Louis Couperus Heliogabal Erstes Kapitel In schwüler Spätsommernacht flimmerten über Emesa die kristallenen Sterne am weiten klaren, wolkenlosen Himmel. Zwischen den schimmerndsten war der Himmelsgrund übersät mit feinerem Lichtgesprenkel, während in buntem Wechsel die Gestirne, jäh aufflammend und wieder verblassend, in unermeßlichem Überfluß blitzten, gleich als hätten sie die Götter, vor Sternenwonne trunken, in taumelnder Lichttrunkenheit ausgestreut. Der breite Strom der Milchstraße blinkte wie ein Schleier, wie eine Glorie, wie eine Siegesbahn für den obersten Gott, von Lichtstaub überfunkelt, mit Sternen bestreut, so dicht, daß seine Füße, darüber hinschreitend, wohl versinken konnten in dem goldenen Sandmeer. Die wundersame Spätsommernacht ließ die Umrisse der Tempelgebäude erkennen, die da standen, breit, fern und hoch, mit einem seltsamen terrassenförmigen Turm, der sich verjüngte und im leuchtenden Nichts verschwamm. Im dichten Blättergeheimnis windstiller Gärten breiteten sich in dem weiten Park die Tempel, jetzt blank wie leuchtender Marmor, dann wieder stumpf grau wie Granit. Säulen reckten sich schlank und endlich einte sich alles dem Schatten riesiger Agaven, deren Blätterklingen im Mondlicht glänzten oder sich im Dunkel badeten und untertauchten in der Nacht. Orangenduft lag über allem, gleich Weihrauch schwer und atemraubend, und syrische Rosen hauchten ihr Lustverlangen aus. Alles still, nur der zwei-, dreimal sich wiederholende Schrei eines Pfaus in der Ferne ließ sich in den Tempelgärten vernehmen, und die wirren Gebäudemassen ragten schlummernd und träumend ins Licht empor und verschwanden dann wieder formlos im Dunkel der Sykomoren und des weihrauchduftenden Zitronenhains. Von den lichtumflossenen Terrassen des Turmes hob sich düster der Würfel des schlafenden Sonnentempels ab, kaum daß die gewundenen Säulen der Seitengalerie sichtbar wurden mit ihren schlanken Schäften auf Sockeln mit persischem Blätterornament, in steter Wiederholung, ahnungsvoll angedeutet in dem nächtlichen Licht. Die zahllosen Säulen verschwanden und verbargen sich hintereinander, schienen zurückzuweichen in lichtscheuer Flucht. Dann wieder ragten sie hoch auf und plötzlich, ganz unerwartet, wandelte sich ihre schlanke Anmut und sie reckten sich mit fast übermächtiger Kraft zu Kapitellen aus, die zwei halbe Stiertorsen bildeten. All die Stierköpfe mit den muskelstarken, gekrümmten Nacken schienen den Architrav nicht zu berühren, so daß es war, als schwebe der breite Fries in dem nächtlichen Licht. Die Säulen hoben sich gleich dunklen Schatten von dem sternschimmernden Himmel ab und regungslos, doch von geheimnisvollem Leben erfüllt, starrten die Stierköpfe abwärts. Breit um das Heiligtum zogen sich die Seitenperistyle und der vordere Portikus, die den Durchgang freiließen zu der in tiefste Nacht gehüllten Apadana, dem mittleren Hof des Säulengeschiebes, das unabsehbar war und undurchdringlich, weil das Mondlicht nur die äußeren Säulen traf, die folgenden noch flüchtig streifte, die Mittelsäulen aber unsichtbar ließ in dem geheimnisvollen Innern. Doch um so mächtiger verstärkten sich die sichtbaren hoch oben zum ungeheuren Kapitell des Doppelstiertorsos, krümmten sich die gedrungenen Stiernacken, starrten die zahllosen Steinaugen mit dem gleichen, harten und doch lebensvollen Blick hernieder. An jener basaltenen Tierwelt, unbeweglich hoch dort oben, leuchtete das Gold zarter Motive flüchtig auf; zu zierlich fast erschienen sie für die Nachtbeleuchtung. Einen Augenblick nur blitzte das Goldgefunkel auf, zitterte und erlosch, um dann von neuem aufzuglühen. So war es, als ob in dem unabsehbaren und undurchdringlichen Heiligtum das Gold unablässig auflebte und erstürbe im hell leuchtenden und im erblassenden Mondenscheine.   Wieder hatte in weiter Ferne der Pfau geschrien, als in der Tiefe der nachtumschatteten Apadana, anders als das Gold hier und dort, ein Funke aufblitzte, nicht so still und metallklar, sondern mehr einer kleinen, rötlichen Flamme gleich, die von einer Hand sorgsam verborgen wird. Die Flamme bewegte sich durch die Dunkelheit und in kurzen Abständen malte ihr Schein einen rötlichgelben Streifen auf die Säulen; dann erlosch er, um gleich darauf an einer anderen Säule von neuem sichtbar zu werden, während oben die Stierkapitelle den gekrümmten Nacken zeigten und wiederum im Dunkel verschwanden. Zwei Gestalten tauchten auf unweit der linken Seitengalerie, wurden sichtbar im Scheine des Mondes und der Fackel: zwei junge Knabengestalten, schwarz und nackt der eine, der die Fackel trug und den Lichtschein mit der schwarzen Hand dämpfte, rosig und zart der andere. Rot leuchtete im Fackelschein der hyazinthfarbene Mantel auf, der ihn umhüllte. Sacht schlichen sie weiter, der eine auf nackten Sohlen, der andere auf lautloser Sandale, als der im Mantel plötzlich aufblickte, scheu und erschreckt, und mit der weißen Hand den Arm des Schwarzen umklammerte. Denn aus der Tiefe der Apadana, woher sie kamen, tauchte zur Seite der ungeheuren Vorhänge, die das Allerheiligste abschlossen, kaum sichtbar, eine Gestalt auf, die ihnen gefolgt zu sein schien und deren weißes, faltenschweres Gewand in dem Schein einer matten kleinen Lampe spukhaft schimmerte. Gleich darauf erklang die schrille Stimme einer bejahrten Frau durch die Stille. »Bassianus!« Der Knabe im hyazinthfarbenen Mantel stampfte auf vor Zorn. Fester packte er den Arm des Schwarzen und zwang ihn, sich mit ihm hinter einer Säule zu verbergen und das Licht seiner Fackel mit behutsamer Hand zu decken. Doch alsbald löste sich sein Zorn zu kichernder Fröhlichkeit und er flüsterte seinem Sklaven ins Ohr: »Still! Wahrhaftig, wieder die Alte!« Noch einmal rief die mit dem Lämpchen und das Echo hallte wider, hier und dort durch die Apadana zurück. »Bassianus, ich sehe dich wohl!« Der Knabe machte eine ungeduldige Bewegung. Er versteckte sich nicht mehr und rief: »Was gibt's denn schon wieder, Großmutter?« »Wohin gehst du, Bassianus?« »Was kümmert's dich?« gab der Knabe ärgerlich zurück. »Geh schlafen! Bin ich dein Sklave oder dein Freigelassener?« »Nein, aber mein Enkel bist du. Wenn ich dich nicht behütete, würde niemand es tun, denn deine Mutter läßt dich ruhig gewähren. Wohin willst du jetzt in der Nacht, in der Nacht vor dem Opferfest? Zu den Priestern? Zu den Sklaven? Zu den Tänzerinnen? Zu den Tempelmädchen? Und gerade in dieser Nacht! Die Stadt ist voll von Soldaten und Fremdlingen, die zu Hunderten den Lupanaren zuströmen. Oder vielleicht gar hinaus zu den Parktoren der Altstadt, um morgen, wenn die heilige Sonne hoch am Himmel steht, bleich und mit umschatteten Augen zurückzukehren? Achtest du deine Göttlichkeit denn so gering, und gar am Vorabend des Tanzes? Hörte ich dich nicht aus deinem Gemach schleichen? Hörte ich nicht, wie du Narr, den Sklaven, wecktest? Was bedeutet es, daß du durch das Heiligtum gehst? Du wähltest diesen Weg, Bassianus, weil du weißt, daß du Verbotenes tust. Rasch zurück ins Bett! Soll ich dich holen? Soll ich dir meine Sandale um die Ohren schlagen?« In seinen hyazinthfarbenen Mantel gehüllt, stand Bassianus da und schüttelte sich vor Lachen, ohne einen Laut von sich zu geben; denn er wollte die Großmutter nicht allzusehr kränken. Er klammerte sich an den Schwarzen, der sich auch vor Freude wand, aber doch mit seiner Hand den Fackelschein dämpfte und die Zähne zusammenbiß, damit die alte Julia Mäsa ihn, den Sklaven, nicht höre und kreuzigen oder den wilden Tieren vorwerfen lasse. Dann rief Bassianus mit seiner hellen, jungen Stimme, so daß es spöttisch durch die Apadana klang: »Nein, Großmutter, ich bin flinker als du, bemüh' dich nicht, du holst mich doch nicht ein. Für die Sandale bin ich nun auch zu alt. Ich bin fünfzehn Jahre und dulde es nicht länger, ich leide es nicht mehr! Hörst du! Ich bin kein Kind mehr, ich bin der Hohepriester der Sonne und ich tue künftighin, was mir beliebt! So verstehe ich meine Göttlichkeit! Durch das Heiligtum ging ich, weil so der Weg zum Turm kürzer ist. Denn heut nacht will ich weder zu den Sklaven noch zu den Tempelmädchen, auch nicht in die Altstadt, sondern zu Hydaspes, der mich auf der sechsten Terrasse erwartet. Er hat versprochen, mir das Horoskop zu stellen. Ich will mit ihm in den Sternen lesen und die geheimen Dinge erforschen.« Anfangs spöttisch, klang seine mit Absicht etwas singende Stimme zuletzt sehr fest, und die alte Mäsa sah ihn, als sie näher kam, hoch und schlank vor sich stehen, wie er sie, den Kopf trotzig im Nacken, mit seinem lachenden Blicke maß. Sie bereute ihre zornige Aufwallung dem Liebling gegenüber und zeigte sich nicht gekränkt, sondern sagte ruhiger: »Du Schatz meiner Seele, du willst auf den Turm! Hättest du mir das doch schon heut abend gesagt, dann hättest du mich nicht aus dem Schlafe geschreckt, dann hätte ich nicht an Mord und Untat denken müssen in banger Sorge um dich, mein Liebling. So, so, du willst zum Magier!.... Geh, Bassianus, geh! Ja, es ist gut, wenn möglichst wenige wissen, daß du in den Sternen liesest, damit nicht Unbescheidene das Geheimnis deiner Zukunft zu ergründen versuchen. Bassianus, mein geliebtes Kind, wer könnte sie mehr als deine Großmutter herrlich wünschen und voll Ruhm, voll von strahlendem Ruhm! O, daß ich dich noch sähe, herrlich und ruhmvoll über der ganzen römischen Welt! Dann erst kann ich ruhig sterben! So, mein Kleinod, auf den Turm gehst du! Geh, geh, Bassianus, und ich werde wachen, bis du zurückkehrst, und den Vorhang zu deinem Gemach dir leise öffnen, damit niemand etwas merke, deine Mutter nicht und Mammäa nicht und auch nicht der kleine Alexianus. Höre auf deine Großmutter, Kind, meide die Tempelgebäude und gehe lieber durch die Zitronenhaine, auf daß niemand dich sehe. Geh, Bassianus, geh!« Die Stimme der alten Frau hatte sich von schrillem Zorn und aufflammender Wut zu weicher Nachgiebigkeit gelöst, jetzt, da sie glaubte sicher zu sein, daß Bassianus in den Turm ginge zum Magier. Aus der Palla, die sie hastig umgeworfen hatte, streckte sie die Hand hervor und streichelte ihm die Wangen, während er, noch trotzig und herausfordernd, vor ihr stand. Er lächelte und ließ sich, schon halb versöhnt, liebkosen, sagte aber, noch immer in spöttischem Ton: »Es fehlte noch, Großmutter, daß du die ganze Nacht um meinetwillen wach bliebest... Geh schlafen! Ich komme behutsam zurück, ehe es Tag wird, und verspreche dir: Niemand soll erfahren, daß ich in den Turm gegangen bin ... Geh schlafen, Großmutter ...« »Komme nicht zu spät zurück, mein Kind. Verbringe die Nacht nicht schlaflos. Bringe nicht uns alle in Verwirrung. Die Ankleiderinnen haben morgen lange zu tun ... viel hängt vom morgigen Tag ab ... vielleicht, mein herrlicher Bassianus – alles!« Ihre Stimme verhieß geheimnisvolle Dinge und er schaute ihr tief in die Augen. »Kennst du die Zukunft?« fragte er in plötzlicher Ehrfurcht vor ihrem sibyllischen Alter. »Nein«, sagte sie abwehrend. »Ehrwürdige Großmutter, kennst du die Zukunft?« »Nein, mein Kind, wie sollte ich die Zukunft kennen ?« »Großmütterliche Hoheit, ich bitte dich, sage mir, was du weißt!« Er flehte, die Hände gefaltet, mit einer lieben, ehrfurchtsvollen Gebärde und sein mädchenhaft schönes, weißes Gesicht lächelte bittend zu ihr auf, mit dem verführerischen Schmachten der großen veilchendunklen Augen. »Nein, mein Bassianus, ich weiß nichts. Aber wenn du mich lieb hast, Kind, dann sage mir morgen, noch vor dem Opferfest, was du mit dem Magier in den heiligen Sternen gelesen. Bin ich doch die Mutter, die nichts sehnlicher wünscht als Herrlichkeit für dich! Aber geh jetzt, geh und lies deinen Ruhm in den Sternen, bevor sie sinken ...« Sie hob beide Hände empor und streichelte ihm die Wangen, einmal über das andere. In ihm liebkoste sie ihren unermeßlichen Ehrgeiz und ihre Schwäche war, daß sie ihn unendlich mehr liebte und ihn größer zu sehen begehrte als ihren jüngeren Enkel Alexianus, den Sohn ihrer Tochter Mammäa, obwohl sie nicht blind war und oftmals gewahren mußte, daß Alexianus viel eher der Sohn des Antonius Bassianus Caracalla sein konnte als ihr Liebling, für sie die Inkarnation des Sonnengottes und ihr Sonnenpriester, der Sohn ihrer Tochter Semiamira. »Geh jetzt, geh, mein göttlicher Knabe, und lies in den Sternen – bevor sie sinken«, wiederholte sie. Sie umarmte ihn voller Anbetung. Dann schaute sie sich um, ob auch niemand gespäht habe, und schlich zurück, gebückt und mit trippelnden Schritten, betagt schon, doch lebhaft noch und beweglich, verdorrt und hager zwar, doch aufrecht durch ihren Ehrgeiz und die Liebe zu ihrem Enkel, die beiden Leidenschaften ihrer Seele... Schemengleich verschwand ihre weiße Palla im Dunkel zwischen den Säulen und der Schein ihres Lämpchens erlosch nach einem allerletzten Aufleuchten hoch oben an der Krümmung eines doppelnackigen Stierkapitells. »Vorwärts, Narr!« Bassianus feuerte den Schwarzen an und redete zu ihm in drolligem Volksakzent. Höher hielt Narr seine Fackel, während sich Bassianus fester in den Mantel hüllte und einen Zipfel über die Schulter warf. Sie ließen die Reihen der unter dem sternfunkelnden Himmel schlafenden Tempelgebäude seitwärts liegen und gingen durch die schwülen, üppig duftenden Zitronenhaine. ... Schnell und elastisch schritt der kindliche Hohepriester der Sonne auf leichten Sandalen hinter dem fackeltragenden Sklaven her und wiegte sich in den Hüften wie ein Mädchen. Spielerisch spornte er den Sklaven zu größerer Eile an und als Narr über dieses Gebaren seines Herrn die Achseln zuckte, strich Bassianus mit dem Zeigefinger über die schöne Furche seines schon muskelstarken schwarzen Rückens. »Mach', daß du weiterkommst, Narr!« rief er übermütig. Der junge Mohr beeilte sich. Plötzlich strauchelte Bassianus. Er fiel Narr um den Hals, lehnte sich an ihn mit absichtlicher Schwere, preßte ihn wild an sich, ließ ihn wieder los und spornte ihn mit einem Fußtritt zu neuer Eile an. Aber als Narr dann vorwärts stürmte, rief Bassianus ihm zu, nicht so sehr zu eilen, und fluchte, daß er nichts sähe und daß er gleich stolpern und fallen würde, umklammerte dann, als fiele er wirklich, den Fackelträger mit beiden Armen, betastete mit begehrlichen Fingern die Muskelschwellungen seiner schon kräftigen Arme, stieß einen Schrei aus wie eine Katze in der Nacht, ließ Narr wieder los und hieß ihn sich sputen. So eilte Narr dahin, stets betrogen, nun zurückgehalten und geliebkost, dann wieder gepackt und vorwärts gestoßen, ohne ein Wort, nur mit einem Lächeln um die dicken, aufgeworfenen Lippen und einem seltsamen Glanz im Weiß des Auges. Gleichsam aus sechs, sieben stets kleineren Würfeln aufgebaut, ragte der Turm empor: eine Treppe zum Himmel. Aus Sykomoren und wildem Gestrüpp syrischer Rosen, die ihren Duft aus weiten Kelchen ergossen, erhob er sich. Umfangen von dem betäubenden Duft, eilten die beiden Knaben auf die Pforte zu. Sie war offen, wie Bassianus erwartet hatte. Während Narr ihm leuchtete, schritt er die Treppe empor, die zur ersten Terrasse führte. Die Stufen waren hoch und bei jedem Schritt schlug der hyazinthfarbene Mantel weite Falten um ihn. Währenddessen stieß er Narr, fuhr ihm mit dem Zeigefinger den Rücken entlang, schüttelte ihn scherzend, trat ihn mit Füßen. Endlich schleuderte Narr seine Fackel weg, die weiter brannte, wandte sich mit einer zornigen Bewegung plötzlich knurrend um, stand drohend vor seinem Herrn, packte ihn mit seinen onyxfarbenen Fäusten und schüttelte, schüttelte ihn so lange, bis Bassianus ihm mit der flachen Hand einen klatschenden Schlag auf den dunklen Kopf gab. Der Mohr wollte weiter ringen, drückte Bassianus seine schwellenden Lippen auf die Schulter, setzte aber die Zähne nicht an, sondern küßte ihn auf das blanke Fleisch. Wie eine Katze in der Nacht schrie Bassianus auf, schlug alle Finger in den Krauskopf, der sich an seiner Schulter festsog, während er ihn zugleich an sich drückte. Der Mohr ließ nicht los und sie rangen weiter, bis Bassianus stürzte und sein Mantel zerriß. »Genug, Narr!« schrie Bassianus entnervt, »genug! Weiter!« Während er sich rasch erhob, versetzte er dem Sklaven einen Tritt. Narr grinste vergnügt, schwenkte die Fackel und stieg empor. Bassianus hüllte sich dichter in den weiten Stoff und folgte ruhig. Vor einer Bronzetür blieben sie stehen. Bassianus klopfte dreimal. »Du wartest hier, Narr ... meinetwegen magst du schlafen!« sagte er in bewußt singendem und zugleich gebietendem Ton. Der Sklave hockte nieder und legte seine noch immer brennende Fackel hin. Bassianus drückte die Hand fest auf seinen Krauskopf. Unter dieser Liebkosung zuckte Narr zusammen und verharrte regungslos. Die Tür öffnete sich. »Bassianus ... so spät?« »Komme ich zu spät?« rief der Knabe hastig und blickte zu den Sternen empor. »Nein, zu spät noch nicht. Tritt ein!«   Bassianus faßte die Hand, die sich ihm entgegenstreckte. Der Magier führte ihn über eine innere Treppe hinauf und trat auf die höchste Terrasse. Dort wandte er sich um und sah dem Knaben tief in die Augen. »Mein Liebling,« sagte er, »wer weiß, vielleicht ist es das letztemal ...« »Warum das letztemal?« fragte Bassianus. »Sollte morgen wirklich ...?« Er stockte. Der Magier umarmte ihn. Hydaspes war es, der Obermagier, hoch aufgerichtet im weißen Priestergewande. Dunkel lockten sich seine langen Haare um die bleichen Züge, verklärt strahlten seine Augen unter dem Doppelbogen der Brauen. »Sollte morgen wirklich ...?« wiederholte der Knabe zögernd. »Ich weiß nicht, ob ich es wünschen soll. Ich glaube, beinah nicht ... Ich bin zufrieden mit meinen Ehren. Ich bin Hoherpriester des Heliogabal und das Volk strömt herbei, mich tanzen zu sehen und mich anzubeten. Nein, Hydaspes, ich verlange nicht mehr ... Großmutter ist es, die mehr will ... Sage mir, hast du es in den Sternen gelesen?« Der Magier zog den Knaben zu sich auf die steinerne Bank und schlang den Arm um seine Schulter. »Schau hin«, sagte er. »Waren je die Sterne leuchtender in diesem Monat? Und dort, Bassianus, siehst du deinen Stern? Dort oben? Er strahlt wie eine Sonne!« »Hat er sich der Erde genähert?« »Nein, er zieht die Erde zu sich empor ...« »Er zieht die Erde ...?« »... zu sich empor ...« »Was bedeutet das?« »Vielleicht das Höchste ...« »Aber sage mir, sage mir doch, Hydaspes...« »Gib wohl acht... Rings um deine Ruhmessonne stehen die Sterne. Die ihr folgen, das sind jene, die vor dir waren. Die ihr vorangehen, werden noch kommen ... Merk auf, wenn du länger hinschauest, drehen sie sich in ewig gleicher Bewegung rundum... Wir, mein Kind, auf dieser Erde, drehen uns mit, wie mit unsichtbaren Schnüren an ihre Bewegung gefesselt. Einzelnen von uns leuchtet aus der Vermenschlichung unserer Seele der Geist auf und will zurück zu seinem Mutterstern und es findet eine Wechselwirkung statt zwischen dem Geist und dem Stern. Zwischen beiden schweben Fäden des heiligsten Lichtes und binden für ewig den Geist an seinen Stern, immer fester und fester, doch nur, sofern die Fäden nicht zerreißen, nicht ziellos im All umherschweben, um dann gleich Tau in nichts zu vergehen ...« »Hydaspes, wir bleiben nicht unbeweglich?« »Nein, mein Kind ... denn sieh, so wie du nach langem Schauen die Sterne sich bewegen und uns umkreisen siehst, so umkreisen wir die Sterne und drehen uns um uns selber. Siehst du deinen eigenen Stern?« »Ja, er hat sich verschoben, Hydaspes.« »Unablässig verschiebt er sich. Doch so innig, wie er in diesem Augenblick der Erde und deiner Seele verbunden ist, so innig, mein Kind, war er es noch nie. Und dennoch ...« »Und dennoch ... ?« »Ich hoffe und fürchte zugleich.« »Was siehst du?« »Viel, sehr viel.« »So zeige, Hydaspes, zeige es mir.« »Die Sterne, die dir folgen, sind jene, die waren ... Ich schaue ... und sehe sie als den Abglanz entschwundener Seelen. Gleich Lichtphantomen gebärden sie sich im Äther... Gelöst sind ihre unsichtbaren Flügel, die durch das Weltall schweben. Zerstört ist ihr Gewebe und sie flattern ... und treiben. Schau doch! Sie treiben einher auf einem Meer von Blut!« »Auf einem Meer von Blut? Hydaspes!« »Auf einem Meer von Blut! Blut, Blut, nichts als Blut! Während ich starre, ohne meinen Blick mehr abzuwenden, sehe ich ein Meer von Blut, Bassianus ... Unendlich, unendlich! Blut von Menschen, von Tieren, von Tausenden, Tausenden. Sieh dort... Marcus Aurelius stirbt und dort flutet herbei das Blut, das Commodus, der Gladiator, vergießt; das Blut all seiner Schlachtopfer, der Tiere und Menschen, der Gladiatoren und Bestien. Dort im Äther wälzen sie sich sterbend, in einem Ozean von Blut. Blut von seltsamen Tieren aus indischen Wildnissen, in Roms Arena dem Gladiator vorgeführt, gewiß des Pfeiles und Wurfspießes ... Blut von Hunderttausenden, die Ankläger, Verleumder oder des Kaisers Laune dem Dolch und dem Schwerte preisgaben. Mein Kind, wie eine rote Vision ist der Himmel! Zuletzt fließt des Commodus eigenes Blut und das des greisen, würdigen Pertinex ... Ich sehe, o Schmach, wie ein Kaiserreich öffentlich versteigert wird: Rom feilgeboten von seinen eigenen Truppen. Ich sehe, wie ein Konsul Rom, die Kaiserwürde und den Purpur kauft, weil er der Reichste ist: Julianus! Er blutet, der Händler, Kaiser; Niger blutet, Albinus blutet, sie alle wälzen sich im Blut, dieweil schon Severus auftaucht. Der Krieger, der große Septimius Severus.« »Septimius Severus... Hydaspes! Den Mäsa meinen Großvater nennt...!« »Sieh, Bassianus, der ganze Sternenhimmel ist in Blut getaucht! Antoninus, genannt Caracalla...« »Ich sehe ihn dort! Antoninus, erdolcht in den Armen seines Halbbruders, des Sohnes der Julia Domna: des Geta!« »Meines Oheims... Geta!« »Doch er selbst taucht unter in einem Strom von Blut; nach ihm Macrinus...« »Blutet??« »Noch nicht... Noch umglüht kein purpurnes Blut des Macrinus Stern. Doch um deinen eigenen Stern, Bassianus...« »Blut??!« »Noch nicht...« »Hydaspes, mir wird so bang!« »Mein Kind, ich sehe nichts mehr. Rot schwimmt es vor meinen Blicken und in all diesem Rot stauen sich die Leichen von Unzähligen im Durcheinanderblitzen von Schwertern!« Bassianus stößt einen Schrei aus. In zitternder Angst klammert er sich an den Magier, birgt den Kopf in seinem weißen Mantel und will nichts mehr sehen: denn schon hat er in seinem Wahn den silbernen Himmel purpurfarben gesehen, purpurn auch von seinem eigenen Blut. So bleibt er, bis der Magier ihn am Kinn berührt. Er schaut sich um und sucht das Blutmeer. Er sieht es nicht... Der Mond steht hoch und entschleiert die leuchtende Göttlichkeit der Astarte Urania: Allüberall und allmächtig geht sie um in dieser ihrer Stunde ... Nicht in ein Meer von Blut, in einen See von lauterem silbernem Glanz taucht sie all die Sterne; die großen, kristallenen, die umherirrenden Funken und dazwischen all die anderen, kleinere und größere, mattere und hellere, und auch die Milchstraße, die Siegesbahn des Gottes Heliogabal, der da wohnt auf dem Berg des Lichts, taucht sie verliebt in ihren übermächtigen Glanz. Nein, Bassianus sieht nicht das Rot von Blut; er sieht nur den Glanz der Astarte. Er atmet den Glanz, das göttliche Element, und um seine Lippen erblüht ein Lächeln, indes seine Augen träumerisch auf die silberne Ebene starren, auf die silbernen Höhen, und dann, ruhiger wiederum, den eigenen Stern suchen... Dort strahlt er; Bassianus lächelt... In seiner Kinderseele erwacht ein Ehrgeiz, doch stärker ist die fromme Ekstase, die erwächst aus der silberschimmernden Nacht. Flüchtig ersteht in seiner kindlichen Vorstellung das Bild von Rom, wo er geboren ward in dem Palatium des Palatin. Er sieht sich sorglos spielen mit Sklaven, Sklavinnen und Freigelassenen in den mit Wohlgerüchen geschwängerten Gemächern seiner Mutter Semiamira, der Syrierin, der Gemahlin des Senators Avitus, die mit ihrer Schwester Mammäa und deren kleinem Sohn Alexianus in dem Palatium wohnt, mit ihrer Mutter Mäsa, der Schwester der Kaiserin Julia Domna, die die zweite Gemahlin von Septimius Severus und die Mutter von dessen zweitem Sohne Geta war. Aber nicht Avitus, sondern Antoninus Bassianus, der älteste Sohn des Kaisers, war der Vater des jungen Bassianus, und Semiamira hatte voll Stolz ihren Sohn nach dem Vater genannt. Antoninus Bassianus war ganz Soldat: robust, grausam, wollüstig, sinnlich; mit niedriger Stirn unter dickem Kraushaar, Mund und Nase, die sich fast berührten, in blutdürstiger Wollust zugekniffenen Augen und Kiefern, breit wie die eines Tieres. Caracalla nannten ihn die Soldaten, weil er den gallischen Mantel, die caracalla, selbst trug und auch im Heere tragen ließ. Sie beteten ihn an, denn er war ein schlichter Krieger wie sie, schlief mit ihnen im Zeltlager, verzehrte wie sie die unschmackhafte Suppe, war stark wie kein anderer, trug selbst seine Waffe und schleppte oft genug sogar die schweren Adler. Caracalla, nicht Avitus, war des Bassianus Vater; wenigstens brüstete sich Semiamira damit, und Mäsa versicherte es jedem, der es hören wollte, geheimnisvoll und unter dem Siegel der Verschwiegenheit, aber in der stolzen Hoffnung, das, was sie insgeheim anvertraute, werde allgemeine Verbreitung finden. Kaiser Caracalla war ermordet worden und Macrinus, sein Mörder und Nachfolger, hatte nicht geduldet, daß die alte Mäsa mit ihren Töchtern und den beiden Enkeln im Palatium zu Rom verbleibe. So ward die Syrierin verbannt und mußte aus dem üppigen Leben Roms zurückkehren nach Emesa, der Stadt des Sonnentempels, wo die Hohepriesterschaft vererbt ward von Geschlecht zu Geschlecht Aber hatte nicht Mäsa in Rom Schätze gesammelt, so viele, daß niemand wußte, wo sie sie bergen konnte und wie viele Milliarden Sesterzen sie ihr eigen nannte? Hatte sie nicht mit ihrem Gold die Magier ganz in ihrer Macht, so daß sie im Sonnentempel in kürzester Zeit allmächtig geworden und er, Bassianus, nebst seinem jüngeren Vetter Alexianus dem heiligen Dienst geweiht worden war, bei dem er sich – schlank, geschmeidig und von androgynisch schönem Körperbau – alsbald vor allen anderen hervortat, im Tanz um den schwarzen Stein? In Emesa hatte Bassianus bald empfunden, daß er seinem Blut nach nicht Römer war, sondern Syrier, Asiat und Orientale. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, spürte er, verwundert, zu Emesa sogleich eine seltsam vertraute, wohlige Atmosphäre, die er lächelnd atmete. Das Blut der urmütterlichen Mäsa, das Blut seiner eigenen Mutter, jubelte in ihm auf in wilder Freude, und wie sorglos auch seine Kinderjahre im Palatium verflossen sein mochten, in den Gemächern der beiden Frauen, umgeben von den Wohlgerüchen und weichen Stoffen, den Gemmen und blanken Spiegeln des Gynaeceums – zwischen all den Sklavinnen, die ihn badeten und salbten, wie sie seine Mutter badeten und salbten, ihm die Haare lockten, das Blond mit Goldstaub überpuderten und ihm die Schuhbänder hinaufschnürten bis unter das Knie, wo sie sie mit großen Kameen befestigten –: zu Emesa war es ihm doch, als hätte er in Rom stets etwas vermißt: ein schwüles Lächeln, das ihn allüberall umgab, ein Lächeln der Zuneigung, der Huldigung, den warmen Kuß wohlbekannter Lüste, eine geheimnisvolle, mystische Umarmung. Ihm war, als habe er als Kind unbewußt entbehrt, was ihm jetzt in Fülle zuteil ward... Die Stadt, der Tempel, der Ehrendienst um den Schwarzen Stein, das Phallossymbol des Heliogabal, die Wohlgerüche, die Tänze, die Gewänder – alles war seinen erstaunten Sinnen fremd und doch vertraut wie ein halb vergessener Traum, der plötzlich sich verwirklicht: der Turm, der Sternendeuter, die Apadana und ihre Säulenreihen mit den Stierkapitellen. Links die Priestergebäude, wo er jetzt wohnte, mit der Großmutter, der Mutter, deren Schwester Mammäa und dem kleinen Alexianus, umgeben von mehr als hundert Sonnenpriestern, tausend Tempelmädchen, tausend Dienern und Sklaven, einer ganzen Stadt im Herzen von Emesa, wollüstig und mystisch, erfüllt von dem Geheimkult, den die Magier neidvoll verborgen hielten, und zugleich rituell unzüchtig in Zeremonie und Tempeldienst. Dann rechts die Behausung der Tempelmädchen, eine Folge kleiner Räume unter hohem Säulenportikus – eigentlich nichts anderes als ein Lupanar. Diese Stätte kannte der Knabe Bassianus gut, er wußte um ihre Wollust, hatte sie schon häufig erlebt. Nichts setzte ihn in Erstaunen, alles lächelte ihm zu, alles liebkoste ihn mit schmeichelnden Berührungen, mit Duft und Glanz, mit Flötenklang und Zimbelschlag, Licht und Schatten, Sonnenschein und Sternengefunkel, als sei er der Prinz dieses schwülen Reiches, zurückgekehrt zu allem, was sein war und seiner Seele verwandt. Nein, wahrlich, ihn, den jungen Prinzen dieser seltsamen Welt, wunderte es nicht im mindesten, daß ihn das Priesterkollegium, an das Mäsa viele tausend Sesterzen verteilt hatte, zur Hohenpriesterschaft der Sonne weihte, auf daß er seine nackten schlanken Knabenglieder in rituellen Tänzen vor dem Schwarzen Stein winde. Er war der Prinz, also wurde er Hoherpriester, alles vollzog sich, wie es sich vollziehen mußte und nichts Seltsames oder Verwunderliches war dabei: er war Prinz und Priester der Tempelstadt gewesen, von Kindesbeinen an. Einen Augenblick durchfuhr dies alles den Bassianus, nicht wie eine deutliche Vorstellung, nur wie ein Hauch, wie ein Duft, während der Magier, der an dem weiten Himmel kein Blut, sondern nur Ruhm und Glanz schaute, dem Knaben das Haupt emporrichtete. Sein Ehrgeiz erträumte das Höchste; doch nur um des sexuell-mystischen Rausches willen von jenem Höchsten, das er sich als irdische Vergöttlichung seiner Hohenpriesterschaft vorstellte: eine Gemeinschaft mit dem Gotte Heliogabal! Dieser Ehrgeiz wurde genährt durch die Großmutter, die auf Bassianus all ihre Hoffnung gründete, nach Rom zurückzukehren, zurück in das Palatium, zurück auf die höchste Stufe der obersten Macht. Der Knabe selbst aber sah diese oberste Macht vor allem in seiner Sonnenpriesterschaft über die gesamte Welt. »Hydaspes,« fragte Bassianus ruhiger, »ist kein Blut mehr am Himmel?« Der Magier lächelte geheimnisvoll und wehmütig. »Nein, mein Kind.« »War es eine Vision?« »Eine Vision der Wahrheit!« »Die vorüber ist ...?« »... und vielleicht noch kommen wird.« »Hydaspes, sahst du mein Blut?« »Nein ... nein!« »Warum denn solltest du es nicht gesehen haben, da du es doch sahst von so vielen, so vielen, die ...« Ihn schauderte. »... Was, mein Kind?« »Die einst Herrscher waren. Hydaspes, sage mir: lasest du in den Sternen rings um meinen Stern, daß ich einst Herrscher werden würde?« »Ja, ich las es ...« »Du sahst mich als Kaiser, als den Mäsa mich wünscht?« »Ja, Kind, ich sah dich als Kaiser!« »Ist das wahr?« »Ja!« »Warum zaudertest du, es mir zu sagen?« »Ist mein Wissen unfehlbar? Wenn ich mich täuschte ...?« »Nein, du täuschtest dich nicht«, antwortete der Knabe Bassianus beinahe wehmütig. »Ich fühle es, ich werde Kaiser, gewiß werde ich Kaiser! Wenn auch nicht heute oder morgen, so doch in drei, in sechs Monaten, in einem Jahr! Du sahst des Macrinus Blut ... Die ihn zu Fall bringen, werden mich ausrufen ... ich weiß nicht, ob ich es wünschen soll. Emesa ist mir lieber als Rom, meine Hohepriesterschaft ist mir so teuer, wie mir die Kaiserwürde niemals sein könnte. Aber ich möchte Hoherpriester der Sonne werden, für die ganze Welt. Darum allein wünsche ich mir die Herrschaft! Doch ich weiß nicht ... Hydaspes: lies weiter in den Sternen, bevor sie ganz verlöschen! Sieh, der meine neigt sich schon über dem Libanon! Lies meine Zukunft, schnell, Hydaspes!« »Kind, ich sehe die Zukunft nicht mehr; all das Blut hat mich geblendet, ich sehe nicht mehr, was kommen wird. Aber wohl ...« »Was ...?« »Wohl weiß ich, wie ich dich mir wünschte, wenn du Kaiser würdest.« »Wie wünschtest du mich, Hydaspes? Sag es mir. Bin ich nicht der Freund deines Herzens, deines Leibes, deiner Seele? Hast du mir nicht stets gesagt, du hättest nie einen Menschen, weder Weib noch Mann, so lieb gehabt wie mich, seit jener Nacht, da ich zum erstenmal die sechs Terrassen erklomm, um mit dir in den Sternen zu lesen? Ich war ein schlechter Schüler und habe nicht viel gelernt. Doch sind mir nicht die Abende hier mit dir das Lieblichste und Geheimnisvollste meiner heiligen Weihung, Hydaspes? Oft bin ich nur ein übermütiger Knabe, dann wieder bin ich Hoherpriester des Heliogabal. Doch hier, in diesem Meer der Verzückung, bin ich nur dein gehorsamer, vertrauender Freund, der an dir hängt mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele! Sag mir: Wie soll ich sein, wenn ich einmal Kaiser werde? Ich will, daß du es mir sagest. Deine Worte sollen mir Gesetz sein. Ich bin ein Kind und weiß nichts. Werde ich Kaiser, dann wird Mäsa, die Mutter, für mich herrschen wollen. Aber werde ich in Wahrheit Kaiser, dann will ich herrschen, nicht nach ihrem Willen, sondern nach den heiligen magischen Gesetzen, nach deinem ureigenen Wunsch, mein Hydaspes! Sage mir, wie wünschtest du mich, sollte ich jemals zur Herrschaft gelangen?« Der Knabe Bassianus sprach mit weicher, einschmeichelnder Stimme; zärtlich klang sie, flehte wie um Gunst mit all den weichen Lockungen der Stimme einer gefallsüchtigen Frau. Die kleinen Hände hatte er auf die Schultern des Magiers gelegt; mit seinen veilchendunklen Augen, aus denen ein seltsames Schmachten und lockender Spott sprachen und sehnsüchtiger Ernst und übermütige Torheit, eine Mischung von Sphinx und Dirne, sah er tief in die schwarzen, ekstatischen Augen des Hydaspes. Liebkosend legte er seinen Kopf an die Brust des Magiers, so daß dieser den Myrrhen- und Moschusduft der goldgepuderten Locken atmete. »Wie ich dich wünsche, mein Kind ...?« »Das große Gute tuend?« »Ja.« »Strebend nach dem Allichten?« »Ja.« »Die heilige Sonne anbetend?« »Doch vor allem das heilige Licht.« »Dessen heiliges Symbol die Sonne ist?« »Ja, aber um derentwillen wir nicht das heilige Licht vergessen dürfen.« »Unsern Lichtdienst mit mir führend durch das ganze Reich, bis nach Rom?« »Ja.« »Allen kaiserlichen Einfluß aufbietend, um den Dienst des Lichtes zu verbreiten unter allen Völkern, die Rom zugehören?« »Ja ... ja.« »So, Hydaspes – so muß ich sein, sollte ich zur Herrschaft gelangen?« »So, Bassianus, in den Offenbarungen deines Lebens, aber mehr noch und anders in der heiligen Stille deiner Seele. Höre, mein Kind ... wir streben zurück zum Licht, aus dem unsere Seele wie ein Funke hinausgeschleudert ward in die Weite der Ewigkeit, bis sie in immer tiefere Erniedrigung versank und zu einer unreinen Flamme ward und zu einer Seele aus Gold sich verdichtete. Denn Gold ist das Körper gewordene Licht und im Golde harrt die Seele, erniedrigt, des Lichts. Darum ist das Gold das weltliche Symbol von Macht und Glanz, von Hoheit und Reichtum. Unsere Seele strebt zu ihrem Ursprung zurück, zum Licht ... unbewußt bei jenen, die nicht verstehen, bewußt und immer mehr bewußt bei jenen, mein Kind, die eingeweiht wurden und verstehen.« »Hydaspes, strebt meine Seele bewußt? Lehre du mich ...« »Sammle all deine Gedanken, ziehe sie ab von der Welt und richte sie gleich einem Strahlenbündel ...« »Auf die Sonne?« »Auf das Licht!« »Die Sonne ist das Licht?« »Nur das Symbol seiner Heiligkeit. Laß deine Seele von diesem Symbol durchleuchten.« »Ich will versuchen, alle Gedanken von der Welt loszulösen, um sie wie ein Strahlenbündel zu richten ... auf ...« »Das Licht.« Der Knabe schloß die Augen, als versuche er es. »Aber nicht nur von der Welt, auch von dir selber, Bassianus, mußt du alle deine Gedanken loslösen ...« »Von mir selber?« »Von dir selber ... Vergessen, wer du bist ...« »Selbst wenn ich Kaiser bin?« »Selbst dann ... und gerade dann ... Vergessen, wer du bist, vergessen, was du bist, und zurückstreben zum Ursprung des Lichtes, das Gott selbst war.« »Das Unaussprechliche ...?« »Ja.« »Der unaussprechliche Gott ...« »Ja, er selber ! ... Vergessen, daß du Kaiser bist.« »Wer ich bin ...« »Was du bist, und zurückstreben von Wandlung zu Wandlung, bis zum Ureins, das urheilig und geschlechtslos war; bevor es, in unergründlichem Geheimnis, die Geburt ersann und die Schöpfung und beide Geschlechter in sich barg.« »Das Ureins ...?« »Das, urheilig und einst geschlechtslos, Schöpfung und Geburt ersann und Mann ward und Weib zu gleicher Zeit im mann-weiblichen Licht. Das Licht befruchtete sich selber: seine Gott-Männlichkeit umarmte in urerster Liebe seine eigene Gott-Jungfräulichkeit. Götter wurden geboren, in einem Meer von Sonnen und Sternen, und es entstand die Harmonie.« »Und ist in den höchsten Sphären allzeit erhalten geblieben?« »In den Sphären der Götter. Erst in der menschlichen Sphäre wurde sie zerstört. Die Menschen sind Kinder der Götter, erniedrigt zu geheimer Buße: niemand weiß, warum und um welcher Sünde willen ...« »Die Sünde ist das Geheimnis?« »Ja.« »Niemand weiß, was Sünde ist?« »Nein, mein Kind.« »Aber sie ist ? ..« »So lehrte ich es dich.« »Ich habe es nicht vergessen ... Ich möchte gern, daß du mir das Geheimnis enthülltest, warum der Stein zu strahlen beginnt im heiligsten Augenblick des Dienstes!« »Laß das, mein Kind«, sagte der Magier ungeduldig. »Das ist ein Geheimnis, fast ohne Wert...« »Enthülle es mir.« »Ich sage dir tiefere Geheimnisse ... schweife nicht ab. Du willst wissen, wie ich dich im stillen Geheimnis deiner Seele wünschte, so du Kaiser würdest?« »Ja.« »Ich wünsche, du strebtest zurück zum Ureins, das geschlechtslos war. Aber um zu werden wie das geschlechtslose Licht, muß die auserkorene Seele erst zurückstreben zu seiner menschlichen Form: der Form des doppelgeschlechtlichen Wesens, muß die auserkorene Seele zurückstreben zu der androgynen Seele ...« »So geartet war unser aller Vater?« »Adam ...« »Adam-Heva.« »Ja, so war er ... als er im Paradies wohnte, am Euphrat... Adam-Heva war er, unser Vater, Mann-Jungfrau, doppelgeschlechtlich und zwei-einig ... Doch wie das geschlechtslose Licht sich in sich selber zu Mann und Weib teilte, so teilte – ein unergründliches Geheimnis des Geschehens! – Adam-Heva sich in heftigem Schmerz über sein Wesen in zwei Formen: in Adam, in Heva.« »In Mann und Weib ...« »In Mann und Weib ... Bevor er sich teilte, vergeudete er – denn es war ihm nicht gegeben, sich zu befruchten, wie das Licht sich selber befruchtet hatte – in schmerzlichen Träumen unerfüllbaren Verlangens allnächtlich die Kraft seines Wesens und auf die vergeudete Kraft stürzten sich die dämonischen Larven, die uns allzeit gespenstisch umringen, uns, die Nachkommenschaft von Mann und Weib. Aber die auserkorenen Seelen streben zurück zu der Form der Doppelgeschlechtlichkeit. Zu der androgynen Form.« »Des Zwei-Einigen ...« »Des Zwei-Einigen... O Bassianus, möchtest du doch eine auserkorene Seele sein! Viele schon schaute ich, doch keinen, bei dem ich mit solcher Gewißheit dachte, ja beinahe wußte: er ist die auserkorene Seele! Denn sie muß ernst sein und lebensfroh zugleich, eine Seele voll Frömmigkeit und Liebe, eine Seele voll Verzückung und Wollust, eine Seele voll verstehender Weisheit und kindlichen Frohsinns; so ward der Auserkorene geweissagt: mit einem Körper gleich einem kostbaren Gefäß voll Schönheit, mit schlanken Epheben-Gliedern, doch runden Schultern und Brüsten, mit schmalen Leisten und breiten Hüften, mit kräftigen Beinen, doch leicht einherschwebenden Füßen, die Züge schön geschnitten und makellos, der Mund schmachtend und die Augen schon in dem ersehnten Licht erstrahlend. Bassianus, mein Bassianus, bist nicht du so? Nicht zu weiblich, nicht zu männlich, beide Geschlechter im Gleichmaß, verschmolzen zu vollkommener Harmonie?« »Ja, ja, so bin ich, Hydaspes! Sicherlich bin ich die auserkorene Seele! Ich werde beides sein, Mann und Weib, und ich werde ... ich werde ... Doch, Hydaspes, enthülle mir jetzt auch noch das Geheimnis des Steines, der zu strahlen beginnt ...« »Kind, das ist eine Naturmacht, die wir anzuwenden wissen, um den Stein, das Phallossymbol, das Symbol der Männlichkeit, dem Volk eindrucksvoller zu gestalten. Was tut es, mein Kind? Es ist kein wertvolles Geheimnis, es bringt uns dem Lichte nicht näher. Bassianus, bist du die auserkorene Seele ...?« »Ja, Hydaspes, ja!« »So strebe dem Licht entgegen, mein Kind.« »Durch die Form der Zwei-Einigkeit?« »Strebe, strebe!« »Ich will dahin streben, Hydaspes, ich muß es erreichen, ich will es erreichen! In der Verzückung dieser Nacht fühle ich, weiß ich, daß ich es erreichen werde! Ich werde der Zwei-Einige sein! Ich flamme zurück zum Licht!« Es war, als öffne sich der Himmel, als offenbare er den Berg des Lichtes, auf dem Heliogabal wohnt.   Doch hinter dem Libanon dämmerte es rosenfarben. Die Sterne verglühten einer nach dem andern. Der Mond ward bleicher und verging schemenhaft. Draußen vor der Pforte schlief Narr. Bassianus schreckte ihn mit einem kräftigen Schlag auf. Noch schlaftrunken, griff der Mohr nach der ausgebrannten Fackel. »Vorwärts, Narr, vorwärts!« rief Bassianus und zog den Zipfel des hyazinthfarbenen Mantels fester um die Schultern. Der Fackelträger ging vor ihm her, durch den im morgendlichen Licht dämmernden Zitronenhain. Plötzlich sprang Bassianus ihm auf den Rücken. »Vorwärts, Narr, trage mich!« Der Sklave faßte seinen Herrn vorsichtig bei den Fußknöcheln und Bassianus hing ihm über den Rücken; mit beiden Armen umklammerte er Narrs Nacken, so daß der Sklave beinah erstickte in der enger und enger werdenden Umarmung. Es war noch ein letztes Spiel. Sie erreichten den Tempel, in der Apadana sprang Bassianus ab, warf Narr seinen Mantel über den Kopf und verknotete die Enden. Der Mohr zerrte und zerrte. Er befreite sich wie aus einer Schlinge und sah seinen jungen Herrn kichernd zwischen den im Morgengrau dämmernden Säulen hinter einem Vorhang verschwinden. Tempelsklaven, die bereits an ihr Tagewerk gingen, kamen erstaunt zum Vorschein. Doch Narr gab keinerlei Auskunft, warf den Mantel über den Arm und eilte hinter seinem Herrn her, nach dem hohenpriesterlichen Hof. Dort herrschte noch die Ruhe des letzten Schlafes; doch hörte Narr Mäsas Stimme und verkroch sich ängstlich. »Aber, Bassianus, so spät heimzukommen! Ich habe die ganze Nacht auf dich gewartet. Was hat Hydaspes gelesen in den Sternen?« Narr hörte, wie Bassianus sehr laut gähnte und sagte, er wolle noch schlafen. Die alte Frau schlich hastig in ihre Gemächer zurück. Sobald Mäsa verschwunden war, kam der Mohr wieder zum Vorschein, lüftete den Vorhang zum Schlafgemach und trat ein. Bassianus war schon in Schlaf gefallen ...   In der opalleuchtenden Morgenklarheit, die sich in dem vergoldeten Gemach den braun-goldenen Schatten gesellte, lag der Knabe Bassianus nackt und weiß auf dem gelbseidenen Lager, bäuchlings, den Kopf auf den gebeugten Armen, und schlief, nach Ernst und Spiel, fest und ruhig. Über den geheimnisvollen Augen lagen die ovalen Lider, bläulich umrandete Muscheln, geschlossen, schon drang sein Atem wie ein Rauschen aus den tiefsten Tiefen des Schlummers. Weiß und nackt gleich Hermaphroditos ruhte Bassianus in tiefstem Schlaf. Narr setzte sich auf den Boden, lehnte sich gegen das Lager und während er in Schlaf fiel, sank sein schwarzer Krauskopf auf den Fuß seines jugendlichen Herrn. Noch im Halbschlummer küßte der Mohr diesen Fuß. Draußen im Lupanar begann das Leben zu erwachen. Unter einer niedrigen Tür erschien in einer Umrahmung blauer Winden ein Tempelmädchen, matt und schwerfällig. Unter ihren Brüsten trug sie einen blauen Stofflappen; er hing schwer an ihr herab, wie von Wasser triefend. Sie reckte die Arme hoch und weit, müde von der Nacht ... Zu ihren Füßen schleifte ein Pfau seinen tausendäugigen Schweif und während sie gähnte, stieß der Vogel seinen kurzen schrillen Schrei aus. Zweites Kapitel Das Leben erwachte. Aus den niedrigen Türen des Lupanars traten die Frauen, eine nach der andern, begrüßten sich, erzählten einander die Erlebnisse der Nacht. Durch die offenen Gitterfenster wurden im Innern einige sichtbar, die sich bereit machten für den Dienst, für das Opferfest, für den Tanz. Sie wurden geschminkt, während Sklavinnen ihnen die Schuhe mit kreuzweis geschlungenen Bändern, die bis unter das Knie reichten, um die Waden befestigten. Wohlgerüche von gebrannten Narden übertäubten den schwülen Duft des Rosenöls. Draußen, im Peristyl, bereiteten Sklavinnen Salben und Wohlgerüche. Sie tauchten Mohn in Wasser, um das Rot für die Lippen zu gewinnen; Gerste und Eier vermengten sie mit Hirschhorn, das im Frühling abgefallen war; sie zerstampften Narzissenzwiebeln in Honig und Gummi; sie rieben Iris aus Illyrien mit Bleiweiß und Salpeter rot; sie siebten den Schleim, mit dem der Eisvogel sein Nest bereitet, und der, leicht aufgelegt, der Haut ein leuchtendes Weiß verleiht. Aus den offenen Krügen qualmten die starken Düfte, über denen schon die Fliegen schwärmten; die Zitronenblüten, einsternige Kelche, dufteten schwer. Gegenüber dem Lupanar waren die Portikusgebäude der Sonnenpriester gelegen. Auch diese erschienen, die meisten schon in weitärmliger, schleppender Samara, die Mitra auf dem lockigen Haar. Es waren meist Jünglinge, fast noch Knaben, und beinahe ausschließlich von edler Herkunft. Dem Lupanar schenkten sie keinen Blick. Doch die Dirnen, von ihnen getrennt durch die blühenden Gebüsche der Haine, wiesen durch das Laub hindurch mit Fingern auf sie, nannten kichernd und flüsternd ihre Namen, zugleich mit Frauennamen. Lämmer blökten. Sie kamen daher, ein rahmfarbenes Gewimmel wolliger Tierrücken, dicht aneinander gedrängt, vom Stab der Hirten vorwärts getrieben. Böcke folgten: die Schlachtopfer für das Fest. Sie wurden zu Käfigen getrieben, die hinter dem dachlosen Allerheiligsten lagen, dort, wo der Schwarze Stein angebetet ward. Sklavinnen gingen geschäftig umher; sie trugen gelbe und hyazinthfarbene Stoffe auf den Armen, kleine Truhen gegen die Brust gedrückt, auf den Schultern langhalsige Krüge. Ein Stimmenrauschen erhob sich und dazwischen hörte man das Blöken der Lämmer und Böcke und den Schrei der Pfauen, vieler, vieler Pfauen. Indessen wandelten die jungen Priester langsam und nachdenklich einher, voller Verachtung für all jene Frauen: Tänzerinnen, Zimbelschlägerinnen, Flöten- und Sistrenspielerinnen, die zwar wenig geachtet, doch viel gesucht waren – nicht von ihnen – doch von den Männern aus der Stadt und von den Soldaten der phönizischen und syrischen Legionen.   Eine alte Negerin kam angetrippelt. Sie trug ein rot und gelb gestreiftes Hemd, das über der welken Brust geöffnet war. Ungeduldig klatschte sie in die Hände und rief mit einem maurischen Akzent, den die Weiber belächelten: »He, he, hierher, Statira, Livilla, Myrrha, Xylitta!« Sie rief noch viele. Sie kamen hastig, denn die Negerin Vasthi, die Oberste der Ankleiderinnen Seiner Heiligkeit, klatschte immer weiter in die Hände. Sie kamen: ein Schwarm von nackten Frauen; Tänzerinnen und Ankleiderinnen. Alle waren geschminkt, trugen kunstvollen Haarbau und syrische Schuhe mit drei Kameen übereinander, die die kreuzweise geschlungenen Beinbänder hielten. Sie waren ausgewählt um ihrer Schönheit willen und Vasthi musterte sie vom Kopf bis zu den Füßen, so daß sie verlegen kicherten und sich hintereinander verbargen. »Livilla, scher dich in deine Kammer zurück!« befahl die Negerin. »Warum?« »Dein Haar sitzt schief, deine Brauen sind schlecht gemalt und du bist bleich, deine Augen sind dunkel umschattet vom nächtlichen Dienst.« Livilla begann zu weinen, schmollte mit feuerroten Lippen. Doch sie blieb. »Xylitta, höher die Schnalle unter deinem rechten Knie!« Xylitta beugte sich nieder und zupfte an der Kamee. Statira mußte ihr helfen. »In deine Kammer, Livilla!« rief die alte Negerin befehlend. »Ich bediene den rechten Schuh Seiner Hoheit!« warf Livilla ein. »Sorge erst, daß du besser aussiehst.« Das Mädchen zuckte mit Arm und Schulter; es ging in seine Kammer zurück. »Vorwärts!« rief die Negerin den andern zu. Sie folgten ihr in Reih' und Glied, beinahe soldatenmäßig, und wiegten sich in den Hüften, doch sie kicherten nicht mehr, sie waren ernst geworden. Die Mädchen folgten Vasthi in das Peristyl des hohenpriesterlichen Hofes. Dort warteten sie, während die Negerin voranging und Narr heranwinkte, der draußen saß und träumerisch auf drei Krokodile starrte. Der Mohr stand auf, blickte nach dem Vorhang, der des Bassianus Gemach verhüllte, und schlug ihn zurück. Der Knabe Bassianus war soeben erwacht. Er hatte sich nicht geregt; lag noch da gleich Hermaphroditos. Vasthi erschien in der Tür. Sie streckte die Hände empor und verneigte sich possierlich. »Eure Herrlichkeit, die Ankleiderinnen!« Bassianus lächelte, Spott blitzte in den Winkeln seiner zweideutigen, halb zugekniffenen Augen, seine Lippen zogen sich noch fester zusammen, wie zu einem Kuß. »Gut, Vasthi, rufe die Mütter!« Die Negerin verneigte sich zum zweitenmal, trat hinaus und gebot Statira, der gnädigen Semiamira und der ehrwürdigen Mäsa Meldung zu erstatten. Dann winkte sie den anderen Frauen. Hinter ihr, in Reih' und Glied, traten diese ein und standen schweigend da. »Ist es denn wirklich schon so spät?« fragte Bassianus. Er gähnte. Der Mohr kam und meldete, das Bad sei bereitet. Das Bad, ein rotes Marmorbecken in der Mitte des angrenzenden Gemaches, war ein Springquell. Vier Delphine spieen Wasser, eiskalt, kalt, lauwarm und heiß. Narr öffnete die Hähne und Bassianus, weiß und anmutig gleich Bacchus, beugte seinen Rücken abwechselnd unter die Strahlen. Das Becken füllte sich. An der Hand der Negerin tauchte er unter, tummelte sich, lachte und bespritzte sie mit Wasser. Sie streifte die Ärmel empor, hüllte ihn ganz in rauhe Tücher, mit denen sie ihn abrieb. Er hatte sich auf einen Schemel gesetzt und Narr strich ihm mit einem runden Bimsstein über die Schenkel. »Deborah!« rief Vasthi. »Glätte die Nägel Seiner Sonnengöttlichkeit!« In ihrer Verehrung häufte sie die bizarrsten Titel und ersann für Bassianus immer prunkvollere Namen. Deborah kniete nieder und nahm ihres kleinen Herrn Fuß in den Schoß, einen Fuß mit sehr hohem Spann, geschweifter Sohle und fehlerlos geformten Zehen. Er kitzelte sie an den Knien; sie tat, als merke sie nichts, und glättete sorgfältig die Fußnägel, bis sie glänzten. Im Schlafgemach entstand Bewegung; eine Unruhe erhob sich, weil die alte Mäsa und Semiamira, noch ungeschmückt, mit ihren Frauen eingetreten waren, um der Zeremonie des Ankleidens beizuwohnen. Erregte Stimmen riefen durcheinander, weil es schon spät war. Mäsa sagte, sie habe verboten, daß man Bassianus früher wecke, Semiamira erklärte, er könne zur heiligen, rituellen Stunde unmöglich bereit sein. Die Sklavinnen summten durcheinander, obwohl ihnen Schweigen geboten war, und die Erregung wuchs, weil Bassianus noch immer nicht aus dem Bade kam. Er ließ sich von Narr über und über mit Bimsstein reiben, Deborah mußte ihm wieder und wieder die Fußnägel glätten, Vasthi zog ihm mit kleinen Zangen sorgfältig die einzelnen Härchen aus und rieb die schmerzende Oberhaut sogleich mit ihren geschmeidigen Fingern, die sie in einen rosigen Schaum getaucht hatte. »Bassianus!« rief Semiamira. »Bassianus!« rief Mäsa. »Ich komme ...« Er kam, den weißen Leib vom Bade rosig überhaucht, stieß die dienenden Frauen nach links und nach rechts, so daß sie strauchelten – eine stürzte – und ließ sich wie ein übermütiges Kind auf den Stuhl vor dem Spiegeltisch fallen. Schon hatte Statira die Eisen gewärmt. Keine verstand es wie sie, das Haar zu locken, luftig, weich und ohne zu sengen. Sie legte vier Locken an jede Schläfe; die Locken im Nacken krauste sie voller und runder; sie fielen bis über die Schultern. Das war eine sehr wichtige Prozedur, und alle schauten zu. Als Statira darauf die Locken mit leichtem Goldstaub bestreut hatte, so daß sie ganz vergoldet schienen, sagte Semiamira: »Jetzt muß ich mich ankleiden.« Sie ging mit ihren Sklavinnen; die alte Mäsa blieb. Doch an der Tür des Peristyls lärmten keifende Stimmen, denn Livilla kam zurück und Vasthi, noch unzufrieden, rief heiser und gedämpft: »Dein Haar sitzt noch immer schief! Zurück in deine Kammer!« »Ich?« entgegnete Livilla entrüstet. »Ich bediene den rechten Schuh unseres Herrn. Ich in meine Kammer zurück? Wie kann er tanzen, ohne daß ich ihm den Schuh binde und löse?« »Deborah wird den rechten Schuh bedienen.« »Deborah?« rief die Dirne eifersüchtig. »Kann die es besser als ich? Nein, mir, mir hat man es anvertraut!« Mäsa fragte, was es gäbe, und Vasthi klagte, Livilla sei schamlos und sehe aus wie eine aus der Subura. Der Knabe Bassianus rief: »Livilla!« »Herrchen?« Sie stürzte herbei, kniete nieder. »Livilla, hab acht, daß du die Bänder sorgfältig verschnürst. Wenn du dich versiehst, lasse ich dir die Haut abziehen«, sagte Bassianus, während ihn Statira unter den Augen schminkte, stets mit ihrem selbstbewußten Lächeln, ohne das leiseste Zittern ihrer Finger, die den Antimoniumstift führten. Vasthi wagte nichts mehr zu sagen, Livilla triumphierte. Inzwischen bemühten sich die Frauen um Bassianus, größtenteils um heimlich zu erspähen, wie Statira so geschickt und sicher Bassianus das Gesicht schminkte, das sie gänzlich belegt hatte mit einem weißen Schmelz aus Eisvogelschleim, bevor sie die Wangen anrötete. Allein die alte Mäsa war nicht zufrieden. »Es ist zu viel!« rief sie aus, »viel zu viel! Statira! Sieh doch, Vasthi, es ist zu viel! Soll ein frischer, schöner Knabe wie Bassianus sich schminken lassen wie eine alte Hure?« Doch Bassianus hatte sich wieder und wieder in all den Spiegeln betrachtet, die ihm die Frauen knieend mit hoch erhobenen Händen reichten. »Nein, Großmutter, es ist nicht zu viel«, rief er ungeduldig aus und stampfte mit dem Fuß, der noch lose in einer Sandale steckte. »Bedenke doch, du siehst mich hier ganz in der Nähe. Es ist nicht zu viel! Die Apadana ist beinahe ganz dunkel und die Sonne strömt zur heiligen Stunde grell in das dachlose Allerheiligste. Wenn ich tanze, tanze ich ganz in der Sonne. Man sieht mich also aus dem Dunkel im vollen Licht. Statira versteht ihre Sache; denn wenn sie mir nicht so viel Email auflegt, wie sie es tut, habe ich kein Gesicht und erscheine als ein verschwommener Fleck. Bedenke doch, wie ungeheuer die Entfernung ist!« »Aber Kind, deine Haut verdirbt unter der dicken Schicht.« Bassianus zuckte die Achseln. »Mit dieser Salbe«, sagte Vasthi, indem sie auf einen kleinen Krug zeigte, »entferne ich die ganze Schicht sogleich nach dem Tanze.« Ein wirres Gemurmel der Frauen gab Mäsa, wenngleich sehr ehrfurchtsvoll, zu verstehen, daß sie im Irrtum sei, und so mußte sie es denn geschehen lassen, daß Statira den Körper des Bassianus, der aufgestanden war, von oben bis unten mit einer flüssigen Salbe bestrich, die sofort trocknete und dann silbern leuchtete. Die Frauen schauten ängstlich zu, denn einmal war eine Ankleiderin zu Tode gepeitscht worden, weil sie die Salbe nicht kunstgerecht aufgelegt hatte. Doch mit fest geschlossenen Lippen, die selbstgenügsam lächelten, trug Statira stolz und sicher die Salbe mit langen Strichen ihrer Bürste vom Nacken bis zu den Füßen auf, und so leicht war ihre Hand, daß nicht ein einziger Streifen zu entdecken war. Nur als Bassianus, den die Bürste zwischen den Schenkeln kitzelte, eine plötzliche Bewegung machte und sich kichernd schüttelte, hielt sie inne und hob erschreckt die Hand mit der Bürste empor. Sie erbleichte. Allein es war nichts verdorben und sie wiederholte den Strich. Der Knabe stand perlenweiß da, traumhaft silbern leuchtend. Selbst Aphrodite, die Schaumgeborene, konnte nicht strahlender gewesen sein und auch Mäsa war zufrieden. Doch nun begann unter den Frauen eine lebhaftere Erregung zu zittern, denn Bassianus mußte jetzt beschuht werden und das war das Allerwichtigste für den Dienst und den Tanz. Da während des Hohenpriestertanzes um den Stein vor dem allerheiligsten Augenblick, in dem das Mysterium sich vollzog, der Ritus es vorschrieb, daß zwei Frauen dem Hohenpriester, indes er sich wand und drehte, die langen Bänder des Schuhwerks lösten, um sie dann wieder im gleichen Rhythmus zu schlingen und die drei Spangen zu befestigen, mußten die Tempelmädchen, denen diese Ehre zuteil ward, ihrer Sache sehr sicher sein, mußte im Ankleideraum des Hohenpriesters eine jede den Schuh, den sie zu bedienen hatte, selbst befestigen und durfte sich auch nicht im Allergeringsten irren in der Art, wie sie die Bänder bis unter das Knie schlang. Livilla bediente den rechten Schuh, Xylitta den linken. Während Mäsa und all die Frauen ringsumher zuschauten, beschuhten die Mädchen Bassianus, der, von einem leisen Summen der Mädchen begleitet, flüchtig den Tanzschritt andeutete. Eine begleitete mit der Flöte, eine andere mit der Trommel, damit die Bewegungen der beiden vor Spannung bleichen Ankleiderinnen im Zeitmaß zusammenstimmten. Livilla irrte sich, schlang ein Band nach oben, das sie hätte unten herum führen müssen, und Bassianus wurde rasend, stampfte mit dem Fuß und stieß sie mit der Faust vor die Brust. Doch sie machte es noch einmal und besser. Nochmals und abermals wurden die Schuhbänder geschlungen und die Kameeschnallen befestigt. Das mußte mit einer einzigen Bewegung geschehen, sollte der Tanz nicht entheiligt werden. »Es wird schon gehen, Eure Sonnenherrlichkeit«, sagte Vasthi, deren wulstige Lippen in nervöser Angst zitterten.   Draußen dröhnten Gongschläge, erst hoch, dann tief, erst schrill, dann dumpf; sie riefen die Gläubigen in den Tempel. Die Menge strömte schon bei den Pforten zusammen, um gute Plätze ganz vorn zu erobern, und bis in die hohenpriesterlichen Gebäude und den Frauenhof, der von einer Wache römischer Velites umringt war, die ihn gegen etwaige Neugierige abschloß, drang das Gelächter und der freudige Jubel, denn diese alle drei Monate sich wiederholende Zeremonie bedeutete ein hohes Fest. Der Lärm der Gongs spornte die Mädchen in den Peristylen zur Eile an. Sie begannen sich zu versammeln. Auch die Sonnenpriester kamen schon und die grauenerweckenden Magier; alle warteten auf Bassianus und warfen verstohlene Blicke in sein Gemach, während er selbst ganz ruhig blieb und lächelte. Im übrigen war er jetzt, da er beschuht war, so gut wie fertig; nur noch die schwere Goldplättchenschnur wurde ihm über die Brust und der Goldplättchengürtel um die Lenden gelegt. In jedes Plättchen war ein hellroter Karfunkelphallos als Symbol eingelassen. Da der Hohepriester während des Dienstes vor dem Tanz das geschlechtslose Licht symbolisierte, zog sich der Gürtel von der Mitte des Körpers an den Leisten entlang und eine runde Muschel aus Karfunkelstein verhüllte das Geschlecht. Geschlechtslos und nackt stand Bassianus da, beschuht, gegürtet und mit der Halsschnur angetan. Jetzt setzte er sich selbst die Mitra auf und vier Frauen brachten den wallenden, weitärmeligen Mantel und legten ihn vorsichtig um seine Schultern. Er stieß einen leichten Schrei aus: der Mantel war so schwer, daß er glaubte, unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Doch wie in Ekstase sagte er aufstöhnend: »Je schwerer mein Mantel auf mir lastet, um so glückseliger fühle ich mich!« Aus diesen Worten sprach eine so seltsame Wollust, daß die Dirnen ringsum ihn beinahe ängstlich anstarrten und mystisch erschauernd bedachten, daß Seine Heiligkeit göttliche Lust empfinde, die ihnen nie geoffenbart würde. Jetzt stand Bassianus da in seinem Glockenmantel aus Gold und Edelgestein: starr stand die reichbestickte, schwere syrische Doppelseide ab und der gemmenbesetzte Saum richtete sich aufrecht vom Boden empor. Draußen dröhnten die Gongs. Die ungeheuren kupfernen Becken, regelmäßig und rhythmisch mit schweren Klöppeln geschlagen, durchhauten hell und gedämpft, hoch und tief die Gärten; hin und her schwang das Echo zwischen den Gebäudereihen, deren schwere Massen die Klänge auffingen und wieder zurückwarfen, bis sie zwischen den Rosenbüschen und Zitronenhainen erstarben. So gewaltig war der Schall, daß die Rosen schwingend erzitterten und die wohlriechenden Flammen, die von Sklaven unter Aufsicht der Turiferi im Peristyl in Lampen und Rauchfässern entzündet wurden, aufflackerten; daß ein einziger Jubel die Sinne und Seelen aller, die an diesem glorreichen Morgen lebten, erbeben ließ. Die Gongs jubelten und jubelnd drängte die Menge auf dem staubigen Wege dem Tempel zu. Die ganze Atmosphäre hallte wider vom Jubel und zitterte fast qualvoll in sinnlicher Erwartung. Nur die Sonnenpriester, die jetzt alle im Peristyl um die Magier versammelt waren, blieben gelassen und lächelten geringschätzig. Die meisten waren dem Knabenalter noch nicht entwachsen; sie trugen alle die Mitra, ließen ihre lange Samara nachlässig über den Mosaikboden schleifen und warteten auf Bassianus. Als Mäsa inmitten ihrer Sklavinnen die hohenpriesterlichen Gemächer verließ – noch ungeschmückt, in weißer Palla, nach dem Frauenhof hastend, um schleunigst das Festgewand anzulegen – wichen alle unterwürfig zur Seite: die Magier, die Sonnenpriester sammelten sich und begrüßten sie mit kriechender Demut. Sie hastete so, daß sie den Gruß nicht einmal erwiderte. Auf der Schwelle zum Frauenhof erschien Semiamira in goldener Chlamys, das Haar halb nach römischer, halb nach assyrischer Art getürmt und azurblau gepudert. An ihrer Tochter vorüber eilte die alte Mäsa und rief dieser zu, sie möchte sich bereit machen. Stimmen durchbrausten das Peristyl und schneller dröhnten die Gongschläge durch- und gegeneinander. Es war, als berste all dieser Lärm, als wirble er in Atomen in Luft und Sonnenschein umher. Ein Schwarm von Flötenbläserinnen, Harfenspielerinnen, Tamburin- und Zimbelschlägerinnen kam herbei, nackt, doch mit gelocktem Haar, beschuht und geschminkt. Sie wurden von Eunuchen geleitet. Andere Eunuchen, die Zeremonienmeister, ersuchten die Sonnenpriester, sich aufzustellen; Nomenklatoren riefen Namen und Nummern aus. Ein Trupp Sklaven eilte herbei, beinahe zu spät, von Aufsehern vorwärts getrieben. Auf der Schwelle des hohenpriesterlichen Hofes erschien, von seinem Gefolge umringt, Bassianus, ernst wie ein Gott, starr umstrahlt von seinem Priestermantel, der ihn ganz verbarg. Nur sein göttergleiches Antlitz, unter der hohen Mitra golden umlockt, war über dieser leuchtenden Mantel- Glocke sichtbar. Die Priester vom Dienst, aufgerufen von den Nomenklatoren und von Eunuchen geleitet, eilten auf ihn zu. Die Gongschläge umdröhnten den Tempel und über ganz Emesa schleuderten sie die millionen Klänge ihres unwiderstehlichen Rufes. Drittes Kapitel An den hohen Kaktushecken entlang, die die Tempelgärten mit ihren stachligen Blättern umrahmten, strömte die Menge von links und von rechts herzu, und mit dem lichten Zittern der widerhallenden Gongschläge mengte sich der feine Staub, der von den tausend Sandalen aufgewirbelt wurde und glitzernd wieder herabfiel. Anstürmend mit einem Getöse wie Meeresbrausen, überdröhnt von den donnernden Gongs, flutete die Menge sturmgleich von links und von rechts durch die Tempelpforte in die Gärten hinein. Der breite Weg nach dem Tempel war besetzt von der städtischen Kohorte, unter Befehl des städtischen Tribunen. Die Seitenpforten waren alle weit geöffnet und dem Aufgebot der Berittenen und der Aufsicht der städtischen Kohorte zum Trotz strömte die Menge in stets anschwellender Flut in die Apadana hinein. Von überall her waren sie gekommen, von Damaskus, von Tyrus, von Sidon, von Heliopolis, von Palmyra, sogar von Jerusalem. Sie hatten nicht nur alle Herbergen in Emesa überfüllt, sondern sich in dieser sternklaren Nacht der Erwartung auch überall gelagert, wo nur eine Treppe, eine Stufe, ein Stein zu finden war, wenn sie nicht gar im mondbetauten Gras geschlafen hatten. Als die ersten Gongschläge dröhnten und die Menge in den Tempel Heliogabals riefen, war sie zusammengeströmt über den weißbestaubten Weg, in fieberhafter Spannung, in heißer Erregung, so wie die Menge zu jedem Schauspiel zu eilen pflegt, zu jeder Darstellung, zu jedem Aufzuge, allein noch toller, noch erregter, noch fieberhafter, aus frommer Verehrung für den Sonnengott, dessen Hohenpriester, den jungen Bassianus, sie um den Schwarzen Stein tanzen sehen wollte. Die Kunde von der göttlichen Anmut des Bassianus war nach jedem dreimonatlichen Opferfest weithin gedrungen und der Tag des großen Dienstes und des Tanzes war zu einem Sonnenfest voll jubelnder Begeisterung geworden, neben dem selbst die großen Festtage in den Tempeln zu Heliopolis verblaßten und ihr Ansehen verloren. Die den Hohenpriester gesehen hatten, gingen wieder, die ihn nicht gesehen hatten, mußten dem unwiderstehlichen Verlangen, ihn einmal zu sehen, nachgeben, ja es gab Arme, die tagelang hungerten, um einige Drachmen als Reisegeld zurückzulegen. Am Tage des Tanzes ging ein jeder nach Emesa, der nicht lahm, blind oder krank war. Vornehme Männer kamen mit Kamelen und Scharen von Sklaven, Betagte auf Krücken, Mütter schleppten ihre Kinder mit; Hunderte von Bettlern begleiteten die Menge und Taschendiebe machten reiche Beute. Die Menge strömte in die Apadana hinein. Leicht bewaffnete Velites bildeten eine breite Kette quer durch die Mitte der Apadana, indem sie zwischen den Säulen ihre langen Speere in Brusthöhe horizontal ausgestreckt hielten, von dem freigelassenen Haupteingang bis zu den Treppen des Allerheiligsten. Schwere Vorhänge, die wie in bronzenen Falten herabhingen, entzogen dieses den Augen der Menge, die unaufhaltsam dichter herandrängte. Eine Bande von fünf, sechs Gladiatoren bahnten sich mit ihren breiten Schultern, ihrer gewölbten Brust und ihren muskelstarken Armen brutal einen Weg, mitten durch die bunte scheltende Menge, die mit Füßen gestoßen und erbarmungslos aneinander gepreßt ward. Zusammengeschlossen stürmte die Bande vorwärts und der Vorderste, ein Mirmillo und Germane, rief seinen Gefährten laut zu: »Vorwärts, vorwärts, noch dichter anschließen!« Die anderen folgten dem Germanen, brutal lachend. Aber noch mehr wurde die Menge gedrängt und gepreßt, als ein Trupp römischer Legionäre hereinströmte. Frauen schrien und kreischten. Dolche wurden gezückt. Der Gladiatorenbande folgte ein Inder dicht auf den Fersen. Er war nackt, leicht gebräunt, hatte ein Tuch um die Lenden gegürtet und einen weißen Turban um den Kopf gewunden. Hager und schlank, doch anmutig, hielt er mit den Gladiatoren gleichen Schritt, ließ sie den Weg bahnen und ging mit ihnen, drängte nach vorn, hinter ihnen her und gewann so einen immer besseren Platz. Jetzt hatte er sich mit schlauem Lächeln bis in die Mitte ihrer muskelstarken Gruppe zu drängen gewußt und stand da, von ihrer Stärke beschützt und behütet; seine Lippen lächelten, seine Augen lächelten, während er auf den bronzeschweren Vorhang starrte. »He, Freundchen, was bedeutet das?« fragte der Germane. »Ihr seid stark und ich bin schwach,« antwortete der Inder mit einem schmeichelnden fremdenTonfall in seinem singenden Syrisch. »Der Schwache sucht Schutz bei dem Starken. Aus dem Park bin ich hinter euch hergekommen. Hier haben wir einen recht guten Platz, um den Tanz Seiner Heiligkeit zu sehen.« Er sprach förmlich und höflich, mit leiser Stimme, unaufhörlich lächelnd, denn er fühlte sich in der Gruppe der Gladiatoren, an die er sich immer dichter anschloß, sicher und geborgen. Der Rücken des Germanen drückte gegen seine Brust; links und rechts preßten ihn zwei schwere Gallier, hinten drängten zwei Netzfechter und ein Tierkämpfer, und er ließ sich pressen und drängen, eingeklemmt von diesen Prachtkörpern, diesen Muskelmassen, die ihm entgegenschwollen, von den rauhen bestialischen Köpfen, die über ihn hinweg sahen, weil er kleiner war. »Siehst du Bassianus zum erstenmal tanzen?« fragte der Inder den Mirmillo. »Ja«, antwortete der Germane kurz. »Ich habe dich jüngst bei den Spielen gesehen«, fuhr der Inder mit schmeichlerischem Lächeln fort, »du bist Gualterus; nun, man kennt dich ja genugsam. Ich habe dich bewundert, du hast dein Netz so kunstvoll hingelegt wie kein anderer. Wahrhaftig, das nenne ich Kunst, wie du es hinlegtest!« Der Mirmillo brüllte laut vor Freude. »Ja, ja, es war gut!« sagte er, selbstgefällig prahlend. »Seht ihr den göttlichen Bassianus auch zum erstenmal?« fragte der Inder höflich, indem er rundum auf die andern blickte. »Ja, ja«, erwiderten sie. »Wir haben ihn schon einmal opfern sehen ...« »Aber tanzen noch nie ...?« »Nein, tanzen sehen wir ihn heut zum erstenmal.« »Nun,« sagte der Inder, »da werdet ihr Augen machen.« »Sahest du ihn denn schon tanzen?« »Mindestens fünfmal. Es ist etwas, was man vor ihm nie gesehen hat und nach ihm nie wieder sehen wird. Es ist eine Weide für Herz und Augen. Ich bin Ganadasa, der Gymnosophist, ich komme vom Ganges und glaubte viel gesehen zu haben, aber ich hatte nichts gesehen, bevor ich den heiligen Bassianus tanzen sah. Götter, wie schön ist das! Ja, ich bin Gymnosophist, ich habe auf meinen Nabel gestarrt, um mich von der Welt abzukehren und in den unsichtbaren Dingen aufzugehen, doch seit ich Bassianus sah, bin ich nicht mehr Gymnosophist, seit ich Bassianus tanzen sah, bin ich Anbeter der Sonne und Anbeter des Bassianus. Götter, wie herrlich ist dieser Tanz, ein wahres Wunder!« »Ja, ja,« meinte der Mirmillo, »das sagen alle.« »Dränge dich noch weiter vor!« riet der Inder mit leisem Schmeicheln, während er aus seinem Lendentuch einen halben Aureus in die Pfote des Gualterus gleiten ließ. Die Gladiatoren stießen vor; sie spalteten die wütende Menge in zwei Teile. Jetzt näherten sie sich immer mehr dem Heiligtum, wo die Velites Wache standen. »Hier seht ihr alles!« sagte der Inder Ganadasa, »die Estrade des Prokonsuls, der Präfekten und der drei Mütter! Das ist ein guter Platz, von hier lassen wir uns nicht vertreiben, nicht wahr?« »Dafür wollen wir schon sorgen«, schrien die Gladiatoren prahlerisch. »Sag' mal, Freundchen,« meinte der eine Gallier, während er den Inder um den Leib packte und die Falten seines Lendentuches betastete, »hast du nicht auch für mich einen Aureus?« »Gewiß,« lächelte der Inder, »schau her...« »Und für mich? Und für mich?« riefen die anderen. Sie umdrängten Ganadasa, bis er ganz eingeklemmt war zwischen den Schenkel- und Bicepsmassen. »Gewiß«, sprach er mit unverwandtem Lächeln. »Seht hier! Und hier!« Allen drückte er in die plumpen Fäuste Goldstücke, die er listig hervorzauberte, aus welchem Versteck, wußte niemand, denn sein Lendentuch war schmal und nur ganz locker geschlungen. »Für einen Philosophen vom Ganges bist du sehr reich«, meinte der Mirmillo Gualterus. »Nein, ich bin nicht reich,« erwiderte Ganadasa mit sanfter Stimme, »aber von dem, was ich empfing, gebe ich meinen braven Gefährten, die stark sind, herzlich gerne, schon deshalb, weil ich irdische Schätze nicht achte und nur nach dem Unsichtbaren strebe, denn ich lebe von nichts und brauche nichts. Aber die ehrwürdige Mäsa, die Großmutter des Bassianus, ist reich. Sie hat mir Armem auch ein Almosen in Gold geschenkt, als sie an mir vorüberging, während ich grübelnd auf einem Stein saß. Wenn sie Kaiserin wäre, oder, besser noch, wenn unser herrlicher Bassianus Kaiser wäre, dann würde das Gold fließen, ohne Unterlaß, in die Taschen aller braven Gefährten und Gladiatoren ...« »Wenn Bassianus Kaiser würde?« wiederholten die Gladiatoren fragend, während sie Ganadasa umdrängten. »Gleich werdet ihr ihn tanzen sehen!« rief der Inder in einer Verzückung, die in Wahrheit in seiner Seele lebte und die er jetzt seinen Zwecken dienstbar machte. »Der Liebling! Gleich werdet ihr ihn tanzen sehen! Er ist Gott und Oberpriester, aber auch noch Kind, ein so liebliches Kind! Niemals habt ihr etwas gesehen wie diesen Tanz! Während er tanzt, gibt er sich allen, die ihn sehen, so wie die Sonne selbst sich gibt und alle mit ihrer Glut bestrahlt. Es gibt nichts Herrlicheres! Ich brauche nichts anderes mehr in den drei Monaten, nachdem ich Bassianus habe tanzen sehen. Er ist mir Speise, Trank, ich lebe von ihm, er wärmt mich, ich denke durch ihn, ich träume von ihm, ich bete ihn an und habe ihn lieb! Ihr starken Männer werdet toll und trunken werden. O, wenn Bassianus Kaiser würde!« »Aber warum soll er denn Kaiser werden?« fragte der Tierkämpfer dumm mit weit offenem Maul, »Macrinus ist doch Kaiser, Macrinus – – –« »Ja«, flüsterte der Inder Ganadasa, »Macrinus ist Kaiser, Macrinus, der Mörder von Antonius Caracalla, der jedem einen Mantel gab ... der Mörder von Bassianus' Vater!« »War Caracalla der Vater des Bassianus ?« fragte der Netzfechter. »War nicht Avitus der Vater des Bassianus?« warf Gualterus ein. »War Caracalla etwa nicht des Bassianus Vater?« fragte Ganadasa entrüstet. »Hat nicht die erhabene Semiamira ...?« »Soaemis?« »Ja, so wird sie genannt.« »Die Mutter des Bassianus ...« Die Gladiatoren grinsten breit. »... mit ihrer Mutter Mäsa ...,« fuhr der Inder heftig fort, »einer Schwester der Kaiserin Julia Domna im Palatium gewohnt, während Caracallas Regierung? Weiß nicht jeder, daß sie seine Buhle war und Bassianus sein natürlicher Sohn ?« »Soaemis kommt vermummt in das Bordell des Matthias,« sagte der Mirmillo Gualterus, »vorgestern nacht hat man mir gesagt ...« »Was, Gualterus?« Der Gladiator stieß ein wieherndes Gelächter aus. »Ich hätte sie gehabt, während ich glaubte, eine Hure zu haben!« Ganadasa wollte ihm erschreckt Schweigen gebieten, als mit stürmischem Getöse, als ob sie eine besiegte Stadt einnähmen, eine Bande von Legionären durch die schreiende Menge stürmte, die Kopf an Kopf, Schulter an Schulter stand. Unbesiegbar in ihrem geschlossenen Vorwärtsstürmen spalteten sie die Menge in zwei Teile, mußten wohl oft um die Säulen herum gehen, fanden sich aber immer wieder, faßten sich an den Armen, trunken vor Erregung, in Schweiß gebadet und erhitzt von den schneegekühlten Getränken, die sie in den Tabernen am Wege im Übermaß genossen hatten. Als der Inder Ganadasa sie mit so tierischer Wildheit daherstürmen sah, wie sie die Männer beiseite stießen, die Frauen mit soldatischer Roheit unter die Füße traten, versetzte er mit seinem schrillen Schreien die Gladiatoren in Aufruhr und befahl ihnen gebieterisch ihre guten Plätze zu bewahren. Er selbst aber verlor durch erregte Unbesonnenheit seinen Platz, als die Soldaten sich näherten und ließ sich mit der Menge wegtreiben, immer weiter nach hinten, dann wieder nach vorn, dann zur Seite, dann wieder nach hinten. Er fluchte, schalt, spie, bis er sich plötzlich mitten in der Bande der Hilfstruppen sah und, ruhig geworden, sein sanftes Lächeln und seine weibisch schmeichlerische Art wiederfand. Sogleich war er auch wieder in lebhaftem Gespräch mit einem Decanus – einem Unteroffizier der Paphlagonier – nicht, ohne einen Blick gewechselt zu haben mit einem dicken Mann, den er verstohlen heranwinkte, und von dem man wußte, daß er Christ war und daß er in seiner Schenke, die zugleich ein Bordell war, die Orgien und Ausschweifungen der Christen gestattete, nicht öffentlich, wie vor dem Moloch zu Heliopolis, sondern insgeheim und von wollüstigen Riten begleitet. Der Christ Matthias wußte sich Ganadasa auf dessen Wink und Blick zu nähern und beide machten einem Juden mit fettig glänzendem Haar, der berüchtigt war wegen seiner Geldgeschäfte und seiner Wechselbank, ein geheimes Zeichen. »Die römischen Kohorten sind beinahe vollzählig da«, flüsterte der dicke Matthias. »Du mußt vor allem den Parther Xibaran und den kleinen Ägypter Horus im Auge behalten und Hand in Hand mit ihnen arbeiten«, murmelte Ganadasa. »Ja, ich kenne sie,« antwortete der fettlockige Jude, »kenne ich sie etwa nicht? Ich werde sie doch kennen. Schon gestern habe ich ihre Bekanntschaft gemacht bei unserem Freunde Matthias. Es waren viele von den Hilfstruppen da und Matthias schenkte seinen Falerner aus. Das pflegt nicht jeden Tag zu geschehen!« »Die Hilfstruppen sind gewonnen,« sagte Matthias, »doch was die Römer anbetrifft, da habe ich noch meine Befürchtungen.« »Ich nicht,« flüsterte Ganadasa, »ich habe gestern fünfhunderttausend Sesterzen verteilt.« »Ja, Geld, gib ihnen Geld!« schrie der Jude. »Pst!« zischte Ganadasa. »Ein unvorsichtiges Wort und die Sache ist verloren und die Alte läßt uns alle kreuzigen. Die Soldaten dürfen nicht ahnen, daß wir sie bestechen wollen. Sie müssen glauben, es sei ihr freier Wille, wenn es geschieht, wenn es heute, wenn es morgen geschieht.« »Gestern das Geld und heute der Tanz,« sagte Matthias, »das macht sie toll.« »Tanzt er wohl so schön wie David vor der Bundeslade tanzte?« fragte der Jude zweifelnd. »Wie David?« rief der Inder entrüstet aus. »War David ein Gott? War David Heliogabal?« »Beruhige dich nur«, beschwichtigte ihn der Jude. Die Soldaten hörten zu. »Er meint,« rief Ganadasa, »Bassianus könne nicht schöner tanzen als David vor der Bundeslade. Sacrilegium! Bassianus ist das Sonnenwunder!« Schaum trat ihm auf die Lippen vor Wollust. Seine Augen traten aus den Höhlen, er keuchte. Aber zugleich zauberte er, wie von ungefähr, indem er sich über die nackten Glieder strich, Goldstücke hervor und teilte sie aus. Gierig griffen die Soldatenfäuste zu und ihre Finger fuhren ihm tastend über die Glieder, doch die Goldstücke wußten sie nicht zu entdecken. »Ja,« sagte Ganadasa, »wenn Mäsas Enkel einst Kaiser wird, dann gibt es immerfort Spiele und Feste und vielleicht jeden Tag den Tanz um den Stein!«   Draußen dröhnten die rasenden Gongs, ein Sprühregen von Klängen ging über dem Tempel nieder und wie ein Meer schwoll das Brausen der Menge an. Plötzlich wogte sie auf und ab, wie sturmgepeitscht, und es war, als erschüttere ein Erdbeben den Tempelboden. Schreie gellten, von Geheul übertönt, Hände hoben sich, Finger griffen hysterisch über die dicht gedrängten Köpfe, hungernd vor Verlangen. Wer stürzte, wurde zertreten. Niemand kümmerte sich mehr um den Nächsten, nicht einmal die Mutter um ihr Kind. Die ungeheuren Tore des Haupteinganges sprangen metallklirrend auf, kreischten schrill in ihren Angeln und gleichzeitig schoben sich die bronzeschweren Vorhänge des Allerheiligsten feierlich auseinander und die in Schatten getauchten Augen der Menge wurden erschreckt und geblendet von dem grellen Sonnenglanz des offenen Heiligtums, darin der Schwarze Stein sich reckte, und durch die grimme Glut, die durch die Tore hereinströmte. Aus dem Innern des Heiligtums schwang sich ein Hymnus empor. Falsettgesang von Priestern und das Gezirp von Flöten, unterbrochen durch das Zimbelgetöse, das den Schall der sterbenden Gongschläge draußen beinahe übertönte, und ein zweiter Hymnus antwortete, wie mit der Antistrophe, von den Toren her, wo die scheuenden Pferde der Berittenen so laut wieherten, daß es bis in den Tempel hörbar war. Wie eine wilde Woge wälzte sich die Menge der Pforte zu. Eine wilde Woge – wie es kam, war unerklärlich, – aber die Gruppe der Gladiatoren, verstärkt durch die Genossen aus der Arena, verbrüderte sich mit den römischen Legionären, unter denen man den Parther Xibaran und den kleinen Ägypter Horus gewahrte. Lustig umjubelten die Klein-Asiaten den christlichen Schankwirt, der ihnen allen für den Abend ein Mädchen versprach, ganz umsonst, oder, wenn sie es vorzogen, einen Knaben von dreizehn Jahren, während der Jude mit den fettigen Locken ihnen so viele Sesterzen vorschoß, als sie nur wollten, und Ganadasa ihnen Amuletts und Gemmen schenkte, die er zu ihrer Verwunderung durch ein leises Streicheln über Schenkel oder Brust aus seiner Hagerkeit hervorzauberte. Seinen Turban hatte er abgenommen, um zu zeigen, daß die Juwelen darin nicht versteckt waren. Eine wild-rasende Woge bildeten all diese starken, rohen Männer, die, ohne es zu merken, von dem Inder, dem Parther, dem Ägypter, dem Juden und dem Christen beherrscht wurden. Frauen ballten die Fäuste gegen die Tore, unter denen, von Hall und Widerhall der Hymnen begleitet, plötzlich der Aufzug erschien. Voran die prätorianische Kohorte, jeweils zu vieren auf dem mittleren Wege, den die in Brusthöhe vorgestreckten Lanzen der Velites freihielten; dann Centurionen mit dem Efeustab, geschart um den Präfektus Prätorio. Diesem folgten auf dem Fuße der Prokonsul und der Präfekt der Stadt, umringt von Liktoren, die Rutenbündel mit Beilen trugen, und nach dieser kriegerischen und bürgerlichen Macht glühten, scharlachrot wie Flammen, die Mäntel der Opferpriester auf. Ihnen folgten die vornehmen jugendlichen Sonnenpriester, die sich hochmütig in den Hüften wiegten und selbstbewußt-androgyn den Pöbel verachteten, der nur Mann oder Weib war. »Sieh nur,« sagte der Inder, der den Mirmillo wiedergefunden hatte und seinen Riesenarm umklammerte, »sieh, da sind die heiligen Priester!« Das Brausen der Menge verrauschte, überhallt und überschmettert von den zwei schrillen Hymnen, die in hysterischer Tonraserei fragten und antworteten, schmachteten und lockten, vom Allerheiligsten zu den Toren hin- und widerklingend. Ein mystischer Schauder durchrieselte die Menge. Im Heiligtum reckte sich der Schwarze Stein, ein ungeheurer Phallos aus Gagat, himmelan, und die Menge blickte vom Stein zum Aufzug, vom Aufzug zum Stein. Der Zug der Priester strömte vorbei, und wiewohl man wußte, daß sie ebenso feil waren wie die Tempelmädchen, für alle, die ihren Preis bezahlen konnten, war ihre Überlegenheit dennoch so vernichtend, daß die aufeinander gestaute Menge von Entsetzen gepackt ward im Vorgefühl der Offenbarung eines göttlichen Mysteriums, das vorüberzog und unheimlich nahe war. »Sieh,« sagte Ganadasa und ließ den Mirmillo nicht mehr los, sondern klammerte sich an ihn, als suche er Schutz vor einer Verzückung, die ihm wohl gar fürchterlich werden und ihn der Erde entrücken könnte, »sieh, das ist Hydaspes, der Obermagier!« Bebende Stimmen flüsterten ehrfurchtsvoll, als der Obermagier eintrat, umringt von den anderen Magiern, den Hütern der okkulten Wissenschaft, die mit unirdischen Augen vor sich hinstarrten. Man wußte, daß die Magier im Turm den Mysterien huldigten, um sich den Füßen der Götter zu nähern, und ein banger Schauder durchfuhr viele, die da glaubten, daß sie sterben müßten, wenn die Augen des Hydaspes länger als eine Sekunde auf ihnen ruhten. Allein er starrte unablässig vor sich hin, während er einher schritt, und die anderen Magier taten wie er. »Das sind die drei Mütter!« rief Ganadasa erregt. »Die erste ist Julia Mammäa, die Mutter des kleinen Alexianus, und die ihr folgt, ist die erhabene Julia Semiamira.« »Wahrhaftig!« brüllte Gualterus, starr vor Staunen, »Soaemis!« »Semiamira!« sagte Ganadasa verbessernd. »Die in der goldenen Chlamys mit dem Saphirdiadem.« »Meinst du, ich erkenne sie nicht?« »Und sieh, sieh, da kommt die ehrwürdige Julia Mäsa, ihre weiße Chlamys steht steif ab durch die Schwere der Perlen. Man erzählt sich, daß sie Perlen ißt! Ein königliches Weib!« Während er den Mirmillo in den Arm kniff, wies er immerfort auf die drei Fürstinnen, die sich langsam näherten, umgeben von ihrem Gefolge von Frauen, Würdenträgern und Eunuchen. »Sieh, sieh doch!« rief Ganadasa, »da tanzen die Dirnen herein!« Die Menge wogte, um besser zu sehen, wogte dichter und dichter. Die Tänzerinnen wirbelten daher, wie getrieben von der Raserei der Hymne und Gegenhymne. Während sie tanzten, spielten sie die Flöte oder schlugen Zimbel und Trommel oder zupften das Sistrum. Sie waren völlig nackt, doch beschuht und geschminkt und mit kunstvollem Haarbau geschmückt. »Sieh, sieh!« schrie Ganadasa, »da kommen die Sonnenkinder!« Eine Weihrauchwolke dampfte auf, ein Schwarm Turiferi schwenkte Rauchfässer und Lampen. Es war, als wälze sich ein gelber Brand herein. Die Sonnenkinder, ganz jugendliche Priester von kaum zehn, zwölf Jahren, angetan mit Mitra und Samara, waren fast nicht zu erkennen in dem Dunst, der sich nur langsam verflüchtigte. Allein Ganadasa entdeckte doch den kleinen Alexianus; mit den anderen lief er hinterdrein und streute Blumen ... Aber dort beim Haupteingang, in dem gelben Brande, schrie das Volk, stieß sich, drängte, staute sich keuchend aufeinander und brüllte hysterisch. »Sieh, so sieh doch nur!« kreischte Ganadasa und stieß Schrei auf Schrei aus. »Sieh doch nur, Gualterus, da kommt ... da kommt Bassianus!«   Der Mirmillo war rasend vor Spannung. Er versuchte sich loszureißen, doch der Inder war wie an ihn geschmiedet. Überall in der ungeheuren Apadana gerieten Frauen und Kinder unter die Füße; man zertrat und tötete, um dem Eingang näher zu kommen. Die Schlachtopfer schrien, Blut strömte, Haare klebten an Fingern und zerfetzten Gewändern; Knochen krachten unter den Füßen ... Bassianus war hereingekommen, das Volk jauchzte und schrie. Ganz langsam schritt er näher. Auch er blickte starr vor sich hin, erschien nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Gott. Sein idolgleiches Antlitz, herrlich wie das eines Sonnensohnes, wie das der Sonne selber, schien erstarrt in dem leuchtenden Email, und die auf assyrische Art gerollten Locken hingen nicht mehr blond, sondern wie Gold schimmernd von der hohen Mitra herab, von großen Karfunkeln überglitzert. In seinem weitärmeligen Hohenpriestergewande schritt er langsam einher, zwischen den Velites hindurch, die dem Druck der Menge fast erlagen. Mehr als die Soldaten es vermochten, hielt der Zauber von Bassianus' Göttlichkeit die Menschen in Bann. Fünf Priester trugen die Schleppe des Mantels, so daß man sein Schreiten sah; andere Priester stützten ihm die Arme. So bewegte er sich vorwärts, starr, scheinbar leblos, und sein Mantel, der steif war von Gemmen, glitt wie eine Glocke von seinen Schultern in die Hände der beinahe kriechenden Priester vom Dienst herab. Der Weihrauchnebel umgab ihn rings mit dem Abglanz eines blauen Paradieses. Schirme aus Straußenfedern nickten über seinem Haupte; Priester folgten, Velites beschlossen den Zug, aber niemand achtete ihrer. Aller Augen waren auf die Heiligkeit des Bassianus gerichtet, während er aus der hymnenumrauschten Pforte durch die andere, die des Allerheiligsten, trat... Ein Aufatmen. Der Zug hatte das Allerheiligste erreicht, einen oben offenen viereckigen Raum, weißglühend im Sonnenglanz, aus dem Schatten der menschenerfüllten Apadana drüben sichtbar. Auf einem Sockel aus Marmor und Jaspis erhob sich der Schwarze Stein, um den sich ein Umgang hinzog, von dem Stufen zu weiteren Umgängen herab führten, auf denen drei Altäre standen. Seitwärts erhoben sich Estraden, durch Vela gegen die Sonne geschützt. Dort ließen sich der Prokonsul und die beiden Präfekten mit ihrem Gefolge nieder, die Mütter mit ihren Frauen und alle Angesehenen, die an dem Aufzug teilgenommen hatten. Bleich schimmerten die Lampen in der Sonnenglut, aber aus den geschwenkten Rauchfässern qualmte Weihrauch hoch und höher empor, alles in blaugraue Nebel hüllend, und mit ihnen, wie in einer paradiesischen Umwölkung, stieg Bassianus empor, geführt von den Priestern, die ihm Ärmel und Mantelsaum trugen. Die schmetternde Hymne und Gegenhymne verklang und nur die Weise der Flötenspielerinnen auf dem untersten Umgang schien demütig zu flehen, klagend und in toll verliebtem Verlangen. Den Rücken der Menge zukehrend, doch deutlich sichtbar, neigte Bassianus das Haupt über den Fuß des Steines, die Priester nahmen ihm die Mitra ab und sein goldgelockter Scheitel strahlte Verklärung. Er legte stehend seine Stirn auf den Fuß des Steines, der kegelförmig aufstieg, glänzend schwarz und sonnenüberflutet, als tropfe schwarzes Wasser von ihm herab. Bassianus küßte den Kegelfuß und schlug mit der Stirn dreimal leicht gegen den Monolithen. Atemlos folgte die Menge seinen Bewegungen, auf den Tanz wartend. Aber noch regte er sich nicht: anbetend starrte er und sein Mantel glitt herab in die Hände der Priester, faltenlos. Die Musik schwoll an, die Trommeln wirbelten, die Zimbeln schmetterten, die Sistren zirpten. Bassianus hatte sich umgewandt und das Volk sah sein Götterantlitz. Er blickte starr vor sich hin. Die Mitra wurde ihm wieder aufgesetzt und man sah ihn eine Bewegung machen mit den Händen, die klein, weiß und juwelengeschmückt aus den Ärmeln hervorkamen. Unbeweglich stand er da, minutenlang, während die Opfertiere vorgeführt wurden, mit Blumen und Bändern geschmückt, Böcke und unzählige Schafe, die, eine weiße Herde, über den Umgang trippelten. Schon wurden die Tiere von Opferdienern gepackt und auf den beiden Seitenaltären niedergelegt und festgehalten. Wie rote Flammen näherten sich Opferpriester, das Opfermesser in der Hand; alle stießen gleichzeitig zu: auf sprangen die Bäuche, kreischendes Blöken wurde von zirpender und schmetternder Musik übertönt; das Blut floß in breiten Strömen, in blumengeschmückten Körben wurden die austretenden Eingeweide sorgfältig aufgefangen. Die noch zuckenden Kadaver wurden herabgeworfen; verschwanden unten im Heiligtum. Andere Schlachtopfer wurden vorgeführt, brüllten und verendeten, das Blut floß, die Eingeweide zuckten in den Körben. Unbeweglich stand Bassianus. Jetzt wurde ihm ein Mantelgewand aus roter Seide, gleich dem der Opferpriester, steif von roten Gemmen und Edelsteinen, über den goldenen Glockenmantel gelegt; seine goldenen Ärmel streckte er durch die roten Ärmel; die goldene Mitra wurde abgenommen und eine scharlachrote ihm aufgesetzt; das alles begleitet von dem Rhythmus ritueller Gebärden, die sich nach Trommel- und Zimbelschlag regelten. Von den Opferpriestern, die ihm jetzt dienten, wurde er zum Mittelaltar hinabgeführt. Opferdiener führten einen Bock vor, den makellosesten: das Opfermesser wurde ihm dargeboten und er tat den Schnitt ohne Zaudern. Das Blut floß in eine tiefe Rinne. Nach dem Bock opferte er drei Schafe, die untadeligsten der Herde. In blumengeschmückten Körben wurden die Eingeweide aufgefangen. Tamburins und Sistren klapperten und klimperten, den Gefäßen entstieg der Weihrauch. Andere Opfer fielen auf den Seitenaltären, die Menge, die sie anfänglich gezählt hatte, zählte nicht mehr, schaute nur zu, keuchend vor Erwartung. Zurückgekehrt zu den ersten Priestern vom Dienst, die ihn aus den Händen der Opferpriester in Empfang nahmen, betrat Bassianus zum zweitenmal den höchsten Umgang, legte zum zweitenmal die Stirn auf den Fuß des Steines und blieb regungslos, während ihm die Priester Opfermantel und Mitra abnahmen. Die Flötenweise schwang sich mit klagendem Ruf von der Erde empor, die Liebe des Sonnengottes erflehend.   Jetzt wandte Bassianus sich um. Eine kleinere Mitra, die dritte, rubinübersät, wurde ihm aufgesetzt und ganz langsam, wie bei der Offenbarung eines Tabernakels, öffneten die Magier ihm den Mantel, die Ärmel glitten über seine Arme hin und das steife Gewand sank nach rückwärts in die Hände der ehrfurchtsvollen Priester. Das Seufzen der Menge schwoll an zu einem keuchenden Ruf der Befriedigung. Nackt stand der Hohepriester da. Die Menge sah den Gott: zuerst als geschlechtslosen Geist des Lichtes; dann würde er als Mann-Jungfrau auf die Erde herabsteigen und Mittler sein zwischen dem Höchsten und dem Niedersten. Wer die Mysterien kannte, schwelgte in Verzückung: wer nur sinnlich war, fühlte seine Sinnlichkeit aufgepeitscht zu rasendem Verlangen. Männer begehrten, Frauen begehrten; Kinder streckten die Hände aus nach dem Idol. Niemand erreichte es. Es stand fern, regungslos, unnahbar, deutlicher und deutlicher ward es sichtbar, während sich der Weihrauchnebel teilte. Sein Name wurde gerufen, sein Ruhm geschrien; man warf ihm Kußhände zu. Regungslos stand er da und unbeweglich, die Arme vom Körper wegstreckend und die Hände erhebend mit empfangender Gebärde. Er empfing die Anbetung der Menge; er lächelte, weil man ihm Kußhände zuwarf. Sein Lächeln fing die Küsse auf. Er erhielt sie von allen Seiten; durch die ganze schimmernde Apadana flogen sie ihm zu. Nicht einen einzigen wehrte er ab. Schweratmend, mit irrem Grinsen, in schwelgender Gier schaute die Menge. Auf dem unteren Umgang hatten sich die flötenspielenden Dirnen versammelt, ihre um Liebe flehende Klage stieg empor, höher und höher, wie das Schmachten der Erde. Langsam bewegte Bassianus die Hände auf und ab, hob sie höher empor, als reiche er das Verlangen dem Himmel entgegen. Sein silberner Körper begann leise zu wogen, hin und her, als schwebe er leicht auf dem Atem des Gesanges, als sei er eine große Lilie, die im Säuseln eines sanften Windes bebt. Hin und her, hin und her wogte er, die Hände erhoben, und seine silberweißen Glieder waren in Licht gebadet, seine Juwelen schossen Funken, erloschen und blitzten wieder auf. Plötzlich ertönten alle Zimbeln zugleich und dieser vielfältige Schlag gebar Entsetzen. Die Menge keuchte. Bei dem Zymbelschlag hatte Bassianus sich auf einem Fuße vornüber gebeugt, den anderen hatte er vom Boden erhoben, und so wiegte er sich im Gleichgewicht, kunstvoll, als entschwebe er der Erde in strahlendem Traum. Auf der Spitze seiner Zehen zitterte er, gleichsam losgelöst von der Erde. Seine Augen schmachteten gen Himmel; sein Lächeln lockte die liebeschmachtende Erde, ihm zu folgen. Sistren zirpten und plötzlich, unerwartet, beschrieb er auf den Zehenspitzen einen Kreis, drehte sich wie ein leuchtender Kreisel, stand still und begann, langsamer, in rhythmischer Bewegung den Stein zu umschreiten. Sein ganzer Körper wand sich jetzt und vor den Augen der schwelgenden Menge wandelte sich die vollendete Linie seines Körpers unablässig. Die Mitra wurde ihm abgenommen, er schlang die Arme um den Kopf, stützte den Hinterkopf in die Arme und sein Leib bog sich nach rückwärts, dem Schwarzen Stein zu, mehr und mehr, bis es schien, als müsse er zerbrechen. Lüstern genoß die Menge jede Linie seines Körpers. Trunken war sie, starrte wie gebannt auf die Blume seines Nabels. Wieder erklangen die Zimbeln und plötzlich schnellte er empor, wirbelte in einer glitzernden Spirale umher und schien nur noch ein silberleuchtendes, von Goldgesprenkel überfunkeltes Zittern. Dann beugte er sich wiederum herab, den Rücken jetzt der Menge zugekehrt, so daß sie ihn im Winkel zum Kreuz gebogen sah, die Beine im Bogen gespannt und den Kopf hintenüber neigend, während seine lachenden Augen verführerisch lockten. Er bog sich im Halbkreis, immer tiefer, immer runder mit schier unfaßlicher Geschmeidigkeit, die nur durch strenge rhythmische Übung und Salbung aller Art erlangt sein konnte. Seine Arme bewegten sich leicht; er war wie eine Pflanze, deren Stengel sich nach rückwärts biegt, sein Kopf eine große weißgoldene Blume mit Augen, die die Menge gleißend anstrahlten... Tosende Bewunderung brach los in der Gruppe der Gladiatoren, da sie, die jegliche Art von Leibesübung kannten und zu schätzen wußten, es für schier unbegreiflich hielten, daß ein zarter Knabe sich so lange und so tief in dieser Stellung nach rückwärts gebeugt halten könn, ohne sich die Wirbelsäule zu brechen oder auch nur einen Augenblick das Gleichgewicht zu verlieren. Bassianus lächelte strahlend; langsam, nach dem Rhythmus kurzer Zimbelschläge, wuchs er empor, wirbelte umher, stand aufrecht die Arme sieghaft erhebend. Nur eine leichte Röte färbte seine Stirn. Nicht eine einzige Ader war sichtbar angeschwollen. Jetzt sollte der Mittler, bisher geschlechtsloses Licht, sich erbarmungsvoll wandeln und zur Mann-Jungfrau sich verkörpern. Plötzlich warf er sich flach auf den Stein, schwang sich, begleitet von rasendem Sistrenschnarren, auf und nieder und deutete die heilige Wandlung an: Er gab sich der hungernden und dürstenden Erde als Mann und als Weib zugleich in bedeutsamer Symbolik, in leidenschaftlich mitleidsvoller Ekstase. Weihrauch wurde ihm geschwenkt und inmitten der Magier, die mit ihren schweren Bässen einen Bittsang anstimmten, symbolisierte er die Wandlung. Die Menge wand sich in ohnmächtiger Wollust; sie wogte auf und ab, um besser zu sehen, wogte zurück an den alten Platz. Arme wurden geschwenkt, derbe Hände krampften sich über Köpfen, Finger machten unzüchtige Gebärden, Kehlen kreischten, Umarmungen wurden ohne Scham genossen. »Heliogabal! Heliogabal!« Gellend ertönte sein göttlicher Name. Da war keiner, der gleichgültig zusah; keiner, der nur mehr neugierig war, wie bei einem Aufzug, einem Spiel, einem Tanz; alle waren von der Verzückung gepackt. Sogar auf den Tribünen boten die Frauen den Männern ihre Wollust dar; sie rissen sich die Gewänder vom Leibe. Hydaspes blickte in starrer Ekstase vor sich hin. Semiamira stieß einen Schrei aus und warf sich hintenüber, im Glanz ihrer goldenen Chlamys. Nur Mammäa blieb kühl und aufrecht und die alte Mäsa schritt, während sie die Augen unbeweglich auf die Menge heftete, von der Estrade herab, schlich durch die Reihen der Velites und winkte unmerklich Ganadasa, dem Inder. »Heliogabal! Heliogabal!« Brausend ertönte der göttliche Name. Die Menge zitterte wie im Fieber; sie heulte vor kraftloser Ohnmacht. Plötzlich wagte der Inder Ganadasa zu schreien: »Heil und Leben dem Bassianus!« »Heil!« stimmte jenseits der Parther Xibaran ein. »Heil dem göttlichen Bassianus!« »Heil dem herrlichen Enkel der ehrwürdigen Mäsa!« schrie mit schriller Stimme Horus, der kleine Ägypter. »Heil!« brüllte der Schankwirt Matthias. Er stand neben dem Juden, zwischen einer Gruppe von Zenturionen der römischen Kohorten. Der Jude schrie plötzlich kreischend: »Heil Bassianus, dem herrlichen Enkel des geliebten Antoninus Caracalla, der jedem einen Mantel schenkte!« »Was sagt er? Was ruft er?« fragten Stimmen von ferne. Aber die Sistren gellten lauter. Schmachtend und zugleich wilder sangen die Flöten, vor Liebessehnen fast zerspringend. Wohl gewahrte die Menge nahe der Gruppe der Centurionen, daß jeder die Hand nach dem Wechsler und dem Schankwirt ausstreckte, die beide etwas austeilten, – doch was es war, konnte man nicht erkennen, da die Empfänger es sogleich in den Falten ihrer Toga verbargen. Und die keuchende Menge wandte sich von neuem Bassianus zu. Wie in Wandlung begriffen stand er da, die Mitra wieder auf dem Haupte, umringt von den Priestern der Sonne, die, ihrer Samara entkleidet, weiß, nackt und jung erschienen, mannweiblich hoch beschuht, mit Halsschnüren und Mitra angetan. Sie sangen und schienen ihn mit ihren hohen Falsettstimmen anzuflehen, sich der Erde völlig hinzugeben, der Erde, die da schmachtete; und, mit geöffneten Handflächen, als empfinge er ihr Flehen, zögerte er nicht länger, als es der Ritus gebot. Wie herabstürzendes Wasser fiel eine jubelnde Gamme von hoch erhobenen Harfen ein. Das neue Motiv ließ die selige Menge erschauern. Sie stöhnte, flehend wie die Priester der Sonne. Die Sonnenkinder knieten vor Bassianus nieder und er selbst nahm sich jetzt die Mitra ab und reichte sie dem knieenden kleinen Alexianus. Alexianus reichte sie einem links stehenden Priester, Bassianus löste seine Halsschnur und ließ sie in die Hände des Alexianus gleiten, der sie einem rechtsstehenden Priester darbot. Dann lächelte Bassianus, und indem seine Nacktheit nackter nun wurde, drückte er auf eine Schnalle seines Gürtels, den Alexianus alsbald zu seinen Füßen aufhob. Doch noch immer sah die Menge den Hohenpriester geschlechtslos in seiner idealen Gottform, erhabener als in der Inkarnation zur menschlichen Mann-Jungfrau. Die Edelsteinmuschel, die sein Geschlecht barg, funkelte noch immer, an unsichtbaren dünnen Schnüren befestigt, die fleischfarben an seinen Leisten entlang liefen. Wieder wurde ihm Weihrauch geschwenkt, die Priester wichen zurück. Der heiligste Augenblick war gekommen. Schwer atmend war die Menge allen seinen Bewegungen gefolgt. Beim Erklingen der Harfen drehte sich Bassianus wie ein Wirbelwind um sich selber, und alle Mädchen umringten ihn gleichfalls im Wirbeltanz, warfen sich hintenüber und flehten ihn an, Mann zu werden. Die Magier streckten ihm die Hände hin, donnerten ihm ihre Baßhymne entgegen und beschworen ihn, Weib zu werden, hinab zu steigen zur Erde, Mittler, Mittlerin zu sein. Sein Lächeln schien ihnen Gewährung zu verheißen, seine mitleiderfüllte Seele schien zum Erbarmen bereit. Ein Stöhnen durchschauerte die Menge. Auf den Estraden hatten sich alle erhoben. Semiamira krampfte die Hände ins Leere; Hydaspes, der inmitten der Magier die Hymne anstimmte, war totenbleich. Nur Mammäa blieb kühl, ihre Blicke heftete sie auf ihren Sohn Alexianus. Beim Einsetzen der Harfen trat Bassianus wiegenden Schrittes vor den Stein; sein Körper leuchtete wie ein Sonnenstrahl, wiegte sich wie eine Blume im Winde. Eines der Mädchen, Xylitta, begleitete seine wiegenden Bewegungen, indem sie beinah am Boden kroch und zu seinen Füßen kauerte, während ihre tastenden Finger seinem Rhythmus folgten. Jetzt näherte sie sich ihm und behende löste sie die drei Kameeschnallen von seinem linken Bein. Bassianus tanzte weiter. Das Mädchen war totenbleich, doch immer noch irrten ihre Finger umher. Nun tastete sie nach den Schleifen seiner Schuhbänder unter dem Knie und löste sie während des Tanzes nach dem hüpfenden Takt; die Bänder ließ sie lose über ihre Arme gleiten. Noch spiegelte sich die grause Furcht in ihren Zügen; doch Bassianus lächelte noch immer, entschlossen, sich als Mittler zum Doppelgeschlecht zu bekennen. Mit schier unfaßlicher Kunst tanzte er halb entschuht weiter, während sie der leisesten Schwankung seines Rhythmus folgte und, die Bänder über dem Arm, seinem heiligen Schritt nachschmachtete. Als Bassianus dann seinen Fuß höher hob, löste sie den Schuh, küßte ihn und sank zu Boden. Die Menge sah Bassianus den Stein an der rückwärtigen Seite umtanzen. Als er wieder zum Vorschein kam, näherte sich ihm Livilla. Ihre Lippen zitterten, ihre bebenden Finger folgten seinem Tanzschritt, rhythmisch tastend löste sie die Kameen nach dem Takt. Eine entglitt ihren Fingern; fast wären ihr die Sinne geschwunden. Doch schnell wußte sie die Kamee aufzuraffen, und indem sie sich völlig zusammenkauerte, folgte sie verzweiflungsvoll den Schritten des Bassianus, tastete nach der Schleife unter dem rechten Knie. Zum Glück war ihr Griff sicher, nach dem Takt löste sie die Bänder, nahm den Schuh von seinem Fuß, vielleicht um einen Gedanken zu früh, küßte den Schuh und sank fast ohnmächtig nieder. Die Menge schaute die nackter und nackter werdende Nacktheit, die sich alsbald zum Doppelgeschlecht bekennen sollte. Bassianus war beinahe völlig nackt, aber Mann-Jungfrau war er noch nicht. Die Rubinmuschel, die wie ein rotfunkelnder Tropfen zwischen seinen Schenkeln glühte, ließ seinen silbern-weiß leuchtenden Körper noch immer geschlechtslos erscheinen. »Bassianus! Heliogabal!« brüllte die Menge. »Es lebe Bassianus Heliogabal! Es lebe der göttliche Enkel der Mäsa, der göttliche Sohn der Semiamira, der göttliche Sohn des Antoninus! Heil dem Sohn des Antoninus Caracalla! Heil dem Hohenpriester der Sonne! Heil dem heiligen Kinde! Heil seiner heiligen Sonnenherrlichkeit! Bassianus! Heliogabal! Steige herab! Steige herab zur Erde! Komm, komm! Werde Mann! Werde Weib!« Das Volk raste in orgiastischem Taumel. Plötzlich, während die Magier, die Priester, die Dirnen, die Sonnenkinder ihn dicht umringten, stehend, knieend, vor ihm am Boden liegend, streckten sich des Bassianus Finger langsam nach der Muschel aus und ließen das Juwel wie einen rotglühenden Tropfen in die Hände des kleinen Alexianus fallen. Unter den ihm entgegengestreckten Händen der Dirnen wurde der zur Erde herabgestiegene Mittler Mann, doch silbern-blank schimmerten die jungfräulichen Brüste und unter den sehnsüchtigen Händen der Magier wurde der Mittler, allvermögend, zum Weibe. Es war, als streckten sich der Erde Hände seinem Erbarmen entgegen, denn Tausende von Händen der jauchzenden, kreischenden, stöhnenden Menge griffen gierig nach ihm, um sich seiner zu bemächtigen. Kußhände wurden ihm zugeschleudert und der Mirmillo Gualterus brüllte laut: »Liebling, Liebling!« Der Knabe erschrak; dann aber konnte er vor lauter Freude nicht ernst bleiben und lachte, und weil er lachte, lachten alle, und wer fernab stand, fragte, worüber man lache.   Noch stand er, silbern-nackt, zwischen den verlangenden Händen der Magier und der Dirnen. Das geöffnete Allerheiligste wurde plötzlich von scharlachfarbenen Sonnensegeln verschleiert und nach der blendenden Strahlenhelle war es wie rötliche Nacht. Am Fuß des Steines stieg aus der Tiefe des Heiligtums eine goldene Lagerstatt empor und in die goldenen Kissen sank der Mittler zurück und sein Körper symbolisierte dort den Altar des Erbarmens. Der jubelnde Tanz der Dirnen und die jauchzende Hymne der Magier feierten die Freude der Erde, ihre Erlösung und ihre dankbare Verzückung. Der Schwarze Stein begann zu strahlen. Er begann zu strahlen an seiner kegelförmigen Spitze, und so hell blendend, daß er himmlische Strahlenbündel entsandte. Die Menge erschauerte in sinnlichem Grauen, in mystischem Schauder. Der Stein strahlte greller und in seinem gleißenden Strahlen gewahrte die ohnmächtig schmachtende Menge den doppelten Kuß, den der erbarmungsvolle Mittler von der Erde empfing. Magier neigten sich über seinen weiblichen Mund, Tänzerinnen über seine Schenkel. Jauchzender Jubel brach los. Die rasende Musik übertönte das rasende Rufen der Menge, die brünstig in ihrem wahnwitzigen Verlangen, weiter und weiter vordrang, die mordete, zertrat, erwürgte, um dem Kuß näher zu kommen, um teil zu haben an dem Kuß, um selbst den Kuß zu geben. Doch plötzlich dröhnen die Donner goldener Gongs: der Stein wird stumpf, die scharlachfarbenen Sonnensegel teilen sich, die Sonne flutet herein. Alle Magier, Priester und Dirnen weichen zurück; Bassianus erhebt sich, streckt die Hände empor. Er wirbelt umher wie ein silberner Kreisel; er tanzt; Xylitta folgt seinem Rhythmus, fängt seinen linken Fuß in dem Schuh auf, den sie ihm entgegenstreckt und schlingt mit einer, zwei, drei Bewegungen die Schuhbänder sicher um das Bein, befestigt die Kameen. Nach ihr fängt Livilla den rechten Fuß auf, schlingt die Bänder – einmal, zweimal, dreimal; doch ihre Finger beben. Sie befestigt zwei Kameen, die dritte hängt locker. Bassianus selbst muß die Hand senken, mit natürlicher Anmut macht er Livillas Fehler gut. »Bassianus! Heliogabal! Antoninus!« ruft, brüllt, jauchzt das Volk. Der Knabe starrt, verwundert, daß man ihn mit dem über alles geliebten Kaisernamen ruft. Ist die Stunde gekommen? Ruft man ihn zum Kaiser aus? Er weiß es nicht, er zweifelt, allein er lächelt, sehnt sich jetzt doch wohl einen Augenblick danach, daß man ihn zum Kaiser ausrufe. »Antoninus! Antoninus!« Hier und da hört man die verworrenen Schreie zwischen schmatzenden Handküssen. Draußen dröhnen die Gongs. Schnur, Gürtel und Mitra werden Bassianus umgehängt, umgelegt, aufgesetzt; der glockenschwere Oberpriestermantel mit den weiten Ärmeln wird ihm über die Schultern gebreitet. »Bassianus! Heliogabal! Antoninus! Augustus! Liebling!« Bei diesen Rufen ist es ihm unmöglich, seine Idolwürde zu bewahren. Er lacht, froh und glückselig, fühlt sich mehr geschmeichelt durch die brutalen Liebesworte als durch die kaiserlichen Namen, die man ihm entgegenschreit. Der Zug formt sich, bewegt sich schon vorwärts: der Prokonsul, die Präfekten, die Magier, die Mütter, die Priester und Sonnenkinder; der Weihrauch qualmt, die Blumen entblättern sich und die Schreie gellen kreischend, immerfort und unaufhaltsam, des Bassianus Weg entlang. »Heliogabal! Antoninus! Liebling!« Er lacht laut auf, glückselig leuchtet sein Götterantlitz; und mögen ihm die Priester auch ehrfurchtsvoll Ärmel und Mantelsaum tragen, seine Würde ist geschwunden; denn so meisterhaft er auch sonst seine Rolle spielt, gar zu ausgelassen froh und glücklich stimmt es ihn, daß eine so gewaltige Menge so toll verliebt geworden ist, daß sie ihm aus nächster Nähe Kußhände zuwirft, ihn schamlos anlacht, daß sie ächzt und stöhnt vor Verlangen, bis er endlich aus den empor gehobenen, gemmenübersäten Ärmeln seine Finger an die Lippen führt und nach links und rechts Kußhände austeilt. Draußen dröhnen die Gongs. Drinnen zerstampft und mordet man hinter der ermatteten Wache der Velites, um hinaus zu gelangen und im Peristyl noch einmal den Aufzug zu sehen. Sterbende liegen in der Apadana, die sich langsam leert, Blut klebt an den Säulen; überall Fetzen von Gewändern, zertretene Sandalen... In dem Heiligtum löschen Tempeldiener gleichgültig die Lampen; die bronzeschweren Vorhänge schließen sich. Viertes Kapitel Durch das Peristyl eilte Semiamira in Erregung; sie durchkreuzte den Schwarm von Dirnen, Priestern, Sklavinnen und Kindern, die sich nach dem Tanz hierhin und dorthin verstreuten, und stürzte in die Gemächer ihres Sohnes, wo Vasthi und die Ankleiderinnen bemüht waren, durch Auftragen einer Salbe die Silberschminke vom Körper des Bassianus zu entfernen. Semiamira, noch im Glanz der goldenen Chlamys, stürzte auf ihr Kind zu und zog den Sohn in die Arme, berauscht von Mutterstolz, krankhaft erregt nach dem Tanz, der sie hatte zittern und erschauern lassen zwischen den beiden anderen Müttern, den Prokonsuln, den Präfekten, den Angesehenen und Bürgern. Sie rief: »Mein Kind, mein Kind Bassianus! Noch nie hast du so getanzt, noch nie warst du so sieghaft, noch nie so herrlich und so heilig, noch nie habe ich dich so geliebt! Mein Kind, du hast deine Mutter ins Paradies geführt! War es ein Traum? War es Wahrheit? Alle Menschen, das ganze Volk, das gekommen war von allüberall her, all die Soldaten der syrischen Legionen haben in deiner Herrlichkeit geschwelgt wie ich. Liebling, wie lieb haben sie dich alle! Laß dich von deiner Mutter küssen, küssen... Mein Kind, mein Bassianus, mein Kaiser!« Ungeachtet des Balsams, der ihn vom Kopf bis zu den Füßen bedeckte, schloß sie ihn in die Arme und pflückte Küsse von seinen Lippen. Aber die alte Mäsa kam hinter Semiamira hereingestürmt, riß ihre Tochter rauh zurück und zischte: »Still doch, Soaemis! Draußen im Peristyl hören dich die Priester, Sklaven und Dirnen. So schweige doch! Nenne Bassianus noch nicht Kaiser! Verdirb nicht mit deinem Ungestüm, was ich seit Monaten sorgsam vorbereitete! Noch heute wird man ihn zum Kaiser ausrufen. Doch schweige, Soaemis. Die Präfekten rieten mir, bis zum Abend zu warten. Habe ich ihnen nicht Schätze geschenkt? Ist der Prokonsul nicht auf meiner Seite? Ohne reiche Gaben rufen sie keinen zum Kaiser aus. Jetzt laß sie, Bassianus, nachdem sie trunken waren von deinem Anblick, den ganzen Tag nach dir hungern und dürsten und zeige dich ihnen nicht, bleibe unsichtbar! Beeile dich, Vasthi, beeilt euch, ihr Frauen, badet ihn, trocknet ihn, so schnell ihr könnt! ... Dann, Bassianus, führe ich dich, in einen dunklen Mantel gehüllt, in dicht verhängter Sänfte zum Sternenturm, zu Hydaspes; dort sollst du, bis der Augenblick gekommen ist, verborgen bleiben in den Geheimgemächern der Magier, die niemand zu entweihen wagt!« In wilder Spannung sprach die Alte, denn draußen auf den Tempelplätzen herrschte eine rasende Erregung unter den Soldaten, die aus dem Tempel gekommen waren, die Sinne noch trunken vom Anblick des Bassianus-Heliogabal. Sie kämpften und stürmten, wie in einer eroberten Stadt. Durch die Gärten, die weder von den leicht bewaffneten Velites noch von den schweren Panzerreitern länger gesichert werden konnten, strömte die Menge, verstärkt durch die Legionäre der syrischen Legionen und die Banden der Gladiatoren, und rief: »Bassianus! Heliogabalus! Nein, nein! Antoninus! Antoninus! Wir wollen Antoninus!« Mäsa drängte; sie warf Bassianus, der sich sträubte, einen dunklen Mantel um. Aber es war zu spät die Sänfte zu besteigen, und so führte die alte Frau selbst, die Hintergebäude des hohenpriesterlichen und des Frauenhofes, die Bäder, die Latrinen und die Küchen entlang, von hohen, dichten Gebüschen verborgen, Bassianus zum Sternenturm, der abseits lag von den Gärten. Dort raste die Menge. Aber Bassianus sträubte sich und schrie: »Großmutter! Laß mich! Warum soll ich jetzt zu Hydaspes? Höre doch, die Soldaten wollen mich, sie rufen nach mir, sie rufen, daß sie mich sehen wollen! Ich will mich ihnen zeigen!« »Weiter, weiter!« drängte die Alte, und während ihre sehnigen, starken Hände den widerstrebenden Knaben mit sich zogen, raunte sie ihm zu: »Vorwärts, Bassianus! Hungern und dürsten sollen sie nach dir, erst müssen sie alle Geld und Amulette empfangen haben. Mein Kind, mein Enkel Bassianus, zerstöre nicht unbedacht, was deine Großmutter, die dich anbetet, seit langem für dich erkämpft. Alles, was du nur wünschen kannst, will ich dir schenken: eine Schnur aus Riesenperlen und einen Becher, der dich, so du aus ihm trinkst, ewig jung erhalten wird, so daß du nie altern wirst und lebenslang alle die bezaubern kannst, die dich tanzen sehen und jeden, der deine Herrlichkeit schaut. Aber komm jetzt, komm, sträube dich nicht länger!« »Eine Schnur aus Riesenperlen?« »Ja...« »Und einen Becher, ehrwürdige Großmutter, einen Becher?« »Ja, Kind, den Becher, der den Quell ewiger Jugend birgt. Komm!« Der Knabe Bassianus folgte ihr, weil er der Schwächere war, ein willenloses Kind an der Hand dieser Frau. »Vorwärts, vorwärts!« drängte Mäsa, »ich sehe schon die Magier auf dem Turm, gleich schließen sie die heiligen Gemächer. Da... da sehe ich auch Hydaspes!« Sie winkte dem Obermagier und auch Bassianus winkte. Hydaspes eilte die Stufen der Terrasse hinunter, ihnen entgegen, und empfing sie an dem noch geöffneten Tor. »Verbirg Bassianus hier, Hydaspes, verbirg ihn,« flüsterte die alte Frau, »der große Augenblick kommt erst heute abend, hier suchen sie Bassianus nicht. Hat er nicht göttlich getanzt? War er nicht Heliogabal selber? Nicht wahr, Hydaspes, du wirst ihn hier verbergen?« »Sei ruhig, Ehrwürdige, ich werde Bassianus sicher verborgen halten.« Hydaspes schlang den Arm um die Schulter des Knaben, drängte ihn durch die Pforte, die er verschloß, und führte ihn die Terrasse hinauf. Sie sahen Mäsa eilig zwischen den Zitronenhainen und den Gebüschen persischer Rosen verschwinden. Einen Augenblick schauten sie ihr nach.   Das Tosen der Menge durchbrauste die Gärten und Höfe, schwoll an zu einem einzigen tausendstimmigen Ruf, den sie jetzt deutlich vernahmen: »Wir wollen Antoninus! Wir wollen Antoninus, den Sohn des Caracalla! Wir wollen Heliogabal!« »Komm, Bassianus,« rief Hydaspes erschreckt, »komm herein und verbirg dich. Sie rufen dich schon mit ihrem geliebtesten Kaisernamen: Antoninus. Aber die Stunde ist noch nicht gekommen, darum zeige dich ihnen nicht. Noch sind nicht alle gewonnen. Nur die Legionen aus Emesa, aber noch nicht die syrischen und phönizischen Heere. Es zaudern noch viele... Komm, Bassianus, komm!« Er schob den Knaben hinein in den Turm, treppauf, treppab, bis in ein rundes Gemach, überwölbt von blauer Kuppel, die bedeckt war mit Sternen: das Ebenbild des nächtlichen Himmels. Kein Licht drang von außen herein, doch Hydaspes ließ einzelne Sterne auffunkeln und ein sanfter, bläulich-weißer Glanz erstrahlte. In der Mitte stand ein runder Sessel, auf einem dreifüßigen Tisch lagen auf Papyrusblättern, die mit Hieroglyphenschrift bedeckt waren, Zirkel und Astrolabien zur Bestimmung der Gestirnhöhe. Auf dem Boden standen, sorgfältig umhüllt, die Papyrusrollen. »Hier bist du geborgen, mein Kind, niemand weiß mein Gemach zu finden.« »Hierher hast du mich noch nie geführt«, sagte Bassianus. Hydaspes lächelte. »Du kamst des Nachts und dann ist der Himmel selbst voller Sterne...« »Ich war kein guter Schüler.« »Du warst der liebste, den ich mir wünschen könnte. Sieh dort, Bassianus: erkennst du deinen Stern?« »Ja, aber er steht still.« »Sieh, wie er sich dreht auf mein Geheiß. Er ist das bleiche Ebenbild deines leuchtenden Sternes und hier dreht er sich wie dieser, damit ich seinen Lauf auch am Tage verfolgen kann. Sieh...« Hydaspes drückte auf einen Knopf und das Kuppelfirmament bewegte sich schnell, immer schneller, drehte sich um und um. Aber Bassianus rief, die Hand vor die Augen haltend: »Laß, Hydaspes! Laß! Es macht mich bange. Laß die Sterne still stehen, Hydaspes!« Der Magier lächelte. Das ganze Firmament hatte sich gedreht, als wären in wenigen Minuten Tag und Nacht vorübergeflogen, und stand nun wieder so, wie es zuvor gestanden hatte. Die Umdrehung, jetzt wieder geregelt, wurde immer langsamer, bis sie beinahe unmerklich ward. »Ich bin sehr ärgerlich auf Großmutter,« klagte der Knabe, »sie hat mich den Händen meiner Frauen entrissen, ohne ihnen die Zeit zu gönnen, mich anzukleiden. Sieh nur mein Gewand. Meine Füße stecken in Sandalen, meine Haare sind noch gelockt, wie für Dienst und Tanz, und dazu trage ich diesen dunklen Mantel.« »Was tut es, Bassianus? Bist du nicht herrlich, wie du auch seist? Bleibe so; unter deinen vergoldeten Locken leuchtet dein Antlitz wie das eines Gottes. Wenn dich der dunkle Mantel verdrießt, so nimm diesen weißen mit goldenen Sternen und sei der Gott der Magier, nachdem du der Gott der Menge warst. Sei mein Gott, Bassianus, laß mich selbst dich mit diesen Magierschuhen bekleiden, laß mich deine Hand mit diesem Smaragd schmücken...« »Sind da Buchstaben eingegraben?« »Der Name des obersten Gottes, den auszusprechen uns allein vergönnt ist. Abraxas heißt er und ist das hehrste Wesen unserer Erkenntnislehre, uns offenbart durch mündliche Überlieferung in den allerheiligsten Mysterien, und seine sieben Buchstaben bilden die heilige Zahl, aus der sich die Tage des Jahres zusammensetzen. Kind, bewahre diesen Stein, diesen Talisman: es ist vielleicht das Letzte, was ich dir schenke!« »Warum das Letzte, Hydaspes?« »Wer weiß, wo du morgen sein wirst.« »Wenn ich fortgehe... gehst du nicht mit mir, Hydaspes?« Der Magier schüttelte den Kopf. »Nein, mein Kind, ich bleibe hier.« »Warum?« »Hier lebe ich, hier will ich sterben.« »Aber Hydaspes, wenn ich wirklich Kaiser werde, begleitest du mich dann nicht?« »Nein, mein Kind, hier habe ich mein Glück genossen, hier will ich auch meinen Schmerz erleiden.« »So entflieh dem Schmerz mit mir. Wer weiß, wo wir morgen schon sein werden!« »Ja, wer weiß, Bassianus, wo du morgen schon sein wirst... doch ohne mich.« »Ohne dich will ich nicht gehen... ich will überhaupt nicht gehen... hier ist mir alles so lieb, Hydaspes! Ich mag nicht Kaiser werden... nur Großmutter will mich zum Kaiser machen. Sie sehnt sich nach Rom zurück... Aber ich fühle mich nicht als Römer, ich bin Syrer... Ich erinnere mich wohl Roms und des Kaiserpalastes, aber ich sehne mich nicht dahin. Emesa habe ich lieb und der Tempel der Sonne ist meine Heimat. Nie hat ein Hoherpriester den Tanz so getanzt wie ich. Warum also sollte ich nicht immer in Emesa bleiben? ... Großmutter weiß einen Becher, der die Jugend ewig erhält... Bis zu meinem Tode, bis zur Fahrt ins Sonnenparadies würde ich jung bleiben, wer weiß, wie viel Wunderjahre lang, und würde ewig jung den Tanz tanzen und das Volk würde mich anbeten... Was soll ich tun, wenn sie mich zum Kaiser ausrufen? Laß mich hier bleiben, bei dir, während sie dort drüben in den Gärten mich lärmend suchen. Ich will nicht Kaiser werden! Ich will in Emesa bleiben, und wenn ich den Becher habe und die ewige Jugend, dann weiß ich es gewiß, daß ich dem Licht dienen und selber das Licht sein werde, so rein, wie nur je ein sterblicher Priester es war... Aber... wenn... ich... Kaiser... werde...« Er warf sich Hydaspes in die Arme und barg, fast furchtsam, seinen Kopf an dessen Brust. Der Magier streichelte ihn zärtlich. »Kind,« sagte Hydaspes, »niemand weicht auch nur um einen Schritt ab von seinem Lebenskreise.« »Aber wenn ich Kaiser werde,« wiederholte Bassianus in banger Ahnung, »dann könnte ich dem Lichte nicht dienen und auch nicht mehr das Licht selber sein. Nein, Hydaspes, ich will nicht Kaiser werden. Ich bin das Licht und, mit dir vereint, will ich es bleiben. Behalte mich hier, verbirg mich... Hier lebe ich, hier atme ich, hier tanze ich, hier habe ich dich lieb, dich, Hydaspes, und das heilige Licht.« Wie ein scheues Kind warf er sich dem Magier an die Brust und schlang die Arme um ihn, seine veilchendunklen Augen blickten groß und ernsthaft drein, es war, als sehe, fühle, wisse er die Wahrheit.   Hydaspes sah pötzlich, daß der Knabe an seiner Brust eingeschlafen war... wie ein Kind war er in Schlaf gesunken, ermüdet nach der beinah schlaflosen Nacht auf der Terrasse des Turmes, nach Dienst und Tanz und der hastigen Flucht aus dem hohenpriesterlichen Hof. Er schlief fest und Hydaspes bettete ihn behutsam auf eine Ruhebank. Der Magier starrte auf ihn herab. Plötzlich schrak er empor. Draußen strömte dichter und dichter, zu Hunderten, die zu Tausenden anschwollen, die Menge heran und, den Turm gleich einem Meer von allen Seiten umwogend, brauste ihr vielfältiges Stimmengetöse. Hydaspes schob ein Fach der Täfelung beiseite und trat auf die Terrasse hinaus: sogleich schloß sich hinter ihm die Wand. Das Stimmengewirr schwoll immer mehr an. Der Magier dachte flüchtig daran, sich zurückzuziehen, um nicht gesehen zu werden. Dann aber erschien es seinem Fatalismus nutzlos, Bassianus und sich selber zu verbergen, obwohl Mäsa ihn darum ersucht hatte. So stand er da, unbeweglich, hochaufgerichtet, in sein weißes Priestergewand gehüllt, und lauschte den wilden Rufen. »Wir wollen Antoninus! Wo ist der göttliche Antoninus!? Wo ist das heilige Sonnenkind!? Wir wollen Antoninus, den Sohn des Caracalla! Heil, Heil Antoninus! Heil Avitus Bassianus Antoninus! Heil Heliogabalus! Heil Antoninus Augustus! Heil, Heil Kaiser Antoninus Augustus! Heil auch dem Cäsar Alexianus!!« Der Magier erbleichte. Die Stunde war gekommen! Dort sah er Mäsa in einer Gruppe von Tribunen und Präfekten der syrischen und phönizischen Legionen; weit warf sie die Arme empor: sie schien die Raserei der Soldaten zugleich anfeuern und dämpfen zu wollen. Der Magier sah die stolze Mammäa freudig auf Mäsa zueilen und sah Alexianus, das zwölfjährige Sonnenkind, den Sohn der Mammäa, zwischen den Loricati der präfektorischen Wache an der Seite des Präfekten der Legionen zu Emesa, auf einen silbernen Schild gehoben und begeistert zum Cäsar ausgerufen, während sie Bassianus zum Augustus ausriefen. Aber quer durch die Menge brach sich eine Frau Bahn, noch angetan mit dem Staatsmantel, im Glanze der goldenen Chlamys, und jubelnd machten die Soldaten ihr Platz und riefen: »Heil der erhabenen Semiamira! Heil der gnädigen Soaemis Semiamira! Heil der ehrwürdigen Mäsa und Heil Mammäa und Heil Semiamira! Heil der Mutter des Cäsar Alexianus und Heil der Mutter des Antoninus Heliogabalus Augustus!« Die große Stunde war gekommen. Der Magier sah, wie Mäsa ihm winkte, mit einer einzigen Gebärde nur, die heftigste Gemütsbewegung verriet. Er begriff. Er schob die Tür zu der geheimen Kammer auf und rief: »Bassianus!« Der Knabe erwachte und richtete sich mit einem Ruck von seinem Lager auf. »Hydaspes... Hydaspes... was ist?« »Die Stunde ist gekommen,« sagte der Magier. »Welche Stunde?« »Die Stunde, in der die Welt dir zufällt als dein gesetzliches Eigentum, mein Kind!« »Diese Stimmen? Dies wilde Tosen?« »Es ist das Heer, das nach dir verlangt, das Heer, das dich ausruft. Komm, komm, mein Kind!« »Hydaspes... mir wird so bang, soll ich gehen?« »Ja...« »Zu ihnen?« »Ja...« »Nach Rom?« »Ja, ja.« »Ich will hier bleiben!« »Nein, komm!« »Hydaspes, geh mit nach Rom!« »Nein, ich bleibe hier. Ich muß bleiben.« »Laß mich bei dir bleiben, verbirg mich. Sage ihnen, daß ich verschwunden sei, emporgestiegen in den Himmel.« »Komm!« sagte der Magier gebieterisch. Er streckte die Hand aus. An des Hydaspes Hand trat der Knabe hinaus auf die Terrasse. Auf den untersten Terrassen strömten die Magier zusammen, durch die Gärten nach dem Turm zu flutete die ungeheure Menge. Von den zerstampften Gärten aus sahen die Soldaten, die Gladiatoren und das Volk in der rosigen Apotheose des sterbenden Tages das göttliche Kind erscheinen. Sie schrieen, brüllten seinen Namen und seinen Ruhm, noch trunken von Tanz und Opferdienst, hungernd und dürstend nach seinem Anblick... Jetzt, jetzt sahen sie ihn! Während die Tausende brennender Augenpaare auf ihn gerichtet waren, fühlte Bassianus, wie seine Bangigkeit sich in ein berauschendes Glück wandelte. Lächelnd hob er beide Hände empor, als wolle er, ein Gott, die Huldigung der Welt in seinen kleinen geöffneten Händen auffangen... Dann aber zuckte er zusammen... Er sah, daß der kleine Alexianus, auf einen silbernen Schild gehoben, von Centurionen gestützt, in der Richtung nach dem Turm getragen ward, hörte, daß er zum Cäsar ausgerufen wurde, während man ihn, Bassianus, zum Kaiser und Augustus ausrief. Gleich einer aufschnellenden Natter stach ihn plötzlich erwachende Eifersucht auf seinen Vetter. Aber sehr bald legte sich dies Gefühl wieder, denn all der Jubel, all die Liebe, der ganze Paroxysmus von Verehrung, Anbetung, Vergötterung galt ja ihm allein. Wie herrlich war es zu leben, wie schön war die Welt und wie lieb hatte er die Menschen! Er lachte vor Glück und Seligkeit, während ihm die Tränen in die Augen traten...   Die Mütter hatten sich dem Turm genähert und mit ihnen auch die Centurionen, die auf silbernem Schild den Alexianus trugen. »Hydaspes! Hydaspes!« schrie Bassianus und der Atem stockte ihm vor Glück. Der rasende Jubel kam näher, brauste zu ihm empor. Das erwartungsvolle Kind stand keuchend da, an allen Gliedern zitternd, als brächte ihm diese die Turmstufen emporklimmende Liebe eine Wollust, zu groß, zu überwältigend. Zitternd schloß er die Augen, gab sich seinem Schicksal hin und dem Liebestaumel der andern... Er fühlte seine Hand in der des Hydaspes, er bemerkte, wie sich die Magier und Sonnenpriester um ihn scharten, er fühlte, wie er in der Umarmung seiner Mutter fast erstickte. An der Pforte des Turmes sah er die Loricati der präfektorialen Wache zu Pferde – die Präfekten und Tribunen traten auf ihn zu... Mäsa, Mammäa näherten sich ihm, man hielt ihm Alexianus, auf den Schild gehoben, entgegen. Er küßte seinen Vetter, er ließ sich von den Müttern umarmen, verwirrt, aber dennoch umhüllt von all der Grazie, mit der er den Dienst zu feiern gewohnt war. Plötzlich entglitt seine Hand der Hand des Hydaspes, die er noch nicht losgelassen hatte, er wurde von den Centurionen auf einen Schild gehoben, einen von den länglichen goldenen Schilden der Chrysaspiden, und man trug ihn zwischen den Loricati hindurch. Die Berittenen formten eine Wache um ihn her, doch sie wurden weggetrieben, denn die Pferde bäumten sich und wichen wiehernd zurück vor dem Andrang all der Legionäre der syrischen und phönizischen Legionen. Diese ganze streitbare, starke Menge staute sich rings um den goldenen Schild, den die Zenturionen hoch emporhielten, umdrängte und umstaute diesen Schild, auf dem das herrliche Kind zu sehen war, als triebe es in einem Fahrzeug auf einem Menschenmeer. Rings um ihn her und auf ihn zu drängten sie, um ihn nun endlich zu besitzen, zu eigen zu haben. Während er fortgetragen wurde, streckten Tausende und Abertausende ihm die Hände entgegen. Wie durch ein Meer von Liebkosungen trugen die Centurionen ihn bis zu dem Vorplatz des Tempels und erreichten mit Mühe die dicht verhängte und mit wehenden Federbüschen geschmückte Sänfte, die von zwölf nubischen Trägern emporgehoben wurde. Andere Sänften reihten sich an, Befehle erklangen. Die berittenen Loricati zogen die Schwerter, aufschreiend wich das Volk zurück. »Auf, ins Lager! Ins Lager!« Wieder wogte die Menge an. Es war wie eine ungeheure Brandung von Menschenleibern, auf der die Sänften wie Fahrzeuge auf stürmischer Flut einherschwankten. Der Knabe hatte die Vorhänge aufgerissen und noch flüchtig erhaschten alle den Abglanz seines Lächelns, sahen flüchtig noch seine Hand, die ihnen Küsse zuwarf. Auf den Dächern der Tempelgebäude, dem dunkelnden Abend entgegen, stießen die erschreckten Pfauen, hier- und dorthin entflatternd, bange Schreie aus, wie in Verzweiflung ob der nahenden Verlassenheit. Fünftes Kapitel Drei Monate waren verflossen seit jenem Abend, an dem nach Opferdienst und Tanz der junge Bassianus im Triumph ins Lager eingezogen war, und in jenen drei Monaten hatte sich dank Mäsas glänzender Staatskunst und ihren reichen Gaben das Ansehen des neuen Kaisers gefestigt. Das ganze Heer des Julianus lief zu ihm über, betete ihn an und rief ihn aus als Antoninus Heliogabalus, das heilige Sonnenkind. Er bezauberte sie, weil er schön war. Sie riefen ihn aus, sie strömten ihm zu, denn von verwirrendem Zauber war dieser Priester der Sonne. Sie alle aus Norden und Süden, Römer und Kleinasiaten, aber auch Germanen, Gallier, Briten, Sarmaten, Pannonier, huldigten der Schönheit, der allmächtigen, allbeherrschenden Schönheit, die zwei Jahrhunderte des stetig sich ausbreitenden Christentums nicht hatten vernichten können. Heidnisch waren diese Tausende von Seelen und die aus dem Süden unterwiesen jene, die vom Norden kamen, im Ehrendienst der Schönheit, in der Lehre der göttlichen Lebensfreude; kaum daß die Christen unter ihnen ein paar hundert Brüder zählten, hatten diese schon nichts mehr gemein mit Christus selber, über dessen sonnenklares Leben die Legende schon manches Gewebe gesponnen hatte, so daß sie kaum noch wußten, wer er gewesen und was er gelehrt hatte, ob sein Antlitz weiß oder dunkel war, ob er aus Indien gekommen oder aus Ägypten und ob nicht auch Buddha und Horus seine Namen gewesen. Heidnisch waren diese Zehntausende und sie huldigten der Schönheit. Doch niemals beteten sie sie an in Gestalt eines Weibes, sondern nur in Gestalt eines Knaben, eines Kindes, mit mystisch-sinnlicher Glut in der Erinnerung an Adonis, Hermaphroditos, Hylas, Attis. Zugleich mit diesen Halbgöttern beteten sie den obersten Gott Heliogabal an in der Inkarnation von Caracallas Sohn, wollten sie in seinen Mysterien schwelgen und so waren sie zu Zehntausenden nach Emesa geströmt, zum Sonnentempel, der jetzt verlassen dalag, und durch dessen Gärten nur bisweilen der verzweifelte Schrei der Pfauen gellte. Bassianus war zum Kaiser ausgerufen worden, weil er schön war und anbetungswürdig. Mäsa hatte mit ihren Schätzen alle bestochen; aber wären gleich reiche Gaben um des Alexianus, nicht um des Bassianus willen geflossen, niemals hätten sie dasselbe bewirkt. Alle sahen das Kind wie einen Gott über den Türmen des Lagers leuchten gleich der Morgenröte: nackt, mit der Mitra auf dem Haupt, in mannweiblicher Gestalt; denn so, das wußten alle mehr oder minder sicher, war die Mittlerform zwischen Mensch und Gottheit. Sie waren auf die Knie gesunken und hatten die Hände zu ihm erhoben; für sie – die Überläufer – gab es nur noch diesen einen, der ihr Kaiser sein konnte und ihr Gott, und sie hatten sich danach gesehnt, ihn zu berühren, weil er das Glück brachte und ansehnliche Vorteile und höchste Gunst. Nach den ersten, fiebrigen Tagen befielen den Knaben Bassianus in der sicheren Abgeschlossenheit des Lagers eine Langeweile und das Gefühl seltsamer Zwecklosigkeit. Seine Großmutter Mäsa duldete es nicht, daß er die geheimen Gemächer des Prätoriums verließ, duldete nicht, daß er sich zeigte und hielt ihn vor den Augen des Heeres verborgen. Ihm ward die Zeit lang, ihm fehlte alles. Mit der Langeweile überkam ihn auch schon das Heimweh und er befahl, man solle ihm den Schwarzen Stein in das Prätorium bringen. Mäsa wollte nicht widersprechen und gebot, daß man den Schwarzen Stein mit viel Gepränge und unter feierlichen Zeremonien in das Lager bringe, daß man ihn im Saale des Prätoriums aufstelle und ihm diene. Unter schwerem persischem Baldachin, umringt von assyrischen Teppichen, zelebrierten die Priester, vom Duft brennenden Weihrauchs umhüllt, an jedem Tage den Dienst und opferten sieben Lämmer. Allein Bassianus blieb unlustig und übte sein hohepriesterliches Amt nicht aus, sondern lag auf seinen gelbseidenen Polstern vor dem Stein, ließ sich anbeten und von Vasthi und den Ankleiderinnen salben und enthaaren und mit Düften besprengen. Flöten- und Harfenspielerinnen waren um ihn, aber die Musik entnervte ihn und er jagte die Mädchen fort, stieß sie beiseite, vor Langweile die Hände ringend. Verzweifelt fragte er Mäsa, wie lange dies Dasein wohl dauern solle. Kaum acht oder zehn Tage hatte es gewährt, allein Bassianus gähnte auf seinen tyrischen Kissen, gefangen gehalten von der Großmutter, die nicht duldete, daß er sich zeige. Er schmachtete nach dem Heer, wie das Heer nach ihm. Er schloß sich stundenlang mit Narr ein, und Narr war der einzige, den Mäsa ihm gönnte. Hörte er draußen in den Straßen des Lagers die Menge toben, die seinen Namen ausrief, dann klopfte ihm das Herz bis in den Hals hinauf, dann hungerte und dürstete ihn nach ihrer Huldigung, nach der Liebkosung und Anbetung dieser ungeheuren Schar von Römern, Asiaten, Barbaren. Mäsa, von Bangen erfüllt, hielt ihn zurück. Da plötzlich bemerkte Bassianus die heimliche Angst der Frauen, der Mäsa, Semiamira und Mammäa, denn noch wußte man nicht, wie sich Macrinus in Antiochia verhalten werde. Der Kaiser Macrinus und dessen Sohn, der Cäsar, das Kind Diadumenos, waren noch von ihrem Heer, den prätorianischen Kerntruppen, umgeben, obgleich die Truppen des Julianus schon zu Antoninus übergegangen waren. Noch war die Zukunft ungewiß und dunkel, noch war Antoninus nur Gegenkaiser, von Gnaden des syrisch-phönizischen Heeres. Noch war keine Botschaft dem Senat in Rom gesandt, der entscheidende Schlag mußte erst geführt werden. Wohl aber hatte Macrinus an den Senat geschrieben, voller Verachtung für den Knaben Bassianus, und sich beklagt über die Truppen, die sich von der reichen Mäsa hatten bestechen lassen. Der Senat indes antwortete nicht, sondern war vorsichtig genug, sich abwartend zu verhalten. Nur Fulvius Diogenius hatte bei Verlesung des kaiserlichen Klagebriefes ausgerufen: »Wir alle, alle wünschen, daß sich ein Sohn des Caracalla finde... wohl war Macrinus Konsul, jedoch seine Begabung ist gering und weder er selbst achtete sich hoch, noch taten es die andern.« Freilich erbleichten um dieses Wortes willen die anderen Senatoren, denn im Orient war noch nichts entschieden.   Inzwischen hatten sich die beiden Heere, nachdem sie zuerst zaudernd und untätig verharrten, um hundertachtzig Stadien von Antiochia einander genähert. Macrinus setzte alle Hoffnung auf seine prätorianischen Kohorten. Aber seine allzeit zaghafte Natur, seine zögernde Unschlüssigkeit, die ihn auch so lange von Rom ferngehalten hatte, stand seiner Sache hemmend im Wege, während die Mütter an dem entscheidenden Tage von dem Mute der Verzweiflung gepackt wurden: alle drei Mütter, Mäsa, Semiamira, Mammäa – wenngleich diese nur an ihr Kind dachte – entstiegen ihren Sänften, als sie sahen, daß die Truppen wichen, warfen sich den Fliehenden entgegen und machten ihnen mit so wilder Leidenschaftlichkeit ihre Feigheit zum Vorwurf, daß jene von neuem vordrangen... Allein dem syrisch-phönizischen Heere, das, in diesem Augenblick schwankend, weder Mut noch Kraft zeigte, war vor allem der Knabe Bassianus – Antoninus Heliogabalus – das heilige Sonnenkind, eine göttliche Offenbarung. Denn sie schauten ihn, wie in einer Vision, zu Pferde, den Körper von goldener Chlamys umwallt, auf den goldenen Locken eine Sonnenmitra, und ein Schwert, das zu flammen schien, in der zarten Hand. Wer hätte es wagen können, einem solchen Sonnenhelden zu widerstehen? Macrinus gewiß nicht. Dieser hehrste Augenblick seines Lebens umgab Bassianus Antoninus in den Augen, in der Seele seiner Anhänger mit einer Aureole. Dieser einzige Augenblick sollte einmal im Leben ihn anfeuern zu Mut und Tapferkeit, zu kriegerischer und kaiserlicher Tatkraft. Und sicherlich vollzog sich dies seiner Seele Fremde infolge einer mystischen Suggestion von außen her, durch unsichtbaren Einfluß des Hydaspes. Er erkannte sich selber nicht. Er, der weichliche Knabe, jagte seinem Heere voran und sammelte mit schrillem Schrei seine schon fliehenden und sich zerstreuenden Truppen um sich. Sie kamen zurück, sie umdrängten ihn! Sie sahen ihn lachen, jubeln, strahlen: sie hörten seine hellen Rufe ertönen. Sie sahen seine Chlamys aufleuchten wie eine Flamme, wie eine Flamme sahen sie das Schwert blitzen in seiner Hand, wie eine Flamme lodern sahen sie seine Begeisterung. Jetzt wußten sie, daß er ein Gott war. Macrinus floh nach Antiochia zurück und weiter – denn überall, wo er erschien, wußte man schon um seine Niederlage. Er floh bis nach Chalkedon. Er hatte seinen Sohn, Diadumenos, zu Artabus, dem Fürsten der Parther, gesandt, aber die Soldaten des Antoninus holten Sohn und Vater ein und töteten beide...   Das war vor drei Monaten geschehen und die Zeit der Stürme hub an: es war nicht ratsam, die See zu kreuzen. Der Kaiser, die Mütter, ihr Priester- und Frauenhof, alle mußten in Nikomedia an der Propontis überwintern. Antoninus Heliogabalus, dem Mäsa in der Staatsleitung zur Seite stand, sandte einen Brief an den römischen Senat und berief sich auf seine Rechte, auf seinen Großvater Septimius Severus, auf seinen Vater Caracalla – wie ungewiß auch diese Blutsverwandtschaft sein mochte – und nach dem Heere riefen Volk und Senat den jungen Kaiser Antoninus aus. Nach dem kurzen Bürgerkrieg begann für das Heer die wohlige Ruhe, für Mäsa indes die fieberhafteste Ungeduld, weil es sie nach Rom zog, für Semiamira die gedankenlose Hingabe an jede wollüstige Laune, für Mammäa düsteres Grübeln und nagender Ehrgeiz für ihr Kind Alexianus, den man neben Antoninus Augustus zum Cäsar ausgerufen hatte. Für den neuen Antoninus aber die Langeweile, gepaart mit dem Heimweh nach allem, was er zurückgelassen. Er war seiner bluteigenen Sphäre entrückt und seine gequälten Nerven ließen ihn aufkreischen wie eine Katze in der Nacht; er wälzte sich auf den aufgehäuften tyrischen Polstern und rang verzweifelt die weißen Hände, ohne selbst zu wissen, warum. Er dachte an alles, was da drüben war, fern von ihm, an Emesa, den Tempel, den Turm, den Kultus, der die Blume seiner Seele zu köstlichem Blühen geweckt hatte. Hydaspes hatte er nicht wiedergesehen, seit seine Hand dessen Hand entglitten war und man ihn auf den goldenen Schild gehoben hatte. Im Palast zu Nikomedia herrschte die Üppigkeit. In Truhen hatte man herübergebracht, was zu der Einrichtung für den Winteraufenthalt des reisenden Hofes benötigt ward. Der Schwarze Stein, das Mannessymbol des Gottes Heliogabal, von dem Antoninus sich nicht hatte trennen können, hatte keinen Tempel, reckte sich in der Aula des Palastes empor; die Magier und mit ihnen ein Schwarm von Sonnenpriestern, Sonnenkindern, Harfenspielerinnen, Dirnen und Tänzerinnen zelebrierten an jedem Morgen von neuem den Dienst und Antoninus, mit goldenem Mantel und dem Purpurgewand des Opferoberpriesters angetan, opferte Lämmer und Böcke. Er tanzte und das Volk strömte herbei, um den Sonnenkaiser tanzen zu sehen. Aber es war nicht der ungeheure Tempel, in dem Zehntausende zusammenströmten; es blieb der intime Tanz im Palast, der Antoninus nicht zu befriedigen vermochte.   Waren Kult und Tanz vorüber, so schleppte der lange Tag sich hin. Antoninus lag auf seinen Kissen, starrte vor sich hin, gähnte und rang die Hände. Mäsa saß an seiner Seite und erzählte ihm von Rom, rief seine Kindheitserinnerungen wach, sagte ihm, daß er Römer werden müsse und nicht allzusehr Asiat bleiben dürfe. Sie zeigte ihm Panzer, Tunika und Toga, die Riemenschuhe, die Chlamys, den purpurnen Kaisermantel – die ganze einfach-vornehme römische Kaisergewandung, die unter ihrer Aufsicht nach klassischen, seit Jahrhunderten gültigen Vorbildern angefertigt worden war. Er nannte das Metall schwer, den Stoff grob, die Gemmen geschmacklos geschnitten; er verwarf alles, ließ syrische und tyrische Seide kommen, befahl, daß man Gewänder nach persischer und phönizischer Art anfertigen, daß man die Ärmel weiter schneiden, die Schleppe länger fließen lassen solle und ersann mit seinen Goldschmieden neue Mitren, neue Schnüre, neue Gürtel mit Rubinschloß. Mäsa verwarf, aber er beharrte. Er behauptete seinen eigenen Willen, seinen eigenen Geschmack gegen den der Großmutter, die ihn anbetete, und sie kämpfte mit sich selber, wollte ihm wehren und gab dennoch nach, stark, wenn sie allein war, doch schwach ihm gegenüber. »Mein herrlicher Antoninus,« hub Mäsa an, während sie ihn streichelte, »wie dürftest du dich wohl in Rom in einer weitärmeligen seidenen Samara mit Mitra zeigen? Was sollen die Römer denken, wenn du in barbarisch-asiatischer Gewandung erscheinst? obwohl sie schöner ist als die römische und deiner göttlichen Schönheit besser ansteht als Panzer oder Tunika oder Toga, mein Liebling!« »Sag, Großmutter,« sprach er mit seiner gekünstelt hellen Stimme – den Kopf lehnte er an Mäsas Schulter und sie war entzückt von der so seltenen Liebkosung – »warum sollte ich mich nicht malen lassen in dem hohenpriesterlichen Gewand, in dem ich Dienst und Tanz vor dem heiligen Schwarzen Stein feiere? Eine Gesandtschaft kann dann, bevor ich selbst komme, das Bildnis als ein Geschenk nach Rom bringen, damit die Römer wissen, wie ich mich kleide.« »Gut, mein Kind,« antwortete Mäsa, die freudiger dreinschaute und seinem Einfall beistimmte. »Dann wird es gewiß das Beste sein, daß das Gemälde im Senatsgebäude aufgehängt wird über dem Siegesaltar, damit die Senatoren und Priesterkollegien Weihrauch brennen und Wein spenden vor dem Bildnis meines göttlichen Antoninus.« Entzückt schaute sie ihn an... Leidenschaftlich umarmte sie ihn, bedeckte sein Antlitz mit Küssen, streichelte seine Schultern, drückte ihn selig an sich. Ja, er hatte gute Einfälle: die orangefarbene Samara würde ihn prächtig kleiden. Er hatte vielerlei Gaben, er übte sein Latein und sprach diese Sprache korrekt und zierlich. Alles, was er tat und dachte, war anmutig, künstlerisch, genial und göttlich. Entzückt schaute sie ihn an... Matt, mit müdem Lächeln, reckte er die Glieder: dann stand er jählings auf, warf die Samara ab, stand nackt da, schloß die Fersen zusammen, hob die Arme, beugte, schlank, geschmeidig, biegsam, seinen Oberkörper nach vorn, nach hinten, zur Seite, nach rechts, nach links und machte die Vorübungen zum Tanz, während rings um ihn die Gewandschneider und Goldschmiede entzückte Rufe ausstießen, da sie das Wunder der unvergleichlichen Linienharmonie seines Körpers schauten. Während dieser Übungen starrten seine veilchendunklen Augen, weit geöffnet, auf den Schwarm seiner entzückten Sklaven, Sklavinnen und Freigelassenen. Er dachte an Emesa. Dort war der Tempel geschlossen. Ihm war, als sähe er den Turm, als sähe er Hydaspes einsam auf der höchsten Terrasse hinausstarren in den Sonnenuntergang. Ihm war, als höre er die vergessenen Pfauen unheilvoll kreischen. Er wand sich in der Vorübung zum Tanz – denn tanzen mußte er, immerdar: sein Mund bebte, er biß sich in die Lippen. Während die Sklaven, Sklavinnen und Freigelassenen mit bewundernden Ausrufen und mit Händeklatschen seine geschmeidigen Bewegungen begleiteten, fühlte er, wie seine Augen sich mit Tränen füllten. In Eribolos, dem Hafen von Nikomedia, takelten tausend Matrosen die Triremen der kaiserlichen Flotte auf, die Antoninus Heliogabalus nach Brundisium führen sollte. Sechstes Kapitel Es war die Stunde, zu der man die Thermen aufzusuchen pflegte, die gewaltigen Antoninischen Thermen, die Thermen des Caracalla. Doch heute morgen strömte ganz Rom, erwartungsvoll, neugierig und ungeduldig, entweder durch die kaiserlichen Fora des Cäsar, Vespasian, Nero, Augustus, Trajan – oder durch die Porta Capena und den Bogen des Titus aus allen Richtungen nach dem Forum Romanum und die Gebärden und Blicke aller richteten sich auf die Curia Julia, seitwärts zwischen Forum und Kapitol – der einstigen Curia Hostilia – dem Senatsgebäude, vor dem das Komitium sich erstreckte. Priesterkollegien eilten die Stufen empor zwischen Wachen leicht bewaffneter Velites und lanzenbewehrter Hastati und betraten, quer durch den Schwarm der Senatoren, die sie auf dem Platz erwarteten, das Senatsgebäude, denn es war – wenige Tage vor des Kaisers Ankunft – der Tag der Huldigung vor dem Bildnis des Sonnenkaisers und Weihrauch sollte gebrannt und Wein gespendet werden. Auch sollte es nach den Kollegien der Priester dem ganzen römischen Volk gestattet sein, Heliogabals Bildnis zu schauen, sein Bild in Lebensgröße, wie er, in oberpriesterlichem Gewand, den Dienst vor dem Schwarzen Stein zelebrierte. Die Menge schwoll, schwoll immer mehr an. Sie summte, summte immer lauter, sie kam durch die kaiserlichen Fora, sie strömte herein durch alle Pforten, sie füllte die Basilika Julia, flutete an dieser vorbei, durch den Vicus Jugarius und den Vicus Tuscus und schwärmte an den Buden der Wechsler und Goldschmiede vorüber in johlender Ungeduld. Denn die Menge wollte schauen, schauen! Was tun? Sollte man auf die Via Appia hinausgehen, irgendwo in einer Herberge nächtigen, um den Aufzug zu sehen, oder lieber in Rom bleiben, um einen Standort für den Triumph auszuwählen und zu mieten, ja, ihn vielleicht schon am Tage zuvor einzunehmen? So wogte, wogte, schwatzte und schrie das Volk. Aber auch eine vornehmere Menge strömte herbei mit mächtiger Entfaltung weißer Togen: Patrizier, Ritter und Männer von konsularischem Rang und viele, mit besonderer Erlaubnis versehen, schritten sofort die Stufen der Curia Julia empor, um Weihrauch zu brennen und Wein zu spenden vor dem Bildnis des Kaisers Antoninus: eine Pflicht der Höflichkeit, die, wie sie genau wußten, von einer Schar von Angebern heimlich beobachtet wurde. Aller Augen waren auf die Curia Julia gerichtet. Dort schwärmten die Senatoren über das Komitium, wohl sechshundert an der Zahl, deutlich erkennbar an ihrer purpurumrandeten Tunika, die von goldenen Gemmen umsäumt war. Als Gastgeber scharten sie sich zu beiden Seiten des Platzes und empfingen das Kollegium der Serapispriester, dem sich die Isispriester in Tonsur, die hundertköpfigen Anubisbilder in beiden Händen, anschlossen. Von einer Abordnung der Senatoren wurden die Priester hineingeführt, um die Feierlichkeit zu vollziehen. Ein Wind erhob sich und machte alle Klänge und Farben heller, schien noch einen letzten Nebel zu zerteilen, so daß das Forum in marmorner Weiße erstrahlte, weißer noch im Gegensatz zu den ockerfarbenen, scharlachroten, tiefblauen Farbenflecken zwischen der Anhäufung seiner Gebäude und Statuen. »Heute gehen wir also nicht in die Thermen,« sagte Sertorius, der Tischgenosse und Parasit des jungen Patriziers Gordianus. Er war ihm zum offiziellen Besuch in das Senatsgebäude gefolgt und folgte ihm nun auch auf die Plattform, auf der sich der Bogen des Septimius Severus wölbte und von wo aus man, im Schutze des Schattens, auf die Menge niederschauen konnte. »Heute ist niemand in den Thermen,« sagte Gordianus, »und wir werden ohne unser zweites Bad auskommen müssen. Übrigens erwarte ich auch zur zweiten Mahlzeit Gäste: euch alle!« fügte er mit einer anmutigen Handbewegung hinzu und lud alle ein, die sich um ihn drängten, allem Anschein nach Jünglinge aus dem Ritterstande und doch zumeist arme Schmarotzer. Seine Gebärde hatte alle aufgefordert, ohne daß er wußte, wen: er gab eben an diesem Nachmittag ein Bankett und es war ihm gleichgültig, wer kam. So bemerkte er denn auch plötzlich, daß er einen Mann geladen hatte, der ein Inder zu sein schien. Seine Züge waren braun und hager, er trug eine lange, weitärmlige Samara, auf dem Kopf eine spitze Mütze und schien ein reicher, angesehener Mann zu sein. Er verneigte sich vor Gordianus mit ausgesuchter Höflichkeit. »Dank für deine Güte, Gordianus,« sagte er ein wenig aufdringlich. »Ich bin Ganadasa, der Inder.« Dennoch war er nicht sicher, wie der junge Patrizier, den er sehr gut beim Namen kannte, seine etwas dreiste Zudringlichkeit auffassen würde: es war nämlich der Sohn des älteren Gordianus, der sich als Quästor berühmt gemacht hatte durch die prächtigen Spiele, die er dem römischen Volke geboten: fünfhundert Gladiatorenpaare und tausend Bären, Jagden auf Hunderte von breitgehörnten Hirschen aus Britannien, Elentiere, Stiere aus Zypern und zinnoberrot bemalte Straußvögel aus Mauretanien; späterhin war er zusammen mit Caracalla Prätor und Konsul gewesen, der erste Bürger, der eine Tunika mit Palmenbordüre und eine bunte Toga tragen durfte und der im Volk beliebt war, weil er, gütig, Hengste aus Kilikien und Kappadokien an die verschiedenen Parteien der Wagenlenker verschenkt hatte. Der schon bejahrte Mann lebte jetzt still und zurückgezogen in seinem Hause zu Pompeji, während sein Sohn in Rom tonangebend war; seine Bankette waren berühmt, mehr um ihres guten Geschmackes als um ihrer Üppigkeit willen. Der Ruf epikureischer Mäßigkeit umgab den jungen Gordianus und machte ihn zum Petronius, zum arbiter elegantiarum seiner Zeit.   Ein Gemurmel ward hörbar unter seinen Tischgenossen und Begleitern, nachdem Ganadasa sich bekannt gemacht hatte. Sie kannten die Rolle, die der Inder zu Emesa unter den Helfershelfern Mäsas gespielt hatte. »Ich rechne es mir als ein Vorrecht an, Ganadasa heute bei mir bewirten zu dürfen,« sagte Gordianus und fragte dann, als wisse er von nichts: »Du kommst aus Emesa?« »Ja,« erwiderte Ganadasa beruhigt und mit selbstbewußtem Lächeln, »die erhabene Julia Mäsa würdigt mich ihres Vertrauens. Ich bin ihr vorangeeilt.« »Die Flotte Seiner Göttlichkeit ist noch in Brundisium?« fragte Gordianus in seinem etwas teilnahmslosen Ton. »Die Flotte Seiner Ewigkeit ist in den Hafen eingelaufen,« antwortete Ganadasa würdevoll und ließ dabei, um den Schmarotzern Eindruck zu machen, seine seidene Samara rauschen, die sich allzu pomphaft um seine dürre Magerkeit blähte: an seinen Fingern und auf seinen Sandalen funkelten Gemmen. »Du trägst da ein sehr schönes Gewand,« sagte der Parasit Sertorius, während er schmeichelnd und unterwürfig den Saum des Mantels streichelte. »Ist das tyrische Seide?« »Oh, dieses Gewand ist nur von geringem Wert,« antwortete der Inder mit erkünstelter Bescheidenheit. »Es ist ein Mantel gegen Hitze und Staub. Nein, da trägt unser herrlicher Antoninus andere Gewänder, aus Seide auf Seide gewoben, wie man sie nie zuvor geschaut hat, und getönt mit dem Purpur der Sandixwurzel. Der Kaiser strahlt darin wie die Sonne. Er ist auch die Sonne. Ist er nicht die Sonne ?« Mit der Hand grüßte er eine beleibte Persönlichkeit, die lässig und selbstbewußt in den Kissen einer Sänfte ruhte, für die vier Lybier »Platz« riefen, mitten durch die Menge hindurch. Die Träger machten halt und der einstige christliche Schank- und Bordellwirt Matthias stieg aus; klirrende goldene Ketten hingen über seinem persischen Mantel. Nun, während er da wartete und Ausschau hielt unten am Bogen des Septimius Severus, durchlief sein Name in wisperndem Flüstern die Gruppe der Schmarotzer: denn er hatte mit Ganadasa, der auf der höheren Plattform stand, einen Blick gewechselt. »Der Christ Matthias... der Christ Matthias... Auch ein Handlanger Mäsas, aus Emesa gekommen...« Gordianus fragte mit leichtem Spott: »Würdiger Ganadasa, ist nicht der beleibte Herr mit den vielen goldenen Ketten, der dich begrüßte, der Christ Matthias?« »Gewiß,« antwortete Ganadasa. »Würdigt die erhabene Julia Mäsa auch ihn ihres Vertrauens?« Ganadasa lächelte und sagte blinzelnd, froh, seinem Kumpan etwas Übles nachsagen zu können: »Er ist ein treuer Diener der Erhabenen, genießt aber kein großes Ansehen. Zu Emesa betrieb er eine Schankwirtschaft und ein Bordell. Ja, und jetzt trägt er goldene Ketten – so viele als möglich übereinander – und außerdem... er ist ein Christ.« »Wie – aber die Christen stehen doch in Ansehen?« meinte Gordianus lächelnd. »Du mußt verstehen, wir hier in Rom – so weit von Emesa und Nikomedia entfernt, wohin sich Seine Ewigkeit leider allzu lange zurückzog – wissen von nichts. Nicht wahr, Sertorius? Nicht wahr, meine Freunde? Wir hier in Rom wissen von nichts . Seit langem schon bildete nicht mehr der vergoldete Umbilicus, der Nabel des römischen Reiches, sondern der Schwarze Stein zu Emesa den Mittelpunkt der Welt.« Rings um ihn her wiederholten die Schmarotzer: »Gewiß, Gordianus, den Mittelpunkt der Welt...« »... bildete seit langem nicht mehr ...« »... der vergoldete Umbilicus dort drüben ...« »... Roms Nabel ...« »... sondern der Schwarze Stein zu Emesa ...« Ihre Stimmen kreischten, schrien mit falschem und schmeichlerischem Klang durcheinander und sie verneigten sich tief vor Gordianus und darauf auch vor Ganadasa, der sich diese Huldigung hoheitsvoll gefallen ließ und sich in seinem Ansehen neben diesem Sohn eines der edelsten römischen Geschlechter sonnte. »Zum Glück für uns,« fuhr Gordianus fort – er erbaute sich stets im stillen an dem Tun und Treiben seiner Tafelgenossen – »kehrt der Mittelpunkt der Welt, der Schwarze Stein, dank der Gnade seiner Ewigkeit nach Rom zurück.« Der Chor der Schmarotzer fiel ein: »Zum Glück für uns...« »... Der Mittelpunkt der Welt ...« Sie wiederholten des Gordianus geistreiches Wort und verneigten sich und schmeichelten ihm, bis der Patrizier seine Frage wiederholte: »Also stehen die Christen dennoch in Ansehen?« »Alle, die fromm sind, gelangen zu Ansehen!« rief Ganadasa. »Unser herrlicher Kaiser ist sehr fromm und will allen Göttern Ehre erweisen, sind sie doch alle aus dem Lichte geboren! Sind nicht Zeus, Jupiter, Moloch, Jehova, Jesus, Melkart, Rhea Kybele, Aphrodite, Isis, Serapis Ebenbilder der Göttlichkeit, die sich auf verschiedene Weise offenbart? Ist nicht das Licht Helios, Sol, Bel, Baal, Osiris und Heliogabal? Nur ist Heliogabal der Allerhöchste, das Licht selber , so daß der Schwarze Stein zu strahlen beginnt im heiligen Augenblick des Tanzes, wenn Antoninus sich zum Gott verkörpert, zu Fleisch und Geist der hehrsten Schönheit.« »Lehren dies die Magier?« fragte Gordianus. »So habe ich es mit eigenen Augen gesehen,« erwiderte Ganadasa stolz und richtete in Verzückung die Augen gen Himmel. »Gewiß, gewiß!« riefen die Schmarotzer. »Was sind Jupiter, Moloch anders als...« »Die Göttlichkeit...« »Doch Heliogabal ist der Allerhöchste...« »Alle, die fromm sind und den Göttern dienen, gelangen zu Ansehen,« wiederholte Ganadasa, »alle, die Heliogabal ehren, die Christen nicht ausgenommen. Ich bin Gymnosophist und Gnostiker, aber ich bete Heliogabal an als den Höchsten. Wenn die Christen dem Schwarzen Stein höhere oder nur gleiche Verehrung zollen wie ihrem Jehova und Christus, warum sollten sie nicht zu Ansehen gelangen? Denn die Magier lehren: Es ist alles das gleiche. Jehova ist die Sonne, Christus ist der Sohn der Sonne und offenbarte sich der Welt mit dunklem Antlitz, so wie Heliogabal selber sich offenbarte in der Phallosform eines Monolithen. Es ist alles das Gleiche, alles das Gleiche!« rief Ganadasa, während er mit einer weiten Gebärde die Hände aus den seidenen Ärmeln reckte, einer Gebärde, mit der er alle Götter und alle Riten in eins zusammenzufassen schien. »Nur wurde zu Emesa die Wahrheit gefunden, die alle Wahrheiten in sich vereint.« »Es ist alles das Gleiche, alles das Gleiche!« riefen die Schmarotzer aus, mit der gleichen allumfassenden Gebärde. »Ich verstehe den hehren Gedankengang unseres ewigen göttlichen Kaisers,« sagte Gordianus lobpreisend, »und sicherlich werden nun glückselige Zeiten anbrechen.« »Zeiten des Lichtes und der Liebe werden kommen,« rief Ganadasa in Verzückung aus. »Antoninus ist das Licht und die Liebe. Du solltest Antoninus sehen, edler Gordianus. Ich lebe nur, wenn ich ihn sehe. Er ist mir Speise, er ist mir Trank, ich schwelge in seinem Anblick. Ich liebe ihn von ferne und wenn ich es wage, mich ihm zu nähern und seinen Fuß zu küssen und wenn der Strahl seines Lächelns mich streift, so steige ich empor zum Himmel wie nie zuvor bei all meinem Fasten und Nabelanstarren und den Selbstbetrachtungen in der Einsamkeit. O Antoninus, Antoninus Heliogabalus, du Licht! du Liebe!« »Du Licht, du Liebe!« riefen die Schmarotzer aus. Doch Ganadasa fuhr fort: »Er ist die Liebe und das Licht. Er ist das Ewige, er ist Mann und Weib in Einem, er ist der Zweieinige, der Schöpfer und Mittler zwischen Gott und Welt, der Demiurgos. Er ist alles und alles vereint er in sich. Heil, Heil Antoninus!« »Heil Antoninus!« rief auch Matthias, der unten am Bogen stand und mit seiner fetten Hand Ganadasa zuwinkte; dann schaute er wieder die Via sacra hinunter, als warte er auf jemanden, der von dort kommen sollte. Die Schmarotzer um Gordianus riefen gleichfalls Heil und alles war Bewegung und Begeisterung... Ganadasa rief auch Caracalla und Septimius Severus aus, denn in Rom durfte nicht vergessen werden, daß der Hohepriester von Emesa ein Nachkomme der vom römischen Volk geliebten Antonine war, und der geliebte Name Antoninus sollte immer und immer wieder erklingen, das war Mäsas ausdrücklicher Wunsch. Noch zitterte der von den Römern heiß geliebte Name Antoninus über das Forum hin, als Sertorius ausrief: »Seht, seht dort die Vestalinnen!«   In der Tat ward der Zug der Vestalinnen auf der Via sacra sichtbar. Vor ihnen ging, unter Vorantritt von Liktoren und umgeben von Priestern, der Pontifex Maximus; unmittelbar hinter ihm kam, würdig, sehr jugendlich und keusch, die Virgo Maxima, die Oberpriesterin der Vestalinnen, in weißer Stola und weißem Mantel. Der Scheitel mit dem kaum sichtbaren Blondhaar war mit schmalen Linnenbändern umwunden, das Suffibulum, weiß mit Purpurrand, wie eine Kappe über den Kopf gezogen und mit einer Fibel unter dem Kinn befestigt. Die fünf anderen Jungfrauen folgten ihr und leicht bewaffnete Velites schlossen den Zug. Ehrerbietig wich das Volk zur Seite. Unter vielen Ehrenbezeugungen erreichte der Zug die Treppen des Komitiums, wurde vor der Curia Julia von den Senatoren empfangen und mit großem Zeremoniell hineingeführt. »Schön ist sie in der Tat, unsere Aquilia Severa,« sagte Gordianus. »Wer ist sie?« fragte Ganadasa. »Die Virgo Maxima, die dort, die ganz allein geht, dicht hinter dem Pontifex Maximus.« »Sie ist schön und würdig!« rief das Echo der Schmarotzer und Sertorius sprach: »Sie ist das Ebenbild der Vesta selber.« »Vesta ist eine große Göttin,« sagte Ganadasa. »aber kein Gott ist größer als Heliogabal!« Der Zug war in die Curia Julia eingezogen und die tausend und abertausend Augen der Menge blieben auf die Pforte gerichtet, geduldig die Rückkehr der Vestalinnen erwartend, um sie, nach der feierlichen Handlung vor dem kaiserlichen Bildnis, noch einmal zu sehen, bevor sie ins Haus der Vesta zurückkehrten. Aber Matthias, der unten am Triumphbogen neben seiner Sänfte wartete und Ausschau hielt, sah, wie sich ein in eine dunkle Kutte gehüllter Greis auf einem Esel, begleitet von zwei Mönchen, mühevoll den Weg durch die Menge bahnte. Sobald Matthias seiner ansichtig ward, stieß er mit seiner gewichtigen Körperfülle die Umstehenden beiseite, so daß sie fluchend zurückwichen, bahnte sich, umklirrt von seinen goldenen Ketten, in seinem schweren, steifen, persischen Mantel, einen Weg, sank dann, in bewußter Herausforderung der Menge, vor dem Esel auf ein Knie nieder und streckte die Hände empor. »Pappias Zephyrinos,« sprach er, »heiliger Vater, segne deinen Sohn!« Zephyrinos, der Christenbischof, segnete Matthias und stieg schwerfällig ab, von den Mönchen unterstützt, die zu beiden Seiten des Esels stehenblieben. Der schrie, so daß die Umstehenden lachten. »Mein Sohn, mein Sohn Matthias,« flüsterte der Bischof verlegen, »ich bin froh, daß ich dich treffe.« »Ich habe auf dich gewartet, heiliger Vater.« »Was soll ich tun, mein Sohn Matthias? Ich bin hierher gekommen, weil du mich darum gebeten hast und weil es der Wille des Kaisers ist, aber sage mir jetzt, was ich tun soll. Mir ist hier nicht wohl zumute: die Menschen blicken dich an, weil du so ansehnlich bist, und deshalb auch mich, der ich doch sonst nirgends auffalle. Am liebsten kehrte ich sofort wieder um.« »Heiliger Vater, es ist gut, daß du gekommen bist. Ja, es ist des Antoninus Wille, daß du ihm gehorchest. Alle Priester kommen. Sieh, soeben kehren, von Horus geführt, die Isis- und Serapispriester zurück, augenblicklich sind die Vestalinnen in der Kurie und da schreiten gerade die Eunuchenpriester und Erzpriester der Rhea Kybele die Stufen empor. Ja, ja, es ist gut, daß man auch dich sieht.« »Was tun sie dort und was soll ich tun, mein braver Sohn Matthias?« »Es handelt sich um eine Ehrenbezeugung, die du dem Bildnis unseres allerheiligsten Antoninus erweisen mußt. Die Priesterkollegien brennen Weihrauch und sprengen einige Tropfen Wein davor aus: eine einfache Huldigung,die auch du gewiß gern vollziehen wirst.« »Was sagst du da, Matthias? Ich soll in das Senatsgebäude gehen, unter so viele Senatoren, und Weihrauch brennen und Wein spenden vor dem Bildnis des Kaisers?« »In Lebensgröße gemalt, Vater, herrlich schön, wie er in prunkvollem Gewand um den Schwarzen Stein tanzt.« »Um den Schwarzen Stein, Matthias? Nimmermehr kann ich das tun. Selbst wenn ich meine Scheu überwände und dort hineinginge, könnte ich doch nimmermehr heidnischen Weihrauch brennen und Wein spenden vor Einem, der einen Stein anbetet.« »Still, heiliger Vater,« flüsterte Matthias, »es ist nicht gut, daß du so etwas hier aussprichst. Es ist besser, du gehst die Stufen hinauf. Ich selbst will dich führen und meine Sklaven sollen dir den Weg bahnen. Ein Knabe hütet dir gewiß inzwischen deinen Esel, denn es ist gut, wenn die beiden Mönche dich begleiten, damit etwas Gefolge um dich sei. Erzürne, heiliger Vater, Antoninus nicht dadurch, daß du dich zurückziehst und nicht tun willst, was die höchsten Priester aller Gottheiten tun. Wenn du dich zurückziehst, kann ich dir in nichts mehr helfen, möge ich ein noch so guter Christ sein, wie es auch mein Vater und mein Großvater gewesen sind. Zu Emesa betrieb ich eine Schenke und ein Bordell, und sieh nur, jetzt trage ich einen persischen Mantel und goldene Ketten, halte mir sechs schwarze Sklaven und darf mich in einer Sänfte tragen lassen. Das hat Mäsa mir bewilligt, weil ich so beleibt bin und das Gehen mich ermüdet. Zu so hohem Ansehen bin ich gelangt, weil ich ein treuer Diener der Mäsa war und des Antoninus Willen ehre; und bleibe doch ein guter Christ. Mach es wie ich, heiliger Vater! Was verschlägt es, ob du ein paar Körner Weihrauch zwischen Daumen und Zeigefinger in die Schale fallen lässest, ob du ein wenig Wein aus dem Becher schüttest? Denn mehr verlangt Antoninus in diesem Augenblick nicht von dir als Beweis, daß du ihm huldigst. Geh, heiliger Vater, geh und ehre seinen Willen!« Ohne das Zögern des Bischofs weiter zu beachten, der von mehreren Christen umringt wurde, die ihm die Hand küßten, rief er aus: »Platz, Platz für Zephyrinos, den heiligen Vater, den Bischof von Rom! Platz, Platz für Zephyrinos!« Seine sechs Sklaven wiederholten den Ruf und die Menge wich zur Seite. Einen Augenblick schwankte der Bischof noch, doch schon hielt ein Christenknabe den Esel fest beim Zaum und die Christen um ihn herum riefen flehentlich: »Geh, heiliger Vater, geh!« »Geh, Pappias! Wenn du gehst, wird Antoninus uns gnädig sein und uns einen Tempel gewähren!« »Er wird uns nicht den wilden Tieren vorwerfen lassen!« »Er wird uns nicht kreuzigen lassen, Vater!« Aller Augen richteten sich auf den Bischof und Zephyrinos hatte nicht den Mut länger zu zaudern. Er folgte Matthias, der »Platz« rief, und die beiden Mönche schritten hinter ihm her mit niedergeschlagenen Augen. Nach dem glänzenden Aufzug der Serapis- und Isispriester, der tanzenden Galli und Archigalli, nach den würdigen und erhabenen Erscheinungen des Pontifex Maximus und der Vestalinnen machte der Gang des nur von zwei Mönchen begleiteten, in eine dunkle Kutte gehüllten Bischofs wenig Eindruck. Allein Matthias schwenkte die Arme und schrie laut, zugleich mit seinen sechs Sklaven: »Platz für Zephyrinos, den heiligen Vater, den Bischof von Rom! Platz für Zephyrinos!« Er selbst erreichte als erster das Komitium und sprach selbstgefällig und von oben herab zu den Senatoren und die Männer verneigten sich vor ihm, in dem Bewußtsein, daß er, ein mächtiger Vermittler, bei der erhabenen Mäsa in hoher Gunst stehe. Als der Bischof näher kam, verneigten sie sich auch vor ihm sehr tief und führten ihn in die Curia Julia; die beiden Mönche folgten mit niedergeschlagenen Augen. Zephyrinos, der Bischof von Rom, brannte Weihrauch in der Aula des Senats und spendete Wein vor dem Bildnis des allerheiligsten Heliogabal. Draußen blickte Matthias triumphierend über die Menge hin. Dieser Mann aus dem Volk war stolz, daß er sich, obgleich er Christ war und einer nicht sehr geachteten Gemeinde angehörte, die vor nicht langer Zeit um ihres Glaubens willen zu Tausenden und Abertausenden hingeopfert worden war, durch Takt und Geschicklichkeit emporgearbeitet hatte, so daß in diesem Augenblick ganz Rom wußte, wer er war, und seinen Namen nannte wie die Namen des Ägypters Horus, des Parthers Xibaran, des Inders Ganadasa. Ja, jeder von ihnen hatte das Seine dazu getan, daß Bassianus zum Kaiser ausgerufen werde. Aber hatte er nicht das meiste getan? Er, der jeden Soldaten im syrisch-phönizischen Heer zu Emesa gekannt und in seiner Schenke und in seinem Bordell einzeln zu beeinflussen und die erwachende Bewunderung für das tanzende Kind zur Raserei aufzustacheln gewußt hatte? Jetzt stand ihm alles offen: der Weg in den Senat, ja sogar die Sella Curulis des Konsuls. Eine heftige Bewegung ging durch das Volk.Die letzten Priesterkollegien waren in die Kurie getreten und wieder zurückgekehrt und nun betraten Posaunenbläser den Platz, setzten kupferne Posaunen an die Lippen und schmetterten laut das Signal, das dem ganzen Volk Zugang gewährte zur Aula des Senats, um des Kaisers Bildnis zu schauen. Ein Schrei der Erleichterung, ein großes Aufatmen nach Ungeduld und Erwartung wurde laut und sogleich strömte die Menge dichter zusammen. Es entstand Gedränge und Verwirrung. Die letzten Priesterkollegien kamen dem Volk entgegen, das weder Ehrfurcht noch Geduld mehr hatte und sogar den Schwarm der Senatoren, die die Treppe des Komitiums hinabschritten, zur Seite stieß. Auf dem Platze aber gehorchte das andrängende Volk dem Befehl der Centurionen, sich paarweise zu scharen und zwischen der Wache der Hastati hindurch immer zwei zu zweien durch die eherne Pforte in das Senatsgebäude einzutreten, um nach dem Gang um des Kaisers Bildnis, vor dem nicht stillgestanden werden durfte, durch das andere eherne Tor wieder hinauszutreten. Willig scharte sich das Volk von Rom, je zwei zu zweien, froh, endlich etwas zu sehen, sei es auch nur ein lebensgroßes Bild. Froh wie die Kinder rief man: »Endlich! Endlich dürfen wir ihn sehen. Nicht so drängen, Bürger! Ihr kommt alle noch an die Reihe! Ja, ja, Centurio, wir gehen ruhig weiter. Nur ruhig, Schritt für Schritt. Nicht drängen, Bürger, nicht drängen! Sachte, zwei zu zweien, sachte! Gleich bin ich schon beim Tor. Ja, ja, Centurio, nicht still stehen, nur den Altar umschreiten und zum anderen Tor wieder hinaus. Sei nur ruhig, wir halten schon Ordnung! Ha, da ist schon der Siegesaltar! Wie der noch von Weihrauch dampft und wie gut es nach Wein riecht! Da, da, der Kaiser! Antoninus! Heliogabal! Götter, wie schnell müssen wir vorbei! Ich seh mich rasch noch mal um! Ich komme wieder. Ich will ihn ein zweites Mal sehen, ich habe so gut wie nichts gesehen. Antoninus! Beim Herkules, was für ein reizendes Kerlchen! Sieh nur, er trägt ein langes Gewand... Nicht stehenbleiben! ... Dürfen wir uns nicht noch einmal umsehen? ... Ach, wie schade! ... Beim Jupiter, ein schönes Kerlchen! Er sieht aus wie ein Mädchen, mit seinen blonden Locken unter der spitzen Mütze... Götter, ist das der Schwarze Stein? Das ist einer, was? ein klotziger! Was sagst du zu ihm, Rufilla? Den gönn ich dir, Cornelia, ich halte es lieber mit seinem Priesterlein!« »Willst du wohl nicht so unehrerbietig sprechen? Das Priesterlein ist Antoninus! Götter, man möchte meinen, daß er lacht. Liebling! Schatz! Ich grüße dich! Kußhände wirft man dir zu! Ist das der Kaiser? Ich finde, er sieht seinem Vater Caracalla ähnlich – Bist du toll? Caracalla mit der bärbeißigen Schnauze – – sei gefälligst ehrerbietiger! Laß die Angeber dich nicht hören! ... Wie denn? Ich sage doch nichts, ich liebe die Antonine, ich bin verliebt in unseren kleinen Heliogabal! Liebling! Ich muß sagen, er gleicht seinem Großvater Septimius Severus. Götter, ob wir ihn wirklich so sehen werden? So schön und so anmutig? In solch einem langen Gewande, mit solch einer Mütze? – Sag mal, einige behaupten, er sei kein Knabe und kein Mädchen, sondern... Ist das wahr? Ist er beschnitten wie die Juden? Oder wie die Priester der Kybele? Nein, er hat überhaupt kein Geschlecht!« »Nein doch, er hat zwei! Er hat drei, er hat alles, was man nur haben kann. Ha, das wird eine vergnügte Zeit hier werden! Heil, heil der Sonne! Heil Antoninus! Heil dem Doppelgeschlecht! Hat man das in Syrien erfunden? Den Göttern sei Dank, endlich mal wieder was Neues! Knaben oder Mädchen haben wir schon lange genug gehabt. Heil, heil dem Kaiser!« Endlos währte der Umgang des Volkes. Dichter Weihrauchqualm durchblaute den Saal. Der Wein floß ab durch die Rinne am Altar. Zu beiden Seiten hielten Centurionen Wache, den Efeustab, das Zeichen ihrer Würde, in der Hand. Das Volk strömte zu einem Tor hinein und zum anderen wieder hinaus, über die Treppen des Komitiums, über die Stufen der Tempel des Saturn und Vespasian und der Konkordia, über die vierundsechzig Stufen des Tabulariums und durch die Basilika Julia, um sich dann langsam zu zerstreuen. Allein in der Via Sacra ballte es sich wieder zusammen. Vor den Tabernen, den Buden der Goldschmiede, der Buchhändler und Verkäufer wohlriechender Essenzen tummelten sich Müßiggänger oder standen umher und suchten in den Acta Diurna, die alle Neuigkeiten brachten, das Datum der Ankunft des Hofes, das noch nicht bestimmt war. Sie fanden aber noch keine weiteren Meldungen: der Kaiser war erst in Neapel; man würde Geduld haben müssen. Doch unterhaltsam war es, am Hause der Vesta und die Getreidespeicher entlang durch den Bogen des Titus zu schlendern, vorbei an den Ruinen des Kolosseums, das Septizonium, den siebenstöckigen Turm entlang, nach dem Palatin und von dort das Getriebe in den Peristylen des flavischen Palastes zu schauen, der zum Empfang des Kaisers hergerichtet wurde von Baukünstlern aus dem Orient. Hellfarbige babylonische Teppiche wurden ausgebreitet, Lorbeergirlanden um Kapitelle und Säulenschäfte geschlungen und ein Heer von Sklaven war geschäftig inmitten der marmornen Majestät der unabsehbaren Galerien. Aber noch unterhaltsamer war es, über den ganzen Palatin hin zu wandern und zu sehen, wie man am Palast des Septimius Severus arbeitete und ihn schmückte. Denn der flavische Palast sollte Festen, Audienzen und Rechtsprechungen dienen, der von des Kaisers Großvater aber – die beiden Paläste waren durch einen geheimen Gang verbunden – sollte die eigentliche Wohnung des Antoninus, der Mütter und des kleinen Cäsar Alexianus bilden. Das dicht gedrängte Volk blickte empor zu der gewaltigen Aufhäufung von Arkaden und Altanen, die sich in den Äther reckten und von einem Sklavenheer wimmelte, das von orientalischen Architekten befehligt wurde. Auch dort wurden Teppiche ausgebreitet, Rauchfässer geschwungen, Girlanden gewunden und Wimpel und Fahnen ausgesteckt nach Barbarenart, persische, halb parthische, scharlachrote und blaue, alle mit Perlenketten umschnürt. Auch lohnte es sich wohl, den Tempel des Pluto-Orkus einmal anzusehen, der dazu eingerichtet wurde, den Schwarzen Stein vorübergehend aufzunehmen; denn ein neuer Sonnentempel, der herrlichste aller Zeiten, sollte gebaut werden, sobald der Kaiser selbst, von den Magiern beraten, den heiligen Platz dazu ausgewählt haben würde. Also zuerst zum Tempel des Pluto und dann zu den Bädern des Caracalla, wo man fieberhaft arbeitete, um die Antoninischen Thermen, von des Kaisers Vater gegründet, dem jungen Kaiser nicht allzu unvollendet zu zeigen. Ja, wer nicht müßig ging, der arbeitete, und auch in dem Prätorianerlager bei der Porta Nomentana arbeitete und arbeitete man, denn der Kaiser wollte daselbst im Prätorium die Nacht vor dem Tage seines Triumphzuges durch Rom verbringen.   Nur um zu schauen, kindlich froh darüber, daß es so viel zu sehen gab, schlenderte das Volk von Rom, Vornehme und Geringe, Reiche und Arme, Alte und Junge, Männer, Frauen und Kinder, zu Fuß und auf Eseln, in Wagen und Sänften an den Bädern, den Gärten der Spes Vetus, dem Villenviertel der Carinae, an dem Bordellviertel der Subura entlang, durch die geöffneten Tore in das Prätorianerlager. Wie eine babylonische Stadt lag das Lager da, das ständige Lager, die Castra Stativa, mit seinen Sommerzelten und Winterkasernen, in diesem Augenblick wimmelnd von einer farbenbunten, laut summenden Menge. Das Leben im Lager war bunt und laut wie auf einem Jahrmarkt und die Farben der auf und ab wogenden Menge wurden noch belebt von dem Glanz der Uniformen und Waffen: die fingerdicken Lanzen der Hastati, die vor den Zelten aufgepflanzt waren, blitzten hin und wieder auf und die aneinander ruhenden Spitzen bildeten vor jedem Zelt ein Strahlenbündel. Im Quartier der Anführer schienen schwere Schuppenpanzer lebendig geworden, eine eiserne Menschheit sah man dort, breitschultrig, mit hochgewölbter, umpanzerter Mannesbrust, über den Hüften die lederne Tunika, die, mit bronzenen Nägeln besetzt, aus dem Koller herabhing. Die Manipeln der Triarier, bestehend aus Veteranen, zähen Burschen, die stolz waren auf ihre Narben und mit bärtigem Munde laut prahlend von den fernen Landen der besiegten Barbaren erzählten, versammelten sich um das Vexillum, ihre bekränzte Standarte, die von einer vergoldeten Hand emporgehalten ward. Über der Schulter trugen sie das Pilum, den kürzeren Wurfspieß, der an einem Riemen befestigt war, damit die Waffe nach dem Wurf nicht verloren ginge, sondern zurückgerissen werden könne. Abteilungen der Catafractarii und Clibanarii wurden zu Pferd von ihren Tribunen vorübergeführt; sie glichen ungeheuren Schildkäfern, die vom Kopf bis zu den Füßen golden und silbern glänzten. Der Anblick der metallenen Riesen begeisterte die Müßiggänger; man zeigte sie sich und jubelte ihnen zu. Fremde Hilfstruppen durchzogen die Lagergassen, nach der Übung in ihre Quartiere zurückgeführt: Numidier auf ungesattelten Rossen und parthische Berittene, Bogenschützen in langen Samaren, die links und rechts wie Schabracken von den Rossen herabhingen, tapfer und zielsicher, solange sie beritten waren, doch ungeschickt und hilflos, sobald ihr Roß stürzte, und sie sich in ihr Gewand verstrickten. Das schaulustige Volk freute sich, die Barbaren zu sehen: die Hilfstruppen, Nubier und Parther und Lusitanier, Helvetier, Sarmaten, Gallier, Germanen und Daker, deren verschiedene Sprachen, vermischt mit Befehlen und Ausrufen, durcheinanderschwirrten wie lautes Gewieher. Plötzlich geriet die Menge in wilde Erregung. Von allen Seiten kamen Menschen dahergerannt, zwischen den Zelten hindurch, die Soldaten fluchten, Tragküchen wurden umgeworfen, Streitigkeiten brachen aus, Blut floß. Man drängte, schob, schimpfte, ohne recht zu wissen, was vorging. Wohl sah man Senatoren in lauter oder flüsternder Unterhaltung, von Velites begleitet, unter Vorantritt von Liktoren auf das teppichüberdachte Prätorium zuschreiten; wohl steckten hier und dort ein paar die Köpfe zusammen; aber das Volk, die Menge, wußte nichts und begriff nichts. Man erkannte nur inmitten der hochmütigen Senatoren den kleinen Ägypter Horus, den Parther Xibaran, vor allem auch den seidenrauschenden Ganadasa und in seiner schwankenden Sänfte Matthias, den Christen. Die Senatoren umringten die vier Männer und die sprachen hochmütig auf sie ein und das Volk wollte wissen, worum es sich handle, aber es erfuhr und begriff dennoch nichts, und unter den Senatoren und Dakern entstand ein Aufruhr, weil die Centurionen ihre neuen Quartiere nicht ausfindig machen konnten. Plötzlich ritt der Quästor des Lagers vorüber. Sein Pferd bäumte sich und er war sehr bleich. Im gleichen Augenblick erschien auch zwischen dem Tribunen Aristomachos und dem Präfekten Antiochianus hoch zu Roß der Präfectus Praetorio Julianus, der Oberbefehlshaber des Heeres. Tausende von Stimmen schrien, johlten, schimpften, brüllten, ohne zu wissen, was vorging, was da im Verborgenen schwelte und im Begriff war, sich zu entzünden und aufzuflammen. Man wunderte sich nur, daß man den Präfekten von Rom den ganzen Tag nicht gesehen hatte, nicht einmal während der Feierlichkeit in der Kurie... Plötzlich schien das Lager in Aufruhr und das Heer in Aufstand. Doch weshalb und gegen wen, das wußte keiner der Müßiggänger und Tagediebe zu sagen. Rings um das Prätorium, das in ein ungeheures Festzelt umgewandelt wurde, dort, wo in der Mitte des Lagers die Wege sich kreuzten, dröhnte das Hämmern von Hunderten von Arbeitern und Sklaven weiter und die kostbaren Zeltdecken breiteten sich in verschwenderischer Fülle von Fahnenstock zu Fahnenstock, steife Teppiche und zartere Draperieverzierungen, bunt durchwebt mit Fabeltieren und Pflanzen: goldene Ruhelager und silberne Tische, bronzene Rauchfässer und elfenbeinerne Schemel wurden hineingetragen mit Stapeln vergoldeter Küchengerätschaften, wie man sie zum erstenmal in Rom sah, so daß das herzuströmende Volk sich neugierig fragte, wozu sie wohl dienen möchten. Truhen und Kisten wurden hereingeschleppt, der ganze verschwenderische Überfluß, allem Anschein nach unentbehrlich sogar für die einzige Nacht, die der Kaiser hier verbringen sollte. In einem eisernen Käfig auf Rollen wurden brüllende Leoparden, Löwen und Tiger von ängstlich schreienden Mauleseln quer durch die johlende, lachende, pfeifende Menge gezogen und hinter dem Prätorium aufgestellt... Kam da schon die Menagerie des Kaisers? Wann würde der Kaiser selbst kommen...? Morgen ... ? Übermorgen ...? Wann endlich, endlich, würde man ihn sehen dürfen? Man wartete doch schon monatelang. Es fehlte nicht viel, und das Volk wäre in das Prätorium eingedrungen. Einzelne gelangten sogar hinein, warfen einen Blick durch die Weite des marmornen Peristyls, spähten in die mit weichen Stoffen behangenen Gemächer des Antoninus... Aber die Architekten schrieen und fluchten und Hastati trieben mit vorgestreckten Lanzen das johlende Volk zurück gegen die Käfige der brüllenden Tiere. Ein Tiger schlug seine Pranke durch die Gitterstäbe in die Schulter einer Frau. Blut floß, Leben entfloh – kaum beachtet. Inzwischen brauste ein wildes Gedränge, ein Sturm gewaltiger Menschenmassen, die wissen wollten, was vorgehe, vom Prätorium bis zum Quartier der Tribunen, wohin Julianus, von Aristomachos und Antiochianus begleitet, geritten war. Was da vorging, begriff man nicht, doch die zu vorderst Andrängenden erblickten von weitem auf dem kleinen Forum, zwischen den Zelten der Oberbefehlshaber, Ganadasa den Inder und Matthias den Christen in lebhaftem Gespräch mit den Tribunen und Präfekten. Beide schienen, unsicher... nicht zu wissen, was sie tun sollten ... Tubensignale schmetterten, vom Winde schrill zurückgetragen, zwischen den wallenden Bannern und Wimpeln; schärfer erhob sich der Wind und das Segeltuch der Zelte flatterte. Plötzlich erklang die Stimme des Julianus; doch die Menge konnte nicht verstehen, was er sagte. Seine rote Chlamys flatterte im Winde und er streckte die Arme empor, er breitete sie aus wie ein Redner. Totenbleich, während ihm die Augen aus den Höhlen traten vor Spannung und Erwartung und Ehrgeiz, redete er und redete; Centurionen scharten sich um ihn, Rosse wieherten. Durch das ganze Lager; von allen Seiten, erklangen Signale... In der zusammengestauten Menge schaute der eine links, der andere rechts, fragte man hier, wies man dorthin, wurden Achseln gezuckt, wurde versichert und behauptet, widersprochen und gejubelt und gejohlt, bis deutlich vernehmbare halbe Sätze vom Winde herübergetragen wurden. »Julianus ist Römer! Er ist kein Asiat!« »Bassianus ist der Sohn des Caracalla, der Enkelsohn des Septimius Severus!« »Bassianus? Bassianus sollte man Varius nennen; er ist der Sohn vieler Väter, er ist ein Hurenkind! Seine Mutter ist eine Hure! Er ist kein Antoninus! Caracalla war kein Antoninus! Er stahl sich den Namen, der Dieb!« »Wir wollen nicht den Orient und den Schwarzen Stein!« »Wir wollen nicht vom Orient überwältigt werden!« »Wir wollen unsere Götter über die asiatische Sonne stellen!« »Wohl ist Bassianus Antoninus! Er ist der Sohn des Caracalla Antoninus! Ist Julianus Antoninus? Wer ist Julianus? Wir wollen Antoninus, wir wollen Heliogabal! Er ist unser Kaiser! Er, der Verbannte! Er ist unser Liebling! Ihn wollen wir, wir wollen ihn schauen, wir wollen ihn tanzen sehen! Er ist schön, er ist schön! Haben wir nicht an diesem Morgen sein Bildnis gesehen? Er ist Antoninus und er ist tapfer; tapfer wie Mars, denn Macrinus hat er besiegt! Seine goldene Chlamys flatterte wie die eines Gottes! Gott wollen wir zum Kaiser! Antoninus Heliogabalus! Heil! Heil! Heil Alexianus Cäsar! Heil den erhabenen Müttern! Heil Julia Mäsa, sie besitzt Schätze! Uns allen werden ihre Schätze zuteil; es wird Spiele geben und Umzüge! Wir wollen den Schwarzen Stein! Wir wollen den Phallos! Wir wollen das Leben; wir wollen die Sonne! Vom Osten her erobert die Sonne sich Rom! Fort! fort mit Julianus!« »Hört ihr es? Hört ihr es?« kreischte Ganadasa, der Inder, und schlangengleich reckte sich seine hagere Gestalt an den kräftigen Körpern des Aristomachos und Antiochianus empor. »Zaudert ihr noch? Jeder von euch bekommt noch zweihunderttausend Sesterzen. Hier, hier der Beweis! Julia Mäsa läßt nicht mit sich schachern. Zaudert nicht länger! Was vermag Julianus? Das Heer ist nicht auf seiner Seite und die phönizischen und syrischen Legionen, die im Anzuge sind und die Macrinus besiegt haben, werden stärker sein als das ganze Heer barbarischer Hilfstruppen, die nicht wissen, was sie wollen... Zaudert nicht länger! Ihr saht Heliogabal zu Nikomedia.« »Ja, ja, ich sah ihn!« rief der Tribun Aristomachos aus. »Ich liebe den Kaiser, ich bete ihn an!« »Du betest ihn an und kannst noch zaudern? Willst du denn nicht jeden Tag in ihm schwelgen, schwelgen in dem Glanz seiner Göttlichkeit? Wird er dir je etwas abschlagen, wenn ich ihm sage, daß du ihm Rom in diesem Augenblick gerettet hast? Jeden Tag wirst du an seiner Seite sein! Jeden Augenblick wirst du, wenn du es nur wagst – ich selbst wage es nicht immer –, ihm die Hand küssen dürfen und den Fuß, ihn küssen nach deinem Gefallen! Zauderst du noch?«   Die Vision des Sonnenkaisers strahlte vor den Augen des Präfekten und des Tribunen auf: sie beide hatten ihn in Nikomedia, wohin sie zur Huldigung entsandt worden waren, im Palast tanzen sehen und diese Erinnerung hitzte ihnen die rauhen Soldatenköpfe; die Augen traten ihnen aus den Höhlen, ihre Lippen geiferten und in ihrem Herzen wurden beide sich einer großen Liebe bewußt und einer großen Treue. Der Präfekt Antiochianus erteilte dem Centurio an seiner Seite einen Befehl. Aus Tuben und Bucinae schmetterten die Signale, unbekümmert um die, welche Julianus erschallen ließ. Keiner hörte mehr auf ihn. Zwischen den Principes und den Hastati wurde das Volk zusammengedrängt, zertreten, floh es hierhin und dorthin, ergriff Partei. Das Volk nahm Partei für den Orient, für die Sonne, für Heliogabal. Denn des Volkes Augen waren noch trunken von des Kaisers weihrauchumdampftem Bildnis – seine ganze Sehnsucht schmachtete nach der Pracht, die da kommen sollte in Zeremonien und Festen, und vor allem nach dem zügellosen Sinnentaumel, der um den Schwarzen Stein sein würde. Schwelgen, Prassen, Tänze, Farbenpracht, Musik, Opfer von Hunderten von Schafen und Lämmern, Gladiatoren und Mimen, Seegefechte im Zirkus, Giraffen, Elefanten, Tiger und Löwen, nackte Weiber und nackte Kinder, Zwerge, die zum Lachen reizen, und Magier, die Schauer erwecken würden, Sonnenpriester und Sonnendirnen, feil für einen jeden: das alles würde kommen, das alles würde nach jahrelanger Öde in Rom zu genießen sein. Die Sesterzen würden verschenkt werden und Mäntel und Amulette aus Edelsteinen; Spenden hatte man dem Volk verheißen und Festgeschenke dem Heere. Das alles sollte man ausschlagen, weil ein einziger Römer, Julianus, von Rom schwatzte und von einstiger Heldenzeit, von schlichten Sitten und Gebräuchen? Matte Worte, die in diesem Augenblick keinem etwas sagten... Weg mit dem Schwätzer, weg mit Julianus! ... Wer stand ihm zur Seite? War er allein? Was ging da vor? Man wollte wissen, sehen, man drängte. Man schrie und johlte. Wo war Julianus geblieben? Sie sahen ihn nicht mehr; er war verschwunden in dem glitzernden Gewoge der riesengroßen Schildkäfer, der Catafractarii; doch Aristomachos und Antiochianus trabten auf ihren wilden Rossen triumphierend vorüber und riefen laut: »Heil, heil Antoninus Heliogabalus! Heil unserem geliebten Kaiser!« »Heil, heil!« rief jubelnd das Volk und starrte ihnen nach. Zwischen ihnen eilte Ganadasa in Ekstase, des Matthias schwankende Sänfte wurde vorübergetragen und alles drängte dem Prätorium zu, wo noch immer gearbeitet wurde und wo die eifrigen Architekten nichts von alledem gemerkt hatten. Die Menge wußte, daß Julianus ermordet war, und zuckte die Achseln. Was kümmerte sie eine so unbedeutende Begebenheit, nun, da es bekannt geworden war, daß der Kaiser übermorgen kommen und die Nacht im Prätorium verbringen werde, um am nächstfolgenden Morgen innerhalb der Mauern Roms seinen Triumph zu feiern! Jetzt waren sie alle wie von rasendem Fieber gepackt. Was hatte es zu sagen, daß man zwei Tage auf der Via Appia in einer Taberne oder zwischen den Grabstätten auf dem Felde verweilen mußte, wenn man nur einer der ersten war, die den Kaiser sehen würden! Das Wetter war schön, und wenn die Nächte auch kühl waren, so gab es doch überall wärmenden Wein und man konnte zudem auch ein Feuerchen anbrennen. Die Müßiggänger und die Tagediebe, die Ärmsten, die sich keinen Platz kaufen konnten, waren die Neugierigsten und Ausdauerndsten; sie wollten auf der Via Appia bei den Aquädukten der Aqua Marcia frohmütig kampieren. Das Grab der Scipionen und die Kolumbarien entlang schlenderte die lebhaft gestikulierende Menge über die Via Appia. Vor den Grabsteinen machte sie Halt, entzifferte die Inschriften der Seneca und Scipio, den Namen von des Kaisers Oheim Geta, den sein Bruder, der rohe Caracalla, ermordet hatte, bekrittelte die Bildnisse vieler angesehener Römer und ihrer Gemahlinnen und wandelte durch die toten Straßen weiter in die Nacht hinein. Turmhoch und rund wie eine Burg erhob sich das Grab der Cäcilia Metella. Auf dem Feld flackerten Feuer auf, Händler boten ihre Waren feil; kleine Zelte wurden aufgeschlagen, Mäntel ausgebreitet und die Luft war erfüllt von dem Duft des Weines und von Bratqualm. Lachen erklang und Scherzen. Verliebte Paare suchten den Schatten der Bogen auf. Die Nacht sank herab und mit ihr der Schlummer. Das Volk wartete noch den ganzen folgenden Tag. Mehr kamen und immer mehr und über den Weg hin drängten sich dichte Scharen. Von Neapel her kamen zahllose Reisende, Neugierige und Beamtete, Senatoren, die am Tage zuvor mit großem Gefolge abgereist waren, um dem Kaiser zuerst ihre Huldigung darzubringen, die jedoch unverrichteter Sache zurückkehrten, weil Julia Mäsa ihn verborgen hielt wie ein kostbares Geheimnis, das sich erst im allerletzten Augenblick offenbaren sollte. Zornig kehrten die enttäuschten Senatoren nach Rom zurück, logen und verkündeten laut, sie hätten den Kaiser gesehen und ihm das Knie geküßt. Dichter und dichter schwoll die Menge an und die Bevölkerung, die auf dem Felde übernachtete, war froh, denn es gab viel zu schauen. Erwartungsvoll ging dieser Tag vorüber und am Abend bereitete die Menge sich von neuem ihre Lagerstatt. Sogar aus Tierfellen wurden Zelte gebaut, weil nächtlicher Tau überreich gefallen war. Bis plötzlich, zur wärmsten Stunde des neuen Tages, ein Ruf erklang, der stets vielfältiger sich wiederholte: »Die Legionen aus Syrien und Phönizien!« Schwer zog die Vorhut heran, mit dem regelmäßigen Dröhnen von bronzebeschlagenem Schuhwerk, den schweren Caligae, die rhythmisch näher kamen. Doch eine Staubwolke umhüllte sie und leuchtete wie Goldpuder im Sonnenbrand. Bärtige, behelmte Köpfe, gebräunt und soldatisch, tauchten aus diesem Goldstaubnebel auf; die langen Tuben schmetterten in der Richtung auf Rom... In den zuerst sichtbaren Manipeln der Triarier lenkten die prächtigen Primipilarii die Aufmerksamkeit auf sich und man jubelte ihnen zu: die Ältesten schleppten die Adler der Legionen und hinter ihnen sah man Fahnen und Wimpel, die der Menge bekannt waren und denen sie zujauchzte. Wie die Verkörperung unbesiegbarer Kraft zogen diese Kohorten vorüber. Dann kamen dicht verhangene Sänften näher, getragen von einem Schwarm von Sklaven, und groß war die Enttäuschung der Menge, als man nichts sehen konnte... Hatte man dazu hier so lange gewartet? Hielt der Kaiser seinen Einzug in das Lager nicht zu Pferde? Sollten sie ihn nicht einmal sehen? Nein, sie sahen nichts. Die Sänften blieben dicht verhangen, sie hörten nur, daß hier die der Sonnenpriester seien und dort die der Sonnendirnen und der Sonnenkinder. Jene drei großen Sänften – das mußte der Hof sein: der Kaiser, der Cäsar, sein Vetter, die drei Mütter und dann die Magier. Doch nichts, nichts war zu sehen und den Weg entlang, zwischen den Grabstätten und den Grabdenkmälern, ward das stets wiederholte Echo der Enttäuschung so laut hinausgeschrieen, daß hin und wieder die Vorhänge der Sänften mit behutsamen Fingern zur Seite geschoben wurden und Augen neugierig hinausspähten.   Das römische Volk hatte umsonst zwei Tage unter freiem Himmel genächtigt. Nein, doch nicht ganz umsonst... Denn plötzlich sah die Menge, wie aus einer der größten Sänften eine kleine Hand herausgestreckt ward – man wußte nicht: war es eine Frauen- oder eine Knabenhand? – eine kleine juwelengeschmückte Hand mit rosigen Nägeln, und diese Hand schlug einen Vorhang zur Seite und ein rundes, bartloses Antlitz – war es das eines Knaben oder das einer Frau? – ein rundes, bartloses Antlitz blickte heraus. Das Haar war von Schleiern gehalten, die Haut mit Salben und Puder bedeckt. Wie eine grinsende Maske, eine groteske Maske, eine Mimengrimasse der Freude nickte dies Gesicht. Wer war es? Alles Volk – auch Tribunen, Präfekten zu Pferde – alles drängte herbei, um mehr zu sehen und sich an dem gepuderten Narren zu ergötzen, bis das drängende und mitrennende Volk sah, wie zwischen den Lippen des Narrenantlitzes eine spitze Zunge zum Vorschein kam, bis es sah, wie die Maske ihnen die Zunge herausstreckte, und daß sie das tat mit einer obszönen Bewegung. Laut lachte die Menge auf. Man schrie, johlte, jauchzte, kindlich froh, daß man doch etwas gesehen hatte. Allein die Maske verschwand und der Vorhang wurde geschlossen. Wer war es, der so gegrinst und so zweideutig die Zunge herausgestreckt hatte? »Es war eine Frau!« »Nein, es war ein Knabe!« »Es war eine der Frauen, eine der Mütter... Gewiß war es die Mutter des Kaisers...« »Nein, die ist viel älter; es war Alexianus, der Cäsar.« »Der seine Zunge herausstreckte? Aber das war ja der Kaiser selbst!« »Der Kaiser selbst? Antoninus? Heliogabal? Wir sollten Heliogabal gesehen haben? Nein, es war ein Narr!« »Oder ein Mime.« »Schnell, schnell, zurück nach Rom!« »Wir dürfen das Lager nicht betreten!« »Ich stelle mich hier auf und warte bis morgen.« »Komm doch mit nach dem Kolosseum; dort werden wir alles sehen, dort nächtigen wir.« »Ist der Schwarze Stein schon da?« »Nein, er lag in der größten Sänfte.« »Auf, auf, zurück nach Rom!« Hinter den Soldaten, die den Zug schlossen, entstand ein Gedränge, ein Hasten und Sichstauen. Weil sie an dem Aufzug nicht vorübereilen konnten, rannten sie nach allen Richtungen querfeldein, schnell und schneller, um so rasch wie möglich die Porta Capena zu erreichen, für den morgigen Tag ihren Platz sich zu suchen und ihn mit ihrem Blut zu verteidigen. Siebentes Kapitel Den ganzen Weg entlang, von der Porta Praetoriana, längs der Thermen des Titus, bis zu der menschenüberfüllten Ruine des Kolosseums wartet die Menge, um den Kaiser zu sehen. Stundenlang wartet sie bereits und jetzt sind auch schon die Tribünen, die Estraden, die Peristyle, die Terrassen und Treppen und flachen Dächer der Gebäude, Paläste und Tempel von Volksmassen und vornehmen Zuschauern dicht besetzt. Der Rhythmus des marschierenden Heeres dröhnt heran. Schön ist er anzuhören, weil das Heer so mächtig ist und weil der Kaiser sich die Welt und Rom damit erobert hat. Ein jauchzendes Rufen wogt empor mit dem machtvollen, immer näher kommenden Rhythmus und höher heben die Imaginiferi die Standarten und hoch halten die Primipilarii die Adler der Legionen empor, so daß diese schillern wie olympische Vögel. Hinter dem Heer die beiden Konsuln und der Latiklavienschwarm des Senats; ihnen folgen auf dem Fuß die Kollegien der Priester aller Gottheiten, denen man in Rom huldigt: nicht nur die Priester der römischen Götter und der vergötterten römischen Kaiser, Flamines und Sodales, sondern auch die der Isis und des Serapis, die die hundsköpfigen Anubisbilder tragen, während die Galli und Archigalli der Rhea Kybele tanzend daherrasen, sich vor den Augen der Menge in schmerzlicher Verzückung scheinbar um Attis verstümmelnd. Doch in einem Dunst von Weihrauch – denn Turiferi schleppen in beiden Armen große Gefäße, aus denen ein schwüler Brand von Essenzen emporsteigt – naht das Unbekannte, naht Das, was die Menge in Rom noch nie geschaut hat, naht der Kult der Sonne, nahen die Sonnenkinder, nackt, mit silberleuchtenden Gliedern, vergoldeten Locken, in schrillem Falsett eine Hymne singend, nahen die Sonnenpriester, angetan mit weiter Samara und spitzer Mitra, und schauen hochmütig auf die Menge herab, indem sie zugleich durch ihren wiegenden Gang kundtun, daß sie zur Ehre der Sonne feil sind jedem, der ihren Preis zahlen kann; nahen die schaudererweckenden Magier, und zwischen Herden von Opfertieren, Büffeln, Rindern, Schafen, die blumenbekränzt, mit vergoldeten Hörnern, blöken und schnauben, die mit scharlachroten Mänteln bekleideten Opferpriester, das blitzende Opfermesser in der Hand, nahen in Tragstühlen aus Elfenbein, Chrysolith und Perlmutter, deren Vorhänge von Perlenschnüren gehalten und mit Gemmen verziert sind, die drei erhabenen Mütter: Julia Mäsa, Julia Semiamira, Julia Mammäa – naht endlich, umstaut von dem brausenden Jubel und der bewundernden Begeisterung, der sieghafte Kaiser; er sitzt auf dem schwer vergoldeten, gemmenübersäten Wagen, der von sechzehn schneeweißen Schimmeln gezogen wird – hieratisch und unbeweglich lehnt er sich an den Altar, auf dem die gen Himmel strebende Phallos-Starrheit sich emporreckt – die Zügel der Pferde in den kleinen Händen, die Augen starr; rings um den Wagen der wirbelnde Tanz der Tänzerinnen von Emesa, während hinter dieser Glorie, die anfänglich nicht geschaut, bald jedoch bemerkt und bejubelt wird, der kleine Alexianus, der Cäsar, zu Pferde auftaucht, ein aufrechter, stolzer, schöner Knabe, nicht älter als dreizehn Jahre, umringt von Tribunen und Präfekten, die die Truppen der Nachhut anführen. Bis zum Bogen des Titus sitzt der Kaiser regungslos und hält die Zügel der sechzehn schneeweißen Schimmel in seinen beiden Händen. Dann, nachdem die Wölbung durchzogen ist, erhebt er sich plötzlich und steht da wie ein Held, wie ein Gott. Er hat sich erhoben mit einer einzigen Bewegung, ohne auch nur eine Sekunde zu zaudern. Er steht vor dem Altar des Steines; starr blickt er vor sich hin, mit den Händen hebt er die Zügel der Rosse empor, als lenke er diese, während das doppelte Achtgespann in Wirklichkeit von Centurionen geführt wird. Während er sich erhebt, um stehend seinen Triumphzug über das Forum Romanum zu halten, fährt der trunkene Freudenschrei der schauenden Menge ihr selbst durch Mark und Bein; denn noch nie, noch niemals hat sie das Symbol der Göttlichkeit geschaut, wie es sich jetzt in Heliogabal verkörpert. Hin und wieder ein leichter Ruck des Wagens auf dem unebenen Pflaster. Doch der Kaiser bleibt unbeweglich, ohne der Huldigungen zu achten, während er sich festkrampft mit seinen Füßen, um das Gleichgewicht zu bewahren. Nun, da er glaubt, es gefunden zu haben und bis zum Kapitol in gleicher Haltung verharren zu können, werden seine erst etwas unruhigen Augen groß, ruhig und strahlend violett, umspielt ein stolzes und zugleich gewinnendes Lächeln seine Lippen. Der Jubel der Bewunderung umbraust ihn. Das Volk schwelgt in seinem Anblick. Sein Antlitz ist rosig-weiß, gleich einem Idol, die Lippen sind karminrot, die Brauen blauschwarz; gleich glitzerndem Gold umrahmen die assyrischen Locken seine Schläfen und seine strahlende Mitra, von Perlen übersät, trägt eine Spitze aus Karfunkel, die sich wie ein roter Stern von dem blauen Himmel abhebt. Sein seidener Siegesmantel, den alle Frauen neugierig anstarren, fällt in schweren, gleichmäßigen Falten von seinen runden Schultern zu beiden Seiten über die Stufen des Wagens herab; er ist golden durchwebt mit magischen Symbolen, die man nicht kennt, und umsäumt von einem Rand aus großen Gemmen. Unter dem Mantel scheint er nackt; doch da das Gewand vorn geschlossen ist, wird nur hin und wieder bei einer Erschütterung des Wagens, der sich langsam fortbewegt auf seinen elfenbeinernen, aus goldenen Speichen gebildeten Rädern, das rosig runde Knie seines leicht gebogenen Beines sichtbar mit den verschlungenen Bändern des hohen Schuhwerks. Sobald er sich erhoben hat, wenden die Magier, die seinen Wagen umringen, sich um, das Antlitz nun auf den Gott und Kaiser gerichtet, schreiten rückwärts und singen ihm ihre Hymne zu: bis zum Kapitol werden sie, rückwärts schreitend, die hocherhobenen Hände Heliogabal entgegenstrecken und mit ihren Baßstimmen aus bärtigem Munde diese Hymne singen. Der Triumph füllt das ganze Forum. Aus dem Hause der Vesta treten die Vestalinnen, die fünf Jungfrauen, Aquilia Severa an der Spitze, und gesellen sich zu dem Aufzug, zu dem Pontifex Maximus und den Anubis tragenden Serapispriestern. Von allüberall her schaut die Menge, sieht den Kaiser, bejubelt ihn voller Begeisterung. Vor den Treppen des Kapitols hält der Siegeswagen ... Der Kaiser läßt lächelnd und wie ein Mime die Zügel aus seinen göttlichen Händen gleiten. Turiferi schwenken Weihrauchgefäße. Von duftendem Qualm umhüllt, steigt er ab, umgeben von dem Ritus der Sonnenpriester und -kinder. Nun, da er, gefolgt von den Müttern, Alexianus und dem Hof, die Stufen zum Senat emporsteigt, huldigen die Magier und die Priester der Sonne dem Schwarzen Stein und inmitten des Weihrauchdunstes erschallt die Hymne. Im Senat empfängt der Kaiser den Eid. Das Volk wartet geduldig, denn er wird zurückkehren in den flavischen Palast und in der Basilika seine erste Audienz erteilen. Der Tempel des Pluto wird den Schwarzen Stein aufnehmen ... Der Kaiser tritt aus der Curia Julia hervor und das Volk sieht ihn – ein lächelndes Kind. Wie freudig schaut er drein und wie jung sieht er aus! Er ist wahrlich noch ein Kind und dennoch trägt er stolz seine Mitra und von seinen sehr schmalen Schultern fällt mit einer Schwere, die ihm Wollust ist, der von Metall und Gemmen steife Mantel glockenrund herab, von den Priestern gehalten, so daß man den Kaiser schreiten sehen kann mit dem Zeremonienschritt seines hoch beschuhten Fußes, der klein und zierlich ist wie der einer Frau. Während er die Treppe hinabsteigt, gewahren die Zunächststehenden seine Nacktheit, die unter dem halb geöffneten Mantel, noch immer nicht völlig enthüllt, zum Vorschein kommt. Wie freudig ist er und wie jung und schön! Silbern schimmern seine Glieder; aus den weiten Ärmeln heraus werden, weich und rund, seine Arme sichtbar. Daß er schön tanzen kann, verrät sein Gang. Daß er geschmeidig ist und daß seine nicht sichtbaren Muskeln gestählt sind, erkennt man daran, daß er so lange unbeweglich stehen konnte, die vielen Zügel in den kleinen Händen. Ihn berühren, ihn streicheln dürfen, seinen Fuß, sein Knie küssen, o, ihn nach seinem Wohlgefallen küssen dürfen! Wer hätte jetzt Augen für die Mütter, wer für Alexianus? Und doch sind die Mütter erhabene Frauen. Die alte Mäsa besitzt Schätze; Semiamira, des Kaisers Mutter, ist eine syrische Prinzessin, jung noch und schön und strahlend in dem Glanz von Saphiren! Ihre Schwester Mammäa ist eine römische Matrone und Alexianus ein kleiner stämmiger aufrechter Bursche, der gar ernst dreinschaut. Doch wer achtet ihrer, da der Kaiser ihnen voranschreitet? Voller Anmut ist er die Treppe hinabgestiegen. Ob er noch einmal tanzen wird? Ob man ihn nicht heute noch wird tanzen sehen? »Wann, wann? Liebling! Liebling!« schreit man ihm von allen Seiten zu und er lacht. Die Hände erhoben, nimmt er ihre Huldigungen entgegen, weist nichts zurück. Kußhände fliegen ihm zu und sein Lächeln empfängt alle Küsse. Er ist die Sonne; er gibt sich allen, die er bestrahlt. Jetzt hat er wiederum den Wagen bestiegen, während die Priester um ihn den Ritus verrichten, und jede seiner Bewegungen ist voll Anmut. Nein, einen solchen Kaiser hatten sie noch nie! Er ist Kaiser des römischen Reiches, er ist der Beherrscher der Welt, er ist die Sonne selbst, die die Welt bestrahlt. Jetzt sehen sie ihn noch hinabsteigen von der Treppe des flavischen Palastes, und bevor er die Aula betritt – sie sehen einen schmalen, purpurroten Rücken und den Mantel, der ihm nachschleift, die dienenden Priester, die in fast knieender Haltung zu beiden Seiten sich langsam fortbewegen – wendet er sich um, und noch einmal schauen sie das ferne Antlitz. Sie jubeln ihm zu. Er hat Rom besiegt! Er hat Rom ein Fest bereitet; Fest und Genuß wird er allzeit spenden: aus dem Orient ist das Heil gekommen! Da ihm die Begeisterung entgegenbraust aus tausend geöffneten Kehlen, macht er eine einzige Gebärde, immerfort lächelnd: er legt die beiden kleinen Hände an die Lippen und wirft der Menge zwei Kußhände zu, die sie in Sinnenraserei schlürft... Der Hof zieht sich in den Palast zurück und inmitten des sich drängenden Volkes verlassen die Vornehmen ihre Logen, Tribünen, Estraden, um sich in den Palast zu begeben, wohin sie zur ersten Audienz befohlen sind. Die Menge drängt weiter, und weil ihre verlangenden Hände ihn durch den Wall von goldglitzernden Soldaten nicht erreichen können, im Mysterium jenes marmornen Palastes, wo so viele glücklich sind und ihn sehen und ihm den Fuß oder das Knie oder die Hand küssen dürfen, läuft das Volk wie rasend hin und her in trunkener Ekstase, begehrlich nach jedem Genuß, da die Sinne nur halb befriedigt blieben. Sie tollen mit den Galli der Kybele, sie schwärmen mit den Mysten des Pan, sie singen mit den Isispriestern – und suchen die Sonnenpriester; doch die sind im Palast und umringen den Kaiser. Wenn sie auch feil sind, so sind sie doch teuer und nur für die Reichen zu haben. Aber es gibt auch wohlfeilere Genüsse und warum sollte man nicht zur Subura drängen, wo sich die Freudenhäuser aneinander reihen, zur Ehre der Sonne, und wo in der fallenden Dämmerung an diesem Triumphtage früher als sonst die roten und violetten Lichter aufleuchten? Die Wirte schreien, die Wirtinnen nötigen kreischend zum Eintritt und zeigen die Ware. Die Begierden sind tierisch. Daß man das Messer zücken, daß Blut fließen wird, was tut es? Ein Leben zählt kaum. Doch auch die in Mark und Nerv zitternden, vor Sinnenhunger verschmachtenden vermummten Vornehmen wagen sich nach der Palastaudienz dorthin: Matronen, die kornblonde Perücken tragen, um wie Huren zu erscheinen; Patrizier, Senatoren, Ritter, in braune Pänulä gehüllt, die Kapuze tief über die Augen gezogen, Knaben von edler Herkunft. Sie alle suchen den Genuß. Sie alle sind erfüllt von trunkener Sehnsucht und bedürfen nicht des Weines aus den Krügen, um so ausschweifend zu sein, wie sie noch niemals waren. Wer wird sie verurteilen? Gebietet nicht die Sonne selbst den Sinnengenuß und das Leben? Die Wissenden genießen bewußt, die anderen unbewußt: für alle ist es gut zu empfangen, zu geben, rückhaltlos, so wie die Sonne gibt, die Sonne, die männlich ist und weiblich, die Sonne, die Mittlerin, die Mann-Jungfrau; verkörpert in dem Kaiser, der Mann ist und Weib.   ... Dort über Emesa zittern am Strahlenhimmel einer wolkenlosen Nacht Tausende kristallener Sterne. Auf der höchsten Terrasse des Sternenturmes steht Hydaspes, der Magier. Er ist in der Einsamkeit der Tempelgärten geblieben und starrt auf den Stern des Knaben Bassianus. Der Stern funkelt, blutrot umrandet, und Hydaspes starrt. Achtes Kapitel In den Gärten der Spes Vetus, deren Tempelgebäude in Lustschlösser verwandelt worden waren, hatte der Hof den Sommer zugebracht; die ersten kühlen Herbstschauer führten ihn zurück nach dem Palast des Septimius Severus, dessen Arkaden über die Via Appia hinausblickten. Die majestätische Einfachheit des marmornen Bogengiebels war überflaggt und überwuchert von asiatischer Üppigkeit, die Rom als etwas Exotisches erschien, die es bewunderte, zur Mode erhob und nachahmte. Überall streute der junge Kaiser Heliogabal diese Üppigkeit aus, spendete er Glanz aus vollen Händen, so daß Rom einem Susa, Ktesiphon, Palmyra, Emesa, Tyrus oder Sidon glich und denen, die es in minder brutalem Glänze gekannt hatten, wie ein Zerrbild erscheinen mußte. »Susa, Ktesiphon, Palmyra, Emesa, Tyrus oder Sidon ... mag sein,« sagte der junge Gordianus. Er betrat, von seinen Parasiten und Tafelfreunden umringt, die Thermengärten und schlenderte an den Säulenhallen vorüber. »Doch eines ist gewiß, Rom lebt wieder, nachdem es jahrelang tot gewesen, und obwohl Caracalla sie erbauen ließ, gibt doch unser göttlicher Heliogabal diesen Thermen erst die rechte Weihe.« »Unzweifelhaft!« stimmte ihm der Parasit Sertorius zu. »Erst unser göttlicher Heliogabal...« Der Chor der Parasiten fiel ein. Gordianus hörte nicht auf ihr Stimmengewirr. Er hielt die Augen leicht geschlossen, ein feines Wohlbehagen durchzitterte ihn. Nach der letzten Orgie wollte er diesen Tag ruhig in den Thermen verbringen, das Mahl dort einnehmen, die Bäder genießen, in die Palästra und das Stadion einen Blick werfen und erkunden, was in Rom vorgehe. Das Peristyl reckte sich empor mit seinen Mosaikwänden, breitete seine Mosaikböden in unglaubhaft ungeheurer Größe aus, gleich einem Forum aus Basiliken und Säulen mit Arkaden, die sich um die Galerien der verschiedenen Stockwerke hinzogen und über deren Balustraden die Zuschauer traumverloren herabblickten. Auf dem Boden reihte sich Quadrat an Quadrat: das herrliche Gladiatorenmosaik. Die Wände waren geschmückt mit Mosaiken, die Wassergeschöpfe darstellten; Neptun, Amphitrite, Tritonen und Nereïden, auf Seepferden und Delphinen: eine heitere Mythologie, gewoben aus plätscherndem Wasserdasein und bläulichen Perlmutterfarben, in all dem verwirrenden Irisieren des Wassers, in dem das Sonnenlicht sich tummelt, in der spielerischen Anmut aufspringender Gischtflocken, aus denen Liebesgöttinnen emportauchen. Doch die zuletzt entstandenen Bilder waren so ausschweifend, daß die Römer den glühenden Orient darin erkannten: Asien, das die klassischen Motive mit Lüsternheit überwucherte, so daß die Umarmung von Meeresgott und -göttin zu einer Sinnesraserei ward, die die Kühle der See in scharlachfarbenen Brand tauchte, daß die neckische Anmut der Tritonen und Nereiden in unwahrscheinliche, von phantastischer Tollheit aufgepeitschte Verschlingungen verliebt aneinander geschmiedeter Wasserwesen ausartete, die verflochten waren zu Kränzen schier unnachahmlicher Paarungen und Verschmelzungen: die ganze Zügellosigkeit der asiatischen Phantasie, die in jener Plastik der orientalischen Künstler das Leben der Sinne wahnsinnstoll erglühen ließ in einer mehr als priapeischen Raserei. Caracalla hatte noch nichts gegeben, was Rom fremd war; nur, auf daß sein Ruhm verkündet werde, hatte er diese Bäder geschaffen, größer, als man sie je geschaut: eine Meile im Umfang – doch jener, der sich seinen Sohn nannte und der diese Thermen vollenden wollte, hatte in erstaunlich kurzer Zeit den Klassizismus dieser Halle durch so unerhörte Verzierungen entstellt, daß sich der Römer besiegt und überwältigt fühlte von einer unwiderstehlichen Kühnheit des Orients, die dem lateinischen Blut fremd war. Der Gott Heliogabal triumphierte. Die Symbole des Dienstes und des Tanzes, der Hohepriester, der sich, aus dem geschlechtslosen Licht geboren, zu Mann-Jungfrau und Mittler inkarnierte, triumphierten in Darstellungen, die die Verschiedenheit der Geschlechter sieghaft verwischten. »Ich will noch nicht baden,« sagte Gordianus, »laßt uns hinaufgehen.« Von seiner Schar gefolgt, schritt er die Treppe empor. Eine Perspektive von Arkaden vermittelte die Aussicht über die Büchereien, die so vollzählig und so musterhaft eingerichtet waren, daß sie nur des Gordianus eigener berühmter Bibliothek vergleichbar waren. Nach der Orgie der verflossenen Nacht schlenderte Gordianus müden Schrittes durch die Bücherei. Der Kaiser hatte getanzt – keinen Sonnentanz: Venus hatte er dargestellt. Göttlich anzuschauen war er gewesen, den Augen seiner Gäste hatte er einen Genuß geschenkt wie vor ihm noch nie ein Kaiser. »Seine Ewigkeit wird heute in den Thermen erwartet,« sagte Sertorius und beifällig jubelte die Klientel ihm zu.– Gordianus blickte hinab in das Tepidarium, in dem die aus vier silbernen Tritonenmäulern gespieenen Wasserstrahlen in den ungeheuren Becken klatschend aufschlugen. Die Bademeister bemühten sich um die Badenden. Viele waren von schönem Körperbau, denn da der Kaiser erwartet wurde und es bekannt war, daß er schöne Körper hebe, badeten viele, insgeheim Glück und Lust erhoffend. Der Kaiser war der erste, der diese gemeinschaftlichen Bäder gestattete; doch in dieser Morgenfrühe gab es noch keine andere Leidenschaft als die Ruhe der Sinne und die Gefallsucht, neben der Wonne des Badens nur den Genuß, bemerkt zu werden. Bis plötzlich eine Erregung wogte. Es ging das Gerücht um, der Kaiser sei gekommen und sein mit vier Hirschen bespannter Wagen halte vor der Pforte des Peristyls. Alle die bekleidet waren, eilten dorthin und auch Gordianus verabsäumte es nicht, sich auf des Kaisers Weg zu zeigen. Zu rechter Zeit stand der junge Patrizier inmitten der Seinen in der Reihe; denn die Menge teilte sich und gab auf Befehl des Torwartes, der sein Schwert schwang, den Weg für den Kaiser frei. Eine Trompetenfanfare ertönte. Freudig erregt war die Menge, wie allzeit, wenn sie den Kaiser schaute. Seine Cubicularii vom Palatium – die Kammerherren – schritten ihm voran; er kam, nur von ganz kleinem Gefolge und wenigen Günstlingen umringt, doch wurde – und das weckte überall Staunen – in bronzener Schale das Feuer vor ihm hergetragen, wie vor einer Kaiserin. Hell auflachend, gekünstelt, doch voll kindlicher Heiterkeit, war der Kaiser eingetreten, lächelnd grüßte er nach rechts und nach links. Wer ihn nicht gesehen hatte seit seinem sieghaften Einzug, mußte ihn wohl sehr verändert finden. Nicht in Zügen und Gestalt, wohl aber im Ausdruck. Während er, sehr langsam, plaudernd dahinschritt, nicht in die Toga, sondern in eine Dalmatika gehüllt – einen langen Mantel aus Hermelin und Purpur, der von einer Fibel aus Karfunkel auf der Achsel gehalten wurde – war sein Lächeln von verführerischer Gefallsucht, doch vor allem buhlten seine Augen, diese großen, veilchendunklen, leicht geschlossenen Augen, die denen seiner Mutter Semiamira sehr ähnlich geworden waren. Er ging entblößten Hauptes, seine langen blonden Locken waren vorn aufgebunden nach Art der griechischen Erosbildnisse und mit Goldpuder leicht bestreut. Sein Gesicht war nicht geschminkt, nur die Brauen leicht geschwärzt und die Lippen um ein weniges röter als natürlich. Er schien verändert. Er war nicht mehr das tanzende Kind aus Emesa. Damals war er Hoherpriester gewesen und zugleich ein sorgloses Kind. Jetzt aber schien sich in wenigen Monaten seine mystische Mannweiblichkeit, die zu Emesa ekstatisch ernst und fromm gewesen war, wie in vorzeitiger Blüte zu einer starken Verderbtheit entwickelt zu haben. Seine mystische Aureole war verblaßt, wie schwärmerisch fromm ergeben er der Sonne auch geblieben sein mochte. Das war nicht mehr der Hohepriester, der seinen Körper silbern schminkte, der sein Haar golden pudern ließ zur Ehre des Gottes, das war ein verderbtes Kind, das die Rolle des römischen Kaisers spielte, die Rolle des Imperators der Welt. Da er mit seiner natürlichen Anmut jede Rolle zu spielen verstand, war er verwirrend. Er war mehr als ein Kaiser, doch auch weniger: er blieb ein Gott und ward ein Lustknabe; war Gott, Lustknabe und Kaiser zugleich.   Doch noch etwas mußte einem Jeden auffallen, der ihn zu Emesa gesehen: eine ausgelassene Fröhlichkeit und kindliche Heiterkeit, die ihm allzeit eigen gewesen, die aber dort drüben im Orient mehr verschwand hinter dem hieratischen Ernst, den er, Priester und Gott, glaubte wahren zu müssen. Wie fromm er auch geblieben war, dünkte es ihn nun doch nicht mehr nötig, sich zu verstellen. Er gab sich ganz, wie er war. Umringt von seinen Günstlingen, war er eingetreten, laut auflachend, und alle lachten mit ihm. Der Decurio Cubiculariorum, der das Feuer vor ihm her trug, sah sich um, neugierig; alle waren neugierig, und Sertorius, der den Grund dieser kaiserlichen Heiterkeit erfragt hatte, sagte zu Gordianus: »Der Kaiser lacht, weil die Geweihe zweier Hirsche sich ineinander verstrickten, als sein Wagen vor der Pforte hielt, und weil die Tiere immer fester anzogen und zu kämpfen begannen. Sieh nur, er lacht darüber wie ein Kind!« Antoninus, das Kaiserlein, ging zwischen Antiochianus und Aristomachos, dem Präfekten und dem Tribunen, die ihm während des Aufruhrs im Lager Rom gerettet hatten. Andere umringten ihn: Gordus und Protogenes waren Wagenlenker, mit denen er sich im Stadion maß – denn das Wagenlenken war ihm sehr lieb geworden –, und wie man sich zuraunte, nebst Murissimus und den beiden Offizieren seine bevorzugten Günstlinge. Auch Ganadasa, der den Kaiser in Verzückung anbetete und es kaum wagte, den Saum seines Mantels zu berühren, und Matthias, den nicht sinnliche Lust trieb, sondern der auf einen Senatorensitz hoffte, folgten ihm auf dem Fuße. Der Kaiser bemerkte sogleich Gordianus, eilte auf ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen, die der Patrizier ehrfurchtsvoll küßte. Während der Kaiser noch immer über die kämpfenden Hirsche lachte, grüßte er links und rechts mit dem zweideutig-lächelnden Blick seiner Veilchenaugen, durchschritt das Peristyl und betrat das Tepidarium. Dort winkte er mit der Hand den Badenden zu, zum Zeichen, daß er kein Zeremoniell wünsche, und trat zwischen den Statuen der Göttin Flora und des auf seine Keule sich stützenden Herkules, die in großen marmornen Nischen standen, auf sein eigenes Gemach zu. Sklaven rissen den Vorhang zur Seite und die Cubicularii stellten sich am Eingang auf, während der Kaiser mit den Seinen eintrat. »Weiter,« befahl der Cubicularius Palatinus, »weiter!« Und er schwang sein Schwert gegen die Menge, die sich zuhauf am Eingang drängte. »Weiter, weiter!« befahlen seine Genossen. »Die Vorhänge bleiben geöffnet.« »Es ist vergönnt, hineinzuschauen.« »Es ist vergönnt, den Kaiser baden zu sehen!« »Weiter gehen, weiter!« Sie schwangen ihre Schwerter. Unablässig wiederholten sie mit eintöniger Stimme ihren Befehl. Drinnen im Badesaal des Kaisers erwarteten ihn Vasthi, Narr, Livilla, Xylitta und um das Becken geschart standen sechs riesengroße Libyer, mit ockerfarbenem Lendentuch bekleidet. »Nein, wahrlich,« sagte Antoninus, »ich bin in meinem Palast nicht verwöhnt, kümmerlich sind dort die Bäder. Nach einer Orgie, wie der gestrigen, tut es wohl, sich zu erfrischen. Aber im Palast ist das Baden kein Genuß; und so muß ich mich nach einer schlaflosen Nacht eigens hierher bemühen, um ein wenig Wasser von verschiedener Wärme zu bekommen. Wenn ich doch die Thermen meines Vaters Bassianus Antoninus, genannt Caracalla, könnte in das Palatium bringen lassen! Aber unsere Architekten verstehen ja nichts!« Er lachte über seine eigenen Worte, weidete sich im stillen an der Ungeheuerlichkeit seiner Phantasien. In ihm erwachte plötzlich eine Gier nach unerreichbaren Dingen. Seine Dalmatika ließ er von der Schulter herab in Vasthis Hände gleiten. Nur noch beschuht stand er da. Die Frauen entschuhten ihn, während er sich auf einen Schemel niederließ. »Freunde,« sprach Antoninus und wies auf die Lagerstätten ringsum an der Wand, »ruht euch aus, oder, wenn ihr baden wollt, so nehmt ein Bad. Tut, was ihr mögt, und laßt am heutigen Tag ungezwungene Heiterkeit herrschen nach all der begehrlichen Tollheit der Nacht. Du bist müde, Murissimus, deine Augen sind dunkel umschattet. Narr, reiche mir einen Spiegel. Habe ich Schatten unter den Augen?« Der junge Mohr kniete vor Antoninus nieder und hob einen silbernen Spiegel empor, der eingefaßt war von sich umschlingenden Eroten. »Nein, Herrchen,« sagte Narr grinsend, und es war so. Seine scheinbare Unverletzlichkeit umgab ihn mit einem seltsamen Nimbus. Selbst Ausschweifungen wie die gestrigen ließen ihn äußerlich unantastbar erscheinen, einem jungen Gotte gleich. Entschuht saß er auf dem Schemel und lächelte der Menge zu, die vor den Türen des Saales auf und ab wogte und in das Innere spähte. Die Günstlinge legten Mantel oder Toga ab und ließen sich nieder; andere gingen in die Piscina. Antoninus achtete ihrer nicht mehr. Ganadasa hatte den Blick starr auf ihn gerichtet, die Hände gefaltet, und Matthias hielt sich, um den Bischof von Rom zu erwarten, am Eingang auf. Antoninus reckte sich. »Das warme Bad!« befahl er und stand auf. Die Frauen geleiteten ihn, stützten ihm feierlich die Ellbogen. Der Oberste der Libyer öffnete die Hähne: silberne Schlangen, die sich wanden und nun, dampfend, das Wasser in ein weich gerundetes Becken aus blutdurchädertem Marmor spien. Die Wände aus Jaspis und numidischem Marmor waren von dem stiebenden Dampf sogleich beschlagen mit schweren Tropfen betaut. Das Becken füllte sich schnell, das Wasser war beinahe siedend. »So heiß wie möglich!« befahl Antoninus. Er lächelte noch immer; er wußte, daß die Menge durch die geöffneten Türen ihn unaufhörlich beobachtete. Beim Dienst und beim Tanz zu Emesa hatte er es gelernt, sich stets in Anmut zu zeigen. Allzeit fühlte er den Blick der Menge auf sich gerichtet und bewundernd war dieser Blick, beinahe anbetend. Man sehnte sich danach, ihn baden zu sehen, allein die Intimität des Bades blieb Zeremonie und jede Bewegung bewußte Grazie. »Das Bad ist sehr warm, Augustus,« sagte der Libyer, indem er seine Hand zurückzog, »vielleicht zu warm!« Antoninus neigte sich herab, um flüchtig zu fühlen. Das Bad war siedend heiß. »Tauche mich unter!« sagte er. »Augustus, das Bad ist zu warm, laß mich es kühlen!« »Nicht zu viel.« Eine zweite Schlange kühlte das Bad. Die Temperatur war noch immer hoch. »Tauche mich jetzt unter!« befahl der Kaiser. Er warf sich auf das Ruhelager inmitten des Saales, immerfort lächelnd, immerfort um die Gunst der schauenden Menge buhlend. Zwei Libyer nahmen ihn vorsichtig in ihre riesengroßen schwarzen Hände, trugen ihn zu dem Becken, tauchten ihn unter. »Ah! ah!« rief Antoninus aus. Die Libyer hoben ihn empor. »Untertauchen!« befahl der Kaiser. Die Libyer tauchten ihn unter, hinein, heraus, hinein, heraus; endlich befahl Antoninus: »Laßt mich los!« Sie ließen ihn los. Er blieb in dem siedend heißen dampfenden Wasser und durch den Dampf hindurch lächelte er Ganadasa zu, der ihn von weitem anstarrte. »Indier,« sprach er, »woran denkst du?« »An Euch, Eure Ewigkeit!« »Warum hast du mir noch nicht den Fuß geküßt?« »Weil ich es nicht wagte, Eure Ewigkeit.« »Wage es!« sprach Antoninus. Aus dem dampfenden Bad streckte er seinen rosigen Fuß. Ganadasa näherte sich und küßte die Zehen mit einem Schauder der Wollust. Doch in demselben Augenblick stieß Antoninus ihn mit dem Fuß ins Gesicht, so daß der Inder auf die Stufen des Beckens taumelte, umspritzt von dem Wasser, das der junge Kaiser spielerisch ihm nachsandte. Antoninus lachte laut auf; das Volk wieherte vor Lachen. Der Inder erhob sich. »Dank, Eure Ewigkeit!« sprach er. »Dank! Ich habe Euch die Zehen küssen dürfen. Ich habe das Wasser von Eurem Fuß trinken dürfen. Eine ganze Woche hindurch kann ich leben von dieser Gunst, ohne zu essen, ohne zu trinken.« Der Kaiser lachte, übermütig wie ein Kind, weil er Ganadasas seidene Samara bespritzt hatte, glückselig über die Anbetung des Inders. Das Volk am Eingang drängte sich, jauchzend. »Weiter gehen!« riefen die Cubicularii barsch. »Weiter gehen!« rief der Kaiser aus seinem Bade, während er, possierlich, die rauhen Stimmen nachzuahmen suchte; da seine hohe Falsettstimme sich überschlug, lachte er laut auf, und auch die Günstlinge lachten und auch die Menge lachte. Selig hatte sich Antoninus hingestreckt; keuchend lag er da. Über ihm qualmte der Dampf.   Am Eingang machte der Christ Matthias einem, der sich durch das Tepidarium näherte, plötzlich ein Zeichen. Er trat auf Antoninus zu. »Eure heilige Sonnenherrlichkeit,« sprach er, »dürfte der Bischof von Rom Euch nun nahen? Seit Tagen war Eure Heiligkeit von gewichtigeren Dingen in Anspruch genommen. Doch die Christen sind wahrlich sehr getreue Diener Eurer Heiligkeit. Darf der Hohepriester jetzt nicht vor dem höheren Priester der Sonne erscheinen?« »Der Bischof von Rom?« fragte Antoninus. »Das ist das Oberhaupt all eurer Bischöfe, nicht wahr? Gewiß will ich deinen Pappias empfangen! Gewiß will ich mit dem alten Mann reden. Doch nach meinem Bade. Er soll warten!« Matthias zog sich zurück und Antoninus befahl: »Abkühlen!« Der oberste der Libyer trat an die vier Hähne, um die Temperatur des Wassers zu regeln. Aus vier klaffenden silbernen Schlangenmäulern zugleich strömte das laue Wasser, während das dampfende allmählich abfloß. Aus schlanken Vasen gossen die Libyer syrische flüssige Narden in das Bad und schwer wolkte deren Duft empor, wie ein liebliches Aroma aus jenem verlassenen Rosenland... »Kälter! Kälter!« Die Libyer drehten an den Hähnen. Das Wasser wurde immer frischer, dann endlich ganz kalt; bis zwei der Libyer auf silbernen Schalen Schneemassen herbeischleppten wie kleine Alpen. »Kälter! Kälter!« befahl Antoninus. Die Libyer warfen den Schnee in das Bad, über den Kaiser, auf dessen Körper er sogleich zerschmolz. Antoninus hatte einen leisen Schrei ausgestoßen, einen Schrei des Wohlbehagens und der Wollust. Immer kälter wurde das fließende Wasser; der Schnee zerschmolz; immer mehr Nardos wurde in das Bad gegossen, bis allmählich das Wasser wieder lauwarm wurde. Antoninus blieb in seliger Ruhe liegen und lachte, weil er sah, wie Ganadasa noch immer regungslos ihn anstarrte, in unverwandter Anbetung. Er befahl: »Knetet mich, ihr Libyer.« Die zwei Männer, die ihn ins Wasser getaucht hatten, hoben ihn empor. Wie frischer Marmor waren seine blanken Glieder und auf dem Ruhebett, inmitten des Saales, in weiße Tücher gehüllt, trocknete man ihn sachte, sachte. Die Menge am Eingang schaute zu. »Weiter, weiter!« schrien die Cubicularii barsch. »Calpurnia, kannst du sehen? Jawohl, aber weitergehen mußt du... Das tut nichts; ich komme immer wieder zurück... Sieh nur, wie sie ihn kneifen und reiben, die sechs schwarzen Kerle... Ich sehe nichts. Laß mich doch auch mal sehen... Lucius, kannst du was sehen? ... Jawohl, ich gehe auf und ab... Er liegt da wie ein Adonis... Er ist weiß wie Wachs... Schön sieht er aus neben den sechs Mohren... Götter, die Kerle werden ihn zerbrechen! Nein, er zerbricht nicht so leicht. Sieh nur, er hat die Arme um ihren Nacken geschlungen. Na, die haben's gut! Und der dritte knetet ihm mit seinen schwarzen Fingern das liebe Gesicht... Mit einer Salbe... Das ist eine Zaubersalbe, die bereiten sie in Phönizien... Du, sag mal, könnte Calpurnia sich die nicht mal verschaffen? Die hat im letzten Jahr höllisch eingepackt. Sieh nur, zwei andere reiben ihm die Beine, und der sechste reckt ihm die Zehen aus! Ob es wohl ein Vergnügen ist, so gekniffen und geknetet zu werden? ... Sag mal, Verus, was machen sie eigentlich? Quälen sie das liebe Kaiserlein? ... Du, Tarquinius, hast du den Kaiser schon einmal berührt? ... Er hat mir, während er vorüberging, mit dem Finger auf die Nase getippt. Glück wird dem zuteil, den er berührt... Will der Mönch da auch mal ein Bad nehmen? Das ist der Pappias der Christen... Der andere, das ist der Christ Matthias... Der Kaiser steht auf! Ihr Götter, was für ein Liebling! Er ist ganz rosig von all dem Kneten!« Der Kaiser hatte sich erhoben. Plötzlich sahen die Zuschauer, wie er sich in geschmeidigen Bewegungen wand und sich vorwärts und rückwärts und seitwärts beugte und sehr rasche Schritte machte, so wie er sich stets nach dem Bade für den Tanz übte, mit der schier unfaßlichen Geschmeidigkeit seiner Gelenke. Wie mit Rosenglut schoß ihm nach dem Bade und der Bewegung das Blut in Stirn und Wangen. Er warf sich auf das Lager; die Frauen näherten sich ihm, um ihn zu enthaaren; sorgfältig zogen sie ihm mit kleinen Zangen jedes einzelne Härchen aus. Er ließ sie gewähren; eine Lässigkeit umfing ihn, sein Kopf sank rückwärts in die Kissen und zwischen den geschäftigen Frauen erschien er wahrlich wie ein Adonis, von Nymphen gehegt.   Er schlief halb, wohlig ermüdet nach dem Bad und dem Kneten. Als er die Augen aufschlug, sah er Matthias, den Christen, vor sich stehen, die Hände flehentlich gefaltet. »Was gibt's?« fragte Antoninus. »Eure heilige Sonnenherrlichkeit... darf der Bischof von Rom...?« »Ja, ja, er darf.« »Dank, Dank, Eure Heiligkeit!« Matthias schleppte seine Körperfülle strauchelnd, doch so schnell wie möglich an die Pforte des Badesaales und winkte. »Die Christen stehen in Ansehen!« murmelten die Umstehenden. »Matthias wird noch Senator werden. Und doch war er nur ein Schank- und Bordellwirt!« Antoninus entließ die Frauen, lehnte sich lässig in die Polster und winkte zweien der Libyer, die ihm zur Seite knieten und ihn leicht kneteten. So lag er da, als Matthias den Pappias Zephyrinos, den Bischof von Rom, hereinführte. »Tritt näher, Pappias, tritt näher!« rief der Kaiser fröhlich aus. Schüchtern trat der alte Mann näher und unwillkürlich wies Antoninus mit anmutig einladender Gebärde auf seinen Fuß und seine Knie. Doch der Bischof begriff nicht und verneigte sich sehr tief. »Gebt dem Pappias einen Schemel!« »Eure Herrlichkeit ist zu gnädig!« »Nimm Platz, Pappias, nimm Platz. Ich freue mich, dich einmal zu sehen, ich freue mich, mit dir zu sprechen. Ich kenne die Christen besser, als du vielleicht meinst.« Unter den knetenden Händen der Libyer leise stöhnend, sang er diese Worte mit seiner gekünstelt hohen und lieblichen Falsettstimme. Gut gelaunt, wollte er dem alten Mann freundliche Dinge sagen, wiewohl er sich des Rates seiner Großmutter Mäsa recht wohl entsann. »Dein Begehr, Pappias?« »Ein Geringes nur, Eure Herrlichkeit! Gar wenig begehrt ein alter Mann,« sagte Zephyrinos, die Hände gefaltet, während er, in seine Kutte gehüllt, dicht neben dem Ruhelager saß, auf dem der adonisgleiche Knabe unter den Händen der Libyer wollüstig stöhnte, »gar wenig. Seht, Matthias, einer Eurer getreuen Diener, hat in Rom einen Freund und Glaubensgenossen. Der besitzt eine kleine Taberne, in die die Soldaten gern einkehren...« »Eine Schenke und ein Bordell, so wie Matthias selbst einst zu Emesa...« »Dieser Glaubensgenosse Papinianus hat uns seine Taberne überlassen, damit wir uns dort versammeln und unsern Gott und seinen Sohn anbeten können, so wie es uns unter Eurem gnädigen Großvater Septimius Severus bereits vergönnt war. Doch so gern, so herzensgern möchten wir jetzt diese Taberne zu einem Tempel weihen, Eure Herrlichkeit, zu einer Kirche, auf daß unserem Gott und seinem Sohn eine würdige Stätte bereitet werde!« Der Kaiser Antoninus lächelte, während er sich unter den Fäusten der Libyer wand. Er entsann sich dessen, was Mäsa geraten hatte: niemals den Christen einen Tempel zu gewähren, weil das Orakel der Magier – das war ein Geheimnis – geweissagt hatte, die Christen würden, so sie einen Tempel erlangten, allmählich ganz Rom beherrschen. Doch Antoninus war gut gelaunt; er wollte einmal mit diesem alten Mann reden und ihm zeigen, daß Heliogabal, wenn er auch keinen Tempel bewilligte, doch milde und duldsam sei und daß seine Sonnengnade auch vielen anderen kleineren und minderen Göttern Erbarmen schenkte. Darum hub Antoninus an: »Eine würdige Stätte, Pappias? Nicht, als ob ich gegen den Genuß des Weines und gegen die Huldigung der Natur sei, aber doch will es mich bedünken, als sei eine armselige Schenke, ein schmutziges Bordell nicht wohl geeignet, in einen Tempel umgewandelt zu werden. Allein ich weiß, ihr Christen seid demütig. Siehst du, dort zu Emesa auf dem Sternenturm haben die Magier mich die geheimen und unsichtbaren Dinge gelehrt und die tiefen Mysterien und auch von den Mysterien der Christen haben sie mir hin und wieder gesprochen. Ich weiß, daß ihr ebenso wie alle anderen, die anbeten und einen Kultus treiben, Opfer darbringt. Widersprich mir nicht: ich weiß es, Pappias. Ich weiß, daß ihr bei euren Zusammenkünften euer Blut in einer Schale mengt und es trinkt. Ich weiß, daß euer Gottessohn der Sohn eines Zimmermannes war. Jeder Gottesdienst erscheint mir sehr gewichtig, um des Gedankens willen, daß die Menschheit anbeten muß, wenn auch nicht immer die leuchtende Wahrheit, so doch eine Illusion. Ich kenne die Mysterien aller Gottesdienste, Pappias, so jung ich bin und obwohl ich niemals einen so schönen grauen Bart tragen werde, wie er dir über deine Kutte niederwallt.« Neckend zupfte er den alten Bischof am Bart und fuhr fort: »Pappias, wenn du nun davon überzeugt bist, daß ich mehr weiß als andere meines Alters, so wollen wir reden, wie ein Hoherpriester zum anderen: ich von der Sonne, du von Christus. Gewiß wirst du, Pappias, mir zugeben müssen, daß alles auf das gleiche hinausläuft, daß alle Religionen sich ähneln. Ich weiß es, daß in eurem Gottesdienst die etwas traurige und düstere Idee, die Liebe zum Nächsten, im Mittelpunkt steht. Doch glaubst du in der Tat, mein alter, braver Pappias, ihr hättet die Liebe zum Nächsten erfunden? Meinst du, das sei eine neue Idee, nicht eine, die aus vergangenen Jahrhunderten stammt? Bester Pappias, ich bin ein Schüler des gewaltigen Magiers Hydaspes, der mir zu meinem Schmerz nicht hierher gefolgt ist. Er selbst hat mich unterwiesen. Mein guter Pappias, jene Idee ist so alt wie die Welt. Meinst du vielleicht, daß in unserem heiligen Mysterium die Sonne nicht auch die allumfassende Liebe sei? Hat die Sonne nicht alle lieb? Bestrahlt sie nicht alle? Und ich, ihre Inkarnation, habe ich nicht alle lieb? Bestrahle ich nicht viele? Werde ich nicht immer mehr und mehr bestrahlen? Glaube mir, du braver Pappias mit deinem grauen Bart... es ist alles, alles das Gleiche! Unsere Sonne ist eure Göttin und ich bin Christus – und umgekehrt. Nur die Symbole sind verschieden. Gott ist die Sonne – das Licht – denn die Sonne selbst, du weißt das – unter uns Hohenpriestern sei es gesagt – ist Symbol. Gott ist das Licht. Ich bin der Sohn des Lichts. Das ist genau so wie in eurem Gottesdienst. Hydaspes hat mich unterwiesen und jedes Wort aus seinem Mund habe ich in meiner Erinnerung bewahrt. Der Schwarze Stein ist ein heiliges Symbol, aber nicht mehr – unter uns Hohenpriestern sei es ausgesprochen; ihr habt ein anderes Symbol: das Kreuz. Ein wenig seltsam, dünkt mich, ein Strafwerkzeug für Sklaven und Missetäter, doch will ich gern annehmen, daß mir dieses Symbol verborgen bleibt, wie ich ja auch sicher weiß, daß euch unser Symbol verborgen bleibt: der Phallos, der Schwarze Stein, die heilige Lebensgewalt der Natur... Allein wenn auch unsere Symbole verschieden sind, wir beten doch alle das Gleiche an. Aber Heliogabal ist die reinste Inkarnation und das allerheiligste Symbol und die Magier haben die Wahrheit gefunden. Nur Eins will ich dir noch sagen: unterdrücken werde ich deinen Gottesdienst nicht. Diene deinem Gott und seinem Sohn frei und ungehemmt; doch willst du diesem Dienst in unsern Augen die rechte Weihe geben, so trage das Kreuzbild feierlich in den heiligen Sonnentempel, dorthin, wo ich alle Götter vereinigen will, dorthin, wo alle Götter die Diener meines Gottes sein sollen, meines hohen Gottes aus Licht und ewigem Glanz. Denn die Wahrheit haben meine Magier gefunden und Heliogabal, der Glanz und das Licht, bin ich, Pappias. Alle sind in mir verkörpert!«   Der Knabe hatte, mit dem grauen Bart des Bischofs spielend, diese Sätze in gekünsteltem Ton von seinen Lippen fallen lassen. Gefallsüchtig wie er war, hatte er sofort erkannt, daß er diesen Mann nicht durch die Schönheit seines Körpers würde gewinnen können, und daher wollte er ihn für sich einnehmen durch das mystische Wissen, das er besaß. Er entsann sich der Lehren des Hydaspes: er, der Schüler, wiederholte die Worte seines Meisters; zugleich hütete er sich wohl, mehr zu versprechen, als was die alte Mäsa ihm zu versprechen gestattet hatte. Denn er war noch sehr unsicher in der Handhabung seiner Autorität und tat gern alles, was seine Großmutter ihm riet, solange dies nicht gegen seine eigenen Wünsche verstieß. Antoninus, der der Meinung war, daß der Bischof ihm zu Füßen fallen und ihm danken würde, wunderte sich, als der Greis unbeweglich verharrte und endlich schüchtern sprach: »Augustus, wohl wißt Ihr weise Dinge, doch Hydaspes in Emesa hat Euch sicherlich die größte Weisheit noch nicht gelehrt. Wohl seid Ihr sehr leutselig, wohl überwältigt mich Eure Gnade, Augustus, obgleich Ihr es dem Greise verwehrt, eine kleine Taberne zum christlichen Tempel zu weihen. Doch ich kann nichts anderes tun, als Euch um noch größere Gnade anflehen und Euch bitten, den Christen und mir nicht zu zürnen, wenn ich erkläre, das nicht tun zu können: unser Kruzifix feierlich in den Tempel der Sonne bringen und die Sonne mehr anbeten denn Gott, den Schöpfer von Licht und Sonne.« Antoninus errötete vor Zorn. »Du weigerst dich?« rief er aus und seine Stimme überschlug sich. »Ich kann nichts anderes tun, als in tiefster Ehrfurcht vor Eurer kaiserlichen Hoheit mich weigern, Augustus!« »Du weigerst dich, deinen gekreuzigten Gott, deinen armseligen Gottessohn, der einen Sklaventod starb, in meinen Tempel zu bringen, wo ich ihn im Abglanz des höchsten Lichtes dulden will?« »Augustus, ich muß mich weigern. Ich bin ein schwacher alter Mann und mein Leben ist nicht mehr viel wert. Doch wollt Ihr es, um Euren Zorn zu kühlen, so nehmt es hin und gebietet, daß man mich foltere und den wilden Tieren vorwerfe. Niemals aber wird Jesus Christus ein Diener der Sonne oder irgend eines anderen Götzen sein!« Demutsvoll hatte der alte Mann gesprochen, während er, mit gefalteten Händen, unbeweglich dasaß. Plötzlich riß der Kaiser den Greis rauh an seinem Bart und stieß ihn von sich. »Geh!« gebot er zornig. »Geh, Pappias, und komm mir nicht mehr vor die Augen! Vor die Tiere? Nein, sie würden dein mageres Skelett nicht einmal wollen. Suche einen anderen Tod als den des Märtyrers, nach dessen Ekstase ihr alle begehrlich seid. Nicht in Ekstase sollst du sterben, Pappias... Geh, stirb auf deinem Strohsack! Stirb in deinem Schmutz, in deiner Dummheit! Bah, wie dumm seid ihr Christen, wenn ihr behauptet, das Licht stamme von Gott... Esel! Dummköpfe! Schmutzfinken, die sich nicht baden! Geh, Pappias, du stinkst! Deine Kutte stinkt, dein Bart stinkt, meine Hand stinkt nach deinem Bart! Libyer, bringt mir ein Becken, badet mir die Hände in Nardos! Livilla und Vasthi, verbrennt aromatische Düfte! Was für ein Gestank von Schweiß und Dummheit! Puh! Puh!« Der Kaiser lag auf seinem Bett und blies durch die Lippen. Sein Abscheu war possierlich anzusehen. Der Bischof floh hinweg, fortgeführt von Matthias, der bleich geworden war.   Am Eingang zum Badesaal stand das Volk und schüttelte sich vor Lachen. Ganadasa, der Inder, der das Gespräch zwischen dem Kaiser und dem Bischof gehört hatte, lag lang hingestreckt auf dem Boden und wieherte vor Freude. »Puh! Eure Göttlichkeit, wie belustigend war es, als Ihr dem alten Herrn den Abschied gabt! Der Schmutzfink! Der Dummkopf! Der Esel!« Ganadasa und Antoninus lachten laut auf, doch bleich, zitternd und unsicheren Schrittes näherte sich Matthias und warf sich vor der Lagerstatt des Kaisers zu Boden. »Was willst du?« rief Antoninus, noch zornig. »Hinweg! Hinweg! Ich will keine Christen mehr sehen! Ihr stinkt alle! Ihr seid alle Dummköpfe und Esel, Ihr glaubt, das Licht komme von Gott, während gerade umgekehrt die Götter aus dem Licht kommen! Weg, weg mit euch allen! Weg mit Matthias!« Ganadasa, der voller Schadenfreude seinen Genossen in Ungnade fallen sah, stand hämisch lächelnd da. Doch Matthias blieb am Boden liegen und winselte. »Eure Ewigkeit, Eure Ewigkeit! Ich bade jeden Tag, ich pflege meinen Bart! Ich besprenge mich mit Nardos! Ich habe dem Pappias meine Meinung gesagt! Wie? Er will unser Kreuzesbild nicht, von Zeremonien begleitet, in den heiligen Tempel der Sonne tragen? Er will Christus nicht unter den gnädigen Schutz des Heliogabal stellen? Aber, Eure Ewigkeit, dann will ich Christus nicht mehr dienen, dann verleugne ich den Glauben meiner Väter, um dessentwillen sie einst den wilden Tieren vorgeworfen wurden, dann diene ich künftig keinem anderen Gott mehr als Heliogabal, als Euch allein! Ewigkeit! Göttlichkeit! Licht! Gnade! Heliogabal, ich will kein Christ mehr sein, die Sonne bete ich an, einzig die Sonne!« Während er sich auf seinem dicken Bauch bis dicht vor die Lagerstatt wälzte, riß er sich das kleine Kruzifix vom Halse, bespie es und schleuderte es weit von sich. Antoninus, der sich am Anblick dieser Verzweiflung mit kindlicher Freude weidete, lachte laut auf und Ganadasa tat das gleiche. Alle lachten über den lächerlichen Christen, der sich im Schmerz über die kaiserliche Ungnade wand. Bis Antoninus sprach: »Also du findest auch, daß der Pappias stinkt?« »Er stinkt, er stinkt, Eure Ewigkeit! Puh! Puh!« »Puh! Puh, die Christen!« rief das Volk am Eingang. »Weitergehen!« befahlen die Cubicularii. »Also du ehrst Heliogabal als den Allerhöchsten?« fragte Antoninus gebieterisch. »Euch diene ich, Euch bete ich an, ewiger Heliogabal! Euch, göttlicher Antoninus!« »Es ist gut, steh auf. Vom heutigen Tag an sollst du einen Sitz im Senat haben.« »Augustus! Antoninus! Sohn der Sonne, heiliger Geist, Heliogabal!« »Libyer, bringt sogleich eine Laticlavia, auf daß Matthias mit dem Senatorengewand bekleidet werde!« »O Licht! O Heliogabal!« rief Matthias aus. »Inder...« sprach der Kaiser. »Eure Ewigkeit?« »Wünschest du dir etwas?« »Nichts... Eure Ewigkeit, nur die Gunst, Euch anstarren zu dürfen, bis ich in Eurem Glanz vergehe.« »So starre!« »Dank, Eure Ewigkeit!« Gordus und Murissimus traten ein, nachdem sie in der Piscina ein Bad genommen hatten. Ihnen folgten der bärtige Aristomachos und der breitschultrige Antiochianus. »Göttlicher Augustus!« sprach Aristomachos, »der Tribun Maximus, der Thraker, der Riese, erfleht von Eurem Licht, daß es ihm während eines Augenblickes erstrahle!« Der Kaiser war sehr neugierig. Er lag auf der Lagerstatt inmitten des Saales, das Kinn auf die Hand gestützt, auf dem Ellbogen ruhend, die schlanken Knabenschenkel fest zusammenschließend. Spielerisch bewegte er seine Füße nach dem Rhythmus, indem er mit den Zehen auf dem Polster herumtrappelte. »Maximus?« fragte er, »der Riese, der Thraker, ist er wirklich so groß, wie man sagt? Trägt er ein Weiberarmband am Daumen? Ja, ich will ihn sehen. Ist er wirklich so stark? Er soll dreißig Gladiatoren besiegt haben, einen nach dem andern. Man führe mir den Achilles vor!« Die Offiziere geleiteten den Tribunen Maximus herein. Ein bewundernder Enthusiasmus durchfuhr die Menge, denn der Tribun war ein Riese und das Volk liebte die verschiedenartigen Typen männlicher Schönheit. Es betete, verliebt, den Lustknaben Antoninus an; es jubelte Maximus zu, um dessen berühmter Kraft und unbesiegbarer Streitbarkeit willen. »Beim Herkules!« rief Antoninus aus, als er Maximus erscheinen sah, umgeben von den Tribunen und Präfekten. »Aristomachos! Antiochianus! Wie Kinder seht ihr aus neben meinem Tribunen! Was für ein Kerl! Ich liebe große Männer!«   Maximus war näher getreten; er stand, hoch aufgerichtet, in soldatischer Haltung. Er schwieg. In plumpem Riesenbau türmte sich sein Körper, die muskelstrotzenden Glieder breit, die Züge grob, sehr groß seine beiden tiefliegenden meerblauen Augen, deren Pupillen grausam blitzten; über seinem Schuppenpanzer hing in schweren Falten die Chlamys, mit einer Spange auf der Schulter gehalten. Sein Haar, kurz und kastanienbraun, lockte sich schwer und üppig auf seinem Riesenkopf und auch sein Schnurrbart und Spitzbart waren kraus. Alle anderen erschienen klein neben ihm. »Beim Herkules!« wiederholte Antoninus. »Nein, sie haben mir von dir nicht zu viel erzählt, Maximus! Du bist ein Kerl! Sieh mich, sieh mich neben dir! Sieh!« Blank und zierlich stellte sich Antoninus neben Maximus. Er reichte ihm bis an die Ellbogen. Das Volk jubelte. »Ich reiche dir bis an die Ellbogen!« rief Antoninus aus, »und bin doch nicht klein. Ihr Götter, fast könnte ich zwischen deinen Beinen gehen! Was für Füße du hast! Und was für Hände und Arme! Und was für eine Caliga du trägst! Trägst du ein Armband am Daumen?« »Ja, Eure Ewigkeit,« antwortete endlich die Baßstimme des Riesen in schlechtem Lateinisch mit thrakischem Akzent, »doch es ist das Armband eines Kindes.« »Wahrhaftig! Aber was für ein Daumen! Du bist ein Thraker, nicht wahr? Mein göttlicher Großvater Septimius Severus ließ dich an seiner Seite laufen, während er zu Pferd einhersprengte, nicht wahr? Sieben Ringkämpfer hast du besiegt, einen nach dem anderen? Und der Kaiser hat dir eine goldene Kette geschenkt? Ist es nicht so?« »Hier hängt sie, Eure Göttlichkeit, auf meiner Brust. Der erhabene Septimius Severus stellte mich bei seiner kaiserlichen Leibwache ein.« »Was für eine blanke Haut du hast,« sagte Antoninus. »Schminkst du dich? Nein, nicht wahr?« Während er sich auf den Zehen emporreckte, streichelte er die Wange des Maximus und betrachtete dann dessen Finger. »Nein, du schminkst dich nicht. Laß mich einmal sehen, ob ich deinen Bizeps mit meinen beiden Armen umspannen kann. Ihr Götter, was für Arme du hast! Hart sind sie wie Marmor. Und was für Schenkel! Sag, ißt und trinkst du viel?« »Ich esse täglich vierzig Pfund Fleisch, Eure Ewigkeit.« »Vierzig Pfund Fleisch?« »Doch Gemüse esse ich niemals. Ich trinke täglich ein Quantum Wein, das dem Inhalt der Musteramphora auf dem Kapitol, also achtundzwanzig Kotylen gleichkommt.« »Achtundzwanzig Kotylen?« rief der Kaiser aus, während er laut aufjubelte. »Ich habe hin und wieder meinen Schweiß aufgefangen,« fuhr Maximus prahlerisch fort, »und zwei, sogar drei Sextarien damit gefüllt.« »Ah!« rief Antoninus voller Ekel aus. »Ich habe auch Eurem Vater gedient, Eure Ewigkeit, dem Bassianus Antoninus, ihm, den wir Caracalla nannten, und Macrinus, seinen Mörder, habe ich gehaßt!« »Das war recht!« rief Antoninus befriedigt aus. »Während er herrschte, habe ich den Dienst verlassen.« »Brav!« »Ich zog mich nach Thrakien zurück auf das Gehöft, wo ich geboren ward. Ich kaufte dort Land und trieb Handel mit den Goten und Geten.« »Nicht übel.« »Die Alanen, die an den Grenzen umherschwärmten, betrachteten mich als ihren Freund und boten mir Geschenke an.« »Die du annahmst?« »Ich lehrte die Barbaren Ehrfurcht hegen vor Rom. Als ich hörte, daß Macrinus besiegt sei von Euch, Eure Ewigkeit, Sohn des Caracalla, Enkelsohn des Septimius Severus, bin ich nach Rom zurückgekehrt.« »Du tatest recht daran.« »Augustus, ich biete Euch meine Dienste an. Treu war ich Euren Vätern, treu werde ich auch Euch sein!« »Ein braver Bursche bist du, Maximus,« sagte der Kaiser, plötzlich sehr ernst, und blickte dem Riesen tief in die grausamen Augen. »Aber sehr seltsame Augen hast du. Mir ist, als läse ich in diesen Augen... Sag, wie war deine Jugend? Bist du unter Vorzeichen geboren?« »Ich glaube nicht, Eure Ewigkeit. Ich war der Sohn eines Hirten, ich hütete die Herden. Oftmals überfiel ich die Straßenräuber, bis ich endlich mein Land von jenen Schelmen befreite. Als Septimius Severus zur Feier der Geburt seines zweiten Sohnes Geta kriegerische Schauspiele veranstaltete, tat ich mich hervor, wie Ihr selbst soeben erwähntet.« »Schön. Also Vorzeichen waren nicht vorhanden? Wie groß bist du, Maximus?« »Acht Fuß, Eure Ewigkeit.« »Das ist ungeheuer. Bist du völlig ebenmäßig gewachsen?« »Ja, Eure Ewigkeit.« »Ich möchte dich wohl einmal im Bade sehen.« »Ich stehe zu Euren Diensten, mein Kaiser!« Antoninus kniff seine veilchendunklen Augen zu, voll schalkhafter Spottlust ob der Naivität des Barbaren, der nicht begriff... »Schön, also werden wir nachher prüfen und messen. Sag, Milo von Kroton, wie stark bist du?« »Ich ziehe allein einen schweren Wagen. Mit einem einzigen Faustschlag zertrümmere ich einem Pferde das Gebiß, mit einem einzigen Fußtritt zerbreche ich einem Pferde das Bein. In meinen Fäusten zerreibe ich Tuffstein zu Pulver und einen Baum fälle ich mit einem einzigen Schlag.« »Das mache ich dir nicht nach. Aber machst du mir dies nach? Sieh, Maximus.« Der Kaiser neigte sich hintenüber gleich einem Blumenstengel. Sein Kopf berührte beinah den Boden, verführerisch blinzelten seine Augen Maximus an. Mit der Geschmeidigkeit vollendeter Harmonie blühte er wieder empor. »Nein, Eure Ewigkeit, das mache ich Euch nicht nach. Ihr seid zum Verwundern geschmeidig; auch seid Ihr sehr geübt. Es war etwas Außergewöhnliches, was Ihr da tatet.« »Sieh nur, ich kann es auch so« – und er beugte sich weit vor – »und auch seitlings, nach links und nach rechts.« »Ja, Eure Ewigkeit, es ist außergewöhnlich kunstvoll. Ihr seid schön, wie ich niemals einen Jüngling sah!« »Dafür bin ich auch Heliogabal!« »Ja, göttlicher Augustus!« »Also die Sonne.« »Ja, die Sonne, Eure Ewigkeit.« »Ich bin die Sonne, darum bin ich schön... Doch, Maximus, was hast du für seltsame Augen! Ich bin, glaube ich, von Natur nicht furchtsam, aber ein anderer würde sich vor dir fürchten. Weißt du, was ich in deinen Augen sehe?« »Nein, Eure Ewigkeit.« »Einen roten Funken, einen purpurnen Schimmer. Sehr seltsam. Sage mir, Maximus, wurde nicht, als du geboren wurdest, zugleich ein purpurfarbener Widder geboren? Oder legte nicht eine Henne ein purpurnes Ei? Oder hatte deine Amme nicht eine purpurrote Nase?« »Ich glaube nicht, göttlicher Augustus.« »Besitzest du Ehrgeiz, Maximus?« »Nur den Ehrgeiz, Euch treu zu dienen, Euch, dem Nachkommen meiner früheren Kaiser!« »Ich vermute, daß ich älter werde als du.« »Ich erwarte es und erflehe es von den Göttern.« »Wenn ich keine Söhne bekomme, die den Purpur tragen, so habe ich noch einen Vetter, der den Purpur liebt; das ist der Cäsar Alexianus.« »Ich denke nicht an Purpur, Eure Ewigkeit, nicht an anderen Purpur als den Euren.« »Das wäre in der Tat sehr brav von dir. Also du willst mir dienen?« »Ja.« »Dann muß ich zunächst ergründen, ob du meiner wert bist. Willst du dich einer Probe unterwerfen?« »Ich bin Euer Sklave, o Ewigkeit.« Der Kaiser sah sich rings um, sehr schalkhaft, dachte einen Augenblick nach. Dann winkte er einer Ankleiderin und rief: »Livilla!« Sie stürzte herbei. »Mein Gebieter?« Die Sklavin warf sich nieder, gehorsam einem jeden Wink ihres Herrn, den sie anbetete. »Maximus,« sprach Antoninus und wies dabei auf die schöne georgische Tänzerin, die auf einem über Polstern gebreiteten Teppich hingestreckt lag; »dreißigmal nacheinander hast du dreißig Athleten besiegt. Besiege nun Livilla, die deiner Belagerung widerstehen wird, dreißigmal nacheinander!« »Augustus!« rief der Tribun entrüstet aus. »Ich schenke dir kein einziges Mal, Maximus, kein einziges Mal! Sei froh, daß ich dir Livilla erwählte und daß ich dir nicht meine alte treue Vasthi anwies.« Der Riese wuchs in seiner Entrüstung. »Augustus!« brüllte er, »ich komme, Euch meine Treue und meine Kräfte anzubieten, weil ich dies dem Sohn Eurer Väter schuldig zu sein glaube. Aber um Euch meine Treue und meine Kräfte zu beweisen, bin ich nicht verpflichtet, das zu tun, was ihr von mir verlangt!« Der Kaiser fuhr auf, blutrot. »Unverschämter Flegel!« rief er rasend, mit hoher Falsettstimme aus. »Aristomachos! Antiochianus! Hört ihr die Kränkung, die man meiner Heiligkeit angetan hat? Der Unverschämte weigert sich, zu tun, was ich befahl! Man werfe ihn den wilden Tieren vor!« Maximus hatte sich hastig entfernt, war vorübergeschritten an den Günstlingen, die erbleichten. Doch Aristomachos und Antiochianus eilten auf den Kaiser zu und flehten ihn an, während der eine des anderen Worte durchkreuzte: »Göttlichkeit, erteilt diesen Befehl nicht, laßt Maximus nicht den Tieren vorwerfen! Bedenket: er diente Septimius Severus, er diente Bassianus Antoninus, Eurem Vater! Er verließ den Dienst, als Macrinus herrschte! Nun, da Eure Göttlichkeit herrscht, bietet er seine Dienste an. Das Heer betet ihn an, die Prätorianer beten ihn an. Nein, Eure Göttlichkeit, erteilt diesen Befehl nicht!« Der Knabe Antoninus reckte sich, lachte gleichgültig. Er reckte sich mit der Grazie eines Mimen, eines Tänzers, und seine Beine wurden noch schlanker, seine zarten Brüste rundeten sich leicht, seine feinen Hüften wölbten sich, während seine beiden Arme eine Lyra bildeten rings um sein blondes Haupt und er mit den veilchendunklen Augen die Menge schelmisch und verführerisch anblickte. »Nun, so laßt es, meinetwegen,« sagte er gleichgültig. »Ich bin gut gelaunt heute, weil meine Libyer mich köstlicher kneteten als je. Aber verwöhnt werde ich heute nicht. Alle verweigern mir alles. Der Bischof von Rom verweigert mir sein häßliches Kruzifix und Maximus die Belagerung der Livilla. Das Schauspiel würde uns ergötzt haben und ich wette, daß der Kerl wohl kann, aber nicht will. Er ist ein Barbar, ein Thraker, und die Barbaren sind sehr sittlich.«   Draußen erklangen Trompeten und die Menge zog sich vom Eingang des Saales zurück. Es kamen die Mütter mit ihrem Gefolge von Cubicularii, Eunuchen, Frauen und Freigelassenen: die alte Mäsa, Semiamira, Mammäa und mit ihnen die jugendliche Kaiserin Cornelia Paula, – nicht älter als Antoninus selber – die trotz ihrer schweren weißseidenen Stola und Palla, deren Gewebe mit Perlen überstickt war, wie ein zartes Kind erschien. Sie war Jungfrau. In asiatisch-fürstlicher Üppigkeit von gemmenschweren Gewändern – die Haare bizarr von rundem Diadem eingefaßt, hoch getürmt, gelockt, bei Semiamira mit Azur, bei Paula mit gestampften Perlen bestreut – betraten die Mütter und die kindliche Gemahlin des jungen Kaisers das Badegemach. Es fiel auf, daß Mäsa und Mammäa mehr römischen Matronen glichen als Semiamira, die ganz syrische Fürstin geblieben war. Die Großmutter betonte trotz ihres syrischen Blutes sehr bewußt die Römerin und Mammäa folgte ihrem Vorbild, voll trunkenen Ehrgeizes für ihr Kind Alexianus. Mäsa fragte sogleich neugierig: »Was sah ich da, Antoninus? Als wir anlangten, entfernte sich der tapfere Maximus hastig durch das Peristyl. Selbst unsere Ankunft hielt ihn nicht zurück. Was ist geschehen?« »Livilla ist entsetzt worden!« rief der Kaiser lachend aus. »Ihre Belagerung ist aufgehoben, noch bevor sie begonnen hatte. Wir hofften auf dreißig Bestürmungen, aber Maximus entsprach den Erwartungen nicht. Was für ein Prahler! Er hatte nicht den Mut und entfloh, der Feigling! Den Tieren hätte ich ihn vorwerfen lassen, wäre ich heute nicht sehr gut gelaunt gewesen. Ich fühle mich so frisch, daß ich gern im Stadion lenken möchte.« »Was hast du getan?« rief Mäsa aus. »Wie konntest du dir den braven Maximus entfremden!« Sie war sehr unzufrieden, versuchte indessen, es nicht zu zeigen. Sie war bleich vor Zorn und ihre nervigen Fäuste, die in dem Glanz ihrer Ringe erstrahlten, ballten sich. Doch Semiamira sagte, stolz und gleichgültig: »Mütterlichkeit, so zürne doch nicht! Maximus, der ernste Barbar, begriff den heiteren Scherz meines sonnigen Antoninus nicht. Ernenne Maximus morgen zum Präfekten der Prätorianer und er wird den Staub von deinen Sohlen lecken!« »Maximus ist unser unschätzbarster Tribun,« sagte Mäsa. »Achte ihn nicht gering. So jemals Krieg ausbrechen sollte ...« »Nun siehst du es doch selbst, Mütterlichkeit,« zischte Mammäa Mäsa ins Ohr, »kaum hast du Antoninus allein gelassen, so durchkreuzt er auch schon wie ein ungezogenes Kind all unsere Wünsche.« »Ist er denn nicht noch ein Kind?« stieß Semiamira barsch hervor. »Er ist ein Kind und von so sonniger Heiterkeit, wie dein Alexianus niemals sein wird. Mit den Jahren wird er ernster werden.« »Still!« zischte Mäsa. »Still, Kinder, keift hier nicht. Bedenkt, daß ihr euch unter den Augen des römischen Volkes befindet.« »Du verdirbst Antoninus ganz und gar!« rief Mammäa aus, »noch vor sechs Monaten würdest du ihn mit der Sandale geschlagen haben für das, was er heute angerichtet hat.« »Der Imperator der Welt,« rief Semiamira aus, »duldet keine Züchtigung, auch nicht von seiner Großmutter! Obwohl er noch ein Kind ist!« »Still, Mammäa, still, Soaemis! So seid doch still!« beschwichtigte die alte Mäsa würdig, indem sie die Hände auf die Arme ihrer Tochter legte. »Alexianus liebst du immer weniger. Nichts gilt dir der Cäsar!« rief Mammäa in heftigem Vorwurf aus. »Still doch, Mammäa, still! Alexianus ist mein Enkelsohn, den ich liebhabe, und Alexianus ist Cäsar, aber Antoninus ist Kaiser von Rom. Lernt euch doch vertragen und benehmt euch würdig!« Man hatte den Zwist nicht beachtet. Im Badesaal hielt sich die Kaiserin auf mit ihrem Gefolge von Freigelassenen und Sklaven. In der Mitte saß auf einer Lagerstatt die Kaiserin Paula, vergessen, still und wehmütig; ihr feines, trauriges Gesichtchen schien gealtert unter dem Email der allzu reichlich aufgetragenen Schminke und dem großen Diadem. Vor ihr stand, von den geschäftigen Fingern der Ankleiderinnen bedient, ihr knabenhafter Gemahl Antoninus; er sollte in feierlichem Zeremoniell bekleidet werden, doch nachdem die Menge über das Gewand, das der Kaiser gewählt hätte, unterrichtet worden war, fuhr eine fieberhafte Erregung durch die Thermen und allüberall, durch das Tepidarium und das Peristyl, nach der Piscina und dem Caldarium zu, schleuderte der eine dem andern laute Ausrufe entgegen: »Der Kaiser geht ins Stadion! Der Kaiser geht ins Stadion! Der Kaiser wird lenken!« Sogleich drängte sich die Menge wie rasend. Die schon angekleidet waren, eilten nach dem Stadion, das bei den Thermen hinter dem Kuppelraum des Caldariums gelagen war. »Der Kaiser kommt ins Stadion! Der Kaiser wird lenken!« Ihn sehen, ihn sehen, während er lenkte, immerfort ihn sehen, was er auch tun mochte! Ihn im Triumph sehen, ihn im Tempel um den Schwarzen Stein tanzen sehen, jeden Monat! Ihn gehen, sitzen, grüßen und lachen sehen! Sehen, wie er badete und wie er geknetet ward, ihn essen und trinken sehen, ihn lenken sehen, um die Wette mit den berühmtesten Wagenlenkern. Ihn sehen, allzeit, und ihn bewundern und ihn anlächeln und die verführerisch schmachtenden Blicke seiner Dirnenaugen auffangen! Im Nu waren die Ränge erstürmt, alle Sitzplätze eingenommen. Neuntes Kapitel Im Baderaum kleideten Vasthi und die Ankleiderinnen den Kaiser für das Stadion an. Sie schmückten ihn mit breitem Kopfband, sie setzten ihm den runden Helm mit der Adlerfeder auf; sie schnürten ihm die grüne, eng anliegende Tunika zu und an der Innenseite der Schenkel das eng anliegende, gleichfalls grüne Beinkleid; sie beschuhten ihn mit den grünen Caligae. Die Brust umwickelten sie ihm mit Schnüren, auf daß seine Schlankheit etwas weniger schlank erscheine. Er spiegelte sich lächelnd in den an allen Seiten emporgehaltenen metallenen Spiegeln. »Soaemis! Soaemis!« rief Mäsa, während sie sich an Semiamiras Arm klammerte. »Sieh doch nur, wie er aussieht! So gleicht er schon viel mehr einem Römer, wenn auch sein Gewand nicht kaiserlich ist. So, so ist es recht!« Das Volk am Eingang zum Baderaum jubelte und rief freudig aus: »Heil, ihr Gotter, wie schön der Kaiser ist!« Immer wieder zeigte er sich anders! Gestern hatten viele der Badenden ihn im Palatium als Venus gesehen, hatte er als Mime die Rolle der Venus getanzt: nackt war er gewesen, seine Brüste wie die einer Frau, von goldenem Gürtel emporgehalten, seine Mannheit durch rosafarbene Bänder unkenntlich gemacht, kornblond die Perücke und mit Email bedeckt sein ganzer Körper. Jetzt stand er da, ein jugendlicher Wagenlenker. Die Haare, die unter dem Bande und dem Helm zum Vorschein kamen, waren von natürlichem Blond; hoch aufgerichtet, stramm und zierlich erschien sein schöner Körper in der schlichten, grünen Tunika, ohne eine Gemme, ohne ein Juwel, männlicher als sonst. Sie wußten nicht, ob sie ihn lieber schlicht sahen wie einen römischen Patrizier oder in der gemmenschweren Pracht seines hohenpriesterlichen Gewandes, mit all den blutfunkelnden Rubinen seiner drei Mitren und seiner Gürtelmuschel. Die Trompeten schmetterten. Die Mütter und die jugendliche Kaiserin Cornelia Paula begaben sich in das Stadion; das Feuer wurde ihnen vorangetragen. Hinter ihnen staute sich ein Schwarm von Gefolge. Die alte Mäsa behielt den Vorrang, Semiamira folgte ihr, Mammäa schritt hinter Paula, und es fiel auf, daß der junge Alexianus abwesend war. Das Stadion wartete, überfüllt. Die ersten Rennen fanden nur mäßigen Beifall, obwohl die Wettfahrer beliebt und berühmt waren. Als der Kaiser sichtbar ward, fuhr die Begeisterung durch die Menge wie eine breite Woge durch die See. Rufe erklangen, Tücher wurden geschwenkt, Hände emporgestreckt. Der Wagen, mit vier echten paphlagonischen Hengsten bespannt, war wie eine Muschel aus Email und glitzerte, einem Sonnenwagen gleich, in der Mittagsglut, die gedämpft durch die von leichter Brise bewegten Vela fiel. Leicht wogten die Blumengewinde und die grünen Festons. Vier Stallknechte führten die Rosse. Leichtfüßig sprang der Kaiser auf den Wagen und ergriff die Zügel, die man ihm darbot. Er stand nicht wie Helios, er stand wie ein behender Phaethon, übermütig und freudig lächelnd. Zu Emesa hatte er niemals gelenkt, dort hatte er nur dem Sonnenkult gedient. Doch in kurzer Zeit hatte er es von Gordus und Protogenes gelernt und die Ausübung dieser Kunst bereitete ihm viel Freude. Er spannte die Arme mit der breiten Bewegung der Wettfahrer, den Oberkörper ein wenig rückwärts neigend, und hielt, so kräftig er nur konnte, die wilden Rosse im Zaum. Sie bäumten sich und er schrie auf vor Wonne. Die Menge jubelte ihm zu. Gordus und Protogenes und ein anderer Wagenlenker, den er nicht kannte, scharten sich in einer Reihe: die Stadionsrichter würden das Zeichen geben. Grün gekleidet waren der Kaiser und Gordus, weiß Protogenes und der andere Wagenlenker. Wer er war? Wie sein Name laute? Antoninus blickte ihn, die Zügel in der Hand, lächelnd an und begegnete dem Blick des fremden Wagenlenkers: einem grausamen, stechenden Blick aus halbgeschlossenen Augen. Mehr sah der Kaiser nicht, aber er fühlte, wie ein Schauder ihm über den Rücken fuhr und wie ganz plötzlich eine Schwere seine Glieder umfing, so daß er beinahe die Zügel hätte aus der Hand gleiten lassen. Die Stadionsrichter gaben das Zeichen. Rasend schossen die Viergespanne vorwärts. Der Wagen des Kaisers schwankte ruckweise nach rechts und nach links; einen Augenblick sah es aus, als werde er stürzen. Die anderen Wagen schossen ihm nach. Von des Kaisers Rossen strauchelte eines; mit leichter Hand versuchte er es an den Zügeln emporzureißen, allein es würde ihm nicht gelungen sein, wäre nicht ein Stallknecht hinzugeeilt. Seine Hände waren zu klein, die acht Zügel zu halten. Dennoch spannte er alle seine Kräfte an. Viermal waren die vier Wagen um die Zielpfähle herumgedonnert. Die siebente Runde sollte die Schlußfahrt bilden. Bei der fünften holte Antoninus erst Protogenes, dann Gordus, endlich den fremden Wagenlenker ein. Sie hatten unmerklich ihre Fahrt gehemmt; sie hielten, nur scheinbar anfeuernd, mit ihren starken Fäusten die Pferde zurück, um den Kaiser gewinnen zu lassen. Die Menge begriff dies sehr wohl und gerade aus diesem Grunde bewunderte man die Kunst der Wettfahrer. Dem Anschein nach waren sie dem Kaiser unterlegen. Sie feuerten ihre Rosse an, sie trieben sie vorwärts – scheinbar; in Wirklichkeit hielten sie die feurigen Tiere zurück. »Sie sind unübertrefflich!« rief Gordianus inmitten seiner Parasiten aus. »Wer ist jener dritte Lenker?« Man kannte ihn nicht in Rom; zweifellos mußte er ein Neuling sein; jung, athletisch, doch ebenmäßig gebaut, breit und blond in seiner weißen Tunika. Auch er trieb an, scheinbar, hielt aber in Wirklichkeit seine Rosse zurück. Jauchzend stürmte Antoninus an ihm vorüber und auch die Menge jauchzte, während Antoninus zum letztenmal die Runde machte. Um nicht zu weit zurückzubleiben, feuerte der Fremde seine Rosse an, was Gordus und Protogenes nicht für nötig erachteten. Überlegen lächelnd blieben sie zurück. Doch die Rosse des fremden Lenkers nahmen einen zu wilden Lauf und beinahe hätte er, gegen seinen Willen, gesiegt, da er sich den Zielpfählen schon bedenklich näherte. Schnell riß er die Tiere zurück. Doch infolge dieses plötzlichen Ruckes bäumte sich das linke Roß, verwickelte sich mit den Vorderbeinen in die Zügel, strauchelte, zog das zweite Pferd mit; der Wagen schlug um und der Fremde stürzte mit einem Fluch. Der Kaiser, vom jubelnden Jauchzen der tücherschwenkenden Menge begleitet, fuhr triumphierend mit einem glückseligen Aufschrei um die Zielpfähle herum und sprang dann leichtfüßig ab, ohne sich die Zeit zu gönnen, dem Stallknecht die Zügel zu übergeben, so daß sein Viergespann durchging. Doch Antoninus achtete dessen nicht. Er eilte auf den Gestürzten zu, während die Stallknechte dessen Rosse emporrissen. »Bist du verwundet?« fragte der Kaiser. Der Lenker erhob sich, während um seine, von blondem Spitzbart umrahmten Lippen ein Lächeln spielte. Seltsam war es, und doch wollte es so scheinen, als ob sein Mund, seine Nase, seine Züge, seine Augen, wie nach dem Vorbild eines griechischen Heldenkopfes gemeißelt, größer seien als die anderer. Er war eine homerische Schönheit. Doch seine großen Augen waren halb geschlossen und ihr Blick war hart und grausam. »Nein, Augustus.« »Hast du dich verletzt?« »Nein, Augustus!« »Es hätte dich töten können.« Der Lenker lachte prahlerisch. »Es hat nichts zu bedeuten, Augustus. Solch ein Sturz tötet mich nicht.« »Dein Knie blutet.« »Ich habe mich am Wagenrade geritzt. Augustus, Eure göttliche Lenkerkunst, die nur der des Apollo vergleichbar ist, hat mich Tollkühnen, der sich erdreistete, mit Euch sich zu messen, zu Fall gebracht. Dank, Augustus, daß Eure Gnade mir dieses Wagnis gestattete, denn Ihr, mein Kaiser, seid unbesiegbar!« Der Lenker kniff die Augen noch fester zusammen, seine vollen Lippen spitzten sich spöttisch, seine blitzenden Zähne leuchteten und so glich er dem Achilles, dem Ajax. Seine Lobrede klang fast wie Hohn. Antoninus begriff im Augenblick, daß der Lenker die eigenen Pferde zurückgehalten hatte, aber dennoch freute er sich gleich einem Kinde seines Sieges und vermochte dem Auriga nicht zu zürnen. »Du sprichst gut, Höfling,« meinte Antoninus scherzend, »wie heißest du?« »Hierokles, Apollo.« »Das ist kein römischer Name. Woher stammst du?« »Aus Karien, mein Helios.« »Ich bin Heliogabal: ein Gott, größer als Apollo und Helios.« »Dann bin ich kein Höfling, du Licht des Himmels und der Erde.« »Nein, vielleicht noch nicht, aber dich würde es keine Mühe kosten, es zu werden.« »Ich bin nur ein Wagenlenker, ich komme aus den Ställen. Ich spreche eine derbe Sprache und ich fluche.« »Warum bist du aus Kleinasien nach Rom gekommen?« »Ich hatte Euch zu Emesa gesehen, ich hatte Euch tanzen sehen, Göttlichkeit! Ich konnte nicht mehr in Kleinasien bleiben, nachdem ihr Nikomedia verließet.« »Du bist mir gefolgt?« »Ja.« »Was erhofftest du?« »Einen Strahl von Eurem Glanze, Bel, Baal, Heliogabal!« »Bete mich an!« sagte Antoninus. Der Lenker sank auf die Knie. »Küsse mich!« sagte Antoninus. Der Lenker küßte den Fuß des Kaisers. »Höher!« befahl der Kaiser. Der Lenker küßte dem Antoninus das Knie. Er küßte lange und innig, als könnten seine Lippen sich nicht entschließen, von dieser Liebkosung zu lassen. Der Kaiser streichelte ihn mit der Gebärde, mit der er hin und wieder den Soldaten und Athleten gnädig war, leicht mit der Hand über beide Wangen. Dann eilte er wie ein frohes Kind zu der Loge der Kaiserinnen. Die Menge jubelte ihm zu. »Dem Sieger seinen Preis!« rief der Kaiser aus, indem er den Helm abnahm. Die Locken klebten an seiner feuchten Stirn. »Dem Sieger seinen Preis!« Den Kaiserinnen hielt er seinen Helm hin, sie ließen kleine Münzen hineinfallen. Hierokles hatte seinen Wagen von neuem bestiegen und fuhr zu den Ställen. »Ha, du kleiner Mann!« murmelte er zwischen den Zähnen, während seine zugekniffenen Augen grausame Funken schossen, »mein kleiner Antoninus, warte du nur! Ich werde dich schon küssen.« Gleich der Sonne Glut brannte in ihm sein Ehrgeiz, die einzige Wärme seiner Seele. In den Ställen schossen die Wettfahrer und die Stallknechte auf ihn zu. Doch er sah weder Gordus noch Protogenes. Ihnen, als den Günstlingen, war sogleich nach dem Wettrennen der Zutritt zur kaiserlichen Loge vergönnt. »Dir hat der Kaiser gestattet, ihm das Knie zu küssen?« riefen die Wettfahrer und die Stallknechte eifersüchtig durcheinander. »Ja,« antwortete Hierokles stolz. »Glücklich wird, wer ihn berührt, und wer ihn küßt, gelangt zu hohem Ansehen.« »Hm,« murmelte Hierokles, »möglich; ich glaube nicht an dergleichen.« »Das erstemal, da er dich sieht, spricht er zu dir und duldet deinen Kuß!« rief ein Wagenlenker rasend. »Und ich lenke schon seit Monaten und mich beachtet er nicht. Dürfte ich nur ein einziges Mal seine Hand auf meiner Wange fühlen, dann würde ich mich ruhig töten lassen. Einen Kuß auf sein Knie – und dann vor die Bestien!« Hierokles lächelte kühl, sich weidend an dieser Eifersucht Er hatte zu Emesa die rasend verlangende Leidenschaft der Menge gesehen, wenn der Hohepriester der Sonne den Schwarzen Stein umtanzte. Er hatte sie nicht mitempfunden. Aber wenn er auch an gewisse Anzeichen nicht glaubte, so vertraute er doch seinem Stern, und ein Chaldäer hatte ihm geweissagt, er werde mächtiger sein als ein Kaiser und die Sonne werde er auf seinem Herzen tragen. Mochte auch der Glanz, in dem sein Stern verschwand, blutrot sein, er glaubte dennoch an diese Weissagung, unerschütterlich, und seine Kälte machte ihn sehr stark, weil er sich nicht leidenschaftlich sehnte, sondern nur mit großer Gewißheit etwas für sich erhoffte und kühl, beinahe sicher, darum wußte. Zehntes Kapitel Bei Sonnenuntergang wurden die Thermen geschlossen. Sklaven gaben das Zeichen; Fackeln wurden hier und dort entzündet. Aber die Beleuchtung war noch spärlich. Und wenn auch die Menge abnahm, so konnten sich doch nicht alle entschließen, der Aufforderung des Pförtners sogleich zu folgen, und so irrten sie auf die Gefahr hin, eingeschlossen zu werden, hierhin und dorthin, suchten nach dem zweiten, nach dem dritten Bad heimliche Winkel auf, schlichen in die kleinen Ankleideräume, wo in Nischen, die Taubenschlägen glichen, Vasen, kleine Lekythen standen und wo die abgelegten Juwelen von den Capsarii sorgsam behütet wurden. Angesichts der verwirrenden Lüste, die die Gewinde verschlungener Wassergeschöpfe verrieten, befolgten die letzten Badenden die Lehren jener Mosaiken, während die Stimme des Torwarts durch die Peristyle laut verkündete, daß die Pforten nach Sonnenuntergang geschlossen würden. Doch die letzte Anhäufung der Menge drängte sich im Gemach des Kaisers selbst und besichtigte die silbernen Wasserschlangen; verliebte Hände betasteten die Polster seines Lagers und streichelten das wohligrunde Becken, in das Antoninus seine knabenhaften, gottähnlichen Glieder getaucht hatte. Als einige in hysterischer Anbetung wildekstatische Küsse auf die Polster preßten, auf denen Antoninus geruht hatte, vertrieben die Capsarii und die Diener, die eine Besudelung der seidenen Kissen befürchteten, die widerstrebende Menge mit barschem Befehl. Dunkler senkten sich die Schatten herab. Der Kaiser war, nachdem er das zweite Bad genommen, zur abendlichen Mahlzeit in den Palast zurückgekehrt, wohin ihm die Frauen vorangegangen waren. Gordianus war einer der letzten, der inmitten seiner Klienten langsam schlendernd die Thermen verließ. Lautes Sprechen wurde hörbar und Gelächter. »Die Christen stehen doch nicht in Ansehen!« rief Sertorius aus und die Klienten wiederholten diese Worte. Sertorius, der Zeuge gewesen war, berichtete dem Gordianus, wie schmachvoll Pappias davongejagt worden sei. »Ihr Götter, wie possierlich ist der Kaiser!« »Noch einer fiel in Ungnade.« »Der Tribun Maximus.« »Oh – die Belagerung der Livilla!« »Die dreißig Bestürmungen, die der Kaiser forderte!« Heller lachte Gordianus auf. »Antoninus kennt kein Maß in seinen Wünschen!« rief der junge Römer aus. »Hätte er von Maximus weniger verlangt, so würde der Tribun gewiß willig gehorcht haben.« »An einem einzigen Morgen zwei in Ungnade gefallen!« »Und einer in Gnaden aufgenommen!« »Hierokles ...?« »Der fremde Lenker ...« »Der Kaiser befahl, er solle ihm das Knie küssen.« »Wohl ein wenig allzuschnell,« meinte Gordianus. »Still, edler Gordianus!« flüsterte Sertorius warnend. »Warum?« »Still, still, da geht er!« Hierokles schritt zwischen zwei Sonnenpriestern an der Gruppe der jungen Patrizier vorüber. Er hatte gehört. Er wandte sich um und schaute, vom tanzenden Licht der Fackeln beleuchtet, Gordianus in die Augen mit einem Blick, der tief war und grausam und stechend, wie ein spitzer Dolch. Doch des Gordianus Augen blitzten in verächtlichem Spott auf. Er, der Römer von edler Herkunft, wollte sein höheres Ansehen den Wagenlenker tief empfinden lassen. Die Jünglinge umdrängten ihn dichter. Hierokles ging vorüber; elastischen Schrittes eilte er, mit stolz erhobenem Haupt und freudig, dem Glück entgegen. »Der ist gefährlich!« »Er brüstet sich schon mit der Gunst des Kaisers!« »Sieh, wie er geht, wie er um sich schaut!« »Wo mag er hingehen mit den beiden Priestern?« Andere Badende folgten. »Hierokles ist in den Palast befohlen worden!« riefen die zuletzt Kommenden. »Die beiden Sonnenpriester haben Hierokles gesucht; bis in die Ställe sind sie gedrungen.« »Gestern wußte noch niemand, wer er sei.« »Des Kaisers Liebe erwacht schnell,« sagte Gordianus, »der Kaiser hält kein Maß, ihr Freunde, aber dafür ist er auch ein Gott. Ich, der ich kein Gott bin, ich halte Maß. Darum sage ich euch, meine Freunde, nach der gestrigen Orgie und der lieblichen Baderuhe, die wir heute genossen, bis morgen Lebewohl, um mich für diesen Abend in die Einsamkeit meiner Bücherei zurückzuziehen.« Er ließ sich in seine Sänfte fallen, deren Vorhänge sofort von den Sklaven zugezogen wurden. Unschlüssig standen die Parasiten and Klienten umher. Ihnen fehlte die Abendmahlzeit und verdrossen blickten sie einander an. Gordianus war mäßig; oft nahm er die Mahlzeiten sehr eilig zu sich, sie hatten in der Regel keinen Reiz für ihn, es sei denn, daß er ein prunkvolles Bankett veranstaltete. Zehn Sklaven trugen die Sänfte nach den Carinae, wo er sein Landhaus mit den berühmt schönen Gärten bewohnte. Der Gelehrte Serenus Sammonicus, sein Lehrer und ein Freund des alten Gordianus, hatte dem jungen Mann aus Zuneigung seine Bücherschätze vermacht. Es waren zweiundsechzigtausend Bände, und diese Bücherei war wertvoller selbst als die der Thermen. Der junge Gordianus, der berühmt war wegen seines Reichtums und seiner künstlerischen Lebensauffassung und Lebensführung, war ein stiller Gelehrter.   Die Parasiten schlössen sich ziellos der Menge an, strömten mit ihr nach der Porta Capena und zerstreuten sich durch ganz Rom. Die Luft war schwül, doch nicht nur die Schwüle war es, die die Straßen betäubend erfüllte. Seit Heliogabals Ankunft fuhr es wie ein heißer Hauch durch ganz Rom. Der Atem des Orients durchglühte mit fieberndem Verlangen die Kühle der römischen Nächte; Unmäßigkeit und Ausschweifung bemächtigten sich der Römer wie wilde Lüste. Jahrelang, seit dem Tode des Commodus, hatte das Volk keine anderen Erregungen gekannt als die Furcht vor der Strenge des Severus und das Entsetzen über die Grausamkeit seines Sohnes Caracalla mit dem Stierkopf. Nun war eine Glorie erstrahlt; eine Lebensraserei begann. Es gab Geheimnisse des Lebens, die Magier wußten um sie, die Magier, die mit dem Kaiser aus Emesa gekommen waren, und diese Geheimnisse sollten in fieberheißen Nächten dem staunenden Rom entschleiert werden. Die Sonnenpriester in ihren weitärmligen Samaren, die Mitra auf den duftenden Locken, waren die verführerischen Lehrmeister. Nachdem die Menge versucht hatte, ihren Hunger zu stillen, versammelte sie sich in der Nacht vor den Arkaden des Palastes, dessen Säulen sich emporrankten wie eine olympische Wohnstatt und der in der Sternennacht erstrahlte in blauer, rosiger und weißer Glut, wie das Paradies des Baal. Dichter und dichter drängte die Menge herbei. Tausende von Köpfen schauten, aufwärts gerichtet, nach der Apotheose. Worauf man wartete, wußte niemand, aber weil viele, so viele wartend dastanden, kamen immer mehr und mehr und die Menge wuchs stetig. Es erhob sich ein Summen wie das Rauschen des Meeres. »Wieviel Lichter, wieviel Blumen! Feiert der Kaiser heute abend wieder ein Fest? – Sag, Aurelius, kannst du sehen? – Nein, nein, ich sehe nichts. – Wozu warten wir denn eigentlich hier? – Geh du nur nach Haus, wenn es dir nicht länger paßt, ich bleibe noch, man kann nie wissen, vielleicht gibt es noch etwas zu sehen. – Ihr habt ihn heute in den Thermen gesehen. – Ich nicht, ich war nicht in den Thermen. – Möglich, daß er sich noch einmal zeigt. – Das glaube ich nicht, es ist schon spät. – Hörst du die Musik? – Ja, ich höre Sistren. Das Gastmahl ist noch nicht beendet... Es ist kein Gastmahl, das hat gestern stattgefunden. Es ist eine gewöhnliche Mahlzeit. Nimmt er die denn so spät ein? Ja, immer später und später, und morgens schläft er sehr lange. Das ist doch eigentlich seltsam, wenn man bedenkt, daß er die Sonne verkörpert. – Warum? sie scheint, wann sie scheinen will. Er ist Gott: Heliogabal. Kommt, wir wollen ihn rufen. Heliogabal! Heliogabal!« Sie riefen. Laut, sehnsüchtig, verschmachtend riefen sie. Wie fern war er, wie unerreichbar fern! Dort war er, dort! Geborgen im Geheimnis der Apotheose, im Heiligtum der Vergötterung, und sie sahen ihn nicht. Heute abend würden sie ihn sicherlich nicht mehr sehen. Dennoch konnte keiner sich entschließen fortzugehen. Auf Weiberarmen begannen Kinder zu weinen. Zwischen den Flammen der Dreifüße sah man hin und wieder, wie Offiziere und Cubicularii herabschauten. Sie deuteten auf die Volksmenge, auf die unzähligen, aufwärts gerichteten Köpfe, auf die geöffneten Lippen, die hungernd riefen. Plötzlich ging ein Gerücht um. Einer der Cubicularii hatte sich hinabgebeugt und etwas gerufen, doch die Menge wußte noch nicht, was; sie wußte nur, daß ein rasendes Verlangen, gleich einer Woge, sie durchzitterte. Irgendein Würdenträger erschien unter dem mittleren Bogen und seine lauthin tönende Stimme verkündete: »Der Kaiser!« Ein einziger Aufschrei! Sicherlich hatte man ihm gesagt, daß das Volk von Rom draußen warte, schmachte in der Hoffnung, ihn noch einmal zu erblicken. »Der Kaiser!« Die Diener breiteten einen Teppich aus – die da unten sahen babylonische Monstren über den Marmoraltan grinsen. Er erschien. Ihr Götter, er erschien! Sie würden ihn sehen! Wie war er? War er es wirklich? Ja, er war es! Da sie ihn stets wieder anders sahen, erkannten sie ihn nicht immer gleich. Allein er war es. Er trug ein weißes phönizisches Festgewand und seine rundlichen Arme kamen aus den weiten Ärmeln zum Vorschein, nun, da er die Hände emporhob mit der Gebärde eines Gottes, der die Huldigung der Menge empfängt. Um sein Haupt trug er den Kranz aus Rosen, wie die Römer bei den Gastmählern. Er lachte, froh, daß man ihn anbetete. Wie süß er aussah mit den herrlichen Rosen im blonden Haar! Liebling! Heliogabal! Grobe Hände warfen ihm Kußhände zu. Er, dort oben, lachte. Seine Hände, juwelenblitzend, ruhten auf dem babylonischen Teppich. Den vom Rosenwein leicht Betäubten berauschte mehr noch die Anbetung Roms, wie mit einem großen Glück. An diesem Abend umfing ihn eine schwere Wehmut, eine beinah schmerzliche Sehnsucht nach Emesa, nach dem verlassenen Tempel, nach dem Sternenturm, nach Hydaspes. Ihm war, als höre er den Schrei der sterbenden Pfauen. Gewiß, er war allmächtig. Was er befahl, geschah. In dieser Nacht hatte er befohlen, daß man Hierokles zum kaiserlichen Mahl lade. Rosenumkränzt hatte der Lenker dagelegen. Die Mädchen hatten sich im Tanz gedreht, die Zwerge waren toller gewesen denn je, und köstlicher denn je hatte man den Rosenwein bereitet. Und dennoch ... dennoch! Diese Wehmut, diese Sehnsucht nach dem Tempel, dem Turm, nach Emesa, nach dem heiligen Dienst, nach dem Opferfest, nach der Ekstase des Tanzes, nach Hydaspes, nach den unsichtbaren Dingen, in denen jener ihn unterwiesen! Doch dort unten, auf dem Platz, betete das Volk von Rom ihn an. In seiner Wehmut, die halb Trunkenheit war, halb Heimweh, lächelte er hold und zärtlich. Neben Gordianus, Murissimus und Protogenes stand Hierokles, rosenumkränzt, und seine Blicke stachen gleich Dolchen. Eine seltsame Schwere umfing Antoninus, wenn des Hierokles Lippen sich spöttisch kräuselten. Neben dem Kaiser standen der Präfekt und der Tribun, Aristomachos und Antiochianus, seine beiden Getreuen, und er fühlte sich geborgen. – Und dennoch, war es nicht, als streifte ihn der Hauch des Schicksals? Das Volk jubelte, raste. Der Kaiser erteilte einen Befehl. Körbe voll Rosen wurden von den Sklaven herbeigeschleppt und lachend warf der Kaiser die Blumen hinab. Dort unten kämpfte man um die Blüten, die er mit eigenen Händen gestreut hatte, man aß die Rosenblätter. Doch die Befehle des Kaisers folgten einander, man brachte farbige Tücher und mit beiden Händen streute Antoninus sie hinab über die Menge. Plötzlich, froh wie ein Kind, seine Wehmut vergessend, lachte er laut auf, weil die luftigen Tücher so träge flatterten und gleich Faltern in die krampfhaft gestreckten begehrlichen Finger Jener dort unten sanken. Nun warfen Cubicularii kleine Mäntel, Paenulae, hinab, zu hunderten warfen sie sie; es war, als senkten sich verwundete Nachtvögel auf die Menge. Vergoldete und silberne Vasen ließ der Kaiser sodann hinabschleudern. Sie wurden, während man um sie kämpfte, zertrümmert, zerstampft, und unzählige Opfer fielen. Antoninus sah nur die jubelnde Menge, die ihn anbetete und sich seiner Gaben freute. Mit hieratischer Gebärde führte er beide Hände an die Lippen und sandte seinen Kuß hinab, wie einen Segen und eine Seligkeit. Während er dies tat und den Kopf etwas rückwärts neigte, glitt ihm der Rosenkranz von den Schläfen. Er wurde von vielen Fäusten gepackt, die, eifersüchtig, die Rosen herausrissen und sie entblätterten. Es war ein übles Vorzeichen, den Kaiser schauderte. Er wankte, als er hineintrat, so daß Aristomachos und Antiochianus ihn stützen mußten. Doch lachte er, glücklich, trunken und wehmütig zugleich. In der tieferen Nacht lohten die duftenden Flammen und die Glut der festlichen Beleuchtung verschwamm allmählich. Die Menge zog sich befriedigt zurück und wogte in breitem Strom, von ekstasischer Erregung umfangen, dem Palatium zu. Elftes Kapitel Die erste Morgenstille wob zarte Ruhe durch die Säulenhallen, die sich rings um die Atrien der Frauenwohnung reihten. Ruhig schoben sich große Schattenflächen langsam die roten Stuckwände mit der feinen Freskoverzierung entlang oder senkten sich violett über die Mosaike des Fußbodens. Jenseits der Schatten fiel der Sonnenschein unablässig herab in ruhiger Glanzflut. In den inneren Säulenhallen gingen zwei Cubicularii des Dienstes auf und ab; sechs Prätorianer hielten in einer seitlichen Laube die Wache. Schritte näherten sich, und Narr, bekleidet mit seinem leuchtenden, okerfarbenen Gewände, die Münzenkette um den kräftigen schwarzen Nacken, lüftete einen Vorhang und rief: »Der Kaiser!« Antoninus folgte ihm auf dem Fuß, hastigen Schrittes. Er trug eine kurze, sehr eng anliegende Morgentunika aus weißer Seide, mit goldenen Palmen bestickt, und einen wallenden persischen Mantel mit langer Schleppe. Die Gemmen an seinen Schuhriemen, die Fibel seines Mantels, die Steine in seinem Haarband waren alle gleich: Amethyste, in die ein dem Uneingeweihten unbekanntes Symbol eingraviert war. Die beiden Cubicularii standen in aufrechter Haltung. In der Loggia verharrten die Prätorianer schweigend und der Sonnenpriester verbarg sich. »Die erhabene Mäsa?« fragte Antoninus. »Eure Ewigkeit, die Clarissima hat sich in den Senat begeben,« antwortete einer der Cubicularii. Die Großmutter hatte im Senat ihren Sitz eingenommen, und darum nannte man ihn den Tempel der Clarissima. Sie war die erste Frau, deren Herrschsucht dies gewagt hatte, und Rom war, wenngleich befremdet, so doch bezaubert von diesem Neuen. »Semiamira?« fragte Antoninus. »Eure Ewigkeit, die Augusta hat ihre Gemächer noch nicht verlassen.« Antoninus entsann sich, daß Narr ihm verraten hatte, seine Mutter Semiamira sei, gleich Messalina, in der Nacht aus dem Palast geschlichen. Antoninus wurde ungeduldig. »Mammäa?« »Eure Ewigkeit, die Serenissima hält sich mit dem Cäsar im Atrium ihrer Gemächer auf.« »Ich will sie sprechen!« sagte Antoninus. Der Cubicularius ging ihm voran. Die hohe Stimme des Kaisers hatte zornig und zitternd geklungen; seine veilchendunklen Augen blickten starr. An diesem Morgen buhlten sie nicht. Dennoch streichelte er Narr den krausen Kopf, während er ihm befehlend zurief: »Laß mich allein!« Der Mohr ging zurück; der Cubicularius führte den Kaiser, durch Portikus und Vorraum, lüftete einen Vorhang und verkündete: »Der Kaiser!«   Mammäa saß auf hohem Thronsessel im Atrium. Zu ihren Füßen lag Theokleia, ihr Töchterlein, während Alexianus mit einem griechischen Athleten kämpfte, der ihn unterwies. Die kräftigen Glieder des nackten Knaben – er war dreizehn Jahre alt – leuchteten auf dem sonnenüberfluteten Teppich wie die eines jungen Mars. Mammäa war umgeben von des Alexianus Lehrmeistern, dem griechischen Grammatiker Nebo, dem Rhetor Serapion, Stilo, dem Philosophen, und Scaurinus, einem Gelehrten von großem Ruf. Wohlgefällig um die Mutter geschart, gewahrten sie freudig, wie die Kräfte des Alexianus, der stolz und nach allen Regeln dieser Kunst sich mit dem Athleten maß, sich langsam entwickelten. Als Antoninus gemeldet ward, erhoben sich alle, und etwas wie Schrecken zuckte über ihre Züge. Der Athlet und Alexianus ließen einander los. »Oh«, sagte Antoninus spottend, »mein Vetter Alexianus wird erzogen wie ein kleiner Achilles inmitten so vieler würdiger und gelehrter Männer, die strahlenden Auges seine Fortschritte bewundern, geschart um die stolze Mutter, die freudige Serenissima Mammäa. Heil, heil dem tugendhaften Cäsar! Es setzt mich in Erstaunen, Mutter des kleinen Alexianus, daß der Cäsar so wenig Interesse zeigt für die Wettrennen im Stadion und daß er von so hervorragenden Pädagogen nicht auch vertraut gemacht wird mit den Regeln der Höflichkeit. Sonst wäre er gestern sicherlich im Stadion erschienen, um seinen Vetter und Kaiser als Wagenlenker zu sehen. Denn wenn diese Athletik auch weniger gilt als der Ringkampf, so ist sie doch nicht ganz ohne Verdienst. Darf ich Euch fragen, Serenissima, warum Euer viel verheißender Sohn gestern in der kaiserlichen Loge durch Abwesenheit glänzte?« »Antoninus,« antwortete Mammäa, sich entschuldigend, »hätte ich erraten können, daß Ihr auf Alexianus Gegenwart Wert legtet ...?« »So würdet Ihr Euch beeilt haben, Alexianus nach dem Stadion zu rufen, ich verstehe das, Serenissima. Es mag auch schwer sein, alle Wünsche des Antoninus zu erraten und ihnen zu willfahren. Doch um das vorgestrige Gastmahl und die gestrige Abendmahlzeit müßt Ihr doch sicherlich gewußt haben. Warum, Serenissima, durften wir bei dieser Veranlassung weder Euch noch unseren jungen Achilles im Triklinium erscheinen sehen?« »Zu lange währen die abendlichen Mahlzeiten, Augustus, als daß ich meinen Sohn an den Gelagen, die seine Gesundheit gefährden könnten, dürfte teilnehmen lassen.« »Ah, ist es das, Mammäa? Als getreue Henne bleibt Ihr bei Eurem Küken. Ich verstehe, Serenissima. Die Erziehung, die Ihr Eurem Sprößling zuteil werden laßt, ist der römischen Matrone würdig und ich achte sie sehr hoch, obwohl ich für meinen Teil die vorziehe, welche mir die Augusta angedeihen ließ. Ihr, Mammäa, huldigt, um unseren teuren Alexianus noch tugendhafter werden zu lassen, als er es schon ist, wohl etwas gar zu veralteten Traditionen! Pfropft ihn voll, ihr Gelehrten, mit Tugend und mit Wissenschaft; entwickele deine Muskeln, Alexianus, auf daß du einem Mirmillo gleich werdest, doch verachte auch nicht völlig die innige Liebe, die dir dein Vetter Antoninus entgegenbringt, Cäsar, und willfahre jetzt seinem Wunsche: ich möchte einen kurzen Augenblick vertraulich mit dir allein sein, auf daß wir einander nicht fremd werden, denn deine vielfältigen Beschäftigungen halten dich oft gar zu lange meiner Umarmung fern.« Ironisch-zärtlich und zugleich vor Kränkung und Erbitterung zitternd, hatte des Antoninus Stimme geklungen. Jetzt schlang er mit einer energischen Bewegung den Arm um des Alexianus Schultern und zog diesen sanft mit sich. Mammäa zeigte eine gewisse Unruhe; die kleine Theokleia warf sich weinend in ihre Arme. Sichtlich fuhr eine Angst durch die Gruppe der Pädagogen, doch keiner wagte ein Wort zu sagen. Antoninus war der Kaiser, durfte tun, was ihm beliebte. Er fühlte in seiner halben Umarmung das kaum merkbare Widerstreben des Knaben, setzte aber dennoch den Weg mit dem Vetter fort. Mammäas Augen folgten ihm ängstlich, während sie Theokleia zu beschwichtigen suchte. Soviel es irgend anging, hielt sie ihren Sohn dem Antoninus fern, denn sie fürchtete dessen verderblichen Einfluß und es war ihr Wunsch, daß Alexianus keusch und kräftig bleibe. Antoninus stellte sich so, als gewahre er nichts von der Erregung der anderen; langsam schritt er dahin mit dem kleinen Cäsar, während sein persischer Mantel in breiten, seidenrauschenden Falten über das Mosaik schleppte. Durch den Portikus ging er zum Atrium, den Gemächern der Clarissima, der Großmutter; unabsehbar reihten sich die Innenhöfe und die Säulen der Galerien, die um das Gynäceum liefen. Von Rinnen und Becken eingefaßt, murmelten kleine Wasserläufe, Lotos und Kresse wuchsen in Fülle. Weiße und rosige Pfauen flatterten auf, als die beiden Knaben sich näherten. »Alexianus,« sprach Antoninus sanft. Seine Stimme, meist schrill und gekünstelt, konnte auch weicher, inniger, schmeichlerischer klingen, wenn er bezaubern wollte. »Sage mir, Alexianus, warum tust du mir weh?« »Tue ich dir weh, Antoninus?« fragte der Knabe unsicher. Straff aufgerichtet schritt er einher an der Seite seines Vetters, gehindert durch den Arm, der über seiner Schulter lag. »Ich weiß nicht, warum?« »Weil du dem Stadion fern bleibst, wenn ich lenke, weil du nicht zum Bankett kommst, mein Kind, sondern nur zur täglichen abendlichen Mahlzeit.« »Mutter wünscht ...« »Ja gewiß, Mutter wünscht ... Sie wünscht oft recht viel und recht Unbilliges.« »Ich komme doch jeden Morgen mit Mutter zum Dienst in den Tempel der Sonne.« »Fromm bist du, Alexianus. Könnte ich es auch anders erwarten? Ein Sonnenkind warst du zu Emesa und während des Dienstes ließ ich meine Mitra, meine Schnur und meinen Gürtel in deine Hände gleiten. Seitdem man dich zum Cäsar ausgerufen hat, bist du kein Kind der Sonne mehr; aber warum hat sich Mammäa geweigert, dich Priester werden zu lassen? – Du bist alt genug, Alexianus, wiewohl du noch sehr jung bist. Übrigens: die Gesetze diktiere ich. Kein Magier wird sich weigern, dich in das Kollegium der Priester aufzunehmen; du würdest unverzüglich zum Oberpriester ernannt werden. Mammäa hat es nicht gewollt. Ich frage mich, warum, und was sie damit bezweckt, daß sie dich nicht in jener Frömmigkeit groß zieht, die dem Licht wohlgefällig ist. Gewiß, du wohnst dem Dienst bei, an jedem Morgen, aber doch nur, um nicht der Gottlosigkeit beschuldigt zu werden. Warum, mein Kind, bleibst du mir stets so fern? Denke an Emesa, an den Turm, an den Tempel, an die Gärten ... Erinnerst du dich noch? Wir waren zusammen, zusammen wuchsen wir auf, zusammen spielten wir ... Damals miedest du mich nicht, Alexianus, du suchtest mich, wir waren heiter in den Rosengärten und du küßtest mich, küßtest mich auf den Mund und sagtest: Ich liebe dich, Bassianus! Weißt du das noch? Mit mir gingst du zum Sternenturm und Hydaspes deutete uns die heiligen Sternbilder. Warum meidest du mich, seit wir in Rom sind? Schon in Nikomedia empfand ich das. Nur, weil Mammäa es so wünscht? Sie liebt mich nicht, nie hat sie mich geliebt! Aber wenn du wirklich so stark und tapfer bist, Alexianus, dann sei ein kleiner Mann, sei Cäsar, und tue, was du wünschest. Wenn du mich noch liebst, dann sage zu Mammäa: Ich will Antoninus öfter sehen ... Es bekümmert mich, Alexianus, daß du mich so förmlich begrüßest und daß du mir nur noch hin und wieder das Knie küssest, aber nie mehr meine Lippen suchst. Warum nicht, Alexianus?« »Mutter ...« »Mutter, Mutter! ... Ja, ich weiß wohl, daß sie ... und du, Alexianus, sollst ein gehorsamer Sohn sein, aber zugleich auch mein teures Kind. Willst du das, Alexianus? Viele lieben mich! Zu Emesa beteten sie mich an, aus allen Städten Syriens, Phöniziens, Mesopotamiens strömten sie herbei. Jetzt beten sie mich in Rom an. Aber ich leide mehr um eine Liebe, die ich verliere, als mich Millionen Liebender, die die Hände nach mir ausstrecken, beglücken können. Liebe du mich, Alexianus! Habe Antoninus lieb, denke an Emesa und gelobe mir, daß du mir dein Vertrauen wieder schenken willst.« »Ja, Antoninus ... ich gelobe es dir!« »Und nun küsse mich, küsse mich auf den Mund!« »Antoninus, Mutter wünscht ...« »Küsse mich auf den Mund!« rief Antoninus heftig. Er stampfte mit dem Fuß. Alexianus küßte ihn. »Dein Kuß ist kalt,« sprach Antoninus. Der Knabe errötete. »Du küssest mich, weil ich es dir befehle. Nicht, weil du mich liebst ...« Tränen glänzten in den Augen des kleinen Cäsar. Starr heftete Antoninus den Blick auf ihn, gebieterisch streckte er den Finger aus. »Geh!« sprach er, »geh zurück zu deiner Mutter! Niemals, hörst du wohl, niemals wird Antoninus mehr deine Zuneigung erbitten, niemals mehr deinen Kuß! Ich, der Kaiser, der göttliche Heliogabal, den die ganze Erde um eine Liebkosung anfleht: ich habe mich gedemütigt, dich um einen Kuß zu bitten, doch nie, nie mehr werde ich es tun! Geh, kämpfe und werde weise!« Er lachte höhnisch auf; das weinende Kind entfloh. Antoninus blickte ihm nach. Schluchzend warf sich Alexianus in die Arme seiner Mutter.   Der Kaiser war verstimmt. Durch die Säulengänge schlenderte er an den Gemächern der Clarissima entlang und die prätorianischen Wachen schnellten empor, standen soldatisch- straff. Antoninus pflegte ihnen zumeist mit einem Gruß, der wie ein Lächeln war und wie eine Gnade, für ihre Ehrfurcht zu danken, denn er wollte ihre Herzen gewinnen. An diesem Morgen aber ging er vorüber, als sähe er sie nicht; klatschte ungeduldig in die Hände. Ein Cubicularius eilte herbei und Antoninus befahl: »Narr komme sofort zu mir in den Turm!« Durch das Atrium und die Gärten schritt Antoninus nach dem Turm der Gemmen. Während des Sommers hatte man ihn errichtet, ein Oktogon, das seltsam emporstrebte mit Quadern aus Alabaster und Chrysolith über den Laubmassen der Oleander- und Lorbeerbäume, dem Blau des Himmels entgegen. Eine sehr ausschweifende Laune des Kaisers. Aus Elfenbein war die Pforte; Riesensardonyx und Beryll rundeten sich in Arabesken um den Chrysolith; große Schalen aus Schildpatt waren eingelegt und erschienen wie geheimnisvolle Fenster. Niemand hatte hier Zutritt, außer Narr. Die Architekten waren verbannt, ermordet, wie man sich zuraunte ... Der Kaiser suchte an seiner Kette nach einem goldenen Schlüssel und öffnete das Schloß. Eine Wendeltreppe, schmal, aus polierten Onyxstufen, schlängelte sich hinauf und gewährte Zutritt zu einem kleinen achteckigen Saal mit acht Fenstern aus transparentem Email. In der Mitte stand ein großes Sigma mit Polstern aus golddurchwirkter Seide. Antoninus warf sich darauf nieder. Gelangweilt, hüllte er sein Haupt in den persischen Mantel. Er schluchzte; auf ihm lastete die Einsamkeit. Kein Geräusch aus dem noch morgenstillen Garten drang zu ihm. Doch plötzlich erschollen Trompeten; die Clarissima kehrte vom Senat nach dem Palast zurück. Es nahte die Stunde des Dienstes und des Opferfestes im Tempel, dem der gesamte Hof beizuwohnen pflegte. Doch Antoninus, noch in sein Morgengewand gehüllt, blieb liegen. Unten knarrte die elfenbeinerne Tür; ein Schritt ward auf der Onyx treppe hörbar. Es war Narr in seinem okerfarbenen Gewand. Er trat ein und warf sich vor dem Lager zu Boden. Antoninus fuhr ihm zärtlich mit der Hand über den Krauskopf. »Steh auf, Narr!« »Ja, Herrchen.« »Hast du es?« »Ja, hier.« »Was ist es?« »Ein ausgehöhlter Donnerstein, sieh.« »Seltsam ist er und schön.« »Ja, sieh nur, wie er funkelt, hellbraun mit goldenem Glanz! Zwölf Tropfen sind darin. Zwei genügen, um so krank zu machen, daß man nach wenigen Tagen stirbt. Zwölf Tropfen, auf einmal genommen, töten gleich einem Blitz.« »Weißt du das gewiß?« »Der Duft- und Giftbereiter hat vor meinen Augen das gleiche Gift einem Kinde eingegeben, fünf Tropfen nur ... Es sank um, wie vom Blitz getroffen.« »Gut! Wie läßt sich der Stein öffnen?« »Es ist ein beinahe unsichtbarer Verschluß. Sieh, Herrchen ...« »Ich sehe ... Der Preis?« »Noch nicht einmal viertausend Sesterzen.« »Die übrigen tausend magst du behalten.« »Ich danke dir, Herrchen; aber ich brauche nicht so viel.« »Hast du denn keinerlei Wünsche?« »Ich besitze alles. Ich bin nur ein Sklave, aber ich besitze alles. Wenn ich um dich sein darf ...« »Bist du dann zufrieden?« Narr lächelte beseligt. »Auch wenn ich dich schlage?« »Auch dann, gerade dann!« »Liebst du mich, Narr?« Der Mohr antwortete nicht; zwischen den Riemen der Sandale suchte er des Antoninus Fuß und küßte ihn. »Narr, der Cäsar liebt mich nicht.« »Der Cäsar ist eifersüchtig ... oder vielmehr – die Serenissima.« »Ich hasse den Cäsar, Narr!« »Soll ich ihn vergiften?« »Nein, Narr, noch nicht ... Ich will nicht unnütz grausam sein. Hat das Kind ... gelitten?« »Nein, Herrchen, es fiel hin, wie vom Blitz getroffen. Es war ein Kind armer Leute; es hatte nichts zu sagen.« »Gut. Lege den Donnerstein zu den phönizischen Krügen, Narr. Wie viele sind da?« »Fünf. Nun hast du also sechs verschiedene Gifte, sie wirken alle rasch.« Der Mohr legte den Stein in eine der Nischen des Gemaches, wo die phönizischen Krüge verwahrt wurden. »Narr,« sagte Antoninus, »du mußt mir wieder seidene Stränge bringen, aber unzerreißbare.« »Ja, Herrchen.« »Der goldene Dolch?« »War noch nicht fertig. Der Goldschmied ist ein Künstler. Der Dolch wird herrlich; der Griff mit Perlen eingelegt ... Herrchen, die heilige Stunde naht ...« »Ich habe heute keine Lust, Narr. Nicht einmal ich bin heute morgen dem Licht fromm gesinnt.« »Höre, man ruft dich schon ...« »Ich komme ... ich komme! Hast du heute morgen Hierokles schon gesehen?« »Ja, er irrte vor deinen Gemächern umher; er wollte dich sehen. Ich sagte ihm, du schliefest noch, Herrchen. Den Mann würde ich gern vergiften.« »Nicht, Narr ...« »Gestern sahst du ihn zum erstenmal und gestern hat er an deiner Tafel gespeist. Als du die Gaben über das Volk ausstreutest, stand er an deiner Seite. Während der Nacht wollte er den Portikus nicht verlassen und nun suchte er dich, Herrchen. Hüte dich vor diesem Mann!« »Warum?« »Schenke ihm deine Gunst nicht.« »Warum, Narr?« »Er liebt dich nicht.« »Meinst du?« »Ich bin nur ein Mohr, Herrchen, ich habe nicht das Recht, eifersüchtig zu sein, bin es auch nicht auf Aristomachos oder Antiochianus, nicht einmal auf Gordus, Murissimus und Protogenes. Doch diesen hasse ich, weil ich sehe, daß er dich nicht wie die anderen liebt ...« »Vielleicht nicht so, aber anders.« »Nein, Herrchen. Wie gern würde ich ihn töten!« »Nicht, Narr ...« »Höre, Herrchen, wie die Gongschläge dröhnen ...« »Ich komme.« »Ich gehe zu den Ankleiderinnen.« »Ich folge dir.«   Der Mohr eilte die Treppe hinab; Antoninus folgte ihm. Nun, da die heilige Stunde des Sonnendienstes nahte, zog ihn ein wohltuendes Gefühl der Frömmigkeit hin zu jenem Licht, in dem sich einst alles auflösen würde. In seiner Seele legte sich der Aufruhr. Er sah den Mohren davoneilen und hörte ihn rufen: »Der Kaiser! Der Kaiser!« Vasthi und die Ankleiderinnen warteten schon. Die Gongschläge durchdröhnten die Stadt. Im Tempel der Sonne, im Heiligtum des Heliogabal, strömte die Menge zusammen, obwohl der Dienst nur der alltägliche war. Die Herde der blökenden Opfertiere wurde herbeigetrieben. Die Hörner waren vergoldet und mit Bändern geschmückt. Hinter bronzenen Vorhängen war der Schwarze Stein noch unsichtbar. Der Kaiser würde nicht tanzen heute und dennoch strömte die Menge herbei ... Sie hatte in diesen Tagen viel zu schauen; sie schwelgte im Ungewöhnlichen, in der Pracht vieler Symbole, seltsamer und ungeheuerlicher, und war dankbar. Zwölftes Kapitel So wie das Wasser seine Farbe wechselt, wenn die Brise darüber hinstreicht, so wie der Himmel sich umwölkt und wieder blau wird, so wandelte sich in der Seele des Knaben Antoninus die leicht bewegliche Erregung, und an jenem Abend nach dem Mahl schien er die morgendliche Verstimmung um den kleinen Cäsar vergessen zu haben. Ausgelassen fröhlich war er gewesen, während er zwischen den Präfekten, den Tribunen, Aristomachos, Antiochianus an der Tafel lag, umgeben von den Günstlingen, und sie alle waren erfreut, weil Hierokles nicht geladen war und vergessen schien nach der ersten, allzu jähen Gunst. Sich innerlich in Groll verzehrend, hatten sie den Verhaßten durch die Säulengänge streifen sehen; denn wohl war es ihm vergönnt, künftighin im Palatium zu bleiben. Doch die Günstlinge wußten es gewiß, daß der Kaiser ihm im Stadion nicht mehr gestattet hatte als den Kniekuß. Ihn jetzt aus dem Palast zu entfernen, war ihr Bestreben, und Aristomachos und Antiochianus hatten sich an die Clarissima Mäsa gewandt. Doch die hochmütige Frau hatte verächtlich die Achseln gezuckt. Sie duldete es, daß Antoninus seine Günstlinge nach eigenem Wunsch wählte, weil sie meinte, daß er kein Kind mehr sei sondern Kaiser von Rom. Solange er ihr, der Clarissima, die Macht überließ, verwöhnte sie ihn, soviel sie ihn nur verwöhnen konnte, mit der anbetenden Liebe, die sie für ihr liebstes Enkelkind, ihr liebstes, schönstes und herrlichstes, stets gehegt hatte. Sie war übermächtig in Palast und Senat; sie herrschte. Ihr stolzes Ziel hatte sie gleichsam schon erreicht. Wohlfahrt verbreitete sich im Reich. Handel und Schiffahrt blühten, die Wege waren gesichert; höhere Steuern wurden nicht erhoben. Die Pax Romana umstrahlte Roms Allmacht mit des Friedens Nimbus. Es herrschte Gerechtigkeit. Den Ruhm des Weltreiches, von Septimius Severus vorbereitet, auf Antoninus zu leiten, den Kaiser, der die Sonne anbetete: das war das höchste Ziel der Clarissima, das ihr nahe schien wie der morgige Tag. Heliogabal schien zum Heil der Welt triumphieren zu sollen. Was galten in seinem Lichte die Motten? Der kleine Kaiser hatte seine Morgenstimmung ganz vergessen und war ausgelassen fröhlich gewesen, hatte seine Freudigkeit genossen wie ein Kind, so heiter, ungezwungen und spielerisch, wie er sich bei den lange währenden, späten Abendmahlzeiten mehr und mehr zeigte. Heiter war er stets gewesen, auch zu Emesa; aber so ausgelassen wie hier hatte man ihn dort nie gesehen. Götter, was für ein Liebling war er doch! Tausendfältig wa er! Er war alles, was er nur sein wollte, und es gab keinen Menschen, dem nicht der herrliche Antoninus einen Genuß zu verschaffen vermocht hätte.   Der Kaiser war umhergewirbelt wie ein Kreisel; sein schleppendes Gewand hatte sich um seine schlanken Beine geschlungen. Plötzlich hielt er inne. Seine Augen schmachteten, lachten unter den gemalten Brauen, die Lippen spitzten sich wie zu einem Kuß, in dem sich alle Wollust fand, und er winkte und rief: »Aristomachos! Antiochianus! Hört, hört! Niemand soll es wissen! Heut nacht gehen wir in die Subura. Aber niemandem sagen, hört ihr? Mund halten! Legt eure dunkelste Pänula an. Ich vermumme mich so, daß ich unkenntlich bin!« Nochmals drehte der Kaiser sich in wirbelndem Tanz und tanzte, Kußhände werfend, davon. Lachend, vom Rosenwein trunken, eilte er davon, vorbei an den Cubicularii, die er zur Seite stieß, und eilte in seine Gemächer, noch bevor Narr seine Ankunft verkünden konnte. »Rasch, rasch, Vasthi, Statira, Livilla, entkleidet mich! Livilla, binde mir die Sandalen los! Rasch, Statira, färbe mir die Wangen etwas dunkler und die Augenbrauen. Schade, daß sich die Farbe des Augapfels nicht verändern läßt, daß dafür noch nichts erfunden wurde! Gib mir eine Lockenperücke, versuch mich unkenntlich zu machen, Vasthi. Reich mir aus der Truhe, in der die Masken verwahrt sind, die kleine Tunika des Pastetenbäckers – du weißt doch, so eine kleine weiße mit einem Schurz und die ganz einfachen weißen Schuhe mit weißen Bändern und die weiße Kochmütze. Schnell, schnell, Vasthi, Statira ... vorwärts! Du brauchst mich nicht so fein zu malen wie zum Tanz, aber unter den Augen recht schwarz, denn man soll mich nicht erkennen. Vorwärts, Statira, es ist doch ein so einfacher Anzug. Rufe Narr und sage ihm, daß er mitgehen soll. Aber er soll seine okerfarbene Tunika ablegen und eine dunklere anziehen und gib uns beiden eine braune Pänula, damit wir unerkannt aus dem Palast gelangen. An dem hinteren Peristyl und den Latrinen wollen wir vorbeigehen. Da ist schon der Präfekt. Antiochianus erwartet mich an der hinteren Pforte!« Er spornte die Frauen zu immer größerer Eile an. In einem Augenblick hatten sie ihn unkenntlich gemacht. Sie lachten, und auch Antoninus war ausgelassen. In dem Spiegel, den Narr ihm nun vorhielt, sah er, daß er in der Tat unkenntlich war: ein sehr junger, schalkhafter Pastetenbäcker, der noch etwas anderes als Ölkrapfen zu verheißen schien. So eilte er, von Narr begleitet, nachdem beide sich in braune Pänulä gehüllt und die Kapuze über die Augen gezogen hatten, die Latrinen entlang zur hinteren Pforte. Dort warteten die getreuen Tribunen, der Präfekt und sechs Prätorianer, vertraute Leute, dunkel vermummt und ohne Helm, barhäuptig. Drei gingen voran, drei folgten, Antoninus ging zwischen den beiden Offizieren und Narr kaufte an einem kleinen Stand ein an Riemen befestigtes Tragbrett zum Umhängen und viel fette Ölkrapfen. Antoninus kostete einen und warf ihn Aristomachos ins Gesicht. Der Tribun brüllte vor Lachen, glückselig. Des Kaisers Gunst und Vertrauen genossen die beiden Offiziere wie ein Glück; und behenden, leichten Schrittes eilten sie nach der Subura, durch die kleinen, engen Gäßchen, wo Kupplerinnen sie anriefen. Unter verfallenen Arkaden, wo man Satyrion verkaufte – das aufreizende Stendelkraut –, über das schmutzige geborstene Pflaster, vorbei an dem Unrat, der nach Fischgräten und verfaultem Gemüse stank, eilten sie nach der engen Gasse, dorthin, wo sich die Tabernen und Bordelle reihten, wo Genußsüchtige schnüffelten und wo auf der Schwelle die Wirte und Wirtinnen an den Fingern herzählten, was sie beschaffen konnten und um welchen Preis: ein Zimmer allein, ein Bett im gemeinschaftlichen Saal, eine Abendmahlzeit, eine Frau oder einen Knaben. Auf kleinen Bühnen sollten mystische Spiele gezeigt werden; in die Sellariae durfte man einen Blick werfen, auf die spinthrischen Wirrnisse, die der Kaiser Tiberius erfunden hatte; Tänze schlangen sich durch die engen Gassen, Musik von kleinen ägyptischen Harfen ertönte schrill; die Wirte brüllten und die Wirtinnen schrien und luden zum Eintritt und zeigten die Kaufware.   Jetzt hat Antoninus seine Pänula abgenommen und sie einem der vermummten Soldaten zugeworfen; und obwohl man ihn aus einer gewissen Entfernung im Auge behält, geht er allein. An seinem etwas brauner gefärbten Hals hängt das Tragbrett mit den fetten Ölkrapfen, er ahmt den Gang eines Gassenjungen nach und ruft, seine Ware feilbietend, mit einem schrillen Gassenakzent: »Wer kauft Ölkrapfen? Wer kauft Ölkrapfen? Einen Ölkrapfen für einen Obolos!« Nein, das Volk erkennt ihn nicht. Er geht, er schreit wie ein kleiner Händler, er drängt sich mit seinem Tragbrett durch die Menge und läßt immer wieder den gleichen schrillen Ruf ertönen: »Wer kauft Ölkrapfen? Wer kauft Ölkrapfen? Einen Ölkrapfen für einen Obolos?« Er verkauft seine Ölkrapfen; er läßt mit sich handeln: drei für zweieinhalb Obolen. Er steckt die Münzen ein. Er betritt eine Taberne. Dort liegen sie quer über den Tischen, dort fließt Wein aus Krügen in die Kehlen und über den Boden; dort werfen sie die Würfel und der Pastetenbäcker wiederholt seinen Ruf; »Wer kauft Ölkrapfen? Wer kauft Ölkrapfen? Einen Ölkrapfen für einen Obolos?« Er geht in ein Bordell und bittet die Wirtin, den Wirt um die Bewilligung. Er ist ganz und gar Gassenjunge und ein kleiner Händler; seine Ware preist er an mit einem Lächeln hier und einem Lächeln dort, so wie es die kleinen Bäcker tun, die noch andere Süßigkeiten verheißen als ihre Kuchen. Ein dicker Leinwandhändler folgt ihm auf dem Fuß und bietet ihm Unterkunft an für diese Nacht. Doch der Kleine sagt, er habe keine Zeit und müsse seine Kuchen verkaufen, da sein Meister sonst sehr böse sein werde. Zwei junge Leute, in braune Fänulä gehüllt, schauen ihm einen Augenblick tief in die Augen und plötzlich sagt der eine, Gordianus: »Sertorius, bei der Venus der Subura – siehst du den kleinen Bäcker?« »Ein hübsches, schlankes Kerlchen.« »Sieh ihn dir genau an ... Erkennst du ihn nicht, Sertorius?« »Ihr Götter!« ruft Sertorius aus und hüllt sich dichter in seine Kapuze. »Still, laß dir nichts merken!« »Antoninus!?« »Ja, Antoninus! Still!«   Sie haben den Kaiser erkannt. Der geht dicht an ihnen vorüber und schreit ihnen in die verhüllten Gesichter, die er, gleichgültig, kaum ansieht. »Wer kauft Ölkrapfen? Wer kauft Ölkrapfen? Einen Ölkrapfen für einen Obolos?« Gordianus kauft ihm einen Kuchen ab. »Hast du noch was anderes zu verkaufen als Kuchen?« Zweideutig und herausfordernd beantwortet der Kleine diesen Scherz. Er ist zwar kunstvoll geschminkt, aber Gordianus hat ihn doch erkannt an seiner Grazie, die sich auch durch die herausfordernd zur Schau getragenen Gassenjungenmanieren nicht verwischen läßt. An dem Patrizier und seinen Klienten vorbei eilt der Kleine in ein größeres Bordell. Dort erklingt laute Musik: ägyptische Frauen spielen die Harfe und syrische Knaben zupfen die Sistren dazu. Gallische Frauen singen und dicke Negerinnen führen Bauchtänze auf, umhüllt von einer Dunstwolke aus heißem Atem und Qualm von Ölfunzeln. Durch diese Wolke wird man der Fresken gewahr, die die Wollust lehren in unnachahmlichen, schier fabelhaft erscheinenden Verschmelzungen. Der kleine Kuchenhändler wird bestürmt. Er verkauft seine Kuchen, wird hier geküßt und dort, bis er plötzlich in toller Ausgelassenheit zehn übriggebliebene Kuchen seinen Angreifern ins Gesicht wirft. Sie zerplatzen auf den Mäulern; Fett trieft aus den Augen, an den Bärten hinab. Der Kleine lacht, lacht, läßt sich, immer ausgelassener, halb widerstrebend mitschleppen nach dem gemeinschaftlichen Saal; doch alle Lager sind besetzt und zwei Matrosen zerren ihn weiter in den engen Gang, der die kleinen Gemächer voneinander trennt. Auch Aristomachos und Antiochianus sind eingetreten, sie erkennen Gordianus nicht, ebensowenig wie Gordianus sie erkennt. Draußen halten sechs Prätorianer Wache. Da wird der Vorhang eines Gemaches gelüftet und ein Frauenantlitz späht neugierig heraus, aufmerksam geworden durch die bekannt klingende kreischende Stimme des kleinen Händlers. Die Frau blickt Antoninus in die Augen; Antoninus, in der brutalen Umklammerung der zwei betrunkenen Matrosen, die versuchen, ihn mitzuziehen, blickt in die Augen jener Frau und erkennt sie – seine Mutter, so wie Semiamira ihren Sohn erkennt. Doch blitzartig schließt sie den Vorhang, Antoninus aber reißt ihn, laut auflachend, wieder zurück und der Kaiser von Rom, von den beiden betrunkenen Matrosen umklammert, sieht seine Mutter in den Armen eines riesengroßen Mirmillo. Laut auflachend wirft Antoninus sich hintenüber. Mit einem wilden Ruck wird der Vorhang geschlossen, die Matrosen schleppen den kleinen Kuchenhändler mit. Sie verstehen nicht recht, da sie weder die Frau noch das Kind erkannt haben. Sie kommen von Ostia, noch niemals sahen sie Roms Aufzüge und Zeremonien. Vorn im Peristyl wechseln die Orchester miteinander ab; auf Trommeln wird geschlagen, mit Krotala geklappert und plötzlich, sich dicht gegenüberstehend, erkennen Gordianus und Sertorius den Praefectus Praetorio und seinen Tribunen. Sie lächeln einander zu; sie haben einander verstanden... Auf der Schwelle hockt Narr, traurig und vergessen. Dreizehntes Kapitel Allwöchentlich durchzog die Prozession ganz Rom und setzte die Menge in Erstaunen. Dann wurde auf dem, von sechzehn weißen Hengsten gezogenen Siegeswagen der Schwarze Stein feierlich umhergeführt in dem sonnenstrahlenden Morgen und der Kaiser selbst, der Hohepriester des Heliogabal, lenkte, rückwärts gehend, die vordersten Pferde an den goldenen Zügeln. Nie hatte man Ähnliches geschaut. Die Straßen waren mit glitzerndem Goldsand bestreut, von Blumengewinden wie umsäumt. Sonnenpriester versahen den Dienst um den Kaiser, während Antoninus, die Augen auf den Stein heftend, die Zügel hielt, halb im Tanzschritt die Pferde lenkend, und die Priester dafür sorgten, daß er nicht stürze. Auch die Magier schritten, in ihre schwere seidene, mit Symbolen durchwirkte Samara gehüllt, mit erhobenen Armen rückwärts, rückwärts über den aufstiebenden goldenen Sand, während sie mit dröhnendem Baß die heilige Hymne sangen. Die Tänzerinnen und Dirnen wirbelten vorüber. Während dieser Feier war Antoninus sehr ernst und sehr fromm; er liebäugelte nicht mit der Menge, kaum daß seinen Lippen ein ekstatisches Lächeln entblühte, kaum daß seine seltsamen Augen in Verzückung erglänzten, während er sie starr auf den Schwarzen Stein heftete. So tanzte er, tanzte rückwärts, bedient von seinen Priestern, die acht gaben, daß er nicht stürze. Er stürzte nicht. Der dreimonatliche Tanz im Tempel des Heliogabal schlug ganz Rom mit Wahnsinn und aus allen Provinzen strömte man herbei. Barbaren kamen, und alle, die nur konnten, wollten das Wunder schauen; sie warfen sich quer über den Pfad, den Antoninus beschritten, und leckten den Staub, den sein Fuß betreten hatte. Doch hin und wieder harrte Roms eine noch größere Überraschung, ein noch seltsameres Schauspiel. Eines Tages sahen die Römer durch die breiteste Straße der Stadt einen Wagen fahren, der von vier Löwen gezogen wurde; riesengroße Archigalli, nach Art der Korybanten gekleidet, lenkten die Tiere im Trab und auf dem Wagen stand eine furchterweckende Göttin. Ihr wogender Mantel umflatterte sie wie ein Sturmwind, um ihre Mauerkrone wogte das graue Haar wie eine silberne Fahne und die Römer schauten die Mutter der Götter, die ehrwürdige Rhea Kybele. Doch es war der Kaiser, Antoninus! Das Volk, das ihn nicht sogleich erkannte, sank erschreckt in die Knie, um dann, nachdem es ihn erkannt, vor Furcht zu erbeben. An jenem Tag geschah das Entsetzliche. Schon hatte sich, schaudererweckend, das Gerücht verbreitet, der Kaiser wolle aus Ehrfurcht vor seinem eigenen Gott Heliogabal, den er verkörperte, alle anderen Götter erniedrigen zu Dienern der Sonne, seiner selbst, der auf dem Berg des Lichtes thronte, seiner selbst, der er der Berg des Lichtes war – und Rom wollte nicht glauben, daß das geschehen werde. Zitternd wartete es, fühlte, daß eine sieghafte Macht aus dem Orient, aus Asien, aus dem allverschlingenden Glanz des Heliogabal hinstreichen würde über die okzidentale Welt und die ihr teuren Götter. An dem Tag, an dem die Römer Antoninus erkannt hatten in dem Gewand der Rhea Kybele, strömte das Volk dem Tempel der Götter zu ... Der war bewacht von prätorianischen Kohorten, und Aristomachos und Antiochianus, die keinen anderen Willen anerkannten als die Laune des Antoninus, die kein anderes Glück ersehnten als die Liebe des Antoninus, runzelten finster die Brauen. Rom schaute das Entsetzliche! Bisher hatte es nur das Wunderbare gesehen, bezaubert von all dem Seltsamen. Jetzt schauderte es, denn es war Zeuge eines Sakrilegs! Welch eine Schändung! Die Schändung des Allerheiligsten, des hoch-heiligen Bildes der Mutter der Götter, Rhea Kybele – des Bildnisses, das zu Urzeiten in Phrygien vom Himmel gefallen war in den Landstrich von Pessinus, an die Ufer des Gallusstromes, nach welchem Rheas Priester sich benannten. Orakel hatten einst verheißen, Rom werde mächtig werden und dauern, wenn die Göttin von Pessinus nach Rom komme. Als Nachkommen des Äneas, gebürtig aus Phrygien, erlangten die Römer mühelos diese Gunst. Das Bild der Göttin wurde eingeschifft; doch an der Mündung des Tiber blieb das Fahrzeug stecken, bis eine Vestalin, der Unkeuschheit beschuldigt, ihre Unschuld dadurch kundtat, daß sie den Vordersteven des Schiffes an ihrem Gürtel befestigte und das Fahrzeug stromaufwärts schleppte. Dieses Bild, dieses allerheiligste Bild, dieses Bild der allgefürchteten Rhea Kybele, Mutter der Götter und der Berge Mutter, dieses gerade durch seine Formlosigkeit so schaudererweckende Bildnis der Göttin wollte der Kaiser aus ihrem eigenen Tempel in den Tempel der Sonne überführen lassen, auf daß sie, die Ehrwürdige, Dienerin des ewigen Lichts sei! Sakrileg! Sakrileg! Ein Götterbildnis entfernen von der Stelle, wo es einst geweiht ward! Sakrileg! Dennoch sahen ihre Augen es geschehen! In jener Nacht zitterte eine Angst, ein Schauder durch Rom. Es war, als beginne schon die Rache der Göttin. Kaum wagte die Menge, in der Hoffnung, der Kaiser werde sich zur späten Abendmahlzeit noch zeigen, vor den festlich beleuchteten Arkaden des Palastes sich zu versammeln. Matt zuckte das Fieber des Genusses durch die Straßen. In der Subura war es totenstill, und als ein leichtes Unwetter hoch in den Lüften zu grollen begann, hastete das Volk die Häuser entlang und viele krochen ängstlich zusammen und blieben so, bange flüsternd ... Vierzehntes Kapitel Im Frauenhof gab es Unstimmigkeiten und immer schwüler ward die Atmosphäre, bis ein entnervender, gewitterschwangerer Druck und das Nahen eines häuslichen Sturmes sich bemerkbar machten: Semiamira betete ihren Sohn Antoninus an, und seit sie ihn in der Subura getroffen hatte, war das Band zwischen ihnen noch fester geknüpft. Etwas Geheimes belustigte sie beide, große Kinder, die sie waren. Im Gegensatz dazu ward die Mutter des Alexianus, Mammäa, sichtlich immer mehr zur würdevollen römischen Matrone und die Kluft zwischen den beiden Schwestern, die zu Emesa noch friedlich hatten zusammen leben können, weitete sich immer mehr, bis Semiamira der Mammäa eines Tages mit harter Stimme zum Vorwurf machte, sie zettele inmitten der vielen Gelehrten und Pädagogen ihres Sohnes eine Verschwörung an, um Alexianus auf den Thron zu erheben. Wohl bewahrte Mammäa ihre Würde, doch standen die Schwestern wie Furien einander gegenüber im Atrium der Gemächer der Mäsa und die Clarissima, die herbeieilte, um sie zu trennen, ward von beiden mit Vorwürfen überschüttet, bis sie sowohl der Augusta wie der Serenissima mit mütterlicher Autorität gebot, sich in ihre Gemächer zurückzuziehen. Jetzt ging Antoninus sogar ohne Gruß an dem jungen Cäsar vorüber, und wenn er der kleinen Theokleia begegnete, so stieß er sie ingrimmig oder trat ihr auf den Fuß ... Zu Mammäa sprach er nur noch in ironischem Ton und mit Semiamira führte der Kaiser lange Gespräche, weibisch und unlogisch, entnervt durch den Druck der im Palast herrschenden Atmosphäre. Nicht genug, daß sie untereinander sich stritten und bekämpften, trugen sie auch ihre Uneinigkeiten dem Aristomachos und Antiochianus vor, ja sogar den geringeren Günstlingen, und so hatten sich im Palast rasch zwei Parteien gebildet, zwischen denen die Großmutter stand, die wohl einsah, daß Semiamira und Antoninus nicht allzeit recht hatten, die aber in ihrer Liebe und Anbetung für den Kaiser so blind war, daß sie niemals für Mammäa und Alexianus Partei nahm. Nach solchen häßlichen Auftritten blieb Antoninus in Weinkrämpfen, in hysterischer Raserei zurück. Am liebsten hätte er Alexianus entführen und verhungern und Mammäa töten lassen, doch man fürchtete die Clarissima, die mächtig und reich war und deren großmütterliche Würde man achtete, wenn auch der Kaiser Priester war und Gott. In hysterischen Weinkrämpfen zog sich Antoninus in den Turm zurück, wo Narr ihn trösten mußte oder der Präfekt oder der Tribun. Er klagte wie ein Weib, Alexianus liebe ihn nicht, und beteuerte, daß er Alexianus hasse. Er schrieb lange Briefe an Hydaspes, daß er unglücklich sei und wohl bald sterben werde. Doch kaum war der Brief dem Boten mitgegeben, kaum war Antoninus gekleidet zum Dienst oder zur abendlichen Mahlzeit, so sah man ihn nicht mehr verstimmt und in Tränen, sondern frisch wie eine Blume oder ernst, fromm und in Ekstase, oder ausgelassen und kindlich froh oder in verzücktem Tanz vor dem Schwarzen Stein.   Der Kaiser war nun sechzehn Jahre alt; in diesem Alter pflegten sonst die jungen Römer die Prätexta abzulegen, um sich in die Toga virilis zu hüllen. Des Antoninus Seele war bereits seltsam aufgeblüht zu einer dichten Fülle bunter, schwül duftender Blumen; sicherlich würde sie nie die Seele eines Mannes, eines Römers werden. Das Geschlecht, das in ihm geschwankt und ihn, obwohl es zu dem des Knaben sich bekannt, mit beinahe jungfräulicher Anmut umkleidet hatte, schwankte nicht mehr in seiner Seele, sondern verweiblichte sich darin völlig. Das war eine Verweiblichung, die durch das Leben inmitten von Frauen, weibischen Priestern, Düften, Seidenstoffen und Gemmen und durch die Anbetung der Tausende sich nur noch steigerte. Noch niemals hatte man einen Menschen so angebetet wie Antoninus. Liebkosungen flogen ihm zu, blühten, schmachteten, glühten ihm entgegen wie einer Frau, wie einer Göttin, doch auch wie einer bewunderten Dirne: seine Seele war wie die seiner Mutter. Zu Emesa hatte er seine Gunst verschenkt, mehr aus Hingabe an die Sonne als aus sinnlichem Verlangen. Ein Kind war er damals von kaum dreizehn Jahren. Jetzt, reifer geworden, sehnte er sich, schwärmerischer noch als dazumal, zugleich aber aufgepeitscht von toller Lebenslust, mehr und mehr nach Sinnlichkeit und vergeudete wahllos seine Gunst an einen jeden. So stieg diese Anbetung und stieg, und Antoninus glaubte, daß sie stets noch steigen müsse ... Oftmals legte er sich die Frage vor, zu welchem Äußersten er werde gehen können; er glaubte zu wissen, daß er alles wagen dürfe, denn seine Schönheit war anbetungswürdig und seine Seele die eines erbarmenden Gottes. Aber was würde dies Äußerste sein ...? Ungewöhnliches zu ersinnen, war schwer. Oftmals blieb er nach den Orgien, die ihm stets wildere Lust schenkten, des Morgens matt lächelnd in den knetenden Händen der Libyer, ohne jegliche Laune, beinahe ohne Bewußtsein. Dann folgten Stunden der Öde im Turm oder Weinkrämpfe, Groll gegen die Frauen und Narr. Nach solch einem hysterischen Tag konnte es geschehen, daß Antoninus, in einem kleinen, von vier Molossern gezogenen Muschelwagen sitzend, das Viergespann durch die weiten Palastgärten traben ließ. Die Hunde aber, obwohl prächtig abgerichtet, bissen einander, rissen sich aus dem Zaumzeug los und Antoninus befahl, vier nackte Negerinnen vor den Wagen zu spannen. Er stand in der schwankenden Muschel und spornte die schwarzen Weiber an, mit einem Lachen, das mehr entnervt als heiter klang. Vor dem seltsamen Viergespann entflohen Gazellen über grasige Flächen, Pfauen flatterten erschreckt empor und geängstigte Flamingos stießen kreischende Schreie aus. Höflinge und Sklavinnen strömten herbei, um den Kaiser zu sehen, als er unter ihnen plötzlich den Wagenlenker Hierokles gewahrte. Tagelang hatte er ihn nicht gesehen, nach der ersten Gunst kein Wort ihm gegönnt. Um des Hierokles Lippen spielte ein spöttisches Lächeln und wie Dolche flammten seine Blicke. Antoninus fühlte, wie plötzlich ein Schauder seinen Körper durchrieselte. Ihn packte ein Schwindel, die Zügel entglitten seinen Händen; das Blut schoß ihm zu Kopf: er fühlte sein Schicksal ... unentrinnbar. Er wollte auch nicht mehr entrinnen; er sprang aus dem Wagen, winkte Hierokles herbei. Der Lenker näherte sich und beugte das Knie. Doch während er kniete, umspielte das allzeit spöttische Lächeln seine Lippen. »Was tust du hier?« fragte ihn Antoninus mit rauher Stimme. »Ich warte,« sagte Hierokles. »Worauf?« »Auf Eure Gunst.« »Ich hasse dich! Wer bist du? Ein Wagenlenker, der an irgendeinem Tag mit mir in der Arena stand. Ich bin zu gut, zu geduldig, zu gnädig. Den Tieren werde ich dich vorwerfen lassen!« »So erteile den Befehl!« »Warum fürchtest du dich nicht? Was erwartest du?« »Richte mich auf, o Antoninus!« Der Kaiser erbleichte, lächelte und reichte ihm die Hand. Hierokles stand auf. Um Haupteslänge überragte er des Antoninus Knabengestalt. »Heute will ich gnädig sein,« sagte der Knabe. »Was willst du? Sage es mir. Ich werde tun, was du willst.« »Setze dich her zu mir, auf diese Bank.« »Du belustigst mich. Wie wagst du es, Hierokles, zu sprechen und zu handeln, wie du es tust? Kaum daß du mir Ehrfurcht erweisest.« »Es ist nicht mehr nötig, daß ich ehrfurchtsvoll spreche.« »Ich glaubte, du wolltest ein Höfling sein?« »Nein, ich will kein Höfling sein.« »Was dann?« »Ich will mehr sein als ein Höfling.« »Kaiser?« »Nein, du bist mein Kaiser, Antoninus. Aber ich will deine Liebe sein und ich bin es.« »Glaubst du?« »Ich weiß es, ich fühle es ...« »Nenne mich Göttlichkeit!« »Nein.« »So nenne mich Baal ...« »Nein. Künftighin werde ich dich nur noch Antoninus nennen.« Der Kaiser rang die Hände wie in ohnmächtigem Zorn, bis ihm Hierokles mit seiner Faust die Finger umklammerte. »Bezauberst du mich?« fragte Antoninus lächelnd. »Ja,« sagte Hierokles spöttisch, »ich bezaubere dich.« »Hoffst du wirklich, daß ich tun werde, was du willst?« »Sehr oft wirst du das ...«   Eine seltsame Schwere umfing Antoninus. Sein Wille schwand, ging unter in einem Willen, der stärker war als der seine. Rings um ihn lag der Park in mittäglicher Glut. Die Lorbeer- und Oleanderbäume schienen zu seufzen unter der Last des allzu strotzenden Lebens. Die dichten Rosenmassen glichen riesengroßen Duftfässern, jede Blume glich einem dampfenden Beet. Antoninus dachte an Emesa, an Hydaspes, an die Sternennächte, an seinen eigenen Stern, der in einem blutroten Schimmer untergehen würde ... Die Angst vor seinem Schicksal umfing den jungen Kaiser, der sich plötzlich schwach fühlte und hilflos. Dieser Mann, er wußte es, war in sein Schicksal getreten. In dem Knaben war noch eine letzte Regung, sich loszureißen von dem Unvermeidlichen ... Dann aber fühlte er sich so überwältigt von diesem Unvermeidlichen, umbuhlt von den Rosen, die ihren Duft aussandten, daß er die Augen schloß. Ruhig ließ er es geschehen, daß Hierokles seinen Arm fest um seine Schulter schlang ... An jenem Mittag lag das Kind nach dem Sonnendienst stundenlang in Heliogabals Heiligtum vor dem Schwarzen Stein, in schwärmerisches Gebet versunken. An jenem Abend, während des Mahles, lag Hierokles an des Antoninus Seite. Der Wagenlenker trug ein seidenes, mit Gemmen übersätes Festgewand. Weiße Rosen kränzten seine Schläfen. Über die Schar der Gäste ließ er sein dreist-spöttisches Lächeln gleiten und aus seinen halbgeschlossenen Augen schossen wie Dolche die zündenden Blicke, so daß viele von Schauder gepackt wurden. Man bemerkte, daß der Kaiser nicht heiter war, sondern bleich und unlustig. Die Luft war sehr schwül in dieser Nacht und man fürchtete ein Erdbeben. Auch waren Gerüchte aus Neapel gekommen, daß der Vesuv Unheil künde. Fünfzehntes Kapitel Der Augusta wurde die Zeit lang. Sie war froh, als Gordianus ihr an jenem Tag mit feierlicher Intimität seine häufig wiederholte Reverenz machte, die in der Aula viel besprochen ward. Die Augusta Semiamira war eine bestrickende Frau. Als kaum erwachsene Jungfrau hatte sie am Hof des Septimius Severus Bassianus Caracalla bezaubert – seinen Bruder Geta sicherlich auch –, aber dennoch zweifelten viele daran, daß der Kaiser in Wahrheit Caracallas Sohn sei; denn Semiamira war unersättlich in der Liebe und zahllos waren ihre Geliebten und ihre Launen gewesen. Sie hatte an Gordianus Gefallen gefunden. Weil Gordianus den Ruf besaß, ein Lebenskünstler von Geschmack zu sein, der niemals unmäßig oder ausschweifend war, hatte die Augusta sich zu ihm hingezogen gefühlt und er hatte geglaubt, ihr nicht widerstreben zu dürfen, und war ein einziges Mal ihr Geliebter gewesen. Indessen stieß ihn Semiamira, obwohl ihre Hysterie des Übermäßigen und Unmäßigen bedurfte, nicht von sich, fühlte sich geschmeichelt von seiner galanten Huldigung und empfand es, der Umarmungen eines Gladiators oder Mauleseltreibers müde, als Reiz, den verfeinerten Römer in ihren Ankleidegemächern vertraulich zu empfangen. So empfing sie auch jetzt nach der Siesta Gordianus, der kam, um ihr den Fuß zu küssen, während sie, in ihre weiche, perlenbestickte Stola gehüllt auf einer Ruhebank lag, während durch das Atrium Harfen und Sistrenklänge ertönten und ägyptische Frauen mit verhaltener Stimme dazu sangen. Die Augusta sprach: »Fürwahr, Gordianus, wir Frauen von Rom haben jetzt große Aufgaben zu erfüllen, jetzt, da wir unseren kleinen Senat auf der Alta semita haben. Nun haben wir gleich den Senatoren der Kurie unser Senatus consultum und Ihr werdet mir wohl zugeben, daß die Weiblichkeit Rom beherrscht, allein schon, weil meine Mutter die Senatrix Clarissima ist und mein göttlicher Sohn die Mann-Jungfrau. Wir alle, wir Frauen von Rom, haben jetzt eine entscheidende Stimme; wir werden künftighin bestimmen, welche Gewänder bei allen besonderen Gelegenheiten getragen werden sollen, wem der Vorrang gebührt, wer zu dem Fußkuß, wer zu dem Handkuß der Kaiserin zugelassen wird und ob eine römische Matrone in einem Pilentum fahren oder auf einem gesattelten Pferde oder einem Esel reiten oder ob sie ein Maultiergespann benutzen darf oder ein Gespann von Büffeln, ob ihr eine Sänfte gestattet wird und ob es eine goldverzierte sein darf oder eine aus Elfenbein und welche Gemmen auf den Schuhen befestigt sein dürfen: über all das werden wir in Zukunft zu bestimmen haben. Jeden Tag haben wir über die gewichtigsten Dinge Beschluß zu fassen. Dennoch ...« Sie verschränkte die wundervollen Arme: »Dennoch,« fuhr sie fort, »wie leer ... wie leer ist das Dasein, wie leer alles ... alles, Gordianus, das nicht äußerste Kraft der Liebe verkörpert. Es gibt nur Das, nur das Eine! Das ist die Göttlichkeit des Menschen auf Erden. Allein es währt so kurz, daß es allzeit Vergangenheit ist! Gordianus, jeder Augenblick, den wir nicht, gleich den Tauben, der Venus opfern, ist verloren. Wie viele Augenblicke verlieren wir! Die Hälfte unseres Lebens ... und mehr noch!« »Selbst die Götter, Augusta, kannten nicht das Glück, das Ihr begehrt.« »Sie genießen anders als wir! Was ist unser bleicher Rausch neben dem rotglühenden Taumel der Götter? Wann hat mich ein Mann umarmt, so wie Zeus Alkmene umarmte, drei Tage und drei Nächte lang?« »Warum, Augusta, wolltest du Herkules gebären, da du doch Heliogabal geboren hast ...« »Nicht ob der Wonne des Gebärens beneide ich Alkmene. Ich danke dem Unaussprechlichen dafür« – sie küßte das Symbol ihres Ringes – »daß mein unwürdiger Schoß den heiligen Mittler gebären durfte. Mein Kind ist göttlich, heilig! Nie war ein Mensch vielfältig wie er. Er ist mein Wunder und mein Gott! Gordianus, Antoninus wird, obwohl Mann-Jungfrau, niemals gebären ... auch wenn er Hierokles ehelicht ...« »Die Ehe ist festgesetzt ...« »Auf die Iden des März, in zehn Tagen. Der Kaiser hat unsere kleine Cornelia Paula heimgeschickt, weil sie einen Flecken auf der linken Brust hat. Durch einen Zufall hat er das bemerkt. Arme kleine Kaiserin! Sie hatte es nicht gut. Ich glaube nicht, daß Antoninus jemals ... Was willst du, Gordianus: mein göttlicher Sohn ist zwar Mann-Jungfrau, doch eigentlich weder Mann noch Weib ... Heliogabal möge mir die Profanation verzeihen. Dennoch wird Antoninus, dem ehelichen Ritus folgend, neben seinem Gemahl sich auch eine Gemahlin wieder erwählen. Aber er weiß noch nicht ...« In diesem Augenblick wurde das Nahen des Kaisers verkündet, der Vorhang gelüftet. Antoninus trat ein, schleppenden Schrittes; seine Augen waren von einer seltsamen Melancholie erfüllt. Er trug zur Siesta ein weites, weißseidenes Gewand, das in unzähligen weichen Falten von seinen Schultern herabwallte, und zwei große weiße Rosen an den Schläfen ließen ihn völlig einer Frau gleichen. Ihn umgab ein kleines Gefolge. Er näherte sich der Semiamira, küßte sie voll Zärtlichkeit, sagte jedoch zugleich ein wenig vorwurfsvoll: »Ich habe dich heute morgen zur heiligen Stunde des Dienstes vermißt. Das ist nicht gut, Mutter.« Beinahe errötete die Augusta. Sie war zur Nacht in der Subura gewesen und hatte am Morgen sehr lange geschlafen, bis die heilige Stunde verstrichen war. »Das ist nicht gut, Mutter,« wiederholte, beinah streng, Antoninus. »Meine Mutter darf dem Licht nicht minder fromm dienen als ich.« Die Augusta gelobte, halb ernst, halb scherzend, sich künftighin fromm zu erweisen und nie mehr dem Dienst fernzubleiben. »Du tanztest nicht,« meinte sie schmeichelnd und wie um sich zu entschuldigen. »Es war der Opferdienst und die Anbetung,« antwortete ihr Sohn ernst. Von frommer Schwärmerei erfüllt, blieb er unempfindlich für ihre Schmeichelei. Sie zog ihren Sohn zu sich auf die Lagerstatt, glücklich, ihn bei sich zu haben. Sie küßte ihn und drückte ihn beinah verliebt an sich. Gordianus hatte sich erhoben; der Kaiser lud ihn durch eine lässige Handbewegung ein, auf einem elfenbeinernen Schemel Platz zu nehmen. »Dies ist ein sehr vertraulicher Augenblick, Gordianus,« sagte der Kaiser. Gordianus blickte den Kaiser an und ganz ungezwungen, wie er zu einer Frau gesprochen haben würde, sagte er: »Eure Ewigkeit ist unsagbar reizvoll ... Sie gleicht einer Braut, die vom Glück ermattet ist.« »Er spricht gut,« sagte Antoninus zu seiner Mutter, »und gewiß würde ich ihn sehr lieb haben, sähe ich nicht in ihm ...« »Was?« fragte Semiamira. »Purpur,« sagte Antoninus. »Purpur?« wiederholte Semiamira. »Das ist eine Vision, die du allzeit hast ...« »... Die ich oftmals habe,« sagte Antoninus verbessernd, »bei Gordianus, bei unserem bösen Riesen Maximus und bei meinem Vetter, dem Cäsar ... Möglich, daß ich mich irre, daß es kein kaiserlicher Purpur ist, dennoch, immer, wenn ich Gordianus sehe, denke ich an spätere ... Möglichkeiten.« »An kaiserlichen Purpur für mich, Eure Ewigkeit?!« rief Gordianus abwehrend aus. »Bin ich ewig?« fragte Antoninus und seine Stimme klang traurig, fast gebrochen. Doch plötzlich lachte er schrill auf, gekünstelt und dennoch fröhlich, als wolle er seine Melancholie gewaltsam von sich stoßen. »Eigentlich denke ich auch gar nicht an Purpur, sondern ... an Weiß. Livilla, Statira, zeigt der erhabenen Augusta die Stoffe, die wir uns für unser bräutliches Gewand gedacht haben! Breitet sie aus! Mutter, dein Geschmack sei mir Richtschnur. Sieh meine Stola, mein Paludamentum ... Wie das einer Kaiserin soll es sein. Am Tage meiner Hochzeit will ich ohne Zaudern und rückhaltlos Weib sein, Braut, Kaiserin und Göttin.« In der Haltung eines Priesters saß der Knabe an der Seite seiner Mutter und wie in Verzückung hatte er gesprochen. Seine Augen blickten in Ekstase, seine Ohren hörten unsichtbare Dinge, die rings um ihn her geflüstert wurden. In diesen Tagen, die der Hochzeit vorangingen, dachte er so viel an Emesa, an den Sternenturm, an Hydaspes und dessen weise Lehren ... Zurückstreben zum Licht ... Das Doppelgeschlecht bewahren, Mann sein und Jungfrau im Gleichmaß. Wie schwer würde das sein! In diesen Tagen fühlte er sich durch seine Liebe zu Hierokles mehr Jungfrau als Mann; er war sich dessen bewußt, daß er nicht das Gleichmaß innehielt. Seine Augen starrten träumerisch auf das unerreichbare Ideal und füllten sich mit Melancholie. Gordianus blickte ihn an, begriff nicht seine große Wehmut. Doch schien er ihm anbetungswürdig wie eine Jungfrau. Die Falten seines weißseidenen Gewandes umhüllten ihn, bildeten zu seinen Füßen einen duftigen Saum. Sein Fuß, von weißen Schuhriemen gehalten, war sichtbar, eine blutrote Gemme funkelte darauf. Gordianus bewunderte unverhohlen; der Kaiser bemerkte es und lächelte. Doch blieb seine Haltung, während Statira und Livilla die Stoffe ausbreiteten, wie die einer Göttin, der irdische Wesen den Brautschmuck bereiten. Abermals ward der Vorhang gelüftet und ein Name gerufen. Aufgerissen ward der Vorhang – nicht einmal beim Nahen des Kaisers war das geschehen – und Semiamira gewahrte, aufschreckend, wie inmitten eines Gefolges von unbekannten Günstlingen, neuen Klienten und Sklaven, Hierokles im Säulengang sichtbar ward. Er kam, um der Augusta den Fußkuß darzubringen. »Antoninus!« rief Semiamira erschreckt aus, »da kommt Hierokles!«   Der zweifelte nicht daran, daß die Augusta ihm sofort Zugang gewähren werde; auch war der Vorhang bereits geöffnet. Er trat näher: Hierokles, der Lenker – jetzt nicht Lenker mehr – mit verächtlich lächelndem Hochmut. Man sah ihm seine niedere Herkunft an, trotz der ganz mit Palmen bestickten, gelbseidenen Tunika, die seinen Leib eng umschloß, während ein persischer Mantel von seinen Schultern herabwallte. Er trug das syrische Schuhwerk, hochverschnürt bis unter das Knie. Bei jedem Schritt sah man die Gemmen der Schnallen aufblitzen. Am Eingang zu den Gemächern der Augusta starrten die Höflinge und Sklaven ihn beinahe ängstlich an, als errieten sie in ihm den künftigen Herrn, der hart, grausam und unerbittlich sein werde. Er näherte sich der Augusta – sie war sichtlich verlegen – ohne Zeremonie, fast unehrerbietig, neigte er sich über ihren halbnackten Fuß, der aus der Stola zum Vorschein kam, und küßte ihn. Mit gerunzelten Brauen blickte er Gordianus an; doch kühl gab der junge Patrizier ihm diesen Blick zurück. Dann wandte er sich zu Antoninus und küßte dem Kaiser beinahe gleichgültig die Hand. Er nahm auf einem elfenbeinernen Schemel Platz, während Livilla und Statira die Stoffe ausbreiteten. Nein, dachte Gordianus, noch niemals hat Rom gesehen, was es jetzt sieht, was es an den Iden des März sehen wird. Rom hatte die Hochzeit von Nero mit Sporus, von Doryphoros mit Nero gesehen, doch das waren sinnestrunkene Ausschweifungen gewesen, die man orgiastisch geheimnisvoll gefeiert hatte, phantastische Verirrungen, die nur kurze Zeit währten und denen andere Ausschweifungen folgten, andere Verirrungen, ebenso phantastisch und ungeheuerlich. Doch nie hatte Rom einen Kaiser gesehen, der, gleich einer Frau, umgeben von der ganzen rituellen Feierlichkeit der Eheschließung, sich einen Bräutigam zum Gemahl erwählte: eine Eheschließung, die alsbald in dem Allerheiligsten des Heliogabaltempels sich vollziehen sollte, inmitten eines Schwarmes von Magiern und Priestern, die der Doppelgeschlechtlichkeit des Heliogabal zujubeln würden, der fleischgewordenen Gott-Göttin, der durch Antoninus verkörperten Doppel-Ursprungsform des Demiurgos. Was werden wir noch erleben? dachte Gordianus und meinte im stillen, Nero habe viel ersonnen, doch blühender noch sei die Erfindungskraft des Antoninus. Dennoch, wie er, der maßvolle Lebenskünstler Gordianus, sich auch wundern mochte, mißbilligen konnte er nichts. Antoninus war ungewöhnlich reizvoll in seiner Eigenart, von einem Reiz, dem Asien und Rom unterlegen waren. Er war weder Knabe noch Kaiser. Er war ein Künstler des Lebens, der Metamorphose an Metamorphose reihte, und jetzt würde er Braut sein und Weib, Kaiserin und Göttin! Er war so gottbegnadet, daß er die Rolle nicht nur spielte, sondern sie in seiner Doppelseele in Wahrheit durchlebte; seine Seele war die Verwandlung und sicherlich war er ein bezauberndes Wunder, wie man es nie zuvor geschaut hatte... Sehr ernst war Antoninus und zugleich unschlüssig. Er sagte, er könne heute den Stoff zu dem Gewand nicht wählen. Er erhob sich, zog Hierokles lächelnd mit und entfernte sich mit ihm, langsam und schleppenden Schrittes. Hierokles schlang den Arm um des Antoninus Schulter. So, aus geringer Entfernung von rückwärts gesehen, erschien der Kaiser in dem weichen, schleppenden Mantel wie eine zarte Frau, die an der Seite des geliebten Mannes dahinschreitet. Die Augusta hatte ihre Hand auf des Gordianus Arm gelegt. »Sieh!« sagte sie erschauernd, als schlage die Göttlichkeit ihres Kindes, das sie anbetete, sie mit mystischer Furcht. »Sieh, er ist, was er sein will, mein Antoninus! Er ist alles, er ist die Sonnenseele in ihrer ganzen Vielfältigkeit! Doch warum hat er Hierokles erwählen müssen? Warum gerade ihn?« »Warum eher einen anderen als ihn?« fragte Gordianus mit skeptischem Lächeln. »Weil ich in diesem Mann sein Schicksal sehe!« flüsterte Semiamira. »Am ersten Abend, als Antoninus ihn nach dem Wettrennen im Stadion an seine Tafel geladen hatte, fand man an der Schwelle seines Gemaches einen jungen toten Adler. Gordianus, wenn Antoninus dich zum Bräutigam erwählt hätte oder den herrlichen Sohn des Riesen Maximus, der so schön ist, daß alle Frauen von ihm ein Kind haben wollen – dann wäre ich ruhig. Aber so! Ich weiß es beinah gewiß . . .« »Nicht aussprechen, Augusta!« sagte Gordianus warnend. »Nein,« wiederholte Semiamira schaudernd, »nicht aussprechen... Doch dieser Mann ist – das Schicksal!« Sie war weiter geschritten durch den Portikus, gefolgt von Gordianus, und spähte angstvoll nach ihrem Kind, das weiter und weiter sich entfernte, an der Seite des Erwählten ... Sechzehntes Kapitel Unabsehbar, unwahrscheinhch groß erscheint der Tempel des Heliogabal, obwohl er in Wirklichkeit viel kleiner ist als das Heiligtum zu Emesa; unabsehbar, unwahrscheinlich groß schimmert der Tempel in der Nacht in dem flackernden Licht der Fackeln, während Antoninus, mit rotem Opfermantel bekleidet, von sechs Magiern umgeben, sich nähert. Mit großen, blutroten Blumen ist die Schleppe seines Gewandes geschmückt. In diesen Tagen ist Antoninus ernst und wehmütig, lässig und gleichsam gebrochen von einer Schwere, die auf seiner Seele lastet, und seine schönen Züge erscheinen noch weiblicher, während er starr vor sich hinblickt und die schmalen Lippen fest geschlossen hält. Wo ist sein lockendes Lächeln, wo sein verführerischer Blick? Er grübelt, er starrt und geht langsamen, lässigen Schrittes zwischen den großen, schwarzbärtigen Magiern, die, mit hoch erhobenen Händen hinter den Fackelträgern des Tempels einherschreitend, dem Schwarzen Stein sich nähern. Der stellt dort in der Ferne, kaum sichtbar in dunstig rotem Qualm, einen Kegel dar auf hohem Altar, um den sich drei terrassenförmig ansteigende Umgänge hinziehen. Es ist tiefe Nacht; Rom schläft. Niemand im Palast und in der Stadt weiß, daß der Kaiser sich mit den Magiern im Tempel aufhält: nur Aristomachos und Antiochianus und wenige Prätorianer, unnötige Wachen, da der Kaiser so beliebt ist, daß er nichts zu fürchten braucht. Hoch aufgerichtet stehen die beiden Fackelträger zu beiden Seiten des Schwarzen Steines. Antoninus ist die Stufen emporgeschritten. – Es ist das Gleiche wie zu Emesa und doch nicht das Gleiche ... Dort ist der Tempel größer, die Apadana unabsehbarer, das Heiligtum heiliger. Dieser Tempel des Heliogabal, wie er auch leuchten möge von Marmor, Gold, Jaspis, Chrysolith, von riesengroßen Gemmen und dem neuen Symbol, den Adlern der Sonne – ist doch nur eine Herberge für den Gott, so wie Rom selbst Antoninus nur noch wie eine nächtliche Taberne erscheint ... Wie eine Blume schwer sinkt des Antoninus rot umkränztes Haupt vornüber, dort auf den höchsten Stufen des Altars, und seine Stirn berührt den Schwarzen Stein, den er fromm und ehrfürchtig mit seinen nackten Armen umfängt. Die wenigen Magier stimmen, die Hände hoch erhebend, die Hymne an, während Antoninus betet: »Sancte Deus Sol, Deus Invicte Sol, Sancte Deus Heliogabale.« Ein Geheimnis vollzieht sich dort in dem Tempel; ein Priester ist von seitwärts eingetreten und trägt in seinen Armen, unter einem durchsichtigen Gewebe halb verborgen, ein Kindchen, sehr klein noch, das wimmert und ächzt, als verlange es nach der Mutter. Antoninus hat das Haupt nicht erhoben; noch immer liegt er über den Stein gebeugt, wärmt ihn mit der Wärme seiner Stirn, während die Kühle des Steines ihn wohlig umfängt. Er betet mit großer Inbrunst: »Gott, großer Gott, unbesiegbarer Gott, großes, unbesiegbares Licht: schenke mir Glück für mein irdisches Leben in meiner Liebe zu Hierokles ... Füge es, oh Allmacht, daß die Vorzeichen günstig seien... Günstig ist mir das Wetterleuchten, günstig liegt mir das Eingeweide der heiligen Hühner... günstig deutet mir der Augur der Vögel Flug. Du, Allmacht, großer Gott, füge es so, daß die Magier das Eingeweide in dem zuckenden Körper des Säuglings günstig gezeichnet finden. Du ewiges Licht, das du auf mich herabfunkeltest, von dem einen Teil ich ausmache, unvollkommen in demütiger Menschlichkeit, ohne das Gleichgewicht in meiner Zweieinigkeit gefunden zu haben ...«   Der Kaiser hat nach dem Gebet den Kopf nicht erhoben, sondern lauscht dem Wimmern und Ächzen des Kindleins. Der Priester hat es auf den Opferaltar niedergelegt und ob der Kälte der marmornen Opferplatte beginnt der Säugling laut zu weinen. Gedämpft, die Hände erhoben, stimmen die fünf Magier die Hymne an: »Sancte Deus Sol, Deus Invicte Sol.. .« Der sechste, der Archimagus, zückt das goldene Messer, plötzlich schnellen die großen Hände der Magier wie in einer einzigen Bewegung auf das Kind herab, drücken es auf die Platte, das goldene Messer blitzt auf und trifft das Kind mit einem sicheren Schnitt quer über das zitternde Bäuchlein. Ein Schrei ... das Blut spritzt auf, ergießt sich dünn und unsichtbar über die roten Mäntel. Fünf Magier entnehmen dem noch zuckenden Körper die Eingeweide und breiten sie auf goldener Schale behutsam aus; andächtig prüfen sie die Voraussagungen der zarten Eingeweide, die heute die Zukunft verheißen. »Göttlicher Antoninus, gnädig ist dir der Gott!« rufen die Magier aus, »günstig die Zukunft! Heil, göttlicher Antoninus, du angebetete Verkörperung des Heliogabal! Heil dir, der du zwei bist in Einem! Und Heil Hierokles, dem Gemahl, den du dir erwähltest!« Nun hat der Kaiser die Stirn erhoben. Ein tiefer Seufzer entringt sich langsam seiner Brust. Welch eine Befreiung! Welch ein Glück! Denn sicherer als Blitz und Hühnereingeweide und der Flug der Vögel deutet das Eingeweide eines zarten, von Magierhand getöteten Säuglings die Verborgenheit der Zukunft... Mit weit geöffneten, starren Augen, ein Lächeln um die halbgeöffneten Lippen, hat Antoninus den Stein umarmt, die Lippen auf den schwarzen Monolithen gepreßt. So fromm und dankbar fühlt er sich, daß er in Ekstase verweilen möchte, während die Magier eintönig weiter singen und stets von neuem die Hymne anstimmen. Doch nun vergißt er seine Devotion, löst die Arme von dem angebeteten Symbol, wendet sich und schreitet die Stufen hinab. Seine veilchendunklen Augen schmachten vor Glückseligkeit. Langsam schreitet er die Stufen des Hochaltars hinab; er wagt es nicht, den Blick auf das Eingeweide des Kindes zu richten, aus Furcht, er könne anderes sehen als die Magier. Sie wissen es, sie haben das Glück verheißen. Hierokles, Hierokles...! Die Arme breitet er seiner Liebe entgegen... Bevor er geht, läßt er dankbar seinen Blick durch den Tempel schweifen. Dort liegen aufgestapelt Teppiche und goldene Quasten und frisch besprengte Lorbeergewinde in dunklen Massen, zur Ausschmückung des Tempels bestimmt; denn am Abend soll die Hochzeitsfeier stattfinden. Dankbar lässt Antoninus seinen Blick durch den Tempel schweifen... unermesslich erscheint das Heiligtum, über dem die Sterne funkeln; doch es sind nicht die Sterne von Emesa... Rom ist eine Taberne... in Rom aber ist Hierokles dem Antoninus erschienen und beinahe könnte er Rom liebgewinnen, weil das Glück ihm hier genaht ist... das sichere Glück, nun, da die Magier ihm günstig geweissagt haben. Siebzehntes Kapitel In feuchte Nebel gehüllt, schimmert der Abend über der Stadt, wo vom Forum, aus der Subura, den Carinae, aus dem Lager der Prätorianer, aus allen Gassen die Menge herbeiflutet nach dem Heliogabaltempel. Am feuchten Himmel treibt der Vollmond, der bleich leuchtende Spiegel der Erde; doch er scheint getrübt von nächtlichem Tau. Die Menge naht. Durchzudringen ist nicht mehr möglich – Velites und Hastati bilden die Wache, um die Mitte des Weges, die Treppe zum Tempel frei zu halten; der Tempel selbst ist schon überfüllt. Nein, für alle, die in Rom schauen wollen, ist im Tempel nicht Platz, doch die Straßen sind sehr breit. Auf dem Sockel einer Säule, auf einem Portikus, auf einem Dach, überall ist wohl ein Plätzchen zu finden, von wo aus man den Aufzug sehen kann. Und sehen will ein jeder den Aufzug, wenn auch die Hochzeit nur für einige Tausende sichtbar sein wird. In der Ferne, gleich einem Traum, schimmert in feuchtem Nebel, hellerleuchtet durch gelbe, grüne, rote Flammen, der hohe Palast des Septimius Severus, der Palast des Antoninus, seines Enkelsohnes. Olympische Arkaden stapeln sich auf- und übereinander, und so, bis in den Himmel hinaufsteigend, erscheinen sie beinahe fundamentlos in dem perlengleichen Dunst der Nacht, die den feuchten Atem der Erde aufruft, so wie sie feuchten Zauber herabfluten läßt aus dem Monde. Das ist kein Regen, es ist die feuchtkalte Nacht, die gespenstisch grau den Himmel beherrscht. Durch die Luft zittert eine Angst und das Volk ist traurig darüber, daß die Hochzeit nicht bei Tage stattfindet, im Sonnenschein und bestrahlt vom blauen Äther. Durch die Nacht zieht ein kühles beängstigendes Mysterium, etwas wie von fremden Göttern und fremden Sitten, von fernen und verborgenen Horizonten. Vom Palast her zerreißt schriller Schall der Bucinae den Dunst der Nacht, und schrill senden die Tuben ihr Geschmetter der Menge entgegen. Über den Weg strömt sie herbei, um den Aufzug zu sehen, den Aufzug der Hochzeit. Es ist wohl seltsam und noch niemals geschaut worden, dieses exotische, magische, fast unwahrscheinliche Mysterium. Aber gerade darum strömt die Menge herbei über den Weg, den der Hochzeitszug durchziehen wird. Noch ist sie des Schauens nicht müde. In dem feucht-kühlen Abend hat sie stundenlang harrend gestanden auf dem Weg rings um den Tempel, um zu schauen, zu schauen... Wie wird der Kaiser erscheinen? Sie wissen es nicht, sie schmachten danach, ihn in neuer Metamorphose zu sehen. Seht, da naht der Aufzug! Wie glitzern die goldenen und silbernen Panzerrüstungen der Catafractarii! Gleich großen Funken blitzen die vergoldeten und silbernen Schilder der Chrysaspiden und Argyraspiden. Die Hengste sind weiß wie Schnee und schwarz wie Ebenholz und der rote Qualm der Fackeln umhüllt das ganze Heer mit einer Wolke von Licht und Weihrauch. Gefäße und Vasen, die die Turiferi in den Armen tragen oder mit breit ausladender Bewegung schwenken, strömen berauschende Düfte aus. Wer sind sie, die da folgen? Unbekannte: Abgesandte aus allen Städten des Reiches und Sendlinge barbarischer Völker. Dort kommen die Priesterkollegien; die der Isis, den Anubis tragend, die der Rhea Kybele tanzend, in Ekstase sich verstümmelnd, unablässig, doch nur scheinbar – das Volk sieht ihr rotes Blut fließen – der Pontifex Maximus, die Vestalinnen, alle römischen Flamines und Sodales; die sechshundert Mitglieder des Senats, von Liktoren umringt, die gleichsam auf dem Lichtdunst schwebenden Sänften der Mütter und endlich, endlich, inmitten der wirbelnden Tänzerinnen, der »Invicte Sol« brüllenden Magier, der hochmütigen Sonnenpriester, der Sonnenkinder, der Kaiser Antoninus, der Gott Heliogabal... nein, die Kaiserin, Antonina... regungslos auf gelbseidene Polster hingestreckt: die Kaiserin Antonina, die Göttin Heliogabala, die weibliche Verkörperung des allseienden Gottes, ernst in ihrer Weiblichkeit, schüchtern wie eine Jungfrau, doch würdig wie eine Kaiserin, strahlend wie eine Göttin, in fürstlichem Hochzeitsgewand: langer Stola aus perlenbestickter, weißer Seide. Atemlos starrt das Volk den Kaiser an und seine Perlen. Man weiß, daß sein Gewand zwei Millionen Sesterzen wert ist. Gut, gut wollen sie ihn sehen, alle, bevor die Erscheinung vorüber ist; denn mitzudrängen ist unmöglich. Man schaue ihn sich doch an unter dem Dach aus weißen Straußenfederschirmen, gut schaue man ihn sich an. Denn hin und wieder wird er unsichtbar in dem aufsteigenden Qualm von Essenzen, die um ihn her geschwenkt werden, während die Magier laut rufen: »Ave, ave Antonine! Ave, ave Antonina! Heil, heil dir, dem Zweieinigen, heil dir, der du dich auf Erden der allmächtigen Sonne erbarmest! Heil dir, der greifbaren Inkarnation! Heil dir, der sichtbaren Gnade! Heil dir, der Wärme und dem Licht! Heil dir, dem Glanz und der Glorie! Heil dir, dem Quell und dem Berg der Klarheit, die die Welt mit ihren Wohltaten sättigt! Heil, heil dir und deinem Bräutigam!« Seht dort den Bräutigam! Gleich einem Triumphator, mit goldenem Lorbeer geziert, mit roten Rosen umkränzt, verächtlich auf die Menge herabblickend, von Präfekten und Tribunen umringt und gefolgt von einem ganzen Heer, naht er auf einem weißen Pferd. Wie lange mag die Feier währen? Wie lange mag es währen, bis sie ihn wiedersehen, bis er zurückgetragen wird in das Palatium? Erst bei Aufgang der Sonne, nicht früher, werden sie Antonina, nicht Braut mehr, sondern Gemahlin des Hierokles, wiedersehen... Darauf warten sie die ganze Nacht. Glücklich jene, die im Tempel sind!   Im Heiligtum des Heliogabal verharren fast lautlos die Tausende, die dort zusammengedrängt stehen, stundenlang. Ein mystischer Schauder durchzuckt die Menge, da sich der Zug langsam in den Tempel bewegt, über den mittleren Pfad, zwischen der Wache der Velites, vorüber an den hohen korinthischen Säulen zu den Estraden, die links und rechts an dem dachlosen Heiligtum aufgeschichtet sind und auf denen Priester Weihrauch verbrennen. In dem Innern des Tempels hat sich der Kaiser von seinem Lager erhoben und die Magier führen ihn hinein; die Hände erhebend, schreiten sie rückwärts und wirbelnd umringen ihn die Tänzerinnen. Antoninus ist Kaiserin und Braut, er spielt keine Rolle, nein, er fühlt sich so, wie er sich in dieser Nacht dem Volk zeigt: wie eine Braut, wie eine Kaiserin. An ihm ist nichts, das an Männlichkeit erinnerte. Rund und weiß ist sein leicht geschminktes, zart gemaltes Antlitz unter dem kunstvollen assyrischen Haarbau; über der schleppenden Stola schleift das weißseidene Paludamentum, schwer mit Silberperlen bestickt, und seine kleinen Füße, in perlenbesetztem Schuhwerk, schreiten leicht über die weißen Rosen dahin, die die Sonnenpriester seinen Schritten streuen. Doch das Volk wagt nicht zu jubeln, das Volk wagt nicht zu rufen, das Volk wagt nicht, ihm Kußhände zuzuwerfen. Das Volk schweigt und starrt, neugierig, furchtsam, demütig, beinahe angstvoll. Stumm ist die Menge der Tausenden, und weil sie stumm ist, scheint es so, als liebe sie Antoninus weniger, Antoninus, jetzt Antonina... Eine Kälte hat sich in ihre Liebe eingeschlichen. Warum? Ist es, weil der Abend kühl ist und weil sie so lange warten mußten? Doch so viele Stunden haben sie bereits gewartet an früheren Tagen, um den Kaiser zu sehen, um ihn zu lieben und ihm zuzujubeln. Ist es, weil der Kaiser von Rom als Frau erscheint? Aber wie sie ihn jetzt als Frau sehen, so sahen sie ihn doch auch schon als Venus und Rhea Kybele, und obwohl sie erschauerten ob der Schändung des allerheiligsten Bildes, so beteten doch Alle, die den Kaiser im Palast als Venus tanzen sahen, ihn an. Ist es, weil er in der Weiblichkeit seiner Sonneninkarnation einen Bräutigam sich erwählte? Doch so oft schon nahm er sich einen Geliebten. Waren nicht viele, die nicht gewählt wurden, neidisch auf die, die man aus ihrer Mitte erkoren hatte? Warum scheint ihre Liebe erkaltet ...? Wird nicht die Hochzeit nie Geschautes bringen? Warum sind sie nicht mehr dankbar? Warum? Warum? ... Ja, es ist sicher, daß sie Antoninus weniger liebhaben als sonst ... Seht, da steigt Mäsa und dort Semiamira die hohe Estrade empor, umringt von dem Schwarm der Senatoren und Ritter; zwischen den beiden Konsuln nehmen sie Platz, zwischen den Präfekten von Flotte, Heer und Stadt ... Doch wo ist Mammäa? Wo Alexianus? Bleiben sie fern? Die Neugier besiegt all diese Fragen, besiegt das Staunen darüber, daß sie Antoninus nicht mehr so lieben wie einst. Große Bronzelampen qualmen auf den Stufen des Altars, Bronzelampen hängen an schweren Ketten herab; die Säulen sind mit Gewinden geschmückt. Doch den Tausenden, die sich zwischen den geschmückten Säulen drängen, wird nicht deutlich sichtbar sein, was sich dort vor dem Schwarzen Stein vollziehen wird, und dichter drängen sie zusammen, drücken, pressen, stauen sich, bis sie, der Ohnmacht nahe, nur noch einem entnervten Menschenknäuel gleichen. Was vollzieht sich dort? Das Schlachten von Lämmern und Schafen, deren Blöken übertönt wird von der Hymne; wirbelnder Tanz von Tempelmädchen, begleitet von der rasend wollüstigen Musik des Orients; unter einem Gazezelt ein Rundgang der Braut und des Bräutigams, die, Fackeln tragend, den Schwarzen Stein umschreiten, den Schwarzen Stein wieder und wieder küssen; ein Emporstrecken von Händen und ein Hymnenbrüllen von großen, bärtigen Magiern. Plötzlich sehen sie Antoninus stehen, Antonina... sein – ihr Kopf reicht bis an die Mitte des Steines, und – wiewohl sie ihn weniger lieben – herrlich schön ist er, – ist sie doch schöner, als sie ihn je geschaut! Nicht Weib, nicht Kind, nicht Knabe, nicht Mann, nicht Held, nicht Gott! Herrlich schön ist er, der alles in Einem ist, wie es nur der Alleroberste der Götter vermag, und sich selber zum Trotz beginnen sie zu jubeln: »Antoninus! Antonina! Zweieiniger du, der du zwei in Einem verkörperst! Heilig, heilig, Heliogabala, Antoninus, Antonina!« »Ihr Mächte der Finsternis, entschwindet vor der Glorie des heiligen Berges!« rufen die Magier in Ekstase. Der Kaiser ist Braut, Göttin. Doch der Bräutigam, von den Magiern geführt, nähert sich und die Menge weiß nicht, was sich nun vollzieht: ein Knien, ein Umgehen, ein Küssen, ein Händeschlingen, ein Ausstreuen von Reiskörnern über den Häupten von Braut und Bräutigam, und unablässig hört man die eintönige Hymne: »Ihr Mächte der Finsternis, entschwindet vor der Glorie des heiligen Berges!«   Wird die Hymne die ganze Nacht hindurch ertönen? Und wird das Knien und das Umschreiten andauern, die ganze Nacht hindurch? Ach, sehen können, sehen, was sich dort vollzieht... Ist es die Brautnacht? Sie erklimmen die Säulen; sehnige Füße versuchen an den Lorbeergewinden emporzuklettern; doch die zerreißen. Andere winden sich hinauf bis zu den Kapitellen und schauen, schauen, bis sie hinabgleiten und den Hals brechen. Eine Raserei hat sich des Volkes bemächtigt. Aber nichts ist zu sehen; oder doch kaum etwas, weil die Duftfässer so dichte Dämpfe emporsenden, daß unsichtbar bleibt, was sich vollzieht in dem fernen Dunst des Tempels... Unablässig die Hymne, doch lauter, unablässig der wirbelnde Tanz der Dirnen, doch wilder, unablässig die Musik, doch rasender, bis man durch den flüchtig sich lichtenden Qualm der Düfte etwas gewahrt: die Priester entkleiden die Braut, mit steifen Bewegungen, nach dem Rhythmus der dröhnenden Musik; das Loslösen des Paludamentums, der perlenbestickten Stola, die schimmernd herabsinkt, bis die Braut, die Göttin, die Kaiserin, Antonina, Antoninus, dasteht wie eine assyrische Fürstin, wie ein syrischer Sonnenpriester. Sein Leib ist ganz mit Bändern umbunden, so daß er wie der einer Frau erscheint. So priesterlich steif und in so rhythmischem Gleichmaß vollzieht sich jede Bewegung nach dem Takt der rauschenden Musik, daß es ist wie ein Gottesdienst, doch exotisch und noch niemals geschaut, noch niemals ersonnen, wie herübergetragen aus dem Orient, der Rom überwältigt hat. Was sich dort vollzieht, ist religiöse Zeremonie, doch die Menge gerät in Raserei. Frauen stoßen schrille Schreie aus, Finger irren krampfhaft umher, Hände greifen hysterisch in die Luft, ohne daß die Augen etwas sehen... Doch von diesem Paroxysmus irrt nichts hinüber zu dem Mysterium, das vor dem Hochaltar sich vollzieht, so, wie es der Ritus vorschreibt, so, wie es der Gott will, so, wie es die Priester lehren. So heilig vollzieht sich das Mysterium, daß keiner der zelebrierenden Priester auch nur ahnt, wie die Menge vom Wahnsinn geschlagen ward, die Menge, die erst jetzt das breite, gelbseidene Lager bemerkt, das vor dem Schwarzen Stein der göttlichen Braut harret, die die Magier nun dorthin geleiten... So heilig vollzieht sich das Mysterium, daß nun, da der irdische Bräutigam von den Priestern entkleidet wird, die Menge kaum wagt, ein unzüchtiges Wort zu äußern, indes sie mit irren Augen starrt, um zu sehen, was sie nicht glauben kann... Der Hymnus erschallt, schwer steigen die Essenzen empor, so schwer, daß die Braut kaum zu sehen ist; doch die kräftige Baßstimme des Archimagus durchhallt diesen Qualm wie ein Jauchzen: »Concide, Hierokles!« Auf daß der Bräutigam nun seinerseits sich hinstrecke. Sehen, sehen, o sehen können! Doch hinter den Magiern in ihren großen Mänteln verschwimmt alles im Dunst, so daß die allerheiligste Vollziehung der Ehe nur denen sichtbar ist, die sich hoch auf den Kapitellen der Säulen zu halten wußten und die nun die Finger ausstrecken und wie rasend schreien: »Seht! Seht! Seht!« Die Menge, die das Heiligtum des Heliogabal überfüllt hat, stürzt sich in die Volksmassen, die draußen warten, und man kämpft wie rasend, um sich einen Weg zu bahnen. Weiter, weiter durch die Stadt, wo ihrer Orgien zu Ehren der Vermählten harrten, Orgien auf allen Plätzen, an allen Straßenecken, wo Estraden errichtet sind, wo die Dirnen warten und die Knaben... Weiter, weiter durch die Nacht, hin zur Subura, wo sich die Wollust durch alle Gassen wälzt zu Ehren des Heliogabal! Weiter, weiter, hin zur Subura, um Heliogabals Vorbild zu befolgen. Achtzehntes Kapitel Inmitten der Verstimmungen im Palast, von Semiamira sowohl wie von Mammäa bedrängt, strebte die Clarissima Mäsa vergeblich eine Versöhnung an. So schwärmerisch liebte sie Antoninus, daß sie Mammäa nicht recht geben konnte, obwohl sie mit jedem Tag Alexianus – Alexander, wie er in der letzten Zeit viel genannt ward – mehr zum Römer aufwachsen, ihn mehr zum Mann und zum Fürsten heranreifen sah, als Antoninus in seiner Vielfältigkeit es jemals sein würde. Doch die Clarissima liebte auch Alexander, und erfüllt von der unbestimmten Angst, daß Antoninus weder Söhne bekommen, noch in späteren Jahren die Macht in Händen behalten werde, wußte sie zu erwirken, daß Antoninus im Senat seinen Vetter Alexianus – Aurelius Alexander – feierlich als seinen Sohn adoptierte, wiewohl er selbst erst sechzehn, Alexander kaum dreizehn Jahre zählte. Diese Adoption brachte etwas wie Ruhe und Beschwichtigung, und eigentlich waren Semiamira und Antoninus die ersten, die nach endlosen Gesprächen von neuem eine Verstimmung heraufbeschworen: in der Umgebung der Mammäa – so berichtete man ihnen – belächele man im Kreise der Philosophen und Pädagogen, die Alexander erzogen, die Ehe des Kaisers, der Antonina, verspotte man den Gemahl, und als dieser, Hierokles, hiervon hörte, forderte er sogleich drei, vier Verbannungen. Antoninus gab nach und befahl Aristomachos und Antiochianus, die ihn abgöttisch anbeteten, dem Verlangen seines Gemahls zu willfahren, obwohl Mäsa, erzürnt, es hindern wollte. Doch sie war die Schwächere, seitdem sie die Ehe nicht verhindert hatte, eine Ehe, die sie als Syrierin, als Tochter der Sonne, guthieß, die sie aber als römische Matrone mißbilligen mußte, wenn auch auf ihr Drängen hin der Senat sie gebilligt und ihrer Vollziehung beigewohnt hatte. So blieb sie auch in diesem Augenblick die Schwächere. Die Verbannungen wurden vollzogen, ungeachtet der heftigen Einwände der Mammäa, und Hierokles blieb Sieger zum Entsetzen vieler. Doch die Schwächere wollte Mäsa nicht bleiben und darum suchte sie Antoninus auf zur vertraulichen Stunde der Siesta, im geheimen Innersten seiner Gemächer, wo er einen Brief des Hydaspes las und wieder las. Sie sagte ihm, während sie seine Hand sanft streichelte: »Mein herrlicher Antoninus, ich war diesen Morgen entzückt während des Dienstes und des Tanzes, es wollte mir scheinen, mein Kind, als sähe ich bei dem Rhythmus deiner Bewegungen das Paradies vor meinen Augen sich auftun. Und dennoch bin ich von traurigen Gedanken erfüllt heimwärts gegangen, denn ich dachte bei mir: wie muß es Antoninus wehe tun, daß er nicht Gott ist und Hoherpriester dessen, den er auf Erden verkörpert, und wie unwillkommen muß es ihm sein, irdische und kaiserliche Macht in Händen zu halten, während sein schillernder Geist nur von göttlichen Dingen träumt...« Antoninus, noch ganz erfüllt von des Hydaspes Schreiben, verstand nicht ganz, wozu Mäsas weiche Stimme ihn überreden wollte, und während die Clarissima auf seinem Lager saß, auf dem er sich aufgerichtet hatte, nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, drückte ihn an sich und blickte ihm lächelnd in die Augen. »... Während sein schillernder Geist nur von göttlichen Dingen träumt...« wiederholte Mäsa mit Nachdruck und fügte langsam hinzu: »Ich dachte, mein Antoninus, ob es nicht vielmehr der Wille der Gottheit sei, daß du dich allein den göttlichen Dingen widmest, sei es hier, sei es zu Emesa.« Der Kaiser war aufgesprungen. »Was meinst du?« fragte er hart und kalt. »Ich bin eine alte Frau, Antoninus,« sagte Mäsa, »Gaben sind mir sicherlich beschieden und voll Hingebung herrsche ich für dich, habe ich den Sitz eingenommen im Senat – was niemals zuvor einer Frau gelang – und nehme liebevoll für dich alle Staats- und Regierungsgeschäfte wahr. Doch wenn ich morgen sterbe, mein Kind, wer wird dir dann zur Seite stehen? Wer wird dich, während du in göttliche Dinge versunken bist, auf die irdischen Dinge verweisen...? Darum, Antoninus, dachte ich...« »Was dachtest du, großmütterliche Hoheit?« »Leiste feierlich Verzicht auf eine lästige Macht, die dir nicht lieb ist, leiste Verzicht zugunsten deines Sohnes, den du annahmst, zugunsten des Cäsar, des Alexander, und...« »Und...?« »Sei nur Heliogabal, es sei hier, es sei zu Emesa...«   Nicht Kaiser mehr sein, nur Heliogabal zu Emesa... Hydaspes wiedersehen, den geliebten Tempel wiedersehen, den geliebten Gott aus der römischen Verbannung zurückführen nach dem geliebten Ort, wo er heilig war, wo er hinabgestiegen war zur Erde... Zu Emesa leben, zu Emesa tanzen, zu Emesa den Dienst zelebrieren... Während eines kurzen Augenblickes leuchtet in der Seele des Knaben eine namenlose Freude, mit Küssen möchte er die alte Frau bedecken. Doch nicht länger als einen einzigen Augenblick währet das; so kurz ist diese Sekunde der Wonne, so kurz die blitzartige Glücksvision, daß die Clarissima sie nicht einmal zu ahnen vermag, denn sie sieht nur des Antoninus veilchendunkle Augen angsterfüllt auf sich gerichtet, sie hört nur seine flehentlichen Worte: »Warum, ehrwürdige Großmutter, soll ich nicht mehr Kaiser sein dürfen? Warum soll ich zurück nach Emesa? Habe ich etwas getan, das dir nicht behagt? Liebst du Alexianus mehr als mich? Bin ich nicht mehr dein Liebling? Liebt das Volk mich nicht mehr als Alexianus? Liebt das Heer mich nicht mehr? Drängt sich das Volk nicht zuhauf, mich zu sehen, so oft ich mich zeige? Tanze ich weniger gut als zu Emesa? Gebe ich mich ihnen nicht hin, meine Seele, meinen Körper, so völlig, wie ich mich nur geben kann? Werde ich nicht noch mehr geben? Das ganze Licht und allen Glanz des Heliogabal, auf daß sie schon hier auf Erden im Himmel schwelgen? O, hätte ich Hydaspes nur an meiner Seite... Doch warum, Ehrwürdige, soll ich verzichten zugunsten des Alexianus?« »Ich meinte, mein Kind...« »Weil ich in göttliche Dinge vertieft bin? Aber kannst du mich denn nicht die irdischen lehren? Kann ich dir nicht versprechen, ein fleißiger Schüler zu sein? Wirst du nicht vielleicht länger leben als ich, ehrwürdige Großmutter? Wer vermag dir zu sagen, wie jung ich vielleicht sterben werde und wie lange du mich überleben wirst? So könntest du allzeit für mich die irdischen Dinge lenken. Warum willst du mich entthronen? Nein, nein, laß mich Kaiser bleiben! Sieh, ich habe Rom liebgewonnen, ich liebe Rom jetzt mehr als Emesa. Ich würde sterben zu Emesa, fern von Rom!« Befangen stößt er diese letzten Worte hervor, wagt es nicht einzugestehen, daß er Hierokles, seinen Gemahl, anbetet, wagt seinen Verdacht, daß Hierokles ihn nur zu lieben vorgibt, weil er, Antoninus, Kaiser ist und allgewaltig, nicht auszusprechen; wagt nicht zu sagen, wie sehr er argwöhnt, daß Hierokles selbst nach dem kaiserlichen Purpur; zum mindesten nach der Macht und der Würde eines Cäsaren trachtet, wagt es nicht laut werden zu lassen, wie es ihm beinahe Gewißheit ist, daß Hierokles ihm niemals nach Emesa folgen würde, und daß er, Antoninus, dort ohne des Hierokles Liebkosungen langsam dahinsiechen müßte. Das alles wagt er nicht auszusprechen, teils aus Eitelkeit – weil Hierokles der Erste ist, der ihn nicht um seiner selbst willen liebt –, teils aus ängstlicher Vorsicht, um nicht die Wahrheit völlig zu enthüllen, des Hierokles geheimste Seele, den Ehrgeiz, das Streben, dieses Mannes, das er, Antoninus, erraten hat... Hierokles will Cäsar sein an des Alexianus Statt, den sie niemals Alexander nennen werden, weder er selbst, noch Hierokles, noch Semiamira... Nein, niemals! Und flehentlich, verwirrt, wiederholt er die Worte: »Ich liebe Rom jetzt mehr als Emesa... ich würde sterben zu Emesa, fern von Rom...« »Also endlich liebst du Rom mehr als Emesa?« ruft die alte Frau jubelnd aus. Sie ist schlau, sie durchschaut Senatoren und Höflinge, doch Antoninus durchschaut sie nicht, weil sie verblendet ist durch ihre Liebe. Sie glaubt wahrlich, daß Antoninus Rom, ihr geliebtes Rom, mehr liebt als Emesa. Sie glaubt daran, daß in der zwitterhaften Seele dieses Kindes sich etwas für Rom und die Weltherrschaft geregt hat, sie weiß es nicht, wie sehr er Hierokles liebt, und sie kennt nicht den Ehrgeiz dieses Mannes, weil sie ihn zu sehr verachtet. Sie betet nur ihren Antoninus an und schwer genug ist es ihr geworden, ihm vorzuschlagen, er möge sich künftighin nur den göttlichen Dingen hingeben. »Also endlich, endlich liebst du Rom mehr als Emesa!« Sie hat Antoninus umarmt. Nein, niemals wird sie Antoninus zugunsten des Alexianus entthronen können. Dieses Enkelkind liebt die Clarissima, sie weiß selbst nicht, warum – fast möchte sie glauben, aus Frömmigkeit – viel inniger als Alexianus. Sie küßt ihn, sie tröstet ihn, sie streichelt ihn, während der Kaiser weint, klagt, schluchzt, wie eine hysterische Frau. »Ja... ich liebe Rom... mehr als Emesa... Jetzt ... doch in Rom hat mich keiner mehr lieb!« »Still, Antoninus, das Volk betet dich an, das Heer betet dich an!« »Du hast mich nicht mehr lieb!« »Ich? Aber ich bete dich ja an, mein Kind. Jeder, jeder betet dich an, deine Mutter... und so viele...!« »Alexianus nicht.« »Alexander wird dich wieder liebhaben, wenn du als der Ältere und Verständigere zuerst dich ihm näherst...« Nicht fügt der Kaiser hinzu: »Hierokles hat mich nicht lieb.« – aber er denkt es, weint und schluchzt bei diesem Gedanken... Wenn er ausruft: »Niemand in Rom hat mich mehr lieb!« meint er nur: Hierokles, obwohl er mein Gemahl ist, hat mich nicht lieb um meinetwillen ; er gibt nur vor, mich zu lieben, weil er Cäsar werden will, Kaiser vielleicht an meiner Statt. Er weint wie ein Weib. »Antoninus, mein herrlicher Antoninus, wenn du Rom mehr liebst als Emesa, dann wirst du mein Kaiser bleiben für alle Zeit, was immer Mammäa für ihren Sohn sich auch wünschen möge!« Nein, sie kann nicht anders, sie muß zu ihrem Antoninus stehen, den sie anbetet. Und künftighin soll alles ihrem Wunsch sich fügen, dem Wunsch der herrschenden, in Wahrheit allgewaltigen Clarissima. Doch Antoninus, der Kaiser, wird wie ein göttliches Symbol weiter erstrahlen, Antoninus, nicht Alexander. Neunzehntes Kapitel Antoninus lag in dem achteckigen Turm auf dem breiten Sigma aus gelber Seide und las ein Schreiben des Hydaspes, wieder und wieder. Er war allein. Draußen vor der Tür der Wendeltreppe hockte Narr. »Das große Gute tuend, nach dem Allichten strebend...« Wie süß war des Hydaspes Belehrung im Sternenturm gewesen und seine heilige Einweihung in die unsichtbaren Dinge, die mündlich überlieferten Mysterien, die die Magier eifersüchtig bewahrten, fern von der Besudelung durch das Volk, in dem geheimnisvollen Innern ihres Turmes... Hatte er das große Gute getan? Strebte er nach dem Allichten? Nun fühlte Antoninus, wie er schwankte; erst jetzt, so fern von Hydaspes, so fern von Emesa und dem Turm, begriff er, daß es sehr schwer sei, das große Gute zu tun und nach dem Allichten zu streben. Möglich, daß es an des Hydaspes Seite leichter gewesen wäre... Aber hier in Rom? ... Was war das große Gute? Wo war das Allichte verborgen? Nein – plötzlich ward er dessen deutlich gewahr – das große Gute hatte er nicht getan und nach dem Allichten strebte er nicht, wie fromm er auch sein mochte und obwohl er öfter als zu Emesa den Monolith-Phallus des Heliogabal tanzend umschritt. Niemals würde er ohne Hydaspes dem Licht entgegenstreben und das große Gute vollbringen können. Doch an Seele und Körper Mann-Jungfrau werden, das war doch hier auf Erden das Höchste. Das Gleichmaß, das gar so schwer innezuhaltende Gleichmaß, nicht mehr Mann als Jungfrau, nicht mehr Jungfrau als Mann, »zurückstreben zu jener menschlicheren, zu der zweigeschlechtlichen Form der Seele, dem Zwei-Einigen, der Mann-Jungfrau, die war und wieder sein wird in dir, mein Antoninus...« Er las, las wieder. Er gelobte sich, Adam zu sein, Adam-Eva, und das für die Menschheit fast unerreichbar heilige Gleichmaß zu wahren. Er würde nicht alt werden, das fühlte er... Noch nie hatte ein Gottgewordener ein hohes Alter erreicht... Und die Magier hatten ihm in geheimstem Orakel frühen und gewaltsamen Tod geweissagt... Auch Hydaspes, der es ihm nicht hatte sagen wollen, hatte das gelesen in der blutroten Sphäre um seinen Stern. Doch mußte er denn umkommen in der Blüte seiner Jugend, mußte er eines gewaltsamen Todes sterben, dann wollte er in Pracht umkommen, in diesem Turm, der in Chrysolith und Alabaster und Schildpatt erstrahlte – – dann wollte er seine Todesart selbst wählen. Darum sammelte er hier eine große Anzahl von Giften, die Narr ihm zu verschaffen wußte, und starke seidene Stränge an goldenen Ringen und mit Gemmen inkrustierte Dolche, die er sich ins Herz stoßen würde, wenn das Gift nicht blitzartig wirkte; oder er würde sich aus dem Emailfenster stürzen auf den Mosaikboden, der vor der elfenbeinernen Pforte sich breitete. Ja, so sollte es sein! Er sah es vor sich: den Aufruhr, den Verrat des Heeres, das Mammäa mit den gestohlenen Schätzen der Clarissima zu bestechen gewußt hatte, die Prätorianer, die ihn jetzt anbeteten, Aristomachos, Antiochianus – sollte das jemals möglich sein?! – sie schlugen die Tür zum Turm ein, die Soldaten stürmten herein... gerade in dem Augenblick, da er, Heliogabal, lächelnd das blitzartig tötende Gift aus gehöhltem Blitzstein oder Karfunkel trank oder sich den juwelengeschmückten Dolch in die fast mädchenhafte Brust stieß... So würde es sein; unermeßlich üppig, wie sein Leben gewesen war, sollte auch sein Sterben sein, überwältigend, erschütternd, prunkvoll und anmutig in Haltung und Gebärde ... Aber sein Puls schmerzte ihn und er stöhnte und rief laut: »Narr!« Der Mohr trat ein. »Herrchen . ..« »Sieh, ich habe mir den Puls verstaucht, du weißt Mittel, die heilen und töten. Such mir einen Balsam und reibe mir den Puls!« Der Mohr sah den Puls aufmerksam an, dann blickte er, vor Antoninus niederkniend, diesem tief in die Augen. »Herrchen,« sagte er, indem er die dunklen Arme um des Antoninus Knie schlang, »liebes Herrchen, ich bete dich an, sag mir, ob ich Hierokles vergiften soll?« »Nein, nein, Narr!« rief Antoninus entsetzt aus, wahrend er ihn rauh von sich stieß, »nein! Ich liebe Hierokles! Sprich nicht mehr solche Dinge aus und denke sie nicht. Narr, denke sie nicht!« »Ich weiß einen Balsam, ich will ihn holen,« sprach der Mohr dumpf, stand auf und ging. Von Angst gequält, wollte Antoninus sich aufrichten, ihn zurückrufen, doch der Puls schmerzte ihn allzusehr, so daß der Knabe in die Kissen zurückfiel. Regungslos lag er da und dachte an Hydaspes und wiederholte, vor sich hinmurmelnd: »Adam-Eva, der war und wieder sein wird in dir, o mein Antoninus.« Ja, Adam wollte er sein, ebenso wie Eva. Eine zweite Gemahlin würde er sich erküren, neben dem Gemahl eine Gemahlin. Wie schwer war es doch, das Gleichmaß zu wahren! Voller Gefallsucht dachte er daran, daß Hierokles ihn vielleicht mehr um seiner selbst willen lieben würde, wenn er, Antoninus, eine Gemahlin an seiner Seite hätte. Plötzlich, als hätte sich die Wahl schon längst, seit Monaten, seit einem Jahr, in seiner Seele vollzogen, wußte er, wen er wählen würde. Ein Hoherpriester konnte keine andere ehelichen als eine Hohepriesterin... Aquilia Severa, sie, die Virgo Maxima der Vestalinnen... Das Unerhörte dieses Gedankens leuchtete plötzlich in frohem Staunen in ihm auf... Die Kraft seiner Phantasie erfüllte ihn mit beinahe künstlerischem Genuß und Heß ihn den schmerzenden Puls vergessen. Die unantastbare Keuschheit der Virgo Maxima zu ehelichen nach dem Dekret von Volk und Senat; die unwandelbaren Dinge der Menschen und der niederen Götter zu wandeln, durch ein einziges Wort; Roms Traditionen zu entheiligen, weil sie weniger galten als die Traditionen Syriens, als die Sonnenmysterien Emesas... Sie zu entheiligen nicht mit harter Faust, sondern mit einem anbetungswürdigen Lächeln. Aquilia Severa, die Jungfrau, deren kühler, beinah verächtlicher Blick auf ihm geruht hatte, immer und immer, während der Spiele und Feste, während der Tänze und während der Zeremonien, während seines Hochzeitsfestes und während seiner Brautnacht, als er, in des Hierokles Armen ruhend, sie unverwandt angeschaut hatte, erfüllt von dem ihm selbst noch unbewußten Wunsch, sie, wenn nicht zu entehren, so doch zu entheiligen, das Feuer der Vestalinnen zu entheiligen, es vielleicht zu löschen, so zu löschen, daß der Senat es gut hieß, daß die Clarissima es gut hieß... Er lachte laut auf über seinen Gedanken, als Narr eintrat, freudig erstaunt, weil sein Herrchen so heiter wai. Während der Mohr ihm mit dem Balsam den Puls knetete, wußte Antoninus endlich, daß er des Hydaspes Wunsch würde erfüllen, daß er würde zurückstreben können zu dem doppelgeschlechtlichen Wesen, indem er neben seinem Gemahl Hierokles die keuscheste und würdigste unter allen römischen Jungfrauen zur Gemahlin sich erkor, die Virgo Maxima Aquilia Severa, sie, die ihn mit verächtlichem Blick angesehen... Zwanzigstes Kapitel Es schien, als warte Rom ... Als warte es nach der Hochzeitsfeierlichkeit auf die neueste Offenbarung des Kaisers und Gottes Heliogabal: Sowohl auf der Area-Palatii des flavischen Palastes wie auch vor dem Palast des Septimius Severus staute sich die Menge, zwar anbetend noch, aber doch ein wenig ermattet, nachdem sie nun schon drei Jahre immer den gleichen Gott Heliogabal hatte – ermattet in ihrer Liebe, ermattet selbst in ihrer Schaugier, weil eigentlich alles sich ereignen konnte, weil nichts mehr unmöglich schien. Dennoch stand die Menge harrend da, weil auf den Fora und in den Thermen seltsame Gerüchte umgegangen waren, seltsame Gerüchte, die diesmal nicht nur Staunen, sondern beinahe Schauder erweckten, mehr noch als dazumal, als das Bildnis der Mutter der Götter aus dem Tempel nach dem Heiligtum des Heliogabal gebracht worden war. Scheue Blicke richteten sich auf den runden Tempel der Vesta und auf das Haus der Vestalinnen. Dennoch gewahrte die Menge in jenen Tagen nichts. Streng, keusch und ruhig erhoben sich die Umrisse der schweren Tuffsteinmauer, die den Tempel umschloß. Doch im Innern des Hauses herrschte nach einer geheimen Besprechung, die Aquilia Severa,die Virgo Maxima, mit dem Pontifex Maximus gepflogen hatte, unter den Jungfrauen eine geheime Erregung. Auch war ein Eunuche aus dem Palast gekommen, um der Oberpriesterin für diesen Morgen den Besuch der Clarissima zu künden. Seit dem Augenblick, da Antoninus seinen triumphierenden Einzug in Rom gehalten hatte, hatten es die Jungfrauen sehr tief empfunden, daß ihr Dienst der strengen Schlichtheit, der keuschen Sitte und der hehren, unantastbaren Würde mit dem aus dem Orient herantosenden Sinnesrausch der Sonne nicht in Einklang zu bringen sei. Sie waren entsetzt gewesen über den neuen, flammenden Dienst, der stets schwüler und glutvoller ward und der jungfräulichen Unantastbarkeit der Göttin wohl verhängnisvoll werden mochte. Und jetzt? Was drohte? War es das Entsetzliche, dessen Echo bereits hier und dort von Sklavinnen durch das Haus geflüstert ward ...? Von solcher Unruhe gequält, waren die fünf Jungfrauen im Atrium versammelt an einem frühen Morgen, während das erste Tageslicht sich über die Marmorbildnisse ihrer verstorbenen Oberpriesterinnen breitete, als Sklavinnen entsetzt durch die Säulengänge herbeieilten mit wirren Rufen, ob deren mangelnder Förmlichkeit die Vestalinnen erzürnt die Brauen runzelten, und wieder davon stoben gleich weißen Vögeln, hierhin und dorthin, bis endlich eine Sklavin, halb kniend und die Hände faltend, der Priesterin, die ihr zunächst stand, das Folgende kündete: »Cornelia Praetexta, höre: eine große Menge hat sich versammelt auf der Via Sacra, man jubelt dem Kaiser zu. Antoninus, der auf einem von vier Hirschen gezogenen Wagen gekommen ist, steigt vor der Pforte des Hauses ab!« »Es ist der Kaiser, Antoninus!« riefen erschreckt die anderen Dienerinnen, die wiederum in das Atrium eilten. »Es ist der Kaiser; er heischt Zutritt!« »Es ist der Kaiser, Antoninus, von seinen Günstlingen umringt. Er will eindringen, er will die Virgo Maxima sehen!« Im Atrium, in dem grauen Licht des Frühmorgens, waren die Jungfrauen versammelt und noch vermochte keine zu glauben, daß die Entweihung, von der die Sklavinnen flüsterten, in Wahrheit geschehen werde. Draußen auf dem Weg erhob sich ein Summen, ein Rauschen von Stimmen, ein Jubel, und die Priesterinnen hörten des Kaisers Namen. Antoninus! Antoninus! Jubelte die Menge? Oder schmähte sie? Endlich kamen Männerschritte näher. War es Wahrheit? Konnte das Haus der Vesta entweiht werden? Sollte das Unerhörteste geschehen? Schritte kamen näher und plötzlich, während die Sklavinnen entflohen, erblickten die fünf Priesterinnen den Kaiser Antoninus, umringt von seinem Gefolge, von seinen Günstlingen Gordus, Protogenes, Murissimus, von seinen Eunuchen und Cubicularii. Unverändert matt schimmerte das graue Tageslicht; aufwärts strebten die Säulen der Umgänge wie zuvor und das rauschende Wasser in den Becken tropfte herab auf die breiten Blätter der Wasserpflanzen. Doch plötzlich erklang, von dem tropfenden Geräusch des Wassers getragen, die hohe, künstlich singende Falsettstimme des Antoninus: »Ehrwürdige Jungfrauen, Seine Ewigkeit kündigt sich selbst an und bittet um eine Unterredung mit der Serenissima, der Virgo Maxima Aquilia Severa...« Die Priesterinnen antworteten nicht. Die Entheiligung fürchtend, standen sie, dicht aneinandergedrängt, regungslos da. Das Gefolge des Antoninus füllte das ganze Atrium. Er selbst stand, von seinen Günstlingen umringt, vor den Jungfrauen und harrte der Antwort. Sie sahen, daß er berauscht war und daß auch seine Günstlinge es waren... Er trug noch das Festgewand der Nacht, das ihn in dem mit goldenen Traubenranken bestickten hyazinthfarbenen Chiton als Sieger Bacchus, Dionysos, Liber zeigte. Amethystfarbene Traubendolden hingen, an goldenem Stirnband befestigt, von seinen Schläfen herab. Sein Atem duftete nach dem Rosenwein, mit dem sein Gewand besudelt war. Der Goldpuder war von seinem Haar herabgefallen und glitzerte auf seinen Schultern. Die Günstlinge hatten ihm die Schminke von den Wangen geküßt. Er harrte noch der Antwort; ein blödes Lächeln irrte um seine Lippen. Doch die Jungfrauen antworteten nicht, während die Günstlinge sich neugierig in diesem von Männern niemals betretenen Atrium umschauten und plötzlich emporwiesen, nach dem Umgang zwischen den beiden Arkadengeschossen des Portikus, der sich rings um das Atrium hinzog. Dort oben war Aquilia Severa erschienen. Sie schaute über die Balustrade in das Atrium hinab. Ihre Züge waren so bleich, so starr, daß keine Regung darauf sichtbar war. Ihre dunklen Augen blickten unverwandt vor sich hin mit der Unerschütterlichkeit eines höheren Wesens. Nur, daß man unter der Zona – der Gürtelschnur, die unter dem Busen die Falten der Stola zusammenhielt – ihren Atem etwas rascher gehen sah. Gleich weichem Marmor schmiegte sich das Pallium um ihre Gestalt. Ihre weiße Haube, das Suffibulum, am Halse mit einer Fibel geschlossen, umrahmte ihr bleiches, starres Antlitz, und zwischen den Haarbändern ward das lockige, dunkle Haar sichtbar. Ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, so leidenschaftslos, als wollten sie niemals sich öffnen. Die Günstlinge hatten mit den Fingern auf sie gewiesen... Als Antoninus aufblickte, verwickelte er sich mit dem Fuß in seinen Mantel, wankte und fiel lächelnd dem Aristomachos in die Arme. Er zitterte so, daß der Tribun ihn stützte und den Arm um des Kaisers Schulter schlang. Dort oben hatte sich die Virgo Maxima langsamen Schrittes wie schlafwandelnd der Treppe genähert, die zum Atrium hinabführte. Wie im Traum sah Antoninus sie Stufe um Stufe herabschreiten. Die Falten ihres Gewandes spielten um ihren mit weißer Sandale bekleideten Fuß. Ein Schauder durchfuhr Antoninus, während er sie so herabschreiten sah, Stufe um Stufe. Beinahe hatte er gehofft, sie zurückhalten, ihr befehlen zu können, sie solle dort oben bleiben. Eine Ernüchterung war über ihn gekommen. Antoninus bereute. Es war zu spät. Er stand da, noch zitternd von der Entnervung, die dem Genüsse des Rosenweines folgte, stand da wie ein leichtfertiger Weingott. Aquilia Severa war die Treppe herabgeschritten, langsam und gemessen näherte sie sich der Gruppe der fünf Jungfrauen, die angstvoll, dicht zusammengedrängt, dastanden. Doch als sie Antoninus gegenüberstand, formten ihre Lippen nicht das Wort »Entheiligung«. Schweigend, kühl, verächtlich und fast übernatürlich ruhig starrte sie vor sich hin. Antoninus hätte gewünscht, sie aufschreien zu hören, hätte gewollt, daß sie ihm die Tür weise mit gebieterischer Gebärde. Doch schweigend starrte sie ihm in die Augen. Er haßte sie, sowie er sie gehaßt hatte, seit er zum erstenmal in diese Augen geblickt hatte, am Tage des Triumphes, als sie inmitten der Ihren aus dem Hause getreten und dem Siegeszug gefolgt war. Er haßte Aquilia Severa, es reizte ihn, sie zu demütigen, zu entheiligen, zu entehren, und er würde es tun, doch so, daß es einer göttlichen Ehrung gleichkommen sollte. Daß er seiner Laune und dem Drängen der trunkenen Günstlinge nachgegeben hatte und nach einer wilden Orgie gekommen war, bereute er. Er fühlte, plötzlich ernüchtert, daß er zu weit gegangen war, daß er, der Hohepriester, sich eines Sakrilegs schuldig gemacht hatte. Doch zugleich fühlte er auch, wie er seine Überlegenheit wiederfand und das Bewußtsein seiner Allgewalt. Jetzt hieß es, sich wieder zurückfinden und den Augenblick beherrschen. Während er versuchte, seinen verschwommenen, trunkenen Augen festeren Ausdruck zu geben, sprach er hochmütig: »Aquilia Severa, heißest du Antoninus nicht willkommen in dem Heim der Vestalinnen ?« »Das Heim der Vestalinnen ward noch von keinem Mann betreten, es sei denn vom Pontifex Maximus,« sprach die Priesterin, kalt wie ein Orakel. »Antoninus ist Hoherpriester, wie der Pontifex Maximus, und zugleich Heliogabal, die Inkarnation der Sonne. Antoninus hat das Recht, die Schwelle der Vestalinnen zu überschreiten. Auch ist Heliogabal kein Mann; er ist Mann und Jungfrau in Einem, er verkörpert die menschliche Form des Demiurgos.« »Wenn auch Antoninus dies Recht sich beimißt, so steht es allen jenen anderen doch gewiß nicht zu.« Die Priesterin wies auf das Gefolge. Antoninus zuckte die Achseln. »Sie zählen nicht,« sprach er hochmütig lächelnd. »Zählt die Sonne alle Stäubchen, die sie in ihren Strahlen mit sich schleppt?« »Nennt mir den Zweck Eures Kommens, Antoninus. Wohl habe ich den Besuch der Clarissima erwartet, der mir für diesen Morgen angekündigt war. Doch auf die Ehre des Euren war ich nicht vorbereitet.« »Meine Gnade ist mild wie die des Bacchus und allwohltätig wie die der Sonne,« antwortete Antoninus. »Meine Gnade und meine Wohltaten kündige ich nicht an. Was ich bezwecke, Serenissima? Ehre will ich der Göttin Vesta erweisen, die, wenngleich nur die Dienerin des Heliogabal, groß ist und mächtig, indem ich Euch zu meiner Gemahlin rechter Hand erhebe, so wie ich Hierokles zu meiner Gemahlin linker Hand erhob.« Der Kaiser streckte die Hand zum Handkuß aus, doch Aquilia Severa verharrte regungslos. Bleich und starr blieben ihre Züge, ihre Lippen fest geschlossen. Nur unter der Schnur der Zona verriet sich das raschere Kommen und Gehen des Atems. Sie sprach, doch kaum hörbar: »Das Gelübde der Keuschheit legte ich ab.« »Kein Gelübde gilt vor dem Willen der auf Erden verkörperten Allmacht des Himmels.« »Wir wahren Roms Keuschheit.« »Die Sonne achtet der Keuschheit nicht. Männlich befruchtet sie, weiblich empfängt sie und gebiert.« »In unserer Obhut bewahren wir das Allerheiligste, das Feuer und das Palladium.« »Das Palladium und das Feuer werden Euch, unserer Gemahlin, in das Palatium folgen.« »Ein Wort... Augustus,« murmelte die Priesterin. Antoninus machte ein Zeichen; alle entfernten sich. Allein mit Aquilia Severa blieb er im Atrium zurück. Severa faltete die Hände. »Augustus,« bat sie flehentlich, »verzichtet!« »Niemals!« »Warum nicht?« »Weil ich nur Euch, Aquilia Severa, nur die Virgo Maxima der Vestalinnen ehelichen kann, so ich in Wahrheit Adam sein will neben Eva, die ich dem Hierokles bin.« »Augustus,« sprach die Priesterin, »ich verachte nicht die Mysterien der Sonne, obwohl sie nicht die der Vesta sind; doch Ihr kommt zu mir in der frühesten Morgenstunde und alle heiligen Gesetze und Traditionen, das Allerheiligste und Allerwürdigste Roms, tretet Ihr mit Füßen. Augustus, berauscht seid Ihr gekommen nach einer nächtlichen Orgie, umgeben von berauschten Höflingen. Augustus, Ihr könnt nicht im Ernst meinen, was Ihr da sagtet. Ich bin das Unantastbare, Augustus!« »Nicht für die Sonne, nicht für mich, Severa. Ich liebe dich!« »Nein, Augustus.« »Ich liebe dich, Severa!« »Eure Herrlichkeit haßt mich.« »Nein, nein, ich hasse dich nicht. Ich liebe dich. Ich werde dich lieben neben Hierokles, auf daß ich so werde, wie Hydaspes es wünscht.« Die Priesterin machte eine Gebärde des Abscheus. »Augustus, ist es Euch ernst um das, was Ihr da sagt? Fürchtet Ihr nichts?« »Was sollte ich fürchten? Alles vermag die Sonne und nur zum Allguten und zum Allichten strebe ich zurück.« »Ihr seid ein Kind, der Vernunft nicht zugänglich.« »Und du, Severa, bist ein Weib, töricht und beschränkt, du weißt nichts von dem kleinsten der unsichtbaren Dinge, die unser geringster Priester kennt.« »Verzichtet, Augustus, verzichtet!« »Niemals! Vesta soll des Heliogabal Dienerin sein. Ich vermag, was ich will, Severa. Kaiserin sollst du sein und mein Weib, die Mittlerin meiner Vollkommenheit. Im Palatium wirst du wohnen und das Feuer und das Palladium werden dir folgen.« »Die Flamme der Vesta ins Palatium? Das Palladium ins Palatium?« »Ja.« »Das ewige Feuer darf seinen Ort nicht wechseln. Das Palladium ist unsichtbar. Nur einmal, als unser Haus in Flammen stand unter Kaiser Commodus, ist das Palladium sichtbar gewesen. Die Priesterinnen retteten es aus dem Brande und brachten es in Sicherheit.« »Es wird sicher geborgen sein auf dem Palatin, in der Larenkapelle meines Palastes.« »Antoninus, Antoninus, ich flehe Euch an!« Sie faltete die Hände, ihre Knie zitterten. Er lachte schrill auf wie ein triumphierendes Weib. Sie sah nicht mehr verächtlich drein, auch nicht mehr hochmütig; nur angstvoll verzweifeltes Flehen sprach aus ihrem Blick... Doch draußen schmetterten Fanfaren und vor der Pforte des Hauses staute sich von neuem das neugierige Volk. Plötzlich betrat die Clarissima, hastig, bleich vor Entsetzen, das Atrium, in dem des Antoninus schrilles Lachen noch widerhallte. Sie hatte ihren Besuch für diesen Morgen angekündigt, um Aquilia Severa vorzubereiten. Sie hatte nicht die Kraft gehabt, Antoninus die Erfüllung seines Wunsches zu versagen. Den Senat hatte sie schon eingeweiht. Ein Hoherpriester wie Antoninus durfte eine Hohepriesterin ehelichen: ihre Kinder würden göttlich sein... Der Senat hatte zugestimmt. Sie selbst wollte Severa alles künden. Doch wehe, sie kam zu spät! Sie ahnte die Entweihung. Trotz ihrer großen Liebe zu Antoninus klangen ihre ersten Worte entrüstet und vorwurfsvoll. »Antoninus, schäme dich! Kein Mann betritt das Haus der Vesta, es sei denn der Pontifex Maximus!« »Ich bin Hoherpriester des Heliogabal!« »Aber dein Gefolge, das ich lallen und lachen höre, noch trunken von der nächtlichen Orgie? Schäme dich, Antoninus!« Lächelnd trat er auf sie zu, breitete die Arme aus, um sie zu umfangen. »Ich will dich nicht küssen!« rief Mäsa, »deine Lippen sind noch besudelt. Geh, Antoninus, nimm ein Bad!« »Erst will ich das Palladium sehen.« »Das Palladium?« wiederholte Mäsa schaudernd. Aquilia Severa faltete die Hände. »Das Palladium, Clarissima, ist unsichtbar, so wie ich selbst unantastbar bin.« Die alte Frau näherte sich der jungen Priesterin und umschlang sie mit beiden Armen. »Severa,« sprach sie, »ich komme zu spät. Mittlerin wollte ich sein zwischen meinem allzu geliebten Antoninus und dir, wollte dich, nun, da der Senat es gutheißt, zu seiner Gemahlin erheben, dich an die Seite Seiner Herrlichkeit stellen, die, wie sehr er sich auch in diesem Augenblick vergessen möge, heilig ist und göttlich und die Inkarnation des Heliogabal selbst. Die Gesetze der Menschen gelten den Göttern nichts; der Senat billigt das und erteilt seine Zustimmung.« Wie zu Eis erstarrten die Züge der Priesterin. Sie entwand sich den Armen der alten Frau, die mit schmeichelnder, eindringlicher Stimme versucht hatte, sie zu beschwören... »Sage mir, Severa,« fuhr Mäsa fort, »sage mir, daß du die Ehre zu ermessen vermagst, die Antoninus der Vesta und ihrer Hohenpriesterin erweist. Willige ein.« »Ich vermag sie zu ermessen, Clarissima,« antwortete Aquilia Severa kalt. »Und?... Du willigst ein?« Ein kaum sichtbarer Schauder fuhr durch die erstarrten Glieder der Aquilia Severa. In einem blitzartigen Augenblick dachte sie daran, sich zu töten. Doch gleich darauf fühlte sie sich wieder als Hüterin des Feuers und des Palladiums; sie wollte nicht durch einen Selbstmord die große und heilige Würde preisgeben. Völlig unbewußt zitterte in ihr etwas beinahe Christliches: die Wollust, Märtyrerin sein zu dürfen. Kein Flehen sprach mehr aus ihrer Stimme. Langsam fand sie sich wieder. Hoch richtete sie sich auf. Sie verachtete sowohl diesen Kaiser wie die Clarissima, die die heiligen Traditionen Roms mit Füßen trat, um ihres Lieblings Wunsch zu erfüllen. Mit kalter Stimme sprach sie: »Ich willige ein!« »Ich will das Palladium sehen,« sagte Antoninus, eigensinnig wie ein Kind. »Seine Herrlichkeit wünscht das Palladium zu sehen!« sagte Mäsa streng und gebieterisch, durch Severas Haltung verletzt. »Das Feuer und das Palladium,« sagte Antoninus, »werden Severa nach dem Palatium folgen. Ich will das Feuer und das Palladium sehen.« Es mag sein, daß Mäsa einen Augenblick schwankte, doch sie widersprach nicht. Sie war eine Tochter der Sonne; auch sie dünkten die Mysterien Emesas höher und heiliger als die Mysterien des römischen Gottesdienstes. Aquilia Severa stand da wie eine Schlafwandelnde. Um sie hatten sich die fünf Priesterinnen geschart und die Sklavinnen. Auf Mäsas Befehl hatte das Gefolge des Antoninus das Haus der Vesta verlassen, um draußen des Kaisers zu harren, dort, wo die Stimmen des Volkes jauchzten und johlten, als die Günstlinge erschienen. Einen Augenblick horchte Mäsa auf. Sie stutzte, verstand nicht recht. Dann aber zuckte sie gleichgültig die Achseln. Severa wollte sie mit eisern-starrer Ruhe an der Hand durch den Portikus geleiten, der zu dem runden Tempel Zutritt verlieh. Doch Mäsa verlangsamte ihren Schritt, um Antoninus den Vortritt zu lassen. Leichtfüßig trat der Kaiser vor, lächelnd, indem er seinen besudelten Bacchusmantel hinter sich herschleifte. Alle Frauen folgten.   In dem Tempel brannte auf rundem Mittelaltar die unverlöschliche Flamme. Unter ihr, in einer heiligen Krypta, ward das drei Klafter hohe hölzerne Bildnis der Pallas verwahrt, das trojanische Palladium, das, der Überlieferung zufolge, Äneas mit seinen Penaten nach Latium gebracht hatte. Doch nur die Vestalinnen wußten, wo es verborgen gehalten wurde. »Zeige mir das Palladium!« sagte Antoninus trotzig. Aus einer geheimen Kammer, die an den Tempel stieß, brachten die Vestalinnen ein Bildnis herbei. Es stellte die Göttin Pallas Athene dar, angetan mit Helm und Speer und Schild. Mit großer, geheuchelter Ehrfurcht schleppten sie das Bildnis herbei und Aquilia Severa zeigte es ihm mit kühler Handbewegung. Es war eines jener nachgeahmten Bildnisse, die die Vestalinnen verwahrten, um sie im Notfalle für das Palladium ausgeben zu können. »Zeig mir die heiligen Gefäße des Äneas!« wiederholte Antoninus. Die Vestalinnen brachten aus derselben Schatzkammer Gefäße herbei und zeigten sie ihm in solcher Hast, daß er begriff. Auch bezweifelte er die Echtheit des Palladiums, das man ihm gezeigt hatte, und so sehr erbitterte ihn die Berechtigung seines Zweifels, daß er eines der Gefäße zerbrach. »Heliogabal ist der Höchste, der Heiligste, der oberste Gott,« sprach Antoninus feierlich, während er die Scherben verächtlich mit dem Fuß wegstieß. »Ich will ihm nicht nur in seinem Tempel dienen, sondern auch in der Larenkapelle des Palastes, indem ich darin alles das versammle, was in Rom als das Heiligste gilt, das Feuer der Vesta und das Palladium, das antlitzlose Bildnis der Rhea Kybele und die heiligen Steine, die Orest einst im Tempel der Diana von Laodicea aufstellte ... Severa, das Holz des Palladiums scheint mir neu und so häßlich dünkt mich das formlose Bildnis, daß wir es, wenn es wirklich das ist, was Ihr vorgebt, vergolden lassen werden. Morgen werde ich die Heiligtümer ehrfurchtsvoll in das Palatium überführen lassen ...« Seine Stimme klang dumpf. Nach der nächtlichen Orgie überkam ihn eine tödliche Ermattung ... Mäsa führte ihn an der Hand zurück und plötzlich lächelte er, völlig stumpf vor Ermüdung. »Antoninus,« sagte Mäsa, »viel Volk harrt draußen!« »Warum?« fragte er. »Um dich zu sehen.« »Nun?« »Noch niemals sahen sie dich so, mein Kind.« Seine Eitelkeit erriet, daß er sich vermummen sollte, daß er sich im hellen Tageslicht so nicht zeigen durfte, zerrüttet durch seine Ermattung. »Du hast recht, ehrwürdige Großmutter,« sagte Antoninus, die Brauen runzelnd. »Gib mir die Palla einer deiner Frauen.« Er warf den befleckten Mantel ab und hüllte sich dicht in die Palla, die er über den Kopf warf. Er folgte Mäsa wie eine Sklavin und bestieg mit ihr die Sänfte. Doch das Volk erkannte ihn dennoch und rief: »Antoninus! Nein, Avitus! Sardanapal!« Er hörte die Namen nicht: er war sehr ermattet, und durch seine Mattigkeit schwirrte verschwommen der Gedanke, daß Hydaspes wohl mit ihm zufrieden sein würde ... Doch die alte Mäsa erschrak. Mit einem Ruck schloß sie die Vorhänge der Lectica noch dichter. »Sardanapal!« schrie man ihm nach. Der kaiserliche Wagen mit dem Hirschgespann kehrte leer zum Palast zurück. Die Günstlinge und das Volk zerstreuten sich. »Sacrileg!« rief laut das Volk. Der Tribun Aristomachos, der sich gerade auf sein Pferd schwang, zog zornig sein Schwert und erteilte der prätorianischen Wache, die den Kaiser begleitet, sich aber nicht zu Mäsas Gefolge gesellt hatte, einen hastigen Befehl. Die Argyraspiden hieben drein... Sogleich stob das Volk auseinander. Aber dennoch rief es Gordus und Murissimus schmähend zu: »Sacrilegi! Sacrilegi!« Doch allzu sehr waren die von ihrer Trunkenheit benommen. Sie wunderten sich kaum über das Johlen der Menge, glaubten, daß sie falsch gehört hätten und daß das Volk Antoninus zujubele. Einundzwanzigstes Kapitel Im sinkenden Abend, der nach der Gluthitze des Sommertages kühlenden Tau breitete, begannen auf dem Palatin der Palast des Septimius Severus und der flavische Palast hier und dort ganz allmählich in roten, blauen, gelben Lichtern aufzublitzen, die sich wie Girlanden vom nachtdunklen Himmel abhoben, während zwischen den strengen Säulen und unter der gleichmäßigen Rundung der Bogen die duftenden Nebel aus den Gefäßen aufstiegen, rötlich, bläulich, grünlich, violett, um dort, wo nicht einmal der Atem des Windes sich bemerkbar machte, kerzengerade emporzustreben mit ihrem stets dünneren und dünneren Dunst, der sich in der Nacht verlor. Vor dem Palast, unter den Arkaden, über die Area Palatii schwärmte das Volk, dicht zusammengestaut, um zu schauen. Aber auf daß die Paläste unangetastet blieben, reihten sich allenthalben die Wachen der Argyraspiden und Chrysaspiden, die mit ihren silbernen und goldenen Schilden auf wiehernden Rossen die festlich erleuchteten Paläste umschlossen wie mit einem riesengroßen Gürtel, an dem jede einzelne Gemme ein flammenblitzender Schild war. Stimmengewirr stieg aus der Menge auf, Lachen, Spotten, Fluchen. Zischen, Pfeifen, ironischer Jubel erdröhnte und ergoß sich über den Palasthügel. Von dorther begann aus den Gebäuden eine gleichsam rasende Musik zu erschallen und plötzlich, die Musik und das Tosen der Menge übertönend, ein tolles Gebrüll von wilden Tieren. »Hört! Hört! Die Panther, die Tiger, die Löwen! Ob er sie wohl losläßt? Wenn er sie auch losläßt, sie sind zahm, sie beißen nicht... Doch, sie beißen wohl, wenn sie gereizt werden, und laufen ganz frei durch den Palast!« Die Stimmen spotteten, johlten, fluchten; entsetzlich klang das Johlen durch die sternenübersate Nacht, entsetzlich hallte es von den Palästen wider wie das Brausen einer dunkeldrohenden wilden See, vor der die Pferde der Schildträger sich schon aufbäumten, so daß die Unvorsichtigen, die zu nahe kamen, zerstampft wurden. Hinter der Wache der Berittenen führten breite Stufen empor zu den girlandengeschmückten Säulengängen unter den Arkaden, wo schon Hunderte von Gästen umherirrten. Es war noch früh am Abend, zu Beginn des Festes. Rechtzeitig waren die Gäste gekommen, da späterhin der Weg für Sänften und Lecticä zu den Treppen der Haupteingänge nicht mehr frei sein würde. Der Kaiser war noch nicht erschienen. Eine kühle Erwartung hing in den Sälen, in den Säulenhallen und in den ungeheuren Nymphäen. In vier riesengroßen Becken schlossen Krokodile die Augen vor dem blendenden Licht, und dieser ganze ungeheure Raum, der sich von einer Seite des Palatins bis zur anderen hinzog und mit dem größten Teil des Septimius-Severus-Palastes den flavischen Palast bildete, war noch leer, aber schon erleuchtet; Echos hallten und hallten zurück; Nomenklatoren riefen Namen aus; Cubicularii erteilten Befehle; Musikanten stellten sich auf; ein mißgestalteter Narr trippelte allein und verlassen quer durch das Triklinium. Die Gäste kamen langsam, vereinzelt, schleiften kostbare persische Mäntel über das Mosaik; strenge Togen öffneten sich und ließen leichtere Festgewandung erkennen. Die Männer erschienen in kurzer ärmelloser Tunika, hochbeschuht, die Frauen in seitlich geöffneter Stola, in der sie nackt waren oder bekleidet, je nachdem sie die weichen Falten zusammenlegten oder auseinanderfallen ließen. Eine freie Laune belebte die strengeren, einförmigen Sitten von einst, man folgte allen asiatischen Moden, jede Ausschweifung in der Kleidung war erlaubt und zwei Senatorenfrauen, die Seite an Seite lachend daher geschritten kamen, in breiten Miedergürteln aus goldenem Laub und Beinkleidern aus Rosen, mit Tragbändern aus Edelsteinen, die an den Gürteln befestigt waren, das Haar assyrisch getürmt, erregten kaum eine leise Verwunderung, obgleich sie viel eher Dirnen und Tänzerinnen als römischen Matronen glichen. Die kühle Erwartung, die anfangs zwischen den Säulen gehangen hatte, ward schwül, steigerte sich zu einem Fieber, weil Antoninus auf sich warten ließ. Dicht gedrängt standen die Massen der Gäste und schauten nach dem Portikus, durch den er kommen würde, bis plötzlich ein sklavischer Jubel ertönte; bis plötzlich, durchdringend schrill, Tuben erklangen und ein toller Schwärm mißgestalteter Zwerge erschien, die übereinander purzelten, und die prätorianische Wache und die Magier, die Sonnenpriester, die Dirnen, die Sonnenkinder, die Blumen streuten über das schon mit Goldpuder bedeckte Mosaik, und, inmitten seiner Günstlinge, Antoninus, schlank von Wuchs, die enthaarten Glieder ephebengleich, nackt, mit gelocktem Haar, beschuht und geschminkt, nur mit seinen Juwelen aus fabelhaft großen äthiopischen Smaragden angetan. Grün umglitzerten ihn die Steine der Halsschnur, des Gürtels, der Armspangen, die sich breit um Puls und Oberarm legten; grün blitzte auf seinem blonden Haar die Tiara und grüne Funken spielten über seine Finger, über die breiten Schuhriemen, über die Spangen unter seinem Knie. Gleichsam mit all den Smaragden inkrustiert, erschien er wie eine schimmernde Statue aus Elfenbein, schienen unwirklich, märchenhaft seine makellos geformten Glieder und der lange, silberseidene Mantel, der von seiner Halsschnur sich herabsenkte und mit Smaragden auf den Achseln befestigt war, bildete nur den leuchtenden Hintergrund. Den sklavischen Jubel beantwortete er mit lächelndem Gruß. Er schien gealtert. Denn obwohl seine Augen noch wie einst mit jenem verwirrenden Dirnenblick lockten, waren sie verändert, sprach Traurigkeit aus ihnen und Bitternis, die die schmalen Lippen niemals zu äußern schienen. Auch sein Körper verriet nun eine größere Disharmonie, die jedem auffallen mußte, der ihn vor kaum zwei Jahren gesehen hatte, als keinerlei Ausschweifung ihm etwas schien anhaben zu können und er sich des Morgens nach einer Orgie frisch wie eine Blume in den Thermen zeigte. Doch nun, da der Kaiser lächelnd durch die sklavisch jauchzende Menge schritt und mit Kußhänden grüßte, rundete sich sein Antlitz wie einst, wiegte sich sein Körper mit dem ganzen perversen, zweideutigen Zauber von einst, und die Überreife seines Typus – des schon etwas welken Lustknaben – schien verschwunden, aufgelöst in eine, obwohl echt empfundene, doch halb künstlich erscheinende Ausgelassenheit, die ihm die Sehnen spannte und ihn stählte. Umringt von seinen Klienten, starrte Gordianus ihn an und meinte, Antoninus sei bezaubernd, anbetungswürdig wie einst, obwohl die Wangen des Kaisers weniger rund, seine Glieder hagerer und seine Augen oft recht müde waren. Anbetungswürdig sei er geblieben. Und siehe, jetzt begann er ganz unerwartet zu tanzen, betrat, sich um sich selbst drehend, das Triklinium und der silberne Mantel, der ihn umhüllte, rauschte und sein Lachen erscholl heiter, ungezwungen, glücklich, während er lebhaft grüßend Kußhände warf, Namen rief und behend die Stufen zum Sigma emporschritt. Die Harfen erklangen und die Gäste legten sich nieder. »Der Kaiser scheint sehr heiter,« sagte Sertorius zu Ganadasa, der an seiner Seite lag. »O,« sagte der Inder schwärmerisch mit seiner seltsam ekstatischen Stimme, in der etwas wie der Groll der Unzufriedenheit, wie die Ironie der Enttäuschung zitterte, »ihn nur anstarren, nur anstarren dürfen!« »Ist es wahr, daß Hierokles...?« fragte Sertorius. »Der Gemahl des Kaisers fiel in Ungnade,« sprach Ganadasa orakelnd. »Das ist wahrhaftig zu verstehen,« murmelten die Klienten. »Wir haben Seine Ewigkeit in den Thermen gesehen, nackt, ohne ein einziges Juwel... sein Körper war über und über bedeckt mit braunen und blauen Flecken.« »Hierokles hat starke Fäuste, der Verruchte!« sagte der Inder. Aus seiner Stimme klang es wie verhaltene Freude. »Er ist verbannt,« sagte Sertorius. »Hierokles verbannt?« meinte spöttisch der Inder. »Antoninus ist in ihn vernarrt trotz alledem. Nein, er ist nicht verbannt, er ist hier.« »Hier?« fragten die Klienten einstimmig, plötzlich furchtsam geworden, denn sie hatten, erfüllt von einem Haß, den alle teilten, des Kaisers Gemahl geschmäht. »Hierokles ist hier,« sagte der Inder Ganadasa. »Aber er kam nicht in Begleitung des Kaisers.« »Nein, er fiel in Ungnade... Seht nur,« sagte Ganadasa eifersüchtig, »um den Kaiser stehen wie immer Gordus, Protogenes, Murissimus: das sind die Getreuen, weil sie sich körperlich so sehr für des Kaisers Gunst eignen. Aristomachos, Antiochianus sind seine Getreuen, weil in ihren Soldatenherzen nur eine einzige Sehnsucht, eine einzige Liebe lebt: Antoninus... Antoninus, der sich wohl hüten wird, diese Sehnsucht jemals zu stillen.« »Oder doch nur sehr selten...« meinten die Klienten kichernd. »Niemals!« fuhr Ganadasa auf, toll vor Eifersucht. »Niemals!« Haß blitzte aus seinen Augen. Doch er faltete die Hände, stöhnte wie im Schmerz und sprach schwärmerisch: »O, ihn anstarren, ihn nur anstarren dürfen! Antoninus, mein Antoninus, o unerreichbarer Berg des Lichtes, der du stets am Horizont meiner Ekstase wie eine glitzernde Verheißung aufsteigst! Antoninus, mein Antoninus...« Plötzlich begann er zu schluchzen, faltete die Hände und betete; doch drüben auf dem hohen Sigma hatte sich Antoninus, in seinen silbernen Mantel gehüllt, auf die Polster hingestreckt, deren lange Quasten über die Stufen herabhingen. Ein geheimnisvoll weitschweifiger Ritus vollzog sich rings um ihn. Eunuchen hielten ihm ein Dach aus Pfauenfedern über den Kopf, das sie, ihm Kühlung zufächelnd, hin und her bewegten, und Sonnenpriester knieten, einander ablösend, auf den Stufen der Erhöhung, um den Kaiser anzubeten, während er beim Gelage saß; Sonnenkinder schwenkten ihm Weihrauch zu. Er, des Ritus nicht achtend, schien ihn als eine herkömmliche, ganz selbstverständliche Ehrenbezeigung anzusehen, lachte laut auf mit Protogenes und blinzelte gefallsüchtig durch den Saal, aus dem aller Augen ihm entgegenstarrten. »Der Kaiser ist wirklich sehr heiter,« wiederholte Sertorius. »Um Hierokles scheint er nicht zu trauern.« »Oh!« sagte Ganadasa stöhnend, die Hände in schmerzlicher Anbetung gefaltet. »Er trauert, er trauert. Die Mutter der Götter trauerte um Attis, Venus trauerte um Adonis, Antoninus trauert um Hierokles, ob der Ungnade, in die er selbst seinen Gemahl gestürzt hat.« »Der Elende!« flüsterten die Klienten, »er wird den Kaiser noch töten!« »Er peinigt ihn – er prügelt ihn zu Tode!« »Antoninus, weh ihm!« stöhnte Ganadasa. »Und trotz alledem trauert Antoninus um Hierokles...« »Sieh doch, edler Gordianus, sieh!« »Was?« fragte der Patrizier. »Da! Da!... Da kommt Hierokles!« »Ja... da ist er!« Der einstige Wagenlenker war eingetreten, doch keinerlei Gefolge umringte ihn. Er stand da, an eine Säule gelehnt, die mächtigen Arme über der Brust verschränkt. Spöttisch blickten seine Augen aus den halb geschlossenen Lidern und ein spöttisches Lächeln umspielte seine vollen Lippen. So an die Säule gelehnt, blickte er herausfordernd, furchtlos, dreist und überlegen auf Antoninus. Ein Stimmengewirr hatte sich im Triklinium erhoben, als Hierokles eingetreten war, aller Augen richteten sich auf ihn. Doch da war keiner, der ihm entgegenging, kein Cubicularius, der ihm einen Platz anwies. Fremd stand er dort und allein, spöttisch lächelnd wie ein Eindringling, der eigenmächtig blieb, ungeachtet aller Ungnade. Man blickte neugierig auf Antoninus, um zu sehen, ob auf des Kaisers Körper Spuren der Mißhandlungen zu entdecken seien. Doch die spähenden Blicke gewahrten nichts. Die Glieder des Kaisers, geschminkt, gepudert, elfenbeinweiß, zeigten zwischen dem grünen Gefunkel seiner Smaragde keinerlei blaue Male. Harfen ertönten, Tamburine rasselten, Trommeln dröhnten. Die ersten Erfrischungen wurden herumgereicht von tanzenden Mädchen und der Tafeldienst vollzog sich nach dem Rhythmus der Musik. Die Üppigkeit des Banketts setzte die Römer, die doch an vieles gewöhnt waren, in Erstaunen. Über die Tafel, vor der der Kaiser auf goldenem Polster lag, war eine goldene Decke gebreitet, eine Verschwendung, die sich schon Mark Aurel gestattet, die man aber sonst nur selten gesehen hatte; über die Tafeln der vornehmsten Günstlinge hatte man silberne Decken gebreitet. Das Tafelgerät mit seinen verschieden geformten Schalen, Tellern, Gläsern, Krügen, Amphoren, Kühlfässern bestand diesmal aus grünlichem Glas. Bei jedem Bankett wurde ein anderes Gerät benutzt. Als der Kaiser eines Tages in Saphiren erschienen war, war das Gerät blau, als ihn Topase schmückten, war es bernsteingelb gewesen. Zum erstenmal erblickten die Gäste silberne Feuerbecken, auf denen die Speisen warm gehalten wurden und mit obszönen Motiven bedeckte zentnerschwere Silbervasen, in denen der Rosenwein, den man bereits kannte, mit duftigem Harz, Minze und Polei gemischt wurde. Zum erstenmal wurden Haschees aus Fisch gereicht, die in salzigen, grünlichen Brühen schwammen, und Austern, Krabben und Hummern, die man bisher für nicht eßbar gehalten hatte. Diese Speisen nötigten Verwunderung ab, und lächelnd kosteten die Gäste sie und erkundigten sich nach dem Namen derer, die sie erfunden oder zubereitet hatten, denn man wußte, daß ein jeder, der ein neues Gericht erfand oder zubereitete, eine hohe Belohnung erhielt. Auf seinem goldenen Sigma streckte sich Antoninus. Er lachte froh und ausgelassen. Er hatte Hierokles bemerkt, der dort stand, an die Säule gelehnt, mit spöttischem Lächeln, und ungeachtet dieses spöttischen Lächelns war Antoninus glücklich, daß Hierokles den Mut gehabt hatte, zu erscheinen; insgeheim bewunderte er ihn um seines Mutes willen. Er liebte Hierokles noch immer, er wußte, daß er ihn immer lieben würde, er wußte, daß er Hierokles niemals würde von sich stoßen können. Jetzt stellte er sich so, als sähe er seinen Gemahl nicht, doch jedes Lächeln, jede Gebärde war Gefallsucht, dazu bestimmt, ihn zu ermutiger, noch mehr zu wagen, vielleicht gar ruhigen Schrittes das erhabene Sigma zu betreten. Doch Hierokles blieb ruhig stehen, spöttisch lächelnd... Jetzt taten auch die Gäste so, als sähen sie ihn nicht. Dichter Dunst erfüllte das ungeheure Triklinium, Dunst von Wein, Lampen, Essenzen, menschlichem Atem; und von den höheren Estraden des Saales schien die Musik durch die Wolken hindurch zu tönen wie aus olympischen Sphären. In diesem beginnenden Festgelage war, da die groben Lüste noch schlummerten, Grazie, und eine köstliche Frische machte sich bemerkbar, als zehn numidische Sklaven auf ihren Köpfen in großen Schalen Berge von Schnee herbeischleppten und sie auf die Tafeln setzten, wo sie langsam zerschmolzen. Unten auf den ersten Stufen, die zu dem erhöhten Sigma führten, hockten die mißgestalteten Narren und Zwerge und blickten, mit dem Kopf wackelnd, zu Antoninus auf, der ihnen der Reihe nach eine Auster in den geöffneten Mund warf. So sicher zielte der Kaiser, daß er nicht ein einziges Mal fehlschoß; die Narren verschlangen die Auster und strichen sich dann über den Magen mit possierlicher Gebärde. Das steigerte des Antoninus Heiterkeit, die war wie die eines Kindes. Denn er konnte lachen über ein Nichts und sich freuen und ausgelassen glücklich sein. Trompetenschall kündete das Nahen der erhabenen Frauen Semiamira und Severa. Vorangetragen ward ihnen das Feuer. Sie kamen zugleich, ohne Betonung eines Vorranges, und nahmen Platz zu Füßen des kaiserlichen Sigmas auf massiv goldenen Schemeln. Semiamira liebte diese Feste; Severa blieb kalt wie Marmor. Man erzählte sich, daß sie noch Jungfrau sei, daß der Kaiser sie verstoßen, doch die Flamme und das Palladium in der Larenkapelle des Palastes verwahrt habe. Wiederum erklangen schrill die Tuben und die alte Mäsa nahm mit leutseligem Lächeln für einen Augenblick Platz an der Tafel des Kaisers, froh, daß ihrem Liebling Antoninus die Zeit nicht allzu lang ward und daß er sich entschlossen hatte, ein großes Gelage zu veranstalten. Über die Pyramidenstufen des Sigmas tanzend, bedienten die Dirnen den Kaiser unter unablässiger Anbetung und dem Weihrauchschwenken der Sonnenkinder und Sonnenpriester. Auch die Magier waren eingetreten; tiefernst stellten sie sich zwischen den Priestern rings um die Sigmastufen auf, ließen die Hymnen ertönen und beteten. Tief und eintönig durchdröhnte ihre schwere Litanei den stets höher steigenden Festesjubel... Hoch oben auf dem Sigma achtete Antoninus dieses ganzen Ehrendienstes kaum. Sehr wählerisch geworden, kostete er kleine Bissen von Kameelfersen, von Kämmen, die man lebenden Hähnen ausgerissen hatte, und Zungen von Flamingos und Nachtigallen, die gegen die fallende Krankheit schützen sollten: eine Unmenge kleiner Schalen aus Gold und grünem Glas wurden ihm dargereicht und er kostete, den kleinen Finger zierlich emporstreckend, kleine Bissen, um darauf seine Finger am Haar der Sonnenkinder abzuwischen, die vor ihm knieten. Er war bei diesen Tafelgenüssen so sinnlich geworden, daß sie ihn beinahe ernsthaft stimmten. Mit seinen Günstlingen besprach er die Vorzüge dieser Gerichte, als plötzlich ein Gebrüll ertönte. Es entstand ein Aufruhr. Denn obwohl man wußte, daß sie zahm waren, fürchteten die Gäste doch die Löwen, Tiger und Panther, die an rosengeschmückten Messingketten von den Beluarii hereingeführt wurden, fürchteten sie den Schlag einer Pranke oder den Biß eines Maules. Antoninus klatschte in die Hände. Vor seinem Sigma führten die Bestien ihre Künste aus. Sie wurden belohnt mit einem Pfau oder einem Flamingo. An der Tafel des Gordianus wunderten sich die Parasiten über die seltsamen Gerichte, die die tanzenden Mädchen ihnen reichten. Da gab es Ferkelzitzen, die anfangs sehr merkwürdig schmeckten, doch köstlich, nachdem man sich an sie gewöhnt hatte. Aber da waren auch Erbsen, unter denen Goldkörner versteckt lagen; und die Parasiten suchten danach mit gierigen Fingern, um sie dann in einem Zipfel ihres Gewandes zu verbergen. Da gab es Linsen mit Edelsteinen durchmengt und Reis, in dem sich Perlen fanden; lächelnd blickte Gordianus herab auf seine Klienten, deren Finger gierig nach den Perlen und Juwelen suchten. Fisch und Trüffeln waren statt mit weißem Pfeffer mit gestampften Perlen bestreut. Das erschien den Klienten seltsam. Niemand hatte so recht den Mut, sich die Speisen schmecken zu lassen, aber um so öfter füllten die tanzenden Mädchen die Amphoren, denn allgemein mundete der Rosenwein. Ein Scherz, den schon des Antoninus Onkel Geta liebte, bestand darin, daß eine Reihe von Gerichten auf die Tafel kam, deren Namen alle mit dem gleichen Buchstaben begannen, so daß diesmal Piscis, Perna, Porcellus, Pullus, Perdix, Pavus, Pastete, Schweinefleisch, Huhn, Rebhuhn, Pfauenbraten, herumgereicht wurden. Doch allen diesen Gerichten mißtraute man: der Fisch glitzerte stellenweise wie von zerriebenem Glas; die Pastete bestand aus bemaltem Holz, das Rebhuhn verbarg unter seinen Federn eine Fledermaus, die wohl plötzlich auffliegen konnte; der Pfauenbraten indessen war von einer solchen Üppigkeit, daß alle lüstern nach den ungeheuren Schüsseln ausschauten, auf denen vier Pfauen lagen, mit fächerförmig ausgebreiteten Schweifen, mit Augen aus Edelsteinen und Kronen aus Juwelen und garniert mit Papagei- und Flamingohirnen, mit Drosselköpfen und Kiebitzeiern. Also endlich gab es etwas zu essen, das köstlich mundete – sofern man die Schüsseln nicht vorübertrug und vor den erstaunten Gästen nur ein Gedeck ausbreitete, in das der Pfauenbraten in grellen Farben kunstvoll eingestickt war. Um die Aufmerksamkeit des Hierokles auf sich zu lenken, steigerte Antoninus seine Heiterkeit mehr und mehr. Während er die Arme um den Nacken des Protogenes schlang, den er an diesem Tage sehr begünstigte, gewahrten seine umherirrenden Augen alles, was rings um ihn vorging, und er rief seinen Günstlingen zu: »Sieh, Gordus, sieh doch nur, und du, Murissimus, sieh dort jene Tafel, an der sechs langweilige Senatoren liegen! Sie glauben, einen Pfauen braten zu bekommen, und die Mädchen haben nur ein Gedeck vor ihnen ausgebreitet, in das das Gericht eingestickt ist. Seht Gordianus, umgeben von dem Schwarm seiner Klienten! Seht nur, wie sie gierig in den Erbsen wühlen und im Reis und in den Linsen, um Gold, Juwelen und Perlen zu erhaschen! Wenn sie unter zehn falschen Perlen eine echte finden, so können sie sich freuen! He, Gordianus!« rief er, »heda!« »Eure Ewigkeit befiehlt?« fragte Gordianus, sich erhebend. »Wenn sie unter zehn falschen Perlen eine echte finden, können sie sich freuen, vielleicht auch nur eine unter zwölf oder fünfzehn, Aber eine kostbare Perle findet sich im Reis, ich selbst habe sie hineingemengt. Laß sie suchen, Gordianus! Ich trinke auf deine Mäßigkeit. Wie mundet dir mein Rosenwein? Wie mein Mastixgetränk ? Weißt du, Aristomachos, daß mein tugendhafter Vetter Alexianus ganz vernarrt ist in Mastix- und Rosenwein? Trunken hat er ihn gemacht zur Verzweiflung seiner ehrwürdigen Erzieher! Narren, tanzt mit den Löwen! Schnell, Narren, schnell, reitet auf den Löwen wie Kupido. Fürchtet euch nicht, meine Gäste, sie beißen nicht. Gebt ihnen einen Drosselkopf, sie fressen aus der Hand. Laßt ein Bad von Düften herabsprühen! Und mehr Musik! Mehr Musik!« »Laßt ein Bad von Düften herabsprühen!« wiederholten befehlend die Cubicularii. Plötzlich ergoß sich aus der ungeheuren Wölbung des Trikliniums, wie aus riesengroßen Zerstäubern, ein Sprühregen von Düften in irisierenden Fontänen. Der Duft ergoß sich über die Gäste und regnete auch auf das hohe Sigma des Kaisers. Im Saal war es, als regne es minutenlang, und allmählich ward es ein feiner Sturzregen, zu viel, zu reichlich – denn es bildeten sich Lachen auf dem Mosaikboden und ungenießbar wurde der Wein, ungenießbar wurden die Pfauengerichte und die Kissen der Sigmas wurden durchtränkt und die Atmosphäre so durchschwängert, daß den Anwesenden der Atem verging. Jetzt flehten Stimmen, halb lachend, doch im Grunde ernst, den Antoninus an: »Antoninus, ewiger Antoninus, laß uns nicht in den Düften ersticken. Genug, genug, Antoninus!« »Genug, genug, Eure Ewigkeit!« riefen die Günstlinge flehend. Doch Antoninus lachte laut auf. Über ihm fielen die Essenzen gleich Sturzbächen herab. »Genug, genug!« rief Semiamira verstimmt, »mein Haar ist naß, mein ganzer Körper trieft!« »Heiße Küsse werden ihn dir trocknen, Mutter!« rief Antoninus. Er gab ein Zeichen: der Regen ließ nach. Die Gäste atmeten auf. Einige der Lampen waren erloschen, man entzündete sie von neuem. Als sei nichts geschehen, klangen schwer und unaufhaltsam die Litaneien der Magier, die anbetend vor Antoninus knieten. Der Anblick seiner von Essenzen triefenden Gäste erheiterte ihn derart, daß er sich laut lachend auf seinem Sigma wälzte. Da seine Juwelen ihm lästig wurden, begann er sie abzulegen, reichte sie Narr, der zu seinen Füßen kauerte, und er schien in der Trunkenheit, die seine Sinne zu umnebeln begann, nicht mehr dessen zu achten, daß die blauen Male, die Spuren von Hierokles Mißhandlung, nun sichtbar wurden. Unterhalb seiner Schulter zeigte sich ein breiter roter Striemen, den die Halsschnur bisher verborgen hatte; an seinen Armen, an seiner Hüfte zeigten sich dunkle Male. Narr bat ihn flüsternd, die Juwelen nicht abzulegen, auf daß die Schmach nicht sichtbar werde. Doch Antoninus schien ihn nicht mehr zu hören. Als der Kaiser die Juwelen abzulegen begann, erhoben sich die Gäste, um seinen Körper zu sehen: einer zeigte dem andern die Male. Auch Semiamira war ungehalten, so sehr sogar, daß sie ihrer Würde vergaß und nicht mehr saß, so wie es den Frauen geziemte, sondern sich plötzlich zwischen eine Gruppe junger Zenturionen warf, deren begehrliche Hände sich nach der Serenissima ausstreckten ... Mit Severa war die alte Mäsa verschwunden, lächelnd und froh, daß Antoninus sich seines Lebens freute und nicht mehr, wie während einer geraumen Zeit, im Turm der Gemmen sich einschloß, wo er Gifte, Dolche und seidene Stränge sammelte: das Arsenal für seinen einstigen Selbstmord, wie er zu sagen pflegte. Doch als Aristomachos die Spuren der Mißhandlungen auf dem Körper des Kindes gewahrte, das er anbetete, fühlte er, wie eine blutrote Raserei in seinem derben Soldatenkopf aufstieg. Sich erhebend rief er aus: »Antoninus! Antoninus! Wer hat es gewagt, deinen Körper zu entweihen?« »Wer? Was?« antwortete Antoninus lallend; sein Blick war verschwommen, seine Zunge lispelte. »Wer? Was? Entweihen? Ich bin die Sonne, mich kann nichts entweihen. Ich gebe mich allen ...« »Antoninus!« wiederholte Aristomachos brüllend: »Sage mir, wer es getan hat ...« »Natürlich Hierokles,« sagten die Günstlinge, eifersüchtig und verbittert. »Wer außer ihm würde es wagen, Hand an den Kaiser zu legen, nicht in liebender Anbetung, sondern im Zorn, wie zur Mißhandlung eines Sklaven?« Aristomachos raste wie ein Trunkener. »Ich will es aus seinem eigenen Munde hören!« schrie er und stieß die Günstlinge zur Seite. »Sprich, sprich, Antoninus, hat Hierokles es gewagt, dich zu entweihen?« Der Knabe gewahrte, ernüchtert, die gefährliche Trunkenheit des eifersüchtigen Tribunen. Er ergriff seine Hand. »Ich habe mit Hierokles gerungen ...« sagte er beschwichtigend, »und er hat mich natürlich besiegt ... und ich habe mich verletzt ...« Wie ein Stier schnaubte der Tribun. Er befreite sich aus dem Griff des Knaben, der ihn zu beschwichtigen versuchte. Hochrot war er vor Wut, seine trunkenen Augen traten aus den Höhlen. Fluchend warf er eine Tafel um – Amphoren und Schalen rollten klirrend über das Sigma –, und rannte dann, schwerfällig und zugleich behend, die Stufen hinab ... »Aristomachos!« rief Antoninus, plötzlich ganz ernüchtert. »Was willst du tun?« Doch der Tribun hörte ihn nicht mehr. Fluchend eilte er weiter und weiter, brach sich Bahn durch die unerschütterliche Anbetung der Magier und Sonnenpriester. Er strauchelte an einer Tafel, an der Semiamira lag inmitten ihrer jungen Liebhaber, und zwischen den aufblickenden Gästen und den unablässig tanzenden und dienenden Dirnen näherte er sich, von Raserei geblendet, Hierokles, der noch immer an die Säule gelehnt dastand, spöttisch lächelnd, die Arme verschränkt. »Aristomachos!« rief Antoninus von seinem Sigma herab. Der Tribun hörte ihn nicht mehr. Er stand Hierokles gegenüber, die Fäuste geballt, und dem verstoßenen Gemahl des Kaisers schleuderte er die Worte ins Gesicht: »Was tust du hier?« »Was tust du hier?« gab Hierokles hochmütig zurück. »Ich bin Gast des Kaisers, ich liege an seiner Tafel.« »Und ich stehe aufrecht, an eine Säule gelehnt, und schaue ihn an.« »Geh!« »Niemals.« »Der Kaiser hat dich aus seinen Augen verbannt!« »Er wird mich in seine Arme zurückrufen.« »Wenn du dich nicht sofort davon machst, morde ich dich, würge ich dich mit meinen Fäusten!« »Das möchte ich sehen.« Mit geballten Fäusten stürzten die beiden Männer aufeinander los, packten sich wie Ringkämpfer, wälzten sich übereinander auf dem Mosaikboden. Die Gäste schrieen: »Mord! Mord!« Arme wurden emporgestreckt, eine rasende Neugier wurde wach, wer von diesen beiden eifersüchtigen Liebhabern des Kaisers Sieger bleiben würde. Der Kampf war ein Schauspiel, unerwartet und ganz elementar, und übte daher einen besonderen Reiz aus. Atemlos schaute Gordianus zu. Die beiden Männer, groß, stark, von kräftigem Gliederbau, der Lenker schlanker, der Tribun robuster, packten sich gegenseitig am Kinn, um die Schultern, rollten übereinander, rissen sich die Gewänder vom Leib, keuchten, schnaubten, schlugen sich mit unerbittlichen Fäusten. Jetzt lag Hierokles unten, doch er befreite sich aus des Aristomachos Griff, überwältigte den Tribunen mit seiner größeren Kraft und seinem schwereren Gewicht, schlug hämmernd auf seinen Kopf, dann wand sich Aristomachos zwischen des Hierokles Beinen hindurch und umklammerte diesen. Sie rangen und rangen, schienen aneinander geschmiedet, ließen sich dann wieder los, rasend, von Haß geblendet. Des Aristomachos Fäuste schlugen ins Leere: Plötzlich erhoben sich beide mit einem Ruck, blieben atemlos stehen, halb kauernd, stets auf der Hut, die Hände vorgestreckt, wie Ringkämpfer, um einander von neuem anzugreifen. Die Menge verwünschte Hierokles, jauchzte Aristomachos zu. Rufe erschallten: »Töte ihn, Aristomachos! Töte den Elenden, den Frevler, der es gewagt hat, in seinem Zorn Antoninus zu berühren! Weg mit dem Karier! Weg mit dem Wagenlenker!« Doch plötzlich ertönt von dem hoch gelegenen kaiserlichen Sigma ein schriller Schrei. Antoninus sieht, wie Aristomachos seine Fäuste um die Kehle des Hierokles schraubt und ruft in tödlicher Angst: »Aristomachos, laß ab! Laß Hierokles los oder ich werfe dich den Löwen vor! Ich will nicht, daß du Hierokles tötest. Wenn du ihm nur ein Haar krümmst, verbanne ich dich aus meinen Augen, aus meinem Herzen, aus meiner Liebe! Laß ihn los, Aristomachos!« Des Antoninus Stimme schrillte schmerzlich, gebieterisch, flehend durch den Dunst des Saales. Der Knabe hatte sich erhoben, nur noch mit der Mitra bekleidet, und seine veilchendunklen Augen traten aus den Höhlen. Seine Züge waren verzerrt, seine zitternden Hände irrten ohnmächtig über die gestürzte Tafel, als wolle er Aristomachos von ferne zurückhalten. Aristomachos ließ Hierokles los. Beiden strömte das Blut aus Nase und Augen. Noch standen die Männer einander gegenüber, haßerfüllt; ihre Waden waren gestrafft, die Hände hielten sie vorgestreckt. Doch Antiochianus, Gordus und Protogenes waren von der Estrade herabgeeilt, umringten Aristomachos, führten ihn nach dem Vomitarium, damit er sich dort an den Waschbecken säubere. Fluchend ließ er sich mitschleppen. Hierokles blieb und lächelte spöttisch. Er fuhr sich mit dem Zipfel seines Mantels über das Gesicht und stand mit verschränkten Armen ruhig da, an die Säule gelehnt. Ja, er wagte es sogar, einem Mädchen zuzubrüllen: »Bring Wein und Schnee, damit ich mich reinigen kann!« Das Mädchen hatte nicht den Mut, zu widersprechen. Es war Hierokles sogar behülflich und bot ihm einen Becher Wein, den er langsam leerte. Dann schleuderte er ihn in die Mitte des Saales gegen das Sigma. Als sei nichts geschehen, so stand Hierokles da, hochmütig, in seinen besudelten Mantel gehüllt. Auch die Gäste taten so, als sei nichts vorgefallen. Harfenmusik schwebte vom oberen Umgang herab; die Zwerge ritten zwischen den Tafeln hindurch auf Löwen und Tigern. Hoch oben auf seinem Sigma war Antoninus ernüchtert in die Polster zurückgesunken, während Sklaven die Ordnung wiederherstellten und auf Schalen aus Murra Schnee zur Kühlung vor den Kaiser stellten. Antiochianus und Protogenes waren zurückgekehrt. »Ich glaubte,« sagte Antoninus keuchend, während Narr ihn mit Schnee kühlte, »ich glaubte, Aristomachos werde den Hierokles töten.« »Und wenn er ihn getötet hätte?« fragte Murissimus. »O nicht doch ... nicht. ..« »Wenn er ihn getötet hätte?« riefen fragend die anderen, die den Kaiser umringten. »Er ist verbannt, und wagt es dennoch, das Triklinium zu betreten!« »Dir, Antoninus, vor die Augen zu kommen!« »Spöttisch zu dir herüberzublicken, zu dir, Antoninus!« »Heiß ihn gehen.« »Prätorianer sollen ihn hinaustreiben!« »Laß ihn den Löwen vorwerfen!« »Wir hassen ihn alle!« »Alle! Wir hassen deinen Gemahl, Antoninus, weil du ihn uns vorziehst. Wir hassen ihn, deine Mutter haßt ihn, deine ehrwürdige Großmutter haßt ihn!« »Das Heer haßt Hierokles.« »Weil das Heer, Antoninus, dich anbetet und deine allzu große Nachgiebigkeit nicht dulden kann !« »Er hat es gewagt, dich zu züchtigen wie einen Sklaven!« »Dich, dich, Antoninus, der du uns teuer und heilig bist. Von ihm duldest du, was du nicht einmal von deinem Vater, dem Bassianus Caracalla, dulden würdest, so er noch lebte!« »Ich fürchtete ...« antwortete noch keuchend Antoninus, »ich meinte ... Aristomachos würde Hierokles töten. Heilige Sonne, wenn Aristomachos ihn getötet hätte! Ich hätte ihn ... ich hätte ihn ... ich weiß nicht, was ich ihm hätte antun lassen! Musik! Musik! Mehr Musik! Mein Hierokles, wo ist er? Noch steht er da. Er ist mutig und tapfer, ich bete ihn an. Hinweg von mir, ihr alle ...! Keinen von euch liebe ich so, wie ich Hierokles liebe! Hierokles, der mir Gemahl ist und Stufe zu meiner Vervollkommnung!« Sehnsüchtig hatte Antoninus die Arme ausgebreitet, doch so dicht umringten ihn die Günstlinge, daß seine Bewegungen unbemerkt blieben, sowie seine schmachtenden Rufe ungehört verhallten, übertönt von den Klängen des rauschenden Festes. Die Günstlinge um den Kaiser riefen wirr und erbost durcheinander: »Was, Antoninus, er vergreift sich an dir, und du rufst ihn zurück? Nein, das dulden wir nicht! Wir dulden ihn nicht länger in unserer Mitte. Wir alle wollen dir Gemahl sein, ihn aber dulden wir nicht länger ...« »Ihr duldet ihn nicht?« rief Antoninus höhnisch. Schrill lachte er auf. »Seid ihr Heliogabal oder bin ich Gott und Kaiser? Sklaven seid ihr! Hinweg von mir! Bist du mir getreu, Antiochianus? Und du, Aristomachos? Du, der du den Hierokles beinahe gemordet hättest? So zwingt denn diese Sklaven, diese Elenden, Protogenes, Gordus, Murissimus, daß sie sofort auf die untersten Stufen hinabsteigen und dort bleiben, bis meine Gnade sie – vielleicht – wieder emporruft zu meiner Erhabenheit. Komm, Hierokles, komm, ich bin dein!« Die Rufe des Kaisers hallten durch den rötlichen Dunst, der das ungeheure Triklinium erfüllte wie der Ruf eines Gottes aus einer Wolke. Unbeirrbar ertönte die Anbetung der Magier und inmitten dieser Anbetung richtete sich der Knabe hoch auf, nackt, die Mitra auf dem blonden Haupt, die Arme nach dem Wagenlenker ausstreckend, in einem Paroxysmus von Hysterie und Sehnsucht. Die drei Günstlinge hatte er von sich gestoßen und Gordus und Protogenes sahen wohl ein, daß ihnen in diesem Augenblick nichts anderes zu tun blieb, als sich zu fügen. Antiochianus selber trat Hierokles versöhnlich entgegen und reichte ihm die Hand, um ihn zu Antoninus zu geleiten. Die Gäste begannen, zu Tausenden und aber Tausenden zusammengestaut, plötzlich wie trunken Hierokles zuzujubeln. Es war wie eine große Raserei der Freude. Die ganze sklavische Vergötterung des übermächtigen Günstlings brandete donnernd auf und alle Schranken fielen. Nur die Magier beteten an, unbeirrbar... Der Kaiser hatte Hierokles in seine Arme geschlossen und lag nun schluchzend an seiner Brust, während Hierokles ihn versöhnlich auf Mund und Augen küßte, ihm die Wangen streichelte, ihn auf seinen Schoß niedersitzen hieß und ihm zärtlich zusprach. Dann, als die Wärme seiner Liebkosungen Antoninus zu beruhigen begann, befahl er den Dirnen, daß sie ein unbekanntes Fischgericht auftrügen, Hydogarum genannt, und Hirne von fünfzig Straußvögeln in der Form weniger kleiner Pasteten. Antoninus selbst neigte die mit Rosenwein gefüllte Amphora über des Hierokles Trinkschale. Er hatte Narr befohlen, daß er ihm einen Spiegel vorhalte, und während Hierokles aß, schminkte er sich, ordnete sein Haar unter der Mitra, legte seine Smaragde wieder an, befahl, daß man ihm einen anderen Mantel, einen seegrünen, mit goldenen Palmen bestickten, an der Halsschnur befestige und saß dann ruhig gegen Hierokles gelehnt, der Antoninus umschlungen haltend, aß und trank, der Gäste spottend.   Im Triklinium fieberte die Trunkenheit der Gäste wilder und wilder. Vielleicht war Gordianus der einzige, der nicht berauscht war. Für ihn war das Fest eine Augenweide und rauh stieß er Ganadasa, der dem Kaiser Kußhände zuwarf, von sich. Ruhig und beschaulich blickte Gordianus sich rings um. Er hatte dem Kampf des Tribunen mit dem Lenker zugeschaut wie in einer Arena, hatte gehört, wie der Kaiser seine Liebe klagte und Hierokles leidenschaftlich zurückrief. Gordianus meinte, daß Rom nie, niemals das gesehen habe, was es jetzt sah. Nicht unter Nero, nicht unter Tiberius, nicht unter Caligula, nicht unter Commodus. Welchem Ziel wälzte sich die Zeit entgegen? Der Philosoph, der trotz seinem lachenden Epikureertum den Dingen auf den Grund zu gehen versuchte, schauderte plötzlich: ob es nicht gut sei, alles was gewesen war, und alles, was war? Durchaus gut und der Vervollkommnung dienend? War das, was vorausgegangen war, nicht Vorspiel gewesen für des Antoninus Kommen? Würde Antoninus nicht Mann-Jungfrau sein, Mittler zwischen Licht und Welt? Wie göttlich übermütig war das Kind, anbetungswürdig menschlich in seiner unbewußt schamlosen Liebe zu dem Geliebten! Es war wie eine Offenbarung. So hatten stets die Unsterblichen Sterbliche geliebt, scheinbar durch Leidenschaft besiegt, doch durch ihre Leidenschaft zugleich selbst dem Endziel der Welt nähergeführt. Vielleicht war das alles gut ... Die liebenswerte Unbewußtheit des göttlichen Knaben, der, vom Festesrauschen umwogt, seinen Geliebten umarmte auf erhabenem Thron, wie ein asiatischer Gott inmitten zarter Wolken, und die Orgie, die, diesem Vorbild folgend, wilder und wilder fieberte; die Matronen, die sich, mit Hüllen aus Rosen angetan, in lesbischem Taumel umarmten, die Mutter des Kaisers, Augusta Semiamira, vor Seligkeit erschauernd inmitten junger Zenturionen. Vielleicht war das alles gut. Glücklich sie, die ihre Sinne dem Rausch hingeben und sich von den Fesseln der Erde befreien konnten. Er sah sich um, beobachtete, genoß auf seine Art. Antoninus erschien ihm so verführerisch, so ausschweifend, wie nur ein Gott es sein kann.   Pötzlich aus seinen Gedanken gerissen, ward Gordianus unter den schon trunkenen Gästen einer Erregung gewahr. Der Kaiser, an des Hierokles Seite sitzend, erteilte Befehle. Die Günstlinge durften sich wieder nähern. Eunuchen trugen mit Muscheln gefüllte Schalen die Lager der Gäste entlang und jeder Gast nahm eine Muschel, auf der eine Nummer des Glückspiels vermerkt war, das inzwischen begonnen hatte. Begehrlichkeit grinste aus den trunkenen Fratzen, über die die gelockerten Rosenkränze herabhingen. »Rufus Claudius!« riefen die Nomenklaturen aus, »Rufus Claudius!« »Der Präfekt der Vorratskammern!« »Welche Nummer zieht der berühmte Rufus Claudius?« Der also Genannte war ein Barbier, ein gedrungener, untersetzter Mann, den des Kaisers jähe Laune zu einer der höchsten Würden erhoben hatte: ein Barbier, der dem Kaiser den ersten Bartwuchs entfernte und ihm die Glieder zu enthaaren verstand wie keine der Ankleiderinnen. »Rufus Claudius!« »Welche Nummer?« riefen die Nomenklatoren. »Dreitausendfünfundvierzig!« ertönte donnernd der trunkene Baß des Rufus Claudius durch das Triklinium und er reichte seine Muschel einem Verifikator. »Dreitausendfünfundvierzig!« wiederholte der Verifikator und die Nomenklatoren verkündeten: »Zehn Pfund Gold für den berühmten Rufus Claudius...« »Und ein Viergespann von kappadokischen Stuten mit goldenem Zaumzeug...« »Und einen syrischen Mantel aus doppelter Seide...« »Und...« Ein Jubel erhob sich. Was Rufus Claudius außerdem noch gewann, war nicht mehr vernehmlich, doch man brachte ihm die zehn Pfund Gold auf Schalen; Sklaven führten das Viergespann der Stuten durch das Triklinium zwischen den Lagern und Tafeln hindurch; der seidene Mantel wurde dem Barbierpräfekten umgehangen; die anderen Geschenke stellte man rings um ihn auf. »Das alles bekommt ein einziger,« murmelten eifersüchtig Sertorius und die Klienten, »weil er zur Bedienung der weiblichen Sonne als Mann recht geeignet zu sein scheint.« Lachend flüsterten sie einander laszive Anspielungen auf den Präfekten der Vorratskammern zu. Doch die Nomenklaturen riefen weiter: »Matthias, Vir Clarissimus, Senator!« »Der einstige Bordellwirt aus Emesa!« murmelten die Klienten, die Gordianus umringten. »Er, der mit Ganadasa...« »Antoninus zum Thron geführt hat...« »Mit dem Ägypter Horus...« »Dem Parther Xibaran und einem Juden...« »Die allesamt verschwunden sind...« »Ihre Dienste brauchte Mäsa nicht länger...« »Doch Matthias und Ganadasa wußten sich in ihren Stellungen zu behaupten. Ganadasa, höre! Der Name deines Genossen Matthias wird ausgerufen.« »Sicherlich fallen ihm prächtige Geschenke zu!« »...Matthias, Vir Clarissimus!« brüllten die Nomenklatoren, »welche Nummer?« »Fünfhundertdrei!« schrie der einstige Bordellwirt, von der Laticlavia der Senatoren purpurn umhüllt; er warf seine Muschel dem Verifikator zu. »Für den Senator, den Vir Clarissimus Matthias zehn tote Maulesel ...« Eine johlende Freude raste durch das Triklinium. Man hörte rufen: »Was, was gewinnt der Vir Clarissimus Matthias?« »Und außerdem zehn Pfund unverfälschtes Blei ...« Ein Händeklatschen, ein Johlen, ein Schreien, ein Brüllen, ein Schwenken von Händen und Armen und Tüchern. »Und außerdem die herrliche Dirne Domitia, eine Schönheit von achtzig Wintern ...« Eine wiehernde Schadenfreude brach sich Bahn, während die zehn toten Maulesel, mit den steifen Pfoten aneinander gebunden und an Stöcken von Sklaven geschleift, feierlich angebracht wurden, quer durch das rasende Gejohle der von ihren Sigmata herunter rollenden Gäste. Rings um den fluchenden Matthias wurden die Kadaver in weitem Kreise hingelegt. Seine Tafelgenossen entwichen. Er selbst, rot vor Zorn, wollte es hindern. Doch schon wurden ihm auf Schalen die zehn Pfund reinen Bleis dargeboten, und als die Dirne Domitia, die Bordellhalterin, rosenumkränzt auf einer Sänfte emporgehoben ward, dann gestützt von Eunuchen grinsend herabstieg und die Hände ironisch verliebt dem Matthias entgegenstreckte, sahen sie alle, wie Antoninus lachte, lachte, lachte, inmitten seiner toll ausgelassenen Günstlinge, die, selbst mit Hierokles ausgesöhnt, die Lotterie nach dem Willen des jungen Kaisers lenkten. Und nun riefen die Nomenklatoren: »Ganadasa!« »Der Inder!« »Der berühmte Gymnosophist vom Ganges!« »Der auf seinen Nabel starrt ...« »Der sich sieben Monate lang von einem einzigen Reiskorn genährt hat ...« »Dessen Antlitz, wie eine Sonnenblume, sich dorthin wendet, wo die Glorie Heliogabals erstrahlt ...« »Ganadasa, der Inder, welche Nummer?« »Zweitausendsiebenhundertachtundfünfzig!« ertönte schrillfragend die scharfe Stimme des Inders voll banger Erwartung und bebender Hoffnung. »Eine Schüssel voll lebender Frösche ...« »Und ein Gefäß mit Skorpionen gefüllt ...« »Und ein Korb mit heiligen Schlangen aus dem Lande der Marser ...« Ganadasa stieß einen Schrei aus, nicht nur vor Enttäuschung, sondern auch vor Angst, Abscheu und Verzweiflung. Im nächsten Augenblick schon wurden Schüssel, Korb und Gefäß vor ihn hingestellt. Die Frösche sprangen heraus, aus dem Gefäß krabbelten die Skorpione, aus dem Korbe schossen die heiligen Schlangen über den Tisch, über das Sigma, über die Schultern und den Schoß des Ganadasa. Fluchend versuchte er zu entfliehen, riß sich den Mantel vom Leibe. Seine Angst- und Verzweiflungsschreie übertönten das Johlen der Gäste. Ja, er wagte es sogar, die Faust zu ballen gegen Antoninus. Der aber lachte. Ganadasas Tafelgenossen versuchten, aufgeschreckt, die Frösche, Skorpione und Schlangen totzutreten; sogar der gemessene Gordianus, der in unmittelbarer Nähe saß, mußte sich hastig erheben und einen Skorpion zertreten, weil seine Klienten ihm nicht rasch genug beistanden. Doch sein eigener Name wurde gerufen. »Der edle Gordianus Antonius ...« »Quaestor Procurator Aerarii Majoris, welche Nummer?« »Zwei!« rief Gordianus ruhig lächelnd, indem er dem Verifikator seine Muschel zuwarf. »Dem sehr edlen Gordianus Antonius,« fuhren die Nomenklatoren fort, »dem Freunde schöner Frauen die schönste Jungfrau, die das Schicksal barg ...« »Sie dem Gordianus zu bewahren .. .« »Außerdem vier Eunuchen, die ihre Tugend bewachen sollen.« »Auf daß Gordianus sicher sei, daß er allein sie pflücke.« Gordianus lächelte überrascht; da nahten auch schon vier Eunuchen und Sklaven, kostbar gekleidet, und geleiteten in ihrer Mitte, während die Gäste Rufe der Bewunderung ausstießen und mit Tüchern und Mantelzipfeln schwenkten, ein sehr junges Mädchen, eine Georgierin, deren Glieder so weiß und makellos waren wie der leuchtendste Marmor; verlegen trat sie näher, jugendlich schüchtern; rabenschwarz war das hochgetürmte Haar, von bläulichem Schimmer überblaut, an den Schläfen von einem juwelengeschmückten Band gehalten. Ihr Körper war von einem dünnen Silbernetz kaum verhüllt. Schüchtern, trippelnden Schrittes, näherte sie sich Gordianus, der sie überrascht empfing und sie an seiner Seite niedersitzen hieß, während er ausrief: »Ewiger Heliogabal, danke in meinem Namen dem gnadenreichen Schicksal für das herrlichste Tafelgeschenk, das mir jemals zuteil ward!« Der Kaiser winkte ihm zu. Und schon wurden andere Namen ausgerufen, in rascher Folge ... Gordus, Protogenes, Murissimus hatten den Kaiser mit Antiochianus, Hierokles und dessen Blutsfeind Aristomachos – für den Augenblick versöhnt – die Lotterie weiter leiten lassen; sie selbst waren herabgeschritten, hatten sich dem Sigma der Serenissima genähert, hatten Semiamira, die noch inmitten der jungen Centurionen lag, gewichtig zugewinkt; und die Kaiserin-Mutter folgte den drei Günstlingen hinter die Säulen des Peristyls, und sie flüsterten wie bei einer Verschwörung: »Augusta, Augusta, was kann man tun? Hierokles ist wieder in des Kaisers Gnaden aufgenommen!« »Niemals hätten wir das gedacht!« »Kaum drei Tage hat die Verbannung dieses Elenden gewährt, der es wagte, den Kaiser zu mißhandeln!« »Ich hasse Hierokles!« sprach die Serenissima, »aber ... ich fürchte ihn ... Ist der Mann gekommen?« »Er ist hier ...« »Wer ist es?« »Der Sohn eines Koches, Aurelius Zotikus, aus Smyrna gebürtig. Man hat ihm den Beinamen ›Koch‹ gegeben: Magirus.« »Doch er ist Athlet ...« »Größer als Hierokles und straffer gebaut. Er ist der schönste Mann, den wir finden konnten ...« »Die Eunuchen hielten schon seit Wochen Umschau in den Thermen ...« »Wo ist er?« fragte die Serenissima. »Er wartet ...« »Laß ihn kommen, Gordus ...« Gordus winkte von der Höhe der Terrasse herab in das Dunkel der Gärten: zwei Eunuchen geleiteten den Mann, den Magirus Aurelius Zotikus. Die Serenissima musterte ihn von Kopf bis zu den Füßen und sprach dann zu Gordus: »Er ist nicht übel ...« »Er ist der schönste Athlet, den wir finden konnten.« »Er ist nicht übel,« wiederholte Semiamira. »Doch niemals wird er sich dazu eignen, an des Hierokles Stelle zu treten.« »Der Kaiser liebt diesen Typus,« flüsterte Murissimus. »Ja, manchmal, in einer flüchtigen Laune,« sagte Semiamira, »aber dieser Zotikus wird niemals des Antoninus Gemahl sein können, ich kenne meinen Sohn.« »Dann,« sagte Protogenes, während er die Fäuste ballte, »dann töte ich Hierokles! Dann vergifte ich ihn!« Hastig packte die Serenissima ihn beim Arm. »Still, still! Ich fürchte mich ... nicht so laut ... ich meinte, Hierokles sei hinter uns her geschlichen ... ich fürchte diesen Mann zu sehr, um ihn töten zu lassen. Nein, Protogenes, vergifte ihn nicht, er hat eine geheime Kraft ... er würde uns auch über den Tod hinaus beherrschen. Der Kaiser muß tun, was Hierokles will. Selbst Mäsa neigt sich vor ihm ... Er hat allein durch seine geheime Kraft den Antoninus gezwungen, ihn mit lauter Stimme zurückzurufen.« »Was erwartet man von mir, Serenissima?« fragte der Magirus mit lebensfrohem Lächeln. »Seine Ewigkeit, der Kaiser Antoninus Heliogabal,« sprach Semiamira, »ernennt dich zum Cubicularius.« »Was für eine Stellung ist das ?« »Das werden deine Gefährten dir schon sagen, du scheinst mir für diese Stellung recht geeignet zu sein.« Krampfhaft packte sie Zotikus beim Arm und flüsterte ihm zu: »Wenn du tust, was ich will, was wir wollen, wenn du es erreichen kannst, daß der Kaiser seinen Gemahl Hierokles verstößt und statt seiner dich aufnimmt ... dann will ich dir alles geben, was du nur verlangst, alles, ohne Vorbehalt.« Des Magirus brutal-schönes Antlitz strahlte vor Freude und Zufriedenheit. »Führt ihn hinein!« befahl Semiamira; sie selber eilte zurück in das Triklinium, zu ihrem Sigma. Das Jauchzen und Johlen im Festsaal war betäubend; auf Bänken und Lagern und Tafeln standen, sinnlos trunken, die Gäste, um besser sehen zu können, denn von Trommeln und Sistrenmusik begleitet, marschierte eine Legion von Frauen herein, nackt, zu zweien, zu vieren, dann wieder zu zweien, und die Gäste erkannten sie, winkten ihnen zu, riefen ihre Namen. Die Frauen nickten, lachten, kicherten, wiegten sich in den Hüften, wanden die Brüste und beantworteten Grüße, während sie in dem geschulten Schritt der Legionäre in den Saal schritten, die Tafeln entlang, rings um das Thronsigma. Alle zugleich verneigten sich mit erhobenen Armen vor dem Kaiser, der lachte... Aufrecht stand er da, während Hierokles gesättigt, ruhig, zufrieden, mit spöttischem Lächeln auf die goldenen, mit Safran bestreuten Polster hingestreckt, mit halb geschlossenen, von Freude und Sattheit schweren Augen zusah. Nach dem Gruß, den sie dem Kaiser dargebracht, marschierten die Frauen weiter durch den Saal und den Gästen ward es klar, daß die Tabernen und Bordelle der Subura leer sein mußten, daß außerhalb des Palatiums in Rom keine einzige Dirne sein konnte, denn alle Huren hatte der Kaiser geladen, teilzunehmen an seinem Gelage, und zu Tausenden waren sie gekommen. Sie schritten durch das Triklinium, wie ein nicht endenwollender, blendender Aufmarsch wogender Nacktheit: ein endloses Heer von Weiblichkeit, als wolle der Kaiser, der selbst die Männlichkeit mehr begünstigte, in seiner Mann-Jungfräulichkeit an diesem Abend auch das Weib ehren. Begehrlich streckten die Gäste ihre Hände aus, doch der Kaiser rief von seinem hohen Sigma herab, in seiner leichten Trunkenheit ein wenig unsicher, doch mit hoher, heiterer und hell tönender Stimme: »Commilitonen! Mitkämpfer! Ihr alle ...« »Dii te servent!« riefen die Tausende von Dirnenstimmen, schrill und hoch, wie ein Heeresruf. »Mögen die Götter dich behüten, Augustus, Antoninus, ewiger Heliogabal! Unser Mitkämpfer, unsere Mitkämpferin!« Es war ein ungeheurer Jubel. Denn wie zu einem Heer sprach Antoninus zu den Huren, feuerte ihren Mut an zu dem Kampf, der alsbald losbrechen würde zwischen ihnen und seinen Gästen, und ungeachtet seiner Trunkenheit schillerten seine geschliffenen Worte von Witz und Geist wie die eines Rhetors. So wohlklingend war sein Latein und von so bilderreicher Pracht, daß er mit seinen Worten bezauberte. Entzückt hörte ihm Gordianus zu und rief bei den letzten Worten des Kaisers begeistert aus: »Aber er ist unglaublich, mein Antoninus, er ist unglaublich in allem, was er tut. Hört, hört doch nur, das gewählte Latein! Seine Aussprache ist frei von jedem Akzent. Heliogabal ist mehr als ein Gott, er ist ein Künstler, ein Dichter, ein Genius!« Strahlenden Auges war Gordianus gleich den anderen zum Sigma emporgestiegen; Antoninus sah seine Bewunderung und rief ihm lachend zu: »War es gut so?« »Mein Antoninus,« antwortete Gordianus, »es war herrlich! Zum Schmeichler bin ich nicht geboren, doch wahrlich, deine Redegabe ist nicht weniger meisterhaft als deine Tanzkunst.« »Ich habe mir meine Ansprache selbst ausgedacht,« rief Antoninus selbstgefällig aus; und beinahe herausfordernd, als könne Gordianus an seinen Worten zweifeln, fügte er hinzu: »Kein Rhetor hat mir geholfen!« »Ho! Ho! Haha!« Der Jubel war ohrenzerreißend. Antoninus, berauscht, warf Kußhände nach allen Seiten, doch diese ganz unerwartete Ekstase über etwas, das er im Grunde für nichts achtete, das ihm nichts als eine köstliche Begabung erschien, nahm sein schon überreiztes Hirn derart gefangen, daß das ganze Triklinium sich plötzlich vor ihm in rasendem Kreis zu drehen begann. Er wankte und stürzte über Hierokles. »He!« brüllte der Wagenlenker, während er das Kind in seinen Armen auffing. Heliogabal lag bewußtlos da; Narr und die Dirnen kühlten ihm Schläfe und Pulse mit Schnee aus Schalen von Murra. Durch die beißende Kälte gewann er sogleich das Bewußtsein wieder, lachte wie ein Irrer, stand auf, entwand sich den Armen des Hierokles, gedachte des Gordianus, wollte ihn stolz umschlingen, wankte wieder, strauchelte den Sigmathron hinunter, drängte sich durch die Schar der Günstlinge, die ihn zurückhalten wollten, bis ihm, dem von Wein und Stolz trunkenen jungen Kaiser, plötzlich ein lebensfroh lächelnder, brutal-schöner Kopf auffiel auf einem massigen Athletenkörper, der sich muskelstark zwischen Gordus, Murissimus, Protogenes reckte... Nach der übermenschlichen Anstrengung, zu der er in der Trunkenheit seine Stimme gezwungen hatte, um der Hurenlegion gewählt und in zierlicher Rede zuzusprechen, fragte Antoninus zaudernd. »Wer... wer bist du ?« »Niemand, Eure Ewigkeit.« »Was ?... Du bist doch jemand! Wer bist du?« »Ein neuer Cubicularius.« »Ich habe dich noch nie gesehen... Wie heißest du du?« »Aurelius Zotikus, o göttlicher Augustus. Der Magirus.« »Also bist du ein Koch? Kannst du neue Gerichte ersinnen? Dann will ich dich belohnen.« »Nein, Augustus, ich bin kein Koch, aber ich war der Küchenjunge meines Vaters in Smyrna. Für die Kochkunst habe ich keinerlei Begabung, doch ich habe andere Talente.« »Andere Talente?« antwortete Antoninus mit trunkenem Lachen. »Andere Talente? Du Unverschämter!« Er lachte auf, warf sich zurück, stieß die Dirnen beiseite, ballte die Faust gegen Narr. »Antoninus,« flüsterte der neue Cubicularius, »komm mit ins Bad.« »Ins Bad?« »Nach dem Bad feiern wir von neuem ein Fest.« »Ja, ja, ins Bad.« »Gestatte mir, daß ich meinen neuen Dienst antrete.« »Ja, ja, ich gestatte es, dir gestatte ich alles.« Trunken lallte der junge Kaiser, wankend warf er sich dem Zotikus an den Hals. Der Magirus fing ihn in seinen Armen auf und trug ihn, der leicht war wie eine Feder, das Sigma herab, während Antoninus schreiend befahl: »Zum Bad! Zum Bad!« Ein Aufzug bildete sich: Bläser, Ankleiderinnen, Narr, einige wenige Cubicularii, in deren Mitte Zotikus einherschritt, den Kaiser gestreckt auf seinen Armen tragend. »Sie gehen zum Bad, sie gehen zum Bad,« flüsterten die Günstlinge einander zu. »Zotikus tritt seinen neuen Dienst an.« »Antoninus!« rief Hierokles, plötzlich ganz ernüchtert. »Er hört nicht! Antoninus! Hörst du mich nicht? Wohin geht er? Ins Bad mit seinem neuen Cubicularius?« Spöttisch lachte er auf. »Meinetwegen mag Antoninus sich vergnügen und baden, so viel er will. Ich gönne es ihm, ich bin ein Gemahl, so gnädig, wie meine Gemahlin es ist. Ich gestatte alles, alles, ihm und mir selber.« Er befahl, daß drei junge Knaben, Söhne römischer Edler, sich nähern sollten, auf daß sie ihm zu willen seien. Durch den ungeheuren Raum des Trikliniums trieb der goldene Dunst wie eine Wolke, gebildet aus Weihrauch, Atem, Speisedampf, Fackelqualm, und dieser Dunst lichtete sich in der Richtung der weiten Nymphäen, wo Fontänen Rosen- und Mastixwein ausspieen. Am Rande jener Becken, zwischen den zertretenen Arum- und Lilienbeeten, lagen die Gäste, Schalen in der Hand, und schlürften und schwelgten und zwischen ihnen lagen Dirnen und oftmals geschah es, daß in einer wilden Umarmung ein Paar in das Vasculum taumelte und unter den Weinstrahl geriet, so daß das blutrote Naß aufspritzte, während das Paar in der jähen Purpurkühle dieses von Rosen- und Poleiduft gewürzten Bades die Umarmung weiter genoß. Sobald der Kaiser weggetragen war, hielten die Magier und Oberpriester in ihrer Anbetung inne und Hierokles blieb allein mit den drei Knaben, hoch auf dem kaiserlichen Sigma, bedient von einem Schwarm von Sklaven und Sklavinnen, nun, da er in Gnaden wieder aufgenommen war. Zu den Gästen gesellten sich die zahllosen Huren Roms und in dem Dunst des Saales verschwammen die Gebärden der Leidenschaft zu unwahrscheinlicher Fabel, zum Mythus irrealer Lüste. Kaum, daß sie sich in Wirklichkeit abzuspielen schienen. Sie muteten an wie eine zaubergleiche Beseelung der Darstellungen auf den Friesen und Flurmosaiken, wo die aneinander geschmiedeten Geschöpfe vordem Niegedachtes, Niegeschautes, Niegeträumtes verkörperten. Der Kaiser kam zurück. Den Arm hatte er um des Zotikus Nacken gelegt, während Zotikus des Antoninus Hüfte umschlang. Er ging schleppenden Schrittes, wie ein Weib nach einer Liebesnacht. Er hatte nach dem gemeinschaftlichen Bad mit seinem Günstling sich eilig schminken und das Haar aufstecken lassen, er glich einem griechischen Erosbild und erschien nun in seinem silbernen, mit Smaragden übersäten Mantel, so wie zu Anfang des Festes. Des Zotikus Umarmung hatte seine Trunkenheit zum Paroxysmus gesteigert; das Bad hatte ihn ernüchtert, er fühlte sich schwer und zugleich leicht, zum Schweben leicht; in seinen Schläfen hämmerte es, etwas Bitteres lag auf seiner Zunge und seine veilchendunklen Augen starrten fast wehmütig. Zwischen den gefärbten Brauen runzelte sich seine Stirn, nervös zuckend. »Antoninus,« flüsterte Zotikus, »heiter und ausgelassen warst du soeben noch, und jetzt...« Der Kaiser gebot ihm Schweigen. »Ich bin so, wie ich bin,« sagte Antoninus, »doch ich bin sehr zufrieden... beunruhige dich nicht... du bist nur ein einfacher Bursche, aber du verstehst das Spiel und deine Tollheit hat die meine entflammt... Sieh jetzt doch ihre Tollheit, ihre schmutzige Tollheit. Ich finde meine Gäste sehr abstoßend, sie sind nicht wie Festgenossen, sie sind wie Schweine.« »Sie sind roh, nicht wahr, Antoninus? Und du bist ein ganz feiner, kleiner Mann.« »Sie sind wie die Schweine, sie erbrechen sich hinter den Säulen. Sie zerschlagen Glaswerk, von dem die geringste Schale mehr wert ist, als ihre eklen Köpfe es sein würden, wollte ich sie als Sklaven verkaufen lassen ... Sie sind weder geistreich noch lustig, auch sind sie keine Feinschmecker; sie sind nicht einmal so wollüstig-sinnlich aufgepeitscht, daß sie zu den höchsten Genüssen gelangen könnten; sie sind einfach erbärmlich. Ich kann es nicht länger mit ansehen. Gordianus scheint gegangen zu sein. Er hat recht!... Komm, mein neuer Freund, mein heiterer Spielgenosse, mein gesunder Athlet, mein lieber Dummkopf, mein Maulesel, mein Hengst – wie soll ich dich noch nennen? Komm, komm mit mir hinaus in die Säulengänge, wir wollen nach den Sternen schauen. Kannst du in den Sternen lesen? Nein, nicht wahr, du schöner Dummkopf, wie heißt du doch gleich? Zotikus, ein plebejischer Name. Aber ich habe dich doch lieb und ich mag deinen breiten, lachenden Mund und deine einfache, robuste Art ... Vielleicht schicke ich dich für ein paar Monate auf die Sklavenschule und das Pädagogium. Ja, lach du nur ... ich liebe dein Lachen und deine Zähne. Umschlinge mich fester, ich wanke, ich weiß nicht, wie mir ist. Ich schwebe, ich schwebe ... ich will frische Luft atmen, die Sterne will ich sehen. Ha, endlich, endlich! Wer ist das da zu Pferde?« »Die Argyraspiden und Chrysaspiden, die Wache der Prätorianer, mein Antoninus.« »Arme Teufel, haben sie da schon die ganze Nacht gestanden? Stunden- und stundenlang? Was ist das dort hinten? Ist das das Volk? Meine armen Prätorianer, sie sollen zurück in ihre Kaserne. Morgen werde ich ihnen ein Donativum geben und heute abend bekommt ein jeder von ihnen eine Dirne. Es sind ihrer zu viele im Palast. Jawohl, lach du nur, laß mich einen Augenblick hier allein, sie werden mich nicht stehlen. Geh zu Antiochianus und überbringe ihm meinen Befehl: die Palastwache soll heimreiten, jeder Reiter mit einer Dirne. Geh, spute dich, Smyrnäer, und finde mich dann hier wieder.« Der Magirus eilte dröhnenden Schrittes davon. »Sardanapal!« erklang es von ferne.   Antoninus trat hinaus in die Säulengänge. Sie lagen verlassen da und erstreckten sich in endloser Länge nach links und nach rechts. Wie ein Ornament, das den Palast einfaßte, war dieser Gürtel der Argyraspiden und Chrysaspiden, jede Gemme dieses Ornaments und dieses Gürtels ein länglicher, vergoldeter oder versilberter Schild. Die Pferde stampften ungeduldig, hinter ihnen war viel Volk. Es ergoß sich über die Area Palatii wie ein dunkler Schwärm, von dem sich hier und dort ein Schattenbild abhob, jetzt, da sich über der Campagna, hinter dem Sabinergebirge, ein bleicher Lichtschein zeigte. »Sardanapal!« Was rufen sie? dachte Antoninus. »Hurenkind! Frevler! Asiat! Asiat!« Regungslos stand der Knabe, allein in den endlosen Gängen, zart und weiß in seinem silbernen Mantel, der, an der Halsschnur befestigt, von seinen gerundeten Schultern herabwallte. »Asiat! Bist du ein Römer? Bist du ein Mann?« Antoninus regte sich nicht. Er hörte nicht alles. Er wußte nicht, ob sie ihn sahen, erkannten, aber er begriff, daß sie ihm nicht zujubelten, daß sie den Palast und die Wache der Berittenen schmähten. Er fühlte, wie er erschauerte. Fieberte er? Wie kalt wurde ihm plötzlich! Auch begann die Morgenbrise sich zu erheben und er stand nackt da in seinem silbernen, mit Smaragden übersäten Mantel. Einen Zipfel warf er sich über die Schulter. »Schandbube! Hurenkind! Götterdieb! Er stiehlt die Götter aus den Tempeln! Frevler! Asiat!« Sie schmähten ihn. Warum taten sie das? Beteten sie ihn nicht mehr an? Warum riefen sie: Hurenkind? War er nicht der Sohn des Caracalla? Wie kalt war ihm, wie kalt plötzlich. Gewiß war das Bad daran schuld, und die Morgenkühle. Da kam Zotikus zurück. »Antoninus, dein Befehl wird ausgeführt, die Berittenen ziehen heim, jeder Reiter hat eine Dirne auf seinem Sattel.« Antoninus lachte wie toll. »Freuen sollen sie sich!« rief er aus. »Das Donativum ist für morgen verheißen.« »Gut. Du kannst besser Botendienste verrichten, als ich dachte, ganz so dumm bist du nicht. Mein neuer Freund, mich friert, fühl meine Hände.« »Du bist kalt wie Eis, mein Antoninus,« sagte der Magirus. Mit seinen Fäusten wärmte er des Antoninus Finger. »Ja, ja, wärme mich, wärme mich, so.« »Höre, Antoninus, sie rufen.« »Ja, sie rufen. Laß sie rufen, sie rufen immer, einmal dies, einmal jenes. Komm, mein neuer Freund, mich hungert, ich habe Durst, komm!« Ganz dicht schmiegte sich Antoninus an Zotikus und ließ sich, von ihm umschlungen, halb geschleppt, halb getragen, weiter führen von dem Magirus, der lächelte. »Ihr Götter!« rief Antoninus aus, als er das Triklinium betrat, »wie abstoßend! Mein Fest will ich noch lange nicht beenden, doch dies Widerwärtige will ich nicht länger sehen. Zum Glück kenne ich noch Mittel, um all dies Scheußliche zu verdecken. Trage mich, Athlet, auf deiner Schulter, so wie der Faun einst Liber trug, denn durch dies Ekelhafte zu gehen, ist mir unmöglich. Trage mich zurück zu meinem Sigma.« Der Magirus hob den Kaiser auf seine Schulter und trug ihn die Stufen zum Sigma empor. Von den goldenen Kissen war Hierokles herabgeglitten. Er schlief, laut schnarchend. »Mein neuer Freund, sieh, da liegt mein Gemahl, meiner Untreue achtet er nicht. Sei du mein Geliebter: mein Gemahl sieht uns nicht, er schläft. Wärme mich in deinen Armen. Mich friert. Magier, Magier, wo seid ihr? Betet mich an, damit mir warm wird! Weihrauch! Fackeln! Düfte! Neue Speisen! Purpurrausch von Rosenwein! Ein wilder, brennender Hymnus sei rings um mich! Ich bin die Sonne, die friert! O Welt, wärme mich mit deiner Liebe, deiner Anbetung, deiner Leidenschaft. Ihr, Gordianus und Murissimus, und du, Protogenes, du Wüterich, und du, Aristomachos, mein guter, braver, sind die Blumen bestellt ...? Wein! Wein! Wein! Und dann Blumen! Blumen! Die Blumen sollen herabregnen auf alles, was häßlich ist!« Erschauernd war Antoninus auf die goldenen Kissen gesunken. Er zog Zotikus an seine Seite und umschlang ihn. Den einen Fuß hatte er auf die Brust des Hierokles gesetzt, leicht nur, auf daß er den Schlafenden nicht wecke: er griff nach der Trinkschale, die Narr ihm darreichte und füllte, und so war er in Wort und Haltung Mime und Künstler, so wollte er sich selbst berauschen durch dichterische Phrasen und eine Gebärde der Schönheit. Denn unter den Gästen war keiner, der ihn hörte, keiner, der ihn sah. Sie alle waren ihrem eigenen Taumel hingegeben. Die Magier beteten an, schwer stiegen die Weihrauchdämpfe empor... Doch während der Qualm sich hob, verschob sich langsam die ungeheure Wölbung der Kuppel des Trikliniums; es war wie eine seltsame Vision, in schwindelnder Trunkenheit geschaut. Die Bogen verschoben sich ganz langsam durch die Dunstwolken hindurch; die Fächer und Rosetten öffneten sich, es war, als bohrten sich viereckige und runde Prospekte in dies Himmelsgewölbe. Doch statt Sternen begannen Blumen herabzufallen, Rosen, Veilchen, Ranunkeln und sogleich sich entblätternde Mandelblüten, ein farbiger Schnee, der in bunten Flocken niederflatterte ... bis, einem ungeduldigen Ruf des Kaisers gehorchend, ein Sturzschnee von blanken Lilien sich über sein Sigma ergoß, mit so jäher und überwältigender Üppigkeit, daß sie lawinengleich das Sigma, die Tafel und Hierokles bedeckten, daß ihre Blütenblätter in des Antoninus Haar hängen blieben, in seinem Schoß, an seinem Becher – so dicht senkte sich die jähe Blütenüppigkeit herab, daß die Gäste, trunken vor Lust und Sinnesrausch, verstummten, nicht wissend, ob sie Wirklichkeit schauten oder ob sie einem Wahn, einem Spuk anheimgefallen waren. Da plötzlich schneiten zugleich in allen vier Ecken des ungeheuren Raumes und in so ungeheurer Fülle, daß es wie ein Rauschen klang, die Blumen wie bunter Schnee herab; große dunkle Veilchen, sternengleiche Maßliebchen, Narzissen, strahlende Sonnenblumen, Tuberosen, einen betäubenden Duft verbreitend; Gardenien, wie aus Marmor gemeißelt; Daturen mit schwankenden Glocken... sie fielen, fielen, fielen, so daß es den trunkenen Augen der Gäste märchenhaft erschien, märchenhaft, weil es in einer Jahreszeit so vielerlei Blumen nicht geben konnte, weil sie erblüht zu sein schienen in tausend Zaubergärten, in einer magischen Welt, wo die Blütezeit aller Blumen ewig sein mußte. Es war, als ließen die Daturen den Glockenhymnus ihrer berauschenden Düfte erklingen, als strömten die Tuberosen das verderbenbringende Aroma ihrer Seele in schweren Tropfen aus, als stießen die Narzissen, die Maßliebchen, die Veilchen, sterbend, zerdrückt, vernichtet, zertreten, die Seufzer ihrer Zärtlichkeiten aus, die in dieser Verzweiflung zu einer magischen Macht der Betäubung wurden, denn zwei sich umarmende, trunkene Frauen erblichen, bedeckt, begraben, überduftet, betäubt, und starben röchelnd. Es erhob sich ein Knabe; er lachte wie im Wahn, schlug mit den Händen um sich, stürzte entnervt auf einen Hügel dunkler Veilchen, darin er versank wie in einem samtenen Bett. Doch auf dem kaiserlichen Sigma war Antoninus ein anderer geworden. Ihn fror nicht mehr, glühendes Fieber raste durch seine Schläfen; er hatte sich über des Zotikus breite Knie geworfen und blickte mit bebendem Lächeln und lockenden Augen zu ihm empor. Seine Hand hing schlaff herab über den trunken schnarchenden Hierokles, wühlte in den Lilien, die über seinen Gemahl herabgeschneit waren. Die Magier beteten an, unbeirrbar, doch vor Ekstase erschauernd, und ihre Knie lasteten auf der Brust der betäubten Sonnenpriester und Sonnenkinder. Doch da die Berittenen zu den Kasernen zurückgetrabt waren, jeder Reiter mit seiner Dirne, war der Pöbel bis in den Portikus vorgedrungen. Weiter wagte er sich nicht, der Blumenregen ängstigte ihn. Nur wenige Trunkene, die den Mut hatten, in diesen Taumel einzudringen, stahlen Edelsteine, glitzernde Gefäße, hoben schwere Amphoren an die Lippen. Bis Antoninus ihrer gewahr ward. Er war nicht mehr er selbst.   Nach seiner zweiten Trunkenheit hatte ihn gleichsam der Wahnsinn gepackt. Narr, der sich geweigert hatte, die Trinkschale zu füllen, hatte er diese wild an den Kopf geschleudert, so daß das schwarze Gesicht blutüberströmt war und der Neger vor Schmerz laut aufschluchzte. Antoninus hatte in seiner wahnsinnigen Trunkenheit seltsam verworrene Visionen: den Sternenturm zu Emesa sah er und Hydaspes. Doch der Sternenturm ragte mit seinem Fundament in den Himmel, und Hydaspes war zugleich Hierokles. Es war wie ein wacher Traum und dennoch sah Antoninus während dieses Traumes auch die Wirklichkeit, sah das Volk und den Pöbel durch den Portikus eindringen, das nämliche Volk, das ihn soeben geschmäht hatte. In ihm lebte ein so tolles Schmachten, um jeden Preis die Anbetung und Liebe dieses treulosen Volkes zurückzugewinnen, sich diesem ganzen Volk hinzugeben, so wie er sich im Symbol, im Dienst und im Tanz und in mancher heiligen Zeremonie hingegeben hatte – dem Volk in der Tat Mann-Jungfrau zu sein, so wie Hydaspes sich ihn wünschte. So außer sich geriet er durch dieses wahnsinnige Schmachten, daß er in seiner trunkenen, abirrenden Frömmigkeit keine Grenzen mehr empfand und mit weit ausgebreiteten Armen laut ausrief: »Kommt alle zu mir, alle!« Viele Eindringlinge, der verworfenste Pöbel, Diebe, die die ganze Nacht die erleuchteten Paläste umschlichen, hatten sich eingedrängt; doch sie zauderten, verwundert. Da rief der Kaiser mit schriller, hoher Stimme, die Arme weit ausbreitend, zum zweitenmal: »Kommt alle zu mir, alle!« Aus seiner Stimme klang es wie ein Flehen, wie ein Schluchzen, begehrt, geliebt, angebetet zu werden. Doch Antoninus war – weil sie nicht kamen, nicht begriffen, nicht wagten, nicht wollten – herabgestiegen vom Sigma, stieß die nun gleichfalls trunkenen Magier und die erschöpften Sonnenpriester zur Seite, trat achtlos auf die Bewußtlosen, eilte durch das Triklinium. Überall lagen die Gäste, trunken ... Er näherte sich einem inneren Portikus, wo kleine Cubicula eingerichtet waren, ein üppiges Bordell für jene, die die Scham davon abhielt, auf den Tafellagern ihre Lüste zur Schau zu stellen. Antoninus riß die Vorhänge zurück. Zornige Schreie erklangen von Matronen, von Senatoren, die sich dorthin zurückgezogen hatten. Doch endlich fand Antoninus einen leeren Raum, und auf der Schwelle stehend, rief er, so schrill und so laut er nur konnte, während er dem eindringenden Volk winkte: »Kommt zu mir, alle, alle! Kommt, ich bin das Licht, das allen strahlt, ich bin der Mann und die Jungfrau, ich gebe mich hier wie dort für einen Aureus, für fünfzehn Sesterzen, für drei As, für nichts, für nichts. Kommt, kommt zu mir alle!« Tanzenden Schrittes drehte er sich um sich selbst; wiegte sich in den Hüften, winkend, rufend, lächelnd, die Arme reckend, den Schoß wiegend nach dem Rhythmus der Huren, die auf den Schwellen der Häuser in der Subura lockend sich darbieten. Der Pöbel, der Abschaum näherte sich ... rauhe Stimmen riefen, schrien, johlten; die Thronwache der Prätorianer, berauscht, wußte nicht, was tun, hörte nicht mehr des Antiochianus Befehle ... Doch aus den inneren Säulenhallen, durch die Nymphäen aus dem weiter abgelegenen Frauenhof, eilte ratlos eine weiße Gestalt herbei, hastig, zwei-, dreimal strauchelnd. Und dann warf sich Mäsa Antoninus zu Füßen und rief: »Mein Kind, Antoninus, mein Liebling, komm zu dir! Die Argyraspiden und Chrysaspiden hast du heimgeschickt, das Volk dringt in den Palast ein. Mein Kind, was tust du? Du rufst das Volk? Rufe nicht mehr, du bist berauscht, du weißt nicht mehr, mein Augapfel, was du tust, was du rufst! Ihr Götter, er weiß nichts mehr, er ist wahnsinnig! Bleibt alle dort, alle! Ich bin Mäsa, die Clarissima! Hörst du mich nicht, Antoninus? Ich befehle dir, still zu sein! Du bist keine Hure! Ich flehe dich an, mein Liebling, sei still! Hörst du mich nicht? Soll ich dich mit der Sandale schlagen?« Sie stand vor ihm, während er sich wand und drehte, während er lächelnd lockte. Weil er ihrer nicht achtete, nicht ihres Flehens, nicht ihrer Befehle, stützte sie sich gegen den Türpfosten, riß die Sandale vom Fuß und erhob sie drohend gegen den Kaiser. »Du altes Weib!« schrie er schrill auf, » mich mit der Sandale schlagen? Mich , das Licht, die Sonne?« Er stürzte sich auf sie, entriß ihr die Sandale und versetzte ihr damit einen klatschenden Schlag. Sie zuckte zusammen und verstummte, während ihre Augen aus den Höhlen traten und sie vor Schmerz und Entsetzen die Arme abwehrend ausstreckte. Doch plötzlich schien sie emporzuwachsen wie eine Flamme des Zornes und mit einer wild befehlenden Stimme, die durch die ernüchterte Schwüle des ungeheuren Trikliniums dröhnte, rief sie: »Antiochianus! Aristomachos! Ich, Mäsa, befehle euch: Führt den Kaiser augenblicklich hinweg in seine Gemächer und schließt ihn ein!« Ihr Arm, ihr Finger blieben gestreckt. Die Palla war ihr von den Schultern herabgeglitten und in ihrem weißen Gewand stand sie da wie eine zornflammende Schreckensgöttin, erhaben und Ehrfurcht heischend. Ihre dunklen Augen, schwarz funkelnd wie Kohlen, befahlen, ungeachtet der hervorspringenden Tränen: ihre gestreckten Finger befahlen: ihre ganze ehrfurchtgebietende Gestalt befahl und Aristomachos, Antiochianus kamen näher. Sie bedeckten Antoninus, der sich wehrte, mit einem Mantel und trugen den Kaiser hinweg zu seinen Gemächern: sein Schreien verlor sich in den Säulenhallen. Die Prätorianer hieben ein auf das Volk und Blut floß hier, dort, überall. Ein beginnender Brand lohte auf in einem Winkel des Trikliniums, Sklaven löschten ihn, indem sie Wein aus den Amphoren in die Flammen gossen. Mammäa, gleichfalls im Nachtgewand, war aus dem Frauenhof herbeigeeilt. »Mutter! Mutter!« rief sie händeringend. Die alte Frau floh hinweg von ihr. »Laß mich! Laß mich!« schrie sie gellend. Sie eilte weiter, weiter, strauchelnd, schluchzend, während sie verzweiflungsvoll die Hände vors Gesicht schlug. »O Mutter, er hat dich geschlagen! Antoninus hat dich geschlagen! Das würde Alexander nie, nie getan haben!« »Laß mich, laß mich!« rief Mäsa aus und warf sich in Semiamiras Arme. Die Serenissima war herbeigeeilt, in halb geöffnetem Festgewand, wirr die ungeordneten Haare. »Das würde Alexander nie getan haben!« ertönte nochmals Mammäas Stimme. Semiamira schalt und fluchte und führte die Mutter triumphierend mit sich. »Antoninus, mein Antoninus!« rief Mäsa schluchzend aus, während die Augusta sie dem Bereich der Mammäa entführte. »Was hast du getan!« Ihre klagende, schluchzende, verzweifelte Stimme löste sich in weiche Zärtlichkeit. Im Triklinium löschten die Sklaven die Lampen und die schwelenden Duftfässer; sie weckten die schnarchenden Gäste mit Fußtritten, ihnen beinahe befehlend, daß sie gehen sollten. Draußen lohte, in den ersten Morgenstunden, die Glut eines sommerlichen Tages. Zweiundzwanzigstes Kapitel Über den Säulenhallen, Nymphäen und Gärten des kaiserlichen Hofes hing lastende nächtliche Schwüle. Während des ganzen Tages, an dem sich die Hochzeit zwischen Sonne und Mond vollzog, hatte in der schwülen Atmosphäre ein gewitterschwangeres Drohen gelegen, als ob Riesenfäuste sich erhöben, mit Riesenkräften alles niederzudrücken, was sich aufrichten wollte: den Weihrauch, der geschwenkt ward, die Hymnen, die erklangen, die Ekstase der Priester, der Priesterinnen, die fast bange Erregung der Menge. Von Karthago hatte man die Cälestis Urania, den silbernen Mond, nach Rom gebracht: das heilige Bild auf der ungeheuren Trireme, überdeckt mit einem Zeltdach aus sternenbesätem Azur; Volksfeste und Spiele waren dem Hochzeitsfest vorangegangen, der Hochzeit zwischen Sonne und Mond, der Hochzeit des Heliogabal mit der Cälestis, die mit maßlosem Gepränge im Tempel des Heliogabal gefeiert ward. Am Abend hatte sich fromme Stille dumpf über Rom gesenkt, in Kasteiung und Fasten und unablässiger Anbetung der göttlichen Braut und des göttlichen Bräutigams, des strahlenden Schwarzen Steines, den Antoninus anfänglich dem Jahrhunderte alten Bildnis der Pallas hatte vermählen wollen, bis er gemeint, daß die sanftere Urania der goldschimmernden Seele des Heliogabal liebwerter sein werde als die behelmte, speertragende Tochter des Zeus, die jungfräuliche Virago, durch ihren eigenwilligen Dünkel dem Oberpriester des Lichtes mißfällig. In jener gewitterschwülen, dumpfen Nacht war Antoninus nicht in das Palatium zurückgekehrt; nach der Zeremonie der Hochzeit, nach dem Tanz, den er selbst zu Ehren des Heliogabal und der Cälestis vor dem schwarzen Monolithen und dem silbernen Bildnis getanzt, hatte er die Stirn zu Boden gesenkt und sich regungslos in Anbetung und Frömmigkeit vor den Altären niedergelassen. Die Menge hatte die Tempel verlassen; Antoninus blieb hegen, während die Magier rings um ihn die Litanei murmelten, die Sonnenpriester ihn umringten und die Sonnenkinder, von denen einzelne, durch Ermattung ohnmächtig geworden, bewußtlos hingestürzt lagen über die verstreuten Blätter. Regungslos blieb Antoninus, seine Seele in Frömmigkeit fern entrückt. Die Magier, die wohl wußten, daß die fromme Ekstase noch viele Stunden währen könne, murmelten mit halblauter, tief dröhnender Stimme Stunden und stundenlang die Litanei ... während der Donner über dem Tempel rollte wie die Räder des Feuerwagens, auf dem des Antoninus Seele für eine kurze Spanne Zeit in Frömmigkeit aus dem zur Erde herab gestürzten Körper entflohen zu sein schien ... Erst spät am kommenden Morgen wollte der Kaiser den Tempel verlassen ... Es war nicht das erstemal, daß Antoninus nach dem Dienst und Tanz dort blieb, erfüllt von der tieferen Schwärmerei, der innigeren Frömmigkeit, die zugleich mit seiner Sinnlichkeit in dem Mystizismus seiner Seele erwacht war, gleichsam, als eilten alle in ihm schlummernden Keime überschnell der höchsten Blüte entgegen. Es war nicht das erstemal, und die Nächte, in denen Antoninus nicht zum Palatium zurückkehrte, fürchtete Mammäa am meisten. Sie fürchtete für Alexianus, der jetzt allgemein Alexander genannt wurde. Zwar waren die Gemächer der Clarissima zwischen den ihrigen und denen der Semiamira gelegen; zwar würde die Clarissima – wiewohl sie leider den Antoninus noch immer und wohl für alle Zeiten lieber hatte als Alexianus – auch ihr Kind beschützen. Doch was vermochte dieser Schutz gegen Gift und Meuchelmord? Antoninus haßte Alexander, der so ganz anders war als er, haßte den Cäsar mehr und mehr. Wo immer dieser sich zeigte, ward er umjubelt, und diesen Jubel beantwortete er nicht wie Antoninus, der lächelnd Kußhände warf, sondern mit der stolzen Würde eines jungen Römers, der vielleicht zu höheren Dingen berufen sein mochte. Des Antoninus Höflinge haßten den Sohn der Mammäa, der sie und die Ihren mied, der Protogenes, Murissimus und Gordus fernblieb und fern dem Praefectus Prätorio Antiochianus, dem Aristomachos, dem Gemahl Hierokles und dem Geliebten Magirus Zotikus, fern all jenen aus der Hefe des Volkes jäh emporgestiegenen und ebenso jählings wieder verschwindenden Günstlingen. Nur die allgemeine Ehrfurcht vor Mäsa hielt sie davon zurück, daß sie sich an Alexianus vergriffen, um Antoninus wohlgefällig zu sein. Wohl hatte Mammäa die Gruppe ihrer Getreuen, ihre Leibwache, aus den Anhängern des Alexianus erwählt. Doch was nützte auch dieser Schutz, da doch Antoninus allmächtig war! Grollte die Clarissima noch ob der Kränkung, die er ihr angetan hatte, als er sie mit der Sandale geschlagen hatte? Verzieh sie Antoninus nicht alles, sobald er sich ihr mit seinem gewinnenden Lächeln näherte und mit seiner um Vergebung flehenden Umarmung? Hatte sie nicht von neuem ein Sakrilegium gutgeheißen, die Transportation der Cälestis Urania – die Vermählung der Götter, für die das ganze Reich den Brautschatz hatte beisteuern müssen –, während doch das römische Volk sich im Innern auflehnte gegen eine solche Entweihung heiligster Bildnisse?   In dieser Nacht der Hochzeit irrte Mammäa rastlos umher, immer wieder aufgeschreckt durch die rollenden Donner, die wie Drohungen klangen. Sie öffnete den Vorhang zu des Alexianus Gemach: dort lag ihr Sohn in ruhigem Schlummer. Ob Antoninus nicht für diesen Abend etwas plante? Narr war am Nachmittag mit lauerndem Blick durch den Kaiserinnenhof geschlichen. Warum war der Mohr dem Dienst im Tempel ferngeblieben? Und dem Tanz, der zu Ehren der göttlichen Hochzeit stattgefunden hatte? Was war das? ... Was raschelte da? Wer ging dort durch den Portikus ? War es ein Gespenst ...? War es ihre verhaßte Schwester Semiamira, die Aristomachos das Zeichen gab? Ihr Götter, so die Stunde geschlagen hätte! Schon wollte sie einen Schrei ausstoßen, Mäsa rufen. Dort drüben war ihre Leibwache, im Halbschlaf. Die Soldaten sahen sie nicht, auch nicht das Gespenst, das allmählich verschwand. War es denn wirklich ein Gespenst? Eine unheilkündende Larve? »Encolpius ...« »Augusta?« Der Zenturio der Wache tritt näher. »Wache, wache bei dem Cäsar!« »Ich wache, Augusta.« »Wache bei ihm, ich fürchte mich.« »Wir wachen alle, Augusta, wir schlafen nicht.« »Der Kaiser ist im Tempel verblieben.« »Wir wachen in jeder Nacht mit der gleichen Wachsamkeit.« »Ich habe den Mohren umherschleichen sehen.« »Er kann sich dem Cäsar nicht nähern.« »Ich habe ... ich habe dort ... ich weiß nicht, wen ... gesehen ...« »Sicherlich die Augusta Semiamira. Oftmals verläßt sie den Palast während der Nacht.« »Heute nacht wird sie es nicht wagen, es ist die Nacht der Keuschheit. Nein, Semiamira war es nicht. Denn so fanatisch ist Antoninus geworden, daß er es seiner Mutter niemals verzeihen würde, wenn er erführe ... Encolpius, ich will wissen, ich folge diesem Spuk ...« »Hütet Euch, Augusta, hütet Euch!« »Still, Encolpius, ich werde auf der Hut sein. Fürchte nichts für mich, doch wache bei dem Cäsar. Er schläft.« Mammäa eilte, in die dunkle Palla gehüllt, der weißen Erscheinung nach. Wohin war sie entschwunden? Da, da ... Eine Sklavin? Ein Sonnenpriester? Nein, wer würde wohl den Mut haben, die Nacht der Keuschheit zu entweihen, die der Orgie der Götter folgte? Todesstrafe drohte einem jeden, der die Nacht der Urania entheiligte. Wer war es? Lebte die Gestalt oder war sie tot? Nein, sie hatte eine kleine Lampe entzündet. War es Eine, die sich gegen Alexianus verschworen hatte? Doch die Erscheinung entfernte sich vom Frauenhof. Plötzlich glaubte Mammäa, während sie ihr nachschlich, sie von ferne zu erkennen. Es war Aquilia Severa, die Virgo Maxima, die Gemahlin des Antoninus, die Kaiserin, die Augusta, die der Kaiser, wie man sich zuflüsterte, noch nicht berührt hatte, ebenso wie er Cornelia Paula unberührt gelassen hatte; diese war verstoßen worden, weil ein Fleck ihre linke Brust verunzierte Vielleicht würde auch Severa verstoßen werden. Wohin lenkte die jungfräuliche Kaiserin ihre Schritte? Nein, eine Verschwörerin war sie nicht. Oftmals suchte sie, fern vom Hof, fern von dem Schwarm der Günstlinge, fern von Semiamira, der Mammäa Gesellschaft auf. Wohin lenkte die Kaiserin ihre Schritte? Mammäa folgte ihr neugierig. Encolpius wachte bei dem Cäsar. Lang erstreckte sich der geheime Gang. Hier, o Schauder! an dieser Stelle war Domitian ermordet worden; noch leuchteten dort die großen Quadern aus kappadokischem Marmor, die die Gestalten seiner nahenden Mörder spiegelnd zurückgeworfen hatten. Es war, als klebe sein Blut noch da, als irre sein Schatten noch umher. Jetzt eilte Severa die Stufen empor, jetzt stellte sie ihr Lämpchen aus der Hand, suchte in den Falten ihrer Stola. Was trug sie unter dem Mantel verborgen? Mit einem Schlüssel öffnete sie die eherne, leicht knarrende Pforte zur Kapelle. Sie trat ein, schaute sich um, erblickte Mammäa wie einen dunklen Schatten in der Ferne. Sie erschrak, stieß einen Schrei aus, Heß die Lampe fallen. Mammäa nahm sie hastig auf, bevor der Docht verglommen war. »Severa, Severa, ich bin es.« »Mammäa, warum folgst du mir?« »Ich weiß nicht, Severa. Ich fürchtete mich. Ich sah dich hierher schleichen, mir bangte um Alexianus.« »Du ließest Alexianus allein ...?« »Encolpius wacht ... Was tust du hier, Severa, allein und unbeschützt?« »Still, Mammäa, still, tritt ein.« »In die Larenkapelle ?« »Tritt ein!« Sie traten ein, schlossen die Tür. Der tempelähnliche Rundbau, dessen Kuppel von Säulen getragen ward, leuchtete matt auf im Schimmer der kleinen Lampe, deren Docht Severa mit Hilfe einer langen Nadel heller aufflammen ließ. Vor den Bildnissen der Hausgötter waren die Altäre bedient: Blumen lagen darauf und Früchte und aus kleinen Duftfässern wanden sich dünne Weihrauchspiralen empor; an der Seite des Palladiums – weh, daß es das echte war! – das unsichtbare Bildnis der Pallas, der heute verstoßenen Gattin des Gottes Heliogabal, die verdrängt ward von der Cälestis Urania aus Karthago; an der anderen Seite das formlose Bildnis der Rhea Kybele, uralt und urheilig, das Antoninus aus dem Tempel geraubt hatte; auf einem Tisch aus Lapislazuli lagen die aus dem Tempel der Diana von Laodicea geraubten heiligen Steine des Orest; doch in der Mitte, auf bronzenem Dreifuß, matt glimmend das heilige Feuer, die unlöschbare Flamme der Vesta, die Antoninus in schaudererregendem Sakrileg aus dem Tempel in die Larenkapelle hatte überführen lassen. Mammäa, die schon mehr fromme Römerin als Tochter der Sonne war, fühlte, wie es sie durchschauerte, wie ihre Knie zitterten. Der Atem der Götter war um sie, schwerer und lastender als die unheilkündende Gewitterschwüle. Seit kurzem hatten ihr die Lehrsätze der Christen edle Schönheit offenbart; reine Weisheit schöpfte sie aus den Briefen des Origenes, des Christenphilosophen aus Alexandra; aber eine fromme Römerin blieb sie dennoch und um sie war der Hauch der Götter. Sie kniete nieder. »Severa,« murmelte sie, »Severa, wie kommst du hierher?« »Den Schlüssel zur Kapelle wußte mir ein Schmied nachzubilden. Wir entwendeten ihn für wenige Stunden aus dem Gemach des Antoninus.« »Severa! Severa!« rief Mammäa flehentlich aus, »sage mir, was tust du hier?« Zu Füßen der Virgo Maxima war die Serenissima in die Knie gesunken. Severa hatte die Lampe abgestellt, einen Zipfel ihres Mantels hielt sie sorgsam empor. »Still, Mammäa,« sagte sie streng, »ich bin die Hüterin des heiligen Feuers. Antoninus will nicht, daß ich es bediene, auf daß es verglimme. Niemals, Mammäa, niemals kann es erlöschen, doch verglimmen könnte es ... Und darum komme ich hierher. Verhülle dein Haupt, Mammäa, und senke den Blick.« Die Augusta zog sich die dunkle Palla über den Kopf und kauerte, von gottesfürchtigem Schauder durchzuckt, zu Severas Füßen nieder. Die Vestalin suchte in dem Zipfel ihres Mantels, ihre vorsichtig tastenden Finger fanden darin kleine, viereckige, goldfarbene Kohlen, die im Licht der kleinen Lampe glitzerten gleich Chrysolith ... Zwei, drei ließ sie in das Feuer fallen, das in breiter, bronzener Schale auf einem Dreifuß glomm. Das Feuer knisterte; eine Flamme züngelte empor: duftender Rauch umwölkte bläulich den Schein der Lampe. Severa legte die Hand auf Mammäas Schulter. »Komm, Mammäa,« sagte sie, »komm mit und folge mir nie mehr, wenn du siehst, am Abend oder am Morgen oder wann immer es sei, daß ich mich entferne, um das Feuer zu bedienen.« »Nein, Severa, nein.« Severa erhob sich, öffnete die bronzene Tür, schaute sich vorsichtig um und schloß die Larenkapelle. Die Frauen eilten die Treppe hinunter, durch den Kryptoportikus. Der Donner rollte, der Regen strömte. In der Ferne durch den grauen Morgen hörte man den Klang von Tuben, die verkündeten, daß der Kaiser nach der Keuschheitsnacht zum Palatium zurückkehre. Dreiundzwanzigstes Kapitel Was geschehen war, wußte niemand, wieviel Gerüchte auch im Umlauf sein mochten. Doch sicher war es, daß ein Centurio, eine Kreatur des Aristomachos, in unmittelbarer Nähe der Gemächer des Cäsar Alexianus mit Encolpius in Streit geraten war und daß Encolpius den Günstling des Aristomachos mit seinem Schwert niedergestreckt hatte; daß zwischen Semiamira und Mammäa ein rasender Zwist aufgelodert war, dessen Grund unklar war, und daß Mäsa darauf wutentbrannt den Kaiser mit Vorwürfen überhäuft hatte, so daß nun eine heftige Verstimmung zwischen dem Frauenhof und den kaiserlichen Gemächern herrschte, eine Verstimmung, die alle Höflinge, alle Priester, alle Freigelassenen durchzitterte, ohne daß man in den Thermen, den Basiliken, den Foren wußte, was eigentlich geschehen war. Doch am kommenden Morgen in aller Frühe verließ Antoninus mit seinem ganzen Gefolge von Günstlingen, Magiern und Priestern, mit Antiochianus und Aristomachos, vielen anderen Präfekten, Tribunen, einem Heer von Prätorianern und Legionären, mit unzähligen Dirnen, mit dreihundert, mit kostbaren Möbeln, Truhen und Kunstgegenständen beladenen Karren und Wagen – die Narren und wilden Tiere mitten dazwischen – in jähem, fiebernd wirrem Aufbruch das Palatium, um, wie es hieß, während der heißesten Monate in den Gärten der Alten Hoffnung, deren Tempelgebäude schon als Sommerpalast hergerichtet waren, Kühlung zu suchen.   Semiamira hatte ihren Sohn nicht begleitet; sie war im Palatium geblieben, um seine Interessen zu wahren, und mit ihr verblieb die neue Gemahlin des Antoninus. Denn die plötzlich ohne jeden Grund verstoßene, jungfräuliche Severa hatte die Erlaubnis erhalten, mit dem heiligen Feuer ins Haus der Vesta zurückzukehren, und statt ihrer hatte Antoninus Annina Faustina, die von Commodus und Marcus Aurelius abstammte, zur Kaiserin erhoben. Vom Peristyl des Sommerpalastes flatterten die schweren Vela, von Masten gehalten, bis dorthin, wo das Laubwerk Schatten spendete, und zwischen den Arkaden senkten sich die Marmorstufen aus erhabener Höhe zu den tiefer gelegenen Gärten und den mit Maßliebchen übersäten Rasenflächen herab. Der Kaiser hatte an jenem Morgen in aller Frühe – es war fast noch Nacht – im Heiligtum, dem eigentlichen Tempel der Alten Hoffnung, zwei Stunden vor dem Schwarzen Stein gelegen, hatte den Stein dann sehr lange umschlungen gehalten und seine Küsse auf den Basalt des Monolithen gepreßt; dann hatte er im Bade das Frühstück eingenommen. Jetzt lag er im Peristyl. Die Stufen entlang tönten leise, gleich dem Zirpen der Grillen, die Sistren der Tempelmädchen. Ein Fest war nicht angekündigt, doch vergingen die sommerlichen Tage in Andacht und Festgepränge. Allein Antoninus war nicht sorglos; seine Augen, die über die Hügel hinschweiften, sprachen von Wehmut und um seine schmalen Lippen bebte eine bitter lächelnde Ironie. Der Kaiser reckte sich, gähnte, seufzte. Er warf sich hintenüber in die Polster des Sigmas. Er winkte den Tempelmädchen, daß sie innehalten sollten in dem zirpenden Grillengesang der Sistrensaiten, an denen ihre Finger zupften. »Narr,« murmelte Antoninus klagend und seine Hand streckte sich unbewußt suchend dem Mohren entgegen. »Hier bin ich, Herrchen.« »Narr, ob wir wohl jemals ...« »Was, Herrchen?« »Emesa wiedersehen?« »Warum nicht? Befiehl, daß wir gehen!« »Daß wir gehen? Ist es so einfach, nur zu sagen: Wir gehen nach Emesa?« »Da kommt der Tribun Aristomachos,« kündete Narr. »Aristomachos!« rief Antoninus stöhnend aus, »bist du zurück? Ich glaube, ich bin krank. Mir wird die Zeit so lang wie noch nie. Sage mir, Aristomachos, was geht vor?« »Ich komme vom Palatium, Antoninus. Ich habe die ehrwürdige Mäsa gesprochen. Sie meint, du solltest zurückkehren ins Palatium, weil das Volk schon zu flüstern beginnt von einem Bruch zwischen dir und ihr.« »Nein, Aristomachos, wenn ich fortgehe von hier, dann gehen wir nach Emesa.« »Sprich ernsthaft, Antoninus. Dein Schreiben, das gestern im Senat verlesen ward und das den Befehl enthielt, man solle Alexianus den Cäsartitel nehmen ...« Antoninus richtete sich jählings auf. Seine Augen blitzten. »Wie hat man das Schreiben aufgenommen?« »Mit allgemeinem ehrfurchtsvollem Schweigen.« »Die Elenden! – Und die Senatrix?« »Hat deinen Brief mit zwei, drei Worten entschuldigt, indem sie sagte ...« »Was?« »Du hättest in Verstimmung gehandelt.« »Altes Weib!« »Antoninus, Mäsa ist mächtig, sie besitzt Schätze, sie hat dich lieb, lieber als Alexianus. Warum etwas tun, was sie nicht billigen kann ?« Der Kaiser umfaßte mit seinen kleinen Händen des Aristomachos breite Schultern und schüttelte ihn. »Aristomachos, höre; ich hasse, verstehst du mich? Ich hasse, so wie ich noch niemals gehaßt habe, ich fühle es in mir wie einen Durst, der meine Lippen ausdorrt, der meine Kehle versengt. Dieser Haß macht mich speien und geifern, ich werde noch toll durch diesen Haß! Ich hasse den braven kleinen Alexianus, meinen Adoptivsohn! Du bist mir treu, nicht wahr? Du liebst mich, nicht wahr? Ja, du liebst Antoninus noch. Höre, Aristomachos, ich will , daß dieses Kind stirbt! So lange es lebt, kann ich keinen Augenblick mehr glücklich sein. Ich will , hörst du, Aristomachos, ich will , daß der kleine Alexianus stirbt.« »Er wird sterben, Antoninus; doch Mammäa ist wachsam und Mäsa beschützt den Alexianus.« »Ich will, daß er stirbt. Narr hat versucht, ihn zu vergiften, doch er trinkt keinen Rosenwein mehr, der tugendhafte Knabe. Die Leibwache des Alexianus, Encolpius, ich verbanne sie alle!« »Antoninus, bedenke, daß sowohl der Senat wie das Volk ...« »Was? Was?« »Alexianus nicht ungeneigt ...« »Nicht ungeneigt? Willst du damit sagen, daß sie ihn lieben? Ihn anbeten? Haben sie mich nicht mehr lieb? Hat Rom mich nicht mehr lieb? Betet Rom mich nicht mehr an? Nun, dann gehen wir nach Emesa. Narr, wir gehen nach Emesa. Kommt Hierokles mit, dann gehen wir gleich, morgen, heute.« »Antoninus, Hierokles wird ...« »Nun?« »... dir einst dein Schicksal bereiten. Der Elende! Du hassest Alexianus, ich hasse Hierokles!« Blitzschnell legte Antoninus seine Hand auf des Aristomachos bärtige Lippen und zischelte: »Still, Aristomachos, still! Hierokles ist dort im Palast. Laß ihn dies nicht hören, ringe nicht mehr mit ihm wie an jenem Abend, so kurzweilig das Schauspiel auch für die Gäste gewesen sein mag. Still, Aristomachos, still, du hassest Alexianus doch auch, nicht wahr? Wir wollen alle, alle einmütig sein. Nein, ich kehre nicht ins Palatium zurück, bevor nicht dies Kind aus dem Wege geräumt ist ... Vergeblich habe ich um des Alexianus Liebe geworben, ich, ich, Antoninus Heliogabal, die Sonne, nach der alle schmachten oder – vielleicht – geschmachtet haben. Sie haben mich nicht mehr so lieb wie zu Anfang, als ich kam, als ihre Hände sich mir entgegenstreckten, um mich zu streicheln, als ihre Küsse mir zuflogen. Aristomachos, wenn du mich nur lieb behältst und mir treu bleibst und wenn Antiochianus und Narr und Hierokles es tun ... Ich kann nicht nach Emesa zurück, er ... er würde nicht einwilligen.« »Er maßt sich Macht an.« »Laß ihn ... was tuts? Er maßt sich nicht mehr an als ihm gebührt. Er ist mein Gemahl ... Er haßt Alexianus ... Er wünscht das gleiche wie wir und sein Wunsch ist machtvoll. Wir alle wünschen das gleiche.« »Herrchen, da kommt der Praefectus Praetorio Antiochianus.« »Antiochianus, sage mir, was geht vor?« »Ich komme aus dem Lager, Antoninus. In der vergangenen Nacht hat man die Bildnisse des Alexianus besudelt.« »Oh!« rief Antoninus jubelnd aus, »wer hat das getan?« Hierokles war auf der Schwelle des Peristyls erschienen. »Das habe ich befohlen!« sagte er hochmütig. »Du?« schrie Antoninus freudig auf. »Ja, ich.« »Das war gut, das war vortrefflich, mein Hierokles!« »Die Truppen sind nicht zufrieden,« sagte Antiochianus. »Was geht uns das an?« erwiderte Hierokles barsch, »haben wir hier nicht unsere Truppen, die wohl zufrieden sind? Antoninus wird angebetet, wo immer er sich zeigt. Aber er ist euer Spielball. Ich will ihn für alle Zeiten befreien von eurem Zwang und von Mäsas Bevormundung. Wo hält die Alte ihre Schätze verborgen? Ist es nicht unsinnig, daß der Kaiser von Rom abhängig sein soll von seiner Großmutter? Nur dadurch behält das Weib die Macht in Händen. Ich dulde es nicht länger! Befreit will ich den Antoninus sehen von euch, von ihr, auf daß er tun kann, was ihm beliebt!« »Auf daß er tun kann, was dir beliebt!« rief Aristomachos ingrimmig aus, indem er die Fäuste ballte, »auf daß der Knabe tun kann, was dir beliebt!« Rasch hatte Antoninus sich aufgerichtet; beschwichtigend legte er dem Aristomachos die Hände auf die Schulter. »Still, still, Aristomachos, wenn du mich heb hast, wenn du mir noch treu bist, so laßt uns alle einmütig sein. Versöhnt euch um meinetwillen. Sage mir, Antiochianus, warum sind die Truppen nicht zufrieden?« »Weil des Alexianus Standbilder besudelt wurden. Auch das Volk murrt.« »Die Truppen dürfen nicht unzufrieden sein! Dann, mein Hierokles, war es unvorsichtig und gefährlich, was du tatest.« Zornig ließ sich der Gemahl neben Antoninus nieder und umklammerte dessen Hände mit seinen beiden Fäusten. Die Ader auf der Stirn schwoll ihm an und sein schöner, griechischer Heldenkopf wandelte sich plötzlich in eine grauenhaft verzerrte Fratze. »Unvorsichtig? Gefährlich? Wie lange soll das Zögern und Schwanken noch dauern?« »Du tust mir weh!« rief aufstöhnend Antoninus. »Bist du ein Kaiser und vermagst nicht einmal den Senat zu zwingen? Mußt es dulden, daß sie dein Schreiben mit unverschämtem Stillschweigen beantworten? Bin ich nicht dein Gemahl? Gelte ich dir nicht mehr als alles? Steht es nicht mir, deinem Gemahl, zu, Cäsar zu sein und die Macht in Händen zu halten neben dir? Warum ist es nicht so? Sprich, warum ist es noch nicht so?« »Mein Hierokles!« rief Antoninus stöhnend aus, »ist es meine Schuld? Du tust mir weh, mein Hierokles!« Der Lenker hatte, blind vor Wut, eine seiner Fäuste um die Kehle des Kaisers gelegt; er stürzte sich auf ihn, sein plumpes Knie preßte er auf des Antoninus Brust; die andere Faust erhob sich wie ein Hammer. »Laß das Kind los!« brüllte Aristomachos. »Laß das Kind los!« brüllte gleichzeitig Antiochianus. Wie Stiere stürzten die drei Männer aufeinander los, quer über den keuchenden Knaben; rasend blickten sie sich in die Augen. »Was wollt ihr?« brüllte Hierokles, »Antoninus ist mein Weib, mein Eigentum!« Der Kaiser hatte sich aus seinen Polstern aufgerichtet; entnervt stieß er Antiochianus und Aristomachos von sich. »So kämpft miteinander!« schrie er verzweiflungsvoll aufschluchzend, »kämpft, kämpft, wenn ihr nicht einmal jetzt, da mir vielleicht Gefahr droht, einmütig sein könnt. Mein Schicksal kommt über mich, ich fühle es. Niemand hat mich mehr lieb. Zotikus hatte mich lieb, und du, Hierokles, hast ihm einen Trank eingegeben, so daß er kraftlos ward und in meinen Armen hinsiecht. Laßt mich allein, ich will weinen! Ich hasse euch alle, alle, ich liebe nur Zotikus. Mit Zotikus will ich zurückkehren nach Emesa. Laß mich los, Hierokles, laß mich! Bin ich nicht der Kaiser? Laß mich, oder ich rufe meine Soldaten! Den Bestien werde ich dich vorwerfen lassen!« Der Gemahl stieß ein Hohngelächter aus. Er lachte, lachte im tollkühnen Bewußtsein seiner Übermacht. Doch der Knabe hatte sich aus seinem Griff befreit. Entnervt stieß er um sich, eilte die vielen Stufen hinunter und floh hinweg aus den Gärten. Sie ließen ihn gewähren, weil diese hysterischen Weinkrämpfe ihn gefährlicher machten, als er selber ahnte. Während solcher Anfälle besaß er die aufgepeitschte Kraft, Hierokles wirklich von sich zu stoßen, für einige Stunden, einige Tage. In solch einer Entnervung konnte er in der Tat die, welche ihm mißfielen, den Bestien vorwerfen lassen – so einmal einen Koch, der schlecht gekocht hatte – obwohl er, von Natur nicht grausam, nur zu drohen pflegte und vor Blut einen Ekel hatte, sofern das Blut nicht durch den Ritus des Dienstes oder des Opfers geheiligt erschien.   Der schluchzende Knabe war entflohen und erklomm, vor Schmerz stöhnend, die grasigen Hügel. Ernsthaft schauten die Opferochsen ihn an und die Schafe trippelten blökend davon über die Hänge. Auf einem hohen Hügel, in dem sonnendurchleuchteten Schatten dreier Schirmtannen, warf sich Antoninus in die Maßliebchen, streckte sich aus und schluchzte, vergrub das Gesicht in die Hände. Halb vor Schmerz schluchzte er, denn Pulse und Schultern schmerzten ihn und um seine Kehle fühlte er noch des Hierokles Faust. Doch mehr noch schluchzte er ob einer Leere, die gespenstisch heranschlich, in ihm und um ihn, seltsam beängstigend und dunkel, trotz der leuchtenden Glut des sonnigen Morgens. Da lag er, halb nackt, in den Maßliebchen, sein einfaches phönizisches Morgengewand war halb geöffnet. Das durch das Laub gesiebte Sonnenlicht ergoß sich golden über ihn. Wohl war dies Einsamkeit, doch sie war wohtuend wehmütig. Wäre es nur nicht so düster in ihm und um ihn her, als ginge plötzlich alle Wärme weg von ihm, dem Sonnenkaiser. Wieviel Wärme, wieviel Liebe war da einst gewesen! Zu Emesa, wenn er tanzte, in jenem wunderherrlichen Tempel, bei den Aufzügen durch Rom, wenn er den Triumphwagen des Schwarzen Steines lenkte, auf dem Altan des Palastes, wenn er der Menge Gaben streute! Überall, überall, wo er sich zeigte. Und nun ... Er zeigte sich nicht mehr oft in letzter Zeit, doch wenn es geschah hörte er den Namen Avitus, den er haßte; Sardanapal und Hurenkind, als ob er nicht der Sohn des Bassianus Caracalla sei: Varius, Sohn vieler Väter! Da lag der jugendliche Kaiser einsam in den Maßliebchen. Dann lieber einsam sein in dem Turm der Gemmen. Doch der Turm war fern. Das Arsenal seines Selbstmordes, die seidenen Stränge, die goldenen Dolche, die blitzgleich tötenden Gifte in Phiolen aus edlem Gestein. Alles fern ... Er wollte Narr befehlen, es hierher zu bringen. Doch Alexianus war vielleicht schon heute morgen ermordet. Mammäa ermordet und dann würde er triumphierend auf den Palatin zurückkehren! Er haßte diesen Knaben, und dennoch, hätte sich jener nicht von ihm abgewendet, dann würde er ihn geliebt haben, den kleinen Alexianus. Zu Emesa hatten sie zusammen gespielt; war Alexianus sein Sonnenkind gewesen, das während des Dienstes um ihn war. Wie fern das alles! Drei Jahre! Waren wirklich erst drei Jahre verflosren, seitdem er zum letztenmal im Tempel zu Emesa getanzt hatte? Seit die verliebten Legionen ihn ausgerufen hatten, während er bei Sonnenuntergang auf dem Sternenturm erschienen war, von des Hydaspes weißer Samara umhüllt? Plötzlich dünkte es ihn, als sei für ihn alles beendet, als habe er alles durchlebt, alle Becher des Lebens ausgekostet. In zahllosen Inkarnationen. Als habe er Götter und Göttinnen verkörpert und Kaiser und Volk, alles in Einem, als solle alles jetzt alsbald ein Ende nehmen für ihn. Wie würde das Ende sein? O, wenn er nur anmutig enden durfte, in Pracht und Zierlichkeit! Drohte ein Aufruhr? Waren die Truppen wirklich unzufrieden? Er zeigte sich allzuwenig in der letzten Zeit: er schmollte ... ja, er wollte an Volk und Heer Gaben und Spenden austeilen lassen. Er war nicht milde gewesen in letzter Zeit. Wenn sie ihn nur sahen und Geschenke empfingen. Oder ... Ob es nicht dennoch gut wäre, Narr zu befehlen, er solle die seidenen Stränge, die goldenen Dolche und die Gifte herüberbringen nach der Alten Hoffnung? Auf daß er anmutig enden könne, so die Stunde gekommen? Jetzt schluchzte er ob seiner eigenen Wehmut. Wohl war er ernster geworden und frömmer ward er sicherlich.   »Antoninus! Antoninus!« Er hob das tränenüberströmte Antlitz aus den Maßliebchen empor. Vor ihm stand seine Mutter, Semiamira. Sie schien heftig erregt; eine dunkle Palla umhüllte ihre Gestalt. »Antoninus, mein Kind, was tust du hier? Warum schluchzest du, mein Liebling? Sage mir, warum? Ich bin gekommen mit der Mutter in dicht verhangener Sänfte; sie ist dort, höre nur ihre Stimme. Mäsa ist heftig, sie rast gegen Aristomachos, Antiochianus, Hierokles. Im Lager herrscht Aufruhr. Man hat gekämpft. Das ist Mammäas Schuld. Sie zettelt Verschwörungen an, sie besticht die Centurionen, um das Volk zu Alexanders Gunsten zu stimmen. Das Leben eines Kaisers ist nicht allzeit heiter, mein Kind, sehr traurig kann die Allmacht sein. Früher war es heiterer. Weißt du noch ...?« »Wann, Mutter?« »Vor drei Jahren.« »Zu Emesa?« »Ja, zu Emesa, mein Liebling. Du Schatz meines Schoßes, wie wunderbar tanztest du dort! Nie hast du in Rom so getanzt!« »Entsinnst du dich noch, Mutter, der Gärten, des Tempels, des Turmes?« »Ja, Kind.« »Der Pfauen?« »Sie sind tot.« »Ja, sie sind tot. In der ersten Zeit hat sie Hydaspes füttern lassen, doch sie verwilderten und starben vor Sehnsucht.« »Ja, vor Sehnsucht. Entsinnst du dich noch meiner hohenpriesterlichen Gemächer? Entsinnst du dich der Stadt? Der alten Stadt?« »Du Schelm!« Sie lachten beide. »Wußtest du das damals schon?« Sie flüsterten, kicherten miteinander; sie kniete an seiner Seite, er hatte seinen Arm um ihren Nacken geschlungen, seinen Kopf drückte er fest an ihre Brust. »Hier, mein Liebling, tun wir das gleiche.« »Doch es ist nicht das gleiche, hier.« »Nein, das gleiche ist es nicht.« »Hier ist es traurig.« »Ja, mein Liebling. Alle Lust ist hier traurig. Wie sehr ich sie auch suchen mag, sie befriedigt mich nicht.« »Auch mich nicht, Mutter, ich bin krank vor Traurigkeit.« »Vor Liebe, mein Schatz, zu diesem elenden Hierokles!« »Vor Haß, Mutter, gegen Alexianus!« »Warum so hassen, Kind? Mammäa ist ein Scheusal, ein Scheusal ist ihr Sohn. Warum wurden beide nicht längst aus dem Wege geräumt? Du warst viel zu nachgiebig. Du hattest Alexianus noch lieb, während er und seine Mutter dich schon haßten. Warum die Dinge so erschweren? Nie wage ich mehr, am Abend in der Subura Zerstreuung zu suchen; ich fürchte mich. Warum nicht einfach Mammäa und ihren Sohn aus dem Wege räumen? Narr hätte es früher so mühelos tun können. Jetzt ist es zu spät, die Mutter wacht und Mammäa und Encolpius wachen. Mein Liebling, du warst zu langmütig. Wie öde ist mir die Zeit auf dem Palatin!« »Bleibe hier!« »Ich möchte wohl, mein Kind, aber wenn du noch nicht zurückkehrst, dann ist es besser, daß ich dort bleibe bei der Mutter ... Verstimmt ist sie gegen dich. Mammäa hat leichtes Spiel. Mein Kind, Großmutter hebt dich immer noch mehr als den andern. Kehre zurück, hasse nicht so wild, versöhne dich mit dem Knaben, nur zum Schein. Wenn alles ruhig geworden ist, dann vergiften wir ihn ganz heimlich und betrauern ihn vor der Öffentlichkeit und vergöttern ihn nach seinem Tode in der Pracht der Apotheose. Tempel soll er haben, soviel er nur will! Es ist nicht gut, so augenfällig zu hassen, da sich doch alles ruhig vollziehen kann, ohne daß unsere Lust getrübt wird, die hier in Rom ohnedies nicht allzu heiter ist und nicht mehr die Lust von Emesa.« »Von Emesa« murmelte Antoninus.   An seine Mutter gelehnt, schloß er die Augen. In ihr erwachte eine bebende Mütterlichkeit. Allzeit hatte sie ihr Kind liebgehabt, mehr als alles auf der Welt, hatte es vergöttert, bewundert, angebetet. Als Tochter der Sonne hatte sie oft einen frommen Schauder empfunden vor der Göttlichkeit, die sich aus dem Licht in ihr Kind herabgesenkt, und zugleich hatte ihre leichtblütige Natur in ihm nicht nur den Sohn gefunden, sondern einen Kameraden, eine Schwester beinahe, einen Kameraden der Freude, eine Schwester, die die Empfindungen körperlicher Sinnlichkeit und hysterischen Verlangens ihr nachfühlen konnte. Nun, da er an ihrer Seite lag, fiel es ihr auf, wie müde und bleich und traurig er aussah: die Augen dunkel umschattet, hohl die noch feuchten Wangen, von denen die Tränen die Schminke weggebadet hatten – und jetzt gewann sie ihn so innig lieb, in Mütterlichkeit und Mitleiden, hätte ihn wohl mit fortnehmen mögen, weit, weit fort in ein ruhiges, schönes Land voll lachender sonniger Freude ... nach Emesa, ja auch nach Emesa, warum nicht? Sie lächelte wehmütig, wiegte ihn sacht in ihren Armen. Während eines flüchtigen Augenblicks lagerte wohlige Ruhe im Schatten der großen Schirmtannen, auf dem frisch-grünen, von Maßliebchen übersprenkelten Gras ... Über die Hügel näherte sich schwerfällig, doch aufrechten Ganges, eine alte, ganz in Weiß gekleidete Frau und Semiamira sagte: »Antoninus, da kommt die Clarissima. Steh auf, Antoninus, ich flehe dich an, sei ehrerbietig, sie ist doch unsere Mutter, unser aller Mutter, und sie hat dich lieb, mein Kind.« Sie half Antoninus sich emporrichten und so stand der Kaiser, als Mäsa sich näherte, aufrecht da, in seinem langen, weißen Morgengewand, halb nackt, von dem durch das Laub gesiebten Sonnenlicht golden umflutet. Seltsam war es, daß der Knabe die Großmutter, die ihn anbetete, nicht liebte; seltsam, daß die Großmutter, die diesen Mangel an Liebe zu ihr wohl empfand, ungeachtet der Schmähung, die er ihr, der Herrschsüchtigen, angetan hatte, diesen Knaben trotz alledem anbetete, ihn bewunderte, während des Dienstes und des Tanzes und auch nun, während er sich so götterschön vor ihr erhob aus dem blumigen Gras. Sie näherte sich ihm schweratmend, streckte ihm die Hände entgegen aus der weißen Palla und ihre oft scharfe, hochmütige Stimme löste sich in zärtliche Weichheit, während sie sprach: »Mein innigst geliebter Antoninus!« »Ehrwürdige Großmutter?« »Ich komme zu dir, mein Kind, weil ich dir beweisen will, daß ich dich noch immer liebe, obwohl arge Dinge geschehen sind. Laß mich hoffen, daß nicht du sie befohlen hast, sondern daß es deine Sippschaft, daß es Hierokles war, der des Alexianus Standbilder wagte besudeln zu lassen.« »Es war Hierokles.« »Ich wußte es, mein Kind. Doch obwohl arge Dinge geschehen sind, ist es noch nicht zu spät. Kehre zurück in das Palatium, versöhne dich mit Alexianus, er ist dein Vetter. Versprich mir, daß ich nicht zu bangen brauche um sein Leben.« »So habe ich auch schon zu Antoninus gesprochen,« sagte Semiamira mit heller Stimme. »Warum nicht sich aussöhnen und zurückkehren in das Palatium? Komm, Antoninus, kehre zurück!« »Nicht, so lange das Kind dort ist.« »Er ist der Cäsar, dein bluteigener Vetter, dein angenommener Sohn!« »Er ist wie eine Schlange, er speit sein Gift im Dunkeln aus. Ich hasse ihn. Wenn du mir sein Leben nicht gönnst, so verbanne ich ihn, verbanne ihn mit Mammäa und lasse beide als Feinde des Vaterlandes ausrufen.« »Antoninus, das Volk murrt, die Truppen murren, der Senat murrt.« »Ich kehre nicht zurück. Hier habe ich meine Truppen, die mir treu sind, die mich anbeten.« »Mein Kind, wir alle beten dich an. Doch kehre zurück, du Schatz meines Schoßes.« »Ich komme, wenn die Mutter mit ihrem Sohn fort ist.« Die alte Frau warf, einer ratlosen Sibylle gleich, die Arme empor. »O, ihr Götter!« rief sie klagend aus und ihre Augen traten aus den Höhlen, als schauten sie ein zweites Gesicht, »es ist allzeit so gewesen und es wird wiederum so sein!« Schluchzend stieß sie diese Worte hervor; sie verstanden sie nicht. Semiamira fragte: »Was siehst du, Mutter? »Es ist allzeit so gewesen und es wird wiederum so sein ... es ist gut . O Heliogabal! Heiliges Licht! Ich danke dir für das Allgute, für das Allichte, nach dem wir streben ...« »Komm mit, Antoninus,« bat Mäsa flehentlich, »komm mit, insgeheim, in meiner dicht verhangenen Sänfte. Heute abend folgen dir alle die anderen, morgen zeigst du dich mit Alexianus. Mein Kind, mach, daß ich dich retten kann!« »Vor wem? Das Volk hat mich lieb, das Heer betet mich an ... Und wenn nicht ... so wacht über mir ...« Den mystischen Namen des Gottes sprach er nicht aus; er küßte nur des Hydaspes Ring an seinem Finger. Vierundzwanzigstes Kapitel An jenem Mittag begab sich der Senat zur Audienz in den Tempel der Spes Vetus. Cubicularii führten die Senatoren, sechshundert an der Zahl, um den Palast herum in den hoch gelegenen Park; über die begrasten Hügel hinweg erspähten die entzückten Augen die von zitterndem Licht übergossene Campagna. Eine seltsame Stille hing in den Gärten, wenngleich sich hunderte und tausende darin aufhielten: das gewaltige Heer, das ganze zahlreiche Gefolge. Eine seltsam tote Stille; denn auch die Senatoren flüsterten kaum. Ein lange währendes Warten schleppt sich hin, minuten-, viertelstundenlang, eine Stunde, anderthalb Stunden. Noch immer erscheint der Kaiser nicht. Endlich ein Schwarm von Magiern und Priestern, von Kindern und Dirnen; die Günstlinge, der Gemahl des Kaisers, lorbeerumkränzt, gleich einem Triumphator, herausfordernd, dicht umringt, ein ganzer Schwärm, der sich ergießt über die vielen Stufen des Peristyls hinab, in die Gärten, wo der Senat wartet, in doppeltem Kordon aufgestellt. Das Peristyl gleicht einem Thron, mit dem goldenen Sigma in der Mitte ... Wiederum eine kurze, wilde Tubafanfare, und der Kaiser erscheint, von sechs Priestern umringt, wie ein Gott, der aus dem dunklen Dämmer des inneren Tempels erstrahlt ... geheimnisvoll, starr sein Antlitz unter der Mitra. Doch Zorn umlagert seine Stirn; seine veilchendunklen Augen starren unablässig vor sich hin, als sähen sie nichts; seine Lippen sind zusammengepreßt. Seine sechs Priester bedienen Ärmel- und Mantelrand, während er sich steif auf des Sigmas goldene Kissen niederläßt. Er lehnt sich nicht an; er streckt sich nicht hin, er lächelt nicht, er buhlt nicht ... Wie ein steifes Götzenbildnis sitzt er da, seine juwelenstrahlenden Finger ruhen auf den Knien, seine juwelenüberglitzerte Nacktheit leuchtet in dem goldenen Schatten des Mantels. Keine Musik, kein Weihrauch ist um ihn, als sei der Gott so zornig, daß er die Anbetung der Welt verschmäht. Er spricht nicht, er gibt kein Zeichen. Es herrscht eine bange Ungewißheit ... Die Senatoren blicken sich an, die ältesten nähern sich zum Fußkuß. Doch der Kaiser scheint sie nicht zu bemerken; unsichtbar bleibt sein Fuß unter dem Mantelsaum und seine Augen blicken starr in die opalfarbenen Fernen ... Andere Senatoren versuchen, sich zu nähern: der Kaiser scheint den Fußkuß nicht zu wünschen. Er schweigt und dieses Schweigen, dieses Warten – worauf, weiß niemand – ist beklemmend. Betroffen wischen sich die Senatoren mit einem Zipfel ihrer Laticlavia den Schweiß von der Stirn. Sengend heiß ist es zu dieser Stunde. Der Kaiser spricht nicht, befiehlt nicht, und um ihn sind wort- und regungslos die Seinen, alle, die ihm treu sind, die ihn lieben. Der Senat begreift: dieses Schweigen ist die Antwort auf sein Schweigen, dieses Schweigen ist Haltung. Er zürnt. Mächtig ist er, die Truppen sind auf seiner Seite. Ist die Clarissima nicht hier? Nein, sie ist nicht hier. Warum ist sie nicht gekommen? Sicherlich gönnt sie Antoninus diesen Augenblick der Übermacht über Roms Senat, wenngleich es nur eine Macht des Schweigens ist. Es ereignet sich nichts. Über den Gärten, darin die Zeremoniengewänder buntfarben aufleuchten, liegt, atemraubend, eine allgemeine Bewegungslosigkeit. Da plötzlich, Fanfaren ... Der Kaiser, von seinen sechs Priestern bedient, erhebt sich, wendet sich um und sein edelsteinglitzernder Rücken verschwindet im Dämmer des Tempelinnern. Die Audienz ist beendet. Doch auf den höchsten Stufen der Treppe des Peristyls, vor dem verlassenen Thron des Kaisers, erscheint Antiochianus, der Praefectus Praetorio, und ruft laut: »Heil wünscht euch, Patres Conscripti, euch allen, allen, der ewige Antoninus Augustus Heliogabalus, Heil zu eurer bevorstehenden Abreise! Noch heutigen Tages, noch zu dieser Stunde, die Stadt zu verlassen, nicht vor seinem göttlichen Angesicht zu erscheinen, bevor seine Gnade euch zurückruft, gebietet er euch, Patres Conscripti! Heil wünscht euch der ewige Antoninus Augustus Heliogabalus zu eurer bevorstehenden Abreise!«   Ein Rauschen von Zeremoniengewändern; doch in den Gärten, allsobald unterdrückt, ein höhnisches Auflachen, ein Kichern, ein Flüstern. Noch während Antiochianus spricht, ist der Hof hinter dem Kaiser verschwunden. Die Senatoren blicken einander an: einer, der berühmte juris consultus Ulpianus, nähert sich dem Antiochianus. »Warum, Antiochianus?« »Es ist der Wille Seiner Ewigkeit.« »Wohin soll sich der Senat begeben?« »Es bleibt den Senatoren freigestellt.« »Wir werden über Alexander wachen.« »So wacht unterhalb der Tore, geht augenblicklich. Ich bin ein Kriegsmann und schwatze nicht, Clarissime. Ich habe den Befehl, den zu töten, der nicht sogleich die Stadt verläßt.« »Sogleich die Stadt verlassen? Von hier aus? Von der Alten Hoffnung aus?« »Von hier aus.« »Soll es nicht vergönnt sein, erst heimwärts zu ziehen?« »Nein.« »Ich habe keine Sänfte.« »So suche dir eine.« »Viele Senatoren sind zu Fuß gekommen.« »So mögen sie sich gegenseitig als Esel benutzen.« Eine Bewegung unter den sich blähenden, purpurumrandeten, goldverzierten Laticlavien. Wohin? Zu welcher Pforte hinaus? Wo ein Pferd, einen Maulesel finden? Ein Gefährt, wie immer es beschaffen sei ... Antiochianus wartet. Um die bärtigen Lippen der Prätorianer, die noch in Reih und Glied stehen, lagert ein beinahe grinsender Spott. Wohin entkommen? Und wie? So sich der Senat widersetzte? Dann würden die Senatoren erbarmungslos hingemordet werden unter den starren Augen des Kaisers. Nie hatten sie Antoninus so gesehen, so erzürnt, so kalt, so hochmütig. Und Alexianus im Palatium! »Mäsa wird wachen!« »Wir gehen nicht weit!« »Wir bleiben vor den Toren.« »Still, ich vermumme mich, ich bleibe in Rom!« Doch Höflinge nähern sich spottend: »Clarissime, ich habe eine Giraffe für Euch, wollt Ihr auf ihrem Rücken die Reise antreten?« »Vielleicht kann Euch der Oberpriester einen Ochsen abtreten oder vielleicht ein Schafgespann für den Reisewagen!« Die Prätorianer stehen, spöttisch grinsend, regungslos da. Doch eine Angst durchschauert die Würde der Senatoren. Sie fliehen die Eukalyptusalleen entlang, verwickeln sich strauchelnd in ihren wallenden Togen; und außerhalb der Wälle des Sommerpalastes schreien sie laut: »He! He! Heda! Wer hat ein Kamel? Wer hat einen Maulesel?« Landleute, Träger strömen herbei. »Fünfzig Sesterzen für einen Maulesel, hundert, zweihundert für einen Weinkarren! Für mich zwei tüchtige Träger! Wenn ich nur irgendwie wegkomme! Hierher, Männer, tragt mich! Eine Tonne, eine leere Tonne? Kannst du nicht Räder daran befestigen, Hunde davor spannen? Ich biete hundert Sesterzen, wenn ich nur wegkomme!« In der brennenden Hitze dort draußen, im aufwirbelnden Staub ein Rufen, ein Schreien, ein Schachern um Vehikel aller Art. An den Toren stehen die Prätorianer, wiehernd vor Lachen, und die Zenturionen mit ihren Kommandostimmen, die wie kupferne Clarinen klingen, brüllen ihren Wunsch: »Heil, heil, Patres Conscripti, zu der bevorstehenden Abreise!« Fünfundzwanzigstes Kapitel Die Sonne ist noch nicht gesunken, doch in orangefarbenem Schimmer verglüht im Westen hinter der violett schimmernden Stadt das erlöschende Gestirn. Nach der stummen Audienz wird in den Gärten ein freudiges Auflachen hörbar. Das Fest nimmt seinen Anfang. Ganz plötzlich sind viele römische Matronen geladen worden. Auf dem gleichen Sigma, auf dem er am Mittag unnahbar und schweigend gesessen hat, wälzt sich nun Antoninus; sein weißer Körper ist gleichsam inkrustiert mit parteiischen Ornamenten aus rosafarbenem Topas. Er will sich ausschütten vor Lachen, denn vor ihm spielen die Narren und Zwerge, etwa sechzig an der Zahl, die Flucht der Senatoren aus Rom: sie haben um ihre mißgeformten Glieder purpurne Bänder geschlungen, die Laticlavien vorstellen sollen. Sie schreien nach einem Pferd oder einem Maulesel oder einem Ochsen. Sie bilden einen närrischen Aufzug: sie reiten einander auf den Schultern und entfliehen, indem sie ihre Furcht vor des Antiochianus Prätorianern durch drollige Ausrufe markieren. Sie reiten auf den blökenden Opferschafen, auf den Büffeln, auf den zahmen Panthern und Löwen; drei hängen an dem Hals einer Giraffe, fünf bilden in akrobatischer Stellung einen kleinen Wagen, zwei formen die Räder, drehen sich wie toll um sich selbst. Nicht nur Antoninus lacht; alle lachen, die Höflinge, die Gäste, die diensttuenden Soldaten; eine Quadriga aus Elefanten rennt, verblüffend riesenhaft, durch die Gärten. Auf zweien dieser Dickhäuter steht breitbeinig ein Narr und lenkt das seltsame Gespann mit großer Kunst. Alle jubeln ihm zu. Antoninus lacht Tränen. Der Kaiser hat einen ägyptischen Basilisken auf seinen Schoß genommen; ein Fabeltier, halb Krokodil, halb Drache, seinen Agathodaimon, sein Glückstierchen: die Schuppen sind mit Juwelen inkrustiert, und als das Tier den Kaiser mit den Pfoten kitzelt, wirft er es Aristomachos ins Gesicht. Der lacht. Jetzt heißt es, recht törichte Dinge ersinnen und um jeden Preis heiter sein. Schalkhaft sinnt Antoninus nach, der Bitterkeit und Traurigkeit, die in seiner Seele waren, nicht mehr eingedenk, nicht mehr der murrenden Truppen, nicht mehr des Alexianus. »Heute abend wird es geschehen!« flüstert ihm Antiochianus zu, »nach Mitternacht, Aristomachos wird mit drei Kohorten ausziehen. Die Palastwachen sind auf unserer Seite, die Kohorten werden sich anfangs so stellen, als wollten sie die Palastwache plötzlich überfallen. Die wird scheinbar weichen. Dann töten sie Encolpius und die Seinen, dann ... dann ermorden sie Alexianus und seine Mutter. Noch heute abend, Antoninus, heute nach Mitternacht.« Antoninus hört ihn kaum. Schalkhaft denkt er nach. Er ist heiter, er will heiter sein. Also heute nach Mitternacht wird das verhaßte Kind zu leben aufgehört haben! »Hierher die Sklaven!« ruft Antoninus. Ein Schwarm von Sklaven stürzt über die Stufen des Peristyls vor das Sigma des Kaisers. Zehn unter ihnen weist der Kaiser mit Namen an: »Wer mir zuerst tausend Pfund Spinngewebe bringt, soll tausend Sesterzen erhalten! Schnell, schnell, sucht in ganz Rom!« Lachend und schreiend eilen die zehn Sklaven davon, überschlagen sich purzelnd. In ganz Rom werden sie suchen. »Rom ist groß genug!« ruft der Kaiser lachend aus, »binnen zwei Stunden! – Was sage ich da, binnen einer einzigen Stunde habe ich meine tausend Pfund Spinngewebe!« »Hierher die Sklaven!« ruft Antoninus wieder, und während sie niederknien, deutet er auf zehn unter ihnen: »Sucht mir so bald wie möglich tausend Wiesel, zehntausend Ratten, hunderttausend, ja hunderttausend weiße Mäuse!« Die zehn Sklaven stürzen davon, nicht wissend, wohin sie sich zuerst wenden sollen. Antoninus lacht Tränen vor Ausgelassenheit. Sie werden suchen, suchen nach Wieseln, Ratten und Mäusen, denn wenn sie sie bringen, werden sie reich belohnt, und sie wissen, daß der Kaiser nicht genau zusieht, ob ihre Zahl auch wirklich stimmt. Wenn sie zwölf Wiesel, fünfzig Ratten und ein paar weiße Mäuse bringen und sie über die Stufen des Peristyls laufen lassen, ist der Kaiser zufrieden. Dann lacht er und teilt das Gold mit freigebigen Händen aus. Antoninus versteht selber nicht, wie er so ausgelassen sein kann. Aber er will so sein. Er ist beinahe glücklich, weil neben ihm Hierokles sitzt, der ihn zärtlicher denn je an sich gezogen hat, und den er so innig liebt, daß er ihm alles verzeiht. Nicht einmal darob vermag er ihm zu zürnen, daß er für den Schwarzen Stein nur ein verständnisloses Lächeln hat und keinem einzigen Dienst mehr beiwohnt, weil er behauptet, dieser langweile ihn: Opfertiere, anbetende Magier, Tanz, Weihrauch, jeden Morgen das gleiche Schauspiel. Sein Hierokles! Er weiß nichts von den unsichtbaren Dingen, versteht ihre Symbole nicht. Dennoch liebt er ihn mehr als alle, mehr als alles, und diese Liebe wird nur überstrahlt von seiner ehrfürchtigen, dem Licht geweihten Frömmigkeit, dem Licht, das er selbst, wie bleich auch, auf Erden verkörpert.   Seht, da naht ein possierlicher Aufzug, ein Aufzug, wie ihn nur Antoninus sich ausdenken kann. Zwischen Zwergen und Narren, die die Flöte spielen und die Trommel schlagen, nähern sich acht Kahlköpfige, acht Schielende, acht Gichtbrüchige, acht Schwerhörige, acht Fettleibige. In soldatischem Drill müssen sie an dem kaiserlichen Sigma vorüberziehen. Vor den Stufen des Peristyls strecken sie sich auf das Lager hin, werden bedient und verhöhnt. Doch das Sigma der Fetten ist so winzig klein, daß sie einander fortwährend verdrängen müssen, um Platz zu haben. An einem Kahlköpfigen, einem Schielenden, einem Gichtbrüchigen ist nichts zu sehen, doch acht Kahlköpfige, acht Schielende, acht Gichtbrüchige und dazu noch acht Schwerhörige und acht Fettleibige, das ist ein Schauspiel, wie man es ergötzlicher nicht auszudenken vermöchte! Plötzlich ein Pfeifen, wie von entweichender Luft. Rings um die Sigmata tummeln sich die Narren und Zwerge; doch stets mehr und mehr Luft entweicht mit schrillem Pfeifen: es sind die Lederpolster, die die Zwerge heimtückisch aufgeschnitten haben. Die Luft entweicht, die Polster schrumpfen zusammen und die acht Kahlköpfe glänzen plötzlich von unten herauf, die acht schielenden Augenpaare blicken rücklings nach den Polstern, tauchen possierlich unter, strecken die Füße in die Luft, die Schwerhörigen geraten mit den Gichtbrüchigen ins Handgemenge, indes die Fettleibigen eine unkenntliche Masse bilden, einen Hügel von geschwollenen Bäuchen, fetten Hüften und hochroten Köpfen. Sie taumeln nach links und nach rechts und übereinander. Doch – was ist das dort an den Wällen und Toren des Sommerpalastes, am Ende des Eukalyptusganges? Qualm von Fackeln, die rotglühenden Rauch durch die schwüle Hochsommernacht fegen, gleich einem Brand, einem nahenden Brand! Hört, was ist das? Brausende Stimmen, hastig stampfende Schritte. Mit der Brandwolke eilen sie daher, eine Woge der Raserei, in der rohe Fratzen erkennbar werden und Arme, die drohend fuchteln, und Fäuste, die Waffen schwingen. Plötzlich erklingen Bucinae dort drüben auf den Wällen, Zenturionenstimmen brüllen Kommandos und inmitten des flackernden Scheines der festlichen Feuer und der stets näher und näher rasenden Fackelbrandwolke werden, anfangs noch verschwommen, zwischen den dunklen Stämmen und der nächtlichen Finsternis hell leuchtend, die glitzernden Gestalten der Clibanarii sichtbar mit den langen Schildfunken der Chrysaspiden und Argyraspiden. Von den gespannten Bogen zischt ein Hagel von Pfeilen über die Menge und ihr Glanz eint sich mit dem Goldgefunkel der Soldaten, auf die sie einstürmen. In den Gärten herrscht, nach dem ersten, zitternden Staunen, lebhafte Bewegung, die Panik, die nicht weiß, wohin und warum und wozu: die wahnsinnige Panik der Gäste, die entfliehen, hierhin und dorthin, mit erhobenen Händen, die schreien, flehen, fluchen, die über umgestürzte Tische und zertretene Sigmata straucheln, die stolpern über Scherben von Glas- und Tongerät; ein tolles Durcheinander von Narren, Zwergen und Tigern, dazwischen wimmernde Frauen mit zertretenem Bauch; Magier, Priester, Sklaven, Kinder, miteinander ringend, um zu entkommen, wohin, das weiß niemand; in dem Peristyl der Kaiser, bleich, angsterfüllt, weil er das noch nie erlebt hat, weil er es weder sich auszudenken, noch zu träumen vermocht hätte; die Günstlinge, die ihrem Schicksal fluchen und in den innersten Gemächern des sommerlichen Palastes sich zu bergen suchen. Hoch über dieser ganzen Verwirrung, dieser Panik ein Johlen und die Stimmen ferner Raserei, aus der, jetzt deutlicher erkennbar, rohe Gesichter auftauchen. Das Volk schmäht Antoninus und brüllt, rachedurstig: »Wo ist er? Wo ist Avitus, das Hurenkind? Wo ist Sardanapal? Götterdieb! Frevler! Her mit ihm! Wo verbirgt er seine Dirnenfratze? Mit Dreck wollen wir ihn besudeln, so wie er des Alexianus Bildnisse besudelt hat! Schützen wollt ihr ihn? Wir wollen Alexianus schützen, mit unserem Blut! Wollt ihr einen Kerl, der eine Hure ist, zum Kaiser haben? Wir wollen Alexianus! Heil, heil Alexianus! Weg mit Heliogabal! Weg mit seinem abscheulichen Licht! Weg mit seinem schwarzen Kegel! Wir wollen Rom, wir wollen Alexianus! Heil Mammäa, und allzeit Heil, Heil der erhabenen Mäsa!« Der Knabe fürchtet sich. Noch nie hat er das Volk so gesehen, so gehört. Er ist in das dunkle Innere des Palastes zurückgewichen und hat sich dort in die Arme des Aristomachos geworfen, der ihn entsetzt an sich drückt. Der Tribun flüstert ihm zu: »Antoninus, mein Liebling, bleibe hier, verbirg dich hier. Ich muß fort, ich muß zu Antiochianus. Unsere Truppen sind treu, sie alle beten dich an, wie ich. Wir werden dich schützen!« Doch fest klammert das Kind sich an ihn. »Nein, Aristomachos, bleibe hier, beschütze mich, ich fürchte mich!« »Sei tapfer, mein Antoninus, denk an die Stunde vor Antiochia: deine goldene Chlamys flatterte im Winde, allen Truppen voran stürmtest du. Du warst ein Held, du warst die Sonne, Antoninus!«. »Ich fürchte mich, Aristomachos, ich fürchte mich! Bleibe bei mir, ich flehe dich an! Sie werden mich foltern, töten! Halte mich in deinen Armen, Aristomachos!« Der Tribun reißt sich los von dem zitternden Knaben. Er hört des Antiochianus Befehle. Die Legionen der Alten Hoffnung sind treu! Antoninus verbirgt sich völlig in den bronzeschweren Falten des Vorhanges; kaum, daß er darunter sichtbar ist. Die Pforte zum Palast, zum Peristyl ist dicht bewacht. Herausspähend gewahrt er seine Getreuen. Doch er fürchtet sich, es durchschauert ihn ein noch nie gekanntes Entsetzen. Antiochia? Seine goldene Chlamys? Er ein Held? Kaum, daß er sich dieser Ekstase noch zu entsinnen vermag ... Vielleicht, weil er damals an Hydaspes dachte. Aber Hydaspes ist so fern, er denkt jetzt nur noch mit bitterer Unzufriedenheit an ihn.   Er weiß nichts mehr, er fürchtet sich. Nichts Allgutes, nichts Allichtes ist da mehr, nur seine alles durchzitternde Angst. Er fürchtet, daß sie ihn finden, daß sie ihn mißhandeln werden. Hinter den bronzeschweren Falten des Vorhanges versteckt, ist er der Ohnmacht nahe, bis er plötzlich des Antiochianus Stimme vernimmt: »Was würdet ihr denn wollen, selbst wenn sich der Kaiser gnädig zeigte, was würdet ihr sagen, trunkene Bande, die ihr seid! Kein Haar auf seinem heiligen Haupt würdet ihr zu krümmen wagen, denn um ihn würden Tausende aufstehen, ihn zu rächen! Sind wir nicht Tausende an der Zahl, wir alle, ihm getreu bis in den Tod? Wenn auch ihr zu Tausenden seid, wohl, so kämpfen wir, Mann gegen Mann. Allzeit werden wir den geliebten Cäsar Alexianus ehren!« »Man hat seine Standbilder besudelt. Ist das Ehrfurcht?« »Stets werden wir den geliebten Cäsar achten, doch Kaiser ist er uns nicht. Treue haben wir dem Antoninus gelobt, ihm, der den geliebten Namen unserer Kaiser trägt, ihm, dem Sohn des Bassianus Caracalla, dem Enkelkind des Septimius Severus!« »Ein Hurenkind ist er!« »Trunkene Bande! Schämt euch, die Verkörperung des heiligen Lichtes zu lästern!« »Das heilige Licht? Euer Lustknabe das heilige Licht?« »Was wollt ihr? Was bezweckt ihr mit diesem Überfall? Was soll diese Kränkung seiner Person und seines Namens? War er nicht milde? Ließ er nicht Gaben und Spenden verteilen? Brachte er nicht helle Freudigkeit nach düsteren Jahren? Was wollt ihr? Sprecht! Ist nicht Antoninus unser Gott, unser Kaiser?« »Wir wollen Alexianus!« »Will Alexianus denn selbst? Will der Cäsar dem Antoninus das Imperium nehmen? Ich kann das nicht glauben. Wo ist Alexianus? Er soll sprechen. Aber nein, Alexianus ist in dem Palatium mit den drei erhabenen Müttern und sie alle sehen bekümmert die trunkene Erregung der Römer!« »Wer hat des Alexianus Bildnisse besudelt? Wer hat ihm nach dem Leben getrachtet? Antoninus! Antoninus!« »Weibergeschwätz!« »Warum zeigt Antoninus sich niemals an des Alexianus Seite? Wir wollen Alexianus! Wir wollen Alexianus!« »Volk von Rom, Quiriten, räumt die Wälle, sage ich euch! Noch ist Antoninus gnädig, noch hat er nichts anderes befohlen, als daß die Widerstrebenden erschlagen werden sollen. Zieht euch zurück oder besser noch: bleibt und bereut! Allmilde ist seine verzeihende Gesinnung. Ruft es laut aus, daß ihr Antoninus treu bleiben wollt!« Der Kampf hat sich beinahe gelegt. Auf den Wällen, im Schein der Fackeln, liegen röchelnd die Sterbenden. Die Worte des Präfekten führen einen Waffenstillstand herbei, eine scheinbare Beschwichtigung rasender Kampflust, doch nicht die innere Ruhe. Johlend und schimpfend antwortet das Volk dem Antiochianus und Rede folgt auf Gegenrede, bis Stimmen rufen, hier und dort, überall, verworren. »Gewiß, Antoninus ist milde.« »Niemals wird Alexianus so milde sein!« »Möglich, doch er ist schon ein Mann, so jung er ist.« »Während Antoninus ...« »Wenn des Alexianus Leben gesichert ist, wollen wir Antoninus noch dulden.« »Ihn dulden?« ruft Antiochianus mit donnernder Stimme, »ihn dulden? Den Göttern danken, in den Staub sinken sollt Ihr vor der Gnade seiner Herrschaft! Heil, heil Antoninus!« »Heil, heil Antoninus!« »Nein, heil Alexianus!« »Wir wollen Antoninus! Er ist herrlich anzusehen!« » Ich habe ihn noch nie berührt; wenn ich ihn nur berühren dürfte!« »Antoninus wollen wir, aber seine Männer wollen wir nicht!« »Die Schurken!« »Die Elenden! Die Kerle, die ihn bedienen, Gordus ...« »Murissimus ...« »Protogenes!« »Den Magirus, den Koch Zotikus!« »Den schmutzigen Barbier Claudius Rufus!« »Und Hierokles, den Lenker!« »Seine Kerle, seinen Gemahl! Haha, seinen Gemahl! Wie viele hat er eigentlich ?« »Her mit den Schurken, wir wollen sie töten!« »Her mit Hierokles, her mit dem Gemahl des Antoninus! Erwürgen wollen wir ihn, schinden wollen wir ihn!« »Weg mit den Lieblingen des Antoninus!« Das Volk wird ungestümer. Doch Antiochianus, schlau und besonnen, will nicht mehr Blut vergießen, als nötig ist. Würden ihnen die Truppen der Alten Hoffnung standhalten können, so sie noch ungestümer würden? Wenn sich hinter dieser dunklen Volksmenge Rom zusammenstaute? Antiochianus ruft: »Volk von Rom, Quiriten, hört! Der Kaiser hat Gordus bereits verbannt!« »Das ist gut!« »Und Protogenes!« »Das ist gut!« »Und Murissimus!« »Das ist gut! Und Hierokles?« »Hierokles ist des Antoninus Gemahl!« ruft Antiochianus laut. Ein Zischen, ein Lachen, ein Pfeifen, ein Johlen, ein Fluchen, ein Drängen, ungestüm und unbezwingbar. Die Hastati schwingen die Lanzen, doch die Zenturionen halten sie zurück. »Weg mit Hierokles! Her mit Hierokles! Gerade er soll verbannt werden! Zerstechen wollen wir ihm sein schönes Gesicht, die Ohren wollen wir ihm abschneiden und die Nase, die Augen wollen wir ihm ausstechen! Hierokles macht Antoninus toll! Weg mit ihm! Wo ist er? Im Palast? Im Tempel? In den Gärten?« Die Hastati bieten Widerstand. Die Bogenschützen schießen ... Pfeile schwirren; mit herzzerreißendem Aufschrei sinken Getroffene zu Boden. »Volk von Rom!« ruft Antiochianus donnernd aus, »Quinten!«   Man hört ihn nicht mehr. Ein ohrenbetäubendes Kreischen, ein schrilles Zischen, ein viehisches Gebrüll ist losgebrochen, denn ganz unerwartet ist der Kaiser Antoninus hervorgetreten aus dem inneren Palast. Auf dem Peristyl hinter den Chrysaspiden, die ihn bewachen, wird er deutlich sichtbar. Er ist bleich, die bebenden Arme streckt er empor. Er zittert nicht um seinetwillen, sondern um Hierokles, und er ruft fassungslos: »Volk von Rom!« Seine Stimme bricht vor Angst, ein schriller, flehentlicher Schrei wird hörbar. »Nehmt mir alle, Gordus, Protogenes, Murissimus, doch laßt mir Hierokles! Tötet ihn nicht, tötet mich! Alles, was ich besitze, gebe ich hin für sein Leben!« Er ist auf die Knie gesunken, er schluchzt, doch Aristomachos hat sich ihm genähert und barsch, wie noch nie, zischt er ihm zu: »Steh auf!« Mit rauhem Griff reißt er den Kaiser empor. Der Knabe sinkt aufschreiend gegen ihn, sein Kopf fällt auf des Aristomachos Schulter. Das Volk hat ihn nicht gehört, weil es selbst schrie und johlte. Hunderte johlten, aber Hunderte jubelten auch ... Viele sind der Meinung, daß der Kaiser ihnen Hierokles preisgegeben habe; andere glauben, er sei berauscht, andere wieder, es würden Geschenke an sie ausgeteilt. Niemand weiß mehr, was der andere, was er selbst will. Viele wollen zu dem Palatium, um Alexianus zum Kaiser auszurufen, ihn feierlich hierher zu geleiten und auf seinen Befehl Antoninus zu ermorden. Andere wollen Mäsas wegen Antoninus kein Leid antun. Viele stehlen in den Gärten goldene Becher und werfen sich vor ein Vasculum, um den schneegekühlten Wein zu schlürfen. Ein großer Teil der Gärten steht in Brand. Die Kiefern gleichen Riesenfackeln. Über der Campagna schimmert fahl der Morgen. Im Palast halten sich die Günstlinge versteckt, rasend, daß Antiochianus sie alle, mit Ausnahme des Hierokles, verleugnet hat. Den Kaiser, der ohnmächtig geworden ist, hat Aristomachos auf den Armen in seine Gemächer getragen; dort überläßt der Tribun ihn Narr und den geflohenen Frauen. Alle Zugänge zum Palast sind von Prätorianern bewacht. Viel Volk zieht sich zurück, murrend und uneinig, und als Aristomachos zu Antiochianus zurückkehrt, sagt der Präfekt: »Wir haben Antoninus gerettet, doch Alexianus wird heute nacht noch leben!« Sechsundzwanzigstes Kapitel Diese Nacht! Diese entsetzliche Nacht! In dem Palatium schläft niemand. Vor den Gemächern der Mammäa und des Alexianus wacht die Wache des Encolpius. Doch auch im weiteren Umkreis des Palatiums, vor der Area der flavischen Paläste, vor den Bogen des Palastes des Septimius, im Turm des Septizoniums, wachen die Truppen und starren in die Nacht hinaus. Doch Semiamira – wie lange schon hat sie vergeblich auf Aristomachos gewartet, der mit seinen Soldaten kommen soll, um endlich Alexianus zu töten! – Semiamira ist mit geballter Faust, mit einem Fluch auf den Lippen des Encolpius Wache entlang zu den Gemächern der Mäsa geeilt. Da sie die Mutter dort nicht findet, eilt sie durch den Kaiserinnenhof und nähert sich den Gemächern der Mammäa, wo sie endlich die Clarissima antrifft: bei dem Knaben und seiner verhaßten Mutter. Da niemand das Nahen der Serenissima bemerkt hat, erhebt sich ein jähes Entsetzen. Mammäa schützt, rasch aufspringend, den Alexianus, indem sie weit die Arme ausbreitet. Der wachsame Encolpius erscheint mit seiner Wache auf der Schwelle dicht hinter Semiamira, der er mißtraut. Doch voller Bitterkeit lacht des Antoninus Mutter dieses Schreckens. »Mutter, so komm doch!« ruft sie angstvoll, »was vorgeht, weiß ich nicht, doch sicherlich ist es nichts Gutes. Der Palast ist umringt von Hastati und Velites, es ist nicht die gewöhnliche Palastwache, ich weiß nicht, wer sie sich versammeln hieß. Das Septizonium ist erleuchtet, Stimmen durchtönen die Nacht. Mutter, komm, ich fürchte für meinen Sohn Antoninus. Gewiß sind es die zwei dort, Mammäa und der Bastard Alexianus, die sich gegen meinen Antoninus verschworen haben!« »Wenn du es nicht bist, du, die in Gemeinschaft mit Antoninus meinem Kinde nach dem Leben trachtet!« ruft Mammäa aus, zitternd vor Angst und Wut. »Soämis, Mammäa!« schreit Mäsa, »haßt euch nicht! Habe ich nicht zwei Töchter? Habe ich nicht beide lieb? Nenne ich nicht zwei Enkelkinder mein?« »Doch Antoninus liebst du mehr als meinen Alexianus!« ruft Mammäa aus. »Ist er nicht der Ältere? Doch habe ich nicht auch Alexianus lieb? Werde ich ihn nicht schützen?« »Mutter!« ruft flehentlich Semiamira, »komm mit, ich fürchte für Antoninus. Was geht vor? Tausenderlei Dinge fürchte ich und weiß doch nichts ... Mutter, Mutter, komm mit nach dem Sommerpalast!« Mit sich zieht sie die alte Frau; und noch im Fortgehen überschüttet sie Mammäa und Alexianus mit Verwünschungen. Durch die Säle des Frauenhofes eilen Semiamira und Mäsa, durch die Atrien bis in die Gärten, um in die Nacht hinauszuhorchen, um zu sehen, was dort droht. Da, plötzlich ein Geräusch wie Meeresbrausen. Das ist das Volk, Roms Volk! Wohin wälzt es sich? In der Richtung nach der Porta Asinaria ? Nein, nach der Alten Hoffnung hin! Dort ist eine Lohe, wie der rötliche Widerschein von Brand. »Mutter!« schreit Semiamira, »sieh doch nur, dort drüben brennt es! Der Sommerpalast steht in Flammen! Hilf, Mutter, hilf, schütze meinen Sohn Antoninus!« Wie versteinert steht die alte Frau während eines flüchtigen Augenblickes und weiß nicht, was sie glauben soll. Sie schwankt, doch endlich ruft sie aus: »Soämis! Soämis! Das ist Kriegslist! Eine verruchte Kriegslist, die du mit Antoninus ersonnen hast, um mich aus dem Palatium zu entfernen, damit ihr dem Alexianus antun könnt; was euch beliebt!« »Nein, Mutter!« ruft Semiamira beschwörend aus, »es ist das Volk, das gegen Antoninus auszieht, das Volk, das den Palast dort drüben in Brand steckt!« Dunkler, dichter, drohender umdrängt die Menge den Palatin und Mäsa weiß nicht, ob sie der Alten Hoffnung entgegenstaut oder ob sie das Palatium umbrandet. Doch wie sehr sie Antoninus auch liebt, in dieser Nacht ist sie voll banger Furcht um Alexianus. Was will das Volk? Alexianus ermorden? Sie stößt Semiamira von sich, läßt ihre dunkle Palla in deren Griff zurück und eilt davon, zurück nach dem Hof der Kaiserinnen. Alle Cubicularii, alle Freigelassenen, alle Sklaven, alle Sklavinnen, alle Soldaten der Wache sind dort versammelt vor den Gemächern des Cäsars und bilden eine verworrene Menge. Mäsa stürzt hinein. Erleichtert atmet sie auf, als sie Alexianus in den Armen seiner Mutter sieht, und gebieterisch ruft sie: »Wache, Encolpius, wacht, ihr Truppen, das Volk stürmt herbei, ich weiß nicht, warum. Von der Alten Hoffnung her leuchtet es wie ein Brand. Doch Antoninus hat dort Antiochianus, Aristomachos und die Prätorianer. Für ihn fürchte ich nichts, ich fürchte für den Cäsar. Besetzt alle Zugänge, schützt den Cäsar, verteidigt sein Leben!« Sie selbst schlingt ihre Arme um den Knaben, der sich zornig gegen diese erregte Umarmung wehrt, während er die Brauen über den blinzelnden Augen runzelt und fragend zu seiner Mutter Mammäa aufblickt, ohne die er nichts zu sagen, kaum etwas zu empfinden vermag. Sicherlich fürchtet er sich nicht, allein in seiner dumpfen Seele ist alles unschlüssig, sogar im Empfinden ist er träge, im Denken ohne Impuls. Die Umarmungen der Mütter widerstreben ihm und gern möchte er hinaus, denn in ihm regt sich etwas wie Mut und Ehrgeiz. Doch zuvor müßte er wissen, ob die Mutter seinen Mut gutheißt in diesem Augenblick, ob ihr der Ehrgeiz willkommen ist in dieser Nacht. Da er es nicht weiß und auch nicht fragen mag, schweigt er, hält die Brauen mißmutig gerunzelt. Sein Knabenkörper ist durch athletische Übungen kräftig entwickelt und muskelstark; sein etwas derbes Knabengesicht zeigt frische Züge, doch unter seinen gerunzelten Brauen blicken seine Augen finster drein. Eine stumpfe Unschlüssigkeit liegt über seiner offenkundigen Unzufriedenheit, während er sich den Armen der Mäsa entwindet.   Im Atrium des Kaiserinnenhofes ist Semiamira zurückgeblieben, ganz allein; um sie ist Einsamkeit in den säulengetragenen, nachtdunklen Räumen. Alle sind bei Mammäa und Alexianus. In der Ferne der rote Schein, der sie schreckt. Angst hämmert in ihren Schläfen, in ihrem Herzen, sie keucht. Was ist geschehen? Aristomachos ist nicht gekommen, obwohl die Abmachung so getroffen war, und längst schon ist die Mitternacht vorüber. Sie ist ratlos in ihrer Verlassenheit. Wo sind ihre Zenturionen, ihre Freigelassenen, ihre Cubicularii, ihre Wachen? Wo das ganze Heer ihrer Sklaven? Sie will nicht zurück nach dem Kaiserinnenhof, wohin Mäsa geflohen ist. Fort will sie, zu ihrem Sohn, zu ihrem Gott Antoninus. Einen Gott hat sie geboren, Heliogabal. Ihr Kind hat sie lieb. Wie zu ihm gelangen? Sie will fort, sie muß fort. Aber wie? Das Palatium kann sie noch verlassen, doch wie durch die dichte Volksmenge gelangen, die den Palatin umwogt, umbraust, umtost? »Alexianus! Heil Alexianus! Heil Mammäa und ewig Heil der erhabenen Mäsa! Alexianus! Wir wollen Alexianus!« Den Knaben rufen sie aus, den verhaßten Knaben und seine verhaßte Mutter! Götter, was mag ihrem Sohn widerfahren sein? Wohl stehen ihm Antiochianus, Aristomachos und die Prätorianer zur Seite, doch wie werden sich die Truppen des Lagers verhalten? Das ungeheure Lager an der Via Nomentana? Werden sie für ihren Sohn sein? Oder für den Balg? O könnte sie doch zu ihrem Kinde gelangen! Antoninus! Antoninus! Sie streckt die Arme nach ihm aus. Niemals hat sie sich so stark als Mutter gefühlt. Wie eine Wahnsinnige irrt sie umher durch die verlassenen Gärten. Sie fürchtet sich nicht mehr. Sie ist eine Tochter der Sonne. Jähe, feurige Energie und eine aus Mütterlichkeit geborene Frömmigkeit machen sie tollkühn. Sie wird gehen, wird sich Bahn brechen mitten durch das Volk. Ihr Kind wird sie schützen mit ihrem eigenen Körper, der nun von mütterlichen Gefühlen durchschauert ist. Sie eilt davon in der Richtung zu den Toren, den Parkhügel hinab. Rasenden Schrittes stürzt sie durch die Säulengänge, an den Wachen vorüber. »Centurio ... Centurio!« »Wer dort?« »Die Augusta Semiamira. Ich will hinaus aus dem Palast!« »Die Serenissima?« »Ja, die Serenissima! Ich will zum Kaiser! Ich will zu meinem Sohn! Laßt mich durch!« »Serenissima, Rom ist in Aufruhr, der Platz ist schwarz von Volk, sie rufen nach Alexander!« »Centurio, bist du meinem Sohne treu?« »Ich bin ihm treu, Serenissima, solange der Cäsar vor den Schlichen des Hierokles sicher ist.« »Der Cäsar? Aber er ist sicher und geborgen, Centurio! Seine Göttlichkeit hat den Gemahl verbannt. Wußtest du das nicht? Verbannt ist der elende Hierokles und sicherlich wird Aristomachos zu ihm entsandt werden, um ihm zu befehlen, daß er sich entleibe. Der Cäsar? Er ist in Sicherheit. Alle sind um ihn. Ich aber fürchte für meinen Sohn. Ich will zu ihm!« »Zu Fuß, Serenissima, und ohne Geleit?« »Niemand wird mich erkennen. Sieh, ich trage eine dunkle Palla. Laß mich durch, Centurio, ich befehle es dir!« »So geh, Serenissima, die Götter mögen dich behüten. Zwei Legionäre werden dich begleiten.« Vermummt schleicht die Serenissima hindurch. Als sie die Pforte des Palatiums im Rücken hat, wird sie sogleich vom Schwarm der Menge aufgenommen und von den beiden Legionären getrennt. Was tuts? Sie will allein zu ihrem Sohn. Sie drängt, stößt, bahnt sich einen Weg. Von den Wogen der dräuenden See wird sie getragen. »Wir wollen Alexianus! Heil, Heil Alexianus! Wo ist Alexianus?« Sie zuckt zusammen vor Haß, sie stöhnt auf vor Verzweiflung, Angst und Raserei. Weiter will sie, weiter. Sie ist jetzt Eine aus dem Volk. Sie bahnt sich gewaltsam ihren Weg. Männerhände greifen nach ihren Brüsten. Sie reißt sich los, stößt, drängt, flucht. Sie kann fluchen wie eine Dirne, die Serenissima, sie hat es in der Subura gelernt. Wer würde wohl jetzt in ihr eine Fürstin vermuten? Plötzlich hüllt sie sich fester in die Palla, sie hat Stimmen erkannt in unmittelbarer Nähe. Einen Zipfel zieht sie sich über den Kopf, und obwohl sie nach ihrem Sohn schmachtet, zaudert sie, um zu hören, was diese bekannten Stimmen so laut ausrufen. Ein Beleibter ist es und ein Hagerer und der Beleibte ruft inmitten einer Gruppe von Gladiatoren und Legionären: »Alexianus müßten wir haben! Alexianus ist zwar auch Syrier, aber zugleich Römer. Ich bin Römer, römischer Bürger bin ich, aber ich darf mich in Rom nicht aufhalten; Sardanapal hat den ganzen Senat aus Rom vertrieben. Auf Giraffen, auf Eseln, in Tonnen haben sie fliehen müssen. Aber ich bin nicht gegangen. Ich habe mit den Christen all meine Hoffnung auf Alexianus gebaut, der wird uns schon einen Tempel bewilligen!« »Mein Freund Matthias? Der ist Römer. Ein Christ, aber doch Römer. Ich? Ich bin auch Römer. Nein, nur meine Mutter war eine Inderin. Ich bin zwar am Ganges gewesen, aber dennoch bin ich Römer! Ja, Rom sollte wieder römisch werden. Rom gleicht jetzt Persien. Daran ist Sardanapal schuld! Betrogen hat er uns alle. Das heilige Licht? Eine schändliche Gaukelei. Avitus hat die Menschen bezaubert. Sie glaubten von ihm zu essen, von ihm zu trinken, von ihm zu leben und starben vor Durst und vor Hunger oder sie kamen um durch Schlangen und Skorpione, die er ihnen als Tafelgeschenke vorsetzen ließ. Ja, Alexander müßten wir haben, der würde ein milder, ein kluger Kaiser sein. Antoninus? Der besitzt keinen As! Alexander erbt das Gold, Alexander, Mäsas Liebling! Heil, Heil Alexander! Wer ihn ausruft, wird belohnt. Heil Alexander!« Semiamira hat sich ihnen genähert: Matthias, der Vir Clarissimus, der Senator, der Ex-Bordell- und -Kneipenhalter. Exchrist? Nein, jetzt ist er wieder Christ. In dieser Gruppe von Gladiatoren und Legionären scheinen dunkel gekleidete Christen zu sein, denen er einen Tempel verheißt, falls sie Alexander ausrufen ... Und dann Ganadasa, der Gymnosophist. Sie beide waren einst von Mäsa gewonnen, um in Emesa Antoninus ausrufen zu lassen. Sie beide sind sicherlich jetzt von Mammäa bestochen, damit sie das Volk für ihren Balg stimmen! Ein wilder Haß wallt auf in der Serenissima – sie denkt an Emesa – solche Treulosigkeit ist ihr zum Ekel. Plötzlich tritt sie näher und flüstert, hinter dunklem Mantelzipfel verborgen, mit sehr gedämpfter Stimme: »Matthias!« Der dicke Senator schaut sich um, hochmütig. Er weiß nicht, welche Frau ihn gerufen hat. Er erkennt die Serenissima nicht; sie, der er doch drüben zu Emesa oftmals des Nachts eine Seitentür zu seiner Schenke geöffnet hat, wo sie, die Mutter des Hohenpriesters, sich den Soldaten hingab wie eine Dirne. Er erkennt sie nicht, und sie spricht dringlicher, doch mit stets gedämpfter Stimme: »Matthias, ich komme vom Palatium, die Augusta Mammäa sendet mich ...« »Wer bist du?« »Eine ihrer Sklavinnen.« »Wo ist deine Sänfte?« »Unweit von hier.« »Was willst du?« »Dich zur Augusta geleiten.« So überzeugend streckt sie die Hand aus, daß er sie ergreift. »Dort ist meine Sänfte. Ich bin beleibt, das Gehen wird mir schwer. Aber für Alexianus tue ich alles!« Drängend, stoßend und schiebend hat sie ihn durch die stets drohender wogende Volkssee gezerrt, in die Richtung, die er ihr angegeben hat. »Elender!« zischt sie ihm plötzlich ins Gesicht; ihre Augen blitzen in die seinen, der Mantelzipfel gleitet ihr vom Kopf. »Ihr Götter!« ruft er entsetzt aus, »die Augusta Semiamira!« »Du stinkender Christ! Du Hund! Warum bist du Antoninus untreu?« »Warum?« ruft er plötzlich aus, während ihm vor Haß der Schaum auf die Lippen tritt, »zehn tote Maulesel hat er mir geschenkt!« Die Augusta bricht in ein wildes Gelächter aus. »Zehn tote Maulesel? Du stinkst noch mehr als sie, du bist sie nicht wert! Es sei denn, daß du zehnmal so tot wärest, wie deine Esel!« Ihre Hand erhebt sich kurz, behende, zielsicher; ein Dolch blitzt auf, trifft ihn mitten ins Herz. Fast lautlos stürzt er, eine dunkle Masse, zu ihren Füßen nieder. Sie bückt sich, zieht ihren Dolch zurück, wischt ihn an seiner Pänula ab, eilt davon.   Fort will sie, fort! Sie atmet tief, wie nach gestilltem Durst. Doch sie bangt um Antoninus. Da stößt sie auf eine führerlose Bande von Legionären, die schleppen sie mit und wieder zurück in die Richtung des Palastes. Niemals wird sie Antoninus erreichen! Es sei denn, daß sie alle ringsumher mit ihrem Dolche ersticht. Fast willenlos tastet sie von neuem unter ihre Palla. Noch immer rufen sie den Knaben aus. Was für ein Jauchzen! Was für ein Jubel! Es zerreißt ihr die Seele, es schneidet ihr ins Herz. Sie kann den Namen Alexander nicht mehr hören. Es ist wie ein freudiger Sturm, der sich erhebt vor dem erhabenen und hohen Altan des Palastes des Septimius, dort, wo des Cäsars Gemächer liegen, nicht weit entfernt von ihren eigenen, im Hof der Kaiserin. Wie schmachten sie nach dem Knaben, ihn zu sehen, ihm zuzujubeln, ihn vielleicht sogar zum Kaiser auszurufen an des Antoninus Statt! Laut schluchzt sie auf in ihrer Ohnmacht. Ihr Götter, erscheint er dort? Zwischen den hohen Säulen dort drüben eine Lohe und auf dem Altan die Argyraspiden der Palastwache, die Verworfenen, die sich um den Buben scharen werden! Mammäa! Was sieht sie da? Mäsa? Ja, Mäsa an Mammäas Seite und zwischen beiden den Kleinen! Ha, diese Elenden! Wie sie jauchzen, wie sie jubeln! »Alexianus! Heil, Heil dem Cäsar!« rufen sie. »Heil Aurelius Alexander Cäsar Augustus!« Augustus? Rufen sie Augustus? Kann die Mutter das dulden? Sie hätte nicht gehen sollen, dort hätte sie bleiben müssen, um ihren Sohn zu verteidigen. Er da drüben hat Aristomachos und Antiochianus, hier hat er niemanden, hier denkt keiner mehr an ihn! Den Knaben rufen sie aus an seiner Statt. Ist das Ungeheuerliche Wahrheit geworden? Haben sie Antoninus nicht mehr lieb, nachdem sie einst die Stelle geküßt haben, die sein Fuß betreten hatte? Und Mäsa? Hat sie Antoninus nicht mehr lieb? Sie kann es nicht länger mit ansehen, sie wendet sich ab. Doch wieder stößt sie auf das heranströmende Volk, eine dunkle See, die den Palatin umwogt. Was geht dort vor? Das Volk hat sich gegen die Palastwache und das Tor herangedrängt und ruft unablässig: »Aurelius Alexander Cäsar Augustus!« Das ganze Volk umstaut den Palast, drängt durch die Parks, um zum Palast zu gelangen. »Heil Aurelius Alexander Cäsar Augustus! Heil! Wir wollen ihn schützen; wenn seine eigene Wache ihm nicht treu ist, dann wollen wir, sein Volk, ihn schützen vor dem Haß des Sardanapal, vor den Schlichen des Hierokles! Auf zum Lager! Mit den Müttern Mäsa und Mammäa führen wir ihn in das Lager! Weg mit Antoninus! Weg mit Sardanapal!« Ihr Götter! Sicherlich wird Antoninus getötet! Sie muß nach der Alten Hoffnung. Jetzt bricht sie gleich einer Rasenden durch die Volksmenge. Niemand erkennt sie, Fackeln werfen ihren rötlichen Brand durch die Gärten, dunkle Massen wälzen sich dem Palatin zu. Das Volk ist im Palast, das treulose Volk entführt Alexander im Triumph, um ihn mit seiner Mutter und seiner Großmutter nach dem Lager zu geleiten. Heute nacht lebt Alexianus noch , doch er muß sterben, er muß ! Wenn Antoninus nur geborgen ist! Jetzt kann sie endlich ihre Schritte beschleunigen. Ist da kein Lichtschein mehr? Ist der Brand erloschen? Schon beginnt die Nacht zu weichen, das erste Morgengrauen, kaum durch Tau erfrischt, dämmert, doch unerträglich schwül bleibt die Luft. Sie kommt näher und näher und beinahe verwundert ist sie, da sie die Tempelgebäude und den Sommerpalast sich erheben sieht in dem Duft des dämmernden Morgens. Doch nun bemerkt sie auch, daß ganze Teile des Parks verbrannt sind, auf den Wällen sieht sie die Wachen hin und her eilen; ihre langen Lanzen blitzen auf, ihre Schilde sprühen Funken. Das beruhigt sie. Antoninus muß unversehrt sein. Jetzt, endlich, nähert sie sich der Brücke, jetzt ruft sie dem Centurio zu: »Centurio! Centurio!« »Wer da?« »Ich, die Serenissima!« »Ihr Götter! Die Augusta Semiamira!« »Der Kaiser?« ruft sie, »sprich Centurio, sprich!« »Wir haben Seine Göttlichkeit bewacht, Serenissima, dem Kaiser ist kein Haar gekrümmt.« »Dank, Centurio.« Einen Freudenschrei hat sie ausgestoßen. Sie eilt durch den Eukalyptusgang, durch die Gärten. Was für eine Verwirrung! Schwarz, verräuchert, verkohlt die Bäume und darunter die Wirrsal des jählings beendeten Gelages. Frauenleichen in festlichem Gewand, entseelte Körper von Narren, Kadaver von Löwen; in der Naumachia – ist es Wein, ist es Blut? – die aufgeschwemmten Gesichter der ertrunkenen Berauschten. Goldenes Gerät zerstampft, kostbares Glasgeschirr zertrümmert, umgestürzte Rauchfässer, aus denen noch aromatische Düfte emporsteigen. Seltsam, aus dem inneren Palast, aus dem Tempel ertönt ein Klang von Harfen; sie hört die schweren Baßstimmen der Magier, eintönig, dröhnend. Sie stürzt weiter, atemlos. »Antoninus, mein Kind!« schreit sie auf. Aristomachos erblickt sie zuerst. Er hält sie auf, bedeutet ihr, daß sie schweigen soll. Plötzlich steht sie regungslos da, wie erstarrt. Der Tempel ist dunkel im Morgengrauen, doch sie sieht Antoninus: er liegt vor dem Schwarzen Stein, hält ihn fest umschlungen, bedeckt ihn mit seinen Küssen. Seine Seele schwebt empor in Ekstase. Auf zwei Altären wimmern zwei Säuglinge in großen Magierhänden und zwei Obermagier zielen rasch, gleichzeitig, die Opfermesser blitzen auf. Ein Schrei, ein dünner Blutstrahl, der aufspritzt – und sie entnehmen den zuckenden kleinen Körpern die Eingeweide und breiten sie aus auf goldener Schale. Der Tempel – jetzt an das Dämmerlicht gewöhnt, vermag Semiamira besser zu schauen – ist voll. Noch viele Anhänger hat ihr Sohn, noch kann seine Sache nicht verloren sein. Wenn nur erst der andere ... tot wäre! Nach ihrer rasenden Verzweiflung, nach ihrer jäh hinausgeschrienen Freude fühlt sie sich von einem göttlichen Schauder erfüllt, von einem mystischen Schauder, der ihre Seele durchzittert; denn sie ist eine Tochter der Sonne. Dort ihr Sohn; sie, sie wurde von dem Licht für würdig erachtet, Heliogabal zu empfangen. Kaum wagt sie, sich ihm zu nähern, obwohl sie ein Recht dazu hat. Sie sinkt in die Knie, erschauernd neigt sie das Haupt über die Marmorquadern, sie betet die Litanei der Magier mit. »Gott, großer, unbesiegbarer Gott, großes, unbesiegbares Licht, Quelle des Lichtes, die du auf dem Berg des Lichtes entspringst... gib ihm, indem du all seine Feinde vertilgst, die Gewißheit seiner irdischen Macht! Großer Gott, du, der du strahlend dich in ihn herabgesenkt hast...« »... und von dem ich bloß einen Teil ausmache,« murmelte ergänzend des Antoninus Stimme. »... gib ihm die Gewißheit...« »... seiner irdischen Macht...« »... und vernichte...« »... Alexianus!«   Siebenundzwanzigstes Kapitel Welche Nacht, welche schicksalsschwere Nacht für die Augusta Mammäa! Das Volk hat nach ihrem Alexianus gerufen; gezeigt hat er sich auf dem Altan zwischen ihr und Mäsa... ihn hat das Volk zum Augustus ausgerufen und nun tritt aus dem Volkshaufen, der bis zum Palatin vorgedrungen ist, der sich hineingedrängt hat in das Palatium, Fulvius, der Präfekt von Rom, der Anhänger des Antoninus, in das Atrium, wohin die Mütter zurückgekehrt sind mit dem Cäsar: Fulvius, den das Volk entsandt hat und der, für sein Leben fürchtend, so er nicht ihren wild hinausgeschrienen Wünschen willfahrt, laut verkündet: »Clarissima, das Volk von Rom wünscht, es fordert, daß sich der Cäsar um seiner Sicherheit willen mit Euch und der Augusta in das Lager begebe.« Doch die Clarissima, richtet sich hoch auf in ihrer ganzen gebieterischen Majestät und spricht: »Das Volk von Rom wünscht? Und fordert? Es mag vielleicht sehr vernünftige Dinge wünschen und fordern, denn gewiß ist der Cäsar trotz aller Bewachung auf dem Palatin nicht mehr sicher geborgen. Doch vor wem ist er nicht mehr sicher? Vor einer Bande Unwürdiger, die der Kaiser bis zu dieser Nacht mit Gnaden überschüttet hat. Versteht das Volk von Rom dies? Der Cäsar ist Cäsar, Fulvius, doch der Cäsar ist nicht Augustus.« »Clarissima.« »Der Cäsar ist nicht Augustus!« ruft heftig die alte Mäsa aus. »Der Cäsar ist nicht Augustus! Der Cäsar wünscht es nicht zu sein! Er ist Seiner Göttlichkeit, dem Antoninus treu, ihn gelüstet nicht danach, die Heiligkeit seines kaiserlichen Vetters zu schänden, so wie das Volk von Rom sie in dieser Nacht geschändet hat. Fulvius, weiß das Volk von Rom nicht, daß Liebe und Einigkeit herrschen zwischen Seiner Göttlichkeit und dem Cäsar? So sage es ihm sogleich, auf daß ich nicht mehr rufen höre: Augustus! Denn Antoninus ist Augustus. Ist der Kaiser verantwortlich für das, was eine Sippe, durch die Fülle seiner Gnaden übermütig geworden, insgeheim anzettelt? Vergißt das Volk von Rom, weil es Alexianus liebt, daß es dem Antoninus Treue geschworen hat?« »Clarissima!« »Geh, Fulvius, geh sogleich, sage es ihnen, laß es ausrufen, laß unverzüglich meinen Willen verkünden. Augenblicklich soll das Volk das Palatium und den Palatin verlassen. Ist dies der nächtliche Ansturm auf eine belagerte Stadt? Geh, Fulvius, geh!« Sie gebietet ihm zu gehen, und er geht, um sein Leben fürchtend, umringt von seinen Liktoren. Sie hören ihn rufen: »Volk von Rom! Quiriten! Vernehmt den Willen der Clarissima Mäsa, der ehrwürdigen Mutter, der Großmutter Seiner Heiligkeit des Kaisers Antoninus Augustus!« »Alexianus, Alexianus Augustus!« »Der Cäsar ist nicht Augustus und wünscht nicht Augustus zu sein. Alexianus ist Seiner Göttlichkeit getreu, und wünscht nicht, Seine Heiligkeit zu schänden, so wie das Volk von Rom sie in dieser Nacht geschändet hat!« Mäsa, die gelauscht hat, winkt einem vertrauten Eunuchen. Doch Mammäa ruft glückselig aus: »Mutter, Mutter, gehen wir jetzt in das Lager?« Mäsa blickt ihr fest in die Augen. »Wir gehen in das Lager, Mammäa, auf daß Alexianus vor den Schlichen des Hierokles sicher sei. Doch ich gehe nicht, bevor ich Gewißheit habe, daß Antiochianus als Praefectus Praetorio im Namen des Kaisers Antoninus uns im Lager empfangen wird. Darum sende ich Botschaft nach dem Sommerpalast.« »Mutter, Mutter, du weißt doch, daß Antoninus selbst, und nicht nur seine Günstlinge, Alexianus nach dem Leben trachten.« »Ich weiß, daß ich zwei Töchter habe und zwei Enkelsöhne: einen Kaiser und einen Cäsar. Ich weiß, Mammäa, daß ich Antoninus nicht untreu sein werde, wer sonst es auch sein mag. Wie Alexianus ist er Blut von meinem Blut. Ins Lager werden wir gehen, doch nicht, bevor ich die Gewißheit habe, daß Antiochianus mich dort empfangen wird im Namen meines Enkels Antoninus. Wir wollen nicht vor Antoninus fliehen wie eine wilde Horde, wir begeben uns in das kaiserliche Lager, auf daß Alexianus sicher sei vor Hierokles.« »... nicht nur vor Hierokles ...« »... auch vor der Sippschaft ...« Hastig flüsternd spricht sie zu dem Eunuchen: »Höre, Psammeticus, nimm eine Sänfte und zwölf Träger – eine prätorianische Wache soll dich geleiten, und eile zum Palast. Sage Antoninus, er möge sich sogleich ins Lager begeben mit drei Turmae Catafractarii. Aristomachos soll an des Kaisers Seite bleiben, und die Günstlinge sollen sich verborgen halten, insbesondere Hierokles. Versichere Antoninus meiner Liebe, sage ihm, daß wir, dem Wunsche des Volkes gehorchend, in das Lager gehen, um des Cäsars willen, daß es so sein muß. Sage ihm, daß ich über ihn wache, auch von ferne, daß ich, wenn ich Alexianus nach dem Lager geleitet habe, zu ihm kommen werde. Sage Seiner Ewigkeit, er möge den Senat zurückrufen. Sage Aristomachos das alles und Antiochianus und vergiß nichts. Geh, geh, Psammeticus, und kehre so rasch wie möglich zurück. Antiochianus soll eilen, weit soll er, unserer Ankunft gewärtig, die Porta Praetoria öffnen. Sage ihm, er solle kraftvoll das Heer bezwingen, den Cäsar ,im Namen des Kaisers' in der sicheren Geborgenheit des Lagers empfangen und jeglichen Aufruhr unterdrücken. Geh, geh, Psammeticus, und vergiß nichts: Vergiß nichts! «   Mammäa hat alles gehört, sie weiß, sie fühlt, daß die Mutter allmächtig ist, weil sie Gold besitzt und Schätze. Sie sieht in dieser Nacht des Alexianus Zukunft purpurn leuchten. Ihr Kind ward geboren am Alexandertag, während des Festes im Tempel zu Arcena, der dem mazedonischen Heros geweiht ist. Seine Geburt war von Vorzeichen begleitet: eine Taube legte an jenem Tag ein purpurrotes Ei, ein Bildnis des Kaisers Trajan fiel herab auf das Lager ihres Gemahls; die Amme hieß Olympia, wie die Mutter Alexanders des Großen; ihr selbst, Mammäa, hatte geträumt, sie habe einen purpurnen Drachen geboren, und ihrem Gemahl träumte, er schwebe gen Himmel auf den Flügeln des Bildnisses der Viktoria, das im Senatsgebäude stand. Allzeit hat sie geheime Hoffnung genährt, jetzt vermag sie nicht länger zu zweifeln: das Volk hat ihr Kind zum Augustus ausgerufen! Alexianus wird Kaiser sein! »Mutter, wann gehen wir in das Lager?« »Nicht, bevor Psammeticus zurückgekehrt ist; so er sehr eilt und ihm kein Unfall zustößt, noch innerhalb der nächsten Stunde. Sieh, schon kehrt das Volk aus den Gärten zurück, der Ansprache des Fulvius ist eine große Ruhe gefolgt.« »Wird Alexianus zu Pferd sein, Mutter?« »Nein, Mammäa, ich will keine Kundgebungen herausfordern. Ich wünsche mit dem Volk, daß Alexianus unter dem Schutze des Lagers geborgen sei, mehr wünsche ich nicht!« »Ja, geborgen, nicht Schurken preisgegeben!« Mit rauhem Griff umklammert die alte Frau den Arm ihrer Tochter. »Quäle mich nicht so!« zischt sie ihr ins Ohr. »Weiß ich es denn nicht, daß Antoninus Alexander haßt? Wer ist schuld daran? Vielleicht du mit deiner Unversöhnlichkeit, Mammäa. Ich halte zum Kaiser und ich wünsche nichts anderes, als deinen Sohn in Sicherheit zu wissen, um dann die Versöhnung zwischen den beiden Knaben anzustreben. Ja, diese Versöhnung will ich! Seite an Seite sollen sie sich im Lager zeigen, und weil ich es will, und weil es so geschehen wird, wie ich es will, darf auf Antoninus auch nicht der Schatten einer Verdächtigung ruhen.« Das Volk hat die Gärten verlassen. Heller dämmert der Morgen. Länger als eine Stunde ist Psammeticus ausgeblieben und Mammäas Ungeduld wird unerträglich. Ihr Verlangen steigert sich zum Fieber. Wenngleich die Mutter nicht duldet, daß Alexianus sich zu Pferde in das Lager begibt, so hofft sie dennoch unbestimmte und unbestimmbare Dinge. Da kommt der Eunuch zurück. Endlich! Er wirft sich – denn viele sind Zeugen – zu Mäsas Füßen nieder und spricht: »Ehrwürdige Clarissima, mein unwürdiger Mund übermittelt dir die Liebe und den Gruß Seiner Ewigkeit, die gestern den Gemahl, Roms Gefahr, verstieß. Heute wird der Senat in Gnaden wieder aufgenommen. Seine ewige Göttlichkeit läßt durch meinen unwürdigen Mund dem herrlichen Cäsar und dessen Mutter, der Augusta, seine Liebe künden. Antoninus Augustus ersucht den Cäsar und die beiden ehrwürdigen Mütter, noch an diesem Morgen in das Lager einzuziehen, bis jegliche Unruhe, durch Hierokles geweckt, beschwichtigt sei. Der Praefectus Praetorio Antiochianus wird Euch Mütter und den Cäsar am Eingange zum Lager empfangen!« Hunderte haben die Antwort vernommen. Da sich die Menge zerstreut und die Befehle zum Aufbruch erteilt werden, verbreiten sich die Gerüchte durch das Palatium, über den Palatin und die Arena, über die Straßen und Wege, wo sich das Volk aufstellt, um Alexander zuzujubeln. »Hast du es gehört? Er hat Hierokles verstoßen!« »Auch die andern, die zu der Sippschaft gehören?« »Das weiß ich nicht, doch wenn er Hierokles verstößt ...« »Der Senat kehrt zurück.« »Haha! Auf Giraffen und in Tonnen?« »Hast dus gehört? Antoninus läßt dem herrlichen Cäsar seine Liebe künden.« »Und der Augusta.« »Er selbst läßt sie ersuchen, sich ins Lager zu begeben.« »Traut ihm doch nicht! Das sind leere Worte ...« »Worte des Psammeticus.« »Eines schlauen Eunuchen.« »Antoninus wird den Cäsar empfangen.« »Antoninus haßt Alexianus.« »Soll das die Versöhnung sein?« »Naht sich da schon der Aufzug der Mütter?« »Siehst du Alexianus noch nicht? Also endlich werden wir ihn zu sehen bekommen. Seit Wochen hat er sich nicht gezeigt. Doch, heute nacht auf dem Altan, einen kurzen Augenblick, aber niemals auf der Straße, niemals im Lager. Siehst du ihn noch nicht? Reitet er einen Schimmel? Was, du siehst ihn nicht? Wo ist er denn? Ist er in der Sänfte bei den Müttern? Heil, Heil Alexander Cäsar Augustus!« »Still, Bürger, das darfst du nicht rufen. Antoninus ist Augustus!« »So? Darf ich nicht Alexander Augustus rufen? Heute nacht durfte ich es doch wohl.« »Der Kaiser versöhnt sich mit Alexianus.« »So?« »Ist das alles?« »Gibt es weiter nichts zu sehen heute morgen?« »Kommt der Kaiser auch ins Lager?« »Wird es etwas zu sehen geben?« »Einen Aufzug, eine Feier?« »Vielleicht einen Tanz?« »Ich habe genug vom Tanz!« »Und ich von den Aufzügen!« »Ich kenne das: Ave Antonine! Ave Antonina!« »Ich hatte geglaubt, es würde ein Aufruhr ausbrechen .. ein Bürgerkrieg. Du bist wohl recht enttäuscht, wie ?« »Gestern stand die Alte Hoffnung schon in Flammen!« »Unsinn, es brannten nur drei Bäume!« »Wird sich heute nichts ereignen?« Nun, wenn sich heute wirklich nichts ereignet und wenn ich nicht einmal Alexianus zu sehen bekomme ... dann gehe ich ...« »Wohin, Bürger?« »Ins Bett, Bürger.« Achtundzwanzigstes Kapitel An einem sonnenstrahlenden Morgen stürmen Volkshorden herbei. Würde man die Pforte der Castra Stativa geöffnet finden? Würde die Versöhnung zu sehen sein? Das Gewirr schreiender Stimmen verliert sich im Wind, abgerissene Fetzen fieberhafter Gespräche zugunsten des Antoninus oder des Alexianus werden laut, und obwohl der Kaiser sich heute mit dem Cäsar versöhnen wird, strömen die Horden, die nicht enden wollenden Horden, wie zwei parallellaufende Ströme längs der Gärten des Sallust und aus der Subura zwischen Quirinal und Viminal zu der Porta Viminalis, der Porta Collina, der Porta Nomentana: eine Sturmflut von Volk, eine wogende See, eine Raserei stürmisch heranbrausender Bewegung, und immer wieder die Rufe: Alexianus! Antoninus! In rasender Bewegung ist auch der Wind. Er pfeift dem Menschenstrom in den Rücken, ins Gesicht und die fiebertrunkenen Horden hören ihre eigene Stimme nicht mehr; all das Jauchzen und Schreien wird verweht von den plötzlich sich überstürzenden Orkanzyklonen, die den grell herabflutenden Sonnenschein durchrasen und Staub- und Sandhosen emporwirbeln. Gelobt seien die Götter! Die Pforten zum Lager sind geöffnet! Sogleich legt sich die Erregung beim Anblick der aufgestellten Truppenmassen: Gallier, Germanen, Daker, Sarmaten, Helvetier, Lusitanier, Numidier und Parther, zu Fuß und zu Pferde, das Fußvolk Mann an Mann, fest zusammengeschlossen, daneben die parthische und numidische Reiterei, deren stampfende Rosse zitternd einander bedrängen. Ein Leuchten von Vogel- und Tierbildern, Adlern, Wölfinnen und Sperbern; und hinter den Truppen das Volk. Am Ende der Hauptstraße strahlt marmorweiß, tempelgleich das Prätorium, mit Flaggen geschmückt und von den goldenen und silbernen Schildkäferrüstungen der Reiterei wie von leuchtenden Ornamenten eingefaßt. Centurionen, Ordner traben hin und her; das Warten währt Stunden. Wann wird das Volk die Versöhnungsfeier zu sehen bekommen?« »Jetzt? Jetzt?« In der Aula des Prätoriums staut sich eine dichte, in schwerfaltige Festgewänder gekleidete Menge. Die beiden Konsuln schreiten herab. Sie wurden auf die Dauer eines Jahres zu der höchsten Magistratur ernannt: Kaiser Antoninus Augustus und der Cäsar Aurelius Alexander. Das ganze römische Volk soll Zeuge sein der Versöhnung, ebensowohl die Mitglieder des Senats, der Pontifex Maximus, die Flamines und der Archimagus des Heliogabal, die höchsten Priester aller Priesterkollegien, die Sodales der angebeteten Kaiser, der Quästor Gordianus junior, der Präfekt der Stadt, Fulvius, Antiochianus, der Praefectus Praetorio, mit Aristomachos und dem ganzen Stab von Lagerpräfekten und Tribunen: den Präfekten der Flotte und der Lebensmittel. Aus dem mittleren Peristyl des Prätoriums traten – das Feuer wird vor ihnen her getragen – die drei Mütter: voran die alte Mäsa, umgeben von einem dichten Schwarm von Eunuchen, Cubicularii und Freigelassenen. Die drei Frauen nehmen Platz auf drei Marmorsesseln, und beim Klang von Tuben und Bucinae treten, von Senatoren geleitet, von links und von rechts, der Kaiser und der junge Cäsar aufeinander zu, beide angetan mit der weiß- und purpurnen, weitfaltigen Prätexta der Konsuln, den Elfenbeinstab in der Hand. Sie reichen die Stäbe zwei Cubicularii, und Antoninus, dessen Lippen ein flüchtiges Lächeln umspielt, während seine Augen halb verschleiert blicken, nähert sich, mit weit geöffneten Armen, seinem Vetter Alexianus. Antoninus hält Alexianus in seinen Armen und küßt ihn leicht auf beide Wangen. Alexianus erwidert den Kuß des Antoninus ... Die Konsuln nehmen ihre Stäbe wieder in die Hand und warten. Denn Mäsa hat sich erhoben und hält als Clarissima, als Senatrix, eine Ansprache. Ihre alte Stimme zittert leicht; Antoninus ist gelangweilt, ihn dünkt diese allzu römische Zeremonie, während der Alexianus ihm wie ein Ebenbürtiger gegenübersteht, seiner, des Heliogabal, unwürdig. Um seine lächelnden Lippen zuckt etwas wie Hohn, doch die Würde der Großmutter hält ihn im Zaum. Auch weiß er, daß sie ihr Äußerstes getan hat, um ihm nach dieser aufrührerischen Nacht das Imperium zu retten. Ihn umfängt eine seltsame Stimmung. Er fühlt sich leicht gedemütigt und traurig schweifen seine Gedanken ab. Wohin? Er weiß es nicht. Schal dünkt ihn diese ganze Schaustellung und unsinnig. Er sieht nicht ein, warum es nötig war, ihn mit Alexianus zum Konsul zu ernennen, obwohl er weiß, daß oftmals einem römischen Kaiser für ein Jahr, für drei Monate, für einen Monat, die Konsulwürde zufiel, und daß dies als hohe Auszeichnung galt. Was sind ihm diese römischen Traditionen! Am liebsten würde er seine Prätexta abwerfen, doch Mäsa hat ihn beschworen, würdevoll, gemessen und römisch zu sein. Er spielt seine Rolle, wie er schon unzählige Rollen gespielt hat, doch diese spielt er schlecht. Die Türen der Aula springen auf, Tuben, Bucinae erklingen. Eine breite Woge von Togen, Laticlavien und Priestergewändern streicht über die Stufen hinab. Der Wind bläht diese faltenschweren Mäntel und brausend rast ein Jauchzen, ein Rufen, ein Brüllen durch die Menge. Umringt von Senatoren, Hohenpriestern und Würdenträgern, denen »die Macht des Schwertes« verliehen ist, begleitet von den Müttern und dem dichten Gefolge, sind erschienen: der Cäsar, der Kaiser. Und plötzlich, dem Befehl des Antiochianus gehorchend, brüllen die Truppen das Ave. »Di te servent, Antonine! Alexander! Di te servent! Mögen die Götter Euch beide behüten!«   Fanfare auf Fanfare. Die beiden neuen Konsuln besteigen den konsularischen Staatswagen, der von einem an Zügeln geführten Viergespann gezogen wird. Sie nehmen Seite an Seite Platz, Antoninus und Alexianus, jeder auf seiner Sella curulis, dem elfenbeinernen Schemel, dem Konsulsitz. Vierundzwanzig Liktoren, die die umkränzten Bündel und Beile tragen, umdrängen den Staatswagen; zu dessen beiden Seiten reiten Aristomachos und Antiochianus mit ihrem Stab von Lagerpräfekten und Tribunen, Argyraspiden, Chrysaspiden, Clibanarii, Catafractarii. Hinter der Quadriga der Konsuln wird schwankend die Sänfte der drei Mütter getragen. Man vermißt die Kaiserin Annina Faustina. Wurde auch sie verstoßen gleich Cornelia Paula, gleich Aquilia Severa? Wird der Kaiser bald zum vierten Male sich vermählen? Welchen Gemahl wird er nach Hierokles erwählen? Sind die Günstlinge alle verbannt? Das Volk kann keinen aus der Sippschaft erspähen. Wie schauderhaft ist dieser Sturm, ein kalter Wind aus den Bergen, ein Orkan, der Sand und Staub aufwirbelt und Menschen und Pferde blendet! Die Truppen jubeln nicht mehr: dem Befehl des Praefectus Praetorio gehorchend, haben sie gejubelt, jetzt warten sie ab, soldatisch. Langsam bewegt sich der Zug durch die Hauptstraße des Lagers und mit dem Elfenbeinstab grüßen die Konsuln. Anfangs schüchtern erhebt sich, unweit des Prätoriums, alsbald ein heftiger Jubel aus dem Winde, unsicher zuerst, doch dann klarer und deutlicher: Heil, Heil den erhabenen Konsuln! Das ist noch das Volk, das jubelt. Doch Antiochianus befiehlt jetzt den längs des Weges aufgestellten Truppen, dem Fußvolk und der Reiterei, daß sie brüllen sollen: »Di te servent, Antonine!« »Alexander, di te servent!« »Und Heil, Heil Alexander!« brüllt das jubelnde Volk ihnen nach, »Heil Aurelius Alexander Cäsar Aug...« »Pst!« rufen drohend Hastati, Velites und Centurionen, und Ordner schreien kurz bevor der konsularische Prunkwagen sieghaft daherkommt: »Bei allen Göttern, nicht Cäsar Augustus rufen!« »Vor einer Woche durften wir es wohl.« »Nur der Kaiser ist Augustus!« »Also dann nur: Heil Aurelius Alexander Cäsar!« brüllt das Volk. »Heil Augustus!« schreit eine vereinzelte Stimme. Man weiß nicht, wem Heil gerufen wird, ob dem Kaiser oder dem Cäsar. Antiochianus befiehlt, und die Truppen brüllen: »Di te servent, Antonine!« Das Volk schweigt, starrt den Kaiser an. Der grüßt mit seinem Elfenbeinstab. »Alexander, di te servent!« brüllen die Truppen. »Heil, Heil Alexander!« schreit das Volk. »Heil Aurelius Alexander Cäsar! Heil unserm geliebten Cäsar! Heil unserm herrlichen Alexander! Heil, Heil!« Nicht eine einzige Stimme aus dem Volk ruft dem Antoninus Heil. Totenbleich ist er geworden. Ist es der Wind? Ihn fröstelt. Ist es der Staub? Tränen stehen in seinen Augen. Er zittert, seine Zähne schlagen aufeinander. Hochaufgerichtet sitzt er an des Alexianus Seite. Unerträglich langsam bewegt sich der Zug vorwärts und immer wieder, dem Befehl des Antiochianus gehorchend, brüllen die Truppen: »Di te servent, Antonine!« Nur der Wind rauscht, die Fahnen wehen, die Wimpeln flattern. »Alexander, di te servent!« Dann schreit, wilder als der Sturm, auch das Volk: »Heil, Heil Alexander! Heil unserm herrlichen Cäsar!« Antoninus wechselt blitzschnell einen Blick mit Antiochianus, der an seiner Seite reitet. Es ist, als ob der Kaiser und sein Oberbefehlshaber – der ihm in Liebesanbetung getreu ist bis in den Tod – den verzweiflungsvollen Gedanken miteinander teilen: Das Äußerste, das Äußerste tun ...? Stehen nicht alle Truppen zu Antoninus? Die herrlichen Chrysaspiden sicherlich. Alexianus plötzlich ermorden lassen? Etwa durch Aristomachos, der bleich vor verhaltenem Zorn über den trotzigen Eigenwillen des römischen Volkes an der Seite des verhaßten Alexianus reitet. – Ihn ermorden lassen ... hier? – jetzt? – mitten im Lager ...? umbrandet vom Jubel? Der verzweifelte Gedanke verweht mit dem Winde. Antiochianus blickt den Kaiser an, den er anbetet. Er erschrickt. Auch ihn durchschauert es. Neben Alexander, der stolz dasitzt, breitschultrig, kräftig, ein junger Römer – gespenstisch, wie eine Larve, der Kaiser! Die Prätexta des Konsuls, windverweht, hüllt ihn formlos ein, und darüber, starr wie von einem auferstandenen Toten, sein Antlitz, hohl, und für dieses erbarmungslose Sonnenlicht zu herausfordernd bemalt. Die Wangen fahl, sein Mund bitter, verächtlich und traurig zugleich, und seine Augen, umschattet von Schmerz und den Spuren vieler Orgien, seine sonst lächelnden, verführerischen, veilchendunklen Augen, mit Tränen gefüllt, denen er nicht wehren kann. Ihn scheint zu frieren: er erschauert. Antiochianus denkt an den herrlichen Dienst, an den Tanz, an den Triumphzug durch Roms Tore, an so mancherlei Schauspiel und Zeremonie, als sein Antoninus noch jung war und sieghaft strahlend wie ein Gott. Jetzt, wehe! ist er wie eine Larve, ein Schemen. Dennoch, er ist Antoninus! Antiochianus liebt Antoninus als sein Kind, als sein Weib, als seinen Kaiser, seinen Gott, sein Alles; mit einer Hingebung, die unerschütterlich ist und unwandelbar. Er möchte ihn wärmen, trösten, ein einziges Wort nur möchte er ihm sagen. Er kann es nicht: er kann nur befehlen. Die Truppen rufen, seinem Befehl gehorsam, immer wieder: Di te servent! Doch das Volk jubelt nur dem Alexianus zu. Eine Folter ist dem Antoninus dieser Triumph, und plötzlich wendet er sich zu Alexianus und zischt dem Knaben ins Ohr: »Du Elender! Ein Aas bist du, wie deine Mutter! Du hast das Volk bestochen mit dem Geld der Clarissima! Ich bin der Kaiser, mir kommt alles zu! Hörst du wohl, alles! Der Jubel des Volkes, die Schätze der Großmutter und dein Leben, wenn ich es wünsche. Hüte dich! Ich hasse dich! Ich hasse dich so sehr, daß es mich rasend macht! Mich ekelt der Kuß, den ich dir soeben geben mußte! Versöhnung? Dieser Tag ist dein letzter! Sterben sollst du, noch heute! Noch heute!« Im Wind, mit dem wilden Jauchzen von Volk und Heer, verwehen sogleich des Antoninus zischende Worte, die nur dem Cäsar vernehmlich waren. Der Knabe erbleicht ob dieser Kränkung. Unschlüssig, denkt er während eines kurzen Augenblickes: »Ich habe einen Dolch. Wenn ich Antoninus ersteche, dann ist das Volk zufrieden, dann bin ich Kaiser!« Doch sogleich denkt er blitzartig an seine Mutter. Wird dieser Augenblick ihr günstig scheinen? Seine Hand läßt unter der Prätexta den Dolch wieder los. Jetzt ist der Zug an der Porta Prätoria vorüber, auf dem Weg zum Kapitol, wo im Tempel des Jupiter die Konsuln den heiligen Eid leisten sollen. »Heil, Alexander, Heil! Heil unserm herrlichen Cäsar!« »Heil unserm leuchtenden Cäsar!« »Heil unserm großen Cäsar!« Mit dem Sturm rast der Jubel des Volkes Rom entgegen. Keine einzige Stimme – nur die Soldatenstimmen, dem Befehl gehorsam – jubeln Antoninus zu. Eine Qual ist ihm dieser Triumphzug. Noch nie hat er so gelitten. Soll er sich derart kränken lassen, den ganzen Weg entlang, bis zum Kapitol und während er die Stufen zum Jupiterheiligtum emporsteigt? Dann wieder hinab zum Palatin? Er weint nicht mehr, er ist wahnsinnig vor Schmerz. Plötzlich erhebt er sich, gespenstisch bleich, von seinem elfenbeinernen Sessel, wirft wie ein Irrer die Arme empor, winkt, ruft gebieterisch: »Antiochianus!« Winkt nach der anderen Seite: »Aristomachos!« Er schwenkt die Arme, befiehlt wie ein Rasender. Die Quadriga hält und das hinter den Soldaten zusammengestaute Volk hört ihn schreien: »Antiochianus! Antiochianus! Bin ich Kaiser oder nicht? Muß der Kaiser von Rom solchen Schimpf dulden? Konsul, ich? Wenn mich das stinkende römische Volk beleidigt? Da! Da habt ihr meinen Konsulstab!« An seinen Knien zerbricht er den Elfenbeinstab, schleudert die Stücke über den Menschenschwarm. Schrill klingt sein höhnisches Lachen, während er ihnen Schimpf antut. Die Mütter sind der Sänfte entstiegen, das Volk umdrängt den Wagen der Konsuln, bestürmt wie ein Orkan den golden-silbernen Deich der Berittenen. Der weicht, weicht. Die Pferde wiehern, scheuen, die Catafractarii zücken die Schwerter. Getroffene sinken zu Boden. Dort drüben befiehlt Mäsa: Semiamira und Mammäa stehen einander feindselig gegenüber, die Augusta eilt atemlos zu ihrem Sohn. Antoninus ist aus dem Wagen gesprungen; Antiochianus gibt ihm sein eigenes Pferd, auf das sich der Kaiser schwingt ... Sogleich umringt ihn der Präfekt, der Tribun, der ganze Stab, alle Schwerter sind gezückt. Zu Pferde, beschützt, speit Antoninus seinen Haß gegen Alexander aus. Auch der Cäsar ist aus dem Wagen gesprungen, die Argyraspiden ergreifen für ihn Partei, schützen ihn mit ihren silbernen Schilden. Dem Drang des Volkes haben die aufgestellten Truppen weichen müssen. Ein wildes Rufen ertönt: »Hinweg mit Sardanapal! Heil Alexander!« Inmitten seiner goldfunkelnden Chrysaspiden, geschützt von Aristomachos und Antiochianos, jagt Antoninus davon in der Richtung zum Sommerpalast. Neunundzwanzigstes Kapitel Plötzlich, inmitten jener stürmischen Verwirrung, wird es dem Volke klar, was es seit Jahren vermißte: Blut! Blut will es sehen, Blut riechen, Blut vergießen. Zeremonien hat man im Übermaß genossen und Umzüge und Feierlichkeiten, doch zu wenig Blut hat man gesehen. Denn nicht zählen sie das Blut von Tausenden von Opfertieren oder das Blut vieler Säuglinge, da das rituell vergossene Blut den sinnlichen Durst nicht befriedigt. Plötzlich begreift das Volk, daß es sich entscheiden muß. Hunderte haben das noch nicht getan. Sie müssen stimmen für Alexander oder für Antoninus. Plötzlich, in diesem Augenblick, wählen sie. Viele wählen blindlings und ihres eigenen Gefühls unkundig; es ist zu spät, noch nachzudenken. Jubelnd umringen die Argyraspiden den reitenden Alexianus und geleiten ihn nach dem Palatin, mit Mammäa und Mäsa, die vergeblich versucht, ihre Autorität geltend zu machen. Semiamira ist plötzlich verschwunden. Eine Gruppe Hastati keilt sich mit gestreckten Lanzen in dieses zusammengestaute Volk, das heftig gestikuliert; die Lanzen durchstechen Körper, die sich wie Würmer winden; von Todesangst verzerrte Fratzen werden sichtbar, und während schaumbedeckte Lippen sterbend Alexanders Namen röcheln, bemerkt der Primipilus, der Anführer, zu spät, daß er unter den Anhängern des Cäsar gewütet hat, zu denen er selbst gehört. Doch was tuts? Soldaten sehen Blut! Auf ihre Lanzen spießen sie die abgehauenen Köpfe; andere ziehen die Leichen an Haken weiter. Blut fließt, Blut strömt, Blut rinnt, rot, schwarz. Zu verfeinert, zu symbolisch-verderbt, zu religiös, zu weichlich-grausam waren die Sitten des perversen Orients, und erst jetzt fühlen Volk und Heer, was ihnen gefehlt hat, während der dreijährigen Herrschaft des Heliogabal: Blut, das aus gemordeten, über die Wege gezerrten Leibern strömt: Blut und abgehauene Köpfe. So, mit dem Blut vieler, die nicht für den Orient waren, rächen die Gewalttäter sich am Orient, der Rom überwältigte. So nahe dem Lager, wissen die Legionäre dort schon um die Raserei des Antoninus, um die Flucht nach der Alten Hoffnung, wissen, daß Alexianus, von Kohorten und Reiter-Turmae geleitet, im Triumph zum Palatin geführt ward. Doch ihren Tribunen gehorchen sie nicht mehr, und so stürmen sowohl die Römer wie die Hilfstruppen nach der Stadt, nach dem Forum, nach dem Palatin. Des Antiochianus Befehl gehorchend, haben sie alle dem Antoninus zugejubelt; jetzt wissen sie, plötzlich vor eine Entscheidung gestellt, daß sie Alexander wollen, daß sie Alexander lieben. Doch viele Veteranen, viele von den syrischen und phönizischen Legionen wissen auch, daß sie von Alexander nichts zu erwarten haben, fühlen, daß für sie Antoninus stets das göttliche Kind bleiben wird, in das sie verliebt waren, dort zu Emesa, vor nunmehr drei Jahren. Nach dem ersten Scharmützel, bei dem das Blut hoch aufspritzte und einen brennenden Durst in ihnen löschte, eilen sie in Schafen nach dem sommerlichen Palast, um sich mit den Chrysaspiden zu vereinen, um Antoninus zu schützen, um ihm noch einmal zum Sieg zu verhelfen. War Mäsa nicht stets für den Kaiser? Besitzt sie nicht Schätze? Was vermag Mammäa, wenn Mäsa nicht will? So viele, die das Lager verlassen, stürzen nach dem sommerlichen Palast, so daß es eigentlich ungewiß ist, ob der größere Teil des Heeres in der Tat zu Alexander hält. In Rom müssen die Römer sich entscheiden: Für Alexander? Für Antoninus? Sie stimmen, ohne es zu wissen; viele verbergen sich gleichgültig in ihren Häusern, schließen ihre Kaufbuden.   Im sommerlichen Palast, wo sich die Günstlinge mit dem Gemahl des Kaisers eine Woche lang verborgen gehalten hatten, war nur noch die Palastwache verblieben, da alle Truppen zu der konsularen Zeremonie ins Lager befohlen waren. Doch plötzlich sah die Schildwache auf dem langen Weg eine Staubwolke, in der viel goldene Funken zu glitzern schienen. Signale ertönten. Rasch eilten die Neugierigen durch das Peristyl und die Gärten der sommerlichen Residenz, die Sklaven, die Priester der Sonne, die Dirnen, die Tänzerinnen, die Cubicularii, die Narren, die Kinder, alles stürmte, zu den Wällen, in dem Augenblick, da die funkensprühende Staubwolke am Ende des Eukalyptusganges sichtbar ward. Rufe erklangen: »Antoninus! Antiochianus! Die Chrysaspiden!« Was? Hat sich der Kaiser nicht zum Kapitol begeben, um den Konsuleid zu leisten? Hat die Versöhnung nicht stattgefunden? Hunderte von Stimmen rufen, fragen, schreien durcheinander. Bis in die Gärten hinein jagen die Chrysaspiden, Antoninus in ihrer Mitte. Dort erst schwingen sie sich von ihren Rossen. »Zu den Wällen! Zu den Toren!« befiehlt Antiochianus. Antoninus hat sich die Konsulprätexta abgerissen und in wilder Raserei mit den Händen, den Zähnen das Gewand zerfetzt. Alle, die sich ihm nähern, stößt er von sich; schluchzend und fluchend eilt er die Treppe empor zum Peristyl, verbirgt sich in seinen Gemächern. Dort ist es dunkel, der Sonne verwehrte man den Eintritt; nur ein leichter Goldschimmer blitzt auf an Polstern, an Gefäßen, an Decken, an all dem Zierat, der unbeachtet auf den dreifüßigen Tischen umher liegt. Duft von syrischem Räucherwerk entsteigt einem geöffneten Onyxkrug. In einem Winkel, auf dem Zipfel eines Mantels, schläft der kleine Basilisk, das Glückstierchen. In der Dämmerung erscheint er wie ein lebendes Juwel. Durch offene Säulenhallen werden Gemächer sichtbar, verschwommen in der Ferne schimmert der Alabaster des Bades, tropft der Strahl der Fontänen und rings an den Wänden leuchten, deutlich erkennbar, die Fresko-Friese mit den Hermaphroditen und Androgynen, die Satyre zur Liebe locken. Der Knabe hat sich nackt auf das Lager geworfen, das in der Mitte des Schlafgemaches steht, goldüberdeckt, mit aufgestapelten goldenen Kissen, deren goldene Quasten herabhängen. Wild schluchzt er vor Schmerz und Wut, vor Seelenschmerz und Haß, die in ihm wühlen, weil nicht eine einzige Stimme aus dem Volk ihm zugejubelt hat, ihm, den sie einst anbeteten! O, die Wärme der Begeisterung zu Emesa, wo sie im Tempel einander zu Tode traten, um ihn tanzen zu sehen! ... Dort hätte er bleiben müssen und tanzen, ewig jung, oder früh sterben und emporfahren zum Licht! Er kann doch so nicht weiterleben, gequält, gefoltert durch das vergebene Schmachten nach der wärmenden Liebe, der bewundernden Anbetung des Volkes, das ihn nicht mehr liebt, bewundert, anbetet. Er wälzt sich auf seinem Lager, stöhnend, schluchzend, preßt das Gesicht in die goldenen Kissen, umschlingt die schwellenden Polster mit den Armen und ruft: »Narr, Narr! Wo bist du, da doch sonst niemand, niemand hier ist?« Der Mohr hat aus dämmernder Ferne gesehen und gehört; er kommt näher, wirft sich vor den Stufen des Lagers zu Boden. »Herrchen! Herrchen!« »Narr, hast du mich lieb?« Der Mohr umschlingt des Antoninus Füße, preßt sie an seine schwarze Brust und küßt sie wieder und wieder. »Narr, hast du mich lieb? So schließe die Tür, verriegle sie und bete mich an, auf daß mir warm werde. Mich friert. Verbrenne Weihrauch, entblättere die Rosen dort über mir. So, und nun komm, Narr, komm auf mein Lager, in meine Arme! Komm, streichle mich! Fühlst du, wie kalt ich bin? Ich zittere wie im Fieber, mich friert. Jetzt denke an Emesa, Narr, und an die Rosenbüsche, die uns verborgen hielten. Um uns stießen die Pfauen ihre Liebesschreie aus, wir spielten wie übermütige Kinder. Du bissest mich, ich schlug dich; ich entfloh dir, du eiltest mir nach. Wir waren toll und ausgelassen. Doch auf dem Turm erwartete mich Hydaspes und dort wurde ich sehr ernst. In dem Tempel war ich kein Kind mehr, dort wurde ich ein Gott. O Glück, o Liebe, o Kindheit! Narr, mein Narr, so war es damals, so ist es auch jetzt. Vielleicht zum letztenmal! Bleibe so, Narr, schmiege dich an mich ... so ... Sage mir, sind hier die goldenen Dolche? Vielleicht wähle ich einen goldenen Dolch. Die seidenen Stränge? Aufgehängt zu baumeln ist nicht schön, und Blut, das gerinnt, ist ekelerregend. In der Phiole das blitzähnlich tötende Gift? Das wird das beste sein. Den Turm der Gemmen hatte ich errichten lassen, um dort in Pracht zu sterben und in Anmut. Doch der Turm ist fern, ich fühle es, Narr, daß ich nicht mehr dorthin zurückkehren werde, ich weiß es. Also das blitzähnlich tötende Gift! Wo ist es ? Gib es mir, Narr, auf daß mir für immer warm werde im Licht, im lohenden Licht, und trinke es mit mir und stirb mit mir. Dann führe ich deine Seele mit hinauf zum Licht, du mein Spielkamerad von Emesa!« Zitternd vor Seligkeit hat der Mohr sich vom Lager erhoben. Da schlägt eine derbe Faust gegen die verriegelte Tür: »Antoninus!« Es ist Hierokles. »Antoninus, öffne! Verflucht, hörst du denn nicht?« Ein Tritt gegen die Tür, die weicht, sich spaltet. »Was hast du dich einzuschließen? Mach auf! Mach auf! Ich befehle es dir!« Ein zweiter Tritt, und durch die klaffende Öffnung zwängt sich Hierokles herein. »Was hast du dich hier einzuschließen mit deinem Mohren?« zischt er Antoninus entgegen. Sein griechisches Heldenantlitz ist zu einer grausamen Fratze verzerrt. »Weihrauch? Blumen? Dies ist wohl der rechte Augenblick, dich umarmen zu lassen! öffne die Läden!« befiehlt er Narr. Doch der Mohr eilt davon, einen Fluch auf den Lippen, und mit einem einzigen Faustschlag stößt Hierokles selbst die Läden auf, so daß plötzlich, sie zerschmetternd, die ganze sommerliche Mittagsglut auf die goldüberzitterte Todeswollust der Dämmerung herabfällt. Auf dem Lager hat Antoninus, geblendet, das Gesicht in die Hände vergraben. »Hierokles!« flüstert er bang und flehentlich. »Was hast du dich einzuschließen mit deinem Mohren? Rom ist in Aufruhr. Glaubst du, so die Macht in Händen zu behalten? Elender! Schwächling! Weißt du, daß das halbe Heer den Schurken auf dem Palatin umringt? Wenn die Clarissima nicht zu dir hielte, wer könnte dir dann helfen? Wenn du nicht herrschen kannst, so werde ich für dich herrschen, ich, dein Gemahl, dein verstoßener Gemahl, der sich eine Woche lang verborgen halten mußte. Meinst du vielleicht, ich wolle mich noch länger verbergen? Ich werde für dich herrschen. Meinst du, ich werde noch länger den Befehlen des Antiochianus gehorchen? Hier, unterschreibe, sofort!« »Was soll ich unterschreiben, was?« »Dein Dekret an den Senat, der heute morgen zusammentreten wird: daß du Alexianus als Feind des Staates ausrufst, daß du ihn seines Cäsarentitels verlustig erklärst und mich, deinen Gemahl, an deine Seite erhebst als Cäsar und als Augustus!« »Hierokles ...« »Unterschreibe!« »Hierokles, was nützt es, wenn ich unterschreibe? Ich kann es tun, aber was nützt es, wenn Großmutter nicht will? Mein Hierokles, höre mich an, schlage mich nicht, es nützt nichts, denn Großmutter verbirgt ihre Schätze, niemand weiß, wo.« »Willst du nicht unterschreiben?« brüllt der einstige Wagenlenker mit Donnerstimme. Mit rauhem Griff zerrt er Antoninus vom Lager und schleift ihn über die Stufen. Der Knabe stößt einen Schrei aus. Doch erbarmungslos reißt Hierokles ihn empor. »Meinst du, ich wolle noch länger verstoßen sein? Ich bin Cäsar, ich bin Augustus! Zeichne, zeichne – oder ich ermorde dich!« Einen zweiten Schrei stößt Antoninus aus. Sein Schmerz hat ihm die Kraft gegeben, sich loszureißen, sein Schmerz läßt wilden Stolz in ihm auflohen. Er fühlt sich als Patrizier, als Hoherpriester, Imperator, Gott, und die Entrüstung über den Schimpf, ihm von dem Undankbaren angetan, gibt ihm die übermenschliche Kraft, auszurufen: »Augustus, du? Du? Ein Wagenlenker, den nur meine Laune, meine feige Liebe erhoben hat? Ein Sklave, ein Athlet, den ich liebte, mehr als mich selbst? Warum? Ich weiß es nicht; denn habe ich nicht Freunde um mich, die mich anbeten und die besser sind als du und meiner Liebe würdiger? Du, Augustus? Du, Kaiser? Haha! An meiner Seite? Du meine göttliche Ehre teilen? Du, du ...?«   Vollenden kann er nicht. Wutschnaubend hat sich Hierokles auf den Knaben gestürzt. Er läßt seine Fäuste auf ihn niedersausen, reißt ihn zu Boden, wirft sich über ihn und krampft die derben Finger wie Schrauben um die zarte Kehle seines Opfers. »Das hast du für deinen Wagenlenker! Und das für den Sklaven! Und das für den Athleten! Und das für deine Laune! Und das für deine göttliche Ehre! Und das und das für deine Freunde, die so viel besser sind als ich!« Gellende Schreie stößt der Knabe aus. Herein stürzen Antiochianus, Semiamira, noch im Festgewand, Tribunen, Centurionen. Sie werfen sich auf Hierokles. Semiamira zieht ihren Dolch, doch mut- und machtlos läßt sie ihn wieder sinken. Hierokles macht sich los. Breitbeinig steht er, mit geballten Fäusten, inmitten der Verteidiger des Antoninus und brüllt mit lauter Stimme: »Weg von mir! Ich töte jeden, der mir nahe kommt! Antoninus soll zeichnen! Ich bin sein Gemahl, und weil er nicht herrschen kann, werde ich für ihn herrschen!« »Antiochianus!« ruft der Kaiser flehentlich, »komm Hierokles nicht zu nahe, er ermordet dich! Laß ihn, er ist doch immer, immer stärker als wir alle, und ich habe ihn lieb, das ist mein Schicksal. Da, Hierokles, ich gebe dir das Dekret, ich zeichne, ich zeichne. Du sollst Cäsar sein, Augustus, Kaiser an meiner Seite! Bist du nun zufrieden? Doch nun laß mich allein, ihr alle laßt mich! Geht! Er hat mich geschlagen und ich leide Schmerzen. Ich will allein sein, allein!« »Elender Karier!« brüllt Antiochianus mit Donnerstimme. Die beiden Männer, der Praefectus Praetorio und der Gemahl, stürzen aufeinander los. Doch die Frauen und Antoninus schreien auf und die Centurionen trennen sie gewaltsam. Der Knabe ist ohnmächtig geworden in den Armen seiner Mutter; sein Gesicht ist blau angeschwollen. Sie hat ihn auf das goldene Lager gebettet. Warum, warum konnte sie diesen Elenden nicht erstechen? Sie, die nichts fürchtet, diesen Mann fürchtet sie. Wenn er sie ansieht, so ist ihr, als erstarre ihr das Blut in den Adern. Sie kann des Antoninus Liebe verstehen. Vasthi, die Sklavinnen, sind weinend näher getreten. »Die Salbe!« ruft Semiamira, »rasch die Salbe!« Leise klagend, wie um einen toten Adonis, reiben die Frauen den bewußtlosen Körper des Kaisers mit Salbe. Verwirrung herrscht in den Räumen, Verzweiflung: die Tür zersplittert, ein Weihrauchbehälter umgestürzt, die Kohlen langsam glimmend auf den Mosaikquadern; in einem Winkel kauert Livilla, schluchzend. Durch die weit aufgerissenen Läden flammt die Hochsommerglut erbarmungslos herein und dort, von Rom her, kommt neues Lärmen, wie fern verklingendes Waffengeklirr. »Reibt ihn! Reibt ihn mit sanften Händen,« sagt Semiamira klagend und über den regungslosen Körper des Knaben gleiten die geschmeidigen Finger der Frauen. Was da naht, sie hören es nicht. Doch Semiamira horcht in die Ferne. Sie steht am Fenster und ringt verzweiflungsvöll die Hände. Denn sie glaubt nicht mehr an ein gutes Ende. Wo bleibt Aristomachos? Als sie floh nach dem Sommerpalast, auf einem Pferd, das ein Ordner ihr überlassen hatte, umschwirrt von den Pfeilen der nach ihr zielenden Bogenschützen, sah sie Aristomachos zum letztenmal. Wie ein Held scharte er des Antoninus Getreue um sich und zermalmte alle, die Alexander Augustus riefen. Während sie – indes die Frauen noch immer um ihr Kind bemüht sind – in die Ferne horcht und feuchten Auges auf den mißhandelten Körper ihres göttlichen Sohnes starrt, erwacht in ihr, flüchtig, ein Gedanke. Entfliehen von hier? Doch wie? Allein? Mit Antoninus? Durch die Campagna? Und dann vielleicht verfolgt werden? Schmählich getötet auf schmählicher Flucht? Nein, nein! Noch hat sie, noch hat Heliogabal viele Getreue. Wo Aristomachos auch bleiben möge, Antiochianus wacht. Wer weiß, wer weiß, ob die Götter ihm nicht noch einmal gnädig sein werden. Über die tieferliegenden Gärten hinspähend, suchen ihre Blicke die Wälle und die leuchtenden Chrysaspiden.   »Serenissima!« Draußen hört sie eine Stimme. Sie blickt hinaus, sie erkennt den Eunuchen ihrer Mutter, ihren vertrautesten. Er schleppt sich mühsam fort, seine Samara ist blutbefleckt. »Psammeticus,« ruft Semiamira, »was ist? Was?« »Die Clarissima entsendet mich.« »Tritt ein!« Sie selbst öffnet die Tür, die zum Seitenperistyl Zugang verleiht. Der Eunuche schleppt sich die Stufen empor, stürzt zu ihren Füßen nieder. »Psammeticus, bist du verwundet?« »Ja, Augusta, ich muß sterben. Der aufständische Pöbel hat mich aus meiner Sänfte gerissen ... höre Serenissima, höre, die Clarissima sendet dir und dem göttlichen Augustus ihre Liebe durch meinen unwürdigen Mund ... Sie fleht Euch an, Euch und Seine Göttlichkeit, ihr möget entfliehen ... vermummt.« »Entfliehen?« »Nach Ostia, sogleich, und dort ein Schiff besteigen ... Die Clarissima gab mir ... für Euch ... die Aufständischen wissen darum ...« »Was?« Er reicht ihr einen Beutel. »Fünfhunderttausend Sesterzen.« Er ist zusammengebrochen auf den Quadern. Sie fühlt, wie sein Atem röchelt über ihrem Fuß, den er geküßt hat, sie sieht ihn liegen in einer Blutlache. Er stirbt! Er stirbt! Regungslos liegt er da. In ihrer Stola birgt sie den Beutel. Fliehen nach Ostia? Vermummt ein Schiff besteigen? Ist denn alles verloren? Glaubt die Mutter alles verloren? Warum kam sie nicht selbst? Fühlt sie, daß auch sie Antoninus nicht mehr zu retten vermag, nachdem er Rom geschmäht und den Römern ins Antlitz gespien hat? »Antoninus!« Sie sieht, daß er die Augen geöffnet hat. »Antoninus.« Er richtet sich halb auf, sieht die Leiche zu ihren Füßen. »Wer ist das?« fragt er atemlos. »Psammeticus, die Mutter sandte ihn ... wir sollen fliehen ...« »Fliehen ...?« Sie hat sich ihm genähert, sie umarmt ihn. »Nein, Mutter, nein; ich fliehe nicht. Ich fürchte mich zu sehr! Geh du allein. Ich habe hier Gifte, die wie ein Blitzschlag töten. Wenn der Augenblick gekommen ist, dann ... er war schon gekommen, doch Hierokles hat mich überrascht. Flieh ohne mich, Mutter!« »Niemals, mein Kind. Ich bleibe bei dir, es gibt Gifte auch für mich!« »So bleibe, Mutter, bleibe, halte mich in deinen Armen, drücke mich an dich. Mir ist so bang. Höre nur, dort in der Ferne!« »Das ist Aufruhr!«   Auf den Wällen schmettern Bucinae, Befehle ertönen, von Staubwolken umhüllt, stürzen Turmae näher; sie rufen: Heil Antoninus! Es sind die Truppen der Getreuen, die kommen, um sich mit denen der Sommerresidenz zu vereinen. »Mutter,« flüstert das Kind, »wenn wir jetzt nicht siegen, kommt dann das Ende?« »Fürchte dich nicht. Ich hoffe noch immer. Haben wir nicht Antiochianus ? Erwarten wir nicht Aristomachos jeden Augenblick zurück? Sieh, da kommen stets mehr, die dir treu bleiben, die dich lieben, die dich noch immer anbeten. Werden wir nicht vielleicht dennoch triumphieren? Fürchte dich nicht, mein Liebling, ich bin bei dir, niemals werde ich fliehen ohne dich. Sei ein Held, mein Antoninus, wie vor Antiochia.« »Ich könnte wieder ein Held sein, wenn sie alle mich lieb hätten, Mutter, und wenn Hydaspes ... Aber so ... »Aber sie haben dich ja lieb, sie haben dich lieb!« »So wenige! Nur, die mich lieben müssen , weil sie von Alexianus nichts zu hoffen haben.« »Sei nicht undankbar, mein Liebling.« »Ich bin nicht undankbar. Doch mich friert und mir ist so bang. Mir würde warm werden, wenn sie noch einmal, einmal mir zujubelten!« »Aber sie jubeln dir ja zu, mein Kind, sie jubeln. Höre doch, sie rufen deinen Namen!« »Das sind nur meine Chrysaspiden, die mir alles verdanken, die nichts zu erhoffen haben von Alexianus. Das ist nicht das römische Volk. Ach, die Sonne war allzeit wärmer in Emesa als in Rom. Ja, ich höre sie rufen, ich höre sie jubeln, meine armen, schönen, goldenen Soldaten! Ja, Antiochianus hat mich lieb und Aristomachos und Narr und du, Mutter, du! Doch wärmen kann mich nur die Liebe von Tausenden, von Millionen, die mir die Hände, entgegenstrecken und nach mir schmachten. Das habe ich besessen, einst. Doch nun, Mutter, wie fürchte ich mich vor ihrem Haß!« Sein Körper zittert in ihren Armen; er schließt die Augen. So mißhandelt, so elend, so gequält, so bang ruht er an ihrer mütterlichen Brust, wie noch nie. Ihr ist, als sei all seine Göttlichkeit, die sie selbst oft fromm erschauern ließ, abgefallen von ihm, zerrissen, wie ein ätherisch-goldenes Gewebe. Dieses Sturzes aus strahlendem Himmel auf die feindlich-kalte Erde wird sie sich so verzweiflungsvoll bewußt, daß sie aufschluchzt, ihn mit schmerzlicher Leidenschaft an sich drückt und den Namen ausspricht, den sie seit Jahren nicht mehr ausgesprochen hat: »Mein Bassianus, mein armer Bassianus!« Dreißigstes Kapitel Noch ist die Nacht nicht völlig gewichen. Doch eine seltsame Röte schimmert im Westen, früher als im Osten, über Rom. Eine Morgendämmerung wie von schwelendem Brand, der an den noch dunkelsten Teilen des Himmels aufleuchtet. Nicht mehr als einige Hunderte, vielleicht Tausende zählen die Getreuen des Antoninus, und obwohl die Wälle ringsum und die Gärten im Lanzengeflimmer glitzern, obwohl ein länglicher Schild neben dem anderen den Widerschein der leuchtenden Morgenröte auffängt, brüllt Antiochianus seine Befehle, verzagenden Herzens, nun, da das Waffengeklirr am Eukalyptusgang hörbar wird, nun, da er plötzlich einen erblickt, den er während der ganzen Nacht schon erwartete: Aristomachos, auf einem Schild getragen von seinen Soldaten, die ihn nicht am Palatin haben zurücklassen wollen. Dem Tribunen ist der Schädel durch einen Schwerthieb gespalten. Die Soldaten legen ihn nieder auf das Sigma des Peristyls, wo Antoninus zu ruhen und über die weite Campagna zu blicken pflegte. »Antoninus!« ruft der Tribun, »Antoninus!« Der Kaiser, bekleidet mit einer eilig umgeworfenen Dalmatika aus Hermelin, ist an der Seite seiner Mutter erschienen, auf der Schwelle des inneren Hofes. Er wankt, er wagt nicht, weiterzugehen. »Antoninus!« ruft der Tribun. »Aristomachos!« schreit das Kind schluchzend auf, »bist du verwundet?« »Ich wollte für dich, Antoninus, den Palatin erobern. Es war keine Torheit, wir waren unserer viele und alle dir getreu. Allein jene hatten die Übermacht. Doch wenn du morgen mit Antiochianus siegst, dann wirst du, Antoninus, die entseelten Körper all jener sehen, die dir treu blieben, die dich anbeteten bis zu ihrem Tod. Antoninus, sie haben mich auf einem Schild hierher getragen, damit ich dich noch einmal sehe! Als ich dich sah zum erstenmal, weißt du es noch?, da tanztest du – und lächeltest uns zu. Niemals habe ich das vergessen. Mir hast du zugelächelt, Antoninus, mir! In jenem Augenblick hätte ich für dich sterben wollen, so, wie ich jetzt für dich sterben werde.« Schwer tropft das Blut durch den Verband, rinnt über die zitternden Hände des Kaisers, die der Tribun mit einer allerletzten Liebesgebärde an seine bärtigen Lippen zu bringen versucht. Doch ein Lärmen von Priestern, Magiern, Zwergen, Dirnen, Sklaven und Kindern erhebt sich rings um Tempel und den Palast... Es entsteht ein wilder Aufruhr, denn Gordus ruft in Todesangst: »Die Chrysaspiden weichen den Truppen des Alexianus!« Es ist ein Überfall, ganz unerwartet. Durch die Eukalyptusgänge klirrt es wie das Dröhnen von Schwert und Schild; rasselnd schlagen die Lanzen aufeinander und Stimmen donnern durch die Gärten: »Wo ist er? Wo ist Avitus, das Hurenkind? Wo ist Sardanapal? Der Götterdieb! Der Frevler! Her mit ihm! Her mit dem Schwarzen Stein!«   Von rechts, von links, von allen Seiten, um den Palast und um den Tempel sind nicht nur Argyraspiden, sondern auch Clibanarii und Hastati in dichten Reihen vorgedrungen, während sie: Heil Alexander! und: Hinweg mit Sardanapal! rufen. Immer weiter vordrängend, stauen die Argyraspiden sich vorwärts, die Clibanarii, die Hastati, zwischen ihnen viele barbarische Hilfstruppen, die in diesem Augenblick nur daran denken, zu plündern. Sie alle haben innerhalb weniger Minuten die Gärten, den Tempel, ja sogar die innersten Räume des Palastes überschwemmt. Sie dringen durch alle Türen, in alle Gemächer. Überall richten sie ein Blutbad an. Zwei riesengroße Magier haben syrische Schwerter ergriffen und hauen blindlings in die Clibanarii, die sie umringen. Die Rüstungen zersplittern, Funken sprühen, die Zwerge treiben die Löwen an, doch die Tiere entfliehen, bis ihnen in irgendeinem Winkel der Todesstoß versetzt wird. Mit abgeschnittenem Rüssel rast ein Elefant umher. Er stößt ein beinahe menschliches Wehgebrüll aus, zerstampft Tote und Sterbende. Mädchen versuchen, den begehrlichen Händen der Wüstlinge zu entrinnen, sie eilen in die Winkel der Säulenhallen, schreien dort ihre Vergewaltigung hinaus und sterben, gefoltert, geköpft, zu Haufen übereinandergeworfen. Velites haben Gordus umringt. Sie verstümmeln ihn. Eine Lanze haben sie ihm zwischen die Beine getrieben, und so tragen sie ihn umher, eine zuckende, bluttriefende Trophäe. Die Argyraspiden haben Murissimus und Protogenes in ihrem Schlupfwinkel, hinter den bronzeschweren Vorhängen des Tempels, entdeckt. Sie schleppen sie hinaus und kerben die entmannten Körper, während sie die abgeschnittenen Glieder in den Mund stecken. Doch den Schwarzen Stein, der sich emporreckt, umtost ein rasender Jubel. An Seilen schleppen sie den Monolithen hinaus, einen Phallus, so schwer und so groß, wie man noch nie einen gesehen hat, wie er aus Emesa kommen mußte, um Rom im Namen der Sonne zu vergewaltigen. Sie hauen auf den Basalt, bis er zersplitternd in Stücke springt. Doch sie vermögen den Stein nicht völlig zu zertrümmern. Sie suchen und suchen. Wo ist das Hurenkind? Wohl sehen sie Antiochiänus, Hierokles; die kämpfen um ihr Leben zwischen den Lanzen der letzten Chrysaspiden, zwischen den letzten Magiern, die fatalistisch, mit verklärten Seheraugen, in Ekstase enden, den Namen Heliogabal auf den Lippen. Doch wo ist das Hurenkind? Immer stärker schwellen die siegenden Truppen an. Über die Wälle, durch die Pforten dringen sie in den Palast, in alle Säle. Sie durchstechen das Lager in des Antoninus Gemach, sie reißen die Vorhänge zur Seite, sie durchstechen Polster, Kissen und Gewänder, brechen Kisten und Truhen auf. Wo ist er? Sie finden ihn nicht. Doch hoch über den Köpfen der jauchzenden Argyraspiden sehen sie Hierokles, den verhaßten Karier, emporgehoben auf einem Pfahl, den sie ihm der Länge nach durch den Leib getrieben haben. Heil dem herrlichen Cäsar Augustus, dem prächtigen Hierokles, der Kaiser sein wollte neben Heliogabal! Heil, ewig Heil dem Praefectus Praetorio! Her mit ihm! Schleppt ihn her! Haut ihn nieder! Schleift den geköpften Kadaver herbei, bindet ihn an den des Aristomachos, der so ruhig schläft auf des Kaisers eigenem Sigma. Bindet sie zusammen, ruft ihnen Heil, den beiden rauhen Kriegern, die so verliebt waren in den Lustknaben! Aber wo ist er selbst? Und seine Mutter? Viele der Soldaten haben sie in der Subura besessen und sie haben auch Antoninus besessen, für einen Aureus, für einen halben Aureus, für einen As, umsonst. Doch wo halten sich die beiden verborgen? Wo? Getreue hat Heliogabal nicht mehr, sie sind alle getötet, geschunden, durchstochen, geköpft, zu Haufen verbrannt, aufgespießt, in die Teiche geworfen mit den Trümmern des großen, schwarzen, unzerstörbaren Phallus des Heliogabal. Wo ist er selbst? Sie haben doch den ganzen Palast durchwühlt, den ganzen jetzt aufflammenden Tempel mit ihren Lanzen durchstochen. Durch alle Gärten, hügelauf, hügelab, sind sie gerannt. Doch was tut der Mohr, der da steht, mit seinem Beil? Er haut und haut, drei, vier Argyraspiden hat er schon niedergehauen. Das ist Narr, der Mohr! Nieder mit ihm! Warum steht er gerade dort? Vor jener Tür? Brecht sie auf, spaltet sie! Sie scheint zugenagelt. Ein pestartiger Gestank dringt aus den Sklavenlatrinen. Endlich gibt die Tür nach. Haha! Da steht er in den Armen der Hure, die seine Mutter ist! Da steht er mit seinem Dirnengesicht! Her mit ihm! Her mit dem Götterdieb, dem Frevler, dem Syrer, dem verderbten Tier, das Rom vergewaltigt und vergiftet hat.   In den wenigen Sekunden, die der Knabe noch atmet, todesbang in der beklemmenden Umarmung seiner Mutter, die aufschreit, in diesen wenigen Sekunden durchzuckt ihn ein jähes Verlangen nach den Phiolen mit dem tötenden Gift, nach dem Turm der Gemmen, wo er in Schönheit hatte sterben wollen. Doch dann, während er fühlt, wie ihm die rachedurstige Raserei des Volkes entgegenstinkt, stinkender als der Gestank der Latrinen, blitzt vor ihm eine leuchtende Gestalt auf und er sieht Hydaspes. Der ihn anblickt mit Seheraugen. Und beide Hände ihm entgegenstreckt. Dann schwinden ihm die Sinne. Die Schreie seiner Mutter hört er nicht mehr. Die Spieße pressen seinen Körper an den ihren, zehnmal, zwölfmal, zwanzigmal. Welche Wollust, ihn jetzt zu schänden! Die Leiche der Hure, die Leiche ihres Kindes im Kot umherzuwälzen, ihnen den Mund damit vollzustopfen, sie damit zu besudeln, bis sie keine menschliche Farbe mehr haben. Ihm einen scharfen Haken in den Magen schlagen? Doch nein, der würde aufreißen. Eine Schlinge ihm um die Füße legen und ihn schleifen, mitten durch den Kot, durch die Gärten, durch die langen Gänge unter den brennenden Eukalyptusbäumen, nach Rom, nach Rom! Erst auf den Palatin – wird Alexander Augustus nicht kommen, um zuzuschauen? –, dann über das Forum und weiter und in irgendeine Kloake ihn versenken, so, den Kopf nach unten. Nein, das Loch ist zu klein. Weiter, weiterziehen! Strömt alle herbei! Seht, Quiriten, da ist Avitus Sardanapal, da habt ihr ihn! Seht! Wißt ihr noch, wie diese Füße tanzen konnten? Wißt ihr noch, wie anmutig dies Tier aussehen konnte? Wißt ihr noch, wie sie Weihrauch brannten und Wein spendeten vor seinem Bildnis in der Curia Julia? Wißt ihr es noch? Weiter, weiter durch die Stadt! Auf daß ganz Rom ihn sehe... Eine wilde Horde trabt hinter dem hin und her gerissenen, bis zur Unkenntlichkeit besudelten, bluttriefenden Überrest des Kaisers her, auf dem die zuerst Anlangenden wollüstig herumtrampeln. Mitten in dieser Horde ein Mohr, den sie nicht erkennen, nicht beachten, weil er trabt wie die anderen. Zwar ist er verwundet, doch sind das viele, und niemand kümmert sich darum. Einen großen Hieb hat er quer übers Gesicht; er schlürft das rinnende Blut; über seine Brust fließt es rot. Er scheint unerträgliche Schmerzen zu haben, denn sein Lendentuch zieht er sich fest um Bauch und Magen, und während er mittrabt in der schreienden Horde, hält er seine hervorquellenden Augen starr auf die formlose besudelte Masse gerichtet, die sie weiterschleifen, weiter in der Richtung des Tiber, des Pons Aemilius, und seine Hände pressen sich fester gegen das Lendentuch, als schöbe er immer und immer wieder ein schweres Bündel hinein, das er zu verlieren scheint. So trabt er hinkend mit, der Mohr, das Blut schlürfend, das über seine Nase niedertropft, während er starrt, starrt aut das, was die anderen schleifen. Weil die Kloake zu eng war, werfen sie den unförmigen Klumpen von der Brücke hinab in den Tiber, weil sie ihn nun lange genug geschleppt haben und zurück wollen zum Palatin, um Alexander Augustus Heil zu rufen. Weg, weg mit ihm, in den Fluß, der noch zu gut ist für diesen Abhub. Wenige nur schauen zu, wie die Leiche, vom Wasser erbarmungsvoll überspült, forttreibt mit dem Strom, mit anderen Leichen, unter dem Sonnenhimmel, den die Lichtbrände in rote Gluten tauchen. Nur wenige schauen zu. Unter den wenigen der Mohr, der einen Schmerzensschrei ausgestoßen hat, einen Schrei, zu schmerzvoll, um nur dem Schmerz zu gelten, den seine Wunden ihm bereiten. Von der Brücke, von der sie den Kaiser hinabschleuderten ins Wasser, stürzt sich der Mohr in den Fluß. Dabei verliert er sein Lendentuch und die Umstehenden sehen, wie ihm das Eingeweide aus tiefer, zuckender Bauchwunde quillt. Der Mohr! Der Mohr! Jetzt erkennen sie ihn: den Mohren des Lustknaben. Seht, er treibt mit dem Strom. Schwimmt er wahrlich noch? Ja, er schwimmt. Ein Stoß, noch einer und noch einer. Seht, jetzt hat er die Leiche erreicht, die Leiche des Antoninus. Seht seine Arme! Er umarmt des Antoninus vom Tiber erbarmungsvoll umspülte Füße, diese Füße, die einst tanzten, das Einzige, was von Dem dort noch erkennbar ist! Seine Lippen preßt er darauf zu einem Kuß... und beide treiben sie fort, fort... Warum hier noch länger zaudern? Warum hier die Zeit verlieren? Auf nach dem Palatin! Nach dem Palatin! Heil Aurelius Alexander Cäsar Augustus!