Der Sohn des Kalifen Dramatisches Märchen in vier Aufzügen von Ludwig Fulda     Stuttgart 1897 Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger     Personen. Mohamed Alhadi , Kalif von Bagdad. Prinz Assad , sein Sohn. Schehriar , Vezier. Selmira , seine Schwester. Mustapha , Begleiter des Prinzen. Kairam , Aufseher der Sklaven. Morgiane , eine Sklavin. Amine . Selim und Duban , Aerzte. Hassan , Jussuf und Ibrahim , Bürger von Bagdad. Daruma , Dienerin des Kairam. Ein alter Bettler. Ein Sklave.     Erster Aufzug Freier Garten bei dem (nicht sichtbaren) Palaste des Kalifen. Im Hintergrund ein Teil der hügeligen Stadt mit abschließender Gebirgslandschaft. Links ein Kiosk (Wohnung des Kairam). Rechts, die Hälfte der Bühne einnehmend, ein von einem Baldachin überschatteter Altan, mit Teppichen und Polstern reich ausgestattet. Erster Auftritt. Kalif (ruht, Siesta haltend, auf erhöhtem Diwan in der Mitte des Altans, umgeben von seinem Hofstaat; darunter) Schehriar , Selmira . Schwarze Sklaven (fächeln ihn mit Pfauenwedeln); Sklavinnen (spielen Laute. Goldene Trinkgefäße und Schalen mit Früchten stehen umher). Kairam (kommt von links hinten. Dann) Hassan , Jussuf . Kairam (tritt vor den Kalifen; mit tiefer Verneigung) . Herr, Bürger flehen um ein gnädig Ohr. Als Abgesandte nahen sie . . . Kalif .                                           Schon wieder! Die alte Not, die alten Klagelieder! Schehriar . Sag ihnen, Kairam, daß der Fürst noch ruht Vom Mittagsmahl. 8 Kalif (seufzend) .           Ach nein, führ sie mir vor! (Kairam ab.) Schehriar . O Herr, du bist zu liebreich, zu versöhnlich; Laß mich statt deiner . . . Kalif .                                     Allerdings, ich bin Für dieses nimmersatte Volk zu gut; Jedoch sie hören kann ich immerhin, Und du besorgst das weitre – wie gewöhnlich. (Hassan und Jussuf, von Kairam eingeführt, treten vor und verneigen sich mit gekreuzten Armen.) Hassan . Erhabner Fürst der Gläubigen . . . Kalif .                                                       Schon recht! Was habt ihr wieder? Was begehrt ihr? Sprecht! Jussuf . Erhabenster Kalif . . . Hassan .                                 Wir sind gesandt . . . Jussuf . Aus deiner treuen Bürger Mitte . . . Hassan . Denn höchste Trübsal . . . Jussuf .                                         Hat uns übermannt . . . 9 Hassan . Dich anzugehn . . . Jussuf .                               Mit unterwürf'ger Bitte . . . . Hassan Du mögest unserm tief empfundnen Leide . . . Jussuf . Abhilfe schaffen . . . Kalif (zu Schehriar gewendet) .   Ich versteh' nur nicht – Warum denn reden immer alle beide? Schehriar (zu Hassan) . Du hast zu schweigen. (Auf Jussuf deutend.) Dieser spricht! Kalif (auf Hassan deutend) . Doch der spricht besser. Schehriar (zu Jussuf) .             Dann schweigst du. Kalif (schneidet Hassan das Wort ab) .                       Ihr Kinder, Wenn euch nicht alles nach dem Kopfe geht, Habt doch Geduld; ich habe sie nicht minder. Alt bin ich und gebrechlich, wie ihr seht, Und ahntet ihr, welch eine schwere Masse Verfügungen ich jeden Tag erlasse, Ihr würdet gern bei eurem Leisten bleiben. Was immer auch am fernsten Ende Des Reichs geschieht, das geht durch meine Hände; Voll Schwielen sind sie – nur vom Unterschreiben. 10 Hassan . Wir . . . Kalif .                 Und worüber wollt ihr euch beschweren? Was könntet ihr verlangen, was entbehren? Schon fünfunddreißig Jahre lang Gebiet' ich als Kalif in Bagdads Mauern; Viel tausend Klagen mußt' ich überdauern, Und alles ging am Ende seinen Gang. Gab ich euch, wie mein Vater, je die Rute? Und heiß' ich nicht im ganzen Volk der Gute? Nur allzu mild, zu duldsam ist mein Geist. Was also wollt ihr denn? Was könnt ihr wollen? Hassan . Nur eines. Kalif .                     Was denn? Hassan .                                   Daß du strenger seist. Kalif (zu Schehriar) . Wie dünkt dich das, Vezier? Ein neues Wort. Schehriar . Vor lauter Wohlsein ist ihr Kamm geschwollen. Folg ihrem Rat! Sei streng und jag sie fort. Kalif . Nun, wenn du meinst . . . Nur möcht' ich gerne wissen, Weshalb ich strenger sein soll. Hübscher Spaß!         (zu Hassan.) Sag mir, warum bin ich nicht streng genug? 11 Hassan . Herr, glaub nicht, daß dein Volk vergaß, Wie du's befreit aus bittren Kümmernissen, Die Wunden, die dein Vater Mamun schlug, Geheilt und mit dem Balsam deiner Gnade Wohlstand und Lebenslust, die lang gelähmte, Zu neuem Sein erweckt. Nur jammerschade, Daß wir vom Regen in die Traufe kamen. Du selber thust uns nichts; Gott aber sei's geklagt, Wie man uns zwickt und zwackt in deinem Namen. Schehriar . Der Unverschämte! Kalif .                                     Ja, der Unverschämte. Doch ganz verständig find' ich, was er sagt. Drum weiter nur! Hassan .                     Ach, Herr, ein ganzer Troß Von lauter kleinen Herrschern schoß Geschwind empor und saugt an unserm Marke. Unrecht und Uebermut erhebt sich dreist; Geschirmt von deiner Nachsicht, höhnt der Starke Den Schwächeren, bevor er ihn verspeist, Und . . . Kalif . Halt! (Zu Schehriar.) Ich will, daß man dies untersuche, Zur Warnung jedem, der sie drückt und schädigt; Drum schreib es auf in deinem großen Buche. Einmal geschrieben, ist's schon halb erledigt. – Noch etwas, Kinder? 12 Hassan .                           Alles, was uns quält, Dir zu vertraun hat mich die Wahl getroffen; Drum sei dir auch das Schlimmste nicht verhehlt. Kalif . Noch Schlimmeres? Ei, ei, ich will nicht hoffen . . . Hassan . Laut rief man aus, geschlossen sei der Frieden, Und heimwärts ziehe mit dem Heeresbann Der Prinz, dein Sohn . . . Kalif (mit leuchtenden Augen) .     So ist's! Hassan .                                               Und neue Furcht erfüllt Die Stadt. Kalif .                 Wie? Furcht, nicht Freude?! Hassan .                                                     Freude dann, Wenn er ein andrer kommt, als er geschieden. Kalif (in wachsendem Unmut) . Ein andrer? Hassan .             Ja. Denn kehrt er so zurück, Wie er schon früh sich hat enthüllt, Dann hemmt Besorgnis bleiern jedes Glück, Und flüstern wird man rings in deinen Landen, Mamun der Schreckliche sei neu erstanden, 13 Grausamer noch im Jähzorn als der Ahn, Noch heftigeren Lüsten unterthan, Damit er zwiefach uns bedränge Mit wilden Flammen ungestümen Sinns. Drum nochmals flehen wir zu dir. Sei strenge! Kalif . Streng gegen euch, ihr undankbaren Rotten, Die frevelnd meiner Langmut spotten! He, Wein her! Einen Schluck!         (Sklaven haben ihm schnell einen Becher gereicht, aus dem er trinkt.)                                               Das kühlt die Galle. – Wie? Was? Mein Augentrost, mein Zuckerprinz, Mehr wert am kleinen Finger als ihr alle, Mein Assad, der allein von sieben Söhnen Heranwuchs, meines Alters Stolz und Kraft – Ihm soll ich, eurem sanften Schlaf zu Nutzen, Die kühnen Falkenflügel stutzen! Ihn klagt ihr an, da noch die Reiche dröhnen Von seinem Eisenschritt, da heldenhaft Er mit den Feinden rang, die uns bedrohten, Und Sieg auf Sieg verkünden seine Boten – Ihn klagt ihr an! Noch einen Schluck . . . (Er trinkt.) Hassan .                                                       Nicht klagen, Nur bitten wollt' ich . . . Kalif (zu seiner Umgebung) .     Macht ein Ende! Schafft Die Kerle fort! (Kairam will Hassan und Jussuf hinwegführen.) 14 Hassan (eindringlicher) . O Herr, laß dir noch sagen, Welch Unheil droht von unsichtbarem Feind! Der graue Derwisch, welcher nie erscheint, Wenn nicht ein groß Geschick die Luft durchwittert, Ward bei der Stadt erblickt. Kalif (erbleichend; mühsam) .                                         Du lügst! – Schehriar .                                                 Nun seht! Vor einem Ammenmärchen zittert Ihr mehr als vor dem Zorn der Majestät. Doch wisset: wenn ihr Unheil wollt vermeiden, Schmückt eure Häuser, laßt die muntre Schar Der Mädchen sich in Festgewänder kleiden; Eilt zur Moschee, damit ihr am Altar Dem Himmel dankt für unverdienten Segen, Und wenn er naht, dann strömt des Herrschers tapferm Sohn Mit hellem Cymbelschall entgegen! (Er bedeutet ihnen durch eine Handbewegung, sich zu entfernen ) Jussuf (im Abgehen, halblaut zu Hassan) . Da haben wir's! Was nun dem Volk berichten? Hassan . Daß wir uns ducken müssen und verzichten. Jussuf . Du lieber Gott, das weiß es schon. (Beide ab.) 15 Zweiter Auftritt Vorige ohne Hassan , Jussuf . Kalif (nach einer kleinen Pause, langsam und tonlos) . Der graue Derwisch zeigte sich zuletzt Vor meines Vaters Tod. – Schehriar .                             Und lachst du nicht der Sage, Die nur dies Memmenvolk in Schrecken setzt? Kalif (wie entrückt) . Ich selbst hab' ihn gesehn am hellen Tage. Urplötzlich losgelöst aus dem Gewühle Der Diener trat er zu dem Pfühle, Auf dem der Kranke schmerzenvoll sich wand. Kein Mund verriet, von wannen er enttauchte; Kein Auge hat entdeckt, wohin er schwand . . . Schehriar . Ein Mensch wie wir, der Feigheit schlau mißbrauchte. Kalif . Ein Mensch vielleicht – doch nicht wie wir. – Die Haare Sind silbern, grau wie Asche das Gewand; Aufrecht wie Felsgestein im Stromeslauf Trotzt er dem Anprall ungezählter Jahre; Ihm frohnen Geister, seinen Pfad bewachend . . . Mamun erkannt' ihn wohl, und heiser lachend Sah er ihm nach und stand nicht wieder auf. – –         (In seinem vorigen Ton.) 16 Heda, noch einen Becher! – Mein getreuer Vezier, trink mit – auf Assads Jugendfeuer! Schehriar . Dein eigen Feuer ist noch nicht erkaltet. Kalif . Ganz recht, und wenn man nächstens mich begräbt . . . Schehriar (mit erhobener Stimme) . Lang lebe der Kalif! Kalif .                             Laß nur! Veraltet Ist dieser Wunsch. Ich habe lang gelebt. Selmira (zu Schehriar, nach links deutend) . Sieh dort! Kennst du den staubbedeckten Reiter, Der sich vom Roß herabschwingt? Schehriar .                                         Nein. Doch ja! Mein Auge trügt nicht. das ist Mustapha. Kalif . Wär's möglich? Meines Sohnes Kriegsbegleiter In Bagdad? O, bedeut' es gute Mär'! Dritter Auftritt Vorige . Mustapha . Mustapha (atemlos, von links vorn) . Gottlob, da bin ich, erhabner Kalif. Erst laß mich gnädigst ein Weilchen verschnaufen. Mein Gaul ist gelaufen, Als wäre der Samum hinter uns her. 17 Kein Berg war zu hoch, kein Graben zu tief Für mich und meinen verwegenen Braunen, Und daß ich nicht mehrere Hälse brach, Nachträglich erfüllt mich's mit größtem Erstaunen. Kalif (in erregter Spannung) . Und Assad, sprich, wo weilt er? Schehriar (mit andern Mustapha umringend) .                                                 Kommt er nach? Kalif . Schon fast ein Jahr ersehn' ich diese Stunde! Sag, ist er heil und unversehrt? Und blieb er Bewahrt vor Husten, Schnupfen, Wechselfieber Und anderen Gebresten? Schehriar .                             Gib uns Kunde! Mustapha . Umsonst nicht mußt' ich so mörderisch eilen. Nur wenige Meilen Von hier ward ich zum Vortrab erkoren, Und ehe der Tag im Westen verglimmt, Wird, rastlos beflügelt, Prinz Assad einziehn in Bagdads Thoren. Auch daß er gesund ist, weiß ich bestimmt; Denn zweimal hat er mich heut schon geprügelt Kalif . O Glück! Und blieb der Sieg ihm stetig treu? 18 Mustapha . Will's glauben! Beim Sturm auf feindliche Horden Ist er fürwahr nicht zahmer geworden; Die Heere zerstoben vor ihm wie Spreu. Weh allem, was in die Hände ihm fiel! Ihm grauste so wenig vor grimmigen Thaten, Als wäre durch Bäche von Blut zu waten Und Städte zu plündern ein Kinderspiel. Was er nicht in die Winde zerstreute, Was er nicht totschlug und überritt, Das bringt er mit. Ihr werdet den eigenen Augen nicht trauen Beim Anblick der unermeßlichen Beute, Der mit Juwelen gefüllten Tonne, Der Sklaven und kriegsgefangenen Frauen; Darunter ist eine – schön wie die Sonne Und traurig wie der verschleierte Mond. Selmira . Ei, nimm den Mund nicht allzuvoll. Wird Bagdad nur von Häßlichen bewohnt? Mustapha . Gern will ich jeder, o Herrin, den Zoll Des Lobes gönnen, der ihr gebührt; Nur lassen diese sich ohne Beschwerde Erobern und freien am heimischen Herde. Doch eine Frau, die man entführt Nach tapferem Ringen und heißen Gefahren, Hat für den Krieger besondren Reiz; Ich meinerseits 19 Mußt' an mir selber es staunend gewahren. Ein Schätzchen fing ich da draußen mir ein, Die hat ein Mundwerk – ich schwöre drauf, Ganz Bagdad weist nichts Aehnliches auf. Kalif . Wie lang noch soll ich mit des Harrens Pein Die Lust des Wiedersehens büßen! Wird nicht auch ihm die kurze Frist Durch Sehnsucht endlos? Mustapha .                           Nein, er läßt dich grüßen Und dir bestellen, daß er wütend ist. Kalif . Wütend? Mein Assad wütend? Wer ist schuld? Mustapha . Du weißt, er krankt nicht an Geduld. Er hatte geglaubt, daß an der Spitze Des ganzen Hofes du weit ins Land Entgegen ihm zögest, den Wüstensand Nicht scheuend und nicht die sengende Hitze. Nun tobt er wie ein hungriger Tiger, Und holst du ihn nicht, so will er ein Jahr Vorm Stadtthor liegen in luftigen Zelten . . . Kalif . Was denkst du, Schehriar? Schehriar .                                 Dein graues Haar Gibt dir die Antwort. 20 Kalif .                               Doch er ist der Sieger. Schehriar . Und du der Fürst. Kalif .                                   Nein, er hat Grund zu schelten. Schehriar . Dem Sohn gehorchen ist nicht Väter Brauch. Kalif . Da hast du recht; er aber hat es auch! Hätt' ich gewußt, daß er so hurtig naht . . .         (Zu den Sklaven.) Schnell, bringt mir Schwert und Mantel!         (Einige Sklaven eilen rechts ab.)           Ohne Rasten Will ich zu ihm; denn meines Alters Lasten Empfind' ich nicht auf diesem Pfad.         (Zu Schehriar, der etwas einwenden will.) Beschlossen ist's. (Zu Mustapha.) Erzähl' mir unterdessen Noch mehr von ihm! Tritt näher! (Mustapha steigt auf den Altan und spricht weiter, vom Kalifen begierig angehört. Schehriar und Selmira sind inzwischen herabgetreten und nach vorn gekommen.) Selmira (zu Schehriar) .                         Schon vergessen Sind deine Dienste; deiner Hand entgleitet Das schwanke Rohr, das fügsam sich ihr bog, Seit Assad in die Ferne zog, Und zweifeln muß ich, ob du's wieder fängst. 21 Schehriar . Was thun, Selmira? Diesen Schwächling leitet Die blindgeborne Vaterliebe längst Mit festrer Hand als ich. Selmira .                               Mein Bruder, deine Macht, Durch tiefe Wurzeln wäre sie geborgen, Wenn du dem angebrochnen Morgen Dich weihtest, statt so bald entschwundner Nacht. Schehriar . Umwölkt ist dieser Morgen; Blitze schießen Verderblich auf am Firmament. Mit einem Assad ist kein Bund zu schließen. Selmira . Du fürchtest ihn? Schehriar .                         Ihn fürchtet, wer ihn kennt. – Doch lieber als mich furchtsam selbst umschränken, Verlassen will ich diesen Hof. Selmira .                                     Nein, bleib! Du sollst nicht Assad weichen, sollst ihn lenken. Schehriar . Wer könnt' ihn mir bezähmen? Selmira .                                                   Nur ein Weib. Schehriar . Noch keine zwang ihn; aber viele warf Er vor sich in den Staub. 22 Selmira .                                 Und die vergleichst du mir?! Das thut mein Spiegel nicht, wenn ich verstohlen In ihm erforsche, was ich wagen darf! (Die Sklaven haben dem Kalifen Schwert und Mantel gebracht. Seine Fahne ist entfaltet worden.) Kalif (vom Altan herabschreitend) . Kommt alle nun! Die Fahne nimm, Vezier, Mit vollem Glanz des Hofs ihn einzuholen. (Schehriar gehorcht. Alle schließen sich im Zuge dem Kalifen an und folgen ihm, links hinten abgehend. Mustapha bleibt allein zurück.) Vierter Auftritt. Mustapha . (Gleich darauf) Amine . Mustapha (allein) . Nun, Mustapha, besieh dir den Schaden Im heimischen Lichte! Du, sonst so schlau, Hast etwas Feines dir aufgeladen. Zum bösen Prinzen die böse Frau! Die Sklavin entführt' ich, und nun zur Strafe Für meinen krieg'rischen Uebermut Bin ich ihr schnöd behandelter Sklave, Und was noch schlimmer, ich bin ihr gut, Ich kann sie leiden, ich sehe sie gern! Ob ich solch hartes Schicksal verdiene? – Ein Glück nur, daß sie mir noch fern; So kann ich ein Stündlein . . .         (Amine ist von links vorn rasch eingetreten. Er erschrickt heftig.) 23                                             Potz Wetter – Amine! – Du bist schon hier?! – Ei, bliebest du nicht Beim Zuge zurück, wie man dich geheißen? Amine (losplatzend) . Du Lumpenkerl, du schändlicher Wicht, Du hofftest vergeblich, mir auszureißen! Mustapha . Ich – – Amine .                   Oder leugnest du noch, Bandit? Mustapha . Mein Kind, ein eiliger Botenritt . . . Amine . So eilig, daß du ihn mir verschwiegen! Doch als ich's vernommen von ungefähr, Hab' ich ein flinkes Maultier bestiegen Und galoppierte hinter dir her. Da bin ich. Mustapha .       Das merk' ich. Amine .                                   Und weiche nicht mehr Von deiner Seite! – Das mochte dir passen, Mich fortzuschleppen im Kriegesgetos Und kurz vor der Heimkehr sitzen zu lassen. Nein, Freund, mich wirst du nicht wieder los. Mustapha . Du bist zu gütig! Fürwahr, das hätte mir nimmer geträumt, 24 Als ich dich entführte; denn äußerst wütig Hast du dagegen dich aufgebäumt, Und jetzt schon ward ich dir unentbehrlich. Amine (ironisch) . Jawohl, du hast mir grade gefehlt! – Aus freiem Willen hätt' ich schwerlich Solch einen Gecken mir ausgewählt. Warum auch muß es Männer geben! Möcht' wissen, wozu das frommen soll. Wie himmlisch könnten wir Frauen leben, Wär' nur die Erde nicht übervoll Von lauter bärtigen Ungeheuern. Mustapha . Du hast den Quell des Unheils erkannt; Doch diesem verbreiteten Uebelstand Vermag ich leider nicht zu steuern. Ich frage vielmehr mit innerem Grauen: Warum gibt's Frauen? Ihr seid aus Tücke zur Welt gekommen, Damit wir erliegen vor eurer Macht. Amine . Und deshalb hast du mich mitgenommen? Mustapha (kleinlaut) . Ich habe gedacht, Du würdest fortan mir das Leben versüßen. Amine . Ja freilich – verliebten Angesichts 25 Hinsterben und schmachten zu deinen Füßen! Daraus wird nichts! Mustapha . Wenn ich es wünschte, so war ich verblendet; Denn jetzt erkenn' ich, du sanftes Kind: Dich hat mein guter Engel gesendet. Amine . Das würde mich wundern. Mustapha .                                   Mein Glück beginnt! Hab' ich nur mühsam bis jetzt erreicht, Bei meinem Prinzen es auszuhalten, An deiner Seite fällt es mir leicht. Will künftig die gute Laune mir fliehn, So denk' ich zur Glättung der Sorgenfalten Bei ihm an dich, bei dir an ihn. Wenn du so weidlich gescholten wie heut, Sind seine Prügel mir fast Erlabung; Hat er mich ordentlich durchgebläut, Dann winkt mir deine Redebegabung, Und so ersehn' ich mir nie vergebens Abwechslung – den höchsten Reiz des Lebens. Amine . Du Strolch, ich werde dich lehren zu spaßen! (Ferne Hochrufe.) Mustapha (aufhorchend) . Still! Hörst du den Lärm durchhallen die Straßen? Sie grüßen den Prinzen. 26 Amine .                               Da thun sie was Rechtes! Entführer, führe mich in dein Haus! Mustapha . Wie gern, du Zierde deines Geschlechtes; Doch erst von meinem vergötterten Schatze Bitt' ich das Eintrittsküßchen mir aus. Amine . Nein! Mustapha .     Will doch sehn! Amine .                                   Laß, oder ich kratze. Mustapha (hat die Widerstrebende geküßt) . Da hab' ich's dennoch. Amine (wütend).               Wer ist mein Rächer? Mustapha . Dein eigener Mund, solang er nicht stockt. Amine . Nun vorwärts, zeige mir meine Gemächer! Mustapha (im Abgehen, für sich) . O Himmel, was hab' ich mir eingebrockt! (Beide ab vorn rechts.) 27 Fünfter Auftritt (Man hört Hochrufe, die sich mehr und mehr nähern.) Volk (drängt sich winkend in den Garten. Der Zug der) Krieger ,(der) Gefangenen (und der Beutestücke, unter welchen eine große, mit Schätzen gefüllte Tonne, kommt von links hinten und stellt sich an der Seite links auf. Unter den Sklavinnen) Morgiane . Assad (in kriegerischer Rüstung, wird zuletzt sichtbar, gefolgt von dem) Kalifen , Schehriar , Selmira , Kairam (und dem) Hofstaat (und kommt zornig nach vorn). Kalif . Was ärgert dich, mein Söhnchen? Assad .                                                 An den Galgen Die ganze Brut! Kalif .                       Wen meinst du? Assad .                                               Diese Tröpfe, Die's wagten, sich im Straßenkot zu balgen Aus Schaubegier, dem Kote selbst entstammt. Ein ekler Anblick: Krücken, Buckel, Kröpfe, Schäbige Kleider, wächserne Gesichter – Zum Galgen mit dem Kehricht insgesamt! Kalif . Mein Sohn, dies ist das Volk. Assad .                                           Zum Galgen, sag' ich, Mit dem zerlumpten, widrigen Gelichter, Das mir den Weg vertrat! 28 Kalif .                                     Du mußt bedenken, Was du verlangst, mein Liebling. Kaum vermag ich Mein ganzes Volk urplötzlich aufzuhenken, Und daß es herzlich dir den Willkomm bot, Dünkt mich ein Frevel, der sich selbst verteidigt. Assad . Die Augen hat es mir beleidigt! Schwachmüt'ger Greis, verdient das nicht den Tod? Kalif (halblaut und bittend) . Sprich vor den Leuten sanfter – mir zulieb! Assad . Ich spreche so, wie mich der Krieg es lehrte, Wo ich umschlang, was ich begehrte, Und was mir lästig wurde, niederhieb. Kalif . Doch nun ist Friede. Assad .                               Friede, wenn ich will. Der freie Renner duldet keinen Zaum. Drum hoffe nicht, daß meine Wünsche still Wie zahme Hündlein liegen an der Kette. Mir ist, als ob ich tausend Leben hätte, Und jedes fordert seinen Raum. Kalif . An Raum soll dir's nicht fehlen, gutes Kind. Mein ganzer Hofstaat zählt zu deinen Knechten. 29 Selmira (ist mit einem Rosenkranz vorgetreten, den eine Dienerin auf ihren Wink ihr gereicht hat) . Ja, hoher Prinz! Und darf nun eine Frau Zum Preise deines Ruhmes dies Gewind Von Rosen um die Siegerstirn dir flechten? Assad . Ei, Possenspiel! Die Stirn ist viel zu rauh, Selmira, für so weibisch zarten Glanz. Der Ruhm hat andern Zierat; dunkle Rosen Seh' ich mit dunklern Locken gerne kosen! Dort meine Sklavin schmücke mit dem Kranz!         (Er zeigt auf Morgiane.) Selmira (halblaut) . O diese Schmach! Assad .                         Du willst nicht? – So gib her! (Er nimmt ihr den Kranz aus der Hand und setzt ihn Morgiane auf.) Schehriar (zum Kalifen) . Mein Fürst, erlaubst du, daß er unbedacht Die Sitte so verletzt? Kalif .                             Mich schmerzt es sehr; Doch wenn's dem wackern Jungen Freude macht . . . Assad (zu Kairam) . Was sagst du, Kairam, zu dem schmucken Raube? Kairam . Herr, ein Juwel – dies Mädchen! 30 Assad .                                                   Ja, ich glaube, Die Mühe lohnte sich, daß aus den Flammen Ich sie geholt; denn ihrer Väter Schloß Brach hinter uns mit Mann und Maus zusammen, Und als gebunden auf mein flinkes Roß Sie wehrlos, mit gelöstem Haar, Wild jammernd in des Räubers Antlitz schaute, Da wußt' ich erst, wie süß die Beute war. –         (Er geht wieder nach rechts.) Was steht ihr noch herum und gafft, Des Staates neunmalweise Lenker? Im Sattel saß ich, eh' der Morgen graute, Und Ruhe will ich haben! Geht zum Henker!         (Er hat den Altan erstiegen und wirft sich auf ein Polster.) Ah, das thut wohl! Kalif .                           Mein Assad, schon erschlafft Von dieses Feiertages Glück und Hast Sind auch des Alters ungelenke Glieder. Komm mit mir! Labung winkt uns im Palast . . . Assad (ohne sich zu rühren) . Geh du allein! Kalif .                   Wie? Kaum hab' ich dich wieder Und soll mich von dir trennen? Assad .                                           Geh und wiege Dein Alter in den Schlaf; doch mir gefällt In freier Luft dies schattenkühle Zelt . . . 31 Kalif . Ich bitte dich . . . Assad .                           Nein, wenn ich einmal liege, Fürwahr, dann lieg' ich fest. Kalif (ihm nahetretend, halblaut) .   Du zahlst, mein Sohn, Für heiße Lieb' und Sehnsucht kargen Lohn.         (Laut zu seiner Umgebung.) Kommt! (Er geht rechts vorn ab, gefolgt von Schehriar, Selmira und dem Hofstaat.) Assad (sich reckend und nachlässig halb aufrichtend) .               Löse mir die Waffen, Kairam! (Kairam gehorcht.)                                                             Höre! Bring die Gefangnen mir in sichre Hut; Doch sieh dich vor, daß nicht der Sklavenbrut Gewinsel dein gestähltes Herz bethöre. Sie sollen's fühlen, hart ins Joch gezwängt, Daß mein ihr Leben ist und über ihnen Des Richterschwertes Schneide hängt. –         (Aus Morgiane deutend.) Nur diese da bleibt hier, mich zu bedienen. Kairam (zu Morgiane) . Hast du's vernommen? Morgiane (bejaht mit einer Neigung des Kopfes) . Kairam (flüstert ihr schnell zu) . Holdem Liebeswahne Verfällt, wer dich erblickt hat. (Er geht mit den Kriegern, Gefangenen u. s. w. ab links vorn.) 32 Sechster Auftritt Assad . Morgiane . Assad (ohne seine Lage zu verändern) . Morgiane, Wie Lautenspiel nach hitzigem Gefecht Behagt mir zur Erquickung deine Nähe. Hierher zu mir, daß ich dein Auge sehe Und deinen Atem spüre! So ist's recht; So lieb' ich's vorm Entschlummern. Du allein Sollst meine Ruh' bewachen, sollst die Mücken Verscheuchen und mir leis die Polster rücken. – Die Schale reiche mir voll Wein. –         (Sie gehorcht.) Er schmeckt wie Glut, von deiner Hand kredenzt. Morgiane . Warum hast du mit Rosen mich bekränzt? Assad . Warum? – Vermutlich hat's mir so gefallen. Morgiane . Doch auch die Dornen hast du nicht gespart. Wohnt denn in deiner Brust da drinnen Kein menschlich Herz von meines Herzens Art? Sprach allgewaltig nie zu deinen Sinnen Das Mitleid? Assad .               Leere Worte hör' ich hallen Von vollen Lippen. Setze dich zu mir, 33 Damit dein Arm den Nacken mir umschlinge! Weißt du auch, was du bist, du schöne Trauer? Morgiane . Was bin ich noch, wenn nicht ein Teil von dir? Assad . Du bist mein Schlummerlied im Vogelbauer, Mein Eigentum, mein Spielzeug, das ich zwinge Zu jeder süßen Melodei. Morgiane . Als ich dein eigen wurde, that ich's frei. Wohl raubtest du mir alles; von den Meinen, Vom trauten Herde, vom zerstörten Hort Der Heimat schlepptest du mich fort Und lachtest über mein verzweifelt Weinen. Ich, des erschlagnen Fürsten stolze Braut, Nichts war ich dir und deiner Meute Als ein begehrenswertes Stück der Beute; Du nahmst mir alles, hast mir keinen Laut Des Trostes in das wunde Herz gesenkt, Und doch, das einzige, was mir geblieben, Freiwillig hab' ich dir's geschenkt. Assad . Du wärest sonst kein Weib. Morgiane .                                     Ich muß dich lieben Und hasse dich zugleich – du mein Verderben 34 Und du mein Heil! Was ist mit mir geschehn? Mit Lächeln könnt' ich dich verbluten sehn, Und jauchzend könnt' ich für dich sterben. Assad . Haha, du kleine Natter – halb im Traum Hör' ich dein Zischeln, seh' die weißen Zähne Bedrohlich blitzen; giftig sind sie kaum, Und ihre Bisse kenn' ich gut. – Ich wähne, Du seist von allen, deren Kuß ich trank, Mir höchste Lust und Kurzweil. Morgiane .                                       Hab' Erbarmen! Vor Lieb' und Elend bin ich todeskrank, Und Lindrung winkt mir nur in deinen Armen. Du küßtest viele; meines Kusses Feuer Kennst du allein; denn dir allein gesellt Verlor ich und gewann ich, was mir teuer. Ich bin dir Kurzweil, du bist mir die Welt. Freiheit und Unschuld schwanden hin; mir flucht Der Geist des Edlen, den dein Schwert entrafft, Und meine Seele, die durch Thränenbäche Hindurch verzweiflungsvoll die deine sucht, Erweckt dir kein Gefühl? Assad .                                   Gefühl ist Schwäche; Mich selber fühl' ich nur und meine Kraft. Triumph nur fühl' ich, wenn im frohen Krieg Vor meinem Fuß der Feind verhaucht sein Leben, 35 Triumph nur, wenn bei wonnigerem Sieg Den starren Trotz entwaffnet weiches Beben. Ich fühle nur: die weite Welt ward mein, Daß ich sie schlürfen soll wie diesen Wein, Und fühle, daß die Rose auf den Beeten Nur für den Kühnen duftet, der sie bricht. Morgiane . Und die gebrochne wird von ihm zertreten? Assad . Das ist der Blumen Los. Morgiane .                               Zertritt mich nicht! Zertritt mich nicht! Mit stillem Farbenglühn Will ich zum Dank in deinem Garten blühn, Will nichts begehren, nichts verlangen, Als heimlich an dem Herzen dir zu hangen; Nur schleudre mich nicht fort! Assad .                                         So sprachen alle. –         (Sich reckend.) O, welches Wohlsein durch die Adern rinnt! Die Sehnen lösen sich gelind, Und die Gedanken flattern flügelmatt Schon in des Traumes dämmerige Halle . . .         (Wie träumend.) Kein Mitleid, hört ihr! – Plündert mir die Stadt – – Mein bist du, Morgiane – ganz mein eigen . . . Die Fliegen – scheuche – mir . . . (Er schläft ein.) 36 Morgiane (nach einer Pause).             Wie ruhig mild Im Schlaf du lächeln kannst! Ein sanftes Schweigen Kommt über dich und malt auf deine Züge Des Friedens täuschend Ebenbild. Warum nicht Wahrheit ist die schöne Lüge? Warum ist deine Kraft nur Kraft zum Bösen? (Sie ergreift einen neben ihm liegenden Dolch.) Dich töten könnt' ich jetzt, mit diesem Stahl Mich rächen und die Welt von dir erlösen.         (Den Dolch hinwerfend.) Nein, nein, Geliebter, lebe – mir zur Qual! Siebenter Auftritt. Vorige . Ein Bettler (Derwisch). Derwisch (uralter Mann mit schneeweißem, langem Bart und grauem Gewand ist hinten rechts aufgetreten und steht plötzlich neben Morgiane) . Morgiane (fährt zusammen) . Wer kommt . . .? Was willst du hier? Derwisch .                                               Bring' ich dir Schrecken? Morgiane . Was führt dich her? Derwisch .                                 Mein Führer ist der Harm. Morgiane . Bist du ein Bettler? 37 Derwisch .                               Bettler sind nicht arm; Ich aber bin es. Morgiane .               Still! Du wirst ihn wecken. Derwisch . Der Schlummerlose achtet nicht des Schlummers Der Glücklichen. Morgiane .                 Doch fürchte seinen Zorn! Derwisch . Zu alt, um noch zu fürchten, ward mein Haupt. Doch du bist jung, und schon aus tiefem Born Hast du geschöpft den dunklen Trank des Kummers. Morgiane (betroffen) . Du kennst mich? Derwisch .                 Alles hat man dir geraubt, Und dennoch liebst du. Morgiane .                         Wer hat dir verkündet . . .? Derwisch . Mein eigner Gram. Es webt aus Seufzern sich ein Band, Das Menschenseelen rasch verbündet. Morgiane (mit einem ängstlichen Blick auf Assad, der sich geregt hat) . Sprich leiser! 38 Derwisch .             Nein, mit hocherhobner Hand Will laut ich rufen in das Ohr des Reichen. Wach auf und hilf! Morgiane .                   Dein Leben ist bedroht . . . Derwisch (lauter) . Wach auf! Assad (jäh emporfahrend) .                   Wer störte meinen Schlaf? Derwisch .                                                 Die Not! Sie wagt an deine goldne Thür zu klopfen. Assad . Du warst's, Erbärmlicher? Derwisch .                                   Laß dich erweichen, Erhöre mich! Assad .                 Hinweg! Derwisch .                         Gib einen Tropfen Von diesem Wein der lechzenden Begier! Assad . Wo sind die Sklaven? Derwisch .                             Prinz, erblick' in mir Dein Volk, das darbt und dürstet. 39 Assad .                                               Noch ein Wort, So war's dein letztes!         (Der Derwisch zieht sich zurück und verschwindet hinter dem Altan.)                                   Weib, du hast's gelitten, Daß mich ein Bettler weckt? Morgiane .                                 Ich bat ihn . . . Assad .                                                               Bitten! Solche Bewachung konnt' ich wohl entbehren. Geh, ruf mir Mustapha! Morgiane .                           Du schickst mich fort? Assad . Geh, sag' ich, und vollziehe mein Gebot! Morgiane . Du zürnst mir? Assad (herrisch) .                 Geh! Morgiane .                                 Wann darf ich wiederkehren? Assad . Wenn ich es dir befehle. Morgiane (leidenschaftlich) .       Wär' ich tot! (Ab rechts vorn.) 40 Achter Auftritt Assad . Derwisch . (Dann) Mustapha . Assad (geht unwillig einmal auf und ab; wie er zurückkehrt, sieht er den Derwisch wieder vor sich stehen; zornig) . Wie?! Du noch hier? Derwisch .                       O Herr, zerrissen Von Hunger wird mein Leib. Nur einen Bissen Gib mir von jener köstlich reifen Frucht! Assad . Mir aus dem Wege! Derwisch .                           Herr, des Alters Wucht Liegt schwer auf mir; laß mich nur Atem holen; Dann will ich weiterziehn. Assad (wütend) .                       Mir aus dem Wege! (Er versetzt ihm einen heftigen Stoß, so daß er in die Kniee bricht.) Mustapha (eilig von rechts vorn) . Du riefst, mein Prinz? Assad .                               Seit wann bist du so träge? Mustapha . Schnurstracks, auf blitzgeschwinden Sohlen Schoß ich hierher. O weh, die Zornesfalten 41 Auf deiner Stirne prophezeien Schläge. Fang nur gleich an; denn ungern wart' ich drauf. Assad . Zum Kerker führen sollst du diesen alten, Schamlosen Bettler! Mustapha (zum Derwisch, der unbeweglich so verharrt, wie er zusammenbrach) .                                 Alterchen, steh auf! Assad . In Ketten dort erwart' er das Gericht! Mustapha . Was that er? Assad .                           Dreist hat er sich eingeschlichen Und meine Ruh' verkürzt. Mustapha (nachdem er ihn wiederholt gerüttelt) .                                         Er regt sich nicht. Assad . So pack ihn fester, daß er's merke . . . Derwisch (sich plötzlich gebieterisch aufrichtend) . Halt ein! Der Ohnmacht Schatten sind gewichen, Und wer ihr ungerührter Zeuge war, Empfange jetzt ein Zeugnis meiner Stärke!         (Mit feierlicher Würde tritt er Assad gegenüber.) Prinz Assad, wisse, daß von Menschenhänden Mir nimmer droht Verletzung noch Gefahr. 42 Der Bettler, dem so schnöde du begegnet, Ist mächtiger als du. Für die geringsten Spenden, Für einer Wohlthat kärglichsten Versuch Hätt' ich dein Haupt verschwenderisch gesegnet; Nun aber treffe dich mein Fluch!         (Er erhebt beide Hände wie zur Beschwörung.) Was du den andern anthust, was durch dein Verschulden Sie fühlen müssen, alles das von jetzt Sollst du so gründlich miterdulden, Als wärst in ihre Seele du versetzt. Füg' ihnen zu, was immer dir gefällt; Doch wird's nun auch dein eigen Herz berühren, Und an dem eignen Leibe wirst du spüren, Wie's thut. – Leb wohl, du niebesiegter Held! – (Er verschwindet, während sich die Bühne unter leisem Donner für einen Augenblick verfinstert, hinter dem Altan.) Neunter Auftritt. Assad . Mustapha . (Dann) Kairam . Assad (nach einer kleinen Pause, wie aus einer Betäubung erwachend) . Wo kam der Bettler hin? Mustapha (ebenso) .               Ganz recht, wo kam Der Bettler hin? Assad .                     Gib Antwort! 43 Mustapha .                                   Ich vermute, Daß ihn die Mutter Erde zu sich nahm; Vielleicht auch flog er in die Luft. Assad .                                             Du Narr Hast ihn entwischen lassen! Mustapha .                               Ich bin starr. Du selber – bliebest du bei kaltem Blute? Ich schwöre drauf, das war . . . (Kairam kommt mit einigen Sklaven von links vorn und will in den Kiosk gehen.) Assad (sie bemerkend) .                       He, sputet euch! Und ist entflohn. Ich will ihn wieder haben! Verhöhnt hat mich ein bettelhafter Greis Weit kann er noch nicht sein. Sucht im Gesträuch; In allen Winkeln sucht! Ein hoher Preis Soll den, der ihn mir bringt, begaben. Nur schnell!         (Kairam mit den Sklaven ab nach dem Hintergrund.)                     Was zitterst du? Mustapha (bebend) .                       Herr, frank und frei Sag' ich: das ging nicht zu mit rechten Dingen; Das schmeckte sehr nach Zauberei. Assad . Schweig, Hasenfuß! 44 Mustapha .                         Mit Menschenkraft zu ringen Ist keine Kunst; sogar vor einem Weib Wird mir nur selten bange; doch vor Geistern, Vor Zaubrern, Magiern und Hexenmeistern . . . Assad (mit wachsendem Aerger) . Schweig, oder du bereust es! Mustapha .                                 Gott befohlen, War das ein Fluch! Wenn du am eignen Leib Täglich empfändest, was du andern thust . . . O schauerlich! Assad (wütend) .       Genug! Zum letztenmal Verbiet' ich dir, ein Wort zu wiederholen Von dem verdammten, hirnverbrannten Wust Des alten Geiferers. Mustapha .                     Du bist von Stahl! Und doch, erwäg' ich diesen Fluch genau, So scheint mir, daß er dich und dein Betragen Zur Vorsicht mahnt. Assad (gibt ihm eine schallende Ohrfeige) .                                 Da hast du Vorsicht! Mustapha (hält sich die Wange) .                         Au! Assad (ist im gleichen Augenblick mit der Hand nach seiner eigenen Wange gefahren) . Au! – Wetter, wer hat mich geschlagen? 45 Mustapha . Da haben wir's! Assad (sich nach allen Seiten umsehend) .                                   Wer war's? Bei meinem Leben, Wo steckt der Bube? Mustapha .                     Sagt' ich dir's nicht gleich? Assad . Was denn? Mustapha .             Der Fluch läßt dich den Backenstreich Mitfühlen, den du mir gegeben. Assad (die Hand noch immer an der Wange) . Es schmerzt; es brennt . . . Mustapha (ebenso) .                   Ja freilich, deine Hiebe Sind nicht verzuckert. Ach, dies Ohrensausen! Spürst du das ebenfalls? Assad .                                 Ja . . . Nein! Ich bliebe Nicht, wer ich bin, wenn ich den Wahnwitz glaubte. Du Feigling hast mit niederträcht'gen Flausen Die Sinne mir verwirrt. Wie find' ich Klarheit? Mustapha . Erprobe selbst, ob sich der Fluch behaupte! Assad . Wie kann ich . . .? 46 Mustapha .                       Zwar, ich bin ein rechter Thor, Mich so zu opfern; doch als Freund der Wahrheit, Und um der Neugier heißen Durst zu stillen . . . Assad . Sprich! Mustapha .       Füge mir sogleich was Neues zu; Etwa – zum Beispiel – zupfe mich am Ohr! Nur nicht zu stark – um unser beider willen! Assad . Sei's drum! (er thut es.) Mustapha (wehleidig) . O! Assad (fast gleichzeitig) .   O! Mustapha .                         Auch das empfindest du? Assad (außer sich) . Elender Spuk! Ich will doch sehn . . . (er faßt ihn heftig bei der Kehle.) Mustapha .                                               Ach! Assad (taumelt gurgelnd zurück und sinkt auf die Stufen des Altans) .                                                                   Ach! Mustapha (sich die Kehle reibend, heiser) . Genügt das Pröbchen dir? Ich meinerseits Begehre nicht noch weitres Ungemach; 47 Ich bin kein Nimmersatt, und allen Reiz Verliert, was gar zu maßlos wird genossen. Assad (aufspringend) . Verruchter Greis, ich werde dir die Possen Vertreiben! – Hab' ich ihn nur erst zur Stelle, So würg' ich ihn! Mustapha .                 Ach Gott, dann würgst du ja Dich selber mit. Assad .                     O, mich erstickt die Wut! Mustapha . Glaub mir, das war ein Magier! Sonnenhelle Liegt seine Macht vor unsern Blicken da, Und bist du nicht auf deiner Hut, So winken dir die schrecklichsten Beschwerden. Das kann ein hübsches Leben für dich werden! Wenn ich bedenke, was daraus erwächst, Daß grade dich ein solcher Fluch behext, Dich, der von früh bis spät, auf Schritt und Tritt Den Andern Schlimmes thut – das bißchen Prügel Rechn' ich natürlich gar nicht mit . . . Assad (zum Schlag ausholend) . Schurk, deine freche Zunge halt' im Zügel; Sonst . . . Mustapha .       Hast du wirklich Mut zu weitren Schlägen? – Thun dir denn nicht die vorigen noch weh? – Es wär' mir leid – ausschließlich deinetwegen. 48 Assad (hat bei jedem Satze Mustaphas von neuem ausgeholt; nun läßt er die Hand sinken; in großer Erregung) . Wann that ich andern Schlimmes? Fragt' ich je, Was etwa sie verdrießt? Um meinen Grimm Und meine Lust im Thatenstrom zu kühlen – Weshalb denn leb' ich sonst? Das wäre schlimm? Und wenn es andre schmerzt, wer heißt sie fühlen? Wer . . .         (Kairam und die Sklaven kommen von verschiedenen Seiten zurück.)               Endlich! Endlich! Habt ihr ihn gefaßt? Bringt ihr ihn mir? Kairam (verlegen) .                             Wir suchten allerorten . . . Assad . Und bringt ihn nicht, Verräter?! Nun so laßt Mich selber suchen. (Er macht einige rasche Schritte nach hinten.) (Lautes Stimmengewirr im Hintergrund.) Mustapha .                     Hör nur – an den Pforten Welch ein Geschrei? (Mehrere Sklaven eilen mit allen Zeichen des Schreckens im Hintergrund von rechts nach links über die Bühne.) Kairam (einen Sklaven aufhaltend) .                                 Was gibt's? Was ist geschehn? Sklave . Herr, Herr, der graue Derwisch ward gesehn Im Vorhof des Palastes! Weh uns allen! (Ab.) (Alle, auch Assad, sind erschreckt zusammengefahren.) 49 Mustapha . Der graue Derwisch! – Ihm bist du verfallen, Mein armer Prinz! Assad (mit einem entschlossenen Schritt) .                             Ich will . . . Kairam .                                       Dem folge nicht, Wenn dir dein Leben lieb! Assad (einen Moment ratlos, dann mit trotzigem Uebermut) .                                         Wer du auch seist, Du ränkevoller Plagegeist, Ich lache dir ins runzlige Gesicht! Dein Fluch verführt mich nicht zum Ueberdrusse. Nein, jeden Augenblick, den er vergällt, Soll alle Süßigkeit der Welt Mir tausendfach vergüten im Genusse! 50 Zweiter Aufzug. Säulenhalle im Palast, welche sich rechts und links hinten in Galerien fortsetzt. In der Mitte des Hintergrundes breiter, offener Eingang mit Ausblick auf den Garten. Ganz vorn rechts und links je eine Thür. Erster Auftritt. Mustapha . (Dann) Morgiane . Mustapha (aus der Thür rechts, wie von innen kräftig gestoßen, herausstolpernd) . Holla, da flog ich wieder aus der Thüre.         (Sich den Rücken reibend.) Geschieht ihm recht! Er spürt's, weil ich es spüre. – Was nun? Kein Ausweg mehr . . .! Morgiane (ist von links hinten unschlüssig eingetreten, kommt nun rasch und erregt nach vorn) .                                                     Vergib der Angst, Die mich verzehrt . . . 51 Mustapha .                       In dieser Zeiten Graus Verzehrt sie jeden. Morgiane .                   Sahst du ihn? Mustapha (nach rechts deutend) .         Ihn? – Freilich! Erst eben warf er gnädigst mich hinaus. Morgiane . So laß mich wissen . . . Mustapha (etwas verlegen) .             Gern – was du verlangst. Jedoch ein wenig Vorsicht ist verzeihlich; Denn . . . (Er späht nach verschiedenen Seiten.) Morgiane . Hat er dir verwehrt, mit mir zu sprechen? Mustapha . Bewahre! Nur . . . nur ist die wackre Frau, Die ich mit heimgebracht, von Sitten etwas rauh, Und Eifersucht gehört zu ihren Schwächen . . . Dies nebenbei. Morgiane .             Voll Hoffen und Verzagen Hab' ich umsonst geharrt in all den Tagen, Daß er mich rufe, nein, daß nur von fern Ich einen Strahl, ein grüßend Licht erhasche, Die stumme Botschaft, noch sei nicht in Asche 52 Zerfallen meines Himmels einz'ger Stern. Doch glaube mir, nicht meine Sehnsucht nahm Den Weg hierher; nur meine Sorge kam. Ein Murmeln geht von Mund zu Mund, Krank sei der Prinz, erfaßt von schwerem Leiden . . . Mustapha . Hm, ja – wie soll man das entscheiden? Krank ist er nicht – und doch auch nicht gesund, Gequält von Schmerzen, wenn auch frisch und kräftig. Morgiane . Was ruft die Schmerzen wach? Mustapha .                                               Sein eignes Handeln; Denn jede seiner Thaten plagt ihn heftig. Morgiane . Ihn?! – Welches Schrecknis konnt' ihn so verwandeln? Mustapha . Nicht weiter forsche! Streng ist sein Geheiß, Daß niemand nach des Uebels Ursprung frage, Niemand sich ihm zu nähern wage, Der nicht zur Heilung ihm das Mittel weiß. Ach, wüßt' ich selber nur es aufzutreiben! Morgiane . Ich will zu ihm! Mustapha .                         Wirst du es ihm verschreiben? Dann thu's nur möglichst bald! Zwar bestenfalls 53 Wagst du wie ich dabei den Hals Und kannst ihm dennoch keine Lind'rung bringen. Morgiane . Ich kann's, wenn er sie meinem Leid gewährt. Machtlos ist Liebe, die entbehrt; Doch höchste Wunder müssen ihr gelingen, Wenn nicht Erstarrung ihren Frühling hemmt. Ahnt er auch nur, mit welchen sanften Schlingen Ihn meine Pfleg' und Sorgfalt möcht' umringen? Er nahm mich hin, und doch bin ich ihm fremd. Hilf mir, ihn einmal nur zu sehn! Mustapha .                                       Mir deucht, Ich hab' unzählige, die dein Geschick Geteilt, als angestellter Drache Von dieser Thüre fortgescheucht. Doch nun ist's gleich. – (Er deutet nach hinten links.)                                     Im Vorgemache Verweilend kannst den rechten Augenblick Du leicht erspähn; nicht lange wird es dauern, Bis er vorbeikommt . . . (Er unterbricht sich und lauscht.)                                     Horch! – Da schlürft und klappt Ein Paar von wohlbekannten kleinen Schuh'n . . . Morgiane . An seiner Schwelle muß ich kauern Und bettle nur darum, ihm wohlzuthun. (Ab links hinten.) 54 Zweiter Auftritt. Mustapha . Amine . (Später) Kairam . Amine (ist von rechts hinten auf den Zehen hereingeschlichen und fährt nun auf Mustapha los) . Hab' ich den saubren Kumpan ertappt? Mustapha (mit gespielter Ueberraschung) . Du bist es, Amine? Mich so zu erschrecken! Amine . Jetzt hilft kein Vertuscheln und kein Verstecken! Die eben hier fortging – zwar ihr Gesicht Erkannt' ich nicht, Doch will ich beschwören: Sie hinkte, sie schielte, war bucklig und krumm; Denn solchen Tölpel im Nu zu bethören Ist keine zu häßlich und keine zu dumm. Was habt ihr gezischelt? Was ist im Werke? Bekenne nur schleunig den ganzen Betrug! Mustapha . Mein Kind, ich merke, Du hältst mich für den größten der Thoren! Wer dich erkoren, Der hat, weiß Gott, mit einer genug. Amine . Duckmäuser! Mustapha .                 Ich bleibe dir treu. 55 Amine .                                                   Wer's glaubt! Mustapha . Bis zu dem letzten Atemzug. Amine . So lange war nie ein Mann beständig. Mustapha . Ich doch! Denn ich bin überhaupt Nur noch bis übermorgen lebendig. Amine . Was sagst du?! Mustapha .                   Ja, das düstre Verhängnis Des Fluches, das ich dir anvertraut, Hat meinen Tagen ein Ziel gesetzt. Ich kann gleich jetzt Einladen zu meinem Leichenbegängnis. Amine . Du scherzest! Mustapha .                 Ach Himmel, mir schaudert die Haut, Mich faßte der Tod schon bei der Locke – Und scherzen! Der Prinz, grausamer als je, Hat mich erlesen zum Sündenbocke. Mit Hieben ward er beängstigend sparsam. Die nämlich thun ihm selber zu weh. Doch wenn ich in achtundvierzig Stunden Kein Mittel gegen den Fluch gefunden 56 Und nicht der Magier in sicherm Gewahrsam, Dann soll ich schmerzlos und ohne Beschwerden         (Pantomime des Köpfens.) Nur um ein Fünfteil verkleinert werden. Ein kurzer Schlag und alles vorbei; Drum läßt mich der Prinz statt Prügelei Gleich köpfen, weil ich ohne Kopf Nichts, was ihn mitquält, mehr empfinde. Amine . O du Halunke, du schmählicher Tropf! Kein Scheltwort gibt es, das nicht zu gelinde, Zu glimpflich wäre Für diesen unerhörten Schlich! Mustapha (kopfschüttelnd) . Verblüffende Wirkung der traurigen Märe! Amine . Hinrichten lassen willst du dich! Das, meinst du, werd' ich so ruhig dulden? Und mir, die du hierhergeschleift, Glaubst du kein Weiterleben zu schulden? Willst, wenn der Henker dich ergreift, Noch höhnisch lachen, Aus Freude, mich zur Witwe zu machen? Nein, Freundchen, so haben wir nicht gewettet! Dein Kopf ist mein, ich habe dran teil, Und legst du ihn zehnmal unter das Beil, Es soll dir nichts helfen; du wirst gerettet! Mustapha . Indessen . . . 57 Amine .                           Stille! Mustapha .                               Wenn unabwendlich . . . Amine . Versalzen werd' ich dir das Vergnügen, Frei über dein Sterben zu verfügen! Mustapha . Nur . . . Amine .                   Stille! Mustapha .                       Wie kannst du . . . Amine .                                                         So schweig doch endlich! Du wirst gerettet! Mustapha .                 Ohn' Unterlaß Beteuerst du deinen Männerhaß Und willst verhüten, daß wenigstens einer Beseitigt wird? Amine (in etwas sanfterem Tone) .                         Das Wespennest Würde durch deinen Tod nicht kleiner, Und was man hat, das halte man fest! Zum zweitenmale raubt mich keiner.         (Wieder heftig.) Du wirst gerettet! 58 Mustapha (seufzend) .   In Gottes Namen! Mich wird ja dennoch in kürzester Zeit Umbringen deine Beredsamkeit.         (Zu Kairam, der soeben von links vorn eilig eingetreten ist.) Was gibt es? Kairam .             Vom Prinzen berufen, kamen Zwei neue Aerzte. Mustapha .                 So thu es ihm kund. (Kairam ab, vorn rechts.) Amine . O, dieser Prinz! Dem würd' es frommen, Könnt' ich ihn unter die Finger bekommen! Mustapha . Beim Bart des Propheten, das wär' ihm gesund! Wie aber seiner Gewalt entschlüpfen? Amine . Wir werden sofort ein Bündelchen knüpfen. Was irgend brauchbar, wird ausgewählt Und mitgeführt, All dein Erspartes zusammengeschnürt – Viel ist es nicht; ich hab' es gezählt – Und morgen beim ersten Lerchenschlage Schwingst du dich auf ein hurtiges Tier Und fliehst von hinnen. Mustapha . Allein? 59 Amine .                 Ja, ganz allein mit mir. Mustapha . Ach so – mit dir! Amine .                                 Welch dumme Frage! Was wolltest du ohne mich beginnen? Du Tolpatsch kämest im fremden Land, Wo Schlauheit not thut und rascher Verstand, Dein Lebtag auf keinen grünen Zweig, Wenn ich nicht wär'. Mustapha .                     Erlaube mir . . . Amine .                                                   Schweig! (Beide ab Hintergrund rechts.) Dritter Auftritt. Assad , Schehriar , Kairam (von rechts vorn. Dann) Selim , Duban . Assad (zu Kairam im Auftreten) . Wo sind sie? Rufe sie! (Kairam ab vorn links. – Zu Schehriar.)                                   Was willst du noch? Mich äffen, reizen, die Geduld mir stehlen? Ich mag nicht, mag nicht . . . Schehriar .                                   Durft' ich dir verhehlen, Was deines Vaters Herz durch dich erleidet? 60 Assad . Auch wenn du mir's verhehlst, ich weiß es doch! Sein Herz ist meines; euer aller Seelen Trag' ich in mir; kein Wall mehr unterscheidet Mein Selbst von eurem Selbst. Mit Felsenschwere Preßt eure Pein den Atem mir zusammen; Denn alles peinigt euch, was ich begehre! Ihr fühlt ja, fühlt; drum seid ihr mir verhaßt; Drum regt schon euer Anblick mir die Flammen Des Zornes auf . . . Nein, nein – warum erfaßt Dich schon bei meinen Worten Schmerz? Ich wollte Dir ja nichts anthun! Schehriar .                       Du bist krank. Assad .                                                   Ja, krank. Schehriar . Was meld' ich deinem hohen Vater? Assad .                                                             Sag, Daß ich sein Plappern heut nicht hören mag Und dich nicht sehn! (Schehriar geht seufzend ab Hintergrund. Assad seufzt ebenfalls. Von links vorn sind Selim und Duban eingetreten und verneigen sich tief.) Selim .                               Herr, du befahlst . . . 61 Assad (rasch) .                                                     Viel Rühmen zollte Man eurer Kunst. Habt ihr den Heilungstrank Gleich mitgebracht? Gebt her! Duban .                                         Mein Prinz, ihn brauen Wir erst, nachdem genauster Forschung Spur Uns hinwies auf des Uebels Grundnatur. Selim . Bis heute hast du leider dein Vertrauen Nur Pfuschern zugewandt, die dreist und albern Nicht lange fragen, sondern gleich quacksalbern. Duban . Doch Selim, mein berühmter Freund, erhob Die Gründlichkeit zur unbedingten Regel. Selim . Wie tief beschämt mich Meister Dubans Lob! Vor seinem Ruhme streich' ich gern die Segel. Duban . Nein, Selim wird mich immer überstrahlen. Selim . Nein, Duban ist . . . Assad (ungeduldig) .             Genug! Ich glaub' euch schon. Bestätigt handelnd, was ihr schwatzt! Der Lohn Soll nicht geringer sein als meine Qualen. Duban . Wo also sitzt es? 62 Selim .                           Jagt der Puls zu schnell? Duban . Im Herzen Krampf? Selim .                                 Im Haupte Fieberschwüle? Assad . Ihr sucht umsonst in mir der Schmerzen Quell; Das Leiden andrer ist es, was ich fühle. (Selim und Duban sehen einander verwundert an.) Duban . Das Leiden andrer – das geht dir so nah? Selim . Das macht dich krank? Duban .                                 Der Prinz beliebt zu spaßen. Assad . Ihr hörtet's! Selim .                     Gänzlich neuer Fall! Duban .                                                   Nun ja, Man leidet wohl gewissermaßen, Wenn man den Nebenmenschen leiden sieht. Indes nach sämtlichem, was ich erfahren Von menschlicher Natur, pflegt diese Pein Von allen die erträglichste zu sein. 63 Man seufzt vielleicht, daß solcherlei geschieht, Und murmelt: Gott mög' uns davor bewahren; Doch daß uns fremdes Leid wie eignes grämt, Scheint mir undenkbar! Selim .                               Ich bin gleicher Meinung. Wie hätt' ich sonst mein gutes Herz bemeistert An tausend Krankenbetten? Assad (in berichtendem Ton, ohne starke Erregung) .                                           So vernehmt, Bevor ihr mit stumpfsinniger Verneinung Die Lücken eures Wissens überkleistert. Der Schlag, den freche Diener mir entlocken, Schmerzt meine Wange; jedes Strafgebot, Das in gerechtem Zorn ich angedroht, Bringt in den Adern mir das Blut zum Stocken. Verschließt mein Ohr sich greisenhaftem Plärren, So fühl' ich selbst mich als verlachten Greis; Zeig' ich gemeinem Sklavenvolk den Herren, Dann klingt das Echo des erstickten Schrei's In meiner Brust, die, hundertfach entzündet, Nicht mehr den Ursprung all der Qual ergründet Und rings von ungeahnten spitzen Waffen Verfolgt wird, nur weil sie sich hebt und senkt Nicht anders, als Natur sie hat geschaffen. Selim . Seltsame Krankheit! 64 Duban .                               Wenn man's recht bedenkt . . . Selim (fühlt Assad den Puls) . Der Puls ist klar. Duban . (ebenso von der andern Seite) .                           Ist fieberfrei. Assad .                                           Verschwendet Nicht so viel Floskeln! Heilt mich! Duban .                                               Sag nur, wann Hast du's zuerst gespürt? Selim .                                   Wie fing es an? Assad . Potz Blitz, ihr sollt bewirken, daß es endet! Duban . Verzeih, mein Prinz, wir waren grad beflissen . . . Selim . Des Leidens Grund, sofern ich kurz und scharf Mein Urteil nun zusammenfassen darf, Scheint mir ein stark erkältetes Gewissen. Duban . Verehrungswürd'ger Freund, was fällt dir ein? Erkältung – ja; doch des Gewissens – nein! Wem dieses körperlose Ding Den Daseinsbecher ernstlich kann verbittern, 65 Knechtschaffen ist er, niedrig und gering, Geboren, um zu dulden und zu zittern. Der Nacken, den Gehorsam hat gebückt, Schmiegt sich, wenn des Gewissens Joch ihn drückt, Auch dieser Bürde willenlos und bänglich; Jedoch ein Prinz, der über frische Gräber Seit frühster Jugend hinschritt unverdrossen, Bleibt solcher Pöbelkrankheit unzugänglich. – Nach meiner Ansicht kommt es von der Leber. Selim . Nach meiner Ansicht ist das ausgeschlossen. Duban . Du leugnest, weil du's nicht zuerst erkannt hast. Selim . Erkenne du, wie sehr du dich verrannt hast! Duban . Man merkt, daß deine Weisheit schnell verpuffte! Selim . Die deine lahmt schon von Geburt. Assad (sie schüttelnd) .                               Ihr Schufte, Wollt ihr mich heilen oder nicht? Von dannen Sollt ihr nicht lebend gehn, wenn ihr euch sträubt! Ich lass' euch peitschen, auf die Folter spannen; Ich . . .         (Die Aerzte verraten durch Miene und Bewegung ihre Angst; Assad gleich darauf ebenso.)             O, die jähe Furcht, die mich betäubt, Ist eure! – Fürchtet nichts! Ich bin euch hold.         (Sie wieder zornig anpackend.) Doch hütet euch, wenn ihr mich foppen wollt! Duban (zitternd) . Wie kannst du glauben . . . Assad .                                     Meine heitre Kraft – Was thun, damit ich sie zurückerhalte? Kennt ihr kein Mittel, das Erquickung schafft? Selim (kleinlaut) . Ich bin für warme Bäder. Duban .                                 Ich für kalte. Assad . Geht, arme Stümper, geht! – Was in mir tobt, Nun weiß ich, daß kein Arzt es stillt. (Selim und Duban schleichen sich weg; ab vorn links.) Vierter Auftritt. Assad . Selmira . Selmira (ist schon gegen Schluß des vorigen Auftrittes durch die Mitte des Hintergrundes aufgetreten und hat das letzte gehört; nun kommt sie nach vorn) .                                                           Noch einen Gibt es, Prinz Assad, den du nicht erprobt. Assad . Nenn' ihn, Selmira! Laß ihn gleich erscheinen! 67 Selmira . Du siehst ihn vor dir stehn. Assad (ungläubig) .                           Du selbst? Selmira .                                                         Nur schlecht Verhehlt die Frage mangelndes Vertrauen. Erstaunt es dich, daß dir zu helfen trachtet, Wer dir zu zürnen hätt' ein gutes Recht? Assad . That ich dir Schlimmes? Selmira .                                   Weißt du, was uns Frauen Als Schlimmstes gilt? Daß man uns nicht beachtet. Assad . Und meid' ich diesen Fehl, so willst du gern Im Schmerz mich trösten? Wäre das vielleicht Der bittern Rede süßer Kern? Selmira . Wie du mir weh thust, unbarmherz'ger Mann! Assad . Du spürst ein Weh, das nicht auch mich beschleicht? Du spürst ein Weh, das mir kein Mitempfinden Im Herzen weckt? Ich glaube nicht daran! Selmira (vorwurfsvoll hauchend) . Assad! Assad .         Du willst . . .? 68 Selmira .                             Dein Siechtum überwinden! Assad . Ein Arzt, der so verführerisch geschmückt Mir naht wie zu verschwiegner Liebesfeier Und aus den dunklen Augen Pfeile zückt? Selmira . Vergib den argen! Ich verhülle dicht Ihr unerbetnes Glühn im strengen Schleier. Assad . Laß! Mich versengen diese Blitze nicht. Verspare dir die oft bewährte Kunst Für glatte Bürschlein, deren Sinn erschauert, Wenn in des Weibes Blick Verheißung lauert. Mich aber lockte niemals eine Gunst, Die nicht ertrotzt ward, nicht im Sturm errungen. Selmira . Und wenn auch ich so dächte? Meinen Wert Verkennend, hast du meinen Stolz genährt. Umringt von tausend Huldigungen, Von tausend Lippen scheu gefragt, Warum mit allen Seufzern, allen Schwüren Sie dieses starre Herz nicht rühren, Such' ich den einen, der sich mir versagt, Ihn, der so leicht für Sklavinnen entflammt, Dem Gruß des freien Weibes sich verschließend. 69 Assad . Frei bin ich selbst, und frei genießend Fragt' ich im Rausche nie, woher die Würze stammt. Dich kenn' ich allzu wohl! Wie grob gesponnen Hast du dein Netz, wie schlecht verhüllt das Ziel. Herrschsucht beseelt dich, und schon halb gewonnen Sahst du, solang ich fern, dein kühnes Spiel. Erbittrung spornt mich an, die Faust zu ballen, Daß, während ich gekämpft in heißer Schlacht, Beinah des väterlichen Reiches Macht In eine Weiberhand gefallen! Mein Vater ließ, der eignen Schwachheit froh, Von deines Bruders Willkür sich beraten, Und dieser war dein Schatten. Ist's nicht so? Selmira . So ist's. Ich war die Seele seiner Thaten. Assad . Bekennst du mir's? Und warnte dich kein Bangen, Ich könnt' am ersten Tag der Wiederkehr, Was ihr euch angemaßt, zurückverlangen? Selmira . O, hättest du's verlangt! Was wollt' ich mehr? Ja, wie der Mond in schämigem Erbleichen Hinabsinkt vor der Sonne goldnem Schein, So wollt' auch ich vor deinem Aufgang weichen; Denn was ich that, ich that's für dich allein. Assad . Für mich? 70 Selmira .               Wohl hab' ich nach der Macht gegeizt;. Dir aber wollt' ich sie zu Füßen legen! Wohl trat ich jedem Gernegroß entgegen, Der, als du fern, sich maßlos ausgespreizt; Doch nur an deiner Statt hab' ich geschaltet, In deinem Geiste nur dein Gut verwaltet, Damit kein Unberufner dir es raube. Dein Bild, das heldenhaft vor mir erschien, Hat mir ein Teilchen deiner Kraft verliehn, Und dort – im schwülen Hauch der Rosenlaube, Wohin ich oftmals floh, damit ihr Duft Erneuten Mut mir in die Adern flöße, Dort, eingesargt in eine Blumengruft, Träumt' ich von deiner künft'gen Größe. Assad (bitter lachend) . Von meiner Größe! – Wagst du mich zu höhnen? Rühmst du mit keckem Spott, was mir entschwand? Groß war ich, als ich nichts empfand! – Selmira . Du bist's! Kein Sterblicher vor dir besaß Der Gaben Fülle, die dein Haupt bekrönen; Du, von Geburt zum Halbgott auserkoren, Hast in ein Volk von Knechten dich verloren Und kränkelst nun an deinem Uebermaß. Unwillig seufzend siehst du dich umgeben Von Wichten, die vor deinem Blick erbeben, Und alle Schwäche würde von dir fliehn, Entdecktest du den ebenbürt'gen zweiten, 71 Mit dem du Aug' in Auge könntest streiten Um den Besitz der Welt. Assad (leidenschaftlich ausbrechend) .                                       Ja, fänd' ich ihn! Kampf will ich, Kampf, der mich von mir befreit, Auf Tod und Leben mit dem Feind mich messen, Nicht um zu siegen, nur um zu vergessen. Selmira (tritt ihm näher) . Wozu noch Kampf? Nein, die Vergessenheit Kann sanfter deine Wunde heilen! Wenn mit dem Mann, der hoch und einsam ragt, Sich einzig nur ein Weib zu messen wagt, Will er dann kämpfen, statt mit ihr zu teilen? Und wenn er, siegend und besiegt, Sein Feuer schürt an ihres Geistes Funken, Ist dann die Welt, die sich ihm wehrlos schmiegt, Nicht unterworfen und zugleich versunken? Assad, gibt solch ein Bund für kargen Rausch, Den du von flücht'gen Stunden mußt erpressen, Nicht edlere Betäubung dir zum Tausch? Assad . Warum zur Sehnsucht reißest du mich hin Und stillst sie nicht? – Ja, lehre mich vergessen, Vergessen, was ich war und was ich bin, Vergessen all die andern und ihr Leid, Vergessen die Gedanken, die ich hegte, Den Willen, der die Brust mir wild erregte, Die frischen Lippen, die mir vormals Lust geweiht! Mit diesem Schleier suche zu verdecken, 72 Daß außer mir noch etwas lebt und blüht, Was mich beengt, die Arme auszustrecken, Und danken will ich dir's, will dich erlesen Zu höchsten Wonnen . . . Selmira (mit triumphierender Freude) .                                       Wie dein Auge sprüht! Glaubst du mir endlich? Laß den Hoffnungsstrahl Zur Flamme werden, und du bist genesen! Assad . Nimm Seel' und Leib!         (Er umfaßt sie leidenschaftlich, zuckt aber sogleich schmerzgetroffen zusammen.)                                       O diese neue Qual! – Verschärfst du meine Marter? Selmira (verdutzt) .                         Welch ein Wahn! Assad . Mir ist, als schnürte mir verhaltnes Weinen Die Kehle zu. Wem hab' ich weh gethan? Selmira . Du träumst . . . Assad .                           O, wessen Schmerz empfind' ich? . . . Morgiane (stürzt von links hinten hervor und wirft sich verzweiflungsvoll vor ihm nieder) . Assad .                                                                                     Deinen! – 73 Fünfter Auftritt. Vorige . Morgiane . Assad (nachdem er kurze Zeit sprachlos auf sie niedergeblickt, murmelnd) . Kehrst du zurück, du schon verblaßtes Gestirn? Vergiß auch du – vergiß! . . . Morgiane (noch knieend, zu Selmira) . Unsel'ge, flieh! Weit, weit entrinn' ihm, oder dich erharrt Das unbarmherz'ge Schicksal deiner Schwestern. Mein irrend Auge, mein gebeugtes Knie Weissagen dir die Kluft, die vor dir starrt. Du zauderst noch? Gab er dir holde Namen? Nenn' einen mir, den nicht auch ich gehört, Ich und die andern! O, warum nicht kamen Mit mir zugleich, um die geräum'ge Halle Gedrängt zu überfluten, alle, alle, Die er geküßt hat und zerstört! Selmira (zu Assad) . Wie lang erträgst du sie? Nicht gut bewacht Ist deine Thür. Assad (mit schwacher, leidender Stimme zu Morgiane) .                         Was willst du? Morgiane .                                     Nichts! Was bliebe Mir noch zu wollen? Eines nur: ich will, Daß sie dich lieben kann, wie ich dich liebe, 74 Und daß hinab mir taucht in ew'ge Nacht Des Lebens Elend. Assad .                         Ja, die Nacht ist still . . . Lautlos mit schwarzem Fittich schwebt sie nieder Und löscht die Kerzen aus . . . Selmira .                                       Du siehst mich staunen! Kaum noch erkenn' ich meinen Helden wieder. Ist's Assad, der sich jedes Stolzes bar Zum Spielball weiht für einer Sklavin Launen? Kennt er kein bessres Rüstzeug der Geduld Als falsche Thränen? Assad .                             Diese hier sind wahr. – Selmira . Sie greint, weil du des Lärvchens müde bist. Warum nicht eilst du, rasch gewährte Huld Mit einer Fürstenkrone zu besolden? Dann wenigstens wär' ihre List Nicht an so reichen Fang umsonst verschwendet. Morgiane (sich mit Würde aufrichtend) . Du irrst! Ein Diadem erglänzte golden Auf meiner Stirn; er hat es mir entwendet! Und gäb' er mir's zurück samt allem Flitter Und bräche meines Kerkers Gitter, Nie fänd' ich doch den Weg mehr heimatwärts Und nie den Thron, von dem er mich vertrieben: 75 Zur Sklavin machte mich mein Herz, Und meine ganze List war, ihn zu lieben. Kein Gut besitzt er, das mich locken mag; Ich war's, die ihn mit Schätzen übersäte, Und arm und elend ward er an dem Tag, An dem er mein Geschenk verschmähte. Selmira (zu Assad) . Hörst du's? Assad .               O still – sie nennt die letzte Stunde, In der ich fröhlich war. In weiter Runde Nur sie und ich – sie rückte mir das Kissen . . . Selmira . Hörtest du nicht? Die Stunde war es auch, Die Frohsinn dir und Jugendkraft entrissen. Assad . Ja, ja – ganz recht! Selmira .                           Liegt deinem Blick nun offen, Welch böser Zauber dich mit gift'gem Hauch, Dieweil du schliefest, in das Herz getroffen? Sie war verschmäht und du in ihrer Hand. Frag ihre Rachsucht, wo sie Hilfe fand, Und deiner Qual Geheimnis ist entsiegelt. Assad . Der Bettler! (Zu Morgiane.) Du – du ließest ihn herein! Morgiane . Ich?! 76 Selmira .             Alle Pforten waren fest verriegelt. Assad . Du kanntest ihn! Morgiane .                     O güt'ger Himmel – nein! Assad . Gesteh, daß er auf deinen Ruf gekommen. Morgiane . Nein, nein! Assad .                         Warum nicht jagtest du ihn fort? Morgiane . Ich hatte Mitleid. Assad .                                 Mitleid! Fluch dem Wort! Aus deinem Mund hab' ich's zuerst vernommen. Morgiane . Weh mir, daß du's nicht kanntest schon zuvor. Selmira . Sie dachte dir's gewaltsam einzuimpfen, Da sie mit einem Bettler sich verschwor. Assad . Zur Stelle schaff ihn, oder den Verrat Sollst für euch beide du mir zwiefach büßen! 77 Morgiane . Leichtgläubiger, mich lässest du beschimpfen Von ihr, der niemals ich ein Leides that; Um ihretwillen trittst du mich mit Füßen! Der Mann, der einstens mich so heiß begehrte, Verstößt und schmäht mich dieser zu Gefallen, Damit ich weiß, wie tief er mich entehrte. Aus ihrem Munde wird kein Seufzer hallen, Doch auch kein glüh'nder Liebesschwur; Denn sie erlog die weibliche Gestalt, Wie sie dir Neigung lügt; ihr Blut ist kalt Und ihre Seele fühllos. Assad .                               Wär' sie's nur! Fühllosigkeit, das ist's, wonach ich trachte, Voll Gier mit allen Fasern schmachte! Du willst den Frevel, den du angestiftet, Verleugnen und bestätigst ihn zugleich. Dein Fühlen hat mir diese Welt vergiftet, Gab meiner Daseinslust den Todesstreich. Krank bin ich, weil als unwillkommnen Gast Dein zuckend Herz du mitentboten hast Zum heitren Festmahl meiner Sinne; Krank werd' ich bleiben, bis ich dir entrinne! Aus meinen Augen! Fort! Morgiane (verzweifelt) .             Von dir geschieden, Indes du schwelgst in ihrem Arm! Reiß doch dies Herz heraus! Es schlägt so warm 78 Für dich, für dich – gib ihm und dir den Frieden! Der Dolch, der deinen Gürtel schmückt, Dich zu durchbohren war er schon gezückt, Und tief bereu' ich, daß es nicht geschah! Was zögerst du? Der Augenblick ist da, Wo du vergelten kannst. Selmira (hat, während Morgiane sprach, die Thür vorn links geöffnet und nach innen ein Zeichen gegeben) . Assad (hat regungslos zugehört, die Hand auf das Herz gepreßt; nun fährt er zornig auf) .                                       Ich will vergelten! Ich . . . Kairam (von links vorn auftretend, zu Assad) .             Was befiehlst du? Assad .                                   Wenn ich's überdenke . . . Kairam, die Sklavin, die dir wohlgefiel, War's diese nicht? Kairam .                     Herr, meine Wünsche stellten Sich nimmermehr ein so verwegnes Ziel. Assad . Rasch, führe sie hinweg! Kairam                                     Du willst . . . 79 Assad .                                                           Ich schenke Sie dir. Kairam (küßt niederknieend Assads Hand) . Morgiane (mit dem Aufgebot letzter Kraft) .               Das wirst du nicht! Das kannst du nicht! So ruchlos grausam ist kein Wesen, Das Menschenantlitz trägt. Assad .                                     Nur fort! Ihr Blick Verhindert mich zu atmen, zu genesen; Drum halt sie fern von meinem Angesicht. Nur eins beding' ich: niemals, niemals wieder Will ich sie sehn, noch hören, daß sie lebt. Morgiane . Barmherzigkeit! Kairam (ist zu ihr getreten, halblaut) . Komm! Zarte Schmeichellieder Will ich dir singen, will dich letzen Mit süßem Naschwerk, und aus Gold gewebt Sei deine Kleidung. Komm! (Er zieht die Gebrochene, die kaum noch Widerstand zu leisten vermag, mit sich fort, ab vorn links.) Sechster Auftritt. Assad . Selmira . Selmira .                                   Assad . . . 80 Assad .                                                       Entsetzen! Sie ging nicht fort; sie blieb. Selmira .                                     Nein, blick umher: wir beide Sind ganz allein . . . Assad .                           Sie blieb mit ihrem Leide.         (Sich auf die Brust schlagend.) Hier ist sie! Hier aus dunkler Knospe sprangen Sehnen, Verzweiflung, wildes Todverlangen! Selmira, hilf, ich sterbe . . . Selmira .                                   Laß dich mahnen An all die Wonne, die mit sel'gem Ahnen Du schon vorausgenossest. Wen'ge Schritte Von hier winkt uns der Laube Rosenmeer, Und ihre Düfte schweben zu uns her, Vertraulich raunend: Kommt in unsre Mitte, Aus blüh'ndem Kelch Vergessenheit zu saugen . . . Sieh mich doch an . . . Assad .                               Ich seh' nur ihre Augen, Und blut'ge Thränen brechen draus hervor. Selmira . So höre mich! Mit weichen Flüstertönen Will ich dir Labung träufeln in dein Ohr. 81 Assad . Ich hör' dich nicht; ich höre nur ihr Stöhnen. Selmira . An meine Brust, um dich zu kühlen, lege Dein brennend Haupt. Assad .                               Fest an dein Herz geklammert, Fühl' ich nur ihres Herzens Schläge. Selmira . Im Kuß erstarke! Assad (ihr den Dolch darbietend) . Wenn mein Los dich jammert, So lehre dieses Eisen, mich zu küssen, Und kränze meinen Sarg mit Mohn; Sonst werd' ich noch im Tod empfinden müssen, Wie sich der Fluch ins Unermess'ne steigert. Siebenter Auftritt. Vorige . Kalif , Schehriar (und) Gefolge (durch die Mitte). Kalif (im Auftreten zu Schehriar) . Wo ist er? Will doch sehn, ob er mir weigert . . . Assad (bemerkt den Kalifen und stürzt ihm verzweifelt an die Brust) . O Vater, Vater – rette deinen Sohn! Kalif (zu den übrigen) . Laßt mich mit ihm allein! 82 Selmira (zu Schehriar, im Abgehen) . Er ist von Sinnen. (Selmira, Schehriar und Gefolge ab hinten rechts.) Achter Auftritt. Assad . Kalif . Kalif . Was fehlt dir, Söhnchen? Was ist dein Begehr? Dein alter Vater humpelt zu dir her Und müht sich, Einlaß zu gewinnen Beim eignen Kinde, das ihn störrisch meidet. Wie hab' ich das verdient? Soll ich zum Grab, Von dessen Rand nur knappe Frist mich scheidet, Hinpilgern ohne Stütz' und Stab? Assad . Rette mich vor mir selbst! Kalif .                                         Was ängstet dich? Der Jugend Segel ist dir hingeglitten, Geschwellt von eitel Glück. Wer nie gelitten, Wird rasend bei dem ersten Mückenstich. Assad . Der Stachel drang ins Herz. Kalif .                                           Mein Liebling, schöpfe Doch neuen Mut! Sag doch, was willst du haben? 83 Was könnte dich erheitern, was erlaben? Verlangst du Tanz und Spiel zum Zeitvertreibe? Verlangst du, daß man irgend jemand köpfe? Nenn' einen Wunsch mir, und ich unterschreibe Blindlings, was dir gefällt. Assad .                                   Was mir gefällt! Damit noch lauter als Gesang und Flöten Ein Aechzen durch die Lüfte gellt! Gift ist mein Wille; meine Wünsche töten! Warum hast du sie nicht erstickt, Bevor sie, großgesäugt von wilder Lust, Gleich Nattern züngelnd mich umstrickt? Warum hast du mir jeden Fehl verziehn Und gabst die jungen Triebe meiner Brust Der unersättlichen Begier zur Beute? Kalif . Warum, du Närrchen? Weil's mich sündhaft freute, Daß du in Wahrheit bist, was ich nur schien: Ein echter Herr in Thaten und Gedanken. Schau mich doch an! Ich saß jahrein, jahraus Auf meinem Thron voll Zagen und voll Schwanken; Die Katze sollt' ich sein und war die Maus. Von meiner Allmacht denk' ich sehr gering; Denn, im Vertrauen, ich erfuhr zu wenig, Was hinter meinem Rücken vor sich ging. Die bunten Völker, die mir unterthänig, Kenn' ich mit Namen kaum; die reichen Triften, 84 Auf denen meine fernen Schlösser stehn, Hab' ich mit Augen nie gesehn; Den höchsten Berg beschämen an Gewicht Die Blätter, voll mit meinen Unterschriften; Doch was darin enthalten, weiß ich nicht. Du wirst es wissen, du, mein Hoffnungslicht, Und alle Grillen, die dich heute plagen, Wirst du als Herrscher schnell verjagen. Ja, Kind, beschlossen hab' ich's fest und tief: Noch lebend will ich meinem Amt entsagen; Sei du an meiner Statt Kalif! Assad . Ich – ich, Kalif! Kalif (überrascht) .           Erschreckt dich das? Assad .                                                         Halt ein! Ich soll, mit diesem Fluch beladen, Der Mächtigste von allen Menschen sein, Durch keine Schranke mehr gehemmt, zu schaden! Nicht eines Weibes Schluchzen zu verwinden Hab' ich noch Kraft und soll auf hohem Thron Das Weh des ganzen Volkes mitempfinden! Erbarm dich mein! Kalif .                           Begreife das, wer kann. Vergaßest du, wie oft als Knäblein schon Du nach dem Scepter beide Hände strecktest, Mit meinem Purpur dich bedecktest 85 Und spielend manches Todesurteil schriebst? Wenn du nicht herrschen willst, was willst du dann? Assad . Unschädlich werden! Ja, wenn du mich liebst, Verringre meine Macht, statt sie zu mehren! Laß mich wie ein gefährlich Tier In Fesseln schlagen, laß den Nacken mir Mit hartem Sklavenjoch beschweren; Denn sonst . . . Kalif .                     In Fesseln schlagen – dich?! Die Haare Stehn mir zu Berg. In Fesseln! Kind, verzeih, Wenn ich zum erstenmal dir nicht willfahre. Denk an dein fürstlich Vorrecht; denk, ich sei Schon tot und nimm die Krone mir vom Haupt, Damit sie nicht verrostet und verstaubt. Die letzten Stunden wird es mir versüßen, Wenn morgen mit des neuen Tages Helle Dich Volk und Hofstaat als Kalifen grüßen, Und förmlich werde mein Verzicht gebucht, Eh' noch der graue Derwisch selbst erscheint Und dich beruft an die verwaiste Stelle. Assad . Das wird er nicht; denn er hat mich verflucht. Kalif (entgeistert) . Er?! – Assad .             Sag, wer ist er? 86 Kalif .                                 Unsres Hauses Feind Und Gottes Werkzeug. – Assad (mit raschem Entschluß) .   Laß am frühen Tag Sich Hof und Volk zusammenscharen! Kalif . Was hast du vor? Assad .                           Laut will ich offenbaren, Daß ich ihr Herr zu werden nicht vermag. Kalif (flehend) . Hab Mitleid, Kind! Assad .                         Mitleid mit dir und allen Und Grausen vor mir selber treibt mich fort . . . Kalif . Wohin? Assad .             Weit, weit, bis eure Not und Trauer Nicht mehr zu mir herüberhallen Und fern verschwimmt der Heimat letzter Hort. Gefährte sei mir Sturm und Regenschauer, Das Sternenheer mein einziges Geleit; Die Wüste wähl' ich mir zum Königreiche, Zu meiner Buhlerin die Einsamkeit; Den starren Felsblock mit gewalt'gem Streiche 87 Werd' ich zerspalten, wenn mich Zorn durchglutet; Nur möge niemals eine Menschenseele Dem Klausner nahn, der lieber Disteln sät, Als schwelgend sich an eigner Schuld verblutet! (Schnell ab nach rechts vorn.) Kalif (in Verzweiflung, ihm nachrufend) . Assad! Noch bin ich Herrscher! Ich befehle . . . Was denn befehl' ich nur . . .? (Zusammenbrechend.)                                             Zu spät! Zu spät! 88 Dritter Aufzug. Dieselbe Scenerie wie im ersten Aufzug. Nur der Baldachin ist beseitigt. Erster Auftritt. (Vor Tagesanbruch. Eine Anzahl von) Leuten aus dem Volk (kommt unsicher umherspähend, aus dem Hintergrund. Darunter) Hassan , Jussuf , Ibrahim . Hassan . Die Pforten sind offen, der Zugang frei . . . Jussuf . Die Neugier hat mich aufgeweckt Noch früher als meines Gockels Schrei. Hassan . Seht! Auch die Morgenröte reckt Schon zeitig das Rosengesicht empor, Als ob sie wüßte: Hier geht etwas vor; Hier wird dem Volke was Großes verkündigt. Jussuf . Was mag es wohl geben? 89 Ibrahim (älterer, wohlbeleibter Mann) . Mir einerlei; Nur bin ich gern bei allem dabei. Hassan . Man munkelt, der Prinz wird heut entmündigt, Weil er verrückt ist. Jussuf .                         Nein, nein, der Alte Will heute verzichten auf Thron und Reich Zu Gunsten des Sohnes. Ibrahim .                             Mir völlig gleich. Hassan . Ich hörte versichern, Prinz Assad halte Sich selbst für toll. Ibrahim .                     Das wird sich erweisen. Jussuf (in wichtigem Flüsterton) . Mir sagte jemand, der tiefer guckt, Und dem die Nachricht brühwarm und frisch Ward zugetragen aus höheren Kreisen, Der Prinz hab' eine Gräte verschluckt Und glaube seitdem, er sei ein Fisch. Hassan . Vor Spannung wird der Atem mir knapp. Was mögen die nächsten Stunden uns bringen? 90 Ibrahim . Mein Vorschlag ist: wir warten es ab. Jussuf . Wird uns der rasende Fisch verschlingen? Hassan . Wer wird zum Herren uns eingesetzt? Ibrahim . Ein Trost schlägt alle Besorgnis nieder: Es kann nicht ärger werden als jetzt, Und käm' auch Mamun leibhaftig wieder. Der ließ nichts Schlechtes durch andere thun; Er that's gleich selber. Wir Esel riefen Damals nach einem guten Kalifen . . . Hassan . Nach einem kräftigen rufen wir nun. Jussuf . Und wär's ein verrückter? Ibrahim .                                     Mir einerlei; Nur bin ich gern bei allem dabei. Zweiter Auftritt. Vorige . Kairam . Kairam (von rechts vorn) . Wer da? Was wollt ihr? 91 Hassan .                             Mit Verlaub, es ward Durch des Kalifen Herold austrompetet, Daß hier gewicht'ge Botschaft auf uns harrt Am heut'gen Morgen. Kairam .                           Noch ist's halbe Nacht! Jussuf . Ganz recht. Nur haben wir gedacht, Verfrüht sei besser als verspätet. Kairam . Nichts da! Kommt wieder aufs gegebene Zeichen! Ibrahim (zu Kairam, einen kleinen Geldbeutel hervorziehend) . Darf ich dies Beutelchen dir überreichen? Kairam . Wagst du mich zu bestechen? Ibrahim .                                             Gott behüte! Ich möchte nur, daß deine Güte Nachher uns einen günst'gen Platz verleihe.         (Kairam steckt den Beutel ein. Ibrahim zu den andern im Abgehen.) Die Sache geht mir zwar durchaus nicht nah; Indessen – bin ich einmal da, Dann stell' ich gern mich in die erste Reihe. (Alle außer Kairam ab Hintergrund.) 92 Dritter Auftritt. Kairam . (Dann) Daruma (und eine andre Sklavin). Kairam (nach dem Kiosk hingewendet) . Mein Haus noch still? Mein Edelwild im Schlaf? Verwünschter Zufall, daß mich gestern grade Die Schwerenot des nächt'gen Dienstes traf! Sie unter meinem Dach, und ich . . . 's ist ewig schade! Noch aber läßt ein Stündlein gut sich nutzen.         (Er pocht an die Thür des Kiosks.) He, schließt mir auf! (Daruma und eine zweite Sklavin öffnen, zunächst noch unsichtbar.) Kairam (hineinrufend) .                                 Ihr Mädchen, haltet stand!         (Die beiden treten aus der Thür.) Sagt, wie verwahrtet ihr das schöne Pfand, Das eurer Obhut gestern ich vertraute? Hat siegreich eure Munterkeit ihr Trutzen Hinweggespült? Daruma .                 Herr, alles ward vollbracht, Wie du befahlst. Wir sangen ihr zur Laute Und schmückten sie mit festlich heitrer Tracht; Der Kerzen Schimmerflut vereinte blendend Sich mit dem goldnen Glanz erlesner Früchte. Doch sie blieb reglos, nur die Augen weit Geöffnet und den Blick ins Leere sendend, Als ob ihr Geist nach fernen Ufern flüchte, Vom Körper abgeschieden und befreit. So, Schlaf nicht suchend, bis die Nacht zu Ende, 93 Verharrte sie, kaum leichter zu bewegen Von unsern Bitten als ein Bild von Stein. Kairam . Ich will das Bild beleben. Geht hinein Und meldet ihr den Herrn! Ich folg' euch. Daruma (nach links blickend) .                           Wende Dein Antlitz nur! Sie selbst kam dir entgegen. (Morgiane ist auf der Schwelle des Kioskes sichtbar geworden und thut wie schlafwandelnd einige Schritte. Daruma und die Sklavin ziehen sich auf Kairams Wink zurück.) Vierter Auftritt. Kairam . Morgiane . Kairam . So früh schon rüstig? Hat auf weichem Pfühl Dich Ungeduld entrissen deinen Träumen? Doch sei getrost! Mein unfreiwillig Säumen Erhöht uns beiden dieser Stunde Wert. Folg mir! Der junge Tag ist allzukühl, Und Morgentau kann deinem Reize schaden. Morgiane . Wär's möglich, daß die Sonne wiederkehrt? Starb sie nicht gestern? Kairam .                             Auf entwölkten Pfaden Schwebt sie empor und lächelt. Sei ihr gleich! Sie strahlt in roter Glut, und du bist bleich: 94 Willst du nicht lächeln? Willst du nicht erglühn? – – Hat nicht dein Los zum Bessern sich gewandelt? Ich bin ein Mann, der Frauen zart behandelt, Und kann mich werbend um ein Kleinod mühn, Auch wenn es mir geschenkt ward. Morgiane . Dir geschenkt; Doch niemals dein! – Kairam .                           Glaub mir, verschwenderisch Werd' ich das Brot der Knechtschaft dir verzuckern; Denn nicht alltäglich fällt uns armen Schluckern Solch eine Gabe von des Herren Tisch! Nichts wirst du missen, was dem höchsten Rang Der Schönheit zukommt; steter Müßiggang Verberge dir der Zeiten Wechsellauf; Nie präge diesen weichen weißen Fingern Webstuhl und Spindel herbe Spuren auf. Nur mußt du meine Großmut nicht verringern Durch Eigensinn, mußt nicht die Spröde spielen, Wenn dein Gebieter deine Locken streichelt . . . Morgiane . Berühr' mich nicht! Kairam .                                 Hab' ich umsonst geschmeichelt, Umsonst gehofft, mein Püppchen, dir gefielen Zartheit und Rücksicht besser als Gewalt? Hegst du den Wahn, du könnest deiner Pflicht Entflattern, meinem Arme widerstreben, 95 Wenn er die sinnbethörende Gestalt Kräftig umfassen will? Morgiane .                         Berühr' mich nicht! Kairam . Und thu' ich's doch? Morgiane .                             Du wirst's nicht überleben! Kairam . Du drohst mir? Morgiane .                     Ja, ich drohe. Still und nächtig Gelobt' ich mir's mit feierlichem Eid: Ist nicht mein Elend einer Sprache mächtig, Die mich vorm Anhauch deiner Lüste feit, So stirbst du. Jeden Becher, eh du trinkst, Ich such' ihn tödlich dir zu würzen; Nach Waffen ruft mein brünstiges Gebet, Und wenn du müd aufs Lager niedersinkst, Dann wisse, daß, bereit hervorzustürzen, Der Mord an deines Schlummers Schwelle steht. Kairam . Mit solcher Münze zahlst du mir? Dich ehrte Der Prinz fürwahr mit allzuhoher Gnade, Als er sein lästig Liebchen mir bescherte! Dünkt für den reichen Schmaus, den ich dir bot, Sich dein verwöhnter Gaum zu schade, 96 So magst du hungernd durch die Gassen laufen Und für ein armes Stückchen Brot Dem ersten besten deine Gunst verkaufen. Vielleicht auch findest du mit gutem Glück, Wenn du aus deinem Hochmutstraum erwachtest, Den Weg zu meiner Thür zurück, Um zu erbetteln, was du jetzt verachtest.         (Er ruft hinein.) Ihr Mädchen, hört! – Macht hurtig! Kommt heraus!         (Daruma und die zweite Sklavin treten wieder aus der Thür.) Warum in ihrem Dienst wart ihr so lässig? Daruma . Wir? . . . Kairam .                 Fragt sie doch nur selber! Ihr mißfiel Der Strahl der Kerzen und das Lautenspiel; Zum Kerker ward ihr mein geschmücktes Haus, Und dieses Festkleid stimmte sie gehässig. Ihr müßt, soll sie den Fehler euch verzeihn, Vom aufgedrungnen Staat sie flugs befrei'n. Sie zieht es vor, in Lumpen eingehüllt, Geziert mit kümmerlichen Fetzen Des Pöbels nebenbuhlerischem Zank Die Zauber ihrer Schönheit auszusetzen; Drum ohne Säumen werd' ihr Wunsch erfüllt! Morgiane . Verhungern ist das schlimmste nicht. Hab Dank! (Sie läßt sich von den Mädchen ins Haus geleiten. Kairam folgt.) 97 Fünfter Auftritt. Amine . Mustapha . Amine (von rechts vorn, trägt mit der linken Hand ein großes Bündel über der Schulter und zieht mit der rechten Mustapha an einem Seil, durch welches seine Hände auf den Rücken gebunden sind, hinter sich drein. Anfangs ist sie allein sichtbar; sie sieht sich sorgfältig um und ruft dann zurück) . Das Feld ist frei – kein Mensch zu gewahren. Marsch, vorwärts, vorwärts, du träger Geselle! Mustapha (erst jetzt am Ende des Seils erscheinend) . Das wär' eine Kunst. Bei diesem Verfahren Komm' ich nur rückwärts von der Stelle. Laß endlich los! Amine .                     Nicht, eh du gerettet, Geflohen, geborgen und sicher gebettet! Ich wittre, dir thut der Handel schon leid; Du möchtest mir deine Rettung erschweren Und wärest am Ende so niederträchtig, Ins blanke Verderben zurückzukehren; Mit einem Worte, du bist mir verdächtig; Es mangelt dir an Entschlossenheit. Drum ist es nötig, daß ich sie ergänze.         (Sie zieht das Seil an.) Mustapha . Laß doch nur los! Amine .                                   Ich denke nicht dran. (Wie oben.) 98 Mustapha . Mein Täubchen, alles hat seine Grenze! Ich bin ein geduldig gefügiger Mann, Und wenn auch leider unzweifelhaft Die weibliche Schlauheit und Zungenkraft Bedenklich über den Kopf mir wuchsen, So hab' ich das Recht, mich einmal zu mucksen. Amine . Ei, muckse dich nur; doch bleibe nicht stehn! Die Sonne steigt höher, und wenn sie uns finden, So ist es fraglos um dich geschehn. Mustapha . Gutwillig ließ ich von dir im Nu All meine Habe zusammenbinden Und obendrein mich selber dazu, Gehorsam und stumm Mich wie ein Schlachttier am Seile ziehn; Doch soll ich im Ernste dem Tod entfliehn, So muß ich zuvörderst wissen, warum, Und wenn des Geschickes bedrohliche Wandlung Von Herd und Heimat mich jählings entführt, Dann fordr' ich zum mindesten bess're Behandlung. Amine . Viel bess're, du Heuchler, als dir gebührt! Auch wenn du äußerlich flötest und girrst, In deines verstockten Herzens Grund Verbirgst du den schändlichsten aller Tyrannen. Ich muß die Zügel noch straffer spannen, 99 Damit du nicht übermütig wirst. Marsch! (Wie oben.) Mustapha .     Donner und Hagel, nun wird mir's zu bunt! Du könntest der Engel Geduld erschöpfen. Such einen andern, Der thöricht genug ist, mit dir zu wandern! Ich lasse mich lieber zu Hause köpfen; Ich geh' nicht mit! Amine (erschrocken) . Was sagst du? Mustapha .           Meine Dummheit war sündlich! Denn was ich Aermster täglich und stündlich Von dir erlitt, Seitdem ich zu meinem Vergnügen dich raubte, Das übersteigt schon alles Erlaubte! O möchte doch nur mit spitzigen Krallen Der Fluch des Prinzen auch dich befallen, Damit du voll Zagen Das Böse, das du mir angethan, Empfinden müßtest im eigenen Blute! Amine . Du schnöder Bengel, du Grobian, Vor allem empfänd' ich dann das Gute! Mustapha . Das Gute – wieso? Amine (weinerlich) .                 Das kannst du noch fragen, Du Undankbarer?! Mein bißchen Schelten, 100 Das lässest du mich unseliges Weib So grausam entgelten? Schalt ich denn jemals zum Zeitvertreib, Aus Lust an Hader und Streit und Zerwürfnis? Ich that es aus tiefstem Gemütsbedürfnis, Und wärest du nicht so blind und so plump, Dann hättest du daraus grade geschlossen, Wie schauderhaft gern ich dich hatte, du Lump! Mustapha . Amine! Amine .                   Dir das zu bekennen ist hart! – Und warst du nicht selber trotz all deiner Possen Bis über die Ohren in mich vernarrt? Hat nicht, wenn ich das Haus dir verwaltet Und fleißig an deinem Herde geschaltet, Mein Anblick dich gelabt und gestärkt? Und wenn du mir finster die Stirne gerunzelt, Meinst du, ich hätt' es nicht deutlich bemerkt, Daß insgeheim du behaglich geschmunzelt? Der Fluch des Prinzen, auch wenn er mir naht, Mich wird er nicht schrecken, mich wird er nicht schmerzen. Empfinden dann werd' ich's im eigenen Herzen, Wie wohl ich dir that! Mustapha (außer sich vor Freude) . Schnell, binde mich frei! Amine .                                 Weshalb denn? 101 Mustapha .                                                   Du Böse, Du Gute, du Liebste, du Einzige, löse Mir ohne Besinnen die Hände vom Knebel! Amine . Weswegen? Mustapha .               Damit sie den Hals dir umschlingen, Damit sie dich zwingen In toller Umarmung und süßem Geschnäbel! Amine . Nichts da! So wurde schon manche geprellt. Erst schwöre, daß du mit mir entfliehst! Mustapha . Wenn's not thut, bis ans Ende der Welt. Doch wenn du selber erkennst und siehst, Daß nun uns vergönnt ist, in herrlichen Freuden Daheim zu prassen, statt auf der Flucht Die wenigen Heller geschwind zu vergeuden, Und daß auf den Kopf, den ich halb schon verscherzte, Wird regnen der Ehren und Gnaden Wucht? Amine . Geflunker! (Neugierig einlenkend.)                       Wär's möglich? Mustapha .                                     Erst brich mir die Fessel! Amine . Pah, meinetwegen! (Sie befreit ihn von dem Strick.) 102 Mustapha (sie umarmend) .   Du stachlige Nessel! Das Mittel, das keiner der Weisen und Aerzte Zu finden verstand, Du hast's mit geläufiger Zunge genannt. Amine . Das Mittel? Mustapha .             Das Mittel, den Prinzen zu heilen, Falls nicht mein jubelnder Glaube mich trügt. O laß uns eilen! Noch hat er in seinem ganzen Leben Nichts Gutes anderen zugefügt, Und schließt der Erleuchtung sein Auge sich zu, Dann könnte das löblichste Beispiel ihm geben Selbst eine so böse Frau wie du. Amine . Ha, siehst du das ein?         (Sie gehen nach rechts; plötzlich hält sie ihn zurück.) Still, still, dort naht er! Mustapha .                       Am frühesten Morgen? Und ganz allein? Amine . Geängstigt schleichen hinter ihm drein Die Großen des Hofes. – Erst spähe verborgen, Was hier sich begibt, Und ob dein Wagnis nicht allzu gefährlich!         (Sie zieht ihn auf den Altan.) Mustapha . Sei's drum. 103 Amine .                         O Himmel, wie ist es erklärlich, Daß man sich in solch ein Untier verliebt! (Sie faßt ihn beim Kopf, gibt ihm einen herzhaften Kuß und zieht ihn dann derb und ruckweise nach rechts mit sich fort, so daß sie auf dem Altan unsichtbar werden.) Sechster Auftritt. Assad . (Dann) Schehriar , Selmira (und) Höflinge . Assad (in einfachem Gewande, mit Schwert und Dolch bewaffnet, von rechts; allein) . Zerbrochen hab' ich hinter mir die Brücken. Hier, wo noch jüngst mit hohem Siegespreis Ich einzog und mit stolzen Beutestücken, Hier nehm' ich Abschied von der Menschen Kreis. Du armer Vater wirst mich nicht mehr sehn; Indes du hoffst, mein Scheiden zu verhindern, Trägt mich der rasche Fuß schon in die Weite. Dir muß ein großer Schmerz durch mich geschehn, Der letzte, den ich dir bereite, Und ew'ger Schlaf wird bald ihn kühlend lindern; Doch deinem ärmern Sohn bleibt nicht erspart Zum Frieden eine lange Pilgerfahrt. (Eine Anzahl von Höflingen, darunter Schehriar, treten zögernd auf vorn rechts. Ihnen folgt Selmira.) Seid ihr schon allesamt gerüstet und vereint? Recht so! Noch eh' mein Vater selbst erscheint, Will ich zum Volke sprechen. (Schehriar verneigt sich zustimmend und geht mit den übrigen nach links. Von links hinten hört man Stimmengeräusch.) 104                                               Was geht vor? Was gibt es dort? Schehriar (von links hinten zurückkommend) .                             Nichts, was der Rede wert. Nur ein zerlumptes Weib ward aus dem Thor Von Kairams Haus gestoßen. Eingekehrt War sie dort wohl zum Betteln oder Stehlen. Täglich nimmt solch Gesindel überhand, Mutwillig trotzend unsern Strafbefehlen; Schon liegt kein Gold mehr sicher in der Truhe! . . . Assad (halb für sich) . Glücklicher Kairam! Was dies Weib empfand, Als er sie fortstieß, raubt ihm nicht die Ruhe.         (Er wendet sich zu Selmira, welche aus der Schar hervorgetreten ist.) Auch dich, Selmira, hat mein Ruf bemüht? Und hast mir keinen Abschiedskranz gewunden? Sind unsre Rosen über Nacht verblüht? Selmira . Noch glaub' ich nicht, daß des Kalifen Sohn Den Streich, den er im Aberwitz erfunden, Vollenden wird, sich und der Welt zum Hohn. Assad . Im Aberwitz? – Diesmal weiß ich nur einen, Den ich betrübe; welk ist er und schwach.         (Auf die Höflinge deutend.) Doch unter jenem Troß, dem tausendfach Ich Unbill sonst verursacht, gibt es keinen, 105 Der heut um meinetwillen Gram verspürt. Nur weil sich's nach der Vorschrift so gebührt, Zwängt ihre Miene sich in Trauerfalten; Ihr Herz ahnt nichts davon – und du sogar, Der ich noch gestern Held und Vorbild war, Die mich umschmeichelte mit Truggestalten Von Glück und von Vergessen – unbewegt Blickst du mich an, und deine Seele hegt Kein schmerzliches Gefühl am Trennungstage. Selmira . Wenn ich das Weib nicht bin, dich festzuhalten, So bist du nicht der Mann, um den ich klage. Assad . Ich kann, ich darf nicht unter Menschen weilen! Selmira . Thu, was du mußt! Assad .                                 Du nanntest dich bereit, Alles auf dieser Welt mit mir zu teilen. Selmira . Ja, Macht und Größe! Assad .                                     Teile nun mein Leid! Verurteilt bin ich zu der bittren Schmach, In mir die Qualen aller zu vereinen, Und niemand fühlt, niemand versteht die meinen. Ich muß hinweg; doch folge du mir nach, 106 Du ganz allein! Laß uns entrinnen Zur Wildnis unwegsamer Felsenzinnen, Ich deine Stütze, du mein Trost! Dort wo der Bergwind unsre Stirn umkost, Wo Sonn' und Mond als nahe Freunde grüßen, Die Brust sich dehnt, das Blut nicht träge stockt, Dort leg' ich wahrhaft dir die Welt zu Füßen, Von uns beherrscht, weil sie uns nicht mehr lockt. – Willst du? – Was seh' ich? Spöttisch Lächeln spricht Die Antwort aus . . . Selmira .                         Verzeih, mich reizt es nicht, Auf diesem wilden Weg dich zu begleiten. Assad . Nicht?! . . . Selmira .                 Stolzerfüllt bekenn' ich dir: ich bin Des einstigen Assad Schülerin! Wie hätte der gelächelt, wenn vor Zeiten Ich ihn zu solcher Erdenflucht ermahnt, Als unzermürbt noch von Empfindsamkeiten Er seinen Pfad mit eisenstarker Faust Mitten durchs Menschendickicht froh gebahnt! Doch wenn du deinen Thron auf Wolken baust, Wenn du dein Reich, dein Erbe kannst verlassen, Ich halte stand und will nach Ruhm und Ehren, Nach allem, was dir nichtig ward und hohl, Mit beiden Händen gierig fassen. Viel Glück auf deine Wanderschaft; fahr wohl! (Sie wendet sich nach dem Hintergrund, wo sie mit Schehriar und den Höflingen verschwindet.) 107 Assad (ihr nachstarrend) . Und du – du wolltest mich vergessen lehren! –         (Nach einer kleinen Pause, sich aufraffend.) Wohlan denn . . . Siebenter Auftritt Assad . Mustapha . Mustapha (war schon während der letzten Worte auf dem Altan sichtbar geworden, mit Amine gestikulierend. Während diese sich gleich wieder zurückzieht, steigt er herunter) .                           Höre mich, mein Prinz! Das Mittel . . . Assad . Bist du's? – Wo hast seit gestern du gesteckt? Gab ich dir Urlaub? Mustapha .                     Wie man's eben nimmt. Erst strichst du meinen Rücken mit dem Knittel; Dann kündigtest du mir ergrimmt Mein Todesurteil an und warfst mich schließlich Hinaus. Dies hat den Anschein mir erweckt, Als wär' dir meine Gegenwart verdrießlich. Assad . Du hast den Tod verdient. Mustapha .                                   Ich mußt' es glauben Und hätt' ihn gern erduldet. Schade nur, Daß meine böse Frau davon erfuhr: 108 Die wollt' es mir um keinen Preis erlauben. Nichts half mein Widerspruch: sie wurde grob, Sie wurde wild, sie ließ mir keine Wahl, Und eben wollt' ich ohne viel Getöse Mit ihr entweichen über Berg und Thal. Assad . Mit ihr? Sie wäre dir gefolgt? Mustapha .                                       Und ob! Die läuft mit mir, wohin ich irgend mag. Assad . Und dennoch nanntest du sie böse? Mustapha . Sie zankt und schilt den lieben langen Tag. Assad . Und spräch' ich nun zu dir: Sei mein Begleiter, Und nähm' auf meine eigne Flucht dich mit? Mustapha . Hm, teurer Prinz, das ginge nur zu dritt. Assad . Wie?! Mustapha .     Denn zum ersten läßt sie mich nicht weiter Aus ihren Augen als auf sieben Schritt, Und zweitens – zweitens lass' ich selbst sie nimmer. Assad . Doch mich, Verräter, gibst du willig drein! 109 Mustapha . Ja, Herr, ist sie auch schlimm, du bist noch schlimmer. Erretten wollte sie den Kopf, den du So hart bedroht. Assad (die Hand zornig erhebend) .                           Verwegner, ich . . . Mustapha .                                               Schlag zu! Assad (läßt die Hand sinken) . Wär' ich erst fort! – Ich bin schon jetzt allein. – Mustapha . Indes, bevor du gehst, was läge dran, Wenn du noch einen letzten Heilversuch . . . Assad .                                                               Umsonst! Mustapha . Vielleicht entlastet dich vom Fluch Dasselbe Mittel, das mich ihr gewann. Assad (ungeduldig) . So sprich! Mustapha .       Es hieß doch, daß nach jedem deiner Werke Du fühlen mußt in gleicher Stärke, Was immer du den andern thatest . . . Assad (drängend) .                                       Nun? . . . Mustapha . Versuch' einmal, den andern wohlzuthun. 110 Vielleicht sodann empfindest du etwas Von ihrem Glück, wie jetzt von ihren Plagen. Assad . Den andern wohlzuthun? – Wie macht man das? Mustapha . Nichts in der Welt ist leichter zu erfragen. Doch weil zufällig niemand sonst zugegen, Fang an bei mir! Assad .                     Sag endlich, was ich soll! Mustapha . Zum Beispiel, streichle mich! Assad .                                                   Du bist wohl toll? Mustapha . Ausschließlich des Versuchs wegen! Assad . Ich einen unverschämten Diener streicheln! Mustapha . Nur dir zulieb. Assad .                             Wenn . . . (Er streicht, halb widerwillig, mit sanfter Hand über Mustaphas Wange.) Mustapha .                                         Ah, wie angenehm! – Dir auch? 111 Assad (betroffen und andeutend, daß er es mitfühlt) .                 Seltsam – es ist wie Schmeicheln Von Kinderhand. Mustapha .                 Und ebenso bequem Für dich, als Hiebe. Assad . (wütend, aber gleichzeitig ihn streichelnd) .                               Still! – – Bei Gott, es wird Mein Herz erleichtert, meine Pein geringer . . . Mustapha . Siehst du's? Ich habe nicht geirrt! Assad . Nur weiter . . .! Mustapha .                   Weiter? Mit Vergnügen! Gib Zum Beispiel mir von deinem Finger Den schönen Reif. Assad (wieder aufbrausend) .                             Ich soll . . .! Mustapha .                                     Nur dir zulieb. Assad . Da hast du ihn. Mustapha (strahlend) .   Den wünscht' ich mir schon lang. Assad (dessen Züge sich immer mehr erhellen, gibt ihm den mit Edelsteinen verzierten Dolch) . Nimm auch noch dies! 112 Mustapha .                         O Glück! Assad (gibt ihm sein Schwert) .               Und das! –         (Sich untersuchend.)                                 Ich trage Sonst nichts bei mir. Mustapha .                     Noch Bess'res weiß ich. Assad .                                                                 Sage Mir alles! Mustapha .     Gern! – Erhöhe meinen Rang! Assad . Es sei. Mustapha .     O Lust! – Was ich im Jahr verdiene, Verdopple mir! Assad .                   Verdreifacht sei's. Mustapha .                                       Hurra! Und gönne mir das arge Weib Amine Zur ehelichen Frau! Assad .                           Sie werd' es heute. Mustapha . Juche! Fühlst du denn meine Freude? 113 Assad .                                                               Ja – Das Wohlthun thut mir wohl. Ich will noch viel, Viel mehr davon. Schnell, schaffe mir noch Leute, Denen ich wohlthun könnte! Mustapha .                                 Kinderspiel! Von solchen schaff' ich dir genug herbei. Erstlich die Kriegsgefangnen; leicht zu stillen Sind ihre Folterqualen; gib sie frei! Assad . Was?! Diese Hunde? . . . Mustapha .                                 Nur um deinetwillen! Sodann das ganze, ganze Volk . . . Assad (nach dem Hintergrund rufend) .       Ihr dort, Kommt, um zu hören, was ich euch bescheide! –         (Einige Höflinge sind sichtbar geworden und treten vor.) Laßt der Gefangnen Kerkerthür sofort Erschließen, und die Tonne voll Geschmeide, Die ich im Krieg erbeutet, bringt zur Stelle! (Die Höflinge ab links vorn.) Mustapha . Vorzüglich! Du begreifst mit Blitzesschnelle, Und paß nur auf, wie gut es dir bekommt! Assad . Wär' so unendlich einfach, was mir frommt? Und aus der Schmerzensfluten Sturmgetos 114 Trüg' eine neue Lebenswelle Zum Ufer mich so leicht, so mühelos?         (Er schüttelt Mustapha.) Du Schurk', warum hast du nicht früher schon Dies Mittel mir genannt? Mustapha .                           Ein Rückfall . . .! Assad (ihn wieder streichelnd) .                             Wisse, Du Trefflicher, ich will dich nicht bedrohn, Nein, wenn ich jede meiner Kümmernisse In Freuden könnte wandeln – Mustapha!         (Er umarmt ihn.) Glaubst du, daß Wohlthun allen solch Entzücken Verschafft wie dir? Mustapha .                   Das glaub' ich unbedingt, Und um so leichter kannst du sie beglücken, Je öfter ihnen Leid von dir geschah. Assad . Lauf hin zu meinem Vater! Ihn durchdringt Die Angst um mich; ihn kränkt' ich alle Tage, Und gestern that ich ihm das schlimmste Leid; Bitt' ihn hierher, damit ich gleich ihn frage, Wie ich ihm wohlthun kann! Mustapha .                                 Mein Prinz, ich fliege!         (Im Abgehen, jubelnd.) Was wohl Amine sagt zu solchem Siege? Auszanken wird sie mich vor Seligkeit! (Ab vorn rechts.) 115 Achter Auftritt Assad . Gefangene . (Dann) Schehriar , Höflinge , Hassan , Jussuf , Ibrahim (und) Volk . (Die Gefangenen, bleich, abgezehrt und mit Ketten beladen, werden von den Höflingen links vorn hereingeführt. Ihnen folgen Sklaven, welche die Tonne tragen und vor dem Altan niedersetzen.) Assad (zu den Gefangenen, welche angstvoll in einiger Entfernung von ihm stehen geblieben sind) . Euch wurde lebenslange Frohn verhängt Nach Kriegesrecht. Ein Wink von mir hat gnädig Den Riegel eures Zwingers aufgesprengt. Die Freiheit geb' ich euch; der Ketten ledig Zieht hin zu euren heimischen Gefilden! (Die Gefangenen fallen ihm in sprachloser Rührung zu Füßen. Er atmet tief, die Hand aufs Herz legend; für sich.) Wie das erquickt! – Dergleichen hab' ich nie Zuvor gespürt . . . (Zu den Gefangenen.)                             Was wollt ihr? Danken? Wie?! Seid ihr etwa so dreist, euch einzubilden, Euch zu Gefallen hätt' ich das vollbracht? Ich that es, weil's mir selber Freude macht. Hinweg! (Die Gefangenen links hinten ab. Ganz im Hintergrund ist die Gruppe der Leute aus dem Volk wieder aufgetaucht, von den Höflingen noch zurückgehalten.) Schehriar (kommt nach vorn; zu Assad) .               Willst du, daß nun der Haufe naht, Den du entboten? Assad .                       Nur heran mit allen! 116 Schehriar . Viel Pack ist drunter. Assad .                                       So? Das brauch' ich grad'! (Auf Schehriars Wink drängt das Volk sich vor; zuvorderst Hassan, Jussuf, Ibrahim.) Hassan . Von Furcht und Spannung wird mein Herz gepreßt. Jussuf . Und meines ist mir in die Schuh' gefallen. Hassan . Ach, wenn er uns nur ungerupft entläßt! Jussuf (seine leeren Taschen zeigend) . Um mich zu rupfen, wird er schlauer Finten Bedürfen; ich bin jetzt schon blank und kahl. Ibrahim . Mir gleich. – Ihr Lümmel, drängt nicht so da hinten! Assad (ist auf den Altan getreten; Schehriar und Höflinge hinter ihm) . Du Bettelvolk, du wüster Menschenknäuel, Dich haßt' ich stets; dich quält' ich manches Mal Mit ausgesuchten Plagen und Beschwerden Und war hinwieder euch ein Schreck und Gräuel . . . Hassan (zitternd) . Recht hübsch, der Anfang! Jussuf .                     r                Das kann furchtbar werden! 117 Schehriar (halblaut zu den Höflingen) . Dies Scheidelied mißfällt den Einfaltspinseln. Assad . Und weil mir höchst unleidlich euer Winseln, Ließ ich euch rufen, um . . . um zu befehlen, Daß ihr euch endlich einmal freuen sollt! Schehriar (zu den Höflingen) . Das thun sie schon von selber, wenn er geht. Assad . Schaut hier die Tonne; was an eitel Gold Sie birgt, an Perlen und Juwelen, Sei unter euch verteilt und ausgesät! Jussuf . Wie? Hassan .         Was? Schehriar .               Unglaublich! Assad (zu den Höflingen) .               Habt ihr nicht verstanden?         (Er greift selbst in die Tonne und schleudert Kostbarkeiten unter die Menge.) Fahrt fort! Hinein ins dichteste Gewühl Werft alles, alles, was vorhanden! (Die Höflinge gehorchen und verstreuen mit vollen Händen. – Die Menge stand einige Augenblicke starr vor Verblüffung. Nun bricht sie in ein gellendes Jubelgeschrei aus und rauft sich um die einzelnen Stücke.) Assad (vom Altan zuschauend, für sich) . O das ist Wollust! Das ist Machtgefühl Von neuer Art! 118 Hassan (Jussuf seine Schätze zeigend) .                         Sieh nur! – Vor Jubel dreht Die Welt sich mir im Kreise wie verschwommen. Jussuf (ebenso) . Sieh das! Bis an mein Lebensende drückt Mich keine Arbeit mehr. Ibrahim (ebenfalls beladen) .       Seit Bagdad steht, Ist so was noch nicht vorgekommen. Hassan . Sagt' ich es euch nicht gleich: er ist verrückt!         (Laut rufend.) Hoch, hoch, Prinz Assad! Volk (tumultuarisch) .                 Hoch! (Die Tonne wird nach dem Hintergrunde zu fortgetragen.) Assad (macht eine stolz abweisende Gebärde; für sich) .                                                     Wächst das Verlangen Mit jeder Sättigung? Rings will ich suchen gehn Nach Not und Armut, die noch nichts empfangen.         (Er blickt umher.) Dort . . . 119 Neunter Auftritt Vorige . Morgiane . Morgiane (von links hinten, in dürftige Lumpen gekleidet, das Gesicht mit einem groben Schleier krampfhaft verhüllend, von einem Trupp junger Bursche aus dem Volk mit Gelächter und rohen Zudringlichkeiten verfolgt, flieht wie ein gehetztes Wild in den Vordergrund.) Erster Bursch .   Zeig mir dein Gesicht, du saubres Schätzchen. Zweiter . Sie scheint ihr Handwerk wenig zu verstehn. Erster . Sag doch, wieviel du forderst für ein Schmätzchen! (Gelächter.) Assad (ist zwischen sie und ihre Verfolger getreten, gebieterisch) . Laßt sie! Morgiane (macht, wie sie Assad erblickt, eine heftige Bewegung des Schreckens, will nach vorn rechts entfliehen, bricht aber kraftlos an den Stufen des Altans zusammen) . Schehriar .     Das ist die freche Diebin wieder . . . Ergreifen muß man sie! Assad .                                 Hier soll sie ruhn; Rührt sie nicht an! Ich will ihr Gutes thun.         (Zu Morgiane.) 120 Hast du gehört? – Warum durch deine Glieder Rinnt solch ein Schauder? Niemand soll dich kränken, Noch dich verfolgen. Ich bin mächtig hier, Und was dich irgend freut, ich will's dir schenken. – – Birgst du dein Angesicht vor mir Aus Furcht vor einer Strafe? Wer du bist, Und was du thatest, will ich ja nicht wissen; Ich sehe nur, daß dein Gewand zerrissen, Dein Elend groß, dein Jammer ehrlich ist, Und will dir Gutes thun – und mir zugleich . . .         (Zu den Höflingen.) Gebt ihr Juwelen! Morgiane (streckt abwehrend die Hand aus) . Assad (mit aufsteigendem Unwillen) .                               Wie? Bist du so reich, Daß ich dir eine Wohlthat aufzuzwingen Nicht fähig wäre? – Was bis jetzt ich leicht Mit einem Hauch, mit einem Wink erreicht, Soll das zum erstenmal mir nicht gelingen Beim ärmsten Bettelweib? Schehriar (nach rechts deutend) .   Prinz, der Kalif . . . Assad (lebhaft) . Willkommen heiß' ich ihn! Sein Herz erfreuen, Ihm Glück und Hoffnung morgenlich erneuen Kann ich mit einem einz'gen Wort! (Er eilt dem Kalifen entgegen.) 121 Zehnter Auftritt Vorige . Kalif . Selim . (Der Kalif kommt von rechts vorn, geführt und gestützt von zwei Dienern . Er macht nunmehr den Eindruck eines völlig gebrochenen Greises, mühsam sich fortschleppend, gänzlich teilnahmlos, mit stumpfen Zügen und kindisch lallender Stimme. – Ihm folgt Selim. Schehriar und die Höflinge auf dem Altan, wie auch das Volk, ziehen sich ehrerbietig ganz in den Hintergrund zurück und verschwinden dort; nur Morgiane verharrt, wie ohnmächtig, in ihrer Lage.) Assad .                                                 Willkommen, Mein Vater, ich . . . Kalif .                             Haha – der Kuckuck rief – Haha, der Kuckuck – kuckuck – Assad (entsetzt) .                                 Was ist dies? – Selim . Sei standhaft, edler Prinz! Traurig beklommen Geleitet' ich den Fürsten zu dir her. Dein nahes Scheiden ängstigt ihn nicht mehr; Denn über Nacht an seinem Geist erwies Der Jahre Last ihr schonungsloses Wuchten. Wohl kann der Aerzte Kunst und Sorgfalt fruchten, Sein Atmen zu verlängern; doch das Licht, Das göttliche, das wir Vernunft benennen, Erlosch für immer. Assad .                         Nein, dir glaub' ich nicht, Noch deiner Kunst! – Mein Vater, sieh mich an! 122 Dein Sohn, der neu zu leben heut begann . . . Ich bin dein Sohn! Willst du mich nicht erkennen? Kalif (macht mit zitteriger Hand Schreibbewegungen) . Haha – das muß ich – alles – unterschreiben. Das muß ich – Assad .                   Vater, ich will bei dir bleiben Und will dir wohlthun! Was ich gestern sprach, Und was dich je geschmerzt, sei nie gewesen; Ich will dir jeden Wunsch vom Auge lesen; Das Band, das ich im Fieberwahn zerbrach, Soll fest, soll unauflöslich uns umschließen. Nur zeige, zeige mir, daß du's empfindest, Und laß mich deine Freude mitgenießen! Kalif . Der Wein . . . Assad .                     O Vater! Kalif .                                     Ja, der Wein ist gut. – Selim . Mein Prinz, ob du mit höchstem Opfermut Ihm beistehst, ob auf ewig ihm entschwindest, Für ihn ist's gleich; er kann's nicht unterscheiden. Assad . Er soll! Er muß! Selim .                           Wer noch vermag zu leiden, Kann sich auch freu'n; er aber fühlt nicht mehr. (Er tritt auf den Altan und geht zu den Höflingen.) 123 Assad (verzweifelt) . Vater! – Ist Wohlthun plötzlich gar so schwer? Und gestern, gestern hätt' er's noch empfunden! – Führt ihn zur Ruhe! – Kaum gekühlt, Wie brennen doppelt heftig meine Wunden! Kalif (von den Dienern fortgeführt, im Abgehen) . Der Kuckuck – kuckuck – Elfter Auftritt. Vorige (ohne) Kalif . Assad .                                       Nur wer Schmerzen fühlt, Der kann auch Wohlthat fühlen, Luft und Wonne; Gefühl allein ist Leben, Wärme, Sonne! O Morgiane – Morgiane! (Er schwankt und stützt sich, um nicht zusammenzubrechen, auf das Geländer des Altans. Morgiane hat ihr nunmehr unverhülltes Gesicht ein wenig erhoben, so daß unwillkürlich ihre Blicke sich begegnen. Er schreit auf.)                                       Nein! Blendwerk von bösen Geistern – leerer Schein . . . Du . . .! Morgiane (mit schwacher Stimme, sich halb aufrichtend) .               Ja, ich bin es. Assad .                                 Du! Morgiane .                                   Warum entfacht 124 Mein Anblick dir so namenloses Grauen? Besinne dich: das hast du selbst aus mir gemacht. Assad . O Morgiane! (Er verbirgt schluchzend sein Haupt in ihrem Schoß.) Morgiane .               So hast du's gewollt. Einst war ich stattlicher wohl anzuschauen, Und was ich dir von meinem Reichtum gönnte – Begreifst du jetzt, daß all dein rotes Gold Der Bettlerin es nicht vergüten könnte? Assad . Vergüten will ich! Morgiane .                       Wie der Sturm vergütet Dem welken Zweig, den er vom Stamm gesplittert! Assad . Nein, wie ein Mensch, den deine Qual durchzittert, In dessen Seele gleicher Sturm gewütet! Gewaltsam strömte deiner Seufzer Glut In meine Brust, als ob dein heißes Blut Ich dir von wunden Lippen küßte. Weil ich die Tiefe maß, aus deren Grund Dein Leiden quillt, drum ward mir strahlend kund, Wie himmelhoch dein Glück beglücken müßte. Morgiane . Mein Glück! – Assad .                             Ja, glücklich sollst du werden – und durch mich! 125 Nur einmal, einmal nur möcht' ich Im Wohlsein schwelgen, das ich dir gespendet! Morgiane . Einst hättest du's vermocht. Ein sanfter Blick, Ein mildes Wort, nachlässig hingestreut, Noch gestern hätten sie mein Herz gewendet, Und still gepriesen hätt' ich mein Geschick. Assad . Noch gestern? Immer gestern! Gibt's kein Heut, Kein Morgen mehr? Morgiane (langsam den Kopf schüttelnd) .                                 Mir hast du's fortgenommen. Assad . Du bist so jung, begannest kaum zu blühn. Wenn meines Vaters Lebensstern verglommen, Der deine soll nun erst erglühn! Morgiane . Ein Stern, der aus der Bahn herabgeschmettert, Ist ausgelöscht, und rettungslos verdorrt Die Blüte, die der Winterfrost entblättert. Sag erst zu der Erinnrung: Fliege fort! Sag zum Vergangnen erst: Sei ungeschehn! Wie willst zuvor du aus dem Abgrund heben Die Trümmer meines gramzerstückten Sinns? Assad . Durch grenzenloses Wohlthun! 126 Morgiane .                                         Armer Prinz! Nicht Wohlthun, sondern Liebe war mein Flehn, Und du hast deinem Knecht mich hingegeben. Assad . So geb' ich nun mich dir! Nimm mich dahin! Morgiane . Und fragst du nicht, ob ich noch würdig bin? Ob ich nicht ward, wozu du mich verdammtest? Assad . Ich frage nicht. Und wärst du, was du scheinst, Wärst du der Hefe dieses Volks entsprungen, Ja, wenn aus Schmach und Sünden du entstammtest, Ich frage nicht; ich bettle nur, bis einst Ich dir ein frohes Lächeln abgerungen. Morgiane . Vergeblich Mühn! Assad .                                   Wie du da bist, gehüllt In Dürftigkeit, soll deines Auges Funkeln, Wenn sich's mit hellen Freudenthränen füllt, Mir alle Herrlichkeit der Welt verdunkeln. Wie du da bist, so notbedrängt und bleich, Seist du erhöht vor meinem ganzen Reich! Komm! – Auf dem Sitz, den die Kalifenkrone Verziert, dem Platz des Herrschers, halte Rast. Weil mehr als alle du gelitten hast,         (mit erhobener Stimme und mit einer Bewegung, welche das Volk zurückrufen soll) . 127 Drum sollen alle knien vor deinem Throne. Komm! (Er zieht sie empor.) Morgiane (sich kaum aufrecht haltend) .               Was beginnst du? Assad (sie sanft zum Thronsessel hinauf geleitend) .                                           Komm! – Dich stützt mein Arm. Morgiane (sinkt kraftlos in den Sessel) . O Gott! (Das Volk ist allmählich wieder erschienen.) Assad (mit erhobener Stimme nach dem Hintergrund zu sprechend) .               Hör' mich, du bunter Schwarm!         (Die Volksmenge drängt, ihre Schätze tragend, neugierig und dienstfertig wieder nach vorn.) Ihr werdet nicht zu Zeugen meines Scheidens! Das Heil, das euch durch meine That gedieh, Aus Schmerzen ist's entkeimt. Beugt euer Knie Und huldiget der Majestät des Leidens!         (Die Menge gehorcht. Auch Assad kniet auf den Stufen vor Morgiane.) Hier lieg' auch ich. Morgiane (mit schwachem Lächeln) .                               Assad . . . Assad .                                           O Himmelslicht. Du lächeltest! Ein erster Freudenschimmer, Von mir entlockt und mich erlösend, bricht Durch das Gewölk mit ungetrübtem Gleißen. 128 O führe mich an meiner Sehnsucht Ziel; Beflügelt hebe mich zum goldnen Flimmer Des Paradieses, das du mir verheißen! Morgiane (sich mit Anstrengung erhebend) . Assad . . . Assad .             Komm an mein Herz! Morgiane .                                         Es war zu viel.         (Sie stürzt leblos zu Boden.) Assad . Steh auf! Was ist geschehn? Dein Blick erstarrt . . . Die Wangen kalt . . . Zu Hilfe! Selim (eilt herbei und beugt sich über sie) . Prinz, hier ward Die Hilfe machtlos. Assad .                           Deine Kunst . . . Selim .                                                     Sie schafft Kein Wunder. Assad .                   Höchste Wunder wirkt die Not. Erwecke sie! Selim .                 O Herr, ermahne Mich nicht, zu thun, was über Menschenkraft. Assad . So will ich selbst sie wecken! – Morgiane, Ich liebe dich! Erwache! 129 Selim .                                 Sie ist tot. Assad . Tot! – – – Kampf dem Tode! Seiner Grabesnacht Entreißen muß ich sie. Jetzt brauch' ich Macht, Göttliche Macht, damit mein eigen werde, Was schon im Vorgefühl den Himmel beut. Und kostet's alle Reiche dieser Erde, Ich muß noch einmal sehn, wie sie sich freut. 130 Vierter Aufzug Gemach im Palast. Der Hintergrund ist derartig abgeschrägt, daß die linke Seite der Bühne wesentlich schmäler ist als die rechte. Durch eine weite, verandaähnliche Oeffnung mit Geländer gewährt er die freie Aussicht auf die sonnige Stadt. Seine ganze Breite wird von einer über den Vordergrund um mehrere Stufen erhöhten Estrade eingenommen. Hinter dem Geländer noch ein zweites; zwischen beiden, in gleicher Höhe mit der Estrade, läuft eine schmale Galerie, welche als schwebender Ausbau des Palastes zu denken ist. Zwei Thüren rechts; eine vorn links. Erster Auftritt Morgiane (in weißen Gewändern, liegt leblos ausgestreckt auf einer reich mit Blumen geschmückten Bahre, welche die Mitte der Estrade einnimmt). Assad (sitzt, sie unbeweglich betrachtend und dem Zuschauer fast ganz den Rücken wendend, auf einem Schemel vor der Bahre. Hinter der Scene leises, schwermütiges Lautenspiel. Nach einer kurzen Weile schallen vom Hintergrund herauf brausende Hochrufe, von Assad nicht beachtet. Das Lautenspiel verstummt erst nach Beginn des Dialogs. Wieder vergehen einige Augenblicke; dann von rechts vorn) Schehriar . Schehriar (betrachtet die stille Gruppe und scheint unschlüssig; endlich tritt er vor) . Mein Fürst . . . (Da Assad unbeweglich bleibt, nach einer kleinen Pause.)                         Erhabener Kalif . . . 131 Assad (wie aus tiefem Traume, nur den Kopf halb wendend) .                                                         Wer spricht? – Was willst du? (Erneute Hochrufe.) Schehriar .             Meiner Einzelstimme nicht, Nur jenem lauten Chore magst du lauschen, Der stündlich wachsend sich wie Meeresrauschen Um des Palastes Mauern brandend flicht. – Die Tage reihten sich zur langen Kette, Seitdem, von keinem Zuspruch abgelenkt, Du teilnahmlos verharrst an dieser Stätte . . . Assad . Zählst du die Tage noch? Wieviele schwanden, Seit meinen Vater wir ins Grab gesenkt? Schehriar . Schon eine Woche. Assad .                                     Folgt' ich nicht dem Sarg? Hab' ich nicht an des Toten Gruft gestanden Als Trauernder, bis ihn die Erde barg? Nichts andres kann von dieser Stelle hier Noch einmal mich in die Verbannung zwingen. Schehriar . Kalif, dein Volk . . . Assad .                                     Was will das Volk von mir? Schehriar . Dich sehen will's in deinem neuen Amt, 132 Will jauchzend seine Huldigung dir bringen, Wenn hehr von deiner Stirn die Krone flammt. Assad (sich erhebend, matt) . Das willst auch du? Die Herrschaft zu ergreifen Flehst du mich an, demütig und verzagt?. Hat deine Schwester sich umsonst geplagt, Zum kühnsten Ehrgeiz dich emporzuschleifen? Ihr herrschtet unbeschränkt in diesem Land, Und jetzt, noch eh' man dir's befohlen, Willst du mir dienen, statt mit eigner Hand Die reife Frucht vom Baume dir zu holen? Schehriar . Mein Fürst, du spottest unsrer Niederlage. Mein Ansehn sank unwiederbringlich Dahin; mit einem einz'gen Schlage Hast du's vernichtet. dein ererbtes Recht, Durch deine Klugheit ward es unbezwinglich. Assad . Durch meine Klugheit? Schehriar .                               Dies Geschlecht, Das dich gefürchtet, dich gehaßt, mit Grausen Des Tags gedacht, der dich zum Herrn ihm setzt, Dies gleiche Volk erfüllt die Lüfte jetzt Mit Dankgebeten und mit Jubelbrausen. Vergessen hat's, wie tief es dir gegrollt, Und wer noch säumt, dich einen Gott zu heißen, Den wird es augenblicks in Stücke reißen. Niemand von deinen Ahnen war so klug: 133 Du wurdest um den Preis von ein paar Scheffeln Gold Der Mächtigste, der je die Krone trug. Assad . Der Mächtigste? Du irrst. Vom Leichenzug Des Vaters heimgekehrt, setzt' ich verstohlen Die Krone, die für wunderkräftig galt, Auf dieses Haupt und schmückte vorm Altare Vom Scheitel mich bis zu den Sohlen Mit jedem Zeichen irdischer Gewalt. So ausgerüstet trat ich an die Bahre, Die all mein Sehnen, all mein Hoffen trägt; So ausgerüstet fiel ich vor ihr nieder Und sprach zu Morgiane. Lebe wieder! Es war umsonst. Schehriar .                 Wann wirst du dich der Einsicht beugen, Daß keine Macht den stillen Tod bewegt? Sie starb. – Assad .               Und wenn mir's Tausende bezeugen, Ich glaub' es ihnen nicht. Schau hin! Den Tod Hab' ich erblickt in vielerlei Gestalten. Nie trug er solch ein Antlitz. Dem Erkalten Trotzt unversehrt der Wangen lieblich Rot; Die Schönheit hütet mit getreuem Geiz Ihr Ebenbild, und wie von herbem Trauern Ergriffen gönnt Verwesung ihren Schauern Nicht dieses Leibes jugendlichen Reiz. 134 Schehriar . Doch sie ist leblos, und das volle Leben Umflutet dich und fordert unaufhaltsam Anteil von dir. Zum Aufruhr schon erheben Will sich das Volk; es wähnt, daß ich gewaltsam Den Thron dir vorenthalten will. Entbürde Von diesem Argwohn mich! . . . Assad .                                             Gib ihnen Gold, Soviel du magst; dann werden sie dir hold. Mir aber ekelt vor der eitlen Würde, Die meines Wohlthuns flammendes Begehren So jämmerlicher Ohnmacht unterwarf; Widriger Tand sind mir des Herrschers Ehren, Wenn ich mein Liebstes nicht erwecken darf Zu Licht und Luft. – Geh hin und meld es ihnen; Mich aber laß mit ihr allein! (Er kehrt zu seinem Sitz zurück. Von unten hallen erneute Hochrufe.) Schehriar (geht langsam zur Thüre vorn rechts; ein Sklave kommt ihm von rechts hinten entgegen, spricht leise einige Worte zu ihm und geht wieder ab. Daraufhin wendet er sich noch einmal um) . Herr, wieder ist ein neuer Arzt erschienen, Wohl nur, um gleich den andern zu erliegen. Erst heut aus fernen Landen traf er ein Und prahlt, den Tod sogar könn' er besiegen. Assad . Ihn will ich sehn, sonst niemand.         (Schehriar ab hinten rechts.) 135 Ich umranke Den letzten Halt; soll ihn der Zweifel rauben? Nein, jeder Wunsch erschafft sich einen Glauben, Und ewig hofft mein liebender Gedanke . . . Ewig . . . Zweiter Auftritt. Morgiane (auf der Bahre). Assad . Derwisch . Derwisch (in einem dunklen Mantel, kommt von rechts hinten und schreitet langsam vor). Assad (hat sich lebhaft zu ihm hingewandt) .               Sei mir gegrüßt, du fremder Meister! Wenn du vermagst, was unerreichbar fast, Wenn du der Teuren flücht'ge Lebensgeister . . . (Er stockt und faßt ihn genauer ins Auge.) Derwisch (hat den Mantel abgestreift und steht nun vor Assad in derselben Erscheinung wie im ersten Aufzug) . Man sagte mir, du selber seist der Kranke. Assad (ihn erkennend) . Du bist's?! – Fürwahr ein unverhoffter Gast! – Was willst du hier? Mit welcher Absicht hast So trügerischen Namen du entlehnt? Derwisch . Ich bin der Arzt, nach dem du dich gesehnt . . . Assad . Du? 136 Derwisch .   Bin es, den du lang und stürmisch suchtest. Assad . Ja; doch du kommst nicht mehr zur rechten Zeit; Denn von der Qual, zu der du mich verfluchtest, Ward ich durch eigne That befreit. Mir selbst gelang, den Heilsweg zu entdecken, Und wenn du hämischen Triumph geträumt, Jetzt lach' ich deines Fluchs und seiner Schrecken. Laß hundertfältig Mitleid mich empfinden, Mitfreude lehrt mich's überwinden. Derwisch . Nur hast auch du die rechte Zeit versäumt; Sonst läge, was du liebst, nicht so vor dir. Assad . Furchtbarer, wer verriet dir, was tiefinnen Im Herzen wohnt? Wer bist du? Derwisch .                                       Wer ich sei, Vernahmst du schon; kannst du dich nicht entsinnen? Ich flehte: Prinz, erblick dein Volk in mir, Das darbt und dürstet. (Erneute Hochrufe.) Assad .                               Hör' den Jubelschrei! Laut ruft mein Volk. Vorüber ist die Not. Derwisch . Hör' besser hin! Es lechzt nicht nur nach Brot, Nicht nur nach deiner Schätze goldnen Garben, 137 Nein, auch nach Liebe ruft's in heißem Darben, Wie diese hier es that. Assad .                             So ruf' auch ich, Auch ich nach Liebe! Derwisch .                         So hab' ich gerufen, Im Staub einst liegend an des Thrones Stufen; Doch niemand, niemand hörte mich. Assad (überrascht) . Bist du ein Sterblicher? Derwisch .                           Unsterblich machte Mich meine Pein. – Jedoch vor grauen Jahren War ich ein Mensch wie du. Den Herd bewachte Mein blühend Weib, und rings um ihn sich scharen Sahn mir im Aufgang erster Jugendschöne Liebliche Töchter, tapfre Söhne. Sie alle, Weib und Kinder, ließ dein Ahn, In Henkerkunst und Lüsten gleich verrucht, Hinmartern und den Todesstreich empfahn. Vergeblich ihm zu Füßen stürzt' ich jammernd, Und als ich, an mein letztes Kind mich klammernd, Das vor mir lag verröchelnd, ihm geflucht, Da lachte Mamun, lachte laut und grell Und ließ zur schlimmsten Strafe mich lebendig. Assad (erschüttert) . Dies Leben – du ertrugst es noch? 138 Derwisch .                                         Im Quell Der Schmerzen badend ward es neu beständig; Denn feig und scheu vor unermeßnem Kummer Entflieht der Tod, wie sein Genoß, der Schlummer. Zur weiten Wüste lenkt' ich meinen Schritt, Und ihren Geistern, den erhabnen Mächten Der Einsamkeit, in sternenlosen Nächten Vertraut' ich flüsternd alles, was ich litt. Mitleidiger als Menschen lauschten bald Die Unvergänglichen, die Ungebornen, Und statt des Glücks, des ewiglich verlornen, Verliehen sie mir magische Gewalt. Da ging ich heim zur blutgetränkten Scholle, Die meine Lieben deckt, und that den Schwur, Daß keiner deines Stamms mehr lachen solle, Wenn ihm die andern fluchen. – Assad .                                             Und du hieltest, Was du geschworen; ja, frohlocke nur!         (Auf Morgiane zeigend.) Dies war der Rache Pfand, nach dem du zieltest. Du hast sie mir getötet. Derwisch .                           Nein, betrüge Dich selber nicht! An ihrem Tode schuld Bist du allein. (Assad zuckt zusammen.)                     Doch daß die holden Züge Noch unverblaßt in rosigem Schimmer prunken, Gleichwie von sanften Träumen eingelullt, 139 Dies ist mein Werk. Ich hielt den letzten Funken Der Lebensflamme, die von deinem Hauch Erloschen. Assad .             Und sie wieder anzufachen, Du Mächtiger, vermagst du das nicht auch? Derwisch . Nein. Assad (niederknieend) .                   Um ihr Leben bitt' ich auf den Knien. Sie darf mir nicht ins Schattenreich entfliehn! Laß einmal nur zum Licht sie noch erwachen Und nimm dahin, was mein. Derwisch .                                   Dies zu vollenden Hab' ich kein Recht. Assad .                           Wer sonst? Derwisch .                                         Wer sie zerbrach, Der einzig kann ihr neue Blüte spenden. Assad (aufjubelnd) . Ich – ich? Derwisch .       Ja, du vermagst es. Assad .                                         Ich! – O gib Den Weg mir an! Derwisch .                   Erst forsche redlich nach, 140 Ob du's begehrst, nur um dich selbst zu weiden An deiner Wohlthat, oder ihr zulieb. Assad . Ich will ihr Glück! Derwisch .                         Wenn du's mit eignem Leiden Erkaufen mußt, willst du ihr Glück auch dann? Assad . Kein größres Leid, als wenn ich sie verliere! Derwisch . So wisse, daß sie nur erwachen kann, Wenn du dein Leben hingibst für das ihre. Assad . Mein Leben? – Derwisch .                     Ja, beginnt ihr Herz zu pochen, Wird deines bald für immer stille stehn. Assad . Werd' ich noch einmal erst sie lächeln sehn? Derwisch . Du wirst es. Assad .                         Habe Dank! Ich bin bereit. Derwisch . Mit diesem Wort hast du dich losgesprochen Von meinem Fluch und mich von meinem Eid. Geh, neige dich entsühnt hinab zur Bahre Und sprich zu ihr! 141 Assad (ist auf die Estrade gestiegen und beugt sich über Morgiane) .                               Du süßes Lieb, wach auf! Mein sei der Tod, damit du viele Jahre Dich freuest an der Sonne lichtem Lauf! – – Sie regte sich . . . sie lebt! – Derwisch .                                 So nütze gut Den kurzen Augenblick, um zu durchsonnen Die kalte Welt mit deiner Liebesglut! Kein Aufschub wird dir, wenn die Frist verronnen. (Ab vorn links.) Dritter Auftritt. Assad . Morgiane . Assad (hat, nur um Morgiane bemüht, den Abgang des Derwischs nicht beachtet) . Sie lebt! Morgiane (sich fast unmerklich bewegend, mit noch geschlossenen Augen) .               Assad! – Assad .                         Ich bin es. Blick empor! Morgiane (schlägt die Augen auf und sieht ins Leere) . Entflogen ist der heitre Traum . . . Er webte Mir Assads Bild. Assad .                       Wie deines mich umschwebte. 142 Morgiane (ihn erkennend) . Assad! – Mich dünkt, gewacht hab' ich zuvor Und träume jetzt. Assad .                       Wenn Seligkeit ein Traum, So träum' auch ich; wenn Seligkeit ein Wachen, So wacht' ich bis zu dieser Stunde kaum. Morgiane . Wie kamen wir ans Land? Noch eben fuhren Wir, Wang' an Wange fest geschmiegt, Stromab auf blumenüberflochtnem Nachen; Zwei Schwäne kreuzten seine Silberspuren . . . Du sprachst. Ich liebe dich . . . Verschollen liegt Nun alles auf der Fluten blauem Grunde . . . Assad . Ich liebe dich! Von früherm Dasein gibt Auch mir Erinnrung nur verblichne Kunde. Die letzten Schatten hat der Tag verstreut; Ich war nicht, eh' ich dich geliebt; Nie warst du mein; ich pflücke heut Den ersten Kuß vom unberührten Munde. Morgiane . Und gern geb' ich zurück, was ich empfangen. Assad . Und tausendfach empfang' ich, was ich gab. Morgiane . Mein eigen Feuer brennt auf deinen Wangen. 143 Assad . Dein Herz trifft meins mit glüh'ndem Zauberstab. Morgiane . In meinem Herzen klingend fühl' ich deins. Assad . Ihr Klang verschmilzt in festlichen Akkorden; Denn du bist ich, und ich bin du geworden. Morgiane . Und beide, beide sind wir eins! – Assad . Wohl mir! So leb' ich fort in deiner Seele Und bin unsterblich, wenn ich längst entschwand. Morgiane . Was sprichst du? Assad .                                 Komm und lege Hand in Hand. Es darf nicht sein, daß ich dir feig verhehle, Was bald du wissen mußt. Hab mut'gen Sinn Und laß uns scheiden. Morgiane .                         Scheiden?! Assad .                                                 An die Pforte Pocht die Notwendigkeit; dem Losungsworte, Das unerbittlich tönt, folg' ich dahin. Morgiane . So nimm mich mit! 144 Assad .                                     Auf diesem Pfade nicht. Morgiane . Dein Pfad ist meiner, ob zum klaren Licht Er aufwärts führt, ob in die Nacht verschwindet. Aus deinen Augen leuchtet mir der Tag. Assad . Du warst die Sonne, die der Nacht erlag; Durch dein Verfinstern war die Welt erblindet. Ihr bracht' ich den entwölkten Strahl zurück, Und noch ins Grab wird mir sein Abglanz lodern. Morgiane . Ins Grab! Weh, nun erfaß' ich all dein Thun! Assad . Hör' mich, Geliebte! . . . Morgiane .                                 Trügerisches Glück Soll, kaum entfaltet, mir zu Staub vermodern? Weshalb ward mir versagt, in Träumen auszuruhn, Die unsern Bund zu Gottes Thron erhöhten? Weshalb zum zweitenmal willst du mich töten – Durch deinen Tod? Assad .                           Um meinetwillen lebe! Von deiner Liebe fordr' ich, daß hienieden Du dauern sollst, und wenn durchweht vom Frieden Genoßnen Glücks ich in den Aether schwebe, 145 So bleibt mein Herz, geläutert, leidensmild, In deinem Herzen heimatlich auf Erden, Und allem Volk entschleiert werden Soll durch dein Wohlthun mein verklärtes Bild. Morgiane . Nie schienst du mir so grausam, nie so heilig! Vierter Auftritt Vorige . Mustapha . (Dann) Amine . Assad . Wer naht? Mustapha (ist von rechts eingetreten; hastig) .                       Verzeih das Ungestüm . . .         (Er erblickt Morgiane und hält ergriffen inne.)                                                                 O Segen! Erhört ist dein Gebet! – – Mit bess'rem Mut Tritt nun dein Bote dir entgegen. Assad . Und welche Botschaft . . . Mustapha .                                   Herr, wenn du nicht eilig Die Menge, die sich vor Begeistrungswut Halb rasend zum Palaste wälzt, Durch deine Gegenwart in Schranken hältst, Dann läuft sie Sturm und rennt die Thüren ein. Assad . Laß nur! So werd' ich in des Volkes Mitte Von hinnen gehn. 146 Mustapha (durch eine verzweifelte Gebärde Morgianens aufgeklärt) .                             Wie? – – Sterben willst du? Nein, Das thust du mir nicht an! Wenn ich das litte, Dann wär' ich ja . . . Assad (lächelnd) .               Du Treuer, hier versagen Auch deine Listen. Mustapha .                   Weißt du das gewiß? Ich hab' ein Weib, das mich dem Tod entriß Und dich der Krankheit. Soll ich sie nicht fragen? Sie oder keine wird . . . Assad .                                 Die böse Zunge Verscheucht den Todesengel nicht. Doch gern Möcht' ich ihr danken. Mustapha .                         Sie verweilt nicht fern. Aus Argwohn ist sie stetig auf dem Sprunge. (Er geht zur Thür vorn rechts und holt Amine, die dicht dahinter gestanden, herein.) Amine . . . (Er spricht leise mit ihr.) Assad .               Wahrt und hütet im Gedächtnis, Was jetzt ihr hört; denn in des Atems Rest, Den flüchtigen, dräng' ich mein ganz Vermächtnis.         (Zu Mustapha.) Dich hielt im harten Dienst die Treue fest – 147         (Zu Amine.) Und du hast nicht in Worten, doch in Thaten Dem Liebenden ein liebend Herz verraten. – Das Höchste, Teuerste, was ich besessen, Vertrau' ich euch: gewährt ihr Schutz und Hort! Von Blumen einen dichten Teppich breitet Auf rauhen Boden, den ihr Fuß beschreitet; Laßt keine Thränen ihrem Aug entpressen, Und zu ihr dringen laßt kein unsanft Wort! Amine . Herr, darin nehm' ich's auf mit einer jeden: Nur Männer reizen mich zu schlimmen Reden; Doch gegen Frauen war ich immer zahm.         (Sie kniet vor Morgiane nieder.) Assad . Und den bestaunten Schatz, den aufgespeichert Durch vieler Ahnen Fleiß ich überkam, Der lang gerostet und uns nicht bereichert, Legt in der Armut ausgestreckte Hand! – Wie labende Musik schon im voraus Hör' ich der Freude schwellend Sturmgebraus, Und einmal will ich noch herniederschauen; Denn seit ich aller Schmerz und Glück empfand, Sind alle mir geschwisterlich verwandt.         (Zu Morgiane.) Geleite mich hinan! (Er steigt mit ihr, den Arm um ihre Schulter gelegt, die Stufen der Estrade hinauf, während die Landschaft des Hintergrundes von beginnender Abendröte überstrahlt wird.) 148 Fünfter Auftritt. Vorige . Derwisch . (Dann) Hassan , Jussuf (und) Volk . Derwisch (erscheint, von links kommend, auf der hinteren Galerie) . Assad (bei seinem Anblick unmerklich zusammenzuckend und Morgiane unwillkürlich fester umschließend, tritt ihm entschlossen gegenüber) .                                 So hurtig schon Mahnst du den Säumigen? Ihn faßt kein Grauen. Was du versprachst, ward reichlich ihm zum Lohn; Drum freudig löst er ein, was er dir schuldet.         (Er wehrt Morgiane, die sich in sprachloser Angst an ihn klammert, sanft ab.) Das hehrste Glück, das jemals ich erwarb, Zahlt dir mein Tod. Derwisch .                     Du hast ihn schon erduldet. Assad . Den Tod? Noch leb' ich . . . Derwisch .                                       Der du warest, starb. Durch Opferkraft hat er der bleichen Schar Der Abgeschiedenen sein Selbst dahingegeben; Begraben ward es heut, und nimmerdar Soll wiederkehrend es der Welt erscheinen. (Er schreitet langsam nach rechts.) 149 Assad (erst allmählich verstehend) . Ich darf . . .! O, bleibe! Derwisch .                           Leb' und wirke Leben! Doch mich laß heimwärts wandern zu den Meinen. (Er verschwindet, rechts abgehend.) Morgiane (Assad beseligt umschlingend) . Kein Scheiden mehr! – (Durch die Thüre rechts hinten dringt tumultuarisch ein Volkshaufe herein, an der Spitze Hassan und Jussuf.) Hassan .                               Hoch Assad, der Kalif! Alle . Hoch! Assad (mit tiefer Rührung) .           Lasset hellen Festgesang ertönen Durchs ganze Land! Noch eh' der Tag entschlief, Will mich und meine Fürstin ich bekrönen Und euer Herrscher sein. Jussuf .                                 Assad, dem Guten, Heil! Alle . Heil! Assad .       Nicht den Guten nennt mich! Bunt vermengt Hat Gut und Böses an uns allen teil. Gut war mein Vater; dennoch unbeengt Schoß Schlimmes unter seiner Hand in Blüte; 150         (Auf Amine deutend.) Bös war dies Weib und doch beseelt von Güte. Nein, sagt von mir, wenn ich dereinst entrückt. Er hat in unsrer Herzen Grund gelesen; Drum ist kein menschlich Leid ihm fremd gewesen, Und unsre Freude hat ihn mitbeglückt. (Vielstimmige Hochrufe schallen von unten herauf, während der Vorhang fällt.)