Ein Sommerbuch Altweimarische Geschichten von Helene Böhlau Regine die Köchin Die Mutter muß sich eine Alte nehmen, eine Alte muß sie sich nehmen, – nein – darauf besteh' ich! Die Frau Mutter ist zu leichtsinnig.« Das sagte unser Vater, ehe Regine ins Haus kam. »Aber Hermann,« antwortete unsere Großmutter und schaute mit ihrem weichen, vom Häubchen eingerahmten Altfrauengesicht ganz betroffen von ihrem Suppenteller auf. Sie aß bei uns, wie immer die Woche zweimal; wann dies geschehen sollte, mußte jedesmal feierlich die Frau Legationsrätin, vulgo Legatse, die eine Etage höher wohnte, eingeladen werden. Aber gerade jetzt zur Zeit war sie gezwungen, unten bei uns zu essen, denn sie hatte keine Köchin. Von unserer Großmutter Köchin sprach man im Hause auf eine geheimnisvolle Weise, fast ohne Worte, und verstand doch viel zu sagen. Wir Halbwüchsigen waren aber unterrichtet. Wir wußten, Großmutters Köchin hatte ein Kind bekommen. Weshalb man das nicht ganz einfach sagte, sondern schwieg, geheimnisvoll flüsterte? Es kam uns dies ganz lächerlich vor. Kinder hat ja die ganze Welt. Wir verständigten uns untereinander darüber und waren großmütig genug, den Erwachsenen in ihre Sonderbarkeit nicht hineinzureden. »Also, Frau Mutter, ich bestehe entschieden darauf, du nimmst dir eine Alte. – Es ist dies das zweite, wenn nicht das dritte Mal, daß bei euch oben, ... nein... nein ... das geht nicht – bei deinem Leichtsinn, Frau Mutter – entschuldige.« »Wie kommst du mir denn aber vor,« sagte unsere Großmutter und lachte, wie nur sie lachen konnte, o dieses Lachen! Wollte Gott, ich könnt's noch einmal hören. So lachen die Jungen heut nicht, so seelenjung. Es war das Lachen einer andern Zeit, das bei uns im Hause noch hin und wieder erklang, – einer harmlosen, heiteren Zeit. Ich halte es für ein Glück sondergleichen, daß wir in Begleitung dieses Lachens aufblühten. »Ich sehe darin gar keinen Grund zum Lachen, Frau Mutter,« sagte mein Vater feierlich. »Ich dächte, die Sache ist ernst genug.« »Du gibst auf deine Leute nicht acht, du läßt sie tun, was sie wollen – du kümmerst dich um nichts.« »Ach so,« sagte unsere Großmutter. »Nun wird mir's verständlich.« Sie wischte sich die Augen. »Ich kann nicht gerad sagen, daß ich auf eine Alte sehr versessen bin; – aber dir zuliebe soll's eine Alte sein – gewiß eine Alte.« So kam Regine, die Köchin, ins Haus. »Sieh sie dir an,« sagte meine Großmutter am ersten Tag, als sie bei uns eingezogen war und gerade durch den Hof ging. Die Großmutter winkte meinem Vater, ans Fenster zu treten. »Nu – weißt du – –,« sagte mein Vater, als er sie gesehen. »Es ist eine Alte,« meinte meine Großmutter mit viel Schelmerei in der Stimme. »Ja, ja,« meinte mein Vater etwas ärgerlich. »Sie ist gewiß recht tugendhaft.« »Zuverlässig,« antwortete mein Vater, – »aber – es gibt weniger häßliche.« Herr Sohn, man kann nicht alles beieinander haben, weißt du.« Nur zum Scherz hatte unsere Großmutter Reginen freilich nicht genommen. Die Großmutter war eine Frau voller Grazie und voller Behagen; sollte sie von einem schönen, sauberen Mädchen nicht bedient werden, wie sie es liebte, so wollte sie wenigstens vortrefflich essen, und es sollte alles gut serviert sein – und das verstand Regine, beides. Gewiß, häßlich war sie, eine kleine, dicke Person mit einem Schöpflein roter Haare, einem endlosen, dünnen, dünnen, dummen Zöpfchen, das wie ein rotes Schneckenhaus auf ihrem fast kahlen Schädel lag. Die Knochen schienen ihr zu klein geworden, und so hing die beträchtliche Fleischmasse, wulstig und faltig, nicht recht wohlgeordnet, über derselben. So wandelte Regine durchs Leben und durch unser Haus, niemandem zur Augenweide, doch meinem Vater zur Beruhigung, daß über seinem Haupte, im Kreise der Frau Mutter keine leichtsinnigen Torheiten zu befürchten waren. Er bedachte nicht, daß der Mensch nie sündenbar ist. Unsere Jugendsünden, die Maienblüte wird dahingerafft, und Alterssünden erheben die Häupter oft nur als Ausdruck des Grams, weil sie dahingegangen, die sel'ge Maienpracht. So mochte es Reginen ergehen; sie hatte geliebt und gelebt und wollte vergessen. Das alles aber ist vorgegriffen; es währte lange, bis wir Regine verstanden. Als sie in unserm Hause etwas eingewohnt war und sich behaglich zu fühlen begann, kam unser Vater eines Morgens sichtbar verstimmt von seinem Spaziergang im Garten ins Frühstückszimmer, und es stellte sich heraus, daß er Reginen begegnet war, wie dieselbe die Treppe hinabging und ihr das rote, kleinfingerdicke Zöpfchen über die Stufen nachgehüpft war. Das ist so zu verstehen, das entsetzliche Zöpfchen war unglaublicherweise um ein paar Zoll länger als sie selbst, und sie liebte es, dasselbe am Morgen nachzuziehen. Vielleicht träumte sie sich in die Zeit zurück, als das rote Schnürlein vielleicht ein armdicker Zopf gewesen. Jedenfalls hatte sie geglaubt, einen ganz andern Eindruck mit ihrem roten, langen Naturspiel auf unseren Vater hervorzubringen, als ihr tatsächlich gelungen war. Sie war unheimlich stolz auf ihren Hauptschmuck. Ja, es war lang, das Zöpfchen, entsetzlich lang. Uns Kinder grauste davor. und unser Vater hatte sich wirklich ganz außerordentlich davor erschreckt. »Es geschieht ihm ganz recht,« sagte die Großmutter, »weshalb hat er mir die Alte aufgehängt. Mir wäre es schon lieber, sie hätte ein Kind, als so einen miserabel garschtigen Zopf.« »Weißt du, Frau Mutter, das verstehst du nicht. Du stammst aus einer ganz frivolen Zeit,« antwortete ihr mein Vater. »I wo,« sagte die Großmutter und lächelte ihrer lieben Zeit zu. »So, du hast Regine also begegnet? Ja, ja, das ist ihre Morgentoilette. Sie kehrt auch so bei mir, die Regine. Ja, du kannst ganz beruhigt sein, die ist höchst sittenstreng.« »Ob sie es aber immer war, lassen wir dahingestellt sein,« sagte mein Vater ärgerlich. »Verlange nichts Unmögliches von ihr, Regine lasse ich nicht wieder gehen.« »Frau Mutter,« sagte mein Vater, »wann wirst du lernen, die goldene Mittelstraße zu gehen! Entweder umgibst du dich mit Personen, die vor Leichtsinn und Jugend nicht wissen, wo ein und aus, ober du nimmst dir Ungeheuer ins Haus, die keine Phantasie zu erdenken imstande ist. Ich hatte den Wunsch, daß eine vernünftige Matrone mit weißer Schürze und behäbigem Aeußeren da oben bei dir schalten und wallten sollte. – Wäre dir das nicht selbst ein angenehmer Gedanke?« »Ja, gewiß, wenn die Matrone zu kochen verstände wie Regine; aber ich traute den Matronen nicht recht, die ich sah. Du wirst nächsten Sonntag schmecken, wenn ihr oben bei mir eßt, daß Regine goldeswert ist.« Ja, und sie war goldeswert. Sie kochte, als wäre ihr Vater ein Dichter gewesen und das Talent hätte sich bei ihr umgesetzt. Und sie war auch Tochter eines Dichters. Es wird alles an den Tag kommen. Wir hatten große Wäsche im Haus, und unsere Mutter bat die Großmutter, daß diese ihr Regine auf ein paar Stunden leihen möge, um zu helfen. Regine aber widerstand mit ruhiger Würde unserer Aufforderung. »Nein,« sagte sie zur Großmutter, »das tut mir leid, das kann ich heut nicht, ein andres Mal wieder recht gerne. Heut wird ein Stück von meinem Vater selig aufgeführt, und Sie erlauben wohl, Frau Geheimrat, daß ich auch ins Theater gehe.« »Ja, um Himmels willen,« sagte meine Großmutter – »was ist denn das?«, griff nach dem Theaterzettel mit dem Abonnementsbillett, der wie immer auf seinem Platze lag; da sah die Großmutter, daß heute ein seit Jahrzehnten vergessenes, wieder neu ausgegrabenes Stück von Raupach gegeben wurde. »Und Sie sind Raupachs Tochter!« rief die Großmutter – »du allmächtige Güte! Wie ist denn das alles miteinander möglich?« Ja, es war alles miteinander möglich. Eine Kette der interessantesten Angelegenheiten verhüllten wie eine Wolke Regine, die Köchin, vor meinen erstaunten Augen. Sie war nicht nur Raupachs Tochter. – Nein – sie war jahrelang in Goethes Haus aufgewachsen, mit seinen Enkelkindern erzogen worden, dann war sie zum Ballett gekommen, und es war ihr schlecht ergangen, – schlecht ergangen. – Ein Tränenstrom verschlang die letzten Worte und Schicksale. – Ich sehe sie noch stehen, Raupachs Tochter, die rote Zöpfleinschlange zusammengerollt auf dem kahlen Schädel, die sonnte sich im Augenblick glühendrot im hellen Sonnenlicht. Unter Regines Kattunjacke wogten sehr unregelmäßige, gestaltlose Formen. Meine jungen Augen aber sahen das alles nicht mehr. Ein Glorienschein umwob die armselige Person. Ich hätte ihr wie einer Heiligen die Hände küssen mögen. »Ach, setzen Sie sich. Regine, setzen Sie sich,« sagte ich zaghaft. Mir war es unmöglich, ihre geheiligte Person hier stehen zu sehen. Unsere Großmutter saß und machte große, große Augen, und die Brille war über den Augen, auf der Stirn zu sehen. Ich drückte Regine auf einen Stuhl nieder. »O, Regine, Regine!« sagte ich. Ich hatte den Faust in diesen Tagen zum allerersten Male gelesen, hatte drunten im Stern, in Goethes Garten, unter hohen Bäumen, in Anbetung ganz versunken, auf dem Boden gekniet. Meine leidenschaftliche, kinderjunge Seele war dahingeschmolzen im ersten großen Eindruck. Unsere Großmutter hatte ja auch Goethen gekannt; – aber dies – das fühlte ich, war etwas andres. Ich empfand das Intime des Zusammenlebens im selben Nest; ohne daß Regine nur den Mund auftat, wußte ich alles – alles, was geschehen war, oder hätte geschehen können. – Mit ihm hatte sie dieselbe Luft geatmet, er hatte sie gestreichelt – ihr etwas zu tun anbefohlen. Sie hatte ihn gesehen, wenn er zum Frühstück kam, gesehen beim Essen und Trinken und reden gehört! Reden gehört und auch lachen – vielleicht auch schelten. Das Staunen verließ mich nicht, ich schaute und schaute auf Regines heilige Person und Schauer überliefen mich. Auch die Großmutter hab' ich mein Lebtag nicht so erstaunt gesehen. »Na, so reden Sie doch, wie ist denn das alles möglich?« Regine, die Köchin, dieser armselige Rest, war also von all der Herrlichkeit in Weimar noch übrig geblieben. »Ach, Frau Geheimerätin, möglich ist gar vieles.« »Ja, hat denn der Raupach nicht für Sie gesorgt?« »Du lieber Gott, du lieber Gott,« sagte Regine, »was so'n Dichter is. – Nee, Frau Geheimerat, die machen sich nicht viel ›Schkrupel«; aber meine Mutter stand der sel'gen Frau Geheimerat Goethe recht nah, so hat sich das gemacht.« »Regine, und da haben Sie wahrhaftig in Goethes Nähe gelebt?« »No ja, ›nadierlich«,« sagte Regine. »Das Kompott, was mer letzten Sonntag hatten, die Hagebutten mit Rosinen, waren Exzellenz Goethe sein Lieblingskompott. Das Kochen hab ich im Goethschen Hause von jung auf noch so mit gelernt. – Auch der Hammelbraten mußte allemal mit reichlich Thymian angesetzt werden, wie's letztemal, wo's den Herrschaften so schmeckte. Ja, auf eine gute Küche gab der Herr Geheimerat schon was.« »Haben Sie denn gar nichts von Goethe?« fragte ich. »O ja,« sagte Regine, ihre Wortkargheit war unerschütterlich. »Was Sie haben, zeigen Sie mir?« bat ich. Sie nickte. Und so kam ich hinauf in ihre Bodenstube, die sie vor aller Augen sonst streng abschloß. Ich glaube, jetzt zwar nicht der Heiligtümer wegen, sondern um einen Zufluchtsort zu haben, in dem sie ungestört ins Vergessen sinken oder sich davon wieder erholen konnte. Wir fanden sie nach Jahren dort wirklich einmal im tiefsten Vergessen liegend, schwer betrunken. Der Schlosser hatte die Türe erbrechen müssen. Darauf kam sie von uns fort als Oberköchin ins Krankenhaus nach Blankenhain, nicht ohne daß die Großmutter scharfe Anzüglichkeiten unseres Vaters wegen des unmoralischen Betragens ihrer Leute hinnehmen mußte, was sie in gewohnter Anmut über sich ergehen ließ.   Mit Schauer betrat ich Reginens Kammer. Sie führte mich noch an diesem selben Tag, ehe sie ins Theater zur Aufführung des Stückes ihres Vaters ging, hinein, wies stumm auf ein eingerahmtes Stückchen vergilbtes Papier, auf das eine graue Haarlocke geheftet war. »Die hab' ich mir selbst aufgelesen, als der Geheimerat einmal geschoren wurde.« »Ach,« fragte ich, »wie war das?« »No, da kam der Friseur Eberwein, der ihm immer die Haare brannte, dann hat der Geheimerat geschellt, damit eins rauf sollte, und da kam ich, weil sie unten gerade alle was zu tun hatten. ›Daß die Haare nicht herumfahren,« sagte er, und da sammelte ich sie auf; – es waren nicht viele.« Unter die Locke hatte Regine selbst frei nach Goethe geschrieben, vor langer Zeit, die Tinte war ganz gelb geworden: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie in kummervollen Nächten In seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.« Arme Regine. Darauf öffnete sie ihre Lade, die sie wohl ihr Lebtag in allerlei Elend begleitet hatte, und nahm ein Bündel heraus. Ohne ein Wort zu sagen, entfaltete sie ein vergilbtes Männerhemd mit wunderlichem Gefältel an der Brust. Ein Hemd von Goethe! Das zarte Linnen hatte seinen Körper berührt. Es war ihm so nahe gewesen, ein Stück seiner selbst. Gespensterhaftes Bangen berührte mich, wie Regine, die Tochter Raupachs, in ihrem Feiertagskleide, in der ärmlichen Dienstbotenkammer, das goethische Hemd ausbreitete, ohne ein Wort zu sagen. Sie ließ mich ungestört in meiner Versunkenheit. Das schauerliche Vergehen alles Lebens, auch des Göttlichsten, erschütterte mich. Endlich sagte sie: »Es war eins von den ganz alten. Sie taugten so nischt mehr.« Dann breitete sie ein purpurrotes Kleid, mit dunkelblauen Borden aus. »Das hat meiner Mutter schon in ihrer Jugend gehört,« sagte Regine. »Das stammt noch von Frau von Goethe.« »O, lassen Sie sehen. Regine,« bat ich. Ich berührte es. Es war aus weicher, indischer Seide. Sein tiefes Rot sah aus wie heiße, glückliche Liebe. Auf diesem zarten Stoff haben seine Augen in Liebe geruht. – Wie klein und zierlich muß Christiane gewesen sein, eine zierliche, volle Gestalt – und so geliebt! – geliebt von dem Herrlichsten! O, wie muß dein Herz unter dem roten, zarten Kleid geschlagen haben, du glückliche Christiane! Dein Grab finden sie nicht mehr. – Vergangen bist du lange, lange schon, verwest, in Staub zerfallen – und dein Kleid leuchtet noch in roter Glut, wie in den Tagen, als er dich darin küßte. Seine Hände haben auch diese kühle, feine, anschmiegende Seide gespürt. Ich war ganz überwältigt und sagte: »Ach Regine, daß alles, alles vergeht!« Regine sagte: »Ich meine, das wäre so übel nicht. Mich verlangt nach gar nischt mehr.« Von diesem Tage an hockte ich, wo ich Reginens habhaft werden konnte, bei ihr, sah ihr zu beim Plätten, beim Kochen, beim Zimmerreinigen, und ihre Stummheit löste sich mehr und mehr. Uralter Dienstbotenklatsch aus jenem gesegneten Hause kam wieder ans Sonnenlicht; aber auch der intimen, köstlichen Dinge die Fülle, die jener Zeit entstammten und sie lebhafter als manche gründliche Abhandlung vor Augen treten ließen.   Wir hatten bei der Großmutter Sonntags goethische Apfelsuppe mit Korinthen und Semmelbrösel gegessen, goethischen Hasenbraten mit Salbei, das heilige Kompott aus Hagebutten und Rosinen. Ich, Halbwüchsige, aß diese Gerichte, als verzehrte ich das heilige Abendmahl, mit tiefer Hingabe; aber auch mit vorzüglichem Appetit. Denn wahrhaftig, Goethe hatte Poesie gegessen. – In Goethes Haus hatten sie es verstanden, zu kochen. Mein guter Vater war längst mit Regine ausgesöhnt. Dies Zusammenfließen des goethischen Haushaltes mit dem unsrigen hatte für uns Kinder etwas unbeschreiblich Geheimnisvolles. – Mir erschien es immer wieder wie ein Wunder und eine Offenbarung, wenn Regine ihre Speisen auftrug, und es war mir oft, als wären wir des großen Dichters Gäste. Er war mir in diesen Speisen gegenwärtig wie in seinen Werken, ja gegenwärtiger, in einer ahnungsvollen Körperlichkeit. Wie die ersten Christen das heilige Abendmahl in stiller, tiefer Ekstase zu sich nahmen, tranken und verzehrten, fühlte und schmeckte ich ihn. Er war da! – – Nie vergesse ich Reginens heilige Mahlzeiten bei der lieben, teuren Frau. – Und wer ihn auch liebt, den alten Sonnenmenschen, von ganzem Herzen, von ganzem Gemüte; – in Trank und Speise habt ihr ihn alle nicht empfunden! In jener Zeit liebte ich ihn, wie eine heilige Seele Gott ihren Herrn lieben mag. Nach solch einer wundervollen Mahlzeit schickte mich meine Großmutter einst hinaus in Regines Küche, damit ich nachschaute, wo der Kaffee bliebe. – – Wie ich in die Küche eintrat, glaubte ich in einen Traum geraten zu sein, denn was ich sah, war eine Unmöglichkeit. – Ich stand und starrte – ich blieb stumm und ganz verwirrt, ich fragte nicht nach dem Kaffee, wagte überhaupt nicht den Mund zu öffnen. Regine aber, in geheimnisvollem Gleichmut, nahm einen Teller aus der Spülwanne und trocknete ihn, darauf nahm sie einen kleinen Marmorgrabstein aus demselben Spülwasser und trocknete ihn. Es war ein kleiner Grabstein aus weißem Marmor mit Goldschrift, und zwischen den Tellern sah ich noch eine dunkle Grabtafel und ein schmales Grabkreuzlein hervorschauen. – »O Regine,« sagte ich nach einer Weile, »was tun Sie da –?« »Gar nischt,« sagte sie. Ich wußte nicht, wie ich noch einmal fragen sollte. Sie kümmerte sich nicht um mich und trocknete ihren Grabstein, fuhr mit einem Holzstücklein und dem Trockentuch in den ausgehöhlten, vergoldeten Namen. Ich folgte ihren Fingern und las »Aennchen«, den Geburts- und Sterbetag. Es war der Grabstein eines kleinen Kindchens. – »Wem gehört das?« fragte ich endlich wieder. »Das war meins,« sagte Regine. Auf der dunkeln, kleinen Tafel stand ein ganz verblichener Männername – »Hofschauspieler« war am deutlichsten zu lesen, – und auf dem Kreuzlein war Reginens eigner Name eingegraben: »Regine Moll« – und das alles zwischen Tellern und Schüsseln im Spülwasser. »Regine,« sagte ich wieder, »was soll das eigentlich? – – Und Sie möchten doch auch den Kaffee bringen.« »Sogleich ist er fertig.« Die Grabsteine hatte Regine vom Friedhof im Marktkorb mit heimgebracht, das sagte sie mir, – und wusch, was ihr vom Leben übrig geblieben war, zugleich mit unsern Tellern blank, den Namen ihrer Mutter, ihres Schatzes und ihres Kindes. Sie war eine geheimnisvolle Person mit geheimnisvollen Gewohnheiten. Sommerseele Meine Großmutter hatte einen alten Küchenschrank. – »Unter der Linde, aus welcher der alte Schrank gezimmert wurde, hat eine goethische Liebste gesessen.« Das sagte die Großmutter, als wir Enkel oben in ihrer Küche zuschauten, wie die Ananaserdbeeren aus einem kupfernen Topf, in dem sie in lauter Zucker und Glut ihre duftenden Seelen aushauchten, in Gläser gefüllt werden sollten. Die kleine Küche duftete herzbewegend. Der würzige Geruch drang durchs offene Fenster hinaus in sonnedurchschienene Juniluft. Die Schwalben zogen in kristallener Bläue ihre zarten, schrillen Wonne- und Jagdrufe nach sich. Der Küchenschrank bekam ein Gesicht; ich sah ihn gewissermaßen zum erstenmal. Da stand er – aus weichem, wie sammetweich gescheuertem Holz, trug etliche Kupfergefäße, eine messingene Teemaschine – altes Hausgerät, das nur noch blank gerieben, aber kaum mehr gebraucht wurde. Aus seinem Innern drang Brotgeruch; aber ein eigentümlicher Brotgeruch, ein Geruch nach Brotgenerationen, die bis hinab in die Jugendzeit meiner Urgroßmutter reichten. Unvergeßlich ist mir dieser Geruch. Er verband uns mit einer fernen, fernen Zeit, mit nie gesehenen, nahverwandten, vergessenen Menschen. »Unter der Linde, aus der dieser Schrank gemacht wurde, hat eine goethische Liebste gesessen.« Der Schrank trieb Blätter und Blüten und ward zu einem Baum voller Geheimnisse. Damals waren die Ananaserdbeeren gerade in Gefahr gekommen, anzubrennen. Es entstand ein Durcheinander, kleine, eifrige Schreie der Großmutter: »Ei – ei – ei – ei – ei der Tausend!« Die alte Köchin brummte, die Ananaserdbeeren dufteten auf höchster Höhe des Duftes. Um den Topf wob sich eine Wolke weißen Dampfes, der Großmutter lief die Brille an. Sie schob sie auf die Stirn. – Sie rührten und schauten. Die Beeren waren, gottlob, gerettet. Wir aber wurden hinausgeworfen. Regine, die Köchin, verstand keinen Spaß, denn sie war eine alte, sonderbare Person mit sonderbaren Schicksalen, die ihre erste Jugend im goethischen Hause verlebt hatte. Mit zwölf Jahren war sie Spielgefährtin und Wärterin von Goethes Enkelin Alma, worauf sie sich gar viel zugute tat, und von uns Kindern wurde sie deshalb wie ein heiliges Wunder angestaunt und verehrt.   »Großmutter,« sagte ich am Abend, als, ich mit der lieben Frau in ihrem blumengeschmückten Zimmer saß, »was für eine Geschichte mag das sein, von der goethischen Liebe unter dem Lindenbaum, aus dem dein Küchenschrank gemacht wurde?« »So,« sagte meine Großmutter, »willst du das wissen? – Ja, das war etwas. – 's ist nie so recht ans Tageslicht gekommen. – Bei uns daheim, in meiner Jugend war auch gar mancherlei davon bekannt. Die Sache ist mit den Leuten, die davon wußten, begraben worden. Mein alter Küchenschrank, der von der Urgroßmutter stammt, ist freilich aus dem Holze gemacht, von jenem Lindenbaum, unter dem der alten Bäckermeisterin Bauchen, von der wir die Semmeln bekommen, ihre Großtante mit den Schwestern gesessen hat.« »Ja, das sagtest du schon einmal,« unterbrach ich sie. »Das hab' ich oft gesagt,« wiederholte meine Großmutter, »und oft hat es mir meine Mutter gesagt. Zu deren Aussteuer kaufte dein Urgroßvater bei der Bauchschen Familie, die damals Metzgersleute waren, das Holz zu diesem Schranke, altes, ausgetrocknetes Lindenholz –,« und die Großmutter erzählte mancherlei, was sie wußte. Wir gingen an einem schönen Sommertage, gegen Abend, die liebe Frau und ich, auf der leichten Anhöhe, von der aus man in das grüne Ilmtal blickt, oben am Horn spazieren. Es war zur Zeit, als die Mohnblumen wie Blutstropfen in den Feldern standen; das Laub der Bäume war von einer ganz erstaunlichen Dichte und Mächtigkeit, denn noch hatte man unbewußt die kahlen Bäume im Sinn. Und die neue Gestalt hatte noch etwas Befremdliches an sich. Sie rauschten so weich und voll, wie sie im Juli, wenn die Blätter härter sind, nicht mehr rauschen. Man spürte im Rauschen dieser Blätter weiche Zartheit, und es löste sich noch ein junger, würziger Duft von ihnen. Meine Großmutter und ich, wir trugen beide große Mohnblumensträuße. Um diese Zeit zogen wir gar zu gern miteinander aus. Und ich sah sie noch, wie eifrig sie in die Kornfelder einbrach mit einer jugendlichen Freude am Blumenraub. Ich war die Aengstlichere. »Das geht nicht, Gomelchen, das geht nicht, so tief darfst du nicht hinein!« »Geh, laß mich, du siehst doch, wie geschickt ich's mach'.« Ich: »Wenn dich wer sieht.« Sie; »I gar – laß nur!« Und wie sie ging, so leicht und ungebeugt von Zeit und Erfahrungen, ein lieber Trost für die, die auch einmal alt werden müssen. Alter, wo ist dein Stachel, Kummer, wo ist dein Sieg?! – Leid und Kummer waren ihr hoch über die Seele gegangen; aber wie ein buntschillerndes Entlein war ihre Seele immer wieder glatt und schimmernd aus der trüben Flut aufgetaucht und war im Sonnenlichte weitergeschwommen. »Sieh einmal da,« sagte sie und wies auf ein knorriges Taxusgebüsch, das, in einem Zaun aus Korneliuskirschen eingeklemmt, ersticken wollte. Seine unterdrückten, aus der Erde schwer herausgerungenen Aeste waren mit wenigem saftigem Grün bedeckt. »Siehst du, von demselben Busche hier haben meine Schwester und ich in unserer Kinderzeit im Winter gar oft frisches Grün geholt zum Geburtstag und auch für unsere Pyramide zu Weihnachten. Damals war der Taxus schon genau so uralt; aber er hatte doch viel mehr Grün. Es war auch noch mehr von ihm da, man sah damals noch, daß er zu einer Taxushecke gehört hatte.« Dabei brach sie mit leicht in dem Gelenk sitzender Hand einige Korneliuskirschenzweige, um ihrem alten, treuen Freunde Luft zu machen. Ich hatte sie schon einmal so gesehen, wie sie die wild gewachsenen Rosenranken auf einem ihr sehr teueren Grab beiseite schob, weil sie den Efeu zu ersticken drohten. Mich hatte damals ein großes Weh überlaufen, wenn ich daran dachte, daß sie dem Schläfer dort unten das Haar gar oft zärtlich aus der Stirn gestrichen haben mochte, wie jetzt die Rosenranken von seinem Grabe. Und ihre Augen hatten freundlich ernst dabei geblickt, genau wie jetzt. Sie ging auf Gräbern, wo sie auch ging, die liebe, alte Frau, und sie ging mit einer hohen seelischen Anmut, – die ich nie wieder gesehen habe, – bei meiner Mutter in schweren Tagen, da sah ich, wie dieselbe rührende, heilige Anmut wie ein Schleier ihren großen Schmerz verhüllte. Und ich dachte: So hinterläßt eine Generation der andern das Ornat der wehmütig schmerzlichen Menschenwürde. Unserer Großmutter Menschenwürde war ein leichtes, weiches Schleierchen. Aber ich gehe andere Wege, als ich zu gehen beabsichtige. Ich wollte sagen, wie ich zur Kenntnis einer seltsam schönen Geschichte kam, die ich gar lange Jahre mit mir umhertrug, ehe ich sie niederschrieb. Wir standen also vor dem alten Korneliuskirschenzaun, der den verknorrten Taxus zu ersticken drohte. »Weißt du,« sagte meine Großmutter, »hier, an dieser Stelle, ist meiner Mutter Küchenschrank gewachsen.« »Hier war das?« fragte ich betroffen, denn ich wußte nun schon so manches. »Ja, hier, hinter dem Zaun, standen zwei große Linden vor einem Häuschen, und darin wohnten sie. Das Häuschen hat der Metzgermeister Bauch abtragen lassen, weil es jedenfalls baufällig war, und am Ende des Gartens wurde zu meiner Zeit das neue dort gebaut, mit dem Blick auf die Stadt.« »Was du nur weißt, das sag' mir doch!« bat ich, »und daß niemand mehr diese Geschichten kennt?« »Die sie kannten, sind vergessen,« sagte meine Großmutter wehmütig. »Die alte Bäckermeisterin, die muß noch allerlei von ihrer Mutter wissen, denn deren Mutter war ja eine von den Schwestern.«   Unsere Köchin Regine sagte einmal, daß es in Goethes Garten zu Goethes Lebzeiten gespukt hat. Sie bleibt dabei. »Was ich weiß, das weiß ich –« So ist ihre Redensart. – »Und es hat nicht etwa in der Nacht gespukt, sondern am hellichten Tag, mittags zwölf Uhr, und nur im Sommer in heißer Sonnenglut.« »Das gibt es ja gar nicht. Regine.« »So?« sagte sie, »das gibt's nicht? – Und wenn ich Ihnen sage, die Alma Goethe hat's selbst gesehen, als ich dabei war, und ist vor Schrecken ein paar Tage im Bett gelegen – und der alte Herr ist so oft zu ihr hinein. Ich Hab' damals immer bei ihr sitzen müssen und weiß, was sie geredet haben – die Alma war damals ein Kind – Gott, so'n drei bis vier Jahr. Ich mocht' so'n zehn, zwölfe gewesen sein, etwa; das weiß ich nicht mehr so ganz genau. Die Alma, was die Enkelin vom alten Herrn war, und ich, wir saßen im Garten, und ich lehrte sie stricken. – Die Alma war ein ganz außerordentliches Kind, und schön, sag' ich Ihnen. Wenn ich an die Hundert werde, die Alma vergess' ich nicht. – Aus ihren Augen brach's wie Sonne heraus, so braune, große dunkle Augen in einem Gesicht wie eine zarte Rose, und die Haare goldblond, eine ganze Mähne, nicht zum Durchkämmen. Man konnte gar nicht von ihr fortsehen. Sie sprang und hüpfte. Nie sah man sie ruhig gehen. Die war so voller Leben, das ist gar nicht zu beschreiben. Und solche müssen so früh sterben! – – Der Tod von der Alma ist mir seinerzeit arg gewesen. – Du mein Gott, – du mein Gott! Ach, und wer alles so weiß. Na, wie wir so damals saßen – – – – es war in Mitte Sommer, die Rosen blühten am Hause hin, überall blühten auch die Zentifolien – und der Eisenhut und der Mohn und die Aglei. – Ja, was der goethische Garten damals gewesen ist, ist nicht zu sagen. – Der Paradiesgarten kann nicht schöner sein. Es war im letzten Jahr des alten Herrn. Geblüht hat's damals, ich sag' Ihnen – nie seitdem hat's wieder so geblüht. Es war, als wüßten's alle Sträucher im Garten, daß der alte Herr bald fort müßte, und wollten Abschied nehmen. – Wir saßen im Schatten; aber heiß war's, kein Wölkchen am Himmel, die Schwalben schrien, und ein Duft stieg auf von all den Rosen und Blumenzeug. Es mochte so gerade Mittag sein, und still war's ringsumher, als wenn alles eingeschlafen wär'. Mit einem Mal – da sehe ich, daß die Alma ganz blaß ist, und sieht so eigen vor sich hin. »Alma!« ruft ich – »Alma, was ist denn?« Sie antwortet nicht und regt sich nicht. Ich fass' vor Schreck ihre Hand; aber sie rührt sich nicht. »Ich fürcht' mich,« sagt sie jetzt ganz leise, kaum hörbar wie im Traum. – »Es ist jemand im Garten, hier bei uns.« Aber sie rührt sich immer noch nicht. – Da seh' ich den alten Herrn aus dem Hause treten, die Arme auf dem Rücken, im weißen Hausrock. Und wie er so einige zwanzig Schritt von uns noch entfernt ist – da erhebt sich die Alma, geht mit starren Augen, schneeweiß, ihm entgegen, bleibt stehen, faltet die Hände. – Und ich höre, wie sie sagt – aber es klingt wie ein schwerer, tiefer Seufzer – O! – o!– o! Der alte Herr ist auch stehen geblieben. Er faßt sich an die Brust und fährt so sacht an seinem Arm hin. Er sieht auch! ganz eigentümlich aus – – Und so stehen sie. Nie im Leben ist mir so bange gewesen, – denn da war etwas, und da sehe ich, daß die Alma ganz matt hinsinkt, ganz auf die Seite, so sanft sah das aus. Ich kann mich vor Schreck nicht rühren und denke, sie ist tot; – aber der Herr ist schon bei ihr und hebt sie auf und hat das Kind in den Armen. Auch er ist ganz bleich. Ohne ein Wort zu reden, trägt er sie durch den Garten, und durch die Zimmer, und durchs ganze Haus, und legt sie in ihrem Stübchen auf ihr Bett. – Sie hat die Augen weit auf. – Sie war aber bei sich. Er hielt ihre beiden Händchen in den seinen, und so bleibt er neben ihr sitzen; und keins regt sich. Ich stehe an der Türe, die ich hinter mir zugemacht habe, und wage kaum zu atmen. »Ist dir bange, Alma?« Sie schüttelt den Kopf. Nach einer Weile sagt sie leise: »Sie war so schön« »Wer, mein Kind?« »Die bei dir war, die aus dem Schatten zu dir hinwehte,« so sagte die Alma. »Kennst du sie?« »Kind? – was sprichst du?« »Du weißt ja« sagte Alma ruhig. Dann fielen ihr die Augen zu, und sie schlief. Er saß noch lange nachdenklich neben ihrem Bettchen und hielt die kleinen Hände – dann erhob er sich und sah sehr ernst aus. Er erblickte mich und sagte: »Verlasse sie keinen Augenblick!» Nach einer Stunde schon kam er wieder, nahm wieder an ihrem Bettchen Platz, da erwachte sie gerade und sagte:« Haare wie ein gold'nes Schleierchen und dunkle – dunkle Augen.» »Du teures Kind!« das sagte er sehr bewegt und ganz erschüttert. »Ja, dunkle – dunkle Augen – das war die Sommerseele.« – Und gegruselt hat mich's wie um Mitternacht auf dem Friedhof. Unsere Dienstboten hatten immer vom Sommermittagspuk im Garten gesprochen. Die kleine Alma aber hatte ihn gesehen. – Sie war einige Tage sehr matt, und still, und der alte Herr behielt sie viel um sich. Gesprochen hat sie nie von dem, was sie gesehen. – Und dann hat sie es wohl wieder vergessen. Und nun sagen Sie nicht, das hat sich die kleine Alma eingebildet. So'n kleenes Kind. Wenn Sie die beiden gesehen hatten; die Alma und den alten Herrn. Nie sah ich etwas Feierlicheres, als den alten Herrn im weißen, langen Schlafrock, wie er das arme, schöne Kind durch den Garten und durchs Haus trug und dann an ihrem Bettchen saß, so tief in Gedanken, daß eins ehrfürchtig davor hätte niederknien können.« Regines Geschichten zogen mich hinter ihr her, so lief ich ihr auch immer nach, wenn sie zum Bäckermeister Bauch ging. Regine hat mich mit zur alten Bäckermeisterin Bauch genommen, wie schon einigemal. Da haben die beiden Alten viel geplaudert, und ich habe zugehört. »Mein Vater selig hatte noch die Möbel aus dem kleinen Haus am Horn,« sagte die alte Bäckermeisterin, »in das die Pfarrerswitwe mit ihren Töchtern nach dem Tode des Mannes gezogen war, dann hat er sie verkauft – schade drum! – Jetzt war' mancher froh, wenn er sie hätte. Sie waren ganz eigen, weiß und grün gemalt und schön, reich vergoldet und auf dem Schrank ein großes rotes Herz mit Strahlen als Krönung, und auf dem Betthimmel auch, und überall Herzen und Dornenkronen. – So alte Erbstücke sollte eins nicht weggeben. – Es tut mir selbst drum leid. Eine uralte Zeichnung hatte meine Mutter auch von ihrer Mutter und den Schwestern; wo die hingekommen ist, weiß ich auch nicht mehr; aber wie oft haben wir sie als Kinder gesehen! Da saßen alle vier Schwestern unter einem Baume nebeneinander. Der Baum stand in der Mitte. Es war nicht schön gemacht; aber die Mutter sagte, ihre Mutter täte sie erkennen an einem Tuch. Unter jeder Figur stand etwas, und unter dem Bilde stand: »Das hat der Uerle gemacht.» Und der Uerle, das war der Mann von der Lieschen. Die Mutter sagte immer: Das war ein überspannter Kerl, trotzdem er unser Verwandter war. Ja – ja, so vergehen die Sachen und die Dinge!«   Durch gar eigentümliche Zufälle stehen heutzutage dieselben wunderlichen Möbel, von denen die alte Bäckermeisterin sprach, in meinem Schlafzimmer. Tiefgrüne Schnörkel bedecken wie dichtes Laubwerk einen elfenbeinweißen Grund. Dazwischen sind Dornenkronen und durchstochene und brennende Herzen, als Bekrönungen von Schrank und Bett ein großes, rotes, brennendes Herz in einer Gloriole von goldenen Strahlen. Reichvergoldete Schnitzereien lassen die märchenhaften Stücke gar prächtig erscheinen. Ein wunderlicher Kauz muß der gewesen sein, der diese Stücke zimmerte und malte, und man gedenkt des Unbekannten mit Wohlgefallen, ob man eine Schranktür öffnet oder sich zur Ruhe legt, als einer starken, phantastischen Persönlichkeit. –   Unter den Linden, die so wohlvertraut in meine Seele rauschten, als hätte ich sie selbst gekannt und geliebt, stand ein kleines Haus in einem großen, langen Garten, auf dem lieblichen Höhenzug, das Horn genannt, dem zu Füßen die Ilm rauscht und das alte Städtchen Weimar liegt. Es war zu jener Zeit noch nicht geheiligt und erhoben vor allen Städten des Deutschen Reiches, sondern lag schlecht und recht, wie es so ein altes Landstädtlein tut, an seinem kleinen, muntern Fluß und träumte so hin. – Und seine Weimaraner wurden geboren und wurden gewickelt und wie Ameisenpuppen in die Wiegen gelegt, und wurden aufgezogen, und begannen sich zu verlieben, und taten irgend etwas mit großer Wichtigkeit, und zankten und klatschten, kauften und verkauften, und wurden dann wieder in ihre Särge eingesponnen und in die Erde gelegt. Vom Horn aus sah man nichts als ein Häuflein grauer, buckliger Schieferdächer, die wie eine Herde mißfarbener Tiere mit Rückenpanzern enggepfercht zwischen Mauern und Türmen beieinander hockten. Es war ein uraltes Gedränge im kleinen Raum, und es sah aus, als könnten die Mauern ihre gepanzerte Herde nicht beieinander halten, als quölle sie ihnen heraus. Die wenigen Häuser, welche hie und da in Gärten auf dem Horn standen, gehörten wohl auch zu Weimar, aber waren der Enge entsprungen und badeten sich da oben von allen Seiten in Regen, Sturm und Sonnenlicht. Es waren aber alles recht armselige Hütten oder Sommerhäuser, die von Weimaranern zur Gartenzeit einige Wochen benutzt wurden. Das kleine Haus unter den Linden gehörte der Pfarrerswitwe von Süßenborn. Sie war nach dem Tode ihres Mannes mit ihren vier Töchtern und mit all ihrem Hausrat dahinein übergesiedelt. Das Häuslein enthielt vier Stuben und eine Küche. Haus und Garten und der Witwe kleine Pension waren das Lebensbrot der fünf Weiblein. Der Garten brachte Früchte, Gemüse, Erdäpfel. Die Mädchen hatten die Schule in Süßenborn frei. Wenn eins von der Schule abfiel, gesellte es sich der Mutter zu, die eine große Geschicklichkeit hatte im Handschuhnähen und -zuschneiden. Und wer etwas recht Feines wollte, der scheute den Weg nicht und bestellte bei der Pfarrerswitwe seine Festhandschuhe. Sie arbeitete immer nur auf Bestellung und hielt sich nie einen Vorrat, denn sie scheute jede Unternehmung, die Sorge und Grübelei machen würde. Sie hatte ihre vier Mädchen gar wohl behütet und erzogen in der Stille und Abgeschiedenheit auf dem Horn. Mit den Pfarrersleuten aus Süßenborn standen sie in regem Verkehr, auch mit dem Lehrer und seinen Kindern, und auch in Weimar hatte die brave Witwe einigen Anschluß. – Aber sie ließ die Mädchen nicht oft hinab und nur selten zu einem Tanz oder sonst einer Festlichkeit. Ihr Leben floß friedlich dahin und in einer gar lieblichen Schönheit, wie man es, je weiter die Geschichte fortschreitet, verspüren wird. – Die älteste Pfarrerstochter hatte sich ein junger Pfarramtskandidat, als er in der Nähe von Weimar angestellt wurde, zum Weibe geholt. Sie war aber gar bald als blutjunge Witwe mit einem Kindlein wieder bei ihrer Mutter im alten Haus unter den Linden eingekehrt, und so hatten sie nun, die zwei Witwen und die drei Jungfrauen, ein winziges Bübchen bei sich. Im Rebengarten, der sich, wie jener der Witwe, sanft abfallend dem Tale zuneigte, war ein sonderbarer Mensch eingemietet, der seit Jahren schon an der Witwe und ihren Töchtern mit großer Treue hing – ein braver Handlungsgehilfe, Schreiber, Geschäftsführer der ersten Kolonialwarenhandlung unten in der Stadt, für die er durch Tüchtigkeit der Mann für alles geworden war. An dunklen, einsamen Winterabenden, wenn da oben am Horn kein menschliches Wesen mehr anzutreffen war, und wenn das Licht durch die Herzen der Fensterläden aus dem Wohnstübchen der fleißigen Frauenzimmer in die dunkelste, einsamste Oede hinausfiel, da war es ihnen gar heimisch, wohlbekannte Schritte auf das Häuschen zukommen zu hören. »Der Uerle,« sagten dann eine oder zwei oder alle zu gleicher Zeit– »der Uerle.« Die Oede draußen hatte gleichsam eine Seele bekommen, eine sehr freundliche, vertraute Seele. Sie lag nicht mehr gar so tot und unermeßlich in ihrer stillen Dunkelheit um das warme Nest. Bald folgte ein Klopfen am Fensterladen in immer gleichbleibendem Rhythmus. So klopft nur der Uerle, sollte das heißen, seid ganz ruhig, ihr macht nichts Unrechtem auf! – Nein, es war nichts Unrechtes, was da kam und von einer der Töchter mit der kleinen Oelfunzel – die andern saßen derweil im Dunkeln – hereingeleuchtet wurde. »Allerseits einen guten, geruhsamen Abend!« erklang dann eine etwas hölzerne, unbiegsame Stimme, und ein Duft nach allen erdenklichen nützlichen Dingen drang mit dem Eintretenden ins Zimmer. Der Duft des Kolonialwarengewölbes, der mit dem Uerle aufs Horn gewandert war: Kaffee und Sirup und getrockneter Stockfisch und Salzgurken und Zimmet, Mandeln, Zitronat und Kardamom, Zitronenschale, Lorbeerblatt. All diese Dinge hatten um den langen Menschen eine Atmosphäre gewoben, der er nicht mehr entfliehen konnte. Die Mädchen sagten: »Er riecht wie ein Weihnachtspunsch.« Es roch für das ganze Häuslein nach Festlichkeit, nach heimischem Behagen, nach Geselligkeit. Die Frauenzimmer waren uneingestandenermaßen dem Uerle dankbar, daß er überhaupt da war. Ohne Uerle wären die Winterabende am Horn gar zu weltverloren einsam gewesen, ohne den Uerle hätten die beiden Linden vor dem Häuschen bei Sturm und Regen gar zu schaurig wie zwei große Riesenbesen die Wolken gekehrt. – Und auch des Nachts war es ein guter Gedanke, daß im Nachbarhäuslein der Uerle lag und schlief, der Uerle, der sein Leben für sie alle dahingegeben hätte. Trat er abends ein, wurde die Arbeit beiseite gelegt, und sie rüsteten sich zum Musizieren, oder die Mutter erzählte Märchen, gesegnete, uralte Märchen, oder der Uerle las vor, der Uerle, der tagsüber am Heringsfaß, an der Kaffeeröstmaschine, am Hauptbuch, im Keller seinen Mann stand, wurde abends ein wirklicher und wahrhaftiger Schöngeist. Er mußte jeden Tag eine ganz gewaltige Umwandlung über sich ergehen lassen, so eingreifend wie die Umwandlung der Puppe zum Schmetterling. Und jeden Tag dieselbe Geschichte, das halte einer aus! Zu jener guten, alten Zeit, da war das möglich, da waren die Nerven der Menschen noch kinderjung, noch nicht gezerrt und gepeinigt wie die unsern, da konnte ein Mensch zwei ganz verschiedene Arten von Dasein führen und in jedem sich ausleben, wie ein Kind am Vormittag Pfarrer und am Nachmittag Räuber spielen kann, beides mit der vollen Kraft seiner Seele. Nur der Duft des Kolonialwarengewölbes, der war nicht zu vertreiben, der hing sich auch dem Schöngeist an. So saßen sie, und Uerle kam, mit Büchern gepolstert, die hagere Gestalt hatte allerlei Auswüchse, und jeder Auswuchs war literarisch bedeutungsvoll. Des alten Musäus Märchen hatte er unter seinem Rock dahergebracht, Wielands Werke, was nur irgend Neues und Altes für ihn erreichbar war. Das war eine gar wunderliche Sache zwischen Uerle und den Pfarrerstöchtern. Wie mit Ketten hing sein Herz an ihnen. Er wohnte als ihr Wächter und Freund da oben auf dem weltverlassenen Horn, und sie waren ihm alle vier in die Seele hineingewachsen. Im Winter war es ihm, als stände er Lieschen, der Aeltesten, am nächsten. Die liebte das stille Daheimsitzen, die langen, gemütlichen Abende. Die Bratäpfel legte stets sie ins Rohr. Das Feuer schürte sie. Die Lampe putzte sie. Sie war, so schien es ihm, im Winter besonders liebenswert. Anne, die blutjunge Witwe – als er dies sanfte Wesen mit ihrem Kindchen im Frühjahr auf der Bank unter den Linden einst sitzen sah, die ersten Stare pfiffen in den Wipfeln, da rührte ihn das sanft sich lösende Weh, das aus den jungen Augen sprach, und die Liebesfrühlingsregung der jungen Mutter zum Kinde und das Frühlingslallen des Kindleins und das zarte Knospen um sie her, und bewegten Herzens verband er sie wieder mit seiner Liebe zum Frühling. Der Sommer zog herauf, die Felder dufteten, die Mohnblumen standen wie Blutstropfen im blühenden Korn, die Rosen, die Kirschen und alle Sommerblumen im Garten blühten. Die Linden vor dem Hause trugen ihre goldene Blütenlast und dufteten Sommersicherheit. Mächtige Bienenvölker sogen an den abertausend Blüten, und die vollaubigen, dunklen, goldüberstäubten Bäume dröhnten wie zwei Orgeln, so gewaltig war das Summen der Bienenvölker in ihren Kronen. Und abends klang aus den offenen Fenstern des Häuschens unter den dröhnenden Bäumen Musik und Gesang. Vier Mädchenstimmen sangen zu Spinett und Laute Sommersehnsuchtslieder. Die schwachen Mauern des kleinen Hauses konnten kaum der Töne Ueberschwall fassen. – Das war ein Duften und Dröhnen und Klingen zu Ehren des Sommers, und wer vorüberging, sah und hörte mit Staunen die dunklen Baumorgeln vor dem singenden Haus, das seine Klänge nicht zu fassen wußte. Uerle liebte die dritte Schwester Alma wie ein geheimnisvolles Sommerlied, das so schön und tief war, wie es keines auf Erden gibt, das gesungen und gebetet wird. Da war nicht eins, das er so aus vollem Herzen vor sich hin hätte singen können, wenn er an Alma dachte und an die Sommerherrlichkeit um sie her. Am ehesten noch das: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud' In dieser schönen Sommerszeit An deines Gottes Gaben.« Das Lied des alten Paul Gerhard. Uerle war kein Dichter, er kannte die Todesnöte der Dichter nicht, ihre Kämpfe nicht und ihre Qualen nicht. Er pflückte nur ganz friedlich die Schönheiten, die aus diesen Qualen und Seligkeiten wuchsen, und wenn er Schöngeist wurde, wurde er Dichterfreund, so rückhaltlos und hingebend, wie die Dichter wahrlich wenig Freunde auf Erden gehabt haben. Saß er abends unter den dröhnenden Bäumen und hörte auf den Gesang der Mädchen, so rannen ihm vor Seligkeit die Tränen über die Wangen. Alma, das wundervolle, blonde Mädchen mit den dunklen, geheimnisvollen Sommeraugen, der sehnsuchtsvollen Stimme, hatte in den Sommerwochen einen Anbeter, wie ihn sich ein Götterbild nur hätte wünschen können, und er duftete sogar wie Weihrauch, nach Lorbeer, Kaffeepulver, Zitronenschale und Kardamom. Er trieb tatsächlich einen verschwiegenen Gottesdienst mit ihr. Er betete an, er kniete nieder. Freilich nur in seiner Vorstellung, denn nie hätten seine steifen, spießbürgerlichen Glieder, die ihm die schönheitstrunkene Seele zusammenhielten, sich zu solchem Götzendienst hergegeben. Sie war für ihn die Blüte des Sommers oder dessen Frucht. Im Winter war es ihm, als schliefe sie, als wenn man sie nicht wecken dürfte, da hatte sie etwas so tief Sehnsüchtiges – Wartendes, daß sie ihm immer zu Herzen ging. Ihm war's, als stürbe sie jedesmal mit dem Sommer. Sie blieb dann sein Sorgenkind; aber er sah im Herbst Ulrikchen zu einem rotbackigen, köstlichen Herbstapfel werden. Das übrige Jahr stand er mit ihr auf Kriegsfuß. Uerle kam schwer aus seinem Seelenfrieden und hielt wohl für das wichtigste Gesetz, Frieden zu halten mit sich selbst; so hatte er sich auch mit dem wunderlichen Schicksal, sich in vier Frauen zu verlieben, kunstvoll abgefunden. Im Grund seiner Seele liebte er aber auch noch die zarte, sanfte Mutter der vier Mädchen. An ihr hing er Frühling, Sommer, Herbst und Winter und wurde nicht müde, der alten, lieblichen Frau zu dienen, wo und wie er konnte. So hatten die Frauenzimmer auf dem Horn wirklich einen erprobten Freund, auf den sie bauen und dem sie trauen konnten. So verschwiegen Uerle auch seine vierfache Liebe hielt, so lebten die Mädchen doch in der Sonnenwärme dieser Liebe und gediehen in Weltfremdheit und Einsamkeit gar herrlich. Es war an einem Sommerabend, da kam Freund Uerle und sah feierlich aus. Er trug auch sein Feiertagsgewand und hatte in der Brusttasche einen kleinen literarischen Auswuchs. »Er hat etwas in der Tasche,« sagte Alma, »er bringt etwas Schönes.« »Ja,« sagte Uerle bewegt, »die Jungfern werden Äugen machen. Wir setzen den Tisch unter die Linden, und den bequemen Stuhl der Frau Mutter tragen wir hinaus. Ich werde beim Bienengesumme etwas lesen, wie wir alle, alle noch nichts gehört haben. – Wollte Gott,« setzte er hinzu, »ich dürfte niederknien und dem herrlichen Menschen die Hände küssen. Und noch eins: ehe ich anfange, wäre es sehr schön, wenn die vier werten Jungfern« – die junge Witwe wurde dabei nicht weiter berücksichtigt – »ein Lied zum besten geben wollten. Meinen guten Rock Hab' ich schon angezogen; aber die Seele muß auch rein werden von allem, was ihr anhängt.« Die Mädchen waren gern bereit und sangen, und er saß unter den Linden. »Herr Gott,« sagte er, »was für ein glücklicher Mensch bin ich doch! Wissen Sie noch, Frau Pfarrerin, wie wir einander kennen lernten, – wie ich Ihnen den Kaffee, Zucker, Reis und Mehl selber heraustrug, weil ich mich hier oben gern auskennen wollte – und wie mir's gleich so sehr gefiel? Sie setzten mir damals ein Schälchen Kaffee für den langen Weg vor, und wir kamen ins Plaudern. – Wie die Zeit dahingeht, Frau Pfarrerin!« – Als der letzte Ton des Liedes verklungen war und die Mädchen heraustraten, holte Uerle den Stuhl für die Frau Mutter, setzte sich an den Tisch, brachte weihevoll und langsam ein Büchlein aus der Tasche und sagte: »Das ist von einem geschrieben, gegen den alle andern bisher gar nichts sind – aber auch gar nichts!« »Das hat er schon so oft gesagt!« meinte Ulrikchen und lachte. »Und hat er nicht recht gehabt, war nicht eins schöner wie's andere?« meinte die kleine Witwe. »Ja,« sagte die Mutter, »zu Dank sind wir dem guten Uerle verpflichtet.« »Werteste Frau Pfarrerin, der Dank ist ganz auf meiner Seite.« Wenn Uerle höflich wurde, stand es bedenklich um ihn, da brannten auch seine Ohren, und wenn die Ohren ihm brannten, stand das Herz ihm in Feuer. Und die Höflichkeit war gewissermaßen das Ventil für seine Leidenschaften. Seine Glieder, seine Stimme, seine Bewegungen, alles lag bei dem armen Menschen in Fesseln und Banden und Steifheit. – O, hätte er die Höflichkeit nicht gehabt, so wäre er gewiß vor Ekstase schon zersprungen. »Ich bitte,« sagte er gemessen, »die liebe Frau Pfarrerin und die verehrten Jungfern, ganz andächtig zuzuhören!« Er schlug das Buch auf und las: »Des jungen Werthers Leiden.« Die Bäume dröhnten vom Summen der Bienenvölker. Im Himmelsblau jubilierten die Lerchen ihr Abendlied, und das Korn duftete den großen Opferduft der weiten Ebene. »Des jungen Werthers Leiden« las er noch einmal und machte wieder eine Pause. »Nun?« fragte Ulrikchen. »Verzeihen Sie – wenn Sie wüßten. Wissen Sie, daß Tausende von jungen Herzen jetzt in ganz Deutschland hingerissen sind, daß man nicht ein und aus weiß unter der Jugend vor Begeisterung? – Unten in Weimar hörte ich, daß es schon Jünglinge gäbe, die sich ganz so kleideten, wie in diesem Buche der junge Werther es tut. Ja, so etwas geschah noch nicht. Heute nacht hab' ich gelesen und gelesen und gelesen, und wenn es die Schicklichkeit erlaubt hätte, wär' ich da schon herübergelaufen und hätte vor dem Fenster im Mondenschein das Wundervolle Ihnen allen vorgelesen.« »Nun, so beginnen Sie doch,« meinte Ulrikchen. »Ich habe immer gedacht,« sagte Alma ruhig und sinnend, »es müßte einmal etwas Wundervolles geschehen. – Ein Tag ist wie der andere, und es muß doch einmal etwas geschehen, daß man vor Wonne sterben könnte.« »Du mein Gott, Kind,« sagte die Pfarrerin, »versündige dich nicht! – Danken muß man Gott, verläuft ein Tag wie der andere. Gutes kommt selten, und vor dem Bösen möge der Herr uns behüten.« »Ich meine,« sagte Alma, »ein jeder Mensch müßte einmal blühen wie ein Rosenstrauch oder wie unsere Lindenbäume.« Ulrikchen lachte. »Und die Bienen müßten einem dann um den Kopf summen wie hier.« »Nein,« erwiderte Alma ernst, »die müßten einem im Herzen summen, in der Seele, es müßte alles klingen und schwirren vor Seligkeit. Ich weiß gewiß,« sagte Alma ganz feierlich, »ich war einmal ein Rosenstrauch, ehe ich der Mutter Tochter wurde, der hat ungezählte Rosen getragen, ungezählte – ist ganz zu lauter Rosen geworden – – und ist so selig gewesen. Und der Duft aller Rosen war die große, große Freude seines Herzens.« »Ach, Alma,« meinte Ulrikchen, »so red' nicht so dumm und stör' nicht!« »Jungfer Ulrikchen,« sagte Uerle erbleichend, »Sie müssen die Schwester reden lassen! – Ja, um Gottes willen, lassen Sie sie reden! Reden Sie, Jungfer Alma, das wird Ihnen wohltun! Es ist eine heilige Stunde jetzt, und das, was Sie sagen, weiß ich ja, weiß ich ja längst!« »Nun hört sich aber alles auf!« rief Ulrikchen. »Ja, was ist Ihnen denn?« fragte die Frühlingsliebe, die blutjunge Witwe. »Nein – nichts – nichts!« sagte Uerle verwirrt. »Ich erschrak nur, daß sie es auch weiß.« »Aber was weiß?« meinte die Pfarrerin. »Träumt ihr denn?« »Nein, nein,« sagte Uerle, »es ist auch gar nichts – Gott möge die liebe Jungfer Alma behüten.« »Na, der Wunsch wäre am Platze gewesen, damals, als sie gar so ein schöner Rosenstrauch gewesen ist, da hätte man einen Stadtsoldaten davorstellen müssen, denn ich hätte mir auch einen Arm voll gelangt,« sagte Ulrikchen. Uerle kam aber nicht leicht aus seiner Verwirrung, denn Alma hatte ausgesprochen, was er dunkel gefühlt. Sie empfand wie er selbst, daß sie gar eng und geheimnisvoll mit dem Sommer zusammenhing. Es überschauerte ihn. Er fühlte sich ihr nah. – »Am vierten Mai: Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen!« begann er zu lesen und las weiter. Und zuviel hatte er nicht gesagt. Sie waren, als er für dieses Mal das Buch schloß, jedes in seiner Art davon benommen. – Sogar Ulrikchen, die einen losen Schnabel der Literatur gegenüber hatte, gab sich drein, es sehr, sehr reizend zu finden. Alma war ganz still. »Nun und Sie, Jungfer Alma, was sagen Sie?« Sie sah ihn bittend an. »Man bringt ihn ins Gered' mit dem Sprechen darüber. Er hat sich das nicht gedacht, als er's schrieb, daß so viel fremde Leute es lesen würden.« Uerle sagte etwas lächelnd: »O nein, Jungfer Alma, er hat ein großer Dichter damit werden wollen.« »Nein, gewiß nicht!« sagte sie hastig. »Aber nein, so eine Idee! Meinen Sie, die Dichter schreiben und dichten nicht für die Menschen und für den Ruhm?« »Ja, die anderen; aber das sind ja doch dann wohl auch keine Dichter, das sind Krämer.« »Ich bin müde,« sagte sie, stand langsam auf, nickte allen eine Gute Nacht zu, küßte die Mutter auf die Stirn und trat ins Haus. »Sonderbares Frauenzimmer,« meinte Ulrikchen und gähnte. Uerle verabschiedete sich auch. Als sie unter sich waren, meinte die junge Witwe: »Der Uerle scheint sich in unsere Alma verliebt zu haben.« »Nee, das hat er nicht,« antwortete Ulrikchen »der Uerle liebt uns alle ein für allemal miteinander und damit basta!« Uerle war diesen Sommer ganz außer dem Häuschen, wie sie in Weimar sagen. Was er vom Verfasser des jungen Werther erlangen konnte, das brachte er angeschleppt und war in einer wahren Aufregung. »Werthers Leiden« behielt den Platz auf seinem Herzen. Ulrikchen erkundigte sich oft, ob das eine unheilbare Geschwulst unter seiner Brusttasche wäre. »Wenn man nur dem armen Uerle eine recht unglückliche Liebe verschaffen könnte,« neckte sie ihn im Beisein der andern, »damit er sich abkrageln könnte. – Wär' das ein Hochgenuß!« »Jungfer Ulrikchen,« sagte Uerle einmal bekümmert, »ich bin ein ganz armseliger Mensch; zu meiner Schande muß ich gestehen, mir fiele wahrscheinlich in des jungen Werthers Fall irgend eine vernünftige, friedliche Lösung ein. Ach, ich bin ein nichtsnutziger Kerl!« »Jetzt weiß ich mir aber keinen Rat, Uerle, ist Er denn ganz närrisch geworden?« sagte bei so einer Gelegenheit die gute Frau Pfarrerin bekümmert. »Hab' ich doch mein' Tag solch sündliche Torheit nicht gehört! Wo hat Er denn sein Christentum, Uerle? Mein Gott, der ganze Herr Goethe reicht unserm Uerle das Wasser nicht, was Treue und Bravheit und friedliche Lebensführung ist – und macht ihn uns noch ganz närrisch! Ich wollte, er hätte das Geschreibe unserm Uerle überlassen, da wäre eine friedliche und moralische Sache dabei herausgekommen!« »Hochzuverehrende Frau Pfarrerin,« antwortete ganz verwirrt und erregt Uerle, »das hätte ich nicht gedacht, daß so eine vernünftige, kluge Frau solch eine Blasphemie zu sagen imstande wäre.« »Was wäre?« fragte die Pfarrerin. Uerle verdeutschte es ihr. »Da sei Gott vor!« rief die Pfarrerin, »und was hat das mit euch jungen, törichten Leuten zu tun?« »Mit uns? – Mit uns?« schrie Uerle. »Ja, will uns denn die Frau Pfarrerin vielleicht in einen Topf tun?« »Ei was,« sagte die Pfarrerin, »ich halt' mich an die Menschen, und da gehört ihr doch wohl zueinander. Ein bissel klüger oder weniger klug, das spricht nicht mit.« »Herr Gott im Himmel – Herr Gott im Himmel! So eine Frau! – Uns zueinander!« Uerle war ganz außer sich. »Ach was, Genie,« sagte die Frau Pfarrerin, »ein guter Mensch soll einer sein.« »Hier handelt sich's aber nicht darum, sondern um eine Liebesgeschichte, um ein herrliches Kunstwerk, Frau Pfarrerin!« »Ja, ja,« sagte die gute Frau, »solch ein herrliches Kunstwerk hat jeder durchgemacht, und alle werden's durchmachen, aber da sei Gott vor, daß sie's auch alle beschreiben und wenn sie's noch so schön täten! Ich kann nun einmal die Dichtersleut' nicht so unmäßig bewundern. Und lieber ist mir allemal einer, der sein Heiligstes ins Herz verschließt, wie Sie, Herr Uerle.« »Liebwerte Frau Pfarrerin, das lassen Sie nur sein, mich hier zu nennen. Nicht wert bin ich, ihm die Füße zu küssen.« »Pfui!« rief die Frau Pfarrerin, »und das sagt ein Mannsbild, weil einer eine Liebesgeschichte artig vorzutragen weiß. Ei, sind Sie denn ganz des Kuckucks! Ist denn so ein Mannsbild als Mensch ein rein Garnichts, und nur, was so einem eingetrichtert ist, oder seine Kunstfertigkeit gilt etwas. Da lob' ich mir die Frauenzimmer, die müssen als Menschen etwas gelten, wenn sie gelten wollen. Die hat ausgespielt, die als Mensch nichts gilt. Mannsbilder sind doch ein ganz unnatürliches Volk!« Die Frau Pfarrerin war mit ihrem guten Freund Uerle gar nicht mehr so recht zufrieden und gar, als er an einem trüben Novembertag, ohne anzuklopfen, abends ins Zimmer gestürzt kam und gar nicht zu Worte kommen konnte, weil er ganz außer Atem war. »Nu, aber was?« fragte seine alte Gönnerin etwas ungeduldig. »Ach, verzeihen Sie, sie haben unten in Weimar den Goethe –« »Was?« »Ja – das haben sie! – Sie haben ihn lassen holen. Unser junger Herzog ist genau so vernarrt in ihn wie...« Uerle sprach respektvoll nicht aus. »Ach, das lassen Sie sich doch nicht weismachen, der ist ja bürgerlich! – Wo werden die! – Die sehen ihn sich einmal an, warum nicht? Langweilen tun sie sich ja so; dann lassen sie ihn aber laufen.« »Nee, nee! Damit wird's nichts!« rief Uerle sehr erregt. »Unser kleiner Herzog soll nicht mehr ohne ihn leben können.« »Ohne einen Bürgerlichen?– Sei'n Sie nich komisch – das sagen Sie wem anders!« rief die Pfarrerin geärgert. »So vernagelt, wie Sie glauben, Frau Pfarrerin, ist unser junger Herzog nun noch nicht. Goethe ist eben doch unten und bleibt auch, und damit basta, und Feste gibt's auf Feste. Sie sollen alle ganz toll sein. – Na, geklatscht wird jetzt schon, daß es eine Art hat. Gesehen habe ich ihn noch nicht, aber ...« »Der Uerle wird jetzt irgendwo Posto fassen und lauern, und wir werden das Nachsehen mit dem Uerle haben,« meinte Ulrikchen. »Beileibe nicht,« antwortete er – »aber Sie werden sehen. Sie werden sehen –« Mit Uerle war es den ganzen Winter nicht richtig. Die übrige Literatur ließ er liegen und summte »Wanderers Sturmlied«, wo er ging und stand, und deklamierte es den Pfarrersleuten, – und »Götz von Berlichingen« las er abends mit heiliger Inbrunst. In keinem Hause drunten in Weimar mochte des jungen Herzogs Freund so gefeiert werden wie im Häuschen am Horn. Der heilige Augustinus sagt: »Verlangt dich nach der Erde, wirst du zu Erde. Verlangt dich nach Gott – was sage ich – so bist du Gott.« Verlangt dich nach Goethe, wirst du zwar nicht Goethe; aber du könntest es bis zu dessen Abschreiber bringen. So erging es Uerle. Ein Februarabend fand ihn über ein goethisches Manuskript gebeugt. Seine Ohren brannten, seine Seele war ungeheuer zusammengefaßt. Der Dichter konnte nicht weltentrückter geschaffen haben, als Uerle abschrieb. Ja, er hatte den Mut gehabt, Herrn Goethe seine Dienste anzutragen, und war für gut befunden worden zu einer Abschrift. Jetzt hörten fürs erste die Abende bei Pfarrers auf, denn Uerle schrieb nächtelang. Am Morgen aber, ehe er ins Geschäft ging, brachte er Alma das Manuskript, und sie mußte es in seinem Beisein in ihre Lade schließen und versprechen, den ganzen Tag das Haus nicht zu verlassen. Der Sommer zog wieder herauf. Die langen Tage, die kurzen Nächte, die heißen Stunden bewegten sein Herz. Almas Schönheit strahlte, ihre Laune war so warm, so sonnig; was sie tat, tat sie mit großer Freudigkeit. Mit den warmen, großen Tagen erwachte sie zu ihrem Lebensfest. Unter ihren Sommerblumen im Garten mußte man sie sehen, um ihr Wesen ganz zu fassen. Da lag über der jungen Person eine Seligkeit gebreitet, wie sie eines Menschen Wesen nur im Augenblick höchsten Glückes durchleuchtet. Vielleicht einmal im Leben, wenn die schweren, körperlichen Stoffe von Lebenswonne ganz durchdrungen sind. Wer aber die Erinnerung in sich trägt, als Rosenstrauch einst geblüht zu haben, dem ist die heilige Sommersonne Glücks genug, um ganz in Freude aufgelöst zu werden. Die Pfarrersmädchen saßen an einem stillen Abend mit der Mutter im Wohnzimmer und sangen, während Alma sie am Spinett begleitete. Die Linden tropften in voller Blütenpracht, und ihr Duft hatte wie jedes Jahr die Bienenvölker angelockt. Die Bäume dröhnten vom Bienensummen und Brausen wie zwei Orgeln, und das Häuschen schien die süßen, starken Klänge der vier Frauenstimmen in seinen Mauern nicht fassen zu können. Es strömte über. Ein leichter, warmer Regen fiel. Drei junge Männer, die ein Spaziergang heraufgeführt haben mochte, standen und lauschten. Mitten in wogenden, blühenden Kornfeldern ein singendes Haus und musizierende Linden davor, das war eine gar wunderlich liebliche Sache. Der Gesang verstummte. Da ging einer von den Dreien dem Hause zu und bedeutete die beiden anderen, sie möchten ein wenig zurückbleiben. Er öffnete die niedere Gartentür in der Taxushecke, trat unter die Linden und fand sich einem dunkeläugigen Mädchen gegenüber, das soeben aus der Haustür trat und erstaunt aufsah. Der Fremde grüßte artig und sagte: »Wir suchen einen gewissen Uerle, der hier auf dem Horn wohnt; könnte die Jungfer uns Auskunft geben?« »Du mein Gott,« antwortete das Mädchen bewegt, »den Uerle? Ja, der Uerle wohnt hier oben – aber – er ist nicht da.« Sie sprach erregt. »O, vielleicht kommen Sie wegen der Abschrift?« »Ja, deshalb komme ich freilich.« Das Mädchen war ganz verwirrt; eine tiefe Glut floß über ihr Gesicht. Sie schaute den Fremden wie hilflos an und schaute in zwei Augensonnen hinein, in denen, wie in den ihren, die große Weltfreude strahlte, die Wonne am Sein, der Sommerfriede. Sie blickten einander an, und in jedem Gesicht war ein Ausdruck von Betroffenheit. Beide vergaßen einen Augenblick, zu fragen und zu antworten. »Nein, er ist nicht hier, der Uerle. Er ist noch unten im Geschäft. Das Schriftstück aber, das habe ich in meiner Truhe.« »Da ist es ja prächtig aufgehoben!« rief der vornehme, schöne Mensch, froh auflachend. »Wollen Sie bei uns eintreten?« fragte das Mädchen nach einer Pause bewegt. »Wenn Sie erlauben, da möcht' ich aber auch für meine Freunde bitten. Der Regen wird stärker.« Er winkte den beiden anderen, zu kommen. Alma führte klopfenden Herzens die Fremden ins Haus. Sie schritt ihnen voraus in das Wohnzimmer, ging auf ihre Mutter zu, die sich erhoben hatte, legte den Arm um deren Schulter, neigte den Kopf an deren Wange, deutete leicht auf die Eintretenden und sagte, unbeschreiblich in ihrer Bewegung: »Mutter, der Herr Goethe kommt zu uns!« Es war ein so tiefer Herzenston und die Art, wie sie es sagte, so ungewöhnlich, so rührend schön, daß alle erstaunt aufblickten, Schwestern und Mutter, und die Fremden traten, wie geweiht durch das Gebaren des schönen Geschöpfes, ein und wurden freundlich bewillkommt. Die Frau Pfarrerin reichte dem jungen, berühmten Mann die Hand und sagte auf ihre einfache, würdige Weise: »Wir haben gar schöne Stunden durch Ihre Werke genossen. Unser Freund Uerle wurde nicht müde, uns vorzulesen und zu erzählen.« Die Begleiter waren zwei junge Stollbergs, die nicht Worte genug fanden, ihr Erstaunen auszudrücken über das liebliche Wunder des Häuschens unter den brausenden, blühenden Bäumen. Der Regen strömte jetzt stärker und hielt die Bienen in ihrem weiten, duftenden Gefängnis. Die Erregung der unendlich vielen kleinen Seelen brauste ganz gewaltig auf. »Ja, wenn es regnet,« fügte die Pfarrerin, »sind sie ganz des Kuckucks da draußen.« »Aber hier, Frau Pfarrerin, das läßt man sich nicht träumen,« sagte der jüngste Stollberg, »in dieser Einöde solch ein behaglicher Winkel.« Sie betrachteten den Schrank und das Himmelbett der Pfarrerin. Auf elfenbeinweißem Grund hatte ein kühner Maler dunkelgrüne, breite, geschwungene Linien gezogen, die wie Laubwerk den Grund fast verdeckten, dazwischen Dornenkronen, durchstochene rote Herzen und brennende Herzen und als Bekrönung von Schrank und Bett rote Herzen in Strahlenglorien. »Sieh, Wolfgang, was ich gefunden hab', sieh, nur am Fußende des Bettes, die beiden Herzen! Siehst du, in jedem Herz ist eine schwarze Drei gemalt. Treu! Verstehst du? Ist das nicht entzückend?« rief wieder der jüngste Stollberg lebhaft. Frau Pfarrerin, wo haben Sie diese Märchenstücke her? Man sollte glauben, in ein verzaubertes Haus geraten zu sein.« Alma trat mit dem Manuskript ein und gab es dem jungen Goethe in die Hand, der hielt es, ohne darauf zu achten, und blickte auf das Mädchen, das in seiner Seelenbewegtheit von größter Schönheit war. Die Pfarrerin erzählte, daß ein durchreisender katholischer Schreiner und Maler in ihrer Eltern Haus zur Aussteuer für sie diesen Schrank und das Bett gefertigt hätte. Sie sagte: »Ich entsinne mich des noch sehr genau, es gab Streit zwischen meinen Eltern und dem reisenden Meister. – Sie fanden die Sachen zu katholisch für ein protestantisches Pfarrhaus und wollten die Herzen und die Dornenkronen forthaben. Der wunderliche Mann aber sagte: »Trägt bei euch unser Heiland keine Dornenkrone, und hat man bei euch keine Herzen, die durchstochen sind, und keine, die brennen, so sollt ihr mir leid tun, und ich male euch was anderes hin.« »Da sagte meine Mutter: ›Laßt sie nur darauf, Herr Meister, Dornenkronen und zerstochene Herzen gibt's wohl allerorten. Es ist gut, das immer vor Augen zu haben.«« »Frau Pfarrerin,«,« meinte Stollberg, »Ihre Frau Mutter war eine echte Protestantin, aber die brennenden Herzen hat sie ganz vergessen.« »Das mag sein,« meinte die Pfarrerin, »sie war eine hart geplagte Frau, meine gute Mutter, ihr standen die Dornenkränze wohl am nächsten.« Mächtig strömte der Regen jetzt über die Sommerlandschaft hin, durch die offenen Fenster drang Korn- und Erdgeruch herein. »Nun müssen die Herren schon noch ein bißchen mit uns fürlieb nehmen,« meinte die Pfarrerin. Der junge Goethe bat, das Lied noch einmal zu singen, das sie im Vorübergehen gehört hatten. »Ja, tut das, ihr Kinder,« sagte die Pfarrerin, und ohne daß sie sich zierten ober bitten ließen, öffneten sie das Spinett, Alma spielte, und sie sangen: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud' In dieser schönen Sommerszeit An deines Gottes Gaben; Schau an der schönen Gärten Zier Und siehe, wie sie dir und mir Sich ausgeschmücket haben. Die Bäume stehen voller Laub, Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide. Narcissus und die Tulipan, Die ziehen sich viel schöner an Als Salomonis Seide.« Das fromme, lebensheiße, schöne Lied zog in seiner Schönheit in aller Herzen ein und stimmte sie festlich und feierlich. Während des Gesanges trat, vom Regen ganz besprengt, Uerle ein, sachte, wie er es zu tun gewohnt war. Er blieb aber auf der Schwelle, unfähig sich zu regen, stehen; eine tiefe Glut stieg in seinem Gesicht auf und setzte sich an den Ohren fest, die wie Mohnblumen zu brennen begannen. Ja, er stand und stand und schaute und wagte nicht vor- und nicht rückwärts zu gehen. Der junge Goethe erbarmte sich seiner Not, stand auf, gab ihm die Hand und wies ihm den Platz neben sich auf der Ofenbank an. Da saß nun der gute Uerle mit einem völlig ratlosen Gesicht. Als die Mädchen geendet hatten, sagte der junge Goethe zur Pfarrerin: »Haben Sie etwas dagegen, verehrte Frau, wenn wir hier im singenden Hause noch ein wenig bleiben, trotzdem der Regen nachgelassen hat? Es ist eine so schöne Stunde jetzt.« Die Frau Pfarrerin gab lächelnd ihre Zustimmung und sagte: »Fremdes Brot ist den Kindern Kuchen. Bleiben Sie, wenn es Ihnen gefällt, uns ist es eine Freude.« Das wurde nun ein wunderschöner Abend. Draußen war die Luft angefrischt, das unverhoffte Begebnis, so vornehm liebenswürdige Menschen bei sich zu sehen, die sich zwanglos natürlich betrugen, stimmte alle lebendig und froh. Unter den Linden deckten die junge Witwe und Alma den Tisch. Uerle saß unter den anderen im Zimmer, hatte das Bübchen, gewissermaßen seiner Verlegenheit zum Schutze, auf den Schoß genommen und gab sich still und bescheiden mit ihm ab. Alma trug eine Schüssel voll Erdbeeren, die sie am Morgen im Garten gepflückt hatte, frische Milch, Brot und Butter zum Abendessen auf, und die Pfarrerin lud ihre Gäste freundlich und mit einer angenehmen Würde ein, mit ihnen zu speisen. Sie ließen sich nicht lange bitten, und bald saßen, alle harmlos beieinander unter den brausenden Bäumen, und es war, als wäre man längst schon bekannt miteinander gewesen. Die Mädchen und das junge Frauchen tauten aus einer etwas ehrfürchtigen Stimmung auf und genossen das außerordentliche Ereignis. Alma war still und bediente die Gäste. »Nun sich,« sagte die Pfarrerin, »es ist noch nicht gar so lang' her, da sagtest du: Nichts Absonderliches geschieht, ein Tag geht wie der andere – und nun ist doch etwas geschehen. Ist dir's nun so recht?« Sie antwortete nicht und blickte ihre Mutter still an. Die beiden Stollbergs waren vergnügt und ausgelassen. »So ein mondstrahlenzartes Frauchen mit seinem Bübchen auf dem Schoß«, sagte der jüngste Stollberg, »ist doch ein wundersüßes Bild – schade, daß wir keine Maler sind. Ich wüßte gar nicht, wo wir hier beginnen sollten. Ich glaube, wir sind in ein Märchen geraten, und das Haus ist wie ein Pilz aus der Erde mit all seinen Bewohnern aufgeschossen.« Als man sich vom Tisch wieder erhob, bat der junge Goethe Alma: »Nun zeigen Sie mir auch noch Ihren Garten, in dem die guten Beeren gewachsen sind.« Sie führte ihn durch das Haus, hinter welchem der Garten lag, und die anderen kamen nach. So wandelten sie Mischen den regenfrischen Beeten hin und her, an den Gemüsen und Blumen vorüber. Das kleine Anwesen der Pfarrerin bekam Wert und Bedeutung. Der Blick vom Garten auf das Ilmtal und das alte Städtchen konnte nicht genug gerühmt werden. »Man sollte meinen, daß wir einen ganz raren Schatz besäßen,« sagte die Pfarrerin, »wenn die Städter von unten einmal heraufkommen. Der Garten will aber bestellt sein, wenn er etwas tragen soll, und wir Frauenzimmer haben oft unsere liebe Not damit.« Alma sagte zu ihrem Begleiter: »Das ist der Mutter nicht erst. Nicht um die Welt würde sie tauschen. Die Arbeit ist auch so gut eingeteilt; für das Gröbste kommt ein Bauer aus Süßenborn, und mit dem übrigen werden wir gut fertig.« »Die Menschen lieben es, sich ihres Glückes nicht bewußt zu werden, Jungfer Alma, und es ist ihnen nicht zu verdenken.« »So groß wird Ihnen das Glück hier oben nicht erscheinen,« meinte Alma ruhig. »Doch, wenn ich diese wundervollen Sommerblumen hier sehe und denke, wie die Linden vor dem Hause blühen und von Bienenschwärmen brausen, so ist das ein Stück Paradies, um das ein König Sie beneiden könnte, denn ich weiß wohl, solche Blumenbüsche und solche Zentifolien wollen in Muße gedeihen, die kann keine plötzliche Laune sich herstellen, die brauchen viele Winter und Sommer und viele Mühe und Sorge.« »Ja,« sagte Alma, »es sind alte Stöcke. Wenn man hinter diesen Rittersporn tritt, ist man verborgen in den blauen Aehren.« Sie blickte ihn eine Weile stumm an. »Darf ich Ihnen von den Blumen geben?« »Gewiß, liebe Jungfer.« »Aber«, sagte sie, »sie sind alle gar so voll und mächtig; wollen Sie mit solchem Blütenbusch nach Hause gehen?« »Ja, glauben Sie, ich wäre nicht imstande, Sommerfreude zu tragen?« Er lachte frisch auf. Sie nahm ein kleines Messer aus der Tasche, klappte es auf und schnitt vom Rittersporn eine Aehre. Die Tropfen standen wie Diamanten darauf. Sie hielt die Blüte vor sich hin und meinte: »Ist das nicht ein königliches Geschenk? Wenn wir die Blume nicht so gewöhnt wären und es die einzige ihrer Art wäre, dann könnte man sie einem großen Dichter ohne Scheu geben.« »So ist es,« rief er bewegt. »Ein Dichter sieht die Dinge ungewohnt, immer neu, immer zum erstenmal. Das ist die große Wonne und die tiefe Pein.« Eben kam Ulrikchen vorüber in Begleitung des älteren Stollberg, blieb stehen und sagte auf ihre schnippische, mutwillige Art: »Da ist sie wieder zwischen ihren Blumen! Wissen Sie, Herr Goethe, daß meine Schwester Alma, ehe sie Pfarrers Alma wurde, ein blühender Rosenstrauch gewesen ist? Das glaubt sie nämlich.« Alma erglühte tief, und des jungen Mannes Blicke umfingen sie wie betroffen. Sie war nicht verlegen über den Scherz ihrer Schwester. Sanft nachdenklich stand sie, als zöge mancherlei an ihrer Seele vorüber. »Das versteht meine Schwester nicht,« sagte sie, »weil sie die Blumen, die Sonne und den warmen Wind nicht so lieb hat wie ich. – Ich liebe das alles!« Sie blickte mit Innigkeit über ihr kleines Reich. »Wer so vom Frühjahr an das Knospen und dann endlich das Blühen sieht und viele, viele stille Stunden dabei verbringt – –« »O, ich verstehe,« sagte er, »der wird eins mit diesen lieben Dingen – der gehört zu ihnen.« »Ja,« sagte sie auf ihre lebendige Art, »der gehört zu ihnen.« Sie schnitt von den Rosen lange, schlanke Zweige mit der süßen, nickenden, schweren Blume am zarten Ende. »Wir auf dem einsamen Horn kennen Ihre tiefsten Gedanken, Ihr Leiden und Ihr ganzes Herz – – Ist das ein Glück oder etwas Schreckliches, daß jeder Mensch, wer es auch sei, Sie so kennen darf? Uns hier konnten Sie Ihr Geheimnis ruhig geben. Wir halten es heilig.« Erstaunt schaute er auf sie. – »Da habe ich auf dem einsamen Horn, im kleinen Haus eine Heimat, ohne es zu ahnen. – Und die Menschen im kleinen Haus hüten mein Geheimnis so still und verschwiegen. – Wie ist das wundervoll einzig!« In ihren Augen standen Tränen. »Ich verstehe es nicht, wie es geschehen konnte, daß Sie hier zu uns kommen!« »Das mußte so sein,« antwortete er bewegt. »Wie konnte ich denn an meiner stillen Heimat vorübergehen? Welcher Mensch könnte das? Wir leben ja nicht nur in unserem kleinen Bewußtsein. Wir leben über uns selbst hinaus.« Sie schnitt einen ganzen Arm voll Zentifolienrosen, die keine Rose auf Erden an Schönheit, Zartheit und Farbe erreicht. Und sie tat es mit einer Hingabe einer Versunkenheit, daß er nicht wagte, sie zu stören. In ihrer Haltung, in ihrem Blick stand deutlich, daß sie ein seliges Opfer brachte. »Wenn es zu viel ist, tragen Sie die Rosen, bis Sie unten an der Ilm vorüberkommen. Da können Sie davon hineinwerfen oder alle – aber nicht früher! Nehmen Sie sie so in den Arm. – Sehen Sie – so, dann macht es nicht müde.« »Und so am Herzen«, meinte er, »solch einen Busch Zentifolien heimtragen, ist auch ein größeres Glück, als es uns stumpfen Menschen erscheint.« Seine Blicke hielten ihre Gestalt, zärtlich hingenommen, umfangen. Als die drei unverhofften Gäste gegangen waren, ließen sie die stillen Bewohner des einsamen Hauses am Horn in großer Bewegung zurück. Uerle sagte: »So ist's, wenn ein Göttlicher bei armen Sterblichen eingekehrt ist! – Aber sein Manuskript hat er doch richtig vergessen.« »Na, natürlich, wenn ihn die Alma so beladen hat, wie sollte er denn noch etwas schleppen?« meinte Ulrikchen. Die junge Witwe lobte über alles den jüngsten Stollberg. Ulrikchen aber sagte ärgerlich: »Macht ihr ein Aufhebens, weil sie ›von« sind und weil der eine Gott weiß was ist! Ich sag' ein für allemal: der junge Bauch, den ich neulich in Süßenborn kennen lernte, und wenn er zehnmal Bauch heißt und zehnmal Metzger ist, gefällt mir besser als alle drei miteinander. – Und ich sage: die reichen ihm das Wasser nicht, so verständig und brav wie er ist.« Die Pfarrerin mußte lächeln. – Sie kannte Ulrikens Vorliebe und hatte sich schon halbwegs damit ausgesöhnt, ihr tüchtiges Töchterchen einmal als Wirtsfrau zu sehen. Der junge Bauch ging mit dem Gedanken um, sich ein Wirtsanwesen zu kaufen, und eine arme Witwe muß froh sein, ihr Kind an ein so nahrhaftes Gewerbe zu verlieren. Alma war die einzige, die sich ganz still verhielt. Ihre Augen leuchteten aber aus dem zarten Gesicht heraus, daß Uerle den Blick nicht von ihr wenden konnte. Die Pfarrerin machte schließlich allem Geplauder ein Ende. Sie wollte sich niederlegen und unter den Dornenkronen und den brennenden und durchstochenen Herzen schlafen. Die Läden wurden geschlossen, Uerle verabschiedete sich, die Mädchen suchten ihre Kammern auf, Alma aber ging, als alles in Ruhe lag, hinaus unter die Linden. Es hielt sie im Hause nicht, die sanfte Mondnacht lockte, das Herz war ihr so bewegt. – Sie brauchte wohl die Stille der ganzen nächtlichen Welt, um ihr Gemüt zu beruhigen und zu heilen. So saß sie lange, die Hände gefaltet, und schaute in die Ferne. Auf den blühenden Feldern schimmerte der Mond. Der Kornblütenduft lag wie ein schwerer, warmer Atem in der Luft. Himmel und Erde schimmerten ineinander. – Ein leichter Schritt tauchte aus dem Unbestimmbaren auf. Sie erschauerte. – Es war so spät – so spät. – Sie duckte sich zusammen, als sollte etwas über sie hereinbrechen. Da sah sie eine Gestalt, die ihr wie mit Feuer in die Seele geprägt war, das kleine Gittertürchen öffnen. – Sie wurde nicht bemerkt, sah ihn stehen und schauen. Er blickte in die weite, monddurchschimmerte Ferne, so wie sie vordem. – Ihr Herz schlug zum Zerspringen. Sie preßte die Hände darauf. Welche Stille war hier oben! – In dieser Stille ein junges, menschliches Herz, das aus seiner sanften Sommersehnsucht, aus seinem Zustand des Knospens und zarten Blühens von einer brennenden Flamme ergriffen worden war, die aus dem Leben herausschlug und vom Leben zehrte. Sie fühlte das Flammen ihrer armen Seele mit einer Bangigkeit sondergleichen. Und als er sie bemerkte und auf sie zukam, war sie wie von tödlichem Schreck hingenommen. Schreck oder Wonne, es war nicht auseinander zu kennen. »Und ich habe Sie erschreckt,« sagte er bewegt. »Mich hielt es da unten nicht mehr, ich mußte in der hellen Nacht das liebliche Haus und die große Weite darum her sehen. Und an Sie, liebes Geschöpf, wollt' ich denken.« Sie fand kein Wort zu erwidern, sank an den Stamm der Linde zurück und blickte ihn mit großen Augen an. Bewegt von ihrer Hilflosigkeit, strich er ihr zart über die Stirne. »Daß so einer so ein stilles, stilles Heimatshaus hat und weiß nichts davon,« sagte er wie für sich hin. – »Ach, mir ist wohl! – Die Rosen stehen vor meinem Bette in einem Krug mit Wasser und duften. – Der Mond schien herein. – Es war heut' alles so schön und sommerlich. Eure jungen Stimmen hier im Haus, das Lied, der Gartenfrieden und die tiefen Lebensaugen!« Sie erschauderte, erhob sich – preßte in einer Bewegung von Ratlosigkeit die Hand aufs Herz. »Bedrängt Sie meine Nähe?« fragte er. »Bedrängen? – Ist es Freude – – oder Pein, ich weiß nicht – ich weiß nicht!« Sie verstummte. »So viele Menschen lieben Sie – Fürsten und schöne Frauen – und alle bewundern Sie – und Sie können denken und sagen, was kein anderer Mensch denken und sagen kann. Das alles legt sich mir wie eine schwere Last auf.« »Nein! – Sie sollen sich freuen, wie ich mich freue!« rief er, »daß der Regen mich heut in Ihr Haus führte. Alles andere ist gleichgültig.« »Ja,« flüsterte sie hastig, »ich danke Gott dafür.« »Nun also, so ist alles gut!« In großer Bewegung gab er ihr die Hand. »Welch eine Nacht! Schlafe wohl und auf Wiedersehen!« Sie sah seine schlanke Gestalt wieder durchs niedere Pförtchen gehen, und eilige Schritte verklangen. Und diese Schritte waren wie ein Rhythmus zu seinem ganzen Wesen. Es lag eine große Kraft in diesem Schritteklang, leicht und unbezwinglich, fest und freudig. Der Regen hatte ihr ein großes Schicksal ins Haus gebracht.   Das weltfremde Haus unter den brausenden Bäumen nahm am folgenden Abend seine Gäste wieder auf. Sie kamen spät nach der Nachtessenszeit, um der Pfarrerin keine Ungelegenheit zu machen. Man saß miteinander unter den Linden. Die Pfarrerin sah besorgt auf ihr Kind, das war wie in Sonne getaucht, da war kein Verbergen möglich. Es blühte und strahlte. Die Mutter dachte in Herzenseinfalt, was sie wohl tun könnte, und wie zu helfen wäre, und das machte sie gar still und schweigsam. Auch Uerle war es schwer zumute, und er sah seine geliebte Sommerseele von sich hinwegblühen, einer großen, verbrennenden Sonne zu. Der arme Uerle war ganz verwirrt und gedachte eines Ausspruches aus seinem geliebtesten Werke: Mußte denn das so sein, daß das, was der Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Quelle ihres Elends würde?" Er schaute gar Eigenes an diesem Abend – der eine liebte sommerlich seine, Uerles, Sommerliebe, und der andere war der Frühlingsliebe gar gewogen, und sie ihm. Den jüngsten Stollberg sah er mit der kleinen Witwe unter der Linde sitzen, und ihr Bübchen küßte gar liebreizend bald des schönen Jünglings Lippen und trug lebendige Schauer von einem zum andern.– Frühlingsschauer! O, Uerle kennt seine Frühlingsliebe, die verbrannte sich und andere nicht, diese sanfte Seele! Aber auch sie genoß Seligkeit und trank sie von ihres Bübchens Lippen. Sie hatten aber einen großen Dichter unter sich – der hieß Uerle. Keiner weiß von ihm, seine Bilder und Eingebungen, die ihm die schönheitsvollen Dinge dieser Welt erweckten, sind mit ihm in den tiefen Todesschlaf schlafen gegangen. Sie waren nur für ihn da, und er war vornehm genug, daß ihn dies nicht bedrückte. Der stille, lange, schweigsame Mensch, wer dem an diesem Abend ins Herz hätte sehen können! Es kam auf, daß die Pfarrerin eine gar gute Märchenerzählerin wäre. Die beiden Stollbergs bestürmten sie, zu erzählen, und wollten ein Märchen im Zimmer mit den Froschkönigmöbeln hören, so nannten sie der Pfarrerin seltsame Aussteuerstücke. Sie war bedrückten Herzens, die Frau Pfarrerin, und es war ihr nicht darum zu tun, zu erzählen, denn sie sann hin und her, wie sie ihrem guten Kinde helfen und es bewahren könnte. Sie fürchtete nicht, daß ihr Kind sich verlieren würde, aber sie fürchtete den Kummer, den großen Liebeskummer, der hier folgen mußte. Schließlich aber mußte sie dem Drängen folgen, nahm Platz in ihrem Lehnstuhl und erzählte vom Machandelboom – und kam an die Stelle: »Da begrub ihr Mann sie unter dem Machandelboom, und er fing an sehr zu weinen eine Zeitlang, dann wurde das was sachter, und als er noch eine Weile geweint hatte, da hörte er auf – und noch eine Zeit, da nahm er sich wieder eine Frau.« Darauf erzählte sie, wie der Frau das Bübchen der Verstorbenen allerwegen im Wege stand, wie sie die eigene Tochter so sehr liebte, daß der Anblick des Bübchens ihr immer wie ein Schwert durchs Herz ging. Und die Pfarrerin erzählte, wie die Mutter das Bübchen so gar schauerlich tötete und es kochte, und wohl zubereitet als ein fremdes Gericht es dem Vater vorsetzte – und wie der Vater es aß und es ihm so gar wohlschmeckte. »Er aß und wurde sterbenstraurig davon, gönnte niemand einen Bissen.« In solchen Worten lag eine Zärtlichkeit, Inbrunst und Todestraurigkeit, als wäre alle Traurigkeit und Zärtlichkeit der Welt in sie zusammengedrückt. – »Und das Schwesterlein Marleneken sammelt die Knöchlein, die der Vater unter den Tisch warf, in ein seidenes Tüchlein und trägt sie unter den Machandelboom und begräbt sie dort – und der Machandelboom bewegt sich und tut die Zweige so recht auseinander und wieder zu Hauf, und ein Nebel steigt vom Baum auf, der wie Feuer brennt, und aus dem Nebel fliegt ein schöner Vogel heraus, der singt so herrlich und fliegt hoch in die Luft, und das Tuch mit den Knochen ist weg. Marleneken aber ist es so recht leicht und vergnügt, als wenn der Bruder noch lebe. Der Vogel aber fliegt weg und setzt sich dem Goldschmied aufs Haus und fängt an zu singen: Meine Mutter, die mich schlacht, Mein Vater, der mich aß, Mein Schwester, das Marlenichen. Sucht alle meine Benichen, Bind't sie in ein seiden Tuch, Legt's unter den Machandelboom, Kywitt – kywitt, wat for'n schön Vogel bün ick.« Das alte wundervolle Märchen, in dem alle Traurigkeit, Sünde, Zärtlichkeit, Wonne, Angst und Grauen der Welt liegen, schritt vorwärts. Der Vogel fordert seine Geschenke zum Lohn für seinen herrlichen Gesang, die goldene Kette, die Schuhe und den Mühlstein. Und welche Steigerung, welches Grauen! Jedes Wort haftet, nichts vergißt sich. Der Vogel ist der geliebte, heißersehnte Sohn der verstorbenen, vergessenen Frau, die im Grab noch liebt. Er ist der Gemordete, vom Vater Verzehrte, von Marleneken Geliebte. Alles ist in den einfachen Worten gegenwärtig. Und wie der Vater, Stiefmutter und Marleneken beim Mittagsmahle sitzen und der Vogel draußen auf dem Machandelboome zu singen beginnt und Marleneken in ihr Tüchlein weint und dem Vater so licht und froh wird, als sollte er einen alten Bekannten wiedersehen, und er sagt: »Die Sonne scheint so warm, und es riecht nach lauter Zimmet und Zinnemamen.« Das ist eine Freude! Die hat das Volk sich gewürzt und mit Düften gedacht, und von der Sonne warm beschienen und nach Zinnemamen duftend. Daneben das Grauen der Mutter: die Ohren, die Augen hält sie sich zu, als sie draußen den Vogel hört. Aber es braust ihr in den Ohren wie der allerstärkste Strom, und die Augen brennen ihr und zucken wie Blitze, und die Mütze fällt ihr vom Kopf, und die Haare stehen ihr zu Berg als Feuerflammen, und ihr ist, als bebte das Haus, als sollte die Welt untergehen. Sie will auch hinunter, ob ihr leichter werden soll. Die Pfarrerin erzählte das alte Märchen, wie es eben erzählt werden muß, wie von Vorzeiten her eine Mutter oder Ahne es ihren Kindern oder Enkeln erzählte an langen Winterabenden, wie es von Mund zu Mund gegangen ist, so wundervoll tief und stark. Alle waren von dem Eindruck benommen, die beiden Stollbergs ganz hingerissen. Die Töchter schauten mit einer gewissen Ehrfurcht auf ihre Mutter und fühlten durch den Erfolg, den sie hatte, so recht deutlich, was sie ihnen war. Die Stollbergs meinten, sie begriffen nicht, daß noch kein großer Tonkünstler diese wundervollen Kräfte und Mächte in Musik gesetzt hätte. Diese Freude, die nach Zimmet und Zinnemamen duftet, und von der hellen, warmen Sonne beschienen ist – und dazu die einsame Sündenqual der Mutter. »Es ist ein Großes um diese alten Geschichten,« sagte der junge Goethe, »ihr geheimnisvolles Entstehen macht sie unendlich reizvoll, und das von Mund zu Mund ist ein lebendiger Gruß von längst vergessenen Menschen.« »Nie hat die Mutter auch nur ein Wort verändern dürfen an ihren Geschichten, und sie hat's mit ihrer Mutter genau so gemacht wie wir.« »So ist durch das eigensinnige Festhalten der Kinder«, meinte der verehrte Gast, »der alte kostbare Schatz auf uns gekommen und wird über uns hinweg von Mund zu Mund, von Generation zu Generation weiter wandern.« Alma sagte: »Das sind die Werke der Frauen, damit sie doch auch etwas getan haben und nicht ganz leer ausgehen.« »Als wenn sie leer ausgingen!« rief er. »Sie sind da! – und alles ist voller Innigkeit und Poesie und sanfter Kraft. Wenn man um sich schaut, alles, was heimisch und lieb und vertraut ist, was das Leben wert macht, ist durch sie. – Wir sind an all das so gewöhnt, daß wir es kaum bewußt gewahr werden. – Wenn es fehlte, welche Oede, welche Kargheit! – In jeder Stadt müßte ein Denkmal »der Mutter« stehen, und kein Jahr dürfte vergehen, das nicht den Tag brächte, an dem das Bild festlich bekränzt würde, an dem nicht ein heiteres, inniges Fest vor diesem Bild gefeiert würde, ein Dank- und Freudenfest, an dem jeder seiner eigenen Mutter gedächte. – Solch ein Fest wäre notwendiger gewesen als das Fronleichnamsfest der frommen Nonne Roswitha.« Die Pfarrerin schaute auf und sagte: »Das ist ein gar wunderlicher Gedanke, und wenn dem so wäre, wie Sie sagen, würde gar manche arme Mutter, die es sich ungelohnt und unerkannt, Tag und Nacht bitterlich sauer werden ließ, getröstet und aufgerichtet werden.« »Ja,« sagte der lebhafte Gast der Pfarrerin in großer Wärme und Liebenswürdigkeit, »es ist eine rohe, barbarische Welt, in der ein jeder sich von seiner Mutter hat opferfreudig lieben, behüten, mit Güte überschütten lassen, und es ist nie zu einer großen Dankesäußerung der Menschheit gekommen.« Es ist doch gewiß, daß in der Welt dem Menschen nichts notwendiger ist als die Liebe. Herr Gott, wenn ich an meine eigene Mutter denke! Was mir blühte, blühte durch sie. – Sie feiern alles Erdenkliche, aber das Beste! Einzige! das lassen sie unbedankt – und diese Danklosigkeit, dies Totgeschwiegenwerden liegt auf den Frauen. Die Katholiken haben ihre Feier und ihren Dank der Gottesmutter gebracht. – Ach, hätten sie's ein wenig deutlicher gemacht! Und wir altklugen Protestanten haben auch dies schöne Symbol als unverständig beiseite getan.« Die Pfarrerin sagte: »Sie sind ein guter Mensch. Ich meine, etwas Besseres kann ich Ihnen nicht sagen, auch wenn Sie anderes zu hören gewöhnt sind. Ich wollte wünschen, es käme die Zeit, in der man Ihr schönes Fest feiern würde.« Der Pfarrerin wurde es leichter und weniger bang ums Herz. Am liebsten aber wäre sie zu ihm hingetreten und hätte gesagt: So lieb und wert Sie uns sind, ich bitte, vergessen Sie unser Häuschen und mein armes Kind, eilen Sie, gehen Sie! – Sehen Sie nicht, wie des Kindes Augen an Ihnen hängen, als wären Sie allein auf Erden? Ja, wenn nur des Mädchens Augen an ihm gehangen hätten: aber auch er umfaßte sie mit seinen Blicken, hielt sie fest, sog sie mit seinen Augen an sich. – Sie schienen beide in der Kraft ihrer Blicke zu leben. Alle gingen sie jetzt wieder in dem langen Gartengrundstück auf und nieder. Niemand dachte an ein Aufbrechen. Der Abend war so schön, die schlafende Sommerherrlichkeit lag wie ein unfaßbares und doch vertrautes Wunder um sie her. Geheimnisvoll dufteten die Blumen, geheimnisvoll schien der Mond, und die vollaubigen Bäume rauschten hin und wieder einen schwermütigen Akkord dazu. Uerle hielt sich zu der Pfarrerin. Er ging neben ihr her wie ein guter Sohn, der seiner Mutter Kummer tragen hilft. »Guter, lieber Uerle, was sollen wir machen?« fragte die Pfarrerin nach langem Schweigen. »Da gehen sie miteinander ganz weltvergessen, was mögen sie wohl reden?« Uerle schwieg. »Lieber Uerle,« sagte die Pfarrerin wieder, »so gar manches Mal schien es mir, als stände meine Alma Ihnen nahe, als wäre sie Ihnen teuer. – Helfen Sie doch!« »Helfen?« – sagte Uerle wie gedankenlos. »Frau Pfarrerin, das ist nun jetzt ein Schicksal. Ich glaube, da können wir alle nichts machen; was wir auch täten, würde grob und töricht sein. Die sind beide Sommermenschen.« »Ach, Uerle – was soll das heißen?« Die Pfarrerin schüttelte traurig den Kopf. »Haben Sie darauf gemerkt,« sagte Uerle wieder bedächtig, »wie in des jungen Werthers Leiden zu allem, was geschieht, die Bäume rauschen, wie der Sommer in alles hineinprangt? Man atmet Sommer. Man sieht eine Gegend mit großen Laubmassen und Laubduft und alles in Sonne getaucht. Es ist solch eine Sommerseligkeit und solch Sommerleid in allem, was geschieht, so aus der tiefsten Seele heraus. Er ist ein Sommerkind. Sehen Sie doch die Menschen an, wie wenig Sonne haben alle in den Augen, kühle Frühlingsaugen, trübe Winteraugen; aber die beiden haben Sommersonnenaugen, da können wir andern alle nicht mitmachen.« »Sie wird sich und mir kein Leid tun,« meinte die Pfarrerin. »Sie ist vom größten Dichter der Welt geliebt,« sagte Uerle. »Was Dichter!« sagte die Pfarrerin, »er soll ein guter Mensch sein!« »Liebe Frau, dem einen brennt sein Haus nieder, dem andern stirbt sein Vieh. Sein Geld verliert einer, seine Ruh' der andere – jeder hat zu leiden und bringt Leiden. Quälen Sie sich nicht. Da liegt das Geheimnis der Welt.«   Als es gar spät war und es an ein Abschiednehmen ging, da küßte sich das wundervolle junge Paar vor den Augen der Mutter und den Augen der Schwestern und Freunde im traulichen Zimmer beim Scheine der kleinen Oellampe. »Du teures, einziges Geschöpf!« sagte der junge Mann hingerissen. »Daß der Regen dich brachte!« sagte sie still, »mir dich brachte!« Sie stand leuchtend vor Wonne, und alle, die es wußten, dachten an den blühenden Rosenstrauch, der mit tausend Rosen blühte, und der Duft der Rosen waren die glückseligen Gedanken. Der junge Mann stürzte auf die Pfarrerin zu, küßte ihr die Hand. »Liebe, liebe Frau,« sagte er, »Gott behüte uns alle!« Dann ergriff er beide Hände des schönen Mädchens noch einmal. »Kommt!« sagte er zu seinen Begleitern, »kommt!« Dann ging er, ohne fast irgend jemand anzublicken. »Alma – Kind!« rief die Pfarrerin, als die Türe hinter den Gästen geschlossen war. Alma achtete nicht auf sie. Wie angstvoll lauschte sie auf die verhallenden Schritte. »Mein Kind –,« sagte die Pfarrerin noch einmal. Da sank das Mädchen vor ihr in die Knie. »Ich danke dir,« schluchzte sie auf, »daß ich lebe! Ich danke dir! – Ich danke dir!« Und sie küßte die Hände der Mutter. Ihr Haar war aufgegangen, und sie wischte die eigenen Tränen damit von den Händen der Pfarrerin. »Will er Dich denn heiraten?« frug Ulrikchen kühl. Uerle aber trat vor Ulrikchen hin und sagte: »Lassen Sie sie doch, Judas Ischarioth!« »Nun ist er ganz verrückt!« meinte Ulrikchen. »Die andern glauben doch, Sie sähen meine Schwester nicht ungern. Wie leiden Sie denn das?« »Wahrlich,« sagte Uerle, »ich habe sie geliebt und liebe sie – ja – ja – ja! ich liebe sie!« Seine Steifheit brach im übermächtigen Gefühl zusammen – und er war frei! frei! – Zum erstenmal im Leben Herr seiner Stimme, seiner Glieder, zum erstenmal schmolzen ihm die Gedanken wie im Feuer. »Ja, ich liebte sie! ich liebte sie! – aber was will das sagen gegen ihre Liebe!« »Ach, Uerle, unser guter Freund,« sagte die Pfarrerin seufzend und hielt ihr Kind, das vor ihr am Lehnsessel kniete und den Kopf ihr an der Brust barg, mit einem Arm umschlungen. »Ach, Uerle, ich wollte, Sie wären bei all Ihrem Edelmute nicht gar so bescheiden. Bei Ihnen wäre sie behütet.« »Ich bin ein gar elender Mensch,« sagte Uerle ruhig, »ich finde mich mit allen Dingen gut und bürgerlich ab. Wenn meine Mutter mich strafte, fand ich in jeder Strafe einen süßen Kern; sogar, wenn sie mich prügelte, freute ich mich auf die wunderliebe Versöhnung danach, denn die Prügel kamen ihr selbst hart an, und sie griff mit Freuden nach dem ersten Zeichen meiner Reue.« »Ach, Uerle,« meinte Ulrikchen, »Sie spielen mit den Gedanken, als ob Sie uns Geschichten erzählen wollten; das ist immer wie aus dem Buch, wenn man Ihnen zuhört.« »Ja, das ist's ja eben,« sagte Uerle traurig. »Und nun schlafen Sie alle wohl, und Gott behüte Sie miteinander.« »Schlafen Sie wohl, Uerle,« die Pfarrerin gab ihm die Hand. Alma erhob sich, und als sie ihm die Hand reichte, sah er in ein Gesicht, in dem die Erdenwonne wie ein Wunder strahlte, so rein und groß und festlich. »O, Erde, wie bist du schön!« sagte Uerle und sah das Mädchen an. »Berge von Freude! – und Täler voll Leid! Und Sie, Alma, stehen jetzt auf einem hohen Berg der Freude und sehen die Erde unter sich.« Sie aber neigte sich, faßte seine Hand, küßte sie und sagte: »Uerle, ich danke Ihnen für alle Güte, für alle schönen Stunden. – Ich verstehe Sie ganz, Uerle.« Dunkelrot ward Uerles Gesicht – Tränen traten in seine Augen, er wendete sich ab und ging zur Tür hinaus.   Die Pfarrerin setzte sich ans Spinett und spielte ein Schlummerlied, das sie früher mit ihren Kindern vorm Einschlafen gesungen hatte – und alle Töchter fielen in die alten, trauten Worte ein. Was die Pfarrerin dazu getrieben, das alte Kinderlied zu spielen, war ihrem ratlos bangen Herzen wohl kaum klar geworden. Als sie eine Weile schon geendet hatte, hörten sie Uerles rhythmisches Klopfen am Fensterladen, was so viel bedeutete als: Es ist nur der Uerle, macht getrost auf. Und das taten sie, sie öffneten den Laden, da stand Uerle und schaute herein. Die Pfarrerin hatte schon ihre Haube abgesetzt und stülpte sie jetzt eilig wieder auf, und Ulrikchen nestelte ihr Kleid wieder zu und lugte durch die Türe, die in ihr und der jungen Witwe Schlafzimmer führte, begierig heraus. »Mir ist da etwas eingefallen, liebe Frau Pfarrerin, was ich sagen muß – heut abend noch – verzeihen Sie.« Er war tief erregt, seine Stimme bebte: »Die Gesetze der Menschen sind nicht Gottes Gesetze. Böse ist oft gut, und gut ist böse.« Er sprach sehr hastig und laut. Es war, als wenn sein Gefühl ihm mit der Stimme durchginge. »Gott aber ist überall und sieht, wie die Menschen sich ihre Gesetze machen, oft gegen seinen Willen, und er sieht zu und lächelt über ihr Tun. – Und dann – – – dann wollt' ich noch sagen, wenn Menschen auch nur einen wahrhaft guten, ganz ergebenen treuen Freund haben, sind sie nicht verlassen, und wären sie von der ganzen Welt verlassen. – Frau Pfarrerin, ich möchte Ihnen das alles sagen, wie im Namen Gottes! – Quälen Sie sich gar nicht. – Legen Sie sich alle ruhig schlafen. – Die Menschen machen einander die größte Qual auf Erden. Wenn ihr denkt, ihr wollt nur helfen – heilen und gut miteinander sein, so ist alles übrige gar gleichgültig. Verzeihen Sie, Frau Pfarrerin. Gute Nacht.« Damit war er auf und davon. Ulrikchen sagte: »Ich weiß nicht – mit dem sollte einmal der junge Metzger Bauch reden!« »Laß das, Ulrikchen,« sagte die Pfarrerin, »davon verstehst du nichts. – Was der Uerle auch sagt, herzlich gut ist's gemeint, und das ist die Hauptsache.« Nachts träumte die Pfarrerin, ein weicher, lautlos fliegender Vogel flöge an ihr vorüber und streifte sie mit den Flügeln – und streifte sie immer wieder und wieder. Sie dachte im Traum: das ist nur eine Schleiereule, und war begierig, sie zu sehen. Der Vogel war aber so schnell im Flug, daß sie nie einen Eindruck von ihm haben konnte – dann war es ihr, als sagte die Schleiereule »Mutter« zu ihr – »Mutter!« – ganz leise, wie aus der Ferne, und sie erwachte und sah ihre Tochter Alma angekleidet vor sich stehen. Die sagte wie geistesabwesend in einer wie von Weh durchtränkten Betonung: »Mutter – Mutter?« »Ja, was machst du denn da, Kind?« fragte die Pfarrerin schlaftrunken. Alma antwortete nicht gleich. Sie hatte das kleine, offen brennende Oellämpchen in der Hand, »Mutter,« sagte sie, »es wird jetzt schon hell.« »Ach, es ist noch tiefe Nacht. – Du hast ja Licht gemacht.« »Nein,« sagte Alma, »es brennt noch vom Abend her.« Jetzt war die Pfarrerin ganz munter und setzte sich im Bette auf. »Hast du noch gar nicht geschlafen?« Das Mädchen stand gerade aufgerichtet mit dem Lämpchen in der Hand. – »Mutter,« sagte sie, »ist es denn möglich, einen Menschen so zu lieben, daß man ohne ihn gar nichts mehr ist?« »Kind,« antwortete die Pfarrerin ernst, »ich habe euren Vater sehr lieb gehabt und bin nun doch eure gute Mutter geblieben.« – Alma schien nicht auf sie zu achten. »Es heißt,« sagte die Pfarrerin, »du sollst nicht andere Götter haben neben mir. – Wir sollen Gott über alles lieben.« »Gott – Gott – ach – ja Gott!« sagte das Mädchen langsam vor sich hin. »Alma, du träumst ja, du bist ja gar nicht recht wach, – Kind, was ist dir denn?« »So bang',« sagte sie. – »Ach, Mutter, steh' doch auf und geh' mit mir hinaus vors Haus, ins Feld, da wird mir's besser werden.« »Alma, wie kommst du mir denn vor? – Jetzt bei Nacht!« »Es wird schon hell – komm' mit!« bat das Mädchen dringlich. »Nun, weshalb denn nicht?« Die Pfarrerin erhob sich. Während sie ihre Strümpfe anzog, schaute sie besorgt auf die Tochter, die immer noch mit dem Lämpchen stand. »Setz' doch die Lampe nieder, Alma, und mach' die Läden auf!« Alma tat es, wie in Gedanken verloren, und die erste Morgendämmerung drang ins Zimmer. Die Pfarrerin spülte sich das Gesicht ab, um völlig wach zu werden. »So, nun können wir gehen!« meinte sie. Alma nahm der Mutter Hand, als sie aus dem Pförtchen getreten waren. »Merkst du,« sagte die Pfarrerin, »jetzt ist's in den Linden still, jetzt schlafen die Bienen.« Kein Lüftchen regte sich noch. Das matte Licht war gleichmäßig weißgrau. Die Aehrenfelder lagen wie schlafend. Es war die große, tiefe Stille der ersten Morgendämmerung. Kein Bewußtsein wachte rings umher. Das gibt dieser stillen, stillen Stunde das Urweltliche – das Herzbeklemmende. – Das Wort erstirbt im Munde. So gingen Mutter und Tochter auch schweigend im großen Schweigen. Die erste Lerche schmetterte aus grauem Licht ihr Lied. Wie gewaltig das klang, als erfüllte ihr Gesang den ganzen Himmelsraum. »Mutter,« – sagte das Mädchen, »vor kurzem noch kannte ich ihn nicht. Kannst du dir das vorstellen?« »Ach, Kind, red' doch nicht so!« »Sag' mir, muß solch eine Liebe auch wieder vergehen? Ist das möglich?« »Gewiß, Kind – sie muß zu Ende gehen, denk' doch selbst!« Die Pfarrerin spürte, wie die brennende Hand ihres Mädchens in der ihren aufzuckte. Mein Gott, dachte die Frau, wie sie leidet! Sie ist zu klug, um nicht alles zu sehen. »Sag' mir,« bat Alma, »wie war mein allererster Tag auf Erden? – Schien die Sonne?« »Ja,« sagte die Pfarrerin, »du warst ja mein einziges Sommerkind, kaum warst du geboren und in die Wiege gelegt, da wurde die Wiege ans offene Fenster gestellt. Es war mittags zwölf Uhr und zur Rosenzeit; aber das weißt, du ja. Die Kletterrosen nickten zum Fenster herein. Draußen war es wundervoll sonnig. Die Bauern waren alle zur Heuernte hinaus. Das Dorf war ganz still, und ich lag in meinem Bett und war voller Dank und Freude über dich. Der Vater hatte sich zu seinen drei Mädchen gar sehr einen Buben gewünscht. Als er dich aber so friedlich in deinen Kissen liegen sah, war auch er voller Freude über sein viertes Töchterchen und legte dir eine frische Rose auf deine Wiege.« »Und man wird geboren, um zu sterben. – Mir ist so angst –,« sagte Alma leise; ich bin nicht mehr mein eigen – wohin er geht, zieht er mich nach. – Ich möchte wieder mir selbst gehören, es war doch alles so schön und ruhig.« »Ja, mein Kind, das muß alles wieder so werden, wie es war.« »Wo er auch hingeht, kann er mich nicht gebrauchen. Ich seh' ihn da und dort. Ach, Mutter, so werd' ich ihm bald lästig werden!« Sie setzte sich auf einen Grasrain am Wege wie erschöpft nieder und lehnte den Kopf an ihrer Mutter Schulter. »Als du den Vater liebtest, war es da auch, als hättest du im Herzen eine Wunde und dein Leben flösse da heraus; auch wenn du die Hände darauf preßtest – es nützte nichts?« Das Mädchen preßte die Hände aufs Herz, als wenn sie eine Wunde schließen wollte. »Nein,« sagte die Mutter, »Alma, mir war, als strömte das Leben mir von allen Seiten zu, als würde ich täglich besser und glücklicher.« »Ich liebe ihn zu sehr – zu sehr!« schluchzte das Mädchen auf und sank ihrer Mutter an die Brust. »Deine Stirn glüht so und deine Hände,« sagte die Pfarrerin. »Mein Kopf schmerzt so sehr.« Der Pfarrerin ward es ganz angst, wie sie in der lebenverlassenen, ersten Morgenfrühe in der großen Stille mit ihrem armen Mädchen mitten zwischen den Kornfeldern saß. Ihr Kind hielt sich jetzt so still bei ihr, als wäre es hingelehnt bei ihr eingeschlafen. »Alma,« sagte die Pfarrerin leise, aber sie bekam keine Antwort. Sie faßte die Hand, die matt herabhing; die brannte wie Feuer, das Gesicht glühte, und das Herz schlug so schnell und heftig, daß sie es spürte. Krank ist sie, dachte die Pfarrerin bang. Krank war sie, als sie mich weckte. Unbegreiflich war es der Pfarrerin erschienen, daß ihr gutes, rücksichtsvolles Kind sie geweckt hatte – und jetzt verstand sie es schreckvoll. »Alma, hör' doch –« »Laß mich, laß mich, Mutterchen!« kam leise, wie schlaftrunken die Antwort. »Ich will noch ein bißchen im Bett bleiben.« Sie lag ganz regungslos, die Pfarrerin, über sie gebeugt, spürte ihren heißen Atem. Windwellen fuhren über die Felder hin. Es wogte ringsumher. Die Wolken strahlten rosig, die Sonne ging auf. Von all der Herrlichkeit sah die Pfarrerin nichts. – »Komm', Alma, komm', Kind!« Keine Antwort. Sie war ganz in sich versunken, lag mit halbgeschlossenen Augen und atmete sehr schnell. Zeit auf Zeit verstrich. Das Mädchen lag teilnahmlos mit dem Kopf auf der Mutter Schoß. Endlich wußte die Pfarrerin sich nicht mehr zu helfen und versuchte, sich und Alma aufzurichten. »Ja, ja. Mutterchen, ja – ja,« sagte das Mädchen dabei in einem rührend zustimmenden Ton. Sie waren nicht gar weit vom Hause. Die Pfarrerin hob ihr armes Mädchen mühselig in die Höhe, stützte sie, so daß sie sie fast trug, und schleppte sich mit ihr dem Hause zu. Dort legte die Pfarrerin sie in das Bett mit den Dornenkronen und den brennenden, durchstochenen Herzen nieder und setzte sich an den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen. Die junge Witwe kam, um der Mutter wie jeden Morgen die Fensterläden zu öffnen. »Ja, was ist dir, Mutter?« »Alma ist krank, ruft Uerle, daß er uns den Doktor schickt, wenn er zur Stadt geht!« Alma lag ganz teilnahmlos mit ihren Kleidern auf der Mutter Bett. »Bist du schon die ganze Nacht auf, Mutterchen? Ja, was ist denn? Was ist denn?« Die junge Witwe trat ans Bett ihrer Schwester und fühlte die starke Hitze, die von ihr ausging. »Fieber!« meinte sie ganz ratlos. »Hilf mir sie auskleiden,« sagte die Pfarrerin. Als die Kleider, in denen sie gestern so schön und glückselig war, nun ihr abgestreift waren, schlugen ihr die Zähne vor Frost aufeinander. Die Frauen hüllten sie warm ein, aber der böse Frost ließ nicht von ihr ab, warf ihren Körper hin und her. Man sah, wie die Schauer ihr über die brennende Haut fuhren. – »Ach, was macht ihr denn mit mir? – Was macht ihr denn mit mir?« Die beiden anderen Schwestern kamen; eine lief zu Uerle, der war auch gar bald zur Stelle. »Sie ist nicht bei sich, Uerle,« sagte die Pfarrerin in großer Bangigkeit, als er eintrat. Da war es aber, als wenn sie Uerles Nähe spürte. »Uerle,« sagte sie leise, von Frost geschüttelt. »Er soll nicht zu mir heraufkommen. – Er soll mich nicht so krank sehen. – – Wenn ich es nicht weiß, könnte er hereinkommen. – Niemand darf ihn hereinlassen!« sagte sie angstvoll. – »Versprechen, Uerle, versprechen! – Ich kann nicht wach bleiben.« »Gewiß nicht, Alma, bis Sie gesund sind!« Sie nickte. Die Augenlider lagen schwer über den Augen.   Schwere Tage zogen über das kleine Haus hin. Die beiden jungen Stollbergs gingen ein und aus, als wären sie die Brüder der Pfarrerskinder. »Wir müssen ihm Nachricht bringen. Er verzehrt sich dort unten vor Sorge.« »Und kommt nicht ein einziges Mal,« meinte die Pfarrerin. »Er kann nicht,« sagte der jüngere Stollberg. »Rechnen Sie ihm das nicht an. Und Alma will es nicht. – Beide sind sich gar wunderlich gleich. – Rühren wir nicht daran!« »Ja,« sagte die Pfarrerin; »Gott möge ihm helfen, daß er so lieben und leben kann, wie er lieben und leben muß. Wir anderen werden nicht gefragt, was wir wollen und können.« »Seien Sie nicht bitter, liebste Frau. Er ist wie aus einer anderen Welt, er steht unter anderen Gesetzen, und Alma, Ihr Kind, auch. Wir werden lebensstark durch unsere Liebe, und Ihr Kind liegt davon niedergeschmettert.« »Ich rühre ja an nichts,« sagte die Pfarrerin trübe. – »Wir lebten so still und glücklich, und nun spüren wir mit einem Male die Hand Gottes, die uns einen schweren, nie gesehenen Weg auftut.«   Ja, die Pfarrerin ging einen schweren Weg. Ihr Kind blieb nicht in der tiefen, lautlosen Fieberdumpfheit liegen wie in den ersten Tagen. Die lebensselige Sommernatur glühte in der Fieberglut der schweren Krankheit zu einem leidenschaftlichen Leben auf. Ohne Bewußtsein sang sie mit unendlich klarer, reiner Stimme Strophen aus dem alten heiligen Sommerlied: Die Bäume stehen voller Laub, Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide. Narcissus und die Tulipan, Die ziehen sich viel schöner an Als Salomonis Seide. Und sie sang dieselben Worte wieder und wieder. Oft auch fand sie keine Worte, nur jubelnde Töne, hell, bebend vor Seligkeit, daß sich allen, die es hörten, das Herz vor Weh zusammenzog. Die Stimme war so überströmend von Erdenwonne, daß sie erschauern machte. Die Fenster mußten immer geöffnet sein, denn sie ertrug den geschlossenen Raum keinen Augenblick, und so drang die unaufhaltsame, kristallklare, schöne, selige Stimme hinaus über die Felder bei Tag und bei Nacht. »Anbetungswürdig ist diese Seele,« sagte Uerle zur Pfarrerin, »daß sie solch große Seligkeit in sich trägt. – So singt eine Lerche im Himmelsraum, wie unsere heilige Sommerseele. Hören Sie doch ihren Gesang, sündlos und rein – und daß ein Geschöpf solche Wonne im Herzen trägt!« »Ja,« sagte die Pfarrerin trostlos, »dazu muß es von Sinnen sein.« »Wer sagt Ihnen das?« fragte Uerle. »Sie sieht uns nur nicht. – Sie weiß von nichts um sich her. Sie sieht nur in sich selbst hinein, und in ihr ist es so weiß und hell und wonnevoll, wie ihre Stimme ist. – In ihr ist eine große Herrlichkeit. – Geboren – gelebt, wie ein seliges Kind aufgefahren gen Himmel – sitzend zur rechten Hand Gottes!« Uerles Stimme bebte von verhaltenen Tränen. Er verbarg hastig sein Gesicht am Fensterkreuz, vor dem sie standen. »Uerle, was reden Sie?« sagte die Pfarrerin erschrocken. – Uerle aber wollte die Pfarrerin mit solch wunderlich wehen Worten trösten. Kein Arzt brauchte ihm zu sagen, daß seine Sommerseele im Entschweben war.   Nachdem das Fieber alle Kräfte verbrannt hatte, sank die Lebenswärme zu einer schauerlichen Kühle. Die Schwestern sagten: »Das Fieber ist vorüber.« Uerle aber und die Pfarrerin wußten es anders. Ganz leise flüsterte das Mädchen, zu Uerle gewendet, der an ihrem Bette saß, und so, als läge zwischen ihrem letzten und wieder ersten bewußten Wort keine lange, bange Zeit: »Wo ist er?« »Er ist voll Bangigkeit um Sie, Alma.« »Was mich hinderte, ihn zu lieben, ist nun fortgeglüht. – Nun liebe ich ihn bis in alle Ewigkeit. Sag' ihm, nun werd' ich ihm nah' sein.« Uerle hatte ihre letzten Worte gehört – ihr letztes Bewußtsein empfunden. Von nun an sank sie in eine kühle, bleierne Ruhe, die dem Tode voranging.   Im Hause regte sich stundenlang kein Laut. Die beiden Stollbergs standen draußen an einem der niederen Fenster, durch die der warme Sommerwind ins Zimmer drang, und schauten auf das stille Verlöschen und den schweigenden Schmerz derer, die zurückblieben. Die Pfarrerin hielt die erkaltende Hand ihres Kindes in der ihren, mit der Ruhe, welche das Leben jenen Schmerzgeprüften gibt, die den größten Teil des Weges schon gegangen sind. Die sind so schmerzbekannt, so schmerzverwandt, daß sie sich mit einer Würde betragen, die den Jungen, Ungeprüften wie ein Wunder erscheint. Die drei Töchter hingen mit ihren Blicken an ihrer Mutter, als käme von ihr in dieser fremden, bangen Stunde Rat und Hilfe. Als die Pfarrerin sich über ihr Kind beugte und ihm die Hände ineinander faltete, da wußten sie alle, daß es geschehen war. Die Pfarrerin blieb stumm über ihr Kind gebeugt, – Uerle stand am Fußende des Bettes, und die drei Schwestern knieten, wo sie gestanden hatten, die eine verbarg ihr Gesicht in den Händen, die beiden anderen suchten Schutz in enger Umschlingung. Lautlos kamen die beiden Stollbergs herein, und der jüngere sagte hingerissen: »Sie hat sich ihm selbst entrückt durch ihre große Liebe und ihr tiefes Verstehen. Das wurde ihr tödlich, daß sie alles erkannte. – Ihn wollte sie nicht binden und euch nicht kränken. Wir gehen zu ihm!«   Die schöne Hülle der Sommerseele lag schlafend im weißen Sarg, unter Blumen, einen weißen Rosenkranz auf dem bleichen Haupt. Mutter und Schwestern, Uerle und die Stollbergs hegten und schmückten das stille Geschöpf. Nachts vor dem Begräbnis wurde sie im offenen Sarg von Uerle und einem braven Menschen, den er kannte, sowie den beiden Stollbergs nach Süßenborn getragen. Die zwei Söhne des Lehrers von dort trugen Fackeln und wechselten mit den Trägern. Das alles hatte Uerle so gewollt. Ulrikchen blieb bei der Mutter und beim Bübchen. Die beiden anderen Schwestern folgten dem Sarge. Es war eine schöne, milde Sommernacht. Die Pfarrerin sah, wie sie ihr gutes Kind den schmalen Weg durch die wogenden Felder trugen. Der Himmel war sternfunkelnd. Die sanfte Nachtluft strich über das geliebte, tote Gesicht. Und aus der Ferne hörte die Mutter zwei verschleierte Mädchenstimmen eine Strophe aus ihres Kindes Lieblingslied singen: Der Weizen wächset mit Gewalt, Darüber jauchzet jung und alt Und rühmt die große Güte Des, der so überflüssig labt Und mit so manchem Gut begabt Das menschliche Gemüte. Welch hohe Lust, welch heller Schein Wird wohl in Christi Garten sein, Wie muß es da wohl klingen? Da so viel tausend Seraphim Mit unverdross'nem Mund und Stimm' Ihr Hallelujah singen. Das mochte der Pfarrerin ein gar schmerzvolles Lied sein. Das stille Mädchen lag ihre letzte Nacht auf Erden an dem Süßenborner Kirchlein zwischen sechs brennenden Kerzen. Ihre alte Kinderfrau, die noch im Süßenborner Pfarrhaus bei den neuen Pfarrersleuten ihres Amtes waltete, hatte es sich nicht nehmen lassen, bei ihrem guten Kinde zu wachen. Uerle und die beiden Mädchen gingen langsam und schweigend dem Häuschen auf dem Horn wieder zu. Die beiden Stollbergs aber eilten. »Wir müssen zu ihm! Wir sahen sie in ihrer Schönheit bis zu dieser Stunde. Es war ein so ruhiges Verlöschen, so begreiflich, als wenn die Sonne untergeht. – Er kämpft mit Unbegreiflichem. Uns zeigte die Natur im Bilde, wie weit sie begriffen sein will. Er geht ins Ungemessene. Er leidet tiefer als wir alle.« Aus Goethes Gartenhaus an der Ilm schimmerte spät in der Nacht ein einsames Licht aus offenem Fenster heraus auf die nebligen Wiesen. Die hohen Wipfel der Bäume im Garten und in der ganzen Weite, am Horn und an den Ufern der Ilm wurden von keinem Windhauch berührt. Die Nebel lagen wie schimmernde Schleier. Aus dem Garten begannen zarte Geigentöne sanft hinaus in die Nacht zu klingen. Zwei Freundgestalten standen unter dichten Bäumen nicht allzufern vom erleuchteten Fenster und spielten eine ernste Weise. Sie wollten eine große, beraubte Seele beruhigen, eine, der alles Lebensleid zu Musik werden sollte. Auf ihren Geigen spielend, gingen sie lautlos im Grase auf und nieder, so daß die Töne dem, der im erleuchteten Stübchen war, bald nah, bald fern klingen mochten. Ein kaum vernehmbares Aufschluchzen vom Hause her ließ die Geigentöne verstummen. Der Morgen graute. Ueber die Wiesen sah man die beiden Gestalten durch die Nebelschleier gehen, immer geigend, der schlafenden Stadt zu. Jugend In dunkler Sommernacht fuhr die alte, gelbe Postkutsche auf der Erfurter Chaussee ihrem Ziele, dem Städtchen Weimar, zu. Eine laubduftende, schwere, warme Nacht, der Mond schon untergegangen, die knorrigen Obstbäume am Straßenrand wie dunkle, kaum angedeutete Silhouetten, die weitausgedehnten Kornfelder strömen des vergangenen Tages Wärme und Wohlgerüche aus. In der Postkutsche sind beide schmale Fenster niedergelassen, und ein einziger Passagier, ein junger Mann, atmet den Ledergeruch des alten Rumpelkastens, diesen Reisegeruch jener Tage, der sich zu solcher Stunde mit der weichen, geheimnisvollen, nach Korn duftenden Finsternis mischt. Aus dem Chausseeeinnehmerhaus blinkt ein trübes Oellämpchen wie ein schläfriges Auge. Der einzige helle Punkt weit und breit. Der Postillion klatscht mit der Peitsche – klatscht wieder und wieder, spuckt aus. »Die Luder schlafen, – wie gewehniglich.« Er hat sich vom Bock geschwungen und macht sich am Halfter der Pferde zu schaffen. So ein feuchter, dumpfer, zärtlicher Klatsch durch die Dunkelheit. Er hat dem Handpferd das weiche Maul geklopft. Die zarten, mächtigen Lippen schlappen feucht gegen die Trense. Durch das ganze Tier geht ein freudiger Ruck der Genugtuung. Darauf eine Erschütterung der alten Kutsche. Der Postillion ist wieder aufgesprungen, flucht noch einmal über die verschlafenen Luder – und fort geht's, hart und rasselnd; und ein junger Schwärmer wird so der alten, wunderlichen Stadt zugeführt. Der Postillion denkt bei sich: ›Gewiß och wieder eener von denen, die nich alle werden. Du meine Gite! Was hat denn der dervon, wenn er och en bar Mal an Herrn von Gethes Haus vorbeimarschieren dhut, oder auch, wenn's Glicke gut ist und wenn'r 'reinkimmt! Jesses ne! Wenn ich Herr von Gethe wär', ich dächte mir: Blost mir in' Aermel! Hab' ich 'n mehr als zwee Beene, daß 'r so ahngenärrscht kommt? Nä, mir werd's ibel, wenn ich denke, mich wullten's alle zu sehen krieche, die Narrn. Der drinn tät och besser, sei Gerschtel firs Studium ahnzuwenden statt von Gettungen rein zu machen, oder woher er kimmt. Na, wenn's en freit, mir gann's wurscht sein.« Damit gab er seinen beiden Braunen ein Aufmunterungswichslein und vorüber rasselte es am Galgenberg, der dazumal sein Warnungszeichen noch trug. Drin in der düsteren Kutsche schlug ein frisches, kühnes Herz, ein Herz voller Schwärmerei, wie jetzt keine mehr schlagen. Jetzt brennen die jungen Herzen, die wirklich brennen, Anthrazitkohle, ein konzentriertes, bestausgenutztes Brennen, in spitzer, scharfer, blauer Flamme. Damals aber brannten die jungen Herzen Holzfeuerung, da knisterten Kienäste, da prasselte viel unnütz feuchter Saft in Feuergarben, und dunkler, schwermütiger Rauch schwelte. Es war ein lustiges, träumerisches, verschwenderisches Brennen. Ja, ein kleiner Ueberrest von solchen flammenden Holzstößen hat sich in unserer Zeit noch in Backfischherzen hinübergerettet. Da knistern noch hin und wieder rührende Flämmchen für irgendein Idol. Aber was ist das armselige Knistern gegen die Feuersbrunst in jener Postkalesche. Vorgebeugt, die Hand in die Haare vergraben, saß jetzt der junge Mensch. Seine Nasenflügel weiteten sich, es war, als witterte er Goethe, je näher er Weimar kam. Er wallfahrte wie zu einem Gott. Und wenn er sich hätte durchbetteln müssen, einmal in seinem Leben mußte er in Goethes Nähe sein. Da er verstand, den Augenblick zu nützen, hatte das erste Geld, das als rundes, freies Sümmchen seine Hand berührte, ihn reisefertig gemacht. Und nun war er da! Vor dem Erfurter Tor, am Chausseehäuschen, wurden seine Papiere beim Schein einer Laterne, in der zwei jungfräuliche Talgkerzen brannten, begutachtet. Seinen Namen trug er in ein Fremdenbuch ein und wurde dann unbeanstandet mitsamt der alten Rumpelpost eingelassen. Der Postillion blies liebevoll und falsch: »Muß i denn – muß i denn zum Städtli hinaus – Städtli hinaus«. Was geht das einen alten Postillion an, ob er hinaus- oder hineinfährt. Völlig »wurscht« ist ihm das. Er fuhr seinen jungen Passagier bis vor den Russischen Hof, weil der doch einmal am Wege zur Post lag. Und somit stand der Schwärmer alsobald auf heiligem Boden. »Da missen Se schellen, wenn Se n'ein wollen! – aber dichtig – hären Se, die hären och nich!« rief der Postillion. »Und auf Ihren Kuffert geben Se Owachtchen! Seit mir gar so viel bedeitende Leite ins Nest kriechen, wäre mir Weltstadt.« Damit rumpelte er weiter und nahm sein Stücklein wieder auf, denn er mußte blasend in den Posthof einfahren. Der junge Mann aber stand in schweigender Nacht mitten in Goethes Stadt. Ihm war zumute, als wäre er in einen geheimnisvollen Tempel geraten, in dem ein Gott leibhaftig seinen Wohnsitz genommen hatte. Endlich läutete er, und ein verschlafener Hausbursche nahm sich seiner verschlafen und »sachtchen« an. Es war ein echter und rechter Hausbursche mit Zipfelmütze und Laterne, kräftigen Stallgeruch um sich verbreitend. »Da sin Se mit der letzten Post rein? – Ja – is'n schone nach zwelfe?« fragte er bedächtig. »Da wollen Se wohl ä Zimmerchen?« Und er bekam ein Zimmerchen, ein Riesenzimmer, in dem drei weißüberzogene Betten wie Nippsachen verschwanden. »Se brauchen doch nischt weiter,« fragte der Hausknecht – und zwar ohne Fragezeichen; zündete eine Talgkerze, die in einem Messingleuchter stand, bedächtig an seiner Laterne an. Die Lichtputzschere fiel dabei polternd zur Erde. »Daß dich der Deiwel!« gähnte er und suchte schlaftrunken ihrer wieder habhaft zu werden. »Da sin Se wohl zum Feste rein?« »Zu welchem Fest?« »In Diefurth unten.« »Nein.« Da wußte der Fremde nichts davon. »Was ist da los? Kann man dahin?« »Fremde von Distinktion schon.« »Wieso?« »Was jetzt so hier durchkommt un sich hier aufhält, wenn's nicht Handlungsreisende sin, sind's allemal welche von Distinktion. Was soll denn eens hier duhn?« Dieser Rede dunkler Sinn wurde dem Fremden nicht sofort klar, wie er es wohl auch dem Hausknecht nicht war, denn was der sich unter »Fremde von Distinktion« dachte, Gott weiß es. Seiner Erfahrung nach vielleicht Genies, und was von durchreisenden Genies zu halten war, das wußte er eben seiner Erfahrung nach: Unbezahlte Rechnungen, keine Trinkgelder, Scherereien aller Art, zweifelhafte Leibröcke, nicht salonfähiges Schuhwerk. Ja, man erzählte sich im Russischen Hof, daß ›Geheimderat« Bertuch jährlich eine gewisse Summe, vom Hof aus, zu verausgaben habe, einzig dazu bestimmt, die Toilettendefekte der durchreisenden Genies zu kaschieren. Da gab's Geschichten, es brauchte nur einer im Russischen Hof und im Elefanten nachzufragen. Prüfend schaute der Hausknecht, bei der jetzt glänzenden Beleuchtung der Laterne und der Talgkerze, noch einmal auf die Toilettenverhältnisse des Fremden und kam zu der Ueberzeugung, daß dieser kein Genie sei. »Befehlen der Herr noch was zum Nachtessen?« geruhte er aus diesem Grunde zu fragen. Der Fremde bestellte sich eine Flasche Wein, was auf den Hausknecht wieder einen günstigen Eindruck machte. Ein Genie hätte sich einen Grog bestellt. »Sag Er mal, mein Lieber,« fragte der junge Mann und hielt die schlürfende Bedienung im Hinausgehen auf, »wie ist das mit dem Feste?« »Na, da kommen Se schone hin, wenn Se wollen – i worum nich? Da geht morgen alles, was Beine hat und nur irgend was is.« »Und Herr von Goethe?« »Der allemal. Wo wäre der nich derbei? Auffihren dhun se ä Sticke von ihm. Was wees ichn, was immer lus is. Fragen Se nur beim Wirt, der verschafft Ihnen ä Bullet so sicher wie's Amen in der Kerche. Gegen Zugereiste sin mer in Weimer immer artig.« Der junge Fremde, als der Hausknecht ihm den Wein gebracht und Gute Nacht gewünscht hatte, öffnete weit ein Fenster, goß sein Glas bis an den Rand voll und trank es dem zu, dessen Nähe er hier spürte. Dann schaute er angestrengt in die Dunkelheit hinaus. Alte Linden, die einen Weg oder einen Wassergraben beschatteten, ein kurzer, breiter Turm, allerlei Unbestimmtes, das aufdämmerte, trügerische Formen und tiefe Stille. Ein Uhr schlug es jetzt mit traulichem Schlag. Der Nachtwächter machte die Runde und sang sein Lied. Ob derselbe auch vor Goethes Haus singt? Der junge Fremde hörte andächtig zu. Rührung, als wäre er in seiner eigenen Heimat nach langem Umherirren angelangt, überkam ihn. Es wurde ihm so sonderbar zumute, als er dachte, daß der große Mann keine Ahnung hatte, was für ein treuer Freund ihm hier angekommen war, und daß er wohl nie etwas davon erfahren würde. Das schmerzvoll einsame Gefühl einer unglücklichen Liebe stieg in ihm auf. Er war gekommen, einen Gott anzubeten, einen Begriff – und fühlte hier die Nähe des Menschen auf sich wirken, des Menschen, von dem er ein Echo für seine Begeisterung wollte. Mit einem Mal kam er sich so unnütz in dem dunkeln, alten Städtchen vor; seine Reise erschien ihm lächerlich, was ihm zwingend gewesen war, zerfiel zu nichts. Ja, er mußte ihn sehen und sprechen – das war's! – das mußte sein! Und aufgeregt ging er im Zimmer auf und ab. Doch höchst eigentümlich, daß er gerade zu diesem Feste kommen mußte! Seine Phantasie machte die tollsten Sprünge – und er ging schlafen als Goethes ganz unentbehrlicher Freund, als der, den der große Mann längst gesucht und endlich gefunden. Er tat dem Verehrten die wichtigsten Dienste, siedelte ganz nach Weimar über und war der glücklichste Mensch.   Ein wunderbar sonniger Sommertag brach an. Der Student war mit dem Frühsten munter, und es währte nicht lange, da durchwanderte er die engen, winkligen Sträßchen Weimars. An dem großen, gußeisernen Brunnen stand er und starrte auf die lange Reihe schlichter Fenster, hinter denen der Große lebte. Zufällig erfuhr er, daß Herr von Goethe sein Gartenhaus unten am Stern schon bezogen habe. Er ging sofort dahin und sah sich die Augen halb aus. Sonnenfrieden über den hohen Baumwipfeln, dem weißen Häuschen mit seiner hohen, grauen Schindelmütze, weite Wiesen, Vogelgezwitscher. Die Wiesenblumen stehn in voller Pracht. Es ist nichts Lieblicheres zu denken als dieser grüne, weiche Friede. Nirgends ein Haus. Kein Geräusch – keine Menschenseele. Hier verbringt also dieser Glücklichste seine Sommertage! Eine Einsamkeit, die er in wenigen Augenblicken mit der reizvollsten Geselligkeit vertauschen kann. Ihn lieben die Götter! Das steht fest, und zwar alle ganz einmütig. Und so weise, diese stillen Erdenwinkel zu finden – zu halten und zu genießen! Von hier aus strahlte also das Begeisternde über ganz Deutschland, von hier ging es aus, das frische, starke Leben, das sich in Tausende steifer und schlafender Alltagsherzen ergoß und sie lebendig schlagen ließ. Ja, wahrhaftig, so ein Student vergibt sich nichts, wenn er hier auf- und niederrennt in mächtiger Begeisterung.   Als er wieder in seinen Russischen Hof sonnedurchwärmt zurückkehrte, hatte der Wirt ihm bereits ein Billett vom Hofamt zur Aufführung in Tieffurth holen lassen. Mit welcher Weihe, Vorsicht und Eleganz kleidete er sich am Nachmittag an, wie ein Bräutigam. Und stattlich und schön sah er aus, das mußte er selbst zugestehen. Er war mit sich zufrieden, – ein Fremder von Distinktion. So machte er sich gegen Abend auf, nach Tieffurth zu wandern. Der Wirt wollte ihn bereden, ein Fuhrwerk zu nehmen, der Gast aber wollte gehen, den heiligen Boden berühren und auf Schritt und Tritt hoffen, daß ihm etwas Intimes, Entscheidendes begegne. »Fehlen können Sie nicht; wo alles hinrennt, laufen Sie mit,« sagte der Wirt, als er seinen Gast bis vor die Haustür begleitete. »Sehen Sie dort, mein Herr, dort die geputzten Frauenzimmer, denen gehen Sie nur getrost nach, dann sind Sie sicher nicht irregegangen.« Ein ganzer Schwarm junges Volk! Das lachte und schwatzte, flatterte in hellsten, lustigsten Farben wie ein wandelndes Blumenbeet, Eifer, Lebenslust, Ausgelassenheit. Ah, denen war's wohl! Solche lustigen Vögel wohnten auch in dem engen, grauen Nest. An solches Nebenvolk hatte unser guter Junge noch gar nicht gedacht. Für ihn thronte hier Goethe, der Gottmensch, daß sich irgend etwas anderes hier noch breit machen konnte! – Und wie es sich breit machte, nahm die ganze Straße ein, eine an die andere gedrängt, eine ganze Kette lustig flatternder Fähnchen, blumengeschmückter Häupter und nickender Hüte – und Lachen und Kichern ohne Ende. Das waren im Grund ganz annehmbare Führer. Er beeilte sich, sie nicht aus dem Auge zu verlieren. Welch schöne, schattige Allee, in die sie jetzt einbogen. O, sie wußten ihren Weg. Hinter ihnen, vor ihnen wanderte buntes Volk; aber zwischen ihnen und dem Studenten war ein freier Raum. Er hielt sich tapfer ihnen nah, wenn auch in gemessener Entfernung. Da war eine unter den jungen Frauenzimmern, die lachte, wie er noch nie lachen gehört hatte. Das war ein Lachen! Und wenn sie damit anhub, flog ein ganzer Chor von Lachstimmen mit der ihren auf, wie ein Schwarm weißer, sonnebeschienener Tauben. So lustig waren sie hier in diesem Nest, da mußte eine gute, leichte Luft sein. Hier mußte sich's leben lassen. Es war nicht nur das Lachen, das ihm das fremde, kleiderumflatterte Ding merkwürdig machte, nein sie war eben ganz Lachen – da war kein Blutstropfen, der nicht mitkicherte. Bald hing sie der einen am Hals, bald der andern. Da hatte sie etwas zu tuscheln, da gab sie einen Schubbs als Antwort. Jetzt nahm sie den Hut ab, da flogen die lebendigsten, blonden Locken im Sommerwind, – so volle, runde, leichte Locken. Sie war gegen die anderen Frauenzimmer wie nicht bekleidet. Ihre Körperformen drangen mutwillig durch alle Falten hindurch, ließen sich gar nicht verbergen. Es war so etwas Lustiges, Bewegliches in ihnen. Sie war es auch, die den Fremden zuerst bemerkte. Er verstand, wie sie sagte: »Da steigt uns einer nach!« und darauf das köstliche Lachen, als wollte sie sich in Lachen auflösen. Sie schien eine lose Bemerkung geflüstert zu haben. Den ganzen Schwarm brachte sie in Aufregung. Und nicht lange währte es, da schaute sie sich um und wieder um. Die Mädchen verlangsamten ihr Tempo, als sollte er an ihnen vorübergehen. Und er ging auf diesen Vorschlag ein, benutzte aber sein Recht als Fremder, zog den Hut und fragte die geputzten Frauenzimmer nach dem Tieffurther Weg. Das bewegliche Mädchen erwiderte ihm: »Da sind Sie ja ganz recht. O, – als ob Sie den Weg nicht wüßten. Wir haben Sie längst gesehn, mein Herr.« Er versicherte aber, daß er völlig fremd hier sei. »Ihr müßt's wissen,« wandte sie sich an ihre Begleiterinnen, »ob der Herr hierher gehört oder nicht. Ich bin selbst fremd hier.« »Nein, sie hatten ihn noch nie gesehen,« kam es schüchtern bestätigend von manchen Lippen. »Na also, wenn's so ist, wie Sie sagen, da gehen Sie nur, wo wir gehen. Wir kommen schon an.« So war er also mitgenommen. Unterwegs hielt er sich zu dem schönen Geschöpf. Die andern waren mehr oder weniger von jetzt an wie auf den Mund geschlagen, sehr ehrbar und steif. Ein adrett gekleidetes Demoisellchen sagte: »Ich bin nur begierig, wo wir auf Frau Rätin Tiburtius und die andern ältern Damen treffen.« Die junge Schönheit, die das gehört hatte, wendete sich zu dem Studenten. »Nicht wahr, Sie fressen uns nicht, auch wenn wir ohne alte Schachteln sind?« »Aber Lorchen!« »Jawohl, ihr kommt nie aus dem Steckkissen raus. Sind wir nit Manns genug? Alte Weiber kann i nit leiden, wenn's einen immer auf der Nasen sitzen.« Der Student stellte sich auf das wohlerzogenste vor. »Hoffentlich tanzen Sie?« fragte das schöne, lebhafte Mädchen. »Zur Not, Demoiselle.« »Ach was, wenn man tanzt, tanzt man nit zur Not!« Sie war Fränkin, das verriet sich gleich. »Aus Koburg?« fragte er. »Ja, nit wahr? Und wie alt sinds? Sinds verehelicht oder ledig? – Wie auf dem Paßbureau? Ich weit nit, daß die Leut hier gar so schwerblütig sind.« »Lorchen!« sagte wieder eine Kameradin flüsternd ermahnend. »Ja, steifleinen sind hier die Leut! Wissens, gestern ist mir der Herr von Goeth nachgestiegen – der Oberbonz – der merkte auch, da läuft was nicht Weimarsches.« »Goethe! – Nein!« rief der Student außer sich. »Na, als ob nit? Freilich und wie! Gestiegen ist er wie noch mal 'n Kavalier. Zu kurze Beine hat er gehabt, – das hatt' ich gleich weg!« Im Eifer des Gesprächs hatte sich Lorchen in die Arme des Studenten eingehenkt und hatte es so kindlich, reizend und lebhaft getan, als müßte es so sein. Eine ihrer Kameradinnen sagte zur andern: »Kokette Trine, die!« – Die Erwähnung der kurzen Beine gab dem Studenten einen Stich ins Herz. So einem Frauenzimmer ist nichts heilig. »Aber Demoiselle,« sagte er verweisend. »Der, wenn nit zu kurze Beine hat und nit zu eingebildet ist, will ich Matz heißen. Kurzbeiniges Mannsvolk ist mir nu ma zuwider. Und wenn eins schreiben kann wie zwanzig Schulmeister zusammengenommen.« »Na, und wenn ich denke, wie der abgeschleckt werden würd, wenn alles schlecken dürft, was wollt! Nein, der könnt schon um ein Busserl vor mir auf der Erde rutschen – nit um die Welt! So'n Aff!« Der Student hatte einen solchen Aerger über die dumme Gans, daß er sie am liebsten abgeschüttelt hätte; – aber wie er so auf sie niedersah, stieg es ihm glutheiß zu Herzen. Da wogte und vibrierte alles in und um das herrliche Persönchen. Das Leben jagte sich nur so in ihr. Die Augen hatten einen Glanz, als wären sie an ganz andere Sonne gewohnt. Ihre Schritte tanzten, der feuchte Mund glänzte und lächelte, und die junge Brust hob und senkte sich so lustig, so in süßer Harmonie. Um dies ganze Geschöpf war ein fremdes, sonniges, warmes Klima für sich, das sie von allen andern absonderte. Sie mochte tun, was sie wollte, sie tat es wie in einer eignen Atmosphäre. Nein, so etwas war dem braven Studenten aus gutem Haus wahrlich noch nicht über den Weg gelaufen. Unwillkürlich hielt er den warmen, lebendurchströmten Arm fester an sich gepreßt. »Drückens nit so!« sagte sie schelmisch. Die meisten der jungen Frauenzimmer schauten schon mißbilligend auf sie. Das mochte heute abend gut werden. Die würde alles an sich reißen. »Unverschämte Person.« Die aber kümmerte sich um keine Billigung und keine Mißbilligung, plauderte mit ihrem Studenten und war drolliger Einfälle voll. Nicht lange währte es, da hatte sie weg, daß er ein Goetheschwärmer war! Das amüsierte sie köstlich. »Nein, ein Mannsbild fürs andre! Daß i nit lach! Sie verrückter Tropf!« Und sie lachte und guckte ihm so schelmisch von unten herauf mitten in die Augen, als wollte sie sagen: ›Da könntest du wohl was Besseres tun.« Als sie in Tieffurth angelangt waren, strömte es von erwartungsvollen Menschen das Ilmufer entlang. Es dunkelte schon. Und bei völliger Dunkelheit sollte die Aufführung beginnen. Man sprach von einem wirklichen Kahn auf der Ilm und von einer kleinen Freitreppe, die zum Wasser hinunterführt. Heutigen Tags sind diese paar Stufen noch zu sehen. Von einem chinesischen Tempel mit kleinen Glöckchen, der Tempel mit Wachstuch überzogen, von da aus sollten die Herrschaften das Schauspiel betrachten. Der Tieffurther Park mit seinen hohen, herrlichen Bäumen, der plaudernden Ilm, den weiten Wiesen, den bunten, heitern Menschen machte auf unsern Studenten einen entzückenden Eindruck. Vom Schlosse her sanfte Musik. Und so in Goethes Nähe mit dem schönen Mädchen am Arm! Mit dem Mädchen, das sich gestern in Goethes Augen widergespiegelt hatte, das, wenn sie wirklich wahr gesprochen hatte, vom Goethe bemerkt war, das ihn entzückt hatte. Ja, eigentlich weshalb denn nicht, war sie denn nicht entzückend? Und sie hatte ihn – Goethen vorgezogen? Toller, unsinniger Gedanke! Und dieser Gedanke packt ihn, benebelt ihn. Welch ein sonderbares Schicksal! Er ging mit seiner heitern Schönen die Ilm entlang, aus dem Bereich der Masse. Und ging, ohne zu denken, daß er ging. Er fühlte sie; – ihr wunderbares, lebendiges Klima erwärmte, verschönte, belebte auch ihn. Das einzige, was er empfand, war – sie bald – bald zu küssen! Er wollte sie nur ganz von lästigen Spähern abtrennen, und so gingen sie und gingen ins Unbewußte hinein. Sie an ihn fest angedrängt. Ja, er durfte wagen, sie zu küssen! – und er küßte sie so ganz einfach, ohne ein Wort zu sagen, als kennten sie sich schon lange. Sie trank seine Küsse – ja, sie trank sie durstig. »Ich weiß nit,« sagte sie, »du bist so ganz mein Gusto – so ganz was ich will; gleich gefielst du mir. Und morgen reis' ich, du gehörst Gott weiß wohin – – und ich, Gott weiß wohin. Frag nit nach mir. Küß mich halt. Ich möchte so gern grundselig heut sein!« Ja – und er küßte sie. Die weichen, lebendigen Locken schlangen sich ihm um die Hände. Der Mond schien, die Ilm rauschte. Sie waren weit, weit vom Festplatz entfernt. Zarter Gesang, eine wundervoll singende Frauenstimme, gedämpfte Musik, fernes Aufleuchten und Flimmern. »Jetzt spielen sie,« sagte sie lustig und dennoch wie hinsterbend vor Wonne. Die Ilm glitzerte ihnen zu Füßen. »Die, mit ihrem dummen Kahn,« begann das schöne, liebestrunkene Geschöpf wieder – »solche Kindereien – Nicht, du? und einen Tempel aus Wachstuch! Weißt du, so am Wasser, wie hier, bin ich aufgewachsen; auf unserm Gut. An der Schulstub, in der wir beim Hauslehrer lernen mußten, floß solch ein Wässerlein vorbei. Die ganzen Sommertage lebten wir darin. Naß kamen wir durchs Fenster in die Stub, wenn der Lehrer zum zwanzigstenmal gerufen hatte, ein ganzes Rudel Mädels und Buben. Triefend standen wir um den Tisch. Die ganze Stube schwamm. Er schlug nach uns. Wir lachten. Ach, weißt du, das war schön!« Sie dehnte sich in seinen Armen bei dieser Erinnerung. Ja, das hatte ihr gefallen, das war so ganz ihr Gusto gewesen, wie es schien. »Dann kamen böse Zeiten,« sagte sie träumerisch. Mit einem Mal aber war ein ganz übersprudelndes Leben in sie geraten, als wären irgendwie Lebensschleusen geöffnet morden. Sie hing an seinem Hals mit einer süßen, wallenden Leidenschaft und sagte flüsternd, mit spitzbübischer Freude an einem tollen Streich: »Gehen mir ins Wasser – weißt? – Laß die Dummen dort mit ihrem eingebildeten Zeug! Das wirkliche Leben ist so schön – – so schön! Und hier das bissel Musik, was herüberklingt, ist besser als die ganze Geschichte.« Sie zog ihn mit sich fort. »Hier«, flüsterte sie im Laufen, »findet uns keine Menschenseele. Wer käm' auf die weite Wiese gegangen? Jetzt glotzen sie alle. –« Und wie im Nu waren die flatternden, leichten Kleider abgestreift, nach alter Gewohnheit, kinderhaft leicht. – Und vor ihm stand im nebelhaften, flimmernden Mondlicht, unter dichtem Zweiggewirr – ein leuchtender, süßer, lockenumwallter Körper. Ihm benahm der plötzliche Anblick den Atem. Das war wie Zauberei geschehen, und so behende wie eine Eidechs huschte sie das Ufer hinab – und jetzt leuchtete es auf in den Wellen – lockend – silbern – und das süße, unwiderstehliche Lachen erklang. »Komm, dummer Bub, eil dich.« Ja, und auch er legte seine Kleider ab, wie im Rausch, wie im Fieber, mit klopfendem Herzen. Und sie empfing ihn mit einem tollen Sprühregen, schlug mit den leuchtenden Armen in die Wellen und warf ihm das Wasser händevoll ins Gesicht. Dabei immer das köstliche, halbunterdrückte Lachen. Dazwischen die ferne, singende Frauenstimme, dann Chorgesang und Musik. »Das tun sie für uns!« lachte sie. »Wenn die das wüßten!« Sie peitschte ihn mit ihrem Haar, als er sie packte, in die Höhe riß und auf seinen Armen trug. »Läßt du mich! eklicher Bub!« rief sie und schlug und biß um sich wie eine wilde Katze. So tobten und rangen sie miteinander in süßer Wut – und wieder ausgelassen wie zwei Schulbuben, und trieben es endlos. »Nun noch einen nassen Kuß,« flüsterte sie, legte ihr feuchtes Gesicht an das seine und küßte ihn so zierlich wie ein kleines Kind. Dann in ein paar Sätzen war sie beim Ufer hinauf zum Platz geeilt, wo ihre Kleider lagen. Wie ein verkörperter Lichtstrahl im Mondenschein leuchtend, schüttelte sie sich, schüttelte ihre Locken und im Nu war sie in ihren Gewändern; dann stand sie und wartete auf ihn, erbat sich sein Taschentuch, um ihr feuchtes Haar zu trocknen, trocknete und rieb, steckte die luftigen Locken zierlich auf; und stand bald wieder da in ihrem fraulichen Reiz, das festlich gekleidete, junge Mädchen. Für ihn war es beschwerlicher, wieder in sein Kleidergehäuse zu kommen. Das dichte Buschwerk machte es ihm nicht leichter. Zu guter Letzt wollte die hohe kunstvolle Krawatte nicht sitzen, und er kam nicht so recht vollendet in der Erscheinung zur zierlichen wartenden Nixe zurück. Sie hing sich in den Arm ihres hingerissenen, betäubten Begleiters ein, nestelte an ihrem Oehrchen und drückte ihm etwas in die Hand. »Das behalte zu meinem Gedenken.« Das sprach sie würdig wie der Priester beim Abendmahl, schlang noch einmal den Arm um ihn und küßte ihn mit hinsterbender Leidenschaft. »Du hast mir gleich so gut gefallen,« wiederholte sie noch einmal und sagte das so einfach. »Wann sehen wir uns wieder, Lorchen?« fragte er außer sich. »Nie. – Nein gewiß, nie. Ich reise noch heut in der Früh.« Da lachte sie über den Reim – und weinte dazwischen und lachte wieder. »Laß dir ein Ringerl davon machen.« Sie tippte ihn auf die verschlossene Hand, in der er das Angedenken hielt.   Als sie an den Festplatz kamen, waren alle Lichter gelöscht, – das Schauspiel aus, die Herrschaften zur Tafel gegangen. Er hatte Goethe zu sehen versäumt! Und wie er sich dessen inne ward, ganz verblüfft stand, war ihm das feuchte Nixlein schon von der Seite gekommen, entwischt wie ein Zauber – unter einer Gruppe von Leuten verschwunden. Er lief ihr nach, – er suchte sie – suchte sie bis spät in die Nacht, wie ein Unsinniger. Einmal war es ihm, als sähe er sie auf dem Tanzplatz unter der großen Linde im Gutshof, im Arm eines vornehmen Herrn mit dahinrasen, als er aber näher hinzukam, war sie wieder im Gedräng verschwunden.   Abgemattet kam er gegen Morgen in Weimar an, mit wirrem Kopf; trostlos, etwas Köstliches verloren zu haben und Goethe nicht gesehen zu haben. Und er hatte kein Glück, während seines Aufenthalts in Weimar bekam er ihn auch nicht zu sehen. Das hatte er verscherzt. Das Angedenken, das ihm Lorchen hinterlassen hatte, war ein rotes, ovales Muschelstück mit einer Gemme darauf, ein Apollokopf mit Sonnenstrahlenkrone, und er ließ noch in Weimar dieses kleine Pfand zum Ringlein umbilden und trug es sein Lebtag. Die Kristallkugel In des Ettersbergs langgestreckter kahler Halde lag ein Gutshof, nahe dem Sperberschen Gute; aber nicht wie dieses völlig eingebettet in wogende Felder auf der breitesten, flachsten Stelle des Höhenzuges. Er lag dem bewaldeten Bergrücken näher, so daß dieses Gehöft über das Sperbersche ein wenig hochmütig herabsehen konnte, wozu es freilich nicht Ursache hatte, denn der Sperbersche Besitz stand ihm an Ausdehnung nicht nach und nicht an strohgedeckten, mächtigen Scheunen und Ställen und dem stattlichen Wohnhaus. Das Gut aber, nahe dem Walde, gehörte einem alten Soldaten, dem Rittmeister Rauchfuß, der nach Kriegs- und Friedensstrapazen in den Ruhestand getreten und rauhbeinig in seine Vaterstadt zurückgekehrt war, um dort irgendwo unterzukriechen und seine kleine Pension ganz in der Stille zu verzehren. Aber nach einigen Jahren der Ruhe war aus dem grämlichen Veteranen ein recht munterer Herr in den besten Jahren geworden, der unter den weimarischen Bürgersleuten sich eines bedeutenden Rufes erfreute als Bruder Lustig und guter Gesellschafter; und so kam es auch, daß er schließlich oben auf dem Ettersberge in den stattlichen Gutshof einheiratete, die Tochter seiner Hauswirtin, eine junge Witwe, heimführte und so Gutsherr und Gatte eines netten Weibchens wurde. Er residierte wie ein Falke über der kleinen, engen Stadt, in der sich so viel Wunderliches, Fremdes regte, was dem alten Soldaten als sehr unnötig erschien. Große Herren gingen dort in den engen Gassen ein und aus, die weder Fürsten noch Generale, nicht einmal Rittmeister waren, und nach denen sich die Leute doch ehrerbietig und neugierig umschauten: – Federfuchser! – Einfach zum Lachen. Die Witwe aber und der Gutshof befanden sich nicht allzu wohl in den Händen des alten Soldaten. Der fuhr mehr, als es nötig war, in seiner kleinen Kutsche vom Ettersberg hinab und hielt vor dem »Elefanten« und fuhr den Hausknecht gar gewaltig an. Er ließ auch etwas draufgehen, mehr als gut war, um dem »Elefanten« seine Gewichtigkeit darzutun. Die nette Witwe hatte ihre behagliche Witwenschaft sehr unvorsichtig beendet und mußte sich nun mit dem schwierigen Herrn Rauchfuß abfinden, so gut es gehen wollte, und alles Seufzen und Klagen half nichts mehr. »Hättest's eher überlegen müssen,« antwortete der fidele Gatte. »Weshalb hast du 'nen alten Soldaten geheiratet, das ist nun 'mal keine Großmutter.« So hieß es sich begnügen und nach wie vor der großen Wirtschaft allein vorstehen. Frau Rauchfuß wurde Mutter eines Töchterchens, eines rotgoldenen Füchschens. Daß es kein Bübchen war, was ihm sein kleines Weib geboren hatte, erboste Ritter Rauchfuß. »Sappermentl! – Das geht nicht; zum Lachen! Ich Frauenzimmer in die Welt setzen! Nee, meine Beste! – Und gar 'nen Fuchs!« Und er war doch selbst ein rotborstiger Herr mit einem blonden, gewaltigen Schnauzbart. »Nee,« sagte er, »zu dumm! Da hat man seine Haut soundso oft zu Markte getragen, um schließlich daheim in den vier Wänden mit so 'nem kleenen Luderchen von Mägen zu kindsen – daß Ihr mir damit nicht kommt – den Balg rühr' ich nicht an!« Er war zornig, der Herr Rittmeister Rauchfuß, und übelgelaunt. Gutsherr und meinetwegen Gatte der netten Witwe, aber Familienvater – das paßte ihm ganz und gar nicht. Das hielt er seiner nicht würdig. Und öfter als sonst noch ließ er die Kutsche anspannen und fuhr hinunter nach Weimar; oder jagte auf eigenem Grund und Boden, oder spielte bei Sperbers mit dem Alten und sonst irgendeinem Bärbeiß und dem Herrn Pfarrer Besigue. Mit dem alten Sperber stand er besonders gut, denn auch diesem waren die neuen Verhältnisse im Städtchen gründlich zuwider, wie wir schon wissen. »Dumme Protzerei da unten,« sagte der. »Nun, wir werden ja sehen, wie weit es noch kommt – wir werden ja sehen. Die in der Stadt mögen ruhig aufhören, zu skribeln, kein Hahn kräht danach. Die Brote werden deshalb nicht kleiner. Aber wir! Wir da heroben und in der ganzen Breite des Landes sollten mit unserer Arbeit Feierabend machen, was denken Sie wohl, Verehrtester, was geschehen würde? Einfach Weltuntergang! – Aus! Fertig! – »Und deshalb setze ich, wenn's angeht, keinen Schritt hinunter! Aber ärgern tue ich mich schon lange nicht mehr. Gott bewahre! Zufrieden bin ich da oben, jawohl, das muß ich sagen, und tauschen tät' ich 'mal mit keinem von den unnatürlich aufgeblasenen Fröschen unten im Sumpf.« Die alten Herren oben auf dem Ettersberg führten bei ihrem Besigue oft gotteslästerliche Reden, wenn man bedenkt, daß es sich hier um den größten Mann Deutschlands handelte, ohne den Deutschland nicht Deutschland wäre, und den hervorzubringen die Natur sich Tausende von Jahren gemüht, mit Millionen und Millionen von Dummköpfen und mittelmäßigen Köpfen Fangball gespielt hatte, gewissermaßen ohne Sinn und Verstand. Daß da unten in Weimar endlich der sterile Baum der Menschheit eine Frucht trug, schien den Kartenspielern auf dem Ettersberg nicht von Belang zu sein. Der Baum grünte doch ganz fröhlich. Ihnen erschien diese Frucht auch gar nicht als Frucht, sondern als irgendeine Blase, als unnützer Auswuchs. Sie hatten es auch, weiß Gott, vorzüglich auf ihrem Ettersberg. Die prächtigen Güter gediehen. Herr und Frau Sperber taten miteinander das ihrige, schafften ehrlich und gutgelaunt ihr Tageswerk. In aller Herrgottsfrühe sah man die flinke Frau Sperber in ihrer rosa Schürze mit dem klingelnden Schlüsselbunde über den Hof laufen, in Ställen und Wirtschaftsräumen Umschau halten, und Herrn Sperbers mächtige Wasserstiefel liefen mit ihrem kleinen, dicken Mann über Stock und Stein, über Aecker, durch Wiesen, durch Wälder. Im Rauchfußschen Gehöfte arbeitete eine tapfere Frau über ihre Kräfte; aber es ging auch, die beiden Güter gaben einander nicht viel nach. Freilich hätte es Frau Rauchfuß bei weitem leichter gehabt, wäre ihre Lebenszierde, Herr Rauchfuß, nicht gar so fidel gewesen, und hätte er es nicht für seine Lebensaufgabe gehalten, denen unten in Weimar zu beweisen, daß oben auf dem Ettersberg große Herren wohnten, und daß es ihm, auch aufs schwerste beladen und angefüllt von Weindämpfen, niemand ansah, wie voll er war. Er konnte vom Stammtisch aufstehen und so fest abmarschieren, wie er gekommen. Dies Kunststück ließ ihn nicht ruhen. Wäre Frau Rauchfußens Töchterchen Beate nicht gewesen, so hätte sie nach allen Lebensfreuden gut Umschau halten können. Die Zeit kam, und das Kind konnte im Hof und Garten umherspringen und glich einer Blume mit langen, goldenen Staubfäden. Es jauchzte vor Lebenslust und Uebermut; da geruhte auch Ritter Rauchfuß sein Töchterlein anzuschauen. Er brachte ihr allerhand Dummheiten und Künste bei und hatte seine Freude daran, wie geschickt und anstellig das Ding war, wie es kletterte und des Vaters alte Soldatenflüche mit weichen Lippen und süßen Lauten nachplapperte.   Als Frau Rauchfußens Herzensschatz zu einem kleinen zierlichen Schulmädchen herangewachsen war, begab es sich, daß sie schweren Herzens in die Stadt gefahren war, um ihren Doktor um Rat zu fragen wegen eines Leidens, das sie in aller Stille seit geraumer Zeit mit sich herumgetragen und das ihr die Arbeit zu einer schweren, drückenden Last gemacht. Nach langem, bangem Zagen hatte sie endlich zu diesem schweren Gange Mut gefaßt und gar innig gebetet und ihr kleines Mädchen bewegten Herzens geküßt. Und als sie in ihrem Kutschchen wieder heimwärts fuhr, war ihr's nicht anders, als wäre inzwischen die schöne Welt in eine düstere Fremde vertauscht worden. Angstvoll hatte sie sich auf den Weg gemacht, und von niemand war sie ermutigt worden; aber doch hatte nur im tiefsten Grund des Herzens undeutlich die unbegreifliche Sorge gelauert, daß das liebe Ich fortgewischt werden könnte. Nun wußte sie es. Sie war am Ende ihrer Tage. Die gutmütige Alltäglichkeit, die so tut, als gäbe es kein Ende, hatte einen furchtbaren Riß bekommen, durch den die geschäftige Seele in leere Finsternis starrte. So fuhr Frau Rauchfuß dahin, der altbekannte Weg erschien ihr grauenvoll und fremd, die goldenen Aehrenfelder am Weg, über die der Wind strich, neigten sich vor ihr, weil sie sterben mußte – sie – sie allein auf dieser Welt. Was war der Tod der anderen? – Ein leeres Wort. Ihr allein galt der Tod. – Jetzt erst wurde es ernst damit auf Erden, jetzt zum ersten Male. Und niemand erbarmte sich ihrer. Ihr alter Kutscher saß mit krummem Buckel auf dem Bock und ließ die Pferde traben. Der brauchte nicht zu sterben – der, nur sie allein. Das arme, unwissende Weib, das sich ängstlich an die harten ledernen Wagenkissen drückte, war die Welt, die schöne, große Welt; mit ihr verging die ganze Herrlichkeit. Und diesen Todeskampf der Welt trug sie unter ihrem blau getupften Feiertagskleid, das sie zu ihrem schweren Gang in die Stadt angelegt hatte. Trug sie diesen schweren Kampf in ihrer Brust? – Trug sie ihn in ihrem Bein und Fleisch? – In ihrem klopfenden Herzen? – In ihrem armen Haupt? Ja, wo in aller Welt denn trug dieser große Kampf sich zu? Konnte sie mit dem Finger darauf deuten und sagen: »Hier?« – O, Geheimnis der Geheimnisse, wo denn ist das arme Ich mit seinem Weltenleid, lehnt es an den harten Kissen des Kütschchens? – Ist es Fleisch und Bein? – Ein lebendiger Punkt, in dem all diese Pein jetzt lebt? Des Weibes dumpfes Wesen wurde wach, wurde scharf durchdringend, zum ersten Male lebendig. Das heißt, von Todesgewißheit durchdrungen, und sie spürte, daß sie lebte, so fast, wie sie einst ihr Kindlein in sich selbst gespürt hatte, so geheimnisvoll und dennoch sicher. Da schloß sie die bangen Augen, und vor ihrer Seele stand ihr Goldköpfchen, ihr Einziges, ihre Wonne. Heiße Tränen brachen ihr aus den Augen, und das eigene Leben, der heilige Lebenskern war wieder von lauter Liebe und Bangigkeit um ihr Teuerstes verschüttet. – Wer sollte für das Kind sorgen? – Wer in aller Welt? »Nur noch ein paar Jahre,« schluchzte sie auf, »daß sie mir's nicht verderben!« Und als auch diese Qual übermächtig wurde, stahl sich ein Trost in die arme Seele: Wer weiß, ob es so schlimm mit ihr steht – und wenn sie die eigene Mutter am selben Leiden sterben sah, weshalb konnte es bei ihr nicht andere Wege gehen? So fuhr sie dahin von einer Leidensstation zur andern, brach unter ihrem Kreuz zusammen, um sich wieder aufzurichten und wiederum zusammenzubrechen, wie unser Herr und Heiland es getan. Als sie auf dem Gutshofe einfuhr, waren ihre Züge ruhig, ihre Tränen getrocknet. Das machte sich wie von selbst und durch alte Gewohnheit. Hier galt es für sie, zu schweigen, was sie bedrückte, und alles in sich selbst hineinzuleben. »Wo ist Beate?« fragte sie die Hausmagd. »Beim Herrn, im Garten.« Da machte sich die Frau auf, denn es verlangte sie, ihr Kind in die Arme zu schließen, und sie ging durchs Haus in den Garten. Als sie in die Nähe der großen Linde kam, die jetzt in voller Blüte stand und aussah, als wäre ein goldenes, feinmaschiges Netz, mit goldenen, strahlenden Perlen durchwoben, über sie geworfen, da hörte sie ihren Herrn und Gebieter gewaltig lachen, und die süße Stimme ihres Kindes wie Vogelgezwitscher dazwischen. »Badewännchen!« rief er im gewaltigen Baß, »du bist ein Luderchen.« Das Kind jubelte laut. Bang und erregt schlich die Frau näher. Unter der Linde auf der großen Bank saß der Rittmeister, hatte eine Flasche Wein neben sich stehen und ließ das Kind aus seinem Glase trinken. »Einen verdammten Zug hat das Mägen,« schmunzelte er vor sich hin. »Nun tanz' wieder, Badewännchen!« Das Kind taumelte und tanzte, die rotgoldenen Haare flogen um das erhitzte Gesicht. »Verfluchte kleine Hexe! Echtes Soldatenkind!« brummte der lustige Herr in seinen roten Bart hinein. Und in den roten Bart des Vaters und in die rote Haarfülle des tanzenden Kindes schien die Abendsonne. Die bleiche Frau mit dem dunklen Haarscheitel stand noch immer unbeweglich. »Die sind eines Blutes,« das sah sie, und sie stand, als sei alles mit ihr schon vorbei, und sie sähe als abgeschiedener Geist nur zu. Da fuhr aber ein Zorn in sie, ein tödlicher Zorn. Sie stürzte auf ihren Mann zu. »Was tust du mit ihr?« schrie sie schmerzvoll auf. »Schau' doch! Sieh' doch! Du hast sie zu viel trinken lassen! – – Du!« »No, große Geschichte!« sagte der Rittmeister mit schwerer Zunge, verblüfft über den heftigen Ueberfall. Die kleine Beate stand erschrocken vom Tanze still und machte unsichere, sonderbare Augen. »Zierpuppenvolk! Dummes Gewäsch! Weiberleute, unsinnige! Wird wohl erlaubt sein!« brummte Herr Rauchfuß. Das Kind machte eine an ihm fremdartige Bewegung, streckte die Arme nach der Mutter aus, taumelte und fiel nieder, das Gesicht in die Arme verborgen. Das Kind schluchzte. Die Mutter beugte sich angstvoll über sie hin. »No, Badewännchen, sei kein Ziehfitz,« polterte der Alte. »Schäm' dich, ein tapferes Mägen wird doch von so ein paar Schlückchen nicht knille werden. Nu, Soldatenkind!« Die Mutter nahm ihr Mädchen in die Arme und trug es dem Hause zu, ohne weiter auf Herrn Rauchfuß zu achten, und der lachte schwerfällig hinterdrein. In ihrem und des Kindes Zimmer legte sie Beate angekleidet aufs Bett nieder. Das Kind schluchzte noch immer, das Gesichtchen glühte und brannte, und die Augen brannten im hellen Fieber. Frau Rauchfuß blieb an dem Bett auf den Knien in Angst und Not. Was sollte sie tun? Sie wußte nicht ein und aus. Wem sollte sie ihr armes Kind anempfehlen? Sie fühlte sich so krank, so zerbrochen. Nun sie Sicherheit über sich selbst gewonnen hatte, empfand sie erst ihre Schwäche und Widerstandslosigkeit. Mit den Worten des Arztes war eine Last auf sie gefallen, die sich nicht mehr abschütteln ließ. Als die Dunkelheit längst hereingebrochen war, kniete sie noch immer und hielt ihres Kindes Hand in der ihren und grübelte wehen Herzens. Endlich kleidete sie das tief und schwer schlafende Mädchen aus und begab sich selbst zur Ruhe. Da hatte sie das Gefühl, als wäre sie bei sich daheim nur noch zu Gaste. Eine Wehmut überkam sie, eine Bangigkeit: es lag ihr so eine Last auf dem Herzen, als läge sie selbst unter einem mächtigen, düsteren Berg begraben für alle Ewigkeit. Pläne aller Art fuhren ihr fieberhaft durch den Kopf. Was konnte sie tun? Sie wollte zu allen gehen, die sie kannte und die sie für weiche Herzen hielt, und sie bitten, auf ihr Kind zu achten, zu Sperbers, ihren Nachbarsleuten, zur alten Kummerfelden, die am Entenfang in Weimar ihre Nähschule hielt, zu ihrem Herrn Pfarrer. Wenige fand sie, als sie sich die Leute so durch Herz und Sinne streichen ließ, denen sie zutrauen konnte, daß sie ihre bange Bitte nicht bald vergessen würden. Müde wurde sie schließlich von allem Denken und Grübeln und schmiegte sich in die Müdigkeit wie in Mutterarm. Ein altes, wehmütiges Lied, das sie früher gesungen, ging ihr durch den Sinn, ehe sie einschlummerte. Ein Erdengast hienieden, Ein armer Erdengast. O Herr, gib mir Frieden Für meine kurze Rast. Laß mich nicht heimisch werden Hier in dem fremden Land; Das Herze wird zu Erden, Wenn's noch so heiß gebrannt. Laß mich im Pilgerkleide, O Herre, geh'n und steh'n. Ach, alle Augenweide Die Winde tun verweh'n. Ach, alles Herzens Sonne Geht unter in tiefer Nacht; Ach, alle süße Wonne Ist hin, eh' Du's gedacht. Am andern Tage in der hellen Abendsommerstunde nahm Frau Rauchfuß ihr Kind bei der Hand. Sie gingen durch den Garten, aus dem ein Pförtchen auf einen schmalen Feldweg hinaus durch wogende, sonnendurchschienene Felder bis zum Walde führte, dann wandelten sie langsam miteinander unter den Buchen. Die kleine Beate eng an die Mutter geschmiegt, denn es war ein seltsames Fest, das sie mit der hart arbeitenden Frau so feiertäglich wandern durfte. »Sieh! Sieh, Mutter,« rief sie alle Augenblicke, »da kommt was! – Da is was! – Horch, ein Specht – ein Reh!« Die Arme des zehnjährigen, kräftigen Mädchens bebten vor Freude. Frau Rauchfuß spürte die Lebenswonne ihres Mädchens. Es traf sie all' dies gar gewaltig ins Herz, und sie preßte ihr Kind fest an sich. »Ach, wollte Gott, mein Schatz, es könnte alles so bleiben, wie's ist.« Sie kamen jenseits des Waldes, der des Ettersbergs Rücken als breiter Streifen bedeckt, an ein uraltes Kapellchen ohne Heilige. Die Heiligen hatten zu lange schutzlos dem Wetter und dem Protestantismus standhalten müssen und waren zernagt, zerbröckelt und verschwunden. Nur eine zerfallene, niedrige Mauer war noch zu sehen, auf der die schmerzensreiche Mutter Gottes einst gestanden hatte. Darauf ließ Frau Rauchfuß sich ermüdet nieder und zog ihr Kind zu sich auf ihren Schoß, und sie blickten miteinander still in die Welt, die den Weimaranern für alle Zeit verschlossen ist, in die Welt, die hinter dem Ettersberg liegt, eine sonnige, kornwogende Landschaft, über der die letzten warmen, sehnsüchtigen Strahlen, der Abendsonne lagen. »Was hast du, Mutterchen, du bist so still?« »Gestern um die Stunde mußte ich dich in dein Bett tragen, weil du zu viel getrunken hattest.« Das Kind verbarg sein Gesicht an dem Hals der Mutter. »Andere Kinder«, sagte Frau Rauchfuß ruhig, »haben, solange sie jung sind, eine Mutter, die auf sie achtet – du wirst einmal keine haben. Andere Kinder haben einen Vater, der ihnen hilft und sie berät. Das kann dein Vater nicht. Du wirst einmal ganz allein sein und mußt dir in allen Stücken selbst helfen und dazu auf deinen Vater achten, daß ihm nichts geschieht.« Das Mädchen hob den Kopf und blickte die Mutter erstaunt an. »Allein wirst du sein, du mußt jetzt schon denken, was recht und unrecht ist.« Dem Kinde traten die Tränen in die angstvollen Augen. Die Augen der Mutter standen gerade so voll Wasser wie die des Kindes. Und sie sahen sich mit ihren schweren, unsicheren Blicken unsicher an. Frau Rauchfußens Kopf sank auf die zarte, biegsame Schulter ihres Mädchens, und ein heftiges Schluchzen rang sich ihr aus der beladenen Seele. Das gute, goldblonde Kind streichelte die Mutter und preßte sich eng an sie. »Ich bin krank, mein Schatz, ich darf nicht mehr lange leben und weiß vor Angst nicht aus und ein, daß ich dich allein beim Vater lassen muß. Niemand wird auf dich schauen.« Da war's, als wenn das Kind sich reckte und streckte. Die Mutter spürte eine starke Bewegung in den festen Kindarmen. Das Kind löste sich von ihr, nahm seinen Schürzenzipfel und fuhr der Mutter sanft über die Augen. »Wein' nicht,« sagte es, »mit mir wird's schon recht werden.« Frau Rauchfuß sah in ein Paar entschlossene, ernste Augen. »Leg' dein Köpfchen wieder auf meine Schulter und sei ganz ruhig,« sagte das Kind. Der Frau wurde es wunderlich ums Herz. Sie fühlte einen kleinen, herrlichen Menschen neben sich stehen, der ihr Trost brachte. »Wenn du stirbst,« fragte das Kind ernst, »wirst du dann in einem Sarg fortgetragen und in die Erde gelegt werden und mit Erde bedeckt werden?« »Ja,« sagte die Frau. »Kannst du nicht wiederkommen?« »Nein. – Ich bin dann bei Gott.« »Ist Gott gut?« fragte das Kind. »Ja, er ist gut.« »Gut?« sagte es nachdenklich. Die Frau sah mit Staunen auf ihr Kind. »Andere Mütter sagen's ihren Kindern nicht, wenn sie bald sterben müssen, aber ich mußte das tun – du mußt es wissen.« »Is' schon recht,« antwortete das Kind, »sag' mir nur alles. Alles, was ich daheim tun muß, wenn du gestorben bist. Auf den Vater will ich schon schauen – und wann stirbst du?« »Das weiß ich noch nicht.« »Also« – sagte das Mädchen. Sie saßen nun beide still auf dem Mäuerchen, auf dem in grauer Zeit das Bildnis der schmerzhaften Mutter Gottes gestanden hatte. Das Kind weinte nicht, sondern sah ernst und fest vor sich hin. Auch die Frau weinte nicht mehr. Sie hatte einen Trost ins Herz bekommen und blickte befremdet auf das ernste, starke Geschöpf, das so fest vor sich hin sah. Von diesem Tag an aber war sie nicht mehr allein und nicht mehr ungetröstet. – – Und als es nach Jahresfrist wirklich zum Sterben kam und sie die Hand der elfjährigen Beate in der ihren hielt, wußte sie: das Kind wird sich und andern helfen. Sie empfahl sie Gott an und niemand sonst auf Erden. Sie fühlte auch in den letzten, harten Augenblicken den herrlichen, kleinen Menschen neben sich, der sie mit seiner Kraft und seinem Schweigen tröstete.   Und nun war Ritter Rauchfuß mit seinem »Badewännchen« allein. Die Frau war ihm oft unbequem gewesen. Er hatte sich unter einer Frau etwas ganz anderes vorgestellt, und jetzt ging es ihm mit seinem »Badewännchen« nicht viel besser. Er dachte ein nettes Püppchen zum Spielen an ihr zu finden und spürte statt dessen, daß eine kleine Respektsperson neben ihm aufwuchs, eine Aufpasserin. Er fuhr mit ebenso schlechtem Gewissen zur Stadt wie früher und schimpfte in seinen roten Bart hinein auf das Weiberzeug, das sich mausig machte, dem man eins versetzen soll, das sich zum »Teifel« packen soll! Frau Rauchfuß hatte dafür gesorgt, daß eine tüchtige Mamsell und ein Verwalter aufs Gut kamen, damit Badewännchens Erbe in guter Verfassung blieb, trotz des fidelen Herrn Vaters. Zwischen all dieser Bravheit fühlte Herr Rauchfuß sich nicht behaglich. Er trank wie früher, und es brauchte auch nicht gerade der »Elefant« zu sein, wo er seinen Kummer hinunterspülte und seine schlechte Laune. Jede Kneipe war recht, auch hinter dem Ettersberg. Er nahm es nicht mehr so genau. Ein reputierlicher, forscher Herr aber blieb er nach wie vor, der sich am Wirtshaustisch gut ausnahm, und dessen Stolz es noch immer war, daß er auch beim Soundsovielten noch aufrecht gehen und menschlich sprechen konnte. Als Badewännchen älter wurde, fuhr sie jeden Morgen um fünf Uhr mit dem Milchwagen in die Stadt zur Schule, Winter und Sommer, und stieg im Entenfang bei Madame Kummerfelden ab, die das Kind bei sich behielt, bis die Schule anging, dann speiste sie mit ihr zusammen zu Mittag, hatte mit den anderen Mädchen die berühmten, köstlichen Nähstunden bei der lieben, munteren Madame und fuhr dann mit dem Wagen, der die Abendmilch gebracht hatte, wieder heim. Die gute Kummerfelden hatte Gefallen an dem Mädchen gefunden, aber auch für Rauchfuß, den Vater, hatte die alte Frau viel übrig; wenn sie in einem ihrer geblümten Kleider und der Haube, die sie ihrem jugendlichen Lebensmute übergestülpt hatte, so recht wohlhäbig und behaglich Sonntag nachmittags ihren Kaffee im Häuschen am Entenfang trank, war es ihr gar nicht fatal, wenn der alte Sünder ein Stündchen bei ihr Einkehr hielt. Er bekam seine zwei, drei Schnäpschen, aber beileibe nicht mehr, den besten Schnupftabak, den sich nur eine Nase wünschen konnte, und einen doppelt starken Kaffee, den auch eine so ausgepichte Kehle spüren mußte. »So ä bißchen ä Mann ist 'ne goldene Handhabe,« sagte sie, »und gar der Rauchfuß mit seinem roten Bart und seiner Hünengestalt und seinem Schritt und Tritt, da spürt unsereins doch noch, daß es Mannsbilder auf der Welt gibt, was man bei der ewigen Nähstunde mit all den Lausmädchens balde vergessen hätte.« Und gerade so ein alter Sünder war ihr recht. »Ja,« sagte sie einmal zu ihrem Freund, »wenn der liebe Gott ein Weib wäre, was so ganz unmöglich nicht ist, haben's die Mannsbilder einmal drüben nicht schlecht, denn dann werden die ärgsten Sündenböcke vortrefflich aufgenommen, wie auch hier auf Erden schon, wo ein Mannsbild jedwede Moral sich sparen kann, und wird doch geliebt und begehrt, daß es eine Art hat.« Durch solche Reden hatte die kluge Frau beim Rittmeister einen Stein im Brett und konnte sich dafür so manches herausnehmen. Oft schimpfte sie ihn herunter wie einen Schulbuben; das nahm er dann auch freundlich hin. »Nur bei einem Mannsbild nie gradaus. Ordentlich Honig ums Maul gestrichen, und während sie schlecken, dann kommt das Rechte, das, was sie sollen. Das muß es sein.« Das sagte die Alte oft. Und so strich sie derb und lustig unverschämt, wie so manches kluge Weiblein, und hatte dafür einen fügsamen Freund. Der Rittmeister war ganz vernarrt in Badewännchens Schönheit. So saßen die beiden Alten eines Sonntags im Häuschen am Entenfang bei der alten Schauspielerin, jetzt Nählehrerin, beieinander. »Die Tochter vom Rauchfuß ist nicht Übel? – was, Kummerfelden? Solche feste Arme – und wie sie geht! – Ein ganzer Kerl, und dazu der rotblonde Schopf, und die verdammten Augen! He, Kummerfelden, das hab' ich gut gemacht! – Was? – Schaut Euch doch all die Nachbrut an! Saht Ihr da so etwas? – –« »No, no,« meinte die Kummerfelden, »nur nicht so üppig, Monsieur. Sie ist doch bei weitem mehr die Tochter ihrer braven Mutter.« »I was, brav!« sagte der Rittmeister. »– Teifel auch, beim Weib kommt's auf die Schönheit an. – Basta.« »Sie Narr,« meinte die Kummerfelden. »Und was hat denn aber Ihr Gut so beieinander gehalten? Hat das die Schönheit Ihrer Frau getan oder die Tüchtigkeit?« »Ah, paperla – paperla, mit einer Nebensache läßt sich auch was machen. Aber die Hauptsache! Auf den Knien hätte sie mich bitten können, ich hätte Frau Rauchfuß nie geheiratet – wenn sie nicht so'n netter Käfer gewesen war'.« »Gott sei euch Mannsbildern gnädig!« meinte die Kummerfelden und rührte den Zucker in ihrem Kaffee um. »Ihr nehmt, die euch gefällt, und nennt sie schön, solange ihr sie wollt. Was hat Eure Frau für ein Leben bei Euch geführt, einsam und verlassen, wie neben einem Holzklotz.« »Kummerfelden – Donnerwetter, was nimmt Sie sich heraus!« »Weil's wahr ist,« sagte die Kummerfelden ärgerlich. »Und ein Schaukelpferd könnte auch kein schlechterer Vater sein, wie Ihr gegen das gute Kind seid. Was ist denn das, nachts zwei Uhr angetrunken nach Hause zu kommen und nicht an das arme Geschöpf zu denken, was Euch halb wachend erwartet und Euch hilft, ins Bett zu kommen, alter Saufaus! Um zwei Uhr laßt Ihr Euch noch 'nen Kaffee von dem guten Geschöpf machen. Und das nehmt Ihr so gedankenlos und töricht hin. Und alle Nasen lang kommt's vor. Pfui, Rittmeister, ich verlange gewiß von keinem Mann, daß er, was Moral und Saufen betrifft, anständig ist. Aber auch für ein Mannsbild gibt's Grenzen, – und die überschreitet Ihr, Verehrtester.« Die Kummerfelden war heute besonders erbost über ihren alten Freund, denn es war ihr gerade manches zu Ohren gekommen. Aber sie schenkte doch ihrem Sonntagsgast die dritte Tasse starken Kaffees ein und bediente ihn so aufmerksam, als wäre er der heilige Nikolaus. »Und noch eins,« sagte die Kummerfelden, »glaubt Ihr, daß das gute Kind ein Wort darüber redet, wie Ihr's treibt? Nicht eine Silbe. Zerreißen könnte man sie und brächte nichts aus ihr heraus, was Euch nicht zur Ehre gereichte.« »Soldatenkind – verdammtes!« sagte der Rittmeister und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das hat sie von mir, der Racker!« Die Kummerfelden aber faßte sich mit beiden geschäftigen Händen an die große Haube, als müßte sie diese gegen Unerhörtes schützen. »Gott sei mir gnädig,« sagte sie, »so was ist unerschütterlich.«   Als Rittmeister Rauchfußens Mädchen ihr siebzehntes Jahr erreicht hatte, begab es sich, daß der Alte in einen Liebeshandel geriet. An den Sonntagen bei der Kummerfelden hatte sich in dieser Zeit gar oft eine recht saubere, kleine Witwe eingefunden, die der Kummerfelden allerliebst um den Bart ging. Sie war eine frühere Schülerin der alten Nählehrerin und war nach dem Tode des Mannes in armselige Verhältnisse geraten. Mit der Kummerfelden beriet sie sich sittsam darüber, daß sie sich als Krankenpflegerin wollte in Weimar niederlassen, und machte das so rührend und allerliebst anschaulich, daß dem Rittmeister, der bei diesen Beratungen auch mal zugegen war, ganz warm ums Herz wurde. Dazu hatte das Weibchen ein allerliebstes Herzgesicht, breite Stirn und spitzes Kinn und ein paar braune, lebenslustige, runde Augen. »So eine Krankenpflegerin lass' ich mir schon gefallen, warum nicht,« sagte der Rittmeister, »so ein munteres Weibchen, da sieht die ganze Geschichte so schlimm nicht aus. Spaßhaft so 'was!« »Schäm' Er sich, alter Narr,« sagte die Kummerfelden ärgerlich. »I was,« meinte der Rittmeister, »Kummerfelden, Sie sind eine alte, majestätische Fregatte mit Ihrer Haube. So ein junges flottes Fahrzeug wie unsere Marianne, das fährt in andere Wasser als so ein altes Tugendschiff. Nicht wahr, Frau Marianne?« »Bitt' mir's aus, Herr Rittmeister,« schmollte das kleine Weib. »Meint Ihr, es ist mir nicht Ernst?« Und das kleine Weibchen breitete ihre Tugenden und ihr heiliges Vorhaben wieder vor der alten, guten Frau und Herrn Rauchfuß aus. »Teufelsweibchen!« brummte der Rittmeister in den roten Bart. »Jawohl,« sagte die kleine, zierliche Frau und machte eine allerliebste Bewegung mit ihrem Herzköpfchen, um das sie ein schneeweißes, dreieckiges Tüchlein gebunden hatte. So ein bißchen nonnenhaft und sauber wollte sie aussehen. »Jawohl,« sagte sie, »Ihr kommt mir recht! Teufelsweibchen! Ihr werdet schon das Teufelsweibchen kennen lernen, wenn Ihr mich zur Pflege hinaufkommen lasset, wenn's den Herrn Rittmeister 'mal hat. Die Küche würde ich auch gleich mit übernehmen. Wer weiß denn so einem Kranken so recht bekömmlich aufzutischen, daß ihm die Lebensgeister wiederkommen, wenn er nur so ein Süppchen riecht. Und eins sag' ich: Bei mir kann sich ein Kranker den Doktor sparen. Von meiner Mutter selig weiß ich so viel – allerhand Wundermittel, wann eins die Gicht hat oder 's Zipperlein – da stehen die Doktors und haben 's Nachsehen.« »Is' aber nicht!« sagte der Rittmeister. »Nu, desto besser,« meinte das Weibchen. »Nee, nee, gesucht würde ich schon. Wer ist denn hier? So 'n paar alte Karreiten, die bei jeder Bewegung knarren, und Ihre Freundin, die Rabenmutter, Frau Kummerfelden, die mit ihren groben Pratzen 'was Feines gleich totdrückt.« »Nein, nein,« sagte die Kummerfelden, »an die Rabenmutter rühren Sie nicht, das ist eine Seele von einem Menschen.« »Nur ist sie zu viel Leib dabei,« sagte die kleine Witwe und drehte ihr zierliches Figürchen. »Ja,« sagte die Kummerfelden, »Recht muß Recht bleiben. Die Rabenmutter ist schon reichlich massiv, freilich hat sie mich vorigen Winter, als in mir so allerhand lungte und loderte, wie ein Kind aus dem Bette gehoben und wieder eingelegt; aber geprustet hat sie dabei wie der heilige Christophorus, was nicht jedermanns Sache ist.« »Nee, nee, nee,« meinte die kleine Witwe, »geräuschlos muß eins sein können.« Als das niedliche Weib eines Tages sagte: »Jetzt muß ich aber heim; meine Herren warten auf mich; dem einen muß ich sein Bierchen noch holen!« – da fragte der Rittmeister ganz verblüfft: »Herren? Was hat Sie denn für Herren?« »In Kost und Logis,« sagte das Weibchen, und das muntere Herzgesicht mit seinen runden, braunen Augen schaute so ein wenig herausfordernd auf den alten Soldaten. »Sapperment!« sagte der. »Na, was hat Er denn da?« meinte die Kummerfelden. »Gottlob, daß ihr der liebe Gott so ein paar verständige, rechtliche Männer ins Quartier geschickt hat, denn wovon sollte die arme Haut wohl leben?« Der Rittmeister lachte recht ungefüg. Als das Weibchen gegangen war, stand er schwerfällig vom Kaffeetisch auf und ging im Zimmer auf und nieder. »Das mit den Kostgängern paßt mir ganz und gar nicht,« sagte er ärgerlich. »Schaut den an,« lachte die Kummerfelden. »Rittmeister, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen; die ist klug, daß Ihr für ihrer Klugheit Nadelöhr keinen so feinen Faden habt.« Von da ab aber fehlte weder der Rittmeister noch das feine Weibchen zur Kaffeestunde am Sonntagnachmittag bei der Kummerfelden, bis es der Alten zu dumm wurde. Es währte lange, bis die Gute zu merken begann, daß der Rittmeister und das junge Weibchen auf Freiersfüßen gingen. ›Herr Gott,« dachte sie, ›das wolltest du mir gewähren, daß meine Augen nie den Mann sehen müssen, der keine Frau bekommt, den wirklich keine nähme – Amen.« Als die Kummerfelden endlich klug geworden war und gesehen hatte, wie der Hase lief, begann sie an Sonntagnachmittagen Landpartien zu machen, nahm ihren Strickbeutel, setzte den großen Hut über die große Haube, zog ein lieblich geblümtes Kleid an und schloß die Tür des Entenfanges hinter sich ab. Dann zog sie hinaus in Gottes freie Natur, kaufte sich unterwegs beim Bäcker noch ein paar Maulschellen, um etwa in Rödchen, Tröbsdorf oder Süßenborn etwas zu haben, was sie in den Kaffee stippen konnte. »Nee,« sagte sie bei sich, »jetzt haben wir Badewännchen endlich so weit, jetzt braucht sie keine Stiefmutter mehr, ist überhaupt ganz unnotwendig, und gar die kleine Frau Marianne. Alles was recht ist, aber ich gebe keinen Sechser dafür, daß ihr Herz auch nur so groß ist, wie das Herz einer Suppenhenne. Ich sehe nicht ein, weshalb wir der für eine Sinekure auf dem Ettersberg sorgen müssen.« Als aber der Rittmeister ein paar Sonntage lang die verschlossene Tür fand, ergrimmte er gewaltig auf die Kummerfelden. »So 'n altes Weib,« schimpfte er vor ihrer Tür, »stiehlt Gott die Tage, und wenn's mal zu was zu gebrauchen wäre, macht sich's davon.« Bisher war dem Rittmeister seine Liebe ganz leicht und behaglich zu tragen gewesen, eine glückliche, glatte Liebe. Aber nun begann sie in seinen Knochen wie sein Zipperlein zu reißen. ›Man wird alt – man wird alt,« dachte er bei sich und mußte seine Kräfte im »Elefanten« auffrischen, seine Sehnsucht betäuben, sein Unbehagen tatsächlich ersäufen, und doch gelang's ihm nicht. Eine gewaltige Unruhe trieb ihn umher. Des Tags wohl zehnmal spazierte er mit gravitätischen Schritten durch die kleine Stadt und hätte gewünscht, sie wäre zehnmal so groß. Endlich hatte er den Mut gefaßt, bei seiner Angebeteten einen Besuch nach allen Regeln zu machen, wurde aber von ihr selbst schnöde abgewiesen. ›Ob er denn glaube, daß sie Herrenbesuche empfinge?« Das verdutzte ihn. ›Wenn sie das ganze Haus voll Mannsbilder in Kost und Logis hat!« dachte er. Sein Erstaunen mochte dem alten Soldaten so deutlich auf dem Gesicht zu lesen gewesen sein, daß das hübsche Weibchen ihn völlig begriff und freundlich sagte: »Mein lieber Herr Rittmeister, das sehen die Leute ein, daß eine arme Witwe ihren Unterhalt haben muß; aber wenn ich einen jeden, dem's gefiele, bei mir einlassen wollte, würd' ich nicht übel ins Gerede kommen. Also nichts für ungut, Herr Rittmeister.« Dabei sah sie so liebreizend aus, das Herzgesicht hatte einen Anflug süßer Röte, denn es war ihr in der Tat nicht recht, daß ihr Verehrer hier vor aller Augen vor ihrer Haustür stand, im kleinen Gärtchen. »Aber,« sagte sie und schaute sittsam nieder, »das möchte wohl gehen, daß ich 'mal 'raufspaziert käme und Ihrem Töchterchen eine Visite machen täte.« »Dem Badewännchen?« lachte er erstaunt. »Also Sonntag, wenn's Badewännchen daheim ist,« sagte der Rittmeister pfiffig und machte einen Bückling, wie er ihn seit Jahrzehnten nicht nötig gehabt. Ihr kluges Betragen bewies ihm, daß sie ihn nicht ungern sah. Er war daher sehr gut gelaunt. An diesem Abend hatte Badewännchen große Not mit Herrn Rauchfuß. Er stieg bedenklich fußunsicher aus dem Kütschchen. Bisher war er immer stattlich durch den Hof geschritten, unnatürlich gerade, den Schnauzbart in die Luft gestreckt, die Hand auf dem Rücken, wie ein Mann, der jeden Blick erträgt: Na, schaut mich an! Das Unglück war erst immer daheim angegangen, da war er in sich zusammengefallen und hatte Badewännchen viel Müh' und Angst gemacht, hatte bös geschimpft und wohl auch geschlagen und sie dann wieder über alle Maßen gelobt und sie dabei mit gläsernen Augen angestarrt, so daß das arme Kind aus der Bangigkeit nicht herauskam. Heut' aber, da war er ganz sonderbar, wie noch nie. Da saß er in seinem Lehnstuhl und machte sich mit etwas zu schaffen, was nicht da war. »Geh',« sagte er, »oder meinetwegen bleib' da!« Und da strich er der Katze, die nicht da war, über den Rücken. »Vater,« sagte die Kleine, »was hast du denn? Was spaßt du denn? Sie ist doch gar nicht da.« »Gans,« sagte Herr Rauchfuß, »hast du in den Augen ein Loch, daß die Katze dir durchfällt?« »No, was hat sie denn nur,« fuhr Herr Rauchfuß auf und machte sich mit der unsichtbaren Katze zu tun. »Ja! – Was! – Schnappen! – Seit wann denn? – Wie 'n Hund! – Die Bestie.« Sein Gesicht wurde dunkelrot. Die Zornader schwoll. Er gab dem Tiere einen Tritt. »So, jetzt hat sie genug! So ist noch kein solch Vieh an die Wand gekeilt worden.« Er setzte sich befriedigt nieder, schwer aufatmend. Krank sah er aus. Jetzt wird er ganz fahl, blauschwärzlich unter den Augen, der Blick abwesend. Das arme Kind wollte die Mamsell rufen, aber es konnte sich nicht vom Platz rühren vor Angst und fing bitterlich an zu weinen. Das brachte Herrn Rauchfuß auf: »Da, siehst du's etwa wieder nicht?« schrie er wütend. »Sperr' die Augen auf!« Er schaute starr vor sich. »Hat sie sich doch hereingemacht! So ein Vieh hat keine Ehre im Leib. Fährst du ab!« Damit stieß er mit dem Fuß nach ihr. Jetzt mit einem Male kam weiche Stimmung über ihn. »Badewännchen, siehst 'n,« sagte er matt, »du sollst 'n gutes Kind sein, was meinst du denn, was ich mich mit dir plagen muß! So 'n mutterloses Kind aufziehen ist keine Kleinigkeit für'n alten Sünder. Geh', brau' mir 'n Grog, weißt, 'n so 'n feinen, so 'n höllischen, – das wird mir gut tun.« Derart wunderliche Zustände stellten sich jetzt öfters ein. Zwischendurch waren ruhige Tage, an denen sich Herr Rauchfuß nicht besonders wohl zu fühlen schien. Er aß oft tagsüber keinen Bissen und war mißlaunig und matt.   An einem schönen Sommernachmittag kam durch wogende Felder Marianne, die junge Witwe, zum Ettersberg heraufgewandelt und fragte nach Mamsell Beate Rauchfuß. Die traf sie im Garten an. Da lag das Kind auf der langen Wiese, die zur Bleiche diente, im Heu und schlief und erwachte nicht, als die Fremde sich ihr näherte. ›Drollig,« dachte die junge Witwe, ›daß sie da liegt und schläft. Was treibt das Mädchen überhaupt den ganzen Tag?« Sie sah das tiefrote Haar, das im starken Zopf um den Kopf geschlungen war, das zarte Gesicht, die feste, kleine Nase, und einen Mund, der ganz aus Kraft und Weh gebildet zu sein schien, die junge Gestalt im Rosagewändchen und ein Paar runde, kindliche Arme; braune Hände, die den Blick auf sich zogen. Die eine zur Faust geballt, sagte: ›Was ich halte, das halt' ich. Was ich will, das will ich.« Die junge Witwe denkt bei sich: ›Das schöne Gut wär' recht, und der Alte auch, weshalb nicht; aber die Junge! – Ach, daß so ein armes Weibchen sich gar so viel plagen muß, um irgendwo unterzuschlüpfen, daß alle Bravheit, Schlauheit und Hübschheit nichts nutzt: Wie man's auch anfängt, schwer bleibt's alleweile.« Es gingen ihr ihre Kostherren durch den Sinn und so manche schöne Möglichkeit, die ihr entschlüpft war. Das junge Geschöpf wachte auf, beunruhigt von den Blicken der Fremden, und sah sie erstaunt und erschreckt an. »Ich kam herauf, um Sie und den Herrn Vater hier oben aufzusuchen,« sagte Frau Marianne etwas beklommen, denn der forschende, fremde Blick des Mädchens zeigte ihr, daß Mamsell Beate von ihr nichts wußte. »Der Herr Vater«, fuhr das Weibchen fort, »hat mich aufgefordert, einmal nach Ihnen zu schauen.« ›Der Vater?« dachte Beate langsam. »Wie geht's dem Herrn Vater?« Hart und kurz sagte das Kind: »Gut.« »Ja, was für ein lieber, munterer Herr er ist.« Das junge Ding schwieg und schaute ernst, mit schwerem Blick vor sich hin. Sie wußte nicht, was sie mit der freundlichen, zierlichen Person anfangen sollte. Die süße Tölpelhaftigkeit der ersten Jugend lag weich und schwer über ihr. Sie war nicht gewöhnt, mit fremden Leuten zu reden, und der wundervolle, tiefe Sommerschlaf befing sie noch. »Wie schön haben Sie's hier!« sagte das Weibchen, um endlich doch einen Widerklang ihrer Liebenswürdigkeit zu finden. Das Mädchen nickte leicht. »Ist's wahr, daß Ihr Herr Vater täglich im Sommer eine Rose vor dem Frühstück verspeist, damit er so frisch und munter bleibt, wie er ist?« fragte das Weibchen wieder und lächelte. »Eine Rose?« Das Mädchen schreckte wie aus Gedanken versunken auf. »Ja, er hat einmal so etwas gesagt, dünkt mich, daß er's früher getan hat. Hat er's Ihnen auch gesagt?« »Ja wohl,« meinte die Witwe, »und es muß kein übles Mittel sein. Wenn man ihn so stattlich dahergehen sieht, wie noch mal 'n Kavalier, da glaubt man's schon.« »Badewännchen!« rief eine gewaltige Stimme vom Hause her. »Wo seid Ihr denn?« Und als Badewännchen aufschaute, sah sie ihren Vater gar stattlich daherkommen. Er mußte fürwahr viele Rosen soeben gegessen haben, denn er war wie verwandelt. So hatte sie ihn ihr Lebtag nicht gesehen. War er's denn wirklich? Heut so grau und mißgelaunt und voller Ekel bei Tisch, und nun? Der rote Bart glänzte, die Augen leuchteten, und er ging wie auf Federn. Badewännchen riß die Augen auf. »Bravo, Frau Marianne!« rief Herr Rauchfuß, »daß Sie den weiten, sonnigen Weg gemacht haben, um meiner armen Kleinen ein wenig Gesellschaft zu leisten, das lob' ich mir.« Die junge Beate schaute ängstlich auf Vater und Gast; was fiel ihm ein, ihr für Gesellschaft zu sorgen? Sie war hier oben an Einsamkeit gewöhnt. Gewünscht hatte sie sich oft die Kirstensmädchen mit ihren Freundinnen, die sie bei der Kummerfelden und hin und wieder bei Sperbers traf, die wären auch zu ihr heraufgekommen; aber dann hatte sie gedacht: ›Wenn die den Vater sehen würden, wie sie ihn oft sah« – und alle Lust war ihr vergangen. Aber Beatens Einsamkeit war eine wundervoll kräftige Einsamkeit gewesen. Wie ein kleines Tier hatte sie im vollaubigen Garten gelebt, hatte unter den Bäumen oder in voller Sonne geschlafen, hatte gegraben, gepflanzt und war in Feld und Wald umhergestrichen, ohne daß irgend jemand nach ihr gefragt hätte. Wo es zu arbeiten gab, hatte sie tüchtig mit Hand angelegt, beim Säen und Ernten, im Stall und in der Milchkammer, im Obst- und Gemüsegarten. Knechte und Mägde hatten vor ihr Respekt und sagten: ›Wie sie nur alles angreift, verständig wie ein Großes!« Und im Winter in der Gesindestube, da vermißte sie auch kaum ihresgleichen, da gab es zu hören und so manches zu erlauschen, da wurden die Dinge beim rechten Namen genannt, da erstand ihr eine hahnebüchene Welt, in der auch die Geister und Gespenster handgreiflicher Natur waren. In der Gesindestube wehte eine ganz gehörig scharfe Luft, was Witze und dumme Geschichten betraf, und wie ein Kind aus dem Volke wußte sie früh über Liebe Bescheid; aber ohne Sehnsucht. Es war da nichts Rätselhaftes, Geheimnisvolles, nichts allzu Anziehendes; aber es war etwas, was sein mußte, wie Säen und Ernten, wie Tod und Leben. Ihr waren über die Dinge dieser Erde keine Schleier gebreitet, auch über den Tod nicht. Alles war, wie es war, und mußte hingenommen werden. Und so kam ihr das Wesen zwischen Vater und Gast sofort sonderbar vor. Sie hatten in der Gesindestube sie schon manchesmal damit geneckt und gehänselt, daß der Vater einmal mit einer Stiefmutter ihr kommen könnte. Und jetzt dachte sie: ›Sollte dies sein?« Sie fand sie sehr hübsch; die Zierlichkeit, ihr angenehmes Lächeln, die dunklen, wohl frisierten Löckchen, alles bezauberte sie. Ja, es erschien ihr, als wäre das Weibchen ein Wunder gegen ihre eigene Tölpelhaftigkeit. Es war ein recht froher Nachmittag droben im alten Gutshaus. Solch ein helles Frauenlachen hatte da oben in langen Jahren nicht geklungen. Die Mamsell kochte einen vorzüglichen Kaffee, breitete im Garten unter der alten Linde, unter der Frau Rauchfuß einst wie ein schon abgeschiedener Geist ihr Kind hatte tanzen sehen, ein weißes Tuch über den Tisch und trug frisch gebackene Kräpfel auf. Die junge Beate schnitt Blumen und stellte einen Strauß auf den Tisch. Frau Marianne ertrank fast in eigener Liebenswürdigkeit, und der Rittmeister war wie das Gespenst seiner eigenen Jugend. Beate saß ganz still und schaute und verglich den einen schönen Sommertag mit all den Sommer-, Winter-, Frühlings- und Herbsttagen, die sie kannte, und sie ballte die festen, kleinen Hände zu Fäusten, um die Tränen zu besiegen, und starrte auf ihren Vater, von dem aus so viel Leid ihr Lebtag ausgegangen war, und dachte an die Freudlosigkeit ihrer Mutter. ›Nein,« dachte die junge Beate: ›Sie soll nicht zu uns heraufkommen, leid tät' sie mir. Um mich ist's nicht schade, ich weiß schon alles.« Als die hübsche Witwe im Kütschchen wieder heimfuhr, küßte der Rittmeister ihr gar zärtlich und zuversichtlich die Hand. So fuhr Frau Marianne siegesstolz davon. Den hatte sie jetzt, den Alten! Und wie das Kütschchen gut rollte! Es war dasselbe Kütschchen, in dem Frau Rauchfuß, an die Lederkissen geschmiegt, ihre todestraurige Fahrt nach Hause gemacht hatte. Frau Marianne war gar übermütig gestimmt, abgetan waren die Kostgänger. Als sie ihrem Häuschen zurollte – es war schon etwas spät –, dachte sie: ›Herr Leinhose hätte sein Bierchen schon längst haben sollen und Herr Oehmchen seine Bratwurst! Ach was! Mögen sie einmal warten!« Die beiden saßen schon in der Wohnstube, als sie eintrat, und schienen etwas mißgestimmt zu sein. Der eine zog seine Uhr und schaute darauf, wie ein ungehaltener Gläubiger auf seinen Schuldschein. »Spät, spät sind wir daran,« sagte er bedächtig. Die kleine Witwe lachte etwas leichtfertig. Der Hunger ihrer Kostgänger ließ sie sehr kühl, dieser Kostgänger, die ihr so sehr am Herzen gelegen und deren Wohlergehen ihre größte Sorge gewesen war; denn keinem ledigen Mann geht es besser, als wenn ihn ein Frauchen, das auf Freiersfüßen geht, versorgt. Die beiden Kostgänger nahmen schon seit Jahr und Tag der kleinen Witwe Fürsorge hin, und jeder von ihnen stand so mit ihr, daß sie die Wahl zwischen ihnen beiden zu haben glaubte. Der eine wartete auf eine Gehaltsverbesserung, die jeden Tag vor sich gehen konnte, und der andere hatte einen kleinen, netten Prozeß wegen einer Erbschaft und konnte jeden Tag Herr von einigen tausend Reichstalern werden, mit denen sich allerhand anfangen ließ. Sie waren beide zwei Herren mit den schönsten Möglichkeiten, und eine kleine heiratslustige Witwe konnte schon ein übriges an Beköstigung und Aufwartung für sie tun. Sie standen auch beide im guten Alter, nicht zu alt und nicht zu jung. Wirklich ganz erstaunt blickten sie heute auf ihre kleine Freßmadame, die sich durch ihr Mißvergnügen gar nicht beirren ließ, sondern Hut und Longschal bedächtig in das lavendelduftende Kommodenfach legte.– Was sie nur hatte? Sie warteten und warteten. Die Witib trödelte geradezu mit dem Essen. Und als es endlich kam, wurde es durchaus nicht so liebevoll wie sonst vor jeden hingesetzt, sondern recht gleichmütig. Die Wurst war auch nicht so knusperig wie sonst. Die junge Frau nahm Platz am Fenster und spann. Jetzt wäre die Zeit gewesen, zu der sie allabendlich miteinander den Küchenzettel für den nächsten Tag zu machen gewohnt waren. Friedlich hatten sie zu dieser Speisestunde einen weiteren Genuß, kraft ihrer Phantasie und schöpferischen Gaben, sich vor die frohen Seelen gestellt. Das blieb heute auch aus. Sie spann und lächelte träumerisch vor sich hin, und die beiden schmausenden Kostgänger waren für sie gar nicht vorhanden. Sie wirtschaftete oben auf dem schönen Gut, wandelte im Geist durch Stall und Küche, rückte im Wohnzimmer allerhand nach ihrem Geschmack und fühlte sich so recht an ihrem Platz. Da schellte es unten an der Haustür auf eine heftige; sonderbare Weise. Als die kleine Witwe die Treppe wieder heraufgestiegen kam, hörten die Kostgänger zögernde Schritte hinter ihr drein kommen. Ganz erregt trat die Frau ein, und ihr folgte etwas, worauf die beiden Kostgänger nicht gefaßt waren, ein rothaariges, kindliches Mädchen. Sie trug ein Schaltuch über dem Kopf, welches das Haar halb verdeckte. Es quoll aber in Ringeln und verwirrten Strähnen daraus hervor. Die biegsame, mittelgroße Gestalt, das weiche, rosige Gesicht, die scharfgeschwungenen, dunklen Augenbrauen, all das machte die Erscheinung, die stumm an der Tür stand, so märchenhaft und wunderlich, daß Herrn Oehmchen und Herrn Leinhose der Bissen im Munde steckenblieb. Sie wagten nicht mehr zu kauen. Das schöne Geschöpf aber rührte sich nicht und starrte auf die beiden Mannsbilder und schien sich gar nicht fassen zu können. »Nun, Mamsell Rauchfuß,« sagte das Weibchen mit dem Herzgesicht, »was verschafft mir denn das Vergnügen?« Das wunderliche Geschöpf aber antwortete noch immer nicht, sondern schaute nur. Man sah, sie kämpfte in sich mit etwas, was sie sagen wollte und nicht konnte. »Ei, so setzen Sie sich doch, Mamsell,« sagte der Herr Leinhose, und rückte ihr einen Stuhl an den Tisch. »Ja, um Himmels willen, ist denn etwas geschehen?« fragte das arme Weibchen kleinlaut. Da nahm das seltsame Geschöpf Platz auf dem Stuhl, verbarg den Kopf in den Armen, die sie breit auf den Tisch legte, und begann zu schluchzen. Die Witwe legte ihre Hand beruhigend ihr auf die Schulter. »Ach, heiraten Sie meinen Vater doch nicht,« klang es leidenschaftlich und doch so weich frühlingshaft zwischen dem Schluchzen hindurch. »Zu schad' wär's um Sie.« Das Mädchen war ganz in Tränen aufgelöst. »Aber, wer denkt denn daran!« sagte die kleine Witwe ärgerlich. »Doch! doch! Sie – und auch der Vater, ganz gewiß. Tun Sie's um Gottes willen nicht. Sie wissen nicht, wie traurig es oben bei uns ist!« Das Schluchzen war so wild und ungezügelt, als hätte das arme Kind es jahrelang eingedämmt, und nun tobte es wie ein Frühlingswasser. »In solcher Angst bin ich von oben herabgelaufen; ich mußte es Ihnen sagen. So eine Sünde wäre es gewesen, hätte ich's nicht getan. Wenn Sie wüßten, wie traurig meine arme Mutter immer war und wie traurig – traurig sie gestorben ist!« Das gute, arme Kind, das es in seiner Herzensangst so treu und ehrlich meinte und der Witwe soeben einen gar schlimmen Streich spielte, hatte noch immer das mit der roten Haarkrone geschmückte Haupt auf die Arme gepreßt. Sie sah nicht, wie die beiden Kostgänger belustigte Blicke auf ihre kleine Freßmadame warfen, und wie deren Herzgesicht erbleichte und wie darüber hin ein Weh zog, vergebliche Mühe, vergebliches Hoffen. Einsam weinte das junge, schöne Menschenwesen unter diesen dreien, die alle ihre eigene Verwirrung hatten. »Schau – schau,« sagte Herr Oehmchen endlich, »unsere teure Frau Marianne.« Seine Stimme klang etwas giftig. Gott weiß, ob er je Gebrauch von der Güte und Bereitwilligkeit seiner Wohltäterin gemacht hätte; aber er wollte der Teil sein, der wählte und verwarf, nicht sie. Er war der Gekränkte. Nicht anders betrug sich Herrn Leinhose; auch der fühlte sich als der Herr der Schöpfung genasführt und machte sich durch einige geschmerzte unartige Bemerkungen Luft. Die kleine Witwe aber war rat- und wehrlos gegen diese beiden in Ungerechtigkeit geharnischten Mannsbilder. Das Bild der vier Puppen, die das Schicksal am Draht hatte, bekam jetzt einen Ruck, der die ganze Lage der Dinge veränderte. Die Augen der Kostgänger richteten sich jetzt nicht zürnend und giftig in gekränkter Männerwürde auf die hübsche Witwe, sondern wohlgefällig und zutunlich auf das weinende Mädchen, das jetzt Freunde bekam auf Kosten eines andern, wie das so oft geschieht. Der eine verliert, wodurch notwendig ein zweiter gewinnen muß. »Nun, jetzt bitte ich Sie, schaut niemand von uns allen darauf, daß Mamsell Rauchfuß sich beruhigt!« Damit schob Herr Leinhose zur Tür hinaus und kam mit einem Glase frischen Wassers wieder herein: »Hier Mamsell,« sagte er sanft wie eine Kindermuhme, »trinken Sie ein Schlückchen!« Frau Marianne sah ganz erstaunt auf. Solch ein Laut war hier noch nie erklungen! Die Herren waren ununterbrochen von ihr gut bedient worden, in allzu großem Eifer, von ihr! und hatten gar keine Gelegenheit gehabt, sich ihr gegenüber zu revanchieren. Wenn das Männchen aber wirbt, sieht es das Weibchen gern hilfsbedürftig, so sehr sich dieses Wohlgefallen an Hilfsbedürftigkeit auch später ändert. O weh, dachte die hübsche Witwe, da haben wir's. Sie mußte zuschauen, wie die beiden sich überboten, dem jungen Geschöpf zu dienen. Die Stimmen ihrer Kostgänger wurden zarter und zarter, ganz hingerissen. Dem einsamen jungen Geschöpf aber taten diese gütigen Stimmen wohl, es begann sich zu beruhigen, schaute auf. Das rosige, vom Weinen etwas verschwollene Gesicht unter dem Schopf roten Haares begeisterte die Kostgänger ganz augenscheinlich. Ihre Seelen gossen wahrhaft Güte und Liebenswürdigkeit aus, und Frau Marianne durfte nicht allzusehr von den beiden abstechen, um sich nicht lächerlich zu machen, und war daher gezwungen, einigermaßen mütterlich zärtlich gegen den Störenfried zu sein. Sie hatte nun erfahren, die Aermste, daß Liebe sich nicht bürgerlich gesittet und wohlberechtigt einfangen läßt. So mußte sie's ertragen, daß ihre beiden wohlgenährten Kostgänger, die so viel Mühe und Gewissenhaftigkeit geschluckt hatten, den kleinen Balg im Dunkeln wieder hinauf auf den Ettersberg brachten. Sie mußte es auch über sich ergehen lassen, daß das dumme Mädel in leidenschaftlicher Besorgnis noch einmal die Arme um sie schlang und sagte: »Traurig und unglücklich würden Sie werden, und Sie sind so schön und lieb. O, könnte ich werden wie Sie!« Kaum nötig wäre es gewesen, daß die junge Beate dem armen Frauenzimmer, der Witwe, so großen Verdruß ins Haus gebracht hatte, denn Rittmeister Rauchfuß wurde bald darauf hinfällig und ganz gebrechlich. Die böse Krankheit packte ihn, die so manchem prächtigen Herrn, der sein Lebtag stramm und freimütig getrunken hatte, das Lebenslicht unter Qualen und Nöten fein langsam verlöschen läßt. Rittmeister Rauchfuß begann in gar wunderlichen peinlichen Vorstellungen zu leben. Dinge sah er, die andere nicht sahen, und da die Mehrzahl hier auf Erden recht behält und die Ausnahmen unrecht, mußte Herr Rauchfuß es sich gefallen lassen, hin und wieder nach Jena zu fahren, zu einem Arzt, der in seinem Hause so sonderbare Herren freundlich aufnahm, bis sich gewisse Irrtümer und Torheiten fürs erste gelegt hatten. Die erträglicheren Zeiten brachte er auf dem Ottersberg, im alten Heim, wieder zu, und dort erwischte ihn auch sein letztes Stündlein. Sperbers waren gekommen und auch die alte Kummerfelden, als sie hörten, Herr Rauchfuß hätte vor, abzuscheiden: sie wollten dem Alten, der sein Leben so torheitsvoll und unbekümmert hingebracht hatte wie die meisten Menschen, in der letzten Stunde nahe sein, seinetwegen und Badewännchens wegen. Und so saßen sie im Nebenzimmer, als Herr Rauchfuß sich unter großen Qualen zur langen Reise anschickte. Sie saßen und tranken Kaffee, den die Mamsell immer neu braute, und aßen Schinkenbrot. Der Arzt blieb auch in dieser Nacht oben auf dem Ettersberg und plauderte mit den drei Alten. Badewännchen hielt am Lager ihres Vaters aus wie ein braver Soldat. Es war ein böses Sterben, und das gute Kind sah in die Schrecken des Lebens hinein wie in eine Feuersbrunst. Sie selbst hatte so etwas Lebensvolles, Sonniges, daß es war, als stände das Leben selbst am Totenbette. »Du Rackersmädchen, du!« sagte Herr Rauchfuß ärgerlich. »Wart' nur! – Siehste, wie's geht? – Soldatenkind! – Soldatenkind!« Als er in der Nacht eine Weile still und teilnahmlos gelegen hatte, sagte er mit erloschener Stimme: »Sperber soll kommen.« Und als der alte Nachbar kam, griff er nach dessen Hand und hielt sich daran in großer Bangigkeit, da war aber nichts mehr zu machen. Er wollte noch sprechen, und schwer rang es sich heraus: »Sehr hoch – wohl – geboren höchst unwohl gestorben – alter Freund – alter Freund!« »No, no,« sagte gutmütig beschwichtigend Nachbar Sperber, »das machen mir dir alle nach. Alle nach. Ach, du mein Gott.« So hielt er des alten Sünders Hand, mit dem er so manches Bésigue gespielt und so manchen guten Trunk getan hatte, während dessen arme, törichte Seele in Todesängsten über die Schwelle vom Ich zum Nichtich glitt.   Der Sommer nach des Vaters Tod ließ das Mädchen wundervoll erblühen. Das war ein Sommer! Keine Regenzeiten. Hin und wieder ein mächtiges Gewitter, das den alten Ettersberg überbrauste; Nachtregen und taufrische, tropfende, sonnenstrahlende Morgen. Ein Sommer, wie man ihn nur träumen konnte. Von Badewännchen war der Lebensdruck abgefallen; sie kam ins Blühen und Leuchten. »Eine Kopfverdreherin haben wir da oben,« meinte der alte Sperber. »Gott mag wissen, was die da oben anrichtet! Wenn das Mädel nur die verdammt roten Haare nicht hätte; aber so läuft sie wie eine Fackel umher, und jeder schaut und rennt ihr nach, bis zum Knecht hinab. Sie lebte wie eine Königin da oben, trotzdem die beiden Sperbers brummten und schimpften, daß sie tat, was sie wollte und in ihrem Elternhause blieb, statt zu ihnen herüberzuziehen und das Gut zu verpachten. Seit jenem Abend bei der jungen Witwe, als die trockenen Stimmen der Kostgänger sich zu Kindermuhmenzärtlichkeit und Besorgtheit verwandelten und schließlich zu Tönen kamen, die sie sich selbst kaum zugetraut hatten, wußte sie, daß sie schön war und Macht über die Menschen hatte. An jenem Abend, als die beiden Kostgänger sie bis an das Haustor gebracht, hatte das einsame junge Mädchen in tiefer Nacht ihr Schlafkammerfenster geöffnet und in die große Dunkelheit und Stille hinausgeschaut. Ihr Herz schlug damals zum Zerspringen, das edle Blut durchglühte ihr die Haut. Ein Wunder war geschehen! Trunken wurden die Menschen an ihr, trunken vor Freude. Sie dankte Gott und preßte die gefalteten Hände an die Brust und war voll Seligkeit und Staunen. Sie konnte sich von der Stille nicht losreißen, die sie ganz mit ihrer eigenen Herrlichkeit erfüllte. Daß die zwei Kostgänger der armen Frau Marianne im Grund zwei recht elende Wichte waren, tat nichts zur Sache. Sie hatte sie trunken vor Freude werden sehen. Das bewegte sie tagelang, das heiligte sie vor sich selbst. Da, in diesem köstlichen Sommer, in dem aller Lebensdruck von ihr abgefallen war, wuchs und verschönte sie sich durch eigene Seligkeit. Als Kind hatte sie Blumen um ihrer Schönheit willen beneidet, und nun war sie selbst schön. Sie bekam etwas Sicheres, Frohes. Es war so gesund für sie, daß sie nun um ihre Schönheit wußte, den Tod kannte sie, völlige Einsamkeit und das Ertragenmüssen. Fuchs und Rotkopf hatte man sie in ihrer Kindheit gerufen. Von nun an bemerkte sie, daß ein jeder ihr nachsah, daß man stehenblieb, wenn sie vorüberging. Und immer wieder kam diese große Freude, rann durch ihre Adern und stärkte sie. Während dieses Sommers war sie tapfer bei der Arbeit. Sie wollte den alten Sperberleuten beweisen, daß sie eine gute Hausfrau und Gutsherrin sei. Trotzdem die Verantwortung auf dem Verwalter und der Mamsell lag, ließ sie sich das Heft nicht aus den Händen nehmen. Sie mußte von allem, was geschehen sollte, erfahren und ihre Einwilligung geben. »Ein Rackersmädchen!« sagte der alte Sperber. Sie war viel drüben, holte sich dort Rat ein und traf mit jenen Mädchen und deren Kameraden zusammen, nach denen lange schon ihr Sinnen und Trachten stand. Jetzt, da sie allein war, hielt kein Bedenken sie mehr von ihnen fern. Das waren die beiden Töchter des Rats Kirsten aus der Wünschengasse unten in Weimar, die mit ihren Freunden Bundang, Ernst von Schiller und Horny hinauf zu den alten Sperbers kamen und dort wahre Freudenfeste feierten. Sie standen den Sperbers sehr nahe, denn sie verstanden lustig und liebenswürdig zu sein und waren voller kindlicher Keckheit und Jugendüberschwall, daß den beiden Alten das Herz lachte. Die junge Beate hatte es nie verstanden, die beiden guten Menschen so lächeln und lachen zu machen. Das tat ihr leid. Es lag etwas Schweres über ihr von Kindheit an. Sie war nie so recht sorglos gewesen. Für sie waren aber die beiden Mädchen Röse und Marie etwas ganz Wundervolles. Nun, da sie wußte, daß sie selbst schön war, näherte sie sich ihnen wie ihresgleichen und wurde freudig aufgenommen. Das Mädchen auf dem Ettersberg, das immer Reißaus genommen hatte, wenn sie sie zufällig bei Sperbers trafen, hatte längst ihr Verlangen erregt, besonders da ihre drei Freunde sehr viel von ihr hielten. »Wegen ihres roten Haarschopfes mögt ihr sie wohl?« fragten die Mädchen ihre Freunde. »Sie hat etwas Königliches,« sagte Horny. »Ich habe sie einmal belauscht, wie sie im Herbst vor zwei Jahren auf einem Acker, abends, als Knechte und Mägde gegangen waren, sich ganz einsam ein Kartoffelfeuerchen anzündete. Ich habe gesehen, wie sie das dürre Kraut geschleppt brachte, wie sie Feuer schlug und wie sie die Kartoffeln in die heiße Asche legte und dann zusammengekauert saß und in die Glut sah, so einsam und voller Gedanken. Ich war im Wald verborgen und mußte mir die Hände vor den Mund pressen, daß ich nicht jubelte über ihre Einsamkeit, und daß sie sich so ganz allein ein Feuerchen angebrannt hatte, und daß es ihr so behaglich in dieser Herbststille war. Dann hat sie von den Kartoffeln gegessen, so ganz einfach, wie ein junges verlassenes Tier, und ihr mögt mir's glauben, da liefen mir Tränen über das Gesicht. Die Felder und was ich ringsumher sah, war alles so weit und groß und grau und kühl. Ihr Feuerchen und sie selbst erschien mir in dem grauen Nebel nur wie ein winziger, lebendiger Punkt. Ich wußte ja auch, daß sie keine Mutter hatte. Dann sah ich sie so still und ernst den Weg entlang gehen, ihrem Hause zu. Nie werd' ich das vergessen.« Die beiden Mädchen sahen sich ganz betroffen an. Sie gingen, als Horny ihnen sein verschwiegenes Erlebnis erzählte, abends auf dem Sperberschen Gutshof auf und nieder. »Weshalb hat er uns das noch nie erzählt?« fragte Röse, bekam aber keine Antwort. Röse und Marie hatten für alles, was Horny ihnen erzählte, viel übrig. »Als wenn man sie hocken sieht,« sagte Röse. »Und daß sie Badewännchen heißt,« meinte Marie. »Die Sperbers wollen auch, daß wir uns um sie bekümmern,« fuhr Röse fort, »und jetzt läßt sich auch etwas mit ihr anfangen. Sie ist so scheu nicht mehr, und man kann ganz vernünftig mit ihr reden. Ihr ist auch zuwider, was uns zuwider ist. Am liebsten rennt sie draußen herum und arbeitet ordentlich. Herr Gott, wie sie's gut hat!« »Na, hör' mal,« sagte Marie, »so allein!« »Ja,« sagte Horny wieder, »sie hat etwas von einer Königin. Sie tut, was sie will, und denkt, wie sie will. Sie lebt ein Leben für sich.« »Als wenn das die Königinnen täten,« meinte Röse. »Die Königinnen, die ich meine,« antwortete Horny, »die können in der Wünschengasse wohnen oder auf dem Ettersberg.« »Solche Königinnen!« lachte Marie. »Das einzig sind die Wahren! Jung müssen sie sein, ohne Tadel – und frei und froh und jedem gerade und stolz in die Augen sehen.« Das entzückte beide, Röse und Marie. »Wir sind drei Königinnen!« riefen sie Ernst Schiller und Budang entgegen. »Kommt, wir wollen zur dritten gehen!« Und sie machten sich alle auf und gingen einen schmalen Weg über ein paar Wiesen und Felder, an einer Sandgrube hin, zum Rauchfußschen Hof, und fanden die junge Herrin im Garten unter der Linde sitzen, ihr Abendbrot verzehrend. Auf dem weiß gedeckten Tisch stand ein Schüsselchen Sauermilch, aus dem sie löffelte, und ein Laib frisches Brot lag dabei, und ein Teller goldgelber Butter leuchtete auf dem weißen Tuch. »Herrlich,« sagte Röse, »wie sie zu Abend ißt.« Sie wurden alle eingeladen mitzuessen, und bald saß jedes vor solch einem Schüsselchen Sauermilch und schnitt Brot und strich Butter. Im stillen dachten sie: ›Da wird die liebe Frau Sperber mit dem Essen auf uns warten.« Aber sie sahen alle das gute, freundliche Gesicht vor sich, von dem sie nicht glaubten, daß es ihnen ihre Freude mißgönnen würde, und dann dachten sie: ›Wer weiß, vielleicht essen wir, wenn wir nach Hause kommen, was sie für uns hat, auch noch.« Als sie abgetafelt hatten, war es ganz selbstverständlich, daß sie zu tanzen begannen unter der blühenden Linde. Da wurde gar nicht weiter darüber geredet. »Also los!« sagte Röse. Die Pärchen fanden sich: den Takt singend und brummend, wiegten sie sich auf dem festgetretenen Kiesboden. Badewännchen rannte ins Haus, als die Dunkelheit hereinbrach, und holte eine Stallaterne, denn unter der dicken Linde dunkelte es bereits, als der Garten noch in Dämmerung lag. Dann kamen die Glühwürmchen und schwirrten durch die duftenden Zweige. Das junge Menschenvolk faßte sich bei den Händen und tanzte Ringelreihen um den alten, düsteren Stamm, bald links herum, bald rechts herum, und fand kein Ende damit. Sie waren alle von seligster Harmonie zueinander hingezogen. Der stille, stille Garten um sie her, der duftende, schützende Baum und die leuchtende Stallaterne, in deren Strahlenkegel junge Herrlichkeit auftauchte. Sie sprachen kaum und lachten kaum. Es war so eine große, große, heilige Wonne, die alle durchdrang. Das einsame Mädchen, das die glücklichen Jugendfreunde mit in ihren frohen Reigen gezogen hatten, war von überirdischer Wonne durchdrungen. Das war ihr erster Tanz, dieser schweigende, selige Ringeltanz. Links herum, rechts herum, solange es zu ertragen war. Es war ein Tanz zum Lobe Gottes, der Schönheit auf Erden und der wundervollen Jugend. Da wurden sie freilich nicht müde, und alle wußten, daß sie einander liebten von Kindheit an. »Schön ist's,« sagte Röse. Herr und Frau Sperber waren heraufgestiegen, um nach ihren Flüchtlingen zu sehen, und standen ganz ehrerbietig in der Ferne und sahen dem heiligen Tanz zu. Die Kummerfelden, die vom Samstag zum Sonntag im Sommer hin und wieder auch Logiergast war, denn Sperbers Gastfreundschaft war unergründlich, war mit ihnen gekommen. Die drei Alten rührten sich nicht. »Ja – ja!« sagte der gute Sperber, und hätte er eine Rede über alles Weh und alle Freude dieser geheimnisvollen Erde gehalten, sie hätte nicht tiefer und verständiger ausfallen können. Die alte Kummerfelden meinte: »Du lieber, braver Sperber, da möchte ich dir die Hand dafür drücken, denn recht hast du,« und nun sagte sie selbst auch: »Ja – ja!« Aber das ging Frau Sperber durch Mark und Bein, denn die Kummerfelden war nicht umsonst eine hochberühmte Schauspielerin gewesen. »So mach' einem doch das Herz nicht schwer, dumme Suse,« sagte sie zu ihrer guten Freundin, »du mußt auch immer in den Dingen herumrühren.« Aber«, sagte Herr Sperber, »fort gehen tut es so nicht, das könnte lustig da oben werden – Badewännchen muß heiraten.« »Heiraten!« sagte die Kummerfelden. »So eine Schönheit. Ewig schade wär's um sie.« »No, was denken Sie denn mit ihr zu machen?« fragte Herr Sperber. »Schließlich sind Frauenzimmer doch nur zum Heiraten da.« »Ja, Gott sei's geklagt.« »Gerade die Tochter des alten Rauchfuß muß früh heiraten, sonst erleben wir was. Das ist ein Teufelsmägen; der Pfarrer sagt's auch, er hat einen Freier für sie.« »I, warum nicht gar, der Pfarrer, der wird was Rechtes haben,« rief die Kummerfelden. »Und unser Neffe?« fragte Frau Sperber. »Für den wären Mädchen und Gut wie geschaffen, und wir hätten ihn dann in unserer Nähe.« »Natürlich,« sagte die Kummerfelden, »das wäre dann ja in schönster Ordnung.« Währenddem tanzten die Jungen unter dem Baum und achteten nicht auf die Alten, die nicht mehr wissen, was reine Freude ist, und mit ihren verständigen, häßlichen Lebenserfahrungen das reine, junge, menschliche Glück antasten und beschmutzen, so gut sie es auch meinen. Ohne zu wissen, daß die alten Augen voll Wehmut und Vernunft auf ihnen geruht hatten, tanzten die jungen Glücklichen schweigsam und selig weiter. Als sie sich damit genug getan, gingen sie in den nächtlichen Wald und sangen und sahen den Glühwürmchen zu und sprachen, wie nur ganz junge Freunde und Freundinnen reden, die noch Scheu tragen, von Liebe zu sprechen. Spät wurde es. »Mich dürstet,« sagte Röse, »und nun können wir doch nicht mehr bei Sperbers nach unserem Nachtessen fragen und müssen froh sein, wenn wir ohne Zankerei hereinkommen.« Beate meinte: »Wir gehen in den Kuhstall und trinken frische Milch.« Da waren alle dabei. »Aber still muß man sein, die Knechte schlafen ganz nebenan.« So schlichen sie miteinander zum Kuhstall. Beate Rauchfuß trug die Laterne. Der Hof lag still und dunkel, der mächtige Misthaufen dunstete herb und schwer. Das schöne Geschöpf öffnete die alte, verschabte Stalltür, und sie traten ein. Der warme Dunst schlug ihnen entgegen. In einer Mauernische brannte ein Oellämpchen und warf auf einen weißen Kuhrücken ihren gelben Schein. Beate meinte: »Es wird schon ein wenig hell. Die Magd wird bald zum Melken kommen.« Sie beleuchtete mit ihrer Laterne ein Gestell, auf dem allerlei hellgescheuerte Kübel und Näpfe standen, und nahm ein schneeweißes Holzkübelchen. Aus den Schwalbennestern, die am dunkeln Gebälk klebten, klang das Piepen und Zirpen der jungen Vögel. Süße, süße Tönchen in dem warmen Dunst. Der kleine Brunnen im Stall plätscherte in seinem Trog. Beate nahm den Melkkübel der Magd, streichelte und klopfte eine schöne, weiß-braun gescheckte Kuh und molk dann in ihr Kübelchen. An dem mächtigen Kuhleib lag der frohe Kopf des Mädchens. Horny hielt die Laterne. Sie molk ihr Kübelchen schäumend voll. Die Kuh brummte über die sonderbare, allzu frühe Störung. »Das ist eine Milch!« sagte die junge Gutsherrin. »Und nun trinkt alle einmal.« Sodann reichte sie ihren Kübel, und sie tranken in langen, langen Zügen. »Eine Königin ist sie,« sagte Horny wieder zu Röse. »Wie herrlich das alles ist! Prachtvoll ist solch ein weißes, duftendes Milchmeer, das vor den Augen schwankt und einen ganz durchströmt mit Kraft und Wärme.« »Nicht wahr, nun seid ihr alle satt?« fragte Beate stolz und glücklich. Sie sagten sich Lebewohl und brachten ihre junge Wirtin noch bis an die Tür des einsamen Wohnhauses.   Die drei Alten aber hatten den Entschluß, oben im Rauchfußschen Hofe Ordnung zu schaffen, sehr energisch gefaßt. Badewännchen durfte sich nicht selbst überlassen bleiben. Nein, so was geht nicht! – »So ein Mägen allein im Hause!« meinten die beiden Sperbers ganz gedankenvoll, und so kam es, daß sie ihren Neffen zu sich aufs Gut kommen ließen. Das war ein guter, frischer Mensch. Alle Nachbarn im ganzen Umkreise vom Ettersberg und hinter dem Ettersberg, in Weimar und um Weimar dachten wie die alten Sperbers: »Das geht nicht, daß das kleine, dumme Frauenzimmer mit ihrem Hofe allein bleibt.« Ein jeder dachte an einen Neffen, Bruder, Sohn oder sonst einen Anverwandten, den er auf das seltene Wild hetzen wollte, während das junge Mädchen in vollen Zügen ihre Freiheit und Jugend genoß. Sie lebte trotz alledem recht ruhig und ehrbar, wußte sich trotz Verwalter und Mamsell bei ihren Leuten in Respekt zu setzen und war durchaus tüchtig und fleißig. Da brach es los, was die Alten in ihrem Uebereifer herbeigeseufzt hatten, – die Freier kamen. Der schöne Jugendfriede der drei Königinnen mit ihren guten Freunden wurde gestört. Solch neue, wundervolle Jugend muß sich erst auf sich selbst besinnen, ehe sie zum Verlangen und Begehren wird. Die drei vernünftigen Alten hätten ruhig die drei Königinnen ihren herrlichen Reigen weitertanzen lassen sollen. Zuerst rechts herum, dann links herum, solange es zu ertragen war. Solch ein Reigen wird nicht wieder getanzt – nie im Leben. Die ersten Freier, die sich meldeten, waren die beiden Kostgänger der hübschen, kleinen Witwe mit dem Herzgesicht, Herr Oehmchen und Herr Leinhose. Sie machten bei Sperbers Besuch, und nicht etwa zusammen. Keiner wußte von dem andern. Hinauf auf das Rauchfußsche Gut hatten sie sich nicht gewagt, denn die Sache sollte in allerschönster Ordnung vor sich gehen. ›Halloh!« dachte Herr Sperber. ›Jetzt wird's schon ernst, wenn die abgestandenen Ehrenmänner sich auf den Weg machen.« Herr Sperber wollte demnach nicht allzu hoch hinaus mit seinem Schützling. ›So ein ganz schlichter Mann, das ist der beste für so ein Frauenzimmer,« meinte er, ›da gibt's keine Geschichten wie mit Herrn Rauchfuß; so einer hat der Welt nichts Besonderes zu zeigen, keinen roten Bart, keine Hünengestalt, nicht Mucken im Kopf, nicht Herz und nicht Geist – so einer wie die meisten, der hält Ruh' gottlob.« Herr Sperber nahm die Herren recht freundlich auf. Der Neffe natürlich würde sie ausstechen, das war ihre Sache. Er selbst, Herr Sperber, hatte nur freundlich und gerecht zu sein. Beate, die zu dem Neffen und den beiden Kostgängern eines Abends zu ihren Vormundsleuten geladen wurde, genoß das Staunen, das Hingerissensein der drei Mannsbilder wie ganz vortreffliches Konfekt und ließ es sich schmecken. Es war ein wundervolles Konfekt, nein, es war ein süßer Duft, den sie einatmete. ›Die Menschen werden trunken von mir,« dachte sie wieder und wurde übermütig und glückselig. Trotzdem die Kostgänger und der Neffe ganz gehörig langweilig in ihrer großen Verliebtheit waren und ungeschickt dazu, langweilte sie sich nicht, fühlte nur sich selbst und den Opferduft, der zu ihr aufstieg und sie kräftigte. Die drei Mannsbilder waren ihr gleichgültig, waren nur die Pfannen, in denen Weihrauch brannte. Nach solch einem Abend war sie stark und froh wie eine junge Göttin, arbeitete am andern Tag unverdrossen, setzte sich in Respekt bei ihren Leuten und fühlte sich wohl. Samstag abends wanderten die Kirstensmädchen mit ihren Freunden herauf; aber es währte nicht lange, da kam dieser und jener mit, der sich unterwegs angeschlängelt hatte und den sie nicht los hatten werden können. Darüber waren Röse und Marie sehr mißmutig. »So einer stört,« sagten sie, »wir wollen unter uns sein.« Beate Rauchfuß aber meinte: »Laßt ihn, er ist ja ganz gleichgültig.« »Natürlich rennen sie jetzt alle 'rauf zu dir, weil sie denken, da ist was zu holen,« sagte Röse. »Sag's ihnen doch, daß du nichts von ihnen wissen willst. Was brauchst du die, du hast ja uns!« Den alten Sperbers wurden die Besuche der jungen Leute auf ihrem Gute bald zuviel, und besonders der Neffe wollte nichts mehr davon wissen; deshalb beschlossen sie, die alte Freundin der Kummerfelden, die Rabenmutter, Beaten als Ehrenwache beizugeben. Die war Schutz genug, zehn Freier in Respekt zu halten und war zu allem anstellig, bei Kranken und Toten zu wachen, weshalb nicht einmal bei der Schönheit eines jungen Frauenzimmers? Sie war die Witwe des Zinngießers Lange, hatte ihre Kinder alle verheiratet und stand hilfsbereit ihren Freunden und Bekannten zu Diensten; auch zu Gelegenheitsgedichten war sie immer zu haben, denn unter dem großen Christophorusmantel, den sie winters wie sommers trug, schlug ein gar empfindsames Herz, und in dem starken, großen Körper wohnte auch eine stattliche Seele. Auf den Ettersberg als Badewännchens Ehrenwächterin kam sie gar zu gern; es war Winters Anfang, als man sie rief. So etwas hatte sie sich lange gewünscht. Da droben auf dem prächtigen Gutshof, da sollte es ihr wohl gefallen. Wenn Schnee lag, hätte sie es von da auch nicht weit zu ihren Schützlingen, den Raben, die sie auf den verschneiten Feldern zu füttern pflegte. Die Rabenmutter zog anfangs November auf dem Rauchfußschen Gut ein. »Im Frühjahr ist Hochzeit,« hatte ihr der alte Sperber gesagt. »Weshalb muß nun dies Mädchen, das alle Ursache hätte, fein bescheiden und unauffällig ihren Gatten zu wählen, solch ein brennendes Strohdach sein? – Und Freude hat der Racker daran; wie ein Trinker den Wein, liebt sie die Verliebtheit all dieser Esel. So suchst du die Sünden der Väter heim an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied.« Der alte Sperber sah sehr schwarz, war sehr ärgerlich über Herrn Rauchfußens Badewännchen. »Was du für Geschichten machst!« sagte er zu ihr. »Den ersten besten nimmt ein Mädchen unten in der Stadt, und du läßt alles, was Beine hat, den langen Weg heraufrennen. Weißt du, das ist unverschämt von dir. Ein Frauenzimmer soll bescheiden sein.« Da lachte das Mädchen übermütig. Ihr Herz war so frei und leicht überströmend von Erdenwonne. Was auch gesagt wurde, sie hörte nur halb. Sie war ganz in sich selbst verpuppt. Ihre Seele, rund wie eine Kugel, hatte keine Ecke, keinen Riß, an dem die Sorge sich hätte einhaken, oder in den sie hätte eindringen können, eine schöne Kristallkugel, von Licht überschienen und durchleuchtet. Wundervoll ist das Nichthören auf Vernunft und Weisheit, das ganz Ichsein der ersten Jugend, das Halbhören auf alles. Wie ein fernes Rauschen und Lärmen und Läuten tönt das Treiben der Welt in die unstörbare Wonne solcher in sich versunkener Schönheit und Jugend hinein.   Uebrigens kamen ganz reputierliche Herren den langen Weg dahergewandelt. Unermüdlich waren Herr Leinhose und Herr Oehmchen. Zu ihnen gesellte sich oft die junge Witwe mit dem Herzgesicht, in kluger Erwägung, daß das gefährliche Mädchen im schlimmsten Falle nur einen ihrer wohlgenährten Kostgänger nehmen könnte, so blieb sie freundlich gegen beide. Außer diesen beiden machte sich gar oft der Hofmann auf den Weg, der in der Umgebung von Weimar ein ziemlich verschuldetes Gütchen besaß, aber außerdem tadellose Manieren, einen außergewöhnlich kleinen Kopf und aristokratische Hände. Er schaute auf eine stattliche Reihe von Ahnen, die alle an seinem Besitztum und seiner Persönlichkeit geknabbert hatten; denn von beiden war wenig mehr da, und es schien durchaus vernünftig, daß er sich um eine Vervollständigung umsah. Er war allen über an Formen und imponierte daher. Sie hielten ihn für gefährlich und waren froh, wenn er bei irgendeiner festlichen Gelegenheit, einer Schlittenfahrt oder einer Redoute im Stadthause ausbleiben mußte, denn er ging zu Hof, und daher arrangierten die Freier ihre Feste gern an Tagen, an denen er fern bleiben mußte. Tanzkränzchen, Liederabende, Spinnstuben, Redouten gab's diesen Winter in Weimar in Hülle und Fülle, und die schöne Rauchfuß wurde in alles mit hineingezogen; bald machte der eine sich liebenswürdig, bald der andere. Ritter hatte sie genug, alle gangbaren Kaufmannssöhne des Städtchens, junge Herren vom Gericht, was sich nur irgendwie zum Bürgerstande zählte und darunter – und darüber hinaus. Es jagte, wer da irgend jagen konnte. Sie liebte den Tanz. Ja, tanzen schien ihr das Herrlichste auf Erden zu sein, sich ganz zu vergessen, ja, sich ganz aufzulösen in Musik und Bewegung. – Sie unterschied ihre Freier nur nach ihrem Tanzvermögen; in ihren geistigen Kapazitäten, die bei keinem bemerkenswert waren, verwechselte sie diese untereinander und war selbst ganz ohne Jagd- und Beutelust, einfach zufrieden und selig in sich. So ging die Zeit hin. Die Ungeduld der Braven hätte ihr wie eine Flut zum Lippenrand steigen müssen, sie bedrängend und ängstigend, oder etwa, als ständen vor ihrer Tür eine Reihe Gläubiger, sie aber säße in ihrem Stübchen in allem Frieden und ließe sie, so ungestüm sie wollten, klopfen und läuten. Sie spürte die Ungeduld der Glücksritter gar nicht. Sie waren ihr so fremd, so fern. – Einen dieser fremden Leute sich ins Haus nehmen, ihn immer haben und sehen müssen, schien ihr so abgeschmackt und unmöglich, daß sie der Gedanke nicht einmal beunruhigte; aber sie träumte von Wundern, von einem, den sie lieben wollte. Sie fühlte etwas so Starkes, Großes und Gutes in sich und empfand dabei ihre Unwissenheit und Enge. Die Sehnsucht nach dem Unbefangenen war zugleich eine brennende Sehnsucht nach Weite, ein Entfliehenwollen aus der Enge, ein Wachsenwollen. Niemand hatte ihr bisher das Brot des Lebens geboten. Sie hungerte. Ihre Schönheit barg etwas noch Schlafendes, etwas Starkes, das sich regen wollte in dieser Welt und über diese hinaus; aber niemand nährte dies Wundervolle. Die Speise, die sie ihr boten, war keine königliche, keine seelenstärkende Speise, es war Alltagsfutter, an dem sie verkümmern mußte. Ja, sie träumte lang unter all' ihren Freiern vom Erwachen, gegen das das Leben, welches die andern in ihr weckten, tiefer, dumpfer Schlaf war. Die Rabenmutter hatte ihre Freude daran, daß die Festung, die sie behüten sollte, sich nicht ergab, denn so konnte sich das behagliche Leben oben auf dem Rauchfußschen Gute noch eine Weile für sie ausdehnen. Sonntag abends oder nachmittags hatten sie meist Besuch, da kamen die Freier, die Kirstensmädchen mit ihren Freunden und die hübsche, junge Witwe, und oft fand sich auch die brave Kummerfelden ein. Die hatte ihre Freude an dem unvernünftigen Geplauder der verliebten Junggesellen. »Ganz des Kuckucks ist das Mannsvolk, wenn es verliebt ist,« sagte sie einmal zur Rabenmutter; »der Vogel singt seiner Liebsten die schönsten Lieder und reizendsten Redensarten, die er ersinnen kann; aber unsere Mannsbilder, mit Ausnahme weniger, die es gleich drucken lassen, reden doch einen ganz jämmerlichen Brei daher. Die Haare stehen mir unter der Haube auf, wenn ich denke, akkurat so taten sie's auch zu meiner Zeit und nicht einmal gar so übel hab' ich's gefunden. Mannsbilder sind nun mal nur gescheit, wenn's durchaus sein muß, soweit's gezahlt wird. Greulich schwer muß es ihnen fallen.« »Ja,« meinte die Rabenmutter, »gerad' als ob sie meinen, daß so ein frisches Mägen nur durch ausbündige Blödheit zu kirren wäre – das Mägen lacht freilich dazu – aber das sag' ich dir, sie ist eine ausgesucht kalte Hundeschnauze.« »Recht hat sie,« meinte die Kummerfelden. Es ist eine kühle Sache um das Plaudern von so zwei Alten. In Frühlings-Abenddämmerung saßen sie im großen Wohnzimmer am Fenster. Die Jugend spielte Pfänderspiele. Im Nebenzimmer wurde der Tisch zum Abendessen gedeckt. Sie hatten schon muntere Sonntagnachmittage und Abende oben bei der Vielumworbenen verlebt, harmlose, köstliche Stunden, in denen jeder einzelne vergaß, weshalb er eigentlich hier heraufgelaufen und sich nur vergnügte, wie die anderen sich vergnügten. Heut' aber lag etwas wie Frühjahrsmüdigkeit in der Luft. Draußen regnete es kalt und gleichmäßig, trotz des junges Laubes. Die Hühner saßen in ihrem Stall und glucksten in Sonntagnachmittags-Griesgrämigkeit. Knechten und Mägden hatte der trübselige Regen die Sonntags-Unternehmungen verdorben. Schritte schlürften über den Hof, denen man Unbefriedigtsein und Langeweile anhörte. Die Tropfen klatschten gegen die Scheiben, oder wenn der Wind sich gelegt hatte, rieselte es sachte und grau hernieder. Das kleine Weimar mit all seinen berühmten Leuten lag auch vernebelt und langweilig unten am Fuße des langgestreckten Ettersberges, sah aus wie jedes andere trübselige Landstädtchen im Regen – trostlos und öde. Aus der großen Einsamkeit und Frühlingsnässe klang hin und wieder süßer Amselschlag, sehnsuchtsvoll nach Sonne. Die Kirstensmädchen mitsamt ihren Kameraden waren heute trotz Sturm und Schmutz und Regen heraufgetappt, weil sie gehofft hatten, heute würden die verliebten Junggesellen, sie sagten »Esel«, einmal daheim bleiben. Jedem war es so ergangen. Jeder einzelne hatte gehofft, den andern nicht zu finden und einmal seine Person allein zur Geltung zu bringen, und alle waren sie enttäuscht. Die Vielumworbene war auch nichts weniger als gut aufgelegt. Mißmut hatte sie erfaßt, als all die nassen, gleichgültigen Gestalten sich draußen mit viel Lärm und Geschnauf ihrer tropfenden Hüllen entledigten. Die Stallmagd mußte ihnen die Stiefel reinigen oder, falls sie ein anderes Paar zum Wechseln mit herausgebracht hatten, die nassen abnehmen, um sie am Ofen zu trocknen. Jeder fand sich mit mehr Lärm und Aufruhr ein, als es ihm zukam. Dem jungen Mädchen erschienen sie alle wie polternde Ehemänner. Auch sie wäre heute gar zu gern mit den Kirstensmädchen und den Kameraden allein geblieben. Heute bedrückten sie die fremden Mannsbilder, von denen jeder sich mit dem Gedanken trug, hier oben heimisch zu werden, Herr von allem. Unverschämt erschienen sie ihr. Eine schwere Traurigkeit überkam sie. Sie dachte der Ehe ihrer Mutter, an das arbeitsvolle Leben der stillen Frau, an ihre Einsamkeit, an die Gleichgültigkeit, die sie zu ertragen hatte, an die heißen, schmerzvollen Umarmungen, die sie für ihr Kind hatte. »Eine nette Geschichte!« Das junge Mädchen wurde voll Trotz und Zorn. »Hat einer von allen, die hier heraufkommen, mir auch nur etwas gegeben, was ich nicht schon wußte und kannte? Langweilig sind sie. Hab' ich erst einmal einen von ihnen, so sieht er nicht mehr, daß ich schön bin. Was bleibt dann übrig?« Sie spielten Pfänderspiele, die unruhigen, unbefriedigten Gedanken aller lagen drückend im geschlossenen Raum. Auch beim Abendessen ging es nicht so munter her wie früher. Die Wirtin war schweigsam und strahlte nicht wie sonst im Bewußtsein ihrer Kraft und Schönheit. Zum ersten Male seit ihrem Erwachen zu Sorglosigkeit, erster Jugend war heute die Kristallkugel, der ihre Seele glich, fleckig und trübe. Sie schwebte nicht mehr wie im Sonnenlichte, ganz durchleuchtet. Um neun Uhr, als der Regen in Strömen goß und eben beratschlagt wurde, daß die Kirstensmädchen bei Badewännchen nächtigen sollten, die drei Kameraden und die Kummerfelden bei Sperbers, und die Freier sich nach und nach an den Gedanken gewöhnen mußten, bald in Wind und Wetter aufzubrechen, wurde draußen am Hoftor heftig geschellt. »Um Gottes willen!« rief die Rabenmutter. Alle saßen stumm; sie waren vollzählig beieinander. »Vielleicht doch noch einer von Sperbers,« meinte Röse zweifelhaft. »Bewahre!« sagte Beate. Sie dachte: ›Es ist kein Leben, wenn ich einen von diesen heirate. Es würde eine trostlose Geschichte.« Und sie spürte wieder die Kraft ihrer sehnsüchtigen, hungrigen jungen Seele, die wachsen wollte und der niemand Nahrung gab. Ganz versunken war sie in dem neuen, fremden Weh, da kam die Stallmagd außer Atem herauf und sagte: »Einen fremden Menschen hab' ich hereingelassen. Er bittet, hier das fürchterliche Wetter abwarten zu dürfen. Er kommt von über Land,« sagt er. »Ja,« sagte die Rabenmutter, »ist's denn ein ordentlicher Mensch?« »Freilich!« Voll Eifer schlug die Stallmagd sich' auf die Schenkel. »Er gehört schon zu den Herrensleuten, wenn er auch jetzt recht durchnäßt ist.« Alle lachten hell auf. Das plötzliche Lachen fuhr so unvermutet wie ein Schwarm Vögel in die Höhe, den ein Spaziergänger auf einem stillen Stoppelfelde aufgescheucht hat. Mitten im Lachen sagte Beate zur Magd: »Führ' ihn herein und hilf ihm doch.« Die Rabenmutter erhob sich auch und sagte: »Den wollen wir einmal in Augenschein nehmen; hat er seinen Namen nicht gesagt?« »Kupferstecher Kosch hat er dreimal gesagt – und wie!« antwortete die derbe Magd und grinste. »Was er dann aber noch gesagt hat! – Aus Eiweiß wäre er, hat er gesagt, und aus Asche, oder, ich weiß nich', aus noch allerlei.« Die Magd rieb sich die Arme und grinste – grinste. »Das sollt' ich der Herrschaft ausrichten, hat er gesagt. Grad so, hat er gesagt, wär' er gebraut und gebacken wie die oben auch.« Der Hofmann sprang auf und rief: »Der darf nicht herein, das ist ein Verrückter! Das ist eine Unmöglichkeit, liebe Mamsell Rauchfuß.« Beate Rauchfuß lächelte. »Wenn er gerade so gebacken und gebraut ist wie wir alle hier, weshalb dann nicht?« »Weil das albern ist,« sagte der Sperbersche Neffe. »Albern?« fragte die Vielumworbene lachend. »Sind wir denn auch aus Eiweiß?« »Aber liebe Mamsell,« sagte Herr von Mengersen, »das sind doch Dinge...« »Er hat noch ganz andere Sachen dahergered't!« Die Magd lachte. »Schweigen Sie!« fuhr der Hofmann sie an. »Nä – nä,« meinte die Magd. »Ich sag' nischt, das war auch nur für unsereins.« »Gehen Sie!« schrie der Hofmann und hielt seine zarten, langen Hände wie schützend ausgestreckt. – »Bedenken Sie, daß hier junge Mamsells im Zimmer sind.« »Geh 'naus, dummes Mensch,« brummte der Sperbersche Neffe, »pack' dich!« Grinsend machte sich die Magd davon. Beate lachte. Es war wie frische Luft ins Zimmer gekommen. Sie atmete tief auf. Wieviel lustiger und gescheiter waren die Knechte und Mägde untereinander als ihre Freier. Was hatte sie da schon gehört! Die machten nicht viel Federlesens und sagten, was sie dachten. Jetzt kam die Rabenmutter herein. »Ein ganz reputierlicher Mensch,« sagte sie aufgeregt, »nee, wirklich.« »Kommt er denn 'rein?« riefen die Kirstensmädchen. Und da kam er schon, machte vor der Tür einen tiefen Bückling, daß der Haarschopf ihm über die Stirn fiel. Er stand recht bescheiden da, fast ein wenig ärmlich, hager und nicht besonders gepflegt; als er seinen Kopf wieder erhob, blickte ein fahles, unregelmäßiges Gesicht mit scharfen, grauen Augen auf die Gesellschaft. Der Mund groß und gescheit, von einem etwas borstigen, farblosen Schnurrbärtchen wenig verdeckt. Er nahm auf eine gute Art Platz am Tisch. Ein Gesellschaftsmensch war er nicht; aber er mochte den Entschluß gefaßt haben, sich nicht verblüffen zu lassen. Die ganze Person schien von einem gleichmäßigen Willen durchdrungen. Er machte nicht den Eindruck, als hätte das schlimme Wetter ihn irgendwie stark mitgenommen. Er war aus dem Unwetter aufgetaucht, etwa wie ein Hecht aus den Fluten, in grauer, unauffälliger Montur. Die andern sahen gegen ihn alle angezogen aus, überzogen mit fremden Stoffen und Lappen. Die drei Königinnen ausgenommen, deren Jugend und Schönheit die Kleider kräftig und lebendig durchdrangen. Er saß neben der Vielumworbenen. Große Stille. »Herr Kupferstecher,« sagte die Rabenmutter, »bitte sich zu, bedienen.« »Herr Kupferstecher?« fragte der Fremde mit sonderbarer Betonung. »Weshalb nicht zum Beispiel Herr Spazierläufer – Herr Allesfresser – Herr Säufer oder Herr Schläfer? Oder – no, wollen wir's genug sein lassen.« Er fragte sehr gleichmütig. »No aber,« sagte die Rabenmutter. »Ja freilich,« meinte der Fremde. »Woher wissen Sie, daß ich mehr und lieber Kupfer steche, als etwa schlafe und fresse? Verzeihen Sie, also – esse...« »Ja,« sagte die Rabenmutter, »ich meine doch, daß man einen Menschen nach seiner reputierlichsten Beschäftigung tituliert.« »Reputierlich? Ich finde zum Beispiel reputierlich, wenn einer im heißen Sommer vor einem Mauseloch im Feld auf dem Bauch liegt und schaut, was die kleine, graue Madame so tagsüber daheim treibt. – Da kommt er der Weltseele näher, als wenn er in Kupfer sticht, was irgendein Esel sich zurecht geschmiert hat. Ja – ja – unsere reputierlichen Beschäftigungen!« »No aber,« sagte die Rabenmutter wieder recht verblüfft und schaute sich um nach den übrigen Gesichtern. – Da sah sie ein lustiges Leuchten in den Augen der alten Kummerfelden. Die Kirstensmädchen blickten sehr schelmisch, weil sie ein köstliches Lachen eingefangen hatten und mit diesem zappeligen Ding nicht recht fertig wurden. Die jungen Kameraden schauten mit Interesse auf den, der wie ein Hecht aus der Flut aufgetaucht war. Die Freier sahen äußerst unduldsam aus. Die Augen der Vielumworbenen hingen verlangend an dem Fremden, als schnitte er Lebensbrot auf. Freilich hartrindig schien es zu sein und brüchig. Aber es war da etwas wie nach Nahrung Duftendes. Sonderbar war ihm die Nase gewachsen. Die Nase stand gewissermaßen vereinsamt da im Gesicht mit ihren Buchten und Knorpeln. Eigentlich eine ganz anständige Nase, wenn man an ihre Schönheit nicht zuviel Anforderungen stellte. Sie hatte sich aus ihrer übrigen Gesellschaft herausgerungen. Diese Nase schien mit dem Wesen des Fremden große Ähnlichkeit und Sympathien zu haben. Etwas Ringendes hatte seine Art, sich auszudrücken, auch seine Haltung, jede Bewegung. »Darf man fragen,« begann die kleine Madame Kummerfelden in ihrem freundlich geblümten Kleid und aus der großen Haube heraus, »wo der Herr hergekommen, und wohin der Weg führt?« »Ich wollte mir 'mal euren alten Herrn anschauen da unten in der Stadt.« »Den Herzog?« »Nee.« »Seine Exzellenz?« fragte die Kummerfelden in einer Art höfischen Tones, den sie gern hervorholte. Sie verstand sich darauf, mit vornehmen und von vornehmen Leuten zu sprechen. »Seine Exzellenz,« sagte er borstig. »Damit ist alles gesagt. Nun haben Sie's mir gründlich verdorben. Jetzt könnt' ich am einfachsten wieder umkehren. Ich komme aus der Harzgegend, aus einem der vielen unbekannten Nester dieser Erde und wollte, da ich mein Lebtag unter Tieren, was man so Menschen nennt, lebte, einmal den seh'n, der da sagte: ›Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an« – und noch einiges mehr. Ich wußt's ja, aber nun hör' ich's. – Seine Exzellenz! – Wunderlich. – Und wie Sie das schön sagten, Verehrteste. – Man sieht ihn steifrückig vor sich. – Und ich wollte hingehen und ihn bei der Hand fassen und sagen: ›Herr Gott, ich danke dir, daß du auch 'mal was Vernünftiges schufst, damit man an dich doch mit gutem Gewissen glauben kann – denn deine Ebenbilder hier auf Erden! Alle Achtung vor dir – aber hör' mal...!« Was ich will, dazu paßt kein Bückling und kein Wartezimmer. Nackt sollte er gehen, eure Exzellenz, unter hohen, mächtigen Bäumen, auf glattem, feierlichem Grund.« »Verehrtester,« sagte der Hofmann gemessen, »Sie scheinen sich von Seiner Exzellenz die eigentümlichsten Begriffe zu machen. Bei ihm Audienz zu erhalten, ist nicht allzu leicht.« »Will auch gar nicht,« sagte der Kupferstecher borstig. »Bei mir daheim, in meiner Einsamkeit, ist er ein wundervoller Freund, den man liebt, heiß – wie nur ein einsamer Mensch einen wundervollen Freund zu lieben versteht. Nee, nee, behaltet eure Exzellenz.« Ernst von Schiller, der Freund der Kirstensmädchen, sagte bescheiden, aber begeistert: »Er scheint durch alle menschlichen Verhältnisse hindurch. Er ist stärker als alles. Als Sohn wohlhabender Eltern aufgewachsen in einer großen Stadt, Jurist geworden, dann im engen Weimar zu Amt und Würden gekommen, Hofmann geworden und immer in gutem Behagen, – gibt's einen schlimmeren Weg für ein Genie? Und er blieb klar und scharf und tief und voller Güte, wurde nie stumpf und dumpf.« »Jawohl,« sagte der Kupferstecher heftig. »Wer sagt denn das? Haben Sie ihn inmitten unter den Elenden sitzen geseh'n? Haben Sie ihn ringen seh'n, ringen mit den Mächten des Lebens – aus der Dunkelheit sich heraufringen seh'n? Kennen Sie denn diese ungeheuren Gewalten, die Menschen das Denken herauspressen, wie die Kelter den Wein aus den Trauben? Ein Jahr ohne Geld, ein einziges Jahr ohne Geld – ohne Anhang: eure Exzellenz wäre lebendig geworden wie Gott – nie hättet ihr solch ein Wunder auf Erden gehabt – die Welt erlöst hätte er, wäre er durchglüht worden bis aufs Mark, hätte er unter den Elenden gesessen, unter denen, welche die Welt von der Schattenseite sehen. Eine kurze Zeit da stehen, wo die stehen, welche die Arme nach ihren Ebenbildern um Hilfe ausstrecken, ein paar Wanderungen durch Städte und Dörfer, dem Winter entgegen, ohne zu wissen, wo der Balg Wärme und Futter bekommt, und ein paar gute Kameraden unter denen, vor denen der Ehrenmann ausspuckt. Meine Hand leg' ich ins Feuer, heut' nacht noch könnte ich an seine Tür klopfen und rufen: ›Mach' auf, Bruder! Einer kommt, der dich liebt. Er kommt aus der Welt, aus der du deine Kraft holtest, deine Einsicht, deine Größe, deine große Güte. Mach' auf,« wie es im Hohen Liede heißt: Wie soll ich meine Füße ... und so weiter, und so weiter, hätte er nicht gesagt. Zu Seiner Exzellenz werde ich, wenn's Glück gut ist, nicht einmal vorgelassen. Auch gut!« Der Hofmann sagte: »Lieber Herr, wo käme Seine Exzellenz denn hin, wenn er jeden Durchreisenden empfangen wollte? Bedenken Sie.« »Bin nicht jeder Durchreisende!« brummte der Kupferstecher und schaute auf den Tisch vor sich hin, als schaute er da die bewegendsten Dinge. Kann sein, daß er sich selbst so sah, sein Wesen, seine Vergangenheit, all die ihm vertrauten Sachen und Begebnisse, die niemand etwas angingen. Herrn Rauchfußens Tochter fühlte etwas, als wäre ein ihr Zugehöriger endlich zurückgekehrt. Nicht gewundert hätte sie sich, wenn der Zugelaufene gesagt hätte: Nun, wie steht's? Habe ich mich verändert in der langen Zeit? Ich hoffe, du verstehst mich noch wie sonst? Sie sprach kein Wort, so gut wie kein Wort. Sie hätte ihm denn gleich ihr ganzes Herz ausschütten müssen. Das war ein lebendiger Mensch. – – Sie wußte das ganz genau. Alle, die sie kannte, waren noch nie, so schien es ihr, so lebendig gewesen. Eingelullt von den Gewohnheiten waren sie alle. Ihr Vater? Da ahnte sie so etwas, als hätte der lebendig sein können, wenn er gewollt hätte – aber es hatte ihm wohl nicht gepaßt, – und er hatte getrunken, um sich zu betäuben. Von ihm hatte sie wohl die Sehnsucht, selbst lebendig zu sein und unter Lebendigen zu leben. Sie konnte die Blicke nicht von dem wachen Gesicht wenden und fühlte einen Strom von Kraft und Leben von ihm zu ihr strömen. Er beachtete sie kaum und sprach und stritt in seiner abgerissenen, ringenden Art weiter mit den Freiern, die ihn für ein verrücktes Tier hielten. Als alles aufbrach, sagte sie zur Rabenmutter laut und fest, daß alle es hörten. »Herr Kosch bleibt hier. Jetzt ist's zu spät für ihn, unten in Weimar noch in ein Gasthaus zu gehen. Lassen Sie ihm das Fremdenstübchen richten.« Diese Worte rangen auch ihr sich aus der Seele. Sie waren zentnerschwer zu sprechen. Sie wollte ihn nicht hergeben. Und er blieb. Und als alle gegangen waren, kamen ein paar kurze Augenblicke, in denen sie mit ihm im Wohnzimmer allein zurückblieb. Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster und schaute über das Zimmer hin. »Was werden die Monsieurs zum Beispiel sagen, daß Sie mich Zufallsmann hier behielten – und was denken Sie denn darüber?« »Ich,« sagte sie, »ich denke, daß es zu spät für Sie ist, noch in Weimar Unterkommen zu finden.« »Na,« meinte er, »eine Prinzessin auf der Erbse bin ich nicht. Ich wäre in jede Spelunke, die sich mir aufgetan hätte, auch gekrochen.« Sie sah ihn schweigend an und errötete stark. Es lag etwas Lustig-Spöttisches in seinem Blick, der scharf auf sie gerichtet war. »Weiberchen! – Weiberchen!« sagte er leichthin. Da war es ihr, als wenn sie etwas an der Kehle packte und würgte. Das ist ein Mensch, der viel herumgekommen ist. Sie dachte an die Weibergeschichte der Knechte, die sie sich in der Gesindestube erzählten. ›Was er von mir denkt?« Tränen stiegen ihr heiß in die Augen. Sie trat einen Schritt vor, wollte sprechen, fand kein Wort. »Ich weiß« ... sagte sie und kam nicht weiter. »Na, was wissen Sie, schönes Kind? Was weiß so ein schönes Kind?« Sie wurde bleich. »Sprechen Sie doch mit mir, wie Sie mit den jungen Männern sprachen! Sprechen Sie doch wie mit einem Menschen mit mir.« Es lag etwas Flehendes in der Stimme und etwas Ungeschicktes. Ueberhastend sprach sie jetzt wie jemand, der vieles sagen möchte und alles in ein paar Worte preßt, deren Bedeutung der andere nicht versteht. »Sie sollen mir die Hand geben, ganz einfach sagen: Es ist freundlich, daß Sie mich hier behalten.« »Sonderbares Hühnchen,« sagte der Fremde, kühl lächelnd, wie zu sich selbst. »Was?« Seine Augen bekamen etwas Unverschämtes. Das Mädchen fragte in tiefer Erregung: »Ist Ihnen nie eine gute, einfache Frau begegnet oder ein Mädchen?« Er unterbrach sie. »An Güte fehlte es selten genug, schönste Mamsell.« »Nein,« sagte sie jetzt ruhig, »eine Frau, die sagte: Sprechen Sie doch mit mir wie mit einem Menschen, erzählen Sie mir, was Sie wissen und was Sie denken, mich verlangt nach etwas, wovon meine Seele leben könnte?« »Nein,« sagte er, »so eine ist mir nie vorgekommen. Wenn ich je zu einer sprach wie zu einem Menschen, hat sie zu gähnen angefangen.« »Wirklich?« sagte das Mädchen traurig. »Oder ist es Ihnen zwei- oder dreimal so begegnet, wie Sie sagen – und dann haben Sie die anderen eingeschüchtert?« »Kann auch sein. Es kommt überhaupt nicht viel dabei heraus.« »Weshalb nicht?« fragte sie erregt. »Höchstens 'ne dumme Liebesgeschichte, Mamsell – die alte, dumme Geschichte.« »Traurig ist das,« sagte das Mädchen. »Gott sieht in mein Herz,« fuhr sie auf eine schlichte Weise fort zu sprechen. »Ja, ich habe Sie hier bei uns behalten wollen, weil mir war, als könnten Sie mir Lebendiges sagen. Ich wollte Ihnen zuhören. Nun sind Sie ein ganz anderer. Glauben Sie denn, die Mannsbilder, die Sie hier sahen, sind klüger als ich? Glauben Sie, auch nur einer verstand, was Sie sagten? Ich sah auf ihren Gesichtern, daß sie Sie für halb verrückt hielten. Schlafen Sie wohl! sagte sie ruhig, indem sie sich von ihm abwendete und zur Tür hinausging. Er dachte: ›Ei verflucht! Ein schöngeistiges Huhn. Schön ist die Person! Wollen einmal seh'n. Zwei Stunden im Umkreis von Seiner Exzellenz treibt schon das Unkraut wunderliche Blüten.« Als er von der Rabenmutter in sein Stübchen geleitet worden war, fand er, als er vor dem schneeweißen Bett stand, daß er sich in gar kein übles Abenteuer begeben hatte. Der große Gutshof, das weitläufige Haus, das schöne Mädchen, das er, umgeben von Freiern und Freundinnen, angetroffen hatte, und ihre Verliebtheit, die sie so drollig maskierte. Sie war ihm beim ersten Blick als ungewöhnlich schön aufgefallen, und er hatte gedacht: »Da sitzt sie und wählt von all den höflichen Herren sich den höflichsten, reichsten und dümmsten aus! Daß die Wahl auf ihn fallen könnte, wäre ihm nicht im Traum gekommen. So war sie ihm der Beachtung nicht wert gewesen. Aus kleinen Verhältnissen hatte er sich so weit heraufgearbeitet, daß er das Leben eines sonderbaren Kauzes führen konnte. Er hatte sich auf das äußerste Maß einer bescheidenen Lebensführung selbst beschränkt, kannte keinen Luxus als den, so zu denken und zu handeln, wie es ihm gefiel, und von Zeit zu Zeit einen guten Schluck zu tun; den liebte er und hielt ihn eines deutschen Mannes würdig. Die ganze Art seiner Beanlagung war auf eine solche Kraftzufuhr von außen gewissermaßen angewiesen. Seine Leidenschaftlichkeit, sich in Dinge dieser Welt einzuwühlen, war so groß, daß auf diese Leidenschaftlichkeiten eben solche Ermattungen folgten, die gehoben werden mußten. Das Weib spielte in seinem Leben eine kleine, fast komische, etwas erbärmliche Rolle. Mitleidig sah er auf dieses, wie auf ein höchst unvollkommenes, kränkliches Wesen herab. In seinen Liebschaften war er nicht wählerisch gewesen. Seine Mutter war ein bedrücktes Weibchen, das ihn nie verstanden hatte; die Schwester spießbürgerlich. So hielt er von den Frauen nicht viel. Er erachtete zum Beispiel auch die Pferde für besonders dumme Tiere und konnte in größten Zorn geraten, wenn ein Pferdeliebhaber ihm das Gegenteil zu beweisen anhub. Ueberhaupt saßen seine Ansichten wie mit Widerhaken in ihm fest, und er konnte ein sehr empfindlicher Herr werden, wenn man daran rüttelte. ›Das ist sonderbar genug, daß ich mich hier in diesem Nest, das ich durch Regen, Sturm und Nebel kaum noch sah, in eine Liebesgeschichte eingesponnen habe.« Damit legte er sich aufs Ohr. ›Schade, daß das schöne Ding Schrullen hat – was ihr wohl fehlt. Sie sieht sonst ganz gesund aus.« Am anderen Morgen war lachendes Frühlingswetter. Es hatte sich endlich ausgetobt. Die Kirstensmädchen waren in aller Herrgottsfrühe schon mit den Kameraden zur Stadt hinuntergezogen, hatten aber versprochen, so bald als möglich wieder heraufzukommen. Beate hatte mit ihnen zusammen gefrühstückt und ging nun im Garten umher, sah aber die junge Frühlingspracht kaum. Der Gast im Fremdenstübchen ließ ihr das Herz schlagen. Ja, sie hätte es nicht tun sollen. Sie hätte nicht sich das Herz fassen sollen, zu sagen: ›Herr Kosch bleibt hier.« Herr Kosch wanderte zur selben Zeit durch Hof und Ställe und kam auch in den Garten, sah seine junge Wirtin wandeln und dachte: ›Wollen wir mal 'ne Ausnahme machen und sehen, wann sie mit Gähnen anhebt. Schließlich verlohnt sich's der Mühe.« So kam es, daß er mit ihr redete wie mit seinesgleichen, sagen wir, wie etwa mit seinen Kameraden abends am Stammtisch, mit denen er nie weiter als bis dahin gekommen war, daß sie ihn für einen närrischen, nicht ungefährlichen Kerl hielten; nicht ungefährlich aus den verschiedensten Gründen, erstens, weil sie ihn nicht verstanden, und dann, – er neigte aus diesem Grunde leicht zum Jähzorn. Jetzt nahm er also seiner jungen Wirtin die große Bangigkeit vom Herzen, die er ihr gestern durch sein spöttisches und mißachtendes Wesen verschuldet hatte. Er ließ sich gehen, sprach, wie es seine Art war, und gab den spöttischen und spielerischen Ton auf, den er für die Weiber bereithielt. Sie hörte ihm still zu, wovon er auch sprach. Seine Sprünge ermüdeten sie nicht. Sie gähnte zu seinem Erstaunen nicht. ›Die Liebe muß groß sein,« dachte er. »Mir gefällt, daß Ihr Garten eine Wildnis ist,« sagte er unter anderm. »Nichts Verschnittenes, keine Quadrate, keine Kreise und geometrischen Figuren, so daß man auf den ersten Blick sieht, daß man es mit Menschen auf unterster Stufe zu tun hat. Die Freude am Kreis, am Viereck ist ein böses Zeichen. Wer möchte schließlich mit Höhlenmenschen verkehren! – Nein, ein sehr anständiger Garten, der nichts verrät.« »Ich weiß aber,« sagte Beate, »daß Menschen hier gelebt haben, die nicht viel Lebensfreude hatten – wäre meine Mutter glücklicher gewesen, glaube ich wohl, daß sie ein paar Tulpenbeete angelegt haben würde, rund oder lang, wie es ihr gefallen hätte.« »Ja, ja,« sagt der Kupferstecher, »man muß es den Menschen gönnen, daß sie sich auf ihre Weise vergnügen – aber greulich bleibt's. Denken Sie sich, ein so armer Kerl will Herrliches schaffen in der Freude seines Herzens und kratzt wie ein Huhn sich ein Beet in den Sand, länglich, mondlich, und ist stolz und froh. Und so ist das ganze Leben. Alles eine Armseligkeit. Das Fressen – und das Fressen erjagen verstehen die meisten nicht übel – aber außerdem kratzen wir alle im Sand. Haben Sie zum Beispiel schon einmal etwas gedacht, meine schöne Mamsell? Ich meine nicht, ob heut' schön Wetter wird oder ob ich den Müller nehmen soll oder den Meier – oder ob mir das blaue Kleid besser steht als das rote – oder ob's eine ewige Seligkeit gibt oder nicht. Ich meine, ist Ihnen über etwas, entgegen allen anderen, ein Licht aufgegangen? Und haben Sie über dies aufgegangene Licht solch unbändige Freude gehabt, daß Sie einen Kriegstanz mit Geheul und Gejohl hätten aufführen können? He?« »Nein, Herr Kosch, solch' eine Freude hab' ich nie gehabt,« sagte das Mädchen. »Sehen Sie, Mamsell,« lachte er auf, »und da wollen Sie mitreden!« »Sind die Taten der Menschen gar nichts in Ihren Augen?« fragte sie, um zu erfahren, was er davon hielt. »Die Taten der Menschen? Was meinen Sie damit?« »Ich meine, wenn man vielleicht einen Menschen pflegt und in seiner Todesstunde ihn tröstet, oder wenn eine Mutter alles für ihre Kinder tut.« »Nein, nein,« sagte er heftig, »das alles nebenbei; aber der Gedanke, der Gedanke! Die Erkenntnis macht erst zum Menschen. Dann erst ist man froh und stark und frei – das Selbstdenken! Dann erst ist man ein lebendiger Mensch.« Sie war wie berauscht von ihm, und das zarteste Gefühl, das in einer Menschenbrust sich regen kann, wurde in ihr wach. Sie, mit einer so viel jüngeren Seele, breitete die Hände nach der seinen aus, um sie zu lieben und zu behüten. Noch versteht sie ihn kaum. Doch ist sie schon voll Mütterlichkeit für seine Seele, denkt und sinnt, wie ihm zu helfen sei. Die Blicke ihrer Freier taten ihr noch in der Erinnerung weh. Sie verstanden ihn nicht. Sie begriffen eben nicht, daß er ein lebendiger Mensch war. Wunderlich, wie sie forschend in ihn eindrang, sehnsüchtig, klug – und ernst und voller Wahrheit – und er ging neben ihr her als ein Mann, der etwas von sich hält, als ein Einsamer, Geprüfter, Wohlgeglühter – und dachte: ›Eine hübsche Person. Schade. Was macht sie sich denn für nutzlose Gedanken für ein Frauenzimmer?« – Er war etwas ungeduldig. Schwer hatte die Einsamkeit auf ihn die Hand gelegt, und nun fühlte er nicht, wie ein junger, eben erwachter Geist bang und voller Freundschaft um seine einsame Seele rang. Die Sinne schliefen ihr noch. Es war etwas ganz Unirdisches, was er da erlebte, und wußte nicht, daß er's erlebte. Hätte er's verstanden, wer weiß, ob seine dicke Haut, die sich durch Abwehr und Kampf um ihn gebildet hatte, es auch noch durchfühlen konnte. Er mußte sich sagen, daß der Zufall ihn vor die merkwürdigste Entscheidung seines Lebens stellen würde, denn daß er Herr dieses verliebten Mädchens war, daran konnte er nicht mehr zweifeln. Nie hatte er an eine Verbesserung seiner Lage gedacht, hatte sie nicht einmal gewünscht, denn ein bedürfnisloses Leben ist ein bekömmliches Leben, gut für Geist und Körper. Er liebte seine Freiheit. Er war überhaupt das, was er sein wollte. Und doch schien das Schicksal zu wollen, daß er sich mit einem Weibe, mit Pflichten, nicht nur gegen sich selbst, und mit Wohlhabenheit beladen sollte. Wehren wollte er sich nicht, aber die Sache, ohne selbst zu handeln, an sich herankommen lassen, mochte es kommen, wie es wollte. An diesem Tage bummelte er hinunter nach Weimar, seinem Reiseziel, um Wege und Straßen zu gehen, die der alte Herr zu gehen gewohnt war; ging auch ins Theater und kam spät abends wieder in den Gutshof auf dem Ettersberge an. Alles schlief, nur die Rabenmutter kam, um ihm noch etwas zum Abendessen aufzutragen. So strich er auch am andern Tage umher. Beate ließ sich nicht sehen. Die Rabenmutter sagte ihm, daß er jederzeit zu den Mahlzeiten willkommen sei, aber er solle sich keinerlei Zwang auferlegen. ›Sie ist ein ganz schlauer kleiner Balg,« dachte er, ›meine hübsche Wirtin.« Am Nachmittag begegnete er ihr, aber außerhalb des Gartens. Es fiel ihm auf, daß sie nicht errötete, sondern nur erfreut aussah. Ihr ganzes Wesen hatte etwas Freies, Leichtes. Der rote Haarschopf glühte in der Spätnachmittagssonne. Sommerlich frei und glücklich sah sie aus. Herr Kosch hatte das Gefühl, daß er zu dieser schönen Heiterkeit nicht viel beigetragen hatte. Er war schließlich nicht allzu vertraut mit den Verhältnissen dieser Leute und hatte die Vielumworbene mitten unter ihren Freiern angetroffen. Die Verliebtheit, die sie ihm gegenüber an den Tag gelegt hatte, erschien ihm nicht mehr so ganz einwandfrei. Entschieden hatte er das, was man Glück bei den Weibern nennt. ›Sie lieben«, so überlegte er, ›das Außergewöhnliche; so ein grauer Kerl, fest und energisch gefügt, mit unregelmäßigen Zügen, einem Auftreten, so ein wenig werwolfsartig und geheimnisvoll, das ist diesen Romantikerinnen der Menschheit eben recht.« ›Sie sind stolz auf solch einen Liebhaber; aber den Ehemann wählen sie aus anderem Holz geschnitzt. Der muß verläßlich sein, gut bürgerlich.« Herr Kosch hatte seine Erfahrungen und beschloß – einfach liebenswürdig zu sein. So gingen sie miteinander. Das Gras quoll in seiner grünen Fülle aus dem Erdreich und duftete, wehte im sanften Maiwind weich wie aus Seide. Das Laub der Buchen am Waldessaum saß noch zusammengefaltet wie zarte grüne Schmetterlinge, die sich zum Weiterfliegen anschicken, an den Zweigen. Die Bäume im freien Feld bekamen ihre festen Formen. Die Linden glichen ihrem Blatt. Sie standen wie große grüne Herzen. Und das sprach Herr Kosch aus. »Ja, wie Herzen,« antwortete sie und lächelte. »Jeder Baum gleicht seinem Blatt, das sah ich oft. Haben Sie die Wipfel der Bäume schon miteinander reden sehen?« fragte sie. »Sie machen Bewegungen oft wie alte Frauen, neigen sich so behutsam und würdig; oft sieht man sie wie Kinder miteinander reden und oft wie ernste Männer.« »Ja, ein Landkind!« sagte er. »Ein Landkind!– Sei'n Sie froh!« Jetzt dachte er, sie wird zu erzählen anheben von ihrem Leben, von ihren Eltern, von ihrer Kindheit, daß sie das Landleben satt habe oder liebe. ›Das tun sie alle, sie reden von sich und ihrer Vergangenheit, sobald sie etwas zahmer werden. Sie sind nur auf sich selbst angewiesen im engsten Kreise. Es ist bei ihnen nichts gewachsen als sie selbst. Der Mann spricht nicht von seinem Wachsprozeß. Er spricht von dem, was er geworden ist, was durch ihn wurde. Langweilig sind diese Frauenzimmer!« Zu seinem Erstaunen, ja, seinem unliebsamen Erstaunen schwieg sie aber und sprach nicht von sich. »Ich habe nachgesonnen,« hub sie nach einer Weile an, »wieso es kommt, daß Sie voller Gedanken sind, und wieso es kommt, daß alle, die ich kenne, und auch ich selbst, ohne Gedanken sind.« »O,« sagte er, »meine liebe, schöne Mamsell, weil ihr alle das Leben nicht heiß genug liebt.« »Nicht heiß genug?« fragte sie nachsinnend. »Ja,« sagte er, »es ist nichts anderes. Ihr nehmt alles so kühl hin, so bürgerlich. Es kommt nicht zum Kochen, daher werden die Gedanken nicht gar. Sind die Leute jung, so sind sie jung, ohne diese Wonne, diese Glut, dies herzverzehrende, selige Bewußtsein. Trunken müßten sie sein voll seliger Gedanken! Wär' ich ein Weib und hätte ich einen solch roten Schopf voll Haare – und solche Glieder voller Schönheit; – Herr Gott im Himmel! selig würde ich umherrennen, im vollen Bewußtsein meiner Kräfte, keine Stunde des Tages sollte verloren gehen. Ich würde die Jugend auskosten mit all' ihren Gefühlen und Gedanken, Sünden und Herrlichkeiten. – Und käme das Alter, würde ich mich auf die Erde werfen und rasen und toben und mir die Kleider zerreißen und Asche auf die Haare streuen und ersticken vor Gram. Aber weil sie nichts denken und nichts wissen, können sie eine bürgerlich dumpfe Jugend führen und ein behagliches Alter. Wüßten die Menschen, was Jugend ist – nie wäre die Welt zu bezwingen. Alle Jugend würde so brausen und gären, daß kein Herrscher der Welt sie unterdrücken könnte.« »So scheint die Welt fürs Denken nicht gemacht zu sein?« sagte das Mädchen ernst. »Nein,« antwortete er heftig, »wenn alle dächten und nicht nur einer unter Hunderttausenden, würde sie unmöglich sein. Stellen Sie sich vor, schönste Mamsell, die Weiber begännen zu denken! Nicht auszusinnen wäre das. – Prost Mahlzeit! – Die größte Revolution auf Erden bräche an, ein Vulkan verschüttete alles. – Es ist ganz recht: Denken soll bei wenigen sein. Tote, willenlose Körper sind notwendig, die mechanisch leben, mechanisch tun, was sie sollen. Ich danke für eine denkende Welt! Nein, Mamsell, bleiben wir beim alten.« So waren sie miteinander durch die volle Frühlingspracht gegangen; da klang Musik. »Woher?« fragte der Kupferstecher. »Aus dem Rödchen,« sagte sie ganz versunken. »Lassen Sie uns dahin gehen. Tanzmusik! – Ich hätte nicht übel Lust, unter Bauernvolk – – Wie wär's?« »Bauernvolk ist da nicht,« sagte sie, »dort kehren die Weimaraner beim Förster ein. – Was mag denn los sein?« »Werden wir ja sehen,« meinte er. So gingen sie einen schmalen Weg durch dichtes Waldesdickicht. Deutlicher drang die Musik durchs Maiengrün. Und jetzt standen sie vor dem niederen Försterhaus und sahen die langen, grauen Holzbänke wohlbesetzt, und unter der Linde wurde im letzten Abendsonnenschein getanzt. Beate Rauchfuß begrüßte die Förstersleute, stellte ihren Gast vor: »Herr Kupferstecher Robert Kosch.« »Wer sind die denn?« fragte Herr Kosch. »Eine Kegelgesellschaft, nichts weiter, 's ist doch erlaubt, da mitzutanzen?« Herr Kosch führte seine schöne Wirtin auf den gedielten Tanzplatz unter der Linde, schlang seinen Arm um sie und reihte sich mit ihr den tanzenden Paaren ein. Er tanzte so sonderbar, wie seine ganze Art war, leidenschaftlich, unregelmäßig und doch mit Kraft und Gewandtheit und fand ein wunderliches Sich-an-ihn-anschmiegen bei seiner Tänzerin. Sie tanzte ganz im Verständnis seiner Tanzart. ›Ei verflucht!« dachte er. Aber es behagte ihm. Er hatte sich bisher, wenn es einmal zum Tanzen bei ihm kam, redlich geplagt und im Tanz denselben Kampf wie im Leben gefunden, nämlich Widerstand statt Anpassung. Diesmal empfand er den Tanz als ein Wohlbehagen, als eine Bejahung seiner selbst – wie ein guter, starker Wein rann es ihm durch den Körper. Er fühlte sich frei und ungehemmt, wie er sich selten fühlte, so ganz er selbst ohne Kampf. Atemlos war seine Tänzerin. Ihm fehlte der Atem noch keineswegs. Jetzt – ein Schwanken, etwas Unrhythmisches, was ihn störte. Seine junge Wirtin hatte ihn, erschöpft, wie sie war, aus der Reihe der Tanzenden gezogen und sank schwindelnd einem kleinen dicken Herrn fast in die Arme. Der lachte auf. – »Ja, schönes Kind, ich seh' schon lange zu, wer tanzt denn auch so aus dem Vollen.« Verwirrt sah der Kupferstecher seine Gefährtin werden, verwirrter, als dieser Zufall es eigentlich wohl mit sich brachte. »Verzeihung,« hörte er sie sagen, »Königliche Hoheit, – Verzeihung, daß ich so ungeschickt war.« ›Da hat sie Karl August fast umgestoßen,« dachte Herr Kosch. Richtig, am Hause hielt die Jagdkalesche, die er aus einer Abbildung wohl kannte, und seine Augen suchten heftig weiter; da sah er in seiner nächsten Nähe einen vornehmen alten Herrn steh'n, im grauschwarzen Rock, den Hals mit blütenweißem Batist umwunden, in dem ein gelbroter Stein glühte, den Hut in der Hand, das Haar wie einen wohlfrisierten grauen Nebel um die hohe Stirn, die sich rein wie eine Tempelkuppel wölbte – und dieser Blick! Da, da war er tanzend an das Ziel seiner Reise gelangt. Zu diesem aber sagte man nicht »Bruder«. Er stand und starrte. ›Herrgott im Himmel, welch ein Mensch! Der hatte sich sein Menschentum wie einen Thron auferbaut. Der stand einsam unter allen. Sie waren vor ihm wie fortgewischt.« Der Kupferstecher sah seinen Freund, den er in einsamen Stunden so heiß begehrte, in einer ungeglaubten Entfernung vor sich stehen. ›Ja, solch eine Mauer muß sich einer bauen, wenn er schaffen will und sich ausleben will, wie dieser. Nein, der hat nichts bei den Elenden zu tun und zu suchen. Was für ein Plebejer bin ich,« dachte er, ›daß so etwas mir nicht in den Sinn konnte!« Da sah er, wie der Fürst Beate Rauchfuß, deren Schönheit Herrn Kosch im Augenblick erschreckte – so groß und stark war sie –, lächelnd dem vornehmen alten Menschen zuführte und sagte: »Das ist ja der Rotkopf oben vom Rauchfußschen Gute, der uns als wildes Kind so manches Mal bei unseren Streifereien auf dem Ettersberge die Wege kreuzte. Solche Wunder wachsen hier oben.« Das Mädchen neigte sich vor dem vornehmen Mann und küßte ehrfürchtig seine Hand. Er strich ihr über den roten Haarschopf mit einer sanften Bewegung. »Wohl dem, dem dieser Sonnenkopf leuchten wird. Aus den Augen strahlt Freude und Liebe.« Er wendete sich zu dem fürstlichen Freund. »Welches Uebermaß von gebenden Glückseligkeiten liegt in den jungen Geschöpfen dieser Erde!« »Wenn das verfluchte Abbröckeln nicht wäre!« brummte der fürstliche Herr, hob das stumpfnasige Gesicht und winkte, daß die Kalesche vorführe. »Zerbröckeln, vom andern Standpunkt aus: Erbauen. Ohne Sorgen, schöner Rotkopf –, wie es auch komme.« Der vornehme ruhige Mann folgte seinem Fürsten in den Wagen, und beide grüßten im Fortgehen das schöne Mädchen, das eine tiefe Verbeugung machte, die sie bei der alten Kummerfelden von Grund aus gelernt hatte. In Weimar verstand jedes Mädchen, das seine Nähstunden bei der alten Schauspielerin gehabt, seinen regelrechten Hofknix zu machen, ›denn«, sagte die prächtige Frau, ›in einer so kleinen Stadt, wo so viel fürstliche Leute und Geistesfürsten leben, muß auch auf den Straßen ein gewisses Savoir-vivre herrschen.« – Sie verstand sich auf so etwas.   Der Kupferstecher hatte wie betäubt gestanden; da war nun die Begegnung mit dem Bruder, dem alten Herrn, vor sich gegangen. Er selbst hatte keine Rolle dabei gespielt. Er sah seine knorrigen, sehnigen Hände an. ›Das sind Hände!« dachte er. ›Um nichts zu erreichen, als eine halbwegs mögliche Jacke und Hose, vier Hemden, zwei Paar Schuhe und ein unwirtliches Loch zum Wohnen, sind sie knöchern und flachsig geworden, als hätten sie eine Welt erobert. Der andere hat eine erobert – und seine Hände sind im hohen Alter sanft geblieben, von der Seele bewegt. Dem pochst du nicht an den Fensterladen, Plebejer! Aber das Mädchen, das er mit den Augen küßte, dem er über das Haar fuhr. Diese kleine Gans!« Er nahm seine Wirtin heftig bei der Hand: »Gehen wir, Mamsell,« sagte er, »gehen wir!« Und mitten im stillen Maiengrün, unter seidenzarten Büschen, riß er die Erschreckte an sich, küßte sie und wühlte sein Gesicht ein in die rote Haarpracht, die sein »Bruder« gestreift hatte und deren junger Duft ihn betäubte. »Herrgott – in deine Hände!« schluchzte er fast auf. In einen solchen Sturm von heißen Zärtlichkeiten war sie unversehens und ahnungslos geraten, daß ihr der Atem verging wie bei einem Schloßenwetter; sie wehrte ihn ab und barg sich zu gleicher Zeit bei ihm. »Liebst du mich denn? – Liebst du mich?« fragte sie erschüttert und zitternd. »Lieben? Ja, um Herrgotts willen, so Junges, Wundervolles liebt einer, wenn, er's spürt und sieht. Was denkst du denn? – Haut und Haar maienduftend!« Sie riß sich los von ihm und ging schweigend neben ihm her. »Liebst du mich?« fragte sie ebenso verwirrt und erschüttert wie er. – »Kennst du mich? – Weißt du, was ich auf Erden will?« »Mich!« sagte er heiß. Sie wollte sprechen – sie suchte – suchte – suchte. Die Verwirrung war zu groß. »Willst du mein Freund sein?« fragte sie angstvoll. »Ja – ja, gewiß,« sagte er. »Willst du mich denken lehren? Ich will so lebendig werden, wie du bist.« »Närrchen.« Leidenschaftlich hielt sie ihn von sich ab. »Ich liebe dich, weil du anders bist als die anderen, und damit du mit mir sprichst wie mit einem Freund, wie mit einem Menschen.« »Tu' ich's denn nicht?« »Ich will nicht schlafend leben, hörst du!« »Was für ein sonderbares Weiblein du bist. Küssen zu seiner Zeit, alles zu seiner Zeit, du junges Geschöpf.« »Nach Leben verlangt mich'sl« rief sie, durchschauert von dem Unbestimmten, was sie wollte. »Nach Leben? – Liebe ist Leben.« »Nein, nein!« sagte sie. »Verstehen ist Leben. Wenn ich mein Leben an deines hänge, will ich lebendig werden und nicht tot und stumm, wie meine Mutter war.« »Du denkst dir das sehr komisch. Glaubst du denn, man kann das Denken lernen wie irgendeine andere Sache? Ich sage dir, liebe das Leben, so heiß du kannst. Ich will schon sorgen, daß du's lieben sollst.« »Ich möchte nicht weggeworfen werden,« sagte sie herb, »wenn du findest, daß ich nicht mehr schön bin. Ich lauf' dir davon, wenn du mich täuschest und mein Freund nicht bist.« »Recht so,« sagte er lachend. So gingen sie nebeneinander her, und er hielt den Arm fest und schwer um sie geschlungen. »Du gehst gebunden«, sagte er, »freier und seliger als ungebunden. Alles ist so nicht, wie es uns scheint? Du siehst irgendeinen Gedanken oder ein Gefühl und glaubst, es ist so ureinfach und beschränkt wie ein Punkt. Du trittst näher, und es wächst, wird ein Garten mit Wegen und Irrgängen. Du gehst darin umher und staunst. Da wird er dir unter den Füßen und vor den Augen zu einer Wildnis mit Abgründen und Undurchdringlichkeiten. Zu einer Welt wird diese Wildnis, die du nie überschauen und nie durchwandern kannst. Alles umschließt diese Welt, alles und jedes. Es ist viel behaglicher, so glattweg die Dinge zu nehmen, wie sie den Leuten vorkommen, als Gedankenblöcke zu wälzen. Denken ist wie Trinken – das gewöhnt sich einer leicht an, wenn ihn irgendwo der Schuh drückt. Und was hat er davon? Einen unaufhörlichen Kampf mit den Katzenjammern. Er muß ein Held werden. »Würdest du dir das Trinken angewöhnen wollen?« fragte der Kupferstecher. »Ich denke nicht,« lachte sie. »Gerade so wenig das Denken. Diese Katzenjammer sind für ein Weib noch beschwerlicher, da muß einer frei sein – frei, wie ein Mannsbild es ist, ohne Kind und Kegel und ohne Ach und Weh. Er muß sich hinfläzen können in seinem großen Elend.« Sie sah ihn fremd und staunend an. »Siehst du,« sagte er, »jetzt rollst du kleine, weiche, zarte Frühlingswelt neben einer ausgeglühten, felsigen, starren, steinharten Winterwelt im Raum dahin. Ei verflucht – werden die Leute sagen, was tun die miteinander? Die hübsche Frühlingswelt wird verbrannt und zerdrückt werden – das sieht man kommen.« »Mag sie es werden!« antwortete das junge Geschöpf ruhig und fest. »Wir verbrennen ja alle,« – und er spürte wieder den Maienduft der Frühlingswelt, der ihm, dem unverwöhnten Mann, die Sinne verwirrte. Sie war zu schönheitsvoll für ihn, zu hingebend, zu weicher Seele voll und zu sehnsüchtigen Herzens. Es hätte etwas Kargeres für ihn besser getan. Ueberfluß, der ihn bedrängte. Seine Asketenkammer stand ihm vor der Seele, sein Lager aus ein paar wollenen Decken und Fetzen, ein rechtes Wolfslager, sein Arbeitstisch, der ganze Raum, die trüben Fenster, seine Bedrücktheit, wenn er ein paar Goldstücke bei sich im Kasten wußte und sich, davon beladen, verbürgerlicht erschien – ein Protz. Die karge Beute erjagen mit großen Mühen, war ihm Bedürfnis geworden. Die Wohlhabenheit, der er jetzt entgegenging, beängstigte ihn. Was würde diese aus ihm machen und er aus ihr? Er kannte nur die paar Pflichten für sich selbst, und die waren ihm zuviel. Nun rollte so eine kleine Frühlingswelt daher und bewegte sich in seinem Dunstkreis um ihn her. Herrgott noch einmal, da galt es, aufzupassen. Das war keine einfache Geschichte mehr. Tiefbewegt kamen sie beide auf dem Rauchfußschen Gute an und fanden allerhand Gäste vor. Die Kirstensmädchen mit ihren Freunden, Frau Mariannes Kostgänger mit ihrer kleinen Freßmadame und auch einige der Junggesellen. Diesen war der hergeschneite Gast nicht unbedenklich erschienen. Sie kamen, um einmal nachzuschauen, und fanden die Vielumworbene rosig und wie in Freude getaucht. Sie begrüßte alle wärmer als sonst. Jeder kam sich besonders bewillkommnet vor. Der Gast stand eckig hager in seiner grauen Montur, in der er wie ein Hecht aus den Fluten aufgetaucht war, und schaute scheinbar mißlaunig auf das Treiben und Kommen, Gehen, Schwatzen und Lachen. »Ausgerichtet hat der hier nichts, so 'n Gestell,« sagte einer der Kostgänger. Der Kostgänger selbst war durch Frau Mariannens Fürsorge vorzüglich instand gehalten. Einen von beiden fütterte sie dennoch für sich, das war bei ihr ausgemachte Sache. Einen würde sie auf alle Fälle zu trösten haben. Die Rabenmutter brummte, daß sie heut' abend schon wieder alle zum Abendessen versorgen sollte; aber der Tisch unter der Linde wurde gedeckt, und der alte Sperber, der einmal zuschauen kam, verkündete, daß er eine Bowle stiften werde. Die Kirstensmädchen und die Kameraden holten den Wein vom Sperberschen Gut und brauten dann andächtig und eifrig, und während das Gebräu seinen Duft mit dem Duft des jungen Laubes und des blühenden Flieders mischte, wurde die Stimmung eine gar festliche. Die Mädchen begannen zu nippen und zu lachen, die jungen Leute wurden aufgeräumter, der alte Sperber hielt seine beiden lebensfrohen Hände um das Glas gelegt, als wollte er die zarte goldne Flut liebkosen. Der Kupferstecher trank nicht wie in Feststimmung, sondern in der gemessenen, aber nicht unausgiebigen Weise, wie er es daheim an seinem Stammtisch gewohnt war. Es war ihm nichts so Außerordentliches, wie es den bescheidenen Gästen hier oben war. Sperbers wie auch die Weimaraner waren allabendlich gewohnt, den braven Hausmuff zu trinken, der im offenen Eimer aus dem Rathaus geholt und auf Flaschen gefüllt wurde. Es waren genügsame Leute. Der Kupferstecher hielt sein Glas in der Hand und schaute darauf hin. »Auf meinem Wege hier ins gelobte Land«, sagte er, »saß ich in einem Dorfwirtshause und trank das schlechte Bier, das sie dort hatten. Da kam ein altes, elendes Weib, verdorrt von Alter und Mühsal, rührte mich an der Schulter und sagte: ›Laßt mich 'nen Schluck trinken, um Christi willen!« ›Hier, alter Saufaus!« Und ich gab ihr mein Glas. Sie setzte an und trank es bis auf den letzten Tropfen, schaute mich mit ihren alten, großen Augen an und sagte: ›Das soll mir jetzt Ihr Leidenskelch gewesen sein.«« Der Kupferstecher schwieg – die anderen schauten. »Hut ab davor!« sagte er und brach wie in sich zusammen. »Das war das größte Liebeswort, das ich mein Lebtag hörte! – Amen.« Die jungen Leute lachten. Der alte Sperber liebkoste sein Glas und blickte schelmisch auf den Zugelaufenen. Der Kupferstecher aber antwortete: »Alle Kirchenglocken hätten läuten müssen, als das alte Weib sagte: »Das soll mir jetzt Ihr Leidenskelch gewesen sein.« Aus den Häusern müßten die Leute stürzen, zu sehen, was es gäbe. Hosianna sollten sie rufen. Verseht keiner diese unergründliche Tiefe solcher Armut und Güte? Ich fiel auf die Knie vor der Alten, küßte ihren verschleppten Kleidersaum –, und sie – spie mir ins Gesicht – Amen. Das heißt: Keiner weiß, was er hier redet und tut, nicht im höchsten Sinne, nicht im niedersten. Sie sprechen Dinge aus wie Götter und verstehen nichts davon. Sie sind wütend aufeinander und wissen nicht, weshalb. Eine Welt des Schlafes! – Prosit!« Damit hob er sein Glas. »'n rechter Narr,« flüsterte ärgerlich Herr Sperber seinem Nachbar zu. »Kann er denn nicht reden wie andere Leute auch?« ›Ein verrücktes Tier!« stand in aller Blicken. Das trieb der Wirtin des Zugelaufenen alles Blut in die Wangen. Eine heiße, schützende Liebe faßte sie für ihn; eine warme, gute, unverlöschbare Flamme schlug aus ihrem Herzen auf. Ihr war, als könnte ihre junge Seele in der seinen untertauchen und voll Lebenskraft und Reichtum wieder auftauchen. Offenbarung war er für sie. Ihr schien, als rettete sie sich aus einer dunklen, stummen Welt zu ihm ins Licht. Nicht allzulange währte es, da merkten die Freier, daß der fremde Kupferstecher dabei war, ihnen das schöne, wohlhabende Mädchen vor der Nase wegzuschnappen. Auch Herrn Sperber schien es nicht recht geheuer, und Herr Kosch bekam einen schweren Stand. Die Mannsbilder stichelten auf ihn und wollten ihn lächerlich machen. Er hielt wacker stand, gab gute, tüchtige Gegenrede. Er war das vom Stammtisch her gewöhnt und tat's anfangs in aller Gemütsruhe; aber schließlich war er der Mann, der nicht hören konnte, daß seiner Ansicht entgegen die Pferde kluge Tiere sein sollten. So goß er auf seinen Jähzorn ziemlich von der vortrefflichen Bowle, trotzdem er wußte, daß das ein gefährliches Unternehmen war. »Herr Kupferstecher Kosch, was sagten Sie eben, erlauben Sie mal?« fragte der Hofmann verschmitzt höflich. »Wie sagten Sie? – Alle diese Spinathühner, die um Seine Exzellenz herumscharwenzeln? Spinathühner, dächt' ich, sagten Sie?« »Ja,« meinte der Kupferstecher borstig. »Spinathühner! – Das kratzt um ihn herum, stell' ich mir vor, daß es nicht schön ist. Spinathühner und Spinathähne.« »O,« sagte der Hofmann geflissentlich, »machen Sie sich, verehrter Herr, sonderbare Vorstellungen von unserer Gesellschaft!« »Gesellschaft!« höhnte der Zugelaufene. »Zweibeiner eben, wie sie überall umherlaufen, gackerndes, krähendes Volk. – Und da ist nun einmal eines auf dem großen Hühnerhof als Halbgott ausgekrochen. Herrgott, muß der Kerl sich langweilen. Schwarz muß er werden!« »Nun, und wie steht's mit Ihnen, Herr Spinathahn?« fragte der Sperbersche Neffe und hob sein Glas: »Prost!« »Prost!« sagte Herr Kosch und bog sich merkwürdig zu ihm herüber und fixierte den Neffen mit unsicher schillerndem Blick. Es war, als wenn dieser in sich fest gefaßten Gestalt die Augen nicht so recht gehorchten. »Spinathahn? – Spinathahn? – Spinathahn? – Herr, ich komme aus den schillernden Untiefen – aus den Trichtern dieser Erde aufgestiegen. Ihr meint, es ist zu Ende da, wo ihr geht? Ihr meint, unter euren Füßen regt sich nichts? – Das Künkelin, das Karnickel gräbt aber unbillig tief – schürft unbillig tief. Nun – nun, Spinathuhn – Hahn – Huhn, bin ich nicht – gewiß nicht.« Damit schüttelte er seine harte, flächsige Hand. – »Nee, nee.« »Der Kerl ist besoffen,« murmelte Herr Sperber. Er hielt nicht mehr die klare Flut seines Glases wie liebkosend umschlossen, sondern blickte auf seines alten Freundes Tochter und sah, wie diese bleich, mit großen weiten Augen angstvoll an jeder Bewegung des Zugelaufenen hing. Der alte Sperber erhob sich, trat sachte hinter ihren Stuhl, rührte sie an der Schulter und sagte: »Den Esel bring' ich dir gleich fort, nur ruhig, Badewännchen.« Da traf ihn aber ein Blick voller Empörung und doch unsicher, wie nach Hilfe suchend. »Hör' mal, Kind, komm' mit mir durch den Garten.« sagte der alte Herr jovial und treuherzig. Sie schüttelte den Kopf, und ihre Blicke hingen wieder an dem Kupferstecher. »Ein Mann,« sagte der soeben zu seinem Nachbar, dem Sperberschen Neffen, »dem man auch nur das Leiseste anmerkt in Gang und Haltung und Ausdruck, daß er zuviel des Guten tat – ist eine Memme! – Im Manne tobt eine Welt. Der Mikrokosmus ist im Aufruhr! Stürme wüten im Hirn – ein Weltbrand! Er steht unbewegt, ein Gott im Aufruhr! Was meinen Sie? Das ist die höchste Selbstbezwingung, die Urmännlichkeit, der Kampf und Sieg sondergleichen!« »'n Schwipps, 'n Affe – no, ich sag' ja nichts dagegen, kann mal vorkommen; aber«, meinte der Neffe sehr ruhig, »Ihre Auffassung scheint mir doch sehr grandios.« »Oho!« Der Kupferstecher reckte sich und dehnte sich, rang sich wie aus sich selbst heraus und blickte herausfordernd über den Tisch. Sein Blick streifte das schöne Mädchen, das ihm sein gutes Herz geschenkt. Er gewahrte ihre tiefe Blässe, die Augen, die in Verzweiflung schauten. ›Gott steh' mir bei, die schöne Seele!« fuhr es Herrn Kosch durch den Kopf, ›'s ist doch kein Lot Kraft und Saft in so'n Frauenzimmer. Wasch' mich, aber mach' mich nicht naß! Die will nun 'nen Kerl mit Spiritus, aber das Auffüllen kann sie nun wieder nicht vertragen. – Ja, so!« – Da nahm er sich gewaltig zusammen und schwieg fortan. Die junge Wirtin erhob sich jetzt, und mit ihr die Gäste. Die letzte halbe Stunde an der ländlichen Tafel unter der Linde war schwül gewesen. Der alte Rauchfuß ging um vor manchem Auge und schüttelte dem Kupferstecher verständnisvoll die Hand, weil der ihm aus dem Herzen sprach und bei weitem schwungvoller, als er es je gekonnt hatte. Der Kupferstecher trat jetzt zu seiner Wirtin und sagte etwas undeutlich: »Und richtet über die Lebendigen und die Toten. – In Gottes Namen also, gute Nacht – so reise ich morgen.« Da sah sie ihn mit sterbensbangen Augen an, sprach kein Wort, aber hielt ihn mit ihren Blicken. Er schwieg und schaute vor sich hin. Zu spüren war, daß er sich innerlich und äußerlich zusammenraffte. »Ich bin, der ich bin,« sagte er. »Zu deuten ist ja nichts. – Was so gewachsen ist,« – er hielt seine sehnigen Fäuste vor sich hin – »ist so gewachsen. – Leb' wohl! – Deine Küsse, Königinnenküsse! – Behüt dich Gott!« »Bleib'« – sagte sie, »bleib'!« Ihre Züge aber erblaßten, sie schwankte, ihr Kopf sank an den Lindenstamm. Herr Kosch fing sie in seinen Armen auf. Die Windlichter auf dem Tisch warfen ihren gelben Schein. Herr Sperber und einige noch sahen das Mädchen in den Armen des Zugelaufenen ruhen. »Herr, du mein Gott!« So schnell es seine kurzen Beinchen gestatteten, war er zur Stelle. »Ja, was denn?« rief er. »Was ist denn?« »Meiner Braut«, sagte Herr Kosch ernst, »scheint es nicht wohl zumute.« »Ihrer Braut?« rief Herr Sperber. »Das ist ja aber – aber ... ›ganz entsetzlich« wollte er sagen, besann sich, schaute nur mit Blicken, die keinen Zweifel aufkommen ließen, und nahm das Mädchen ohne alle Umstände in seine festen Arme. Da schlug sie die Augen auf und sagte leise, als sie das freundliche, aber erschreckte Gesicht ihres alten Sperber über sich sah: »Ich liebe ihn über alles auf Erden.« Der Kupferstecher nahm ihre beiden Hände und küßte sie. »Geh',« sagte sie, »ich will allein sein. Du versprachst mir, mein Freund zu sein. So lebendig will ich werden, wie du bist. Das ist, was du verstehen mußt.« »Gute Nacht.« Er küßte ihr wieder die Hand, grüßte Herrn Sperber. »Ich gehe,« sagte er, und so ging er hocherhobenen Hauptes, wie Herr Rauchfuß einst gegangen, wenn er der Welt beweisen wollte, daß er ein ganzer Mann war. In heißen Tränen blieb das Mädchen zurück. Herr Sperber führte sie an die verlassene Tafel und setzte sich neben sie. Die Resttropfen in den Gläsern dufteten herb. Die zwei Lichter schufen eine kleine weiße Insel mitten in der Dunkelheit, in der Gestalten auf und nieder gingen in erregten Gesprächen. Dem Mädchen rannen unaufhaltsam Tränen über die Wangen. »Badewännchen,« sagte Herr Sperber, »was hast du angestellt! – Den wildfremden Menschen! Seid ihr Frauenzimmer denn ganz verrückt? Seit einem Jahr läuft alles, was Beine hat und reputierlich ist, zu dir herauf – und du? – Ein Mann, wie unser Neffe! – Kind! – So schlicht und ruhig – rein und gut; – der macht eine Frau glücklich.« »Laß! – Laß!« sagte sie. Sie saßen stumm beieinander. »Braucht noch niemand zu wissen; komm, Kind, gehen wir zu den anderen.« Willenlos folgte sie, nahm wie im Traum Abschied von ihren Gästen. Die Freier gingen in tiefer, stummer Erregung. Die Kirstensmädchen küßten ihre Freundin herzlich auf die Wangen, und die Kameraden drückten ihr die Hand. »Um Gottes willen, Kind,« rief die Rabenmutter, als der letzte gegangen war, »bist du denn ganz des Kuckucks?« »Lassen Sie sie,« sagte Herr Sperber, »wir brauchen niemand. Gehen Sie schlafen. Ich bleib' bei unserem Kind. Laßt uns allein!« Und sie blieben allein. Sie gingen miteinander in das Wohnzimmer. Herr Sperber hatte eines der großen Windlichter mit hinauf genommen. »Nun sag' mir, Kind, wie ist das alles gekommen?« Sie kniete vor dem kleinen, kurzen Herrn, der in Rittmeister Rauchfußens Lehnstuhl sorgenvoll saß, und wieder quollen heiße, heiße Tränen. »Die Nacht wissen wir noch, als dein armer Vater starb und wir hier miteinander saßen und auf den letzten Atemzug warteten. Nicht wahr, Kind?« Das Mädchen nickte. »Weißt du, daß Herr Kosch nicht übel Lust hat, sich das Trinken anzugewöhnen?« Sie nickte. Ihre Augen blickten starr vor Angst und Qual. »Na, und trotzdem? Sag' mal, ist das notwendig, daß ein Frauenzimmer ganz vernunftlos ist? Glaubst du, daß du ihn hindern kannst, wenn er Trinker werden will?« »Nein,« sagte sie. »Und was ist denn das, altes Mägen, was sagtest du denn da? Lebendig willst du werden, wie er ist? Und dein Freund soll er sein? – Was ist denn das? – Siehst du, ich leg' mir da so was zurecht. – Du mußt wissen, deine Mutter war auch so 'ne kleene überspannte Seele, so gut und lieb sie war Sieh' dir mal meine Alte an und auch die alte Kummerfelden. Alle Frauenzimmer von besserer Art haben in ihrer Jugend so ihre Flausen gehabt. Siehst du, aber anders lernen die Weiber denken, als die Männer. Die Männer kommen früher dazu, man lehrt es sie. Siehst du, ich sag' dir es so, wie ich's meine. Sie gehen mehr in die Schule, sie lernen ihr Gewerbe. Sie müssen ihren Mann stellen. Da wird ihnen gar manches künstlich beigebracht. Es geht nicht so ganz natürlich zu; aber immerhin, es muß sein. Eine Generation sagt der anderen ihre Gedanken. Wie eine Lawine wälzen sich die Gedanken über die Mannsbilder her, alles, was je gedacht ist. Oder, wenn du mich besser verstehst, alles bekommen sie vorgekaut. Ihr Weiber aber lernt anders denken. In der ersten Jugend läßt euch das Leben ruhig, spannt euch nicht zu sehr an. Dann aber lehrt euch das Leben selbst denken. Die Gedankenlawine wälzt sich nicht über euch. Es wird euch auch nichts vorgekaut. Aus euch selbst wachsen die Gedanken und das Verstehen des Lebens. Sieh dir meine Alte an und die Kummerfelden. Hut ab! vor diesen lieben, alten Frauen. Einfach denken sie über die Dinge; aber da ist nichts Fremdes, nichts Gelerntes. Es ist alles ihr Eigentum, ihr schwer errungenes Eigentum. Wir Männer sind selten so ganz natürlich wie sie, so ganz durchdrungen und so einfach. Wir haben viel Fremdes, Totes in uns. Ich rede nicht von mir, ich bin auch so ein alter Kauz, so ein einfacher Mann. Aber weißt du, dumm ist der alte Sperber deshalb nicht. Glaubst du, er kennt dich nicht? – – O je! Wenn einer in dich verliebt ist, ist er nichts weniger als dein Freund. Er kann dein Freund einst werden, wenn die Verliebtheit sich gelegt hat; aber noch ist er nicht dein Freund. Das mußt du dir verdienen! Das ist des Lebens höchstes Gut; das fällt niemand in den Schoß. Ja, du kannst es dir nicht einmal verdienen, so wenig wie das große Los. Siehst du, nun kommen wir auch noch darauf: Wir sind dir zu einfach, du willst höher hinauf. Du willst nicht wachsen, wie wir gewachsen sind, denk' ich mir, nicht so still dahinwachsen wie meine Alte; du willst drauf losgehen. Die Luft aus Weimar hat dich vergiftet, die schöne Seelenluft. Siehst du, dabei kommt gar nichts heraus. Zeit lassen, Zeit lassen, Zeit lassen. – Was der Herrgott will, das wir hier spüren sollen, das werden wir schon, dafür sorgt Mutter Natur. Dafür braucht's kein Treibhaus. Schau, 's ist noch Zeit, – ich geh' morgen früh zu deinem Kupferstecher und sag' ihm: ›Sie, mein Lieber, Sie wissen's ja jedenfalls, wie die Mägens sind, oben aus und nirgends an. Ein alter Mann hat mit ihr geredet und hat sie andern Sinnes gemacht.« Für euch beide wär's ein Unheil.« »Laß mich, Onkel Sperber, laß mich,« sagte sie. »Ich kann nicht ohne ihn leben!« »Badewännchen, gerade so hat deine Mutter gesprochen. Ich gebe gar nichts auf eine gar so große Liebe. Kein Geschöpf Gottes ist einer so großen Liebe wert. – Keines. Meine Alte und ich liebten uns immer sachtchen, und so sachtchen ist's geblieben. Das wär' mir ein schöner Hafen, wo die Wellen so hoch gingen, daß die Schiffe darin nicht ruhen könnten. Hör mal, altes Mägen, willst du denn so all seinen Unsinn nachmachen? Ich weiß nicht, ich müßte lügen, wollte ich sagen, mir gefiel's so besonders.« »Nein,« sagte sie, »das glaub' ich dir, Onkel Sperber. Das kann dir auch nicht so gefallen. Jeder spricht nur für seinesgleichen, die anderen verstehen ihn nicht, jeder versteht nur, was er selbst schon ist. Mein Verlobter wird hier nur von mir verstanden, und spräche er zu euch mit Engelszungen, ganz unnötig wär's – und ich! Mein Herz flog ihm nur so zu. Ich kannte ihn von Anfang an wie einen alten Freund.« »Badewännchen,« seufzte der alte Herr. »Dir brauch' ich nicht zu sagen, was du dir möglicherweise mit ihm aufladest. – Dir gab Gott deinen Vater zur Warnung. Was du tust, ist gegen Gottes Willen. Deine heißen Tränen sprechen gegen dich.« »Onkel Sperber,« sagte sie ernst. »Deshalb ist jedes Wort unnötig. Meine heißen Tränen müssen dir sagen: ich weiß alles – verstehe alles, und kann von ihm doch nicht lassen.« »Dann sei Gott mit dir, mein Kind. Ist dem so, so weißt du, was du tust, so geh' deinen Weg, der dir auferlegt wurde. Ich sehe nichts Gutes. Gerade so sprach ich mit deiner Mutter – gerade so. Die hat ihren Liebsten genommen aus keinem anderen Grund, wie mir's jetzt vorkommt, damit du so würdest, wie du nun bist. Du wolltest ins Leben. Und nun – wollen wieder andere ins Leben und scheinen, Gott sei's geklagt, dich und den Zugelaufenen zu brauchen. Kind, wenn die Liebe bliebe! So 'ne Liebesheirat soll jeden bedenklich anschau'n; ja, wenn's für 'ne kurze Spanne Zeit wäre – dann alle Achtung! – Aber für immer 'nen Menschen in bengalischer Beleuchtung kaufen! Nicht anders ist's, als kaufte ich meine Kühe und Ochsen in bengalischer Beleuchtung oder im Rausch. Siehste, wenn du mich hören könntest! Stehen lassen, Badewännchen, stehen lassen! sage ich dir; nimm unsern Neffen. Besser kann dir nicht gedient sein.« Da reckte sich das Mädchen fest in die Höh'. »Genug, Onkel Sperber,« sagte sie mit leuchtenden Augen und gab ihm die Hand. »Du bist gut; aber wenn er mich morgen noch will, bleibt's dabei. Ich bin so voll Kraft und Mut und Freude, weil er mich liebt, und überhaupt voll Kraft und Freude. Ich werde dem Schicksal dafür dienen. Das weiß ich, daß jedes Glück mit Leid gezahlt wird.« »Gut,« sagte der alte Sperber, »wenn du deine Dummheiten mit Kraft und Freude tust, mag sein, was sein muß! – Aber mit heißen Tränen? – – Hab' ich da nicht recht, altes Mägen? Hast du Mut, wirst du mit diesem Teufelskerl fertig werden; aber wehleidig? – Nee!«   Und so kamen sie zusammen, wie Tausende und aber Tausende, von Liebe getrieben, gegen alle Vernunft. Sie führten ihre Ehe, wie eben eine Ehe geführt wird, wenn sie von jungen Tagen bis ins hohe Alter hineinreicht. Einander beglücken und enttäuschen, wohltun und peinigen, einander langweilen und gewöhnt werden. Oft lag über weiten Strecken des Lebens wie bei allen Sterblichen Dumpfheit, wie eine Decke dichtgefilzten Seegrases. Unter dieser Decke hatten die Lebenswellen sich schwerfällig bewegt, waren nicht ans Tageslicht gekommen, und nur eine mächtige Freuden- oder Schmerzenswelle war durchgebrochen und hatte gen Himmel gespritzt. Nun saß Beate Rauchfuß als alte Frau spät nachmittags in ihrem Garten auf dem Ettersberge. Alles ist dahin, was einst war: Freuden, Verlangen, Hoffnungen, Lebenskraft und Sehnsucht, – auch Herr Kosch ist dahin. Sie, die am tiefsten liebte, trug am schwersten, denn sie trug ihn ihr Leben lang. Seine Qualen wurden ihre Qualen, seine Lebensbewegungen ihre Lebensbewegungen. So hatte sie das schwere Doppeldasein des Weibes geführt, das schwere, vielfache Dasein des Weibes. Mit ihren Kindern war sie jugendselig, jugendtraurig gewesen, hatte ihre Enttäuschungen und Wonnen mitgefühlt; mit zweien ihrer Lieben war sie gestorben, Herrn Koschs steile Pfade war sie mitgegangen, ohne gerufen zu sein. Sie war ihm nachgeschlichen, hatte gelernt, mit ihm Schritt halten, als unbeachteter Begleiter. Und als er, müde gewandert, den hilfreichen, treuen Gefährten seiner ringenden Wege neben sich fand – hatte sie das Ziel ihres Lebens erreicht. Anders lernen die Weiber denken als die Männer. Für den Spruch ihres alten Freundes war ihr Verständnis aufgegangen. Wie sie ihre Kinder geboren hatte, so auch ihre Gedanken. Jeder war eine schwere Errungenschaft aus dem Kern der Dinge heraus, nicht überkommen, nicht gelehrt, nicht fremd, – aber urlebendig aus ihr selbst geboren und mit Menschenleid gezahlt. Wie sie als alte Frau im Spätsonnenschein saß voller Frieden, war ihre Seele rund wie in erster Jugendzeit, hatte keine Ecken, keinen Riß, an dem Sorge sich hätte einhaken, oder in den sie hätte eindringen können. Wie ein fernes Rauschen und Lärmen und Läuten tönte das Treiben des Lebens in den unstörbaren Frieden. Zum zweitenmal im Leben glich ihre Seele einer sonnenklaren Kristallkugel: in erster Jugend, als noch kein Flecken und Schatten des Daseins sie trübte, und jetzt, als alle Flecken und Schatten wieder gewichen waren. Ob nun das Leben leicht war oder schwer, die Ehe glücklich oder unglücklich, die Arbeit gesegnet oder nicht, – ganz gleich – ganz gleichgültig. Nur eins war hier nicht gleich, daß die alte Frau jetzt im Spätsonnenschein saß mit einer Seele, die sonnenklar und durchsichtig, wie eine helle Kugel im Raume schwebte, still nachträumend und nichts fragend – weltabgetan. Der dichtverwachsene Garten Der dichtverwachsene Garten Als Weimar noch, von aller Welt verlassen, von niemandem gekannt und besucht, in der großen, stillen Einöde lag, mit seinem Häuflein Weimaranern, die in dem grauen Steinnest seit Jahrhunderten kamen und gingen, wie es der Lauf der Welt ist, da gab es Einsamkeit rings um das Städtchen her – Einöde – von der wir in unserer Zeit, in der die Lokomotive jede Ecke ausschnüffelt, jede Verborgenheit wie ein Maulwurf aufwühlt, uns keine Vorstellung mehr machen können. Solche Verschneitheit und solches In-Grün-vergrabensein gibt's nicht mehr, – gewiß nicht. Und wer meine kleine Geschichte verstehen will, vergesse alles, was in unserer Zeit Menschen mit Menschen verbindet, und gehe mit mir an einem alten Städtchen vorüber, das mit Mauern sich gegen die Stille ringsumher wehrt – und wandere auf holperigen Wegen weiter, immer weiter, wie ins Grenzenlose hinein, an armseligen Weilern und Dörfern vorüber, in denen seit Jahrhunderten die Bauerngeschlechter wie die Unken im Sumpfe leben, oder wie die Wilden im dunkelsten Erdteil, hinsterbend wie Wasserblasen im Ozean. In solcher Weltabgeschiedenheit ein Garten. Um den Garten wogt von drei Seiten junger Winterroggen, wie ein Meer, und wenn der Wind über das Meer dahinfährt, bläst er breite graue Spiegel auf die lebensgrüne Fläche und weht Erdgeruch auf und den Geruch einer Unendlichkeit von grünem Leben. Das Roggenmeer dehnt sich, soweit das Auge reicht. Kein Baum – kein Strauch – nur grünes, silbergraues Gewoge und der schwere Roggenduft, der darüber liegt. Der Garten ragt wie eine kleine Insel in das Meer hinein. Mit seinen festen Laubmassen, die rund und ungegliedert mächtig aus dem Getreidegewoge herauswachsen, wirkt er wie aus Bronze gegossen. Das Getreidemeer brandet sanft an ihn an. O du duftende Einsamkeit! Wer am Ende des Gartens vor dem festen Laubwall steht und hinausschaut auf Grün und Silbergrau, das sich in weichen, grauen Tönen wechselnd und vibrierend bis in den Horizont hineinzieht – dem ist die Welt versunken. Das Haus, hinter dem sich der Garten in das Feld hineindehnt, gehört wahrlich auch nicht zur Welt, – ein stilles Landpfarrhaus mit hohem Dach und niederen Fenstern, weinumsponnen. Verträumt steht es so seit ein paar Menschenaltern, öffnet seine Tür, um einen Mann Gottes nach dem anderen einziehen und wieder ausziehen zu lassen. Wohl beherbergt hat es sie alle. Jeder von ihnen kam würdig erfreut, denn es schien noch keinem ein übler Platz. Still wurde dann einer nach dem anderen, nach sanftem, weltabgeschiedenem Leben hinausgetragen. Damals wohnte ein Ehrenmann im Haus, mit Weib und Sohn und Tochter. Ihm waren die Kinder hier geboren und auch herangewachsen. Ja, zu seinem Erstaunen waren sie auch herangewachsen – denn hier stand die Zeit still! Das große Zifferblatt, die weiten Felder mit ihrem weiten Horizont zeigten wohl die braune Stunde, die grüne, die goldene, die weiße Stunde an, aber so unmerklich ging eine dieser Stunden in die andere über, daß es dem Bewußtsein nicht weh tat. Und wie oft war die goldene Stunde gekommen? Wie oft wohl? O, das war alles so verschwommen, das hatte sich dem Hirn nicht eingeprägt. Es war alles hier eine zeitlose Gewohnheit – aber die Kinder waren dennoch herangewachsen. Und die grüne Stunde war wieder einmal sanft hereingebrochen. Um den Garten brandete das grüne Halmenmeer, und der mächtige Laubwall quoll zusehends. Die Wege wurden eng und immer enger vom dichten Laub, das sich dehnte und streckte. Der Flieder blühte und der Goldregen und der Rotdorn. Der Garten lag im Paradiesesschmuck. Ein kurzes Weilchen sollte er schön sein, ein kurzes Weilchen sollte er auch dieses Jahr wieder jung sein. Das Gras stand saftig und hoch, und hin und wieder schimmerten die roten, schweren Köpfe der Pfingstrosen aus hellem Grün. Ein Duft stieg auf wie von einem Opfer. »Heuer schaut man nicht einmal mit einem Blick hinaus, so dicht ist's Laub. Man riecht's nur, daß der Roggen blüht.« Das sagte eine kleine, sanfte Stimme, in der ein großes Weh klang. Es war nicht mehr die volle Tageshelle. Die weiche Sommerdämmerung floß durch das dichte Grün. Die verschleierte, sanfte Stimme gehört zu einer schlanken, jungen Mädchengestalt. Ein einfaches, geduldiges Gesichtchen neigt sich wie eine vom Regen schwere Blüte der Erde zu. Die schmale Mädchenhand ruht ratlos in der Hand eines jungen Mannes, der auch wie in tiefer Bewegung geht. Aber etwas Unantastbares liegt in seiner Persönlichkeit, seiner Kleidung, seinem Gang. Es ist Rückgrat in der Haltung, Rückgrat, das von Generation auf Generation vererbt ist. Das war so eine formvolle Bewegtheit, die er dulden durfte, weil sie am Platz schien. In seinem ritterlichen Hinneigen zu seiner Gefährtin liegt eine gewisse Achtung vor ihrem Schmerz, etwas Tröstendes, – etwas ... Ja, sie tragen nicht an einem Schmerz – nicht an einem gleich großen Schmerz, der seine wiegt leichter. Er hat seine Gestalt nicht durchdrungen, seine Beweglichkeit und vornehme Eleganz nicht beeinträchtigt. Er ist nicht um einen Zoll gebeugter durch diesen Schmerz geworden – und doch, es ist auch ihm nicht leicht ums Herz. Hier in diesem stillen Erdenwinkel ist er und seine Schwester auf dem Gut einer nahen Verwandten der verstorbenen Mutter erzogen worden. Mit den beiden Pfarrerskindern hatten sie alles geteilt, Unterricht, Kinderwonne – alles – alles. Und nun sollte es hinaus ins Leben gehen, – die Schwester zum Vater und er – – für ihn lag die Welt offen. Er steht auf der Höhe des Lebens. Er ist sicher, wo er sich auch zeigen wird, wohl empfangen zu werden als ein schon Gekannter, als einer, von dem sich nur das Beste erwarten läßt. Seine Ahnen hatten für ihn vorgesorgt. Ihm konnte es kaum fehlen. Das Leben lag vor ihm wie eine sichere Ernte. Nun galt es, sich von der stillen ersten Jugendzeit loszureißen. Vor noch nicht vier Wochen hatten sie am Sterbebett ihrer treuen zweiten Mutter gestanden; da war es fast ähnlich gewesen wie heute. Banger Abschied und dazwischen wie Sonnenblitze das künftige lockende Leben. »Was tust du denn nun, wenn wir gehen, und wenn auch dein Bruder fort ist?« fragte er seine stille Gefährtin. Da war kein Haltens mehr, da stürzten die Tränen aus den armen Augen. »Ach, ich –,« sagte sie leise. So sah und verstand er ihre große Armut, so offenbarte sich ihm ihre Armut für einen Augenblick, und er schloß das Mädchen in seine Arme und küßte sie und empfand die ganze süße Bedeutung, die seine Gefährtin für ihn hatte. Ja, die hatte sie für ihn, denn sie war seine erste Liebe, seine Jugendliebe, an die er als alter, vornehmer Herr noch wehmütig lächelnd sich erinnern wollte. Das Mädchen aber schlang voll banger, verzweifelter Leidenschaft die Arme um ihn und flüsterte heiß: »Bleib', was wird aus mir!« Das tat seiner jungen Kraft wohl, dies Geliebtsein, dies An-ihm-hängen, dies Hinsterben ohne ihn. Und er zog sie empor zu sich heran, und sie hingen aneinander in heißen Küssen, als wollten sie eins werden. Ihm war so wohl, so weh; aber keinen Augenblick verlor er den Sinn der Stunde. Es war ein Abschiedsschmerz fürs Leben. – Du hier – ich dort! Beileibe nichts, was Bindekraft haben könnte, nichts Hinderndes, nichts Lastendes. Da hörten sie Schritte. Seine jüngere Schwester und der Pfarrerssohn kommen ihnen auf dicht verwachsenen Wegen entgegen. »Anne Marie!« sagte die junge Komtesse zärtlich, »Anne Marie!« Was lag in diesem Aussprechen des Namens. Hatte sie verstanden oder gesehen? Mochte sie gesehen haben! Mochte sie verstanden haben! Sie war eine zarte, süße, kleine Weltdame trotz der Abgeschiedenheit, in der sie bisher gelebt. Alle Weltdamen ihres uralten Geschlechts hatten sie mit ihrem Vermächtnis bedacht. Alles war ihr nur so zugeflogen. Auch ihre Gefühle, sie kamen und gingen wie Launen. Aber auch sie war bewegt, auch sie war den Pfarrerskindern eine gute Gefährtin gewesen, eine reizvolle, schnellblütige; – auch sie hatte, wie soeben ihr Bruder die Pfarrerstochter – den Pfarrerssohn geküßt und mit süßem Bewußtsein ihrer ersten vergänglichen Liebe, dieser reizenden Tollheit, die ihr nun in allerlei Gestalt lebendig werden sollte. Ach, und was war er für ein guter, lieber Junge, dieser »erste«! – und wie liebte er sie! Ganz unsinnig! Reizend zum Verrücktwerden, eine Gottheit zu sein, die ein Mensch anbetet, der ein Mensch sich hinopfern möchte, die ein Mensch wirklich und wahrhaftig anbetet, der ein Mensch sagt, daß sie das Höchste sei, zum Totlachen schön! Und sie hörte es im voraus draußen in der Welt in süßer Anbetung von vielen, vielen Lippen nachbeten, was der eine, erste hier gestammelt hatte, und ihre kleine Gottesseele war hungrig nach Gebet und Opfer.   Am anderen Abend zur selben Stunde gingen die beiden Pfarrerskinder Hand in Hand die dicht verwachsenen Wege auf und nieder. Beide stumm. Sie waren beide vereinsamt, und beide waren hilflos in ihrer Vereinsamung – und scheu. Keins sah dem anderen in die Augen. Sie trugen jedes für sich ihr großes, wehes Geheimnis. Drinnen im Haus schrieb der Vater an seiner Predigt, und die Mutter buk zu Pfingsten Festkuchen. Niemand dachte an die beiden großen, hilflosen Kinder im dunklen Garten, in dem die Laubmassen leise rauschten, die Juniopferdüfte aufstiegen und der schwüle Kornblütengeruch durch den festen Laubwall strömte. Der Pfarrer und sein Weib wußten nicht, daß aus ihren kleinen, sorglosen Kindern Menschen geworden waren mit Glückshunger und Menschenweh. Es wurde gedankenlos Predigt geschrieben und Kuchen gebacken. Derweilen sanken die beiden endlich eng verschlungen auf eine alte Gartenbank, an der sie als Kinder gespielt – uns hingen aneinander wie zwei Verzweifelte, die in einem tiefen See sich eins dem anderen retten wollen. Es war ein so großer, bitterer, junger Schmerz, der schwerste Schmerz der Jugend, der noch keine Scharte, keine Stumpfheit an seiner Schneide hat. Es war der Schmerz »derer ohne Ahnen«, die ihr Wesen nicht von Generation zu Generation in vornehmen Formen aufgelöst haben, es war der echte, alte Volksschmerz, der schon den Vorfahren die schutzlosen Herzen gemartert hatte. Aber sie wurden in dieser Stunde eins miteinander, weil sie sich in ihrer großen Einfachheit durchschauten. Treuer Bruder – treue Schwester fürs Leben, und sie besiegelten den Bund mit einem Kuß, der so mild und sanft war gegen die Feuerküsse, die ihnen das Blut in Brand gesetzt hatten. »Anne Marie,« sagte er. – »Was wirst du tun, wenn ich nun auch fort bin?« »Ach, ich!« antwortete sie und schritt dabei wie über sich selbst hinweg. Sie sagte es unter Tränen und wußte nichts anderes. Und so sah und verstand auch er ihre Armut, und er zog die Schwester an sich, als wollte er sie schützen, als wollte er ihr etwas geben. Aber da war nichts, was er ihr geben konnte. Er wußte nichts.   Und die Zeit kam bald, wo er sie verlassen mußte, seine Schmerzensgefährtin. Er ging hinaus ins Leben, das hinter dem Roggenmeer lag. Sie aber, Anne Marie, wurde von keiner Stimme gerufen. Sie blieb ganz allein, sie hatte keinen Grund, ins Leben zu gehen. Sie blieb da, wo die Zeit stillsteht. Und noch immer wußten die Pfarrersleute nicht, daß die Zeit aus ihrem kleinen Kinde ein lebenshungriges, sehnsüchtiges, armes Weib gemacht hatte. Sie freuten sich ihres guten Mädchens, freuten sich, wie es so wohlbewahrt im stillen Garten und im stillen Haus lebte, und glaubten, daß alles Leid der Welt ihrem Kinde fern lag. Kein Vater- und kein Mutterauge folgten ihr, wenn sie an dem Laubwall stand und hinaus über das Halmenmeer schaute, oder wenn sie durch den verschneiten Garten stapfte, um in die weiße Leere um sie her zu starren. Da war es ihr, als söge die große Leere um sie her ihr das lebendige Herz aus, als söge die große Leere und Einsamkeit ihr auch gierig die Seele aus. Wie vor einem Riesenungeheuer fürchtete sie sich vor dieser toten Einsamkeit, die sich von ihrem jungen Leben nährte, verbarg sich vor ihr und gab sich ihr wieder hin in Sinnlosigkeit. Den, der eilig ihrer zu gedenken vergessen, liebte sie mit der ganzen Glut ihres Wesens, das umsonst in Lebensfeuer brannte. Ihre heilige Pflicht, ihr Gelübde wurde es, Treue und Angedenken zu halten. Daran hielt sie sich, klammerte sie sich: Treue und Angedenken! Das wurde ihr ganzer Lebensinhalt. Mitten unter Rosen und Güte und Liebe wurde sie zur Märtyrerin. Niemand aber verstand die große Marter. Die vielfarbigen Stunden aber kamen und gingen im Wechsel. Der Bruder kehrte nach langen Jahren heim, ein tüchtiger Mann, kraftstrotzend. Ein Mensch, den der Vater segnete, zu dem die Mutter, die ihm das Leben gegeben, staunend aufblickte. Und als er am Abend mit der Schwester wie sonst wohl im Garten auf und nieder ging, sagte er wohlgemut: »Entsinnst du dich der Dummheiten noch – damals, als die beiden Schlingel gingen?« Da sah sie ihn mit großen, irren Augen an und schwieg. Er aber fing ihren leeren, toten Blick auf und suchte ihn sich zu deuten. Und als hätte er ein armseliges, kaltes Sumpftier berührt, eine im Sumpf eingeschlossene Kröte, so war es ihm, als seine Finger der Schwester kraftlose Hände faßten. »Ist das möglich? So etwas!« murmelte er. »Was denn?« fragte sie, wie eine arme Seele. »Was sagst du?« »Nichts, Anne Marie. Möge ein jeder mit dem Leben fertig werden, wie er kann und mag.« »Da ist nichts zu machen,« dachte er bei sich, und ein Ekel faßte ihn. »Sie ist ein Weib. Gott erbarme sich ihrer.« Er mußte wohlgefällig lächeln, wenn er sein Leben mit dem ihren verglich. Aber weil er ihr Bruder war und einst ihr Kamerad, tat sie ihm leid. »Sie sind alle so!« dachte er bei sich – »so – oder anders, – aber immer dasselbe! Liebe, die ein kräftiger Trunk sein soll, ist ihnen Nahrung, die sie verzehrt. Immer das eine – immer trinken. Nichts anderes hat Platz in ihrem Kopf – bis der eine Gedanke alles verschluckt hat – dann der leere Blödsinn.« Zornig war er und schlug mit einem Stecken im Vorübergehen auf die dichten Büsche. ›Das ist etwas, worüber man mit ihr nicht reden kann,« dachte er. ›Mag sie's haben!« »Weshalb sagst du nicht, was du sagen wolltest?« fragte sie mit bebender Stimme. Sie wollte reden. Sie wollte sich an ihn hängen und sagen: ›Du bist mein Bruder, hilf mir.« Aber sie fand kein Wort. Eine drückende Scham, eine unbewußte Schmach machte es ihr nicht möglich. Sie blieb stumm. Und als er wieder gegangen war, da küßte sie Gras und Kraut in ihrer Einsamkeit und Verlassenheit, da sang sie so wild, lebenshungrig in die Oede hinaus, von keinem Menschenohr gehört. – Die beiden Pfarrersleute lebten wohlgemut und seelenruhig. Es ging ihnen gut. Das Alter ließ sich freundlich an. Sie waren beide rund und rotbäckig und in ihrem Gott vergnügt. Das Essen schmeckte ihnen. Allabendlich bekam der Pfarrer seine Pfeife vom lieben Kind gestopft, und es wurde ihm vorgelesen: von jungen, herben Lippen behagliche Dinge, die ihm paßten. Das gutartige, freundliche Alter, das alles vergessen hat, machte sich im stillen Hause breit und erstickte und überwucherte mit seinem fetten Kraut einen kräftigen Lebenstrieb, der zur Sonne wollte. Du einsamer Vogel, der du im Käfig gefangen sitzt unter dem Menschenvolk und mit deiner Stimme Menschenvolk erfreust, bist nicht einsamer als einsame Jugend zwischen Alter. »Heiraten sollte unser Kindchen,« sagte die Pfarrerin zum öftern – »ja – ja.« »Laß sie, Weib, kommt Zeit, kommt Rat; so gut wie daheim bekommt sie's nirgends wieder,« meinte der Pfarrer. So verstrich eine weiße Stunde um die andere – und die Alten merkten nichts. Die Einsamkeit und die Oede sogen das junge Leben in sich ein, ohne davon Gewinn zu haben. Das junge Weib aber konnte all dem nutzlosen Zehren und Saugen nicht widerstehen, sie wurde welk und matt. Ihr heißes Jugendfeuer war wie ein von keinem Gott empfangenes Opfer, das ungesehen im dichtverwachsenen Garten verbrennt und auch keinen lieben Menschen gewärmt hatte. Ihre kluge Seele war erwacht, ohne jemand erfreut zu haben, ihre süße Stimme hatte niemand getröstet und beglückt, ihr Verstand war eingeschlafen, ohne wach geworden zu sein. Und einst kam der Bruder wieder mit seinem Weib und mit Kindern, und das alte Pfarrhaus zitterte durch junges Lachen und zärtliche Töne und tollen Jubel. Und bei Tisch waren die Alten ganz außer dem Häuschen über all das junge Volk, das von ihnen ausgegangen war. Stolz wurden sie, und wichtig kamen sie sich vor, und über die Maßen zufrieden waren sie. Der Pfarrherr hielt eine vor Rührung überlaufende kleine Familienrede und lobte sein Leben und den alten Gott und sein Weib und den starken, tüchtigen Sohn und dessen Weib und segnete die Enkel, und zuallerletzt pries er es als eine Gnade Gottes und besondere Fürsorge, daß er die Tochter dem stillen Haus erhalten, die Pflegerin der Alten. »Hoch lebe unser altes Jüngferchen, die Anne Marie!« »Gott segne die ersten Fältchen im lieben Angesicht unseres Kindes!« sagte die Pfarrerin. »Ja – ja, mein Herzel,« nickte sie weltfremd schelmisch. Ein komisches Zucken ging über ein armes Gesicht. »Verschluckt?« fragte der Pfarrer besorgt. Und Anne Marie stand auf und stürzte zur Türe und stürzte hinaus in den dichtverwachsenen Garten, der sie ihr Lebtag vor der Welt verborgen hatte. Das weite, öde Halmenfeld brandete sanft am mächtigen Laubwall an, der wie aus Bronze gegossen starrte. Und ins hohe Gras warf sie sich auf ihr Angesicht und weinte nicht und klagte nicht. Sie küßte längst nicht mehr Baum und Kraut in ihrer Verlassenheit. Sie legte sich hin wie eine Tote, die nach nichts mehr faßt, die sich an nichts mehr hält, die mit Mutter Erde nichts mehr gemein hat. Muttersehnsucht Gott nein,« sagte sie, »nie« – und lachte. Er hatte sie gefragt, ob sie hier das ganze Jahr über nicht Langeweile spürte. Er ist der Hausgast und Jugendfreund ihres Vaters. Sommerfrieden liegt über dem weiten Gutsgarten ausgebreitet. Hochwipflige Bäume und fruchttragende, schwerbeladene, die dem Erdreich mit ihren Kronen näher bleiben als die vornehmen Laubbäume; weiche Rasenflächen, auf denen durchsichtige, kühle Schatten lagern; Beerensträucher mit leuchtenden, rotbehangenen Zweigen. Der lange, gerade Weg, der zum Hause von der Landstraße führt, ist dicht mit Sommerblumen eingefaßt, nach Altväter Weise, mit bunten, duftenden Blumen aller Art, die ihre Häupter im lustigen Durcheinander neigen oder sie in die blaue Sommerluft hineinheben und den geraden Weg in eine Atmosphäre von sonnedurchwärmten Düften hüllen. Bienen und tausendfältiges Geschwirr und Gesumm. Hoch oben im Himmelsraum die pfeilschnellen Sommerverkünder, die ihre spitzen Töne wie goldne Saiten über den Himmel sponnen. Sie stehen beide abseits vom Weg, mitten im Obstgarten. Sie beugt sich über den kleinen Quell, der kristallklar durch den Rasen fließt und nimmt eine purpurrote Apfelschale, die auf dem Grunde des Wässerleins lag, heraus. Tropfend und rotleuchtend glänzt sie in des Mädchens fester Hand. »Das tat die Marianne,« sagte sie beiläufig. »Die muß besser eingespannt werden – die. Die zieht nicht an.« »Wenn ich einmal heirate, hat sie alles zu übernehmen, was ich jetzt tue.« »Maria, seit wann ist denn von einer Heirat die Rede? Das ist das erste Wort, das ich davon höre,« fragte der ernste, distinguiert aussehende Mann, der Typus des feinen Gelehrten aus gutem Hause; ein zartgliederiger, tadellos gekleideter Mensch, an dem vielleicht nur die Art zu blicken verrät, daß er zu der Menschenklasse gehört, die ein zu einseitiges, geistiges Leben führt. Er hat etwas in der Art zu schauen, als hätte er die Kunst des Umherblickens nicht gelernt, etwas Weltfremdes, trotz seines weltmännischen Aeußern. Und dies Weltfremde ließ ihn jünger erscheinen, als er wirklich war. »Nein,« sagte das große, blonde Mädchen ruhig. »Es ist auch jetzt niemand da, den ich heiraten möchte; aber was nicht ist, kann werden. Ich bin vierundzwanzig.« Sie warf die Apfelschale wie eine rotleuchtende Schlange weit von sich auf einen Komposthaufen, der neben einer Reihe von Gemüsebeeten aufgeschichtet war, und schaute ihr nach. »Du bist Erde und sollst zu Erde werden,« sagte sie behaglich vor sich hin. Der Gelehrte blickte sinnend vor sich hin. »Ich muß jetzt sehen, daß ordentlich gedeckt wird. In einer halben Stunde ist Essenszeit.« »Sie verwöhnen Marianne.« »Vor der Hand muß sie erzogen werden. Nein, nein, verwöhnen tue ich nicht. Bei uns muß jedes an seine Pflicht glauben, sonst ging's vollends drunter und drüber.« Er begleitete sie. »Sagen Sie, Maria, – es steht nicht gut mit Ihrem Vater?« »Nein.« »Ei – ei – ei –, daß ...« »Da ist gar nichts zu wollen, das ist eine alte Geschichte, die Immenbachs kommen auf keinen grünen Zweig, und der arme Vater ist nicht der Mann, der Glück hat. Hier hätte eine harte Hand was ausgerichtet. – Und dann haben die letzten Krankheitsjahre der Mutter ihn stark mitgenommen.« Das Mädchen sprach ruhig und einfach, wie Städtekinder nicht zu sprechen pflegen. Kurz und gut, die Immenbachs kommen auf keinen grünen Zweig. Das war eine ganz einfache Tatsache, mit der sie sich abgefunden hatte. Es klang nicht traurig, nicht bedrückt, nicht klagend. Sie sagte das so kernig kräftig wie jenes: Du bist Erde und sollst zu Erde werden. Sie hat eine sonnedurchschienene Stimme, so warm, man denkt an Erd- und Laubgeruch, an Bäume mit Obst beladen, an wogende, gelbe Kornfelder, wenn sie spricht. Oder erschien das dem Professor nur so, weil er seit Tagen diese Stimme unter beladenen Bäumen, im duftenden Garten, auf schmalen Wegen zwischen unermeßlich weitem, goldenem Korngewoge gehört hatte. Ihm schien's, als wäre er in diesen Tagen an dieser Stimme gesundet. So hirnmüde, so abgearbeitet und gehetzt ist er gewesen, als er sich entschlossen hatte, bei seinem alten Jugendfreund einzukehren und einmal in dieser Stille auszuruhen. Hier, in diesem alten, einfachen Gutshause hatte er den Laub- und Wiesen- und Waldfrieden gefunden, – den sommerlichen Gartenfrieden. Er war hier in etwas ganz Sonderbares hineingeraten, ins Träumen mit wachen Augen, in ein junges, längst vergessenes Träumen. Das war ihm über die Glieder geflossen wie ein laues Bad. Ja, aber er hatte auch noch nie den wahren und vollen Landfrieden genossen, nie in seinem ganzen Leben wie jetzt. Sommerfrischen aller Art, mit so und so viel abgehetzten Städtemenschen, die sich in irgendeinem Hotel zusammengefunden, das hatte er alljährlich immer wieder kennen gelernt; das fieberhaft eilige Naturgenießen von einem möglichst lärmreichen, unruhigen Hotelzentrum aus. Aber hier! da war man außer der Welt, wie in Korngewoge begraben, wie eins mit dem Laub- und Erdgeruch – da gehörte man mit dazu, da wurde man eingesogen. Da ging man ein und aus und war daheim unter der großen Himmelsglocke. Ach – das war so einfach – so einfach, so wehmütig zu Herzen gehend. Immer und immer wieder war es ihm zumute, als hätte er Unsägliches verloren. Oft überkam ihn eine große Traurigkeit. Sein Leben erschien ihm so unsinnig, so ungemütlich, so unheimisch auf Erden. Er, der hochangesehene Mann, kam sich arm und elend vor. Ja, weshalb eigentlich? Hätte er mit seinem Freunde tauschen mögen? – oder mit irgend einem Feldarbeiter? Nicht um die Welt – nein. Und doch diese wie im Raum schwebende Traurigkeit, die ihn manchmal überkam, die Traurigkeit des Kulturmenschen, den ein uraltes Heimweh zu Mutter Erde packt. Und die Stimme des kräftigen, blonden Mädchens weckte diese Gefühle, wie Musik das Weh nach ewig Verlorenem, nie Gekanntem weckt. Für ihn lag in dieser Stimme ein Geheimnis. Er erwartete etwas von dieser Stimme. Und dieses unbestimmte Erwarten durchwebte das junge Träumen eines alten, müden Menschen.   In dem einfachen Eßzimmer saßen sie miteinander beim Mittagsmahl. Es war ein großer, viereckiger, ebenerdiger Raum mit niederer Decke und niederen Fenstern. Vor den Ostfenstern floß ein Bach vorüber. Man hörte, wenn es still im Zimmer war, ein feines Plätschern und Glucksen. Die Südfenster vom Weinlaube dicht umsponnen. Eine Rebe war zwischen Fensterrahmen und Mauer hindurchgewachsen und grünte in das Zimmer hinein, ja, war der Hauptschmuck des Raumes. Ein altmodischer Sekretär, auf dem Säckchen mit Namen und allerhand Krimskrams stand, hielt sich bescheiden und unauffällig in einer Ecke und machte den Eindruck eines mißachteten und mißhandelten Möbels. Um den Tisch saß ein kräftiges Geschlecht. Alles blonde, große Gestalten, rosige Menschen, die das Maß gewöhnlicher Sterblichen um ein Beträchtliches überschritten hatten. Die jüngeren Kinder trugen Mähnen von blondem, lockigem Haar. Den älteren Mädchen war dies feste Haar in einen Knoten gedreht. Die beiden großen Buben waren jetzt auch daheim in den Ferien und trugen in die Höh' starrende blonde Schöpfe über den großzügigen Gesichtern, die nicht gerade nach allzuviel Festigkeit aussahen, etwas Träumerisches, ein ganz klein wenig Verbummeltes lag ihnen im Ausdruck, als – wären sie hauptsächlich Phantasiemenschen. Ihr Großvater war ein Dichter gewesen, weit berühmt über Deutschland hinaus. Und diese blonden Enkel sahen insgesamt so aus, als hätte der dichterische Genius des Großvaters sie sich ausgedacht. Schöne Menschen, überaus schöne Menschen. Auch der Vater dieser blonden Rangen war eine prächtige Persönlichkeit. Hochgradig Phantasiemensch. Seine großen Glieder hatten eine gewisse Weichheit, die man fortgewünscht hätte. All' diese sonnigen Leute, an diesem mächtigen Tisch, in dem bäuerlichen Raum, ließen den Ausdruck von Dürftigkeit nicht aufkommen. Es waren ihrer so viele, und jeder von ihnen strahlte so viel Wärme, Heiterkeit und Blondheit aus, daß man den Eindruck von etwas Goldigem, Ueberschwänglichem nicht los wurde. Sie brauchten keine Möbel, keine Vorhänge. Jeder hatte seinen Platz, auf dem er sitzen konnte, den Tisch, an dem er essen konnte, und die weite Sommernatur draußen. Es gab da auch etwas, wie einen Salon, einen dumpfen, unbelebten Raum, in dem nie jemand zu finden war. Sie steckten immer zusammen, wenn sie nicht draußen sich umhertrieben, und immer in dem großen niedern Zimmer. Da machten die Kinder die Schularbeiten, da wurde geflickt und genäht, da zahlte der Vater die Leute aus, da hielten sie ihre Mahlzeiten, kernige Mahlzeiten, an die der Professor sich erst gewöhnen mußte. Heute war, so schien es ihm, ein halbes Schaf auf den Tisch gekommen. In einer Riesenschüssel schwammen Riesenstücke in einer braunen Sauce, und Klöße gab es dazu, groß wie Kanonenkugeln; aber von allem, was auf dem Tisch stand, stieg ein Duft auf wie ein Opfergeruch aus fernen Zeiten. Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle. Der Professor dachte an seine Mahlzeiten daheim mit seinen beiden Töchtern und seinem Sohne. Da war ihm nicht aufgefallen, daß die Speisen dufteten. Jeder aß gleichgültig etwas Gleichgültiges. Sie waren alle übermüdet und hatten alle den Kopf voll. Das war nicht anders gewesen, als die Frau noch lebte. Sie waren daheim alle geistige Naturen, alle Intelligenzen. Die Frau hatte bald nach diesem, bald nach jenem Regime kochen lassen, Speisen, die das Hirn am besten nährten, den Organen die denkbar geringste Arbeit verursachten. Nie hatte er aber gesehen, daß die Kinder mit Appetit gegessen hatten, ja, daß sie mit Appetit gelebt hätten. Von früh an waren sie alle auf Ziele losgegangen, bewußt, brav und pflichttreu, voller nervöser Eigenheiten, die von der Mutter respektiert wurden; – unbehagliche Menschen, Hirnmenschen ohne Wärme! Niemand hatte Freude gehabt an den häuslichen Dingen, am Nestbau, an den Dingen, die von uralt tierischer Wärme durchdrungen sind, die den Tiermenschen so nahe angehen, die den geistigen Menschen aufrecht erhalten. Ja, sie hatten immer wie ohne festen Unterbau gelebt, nicht erdensicher. Und diese hier lebten erdensicher. Mit ihren großen Füßen standen sie alle so fest und liefen so dröhnend und lebenslustig durchs Haus, dem es am Oberbau fehlte. Ja, denn ihr Dasein streckte sich nicht in die Höhe, ging in die Breite, dem Erdboden nah. Im Salon, im ersten Stock, waren sie schon nicht erdensicher und erdenheimisch. Aus der Zimmertür hinaus ins Freie, mit ein paar Schritten, das mußte so sein. Sie wären sich sonst gefangen vorgekommen. Wie dem Professur hier alles zu Herzen sprach. Ja, und das gefiel ihm, die solide, einfache Ordnung im Haus. Was man berührte: verbraucht, wie abgeschliffen, aber blank und rein. Da war eine tüchtige Hand zu spüren. Marias Hand. Die verstorbene Frau mußte eine brave Hauswirtin gewesen sein, denn es waren alte, ausgefahrene Geleise, in denen die Räder der Wirtschaft liefen. Von der Mutter trugen auch die meisten der Kinder feste und schöne Linien in der Mundbildung, die den weichen Gesichtern sehr zugute kamen. Und diese Gesundheit im Hause! Unwillkürlich hielt sich der Gast hier aufrechter als gewöhnlich. Er kam sich kräftiger vor. Der Hauch dieser blonden, herrlichen Geschöpfe belebte seine Nerven. Ja, in diesem großen Raum, an diesem breiten Tisch, da stieg die Lebenskraft, wie nach einem Frühlingsregen die Erdkraft aus der Erde auf. Die seine, ausgearbeitete Intelligenz des Gastes wurde hier von Bildern berührt, die die Feinheit dieser Intelligenz dem Manne wie eine langwierige, schmerzhafte Krankheit erscheinen ließen. Wenn er abends, als der letzte zur Ruhe ging, standen auf dem Treppenabsatz die Schuhe der Familie, um am andern Morgen von der Hausmagd gereinigt zu werden. Und es verging kein Abend, an dem er nicht diese unabsehbare Reihe dräuender Stiefel, mit dicken Sohlen und urweltlichen Gesichtern, betrachtete. Sie standen immer der Größe nach geordnet. Zuerst des Vaters Riesenkähne, darauf die Schuhe der vier großen Töchter und darauf drei Paar kräftige, unausgewachsene. Und alle standen sie so unschuldsvoll da, so treuherzig, schämten sich nicht ihrer Mängel und Flicken. Es war, als wenn sie sagten: Da sind wir! – Da! So wie wir sind, sind wir. Wir sind zufrieden. Uns war's den ganzen Tag über wohl an unsern lebendigen, warmen Füßen. Ihren Schmutz und Staub trugen sie stolz wie Ehrenzeichen. Sie hatten weiß Gott nicht gefaulenzt. Es war so ein gesunder, luftiger Schmutz an ihnen, der von tollen, übermütigen Streichen erzählte und von einem intimen Verkehr mit allerhand Viehvolk. Da waren Marias Schuhe, die steckte in ihren freien Stunden am liebsten bei den Fohlen. Heute war er ihr draußen auf der Wiese begegnet. Die fünf braunen Fohlen hatten sie umgeben. Mit ihren weichen Nüstern hatten sie an ihr geschnuppert. Sie lief, und die Fohlen trotteten mit ihr in großen, steifen Sprüngen. Dieses braune, flockige Volk mit den stumpfschwarzen Mähnen und Schwanzhaar! Wie köstlich war das große, blonde Mädchen da gewesen, wie unvergeßlich. Ja, die Schuhe der jungen Geschöpfe taten es jeden Abend dem zartnervigen, sensiblen Manne an. Das waren die Schuhe urwüchsiger, lustiger, weltfremder Göttinnen. Er dachte dann an die schmalen, winzigen Fußbekleidungen seiner verstorbenen Frau, an die noch zierlicheren seiner Töchter. Er sah die blutarmen, bleichen, klugen Füßchen, die nicht mußten, was Laufen ist, die mit kurzen Schritten Zielen zustrebten, die angestrengt, geistiger Art waren. Da liefen diese klugen Füßchen in die Staatsbibliothek, zu Versammlungen, zu Vorlesungen; in Ateliers, jetzt in die Hörsäle – ach, zu Gott weiß was, und mußten immer still unter den dunkeln Kleidern stehen, ohne Luft und Licht, bis sie wieder einen kurzen Weg auf hartem Straßenpflaster machen durften. Ja, der Professor war hier in dieser Luft zu dem Hang gekommen, seinen Phantasien nachzugehen. Dies Haus und dieser Garten beeinflußten ihn. Und seine Phantasie beschäftigte sich zumeist mit Maria. Wenn er auf den holprigen Feldwegen, mitten zwischen den goldnen Kornfluten ging, begleitete ihn ihr Bild, gleichgültig, ob sie leibhaftig neben ihm schritt oder nicht, ob er die blonde, sonnige Stimme hörte oder nicht. Sie war seinem Wohlbefinden notwendig geworden. Ihre wundervolle Gesundheit erquickte ihn und auch die Liebe, mit der sie jedes wachsende Leben umschloß, jedes Tier, jede Pflanze. Er empfand, als hätte sie ihn selbst mit mütterlicher, heiterer Fürsorge berührt, wenn sie es irgendeinem Geschöpf tat. Wie sie einem Halm, dessen schweres Haupt ihn auf den Weg niedergezogen hatte, aufhalf, ihn mit einer weichen, zärtlichen Handbewegung dem Meere seiner Brüder wieder zugesellt, erschien ihm wie eine rührende, heilige Handlung. Nie im Leben war ihm das mütterliche Weib begegnet. Selten begegnet es einem. Ja, und es ist kein Wunder, dachte er, als er wieder einmal neben ihr herging: – das Mütterliche hat man in euch verkümmern lassen, alles hat man verkümmern lassen – und auch dies, – dies Innigste. Ein falsches, häßliches Schamgefühl ist darüber gebreitet. Ihr solltet euch eurer Mütterlichkeit nicht bewußt werden. Eure geistige Mütterlichkeit wächst nicht wie eine schöne Blume unschuldig in der Sonne; sie verkümmert in Dumpfheit, als wäre sie etwas Schmachvolles; und wenn ihr Mütter werdet, werdet ihr's ohne die geistige, süße, warme Vorbereitung dazu. Maria ging oft schweigsam mit ihm. Er frug sie einmal: »Nicht wahr, Sie sagen es offen, wenn Sie lieber einmal mich nicht begleiteten?« »Gewiß,« antwortete sie; »aber ich gehe gern mit Ihnen, wenn Sie mich wollen. Wir haben noch nie solch einen Gast gehabt. Wir leben, wie die Bauern, nicht viel anders, und wir sind alle immer glücklich dabei gewesen. Aber wir alle, die Marianne auch, werden Sie sehr vermissen. Es ist durch Sie etwas gekommen, was niemand kannte, so etwas Rastloses.« Er frug sie, was sie damit meinte. Sie wußte sich nicht recht auszudrücken, wie es schien, und sagte nach, einer Weile: »Sie denken immer; es erweckt in Ihnen alles Gedanken. Wir alle fühlen nur. Das ist ein großer Unterschied. Sie müssen doch nicht viel jünger wie der Vater sein und sind doch so viel jünger. Das macht, weil Ihr Geist lebendig ist. Hier auf dem Lande altert der Mensch, wenn der Körper altert. Sehen Sie den Vater. Aber, man ist viel ruhiger, wie Sie es sind. Es hat alles sein Gutes.« Sie sagte das vornehm und setzte sich und die Ihrigen damit nicht herab. Es klang nur heraus: Wir sind anders wie du. Er mußte ihr von seinen Töchtern und seinem Sohn erzählen, von der verstorbenen Frau und von seinem Leben. Er klagte ihr, daß es bei ihm daheim nicht behaglich sei. »Das glaub' ich,« sagte sie, »bei euch hat ja niemand die Dinge und das Haus lieb. Es will alles geliebt sein, und ihr seid viel zu gescheit dazu.« Er lächelte. Aber von dieser Stunde an wurden seine Träume und Phantasien faßlicher – beängstigender. Stundenlang wandelte er im Garten auf und nieder, unausgesetzt mit dem Wunsche beschäftigt, dies sonnige, starke Weib in sein eigenes Haus zu verpflanzen. Es schwebte ihm dabei etwas ganz Wunderliches, Gestaltungsloses vor, etwas, was seinen Ursprung in alten, fast vergessenen, vielleicht biblischen Eindrücken haben mochte. Eine herrliche, sorgsame Hausmagd – ein Kleinod, etwas, was es nicht gibt und nicht gab, etwas Alttestamentarisches, etwas Wundervolles. Sein ganzes Haus schien ihm warm und sonnig zu werden, wenn er sich vorstellte, daß sie darin waltete. Die freudlosen Töchter erblühten, das entsetzliche Dienstbotenvolk zerstob wie unreines Gesindel. Ja, er war in dieser Abgeschiedenheit in das weltfremde Träumen tief hineingekommen – so tief, daß er seine Träume leidenschaftlich zu lieben begann, wie ein junger Mann die Qualitäten des Lebens. Wenn er sich vorstellte, daß er sie zur Frau Professor machen könnte, so erschien ihm das beunruhigend, unmöglich: – nicht seiner Kinder wegen – das nicht. Er war ein wohlhabender Mann, und seinen Töchtern, deren Eigenart sie zur Ehelosigkeit zu führen schien, würde er durch diese Frau einen Lebenshalt geben. Auf Kinder aus zweiter Ehe rechnete er nicht mehr, – wünschte sie nicht. Es würde im Grunde eine ruhige, friedliche Angelegenheit werden, diese Sonne in sein Haus zu bringen. Aber da war etwas, weshalb er Maria nicht als Frau, sondern als biblische, urweltliche Hausmagd wollte, so ein sonderbarer Gedanke es auch war. Es lag für ihn in der Idee einer zweiten Ehe der Welt gegenüber so viel Peinliches. Er mit seinen siebenundfünfzig Jahren, Vater von längst erwachsenen Töchtern. Jede Auffälligkeit war ihm unsäglich zuwider. Liebe konnte er auch das Gefühl, das ihn zu dem Mädchen hinzog, kaum nennen. Nein, es war weit mehr ein ästhetisches Bedürfnis, sie in seiner Nähe zu haben; eine Sehnsucht nach Wärme und Behagen. Aber dies Bedürfnis war stark, fast leidenschaftlich und peinigte ihn.   So vergingen sechs Wochen. Für ihn sechs aufregende, merkwürdige Wochen, in denen er empfand, daß sein Wesen durchaus nicht so in sich abgeschlossen war, wie er wähnte.   Der Landaufenthalt bei dem Jugendfreund schloß damit, daß sich der Professor mit der ältesten Tochter des Hauses feierlich verlobte. Maria hatte sich vordem kurze Bedenkzeit ausgebeten. Und in diesen Tagen war sie mit ihrem Vater jeden Nachmittag weit über Land gegangen. Da schritten die beiden großen Gestalten meist schweigend nebeneinander her, und hin und wieder fielen Worte wie: »Ja, wie soll ich dir da zureden. – – – Ich wollt', er hätte seine zwanzig Jahr weniger auf dem Buckel – aber – aber –« Dann wieder Schweigen. »Er ist brav, reich, angesehen. – Wie soll ich denn meine Kinder an den Mann bringen? – Und eine solche Verwandtschaft! – Maria, widerlich ist er dir doch nicht? – was man so widerlich nennt?« »Vater! nein, – gewiß nicht. – So ein edler, guter Mensch.« »Aber die großen Kinder, Maria!« Ja, das war auch ihr das ärgste. »Und alle noch im Haus.« Dann sprachen sie von den drückenden Familienverhältnissen – über die Unmöglichkeit, die Töchter daheim zu behalten; über das »Unter fremde Leute gehen« – das Brotverdienen, über die großen Ausgaben, die die Söhne verursachen würden. Sie breiteten voreinander die Lasten aus, die auf der starken, lebenskräftigen Familie lagen und sie langsam zu ersticken drohten. »So ein Halt in der Welt, Maria, ist für Leute, wie wir sind, von großem Wert.« Dann wieder: »Aber ganz nach deinem Gutdünken, denke nicht an uns; denke an dich!« Sie redeten miteinander, wie die Menschen es tun, die etwas wollen und zu gleicher Zeit nicht wollen, die den Mut nicht haben, etwas aus den Händen gleiten zu lassen, und die Kraft nicht haben, es zu halten. Aber schließlich hatte Maria die Kraft gefunden, zu halten, was das Schicksal ihr bestimmen wollte. Ja, und mit einer ehrlichen Freudigkeit hielt sie es. Sie wollte ihre Pflicht tun, wie sie ihre Pflicht bis jetzt immer getan hatte. Sie wollte dem guten, klugen Menschen sein Heim behaglich machen. Nein – es war ihrer Natur kein Opfer, das sie brachte, so schien es ihr. Die Verlobung wurde also gefeiert und die Hochzeit auf sechs Wochen später angesetzt. Sie sollte den Kindern des Professors erst als junge Frau entgegentreten. Die Kinder schrieben kühle, formgewandte, höfliche Briefe an die Braut ihres Vaters, wie sie dieselben kaum anders hätten schreiben können. Kein Mißklang störte das Verhältnis zwischen ihr und dem Professor. Sie schrieb, als er wieder nach München zurückgekehrt war, ihre einfachen, natürlichen Briefchen an ihn, und er vertrauensvolle, sie ehrende Briefe an sie. Eine wahre Liebe hatte Maria ihr Lebtag noch nicht kennen gelernt. Gefeiert hatte man sie natürlich, wo sie sich zeigte, und wenn sie und Marianne im Winter einigemal in die Stadt zu Bällen gefahren waren, hatten die Immenbachschen Töchter an Anbetern keinen Mangel gehabt; aber die Immenbachschen Vermögensverhältnisse waren hinreichend bekannt. Da gab's nichts zu holen. So war Marias Herz kühl und stolz geblieben. Ueber ihre Schwester Marianne ärgerte sie sich oftmals, weil die es nicht lassen konnte, einen oder den anderen am Bändel zu halten, bis es mit Tränen endete. Die Hochzeit sollte ganz still im Gutshaus gefeiert werden ohne allen Aufwand. Maria hatte jetzt schon seit Wochen alle Hände voll zu tun, um mit den geringsten Mitteln eine kleine Wäscheaussteuer zu richten – und dann die Hochzeitsvorbereitungen. Der Vater sollte keine Last davon haben. Maria buk und wirtschaftete, damit am Hochzeitstage alle, die zum Hause gehörten, befriedigt werden konnten, die Knechte, die Mägde und die Leute im Dorf. Das war die Hauptsache. Maria war seit Wochen gar nicht zu sich selbst gekommen. Am Vorabend ihrer Hochzeit, bevor der Professor kam, ging sie leicht ermattet von aller Arbeit und allem Schaffen einen stillen, einsamen Weg, einen Hügel hinan, durch liebes, heimisches Gehölz. Die Blutwellen waren ihr noch nicht beruhigt nach dem großen Arbeitssturm. Mild, wie lauwarm war es heut; aber die modernde Laubdecke unter den Bäumen duftete schon herbstlich scharf. Und wie sie so wandelte, legte sich ihr etwas schwer über die Glieder, über ihr ganzes Wesen, etwas wie eine große Hoffnungslosigkeit. Neben einer schlanken Buche setzte sie sich auf den Waldgrund nieder und legte den Kopf an den Stamm, und schwer, weich, erstickend sank etwas Unbekanntes auf sie nieder, etwas Trostloses, etwas, das sie nicht benennen konnte, etwas ganz Freudloses. Und sonderbar, sie fühlte zum erstenmal im Leben, daß sie Maria Immenbach war. Sie preßte ihren Kopf fest an die glatte Buche und weinte herzbrechend wie ein armes, großes Kind, dann sank sie mit dem Angesicht auf die Erde und küßte diese liebe Erde wie ihre Mutter. Heiß und leidenschaftlich küßte sie, daß es schwarz und feucht ihr zwischen die Lippen kam. »Ich liebe dich!« schluchzte sie, »du bist gut!« Als sie ihr rosiges Gesicht verwundert von seinem Tränenstrom getrocknet und mit dem Taschentuch sich angefächelt hatte, ging sie langsam zum Gutshof zurück, feierlich durch alle Ställe. Die Hündin hatte am Tage vorher Junge geworfen und lag mit ihren Kleinen schwerfällig und geduldig im Pferdestall auf einer Schütte Stroh. Ihrer sechs tranken an ihr und rissen an den starken Brüsten des Tieres und marterten es. Die Hündin hatte einen geduldigen, leidenden Blick, in dem eine große, stumme Klage lag, ein großes, stummes Weh und eine stumme Freude. So lag sie zu Marias Füßen und klopfte leise, wie müde mit dem buschigen Schwanz auf das Stroh. Maria kniete zu ihr nieder und neigte ihr Gesicht zum Kopf der Hündin, nahm ihn zärtlich zwischen ihre beiden Hände und sagte wieder schluchzend und erregt: »Ein Kind! – dann ist alles – alles gut.« Dann neigte sie sich noch tiefer und drückte ihr Gesicht an das Gesicht der Hündin stumm und zärtlich und leidenschaftlich.   Der Professor reiste mit dem jungen, weltfremden Weib und zeigte ihr ein neues Stück der guten Erde. Sie gingen miteinander durch Italiens Galerien und Kirchen und Museen, wie sie miteinander auf den schmalen, holperigen Wegen zwischen dem goldigen Korngewoge gegangen waren. Er, liebenswürdig und klug, ihr allerhand von seiner aufgespeicherten Weisheit mitteilend, und sie freundlich, folgsam und aufmerkend, nicht scheu, nicht bedrückt, eine in sich geschlossene Persönlichkeit, die sich in ihrem ruhigen Menschentum wohl und sicher fühlt. Ihr ist davon nichts aufgegangen, daß ihre stolze, frohe Weibseele etwas Geringeres ist als die mit Wissen und Weisheit ausgefüllte ihres Gatten. Für sie ist Gelehrsamkeit ein Geschäft, etwa wie ein Krämergeschäft, und hat mit dem eigentlichen Menschentum nichts gemein. Ein Krämer muß seine Ware haben und ist sonst ein Mensch wie andere, und ein Professor muß seine Ware haben und ist sonst ein Mensch wie andere. Davon aber war sie überzeugt, daß ihr Gatte die feinste und beste Ware führte, daß er durchaus reell war, und daß man ihm jedes Wort, was er sagte, unbesorgt glauben konnte. Sie fand es höchst natürlich, daß er alles wußte, daß ihnen nichts begegnete, was er nicht erklären konnte, und fand es sehr hübsch, so vielerlei zu erfahren. Ja, sie lebte in einer ganz neuen Welt. Gewohnt, die Dinge zu nehmen, wie sie kamen, war ihr Leben so ein gleichmäßiges, arbeitsreiches gewesen, so ein völlig traumloses, wie auch ein guter, gesunder Schlaf traumlos sein muß. Sie hatte ganz ohne Liebesduselei gelebt, ganz ohne Sehnsucht. So schön war es bei ihnen daheim gewesen, so lebendig, – so viel Jugend, daß niemand an schwindende Jahre dachte und an Liebesernte. Sie lebten alle ins Blaue hinein; von einem Tag zum andern. So war Marias Seele in ihrem vierundzwanzigsten Jahre noch so ruhig und unerregt, wie die Seele eines Kindes, und sie nahm des Professors weise geregelte Ehemannsgewohnheiten für den Inbegriff von Liebe und Leidenschaft. Ja, nun kannte sie die Liebe, nun kannte sie das große Geheimnis, und die Welt war deshalb nicht schöner und anders geworden. Auf dieser Reise hatte sie unmenschlich viel Bilder gesehen. Ihr wäre viel lieber gewesen, an dem schönen blauen Meer länger zu bleiben, als so von Galerie zu Galerie getrieben zu werden. Für jedes fremde Kraut fühlte sie wärmeres Interesse, als für das berühmteste Kunstwerk. Für die liebe Wirklichkeit zeigte ihr Professor aber wenig Neigung und Achtung. Draußen im Freien mußte er immer eilen, um zu einem Ziel zu kommen, und ein Ziel war immer ein Kunstgenuß. Maria kam es vor, als hätten die Dinge erst Wert für ihn, wenn sie im Goldrahmen steckten und von einem Menschen nachgebildet worden waren. Komisch – sehr – sehr komisch. Es strengte sie auch namenlos an, der Geschmacksrichtung ihres Professors zu folgen. Lieber wie ein Ackerknecht durch die Furchen stapfen, als auf dem harten Estrich der Galerien stundenlang von Bild zu Bild gehen. Und er teilte die Bilder in Schulen und wollte, daß sie diese Einteilung behalten sollte. Sie bemühte sich, dies zu tun; aber es langweilte sie unsäglich und war ihr völlig gleichgültig. Ihr Professor aber schien in den Galerien übermenschliche Kräfte zu erhalten; wenn ihr schwindelte und übel und weh war, hörte er noch längst nicht auf, zu dozieren und sein Opfer zu examinieren. Nein, sie konnte gar nicht mehr und kam, von der Not gedrängt, auf eine List. »Nichts von alledem ist mir doch so lieb wie die Kaiserin Agrippina auf ihrem schönen Sessel. Laß mich ein bissel da –,« sie hätte fast gesagt »verschnaufen«, besann sich aber beizeiten. »O,« meinte der Professor, »du hast keinen üblen Geschmack, das freut mich, Maria. Du weißt aber, daß die Kaiserin ein schändliches Weib war,« sagte er scherzend. »Das macht nichts.« Er ließ sie also bei der Kaiserin Agrippina. Maria aber hatte schon längst einen Rohrstuhl bemerkt, der hinter der Kaiserin stand. Das war der »schöne Sessel«. Von diesem Sessel aus sah man nichts als die Rückseiten der Statuen und die lange Fensterreihe der Galerie. Als der Professor zurückkam, fand er Maria eingeschlafen. »Maria!« rief er lachend und legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie starrte ihn an. Wie kam der hierher? Was wollte er? So tief hatte sie geschlafen und von daheim geträumt. Ja, als der Professor sie endlich in seinem eigenen Hause hatte, da empfand er, daß es so besser war. Sie hätten nicht so lang' unterwegs bleiben sollen. Maria brauchte Arbeit. Das verstand sie nicht, die Kunst wie einen Lebensinhalt für sich zu genießen. Nein, sie war kein Genußmensch, auch im besten Sinne nicht, und sie gehörte nicht zu den Weibern, die als Herrinnen, Kritikerinnen und Gönnerinnen, von allem, was Männerhand schuf, fühlen sah. O nein, diese Vermessenheit im Kunstgenuß lag ihr fern. Ihm war das eine ganz neue Erfahrung – eine sehr wohltuende Erfahrung. Die Weiber seines Kreises hatten diese demütig-vornehme Zurückhaltung nicht. Erst jetzt empfand er dies Ueberall-mit-hineinreden, diese unbegründete Souveränität in allen Dingen als etwas Qualvolles und freute sich seiner ruhigen, ehrlichen, jungen Frau. »Mir scheint,« sagte sie, »daß dies oder jenes schön oder nicht schön ist.« »Das ist schön oder nicht schön,« wäre ihr nie über die Lippen gekommen. Daß seine beiden Töchter ihr sehr kühl entgegenkamen, schmerzte ihn. Er achtete in dieser Kühle die Treue gegen die Tote – und wagte nicht, sich darüber zu äußern. Maria nahm ihre Pflichten als Hausfrau mit Gewissenhaftigkeit und Ruhe auf sich. Sie fand einen verwahrlosten, mit reichen Mitteln geführten Hausstand vor, ein liebloses Durcheinander von Verschwendung und Unachtsamkeit. »Nicht wahr, ich habe das Recht, hier so zu handeln, als wäre es mein Eigentum, ich darf alles so ordnen und einrichten, wie es mir gut scheint. Ich kränke damit nicht?« frug sie ihren Gatten. »Natürlich, mein Kind, mache es uns behaglich.« Sie richtete dieselbe Frage auch an ihre beiden Stieftöchter, nur in einer etwas anderen Form. »Bitte, ganz wie es dir beliebt, du bist die Hausfrau.« Im Ton aber lag die große Kühle, das Unnahbare. Maria aber hatte sich so ihr Recht gesichert, um ihre Pflicht tun zu können. Sie griff mit an bei der Arbeit wie eine treue Magd, die in ihres Herrn Besitz redlich Ordnung schaffen will. Die toten Dinge des täglichen Lebens begannen unter ihren Händen Seele zu bekommen. Ja, es war, als hätte alles im Schatten gestanden und wäre jetzt in die Sonne gerückt, begann zu grünen und zu blühen. Die beiden Töchter widmeten sich nun ganz ungestört ihren eigenen Bestrebungen. Die eine der Musik, die andere hatte schon ihr Maturitätsexamen hinter sich und wollte Philosophie studieren. Der Sohn studierte Jura. Sie waren alle vollauf beschäftigt und ernste, strebsame Menschen. Während der Mahlzeiten war es, als wollten sie dem Eindringling beweisen, wie sie alle zum Vater gehörten, so viel seiner, enger, als das magdhafte Weib, das er ihnen aufgedrungen. Besonders die Mädchen waren unerschöpflich, seinen Rat in Anspruch zu nehmen, mit ihm über die schwierigsten Dinge zu streiten, die dem großen, jungen Weibe völlig fern lagen. Sie hatten immer Anliegen, und so vergingen die Mahlzeiten in anregenden, anstrengenden Gesprächen. Dem Bruder wurde dieses Sich-geistig-montieren bei Tisch zu viel. »Na, na,« sagte er, »gebt a Ruh,« als die eine sich über Idealität der Zeit und des Raumes ereiferte. »Dabei soll einem nun das Essen bekommen! Diese Weiber!« Für Maria ward diese gesunde Anmerkung wohltuend und brachte sie ihrem großen Stiefsohn etwas näher. Die beiden Mädchen aber erreichten, was sie im dumpfen Aerger wollten, – sie erreichten noch weit mehr, denn ihr wehe zu tun, war nicht die Absicht gewesen. Sie hatten ihr nur zeigen wollen, daß sie über ihr ständen; – aber sie trieben das junge Weib in die Einsamkeit. Sie verschloß sich ganz in sich selbst, wie es die Art starker Naturen ist. Ihr Gatte verstand es nicht, sie zu schützen, ja, er kam kaum auf diesen Gedanken, denn er wurde seinen Kindern gegenüber ein Gefühl der Schuld nicht los und gab ihnen sein junges Weib, aus einem Gefühl gerecht zu sein, preis. Wer aber konnte dies »preisgeben« nennen? Gewiß keine Menschenseele, ja, wer konnte hier überhaupt etwas Greifbares finden, um es zu benennen? Und doch – und doch. – So ein hilfloses Herz fühlt Streiche, die niemand fallen sieht, wird verwundet, ohne daß jemand einen Angreifer gewahr wird. Maria begann unter einem großen Druck zu leben, fühlte sich von nun an unsicherer und fremder im fremden Haus. Nur in den Pflichten, die sie übernommen, blieb sie heimisch und war rastlos bis in die Nacht. Die Rastlosigkeit und angestrengte Aufmerksamkeit gab ihr das Magdhafte – Demütige, Stille. Die klugen, gelehrten Leute hatten ein armes, großes Kind in ihrer Mitte, ein Kind, das nach Wärme und Liebe verlangte. Sie sahen aber etwas anderes: Eine blonde Hausfrau, so eine von der echten Sorte, so eine von den ganz Engen, von denen, deren Horizont nicht über die vier Wände hinausgeht. Und die Kinder begriffen den Vater nicht, wie er nach dem Verlust einer geistig bedeutenden Frau so etwas ins Haus hatte bringen können. Sie waren alle zu wohlerzogen, um ihre Stiefmutter direkt etwas von ihren Empfindungen fühlen zu lassen; aber, ohne daß sie es beabsichtigten, sickerte ihre Gesinnung durch die guten Formen hindurch und wirkte vergiftend. Maria, die nur die allerreinste Luft daheim geatmet, nie etwas Verstecktes empfunden hatte, war wie in eine Welt ohne sicheren Boden geraten. Sie empfand, als sollte sie an der Höflichkeit ihrer großen Stiefkinder verschmachten. Und wunderlich, Vater und Kinder schlossen sich eng und enger aneinander – enger als je zuvor. »Maria,« sagte ihr Gatte manchmal zu ihr, wenn er sie so ganz in ihren Hausfrauensorgen aufgehen sah, »du solltest dich uns mehr widmen, mein Herz.« Er gedachte seiner sonderbar träumerischen Idee, die er während jener goldenen Sommertage gehegt hatte, daß er Maria am liebsten als alttestamentarische Hausmagd in sein Haus führen wollte, als urweltliche, treue, aufopfernde Magd, als etwas, was es nirgends gab und wohl auch nie gegeben hatte. Aber sonderbar, die Wirklichkeit war seinem Traume nahe gekommen, und er hätte lügen müssen, wenn er sich in diesem Traume nicht recht wohl befunden hätte. Diese ruhige, geduldige Seele im Hause war allen, ohne daß sie es sich selbst zugaben, eine Wohltat. Sie hatten so viel mit ihren eigenen Persönlichkeiten zu tun, und sie gehörten zu den modernen Menschen, die ihre Individualität wie ein Kunstwerk ausarbeiten, und die jene mit Recht oder Unrecht mißachten, die sich selbst auflösen, die aus der eigenen Persönlichkeit Freude, Nahrung, Lebensstärkung für andere bereiten. Je hilfreicher und treuer Maria wurde, je mehr gab sie sich preis und sank im Wert, denn sie war nicht hilfreich und treu aus innerer Freudigkeit heraus, sondern, weil sie sich nicht behaupten konnte, weil sie sich betäuben wollte. So vergingen die Jahre. Die Familie lebte ihre stillen Tage, so ein gut bürgerliches Leben. Drei-, viermal gab es im Winter Einladung, wo sich des Professors Haus im vollen Glanze zeigte. An solchen Tagen pries man ihn glücklich seiner schönen, tüchtigen Frau wegen, bewunderte der einen Tochter Virtuosentum, das vorzügliche Souper, die guten Weine, tat des Professors Gesellschafts-Zigarren alle Ehre an. An solchen Abenden hörte Maria freundlich lächelnd ihrer Stieftochter Klavierspiel zu, diesem Klavierspiel, dem sie, wo sie konnte, auswich; denn es riß ihr am Herzen. Es tat ihr weh. Sie verlor die Fassung. Ungestüme Lebenssehnsucht ergriff sie. Sie hatte in dem vornehmen behaglichen Salon, in dem der Flügel stand, oft aufschreien mögen in heißem Glückesverlangen. Ihre beiden Stieftöchter aber meinten: »Ein schlimmes Zeichen.« Nein, zwischen den beiden Mädchen und des Vaters junger Frau war auch nicht das leiseste Verständnis füreinander aufgegangen. »Gottlob,« sagten die beiden manchmal zueinander, »daß sie uns wenigstens mit Stiefgeschwisterchen verschont, das kann man ihr nicht hoch genug anrechnen.« Niemand im Hause war sich der Brutalität bewußt, mit der man gegen sie empfand, und niemand ahnte die Einsamkeit, in der sie lebte, und sie waren alle feine, hochentwickelte, vortreffliche Menschen. Von Pflichttreue, Aufopferung überdeckt, brannte in dem jungen Weib ein sie quälendes, verzehrendes Feuer. Ihr starkes, natürliches Wesen wollte unbewußt sein vollgerüttelt Maß Lebensfreude und Befriedigung. Sie lebte vornehm und besser, als sie es sich je geträumt hatte. In allen Dingen war sie wohlversorgt und hungerte doch nach dem starken Lebensbrot. Diese aus Hunger und Ueberfluß zusammengebraute Daseinsform war schmerzlich und erregend zu tragen. Der Ueberfluß tat weh, wie die Sehnsucht. Diese prächtigen, schönen Glieder des jungen Weibes, diese rosige Haut, die in der großen, vollen Sonne aufgeblüht war, das getreidefarbene, starke Haar, alles schrie nach Glück und Sonne. Nichts an ihr war geschaffen, um in frommer Unnatur dahinzuleben. Sie war an die Stelle der ersten, längst gealterten Frau des Professors getreten. Dieser Platz, der der kleinen, verblühten Dame völlig genügt hatte, beengte die junge Riesin, ließ ihr keine freie Bewegung, nicht Luft genug für die tiefen, sehnsuchtsvollen Atemzüge. Was ihr eigentlich fehlte, wußte sie selbst nicht, denn als gutes Kind scheute sie das Wesen ihrer Gefühle zu ergründen. Ein Wissen ihres Zustandes wäre ihr als undankbares Verbrechen erschienen. Eins, das wußte sie aber peinigend klar, die kalte, sich immer gleich bleibende Höflichkeit ihrer Stiefkinder, ließ sie nach der süßen Zärtlichkeit ihres eigenen Kindes leidenschaftlich verlangen. Und das sollte und konnte nicht sein. Sie war nun fast schon vier Jahre verheiratet. Nachts biß sie sich voll hoffnungsloser Verzweiflung in den festen Arm, auf dem ihr Haupt ruhte. Sie wollte ihr eigenes Leben spüren – nur das eine nicht – diese vernünftige Hoffnungslosigkeit. O, diese Nächte voll Sehnsucht! Niemanden hatte sie, an dessen Herz sie hätte ihren Kopf legen können, niemand auf der Welt. Der Professor hatte die lebendige Natur selbst in sein Haus genommen, damit es bei ihm sonnig und warm würde, daß alles im Haus, was verkümmert und überfeinert war, aufblühen sollte; aber er hatte nur an sich und die Seinen dabei gedacht. Er, den die Mütterlichkeit ihres Wesens vor allem bezaubert hatte, war fremd und fast unangenehm berührt, als in tiefer Nacht seine Zimmertür zaghaft geöffnet wurde und ein Lichtschein hereinglitt, der eine weiße Gestalt weich beleuchtete. »Was ist denn?« fragte er schlaftrunken. »Ist was?« »Ach nein,« sagte sie und sank vor seinem Bett in die Knie und verbarg ihr Gesicht in seinen Kissen. »Ich bin nur so traurig.« Mit Mühe scheuchte er den schweren Schlaf von sich. »Na, weshalb denn traurig?« Er konnte sich gar nicht in diese Situation hineinfinden. Da brach aber ein so heißes, von den Kissen ersticktes Schluchzen los. – »Tröste mich! – Sag' was!« »Ja, was denn, um Himmels willen?« Er richtete sich etwas auf. »Ich habe kein Kind!« Wie ein undeutlicher Aufschrei kam das heraus, so ein gequältes Aufschreien. »Ich fürchte mich so allein!« Diese ruhige, pflichttreue, junge Frau so fassungslos zu sehen, war ihm unbegreiflich. »Na, na, was ist denn das?« Ach, wie unbequem das war! So etwas würde doch nicht öfter vorkommen? »Sei ruhig.« Da stand er ja vor einer schönen Geschichte, er, der vor allen Dingen Ruhe brauchte. Und was sollte er nun da sagen? »Aber Maria, mein Herz, es gibt doch genug Frauen, die keine Kinder haben. Ist das so etwas Außergewöhnliches?« »Ja, und was weißt du denn von denen?« frug sie hastig. »Du hast doch alles, was du willst,« fuhr er fort. »Die besten Kinder von der Welt! Na! und du bist nicht zufrieden!« »Tröste mich!« schluchzte sie. »Sag' was!« Er strich ihr über das Haar. »Nu, weißt du, wenn alle Menschen alles und jedes haben wollten; – was würde daraus? Denk' an die armen Menschen ringsumher, an die Kranken und Elenden, die Verbrecher und Hungrigen – und dann denk' an dich – – – und schäm' dich ein wenig, mein Herz. Ei, ei, so undankbar!« »Dir ist's gleichgültig, ob wir ein Kind haben oder nicht?« »Gleichgültig? – nein, mein Herz,« sagte er ruhig. »Ach!« schrie sie auf, kurz wie ein Stöhnen – »und ich – sterbe vor Sehnsucht!« Da lag alles darin. Sie hatte durchschaut. Er, der satte Mann, der alles genossen, bei dem naturgemäß Ruhe und Beschaulichkeit eingetreten waren, und sie, das nach Glück und Liebe und Leben hungernde Weib, das vom Schicksal sein Kind, sein einziges Eigentum auf Erden wollte. »Komm', gieß dir mal in das Glas Wasser hier, aus dem Fläschchen ein paar Baldriantropfen.« Er setzte sich ganz auf, nahm selbst das Fläschchen und tröpfelte ihr behutsam sechzehn Tropfen ins Glas. »So, mein Kind, nun trink.« Sie trank. Sie war ganz ruhig geworden, denn sie hatte durchschaut. Er hatte alles. Sie hatte nichts, und die Lebenstür sollte ihr ewig zugeschlagen bleiben. Nein, er konnte sie nicht verstehen! Nutzlos war es gewesen, daß sie gekommen, daß sie ihn geweckt hatte. Er konnte sie nicht trösten, denn er ahnte ihre tiefe Not nicht. Sie wünschte ihm: Gute Nacht. Er faßte ihre Hand. »Ist dir's besser?« Sie nickte. »Aber auch gewiß besser?« Sie nickte wieder und lächelte. Dann suchte sie ihr Zimmer auf, streckte sich in ihrem Bette aus. Die Tücher waren noch lau, von so einer einschläfernden Lauheit. Die sechzehn Baldriantropfen hatten sie müde gemacht und die Erkenntnis, daß sie niemand auf Erden habe, der sie verstehen und trösten konnte. Mehr und mehr empfand sie das Auf-sich-selbst-angewiesen-sein und trug an diesem Bewußtsein wie an einer schweren Last. Ihre einfache, großzügige Natur lag ihr selbst durchsichtig vor Augen. Sie kannte ihren Schmerz und ihre Verlassenheit – und etwas Nebelgraues zog in sie ein. Ja, es legte sich etwas Nebelgraues über ihr goldiges Haar, ihre rosigen Farben, und sie bekam eine spießbürgerliche, gedrückte Beimischung in ihr freies, frisches Blut. Das Traurigste, was einem Menschen geschehen kann, geschah ihr: Die lebendige Idee ihres Wesens und ihrer Erscheinung schien sich zu verlieren, war nicht mehr in jeder Bewegung zu spüren. Fremdes, das eigentliche Wesen Auflösendes drang ein. Sie suchte Trost in der Religion, saß in stillen, dämmerigen Stunden in der guten, alten, geheimnisvollen Frauenkirche und starrte in das unklare, mystische Licht, das durch mächtige Säulenreihen wie eine trübe, zarte Flut rieselte. Ihre arme, sonnenheiße Seele wollte sich hier kühlen, wollte die Sonne vergessen und die Sonnensehnsucht und die goldenen Aehrenfelder und das fruchtbare, lebendige Menschenleben. Der blaue Himmel oder der graue Regenhimmel tat ihr weh und auch die grünen Bäume, wie alles und jedes Lebendige, denn mit allem, was sie leben sah, wollte sie leben. Deshalb ertrug sie in solchen einsamen, geheimnisvollen Kirchenstunden gar gern einen schweren, steinernen Himmel und steinerne Bäume und einen ewig steinernen Erdboden und eine stille, tote Luft, die die heiligen Sonnenstrahlen nicht kannte. Ja, so etwas dachte und fühlte sie oft. Ihren alten Herrgott hatte sie so recht von Herzen nur immer unter freiem Himmel anbeten können. Hier, in der uralten Kirche, das war ein ganz anderer Gott – ein Gott mit einem kühlen, saugenden Atem, der sehnsüchtigen Menschenseelen ihre heiße Lebenssehnsucht aussog und sie kühl und starr und unbeweglich machte. Ihr war es oft, als ob ihre gleichgültig und müde gemachte Seele von ihr losgelöst an den Säulen hinstrich, zärtlich bang sich an sie schmiegte und die steinerne Kälte in sich einrinnen ließ. So war der arme Gottesdienst des Weibes, das nach Sonne verlangte, dessen Daseinsarbeit darin bestand, im Schatten stehend die Lebenssehnsucht zu ertöten, wie eine Mutter ihr einziges Kind töten würde, um damit ein frommes Opfer zu bringen, mit ebensolchem herzschneidenden Weh. Im Hause des Professors hatten die kühlen, klugen, hochgebildeten Leute jetzt ein wildes, verzweifeltes Stück Natur, das ihnen brav und tadellos das Haus führte. Sie würden sich entsetzt haben, wenn sie es hätten verstehen und durchschauen können. Sie sahen aber alle die magdhafte, pflichttreue Hausfrau, die sie durch und durch und bis zum Ueberdruß zu kennen vermeinten. »Zu all ihren Vorzügen ist sie nun noch fromm geworden,« sagten die Stieftöchter und ahnten noch nicht, was das Leben ist und was es heißt, wenn eine Seele »fromm« wird. Sie wußten nicht, daß die blonde Frau bei ihnen daheim an Kälte gestorben war, und daß ihr armer Körper bei ihnen nur noch umging. Ja, die Menschen wissen nichts voneinander. Ein junger Mann aus Marias Heimat, der ihr Vaterhaus, ihren großen Garten und ihre Geschwister kannte, kam in das Haus des Professors, um Grüße zu bringen. Er war mit den Immenbachschen Kindern aufgewachsen und in Marias Alter, kannte, was sie kannte und liebte, und war ein blonder, frischer Mensch, der Immenbachschen Rasse ähnlich, ein echter Jugendfreund, einer, der zu dem harmlosen, goldigen Riesenvolk gepaßt hatte. In früher Jugend schon war er in die weite Welt verschlagen worden und hatte sein Glück gemacht, ein arbeitsvolles, ganz gesundes Glück. In Mazedonien hatte er seinen Platz als Ingenieur gefunden und war jetzt gekommen, um sich die alte Heimat, die alten Menschen und seine Studienstadt München einmal wieder anzuschauen. Die Immenbachs hatten ihn zu Maria, auf die sie alle stolz waren, geschickt – und er war gern gegangen – denn Maria Immenbach stand ihm in der Erinnerung als die Beste und Schönste des ganzen Nestes –. ja, ihm war, als hätte er eine wundervolle, vergessene Neigung als grüner Bub zu dem herrlichen Kinde gehabt. Vom Professor und der ganzen Familie wurde er gastfreundlich empfangen. Er wohnte im Haus. »Marias Gast!« sagte der Professor. Sie hatte in der ganzen Zeit seit ihrer Verheiratung kaum einmal jemand ihrer Familie bei sich gehabt, so oft der Professor es ihr auch freundlich angeboten, und nun kam gerade dieser Fremde. Sie hatte sich seiner kaum mehr erinnert, nur seine Augen hatte sie nicht vergessen. – Scharf blickende Augen, vor die man nur ganz gesund und schön und seelenruhig treten mochte. Sie hatte als Kind gern diese Augen auf sich ruhen gefühlt, so in dem Gefühl: Schau du nur – ich hab' nichts zu verstecken. Drei Tage wohnte er nun schon bei ihnen und war allen angenehm. Maria aber empfand, als wären ihr die Glieder in Ketten geschlagen. Jetzt erst wurde sie selbst es inne, daß sie ihr Lachen verloren hatte, daß ihre Bewegungen unfrei, unvornehm geworden waren. Ihr war, als lastete das ganze Professorenhaus auf ihr, als stünde sie zu jedem Menschen und jedem Möbel in einem drückenden Verhältnis. Ihn hatte sie in der freien Sonnenluft gekannt und im glitzernden, schneeweißen Winter, in voller Jugendlust, und jetzt sah sie ihn in diesen städtischen Räumen wieder, wo man sie nicht verstand und auch nicht besonders liebte. Er sprach nur wenig mit ihr, seine Blicke aber fühlte sie hin und wieder forschend auf sich ruhen. Und sie verstand diese Blicke. Er suchte die alte Maria Immenbach. »Ewig schade,« dachte er, denn erst jetzt empfand er, daß sie etwas Vollendetes gewesen war.   An einem Abend saßen sie miteinander im Salon. Der April hatte Frühlingsschnee gebracht. Die Lampe brannte, und im Ofen knisterten neu aufgeschüttete Kohlen. Marias Stieftochter spielte Chopin. Seit Jahren hatte der Gast ein völlig kunstfremdes Leben geführt und war jetzt durch das sensibel empfundene Spiel des Mädchens in träumerisch weltfremde Stimmung geraten, die für den gesunden Gewohnheitsarbeiter etwas köstlich Seelen und Körper Ausruhendes bedeutet. Sie waren nur zu dreien im Zimmer. Maria saß neben ihrem Gast und lauschte auch auf die weichen, perlenden Töne. Wie schön sie zu spielen verstand, das zarte, fleißige Mädchen. Noch nie hatte Maria die Fläche ihrer Seele dieser Musik so hingegeben wie heute. Sie hatte sich bisher gegen solche Töne innerlich aufgelehnt und jetzt spülten sie wie laue, lösende Wellen über sie hin. Endlos hätte sie hören können. Eine fremde, bewegte Männerstimme flüsterte hin und wieder vorsichtig leise, um die Spielerin nicht zu stören, nach Dingen, von denen hier niemand wußte und nach denen niemand fragte; – und diese Stimme war mit den Tönen wie zu einem Ganzen vermischt und flutete mit ihnen über sie hin, tat ihr körperlich gut. Es kam ihr selbst vor, als wache sie aus einem schweren, ungesunden Schlaf auf. Wie ein warmer Regen über ein sommermattes Blumenbeet fällt und die müden Blüten lebendig macht, so fühlte sie in sich tausend Dinge sich stärken, und alles nur, weil ein Mensch sie warm und dringlich nach ihrem eignen Selbst frug, nach Dingen, die ihre Erinnerung, ihr Bewußtsein ausmachten. Sie antwortete wie ein verlassenes, wieder aufgefundenes Kind, so erregt, so bang, so schmerznachzitternd, so daß auch seine Stimme weich und weicher wurde. Das große, arme Kind mit der verlassenen, einsamen Seele, dem herrlichen, ungeliebten Körper, rührte und bewegte ihn. Ihre, ihr selbst unbewußte Liebes- und Wärmesehnsucht ergriff ihn. Ja, da hatte er ja die Heimat neben sich, nach der er gedurstet, die Heimat, die einem trauten Stück ungepflegter Erde glich. Er war umhergelaufen von Erinnerung zu Erinnerung, und nichts Lebendiges war ihm begegnet. Wie ein abgeschiedener Geist hatte er die Dinge gesehen und war heimatloser wie in der Fremde geblieben; aber hier in dieser Dämmerecke, in dieser leichtdurchheizten, von perlenden Tönen durchzitterten Zimmerluft begann das Heimische zu keimen –, hier war er auf das Lebendige gestoßen wie mit Fühlfäden. Er war so bewegt, so warm. »Lehnen Sie sich besser zurück, Sie sitzen nicht bequem,« sagte er leise zu Maria und schob ihr ein weiches Kissen behaglicher. Weh tat ihr diese Fürsorge bis in die Seele. Diese eine Bewegung sagte ihr: Du lebst ohne Fürsorge. Sie errötete tief. Etwas Verlegenes, Unsicheres sprach sich mit einemmal in ihrer ganzen Haltung aus – etwas Ungeliebtes – Ungepflegtes, das rührte ihn. Es sprach sich so einfach in ihr aus, daß er verstehen mußte.   Maria lebte seit diesem Abend träumend. Sie fühlte in sich alle Kräfte blühen wie in einem Sommergarten. Alles war lebendig geworden. Der lebensaugende Atem des kühlen Gottes aus der Frauenkirche war wie ein Nachtwindchen von der großen Lebenssonne fortgewärmt worden. Nur nicht denken, nicht denken! Jede Minute leben. Sie hatte nun tödliche Sehnsucht nach ihm, trotzdem er noch da war. Eine Sehnsucht sondergleichen, die sie fremd und angstvoll bedrängte. – Wenn er ging, nahm er alles mit, alles Leben wieder, was so warm erwacht war, was endlich erwacht war! O, wie sie sich fürchtete. – vor sich selbst, vor ihm – vor allem und jedem. Es konnte ihr nur noch Leid geschehen. Sie war ohne jeden Schutz. Nicht denken – nur nicht denken, denken ist Tod. Wie sie durch ihn nur lebte! Welche Qual!   Eine Hand voll Veilchen hatte sie in ihrem langen, lebensdurstigen Traumzustand verstohlen und wie schlafwandelnd gekauft und war in der Dämmerstunde, als sie niemanden daheim wußte, auch ihn nicht, in sein Zimmer geschlüpft. Sie hatte vor, ihm die Veilchen auf sein Lager, zwischen die Decke und das weiße Leintuch zu streuen, damit der Duft ihn berührte, ohne daß er von den Blumen wußte. Mit welcher Angst fürchtete sie, daß er die Blumen doch finden könnte. Aber es mußte sein, mußte sein, daß sie es tat. Ihres Lebens Seligkeit hing daran, daß sie gerade dies tat. Es war auch das einzige, was sie zu tun wußte. Eigentlich das einzige auf der Welt, was es zu tun gab – die einzige Tat. Alles andre war undeutlich und auch ganz verschwunden. Sie kniete vor dem Bett und hatte das Tuch zurückgeschlagen. Die Veilchen lagen in ihrer taufrischen, gebrechlichen Frühlingssaftigkeit auf dem weißen Leinen. Ihr zitterte die Hand. Das Herz schlug ihr laut. Sie drückte die Wange angstvoll zärtlich auf die kühlen Tücher und lebte nur in der Wonne, daß er noch da war – jetzt noch da war! Die Tür tat sich auf und er trat ein, – sah sie in der Dämmerung knien. Der zarte Veilchenduft erfüllte wie ein feiner Opferhauch das kleine Zimmer. Das Weib in seiner tiefen, süßen Torheit blieb fassungslos knien, blickte ihn aus der weichen Dämmerung heraus wie zu Tode getroffen an. Er sah nur das Stück Heimat, nach dem ihm gedürstet, das Stück Heimat, das nach ihm verlangte. Ohne diese wunderliche Stunde wären sie in stummer Qual aneinander vorübergegangen; jetzt aber löste sich jeder Zweifel, jedes Bedenken, und über alles hinweg nahm er sie stumm und heiß in die Arme. Das Uebermaß von Sonnensehnsucht, das in dem bedrückten Weibe lebte, machte sie groß und frei in dieser abgestohlenen, heißen Liebesstunde, im engen, verschlossenen Gemache ihres eignen Heims, das sie mit vollem Pflichtbewußtsein bisher gepflegt und gehütet, als das Eigentum eines guten, edlen Menschen. Gegen ihn ein Unrecht begehen – undenkbar! Für Gut und Recht nicht ganz und gar eintreten – undenkbar! Die Pflichten, die sie übernommen, verraten – undenkbar! – und doch. In das große, schreckliche Liebeswunder versank sie wie eine weltfremde Göttin, die von Menschengesetz und Satzung nie etwas gehört hatte. Im Arm des geliebten Mannes, ganz von heißer Liebe umfangen, von heimatsuchenden Küssen erstickt, empfand sie durch alle Schauer hindurch eine heilige Verheißung, eine sehnsuchtsbange Verkündigung, einen goldenen Lichtstrahl und einen großen Glauben, dem sie sich opfern mußte. Ihr innerstes Wollen, von dem sie ihr Lebtag nichts gewußt, verlangte von ihr das zu tun, was sie tat, mit einer Stimme wie ein großer Gott, und sie erbebte vor diesem ihrem mächtig wollenden Willen, der größer war wie ihre Tugend, reiner wie ihre Reinheit, stärker wie ihre duldende Weibeskraft und über alle Sünde erhaben. Als der geliebte Mann, auf den Knien vor ihr liegend, das Haupt an ihre Brust gepreßt, wie erstickt aufschrie: »Maria, ich muß gehen. – Keine Stunde mehr darf ich bleiben. Wir müssen uns trennen.« Da sagte sie weh, aber mit wunderlicher Ruhe: »Geh'.« Dann banges, banges Schweigen. »Du wirst mich jederzeit finden,« flüsterte er heiß, »du wirst ganz, ganz mein werden, – für immer, Maria!« Da blieb sie stumm. »Maria!« Sie antwortete nicht. »Ich werde dich nie finden,« sagte sie hart. »Jeder trage sein Unrecht – aber nicht miteinander.« Ein wildes Schluchzen erschütterte ihr ganzes Wesen. »Ich wollte keine Liebesgeschichte!« Das kam so heftig, so ursprünglich heraus. Sie warf sich mit dem Kopf auf die Kissen – »ich wollte« – banges, schluchzendes Schweigen – »ich wollte nichts Böses.« Darauf erhob sie sich, schlang die Arme um den Hals des Mannes, sah ihm verweint in die Augen und sagte ganz weich und ganz aufgelöst in Liebe: »Gott behüte dich – du. Geh'. – Geh'. Nie hören wir wieder voneinander. – Geh'. Du hast recht. Noch diese Stunde.« Wie Verzweifelte hielten sie sich umschlungen. Dann ein Sich-von-einander-losreißen – und er stand allein im dunkeln Zimmer. Kein Laut mehr – keine Bewegung, als läge ein Toter hier. Dann endlich ein Sichregen. Er zündete seine Kerze an, packte in wilder Hast seine paar Sachen und verließ das Haus wie ein Trunkener und mit einem Gefühl verzweifelter Heimatlosigkeit.   Die ersten Sommerwochen waren gekommen, sonnige, wundervolle Junitage nach einem kalten, regnerischen Frühjahr. Im Hause des Professors rüsteten sie sich zu einer großen Reise. Dem Professor war ein wissenschaftlicher Auftrag geworden, der ihn für lange Zeit in Athen festhalten konnte, und er wollte Maria und seine Töchter mit sich nehmen. Maria war in dieser Zeit allen durch ihr traumhaftes, in sich gekehrtes Wesen aufgefallen. Etwas Verschlossenes, Herbes lag über ihr, und nahezu schien sie verstummt zu sein. Die mit sich selbst Beschäftigten beobachteten oberflächlich – nur halb bewußt. Niemand machte sich irgend eine Sorge um sie. Man war an sie gewöhnt und sah sie kaum mehr, wie das so geht. Nur der Professor machte sich hin und wieder seine Gedanken über die junge Frau, die ihn mit einem häuslichen Behagen umgeben hatte, wie er es nie in seinem Leben gespürt. Unter ihrer Fürsorge war er aufgelebt, fühlte sich verjüngt und zufrieden, und es bedrückte ihn, daß diese sonnige Frau in seinem Hause so verstummt war. Ihretwegen ganz besonders hatte er sich ausgedacht, mit allen seinen Lieben eine neue herrliche Umgebung zu genießen. Als er seiner Frau zum erstenmal Mitteilung von seinem Plan gemacht hatte, war sie wie erschreckt mit ihrer Näherei von ihrem Platz am Fenster aufgestanden, die Hände über der Brust gefaltet, die Augen voll Tränen. »Freut dich das so, mein Herz?« hatte der Professor fröhlich gesagt. »Siehst du, das ist mir aber lieb, daß dir's so nah geht.« Schluchzend war sie zur Tür hinausgestürzt und hatte ihn ganz verblüfft im Zimmer zurückgelassen. »O Frauen! – Was sind Frauen wunderlich!« Wenige Tage nach diesem Vorfall fand er einen Brief von Maria auf seinem Tische liegen, in dem sie ihn bat, sie für ein paar Tage nach Haus zum Vater und zu den Geschwistern zu lassen. »Nun ja,« dachte er, »weshalb denn nicht?« Unnatürliche, unverständliche Wesen sind die Frauen. Was ist das nun? Stimmungen über Stimmungen! Wahrhaftig, du ewige Kausalität, du lückenlose, das Weib ist dir dennoch entkommen. So dachte der gute Mensch in einer Art Professorenhumor.   Maria reiste. Ihr Abschied war stumm und erregt. »Weißt du, Maria,« er klopfte ihr väterlich sanft auf die Schulter, als sie ihm die Hand gereicht; »du vernünftiges, tüchtiges Wesen – du solltest doch nicht ...« Da schaute sie ihn mit großen, bangen Augen an. »Ich meine,« sagte er. – »Es liegt doch absolut nichts vor. – Du wirst doch nicht, wie sie alle es tun, mit Launen dich abgeben? Weißt du, das wäre schade um dich, mein Kind.« »Wer gibt sich mit Launen ab?« frug sie wie im Traum. »Die Frauen.« »Die Frauen?« frug Maria, »das scheint wohl oft nur so?«   Zwei Wochen gingen ins Land, ohne daß Maria an ihren Gatten geschrieben hatte, – da kam ein Brief mit der Bitte, daß er zu ihr kommen möchte, wenn auch nur auf einen Tag, auf wenige Stunden. Der Brief enthielt keine Andeutung, um was es sich handelt – und machte einen dringlichen Eindruck. Der Professor empfand keine besondere Befürchtung. Sehr unbequem war ihm aber dieser Eingriff in sein gewöhntes Dasein. »Herr, mein Gott,« dachte er, »wo soll ich die Zeit hernehmen?« Auf dem Wege zu seiner Vorlesung stand ihm mit einem Mal klar vor Augen: ›Sie will gewiß versuchen, ob es ihr glückt, nicht mitzureisen.« Er erinnerte sich jetzt ihrer Gleichgültigkeit während ihres Aufenthalts in Italien. Dieser Gleichgültigkeit hatte er sich nicht erinnert, als es ihm bequem war, ihr mit der großen Reise eine Freude zu machen. Jetzt war er verstimmt, sie gehörte zu seinem Behagen; die Reise bekam ein ganz anderes Gesicht, wenn sie nicht mit wollte, wurde für alle so viel mühseliger. Schon die zwei Wochen Strohwitwerschaft waren ihm nicht recht. Alles, besonders das Essen hatte etwas Liebloses bekommen, fast wie früher. In Marias Art, die Speisen zu bereiten, lag Zärtlichkeit. Ja, er hatte ihre Güte, ihre Lebensfreudigkeit gewissermaßen gegessen. Ganz grob sinnlich war es sein Magen gewesen, der ein Urteil über sie gewonnen hatte – und zwar ein recht freundliches.   Nun, er reiste also. – Da ließ sich nichts machen. Auf dem Wege zum Bahnhof kam es ihm wie ein Epigramm in den Sinn, das folgendermaßen lautete: »Die beste Frau ist die, von der man nichts merkt.« So sollte es sein. ›Und es war bisher so,« dachte er nebelhaft weiter, wie bei dämmerndem Bewußtsein.   Die Immenbachs fand er im vollen Sommerglück. Der Garten glühte von Blumen, die Obstbäume beugten sich, wie damals, als er sich sein Weib heimholte. Die Sonne lag brütend über der ganzen fruchtbaren Herrlichkeit, und über der weiten, goldgelben Ebene wölbte sich der Himmel wie eine blaue Glocke. Der gehetzte, eifrige Mann spürte hier wieder Mutter Erdens Nähe so seelenlösend. Seine wissenschaftliche Bedeutung, seine ganze Wichtigkeit begann wie tropfend von ihm abzutauen, und so etwas Fremdes, Weiches, Menschliches rührte sich. Ihm war, als strichen duftende Hände über ihn hin und strichen alles fort, was er war, was er zu sein glaubte. Unerwartet kam er an, und wie er den Weg, der zwischen dem langen Streifen Sommerblumen auf das Haus zuführte, ging, mußte er stehen bleiben und lauschen und schauen. Aus der weiten Laube nahe am Haus hob eben ein wundervolles, süßes Lied vielstimmig an. Ein so einfaches, gutes, starkes Lied, ein Lied wie der Sommer selbst. Was es Schönes auf Erden gibt, Sonne und Liebe und Sehnsucht und die große Freude am Leben lagen darin. Wie der Professor so stand, stieg es ihm warm zum Herzen und in die Augen. Alle Erinnerung war wie von ihm gewichen und nur noch ein paar liebe, freie Jugendstunden waren noch mit ihm verbunden. Die Immenbachschen Töchter und Maria sah er um einen mächtigen Tisch stehen, einen Haufen duftender Gartenerdbeeren ordneten sie in Körbe. Sie waren ganz versunken in ihre Arbeit und ihren Gesang. So schön und stark standen die jungen, frischen Geschöpfe da. Aus der weiten Laube strömten mit dem Gesang Lebensfreudigkeit und Jugendwonne in die blaue, warme Sommerluft hinaus. Wie fremd erschien ihm sein Weib unter diesen köstlichen Gestalten, selbst so schön und jung und froh. Er sah sie mit einem Mal wieder in demselben Zauber, in dem er sie früher gesehen. Wie hatte er wagen können, dieses Geschöpf in sein Haus, das der großen, freien Natur so fern stand, zu verpflanzen? Da war nichts Magdhaftes, nichts Gedrücktes, nichts Verstummtes, königlich stand sie und sang und arbeitete mit dem anderen blonden prächtigen Volke. Sie bemerkten ihn erst, als er ganz nahe bei ihnen war. Da sah er, wie Maria bei seinem Anblick erbleichte. Freundlich und erstaunt wurde er von den andern begrüßt. »Ja, hat euch denn meine Frau nicht gesagt, daß ich kommen sollte?« »Nicht ein Wort davon,« und alle Blauaugen richteten sich fragend auf Maria. Die stand noch immer tief erbleicht und sagte: »Ich erwartete dich noch nicht, – aber alles ist bereit. Komm ins Haus und ruh'.« Dann saßen sie alle miteinander am Teetisch, die Immenbachs-Mädel noch immer in der sanften Wellenbewegung eines fröhlichen Erstaunens. Maria eigentümlich fremd und ernst, versäumte aber keinen Augenblick, eine aufmerksame Wirtin zu sein. Einen ganz eigentümlichen Eindruck machte sie auf den Professor, schön und vornehm in ihrer gehaltenen Ruhe. Hier war sie daheim, – bei ihm nicht. »Willst du nun etwas auf dein Zimmer gehen?« fragte sie. »Nein, Maria, laß uns den Tag genießen. Geh' mit mir solch einen Weg wie einst.« »Ja,« sagte Maria, erhob sich langsam, schritt zögernd auf die stattliche Reihe wetterharter Gartenhüte zu, die noch immer ihren alten Platz hatten, nahm einen davon und setzte ihn sich auf ihr blondes Haupt. »Ich bin bereit,« sagte sie. Er mußte lächeln, das paßte so ganz zu ihr, dieser langsame Griff nach irgend einem der abenteuerlichen Hüte. Sie brauchte einen Schutz gegen die Sonne. Alles andre war Nebensache, ob dieser Schutz sie kleidete oder nicht. Sie war, die sie war. Er sah sie heute, wie er sonst nur Kunstwerke zu sehen verstand. So gingen sie miteinander. Es mochte gegen sechs Uhr abends sein. Die Sonne hielt in ihrem Sommerrecht; ihr gehörte jetzt diese Stunde, die sie durchwärmte, mit ihrer Liebeskraft durchströmte. Mochten Herbst und Winter die Stunden dann wieder auskühlen. Heute aber lebte die Sonne, strahlte in warmem Nachmittagslicht, voll und tief. Die Felder dufteten. Sie hatten schon einen warmen Goldton. Wie in endloses Blau hinein, schmetterte eine Lerche ihr starkes Lied von der Lebenswonne, die wie ein Wunder in diesem heißen, lebendigen Federstäubchen lebte, das da oben im Sonnenlichte wirbelte. Maria ging stumm neben ihrem Manne her. Er sah, wie sie sich niederbeugte und einen schweren, müden Halm mit einer mütterlichen Bewegung wieder mit dem Meer seiner Brüder vereinigte. Aus dieser selben Bewegung war einst bei ihm der Wunsch entstanden, sie bei sich zu haben und sich mit ihr zu verbinden. Sonderbar, nun hatte er wieder daran gedacht, daß seine Liebe zu ihr in ihrer Mütterlichkeit Wurzel geschlagen. Auch jetzt dämmerte es ihm nur leicht, berührte ihn kaum. »Sage mir,« fragte Maria nach langem Schweigen, »aber so wahr wie ein Mensch zum andern überhaupt sein kann: Gehöre ich notwendig zu dir?« »Wie denn, mein Kind, was willst du denn?« »Es ist eine ernste Frage, du mußt mir antworten.« »Ich dir? Weshalb denn?« »Es ist notwendig,« sagte Maria. »Nun aber, natürlich gehörst du zu mir?« »Wie Geist zum Geist und Leib zum Leib?« frug sie weiter – und sagte selbst ruhig und entschieden: »Nein.« »Wie kommst du darauf?« frug er unwillig erstaunt. »Laß das!« »Nein,« sagte sie. »Ich muß das alles fragen, denn ich muß dich vor etwas, soviel in meiner Macht steht, bewahren.« »Was hast du denn, Kind?« »Laß mich reden,« bat sie, »deinetwegen. Du kennst meine Seele nicht und ich nicht deine. Meine Jahre sind dir fremd und mir deine. Dein ganzes Leben ist mir fremd und dir meins. Uns ist gegenseitig an uns beiden alles fremd. Du brauchst mich gar nicht.« »Maria, was soll das alles?« »Sag' mir, im Namen Gottes,« bat sie flehend, »ob ich dir irgendwie nahestehe, ob ihr alle euch nicht viel besser befändet, wenn irgend jemand wie ich euer Haus führte, so wie ich es tat, ohne zu euch zu gehören?« »Soll das heißen, du willst wieder frei werden?« fragte er gereizt. »Was ich frage, muß gefragt sein. Ich bitte dich, denke mit mir! – Wenn ich stürbe, – stirbt dir nur eine gute Magd, – sagen wir so. Wenn du über mich trauertest, wärest du dir selbst nicht klar. Ihr würdet auch alle nicht um mich trauern, es würde euch nur unbequem sein. – Im Grunde nur das.« Sie sprach seltsam ruhig. Sie standen sich jetzt gegenüber. Der Professor hatte seine Hand auf ihre Schulter gelegt. »Kind! Kind! versündige dich nicht.« »Nein, es ist alles so, wie ich's sage.« »So – nun also.« In dem braven Manne stieg der Zorn auf. – Er legte seine Hände auf dem Rücken zusammen und ging, als bereite er sich zu einer seiner Vorlesungen vor, ganz in sich selbst versunken. »Wenn ich dir sage,« begann er heftig, »daß ich dich wie eine Tochter liebe, – genügt dir das?« »Nein,« sagte sie. Er schaute auf. »Ich bin dein Weib und nicht deine Tochter.« »Nun – mein Gott – ja. Du hast gewußt, daß ich kein Jüngling bin. Hätte uns Gott ein Kind schenken wollen, so hättest du dies Glück wie andere auch genossen. – Ja, aber es sollte nicht sein. Es war dir nicht bestimmt.« »Also, du liebst mich nicht mehr wie dein Weib?« fragte sie weich – wie beseligt. »Sag' es noch einmal!« »Nun, – was willst du denn?« Er war ungeduldig. »Ich denke nicht, Maria, – aber ich liebe dich dennoch.« »O – du!« rief sie. In ihren Augen standen Tränen. »Ich danke dir! – Nächtelang hab' ich Gott gebeten, – daß es so sein möchte, daß du so antworten müßtest. – Nicht um meinetwillen, aber um deinetwillen.« Dann brach sie ab, über ihr Gesicht zog ein leiser Ernst. Sie stand immer noch vor ihm, faßte seine beiden Hände und sagte, wie es nur die weltfremde Göttin tun konnte, um die er hier einst gefreit: »Ich war eine Nacht das Weib eines andern und fühle mich Mutter.« Er ließ ihre Hände fahren und starrte sie an. Ihr war, als wenn er taumelte, und sie machte eine Bewegung, um ihn zu stützen. »Laß! – laß! – Geh'!« Das wurde hastig, wie außer sich hervorgestoßen! »Laß dich nicht hinreißen – sei ruhig –,« bat sie – »um deinetwillen. Gott behüte dich.« Sie faßte seine Hand. So mütterlich, so hingebend gut stand sie vor ihm, so einzig in ihrer Art. »Du armer Mann – du armer. – Gönn' mir's – um deinetwillen. Glaub' doch nicht, daß du unglücklich sein mußt! Ich will dir dienen, und wenn du mich nicht mehr magst, bleib' ich hier beim Vater; die beiden Schwestern heiraten nun, da bin ich am Platz. Ohne Kind wäre ich verschmachtet.« Das war alles so einfach, so richtig und so weltfremd. Hier unter dieser großen, blauen Himmelsglocke, vom goldenen Getreide unabsehbar umwogt, begleitet von dem unausgesetzten, erdenwohligen Lerchentriller, fühlte er gegen seinen Willen ringsumher eine Macht aufgerichtet, gegen die er nicht konnte, wie er wollte, die ihn sanft überwältigte und gleichsam erstickte. Mutter Erde duftete nach Korn, blühte betäubend, einschläfernd, und das blonde, ruhige Weib mit der weichen, vollen Stimme, die in Angst um ihn bebte. Große, gewaltige Mutter Erde, die hier in der kornwogenden Einsamkeit wie unmittelbar mit diesem naturfremden Manne in Berührung kam! Ihm war, als schaute er in ein uraltes Mysterium, ihm schwindelte. Nie hätte er sich in eine solche Lage, wie er sie jetzt im schweren Traume erlebte, hineindenken können. Taumelnd ließ er sich auf einen alten Meilenstein nieder. – Ja, und sie stützte ihn. Mütterlich schützte sie ihn, wie den Halm, den sie dem Meere seiner Brüder wieder anschloß – nicht anders. Er empfand ihre starke Mütterlichkeit wie einen Schauer. Das Weltfremde in ihr, das Ureinfache hatte es ihm wieder angetan. Verfluchen, mißachten und verstoßen sollte er sie. Ihm war betäubt zumute, – die schwere Betäubung nach einem großen Schreck. Daß ihm so etwas passieren konnte – so etwas ihm! Das war einfach undenkbar! – und doch! Er sah, wie sein Weib die gefalteten Hände zu ihm aufhob – da winkte er ihr, zu gehen. Wie ein Bann lag eine schwere, lähmende Dumpfheit über ihm. Die Art aber, wie er Maria zugewinkt, mußte etwas Tröstendes für sie haben; denn sie faßte seine Hand und küßte sie demütig. Die Hand sank matt herab; mit der andern stützte er sein Haupt. So blieb er sitzen, und sie ging. Das Außerordentliche hielt ihn wie in Ketten. Er stand ihm hilflos wie ein Kind gegenüber. Was sollte geschehen? Nein, so weit dachte er noch gar nicht. Er fühlte das Altsein wie eine wehe Trauer – und Mutter Erde war so stark und jung und gleichmütig. In ihrer Werdewonne erschien sie ihm, dem Alten, so fremd. Wie es um ihn her wogte und glänzte und jubilierte! Es trieb und wuchs und wollte in die Unendlichkeit hinein sich fortsetzen. Er selbst erschien sich hier wie etwas Vergangenes, wie er so gebeugt und widerstandslos saß, und fühlte das Gegenwärtige wie über sich hinwegwachsen. Ach – wie er ermattet war von diesem Schreck. Sie hatte seine große Güte getreten. Pfui! Da stieg sie vor seiner Seele auf wie ein Kunstwerk – und er konnte sie nicht mißachten.   Als er in der Dämmerung mit schweren Schritten ratlos, was zu tun, auf Immenbachs Haus zuging, ja selbst ratlos, was er fühlen sollte, da stand sie an der Gartentür. Sie wartete auf ihn. Mit einem demütigen Mut ging sie ihm entgegen und sagte: »Mir war so angst um dich, tue mit mir, was du willst.« – Und wieder küßte sie ihm die Hand; nicht sklavisch, nicht unterwürfig, sondern wie ein Mensch, der dem andern wider Willen wehe getan und ihn wieder heilen möchte. »Maria – Maria,« sagte er. »Mein ganzes Leben war rein.« Sie preßte die Hände vor die Stirn. Ein Schluchzen erschütterte sie. »Geh mit mir,« sagte er kurz und tonlos. Sie führte ihn in das Fremdenzimmer, in dem er vor Jahren schon gewohnt. Die Lampe brannte, der Tisch zur Abendmahlzeit war für ihn allein gedeckt. Ein Rosenstrauß duftete, der Teekessel summte bald. »Darf ich dir helfen?« Sie goß ihm den Tee ein und schnitt ihm ein kaltes Hühnchen zurecht. »Iß bitte. – Du wirst sonst krank!« Demütig und ruhig schien sie zu sein, ein Weib, das bereit war, jedes Schicksal zu tragen und doch sich nicht selbst verloren hat. Keins von beiden sprach mehr ein Wort. Er aß ein paar Bissen, trank eine Tasse Tee. Sie reichte ihm Brot und Salz. »Schlaf wohl, Maria,« sagte er dann und gab ihr die Hand. Somit hatten sie sich fürs erste zum letztenmal für lange Zeit gesehn.   Vor Tagesanbruch machte sich der Professor zur Bahnstation auf und hinterließ seiner Frau einen verschlossenen Brief. Maria findet diesen Brief im Zimmer ihres Gatten, öffnet ihn mit bebender Hand und liest: »Ich bleibe dein Freund. – Erwarte mich bei deinem Pater. Wir reisen jetzt. Du hörst von mir.« Sie hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen und sank nun in die Knie und weinte und lachte und hätte die Luft umarmen können. Dann geht sie hinaus in die wundervolle Sommermorgenfrische – so voller Glück und Frieden. Hinter dem Gemüsegarten dehnten sich die Felder aus. Auf dem grünen Grasrain, zwischen Feld und Gartenmauer, läßt sie sich nieder – ganz in sich zusammengekauert. Sie ist müde – so müde – müde nach langer Angst und erlöst von langer Angst. Jetzt ist sie gerettet! – und alle sind gerettet! Ihren Kopf birgt sie ins volle Gras und küßt die kühlen, festen Halme, die ihr die Lippen streifen. Nun streckt sie sich. Wie wohl es ihr ist. Und so versteckt vom wogenden Korn liegt sie wie ein Kind in Mutterarmen. Niemand sucht sie hier. Niemand ahnt die große Seligkeit. Niemand weiß von ihrer Not, die ihr guter Freund von ihr genommen. Sie ist freigesprochen. Und keiner kannte ihre Sünde. Und voller Sommer ist's! Und sie ist Mutter. Das ist alles so schön. Sie ist befriedigt, wie sie es nicht als Kind war. Ein Windchen weht über die Aehren. Das Licht liegt warm und golden über der Welt. Ihr Zopf hat sich gelöst und schimmert auch wie Gold in der Sonne. Sie schläft fest ein und träumt von etwas Weichem, Zartem, Goldigem, das sich ihr in den Armen, an der Brust regt – ihr Kind! – Nein. – Ja – nein. Ja, – es ist das Köpfchen eines Küchleins, was sie da sieht, groß wie ein Kinderköpfchen – ganz goldig, flaumig, warm pulsierend – und duftet nach Kornblüte. Und eine Liebe – eine Liebe – regt sich in ihr zum Hinsterben, da hört sie sich singen: »Goldvogel weint – Goldvögelein lacht.« Da liegt die ganze große Seligkeit darin, wie in einem Zauber. Ihr erscheint das so wundervoll schön. »Goldvogel« heißt es –! Da kommen ihr süße, selige Tränen in die Augen. Und still, ohne Regung liegt sie und spürt erschauernd den Traum.