Jean-Baptiste Louvet de Couvray Volksrepräsentant bei der gesetzgebenden Versammlung und dem National-Convent Leben und Abenteuer des Chevalier Faublas – Erster Band Einleitung und Biographie So wohlthuend wie für den ermüdeten Pilger die erfrischende Oase, berührt den Leser inmitten der schrecklichen Ereignisse der französischen Revolution die poetische und tief empfundene Schilderung des Chevalier Faublas von seiner einzigen wahren Geliebten Sophie, die er uns in lieblichster Form vor die Augen führt. In einer Zeit, wo jedermann mit der rasenden Schnelligkeit des Blitzes auf einen andern Pfad versetzt wird, wo Alles von dem wilden Tosen des Aufruhrs und Hasses übertönt wird, lauscht man mit Interesse den innigen Liebesworten des jungen galanten Chevalier's. »O meine Sophie!« ruft er in Kummer und Elend, in der schrecklichsten Gefahr und selbst in der Bastille aus. Überall bei seinen galanten Abenteuern begleitet ihn ihr Bild. Und Sophie ist es denn auch allein, welche ihn über alles Unedle und Niedrige erhoben hält und nach allen Prüfungen des Lebens geläutert, zu sich emporhebt und endlich in wahrer Liebe als ihren Gatten empfängt. Ich glaube, dass man vergebens einen zweiten Roman suchen würde, der vollendeter in seiner Durchführung, feiner in der Auffassung, und im besseren Zusammenhange ist, als Louvet's Faublas. Ein eleganter Stil, die spannende und logische Handlung, stempeln Faublas zu einem der vorzüglichsten Romane. Es muss vorzüglich hinzugesetzt werden, dass dieser Roman mit den hunderttausenden Alltagsromanen, die, ich glaube wohl! jährlich, und hauptsächlich in unserer Zeit, geschrieben werden, in keiner Weise verglichen werden kann. Der Roman Faublas ist ein vollständiges, abgeschlossenes Ganze, und kann überhaupt nur mit solchem Vollkommenen, in welcher Richtung es auch sei, verglichen und beurtheilt werden. Wir bewundern in diesem Roman den mit allen Vorzügen der Natur ausgezeichneten Chevalier Faublas, der ob seiner Begabung und seiner Vorzüge, seiner Lebhaftigkeit, seiner chevaleresken Großherzigkeit und Großmuth, durch Erziehung und Natur zu seinem Lebenslauf vor- und ausgebildet, ich möchte fast sagen, vom Schicksal in eine Zeit versetzt wurde, die kurz vor der großen französischen Revolution sich gerade in ihrer Verderbtheit kennzeichnet. Faublas hat einen thatsächlich historischen Hintergrund, wie wir später sehen werden, und der Roman ist für die Kulturgeschichte von größtem Wert, da er uns die damaligen Zeiten auf das wahrste und glänzendste schildert. Man kann sein Mitgefühl der schönen, geistreichen, muthigen und emancipierten Frau von B... in ihrer Aufopferung nicht versagen. Den größten Antheil nimmt man an der betrogenen reizenden Eleonore, Gräfin von Lignolle, in ihrer Liebe; und all' unser Antheil in Freud und Leid concentriert sich wieder in Faublas' Sophie, der jungen, schönen, zarten Frauengestalt in ihrer erhabenen Reinheit. Diese vier Personen sind es auch, welche die Hauptrollen dieses Romans spielen. Faublas und Sophie, die zwei vorzüglichsten Geschöpfe der Natur, die nach ihrer Vereinigung streben; Frau von B... und Eleonore, als die feindlichen Mächte, welche eine missgünstige Göttin geschaffen hat, die Schicksalsfäden zu durchwirren und den Sieg der wahren Liebe zu verhindern. Die göttliche Allmacht und Liebe ist aber gerecht, und so sehen wir, wie sich dieses Schicksal nicht an seiner Bestimmung hindern lässt, und wie es sich zu rächen weiß, indem es die feindlichen Mächte aufopfert und die bestraft, welche vom Wege der Tugend und Reinheit abweichen. Die übrigen Charaktere des Romans sind meisterhaft geschildert und können natürlich nur solche sein, welche der Handlung und der Zeit des Romans entsprechen; sie sind mit der größten Wahrheit geschildert. Der Roman ist interessant in allen Details, und nicht ein frivoles oder unanständiges Wort ist in demselben enthalten; dagegen wurde der Phantasie eines jeden Lesers der weiteste Spielraum gelassen. Wie vorzüglich ist der Vater Faublas', als echter französischer Edelmann seiner Zeit geschildert; wie treffend jener ausschweifende Roué Rosambert, und endlich der sein Vaterland Polen so heiß, so innig liebende Duportail-Lovzinski; welch' reizende, aufblühende Knospe erkennen wir in Faublas' Schwester, und welch' einen verschmitzten, hübschen Unhold in »Justinchen«! der physiognomienhafte Marquis von B..., und der Charaden machende und lösende Graf von Lignolle, der treue Jasmin, die pikante Schauspielerin, und all' die Figuren und Gestalten eben so wahr, als interessant! – über alle waltet das mächtige Schicksal und über alle ergeht es sich in treffendster und verhängnisvollster Weise. Wie sinnig und tiefgehend zum Beispiel selbst im kleinsten, wenn Faublas das schöne Kleid der Marquise, seiner lieben Mama, wie er sie zu nennen pflegt, das er und sie in Glanz und Wonne einst selbst getragen, später bei der gemeinsten Dirne wiederfindet, und wie er mit und in diesem Kleide durch den Straßenkoth von Paris nach der Prefectur wandern muss! – oder wenn der Verfasser durch Schicksalsbestimmung die Marquise nach der von Rosambert an ihr begangenen That noch von Faublas selbst rächen lässt, indem der Chevalier mit des Grafen künftiger Frau kurz vor der Heirat zufällig bekannt wird, und sie beide sich in Liebe zugethan sind! – welch' heilige und wahre Vaterlandsliebe wird uns geschildert in der großen Erzählung Lovzinski's! Sie allein macht uns schon den Roman wert, denn die Liebe zum Vaterland darf in keines Menschen Brust fehlen, die Vaterlandsliebe, in welcher wir in erster Reihe den inneren Halt eines jeden Staates erblicken können. Wie rührend ist es, wenn Eleonora in ihrem Wohlthätigkeitssinn dem alten armen Herrn von Saint-Prée 6000 Mark aus ihrer Cassa zuschreibt, da nicht er die wohlverdiente Pension erhalten hat, sondern ihr eigener schon in Überfluss lebender Mann, oder wenn sie den alten Bastian auf den früheren Pacht setzt! welch wunderbarer Stil in der Schilderung der Fahrt nach Frommonville, und dann in der Scene, wo Faublas von seinem Vater und seiner Schwester begrüßt wird, und wie er seine Sophie nicht mehr findet. Was drastisch, was schön, was edel, gemüthvoll ist: dies alles finden wir in diesem Roman in der vorzüglichsten Weise wiedergegeben, verbunden mit gesundem Humor und prickelnder Satyr, in anständigster Weise, in elegantem Stil und in spannendster Handlung, zugleich der Kulturgeschichte und der goldenen Moral Rechnung tragend. Johann Baptist Louvet van Couvray, geboren 1764 zu Paris, studierte, wie es ihm bestimmt worden war, Jura, widmete sich aber nur der schönen Literatur. 1787 trat er zum erstenmal mit seinem Roman »Leben und Abenteuer des Chevalier Faublas« auf und war damit so glücklich, dass sein Werk zu einem »Modebuch« wurde, welches in ganz Paris jedermann bekannt war; bald auch verbreitete sich dieser Roman wohl über alle Länder der Welt. Nach »Marquis von Lauraguais« ist Faublas identisch mit dem Abbé von Choisi, der zur Zeit Ludwigs XIV. lebte. Der Frau von Maintenon überreichte dieser Priester einst eine Übersetzung der »Nachfolge Jesu Christi« und schrieb darauf folgendes Motto: »Concupiscit rex decorum tuum.« »Deine Reize haben die Lüsternheit des Königs erweckt!« erklärte er der Frau von Maintenon, »können diese Worte nur bedeuten.« – Unter dem Namen »Memoiren der Gräfin von Barres« schrieb Choisi seine Memoiren. Louvet lebte lange Zeit auf dem Lande in ärmlichen Verhältnissen bei einer Frau, die er von frühester Zeit an liebte, und die er auch schließlich trotz mancher Hindernisse heiratete. Lodoiska hieß sie, und Louvet hat derselben ein ehrendes Denkmal in seinem Roman »Faublas« gesetzt.« Im Oktober 1789 wurde er in Folge einer Brochüre, die er gegen Maunier, Mitglied der constituirenden Versammlung, schrieb, in den Jakobinerklub aufgenommen, in welchem sich damals nur wahre Patrioten und Talente zeigen durften. In dieser Zeit schrieb er »Emil von Varmont« und »Liebesabenteuer des Pfarrers Sevin«, worin er die Ehescheidung und die Ehe der Priester als unbedingt nothwendig hinstellte; auch einige, allerdings nur sehr unbedeutende Komödien wurden von ihm in derselben Zeit verfasst. Madame »Roland«, die berühmte Frau, schildert ihren Freund, wie folgt: »Louvet ist klein, schwächlich, er hat einen gesenkten Blick und ist in der Kleidung nachlässig, dem oberflächlichen Beobachter, der den Adel seiner Stirne und das glänzende Feuer seiner sprechenden Augen nicht bemerkt, erscheint er als gewöhnlicher Mensch. Die Leute von Bildung aber kennen seine Romane, und die Politiker zollen seinen Einsichten hohe Achtung. Es ist unmöglich, mehr Geist mit mehr Anspruchslosigkeit und Bonhomie zu vereinigen; muthig wie ein Löwe und sanft wie ein Kind, ein gefühlvoller Mensch, ein guter Bürger, ein lebenskräftiger Schriftsteller, kann er auf der Tribüne Catilina zittern machen und bei Bachaumont zu Nacht speisen.« Louvets »Memoiren«, die er auf der Flucht in den wilden Höhlen des Jura verfasste, und die fast in alle europäischen Sprachen übersetzt wurden, sind in seiner charakteristischen, wahren und lebendigen Weise geschrieben; sie sind ein höchst interessantes, wertvolles Werk für die Geschichte der französischen Revolution. Louvet gehörte zur gemäßigten Partei und redigierte auf Antrag seines Freundes, des Ministers Roland, die »Sentinelle«. Louvet sprach bei der Verurtheilung Ludwig XVI. nachdrücklich für die Appellation an das Volk und war einer derjenigen, welche gegen dessen Tod stimmten. Er hasste besonders Robespierre, und als derselbe sich gegen die Anklage des Strebens nach der Diktatur von seiten Rolands vertheidigte, fiel ihm Louvet ins Wort: »Robespierre, ich klage Dich an, lange die reinsten Patrioten verleumdet zu haben, zu einer Zeit, wo Deine Verleumdungen wahre Achtserklärungen waren; ich klage Dich an, die Vertreter der Nation, so viel in Deiner Macht stand, verkannt, herabgesetzt und verfolgt, ich klage Dich an, zugegeben zu haben, dass man Dich in Deiner Gegenwart als den einzigen tugendhaften Mann bezeichnet, der Frankreich retten könnte, und dieses selbst zu verstehen gegeben zu haben; ich klage Dich an, die Wahlversammlung auf alle möglichen Arten tyrannisiert, ich klage Dich endlich an, offenbar nach der höchsten Gewalt gestrebt zu haben; ich klage Dich an: und für Deine Überführung wird Dein Betragen lauter sprechen als ich.« – Louvet gehörte zu den entschiedensten Föderalisten, welche die Kluft zwischen Berg und Gironde mehr und mehr erweiterten. Die Katastrophe zwischen beiden Parteien musste eintreten, Louvet wurde bereits am 2. Juni 1793 in Anklagezustand versetzt. Die Flucht und die Strapazen, welche er während seiner Verbannung erlitten, genau hier zu beschreiben, würde mich zu weit führen. Ich wäre nicht im Stande es so wahrheitsgetreu wiederzugeben, wie es Louvet in seinen Memoiren selbst gethan hat. Am 9. Thermidor 1795 erst konnte Louvet in sein Vaterland zurückkehren, und am 8. März wurde er wieder in den Convent aufgenommen. Mit der größten Erbitterung, die von unserem Standpunkt aus in keiner Weise gebilligt werden kann, verfolgte er den Rest der Jakobiner; ja leider war er es auch selbst, der sogar edle Republikaner auf's Schafot brachte. Am 19. Juni wurde er Präsident des Convents und am 3. Juli gehörte er dem Wohlfahrtsausschuss an. Am 20. Mai 1797 musste er wieder aus dem gesetzgebenden Körper austreten. Die Regierung ernannte ihn zum Consul von Palermo, und hier war es auch, wo er nach kurzer Zeit am 5. August 1797 verschied, nachdem er schon längere Zeit durch ungemeine geistige und körperliche Anstrengungen krank gewesen war. Erstes Buch I. Kapitel. Meine Ahnen waren, wie man mir gesagt hat, in ihrer Provinz angesehene Leute; sie besaßen fortwährend ein bedeutendes Vermögen und einen sehr hohen Rang. Mein Vater, der Baron Faublas, brachte seinen alten Adel unverfälscht auf mich; meine Mutter starb sehr früh. Ich hatte noch nicht das sechzehnte Jahr erreicht, als meine Schwester, die achtzehn Monate jünger war, nach Paris in ein Kloster gegeben wurde. Mein Vater, der sie dorthin führte, ergriff mit Vergnügen die Gelegenheit, seinem Sohne, bei dessen Erziehung er bis jetzt nichts vernachlässigt hatte, die Hauptstadt zu zeigen. Im Oktober 1783 kamen wir in Paris an und stiegen in der Vorstadt St. Marceau ab. Mein Auge betrachtete neugierig die prachtvolle Stadt, von der ich so glänzende Beschreibungen gelesen hatte, ich erblickte aber nichts als garstige hohe Hütten und lange, enge Straßen, Unglückliche mit Lumpen bedeckt, und einen Haufen halbnackter Kinder. Ich sah eine zahlreiche Bevölkerung und ein großes Elend. Ich fragte meinen Vater, ob dies Paris wäre? er antwortete kalt, es sei nicht gerade das schönste Stadtviertel, doch würden wir morgen Zeit haben, ein anderes zu besuchen. Es war beinahe Nacht; Adelheid, so heißt meine Schwester, gieng in ihr Kloster, wo sie erwartet wurde. Mein Vater und ich bezogen in der Nähe des Arsenals das Haus des Herrn Duportail, seines vertrautesten Freundes, von dem in diesen Memoiren öfter die Rede sein wird. Am folgenden Tage hielt mein Vater sein Versprechen. Ein schnell dahinrollender Wagen brachte uns in einer Viertelstunde auf den Platz Ludwigs XV. Hier stiegen wir aus und ein prachtvolles Schauspiel blendete meine Augen. Zur Rechten die Seine, die an majestätischen Schlössern vorbeifloss, zur Linken herrliche Paläste, hinter mir entzückende Spaziergänge und vor mir ein prächtiger Garten. Wir giengen weiter, und ich erblickte den Palast der Könige. Meine Verwunderung lässt sich leichter vorstellen als beschreiben. Mit jedem Schritte zogen neue Gegenstände meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich bewunderte bald die kostbaren Moden, bald den eleganten Aufputz und die feinen Sitten. Auf einmal fiel mir wieder die Vorstadt St. Marceau ein, und mein Erstaunen wurde immer größer; ich konnte nicht begreifen, wie ein und derselbe Ort so ganz entgegengesetzte Dinge enthalten könne. Die Erfahrung hatte mich noch nicht gelehrt, dass die Paläste überall Hütten verbergen, dass der Luxus Elend erzeugt, und der unmäßige Reichthum einiger Weniger die bitterste Armut vieler Anderer zur Folge hat. Wir brauchten mehrere Wochen, um die Merkwürdigkeiten von Paris zu besehen. Der Baron zeigte mir eine Menge im Auslande berühmter Monumente, auf welche die Besitzer fast gar keinen Wert legen. Diese Meisterwerke alle, die mich anfangs in Erstaunen gesetzt hatten, flößten mir bald nur noch kalte Bewunderung ein. Wie sollte auch ein Jüngling von fünfzehn Jahren den Ruhm der Kunst und die Unsterblichkeit des Genius zu schätzen verstehen? Nur lebendige Schönheiten können das junge Herz erwärmen und in glühende Bewegung setzen. Im Kloster meiner Schwester Adelheid sollte ich den anbetungswürdigen Gegenstand zum ersten Male erblicken, mit dem mein wahres Leben eigentlich erst beginnt. Mein Vater, der meine Schwester liebte, besuchte sie fast alle Tage im Sprechzimmer. Alle Mädchen von guter Erziehung wissen, dass man im Kloster gute Freundinnen hat; gar manche von unseren schönen Damen versichern, dass man sie selten wo anders findet, kurz meine Schwester, ein gemüthreiches Mädchen, hatte bald ihre Wahl getroffen. Eines Tages erzählte sie uns von Fräulein Sophie von Pontis mit großen Lobeserhebungen, die wir für übertrieben halten. Mein Vater war begierig, die Freundin seiner Tochter kennen zu lernen; eine süße Ahnung durchbebte mein Herz, als der Baron Adelheid bat, Fräulein von Pontis mitzubringen. Meine Schwester gieng und brachte ... eine vierzehnjährige Venus. Ich wollte vortreten, sie grüßen, sprechen; allein ich blieb mit starren Augen und herabhängenden Armen unbeweglich stehen. Mein Vater bemerkte meine Verwirrung und hatte seine Freude daran. »So machen Sie doch wenigstens Ihr Compliment,« sagte er. Meine Verlegenheit wurde immer größer und ich machte eine äußerst linkische Verbeugung. »Mein Fräulein,« sagte jetzt der Baron, »ich versichere Sie, dass dieser junge Mensch einen Tanzmeister gehabt hat.« Dies brachte mich vollends ganz außer Fassung. Mein Vater sagte Sophie viel Schönes, sie antwortete bescheiden und mit einer zarten Stimme, die im Innersten meines Herzens wiederhallte. Ich machte große Augen und hörte mit größter Aufmerksamkeit zu, doch war ich nicht im Stande, einige zusammenhängende Worte zu sprechen. Zum Abschied umarmte mein Vater seine Tochter und grüßte Fräulein von Pontis. Ich in einem Zustand gänzlicher Bewusstlosigkeit grüßte meine Schwester und wollte Sophie umarmen. Ihre alte Gouvernante aber, die mehr Geistesgegenwart hatte als ich, machte mich auf meinen Irrthum aufmerksam. Mein Vater sah mich erstaunt an, Sophie's Gesicht überzog eine liebenswürdige Röthe, doch flog ein leichtes Lächeln über ihre rosigen Lippen. Wir kehrten zu Herrn Duportail zurück; man setzte sich zu Tisch; ich aß wie ein verliebter Jüngling von fünfzehn Jahren, d. h. schnell und lang. Nach dem Essen schützte ich eine leichte Unpässlichkeit vor und begab mich auf mein Zimmer. Hier konnte ich mich meinen Gedanken an Sophie und ihre Reize ungestört überlassen. »Welche Grazie, welche Schönheit!« rief ich aus; ihr reizendes Gesicht ist voll Geist, und ihr Geist, das bin ich gewiss, entspricht ihrem Gesicht. Ihre großen schwarzen Augen haben mir, ich weiß nicht was eingeflößt; ... gewiss ist es die Liebe! – ach, Sophie, das ist Liebe und ewige Liebe! – Als ich wieder zur Besinnung kam, erinnerte ich mich, in einigen Romanen von den wunderbaren Wirkungen eines unerwarteten Zusammentreffens gelesen zu haben; der erste Blick einer Schönen war hinreichend, die Gefühle eines zärtlichen Liebhabers zu fesseln, und die Geliebte selbst wurde durch einen einzigen sieghaften Zug im Gesicht des Freundes unwiderruflich hingerissen. Doch hatte ich auch gelesen, wie tiefsinnige Philosophen in langen Abhandlungen die Macht der Sympathie leugneten und dieselbe eine Chimäre nannten. »Sophie,« rief ich aus, »ich fühle deutlich, dass ich Dich liebe; aber ob Du wohl meine Verwirrung und meine Unruhe getheilt hast?« Die Art, wie ich mich betragen, war nicht sehr geeignet, Vertrauen auf meinen Geist einzuflößen; aber ihre schöne, anfangs zitternde Stimme, der sie nur mit Mühe nach und nach Festigkeit zu geben wusste, das sanfte Lächeln, womit sie meinen Irrthum zu billigen, und mich für meine Entbehrung trösten zu wollen schien ...! Ich fasste Hoffnung, und es kam mir sehr wahrscheinlich vor, dass die Philosophie in Herzensangelegenheiten nichts verstehe, und in dieser Beziehung nur die Romane recht haben. Ich hatte mich zufällig an das Fenster gestellt und sah von da aus den Baron und Herrn von Duportail mit großen Schritten im Zimmer auf und abgehen. Mein Vater sprach mit Feuer, sein Freund lächelte von Zeit zu Zeit; beide richteten hie und da ihre Augen auf mein Fenster, woraus ich schloss, dass ich der Gegenstand ihrer Unterhaltung sei, und mein Vater meine entstehende Leidenschaft vielleicht bemerkt hatte. Dieser Gedanke beunruhigte mich, mehr jedoch der an die Abreise meines Vaters, die ich nahe glaubte. Meine Sophie verlassen, ohne zu wissen, wann ich das Glück werde haben können, sie wiederzusehen! mehr als hundert Meilen zwischen sie und mich stellen! ich konnte nicht ohne Zittern daran denken. Tausend traurige Betrachtungen beschäftigten mich den ganzen Abend; ich speiste mit schwerem Herzen zu Nacht; ich kannte die Freude der Liebe noch nicht und schon fühlte ich ihre tödtlichen Bekümmernisse. Ein Theil der Nacht verlief in dieser Unruhe. Endlich schlief ich ein in der Hoffnung, meine Sophie morgen zu sehen; ihr Bild verschönerte meine Träume; die Liebe war meinen Wünschen hold und verlängerte den angenehmen Schlaf. Ich erwachte erst spät und erfuhr zu meinem großen Verdruss, man habe mich schlafen lassen, weil mein Vater früh ausgegangen sei und erst am Abend nach Hause kommen werde. Ich war untröstlich, meine Schwester nicht besuchen zu können, als Herr Duportail in mein Zimmer trat. Er überhäufte mich mit Artigkeiten und fragte, wie es mir in der Hauptstadt gefalle; ich versicherte ihm, dass ich nichts so sehr fürchte, als sie wieder zu verlassen. Er erklärte mir, ich solle mich deshalb nicht kümmern; mein Vater, dem alles daran gelegen sei, dem einzigen Erben seines Namens die sorgfältigste Erziehung zu geben und über das Glück seiner geliebten Tochter in der Nähe zu wachen, habe sich entschlossen, sich auf einige Jahre in Paris niederzulassen und da standesgemäß ein Haus zu führen. Diese angenehme Nachricht machte mir so große Freude, dass ich dieselbe nicht verhehlen konnte. Herr Duportail mäßigte jedoch diese Freude durch die Bemerkung, dass man mir zum guten Anfang einen tüchtigen Hofmeister und einen treuen Bedienten ausgesucht hatte. In diesem Augenblick kündigte man Herrn Person an. Ein bleiches, ausgetrocknetes Männchen trat herein, dessen ganzes Aussehen den üblen Eindruck, den schon sein Titel auf mich gemacht hatte, vollkommen rechtfertigte. Er näherte sich mit ernster gesetzter Miene und begann in langsamem, süßlichem Tone: »Mein Herr, Ihr Gesicht ...« Zufrieden, so viel herausgebracht zu haben, hielt er inne und besann sich, was er weiter sagen sollte. »Ihr Gesicht entspricht Ihrer Person.« Ich beantwortete das schöne Compliment äußerst trocken. Da mir das Glück, meine Sophie zu sehen, versagt war, wusste ich mir nicht anders zu helfen, als indem ich mir das Vergnügen machte, an sie zu denken, und diesen Trost sollte mir jetzt der Herr Abbé rauben. Ich beschloss daher, ihn zur Verzweiflung zu bringen, und es gelang mir schon am ersten Tage ziemlich. Abends bestätigte mir mein Vater in eigener Person die Veränderung, die er zu treffen gesonnen sei, und bedeutete mir zugleich, dass ich von nun an nicht ohne meinen Hofmeister auszugehen habe. Dies war für mich ein Wink. Es lag mir jedoch daran, ihn zu schonen und mich zu fügen. Meine Lage wurde kritisch und meine Liebe durch die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, nur gesteigert. Ich hatte ziemlich gute Studien gemacht, und jetzt sollte ich einen eingebildeten Hofmeister zur Seite haben, unter dessen Anleitung ich sie zu vollenden hätte; glücklicherweise bemerkte ich schon nach der ersten Lection, dass der Schüler dem Lehrer zum mindesten gewachsen war. »Herr Abbé,« sagte ich zum ihm, »Sie können mich gerade so viel lehren, als ich zu lernen Lust habe. Warum uns gegenseitig genieren? glauben Sie mir! lassen wir die Bücher, über denen wir ohne Nutzen erbleichen würden; wir wollen meine Schwester im Kloster besuchen, und wenn Fräulein Sophie von Pontis ins Sprechzimmer kommt, dann werden Sie sehen, wie hübsch sie ist.« Der Abbé wollte anfangs böse werden, allein ich benutzte den Vortheil, den ich hatte, und sagte: »Sie lieben, wie ich sehe, den Spaziergang nicht; nun gut, so bleiben wir zu Hause! Allein noch diesen Abend erkläre ich dem Herrn Baron, dass ich ein außerordentliches Verlangen habe, in meinen Studien weiter zu kommen und dass Sie durchaus nicht der Mann sind, meine Geschäfte zu leiten; und wenn Sie leugnen, so verlange ich eine Prüfung, die Herr Duportail mit uns anstellen wird.« Das Gewicht dieser letzten Beweisgründe schlug den Abbé zu Boden; er machte eine abscheuliche Grimasse, nahm sein Stöckchen und seinen niedrigen Hut, und wir eilten ins Kloster. Adelheid kam ins Sprechzimmer, bloß von ihrer Gouvernante, die Manon hieß, begleitet. Dieses Mädchen war in den Diensten unserer Mutter gestanden und hatte uns erzogen; ich bat sie uns allein zu lassen, was sie gerne that. Nun blieb noch der fatale Hofmeister übrig, der sich unmöglich auf die Seite schaffen ließ. Meine Schwester beklagte sich, dass man sie mehrere Tage lang nicht besucht habe; mit Erstaunen hörte ich, dass der Baron sie ebenfalls nicht besucht habe; wir dachten uns, seine neuen Pläne müssen ihm viel zu schaffen machen, dass er seine liebe Tochter nicht besucht und vernachlässigen konnte. »Aber Sie, Faublas,« sagte Adelheid, »wer hat denn Sie diese ganze Zeit zurückgehalten? zürnen Sie Ihrer Schwester und ihrer lieben Freundin? dies wäre undankbar! Fräulein von Pontis ist ausgegangen; besuchen Sie uns morgen wieder, aber hüten Sie sich vor Missgriffen! Sophie will sich Mühe geben, Sie mit ihrer alten Gouvernante zu versöhnen, die Ihnen Ihre Zerstreutheit noch nicht verziehen hat.« Ich sagte zu meiner Schwester, ich müsse von dem Herrn Abbé Urlaub erhalten, der sehr auf ununterbrochene Arbeit halte. Adelheid, welche das für baare Münze nahm, wandte sich jetzt an meinen ernsten Lehrer mit der dringendsten Bitte, worin ich in demselben Tone einstimmte. Er ließ sich den Ton meines Spottes gutmüthiger, als ich geglaubt hatte, gefallen, und bemerkte sogar, als ich von Heimgehen sprach, dass es noch sehr früh sei; eine Gefälligkeit, die mich gänzlich mit ihm aussöhnte. Mein Vater erwartete mich bei Herrn von Duportail, um uns in ein sehr schönes Hôtel zu führen, das er in der Vorstadt Saint-Germain gemietet hatte. Ich wurde noch an demselben Abend in den Besitz des für mich bestimmten Appartements gesetzt. Dort traf ich Jasmin, den Bedienten, von dem man mir gesagt hatte. Es war ein großer hübscher Bursche, der mir auf den ersten Blick gefiel. »Zürnen Sie Ihrer Schwester und ihrer Freundin? dies wäre undankbar!« hatte Adelheid zu mir gesagt. Ich wiederholte diesen Vorwurf hundertmal und deutete ihn auf die verschiedenste Art. Es war also von mir die Rede gewesen, man hatte mich erwartet, man hatte mich gewünscht. Wie lang erschien mir die Nacht, wie tödtlich lang der Morgen! welche Qual, die Stunden schlagen zu hören und das Erscheinen derjenigen, die uns mit dem geliebten Gegenstand zusammenführt, nicht beschleunigen zu können. Endlich kam der ersehnte Augenblick! Ich sah meine Schwester, ich sah Sophie, eben so schön, ja noch hübscher als das erste Mal. In ihrem einfachen Anzug lag etwas noch anziehenderes und verführerisches, das ich nicht zu bezeichnen vermag. Bei diesem zweiten Besuche verschlangen meine Augen, so zu sagen, ihre Reize, und mehr als einmal begegneten sich unsere Blicke während dieser angenehmen Beschäftigung. Ich bewunderte ihre langen schwarzen Haare, die mit der feinen, blendend weißen Haut auffallend kontrastierten; ihre elegante, schlanke Taillie, die ich mit meinen zehn Fingern hätte umfassen können; die zauberische Grazie, die über ihrer ganzen Person ausgebreitet war; ihre niedlichen Füße, deren glückliche Vorbedeutung ich noch nicht kannte; besonders aber ihre Augen, diese schönen Augen, die zu sagen schienen: Ach! wie wollen wir diesen fesselnden jungen Mann lieben, der es verstehen wird, uns zu gefallen. Ich machte dem Fräulein von Pontis ein Compliment, das ihr umsomehr schmeicheln musste, je leichter sie merken konnte, dass ich es nicht lange vorbereitet hatte. Die Unterhaltung drehte sich anfangs um Gegenstände von allgemeinem Interesse; Sophies Gouvernante mischte sich darein; ich sah, dass man die Alte schonte und dass sie gern plauderte; ich fand daher die abgeschmackten Erzählungen, womit sie uns übertäubte, entzückend. Während sich Herr Person mit meiner Schwester unterhielt, richtete ich mit leiser Stimme hundert Fragen und hundert Complimente an meine Sophie. Die Alte erzählte ununterbrochen ihre schönen Geschichten, auf die wir nicht mehr hörten, bis sie endlich merkte, dass ihre vielen Worte in den Wind giengen. Dann stand sie plötzlich auf und sagte zu mir: »Mein Herr, Sie lassen mich eine Erzählung anfangen und hören sie nicht bis zu Ende; das ist sehr unartig.« Sophie tröstete mich beim Scheiden mit einem zärtlichen Blick. Wir hörten einen Wagen rollen; der Baron trat herein. Adelheid beklagte sich über die Seltenheit seiner Besuche, worauf er in etwas gezwungenem Tone von den vielen Geschäften sprach, die eine Wohnorts-Veränderung mit sich führe. Er unterhielt sich mit uns einige Minuten mit befangener Miene, stand dann rasch auf mit einem merklichen Zeichen der Ungeduld und kehrte ins Hotel zurück. Am Thore trafen mir eine glänzende Equipage. Der Schweizer sagte dem Baron, dass ein dicker schwarzer Herr ihn seit einer Stunde erwarte, und eine schöne Dame soeben angekommen sei. Mein Vater schien freudig überrascht und stieg eilig die Treppe hinauf; ich wollte ihm folgen, allein er bat mich, auf mein Zimmer zu gehen. Jasmin, den ich fragte, ob er den dicken schwarzen Herrn und die schöne Dame kenne, antwortete: »Nein.« Begierig dieses Geheimnis zu enthüllen, und gereizt, dass es eines für mich war, stellte ich mich an einem Fenster meiner Wohnung, das auf die Straße gieng, auf die Lauer. Bald sah ich einen dicken schwarzen Herrn, der mit vergnügtem Gesichte sich mit sich selbst unterhielt. Eine Viertel Stunde darauf sah ich eine junge Dame sich leicht in den Wagen schwingen; der Baron wollte es ihr nachmachen und brach beinahe das Genick; ich erschrak, allein das schallende Gelächter aus dem Innern des Wagens beruhigte mich wieder vollkommen. Ich wunderte mich, dass mein Vater, der etwas aufbrausender Natur war, keine Empfindlichkeit zeigte; er stieg ruhig ein, sah zum Schlag heraus, erblickte mich am Fenster und schien etwas verlegen. Ich hörte, wie er den Bedienten den Befehl gab, mir zu sagen, dass er in Geschäften ausgefahren, und dass ich ihn beim Nachtessen nicht zu erwarten brauche. Ich theilte meine Neugierde Jasmin mit, der mein Vertrauen zu verdienen schien. Dieser fragte gelegentlich die Bedienten des Barons aus und noch an demselben Abend erfuhr ich, dass mein Vater die Theater besuche und die öffentlichen Blätter lese; er hatte in der Opera eine Maitresse, und durch die petites affiches einen Haushofmeister gefunden. Ich schloss daraus, mein Vater müsse sehr reich sein, da er diese Doppellast auf sich nehme; doch war dieser Gedanke nur vorübergehend. Ich liebte, ich hatte Hoffnung zu gefallen, – wer wird im Frühling seines Lebens nach irdischen Gütern fragen? In kurzer Zeit machte ich meiner Schwester viele Besuche; Fräulein von Pontis begleitete sie fast immer ins Sprechzimmer. Die alte Gouvernante grollte nicht mehr, weil ich sie ihre Geschichten endigen ließ, und Adelheid ihr von Zeit zu Zeit kleine Geschenke machte. Herr Person war nicht mehr der strenge Hofmeister, er hatte nicht mehr die Manie, wie viele seiner Amtsgenossen, Sachen zu lehren, die sie selbst nicht verstehen. Er war wie so viele andere, ein kleiner rosenfarbener Pedant, mit stets sauber frisierten Haaren, in seinem Anzug bis zur Kleinigkeit pünktlich, in seiner Moral lax, bei den Damen entwickelte er eine gründliche Gelehrsamkeit und gab sich bei Männern das Ansehen, bloß die Oberfläche zu berühren. Ebenso sanft und gefällig, als er sich anfangs rauh und störrig gezeigt hatte, schien er keinen andern Wunsch zu haben, als den meinigen zuvorzukommen; und wenn ich von einem Besuch im Kloster sprach, so war er immer so schnell dazu bereit als ich. Indes überließ sich mein Vater den rauschenden Vergnügungen der Hauptstadt und empfieng viele Besuche in seinem Hause. Das schöne Geschlecht schenkte mir viele Aufmerksamkeit, man gab mir Winke, die ich nicht verstand. Besonders eine alte Gräfin versuchte die ganze Macht ihrer verblichenen Reize an meinem jugendlichen Herzen; man stellte sich kindisch, man erlaubte sich reizende Frivolitäten: allein ich begriff die Bedeutung von all' dem nicht. Ich sah auf der ganzen Welt nichts als meine Sophie; eine unschuldige und reine Liebe gegen sie erfüllte mein Herz, und ich wusste noch nicht, dass es auch eine andere Liebe gäbe. Seit mehr als vier Monaten sah ich meine Sophie fast täglich; die Gewohnheit, beisammen zu sein, war für uns ein Bedürfnis geworden. Bekanntlich erfindet die Liebe, so lange sie sich ihrer selbst nicht bewusst ist, oder sich zu verhehlen sucht, freundliche Namen für die weit süßeren Benennungen, die sie im Hintergrund sieht und erwartet. So nannte Sophie mich ihren jungen Vetter, ich nannte Sophie mein schönes Bäschen. Unsere gegenseitige Zärtlichkeit schimmerte aus unseren geringsten Handlungen hervor, unsere Blicke drückten sie aus; mein Mund hatte das Geständnis noch nicht gewagt, und meine Schwester ahnte es in stillem Herzen. Den ersten Eindrücken der Natur blindlings mich überlassend, war ich weit entfernt, ihr geheimes Ziel zu errathen. Zufrieden mit Sophie zu sprechen, glücklich sie zu hören und ihre schöne Hand bisweilen zu küssen, wünschte ich noch etwas mehr, hätte jedoch nicht sagen können, was ich wünschte. Doch der Augenblick nahte heran, wo die flatterhafte und galante Liebe die Finsternis, die mich umgab, zerstreuen und mich in ihre süßesten Geheimnisse einweihen sollte. II. Kapitel. Es war die lärmende Jahreszeit, wo Vergnügungen im Bunde mit der Narrheit die Hauptstadt beherrschen: Momus hatte das Zeichen zum Tanzen gegeben. Der junge Graf Rosambert, seit drei Monaten der Gefährte bei meinen Leibesübungen, den mein Vater mit Artigkeiten überhäufte, machte mir schon seit einigen Tagen Vorwürfe über mein stilles, zurückgezogenes Leben. Ob ich mich denn lebendig in meines Vaters Hause begraben und meine Spaziergänge auf alberne Besuche bei Nonnen beschränken wolle, um wen? – meine Schwester zu besuchen! es sei endlich Zeit, aus meiner Kindheit, die man absichtlich verlängere, heraus und in die große Welt zu treten, wo ich mit meiner Gestalt und meinem Geiste einer günstigen Aufnahme gewiss sein könne. »Morgen,« setzte er hinzu, »will ich Sie auf einen reizenden Ball führen, den ich viermal wöchentlich besuche; dort werden Sie gute Gesellschaft finden.« Ich weigerte mich. »Er ist blöde wie ein Mädchen,« fuhr der Graf fort; »fürchten Sie denn, Ihre Ehre möchte Gefahr laufen? So kleiden Sie sich als Frau! Unter einem Gewande, das man respektiert, ist sie gewiss sicher.« Ich fieng an zu lachen, ohne zu wissen, warum. »Wahrhaftig,« sagte der Graf, »dies würde Ihnen trefflich anstehen! Sie haben ein sanftes, feines Gesichtchen und kaum ein wenig Flaum um das Kinn; es wäre entzückend ... und dann ... ja, ich will eine gewisse Person necken ... ja, Chevalier, Sie kleiden sich als Dame; es wird uns Spass machen ... gewiss, das wird prächtig werden! ...« Dieser Gedanke gefiel mir. Ich versprach mir vielen Genuss davon, wie Sophie in den Kleidern ihres Geschlechtes auszusehen. Am anderen Tage brachte mir ein geschickter Schneider, den Graf Rosambert bestellt hatte, einen vollständigen Amazonenanzug, so wie ihn die englischen Damen zu Pferde tragen. Ein gewandter Haarkräusler schlug mein Haar in reizende Locken und setzte mir ein allerliebstes Hütchen auf. So gekleidet, gieng ich zu meinem Vater; er kam mit unruhiger Miene auf mich zu, blieb dann plötzlich stehen und sagte lachend: »Ach! ich hielt Sie anfangs für Adelheid.« Ich bemerkte ihm, dass er mir sehr schmeichle. »Nein, ich habe Sie für Adelheid gehalten und besann mich bereits, was sie wohl veranlasst habe, ihr Kloster ohne meine Erlaubnis zu verlassen und in diesem seltsamen Aufzug hierher zu kommen. Hüten Sie sich übrigens, auf diesen kleinen Vortheil stolz zu sein! ein hübsches Gesicht ist bei einem Manne der geringste Vorzug.« Herr Duportail, der zugegen war, rief: »Sie spotten, Baron, wissen Sie nicht ...« Mein Vater sah ihn an, und er schwieg. Mein Vater drückte zuerst den Wunsch aus, mit mir ins Kloster zu gehen. Meine Schwester erkannte mich erst nach einigen Minuten aufmerksamer Betrachtung. Der Baron, über die außerordentliche Ähnlichkeit zwischen meiner Schwester und mir entzückt, überhäufte uns beide mit Liebkosungen und umarmte uns nacheinander. Indes bereute Adelheid, allein ins Sprechzimmer gekommen zu sein. »Wie schade,« sagte sie, »dass ich meine Freundin nicht mitbrachte! wie sehr hätten wir uns an ihrer Überraschung ergötzt! erlauben Sie, lieber Papa, dass ich sie hole?« Der Baron willigte ein. Beim Hereintreten sagte Adelheid zu Sophie: »Meine liebe Freundin, umarmen Sie meine Schwester.« Sophie sah mich bestürzt an und blieb stehen; sie war in der größten Verwirrung. »Umarmen Sie doch das Fräulein,« sagte die Gouvernante, durch die Verkleidung getäuscht. »Mein Fräulein, umarmen Sie doch meine Tochter,« fügte der Baron hinzu, dem die Sache Spass machte. Sophie erröthete und nahte sich zagend; mein Herz schlug hoch. Ich weiß nicht, welcher geheime Instinkt uns zusammenführte, ich weiß nicht, wie es uns gelang, unser Glück den Blicken der aufmerksamen Zuschauer zu entziehen; sie glaubten bei dieser zarten Umarmung hätten bloß unsere Wangen sich berührt, allein ... meine Lippen hatten Sophien's Lippen gedrückt! ... Es war der erste Kuss der Liebe. Zu Hause trafen wir den Grafen Rosambert, der mich erwartete. Der Baron sah bald, um was es sich handle, und erlaubte mir, bereitwilliger, als ich geglaubt hätte, die ganze Nacht auf dem Ball zuzubringen. Sein Wagen brachte uns an den Versammlungsort. »Ich will Sie,« sagte der Graf, »einer jungen Dame vorstellen, bei der ich viel gelte; ich habe ihr vor zwei Monaten ewige Liebe geschworen und gebe ihr seit sechs Wochen Beweise davon.« So räthselhaft mir diese Sprache war, so fieng ich doch bereits an, mich meiner Unwissenheit zu schämen und lächelte mit schlauer Miene, um Rosambert glauben zu machen, ich hätte ihn verstanden. »Oh, wie will ich sie quälen!« fuhr er fort, »stellen Sie sich nur recht verliebt in mich, Sie werden sehen, wie sie sich geberdet! Vor Allem sagen Sie ihr ja nicht, dass Sie kein Mädchen sind ... Oh! wir werden sie zur Verzweiflung bringen.« Sobald wir in den Gesellschaftssaal traten, wandten sich alle Blicke auf mich; ich gerieth darüber in Verwirrung, ich fühlte, dass ich roth wurde, und verlor alle Fassung. Anfangs dachte ich, vielleicht habe irgend eine Unordnung in meinem Anzug oder eine falsche Stellung mich verrathen; bald aber überzeugte mich das allgemeine Hindrängen der Herren und das sichtliche Missvergnügen der Frauen, dass dem nicht so war. Die eine sah mich spöttisch an, eine andere maß mich mit verächtlichen Blicken; die Fächer rauschten, man flüsterte leise zusammen und rümpfte die Nase, kurz mir wurde die ehrenvolle Aufnahme einer Nebenbuhlerin zu Theil, die sich zum erstenmale in einem großen Zirkel zeigt. Eine sehr schöne Dame trat herein, es war die Geliebte des Grafen; er stellte mich ihr als seine Verwandte vor, die soeben das Kloster verlassen habe. Die Dame (sie nannte sich Marquise von B...) empfieng mich äußerst freundlich; ich setzte mich neben sie, und die jungen Herren stellten sich im Kreise um uns herum. Um die Eifersucht seiner Geliebten rege zu machen, gab mir der Graf einen ausgezeichneten Vorzug. Die Marquise sichtlich erzürnt über seine Koketterien und entschlossen, ihn dadurch zu strafen, dass er sich keinen Ärger darüber ansehen ließ, verdoppelte ihre Artigkeit und Freundschaft gegen mich. »Wie behagt Ihnen das Klosterleben?« fragte sie mich. »Ich würde schon Geschmack daran finden,« antwortete ich, »wenn es viele Personen gäbe, die Ihnen gleichen.« Die Marquise belohnte mich für dieses Compliment mit einem Lächeln, sie richtete mehrere andere Fragen an mich, schien über meine Antworten entzückt, überhäufte mich mit all' den Liebkosungen, womit Frauen einander ihre Freundschaft zu verstehen geben, sagte zu Rosambert, dass er sich glücklich schätzen solle, eine solche Verwandte zu haben, und gab mir endlich einen zärtlichen Kuss, den ich höflich erwiederte. Dies passte durchaus nicht in Rosambert's Plan, der sich etwas ganz anderes versprochen hatte. Zur Verzweiflung gebracht durch die Lebhaftigkeit der Marquise und noch mehr durch die Aufrichtigkeit, womit ich ihre Liebkosungen annahm, entdeckte er ihr leise das Geheimnis meiner Verkleidung. »Wie unwahrscheinlich!« rief die Marquise, nachdem sie mich einige Augenblicke betrachtet hatte. Der Graf betheuerte, er habe die Wahrheit gesagt. Sie sah mich auf's neue an. »Welcher Unsinn, es ist unmöglich!« und der Graf wiederholte seine Betheuerungen. »Welcher Einfall!« sagte jetzt die Marquise leise zu mir, »wissen Sie, was er sagt? er will mir weiß machen, Sie wären ein verkleideter Jüngling.« Ich antwortete schüchtern und mit gedämpfter Stimme, er habe die Wahrheit gesagt. Die Marquise warf mir einen zärtlichen Blick zu, drückte mir sanft die Hand und stellte sich, als habe sie mich falsch verstanden, und sagte ziemlich laut: »Ich wusste es wohl! es hatte nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich;« dann sich an den Grafen wendend: »Aber mein Herr, wozu diesen schlechten Spass?« »Wie!« antwortete dieser voll Erstaunen. »Das Fräulein behauptet? ...« »Wie! ob sie behauptet? sehen Sie doch! ein so liebenswürdiges Kind! ein so artiges Mädchen!« »Was?« wiederholte der Graf ... »Ach, mein Herr, hören sie doch auf,« entgegnete die Marquise in sehr gereiztem Tone, »Sie halten mich für närrisch und sind selbst der Narr.« Jetzt glaubte ich im Ernste, sie hätte mich nicht verstanden, und sagte mit gedämpfter Stimme: »Ich bitte um Entschuldigung, Madame! ich habe mich vielleicht falsch ausgedrückt, ich bin nicht, was ich scheine; der Graf hat Ihnen die Wahrheit gesagt.« »Ich glaube Ihnen ebensowenig als ihm,« antwortete sie in noch leiserem Tone und drückte mir die Hand. – »Ich versichere Sie, Madame ...« »Schweigen Sie doch, Sie sind ein Schelm! aber Sie sollen mich ebensowenig zum besten haben, als er,« und sie umarmte mich auf's Neue. Rosambert, der uns nicht gehört hatte, war wie versteinert. Die jungen Herren, die uns umgaben, schienen ebenso neugierig als ungeduldig die endliche Erklärung eines für sie räthselhaften Gesprächs zu erwarten, allein der Graf, aus Furcht seiner Geliebten zu missfallen, wenn er sich selbst dem Spott preisgebe, und in der Hoffnung, ich werde dem Spass bald ein Ende machen, biss sich in die Lippen und wagte kein Wort mehr zu sprechen. Zum Glück sah die Marquise die Gräfin ..., ihre Freundin hereintreten. Ich weiß nicht, was sie ihr in's Ohr flüsterte, aber die Gräfin machte sich sogleich an Rosambert und verließ ihn nicht mehr. Indes hatte der Ball begonnen. Ich machte einen Contredanse mit, und der Zufall wollte, dass die Gräfin und Rosambert gerade hinter meinen Platz zu sitzen kamen. Die junge Dame sagte zu ihm: »Nein, nein, das hilft nichts, ich habe mich Ihrer auf den ganzen Abend bemächtigt und trete Sie an niemand ab. Eifersüchtiger als ein Sultan lasse ich Sie mit keinem Menschen reden. Sie werden entweder gar nicht, oder nur mit mir tanzen! und wenn es Ihnen mit all' den Artigkeiten, die Sie mir sagen, ernst ist, so verbiete ich Ihnen, sowohl mit der Marquise als mit ihrer Nichte auch nur ein Wort zu sprechen.« »Ach, mein junges Bäschen,« unterbrach sie der Graf, »wenn Sie wüssten ...« »Ich will nichts wissen! Ich verlange nur, dass Sie bleiben. Heda!« fügte sie in scherzhaftem Tone hinzu. »Ich habe vielleicht Absichten auf Sie, wollen Sie dann den Grausamen spielen?« – mehr hörte ich nicht; der Contredanse gieng schon zu Ende. Die Marquise hatte mich keinen Augenblick aus den Augen verloren; als ich ausruhen wollte, fand ich neben ihr einen Platz. Wir fiengen jetzt auf's neue das alte Spiel an und unterhielten uns sehr lebhaft, was oft durch ihre Liebkosungen unterbrochen wurde, im ganzen merkte ich deutlich, dass ich sie auf einem Irrthum lassen müsse, der ihr zu gefallen schien. Der Graf beobachtete uns unaufhörlich mit sichtbarer Unruhe; die Marquise schien es nicht zu merken. »Ich habe nicht im Sinn,« sagte sie endlich zu mir, »die ganze Nacht hier zuzubringen, und ich rathe auch Ihnen, Ihre Gesundheit besser in acht zu nehmen. Nehmen Sie bei mir ein leichtes Abendessen ein, Mitternacht ist vorüber; der Herr Marquis wird sogleich zu mir kommen, wir speisen in meiner Wohnung zu Nacht, und ich begleite Sie dann selbst in Ihr Hotel zurück.« Sie nahm eine nachlässige Miene an und sagte: »Mein theuerer Gemahl ist ein Sonderling, Sie brauchen vor ihm das Märchen von Ihrer Verkleidung nicht zu wiederholen. Es gibt Zeiten, wo er sehr zärtlich gegen mich ist, er überhäuft mich mit Aufmerksamkeiten, die ich ihm gern erlassen würde. Er hat zuweilen auch die lächerlichsten Anfälle von Eifersucht, ich aber kann mich auf seine Treue, die er mir schwört, durchaus nicht verlassen; im Übrigen bekümmere ich mich wenig darum. Es wäre mir angenehm, seine Treue auf die Probe zu stellen, ich habe so meine kleine Kriegslist. Er wird Sie sehen, er wird Sie reizend finden, kommen Sie ihm daher ein wenig entgegen.« Ich fragte die Marquise, was dies heiße? Sie lachte aus vollem Herzen über meine Naivität, sah mich gerührt an und sagte dann: »Hören Sie, es ist klar, Sie gehören meinem Geschlecht an, das ist reizend und somit sind alle die Liebkosungen, die ich Ihnen erwiesen habe, bloße Zeichen von Freundschaft, wenn Sie aber wirklich ein verkleideter junger Mann wären, und ich hätte in dieser Überzeugung Sie ebenso behandelt, so möchte man dies ein Entgegenkommen nennen und zwar ein starkes.« Ich versprach ihr, dem Marquis entgegenzukommen. »Sehr gut! lächeln Sie über seine Einfälle; sehen Sie ihn mit einem gewissen Ausdrucke an, aber lassen Sie sich nicht einfallen, ihm die Hand zu drücken, wie ich Ihnen thue, und ihn zu umarmen, wie ich Sie umarme; dies wäre für Sie nicht schicklich.« Während unseres Gespräches, trat der Marquis zu uns. Er schien noch jung und nicht übel gebaut zu sein; nur war er etwas klein und kleinlich in seinen Manieren. Er hatte eine lächelnde Miene. »Hier stelle ich Ihnen,« sagte die Marquise zu ihm, »Fräulein Duportail vor (dies war mein angenommener Name), eine junge Verwandte des Grafen; Sie werden mir Dank wissen, dass ich Ihnen diese Bekanntschaft verschafft, sie wird die Güte haben, mit uns zu Nacht zu speisen.« Der Marquis sagte mir die lächerlichsten Artigkeiten und ich dankte ihm mit übertriebenen Komplimenten. »Ich bin sehr erfreut, mein Fräulein,« sagte er zu mir mit einer langweiligen Miene, »dass Sie mir die Ehre erweisen, bei mir zu speisen. Sie sind anmuthig und hübsch wie ein Engel.« Ich beantwortete das Kompliment mit einem verbindlichen Lächeln. »Mein liebes Kind,« sagte die Marquise zu mir, indem sie mit mir zur Seite trat, »Sie haben mir Ihr Wort gegeben und sind zu artig, es zurück zu nehmen; übrigens können wir den Marquis zu entfernen trachten, sobald er Ihnen langweilig wird.« Sie drückte mir die Hand, der Marquis sah es. »Ach!« sagte er, »wie sehr wünschte ich eine dieser niedlichen Hände in den meinen zu haben!« Ich warf ihm einen strafenden Blick zu. »Gehen wir, meine Damen, gehen wir!« rief er mit fröhlicher sieghafter Miene und entfernte sich, um seine Leute herbeizurufen. Der Graf, der dies hörte, kam auf uns zu, so viele Mühe sich auch die Gräfin gegeben hatte, ihn zurückzuhalten. »Der junge Herr befindet sich ohne Zweifel sehr wohl in seinen galanten Kleidern und hat, wie es scheint, nicht im Sinne die Marquise zu täuschen.« Ich antwortete in demselben Tone, nur etwas leiser: »Mein lieber Vetter, wollen Sie denn Ihr Werk so bald zerstören?« Hierauf wandte er sich zur Marquise: »Madame, ich halte es für eine Gewissensfrage, Ihnen zu sagen, dass nicht Fräulein Duportail die Ehre haben wird, bei Ihnen zu Nacht zu speisen, sondern der Chevalier Faublas, mein sehr junger und theuerer Freund.« »Und ich, mein Herr,« war die Antwort, »erkläre Ihnen, dass Sie allzulange auf meine Leichtgläubigkeit gerechnet haben. Haben Sie die Güte, mich mit diesem unsinnigen Gerede zu verschonen, oder mir sehen uns nie wieder –« »Zu beidem, was Sie so streng sind mir zu sagen, habe ich den Muth, Madame; es würde mich untröstlich machen, wenn ich Ihr Vergnügen durch meine Indiskrezion stören, oder durch meine Zudringlichkeit hindern sollte.« In diesem Augenblick kehrte der Marquis zurück, klopfte Rosambert auf die Schulter und sagte, ihn beim Arme fassend: »Wie, Du speisest nicht mit uns zur Nacht? Du überlässest uns Deine Verwandte, weißt Du, dass sie hübsch ist, Deine Verwandte? aber unter uns gesagt, ich glaube, sie ist ein wenig ... lebhaft!« »O, ja! sehr hübsch und sehr lebhaft,« antwortete der Graf mit bitterem Lächeln, »sie ist wie viele andere,« und als hätte er das bevorstehende Schicksal dieses guten Ehemannes geahnt, sagte er zu ihm: »Ich wünsche Ihnen gute Nacht!« »Wie!« versetzte der Marquis, »glaubst Du, ich behalte Deine Verwandte zu ...? höre doch, wenn sie es wünschte!« »Ich wünsche Ihnen gute Nacht!« wiederholte der Graf und entfernte sich lachend. Die Marquise behauptete, Herr von Rosambert sei närrisch geworden. »Ich fand ihn sehr unartig.« »Nicht im Geringsten,« sagte der Marquis zuversichtlich zu mir; »er liebt Sie rasend; er hat gesehen, dass ich Ihnen den Hof mache, er ist eifersüchtig.« In fünf Minuten waren mir im Hotel des Marquis. Man trug sogleich auf; ich kam zwischen der Marquise und ihrem galanten Gemahl zu sitzen, der nicht müde wurde, alles was er nur Artiges wusste, mir vorzuplaudern. So lange ich nur mit der Befriedigung meines Appetits beschäftigt war, antwortete ich nur mit den Augen. Sobald aber mein Hunger gestillt war, applaudierte ich ohne Unterschied allen seinen Albernheiten, die er zum besten gab, und seine schlechten Witze trugen ihm tausend Komplimente ein, die ihn entzückten. Die Blicke der Marquise belebten sich sichtbar, sie betrachtete mich mit der größten Aufmerksamkeit, und sie bemächtigte sich einer meiner Hände. Um zu sehen, wie weit sich die Macht meiner falschen Reize erstrecke, überließ ich die andere dem Marquis, der sie mit unaussprechlichem Entzücken ergriff. Die Marquise schien über etwas Wichtiges nachzudenken; ich sah sie abwechslungsweise erröthen und zittern; und ohne ein Wort zu sagen, drückte sie meine rechte Hand leicht in der ihrigen. Meine linke Hand war in einer minder angenehmen Gefangenschaft, der Marquis drückte sie, dass ich hätte schreien mögen. Entzückt über seine Eroberung, ganz stolz auf sein Glück, und erfreut über die Gewandtheit, womit er seine Gemahlin vor ihren Augen hintergieng, stieß er von Zeit zu Zeit lange Seufzer aus, die mich betäubten, und brach unmittelbar darauf in lautes Gelächter aus; um dasselbe zu unterdrücken, vielleicht auch in der Meinung, mir eine Artigkeit zu erweisen, biss er mich in die Finger. Endlich erwachte die schöne Marquise aus ihrer Träumerei und sagte zu mir: »Fräulein Duportail, Sie hätten die ganze Nacht auf dem Balle verweilen sollen, man erwartet Sie vor acht oder neun Uhr morgens nicht zu Hause; bleiben Sie daher bei mir! Jeder andern Freundin würde ich mein Gastzimmer angeboten haben. Ihnen steht mein eigenes zu Diensten. »Ich muss,« fügte sie in schmeichelndem Tone hinzu, »heute Mutterstelle an Ihnen vertreten und kann nicht zugeben, dass meine Tochter in einem andern Zimmer schlafe, als ich; ich will für Sie ein Bett neben dem meinigen aufschlagen lassen.« »Wozu noch ein Bett?« fiel der Marquis ein, »in dem Ihrigen ist wohl Raum für zwei; habe ich Sie je geniert, wenn ich Sie darin besuchte? ich schlafe in einem fort und Sie auch.« Zur guten Letzte gab mir der verliebte Marquis einen derben Fußtritt unter dem Tische; ich erwiederte diese Galanterie auf der Stelle mit einer ähnlichen, und zwar so kräftig, dass er laut aufschrie. Die Marquise stand erschrocken auf. »Es ist nichts,« sagte er, »ich habe nur mein Bein an den Tisch gestoßen.« Ich wollte vor Lachen ersticken, die Marquise konnte sich ebensowenig enthalten, und ihr Gemahl fieng, ohne zu wissen warum, noch lauter, als wir beide, zu lachen an. Als unsere zügellose Lustigkeit sich ein wenig gelegt hatte, erneuerte die Marquise ihren Antrag. »Nehmen Sie doch das Bett von Madame an,« rief der Marquis, »nehmen Sie es an, auf mein Wort, Sie werden sich gut darin befinden. Ich komme sogleich zurück, aber nehmen Sie es an.« Er gieng hinaus. »Madame,« sagte ich zu ihr. »Ihre Einladung ist für mich ebenso ehrenvoll als schmeichelhaft, aber gilt sie dem Fräulein Duportail oder dem Herrn von Faublas?« »Immer noch diesen schlechten Spass des Grafen, kleiner Schelm! und Sie wiederholen ihn! habe ich Ihnen nicht gesagt, dass ich es nicht glaube?« »Aber Madame ...« »Still, still,« versetzte sie, ihren Finger auf meinen Mund legend, »der Marquis wird sogleich kommen, er darf uns keine solche Tollheiten plaudern hören. Dieses reizende Kind (sie umarmte mich zärtlich), wie es so schüchtern und bescheiden ist! aber zugleich wie so boshaft! kommen Sie, kleiner Schelm, kommen Sie!« Sie bot mir die Hand und wir giengen in ihr Schlafgemach. Nun sollte ich mich auskleiden; die Frauen der Marquise boten mir ihre Dienste an, aber ich bat sie sich mit ihrer Gebieterin zu beschäftigen, indem ich allein fertig werden könnte. »Ja,« sagte die Marquise, die alle meine Bewegungen aufmerksam beobachtete, »geniert sie nicht! das ist noch eine Ziererei vom Kloster her; lasst das Fräulein machen!« Ich schlüpfte schnell hinter die Vorhänge, war aber in der größten Verlegenheit, wie ich mich der ungewohnten Kleider entledigen sollte. Ich zerriss Bänder und Schleifen, und stach und ritzte mich an allen Nadeln. Ich hatte gerade den letzten Rock fallen lassen, als eine Kammerfrau an mir vorbeigieng. Voll Angst, sie könnte die Vorhänge öffnen, stürzte ich mich in das Bett, erstaunt über das sonderbare Abenteuer, das mich hierher führte, und ohne alle Ahnung der neuen Erfahrungen, die ich hier machen sollte. Die Marquise folgte mir ungesäumt nach. Ihr Gemahl, der in der Nähe war, ließ sich hören: »Die Damen werden mir doch erlauben, ihnen beim Auskleiden zu helfen?« Er trat ein. »Wie, schon im Bett?« Er wollte mich umarmen. Die Marquise stellte sich ernstlich böse. Das veranlasste ihn, den Vorhang meines Bettes selbst zu schließen. Er schied von uns mit demselben Wunsche, den ihm der Graf mitgegeben hatte: »Gute Nacht!« Einige Augenblicke herrschte tiefe Stille. »Schlafen Sie schon, schönes Kind?« fragte die Marquise mit unsicherer Stimme. »O nein, ich schlafe nicht!« Sie stürzte sich in meine Arme und drückte mich an ihren Busen. »Ihr Götter!« rief sie jetzt mit Überraschung, die wenn sie auch geheuchelt war, doch wenigstens sehr natürlich klang, »ein Mann!« Und mich heftig von sich stoßend rief sie: »Wie! mein Herr, ist's möglich?« »Madame, ich habe es Ihnen ja gesagt,« versetzte ich zitternd. »Sie haben mir es wohl gesagt, aber wer hätte es glauben sollen? Sie hätten es nicht bloß sagen, Sie hätten nicht bei mir bleiben ... oder wenigstens nicht hindern sollen, dass man ein Bett für Sie aufschlug ...« »Ach, Madame, daran bin ich nicht schuldig, sondern der Herr Marquis.« »Aber, mein Herr, sprechen sie doch leiser. Sie hätten nicht bei mir bleiben, Sie hätten gehen sollen.« »Nun gut, Madame, ich gehe!« Sie hielt mich am Arm zurück. »Sie wollen gehen, und wohin denn, mein Herr? was wollen Sie thun? meine Frauen aufwecken, einen Scandal machen? allen meinen Leuten zeigen, dass ein Mann in meinem Bett gewesen ist; dass man so mit mir umgeht?« »Madame, ich bitte um Verzeihung; zürnen Sie nicht, ich will mich in einen Armsessel werfen.« »Ja, in einen Armsessel, das müssen Sie thun! – aber wozu würde dies führen? (mich immer am Arme haltend) müde, wie Sie sind, bei diesem Frost! sich erkälten! Ihre Gesundheit zerstören! ... Sie hätten freilich diese harte Behandlung verdient ... Doch bleiben Sie da! aber versprechen Sie artig zu sein.« »O, gewiss, Madame, wenn Sie mir verzeihen!« »Nein, ich kann Ihnen nicht verzeihen! aber ich habe mehr Aufmerksamkeit für Sie, als Sie für mich. Wie kalt Ihre Hand schon ist!« und aus Mitleid legte die Marquise sie auf ihren schneeweißen Hals. Geleitet durch Instinkt und Liebe, gleitet meine glückliche Hand ein wenig abwärts; ich wusste nicht, welche Aufregung mein Blut kochen machte. »Ist jemals eine Frau in solcher Verlegenheit gewesen?« fuhr die Marquise in sanfterem Tone fort. »Ach! Verzeihen Sie mir doch, meine theuere Mama.« »Ja, Sie haben viele Ehrfurcht für Ihre liebe Mama, kleiner Taugenichts!« Ihre Arme, die mich anfangs zurückgestoßen hatten, zogen mich jetzt sanft an sich. Bald fanden wir uns so nahe beisammen, dass unsere Lippen sich begegneten; ich hatte die Kühnheit einen glühenden Kuss auf die ihrigen zu drücken. »Faublas, haben Sie mir das versprochen?« sagte sie mit ersterbender Stimme. Ihre Hand verirrte sich, ein verzehrendes Feuer rollte durch meine Adern ... »Ach! Madame, verzeihen Sie, ich sterbe!« »Mein lieber Faublas! ... mein Freund! ...« Ich blieb regungslos liegen. Endlich hatte die Marquise Mitleid mit meiner Verlegenheit, die ihr nicht missfallen konnte, und kam meiner blöden Unerfahrenheit zu Hilfe. Mit freudiger Verwunderung erhielt ich eine entzückende Lektion, die ich mehr als einmal wiederholte. Wir brachten mehrere Stunden mit dieser angenehmen Unterhaltung zu, und ich fieng bereits an, auf dem schönen Busen meiner schönen Freundin einzuschlafen, als ich das Geräusch einer Thüre hörte, welche sich leise öffnete. Man trat ein, man näherte sich auf den Fußspitzen. Ich war ohne Waffen, in einem Hause, welches ich nicht kannte, ich konnte mich des Schreckens, der sich meiner bemächtigte, nicht erwehren. Die Marquise, welche die Ursache errieth, sagte mir ganz leise: »Nehmen Sie meinen Platz ein und überlassen Sie mir den Ihrigen.« Ich gehorchte. Kaum hatte ich mich auf den Rand des Bettes niedergelegt, als die Vorhänge auf der Seite, die ich soeben verlassen, geöffnet wurden. »Wer stört meine Ruhe?« sagte die Marquise. Die Person blieb einige Augenblicke stehen und machte sich dann ohne Worte verständlich. »Welch ein Einfall!« sagte die Marquise, »Sie wählen Ihre Zeit sehr schlecht, ohne Rücksicht auf mich und auf die Unschuld eines Kindes, das vielleicht nicht schläft, oder leicht erwachen könnte! Sie sind nicht bei Sinnen, ich bitte Sie, entfernen Sie sich!« Der Marquis beharrte auf seinem Verlangen und brachte lächerliche Entschuldigungen vor. »Nein,« sagte sie zu ihm, »ich will nicht, es kann nicht sein! ich bitte Sie dringend, gehen Sie zurück.« Sie schwang sich aus dem Bette, nahm ihn beim Arme und führte ihn an die Thüre. Meine schöne Freundin kam lachend zurück und sagte: »Finden Sie mein Betragen nicht lobenswert? sehen Sie, was ich um Ihretwillen ausgeschlagen habe.« Ich fühlte, dass ich ihr eine Entschädigung schuldig war, erbot mich feurig dazu, und sie wurde mit Dank angenommen. Eine fünfundzwanzigjährige Frau ist so gefällig, wenn sie liebt, und die Natur in einem Neuling von sechzehn Jahren so unerschöpflich reich! Jedoch bei den armen Sterblichen hat Alles seine Grenzen, und ich versank bald in einen tiefen Schlaf. Als ich erwachte, drang der Tag bereits durch die Vorhänge des Zimmers. Ich dachte an meinen Vater ... ach! ich erinnerte mich an meine Sophie, und eine Thräne trat mir in die Augen. Die Marquise bemerkte dies. Bereits einiger Verstellung fähig, schrieb ich meine peinliche Unruhe dem Schmerz über unsere bevorstehende Trennung zu. Sie umarmte mich zärtlich. Ich sah sie in ihrer ganzen Schönheit! Die Gelegenheit war so verlockend! ... einige Stunden Schlaf hatten mir neue Kräfte gegeben ... Die glühende Leidenschaft verscheuchte die Reue der Liebe. Endlich mussten wir an unsere Trennung denken. Die Marquise machte meine Kammerfrau, und ohne die vielen Zerstreutheiten wäre meine Toilette bald fertig gewesen. Als wir glaubten, dass nichts mehr an meinem Anzuge fehle, läutete die Marquise ihren Frauen. Der Marquis hatte uns schon über eine Stunde erwartet und sagte mir viele schmeichelhafte Complimente. »Gewiss, Sie haben eine vortreffliche Nacht gehabt!« und ohne mir Zeit zur Antwort zu lassen, fuhr er fort: »und doch sieht sie erschöpft aus! sie hat so matte Augen! – aber das kommt vom Tanzen her. Geschwind eine Stärkung für das reizende Kind, dann wollen wir sie nach Hause führen.« Dieses bestimmte Wort »nach Hause führen«, versetzte mich in die größte Unruhe. Ich sagte, es wäre genug, wenn die Frau Marquise mich nach Hause brächte; allein er blieb beharrlich. Wie groß auch unsere Bemühungen waren, ihn von dieser Idee abzubringen, so mussten wir dennoch seine Begleitung annehmen; er antwortete, dass es Herrn Duportail unmöglich missfallen könne, wenn er ihm in Gesellschaft der Marquise seine Tochter zurückführe, und er wünsche den Vater eines so liebenswürdigen Kindes kennen zu lernen. Mir bangte, und ich begann dem Abenteuer, das unter so günstigen Aussichten begonnen hatte, ein unglückliches Ende zu weissagen. Ich konnte nichts anderes thun, als dem Kutscher des Marquis die wirkliche Adresse des Herrn Duportail angeben. »Zu Herrn Duportail,« sagte ich, »neben dem Arsenal.« Die Marquise theilte meine Verlegenheit; es war mir noch kein Ausweg eingefallen, als wir vor dem Hause meines angeblichen Vaters ankamen. Er war zu Hause, man meldete ihm, der Marquis und die Marquise von B... brächten ihm seine Tochter zurück. »Meine Tochter!« rief er in der heftigsten Aufregung, »meine Tochter!« und stürzte uns entgegen. Ohne ihm zu einem einzigen Worte Zeit zu lassen, fiel ich ihm um den Hals. »Ja,« sagte ich, »Sie sind ja Witwer und haben eine Tochter.« »Sprechen Sie doch leiser,« antwortete er lebhaft, »sprechen Sie leiser! wer hat es Ihnen gesagt?« »Ach, mein Gott! verstehen Sie mich nicht? ich bin Ihre Tochter.« Nun beruhigte sich Herr von Duportail, trotzdem war er von seinem Erstaunen noch nicht zurückgekommen, er schien eine Erklärung zu erwarten. Die Marquise nahm das Wort. »Mein Herr,« sagte sie, »Fräulein Duportail hat die eine Hälfte der Nacht auf dem Balle und die andere in meinem Hause zugebracht.« »Ist es Ihnen unangenehm, mein Herr,« setzte der Marquis hinzu, als er seine Verwunderung bemerkte, »dass das Fräulein einen Theil der Nacht in meinem Hause zugebracht hat? Sie hätten Unrecht, denn sie hat im Zimmer meiner Gemahlin, ja sogar in ihrem Bette, an ihrer Seite geschlafen; man hätte sie nirgends besser unterbringen können. Nehmen Sie es nicht übel, dass ich die Damen bis hierher begleitet habe, sie wünschten es nicht, ich...« »Ich bin Ihnen sehr dankbar,« antwortete endlich Herr Duportail, der sich auf einmal von seiner Überraschung erholte, und der nach den Reden des Marquis keinen Zweifel mehr über den wahren Stand der Dinge haben konnte. »Ich weiß die Güte, die Sie für meine Tochter haben, so wie die liebenswürdige Gastfreundschaft, die Sie ihr in Ihrem Hause erwiesen, gewiss zu schätzen, aber ich kann Ihnen in Gegenwart meiner Tochter (er sah mich an, ich zitterte) meine höchste Verwunderung darüber nicht verbergen, dass sie in dieser Verkleidung auf dem Ball erschienen ist.« »Wie, Verkleidung!« fiel die Marquise ein. »Ja, Madame, ein Amazonenkleid! schickt sich das für meine Tochter? oder meinen Sie nicht, Madame, dass sie wenigstens meinen Rath oder meine Erlaubnis dazu hätte einholen sollen?« Entzückt über die sinnreiche Wendung, die mein neuer Vater der Sache gegeben, stellte ich mich sehr reuevoll. »Ach! ich dachte, der Papa wüsste es,« sagte der Marquis. »Mein Herr, Sie müssen ihr diesen kleinen Fehler verzeihen. Ihr Fräulein Tochter hat die glücklichste Physiognomie, sage ich Ihnen, und ich verstehe mich darauf. Ihr Fräulein Tochter ist ein reizendes Kind, sie hat jedermann, besonders aber meine Gemahlin bezaubert; denn sie ist närrisch in sie verliebt.« Die Marquise sagte darauf in großer Kaltblütigkeit: »Es ist wahr, mein Herr, das Fräulein hat mir alle Freundschaft eingeflößt, die sie verdient.« Ich glaubte mich schon gerettet, als plötzlich mein wirklicher Vater, der Baron Faublas, der sich bei seinem Freunde nie anmelden ließ, hereintrat. »Ha, ha!« lachte er, als er mich bemerkte. Herr Duportail gieng ihm mit offenen Armen entgegen. »Mein lieber Faublas,« sagte er, »Sie sehen hier meine Tochter, die der Herr Marquis und die Frau Marquise mir zurückbringen.« »Ihre Tochter!« unterbrach ihn mein Vater. »Nun ja, meine Tochter! Sie erkennen sie nur nicht in dieser lächerlichen Kleidung. Fräulein,« fügte er zornig hinzu, »gehen Sie auf Ihr Zimmer und lassen Sie sich in diesem Aufzug vor keinem Menschen mehr sehen.« Ohne ein Wort zu sagen, machte ich eine Verbeugung vor dem Marquis, der mich zu beklagen schien, und eine vor der Marquise, die mich kaum sah; denn bei dem Namen meines Vaters war sie so sehr in Bestürzung gerathen, dass ich fürchtete, sie würde unwohl. Ich zog mich in das nächste Zimmer zurück und lauschte. »Ihre Tochter!« wiederholte der Baron noch einmal. »Ach ja, meine Tochter! die sich hat beifallen lassen, in solchen Kleidern auf den Ball zu gehen. Der Herr Marquis wird Ihnen das übrige erzählen.« Und in der That, der Marquis wiederholte meinem Vater alles, was er zu Herrn Duportail gesagt; er versicherte ihn, ich hatte im Zimmer seiner Gemahlin, ja sogar an ihrer Seite geschlafen. »Sie ist sehr glücklich, das glaub' ich wohl,« sagte mein Vater mit einem Blick auf die Marquise... »sehr glücklich,« wiederholte er, »dass eine solche Unbesonnenheit keine verdrießlichen Folgen gehabt hat.« »Was für eine große Unbesonnenheit hat denn das liebe Kind begangen?« versetzte die Marquise, die sich von ihrer anfänglichen Verwirrung schnell wieder erholt hatte; »vielleicht weil sie ein Amazonenkleid angezogen hat?« »Gewiss,« fiel der Marquis ein, »das ist eine bloße Kleinigkeit und (sich an meinen Vater wendend) Sie würden besser thun, Herr, auf unsere Seite zu treten, und ihr die Verzeihung ihres Vaters auszuwirken.« »Madame,« sagte Herr Duportail, »ich verzeihe ihr um Ihretwillen (sich an den Marquis wendend), aber unter der Bedingung, dass sie nicht mehr in Ihr Haus geht.« »Im Amazonenkleid, meinetwegen!« antwortete dieser; »aber ich hoffe, dass Sie sie uns bald in ihren gewöhnlichen Kleidern schicken, denn es würde uns unendlich leid thun, wenn wir das reizende Kind nicht mehr sehen sollten.« »Gewiss!« sagte die Marquise aufstehend, »und wenn ihr Herr Vater uns eine wirkliche Freude machen will, so wird er auch mitkommen.« Herr Duportail begleitete die Marquise mit vielen Danksagungen an ihren Wagen. Deren Entfernung befreite mich von einer schweren Last. »Ein sehr merkwürdiges Abenteuer!« sagte Herr Duportail zurückkehrend. »Ja, sehr merkwürdig!« antwortete mein Vater; »die Marquise ist ausgezeichnet schön, der junge Mensch hat viel Glück!« »Wissen Sie auch,« versetzte sein Freund, »dass er beinahe mein Geheimnis errathen hat? als man mir meine Tochter ankündigte, glaubte ich wirklich, sie werde mir wieder geschenkt, und ich verrieth mich durch einige Worte.« »Dafür weiß ich ein Mittel; Faublas ist in Beziehung auf Charakter seinen Jahren weit voraus; zu einem vollendeten Manne fehlt ihm nichts, als einige Belehrung, die er ohne Zweifel heute Nacht erhalten hat; er hat eine edle Seele und ein treffliches Herz; ein Geheimnis, das man erräth, verpflichtet bekanntlich zu nichts, aber ein rechtschaffener Mann würde sich zu entehren glauben, wenn er ein ihm anvertrautes verriethe; theilen Sie das Ihrige meinem Sohne mit! nur kein halbes Vertrauen. Ich bürge Ihnen für seine Verschwiegenheit.« »Aber Geheimnisse von solcher Wichtigkeit!... er ist noch so jung!...« »So jung! mein Freund, ist ein Edelmann jemals jung, wenn es sich um die Ehre handelt? mein Sohn sollte in seiner Jugend die heiligsten Pflichten jedes denkenden Menschen nicht kennen? ein Kind, das ich erzogen, sollte erst die Erfahrung seines Vaters nöthig haben, um keine Niederträchtigkeit zu begehen?...« »Mein Freund, ich befolge Ihren Rath.« »Glauben Sie mir, lieber Duportail, Sie werden es nicht zu bereuen haben! außerdem hoffe ich, dass diese beinahe nothwendig gewordene Mittheilung nicht ganz ohne Nutzen sein wird. »Sie wissen, dass ich meinem Sohne eine standesgemäße Erziehung gegeben. Er soll reisen, und es wäre mir nicht unangenehm, wenn er sich einige Monate in Polen aufhielte.« »Bravo,« unterbrach ihn Herr Duportail, »das Mittel, das Ihre Freundschaft gebraucht, ist eben so sinnreich, als ein Beweis von hohem Zartgefühl; ich fühle die ganze Ehrenhaftigkeit Ihres Vorschlages und gestehe, dass er mir sehr angenehm ist.« »Dann,« versetzte der Baron, »werden Sie Faublas einen Brief an den treuen Diener mitgeben, den Sie noch in jenem Lande haben, und Boleslav und mein Sohn werden neue Nachforschungen anstellen. Mein lieber Lovzinski, verzweifeln Sie noch nicht an Ihrem Glück; wenn Ihre Tochter lebt, so kann sie Ihnen möglicherweise auch wieder geschenkt werden. Wenn der König von Polen...« Mein Vater sprach leiser und zog seinen Freund an das andere Ende des Zimmers; dort sprachen sie über eine halbe Stunde, hierauf kamen beide gegen die Thüre, an der ich stand, und ich hörte den Baron sagen: »Ich will ihn um die näheren Umstände seines Abenteuers nicht befragen, obschon sie wahrscheinlich amüsant genug sind, ich könnte sie nicht mit der richtigen Strenge anhören; ohne Zweifel wird er Ihnen seine Geschichte Punkt für Punkt erzählen, und Sie theilen sie dann mir mit. Im übrigen glaube ich, haben wir soeben einen Einfaltspinsel von Ehemann vor uns gehabt.« »Er ist nicht der einzige, mein Freund,« antwortete Herr Duportail. »Man weiß es wohl,« entgegnete der Baron, »aber man darf es nicht sagen.« Ich hörte auf meine Thüre zukommen und warf mich in einen Lehnstuhl. Der Baron kam herein und sagte: »Mein Wagen steht vor der Thüre, lassen Sie sich in's Hotel zurückführen und ruhen Sie aus; auch verbiete ich Ihnen, von nun an in diesen Kleidern auszugehen.« »Mein Freund,« sagte Duportail, der mich bis an die Thüre begleitete, »wir wollen dieser Tage einmal unter vier Augen zusammen speisen; Sie wissen einen Theil meines Geheimnisses, ich werde Ihnen den übrigen mittheilen und zahle auf Ihre Verschwiegenheit. Sie wissen wohl, dass auch ich Ihnen einen Dienst erwiesen habe.« Ich versicherte ihm, dass ich seine große Gefälligkeit nie vergessen werde, und er ruhig sein dürfe. Ich fuhr sodann nach Hause, legte mich zu Bett und versank in einen tiefen Schlaf. Es war bereits sehr spät, als ich erwachte. Ich gieng mit Herrn Person in's Kloster. Mit welcher süßen Rührung sah ich meine Sophie wieder. Ihr bescheidenes Auftreten, ihre naive Unschuld, die schüchterne, liebkosende Art, womit sie mich empfieng, und eine kleine Verlegenheit wegen des Kusses von gestern, kurz, ihr ganzes Wesen flößte mir Liebe ein, aber die zärtlichste und ehrfurchtsvollste Liebe. Die Reize der Marquise verfolgten mich unaufhörlich bis in's Sprechzimmer; was für herrliche Vortheile hatte ihre junge Nebenbuhlerin über sie; wohl muss ich eingestehen, dass die Reize der Marquise und die Vergnügungen der letzten Nacht mit lebendigen Farben vor meine erhitzte Phantasie traten; aber wie sehr zog ich ihnen den entzückenden Augenblick vor, wo ich auf Sophien's Lippen eine neue Seele gefunden hatte. Die Marquise beherrschte meine berauschten Sinne, mein Herz betete Sophie an. Am anderen Tage erinnerte ich mich, dass die Marquise mich in ihrer Wohnung erwarte, aber ich erinnerte mich auch an die Worte des Barons: »Ich verbiete Ihnen, in dieser Kleidung auszugehen.« Wie sollte ich mich auch bei der Marquise vorstellen, ohne wenigstens eine Kammerfrau als Begleiterin zu haben; an den Grafen war nicht zu denken, auch hatte er ohne Zweifel keine Lust, mich zu begleiten, und der Herr Marquis hätte es auffallend finden müssen, wenn eine junge Dame ohne Begleitung ausgienge. Eine verzehrende Ungeduld quälte mich, meine schöne Freundin wieder zu sehen; aber ich konnte doch zu keinem Entschlusse kommen, denn das Verbot meines Vaters erforderte Rücksicht. Ich war tief verstimmt, als Jasmin eintrat und meldete, eine ältliche Frau, die im Auftrage des Fräulein Justine mich zu sprechen wünsche, bitte mich sprechen zu dürfen. »Ich weiß zwar nicht, wer dieses Fräulein Justine ist, doch sie mag hereintreten!« »Fräulein Justine hat mich beauftragt,« sagte die Frau, »Ihnen ihr Compliment zu melden und das Paket nebst dem Brief zu überreichen.« Ehe ich das Paket öffnete, nahm ich den Brief, dessen Aufschrift einfach lautete: An Fräulein Duportail. Ich erbrach ihn hastig und las: »Lassen Sie doch etwas von sich hören, liebes Kind! haben Sie eine gute Nacht gehabt? Sie hatten Ruhe nöthig; ich fürchte sehr, die Anstrengungen auf dem Ball und der unangenehme Auftritt mit Ihrem Herrn Vater möchten Ihrer Gesundheit geschadet haben. Ich bin untröstlich, dass Sie um meinetwillen gezankt wurden; glauben Sie mir, dass ich bei dieser allzulangen Scene so viel gelitten habe, wie Sie selbst. Der Herr Marquis spricht davon, diesen Abend auf einen Ball zu gehen; ich bin nicht sehr aufgelegt dazu und glaube, dass Sie ebenfalls wenig Lust haben. Da indes eine Mama gegen ihre Tochter gefällig sein muss, namentlich wenn sie so liebenswürdig ist, wie Sie, so werden wir auf den Ball gehen, wenn Sie wollen. Ich habe nicht vergessen, dass das Amazonenkleid Ihnen verboten ist, und ich denke, Sie haben kein anderes Ballkleid, weil dieselben nicht zu den Klostermöbeln gehören; deshalb schicke ich Ihnen eines von den meinigen; wir haben so ziemlich eine Größe; ich glaube, es wird Ihnen gut passen. Justine hat mir gesagt, es fehle Ihnen an einer Kammerfrau; die Überbringerin dieses Briefes ist gescheit und geschickt; Sie können sie in Ihre Dienste nehmen und dürfen ihr alles Vertrauen schenken; ich bürge für ihre Treue. Ich lade sie nicht zum Mittagessen ein; ich weiß, dass Herr Duportail selten ohne seine Tochter speist; aber, wenn Sie Ihre werte Mama ebenso lieben, wie Sie von ihr geliebt werden, so erscheinen Sie auf den Abend, und zwar so bald als möglich. Der Herr Marquis speist nicht zu Hause; kommen Sie recht früh, mein Kind, ich werde den ganzen Nachmittag allein sein, leisten Sie mir Gesellschaft! Glauben Sie, dass niemand Sie so zärtlich liebt, als Ihre Mama, Marquise von B.« N. S. »Ich bin nicht im Stande, Ihnen die Tollheiten alle zu berichten, die ich im Auftrage des Marquis Ihnen schreiben soll. Zanken Sie ihn übrigens tüchtig aus, so bald Sie ihn sehen. Diesen Morgen wollte er in seinem Namen zu Herrn Duportail schicken. Ich hatte unsägliche Mühe, ihm begreiflich zu machen, dass es nicht angehe und dass es weit verständiger sei, wenn ich Ihnen schreibe.« Dieser Brief entzückte mich. »Gnädiger Herr,« sagte die Überbringerin, »Justine ist die Kammerfrau der Marquise von B., und wenn das gnädige Fräulein es verlangt, so werde ich heute und morgen die Ihrige sein. Übrigens kann der Herr, oder das gnädige Fräulein sich ebenso gut auf mich verlassen; wenn Jungfer Justine und Frau Dutour sich in ein Intriguenspiel mischen, so verderben sie es gewiss nicht; deshalb hat man auch mich gewählt.« »Sehr gut, Frau Dutour!« sagte ich, »ich sehe, dass Sie eingeweiht sind; Sie werden mich sogleich zur Marquise begleiten.« Ich bot meiner Begleiterin einen Louisd'or, den sie annahm. »Nicht als ob ich nicht bereits gut bezahlt wäre,« sagte sie, »aber der gnädige Herr muss wissen, dass Leute von meiner Profession immer von beiden Seiten annehmen.« Sobald der Baron gespeist hatte, gieng er seiner Gewohnheit gemäß in die Oper. Mein Friseur war bestellt, und statt des Hütchens wurde ein weißer Federbusch aufgesetzt. Frau Dutour zog mir das reizende Ballkleid, das ich von der Marquise erhalten, schnell an; es passte mir trefflich, und meine Ähnlichkeit mit Adelheid war darin noch auffallender; mein Hofmeister war dadurch so gerührt, dass er seine Aufmerksamkeit gegen mich verdoppelte. Ich nahm Handschuhe, einen Fächer und ein großes Bouquet und flog zu dem Rendezvous mit der Marquise. Ich traf sie in ihrem Boudoir, nachlässig auf eine Ottomane hingestreckt; ein galantes Negligé schmückte ihre Reize, enthüllte ihre Alabasterbüste, statt sie zu bedecken. Als sie mich bemerkte, stand sie auf. »Wie hübsch in diesem Anzug ist das Fräulein Duportail, wie dies Kleid ihr gut passt!« Und sobald die Thüre geschlossen war: »Wie artig Sie sind, lieber Faublas! wie freut mich Ihre Pünktlichkeit! Mein Herz sagte es mir wohl, dass Sie trotz Ihrer beiden Väter Mittel und Gelegenheit finden würden, mich hier zu finden.« Ich antwortete ihr nur durch meine lebhaftesten Liebkosungen und nöthigte sie, die Lage wieder einzunehmen, die sie bei meinem Eintritt geändert hatte, dann bewies ich ihr, dass ich ihren Unterricht nicht vergessen hatte, als wir ein Geräusch im nächsten Zimmer vernahmen. Zitternd in einer nichts weniger als zweideutigen Lage überrascht zu werden, sprang ich auf und setzte mich der Marquise gegenüber, die große Ruhe zur Schau trug. Die Thüre öffnete sich und herein trat der Marquis. »Ich dachte es mir wohl, mein Herr,« sagte sie, »dass nur Sie es sein können, der unangemeldet in mein Zimmer tritt; aber ich glaube, Sie würden doch wenigstens an dieser Thüre anklopfen, ehe Sie öffneten; das liebe Kind hatte mir Heimlichkeiten anzuvertrauen; fast hätten Sie es überrascht! ... man kommt nicht so zu den Frauen.« »Gut,« sagte der Marquis, »ich hätte sie überrascht!... nun aber habe ich sie nicht überrascht, und somit hat es nichts zu bedeuten; übrigens bin ich überzeugt dass dies liebe Fräulein mir verzeiht, denn sie ist nachsichtiger als Sie, Madame! Sie werden wohl gestehen, dass ihr Vater recht hat, sehr recht hat, ihr das Amazonenkleid zu verbieten, jetzt ist sie anbetungswürdig!« Nun stimmte er wieder den faden, galanten Ton gegen mich an, womit er uns schon neulich belustigt hatte, er fand, dass ich mich vollkommen erholt habe; ich hätte feurige Augen, eine sehr lebhafte Farbe und sogar etwas außerordentliches und sehr viel versprechendes in der Physiognomie. Dann sagte er zu uns: »Sie gehen heute auf den Ball, schöne Damen?« Die Marquise antwortete: »Nein.« »Sie beleidigen mich! ich bin eben deswegen zurückgekommen, um Sie hinzuführen.« »Ich versichere Sie, dass ich nicht gehen werde.« »Ei, warum denn? Sie sagten ja diesen Morgen ...« »Ich sagte, ich könnte vielleicht gehen aus Gefälligkeit gegen Fräulein Duportail; nun denkt sie aber nicht daran, sie fürchtet, den Grafen Rosambert dort wieder zu finden, der sich das letztemal sehr unanständig aufgeführt hat.« Ich unterbrach die Marquise: »Gewiss, sein Betragen gegen mich war unartig genug, dass ich jetzt seine Begegnungen fürchten muss, so gern ich auch mit ihm zusammen war.« »Sie haben Recht!« sagte der Marquis, »der Graf ist einer der eingebildeten Stutzer, welche meinen, die Frauen hätten nur für sie Augen; es ist gut, wenn man diesen Herren bisweilen zeigt, dass es noch Leute auf der Welt gibt, die eben so viel wert sind.« Ich verstand, was er sagen wollte, und warf ihm, um seine Worte zu bekräftigen, heimlich einen ausdrucksvollen Blick zu... »Und die vielleicht noch mehr wert sind,« fügte er mit erhöhter Stimme hinzu, dann stellte er sich auf die Zehen und nahm einen Schwung, um in die Höhe zu springen, er war aber sehr unglücklich. Er fiel und schlug sich eine große Beule an der Stirne. Beschämt über sein Unglück, und um es zu verhehlen, schien er unempfindlich für den Schmerz. »Reizendes Kind,« sagte er mit großer Kaltblütigkeit zu mir, aber von Zeit zu Zeit sich durch garstige Grimassen verrathend, »Sie haben Recht, dem Grafen aus dem Wege zu gehen, aber fürchten Sie nicht, ihm diesen Abend zu begegnen, es ist Maskenball; glücklicher Weise hat die Marquise zwei Domino's, sie wird Ihnen einen leihen und den anderen selbst anziehen; wir gehen auf den Ball, speisen dann hier wieder zu Nacht, und wenn Sie vorgestern nicht ganz schlecht geschlafen haben ...« »O ja, das ist prächtig!« rief ich mit mehr Lebhaftigkeit, als Klugheit, »gehen wir auf den Ball.« »Mit meinen Domino's, die der Graf kennt?« unterbrach die bedächtigere Marquise. »Ja, Madame, mit Ihren Domino's. Wir müssen diesem Kinde das Vergnügen machen, einen Maskenball zu besuchen, es hat noch keinen gesehen; der Graf wird sie nicht erkennen; er ist vielleicht nicht einmal da.« Die Marquise schien unentschlossen; sie schwankte zwischen dem Wunsche, mich die nächste Nacht in ihrem Hause zu haben, und der Furcht, sich in Gegenwart des Marquis den Spöttereien des Grafen auszusetzen. »Was mich betrifft,« fuhr der bequeme Eheherr in geheimnisvollem Tone fort, »so werde ich Sie hinführen, kann aber nicht immer bei Ihnen bleiben, da ich einige Geschäfte habe; um Mitternacht werde ich Sie dann abholen.« Letzterer Grund war entscheidender als alle Bitten des Marquis. Indes wurde die Contusion des Marquis immer auffallender und seine Beule zusehends größer. Ich fragte ihn verwundert, was er an der Stirne hätte. »Es ist nichts; ein Ehemann ist solchen kleinen Unfällen immer ausgesetzt.« Ich erinnerte mich, wie weh er mir durch seinen Händedruck gethan, und entschloss mich Rache an ihm zu nehmen. Ich nahm ein Geldstück aus meiner Tasche, legte es ihm, um die Beule glatt zu drücken, auf die Stirne, und drückte aus Leibeskräften darauf. »Das Teufelskind hat mir fast den Schädel eingedrückt.« »Die kleine Schelmin hat es absichtlich so gethan,« sagte die Marquise, die sich sehr zusammen nehmen musste, um nicht zu lachen. »Glauben Sie, ich habe es absichtlich gethan?« »Nun, dann will ich Sie zur Strafe umarmen.« »Zur Strafe, meinetwegen!« ich bot ihm anmuthig die Wange, er hielt sich für den Glücklichsten der Sterblichen und sagte, um diesen Preis lasse er seinen Muth immer auf die Probe setzen. »Wollt Ihr aufhören zu tändeln?« sagte die Marquise mit verstellter Empfindlichkeit, »wir müssen jetzt an den Ball denken.« »O, Madame wird verdrießlich,« antwortete der Marquis; »lassen Sie uns jetzt vorsichtig sein,« sagte er ganz leise zu mir, »sie ist ein wenig eifersüchtig;« dabei sah er uns mit selbstgefälliger Miene an. »Sie beide lieben einander sehr,« fuhr er fort; »aber wenn sie sich einmal um meinetwegen entzweien sollten... das wäre doch sehr sonderbar...!« »Gehen wir auf den Ball, oder gehen wir nicht?« unterbrach die Marquise. Sie machte sich an ihre Toilette; man brachte ihr Domino's, die sie nicht anziehen wollte; sie ließ zwei andere holen, in die wir uns lustig vermummten. »Sie kennen den meinigen,« sagte der Marquis; »ich werde ihn anziehen, um Sie aufzusuchen; ich fürchte nicht, dass ich erkannt werde.« Er führte uns auf den Ball und versprach, Punkt zwölf Uhr wieder zu kommen. Kaum waren wir in den Saal getreten, als der ganze Haufe der Masken uns umzingelte; man betrachtete uns neugierig und tanzte gut mit uns. Im Anfange ergötzte das neue Schauspiel meine Augen. Die eleganten Kleider, die reichen Anzüge, die sonderbaren, grotesken Kostüme, die garstigen, barocken Verkleidungen, das bizarre Untereinander aller dieser gepappten und gemalten Gesichter, das bunte Gemisch, das Getöse hundert verworrener Stimmen, die Menge der Gegenstände, ihre beständige Bewegung, die das Tableau fortwährend veränderte und neu belebte; das alles vereinigte sich, um meine leicht zu ermüdende Aufmerksamkeit zu überraschen. Einige neue Masken traten ein, der Contretanz wurde unterbrochen, und die Marquise benützte diesen Augenblick, um sich unter die Haufen zu drängen, ich folgte ihr schweigend, begierig die Scene im Detail kennen zu lernen. Ich sah bald, dass jede der handelnden Personen sich sehr viel zu schaffen machte, um nichts zu thun, und ungeheuer viel plauderte, ohne eigentlich ein Wort zu sagen. Man suchte sich gegenseitig auf, beobachtete sich mit der größten Aufmerksamkeit, verließ sich, ohne zu wissen warum, und fand sich im nächsten Augenblicke hohnlächelnd wieder beisammen. Übrigens sah ich auch Leute, die sehr viel auszustehen hatten, und das Glück, den boshaften Reden und neckischen Blicken ihrer Verfolger zu entgehen, gewiss theuer erkauft hätten. Andere starben fast vor Langweile; diese hatten sich offenbar vorgenommen, die Nacht unter allen Umständen auf dem Ball zuzubringen, nur um anderen Tages sagen zu können, sie hätten sich gestern gut amüsiert. »Das ist also ein Maskenball?« sagte ich zu Marquise. »Weiter ist es nichts? Da wundere ich mich nicht, wenn anständige Leute von Schuften gehänselt werden. »Ich bliebe keinen Augenblick länger, wenn Sie nicht zugegen wären.« »Stille!« antwortete sie, »wir werden verfolgt und sind bereits erkannt; sehen Sie nicht die Maske dort, die uns auf dem Fuße nachgeht? ich fürchte, es ist der Graf; gehen wir aus dem Gewühle und verlieren Sie die Besinnung nicht!« Es war wirklich Rosambert; wir erkannten ihn sogleich, da er sich nicht einmal die Mühe nahm, seine Stimme zu verstellen; doch war er rücksichtsvoll genug, so leise zu sprechen, dass nur die Frau Marquise und ich ihn verstehen konnten. »Wie befinden sich die Frau Marquise und ihre schöne Freundin?« fragte er mit effektiver Theilnahme. Ich wagte nicht zu antworten. Überzeugt, dass die Verstellung hier nichts helfe, beschloss die Marquise in das verhängnisvolle Gespräch einzugehen, und ihre Feinheit hätte die Sache gewiss durchgeführt, wenn der Graf nicht zu genau unterrichtet gewesen wäre. »Wie, sind Sie es, Herr Graf? Sie haben mich erkannt? Dies nimmt mich Wunder. Ich glaubte, sie hätten es verschworen, mich je wieder zu sehen und zu sprechen.« »Es ist wahr, ich hatte es Ihnen versprochen, Madame, und ich weiß auch, wie angenehm Ihnen diese Versicherung war.« »Ich verstehe Sie nicht, Herr Graf, und Sie verstehen mich falsch; wenn ich Sie nicht sehen wollte, wer könnte mich zwingen mit Ihnen zu sprechen? warum hätte ich dann Ihre Begegnung gesucht?« »Meine Begegnung gesucht, Madame! so schmeichelhaft dieses Geständnis für mich ist, so gestehe ich doch, dass ich vielleicht die Dummheit gehabt hätte, es für aufrichtig zu halten, wenn dieses liebe Kind hier...« »Mein Herr,« unterbrach ihn die Marquise, »haben Sie die Gräfin nicht mitgebracht?... Sie ist sehr liebenswürdig die Gräfin!... nicht wahr?« »Wenigstens ist sie sehr gefällig, die Gräfin...« Die Marquise unterbrach ihn auf's neue, sich beleidigt stellend: »Sie ist sehr liebenswürdig, die Gräfin!... Sie hätten Sie mitbringen sollen!« »Ja, Madame! und Sie hätten ihr gewiss wieder das ehrenvolle Geschäft anvertraut, das sie so großmüthig, so gefällig durchgeführt hat?« »Wie? habe etwa ich ihr aufgetragen, Sie den ganzen Abend in Beschlag zu nehmen? habe ich sie vielleicht aufgefordert, mir einen bösen Streit zu machen, mir hundertmal einen schlechten Spass zu wiederholen und mich am Ende so weit zu bringen, dass ich genöthigt war, Ihnen unangenehme Sachen zu sagen, die ich vielleicht widerrufen hätte, wenn Sie, wie ich hoffte, gestern gekommen wären und um Verzeihung gebeten hätten!« »Sie hätten mir verziehen, Madame? ei, wie großmüthig! aber glauben Sie mir, Madame, ich werde so wenig als möglich Ihre Güte in Anspruch nehmen. Ich fürchte zu sehr, Sie zu belästigen und meinem jungen Bäschen im Wege zu stehen, welches uns so aufmerksam zuhört und so gute Gründe hat, nichts zu sprechen.« »Nun, mein Herr,« antwortete ich rasch, »was könnte ich Ihnen sagen?« »Nichts, nichts, das ich nicht wüsste, oder nicht errathen könnte.« »Ich gestehe, Herr von Rosambert, dass Sie etwas wissen, das Madame nicht weiß, aber,« setzte ich, absichtlich leiser sprechend, hinzu, »haben Sie doch ein wenig mehr Discretion; die Marquise wollte Ihnen vorgestern nicht glauben; was verschlägt es Ihnen, sie nur heute noch in einem Irrthum zu lassen, der in jedem Falle pikant ist.« »Sehr gut!« rief er, »die Wendung ist in der That nicht übel. Vorgestern noch so ein Neuling und heute schon so gebildet! Sie müssen eine sehr gute Schule gehabt haben!« »Was sagen Sie da, mein Herr?« versetzte die Marquise etwas gereizt. »Ich sage, Madame, dass mein junges Bäschen in vierundzwanzig Stunden sehr große Fortschritte gemacht hat; aber ich wundere mich nicht, man weiß, wie den jungen Mädchen der Verstand kommt.« »Sie haben doch endlich die Gnade, mir zuzugeben, dass Fräulein Duportail ein Mädchen ist!« »Ich werde es mir nie mehr beikommen lassen, das zu leugnen, da ich sehe, wie schmerzhaft die Enttäuschung für Sie wäre. Eine gute Freundin zu verlieren und nur einen jungen gehorsamen Diener zu finden, es wäre allzu hart!« »Was Sie hier sagen, hat seine vollkommene Richtigkeit,« versetzte die Marquise mit schlecht verstellter Ungeduld; »nur ist Ihr Ton so sonderbar! erklären Sie sich, mein Herr! Das Kind, das Sie mir selbst als Ihre Verwandte vorgestellt haben, ist es (sie sprach sehr leise) Fräulein Duportail oder Herr von Faublas? Sie nöthigen mich eine sehr seltsame Frage an Sie zu stellen; aber sprechen Sie doch endlich im Ernst, wie sich die Sache verhält.« »Das, Madame, konnte ich vorgestern Ihnen zu sagen wagen; aber heute ist es an mir, darüber Aufklärung zu verlangen.« »Von mir?« antwortete sie ohne die Fassung zu verlieren, »ich habe darüber nicht den geringsten Zweifel. Ihre Miene, ihre Züge, ihre Haltung, ihre Gespräche, alles zeigt mir, das es Fräulein Duportail ist; und überdies habe ich Beweise, die ich nicht gesucht hatte.« »Beweise!« »Ja, mein Herr, Beweise. Sie hat vorgestern bei mir zu Nacht gespeist...« »Ich weiß das wohl, Madame; und sie war sogar noch gestern Früh um zehn Uhr bei Ihnen.« »Um zehn Uhr, ja, aber dann haben wir sie in ihre Wohnung geführt.« »In ihre Wohnung! Vorstadt Saint Germain?« »Nein, auf den Arsenalplatz; und ihr Herr Vater ...« »Ihr Vater! der Baron von Faublas?« »Nicht doch, Herr Duportail hat uns, dem Marquis und mir, sehr gedankt, dass wir ihm seine Tochter zurückbrachten.« »Der Marquis und Sie, Madame? wie! Der Marquis hat Sie zu Herrn Duportail begleitet?« »Ja, mein Herr! was ist hier zu verwundern?« »Und Herr Duportail hat der Marquise gedankt?« »Ja, mein Herr!« Jetzt brach der Graf in ein lautes Gelächter aus. »Ach, der gute Eheherr!« rief er ganz laut; »das Abenteuer ist vortrefflich! ach, das ehrliche Geschöpf von einem Ehemann!« und wollte uns verlassen. Ich glaubte in der Marquise und meinem eigenen Interesse seine unmäßige Lustigkeit ein wenig dämpfen zu müssen, und sagte leise zu ihm: »Mein Herr, könnte man keine ernsthaftere Erklärung von Ihnen haben?« Er sah mich lachend an. »Eine ernsthafte Erklärung unter uns diesen Abend, mein Bäschen?« und meine Maske ein wenig lüftend: »Nein, Sie sind zu hübsch! ich lasse Sie lieben und gefallen. Indessen es ist nicht mehr als billig, dass ich heute meinen Vortheil ein wenig benütze; die Erklärung soll morgen stattfinden, wenn es Ihnen beliebt.« »Morgen, mein Herr; um welche Stunde und an welchem Orte?« »Die Stunde? ich wüsste sie noch nicht zu bestimmen; das wird von den Umständen abhängen. Sind Sie nicht im Begriff, bei der Marquise zu Nacht zu speisen; morgen wird es vielleicht Mittag, bis der sehr bequeme Marquis Sie zu dem sehr gefälligen Herrn Duportail zurückbegleitet; dann sind Sie wahrscheinlich sehr erschöpft. Ich mag einen solchen Vortheil nicht benützen, man muss Ihnen Zeit zum Ausruhen lassen; ich werde morgen Abend zu Ihnen kommen. Ich verabschiede mich noch nicht, ich werde noch einmal das Vergnügen haben. Sie zu sehen, ehe die Schäferstunde für Sie schlägt.« Er grüßte und verließ den Saal. Die Marquise war sehr vergnügt, dass er gieng. »Er hat uns empfindlich getroffen,« sagte sie, »aber wir konnten uns nicht vertheidigen.« Ich bemerkte ihr, dass der Graf die Aufmerksamkeit gehabt habe, jedesmal, so oft er etwas recht Beißendes sagte, seine Stimme zu dämpfen, und es bloß in seiner Absicht liege, uns tüchtig zu quälen, nicht aber uns bis auf einen gewissen Punkt zu compromittieren. »Ich traue ihm nicht ganz,« antwortete sie; »er weiß, dass Sie die Nacht bei mir zugebracht haben, und ist beleidigt; die Rückkehr, womit er uns bedroht, verkündigt nichts gutes; ohne Zweifel rüstet er sich zu einem noch stärkeren Angriff. Gehen wir und erwarten ihn nicht, auch nicht den Marquis.« Wir wollten eben aufbrechen, als zwei Masken uns in den Weg traten. »Ich kenne Dich, schöne Maske!« sagte die eine zu mir; »guten Abend, Herr von Faublas.« Ich antwortete nicht. »Guten Abend, Herr von Faublas!« wiederholte die Maske. Jetzt sah ich ein, dass ich meine Kraft zusammennehmen und Dreistigkeit zeigen müsse. »Du bist nicht glücklich im Rathen, schöne Maske, Du irrst Dich im Namen und Geschlecht.« »Weil beides sehr zweifelhaft ist.« »Du bist toll, schöne Maske.« »Durchaus nicht! die einen taufen Dich Faublas und erklären Dich für einen schönen Jungen, die anderen nennen Sie Duportail und schwören, Sie wären ein sehr hübsches Mädchen.« »Duportail oder Faublas,« antwortete ich sehr bestürzt, »was geht es Dich an?« »Unterscheiden wir, schöne Maske! sind Sie ein hübsches Fräulein, so geht es mich an; bist Du aber ein hübscher Junge, so geht es die Dame hier an (auf die Marquise zeigend).« Ich schwieg erstaunt. Die Maske fuhr fort: »Antworten Sie mir, Fräulein Duportail! sprich doch, Herr von Faublas.« »Entscheide Dich, welchen Namen Du mir geben willst, schöne Maske!« »Wenn ich nur mein persönliches Interesse und den äußeren Schein zu Rathe ziehe, so sind Sie Fräulein Duportail – will ich aber der skandalösen Chronik glauben, so bist Du der Herr von Faublas.« Die Marquise verlor kein Wort von unserem Gespräch, war aber durch den Unbekannten, der sie angegriffen, so sehr in die Enge getrieben, dass sie mir nicht zu Hilfe kommen konnte. Bald hätte meine Verwirrung mich verrathen, als plötzlich ein großes Getümmel sich im Saale erhob. Alles stürzte sich zur Thüre und drängte sich um eine plötzlich eingetretene Maske; die einen wiesen mit Fingern auf dieselbe, andere brachen in ein schallendes Gelächter aus, und alle riefen im Chor: »Es ist der Marquis von B..., der sich an der Stirne eine Beule stieß.« Als unsere Plagegeister das lustige Geschrei hörten, verließen sie uns, um die Zahl der Lacher zu vermehren. »Dem Himmel sei Dank,« sagte meine schöne Freundin etwas erstaunt; »aber hören Sie in dem Getümmel nicht den Namen des Marquis?« Inzwischen wurde der Tumult immer größer. Wir näherten uns dem Haufen und hörten ein verworrenes Geschrei: »Ei, guten Abend, Herr Marquis, seit wann haben Sie diese Beule?« Mit Hilfe unserer Ellenbogen drangen wir endlich bis zu der verhöhnten Maske, es war weder der gelbe Domino, noch der kleine Wuchs des Marquis, und doch war er es selbst. Ein kleiner Zettel steckte ihm zwischen den Schultern, worauf sehr leserlich die Worte standen: Es ist der Herr Marquis von B., der sich an der Stirne eine Beule stieß! Er erkannte uns sogleich. »Da werde der Teufel klug,« sagte er ganz außer sich; »gehen wir!« Wir folgten ihm auf dem Fuße. »Beim Teufel!« sagte der Marquis so verwirrt, dass er kaum in den Wagen steigen konnte, »das verstehe ich nicht. Nie war ich besser verkleidet, und jedermann erkennt mich.« Die Marquise fragte ihn, was er denn eigentlich im Sinne gehabt habe. »Ich wollte Ihnen,« antwortete er, »eine angenehme Überraschung verschaffen; sobald Sie im Saale waren, fuhr ich in's Hotel zurück und theilte meine Pläne Ihrer Kammerfrau Justine mit. Ich nehme einen neuen Domino, lasse mir Ihre Schuhe mit ungeheuer hohen Absätzen bringen und gedenke mich dadurch unkenntlich zu machen. Justine hat meine Toilette gemacht.« Während er sprach, machte die Marquise geschickt den verführerischen Zettel los und steckte ihn in ihre Tasche. »Fragen Sie Justine, ob ich jemals besser vermummt war; sie hat es mir hundertmal wiederholt und doch muss mich jedermann erkennen.« Die Marquise und ich erriethen leicht, dass unsere Kammerfrauen gut für uns gesorgt hatten. »Aber,« versetzte der Marquis, nachdem er sich einen Augenblick besonnen hatte, »wie konnten sie nur sehen, dass ich eine Beule habe? haben Sie denn meinen Unfall erzählt?« »Keiner Seele, ich versichere Sie!« »Das ist höchst sonderbar, mein Gesicht ist mit einer Maske bedeckt, und man sieht meine Beule; ich vermumme mich weit besser als gewöhnlich, und alle Welt erkennt mich!« Wir erschraken nicht wenig, als wir bei unserer Rückkehr in's Hotel erfuhren, dass der Graf uns seit einigen Minuten erwarte. Er gieng vergnügt auf uns zu. »Ich dachte wohl, meine Damen, dass Sie nicht lange auf diesem Balle bleiben würden; es ist etwas langweilig auf einem Maskenball! die Unbekannten langweilen, die Bekannten quälen uns!« »Oh!« fiel der Marquis ein, »ich habe keine Zeit gehabt, mich zu langweilen! Du siehst, dass ich gut vermummt bin?« »Gewiss!« »Ja, aber kaum trete ich in den Saal, so erkennt mich jedermann.« »Wie, jedermann?« »Ja, ja, alle ohne Ausnahme! sie umringen mich sogleich. Ei, guten Abend, Herr Marquis von B..., woher haben Sie denn diese Beule auf der Stirne? und ein Gelächter und ein Lärm! ich glaubte, ich würde taub! ich lasse mich hängen, wenn ich je wieder dorthin gehe! Wie konnten sie sehen, oder wissen, dass ich eine Beule auf der Stirne habe?« »Bei Gott, man sieht ja sie eine Meile weit!« »Aber meine Maske?« »Thut nichts! sehen Sie, man hat mich auch erkannt.« »Gut so,« versetzte der Marquis etwas getröstet. »Ja,« fuhr der Graf fort, »mein Abenteuer ist ziemlich komisch; ich habe eine sehr hübsche Dame getroffen, die viel, ja sehr viel auf mich hielt, nämlich in der vergangenen Woche!« »Ich verstehe, ich verstehe!« sagte der Marquis. »In dieser Woche hat sie sich meiner auf eine sehr lustige Art entledigt!... Denken Sie sich, ich war auf einem Balle mit einem meiner Freunde, der sich sehr hübsch verkleidet hatte!« Die Marquise, erschrocken, unterbrach ihn: »Der Herr Graf speist doch mit uns zu Nacht?« sagte sie zu ihm mit der verbindlichsten Miene von der Welt. »Wenn es Sie nicht allzusehr stört, Madame ...« »Wie,« fiel der Marquis ein, »Du wirst doch bei uns keine Complimente machen? Du thätest besser, Dein junges Bäschen zu versöhnen, das Dir böse ist.« »Ich, mein Herr! nicht im geringsten! Ich habe Herrn von Rosambert immer für einen Mann von Ehre gehalten, und bin überzeugt, dass er zu galant ist, um die Umstände zu missbrauchen...« »Man darf nichts missbrauchen,« entgegnete der Graf, »aber man darf alles gebrauchen.« »Was soll das heißen, Umstände?« rief der Marquis. »Was verstehen sie unter Umständen? was für Umstände walten hier vor?...« »Du musst es mir sagen Rosambert, aber zuvor erzähle Deine Geschichte.« »Sehr gerne!« »Meine Herren,« fiel die Marquise auf's neue ein, »ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass das Souper aufgetragen ist.« »Ja, ja, gehen wir in's Speisezimmer!« antwortete der Marquis. »Du wirst uns Dein Unglück über Tisch erzählen.« Jetzt näherte sich die Marquise ihrem Gemahl und sagte ihm in's Ohr: »Wissen Sie auch, was Sie verlangen? ein Liebesabenteuer vor diesem Kinde?« »Gut, gut!« antwortete er, »in ihrem Alter ist man nicht mehr so unerfahren;« und sich an den Grafen wendend: »Rosambert, Du wirst uns Dein Abenteuer erzählen, aber leite es so ein, dass dieses Kind... Du verstehst mich?« Bei der Vertheilung der Platze bei Tische war die Marquise so vorsichtig, uns so zu placieren, den Grafen zwischen sie und mich, dagegen mich zwischen den Grafen und den Marquis. Ein flüchtiger Blick der Marquise bedeutete mir, dass ich unserer kritischen Lage die ängstlichste Aufmerksamkeit schenken, meine Worte genau abwägen und mit der größten Umsicht zu Werke gehen solle. Der Marquis aß viel und redete noch mehr; ich beantwortete seine süßen Phrasen höchst gleichgiltig. Der Graf überbot ihn an Schmeicheleien; er verschwendete in spöttischem Tone die übertriebensten Complimente an mich, versicherte boshaft, dass es auf der Welt kein liebenswürdigeres Geschöpf gebe, als sein liebliches Bäschen; und das Vorpostengefecht mit der Marquise durch leicht hingeworfene Stichelreden eröffnend, betheuerte er, dass bis jetzt nur sie genau wisse, wie sehr Fräulein Duportail geliebt zu werden verdiene. Die Marquise schnell besonnen antwortete rasch und immer treffend; sie richtete die Verteidigung nach dem Angriffe ein, und wich unmerklich aus, oder vertheidigte sich ohne Bitterkeit, entschlossen, einem Feind, den zu überwinden sie nicht hoffen konnte, verfängliche Fragen und zweideutige Geständnisse entgegen zu stellen; sie schwächte die starken Behauptungen durch gemäßigtes Leugnen und weniger boshafte, als feine Gegenbeschuldigungen ab; sehr besorgt die geheimen Absichten des Grafen zu errathen, prüfte sie ihn oft mit forschenden Augen; dann suchte sie ihn zu gewinnen und zu errathen, überhäufte ihn mit Artigkeiten und Aufmerksamkeiten, schützte ein heftiges Kopfweh vor, brachte die süßesten Töne ihrer ersterbenden Stimme nur matt hervor und bat mit flehenden Blicken um Gnade; aber umsonst! Kaum hatten die Bedienten den Nachtisch aufgetragen und wieder entfernt, als der Graf einen lebhafteren Angriff begann, der die Marquise und mich in tödtliche Angst versetzte: »Ich sage Ihnen, Herr Marquis, dass eine junge Dame mich in der vorigen Woche mit der größten Aufmerksamkeit beehrte...« Marquise (leise): »Welche Geckerei... (laut): Schon wieder eine Eroberung! Dieser Stoff ist sehr abgenutzt.« – »Nein, Sie irren, Madame, es war eine plötzliche Untreue mit unerhörten Umständen, welche Sie unterhalten werden.« Die Marquise erwiderte: »Gewiss nicht, mein Herr, ich versichere Sie!« »Gut! Die Frauen sagen immer, ein galantes Abenteuer sei ihnen langweilig.« »Rosambert, erzähle uns das Deinige.« »Gut denn: Diese Dame war auf dem Ball... ich weiß nicht, an welchem Tag ... (zur Marquise): »Madame, helfen Sie mir doch, Sie waren auch zugegen...« Marquise lebhaft: »Den Tag, mein Herr? das macht nichts zur Sache! glauben Sie denn, ich habe es bemerkt?« Der Marquis rief im größten Eifer: »Weiter, weiter! der Tag ist gleichgültig.« »Nun, ich gieng mit meinem Freunde auf den Ball, der sich auf das anmuthigste verkleidet hatte, so dass ihn niemand erkannte.« Marquis: »Dass ihn niemand kannte! der muss sehr geschickt gewesen sein; was für eine Kleidung hatte er denn?« Marquise (sehr lebhaft): »Ein Charakterkostüm offenbar.« Graf: »Ein Charakterkostüm?... nicht doch (mit einem Blick auf die Marquise): jedoch da Sie es so wollen, meinetwegen, ein Charakterkostüm. Niemand erkannte ihn; niemand, als besagte Dame, welche errieth, dass es ein sehr hübscher Junge sei.« Hier läutete die Marquise einem Bedienten, hielt ihn unter verschiedenen Vorwänden eine Zeit lang auf, der Marquis wurde ungeduldig und schickte ihn fort; der Graf fuhr fort: »Die Dame entzückt über ihre Entdeckung... Aber ich will nichts mehr sagen, weil der Marquis sie kennt.« Marquis (lachend): »Das kann sein, ich kenne deren viele, aber das macht nichts! erzähle weiter.« Marquise: »Herr Graf, hat man gestern ein neues Stück gegeben?« Graf: »Ja, Madame, aber erlauben Sie doch, dass ich meine Geschichte beende.« »Nein, durchaus nicht, ich will wissen, was Sie von dem Stücke halten?« Graf: »Erlauben Sie, Madame...« Marquis: »Madame, wollen Sie ihn gütigst erzählen lassen.« Graf: »Um es kurz zu machen, so erfahren Sie denn, dass mein junger Freund der Dame sehr gefiel; dass meine Anwesenheit ihr bald lästig wurde und das Mittel, das sie erfand, mich los zu werden...« Marquise: »Ihre Geschichte ist ein Roman.« Graf: »Ein Roman, Madame! auf der Stelle will ich, wenn man mich dazu zwingt, die Ungläubigsten überführen. Das Mittel, das sie ersann, war, dass sie eine junge Gräfin, ihre vertrauteste Freundin, eine sehr gewandte, sehr dienstgefällige Dame an mich schickte, die sich meiner dergestalt bemächtigte...« Marquis: »Wie! man hat Dir also sauber mitgespielt?« Graf: »Nicht übel, nicht übel! aber bei weitem nicht so arg, als dem Gemahl, der auch dazu kam...« Marquis: »Ist noch ein Ehemann dabei!... um so besser! ... ich liebe die Abenteuer sehr, wo Eheherren fungieren, wie ich deren viele kenne! Nun denn, der Gemahl kam... Was fehlt Ihnen, Madame?« Marquise: »Ein schreckliches Kopfweh!... ich leide entsetzlich ... (zum Grafen:) mein Herr, haben Sie doch die Güte, die Erzählung Ihres Abenteuers auf einen andern Tag zu verschieben.« Marquis: »Ach nein, erzähle nur weiter! das wird sie zerstreuen.« Graf: »Ja, ich bin mit drei Worten fertig.« – Fräulein Duportail (ganz leise zum Marquis): »Herr von Rosambert plaudert sehr gern und lügt bisweilen erträglich.« Marquis: »Ich weiß wohl, weiß wohl, aber die Geschichte ist lustig; es ist ein Ehemann dabei; ich wette, er hat sich als Einfaltspinsel erwiesen.« Graf (ohne auf die Marquise zu hören, die mit ihm sprechen will): »Der Gemahl kam; und was das Auffallendste ist, als er das sanfte, feine, anmuthige frische Gesicht des so hübsch verkleideten Jünglings sah, so glaubte er, es wäre eine junge Dame...« Marquis: »Gut! ... ach! das ist vortrefflich! mich hätte man nicht so an der Nase herumgeführt; ich verstehe mich so gut auf die Physiognomie!« Fräulein Duportail: »Aber das ist unglaublich!...« Marquise: »Unmöglich! Herr von Rosambert will uns ein Märchen aufbinden ... mit dem er bald aufhören sollte, denn ich fühle mich sehr unwohl.« Graf: »Er glaubte es so fest, dass er ihm Complimente machte und Galanterie sagte, ja, er nahm sogar seine Hand und drückte sie sanft... (zum Marquis:) sehen Sie, ungefähr so, wie Sie jetzt die meiner Cousine.« Marquis verblüfft, ließ schnell meine Hand fahren, die er wirklich ergriffen hatte. »Er hat es absichtlich gethan,« sagte er zu mir, »ich glaube, er wollte die Marquise auf unser gutes Einverständnis aufmerksam machen! wie eifersüchtig er ist, wie boshaft!« »Ja,« versetzte ich, »und er lügt schändlich, wie ein Advokat.« Der Graf (fortwährend taub gegen die Bitten, womit ihn die Marquise indes auf's neue bestürmt hatte) fuhr fort: »Während der gute Gemahl auf der einen Seite die Gemeinplätze der alten Galanterie erschöpfte und die geliebte Hand drückte ... hat die Dame, nicht minder lebhaft, aber glücklicher ...« Marquise: »Nun, mein Herr, was für Frauen haben Sie denn gekannt.... Sie schildern sie uns in so sonderbaren Farben... ist es denn nicht möglich, dass sie, so wie ihr Gemahl, getäuscht durch den Anschein ...?« Graf: »Das wäre sehr möglich gewesen, aber ich glaube, dass es nicht der Fall war; hören Sie nur bis zu Ende.« Fräulein Duportail (in sehr raschem Tone): »Es ist Mitternacht, mein Herr.« Graf (sehr rauh): »Ich weiß es wohl, Fräulein! und wenn diese Unterhaltung Sie langweilt, so darf ich nur ein Wort sagen... um sie zu endigen.« Marquis (zu Fräulein Duportail): »Er ist sehr aufgebracht gegen Sie. Die Freundschaft, die Sie mir erweisen! ... er ist eifersüchtig wie ein Tiger!« Marquise: »Apropos, Herr Graf, es fällt mir eben ein, haben Sie von dem Minister erhalten?...« Graf: »Ja, Madame, ich habe alles erlangt, was ich wünschte; aber lassen Sie mich...« Marquis: »Um was suchtest Du denn nach?« Graf: »Um eine kleine Pension von 10 000 Livres für den jungen Vicomte G... meinen Vetter; es ist schon mehrere Tage ... Aber um auf mein Abenteuer zurückzukommen.« Marquis: »Ja, ja, kommen wir darauf zurück.« Graf: »Erlauben Sie, Madame, dass ich die Erzählung meines Abenteuers endlich wieder aufnehme. Die Dame sehr gerührt, verschwendet an den jungen Adonis...« Marquise: »Oh! mein Kopfweh!« Graf: »Verschwendet an den jungen Adonis...« Marquise (den Marquis auf die Seite ziehend und halblaut mit ihm redend): »Mein Herr, ich wiederhole Ihnen, dass es sich nicht schickt vor diesem Kinde ...« Marquis: »Gut, gut, sie versteht mehr davon, als man glauben sollte! das junge Mädchen ist verschmitzt; gehen Sie, ich verstehe mich auf die Physiognomie!« Graf: »Herr Marquis! ich kann meine Erzählung nicht zu Ende bringen, man unterbricht mich jeden Augenblick; ich will nach Hause gehen und Ihnen morgen alle Details schriftlich schicken.« Marquis: »Welcher Einfall!« Graf (zum Marquis): »Nein, ich schicke sie Ihnen, auf Ehre! auch will ich die Anfangsbuchstaben jedes Namens dazu setzen... wenn man mich nicht endigen lässt.« Marquis: »Nun denn, erzähle es vollends!« Marquise: »Wohlan, endigen Sie, aber bedenken Sie...« Graf: »Die Dame, sehr gerührt, verschwendet an den jungen Adonis die schmeichelhaftesten Vertraulichkeiten, die süßesten Worte, die zärtlichsten Küsse – man musste die Scene wirklich sehen... beschreiben lässt sie sich nicht... aber man könnte sie aufführen... Versuchen wir's!« Marquis: »Du scherzest.« Marquise: »Welche Tollheit!« Fräulein Duportail: »Welcher Einfall!« Graf: »Versuchen wir's! Madame ist die besagte Dame; ich bin der arme genarrte Liebhaber... Ach! nun fehlt es noch an der Gräfin!... (zu Marquise) Aber Madame hat ausgezeichnete Talente und kann zwei schwierige Rollen zugleich übernehmen.« – Die Marquise kann ihren Zorn kaum verhalten. Graf: »Ich bitte um Verzeihung, Madame, es ist eine bloße Fiction.« Marquis: »Ganz gewiss. Sie können das nicht übel nehmen.« Marquise (mit ersterbender Stimme und Thränen in den Augen): »Es handelt sich hier von Rollen, die man mir anträgt, mein Herr; aber es ist sehr grausam, dass ich mich bereits seit einer Stunde über Unwohlsein beklage, ohne dass man die geringste Rücksicht darauf nimmt. (Zum Grafen, zitternd.) Mein Herr, kann man Ihnen ohne Beleidigung sagen, dass es spät ist, und dass ich der Ruhe bedarf?« Graf (etwas gerührt): »Ich wäre untröstlich, wenn ich Sie belästigen sollte, Madame.« Marquise : »Sie belästigen mich nicht, mein Herr, aber ich wiederhole Ihnen, dass ich krank, sehr krank bin.« Marquis : »Nun aber wie machen wir's? wo wird Fräulein Duportail schlafen?« Marquise (rasch): »Wahrhaftig, mein Herr, man sollte glauben, es gäbe kein Zimmer in dem Hotel.« Erschreckt über die Wendung, die das Gespräch zu nehmen begann, näherte ich mich dem Grafen. »Reizendes Kind,« sagte er ganz leise zu mir, »lassen Sie mich! alles, was Sie mir sagen wollen, ist nicht so viel wert als das, was ich genau zu wissen wünschte, und was ich auf der Stelle erfahren werde.« Marquis : »Es gibt allerdings Zimmer, Madame; aber wird sich das Kind nicht fürchten, wenn es so allein ist?« Graf (rasch): »So wenig als das letzte Mal!« Marquis (schnell auf die Marquise zeigend): »Aber das letzte Mal hat sie bei Madame geschlafen.« Graf : »Ah!« Marquise (verwirrt): »Sie hat in meinem Zimmer geschlafen ... und ich ...« Marquis : »Sie hat in Ihrem Bette, neben Ihnen geschlafen. – Ich weiß es wohl: habe ich doch selbst die Vorhänge zugezogen! erinnern Sie sich nicht mehr? (Die Marquise bestürzt, gibt keine Antwort; der Marquis fährt in leisem Tone fort): Erinnern Sie sich nicht, dass ich in der Nacht kam?« (Die Marquise legt die Hand an die Stirne, thut einen schmerzhaften Schrei und fällt in Ohnmacht.) Ich habe nie erfahren können, ob diese Ohnmacht natürlich war, oder nicht; aber ich weiß, dass sobald der Marquis uns verlassen hatte, um in seinem Zimmer selbst ein Wasser zu holen, welches er für unfehlbar in solchen Fällen erklärte, die Marquise wieder zur Besinnung kam, ihre Kammerfrauen Justine und Dutour, die herbeigeeilt waren, beruhigte, ihnen befahl uns zu verlassen, und zu dem Grafen sagte: »Mein Herr, haben Sie denn geschworen, mich zu Grunde zu richten?« »Nein, Madame, ich wollte mich bloß über einige Details, die ich nicht wusste, unterrichten, Ihnen beweisen, dass man mich nicht ungestraft verhöhnt, und dass, wenn ich mich rächen wollte ...« »Rächen!« unterbrach sie, »und warum?« »Ich kann jedoch,« fuhr er fort, »meine Empfindlichkeit bemeistern und will die Rache nicht zu weit treiben. »Jetzt, Madame, lasse ich Sie in Ruhe, aber unter einer Bedingung. Ich fühle,« fügte er mit einem boshaften Blicke hinzu. »Ich fühle wohl, dass ich Sie beide betrüben werde. Sie hatten sich eine glückliche Nacht versprochen, so glücklich, als die vorgestrige; aber Sie, mein Herr, haben mich wenig geschont, als dass ich mich für den günstigen Erfolg Ihrer galanten Absichten interessieren sollte, und Sie, Madame, hoffen gewiss nicht, dass ich ein gefälliger Helfershelfer zu Ihren Vergnügungen ...« »Ich, mein Herr!« rief sie, »ich hoffe nichts von Ihnen, aber ich glaube auch nichts befürchten zu müssen und meine Aufführung mag sein wie sie will, wer gibt Ihnen denn, wenn ich bitten darf, das Recht, sie zu verrathen?« Rosambert beantwortete diese Frage nur mit einem bitteren Lächeln. »Dass ich,« fuhr er fort, »als ein gefälliger Helfershelfer Ihren Vergnügungen zusehen könne, wie ein Ehemann ... Suchen Sie doch selbst das passende Beiwort ... dass ich zusehen könnte, wie Herr von Faublas vor meinen Augen sich in Ihre Arme begibt.« »Herr von Faublas in meine Arme?« »Oder Fräulein Duportail in Ihr Bett. Ist dies nicht einerlei? aber, Madame, ich glaubte, darüber wären wir einverstanden? Glauben Sie mir, die Zeit ist kostbar; verlieren wir sie nicht mit unnützem Wortstreit und vergleichen wir uns. Das reizende Kind schenke mir die Ehre, es begleiten zu dürfen; ich will es sogleich zu ihrem Vater bringen; unter dieser Bedingung schweige ich.« Der Marquis trat herein, ein Fläschchen haltend. »Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Bemühungen,« sagte die Marquise; »aber Sie sehen, dass ich ein wenig besser bin; ich wünschte ganz wieder hergestellt zu sein, um Fräulein Duportail bei mir behalten zu können.« »Wie!« rief der Marquis. »Ich bin immer noch unpässlich; das liebe Kind kann die Nacht unmöglich bei mir zubringen.« »Doch ja, Madame; gibt es denn nicht, wie soeben vorhin Sie selbst sagten, ein Gemach in diesem Hotel?« »Ja, mein Herr! aber Sie haben eine Einwendung gemacht, gegen die sich nichts einwenden lässt; das Kind würde sich fürchten, – überdies, es so ganz allein zu lassen! ich werde es nie zugeben.« »Sie wird nicht allein sein, ihre Kammerfrau ist bei ihr.« »Ihre Kammerfrau!... Nun denn, mein Herr, wenn man Ihnen alles sagen muss; Herr Duportail will nicht, dass seine Tochter hier schläft.« »Wer hat Ihnen das gesagt, Madame?« »Der Herr Graf kündigt mir soeben an, dass Herr Duportail ihn gebeten habe, seine Tochter hier abzuholen.« »Warum hast Du mir das nicht sogleich gesagt?« »Aber ...« antwortete Rosambert lachend, »ich wollte Ihre Freude während des Nachtessens nicht stören.« »Herr Dupartail lässt seine Tochter abholen!« wiederholte der Marquis. »Glaubt er denn, sie sei hier schlecht aufgehoben? und warum gibt er Dir diesen Auftrag? er ist uns einen Besuch und Dank schuldig; wenn er selbst gekommen wäre ... Ich werde zu ihm gehen. Ich will wissen, welche Gründe ... ich werde zu ihm gehen!« Ich machte eine tiefe Verbeugung vor der Marquise; sie stand auf und wollte mich umarmen. Herr von Rosambert aber warf sich zwischen uns. »Madame, Sie sind so unwohl, bleiben Sie doch sitzen!« und sie sanft am Arme fassend, nöthigte er sie, sich wieder zu setzen, dann nahm er galant meine Hand, und der Marquis sah zu seinem größten Bedauern Fräulein Duportail und Frau Dutour in des Grafen Wagen davonfahren. Am ersten Straßeneck befahl Rosambert seinem Kutscher, Halt zu machen. »Ich kenne das Gesicht,« sagte er zu mir, auf meine angebliche Kammerfrau deutend; »ich glaube nicht, dass Ihnen der Dienst dieser wackeren Frau bei Herrn Faublas angenehm sei; wir brauchen sie also nicht weiter spazieren zu führen.« Frau Dutour stieg aus, ohne ein Wort zu sagen, und wir fuhren weiter. Ich machte den Grafen aufmerksam, dass wir endlich frei wären, dass er meine peinliche Lage missbraucht habe und mir nothwendig sofort Genugthuung geben müsse. »Ich sehe heute Abends bloß Fräulein Duportail; wenn der Chevalier Faublas mir morgen etwas zu sagen hat, so wird er mich zu Hause finden. Wir wollen zusammen frühstücken, dann werde ich meinem Freunde offen erklären, was ich von seinem Betragen halte, und wenn er vernünftig ist, so hoffe ich, ihn leicht zu überzeugen, dass er keine Ursache hat, über das meinige ungehalten zu sein.« Indes kamen wir vor das Hotel an; Herr Person öffnete selbst das Thor. Er sagte mir, der Baron habe meine Rückkehr mit mehr Ungeduld als Zorn erwartet, und sei endlich in Verzweiflung, mich diesen Abend nicht zu sehen, zu Bette gegangen, nachdem er Jasmin wenigstens zwanzigmal befohlen habe, mich mit Tagesanbruch entweder auf dem Balle, oder bei dem Marquis von B... abzuholen. Ich begab mich auf mein Zimmer, wo ich meinem Geiste die verschiedenen Ereignisse dieses unruhevollen Tages vorführte. Ich war weniger verwundert, dass ich denselben ganz verleben konnte, ohne an meine Sophie zu denken, und gleichsam als ob ich diese lange Vergessenheit wieder gut machen wollte, wiederholte ich zwanzigmal diesen geliebten Namen. Ich gestehe jedoch, dass auch der Namen der Marquise bisweilen über meine Lippen kam; wohl erschien es mir anfangs hart, auf unnütze Seufzer in meinem einsamen Bette beschränkt zu sein; doch ich machte aus der Noth eine Tugend, brachte meiner Sophie die Vergnügungen zum Opfer und schlief bald getröstet über mein Cölibat ein, zu dem mich die Rachsucht des Grafen verdammt hatte. III. Kapitel. Sobald es Tag wurde, begab ich mich zu meinem Vater. Er sagte sehr gütig zu mir: »Faublas, Sie sind kein Kind mehr, ich lasse Ihnen eine anständige Freiheit; ich hoffe, dass Sie keinen Missbrauch davon machen; ich hoffe, dass Sie die Nächte nie außerhalb des Hotels zubringen; bedenken Sie, dass ich Ihr Vater bin, und dass, wenn mein Sohn mich liebt, er fürchten muss, mir Unruhe zu bereiten.« Ich eilte zu Rosambert, der mich bereits erwartete. Er gieng mir lachend entgegen und umarmte mich, ehe ich ein Wort sagen konnte. »Lieber Faublas! Ihr Abenteuer ist köstlich! je mehr ich daran denke, um so lustiger erscheint es mir.« Ich unterbrach ihn rauh: »Ich bin nicht gekommen, um Ihre Glückwünsche in Empfang zu nehmen.« Der Graf wurde ernsthaft und bat mich Platz zu nehmen. »Sie könnten mir,« sagte er, »noch jetzt böse sein! ich sollte Sie noch in der gestrigen Laune sehen! wohlan denn, mein junger Freund, Sie sind ein Narr! wie? eine undankbare Schöne begünstigt Sie und lässt mich im Stich; ich werde aufgeopfert; Ihnen werde ich aufgeopfert, und Sie suchen Feindschaft! ich bestrafe die galanten Betrügereien des schlauen Paares, das mich zum Besten hat, bloß durch eine augenblickliche Unruhe, und was muss ich erfahren, Herr von Faublas will die kurze Angst, die Fräulein Duportail ausgestanden, durch das Blut seines Freundes rächen. Ich schwöre Ihnen, daraus wird nichts. »Lieber Faublas, ich habe eine sechsjährige Erfahrung vor Ihnen voraus; ich weiß recht gut, dass man im sechzehnten Jahre nichts kennt, als seine Geliebte und seinen Degen; aber im zweiundzwanzigsten schlägt sich ein Mann von Welt nicht mehr wegen einer Frau.« Ich war einigermaßen verwundert; er bemerkte es. »Glauben Sie an wahre Liebe?« setzte er rasch hinzu; »dies gehört auch zu den Täuschungen der Jugend, ich versichere Sie! ich habe nie etwas anderes, als Galanterie gesehen. Was ist übrigens Ihr Abenteuer? eine Eroberung, nichts weiter! und aus einer komischen Geschichte wollen wir eine Tragödie machen? wir wollten uns umbringen wegen einer schönen Frau, die heute mich verlässt und vielleicht morgen Sie aufgibt! ach! Chevalier, sparen Sie Ihren Muth auf eine wichtigere Gelegenheit; den meinigen wird man wohl nicht mehr in Zweifel ziehen. Es ist nur zu wahr, dass ein unglückliches Zusammentreffen von Umständen uns bisweilen nöthigt, das Blut eines Freundes zu vergießen; möge die Ehre, die unbeugsame Ehre, Sie nie in diese entsetzliche Nothwendigkeit versetzen! Lieber Faublas, ich war in Ihrem Alter, als die Marquise von Rosambert, deren einziger Sohn ich bin, dreiundreißig Jahre alt war, sie sah so jugendlich aus, dass man sie für fünfundzwanzig gehalten hätte; in der Gesellschaft nannte man sie meine ältere Schwester. Mit den Reizen der Jugend hatte sie auch ihre Genusssucht beibehalten, sie liebte zahlreiche Versammlungen und rauschende Vergnügungen. »Eines Abends, als ich sie auf den Ball in die Oper geführt hatte, wurde sie öffentlich beleidigt. Ich eilte auf die Rufe der Marquise, die ihre Maske abgenommen hatte, herbei; der unbekannte Beleidiger hatte sie bereits um Entschuldigung gebeten, seines Irrthums wegen, und verlor sich in der Menge. »Ich gieng ihm nach und nöthigte ihn, seine Maske abzunehmen. Es war der junge Saint-Clair, der Gefährte meiner Kindheit und der liebste von allen meinen Freunden. »Ich wusste nicht, dass es die Marquise von Rosambert war!« dies war alles, was er zu mir sagte. Es war ohne Zweifel viel; aber das allgemeine Murren ließ uns begreifen, dass es nicht genug war. Die Ehre forderte Blut; wir schlugen uns. Saint-Clair fiel. Ich sank bewusstlos neben meinem sterbenden Freunde nieder. Mehr als sechs Wochen verzehrte mich ein schreckliches Fieber. In meinem Fieberwahn sah ich nichts als Saint-Clair, seine Wunde verblutete vor meinen Augen, die Todeszuckungen bewegten seine zitternden Glieder; und dennoch sah er mich mit zärtlicher Miene an; mit sterbender Stimme sagte er mir ein rührendes Lebewohl. In seinen letzten Augenblicken schien er keine andere Empfindung zu haben, als den Schmerz, den Unmenschen, der ihn ermordet, verlassen zu müssen. Lange zitterte man für mein Leben; endlich gelang es den vereinten Anstrengungen der Natur und Kunst meine Genesung zu vollbringen, ich genas wieder, aber ohne meine Gewissensbisse zu verlieren. »Die Zeit, die alles Unglück heilt, hat meine Thränen getrocknet, aber nie, nie wird sich das Andenken an diesen schrecklichen Kampf aus meinem Gedächtnisse verlieren. »Chevalier, nur ungern und genöthigt würde ich mich mit einem Unbekannten schlagen; urtheilen Sie, ob ich ohne Grund mein Leben aussetzen kann, um das Ihrige zu bedrohen! ... Ach, wenn jemals die unerbittliche Ehre uns dazu zwänge, lieber Faublas, so schwöre ich Ihnen: Ihr Sieg würde weder schwer noch ruhmvoll sein, denn ich weiß zu gut, dass in einem solchen Fall der Getödtete nicht der Unglücklichste ist.« Rosambert streckte mir die Arme entgegen; ich umarmte ihn herzlich, und seine Betrübnis verlor sich wieder nach und nach. »Frühstücken wir!« sagte er, seine gewöhnliche Heiterkeit wieder erlangend. »Sie wollten Händel mit mir anfangen, Undankbarer, während Sie mir großen Dank schuldig sind.« »Großen Dank?« »Bin nicht ich es, durch den Sie die Bekanntschaft der Marquise machten? es ist wahr, ich sah den boshaften Streich nicht voraus, den man mir spielen würde; ich hätte eine Untreue ahnen können, nicht aber, dass sie so schnell und mit so auffallenden Nebenumständen stattfinden würde! (er fieng an zu lachen) aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich Ihnen gratulieren. Ihr Abenteuer ist köstlich. Sie treten durch die schöne Pforte in die Welt. »Die Marquise ist jung und schön, voll Geist. In der Stadt sehr angesehen, bei Hofe wohl gelitten, intriguant wie ein Teufel; sie besitzt einen unermesslichen Kredit, und verwendet ihn eifrig für ihre Freunde.« Ich sagte aber dem Grafen, dass ich nie solche Mittel brauchen würde, um mein Glück zu machen. »Sie thuen Unrecht,« antwortete er; »wie viele Leute von wirklichem Verdienst sind bloß auf diese Art weiter gekommen, aber lassen wir das! wollen Sie mir nicht Näheres von der lustigen Nacht erzählen, in der Sie sich ohne Zweifel sehr wohl befunden haben, und vermuthlich noch eine zweite voll der süßesten Wonne, ohne mein unliebsames Dazwischenkommen, verlebt hätten.« Als ich von meiner Überraschung zu mir gekommen, ließ ich mich nicht lange bitten. »Ach, die schlaue Marquise,« rief der Graf, nachdem er mein Geständnis hörte; »ah! die feine Dame, wie geschickt sie ihr Glück eingefädelt hat! und ihr ehrlicher Ehegemahl, der liebe Marquis, der sanfteste, leichtgläubigste und der gefälligste aller bequemen Eheherren, von denen Frankreich wimmelt! wahrlich, fast könnte ich glauben, gewisse Leute seien nur darum auf diese niedere Welt gesetzt worden, um ihren Nebenmenschen zur Belustigung zu dienen. Aber seine Frau! seine Frau! ...« »Ist sehr liebenswürdig.« »Ich weiß es wohl, ich wusste es vor Ihnen, und wir hätten uns beinahe um ihretwillen geschlagen. Ich gestehe, es wäre ein toller Streich gewesen.« »Sie haben Recht, Rosambert, es wäre fast lächerlich gewesen.« »Sehr lächerlich, und dann hätte dieser tolle Streich ein sehr gefährliches Beispiel gegeben.« »Wie so?« »Sehen Sie, Faublas, in den beschränkten Kreisen der vielen Privatgesellschaften, die das ausmachen, was die gute Gesellschaft die Welt nennt, gibt es zahllose Intriguen, die sich durchkreuzen, eine Menge Interessen, die sich widerstreiten. Der Gemahl von dieser ist der Geliebte von jener. Wer heute aufgeopfert wird, bereitet morgen dasselbe Schicksal einem Andern. Die Männer sind unternehmend, sie machen unaufhörlich Angriffe; die Frauen sind schwach, sie geben immer nach. »Daher kommt es, dass das Cölibat ein sehr angenehmer Stand wird und das Joch der Ehe weniger unerträglich wird. Die Jugend unterhält sich, der Staat erhält Nachwuchs, und alle Welt ist zufrieden. Wenn nun aber die Eifersucht heute ihr Gift verbreitete, wenn die betrogenen Ehemänner zur Wiederherstellung der Ehre ihrer zarten Ehehälfte die Waffen ergreifen, und die verlassenen Liebhaber sich um eines flatterhaften Herzens willen erschlagen wollten, so würden Sie eine allgemeine Verwüstung sehen; die Stadt so wie der Hof würden einem großen Schlachtfelds ähnlich sehen. »Wie viele Frauen, die man bisher für spröde gehalten, wären plötzlich Witwen! wie viele schöne Kinder, die man für legitim gehalten, würden ihre Väter beweinen, wie viele reizende Bastarde müssten verlassen umherirren! die gegenwärtige Generation vergienge, nachdem sie ihre Nachkommenschaft zwar gezeugt, nicht aber auch erzogen hätte.« »Welch schauderhaftes Gemälde! Sie schildern die Galanterie, Rosambert, aber die zarte, ehrfurchtsvolle Liebe?« »Existiert nicht mehr, dieselbe langweilte die Frauen! die Frauen selbst haben die zarte Liebe getödtet.« »Sie achten also die Frauen nicht sehr?« »Ich? ich liebe sie, wie sie geliebt sein wollen.« »Ach!« versetzte ich mit der größten Lebhaftigkeit, »ich verzeihe Ihnen Ihre Lästerungen. Sie kennen meine Sophie nicht!« Er verlangte von mir die Erklärung dieser letzten Worte, aber ich verweigerte sie mit der Diskretion, die besonders in der Jugend die wahre Liebe begleitet. Indes frühstückten wir, wie man zu Mittag speist; denn Champagner wurde nicht gespart, und es ist bekannt, dass Bacchus der Vater der Fröhlichkeit ist. Es schien mir, dass der Graf, wenn er auch die Frauen nicht schätzte, sie dennoch sehr liebte und gerne von ihnen sprach. Durchdrungen von dem System, das er aufstellte, stützte er es auf die skandalösen Erzählungen der galanten Abenteuer des Tages. Er erhob sich rasch, lachte aus vollem Halse und sagte: »Beim Teufel! sehen Sie ... Sie haben über Ihren Tag noch nicht verfügt? Kommen Sie mit mir, kommen Sie, ich will Sie sogleich einer schönen Dame vorstellen; wir werden viele andere bei ihr finden. Sie sind hübsch; es wird Ihnen freistehen, sie alle zu achten, und zwar, so lange es Ihnen gefällt.« Wir waren beide vom Weine begeistert und stiegen in einen anständigen Fiaker, der vor einem ziemlich hübschen Hause hielt. Wir giengen hinein, aber die leichtfertigen Manieren der Besitzerin des Hauses, der vertrauliche Ton, womit der Graf sie behandelte, und die nicht minder vertrauliche Aufnahme, deren ich mich zu erfreuen hatte, alles führte mich auf die Vermuthung, dass ich in ein Frauenhaus gerathen sei. Ich überzeugte mich bald, als die gute Dame, die der Graf sehr gut zu kennen schien und die mich, wie sie in ihrer höflichen Sprache sagte, gescheit machen wolle, mir alle Merkwürdigkeiten ihres Hauses zeigte. Sie führte uns endlich in einen Saal, wo viele Nymphen versammelt waren, die alle an uns vorübergiengen, und um die Ehre des Schnupftuchs buhlten. Rosambert wählte die schönste, ich hatte die wunderliche Laune, die hässlichste zu nehmen. »Inzwischen,« sagte der Graf, »bis das Essen, welches ich bestellt, aufgetragen ist, können wir uns, jeder für sich, mit unseren Schönen unterhalten; bei Tische werden wir zu Vier sein.« Neugierig, wie ich bin, fühlte ich Lust, meine Auserwählte näher zu untersuchen; es schien mir interessant, den Unterschied zwischen einer schönen Marquise und einer hässlichen Courtisane kennen zu lernen. Doch es war kaum der Mühe wert. Die Nymphe bemerkte meine Absicht, sie sah mich scharf an und sagte: »Um so besser, es wäre auch Schade gewesen!« Man kann sich den Eindruck nicht vorstellen, den diese höchst unzweideutigen Worte auf mich machten; ohne mich nach Rosambert umzusehen, floh ich aus diesem gefährlichen Hause und schwur, es nie in meinem Leben wieder zu betreten. Den nächsten Tag um zehn Uhr morgens kam der Graf zu mir, fragte mich, welcher panische Schrecken mich ergriffen hatte, und versicherte mir, mein Abenteuer sei im ganzen Hause bekannt geworden und habe alle Anwesenden höchlich ergötzt. »Hören Sie, Rosambert! Dieses Mädchen sagte zu mir: Es wäre Schade gewesen! und Sie nennen meinen Schrecken einen panischen?« »Ja, dann ist es etwas anderes, das Mädchen hat das Abenteuer ein wenig verschleiert, sie hütete sich, uns zu sagen ... aber die Äußerung: »Es wäre Schade gewesen,« verändert die Geschichte ganz. Nun gut, Faublas, achten Sie dieses Weib, das Ihnen kaltblütig Glück wünscht, einer Gefahr entronnen zu sein, in welche es Sie verlockt hatte?« »Sie fragen komisch, Rosambert, was könnten Sie aus meiner Antwort in Beziehung auf ihr Geschlecht im allgemeinen schließen?« »Sie weichen mir aus, mein Freund, Sie sind unverbesserlich. Nun gut, achten Sie immerhin, da Sie es durchaus wollen, ich gehe mich zu Bette zu legen.« »Wie! zu Bette? woher kommen Sie denn?« »Man muss auf der Welt alle Vergnügungen mitmachen. Ich hatte den Kommandeur von R ..., den jungen Chevalier von M ... und den Abbé von D ... getroffen, und wir haben den ganzen Abend und die ganze Nacht eine Orgie gefeiert! es war prächtig!« Kaum war ich angekleidet, als mein Vater zu mir kam; er sagte: »Herr Duportail erwarte mich zum Mittagessen.« »Sie werden,« setzte er hinzu, »den ganzen Abend dort zubringen, ich speise hier zu Nacht und hole Sie dann in seinem Hause ab.« Nun eilte ich voll Sehnsucht zu meinem hübschen Bäschen. Sie kam mit meiner Schwester in's Sprechzimmer. »Wie glücklich Sie sind, mein Bruder,« sagte Adelheid lebhaft. »Sie gehen auf den Ball, bringen ganze Nächte daselbst zu, auch haben Sie die Bekanntschaft einer hübschen Dame gemacht?« »Wer hat Ihnen das alles gesagt?« »Herr Person, der kein Geheimnis vor uns hat.« Sophie schlug die Augen nieder und sprach kein Wort; meine Schwester fuhr fort: »Sagen Sie uns doch, wer diese Dame ist? und ein Maskenball! wie schön das sein muss.« »Oh, sehr langweilig, ich versichere Sie; und was diese Dame betrifft, so ist sie zwar sehr hübsch, aber bei weitem weniger, als mein liebes Bäschen.« Sophie blieb stumm mit niedergeschlagenen Augen sitzen und schien sich mit den Berloques an ihrem Uhrbande zu beschäftigen; allein die Röthe ihrer Wangen verrieth sie; ich sah, dass unsere Unterhaltung ihr umso mehr nahe gieng, je weniger sie das Ansehen haben wollte, sich dafür zu interessieren. »Sie sind heute nicht heiter, schönes Bäschen?« »Antworten Sie doch, Fräulein!« sagte die alte Gouvernante. »Nein, mein Herr, aber ich habe heute Nacht schlecht geschlafen.« »Ja,« sagte die Alte wieder, »es ist wahr; das Fräulein gewöhnt sich seit drei oder vier Tagen an, nicht zu schlafen, dies ist eine sehr schlimme Gewohnheit; ich habe einmal ein Fräulein gekannt, warten Sie! ja! Fräulein Storch – Sie wissen nichts davon, Fräulein; Sie sind zu jung, wahrhaftig, es sind schon fünfundzwanzig Jahre, als das geschehen ist.« Die Alte hatte ihre Geschichte angefangen, und wenn ich mich nicht um das Glück bringen wollte, mein hübsches Bäschen zu sehen, so musste ich die lange Geschichte ruhig anhören. Sophie ersparte mir diesen Verdruss, indem sie mir einen weit größeren bereitete. Sie stand auf; ihre Gouvernante sagte empfindlich, was sie denn hätte? sie antwortete, sie fühle sich sehr unwohl. Ihre Stimme zitterte. »So machen Sie es immer,« versetzte die Matrone, »man hat nie Zeit, mit jemand zu sprechen. Herr Chevalier, kommen Sie morgen! Sie werden sehen, wie interessant es ist, und dass man mit Recht behauptet, die jungen Leute müssen schlafen.« »Mein Bruder, Sie erlauben doch, dass ich meiner lieben Freundin folge?« »Ja, meine liebe Adele, ja, seien Sie recht besorgt um sie.« Erst als Sophie mich grüßte, schlug sie die Augen wieder auf; sie ließ einen schmerzlichen Blick auf mich fallen, der mir durchs Herz drang und die tiefste Reue in mir erweckte. Es war Zeit, der Einladung des Herrn Duportail Folge zu leisten. Nachdem ich ihm meinen Dank wiederholte, erzählte ich ihm mein ganzes Abenteuer, ohne das Frühstück mit Rosambert zu vergessen; doch hütete ich mich, ihm zu erzählen, wohin uns unsere Fröhlichkeit nachher geführt hatte. »Ich bin sehr erfreut,« sagte er, »dass Herr von Rosambert, den ich nach allen seinen Äußerungen für einen petit maître im vollsten Sinn des Wortes halte, wenigstens in Beziehung auf wahre Ehre die richtigen Grundsätze hat. Bedenken Sie wohl, mein junger Freund, dass von allen Gesetzen Ihres Vaterlandes dasjenige, das den Zweikampf verbietet, das beachtungswerteste ist. In diesem Jahrhundert der Aufklärung und Philosophie hat auch der trotzige, unbändige Muth einen milderen Charakter angenommen. Was die Frauen betrifft, so scheint der Graf wirklich sie nicht zu achten; er müsste denn nach der Manier und dem Beispiele so vieler jungen Leute seines Schlages diese Geringschätzung nur affektieren; ich beklage ihn; ich beklage ihn noch mehr, wenn er niemals andere als verächtliche Frauen kennen gelernt hat. Faublas, glauben Sie meiner Erfahrung, die älter ist als die des Grafen, der mit zweiundzwanzig Jahren viel gesehen zu haben glaubt, vertrauen Sie meinem geübteren Urtheil, meinen besonneneren Betrachtungen; wenn man sittenlose Frauen in der Welt trifft, so sieht man noch weit mehr junge Männer, die keine Grundsätze haben. Hüten Sie den altklugen Deklamationen dieser Herrchen Gehör zu schenken; es gibt noch Frauen, deren keusche Reize zärtliche und reine Liebe einflößen, deren feingebildetes Herz geschaffen ist sie zu fühlen, die durch die Liebenswürdigkeit ihres Charakters unsere Huldigungen, durch die Anmuth ihrer Tugend unsere Ehrfurcht verdienen. »Nicht so selten, als man gewöhnlich glaubt, findet man edelherzige Geliebte, treffliche Familienmütter, es gibt welche; mein Freund, die für das Glück ihrer Gatten und Kinder freudig ihr Blut vergießen würden. Ich habe deren gekannt, die mit den friedfertigen Tugenden ihres Geschlechtes die männlichsten der unsrigen verbanden, und Männern, die ihrer würdig, das Beispiel der großmüthigsten Aufopferung, die schwersten Proben eines unbeugsamen Muthes und einer unerschütterlichen Ausdauer gaben. »Ihre Marquise,« fügte er lächelnd hinzu, »ist keine Heldin, sie ist eine junge, aber sehr unvorsichtige Frau. Mein Freund, seien Sie vorsichtiger, endigen Sie das gefährliche Abenteuer! so groß auch die Leichtgläubigkeit des Gemahls ist, so bedarf es dennoch nur eines unvorhergesehenen Ereignisses, um dieselbe zu zerstören und ein Ende zu machen; versprechen Sie mir, Frau von B... nicht wieder zu besuchen!« Ich zögerte. Herr Duportail drang in mich; er hatte durch das Lob der Frauen mir meine Sophie ins Gedächtnis zurückgerufen, ich versprach ihm schließlich alles, was er wollte. »Jetzt, mein junger Freund,« sagte Herr von Duportail, »habe ich Ihnen wichtige Geheimnisse mitzutheilen; Sie werden sich dadurch überzeugen, dass Sie meinem großen Vertrauen durch unverbrüchliche Verschwiegenheit entsprechen müssen. Meine Geschichte bietet ein schreckliches Beispiel von den Wechselfällen des Glücks dar. Es ist gewöhnlich sehr bequem, zuweilen aber auch sehr gefährlich, einen alten Namen behaupten und große Güter erhalten zu müssen. Der einzige Sprössling einer erlauchten Familie, deren Ursprung sich in die Nacht der Zeiten verliert, sollte ich die ersten Staatsämter in meinem Vaterlande bekleiden, und sehe mich jetzt verurtheilt, unter einem fremden Himmel in thatenloser Dunkelheit zu leben. Ich weiß, dass die strenge Philosophie leere Titel und Reichthum verwirft oder verachtet; vielleicht könnte ich mich auch trösten, wenn ich nur diese verloren hätte; aber mein junger Freund, ich beweine eine angebetete Gattin, ich suche eine geliebte Tochter, und werde mein Vaterland nie wieder sehen! wo wäre ein Muth gestählt genug, mit welchem ich solchen Leiden begegnen könnte? »Mein Vater Lowzinski zeichnete sich noch mehr durch seine Tugenden, als durch seinen Rang aus und erfreute sich bei Hofe jenes Ansehens, das sich immer der Gunst des Fürsten erfreut und zuweilen auch dem persönlichen Verdienste zu Theil wird. Er schenkte der Erziehung meiner beiden Schwestern alle Aufmerksamkeiten eines zärtlichen Vaters, besonders aber ließ er sich die meine angelegen sein, mit dem ganzen Eifer eines alten, die Ehre seines Hauses ängstlich bewachenden Edelmannes, dessen einzige Hoffnung ich war, und mit der Thätigkeit eines braven Bürgers, der keinen höheren Wunsch kennt, als dem Staate einen seiner würdigen Nachfolger zu hinterlassen. »Ich machte meine Jugendausbildung in Warschau durch; hier that sich durch die liebenswürdigsten Eigenschaften vor uns allen der junge Herr von P ... hervor. Mit den Reizen einer ebenso angenehmen, als edlen Gestalt verband er den Vorzug einer glücklichen Geistesbildung; die ungewöhnliche Gewandtheit, die er bei unseren kriegerischen Spielen entwickelte, die noch seltenere Bescheidenheit, womit er seine Verdienste vor seinen eigenen Augen verbergen zu wollen schien, um die geringeren seiner fast jedesmal überwundenen Nebenbuhler hervorzuheben; die Feinheit seiner Sitten, die Sanftmuth seines Charakters fesselten die Aufmerksamkeit, geboten Achtung und gewannen ihm die Liebe der ganzen vornehmen Jugend, die unsere geistigen Arbeiten und unsere Vergnügungen theilte. Es wäre gewagtes Selbstlob, wenn ich behauptete, die Ähnlichkeit der Charaktere und die Sympathie der Neigungen habe eine Verbindung mit P... begründet; aber wir beide lebten bald in der innigsten Vertraulichkeit. Wie glücklich, aber ach! wie kurz ist das Alter, wo man weder den Ehrgeiz kennt, der den einmal festgewurzelten Begriffen von Glück und Ruhm alles opfert; noch die Liebe, deren überschwängliche Macht alle unsere Fähigkeiten auf einen einzigen Gegenstand hinlenkt und für denselben in Beschlag nimmt; jene Zeit der unschuldigen Vergnügungen und des vertrauensvollen Glaubens, wo das noch unerfahrene Herz sich den Regungen seiner entstehenden Gefühle zwanglos überlässt und ungetheilt dem Gegenstande seiner uneigennützigen Neigungen hingibt. Da, lieber Faublas, da ist die Freundschaft kein leerer Wortschall. Als Vertrauter aller Geheimnisse des Herrn von P..., unternahm ich nichts, ohne mich mit ihm vorher zu besprechen; seine Rathschläge bestimmten meine Handlungsweise, die meinigen entschieden seine Beschließungen, und bei diesem innigen Verhältnisse hatte unsere Jugend keine Annehmlichkeiten, die wir nicht theilten, keine Widerwärtigkeiten, die wir nicht einander erleichtert hätten. Mit welchem Kummer sah ich den unglücklichen Augenblick herannahen, wo Herr von P..., auf Befehl seines Vaters, Warschau verlassen musste und mir zärtliches Lebewohl sagte. Wir gelobten uns, zu allen Zeiten diese lebhafte Anhänglichkeit beizubehalten, die das Glück unserer Jugend gemacht hatte; ich that den vermessenen Schwur, dass die Leidenschaften keines Alters sie je schwächen sollten. Welche unendliche Leere ließ die Entfernung meines Freundes in meinem Herzen zurück! Anfangs glaubte ich, nichts könne mich für diesen Verlust entschädigen; die Zärtlichkeit meines Vaters, die Liebkosungen meiner Schwestern machten wenig Eindruck auf mich. Um meine Mussestunde, welche ich stets in vertraulicher Gesellschaft meines Freundes verlebte, auszufüllen, lernte ich die französische Sprache, die sich schon damals über ganz Europa verbreitet hatte; ich las mit Entzücken die berühmten Werke, die ewigen Denkmale des Genies, und wunderte mich über die ausgezeichneten und unsterblich gewordenen Schriftsteller. Ich beschäftigte mich mit dem Studium der Geometrie, und bildete mich zu dem großen Berufe, der die Kriegskunst genannt wird. Mehrere Jahre wurden auf diese eben so schweren als gründlichen Studien verwendet. Herr von P..., der mir oft schrieb, erhielt selten und nur kurze Antworten; unsere Korrespondenz war schon sehr vernachlässigt, als zuletzt die Liebe das Andenken meines Freundes vollends ganz aus meinem Herzen verdrängte. Mein Vater stand seit langer Zeit in der engsten Verbindung mit dem Grafen Pulawski. Bekannt durch den rauhen Ernst seiner Sitten, berühmt durch die Unbeugsamkeit seiner wahrhaft republikanischen Tugenden, hatte Pulawski, ein großer Feldherr und braver Soldat zugleich in mehr als einem Kampfe seinen feurigen Muth und seinen glühenden Patriotismus bewiesen. Er vertiefte sich in das Lesen der Alten, hatte aus ihrer Geschichte die großen Lehren einer edlen Uneigennützigkeit, einer unerschütterlichen Standhaftigkeit und unbedingten Ergebenheit geschöpft. Wie jene Helden, denen Rom in seiner götzendienerischen Dankbarkeit Altäre erbaute, hätte Pulawski alle seine Güter für das Glück seines Vaterlandes aufgeopfert; seinen letzten Blutstropfen für die Vertheidigung desselben vergossen, ja sogar seine einzige Tochter, seine theuere Lodoiska, nicht verschont. Lodoiska! wie schön war sie! wie liebte ich sie! ihr geliebter Name schwebt unaufhörlich auf meinen Lippen, ihr angebetetes Bild lebt noch immer in meinem Herzen. Mein Freund, sobald ich sie gesehen hatte, sah ich nichts mehr als sie; ich ließ meine Studien liegen, die Freundschaft wurde vollständig vergessen, alle meine Augenblicke widmete ich meiner Lodoiska. Unsern Vätern konnte meine Liebe nicht lange ein Geheimnis bleiben, sie sagten nichts darüber zu mir, und billigten sie demnach. Dieser Schluss schien mir so folgerecht, dass ich mich unbekümmert der süßen Neigung hingab, die sich meiner bemächtigt hatte; ich traf meine Anstalten so, dass ich fast alle Tage Lodoiska sah, entweder in ihrem Hause oder bei meiner Schwester, die sie sehr liebte; auf diese Weise vergangen zwei Jahre. Endlich zog mich Pulawski eines Tages auf die Seite und sagte zu mir: »Dein Vater und ich hatten große Hoffnungen auf Dich gegründet, die Dein Betragen anfangs rechtfertigte; ich habe Dich lange Zeit Deine Jugend auf ebenso ehrenvolle als nützliche Arbeiten verwenden sehen. Aber jetzt... (er sah, dass ich ihn unterbrechen wollte, und kam mir zuvor). »Was willst Du mir sagen? glaubst Du mir etwas zu sagen, was ich noch nicht weiß? glaubst Du, ich müsse täglich Zeuge Deiner Entzückungen gewesen sein, um einzusehen, wie sehr meine Lodoiska geliebt zu werden verdient? Eben weil ich den Wert meiner Tochter so gut zu schätzen weiß, wie Du, wirst Du sie nicht erhalten, wenn Du sie nicht verdient hast. Wisse, junger Mann, dass die Rechtlichkeit einer Schwachheit sie noch nicht entschuldigt; die Neigungen eines rechtschaffenen Bürgers müssen sich alle um das Wohl seines Vaterlandes drehen; selbst die Liebe, ja auch die Liebe wäre wie alle schlechten Leidenschaften verächtlich und gefährlich, wenn sie nicht für große Herzen eine neue mächtige Aufforderung zur Ehre enthielt. »Höre! unser Monarch ist kränklich und scheint am Ende seiner Laufbahn zu stehen, seine mit jedem Tage schwankendere Gesundheit hat den Ehrgeiz unserer Nachbaren erweckt; sie rüsten sich ohne Zweifel den Samen der Zwietracht unter uns zu streuen; sie hoffen, unsere Wahl zu erzwingen und uns einen König nach ihrem Herzen zu geben. »Fremde Truppen haben sich an den Grenzen Polens zu zeigen gewagt, schon sammeln sich zweitausend Edelleute, ihre beleidigende Frechheit zu strafen; geh, vereinige Dich mit dieser braven Jugend! geh, und komme nach beendigtem Feldzuge mit dem Blute unserer Feinde bedeckt und siegreich zurück, um Pulawski einen seiner würdigen Schwiegersohn zu zeigen!« Ich zögerte keinen Augenblick auch mein Vater billigte meinen Entschluss, doch schien er nur ungern in meine plötzliche Abreise zu willigen. Er hielt mich lange in seinen Armen; eine zärtliche Besorgnis strahlte aus seinem Blicke, und traurig sagte er mir Lebewohl; die unruhigen Bewegungen seines Herzens theilten sich auch dem meinigen mit, unsere Thränen vermischten sich auf seinem ehrwürdigen Gesicht. Pulawski, der bei dieser rührenden Scene zugegen war, tadelte stoisch unsere Schwäche, wie er es nannte. »Trockne Deine Thränen,« sagte er zu mir, »oder spare sie für Lodoiska! nur schwachen Liebenden, welche sich auf sechs Monate trennen, kommt es zu, welche zu vergießen.« Er theilte seiner Tochter in meiner Gegenwart meine bevorstehende Abreise, so wie die Gründe, welche mich dazu nöthigten, mit. Lodoiska erblasste, seufzte, blickte ihren Vater erröthend an und versicherte mir mit zitternder Stimme, dass ihre Wünsche meine Rückkehr beschleunigen möchten und dass ihr Glück in meinen Händen liege. Auf diese Weise ermuthigt, welche Gefahren konnte ich noch fürchten? Ich reiste ab. Allein während dieses ganzen Feldzuges ereignete sich nichts bedeutendes. Die Feinde vermieden ebenso sorgfältig wie wir eine Begegnung oder eine Thätlichkeit, die einen offenen Bruch zwischen beiden Völkern hätte herbeiführen können, und begnügten sich, uns durch häufige Märsche zu ermüden. Wir beschränkten uns sie zu verfolgen und zu beobachten; sie traten uns überall in den Weg, wo das offene Land einen leichten Zutritt gestattete. Mit Annäherung der schlechten Jahreszeit schienen sie sich nach Hause in ihre Winterquartiere zurückzuziehen, und unsere kleine Armee, die fast ganz aus Edelleuten bestand, löste sich auf. Voll freudiger Ungeduld kehrte ich nach Warschau zurück; ich glaubte, dass Hymen und Liebe mich jetzt mit meiner Lodoiska vereinigen würde. Ach, welch grausamer Schmerz wartete meiner; ich hatte keinen Vater mehr! Als ich zu der Stadt kam, erfuhr ich, dass Lowzinski den Tag zuvor an einem Schlagfluss gestorben sei. Es blieb mir nicht einmal der Trost, die letzten Seufzer des zärtlichsten der Väter zu empfangen; ich konnte nur noch an sein Grab gehen, welches ich mit meinen Thränen benetzte. Wenig gerührt durch meinen tiefen Schmerz, sagte Pulawski zu mir: »Nicht durch unfruchtbare Thränen ehrt man das Andenken eines Vaters, wie der Deinige war. Polen beklagt in ihm einen Heldenbürger, der ihm in dem kritischen Zeitpunkte, welcher herannaht, nützliche Dienste geleistet hätte. Erschöpft durch eine lange Krankheit, wird unser König kaum noch vierzehn Tage leben und von der Wahl seines Nachfolgers hängt das Glück oder Unglück unserer Mitbürger ab. Von allen Rechten, die der Tod Deines Vaters Dir überträgt, ist unstreitig das schönste das, den Reichsständen beizuwohnen, wo Du ihn vertreten wirst. Hier muss er in Dir wieder aufleben; hier musst Du einen schwereren Muth erproben, als dazu gehört, dem Tod auf dem Schlachtfelde zu trotzen. Die Tapferkeit eines Soldaten ist nur eine gemeine Tugend, aber diejenigen erheben sich über die gewöhnlichen Menschen, die in dem Drange verworrener Umstände einen ruhigen Muth beibehalten und mittels einer durchgreifenden wachsamen Thätigkeit die Pläne des mächtigen Kabalenstifters aufdecken, die heimlichen Intriguen vereiteln, und den frechen Parteien kühn die Stirne bieten, die immer fest, unbestechlich und gerecht ihre Stimme nur demjenigen geben, den sie für den würdigsten halten, und das Wohl ihres Landes nie aus dem Auge verlierend, sich weder durch Gold und Versprechungen verführen, noch durch Bitten erweichen, noch durch Drohungen einschüchtern lassen. Das sind die Tugenden, die Deinen Vater auszeichneten, das ist das wirkliche kostbare Erbgut, das Du Dich beeilen musst in Empfang zu nehmen. Der Tag, an dem unsere Reichsstände sich versammeln, um zur Königswahl zu schreiten, ist die Epoche, wo einige unserer Mitbürger, denen ihr persönliches Interesse mehr als das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, mit ihren ehrgeizigen Plänen hervortreten, und die nachbarlichen Mächte, deren grausame Politik unsere Kräfte durch Uneinigkeit zu zerstören sucht, ihre verderblichen Absichten an den Tag legen werden. »Ich täusche mich nicht, mein Freund, der verhängnisvolle Tag naht heran, der das Schicksal meines bedrohten Landes auf immer entscheiden wird. Seine Feinde verschwören sich zu seinem Untergang, sie haben in der Stille eine Revolution vorbereitet, die sie nicht durchführen sollen, so lange dieser Arm noch einen Degen führen kann. »Möge der Schutzgeist meines Landes ihm die Schrecken eines Bürgerkrieges ersparen; aber dieses Unglück, so schrecklich es ist, wird vielleicht nothwendig werden; ich schmeichle mir, dass es bloß eine gewaltsame Krisis sein wird, nach deren Überstehung der neugeborene Staat seinen alten Glanz wieder erlangen kann. Du wirst meine Bemühungen unterstützen, Lowzinski; die schwachen Interessen der Liebe müssen vor den heiligeren Interessen des Vaterlandes verschwinden. Ich vermag Dir meine Tochter nicht zu geben in diesem Augenblicke der Trauer und der Gefahr, worin unser theueres Vaterland schwebt; aber ich verspreche Dir, dass die ersten Tage des Friedens durch Deine Hochzeit mit Lodoiska bezeichnet sein sollen.« Pulawski sprach nicht umsonst, ich fühlte die Wichtigkeit der Pflichten, die mir von nun an oblagen, und dennoch waren die dringenden Geschäfte, die mich in Anspruch nahmen, nur ungenügende Zerstreuungen für meinen Schmerz. Ich gestehe es ohne Erröthen; die Traurigkeit meiner Schwestern, ihre teilnehmende Freundschaft, die sicheren Liebkosungen meiner Geliebten machten auf mich mehr Eindruck als die patriotischen Ermahnungen Pulavski's. Ich sah Lodoiska tief gerührt über meinen unersetzlichen Verlust, sah, dass sie die grausamen Ereignisse, die sich unserer Verbindung in den Weg stellten, ebenso aufrichtig beklage als ich, und so getheilt fand mein Kummer allmählich Erleichterung. Indes starb der König und der Reichstag wurde einberufen. Am Tage seiner Eröffnung, als ich mich eben in den Sitzungssaal begeben wollte, erschien ein Unbekannter in meinem Palast und verlangt mich ohne Zeugen zu sprechen. Sobald meine Leute abgiengen, wirft er sich an meinen Busen und umarmt mich zärtlich. Es war Herr von P...; die zehn Jahre, die seit unserer Trennung verflossen waren, hatten ihn nicht so verändert, dass ich ihn nicht hätte erkennen sollen; ich drückte ihm meine Überraschung und Freude über seine unerwartete Rückkehr aus. »Sie werden sich noch mehr verwundern,« sagte er, »wenn Sie den Zweck meiner Reise erfahren. Ich komme soeben an und bin im Begriff, mich in die Versammlung der Stände zu begeben. »Verspreche ich mir zu viel von Ihrer Freundschaft, wenn ich auf Ihre Stimme rechne?« »Auf meine Stimme! und für wen?« »Für mich, mein Freund!« Er bemerkte mein Erstaunen und fuhr lebhaft fort: »Ja, für mich! Es ist jetzt nicht Zeit, Ihnen den glücklichen Umschwung meiner äußeren Verhältnisse zu erzählen, der mich in den Stand setzt, so stolze Hoffnungen zu nähren; es genüge Ihnen für jetzt, zu wissen, dass mein Ehrgeiz wenigstens durch die größte Stimmenzahl gerechtfertigt ist und dass zwei unbedeutende Nebenbuhler sich vergeblich rüsten mir die Krone streitig zumachen, um die ich mich bewerbe. Lowzinski,« setzte er hinzu, mich abermals umarmend, »wenn Sie nicht mein Freund wären, wenn ich Sie weniger schätzte, so würde ich Sie vielleicht durch große Versprechungen zu blenden suchen, vielleicht würde ich Ihnen zeigen, welch' große und glänzende Laufbahn sich Ihnen eröffnen werde, allein ich brauche Sie nicht zu verführen, ich werde Sie überzeugen. Ich sehe es mit Schmerz, und Sie wissen es so gut als ich: seit mehreren Jahren verdankt unser geschwächtes Polen seine Rettung nur dem schlechten Einverständnisse der drei Mächte, die es umgeben, und der Wunsch, sich mit unserem Raube zu bereichern, kann unsere uneinigen Feinde in jedem Augenblicke zusammenführen. Verhindern wir wo möglich dieses unselige Triumvirat, dessen unausbleiblichen Folgen die Zerstücklung unserer Provinzen wäre! »In glücklicheren Zeiten freilich haben unsere Vorfahren die Freiheit ihrer Wahlen behaupten müssen; heutzutage muss man der dringenden Notwendigkeit ein Opfer bringen. »Russland muss einen König, der sein Werk ist, nothwendig beschützen; nehmen die Polen diesen an, so verhindern sie die Tripelallianz, die unsern Untergang unvermeidlich machen würde, und versichern sich eines mächtigen Verbündeten, den wir zwei übrigen Feinden mit Erfolg entgegenstellen können. »Dies sind die Gründe, die mich bestimmt haben; ich gebe nur deswegen einen Theil unserer Rechte auf, um die kostbarsten zu erhalten; ich besteige einen wankenden Thron nur in der Absicht, um ihn durch eine gesunde Politik zu befestigen, ich ändere nur deswegen die Konstitution des Staates, um den ganzen Staat zu retten.« Wir begaben uns auf den Reichstag; ich stimmte für Herrn von P.., er erhielt wirklich die meisten Stimmen; Pulawski, Zaremba und mehrere andere aber erklärten sich für den Fürsten C ... und die erste Versammlung wurde so stürmisch, dass kein Entschluss gefasst werden konnte. Als wir den Saal verließen, kam Herr von P... abermals zu mir und bat mich, ihn in den Palast zu begleiten, den geheime Emissäre für ihn schon jetzt in der Hauptstadt in Bereitschaft gesetzt hatten. Wir schlossen uns mehrere Stunden ein und erneuerten unsere Versicherungen ewiger Freundschaft; dann erzählte ich Herrn von P... von meiner innigen Verbindung mit Pulawski und meiner Liebe zu Lodoiska. Er erwiderte mein Vertrauen mit einem noch größeren; erklärte mir alle seine geheimen Absichten, und ich verließ ihn mit der Überzeugung, dass es ihm weniger um seine eigene Erhebung, als um die Wiederherstellung des alten Wohlstandes von Polen zu thun sei. Von diesem Glauben durchdrungen flog ich zu meinem künftigen Schwiegervater, um ihn für die Partei meines Freundes zu gewinnen. Pulawski gieng mit großen Schritten im Zimmer seiner Tochter, die ebenfalls sehr aufgeregt schien, auf und ab. »Da ist er ja!« sagte er zu Lodoiska, als ich hereintrat, »da steht er, der Mann, den ich achtete und den Du liebtest! er opfert uns beide seiner blinden Freundschaft.« Ich wollte antworten, er fuhr fort: »Sie standen von Kindheit schon in vertrautem Verhältnis mit Herrn von P...; eine mächtige Partei erhebt ihn auf den Thron, Sie wussten es; Sie kannten seine Pläne; diesen Morgen auf dem Reichstag haben Sie ihm Ihre Stimme gegeben. Sie haben mich hintergangen; aber glauben Sie, dass man mich ungestraft hintergeht?« Ich bat ihn mich anzuhören, er zwang sich zu einem düsterem Schweigen, und ich erklärte ihm, wie Herr von P..., mit dem ich seit langer Zeit in keiner Verbindung mehr gestanden, mich durch seine unerwartete Rückkehr überrascht habe. Lodoiska schien entzückt meine Vertheidigung zu hören. »Man belügt mich nicht wie ein leichtgläubiges Weib!« sagte Pulawski, »aber gleichviel! fahren Sie fort.« Ich erzählte ihm die kurze Unterredung, die ich mit Herrn von P... gehabt, ehe ich mich in die Versammlung begeben hatte. »Und was sind denn Euere Pläne?« rief er. »Herr von P... weiß für seine Mitbürger keine andere Hilfe als die Sklaverei! er schlägt sie vor, ein Lowzinski findet sie gut! und mich achtet man so sehr, dass man einen Versuch wagt, mich in dieses ehrlose Komplot zu verwickeln. Ich! ich sollte unter dem Namen eines Polen die Russen in diesen Provinzen gebieten sehen! Die Russen,« wiederholte er wüthend, »sollten in meinem Lande den Herrn spielen! (Er kam mit der größten Heftigkeit auf mich zu.) Treuloser! Du Vaterlandsverräther! entferne Dich augenblicklich aus diesem Palaste, oder ich lasse Dich hinauswerfen!« Ich gestehe Ihnen, Faublas, eine so grausame und unverdiente Beschimpfung machte mich wüthend. Im ersten Aufwallen meines Zorns legte ich die Hand an den Degen; schneller als der Blitz zog Pulawski den seinigen. Seine trostlose Tochter stürzte auf mich zu: »Lowzinski, was wollen Sie thun?« Der Klang dieser geliebten Stimme brachte mich wieder zur Besinnung, aber ich sah ein, dass ein einziger Augenblick mir Lodoiska auf immer geraubt hatte. Sie hatte mich verlassen, um sich in die Arme ihres Vaters zu werfen; der Grausame sah meinen bitteren Schmerz und rief mir verächtlich zu: »Geh! Verräther! Du siehst sie zum letzten Mal!« Verzweiflungsvoll kehrte ich nach Hause zurück; die abscheulichen Namen, die Pulawski mir gegeben hatte, traten unaufhörlich vor meine Seele. Die Interessen Polens und des Herrn von P... schienen mir so eng mit einander verbunden, dass ich nicht begriff, wie ich meine Mitbürger verrathen könnte, indem ich meinem Freunde einen Dienst erwies; und dennoch musste ich ihn verlassen, oder meiner Lodoiska entsagen. Was thun? welchen Entschluss fassen? In dieser Ungewissheit brachte ich die ganze Nacht zu und als der Morgen graute, gieng ich zu Pulawski, ohne noch zu wissen, wofür ich mich entscheiden würde. Ein Diener, der allein im Paläste zurückgeblieben war, sagte mir, sein Herr sei mit Anfang der Nacht in Gesellschaft Lodoiska's abgereist und habe vorher noch alle seine Leute verabschiedet. Sie können sich meine Verzweiflung bei dieser Nachricht denken. Ich fragte den Diener, wohin Pulawski gegangen sei. »Ich weiß es nicht,« antwortete er; »alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, dass wir gestern Abend, als Sie uns kaum verlassen hatten, im Zimmer seiner Tochter einen großen Lärm hörten. »Noch erschreckt über den fürchterlichen Auftritt mit Ihnen, wagte ich es, mich zu nähern und zu lauschen. »Lodoiska weinte; ihr Vater war wüthend und überhäufte sie mit Schmähungen, er verfluchte sie, und ich hörte ihn diese Worte sagen: »Wer einen Verräther lieben kann, denke ich, kann es auch sein; Undankbare! ich werde Dich in ein sicheres Haus bringen, wo Du fortan vor Verführung geschützt sein sollst.« Konnte ich noch an meinem Unglücke zweifeln? – Ich rief Boleslaw, einen meiner treuesten Diener, und befahl ihm Pulawski, falls er früher als ich in die Hauptstadt zurückkäme, auf allen Schritten verfolgen zu lassen; ich selbst gab die Hoffnung nicht auf, ihn auf einem seiner Landgüter in der Nähe zu treffen, und machte mich auf den Weg, ihn aufzusuchen. Ich durchstreifte alle Besitzungen Pulawski's, fragte alle Reisende, denen ich begegnete, nach Lodoiska, aber umsonst. Nachdem ich acht Tage mit dieser mühevollen Nachforschung verloren hatte, beschloss ich nach Warschau zurückzukehren. Zu meinem nicht geringen Erstaunen sah ich fast unter den Mauern der Hauptstadt an den Ufern der Weichsel eine russische Armee gelagert. Es war Nacht, als ich in die Stadt kam; die Paläste der Großen waren beleuchtet, eine unermeßliche Volksmenge erfüllte die Straßen; ich hörte fröhliche Gesänge, auf den öffentlichen Plätzen den Wein in Strömen fließen; alles verkündigte mir, dass Polen einen neuen König habe. Ich war mit Ungeduld von Boleslaw erwartet. Er sagte mir, Pulawski sei am zweiten Tage allein zurückgekommen und während dieser Zeit nie ausgegangen, außer wenn er sich in die Reichsversammlung begab, wo aller seiner Bemühungen ungeachtet, der russische Einfluss mit jedem Tage mehr überhand genommen hat. In der letzten Versammlung, die diesen Morgen stattfand, vereinigte Herr von P... beinahe alle Stimmen, es war nahe daran, dass er gewählt wurde. Pulawski hat das verhängnisvolle Veto ausgesprochen, und in dem Augenblicke sind zwanzig Säbel gegen ihn gezückt! Der stolze Palatin von ..., den Pulawski in der vorhergehenden Versammlung wenig geschont hatte, ist zuerst auf ihn hergestürzt und hat ihm einen fürchterlichen Hieb auf den Kopf versetzt; Zaremba und einige andere sind zur Vertheidigung ihres Freundes herbeigeeilt; allein alle ihre Bemühungen hätten ihn nicht retten können, wenn sich nicht Herr von P... selbst zu ihnen gestellt und gerufen hätte, dass er mit eigener Hand jeden niederstoßen würde, der es wagen sollte, ihm nahe zu treten. Die Angreifenden haben sich zurückgezogen; indes verlor Pulawski sein Blut und seine Kräfte; er ist in Ohnmacht gefallen, man hat ihn hinweggetragen. Zaremba hat den Saal verlassen mit dem Schwur, ihn zu rächen. Auf diese Weise alleinige Herren der Berathungen haben die zahlreichen Anhänger des Herrn von P... ihn auf der Stelle zum König ausgerufen. Pulawski, den man in seinen Palast gebracht, ist bald wieder zur Besinnung gekommen. Die Wundärzte haben seine Verletzungen nicht für tödtlich erklärt, und nun hat er sich, obschon er heftige Schmerzen litt, und mehrere seiner Freunde sich diesem Vorhaben widersetzten, in seinen Wagen bringen lassen. Es war kaum Mittag, als er in Begleitung Mazeppas und einiger Unzufriedener Warschau verließ. »Man folgt ihm, und ohne Zweifel wird man in wenigen Tagen Ihnen sagen können, welchen Aufenthalt er gewählt hat.« Man konnte mir keine schlimmere Nachrichten bringen. Mein Freund war auf dem Throne, aber meine Versöhnung mit Pulawski schien nun unmöglich, und wahrscheinlich hatte ich Lodoiska für immer verloren. Ich kannte ihren Vater zu gut, um zu fürchten, dass er selbst die äußersten Entschließungen fassen würde. Die Gegenwart war mir entsetzlich, ich wagte es nicht, meine Blicke auf die Zukunft zu richten, und der Kummer überwältigte mich derart, dass ich nicht einmal den neuen König beglückwünschte. Derjenige von meinen Leuten, dem Boleslaw die Verfolgung Pulawski's aufgetragen hatte, kam am vierten Tage zurück; er hatte ihn fünfzehn Meilen weit begleitet, bis Zaremba, der immer einen Unbekannten in einiger Entfernung von seiner Postchaise sah, Verdacht schöpfte. Nicht weit davon überfielen vier seiner Leute, die hinter einem alten Mauerwerk versteckt waren, meinen Courier und führten ihn vor Pulawski; dieser zwang ihn zu gestehen, wem er angehöre. Er richtete seine Pistole gegen ihn und sagte: »Ich will Dich zu Lowzinski zurückschicken, melde ihm in meinem Namen, dass er meiner gerechten Rache nicht entgehen wird.« Bei diesen Worten verband man meinem Courier die Augen; er konnte nicht sagen, wohin man ihn geführt, noch wohin man ihn einsperrte. Nach drei Tagen holte man ihn ab und brauchte abermals die Vorsicht, ihm die Augen zu verbinden, führte ihn einige Stunden spazieren; endlich hielt der Wagen still und man befahl ihm auszusteigen. Er riss seine Binde ab und befand sich wieder genau auf demselben Platze, wo man ihn festgenommen hatte. Ich war sehr beunruhigt durch diese Nachricht; Pulawski's Drohungen erschreckten mich weit weniger um meinetwillen, als wegen Lodoiska, die in seiner Gewalt blieb. Er konnte sich in seiner Wuth das äußerste gegen sie erlauben; ich beschloss mich allem auszusetzen, um den Aufenthalt des Vaters und das Gefängnis der Tochter aufzufinden. Ich theilte meinen Schwestern am andern Tage mein Vorhaben mit und verließ die Hauptstadt; Boleslaw allein begleitete mich; ich gab mich überall für seinen Bruder aus. Wir durchschritten ganz Polen. Jetzt sah ich wohl ein, dass Herrn von P...s Erfolg die Befürchtungen Pulawski's nur zu sehr rechtfertigte. Unter dem Vorwand, dem neuen Könige Huldigungen auszuwirken, ergossen sich die Russen über unsere Provinzen, erlaubten sich in den Städten tausend Erpressungen und verwüsteten die Felder. Nachdem ich drei Monate in nutzlosen Nachforschungen verloren hatte, wollte ich nach Warschau zurückkehren. Ich verzweifelte bei dem Gedanken, Lodoiska nicht mehr zu finden. Ich beweinte das Unglück meines Vaterlandes, und dennoch wollte ich dem neuen Könige selbst berichten, welche Ausschweifungen sich Fremde in seinen Staaten erlaubten, als ein Treffen, dass wie es schien, die gefährlichsten Folgen für mich haben musste, mich zwang, einen ganz andern Entschluss zu fassen. IV. Kapitel Um diese Zeit hatten die Türken Russland den Krieg erklärt, und die Tartaren von Budziac und der Krim machten häufige Einfälle in Wolhynien, wo ich mich ebenfalls befand. Vier Tartaren griffen uns am Ausgange eines Waldes, in der Nahe von Ostropol an. Ich hatte sehr unvorsichtigerweise vergessen meine Pistolen zu laden, aber ich bediente mich meines Säbels mit so viel Geschick und Glück, dass bald zwei von ihnen schwer verwundet niederfielen. Boleslaw beschäftigte den dritten, der vierte setzte mir gewaltig zu; er brachte mir eine leichte Wunde am Schenkel bei, erhielt aber in demselben Augenblick einen fürchterlichen Schlag, der ihn vom Pferde stürzte. Dadurch wurde auch Boleslaw seines Gegners los, der, als er seinen Kameraden sinken sah, die Flucht ergriff. Der, den ich zuletzt überwältigt hatte, sagte zu mir in schlechtem Polnisch: »Ein so tapferer Mann, wie Du, muss großmüthig sein; ich bitte Dich um mein Leben! Statt mich vollends zu töten, Freund, leiste mir Beistand; komm, hilf mir aufzustehen; verbinde meine Wunde.« Er bat in einem so edeln und so neuem Tone um Gnade, dass ich nicht schwankte. Ich stieg vom Pferde ab, Boleslaw und ich hoben ihn auf und verbanden seine Wunden. »Du thust wohl, tapferer Mann, Du thust wohl,« sagte der Tartar. Während er sprach, sahen wir eine Staubwolke um uns erheben; mehr als dreihundert Tartaren stürzten in gestrecktem Gallop auf uns an. »Fürchte nichts!« sagte der Tartar, den ich verschont hatte, zu mir; »ich bin der Anführer dieser Schar.« Und wirklich blieben die Soldaten, die sich bereits angeschickt hatten, mich niederzuhauen, auf einen Wink von ihm ruhig stehen. Er sagte ihnen in ihrer Sprache einige Worte, die ich nicht verstand; sie öffneten ihre Reihen, um Boleslaw und mich durchzulassen. »Tapferer Mann,« sagte ihr Anführer aufs neue zu mir, »hatte ich nicht Recht zu sagen, Du thust wohl? Du hast mir das Leben gelassen, ich rette das Deinige; es ist zuweilen gut, einen Feind zu verschonen, selbst wenn er ein Räuber ist. »Höre, mein Freund! indem ich Dich angriff, habe ich mein Handwerk ausgeübt. Du hast deine Schuldigkeit gethan, indem Du mir tüchtig zugesetzt hast. Ich verzeihe Dir, Du verzeihst mir, umarmen wir uns; umarmen wir uns.« Er fügte hinzu: »Der Tag fängt an zur Neige zu gehen; ich rathe Dir, nicht dieser Nacht in dieser Gegend zu reisen; die Leute hier gehen jeder auf seinen Posten, ich könnte für dieselben nicht gutstehen. Du siehst auf der Anhöhe rechts dieses Schloss? es gehört einem gewissen Grafen Durlinski, auf den wir es schon längst abgesehen haben, weil er sehr reich ist; geh, ersuche ihn um eine Zufluchtstätte, sage ihm, Du habest Titsikan verwundet, und Titsikan verfolge Dich. Er kennt meinen Namen, ich habe ihn schon mehrere schlechte Tage verleben lassen; rechne übrigens darauf, dass, so lange Du bei ihm sein wirst, sein Haus verschont bleiben wird; hüte Dich aber, es vor drei Tagen zu verlassen, und länger als acht Tage darin zu bleiben. Lebe wohl!« Mit wahrem Vergnügen nahmen wir von Titsikan und seiner Horde Abschied. Der Rath des Tartaren war ein Befehl; ich sagte zu Boleslaw: »Suchen wir schnell das Schloss zu erreichen, welches er uns gezeigt hat; ich kenne übrigens diesen Durlinski dem Namen nach. Pulawski hat manchmal mit mir von ihm gesprochen, er kennt vielleicht den Aufenthaltsort von Pulawski, es ist auch nicht unmöglich, dass wir es mit einiger Schlauheit von ihm erfahren. Ich werde auf gut Glück sagen, dass Pulawski uns zu ihm geschickt; diese Empfehlung wird gewiss mehr wert sein, als die von Titsikan! Du, Boleslaw, vergiss nicht, dass ich Dein Bruder bin, verrathe mich nicht.« Wir kamen an den Schlossgraben an. Durlinski's Leute fragten uns, wer wir wären. Ich antwortete ihnen, dass wir kämen, um mit ihrem Herrn zu sprechen, dass Pulawski uns schicke. Die Räuber hätten uns angegriffen, und wären uns auf den Fersen. Die Zugbrücke wurde niedergelassen, wir traten ein. Man sagte uns, wir könnten für den Augenblick Durlinski nicht sprechen, aber morgen um zehn Uhr werde er uns Audienz ertheilen. Man forderte uns die Waffen ab, die wir ohne Schwierigkeit überlieferten. Boleslaw untersuchte meine Wunde; das Fleisch war kaum geritzt. Man trug uns sogleich in der Küche ein frugales Mahl auf; dann wurden wir in eine niedrige Kammer geführt, wo zwei schlichte Betten in Bereitschaft standen; hier ließ man uns ohne Licht und schloss uns ein. Ich konnte die ganze Nacht kein Auge schließen. Titsikan hatte mich nur leicht verwundet; aber die Wunde in meinem Herzen war um so tiefer. Gegen Tagesanbruch langweilte ich mich in meinem Gefängnisse; ich wollte die Läden öffnen, allein sie waren verriegelt. Ich rüttelte sie stark; die Schlösser springen; ich sehe einen sehr schönen Park. Das Fenster war nicht hoch, ich springe hinaus und befinde mich in Durlinski's Garten. Ich gehe einige Minuten auf und ab, und setze mich dann auf eine steinerne Bank am Fuße eines Thurmes, dessen alte Bauart ich einige Minuten lang betrachtete. Hier saß ich in meinen Betrachtungen versunken, als ein Ziegel vor meine Füße herabfiel; ich glaubte, er habe sich von dem Dache des alten Gebäudes losgemacht, und setze mich auf das andere Ende der Bank. Einige Augenblicke später fiel ein zweiter Ziegel neben mir nieder. Das schien mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen, ich stand unruhig auf und besah den Thurm aufmerksam. Ich bemerkte fünfundzwanzig bis dreißig Fuß hoch eine enge Öffnung, hob die Ziegel, die man mir zugeworfen hatte, auf und entzifferte auf dem ersten die mit Gyps geschriebenen Worte: »Lowzinski, Sie sind's! Sie leben!« Und auf dem zweiten die Worte: »Befreien Sie Lodoiska!« Sie können sich nicht vorstellen, lieber Faublas, wie viele verschiedene Gefühle mich in diesem Augenblicke bestürmten. Mein Erstaunen, meine Freude, mein Schmerz lassen sich unmöglich beschreiben. Ich untersuchte Lodoiska's Gefängnis und sann hin und her, wie ich sie befreien könnte. Sie schickte mir noch einen Ziegel und ich las: »Um Mitternacht bringen Sie Papier, Tinte und Federn; morgen, eine Stunde nach Sonnenaufgang, holen Sie einen Brief. Entfernen Sie sich!« Ich kehrte nach meinem Zimmer zurück. Boleslaw half mir zum Fenster einzusteigen; wir machten den Laden, so gut wir konnten, wieder zurecht. Ich erzählte meinem treuen Diener das unerwartete Ereignis, das meinen Wanderungen ein Ziel setzte und meine Unruhe verdoppelte. Wie in diesen Thurm dringen? wie uns Waffen verschaffen? Wie Lodoiska aus ihrem Gefängnisse befreien? Wie unter Durlinski's Augen, mitten unter seinen Leuten aus einem befestigten Schlosse sie entführen? Im Falle diese Hindernisse auch nicht unüberwindlich waren, konnte ich in der kurzen Frist, die Titsikan mir gewährte, ein so schwieriges Unternehmen wagen? Er hat mir gerathen, drei Tage bei Durlinski zu bleiben und nicht länger als acht in der Gegend zu verweilen. Vor dem dritten Tage das Schloss zu verlassen, hieße das nicht, uns den Angriffen der Tartaren aussetzen? Meine theuere Lodoiska aus dem Gefängnisse zu befreien, um sie den Räubern preiszugeben; durch Sklaverei oder Tod auf ewig von ihr getrennt zu werden. Dieser Gedanke war entsetzlich. Aber warum war sie in einem so schrecklichen Gefängnisse? Der Brief, den sie mir versprochen hatte, sollte mich ohne Zweifel davon in Kenntnis setzen. Wir mussten uns Papier verschaffen; diese Sorge überließ ich Boleslaw und bereitete mich vor, bei Durlinski die schwierige Rolle eines Abgesandten Pulawski's durchzuführen. Der Tag war schon vorgerückt, als man uns in Freiheit setzte; man sagte uns, Durlinski könne und wolle uns sehen. Wir traten mit Zuversicht vor ihn. Es war ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, einem rauhen Äußern und abstoßenden Manieren. Er fragte uns, wer wir wären. »Mein Bruder und ich,« antwortete ich, »gehören dem Herrn Pulawski, mein Gebieter hat mir einen geheimen Auftrag an Sie gegeben; mein Bruder hat mich in einer andern Absicht begleitet; ich muss, um mich erklären zu können, allein sein; ich darf nur mit Ihnen sprechen.« »Nun gut!« antwortete Durlinski, »Dein Bruder kann gehen; und Ihr auch entfernt Euch,« sagte er zu seinen Leuten. »Was diesen betrifft (auf seinen Vertrauten deutend), so wirst Du erlauben, dass er da bleibt; Du kannst vor ihm alles sagen.« »Pulawski schickt mich.« »Das sehe ich, dass er Dich schickt!« »Um Sie zu fragen, wie –« (Ich nahm meinen Muth zusammen.) »Um Sie nach dem Befinden seiner Tochter zu fragen.« »Nach dem Befinden seiner Tochter? Pulawski hätte Dir gesagt –« »Ja, mein Gebieter hat mir gesagt, dass Lodoiska hier ist.« Ich bemerkte, dass Durlinski erblasste; er sah seinen Vertrauten an und fixierte mich lange stillschweigend. »Du setzt mich in Erstaunen,« versetzte er endlich. »Dein Herr muss sehr unvorsichtig sein, um Dir ein Geheimnis von solcher Wichtigkeit anzuvertrauen!« »Eben so wenig als Sie, gnädiger Herr; haben Sie nicht auch einen Vertrauten? Die Großen wären sehr zu beklagen, wenn sie niemand ihr Vertrauen schenken könnten. »Pulawski hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, dass Lowzinski bereits einen großen Theil Polens durchstreift hat und ohne Zweifel auch Ihre Gegenden durchsuchen wird.« »Wenn er es wagt, hierher zu kommen,« antwortete der Graf sogleich mit der größten Lebhaftigkeit, »so habe ich ein Zimmer für ihn, in dem er lange bleiben kann. Kennst Du diesen Lowzinski?« »Ich habe ihn oft bei meinem Herrn in Warschau gesehen.« »Er soll ein schöner Mann sein?« »Er ist hübsch gewachsen und ungefähr in meiner Größe.« »Sein Gesicht?« »Ist einnehmend; er ist ein –« »Er ist ein unverschämter Bube!« fiel er zornig ein; »wenn er je in meine Hände fällt!« »Gnädiger Herr, man versichert, er sei tapfer.« »Der! ich wette, er kann nichts, als Mädchen verführen. Wenn er jemals in meine Hände fällt!« (Ich hielt mich zurück.) Er setzte in ruhigerem Tone hinzu: »Es ist schon lange, dass Pulawski mir nicht geschrieben hat; wo lebt er gegenwärtig?« »Gnädiger Herr, ich habe gemessenen Befehl, diese Frage nicht zu beantworten. Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, dass er, um seinen Aufenthaltsort geheim zu halten und niemandem zu schreiben, wichtige Gründe hat, die er Ihnen in Bälde persönlich mittheilen wird.« Durlinski schien sehr erstaunt; ich glaubte sogar einige Zeichen von Schrecken zu bemerken; er sah seinen Vertrauten an, dessen Verlegenheit eben so groß schien. »Du sagst, Pulawski werde bald kommen?« »Ja, gnädiger Herr, spätestens in vierzehn Tagen.« Er sah seinen Vertrauten abermals an, dann auf einmal eben so viel Kaltblütigkeit affektierend, als er vorher Verlegenheit gezeigt hatte, sagte er: »Geh zu Deinem Herrn zurück! es thut mir leid, dass ich ihm nur schlimme Nachrichten geben kann. Du wirst ihm sagen, dass Lodoiska nicht mehr hier ist.« Ich war äußerst überrascht. »Wie, gnädiger Herr, Lodoiska –« »Ist nicht mehr hier, sage ich Dir. Um Pulawski, den ich schätzte, einen Gefallen zu erweisen, habe ich ungern genug das Geschäft übernommen, seine Tochter in meinem Schlosse zu bewachen, niemand als ich und dieser da (er zeigte auf seinen Vertrauten) wusste von ihrer Anwesenheit. Vor ungefähr einem Monate, als wir ihr, wie gewöhnlich, ihre Lebensmittel auf einen Tag bringen wollten, fand ich ihr Zimmer leer. »Ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat; aber das weiß ich wohl, dass sie entflohen ist; ich habe seither nie von ihr reden hören! »Sie ist ohne Zweifel nach Warschau zu Lowzinski gegangen, wenn nicht unterwegs die Tartaren sie aufgefangen haben.« Meine Verwunderung erreichte den höchsten Grad. Wie sollte ich das, was ich im Garten gesehen hatte, mit Durlinski's Worten vergleichen? es lag hier ein Geheimnis vor, das ich sehr begierig war zu ergründen; dennoch hütete ich mich wohl, den geringsten Zweifel laut werden zu lassen. »Gnädiger Herr, das sind sehr traurige Nachrichten für meinen Gebieter.« »Gewiss! aber es ist nicht meine Schuld.« »Gnädiger Herr, ich habe Sie um eine Gnade zu bitten.« »Lass hören!« »Die Tartaren verwüsten das Land in der Nähe Ihres Schlosses, sie haben uns angegriffen, wir sind ihnen durch ein Wunder entkommen; würden Sie nicht meinem Bruder und mir die Erlaubnis gewähren, nur zwei Tage hier auszuruhen?« »Nur zwei Tage, das mag sein! wo hat man Sie einquartiert?« fragte er seinen Vertrauten. »Im Erdgeschoss,« antwortete dieser, »in einem niedrigen Zimmer.« »Das auf meine Gärten geht!« fiel Durlinski unruhig ein. »Die Läden sind geschlossen,« antwortete der Vertraute. »Gleichviel, man muss sie anderwo unterbringen.« Diese Worte machten mich zittern. Der Vertraute entgegnete: »Das ist nicht möglich; aber...« Er sagte ihm das Übrige ins Ohr. »Nun gut,« versetzte der Herr des Hauses, »aber man mache es sogleich!« und sich zu mir wendend: »Dein Bruder und Du, Ihr werdet übermorgen abreisen; bevor Du gehst, wirst Du mich noch einmal sprechen; ich werde Dir einen Brief an Pulawski mitgeben.« Ich gieng zu Boleslaw in die Küche, wo er frühstückte; er stellte mir eine kleine Flasche mit Tinte, mehrere Federn und einige Blätter Papier zu, die er sich ohne Mühe verschafft hatte. Ich brannte vor Begierde an Lodoiska zu schreiben aber wie einen geeigneten Ort ausfindig machen, wo mich keine Neugierigen beunruhigten? Man hatte Boleslaw bereits angekündigt, dass wir unser Zimmer von der vergangenen Nacht vor Schlafengehen nicht wieder betreten dürfen. Ich ersann eine Kriegslist, die mir auch vollkommen gelang. Durlinski's Leute tranken mit Boleslaw und luden mich höflich ein, ihnen einige Flaschen leeren zu helfen. Ich nahm den Antrag freudig an und stürzte schnell mehrere Gläser sehr schlechten Weines hinunter; bald wankten meine Beine, meine Zunge lallte; ich erzählte der fröhlichen Gesellschaft hundert ebenso lustige als abgeschmackte Geschichtchen; kurz, ich spielte den Betrunkenen so gut, dass Boleslaw selbst sich verführen ließ. Er zitterte, ich möchte in diesem Zustande, wo ich alles zu sagen bereit schien, mein Geheimnis verrathen. »Meine Herren,« sagte er zu den erstaunten Trinkern, »mein Bruder ist heute nicht recht bei Sinnen; es kommt vielleicht von seiner Wunde her, lassen wir ihn von nun an weder sprechen noch trinken, ich fürchte, es ist ihm nicht gut, und wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, so würden Sie mir helfen, ihn in sein Bett zu schaffen.« »In das seinige, nein, das kann nicht sein,« antwortete einer von ihnen; »aber ich würde gerne mein Zimmer dazu hergeben.« Man nahm mich und schleppte mich auf eine Dachstube, deren ganzes Ameublement aus einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl bestand. Hier schloss man mich ein; das war alles, was ich wünschte; sobald ich allein war, schrieb ich einen mehrere Seiten langen Brief an Lodoiska. Ich begann ihn mit einer vollständigen Rechtfertigung in Beziehung auf Pulawski's Beschuldigungen; dann erzählte ich alles, was mir von dem Augenblicke unserer Trennung an bis zu meiner Ankunft in Durlinski's Hause begegnet war, ich berichtigte umständlich meine Unterredung mit ihm, und schloss mit der Versicherung der zärtlichsten und ehrfurchtsvollsten Liebe und dem Schwur, dass ich, sobald sie mir die nöthigen Aufschlüsse über ihr Schicksal gegeben haben würde, mich allem aussetzen werde, um ihrer schrecklichen Sklaverei ein Ende zu machen. Als ich meinen Brief geschlossen hatte, überließ ich mich Betrachtungen, die mich in die peinlichste Verlegenheit setzten. War es wohl Lodoiska, welche mir die Ziegel in den Garten zugeworfen hatte. Hätte Pulawski so viel Ungerechtigkeit gehabt, seine Tochter wegen einer Liebe, die er selbst gebilligt, so hart zu bestrafen, hätte er die Unmenschlichkeit gehabt, sie in ein schreckliches Gefängnis zu werfen, wenn ihn auch der Hass, den er mir zugeschworen, so sehr verblendet hätte, wie hätte Durlinski sich entschließen können, seiner Rache auf diese Art zu dienen? aber anderseits trug ich, um mich unkenntlich zu machen, seit drei Monaten nur grobe Kleider; die Strapazen einer langen Reise und mein Kummer hatten mich verändert. Wer anderer als eine Liebende hätte Lowzinski in den Gärten Durlinski's erkannt? Hatte ich den Namen Lodoiska nicht auf dem Ziegelstein gelesen? Durlinski selbst hat zugestanden, dass Lodoiska seine Gefangene war, wohl hat er hinzugesetzt, sie sei ihm entflohen. Ich wusste ja nicht, ob ich dies als Wahrheit annehmen durfte. Woher der Hass, den Durlinski mir geschworen hat, ohne mich zu kennen? Warum diese Unruhe, als man ihm sagte, Pulawski's Abgesandte bewohnen ein Zimmer, das auf den Garten gehe, und dieser Schrecken, als ich ihm die bevorstehende Ankunft meines angeblichen Gebieters meldete? Alles dies war sehr geeignet, mir schreckliche Unruhe einzuflößen. Ich vermuthete fürchterliche Sachen, die ich mir nicht erklären konnte. Seit zwei Stunden stellte ich mir unaufhörlich neue Fragen, deren Beantwortung mich in die peinlichste Verlegenheit setzte. Endlich kam Boleslaw, um zu sehen, ob sein Bruder wieder zur Besinnung gekommen sei. Ich überzeugte ihn leicht, dass mein Rausch bloß angenommen war; wir giengen wieder in die Küche, wo wir den Rest des Tages zubrachten. Welch' ein Abend, lieber Faublas! in meinem ganzen Leben schien mir keiner so lang. Endlich führte man uns in unser Zimmer, wo man uns wie in der vorhergehenden Nacht einschloss, ohne uns Licht zu lassen; ich musste noch beinahe zwei Stunden warten, bis es zwölf schlug. Mit dem ersten Glockenschlag öffneten wir leise die Läden und das Fenster; ich machte Anstalten in den Garten zu springen, sah mich aber auf einmal durch Gitter aufgehalten. Dies brachte mich zur Verzweiflung. »Siehst Du,« sagte ich zu Boleslaw, »das ist's, was der verfluchte Durlinski beschloss, als er sagte: »Gut, aber man mache es sogleich!« Das haben sie den Tag über gearbeitet; deswegen hat man uns den Eintritt in dieses Zimmer versagt.« »Gnädiger Herr, sie haben von Außen gearbeitet, sie haben nicht bemerkt, dass der Laden erbrochen ist.« »Sie mögen es gesehen haben oder nicht,« rief ich heftig, »was liegt mir daran! dieses unselige Gitter schlägt alle meine Hoffnungen zu Boden; es vergewissert Lodoiska's Sklaverei, es vergewissert meinen Tod.« »Ja, gewiss, es vergewissert Deinen Tod!« schrie eine Stimme und die Thüre öffnete sich. Durlinski mit einigen Bewaffneten vor ihm und einigen, die Fackeln trugen, hinter ihm, trat, den Säbel in der Hand, herein. »Verräther!« sagte er, mir wüthende Blicke zuwerfend, »ich habe Alles gehört, ich will wissen, wer Du bist. Du wirst mir Deinen Namen sagen. Dein angeblicher Bruder wird ihn sagen; zittere!« »Ich bin von allen Feinden Lowzinski's der unversöhnlichste! man suche sie aus!« sagte er zu seinen Leuten. Sie fielen über mich her, ich war unbewaffnet und leistete nutzlosen Widerstand. Sie nahmen meine Papiere und den Brief, den ich an Lodoiska geschrieben hatte. Durlinski durchlas ihn unter tausend Zeichen der Ungeduld, er war nicht sehr glimpflich darin behandelt. »Lowzinski,« sagte er mit erstickter Wuth zu mir, »ich verdiene bereits Deinen ganzen Hass; bald werde ich ihn noch mehr verdienen; inzwischen wirst Du mit Deinem würdigen Vertrauten in diesem Zimmer, das Du liebst, bleiben.« Mit diesen Worten gieng er hinaus, die Thüre wurde doppelt verschlossen; er stellte eine Schildwache vor dieselbe und eine andere dem Fenster nach dem Garten gegenüber. Sie können sich vorstellen, in welche Niedergeschlagenheit Boleslaw und ich versanken. Mein Unglück hatte den höchsten Gipfel erreicht, die Leiden Lodoiska's giengen mir so tief zu Herzen; die Unglückliche! wie groß musste ihre Unruhe sein! Sie erwartet Lowzinski und er lässt sie ohne Hilfe! Doch nein, sie kennt mich zu gut, sie würde mich einer feigen Treulosigkeit nicht anklagen, sie würde ihren Geliebten nach sich selbst beurtheilen, gewiss, sie ahnt es, dass Lowzinski ihr Los theilt, wenn er ihr nicht zu Hilfe kommt. Ach! und die Gewissheit meines Unglücks würde das ihrige vermehren! Am andern Morgen bot man uns durch das Fenster die Lebensmittel für den Tag. Aus der Beschaffenheit der Speisen, die wir erhielten, schloss Boleslaw, dass man unser Gefängnis nicht sehr angenehm machen wollte. Boleslaw, der sich weniger unglücklich fühlte als ich, bot mir meinen Antheil an der armseligen Mahlzeit. Ich wollte nicht essen; er drang vergebens in mich, das Leben war mir eine unerträgliche Last geworden. »Ach, leben Sie doch,« sagte er endlich unter einem Strom von Thränen zu mir, »leben Sie! wenn auch nicht für Boleslaw, so doch für Lodoiska.« Diese Worte machten den lebhaftesten Eindruck auf mich und belebten meinen Muth auf's neue. Die Hoffnung zog wieder in mein Herz, ich umarmte meinen treuen Diener. »O, mein Freund!« rief ich entzückt, »o, mein wahrer Freund! ich habe Dich zu Grunde gerichtet, und bekümmere mich mehr um mein Unglück; wolle der gerechte Himmel mir bald meine Reichthümer und meinen Rang zurückgeben, um Dir zu beweisen, dass Dein Herr kein Undankbarer ist.« Wir umarmten uns auf's neue. Ach, lieber Faublas, wenn Sie wüssten, wie das Unglück die Menschen einander nahe bringt! wie süß ist es, im Augenblicke der Noth von einem Anderen, der gleich uns im Unglück ist, ein Wort des Trostes zu vernehmen. Wir hatten ungefähr zwölf Tage in diesem Gefängnisse geschmachtet, als man die Thüre öffnete, um mich vor Durlinski zu führen. Boleslaw wollte mich begleiten, wurde aber zurückgestoßen, dennoch erlaubte man mir einen Augenblick mit ihm zu sprechen. Ich zog einen Ring, den ich seit mehr als zehn Jahren trug, vom Finger und sagte zu Boleslaw: »Diesen Ring habe ich von Herrn von P... zur Zeit unserer gemeinschaftlichen Studien in Warschau erhalten; nimm ihn, mein Freund, und behalte ihn um meinetwillen. »Wenn Durlinski heute durch meine Ermordung seinen Verrath vollendet und Dir dann erlaubt, das Schloss zu verlassen, so suche Deinen König auf und zeige ihm diesen Edelstein. »Erinnere ihn an unsere alte Freundschaft, erzähle ihm mein Unglück; er wird Dich belohnen; er wird Lodoiska Hilfe schicken. Lebe wohl, mein Freund!« Man führte mich in Durlinski's Zimmer; sobald sich die Thüre öffnete, erblickte ich auf einem Lehnstuhl eine ohnmächtige Frau; ich trat näher, es war Lodoiska. Mein Gott, wie sehr hatte sie sich verändert! aber wie schön war sie bei alldem noch! »Unmensch!« sagte ich zu Durlinski. Die Stimme ihres Geliebten brachte Lodoiska wieder zur Besinnung. »Ach, mein theuerer Lowzinski! Weißt Du, was der Ehrlose mir vorschlägt? weißt Du, um welchen Preis er mir Deine Freiheit bietet?« »Ja,« rief Durlinski, »ja, das verlange ich! Du hast Dich jetzt wohl überzeugt, dass er in meiner Gewalt ist? wenn Du noch in drei Tagen auf Deiner Weigerung bestehst, so ist er in drei Tagen todt.« Ich wollte mich zu Lodoiska's Füßen werfen, meine Wärter verhinderten es. »Endlich sehe ich Dich wieder, meine angebetete Lodoiska, alle meine Leiden sind vergessen. Der Tod hat nichts Schreckliches mehr für mich.« Mich zu Durlinski wendend sage ich: »Du Elender, bedenke, dass Pulawski seine Tochter, bedenke, dass der König seinen Freund rächen wird!« »Man führe ihn hinaus!« schrie Durlinski. »Ach,« sagte Lodoiska, »meine Liebe hat Dich zu Grunde gerichtet.« Ich wollte antworten; man führte mich in mein Gefängnis zurück. Boleslaw empfieng mich mit unbeschreiblicher Freude; er gestand mir, er habe mich bereits verloren geglaubt; ich erzählte ihm, wie mein Tod nur aufgeschoben sei. Die Scene, die ich soeben erlebte, hatte meinen ganzen Verdacht bestätigt; es war klar, dass Pulawski von der unwürdigen Behandlung, die seiner Tochter widerfuhr, nichts wusste. Durlinski, der in sie verliebt und eifersüchtig war, wollte seine Leidenschaft um jeden Preis befriedigen. Indes waren von den drei Tagen, die Durlinski meiner Lodoiska Bedenkzeit gelassen hatte, zwei verstrichen, und die Nacht auf den dritten bereits zur Hälfte vorüber; ich konnte nicht schlafen und gieng mit großen Schritten in meinem Zimmer auf und ab. Plötzlich hörte ich den Ruf: »Zu den Waffen!« Ein schreckliches Geheul erhob sich von allen Seiten um das Schloss. Die vor unser Fenster aufgestellte Schildwache verlässt ihren Posten, Boleslaw und ich unterscheiden die Stimme Durlinski's; er ruft seine Leute und feuert sie an; wir hören deutlich das Getöse der Waffen, das Stöhnen der Verwundeten und der Sterbenden. Der anfangs gewaltige Lärm lässt eine Zeit nach, dann fängt er auf's neue an und dauert länger; man ruft: Sieg! eine Menge Leute stürmen herein und schließen die Thore mit Gewalt hinter sich zu. Auf einmal folgt auf den entsetzlichen Lärm eine bange Stille; bald kommt ein dumpfes Gebrause an unsere Ohren, die Nacht wird weniger finster, die Bäume im Garten färben sich gelb und röthlich; wir stiegen ans Fenster. Die Flammen verzehren Durlinski's Schloss; sie schlugen von allen Seiten an das Zimmer, in dem wir uns befanden, und um unsere Verzweiflung vollständig zu machen, hörten wir ein durchdringendes Geschrei aus dem Thurme, in dem sich, wie ich wusste, Lodoiska befand.« V. Kapitel Hier wurde Herr Duportail durch den Marquis von B... unterbrochen, der, als er im Vorzimmer keinen Bedienten traf, unangemeldet eintrat. Er gieng einige Schritte zurück, als er mich sah. »Ah! ah!« sagte er, Herrn Duportail grüßend. »Sie haben auch einen Sohn?« Dann sich zu mir wendend: »Der Herr ist offenbar der Bruder?« »Von meiner Schwester, ja, mein Herr.« »Sie haben eine sehr liebenswürdige, eine bezaubernde Schwester!« »Sie sind eben so gütig als nachsichtig,« fiel Herr Duportail ein. »Nachsichtig! oh, das bin ich nicht; zum Beispiel, ich bin hierher gekommen, um ihnen Vorwürfe zu machen, mein Herr.« »Mir! sollte ich das Unglück gehabt haben – ?« »Ja, mein Herr, Sie haben uns vorgestern sehr beleidigt.« »Wie, Herr Marquis?« »Sie haben den jungen Rosambert beauftragt, uns Ihr Fräulein Tochter zu entreißen; die Marquise zählte darauf, Ihre liebe Tochter werde die Nacht bei ihr zubringen.« »Ich fürchtete, meine Tochter möchte Sie genieren.« »Nicht im mindesten, mein Herr! Fräulein Duportail ist bezaubernd und meine Frau ist in sie vernarrt, wie ich Ihnen schon einmal gesagt habe.« »Wahrhaftig,« sagte er lächelnd hinzu, »ich glaube, die Marquise liebt das Kind mehr als mich selbst. Und ich bin doch ihr Gemahl! »Wenn Sie nur selbst gekommen wären, um sie abzuholen!« »Verzeihen Sie, mein Herr, ich war unwohl, ich bin es auch noch jetzt, ich weiß, dass ich Madame von B... Dank schuldig bin.« »Nicht deswegen!« (Der Marquis betrachtete mich mit einer Aufmerksamkeit, die mich unruhig machte.) »Wissen Sie auch,« sagte er endlich zu mir, »dass Sie sehr große Ähnlichkeit mit Ihrer Fräulein Schwester haben?« »Mein Herr, Sie schmeicheln mir.« »Ja, es ist auffallend. Gehen Sie, gehen Sie, ich verstehe mich gut darauf; alle meine Freunde sagen, dass ich ein Physiognom bin. Ich frage Sie selbst: ich hatte Sie nie gesehen, und habe Sie sogleich erkannt.« Herr Duportail konnte nicht umhin, mit mir über die Aufrichtigkeit des Marquis zu lachen. »Mein Herr,« sagte er zu ihm, »das kommt davon her, dass, wie Sie sehr richtig bemerkt haben; mein Sohn und meine Tochter einander ähnlich sind; man muss gestehen, dass es ein Familiengesicht gibt.« »Ja,« antwortete der Marquis, mich fortwährend anblickend, »dieser junge Mensch ist hübsch; aber seine Schwester ist hübscher. (Er faßte mich beim Arm.) Sie ist etwas größer; sie sieht gesetzter aus, obschon sie auch ein wenig schelmisch ist; es ist ganz ihr Gesicht; aber Sie haben in Ihren Zügen etwas Kühneres, Sie haben weniger Anmuth in der Haltung, und in der ganzen Bildung etwas ... Nervigeres, Rauheres. Oh! ja, doch; nehmen Sie es nicht übel; ein Jüngling darf nicht so gebaut sein wie ein Mädchen. (Herr Duportail's Phlegma konnte sich gegen die letzten Worte nicht halten; der Marquis sah uns lachen, und lachte aus vollem Halse mit.) Oh! fuhr er fort, ich habe Ihnen schon gesagt, ich bin ein großer Physiognom; aber werde ich das Glück nicht haben, die liebe Schwester zu sehen?« Herr Duportail antwortete schnell: »Nein, mein Herr, sie ist ausgegangen und macht ihre Abschiedsbesuche.« »Ihre Abschiedsbesuche?« »Ja, mein Herr, sie geht morgen früh wieder in ihr Kloster.« »In ihr Kloster! zu Paris?« »Nein, zu Soissons.« »Morgen früh! dieses liebe Kind verlässt uns?« »Es ist nothwendig, mein Herr.« »Und ohne Zweifel wird sie sich auch von meiner Frau verabschieden?« »Ganz gewiss, Herr Marquis, sie muss in diesem Augenblick bei Ihnen sein.« »Ach, wie bedauere ich! heute früh war die Marquise noch krank und heute Abend wollte sie ausgehen; ich habe ihr vorgestellt, dass es kalt sei; aber die Frauen wollen, was sie wollen; sie ist ausgegangen; nun gut, um so schlimmer für sie, sie wird Ihre liebe Tochter nicht sehen, und ich werde sie sehen, denn sie wird doch gewiss bald zurückkommen.« »Sie hat mehrere Besuche zu machen,« sagte ich zum Marquis. »Ja,« fügte Herr von Duportail hinzu, »wir erwarten sie erst zum Nachtessen.« »Man speist also hier zu Nacht? Sie haben Recht, alles hat die Wuth, abends nichts zu essen! aber ich mag nicht Hunger sterben, weil es Mode ist. Sie speisen zu Nacht! nun gut, ich bleibe da; ich speise mit Ihnen. Sie werden sagen, ich nehme mir viele Freiheit heraus, aber ich bin nun einmal so und wünsche, dass man es bei mir eben so mache; wenn Sie mich einmal kennen werden, dann werden Sie sagen, dass ich ein guter Teufel bin.« Jetzt war nicht mehr auszuweichen. Herr Duportail hatte sich schnell besonnen. »Ich bin äußerst erfreut, Herr Marquis, dass Sie die Güte haben wollen, unser Gast zu sein. Nur werden Sie erlauben, dass mein Sohn uns auf eine oder zwei Stunden verlässt, er hat einige dringende Geschäfte.« »Mein Herr, ich bitte, dass man sich wegen meiner nicht geniert, er verlasse uns, aber er muss auch wiederkommen; denn er ist sehr liebenswürdig.« »Sie werden auch erlauben, dass ich Sie einen Augenblick verlasse, um nur ein paar Worte zu ihm zu sagen?« »Thun Sie, wie wenn ich nicht hier wäre.« (Ich grüßte den Marquis, er stand plötzlich auf, fasste mich bei der Hand und sagte zu Herrn Duportail:) »Sehen Sie, mein Herr, Sie mögen sagen, was Sie wollen, dieser junge Mensch da gleicht seiner Schwester wie ein Ei dem andern! Ich verstehe mich auf Gesichter.« »Ja, mein Herr,« antwortete Herr Duportail, »es gibt ein Familiengesicht.« Mit diesen Worten führte er mich in ein anderes Zimmer. »Wahrhaftig,« sagte er. »Es ist ein wunderlicher Kauz, Ihr Marquis, er geniert sich nicht bei denen, die er liebt.« »Es ist wahr, der Marquis drängt sich uns auf; aber was mich anbelangt, so kann ich mich nicht beklagen; ich habe mich in seinem Hause sehr gut befunden.« »Was Sie anbelangt, allerdings; aber Spass bei Seite! wie kommen wir aus der Geschichte heraus? Wenn ich nur ihn im Auge hätte, so wäre die Sache bald im Reinen; aber mein Freund, Sie haben wegen seiner Frau Rücksichten zu beobachten. »Hören Sie, gehen Sie in Ihr Haus und lassen Sie Ihren Lakai irgend eine Livree anziehen, dann meldet er uns, Fräulein Duportail speise bei Frau von ...; der erste beste Name, der Ihnen einfällt.« »Nun gut, und dann? Der Marquis wird dennoch bei Ihnen bleiben und ruhig die Rückkehr Ihrer Tochter erwarten; so ist er nun einmal, er hat es ja selbst gesagt.« »Was nun machen?« »Ich mache so gut Ihre Tochter! ich will Damenkleider anziehen und Ihre Tochter speist wirklich mit Ihnen zu Nacht. »Dagegen wird Ihr Sohn aufgehalten und kann nicht kommen. Es ist sechs Uhr, bis zehn Uhr bin ich wieder da, ich habe Zeit.« »Sie müssen doch gestehen, dass Lowzinski hier eine sonderbare Rolle spielt. Sie haben mich in ein Abenteuer verwickelt! Doch ich kann jetzt nichts mehr dagegen sagen; gehen Sie schnell und kommen Sie wieder.« Ich eilte ins Hotel. Jasmin sagte mir, mein Vater sei ausgegangen, und ein sehr hübsches Fräulein wartet seit mehr als einer Stunde auf mich. »Ein hübsches Fräulein, Jasmin?« Wie ein Blitz war ich in meinem Zimmer. »Ah, Justine, Du bist's? Jasmin sagte mir, es sei ein hübsches Fräulein!« Ich umarmte Justine. »Sparen Sie das für meine Gebieterin.« »Für Deine Gebieterin, Justine? Du gibst ihr nichts nach.« »Wer hat Ihnen das gesagt?« »Ich glaube es, und es kommt bloß auf Dich an, dass ich mich davon überzeugen kann,« und ich umarme sie und Justine lasst mich gewähren, indem sie wiederholt: »Sparen Sie das für meine Gebieterin. Mein Gott, wie schön sind Sie in diesen Kleidern.« »Diesen Abend zum letzten Mal, Justine, nachher werde ich immer Mann sein ... zu Deinen Diensten, schönes Kind.« »Zu meinen Diensten? oh nein, zu den Diensten meiner Gebieterin.« »Und zugleich zu Deinen, Justine.« »Wie? Sie brauchen also zwei?« »Ich fühle, meine Theuerste, dass es nicht zu viel ist.« Ich umarmte Justine, und meine Hände ergiengen sich über einen schneeweißen Hals, der fast nicht vertheidigt wurde. »Doch seht, wie keck er ist!« sagte Justine; »wo ist denn die Verschämtheit des Fräulein Duportail geblieben?« »Ach, Justine, Du weißt nicht, wie eine Nacht mich verändert hat.« »Diese Nacht hat auch meine Gebieterin sehr verändert; am andern Morgen war sie blaß, abgemattet! Mein Gott! ich sah es wohl, und konnte leicht errathen, dass Fräulein Duportail ein sehr wackerer junger Mann war!« »Wenn ich Dir sage, Justine, dass zwei für mich nicht zu viel sind.« Ich wollte sie umarmen; diesmal vertheidigte sie sich zurückweichend. Mein Bett stand hinter ihr, sie fiel rücklings darauf und in Folge eines Unglücks, das man vielleicht erwartet, verlor sie das Gleichgewicht. Einige Minuten später fragte mich Justine, die sich sehr beeilte ihre Kleider wieder in Ordnung zu bringen, was ich von dem Streiche dachte, den sie dem Marquis gespielt hätte. »Wie so, mein Kind?« »Wissen Sie noch, der Zettel auf dem Rücken seines Dominos, was halten Sie davon?« »Vortrefflich! herrlich! fast so schön als der Streich, den wir soeben der Marquise spielten.« »Apropos, mein Auftrag! meine Gebieterin erwartet Sie ...« »Sie erwartet mich? ich eile.« »Da seht doch, wie vorschnell! und wohin wollen Sie gehen?« »Justine, Du siehst ein –« »Ich sehe ein, dass Sie ein ausgelassener Wüstling sind.« »Hier, Justine, schließen wir Frieden; ein Louisd'or und einen Kuss.« »Ich nehme den einen sehr gerne und gebe den andern vom Herzen. Der herrliche Junge! hübsch, lebhaft und großmüthig! Oh! Sie werden es weit bringen in der Welt! aber jetzt müssen wir gehen; folgen Sie mir in einiger Entfernung, aber so, dass es nicht auffällt; Sie werden mich in ein Geschäft gehen sehen, nebenan ist eine kleine Thüre, die Sie halb offen finden werden. Sie gehen hinein; ein Portier wird Sie fragen, wer Sie sind. Sie antworten: Die Liebe! Sie steigen zwei Treppen hoch, bis Sie auf einer kleinen weißen Thüre das Wort: »Paphos« lesen. Sie öffnen mit diesem Schlüssel hier und werden nicht lange allein sein.« Ehe ich ausgieng, befahl ich Jasmin, eine andere Livree als die vom Hause anzuziehen, und Herrn Duportail, als Auftrag des Herrn Saint-Luc, zu melden, dass sein Sohn zum Abendessen nicht nach Hause kommen werde. Indes wurde Justine ungeduldig, ich folgte ihr, sie trat zu einer Modehändlerin, ich eilte zu der Nebenthür hinein. Die »Liebe«, rief ich dem Portier zu, und mit einem Sprung war ich in Paphos. Ich öffnete und trat ein; das Zimmer schien mir der Göttin, die hier verehrt wurde, sehr würdig. Einige wenige Wachskerzen verbreiteten eine angenehme Helle; ich sah reizende Gemälde, ebenso elegante als bequeme Möbel, vor allem aber bemerkte ich eine vergoldete Alcoven mit Spiegelthüren, ein elastisches Bett von schwarzem Atlas, der eine schöne weiße Haut ungemein heben musste. Ich erinnerte mich, dass ich Herrn Duportail versprochen hatte, die Marquise nicht wieder zu sehen, aber man wird wohl errathen, dass diese Erinnerung zu spät kam. Auf einmal öffnete sich eine Thüre, die ich nicht bemerkt hatte, und die Marquise trat ein. Mich in ihre Arme stürzen, sie mit Küssen bedecken, in den Alcoven tragen, auf das elastische Bett legen und in süßer Entzückung mit ihr darauf sinken, war das Werk eines Augenblicks. Die Marquise kam mit mir wieder zur Besinnung. Ich fragte sie, wie sie sich befände? »Was, Sie da?« antwortete sie erstaunt. Ich wiederholte: »Liebste Mama, wie befinden Sie sich?« Sie brach in ein schallendes Gelächter aus: »Ich glaubte falsch gehört zu haben; die Frage ist vortrefflich! Wenn ich mich nicht wohl befände, würden Sie zu spät darnach fragen. Meinen Sie, eine solche Behandlung sei für eine kranke Person? lieber Faublas,« setzte sie mich zärtlich umarmend hinzu, »Sie sind sehr lebhaft.« »Liebstes Mütterchen, weil ich heute eine Menge Sachen weiß, die ich vor drei Tagen noch nicht wusste.« »Fürchten Sie den Unterricht so bald wieder zu vergessen, Schelm?« »Oh, nein!« sagte ich ihren schönen Busen küssend. »Ich glaube es Ihnen gern, Herr Bruder Liederlich« (sie umarmte mich). »Versprechen Sie mir, diese Wissenschaft nur bei mir auszuüben.« »Ich verspreche es Ihnen, liebstes Mütterchen.« »Sie schwören, treu zu sein.« »Ich schwöre, ewig will ich treu sein!« »Aber sagen Sie mir doch, warum haben Sie mich so lange warten lassen. Undankbarer?« »Ich war nicht zu Hause, ich hatte bei Herrn Duportail gespeist.« »Bei Herrn Duportail? hat er von mir gesprochen?« »Ja.« »Ich hoffe. Sie haben ihm die Tollheit nicht erzählt?« »Nein, liebe Mama.« Sie fuhr in sehr ernstem Tone fort: »Sie haben ihm doch gesagt, dass ich, wie der Marquis, durch den Schein getäuscht wurde?« »Ja, Mama.« »Und dass ich es noch bin?« setzte sie mit zitternder Stimme hinzu, indem sie mir zugleich den zärtlichsten Kuss gab. »Herrliches Kind,« rief sie, »so muss ich Dich denn anbeten!« »Wenn Sie keine Undankbare sind, so werden Sie es wohl müssen.« Diese Antwort trug mir eine Menge Liebkosungen ein. Da ihre Unruhe noch nicht ganz beschwichtigt war, fuhr sie erröthend fort: »Sie haben also Herrn Duportail versichert, dass ich Sie für ein Mädchen halte?« »Ja.« »Sie können also lügen?« »Habe ich gelogen?« »Ich glaube, der Schelm macht sich über seine Mama lustig!« Ich stellte mich, als wollte ich fliehen, sie hielt mich zurück. »Bitten Sie auf der Stelle um Verzeihung.« Ich bat sie darum, als ob ich ihrer schon gewiss wäre. Der Streit erhitzte sich, der Friede wurde unterzeichnet. »Sind Sie nicht mehr böse?« sagte ich zur Marquise. »Gut,« antwortete sie lachend, »hält wohl der Zorn einer Liebenden gegen solche Mittel Stand?« »Liebstes Mütterchen, ich genieße bei Ihnen herrliche Augenblicke! Wissen Sie auch, wem Sie das zu verdanken haben?« »Erklären Sie sich, lieber Freund.« »Ich wusste nichts von dem Glück, das Sie mir zugedacht haben, und wäre noch bei Herrn Duportail, wenn Ihr werter Gemahl nicht gekommen wäre, ihm einen Besuch zu machen.« »Er hat Sie bei Herrn Duportail gesehen?« Jetzt erzählte ich meiner schönen Freundin alles, was sich in Folge des Besuches des Marquis zugetragen hatte. Sie zwang sich sehr, um nicht zu lachen. »Der arme Marquis,« sagte sie, »über ihn waltet das unglückseligste Gestirn! man sollte glauben, er gehe absichtlich darauf aus, sich lächerlich zu machen. Eine Frau ist sehr unglücklich, lieber Faublas, wenn sie einen Gemahl hat, der als Einfaltspinsel gelten kann.« »Es scheint mir aber, liebste, theuerste Mama, dass Sie nicht so sehr zu beklagen sind, denn es scheint mir, als wäre in diesem Falle das Unglück auf Seite des Gemahls.« »Ach!« antwortete sie ernsthaft. »Man leidet bisweilen durch die Erniederungen, die dem Gemahl widerfahren.« »Man leidet oft, ich glaube es gerne, aber benützt man sie nicht auch hie und da?« »Faublas, Sie bekommen Schläge! aber sagen Sie einmal, Sie müssen mit dem Marquis zu Nacht speisen und haben kein Kleid, und dann, wollen Sie mich denn so bald wieder verlassen?« »So spät als möglich, schöne Mama.« »Sie können sich hier ankleiden.« Bei diesen Worten rief sie Justine herbei: »Geh,« sagte sie zu ihr, »hole eines von meinen Kleidern, mir müssen das Fräulein anziehen.« Ich schloss die Thür hinter Justine, die mir eine kleine Ohrfeige gab; die Marquise bemerkte es nicht. Ich setzte mich wieder neben sie. »Sind Sie auch sicher, dass Ihre Kammerfrau nicht schwatzt?« »Mein Freund, ich gebe ihr für ihr Schweigen weit mehr, als sie für ihr Plaudern erhalten würde. Ich konnte Sie nicht in meinem Hause empfangen, und musste deshalb entweder dem Vergnügen, Sie zu sehen, entsagen, oder mich entschließen, eine Unvorsichtigkeit zu begehen; lieber Faublas, ich habe keinen Anstand genommen, reizendes Kind! es ist die erste Thorheit, die Du mich begehen machst!« Sie nahm meine Hand, küsste sie und bedeckte ihre Augen damit. »Liebste Freundin, Sie wollen mich nicht mehr sehen?« »Ach! immer und überall,« rief sie, »oder ich hätte Dich nie sehen sollen.« Meine Hand, die soeben noch ihre Augen bedeckte, war jetzt an ihr Herz gedrückt. Es klopfte gewaltig, ihre langen Augenwimpern hiengen voll Thränen, und ihr reizender Mund, an den meinigen gedrückt, verlangte nach einem Kusse; er erhielt tausend. Ein verzehrendes Feuer brannte in meinen Adern; ich glaubte, es würde getheilt, und wollte es löschen; allein meine glücklichere Geliebte, in den Wonnerausch einer zärtlichen Herzensergießung versunken, genoss die unaussprechlichen Freuden, die aus der Seele kommen. »Dich nicht mehr sehen!« versetzte sie, »das wäre so viel, als nicht mehr leben; ich lebe erst seit einigen Tagen.« »Angebetete Freundin, ich erlaube mir eine vielleicht unbescheidene Frage: bei wem sind wir hier?« Diese Frage riss die Marquise aus ihrer Entzückung. »Bei wem wir sind? Bei einer meiner Freundinnen. Diese Freundin liebt. Die Liebe hat diesen reizenden Ort geschaffen, er ist für ihren Geliebten.« »Und für den Ihrigen, himmlisches, vergöttertes Mütterchen.« »Ja, theuerer Freund, sie hat die Güte gehabt, das Boudoir mir auf diesen Abend einzuräumen.« »Diese Thüre, zu der Sie hereingetreten sind, führt in ihr Zimmer, ist es nicht so, theuere Freundin? »Aber noch eine Frage: Sie waren vorgestern krank, Herr von Rosambert –« »Sprechen Sie nichts von ihm! Rosambert ist ein Unwürdiger, dem es nicht darauf ankommt, mir tausend boshafte Streiche zu spielen und Ihnen tausend Lügen aufzubinden. Sobald er sieht, dass Sie ihm glauben, wird er dreist behaupten, er habe die ganze Welt gehabt. Wenn er bloß geckenhaft wäre, so könnte man ihm verzeihen, allein sein boshaftes Betragen gegen mich wäre, wenn ich es auch verdient hätte, jedenfalls nie zu entschuldigen. »Ich habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen! Doch lassen wir das, wenn ich nur Dich sehe, theuerer Freund, so denke ich nicht mehr an das, was ich um Deinetwillen gelitten habe. Wie schön er in seinen Manneskleidern ist! wie hübsch, wie reizend! nur schade,« setzte sie leichtfertig hinzu, »dass Sie das alles zurücklassen müssen! Vorwärts, Herr von Faublas, machen Sie dem Fräulein Duportail Platz.« Mit diesen Worten riss sie mir alle Knöpfe meiner Weste auf. Ich rächte mich an einem verrätherischen Busentuche, das ich schon sehr in Unordnung gebracht hatte und jetzt ganz entfernte. Sie setzte den Angriff fort, ich gefiel mir in der Rache; wir nahmen einander fast Alles, ohne etwas zurückzugeben. Ich zeigte der Marquise das glückliche Kabinet, und diesmal ließ sie sich hineinführen. Man klopfte leise an die Thüre; es war Justine. Ich musste ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen, diesmal hatte sie ihren Auftrag schnell vollzogen. Obschon nicht zum anständigsten gekleidet, wollte ich der Zofe sogleich öffnen; die Marquise zog an einer Schnur, die Vorhänge fielen vor uns, und die Thüre öffnete sich von selbst »Gnädige Frau, das ist Alles, was Sie brauchen; soll ich das Fräulein ankleiden helfen?« »Nein, Justine, das will ich besorgen, aber Du wirst sie frisieren, wenn ich Dir läute.« Justine gieng hinaus; wir ergötzten uns noch einige Zeit. »Vorwärts,« sagte die Marquise mich umarmend, »ich muss meine Tochter ankleiden.« Ich wollte den Augenblick unserer Trennung durch einen letzten Sieg bezeichnen. »Nein, nein, lieber Freund,« entgegnete sie, »man muss nichts missbrauchen.« Meine Toilette begann; während die Marquise sich ernstlich damit beschäftigte, ergötzte ich mich an anderen Sachen. »Wollen Sie jetzt nicht aufhören?« sagte meine schöne Geliebte. »Sie müssen jetzt klug werden, Sie sind ein Mädchen.« Ich hatte einen Unterrock und ein Korset angezogen. »Liebstes Mütterchen, Justine muss mich vorher frisieren, dann wird sie mich vollends ankleiden.« (Ich wollte läuten.) »Wie unbesonnen! sehen Sie nicht, in welchen Zustand Sie mich versetzt haben; muss ich mich nicht vorher ankleiden?« Ich bot der Marquise meine Dienste an und machte Alles verkehrt. »Theuerster Engel, man braucht mehr Zeit zum Aufbauen, als zum Einreißen.« »O ja! ich sehe es wohl! was habe ich für eine Kammerfrau! sie ist noch mehr vorwitzig als ungeschickt.« Endlich läuteten wir der Justine. »Kleine, Du musst das Kind frisieren.« »Ja, gnädige Frau; aber soll ich nicht auch Ihre Haare ordnen?« »Warum doch, sind sie verwirrt?« »Ja, gnädige Frau, ich glaube ein wenig.« Die Marquise öffnete einen Schrank und legte meine Mannskleider hinein. »Morgen früh,« sagte sie, »wird ein verschwiegener Bote Ihnen dies alles bringen.« Man setzte einen Toilettentisch vor mich, und jetzt ließ Justine ihre kleinen leichten Finger in meinen Haaren spielen. Die Marquise setzte sich neben mich und sagte: »Fräulein Duportail, erlauben Sie, dass ich Ihnen meine Aufwartung mache.« »Ja, ja,« fiel Justine ein, »bis Herr von Faublas Ihnen wieder die seinige macht.« »Was sagte die Naseweise?« versetzte die Marquise. »Sie sagt, dass ich Sie sehr liebe!« »Hat sie Recht, Faublas?« »Zweifeln Sie noch?« und ich küsste ihr die Hand; dies missfiel Justine offenbar. »Die verdammten Haare!« sagte sie, mich heftig zupfend, »wie sie verwirrt sind!« »Ach! Justine, Du thust mir weh!« »Achten Sie nicht darauf, mein Herr, denken Sie an Ihre Sachen. Madame spricht mit Ihnen.« »Ich sage kein Wort, Kleine,« sagte die Marquise, »ich sehe Fräulein Duportail nur an. Du machst sie recht hübsch.« »Damit sie der gnädigen Frau besser gefällt.« »Ich glaube, Kleine, dies amüsiert Dich im Grunde; Fräulein Duportail gefällt Dir nicht übel?« »Gnädige Frau, Herr von Faublas gefällt mir noch weit besser.« »Sie ist doch wenigstens aufrichtig,« sagte die Marquise. »Sehr aufrichtig, gnädige Frau, fragen Sie nur ihn selbst.« »Mich, Justine? ich weiß von nichts.« »Sie lügen, mein Herr, Sie wissen wohl, dass, wenn es etwas für Sie zu thun gibt, ich immer bereit bin, wenn Madame mich zu Ihnen schickt, husch, bin ich fort!« »Ja,« fiel die Marquise ein, »aber Du kommst nicht zurück.« »Gnädige Frau, heute ist es nicht meine Schuld, er hat mich warten lassen.« (Hier kitzelte mich Justine sanft am Hals, während sie mir eine Locke drehte.) Nun trat eine kleine Pause ein; meine schöne Freundin hatte eine von meinen Händen in den ihrigen, die schelmische Zofe beschäftigte die andere, indem sie mich das Ende von dem Bande halten ließ, womit sie meine Haare knüpfen wollte; sie benützte diesen Augenblick, mir etwas Pomade ins Gesicht zu schmieren. »Kleine, Sie sind heute sehr ausgelassen, ich werde Sie nicht mehr zu ihm schicken.« »Ist es gefährlich, gnädige Frau? ich fürchte mich nicht vor ihm.« »Aber Justine, Du weißt nicht, wie gefährlich, ich wollte sagen, wie lebhaft er ist.« »O ja, gnädige Frau.« »Sie wissen es, Justine?« »Ja, gnädige Frau, Madame erinnert sich noch des Abends, an dem dieses schöne Fräulein bei uns übernachtete, ich erbot mich sie auszukleiden, Madame wollte es nicht haben.« »Allerdings, sie sah so verschämt, so schüchtern aus! wer hätte sich nicht täuschen lassen sollen? ich weiß nicht, wie ich ihm verzeihen konnte.« »Ja, Madame ist so gütig. Gnädige Frau, ich sagte, dass Sie es nicht zugeben wollten, Fräulein Duportail entkleidete sich hinter den Vorhängen; ich kam zufällig an ihr vorbei in demselben Augenblicke, wo sie das letzte Unterröckchen fallen ließ ...« »So sag es doch vollends heraus,« rief ich ihr zu. »O nein, dies wage ich nicht zu sagen.« »Sprich,« sagte die Marquise ihr Gesicht mit dem Fächer bedeckend. »Sie sprang so sonderbar und so unvorsichtig, dass ich merkte ...« »Was, Justine,« unterbrach sie die Marquise in beinahe ernstem Tone, »Sie merkten, dass es ein junger Mann war, und haben es mir nicht gesagt?« »Gut! Madame, wie konnte ich? Ihre Frauen im Zimmer, der Marquis im Begriff einzutreten? dies hätte einen schönen Lärm gegeben. Und dann wusste es die gnädige Frau vielleicht.« Bei den letzten Worten erblasste die Marquise. »Sie werden unverschämt, Mädchen; wissen Sie, dass, wenn ich mich auch einmal vergesse, ich nicht will, dass man sich gegen mich vergisst.« Der Ton, womit diese Worte gesprochen wurden, machte die arme Justine zittern; sie entschuldigte sich, so gut sie konnte. »Ich scherzte, gnädige Frau.« »Ich will es glauben, Mädchen; wenn ich denken könnte. Sie hätten im Ernst gesprochen, so würde ich Sie auf der Stelle fortschicken.« Justine fieng an zu weinen. Ich suchte die Marquise zu besänftigen. »Gestehen Sie,« sagte diese zu mir, »dass sie mir eine Unverschämtheit gesagt hat! Diese Voraussetzung zu wagen! mir in's Gesicht und in Ihrer Gegenwart zu sagen sich erfrechen, ich hätte gewusst ...« (sie nahm meine Hand und drückte sie sanft). »Mein theuerer Faublas, mein lieber Freund, Sie wissen, wie dies alles zugegangen ist; Sie wissen, ob meine Schwachheit zu entschuldigen ist. Ihre Verkleidung täuscht jedermann. Ich sehe auf dem Ball ein junges Fräulein, hübsch, voll Geist und Feuer, für das ich sogleich große Zuneigung fasse; es speist in meinem Hause zu Nacht, schläft daselbst, alles begibt sich zur Ruhe. Das liebenswürdige Fräulein liegt in meinem Bette, an meiner Seite! Es zeigt sich, dass es ein reizender Jüngling ist! So weit hat der Zufall, oder vielmehr die Liebe Alles gethan. Nachher bin ich allerdings sehr schwach gewesen, aber welche Frau hätte an meiner Stelle widerstanden? Am anderen Tage freue ich mich über den Zufall, der mein Glück gemacht hat und es sichert. Faublas, Sie kennen den Marquis; man hat mich gegen meinen Willen verheiratet, man hat mich aufgeopfert. Welche Frau könnte Entschuldigung hoffen, wenn man mich streng beurtheilen wollte?« Ich sah, dass der Marquise Thränen in die Augen traten, ich suchte sie durch den zärtlichsten Kuss zu trösten und wollte sprechen. »Noch einen Augenblick,« sagte sie, »noch einen Augenblick, mein Freund! am anderen Tage vertraue ich diesem Mädchen mein wunderbares Abenteuer an, ich sage ihr Alles! Faublas, sie hat das Geheimnis meines Lebens, mein theuerstes Geheimnis! sie scheint mich zu beklagen, mich zu lieben; aber nein, sie missbraucht mein Vertrauen, beschuldigt mich einer Abscheulichkeit, sagt mir es in's Gesicht!« Justine zerfloss in Thränen; sie sank ihrer Gebieterin zu Füßen und flehte zwanzigmal um Verzeihung. Ich verband meine Bitten mit den ihrigen, denn sie war tief gerührt. Die Marquise ließ sich erweichen. »Gehen Sie!« sagte sie, »gehen Sie, ich verzeihe Ihnen.« Justine küsste ihrer Gebieterin die Hand und entschuldigte sich auf's neue. »Genug,« sagte diese, »ich bin beruhigt, ich bin zufrieden; stehen Sie auf, Justine, und vergessen Sie nicht, dass, wenn Ihre Gebieterin Schwachheiten hat, man dennoch keine Laster bei ihr voraussetzen darf, dass es Ihre Pflicht ist, statt sie schuldig zu finden, sie vielmehr zu entschuldigen oder zu beklagen; und dass Sie endlich, wenn Sie sich nicht ihrer Güte unwürdig machen wollen, es niemals an Treue und Ehrerbietung fehlen lassen dürfen.« »Nun gut, meine Kleine,« setzte sie sehr gütig hinzu, »weine nicht, stehe auf, ich sage Dir, dass ich Dir verzeihe; vollende diese Frisur und es soll nie mehr die Rede davon sein.« Justine gieng wieder an ihr Geschäft und sah mich beschämt an. Die Marquise betrachtete mich schmachtend; wir sprachen alle drei kein Wort; meine Toilette kam nur um so geschwinder zu Stande; ich hatte zwei Kammerfrauen statt einer. Es war neun Uhr, mir mussten uns trennen und gaben uns den Abschiedskuss. »Gehen Sie, Schelm,« sagte die Marquise zu mir, »und schonen Sie meinen Gemahl; morgen werde ich Ihnen schreiben.« Vor dem Hause traf ich einen Fiaker; als ich einstieg, giengen zwei junge Herren vorbei; sie betrachteten mich sehr genau und erlaubten sich einige mehr plumpe als galante Spässe. Dies war mir auffallend; konnte wohl das Haus, aus dem ich kam, verdächtig sein? es gehörte ja einer Freundin der Marquise. Auch war meine Kleidung durchaus nicht die eines öffentlichen Mädchens! warum machten sich wohl diese Herren auf meine Rechnung lustig? offenbar schien es ihnen seltsam, dass eine schöne geputzte Dame ohne Domestiken abends um neun Uhr allein in einen Fiaker stieg. Während der Fahrt nahmen meine Betrachtungen eine ganz andere Richtung. Ich war allein und dachte an meine Sophie. Ich hatte ihr am Morgen nur einen kurzen Besuch gemacht; am Abend war bloß ein flüchtiger Augenblick ihrem Andenken geweiht worden; aber man muss mich entschuldigen, wenn man bedenkt, welche süße Genüsse mir eine bezaubernd schöne und wollüstige Frau verschafft hatte, auch will ich meine Leser versichern, dass Justine das anmuthigste Gesichtchen hat, besonders aber vergesse er nicht, dass Faublas seine Lehrzeit beginnt und kaum sechzehn Jahre zählt. Ich kam zu Herrn Duportail. Der Marquis empfieng mich mit tiefen Komplimenten und sagte sogleich, ob ich seine Gemahlin gesehen hätte. Sosehr es erlogen war, musste ich dennoch nein sagen. »Ich wusste es wohl,« sagte er. Herr Duportail unterbrach ihn: »Meine Tochter, Sie haben lange auf sich warten lassen, mir wollen uns sogleich zu Tische setzen.« »Ohne meinen Bruder?« »Er hat mir sagen lassen, dass er in der Stadt speise.« »Wie, am letzten Abend vor meiner Abreise?« »Schönes Fräulein, Sie haben mir nicht gesagt, dass Sie einen Bruder haben.« »Mein Herr, ich glaube es der Marquise gesagt zu haben.« »Sie hat mir nichts davon gesagt.« »Wirklich?« »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass sie mir nichts davon gesagt hat.« »Ich glaube es Ihnen, Herr Marquis.« »Ja, die Sache ist von Bedeutung; Ihr Herr Vater könnte glauben, ich stelle mich nur als Kenner, ohne es wirklich zu sein.« »Wie so?« »Mein Fräulein, Sie werden nie glauben, was mir begegnet ist. Sowie ich in das Zimmer trat, habe ich Ihren Herrn Bruder erkannt, den ich doch nie gesehen habe; fragen Sie Ihren Herrn Vater.« »Nun gut, mein Herr, sie haben ihn erkannt, aber die Frau Marquise?« »Hat mir nichts von ihm gesagt, das schwöre ich Ihnen.« »Wirklich?« »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.« »Aber doch Herr von Rosambert.« »Auch dieser nicht.« »Ich glaube doch gehört zu haben, dass er etwas ähnliches zu Ihnen gesagt hat.« »Kein Wort, das sich darauf bezöge, das betheuere ich Ihnen!« Und der Marquis wurde beinahe böse. »So habe ich mich also getäuscht! in diesem Falle, mein Herr, müssen Sie ein sehr großer Physiognom sein!« »Oh, ja, das ist wahr,« antwortete er mit außerordentlicher Freude; »niemand versteht sich auf die Physiognomie, wie ich.« Herr Duportail ergötzte sich an der Unterhaltung und sagte, damit sie nicht zu schnell ausgieng, zum Marquis: »Man muss aber glauben, ja vielmehr, man muss zugeben, dass es ein Familiengesicht gibt.« »Ich lasse es gelten,« versetzte dieser; »aber eben dieses Familiengesicht muss man sich genau merken und in den Zügen unterscheiden; dies macht den wahren Kenner aus; zwischen Vater, Mutter, Schwestern und Brüdern gibt es immer eine Familienähnlichkeit.« »Immer,« rief ich, »glauben Sie wirklich, mein Herr?« »Ob ich es glaube, ich weiß es sogar gewiß. Bisweilen ist diese Ähnlichkeit in die Haltung, die Manieren, die Blicke eingehüllt – eingehüllt, sage ich Ihnen, so eingehüllt, dass man sie nicht leicht merkt. Nun gut, ein Mann von Talent macht sie ausfindig. Ich entwirre sie, nun Sie verstehen?« »So, dass Sie, nachdem Sie mich gesehen hätten, meinen Vater hier aber nicht, ihn unter zwanzig Personen errathen hätten?« »Ihn! unter tausend wollte ich ihn erkannt haben!« Herr Duportail und ich fiengen an zu lachen. Der Marquis stand auf, verließ den Tisch, gieng auf Herrn Duportail zu, faßte mit einer Hand seinen Kopf und sagte, indem er mit dem Finger über das Gesicht meines angeblichen Vaters strich: »Lachen Sie doch nicht, mein Herr, lachen Sie ja nicht! hier, Fräulein, sehen Sie diesen Zug, der hier anfängt, da herüber geht und dann wiederkehrt; nun gut, sehen Sie (er kam auf mich zu) »Mein Herr, ich lasse mich nicht berühren« (er blieb stehen und strich mit seinem Finger, aber ohne mich zu berühren, über mein Gesicht). »Nun gut, Fräulein, dieser nämliche Zug hier, da und wieder dort, sehen Sie ihn?« »Aber mein Herr, wie soll ich ihn sehen können?« »Sie lachen! man muss nicht lachen, die Sache ist ernsthaft.« »Sie sehen ihn also doch, mein Herr?« »Ja wohl, ganz deutlich.« »Außerdem, mein Herr, gibt es Ähnlichkeiten, gewisse, geheime, verborgene. Sie wissen vielleicht nicht, was verborgene Beziehungen sind. Man darf sich nicht wundern, mein Fräulein! Ich sagte also, mein Herr, dass es verborgene Ähnlichkeiten gibt, nein, nicht Ähnlichkeiten, habe ich gesagt, es ist ein anderes Wort, o weh, ich weiß nimmer, wo ich bin, man hat mich unterbrochen.« »Sie haben von verborgenen Beziehungen gesprochen, mein Herr.« »Ach, ja, Beziehungen! Beziehungen! und ich will dies Ihnen, mein Herr, begreiflich machen; Sie werden es schon verstehen.« »Wie, Herr Marquis, ich glaube. Sie wollen mich beleidigen!« »Nein, mein schönes Fräulein, Sie können nicht Alles wissen, was Ihr Herr Vater weiß; aber ich bitte, lassen Sie mich Ihren Herrn Vater erklären.« »Mein Herr, die Väter und die Mütter machen bei der Erzeugung der Individuen Wesen, welche gleichen, welche geheime Beziehungen zu den Wesen haben, die gezeugt haben, weil die Mutter von ihrer Seite und der Vater von der seinigen –« »Bst! bst! Ich begreife Sie schon,« unterbrach ihn Herr Duportail. »Oh! sie versteht dies nicht,« antwortete der Marquis, »sie ist zu jung, und dennoch ist es klar, was ich Ihnen auseinandersetze, aber nur für Sie ist es klar. Diese Sachen da sind physisch, mein Herr; sie sind physisch bewiesen worden von großen Physikern, die sich sehr gut auf diese Dinge verstanden haben.« »Herr Marquis, warum sprechen Sie denn leise?« »Ich bin fertig, mein Fräulein, ich bin fertig; Ihr Herr Vater ist im Klaren.« »Sie verstehen sich auf Physiognomie, Herr Marquis; aber verstehen Sie sich auch auf Stoffe? was halten Sie von diesem Kleide da?« »Es ist sehr hübsch, sehr hübsch. Ich glaube, die Marquise hat ein ähnliches, ja ein ganz ähnliches.« »Von demselben Stoffe? Von derselben Farbe?« »Ob von demselben Stoffe, weiß ich nicht, aber die Farbe ist ganz die nämliche; es ist sehr hübsch und passt Ihnen vortrefflich.« Jetzt fieng er wieder an, mir Komplimente nach seiner Manier zu machen, während Herr Duportail, der leicht errieth, wem das Kleid gehörte, mir einen unzufriedenen Blick zusandte, in welchem ein Vorwurf zu liegen schien, dass ich das ihm gegebene Wort so schnell vergessen habe. Wir standen vom Tische auf, als mein wirklicher Vater, Herr von Faublas, der mich abzuholen versprochen hatte, hereintrat. Er verwunderte sich höchlich, seinen Sohn abermals verkleidet und den Marquis von B... bei Herrn Duportail zu finden. »Schon wieder!« sagte er mich streng anblickend; »und Sie, Herr Duportail, Sie haben die Güte –« »Ei! guten Abend, mein Freund; erkennen Sie nicht den Herrn Marquis von B..., er hat mir die Ehre erwiesen, bei mir zu Nacht zu speisen, um sich von meiner Tochter, die morgen abreist, zu verabschieden.« »Die morgen abreist?« versetzte der Baron, den Marquis frostig grüßend. »Ja, mein Freund, sie geht morgen in ihr Kloster zurück; wissen Sie es denn nicht?« »Ei, nein!« sagte der Baron mit Ungeduld, »ei, nein, ich weiß es nicht.« »Nun denn, mein Freund, so sage ich es Ihnen, sie reist ab.« »Ja, mein Herr,« fiel der Marquis ein, sich an meinen Vater wendend, »sie reist ab; ich bedauere es außerordentlich und meine Frau wird sehr betrübt darüber sein.« »Und ich, mein Herr,« antwortete der Baron, »ich bin sehr erfreut; es ist Zeit, dass dies aufhört,« setzte er mit einem Blick auf mich hinzu. Herr Duportail fürchtete, er möchte in Hitze gerathen, und zog ihn auf die Seite. »Wer ist doch dieser Mann da?« sagte der Marquis zu mir; »habe ich ihn nicht vor einigen Tagen hier gesehen?« »O, ja.« »Ich habe ihn sogleich wiedererkannt; denn sehen Sie, mein werter Freund, wenn ich einmal ein Gesicht gesehen habe, so behalte ich's so fest im Gedächtnis, dass es nie aus demselben verwischt werden kann; aber dieser Mann gefällt mir nicht; er sieht immer so verdrießlich aus. »Gehört er in Ihre Verwandtschaft?« »Gott bewahre!« »Oh! ich hätte doch gewettet, dass er nicht in die Familie gehört! es ist nicht die mindeste Ähnlichkeit zwischen Ihren Gesichtern vorhanden, das Ihrige ist immer heiter, das seinige immer düster, wenn nicht ein sartonisches, oder sagt man sard... Lächeln, verstehen Sie mich, ich will sagen, dass dieser Mann uns entweder mürrisch ansieht, oder ins Gesicht lacht.« »Achten Sie nicht darauf, es ist ein Philosoph.« »Ein Philosoph!« erwiderte der Marquis erschreckt, »nun wundere ich mich nicht mehr! ein Philosoph! ah! ich gehe!« Herr Duportail und der Baron unterhielten sich miteinander und drehten uns den Rücken. Der Marquis wollte sich bei Herrn Duportail verabschieden. »Lassen Sie sich nicht stören,« sagte er zu dem Baron, der sich umwandte, um ihn zu grüßen; »mein Herr, lassen Sie sich nicht stören; ich liebe die Philosophen nicht und bin sehr erfreut, dass Sie nicht zur Familie gehören. Ein Philosoph! ein Philosoph!« wiederholte er, hinausstürmend. Als er fort war, fiengen mein Vater und Herr Duportail wieder sehr leise zu sprechen an. Ich schlief am Feuer ein; ein schöner, glücklicher Traum führte mir das Bild meiner Sophie vor. »Faublas,« rief der Baron, »wir wollen gehen.« »Zu meinem schönen Bäschen?« fragte ich noch ganz schlaftrunken. »Sein hübsches Bäschen! seht doch, er schläft mit offenen Augen, ich glaube, er wird ein recht treuer Liebhaber sein.« Herr Duportail lachte und sagte zu mir: »Gehen Sie, mein Freund, schlafen Sie zu Hause; ich vermuthe, Sie haben es nöthig; wir sehen uns wieder, ich bin Ihnen noch Vorwürfe und die Erzählung meiner unglücklichen Schicksale schuldig. Auf Wiedersehen!« Als ich nach Hause kam, fragte ich nach Herrn Person, er hatte sich soeben ins Bett gelegt, ich machte es ebenso und that wohl daran. Nie hat man fester geschlafen bei den brüderlichen Predigten unserer Freimaurer, den öffentlichen Vorlesungen, den Lektüren des modernen Museums, oder bei den seltenen Verteidigungsreden der N. und N. und so vieler anderer, auf der berühmten Liste stehender Männer und großer Redner. VI. Kapitel. Sobald ich erwachte, läutete ich Jasmin, um ihm zu sagen, dass man mir diesen Morgen meine Kleider bringen werde, die ich gestern bei einem Freunde gelassen hätte. Hierauf ließ ich Herrn Person rufen und fragte ihn, wie sich Adelheid und Fräulein von Pontis befänden. »Sie haben sie ja gestern gesehen und mit ihnen gesprochen,« antwortete er. »Und Sie auch, Herr Person; Sie haben sie gesehen und ihnen gesagt, dass ich auf dem Ball eine Bekanntschaft gemacht habe.« »Nun ja, mein Herr, was liegt daran?« »Und wozu war es denn nöthig, mein Herr? sagen Sie meiner Schwester Ihre Geheimnisse, da habe ich nichts dagegen, Sie können dieselben noch so poetisch ausschmücken; aber die meinigen bitte ich Sie in Zukunft zu respectieren.« »Wahrhaftig, mein Herr, Sie nehmen einen Ton an, seit einigen Tagen erkennt man Sie nicht mehr. Ich werde mich bei Ihrem Herrn Vater beklagen.« »Und ich, mein Herr, bei meiner Schwester. (Ich sah ihn erblassen.) Ich rathe Ihnen, wir wollen gute Freunde bleiben; mein Vater wünscht, dass ich mit Ihnen ausgehe; nun ja, so machen Sie Ihre Toilette fertig, dann wollen wir ins Kloster gehen.« Wir wollten uns eben auf den Weg machen, als Rosambert kam; als er erfuhr, wohin wir giengen, bat er mich um die Erlaubnis, uns zu begleiten. »Seit vier Monaten,« sagte er, »haben Sie mir versprochen, mich Ihrer liebenswürdigen Schwester vorzustellen.« »Rosambert, ich halte heute Wort, und Sie sollen ein Fräulein sehen, das Sie gezwungen sind hochzuachten.« »Unterscheiden wir, mein Freund, ich bin vollkommen überzeugt, dass Fräulein von Faublas eine Ausnahme macht, aber ich werde den fürchterlichen Grundsatz, womit Sie sich gegen mich gewaffnet haben, dass nämlich eine Ausnahme die Regel nicht aufhebe, sondern sie vielmehr beweise, gegen Sie in Anspruch nehmen.« »Ganz, wie Ihnen beliebt!« sage ich im Voraus. »Sie werden ein unschuldiges und bis zur Einfachheit natürliches Mädchen von vierzehn und einem halben Jahre kennen lernen; sie ist übrigens so groß, als man in ihrem Alter sein kann, und es fehlt ihr weder an Geist, noch an Erziehung.« Person war glücklicher als ich; meine Schwester kam in's Sprechzimmer, meine Sophie erschien nicht. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen und Höflichkeitsbezeigungen drehte sich das Gespräch anfangs um Gegenstände von allgemeinem Interesse, allein ich konnte meine Unruhe nicht bemeistern. »Sagen Sie doch, Adelheid, was macht mein hübsches Bäschen?« »Ach, lieber Bruder, ihr Übel muss sehr schmerzlich sein, denn sie verhehlt es und leidet doch den ganzen Tag daran. Ich erkenne meine liebe Freundin gar nicht mehr, sonst war sie munter, lustig und toll, wie ich, jetzt sehe ich sie traurig, nachdenklich, unruhig. Wir finden sie immer fast ebenso sanft, ebenso liebevoll, aber sie ist selten bei uns. In unseren Erholungsstunden spielte sie und lief mit unseren Kameradinnen im Garten herum; jetzt, lieber Bruder, sucht sie einen kleinen Winkel auf, wo sie ganz allein spazieren geht. Oh! sie ist krank! wirklich krank! sie isst wenig, schläft wenig und lacht nie mehr; und mich, mein Bruder, mich, die sie so sehr liebte, scheint sie zu fürchten! ja, wahrhaftig, ich habe es bemerkt, sie flieht jedermann, aber besonders mir geht sie aus dem Wege! Gestern sehe ich sie in eine kleine bedeckte Allee am Ende des Gartens hineingehen; ich laufe hastig auf sie zu und sehe ihre Augen abwischen. »Meine liebe Freundin, sage mir doch, welches ist Dein Leiden?« Sie sieht mich an mit einem Blick – einem Blick! ich habe noch bei Niemand einen solchen Blick gesehen. Endlich antwortete sie: »Adelheid, Du erräthst es nicht! ach, wie glücklich bist Du! und wie sehr bin ich zu beklagen!« und dann erröthet sie, seufzt, weint. Ich suche sie zu trösten, indem ich zu ihr sage: »Meine geliebte Freundin, meine Sophie!« Beim Namen Sophie, sagte Rosambert zu mir in's Ohr: »Das hübsche Bäschen heißt Sophie, die ich gelästert habe. Oh, verzeihen Sie!« Ich berauschte mich in dem Vergnügen, meine naive Schwester mit kindlicher Unschuld die zarte Unruhe und die süßen Leiden Sophiens schildern zu hören. Rosambert, dessen Erstaunen noch größer war als mein Entzücken, hörte aufmerksam zu, und der kleine Herr Person sah uns alle drei an und schien zugleich unruhig und bezaubert. »Sie glauben also, Adelheid, dass Sophie mich nicht mehr liebt?« »Ich weiß es beinahe, mein Bruder; Alles, was sich auf Sie bezieht, macht sie unwillig, und ich bin hie und da das Opfer davon.« »Wie so?« »Ja, vor einigen Tagen erzählte uns dieser Herr hier (auf Person zeigend), dass Sie die ganze Nacht bei der Frau Marquise von B... zugebracht hätten; nun gut, als der Herr fortgieng, und wir wieder allein waren, sagte Sophie in sehr ernstem Tone zu mir: »Ihr Bruder hat nicht im Hotel geschlafen! er lebt nicht ordentlich, dies ist nicht gut.« Wenn Sie auch unordentlich leben würden, Faublas, darf Sie darum über mich böse sein? »Einen Tag später waren Sie, glaube ich, auf dem Maskenball. Herr Person ist gekommen und hat es uns gesagt, denn er sagt uns Alles, Herr Person. »Sobald wir allein waren, sagte Sophie zu mir: »Ihr Bruder belustigt sich auf dem Ball, und wir langweilen uns hier!« »Durchaus nicht,« antwortete ich, »man langweilt sich nicht bei seiner lieben Freundin.« »Ach, ja,« versetzte sie; »ach ja, bei einer lieben Freundin, das ist wahr.« »Und doch, mein Bruder, sehen Sie, wie sonderbar, einen Augenblick nachher hat sie traurig wiederholt: »Er belustigt sich auf dem Balle und wir langweilen uns hier!« »Wir langweilen uns! wenn es auch wahr wäre, so ist es doch nicht artig, und sie sollte es doch nicht sagen! ... »Oh, wenn sie nicht krank wäre, so würde ich es ihr sehr übel nehmen. »Ich erinnere mich. Gestern haben Sie uns gesagt, Madame von B... sei hübsch. »Am Abend habe ich Sophie verfolgt und sie gezwungen, mit mir spazieren zu gehen. »Ihr Bruder,« sagte sie zu mir, »findet diese Marquise hübsch, er ist ohne Zweifel in sie verliebt?« Ich antwortete: »Liebe Freundin, dies kann nicht sein, diese Frau von B... ist verheiratet.« »Sie nahm mich bei der Hand und sagte: »Adelheid, ach, wie glücklich bist Du!« und in ihrem Blick, in ihrem Lächeln lag etwas wie Mitleid. »Ja, ich bin allerdings glücklich, denn ich befinde mich wohl!« »Aber Adelheid, alles dies, was Sie hier sagen, beweist nicht, dass mein hübsches Bäschen mich nicht mehr liebt; sie ist vielleicht ein wenig ärgerlich, aber man trotzt alle Tage mit den Persönlichkeiten, die man liebt.« »Oh, freilich, wenn es bloß dies wäre!« »Und was gibt es denn sonst noch mit diesem abscheulichen Bruder?« »Nun ja, sonst unterhielt sie mich unaufhörlich von Ihnen, sie war erfreut, Sie zu sehen; und jetzt spricht sie zwar noch von meinem Bruder, allein so selten und immer in einem ernsthaften Tone! Haben Sie sie gestern nicht beobachtet? Sie hat kein Wort, kein einziges Wort gesprochen, so lange Sie da waren. »Gehen Sie, lieber Bruder, erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, dass, wenn man Jemand liebt, so spricht man auch mit ihm. »Ich versichere Sie, dass meine gute, edle Freundin Sie nicht mehr liebt.« Hier mischte sich Rosambert in das Gespräch und gab ihm eine andere Wendung. Man sprach vom Tanz, von der Musik, von Geschichte und Geographie. Meine Schwester, die soeben noch wie ein zehnjähriges Mädchen geplaudert hatte, unterhielt jetzt wie eine Dame von zwanzig Jahren. Der Graf, dessen Verwunderung mit jedem Augenblicke stieg, schien nicht zu bemerken, dass eine Stunde um die andere verstrich, obwohl Herr Person sich die Mühe gab, es ihm mehrere Male zu sagen, und anfieng sehr unruhig zu werden, denn er beobachtete sehr auffallend den Grafen, mit einem Gesichtsausdruck, den ich mir nicht erklären konnte. Endlich nöthigte uns der Klang einer Glocke, welche die Zöglinge in's Speisezimmer rief, nach Hause zu gehen. »Ich gestehe Ihnen,« sagte der Graf zu mir, »dass ich kaum glauben kann, was ich gesehen habe. Wie lässt sich Unwissenheit mit tiefen Kenntnissen, Sittsamkeit mit Schönheit, kindliche Natürlichkeit mit dem Verstande des reifen Alters, endlich, erlauben Sie mir diesen Ausdruck, eine so außerordentliche Unschuld mit einer so frühzeitigen Ausbildung des Körpers zusammenreimen? »Ich hätte diese Vereinigung für unmöglich gehalten, mein Freund. Ihre Schwester ist das Meisterwerk der Natur und der Erziehung.« »Rosambert, mein lieber Freund, erlauben Sie, dass ich Sie darauf aufmerksam mache, dass dieses Meisterwerk, wie Sie selbst sagen, die Frucht vierzehnjähriger glücklicher Bemühungen, erzeugt durch das seltenste Zusammentreffen der günstigsten Umstände, ist. »Der Baron von Faublas hat gleich anfangs eingesehen, dass die Erziehung einer Tochter für einen Militär eine zu schwere Last sei; meine Mutter, die wir leider zu früh verloren, und die wir täglich beweinen, meine schöne tugendhafte Mutter wurde von meinem Vater mit deren Erziehung betraut, sie hatte das Glück, eine Gouvernante zu finden, die keine galanten Geschichten erzählte, und keine Romane las, eine ernste und zugleich stets gleichgestimmte Seele, die jede Ermahnung in Sanftmuth und Milde zu kleiden verstand. Lehrer, die ihre Unterrichtsstunden in bildende Vorträge und geistweckende, dem Schüler liebe und ersehnte Belehrungen verwandelten. »Eine Gesellschaft gebildeter Leute, die sich nie ein zweideutiges Wort erlaubten. Endlich, mein Freund, ist Adelheid noch nicht ganz sechs Monate im Kloster.« »Sechs Monate! oh! wie viele junge Damen, von denen man sagt, sie haben Erziehung, erwerben sich im Kloster in weit kürzerer Zeit große Einsichten, und empfangen sogar einen gewissen Unterricht, der ein junges Mädchen schnell vorwärts bringt!« »In dieser Beziehung, lieber Rosambert, muss man abermals das Glück meiner Schwester bewundern; lebhaft, lustig, sogar muthwillig mit allen Gespielinnen, hat sie sich eine ebenso zartfühlende, ebenso sittsame, ebenso verständige Freundin aufgefunden, eine, die vielleicht mehr Erfahrung hat, weil sie seit einiger Zeit die Liebe ...« »Ich verstehe, dies ist das hübsche Bäschen.« »Ja, mein Freund, nicht minder tugendhaft, obschon den Regungen des Herzens etwas früher zugänglich, ist Sophie die einzige Freundin meiner Schwester geworden. Diese zwei reinen Seelen haben sich, wenn man so sagen darf, gefühlt, angezogen, vereinigt. Adelheid hat, seit sie ihre Mutter verloren, bloß durch Sophie gelebt und gedacht, ihre ebenso zarte als innige Freundschaft hat sie vor den von Ihnen erwähnten Gefahren beschützt, denen man übrigens, wie ich gerne glaube, in einem Hause leicht ausgesetzt sein kann, wo so viele feurige, unruhige und neugierige junge Mädchen versammelt und sozusagen zusammengepreßt sind, wo Zeit und Ort beständig zu Verbindungen einladen, die, wenn sie einmal recht vertraut geworden sind, leicht nicht immer uninteressant sein können. Seit einiger Zeit habe ich den Bund der beiden lieben Freundinnen gestört. Ich schmeichle mir zu glauben, dass ich der glückliche Gegenstand der liebsten Empfindungen meines hübschen Bäschens geworden bin. Adelheid, der die Liebe (ich sah dabei Herrn Person an) noch nicht ihren Meister gezeigt hat, besitzt die ganze Warme eines gefühlvollen Herzens, welche sie auf ihre Freundin übertragen hat, und die Bitterkeit ihrer Klagen hat uns die Größe ihrer Freundschaft bewiesen.« »Und zugleich Sie Ihres Glücks vergewissert. Wahrlich, Faublas! ich gratuliere Ihnen, wenn Sophie ebenso liebenswürdig und ebenso schön ist, als Adelheid.« »Noch schöner, mein Freund, weit schöner!« »Dies ist wohl nicht möglich, erlauben Sie mir daran zu zweifeln.« »Lieber Graf, sie ist weit schöner, ich versichere Sie, übrigens werden Sie ja selbst sehen und urtheilen, denken Sie sich ...« »Bst! bst! nur sachte, wie er sich ereifert, wie er so in Hitze geräth; sagen Sie mir doch, gefühlvoller Liebhaber, wenn Sie eine so reizende Geliebte hatten, warum haben Sie mir denn die meinige weggeschnappt? wenn Herr von Faublas das Sprechzimmer so sehr liebt, warum hat Fräulein Duportail bei der Marquise geschlafen? wie reimt sich das alles zusammen?« »Aber, Rosambert, das ist nicht ...« »Auch nicht unangenehm, ich glaube es wohl.« »Sie lachen! hören Sie wohl, mein Freund. Sie wissen, wie sich der Handel zwischen mir und Marquise eingeleitet hat.« »Ja, ja, so ziemlich!« »Aber, ewiger Lacher, hören Sie mich doch. Ungefähr ebenso wie meine Schwester erzogen, war ich vor acht Tagen nicht minder unwissend als sie. Ich habe Frau von B... nicht genommen, sie hat sich gegeben, ich bin zu entschuldigen.« »Meinetwegen, ich will es zugeben, wegen des ersten Abends es mag wohl sein; aber es stand Ihnen doch frei, nicht mehr zu ihr zu gehen. Der Maskenball! nun, was halten Sie davon?« »Ich sage, man hat mich dorthin verlockt. Ich bin erst sechzehn Jahre alt, meine Sinne sind noch neu.« »Ach, Sophie, arme Sophie,« rief der Graf. »Beklagen Sie sie nicht, ich bete sie an, aber, Rosambert, ich weiß wohl, dass nur gesetzliche Bande mir ihren Besitz sichern können und so lange, bis der Hymen uns vereinigt, werde ich meine Sophie respektieren.« »Es wird sich zeigen.« »Indes wird mir mein Cölibat hart erscheinen.« »Das glaube ich, mein junger Freund.« »Meine Lebhaftigkeit wird mich bisweilen hinreißen.« »Ohne Zweifel.« »Ich werde vielleicht hie und da eine Untreue gegen mein hübsches Bäschen begehen.« »Dies ist mehr als wahrscheinlich.« »Aber sobald eine glückliche Heirat zustandekommt, dann, meine Sophie, werde ich nur Dich lieben!« »Dies ist nicht so ganz gewiss.« »Ja, ich werde sie mein ganzes Leben lang lieben.« »Das ist ein Vorsatz, den ein schwärmerischer Jüngling fasst in seiner ersten Glut; aber er ist etwas gewagt.« Rosambert verließ mich. Ich fragte, als ich nach Hause kam, Jasmin, ob meine Kleider gebracht wurden, er antwortete, er habe niemand gesehen; ich wartete bis auf den Abend, aber der Bote kam nicht. Dies machte mich unruhig, weil ich in meiner Tasche ein Portefeuille mit zwei Briefen gelassen hatte; den einen hatte mir ein alter Bedienter meines Vaters aus der Provinz geschickt, er wünschte mir ein glückliches Neujahr. Den andern hätte ich ungern verloren; es war, den mir die Marquise vor einigen Tagen geschrieben hatte, bekanntlich war er an Fräulein Duportail adressirt, und ich wünschte ihn zu behalten. Am andern Morgen wurden mir Kleider gebracht; aber ich suchte vergebens in den Taschen, das Portefeuille fand sich nicht vor. Frau Dutour zerstreute meine Unruhe, indem sie mir einen Brief von der Marquise einhändigte. Ich erbrach ihn hastig und las: »Diesen Abend, lieber Freund, schlag sieben Uhr, finden Sie sich vor dem Thore meines Hotels ein; Sie können zuversichtlich der Person folgen, die Ihnen den Hut, womit Sie die Augen bedeckt haben werden, abnehmen und Sie als Adonis anreden wird. Mehr kann ich Ihnen nicht schreiben, weil ich den ganzen Morgen belagert bin; man schwatzt mir den Kopf mit Erklärungen aus der physiognomischen Wissenschaft voll; und doch habe ich nicht im Sinn, dieselbe gründlich zu studieren. O mein Freund! Sie haben die Kunst zu gefallen in Ihrem Besitz so, dass wenn man Sie kennt, man bloß noch lieben kann und von allem andern nichts mehr wissen will!« Dieser Brief war so schmeichelhaft, die darin enthaltene Einladung so lockend, dass ich mich keinen Augenblick besann. Ich versicherte Frau Dutour, ich würde mich unfehlbar an dem bezeichneten Orte einfinden. Allein, kaum war die Botin fort, so fühlte ich einige Bedenklichkeiten. Sollte ich mich von nun an nicht bloß mit meiner Sophie beschäftigen und jede Gelegenheit, ihre zu gefährliche Nebenbuhlerin wiederzusehen vermeiden? warum sollte ich mir ohne genöthigt zu sein, dieses grausame Gesetz auflegen? hatte ich denn schon Sophien meine Liebe erklärt? hat Sophie mir die ihrige gestanden? hatte sie sich überhaupt das Recht erworben, dieses Opfer von mir zu verlangen? außerdem konnte man das, was ich im Begriffe zu thun stand, bei Licht besehen, keine Untreue nennen. Ich ließ mich in keine neue Intrigue ein. Da ich bei der Marquise einmal eine Nacht zugebracht, da ich sie in dem galanten Boudoir zum zweiten Male gesehen hatte, warum sollte ich ihr nicht noch einen Besuch abstatten? dies macht höchstens drei Rendez-vous statt zwei; und bestand denn das Verbrechen in der Zahl. Und dann musste ja mein hübsches Bäschen nichts davon erfahren. Endlich ich hatte ja mein Wort verpfändet, und musste zu diesem Rendez-vous gehen. Ich ließ nicht lange auf mich warten. Auch Justine stellte sich zur rechten Zeit ein, sie lüftete meinen Hut: »Kommen Sie, schöner Adonis!« Ich folgte ihr mit kleinen Schritten. Indes führte mich Justine in den Hof und wir kamen auf eine geheime Treppe. Man kann sich leicht denken, dass das hübsche Mädchen mehrere Male umarmt wurde, bis wir in den ersten Stock kamen. Hier winkte sie mir anständig zu sein, und öffnete eine kleine Thüre; ich befand mich im Boudoir der Marquise. »Hinein,« sagte Justine; »gehen Sie in das Schlafzimmer, Sie würden sich hier nicht gut befinden.« Sie gieng hinaus und schloss die Thüre hinter sich zu. Ich trat in das Schlafzimmer; meine schöne Freundin kam mir entgegen. »Ach! Geliebte Mama, es ist also hier zum zweiten Mal.« Sie unterbrach mich: »Mein Gott! ich höre den Marquis sprechen! jetzt ist er auf den ganzen Abend zurückgekommen; fliehen Sie, fort! fort!« Mit einem Sprung war ich im Boudoir, vergaß aber die Thüre des Schlafzimmers zu schließen, sie blieb halb offen, und um mein Unglück zu vollenden, hatte die tolle Justine die andere Thüre, die zu der geheimen Treppe führte, doppelt zugeriegelt. Die Marquise, die von der Versperrung meines Rückwegs nichts ahnen konnte, war ruhig sitzen geblieben. Schon hatte der Marquis ihr Zimmer betreten und gieng mit wilder Hast und verstörten Miene darin auf und ab. Ich zitterte, er möchte mich im Boudoir bemerken; hinauszukommen war unmöglich. Was thun? Ich lege mich unter die Ottomane und hörte in einer äußerst unbequemen Lage eine sehr merkwürdige Unterhaltung mit an, die auch komisch genug endigte. »Sie sind bald umgekehrt, mein Gemal?« »Ja, Madame.« »Ich erwartete Sie nicht so früh.« »Das kann wohl sein, Madame.« »Sie scheinen sehr erhitzt, mein Herr, was haben Sie denn?« »Was ich habe, Madame, was ich habe, ich bin wüthend!« »Mäßigen Sie sich, kann man nicht wissen? –« »Nirgends ist mehr Sittlichkeit – die Frauen!« »Die Bemerkung ist höflich und die Anwendung vortrefflich!« »Madame, ich kann es nicht ertragen, wenn man mich hintergeht, und ich merke es auf der Stelle, wenn man mich hintergehen will.« »Wie, mein Herr? Vorwürfe! Beleidigungen! Sie werden sich erklären, ohne Zweifel?« »Ja, Madame, ich werde mich erklären, und Sie sollen überführt werden!« »Überführt! von was denn?« »Von was! nur einen Augenblick, Madame, Sie lassen mir keine Zeit, um zu Athem zu kommen! Madame, Sie nahmen zu sich, Sie beherbergten, Sie schliefen mit Fräulein Duportail?« (Die Marquise mit festem Ton): »Ja wohl, mein Herr; was weiter?« »Was weiter? wissen Sie auch, wer das Fräulein Duportail ist?« »Ich weiß es wie Sie. Sie wurde mir von Herrn von Rosambert vorgestellt; ihr Vater ist ein rechtschaffener Edelmann, bei dem Sie erst vorgestern zu Nacht speisten.« »Davon ist nicht die Rede; wissen Sie, wer das Fräulein Duportail ist?« »Ich wiederhole es Ihnen, mein Herr, ich weiß wie Sie, dass Fräulein Duportail ein wohlerzogenes, sehr liebenswürdiges Mädchen von gutem Herkommen ist.« »Von dem ist nicht die Rede, Madame!« »Nun, von was denn? wollen Sie meine Geduld auf's Höchste treiben?« »Noch einen Augenblick, Madame! Fräulein Duportail ist kein Mädchen« – (die Marquise sehr lebhaft): »Kein Mädchen?« »Kein Mädchen von guter Erziehung, sondern von einer gewissen Art, von den Mädchen, die ... Sie verstehen mich ...« »Auf Ehre nicht.« »Und doch erkläre ich mich deutlich: Es ist ein Mädchen, das, doch genug ... Sie merken es jetzt.« »Ich versichere Sie, mein Gemahl, dass ich Ihre Andeutungen nicht verstehe.« »Ich wollte die Sache ein wenig verschleiern, Madame, es ist eine H..., Sie verstehen?« »Fräulein Duportail sollte, wie Sie sagen, mein Herr, eine H... sein. Verzeihen Sie, das ist zu stark, ich muss lachen.« (In der That brach die Marquise in ein schallendes Gelächter aus.) »Lachen Sie nur, Madame, Sie werden bald zu lachen aufhören, wenn ich Ihnen dafür den Beweis gebe. Sehen Sie, kennen Sie diesen Brief da?« »Ja, ich schrieb ihn an Fräulein Duportail einen Tag, als sie bei mir übernachtet hatte.« »Ganz recht, Madame! und diesen da, kennen Sie ihn auch?« »Nein, mein Herr!« »Betrachten Sie ihn, Madame; Sie sehen die Adresse: An Herrn Chevalier von Faublas; und lesen Sie einmal den Inhalt: »Mein theuerer Herr! Ich habe die Ehre, mir die Freiheit zu nehmen, um Ihnen zu wünschen, dass dieses Jahr, das hiemit beginnt, für Sie schön und gut sei. Ich habe die Ehre zu sein, mit tiefster Ehrfurcht, mein theuerster Herr u.s.w.« »Es ist der Neujahrswunsch eines Dieners an seinen Herrn und dieser Herr ist der Chevalier Faublas.« »Nun gut, Madame, diese beiden Briefe waren in diesem Portefeuille hier.« »Was weiter?« »Madame, Sie würden nie errathen, wo ich diese Brieftasche gefunden habe.« »Wo denn. Sie machen ja eine geheimnissvolle Wichtigkeit daraus.« »Ich habe sie an einem Orte gefunden, wo ...« »Wie, mein Herr, sagen Sie es sogleich, Sie können mir nicht ausweichen.« »Nun ja, Madame, ich habe sie an einem schlechten Orte gefunden.« »An einem schlechten Orte, wo Sie Geschäfte hatten, mein Herr Gemahl?« »Wohin mich die Neugierde führte. Ich will Ihnen Alles erzählen. Eine Frau hat seit einigen Tagen gedruckte Zettel mit der Anzeige herumgeschickt, dass sie den Liebhabern vortreffliche Zimmer um bestimmte Preise für die Stunde vermieten könne. Ich gieng aus Neugierde hin, um sie zu sehen, bloß aus Neugierde, um vielleicht Gelegenheit zu haben, physiognomische Studien daselbst machen zu können, also es war eigentlich weniger Neugierde, als wissenschaftlicher Drang.« »Wann waren Sie dort, mein werter Gemahl, gestehen Sie nur offen.« »Gestern Nachmittag. Die Zimmer sind in der That prächtig, besonders eines im ersten Stockwerke, ach, es ist zu verlockend, es ist wunderschön, man sieht darin die Sinne anlockende, ich möchte sagen, obscöne Gemälde, einen Alkoven, ein Bett, das ist ein Bett! denken Sie sich, dieses Teufelsbett hat Stahlfedern! ach, es ist prächtig. Hören Sie, meine geliebte Freundin, wir müssen es einmal mit einander sehen.« »Ein Mann mit seiner Frau an einem solchen Ort! das wäre sonderbar.« Der Marquis geräth in Feuer, ich höre ein Geräusch; die Marquise vertheidigt sich, der Marquis umarmt sie. Ihre Unterhaltung, die mich anfangs beunruhigte, ergötzte mich jetzt so, dass ich die Peinlichkeit meiner Lage beinahe darüber vergaß. Der Marquis fuhr fort: »Dort fehlt gar nichts! in diesem Boudoir im ersten Stockwerke ist eine Thüre, die mit dem Hause einer Modehändlerin in Verbindung steht. Das ist sehr gut ausgedacht ... sehen Sie, eine Dame von Stand gibt sich das Ansehen, zu einer Modehändlerin zu gehen; doch nein, sie geht die Treppe hinauf, und irgend einem armen Eheherrn wird ein Näschen gedreht. Hören Sie, Madame, jetzt kommt eigentlich das ärgerlichste; in diesem Boudoir habe ich einen kleinen Schrank geöffnet, und in diesem Schrank lag diese Brieftasche. Alles ist klar, dass Fräulein Duportail mit dem Herrn von Faublas dort war; und das ist sehr garstig von ihr und sehr unartig von Herrn Rosambert, der sie kannte, dass er sie uns vorstellte, und sehr leichtsinnig von ihrem Vater, sie in Begleitung einer einzigen Kammerfrau ausgehen zu lassen: aber ich habe mich nicht täuschen lassen! es ist etwas in ihrem Gesicht! Sie wissen ja, wie gut ich mich auf Physiognomie verstehe! es ist hübsch ihr Gesicht, aber es liegt etwas in ihren Zügen, das ein feuriges Blut ankündigt; das Mädchen hat viel Temperament, ich habe es wohl gesehen. Sie erinnern sich jenes Abends, wo Rosambert zu ihr sagte, es gäbe Umstände, hm, hm, Umstände. »Sie haben es nicht einmal beachtet! ich habe mir den Ausdruck wohl gemerkt, man täuscht sich in mir, man hintergeht mich nicht! und sehen Sie, an demselben Tage ... kommen Sie, Madame.« Die Marquise, die mich entfernt glaubte, ließ sich in ihr Boudoir führen; der Marquis fuhr fort: »Sie war hier in diesem Zimmer, als ich eintrat. Sie, Madame, lagen auf der Ottomane, ich kam dazu. Sie waren erzürnt über mein unangemeldetes Eintreten. Das Fräulein war feuerroth, ihre Augen glänzten; sie hatte ein Gesicht! oh, ich sage Ihnen, dieses Mädchen hat ein feuriges Temperament! Sie wissen, dass ich mich darauf verstehe, aber lassen Sie mich nur machen, ich will Alles in Ordnung bringen.« »Wie, mein Gemahl, Sie wollen sich in die Sache mengen, welche Sie eigentlich nichts angeht, was kümmert Sie Fräulein Duportail, was Herr Faublas, mit welchem Recht wollen sie sich zwischen Beide drängen, und wie wollen Sie, wie Sie selbst sagten, die Sache in Ordnung bringen?« »Ja, ja, Madame! zuerst werde ich Rosambert sagen, was ich von seinem Betragen halte. Er war vielleicht auch mit ihr dort, dann will ich zu Herrn Duportail gehen und ihn von der Aufführung seiner Tochter in Kenntnis setzen.« »Wie, Sie wollen mit Rosambert Verdruss anfangen?« »Aber Madame, Rosambert wusste, was daran war, er war eifersüchtig auf mich, weil die Kleine mich vorzuziehen schien. Sie kam mir sogar entgegen, und in diesem Stücke hat sie mich hintergangen; denn sie hatte schon damals diesen Herrn von Faublas. Ich will wissen, wer dieser Faublas ist, ja, und ich will zu Herrn Duportail gehen.« »Wie, Sie wollten einem Vater sagen –?« »Ja, Madame, ich erweise ihm dadurch einen Dienst; ich will zu ihm gehen und ihm Alles entdecken.« »Ich hoffe, mein Herr, das wird nicht geschehen.« »Allerdings wird es geschehen, Madame.« »Wenn Sie einige Rücksicht für mich hätten, so ließen Sie sich diesen Gedanken von selbst vergehen.« »Schlechterdings nicht! ich will wissen, was daran ist.« »Mein Herr, ich bitte Sie dringend.« »Nein, nein, Madame!« »Sie verrathen sich, erst jetzt sehe ich ein, warum Sie an Allem, was Fräulein Duportail angeht, ein so lebhaftes Interesse nehmen. »Ich kenne Sie zu gut, um mich durch diese moralische Strenge, womit Sie sich heute schmücken, blenden zu lassen; Sie sind nicht darüber böse, dass Fräulein Duportail an einem verdächtigen Orte war, sondern darüber, dass sie mit einem andern, als mit Ihnen dort war.« »Oh, Madame!« »Und als ich ein Fräulein, das ich für anständig hielt, in mein Haus aufnahm, hatten Sie Absichten auf sie!« »Madame, welche Idee, wie können Sie nur vermuthen –« »Und Sie, mein Herr, wagen es, sich vor mir zu beklagen, man habe Sie hintergangen! ich, nur ich wurde betrogen!« Sie sank wie ohnmächtig auf die Ottomane, ihr Gemahl stieß einen Schrei aus und umarmte sie mit den Worten: »Wenn Sie wüssten, wie sehr ich Sie liebe.« »Wenn Sie mich liebten, mein Herr, so würden Sie mehr Rücksicht für mich, mehr Achtung vor Ihnen selbst und mehr Schonung für ein Kind haben, das vielleicht weniger zu tadeln, als zu beklagen ist; wenn Sie mich liebten, würden Sie nicht einem unglücklichen Vater die Verirrungen seiner Tochter entdecken. Sie würden nicht dem Grafen Rosambert das Abenteuer erzählen, damit er darüber lacht, sich über uns lustig macht und überall ausposaunt, ich hätte den Besuch von einem verdächtigen Frauenzimmer angenommen. »Was machen Sie denn, lassen Sie mich, aber mein Herr, hören Sie doch auf! das Alles führt zu nichts.« »Madame, ich liebe Sie.« »Das ist bald gesagt, ich verlange Beweise.« »Aber mein geliebtes Weib, seit drei oder vier Tagen wollen Sie ja gar keine Beweise mehr von mir annehmen.« »Nicht solche Proben verlange ich, mein Herr, hören Sie doch auf!« »Aber was sträuben Sie sich denn, mein Herz? wir sind allein.« »Hören Sie doch auf! wir haben ja immer Zeit zu solchen Sachen, wir verheiratete Leute, in Ihrem Alter! in einem Boudoir! auf einer Ottomane! wie zwei Verliebte! und während ich noch Ursache habe zu grollen.« »Nun gut, mein Engel, ich will weder zu Rosambert noch zu Herrn Duportail etwas sagen.« »Sie versprechen es mir?« »Ich gebe Ihnen mein Wort.« »Gut, noch einen Augenblick! geben Sie mir das Portefeuille, lassen Sie es mir.« »Mit dem größten Vergnügen, da ist es.« (Es trat eine augenblickliche Stille ein.) »Wahrhaftig,« sagte die Marquise mit fast erstickter Stimme, »Sie haben es gewollt.« Man kann sich vorstellen, was ich während dieser seltsamen Scene unter der Ottomane litt; ich hätte beide mit meinen Händen erwürgen mögen; in meinem unbändigen Ärger fühlte ich mich versucht, hervorzutreten, der Marquise diese Untreue neuer Art vorzuwerfen und dem Marquis das bittere Leid, das er mir ohne sein Wissen anthat, auf diese Weise heimzugeben. Justine machte meiner Unschlüssigkeit ein Ende; sie öffnete auf einmal die Thüre, die zu der geheimen Treppe führte. Die Marquise stieß einen Schrei aus; der Marquis flüchtete sich in das Schlafzimmer, um die Ordnung in seinen Kleidern wieder herzustellen. Justine, die statt des Geliebten einen Gemahl erblickte, blieb verblüfft stehen, und die Marquise war nicht weniger erstaunt, als sie mich unter der Ottomane hervorkriechen sah. Ich dankte der Kammerfrau ganz leise: »Großen Dank, Justine, Du hast mir einen Dienst erwiesen; ich befand mich da unten sehr übel, während Madame sich oben sehr wohl befand.« Bestürzt und zitternd wagte die Marquise weder ein Wort zu antworten, noch mich zurückzuhalten. Ihr Gemahl war so ganz in der Nähe, wahrscheinlich kehrte er sogleich zurück, sobald er sich anständiger gekleidet hatte. Justine öffnete mir die Thüre. Ich stürzte ohne Licht und mit Gefahr, zwanzig Mal den Hals zu brechen, die geheime Treppe hinab, eilte über den Hof und gieng, fluchend über die Bewohner, so schnell als möglich aus dem Hause. Am andern Tag lag ich noch im Bette, als Jasmin Justine anmeldete und sich bescheiden zurückzog. »Mein Kind, ich dachte an Dich!« »Ach, mein Herr, lassen Sie mich! diesmal bekommen Sie mich nicht, ich will mit meinem Auftrag anfangen. Wissen Sie auch, dass ich gestern um Ihretwillen tüchtig ausgezankt wurde? Sie haben uns schöne Angst gemacht; kaum waren Sie auf der Treppe, als der Marquis schon wieder zurückkam. »Seht doch diese Thörin, sie rennt herein, ohne sich vorher gehörig anzumelden, wie eine Kugel aus dem Rohr, so sehr ärgerte er sich über die plötzliche Störung seines verliebten Beginnes. Sobald er fortgieng, sagte Madame zu mir, sie wisse nicht, warum Sie sich unter die Ottomane versteckt hätten. Ihr Betragen sei ihr ganz unerklärlich. Dann hat sie einen Auftritt angefangen; und diesen Morgen hat sie mir diesen Brief an Sie übergeben.« »Ganz gut, mein liebes Justinchen! Dein Auftrag ist zu Ende, denn ich werde den Brief nicht öffnen.« »Sie wollen den Brief nicht öffnen, gnädiger Herr?« »Nein, denn ich bin über Deine Gebieterin aufgebracht.« »Sie haben sehr Unrecht, denn sie wird sich wohl genügend bei Ihnen rechtfertigen.« »Reizendes, liebes Mädchen, über Dich bin ich nicht erzürnt.« »Sie haben Recht; hören Sie doch auf, oder ja, ich will, unter der Bedingung, dass Sie den Brief lesen.« »Oh, wie glücklich ist eine Herrin, wenn sie ein Mädchen hat wie Du! Nun gut, ja, ich werde ihn lesen!« Justine erfüllte die Bedingungen des Vertrages so gut, dass es von mir unverzeihlich gewesen wäre, mein Wort nicht zu halten. Ich öffnete daher den Brief; ich las folgendes: »Wie ärgerlich ist mir unser gestriges Abenteuer, mein lieber Freund! die Scene, die bloß lächerlich gewesen wäre, wenn sie, wie ich glaubte, Sie nicht zum Zeugen gehabt hätte, ist durch Ihre Gegenwart für mich eben so unangenehm geworden, als sie Ihnen widerwärtig war. Was für Worte waren es, welche Sie beim Weggehen gesagt! Sie kleiner Undankbarer! Sie wissen nicht, wie weh Sie mir gethan haben! »Kommen Sie wieder zu mir, lieber Freund, kommen Sie zu derjenigen, die Sie liebt; finden Sie sich auf den Mittag an dem Orte ein, den man Ihnen bezeichnen will. Dort wird es mir nicht schwer werden, mich zu rechtfertigen, und wenn mein Geliebter von seiner Ungerechtigkeit überführt sein wird, so hoffe ich, dass er mich bereit finden wird, ihm seine Lebhaftigkeit zu verzeihen.« »Mein Herr,« versetzte Justine, als ich den Brief gelesen hatte. »Madame wird Sie auf Mittag in dem Boudoir von gestern erwarten – Sie wissen es wohl? – wo wir Sie angekleidet haben.« »Ja, Justine, wo Du so viel geweint hast! wenn Du wüsstest, wie ich für Dich gelitten habe; aber Schelm, Du begnügst Dich auch nicht damit, Bosheiten auszuüben. Du sagst sie auch!« »Sprechen Sie nicht davon, ich bin noch ganz beschämt... lassen Sie mich doch! geben Sie mir eine Antwort für meine Gebieterin.« »Meine Antwort, Justine, ist, dass ich nicht zum Rendezvous komme.« »Sie wollen nicht kommen?« »Nein, Justine.« »Wie? Sie wollten meine Gebieterin so betrüben?« »Ja, mein Kind.« »Aber Sie werden mir einen Zank bereiten.« »Ich will Dich, mein schönes Mädchen, zum Voraus trösten.« »Sie sind fest entschlossen?« »Ganz gewiss, Justine! warum zweifelst Du?« »In diesem Falle geben Sie mir einige Zeilen... lassen Sie mich doch! (Sie umarmte mich.) Schreiben Sie einige Worte an meine Gebieterin.« »Nein, mein Kind, ich werde nicht schreiben.« »Lassen Sie mich! aber hören Sie, ich will noch einmal unter der Bedingung, dass Sie schreiben.« »Ach, Justine! ich wiederhole es: Wie glücklich ist eine Frau, wenn Sie das Glück hat, ein Mädchen zu besitzen, wie Du! Gut, ja, ja, es ist recht, ich schreibe!« Ich schrieb wirklich, und zwar folgendermaßen: »Ich weiß nicht, Madame, ob das gestrige Abenteuer Ihnen sehr ärgerlich gewesen ist; aber aus der Art und Weise, wie Sie Ihr Geschäft verrichteten, muss ich schließen, dass es Ihnen nicht sehr unangenehm war. Wenn man einen liebenswürdigen, sehr galanten und zärtlich geliebten Gemahl hat, Madame, so muss man sich an ihn halten. Ich bin mit dem größten Bedauern u.s.w.« Zweites Buch I. Kapitel Oh, mein hübsches Bäschen! oh, wie freute ich mich jetzt, da ich an Dich dachte, über meine große Selbstüberwindung, wie süß war mir der Gedanke, dass ich Dir ein Rendezvous aufgeopfert, dass ich in demselben Augenblicke, wo die Marquise mich bei ihrer Freundin zu sehen hoffte, das Glück genießen sollte, in Deiner Nähe zu sein. Dich zu bewundern! Ich Unglücklicher! sie kam nicht ins Sprechzimmer! »Ach, liebe Schwester, warum haben Sie Ihre Freundin nicht mitgebracht?« »Ich sagte Ihnen ja, dass sie krank ist! sie hat gestern den ganzen Tag über geweint, diese Nacht kein Auge geschlossen, und heute ist das Fieber ausgebrochen.« »Das Fieber! Sophie hat das Fieber, sie ist demnach in Gefahr!« »Sprechen Sie nicht so laut, lieber Bruder! ich weiß nicht, ob es gefährlich ist; aber das weiß ich, dass sie leidet. Ihr Gesicht ist blass, ihre Augen roth, ihr Kopf eingenommen, ihr Athem langsam, und ihre Rede abgebrochen. Diesen Morgen ist ihr Gesicht auf einmal roth, ihre Augen lebhaft und glänzend geworden; sie hat sehr hastig und ganz leise einige Worte gesprochen, die ich nicht verstehen konnte; dann ist sie sogleich wieder in die tiefste Niedergeschlagenheit versunken. »Nein, nein,« hat sie gesagt, »es ist nicht möglich, ich kann nicht, ich darf nicht, er wäre nicht im Stande.« »Ich habe Thränen über ihre Wangen fließen sehen. »Dann hat sie klagend hinzugesetzt: »Wie ich mich getäuscht habe! ich werde sterben! der Grausame! der Undankbare!« »Ich habe ihre Hand ergriffen, sie hat die meinige gedrückt und die Worte wieder gesagt, die sie beständig wiederholte: »Adelheid! Adelheid! ach, wie glücklich bist Du!« »Die Gouvernante kam herein; Sophie hat mich auf's neue beschworen, nichts zu ihr zu sagen. Indes, lieber Bruder, werde ich Sophien's Gouvernante in Kenntnis setzen müssen, denn ich fürchte für meine Freundin. Was halten Sie davon?« »Adelheid, haben Sie ihr gesagt, dass ich hier bin?« »Ja, aber ich habe gestern mit allem Rechte behauptet, dass sie keine Liebe mehr für Sie hat, sie hat es mir selbst gesagt.« »Sophie hat es Ihnen gesagt?« »Ja, mein Herr, sie hat es mir gesagt und mir aufgetragen, es Ihnen zu melden. Gestern vor dem Souper erzählte ich ihr, Sie hätten einen sehr liebenswürdigen Herrn mitgebracht; sie hat nach seinem Namen gefragt, und ich habe ihr geantwortet, er heiße Rosambert. Rosambert! hat sie voll Verwunderung wiederholt, das ist derselbe, der Ihren Bruder zur Marquise von B... geführt hat! Das ist kein anständiger junger Mann. Ihr Bruder hat ihn zu seinem Freund erwählt, ich fürchte aber, dass er Ihren Bruder ganz verderben wird. Adelheid, Ihr Bruder fängt an unordentlich zu leben!« »Ach theuerste Freundin, glaube mir, ich habe ihm Vorwürfe gemacht; und ich habe ihm auch gesagt, dass Du ihn nicht mehr liebst.« »Sie haben ihm gesagt, dass ich ihn nicht mehr liebe?« »Ja, liebe Sophie, aber er hat mir nicht glauben wollen, und hat zu lachen angefangen und Herr von Rosambert hat auch gelacht.« »Diese Herren haben gelacht!« hat mir Sophie in beleidigtem Tone geantwortet. »Ihr Bruder ist wirklich sehr kühn, über meine Gefühle so zu urtheilen und dieselben in's Lächerliche zu ziehen. Adelheid, wann kommt Ihr Bruder wieder?« »Morgen, liebe Freundin!« »Gut! so sagen Sie ihm, dass ich wirklich Freundschaft für ihn gehabt habe, dass sie aber nicht im geringsten mehr vorhanden ist; und um ihn davon zu überzeugen, werde ich ihn in meinem Leben nie mehr sehen.« »Sie ist fortgegangen, dann einen Augenblick später wieder gekommen und hat lachend zu mir gesagt: »Ja, liebe Adelheid, Du hast Recht; ich liebe Deinen Bruder nicht, ich liebe ihn nicht. Vergiss nicht es ihm morgen zu sagen.« »Sie lachte, und doch ich versichere Sie, Faublas, dass sie sogleich zu weinen anfieng.« Während Adelheid sprach, war mein Herz von Wehmuth und Freude durchdrungen. »Ich muss Ihnen,« fuhr meine Schwester fort, »einen sonderbaren Gedanken mittheilen, der mir in den Kopf kam, ich weiß nicht wie? ich weiß nicht warum? Als ich meine Freundin zu gleicher Zeit lachen und weinen sah, konnte ich nicht umhin zu glauben, sie möchte ein wenig närrisch sein; doch es steckt ein Geheimnis darin, das ich nicht durchschaue. Sicher hat jemand sie gekränkt. Wahrlich, lieber Bruder! ich habe sehr gefürchtet, Sie selbst möchten es sein. Warum hasst sie ihn jetzt? habe ich zu mir gesagt. Warum will sie ihn nicht mehr sehen? sollte er derjenige sein, den sie undankbar und grausam nennt? Sie sehen wohl ein, Faublas, dass ich mich nach kurzem Nachdenken von der Widersinnigkeit dieser Meinung überzeugt habe. Mein Bruder ein Undankbarer, ein Grausamer! das ist nicht möglich! und dann, welches Leid hat er meiner Freundin zugefügt?« »Adelheid!« rief ich, »liebste Adelheid!« »Wie, Sie weinen!« sagte meine Schwester; »sollten Sie über mich böse sein? ich versichere Sie, dass sich diese Gedanken mir unwillkürlich aufdrängten und dass ich es nicht gesagt habe, um Sie zu beleidigen.« »Ich weiß es wohl, liebe Schwester, ich weiß es wohl; ich weine bloß wegen der Krankheit Deiner Freundin.« »Meinen Sie, ich soll Sophiens Gouvernante davon in Kenntnis setzen?« »Nein, Adelheid, nein, sage es ihr nicht! Deine Freundin hat das Fieber, wie Du sagst, und ich weiß ein Mittel, das sie heilen wird. Adelheid, ich werde Ihnen morgen früh Arzenei in einem sorgfältig versiegelten Papiere bringen. Sie werden das Papier niemand zeigen. Sie werden es Sophien geben, wenn Frau Münch nicht bei ihr ist. Frau Münch darf das Papier durchaus nicht sehen; Sie verstehen mich?« »Ja wohl, seien Sie ruhig! Ach, wie will ich Ihnen danken, wenn Sie meine liebe Freundin heilen!« »Adelheid, sagen Sie meinem hübschen Bäschen, dass ich ihr Übel zu kennen glaube, dass ich es theile, und dass ich ihr Ruhe zurückzugeben hoffe. Wollen Sie ihr dies sagen, liebe Schwester?« »Ach ja, Wort für Wort! Sie kennen ihr Übel, Sie theilen es und wollen es heilen; lieber Bruder, ich will ihr auch sagen, dass Sie geweint haben. Aber kommen Sie gewiss morgen, bringen Sie das Mittel mit und versäumen Sie inzwischen nichts, um einen glücklichen Erfolg herbeizuführen. Lieber Bruder, gehen Sie heute noch zu den berühmtesten Ärzten in der Stadt und befragen Sie dieselben auf das genaueste. Die Krankheit ist keine gewöhnliche, ich habe nie eine ähnliche gesehen und ich fürchte, sie könnte unendlich gefährlich werden. Guter Gott! wenn Sie in der Absicht, das Übel zu heilen, es noch verschlimmern möchten, glauben Sie nicht, dass solche Unternehmungen gefährlich sind? Sie müssen das wohl bedenken und sorgen Sie dafür, dass die Kur radical sein muss. Eilen Sie für Sophie, welche leidet und sich verzehrt; für mich. die ich durch ihre Leiden so unglücklich bin; und sehen Sie, es ist auch Ihr eigenes Interesse, lieber Bruder! denn wenn meine Freundin wieder gesund ist, so wird sie Sie gewiss wieder eben so lieben wie vorher.« Als ich nach Hause kam, beschäftigte ich mich einzig mit den Worten Adelheids und mit den Leiden Sophiens. Unglücklicherweise gab mein Vater an diesem Tage ein großes Diner. Ich musste bei Tisch erscheinen und dann eine langweilige Trictracpartie machen, die mich bis nach Mitternacht aufhielt. Welche Qual für einen Liebenden, der sich geliebt glaubt und seiner Geliebten schreiben will, den ganzen Abend spielen zu müssen; ich möchte diese Marter meinem grausamsten Feinde nicht wünschen. Man kann sich denken, dass ich in dieser Nacht wenig schlief. Am andern Morgen gieng ich in ein kleines Kabinet, das in meinem Schlafzimmer angebracht war; ich hatte dort einige wissenschaftliche Bücher, mit denen mich mein bequemer Hofmeister nicht oft langweilte. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb einen Brief, den ich sogleich zerriß, dann einen zweiten, der voll durchstrichener Stellen war und deswegen umgeändert werden musste; und ich fieng den dritten an. Er lautete, wie folgt: »Liebes Bäschen! Endlich ist der erwünschte Augenblick da, wo ich Ihnen frei mein Herz öffnen, von Ihrer Zärtlichkeit ein süßes Geständnis fordern und dadurch vielleicht unser beiderseitiges Glück gründen kann. Sophie! theuere Sophie! wenn Sie wüssten, was ich vom ersten Tage unserer Bekanntschaft an fühle! wie meine Gedanken sich verwirrten! wie mein Herz klopfte! seitdem ist meine Liebe mit jedem Tage gestiegen; ein verzehrendes Feuer tobt durch meine Adern. – Sophie, ich lebe nur noch durch Dich.« Hier unterbrach mich Jasmin und meldete den Vicomte von Florville. »Der Vicomte von Florville! ihn kenne ich nicht. Sage, ich sei nicht zu Hause!« »Gnädiger Herr, er ist schon in Ihrem Schlafzimmer.« »Wie, Du wagst es Jeden, der da kommt, hereinzulassen?« »Gnädiger Herr, er ist mit Gewalt hereingedrungen.« »Der Teufel hole den Vicomte Florville!« Voll Angst, der Unbekannte möchte in mein Kabinet dringen und ein profanes Auge auf das Papier, das Zeugnis meiner geheimsten Wünsche richten, stürzte ich in mein Schlafzimmer. Ein Ausruf der Überraschung und Freude entfuhr mir. Dieser angebliche Vicomte war die Marquise von B... Meine erste Bewegung war Jasmin hinauszujagen, die zweite die Thüre zu verriegeln, die dritte, den charmanten Ritter zu umarmen, die vierte – der kluge Leser hat es schon errathen. Erstaunt über meine Lebhaftigkeit, sagte die Marquise, sobald sie ihrer Sinne wieder mächtig war: »Sie sind in der That ein ganz sonderbarer junger Mann. Wer in aller Welt wird denn das Pferd verkehrt aufzäumen! Nur Sie sind im Stande, die Aussöhnung damit anzufangen, womit andere Leute aufhören!« »Gut, göttliches Weib, nehmen Sie an, es sei nichts geschehen; lassen Sie uns zanken.« »Ja, um uns wieder auszusöhnen, mein kleiner Wüstling?« »Ach, liebstes Mamachen, Sie errathen alle meine Gedanken sogleich.« »Aber Sie haben mich gestern nicht errathen, undankbarer Schelm.« »Gestern war ich noch erzürnt.« »Und worüber denn, wollen Sie mir den Grund davon angeben, konnte ich denn vermuthen, dass Sie unter der Ottomane seien? war es nicht für Sie und für mich gleich wichtig, dem Marquis die Brieftasche aus den Händen zu spielen?« »Das ist alles wahr, liebes Herz, aber der Aerger, der Verdruss!« »Sie, für den ich alle meine Pflichten vergesse, können vom Aerger sprechen? Ich vergesse den Anstand, ja selbst meinen guten Ruf setze ich auf's Spiel; und in welchem Tone beantworten Sie den zärtlichsten Brief! (Sie zog mein Schreiben aus der Tasche.) Hier, Undankbarer, lesen Sie Ihren Brief, lesen Sie ihn noch einmal mit kaltem Blute, wenn Sie können. Welche grausame Ironie! welch' bitterer Spott! Und dennoch verzeihe ich Ihnen! und doch komme ich Sie aufzusuchen! ich betrage mich so schwach und unvorsichtig, wie ein Mädchen von zwölf Jahren. Faublas! Faublas! der Zauber muss sehr gewaltig sein! Sie müssen mich behext haben!« »Liebste Mama!« »Nun, mein kleiner, allerliebster Schelm?« »Zanken Sie mich tüchtig aus, damit mir uns wieder versöhnen können.« »Wie, Sie wollen nicht einmal Ihr Unrecht einsehen und um Verzeihung bitten?« »Von ganzem Herzen! oh, wie schön sind Sie, wie sehr bitte ich um Verzeihung.« Leute von Verstand, und selbst die nicht begreifen wollen, werden wohl errathen müssen, dass wir uns jetzt auf's Neue versöhnten. Nun kam der Augenblick der zärtlichsten Liebkosungen. »Mein Gott, Florville! wie verführerisch sind Sie in diesem Négligé, wie der englische Frack Ihnen so hübsch passt!« »Ich habe ihn gestern ausdrücklich machen lassen. Er ist, wenn ich nicht irre, von demselben Zeug und derselben Farbe, wie die reizende Amazone sie trug, in welcher die Liebe, die meine Niederlage wollte, Dich vor meine Augen führte. Als nunmehriger Ritter des Fräulein Duportail musste ich wohl ihre Farben annehmen.« Ich drückte sie in meine Arme. »Und ich als treue Sklavin des Vicomte von Florville werde immer gerne seine Ketten tragen. Welch' angenehmes Wechselverhältnis, liebste Mama!« »Mein Freund, die Liebe ist ein Kind, das sich an solchen Verwandlungen ergötzt; es hat aus Fräulein Duportail ein wildes Mädchen und aus der Marquise von B... einen leichtsinnigen Jungen gemacht. Ach! möchte der Vicomte de Florville Dir ebenso liebenswürdig erscheinen, als ich das Fräulein Duportail hübsch fand! beinahe zu hübsch, denn ich ließ sie sogar bis in mein Schlafzimmer kommen und in meinen Armen brachte sie ihr erstes Liebesopfer dar.« »Ach, meine angebetete Mama, wie liebenswürdig scheinst Du mir, weit mehr liebenswürdig, als ich Dir mit Worten sagen kann.« »Ach, nein!« antwortete sie, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend und mich zärtlich anblickend; »nicht doch. Sie sind hübscher, mein Freund, größer, schlanker. In Ihrem Gesicht liegt etwas kühnes, verwegenes.« »Ja, liebste Freundin, und wenn man einem berühmten Physiognomen glauben darf, etwas nerviges.« »Lassen Sie den Marquis, lieber Faublas! wir spielen ihm ohnehin schlimm genug mit; auch bin ich nicht hierher gekommen, um an ihn zu denken; also, mein Freund, sage mir ohne Schmeichelei, wie Du mich findest?« »Hübsch, mehr als hübsch! ich könnte zwar leicht auseinandersetzen, wie ich Sie noch schöner, die Sinne berauschender finden möchte, aber weil man nun einmal, sei es als Mann oder Frau, schlechterdings angekleidet sein muss, so behaupte ich, dass sich in dem Kostüme keine hübschere Person finden lässt, als Sie.« »Das nenne ich einmal die Sprache eines Liebhabers; immer enthusiastisch! immer übertrieben! lieber Faublas, welche Frau wäre glücklicher, als ich, wenn Du mich immer mit diesen Augen sähest.« »Oh, geliebteste Freundin, mein ganzes Lebenlang!« Ich hielt sie in meinen Armen, sie entwand sich mir, um einen Degen zu holen, den sie auf einem Lehnstuhl bemerkte. Sie gürtete sich ihn um und sagte: »Ich liebe es, zuweilen auf meinem hübschen englischen Pferde in der Umgegend von Paris auszureiten; werden Sie mich wohl begleiten, Faublas? willst Du, lieber Freund, von Zeit zu Zeit mit dem Vicomte von Florville in den Wäldern umherschweifen?« »Aber man wird uns sehen.« »Nein, der Marquis muss oft bei Hof erscheinen.« »Gut, liebste Freundin, an welchem Tag?« »Lassen wir vorher die schöne Jahreszeit kommen.« Mit diesen Worten zog sie meinen Degen, legte sich in Fechterstellung aus und sagte: »Achtung, Chevalier, ich stoße!« »Ich weiß nicht, ob der Vicomte furchtbar ist, aber das weiß ich, dass er hierin nicht ist, und dass ich mich mit der Marquise nicht auf diese Waffe schlage. Wagt sie es wohl, einen anderen Kampf anzunehmen?« (Sie flog in meine Arme.) »Ach, Faublas!« sagte sie lachend, »wenn es keine blutigeren gäbe!« »Liebe Mama, dann würde man die Helden nicht unter den Männern suchen.« Ich setzte die Marquise außer Stand, mich zu schlagen, und befand mich wohl dabei. Meine Freundin schenkte mir noch zwei Stunden, die wir ziemlich gut anwandten. »Wenn ich meinem Herzen folgen wollte,« sagte sie endlich, »so bliebe ich den ganzen Tag hier; aber jetzt muss ich Justine an einem und meine übrigen Leute an anderem Orte aufsuchen.« Wir verabschiedeten uns, ich begleitete den Vicomte höflich. Als wir schon auf der Treppe waren, bemerkte ich im Vorhofe Rosambert, der eben heraufkommen wollte. Ich sagte es der Marquise. »Gehen wir schnell zurück,« sagte sie, »ich will mich in irgend einem Winkel Ihres Zimmers verbergen; schicken Sie den Grafen bald fort!« Mit diesen Worten sprang sie, ohne mir Zeit zum Nachdenken zu lassen, in mein Schlafzimmer und stürzte sich wie toll durch dasselbe in's Kabinet. Rosambert trat herein. »Guten Morgen, mein Lieber! was macht Adelheid? was macht das hübsche Bäschen?« »Still! still! reden Sie nichts davon, mein Vater ist da!« »Wo?« »In diesem Kabinet.« »In diesem Kabinet, Ihr Vater?« »Ja!« »Und was macht er da?« »Er durchsucht meine Bücher.« »Wie, Ihre Bücher? doch nein! er ist nicht im Kabinet, er kommt soeben herein; ach ja, hier ist etwas von der Marquise? warum sagen Sie es denn nicht offen, dass Sie beschäftigt sind? adieu, Faublas, auf morgen!« Er gieng meinem Vater entgegen und grüßte ihn. »Mein Herr, Sie haben mit Ihrem Herrn Sohn zu sprechen, ich verlasse Sie.« Indes sah mich der Baron streng an und gieng mit großen Schritten auf und ab. Ungeduldig, zu erfahren, was sein mürrisches Schweigen mir verkündigt, fragte ich ehrerbietig, warum er mir die Ehre erweise, auf mein Zimmer zu kommen? »Sie sollen es sogleich erfahren, mein Herr.« Wenige Augenblicke darauf erscheint ein Diener und der Baron sagt: »Kommt er bald?« »Da ist er, gnädiger Herr!« und mein werter Hofmeister trat herein. Der Baron sagte zu ihm: »Mein Herr, habe ich Ihnen nicht die Aufsicht über die Erziehung und Aufführung meines Sohnes übergeben?« »Allerdings, Herr Baron, und ich hatte die beste Absicht und den festen Willen, Ihrem Verlangen in Allem nachzukommen.« »Nun denn, mein Herr, die erstere wird sehr vernachlässigt und die letztere ist sehr schlecht.« »Ich bin nicht schuld, gnädiger Herr; Ihr Herr Sohn liebt die Studien nicht.« »Das wäre das geringste,« unterbrach ihn der Baron; »aber warum erfahre ich nicht, was im Hause vorgeht? warum sagen Sie mir nichts von den Ausschweifungen meines Sohnes?« »Herr Baron, was das anbelangt, was im Hause vorgeht, so kann ich nur für das stehen, was ich sehe; außer dem Hause stehe ich für nichts. »Ihr Herr Sohn nimmt, wenn er ausgeht, gewöhnlich meine Begleitung nicht an und –« (ich bedeutete Herrn Person durch einen Blick, dass er genug gesagt habe). Der Baron entgegnete: »Kurz und gut, mein Herr! wenn der junge Mensch sich weiter so schlecht aufführen wird, so sehe ich mich genöthigt, einen andern Hofmeister zu suchen. Jetzt bitte ich Sie, uns allein zu lassen!« Als Herr Person sich entfernt hatte, nahm der Baron einen Lehnstuhl und gab mir ein Zeichen, mich zu setzen. »Verzeihen Sie, mein Vater, aber ich habe ein Geschäft.« »Ich weiß es, mein Sohn, und eben dass dieses Geschäft unterbleibt, will ich jetzt mit Ihnen sprechen.« »Ich bitte noch einmal um Entschuldigung, mein Vater, ich muss ausgehen.« »Nein, mein Herr, Sie werden bleiben, setzen Sie sich.« Ich musste mich fügen, ich saß wie auf Nadeln; der Baron begann: »Ist es wohl möglich, dass Faublas mit kaltem Blute auf Abscheulichkeiten sinnt? Ist's möglich, dass er die naive Unschuld verführen und der Tugend Netze stellen will?« »Ich, mein Vater?« »Ja, Sie! Ich komme aus dem Kloster, ich weiß Alles. »Wenn mein Sohn noch zu jung, um einzusehen, dass je leichter eine Eroberung ist, um so weniger er sich etwas darauf zu gut halten darf, dass man sich hüten muss, Intrigue mit Leidenschaft zu verwechseln, dass die Liebe zum Vergnügen niemals die wahre Liebe gewesen –« »Mein Vater, sprechen Sie doch, ich bitte, etwas leiser.« »Wenn mein Sohn in unmäßiger Freude aber ein glückliches Abenteuer –« »Ich bitte Sie, etwas leiser, mein Vater.« »Entzückt über die Entdeckung eines neuen Sinnes und den Besitz einer Frau, die nicht ohne Reize ist: wenn mein Sohn in den Armen der Marquise von B...« »Das ist zu viel, verschonen Sie mich!« »Seinen Vater, seinen Stand, seine Pflichten vergessen hätte, so würde ich ihn beklagen, aber ich würde ihn entschuldigen, ich würde freundschaftlich rathen und zu ihm sagen: Je schöner die Marquise ist, desto verderblicher ist ihr Umgang für Dich, mein Sohn. Hüte Dich vor ihr, sie wird Dich mit ihrer sinnlosen Leidenschaft mit sich fortreißen, vergessen wirst Du, dass sie durch die Bande der Ehe an ihren allzu vertrauensseligen Gemahl gefesselt, den Du in jugendlichem Leichtsinn vor der Welt eine so lächerliche Rolle spielen lässt, oder glaubst Du, dass die Sache ewig ein Geheimnis bleiben wird, hast Du vergessen, das auch Rosambert ihr bevorzugter Liebhaber war, und dass er sich an ihr früher oder später rächen wird, dann wirst auch Du darin betheiligt sein, denn die Freundschaft, welche er Dir heuchelt, ist keine wahre, er wartet nur den günstigen Augenblick ab, um dem Marquis die Augen zu öffnen. Noch einmal warne ich Dich, hüte Dich vor diesem Weibe, sie ist Dein böser Dämon! Untersuche einmal die Aufführung dieser Frau, die Du so gewaltig liebst, etwas genauer! wie sinnlich, wie leichtsinnig ohne jede Rücksicht für die Ehre Ihres Gemahls, dessen Namen sie doch nun einmal trägt. Auf den ersten Blick nimmt Deine Gestalt sie ein; sie wählt Dich am nämlichen Abend, unter so gefährlichen Umständen, man möchte fast sagen tollkühn, denn sie setzt sich der größten Schmach aus, und diese ist das Weib eines so achtbaren Gemahls.« »Um des Himmels willen, schonen Sie.« »Um ihre tolle Leidenschaft zu befriedigen, setzt sie ihr eigenes Leben nebst dem Deinigen aufs Spiel. Wie lebhaft, feurig, leidenschaftlich muss Diejenige sein, die –« »Mein Gott, welche Pein!« »Die ihrer Vergnügungssucht ihre Ruhe, ihre Ehre und die öffentliche Achtung aufopfert.« »Ich beschwöre Sie, mein Vater.« »Ich wiederhole es, mein Freund! je schöner die Marquise ist, um so gefährlicher ist sie. In ihren Armen glaubst Du vielleicht, die Natur sei unerschöpflich.« In der Verzweiflung, mich nicht erklären zu können, und fest überzeugt, dass der Baron nicht schweigen werde, entschloss ich mich das Ende dieses Verweises, den ich zu einer andern Zeit vielleicht nicht zu lang gefunden hätte, geduldig abzuwarten. Ich schlug mit dem Fuße unaufhörlich den Takt auf den Boden. Mein Vater aber fuhr unerbittlich fort: »Du wirst die Natur im Augenblicke der Mannbarkeit, im kritischen Zeitpunkt entnerven, wo sie, an der Entwicklung der Organe arbeitend, alle ihre Kräfte nöthig hat, um ihr Werk zu vollenden. Ich weiß, dass unmäßiger Genuss Ekel erzeigt; aber der Überdruss kommt vielleicht zu spät. Unglücklicher! in der Blüte des Alters wirst Du über die unerträgliche Last des Lebens seufzen! O, mein Freund, fürchte dieses Unglück, das gewöhnlicher ist, als man glaubt; genieße die Gegenwart, aber denke dabei an die Zukunft! benütze Deine Jugend, aber erhalte Dir die Tröstungen für das reife Alter!« »Wenn indes,« setzte der Baron hinzu, »mein Sohn, wenig gerührt durch meine väterlichen Vorstellungen, mich unter tausend Zeichen der Ungeduld angehört, sich auf seinem Stuhle gewiegt und mich hundertmal unterbrochen hätte, so würde ich das unbeachtet gelassen haben. Mehr erschreckt wegen seiner Gefahren, als beleidigt durch seine Unart, hätte ich also weiter gesprochen. Die Marquise von B...« Man kann sich denken, wie mir seit einer Viertelstunde zu Muth war. Jetzt konnte ich meine lang gesteigerte Ungeduld nicht länger zurückhalten. »Ach, mein Vater,« rief ich, »hätten Sie mir dies nicht an einem andern Tag sagen können?« Der Baron, von Natur sehr heftig, stand wüthend auf. Ich fürchtete den ersten Ausbruch seines Zorns und flüchtete in das Kabinet, dessen Thüre ich hinter mir verschloss. Hier fand ich die Marquise in einer sehr unangenehmen Lage; die Arme auf meinem Schreibtisch gestützt, hielt sie sich mit den Händen die Ohren zu und las schluchzend ein vor ihr liegendes Papier. Ich nahte mich meiner schönen Geliebten. »Ach, Madame, ich bin untröstlich!« Die Marquise sah mich mit verwirrtem Blicke an. »Grausamer, zu welchen Fehlern hast Du mich verleitet!« »Sprechen Sie doch leiser.« »Aber wie hart werde ich dafür gezüchtigt!« »Um Gotteswillen, sprechen Sie leiser –!« »Dein abscheulicher Vater! er wagt es, ein so strenges Sittenurtheil über mich zu fällen, mit welch verächtlichem Ton er meinen Namen nannte.« »Theuerste Freundin, Sie stürzen sich ins Verderben!« »Aber Du bist noch hundertmal grausamer wie er. Hier sieh diesen unseligen Brief – betrachte diese treulosen Züge, meine Thränen haben sie ausgelöscht.« (Sie zeigte mir den angefangenen Brief an Sophie.) »Faublas,« rief der Baron, »öffnen Sie diese Thüre, Sie sind nicht allein in diesem Kabinet?« »Verzeihen Sie, mein Vater.« »Ich höre jemand mit Ihnen sprechen. Öffnen Sie die Thüre.« »Unmöglich, mein Vater.« »Ich verlange es, lassen Sie mich nicht meine Leute rufen.« Die Marquise stand plötzlich auf und sagte entschlossen: »Sagen Sie ihm, Sie hätten einen Freund bei sich, der um die Erlaubnis bittet, wegzugehen, ja!« versetzte sie verzweiflungsvoll; »so schimpflich dies für mich ist, so ist es doch besser als zu bleiben, und jetzt auf alle Fälle muss ich hinausgehen, also Muth.« »Mein Vater, ich habe einen Freund bei mir, der um die Erlaubnis bittet wegzugehen.« »Einen Freund?« »Ja, mein Vater, darf er hinausgehen?« »Warum sagten Sie mir denn nicht früher, dass jemand in diesem Kabinet ist? öffnen Sie, öffnen Sie, fürchten Sie nichts, ich bin ruhig, Ihr Freund kann hinausgehen.« »Begleiten Sie mich,« sagte die Marquise zu mir, indem sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Ich öffnete die Thüre, wir traten in das Schlafzimmer ein und giengen auf die entgegengesetzte Thüre zu, die nach der Treppe führte. Mein Vater war sehr erstaunt, dass sich der Unbekannte so ängstlich zu verbergen suchte, stellte sich uns in den Weg und sagte zu meiner unglücklichen Freundin: »Mein Herr, ich frage nicht, wer Sie sind; aber Sie erlauben doch wenigstens, dass ich die Ehre habe Sie zu sehen.« »Mein Vater, ich beschwöre Sie um meines Freundes willen, nicht zu verlangen –« »Was bedeutet denn dieses Geheimnis?« unterbrach mich der Baron; »wer ist denn dieser junge Mann, der sich bei Ihnen verbirgt und sein Gesicht nicht sehen lassen will? ich will es sogleich wissen.« »Lieber Vater, ich werde es Ihnen nachher sagen, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.« »Nein, nein, der Herr darf nicht gehen, bis ich weiß ...« Die Marquise warf sich in einen Lehnstuhl, ihr Gesicht fortwährend mit den Händen bedeckend: »Mein Herr, Sie haben Rechte auf Ihren Sohn, nicht aber über mich, wie ich glaube.« Als der Baron die helle weibliche Stimme hörte, merkte er endlich den Zusammenhang und rief: »Wie? es wäre möglich? Wie sehr bedauere ich, wie leid thut es mir, nun muss ich wohl Ihre Entschuldigungen einholen, mein Sohn, Sie müssen einsehen, dass Ihr Vater im Eifer, Sie zu Ihren Pflichten zurückzubringen, sich auf Kosten der Frau Marquise B... zu starke Ausdrücke erlaubt hat, die der Baron Faublas hiemit zurücknimmt ... Mein Sohn, führen Sie Ihren Freund weg.« Sobald wir auf der Treppe waren, ließ die Marquise ihren Thränen freien Lauf. »Wie grausam bin ich für meine Unbesonnenheit bestraft,« sagte sie. Ich wollte einige Worte des Trostes sagen. »Lassen Sie mich! lassen Sie mich! Ihr unmenschlicher Vater ist weniger grausam als Sie.« Wir waren im Hofe. Ich befahl, schnell einen Fiaker zu holen, und bat die Marquise, bis er ankäme, in das Zimmer des Schweizers zu treten. Kaum waren wir einen Augenblick da, als ein Herr seinen Kopf zu dem halb offenen Fenster hereinsteckte und fragte, ob der Baron zu Hause sei. Die Marquise verbarg abermals ihr Gesicht in ihre Hände; ich stellte mich vor sie, um sie mit meinem Körper zu decken, allein es war zu spät. Herr Duportail, der gekommen war den Baron zu besuchen, wollte sich vorerst bei dem Schweizer erkundigen, ob Herr von Faublas zu Hause sei, und so geschah es, dass er einen Blick auf die Marquise warf. Ich sagte schnell: »Der Herr Baron ist in meinem Zimmer, wenn Sie sich die Mühe geben wollen hinaufzugehen, ich werde sogleich bei Ihnen sein.« »Ja! ja!« erwiderte Herr Duportail lächelnd. Man kam uns zu melden, dass der Wagen vor der Thüre sei. Die Marquise stieg schnell ein, ich wollte mich zu ihr setzen. »Nein, nein, mein Herr, ich gebe es nicht zu.« Der Schmerz, der ihr Herz sichtbar zusammenpresste, gieng auch in das meinige über. Ich ließ einige Thränen auf eine ihrer Hände fallen, die ich ergriffen hatte und die sie nicht zurückzog. »Ach! Sie glauben sich bei Sophie!« Ich machte noch einen Versuch in den Wagen zu steigen; sie entzog mir ihre Hand und stieß mich zurück. »Mein Herr, wenn Sie ungeachtet der Äußerungen Ihres Vaters noch ein wenig Achtung und Rücksicht für mich haben, so bitte ich Sie abzusteigen und mich allein zu lassen.« »Werde ich Sie denn nicht wiedersehen?« Sie antwortete nicht, aber ihre Thränen fiengen aufs neue reichlicher zu fließen an. »Theuerste Marquise, wann werde ich Sie wieder sehen? an welchem Orte werden Sie mir erlauben?« »Es ist genug der Schmach! und noch dazu die Entdeckung Ihrer Untreue, Undankbarer! ich weiß nun, dass Sie mich nicht lieben. Gehen Sie auf Ihr Zimmer, der Baron erwartet Sie.« Sie befahl dem Kutscher, zu Madame N., der Modehändlerin, zu fahren. Ich musste mich entschließen sie zu verlassen. Auf der Treppe erwartete mich Herr Duportail: »Mein Freund, wenn ich ein so guter Physiognom bin, als der Marquis von B..., so ist der hübsche Junge, den Sie eben begleiteten, seine schöne Ehehälfte; aber was haben Sie, warum diese verzweifelte Miene?« Ich weiß nicht, wo sich Herr Person versteckt hatte; auf einmal stand er hinter uns und sagte selbstgefällig zu mir: »Ich dachte mir wohl, mein Herr, dass dies übel enden würde; aber Sie achten nicht auf meine Rathschläge.« »Ihre Rathschläge, bei Gott, das ist der leibhaftige Schulmeister des Lafontaine, ich ertrinke und er hält mir eine Strafpredigt!« »Aber was bedeutet denn das Alles?« fragte Herr Duportail. »Kommen Sie nur auf mein Zimmer, so werden Sie es erfahren; mein Vater hat einen Auftritt mit mir gehabt.« Beim Eintritt fragte Herr Duportail den Baron, was es hier gäbe. »Was es gibt?« antwortete mein Vater. Ich unterbrach ihn: »Sie sollen erfahren, Herr Duportail, was es gibt. Sehen Sie, Frau von B... war in diesem Kabinet; mein Vater kommt herein, setzt sich und macht mir Vorstellungen, die ohne Zweifel sehr gerecht und sehr väterlich waren; aber die Marquise hört Alles und mein Vater behandelt sie zu streng, er gibt ihr während seiner Rede die abscheulichsten Titel, beschuldigt sie der Untreue gegen ihren Gemahl, Sie können es sich gar nicht vorstellen, was ich litt! Aus Furcht, die ehrenwerte Dame bloßzustellen, wagte ich nichts zu erwidern. Mein Vater kennt die große Hochachtung, die ich vor ihm hege; ich habe sie noch nie aus den Augen gesetzt. Er sieht, dass ich leide, dass ich ungeduldig bin, dass ich nicht auf ihn höre, mein Herr, er merkt nicht, dass etwas Außerordentliches darunter verborgen ist! er fährt immer fort zu schmähen, er will nichts errathen!« »Junger Mensch,« versetzte der Baron, »Ihre Entschuldigung liegt in Ihrer Verzweiflung; ich verzeihe dem Schmerz, der Sie zu überwältigen scheint, die Vorwürfe, die Sie mir zu machen wagen; aber je mehr Sie die Marquise zu lieben scheinen ...« »Mein Vater ...« »Mein Sohn, Frau von B... ist nicht mehr da; warum unterbrechen Sie mich? je mehr Sie die Marquise zu lieben scheinen, desto mehr bin ich mit Ihnen unzufrieden. Wenn Ihr Herz von dieser Leidenschaft eingenommen, wie konnten Sie das Verderben eines tugendhaften Mädchens, eines achtungswerten Kindes, wie Sophie es ist, beschließen; dann sind Sie bloß ein niedriger Verführer!« »Mein Vater, zwischen mir und Sophie ist kein anderer Verführer als die Liebe!« »Mein Herr, ob Sie in Frau von B... wirklich verliebt sind oder nicht, das bekümmert mich wenig; aber das ist mir nicht gleichgiltig, wenn mein Sohn meiner unwürdig ist.« »Bester Baron,« unterbrach ihn Herr Duportail. »Ich sage nicht zu viel, mein Freund, Sie sollen Sachen hören, worüber Sie erstaunen werden. Diesen Morgen gehe ich ins Kloster und finde Adelheid in Thränen. Meine Tochter, meine theuere Tochter, deren liebenswürdige Aufrichtigkeit Sie kennen, erzählt mir, ihre Freundin sei krank, und ihr Bruder bringe das unfehlbare Mittel, das er für Sophie versprochen, so lange nicht. Ich dringe in sie, sich zu erklären! sie gibt mir den umständlichsten Bericht von der Krankheit, die Sie errathen, die der Herr kennt, welche er verursacht hat, die zu nähren er sich gefällt, die er gerne noch vermehren möchte. Der Herr missbraucht einige Gaben der Natur, um ein allzuempfängliches Kind zu verführen, und er hat sich eine unumschränkte Herrschaft über ihren Geist erworben und bereitet allmählich ihre Unehre vor.« »Ihre Unehre! Sophiens Unehre!« »Ja, junger Thor, ich kenne die Leidenschaften.« »Mein Vater, wenn Sie dieselben kennen, so werden Sie begreifen, dass Sie mein Herz zerreißen.« »Mäßigen Sie diese beleidigende Heftigkeit, Herr Sohn. »Ja, ich kenne die Leidenschaften; dieses Kind, welches Sie heute achten, werden Sie vielleicht morgen entehren, wenn es die Schwachheit hat, darein zu willigen. »Ja, mein lieber Freund Duportail, das Mittel, das der junge Herr seinem hübschen Bäschen zu schicken gedenkt, wird in einem sorgfältig versiegelten Papier enthalten sein, welches aber Frau Münch nicht sehen darf. Sie verstehen mich, mein Freund? auf diese Art ist Alles vorbereitet. Die Correspondenz tritt ins Leben; die arme Sophie, deren Augen bereits verführt sind, wird es auch bald im Herzen sein. Sie hat sich durch ein schönes Gesicht, das gewöhnliche Zeichen einer schönen Seele, hintergehen lassen! bald wird sie es auch durch die nicht minder verrätherischen Reize einer künstlichen Beredsamkeit sein. Man affektiert in studierten Briefen die Sprache des Gefühles, und Sophie, von allen Seiten zugleich angegriffen, fällt dann wehrlos in die Netze, die man ihr gestellt hat, und doch ist ihr Verführer noch nicht siebenzehn Jahre alt! und in einem so zarten Alter zeigt er schon so unselige Neigungen und entwickelt die fluchwürdigen Talente jener eben so niederträchtigen als verdorbenen Menschen, die sich nicht scheuen Zwietracht und Verzweiflung in Familien zu bringen, die mit unmenschlichem Vergnügen die Seufzer der zu Fall gebrachten Schönheit hören und mit einigem Behagen die Schande und die Angst der verführten Unschuld betrachten. Dies werden die Wirkungen jener Naturgaben sein, deren Entwicklung mir so viel Freude machte, auf die ich vielleicht heimlich stolz war; so werden die großen Hoffnungen, die ich gehegt hatte, in Erfüllung gehen.« »Glauben Sie mir, mein Vater, dass ich Sophie anbete.« Der Baron, ohne mich anzuhören, fuhr fort zu Herrn Duportail gewendet: »Und wissen Sie auch, durch welche Hände der Herr seine verderblichen Briefe gehen zu lassen gedenkt? wissen Sie, wem er das ehrenvolle Geschäft anvertraute, seine abscheulichen Pläne zu befördern? – der reinsten und vertrauensvollsten Tugend, der unschuldigen Adelheid, meiner geliebten Tochter, seiner Schwester.« »Mein Vater, verurtheilen Sie mich nicht ungehört. Sie zweifeln an der Aufrichtigkeit meiner Empfindungen gegen Sophie? nun denn so verbinden Sie uns, geben Sie mir sie zur Frau.« »Und Sie verfügen nur so schlechtweg über Sophie und über sich? Sind Sie den Eltern von Fräulein von Pontis bekannt? kennen Sie dieselben? wissen Sie, ob diese Verbindung ihnen zusagt? meinen Sie, ich wolle Sie in diesem Alter vermählen? kaum aus den Kinderjahren herausgetreten, verlangen Sie schon nach der Ehre Familienvater zu sein?« »Ja, und ich bin überzeugt, dass es Ihnen eben so leicht wäre, in meine Heirat zu willigen, als es mir unmöglich ist, meiner Liebe zu Sophien zu entsagen.« »Sie werden ihr dennoch entsagen, mein Herr! ich verbiete Ihnen, ohne meine Begleitung, oder meine ausdrückliche Erlaubnis in's Kloster zu gehen, und ich erkläre Ihnen, dass, wenn Sie sich künftig nicht besser aufführen, ich mich durch Schloss und Riegel Ihrer versichern werde.« »Wenn man die jungen Leute, die sich lieben, einsperren wollte, statt sie zu verheiraten, gestehen Sie, mein Vater, dann wäre ich nicht auf der Welt und Sie wären im Gefängnis.« Der Baron hörte meine Antwort nicht, oder wollte sie nicht hören. Er gieng fort; ich hielt Herrn Duportail, der ihm folgen wollte, zurück und bat ihn, den Vermittler zwischen meinem Vater und mir zu machen und besonders den Baron zur Zurücknahme des grausamen Befehls zu vermögen, der mir die Besuche im Kloster untersagte. Er entgegnete, dass die Maßregeln, die mein Vater treffe, ganz vernünftig seien. »Vernünftig! so sprechen doch alle gefühllosen Leute! ihr Losungswort heißt Vernunft! mein Herr, als Sie Lodoiska anbeteten, als der ungerechte Pulawski Sie des Glücks beraubte, sie zu sehen, fanden Sie da seine Maßregeln vernünftig?« »Aber junger Freund, bedenken Sie doch den Unterschied.« »Es gibt hier durchaus keinen Unterschied. In Frankreich, wie in Polen, hat ein Liebender, der diesen Namen verdient, für nichts anderes Augen und Gedanken, als für das, was er liebt; das größte Unglück, das er sich denken kann, ist, von dem Gegenstande seiner Anbetung getrennt zu werden. Die Verfügungen meines Vaters scheinen Ihnen vernünftig! ich finde sie grausam und werde mein möglichstes thun, um sie zu vereiteln. Sophie wird meine Liebe erfahren; sie wird sie trotz der Verbote meines Vaters erfahren; sie wird darüber sehr erfreut sein, und ihm und Ihnen und der ganzen Welt zum Trotz werden wir uns am Ende heiraten; das erkläre ich Ihnen, mein Herr, und Sie können es dem Baron sagen.« »Ich werde ihm nichts sagen, mein Freund! ich will weder ihren Vater reizen, noch Sie kränken. Für den Augenblick sind Sie ein wenig erhitzt, ich lasse Ihnen Zeit, die Sache reiflicher zu überlegen, und morgen sind Sie ohne Zweifel vernünftiger.« »Vernünftig! ja vernünftig, das habe ich erwartet.« Sobald ich allein war, sann ich auf Mittel und Wege, das Verbot des Vaters zu umgehen oder zu vereiteln. Strenger Sittenrichter, der Du meinen Ungehorsam tadelst, ich beklage Dich! wenn Dich Deine erste, oder Deine theuerste Geliebte nie zu einem Fehlschritt veranlasst hat, so hast Du sie nie sehr geliebt. Als ich die Sache bei Licht betrachtete, fand ich meine Lage zwar peinlich, aber doch nicht verzweifelt. Rosambert, für die Leiden seines Freundes empfindlich, half mir ohne Zweifel; Jasmin war mir gänzlich ergeben und meinen kleinen Hofmeister glaubte ich schon so gut zu kennen, um überzeugt zu sein, dass sich bei ihm mit Gold Alles ausrichten lasse. Herr Duportail schien neutral bleiben zu wollen; ich hatte also bloß meinen Vater zu bekämpfen. Und mein Vater, den seine Intrigue mit seiner Theaterprinzessin bedeutend in Anspruch nahm, gieng alle Abende aus und konnte mich demnach nicht so sehr genau beobachten. Dies war das Resultat meiner reiflichen Überlegung, es fiel zwar nicht im Sinne des Herrn Duportail aus, allein mich band kein Versprechen, ich hatte es ihm vorausgesagt. Indes durfte ich in den ersten Tagen dem Baron keinen Grund zum Verdruss geben; die Klugheit gebot mir, die Besuche im Kloster einige Zeit zu unterlassen; aber wie einen Brief an Sophie zu bestellen? Dieser Brief war so wichtig, so nothwendig! wer sollte ihn meinem lieblichen Bäschen bringen? ich sah keine Möglichkeit, mich aus dieser Verlegenheit zu ziehen. Unter den Mitteln, die mir noch zu Gebote standen, hatte ich diejenigen nicht in Anschlag gebracht, die auf der Freundschaft meiner Adelheid beruhten. Eine alte Frau bringt mir ein Billet, ich öffne es; die Unterschrift lautet: Von Faublas. Ah! meine theuere Schwester! Ich küsse die Schrift und lese: »Ich fürchte sehr, soeben eine Unvorsichtigkeit begangen zu haben, lieber Bruder. Ich habe dem Vater gesagt, dass Sie mir ein Mittel für meine kranke Freundin versprochen hatten; er ist zornig gewesen und hat gesagt, das sei Gift, was Sie für Sophie bereiteten. Gift! wahrlich, lieber Bruder, ich habe es nicht geglaubt, obschon der Baron selbst es behauptete. Ich habe dies alles meiner Freundin erzählt, die das versprochene Mittel mit Ungeduld erwartet. Adelheid, sagte sie zu mir. Sie hätten vor dem Baron nichts davon reden sollen. Das Mittel von Ihrem Bruder ist vielleicht nicht ganz gut, aber wir hätten in jedem Falle sehen können, was daran ist. Seien Sie übrigens ruhig, mein Bruder, sie glaubt ebenso wenig als ich, dass Sie sie hätten vergiften wollen. Da ich sah, dass sie ein ungeheueres Verlangen nach dem Rezept hatte, rieth ich ihr, Sie darum zu bitten. Darauf hat sie aufs neue die Worte wiederholt, die mich beleidigten: Adelheid! ach, wie glücklich bist Du! Indes bin ich überzeugt, dass sie sehr erfreut wäre, eine Nachricht von Ihnen zu erhalten. Schicken Sie mir das versprochene Mittel sogleich, ich will es ihr zustellen und ich versichere Sie, dass ich Niemandem davon sagen werde. Geben Sie der Überbringerin des Billets drei Livres, sie hat mir gesagt, dass sie nie schwatze, wenn man ihr einen kleinen Thaler gebe. Ihre Schwester Adelheid von Faublas. N. S. Besuchen Sie mich doch bald!« Entzückt springe ich auf die Alte zu. »Hier, Madame, sind sechs Franks, weil ich Ihnen Antwort mitgeben will, die ich zu erwarten bitte.« Ich gehe in mein Kabinet und setze mich an meinen Schreibtisch. Da liegt der unselige angefangene Brief, den ich an Sophie schreiben wollte, den unglücklicherweise die Marquise gelesen hatte, es waren noch die Spuren von den Thränen der schönen Frau deutlich zu sehen, welche dieselbe in ihrem Schmerz über meine Untreue vergossen. Ich sah mich genöthigt, den Brief von neuem anzufangen; aber warum denn wieder anfangen? Beim Namen meiner angebeteten Sophie, welche ich nach dem strengen Ausspruch meines Vaters nicht mehr sehen sollte, füllten sich meine Augen mit Thränen. Wird Sophie wissen, dass zwei Personen geweint haben auf dasselbe Papier, wo ich die heißesten Gefühle meines Herzens aussprechen will? Dieser Gedanke bestimmte mich; ich fange nicht auf's Neue an, sondern fahre fort: »Sophie, ich lebe nur noch durch Dich! und dennoch trauerst Du! Du klagst mich der Undankbarkeit, der Grausamkeit an! Du glaubst, Du kannst glauben, dass es eine Frau, auch nur eine einzige Frau auf der Welt gebe, die mit Dir verglichen werden könnte! eine Frau, die man lieben könnte, wenn man Sophien kennt. O mein angebetetes Mädchen! mit welcher Freude, welch' seligem Entzücken erfüllte mich die Nachricht von Ihrer Liebe gegen mich! aber wie groß war der Schmerz, als ich hörte, dass ein bitterer Kummer an Ihrer schönen Jugendblüte nage und Ihr Leben bedrohe. – Ihr Leben! ach, Sophie! wenn Faublas Sie verliere, er würde Ihnen bald in's Grab nachfolgen! Meine Schwester, die mir ganz unwillkürlich die geheimsten Empfindungen Ihrer Seele entdeckt hat, kündigt mir zugleich ewige Trennung von Ihnen an. Sie sagte mir, dass Sie mich in Ihrem Leben nicht mehr sehen wollen, ach, meine Sophie, wenn dies wahr sein sollte, so würde mein Leben nicht lange dauern, es würde mir zur unerträglichen Last werden; und Sie selbst! Sie selbst! doch überlassen wir uns süßeren Vorstellungen; eine glücklichere Zukunft erwartet uns. Vergönnen Sie mir die Hoffnung, dass mein hübsches Bäschen bald meine Gattin sein wird, und dass wir beide vereinigt, nie aufhören werden, Liebende zu sein! Ich bin mit der größten Hochachtung und Liebe Ihr junger Vetter Chevalier von Faublas.« Als dieser Brief versiegelt war, schrieb ich einen anderen: »Wie sehr haben Sie mich mit Ihrem Schreiben erfreut, liebe Adelheid! ich bin des Glückes, Sie zu sehen, beraubt; der Baron verbietet mir auszugehen; er hat einen Auftritt mit mir gehabt! Sie hätten ihm nichts von Sophie sagen sollen. Übergeben Sie meinem hübschen Bäschen schnell das beiliegende Billet, das an sie adressiert ist; aber geben Sie es ihr nur, wann sie allein ist, und sagen Sie keinem Menschen etwas davon. Adieu, liebe Schwester! Es umarmt Sie Ihr treuer Bruder Chevalier von Faublas.« Ich legte beide Billette in einen Umschlag und vertraute Alles der Verschwiegenheit der Alten an. Noch am selben Abende arbeitete ich für den großen Bund, den ich zu stiften beschlossen hatte. Mein Vater war ausgegangen. Ich fragte nach Herrn Person; er war ebenfalls nicht zu Hause. Er kam erst etwas spät zurück und redete mich mit triumphierender Miene an: »Mein Herr, Sie haben diesen Morgen Ihren Herrn Vater gehört. Er hat mir eine unumschränkte Gewalt über Sie gegeben.« »Herr Person, Sie sehen mich darüber entzückt. Ich bin in der That zu glücklich, einen Hofmeister wie Sie zu haben, gefällig, bieder, besonders auch nachsichtig.« »Mein Herr, ich wusste wohl, dass Sie mir einmal Gerechtigkeit widerfahren lassen würden.« »Einen Hofmeister voll Artigkeit und Anmuth.« »Mein Herr, Sie schmeicheln mir.« »Einen Hofmeister, der wohl einsieht, dass ein Kind von sechzehn Jahren nicht so vernünftig sein kann, als ein Mann von fünfunddreißig.« »Ganz gewiss, junger Mann!« »Einen Hofmeister, der das menschliche Herz kennt.« »Das ist sehr wahr!« »Und der bei seinem Zögling eine süße Neigung entschuldigt, deren er sich selbst nicht erwehren kann.« »Ich verstehe nicht recht.« »Setzen Sie sich, Herr Person! wir haben einen sehr wichtigen Gegenstand mit einander abzuhandeln, der Ihre ganze Aufmerksamkeit verdient. Unter Ihren vielen glänzenden Eigenschaften, von denen ich noch mehrere anführen könnte, wenn ich nicht Ihre Bescheidenheit zu beleidigen fürchtete, unter so vielen Eigenschaften, ich sage es frei heraus, fehlt Ihnen, wie ich zu bemerken glaubte, eine, die man gewöhnlich für sehr wichtig hält, auf die ich aber nicht den geringsten Wert lege, nähmlich die Lehrgabe.« »Mein Herr, aber Sie erlauben sich Äußerungen –« »Ich sage dies nicht, um Sie zu kränken. Ich bin vollkommen überzeugt, dass es Ihnen nicht an gründlichen Kenntnissen mangelt, aber man trifft täglich Leute, die bei der größten Gelehrsamkeit das Unglück haben, Sachen, die sie ganz gut verstehen, sehr schlecht vorzutragen. Sie sind in diesem Falle, Herr Person, und in dieser Beziehung gilt von Ihnen, was der berühmte Cardinal Retz von dem großen Condé gesagt hat: ›Sie erfüllen Ihr Verdienst nicht.‹« »Mein Herr, diese Citation ...« »Ist nicht vollkommen passend, ich sehe es wohl. Sie sind kein Eroberer, Sie haben keine Armee anzuführen; aber das Herz eines Jünglings zu bilden, seine Neigungen zu beobachten, um sie zu bekämpfen oder zu beschränken, wenn man ihnen nicht zuvorkommen konnte; seine linkischen Manieren zu verfeinern und seinen ungebildeten Geist zu schmücken; halten Sie dies für etwas leichtes? Nein, wahrhaftig nicht! ich glaube, Sie selbst müssen mir beistimmen.« »Ich weiß wohl, dass mein Beruf mit großen Schwierigkeiten verknüpft ist!« »Nun gut, mein Herr, die Eltern verstehen davon nichts. Sie suchen einen Hofmeister, der alle Tugenden haben sollte; sie bezahlen einen Menschen und verlangen einen Gott! aber um auf unsere Angelegenheit zurückzukommen, ich habe auch bemerkt, Herr Person, dass Ihre große Anhänglichkeit an alles, was den Namen Faublas trägt, Sie zu weit geführt hat.« »Ja, erklären Sie sich näher, mein Herr!« »Die ungemeine Neigung, die Sie für die Familie im allgemeinen hegen, haben Sie auf die einzelnen Glieder derselben nicht gleich vertheilt.« »Ich verstehe Sie nicht.« »Sehen Sie, Sie haben für meine Schwester eine gewisse Vorliebe. Man würde es fast Liebe nennen! Die Schwierigkeiten, welche Sie beim Unterricht nicht überwinden können, mussten den Baron veranlassen, für Ungeschicklichkeiten zu erklären. Was ich hier sage, ist vollkommen richtig. Wenn ich den Baron von allen diesen Umständen in Kenntnis setzen wollte, so wären Sie keine vierundzwanzig Stunden mehr in diesem Hotel. Das wäre ein großes Unglück für mich, Herr Person, und ein noch größeres für Sie. Ich weiß wohl, dass man mir gleich einen anderen Hofmeister suchen würde; aber wie ich eben sagte, es gibt keinen vollkommenen Menschen auf der Erde. Vorausgesetzt, der Neuangekommene besäße mehr Lehrgabe als Sie. Er würde mir den ersten Tag mit Zerstreutheit Lektion geben, bei welcher ich Langweile hätte; und zum Teufel mit den Büchern, sobald ich ihn zum ersten Mal darüber gähnen gesehen hätte! »Indes wäre mein neuer Mentor von den Schwachheiten des Menschengeschlechtes nicht frei; er hätte Fehler oder Leidenschaften, die ich bald kennen würde, weil es in meinem Interesse läge, sie auszukundschaften. Aus demselben Grunde würde er meine Neigung mit der gleichen Aufmerksamkeit beobachten. In der ersten Woche würden wir uns beobachten wie zwei Feinde, die einander fürchten, nach acht Tagen wären wir zwei Freunde, die das gleiche Interesse haben, sich zu schonen. Indessen würden Sie, Herr Person, vielleicht keine anständige Erzieherstelle finden, wie Sie es nennen. Ich sehe wohl ein, dass es für den Hofmeister eines Edelmanns hart wäre, Hauslehrer bei einem Bürgerlichen zu werden. Ich kann Ihre Lage nicht ändern, aber doch bessern; statt Ihr Einkommen zu verringern, will ich es vergrößern.« »Mein Herr, ich bin sehr erkenntlich.« »Ich habe ja immer gesagt, dass bei Ihnen die Eigenschaften des Herzens sehr zu schätzen sind.« »Die Eigenschaften meines Herzens, was wissen Sie davon?« »Ja, mein lieber Hofmeister, Sie haben ein außerordentlich gutes und gefühlvolles Herz. – Sie wissen, dass ich Sophie liebe, dass ich sie anbete, mein Vater verbietet mir, sie zu sehen.« »Aber hat Ihr Vater denn eigentlich Unrecht?« »Wie, mein Herr, Sie fragen mich, ob er Unrecht hat! Haben Sie mich vielleicht nicht verstanden?« »Nicht ganz.« »Nun so will ich mich deutlich erklären. Wenn Sie mir im Wege stehen, so sage ich dem Baron Alles, was ich von Ihnen weiß, man verabschiedet Sie und ich bekomme einen neuen Hofmeister. Wenn Sie mir aber gefällig sein wollen – Herr Person, Sie wissen, welche Summe mir der Baron zu meinen kleinen Vergnügungen zur Verfügung stellt, ich überlasse Ihnen die Hälfte.« »Geld! mein Herr! pfui doch! halten Sie mich für einen Bedienten?« »Ich wollte Sie nicht beleidigen, nehmen Sie es nicht übel.« »Mein Herr, ich habe viele Freundschaft für Sie, das ist nicht Interesse. Sie lieben also sehr das Fräulein von Pontis?« »Mehr, als ich Ihnen sagen kann!« »Und was wollen Sie, dass ich dabei thue?« »Ich verlange bloß, dass Sie sich eben so viele Mühe geben, um die Aufmerksamkeit des Barons abzulenken, als Sie es gekostet hätte, mich zu quälen.« »Mein Herr, Sie haben auf Fräulein von Pontis bloß ehrliche, erlaubte Absichten?« »Ich wäre ein Ungeheuer, wenn ich andere hätte, so wahr ich Edelmann bin, Sophie wird meine Gattin.« »In diesem Falle sehe ich nichts unzukömmliches.« »Gewiss, durchaus nichts!« »Herr von Faublas, für eine so einfache Sache bieten Sie mir Geld an?« »Ich bitte um Entschuldigung.« »Geld! pfui doch! einige Geschenke, das geht an. Ich habe zwei Jahre bei Herrn L. zugebracht, er machte mir von Zeit zu Zeit Geschenke. Seine Kinder ihrerseits ließen es nicht fehlen, mir eine Freude zu machen, alles gieng ganz gut, ein Geschenk lässt sich annehmen.« »Also, Herr Person, es bleibt dabei, ich kann mich auf Sie verlassen?« »Ganz sicher.« »So hören Sie, lieber Hofmeister; ich habe Ihnen noch etwas zu bemerken. Wenn das, was Sie für Adelheid empfinden, wirkliche Liebe ist, so glauben Sie ja nicht, dass ich sie im entferntesten billige. Meine Liebe zu Sophie ist unschuldig und rein, wie sie selbst. Die, welche Sie für meine Schwester empfinden könnten ...? Herr Person, nehmen Sie sich in Acht! Ich bin zwar vollkommen überzeugt, dass Adelheids Tugend sie gegen alle Versuche eines Verführers schützen würde; aber schon solche Versuche wären eine Beschimpfung! ... eine Beschimpfung, für die alles Blut des Schuldigen nur eine geringe Sühnung wäre.« »Seien Sie ruhig, mein Herr!« »Ich bin es.« »Verlassen Sie sich auf mich, mein Herr.« »Ich rechne auf Sie, lieber Hofmeister.« Person gieng aus und sagte mir nachher, er sei nach Tisch im Auftrag des Barons im Kloster gewesen. »Im Kloster, was haben Sie dort gemacht?« »Der Baron hat mir folgenden Auftrag gegeben: Fräulein Adelheid ausdrücklich zu verbieten, ins Sprechzimmer zu kommen, wenn Sie allein nach ihr fragen würden.« »Sie haben Adelheid gesehen?« »Ja, mein Herr!« »Sie hat Ihnen nichts gesagt?« »Bloß, dass sie über das Verbot Ihres Vaters sehr betrübt sei!« »Weiter nichts?« »Nein.« »Und Sophie? haben Sie nach ihrem Befinden gefragt?« »Sie ist weit besser seit Mittag.« »Und um welche Zeit waren Sie im Kloster?« »Etwa um fünf Uhr, ungefähr vor vier Stunden.« »Gut, sehr gut, Herr Person, ich danke Ihnen.« Herr Person gieng mit einer selbstgefälligen Miene aus meinem Zimmer. Weit besser seit Mittag! um diese Zeit hat sie meinen Brief erhalten. Sophie! theuerste Sophie! wirst Du Dich nicht beeilen mir zu antworten? Adelheid, Du musst sehr zufrieden sein. Deine liebe Freundin ist schon geheilt! – und in der Entzückung über diese glückliche Nachricht von einer so schnellen Kur fieng ich an in die Höhe zu springen und Luftevolutionen zu machen, als die Thüre sich öffnete. »Ich bitte um Entschuldigung, gnädiger Herr! ich hörte einen Lärm und wurde unruhig.« »Jasmin, geh sogleich zu dem Grafen Rosambert und bitte ihn, morgen früh unfehlbar zu mir zu kommen.« Rosambert blieb nicht aus; ich erzählte ihm von den Vorfällen des gestrigen Tages nur das, was sich auf Sophie bezog; er erinnerte mich lachend, dass er wette, es sei nicht das hübsche Bäschen gewesen, die in meinem Kabinet war. Ich wollte ausweichen; der Graf drang lebhaft in mich, so dass ich Alles gestehen musste. »Das ist doch ein wunderbares Weib, diese Marquise von B...,« sagte er. »Niemand versteht es so gut wie sie, eine Intrigue anzuspinnen, dieselbe schnell einzuleiten und die Entwicklung rasch herbeizuführen; eine Entwicklung, der sie nicht abgeneigt ist, und die, man sollte fast glauben, für ihre Konstitution ein Bedürfnis ist. »Niemand besitzt vollständiger die große Kunst den Liebhaber zu fesseln, eine gefährliche Nebenbuhlerin auszustechen, oder wenn dies unmöglich ist, ihr wenigstens das Gleichgewicht zu halten. »Diese Frau weiß den Vergnügungen eine Abwechslung zu geben, so dass ein sechsmonatliches Liebesverhältnis mit ihr noch immer den Reiz der Neuheit hat. Ihr intriguanter Geist hat sich bei Hof in allen Arten ausgebildet. Im schlichten Bürgerstand geboren, wäre sie vielleicht statt einer galanten Dame eine ehrliche, gemüthliche Frau geworden. Ich wiederhole Ihnen, dass man sie nicht flatterhaft nennen kann! ich besaß sie seit sechs Wochen und hätte sie vielleicht noch drei Monate behalten; aber Ihre unselige Verkleidung hat Alles aus dem Geleise gebracht. Einen Neuling anzuleiten! einen Gecken zurechtzuweisen! ich wollte damit nicht meine Person bezeichnen; einen beinahe eifersüchtigen Gemahl zu hintergehen auf eine so lustige Art, Sie wissen ja, lieber Faublas, es war wirklich zu pikant. Hindernisse aller Art zu überwinden! diesen Verlockungen hat sie nicht widerstehen können. Ja, so bezaubernd auch Ihre Gestalt ist, so wollte ich doch wetten, dass Frau von B... sich hauptsächlich durch die Schwierigkeiten des Unternehmens hat bestimmen lassen. Vor Allem hat die Marquise sich zur Aufgabe gemacht, von dem allgemeinen Wege abzugehen. Heute zur Zerstreuung einen Geliebten anzunehmen und ihn nach acht Tagen aus Langweile wieder zu entlassen, einförmige Verbindungen abzubrechen und wieder anzuknüpfen! das ist das ewige Geschäft unserer Damen von Stand. Nur die Personen wechseln, nie der Gang der Intrigue. Man sagt und thut unaufhörlich dasselbe. Da gibt es immer eine Erklärung anzuhören, ein Geständnis zu wagen, ein Billet zu schreiben, zwei oder drei geheime Zusammenkünfte anzuordnen und endlich den Bruch einzuleiten. Dieses ewige Einerlei wird zum Sterben langweilig. Ganz anders die Marquise! sie behält gerne den Reiter und wechselt mit der Schule. Ihr ist es nicht um die Wahl der Liebhaber, sondern um die Merkwürdigkeit der Abenteuer zu thun. Eine Scene erscheint ihr nicht pikant, so lange sie nichts außerordentliches hat. Sie wagt Alles, um dies herbeizuführen, und gefällt sich sogar darein, den möglichen Gefahren zu trotzen und gegen die Ereignisse anzukämpfen. Auch führt ihr Kraftgefühl hie und da zu weit, es begegnet ihr zuweilen, dass sie mit aller ihrer Geschicklichkeit den widerwärtigen Folgen einer Unvorsichtigkeit nicht ausweichen kann. In ihrem Abenteuer mit Ihnen hat sie schon zwei schreckliche Auftritte erlebt. Den ersten, als ich sie quälte, was sie wahrhaftig auch um mich verdient hatte. Den zweiten hat sie ganz gegen ihre Grundsätze gestern hier aufgesucht, und der dritte, den hat ihr der Zufall vielleicht vorbehalten. Doch das hat nichts zu sagen! immer über kleine Kränkungen erhaben, gewohnt, unter den unangenehmsten Verhältnissen ihre Gemüthsruhe zu behaupten, wird die Marquise aus ihrem Unglück Vortheile über ihre Feinde, über ihre Nebenbuhlerin und über Sie ziehen.« »Über ihre Nebenbuhlerin? Glauben Sie mir, lieber Rosambert, Sophie wird immer vorgezogen werden! aber was sagen Sie dazu, dass Sophie mir nicht antwortete?« »Warten Sie doch, bis sie geschlafen hat, wissen Sie denn nicht, dass sie seit acht Tagen kein Auge geschlossen hat? Ihr Brief hat sie sanft beruhigt, gönnen Sie ihr doch ihr Glück! wissen Sie auch, was wir jetzt zu thun haben?« »Nein, ich warte Ihren klugen Rath ab.« »Wir müssen dem lieben Hofmeister ein Geschenk kaufen, vielleicht einen Juwel. Er hat Ihnen ja gesagt, dass ein Geschenk sich annehmen lasse.« »Ja, wahrlich! aber wenn ich ausgehe und ein Brief von Sophie kommt?« »Man lässt die alte Botin warten.« »Nun ja, also schnell!« »Nehmen Sie doch auch Ihren Hut mit.« »Sie haben Recht,« versetzte ich zerstreut und wollte mich setzen. Rosambert nahm mich bei der Hand: »Zum Teufel, wo sind Sie denn? wovon träumen Sie?« »Ich dachte an den armen Vicomte von Florville; wie betrübt muss die arme Marquise sein! Rosambert, glauben Sie, sie werde schreiben?« »Sprechen Sie von der Marquise?« »Ja, mein Freund; aber lachen Sie doch nicht, antworten Sie mir!« »Nun gut, lieber Faublas, ich glaube, dass sie nicht schreiben wird.« »Sie glauben also?« »Das ist sehr wahrscheinlich. Die Marquise hat sich über Ihre jetzige beiderseitige Stellung bereits besonnen. Als Dame von Erfahrung sieht sie ohne Zweifel ein, dass Sie nicht umhin können sie zu besuchen; sie wird nicht zu Ihnen kommen. Sie wird Sie erwarten; seien Sie versichert, dass sie auf Sie wartet.« Ich läutete Jasmin. »Mein Freund, Du weißt das Hotel des Marquis von B..., Du kennst Justine; ziehe ein bürgerliches Kleid an und frage nach Justine! sage ihr, ich lasse mich erkundigen, wie sich die Frau Marquise befinde.« Rosambert, der aus vollem Halse lachte, sagte: »Ach ja! Sie glauben, es wäre nicht höflich, sie zu lange warten zu lassen? aber nicht wahr, Sie hofften einen Brief von Sophie?« »Gewiss! Jasmin, wir gehen einen Augenblick aus; Du bleibst so lange da, bis wir zurückkommen. Jasmin, jetzt Verschwiegenheit, ich verlasse mich auf Dich. Der Feind verfolgt uns, er ist auf der Lauer; Achtung, mein Freund, Achtung!« »Oh, gnädiger Herr, ich habe noch in allen Häusern mit den Kindern gegen die Eltern Partie genommen.« »Gut, mein Freund! sei versichert, dass ich Dich belohnen werde, wenn ich einmal mit ihr verheiratet bin.« »Verheiratet mit der Frau Marquise, gnädiger Herr?« Rosambert lachte. »Schnell, mein Freund, kommen Sie! Sie sind nicht bei Sinnen.« Ich kaufte einen schönen Ring; aber als ich wieder nach Hause gehen wollte, ließ sich Rosambert nicht aus dem Laden bringen; die Juwelenhändlerin war hübsch. Bei meiner Ankunft zu Hause übergab mir Jasmin einen Brief. Die Botin hatte sich nicht einmal setzen wollen, weil man ihr verboten hatte, eine Antwort zu erwarten. Man urtheile aber meinen Schmerz, als ich folgende Zeilen las: »Wenn ich nicht meinen Namen zwanzig Mal in Ihrem Brief wiederholt gelesen hätte, so würde ich nie geglaubt haben, dass er an mich gerichtet wäre. »Wie konnte ich denken, dass einige mir ohne Zusammenhang entfahrene, von meiner Freundin zufällig aufgefassten Worte von ihrem Bruder sonderbar gedeutet werden sollten; wie konnte ich mir denken, dass mein junger Vetter, der sich mein Freund nannte, mich so schimpflich behandeln sollte! »Wer hat Ihnen gesagt, mein Herr, dass ich Sie liebe? Adelheid! Sie weiß nichts davon! Wer hat Ihnen gesagt, dass die Worte: der Grausame, der Undankbare, ich werde ihn nie wiedersehen! sich auf Sie bezogen hätten? wer hat Ihnen gesagt, dass ich vor Kummer sterbe, weil Sie mich nicht lieben? wenn dies der Fall wäre, mein Herr, so würde es niemand missen als ich. Habe ich es Ihnen jemals gesagt, mein Herr? »Und Sie sprechen in einem Tone, als ob Sie Ihrer Sache gewiss wären! Sie glauben, dass ich Sie liebe. Sie lieben jemand und sagen zu mir: Sie beten mich an, ich sei die einzige Frau auf der Welt, der Sie Ihr Herz und Ihr Leben weihen wollen. Sie meinen also mir eine Gnade zu erweisen, wenn Sie mich um Herz und Hand bitten? mein Herr, wenn ich je so unglücklich bin, um Mitleid einzuflößen, so werde ich wenigstens so klug sein, nicht zu lieben, oder so verständig, meine Liebe niemand wissen zu lassen; und gewiss wird der Geliebte einer andern nie der meinige sein. Jetzt sind Sie es, an den ich die Worte richte: Ich werde Sie nie wiedersehen. Meine Familie steht der Ihrigen in nichts nach, mein Herr, und Sie müssen mir Dank wissen, dass ich meine Empfindlichkeit über die Beschimpfung, die Sie sich nicht gescheut haben mir anzuthun, nicht weiter treibe.« Dieser unglückselige Brief war nicht unterzeichnet. Der Kummer, mit dem er mich erfüllte, lässt sich leichter denken als beschreiben. Sophie liebte mich nicht! sie wollte mich nicht mehr sehen! – Ich versank in eine tiefe Niedergeschlagenheit. Wenn doch wenigstens Rosambert gekommen wäre, er hätte mich mit seinem Rath unterstützt, er würde mir einigen Trost eingesprochen haben. Ich stand schnell auf, kleidete mich an und eilte zu der Juwelenhändlerin. Sie war nicht mehr im Comptoir, auch Rosambert war nicht mehr im Laden. Ich konnte meinen Verdruss darüber so wenig verbergen, dass sich ein Ladenfräulein meiner erbarmte. Sie sagte zu mir: »Wenn Sie einstweilen ins Café de la Régence gehen wollen, das nur zehn Schritt von hier entfernt ist, so will ich dem Grafen, der nicht weit weg ist, sagen, dass er spätestens in einer halben Stunde zu Ihnen komme.« Ich gieng in das Café de la Régence und erblickte lauter in das Schachspiel vertiefte Leute. Ich setzte mich anfangs an einen Tisch; allein ich war so aufgeregt, dass ich keinen Augenblick ruhig bleiben konnte und mit großen Schritten in dem stillen Zimmer auf und ab zu gehen anfieng. Bald sagte auch einer der Spieler, den Kopf aufrichtend und sich die Hände reibend, laut und mit stolzem Tone: »Schach dem König!« »Ihr Götter,« rief der andere, »die Dame genommen! die Partie verloren! eine prächtige Partie! »Ja, ja, mein Herr, reiben Sie nur die Hände! Sie halten sich für einen Turenne! wissen Sie auch, wem Sie diesen schönen Zug zu danken haben?« rief er, indem er sich gegen mich wandte. »Diesem Herrn da, ja, diesem Herrn!« »Zum Henker mit dem Verliebten!« Verwundert über die Heftigkeit, womit man mich anfuhr, bemerkte ich dem erzürnten Spieler, dass ich nicht begreife. »Sie begreifen nicht! nun, so sehen Sie hieher ein ungedecktes Schach!« »Nun ja, mein Herr, was ist mit diesem Schach?« »Wie? was es mit diesem Schach ist? schon seit einer Stunde laufen Sie um mich herum, mein Herr. Und meine theuere Sophie da und mein hübsches Bäschen dort! ich höre diese Albernheiten und mache Fehler, wie ein Schulknabe – mein Herr, wenn man verliebt ist, kommt man nicht ins Café de la Régence.« Ich wollte antworten, der erzürnte Schachspieler fuhr heftig fort: »Ein ungedecktes Schach! ich soll den König schützen! keine Rettung mehr! man benützt meine Zerstreuung, an der dieser Herr schuld ist! mir widerfährt eine so elende Stümperei! einem Manne wie ich!« Seine Zornesausbrüche erreichten den höchsten Grad, er wandte sich wieder gegen mich: »Ein für allemal, mein Herr, wissen Sie, dass alle Bäschen der Welt nicht so viel wert sind, als die Dame, die man mir nimmt ... sie ist verloren! keine Rettung mehr! der Teufel hol' das Liebchen und ihren süßlichen Liebhaber!« Diese Ausrufungen des Spielers erzürnten mich sehr; ich wollte auf ihn zugehen, stieß aber am nächsten Tisch an ein Schachbrett, das ein wenig vorstand; ich blieb mit den Knöpfen daran hängen, es fiel und die Figuren rollten nach allen Seiten auseinander! Nun hatte ich zwei neue Gegner. Der eine sagte: »Mein Herr, nehmen Sie sich doch in Acht, wenn Sie etwas thun!« Der andere rief: »Mein Herr, Sie bringen mich um die Partie!« »Sie hätten sie verloren,« unterbrach ihn sein Gegner. »Ich hätte sie gewonnen, mein Herr.« »Meine Herren, was schwatzen Sie mir den Kopf voll! ich will Ihre Partie bezahlen!« »Bezahlen! dazu sind Sie nicht reich genug.« »Um was spielen Sie denn?« »Um die Ehre, ja, mein Herr, um die Ehre. Ich bin ausdrücklich deswegen mit der Post hierher gereist, um mich auf die Aufforderung dieses Herrn zu stellen, dieses Herrn, der keines Gleichen zu haben glaubt! ohne Sie hätte ich ihm eine Lektion gegeben.« »Eine Lektion! und doch sind Sie glücklich, dass die Tölpelei dieses Herrn Sie gerettet hat; auf achtzehn Züge hätte ich Ihre Dame genommen!« »Und Sie hätten es nicht bis zum elften gebracht. Auf weniger als zehn wären Sie matt.« »Matt! matt! ja, mein Herr, Sie sind schuld, dass man mich insultiert! Hören Sie, im Café de la Régence darf man nicht herumlaufen.« Jetzt erhoben sich andere Spieler und riefen: »Im Café de la Régence darf man nicht schreien, nicht streiten. Was haben Sie für einen Lärm?« Es mischten sich noch andere in den Streit, und da ich der Urheber allen Unglückes war, fuhr jeder auf mich los. Ich wusste nicht mehr, was ich antworten sollte, als Rosambert hereintrat. Er hatte viele Mühe, mich fortzubringen; wir retteten uns in's Palais Royal. Ich nahm Rosambert bei Seite und zeigte ihm Sophiens Brief. »Und darüber sind Sie so betrübt?« sagte er, nachdem er ihn gelesen hatte. »Sie sollten diesen Brief hundertmal küssen!« »Ach, Rosambert, es ist jetzt keine Zeit zu scherzen!« »Ich scherze nicht, mein Freund, Sie sind angebetet.« »So haben Sie nicht gelesen?« »Ich habe Alles gelesen und wiederhole Ihnen, Sie sind angebetet.« »Rosambert, hier ist kein Platz für uns, lassen Sie uns in mein Haus gehen.« Unterwegs sagte der Graf zu mir: »Sophie hat ihre Besuche im Sprechzimmer um die Zeit Ihrer Verbindung mit Frau von B... eingestellt. Errathen Sie denn nicht, dass sie Kenntnis von dieser romantischen Tändelei mit der verführerischen Marquise hatte? Sie sind, verzeihen Sie mir den Ausdruck, von einer kindlichen Vertrauensseligkeit. Von dieser Zeit haben auch ihre schlaflosen Nächte angefangen. Noch mehr! das besagte Mittel hat eine vortreffliche Wirkung gehabt, denn gestern Mittag befand sich Fräulein von Pontis besser. Aus dem Allen folgt der Schluss, dass gestern Abend etwas außerordentliches im Kloster vorgegangen ist. Ganz gewiss, mein Freund, ist an diesem Briefe entweder eine List des Barons, oder eine Naivetät Adelheids, oder eine Dummheit des Herrn Person schuld. Übrigens beweist der ganze Ton des Schreibens, dass Sie geliebt werden. Dem jungen Mädchen ist sogar ein stilles Geständnis entschlüpft. Sie macht Ihnen fürchterliche Vorwürfe, indem sie sagt. Sie haben geglaubt, Sie werden von ihr geliebt; dieser Gedanke ist ihr unerträglich; und doch sagt sie nirgends, dass sie Sie nicht liebt.« Alles, was Rosambert sagte, schien mir sehr vernünftig; dennoch blieb mein Herz beklommen. Thörichte Hoffnungen und thörichte Bekümmernisse sind Sachen der Liebenden. »Wissen Sie auch,« fuhr der Graf fort, »dass dieser angenehme Brief sehr fein aufgesetzt ist? oh! das kluge Mädchen wird Ihnen kaum zehnmal geschrieben haben, so werden Sie ihren Styl vollkommen ausgebildet finden.« »Rosambert, wie grausam sind Sie mit Ihrer Lustigkeit!« Jasmin kam zu gleicher Zeit mit uns zu Hause an. Er sagte mir, er sei soeben bei der Frau Marquise gewesen. »Nun ja, und weiter!« »Gnädiger Herr, ich habe mit Jungfer Justine gesprochen; sie hat mich ziemlich lang warten lassen, endlich ist sie wieder gekommen und hat gesagt, Madame wisse Ihre Aufmerksamkeit sehr zu schätzen; sie sei gestern bedeutend unwohl nach Hause gekommen; diesen Morgen habe der Doktor ein wenig Fieber bei ihr gefunden.« »Sehen Sie, Rosambert, sehen Sie, wie unglücklich ich bin, die, welche ich anbete, will mich nicht mehr sehen!« »Und die, welche Sie unterhält, werden Sie heute nicht sehen können, armer junger Mensch, wie beklage ich Sie, trösten Sie sich, mein lieber Faublas! Um die Übel zu heilen, die Sie verursacht haben, sind Sie allein ein besserer Doktor, als die ganze Fakultät. Aber obschon die Krankheit des hübschen Bäschens so ziemlich dieselbe ist, wie die der liebenswürdigen Marquise, so wird doch die Behandlung etwas verschieden sein müssen. Denn hübschen Fräulein sieht man in die Augen, ob noch einige Rührung vorhanden ist, man greift ihre Hand, um den Puls zu fühlen, der etwas zu rasch schlagen könnte, vielleicht wird man auch sehen müssen, ob ihre Rosenlippen nichts von ihrer Frische verloren haben. Aber bei der schönen Dame, oh! da wird die Untersuchung länger und ernsthafter sein! Sie werden sie mehr in der Nähe und allgemeiner betrachten müssen – von Kopf zu Fuß, mein Freund! Ja, Chevalier, ein wenig Magnetismus!« »Ich bitte, keinen Scherz, Rosambert! denken Sie jetzt mit mir an Sophie, suchen wir zuerst zu enträthseln, was mir dieser grausame Brief eingetragen hat; dann wollen wir sehen, wie sich eine Zusammenkunft, eine Erklärung mit Sophie bewerkstelligen lässt.« »Sehr gerne, lieber Faublas! aber vor Allem wollen wir Herrn Person vernehmen.« Mein Vater trat herein, als Rosambert eben läutete. Er erwiderte die Höflichkeiten des Grafen frostig und kündigte mir ziemlich barsch an, dass ich mit ihm ausfahren würde. »Die Pferde sind angespannt,« setzte er hinzu; und sich gegen Rosambert wendend: »Sie verzeihen, mein Herr, ich habe große Eile.« »Morgen in aller Frühe!« sagte der Graf zu mir, als er gieng. Ich folgte dem Baron mit unruhigem Herzen. Er führte mich zu Herrn Duportail. II. Kapitel Lowzinski erwartete mich, um mir die geheimsten Abenteuer seines Lebens mitzutheilen; und damit nicht der Marquis von B... oder irgend ein anderer zudringlicher Mensch uns abermals stören möchte, befahl er die Thüre für jedermann zu schließen. Gleich nach Tisch nahm er die Erzählung seiner unglücklichen Schicksale folgendermaßen wieder auf: »Sie müssen, lieber Faublas, von der Schrecklichkeit meiner Lage durchdrungen sein. Das Feuer wurde immer gewaltiger und wollte sich schon dem Zimmer mittheilen, in dem wir eingesperrt waren, und die Flammen schlugen bereits an den Fuß von Lodoiska's Thurm. Lodoiska stieß laute Klagetöne aus, die ich mit Wuthgeschrei beantwortete. Boleslaw lief wie rasend in unserem Gefängnis herum; er schlug ein schreckliches Geheul aus und suchte mit Händen und Füßen die Thüre einzubrechen; ich hieng am Fenster und schüttelte wüthend an den Gittern, die ich ein wenig biegen konnte. Auf einmal kommen die, welche hinaufgegangen waren, hastig wieder herab; wir hören die Thüren öffnen; Durlinski fleht um Gnade; die Sieger stürzen sich auf das brennende Gebäude; durch unser Geschrei herbeigezogen, schlagen sie unsere Thüren mit Äxten ein. An ihrem Aufzug, ihren Waffen erkenne ich Tartaren; ihr Anführer kommt herbei, ich sehe Titsikan. »Uh, ah,« sagt er, »da ist mein tapferer Mann!« Ich stürze mich zu seinen Füßen: »Titsikan! rette Lodoiska! eine Frau! die schönste aller Frauen! ist in diesem Thurm! sie verbrennt lebendig!« Der Tartar sagt seinen Soldaten ein Wort, sie stiegen nach dem Turme; ich mit ihnen; Boleslaw folgt uns. Man schlägt die Türe ein; neben einem alten Pfeiler entdecken wir eine Wendeltreppe, von der ein dicker Rauch aufqualmt. Die Tartaren bleiben entsetzt stehen, ich will hinaufsteigen. »Was wollen Sie tun?« sagt Boleslaw. »Mit Lodoiska leben oder sterben!« rief ich. »Mit meinem Herrn leben oder sterben!« antwortete mein großherziger Diener. Ich schwinge mich hinauf, er mir nach. Mit Gefahr zu ersticken, stiegen wir ungefähr vierzig Stufen hinauf. Beim Schein des Feuers entdeckten wir Lodoiska in einem Winkel ihres Gefängnisses; sie sagte mit schwacher sterbender Stimme: »Wer kommt zu mir?« »Ich bin's, Lodoiska, Dein Geliebter!« Die Freude gibt ihr ihre Kräfte wieder; sie steht auf, und fällt in meine Arme: wir tragen sie fort und steigen einige Stufen hinab; allein ein noch dichterer Rauch verbreitet sich auf der Treppe und nötigt uns, eiligst wieder hinaufzugehen; in demselben Augenblick stürzt ein Teil des Turmes ein; Boleslaw stößt einen fürchterlichen Schrei aus, Lodoiska fällt in Ohnmacht. – Faublas, was uns Verderben zu bringen schien, rettete uns. Das anfangs erstickte Feuer machte sich Luft und breitete sich schneller aus; aber der Rauch vergeht. Unsere kostbare Last in den Armen, steigen Boleslaw und ich eiligst herab. Mein Freund, ich übertreibe nicht; jede Stufe wankte unter unseren Füßen! die Wände brannten! endlich erreichten wir die Türe des Turmes; Titsikan war voll Bekümmernis für uns herbeigesprungen. »Brave Leute!« sagte er, als er uns herauskommen sah. Ich lege Lodoiska zu seinen Füßen und sinke bewusstlos neben ihr nieder. Ungefähr eine Stunde dauerte dieser Zustand. Man fürchtete für mein Leben; Boleslaw weinte. Ich kam erst wieder zu Sinnen, als ich Lodoiska's Stimme hörte, die sich vor mir erholte und mich als ihren Befreier anrief. Alles im Schloss hatte sich verändert, der Thurm war ganz eingestürzt. Die Tartaren hatten dem Feuer Einhalt gethan; sie hatten einen Theil des Gebäudes niedergerissen, um den andern zu retten; dann hatten sie uns in einen großen Saal gebracht, wo Titsikan selbst mit einigen seiner Soldaten war. Die andern beschäftigten sich mit Plündern und brachten ihrem Anführer Gold, Edelsteine, Silber, Gefäße und alle wertvollen Gegenstände, die das Feuer verschont hatte. Ganze Haufen Reichthümer, deren man ihn beraubte, sah Durlinski ganz in der Nähe die Tartaren unter einander vertheilen; er war mit Ketten beladen. Wuth, Schrecken, Verzweiflung, alles, was das Herz eines bestraften Bösewichtes zerreißt, war in seinen irren Augen zu lesen. Er stampfte rasend auf den Boden, schlug sich mit den geballten Fäusten vor die Stirne und warf unter entsetzlichen Lästerungen dem Himmel seine gerechte Rache vor. Indes drückte meine Geliebte meine Hände in die ihrigen. »Ach,« sagte sie schluchzend, »Du hast mir das Leben gerettet und das Deine ist noch in Gefahr! und wenn wir dem Tode entgehen, so erwartet uns die Sklaverei.« »Nein, nein, Lodoiska, beruhige Dich! Titsikan ist nicht mein Feind, er wird unseren Leiden ein Ende machen.« »Ganz gewiss, wenn ich kann,« fiel der Tartar ein; »Du redest gut, tapferer Mann. Ich sehe, dass Du nicht todt bist, und dies erfreut mich sehr. Du sprichst und thust immer gute Sachen! und Du hast da einen Freund, der Dich gut unterstützt.« »Ja, Titsikan, ich habe einen Freund,« sagte ich, Boleslaw umarmend, »und dieser Name wird ihm immer bleiben.« Der Tartar unterbrach mich abermals. »Ah, ja! sag' mir einmal, Ihr zwei waret in einer niederen Stube; sie war in einem Thurme, sie! warum dies? Ich wette, Ihr Herren Spitzbuben habt diesem Tölpel da,« er deutete auf Durlinski, »das Kind wegschnappen wollen; und Ihr hattet Recht! er ist garstig und sie ist hübsch! wohlan, erzähle es mir!« Ich sagte Titsikan meinen Namen, den von Lodoiska's Vater und erzählte ihm Alles, was mir bis jetzt begegnet war. »Jetzt ist es an Lodoiska,« sagte ich zu ihm, »uns zu erzählen, was der ehrlose Durlinski sie hat ausstehen lassen, seit sie in seinem Schlosse ist.« »Sie wissen,« begann Lodoiska sogleich, »dass mein Vater mich am Tage der Eröffnung der Reichsstände aus Warschau entfernte. Er führte mich zuerst auf die Güter des Palatins von N..., zwanzig Meilen von der Hauptstadt, wohin er zurückkehrte, um dem Reichstage anzuwohnen. An dem Tage, wo Herr von P... zum König ernannt wurde, holte mich Pulawski bei dem Palatin ab und führte mich hieher in der Meinung, ich würde hier vor allen Nachforschungen am besten geschützt sein. Er beauftragte Durlinski, mich genau zu bewachen und besonders zu verhindern, dass Lowzinski meinen Aufenthaltsort erfahre. Er verließ mich, um, wie er sagte, die guten Bürger zu sammeln und aufzumuntern, um sein Land zu vertheidigen und die Verräther zu bestrafen. Ach! über diese wichtigen Sorgen hat er seine Tochter vergessen. Ich habe ihn seither nicht wieder gesehen. Einige Tage nach seiner Abreise fieng ich an zu bemerken, dass Durlinski's Besuche häufiger und länger wurden; bald verließ er das Zimmer, das er mir zum Gefängnis gegeben hatte, fast nicht mehr. Er nahm mir, ich weiß nicht, unter welchem Vorwande, die einzige Frau, die mir mein Vater zu meiner Bedienung gelassen hatte; und damit, wie er sagte, niemand erführe, dass ich bei ihm sei, brachte er mir selbst alles, was ich zu meinem Unterhalte brauchte, und war so den ganzen Tag in meinem Zimmer. Sie können sich nicht denken, lieber Lowzinski, was ich bei der unaufhörlichen Anwesenheit eines Menschen litt, der mir verhasst war, und dessen schändliche Absichten ich zu ahnen anfieng. Eines Tages wagte er es, sie mir zu erklären; ich versicherte ihn, dass mein Hass zu jeder Zeit der Lohn seiner Zärtlichkeit sein werde, und dass sein unwürdiges Benehmen ihm meine tiefe Verachtung zugezogen habe. Er antwortete kalt, ich würde mich mit der Zeit schon gewöhnen, ihn zu sehen, seine Bemühungen um mich zu dulden und sie sogar zu wünschen. Er änderte nichts in seinem Betragen; er kam früh morgens zu mir und gieng erst am Abend fort. Getrennt von Allem, was ich liebte, unaufhörlich von meinem Tyrannen belästigt, hatte ich nicht einmal den schwachen Trost, mich ruhig der Erinnerung an mein vergangenes Glück hingeben zu können. Durlinski sah meine Unruhe und gefiel sich, sie zu vermehren. Er sagte mir, Pulawski kommandiere ein polnisches Armeekorps; Lowzinski, ein Verräther an seinem Vaterlande, das er nicht liebe, und an einer Frau, um die er sich wenig bekümmere, diene bei der russischen Armee; man zweifle nicht, dass es bald zu einer blutigen Schlacht kommen werde; im übrigen sei es eine ausgemachte Sache, dass von einer Versöhnung zwischen meinem Vater und Lowzinski nie mehr die Rede sein könne. Einige Tage später verkündigte er mir, Pulawski habe die Russen bei Nacht in ihrem Lager angegriffen und in dem Getümmel sei mein Geliebter unter den Streichen meines Vaters gefallen. Der Grausame ließ mich dieses Ereignis umständlich geschildert in einer Art Zeitung lesen, er bezahlte diese falsche Zeitung wahrscheinlich mit vielem Gelde. Die Freude, welche er bei dieser Nachricht an den Tag legte, macht mir dieselbe zu wahrscheinlich. »Unbarmherziger Tyrann!« rief ich, »Du weidest Dich an meinen Thränen, an meiner Verzweiflung; aber höre auf, mich zu verfolgen, oder Du wirst bald sehen, dass Pulawski's Tochter sich selbst für ein beleidigendes Betragen rächen kann.« Eines Abends, als er mich ungewöhnlich früh verlassen hatte, hörte ich gegen Mitternacht meine Thüre leise aufgehen. Beim Scheine einer Lampe, die ich immer brennen ließ, sah ich meinen Tyrannen auf mein Bett zugehen. Da es kein Verbrechen gab, dessen ich ihn nicht fähig gehalten, so hatte ich mich auf diesen Fall vorgesehen und mir fest vorgenommen, ihm kräftig zu begegnen. Ich bewaffnete mich mit einem Dolche, den ich die Vorsicht hatte unter mein Kopfkissen zu verstecken, überhäufte den Schurken mit den verdienten Vorwürfen und schwor ihm, wenn er es wagte, sich zu nähern, ihn mit meinen eigenen Händen zu erdolchen. Er zog sich voll Verwunderung und Entsetzen zurück. »Ich bin es müde,« sagte er beim Hinausgehen, »bloß Verachtung hinzunehmen; wenn ich nicht scheute, gehört zu werden, so solltest Du sehen, was der Arm eines Weibes gegen mich vermag. Aber ich weiß ein sicheres Mittel, Deinen Stolz zu bändigen. Bald wirst Du Dich glücklich schätzen, Deine Begnadigung mit der demüthigen Unterwerfung zu erkaufen.« Er gieng hinaus; einige Augenblicke später trat sein Vertrauter mit der Pistole in der Hand herein; ich muss ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, er war sehr niedergeschlagen, als er mir die Befehle seines Gebieters ankündigte: »Kleiden Sie sich an, gnädige Frau, Sie müssen mir folgen;« dies war Alles, was er mir sagen konnte. Er führte mich in den Thurm, wo ich ohne Ihre Hilfe heute umgekommen wäre; er sperrte mich in dieses schreckliche Gefängnis; dort habe ich über einen Monat lang ohne Feuer, ohne Licht, fast ohne Kleidung geschmachtet; Wasser und Brot war meine Nahrung, mein Lager ein Haufen Stroh; so wurde die einzige Tochter eines polnischen Magnaten behandelt! Sie schaudern, braver Fremdling, allein glauben Sie mir, dass ich nur einen Teil meiner Leiden erzähle. Ein einziger Umstand machte mein Unglück weniger unerträglich; ich sah meinen Tyrannen nicht mehr. Während er ruhig wartete, bis ich ihn um Gnade anstehen würde, brachte ich meine Tage und Nächte damit zu, nach meinem Vater zu rufen, meinen Geliebten zu beweinen. Lowzinski, Du Retter, den mir mein guter Engel zugesandt, den ich für tot beweinte, den ich bald in jenem Reiche der Seligen wiederzusehen hoffte, ewig vereint mit ihm, den meine ganze Seele anhing; ach, Geliebter, welche Freude, welches Erstaunen ergriff mich, als ich Dich in Durlinskis Gärten erkannte! Doch mein Tyrann, der ahnen musste, dass Du gekommen, um mich ihm zu entführen, ließ Dich selbst fesseln und ins Gefängnis bringen, aus welchem Du gewiss nicht mehr lebend herausgekommen, wenn dieser edle Tartare uns nicht zu Hilfe gekommen wäre.« Titsikan hörte unsere Leidensgeschichte aufmerksam an und schien gerührt, als seine Wache das Lärmzeichen gab. Er verließ uns schnell, um auf die Zugbrücke zu eilen. Wir hörten ein großes Getümmel. »Lowzinski, Lodoiska, niederträchtiges Paar,« schrie Durlinski, der seine Freude nicht bezähmen konnte, »Ihr glaubt mir zu entrinnen. »Zittert! Ihr seid jetzt wieder in meiner Gewalt; auf die Nachricht von meinem Unglück haben sich ohne Zweifel die benachbarten Edelleute versammelt und kommen mir jetzt zu Hilfe.« »Sie sollen Dich höchstens rächen können, Schurke!« unterbrach ihn Boleslaw, indem er eine Eisenstange ergriff, um ihn damit totzuschlagen; ich hielt ihn zurück. In demselben Augenblicke trat Titsikan wieder herein. »Es war ein falscher Lärm,« sagte er; »es ist eine kleine Schaar, die ich gestern abschickte, um das Feld sauber zu halten; sie hatte Befehl, hier zu mir zu stoßen und bringt einige Gefangene mit; im übrigen ist alles ruhig, es zeigt sich noch nichts in der Umgebung.« Während Titsikan sprach, führte man die Unglücklichen vor ihn, die ihr böser Stern in die Hände der Tartaren geliefert hatte. Wir sahen zuerst fünf. »Sie sagen, dieser da habe ihnen viel zu schaffen gemacht; deswegen haben sie ihn auch geknebelt,« sagte Titsikan zu uns, indem er uns den sechsten zeigte. »Heiliger Gott! mein Vater!« rief Lodoiska, auf ihn zueilend. Ich trat gegen Pulawski vor. »Du bist Pulawski, Du?« fuhr der Tartare fort; »nun gut! Ihr trefft auch nicht übel zusammen. Sieh, mein Freund, ich kenne Dich erst seit einer Viertelstunde; ich weiß, dass Du stolz und hartnäckig bist; aber thut nichts, ich achte Dich. Du hast Herz und Kopf, Deine Tochter ist schön und es fehlt ihr nicht an Geist. Lowzinski ist tapfer! tapferer als ich, glaube ich.« Pulawski, starr vor Entsetzen und Erstaunen, hörte den Tartaren kaum an, und verwundert über das seltsame Schauspiel, das sich seinen Augen darbot, fasste er einen schrecklichen Verdacht. »Unglücklicher! Du hast Dein Vaterland verrathen und ein Weib, das Dich liebte, und einen Mann, der Dich mit Freuden Schwiegersohn genannt hätte; es fehlte nichts mehr, als dass Du Dich mit Räubern verbandest!...« Titsikan unterbrach ihn: »Mit Räubern, wenn Du willst. Aber Räuber sind bisweilen zu etwas gut; ohne mich wäre Deine Tochter morgen vielleicht keine Jungfrau mehr. Habt keine Angst,« setzte er, sich gegen mich wendend, hinzu. »Ich weiß, dass er stolz ist, ich werde ihm nichts übel nehmen.« Wir hatten Pulawski auf einen Lehnsessel gebracht – seine Tochter und ich badeten seine gefesselten Hände mit unseren Thränen, er stieß mich fortwährend zurück und überhäufte mich mit den bittersten Vorwürfen. »Aber, was zum Teufel schwatzst Du denn immer?« versetzte Titsikan. »Ich sage Dir, ich, dass Lowzinski ein braver Mann ist, den ich verheiraten will, und Dein Durlinski ist ein Schurke, den ich hängen lassen werde. Ich wiederhole Dir, dass Du ganz allein eigensinniger bist, als wir drei zusammen; aber höre mich einmal und machen wir's kurz, denn ich muss gehen. Du gehörst mir durch unbestreitbares Recht, das des Schwertes, an. Nun gut! wenn Du mir Dein Wort gibst, Dich aufrichtig mit Lowzinski zu versöhnen und ihm Deine Tochter zu geben, so schenke ich Dir die Freiheit.« »Wer dem Tode trotzen kann, kann auch Sklaverei vertragen; meine Tochter wird nie die Frau eines Verräthers.« »Willst Du lieber, dass Sie die Maitresse eines Tartaren wird? wenn Du mir nicht versprichst, sie binnen acht Tagen mit diesem braven Manne zu verheiraten, so heirate ich sie noch diesen Abend! wenn ich dann Deiner und ihrer überdrüssig bin, so verkaufe ich Euch an die Türken; Deine Tochter ist schön genug, um in das Serail eines Pascha aufgenommen zu werden; Du darfst dann die Küche eines Janitscharen bedienen.« »Mein Leben ist in Deinen Händen, mache damit, was Du willst. Wenn Pulawski unter den Streichen eines Tartaren fällt, so wird man ihn beklagen; man wird sagen, er habe ein anderes Ende verdient; aber wenn ich ja zugeben könnte... nein, ich will lieber sterben!« »Aber ich will nicht, dass Du stirbst! ich will, dass Lowzinski Lodoiska heiratet. Hei, bei meinem Säbel! darf mein Gefangener mir Gesetze vorschreiben! welch' ein verfluchter Kerl! wenn er bloß eigensinnig wäre; aber er urtheilt ganz falsch.« Ich sah in den Augen des Tartaren den Zorn blitzen, und ich erinnerte ihn, dass er mir versprochen habe, nicht hitzig zu werden. »Allerdings!« sagte er, »aber dieser Mensch da könnte den Zorn eines Lieblings des Propheten ermüden! ich bin nur ein Räuber, ich! Pulawski, ich wiederhole Dir, ich will, dass Lowzinski Deine Tochter heirate. Bei meinem Säbel, er hat sie wohl verdient; ohne ihn wäre sie diesen Abend verbrannt.« »Was sagst Du?« »Da sieh den Schutthaufen! da stand ein Thurm, und dieser Thurm stand in Flammen, und niemand wagte hinaufzusteigen; er war dort mit Boleslaw, er! ja, er hat Deine Tochter gerettet.« »Meine Tochter war in diesem Thurme?« »Ja, dort war sie; dieser Schurke da hatte sie eingesperrt, dieser Schurke wollte sie entehren – munter, Ihr zwei erzählt ihm alles und sputet Euch, dass er sich entscheidet! ich habe andere Sachen zu schaffen, ich will mich hier nicht von einem Grenzsoldaten ertappen lassen. Auf der Ebene ist es etwas anderes, da spotte ich ihrer.« Während Titsikan die ansehnliche Beute, die er gemacht hatte, auf kleine bedeckte Wagen laden ließ, unterrichtete Lodoiska ihren Vater von den Schändlichkeiten Durlinski's, und mischte die Erzählung von unserer Liebe so geschickt in die Geschichte ihrer Leiden, dass sich Natur und Dankbarkeit zu gleicher Zeit in Pulawski's Herzen regte. Innig gerührt durch das Unglück seiner Tochter, erkenntlich für den wichtigen Dienst, den ich ihm geleistet hatte, umarmte er Lodoiska, und mich ohne Zorn anblickend, schien er ungeduldig zu erwarten, dass ich ihn vollends bestimmte. »Pulawski,« sagte ich zu ihm, »oh, Du, den mir der Himmel gelassen hatte, um mich für den Verlust des besten der Väter zu trösten, Du, für den ich eben so viel Freundschaft als Ehrfurcht hatte, warum hast Du Deine Kinder ungehört verurtheilt? warum hast Du einen Mann, der Deine Tochter anbetete, des entsetzlichen Verrathes beschuldigt? Als meine Wünsche denjenigen auf den Thron erhoben, der ihn jetzt inne hat, Pulawski, ich schwöre Dir bei der, die ich liebe! so glaubte ich im Interesse meines Landes zu handeln. Das Unglück, das meine Jugend nicht sah, hat Deine Erfahrung vorausgesehen; aber darfst Du mich des Verrathes beschuldigen, weil es mir an Klugheit fehlte? kannst Du es mir zum Vorwurf machen, dass ich meinen Freund hochgeschätzt habe? kannst Du mir ein Verbrechen daraus machen, dass ich ihn noch jetzt hochschätze? seit drei Monaten habe ich wie Du die Leiden meines Vaterlandes gesehen, wie Du habe ich darüber geseufzt; aber ich bin überzeugt, dass der König nichts davon weiß, ich werde ihm in Warschau selbst die Augen darüber öffnen.« Pulawski unterbrach mich: »Dorthin hast Du jetzt nicht zu gehen! Du sagst, Herr von P... sei von dem Unglück seines Landes nicht unterrichtet; ich will es glauben! aber ob er weiß oder nicht, das kann uns jetzt gleichgiltig sein. »Übermüthige Fremdlinge haben sich in unseren Provinzen eingenistet und werden sich selbst gegen den König ihrer Wahl darin zu behaupten suchen. Lowzinski, hoffen wir nur auf uns selbst, rächen wir das Vaterland oder sterben wir für dasselbe; ich habe in der Woywodschaft Lublin vierhundert Edelleute versammelt, die nur die Rückkehr ihres Feldherrn erwarten, um gegen die Russen auszuziehen; folge mir, komm in mein Lager; unter dieser Bedingung bin ich frei, und meine Tochter gehört Dir.« »Pulawski, ich bin bereit! ich schwöre, Deinem Stern zu folgen und Deine Gefahren zu theilen. Und glaube nicht, dass Lodoiska allein mir diese Schwüre entlockt! ich liebe mein Vaterland, wie ich Deine Tochter anbete; ich schwöre bei ihr und vor Dir, dass die Feinde des Staates immer die meinigen gewesen sind und nie aufhören werden, es zu sein: ich schwöre, dass ich meinen letzten Blutstropfen vergießen will, um aus Polen Fremdlinge zu verjagen, die unter dem Namen des Königs daselbst herrschen.« Pulawski ließ mich meine Hände in die Lodoiska's legen; wir umarmten unsern Vater, als Titsikan hereintrat. »Gut! gut!« rief er, »so ist es recht, so habe ich es gewollt! ich liebe die Heiraten, lustig, Papa, ich will Dich jetzt losbinden lassen. »Bei meinem Säbel,« fuhr der Tartar fort, während seine Soldaten die Stricke aufschnitten, mit denen Pulawski gebunden war, »ich begehe hier eine schöne Handlung, wenn ich daran denke! aber sie kostet mich auch viel Geld. Zwei polnische Magnaten! ein schönes Mädchen! das hätte mir ein schönes Lösegeld eingetragen.« »Titsikan, laß Dich das nicht gereuen,« unterbrach ihn Pulawski. »Nein, nein!« versetzte der Tartar; »es ist ein bloßer Einfall, einer der Gedanken, deren sich ein Räuber nicht erwehren kann! meine wackeren Leute, ich verlange nichts von Euch; noch mehr, Ihr sollt Euere Reise nicht zu Fuß fortsetzen; ich habe gute Pferde zu Eurem Dienst. Und für dieses Kind da will ich Euch, wenn Ihr wollt, eine Sänfte geben, auf der man mich zehn bis zwölf Tage herumgetragen. Dieser Bursche da (er zeigte auf mich), hat mich so getroffen, dass ich mich nicht zu Pferde halten konnte. Die Sänfte ist schlecht, plump aus Baumzweigen gemacht; aber ich habe sonst nichts als einen kleinen bedeckten Wagen Euch anzubieten; Ihr könnt wählen.« Indes hatte Durlinski noch kein Wort zu sagen gewagt und schlug bestürzt die Augen nieder. »Unwürdiger Freund,« sagte Pulawski zu ihm, »so sehr hast Du mein Vertrauen hintergehen können! Du hast Dich nicht gescheut. Dich meinem Zorne auszusetzen! Welcher böse Geist blendete Dich?« »Die Liebe,« antwortete Durlinski, »eine wahnsinnige Liebe. Du weißt also nicht, zu welchen Verbrechen die Leidenschaften einen Menschen von heftiger und eifersüchtiger Gemüthsart treiben können? möge dieses schreckliche Beispiel Dich lehren, dass eine so schöne, eine so reizende Tochter, wie die Deinige, ein seltener Schatz ist, dessen Bewachung man niemand anvertrauen darf. Pulawski, ich habe Deinen Hass verdient, und doch bist Du mir einiges Mitleid schuldig. Ich habe schwere Verbrechen auf mein Gewissen geladen, aber sieh! ich bin grausam dafür gestraft. Ich verliere an einem einzigen Tage meinen Rang, meine Reichthümer, meine Ehre, meine Freiheit; ich verliere noch mehr, ich verliere Deine Tochter. Oh, Lodoiska! Du, die ich so gröblich beleidigt habe, könntest Du meine Verfolgungen, Deine Gefahren, Deine Leiden vergessen? könntest Du großmüthig mir verzeihen? ach, wenn es keine Schändlichkeiten gibt, die eine wahre Reue nicht zu sühnen vermöchte, Lodoiska, so bin ich kein Verbrecher mehr; ich wünschte, mit all' meinem Blute die Thränen erkaufen zu können, die Du vergossen hast. Wird Durlinski in die schreckliche Sklaverei, die seiner wartet, nicht wenigstens die tröstende Erinnerung mitnehmen, Dich sagen gehört zu haben, dass er Dir nicht verhasst ist? allzu liebenswürdiges und bis jetzt allzu unglückliches Mädchen, so schwer meine Vergehen gegen Dich sind, so kann ich sie mit einem einzigen Worte wieder gut machen. Komme, trete her zu mir, ich habe Dir ein wichtiges Geheimnis mitzutheilen.« Lodoiska nahte sich arglos. Plötzlich sehe ich einen Dolch in Durlinski's Händen blinken. Ich stürze auf ihn los – es war zu spät, ich konnte blos den zweiten Stoß aufhalten; bereits war meine Geliebte, unter der linken Brust getroffen, zu Titsikan's Füßen niedergesunken. Pulawski, wüthend, wollte seine Tochter rächen. »Nein, nein,« rief der Tartar, »Du würdest dem Schurken einen zu leichten Tod geben.« »Du da!« sagte der schändliche Mörder zu mir, sein Opfer mit grausamer Freude betrachtend. »Lowzinski, Du scheinst so große Eile zu haben Dich mit Lodoiska zu vereinigen? warum folgst Du ihr nicht? geh, mein glücklicher Nebenbuhler, geh, vereinige Dich mit Deiner Geliebten im Grabe. »Man bereite mir den schmerzlichsten Tod, er wird mir angenehm sein und erscheinen; ich verlasse Dich nicht minder grausamen und längeren Qualen, als die meinigen sind, dahin gegeben.« Mehr konnte Durlinski nicht sprechen. Die Tartaren schleppten ihn fort und warfen ihn in die brennenden Schutthaufen. Welche Nacht, lieber Faublas! wie verschiedene Sorgen, wie entgegengesetzte Gefühle bestürmten mich während derselben! wie oft wechselten hintereinander Furcht und Hoffnung, Schmerz und Freude! Nach so vielen Unruhen und Gefahren war mir Lodoiska von ihrem Vater wiedergeschenkt, ich schwelgte in der süßesten Hoffnung, sie zu besitzen; ein Unmensch ermordet sie vor meinen Augen! Dieser Augenblick war der grausamste in meinem Leben! Beruhigen Sie sich, mein Freund! mein so schnell erloschenes Glück wird bald wieder aufleben. Unter Titsikans Soldaten befand sich einer, der etwas von der Heilkunde verstand; wir riefen ihn herbei. Er untersuchte die Wunde und versicherte, dass sie sehr leicht sei; der schändliche Durlinski hatte, durch seine Ketten gehindert, einen sehr unsicheren Stoß gethan. Sobald Titsikan sich überzeugt hatte, dass für Lodoiska's Leben nichts mehr zu fürchten war, verabschiedete er sich von uns. »Ich lasse Euch,« sagte er, »die fünf Bedienten, die Pulawski mitgebracht, Lebensmittel auf fünf Tage, Waffen, sechs gute Pferde, zwei bedeckte Wagen und sämmtliche Leute Durlinski's wohl gefesselt. »Ihr verruchter Herr ist gestorben. Ich reise ab, der Tag beginnt zu grauen; verlasst das Schloss nicht vor morgen; denn morgen werde ich in andere Gegenden ziehen. »Lebt wohl, Ihr braven Leute! sagt Euren Polen, dass Titsikan nicht immer ein garstiger Teufel ist, und dass er zuweilen mit einer Hand wieder gibt, was er mit der andern nimmt. Lebt wohl!« Mit diesen Worten gab er das Zeichen zum Aufbruch; die Tartaren zogen die Fallbrücke auf und ritten im stärksten Galopp davon. Kaum waren sie zwei Stunden fort; als mehrere benachbarten Edelleute, von einigen Haufen Grenzsoldaten unterstützt, Durlinski's Schloss umzingelten. Pulawski gieng ihnen selbst entgegen und erzählte den ganzen Vorgang umständlich; auch überredete er einige von ihnen, uns in die Woywodschaft Lublin zu folgen. Sie verlangten nur zwei Tage, um sich gehörig auf ihre Reise zu rüsten. Sie kamen sechzig Mann stark zur bestimmten Zeit wieder zu uns; und da Lodoiska versicherte, dass sie sich stark genug fühle, die Strapazen der Reise auszuhalten, so legten wir sie in einen bequemen Wagen, den wir uns inzwischen verschafft hatten. Nachdem wir Durlinski's Leuten die Freiheit geschenkt, überließen wir ihnen die zwei bedeckten Wagen, in denen Titsikan die merkwürdige Großmuth gehabt hatte, einen Theil der Beute zurückzulassen, die sie unter sich vertheilten. Wir kamen glücklich in der Woywodschaft Lublin an, bei Polowisk, das Pulawski zum allgemeinen Sammelplatz bestimmt hatte. Die Nachricht von seiner Rückkehr zog eine Menge Unzufriedener herbei, so dass unsere kleine Armee binnen eines Monats ungefähr zehntausend Mann erreichte. Lodoiska war von ihrer Wunde vollständig geheilt, hatte sich vollkommen erholt und ihre Stärke, ihre Frische im ganzen Glanz ihrer Schönheit wieder erhalten. Pulawski rief mich in sein Zelt und sagte zu mir: »Dreitausend Russen haben sich auf den Höhen drei Viertelmeilen von hier gezeigt; nimm auf den Abend viertausend auserlesene Mann und verjage den Feind aus seiner vorteilhaften Stellung; bedenke, dass von dem Erfolge eines ersten Kampfes fast immer der Erfolg eines Feldzuges abhängt; bedenke, dass Du Dein Vaterland rächen musst, mein Freund, lass morgen von Deinem Siege hören! morgen heiratest Du Lodoiska.« Ich machte mich um zehn Uhr abends auf den Marsch. Um Mitternacht überrumpelten wir den Feind in seinem Lager; nie war eine Niederlage vollständiger. Wir tödteten siebenhundert Mann, machten neunhundert Gefangene und erbeuteten sämmtliche Kanonen, die Kriegskasse und die Geräthschaften. Mit Tagesanbruch stieß Pulawski mit dem Rest des Heeres zu mir; er brachte Lodoiska mit. Man vermählte uns in Pulawski's Zelt. Das ganze Lager wiederhallte von fröhlichen Gesängen; die Tapferkeit und Schönheit wurde in lustigen Versen gefeiert; es war das Fest des Amors und Mars. Man hätte glauben sollen, jeder Soldat besitze meine Seele und theile mein Glück. Nachdem ich die ersten Tage einer so theueren Verbindung der Liebe gewidmet hatte, ließ ich mir angelegen sein, die heroische Treue meines Boleslaw zu belohnen. Mein Schwiegervater schenkte ihm eines seiner Schlösser, einige Meilen von der Hauptstadt. Lodoiska und ich fügten eine ziemlich bedeutende Geldsumme hinzu, um ihm ein unabhängiges und ruhiges Los zu sichern. Er wollte uns nicht verlassen; wir befahlen ihm, von seinem Schlosse Besitz zu nehmen und friedlich in der ehrenvollen Zurückgezogenheit zu leben, die er so redlich verdient hatte. Am Tage seiner Abreise nahm ich ihn auf die Seite und sagte zu ihm: »Geh in meinem Namen zum König nach Warschau! melde ihm, dass ich mit Pulawski's Tochter vermählt bin; sage ihm, dass ich mich bewaffnet habe, um aus seinem Königreiche Fremdlinge zu verjagen, die es verwüsten, besonders aber sage ihm, dass Lowzinski ein Feind der Russen, nicht aber seines Königs ist.« Ich will Sie, lieber Faublas, nicht mit der Erzählung unserer Operationen während eines achtjährigen blutigen Krieges ermüden. Hie und da besiegt, meistens siegreich; eben so groß bei seinen Niederlagen, als furchtbar nach seinen Siegen, immer über die Ereignisse erhaben, zog Pulawski die Aufmerksamkeit Europas auf sich und nöthigte ihm durch seinen langen Widerstand Bewunderung ab. Wenn er eine Provinz verlassen musste, bereitete er sich zu neuen Kämpfen in einer andern, und so durchzog er alle Woywodschaften nach einander und erprobte in jeder einzelnen durch einige glorreiche Thaten den Hass, den er den Feinden Polens geschworen hatte. Gemahlin eines Kriegers, Tochter eines Helden, an das Getümmel des Feldlagers gewöhnt, begleitete uns Lodoiska überall. Von fünf Kindern, die sie mir geschenkt hatte, blieb mir nur eine einzige achtzehn Monate alte Tochter. Eines Tages, nach einem hartnäckigen Kampfe, stürzen sich die siegenden Russen in mein Zelt, um es zu plündern. Pulawski, ich und einige Edelleute eilten zur Vertheidigung Lodoiska's herbei; wir retteten sie, aber meine Tochter wurde geraubt. Meine Tochter trägt in Folge einer klugen Vorsicht, die ihre Mutter in diesen stürmischen Zeiten nicht vernachlässigt hatte, unter dem Arme die Wappen unseres Hauses; aber ich habe bis jetzt vergebliche Nachforschungen angestellt. Ach! Dorliska, meine theuere Dorliska seufzt entweder in der Sklaverei, oder sie ist nicht mehr am Leben. Dieser Verlust erfüllte mich mit dem tiefsten Schmerz. Pulawski schien beinahe unempfindlich. Sei es nun, dass er schon jetzt mit dem großen Plane umgieng, den er mir bald darauf mittheilte, oder dass die Leiden des Vaterlandes allein das Recht hatten, sein stoisches Herz zu rühren; er sammelte die Trümmer seiner Armee, bezog ein vorteilhaftes Lager; befestigte es mehrere Tage lang und behauptete sich darin drei ganze Monate gegen alle Anstrengungen der Russen. Dennoch musste man daran denken, es aufzugeben, die Lebensmittel giengen auf die Neige. Pulawski kam in mein Zelt, hieß alle Anwesenden hinausgehen und sagte zu mir, als wir allein waren: »Lowzinski, ich habe Ursache, mich über Dich zu beklagen. Sonst halfst Du mir die Last des Commandos zu tragen, ich konnte auf meinen Schwiegersohn einen Theil meiner schweren Sorgen übertragen; seit drei Monaten weinst Du den ganzen Tag und seufzest wie ein Weib! Du verlässest mich in einem kritischen Augenblick, wo mir Deine Hilfe am nöthigsten ist. Du siehst, wie sehr ich von allen Seiten bedrängt bin; ich fürchte nicht für mein Leben, das bekümmert mich nicht; aber wenn wir umkommen, hat der Staat keine Vertheidigung mehr. »Ermanne Dich, Lowzinski! Du theiltest bisher so edel meine Mühen! Sei jetzt kein unthätiger Zuschauer! wir haben uns im Blute der Russen gebadet; unsere Mitbürger sind gerächt; aber sie sind nicht gerettet, und wir können sie vielleicht bald nicht mehr vertheidigen.« »Du setzest mich in Erstaunen, Pulawski; woher kommen Dir diese düsteren Ahnungen?« »Ich bin nicht umsonst unruhig; betrachte unsere gegenwärtige Stellung; ich habe mich bemüht, in allen Herzen die Liebe zum Vaterland zu erwecken; fast überall habe ich bloß niedrig denkende zur Sklaverei geborene oder schwache Menschen getroffen, die im Gefühl ihres Unglücks sich dennoch auf nutzlose Klagen beschränkten. Einige echte Bürger in kleiner Anzahl haben sich unter meine Fahnen gestellt; aber acht Feldzüge haben sie fast Alle weggerafft. »Ich schwächte mich durch meine Siege, unsere Feinde erschienen nach ihren Niederlagen immer zahlreicher.« »Ich wiederhole Dir, Pulawski, Du bringst mich zum Erstaunen, in nicht minder traurigen Umständen habe ich Dich von Deinem Muthe aufrecht erhalten gesehen.« »Glaubst Du, er verlasse mich? Die Tapferkeit besteht nicht darin, die Gefahr nicht sehen zu wollen, sondern ihr zu trotzen, wenn man sie kennt. Unsere Feinde bereiten meine Niederlage vor; indes, wenn Du willst, Lowzinski, so wird der Tag, den sie für ihren Triumph bezeichnet haben, vielleicht der Tag ihres Verderbens und der Rettung unserer Mitbürger.« »Wenn ich will! zweifelst Du daran? sprich, was willst Du sagen? was soll ich thun?« »Den kühnsten Streich ausführen, den ich je erdacht habe. »Vierzig auserlesene Männer haben sich in Czenstochow bei Kaluwski versammelt, dessen Tapferkeit bekannt ist; sie haben einen gewandten, festen, unerschrockenen Anführer nöthig; ich habe Dich ausersehen.« »Ich bin bereit, Pulawski.« »Ich will Dir die Gefährlichkeit dieses Unternehmens nicht verhehlen, mein Sohn, der Erfolg ist zweifelhaft, und wenn es nicht gelingt, ist Dein Verderben unvermeidlich.« »Ich sage Dir, ich bin bereit; erkläre Dich.« »Du weißt, dass ich kaum noch viertausend Mann habe, ich kann zwar allerdings unsere Feinde noch gewaltig quälen, aber ich darf mit so schwachen Mitteln nicht hoffen, sie zur Räumung unseres Landes zu nöthigen. »Alle unsere Edelleute würden unter meine Fahne gehen, wenn der König in meinem Lager wäre.« »Was sagst Du, Pulawski, hoffst Du, der König werde sich entschließen hierher zu kommen?« »Nein, man muss ihn dazu zwingen – ja, ich weiß, dass eine alte Freundschaft Dich an den König kettet; aber seitdem Du mit Pulawski die Sache der Freiheit verfichst, weißt Du auch, dass man dem Wohl seines Vaterlandes Alles aufopfern muss; dass ein heiligeres Interesse –« »Ich kenne meine Pflichten und werde sie erfüllen; aber was schlägst Du mir vor? der König geht nie aus Warschau.« »Gut, eben in Warschau muss man ihn aufsuchen, mitten aus seiner Hauptstadt muss man ihn herausreißen.« »Was hast Du für dieses große Unternehmen vorbereitet?« »Du siehst, dass diese russische Armee, die seit drei Monaten vor uns steht, dreimal stärker ist als die meinige; ihr General erwartet jetzt ruhig in seinen Verschanzungen, ich werde mich, vom Hunger überwältigt, auf Gnade und Ungnade ergeben. Hinter meinem Lager sind Sümpfe, die man für undurchdringlich hält; sobald es Nacht wird, durchziehen wir sie. »Ich habe meine Anordnungen so getroffen, dass meine getäuschten Feinde meinen Rückzug viel zu spät gewahr werden, ich hoffe, mehr als einen Marsch unbemerkt ausführen zu können; wenn das Glück mir günstig ist, kann ich einen ganzen Tag über sie gewinnen. »Ich ziehe geradenwegs gegen Warschau, auf der großen Straße, die nach der Hauptstadt führt und mitten durch die kleinen russischen Korps hindurch, die unaufhörlich in der Umgegend herumschweifen. Ich denke sie vereinzelt zu schlagen, oder, wenn sie sich auch vereinigen können, um mich aufzuhalten, so will ich sie wenigstens so beschäftigen, dass sie Dich nicht beunruhigen können. Du, Lowzinski, wirst mir indes vorausgegangen sein. Deine vierzig Mann werden vermummt, bloß mit Säbeln, Dolchen und Pistolen bewaffnet, die sie unter ihren Kleidern verborgen halten, auf verschiedenen Wegen nach Warschau kommen. Ihr wartet, bis der König aus seinem Palaste geht; dann nehmt Ihr ihn und führt ihn in mein Lager. »Das Unternehmen ist verwegen, unerhört, wenn Du willst; die Ankunft in der Stadt ist schwierig, der Aufenthalt gefährlich, die Rückkehr unsicher. Wenn Du Unglück hast, der Streich Dir misslingt, wenn man Dich aufhält, Lowzinski, so bist Du verloren, aber Du stirbst als Märtyrer der Freiheit; doch Pulawski, eifersüchtig auf einen so glorreichen Tod, wird seufzen, Dich überleben zu müssen; aber noch einige Russen werden Dir in's Grab nachfolgen. »Wenn dagegen der allmächtige Gott, der Beschützer Polens, mir diesen kühnen Plan eingegeben hat, um dem Unglücke dieses Landes ein Ende zu machen, wenn seine Güte Dir einen, diesem Muthe entsprechenden Erfolg gewährt, so sieh, welch' heilsame Folgen Deine edle Verwegenheit haben wird. »Der König wird in meinem Lager lauter Bürgersoldaten finden, die den Fremden feind, ihrem König treu sind; unter einem patriotischen Zelte wird er so zu sagen die Luft der Freiheit, die Liebe zu seinem Vaterlande einathmen, die Feinde des Staates werden die seinigen werden, unser braver Adel wird aus seinem Schlummer erwachen und unter den Fahnen seines Königs für die gemeinsame Sache streiten; die Russen werden zusammengehalten, oder über ihre Grenzen zurückziehen; mein Freund, Du wirst Dein Land gerettet haben.« Pulawski hielt sein Wort. Mit Anbruch der Nacht führte er seinen Rückzug glücklich aus. Die Sümpfe wurden in aller Stille durchzogen. »Mein Freund,« sagte mein Schwiegervater jetzt zu mir, »es ist Zeit, dass Du uns verlässest; ich weiß wohl, dass meine Tochter mehr Muth hat als eine andere Frau, aber sie ist auch eine zärtliche Gattin und eine unglückliche Mutter. Ihre Thränen würden Dich weich machen; Du würdest in ihren Umarmungen diese Geisteskraft, diesen Stolz der Seele verlieren, die Du gegenwärtig mehr als je nöthig hast; ich rathe Dir, keinen Abschied von ihr zu nehmen.« Pulawski drang vergebens in mich; ich konnte mich nicht dazu entschließen. Als Lodoiska hörte, dass ich allein abreise und uns fest entschlossen sah, ihr nichts zu sagen, wohin, da vergoss sie Tränen und wollte mich zurückhalten. Ich fing an schwankend zu werden. »Fort,« rief mein Schwiegervater, »fort! Lowzinski, geh! Vater, Gattin, Kinder, alles muss man aufopfern, wenn es sich um das Vaterland handelt.« Ich verließ das Lager und reiste so schnell, dass ich gegen die Mitte des zweiten Tages nach Czenstochow kam. Dort traf ich vierzig zu allem entschlossene Edelleute. »Meine Herren,« sagte ich zu ihnen, »es handelt sich, den König aus seiner Hauptstadt zu entführen. Männer, die fähig sind, ein so kühnes Unternehmen zu wagen, sind allein fähig, es auszuführen. »Ein glücklicher Erfolg oder der Tod erwartet uns.« Nach dieser kurzen Anrede rüsteten wir uns zum Aufbruche. Kaluwski, der vorher benachrichtigt war, hielt zwölf mit Heu und Stroh beladene und je mit guten Pferden bespannte Wagen bereit. Wir vermummen uns alle als Bauern, verbergen unsere Kleider, unsere Säbel, unsere Pistolen, unsere Sattel in dem Heu, womit unsere Wagen gefüllt sind, und vereinigen uns über mehrere Zeichen und Losungsworte. Zwölf der Verschworenen, von Kaluwski kommandiert, werden die zwölf Wagen nach Warschau hineinschaffen und selbst die Fuhrleute machen. Den Rest meines kleinen Haufens teile ich in mehrere Brigaden; um jeden Verdacht zu vermeiden, muss jeder einzeln in einiger Entfernung von dem anderen gehen und durch verschiedene Tore in die Hauptstadt gehen. Wir brechen auf; Samstag den 2. November 1771 kommen wir in Warschau an und quartieren uns alle im Dominikanerkloster ein. Sonntags, den zweiten, in der Geschichte Polens ewig denkwürdigen Tag, stellte sich Strawinski, mit Lumpen bedeckt, neben der Kollegialkirche auf und bettelt bis vor den Türen des königlichen Palastes; er bemerkt alles, was dort vorgeht. Mehrere unserer Mitverschworenen durchziehen in der Stadt selbst die sechs engen Straßen, die alle nach dem großen Platze führen, wo ich mit Kaluwski spazieren gehe. Wir stehen den ganzen Morgen und einen Teil des Nachmittags auf der Lauer. Abends um sechs Uhr kommt der König aus dem Palast; man folgt ihm, man sieht ihn in den Palast seines Oheims von P..., Großkanzler von Litthauen, hineingehen. Alle Verschworenen werden in Kenntnis gesetzt; sie legen ihre schlechten Kleider ab, satteln ihre Pferde und setzen ihre Waffen in Bereitschaft. In dem großen Dominikanergebäude werden unsere Bewegungen nicht bemerkt. Wir gehen von dem Dunkel der Nacht begünstigt einer nach dem anderen heraus. Zu genau bekannt in Warschau, um mich ohne Verkleidung zeigen zu dürfen, behalte ich meine Bauernkleider; ich besteige ein vortreffliches, aber mit einer gemeinen Schabracke bedecktes und bäurisch aufgeputztes Pferd. Ich sehe unsere Leute in der Vorstadt die verschiedenen Posten einnehmen, die ich ihnen, bevor wir das Kloster verließen, bezeichnet habe; sie stellen sich so auf, dass alle Eingänge von des Großkanzlers Palast bewacht sind. Zwischen neun und zehn Uhr abends kommt der König heraus, wir bemerken, dass sein Gefolge nicht zahlreich ist. Vor dem Wagen gingen zwei Männer mit Fackeln; hierauf folgten einige Ordonanzoffiziere, zwei Edelleute und ein Unterstallmeister. Ich weiß nicht, was für ein Herr neben dem König im Wagen saß, an den Kutschenschlägen ritten zwei Pagen, hinten zwei Heiduken und zwei Lakaien. Der König fährt langsam; unsere Verschworenen sammeln sich in einiger Entfernung, zwölf der Entschlossensten sondern sich ab; ich stelle mich an ihre Spitze, wir rücken im schwachen Trabe vor. Da russische Garnison in Warschau lag, so redeten wir die Sprache dieser Fremdlinge, um für eine ihrer Patrouillen gehalten zu werden. Ungefähr hundert und fünfzig Schritte von dem Palaste des Großkanzlers von Polen holen wir den Wagen ein. Auf einmal werfen wir uns den ersten Pferden in den Weg und schneiden schnell den Zug ab, so dass die Vorreiter des Wagens von der Umgebung desselben getrennt sind. Ich gebe das Zeichen. Kaluwski sprengt mit den übrigen Verschworenen herbei; ich weise dem Postillon eine Pistole, dass er anhält; man schießt auf den Kutscher, man stürzt sich auf die Kutschenschläge. Von den zwei Heiduken, die sich zur Wehr setzen, sinkt der eine von zwei Kugeln durchbohrt, der andere von einem Säbelhieb über den Kopf getroffen, rücklings zu Boden. Das Pferd des Unterstallmeisters stürzt verwundet, einer der Pagen wird abgeworfen und sein Pferd genommen; die Kugeln pfeifen von allen Seiten her. Der Angriff war so hitzig, das Feuer so stark, dass ich für das Leben des Königs fürchtete. Dieser hatte in der Gefahr seine Kaltblütigkeit nicht verloren, er war ausgestiegen und suchte den Palast seines Onkels zu gewinnen. Kaluwski hält ihn an und fasst ihn bei den Haaren; sieben bis acht Verschworene umringen ihn, entwaffnen ihn, packen ihn rechts und links, nehmen ihn zwischen ihre Pferde und jagen spornstreiches mit ihm bis ans Ende der Straße. Ich gestehe es, in diesem Augenblicke dachte ich, Pulawski hätte mich schändlich betrogen und der Plan sei gewesen, den Monarchen zu ermorden. Plötzlich fasse ich einen Entschluss ich sprenge den Vorderen ventre à terre nach, rufe ihnen zu, Halt zu machen, und drohe jeden, der nicht gehorchen würde, niederzuschießen. Gott, der Beschützer der Könige, wachte über die Rettung des Königs. Kaluwski und seine Leute hielten auf den wohlbekannten Klang meiner Stimme an. Wir setzten den König auf ein Pferd und ritten im stärksten Galopp weiter bis an die Gräben, welche die Stadt umgeben und die der Monarch mit uns überschreiten musste. Nun aber riss ein panischer Schrecken unter mein Häuflein ein. Fünfzig Schritte über dem Gräben waren wir nur noch zu sieben um den König. Es war eine finstere Regennacht. Man musste im Moraste alle Augenblicke vom Pferde steigen, um den Boden zu untersuchen. Das Pferd des Monarchen stürzte zweimal und brach beim zweiten Sturze das Bein; der König selbst verlor bei diesen heftigen Bewegungen seinen Pelz und seinen linken Stiefel. »Wenn Ihr wollt, dass ich Euch folgen soll,« sagte er zu uns, »so gebt mir ein Pferd und einen Stiefel.« Wir machten ihn wieder beritten; um die Straße zu erreichen, auf welcher Pulawski vorzurücken versprochen hatte, schlugen wir den Weg nach einem Dorfe Namens Burakow ein. Der König sagte ruhig zu uns: »Geht nicht nach dieser Seite, da sind Russen.« Ich glaubte es und änderte meine Richtung. Je tiefer wir in den Wald von Beliany drangen, je mehr schmolz unsere Begleitung zusammen. Bald sah ich nur noch Kaluwski und Strawinski neben mir, bald hörten wir auch den Ruf einer russischen Wache und machten erschrocken Halt. »Töten wir ihn,« sagte Kaluwski und Strawinski neben mir; ich gab ihm unverhohlen meinen Abscheu über diesen Vorschlag zu erkennen. »Nun, so führen Sie ihn allein weiter,« rief der trotzige Mensch und sprengte tiefer in den Wald hinein, Strawinski ihm nach; ich blieb allein bei dem König. »Lowzinski,« sagte er jetzt zu mir, »Sie sind's, ich kann nicht mehr zweifeln; Sie sind's, ich habe Ihre Stimme erkannt.« Ich erwiderte kein Wort, er fuhr in sanftem Tone fort: »Sie sind es, wer hätte vor zehn Jahren dies geglaubt?« Wir befanden uns in diesem Augenblicke in der Nähe des Klosters von Beliany, ungefähr eine Meile von Warschau. »Lowzinski,« sagte der König weiter, »lassen Sie mich in dieses Kloster gehen, und fliehen Sie.« »Sie müssen mir folgen,« war meine ganze Antwort. »Sie haben sich umsonst verkleidet,« sagte der Monarch, »umsonst wollen Sie jetzt ihre Stimme verstellen; ich habe Sie erkannt; ich weiß gewiss, dass Sie Lowzinski sind. Ach, wer hätte vor zehn Jahren dies geglaubt! vor zehn Jahren hätten Sie Ihr Leben daran gesetzt, das Ihres Freundes zu retten.« Er schwieg. Wir ritten eine Zeit lang in aller Stille weiter, er fieng auf's neue an: »Ich bin entsetzlich müde; wenn Sie mich lebendig weiter bringen wollen, so lassen Sie mich einen Augenblick ausruhen.« Ich half ihm vom Pferde absteigen; er setzte sich auf's Gras, bat mich, neben ihn zu sitzen, ergriff eine meiner Hände und sagte: »Lowzinski, Sie, den ich so sehr geliebt habe, Sie, der besser als irgend jemand die Reinheit meiner Gesinnungen kannte, wie ist es möglich, dass Sie sich gegen mich gewaffnet haben? »Undankbarer! musste ich Sie bei meinen grausamsten Feinden wieder finden?« Sodann schilderte er mir mit rührendsten Farben die Vergnügungen unserer früheren Jahren, unsere innige Verbindung während unserer Jugend; die zärtliche Freundschaft, die wir uns geschworen, das Vertrauen, womit er mich von jeher beehrt habe; er sprach von den Ehren, womit er mich während seiner Regierung überhäuft haben würde, wenn ich sie hätte verdienen wollen; besonders machte er mir das unwürdige Unternehmen zum Vorwurf, an dessen Spitze ich zu stehen schiene, wobei ich aber, wie er wohl wisse, nur das erste Werkzeug sei. Er stellte mir jedoch vor, dass nicht allein der Anstifter eines solchen Attentates strafwürdig sei; dass ich die Ausführung desselben nicht ohne Verbrechen habe übernehmen können, und dass diese entsetzliche, schon an einem Unterthanen so strafbare Gefälligkeit, an einem Freunde noch weit weniger entschuldigt werden könne. Er schob die ganze Schändlichkeit des Unternehmens auf Pulawski und schloss mit der dringenden Bitte, ihn frei zu lassen. »Fliehen Sie,« sagte er zu mir »und seien Sie versichert, dass wenn man zu mir kommt, ich einen ganz anderen Weg angeben werde, als Sie eingeschlagen haben.« Der König drang lebhaft in mich; seine natürliche, durch die Gefahr gesteigerte Beredsamkeit trug Überzeugung in mein Herz und erweckte darin Gefühle sanfterer Art. Ich wurde weich und schwankte schon in der Wahl; dennoch siegte Pulawski. Ich glaubte den stolzen Republikaner mir meine Schwachheit vorwerfen zu hören. Lieber Faublas, die Liebe zum Vaterland hat vielleicht ihren Fanatismus und ihren Aberglauben; und doch, wenn ich damals schuldig war, so bin ich es noch jetzt. Sie sehen mich im gegenwärtigen Augenblicke mehr als je überzeugt, dass es muthvoll war und edel gehandelt, dass ich den König zwang, wieder zu Pferde zu steigen. »Also,« rief er traurig, »verwerfen Sie die Bitte, die ein Freund an Sie richtet! Sie schlagen die Gnade aus, die Ihr König Ihnen anbietet! nun gut, ziehen wir weiter! ich übergebe mich meinem bösen Geschicke oder überlasse Sie dem Ihrigen.« Wir fiengen unseren Marsch auf's neue an; allein die Vorwürfe des Monarchen, seine Bitten, auch seine Drohungen und meine inneren Kämpfe hatten mich so verwirrt, dass ich meinen Weg nicht mehr sah. Ich schweifte ohne eine feste Bahn auf dem Felde herum, und nach halbstündigem Ritte befanden wir uns vor Marimont bei Warschau; ich war verirrt und hatte unwillkührlich umgekehrt. Eine Viertelmeile von da stießen wir auf eine russische Abtheilung. Der König gab sich dem Anführer derselben zu erkennen und setzte hinzu: »Ich habe mich diesen Abend auf der Jagd verirrt; dieser gute Bauer hier wollte mir, ehe er mich auf meinen Weg zurückführte, in seiner Hütte ein einfaches Mahl bereiten; aber weil ich Soldaten von Pulawski in der Gegend bemerkt zu haben glaubte, so wünschte ich, lieber schnell nach Warschau zurückzukehren und Sie würden mir einen Gefallen thun, wenn Sie mich begleiteten. »Was Dich betrifft, mein Freund, so bedauere ich nicht, dass Deine Mühe vergebens war; denn ich gehe ebenso gern in Gesellschaft dieser Herren in meine Hauptstadt zurück, als ich mit Dir weiter gezogen wäre. »Indes wäre es nicht recht, wenn ich Dich ohne Belohnung ließe; was wünschest Du? sprich! bitte Dir eine Gnade aus, ich will sie Dir gewähren.« Sie können sich meine Verwirrung denken, Faublas; ich zweifelte noch über die Absichten des Königs. Ich suchte den wahren Sinn seiner zweideutigen Worte zu enträthseln, die so voll des bittersten Spottes oder der feinsten Großmuth waren. Er ließ mich eine Zeit lang in dieser peinlichen Ungewissheit. »Du bist, wie ich sehe, in großer Verlegenheit,« sagte er endlich mit einer Güte, die mir durch die Seele drang, »umarme mich, mein Freund, es ist mehr Ehre als Nutzen dabei, einen König zu umarmen,« fügte er lachend hinzu; »indes musst Du zugeben, dass an meiner Stelle viele Monarchen im gegenwärtigen Augenblicke nicht so großmüthig wären wie ich.« Mit diesen Worten ritt er weiter und ließ mich beschämt durch solche Seelengröße stehen. Indes konnte sich die Gefahr, aus der mich der König so großmüthig gerettet hatte, jeden Augenblick für mich erneuern. Es wahr mehr als wahrscheinlich, dass eine Menge Couriere von Warschau aus die erstaunliche Nachricht von der Entführung des Königs nach allen Seiten verbreiten würden. Ohne Zweifel wurden die Räuber bereits heftig verfolgt, und wenn ich in die Hände besser unterrichteter Russen fiel, so wäre ich verloren und alle Bemühungen des Königs hätten mich nicht retten können. Pulawski konnte, wenn sein Zug auch vollkommen nach seinem Wunsche ausgefallen war, noch nicht in der Nähe sein, ich hatte wenigstens noch zehn Meilen zu machen, und mein Pferd war ganz abgemattet. Ich suchte es weiter zu treiben; allein es hatte kaum fünfzehn Schritte gemacht, als es unter mir zusammenbrach. In diesem Augenblicke kam ein gut gekleideter Reiter die Straße daher, er sah das Thier fallen, glaubte sich auf Kosten eines armen Bauern lustig machen zu dürfen und sagte zu mir: »Mein Freund, ich versichere Dir, dass Dein gutes Pferd jetzt nichts mehr wert ist.« Erzürnt über diesen plumpen Spass, beschloss ich, den Spötter auf der Stelle zu bestrafen und zugleich meine Flucht zu sichern. Ich setzte ihm schnell eine meiner Pistolen auf die Brust und zwang ihn, mir sein Pferd zu überlassen, und ich will auch gestehen, dass ich durch die Noth gedrängt, ihm seinen guten, ebenso weiten als leichten Mantel abnahm, mit dem ich meine bäurischen Kleider bedeckte, die mich leicht hätten verrathen können. Ich warf dem abgesetzten Reiter meine volle Geldbörse vor die Füße und entfernte mich mit der größten Geschwindigkeit meines neuen Pferdes. Es war frisch und kräftig; ich machte zwölf Meilen in einem Trab; endlich glaubte ich das Krachen von Kanonen zu hören, woraus ich schloss, mein Schwiegervater werde in der Nähe sein und den Russen einen Kampf liefern. Ich hatte mich nicht getäuscht; ich kam auf dem Schlachtfelde an in demselben Augenblicke, wo eines unserer Regimenter zurückwich. Ich gab mich den Flüchtlingen zu erkennen, sammelte sie hinter einem Hügel und fasste den Feind von der Seite, während Pulawski ihn mit dem übrigen Heere bekämpfte. Unser Angriff kam so zur rechten Zeit und war so nachdrücklich, dass die Russen nach einem großen Gemetzel in ihren Reihen durchbrochen waren. Pulawski schrieb die Ehre ihrer Niederlage mir zu. »Ach,« sagte er, mich umarmend, nachdem er die näheren Umstände meiner Expedition gehört hatte, »wenn Deine vierzig Leute Deinen Muth gehabt hätten, so wäre der König jetzt in meinem Lager; aber der Himmel hat es nicht gewollt. Ich danke ihm, dass er wenigstens Dich uns erhalten hat; Dir aber danke ich für den wichtigen Dienst, den Du mir geleistet hast; ohne Dich hätte Kaluwski den Monarchen ermordet, und mein Name wäre mit ewiger Schmach bedeckt. »Ich hatte,« sagte er hinzu, »noch zwei Meilen vorrücken können, allein ich wollte mein Lager lieber in dieser achtungsgebietenden Stellung aufschlagen. Gestern hatte ich unterwegs eine russische Abtheilung überfallen und zusammengehauen; diesen Morgen habe ich zwei von ihren Korps geschlagen; ein anderes ansehnliches Korps hat die Trümmer der letzteren gesammelt und mich in der Finsternis angegriffen. »Meine durch einen langen Marsch und drei schnell aufeinander folgende Treffen ermattete Soldaten fiengen an zu weichen; mit Dir ist der Sieg in mein Lager zurückgekehrt. Wir wollen uns hier verschanzen, die russische Armee erwarten und bis zum letzten Seufzer fechten.« Indes wiederhallte das Lager von Jubelgeschrei; unsere siegetrunkenen Soldaten priesen Pulawski und mich um die Wette. Auf den Ruf meines Namens, den tausend Stimmen wiederholten, eilte Lodoiska zu mir in das Zelt ihres Vaters. Sie bewies mir durch ihre größte Zärtlichkeit und ihre überschwengliche Freude das Glück, welches sie empfand, mich wiederzusehen. Ich musste meine Erzählung von den Gefahren, die ich überstanden, auf's neue anfangen. Sie konnte nicht ohne Thränen von dem seltenen Edelmuth des Monarchen hören. »Wie groß ist er!« rief sie aus, »wie würdig König zu sein! er, der Dir verzeihen hat. Wie viele Thränen erspart er der Gattin, die Du verließest, die Du Dich nicht scheutest aufzuopfern. »Grausamer! ist es denn nicht genug an den Gefahren, denen Du Dich täglich aussetzest?« Pulawski unterbrach seine Tochter hart: »Unbesonnenes, schwaches Weib! wagt man es, in meiner Gegenwart solche Reden zu führen?« Sie antwortete: »Muss ich denn unaufhörlich für das Leben eines Vaters und eines theueren Gatten fürchten?« Lodoiska klagte und seufzte nach einer besseren Zukunft, während das Schicksal uns die härtesten Schläge bereitete. Unsere Kosaken kamen von allen Seiten mit der Nachricht, die russische Armee nahe heran. Pulawski erwartete mit Tagesanbruch angegriffen zu werden; es geschah nicht, aber mitten in der folgenden Nacht meldete man mir, die Russen machen Anstalten, unsere Verschanzungen zu erstürmen. Der allzeit fertige Pulawski vertheidigte sie bereits, er that in dieser unseligen Nacht Alles, was man von seiner Erfahrung und seiner Tapferkeit erwarten konnte. Wir schlugen den Feind fünfmal zurück, allein er rückte unaufhörlich wieder mit frischen Truppen heran, und seinen letzten Angriff führte er so gleichzeitig und so gut aus, dass er auf drei Seiten zugleich in unser Lager drang. Zaremba fiel an meiner Seite; eine Menge Edelleute starben, in diesem Kampfe; die Feinde gaben keine Gnade. Wüthend, alle meine Freunde umkommen zu sehen, wollte ich mich in die russischen Bataillone stürzen. »Rasender,« sagte Pulawski zu mir, »welche blinde Wuth umnebelt Deine Sinne! meine Armee ist gänzlich vernichtet, aber Muth bleibt mir doch. Warum hier nutzlos sterben? komm! ich will Dich in Gegenden führen, wo wir den Russen neue Feinde erwecken können; retten wir uns, retten wir Lodoiska!« Wir eilten in ihr Zelt, es war noch Zeit; wir nahmen sie und drangen in die nahen Wälder, wo wir einen Theil des Tages verweilten, bis wir uns herauswagten und vor einem Schlosse, das wir zu erkennen glaubten, zeigten. Es gehörte wirklich einem Edelmanne Namens Micislaw, der eine Zeit lang bei unserer Armee gedient hatte. Micislaw erkannte uns und bot uns ein Asyl an, jedoch mit dem Rathe, es nur auf einige Stunden anzunehmen. Er sagte uns, es habe sich gestern eine äußerst merkwürdige Nachricht verbreitet, die sich zu bestätigen scheine; man habe die Frechheit gehabt, den König aus Warschau selbst zu entführen. Die Russen haben die Räuber verfolgt und den Monarchen in seine Hauptstadt zurückgeführt, auch handle es sich darum, einen Preis auf Pulawski's Kopf zu setzen, den man für den Anstifter der Verschwörung halte. »Glaubt mir,« fügte er hinzu, »Ihr mögt nun an diesem kühnen Komplot Theil gehabt haben oder nicht, flieht! lasst Euere Uniformen, die Euch verrathen würden, hier, ich will Euch weniger auffallende Kleider geben, und was Lodoiska betrifft, so erbiete ich mich, sie in eigener Person an den von Euch bestimmten Aufenthaltsort zu führen.« Lodoiska unterbrach Micislaw. »Mein Aufenthaltsort – das ist der Ort ihrer Flucht; ich werde sie überall hin begleiten.« Pulawski stellte seiner Tochter vor, dass sie die Strapazen einer langen Reise nicht aushalten könnte, und dass wir überdies jeden Augenblick neuen Gefahren ausgesetzt sein würden. »Je größer die Gefahr ist,« antwortete sie, »umso mehr muss ich sie mit Euch theilen. Ihr habt mir hundertmal wiederholt, dass Pulawski's Tochter kein gewöhnliches Weib sein dürfe; seit acht Jahren habe ich mitten im Waffengetümmel gelebt, habe nichts als Blut- und Schreckensscenen gesehen. Der Tod umgab mich von allen Seiten, er bedrohte mich jeden Augenblick. Ihr erlaubtet mir nicht, ihm an Eurer Seite zu trotzen, aber hieng nicht Lodoiska's Leben an dem ihres Vaters? Lowzinski, der Schlag, der Dich getroffen hätte, würde er nicht Deine Gattin in's Grab nachgezogen haben? und seit wann bin ich nicht mehr würdig –« Ich unterbrach Lodoiska, und vereinigte mich mit ihrem Vater, ihr die Gründe auseinander zu setzen, die uns bestimmten, sie in Polen zu lassen. Sie hörte mich mit Ungeduld an. »Undankbarer!« rief sie, »Sie wollen ohne mich abreisen!« »Ja,« erwiderte Pulawski, »Du bleibst bei Lowzinski's Schwestern, und ich verbiete ihm –« – Seine Tochter außer sich, ließ ihn nicht ausreden. »Mein Vater, ich kenne Ihre Rechte, ich ehre sie, sie werden mir immer heilig sein; aber Sie haben das Recht nicht, eine Frau ihrem Gatten zu entreißen – verzeihen Sie! ich beleidige Sie, ich gehe zu weit; aber beklagen Sie meinen Schmerz, entschuldigen Sie meine Verzweiflung. Mein Vater! Lowzinski! hört mich beide an! ich will Euch überall hin begleiten – überall; ja, ich werde Euch gegen Eueren Willen folgen! Lowzinski, wenn Deine Gattin alle Rechte über Dein Herz verloren hat, so erinnere Dich wenigstens Deiner Geliebten. Erinnere Dich jener schrecklichen Nacht, wo ich beinahe in den Flammen umkam, jenes furchtbaren Augenblickes, wo Du in den brennenden Thurm stiegst mit dem Rufe: »Leben oder sterben mit Lodoiska!« Nun denn, was Du damals fühltest, empfinde ich jetzt! Ich kenne kein größeres Unglück als das, von Euch getrennt zu werden; ich sage jetzt meinerseits: »Leben oder sterben mit meinem Vater und meinem Gatten!« Ich Unglückliche! was soll aus mir werden, wenn Ihr mich verlasset, wo werde ich Linderung meines Kummers finden? werden meine Kinder mich trösten? ach! in zwei Jahren hat der Tod mir vier geraubt; die Russen, nicht minder grausam, haben mir das letzte entrissen! ich habe nur noch Euch auf der ganzen Welt, und Ihr wollt mich verlassen. »O mein Vater! o mein Gatte! mögen zwei so theuere Namen Euch nicht unempfindlich finden! Habt Mitleid mit Lodoiska!« Sie konnte vor Thränen nicht mehr sprechen. Micislaw weinte; meine Seele war zerrissen. »Du willst es, meine Tochter; nun gut, ich gebe es zu!« sagte Pulawski; »aber möge der Himmel mich nicht für meine Nachgiebigkeit strafen!« Lodoiska umarmte uns beide so freudig, als ob unsere Leiden zu Ende wären. Ich übergab Micislaw zwei Briefe, die er zu besorgen versprach. Der eine war an meine Schwestern, der andere an Boleslaw gerichtet. Ich sagte ihnen Lebewohl und ermahnte sie, nichts zu versäumen, um meine theuere Dorliska aufzufinden. Meine Frau musste sich verkleiden, sie zog Manneskleider an; wir wechselten unsere Kleider ebenfalls und wandten alle Mittel an, um uns unkenntlich zu machen. So verkleidet, mit unseren Säbeln und Pistolen bewaffnet, mit einer ziemlich bedeutenden Summe Goldes, einigen Edelsteinen und allen Diamanten Lodoiska's versehen, nahmen wir Abschied von Micislaw und eilten, das Gehölz wieder zu erreichen. Pulawski theilte uns seinen Plan mit, nach der Türkei zu fliehen. Er hoffte in den Armeen des Großherrn, der seit zwei Jahren einen unglücklichen Krieg gegen Russland führte, Dienst zu erhalten. Lodoiska schien über den weiten Weg, den wir zu machen hatten, nicht zu erschrecken; da sie weder erkannt, noch gesucht werden konnte, so übernahm sie das Geschäft auf Kundschaft zu gehen und Lebensmittel einzukaufen. Sobald der Tag sich zeigte, zogen wir uns in das Gehölz zurück; in Baumstämmen oder Dornsträuchen verborgen, erwarteten wir die Rückkehr der Nacht, um unseren Weg fortzusetzen. Auf diese Art entgiengen wir mehrere Tage den Nachforschungen der Russen, die uns lebhaft verfolgten. Eines Abends, als Lodoiska, fortwährend als Bauer verkleidet, aus einem benachbarten Weiler zurückkam, wo sie Lebensmittel für uns aufgekauft hatte, fielen zwei russische Marodeurs sie am Eingange des Waldes an, in dem wir verborgen waren. Sie beraubten sie und machten Anstalten, sie gänzlich auszuplündern. Auf ihr Angstgeschrei stürzten wir aus unseren Büschen hervor; die beiden Räuber suchten das Weite, als sie uns erblickten. Allein wir fürchteten, sie möchten dies Abenteuer dem Korps, zu dem sie gehörten, erzählen; dieses seltsame Zusammentreffen konnte Verdacht erregen und man könnte uns in unseren Schlupfwinkeln aufsuchen. Wir beschlossen, unseren Reiseplan zu ändern, und um jede Vermuthung über den Weg, den wir einschlugen, abzuschneiden, wurde ausgemacht, statt geradezu auf die türkische Grenze loszugehen, auf einem langen Umwege nach Posen, dann in die Krim und von da nach Konstantinopel zu gehen. Nach den peinlichsten Märschen erreichten wir Posen. Pulawski verließ weinend sein Vaterland. »Wenigstens,« rief er klagend, »habe ich demselben aus allen Kräften gedient und verlasse es nur in der Absicht, ihm wieder zu dienen.« Diese unaufhörlichen Strapazen hatten Lodoiska's Kräfte erschöpft. In Nowgorod hielten wir uns um ihretwillen ein wenig auf. Unsere Absicht war, sie hier einige Tage ausruhen zu lassen; allein die Bewohner des Landes, die wir scheinbar aus bloßer Neugierde ausfragten, sagten uns, dass Truppen diese Gegend durchstreiften, um einen gewissen Pulawski auszusuchen, der den König von Polen hat entführen lassen. Mit Recht beunruhigt, blieben wir nur einige Stunden in dieser Stadt, wo wir Pferde kauften. Wir passierten die Desna oberhalb Czernicowe, und den Ufern der Sula folgend, setzten wir über diesen Fluss bei Perewoloczna, wo wir hörten, dass Pulawski in Nowgorod erkannt und nur um einige Stunden in Rezin verfehlt worden sei, und dass man ihm auf den Fersen nachfolge. Wir mussten eilends weiter fliehen und unseren Plan abermals ändern; wir vertieften uns in die unermäßlichen Wälder, die das Land zwischen der Sula und dem Sem bedecken. Wir sahen eine Höhle, in der wir uns niederlassen wollten. Ein Bär machte uns den Eingang in dieses ebenso schreckliche als einsame Asyl streitig; wir tödteten ihn, wir aßen seine Jungen. Pulawski war verwundet, Lodoiska so erschöpft, dass sie sich kaum mehr halten konnte; die Kälte bereits empfindlich. In den bewohnten Gegenden von den Russen verfolgt, in dieser öden Wüste von den wilden Thieren bedroht, bald genöthigt, unsere Pferde zu essen, was sollte aus uns werden? die Gefahr meines Schwiegervaters und meiner Frau war so dringend, dass mich keine andere mehr erschreckte. Ich beschloss ihnen, um welchen Preis es auch wäre, die Hilfe zu verschaffen, die ihre Lage erheischte, welche noch weit jammervoller war, als die meinige; ich verließ sie beide, versprach, recht bald zurückzukommen, nahm einen Theil von Lodoiska's Diamanten und folgte den Ufern des Warsklo. Sie werden einsehen, lieber Faublas, dass ein in diesen wüsten Gegenden verschlagener Reisender, der ohne Kompass und Wegweiser herumschweifen muss, bloß den Flüssen folgen kann, weil sich meistens an den Ufern derselben die Wohnungen finden. Es lag mir Alles daran, sobald als möglich eine Handelsstadt zu erreichen; ich fand mich am Ende des vierten Tages in Pultawa. In dieser Stadt gab ich mich für einen Kaufmann aus Bielgorod aus; ich erfuhr, dass man Pulawski suchte, dass die Kaiserin von Russland sein Signalement nach allen Seiten verschickt habe, mit dem Befehl, ihn todt oder lebendig, wo man ihn träfe, auszuliefern. Ich beeilte mich, meine Diamanten loszuschlagen, und dafür Pulver, Waffen, Lebensmittel aller Art, verschiedene Geräthschaften, alles Mögliche, wodurch ich unser Elend erleichtern zu können glaubte, mir zu verschaffen; dies Alles lud ich auf einen mit vier Pferden bespannten Wagen, dessen einziger Fuhrmann ich war. Mein Rückweg war ebenso schwierig als ermüdend; ich brauchte acht volle Tage, bis ich an den Wald kam. Hier endigte sich meine mühsame und gefährliche Reise; ich sollte meinem Schwiegervater und meiner Frau Hilfe bringen, und sollte das liebste, was ich auf der Welt hatte, wiedersehen; und doch, lieber Faublas, konnte ich mich der Freude nicht hingeben. Euere Philosophen glauben nicht an Ahnungen. Mein Freund, ich versichere Sie, dass mich eine unwillkührliche Unruhe überfiel, meine Seele war betrübt, und ich weiß nicht, was mir zu verkündigen schien, dass ich dem schmerzlichsten Augenblick meines Lebens entgegen gehe. Ich hatte bei meiner Hinreise von Zeit zu Zeit Steine auf den Weg gelegt, um ihn wieder zu erkennen, ich fand sie nicht mehr; ich hatte mit meinem Säbel von mehreren Bäumen einen Theil der Rinde abgehauen, ich konnte sie nicht mehr erkennen; ich gieng in den Wald hinein, schrie aus Leibeskräften, schoss von Zeit zu Zeit meine Flinte ab, niemand antwortete mir. Ich wagte mich nicht zu weit vorwärts, um mich nicht zu verlieren; ich wagte es nicht, mich zu weit von meinem Wagen zu entfernen, der für Pulawski, für seine Tochter und für mich so nothwendig war. Die schnell hereinbrechende Nacht nöthigte mich, meine Nachforschungen aufzugeben; ich brachte sie auf dieselbe Art wie die vorhergehende zu. In meinen Mantel eingehüllt, legte ich mich unter meinen Wagen, den ich vorsichtig mit großen Möbeln umstellte, die mir somit zum Schutz gegen die wilden Thiere dienten. Ich konnte nicht schlafen; die Kälte war sehr empfindlich, es fiel ein dichter Schnee; mit Tagesanbruch war der ganze Boden bedeckt. Jetzt überfiel mich eine tödliche Muthlosigkeit, meine Steine, die mir den Weg hätten anzeigen können, waren Alle vergraben; es schien mir unmöglich, meinen Schwiegervater und meine Frau wiederzufinden. Hatte das Pferd, das sie bei meiner Abreise noch besaßen, sie bis jetzt genährt? hatte der Hunger, der schreckliche Hunger sie nicht genöthigt, ihre Zufluchtsstätte zu verlassen? waren sie noch in diesen entsetzlichen Wüsten? wenn sie nicht mehr da waren, wo konnte ich sie wiederfinden? wohin sollte ich ohne sie mein elendes Leben schleppen? Aber konnte ich nicht glauben, dass Pulawski seinen Schwiegersohn im Stich gelassen, dass Lodoiska sich entschlossen hätte, sich von ihrem Gatten zu trennen? Nein, gewiss nicht! Sie waren also noch in dieser schrecklichen Einöde, und wenn ich sie im Stich ließ, so mussten sie vor Hunger und Kälte sterben! dieser verzweiflungsvolle Gedanke bestimmte mich. Ich untersuchte nicht mehr, ob ich nicht, indem ich mich weit von meinem Wagen entfernte, Gefahr liefe, ihn nicht wieder finden zu können. Meinem Schwiegervater und meiner Frau einige Hilfe zu bringen, das war mir jetzt das dringendste! Ich nahm meine Flinte und Pulver, lud Vorräthe auf eines von meinen Pferden, und drang viel tiefer als gestern in den Wald; ich schrie aus vollem Halse, ich that viele Schüsse mit meiner Flinte. Eine düstere Stille herrschte rings um mich. Ich befand mich an einer sehr dicht bewachsenen Stelle des Waldes, mein Pferd konnte nicht mehr durchdringen, ich band es an einen Baum und gieng in meiner Verzweiflung, die jeden anderen Gedanken verdrängte, mit meiner Flinte und einem Theil meiner Lebensmittel immer vorwärts. Ich irrte noch mehr als zwei Stunden herum und meine Unruhe wurde mit jedem Augenblicke peinlicher, als ich endlich im Schnee menschliche Tritte bemerkte. Diese Hoffnung gab mir meine Kräfte wieder, ich folgte den ganz frischen Spuren: bald erblickte ich Pulawski, beinahe nackt, ausgehungert, fast meinen Augen unkenntlich. Er gab sich Mühe, sich bis zu mir zu schleppen und auf mein Geschrei zu antworten. Sobald ich ihn erreicht hatte, warf er sich gierig auf die Speisen, die ich ihm bot, und verschlang sie. Ich fragte ihn, wo Lodoiska sei? »Ach,« sagte er, »Du wirst sie sehen.« Der Ton, womit er diese Worte sprach, machte mich zittern. Ich kam in die Höhle, nur zu sehr vorbereitet auf den traurigen Anblick, der mich erwartete. Lodoiska lag in ihren Kleidern eingehüllt und mit denen ihres Vaters bedeckt, auf einem Bette von halb verfaulten Blättern ausgestreckt. Sie hob mit Mühe ihren schweren Kopf in die Höhe, schlug die Lebensmittel aus, die ich ihr anbot, und sagte: »Ich habe keinen Hunger! der Tod meiner Kinder, der Verlust Dorliska's, unsere langen, mühsamen Märsche, Euere sich mit jedem Augenblicke erneuernden Gefahren, dies Alles hat mich getödtet. »Ich habe der Ermattung und dem Kummer nicht widerstehen können. Mein Gatte, ich liege in den letzten Zügen; ich habe Deine Stimme gehört, meine Seele hat sich aufgehalten – ich sehe Dich wieder! Lodoiska musste in den Armen des Gemahls sterben, den sie anbetete! Hilf meinem Vater – er möge noch lange leben! – lebt alle beide, tröstet Euch, vergesst mich – suchet überall meine theuere –« sie konnte den Namen ihrer Tochter nicht mehr aussprechen, sie starb. Ihr Vater grub ihr einige Schritte von der Höhle ein Grab; ich sah die Erde Alles, was ich liebte, verschlingen! – welcher Anblick! Pulawski wachte über meine Verzweiflung; er zwang mich Lodoiska zu überleben.« Lowzinski wollte fortfahren, er wurde durch Schluchzen unterbrochen. Er bat mich einen Augenblick zu verzeihen, gieng in ein Nebenzimmer und kam bald mit einem Miniaturgemälde in der Hand zurück. »Dies,« sagte er mir, »ist das Porträt meiner kleinen Dorliska; sehen Sie, wie sie schon schön war! in diesen kaum entwickelten Zügen erkenne ich alle Züge ihrer Mutter – ach! wenn doch wenigstens –« Ich unterbrach Lowzinski. »Das bezaubernde Gesicht!« rief ich; »es gleicht meinem hübschen Bäschen!« »So spricht ein wahrer Liebender,« antwortete er, »den Gegenstand, den er anbetet, sieht er überall! – Ach, mein Freund, wenn doch wenigstens Dorliska mir wieder geschenkt würde! aber seit zwölf Jahren sucht man sie vergebens, ich darf es nicht mehr hoffen.« Seine Augen füllten sich auf's neue mit Thränen, die er zurückzuhalten sich bemühte; er nahm mit gerührtem Tone die Geschichte seines Unglücks wieder auf. »Pulawski, den sein Muth nie verließ, und dessen Kräfte sich neu belebt hatten, zwang mich, mit ihm für die Herbeischaffung unserer Lebensmittel zu sorgen. Der Spur meiner eigenen Tritte auf dem Schnee folgend, gelangten wir an den Platz, wo ich meinen Wagen gelassen hatte, den wir sogleich abluden und dann verbrannten, um unseren Feinden auch das geringste Merkzeichen von unserem Zufluchtsort zu entziehen. Mit Hilfe unserer Pferde, für die wir einen Durchgang fanden, indem mir mehrere Umwege machten, gelang es uns, unsere Möbel und unsere Vorräthe, die wir sparen mussten, wenn wir lange in dieser Wüste bleiben wollten, in unsere Höhle zu schaffen. Wir tödteten unsere Pferde, die wir nicht nähren konnten. Wir lebten von ihrem Fleische, das die strenge Kälte essbar erhielt; da die Jagd uns nur geringe Ausbeute verschaffte, so mussten wir unsere Vorräthe angreifen, die nach drei Monaten vollständig aufgezehrt waren. Einige Goldstücke und der größte Theil von Lodoiska's Diamanten blieben uns noch. Sollte ich eine zweite Reise nach Pultawa machen? oder sollten wir uns aus unserem Asyle hervorwagen? wir hatten in dieser Wüste schon so grausam gelitten, dass wir uns zu dem letzteren entschlossen. Wir giengen aus dem Walde heraus, passierten bei Rilks die Sem hinab, aus der wir nach Desna kamen, nachdem wir ein Boot gekauft und Fischerkleider angelegt hatten. In Czernicowe wurde unser Fahrzeug untersucht; das Elend hatte Pulawski so entstellt, dass er unmöglich zu erkennen war. Wir kamen in den Dnieper und fuhren bei Krylow über den Kiowe. Hier mussten wir russische Soldaten, die zu einer kleinen, gegen Pugatschew verwendeten Armee stoßen sollten, in unser Boot aufnehmen und an das andere Ufer übersetzen. Zu Zaporiskaia erfuhren wir die Einnahme von Bender und Oczakow, die Eroberung der Krim, die Niederlage und den Tod des Wessys Oglu. Verzweifelt wollte Pulawski die unübersehbaren Landstriche, die ihn von Pugatschew trennten, durchziehen und sich mit diesem Feinde der Russen verbinden; allein unsere Erschöpfung nöthigte uns, in Zaporiskaia zu bleiben. Der Friede, der bald nachher zwischen der Pforte und Russland geschlossen wurde, verschaffte uns Mittel, in die Türkei zu kommen. Wir durchzogen zu Fuß und fortwährend verkleidet Budziac, einen Theil der Moldau und der Walachai, und kamen nach unerhörten Strapazen nach Adrianopel. Man hielt uns an; wir wurden vor dem Kadi verklagt, wir hätten unterwegs Diamanten verkaufen wollen, die wir offenbar gestohlen hätten; die schlechten Kleider, womit wir bedeckt waren, hatten diesen Verdacht veranlasst. Pulawski entdeckte sich dem Kadi, der uns unter sicherem Geleit nach Konstantinopel schickte. Wir erhielten eine Audienz bei dem Großherrn. Er ließ uns eine Wohnung anweisen und setzte uns einen anständigen Jahresgehalt aus seinem Schatze aus. Jetzt schrieb ich an meine Schwestern und an Boleslaw. Aus ihren Antworten erfuhren wir, dass Pulawski's Vermögen mit Beschlag belegt und er selbst zur Degradation und zum Tode verurtheilt worden war. Mein Schwiegervater war bestürzt; es empörte ihn, dass man ihn eines Königsmordes beschuldigt hatte; er schrieb zu seiner Rechtfertigung. Fortwährend von dem tödlichen Hasse geleitet, den er seinen Feinden geschworen hatte, intriguierte er in den vier Jahren, die wir in der Türkei blieben, unaufhörlich, um die Pforte zu einer Kriegserklärung gegen Russland zu vermögen. Im Jahre 1774 empfieng er mit Wuth die Nachricht von dem Einfall der drei Mächten in Polen, welcher der Republik den dritten Theil ihrer Besitzungen raubte. Im Frühjahr 1776 beschlossen die Insurgenten, ihre verletzten Rechte mit gewaffneter Hand zu wahren. »Mein Land hat seine Freiheit verloren,« sagte Pulawski zu mir. »So lass uns wenigstens für die eines neuen Volkes fechten.« Wir giengen nach Spanien, bestiegen ein Schiff, das nach Havannah segelte, und reisten von da nach Philadelphia. Der Kongress stellte uns in der Armee des General Washington an. Pulawski, von Gram verzehrt, setzte sein Leben aus wie ein Mensch, dem es unerträglich geworden ist; man fand ihn immer auf den gefährlichsten Posten; gegen Ende des vierten Feldzuges wurde er an meiner Seite verwundet. Man brachte ihn in sein Zelt. »Ich fühle, dass mein Ende herannaht,« sagte er zu mir. »So ist es denn wahr, dass ich mein Land nicht wiedersehen soll! grausame Wandelbarkeit des Geschicks! Pulawski stirbt als Märtyrer der amerikanischen Freiheit, und die Polen sind Sklaven! Mein Freund, mein Tod wäre schrecklich, wenn mir nicht ein Strahl der Hoffnung bleibe. Ach, möchte ich mich nicht täuschen! – Nein, ich täusche mich nicht,« fuhr er mit festerer Stimme fort. »Ein tröstender Gott zeigt meinen letzten Blicken die Zukunft, die herannaht; ich sehe eine der ersten Nationen der Welt aus langem Schlummer erwachen und von ihren Unterdrückern ihre Ehre und ihre alten Rechte zurückverlangen, ihre heiligen, unveräußerlichen Rechte, die der Menschheit.« »Tritt herzu,« fuhr Pulawski fort, »sieh einige Schritte von uns, mitten im Blutbads, unter so vielen berühmten Kriegern, einen durch seinen männlichen Muth, seinen wahrhaft republikanischen Tugenden und seine früh entwickelten Talente vor allen ausgezeichneten Krieger. »Es ist der junge Lafayette, schon jetzt die Ehre Frankreichs und der Schrecken der Tyrannen, und doch beginnt er seine unsterbliche Arbeit kaum. Beneide sein Los, Lowzinski! suche seine Tugenden nachzuahmen, tritt, so gut Du kannst, in die Fußstapfen eines großen Mannes! dieser, ein würdiger Schüler Washingtons, wird bald der Washington seines Landes sein. Du aber, Lowzinski, wo Du auch sein magst, belebe Deinen Hass auf's neue gegen unsere Unterdrücker, kämpfe weiter für Polen, wie Du ja so glorreich kämpftest! möge die Erinnerung an das Unrecht, das wir erlitten, und an unsere Thaten Deinen Muth neu beleben! möge Dein Schwert, das sich so oft im Blute des Feindes geröthet, sich auf's neue gegen die Unterdrücker kehren! mögen sie beben, wenn sie Dich erkennen, zittern, wenn sie Dich an Pulawski erinnern! sie haben unsere Güter geraubt, sie haben Dein Weib ermordet, sie haben Dir Deine Tochter entrissen, sie haben meinen Namen beschimpft. Die Barbaren! sie haben sich um unsere Provinzen getheilt! – Lowzinski, dies darfst Du nie vergessen! wenn unsere Verfolger die des Vaterlandes waren, so wird die Rache heilig sein. Du bist den Russen einen ewigen Hass, Du bist Deinem Lande den letzten Tropfen Blutes schuldig.« Er sprach's und starb. Es war bei der Belagerung von Savannah im Jahre 1776. – Der Tod entriss mir mit ihm meinen letzten Trost. Mein Freund, ich habe für die Vereinigten Staaten gekämpft bis zu dem glücklichen Frieden, der ihre Unabhängigkeit sichert. Herr von C..., der lange in Amerika unter dem Korps des Marquis Lafayette gedient hat, gab mir ein Empfehlungsschreiben an den Baron von Faublas. Dieser hat ein so lebhaftes Interesse an meinem Schicksale genommen, dass wir bald einen festen Freundschaftsbund schlossen. Ich habe seine Provinz nur verlassen, um mich in Paris festzusetzen, wohin er, wie ich wusste, mir bald nachfolgen wollte. Indes haben meine Schwestern einige schwache Trümmer von meinem ehedem unermesslichen Vermögen wieder zusammengebracht; da sie von meiner Ankunft und von meinem angenommenen Namen unterrichtet waren, so schrieben sie mir, dass sie in einigen Monaten den unglücklichen Duportail durch ihre Gegenwart trösten werden.« Hier schwieg Lowzinski einige Augenblicke, in seine traurigen Betrachtungen versunken; endlich sagte er zu mir, er habe seine theuersten Hoffnungen auf mich gesetzt; der Plan meines Vaters sei, dass ich im nächsten Jahre auf Reisen gehe. Ich unterbrach Herrn Duportail, um ihn zu versichern, dass ich einige Monate in Polen zubringen und nichts vernachlässigen werde, um mir Auskunft über das Schicksal seiner Dorliska zu verschaffen. III. Kapitel. Es war spät, als ich Herrn Duportail verließ, dennoch war mein erstes Geschäft, als ich nach Hause kam, dass ich Herrn Person zu mir rief. Er nahm den Ring, den ich Vormittag gekauft hatte, mit Dank an, und gestand mir, ohne dass ich sehr in ihn gedrungen, er habe gestern Adelheid von dem seltsamen Besuche, den Frau von B... mir abgestattet, erzählt. »Ich hatte den hübschen Cavalier bemerkt,« sagte er, »und Sie müssen sich erinnern, dass ich auf der Treppe war, als Herr Duportail den Namen der Marquise von B... nannte.« Ich bat Herrn Person künftig behutsamer zu sein und er verließ mich mit der Versicherung seiner Uneigennützigkeit und seiner Verschwiegenheit. Rosambert hatte also Recht! Sophie liebte mich! Eine Unbesonnenheit von Herrn Person hatte alles Unheil angestiftet; aber wie sie besänftigen? wie ihren Kummer verscheuchen? wie sie sehen? ich hätte nicht nötig gehabt, ins Bett zu gehen; die Unruhe ließ mich nicht schlafen. Ich beschäftigte mich die ganze Nacht mit meinen, mit Sophiens Leiden. Ich musste jedoch gestehen, dass ich zuweilen auch an den Vicomte de Florville dachte; allein die Marquise war so unglücklich, die Augenblicke, die ich ihrem Andenken widmete, waren so kurz, die Gedanken, die es in mir erweckte, so verschiedenartig! – man müsste sehr streng sein, wenn man mich nicht entschuldigen wollte. Ich wusste noch nicht, was ich tun sollte, als es Tag wurde. Endlich kam mein Ratgeber, um mich zu einem Entschlusse zu bestimmen. »Herr Person hat den Fehler gemacht,« sagte Rosambert, »er soll ihn auch wieder gut machen. Schreiben Sie einen Brief an Fräulein von Pontis; der werte Hofmeister trage ihn fort und übergebe ihn dem Fräulein von Faublas, die ihn gewiss besorgen wird.« Ich schrieb; Herr Person, der auf einmal der gefälligste Mensch geworden war, übernahm ohne Bedenken das heikle Geschäft, das ich seinem Eifer vertraute. Er verrichtete es ziemlich schnell und brachte mir eine Antwort von meinem hübschen Bäschen. Sie war kurz; sie war bald gelesen. »Rosambert, springen Sie in die Höhe, küssen Sie diese zwei Zeilen; hören Sie nur, ich bitte Sie: »Sie sagen, dass Sie die Marquise nicht lieben! ach, wenn ich dessen gewiss sein könnte!« In meiner unmäßigen Freude fiel ich Herrn Person um den Hals. »Sie sind mit dieser Antwort zufrieden,« sagte er, »nun gut, ich habe Ihnen eine noch glücklichere Nachricht mitzuteilen.« »Sprechen Sie, teuerer Hofmeister, schnell.« »Mein Herr, Ihr Fräulein Schwester hat mich mit großem Eifer nach Ihrem Befinden gefragt. »Sie errötete, als ich sie bat, Ihren Brief an Fräulein von Pontis zu besorgen. »Herr Person, Sie werden meinem Bruder sagen, dass Sophie verzweifelnd mir gestern alles erzählt hat. Sie werden ihm sagen, dass ich jetzt die Krankheit Sophiens besser kenne als er. Ich wundere mich nicht mehr, dass der Baron zornig geworden ist! Warten Sie einen Augenblick, Herr Person, ich will den Brief übergeben. »Dies ist vielleicht die Gefälligkeit zu weit getrieben; allein mein Bruder ist bekümmert, meine Freundin leidet, ich denke bloß an dies.« »Einige Augenblicke später kam sie mit diesem Billet zurück. Sie übergab es mir und fragte etwas verlegen, ob man Sie nicht sehen könnte. »Ich wendete das ausdrückliche Verbot des Barons ein. Sie bemerkte sehr errötend, dass Frau Münch selten, der Baron nie vor zehn Uhr aufstehe und dass die Türe des Klosters Schlag acht Uhr geöffnet würde. »Nun gut, mein Fräulein,« sagte ich, »morgen früh wird Ihr Herr Bruder –« Sie unterbrach mich. »Ja, morgen früh; dass er ja nicht fehlt!« Wie langsam verstrich der Tag! wie tödlich lang war die Nacht! Hundertmal geriet ich in Versuchung, meine Uhr zu nehmen und die Zeiger vorzurücken. Endlich hörte ich die ersehnte Stunde schlagen. Adelheid kam ins Sprechzimmer, Sophie begleitete sie. »Meine liebe Schwester! ah, Fräulein.« Ich legte ihre hübschen Hände ineinander und küsste sie abwechslungsweise. Sophie war so erregt, dass sie sitzen musste. »Sie haben uns vielen Kummer gemacht,« sagte sie zu mir; ich sah ihre Augen sich mit Tränen füllen. Wie soll ich die Seligkeit beschreiben, die mich erfüllte, ich fühlte unwillkürlich auch meine Augen überströmen. »Sie leiden,« sagte Adelheid zu mir. »Nein, liebe Schwester, ich hatte nie einen glücklicheren Augenblick.« »Aber die, welche Sie bei der Marquise zubringen?« unterbrach mich Sophie mit zitternder Stimme. »Teuerste Sophie! glauben Sie, ich könnte diese Frau lieben?« »Warum besuchen Sie dieselbe dann so oft?« »Ich werde sie nicht mehr besuchen, ich verspreche Ihnen, dass ich sie nicht mehr besuchen werde.« »Oh, wenn Sie mich betrügen?« »Warum sollte er Dich denn betrügen, liebste Freundin, da er Dich liebt? es ist klar, dass er diese Frau von B... nicht lieben kann.« »Du weißt es also nicht, Adelheid?« »Ich weiß nun wohl, was Eifersucht ist; Du hast es mir gestern gesagt, aber dies ist eine unglückliche und unvernünftige Gemütsstimmung. Warum sollte mein Bruder sagen, er liebe Dich, wenn er Dich nicht liebte?« »Und warum sagt er es auch zur Marquise?« »Sophie, ich schwöre Ihnen, dass ich Sie seit dem ersten Tage, wo ich Sie sah, anbete. Sie allein haben mir jenes zarte und ehrfurchtsvolle Gefühl eingeflößt, das Unschuld und Schönheit gebieten, jene wahre Liebe, die man gegen Sophie hegen muss. Nur durch Sie habe ich gefühlt, dass ich ein zur glühenden Liebe geneigtes Herz habe, und ich werde außer Ihnen nie jemand lieben.« »Wenn Sie wüssten, mit welchem Vergnügen ich Ihnen dies glaube!« Sophie legte ihren Kopf an Adelheids Busen und umarmte sie. »Wie sehr Dein Bruder Dir gleicht!« sagte sie zu ihr; »er hat Deine Augen, Deine Farbe, Deinen Mund, Deine Stirne!« Sie umarmte sie noch einmal. »Wahrhaftig,« antwortete Adelheid etwas gereizt, »sonst liebte sie mich um meinetwillen, jetzt, glaube ich, liebt sie mich um seinetwillen, das heißt also Liebe! ich gestehe, dass sie mir heute sehr verführerisch erscheint, während ich sie gestern traurig fand. Lieber Bruder, wann werden Sie meine Freundin heiraten?« »Der Baron behauptet, ich sei noch zu jung; aber wenn das Fräulein erlaubt –« »Warum nennen Sie mich denn Fräulein? bin ich nicht mehr, wie Sie mich früher nannten. Ihr liebes Bäschen?« »Wenn Sie es denn erlauben, so will ich mit Herrn von Pontis sprechen; ich will ihm sagen, dass ich seine Tochter anbete, dass seine Tochter mich gewählt hat; ich will ihm sagen, dass er Sie mir zur Frau geben, dass er mich mit Sophie verbinden soll.« »Mein Vater ist nicht in Paris – Familienangelegenheiten halten ihn fern, ich werde Ihnen alles erzählen; aber jetzt muss ich Sie verlassen.« »Wie, jetzt schon?« »Ja, ich muss wieder in meinem Zimmer sein, ehe Frau Münch erwacht.« »Morgen werde ich also das Glück haben?« »Morgen! alle Tage! doch nein, es kann nicht sein.« »Nein, es kann nicht sein, lieber Bruder,« wiederholte Adelheid; »man würde es merken, einmal, lieber Bruder, in der Woche, Sie müssen Sich damit bescheiden, denn Sie wissen ja, der Befehl Ihres Vaters, nicht mehr in das Kloster ohne seine Begleitung zu gehen, lautet so bestimmt.« »Aber doch!« fiel Sophie ein, »Du weißt ja, wie tief Frau Münch schläft, wenn sie getrunken hat, und dies ist nichts seltenes.« »Wie, liebe Sophie, Ihre Gouvernante liebt den Wein?« »Ja, und starke Liqueure; es ist eine Feinschmeckerin.« »Nun, in diesem Falle kann ich wieder kommen.« »In drei oder vier Tagen,« sagte meine Schwester. »Häufigere Besuche würden uns in Verlegenheit bringen.« Sophie seufzte. »Ach, lieber Vetter! (Sie ging, kam aber wieder zurück.) Ich bitte Sie, gehen Sie nicht mehr zur Marquise.« »Gehen Sie nicht mehr zu ihr,« sagte Adelheid. »Gehen Sie nicht mehr hin, lieber Bruder, hören Sie, und wenn sie zu Ihnen kommt, so schicken Sie sie weg.« Ich ging nach Hause, beseligt durch das eben erlebte Glück, schwelgend im Vorgefühl eines erneuten Wiedersehens. Der Tag verging, indem ich mich im Gedanken mit meinen Liebesträumen beschäftigte; die folgende Nacht war ebenso kurz, als mir die vorhergehende lang geschienen hatte. Die angenehmen Träume beschäftigten und verschönerten meinen Schlummer. Sie zeigten mir meine Sophie, und was man vielleicht weniger glauben wird, sie zeigten mir nur sie. Gegen Mittag läutete ich meinem Bedienten. »Du hast mir gestern keine Antwort gesagt. Was macht Frau von B...?« »Gestern, gnädiger Herr, haben Sie mich nicht zu ihr geschickt.« »Wie, Jasmin, Du bist nicht dort gewesen? Du weißt, dass sie krank ist!... lauf schnell und spute Dich, ich muss mich doch nach ihrem Befinden erkundigen lassen; in was für einem Lichte sollte ich dann vor ihr erscheinen, wenn ich diese einfachste der Lebensarten versäumte.« Zur Marquise schicken, hieß noch nicht, sie besuchen, war also keine Treulosigkeit gegen Sophie. Übrigens gibt es gesellschaftliche Pflichten, von denen sich ein Mann von Bildung nicht lossagen kann. Jasmin kam nach einer Stunde zurück. »Gnädiger Herr, Fräulein Justine hat mir gesagt, Madame sei schlimmer und man fürchte, das Fieber könne ausbrechen.« »Dies ist also Ernst? wie mich das beunruhigt.« »Ja, gnädiger Herr! Fräulein Justine hat ganz leise gesagt, ich solle Ihnen in ihrem Namen melden, dass der Herr Marquis heute früh nach Versailles gereist sei, wo er sich drei Tage aufhalten werde.« »Gut, Jasmin, Du kannst gehen.« Mein Diener meldete mir, dass ein Fieber, wenn nicht eine ernste Erkrankung zu befürchten sei. Armer Vicomte von Florville! daran sind wohl die starken Ausdrücke des Barons schuld, und endlich auch meine Undankbarkeit, denn im Grunde kann sie sich über mich beklagen. Ich habe sie betrogen, ich hätte ihr nur sagen dürfen, dass ich eine andere liebe. Sie ist schlimmer! wenn die Gefahr noch größer würde! wenn die Marquise, in der Blüte ihrer Jahre von einer langsamen Krankheit verzehrt, dahinwelkte! ich müsste mir ihren Tod ewig vorwerfen! Dieser Gedanke ist schrecklich. Oh, meine Sophie! Du bist mir sehr teuer; aber soll ich um Deinetwillen die Marquise von Kummer sterben lassen? Ich rief Jasmin. »Geh noch einmal zu Justine! frage sie, ob ich nicht während der Abwesenheit des Marquis Frau von B... sehen, sie beruhigen, ein wenig trösten könnte. Jasmin, wenn es sein kann, so frage nach der Stunde, nach der Türe, zu der ich hereinkommen muss! kurz, Du machst das mit Justine aus.« »Ja, gnädiger Herr, ich will mich beeilen, um Ihnen eine erwünschte Nachricht bringen.« Er kam bald zurück. Justine hatte ihm gesagt, sie glaube nicht, dass Madame im Stande sei, jemand zu empfangen; sie wisse nicht, ob der Besuch des Herrn Chevalier Madame sehr angenehm sein würde; doch könnte ich es ja wagen. Ich wisse den Weg; diesen Abend um neun Uhr brauche ich nur zum großen Hoftor hineinzugehen, schnell die geheime Treppe aufzusuchen und die Türe des Boudoirs mit dem Schlüssel öffnen, den sie mir hier schicke. Wenn übrigens Madame darüber böse sei, so nehme Justine nichts auf sich, es sei meine Sache. Schlag neun Uhr klopfte ich am Hotel des Marquis an. »Zu wem wollen Sie?« schrie der Schweizer. Ich antwortete: »Zu Justine!« und schlüpfte schnell hinein. Ich fand Justine im Boudoir Wache stehend. »Wie geht es Deiner Gebieterin, liebliche Justine?« »Still! still! sie könnte vermuten, dass ich jemand hier empfange!« »Ist sie da? in ihrem Schlafzimmer?« »Oh, Gott! freilich, und im Bett! sie empfängt keinen Menschen.« »Ich will mich entfernen, da sie krank und im Bette ist, dieser Dummkopf von Jasmin hat mir das nicht gesagt.« »Gnädiger Herr, bleiben Sie, ich will es wagen Sie anzumelden,« fügte sie mit schnippischem Tone hinzu. »Ist sie allein, sind ihre Frauen nicht in der Nähe?« »Sie ist allein.« Aus Zerstreuung umarmte ich Justinchen. »Siehst Du diese abscheuliche Otomane hier? ich werde sie in meinem Leben nicht vergessen!« und wieder aus Zerstreuung drängte ich Justine darauf hin. Sie schien wirklich zu erschrecken. »Mein Gott! Madame wird es hören, sie schläft nicht.« Wirklich fragte auch die Marquise, ihre etwas matte Stimme anstrengend, wer da wäre. Justine öffnete die Türe des Schlafzimmers. »Gnädige Frau, es ist –« Ich näherte mich dem Bette, ergriff die schöne Hand, womit sie die Vorhänge halb öffnete, und sagte: »Ich bin's. Ihr Geliebter, der voll Unruhe –« »Wie, mein Herr, wer hat Ihnen die Türe geöffnet; wer hat Ihnen erlaubt –?« »Ich hoffe Entschuldigung zu finden.« »Nun denn, was wollen Sie, mein Herr? über meinen Schmerz spotten! meinen Gram vergrößern! meine Krankheit verschlimmern!« »Ich komme, um sie zu heilen.« »Zu heilen, können Sie die Worte Ihres Vaters ungesprochen machen, diese abscheulichen Worte, die ich gehört habe, oder können Sie den Brief, den ich gelesen, verleugnen?« (Die Marquise bemühte sich, ihre Tränen zu verbergen.) »Madame, können Sie die Beleidigungen des Barons mich entgelten lassen? und was den Brief betrifft –« »Ich verlange keine Erklärung, ich will nichts hören.« »So sagen Sie mir doch wenigstens, ob Sie sich seit gestern etwas besser befinden?« »Schlimmer, mein Herr, weit schlimmer! aber was liegt Ihnen daran? was für ein Interesse nehmen Sie an meinen Angelegenheiten?« »Können Sie fragen?« »Allerdings ist es nicht nötig. Ich muss hinlänglich überzeugt sein, dass sie mich nicht lieben.« »Liebste Mama! –« »Lassen Sie diesen Namen, der mich an meine Vergehungen und an mein, ach, allzukurzes Glück erinnert! diesen Namen, der mich an ein zu liebenswürdiges und zu innig geliebtes Kind erinnert! an ein Kind, dessen erheuchelte Aufrichtigkeit mich verführte, dessen ungewöhnliche Reize meine Sinne verwirrten. Ich schmeichelte mir, dass wenigstens seine Zärtlichkeit der Lohn der meinigen sein würde. Sie verließen mich kalten Blutes. Grausamer! schon in dieser Jugend besitzen Sie die Kunst zu betrügen, und noch dazu in solchem Grade!« »Nein, ich betrüge Sie nicht, angebetetes Weib, wie können Sie so grausam sein.« »Gehen Sie, Undankbarer, gehen Sie und machen Sie sich zu den Füßen Ihrer Sophie ein Verdienst aus meinen Leiden. Sagen Sie ihr, dass die Marquise, schändlich aufgeopfert, den Augenblick beklagt, in dem sie Ihre Bekanntschaft machte; und damit nichts zu meiner Erniedrigung fehle, so gehen Sie zu Ihrem Vater, der es wagt, mir aus meiner Zärtlichkeit für Sie ein Verbrechen zu machen. Melden Sie ihm, dass diese Frau dem Kummer nicht widerstehen konnte, so grausam behandelt worden zu sein, und dass sie sich nie über Ihren Verlust trösten wird. Faublas, erinnern Sie sich wenigstens, vergessen Sie nie, dass diese Frau, die man Ihnen als feurig, lebhaft, leidenschaftlich, bloß der Vergnügungssucht ergeben, geschildert hat, ewig Ihnen angehören wird.« »Teuerste Freundin, können Sie die Gefühle, die mich hierher führten, misskennen?« »Ja! das Mitleid, das Sie meinen Qualen nicht versagen können! das beleidigende Mitleid!« »Nein! die Liebe, sage, Geliebte, die glühendste Liebe.« Ich ergriff eine ihrer Hände, die sie nicht mehr zurückzog. Man kann sich nicht vorstellen, wie sehr ihre Klagen mich gerührt hatten, wie sehr ihr Zustand mir zu Herzen ging. »Ach,« sagte sie, »wie gut kennen Sie meine Schwächen und meine Leichtgläubigkeit, setzen Sie sich zu mir, Faublas! (Ich setzte mich auf den Rand ihres Bettes.) Doch nein, wenn jemand hereinkäme! wenn man uns sähe! tun Sie mir den Gefallen, Justine hereinzurufen; sie ist im Boudoir. Justine, meine Türe ist für jedermann geschlossen. Du sagst meinen Frauen, ich wolle ruhen, und befiehlst im Vorzimmer, dass man niemand hereinlässt. – Mein Freund, Sie speisen hier zu Nacht.« »Mit dem größten Vergnügen.« »Kleine, bestelle ein Huhn, Du sagst ihnen, ich sei erschöpft, müde, wünsche aber vor dem Einschlafen zu versuchen einen Bissen zu essen; vor allem wünsche ich Ruhe. Du, Justine, wirst einen sehr großen Appetit haben. Du verstehst mich?« »Ja, gnädige Frau,« antwortete die Zofe lachend, »ja, ich werde heute Abend für zwei essen.« Sobald Justine weg war, schloss ich die Marquise in meine Arme und wollte nach einigen Vorspielen mein Glück weiter versuchen. Ich traf auf einen Widerstand, den ich nicht erwartet hatte, und Justine, die mit einem Huhn hereinkam, nötigte mich den Angriff einzustellen. Die Marquise weigerte sich etwas zu essen, ich betrachtete, während ich das Fleisch zerlegte, das Zimmer mit einer Aufmerksamkeit, die meiner schönen Freundin auffiel. »Was sieht mein Geliebter denn so herum?« »Dieses Zimmer, das ich mit Vergnügen erkenne... Ich glaube, hier –« Die Marquise erriet mich. »Ja, hier hat das Gesichtchen des Fräulein Duportail mir einen garstigen Streich gespielt.« »Warum garstig?« »Warum? weil Faublas ein Betrüger ist.« »Ach, Sie wollen den Streit aufs neue anfangen. Wahrhaftig, Madame, Sie sind heute Abend sonderbar! Sie wollen streiten und lassen es nicht zur Versöhnung kommen!« »Ganz richtig, undankbarer Wüstling! Sie haben gute Gründe, gerade das Gegenteil zu wollen. Ihnen ist es um die Versöhnung zu tun, und dem Streit weichen Sie aus. Übrigens, weil wir einmal so weit sind, fragen Sie den Herrn Baron, ob man...« »Wie, Mama, wäre es möglich, dass die Äußerung meines Vaters dies sollte hindern?« »Sei es nun dies, oder etwas anderes, es bleibt dabei, Herr Eroberer, dass heute Abend keine Versöhnung in diesem Sinne stattfindet!« »Ach, liebste Mama, gerade in diesem Sinne wird Sie stattfinden.« »Ich versichere Sie, nicht, mein Freund.« »Ich versichere Sie, doch!« Der bestimmte Ton, womit ich dies sagte, schien die Marquise wirklich zu erschrecken; sie traf alle Anstalten, um mich kräftig abzuwehren. »Ja, ja, setzen Sie sich nur in Bereitschaft! sobald ich gespeist habe und Justine nicht mehr da ist, so werden Sie schon nachgeben!« »Justine wird nicht gehen. Mädchen, Du verlassest mein Zimmer nicht. Chevalier, setzen Sie sich hieher, etwas näher zu uns – hier, gut. Ich habe Ihnen etwas zu sagen.« Sie schlang einen Arm um mich, lehnte ihren Kopf an meine Schulter, gab mir einen Kuss und sagte mit gedämpfter Stimme: »Lieben Sie mich, Faublas?« »Zweifeln Sie doch nicht mehr, Mama.« »Ich verlange einen Beweis.« »Sprechen Sie, was für einen?« »Dass Sie heute Abend nicht auf der Aussöhnung bestehen.« »Warum dies?« »Weil ich das Fieber habe, mein Freund, Sie würden es erben.« »Was liegt daran?« »Was daran liegt?« wiederholte sie, mich umarmend, »diese Antwort gefällt mir! leider ist sie nicht so verständig als für mich schmeichelhaft! Bester Freund, teuerster Faublas, ich wünsche kein Glück, das Sie um Ihre Gesundheit brächte! welche Frau könnte so abscheulich sein, um diesen Preis einige flüchtige Augenblicke eines Genusses zu erkaufen, der durch häufige Wiederholung immer geringer wird? welche Frau wäre so blind, so gefühllos, um bei Dir bloß sinnliches Vergnügen zu suchen? ich! ich sollte Deine Kräfte entnerven! Deine Jugend erschöpfen! eines der schönsten Werke der Natur zerstören! eines ihrer verführerischen Meisterstücke verderben! nein, lieber Faublas, nein! Um Dir eine bittere Reue zu ersparen, will ich Deine Begierden und meine Schwächen bekämpfen. Du wirst mich jederzeit bereit finden, mich für Dein Glück aufzuopfern; und weit entfernt, Dir Schmerzen verursachen oder Dir traurige Tage bereiten zu wollen, würde ich mein Leben geben, um das Deinige zu verlängern oder zu versüßen. Oh, liebenswürdigster und geliebtester aller Geliebten, ich liebe Dich nicht bloß um meinetwillen; man mag sagen, was man will. Du bist es selbst, den ich in Dir anbete. Liebster Freund, versprich mir, diesen Abend nicht darauf zu bestehen. Ich will Justine fortschicken; Du bleibst hier, ich werde Dich sehen, werde Dich hören, werde vielleicht an Deiner Brust einschlafen, ich werde allzu glücklich sein. Bester Freund, gib mir Dein Ehrenwort. Antworten Sie mir doch, Chevalier. Sagen Sie mir doch, ich beschwöre Sie, über was denken Sie nach.« Die Marquise hatte Recht; ich dachte nach. Ich dachte an Sophie; ich brachte ihr die Entbehrungen, die man mir aufgelegt hatte, zum Opfer. Dieser Gedanke brachte mir den Mut bei, sie zu ertragen, und ich versprach ihrer Nebenbuhlerin genügsam zu sein. Sogleich erhielt Justine den Befehl, aus dem Zimmer zu gehen. »Ich bin mit Ihnen zufrieden, Faublas,« sagte die Marquise mit vergnügter Miene. »Plaudern wir ruhig miteinander; dieses Vergnügen ist, wenn auch weniger lebhaft als ein anderes, doch dauernder; worüber lachen Sie denn? über einen vielleicht sonderbaren Einfall. Sprechen Sie, mein Freund, sprechen Sie!« »Wenn man einer Frau, die ihren Geliebten erwartet, die Bedingung auflegen könnte, ihn zwei Stunden bei sich behalten zu dürfen, um bloß zu plaudern, oder ihn nach fünf Minuten entlassen zu müssen, was würde sie wählen?« »Mein Freund, viele schöne Frauen kämen durch diese Alternative in Verlegenheit. Man sagt, dass es viele gibt, denen das Vergnügen, sentimental zu plaudern, das non plus ultra von Liebe ist; alle anderen Begünstigungen einer Liebenden kämen ihrer Gefälligkeit äußerst schwer an. Ich glaube übrigens auf Ehre, dass deren sehr wenige sind. Dagegen versichere ich Sie, dass sich viele finden würden, denen dies Geplauder und diese Untätigkeit zwei Stunden lang höchst lächerlich vorkäme. Ich kenne welche, die lieber ihr ganzes Leben lang stumm wären.« »Zu diesen gehören Sie nicht, Madame!« »Ich? ja, mein Freund, setzen wir einmal den Fall, die zwei Stunden Unterhaltung wären für heute, und die fünf Minuten Glück würde ich für morgen aufsparen.« »Für morgen! bedenken Sie es wohl!« »Ach!« »Sie haben es gesagt.« »Ja, aber es war bloß eine Voraussetzung.« Die Marquise wusste unsere Unterhaltung höchst interessant zu machen, und ich entdeckte tausend Vorzüge an ihr, die ich bisher nicht Zeit gehabt hatte zu bemerken. Sie setzte mich durch eine Menge satirischer, geistreicher oder glänzender Einfälle in Erstaunen, sie ließ sogar einige philosophische Gedanken hören, aber keine einzige moralische Betrachtung. Ich bewunderte an ihr besonders jenen eleganten und gefälligen Vortrag, den man in der großen Welt hie und da trifft; jenen natürlichen und feinen Geist, der sich nicht erwerben lässt, jenen geläuterten Geschmack, der manchem unserer Schöngeister wohl zu wünschen wäre, und mehr Kenntnisse, als eine schöne oder hübsche Dame in der Regel besitzt. Ich glaubte erst eine Viertelstunde bei ihr zu sein, als es zwölf Uhr schlug. »Wir müssen uns trennen, mein Freund,« sagte sie; »Justine muss Sie selbst bis an das Tor begleiten, weil mein Schweizer keine Vernunft annimmt. (Die dienstfertige Zofe kam auf den ersten Ton der ihr bekannten Glocke herbei.) Justine, Du musst jetzt Deinen Geliebten begleiten.« »Wie! ihren Geliebten?« »Sie begreifen doch, mein Freund, dass Justine, die abends einen jungen Menschen einlässt und um Mitternacht zurückbegleitet, eine Herzensangelegenheit hat. Ich bin überzeugt, dass die ganze Dienerschaft morgen dies laut sagen wird; aber die Kleine weiß wohl, dass ich sie für alles, was sie um meinetwillen leiden muss, reichlich entschädigen werde. Leben Sie wohl, lieber Faublas! morgen um acht Uhr sieht man Sie wieder?« »Unfehlbar!« »Mein teuerer, geliebter Freund, ich werde für jedermann krank sein. Beeile Dich, liebe Justine, begleite ihn! denn Du musst bei all' dem auf Deinen Ruf ein wenig bedacht sein; je später er geht, um so mehr wird man sich über Dich lustig machen. Ich rate Euch, ohne Licht zu gehen, damit man Euch auf der kleinen Treppe nicht sieht, und habet wohl acht, Euch gegenseitig nicht zu stoßen!« Justine und ich traten in das Boudoir. Ich verschloss die Türe, die in das Schlafzimmer führte, sorgfältig, während Justine im Finstern die nach der geheimen Treppe öffnete. Statt meiner Führerin, die mir die Hand bot, dorthin zu folgen, zog ich sie sanft gegen mich. »Mein Kind,« sagte ich leise, dass sie es kaum hörte, zu ihr, »Du erinnerst Dich des Auftrittes; ich will mich rächen, hilf mir, sprich kein Wort.« Justine, immer zu meinem Dienste bereit, erfüllte ihr Geschäft so gut, dass die Marquise selbst es nicht hätte besser machen können; nie fühlte ich besser und lebhafter, wie vollkommen Recht derjenige hat, der zuerst schrieb: die Rache ist das Vergnügen der Götter. Man möge sich nur in meinen Geist hineindenken, mein Alter in Betracht ziehen und meine Lage prüfen, so wird man sehen, dass ich bei dem Rendezvous an dem folgenden Tage nicht fehlen konnte. Ich wurde von der Marquise mit Ungeduld erwartet, sie verschwendete die schmeichelhaftesten Liebkosungen, die zärtlichsten Worte an mich. Sie befriedigte sogar meine stets rege Neugierde mit einer Gefälligkeit, die ich für das günstigste Vorzeichen halten musste; allein wie gestern tat sie meiner Entzückung in dem Augenblicke Einhalt, wo sie ihren höchsten Grad hätte erreichen sollen, und immer noch ihr Fieber vorschützend, verweigerte sie hartnäckig den zu unzweideutigsten Beweis der Zärtlichkeit einer Geliebten, jenen allen jungen Leuten zu erwünschten, mir, dem feurigsten von allen, so notwendigen Beweis. Ich ertrug mein Unglück so ziemlich geduldig in der Hoffnung, dass wenigstens das hübsche Kammermädchen beim Abschied sich meiner erbarmen würde; doch nein, die Marquise, die das Bett nicht mehr hütete, begleitete mich selbst bis auf die geheime Treppe. Ich sah wohl, dass Justine meinen Verdruss teilte; aber konnte sie mich im Hofe trösten? Keusch und trostlos kam ich zu Hause an. Rosambert, dem ich die Härte meiner schönen Freundin klagte, schien sich darüber nicht zu wundern. »Ich habe es Ihnen vorausgesagt, dass Frau von B... ihr Betragen nach den Umständen einrichtet und den Mantel nach dem Winde kehrt. Wie es sich auch mit den physischen und moralischen Eigenschaften des Fräulein Pontis verhalten möge, weil der Chevalier sie einmal liebt, so ist sie in seinen Augen geistreich und hübsch. Diese Leidenschaft ist erlaubt, anständig und tugendhaft; es ist eine erste Liebe. Sie entstand aus Übereinstimmung der Herzen, lebt durch Entbehrungen und wird wachsen durch Hindernisse, Gewohnheit und Hoffnung. Fräulein von Pontis ist somit eine gefährliche Nebenbuhlerin. Dies hat die Marquise ohne Zweifel alles überlegt; aber nachdem sie die Hilfsmittel ihrer Feindin geprüft, hat sie ihre eigenen Kräfte und die Schwäche des jungen Adonis in Betracht gezogen, um dessen unentschiedenes Herz es sich handelt.« »Unentschieden, Rosambert!« »Ja, ja, unentschieden für den Augenblick! Sie beten die eine an, können sich aber nicht entschließen, ihr die andere aufzuopfern. In Ihrem Alter hat der Reiz des Vergnügens eine unwiderstehliche Macht. Sie wissen, welches Vergnügen ich meine. Sophie kann Ihnen dieses nicht verschaffen! somit ist Frau von B... die interessierte Wohltäterin in dieser Beziehung. »Darauf baut sie ihren Plan. Beständig Ihre Begierden zu reizen, sie bisweilen zu stillen, nie zu sättigen, dies ist mit wenigen Worten ihre Absicht. Um ihre Gunstbezeigungen wertvoller zu machen, wird sie in Zukunft damit geizen. Glauben Sie mir, dass sie bei diesen Entbehrungen, die sie Ihnen auflegt, so viel leidet als Sie; allein die Marquise ist nun einmal entschlossen, Sie um jeden Preis an sich zu fesseln.« Endlich ist es Zeit, wieder an Sophie zu denken! endlich erscheint der dritte Tag! ich darf ins Kloster gehen und meine Sophie sehen. Sie ist in diesen drei Tagen noch weit schöner geworden. Ungefähr zwei Monate lang hatte ich das Glück, sie regelmäßig zweimal in der Woche zu besuchen. Wie wunderbar ist doch die Macht der Tugend im Bunde mit der Schönheit! so oft ich meine Sophie verließ, glaubte ich, es wäre unmöglich, sie noch mehr zu lieben und jedesmal, wenn ich sie sah, fühlte ich, dass meine Liebe zugenommen hatte. Ich muss gestehen, dass ich während dieser zwei Monaten die Marquise sehr oft sah. Sie hatte die ernstliche Absicht mich zu meinen Pflichten zurückzuführen. Justine, die nicht mehr so häufig von ihrer Gebieterin zu mir geschickt wurde, schien traurig zu sein, denn sie vermisste die gewöhnlichen kleinen Geschenke. Herr Duportail, dem der Gedanke an seine Tochter keine Ruhe ließ, war seit sechs Wochen nach Russland abgereist in der Hoffnung, einige Aufschlüsse über Dorliskas Schicksal erhalten zu können. Eines Tages, als ich mit Rosambert in der Oper war, trafen wir dort mit dem Marquis von B... zusammen. Er begrüßte Rosambert mit kalter Höflichkeit, empfing dagegen mich auf das wohlwollendste. Er beklagte sich, dass er seit mehr als zwei Monate nicht das Glück gehabt habe, mich auffinden zu können, und fragte, wie sich mein Vater befinde. »Ganz gut, Herr Marquis, er ist gegenwärtig in Russland!« »Es ist also wahr?« »Gewiss!« »Und Fräulein Duportail?« »Meine Schwester befindet sich vortrefflich.« »Noch immer in Soissons?« »Sie befindet sich noch immer daselbst.« »Und wann wird sie wieder zu uns kommen?« »Auf den nächsten Karneval,« antwortete Rosambert schnell. Um jeder üblen Wirkung dieses Scherzes zu begegnen, versicherte ich den Marquis, meine Schwester werde den Winter in Paris zubringen. »Aber,« versetzte Herr von B..., »wohnen Sie denn nicht mehr auf dem Arsenalplatz?« »Oh, freilich!« »In diesem Fall empfehlen Sie doch Ihren Leuten, artiger und aufmerksamer zu sein! Sie haben mir zwar gesagt, dass Ihr Herr Vater nach Russland gegangen sei, aber als ich nach Ihnen und nach Ihrem Fräulein Schwester fragte, antworteten sie kurzweg, Herr Duportail habe keine Kinder.« »Dies kommt daher,« redete Rosambert ein, »weil ihn sein Vater sehr streng hält; er erlaubt ihm nicht Besuche anzunehmen.« »Ja, mein Herr, die Antwort, die Sie erhalten haben, ist ohne Zweifel eine Folge der Befehle meines Vaters.« »Ich hätte Ihren Herrn Vater für vernünftiger gehalten; ein junger Mann muss immer einige Freiheit haben. »Eine junge Dame! oh! da ist es etwas anderes! Die Mädchen kann man nicht genug hüten! und ich kenne gewisse Fräulein aus ganz guten Häusern, die man nicht genug hütet, die man schlechte Bekanntschaften machen lässt (bei diesen Worten warf er einen boshaften Blick auf Rosambert); aber Sie! das ist zu streng! Kommen Sie, ich will Ihnen ein Vergnügen, eine Zerstreuung verschaffen. Die Marquise ist hier; ich will Sie ihr vorstellen.« »Mein Herr, ich kann nicht.« »Kommen Sie, kommen Sie, Sie werden gewiss gut empfangen werden.« »Aber, mein Herr!« »Wozu denn diese Umstände?« sagte Rosambert zu mir, »die Frau Marquise ist sehr liebenswürdig.« »Nicht wahr?« antwortete der Marquis, sich zuerst gegen den Grafen und dann gegen mich wendend, »nicht wahr, sie ist sehr liebenswürdig, meine Frau? Sie hat viel Geist! sonst hätte ich sie auch nicht geheiratet.« »Es ist wahr, dass die Frau Marquise viel Geist hat, und der Herr weiß es wohl,« rief Rosambert. »Der Herr weiß es wohl?« wiederholte der Marquis. »Ja, mein Herr, meine Schwester hat es mir gesagt.« »Ach! Ihr Fräulein Schwester, ja. – Ich versichere Ihnen, mein Herr, dass meiner Frau nichts fehlt, als dass sie sich besser auf Physiognomie verstände. Doch dies wird schon kommen. Ich habe bereits bemerkt, dass sie großen Gefallen an schönen Gesichtern findet. Herr Duportail, das Ihrige ist sehr einnehmend, und zudem haben Sie sehr viel Ähnlichkeit mit Ihrem Fräulein Schwester, welche bei der Marquise sehr beliebt ist. Kommen Sie mit mir, ich will Sie der Marquise vorstellen.« »In der Tat, Herr Marquis, es tut mir sehr leid. Ihr gütiges Anerbieten nicht annehmen zu können, aber ich habe mich sozusagen vom Hause fortgestohlen; ich muss mich auch auf dem Parterre verstecken, ich darf mich in keiner Loge zeigen. Wenn mich einer von meines Vaters Freunden sähe, so würde er es ihm sicher schreiben, und Sie können sich nicht vorstellen, wie Herr Duportail dann bei seiner Rückkehr mit mir umgehen würde.« »Es gibt sehr lächerliche Eltern! ich wusste doch, dass ich Sie etwas zu fragen habe; kennen Sie einen gewissen Herrn von Faublas?« Ich antwortete trocken: »Nein.« »Aber der Graf kennt ihn vielleicht?« fuhr der Marquis fort. »Faublas?« versetzte Rosambert; »doch ja, ich glaube diesen Namen schon gehört zu haben ... ich habe ihn schon irgendwo gesehen. (Er nahm den Marquis bei der Hand und stellte sich, als ob er leiser sprechen müsste.) »Reden Sie vor den Duportail nie von den Faublas, diese zwei Familien sind einander feind! Es würde am ersten Tage Blut geben.« »So ist also alles herausgekommen,« versetzte der Marquis halblaut. »Ich begreife nicht, wie, was denn?« antwortete Rosambert. »Gut, Sie verstehen mich schon.« »Nein, der Teufel soll mich holen!« »Gewiss, Sie haben Recht! an Ihrer Stelle wäre ich ebenso diskret.« »Auf Ehre, ich verstehe kein Wort.« »Schweigen wir davon!« sagte der Marquis, seine Stimme erhebend. »He, sage mir einmal, Rosambert, denn ich bin ein guter Teufel, ich kann keinen Groll haben! sag mir einmal, warum hast Du Dich seit mehr als sechs Wochen nicht mehr bei uns blicken lassen?« »Geschäfte!« »Ja, Geschäfte, Mädchen! man täuscht mich nicht, geh! ich hoffe, dass wenigstens Du der Marquise Dein Kompliment machen wirst.« »Recht gerne. Chevalier, haben Sie die Güte, mich einen Augenblick zu erwarten.« Der Marquis wiederholte mir beim Abschied, dass er sehr bedauere, mich seiner Frau nicht vorstellen zu können. Nach einer Viertelstunde kam Rosambert lachend wieder zu mir. »Frau von B... schien mich nicht ungern zu sehen,« sagte er; »sie hat mich artig aufgenommen, wir haben uns gegenseitig behandelt wie Bekannte, die sich erinnern, einander in der Welt oft begegnet zu haben. Doch schien die Marquise etwas verwundert, als ihr guter Gemahl ihr sagte, ich sei hier mit dem jungen Herr Duportail, der es nicht gewagt habe, ihr seine Aufwartung zu machen. Sie können sich denken, dass ich, da zwischen Frau von B... und mir alles zu Ende ist, sie nicht in Verlegenheit bringen wollte; im Gegenteil half ich ihr gutmütig, mich selbst zu täuschen; ich bin so ehrlich wie ihr werter Gemahl auf alle ihre Ideen eingegangen. Aber höchst auffallend war mir, dass ich bei diesem komischen Auftritt, der mich sonst sehr amüsierte, von Zeit zu Zeit auf große Dunkelheiten stieß. Sie werden mir dies erklären, Faublas. Sehen Sie, obschon Herr von B... in diesem Augenblicke ganz leise sprach, so hörte ich ihn doch zu seiner Frau sagen: Ich sage Ihnen doch, Madame, dass dieses Fräulein Duportail kein anständiges Mädchen sei. Jetzt ist alles heraus gekommen! die Duportail sind wütend; und wenn sie diesem Herrn von Faublas begegnen, so werden sie ihm ein böses Essen anrichten. »Ich bin überzeugt, dass die Reise des Fräuleins nach Soissons und die des Vaters nach Russland bloß Vorwände sind. »Aber der Vater hat es wohl verdient; er schränkt seinen Sohn entsetzlich ein und lässt seine Tochter treiben, was sie will. So ungefähr,« fuhr der Graf fort, »hat der Marquis gesprochen. »Faublas, Sie wissen die Sache, machen Sie mir das Vergnügen, mich darüber aufzuklären.« Ich erzählte Rosambert, wie der Marquis meine Brieftasche an einem schlechten Orte gefunden, wie er seiner Frau bewiesen, dass Fräulein Duportail kein anständiges Mädchen sei, und wie die Marquise in meiner Gegenwart meine Briefe erhalten habe. Ich erzählte ihm die Scene auf der Ottomane, der ich leider, im Versteck unter der Ottomane, beiwohnen musste. Der Graf ließ seiner Heiterkeit freien Lauf und fragte mich, warum ich mich nicht bei Frau von B... habe einführen lassen. »Mein Freund,« antwortete ich, »wenn ich rasend in die Marquise verliebt wäre, und keine andere Gelegenheit hätte, sie zu sehen, so hätte ich es angenommen; da wir uns aber leicht an diesem oder jenem Orte treffen können, und es uns nicht an Rendezvous fehlt, warum hätte ich abermals unter einer neuen Verkleidung Gefahren aufsuchen sollen?« »Warum nicht? dies hätte uns Allen viel Spass gemacht! die Marquise hätte sich an Ihrer Stelle nicht besonnen.« Nach dem Schauspiele begleitete ich Rosambert in die Loge des Fräuleins F..., die ich sehr genau kannte. Eine Tänzerin war bei der Theaterprinzessin. »Er ist hübsch,« sagte sie, nachdem sie mich mit majestätischem Blicke von Kopf zu Fuß gemustert hatte. »Dies ist Amor,« antwortete die andere, »oder der Chevalier Faublas.« Ich dankte der artigen Person höflich für ihr schmeichelhaftes Kompliment. »Chevalier,« sagte sie. »Ich habe Sie schon irgendwo gesehen und seit einigen Monaten höre ich fast täglich von Ihnen. Sie können ein sehr schönes Mädchen sein, aber was mich betrifft, so ist mir ein hübscher Junge lieber.« Ich sah den Grafen an. »Rosambert, ich glaube, Sie haben mich verraten.« »Auf Ehre nicht!« antwortete dieser. Indes redeten die beiden Damen still miteinander und Coralie – so nannte sich die Tänzerin – lachte wie toll. Brauche ich hinzuzusetzen, dass eine Abendpartie zu vier schnell verabredet war, dass wir bei der Göttin zu Nacht speisten, dass ich die Nymphe nach Hause begleitete? wem sollte unbekannt sein, dass im Theater die Gottheiten ganz schwache Sterbliche sind, dass man nirgends in der Welt leichtfertiger mit den Leidenschaften spielt, und dass hier ein Roman am nächsten Abende beginnt und zu Ende geht? Coralie war weder schön noch hübsch; aber sie hatte eine angenehme Lebhaftigkeit und anziehende Reize; man hörte mit Vergnügen ihr galantes Kauderwelsch; auf ihrem trotzigen Gesichtchen herrschte Heiterkeit; ihre ganze Haltung war etwas leichtfertig und reizte die Begierde; sie war schlank und groß gewachsen, sie hatte eine schöne Hand und einen reizend kleinen Fuß und eine prächtige Haut. Sie betrachtete mich lächelnd. – »Lieber Chevalier!« »Reizende Coralie, warum so heiter?« »Sie scheinen zu träumen.« »Nein, reizendes Mädchen.« »Was bewundern Sie an mir?« »Ihren kleinen entzückenden Fuß.« »Wie kindisch!« »Ach, Sophie!« rief ich aus. Ich hätte Coralie sagen sollen. »Sophie!« wiederholte sie. »Verzeihen Sie, dieser Name kam mir unwillkürlich in den Sinn.« »Oh, Sie Verschmitzter, glauben Sie mich so irre führen zu können?« »Meine teuere Coralie!« »Genug, genug, Chevalier, ich weiß jetzt, an wenn Sie denken.« »Zürnen Sie mir nicht.« »Kommen Sie, wir wollen die begonnene Partie zu Ende spielen, bevor Sie mich verlassen.« Ich ließ sie fünf Louisd'ors gewinnen. Es war zehn Uhr morgens, als ich Coralie verließ. Der Baron, der meine Abwesenheit erfahren hatte, erwartete mich mit Ungeduld. Er erinnerte mich in strengstem Tone, dass er mich ermahnt habe, nie außerhalb des Hotels zu übernachten. Ich ging auf mein Zimmer; Herr Person erwartete mich. Ich wollte ihm wegen seines Verrates Vorwürfe machen; er kam mir zuvor, er bemerkte, dass diese nächtliche Emanzipation dem Baron unmöglich habe unbekannt bleiben können; in solchen Fällen sei es die Pflicht des Hofmeisters, den Vater in Kenntnis zu setzen und auf diese Art dem Schweizer oder einem andern Bedienten zuvorzukommen; in anderem Falle hieße es unser Einverständnis auf eine sehr ungeschickte Art verraten. Ich hatte auf so gute Gründe nichts einzuwenden, und dann war ich schon mit andern Dingen beschäftigt. Jasmin hatte mir einen Brief übergeben, den man ihm schon vor mehr als einer Stunde übergeben hatte. Ich sah mit Verwunderung, dass er an Fräulein Duportail adressiert war. Ich erbrach hastig das Siegel und las: »Jemand, der diesen Abend nach Versailles geht, versichert mich, dass Fräulein Duportail nicht in Soissons sei, und dass sie sich ohne Zweifel in der Gegend von Paris verborgen halte. Wenn dem wirklich so ist, so wird das liebe Kind, das sich meiner noch erinnern muss, morgen früh in seiner Amazonenkleidung zu Pferde steigen und von einem einzigen, bürgerlich gekleideten Bedienten gefolgt, schlag acht Uhr im Boulogner Walde, am Boulogner Tore mich aufsuchen. Ich bin, wenn man es glauben darf, der, der sie noch liebt u.s.w. Vicomte von Florville.« »In der Tat!« rief ich, »ich habe schon längst mit dem Vicomte ein Wort zu sprechen. Also auf morgen früh. – Jasmin, Du gehst mit mir.« Hierauf kaufte ich ein hübsches Porzellanservice und befahl Jasmin, es zu Fräulein Coralie, Straße Meslay, Tor Saint-Martin zu tragen. Als er zurückkam, fragte ich meinen Bedienten, was Fräulein Coralie gesagt hätte. »Gnädiger Herr, sie hat mich mehrere Male Ihren Namen wiederholen lassen.« »Ist es wirklich vom Chevalier Faublas? ein junger Mann, ganz jung? höchstens siebenzehn Jahre alt?« »Aber Fräulein, sagte ich zu ihr, kennen Sie ihn denn nicht?« Sie antwortete: »Oh, ja; aber eine Erklärung kann nie schaden; Sie werden dem Chevalier sagen, dass ich ihn morgen zum Nachtessen erwarte.« »Morgen zum Nachtessen! Jasmin, dies passt nicht ganz zusammen; ich werde den Tag über bei dem Vicomte von Florville zubringen, doch es ist einerlei, ich will nicht unhöflich gegen Coralie sein.« Jasmin verließ mich und ich überließ mich meinen Betrachtungen. Oh, teuere Sophie, wie viel Unrecht, wie viele Treulosigkeiten begehe ich an Dir! Treulosigkeiten? doch nein, ich bringe meinen Freundinnen eine unlautere Huldigung dar, die meine tugendhafte Geliebte verwerfen würde, wodurch ihre Reize entheiligt wären. Aber Frau von B..., Justine, Coralie, alle drei auf einmal! und wenn es auch hundert wären, was liegt daran, oder liegt meine Entschuldigung nicht in der Zahl? Wenn Frau von B... wirklich geliebt wäre, könnte ich ihr dann Nebenbuhlerinnen geben? würde ich mich mit der Marquise abgeben, wenn ich eine ernste Neigung für Justine hätte, oder für Coralie? Nein, nein! dieser dreifache Liebeshandel bedeutet nichts. Es sind vorübergehende Neigungen; das Aufbrausen der Jugend. Es ist wahr, die Marquise scheint mir allerdings liebenswürdiger als die beiden andern; allein es ist nur mein hübsches Bäschen, die mir eine reine und uneigennützige Liebe einflößt. Ja, meine teuere Sophie, es ist klar, dass ich nur Dich allein liebe. Am andern Tag fand ich mich mit Jasmin schlag acht Uhr am Boulogner Tor ein. Ich trug einen englischen Amazonenanzug und einen weißen Kastorhut. Die Vorübergehenden blieben stehen, um mich anzusehen. Einige riefen: Das ist ein hübsches Weib. Diese Engländerin sitzt gut zu Pferde, sagten andere, und meine Eigenliebe fand sich nicht wenig geschmeichelt. Der Vicomte von Florville ließ sich nicht lange erwarten; er ritt ein sehr hübsches Pferd, das er mit mehr Anmut als Kraft regierte. »Schönes Fräulein, wenn es Ihnen beliebt, so wollen wir zusammen in Saint-Cloud frühstücken.« »Sehr gerne, mein Herr, aber wo werden wir absteigen? in einem Gasthofe?« »Nein, nein, mein Freund!« »Wie, Ihr Freund, vergessen Sie, mein Herr, dass Sie mit Fräulein Duportail sprechen?« »Ja, mein Freund, ich vergaß, und dachte sogar nicht daran, dass ich heute der Vicomte von Florville bin, ich ein junger Brausewind und Sie eine junge Närrin! Faublas, finden Sie das nicht sonderbar?« »Sehr sonderbar! aber Sie sind nun einmal für den ganzen Tag der Vicomte von Florville und ich das Fräulein Duportail. Vergessen Sie ja nicht, wer sich wieder irrt –« »Muss dem andern einen Kuss geben.« »Meinetwegen, Herr Vicomte!« Als wir nach Saint-Cloud kamen, waren wir einander wenigstens fünfzig Küsse schuldig. Einen Büchsenschuss von der Brücke hieß der Vicomte mich absteigen. Wir traten in ein kleines niedliches Haus, wo ich niemand erblickte. Es hatte bloß einen Stock. Das Zimmer, in welches mich der Vicomte führte, war eben so bequem, als geschmackvoll eingerichtet. »Um Verzeihung, mein Fräulein, ich will nur geschwind die Pferde in den Stall führen lassen.« Nach einigen Minuten kam er zurück und sagte, er habe Jasmin in einen Gasthof geschickt und ihm befohlen, uns in einer Stunde abzuholen. Hierauf zeigte er mir in einem Schranke kalten Braten, einiges Backwerk und guten Wein. »Unser Frühstück wird nahe beisammen sein, Fräulein; unsere Leute stören uns nicht.« »Sehr wohl, Vicomte, bezahlen wir zuerst unsere Schulden.« »Pfui doch, ein Fräulein! was sagen Sie da? ich werde vorher etwas speisen.« Der Vicomte von Florville aß ganz zierlich an einem Hühnchen, Fräulein Duportail aß ungebildet wie ein ausgehungerter Landschreiber. Diese mir auferlegte Zurückhaltung fieng an mir lästig zu werden. Ich wollte dem Vicomte einen Kuss geben. »Mein Fräulein,« sagte er zu mir. »Der Angriff kommt mir zu.« Er nahm mich bei der Hand, führte mich vom Tische weg und wollte mich umarmen. Ich stieß ihn lebhaft zurück. »Mein Herr, lassen Sie mich. Sie sind sehr zudringlich.« Der Vicomte mehr hartnäckig als unternehmend, schien mir bloß einen Kuss rauben zu wollen, und lachte sehr über den Widerstand, auf den er stieß. Offenbar mehr gewöhnt, sich zu widersetzen als anzugreifen, zeigte er in seinen Angriffen viel Gewandtheit und wenig Stärke. Fräulein Duportail im Gegentheil entfaltete gegen allen Brauch bei ihrer Vertheidigung viel Stärke und wenig Anstand. Bald sank der Vicomte ganz erschöpft auf ein Canapee. »Dies Mädchen hat Stärke wie ein Dragoner,« rief er, »um sie zu bändigen, müsste man ein Herkules sein.« Die Natur hat doch alles gut gemacht, sie hat es weiblich eingerichtet, indem sie die Frauen sanft und schwach gemacht hat. Ich sehe, dass in dieser Welt Alles zum besten angeordnet ist. »Alles kehre wieder zur alten Ordnung zurück. Schlimmes Fräulein, beruhigen Sie sich. Ich bin jetzt nur noch die Marquise von B..., der Vicomte von Florville tritt Ihnen alle seine Rechte ab.« Diesmal benützte ich die Erlaubnis, ohne sie zu missbrauchen. Wir setzten uns wieder bald zu Tisch. »Faublas, Sie werden vielleicht finden, dass ich sonderbare Einfälle habe, aber ich bitte Sie mir meinen Wunsch nicht abzuschlagen.« »Wie könnte ich dies? Was ist Ihr Wunsch, sprechen Sie.« »Ich wünsche Ihr Porträt, lieber Freund.« »Das ist ein sehr natürliches Verlangen, theuerste Freundin, ich theile dasselbe; wäre es unbescheiden. Sie um das Ihrige zu bitten?« »Nein, mein Freund, aber ich wünsche das Porträt des Fräulein Duportail.« »Ah! ich verstehe, und Sie werden mir das des Vicomte de Florville geben?« »Gewiss, mein Freund.« »Liebste Mama, ich werde gleich morgen das meine bestellen, wir wollen sehen, welches von beiden zuerst fertig ist.« »Das Ihrige ohne Zweifel! Sie sind nicht gehindert, Faublas! aber ich kann meinem Maler nur einige verstohlenen Augenblicke widmen. Sie sehen wohl, dass das Bild nicht im Hotel verfertigt werden kann.« »Wo also denn, theuerste Freundin?« »Bei der Modehändlerin, in dem von Ihnen wohlbekannten Boudoir. Ich lasse die Kleider, die ich eben anhabe, in einem Schrank daselbst zurück, dessen Schlüssel ich habe.« »Wie? also dort haben Sie sich heute früh angekleidet?« »Allerdings, mein Freund! unter dem Vorwand, mich auf den Elysäischen Feldern zu ergehen, bin ich im Morgenkleid mit Justine ausgegangen. Wir begaben uns zu meiner Modehändlerin, wo die Verwandlung vor sich gieng; ein Mietwagen führte mich zu einem Pferdehändler, dort mietete ich ein Pferd, und so macht man aus einer Marquise einen Vicomte. Justine ist für den ganzen Tag beurlaubt; erst um sieben Uhr soll sie bei meiner Modehändlerin sein, wo ich mich umkleiden werde. Wenn ich nach Hause komme, will ich ganz einfach sagen, ich habe auf Elysäischen Feldern die Gräfin von ... getroffen. Doch, ich glaube, Jasmin kommt. Machen wir einen kleinen Spazierritt, Faublas, und kommen zum Mittagessen wieder her.« Wir stiegen wieder zu Pferd. Nach einem langen Ritt kamen wir gegen Mittag auf die Brücke von Sevres, ritten hinüber und befanden uns jetzt auf der Hauptstraße nach Paris. Hier kam ein sehr schöner vierspänniger Wagen, von einem Bedienten zu Pferde begleitet, auf uns zu. Die glänzende Equipage war kaum noch zehn Schritte von uns entfernt, als die Marquise umwandte und im schnellsten Galopp über die Brücke zurückritt. Ich glaubte, ihr Pferd habe ausgerissen, und wollte eben dem meinigen die Sporen geben, um ihr nachzujagen, als ich einen Herrn sich an den Kutschenschlag werfen sah, der mich erkannte und als Fräulein Duportail anrief. Es war der Marquis von B... Ich sprengte in gestrecktem Galopp der Marquise nach, die querfeldein jagte. Jasmin galoppierte hinter mir her und rief mir nach, wir würden verfolgt. Ich hörte unsern Feind schon ganz in der Nähe sein treffliches Pferd noch aufmuntern. Ich wandte rasch um, ritt geradezu auf den eifrigen Postillon los und begrüßte ihn mit einem Gertenhieb. Jasmin, voll Eifer, seinen Herrn nachzuahmen, hatte ebenfalls bereits den Arm aufgehoben. Der arme Bediente, ganz erstaunt darüber, dass eine junge Dame so derb zuschlagen könne, zurückgehalten durch die Achtung, die er meinem Geschlecht und meinem Rang schuldig zu sein glaubte, oder durch die Aussicht auf einen sehr ungleichen Kampf, indem Jasmin sich zu meiner Unterstützung bereit hielt, wusste nicht, sollte er fliehen oder sich zur Wehr setzen, und sah mich ganz verblüfft an. Ich brachte ihn schnell zu einem Entschluss, indem ich zwar mit weiblicher Stimme, aber im trotzigen Tone ihm zurief: »Schurke, ich zerschlage Dir das Gesicht, wenn Du mich noch weiter verfolgst und nicht auf der Stelle umkehrst. Da hast Du, um auf meine Gesundheit zu trinken.« Er nahm den angebotenen Thaler und lobte auf seine Art meine Stärke und meine Freigiebigkeit. Ich sah ihn ebenso schnell umkehren, als er gekommen war. Als ich auf diese Art von meinem Feinde befreit war, ließ ich meine Blicke in die Weite schweifen, um die Marquise zu entdecken. Sie hatte ihr Pferd langsamer gehen lassen, oder hatte sie sich aufgehalten, denn ich sah, sie hatte einen kleinen Vorsprung vor uns. Wir erreichten sie in kurzer Zeit. Ich erzählte ihr, wie ich den Abgesandten des Marquis empfieng. »Es war Zeit, dass ich umkehrte,« sagte sie, »ich habe fast zu spät den Kutscher und die Pferde erkannt.« »Aber warum haben Sie sich geflüchtet, ohne mir einen Wink zu geben?« »Weil es schon zu spät war; wir waren zu nahe gekommen. Diese Amazone, die der Marquis kennt, hätte uns verrathen; ich wollte ihn seiner Sache auf einmal gewiss machen.« »Ich sehe den Grund nicht recht ein.« »Und doch ist er ganz einfach! mein Freund, es lag wenig daran, dass der Marquis Sie sah, wenn er nur mich nicht sah! ich wusste zum voraus, dass er, sobald er Fräulein Duportail erkannt haben wird, sich nur mehr um sie bekümmern wird. Indem ich Sie zurückließ, sicherte ich meine Flucht.« »Gut gesagt; aber was wird der Marquis von mir sagen? (Die Marquise näherte sich mir und sagte leise, indem sie lächelte.) »Er wird sagen, Fräulein Duportail sei eine ... – er wird mir geheimnisvoll erzählen, dass sie in der That in der Umgebung von Paris sei, dass er sie mit Herrn von Faublas begegnet hat, und das Vergnügen, Alles dies errathen zu haben, wird ihn trösten für den kleinen Streich, welchen ihm sein Nebenbuhler spielt; aber,« setzte sie mit einem ernsteren Tone hinzu, »mein zärtlicher Gemahl vergilt mir die Treulosigkeiten, die ich gegen ihn begehe. Sie sehen ja, er ist gestern nach Versailles gegangen, von wo er erst heute zurückkommt. Er hat in Paris geschlafen »Er erwischt mich,« fuhr sie fort, aus vollem Halse lachend, »er erwischt mich. Übrigens, mein lieber Faublas, fühle ich den Muth, nicht ihm böse zu sein.« »Hüten Sie sich wohl, ihm diese Beleidigung zu verzeihen, kommen Sie nach Saint-Cloud Rache zu nehmen!« »Nein, nein, das wäre auch zu gewagt, das hieße uns wie Kinder der Gefahr preiszugeben. In diesem Augenblick ist Herr von B... vielleicht noch in Sevres. Der arme la Jeunesse –« »Er heißt la Jeunesse, Madame, dieser Herr, den ich gepeitscht?« »Ja, mein Freund; wenn es der ist, der dem Wagen voranritt, er heißt la Jeunesse.« »Aber da Sie ihn nahe genug gesehen, um ihn zu erkennen, so hat er Sie vielleicht auch erkannt?« »Unmöglich, mein Freund. Dieses Reiterkostüm, dieser über meine Augen heruntergezogene Hut. Nein, ich bin ruhig. Ich vermuthe, dass dieser arme la Jeunesse, der schon zurück von seinem Ritt, dem Marquis dies unglückliche Ereignis erzählt. »Dann besinnt sich mein scharfsinniger Gemahl, denkt nach, erräth, dass Sie sich in Sevres, oder nicht weit von da aufhalten. Neugierig, Ihren Aufenthaltsort zu errathen, oder zu erfahren, gibt er jetzt la Jeunesse auf, in der Gegend herumzureiten, zu suchen, aufzupassen, nachzufragen und alle Physiognomien genau ins Auge zu fassen. »Nein, meine Freundin, nach Saint-Cloud dürfen wir nicht gehen, reiten wir nach Paris zurück! ich will den nächsten Weg machen, um zuerst zu meiner Modehändlerin zu kommen, wo Sie mich in Bälde aufsuchen werden. Wir speisen im Boudoir zu Mittag und Sie leisten mir Gesellschaft, bis Justine kommt.« Eine Viertelstunde vor der Hauptstadt trennten wir uns. Die Marquise, der ich Jasmin mitgeben wollte, bemerkte mir, dass ein junger Cavalier wohl allein spazieren reiten könne, dagegen sei es nicht schicklich, wenn eine junge Dame, besonders in diesem Aufzug, nicht wenigstens einen Bedienten bei sich habe. Madame de B... gieng durch das Thor de la Conférence, Jasmin und ich über die Barrière du Roule. Vor dem Hause der Modehändlerin trafen wir einen kleinen Auvergner, der ein Pferd am Zügel hielt und Jasmin ein Billet übergab, auf dem die Worte standen: »Jasmin wird mein Pferd zu Herrn T..., Pferdevermieter, Straße ... führen. Der Vicomte von Florville.« Ich verließ das Boudoir erst um acht Uhr. Die Marquise war sehr liebenswürdig, sie verabschiedete mich in bester Laune, ich musste darauf bedacht sein, zu Coralie zu gehen. Ich gieng nach Hause, um meine Kleider zu wechseln, und noch vor zehn Uhr war ich bei der Tänzerin. »Guten Abend, lieber Chevalier; setzen wir uns schnell zu Tische!« »Sehr gern!« »Weißt Du auch, dass ich schon über eine halbe Stunde auf Dich warte, um mit Dir zu zanken?« »Warum zanken?« »Weil Du mich betrübst, Chevalier; Du suchst mich mit Geschenken überhäufen zu wollen, ich rechne nicht auf solche, mein lieber Freund, bei Dir will ich um meiner Person willen geliebt werden. »Ich bin nicht so eigennützig wie manche meiner Freundinnen, ich will auch mit einer schönen Blume zufrieden sein.« »Gut, Coralie, aber was hat dies mit einem mir zugedachten Zank zu schaffen?« »Nur Geduld! mein Herr. Ich habe einen Herrn, der mich bezahlt, und aus guten Gründen sage ich Dir seinen Namen nicht. Du bist der hübsche Junge, der mich liebt. Nicht wahr? Ich wählte Dich, weil Du mir gefällst; ich erwarte von Dir keine Geschenke; Du hast mir eines gemacht, das ich nicht will.« »Wie, das Porzellanservice?« »Ja, dasselbe.« »Ich nehme es nicht zurück. Überdies, Coralie, gefallen mir Deine Anstalten nicht; ich will bezahlen und ich will allein sein.« »Höre, Chevalier, dazu bist Du zu jung und nicht reich genug. Und dann würdest Du einen schlechten Handel machen. Du bist hübsch. Du hast Geist; sobald Du bezahlen würdest, könnte ich Dich nicht mehr lieben. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber so sind mir Alle! ein Wechsel ist für den, der ihn gibt, immer das Unterpfand einer Untreue.« »Ich gebe Dir ja kein Geld, sondern nur ein kleines Andenken.« »Ich will es nicht!« »Ich wiederhole Dir, dass ich es nicht zurücknehme« »Dann werfe ich es zum Fenster hinaus.« »Wenn es Dir Vergnügen macht!« So stritten wir, als eine Kammerfrau voll Schrecken zu Coralie herausstürzte und rief: »Er kommt!« – »Er kommt?« wiederholte die Schöne. Die beiden Frauen nahmen mich bei beiden Armen, schleppten mich ins Schlafzimmer, öffneten hinten im Alkoven eine kleine Thüre, durch die sie mich hinausdrängten, und ich befand mich im Verbindungsgang durch die Zimmer. Ich ärgerte mich, und musste doch lachen. Die eine zog mich beim Arme, die Andere stieß mich an den Schultern, und es gelang ihnen, mich vor die Thür zu bringen. Ich gieng ruhig nach Hause, um zu schlafen; der Baron war in dieser Nacht nicht heimgekommen. Am nächsten Tag ließ ich einen geschickten Maler kommen, der dem Fräulein Duportail den ganzen Tag widmete. Die Erinnerung an die Scene der vorigen Nacht war mir sehr unangenehm; aber man bedenke, dass ich erst siebenzehn Jahre zählte! wann hat wohl ein Jüngling in meinem Alter mit Überlegung gehandelt, ich glaube wohl, dass unter allen Männern keiner sich findet, der hier die Hand nicht auf sein Herz legen würde und ausriefe: »Auch für mich hat sie geblüht, die herrliche, die unwiederbringliche Zeit der Jugendschwärmerei.« Wir verbrachten in lustigem Geplauder die Nacht, als wir plötzlich durch die heftig angezogene Hausglocke in unserer Unterhaltung unliebsam gestört wurden. »Ich wette,« rief Coralie, »diese zwei Thörinnen sind zu gleicher Zeit ausgegangen und haben ihren Schlüssel nicht mitgenommen, und doch sage ich es ihnen alle Tage! »Thun Sie mir den Gefallen, Chevalier, und öffnen Sie die Thür!« Ich eile hinaus, um ihren Willen zu erfüllen; ich öffne, sehe einen Mann! Ich glaube mich zu irren, reibe mir die Augen und sehe noch einmal; ich rufe: »Wie ist es möglich! wie! Sie sind's, mein Vater!« Der Baron weicht vor Überraschung einige Schritte zurück als er mich erkannte, und stellte in heftigem Tone die ganz unnöthige Frage an mich: »Was machen Sie hier, mein Herr?« Was sollte ich antworten? ich beobachtete ein tiefes Schweigen. Der Ton einer fremden Stimme lockte Coralie herbei, welche, sehr erschrocken, herauskam. Sie dacht nicht anders, als eine unerwartete Veränderung des Theaterrepertoirs musste plötzlich vorgekommen sein. Als sie aber auf dem Vorhause angekommen war, malte sie sich sogleich die komischen Scenen eines so unerwarteten Zusammentreffens aus. Sie bewunderte den vor Erstaunen stummen Vater, der unbeweglich und wüthend an dem Geländer des Stiegenhauses lehnte. Sie bewunderte den Sohn, der wie eine Bildsäule starr vor Schrecken und zitternd dasteht! Die Tänzerin ringt die Hände, reicht schließlich meinem Vater die Hand, als wenn sie zwischen uns eine Versöhnung herbeiführen wollte; aber plötzlich fängt sie an zu lachen, aber so laut und übermüthig, dass es alle Nachbarn hören konnten. Der Baron wurde abwechselnd roth und erblasste; er tritt ein, er schließt die Thüre, er schiebt den Riegel vor. Coralie flieht lachend; mein Vater stürzt ihr nach und dringt zu gleicher Zeit mit uns ins Schlafzimmer. Er macht eine drohende Bewegung, er will die Möbel zerschlagen. Ich werfe mich auf sein schon erhobenes Rohr, ergreife es und rufe: »Ach, mein Vater! vergessen Sie, dass Ihr Sohn hier ist!« Dieser etwas kühne Ausruf hatte die erwünschte Wirkung. Der Baron noch sehr aufgeregt, doch schon etwas besänftigt, warf sich auf einen Lehnstuhl und befahl mir, mich anzukleiden. Coralie hatte sich in ihr Toilettzimmer eingeschlossen, wo sie nach Herzenslust lachte, doch öffnete sie die Thüre halb, um mir meine Schuhe herauszugeben und die ihrigen dagegen in Empfang zu nehmen. Ich war bald angekleidet; wir stiegen die Treppe hinunter. Der Baron war zu Fuß und ohne Bedienten gekommen; wir stiegen in einen Fiaker, und obgleich die Fahrt lang war, sagte mir mein Vater, der traurig und nachdenklich war, kein Wort während des Weges; aber als wir in das Hotel kamen, bat er mich, ihm auf sein Zimmer zu folgen. Es war einer der Tage, wo ich meine Besuche im Kloster machte, und da die Stunde, in der mich Sophie im Sprechzimmer erwartete, sich bereits nahte, versuchte ich einige Geschäfte vorzuschützen. Mein Vater bestand in einem fast bittenden Tone auf seinem Verlangen; wir giengen in sein Zimmer, er befahl, uns allein zu lassen, hieß mich sitzen, setzte sich neben mich, schwieg noch ewige Minuten und sagte endlich: »Faublas, vergessen Sie einen Augenblick, dass ich Ihr Vater bin, und antworten Sie mir wie einem Freunde. Waren Sie vorgestern Abend bei Coralie?« »Ja, mein Vater.« »Sie speisten also mit ihr zu Nacht, als ich kam?« »Ja!« »Das Geräusch, das Sie beim Weggehen machten, flößte mir Verdacht ein; ich ließ mir nichts anmerken, sondern schützte eine Reise auf's Land vor, um meinen glücklichen Nebenbuhler zu überraschen; ich konnte mir nicht denken, dass es der Chevalier von Faublas sein würde.« »Ich bitte, mein Vater, mir nicht dieses Unrecht zuzumuthen, dass ich im entferntesten glauben konnte, dass es je zwischen uns eine Rivalität gäbe. Ich hatte keine Ahnung davon.« »Nein, mein Freund, nein! ich weiß, dass Sie trotz den Verirrungen Ihres Alters selten die Ehrerbietung aus den Augen gelassen haben, die Sie einem Vater schulden, der Sie liebt, ich weiß, dass Sie nicht fähig sind, mir mit kaltem Blute Verdruss, oder gar Erniedrigungen zu bereiten. Faublas, ich habe noch einige Fragen an Sie zu richten. Kennen Sie Coralie schon lange?« »Seit vier Tagen, mein Vater!« »Und wie vielemale haben Sie sie schon besucht?« »Viermal!« »Viermal! unsinniger junger Mensch! bedenken Sie denn nicht, dass eine solche Freundschaft Ihnen nur schadet?« »Ich habe ihr bloß ein kleines Geschenk gemacht.« »Wie, haben Sie ihr das Porzellangeschirr gegeben, dass ich, ich glaube vorgestern, bei ihr gesehen habe?« »Ja, mein Vater!« »Mein Freund, wenn ein junger Mann, wie Sie, das Unglück hat, eine Theaterdame zu haben, so muss er sie großmüthiger bezahlen. Bleiben Sie hier, ich bin gleich bei Ihnen.« Er ließ mich ziemlich lange warten, endlich kam er wieder, ein Papier in der Hand haltend. »Hier, Faublas, lesen Sie!« »Coralie, ich verlasse Sie, und ich glaube, dass die Möbel, die Juwelen und Diamanten, die ich Ihnen geschenkt habe und die ich Ihnen lasse, mich aller Verbindlichkeiten gegen Sie entheben.« Als ich diesen kurzen Brief gelesen hatte, versiegelte ihn mein Vater. Dann gab er mir einen Bogen Papier und ich schrieb, was er mir diktierte: »Coralie, ich nehme von Ihnen Abschied, denn Sie werden wohl einsehen, dass ich aus Ehrfurcht, oder wollen wir bloß aus Rücksicht sagen, gegen meinen Vater so handeln muss.« Mein Vater schickte beide Briefe durch denselben Boten fort. Ich glaubte, Alles sei vorbei, und schickte mich an fortzugehen; der Baron aber bat mich, Coralien's Antwort abzuwarten. »Sie sehen, mein Sohn,« sagte er, »dass uns der Anstand gebietet, so zu handeln; wir müssen uns aus dieser unliebsamen Sache so viel als möglich wie vernünftige Leute herausziehen. Hören Sie mich an, junger Mensch. Sie sind trotz meiner Ermahnung in diesem Amazonenkleid ausgegangen, welches zu tragen ich Ihnen verbot. »Sie besuchen alle Tage die Marquise?« »Fast alle Tage, mein Vater! schonen Sie doch ihren Ruf.« Sie wissen nicht, wie kostbar sie ist, und doch verschwenden Sie dieselbe; und übrigens vernachlässigen Sie Ihre Studien, seitdem wir in Paris sind, auf eine zu auffallende Weise. »Es genügt nicht bloß in den körperlichen Übungen zu glänzen, man muss auch seinen Geist bilden. Dass Sie sich in den Waffen auszeichnen, ist recht. Ein Edelmann muss sich schlagen können. Aber die Leidenschaft der Jagd, die Tanz- und Reitlust darf nicht alle Zeit wegnehmen. Wenn Sie das vierzigste Jahr erreichen, ohne etwas anderes zu verstehen, als eine Flinte loszuschießen, ein Pferd zu tummeln, zu tanzen und zu singen, oh! dann wird Ihr Herbst verdrießlich sein! wie viele Langweile werden Sie den Tag über haben! wie sehr werden Sie Ihre verlorene Jugend bedauern! »Faublas! es fehlt Ihnen nicht an Intelligenz, ich weiß, Sie haben Anlagen – retten Sie sich von jetzt an durch das Studium der schönen Wissenschaften und der Philosophie, diese allmächtigen und allgemein geachteten Hilfsmittel, die das reifere Alter verschönern und das hohe Alter verkürzen, die müßigen Augenblicke des Reichen ausfüllen, die Arbeiten des Armen erleichtern, das Unglück trösten und das Glück dauernd machen. Mein Freund, fangen Sie damit an, Frau von B... weniger zu besuchen; Sie werden dabei den doppelten Vortheil haben, mehr Zeit auf nützliche Arbeiten und weniger auf gefährliche Vergnügungen zu verwenden. Sie werden Ihren Geist bilden und Ihre physischen Kräfte nicht erschöpfen. »Was Ihre Leidenschaft für Sophie betrifft, so sage ich darüber kein Wort, ich weiß, dass Sie in Beziehung auf diesen sehr wesentlichen Punkt schon Vernunft angenommen haben. »Madame Münch, mit welcher ich gesprochen habe, sagte mir, dass es mehr als zwei Monate her ist, dass sie mit Ihnen gesprochen und Sie überhaupt nicht gesehen habe. »Ich bin mit Ihnen zufrieden, Faublas. Mögen Sie immerhin die Marquise oder eine andere Thörin hintergehen, man wird sie deshalb nicht beklagen, denn sie haben ihr Unglück selbst herbeigeführt. »Wenn Sie sich vielleicht etwas zu Schulden kommen ließen, so ist es doch nichts ehrenwidriges; aber die schwache Unschuld zu missbrauchen! das hätte ich Ihnen nie verziehen.« Während der Baron seine Zufriedenheit äußerte über meine Gleichgiltigkeit für Fräulein von Pontis, hatte ich Mühe, meine Ungeduld zu verbergen, denn ich sah die Stunde des Rendezvous vorübergehen. Endlich kam der zur Tänzerin gesandte Bediente; Coralie hatte bei Nennen des Namens Faublas sehr gelacht. Sie ließ dem Baron danken, und was den Chevalier betraf, so nehme sie an, was er ihr schickt, aber in der That, es wäre nicht nöthig gewesen. Ich gieng in meine Wohnung hinauf, verzweifelt darüber, den Besuch im Kloster versäumt zu haben. Mein Maler erwartete mich, um das Porträt zu vollenden, welches Tags vorher schon ziemlich vorgeschritten war. Ich musste das Kleid der Amazone anziehen, um Fräulein Duportail darzustellen; und dann musste ich mich wieder in den Chevalier Faublas verwandeln, um mit dem Baron zu speisen. Als ich von Tische aufstand, fand ich die alte Frau, deren Botschaft ich stets mit einem kleinen Thaler belohnte, bei mir. Sie sagte mir, dass Adelheid erstaunt sei, mich diesen Morgen nicht gesehen zu haben, und mich bäte, mich unverzüglich ins Kloster zu begeben. Ich eilte dahin. Adelheid brachte auch ihre gute Freundin, in Begleitung von Madame Münch mit, die nicht böse zu sein schien, mich nach so langer Zeit endlich wieder zu sehen. Nachdem ich einige ziemlich lange Geschichten anhören musste, kam ich endlich los; doch da ich die Freundschaft der Gouvernante um jeden Preis zu erringen strebte, so versprach ich ihr, eine Flasche des vorzüglichen Liqueur von Andaye zu schicken, welchen man mir zum Geschenk gemacht hatte, denn ich kannte ihren Geschmack für dergleichen Getränke. Dies war ein unglückseliger Tag für Begegnungen. Als ich aus dem Sprechzimmer herausgieng, traf ich meinen Vater, der soeben hineingehen wollte. »So also befolgt man meine Befehle!« sagte er leise zu mir, »so hintergeht man mich! mein Herr, ich erkläre Ihnen, dass, wenn Sie dieser thörichten Liebe nicht entsagen, Sie mich zwingen werden, strenge Maßregeln gegen Sie zu ergreifen.« Als ich nach Hause zurückkehrte, wickelte ich mein Porträt sorgfältig ein, denn es war bereits beendet. Ich rief Jasmin und befahl ihm am nächsten Morgen zeitlich früh Justinen dieses kleine Paket zu übergeben, die es der Frau Marquise einhändigen soll; diese Flasche Liqueur aber an Madame Münch im Kloster von *** mit meinen ehrfurchtsvollsten Empfehlungen. Mein sehr genauer Diener gieng zeitlich fort und kam sehr spät zurück. Er hatte so viel getrunken, dass ich keine Antwort von ihm erhalten konnte; aber die Art, wie er seine doppelte Botschaft ausgerichtet hatte, trug mir noch am selben Abend ein Billet und eine Botschaft ein. Ein Billet von Madame von B..., worin dieselbe für mein reizendes Geschenk sehr dankte, und mich zugleich fragte, was ich eigentlich wolle, dass sie damit mache. »Madame Dufour, ich begreife nicht, was die Frau Marquise damit sagen will.« »Ich weiß es nicht, mein Herr; aber sie wird sich wahrscheinlich erklären, morgen früh bei der Modehändlerin; ermangeln Sie nicht sich dorthin punkt acht Uhr zu begeben, denn um zehn Uhr fährt sie nach Versailles.« »Sie können ihr sagen, Madame Dutour, dass ich nicht ermangeln werde zu kommen.« Eine Stunde nachher kam die alte Frau, der ich nie ohne die herzlichste Freude einen kleinen Thaler gab. Sie sagte mir: »Fräulein von Pontis, die etwas höchst Wichtiges mit Ihnen zu sprechen habe, ersucht Sie, morgen Früh, spätestens um acht Uhr, ins Sprechzimmer zu kommen.« »Ach, liebe Frau! ich wollte lieber die ganze Nacht vor der Klosterthüre wachen, als Fräulein von Pontis eine Viertelstunde warten zu lassen.« Sobald die Alte ihr Geld hatte, machte sie einen Knix und gieng. Morgen schlag acht Uhr im Kloster; und morgen schlag acht Uhr im Boudoir! diesmal, Frau Marquise, sind Sie im Nachtheil! wenn Sie wollen, dass ich zu ihrem Rendezvous kommen soll, so bestellen Sie dasselbe nie auf dieselbe Stunde, die Fräulein von Pontis auswählt. Nach meiner Ansicht konnte die Marquise nie einen Versuch machen, gegen Sophie in die Schranken zu treten. Ein einziger Blick von meiner angebeteten Sophie ist mir süßer und kostbarer, als alle Gunstbezeugungen der schönsten Frau, und wäre sie auch so schön wie sie! und alle Marquisen der Welt wiegen zusammen nicht ein Haar von meiner Sophie auf. Sobald sich die Thore des Klosters öffneten, fragte ich nach Adelheid. Sie kam ins Sprechzimmer; ihre Freundin erschien auch sogleich. »Guten Morgen, mein Herr!« sagte Sophie. »Mein Herr!« rief ich. »Hier, mein Herr,« sagte nun auch Adelheid, indem sie ein Päckchen hinhielt. »Auch Sie, liebe Schwester: mein Herr!?« »Nehmen Sie doch! gestern war Ihr Jasmin betrunken: er hat dies Porträt der Frau Münch gebracht.« »Und die Bouteille Liqueur,« fuhr Sophie fort, »hat er der Marquise von B... gebracht!« »Ja, mein Bruder, ja. Sie missbrauchen meine Freundschaft, Sie hintergehen Sophien's Zärtlichkeit; das ist nicht gut, das ist schlecht! während sich Sophie täglich um Ihretwillen der Gefahr aussetzt, während mich der Baron gestern schrecklich gescholten hat; mein Herr, das ist nicht recht!« »Wenn wir aus Verdruss todt sein werden,« sagte Sophie schluchzend, »so wird er sein Bäschen und seine Schwester betrauern.« (Ich wollte ihre Hand ergreifen, sie zog sie zurück.) »Lassen Sie Ihre Liebkosungen, mein Herr, sie sind sanft, aber sie sind trügerisch!« »Ja, mein Herr, ja, sie gleichen Ihnen,« rief Adelheid aus; »meine Freundin hat Recht. (Hier umarmte sie die weinende Sophie und trocknete ihr die Thränen ab.) Tröste Dich, liebe Sophie, weine nicht so sehr; ich liebe Dich, ich werde Dich immer lieben; ich werde Dich nicht hintergehen, ich betrüge niemand.« »Adelheid, sieh, er nimmt sich nicht einmal die Mühe, sich zu entschuldigen.« »Ach, Sophie! meine Bewegung, meine Thränen, selbst mein Stillschweigen; verkündigen sie Ihnen nicht genug meine Reue, von der mein Herz zerrissen ist? ja, ich gestehe Ihnen, dieses Porträt, dieses unglückselige Porträt, war für Frau von B... bestimmt.« »Sie gestehen es, weil wir es wissen,« sagte mir Adelheid. »Es war für Frau von B...!« rief Sophie in schmerzhaftem Tone. »Aber theuere Sophie, werden Sie einen augenblicklichen Irrthum nicht entschuldigen?« »Einen augenblicklichen Irrthum! seit er mich kennt, verräth er mich; Adelheid, seit mehr als zwei Monaten sagt er fast täglich zu mir und schreibt mir täglich, dass er mich anbete, und ich habe die Schwäche, ihm zu glauben! und ich habe das Unglück ihn zu lieben! und er weiß es; ach! er weiß es! aber sage mir, liebe Adelheid was erwartet er von seinem Betrug? was hofft er davon? – Undankbarer! ich habe Ihre Liebe nicht verlangt, haben Sie keine Liebe für mich; aber wenigstens sagen Sie nicht –« »Ach, liebste Sophie! Sie wissen nicht, wie sehr ich Sie liebe. Bei Tag folgt mir Ihr Bild auf allen Schritten, bei Nacht verschönert es meine Träume! Sophie, Sie sind mein Leben, meine Seele, mein Gott! ich lebe nur durch Sie, ich bete nur Sie an!« »Adelheid, hörst Du! wie der Grausame sich darin gefällt, meine Unruhe, meinen Kummer, meine Ungewissheit zu vermehren! seine Worte sind immer dieselben; aber seine Aufführung, oh! wie schlecht, wie abscheulich ist dieselbe! er will meinen Tod!« (Ich warf mich Fräulein von Pontis zu Füßen.) »Mein Bruder, was machen Sie? wenn eine der Nonnen vorbeikäme! wenn man uns sähe!« (Sophie stand erschrocken auf.) »Mein Herr, wenn Sie sich nicht setzen, so gehe ich.« (Ich setzte mich tief betrübt auf meinen Platz.) »Meine liebe Freundin,« sagte Adelheid, »was er Dir sagt, scheint dennoch wahr zu sein! er versichert Alles mit einem so natürlichen Tone!« »Du kennst ihn nicht! Wenn er von hier fortgehen wird, eilt er zu dieser Marquise, um ihr eben dasselbe zu sagen.« »Die Marquise! Ich schwöre Ihnen, dass ich sie nie mehr wiedersehen werde.« »Auf Edelmannswort?« »Auf Ehrenwort! meine Schwester; auf Edelmannswort, meine Sophie!« »Ach, mein Gott!« sagte Sophie mit schwacher Stimme, indem sie ihre Hand auf das Herz legte, »mein Gott!« Sie ließ ihr Haupt auf den Busen sinken und sich auf ihren Sessel stützend, brach sie in bitteres Schluchzen aus. »Liebe Adelheid, sie ist nicht wohl!« »Nein, nein!« sagte Sophie. (Adelheid bemühte sich um sie.) »Lass mich, liebe Freundin! es sind Freudenthränen! mein Gott! welch' schwere Last hatte ich auf dem Herzen! wie sehr fühle ich mich erleichtert!« Ich ergriff ihre Hand und drückte meine brennenden Lippen darauf. Die Wolke des Schmerzes, die ihre Reize verhüllte, schien sich plötzlich zu zerstreuen. Auf ihrem durch Glück verschönten Gesichte glänzte so viel Freude, ihre Augen belebten sich durch ein sanftes Feuer, sie sandte mir einen so zärtlichen Blick zu; mit welcher Glut wiederholte ich die Schwüre, ihr ewig treu zu bleiben! wie freute sie sich, mich in der Zukunft eine glückliche Verbindung erblicken zu lassen! Während dieser Zeit hielt Adelheid immer das Porträt des Fräulein Duportail. »Mein Bruder, Frau Münch hat mir aufgetragen, Ihnen dies zurückzugeben. Sie haben die gute Frau in einen schönen Zorn versetzt.« »Sehen Sie nur diesen Narren!« sagte sie zu mir, »bin ich denn in einem Alter, wo man derartige Thorheiten begeht? Es ist ohne Zweifel für Fräulein von Pontis bestimmt; er liebt sie, der Baron sagt es mit Recht. Ah! der Herr Chevalier komme nur wieder, er komme nur wieder!« »Hier, mein Bruder, nehmen Sie es zurück. Ihr garstiges Bild.« »Garstig? nicht doch!« sagte Sophie, es Adelheid aus den Händen nehmend; »es ist hübsch, dieses Porträt, man könnte es für das Deinige halten.« »So nimm es, liebe Freundin, für Dich!« »Ja, behalten Sie es, liebe Sophie.« »Dieses Bild, Herr von Faublas? oh, nein, es würde mich betrüben, es würde mich stets an diese Frau von B... erinnern. Ohne diese Frauenkleider ist es ein Bild, das Ihnen gleicht.« »Theuere Sophie, wenn Sie wollten?« »Was?« »Mein Maler ist geschickt und verschwiegen; er wird mein Porträt und das Ihrige machen.« »Das meinige auch?« erwiderte sie mit unsicherer Miene, Adelheid dabei ansehend. »Ja, liebe Freundin,« antwortete diese, »das Deine, und vielleicht auch das Meine, und vielleicht eine Copie von jedem; wir tauschen dann.« »Gut, lieber Chevalier! wann werden Sie Ihren Maler mitbringen?« »Morgen von acht bis zehn Uhr und alle Tage um diese Zeit, bis er fertig ist.« »Alle Tage! aber meine Gouvernante. – Es ist wahr, sie schläft und hat bis jetzt noch nichts bemerkt.« »Ja,« redete Adelheid ein, »sie schläft; aber der Baron? hüten Sie sich, mein Bruder.« »Du hast Recht, liebe Adelheid, wenn der Baron einmal zufällig früher als gewöhnlich aufstände, dann würde es mir allerdings theuer zu stehen kommen, aber ich möchte die Sitzung auf den nächsten Tag verschieben.« »Morgen also, lieber Chevalier!« »Unfehlbar, theuere Sophie!« In dem Augenblick, wo ich Abschied nahm, in dem Augenblick, wo sie die lebhafte Freude, die mir eine sehr geringe Gunstbezeugung machte, mit Rührung auf meinem Gesichte zu lesen schien, in diesem Augenblick trat eine Nonne schnell herein. Sie warf zuerst einen neugierigen, aber flüchtigen Blick auf meine ganze Person; dann sagte sie mit sanfter, wiewohl entschiedener Stimme: »Es scheint mir, Adelheid, Sie sprechen schon lange mit Ihrem Herrn Bruder; und Sie, Fräulein von Pontis, merken Sie nicht, dass die Lektion schon seit einer Viertelstunde angefangen haben soll? ich gehe wieder ans Klavier, wo ich Sie erwarte.« Die Schülerinnen wollten eine Entschuldigung vorbringen; die Lehrerin entfernte sich, ohne sie anzuhören. »Mein Gott,« sagte Sophie ängstlich, »hat sie es nicht gesehen, wie Sie mir die Hand küssten?« »Ich weiß nicht.« »Ich weiß es eben so wenig,« sagte Adelheid; »aber soll ich sie fragen?« Ich konnte nicht umhin zu lächeln. Adelheid schien es anfangs übel zu nehmen; dann sagte sie, als sie sich etwas besonnen hatte: »Wie kindisch ich doch bin! gehen Sie, seien Sie ruhig, ich werde sie nicht fragen.« »Diese Nonne ist die Musiklehrerin, hübsches Bäschen?« »Ja, lieber Vetter! Sie heißt Dorothea.« »Sie ist geschickt im Klavierspielen?« »Ziemlich!« »Aber sie ist noch ganz jung?« »Ganz jung? ja.« »Und sie schien mir sehr hübsch.« »Und mir scheint es,« antwortete sie verdrießlich, »mir scheint es, dass Sie in den widerwärtigsten Verhältnissen noch sehr schnell viele sonderbare Bemerkungen, interessante Entdeckungen, und kränkende Fragen machen können.« Mit diesen Worten entfernte sie sich schmollend, ohne mich anhören zu wollen. Adelheid ganz mit dem Kummer ihrer Freundin beschäftigt, sah nicht auf meinen Ärger; sie eilte ihrer Freundin nach. Ich wunderte mich weniger über meine Unbesonnenheit, als mich ihr schneller Abschied betrübte. Der Kummer meiner Sophie bot mir zwar ohne Zweifel mehr als einen Trostgrund; dennoch kam ich verzweiflungsvoll nach Hause.