in alle zwei.« »Was glauben Sie, daß mich das interessiert!« brüllte der Doktor plötzlich los. »Rapp, einen Augenblick!« mischte der Graf sich ein. »Sie, Otto, hat das gnädije Fräulein denn gar nichts hinterlassen?« »Doch!« besann sich der Bediente, fuhr in seine Jackentaschen und holte mit der Rechten ein viereckiges Päckchen, mit der Linken einen Brief hervor. »Das sollt ich dem Herrn Doktor geben, wenn er heimkäm, und für den Herrn Grafen hätt ich hier den Brief.« Rapp faßte nach dem Päckchen und schrie, blaß vor Zorn: »Was sagen S' das nicht gleich? Statt dessen ...! – Ach, halten S' keine Vorträg und verschwinden Sie! Daheim ist wohl gar nix zu tun?« Der Diener zog ein tief beleidigtes Gesicht, gab aber als der Klügere nach und drückte sich mit einem Grinsen, das sein Herr nicht hätte sehen dürfen, schnell zur Tür hinaus. Rapp schüttelte das Päckchen ärgerlich. »Tut drinnen scheppern«, sagte er. »Und drei so Trümmer Siegel drauf! Was soll das wieder sein?« Der Graf, schon ganz vertieft in seinen Brief, sah ihn über den Kneifer weg nur flüchtig an und brummte: »Kuck doch nach!« Der Doktor zog aus seiner Lederhose das griffeste Messer, sägte mit dessen schartiger Schneide den Bindfaden durch und legte ein saffianbezognes Kästchen bloß. Natürlich, ja, das hatte er sich schon gedacht! Er riß den Druckknopf auf, der hier statt eines Schlosses diente, und schüttelte den klirrenden Inhalt über das Tischtuch aus. »Da schau: der ganze Schmuck, den sie von mir in die fünf Jahr gekriegt hat!« rief er so empört, als ob man ihm Wertgegenstände widerrechtlich weggenommen hätte. »Hm«, machte Brokkenhuus und streifte das Geschmeide nur mit einem Seitenblick. Dann las er weiter, las und las – das schien ein langer Brief zu sein. »Was schreibt sie denn?« erkundigte sich Rapp. »Gleich! Einen Augenblick noch!« murmelte der Graf. Der Doktor griff gedankenlos nach dem Einwickelpapier und merkte jetzt erst, daß noch eine zweite, weiße Hülle darin steckte. Eilig riß er dies Blatt hervor und strich es glatt. Es war mit Centas zierlicher und wie gestochener Schrift bedeckt. Da stand: »Lieber Ferdinand! Leb also wohl und machen wir es kurz! Denn was zum sagen war, habe ich Dir schon gesagt. Daß Du es Dir gut gehen lassen sollst, brauche ich Dir nicht wünschen, dafür sorgst Du schon. Anbei der Schmuck retour, ich mag mir da nichts nachsagen lassen wegen Deinem Geld und so! Und bloß den kleinen Ring mit dem hellroten Stein, ich weiß nicht, wie der heißt, gekostet haben kann er nicht viel, möchte ich behalten zur Erinnerung, weil er das erste war, was Du mir gegeben hast. Und diese Zeit vergesse auch nicht, schade nur, daß es nicht dabei hat bleiben können!! Sonst lasse Dir alles da, daß ich die Kleider mitnehme, ist natürlich klar. Was tätest Du damit, und ich kann auch nicht nackigt aus dem Haus gehen. Und als Letztes bitte Dich in allem Ernst, daß Du gar nicht versuchen sollst, mich wieder davon abzubringen, ich weiß meinen Weg, und Du tröstest Dich sicher bald, so groß war Deine Leidenschaft die letzten Jahre her ja nicht! Eine, die besser zu Dir paßt wie ich, da gibt es viel! Am besten sucht Dir Deine Frau Mutter eine aus, die ihr zum Heiraten für Dich großkopfig genug scheint. Ich werde ihr deshalb nicht neidig sein, und Du gewöhnst es nachher schon. Vielleicht merkst Du auch einmal, daß ich noch lang nicht die schlechteste gewesen bin, was Dir im übrigen nicht wünschen will! Und dies blöde Duell, damit machst Du Dich höchstens lächerlich!! Laß es gescheiter unterwegs, sprich mit dem Brokkenhuus, der richtet es Dir schon! Gruß Centa.« »Sauber!« schnaufte Rapp mit einem Auflachen, das nicht sehr glaubhaft klang, und warf den Bogen Brokkenhuus hinüber. »Schau dir das an!« Der Graf nickte nachdenklich vor sich hin, legte den Brief, den er bekommen hatte, in die alten Falten und steckte ihn in die Tasche. Seufzend nahm er das andre Schreiben zur Hand und fing zu lesen an. Der Doktor musterte ihn von der Seite her und fand, er wirke älter noch als sonst, hinfällig, fast wie ohne Leben, müde und stumpf; und auch in ihm selber breitete sich ein Gefühl von Leere aus. »Ja«, sagte Brokkenhuus zuletzt, nahm seinen Kneifer ab und legte den Bogen vor sich hin. »Und was jedenkst du nun zu tun?« »Was heißt denn: tun!« Rapp schwang sich krampfhaft in die rauhe Männlichkeit zurück. »Abwarten, bis es ihr von selbst zu dumm wird mit dem Pflanz! Die kommt schon wieder – hab ich keine Angst!« »Und wenn du dich da täuschst, und sie kommt nicht ?« »Von mir aus holt sie dann der Fuchs!« Ein Fünkchen Schlauheit glomm in des Grafen Augen auf, als er anscheinend ohne besondres Ziel erwiderte: »Für einen Fuchs halt ich ja diesen Herrn Oggetti nicht, aber ...« »Oggetti? Wie? Ist das nicht der ... verflossene Bräutigam? Der Ladenschwengel, oder was weiß ich?« »Ich glaub: Kontor, und offenbar inzwischen zu den höheren Würden des Kontors heraufjestiejen. Hat Centa dir gar nicht erzählt ...?« »Nein, keinen Ton! Was ist denn los?« Dem Grafen wurde es warm ums Herz. Rapps Ahnungslosigkeit tilgte für sein Gefühl einen bedrückend falschen Zug aus Centas Bild. Dies gab ihm ja den bündigen Beweis, daß sie trotz manchem ungeschickten Versuch dazu im Grund gar nicht so kühl und berechnend war. Sonst hätte sie den schärfsten Pfeil, den sie besaß, nicht unbenutzt im Köcher stecken lassen. »So red doch!« drängte Rapp. »Ich dachte ... Ist der Kerl wieder im Land? Weißt du da was?« Der Graf war sichtlich besser gelaunt als noch vor kurzem. »Was ich weiß, will ich dir jern erzählen«, sagte er und tat das denn auch in gedrängter Form. »Paar Wochen spielt das schon? Dann freilich!« rief der Doktor. »Drum ist sie plötzlich gar so scharf darauf gewesen, daß ich ...?« »Ja, lieber Freund, wenn sie ein anderer mit Heiratsanträjen förmlich bombardiert!« »Das geb ich zu, laßt sich schließlich verstehn. Aber jetzt dies! Spinnt sie nicht hörbar? Solang als ich nicht zog, gibt sie ihm Korb auf Korb, sagst du doch selbst; und als sie mich da hat, wo sie mich möcht, sticht eine Wepsen sie, und sie geht durch und ... – Meinst denn, sie denkt im Ernst an den?« Nach kurzem Nachdenken griff Brokkenhuus in seine Tasche. »Lies, was sie mir schreibt! Dann wirst du wohl merken, daß es ihr um keinen Spaß jeht. Und wenn dir manches darin nicht jerade süß schmeckt – nimm es als Medizin; ich glaube, das jehört zur Kur.« »Was heißt denn: Kur?« Rapp riß ihm fast die Bogen aus der Hand. »Weiß selbst nicht, wie ich grade zu dem Ausdruck kam«, entschuldigte sich Brokkenhuus. »Brauchst mir nicht sagen, daß ich neuerdings ein krummer Hund in ihren Augen bin«, erwiderte der Doktor etwas bitter und war schon in den Brief vertieft. Er las ihn hastig, aber Wort für Wort, und schnarchte dabei manchmal einen Laut des Unwillens hervor. »Jetzt weiß ich also, wer ich bin!« rief er, als er am Ende war. »Findest du, Brokkenhuus, daß man auf das hin noch mit mir verkehren kann?« »Rapp, du mußt den Ärjer abziehn, der da mitspricht. Du hast für deinen Antrag offenbar nicht ganz den richtijen Augenblick jewählt und wohl auch nicht den richtijen Ton.« »Den hat, so scheints, der Koofmich da besser getroffen! So ›lieb‹ schreibt er ihr ausgerechnet heut, daß sie sich unbesehen wieder in den Kerl verknallt!« »Steht davon etwas drin?« fragte der Graf und blinzelte. »Zwischen den Zeilen – ja! Ich bin fei nicht so dumm! Was stell ich überhaupt in ihren Augen vor! Von dir wird ihr der Abschied schwerer wie von mir! Das steht einmal gewiß drin!« »Gott, Rapp, ein kleines Pflaster nur aus Liebenswürdigkeit. Auf mich kommts doch nicht an.« »So, Brokkenhuus, dir wär es also wurscht, wenn sie jetzt nimmer käm?« erkundigte sich Rapp mit beinah teilnahmsvoller Ironie. »Nein«, antwortete der Graf geradezu und schlicht, »sie würde mir schon fehlen; aber wüßte ich, daß dieser Weg der bessere wär für sie ...« »Ja, trief nur auch von Edelmut!« schrie Rapp gereizt. »Grad dies Großartige, dies ... dies Geschwollene, dies – du weißt schon, was ich mein – ists ja, was mich an dem Geschreibsel von ihr fuchst. Die Krampfhenne markieren! Schau bloß das!« Er zeigte auf den Schmuck, raffte die Ringe, Armbänder, Broschen, Anhänger und Ketten flüchtig in die Hand und schwang sie hoch. »Am liebsten schmiß ich ihr den ganzen Krempel nach!« » Bring ihn ihr nach!« riet Brokkenhuus vergnügt. »Wie meinst du das?« »Mein lieber Rapp, jenau wie du! Denn reiche Leute schmeißen Schmuck nicht so zum Fenster raus. Du hast doch ein zweites Automobil. Braus damit los wie ein jeölter Blitz! Willst du sie ohne Kampf dem Herrn Oggetti lassen?« Rapp sprang auf. »Da kennst mich schlecht! Den Burschen schmeiß ich an die Wand, daß er grad pappen bleibt!« »Ich weiß nu nicht, ob grade das auf Centa überzeujend wirken würde. Beeil dich lieber und komm ihm zuvor! Sie ist ja noch nicht lange fort, und gleich wird er auch nicht parat sein, trotz des Telegramms von ihr. Erinnre dich: das eine war an ihn!« »Ja, Sakrament, da sollte man ...!« »Denn, wenn du als der erste da bist und jibst ihr nur ein gutes Wort ...« »Ich soll sie um Verzeihung bitten? Daß sie das Heft für immer in die Hand bekommt! Denn es erst einmal haben und dann wieder fahren lassen – da kennst du sie schlecht!« »Verzeihung bitten? Nein, mach einen guten Witz – das wirkt viel besser! Und Heft in der Hand – laß ihr das doch! Ist in der Ehe ja die einzige Art, auf die der Mann in großen Dingen die Hosen anbehält. Denn in den kleinen sind die Frauen selbstverständlich stärker. Manchmal – überhaupt. Auch dies kommt vor.« »No, du verstehst es, einem Lust aufs Heiraten zu machen!« knurrte Rapp. »Ja, lieber Freund, wer Licht verlangt, der muß auch Schatten nehmen. Wenn du den lieber Herrn Oggetti gönnst, laß dein Automobil im Stall und freu dich deines Lebens künftig als célibataire! Aber bedenk, daß jener damit auch noch manches andre kriegt, was du ihm wenijer jönnst!« »Also, ich fahr!« erklärte Rapp. »Nur knüpf ich daran die Bedingung: du fährst mit!« »Erbarmung, was soll ich dabei?« »Auf dich hört sie halt mehr! Und weißt du, ob sie mich in ihrem Rappel überhaupt empfängt? Sie hat so eine Wut gehabt ...« »Ich dachte, sie hat sich jefreut?« »Tu mich nicht frozzeln, Brokkenhuus! – Gel ja, du bringst sie vorerst zur Vernunft, und dann ... Du bist ein Diplomat – ich bin es nicht! Das hab ich heut schon klar genug bewiesen. Obgleich ... so wie sie dir es schreibt, war es na doch nicht ...« »Jeder sieht's von seiner Seite, ja, ich weiß«, erwiderte der Graf ein wenig ungeduldig, »aber das erzähl mir lieber unterwegs!« »Dann fährst du mit?« »Gott will es offenbar, wie Manny zu sagen pflegt. Und es wird auch das Klüjere sein. Vor deinem kleinen Adlerwagen hab ich allerdings den heiligsten Respekt. Man kommt ja kaum herein! Einmal fuhr mich Jestettner drin, und ich tat einen Schwur: Nie wieder! So werd ich deinetwejen meineidig auf meine alten Tage.« »Geh, tu nicht so! Ist nicht bloß wegen mir, sondern wegen der Centa auch. Ich trau mich nebenbei zu wetten, daß der Gestettner uns ein ganzes Stück vor München schon entgegenkommt. Dann stellen wir den Adler ein, in Sauerlach, Holzkirchen oder so, und fahren fashionable im Mercedes voll hin. Und heimzu sitzt du ganz gewiß kommod und – hast die Centa neben dir.« Der Graf klopfte beschwörend unter den Tisch. »Wenn schon, dann auch prestissimo! Hol du den Wagen her und schick mir Sepp! In Schlafrock und Pantoffeln tritt kein Diplomat vor eine ungnädije Könijin.« »Ist wahr: umziehn darf ich mich auch», sagte der Doktor. »Denn nach München in der kurzen Wichs – das wär das Richtige nicht.« »Aber beeil dich, Rapp! Daß wir auch Vorhand kriejen und inzwischen keine Entscheidung fällt! Centa hat einen harten Kopf. Legt sie sich erst mal fest, dann wird die Sach schwierig!« »Weiß ich genau und schick mich schon! In zehn Minuten längstens bin ich wieder da. Und dieser Zeitverlust – hab keine Angst! – wird aufgeholt. Der Adler ist ja wendiger wie der schwere Wagen, und ich will um die Ecken wetzen, daß du bloß so schaust! – Behüt Gott derweil!« »Freundlicher Zeitjenosse!« dachte Brokkenhuus bei sich. »Jetränk hat er auch etwas viel im Leib ... Heißt glatt den Hals riskieren! Nu, für Centa lohnt sich's wohl, und viel ist dieser alte Hals auch nicht mehr wert. – Wo Sepp nur wieder bleibt? – He, Sepp! – Ach ja, jeb Gott, daß ›O – wie Oskar‹, als das Telegramm kam, zufällig ausjegangen war!« Flucht ins Glück Der sandfarbige Wagen machte vor dem Hause Nummer achtzehn in der Dultstraße halt. Gestettner stieg gemächlich aus und öffnete den Schlag vor Centa. Sie gewann den Eindruck, daß er sich dabei weniger stramm hielt und die Mütze lässiger zog als sonst. Deshalb klang ihre Stimme ziemlich herrisch, als sie befahl: »Gel, das Gepäck ins Rückgebäude, zweiten Stock!« »Aber den großen Koffer?« wendete er ein. »Moment! Ich schau geschwind da nein, ob einer aufzutreiben ist, der mit anfassen kann«, rief Centa und trat in das Charkutiergeschäft neben der Tordurchfahrt. Dort traf sie niemand, aber eine Glocke meldete sie an und zeterte so grell, daß Sie die Tür geschwind von innen wieder schloß. Aus einer andern Tür hinter der Ladenbudel schlurfte ein weißbeschürzter Dickwanst mit einem Fuchsgesicht und dienerte beflissen. »Ja, gut Nachmittag zu wünschen! Hab die Ehr! Grüß Gott! Laßt sich die Fräulein Centa wieder einmal anschaun? Das ist recht!« »Grüß Gott, Herr Berndl! Bitt schön, wär keiner da von Ihre Leut, der meine Koffer nauf schaffen helfen könnt? Weil mein Chauffeur sie nicht allein derschleppt.« »Wern wir gleich habn!« Herr Berndl steckte zwei Finger in den Mund, stieß einen scharfen Pfiff hervor und brüllte: »Hans!« Ein stämmiger Metzgergesell erschien, begrüßte Centa als Bekannte und trollte sich, der Weisung seines Meisters folgend, auf die Straße. »Also, vergelt's Gott tausendmal, Herr Berndl! Wiederschaun!« rief Centa und folgte ihm. Der Herr des Ladens watschelte hinterdrein und machte auf der Türschwelle halt. »Pfundiger Wagen!« lobte er. »Ja, ja, wer hat, der kann! Und dös Trumm Koffer! Gibt's dös aa? – Bleibt denn die Fräulein Centa jetzt länger daheim?« Die schlauen Äuglein wurden vor Neugier blank. »Nein, für paar Tag bloß zum Besuch!« erklärte Centa und war sich gleich darüber klar, daß diese Angabe auf Zweifel stoßen mußte und auch stieß. »Ich geh derweil schon nauf«, erklärte sie den Trägern. »Behüt Gott, Herr Berndl! Gel, noch einmal schönsten Dank!« Und schnell verschwand sie in der Unterfahrt. »Recht so!« sprach sie im Gehen ärgerlich zu sich. »In ein paar Stund gibt's keinen in der ganzen Nachbarschaft, der's noch nicht wüßt. – Daß ich gleich mit der größten Ratschen von ganz München zusammenrumpeln muß! Der Spitzmauskopf, der angefressene! – Wird das Gescheitere sein, wir schicken die Verlobungskarten bald herum.« – Als nur noch ein Treppenabsatz vor ihr lag, sah Centa ihre Mutter vor der geschlossenen Flurtür im zweiten Stockwerk auf sie warten. Die wohlbeleibte grauhaarige Frau winkte ihr zu und legte bedeutsam warnend den Zeigefinger an den Mund. Die Tochter eilte rasch hinan und dämpfte folgsam ihre Stimme. »Was ist denn, Mutter? Grüß dich Gott!« »Pscht, Cenzi!« Während sie ihr die Hand gab, deutete Frau Hollerieth mit dem linken Daumen hinter sich. »Daß die neugierige Goaß von nebenan nix spannt! – Du, der Oggetti Karl ist fei schon drinnen.« Centa lächelte. »Schau, funktionieren tut er prompt!« »Er hätt ein Telegramm von dir.« »Jawohl. Du vielleicht nicht?« »Doch! Also, er wartet derweil in der Wohnstub. Ich selber bin dann in die Küch und hab beim Fenster nausgespitzt, und wie ich dich hab kommen sehen, bin ich geschwind ins Treppenhaus, weil man doch wissen will, was und wieso.« »Ja, das hörst nachher schon!« »Schickt sich wohl, daß du's gleich verzählst, weil ich am End die Mutter bin!« »Mei, das verzählt sich nicht so schnell.« »Braucht ja kein langes Drumherum, und dreht sich um das eine bloß: ist es nun mit dem andern gar? Und glaubst mir jetzt, daß der dich nie heiraten tät?« »So ist's na doch nicht! Ich hab nimmer mögen und hab Schluß gemacht.« »Auf einmal? Und erst vor drei Tag ...?« »Wenn sich's so auftrifft, lernt eins in drei Tag sehr viel. Kann sein, auch schon in einer halben Stund. Glaubst du mir's nicht, daß ich's gewesen bin?« Und Centa hob herausfordernd den Kopf. »Pscht, leis, hab ich gesagt! Ja, glaub dir's schon.« Aber die Tochter sah es ihrer Mutter an, daß die nur um des lieben Friedens willen fünfe grad sein ließ. »Hauptsache, Cenzi, du siehst's einmal ein und heiratst den Oggetti Karl. Damit wird alles wieder recht ...« »No, no, zuvor besichtige ich ihn mir genau!« »Hab ich gar keine Sorge – denn die Proben halt er aus. Den wenns d' heut siehst ...! Ein saubrer Bursch ist er schon alleweil gewesen. Und kann etwas und ist etwas und geht ihm gut. So nobel, wie der jetzt daherkommt – ein Kavalier, laßt sich nicht anders sagen! Weiß nicht: ich selbst wenn jünger wär um dreißig Jahr – ständ ich für nix!« »Ja, Alte!« Centa lachte. »Spannst du ihn mir gar noch aus?« Frau Hollerieth schlug schmollend mit der Hand nach ihr. »Du, nicht zu keck! Was heutzutag sich so ein Fratz erlaubt! Und ich hab fei noch meine Eltern siezen dürfen, ja.« »Recht!« Centa verneigte sich. »Na siez ich künftighin die Frau Verwalter an die Sonn- und Feiertag bei gutem Wetter auch.« »Geh, blödes Ding! Er bleibt dir schon vergönnt. Aber als Schwiegersohn, da wären mir von seiner Sorten fünf weitaus das Liebere. Denn die vier andern hätt ich mir ganz gewiß nicht rausgesucht!« »Meinst: ich? Die Zwockel dürft mir einer am Tablett servieren!« »So schlecht brauchst du sie auch nicht machen«, mahnte Frau Hollerieth. »Tut von die vier ein jeder doch sein Sach und ist ...« »Du, Mutter«, fiel Centa ihr in die Rede, »drunten kommen sie schon mit die Koffer – säh doch blöd aus, wenn sie uns zwei hier ... Sperr auf! Ich geh derweil schon nein zu deinem Schwarm.« »Ach, Schwarm!« »Und du nimmst denen meine sieben Zwetschgen ab. Sind zwar bloß drei: ein großer Koffer und zwei suit case .« »Was ist das?« »No, kleine halt! Paß auf: vom Schweinemetzger Berndl ist der Moosrieder dabei: dem gibst ein Markl ...« »Ein Zwanzgerl langt da übrig! Wo die Bagasch alleweil so interessiert beim Wiegen ist!« »Nein, weißt, der große hat fei einen Zentner, wenn es langt. Ein Fuchzgerl, sagen wir! Kriegst es von mir schon wieder. Dem andern, dem Chauffeur, gibst aber nix! Nicht, daß der freche Zipfel meint, ich wär gleich seine Gnädige nimmer; gel?« Wenige Schritte brachten Centa vor die Wohnstubentür, sie atmete zweimal tief auf und trat entschlossen ein. »Grüß Gott!« Ein wenig heiser kam es heraus. Der blankgescheitelte, braunhaarige junge Mann im grauen Sommeranzug, der am offenen Fenster stand, fuhr schnell herum. »Grüß Gott!« »Hab deinen Brief bekommen, und ... da wär ich«, sagte sie. »No, endlich, Cenzerl!« Er nahm ihre Hand und wollte sie gleich stürmisch an sich ziehen. »Langsam!« wehrte sie ihm und wich zurück. »So weit sind wir noch nicht. Setz dich! Dahin!« Sie zeigte auf den einen Lehnsessel am Sofatisch. »Setz dich und hör erst einmal zu! Setz dich! Ich mag das nicht!« Er ließ sich zögernd nieder. »Und ich hab gemeint, es war jetzt mit dem andern Schluß? Nach dem, was deine Mutter mir gesagt hat ...« »Und deshalb glaubst, ich dürft grad dankbar sein, wenn du ...?« »Geh, Cenzerl, warum bist du denn so? Hab ich dir was getan?« Sie schüttelte den Kopf. Mechanisch hob sie die Hände, zog die Nadel aus dem großen weißen Hut, nahm ihn vom Kopf und warf ihn auf den Tisch, mitten in einen Sonnenstreifen, der durchs Fenster in die Stube floß. Sie ließ sich auf den andern Sessel sinken, bohrte die Hutnadel, ohne es selbst zu wissen, in die Plüschdecke des Tisches, zog sie ein Stück heraus, stach sie hinein, zog sie heraus, stach sie hinein und schwieg und sann ... Er sah ihr hilflos ins Gesicht. »Cenzerl«, begann er endlich tastend, »hast du's nun eingesehn, daß jener, daß der andre es mit dir nicht so ehrlich meint wie ich?« Sie schob die Nadel bis zum Knopf in die Tischdecke und ließ sie los. »Auf jeden Fall ist er für mich erledigt. Reden wir nimmer lang von ihm!« »Dann«, rief er und sprang auf, »ist alles gut!« »Nein, laß dir Zeit! Das geht mir fei zu schnell. Ich bin nimmer so dumm und hab aus unsre Divergenzen damals was gelernt.« »Cenzerl, daran war aber ich nicht schuld!« »Das klingt ja vielversprechend!« sagte sie mit leichtem Spott. »Meinst nicht: die alten Sachen lassen wir begraben sein? Denn fangt man einmal von dem an, so gibt ein Wort das andre ...« »Einverstanden, Cenzerl!« »Schau, Karl, wär alles recht ... Traust du dich aber, daß du es zusammenbringst, es mir gar nie aufs Butterbrot zu schmieren, was ... seit der Zeit ... gewesen ist?« »Alles vergessen und verziehn!« Er wischte es gleichsam mit der Hand vom Tisch. »Erlaub einmal: ich hab dich nicht gebeten, daß du mir was verzeihen sollst, und tu's auch künftig nicht. Ja, und vergessen? Wenn das bloß so einfach ging! Mich aber darfst von dem nie etwas hören und – das ist weitaus das schwerere – auch nicht einmal fühlen lassen. Glaubst du, daß du das schaffst?« Er blickte nachdenklich zu Boden, richtete sich wieder auf und sagte: »Ja.« »Schau, Karl, du wirst mir auch wohl kaum die ganzen Jahr her treu blieben sein?« »Ja, hättest du das denn erwarten können? Nachdem du ...? Ich geb dir sogar zu, daß ich, vor ich dich damals in der Eisenbahn wiedergesehn hab, vielleicht nimmer so weit von einer anderen Partie gewesen bin.« »Partie? Schau, schau!« »Jawohl, auch Mittel hätt sie einige hinter sich gehabt. Aus gutem lübischem Bürgershaus ein Mädel.« »Lübeckerin mit etwas hinter sich – Respekt!« lächelte Centa. »Daß du dann ausgerechnet auf mich armes Hascherl aus der Münchnerstadt verfällst!« »Ja, da bist aber wirklich ganz allein du selber schuld«, sagte er feurig. »Denn wärst du nicht viel schöner noch geworden, wie du schon warst ...!« »Hast du mir oft genug geschrieben«, unterbrach sie ihn. »Laß gehn! Ich nehm es für genossen an, daß ich in die fünf Jahr, vom Schönen abgesehn, auch jünger, und was weiß ich noch, geworden bin.« »Ist aber wahr! Man selbst läßt nach, und du ...« »Fisch du nicht Komplimente, Karl, und tu nicht so, wie wenns du jetzt im Bogen um die Spiegel gingst! Wär auch ganz neu! So fesch wie du kommt keiner daher, der nix von seinem Äußern hält!« schmunzelte sie und war sich doch bewußt, daß sie da liebenswürdig ein klein wenig log. Und als er aufsprang und sorgfältig seine weiße Weste herunterzog, wurde es ihr noch klarer, daß seine Eleganz, um einen Ausdruck Ferdinands zu brauchen, stark nach der »Goldenen Neunzehn« roch. »Es ist nicht Eitelkeit, wenn ich jetzt besser auf mich halt«, strahlte er ahnungslos. »Man stellt da droben immerhin was vor und kann es sich ja leisten, Gott sei Dank! Darf sagen: hab es in die Jahr zu was gebracht. Und bring es weiter noch! Wird kaum lang dauern, bis ich in die Hauptverwaltung komm, wieder nach Bremen hin. Und dann ...« »Darfst du ja stolz sein«, sagte sie. »No ja, ein Tüchtiger bist du immer schon gewesen.« »Stolz – ach nein! Was mich natürlich freut, ist, daß ich das ausschließlich mir allein verdank. Heißt schon was mehr, als wie wenn einer alles bloß von seine Eltern erbt!« Es ärgerte sie, daß er so hinten herum schon wieder das verbotene Gebiet betrat. Und glaubte er denn, daß sich nichts vererbte als das Geld? Im dunkeln Drange, ihn in seiner Eitelkeit zu treffen, fragte sie unvermittelt: »Wo hast du denn die Krawatte her?« Er faßte hin, zog sie ein Stück hervor und schaute sie verwundert an. »Was soll der fehlen? Und ich dachte: Schottisch ist die große Mode?« »So? In Lübeck?« »Nein, die hab ich überhaupt in Bremen gekauft.« »Schottisch und schottisch ist auch zweierlei.« Er bezwang sich mit Gewalt und räumte ein: »Vielleicht, daß sie für München weniger paßt. Hat jeder Platz halt seinen eignen Stil.« Dann aber brach doch die Gekränktheit durch. »Mit diesem Riesenhut und mit dem Kleid, was du da trägst, könntest du dich bei uns droben gar nicht zeigen.« Nun stand auch sie auf und sah ganz verblüfft an sich hin= unter. »Herrschaft! Das einfache Rohseidenkleid?« »In diesem engen Rock, wenn du in Lübeck über die Breite Straße gehst, dreht sich ja alles nach dir um.« »Ist mir in München zwar auch schon passiert«, stellte sie selbstzufrieden fest. »Karl, davon hast du keinen Dunst! Wird auch in Lübeck Damen geben, die sich anzuziehn verstehn. Weiß es schon selber, daß mir von Pariser Modellen künftighin der Schnabel sauber bleiben wird. Jetzt sind sie aber einmal da; und wenn sich deine Wasserkantler deshalb das Gnack verrenken, mir ist's wurscht.« »Mir aber nicht!« betonte er. »Ich muß auch Rücksicht nehmen aufs Geschäft. Es geht in Lübeck nicht, daß meine Frau schicker daherkommt wie die Senatorsgattinnen.« »Den Spießer mußt du dir als erstes abgewöhnen, lieber Karl.« »Was bin ich?« »Allerdings: ein Spießer, wie's nicht leicht 'nen größern gibt.« »Wenn ich ein Spießer wär«, sagte er grollend, »würd ich nach all dem, was gewesen ist, wohl kaum ...« »Halt!« unterbrach sie ihn. »Sprich diesen Satz nicht fertig! Könnt sonst sein, daß ich ihn nicht vergiß – gar nie, versteh mich recht! Und meine Toilettenfragen überlaß nur mir! Sollt ich sie wegschmeißen, die Kleider? Und wo nähm ich auf den Sturz gleich andre her?« »Kannst du sie nicht verkaufen und ...?« »Du hast 'ne Ahnung, was man schon dafür bekäm! Sonst hätt ich sie auch gar nicht mitgenommen, sondern sie ihm gelassen wie den ganzen Schmuck.« »Schmuck?« staunte er. »Ja. Und ist manches schöne alte Stück dabei gewesen, das ich recht gern behalten hätt.« »Ja, und warum läßt du ihn da?« »Was dachtest du ? Die Kleider stören dich, und mit dem Schmuck hätt ich mich wohl behängen sollen?« »Davon ist keine Red. Schmuck läßt sich aber doch verkaufen. Und schließlich hat er dein gehört.« »Da komm ich nimmer mit! Könnt ich ja gleich zu seiner alten Dame laufen und von ihr verlangen, was sie mir freiwillig angeboten hat: eine recht schöne Mitgift, wenn ich einen andern nehm!« »Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?« rief er. »Hätt ich vom Schmuck kein Wort verloren!« »Sprichst du im Ernst?« Sie fuhr empor. »Was glaubst du denn von mir!« »No, Cenzerl, schau: daß du von ihm nichts willst, ist mir nur recht. Aber wenn sie aus freien Stücken ... Könntst dir ja leicht von ihr versprechen lassen, daß er's gar nicht erfährt.« »Weil sie so ein Versprechen selbstverständlich halten tät!« Sie lachte bitter auf. »Ja, spürst du es denn nicht, daß damit etwas, was sauber gewesen ist – vollständig sauber, bitt ich mir schon aus! –, noch hintennach zu etwas Unsauberm gemacht würd durch das dreckige Geld?« »Dreckiges Geld!« rief er beinah gekränkt. »Hast du sie auch schon, diese Sprüch? Die können sich für einen passen, der's so haufenweis geerbt hat, daß er's wie Dreck nausschmeißen kann. Wer es sich sauer verdienen muß, redet mit mehr Respekt davon.« »Geld ist schon etwas, um Respekt davor zu haben!« warf sie hin. »Jawohl, weil es die Angel ist, worum sich alles dreht!« »Du – scheinbar schon!« »Und du wohl nicht?« erwiderte er giftig. »Frag dich doch ehrlich, ob du überhaupt auf den verfallen wärst, ohne sein großes Portemonnaie!« In ihren Augen blitzte nun der helle Zorn. »Daß du dich gar nicht schämst! Ist wohl dein Portemonnaie so groß gewesen, wie ich auf dich verfallen bin?« »Das läßt sich doch gar nicht vergleichen!« erwiderte er selbstbewußt. »Weil du es warst?« spottete sie. »Weil man nach dir sich ja für keinen zweiten interessieren kann?« »Ich hoffe allerdings, daß es mit mir und dem ein Unterschied gewesen ist?« »Das hoffst du: daß ich mich bloß verkauft hätt an den andern? Sauber! Dann sag ich dir eins: Verkauf du dich an deine gutgestellte Bürgerstochter! Und mir laß die Ruh!« »Cenzerl, muß denn gleich alles übers Knie gebrochen sein? Ist recht, ich sag von seiner Mutter in Gottes Namen gar nichts mehr. Ich hab doch an dies Geld um deinetwillen bloß gedacht, und nicht für mich. Ich nehm dich ohne Mitgift gradsogern.« »Jawohl! Daß ich's dann jedesmal, wenn ich was brauch, fein hingerieben krieg, weswegen ich mir's nicht hab geben lassen. Nein: wenn du dich schon jetzt so schlecht verstellen kannst, wo ich noch meine Freiheit hab – was tät ich späterhin erleben, wenn ich erst einmal so vor dir stand!« Sie legte heftig ihre Handgelenke über Kreuz. »Ah, das denkst du von mir!« brauste er auf und fuhr plötzlich gefühlvoll fort: »Hast du mich früher nicht ein bißl anders gesehn?« Genau das hatte sie heute schon einmal hören müssen. Sie zuckte müde lächelnd mit den Achseln. »Weiß selber nicht, warst du da anders, oder war ich noch so dumm? Bist du inzwischen weniger worden, oder ich mehr ?« »Wahrscheinlich letzteres!« höhnte er. »Ich wüßt bloß gern, wodurch!« »Durch meinen unsittlichen Lebenswandel, willst du sagen. Sag's nur, du – feiner Mann!« »Jawohl, der andere war feiner! Dann geh du nur zu ihm zurück! Heißt das: wenn er dich überhaupt noch will! Denn ob dein Abgang da so freiwillig gewesen ist ...?« »Natürlich, nausgefeuert hat er mich«, bestätigte sie trocken, »und ob ich ihn jetzt um Schönwetter bitten soll, werd ich dich fragen!« »Da ist wohl schon ein Dritter bei der Hand?« »Freilich, ein ganzer Klub, kannst du dir denken! Oder, daß ich auch nicht zu wenig sag, die ganze bayrische Armee! Erst aufwärts vom Major natürlich. Denn mit die Subalternen hab ich's nimmer – tut mir leid für dich!« »Ich bin in unserm Wirtschaftsleben längst kein Subalterner mehr!« »So, so, im Wirtschaftsleben nicht? Betätige dich also da! Schad um die schöne Zeit, die du bei mir vertust!« Er stampfte mit dem Fuß. »Das soll wohl ein Hinauswurf sein?« Sie zuckte stumm die Achseln. »Gut. Kann ich ja gehn!« Sie gab noch immer keine Antwort. Schon an der Tür, kehrte er plötzlich wieder um. »Geh, soll nun das das Ende sein?« fragte er weich. Doch Centa schwieg. »Wenn dich das nur nicht später einmal reut!« schrie er. »Dann schreib ich dir's auf einer Ansichtskarte, gel? Das Portofünferl soll mich ganz gewiß nicht reun.« »Du nimmst mich überhaupt nicht ernst!« »Sei froh! Denn sonst ...« »Gut! So hast du mich zum letztenmal gesehn!« »Freundlichen Gruß noch an die andre mit was hinter sich!« rief sie ihm nach. – Doch kaum war sie allein, da warf sie sich mit heftiger Bewegung in den Sessel, zog aus dem Halsausschnitt ihr Taschentuch und gab sich einem unbeherrschten Schluchzen hin. Plötzlich aber setzte sie sich steil und horchte angespannt: die Flurtür war noch nicht gegangen; sonst hätte sie es sicherlich gemerkt, weil sich das Ding von draußen nur mit einem Krach zuziehen ließ. So stand er wohl noch auf dem Vorplatz und spitzte, ob sie etwas hören ließ. Und wie sie diesen Helden kannte, hatte er ein gesundes Fell und kam womöglich wieder herein und bat, die Briefe mitgerechnet, zum fünftenmal um ihre Hand. Ging ihr grad ab, daß er sie dann in Tränen fände. »Nein, das erlebt er nicht!« sprach sie zu sich und wischte sich mit einer wahren Wut die Augen. »Ja, spinn ich denn? Ist scheinbar seit heut in der Früh 'ne dumme Angewohnheit von mir worden, jedem Mannsbild, dem ich den Laufpaß geb, erst einmal nachzutrenzen. Ist's mir denn leid um den? Nein, froh bin ich! Wollt's mir im Anfang nur nicht eingestehn, aber im Grund ist mir's gleich klar gewesen: der ist nix mehr für mich.« Sie merkte auf: war das nicht ihre Mutter, die da sprach? Und mit sich selber reden war nicht ihre Art. Da, horch: die Flurtür knallte hart ins Schloß. Na, etwas leiser wär es doch am End gegangen! Und gleich darauf stand Frau Hollerieth vor ihrer Tochter. »Du, was heißt denn das? Ich komm grad aus der Küch und seh da draußd den Karl und frag ... Aber er gibt mir überhaupts nicht an, schießt bei der Gangtür naus und schmeißt sie zu, daß es bloß a so scheppert. Was ist los?« »A weiter nix. Dein Traum hat sich verflüchtigt«, erklärte Centa mit beinah zu unbefangner Heiterkeit. »Heißt das, daß es nix wird mit euch?« »Nein, kaum; auf diesen Schwiegersohn verzicht nur gleich!« »Daß ihr auch alleweil streiten müßts!« »Ich mit dem streiten? Nein, ich mag ihn nimmer. Fertig, Schluß!« »Ja, Herrschaft, erst kommst du daher, und jetzt ...« »Ach, Mutter, nach die Brief hat er sich anders angeschaut. Macht er den Mund auf, dann kommt der Prolet heraus.« »Prolet! Sein Vater ist Verwalter bei der Bahn gewesen wie der deinige auch!« »Dreht sich nicht um den Stand, auch nicht um den von seinem Vater. Das sitzt inwendig drin.« »A, Cenzi, geh! Wie man so reden kann! Die heutige Jugend – na! So wählerisch seids ihr!« »Gehört sich auch am End!« bemerkte Centa. »Soll ja fürs Leben sein. Hättst du zu deine Zeiten einen genommen, der dir in den Tod zuwider war?« »So ist er auch nicht! – Zieht sich da nix mehr zurecht?« »Ich mag ihn nicht und will ihn nicht, und anders wird es nicht!« »Und mit dem Doktor Rapp? Wie ist's? Kannst du denn wieder zu dem hin?« »Mei, wegen Können ...! Wenn ich doch nicht mag!« »Du!« mahnte Frau Hollerieth. »Da muß es doch was geben haben? Warst es wirklich du?« »Mutter, auf Ehr und Seligkeit: mit Kußhand tät er mich sogar heiraten!« »No, und?« »Was: und? Ich hab ihn dick.« »No, weißt: von ihm wirst schwerlich sagen können, er wär ein Prolet.« »Prolet, was man so heißt ... Ein Protz ist er und ... hat noch andres auch, was mir nicht paßt.« »Ihr mögts schon heutzutag den Sack mit sieben Zipfeln. An jedem fehlt dir was. Wohl auf den Märchenprinzen warten, gel? Aber obs d' den derwarten kannst?« »Der darf mir ebenfalls gewogen bleiben! Und die Mannsleut durch die Bank!« Die Alte seufzte. »Cenzerl, ich glaub fast, du hast dich richtig zwischen zwei Stühl gesetzt.« »A geh! Scheint mir, ich sitz hier ganz kommod in deinem Sorgenstuhl.« »Ja, Sorgen kannst du einem machen, ist schon wahr. – Du, Centa, wenn das alles stimmt, was du mir da verzählst – läßt sich's gar nimmer leimen mit dem Doktor Rapp?« Centa sprang auf. »Natürlich stimmt's, aber nachdem ich ihm den Bettel hingefeuert hab, sollt ich ...? Nein, das erlebt er nie!« »Du, Cenzi, da ist doch der alte Graf, von dems du mir gesagt hast. Wenn nicht du, könnt vielleicht er es richten, daß ...?« »Der Brokkenhuus? Der wär der letzte, vor dem ich mich kleinmachen tät!« »Ja, und mit dem Oggetti Karl ...? Denn einer muß es doch schließlich sein!« »Nein, der schon gar nicht!« »Cenzi, ihr nehmt alles gar so leicht ... Und was soll denn nun werden? Wie denkst du dir's?« »Geh, Alte!« Die Tochter schlang den Arm um ihre Mutter und lehnte ihr die Wange schmeichelnd an die Stirn. »Nimmst du halt die verlorne Tochter bis auf weitres wieder auf?« »Von wegen dem ...! Aber ich mein ...« »Mit meine Zeugnis find ich zum nächsten Ersten doch mit Kußhand eine Stell. Und wenn auch das nicht – auf Quartalsanfang gewiß. Am Montag gleich schau ich bei der ›Verdandi‹ vor. Die wissen noch von früher, was man an mir hat.« »Ja, Kind, bist doch die Arbeit gar nimmer gewohnt.« »Gewöhn es wieder in drei Tag! Und glaubst, ich hätt jetzt all die Jahr her nix getan? Erlaub einmal: der Haushalt war fei tadellos instand! Ist halt die gute Schul von dir!« »A, Schmeichelkatz!« »Getippt hab ich noch außerdem. Die ganzen Manuskripte für den Grafen Brokkenhuus. Aus Freundschaft, und auch daß ich in der Übung blieb.« »Und was hab ich dir denn zum bieten? Wo's du fünf Jahr lang so im Fett gesessen bist!« »Ach, Mutter, besser kochen als wie du – gibt's überhaupt gar nirgends.« »Geh, mach keine Sprüch!« Wohl aber tat Frau Hollerieth dies Lob im tiefsten doch. »Wir richten es uns schon recht grübig ein«, fuhr Centa fort. »Mach keine Mördergrub aus deinem Herzen! Muß dir auch selber lieber sein wie alleweil mit der Resi bloß, der sauer gewordnen Tatzensteckenschwingerin.« »Hast an der auch was zum kritisieren?« tadelte die Mutter. »In der Schul ist sie fei recht und hat die frechen Münchner Früchtln fest im Zug.« »Von mir aus!« lachte Centa. »Wenn bloß ich nicht in ihre Klass' geschickt werd!« »Ist ein wahres Glück, daß die grad fort in die Vakanz ist. Die wenn hier wär, no, da tät sich eine schön das Maul zerreißen! Jessas, und die Leut! Die werden was zum Schwätzen haben!« Ein Schatten huschte über Centas Stirn, aber sie sagte flott: »Wenn mir im Leben nie ein größerer Schmerz passiert, sollen sie doch! Werden's schon auch gewöhnen, daß ich wieder da bin; und dann wird ein andres Opfer hergenommen. – Und daß ich von der Resi noch ein bißl 'ne Respektfrist hab, trifft sich grad gut. Nehm ich derweil ihr Zimmer.« »Nein, nein, lieber nicht! Die ist so diffizil mit ihrem Sach! Aber ich hab zur Zeit ja keinen Zimmerherrn. Hast denn am Haustor drunt den Zettel nicht gesehn? Den Berchtenbreiter haben s' nach Bamberg versetzt; und jetzt im Sommer bis du einen andern findst ...« »Recht so, wär ja die Wohnungsfrag gelöst. Mit Umbausofa, grad hundsnobel! Und Mutter, horch, was dir der Berchtenbreiter zahlt hat, zahl ich dir natürlich auch.« »Das wird sich dann schon zeigen. Hab nur erst wieder eine Stell!« »Die kriegen wir! Sind wir schon einig. – Mutter, ich hätt es selbst nicht glaubt, aber es ist doch so: ich freu mich richtig auf die Abwechslung! Und wenn mir zu meinem Glück noch etwas fehlt – was meinst wohl, was das ist?« »No, ich könnt mir Verschiednes denken.« »Nein, ist bloß eins! Magst du mir nicht geschwind etwas zum essen geben? Mir ist vor Hunger schon ganz schlecht.« »Mei, hast denn noch nicht Mittag gessen?« »Nicht ein Bröckel seit heut in der Früh. Ist alles so Hals über Kopf gegangen.« »Kind Gottes, warum hast mir das nicht auch telegraphiert? Wo nehm ich auf den Sturz denn gleich was her? – Wart einmal, doch: ein Stückl Ochsenfleisch ist noch überblieben vom Mittag ... Kochte Kartoffeln – ja ... Ein Gröstl ließ sich machen, wenn ...« »Doch wunderbar!« rief Centa. »Weißt nimmer, daß ich dafür schwärm? Ein Bier hast auch?« »No, freilich! Geh gleich mit!« Sie traten in die Küche, und Frau Hollerieth holte die Pfanne her. »Du, Cenzi, sei so gut: am Fenster in der Speis stehn die Kartoffeln. Und aus dem Eisschrank bringst das Fleisch mit und ein Bier. Ja, und den Butter und die Zwiefeln nicht vergessen!« Als Centa dann am Küchentische saß und den Verschluß der Flasche öffnete, rief sie erstaunt: »Was? Rappenbräu? A geh, seit wann?« »Weil man von denen doch das meiste Eis geliefert kriegt.« Centa schenkte sich ein. »No ja, heut noch einmal als Abschiedshalbe für den verflossenen Ferdinand! Aber von jetzt an nimmst gescheiter helles Thomas, weil's weitaus besser ist. Denn mit dem Rappenbräu ...« Sie trank. »Schau, Cenzi«, überlegte Frau Hollerieth, die ihr Kartoffeln schälend gegenübersaß, »wär alles recht, ich hab dich ja auch gern bei mir. Aber für dich – weiß nicht, das Wahre kann es auch nicht sein. Schau bloß die Resi! Hat ihr schönes Amt, pensionsberechtigt noch dazu, und geht ihr gar nichts ab! Und trotzdem alleweil unzufrieden. Richtig angesäuert, wie du sagst.« »Fürcht ich mich nicht, daß ich so werden könnt«, entgegnete Centa vergnügt, »und du ja auch nicht, tu nicht so! Ist doch die Resi schon mit zwölf die alte Jungfer gewesen, wie s' im Buche steht, weil sie halt so geboren ist.« »Freilich hat euer Vater damals auch die richtige Gesundheit nimmer gehabt. Ich weiß schon, daß du anders warst: immer fidel und hast dich freuen können über jeden Dreck. – Aber, mein Gott: jahraus, jahrein nix wie Büro! Grad du! Da hätt ich mir nun denkt ... Ich wie so alt gewesen bin, wie du heut bist, hatt ich schon, wart einmal, das vierte Kind.« Die Tochter schmunzelte. »Dir in dem Stück nachkommen, ist nicht leicht. Hätt ich mich früher dazuhalten sollen. Aber muß denn für mich schon aller Tage Abend sein? Schau, wie ich geboren bin, hast du fünf Jahr gut mehr gehabt als wie ich heut. Und ist das Resultat so schlecht?« »Ja, Kind, ich hatt auch einen Mann. Und du willst doch von keinem nimmer wissen!« »Will ich auch nicht. Aber kann eins voraussehn, was geschieht? Mutter – lach mich nicht aus –, mein kleiner Finger sagt mir's irgendwie trotz allem: ich sterb nicht als Tippmamsell!«   Centa hatte sich das Geröstl schmecken lassen und fühlte sich behaglich satt. »Abspülen, Mutter, tu nachher schon ich. Aber jetzt hocken wir ein bißl noch so da, und du hörst mir die mütterliche Beicht ab; gel? Denn anders tust du es ja nicht. Und so abscheulich werden meine Sünden auch nicht sein.« Sie rückte ihren Stuhl etwas zurück und warf unter dem Plaudern manchmal einen Blick durchs Fenster in den Hof, wo sie als kleines Mädel Tag für Tag geschussert, Ball gespielt und manchen Unfug ausgebrütet hatte. Wie vertraut ihr doch die Rückfront des Hauptgebäudes drüben war. Sie kannte jeden Riß und jede Narbe im Verputz, selbst das Geraffel auf den in zwei Senkrechten vom Erdgeschoß zum vierten Stock ansteigenden Küchenbalkonen schien noch das gleiche wie zu jener Zeit. – Freilich, die Aussicht von der Villa Rapp draußen am Tegernsee war schöner. Aber es sagte ihr doch auch etwas, wieder daheim zu sein. Ihr Sorgenkind hatte Frau Hollerieth ihre Zweitjüngste oft genannt, wenn sie sie mit ihren andern Kindern verglich, die alle braver und gesetzter ihren vorgeschriebnen Weg verfolgten – ernsthafte Sorgen aber hatte sie sich um die Centa nie gemacht. Nein, die kam durch, weil ihr – nicht leicht zu widerstehen war. Das wußte sie ja von sich selbst. Hatte sie denn die Cenzi, ob die auch am meisten anzustellen pflegte, nicht ganz selten nur verwichst? Vor diesem Blick, der sogar dann noch etwas Strahlendes behielt, wenn sich der Kopf erschrocken seitwärts duckte, verlor auch eine im Umgang mit acht Rangen locker gewordne Hand ihre Schlagfertigkeit. – Und schauen tat das Frauenzimmer heute mit siebenundzwanzig immer noch genau wie dazumal. Natürlich hatte sie jetzt wieder einmal etwas Dummes ausgefressen und nicht viel Verstand gezeigt. Aber, mein Gott, der eine schafft's mit dem Verstand, der andre schafft's mit dem Glück. Und auf die Füße fiel die alleweil! So gab es sich von selber, daß das Gespräch der beiden immer munterer wurde und vom Vergangnen und Gegenwärtigen in die Zukunft schweifte. Sie malten es sich aus, wie friedlich sie zusammen hausen wollten. Resi, das »Reibeisen«, wie Centa ihre Schwester nannte, sollte sie darin nicht stören; vielleicht ließ sogar ihre Säure langsam nach, wenn sie begriff, daß sie damit nicht andern wehtat, sondern nur sich selbst. »Mutter, paß auf, wird alles recht«, lächelte Centa. »Du, und das Gfrieß von unsrer Resi, wenn die aus der Vakanz kommt und trifft mich daheim – da freu ich mich ja heut schon drauf und will ...« Doch jetzt fiel ihr das Trillern der Flurklingel in die Rede. Frau Hollerieth erhob sich. »Wer kann das bloß wieder sein?« »Nein, Mutter, bleib! Ich mach schon auf. Ist doch kein andrer wie der Oggetti Karl. Den bringst aufs erste Mal nicht los. Aber er kriegt das Nötige gesagt, hab keine Angst!« Centa hatte den Griff der Tür schon in der Hand. »Wenn er es ist, nimmst es am End doch als ein Zeichen«, riet die Mutter. »Geh, sei nicht zu harb mit ihm und brauch ein bißl Verstand!« »Mei, woher nehmen und nicht stehlen, Mutter? Deinen Verstand hast mir du Geizkragen ja nicht vererbt – bloß deine Hübschigkeit. No, immerhin ein Pflichtteil, das sich sehn lassen kann!« Damit war sie hinaus. Frau Hollerieth schüttelte ihren grauen Kopf. »Tu, was du willst – echt bös sein kannst dem Weibsbild nicht!« – Centa straffte ihre Schultern kampfbereit und riß die Flurtür heftig auf. Doch plötzlich zeigte sie ein völlig anderes Gesicht; denn vor ihr stand Graf Brokkenhuus, schwer auf Gestettners Arm gestützt. »Du«, rief sie. »Das ist aber lieb!« »Centa, grüß Gott! Ich dachte nur ...« »Ja, tritt doch näher! Häng dich bei mir ein! So ist es recht.« Und zum Chauffeur gewendet, fuhr sie fort: »Warten Sie drunten, bis man Ihnen ruft!« »Drunten warten, jawohl!« Gestettner riß die Absätze zusammen. Schau, schau, die Strammheit war auf einmal wieder da! Frau Hollerieth in ihrer Küche neigte lauschend den Kopf zur Tür und nickte. »Also mit ihm reden will sie doch! No, hoffen wir's, es zieht sich wieder zurecht.« An Centas Arm betrat der Graf die Wohnstube, wo der weiße Hut noch immer in der Sonne lag und einen eignen Zwielichtglanz gegen die Decke warf. »Da, in den Sessel!« sagte sie und half ihm sorgsam, bis er saß. Auf einmal fiel ihr etwas ein: »Was? Der Gestettner hat dich hergefahren? Jessas naa, muß der gesaust sein!« »Ja; das heißt ...« schnaufte der Graf. »Bißchen verpusten noch! Ich bin das Treppensteijen gar nicht mehr jewöhnt.« »Und kommst trotzdem, um mir behüt Gott zu sagen! Daran erkenn ich dich!« Sie zwängte sich hinter der Tischplatte durch, setzte sich in die Sofaecke neben ihn und sah ihn lächelnd an. »Tja ...« wollte er beginnen. Sie fiel ihm ins Wort: »Und wie ist es mit dem Duell?« »Alles in Butter, wie sich der Müller Alois auszudrücken pflegt. Der Frieden ist jeschlossen, und zwei Unbesiegte stehen glänzend da.« »No, weil nur dies Theater unterwegs bleibt!« nickte sie befriedigt. »Darf ich daraus entnehmen, daß ein lebendijer Ferdinand dir lieber als ein toter Goswin ist?« »Ist mir der eine wie der andre wurscht!« »Nu, nu!« Er schüttelte den Kopf und fügte unruhig hinzu: »Um Gottes willen, war dieser Oggetti schon bei dir?« »War er, jawohl.« »Nu, und?« »Was: und?« »Hat er dein Wort?« »Ja, einen Schmarrn hat er! Nein, Brokkenhuus, du hast ihn nach dem einen Brief von ihm, den ich dir damals, weißt, hab lesen lassen, besser herausgehabt wie ich nach ... Lassen wir's! Was muß ich vor fünf Jahren noch für eine Schneegans gewesen sein! – Gel ja, da schaust? An einem Tag zwei ernsthafte Bewerber schießen lassen – ein Rekord! Mach mir das eine nach!« »Also, dann ist noch nichts verloren!« rief der Graf erleichtert. Sie sah ihn mißtrauisch von der Seite an. »Eins sag ich dir fei gleich: wenn du jetzt für den Ferdl sprechen willst, sprich lieber nix! Mit uns hat's endgültig geschnappt.« »Aber wenn es doch mit dem anderen nichts wird?« »Brauch den nicht und brauch den nicht! Hab überhaupt die Mannsbilder im ganzen dick. Taugt keiner nix. – Du selbstverständlich ausgenommen, Brokkenhuus.« »Ja, ja, so wird man tauglich durch Untauglichkeit«, lächelte er etwas wehmütig. »Aber woher auf einmal dieser Zorn jejen den armen Ferdinand?« »Auf einmal, meinst? Du weißt halt nicht, was es zwischen uns zwei heut in der Früh gegeben hat.« »Doch, doch! Er hat mir's unterwegs jenau erzählt.« »Was heißt denn: unterwegs?« »Er ist doch mit mir einjefahren.« »Was?« »Ja, und wird in zehn Minuten hier erscheinen. Ich wollt nur erst ein Viertelstundchen mit dir allein ...« »Daß du es weißt: hier in die Wohnung kommt er nicht!« »Centa, sei doch nicht unvernünftig!« »Findst du? Sachen hat er mir gesagt!« »Im Zorn! Du wirst dich auch nicht überströmend herzlich jejen ihn jeäußert haben.« »Red, was du willst – jetzt hab ich ihn erkannt!« »Jetzt erst? Wirklich erst jetzt?« »Wieso?« »Ja, Centa, selbstverständlich hat er neben erfreulichen auch seine Schattenseiten, wie sie jeder hat. Und du als Realistin hättest die nicht von Anfang an bemerkt?« »So, Realistin? Willst du mich auch noch beleidigen?« »Ist doch als Lob jemeint! Ist Realistin denn nicht besser als verstiejene Gans, die Wunder was von Märchenprinzen träumt?« »Merkwürdig!« sagte sie nachdenklich. »So etwas von Märchenprinzen hat mir meine Mutter auch grad hingerieben.« »Nu, kuck mal, wie jescheit!« lobte der Graf. »Was mich bei deiner Mutter zwar nicht überrascht. – Centa, sei doch zufrieden, daß er Fehler hat, die du ihm nach der Hochzeit schön bei langsam abjewöhnen kannst. Ein fehlerloser Mann wär fürchterlich: er zwäng moralisch ja auch seine Frau, den eignen kleinen Fehlern restlos den Kragen umzudrehn. Stell dir so eine Ehe vor – man würde sich zu Tode langweilen dabei!« »Ja, du verstehst es, einem zuzusetzen, Brokkenhuus, und kannst so harmlos tun, als wenns du nur vom Ferdl reden tätst, indem du anstatt dessen mir die Leviten liest. – Soll's aber sein, wie's will – das gibt es nicht, daß ich mich wieder klein und häßlich mach vor ihm auf das hinauf!« »Erbarmung, Centa: klein und häßlich ist nur er. Er hat nun deinen Ernst jesehn und streckt die Waffen ohne Vorbehalt.« Dies Wort schlug bei ihr ein – das merkte er an ihrer Miene und an ihrem Zögern, bis sie sich zum Antworten entschloß. Er fühlte sich enttäuscht, als sie dann endlich sagte: »Brokkenhuus, warum liegt dir soviel daran?« »Nu, weil ihr glänzend zueinander paßt.« »Besonders schmeichelhaft find ich das nicht nach dem, wie er sich heut benommen hat.« »Liebes Kind, wiegt denn ein hitziger Augenblick fünf gute Jahre auf? Er ist nicht anders, als er immer war, und ist für einen Sohn aus reichem Haus sogar ein ausnahmsweise netter Kerl. Nein, nimm es mir nicht übel, du hast dich da nur in was verrannt.« »Verrannt! Verrannt!« »Ja, und im Grund ist es dir selber gar nicht mehr so richtig ernst ...« »Was?« rief sie lebhaft. »Und ich kann dir sagen: wär mir's nicht heiliger Ernst gewesen ...« »... dann hättest du damit nicht – deinen Zweck erreicht?« fragte er schnell und schmunzelte verschmitzt. »Du glaubst, das war Komödie bloß von mir? Ich schwör dir's zu ...« »Nu, Centa, ruhig Blut! Wer spricht denn von Komödie! Natürlich war dir's ernst, solang du glaubtest, es würde mit dem andern was. Aber seitdem ...? – So einen Unsinn machen, nur um vor dir selber das Jesicht zu wahren – das paßt nicht zu dir.« Sie hatte halb abgewendet von ihm dagestanden. Jetzt fuhr sie herum, und ihre Augen wurden hell. »Brokkenhuus«, lachte sie, »du bist ein Feiner und weißt besser wie man selber, wieviels in einem drin geschlagen hat. – Nehmen wir halt den Ferdl wieder in Gnaden an! Aber meine Bedingungen stell ich ihm schon.« »Ja, wenn du meinst ... Ich bin auch so schon froh! Nur um Himmels willen nicht zu viel Bedingungen! Die Zukunft Punkt für Punkt vertraglich festzulejen – so unbegabt wirst du nicht sein. Und deine weiblichen Talente schaffen es nach der Hochzeit leicht auch ohne das.« »Freilich!« gab sie siegesbewußt zurück. »Hab ich den Fuchs einmal im Eisen, dann ist mir's um das Weitre gar nicht bang.« »Kuck, wie du wieder strahlst!« stellte er gleichfalls strahlend fest. »Ist dir nu doch ein Stein vom Herzen?« »Ja, Brokkenhuus, ich fühl mich recht blamiert, aber es ist deshalb doch so gewesen: Kaum den Oggetti Karl gesehn, da hab ich schon gewußt, daß er gegen den Ferdl überhaupt gar nicht in Frage kommt. Ich hatt nur meine Wut und hab mich justament dagegen aufgebockt. Ich hätt dem Ferdinand auch ganz gewiß nicht nachgeheult und mir mein Leben ohne ihn schon eingerichtet, wie es sich gehört, aber hart angekommen wär mir's heimlich doch, das schöne Haus am Tegernsee zu missen und – natürlich dich.« »Nu, nu, verjiß den Ferdinand nicht ganz!« »Ja, und von mir aus auch den Ferdinand. Weiß selbst nicht, was das ist!« »Sollte es nicht am Ende – Liebe sein?« »Ach, Brokkenhuus, so mögen es die Poesiedichter in ihre Bücher heißen. Bin ich schon eine Realistin, no, dann sag ich's weniger geschwollen: bin ihn einmal gewohnt. – Herrschaft, da schellt er schon! – No, dann in Gottes Namen! Gehn wir's halt an!« Sie winkte ihrer Mutter, die neugierig aus der Küche lugte, warnend ab, ging, als die Alte sich zurückzog, an die Flurtür, verzog noch einen Augenblick und machte dann entschlossen auf. Rapp schaute sie befangen an und sagte heiser: »Grüß dich Gott!« Sie nickte kühl. »Grüß Gott! Wenn du schon einmal da bist, geh halt dort hinein. Der Brokkenhuus ist drinnen, und ich komm gleich nach. Muß bloß zuvor ...« Sie eilte in die Küche. Frau Hollerieth trat ihr entgegen. »No, was ist denn? Red halt, Kind!« »Was soll denn sein? Diesmal ist es der Doktor Rapp gewesen. Hab ihn derweil ins Wohnzimmer spediert.« »Ja, spinnst du denn? Den – zum Oggetti Karl?« »Geh, der erste war der Graf Brokkenhuus. Und ich hab dich nur bitten wollen: wenn's wieder schellt, machst du auf, gel? Und ist es der Oggetti Karl, dann sagst du ihm, ich tät bedauern – grad aber hätt ich mich verlobt.« »Nein, ist es wahr?« Frau Hollerieth schlug freudig in die Hände. »Gratulationen werden später angenommen«, lachte Centa und war schon entwischt. – »No also, Cenzerl, sind wir wieder bei Verstand?« rief Rapp, als sie erschien. »Mein Herr!« wies sie ihn kühl zurück. »Grad weil ich bei Verstand bin, sind wir noch nicht soweit. – Ach so? Der Brokkenhuus hat dir natürlich alles schon geratscht?« »Weil das den Fall vereinfacht!« lächelte der Graf. »Und damit ist mein Werk jetan. Nun laß ich euch besser allein.« »Wär ja noch schöner!« widersprach ihm Centa. »Nein, du bleibst! Weil ich notwendig einen Zeugen brauch. Denn jetzt wird es fei ernst. Du, Ferdinand, setz dich da in den Sessel hin – in dem hat heut schon ein ernsthafter Bewerber einen Korb von mir besehn!« »Was soll der Unsinn?« murrte er halb lachend und halb ärgerlich. »Muß das denn sein?« »Klar, daß es muß! Und ist gescheiter, du sitzt schon zuvor, wenn ich dir meine Bedingungen diktier.« »O weh!« Er ließ sich nieder. »No, ich bin auf Furchtbares gefaßt.« »Das darfst auch! Also Paragraph eins: wir reisen morgen in der Früh direkt von hier aus, notabene, ohne vorher heimzufahren, nach der bekannten Insel Jersey. Weißt du, wo die ist?« »Beiläufig, ja. Und muß das ums Verrecken morgen sein?« »Jawohl. Hab lang genug gewartet schon.« »Aber zu einer Hochzeit braucht es doch Papiere.« »Ah, kein Schein! In England nicht. Sind dort die Paechtlis doch getraut! Glaubst du, ich hätt die Gwen nicht ausgefragt? Zwei Zeugen bloß – das langt. Und die verschafft uns die Pensionsmama, von der ich die Adresse auch schon aufgeschrieben hab. Und wenn die keine wissen sollt, dann stehn vorm Standesamt so Packträger herum, die tun es um zehn Schilling liebend gern. Sie leben ja davon.« »Bloß Anzüg zum verpumpen haben die wohl kaum. Ich kann doch nicht so wie ich geh und steh, sonst ohne nix, nach England hin«, wehrte sich Rapp. »Ich hab mein Sach dabei, und wegen dem deinen schreibst dem Müller Alois einen Brief«, erklärte sie. »Der Brokkenhuus fahrt so mit unserm Wagen naus und nimmt ihn mit. Dann packt der Otto dir ein Kofferl, und der Gestettner nimmt den kleinen Adler und schafft es herein.« »Ja aber, Cenzerl, wär's da nicht einfacher, wir fahren mit ihm naus und richten es dann selber?« »Freilich, daß du dich draußen wieder davon druckst!« »Wenn ich's dir doch versprech!« »Ja, glaubst, ich geh nach dem, wie ich heut fort bin, noch einmal ins Haus, wenn nicht als richtige gnädige Frau? – Mich dumm anschaun lassen von der Bande, ging mir ab! Dienstboten sind fei nicht so blöd, wie ihre Herrschaft meistens glaubt. Geheimniss' gibt's vor denen nicht. So – oder gar nicht – wird's gemacht! Wir übernachten hier drinnen im Hotel! Heut abend könnt man in die Oper. Sind die Festspiel grad. Im Residenztheater: Don Giovanni – da gehn wir hinein.« »Du mußt wohl noch einen bestraften Wüstling sehn?« erkundigte sich Rapp. »Von wegen: Wüstling!« lachte sie. »Geh, überschätz dich nicht! Aber: bestraft – ja, Strafe hast du schon verdient.« »Ach Gott!« seufzte er humoristisch. »Also, Paragraph eins ist angenommen. Mach nur ruhig weiter – ich hab ein gesundes Fell!« »Mehr – gibt es nicht«, erklärte sie. »Bravo!« rief Brokkenhuus. »Das andere diktier ich dir dann nach der Hochzeit«, kündigte sie an. »Wird sich ja zeigen!« erwiderte Rapp unbesorgt. »Aber weil du's so gnädig machst, möcht ich freiwillig noch etwas tun. Du hast doch auf den Namen von unserm Haus des öfteren geschimpft. Na, taufen wir's in: ›Villa Centa‹ um!« »Du läßt dir's ja was kosten!« spöttelte sie. »Bloß schad, daß mir das gleich gar nicht gefällt! Mein Namen ist zu gscheert dafür.« »Mein lieber Rapp«, schlug Brokkenhuus mit stillem Schmunzeln vor, »tauf es Centa zu Ehren doch: ›Haus meine Unruh‹! Ich glaub, das paßt. Denn deine Uhr, die in der letzten Zeit klein bißchen nachjing, kriegt jetzt wohl grade diesen Teil neu einjebaut – was meiner Ansicht nach kein Fehler ist!« »Wie ich mich freu!« seufzte der Doktor. »No, wenn's mir zu bunt wird, brenn ich ihr einfach durch.« »Daß sich Herr Doktor fei nicht täuschen!« sagte Centa. »Nämlich: wie man Männer fesselt, darüber hab ich jetzt von deiner alten Dame hübsch was profitiert.« »Ach was?« rief Rapp. »Da du sie nur par renommé kennst, heißt das ja allerhand.« » Par renommé ? Bin aber letzten Dienstag eine geschlagene Stund bei ihr gesessen, ellabätsch! No, und das langt!« »Ja, bist du ganz plemplem? Zu was denn das?« »Halt, um mit ihr zu reden von uns zwei.« »Jetzt wird es Tag! Und wie hat sie drauf reagiert? Natürlich sauer?« »Süß grad nicht – das geb ich zu. Aber wie mich ihr mütterlicher Fluch dermatscht hat, kennst vielleicht an dem!« Centa nahm ihre Handtasche vom Tisch, zog ein Etui, doppelt so lang als breit, daraus hervor und hielt es ihm hin. »Was ist das?« fragte er. »Schau es nur an! Direkt von ihr bin ich zum Juwelier. War dir ja eigentlich schon zum Geburtstag zugedacht.« Er öffnete das Kästchen. »Eheringe?« staunte er. »Da fällt mir ein«, rief Brokkenhuus, »Centa, ich hab auch was für dich, was Ferdinand ersten bei mir vergaß.« Er zog das Schmuckkästchen hervor. »Dank schön!« Sie nahm es und warf es in ihre Tasche. »So also, Ferdl, gehst du um mit meinem Sach! – Nein, nein, die Fangeisen behalt nur du! Oder, gescheiter noch: wir stecken sie gleich an!« Und das geschah denn auch. Centa musterte ihre Hand. »Steht mir doch gut! Du Brokkenhuus, ja schau nur grad: der Ferdinand mit Ehering! Ich lach mich ja kaputt! Fehlt weiter nix als wie die alte Dame, die uns ihren Segen gibt!« »War eine Kateridee von dir: der auf die Bude rücken!« knurrte Rapp. »Denn der Effekt wird sein, daß sie mich als Präsent zur Hochzeit glatt enterbt.« »Ach? Und dann müssen wir stehend freihändig Hungers sterben?« fragte sie vergnügt. »Mich reut er gar nicht, der Besuch. Wenn auch ein bißl anders, wie ich mir's gedacht hab, hat er doch seinen Zweck erfüllt.« »Ah? Und dein Zweck war wohl, bei ihr auf Bisgurn lernen? Nett, und da werd ich mir ja was versprechen können!« »Homöopathisch anjewendet«, mischte sich Brokkenhuus nun ein, »drei Tropfen Bisgurn auf einen Suppenlöffel Liebenswürdigkeit und zur Jeschmacksverbesserung ein Prischen Mutterwitz hereinjerührt – das ist bekömmlich und gesund, mein lieber Rapp.« »Und wegen dieser Art Gesundheit, meinst du wohl, verzichtet man mit Kußhand auf sein Muttererbe?« hielt ihm Rapp entgegen. »Wird nicht so heiß gegessen!« munterte ihn Centa auf. »Die Alte kommt schon wieder zu Verstand. Die krieg ich rum! Und ohne ihr großartig nachzulaufen. Weißt du, wodurch? – Dadurch, daß ich dich in der Ehe erst zum Menschen mach. Jawohl!« »Rapp, das hättest du bei schnellerem Zugriff billijer haben können«, lachte der Graf und fuhr wie tröstend fort: »Aber richtig zu Menschen werden Eheleute ja erst durch die Kinder, weil man die doch erziehen muß und das nur auf dem Weg des Beispiels jeht.« »Mei, Ferdl«, Centas Grübchen tanzten lustig in den Wangen, »ein Beispiel wenn's d' erst bist, wirst du vollends unwiderstehlich. Kommt es soweit, weißt, dann verpflicht ich mich, dir keinen Tropfen nimmer einzugeben von der bewußten Bisgurn-Medizin, und du darfst zur Revanche mich dreimal täglich füttern mit deine Lebenverlängerungs-Pralinee. Denn daß jetzt hinter die Erfindung endlich Dampf kommt, dafür tu ich dir schon! Ich möcht ja nicht für meine Kinder bloß, sondern für recht viel Enkel und Urenkel noch ein Beispiel sein. – Ja, schau nur, Brokkenhuus! Darfst es mir glauben: ich werd hundert, wenn's langt. Mich vorher totzuärgern, bringt nicht einmal der zustand!« Sie faßte Rapp am Oberarm und schüttelte ihn flott, strahlend vor Frische und Gesundheit – eine Siegerin.   Ungefähr um die Stunde, als im Münchner Residenztheater Centa und Rapp den steinernen Kontur bedrohlich Don Juans Speisesaal betreten sahen, nahmen Graf Brokkenhuus und seine Neffen im Salettl des Sixenhofes Platz. Sie hatten in des Grafen Bauernstube ihre Abschiedsmahlzeit eingenommen und waren, weil da drinnen große Schwüle herrschte, hier herausgezogen, um noch, wie Henne sagte, »bißchen Mondschein und viel Alkohol« zu kneipen. Was der Sixenbauer sein Salettl nannte, war ein öder, langgestreckter, nach Westen offener Bau und diente meistens nur zum Wäschetrocknen, wenn es regnete; fast nie genoß ein Mensch die weite Aussicht über den See und auf die Berge, die sich hier bot. Als Brokkenhuus in dem Rohrsessel saß, den Sepp für ihn herausgetragen hatte, befahl er diesem: »Jeh also und bring jetzt das Jetränk!« »Jawohl, Herr Graf!« Der kleine Diener machte sich davon, war aber, bevor er noch das Haus betreten hatte, wieder da und ließ den Müller Alois an sich vorbei. »Schön guten Abend!« sagte der und hob den dreien einen Henkelkorb entgegen, aus dem einige grünbekapselte Weinflaschenhälse ragten. »Herr Graf, darf ich mich jetzt zu Gast bei Ihnen laden? Hab auch was mitgebracht, weil mir die Centa unter den Brief vom Ferdinand eigens geschrieben hat, sie macht mich dafür haftbar, daß Sie ihre Verlobung heut mit einem würdigen Wein begießen. Ich bin gleich in den Keller und hab was Extrafeines ausbaldowert: Pfälzer im heiratsfähigen Alter, dreiundneunziger Forster Ungeheuer, waren grad noch vier Flaschen da, pro Nase eine, stimmt aufs Haar. Das ist ein Tropferl, no, Sie werden schaun! Schaun tat ja auch der Ferdinand, wenn er es wüßt, daß wir die Marke ohne ihn verdrucken. Aber in der Hinsicht sind wir kalt. Um auf sein Glück zu trinken, ist uns nix zu gut. Steht auch dafür, es mit dem Tröpferl zu begießen, daß uns die Centa doch nicht durch die Lappen ist, gelten S', Herr Graf?« Brokkenhuus nickte ihm wohlgefällig zu, denn er begriff, warum sich Rapps Faktotum heute abend viel beredter als gewöhnlich zeigte. Auch Alois freute sich, und das gefiel ihm gut von ihm. »Nu, setzen Sie sich«, lud er ihn ein und rief: »Du, Sepp, verschwind und bring jetzt nichts, bis man dich ruft! Das heißt, ja, Gläser werden nötig sein.« »Brauchts nicht«, erklärte Alois. »Entsprechend edle Gemäße hab ich ebenfalls dabei.« Er faßte in den Korb und stellte vier kristallene Römer auf den Tisch. Dann schob er einen Stuhl für sich heran, zückte den Korkzieher und machte sich über eine Flasche her. Der alte Pfälzer floß ölig wie ein Südwein in die Gläser, sein feiner Duft berückte die Nasen schon im vorhinein. Henne nahm schnell den ersten Schluck. »Ah!« stöhnte er vor Lust. »Gar nicht jewußt, daß es auch hier in Deutschland heiße Weine jibt! Das schönste Unjeheuer, das mir je bejegnete – von dir, Goswin, natürlich abjesehn.« Nun hob der Graf den Römer. »Auf das junge Paar!« Sie stießen an, es gab ein silbernes Geläut. »Heut bleib ich auch bei dem«, schmunzelte Brokkenhuus, als er getrunken hatte. »Der Hofrat ist nicht zum Verbieten da. Und Sherry hierauf kam mir doch zu spanisch vor.« Dann flog ein Schatten über seine Stirn. »Erbarmung, wenn nur Bachhuber den Wein nicht riecht!« »Bis München – nein, keine Gefahr!« beruhigte ihn Alois. »Wieso denn München?« »Ich hab ihn doch heut nachmittag schon auf den Schub gebracht nach dort. Ist ebenfalls im Brief vom Ferdl drin gestanden – dienstlicher Befehl. Das hab ich mir nicht zweimal sagen lassen und bin postwendend in die Pension zu ihm, hab seine Rechnung glattgemacht, dabei schonend durchblicken lassen, daß der Herr es selber weniger mit dem Bezahlen hätt, und daß von unsrer Seite kein Pfennig nimmer zum derwarten wär. Dann hab ich ihn beim Flügel packt, ihn an die Bahn bracht, ihm die Fahrkarte München dritter in die ungewaschne Flosse druckt und: ›Behüt Gott, Herr Bachhuber; ist gern geschehn!‹« »Nu endlich!« nickte der Graf. »Ja, ja, das kommt vom Wetten!« sagte Henne. »Nun aber noch das Interessanteste«, erzählte Alois weiter, »was ich nicht glauben tät, wenn ich nicht selbst dabei gewesen wär! Mich armes Luder ausgerechnet, dem doch das Gerschtl nicht so zuwachst wie dem Ferdinand, hat er noch angehaut um zwanzig Mark.« »Wei, und das überrascht Sie so?« erkundigte sich Henne. »Von ihm ja weniger, aber von mir: daß ich's ihm geben hab. Hunger tat weh, hat er gar so geschmerzt dahergebracht, und ich bin scheinbar doch ein Mann von Herz.« »Was? Hunger?« Goswin fiel beinah vom Stuhl. »Aber ich gab ihm ja fünfhundert Mark.« Die andern staunten. »Ja, bist du verrückt?« rief Henne. »Wann vollzog sich diese Transaktion?« »Nu, er kam heute nachmittag, wie du jerade schliefst, und bat mich. Er will nach Paris.« »Das hätt ich wissen sollen!« murrte Alois empört. »Nicht eine Stunde darf das Kind allein jelassen werden!« klagte Henne. »So leichtsinnig verschmaddert dieser Mensch mein Reisejeld!« »Eijentlich hat er die Wette ja jewonnen«, wendete Goswin ein. »Und darum fand ich es im Grund honorig, daß er das nicht jeltend machte und sich das Jeld nur von mir puffen wollte.« »Nu, im praktischen Effekt ist ja der Unterschied nicht groß«, bemerkte Henne. »Auch nicht einmal klein«, bestätigte der Müller Alois. »Ich hab aber sein Ehrenwort!« verteidigte sich Goswin. »Ach, sind Sie Sammler?« fragte Alois mit verdächtigem Ernst. »Da könnten wir Ihnen von dieser Art noch einige Dubletten preiswert überlassen.« »Hei, aber ich weih diesem Tüchtijen einen stillen Schluck.« Und Henne trank. »Weil er mir jetzt bei langsam imponiert. – Sag aber, hast du jetzt auch noch jenug für uns?« wendete er sich besorgt an seinen Vetter. »Kommen schon aus!« beruhigte ihn der. »Könnt man Sie auch noch anpumpen, Herr Graf?« wollte der Müller Alois wissen. »Oder ist Ihr Bedarf darin gedeckt?« »Hehe«, kicherte Goswin verlegen und wies, um abzulenken, gegen den Wallberggipfel hin: »Ist das ein Scheinwerfer, was da so macht?« »Scheinwerfer? A woher! Nein, wetterleuchten tut's. Merken S' das erst jetzt?« »Wie furchtbar!« ächzte Henne. »Und wir hier im Freien! Soll man nicht schnell ins Haus? Das hat, so hoff ich, einen Blitzableiter, der auch funktioniert?« »Nein, bleiben wir nur hocken!« tröstete ihn Alois. »Das steht weit hint in Österreich. Heut gibt es da nix mehr. Aber gar lang wird's nimmer dauern, bis er kommt, der Wettersturz. So schwül, wie es die Tag gewesen ist! Rührt sich bei mir im linken Flügel auch der Reißmatthias schon. Es braut sich was zusammen, ja. Und einmal kommt's.« »Wenn nur nicht heute!« hoffte Henne. »Morjen entfleuch ich sowieso.« »Ja, einmal kommt es«, sagte nachdenklich der Graf. »Meteorolojisch und – auch sonst. Wer weiß, ob unsere liebe Centa nicht grade noch den richtijen Moment ergriff, um unterzukriechen unter ein solides Dach!« »Wei, Onkel Woldemar«, und Henne hob sein Glas, »bei diesem bemerkenswert großbürjerlichen Trank fällt dir nichts andres ein als die von dir ausdauernd prophezeite Jötterdämmerung der bürjerlichen Welt?« »Von Jöttern seh ich da nicht viel«, seufzte der Graf. »Also sagen wir dann: Tod des Bürjertums!« »Manny, von Tod hab ich nie was behauptet. Und ich glaub auch nicht daran. Schon weil der Drang, es im Leben ›zu was zu bringen‹, im Menschen, besonders in Leuten, die selbst nicht viel sind, nu mal drinsteckt. Von seinem goldjezäumten hohen Roß wird es herunter müssen, das Bürjertum, das glaub ich wohl und sehe Zeiten kommen, wo es sein blaues Wunder zu erleben haben wird. Deswejen aber sterben – nein. Laß Stürme blasen – auch von ihm jilt jenes Wappensprüchlein fluctuat nec merjitur .« »Ach, wie heißt das auf deutsch?« bat Alois. »Latein hab ich in meiner Oberrealschule nicht gehabt.« »Deutsch kann man wenijer pathetisch sagen: Kork schwimmt oben«, lächelte Brokkenhuus. »Hotz, schmeichelhaft fürs Bürjertum ist diese Übersetzung grade nicht«, fand Henne. »Nu, warum?« fragte der Graf. »Man soll das Leichte zwar nicht über-, aber auch nicht unterschätzen. Kork, der oben schwimmt, hält manches spezifisch Schwerere über Wasser, um das es schad wär, wenn es einfach, pluksch, auf Grund jing – findest du nicht auch?« »Schwimmjürtel!« strahlte Goswin und war ganz im Bild. »Nein, wie du immer gleich auf so was kommst!« bewunderte ihn Henne. »Ja, ich bin nicht dumm!« »Im Jejenteil!« »Was meinst du denn mit: Jejenteil?« »Nu ja: das Jejenteil von nicht dumm.« »Das wollt ich mir auch ausjebeten haben!« stellte Goswin beruhigt fest. »Prost, Süßing, du bist eine Perle. Leb jefälligst hoch!« Der bürgerliche Vetter hielt dem gräflichen den Römer hin, ihr Onkel und der Müller Alois taten es ihm nach, die Gläser klangen an. »Äcks!« schrie da Henne auf und deckte sich mit der Hand die Augen zu; denn in grellweißen Flammen flackerte plötzlich das halbe Himmelsrund. »Ja, schaun S' nur dort im Kreuther Tal die Wolkenbank!« rief Alois erstaunt und deutete hinaus. Die andern wendeten die Köpfe hin und sahen: durch die blauschwarze Finsternis in der Bergsenke schlängelte sich haarfein und zierlich verzweigt ein blaß rosenfarbiger Blitz. Alois erhob die Hand, wie wenn er sagen wollte: »Horch!« Die Balten bückten sich lauschend vor. Sie hörten aber nichts. Erst als sie wieder entspannt zurück in ihre Stühle sanken, rollte unheimlich leise der erste Donner über das durch zu schönes Wetter dürr gewordene Land. Korfiz Holm über sich selbst Ich bin am 21. August 1872 in Riga zur Welt gekommen. Meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in und bei Moskau, vierjährig kehrte ich mit meinen Eltern nach Riga zurück, besuchte dort die private Elementarschule von Mittelsteiner und das Stadtgymnasium bis zur Unterprima, beendete meine Gymnasialzeit in Lübeck, studierte dann Jura in Berlin und München. Als ich damals in diese Stadt kam, geschah es nur, um hier ein Studiensemester zu verbringen, aber ich habe seitdem München nie wieder für länger als sechs Wochen verlassen, und es ist mir die zweite Heimat geworden. Während meines Einjährigenjahres beim Bayerischen Infanterie-Leibregiment lernte ich den jungen Verleger Albert Langen kennen, der damals neben seinem Buchverlag den »Simplicissimus« ins Leben rief. Am 1. Oktober 1896 begab ich mich in den Verlag von Albert Langen und wollte dort zunächst nur ein Jahr lang Volontär spielen, aber auch hieraus entwickelte sich ein Dauerverhältnis. – Was ich geschrieben habe, ist immer die Frucht spärlicher Mußestunden gewesen, und ich wundere mich selbst, daß ich dabei auf drei dicke Romane, ein gutes halbes Dutzend Bühnenstücke und eine ganze Anzahl kleinerer Sachen gekommen bin, von denen dies und das ganz hübschen, nicht aber einen wirklich großen Erfolg errang. Sonst habe ich über meine Werke der Welt nichts mitzuteilen. Ich fand jedes von ihnen, wenn ich den letzten Federstrich daran getan hatte, wirklich gut. Sonst hätte ich es ja besser gemacht. Ich gebe aber zu, daß ich mit meiner Verlegertätigkeit der Dichtkunst größere Dienste geleistet haben dürfte als mit der Schriftstellerei.