Aus jungen Tagen Eine Erzählung von Gustav Wied Stengaarden, 23. Juli 18.. Liebe Binse! Da ich keinen so flotten Zungenschlag habe wie Du, so muß ich schreiben. – »Warum kannst Du nicht immer so gut sein wie jetzt?« – – – Diese zehn Worte sind die Quelle aller unserer Leiden. Denn wie bin ich, wenn ich in Deinen Augen »gut« bin? Ein Kind, das, körperlich und geistig müde, seinen Kopf an Deine Brust lehnt und sich willenlos Deinen Liebkosungen überläßt. Und wenn die Müdigkeit vorbei ist und ich wieder zum Bewußtsein erwache – dann bin ich nicht mehr »gut«. Du wirfst mir vor, daß ich so große Ansprüche mache, so ungeheure Wechsel auf Deine Liebe ziehe. Aber das ist wenig gegen das, was Du von mir verlangst; denn Du willst weiter nichts, als daß ich meine Persönlichkeit aufgeben soll. Ich soll Dein »Kind« sein, weiter wünschest Du nichts. Du willst mich zum »Ehemann« machen, aber ich will etwas mehr sein, etwas Größeres. Miete Dir einen Dienstmann, wenn Du durchaus heiraten mußt. Mag sein, daß Deine Liebe für Dich das höchste ist; das ist meine Liebe für mich nicht. Für Dich ist die Liebe vielleicht das Ziel des Lebens. Für mich ist sie eines seiner Mittel. Du hast keinen Ernst. Ja, selbst in diesem Augenblick, während Du liest, was ich hier schreibe, lächelst Du über das »Kind«. Und weil Du das Leben für einen Scherz hältst, – einen etwas verletzenden vielleicht, aber immerhin einen Scherz, über den man für gewöhnlich mit ein wenig »Esprit« hinwegkommt – bist Du geneigt, alles mit leichtfertigen Blicken anzusehen. Nun frage ich Dich: was glaubst Du, würde aus mir werden, wenn ich beständig »gut« wäre? Und ist es Dir niemals eingefallen, daß ich denken könnte, auch wenn ich nicht sprach? Du, die Du Dich Deiner Intelligenz rühmst, besitzest in der Beziehung nicht mehr Intelligenz als meine alte Tante. – Die Intelligenz und der »Freisinn« der Frauen wohnt auf ihrer Zunge – beides ist ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen, sie glauben die Menschen zu kennen, und sie kennen nicht einmal sich selbst. Denn darin scheint mir die »Intelligenz« zu bestehen, daß sie uns unsere starken und schwachen Seiten wie in einem Spiegel zeigt. Besonders die schwachen – da die starken sich schon von selbst offenbaren werden – wenn sie vorhanden sind. Das machen wir ja gerade den Alten und Dummen zum Vorwurf, daß sie für ihre eigenen Schwächen blind sind. Denn es ist eine Weiber- und Priesterlüge, daß ein kluger Mann nicht »sich selbst kennen« solle. Mit offenen Augen geziemt es uns, das Leben zu leben! Du wirfst es mir so oft ins Gesicht, daß ich mich von anderen beeinflussen lasse. – Und Du selbst?! Und ich halte es übrigens nicht für die schlechteste Eigenschaft eines Menschen, daß er imstande ist, sich von anderen klarer Sehenden belehren zu lassen. Im Gegenteil! Denn das Entgegengesetzte ist fast immer das Zeichen eines gewissen geistigen Aufkeimens. Und Dir und mir tut Belehrung not. Denn – seien wir ehrlich – wir gehören doch sicherlich nicht zu den größten Geistern unserer Zeit. Seltsam, daß Du so blind sein kannst. – Seltsam, daß Du nicht sehen kannst, wie der größte Teil des Weihrauches, den man Dir vor der Nase brennt, von den Männern gespendet wird, weil Du schön und Weib bist. – Und von den Weibern, weil Du eine scharfe Zunge hast. Du verhöhnst freilich scheinbar das Urteil der Menge; aber im tiefsten Innern bebt Deine Seele in banger Erwartung. Ich kann es nicht ertragen, Dich fröhlich zu sehen – nein. Denn jedes Wort aus Deinem Munde, jede Bewegung Deiner Hände und Deiner Augen scheint mir zu fragen: habe ich das nicht gut gemacht? Du hast eine Art, Beifall zu fordern, die mich erröten macht! Du kannst zuweilen – ich sage zuweilen – eine gute Antwort geben. Aber die Art, wie Du sie aussprichst, treibt mir für Dich das Blut ins Gesicht. Denn Deine naive Selbstgefälligkeit grenzt an – Dummheit. Deshalb gehe ich ungern mit Dir zusammen aus. Denn es ist mir nicht lieb, wenn man Dich zum besten hat. Und ich habe Menschen hinter Deinem Rücken lächeln sehen. Und wenn Dich auch kein anderer in solchen Augenblicken verspottet – so tue ich es! Ich sitze stumm und still, und während die Lippen von der Verachtung abwärts gezogen werden, schreit und weint es in meinem Herzen; und ich möchte Dich in meine Arme nehmen und forttragen, weit fort an einen einsamen Ort, wo ich Dich auf meine Knie setzen und Deinen Kopf an meine Brust legen und in milden, liebevollen Worten Dir erzählen würde, was uns beiden all diese aufreibende Qual und Sorge verursacht. – Und Du würdest die Arme um meinen Hals schlingen, mich küssen und liebkosen und – – und mir vorspielen. Und ich würde wieder »gut« werden und sagen, daß es mir mit keinem einzigen dieser garstigen Worte Ernst gewesen sei. Und dann würden wir das alte Lied von vorn anfangen! Nein, Du, wenn dieser Brief Dir auch Schmerz verursacht, so mußte es doch gesagt werden, was darin gesagt ist. Du mußtest wissen, warum ich so oft »seltsam« bin. Du hattest ein Recht darauf, es zu hören, wie ich ein Recht darauf hatte, es zu sagen. Glaube nun nicht, ich hätte all dies hier geschrieben, um Dich zu verletzen oder zu betrüben. Es ist im tiefsten Ernst geschrieben und verlangt, ebenso aufgenommen zu werden. Sollten wir nicht das vor den »anderen« voraus haben, daß wir die Fragen aufnehmen können, – auch wenn sie unser eigenes liebes Ich betreffen? Du glaubst vielleicht jetzt aus meinem Briefe schließen zu können, daß meine Liebe zu Dir tot sei? Darauf will ich erwidern: Nie habe ich an jemand geschrieben, wie ich hier an Dich geschrieben habe. Und das heißt von meinem Gesichtspunkt aus: Nie habe ich jemand geliebt, wie ich Dich geliebt habe. Und ich meine, Du wirst mir glauben. Dein Gunnar Warberg. Die Droschke hielt vor dem Gitter. Aber der Mann drinnen im Wagen blieb sitzen und drückte sich fester in die Ecke, als würde er am liebsten bleiben, wo er war, wieder zum Bahnhof fahren, sich in den Zug setzen und davonrollen. Der Kutscher krabbelte vom Bock hinab, wo der alte von Wind und Wetter mitgenommene Lederkoffer auf der Breitseite stand, mit einem Strick um den Leib; denn Schloß und Riemen waren schon langst entzwei und unbrauchbar. »Bitte, Herr Warberg«, sagte Hansen und öffnete die Wagentür. Und da mußte der Mann ja hinaus. »Der Koffer soll wohl in die Dachstube, Herr Kandidat?« »Nein, ich wohne jetzt im Erdgeschoß.« »Soo–oo, so.« Der »Kandidat« stand jetzt auf dem Bürgersteig, seine Reisedecke über dem Arm, den Stock in der Hand. Er schielte zur Veranda empor, wo der wilde Wein jetzt im Halbdunkel gleich langen schwarzen Spitzen zwischen den Holzsäulen herunterhing. Hinter den Scheiben in der Verandatür brannte Licht; es leuchtete mit einem blutroten Schein durch die dünnen dunkelroten Gardinen, die vorgezogen waren. »Hm«, murmelte er unwillig und wandte sich dem Wagen zu. »Ich hätte Lust, wieder mit Ihnen wegzufahren, Hansen!« »Was?« »Ich hätte Lust, mit Ihnen wieder zum Teufel zu fahren, Hansen!« »Hä!« lachte der Kutscher, der stand und sich mit dem Koffer abquälte. »Es will wohl dem Herrn Kandidaten nicht recht behagen, jetzt wieder in der Wirtschaft zu leben?« »Nein, bei Gott nicht!« »Nee«, seufzte der Kutscher mitfühlend. »Aber wir müssen ja leben, wo wir hingehören, Herr Kandidat! Mir ist übrigens als ob der Herr Kandidat in der Mansarde zu residieren pflegte?« »Ja, aber jetzt habe ich die Parterre-Wohnung gemietet, die ganze Wohnung! Fünf Zimmer mit Speisekammer und Klosett und Waschkeller und Holzboden und elektrischen Läuteapparaten!« »Soso, sieh, sieh, das ist ja immerhin ein Fortschritt! Wo sind denn die Eltern des Herrn Kandidaten hingereist?« »Nach Palästina, mein guter Hansen, nach Palästina oder dem heiligen Lande!« »Ho!« brummte der Kutscher, nachdem er den Koffer auf die Schulter geladen hatte und nun hinter Warberg durch das schmale Streifchen Garten dem Hause zuschritt. »Sie können den Koffer herstellen.« Es war vor der Korridortür der Parterrewohnung, sie hatte matte Scheiben, und hinter diesen konnte man den Umriß einer weiblichen Gestalt sehen, die, die Hand auf das Schloß gelegt, dastand und wartete. »Soll ich die Geschichte nicht ganz reintragen?« »Nein, danke, da wird's schon ohnehin genug Geschichten geben.« »Ja, denn er ist schwer!« »Nein, danke, stellen sie ihn nur hin. Wieviel bekommen Sie?« »Ja–a, eine Krone macht's doch, Herr Kandidat. Aber es hat ja keine Eile, ich kann ja ...« »Ja, danke, danke! Es ist sehr liebenswürdig von, Ihnen, Hansen, aber heute ist es nicht nötig. Bitte; und hier sind 25 Öre, dafür trinken Sie ein Glas Bier.« »Vielen Dank, Herr Warberg! Vielen Dank! Und nun hoffe ich, daß der Herr Kandidat bald mal 'n Augenblick nach uns sieht, jetzt wo Sie zurückgekommen sind. Mutter redet immerzu von Ihnen; und die Kinder auch.« »Das will ich, Hansen. Ich habe den ganzen Koffer voll schmutziger Wäsche.« »Danke, danke, Herr Kandidat; denn nu kommt bald noch ein Mund zu, ja; Mutter is wieder ... sie erwartet doch bald wieder was ... wirklich ..« »Hansen, Hansen«, sagte Warberg und drohte mit aufgehobenem Finger. »Ja–a, Herrgott, ja – –« murmelte der Kutscher und sah verlegen vor sich nieder. »Und das wievielte ist es nun?« »Tja, Nummer vier, Herr Kandidat!« »Das sind drei zuviel, mein guter Hansen! Was sollen wir mit all den Kindern?« »Hä, ja, sie haben gut reden! Das kann man nicht selbst bestimmen.« »Legen Sie sich Zügel an.« »Hä, hä, hä, Sie haben gut reden«, lachte der Kutscher und begann die Treppe hinabzugehen. Es waren nur ein paar Stufen. »Nee, is man erst mal so anständig gewesen, eine Frau zu nehmen, dann .. Na, Adschö, Herr Kandidat, und vergessen Sie nicht nach uns zu sehen!« »Nein, nein! Adieu!« »Adschö, Adschö! ... Und Dank!« Und die schwere Haustür fiel dröhnend zu. Im selben Augenblick wurde die Flurtür ein wenig geöffnet, und der oberste Teil eines Frauenkopfes: die Augen (ein paar große strahlende graue Augen), die Stirn und ein Gewirr blauschwarzen Haares zeigte sich in dem Spalt. »Aber Gunnar, mich hier stehen und warten zu lassen!« »Guten Abend, Binse!« nickte Warberg ruhig. Die Tür wurde ganz geöffnet, und die Wartende flog ihm um den Hals und küßte ihn leidenschaftlich auf Mund, Augen und Wangen. Er schob sie behutsam von sich. »Na, na, na«, sagte er. »Es könnte leicht jemand kommen.« »Was täte das! Meinetwegen mögen alle Menschen sehen, daß ich dich liebhabe!« »Warum kamst du dann nicht heraus, während der Droschkenkutscher hier war?« »Nein, Lieber, du hast ja selbst gesagt, daß wir vorsichtig sein müssen«, sagte sie logisch. – »Ach, du Kleines, Kleines, wie bin ich froh, daß ich dich endlich wieder habe!« Sie ergriff seine beiden Hände und drückte sie an ihre Brust. »Oh, wir haben so ein gemütliches Zimmer für dich hergerichtet«, schwatzte sie los. »Deine Mutter hat alle deine Möbel hier herunterbringen lassen, ehe sie reiste, und nun haben Benjamin und ich sie so recht wild, so recht wahnsinnig schön angeordnet.« Sie hatten den Koffer in den Korridor gebracht und die Tür geschlossen. Und nun half sie ihm voll Eifer den Überrock ausziehen. Sie hing ihn auf den Kleiderrechen und wandte sich darauf mit ausgebreiteten Armen zu Gunnar um: »Nein, wie du sonnverbrannt und hübsch geworden bist«, sagte sie. »Küss mich! Ach, wie hab' ich mich doch nach dir gesehnt!« Sie schlang ihre Arme um ihn und preßte ihn heftig an sich. Er schloß die Augen. »Ätna!« murmelte er. »Ja«, lachte sie. »Und stets im Ausbruch begriffen!« Dann zog sie ihn zur Tür des Verandazimmers. »Komm und sieh!« »Ist Benjamin drinnen?« fragte er. »Nein, er ist ausgegangen, Brot und Portwein zu holen. Weißen Portwein! Und Krebse, du! Oh, das wird so ein feines Abendessen, paß auf. Und wie gutmütig Benjamin doch ist – und fett. Ich möchte dir beinahe von beiden Eigenschaften ein bißchen wünschen! was? Sieh nun, Gunnar!« Und sie machte die Tür weit auf. Es sah unleugbar prachtvoll drinnen aus. Die Lampe mit dem roten Papierschirm war in die Mitte des Zimmers gestellt und erfüllte es mit einem gedämpften Licht. Sie stand auf dem Flügel, der, mit der Rückseite nach vorn, an die Wand in der Ecke an der Verandatür gestellt war und mit drei Seiten ins Zimmer hineinragte. An der Rückseite des Flügels stand die »Chaiselongue«, ein eisernes Bettgestell, dessen Fußende entfernt worden und dessen Matratzen mit einer braungelben Decke verhüllt worden waren. Am Kopfende der Chaiselongue erhob sich stolz eine Fächerpalme auf einer hohen viereckigen Säule (eine längliche Packkiste, mit ein paar alten dunkelblauen Gardinen bedeckt). Ein kleines niedriges grünbezogenes Sofa stand in der Ecke rechts. Der Schreibtisch war an die Längswand zwischen dem Kamin (grün Majolika) und der zu dem anderen Zimmer führenden Tür gestellt. Und in der Ecke an der Korridortür war der große Empirespiegel im Mahagonirahmen angebracht. Er stand lose auf einem großen ovalen Mahagonitisch und lehnte sich an die Wand. Der Tisch war mit Wappen und Bildern, ausgestopften Vögeln, Steinblöcken und Präparaten in Spiritus bedeckt. Zwischen dem Tisch und der Chaiselongue standen Regale, in denen die Bücher ohne jede Ordnung eingereiht waren: einige mit dem Rücken nach innen und andere auf dem Kopf. Ganz oben unter der Decke standen ein ausgestopfter Adler und ein ägyptischer Wasserkühler. Bilder und Gemälde waren ringsum auf zufälligen Nägeln aufgehängt. Vor den zur Veranda führenden Glastüren waren ein paar lange dunkelrote Gardinen lose über eine vergoldete Gardinenstange gehängt worden, deren Gold an mehreren Stellen abgesprungen war, daß der weiße Gips hervorgrinste. An der Tür zwischen Sofa und Schreibtisch hing ein altes Maskenkostüm: ein Clownanzug aus Ballatlas, halb blau, halb gelb. Gunnar war mitten im Zimmer stehengeblieben. Zuerst konnte er nur die Lampe und das Klavier sowie deren nächste Umgebung erkennen. Aber als seine Augen sich an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten und er das ganze Chaos sah, lächelte er. »Ja, ist das nicht wahnsinnig?« fragte Binse, ergriff ihn beim Arm und drehte ihn herum. »Großartig! Aber wo ist das Klavier – wieder hergekommen?« »Das hat Benjamin für dich gemietet. Ich war dabei. Er sagte, ohne Klavier würde es niemals dein Zimmer sein.« »Hm! Wo mag er nur das Geld herbekommen haben?« Gunnar sah düster aus. »Wohl von der Braut, von der ›Prinzessin‹. Aber davon wollen wir jetzt nicht reden.« Sie zog ihn auf die Chaiselongue nieder und setzte sich neben ihn. »Dank für alle deine herrlichen Briefe«, sagte sie und küßte seine Hände. »Herrliche?« fragte er und wandte das Gesicht ab. »Ja, gerade herrliche, du! die guten und die bösen! denn so bist du ja, und so habe ich dich lieb! ... Aber du kommst mir so seltsam vor? Bist du gar nicht froh darüber, daß du mich wieder hast?« »Umgekehrt, du hast mich!« murmelte er. »Was sagst du?« »Ich sage, ich bin ein wenig müde von der Reise, und außerdem habe ich Hunger.« Sie erhob sich schnell. »Ja, ich werde gleich Tee bereiten«, nickte sie. »Ich vergesse ja ganz meine Hausmutterpflichten vor Freude über mein Männchen ... Nun legst du dich hin und ruhst dich inzwischen. – Soll ich das Kindchen einkuscheln?« Sie umfaßte mit ihren Armen seine Füße und legte sie auf die Chaiselongue. »Liegt das Kind jetzt gut?« fragte sie und streichelte ihm Wange und Bart mit ihren großen weißen Händen. Er packte sie um beide Handgelenke und zog sie zu sich nieder: »Meines Lebens Fluch!« flüsterte er und preßte ihre Finger fest zusammen. »Au, au! Aber Gunnar!« »Meines Lebens Fluch!« murmelte er wieder. Sie lachte, daß all ihre weißen Zähne zum Vorschein kamen. »Ja–a«, sagte sie. »So jag' mich doch weg!« »Du kommst doch wieder!« »Ja–a, jedesmal komme ich wieder! Du kannst mich doch nicht entbehren!« »Küsse mich!« bat er. Sie warf sich vor ihm auf die Knie und drückte ihre Lippen gegen die seinen. Und es war, als sähe er tausend flimmernde Glühwürmchen hinter seinen geschlossenen Lidern. »Mehr!« flüsterte er. »Mehr! Küß mich mehr!« Und er schlang seine Arme um sie und drückte sie fest an sich. »Mein Kindchen!« sagte Binse, und wieder leuchteten ihre weißen Zähne. »Mein Kleiner! So will ich dich haben!« Es läutete. Sie erhob sich schnell, ordnete ihr Haar und strich sich mit den Händen das Kleid glatt. »Das ist Vetter Benjamin«, sagte sie und ging hinaus, um zu öffnen. Gunnar schlug langsam die Augen auf und ließ sie rings im Zimmer umhergleiten. Er lächelte schwermütig: Hier lag er auf derselben »Chaiselongue«, hinter demselben Klavier, unter derselben Lampe. Was hatten ihm nun seine Reise, seine Briefe, seine »Abrechnungen« genützt? Nur die Stube war eine andere geworden. Sobald er mit Binse zusammenkam, machten seine Sinne ihn zu einem willenlosen Fetzen in ihren Händen ... Du bist ein Stockfisch, Gunnar Warberg! Draußen im Korridor hörte er sie leise miteinander sprechen. Und er hörte sie frisch und keck lachen wie eine siebzehnjährige Unschuld, dieses ältliche Frauenzimmer mit den weißen Gliedern. Dann wurde die Tür geöffnet, und Benjamin trat ein. Auch er ist derselbe, dachte Gunnar, glattrasiert und lächelnd und fett und brav, wie ein kastrierter Gott. »Guten Abend«, nickte der Vetter. »Und willkommen daheim.« »Guten Abend, Mette«, sagte Gunnar und wollte sich erheben. »Nein, bleib nur liegen, Lieber, bleib nur liegen!« Und der Dicke zupfte seine Hosen ein wenig in die Höhe und sank in seiner seltsam-linkisch-affektierten Art auf die Chaiselongue nieder, vorsichtig und langsam, als ob er verurteilt wäre, sich auf eine rotglühende Eisenplatte zu setzen. Er streichelte Gunnar mit seiner feisten Hand freundlich den Arm und lächelte ihm zu. »Es ist doch schön, daß mir dich wiederbekommen haben.« »Tja–a«, sagte Gunnar, »irgendwo muß man doch sein.« Und dann schwiegen sie beide eine Weile. Benjamin saß und beguckte seine Hände und drehte den Kopf wie eine alte Dame, die eine Haube aufprobiert. Er hatte überhaupt etwas Frauenzimmerhaftes an sich, weshalb Gunnar ihm auch den Kosenamen »Mette« gegeben hatte, was ihm zu schmeicheln schien. »Hast du noch keine Stelle bekommen?« fragte Gunnar dann. »Nein, aber jetzt habe ich eine so gut wie fest.« »So?« Der Dicke hatte immer eine Stelle so gut wie fest. Er schrieb ganze Ladungen von Stellengesuchen (das behauptete er jedenfalls), war aber immer ohne Beschäftigung. Und gelang es ihm zuweilen, eine Stelle zu bekommen, so tauchte er gewöhnlich nach einem Monat wieder in Kopenhagen auf. Er konnte die Menschen nicht ertragen, sagte er: sie besäßen keine Bildung! Er hatte das Forstfach studiert und war in Schweden, Rußland und Deutschland angestellt gewesen, aber immer wieder kehrte er nach Dänemarks Hauptstadt zurück. »Wo sollst du die neue Stellung bekommen?« »Auf Alsen.« »Sind da drüben Wälder?« »Ja–a, der Mann schreibt's doch. Und es hat ja keinen Zweck, das Bummelleben hier; man muß sehen, daß man was zu tun kriegt!« fügte er energisch hinzu und hantierte an seinem Schlips herum. »Ja, ja, gewiß! Auf dem Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, wie unser witziger Freund, der Flachshändler, sagt.« »Ho, ho!« Und dann schwiegen sie wieder. Draußen in der Küche hörte man Binse mit Tellern und Tassen klirren. Und auf der Straße fuhr eine Droschke rasselnd vorbei. »Ich soll dich von deinen Eltern grüßen, Gunnar.« »Danke. Es ist doch bei der Abreise alles glatt gegangen?« »Ja. Und dann läßt dir der Wirt sagen, daß du keine Nägel in die Wände einschlagen darfst.« »Das sagt wohl eher die Wirtin.« »Ho!« »Vetter!« ertönte plötzlich Binsens Stimme aus der Küche – »nun müssen Sie kommen und mir behilflich sein!« Benjamin erhob sich langsam und schüttelte seine dicken Beine, damit die Hosen wieder richtig fielen. Sie waren etwas eng und sahen nicht aus, als ob sie für ihn angefertigt worden wären. »Doch schön, daß ihr euch wieder vertragen habt«, sagte er. »Wer?« fragte Gunnar scharf. »Du und Fräulein Möller.« »Ach, die Geschichte hast du also auch erfahren?« »Ja, Fräulein Möller war so unglücklich.« »Hm ...« »Paß auf, ich hab' ein paar großartige Krebse erwischt, Gunnar.« »Krebse?« »Ja; Fräulein Möller sagte, du müßtest Krebse haben, denn das wäre dein Leibgericht. Ach, das war so eine famose Madame, bei der ich die Krebse kaufte. Sie hatte bloß ein Auge, und dann sagte sie die ganze Zeit: »Bitte, lieber Herr, Sie können selbst an die Biester riechen!' – Die mußt du dir mal ansehen! – Nein, bleib' nur liegen, wir werden ganz gut ohne dich fertig!« Und Gunnar lag wieder allein. Er drehte sich auf die Seite, das Gesicht dem Klavier zugewandt, und schloß die Augen. Er lachte über sich selbst, streckte sich selbst die Zunge heraus. Aber es half nichts. Man ist, wie man ist – bis »die Zeit erfüllet«. Und dann sind es wohl eher die Umstände, die sich verändert haben, der Mensch ist derselbe geblieben. Er hörte Binse und Benjamin aus der Küche durch den Korridor in die Stube kommen. Sie schlichen leise, tastend vorwärts und flüsterten, um ihn nicht zu stören, bevor die Mahlzeit fertig wäre. Sie glaubten, er wäre eingeschlafen. Und sofort wurde er sentimental und dachte, daß diese beiden Menschen ihn doch eigentlich sehr lieb hätten ... »Jetzt ist serviert, Herr Warberg«, ertönte Binses Stimme. Gunnar drehte sich um und ließ die Beine von der Chaiselongue herabsinken. »Nein, wie allerliebst«, sagte er. Sie hatten einen kleinen viereckigen Tisch in die Mitte des Zimmers gestellt und mit einem weißen Tuch bedeckt. Auf dem Tisch standen zwei altmodische Messingleuchter mit brennenden Lichtern, und dazwischen ein Teller, auf dem sich eine Menge strahlender hochroter Krebse häufte. Und da waren Schüsselchen mit Aufschnitt und Käse und Butter, und drei Spiegeleier und Bier und eine ganze Flasche weißen Portweines. »Wo habt ihr nur all die Menge Essen herbekommen?« »Das ist Fräulein Möller«, sagte Benjamin. »Sie ist so fleißig gewesen während deiner Abwesenheit.« Gunnar blickte zu ihr hinüber. Sie saßen jeder an einer Seite des Tisches. »Ich mag das nicht«, sagte er und schüttelte nervös den Kopf. »Ich mag das nicht – das weißt du doch!« »Ja, aber lieber kleiner Schatz, du kannst uns ja ein andermal traktieren, wenn du reich bist.« »Und das Klavier, Benjamin?« »Aber, Herrgott, wollen wir nun nicht lieber essen und all das ein andermal besprechen? Nun soll Gunnar brav sein. Nicht wahr, Vetter?« »Gewiß!« nickte der Vetter. Er saß schon und speiste mit den Augen. Gunnar beugte den Kopf und schwieg. Und dann machten sie sich an das Essen. Zuerst die Krebse mit Pfeffer und Essig. Dann Eier und Fleisch und Käse. Und Bier und Portwein tranken sie. Und dann kam Binse mit Tee. Und »Mette« präsentierte Mürbekuchen, die er in einer großen gelben Tüte vom Bäcker mitgebracht hatte. Er scherzte und lachte in seiner seltsam zimperlichen Weise und saß und erzählte und brachte die beiden anderen soweit, daß sie mitlachten. Er erzählte von seiner Verlobten, der »Prinzessin«, die reich war und ihm von ihrem Nadelgelde kleine Summen zusteckte. Weder Gunnar noch Binse hatten sie jemals gesehen. Er hatte ihnen das Bild einer Dame in mittleren Jahren gezeigt, und als beide meinten, sie sähe ziemlich alt aus, wurde er beleidigt und erklärte, sie sei neunzehn Jahre. wie er ihre Bekanntschaft gemacht und in welcher Stadtgegend sie wohnte, darüber wollte er nichts verraten. Er sagte, daß sie das einzige Kind und daß ihr Vater reich wäre und Diener hielte und »etwas oben im Ministerium« gewesen sei. Ihre Mutter wäre tot, und das Hauswesen würde von einer unverheirateten Tante geleitet. »Der alte Brummbär!« sagte Benjamin, »wenn sie bloß krepierte!« »Wann werden Sie die ›Prinzessin‹ heiraten?« fragte Binse. »Wahrscheinlich niemals!« seufzte Benjamin. »Denn jetzt hat mir der Brummbär geradezu das Haus verboten.« »Dann laufen Sie mit dem Mädel weg!« »Ja«, aber das will sie nicht!« »Dann liebt sie Sie nicht, Benjamin. Ich würde mit Gunnar bis ans Ende der Welt laufen.« Mettes fettes Gesicht strahlte. »Ja, Sie!« sagte er und berührte ihre Schulter leicht mit dem Finger. – »Wenn Sie es noch wären, mit der ich ein Techtelmechtel hätte!« Er neigte den Kopf zur Seite und blickte das Fräulein mit Taubenaugen an. Sie lachte. »Da, hör' nur!« sagte sie, beugte sich über den Tisch und streichelte Gunnar die Wangen. Er blickte zu ihr hinüber. Und jetzt im Schein der Lichter sah er – zum erstenmal heut abend, ihr Gesicht klar und deutlich. Dieses Gesicht, das ihn zuweilen in einer Art von mystischem Schreck erschauern lassen konnte: dieser breite Mund mit den langen blutroten Lippen und den leuchtenden Zähnen (er hätte Jahre seines Lebens dafür gegeben, wenn sie falsch gewesen wären, denn dann wäre er der Stärkere gewesen!). Diese großen stahlgrauen Augen, die vor Begierde leuchten konnten wie die Augen einer Katze. Und dann dieses prachtvolle blauschwarze Haar, das in der ersten sinnberauschenden Zeit ihrer Liebe oder ihres »Verhältnisses« sie mit dem Namen Binse geschmückt hatte, Binse mit dem Rabengefieder. Aber er sah auch die Runzeln um ihre Augen und die tiefe Falte um ihre Mundwinkel. Und ihren Hals, den sie stets mit bis hoch unter Kinn und Nacken hinaufreichenden Bändern und Spitzen zu verdecken suchte. Dieser Hals, dessen Haut braunrot und runzlig war, und der so unbarmherzig ihr Alter verriet. – Aber Gunnar wußte auch, daß ihr Körper im übrigen fein und jung war wie der eines siebzehnjährigen Weibes – – und er schloß die Augen und wandte den Kopf ab, denn er sah ihren siegesgewissen Blick auf sich ruhen. Sie wußte ja, daß sie ihn in unlösbaren Ketten und Banden hielt durch die elastische mystische Jugend ihres Körpers, die ihn immer wieder den »Totenkopf« auf ihren Schultern vergessen ließ. Sie stand auf und blies die Lichter auf dem Tisch aus. »Nun will ich euch vorspielen«, sagte sie und ging um das Klavier herum. »Leg' du dich auf die Chaiselongue, Gunnar, dann wollen wir es haben wie in alten, alten Tagen dort oben in der Mansarde.« Aber Gunnar zögerte. Begann sie erst zu spielen, so war all seine mühselig zusammenkonstruierte Widerstandskraft gebrochen, all die Versprechungen, die er sich selbst da draußen auf dem Lande gegeben hatte, all die Eide, die er geschworen hatte – sie waren aufgehoben und geschwunden, und er war wieder ihre wehrlose Beute. – – Und doch liebte er ihre Musik, liebte es, dort auf der Decke zu liegen, zu einem Klumpen zusammengerollt, die Knie unter das Kinn hochgezogen und die Augen geschlossen, und alles um sich her zu vergessen, zu vergessen, daß er lebte, ein Wesen war, das arbeitete, aß, schlief und litt. Er lauschte und lauschte nur und ließ sich von der Musik umbrausen wie von einem Meer von Tönen. Benjamin hatte sich erhoben und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ja, leg' du dich auf die Chaiselongue hin«, sagte er. »Dann setze ich mich hier auf das Sofa und Binse spielt, daß alle Sorgen und alte Tanten sich zum Teufel scheren.« Aber Gunnar zögerte noch. Da ging das Fräulein wieder vom Klavier fort und kam zu ihm: »Will der Kleine zu Bett getragen werden?« fragte sie und strich ihm milde über das Haar mit ihrer großen weißen Hand. Und ihr Gesicht war jetzt in dem gedämpften Lampenschimmer jung und rund wie ihr holder Körper. »Helfen Sie mir, Vetter«, sagte sie. »Laßt mich zufrieden«, zankte Gunnar. Aber sie hoben ihn lachend vom Stuhl auf und legten ihn behutsam auf die Chaiselongue. Und er leistete keinen Widerstand, er lächelte nur und ließ sie mit ihm machen was sie wollten. Und dann setzte sich Binse und spielte: gedämpft und weich und tändelnd-mild, wie eine Mutter, die ihr Kind zur Ruhe bringt. Und Gunnars Augen schlossen sich, und seine Gedanken wurden milde und gut wie die Töne der Saiten. Er dachte, er täte ihr doch wohl unrecht. Er war es ja, und er allein, der all dieses qualvolle Mißtrauen, all diese aufreibenden Kämpfe und dieses Auf-Posten-ziehen und Auf-der-Lauer-liegen in ihr Verhältnis hineingebracht hatte. Er bereute die bösen Briefe, die er geschrieben, während sie hier drinnen allein herumgegangen war und sich nach ihm gesehnt und gespart hatte, um ihm eine Freude bereiten zu können, wenn er heimkehrte. Sie war mild und gut und liebevoll gegen ihn; und er wußte doch, daß sie daheim von Mutter und Schwester böse Worte zu hören bekam seinetwegen. Es war stets das Weib, das sich den tausend Unannehmlichkeiten aussetzte, die ein Verhältnis wie das ihre mit sich brachte. Und nun wollte er, von heute an wollte er versuchen, seine Launen zu zügeln und zu ihr sein wie sie zu ihm war: mild, liebevoll und gut! Denn schließlich hatte er sie ja doch lieb! All dies dachte er, während er lag und die Musik ihn umtönte, gedämpft und weich, wie das Sausen stiller Wälder. Und es erschien ihm reizend, was er dachte und was er hörte. Und er fühlte einen weichen schwellenden Frieden seine Seele erfüllen ... Und auch das erschien ihm reizend. Aber da erhob sie sich plötzlich, Binse mit dem Rabengefieder, und blies die Lampe aus, die auf dem Klavier stand. Und es war ihm, als höre er flüsternde Stimmen und schleichende Schritte, und eine Tür, die leise geöffnet und geschlossen wurde. »Nun sind wir allein, Gunnar«, hörte er dicht an seinem Ohr flüstern. Und in dem dunklen Zimmer, in das nur der Schimmer einer Laterne draußen auf der Landstraße vor dem Hause wie eine glühende Kohle hinter den roten Verandagardinen hineinleuchtete, sank sie an seiner Seite nieder und preßte ihre heißen, begehrlichen Lippen auf seinen Mund. Und er umschlang sie mit seinen Armen, preßte sie an sich. Und in seinem geheimsten Innern, tief unten in dem verborgensten Verschlage seiner Seele, sprang eine Klappe auf, und ein kleiner grinsender Teufel mit schräg geneigtem Kopf steckte den Oberkörper hervor, zuckte die Achseln, schwenkte die Hände und sagte: »Geschehe was da wolle!«   Draußen strahlte die Sonne, und der Himmel war blau. Aber die Wagen und der Wind, dieser ewig junge, lebenskräftige dänische Wind, füllten die Lungen mit einem trockenen grauen Staubnebel, der herniedersank und sich wie ein Büßermantel auf die ganze Umgebung legte: auf die Bäume, Pflanzen und Menschen und die Bretterzäune und die Fassaden der Häuser und die unschuldigen Tiere. Gunnar bog aus der Villenstraße, in der er wohnte, in eine andere ein, die eine Steinbrücke und Straßen- und Bürgersteige mit breiten Fliesen hatte. »Wahrhaftig, da geht der Verbrecher!« hörte er plötzlich eine Männerstimme rufen. Er blickte auf: Es war der Maler Hans Malling mit seiner Frau, der drüben auf der anderen Seite der Straße stand. »Was, Teufel, wo kommst du her?« fragte Malling. »Sind die Ferien schon zu Ende?« »Ja, übermorgen beginnt die Schule.« »Er sieht gut aus, Marie, was? Braun wie eine Schokoladenstange! Aber wo ist das Fett, das du dir auf die Nieren legen solltest, alter Freund?« »Das liegt im Koffer. Ich habe es noch nicht ausgepackt.« »Dann solltest du es, weiß Gott, tun, denn jetzt wirst du es brauchen können, mein Junge!« »So–o?« »Ja! Wenn du ins Zuchthaus kommst!« »Ach, Unsinn, Hans!« sagte die Frau und schlug ihren Mann auf den Arm. »Gewiß kommt er ins Zuchthaus, soweit ich die dänische Sittlichkeit kenne.« »Was faselst du da eigentlich von einem Zuchthause?« fragte Gunnar. »Das Waisenhaus, Lieber! Das Waisen-, Zucht-, Arbeits- und Korrektionshaus! was? Was sagst du dazu? Gratisbouletten auf Staatskosten! Na, du tust vielleicht so, als ob du deine eigene Schande nicht kennst?« fuhr Malling fort, da Gunnar ihn immer noch verständnislos anstarrte, »weißt du denn nicht, du Slavophile, wovon alle gebildeten Menschen hier sprechen? ... Einzelne betrübt, der Pluralis aber mit Freude? ... Wann bist du angekommen?« »Gestern abend ...« »Gestern abend ist er angekommen, Marie, und er weiß noch nichts! ... Darf ich fragen: Heißen Sie am Ende nicht Gunnar Warberg?« »Ach, Hans ...« begann die Frau. »Stille, du Bachstelze, wenn die Lerche singt! Heißen Sie am Ende nicht Gunnar Johannes Warberg?« »Doch«, lächelte Gunnar. »Lassen Sie ihn nur ausreden, gnädige Frau.« »Und Sie schreiben zuweilen geniale Novellen in dem Schmutzblatt »Der Kopenhagener«?« »Zuweilen, ja.« »Aber zuweilen auch unzüchtige?« »Nie!« »Gut«, nickte der Maler. »Du lügst also auch! Aber nun sagt man indessen, daß Ihre letzte geniale Unzüchtigkeit oder unzüchtige Genialität die ältere Schamhaftigkeit an höchster Stelle verletzt hat ... Sie sollen ins Loch, mein Lieber! Vielleicht ein bißchen Wasser und Brot, Vielleicht teilweise Köpfung!« »Ach, Unsinn!« sagte Warberg. »Meine letzte Geschichte ist ja das Moralischste, was ich bisher geschrieben habe!« »Es gibt mehrere Arten von Moral, Herr Literat Warberg. Fragen Sie nur meine bessere Hälfte!« »Ja–a, Warberg«, sagte die Frau zögernd. »Mir gefällt die Novelle auch nicht: Sie war freilich gut geschrieben und wahr genug, aber ...« »Du hast ihre jungfräuliche Schamhaftigkeit verletzt, Gunnar. Bedenke, sie ist erst sieben Jahre verheiratet!« »Ach, Unsinn, Hans! Du weißt sehr wohl ...« »Ich schreibe nicht für Frauenzimmer«, sagte Warberg. »Ich schreibe für erwachsene Männer.« »Kannst du darauf herausgeben, Marie?« fragte Malling und kniff ein Auge zusammen. »Dann gib es ihm ordentlich!« »Aber Sie wissen doch nicht, wer Ihre Sachen zu lesen kriegt!« fuhr die Frau eifrig fort. »Besonders wenn sie in einer Tageszeitung gedruckt sind, die jedes Kind ...« » ... sich für fünf Öre kaufen kann!« vollendete Gunnar. »Verzeihen sie, gnädige Frau, aber ich kenne das alte Lied! Es kommt aus der richtigen alten, massiven Kohlfabrik! ... Aber wollen Sie dann nicht zunächst einen Artikel in der ›Berlingske Tidende‹ veröffentlichen, daß der Staat seine öffentlichen Häuser in der Färbergade schließt! Wer die duldet, der soll mir nicht Ehre, Leben und Hab und Gut aberkennen!« »Ach ja, liebe Gattin«, seufzte Malling, »sage ich das nicht immer: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! ... Weißt du, was sie gestern zu mir sagte, Gunnar? Sie sagte, ich wäre ihr nicht genug! Begreifst du die Tiefe? Nicht genug!« »Aber, Hans!« rief die junge Frau. »Nun gehst du doch zu weit!« »Ja, er ist schrecklich«, lachte Gunnar. »Ihn sollte man viel eher ins Gefängnis stecken.« »Wollen wir gehen?« fragte der Maler, »Wo willst du hin, Gunnar?« »Ach bloß einen Happen Gras will ich mir holen.« »Das wollen Marie und ich auch, wollen wir zusammengehen? Oder brütest du vielleicht über einer neuen Unzüchtigkeit, acht Pfennig die Zeile?« »Ja«, sagte Warberg. »Aber in einer Gesellschaft kann ich gewiß ausgezeichnete Ideen bekommen.« »Gut! ... Rechts ... Nein, es ist ja wahr .. linksum! ... Marsch!« Und sie wanderten davon, Frau Malling in ihre Mitte nehmend, ein paar kleine Gäßchen und sich kreuzende Straßen nach Frederiksborg hinaus. Sie sprachen über Warbergs Novelle. Der Maler erzählte, daß in dem allersteifsten konservativen Blatt eine Aufforderung an »die zuständige Stelle« (mit gotischen Typen natürlich) gestanden habe, den Schweinereien im »Kopenhagener« ein Ende zu machen. »Und du kannst Gift darauf nehmen, lieber Freund«, schloß er, »daß dies keine Stimme in der Wüste sein wird. Es gibt allzuviel Dunkelmänner, denen es in den Fingern kribbelt vor Sehnsucht danach, dem Teufel einen Pfahl in den Leib zu rennen.« »Na, jaja, man muß sich eben den Schickungen des Lebens beugen!« meinte Gunnar. »Alles ist ja interessant, wenn man es richtig betrachtet.« »Ja, aber Warberg, das wäre doch schrecklich, wenn Sie ins Gefängnis kämen«, sagte Frau Malling betrübt. »Sie verlieren ja Ihre bürgerliche Ehre!« »Hoho, die ist schon lange flöten!« brummte der Maler. »Na, na, gnädige Frau«, tröstete Gunnar. »Ich habe weder Mord noch Diebstahl oder Falschmünzerei begangen.« »Das Ganze ist doch eigentlich merkwürdig«, sagte der Maler, »denn Holberg, der ist doch jetzt äußerst fein; und der sagt doch so manches.« »Ja, und Rabelais wird mit staatlicher Unterstützung übersetzt.« »Und Boccaccio, du!« »Und Villons ›Neues Testament‹«, fügte Frau Malling hinzu. »Von dem großen Testament der Bibel ganz zu schweigen!« sagte Gunnar. »Ach, Gott ja«, nickte Mailing, »paß auf, alter Junge, in ein paar hundert Jahren stehst du im Schullesebuch, und die Konfirmanden werden in der Kirche in dir ›überhört‹ ... Es heißt bloß aushalten!« »Ja, an mir soll's nicht fehlen.« Man war inzwischen schräg über die Frederiksborg-Allee durch den Plantanenweg und quer über die Vesterbrogade gegangen und schritt nun in Rabbeks Allee auf Söndermarken zu. »Selig sind die Unmündigen im Geiste«, sagte Malling und deutete auf das rote Gebäude der Idiotenanstalt. »Ach, so etwas mußt du nicht sagen, Hans. Du glaubst ja nicht, was du redest!« »Halt den Schnabel, ich diskutiere nicht mit Frauenzimmern.« »Ganz unglaublich groß wirst du immer, Hänschen, wenn du mit Warberg zusammen bist«, sagte Frau Malling und kniff ihren Mann in den Arm. »Ich werde keineswegs größer als gewöhnlich, teure Gattin«, entgegnete der Maler. »Aber ich fasse unwillkürlich etwas mehr Mut, denn mein Freund dort verachtet die Frauen ebenso wie ich.« »Ja, du bist eine herrliche Größe«, lachte sie und streichelte ihm die Wangen. Der Maler errötete wie ein ganz junger Student. »Weiche von mir«, sagte er, »du zärtliche Fahnenstange!« »Sehen Sie, wie rot er wird, Warberg?« Gunnar nickte lächelnd. »Ach, Quatsch!« murmelte Mailing und wandte das Gesicht fort. »Das tut er immer, wenn ich ihn liebkose«, lachte Frau Malling und sah ihren Mann verliebt an. »Für dich werde ich rot«, brummte er. »Du mußt dich doch schämen, daß du deine ... deine ... Triebe nicht einmal auf offener Straße beherrschen kannst!« Gunnar dachte mit einem Seufzer an sein Verhältnis zu Binse und beneidete diese beiden Menschen, die sich verstanden, so zufrieden und so verliebt ineinander waren – nach siebenjähriger Ehe! Man hatte nun das Winkelchen zwischen den neuen Carlsbergschen Gebäuden und dem alten Bakkegaard passiert und bewegte sich nun auf dem Asphalttrottoir der Langgade von Valby. »Wollen wir nach meinen Schüsseln in der Brennerei sehen?« sagte der Maler. »Oho!« sagte Gunnar. »Na, wir können's ja ebensogut lassen.« »Nein, natürlich gehen wir hinaus, hast du zurzeit viel Schüsseln draußen?« »So drei, vier Stück.« »Die sind doch nicht für den Verkauf bestimmt.« »I Gott bewahre! Ich werfe doch keine Perlen vor die Säue!« »Nana, sei nur wieder gut!« »Hier geht's lang!« kommandierte der Maler und schwenkte in eine von großen reichbelaubten Ulmen beschattete Querstraße ein. Am Ende des Weges hatte man die Aussicht über den alten Eisenbahnwall bis zum Kalvebodstrand und das Amagerland mit seinen Kirchen, Häusern und Giebeln. »Kannst du das Palais sehen?« fragte Malling und deutete mit seinem Stock auf das Gefängnis van Kristianshavn, dessen gelbgraue Steinmassen sich über die umliegenden Gebäude erhoben. »Ich sehe es«, sagte Gunnar. »Und meine Seele sehnt sich nach dem stillen Klosterfrieden.« »Gott, wie ihr Männer faseln könnt«, lachte Frau Malling. »Und dann behauptet ihr immer noch, wir müßten mit dem Maulkorb gehen.« Sie durchschnitten eine Menge kurzer ungepflasterter Wege und Gäßchen, wo kleine einfache Villen und Bauernhöfe zwischen Gärten und Feldern lagen. »Hier kann man doch Luft schöpfen, Mailing.« »Es ist der einzige Flecken auf der Welt, wo man das kann!« bestätigte der Maler. Dann blieb er stehen und deutete auf ein Gebäude: »Sieh, das liebe ich«, sagte er. »Und will's Gott, werden Marie und ich in einer solchen Hütte sterben!« Es war eine kleine strohgedeckte Villa mit weißgetünchten Fachwerkmauern: ein hoher Keller und ein niedriges Parterre. Unter dem Dach waren beide Giebel mit je einem rundbogigen Fenster in eiserner Einfassung mit vielen Sprossen und kleinwinzigen länglichen Scheiben geschmückt. Und zu der Haustür im östlichen Giebel führte eine alte verfallene Holztreppe, deren eisernes Geländer Verzierungen von Blättern, Arabesken, Schlangenköpfen und Weintrauben in getriebener Arbeit aufwies. Das mittelste Parterrefenster bestand in einem grüngestrichenen achteckigen Erker mit spitz zulaufendem Schindeldach und dicken Scheiben. Und die dicken klobigen Eichenpfosten hinter der Übertünchung der Wände hatten in den Ecken nachgegeben und standen von der Wand ab, einander zugeneigt, schlenkrig und lose in den Knien, wie die Leine einer Schar älterer Kavaliere, die an einem Samstagabend vom Klub heimwärts stiefeln. Das Haus konnte wohl zu Anfang dieses oder Ende des vorigen Jahrhunderts erbaut sein. »Ist es nicht herrlich?« fragte Mailing. »Ist's nicht kolossal? Wahnsinnig?« »Freilich«, nickte Gunnar, »es ist brillant!« Der Maler hob seine geballte Faust zum Himmel empor: »Und müßten nun nicht alle Bauidioten und Kasernenentrepreneure bei lebendigem Leibe geröstet werden, daß sie wie brüllende Löwen umhergehen und uns alle diese Häuser verschlingen?« schäumte er. Seine Frau schüttelte den Kopf und lachte. Und Gunnar sagte: »Ich bewundere dein heiliges Feuer, Ove Malling! Es wird schon zu großen und guten Taten führen.« »Ihr zwei Stockfische!« brummte der Maler, machte kehrt und lief mit langen beleidigten Schritten den anderen voran. Als er den Torweg der Fabrik erreicht hatte, blieb er stehen und wandte sich um: »Kommt jetzt, Ihr beiden Wassersuppen!« rief er. Aber als alle drei eben in den Torweg einbiegen wollten, kam ein rundlicher Mann schräg über den Weg, ihnen entgegen. Es war Vetter Benjamin. »Bist du hier, Gunnar? Das ist gut! Denn ich möchte gern mit dir sprechen.« Er stand da, bleich und verstört, mit Hosen, die nur bis zu den Knöcheln reichten und ungebürsteten Schuhen. »Gehören die zu dir?« fragte er mit einem unsicheren Blick auf den Maler. »Ja.« »Ja aber ... ja aber ... du mußt mit mir kommen ... ich muß mit dir sprechen.« »Was ist denn los?« »Ach, es ist entsetzlich! Es gilt mein Leben!« »I, Gott soll mich bewahren!« »Du mußt mitkommen!« Gunnar wandte sich zu Mallings. »Entschuldigt«, sagte er. »Ich kann nicht weiter mitgehen. Aber wir können uns hier in Söndermarken treffen, wenn ihr fertig seid. Gleich am Eingang bei der ersten Bank ... Abgemacht?« Malling nickte. »Und wenn ich nicht da sein sollte, so geht ruhig. Ihr braucht nicht auf mich zu warten.« Malling nickte wieder. »Was ist das für ein Eunuch?« fragte er dann. »Mein Vetter.« »Er – ›Mette‹?« »Ja aber, den muß ich mal zu fassen kriegen«, sagte er eifrig. »Nein, nein, nicht jetzt.« »Du hast es mir doch versprochen.« »Gewiß, gewiß, aber nicht jetzt!« »Hat er jemand umgebracht?« »Nee, so schlimm ist es wohl nicht!« »Ja, denn er sieht wirklich völlig metaphysisch aus!« »Dann kommt ihr also herüber nach Sondermarken?« »Jawohl.« Und Gunnar eilte seinem Vetter nach, der um die Ecke der Fabrik gelaufen und verschwunden war.   »Könnte ich noch mit irgend etwas dienen?« Der Wirt stand balancierend da, die rechte Hand auf die Tischplatte gestützt und die linke liebenswürdig-deliristisch schwenkend. Eines seiner Beine war zu kurz und überdies lahm. »Könnte ich noch mit irgend etwas dienen, mein Herr?« »Nein, danke.« »Zeitungen? ... Illustrierte Blätter?« »Nein, danke.« »Soll ich Gas anstecken?« »Nein.« »Pardon, Mille Pardon! Es ist so lange her, seit mir die Ehre gehabt haben, Monsieur Warberg zu sehen ... tje, tje!« »Ja ... ich bin in Sibirien gewesen.« »Jo, so ... sehr lange Reise! ... Tje, tje! ... Herr Warberg machen Späß' mit einem armen Konditor?« »Keineswegs, Herr Federschlag, wollen Sie Lauritz bitten, mir einen Absinth zu bringen.« »Aber gern!« Und Herr Federschlag drehte sich auf seinem gesunden Bein wie auf einem Zapfen herum und hinkte hinter dem Tisch in das anstoßende Lokal. Drinnen war das Gas angezündet, und sein gichtbrüchiger Schatten hüpfte über den Fußboden in der Lichtung zwischen den Portieren, wurde lang und dünn, wälzte sich über den weißen Marmortisch, der mitten im Zimmer stand – und schien durch die Spiegelglasscheibe an der Front der Querstraße zu verschwinden. Gunnar saß auf einem Ecksofa in dem letzten Zimmer des Cafés und lehnte den Kopf gegen das hohe, die Lokale trennende Paneel. Er saß und brütete über einer Novelle. Er »empfing« am besten, wenn er von Leben und Emsigkeit und Menschen umgeben war. Es war, als ob dadurch die Gedanken in seinem Gehirn geradezu hervorgestoßen würden. – Das heißt, es mußten Leben und Emsigkeit und Menschen sein, von denen er keine Notiz zu nehmen brauchte. Denn saß er daheim und arbeitete, so konnte der leiseste Laut im Hause, der bloße Umstand, daß jemand draußen auf der Straße vorbeiging, ihn vor Nervosität zusammenzucken machen: »Jetzt kommen sie herein und stören dich!« Und der Schweiß trat ihm vor Angst auf die Stirn. So war er nun einmal beschaffen. Es hatte keinen Zweck, sich dagegen auflehnen zu wollen. Er hatte sich bloß vor »den Gesetzen seines Wesens« zu beugen, wenn er etwas ausrichten wollte. »Wünschen Herr Warberg, daß ich das Gas anstecke?« »Nein, danke, Lauritz, aber wollen Sie »mixen«? Der Junge stellte sich in das Licht zwischen den Portieren und mixte. Es klang wie das Rieseln einer stillen Quelle, als das Wasser aus der Karaffe in das Absinthglas lief. Aber er hielt beides auch möglichst weit voneinander entfernt, um seine Gewandtheit zu akzentuieren. »Bitte schön!« sagte er und stellte das Glas mit einer eleganten Schwenkung des Oberkörpers auf den Tisch. »Danke, mein Sohn.« Lauritz blieb stehen und zupfte verlegen an seiner Uhrkette. Gunnar nahm einen Schluck Absinth. »Hast du was auf dem Herzen, Kleiner?« fragte er dann. »Ich soll zum ersten November weg«, flüsterte der Knabe eilig und schielte zu dem Tisch hinüber, an dem der Wirt balancierte. »Was sollen Sie?« »Und warum?« »Die alten Herren sagen, ich machte zu viel Lärm.« »Was sind das für »alte Herren«?« »Der »Elefant« und die anderen.« »Dann können die alten Kerle ja weggehen ... in den Zoologischen Garten.« »Hier sind auch ... so viele ... die gerne möchten, daß ich bleibe!!« »Ja, natürlich müssen Sie bleiben!« »Ja aber ... ich glaube nicht, daß der Herr Federschlag ... er hat mir schon gekündigt ...« »Der ... der Tirolerferdinand!« murmelte Gunnar. Lauritz lächelte unter Tränen. »Hä ... ja ...« »Ich werde schon mit ihm reden, mein Sohn.« »Ja, wenn Herr Warberg wollte ... und die anderen vom Blatt drüben ...« »Wir werden Ihnen schon helfen, Lauritz. Wir stecken den Elefanten in den Zoologischen Garten und Napoleon und Caprivi ins Panoptikum.« »Da ist er!« flüsterte der Knabe erschreckt. Er hatte in das vorderste Zimmer hinausgelugt, wo die Glastüren auf und zu klirrten. »Wer?« »Der Elefant!« »Ein Kaffee! Vormittagstasse!« ertönte die Stimme des Wirtes draußen am Büfett. »Ein Kaffee! Vormittagstasse!« rief der Oberkellner durch die zur Küche führenden Klappe in der Wand. »Ein Kaffee!« echote eine Frauenstimme von draußen her. Man hörte schwere schleppende Schritte und einen brummenden Gruß. Und der »Elefant« schritt in den Raum hinein, in dem Gunnar bis jetzt allein gesessen hatte. Hier hielten sich besonders die Stammgäste auf. Lauritz war dem Ankommenden beim Ablegen des Überrocks behilflich und hing diesen und den Hut, einen ungeheuren Hut, auf einen Riegel. »Hier ist es dunkel«, brummte der »Elefant« und setzte sich auf das Sofa an der Wand, Gunnar gegenüber. »Ich zünde gleich an.« Lauritz strich ein Schwefelholz ab und steckte die Flamme über dem Kopf des Gastes an. »Sind die Abendzeitungen schon da?« »Nein.« »Geben Sie mir die illustrierten Zeitungen und den ›Kopenhagener‹.« »Sehr gern.« Warberg hatte zurückgelehnt mit halb geschlossenen Augen gesessen und die beiden drüben unter der weißen Gaskuppel betrachtet: der Elefant groß, dick und hochfahrend, mit gewaltigen Gliedern, Händen und Füßen. Kahlköpfig und mit kleinen mürrischen Augen ohne Brauen. Ein breiter, hängender Mund, und eine Nase, lang und beweglich wie ein Schnabel. – Und Lauritz: fein, schlank, rotwangig und jugendlich mit blondem, lockigem Haar, einen Schelm in jedem Auge und ein ewiges halbunterdrücktes Lächeln in den Mundwinkeln. Diese beiden Gegensätze mußten zusammenprallen, wie das gelbe neidische herrschsüchtige Alter stets mit der rotwangigen, lachlustigen, spottsüchtigen Jugend zusammenprallen muß! Mein Gott, daß das Resultat nicht von vornherein gegeben war! Daß Lauritz diesen alten Tapir nicht vergnügt beim Schnabel nehmen, aus dem Café ziehen und die Tür ordentlich hinter ihm zuschließen konnte. »Ich hoffe, der Herr werden zur Zufriedenheit bedient?« Der Tirolerferdinand war dazugekommen und stampfte und wackelte von der Spitze seines lebenstüchtigen Beines aus und machte galante Schwimmbewegungen vor dem Elefanten, der ihn zu goutieren schien. Gunnar nippte an seinem Absinth, schloß die Augen und überließ sich seiner Novelle. Es war eine Art Warnung, die er formen wollte. Ein Rat an Väter und Mütter: Er fand es unrichtig, ja geradezu gefährlich, daß man oft die Knaben der Fürsorge der Dienstmädchen überließ: sie kleideten die Kinder aus und an, wuschen und badeten sie und brachten sie zu Bett. Er wollte in der Novelle berichten, was er selbst erlebt hatte: Ein Kindermädchen, ein gottesfürchtiger, missionsfreundlicher und treuer alter Dienstbote, saß des Abends an seinem Bett und lehrte ihn Psalmen singen und das Vaterunser beten. Seine Hände lagen gefaltet auf der Decke, und er und das Mädchen sangen und beteten laut und deutlich. Aber ihre Hände waren unter der Decke, wo sie seinen Körper liebkosten, bis Gunnar zitternd und fieberheiß die Arme um ihren Hals schlang und sie in die Wange biß. Da erhob sie sich, küßte ihn heftig und sagte: »Na, na, na, Gunnarchen, leg' dich jetzt hübsch hin und schlaf' in Jesu gesegnetem Namen.« Das wollte er erzählen. Ein ähnliches Thema hatte er in der Novelle behandelt, wegen deren, wie es hieß, Anklage gegen ihn erhoben werden sollte. Aber er wollte nicht nachgeben, und wenn er hundertmal »angeklagt« würde! Du lieber Gott, er hatte ja doch kein Verbrechen begangen! Er warnte doch nur und berichtete über das, was andere an ihm verbrochen hatten! – und an so vielen! Der und der und der hatten ihm ähnliche Geschichten aus ihrer Kindheit anvertraut! Und alle litten sie noch heutigen Tages in größerem oder geringerem Maße unter den Folgen der lüsternen Liebkosungen liederlicher Dienstmädchen, Lehrerinnen und ältlicher Tanten! ... Er wollte diesen schicksalsschwangeren Irrtum aufdecken, dieses wahnsinnige »Dogma«, an das die Menschen glaubten wie an so vieles andere: daß die Frauen weniger sinnlich seien als die Männer. (Er leerte sein Absinthglas.) Weiß Gott, das waren sie nicht! Sie fürchteten nur die »Folgen«! Und kraft dieser fixen Idee von der »Reinheit« des Weibes vertrauen naive Eltern ihre zehn- bis zwölfjährigen Knaben den Klauen des ersten besten dieser Vampire an! ... herrlich ... sublim genial! Beinahe Sünde, dagegen zu Feld zu ziehen! ... »Lauritz, mehr Absinth!« Er richtete sich mit einem Ruck auf, schüttelte den Kopf und öffnete die Augen: »Wieder ein mißglückter Versuch!« murmelte er. »Andere behaupten, der Absinth wirke beruhigend, weich, lieblich wie der Gesang der Vögel und der Duft der Anemonen! ... Aber ich werde immer rein wahnsinnig davon! ... Herrgott, wozu will ich nun auch solche Sachen schreiben! ... Idyllen über Mondschein und Bächlein und platonische Liebe ... das geht auf dem Markt! Mundus vult decipi ! Ergo wollen sie Milchsuppe und Eierkuchen haben?« Aber dann schlug er mit der flachen Hand auf das Sofa, daß die Sprungfedern klangen und Staubwolken aus dem Bezug in die Höhe stiegen: »Ich gebe, Dunnerkiel! nicht nach«, sagte er dann. »Denn ich habe recht! ... Lauritz, eine ... eine Tasse Kaffee!« Die verschiedenen Abteilungen des Cafés hatten sich nun mit Publikum angefüllt. Meist junge Leute: Studenten, Maler und »Schriftstellerjournalisten« mit ihren Damen. Die Glastüren rasselten unaufhörlich auf und zu; es war gegen sieben Uhr. Das Gas war überall angezündet worden. Und das Klirren des Porzellans, das Stimmengesurr, das Gelächter, das Scharren von Füßen und Stuhlbeinen, der Galopp der Kellner und das Rufen nach Essen und Trinken, das Läuten der Tischglocken und das Rascheln der Zeitungsblätter, wenn sie umgewendet wurden – all dies ergötzte Gunnars Augen und Ohren, gerade weil er so still und unbeachtet in seiner Ecke saß. Es kam ihm vor, als sei das Ganze seinetwegen in Szene gesetzt. Er sah sich um. Der Elefant saß noch auf dem Sofa gegenüber. Sein kahler Kopf war auf seine Brust herabgesunken. Die kleinen rotgeäderten Augenlider waren geschlossen. Er atmete mit einem pfeifenden Laut durch den hängenden Schnabel, der fast sein Kinn berührte. – Daß ein solcher Moloch das Zukunftsglück meines Freundes Lauritz verschlingen soll, dachte Warberg! – Aber daraus soll auch nichts werden! Er wandte sich von seinem vis-à-vis ab; fühlte aber zugleich eine aufreizende Lust, hinüberzugehen und ihn irgendwo ins Gesicht zu knipsen. Unter der Gaskrone an dem Tisch in der Mitte des Lokals saß ein kleiner Mann mit einem langen, bleichen »frischgewaschenen« Gesicht und einer krummen Nase. Seine Stirne war hoch und das dünne rotbraune Haar aus dem Nacken und den Schläfen zierlich herübergestrichen. Keine Spur von Hinterkopf. Leuchtende weiße Wäsche und eine in zwei Zipfel endende crèmefarbene Krawatte mit dunkelroten Punkten und einer Diamantnadel. Kleine Füße. Krumme Beine in strammen grauen Hosen. Kurzschößige schwarze Jacke, dicke goldene Kette auf weißer Weste. Mächtiger Siegelring, auf dem Mittelfinger. Und ein fehlender Eckzahn. Es war Moritz P. Benjamin, Reisender für ein Hamburger Haus. Warberg hatte ihn hier oben bei dem »Schweizer« ein paarmal gesehen. Und Carl, der Oberkellner, hatte ihm flüsternd den Namen des Phänomens anvertraut. Er saß im Augenblick mit einer Tasse Kaffee vor sich auf dem Tisch und rührte steif und stramm den Zucker um. »Lauritz!« rief Gunnar. »Ach geben Sie mir eine Tasse Kaffee!« »Ein Kaffee!« brüllte der Knabe. »Ein Kaffee! ... Kaffee! ... Kaffee!« antworteten die Echos. Moritz P. Benjamin winkte majestätisch mit seiner weißen Hand mit dem Siegelring. Lauritz hüpfte auf ihn zu, indem er gleichzeitig Gunnar seinen schelmischen Blick sandte. Lauritz war »literarisch« und bediente nicht gern profane Gäste. »Dürfte ich Sie um Sahne ersuchen?« bat Herr Benjamin höflich. Lauritz stürzte nach Sahne in einen der anderen Räume. Warberg nahm eine Zigarre aus der Tasche, schnitt sich die Spitze ab und steckte sie an. Nun kam der Bursche, in der einen Hand den Kaffee, in der anderen die große gemeinsame Sahnenkanne (eine Spezialität des »Schweizers«) balancierend. Er bediente zuerst Gunnar und stellte dann die Sahnenkanne zu Herrn Moritz hinüber. »Danke ... Und darf ich Sie dann um das ›Berliner Tageblatt‹ ersuchen?« Lauritz verbeugte sich, blinkte Warberg wieder zu und verschwand. Herr Moritz rührte ernsthaft wie ein Pascha in seiner Tasse und wartete. Dann nahm er einen ungeheuren Schluck Kaffee und schielte gleichzeitig über die Tasse zu Gunnar hin, der in der Sofaecke lehnte und an seiner Zigarre dampfte. Es kam kein Lauritz. Gunnar lächelte hinter der Zigarre. »Bekomme ich nun nicht bald das ›Berliner Tageblatt‹!« ertönte es plötzlich aus dem Munde des Hamburgers, und sein bleiches Gesicht wurde rot. Aus dem Büfettzimmer erklang ein Laut, der einem unterdrückten Kichern glich. Aber es kam immer noch kein Lauritz. Ein paar Journalisten vom »Kopenhagener« traten ein, grüßten Warberg höflich-reserviert und nahmen an einem Tisch am Fenster Platz. Der Elefant erwachte, gähnte, rieb sich die Augen und stieß prustende Laute aus. Und plötzlich fuhr Herr Moritz P. Benjamin mit einem Ruck von seinem Stuhl auf. Er war nun päonienrot und seine Hände zitterten. Er goß den Rest des Kaffees auf einmal hinunter und sagte rasend, zum Gott seiner Väter oder zur ganzen Menschheit gewandt: »Na, es ist also in einem so erbärmlichen Café unmöglich, das ›Berliner Tageblatt‹ zu kriegen.« Und der Teufel entführte ihn, weg, fort in die freie Natur ... Oder in ein anderes Wirtshaus. Gunnar lachte und schüttelte den Kopf. »Ach, weshalb vergeuden die Menschen ihr Pulver an Fliegen und Mücken!« Darauf nahm er sein Taschenbuch hervor und begann die Szenerie zu seiner Novelle niederzuschreiben: Er dachte sich in seine Kindheit zurück, draußen auf dem holländischen Hofe mit den weißgetünchten Scheunen und den schwarzen alten, moosbewachsenen Strohdächern. Er sah das Kinderzimmer vor sich, wie er es damals gesehen hatte: groß, geräumig und hoch. Aus dem Schlafzimmer der Eltern führte eine Tür hinein. Links führte eine andere Tür zur »Rumpelkammer«, mit dem Fliederbusch vor dem Fenster (wie die Spatzen doch morgens zwitschern konnten!) und mit dem großen roten Wäscheschrank, in dem Tischtücher und Servietten und Bettlaken weiß und schmuck in hohen Stößen lagen. Und rechts führte dann eine Tür in das grüne Fremdenzimmer, wo Großmutter gestorben war und wo es spukte. Und wo ein richtiger Waschtisch mit Marmorplatte stand ... Und ein Kanonenkachelofen mit Heimdal, der auf dem Regenbogen stand und das Gjallerhorn blies! ... Drinnen im Kinderzimmer war kein Kachelofen und kein Waschtisch, da stand nur ein Nachttisch mit weißen Vorhängen. Und lange weiße Schirtinggardinen mit roten Borten hingen vor den Fenstern ... Und er sah deutlich die Betten: »eichengestrichene« Fichtenholzbetten mit Leisten an den Seiten und großen gedrechselten Knöpfen an Kopf- und Fußenden, die die Kinder abnehmen und mit denen sie Kreisel spielen konnten ... Er lag im Bett in der Ecke zwischen dem Fenster und der Tür des Fremdenzimmers. Seine beiden jüngeren Brüder schliefen in den Betten, die nebeneinander an der Wand der Rumpelkammer standen ... Auf dem Nachttisch brannte die kleine blaue Lampe mit einer Flamme, nicht größer als ein reichlich geratener Stern. Das Geplauder ging von Bett zu Bett; und man bombardierte einander mit Kopfkissen, Decken, Hosen und Schuhen ... Dann wurde die Tür zur »kleinen Kinderstube« geöffnet, die auf der anderen Seite des Schlafzimmers der Eltern lag, und die Knaben krochen unter die Decke: »Da ist Sophie!« ... Und das alte treue fromme Mädchen kam auf ihren ausgetretenen Latschen groß und breit in das halbdunkle Zimmer: »Na, seid ihr zu Bett!« ... Und sie pusselte eine Weile im Zimmer herum, legte die Sachen auf den Stuhl, den jeder einzelne vor seinem Bett stehen hatte, ordnete alles: Jacke, Weste und Hosen und ganz obenauf die Unterbeinkleider und Strümpfe. Die beiden Kleinen ließ sie das Abendgebet herleiern, wie sie es eben konnten. Dann legte sie sie in die Betten zurecht und »kuschelte« sie ein: »Schlaft jetzt.« Und dann setzte sie sich zu Gunnar: »Falte nun deine Hände, mein Junge«, sagte sie. »Du bist ja groß!« ... Und dann sang sie und betete das Vaterunser mit ihm, innig und herzenswarm, daß sie oft dabei weinte ... »Ach, ach, ach, wie mancherlei geschieht doch nicht auf dem Erdenrund, wenn die Sonne zur Ruhe gegangen ist!« »Verzeihen Sie, aber ich hätte gern ein paar Worte mit Ihnen gesprochen, Herr Warberg!« Gunnar sah von seinem Buche auf – »Guten Abend ... bitte!« »Störe ich?« »Durchaus nicht!« Herr Erik Krogh setzte sich auf das Sofa neben Gunnar. Er war Chefredakteur des »Kopenhagener«, und ein außerordentlich geschickter Mann war er, sehr höflich, etwas nervös und sehr zerstreut. Warberg hatte ihn gern, wie er sie alle gern hatte, die »bösen Buben«, die mit dem Blatt in Beziehung standen. Er liebte diese Jugend, die ihre Jacke, ihren guten Namen und Ruf, ihre »Karriere« zu Markte trug, indem sie dem alten Gesellschaftsbalken Nasenstüber versetzte – ohne Rücksicht auf Rang, Stand und »Verbindungen«! Die Nasenstüber vielleicht nur aus Luft an den Nasenstübern gab! Aber er beteiligte sich nicht an ihrem Privatleben, kam selten mit ihnen zusammen, denn er war ja viel älter als die meisten von ihnen; er ging seine eigenen Wege. Saß in seinem stillen Winkel und beobachtete. Wurde wohl von den anderen für einen Sonderling, vielleicht für einen Poseur gehalten. »Jetzt haben wir die offizielle Mitteilung bekommen, daß wegen Ihrer Novelle Anklage gegen Sie erhoben werden wird«, begann Herr Krogh mit seiner weichen gedämpften Redakteurstimme. »So, ja, das hat man ja erwartet.« »Rechtsanwalt Gother vom Oberlandesgericht ist zu Ihrem Verteidiger bestellt.« »Kann man sich so einen Kerl nicht selbst aussuchen?« »Das können Sie natürlich, ja; aber es würde nur böses Blut machen. Und Sie sollen doch verurteilt werden.« »Das soll ich allerdings ... was ist dieser Gother für ein Bursche? Kennen Sie ihn?« »Kenne ihn nicht, nein. Aber er soll ein sehr tüchtiger Mann sein, sie müssen zu ihm hinaufgehen und ihn begrüßen.« »Glauben sie, daß es einen Zweck hat?« »Nein; aber es ist nun mal so die Mode. Und schaden kann es ja nichts.« »Gut, ich werde es mir überlegen ... Ja ... sagen sie, gibt es dabei Verhöre und dergleichen?« »Ja, sie bekommen eine Zustellung, sich auf dem Rathause einzufinden, und da sollen Sie dann Ihre Sünden bekennen.« »Gibt es dabei auch Folterbank, Daumschrauben und glühende Kneifzangen?« »Nee, nee–ee, hä, so toll ist es doch nicht! ... Na aber, ich bin sehr beschäftigt. Ich muß zur Redaktion herüber ... Kriegen wir bald wieder etwas Neues von Ihnen? ... Denn sie haben doch nicht etwa Angst gekriegt!« »O nein.« »Weshalb kommen Sie nie persönlich herüber und sehen nach uns?« »Sie wissen ja, ich bin ein Höhlenbewohner, lieber Herr Krogh, ein Eremitenkrebs ...« »Krebs nicht! Wahrlich kein Krebs!« lachte der Redakteur, »Sie brechen ja Bahnen! Gehen vorwärts mit der Fahne in der Hand! ... Na aber, wenn mir nur etwas für das Blatt bekommen, dann ... Ja, Sie versehen mich natürlich? ... Sie sind jederzeit willkommen, aber ich meine ...« »Jawohl, jawohl«, sagte Gunnar und drückte dem Redakteur lächelnd die Hand. »Hören Sie, es ist wahr«, sagte dieser dann, »Sie wissen, wenn es bloß eine Geldstrafe setzt, so wird sie von der Zeitung bezahlt ...« »Das wird wohl auch nötig sein«, lachte Warberg. »Natürlich, ja! Das tun wir immer. Aber gibt es Gefängnis, dann müssen Sie selbst ...« »Mit dem größten Vergnügen!« Erik Krogh legte seinen Arm um Gunnars Schulter und blickte ihm lächelnd ins Gesicht. »Sie sind ein Stoiker, Herr Warberg«, sagte er, »ein Mann ohne Nerven.« »Naa–a«, meinte Gunnar, »manchmal mehr als manchmal!« Im Sofa gegenüber hatte der Elefant mit quellenden Augen und weit aufgesperrten Ohren gesessen, um etwas von dem Gespräch des Paares aufzuschnappen. Er kannte sie beide von Ansehen und las begierig ihre Zeitungen hier im Café. Aber daheim in seinen Stuben, oder im Athenäum – er mußte im Athenäum sein – fluchte, blitzte und donnerte er gegen all solches »Gassenjungengeschreibsel«. Und es hätte seine und seiner Gesinnungselefanten volle Billigung gefunden, wenn »der König« eines schönen Tages die Räume des »Kopenhagener« hätte von seinen Leibjägern umzingeln, Einrichtung, Papier, Abonnenten, Journal und Federhalter öffentlich verbrennen und Redakteur und Mitarbeiter in Nörrefaelleden aufs Rad flechten lassen, wo »dieser Struensee« einmal für einige ähnliche »schoschalistische« Narreteien hingerichtet worden war! Aber, wie gesagt, hier im Café verschlang er das Blatt und war geradezu persönlich beleidigt, wenn er warten mußte, bis es ein anderer aus der Hand legte. Gunnar fühlte sich versucht, diesem alten Kreuzritter eine Kußhand zuzuwerfen. Aber er begnügte sich doch damit, sich lächelnd in der Sofaecke zurechtzurücken. Ach ja, trotz alledem ist es zuweilen doch geradezu ein »Ulk«, das Leben zu leben!   Draußen in einer der kleinen Nebenstraßen zwischen der Frederiksborg Allee und dem alten Kongevej eine solide zweistöckige Villa aus roten Backsteinen. Sie liegt ein wenig tief im Garten versteckt, und an dem Gitter, das diesen von der Straße trennt, wächst eine dichte mannshohe Ligusterhecke. Es wohnten zwei Familien in der Villa: im Erdgeschoß die Witwe des Besitzers, des Ministerialdirektors Kammerjunker Banner, mit acht Kindern und einer Schwester. Im ersten Stock ein pensionierter Amtsrichter mit Frau und Tochter. Abends, wenn die Dunkelheit über Land und Stadt brütete, stahl sich oft ein Lichtschimmer zwischen den Gardinen hinaus, die die Fenster im linken Eckzimmer des Parterre bedeckten, und warf lange weißgelbe Streifen über die Blumen und Rasenflächen des Gartens. Und Gunnar pflegte stets draußen auf dem Wege stehenzubleiben und durch eine kleine Öffnung in der Hecke zu lugen, um zu sehen, ob diese Streifen da wären, ehe er in den Garten ging und mit dem Griffe seines Stockes dreimal schnell gegen das nächste Fensterkreuz schlug. Er hatte diese Art der Anmeldung selbst eingeführt. Er wollte nicht hineingehen und läuten, da er dann riskierte, daß die Frau Kammerjunker, groß, stramm und schwarzgekleidet, selbst hinauskam und öffnete. Er fühlte sich wie ein Verbrecher vor Gott und den Menschen, wenn er ihr steifes und eiskaltes Gesicht sah. Und gleichzeitig überkam ihn eine leise Versuchung, ihr eine Ohrfeige zu geben. Sie mochte nicht, daß diese »wurzellose Existenz« mit ihrem Sohn befreundet war. Sie hielt ihn sicherlich für imstande, ihre Nachkommen bis ins siebente Glied zu verderben. Der junge Banner hatte es Gunnar selbst lachend erzählt, daß die Frau des Hauses ihn für etwas ähnliches hielt wie das große Tier in Johannes Offenbarung. Aber die beiden Freunde hielten zusammen. Und Gunnar flüchtete stets zu Tage Banner hinaus, wenn »seine Seele betrübt war«. Denn Tage war wie die sorglosen Vögel des Himmels, die singen und zwitschern von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – eine Lerche, die mit den Flügeln schlägt und ins Blaue hinein jubelt, nur weil sie lebt. »Das ist Unsinn, du«, hatte er einmal geäußert, als sie tiefsinnig über Tod und Vergänglichkeit philosophierten, »das ist heller Unsinn, das mit dem Sterben. Wir müssen ja gar nicht sterben! Ja, ihr anderen vielleicht; aber ich sterbe ganz bestimmt nicht.« Der überströmende Lebensmut des Freundes konnte Gunnar zuweilen ärgern; er nannte ihn dann eine leichtfertige Seele, einen kurzsichtigen Ladenschwengel, der nicht über seine eigene Elle hinaussehen könnte – einen Schlächter ohne Nerven und »Blut«. Aber die Sache war die, daß Tage eine »gesunde Natur« war, wie man es nennt, ein Kind, sonnenfroh und leichtlebig. Und Gunnar war ein ebensolches »krankes«, ein Träumer, ein Zweifler und – erwachsen. Und doch waren sie nur um sechs Jahre auseinander – achtundzwanzig und zweiundzwanzig. Tage war cand. jur . Aber da er beim Examen nur eine Zwei bekommen hatte, so bereitete er sich von neuem darauf vor. Er wollte eine Eins haben. In der Familie Banner bekam der älteste Sohn stets eine Eins in der Staatsprüfung, und sie waren alle Juristen: der Großvater war sogar Professor an der Universität gewesen; es waren also »Traditionen« vorhanden. Und schon als Student war der junge Banner vermöge des väterlichen Einflusses provisorisch im Ministerium beschäftigt worden. Und er war während der Krankheit des Alten und in der ersten Zeit nach dessen Tode da oben in den Büros fast unentbehrlich geworden, so gut vertraut mit den Geschäften hatte er sich gezeigt. Er hätte sehr bequem gleich nach dem Examen eine feste Anstellung mit der Aussicht auf schnelles Avancement erhalten können. Aber er war ehrgeizig und wollte bis zu den höchsten Posten emporsteigen können, weshalb er sich vorläufig mit der provisorischen Anstellung begnügte und aus Leibeskräften studierte, um sich im Frühjahr wieder zum Examen stellen zu können. Man erzählte sich, daß er mit den Füßen in kaltem Wasser bei der Arbeit säße, um bis spät in der Nacht munter bleiben zu können. Sieben Geschwister hatte er, vier Brüder und drei Schwestern. Und da er aus einer alten patrizischen Beamtenfamilie war, hielt er sich nach dem Tode des Vaters für das männliche Oberhaupt der Familie. Er hatte die Stube des Alten in Besitz genommen und saß nun da, umgeben von hohen Regalen voll Büchern und in einem bequemen gepolsterten Lehnstuhl vor einem gewaltigen Schreibtisch aus Mahagoni, und erteilte seinem Hausstande Audienz. Gunnar hatte sich oft daran ergötzt, wenn er ihn daheim in seiner Würde beobachtete, wie er Ratschläge und Ermahnungen und leichte Ohrfeigen an die jüngeren Banners austeilte, die im Hause umherlärmten. Und der Bursche wußte sich in Respekt zu setzen. Aber doch konnte er zuweilen ein paar Worte darüber fallen lassen, daß all diese Familierei ihn ermüde und zerstreut mache. Und jedesmal riet ihm Gunnar, von der ganzen Unruhe fortzuziehen. Dann lachte Tage und sagte: »Ja, ich werde wirklich mit Mutter darüber sprechen. Ich kann ja sagen, daß du es für das Beste hältst.« Die Bekanntschaft beider hatte auf einem Treppenflur begonnen und zwar, als Gunnar noch in der Buchhandlung arbeitete. Er bewohnte damals eine Dachstube bei einer Predigerwitwe, Frau Petersen, im alten Kongevej Nr. 98. Und ihm gegenüber auf der anderen Seite der Treppe bei einem Holz- und Kohlenhändler wohnte Tage Banner stud. jur ., wie auf der Visitenkarte an der Türe stand. Anfangs hatte Gunnar sich über diesen feinen, adelig klingenden Namen geärgert. – Und er hatte es sich fest vorgenommen, nichts mit diesem »Wichtigtuer« zu schaffen zu haben. Aber da eines Abends, als er spät vom Repetitor nach Hause kam (er bereitete sich auf das Abiturium vor, während er gleichzeitig seinen Obliegenheiten in der Buchhandlung nachkam), steht vor seiner Tür ein lächelnder blondlockiger und blauäugiger Knabe mit einer Studentenmütze auf dem Kopf und grüßt: »Habe ich nicht die Ehre, Herr Warberg ...« »Ja.« »Mein Name ist Banner.« »Hm ...« »Ich war schon bei Ihnen drüben, aber Sie waren nicht zu Hause. Sagen Sie, könnten Sie nicht so gut sein, mir etwas Tabak leihen? Ich erwarte heute Abend ein paar Kameraden, und nun sehe ich, daß ich kein bißchen habe. Und der Zigarrenhändler hat geschlossen. Könnten Sie mir nicht ein wenig leihen? Bloß bis morgen.« Gunnar sah den Burschen von der Seite an. Er sah gar nicht adelig aus: eine untersetzte, etwas eckige Gestalt, ein rotwangiges frisches Gesicht und große kluge Augen. Nein, keine Spur adelig. Dann murmelte Gunnar so etwas wie, daß er nachsehen wolle. Und Tage bekam fünf bis sechs Hände voll Tabak aus seinem Beutel. »Es ist nichts Besonderes, kostet nur eine Krone das Pfund.« »Und ich rauche ihn für fünfundneunzig!« lachte Banner, »Hören Sie mal, hätten Sie nicht Lust, zu mir hinüberzukommen? – Spielen Sie L'hombre?« »Nein.« »Aber Whist?« »Ich spiele gar nicht Karten.« »Ja, aber dann kommen Sie eben und trinken einen stillen Grog. Sie können ja wieder gehen, wenn Sie sich langweilen. Ach, kommen Sie, ja? Ich habe so oft zu Ihnen herübergehen und Ihnen guten Tag sagen wollen, aber Sie sehen immer so gefährlich bös aus, wenn man Ihnen begegnet!« Warberg lächelte: »So–o?« »Dann kommen Sie also? Aber Sie müssen sich selbst eine Pfeife mitbringen, denn ich habe nur drei.« Seht ihr, natürlich war es schon lange Gunnars heimlicher Wunsch gewesen, mit diesen Studenten zusammenzukommen, in deren Kreis einzutreten er beabsichtigte, aber wie alle »verfehlten Existenzen« war er mißtrauisch und hielt auf seine Würde. Aber als er zu Abend gegessen hatte (Tee und Butterbrot, eigenhändig zubereitet und geschmiert), ging er doch hinüber und trank einen stillen Grog in der Nachbarmansarde. Er fand ganz besonderes Gefallen an Tage, »verliebte« sich geradezu in ihn infolge seines kecken frischen Gesichtes und seines immer regen Humors. Und es verging bald kein Tag, an dem sie einander nicht besuchten. Auch drüben in Banners Heim, in die Villa, kam er zuweilen. Und er befand sich wohl dabei, wahrscheinlich, weil er hier diesen momentweisen Drang des Zigeuners befriedigen konnte, im Schoße einer Familie zu sitzen. Ach ja, man ist ja schließlich doch kein ganz verlumpter und gefühlloser Kerl. Aber weshalb wohnte nun Tage Banner nicht zu Hause? Ja, seht ihr, der alte Kammerjunker und Ministerialdirektor war ein vernünftiger Mann, der noch der eigenen Jugend gedachte (ein sehr seltener Fall). Und als der Sohn sein Abiturium gemacht hatte, sagte der Vater zu ihm, nun müsse er sehen, sich in der nächsten Umgegend ein Zimmer zu suchen, da er nun ein erwachsener Mensch sei, der nicht immer beständig Vater und Mutter auf den Fersen sein dürfe. Das Zimmer wollte der Alte schon bezahlen; und um einen Tisch, ein Bett und ein paar Stühle könne er seine Mutter bitten. Die Mahlzeiten solle er zu Hause in der Villa einnehmen, denn das sei das billigste. Aber im übrigen dürfe er singen und Tabak rauchen und L'hombre spielen und Punsch trinken so toll wie er wolle in seiner kleinen Kabuse. Mit dem Studium brauche er sich im ersten Jahre nicht übermäßig anzustrengen, aber er sollte sich in der Staatsprüfung eine Eins holen. Tage traten jedesmal die Tränen in die Augen, wenn er diese Geschichte von seinem Vater erzählte. Und er lief herum und sah sich Zimmer an, pfeifend und singend wie ein Star, der sich Starkästen ansieht; und fand zuletzt dieses Dachzimmer bei dem Kohlenhändler. Bekam einige Möbel von zu Hause und zog ein. Und er und Gunnar Warberg wurden dann miteinander bekannt. Aber nun war der alte Ministerialdirektor vor einem Jahre gestorben, und Tage war in die Villa zurückgezogen, um seine Würde als Familienoberhaupt anzutreten. Sie drückte ihn, das hatte Gunnar lange gemerkt. Er hatte täglich an die vier, fünf Stunden im Ministerium zu arbeiten; und wenn er nach Hause kam, mußte er lernen. Und dann war da ein Schreien und Lärmen, ein Spielen und Zanken von all den herrlichen Kindern Gottes und ein Schwatzen und Plappern und Referieren und um Rat fragen von Mutter und Tante, daß der unglückliche Bursche oft ganz gegen seine Gewohnheit mutlos und niedergeschlagen war.   Es war ein milder und warmer Mondscheinabend Ende September. Gunnar stand draußen auf der Landstraße und lugte durch die Öffnung in der Ligusterhecke. Ja, die Streifen lagen auf dem Rasenplatz, und heute abend noch breiter und heller als gewöhnlich, denn das eine Fenster stand offen, und die Gardine war nur halb vorgezogen. Er konnte den obersten Teil des Kachelofens und einige Fächer der Regale sehen. Er nickte lächelnd vor sich hin, ging in den Garten, zum Fenster und schlug der Verabredung gemäß dreimal gegen das Fensterkreuz. »Jawohl, alter Freund«, hörte er Tage drinnen im Zimmer rufen. Und einen Augenblick später zeigte sich sein lockiger Kopf im Fenster. »Durchmarsch gestattet!« meldete er im Belagerungsstil mit flüsternder geheimnisvoller Stimme und wichtigen »Gebärden« –. »Die Wachtposten sind eingezogen, und der Verschworene öffnet die Tür auf das verabredete Zeichen.« Gunnar ging zur Haustür. Und oben im Flur unter der Gasflamme stand Tage, verbeugte sich lächelnd, während das Licht auf seine blonden Locken und sein rotwangiges klaräugiges Knabengesicht niederströmte. Eine Apotheose der Lebensfreude und des Gleichgewichtes. »Brillant!« sagte er. »Brillant, daß du heute abend kommst! Hier ist Platz für den Rock. Bitte, in die Halle einzutreten. Eine Pfeife, natürlich? Da in den Schaukelstuhl, lieber Freund, da in den Schaukelstuhl! Und die Beine hier auf den Stuhl. So! Willst du einen Kognakgrog oder einen Punsch? Ich huste zurzeit ein bißchen, deshalb trinke ich Punsch. Was willst du haben? Ich kann gewiß noch warmes Wasser draußen bei dem Mädchen bekommen.« Aber Gunnar bat um Punsch, um keine Umstände zu machen. Es war so gemütlich, so »heimlich« in diesen großen, hohen Zimmern mit den vielen Büchern in den Regalen an den Wänden und den schweren faltenreichen Gardinen vor den Fenstern. Und der Teppich reichte über den ganzen Fußboden, und die Möbel waren altmodisch und solide. Und dann dieser Wirt da! Dieses Sonnenkind, vor dem das Leben lag wie ein Garten, in dem man nur die Hand auszustrecken brauchte, um soviel leuchtende Tulpen und süßduftende taufrische Rosen zu haben wie man wollte. Und Gunnar gedachte mit einem Seufzer seiner frühesten Kindheit, wo auch er mit offenem Munde dasitzen konnte, fest und unverbrüchlich davon überzeugt, daß Tauben und anderes Wildbret ihm mit Sauce, Kartoffeln, Johannisbeergelee und der ganzen Herrlichkeit direkt in den Magen fliegen würden ... Das war damals, ja! Und doch gab es faktisch Menschen (da saß ja einer!) – »Sonntagskinder«, bei denen das Leben von der Wiege bis zum Grabe so verlief, während andere ... welche himmelschreiende Ungerechtigkeit von dem »gerechten Gott«! »Schmeckt der Punsch? Ist die Pfeife richtig gestopft?« »Ja, danke.« »Hör' mal, du, Gunnar, jetzt ziehe ich.« »So!« »Ja, ich kann diesen Kindertumult nicht ertragen.« »Das habe ich dir ja gesagt.« »Ja, und ich habe mit Vater darüber gesprochen ... du weißt, ich spreche immer mit Vater drinnen, ehe ich schlafen gehe ... und er sagte, daß es recht wäre. Ich ziehe wieder zu Frau Petersen. Sie wohnt jetzt in der Valdemarsgade und hat gerade zwei Zimmer frei.« »Ja, natürlich! Der liebe Gott wußte ja, daß du ziehen wolltest.« »Ja, er ist ein Prachtkerl, das ist wahr! Und sie passen großartig für mich!« »Wann ziehst du?« »Morgen, übermorgen, in den nächsten Tagen. Die Zimmer sind in Ordnung. Du ziehst doch auch?« »Ja, aber ohne den Beistand der Götter; es wird also wohl ein bißchen umständlicher dabei hergehen.« »Ja, es ist seltsam«, lächelte Tage fröhlich und zuversichtlich, »aber ich habe immer so ein unglaubliches Glück ... Und dann habe ich mich verlobt, du!« »Was hast du?« fragte Gunnar und richtete sich halb im Stuhl auf. »Ich habe mich verlobt.« »Hol's der Satan!« »Danke!« lachte Tage. »Ja, ich wußte wohl, wie du es auffassen würdest, alter Freund. Du hast ja deine fixen Ideen! Ach, aber es ist so ein süßes kleines Ding!« fügte er mit strahlenden Augen hinzu. »Ja–a, das sind sie zuerst alle!« »Ich bin sicher, daß sie dir gefallen wird. Ich werde dich einmal abends holen lassen, wenn sie hier ist.« »Ja, sehr verbunden! Wie heißt sie? Wer ist sie?« »Sie heißt Mary ... Mary Thomsen.« »Eine Tochter von dem Professor?« »Eine Schwester von ihm, dem Orang-Utan, dem Mathematiker, mit dem wir beide, du und ich, in alten Tagen oben in der Dachkammer so einen sündhaften Ulk getrieben haben!« »Ja«, nickte Tage ein wenig scheu. »Aber ich verheirate mich doch nicht mit ihm!« »Man verheiratet sich mit der ganzen Familie, lieber Freund, wenn man nicht ganz ungewöhnlich viel Haare auf den Zähnen hat!« »Du wirst dich schon auch noch mal verheiraten.« »Das geschehe spät!« sagte Gunnar und bekreuzigte sich. Und es entstand nun eine kleine Pause, in der die beiden Freunde sich nachdrücklich mit ihren Pfeifen beschäftigten. Die Stille wurde nur von Tage unterbrochen, der ein paarmal trocken und hohl hustete. »Du hast einen bösen Husten.« »Ja, ich habe mich ein bißchen erkältet.« Er trank aus seinem Glase. Dann wandte er sich plötzlich ganz zu Gunnar herum und legte ihm eine Hand auf das Bein: »Du mußt nicht verstimmt darüber sein, daß ich mich verlobt habe«, bat er einschmeichelnd. »Ich habe Mary wirklich so unbeschreiblich lieb! Und sie ist auch so ziemlich das Süßeste und Liebenswürdigste, was man sich denken kann, wenn man sie erst richtig kennenlernt. Und du sollst einmal sehen, wie gemütlich du es bei uns haben wirst, wenn wir erst verheiratet sind.« Er hatte Tränen in den Augen, der Kleine! Gunnar lächelte und streichelte die Hand des Freundes. »Du bist ein Kind, Tage«, sagte er gutmütig, »daß du davon Notiz nehmen willst, was ein anderer zu der Sache sagt. Bist du nur selbst froh und vergnügt und in das Mädchen verliebt, dann laß mich faseln.« Banner spielte augenblicklich mit den Fingern einen Hopser auf der Schreibtischplatte. »Ja, das ist wahr«, sagte er vergnügt. »Prosit, Gunnar! Aber ich möchte nun so gerne, daß ihr alle miteinander fröhlich seid. Du bist aber auch ein komischer Kauz«, fügte er dann hinzu, »du bist immer viel besser als du scheinen willst.« »Na–a, das will ich gerade nicht sagen. Aber man beugt sich ja vor einem Faktum.« »Wie spät ist es?« fuhr Banner fort und holte seine Uhr aus der Tasche. »Halb zehn! Jetzt paß bloß auf. In einem Augenblick muß ich Schiedsrichter spielen, du! Rudolph und Oskar haben sich heute unten auf dem Krocketplatz geschlagen. Das heißt Rudolph hat Oskar mit dem Schläger einen gehörigen Denkzettel gegeben. Du weißt, er ist so unbändig hitzig. Und nun soll ich über sie zu Gericht sitzen. Da sind sie! Nimm dich zusammen, daß du ernst bleibst!« »Ja, aber ...« »Nee, bleib nur liegen!« Man hörte Schritte draußen im Flur und murmelnde Stimmen. Die Tür wurde geöffnet und Rudolph und Oskar traten ein. Tage wandte sich zu ihnen. »Na, da seid ihr! Habt ihr eure Schularbeiten fertig?« Eine murmelnde Bejahung erklang von den Knaben, die zu Gunnar hinüberschielten. »Und was muß ich von Mutter hören!« fuhr Tage fort! »Könnt ihr beiden großen Lümmel nicht Frieden halten?« »Oskar hat –« »Rudolph wollte – –« Und nun begannen beide Knaben alles mögliche durcheinander zu erzählen: von Bogen und Schlägern und falschen Würfen und losen Krockaden und Stachelbeerbüschen, daß man kein Sterbenswörtchen verstehen konnte. »Stille!« befahl Tage. Er hatte sich ganz von Gunnar abgewandt, um nicht in ein Gelächter ausbrechen zu müssen, wenn sie sich zufälligerweise etwa ins Gesicht sähen. »Immer hübsch jeder für sich. Du zuerst, Rudolph!« Der älteste der Knaben, ein langer, magerer, düster aussehender Bursche von vierzehn bis fünfzehn Jahren, trat einen Schritt vor. Er sah etwas verrückt und trotzig aus; und Gunnar wußte, daß er das schwarze Schaf in der Familie war. »Oskar war's – der hatte gesagt, daß ich gemogelt habe«, sagte er mit einer dunklen und murmelnden Stimme. »Ja, denn das hattest du auch«, zwitscherte der Kleine hinter ihm. »Denn du stießest – –« »Still, Oskar, bis du herankommst«, unterbrach ihn Banner. »Er sagte also, daß du gemogelt hättest –« »Ja, und dann schalt er mich einen alten Fuchs und sagte, ich müßte überhaupt geschunden und mein Fell zu Pelzfutter verwendet werden, und dann streckte er mir die Zunge aus und stieß mit dem Fuß nach meiner Kugel, daß sie in die Stachelbeerbüsche flog. Und da ... und da ...« »Und dann gabst du ihm mit deinem Schläger eines gegen den Kopf ...« »Ja ... denn ich habe nicht mehr gemogelt als er.« »Es ist gut! ... Oskar!« Der Kleine hüpfte auf den Bruder zu und stellte sich dicht vor Tage auf, dem er auffallend ähnlich war mit seinem hellblonden Haar, seinen Posaunenwangen und seinen blankblauen sonnigen Augen. Er richtete sich gerade auf und starrte seinem Richter fest ins Gesicht. Auf der linken Seite des Kopfes, dicht unter dem Haar, hatte er eine große Beule, die wie ein Seeigel aussah. An dieser Stelle hatte ihn der Schläger getroffen. Er war ungefähr neun, zehn Jahre alt. Auf Gunnar achtete er gar nicht mehr, so sehr brannte er darauf, sich verantworten zu können. Es spielte ein ganz schwaches Lächeln um Tages Mund, als er fragte: »So, du nennst also deinen größeren Bruder einen alten Fuchs?« »Ja«, zwitscherte der Kleine mit einer hohen und hellen Stimme. »Denn das ist er doch auch, wenn er mogelt. Er stieß seine Kugel aus dem Loch heraus, du weißt schon, Tage, das da vor dem Mittelbogen ist. Und da wollte ich nicht mehr mitspielen!« Er deutete auf den Seeigel. »Du vergißt wohl, daß du Rudolph vorher die Zunge herausstrecktest und mit dem Fuß nach seiner Kugel stießest.« Der Kleine blinzelte ein wenig mit den Augen und wurde rot. Aber dann starrte er dem Bruder wieder fest ins Gesicht: »Ja ... ja ... das vergesse ich wohl«, stotterte er. »Hast du zu morgen Latein auf?« »Ja!« »Was hast du in Grammatik auf?« » Futurum activum von laudare .« »Laß hören.« » Laudabo, laudabis, laudabit – laudabimus, laudabitis lauda ... laudabant !« » ... bunt !« verbesserte Tage. » ... bunt, bunt , ja natürlich!« sagte der Knabe. »So«, sagte Tage und stand auf. »Nun kannst du gehen. Gute Nacht! Aber vergiß nicht, die Beule, die du am Kopf hast, die hast du redlich verdient!« »Ja aber, Tage – – –« »Pst, nichts da! Gute Nacht!« Und Banner gab dem Knaben einen leichten gleichsam liebkosenden Klaps auf eine seiner dicken Wangen. Als Oskar die Tür öffnete und ging, wollte sich Rudolph mit hinausschleichen. »Nein, Rudolph, warte ein bißchen, ich möchte mit dir sprechen.« Der Knabe blieb, die Hand auf das Schloß gelegt, stehen und murmelte etwas vor sich hin. Tage stand, den Rücken ihm zugekehrt, am Schreibtisch und schien dort unter den Papieren zu suchen: »Nun hast du wohl gesehen«, sagte er, während seine Hände ständig auf dem Tisch herumwühlten, »nun hast du wohl gesehen, daß ich es nicht mit Oskar halte, wie du zu sagen pflegst.« Rudolph schielte zu ihm hinüber und murmelte wieder ein paar Worte. »Was sagst du?« fragte Banner nervös. »Ich sage, es ist gut, daß ihr mich hier bald loswerdet.« »Liebes Rudolphchen«, sagte er und suchte seine Stimme milde und eindringlich zu machen, »du mußt doch zugeben, daß dir in diesem Falle kein Unrecht geschehen ist. Im Gegenteil! Du als der Älteste hättest doch soviel Verstand haben müssen, daß du dir nichts daraus machst, was so ein kleiner Kerl sagt. Und doch jedenfalls nicht so in blinder Wut auf ihn losschlagen dürfen! ... Was sagst du?« »Nun werdet ihr alle mich ja bald los!« murmelte der Knabe wieder. Banner seufzte und strich sich mit der Hand über die Stirn. »Ja, dann kannst du gehen, Rudolph. Gute Nacht.« »Gute Nacht«, murmelte der Knabe und schlich hinaus. Als die Tür hinter ihm zufiel, wandte Tage sich zu Gunnar. »Ich kann ... ich weiß nicht, was ich mit dem Jungen machen soll«, sagte er und rang in Verzweiflung die Hände. »Er verdirbt mir das Ganze! Nun sähest du doch selbst, Gunnar, daß ich ihn so milde behandelte, so milde! Er hätte ja eine Tracht Prügel verdient; aber das nützt gar nichts! Und ich kann auch nicht prügeln. Ich finde, das ist so traurig! Ich habe es einmal versucht und da haben wir schließlich alle beide gleich laut geheult; und das ist doch lächerlich! Was sagst du? Was würdest du tun?« »Ja–a«, sagte Gunnar langsam, »man müßte ja viel Zeit für ihn opfern, mit ihm sprechen, ihn allmählich liebgewinnen. Aber ist er hier zu Hause nicht immer stiefmütterlich behandelt worden? verzeihe!« »Ja, das ist ja gerade das Unglück, du! Keiner hat ihn leiden können! Vater hatte nicht das geringste Interesse für ihn und knuffte ihn, wenn irgendetwas los war. Und Mutter und Tante schalten ihn aus. Ja, Mutter hat mir sogar erzählt, daß sie gleich nach seiner Geburt, als ihn die Hebamme auf die Bettdecke legte, das Gesicht abwandte und sagte: ,Nehmen Sie ihn wieder, nehmen Sie ihn wieder weg! ich kann seinen Anblick nicht ertragen, ich kann ihn nicht leiden!' ... Das ist merkwürdig, was?« »Ja–a, aber es gibt ja soviel Sinnloses rings um uns! ... Magst du ihn auch nicht?« »Nein, offen gestanden! Wir sind ja so verschieden! Aber ich suche immer gerecht zu sein. Ich halte es eher mit ihm, wie du sahest. Aber was glaubst du, wird aus solchem Menschen?« »Weiß nicht, wahrscheinlich schickt ihr ihn aus dem Lande oder er läuft seiner Wege. Muß sich allein durchhelfen, schwimmt eine Zeitlang obenauf und geht dann zugrunde, als Müllkutscher oder Taschendieb in Neuyork oder Chikago. Ich habe selbst einen Bruder – oder auch zwei – die in der Branche arbeiten. Unsere Eltern haben zu viel Kinder in die Welt gesetzt, sie haben nicht für alle ordentlich sorgen können ... Mir war's so, als ob Rudolph davon spräche, daß ihr ihn bald los sein würdet!« »Ja«, sagte Banner errötend, »er soll doch zum Frühjahr konfirmiert werden, und da haben wir für ihn eine Anstellung bei der großen nordischen Telegraphen-Gesellschaft in London ausgewirkt. Der Direktor ist ein Jugendfreund von Vater.« Gunnar lächelte: »So, ihr seid also schon auf die Deportation bedacht gewesen.« Tage legte seine Hand auf Warbergs Arm und blickte ihm ängstlich in die Augen. »Ja, ist es unrecht von uns, du? Ist es schlecht von uns, du? Aber was sollen wir machen? Er zerstört uns das ganze Heim! Meinst du, daß es meine Pflicht ist, Zeit und Arbeit und vielleicht meine Karriere zu opfern, um mich Rudolphs anzunehmen? Ich glaube es nicht! Vater sagte einmal zu mir: »Sieh zunächst zu, selbst etwas zu werden, dann kannst du deinen Geschwistern besser helfen!« und ich finde, Vater hat recht. Ich fand immer, daß Vater recht hatte! Was hat es für einen Zweck, daß ich meine eigene Zukunft vergeude? Dadurch schaffe ich nur zwei unglückliche Menschen! Denn ich glaube nicht, daß ich etwas mit Rudolph anstellen kann! Was sagst du?« »Ich sage wie dein kluger Vater, Tagechen: arbeite du vorläufig auf eigene Rechnung, das ist das vernünftigste und Rentabelste!« »Du bist doch boshaft!« »Keineswegs, lieber Freund, keineswegs! Findest du, daß ich »boshaft« bin, wie du es nennst, so ist es nur das Leben, über das ich mich ein wenig lustig mache. Du lieber Gott, sollte man all den unglückseligen armen Kerlen mit Rat und Tat beistehen, die auf Gassen und Straßen herumtrollen, so müßte man eine »Gratis-Konsultation« von zwölf Uhr morgens bis zwölf Uhr nachts einrichten. Und dann würde man schließlich doch noch geistig und körperlich bankerott machen, und es gäbe nur einen Unglücklichen mehr, wie du sagst! Alles, was wir in der Sache tun können und was wir tun müssen, ist, daß wir diese Menschen nicht verhöhnen, uns nicht für »besser« halten als sie!« »Ja, aber du hilfst doch deinem Vetter Benjamin, »Mette«, wie du ihn nennst!« »Helfen? ach ja«, nickte Gunnar. »Ich stecke ihm hin und wieder eine Krone zu und gebe ihm einen Rat, den er nicht befolgt. Aber das ist auch was ganz anderes«, fuhr er fort, »denn sobald dieses mystische ›Gernhaben‹ mit hineinspielt, gehen alle Theorien flöten. Und ich habe ›Mette‹ nun einmal gern. Er ist ein merkwürdiger Bursche, eine galgenhumoristische Seele! Ich versichere dir, hätte ich viel Geld, würde ich ihn in Reinkultur züchten, nur um zu sehen, was er für ein Ende nimmt.« »Ich wünschte, ich wäre wie du«, seufzte Banner gedankenvoll. »I Gott bewahre«, lachte Gunnar. »Ja, denn ich habe gar nichts Eigentümliches an mir. Ich bin so ganz einfach und gerade.« »Du!« sagte Gunnar. »Du bist, weiß Gott, ›eigentümlicher‹ als die meisten deiner geehrten Zeitgenossen. Denn du bist ein ›glücklicher‹ Mensch.« »Ja, das bin ich!« sagte Tage voll Überzeugung. »Ja, und wir anderen werden beinahe chromgelb vor Neid! ... Aber da man nun einmal nicht umgeschaffen werden kann, so bin ich für mein Teil bloß froh darüber, daß du dir seinerzeit auf dem alten tugendhaften Kongevej das Viertelpfund Tabak von mir geliehen hast. Prosit, du Baumlerche.« Und die Freunde stießen miteinander an und drückten sich die Hände und waren ganz sentimental vor lauter gegenseitiger Liebe und Achtung. Da kam jemand mit kleinen trippelnden Schritten über den Flur gelaufen. Die Tür wurde geöffnet, und ein kleiner Junge von sechs, sieben Jahren kam hereingesprungen. Er war hellblond wie Tage und Oskar, aber feiner, eleganter gebaut und seine Augen waren groß und dunkelblau. Ein hysterisches Weibsbild hätte gesagt, er gliche einem »Engel«; und süß war er unleugbar. »Aber Thorkild, bist du noch nicht zu Bett?« fragte Banner verwundert. »Nein, Mutter hat gesagt, ich könnte heute gerne ein bißchen länger aufbleiben.« »So–o? Aber jetzt geh' zu Bett!« Thorkild teilte das Schlafzimmer mit Tage. Und Rudolph und Oskar hatten ihre gemeinsamen Schlaf- und Arbeitszimmer. »Wer liegt da im Schaukelstuhl?« fragte der Knabe. »Das ist Gunnar. Kennst du ihn nicht?« Thorkild lief zum Schaukelstuhl. »Bist du's, Gunnar? Guten Abend! Ich habe dich nicht sehen können.« »Guten Abend, Thorkild der Große!« lächelte Gunnar und streichelte das Haar des Knaben. »Na, wie geht's?« »Gut. Hast du Briefmarken für mich?« »Nein, heute abend wirklich nicht, mein kleiner Freund. Ich habe sie zu Hause vergessen.« »Jetzt habe ich fünfhundert.« »So – – großartig!« »Sage jetzt gute Nacht, Thorkild«, erinnerte Tage. »Gute Nacht«, sagte Thorkild und verneigte sich chevaleresk. »Gute Nacht, Thorkild der Große, und schlaf' gut!« Der Knabe lief zu Banner hin und schlang seine Arme um dessen Hals: »Gute Nacht, alter guter Tagemann!« sagte er. »Gute Nacht, mein Junge«, sagte Tage und küßte ihn. »Um welche Zeit mußt du morgen auf?« »Sieben.« »Dann denke daran, daß du recht still bist.« »Ich werde so stille sein, so stille! so stille!« sagte er und deutete mit den Fingern einen halben Zoll an. »Ach, du Faselhans!« lachte der Bruder und klopfte ihm auf die Hand. »Geh' nun hinein und leg' dich zu Bett!« Und Thorkild verschwand hinter der Tür zum Schlafzimmer. Aber es dauerte keine zwei Minuten, so kam er wieder hereingesprungen, vollständig ausgekleidet in seinem kurzen Hemde ohne Ärmel, das ausgeschnitten war wie ein Mädchenhemd. Er stellte sich mitten im Zimmer auf, breitete die Arme aus und begann zu deklamieren: »Als ich von Hause schritt, als ich von Hause schritt, wollt' auch mein Mädel mit – –« »Willst du machen, daß du herauskommst«, drohte Banner. »– – ja, wollt' auch mein Mädel mit.« Gunnar lachte, und Tage lachte auch, sagte jedoch, indem er Miene machte, aufzustehen: »Nun komme ich aber, meiner Treu, und zähle dir ein paar auf!« – – –»Mein Schatz, das geht nicht an, ich bin ein Kriegersmann, und wenn – –« »Nun soll doch ...!« rief Tage, erhob sich blitzschnell und ergriff das Lineal auf dem Schreibtisch. Aber Thorkild sprang in den Schaukelstuhl hinauf zu Gunnar und duckte sich, so gut er konnte, unter dessen Arm. Da lag er und lachte leise und lugte zum Bruder hinauf, der mit dem zum Schlage erhobenen Lineal in der Hand dastand. »Nein, du darfst nicht schlagen, Tagemann, du darfst nicht schlagen!« Der Knabe zappelte mit seinen nackten Beinen in der Luft. »Willst du dann machen, daß du ins Bett kommst, du kleines Ungetüm!« »Ja, ja, ja! Aber du mußt erst das Lineal hinlegen, du mußt erst das, Lineal hinlegen!« Banner warf das Lineal auf den Tisch. »Komm nun.« »Ich will reiten«, sagte der Knabe jetzt. »Ich will auf dir hinreiten.« »Ach, du Plagegeist!« Aber Tage kauerte sich trotzdem am Schaukelstuhl nieder, und Gunnar half dem Kleinen auf seine Schultern. Da saß er nun ganz seelenvergnügt, die Beine um des Bruders Hals gelegt und eine Hand fest gegen dessen Stirn gedrückt; die Augen funkelten geradezu vor Vergnügen, und seine kleinen weißen Zehen krümmten sich vor Freude. »Jetzt wollen wir Heine haben!« sagte Tage und stellte sich mitten im Zimmer auf. »Laß nun Gunnar Heine hören, Thorkild.« Und der kleine Kerl schwenkte einen Arm und deklamierte: »Wer zum ersten Male liebt, Sei's auch glücklos, ist ein Gott! Aber wer zum zweiten Male glücklos liebt, der ist ein Narr! Ich, ein solcher Narr, ich liebe wieder ohne Gegenliebe. Sonne, Mond und Sterne lachen, und ich lache mit – und sterbe!« »Bravo!« lachte Gunnar und klatschte in die Hände, »Hast du ihm das beigebracht, Tage?« »Ja. Im vorigen Jahre, als ich Johanne liebte – ohne Gegenliebe! ... Aber jetzt habe ich ja Mary! Ein hoch auf Mary, Thorkild!« »Hoch!« schrie der Kleine. Und dann galoppierte Tage mit ihm ins Schlafzimmer.   Eines Tages, als Warberg aus der Schule nach Hause kam, lag auf seinem Schreibtisch ein großes blaues Kuvert. Keine Adresse. Da stand nur: »Bitte, lies es. Binse kommt Freitag!« Auf welche Weise konnte der Brief hierhergelangt sein? Seit er aus der Mansarde heruntergezogen war, hatte sie keinen Schlüssel mehr zu seiner Wohnung ... Benjamin? Nein, der hatte auch keinen Schlüssel! Dann hatte sie sich wohl vom Wirt aufschließen lassen. Es fehlte ihr ja nicht an Mut. Er nahm das Kuvert und ließ es wieder auf den Tisch fallen. Wahrscheinlich wieder eines dieser »Proverbes«, mit denen sie zu den Theaterdirektoren herumwanderte und sich Freibilletts erwarb, von denen er ihr immer wieder versichern mußte, daß sie »äußerst talentvoll« seien, trotzdem er ihr ganz genau hätte nachweisen können, daß sie dies von dem Schriftsteller und dies von jenem, und dies wieder von einem anderen gestohlen hatte! ... »Aber du mußt es ja lesen«, murmelte er. »Du mußt es ja lesen! – wenn man nur wüßte, was für eine erbärmliche Schlafmütze du eigentlich bist!« Er nahm seinen Überrock ab und hängte ihn im Entree auf, dann holte er aus einer seiner Taschen ein kleines rundes Päckchen in einer Umhüllung aus weißem Papier. Es waren zwei Blutwürstchen, die er auf dem Heimwege in einem Schlächterladen gekauft hatte. Das tat er manchmal, wenn er zu wenig Geld hatte, um sich Marken im Gasthause zu kaufen. Er briet dann die Würste auf dem Spirituskocher draußen in der Küche und verzehrte sie mit Streuzucker. Dann bereitete er sich eine Tasse Kaffee. Und dann hatte er diniert. Sobald er heute gegessen hatte und der Kaffee fertig war, stopfte er sich seine lange Pfeife und stellte die Tasse auf den Stuhl vor die »Chaiselongue«. Dann nahm er das Kuvert und schnitt es auf: Nein, diesmal war es wirklich eine Novelle! Er blätterte in den Papieren: »Sechsundzwanzig Seiten! ... Wie heißt sie? ... »Eine Ähnlichkeit« ... ja, das will ich gern glauben!« Dann legte er sich auf die Chaiselongue, rauchte und las: »Es war vorbei. Alles, was Jahre hindurch ihr Glück und Leben gewesen war. Er hatte gebeten und sie hatte gegeben. Als der Rausch vorüber, begann das Verhältnis ihn zu langweilen, er wurde kühl und rücksichtslos, fand stets verletzende Worte, legte ihr schlechte Eigenschaften bei und verhehlte zuletzt nicht, daß er einen Bruch herbeiwünschte. Eines Tages erhielt sie dann einen Brief, in dem er ihr mitteilte, daß er sie nicht mehr sehen wolle, und ungefähr zu gleicher Zeit erfuhr sie, daß er in zärtlichen Beziehungen zu einer anderen stand. (»Das ist nun vorläufig gelogen«, murmelte Gunnar, der gleich die Fährte witterte.) Nun war es vorbei. Sie hatte alles gegeben und alles verloren. Einige Monate hindurch trauerte sie wie eine Wahnsinnige, ihr Gehirn arbeitete Tag und Nacht mit dem einen Wort »Vorbei«. Aber es konnte ihr nicht helfen – nichts auf der ganzen Welt konnte ihr helfen. – Es war vorbei und kam nie wieder. Da begegnete sie eines Tages Aage. Er war zwanzig Jahre ... (Ho, ho!) Er war zwanzig Jahre; sie hatte ihn vor einigen Monaten getroffen, und er hatte ihr damals mit kindlicher Heftigkeit seine fünfjährige Leidenschaft für sie gestanden, wie er im Fieber auf den Straßen umhergerannt war, um ihr zu begegnen, daß seine erste Jugend in der Sehnsucht nach ihr verstrichen sei. Etwas unsagbar Rührendes lag über ihm, wie er so vor ihr stand, mit seinen großen blauen Kinderaugen; es sprach eine stille, lebhafte Sehnsucht aus ihnen, die nur ein Geständnis, keine Bitte wagte. Und mit einem einzigen Wort sollte sie dieses frische junge Gefühl zu Boden schlagen. Sie hatte seinen Kopf zwischen ihre Hände genommen und sein blondes Haar geküßt, und dann hatte sie es gesagt – – daß sie verlobt sei! (Reizend! – murmelte Gunnar. – Entzückend! Hirtenpoesie!) Er hatte sie bloß angeblickt, ihre Hand fest umspannt und dann losgelassen. Sie hatte ihn nach dem Bruch mit Kai nicht gesehen, und er wußte wahrscheinlich nichts davon. Ob er sie noch liebte! Sie wünschte es beinahe; sie sehnte sich danach, wieder liebevolle, warme Worte zu hören – bloß etwas, das sie zerstreuen, die tote Leere in ihrer Seele ausfüllen, sie den Schmerz vergessen lassen könnte, den sie immer noch über Kais Betrug empfand! (Der Satan! Daß sie das fertigbringt! Mein Betrug. Ich habe mich doch nicht ausgestopft! ... Aber weiter. Das ist wirklich interessant.) Als Aage sie erblickte, kam er sogleich auf sie zu und grüßte. »Aber, liebes Fräulein, wie leidend sehen Sie aus ... Sie sind mager geworden!« (»Haha«, platzte Gunnar heraus. »Das will ich glauben!«) » ... Sind Sie krank gewesen?« »Ja, – nein – nicht krank – aber ich bin schlechter Laune – das heißt, ich bin es gewesen. Nun ist es vorüber«, fügte sie mit einem nervösen Lächeln hinzu. »Nein, Sie sehen gar nicht lustig aus.« »Lustig«, – sie lachte ein wenig hart – »nein, ich amüsiere mich auch nicht. Es ist so trist, das alles!« »Ach nein, nun dürfen Sie nicht traurig sein – das tut mir so leid.« »Ja, wenn Sie erst so viel durchgemacht haben wie ich, dann sind Sie auch nicht mehr »lustig«!« »Nein, aber, du lieber Gott, alle Menschen sind betrübt – das ist gar nicht mehr zu ertragen!« »Man hat ja auch keinen Grund, anders zu sein«, sagte sie und zog ihre Handschuhe ein wenig in die Höhe. (Sehr gut!) »Nein, Fräulein, nun sind Sie affektiert, Sie haben doch wirklich keinen Grund, traurig zu sein.« Sie blickte zu ihm empor, während ein seltsames Lächeln über ihre Lippen glitt. »Meinen Sie nicht!« »Nein.« Er lachte bitter. Dann verstrichen einige Minuten in Schweigen. »Gehen wir ein wenig in den Örstedspark und setzen wir uns in die Sonne – ach, kommen Sie mit, ich liebe die Sonne!« »Ja, das weiß ich noch. Wenn bloß die Sonne scheint, dann sind Sie guter Laune!« Sie gingen in den Park und setzten sich in die kräftigste Sonne; er zog den Hut ins Gesicht und steckte die Hände in die Taschen. Als sie ein Weilchen gesessen hatten, sagte er plötzlich: »Ich hatte solche schreckliche Sehnsucht nach Ihnen im Sommer. – Uh, es war so langweilig drüben in Fünen!« »Also deshalb.« »Ach, Sie wissen ja ganz gut, daß ich Sie sehr liebhabe!« »Noch?« »Ja – – momentweise.« »Ach so!« »Ja, lieber Gott, man kann doch nicht herumgehen und sich von der Liebe zu einem Weibe verzehren lassen, das sich nichts aus einem macht.« »Ich mache mir sehr viel aus Ihnen!« »Ja–a, aber es ist ja doch langweilig, wenn es so bleibt wie es jetzt ist. – Wie geht es Ihrem Freunde?« »Gut – vermutlich.« »Quält er Sie noch?« Sie antwortete nicht. »Sie haben mir so etwas angedeutet, an dem Tage, als Sie schlechter Laune waren.« (»Hyit!« pfiff Gunnar. »Da hat sie sich gewiß verschrieben!«) »Ja, ich entsinne mich – nein, er quält mich nicht mehr. Es ist aus – das Ganze ist aus!« Sie blickte vor sich hin, die Augen wurden blank und das Weinen zitterte um ihren Mund. Aber Aage sprang auf, drehte sich im Kreise herum wie ein Kind, lief dann auf sie zu und küßte sie auf die Wange. »Aber Aage!« »Ja, aber ich – es machte mich so froh«, und er drehte sich wieder im Kreise. – »Nun können wir es ja so furchtbar gut haben – wie bin ich fröhlich!« »Sie denken nur an sich, Aage, – Sie sind jetzt froh – aber Sie denken mit keinem Gedanken daran, ob ich bei diesem Bruch gelitten habe!« Er setzte sich und ergriff ihre Hand. »Ach ja, aber ich glaubte eigentlich nicht, daß Sie sich besonders viel aus ihm machten, wenn man so geplagt worden ist, finde ich, müßte man bald genug haben.« »Ja – später – aber ehe es soweit kommt –« »Nein, nein, – nun dürfen Sie nicht wieder traurig werden –ich bin so fröhlich!« Sie hätte gerne mit ihm über die letzten Monate gesprochen ... (Sieh mal an, dachte Warberg, die letzten Monate! ... wir sind noch nicht einmal einen Monat auseinander gewesen, und sie hat wahrscheinlich mit Aage schon acht, vierzehn Tage vor meiner Abreise poussiert.) ... Von allem, was sie gelitten, von der tödlichen Leere, die jetzt in ihrem Leben herrschte. Aber sie fühlte, daß ihn ihr Verhältnis zu Kai nur interessiert hatte, weil es ihm hinderlich war: jetzt, da es gelöst war, dachte er nicht mehr daran, er war nur fröhlich, daß das Hemmnis aus dem Wege geräumt war. »Ich muß gehen – es ist vier Uhr.« Er erhob sich mit einem Seufzer und schlenderte schweigend und mißgestimmt neben ihr her. »Können wir heute nicht zusammenbleiben?« fragte er schüchtern – »ich habe es so trist zu Hause allein in meinem Zimmer – Sie wissen doch, ich habe mich mit meiner Familie entzweit, weil ich in dem Blatt schreibe ...« (»Dacht' ich mir's doch, daß er es wäre! Er spielt wirklich seine Rolle gut! paßt auf, es endet mit ... na!«) » ... Aus den Freunden mache ich mir nicht viel, – nur auf Werner halte ich etwas – aber er ist verreist. Ich bin so froh darüber, daß ich Sie getroffen habe und darüber, daß ... weshalb wollen Sie nun nicht ein wenig gut gegen mich sein ...? Jetzt dürfen Sie es ja!« Sie blickte ihn an, blickte in seine tiefen blauen Kinderaugen ... (Puh–h, diese Kinderaugen bei erwachsenen Männern, nach denen alle Schriftstellerinnen schreien.) ... sah sein schönes blondes Haar. Etwas Müdes und Hilfloses lag um die halbgeöffneten Lippen, die um ein wenig Freude flehten – nur für ein paar Stunden – und wie vor einem halben Jahre hatte sie Lust, dieses Kinderhaupt ... (Es geht wahrhaftig wieder los!) ... zwischen ihre Hände zu nehmen, mit ihren Lippen in seinem Haar herumzustreichen ... (»Pfui! pfui!«) ... seine schmalen Wangen in ihre Finger zu pressen, und diesen bleichen furchtsamen ... (Kindermund! ja natürlich! – welche Gelüste für eine der Trauer geweihte Priesterin!) ... Und weshalb sollte sie nicht gut gegen ihn sein ... Er war doch so treu gewesen – – – und, ja, sie wollte in etwas anderes hinein, bloß eine Zeitlang – nichts Ernsthaftes, nur vergessen, diesen verzehrenden Jammer vergessen, der niemals schwieg – diese eisige Leere, die niemals sprach! (Sehr gut!) ... Andere Worte sollten in ihren Ohren ertönen, andere Küsse die alten verwischen. Sie wollte ihre warmen Gefühle und ihren Schmerz verhöhnen – – ach nein, sie wollte bloß vergessen, für einen Augenblick vergessen und dann wieder zu leiden beginnen! Ihre Hand ruhte in der seinen. »Adieu«, sagte sie. »Ich gehe heute abend ins Theater, da können wir uns sehen. – – Sie dürfen mich nach Hause begleiten – – bin ich nun gut?« »Ja, Sie sind furchtbar lieb – – aber – –« »Aber?« »Aber, es ist so wenig. – – Können Sie nicht ein bißchen früher von dort nach Hause gehen?« »Um zehn?« »Nein – neun!« »Ja, ja, – kommen Sie also um neun Uhr.« Er hüpfte vor Entzücken in die Höhe. »Wie süß sind Sie! – Ich liebe Sie, liebe Sie! denken Sie an die sechs Jahre!« »Wie lange können Sie das noch tun, meinen Sie?« »So lange Sie wollen.« »Und wenn ich nicht mehr will?« »Dann wird wieder momentweise geliebt – – – Oh, aber Sie sind so wunderschön, so wunderschön!« »Still doch, Aage – gehen Sie jetzt.« Und sie schlug mit dem Regenschirm nach ihm. (Ah, ha, kleiner Schelm!) ... »Heute abend, heute abend – – wunderschöne – – neun Uhr.« Sie nickte und ging.   (»Daraus kann allerhand werden«, dachte Gunnar und stopfte Tabak in seine Pfeife. »Allerhand und gestoßene Nelken«, wie Mutter in alten Tagen sagte. ... Es ist eigentlich recht »pikant«, hier zu liegen und die Bekenntnisse einer schönen Seele, oder richtiger »eines schönen Leibes« zu lesen! ... Wie sinnlich das Mädel ist. Wie stand da: mit meinen Lippen in seinem weichen Haar herumzustreichen! Und sie ist gewiß bombenfest davon überzeugt, daß sie diese Streichungen nur aus lauter Kummer und Qual und Schmerz unternimmt! Das ist das Gefährliche bei den Frauenzimmern, daß sie sich auch selbst belügen! Dadurch werden sie eben unempfänglich für Vernunft und Veredlung! ... Hä, es ist ja nicht das erstemal, daß Fräulein Fernanda sich einem Aage in die Arme wirft, um zu trotzen und zu vergessen.«– – Aber es bedarf nur eines Wortes, eines Winkes von mir – schwupp, ist sie wieder in meinen Armen! ... Ob das daran liegt, daß sie trotz alledem nur mich »liebet«? ... Na aber, weiter im Roman!) Als sie um neun Uhr aus dem Theater kam, stand Aage im Vorraum. »Es regnet«, sagte er ganz betrübt, »wir können nicht spazierengehen.« »Nein, das ist unmöglich. Ich muß die Straßenbahn nehmen ...« (Hä, nun glaubt sie natürlich, daß sie die dänische Sprache bereichert hat mit »die Straßenbahn nehmen«!) » ... dann lassen wir's, also bis zu einem anderen Tage.« »Nein, das ist nicht schön von Ihnen. Nun habe ich mich in all diesen langen Stunden gefreut – ich habe nichts tun können, habe keine Ruhe gehabt, bloß weil ich mich mit Ihnen treffen sollte – – und nun wollen sie gleich gehen!« »Ja aber, liebes Kind, es bleibt doch nichts anderes übrig!« (Kind! da haben wir's! »Lammbraten« wollen diese ältlichen Mädels haben.) »Doch – Sie könnten wohl mit mir nach Hause gehen – ach, tun Sie's doch– – ja –?« (Sie tut's schon noch, »Aage«! Sie tut's schon noch, »mein Kind«!) »Nein, Aage, – so unvorsichtig darf ich nicht sein!« (Ho – ho – hoo–oo!) »Ach, wenn Sie ihn besuchen konnten, dann könnten Sie doch auch zu mir hinaufkommen!« »Das war etwas ganz anderes! Aber sprechen wir nicht von ihm; das verdirbt mir die Laune!« »Wir könnten es so schön haben! Herrgott, was tut denn das! – wir sitzen dort eine Stunde, bis der Regen aufgehört hat; ich lese Ihnen etwas vor – Sie rauchen eine Zigarette, und – – kommen Sie doch mit! Können Sie mir nicht die Freude gönnen? Denken Sie an die fünf Jahre – die verdienen doch wirklich eine Belohnung!« Sie stand ein wenig und sah ihn an. – Er sah so verzagt aus – wie hübsch und süß und natürlich er doch eigentlich war! Warum sollte sie nicht mit ihm gehen? (Nein, weshalb zum Satan sollte sie nicht mit ihm gehen?) Sie hatte wirklich Lust dazu. (Ja, das glaube ich!) Ja, vergessen! Sich in etwas hineinstürzen, den dumpfen Schmerz in ihrem Innern erwürgen – ihn, der niemals schwieg! Ach, wenn sie bloß leichtsinnig gewesen wäre! (Pfui Teufel, sagte Warberg laut, wie das Weibsbild vor sich selbst Komödie spielt.) Sie würde von einem zum anderen gehen! Es begehren sie genug! Sie wollte sie alle befriedigen; halfen sie ihr nur, das andere zu töten, dann gaben sie sie dem Leben zurück. Aber würde sie sich dann nicht selbst verachten? (Nein, wahrhaftig nicht, Fräulein Möller!) ... Torheit, Torheit, wenn sie es tat, um sich zu retten! Sie mußte betäubt in etwas Neues hineingezogen werden, oder vergehen, sie konnte nicht mehr zu Hause sitzen und die vier Wände anstarren – dieselben Bilder, dieselben Möbel, dieselben Gedanken! – Die ewigen schlaflosen Nächte mit der Lampe auf dem Tisch und dem Buch, mit dem sie niemals fertig wurde. Und die ruhelosen, schlafschweren Tage, in denen sie hin und her wanderte, vom Sofa zum Lehnstuhl, ihren Kopf zwischen die Hände pressend, um doch etwas zu fühlen; dieses knechtische »den Tag zu Ende bringen«! Nein, sie konnte nicht mehr! (Oh, Hermann Wessel, weshalb bist du tot!) Wenn es ihr bloß für eine Stunde Vergessen schenkte – bloß einen Traum des Nachts, in den sein Gesicht nicht hineinspielte, dicht an das ihre gelegt, mit Augen und geflüsterten Worten, die zu Lügen wurden, sobald sie erwachte! – Gunnar war in eine geradezu kreuzvergnügte Stimmung gekommen. Er begann die Melodie zu: »Ach, du lieber Augustin« zu pfeifen ... Dann nahm er einen Schluck Kaffee und las weiter: »Sie zweifeln – also gewinne ich!« rief Aage vergnügt aus, als sie gestanden und ihn angesehen hatte, ohne zu antworten. »Sie kommen mit – nicht wahr?« »Nun ja – gewiß, ich komme mit – ist es weit?« »In der Heibergsgade.« Sie erreichten die Haustür, gelangten unbemerkt hinein und standen endlich sicher im Zimmer. »Es ist wohl besser, ich lasse die Gardinen herunter, ehe ich die Lampe anzünde, hier gegenüber wohnen Leute.« Er ging ruhig und langsam von einem Fenster zum anderen, bis alle Gardinen herabgelassen waren; dann zündete er die Lampe und zwei Lichter auf dem Schreibtisch an. Sie fühlte sich so sicher, als sie ihn so ruhig umhergehen sah; er war weder nervös nach fieberhaft erregt; es machte ganz den Eindruck, als ob er einen Kameraden aufnähme. »Wie hübsch es hier ist«, sagte sie, indem sie sich in einen weichen, gepolsterten Lehnstuhl setzte. »Wo haben Sie plötzlich die Mittel herbekommen, so elegant zu wohnen?« »Ich habe nicht die Mittel dazu, aber, du lieber Gott, ich konnte es mit den beiden Holzstühlen, dem Roßhaarsofa und dem eichengestrichenen Bett nicht mehr aushalten! Die einzigen, die mich in dem Loch besuchen mochten, waren meine Gläubiger! – Na und dann – fünfunddreißig Kronen monatlich – das ist doch eigentlich billig – ich komme schon durch – es ist famos, so einigermaßen ein bißchen Geld zu haben!« »Ja, sie sind vergnügt, sobald Sie nur Sonnenschein und Geld haben.« »Und Sie«, sagte er, lief zu ihr und küßte sie auf den Hals. (»Uff«, sagte Gunnar und schauderte »Daß er den Hals berühren mag!«) Sie blickte den jungen Mann lächelnd an und schüttelte den Kopf. »Sie wollten mir ja etwas vorlesen.« »Ja, aber erst muß ich es meinem Gast behaglich machen.« Er stellte eine Flasche Wein und Kranzkuchen vor sie hin. »Aber Aage, Sie konnten doch nicht wissen, daß es regnen würde!« »Ja – es hat schon um acht Uhr geregnet!« »Und dann ›Meneser‹, meinen Lieblingstrank!« »Ja, das wußte ich; Sie erzählten mir einmal, daß – – na, – – jetzt sollen Sie essen und trinken – und hier sind Zigaretten – nun lese ich.« Er nahm ein Manuskript und begann. Aber sie hörte gar nicht zu. Diese Ähnlichkeit war zu groß! Es waren ja nur rein äußerliche Dinge, aber sie sammelten tausend Erinnerungen in ihr, um sie, Erinnerungen, die ihr die Tränen in die Augen trieben. So hatte sie oft mit ihm gesessen! Der Wein, die Zigaretten, der Lehnstuhl– – und der lesende Mann – – alles dasselbe! Es war, als ab einer ihrer glücklichsten Tage wiedergekehrt sei – – oder träumte sie? Die Stimme erklang neben ihr, weich und gedämpft – es war auch seine Stimme! Sie überließ sich so völlig der Erinnerung, daß es ihr einen Augenblick schien, als sei sie Wirklichkeit geworden. Sie saß mit geschlossenen Augen, merkte nicht, daß er im Lesen innehielt, nicht, daß er sich erhob und sich vor ihr auf die Knie niederließ; erst als er ihre Hand ergriff und küßte, fuhr sie zusammen. »Es war so langweilig zu lesen. Es ist tausendmal besser, hier zu sitzen und Ihre Hand zu küssen, Ihre wunderschönen weißen Arme!« Eine Sekunde sah sie ihn fast verwirrt an, dann schloß sie wieder die Augen. Auch dies! Wie oft hatte er nicht im Lesen innegehalten und sich ihr zu Füßen geworfen, seine Arme um ihren Leib geschlungen und seinen Kopf an ihre Brust gepreßt. Und nun lag Aage da! War es Aage – – oder – –? »Sie müssen mich nicht fortjagen«, bat er und barg sein Haupt in ihren Schoß. »Nein, bleiben Sie nur«, flüsterte sie. »Ach, mir ist so wohl!.« »Ich werde Sie nie betrügen – niemals! Ich werde so gut sein, – so gut – und – liebes – liebes – Fräulein Minna – wenn nun etwas aus mir wird – denn es wird etwas aus mir, wenn Sie mich lieben – wollen Sie mich dann heiraten?« (Der Unglückliche!) Eine Träne rann ihre Wange entlang. – Er begriff, weshalb – begriff, daß ein anderer ihr dieselben Worte gesagt hatte – noch eindringlicher – und daß er sie doch betrogen hatte. Er entfernte die Träne mit seiner Hand ... (Hä,hä!) ... und als Antwort auf ihre Gedanken wiederholte er mit kindlicher treuherziger Stimme: »Ich werde Sie niemals betrügen – niemals quälen!« Sie lächelte – aber das Lächeln galt nicht ihm. Es waren die Worte eines anderen, denen sie gelauscht – altbekannten, reuevollen Worten – sie warf Traum und Wirklichkeit durcheinander – Kai und Aage – sie lullte sich in die Ähnlichkeit ein, konnte beide nicht unterscheiden, oder wollte sich nicht aus der Illusion herausreißen, die ihr den alten Liebestag hervorgezaubert hatte wie eine Fata Morgana. Ihre Sinne waren so betäubt von der Erinnerung, – ihr Wille war so erschlafft vom Kummer – ihre Sehnsucht nach ihm war so stark, daß sie die Phantasie sich tummeln ließ, so wild sie nur wollte. Sie dürstete nach einem Augenblick in Kais Armen, und wenn dies hier auch nur Einbildung war, so verzauberte, lähmte es sie dermaßen, daß sie nicht mehr klar zu unterscheiden vermochte; die Gedanken klammerten sich unsinnig an diesen kurzen Augenblick ... (Ich glaube, es gibt eine ganze Menge Frauenzimmer, die das hier reizend und außerordentlich wahrheitsgetreu finden werden!) ... hetzten die Ähnlichkeit immer mehr hervor, und als er das Lächeln von ihren halbgeöffneten Lippen fortküßte, da bebte sie vor Glück (»einem fernen entschwundenen Glück« stand da nach einem Gedankenstrich! Aber es war doch wieder ausgestrichen!) Sie umfaßte seinen Kopf wie im Traum, zog ihn immer näher an sich und dann flüsterte sie mit der fremden tonlosen Stimme eines Nachtwandlers: »Liebst du mich denn wirklich?« »Ich liebe dich – liebe, liebe dich – wahnsinnig!« Ein jubelndes Lächeln der Glückversunkenheit breitete sich über ihrem Antlitz aus, während sie bebend wiederholte: »Ja. – wahnsinnig! So ist es recht! – Wahnsinnig!« Er hob sie vom Stuhl empor und zog sie an sich, preßte ihren Körper fest gegen den seinen, und sie leistete keinen Widerstand, sie ruhte schwer und willenlos in seinem Arm, zu ihm aufblickend. (Warberg vermerkte mit stiller Freude, daß er beim Lesen dieser Stelle keine Spur von »Eifersucht« empfand. Nur wissenschaftliches Interesse und ein bißchen Mitleid mit Henrik Nielsen, »Aage«.– – – Es sollte ihm übrigens von jetzt an Spaß machen, hie und da ein wenig mit Herrn Nielsen zu plaudern. Sie hatte ja nun gemeinsame Erinnerungen!) ... Seine jungen Sinne und seine lange zurückgedrängte Leidenschaft brachen sich nun gewaltsam Bahn, wie ein Sturm, den er nicht dämpfen kannte. Er warf sich vor ihr auf die Knie und küßte ihre Lippen, ihre Brust, Hals und Arme ... (Pfui!) ... Und bohrte schließlich sein Gesicht in ihren Schoß, während er vor Schluchzen bebte. So blieb er ein paar Minuten liegen, bis sie ihm die Hand aufs Haar legte; da fuhr er zusammen und stöhnte: »Ich kann nicht mehr ...« Hej, hut, hö, hö! platzte Gunnar heraus. » ... ich kann nicht – – ich kann nicht – – Minna – – sei mein – ganz– – jetzt – – wenn du wüßtest, wie ich mich in all diesen Jahren nach dir gesehnt habe – – und nun halte ich dich in meinen Armen und darf dich doch nicht berühren! – – du tötest mich!« (Gunnar sah plötzlich Binses Gesicht vor sich. Er kannte es: die Augen halb geschlossen, die Nasenflügel vibrierend und um den Mund dieses sinnliche, halb grausame, halb mitleidige Lächeln – Venus triumphans !) » ... warum liegst du so still, hingebend, widerstandslos, wenn du mich doch nicht nehmen willst – – ich kann es nicht aushalten – – ich kann nicht – –« Er brach auf dem Fußboden zusammen, die Hände vor das Gesicht gepreßt, und schluchzte, schluchzte wie ein krankes hilfloses Kind. Minna lag so stille, als schliefe sie – spürte nichts mehr, hörte nur diese Stimme und die Worte, die sie allzugut kannte. Sie umhüllten sie mit einem entschwundenen Glück, aus dem ihre Träume Leben zauberten – und das Vergessen kam, wenn auch nur für eine armselige Stunde! Sie wollte sich nicht durch ein einziges Wort aus dem Betrug wecken, mit dem seine Stimme und Küsse sie umzaubert hatten – – sie wußte, es war Aage, aber sie fühlte nur Kai! Da packte sie Aage gewaltsam bei den Händen. »Was soll ich tun, Minna – sage es mir? – ich will alles, was du willst, wenn du nur mein werden willst! Soll ich mich erschießen? Ich gebe gern mein Leben hin, um dich jetzt in diesem Augenblick zu besitzen – – ich schwöre dir, daß ich mich in einer Stunde töten will – – nachher, dann weißt du allein es – sage nur ja – – willst du – willst du?« Er sah, daß sie die Lippen bewegte, und er beugte sich ganz tief zu ihr hinab – sie flüsterte – nein, sie lächelte es ihm zu – wie ein Gedicht: »Ja. ich will.« (»Bravo«, sagte Gunnar und lächelte schalkhaft. Aber er empfand doch zugleich ein seltsames Unbehagen, das in ihm emporschlich. Etwas, das dem Widerwillen glich. Und neben diesem Gefühl auch eine aufstachelnde Neugierde, eine kitzelnde Lust, alles zu erfahren, sich mit den kleinsten Details vertraut zu machen. Und wieder ergriff er den Rest des Manuskriptes, das er auf den Stuhl neben sich gelegt hatte, und las weiter:) Nach einer Stunde ging Aage in das anstoßende Zimmer; dort setzte er sich an das Fenster, den Kopf auf den Armen ruhend, und wartete, daß Minna ihn rufen würde. Aber als sie allein war, als die Liebkosungen und die warmen flehenden Worte verstummt waren, erwachte sie zur Wirklichkeit; sie richtete sich halb auf und blickte sich um: Ein fremdes Zimmer! Träumte sie oder hatte sie geträumt? Gott im Himmel – oh – nein, nein – es war wahr – und – allmächtiger Gott – es war geschehen ... und Kai – Kai – er war nicht hier ... (Nein, leider!) ... Aber seine Stimme, seine Worte, sein ganzes Wesen waren hier gewesen und hatten sie umschlungen. In grenzenloser Wonne hatte sie sich einer Ähnlichkeit hingegeben, die ihre Sinne berauscht, ihre Phantasie erhitzt hatte; und jetzt, da all dies schwieg, blieb nur das Unauslöschliche übrig. Das alte Leid trieb ihr die Tränen in die Augen – nun hatte sie ihn zum zweiten Male verloren. Und ihre reine, treue (Kikeriki-ih!) Liebe erschien ihr beschmutzt, sie konnte ihrer nicht mehr wie früher gedenken – durch dies hier war sie von ihm getrennt, noch mehr als durch den wirklichen Bruch – und doch war dies ja nur geschehen, weil sie ihn so unsinnig liebte. Mit einem Sprung stand sie auf dem Fußboden, aber sie schwankte und griff nach einem Stuhl – diesem Stuhl – dann ließ sie ihn wieder los, schenkte sich ein Glas Wein ein, stellte es aber wieder fort, ohne zu trinken ... Sie konnte jetzt keinen Meneser trinken! (Gott im Himmel mag wissen, was das für ein Wein ist, dachte Gunnar.) Ihre Augen waren starr auf die kleine Tür geheftet. Großer Gott, wenn er jetzt käme – wie sollte sie ihm entgegentreten – Nein, es war unmöglich! – Sie konnte ihn nicht wiedersehen, sie würde sich unter seinem Blick blutrot schämen. Sie sah sich um: der Stuhl, die Lampe, das Manuskript, der Meneser, all das, all das, was sie vorher so ganz gefangengenommen – jetzt war es nichts – nur lebloser gewöhnlicher Kram! Nein, fort mußte sie, ehe er kam! Da nahm sie ihre Sachen, und indem sie zur Tür schritt, warf sie einen scheuen Blick auf das Sofa! Die ganze Gestalt zog sich wie in Kälteschauern zusammen, Augen und Mund schlossen sich fest – einen Moment – dann machte sie die Tür lautlos hinter sich zu. Als Aage bald darauf eintrat, war das Zimmer leer.   Gunnar ließ die Hand, die das Manuskript hielt, auf die Chaiselongue sinken. Dann stand er auf, stopfte sich eine frische Pfeife und trank den Rest seines Kaffees. Sehen wir uns die Sache mal ruhig an, dachte er und setzte sich zurecht, mit dem Rücken gegen das Klavier. Er lehnte den Nacken gegen die Holzverkleidung des Instrumentes und hatte das Gefühl, daß sein Kopf kalt und klar würde. Und dann dachte er: Wirst du nun zunächst einmal Binse vor die Tür setzen, wenn sie Freitag kommt? ... Nein. Und warum nicht? Weil du sie nicht liebst, weil deine sogenannte Seele, das vorläufig Mystische im Menschen, sich durchaus nicht von ihr behext fühlt. Du kannst sehr deutlich erkennen, was dich an sie fesselt. Es ist ihr Körper. Und da du infolge deiner etwas verpfuschten Natur ein Weib haben mußt, um deine Begierde zu stillen, so tust du am klügsten, dein Verhältnis zu Binse bestehen zu lassen, bis du eine andere findest, die dich sowohl körperlich wie seelisch behexen kann. Und du betrügst sie ja nicht. Bei eurer letzten »Abrechnung« ist ihr die Situation völlig klar gemacht worden. Sie ist zufrieden mit dir, wie du bist ... Punktum! Das wäre das! Sehen wir uns nun einmal ihre »Ähnlichkeit« an ... Wahrlich, eine vortreffliche Novelle! ... Bloß Schwindel von Anfang bis Ende, was ihre Motive anbelangt! ... Wenn ein Weibsbild den Mund auftut, mag es ihr oft schwer genug fallen, sich an die Wahrheit zu halten. Aber wenn sie anfängt zu schreiben, besonders »Literatur«, welcher Himalaja von Lügen! ... Und der winzig kleine Henrik Aage Nielsen ist wohl nicht ganz so kindlich, wie sie anzunehmen schien. Na, aber das geht mich nichts an. Sie schwärmt nun einmal, infolge ihres vorgeschrittenen Alters, für das Kindliche! ... Betrachten wir einmal diese famose »Ähnlichkeit«, die sie so grausam verführt hat, etwas genauer! Er ist groß, ich bin klein. Er ist blond, ich bin dunkel. Er ist bartlos, ich bin ein Staubwedel. Sie setzt sich in einen weichen, gepolsterten Lehrstuhl und spricht stets von »diesem Stuhl« und »diesem Stuhl« – ich habe nie einen weichen, gepolsterten Lehnstuhl besessen. Und dann dieser Wein, den sie stets bei mir zu trinken pflegt – – ich habe keine Ahnung, was Meneser für eine Flüssigkeit ist. Und dann sind es »die kindliche, treuherzige Stimme«, und die »Kinderaugen«, und dieses »Schluchzen wie ein krankes, hilfloses Kind« – ha, das können wir wirklich alle miteinander leisten, wenn das den Ausschlag geben soll! Warberg erhob sich von der Chaiselongue und stellte seine Pfeife in eine Ecke. »Uff«, sagte er – »wie so ein Frauenzimmer einen armen Kerl von Mann demoralisieren kann!« Aber dann lächelte er überlegen und schwenkte die Hand, als ob er Audienz erteile: »Na aber, es soll mir eine Freude sein, diesem Auge zu begegnen. Keine Spur von Groll oder Eifersucht! Im Gegenteil: Guten Tag, alter Freund, wollen wir einen Becher zusammen leeren, wir zwei, was? – Wir zwei – wir zwei – Ajaxe!«   Gunnar sockte über den Bürgersteig, an den Ministerialgebäuden entlang. Es war halb acht Uhr morgens, und er mußte zur Schule im Amagerviertel hinaus. Aber er mochte heute nicht. Er wollte viel lieber einen flinken, kleinen Spaziergang in den Wald machen, um nachzusehen, ob das Laub schon gelb würde. Sollte er – oder sollte er nicht? Es war ja so schön, daß er die Geschichte mit dem Magen hatte, wenn er eine Entschuldigung für sein Ausbleiben brauchte. Damit hatte er sich früher herausgeholfen, wenn das Bedürfnis nach Extraferien in ihm zu stark geworden war. Und heute erwarteten ihn draußen noch dazu sechs Stunden hintereinander! – Sollte er – oder sollte er nicht? Er war bis zur Knippelsbrücke gekommen, wo er stehenblieb und ins Wasser hinabblickte: Korken und Fischköpfe und Strohhalme und Papierfetzen und eine alte Haarbürste schwammen eiligst mit dem Strom davon. Auf einem Schiff, das am Bollwerk lag, ging ein Knabe, spülte das Deck und pfiff dabei. Nun gab der Brückenwächter das Signal, und die Ketten wurden über die Brücke gespannt. Eine kleine Jolle sollte ein Schiff hindurchbugsieren. Das konnte ja ewig dauern. Die Wagen, die aus der Stadt hereingerollt kamen, hielten auf ein Zeichen, das sich die Kutscher untereinander gaben, indem sie die Peitschen senkrecht über ihren Köpfen in die Höhe hoben. Ein einzelner Fußgänger sprang über die Sperrketten und eilte in langen Sätzen über die Brückenklappen, die sich schon zu heben begonnen hatten. Der Wächter fluchte, und das Publikum lachte. Ein kleiner Hund, der mitten auf die zunächst liegende Brückenhälfte geraten war, blieb stehen und sah sich ratlos um. Die Brücke ging immer mehr in die Höhe, der Hund klammerte sich mit den Pfoten fest, und die Haare sträubten sich ihm vor Schreck. Aber erst, als die Klappe fast senkrecht stand, gab er die Sache verloren, setzte sich auf den Hintern und rutschte, von einer Staubwolke umgeben, herab. Große und allgemeine Begeisterung bei den Umstehenden. Nur eine alte, sentimentale Dame mit einem verblichenen französischen Schal sagte: »Das arme Pusselchen!« Warberg hatte nun seinen Entschluß gefaßt. Das Aufziehen der Brücke hatte den Ausschlag gegeben. Er machte energisch kehrt und ging ins »Café Bourse« an der Ecke. Hier verlangte er eine Tasse Kaffee und eine Postkarte. Er saß in der Mitte des Cafés. Aber wenn er den Kopf erhob, konnte er auf die Straße hinausblicken. Und er sah mehrere seiner Kollegen zu ihrer Fünfzig-Pfennig-Tätigkeit in der Schule hinauswandern. Da ging der Leutnant, und da ging der Magister. Sie hatten morgengraue Gesichter und machten den Eindruck, als ob sie mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden wären. Gunnar nickte ihnen zu und blinzelte schelmisch mit einem Auge. Dann schrieb er auf die Postkarte: »Lieber Herr Schulvorsteher Möller! Ich bitte Sie dringend, mein heutiges Fernbleiben von der Schule zu verzeihen; aber gerade als ich mich aufmachen wollte, bekam ich einen heftigen Anfall meines alten Magenleidens. Ihr ergebener Gunnar Warberg.« Er schrieb an Herrn Möller, weil er wußte, daß dieser soviel Mensch war, um sich späterhin in einem lyrischen Augenblick mit dem richtigen Zusammenhang der Angelegenheit sehr wohl auszusöhnen. Dann bezahlte er und ging. Er ging längs der Börse auf Kristiansborg zu. Der Wagenzug über die Knippelsbrücke war verschwunden. Nur ein einsamer Straßenbahnwagen rollte davon und ihm auf den Fersen eine Droschke. Warberg fühlte sich froh und frei. Er wollte mit der Bahn nach Klampenborg fahren und dann über die Fortuna und Ordrup nach Charlottenlund gehen. Aber er wollte allein hinaus. Mochten die Götter verhüten, daß er Binse oder irgendein anderes lebendes Wesen träfe, das ihn begleiten könnte! Richtig: Binse! Sie wollte sich ja heute mit ihm treffen, wenn er um zwei Uhr aus der Schule kam. Was er sich daraus machte! Er konnte ja morgen zu ihr gehen und ihr einen Kuß geben, dann war die Geschichte in Ordnung – wenn sie nicht heute abend zu ihm hinausgestiefelt kam! Er hatte ihr ja versprochen, ihr die Zensur des Stückes zu zeigen, das er zurückbekommen hatte. Ach ja! Aber eine Freikarte zum Theater hatte er doch gekapert! – – Er lachte bei dem Gedanken an den kleinen Theaterdirektor, der sich selbst beim Nacken gepackt und im Zimmer hin und her gerannt war und düster ausgesehen hatte, um einen »modernen« Schriftsteller in Tätigkeit zu demonstrieren. Den konnte man in einer Posse verwenden! »Denken Sie, ich will mir meine Abonnenten aus dem Hause graulen, Mann?« näselte er. »Oder wollen Sie vielleicht Hoffmannstropfen zu jedem Billett zugeben? Weshalb muß nun alles so fürchterlich traurig sein, was ihr heutzutage schreibt? Seht doch die großen Dichter an, Shakespeare zum Beispiel, er stopfte doch immer etwas Lustiges dazwischen! Aber wenn ihr schreiben wollt, dann ...« Hier geschah es, daß sich die kleine Porzellanfigur beim Nacken gepackt hatte und auf dem Brüsseler Teppich in seinem Kontor im Sturmschritt auf und ab gelaufen war. Gunnar hatte sich in den Schnurrbart beißen müssen, um nicht hellauf zu lachen. Und bald darauf war der Mann vor ihm stehengeblieben und hatte ihm seine weiße Hand mit den Fettsäcken und den Perlmutternägeln auf die Schultern gelegt: »Aber es steckt Talent in Ihrer Arbeit, junger Mann, viel Talent, wie der Zensor ebenfalls schreibt. Und in Anbetracht dessen will ich Ihnen ein kleines cadeau machen! Sie sollen zweimal wöchentlich freien Eintritt in unser Theater haben. Es ist für Sie von Nutzen, wenn Sie gute Komödie sehen.« Und Gunnar hatte sich verneigt und bedankt und war fortgegangen mit dem »cadeau« in der Tasche. Es war doch immerhin etwas! Und, Herrgott, dieser alte Apfel der Iduna kämpfte schließlich für seine Überzeugung! Aber eines ärgerte Gunnar außerordentlich, und zwar, daß der Direktor gerade in diesen Tagen auch Binse ein Freibillett für »unser Theater« gegeben hatte, und für eine Arbeit, die ... na, ein Schuster schimpft ja immer auf den anderen ... Aber was sollten Frauenzimmer mit Freibilletts? Dadurch wurden sie bloß noch »stelzfüßiger«! – Und es muß nun ein für allemal konstatiert werden, daß die Weiber eine untergeordnete Rasse sind, sie bestehen nur aus Körper und Mundwerk! Denn auf dieser Basis kann man ganz bequem alles Lebende in vier große Hauptklassen einteilen: Pflanzen, Tiere, Frauenzimmer und Menschen – und diese Klassifikation benennen das Warbergsche System ! Draußen auf der Station Klampenborg löste Gunnar sich ein Retourbillett dritter Klasse. Dann setzte er sich in einen der offenen Wagen in eine Ecke, von der aus er auf den Perron hinausblicken und die Passagiere betrachten konnte. Es waren zu so früher Tageszeit nicht viele. Ein paar Frauen aus dem Vorort Skovshoved, die schon ihre Waren abgesetzt hatten und nun nach Hause fuhren und ihre häusliche Tätigkeit beginnen wollten – zwei Rangen und Kaffee kochen für den Mann. Sie trugen dunkelgrüne halbwollene Kleider, Holzschuhe oder Pantoffeln an den Füßen und eine leuchtend weiße Kopfbedeckung, die in Form einer Kapuze das Antlitz überragte. Und auf dem Rücken trugen sie einen länglichen Korb, der wie ein Tornister mit Riemen über den Schultern befestigt war. Sie hatten frische, gesunde und hübsche Gesichter. Und Gunnar entdeckte, daß er sie mit Behagen und Achtung betrachtete. Es war also nur die »Dame«, die er »haßte«. Die Dame, dieses Monstrum, das der Teufel einmal in einem besonders feurigen Moment geschaffen hatte, den Männern zum Ruin und den Kindern zum Verderb. Das Einsteigesignal ertönte zum ersten Male. Und ein blaugefrorener, früh aufgestandener Herr mittleren Alters, den Rockkragen bis zu den Ohren hochgeschlagen, schlenderte auf den Perron hinaus und kletterte in ein Coupé zweiter Klasse. Er hatte wahrscheinlich eine bewegte Nacht in der Hauptstadt hinter sich und wollte jetzt zu seiner Villa in Gottes freier Natur hinaus, um zu schlummern. Ein paar junge Männer in Arbeiterkleidung und ein älterer bläßlich-fetter Herr mit Zylinder und einem Gesicht wie ein kranker Frosch kamen in den Wagen zu Gunnar. Die Arbeiter setzten sich neben die Skovshovedfrauen, der Herr dagegen fiel auf der Bank Warberg gegenüber nieder. Indem er sich setzte, stieß er die Luft durch die Nase aus, und es klang wie: Tschums! Es läutete zum zweiten Male – Eine lange schwarzgekleidete Dame stürzte durch die Vorhalle hinein, ein kleines Mädchen hing ihr, eine Elle weit entfernt, an der Hand. Die Dame schwitzte, und das Kind schrie, daß es nicht mehr könne. »Schämst du dich nicht, Kathinka!« »Hier ist Platz, Frauchen«, sagte ein Schaffner und öffnete die Tür des Coupés, in dem sich der Villenbesitzer befand. »Nein, ein Damencoupé«, stöhnte die Frau. »Ich bin ganz aufgelöst! ... Willst du still sein, Kathinka!« Es läutete zum dritten Male. Und die Glastüren zum Perron wurden geschlossen. Aber gerade als der Zug sich in Bewegung setzte, sah Gunnar wie in einer Vision eine rasende Männerphysiognomie drinnen hinter den Perrontüren von einer Scheibe zur anderen fahren, die Stirn gegen die Sprossen schlagen und die häßlichsten Grimassen schneiden. Es war eine Renaissancenatur, die zu spät zum Zuge gekommen war. »Ich kann's nicht begreifen, daß man nicht aufstehen kann, wenn man mit der Eisenbahn weg muß!« äußerte der bläßlichfette Herr und blinzelte empört mit seinen hervorstehenden Froschaugen, deren Deckel in Falten lagen. Und wieder stieß er die Luft hart durch die Nase aus. »Nein«, sagte Gunnar. »Es ist auch merkwürdig.« Aber er wandte gleichzeitig den Kopf ab und blickte hinaus auf die vorübergleitenden Villen und turmhohen Häuser. Er konnte das Gesicht des Mannes nicht vertragen, obgleich etwas unendlich Ehrbares und Gutmütiges über den bläßlichfetten sackigen Zügen und den großen wasserblauen Augen ausgebreitet war. »Tschums!« fuhr der Fremde fort. »Ich bin seit sechs Uhr auf. Das bin ich nun so gewöhnt seit meiner Jugend.« »Gewiß, das ist ja verschieden«, sagte Gunnar ins Blaue hinein und steckte die Hand in die Brusttasche, um etwas Lesbares zu finden, hinter dem er sich verbergen könne. Er bekam das » cadeau « des Direktors zu fassen und begann es eifrig zu betrachten. »Mit Verlaub, ist das ein Billett zum Kastellwall?« »Ja«, sagte Gunnar und steckte das Kuvert schnell wieder in die Tasche, aber gleichzeitig bekam er das Schreiben des Zensors in die Finger, das er in die Tasche gesteckt hatte, um es Binse bei ihrer Begegnung zu zeigen. »Wir haben auch eine Karte gehabt«, fuhr der Bläßlichfette unverdrossen fort, »aber seit ich das Geschäft abgegeben und die Villa hier draußen gekauft habe, ist es ja nicht mehr nötig.« Warberg antwortete nicht, sondern breitete das Papier aus und las, wohl zum siebenten Male, die »Empfehlung« durch: Theaterzensur. Kopenhagen, den 25. September 18.. »Auf Verlangen des Herrn cand. Phil. G. Warberg kann ich hiermit bezeugen, daß ein von ihm im vergangenen Frühjahr dieser Bühne hier eingereichtes Drama eine ungewöhnliche schriftstellerische Begabung in der Richtung frischer selbständiger Auffassung und realistischer Darstellungsgabe zeigte. Die wesentlichste Ursache, weshalb ich das Stück nicht zur Annahme vorschlagen konnte, war das gewählte Hauptmotiv, das, übereinstimmend mit der pathologisierenden Richtung, die heutzutage bei Dichtern wie Malern üblich ist, eine Geisteskrankheit war, deren Entwicklung und Verlauf meiner Auffassung nach nicht vor das Forum eines Theaterpublikums gehört. Dagegen waren die formellen Vorzüge in der Zensur ausdrücklich anerkannt.« Sebastian Scharff. Ja, das ist nun alles sehr gut und schön, dachte Warberg, aber was nützt das, ein ungewöhnliches schriftstellerisches Talent in der Richtung frischer selbständiger Auffassung und realistischer Darstellungsgabe zu sein, wenn die ganze materielle Ausbeute sich auf ein Freibillett beschränkt, das man nicht einmal weiterverpachten darf! Und er begann, ein wenig mißmutig, das Dokument wieder durchzustudieren. Nun kannte er es bald auswendig. Der bläßlichfette Mann saß und starrte sein Gegenüber fest und andauernd an; manchmal in fast regelmäßigen Zwischenräumen hörte man sein: tschums! Der Zug hatte bei Nörrebro und Hellerup gehalten. Und nun schlenderte er nach Charlottenlund davon. Warberg sah aus dem Fenster und erblickte ein seltsam stilisiertes Holzhaus, das er nie vorher bemerkt hatte, in einem kleinen, frisch bepflanzten Garten unmittelbar am Bahndamm. Er wandte den Kopf und verfolgte es mit den Augen, als der Zug vorbeiglitt. »Ja, das ist von drinnen, von der Ausstellung«, erläuterte der Herr mit den Froschaugen mit einem galanten Zusammenklappen des Oberkörpers. »Aus der norwegischen Abteilung. Und ich war auf der Auktion, um es zu kaufen. Aber es stieg bis an die zweihundert, und da ließ ich es Kvist nehmen.« »So«, nickte Gunnar und entriß sich seinen tristen Gedanken, »und weshalb ließen Sie es Kvist?« »Ja, denn sehen Sie, ich wollte es für den Garten meines Sohnes in Brede haben; aber man kann sie ja von Christiania für hundertfünfunddreißig kriegen, mit Fracht und allem.« »So, Sie haben einen Sohn in Brede? Was ist er da?« »Er ist Landmann«, sagte der Bläßlichfette und streckte die Hemdenbrust heraus. »Ich habe ihm hier vor ein paar Jahren einen Hof gekauft mit fünfundvierzigtausend Auszahlung und dreiundsechzig bei der Obervormundschaft zu dreiundeinhalb. Ich will Ihnen sagen, ich habe ja beim Geschäft ein bißchen was zurückgelegt.« »So, das ist ja angenehm.« »Und da übernahm mein jüngster Sohn das Geschäft, und ich kaufte mir eine Villa hier draußen in Taarbaeck ... Ich bin der Tuchhändler Smith aus der Silkegade, wenn der Herr das Geschäft kennen.« »Sehr gut, ja! Das ist ja sehr ... das ist ja sehr bekannt!« »Ich habe auch fünfundvierzig Jahre in demselben Laden gesessen, und das Haus gehört mir. Ich fahre ja gewöhnlich herein und sehe nach Christian, wie es geht, und helfe ihm ein bißchen, denn ich verstehe es doch, hähä! Aber sonst pussele ich doch meist hier draußen an der Villa herum, denn wir haben einen ziemlichen Garten.« »Sie wohnen im Winter in der Stadt, Herr ... Herr ... Smith?« »Ja, im ersten Stock, ja. Da haben Mutter und ich unsere Zimmer. Christian ist verheiratet, wir essen dann bei ihm.« »Ja, natürlich! Gewiß, man muß im Winter in der Stadt wohnen. Ich bin schon hineingezogen.« »So früh ... tschums!« »Ja–a, sehen Sie, die Varietés, die Theater! Das ganze Leben!« »Ja, natürlich, ja! ... Wenn's erlaubt ist, darf ich fragen, was Sie sind?« »Ich bin auch Landmann.« »So–o? Das ist ja nett! Das wird meinem Sohn Spaß machen ... Darf ich fragen ...?« »In Jütland.« »So, in Jütland? So! Darf ich fragen, ob ich die Ehre haben kann, Ihren werten Namen zu erfahren?« »Brockdorff ... v. Brockdorff auf Saedingehof ... Ich fahre dritter Klasse, weil ich die Luft nicht entbehren kann.« Der Tuchhändler richtete sich auf und sah mit der tiefsten Verehrung auf sein Gegenüber. Man war in Charlottenlund angelangt. Ein paar Reisende stiegen aus. Und der Zug rollte weiter. »Es sind ein bißchen schwere Zeiten für den Landmann«, begann Herr Smith und lüftete in untertäniger Ehrerbietung seinen Zylinder, indem er sich gestattete, das Gespräch wieder anzuknüpfen.« Gehen wir nun wieder weiter, dachte Gunnar. »Ja, man klagt freilich ringsum«, sagte er laut und zuckte die Achseln. »Aber wir auf den großen Höfen merken nichts.« »Nee, nein, natürlich nicht! Aber nun schreibt mein Sohn hier um Geld, weil er seine Viehversicherung decken will ... Pflegt man seine Kühe immer zu versichern?« »Ja, mein lieber Mann!« lachte Gunnar arrogant. »Das pflegt man!« »Verzeihen Sie ... ja, ich verstehe mich doch nicht recht darauf«, bat Herr Smith und sah hilflos aus. »Aber er schreibt um viel Geld ... Hören Sie, Herr Graf, Sie können mir wohl nicht sagen, wie hoch die Prämie so im Durchschnitt für jede einzelne Kuh zu sein pflegt ...« »Für jede Kuh?« wiederholte Gunnar tiefsinnig. »Nein, das weiß ich im Augenblick nicht ... Das ist übrigens auch Sache des Verwalters ... wieviel wünscht Ihr Herr Sohn?« »Vierhundert.« »Und wie groß ist der Stand?« »Er hat fünfundfünfzig Kühe ...« »Ja, dann ist es freilich unleugbar ein bißchen viel Geld! Aber es kann sich zuweilen lohnen, sogar sehr hoch zu versichern, mein lieber Herr Smith.« »Ja–a, mein Sohn muß es wohl besser wissen«, seufzte der Tuchhändler tief auf und senkte seine Augenlider wie ein paar schwere Markisen der Sorge über seine braven Gucklöcher. Warberg empfand beinahe Mitleid mit ihm und wollte ihm gerade ein paar tröstliche Worte sagen, als die Lokomotive pfiff und man in die Station Klampenborg einrollte. Noch ehe der Zug hielt, sprang Herr Smith heraus, öffnete die Wagentür und verneigte sich mit fest zusammengepreßten Beinen. »Nein, erst Sie, Herr Smith«, sagte Gunnar und klopfte dem Tuchhändler kordial auf die Schulter. »Sie natürlich!« »Herr Graf ... hä, hä!« »Nein, unter keinen Umständen! Sie sind der Ältere!« »Tschums!« und Herr Smith hüpfte wahnsinnig lächelnd auf die Plattform hinaus und die Treppe hinunter. Jetzt hatte er jede Versicherungsprämie vergessen! Unten vom Perron aus streckte er die Arme empor, um dem Herrn Grafen behilflich zu sein. Aber Gunnar wich ihnen aus. »Adieu, Herr Smith«, grüßte er höflich. »Es ist mir ein Vergnügen gewesen, Ihre Bekanntschaft zu machen.« »Ä–hä, Herr Graf«, stotterte Herr Smith (er stand mit dem Hut in der Hand und war in diesem Augenblick völlig unheilbar geisteskrank) – »das Vergnügen ist gegenseitig! das Vergnügen ist ... tschums! ... vollständig gegenseitig! Mir eine Ehre!« Warberg lüftete den Hut zum Abschied und drängte sich schnell durch das Häuflein der Passagiere (wohl an die zwanzig, dreißig Stück) bis zu dem Gitter vor, das zu der Haltestelle am Ende der Station führt. Er sah den Villenbesitzer, der immer noch den Rockkragen um die Ohren hochgeschlagen hatte. Und an der großen, aufgelösten Dame mit Kathinka kam er vorbei. Und an den Stovshovedfrauen, die gingen und sich die Körbe auf den ein wenig gebeugten Rücken festschnallten. Und dann war er draußen. Aber im selben Augenblick, als er die Gittertür hinter sich hatte, blieb er mit einem Ruck stehen und seine Beine wurden schwer und steif. Denn dort rechts am Güterschuppen stand dieses mystische unbekannte Paar, das ihn nun bald ein Jahr lang in der Stadt und der Umgebung verfolgte. Er hatte keine Ahnung, wer sie waren; aber wenn er am wenigsten an sie dachte, tauchten sie plötzlich auf, in den Theatern, auf den Straßen, in den Cafés, im Wirtshaus, in der Straßenbahn. Sie mußten wissen, wer er war, denn in der letzten Zeit hatten sie sich auch draußen in der Amagervorstadt zu zeigen begonnen, wenn er aus der Schule kam. Sie standen auf der anderen Seite der Straße, deuteten mit den Fingern auf ihn, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten und zischelten und – lachten und amüsierten sich über seine augenscheinliche Nervosität. Natürlich war das Weib am frechsten! Ein kleines, untersetztes, breitmäuliges, dreißig-vierzigjähriges Geschöpf mit ein paar stechenden bierbraunen Augen. Der Kavalier dagegen sah noch völlig aus wie ein Kind mit einem bartlosen und hübschen Gesicht. Er schien immer ziemlich verlegen während der Exekution, fast als ob er um Verzeihung bäte für das, woran er sich beteiligte. Aber sie hatte seinen Arm fest unter den ihren gepreßt, und es schien, als ob dadurch etwas von ihrer angeborenen Bosheit auch in ihn eindränge. Man hat ja oft Beispiele dafür gesehen, daß herzensgute und anständige Männer von den schlechten Eigenschaften ihrer Bräute oder Gattinnen angesteckt worden sind, meist natürlich ihrer Gattinnen – denn sie sitzen ja fester im Sattel, die Satane! Gunnar hatte beobachtet, daß er jedesmal, sobald das Paar seinen Weg kreuzte, Gegenstand verschiedener Stimmungen war. Entweder war er nahe daran, sein Portemonnaie aus der Tasche zu nehmen und ihnen alles anzubieten, was darin war, unter der Bedingung, daß sie verschwänden und ihm nie wieder unter die Augen träten. Oder er empfand Lust, ihnen mit seinem Stock ins Gesicht zu schlagen, oder ihn zu nehmen und ihr um die Ohren zu schlagen. Aber zuweilen schleppte er sich auch an ihnen vorbei, mit steifen und lahmen Beinen, aus Angst davor, daß sie sich ihm in den Weg stellen und ihn ansprechen würden. Und dies war ungefähr seine augenblickliche Stimmung: Er dachte daran, kurzerhand kehrtzumachen, nach der anderen Seite der Station zu laufen und über eine Unmasse von Gartenzäunen und Bretterwänden zu klettern, um ihnen auszuweichen. Aber das Paar hatte ihn schon erblickt und magnetisiert. Und hinter sich hörte er des Tuchhändlers: Tschums! Er zwang sich deshalb, den Promenadenweg einzuschlagen, an den beiden Wartenden vorüber, die Arm in Arm an der Bretterwand des Güterschuppens standen. Er nahm sein Herz in die Hände, wie man zu sagen pflegt, und stolperte davon. Seine Beine schienen ihm schwer und aufgeschwollen und ungeschickt (besonders von den Knien abwärts). Aber wahrscheinlich war sein Gang schnell und leicht wie immer, und kein Uneingeweihter hätte auch nur die geringste Veränderung in seinem Aussehen bemerken können. Er schritt mit erhobenem Kopf und schlenkernden Armen und stieß mit dem Stock kräftig in den Kies des Weges. Aber er fühlte die schadenfrohen Augen des Paares auf sich ruhen. Und er war im Begriff, sich vor ihnen aufzupflanzen und mit gefalteten Händen flehend zu rufen: »Du allmächtiger Gott, was habe ich euch denn getan! Gebt doch eine Erklärung! Ich kenne euch ja gar nicht!« Aber er ging scheinbar ruhig weiter. Und während er an der Frau so dicht vorüberging, daß sein Rock fast ihr Kleid berührte, sagte sie flüsternd und ohne die Lippen zu bewegen, aber mit all der sublimen Bosheit, die in Blick, Miene und Stimme eines Weibes liegen kann: »Stundenlehrer!« »Tschums!« erklang es in diesem Augenblick von Herrn Smith, dem es gelungen war, Gunnar zu erreichen, »ich gestatte mir, da ich das Glück habe, den Herrn Grafen einzuholen – –« »Ach, hol' Sie der Teufel!« »Wie beliebt ...? Müssen der Herr Graf nach rechts oder links?« »Ich muß nach Göteborg!« »Nach ...? Soo –oo? Ach ... nach Göteborg?« »Ja, der Luft wegen!« »Ja ... ja, da soll freilich die Luft vorzüglich sein ... aber ... ä.« »Ich fahre mit dem Dampfer von hier nach Kopenhagen und dann weiter nach Malmö.« »Ja ... ja, das ist eine Route«, stotterte der Tuchhändler, immer verwirrter. Aber dann lächelte er auf einmal artig über das ganze Gesicht und sagte: »Der Herr Graf gestattet vielleicht, daß ich Sie an Bord begleite ...?« Gunnar blickte ihm starr in die Augen: Es gehört wirklich ein ungewöhnlich grober Keil auf diesen groben Klotz! dachte er. Der Mann machte ihm keinen Spaß mehr. »Tut mir leid«, sagte er dann, »muß mir leider die Freude versagen! Muß erst in die Anstalt, um meiner Tante, der Baronesse Rosencrantz, einen Kondolenzbesuch zu machen. Hat ihren Lieblingspapagei verloren.« »Stundenlehrer – – In der Realschule von Amager – – Fünfzig Pfennig die Stunde!« erklang es plötzlich klar und deutlich dicht neben ihm. Er griff sich entsetzt an den Kopf und sah sich um. Es war kein anderer als Herr Smith in der Nähe. Sie standen beide allein auf dem Stege, der vom Stationsgebäude zur Badeanstalt führt. »Befinden der Herr Graf sich plötzlich nicht wohl?« fragte der Tuchhändler besorgt. »Doch, doch!« nickte Gunnar. »Aber ... aber, Sie dürfen mir nicht böse sein, Herr Smith, tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich allein!« »Ja, aber ... kann ich nicht irgendwie ...« »Nein, danke, nein ... es ist sehr freundlich von Ihnen ... aber adieu!« »Adieu, adieu, Herr Graf! – Tut mir wirklich leid! ... Freut mich sehr, tschums! ... hoffe, daß es nicht das letztemal gewesen ist?« Und Warberg blieb allein auf dem Stege zurück. Er beugte den Kopf und preßte die Hand gegen die Augen. Und er fühlte eine wimmelnde und kribbelnde Bewegung oben in seinem Gehirn. Es war, als ob es sich ausdehnte, als ab es springen sollte. Es hämmerte und klopfte wie mit weichen elastischen Keulenschlägen hinter Schläfen und Stirn. Dann fuhr ihm ein kalter scharfer Schauder den Rücken entlang, und er sah dicht hinter seinen geschlossenen Augenlidern große blaue Ringe in einem blutroten Nebel herumwirbeln. Und dann war der Anfall vorüber. Aber, Herrgott, wie er schwitzte! Und wie müde er war! Und die »Forsche« hatte er ganz verloren! ... Es war ja auch wirklich dumm, die Geschichte hier, so plötzlich krank werden zu können! Eine der Segnungen der Zivilisation! ... Er war überzeugt davon, daß die Hottentotten und Schwanzneger niemals krank waren, falls sie sich nicht zufällig schnitten, ein Bein brachen oder einander Nasen und Ohren abrissen. So in einem Walde zu gehen und seelenvergnügt zu sein, und dann plötzlich ein ganzes Gros Würmer in seinem Gehirn herumkrabbeln zu fühlen, während Himmel und Erde einem vor den Augen schwirrten wie Feuerwerkskörper, das kannten sie nicht, davon war er überzeugt ... Und er schlich sich ganz gedrückt zum Pavillon an der Dampferbrücke und setzte sich auf eine Bank in der versteckten Laube, so still und nachdenklich wie ein durchnäßtes Huhn, das von einem Gewitter überrascht worden ist. Na, diese Halluzinationen waren also kein überwundener Standpunkt. Das hatte er doch geglaubt. Aber sie hatten nur eine andere Form angenommen. Das vorige Mal waren es die Augen, um die es schlimm stand ... Diesmal waren es die Ohren ... Aber das war doch so ganz sinnverwirrend plötzlich gekommen, dies hier! Drei ... nein, vier Jahre lang hatte er nichts Ungewöhnliches bemerkt; nur eine leise Müdigkeit in Gehirn und Nacken, wenn er des Abends zu lange gearbeitet hatte ... Damals, als er sich nachts zum Abiturium vorbereitete, während er am Tage im Bücherladen arbeitete, hatten diese »Gesichte« oder richtiger dieses »Gesicht« sich gezeigt. Es kam nie während der Arbeit, sondern stets in den Mußestunden, wenn er saß und nichts tat ... Er entsann sich deutlich des ersten Males! Es war eines Abends, als er im »Schweizer« in seiner gewohnten Sofaecke saß. Er saß ganz gerade und trank Kaffee und starrte über die Kaffeetasse fort. Da sieht er plötzlich, unten auf dem Fußboden, drei, vier Ellen links vom Tisch, eine Katze ... eine ganz graue Hauskatze, die steif und still auf ihrem Schwanz dasaß, wie Katzen zu sitzen pflegen. Im ersten Augenblick kam es ihm spaßig vor: Wie, zum Donnerwetter, kam die Katze hier herein! Dann wendete er den Kopf, um das Tier genauer anzusehen, erdachte, er müsse es kennen; aber da war es verschwunden. Er rief einen der Kellner, es war gewiß Lauritz, und fragte, ob sie jetzt angefangen hätten, Katzen zu halten. Aber Lauritz lachte und sagte nein! »Ich habe doch aber wirklich eine Katze hier sitzen sehen!« »Soo–oo? Nein, Herr Warberg müssen sich bestimmt geirrt haben. Ob es nicht am Ende Großhändler Myhlenbergs kleiner Hund gewesen ist? Der Herr sitzt gerade mit ihm drinnen und sieht die Illustrierten Blätter durch.« »Ja, dann ist es doch vielleicht Großhändler Myhlenbergs kleiner Hund gewesen.« Und dann dachte er nicht mehr an die Geschichte ... Aber nach ein paar Tagen, vielleicht so fünf, sechs, saß er in der Wohnung eines Kameraden, mit dem er zusammen Latein gelernt hatte, und plauderte mit ihm. Es war gegen halb zwei Uhr nachts, und sie hatten eben ihr Pensum geschafft ... da packte er plötzlich den Burschen hart beim Arm und sagte: »Kannst du sie sehen? Da ist sie wieder!« ... Und dann kam dieses Fürchterliche mit den Würmern im Gehirn und den weichen Keulenschlägen und den schnurrenden blauen Ringen in dem roten Nebel ... ganz wie heute! Und es kam einmal und zweimal und dreimal in immer kürzeren Zwischenräumen. Und er hatte mit dem Studium aufhören und ein paar Jahre als Hauslehrer aufs Land gehen müssen. Und seitdem hatte er nichts bemerkt – – bis heute! Es ist also Überanstrengung wie das letztemal, dachte er. Du bist zu fleißig, Gunnar Warberg; du willst zuviel Geld verdienen, mein Junge! Laß das sein, denn du hast nur ein Fachwerkgehirn! Und er beschloß, auf einige seiner fünfzig Örestunden draußen in der Schule zu verzichten. Denn im »Kopenhagener« weiterschreiben, das wollte er. Das war der Weg, den er gehen mußte. Du brauchst dir ja nicht die Butter so dick auf die Semmeln zu schmieren, alter Freund! Und wollen wir sagen: viermal wöchentlich Mittagessen im Gasthaus und im übrigen Blutwurst! ... Und dann eine Serie Sturzbäder! Er begann sich nun gleichsam ein kleines bißchen zu erholen. Das Gehirn fungierte normal, und die Müdigkeit verzog sich. Er setzte sich auf die vorderste Bank der Laube und sah über das Wasser hinaus. Es schülperte und spielte mit den Planken des Bollwerks und roch so meerähnlich nach Tang und toten Quallen! Ja, sie sind entzückend, die dänischen Sunde, Seen und Fjorde! Er rief einen Kellner und bekam eine Tasse Kaffee und Butterbrot serviert. »Fünfzig Öre, bitte schön!« Und Warberg bezahlte, aß, steckte sich eine Zigarre an und ging. Zurück durch das rote Tor ging er und in den Wald hinein. Er scheute die offenen Pfade und Wege und ging mitten unter den Bäumen, deren Kronen sausten und sanft über seinem Kopfe sangen. Er hatte den Wald viel lieber als das Meer. Er fand, daß dieses ewige Rollen und Brummen und Schülpern und Spritzen und Das-Weiße-aus-den-Augen-kehren auf die Dauer etwas einförmig und einschläfernd wirkte. Ganz zu schweigen davon, wenn das Wasser ruhig und spiegelglatt dalag und eine brennende Sonne darüberhing, denn da war es gar nicht zu ertragen! ... Und trotzdem liefen alle hysterischen Männer und Weiber herum und schrien nach dem »Meer« und dem »Meer«, daß es einem vernünftigen Menschen schon von vornherein verleidet wurde ... Und schließlich wurde er immer seekrank, wenn er einmal eine Segelfahrt unternahm. Nein, er hielt sich hübsch an den Wald! Wo nicht zwei Bäume einander glichen, wo die Sonnenstrahlen grünlich-gedämpft zwischen den Zweigen und Blättern herabschlüpften und auf Blumen und Gräsern spielten. Wo die Hasen aus dem Dickicht gehüpft kamen, sich auf den Schwanz setzten, mit den Ohren wackelten und sich vorsichtig umsahen, ehe sie weitergaloppierten. Und dann der Fuchs! diese Advokatenseele der Tierzunft! der mit den Händen auf dem Rücken und zu Boden gesenkter Nase manierlich und brav angetrabt kam, als ob das heilige Grab wohlbehütet sei; der aber mit Augen und Ohren lauernd und mit derselben friedlichen Nase die kleinste Beute viele Meilen im Umkreise witterte. Und der Dachs! der rundlich und wohlgenährt wie ein Pastor emeritus in der Nähe seiner Villa herumnuschelte und mit leisem, wohlbehaglichem Grunzen in sich hineinknabberte, was sich irgendwie knabbern ließ. Na, aber hier im Tiergarten gab es gewiß weder Füchse, Hasen nach Dachse. Aber »Tiere« gab es. Er war gerade auf einen Hügel gelangt, der in einer Ecke der Waldgrenze an der Eremitageebene lag. Es standen einige hohe, breitkronige Buchen da oben; und am Fuße einer derselben ließ er sich nieder, den Rücken gegen den Stamm gelehnt. Gerade unter dem Hügel grasten zwei scharf getrennte Herden Damwild. Oder richtiger, nur die Ricken grasten, die Hirsche hatten sich einander gegenüber aufgestellt und brüllten mit funkelnden Augen und stolz erhobenen Hälsen. Ab und zu stampften sie mit den Vorderfüßen auf die Erde, beugten die Köpfe und rissen mit ihrem zackigen Geweih große Grasstücke los und schleuderten sie in die Höhe, wenn sich eine der Ricken zu weit von der Schar entfernte, lief der Hirsch zu ihr und stieß sie mit dem Maul in den Kreis zurück. Dann stellte er sich wieder in kriegerische Positur und brüllte seinen Gegner herausfordernd an. Gunnar saß lange und betrachtete die Tiere und wünschte, es möchte zu Handgreiflichkeiten kommen. Aber die beiden Paschas schienen die gegenseitige Stärke zu kennen und zu schätzen und beschränkten sich darauf, zu brüllen und zu Stampfen und Grasfetzen auszureißen, gleichsam um zu betonen, was für Satanskerle sie wären, wenn sie ernstlich daran gehen wollten! Na! Sie hatten übrigens jeder an die fünfzig, sechzig Frauen; da sollte man ja meinen, daß sie kräftig genug engagiert waren. Gunnar erhob sich und klatschte in die Hände. Die Versammlung spitzte die Ohren und blickte zu ihm empor. Er klatschte wieder und machte ein paar Schritte hügelabwärts. Eine der Ricken machte kehrt und lief in das Dickicht. Dann folgte eine zweite, und dann eine dritte. Und plötzlich rasten beide Scharen, jede nach einer anderen Seite, fort, und nur die beiden Hirsche blieben allein zurück. Sie sahen sich an, sahen den Menschen oben auf dem Hügel an. Und dann schwenkten auch sie gleichzeitig rechtsum und setzten in langen Sprüngen den Weibern nach. – Den Weg gehen wir ja alle! Als Warberg unten auf der Ebene angelangt war, ging er zur linken Seite quer darüber hin und zu den Plantagen um die Fortune. Dort erklomm er die Umfriedung, setzte sich auf die oberste Querlatte und blickte über die Landschaft hinaus. Die große grüne Fläche breitete sich im vollen Sonnenlicht vor ihm aus mit ihren historischen Dornbüschen und ihren einzelnen isolierten Baumgruppen. Ab und zu glitt ein großer phantastischer Schatten über das Gras; es war eine Wolke, die an der Sonne vorübersegelte. Rings umher zu allen Seiten lagen oder standen größere oder kleinere Scharen von Tieren, jede mit einem liebeskranken Pascha als brüllende Schildwache. – Und in weiter Ferne, am östlichen Horizont, ragte die Eremitage auf ihrem Landhügel in die Höhe, wie der Knopf eines ungeheuren Briefbeschwerers. Gunnar kroch vom Zaun hinab und wanderte zwischen den Bäumen umher. Hier waren keine staubigen Fahrwege und keine zertretenen Pfade. Die jungen Buchen standen, »wie es ihnen paßte«, ihre glatten schlenkernden Zweige entweder hoch in die Luft gestreckt oder zur Erde gebeugt; und Gras und Moos wucherten dick und üppig in den Lichtungen. Hier drinnen war Sommer, kein Herbst zu spüren. Und Gunnar bohrte sich vorwärts durch dicht zusammengewachsenes Buschwerk und Unterholz. Und kohlschwarze leuchtende Drosseln flogen schreiend um ihn empor, während Blätter und Zweige ihm um die Ohren schlugen und die Dornen ihm Anzug und Hände zerrissen. Aber er summte trotzdem vergnügt: »Bumfallera! Die Welt, die Welt ist wunderschön! Das heißt, manchmal«, fügte er vorsichtig hinzu, als ob er Furcht habe, daß ihn jemand beim Wort nehmen könne, »manchmal, wenn man wirklich allein ist und Ruhe hat vor Menschengefasel und Frauenzimmern!« Dann blieb er stehen und lauschte: hinter ihm raschelte das Gebüsch und schwere Füße trabten durch das weiche Gras. Und er wandte sich um und wäre durchaus nicht erstaunt gewesen, wenn sich ihm plötzlich ein Bär oder Luchs gezeigt hätte. In solch idyllischer Stimmung war er. Aber als die Zweige endlich zur Seite gebogen wurden, stand vor ihm nur ein kleiner, bäuerisch gekleideter Mann in Strohhut und Holzschuhen und mit einem großen blankleuchtenden Messinghalbmond an einem Stückchen Bindfaden auf der Brust hängend. Auf dem Mond stand: Forstbeamter Nr. 4. »Tag«, sagte der Mann. »Tag«, grüßte Gunnar. »Sind Sie Botaniker?« »Was?« »Sind Sie Botaniker?« wiederholte er. »Sonst dürfen Sie hier nicht bleiben!« »Nicht?« »Nein ... Aber vielleicht sind Sie Botaniker?« »Ja–a«, nickte Gunnar. »Ja, gewiß, ja ... ja, das bin ich!« Er riß ein Blatt van dem nächsten Busch. »Können Sie dieses Blatt hier sehen?« fragte er und trat auf den Mann zu. »Sehen Sie ... es ist vierrippig?« »Ja!« »Und hat zackigen Rand?« »Ja!« »Und ist handförmig?« »Ja – a ...« Der Forstbeamte blinzelte ein bißchen unsicher mit den Lidern und spielte zu Warberg hin, der stand und das Blatt aufmerksam von allen Ecken und Enden betrachtete. »Ja, wenn Sie Botaniker sind ...« sagte er dann, »Wir haben Order erhalten, die Botaniker ruhig gehen zu lassen ... Adieu, Herr!« »Adieu, adieu«, sagte Gunnar zerstreut und riß ein neues Blatt von einem anderen Busch ab. Und der Forstbeamte entfernte sich still und vorsichtig, um nicht zu stören.   Warberg ging weiter durch den Wald. Plötzlich befand er sich auf einer kleinen kreisrunden, von jungen Tannen umgebenen Lichtung. Sie glich einem Cabinet d'amour für Nymphen und Faune! Ein dicker Moosteppich bedeckte den Erdboden, der sich zu vielen kleinen grasbekleideten Hügelchen erhob. Und rings umher in dem feuchten nadelbelegten Boden unter den hängenden Zweigen der Tannen schimmerten hochrote langgestielte Fliegenpilze hervor. Warberg blieb stehen und sah auf seine Uhr: Halbeins. Dann konnte er ganz gut noch eine Stunde ruhen, ehe er zur Fortuna hinaufging und zu Mittag aß. Er legte sich auf den Rücken ins Moos und lehnte den Kopf gegen ein Erdhügelchen. Hier war es so warm und friedlich und stille in dieser Kapelle (nun war es eine Kapelle geworden, schien es ihm), daß man den Drang empfand, ein Paternoster zu beten und eine Zigarre zu rauchen. Er lag und guckte in die Luft und betrachtete die Wolken, die langsam über seinem Kopf heranschwebten und in der Richtung seiner Füße hinter den Tannen verschwanden. Und es machte ihm Spaß, in den wechselnden Wolken die merkwürdigsten Gestalten und Bilder zu finden. Reiter zu Pferde mit flatternden Mänteln und wehenden Federbüschen, Drachen mit zackigen Kämmen und seltsam gewundenen Schwänzen, Züge und Reihen von Frauen und Männern in langen, bis an die Füße reichenden Gewändern. Bucklige Tiere mit aufgerissenen Mäulern und klobigen, verrenkten Gliedern, Häuser und Städte und Türme mit zackigen Zinnen und Giebeln ... Und er ließ die Städte zusammensinken und zu breiten tristen Ebenen, zu leuchtenden Feldern von Schnee und Eis, zu großen, öden, nackten, trostlosen Wüsten werden. Aber er konnte auch schattige Gärten hervorzaubern mit duftenden Pflanzen und schirmenden Hecken. Und er stellte dann gewöhnlich mitten in den grünsten Rasenplatz eine strahlende, lenzfrische Kastanie auf, die ihre blaßroten Blütenkandelaber hoch in die sonnenzitternde Luft erhob. Und dann ließ er die ganze Herrlichkeit durch einen Nachtfrost eingehen. Denn so ist das Leben! Eine Krähe kam über die Dichtung geflogen. Sie drehte den Kopf und spähte bald mit dem einen, bald mit dem anderen Augen zur Erde hinab. Als sie den Mann da unten auf dem grünen Teppich entdeckte, hielt sie eine Sekunde in ihrem Fluge inne, stieß einen schmetternden Schrei aus und schwang sich in einem Bogen über die Tannen hinweg. Einen Augenblick später folgten ihr wieder ein paar andere, die laut schreiend in großem Bogen über die Lichtung zu segeln begannen. Gunnar lag steif und rührte sich nicht, und nur seine Augen bewegten sich, um das Manöver der Tiere zu verfolgen. Immer mehr Krähen kamen hinzu, spähten zu ihm hinab und stimmten ihren Kriegsgesang an. Sie glaubten, er wäre ein toter Mann, ein Aas. Und plötzlich ließ eine sich ein paar Klafter tiefer zur Erde sinken. Drei, vier Stück folgten ihr. Und bald senkte sich der ganze Schwarm so tief hinab, daß er mit seinen flatternden Flügeln fast die Gipfel der Bäume berührte. Gunnar begann nervös zu werden. Es kribbelte ihm in Händen und Füßen. Aber er rührte sich nicht. Nun schwiegen die Vögel still. Fast wie auf Kommando schwiegen sie alle zugleich. Und er hörte ihren unbeholfenen Flügelschlag und sah sie den Kreis über seinem Kopf immer mehr verengern, immer niedriger herabsinken. Zuletzt waren sie so niedrig, daß er sich einbildete, den Luftdruck ihrer Flügel im Gesicht verspüren zu können. Dann verschwanden sie. Sie hatten sich um ihn herum auf die Erde gesetzt. Aber er konnte sie nicht sehen, da er nicht wagte, den Kopf zu bewegen. Er lag ein paar Sekunden in fast atemloser Erwartung. So stark war seine nervöse Spannung, daß ihm der Schweiß aus der Stirn brach und es in seinen Ohren kochte und sauste. Nun mußten sie dicht bei ihm sein. Es war ihm, als höre er sie im Moose herumtrippeln. Er hörte, wie sie ihre Schnäbel wetzten. Und jetzt sah er eine gerade vor seinem rechten Auge auftauchen. Er sah ihre blinzelnden kugelrunden Augen, er sah sie ihren Kopf zurückbeugen, um den Schnabel in ihn einzubohren ... Da fuhr er mit einem Ruck und einem Schrei in die Höhe und erwachte. Puh! (er schwenkte die Arme und schüttelte den Kopf) nun hatte er wieder auf dem Hinterkopf gelegen und geschlafen. Dann träumte er immer solche verdrehten Geschichten. Er stand auf, bürstete die welken Grashalme ab, die an seinen Kleidern hängengeblieben waren, stieß mit dem Stab auf die Erde und begab sich zur Fortuna. Er ging durch die Buchenschonung, erreichte die Hecke, über die er hinwegkletterte, und wanderte dann weiter durch den Wald. In der Fortuna aß er das traditionelle Beefsteak und trank eine Tasse Kaffee. Dann ging er durch den Garten, an den badezimmerartigen Lauben entlang, in denen er nur einen einzigen Gast sitzen sah, einen stillen, fetten Herrn, der bei einer halben Bayrischen mächtig schwitzte. Draußen auf dem Felde hinter dem Garten tummelte sich eine Schar Kinder im Spiel. Warberg nickte ihnen zu, und sie nickten reserviert wieder. Und eines von ihnen, ein kleiner runder Bursche, der mit beiden Händen tief in einem Maulwurfshügel vergraben dasaß, fragte gedankenvoll in die Luft hinaus: »Was das wohl für'n Mann gewesen sein mag?« Er begegnete nicht einem Menschen auf dem Pfade, der sich zwischen der Tiergartenhecke und der prachtvollen Kluft am Ordruper Moor entlang hindurchschlängelt. Es war ja nicht Sonntag. Erst als er an der Quelle vorbeikam und die Stufen der Böschung hinabstieg, sah er mitten auf dem über das Moor führenden Wege ein einzelnes Paar, einen Mann und eine Frau, im Gespräch stehen. Sie hob hin und wieder den Schürzenzipfel zu den Augen empor. Und er gestikulierte mit großen eindringlichen Gebärden. Eine Zimmeraxt hing ihm über der Schulter. Während Warberg an den beiden vorüberging, legte der Mann seine Hand auf den Arm der Frau und sagte mit der innigsten, tiefgefühltesten Überzeugung: »Sie können's doch wohl zum Satan in der heißen leibhaftigen Hölle begreifen, Madame Madsen, daß der gerechte Gott Ihre unschuldige Seele von einem Kinde nicht in dem glühenden Vorhofe der Hölle braten wird, weil der Schlappschwanz von Prediger aus Birkeröd ihm nicht den Tropfen Wasser über den Kopf gegossen hat!« »Nein, ich glaube es auch nicht, Jörgen Svendsen«, sagte sie schluchzend. »Denn das würde doch auch ein zu grausamer Gedanke sein. Aber wenn doch bloß der Prediger eine halbe Stunde früher gekommen wäre – – dann wäre sie doch christlich in die Erde gekommen.« Mehr hörte Gunnar nicht von ihrem Gespräch. Aber ihm wurde ganz weich ums Herz, angesichts dieser beiden kämpfenden Menschenseelen inmitten des großen einsamen Moores. Als er auf der anderen Seite des Waldes angelangt war, wandte er sich um und blickte zurück. Die beiden hatten sich voneinander verabschiedet und gingen jeder nach einer anderen Richtung. Die Frau auf den Tiergarten, der Mann auf das Ordruper Gebüsch zu. Gunnar setzte sich auf eine Bank, um ihn zu erwarten. Er liebte es, mit jedem fahrenden Menschenkinde, das auf der Landstraße des Lebens an ihm vorbeitrabte, ein Gespräch zu beginnen, ihm in die Seele zu schauen, zu hören, auf welche Tonart es gestimmt war und dann weiter zu ziehen. Denn zu mehr hat man weder Zeit noch Veranlassung – hier auf Erden. Der Mann kam ihm langsam entgegengeschritten, mit seiner Axt auf der Schulter. Er war groß und kräftig, aber etwas vornübergeneigt und geduckt von Alter und Arbeit. »Der waren wohl Felle weggeschwommen?« sagte Warberg und deutete auf die Frau, während er aufstand und sich dem Holzfäller anschloß. Er kannte seine Leute, er hatte sich ja während seiner ganzen Kindheit unter ihnen bewegt und wußte: je weniger Formalitäten, um so leichter gewinnt man ihr Zutrauen. »Ja, so'n Schaf«, sagte der Mann ernsthaft. »Sie hat eben erst ihr kleines Kindchen verloren, bevor der Prediger das Wasser über ihm ausgießen konnte, das, meinte sie nun, wird der Seligkeit des Kindes Schaden tun.« »Das hat, glaube ich, nichts auf sich«, meinte Gunnar. »Nein, Satan! Natürlich nicht! Der liebe Gott ist doch kein Deiwel! ... Aber die Frauenzimmer sind doch nun einmal so!« »Haben Sie sie denn beruhigt?« »Ja–a ... ich sagte ihr doch alles, was sie so meiner Meinung nach im Augenblick erbauen konnte, daß sie doch zum Donnerwetter wohl einsehen könnte, daß Gott der Herr nicht das Wurm in die heißeste leibhaftige Hölle hinunterstopfen würde, weil der Schafskopf von Prediger mit seinem Weihwasser zwanzig Minuten zu spät gekommen war!« »Und das tröstete sie?« »Ja–a ... sie ging doch jedenfalls sozusagen ein bißchen gesünder weg ... Was Satan in der heißesten leibhaftigen Hölle, sagte ich, so'n Wurm von Gespenst von einem neugeborenen Kinde kommt, hol' mich der Henker, ganz egal in Abrahams Schoß, ob es getauft ist oder nicht, hat nicht der Erlöser selbst gesagt: Laßt man die kleinen Kinder zu mir kommen! ... Glauben Sie, Madame, habe ich gesagt, daß der allmächtige Schöpfer, hab' ich gesagt, dem Kinde das gerade als Sünde anrechnen wird, daß es seine Seele eine Viertelstunde früher abgeliefert hat, ehe der Pastor mit dem Wasser angerannt kam? So ein Pusselchen, hab' ich gesagt, das hat ja keine Kraft, irgendwas festzuhalten! Nee, wissen Sie was, Madame Madsen, hab' ich gesagt, wenn es schon mit den Unmündigen so krakeelerisch zugehen sollte, denn möchte ich, hol's der Deiwel, man sehr ungern mir vor Gottes Richterstuhl transportieren lassen! ... Na, aber jetzt muß ich hier lang! Adieu, junger Herr, und zeigen Sie nu, daß Sie darüber nachdenken, was ich gesagt habe! Denn Sie sind woll auch am Ende einer von die Stodiosusse Makulatorusse!« Sie waren an der Stelle angelangt, wo der Weg sich teilt. Der Holzhacker schlug den über die Felder führenden Pfad ein, und Warberg ging den Hügel hinauf, an Berlings Villa und der katholischen Kirche vorüber. Er freute sich, daß er dieses Gespräch mit dem Manne gehabt hatte. Solche gesunden unmittelbaren und naiven Worte bestärkten ihn stets mächtig in seinem Glauben an die Lebenstüchtigkeit des Volkes. Denn »das Volk« sind und bleiben zu guter Letzt doch die Hunderttausende in den Hütten und nicht die Zehntausend lebensmüder symbolistischer Dekadenten in Kunst, Literatur, Wissenschaft, Politik, Geistlichkeit und den drei obersten Rangklassen! Herrgott, hatten sie das Leben satt, die Herren, so konnten sie ja hingehen und sich aufhängen! Das war ihnen gestattet, ihre lyrisch-christlichen Kadaverbakterien in gesunde lebenstüchtige Gehirne einzupflanzen! Ja–a, ja–a, er wußte sehr wohl, daß er selbst von dieser Pest der Trübsal angesteckt worden war. Das brauchte man ihm nicht unter die Nase zu reiben. Aber er kämpfte dagegen an, er suchte Heilmittel, er wollte sich heilen lassen! Während die anderen umherliefen und sich darin gefielen, um die Wette zu weinen und zu sehen, wer den größten Topf vollweinen könne. Er setzte sich auf die Bank oben auf dem Gipfel des Hügels und blickte über die Landschaft hinaus: Vorn ein graugelbes abgeerntetes Roggenfeld. Dann Ordrup mit seinen zerstreuten Gärten und Villen und seiner roten zweispitzigen Kirche, die einer riesenhaften Schnecke mit zwei emporgestreckten spähenden Fühlhörnern glich. Hinter der Stadt wieder Felder und der Strandweg mit den Fabriken von Tuborg. Und ganz hinten, wie ein breites stahlblaues Band am Horizont, der Sund, punktiert von weißen Segeln und schwarzen rauchumhüllten Dampfern ... Dann rollten plötzlich über seinem Kopfe tiefe schallende ernsterfüllte Glockentöne daher. Es war die katholische Kirche, die irgendein »Ave« oder »Vesper« oder wie es nun heißt, einläutete. Es war Stimmung darin, Mystik und feierliche Pracht. Etwas mit purpurgekleideten breitbrüstigen Prälaten, die unter Weihrauchduft und Orgelgebrause und mahnendem tieftönenden Männergesang auf hohe goldstrahlende Altäre zuschreiten ... Gunnar schloß unwillkürlich die Augen. Und für eine armselige Sekunde empfand er diesen stillen berühmten einwiegenden Frieden, der mehr wert ist als aller Verstand ... Aber dann mußte er plötzlich lachen: Denn drüben in der Kirche in Ordrup hatte man die Turmluken geöffnet und aus diesen hinaus belferte nun in atemlosem Tempo wie ein wütender winziger Köter eine wimmernde Tischglocke: »Wir wollen, weiß Gott, denen drüben zeigen, daß wir auch zum Ave läuten können!« Das Läuten hörte auf. Erst in der katholischen Kirche und gleich darauf drüben in der Ordruper Schnecke. Warberg erhob sich. Er hatte Lust bekommen, in die Kirche zu gehen, um den Weihrauchduft und die Orgelmusik zu erleben, wovon er geträumt hatte. Aber als er zu dem Gitter um den Kirchplatz kam, sah er, daß die Tür geschlossen war. Er ging jedoch zur Kirche hinauf und faßte das Schloß an. Ja, es war geschlossen. Da wandte er sich um und ging wieder auf die Landstraße. Wie, wenn er nun versuchte, in das dahinter liegende Kloster selbst zu kommen! Ja, aber wie? Wie sollte er sich einführen? Er hatte stets eine fast unüberwindliche nervöse Angst vor solchen unangemeldeten Introduktionen gehabt. Er pflegte vollständig die Sprache zu verlieren, stand und stotterte und stammelte und errötete vor lauter Verlegenheit. Deshalb hatte er es nie versucht, als Journalist sein Brot zu verdienen. Er stand zögernd und zweifelnd vor dem Gitterschloß. Dann faßte er plötzlich einen kräftigen Entschluß und bog in den zur Klosterschule führenden Weg ein. Ungefähr zehn Ellen vor der Haustür blieb er stehen und musterte mit einem Blick die Reihe der kahlen gardinenlosen Fenster des Hauses: Kein Leben darin zu verspüren! Das ganze große Gebäude schien öde und verlassen! Nun wollte er eine Viertelstunde lang hier stehenbleiben, und wenn dann niemand kam und ihm auf irgendeine Weise zum Eintritt ins Haus verhalf, dann wollte er wieder davongehen. Er blickte auf seine Uhr: in zwanzig Minuten vier. Gut, also sagen wir: vier! Hatte sich bis vier Uhr niemand gezeigt, dann ging er. Er streckte das linke Bein vor, stützte sich auf seinen Stock und starrte zum »Hospiz« hinüber. Nun sollte es sich zeigen, ob die Herren da drinnen von der rechten caritas caritatis beseelt waren und einem notleidenden Bruder zu Hilfe kommen würden. Er lächelte, es erschien ihm als ein genialer Einfall, das Schicksal über seine Visite bestimmen zu lassen. Aber es mußte etwas mehr geschehen, um sich eine sympathische Aufmerksamkeit zuzuziehen. Er streckte das rechte Bein vor und knickte in den Hüften zusammen, drückte beide Hände vor das Gesicht und lugte zwischen den Fingern hindurch ... würde denn keiner kommen?! Sollte er am Ende ohnmächtig werden? Er zog verstohlen die Uhr hervor. Schon zehn Minuten vorüber! Das Tor war geöffnet worden, und ein großer grauhaariger Mann in weitem Gewand und mit einer melonenförmigen Mütze auf dem Scheitel schritt langsam auf ihn zu. Warberg war nahe daran, umzukehren und seiner Wege zu laufen. »Sind sie krank?« fragte der Mann freundlich. »Ja«, flüsterte Gunnar. Und er fühlte sich in diesem Augenblick wirklich nicht ganz wohl. »Kommen Sie mit mir hinein«, fuhr der Pater fort (er sprach das Dänische mit starkem deutschen Akzent). »Sie können sich drinnen bei uns ausruhen.« »Danke«, stammelte Gunnar, »ich ...« »Stützen Sie sich nur auf mich. So, ja.« Er hatte Warbergs Arm in den seinen gelegt. Und sie gingen langsam, Schritt für Schritt dem Tore zu. Gunnar wußte nicht, ab er lachen oder weinen sollte. Aber er schwankte doch auf eine sehr natürliche Art vorwärts. »Weshalb kamen Sie nicht hinein?« fragte der Pater. »Ich ... wagte es nicht.« »Wir nehmen alle auf, die unserer bedürfen ... So, jetzt rechts.« Sie waren in eine hohe, helle weißgetünchte Vorhalle gelangt und wandten sich nun einer kleinen zu, vor der sich eine einzelne Stufe befand. Draußen in der Vorhalle war es tot und ruhig und kein Mensch zu sehen. Nur hatte Gunnar hinter einer kleinen Scheibe unten am Fußboden links innerhalb des Tores ein fettes rotwangiges bartloses Gesicht entdeckt, das schnell wieder verschwand. »Darf ich Ihnen etwas zur Stärkung bringen lassen?« fragte der Pater, als sie ins Zimmer gekommen waren. »Ja ... ja, danke«, sagte Warberg. Er wollte nicht nein sagen, um nicht störend in den Gang der Ereignisse einzugreifen. »Ja, nun muß ich sie verlassen«, fuhr der Geistliche fort. »Die Pflicht ruft mich. Aber wir sehen uns nachher.« Gunnar beugte stillschweigend das Haupt. Und der Pater schritt aus der Tür. Als Warberg allein geblieben war, sah er sich interessiert um. Er saß wohl in einer Art Wartezimmer. Die Wände waren weißgetüncht, keine Gardine vor dem hohen schmalen Fenster. Der Tisch inmitten des Zimmers und die Stühle an den Wänden waren aus ungestrichenem Tannenholz. Aber rings an den Wänden hingen einige Öldrucke in starken schreienden Farben: Jesus, der mit drei erhobenen Fingern und himmelwärts gewandten schwimmenden Augen ein Stück Weißbrot segnet. Ein Kranz von Weinblättern und Trauben, in deren Mitte ein von einem Glorienschein umgebenes Kreuz, darüber drei leuchtende Buchstaben JHS . Ein Brustbild der Jungfrau Maria, in ein ultramarineblaues Kopftuch gehüllt, das sie vorn auf der Brust mit einer kleinen blassen Kinderhand zusammenhielt. Sowie ein lächelndes Porträt von Pio IX. in weinrotem Purpurmantel und Mützchen. Es führten zwei Türen ins Zimmer, eine, durch die sie gekommen waren, und dann eine an der Wand dem Fenster gegenüber. Und in beiden Türen war in der obersten Füllung eine große viereckige Glasscheibe angebracht, die außen mit einer dünnen durchsichtigen Gardine verhüllt war. Es war Gunnar, als höre er schleichende Schritte draußen und sähe schwarze spähende Augen hinter den Vorhängen lauern. Die Tür zum Vestibül öffnete sich, und der Bruder Pförtner – das Gesicht, das sich hinter dem Kellerfenster gezeigt hatte – kam herein mit einem Brett, auf dem ein Teller mit drei Stücken »Deutschbrot« (Schwarzbrot und Weißbrot aufeinandergeklappt), eine aufgezogene halbgefüllte Flasche Bayrisch Bier und ein Glas standen. »Bitte schön«, sagte er, holdselig lächelnd, »hier ist etwas zur Stärkung.« (Der Mann sprach dänisch ohne Akzent.) »Danke.« »Sind Sie krank?« »Naa–aa, jetzt fange ich schon an, mich zu erholen.« Warberg nahm ein Stück Brot. »Wollen Sie kein Bier?« »Nein, danke, ich trinke niemals bayrisches Bier ...« »Nicht!« sagte der Pförtner beinahe empört. »Ich finde nun doch das Bier zum Essen – –« Er stand einen Augenblick, als ob er lauschte. Dann ließ er hurtig die Augen von der einen Türscheibe zur anderen gleiten. »Darf ich?« fragte er dann und umfaßte die Flasche. »Ja, bitte«, lächelte Gunnar. Und der Bruder setzte die Flasche an den Mund und ließ das Bier in den Mund gluckern. Er glich einem vermummten Gambrinus, wie er dastand, zurückgebeugt und mit rotem Gesicht. Warberg verspürte die größte Lust, ihm auf den Bauch zu klopfen und ihn zu bitten, ein scherzhaftes Lied über Bier und Mädels zu singen. »Ahhh!« sagte der Pförtner und stellte die Flasche hin. Aber dann ergriff er sie schnell wieder und goß die drei, vier Tropfen, die noch übrig waren, in das Glas. Und mit einem zugleich verlegenen und unwiderstehlich verschmitzten Lächeln, wie ein Kind, das über seine eigene instinktive Spitzbüberei halb erschrocken und halb stolz ist, kniff er ein Auge zusammen, winkte, Stillschweigen erbittend, mit der Hand und schlich hinaus. Gunnar sah ihm lächelnd nach und gewann die Menschen noch lieber. Nun war sein nervöser Zustand, oder wie man es nennen soll, sein Idiotismus überwunden. So ging es jedesmal. Sobald er erst mitten in einer Situation steckte, kehrten seine Ruhe und Besonnenheit wieder zurück. Er wußte es wohl schon im voraus, und er hielt sich selbst ermahnende Standreden. Aber es blieb alles beim alten. Das nächste Mal ging es wieder schief. Er war oft eine halbe Stunde lang vor einer Haustür oder auf einem Treppenflur auf und ab gegangen, ehe er sich endlich entschloß, bei denen zu läuten, denen er zum ersten Male einen Besuch abstatten wollte. Aber saß er dann endlich auf einem Stuhl in den Räumen des Betreffenden, so ging das Ganze sehr bequem. Ach ja, was sind wir Sterblichen, sagte der Walfisch ... Die kleine Tür zur Vorhalle ging plötzlich auf, trotzdem er niemand hatte draußen gehen hören. Und der Pater trat ein. »Na, wie geht es nun, junger Mann?« »Ja, danke ... Danke für das Essen.« »Haben Sie Lust, sich ein wenig hier in der Schule umzusehen?« »Ja, das möchte ich gerne.« »Dann kommen Sie mit, ich bin der Vorsteher hier ...« Gunnar verneigte sich. Und dann gingen sie durch das Vestibül und eine Treppe hinauf in den ersten Stock, hier öffnete der Pater verschiedene Türen und erklärte: Dies ist eine der Schulstuben. Dies ist das Refektorium. Dies hier der Musiksaal. Und dies ist der Theatersaal. – Ja, denn wir können uns hier auch amüsieren. Es ist nicht alles düsterer Ernst. Warberg trat an eines der Fenster und blickte in den Garten hinab. Er war zierlich und blitzsauber gehalten, alle Gänge von steifen Hecken eingerahmt. Und er sah mehrere junge Männer in langen schwarzen Gewändern langsam auf und ab wandern, in kleinen schwarz eingebundenen Büchern lesend. Es sah so feierlich aus, so mittelalterlich, so friedlich, so sorglos. »Hier wohne ich«, sagte der Vorsteher und öffnete die Tür zu einem Zimmer oder richtiger einer Zelle. »Bitte!« Sie traten ein, und der Pater schloß die Tür. Es war ein länglicher weißgetünchter Raum mit einem hohen, schmalen gardinenlosen Fenster wie unten im Wartezimmer. Links gleich an der Tür stand ein eisernes Bettgestell, ohne Kissen und Federdecken, nur die nackten Matratzen mit einer Decke darüber. (Ganz genau wie meine »Chaiselangue«, dachte Gunnar. – Ob er nicht auch des Abends ein paar kleine Kissen aus irgendeiner Ecke holt?) Über dem Kopfende des Bettes hing ein Brustbild Pius des Neunten in Lebensgröße, ein vortreffliches Gemälde in prachtvollem Rahmen. »Ja, das war ein herrlicher Mann«, sagte der Priester. »So gut, so liebevoll und so klug!« Rechts vom Fenster stand ein großer eichengestrichener, mit Papieren und Büchern bedeckter Tisch. Und über diesem hing in einem weniger prachtvollen Rahmen ein Öldruck von Leo dem Dreizehnten. Außerdem befanden sich in dem Zimmer ein kleiner Waschtisch ohne Behang und drei Holzstühle. Und an einem Nagel in dem Rahmen der einen Tür hing ein Handtuch. »Hier ist kein Ofen«, sagte Gunnar. »Nein«, lächelte der Pater, »das ist auch nicht nötig ... wenn man sich nur daran gewöhnt hat ... bitte, nehmen Sie Platz! Ich möchte gern ein wenig mit Ihnen plaudern.« Warberg setzte sich. Und wieder begannen seine Nerven sich bemerkbar zu machen, denn jetzt gab es wohl Gewissensfragen hier! Sie saßen beide am Arbeitstisch einander gegenüber. Gunnar blickte verstohlen zu dem großen Manne im Priestergewande empor, dessen ruhiges Gesicht und abgemessene Bewegungen anzudeuten schienen, daß er schon längst den alten vielverlästerten Adam abgelegt hatte (der doch zu guter Letzt das einzige ist, was uns zu Brüdern macht), hochgewachsen und gerade saß er da und spielte mit einem kleinen elfenbeinernen Papiermesser, während er den rechten Ellenbogen an ein aufgeschlagenes Buch auf dem Tische neben sich lehnte. Seine klaren braunen Augen wurden von den langen dunklen Brauen halb verdeckt. Seine Stirn war hoch und weiß und faltenlos. Und unter dem melonenförmigen Sammetmützchen lugte ein Kranz kurzer graumelierter Haare hervor, die sich von den Schläfen abwärts um den Nacken legten. Gunnar mußte unwillkürlich an Ingemanns und Walter Scotts Romane denken. Der Pater erhob die Augen und blickte ihm forschend ins Gesicht. »Woran dachten sie nun, als Sie draußen auf der Straße standen?« fragte er sanft und klopfte fast lautlos mit der Spitze des Papiermessers auf die Tischplatte. »Dachte ...?« wiederholte Gunnar verwirrt. »Ja«, lächelte der Pater, »Sie müssen sich ja doch über uns schlechte Menschen hier drinnen allerhand Gedanken gemacht haben, da Sie sich nicht hineinwagten? Reden sie nur frei von der Leber weg! Es wird mich interessieren!« fuhr er fort, da Warberg nicht ahnte, was er antworten sollte. »Es sind so viele Gerüchte im Umlauf über uns Fremde, die wir hier ins Land eingedrungen sind.« »Es war wohl Neugier, was mich hierher trieb«, murmelte Gunnar. »Weshalb denn nun gerade dieses Wort wählen?« sagte der Pater mild. »Sagen Sie nur, Sie sind ein Suchender! Hier kommen oft Leute zu mir, die keine Ruhe mehr finden können in dem kalten strengen Glauben, den die Religion eures Landes ihnen bietet. Wir Menschen brauchen etwas für das Herz, für die Phantasie. Sie sind so eisig kalt, eure Kirchen und eure Priester, so klanglos, so seelenlos!« »Ach ja«, sagte Gunnar, der wieder der Alte wurde, nachdem die ersten einleitenden Schritte überstanden waren, »die Phantasie drückt unsere Prediger nicht; und unsere Kirchen gleichen übertünchten Gräbern! Die einzelnen stimmungsvollen Tempel, die wir besitzen, sind Überreste aus der katholischen Zeit.« Der Pater betrachtete ihn mit einem unsicheren Lächeln. »Schmeicheln Sie?« »Nein«, sagte Warberg bescheiden (er merkte, daß er den Priester mißtrauisch gemacht hatte), »nein; aber ich meine, daß die katholische Religion dem Herzen und der Phantasie, wie Sie vorhin sagten, weit mehr bietet als ... als – na ja: als unsere Staatskirche.« »Gehören Sie zu ihr?« »Nein ... ja, das heißt!, ich bin getauft und konfirmiert.« »Besuchen Sie die Kirche?« »Ja, zu Konzerten. Und dann kann ich zuweilen die Stimmung in mir fühlen, die meiner Meinung nach ein Gottesdienst hervorrufen muß.« »Haben Sie jemals einem unserer Gottesdienste beigewohnt?« fragte der Pater und legte seine Hand leicht auf Gunnars Arm. »Ja«, sagte Warberg, »und ich habe dort etwas von derselben Stimmung, denselben symbolischen Regungen der Seele empfunden, die meiner Meinung nach die Grundlage aller Religiosität bilden.« Der Priester nickte wohlwollend. »Sie sind eine suchende Seele«, sagte er dann, »und Sie werden schon das Richtige finden! ... Kommen Sie häufig hier heraus und lassen Sie uns miteinander plaudern.« »Aber die katholische Religion hat so vieles ... so vieles Abstoßende. Darf ich offen sprechen?« »Es wird mir lieb sein.« »Da ist zunächst das mit den Heiligen –« »Kann ich mir denken!« unterbrach ihn der Priester lächelnd. »Davon sprechen sie ja alle!« »Ja, denn ihr macht doch Menschen zu Göttern, wenn ihr sie anbetet!« »Wir beten sie nicht an, wir beten zu ihnen«, sagte der Priester tiefsinnig. »Hm ...« »Wir verehren und beten Gott allein an als unseren höchsten Herrn und den Quell alles Guten!« fuhr er fort. »Die Heiligen ehren wir dagegen als seine treuen Diener und Freunde ... Gott ehren wir um seiner selbst willen oder auf Grund der unendlichen Vollkommenheit, die er kraft der eigenen Macht besitzt. Aber die Heiligen ehren wir infolge der Gaben und Vorzüge, die ihnen Gott verliehen hat. Zu Gott beten wir, daß er uns durch seine eigene Allmacht helfen möge. Aber zu den Heiligen, daß sie uns durch ihre Fürbitte bei Gott helfen.« Entweder ist er selbst dumm, dachte Gunnar, während der Priester seine Rede hielt, oder er hält mich dafür. Aber laut sagte er: »Sie bemerkten vorhin, daß wir die Heiligen auf Grund der Gaben und Vorzüge ehren sollten, die ihnen Gott verliehen hat.« »Ja.« »Aber weshalb haben nicht Sie und ich und alle anderen diese Gaben und Vorzüge erhalten? Weshalb müssen einzelne bevorzugt werden? Was haben sie anfangs getan, um diese Auszeichnung zu verdienen?« »Ihre Herzen sind offene Gefäße für Gottes Weisheit gewesen.« Warberg fühlte, wie sich das priesterliche Spinngewebe auf sein Gehirn herabsenkte. Aber er schüttelte den Kopf und sagte: »Gut! Aber wer hat diese einzelnen Herzen so »geschaffen«? Das hat nach eurer Lehre Gott. Aber derselbe Gott hat auch die Millionen anderer Herzen geschaffen, die diese Empfänglichkeit für seine Weisheit nicht besitzen! Und doch nennt ihr ihn einen gerechten Gott! Wissen Sie, wie ich ihn nennen möchte?« Der Pater erhob sich schnell. »Sprechen sie nicht aus«, sagte er milde, »ein böses Wort wird in einer Sekunde geboren, aber es stirbt nicht in vierzig Tagen!« Und er wandte sich zum Tisch um und begann zwischen den Büchern und Papieren zu suchen. Gunnar brüstete sich: Ich bin ihm doch zu stark, dachte er. Der Pater wandte sich Warberg zu mit einem Buche in der Hand: »Lesen Sie dies»«, sagte er und gab ihm das Buch. »Und wenn Sie Neigung empfinden, mit mir zu sprechen, dann sollen Sie mir stets willkommen sein. Lau sind Sie nicht!« Gunnar warf einen Blick auf das Buch. Es hieß: Vollständiges Lehrbuch in der katholischen Religion von J. Deharbe. »Ja, nun muß ich Ihnen adieu sagen«, fuhr der Priester fort, »die Brüder erwarten mich.« »Adieu«, sagte Gunnar, »und Dank für Ihre Freundlichkeit!« »Keine Ursache! Es ist mir lieb gewesen, Sie hier zu sehen! Und wenn Sie unser Gespräch fortzusetzen wünschen, bin ich bereit! Schade, daß wir um diese Zeit keinen Gottesdienst abhalten ... aber Sie kommen wohl öfter hier vorbei.« »Ja«, sagte Gunnar. Und bald standen sie wieder unten in der Vorhalle, und der rundliche Pförtner kam aus seinem Verschlag heraus und öffnete das Tor. Warberg reichte dem Pater noch einmal die Hand zum Abschied. Der Mann gefiel ihm. Es lag etwas Liebenswürdiges, Feines und Reinliches über ihm, etwas, das ihn von den heimischen Theologen stark unterschied, die Gunnar sonst getroffen hatte. Und das Gebäude hier mit seinen langen stillen Gängen! Die lesenden Brüder unten im Garten. Die tiefen, hallenden Glockentöne vorhin, als er draußen auf der Bank saß. Die heiligen Bilder. Der große schlanke Prälat vor ihm in dem halbdunklen Vestibüle. Der halboffene Torflügel, durch den man die grünen Bäume und den dämmerungsverschleierten Himmel erblickte – dies alles miteinander bildete gleichsam einen stimmungsvollen, unwirklichen, romantischen ... »Ja, verzeihen Sie! Aber wir pflegen eine Krone für jedes Exemplar zu erhalten.« »Was?« fragte Gunnar verwirrt. »Wir pflegen eine Krone für das Buch zu bekommen«, lächelte der Pater freundlich und deutete auf das »vollständige Lehrbuch«. Aber noch begriff Gunnar nicht, was der Mann wollte. Dann wurde es ihm plötzlich klar. Und holdselig lächelnd, wie die Eminenz vor ihm, zog er seine Börse aus der Tasche hervor und bezahlte ihm eine Krone. »Verzeihung ...« »O bitte, bitte«, bat der Pater. »Adieu«, sagte Gunnar. »Adieu, adieu! ... Und Gott sei mit Ihnen!«   Und Warberg ging nach Charlottenlund, setzte sich in den Zug und rollte nach Kopenhagen. Er saß und dachte an die verschiedenen Ereignisse des Tages und plötzlich murmelte er halblaut vor sich hin: »Hol's der Teufel! Aber der Priester war doch trotzdem der Stärkste.« Was den Vetter Benjamin damals, als Warberg ihm in Valby begegnete, in eine so ungewöhnlich erregte Stimmung versetzt hatte, war folgendes Ereignis: Mette hatte vormittags einen Brief von der Tante der »Prinzessin« erhalten, in dem sie ihn in energischen Worten ersuchte, jede Verbindung mit »meiner Nichte abzubrechen, die nun endlich zur Vernunft gebracht worden ist«. Der unglückliche Benjamin sah dadurch seine ganze Zukunft aus dem Geleise gebracht, alle seine Schlösser und Villen in Trümmer gefallen. Und er, der sich schon sein Winterquartier in der Bredgade, seine »Hütte« am Strandvej und seine »Burg« in Nordseelands dunklen Wäldern errichtet hatte! Die Tränen liefen ihm über die Wangen, während er verblümte Anspielungen auf Selbstmord und Auswanderung zu machen begann. Aber Gunnar beruhigte ihn wieder, indem er ihn zu einer Tasse starken Kaffee zu Josty nahm. Und drinnen in dem kleinen gemütlichen Hofzimmer mit dem edlen Grundgesetzgeber von Dänemarks Reichen in Gips auf dem Kachelofen, hatte Warberg nun zum siebenundzwanzigsten Male versucht, den Vetter zu bewegen, mit ganzer Kraft nach einer Tätigkeit zu streben. »Wie ging es übrigens mit der Anstellung drüben auf Alsen?« »Ja, die habe ich nicht bekommen ...« Mette sprach in tief beleidigtem Tone. Das tat er stets, wenn es ihm nicht gelang, die Stellen zu bekommen, die er suchte. Er hielt sich für persönlich gekränkt. »Aber Olla wird mir schon in den nächsten Tagen schreiben.« »Olla? wer ist das?« »Aber Gott, Gunnar, das ist doch meine Braut!« »Ach ja, das ist wahr! Aber du sagst doch ...« »Ja–a, aber es ist ja möglich, daß sich der alte Brummbär das aus den Fingern gesogen hat! ... Kaffee hat stets so eine belebende Wirkung auf mich ausgeübt, will ich dir sagen, Gunnar! Und nun du auch so nett mit mir gesprochen hast, bin ich lange nicht so betrübt. Jetzt sehe ich die Verhältnisse wieder in rosigem Schimmer! Paß auf, Olla wird ihre Hand nicht von mir abziehen.« Und er erhielt wirklich am anderen Tage einen Brief von ihr – das sagte er jedenfalls – und sein Kummer war wieder über alle Berge. Dann vergingen drei, vier Tage, in denen Warberg nichts von ihm sah. Mette wohnte – oder richtiger: verbrachte die Nacht oben in dem Dachzimmer, das Gunnar benutzt hatte, ehe er infolge der Abreise seiner Eltern ins Parterre zog. Das Zimmer gehörte zu der Wohnung, die er noch bis Oktober gemietet hatte, und er hatte es dem Vetter überlassen, da dieser »gerade ohne Heim« war, wie er sich ausdrückte. Sie sahen sich nur hin und wieder: denn Gunnar war ja den ganzen Tag von seiner Schule in Anspruch genommen, und wenn er nach Hause kam, arbeitete er an seinen Geschichten für den »Kopenhagener«, womit Benjamin sich die Zeit vertrieb, davon hatte Warberg keine Ahnung. Ein paarmal hatte er danach gefragt und zur Antwort bekommen: »Ach, ich gehe spazieren und sehe mich um; es ist ja hier in der Umgegend von Kopenhagen so entzückend. Und dann lese ich die Zeitungen im Aushang, um zu sehen, ob darin irgendetwas steht, was mir passen könnte.« Zuweilen läutete es bescheiden an der Tür, und wenn Warberg öffnete, stand Mette da und fragte, ob er ein wenig bei ihm drinnen sitzen dürfe; und auch wenn Gunnar in der Arbeit steckte, brachte er es nicht immer übers Herz, nein zu sagen, denn der Vetter trug sein Anliegen so demütig vor. Und wenn er ihn einließ, war er dankbar. Setzte sich still in eine Ecke, fett und lächelnd. Sagte kein Wort, wenn er nicht angeredet wurde. Saß und beguckte seine Hände und glättete sich das Haar und zupfte an seinem Schlips. Oder rauchte »russische« Zigaretten, die er zimperlich graziös zwischen Mittelfinger und Daumen hielt. Oder setzte sich, wenn Gunnar ihn aufforderte, ans Klavier und spielte und sang mit schwachem Tenor kleine deutsche, schwedische und russische Lieder, die er auf seinen Reisen gelernt hatte. Er hatte nie Musikunterricht erhalten, begleitete sich selbst und phantasierte wildsentimental mit häufiger Anwendung dunkler Baßtöne und des Pedals. Oder Gunnar ließ ihn von den »Herrschaften« erzählen, bei denen er gedient, und den Menschen, die er auf seinen Reisen kennengelernt hatte. Und Mette erzählte unterhaltend, stets mit einem Unterstrom fettgemütlicher Wut. Denn es war seine Eigenschaft, sich an den Leuten »wütend zu sehen«. – Nur eine »Herrschaft«, eine Frau Hartmann, die ein Gut in Schoonen besaß, sie wurde von Mette in lauten Tönen gepriesen. Oder sie plauderten von ihren gemeinsamen Erlebnissen in den Sommerferien drüben in Lolland. »Ja, das waren wunderschöne Tage, die Ferien«, seufzte Mette. »Das war die beste Zeit, die man im Leben hatte.« »Na, na! Vergiß es nicht, wenn dir Olla all das viele Geld zubringt!« »Ja«, sagte Benjamin eifrig, »wenn ich das bekomme, dann kriegst du fünfzigtausend Kronen!« »Hoho!« »Gewiß, denn du bist der einzige Mensch, der mich gern hat!« versicherte er mit Tränen in den Augen. »Und ich bin sicher, auch wenn ich ... auch wenn ich irgendetwas getan hätte, was ... so würdest du mich trotzdem nicht verdammen.« In dieser Weise konnte Mette plötzlich aufstehen und adieu sagen und gehen. Warberg schüttelte dann bedenklich den Kopf, aber bald darauf saß er wieder bei seiner Arbeit. Er hatte ja mit sich selbst zu tun – und er war ja auch nicht der Hüter seines Vetters, hätte Benjamin gerade heraus zu ihm gesprochen, hätte Gunnar wohl gesucht, ihm nach besten Kräften zu raten und zu helfen. Aber es war nie sein Fall gewesen, sich ungebeten in das Vertrauen anderer zu drängen. Ebensowenig wie er es liebte, daß andere ihre Nasen in seine Angelegenheiten steckten. Es waren also – wie gesagt – ein paar Tage vergangen, in denen Warberg nichts von seinem dicken Vetter gesehen hatte. Da begegnete er ihm gerade vor der Villa an einem Donnerstagmorgen, als er zur Schule ging. Mette sah müde und bestaubt und schmutzig aus. Aber sein Gesicht strahlte nichtsdestoweniger wie die Morgenröte. »Guten Tag, Gunnar! Guten Tag, guten Tag!« sagte er und winkte vornehm mit der Hand. »Aber wo kommst du denn her, Benjamin?« »Von Helsingör.« »Von Helsingör?« »Ja! Ich ging gestern abend von dort fort und bin die ganze Nacht durch gelaufen, ach, das war großartig! Du kannst dir die Sonne heute morgen draußen über dem Sund gar nicht vorstellen!« »Was wolltest du nur in Helsingör?« »Wegen einer Stelle.« »Bekamst du sie?« »Nein. Da war ein anderer Nichtsnutz, der sie gekriegt hat, gerade eine Stunde, bevor ich kam ... Ach, aber du hättest die Eremitageebene heute morgen um fünf Uhr sehen sollen, ganz bleichrot von Spinnengewebe, das die Sonne beleuchtete! ... Kommt Binse heute abend?« »Ja.« »Darf ich hineinsehen und ein bißchen Musik mit anhören?« »Ja bitte, komm nur.« Das war am Donnerstag. Da, am Sonntag, als Warberg seinen Morgenspaziergang im Garten von Frederiksberg gemacht, gerade den Überrock ausgezogen hatte und in die Küche hinaus wollte, um sich ein paar Spiegeleier zum Frühstück zuzubereiten, da läutete es. Er geht zur Tür und öffnet. Und es steht ein großer höflicher Mann draußen mit dem Hut in der Hand: »Darf ich fragen, Herr Kandidat Warberg?« »Ja.« »Ich hätte gern ein paar Worte mit Ihnen gesprochen.« »Bitte schön.« Sie gehen in Warbergs Zimmer, wo Gunnar sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und der Fremde sich auf die Chaiselongue setzt. »Mein Name ist Wachtmeister Carlsen.« »So ...« »Ich komme in der Angelegenheit Ihres Herrn Bruders ...« »Meines Bruders?« sagt Gunnar verwundert. »Ja: Herr Benjamin Warberg ...« »Nein, das ist mein Vetter.« »So–oo? Wir glaubten, es wäre Ihr Herr Bruder ... wohnt er nicht hier im Hause?« »Nein«, sagte Gunnar schnell, »nein, er wohnt nicht hier ... Aber er kommt oft hierher.« »Ja, wir meinten, wir wollten uns erst an die Familie wenden«, fuhr der Beamte fort, »ehe wir etwas weiteres in der Sache unternehmen. Es ist ja eine achtbare Familie ...« Gunnar verneigte sich quittierend. »Aber was ist denn mit ...« »Ja, sehen Sie, Ihr Herr Bruder hat sich ein paar Tage im Hotel in Helsingör oben aufgehalten. Und dann hat er es in der Nacht zwischen Mittwoch und Donnerstag verlassen, ohne seine Rechnung zu bezahlen.« »Ja, es ist eine fatale Geschichte«, sagte Herr Carlsen bedauernd. »Aber wenn nur der Betrag bis Dienstag um zwei Uhr bezahlt ist, dann wird in der Sache nichts weiter unternommen werden.« »Wieviel macht es?« »17 Kronen und 65 Öre ... Wir meinten ja, die Familie würde es lieber begleichen und dadurch die gerichtliche Verfolgung vermeiden.« »Ja, danke«, sagte Gunnar. »Dank für Ihr Wohlwollen! Ich werde tun, was ich kann.« Der Beamte erhob sich: »Aber ist der Betrag nicht bis Dienstag um zwei Uhr eingelaufen«, sagte er, »dann sehen wir uns genötigt, gegen Ihren Herrn Bruder einzuschreiten.« »Es ist mein Vetter!« sagte Warberg wieder. Er wußte eigentlich nicht, weshalb er dies so kräftig zu betonen wünschte. »Verzeihung! ... Ihr Herr Vetter, ja! ... Er wohnt also nicht hier im Hause?« »Nein.« »Also nicht ... ja, wenn es nötig sein wird, dann werden wir ihn schon finden. – Adieu, Herr Kandidat, und verzeihen Sie die Belästigung!« »Oh, ich bitte, adieu! und Dank für Ihre Rücksichtnahme!« Als der Beamte fort war, stand Gunnar einen Augenblick hinter der Glastür im Korridor, bis die Flurtür zugefallen war. Dann lief er die Treppe hinauf zur Mansarde. Auf dem Wege begegnete er Herrn Mikkelsen, der eines der oberen Zimmer bewohnte. Er war in Sonntagskleidung und wollte spazierengehen. »Ist mein Vetter ausgegangen?« »Weiß nicht«, sagte Herr Mikkelsen, »glaube nicht.« Warberg lief weiter. Als er vor der Tür des Vetters stand, klopfte er, aber niemand antwortete. »Benjamin? ... Benjamin!« Immer noch keine Antwort. »Benjamin, ich muß mit dir sprechen! Kannst du nicht antworten, Mensch! ... Es ist ein Mann bei mir gewesen wegen eines Hotels in Helsingör. Du mußt aufmachen!« Da immer noch kein Laut aus dem Zimmer zu hören war, bückte Gunnar sich und guckte durch das Schlüsselloch. Er konnte das Bett sehen, das der Tür gegenüber stand. Und einen Stuhl, auf dem Mettes Sachen lagen, konnte er auch sehen. Und im Bett aufgerichtet saß Mette in höchsteigener Person, eben aus dem Schlummer aufgewacht. Das sonst so fein frisierte Haar sträubte sich nach allen Seiten. Er war rot und zerzaust und schlaftrunken, und seine Augen waren rund. Er blinzelte unablässig und starrte unverwandt zur Tür. »Aber Mette! Weshalb zum Teufel antwortest du nicht! Ich kann dich ja sehen!« Aber Mette antwortete immer noch nicht. Gunnar wurde wütend und schlug mit der geballten Faust gegen die Tür: »Komm jetzt herunter«, sagte er, »wir müssen die Sache zusammen besprechen. Das Ganze läßt sich ordnen, wenn du dich nur bloß darum kümmern möchtest!« Dann ging er. Unten in seiner eigenen Wohnung machte er sich sein Frühstück zurecht, briet ein paar Spiegeleier auf dem Spirituskocher, schnitt sich drei Scheiben Schwarzbrot, schmierte sie mit Butter und legte sie zusammen. Und dann bereitete er sich den unentbehrlichen Kaffee. Nachdem er gegessen hatte, steckte er sich eine Pfeife an und setzte sich, um zu lesen. Es verging eine halbe Stunde und es vergingen dreiviertel Stunden, aber der Vetter zeigte sich nicht. »Nun sollte ihn doch der Teufel holen!« murmelte Warberg und erhob sich. »Ja, ich muß wieder nach oben, ich habe doch das Geld nicht.« Und er lief wieder zur Mansarde. »Aber Benjamin!« sagte er, noch bevor er das Zimmer erreicht hatte, »bist du denn ganz kreuzverrückt, Mann!« Er bückte sich, um wieder durch das Schlüsselloch sehen zu können, aber das konnte er nicht mehr, denn Mette hatte ein Handtuch über das Schloß gehängt. Alles war still und stumm drinnen, der Bursche war also wohl noch dazu wieder zu Bett gegangen. »Benjamin! ... Benjamin! ... Ach, da soll doch ...« Warberg drehte sich auf dem Absatz um und ging. Er setzte sich und las sein Buch weiter. Dann schrieb er ein paar Briefe, zog seinen Überrock an und ging aus. Über den Örstedsvej, über Nörrebro, den Blegdamsvej, Österbro, die Langelinie und heimwärts durch die Stadt ging er. Es waren viele Menschen auf der Straße, viele festlich gekleidete und nette Menschen. Er grüßte mehrere seiner Bekannten und sprach mit ein paar von ihnen. Aber während der ganzen Zeit tauchte in seinem Innern die Frage auf: ob es Mette wohl einfallen könnte, zu Hause in der Dachkammer irgendetwas Idiotisches zu begehen ... hättest du nicht immer weiter an die Tür bullern müssen, bis er aufgewacht wäre? »Guten Tag, Gunnar!« Es war der kleine Thorkild Banner, der von der anderen Seite der Straße zu ihm hinübergelaufen kam. »Guten Tag, Thorkild der Große, bist du hier?« »Ja, ich gehe drüben mit Tante und Mutter. Komm mit hinüber.« »Nee, danke«, sagte Gunnar, »ich habe Eile, wie geht es Tage?« »Ja, er ist gezogen, und nun benutzen wir Vaters Zimmer als Wohnstube.« »Ist Tage gesund?« »Nein, er liegt zu Bett, er hat Husten. Adieu, Gunnar! Wann bekomme ich die Briefmarken?« »Die schicke ich mit der Post.« »An mich selbst, ja?« »Ja, natürlich!« Und der Knabe hüpfte wieder fort über die Straße. Warberg war nun durch die Stadt hinaus zur Vesterbrogade gelangt und bog in die Farimagsgade längs der Eisenbahn ein. Drüben an der Station sah er Hans Malling und Frau. Sie winkten ihm; aber er grüßte nur und ging eilig davon. Natürlich war es Unsinn, sich darum zu ängstigen, daß der Kapaun Mette »Hand an sich legen würde«, wie es hieß. Das taten fette Menschen niemals. Und Mette hatte auch wirklich sein Fleisch viel zu lieb, um es für 17 Kronen und 65 zu verkaufen. Und doch, ein Mensch ist ein solches Mixtum compositum , daß man in seiner Analyse desselben niemals ganz sicher sein kann! Als Warberg in die Straße einbog, in der die Villa lag, lugte er unwillkürlich zum Dachkammerfenster des Vetters empor. Es war geschlossen, aber es war keine Gardine herabgelassen, und man läßt doch gewiß die Gardine herab, ehe man Selbstmord begeht. Er lief eiligst durch den Garten ins Haus. Er wollte in seine Wohnung, um ein paar Türschlüssel zu holen, vielleicht paßte einer davon in das Schloß oben. Aber als er die Tür öffnete, fiel aus dem Briefkastenspalt eine Visitenkarte auf die Erde. Er hob sie auf. Und während er las, was darauf stand, gluckerte er ganz leise vor Lachen. Die Karte war aus rosa marmoriertem Karton und trug den Namen: Benjamin Vesty Warberg, Forstkandidat. Unter dem Namen stand mit Bleistift geschrieben: »Was gibt's denn, Lieber??« Mette selbst war spazierengegangen. Aber abends gegen 10 Uhr läutete es an der Flurtür. »Wo hast du den ganzen Tag gesteckt?« fragte Gunnar barsch. »Ach, du, ich habe einen langen, langen Spaziergang auf dem Lande gemacht. Bröndshoj ist wirklich ein allerliebstes kleines Dorf.« »Weshalb konntest du mir heute morgen nicht aufmachen?« »Ich war ... ich befand mich wirklich nicht wohl«, sagte Mette und drückte zwei Finger gegen die Stirn. »Du hättest doch antworten können.« »Ja ... ja, aber der Kopf tat mir so schrecklich weh!« (Hier wurden die Finger in weicher Linie an die Schläfe geführt.) Du wolltest mit mir sprechen, sagtest du ... Hätte das nicht Zeit bis morgen?« »Nein«, sagte Gunnar entschieden; aber gleichzeitig gefiel ihm doch die Konsequenz des Vetters. »Nein, die Sache muß bis Dienstag um zwei Uhr geordnet sein ... Du weißt wohl, um was es sich handelt!« »Ja – a ...« »Wie kannst du dir nur so etwas einfallen lassen, Benjamin! Nachts aus einem Hotel fortzulaufen, ohne zu bezahlen!« »Ja, aber, lieber Gunnar, ich hatte wirklich kein Geld!« »Was zum Teufel wolltest du dann in einem Hotel?« sagte Warberg brutal, um ein Lächeln zu verbergen. »Ja, ich suchte doch eine Stelle. Und es macht immer einen guten Eindruck, wenn man ein bißchen anständig wohnt, hätte ich die Stelle bekommen, so hätte ich natürlich um Vorschuß gebeten und bezahlt ... das wirst du doch begreifen, Gunnar!« »Aber nun wolltest du betrügen!« »Ich begreife nicht, daß du mit deiner feinen Natur solche Ausdrücke gebrauchen kannst!« sagte Mette und blickte den Vetter schmerzlich an. »So ein Wort paßt in den Mund meines Bruders Jesper! ... Betrügen? dann hätte ich doch nicht meinen richtigen Namen ins Fremdenbuch geschrieben. Natürlich hätte ich dem Wirt die paar Pfennige bezahlt, sobald ich wieder zu Geld gekommen war. Das kannst du doch sehr wohl begreifen, Gunnar.« »Jawohl, jawohl«, sagte Warberg und schüttelte den Kopf. »Aber so etwas kann man trotzdem nicht tun!« »Wenn man seinen richtigen Namen schreibt?« »Du siehst ja die Folgen!« »Ja – a ... war die Polizei hier?« »Ja; – und der Betrag muß bis Dienstag um zwei Uhr bezahlt sein.« »Wie groß war die Summe, Gunnar?« »17 Kronen und 65 Öre ... Du hast nicht von Wasser und Brot gelebt!« »Nee, man muß doch an so einem Ort essen und trinken wie die anderen. Und dann tat mir wirklich ein bißchen Wein not ... und mir hatte auch zwei Nächte hintereinander geträumt, daß ich die Stelle kriegen würde, Gunnar!« Warberg hätte Mette um den Hals fallen und ihn küssen mögen, nur wegen seiner Naivität! Aber er machte sich hart. Was Teufel, man kann doch auf der Welt nicht immerwährend Kind bleiben. »Na, aber, wo willst du nun das Geld herschaffen?« fragte er. »Ich habe keins.« »Ich hätte es doch niemals von dir genommen!« sagte Mette und erhob die Hand. »Aber ich weiß wirklich nicht, wo ich es hernehmen soll«, fuhr er mit nachdenklicher Miene fort. »Meinst du nicht, daß Mikkelsen hier oben mir helfen würde? Er hat mir schon früher mal ausgeholfen.« »So, hat er das! Na, na! ... dann mag es ja sein. Du mußt, wie gesagt, sehen, es zu beschaffen, sonst kommst du ins Loch!« »So weit soll es nicht kommen!« sagte Mette hoheitsvoll. »Die Schande sollt ihr doch nicht an mir erleben!« »Dann geh' gleich zu ihm hinauf.« »Meinst du nicht, daß er aus ist?« »Er geht ja niemals abends aus, das weißt du doch!« »Ja, aber dann ist er gewiß schon zu Bett gegangen!« »Du kannst es doch versuchen, Mensch! Nimm dich doch nun ein wenig zusammen!« »Ja, ja, ich gehe schon ... soll ich dir nicht erst ein bißchen vorspielen?« Warberg wandte sich schnell zum Schreibtisch. »Nein, danke«, sagte er, »ich habe zu tun.« Es entstand eine Pause von mehreren Minuten, dann seufzte Mette fürchterlich tief auf. »Ja, dann gute Nacht, Gunnar«, sagte er, »nun gehe ich hinauf zu Mikkelsen.« »Gute Nacht«, sagte Gunnar. – Benjamin schlich gedankenvoll die Treppe hinauf und in sein Zimmer, in dem sich nur ein Bett, ein Stuhl und eine große perlgraue Kiste befanden, in der er sein Hab und Gut aufbewahrte. Er zündete ein Licht an, das in einem halslosen grünen Eau de Cologne-Flakon stand, nahm eine seiner blaßrosa Visitenkarten hervor und schrieb darauf mit Bleistift: »Lieber Mikkelsen; Sie müssen mir morgen fünfundzwanzig Kronen leihen, da mich und meine Familie sonst ein großes Unglück treffen wird. Sie sollen es bestimmt am Sonnabend wiederbekommen, da ich dann einen größeren Betrag einkassieren werde. Ich komme morgen mittag um zwölf Uhr zu Ihnen ins Geschäft. Ich bin heute abend an Ihrer Tür gewesen, aber Sie waren nicht zu Hause. Ihr unglücklicher B.V.W.« Dann las er das Geschriebene durch und löschte das Licht. Darauf zog er seine Schuhe aus, öffnete vorsichtig die Tür, schlich zu Mikkelsens Zimmer und steckte die Karte ins Schlüsselloch. Dann schlich er sich wieder zurück, kleidete sich im Dunkeln aus, kroch zu Bett und schlief fünf Minuten darauf sänftiglich ein, furchtlos wie ein Konfirmand.   Als Gunnar am nächsten Tage aus der Schule nach Hause kam, lag auf dem Korridor des Flures ein frankierter Brief. Er öffnete das Kuvert. Es war eine Photographie darin, das Bild eines nackten, quabbligen, widerwärtigen »Wunderkindes«, und in dem beigefügten Schreiben stand: »Schweizer elf Uhr. Lieber Gunnar! Alles ist geordnet! Mikkelsen war so lieb, mir das Geld zu leihen. Bin auf dem Rathause gewesen, die Polizei war ungeheuer liebenswürdig. – Gehe nur ja ins Axelhaus Nr. 2 und sieh Dir dieses fette Mädchen an – großartig! Dein ergebener Vetter Mettchen.« »Das war eine lange und ermüdende Einleitung, ehe wir zur Sache kommen«, sagst du wohl? Ja, die »Sache«, darin hast du recht, war ja die, daß ich mein Schreiben eigentlich damit hätte beginnen müssen, dir »in kurzen aber wohlgesetzten Worten« anläßlich dieses feierlichen Tages meinen Glückwunsch darzubringen. Ja, mein teurer Junge, du weißt, was meine Liebe dir wünscht, alles, alles, was dein Leben gut und glücklich und dich selbst fröhlich und zufrieden machen kann. – Nun magst du wählen – nein, nimm alles und werde glücklich. Das mögen die Götter geben! Es war ein Herzensseufzer, der mir da entschlüpfte! Besinnst du dich auf den Morgen des Tages, als du um die Mittagsstunde geboren wurdest, daß ›wir‹ hineingingen, um der Großmutter zu gratulieren (sie hat ja Mittwoch auch Geburtstag!) daß ›wir‹ zu ihr hineingingen, ehe sie noch aufgestanden war? Weißt du auch noch, daß wir beiden ›Unzertrennlichen‹ in den Keller gingen und ein Drittel Butter rührten? Ich – ganz scheu durch den Zustand– stand seitwärts und schlug mich mit der harten Butter herum, bis ich den Sieg über sie davontrug. – Und endlich, weißt du noch, wie ›Mutter Jesse‹ in Entsetzen geriet, als ich ihr, gerade während sie die Schokolade zum Munde emporhob, sagte, ›nun müssen Sie sehen, daß Sie schnell fertig werden, denn Jens ist zur ›weisen Frau‹ gefahren‹? Du hüpftest in die Höhe vor Freude darüber, ungesehen Zeuge der Hast zu sein, mit der sie vom Hofe kam. Ja, das war damals, als ich selbst jung war, nun lebe ich in den Erinnerungen und erfreue mich damit, jede Einzelheit aus Eurer Kindheit mir ins Gedächtnis zurückzurufen – den Göttern sei Dank, ich weiß, Ihr fühlt es, daß sie für Euch alle glücklich gewesen ist! Noch einmal, mein lieber prächtiger Junge, empfange einen herzlichen Glückwunsch und einen warmen Gruß von Deiner treuen Mutter.« Gunnar lag auf der Chaiselongue und las diesen Brief. Als er ihn zu Ende gelesen hatte, legte er ihn fort, wandte das Gesicht dem Klavier zu, schloß die Augen und rollte sich in seiner Lieblingsstellung zusammen, die Knie unter das Kinn hochgezogen. Wie er diese alte weißhaarige, ewigjunge Mutter liebte! Seit seiner ersten Jugend hatte er stets Trost und Ruhe bei ihr gesucht und gefunden – und sie bei ihm. Sie verstanden einander. Sie konnten mitsammen lachen und weinen. Sie waren beide so echt dänisch in ihrer Sentimentalität und ihrem Humor. Und gelang es ihm jemals, »etwas Großes« zu werden, dann hatte er es ihr zu verdanken, ihrer zarten Liebe und ihren milden Worten: »Ja, ja, mein Junge, arbeite du nur getrost auf das Ziel zu, das du dir gesteckt hast. Du weißt ja selbst am besten, was du vermagst. Ich glaube an dich! Und wenn sich auch alle anderen von dir wenden, dann sei du sicher, daß meine Liebe und mein geringer Beistand dich begleiten werden bis an mein letztes seliges Ende.« Diese erquickenden Worte waren es, die ihn immer wieder getröstet und gestärkt hatten, wenn Vater und Brüder ihm mit ihrem Hohn und ihrer »Vernunft« zu Leibe gerückt waren: »Aus dir wird ganz bestimmt nie etwas, Gunnar! Wärest du lieber beim Bücherverkaufen geblieben, statt beim Bücherschreiben! Das hätte sich besser gelohnt! Und was schreibst du für Kram! Schaff' doch etwas, das geht!« – »Den Dichter« nannten sie ihn mit boshaftem Grinsen. Und den »verrückten Gunnar«. Blutverwandtschaft ist seit dem Morgen der Zeiten der erbittertste Feind gewesen. Was nützt es, seinem Bruder eine helfende Hand zu reichen, wenn er dafür seine Seele verlieren und verschreiben muß? Und Gunnars Gedanken schweiften zurück zu den Kinderjahren daheim auf dem weidenumsäumten Lolland. – Und er nahm das Bild seiner Mutter hervor, das in seiner Erinnerung am klarsten und am süßesten leuchtete: Sie stand an dem großen Tisch unter der Hängelampe mitten im Wohnzimmer und zeichnete mit Kreide Muster zu Höschen, Blusen und Jacken für ihn und die Brüder. Die Muster hatte sie vorher aus Zeitungspapier zurechtgeschnitten (aus der Beilage der alten »Berlingschen«. Und sie heftete sie mit Stecknadeln auf das Zeug und maß und probierte und wandte und drehte die Muster, damit beim Zuschneiden möglichst wenig verloren ginge. Sie stand mit der großen Schere (der Haarschere, die »ziepte«) in der Hand und runzelte die Augenbrauen, um den besten Schlachtplan entwerfen zu können. Und hatte sie dann ausgetüftelt, wie sie die Muster besonders schlau anbringen konnte, dann leuchteten ihre großen graublauen Augen vor Siegesfreude; und sie begann zu pfeifen, während sie darauflos schnitt, daß man die Schere sich mit langen scharfen Bissen durch das Zeug beißen hörte, und sie schnitt im Takt nach der Melodie, die sie pfiff. Oder sie fing plötzlich zu singen an, und dann lauschte Gunnar gespannt, denn in ihren Liedern kamen immer die lustigen Worte vor: Von Alvilda Jensen, Der geborenen Svendsen, Ein Geschichtchen ich berichten kann: So weich, war sie von Herzen, Daß nur mit tiefen Schmerzen Sie's Geflügelrupfen sah mit an! Doch sechzehn Wochen später Riß sie mit Gezeter Wild die Haare aus dem eig'nen Mann! Dies sang sie. Oder: Mikkel Bukse, er kam übers Feld gezogen, Da verlor er sein Fiddeliddelongon samt Bogen. Da weint' er, da weint' er Um die Fiddelongon, Fiddelongon, Fiddeliddeliddelongon, Samt Bogen! Mikkel Bukse, er kam übers Feld gezogen, Da fand er wieder die Fiddelongon samt Bogen. Da quietscht er, da quietscht er. Auf der Fiddelongon, Fiddelongon, Fiddeliddelidde liddeliddelidde liddelangon – samt Bogen. Und abends, in den Dämmerstunden, ehe das Hausmädchen meldete, daß der Tisch gedeckt sei, saß dann dieselbe kleine Frau auf dem Sofa unter Exners »Erntefest«, garniert von allen Rangen und erzählte Märchen, selbstkomponierte, voller Humor und Wehmut. Meist natürlich Wehmut. Denn die Weiber sind ja nun einmal so eingerichtet, daß sie es für »tiefer« halten, zu weinen als zu lachen ... Aber dann kamen daheim auf dem Hofe Jahre, wo Gemütlichkeit, Lieder und Märchen in Vergessenheit gerieten, und wo die Schwermut der Mutter an Geisteskrankheit grenzte, wo sie sich oben in einer Bodenkammer (Gunnars Zimmer in den Ferien) einschließen und tagelang starr und unbeweglich in einer Ecke sitzen und vor sich hinstieren oder sich aufs Bett werfen und beten und weinen und schluchzen konnte ... In diesen Jahren hatte Warberg ein unüberwindlicher Groll gegen seinen Vater ergriffen – ein Abscheu vor aller Brutalität, allem Faustrecht, aller eingebildeten Altmännergröße und Altmännergewalt. Er hatte seinen Vater nie geliebt. Er hatte ihn anfangs gefürchtet, gescheut, wie man denjenigen scheut und fürchtet, mit dem man keinen einzigen Gedanken, kein einziges Gefühl gemeinsam hat. Und er hatte ihn zuletzt gehaßt, verlacht – und Mitleid mit ihm empfunden. Er strich sich mit der Hand über die Stirn und schüttelte den Kopf. Heute nicht an ihn denken! Nun war er ja auch dem Bereich dieses Sultans entrückt! Und er hatte überdies noch eine liebevolle Gratulatianskarte von ihm empfangen: »Gratuliere, lieber Gonnar zu dem Geburtstage und sende Dir den Wunsch, daß das kommende Jahr Dir zum Segen gereichen möge! Dein Vater.« Und ob das nicht eine genügende Entschuldigung für den Mann war, daß er sein Lebenlang Gunnar mit einem o geschrieben hatte? (Die tadellose Form der Gratulation in ethischer Beziehung kam nicht weiter in Betracht. Denn es gibt ja Briefsteller zu kaufen – das gemeinsame Gut der sogenannten Gebildeten – ein Volksbuch für die Tausende enger Gehirne!) » ... Daß das kommende Jahr Dir zum Segen gereichen möge!« – Ha! »Segen«! Als ob der Mann wußte, was Segen war! Wenigstens nicht, was für seine Kinder von Segen war. Das hatte er nie gewußt. Geld. Geld. Geld. – Das waren seine drei Glaubensartikel. Gunnar wandte sich wieder dem Zimmer zu, streckte die Hand aus, nahm den Brief der Mutter und las: » ... Ja, mein teurer Junge, Du weißt, was meine Liebe Dir wünscht, alles, alles, was Dein Leben gut und glücklich und Dich selbst fröhlich und zufrieden machen kann – nun magst Du wählen! Nein, nimm alles und werde glücklich! ... Noch einmal, mein lieber prächtiger Junge, empfange einen herzlichen Glückwunsch und einen warmen Gruß von Deiner treuen Mutter.« Warberg ließ die Hand, die den Brief hielt, sinken. Er sah vor sich das feine Jungmädelgesicht seiner Mutter mit dem zarten, leicht erröteten Teint unter dem weißen Haar und dem kleinen schwarzen, spitzenbesetzten Burgfrauenhäubchen. Und er flüsterte leise vor sich hin: »Mütterchen – habe Dank für alles, was du mir warest und bist! Habe Dank für dein Lächeln und deine Tränen! Für deine klaren Augen und deine milden Hände! Wenn ich einmal ›mein Ziel erreicht habe‹, wie du sagst, dann soll es die ganze Welt wissen, daß ich ohne dich nichts gewesen wäre! Denn was Gutes und Großes und Lebenstüchtiges in mir ist, das habe ich von dir und durch dich! Du hast meine Arbeiten und meine Träume geschaffen! Du hast mich gelehrt, die große Liebe und den großen Haß zu empfinden, ohne die keines Menschen Leben als wahr gelten kann! Und in all den müden Stunden hast du meinen Kopf an deine Brust gelegt und mir die Worte zugeflüstert, die mich über alle Abgründe und Klippen getragen haben: Ich glaube an dich! Und niemals hast du deine eigene Jugend vergessen! Deshalb, Frauchen, wenn unsere Feinde, die bösen Menschen, längst vergessen und verborgen unter der feuchten Erde ruhen, dann sollst du mit Ruhm und Ehren genannt werden als Gunnar Warbergs ewigjunge Mutter!«   Man glaube nun ja nicht, daß Gunnars »Abrechnung« irgendeinen augenblicklichen Einfluß auf sein Verhältnis zu Binse gehabt hätte! Ach nein. Am Vorabend des Tages, an dem sie ihn besuchen wollte; schickte er ihr folgendes Gedicht: Es gibt nur einen Gott – – und das bist du! Wenn deiner weißen Arme Marmorfessel in holden Linien meinen Hals umwindet, da krümmt die Seele sich in tiefstem Weh und jubelt wie ein Märtyrer im Sterben, der seines Gottes köstlich Bild erblickt durch eine blutrote Nebelwolke von ihrem Glück, von freuderfülltem Leid, von stiller Wehmut tränenvollem Glücke! Im Schreckensdämon auch erkenn' ich dich! Dein Blick gleicht des Jasmines Blütenduft in feuchter Julinacht, wenn leis gespenstisch des Mondes gelbes Licht um Gärten schleicht ... Der Kaiserkrone Tränen gleicht dein Blick: Ein Born von Schmerzen unter Purpurfalten! Ich könnt' erheben in die Wolken dich und wälzen mich im Staube dir zu Füßen! Ich könnte teuflisch dich zu Tode quälen, in deinem Blut mit Wollust dann mich baden. Ich könnte streichen mit bleischwerer Hand herab an deinem stolzen Götterleibe, daß Spuren meine Finger hinterließen. Dein Traubenblut hat trunken mich gemacht, ich rief nach dir mit unbekannten Namen: Du kommst, du Engel, Dämon, Kind und Fraue, Du kommst, und tausend Harfen werden laut! Ich trag' dich schnell zum schroffen Klippenrand, wo tief im Schlund Vergessenswogen rinnen, dort stürz' ich dich hinab. Ein Lied ich singe, ein wild-wahnsinnig-jubelndes, betörendes, schluchzendes Liebeslied, das stillet alle Sehnsucht, alle Sorgen! ch stürze jauchzend mich hinab zu dir. Vergessenswogen bald den Ort bedecken, wo Grauen lauert hinter Glück verborgen! Gott oder Dämon, ich gehöre dir! Natürlich mußte so etwas eine Fernanda Möller in Ekstase versetzen. Und sie kam denn auch siegesberauscht in die Villa hinausgehüpft, jung, schön und lächelnd wie nie zuvor. »Du bist der beste Mensch von der Welt, Gunnar!« sagte sie. »Ach, mir war so bange, als wir neulich schieden!« »Mein schönes Jungchen! wie ich dich liebe!« Und sie schlang ihre prachtvollen Arme um seinen Hals und preßte ihre roten Lippen fest auf seinen Mund, seine Wangen, seine Augen ...   Sie hatten sich das erstemal drüben auf Fünen getroffen, wo Warberg Hauslehrer gewesen war. Er hatte einmal während der Sommerferien zu Besuch drüben geweilt, und sie war damals in phantastischen, aber besonders kleidsamen Toiletten im Schlosse herumgegangen als eine Art Gesellschaftsdame der Gräfin. Sie hatte das Baby und das unschuldsreine Weib gespielt, das eine Kuh nicht von einem Stier unterscheiden kann. Anfangs hatte sie auf Gunnar gewirkt wie ein Vomitiv. Alles an ihr war Unnatur. Ausgenommen der Körper. Aber ihn wußte sie auch aufs kundigste zur Schau zu stellen. Wenn sie dramatisch an einen Fensterrahmen gelehnt stand, in ihrem hyazinthenblauen weichen Wollenkleide, das in zärtlichen Falten an ihren runden Hüften hinabfiel, den Arm um den Nacken gelegt, während die feine Rundung des Busens sich von den Fensterscheiben abzeichnete – dann war sie schön wie ein altes Gemälde, wie eine heilige Cäcilie, deren lockiges Haar gleich einem Glorienschein das Haupt umrahmt. Und Gunnars Sinne wurden entfacht von dieser Cäcilie! Berauscht! Wenn sie durch das Zimmer ging und er ihre Glieder sich unter dem Kleide bewegen sah, dann verspürte er Lust, sie in seine Arme zu nehmen, aufzuheben und fortzutragen, um diesen Körper zu genießen – zu genießen – und mit den Füßen fortzustoßen! Er verhöhnte sich selbst, weil er sich von diesem Fleisch beherrschen ließ. Denn sie konnte kein Wort sprechen, keine Bemerkung machen, ohne daß es in ihm flüsterte: Wie sie sich ziert! Und doch suchte er ihre Gesellschaft. Sie machten lange Spaziergänge in den Wäldern umher und am Fjord entlang und führten tiefsinnige Gespräche über die Existenz Gottes und die Preßfreiheit, über französisches Schuhzeug und die Theaterzensur. Schon damals schrieb sie »Proverbes«, die sie ihm in einsamen Grotten und auf umgestürzten Elsenstümpfen vorlas, und er sagte, daß sie ein eminentes Talent und der Zensor ein Idiot sei. Aber niemals wurde ihm erlaubt, auch nur ihre großen weißen Hände zu küssen. Als die Ferien dann vorüber waren, reiste er nach Kopenhagen zurück. Und nun folgte eine Korrespondenz, in der sie beide so geistreich und begabt zu sein suchten wie nur möglich. Man konnte geradezu die Maschinerie knacken hören, so strengten sie sich an. Aber sie gefielen sich selbst und einander dabei. Das heißt, Warberg lächelte wohl zuweilen über ihre Briefe; aber er war doch düpiert und entzückt. Und er schrieb ihr und taufte sie Binse, Binse mit dem Rabengefieder, und nannte sie das schönste Weib auf Erden.   Zum Frühjahr kehrte sie auch in die Hauptstadt zurück, müde von Viehzucht und Ackerbau. Und Gunnar suchte sie draußen in Vesterbro auf, wo sie mit ihrer Mutter und ihrer ältesten Schwester wohnte. Und oben in ihrem Zimmer unter dem Dache warf er sich auf die Knie und erklärte, ohne die Gunst und Gabe ihrer Liebe könne er keineswegs leben! Und sie »lächelte so honigsüß mit ihren weißen Zähnen«, wie es im Liede heißt, hob ihn zu sich empor, streichelte ihm Bart und Haar und küßte seinen Mund, seine Stirn und seine Augen. Aber unten bei Mutter und Schwester gebärdete sie sich wie eine Königin – eine Königin, die mit ihrem Pagen im Vorzimmer und hinter Draperien schäkert. Und alles, was sie ihm gab, gab sie wie aus Gnade. Denn sie war vierunddreißig Jahre und er war zweiundzwanzig. Sie trafen sich auf Straßen und in Torwegen, in Cafés und in Theatern. Und sie schwärmten und träumten auf den Bänken der öffentlichen Parks. Sie, den Kopf auf seine Schulter gelegt, gar lieblich von dem Mond und den süßen Sternlein plaudernd. Er, den Arm um ihren Leib geschmiegt, schweigend und düster und nur an eines denkend: ihren Leib und den Genuß ihres Leibes! Es dauerte lange, ehe es Gunnar durch Bitten und Beschwörungen gelang, Binse zu einem Besuch auf seinem Zimmer zu bewegen. »Es sei nicht passend«, sagte die Dame, »daß ein junges Mädchen einen jungen Herrn in seinem Zimmer besuche« ... Ach, sie waren so keusch, diese dreißigjährigen »jungen Mädchen«! so keusch wie gefallene Engel! Hätte Warberg in diesen Tagen über Kapital verfügt oder in der Lotterie gewonnen oder nur so viel verdient, daß er für zwei Menschen das Futter schaffen konnte – er hätte Binse geheiratet! Dermaßen war er von der Sehnsucht nach ihr besessen, daß er sich selbst und ihr einbildete, er liebe sie für Zeit und Ewigkeit. Und als er dann endlich das Ziel seiner Wünsche erreicht hatte, taumelte er eine Zeitlang herum, als habe er einen Zaubertrunk gekostet. Der betagte Briefbote ihrer Straße sank in die Knie unter der Last der Zuschriften in Vers und Prosa, die Gunnar auf sie herabrieseln ließ. Und sie erfand an die tausend Lügen daheim, um ihren Geliebten Abend für Abend in seinem Zimmer besuchen zu können. Und da oben sausten sie davon in einem Sturm von Liebe!   Warberg war derjenige von beiden, der zuerst wieder zur Besinnung kam und das Verhältnis mit nüchternen Blicken betrachtete. Binse dagegen sah nichts oder wollte nichts sehen. Ihre Liebe oder richtiger Leidenschaftlichkeit wuchs. Sie konnte zuweilen Gunnar an sich pressen, daß er vor Schmerz schrie! Und er empfand Widerwillen vor ihr, entsetzte sich vor ihr, erblickte in ihr einen Moloch der Liebe! Sie lauerte ihm auf Schritt und Tritt auf, um ihn zu begleiten, wohin er auch ging. Es war ihr durch List gelungen, die verschiedenen Zeiten auszukundschaften, zu denen er die Schule verließ, und sie tauchte dann auf, wenn er es am wenigsten erwartete und wünschte. Wenn er daheim in seinem Zimmer mitten in der Arbeit saß, klopfte es an die Tür, und sie hüpfte hinein und warf sich ihm um den Hals und tat beleidigt, wenn er nicht schäkern wollte. Gunnar wurde müde und nervös und »böse« von all diesem Überlaufen. Und eines Tages ergriff er sie beim Arm, warf sie aus dem Zimmer hinaus und verschloß die Tür. Das war der erste Bruch zwischen ihnen. Und es vergingen drei Wochen, in denen sie einander nicht sahen. In den ersten acht Tagen empfand Warberg die Trennung als eine Erleichterung, als einen Frieden, eine Sicherheit, eine Ruhe. Aber bald begann die Entbehrung. Wenn er abends auf der »Chaiselongue« hinter dem Klavier lag, ertappte er sich auf dem Wunsch, daß sie dreimal kurz an die Türe pochen und eintreten und ihm vorspielen möge wie früher. Nur spielen und dann wieder gehen. Aber wenn er dann die Augen schloß und sich zusammenkauerte, mit den Füßen unter dem Kinn, dann fühlte er ihre brennenden Küsse auf seinem Gesicht, seinem Haar und seinem Halse. Und er wand und krümmte sich vor Sehnsucht danach, in ihren Armen zu ruhen. Er verhöhnte sich selbst, knirschte mit den Zähnen und tobte, nannte sich einen Lumpen und einen Wicht. Aber am Ende der dritten Woche setzte er sich an seinen Schreibtisch und »empfing« folgendes Poem, das er in ein Kuvert steckte, mit einer Freimarke versah und ihr durch das geduldige Postwesen zustellte: Du lagst ermüdet auf weinblauen Kissen, der Arm die Stirn bedeckte, Deine Hand war vergraben tief im dunklen Strom des Haars. Ohne Hülle, blendendweiß lagst du! Und schienst zu schlafen: Deine dunklen Wimpern hüllen in Schatten tief der Lider Rand. Des Busens Woge ruhig sinkt und steigt ... Im hohen Glase eine Rose stand dort auf dem schwachen Brett der Etagere und füllt' die Luft mit ihres Atems Schwüle, nur eine rote, vollersprungene Rose. Sie nahm ich: Blatt für Blatt entriß ich seinem Sitze und streute sie mit hocherhobenen Händen langsam, einzeln, nieder auf deiner Schultern weiche Rundung. Ich bog das Knie in Andacht stumm vor dir. Den Raum erfüllte eine Tempelstille, die jeden Laut des Lebenslärms bezwang ... Mit raschen Schnitten nur auf der Konsole die Uhr verteilt den Faden jäh der Zeit. O Sulamith, wie krank ich bin vor Sehnen! Und sie antwortete: »Jedes Wort von Dir ist Leben für mich! Ach, ich litt entsetzlich! – Nun weiß ich, was Frauenangst bedeutet. Aber jetzt – jetzt lebe ich wieder! Wie schön wird es werden, wenn wir uns wiedersehen! Wie will ich wieder Dein sein – ganz mit jedem Gedanken gefesselt an unsere wunderbare Liebe, wie werde ich Dich ansehen! Mein Auge wird Deine Seele einfangen zu dem seligsten Glück, und meine Lippen sollen Dich heiß küssen, bis wir vergehen. Meine Arme werden sich um Deinen Hals schlingen und Dich zerdrücken, Dich an meine Brust zwingen, daß Du Deine Augen schließest. – Ich lebe wieder mit Dir, für Dich – und Du sollst es fühlen – Du sollst es in Deine innerste Seele hinein fühlen, daß ein Weib Dich liebt – nein, daß ich Dich liebe! Jeder Deiner Gedanken und Deiner Sinne soll erbeben vor bangem Glück – und nie, nie sollst Du ein anderes Weib in Deine Nähe wünschen, stets sollst Du mich in Deiner leisesten Begierde fühlen – ich bin der Gott, dem Du die Macht gegeben hast – selbst eine Gefangene, werde ich Dich in meinen Armen gefesselt halten; sie sind nicht wogend, nicht weichend, nicht lockend: sie sind Deine feste, ruhige, sichere Heimstätte, die nur Platz hat für Dein liebendes Haupt. Und findest Du einmal eine bessere Stätte, zu der Du flüchten kannst – dann werden meine offenen Arme ein Wirtshaus, allen zu Gebote stehend, ewig verspottet von mir, daß sie nicht vermochten, Dich zu binden – – – den einzigen, den ich geliebt habe! Fernanda« So schrieb sie, vormittag hatte Gunnar den Brief erhalten, und schon an demselben Abend klopfte es an die Tür, und sie stand da in all ihrem Glanz. Aber im Laufe des Abends vertraute sie ihm zerknirscht an, daß sie sich »aus Verzweiflung und Trotz« einem anderen Manne hingegeben hatte – »nur einmal« ... Aber jetzt gehörte sie wieder Gunnar, wie sie ihm stets gehört hatte! Das andere war nur aus Entsetzen vor dem leeren Raum geschehen – horror vacuii! Warberg war in ein kicherndes Gelächter ausgebrochen, das er nur ersticken konnte, indem er seine Lippen in Binses weißes Fleisch bohrte! Und da hatte der kleine grinsende Teufel in seiner innersten Seelenkammer zum ersten Male den Kopf herausgestreckt, die Achseln emporgezogen, das rechte Auge zugekniffen und genickt.   Dies war der erste punische Krieg, der von Donnerstag, den 3. Mai, bis zum Freitag, den 25. desselben Monats und Jahres dauerte. Status quo ante bellum! Dann kam nach einem Jahre der zweite. Er begann eines Tages, als sie miteinander draußen im Pavillon auf der Langenlinie saßen und die Schiffe im Hafen betrachteten. Dicht vor dem Quarantänegebäude mit der grünen Flagge lag ein Schoner vor Anker und stampfte auf und ab im Takt der Wogen. Da wendet sich Binse plötzlich zu Warberg, deutet auf das wiegende Schiff und spricht einen Vergleich aus, der ihn veranlaßt, seine Hand zu erheben, um ihr ins Gesicht zu schlagen. Aber er ließ die Hand sinken, erhob sich still von seinem Platz und ging fort, ohne sie anzusehen und ohne ein Wort zu sprechen. Aber er schauderte wie in Gespensterfurcht über den Einblick, den er in die geheimen Wege ihrer Gedanken erhalten hatte. Und als er nach Hause kam, schrieb er ihr, nun wäre es unwiderruflich aus zwischen ihnen! Dies geschah am 15. September. Und schon Anfang Oktober erzählte ihm eine wohlwollende Seele, daß sie heimlich verlobt wäre mit einem Lehrer. Gunnar kannte ihn von Ansehen und lächelte. Denn auch der Lehrer war zehn, zwölf Jahre jünger als Binse. Da kam der 25. Oktober. Warberg war im Theater. Er saß auf einer der letzten Bänke des zweiten Parketts. Da kam Binse hinein. Die Augenlider schamhaft über die prachtvollen Augen gesenkt, glitt sie keusch und still an ihren Platz, der sich ein paar Reihen vor dem Gunnars befand. Und der Lehrer folgte ihr, glücklich und entzückt. Warberg beobachtete sie. Er sah den Lehrer den Mund zu ihrem Ohre neigen und ihr verliebte Phrasen zuflüstern. Und sie erhob ihre schüchternen Augenlider und sandte dem geliebten Magister einen strahlenden Blick. Und Gunnar hätte beinahe vor Lachen heulen mögen. Aber plötzlich schoß ihm der Gedanke durchs Hirn: Du könntest sie trotzdem zurückgewinnen, wenn du wolltest! Könntest sie noch heute abend mit dir nach Hause nehmen – zum Klavier und zu der Chaiselongue. Dann saß er ein wenig und blinzelte mit den Augen; wir wollen's auf die Probe ankommen lassen, nickte er dann. – Und es wird ja geradezu eine Wohltat gegen den armen Lehrer sein! Während eines Zwischenaktes ging er dann auf das Paar zu und begrüßte es. »Es ist lange her, seit ich das Vergnügen hatte, Herr Warberg«, sagte Binse ruhig. Aber er bemerkte doch ein schwaches bebendes Zusammenziehen ihrer Pupillen. »Herr Lehrer Larsen! – Herr Gunnar Warberg«, stellte sie vor. Der Lehrer war ein schlanker, gutgewachsener junger Mann mit einem milden Gesicht und stillem, höchst einnehmenden Wesen – ein erwachsenes Kind. So ein rechter Leckerbissen für eine Fernanda. Sie wanderten plaudernd unter dem Publikum auf und ab, und Binses weiße Zähne lachten, und in ihren Augen leuchtete der Triumph. Man mußte wohl auch zugeben, daß sie die Siegende war – im Augenblick. Als der Zwischenakt zu Ende war und die Leute wieder zu ihren Plätzen zurückströmten, schritten die drei Freunde die Treppen zum Parkett hinab. Und in einem Moment, als der Lehrer ein paar Stufen vor den anderen vorausging, ergriff Gunnar Binses Arm, beugte sich zu ihr und flüsterte: »Ich muß dich sprechen.« Binse lächelte und drückte seine Hand, die noch auf ihrem Arm lag, weich und zärtlich an ihr Korsett. »Ich wußte es!« sagte sie. Und ihre Augen versprachen ihm alles, was er begehrte. Unten am Eingang zum Parkett stand der Lehrer und wartete. Furcht und Sorge war in seinen Augen zu lesen, und sein Gesicht war bleich. »Gehen Sie nur hinein«, sagte Binse befehlend. »Ich komme gleich.« Und er wandte sich still und gehorsam um und verschwand hinter der Tür. »Ja, wir gehen wohl?« fragte sie dann Warberg. Er nickte. Und an diesem Abend streckte der Hanswurst in Gunnars Seele zum zweiten Male seine Galgenphysiognomie hervor und blinzelte den Liebenden seinen Segen zu ... Am nächsten Tage schrieb Binse Warberg einen Brief, eine »Rechtfertigung«, wie sie es nannte, und der wirklich Eindruck auf ihn machte. Er empfand eine Art Mitleid mit ihr, und eine Zeitlang ging es sehr gemütlich und nett zwischen ihnen zu. Aber da faßte Binse wieder Mut und glaubte sich nun so fest im Sattel, daß sie von Ehe zu reden wagte ... »bloß heimliche Ehe«. Oh, das könnte doch so schrecklich lustig sein, als Mann und Frau herumzugehen, während keiner eine Ahnung davon hätte. »Nicht wahr, Gunnar, was ...?« Aber Gunnar schüttelte den Kopf. Ihm schauderte bei dem bloßen Gedanken, sie volle vierundzwanzig Stunden um sich zu haben. Da vertraute sie ihm eines Tages an, daß sie schwanger wäre. Und sie weinte. Große klare Tränen weinte sie – und schrie, daß sie Schmach und Schande über ihre alte Mutter bringen würde. Und Warberg fing schon an, ihr zu glauben. Ihr Äußeres schien ihm ihre Worte zu bestätigen. Und er ließ sich mit ihr in Gespräche über heimliche Trauung und Standesamt ein. Aber da entdeckte er eines schönen Abends, daß sie sich ausstopfte. Und da nahm er seinen Stock und jagte sie die Treppe hinab.   Dies geschah unmittelbar vor den Sommerferien, und er reiste zu seinem Bruder nach Stengaarden. Nun mußte er doch, zum Teufel, kuriert sein. Aber wir haben ihn zurückkehren sehen. Und wir haben den Hanswurst zum dritten Male böse grinsen sehen. Unsern Eingang segne Gott, Unsern Ausgang gleichermaßen; Segne unser täglich Brot, Segne unser Tun und Lassen, Segne uns mit sel'gem Sterben, Mach' uns einst zu Himmelserben! Das Lied war zu Ende und gleich begannen einige der Kleinen aus der »Vorschule« zu plaudern. »Maul gehalten!« kläffte Herr Bigum, der heute die Morgenandacht drüben im Turnsaal leitete. Die Knaben schwiegen und kicherten; einige streckten ihm heimlich die Zunge heraus. Sie haßten diesen Vorsteher mit dem blutigsten Knabenhaß. Sein Kosename unter den Schülern war »der Leichenräuber« (eine Bezeichnung, die sie wohl einem Cooperschen Roman entnommen hatten), weil es ihm zuweilen ganz unmotiviert einfiel, die Knaben ihre Taschen auf den Tischen entleeren zu lassen, worauf er sich dann alles aneignete, was unter den Begriff »Spielzeug« fallen konnte: Bindfadenendchen, Knöpfe, Münzen, Briefmarken, Tierzähne, Magnetnadeln, Zinnsoldaten und »Donnersteine«, kurz alles, was ein Knabenherz erfreut. Herr Bigum hatte keinen Begriff vom Umgang mit Kindern. Er behandelte sie wie Sklaven! »Wichse« war das Wort, das mit den fettesten Typen in seinem pädagogischen Handbuch gedruckt stand. Und »Wichse« und Scheltworte regnete auf die Köpfe der Unglücklichen herab. Warberg hatte oft vor Raserei gezittert, wenn der Mann herumwütete. Er hatte sich an die Spitze eines Knabenheeres geträumt, das den Leichenräuber nackt Spießruten laufen ließ, vom Amagertor bis zum Kongehain, aber er durfte nicht einschreiten. Er war ja ebenfalls Herrn Bigums Sklave. Und er bekam noch dazu Gehalt: Fünfzig Öre die Stunde! Und dann hielt er viel auf den anderen der beiden Vorsteher, Herrn Möller, den die Kinder vergötterten und bei dem sie Trost fanden. Oft hatte Warberg mit Herrn Möller darüber gesprochen, wie unmöglich der Leichenräuber sei, und Herr Möller hatte eingeräumt und eingeräumt. Aber er konnte nichts ausrichten, da Bigum der Kapitalist war. Im ganzen war Geld das Öl, das Herrn Bigums Lebensmaschine schmierte. Er hatte mit leeren Händen begonnen, hatte aber allmählich zusammengescharrt und gespart und geknappst, daß er nun bedürftigen Brüdern gegen entsprechende Wucherzinsen Darlehen bewilligen, sowie sich mit verschiedenen Aktien an mehreren der Häuser beteiligen konnte, die grüne Sprossen in ihrem Wappenschilde führen. Er war ein ehemaliger Schüler der Hochschule, Seminarist und ein hervorragendes Mitglied eines christlichen Temperenzlervereins. Außerdem war er Junggeselle und Radfahrer. »Macht die Türen auf!« kommandierte Herr Bigum. Ein paar Knaben öffneten die Flügeltüren zum Turnsaal. »Marsch!« Und die Kinder setzten sich in Bewegung; über den Spielplatz ging es zum Schulhause. Die ältesten Klassen an der Spitze, dann die anderen der Reihe nach bis herab zu den sechs- bis siebenjährigen Hosenmätzen, die ein wenig rennen mußten, um Schritt zu halten. Gunnar stand oben im ersten Stock in der Vorschulklasse. Er hatte jetzt Anschauungsstunde mit den Hosenmätzen. Auf diese Stunde freute er sich stets. Es war für ihn ein wahres Fest, den Eifer der Kleinen zu beobachten, wenn es galt, von den an der Wand hängenden Bildern und den ausgestopften Tieren und Vögeln zu erzählen, die er aus der Sammlung im Privatkontor des Vorstehers holen ließ. Diese Raritäten machten die Kinder glücklich. Besonders ein schon fast ganz kahles Äffchen versetzte die Klasse einmal übers andere in Ekstase. Nun kam die Bande die Treppen hinaufgestürmt; Gunnar bewaffnete sich mit einem Lineal und trat zur Tür, die er öffnete. Die Knaben wimmelten hinein, einander puffend und kneifend, um zuerst zur Stelle zu sein. Sie plauderten und lachten durcheinander. Ihre Gesichter waren frisch und rotwangig und ihre Augen strahlten. »Was ist das für ein Spektakel da oben«, bellte der Leichenräuber von unten aus dem Parterre hinauf. »Pst–st!« ermahnte Gunnar. »Ihr müßt ruhig sein, sonst kommt Herr Bigum und frißt euch.« Die Kleinen lugten schalkhaft zu ihm empor und suchten still ihre Plätze. Aber kaum war die Tür geschlossen, als das Schwatzen wieder losging: »Darf ich mit hinübergehen und die Tiere holen, Herr Warberg?« »Nee. ich ...?« Warberg schlug mit dem Lineal hart auf den nächsten Tisch. »Stille!« Und man hörte keinen Laut. Aber fünfzig blinkende Äuglein richteten sich erwartungsvoll auf ihn. »Wer ist Aufpasser?« fragte Warberg. »Ich«, sagte ein kleiner draller Bursche mit Posaunenwangen, leuchtenden blauen Augen und hellgelbem, fast weißem Haar. Er war aufgestanden und stand kerzengerade wie ein Pfahl. »So; dann gehst du mit Aage! ... Und dann kann ...« Gunnar machte hier gern eine kleine Pause, um die verschiedenen Ausdrücke in den Augen ringsum zu genießen; denn die Jungen setzten ihren Stolz darein, zu seinen Begleitern auf dem Wege ins Kontor ernannt zu werden. »Und dann können Friedrich ... und Hans ... und Hjalmar ...« Die Enttäuschten ließen ein unterdrücktes Murmeln hören. »Pst! Nicht geschwatzt! Sonst hol' ich euch gar nichts zum Ansehen. »Do–o– och ...« »Ja, aber dann seid ruhig! ... Hör' mal, du, Viggo, du kannst auf sie aufpassen!« Viggo war der Kleinste von all den Knaben. Er trug einen Anzug mit kurzen Ärmeln und eine Schürze. Warberg hob ihn von der Bank empor, setzte ihn auf den Lehrertisch und gab ihm ein Lineal in die Hand. Großer und anhaltender Jubel seitens der anderen. »So«, sagte Gunnar ernsthaft, »nun ist es genug! Kommt jetzt, Jungens!« Und er ging mit seinen vier Auserwählten in das Kontor hinüber, das gegenüber auf der anderen Seite des Treppenflures lag. Als sie zurückkamen, waren sie beladen mit Tieren und Vögeln, Versteinerungen, Spirituspräparaten und dem unvermeidlichen Affen, der von dem Klassenersten Aage im Triumph getragen wurde. »Wo hast du Sonnabend gesteckt, Karl?« fragte Warberg einen kleinen Blaßschnabel an einem der untersten Tische. »Ich habe einen Zettel mit«, sagte der Knabe und reichte ihm ein zusammengefaltetes Stück blaues Packpapier. Warberg nahm das Papier und las: »Der Grunt, weil Karrel Sonnabent nich in Schule war war, daß er keinen Stiefel auf das Bein hat kriegen können.« »Gut«, nickte Gunnar und steckte das Papier in die Tasche. »Bist du jetzt gesund?« »Ja.« »Ich hab' auch einen Zettel!« rief plötzlich ein kleiner schwarzhaariger Bursche und hob den Zeigefinger in die Höhe. »Herunter mit dem Finger!« sagte Warberg ärgerlich. »Das sind die verflixten Lehrerinnen, die die – na! Was ist das für'n Zettel?« Der Kleine steckte ihm furchtsam ein Stück Papier in die Hand: »Sind Sie doch so gut und lassen Sie Albert um zwölf Uhr raus. Ich muß was Notwendiges besorgen was er machen soll. Freundlich Marie Koett.« »Ja, den mußt du Herrn Möller zeigen, Albert«, sagte Gunnar. »Du kannst ihn ihm in der Pause geben ... Aber vergiß nicht: Herrn Möller, nicht Herrn Bigum.« »Nein, ich kann auch Herrn Möller besser leiden«, sagte der Knabe. »Das kann ich auch!« ertönte es voll Überzeugung aus einem anderen kleinen Munde. »Pst!« Nun wurden die geholten Präparate unter die Schüler verteilt. Und Warberg setzte sich bald auf den einen, bald auf den anderen Tisch und ließ die Kinder erzählen, was sie von den Dingen wußten. Er ließ sie laut und deutlich sprechen, daß sie von der ganzen Klasse gehört werden konnten. Und doch schlichen einzelne kecke Bengel sich von ihren Plätzen und stellten sich um Gunnar auf. Er sah sie strengerstaunt an, brachte es aber nicht übers Herz, sie fortzujagen, so flehend waren die auf ihn gerichteten Blicke. »Ja«, wenn ihr ruhig seid«, sagte er, »dann dürft ihr hier stehen.« Die Knaben nickten beteuernd, und der Unterricht wurde fortgesetzt. Als nach zehn, zwölf Minuten an voll fehlten, nahm Warberg einen kleinen Taschenrevolver und zeigte ihn den Kindern. – Er erklärte ihnen, wie es zuging, daß er Feuer gebe und die Kugel aus dem Lauf flöge und sich in das Ziel einbohrte, wenn man auf den Hahn drückte, nachdem die »Büchse« geladen war. Die Augen der Kleinen strahlten vor Interesse. »Jetzt gehen wir alle miteinander hier in diese Ecke«, fuhr Gunnar fort. »Immer zwei und zwei! Dann paßt auf, dann schieße ich auf die schwarze Tafel! Immer zwei und zwei, hört ihr?« Die Kinder scharten sich hinter seinem Rücken (weiß Gott, nicht immer zwei und zwei!) und stellten sich an der Wand auf. »Jetzt zählen wir alle zugleich: eins – zwei – drei – und dann schieße ich!« Einige der kleinen Kerle begannen vor Entzücken Trippelwalzer zu tanzen. Aber die meisten standen doch starr und steif vor Spannung. »So! Jetzt zählen wir«, sagte Warberg. Und die ganze Klasse zählte: »Eins–zwei–drei!« Der Schuß donnerte wie ein Kanonenschuß in dem geschlossenen Raum. Der Pulverdampf stieg zur Decke und die Rangen brüllten Hurra. »Ich hab' das Feuer gesehen!« gestikulierte ein kleiner eifriger Mensch. »Ich habe das Feuer gesehen – so deutlich!« »Kommt nun mit zur Tafel«, sagte Gunnar, »dann wollen wir sehen, ob wir finden können, wo die Kugel steckt!« Die Kinder liefen zur Tafel und krochen auf Tische und Bänke. Warberg stand einen Augenblick an der Tür still und lauschte: Ja, ganz richtig! Da kam er die Treppe hinaufgestürmt, der Leichenräuber! Und Gunnar lächelte. Er hatte sich vor Beginn der Stunde Herrn Möllers Erlaubnis zu dieser Schießübung gesichert. Sie hatten Herrn Bigum mit keinem Wort erwähnt. Aber mit den Augen geblinzelt hatten sie. Und gedacht. Warberg lief eiligst zur Tafel und hob ein paar der kleinsten Knirpse in die Höhe, damit auch sie des Genusses teilhaftig werden konnten, nach dem Loch suchen zu können, das die Kugel gebohrt hatte. Da flog die Tür auf und der Leichenräuber stand bleich und verbissen auf der Schwelle. »W ... was geht hier vor?« Warberg stellte den kleinen Viggo hin und wandte sich Herrn Bigum zu. Er zögerte mit der Antwort, denn er genoß gleichsam dieses kleine zitternde Demonstrativ dort in der Tür. Der Vorsteher hatte die Angewohnheit, wenn er wütend wurde, mit seinen kurzen, dicken Fingern auf der Unterlippe zu spielen. Und er spielte in diesem Augenblick wie ein Wahnsinniger. Seine Glatze war dunkelrot und Gunnar glaubte zu bemerken, daß die spärlichen Haare sich auf seinem Scheitel sträubten. »Was ist hier los, frage ich! Können Sie nicht antworten, Mensch?« Der kleine Mann hatte ziemlich kurze und gehörig schiefe Beine (Warberg hatte ihm einmal mit der Bitte geschmeichelt, Herr Bigum möge ihm sein Porträt als Radler, im Sportanzug und mit der Jockeimütze auf dem Kopf, schenken). »Was ist hier los? Gar nichts ist hier los!« »Sie schießen doch, Mann! Sie haben doch geschossen! Ich habe es ja knallen gehört!« »Ach so–o! Jaa–a! Ich habe geschossen, um den Kindern einen Spaß zu bereiten!« »Sind Sie verrückt?« kläffte Herr Bigum und hüpfte ein paar Schritte in die Klasse hinein. Warberg antwortete nicht. Aber die Kleinen drückten sich ängstlich an ihn. Der kleine Viggo faßte ihn sogar an der Hand. »Denken Sie, Sie können hier schießen?« fuhr der Vorsteher fort. – »Wollen Sie die Schule um ihr Renommee bringen? Wir können zehn Lehrer für einen kriegen, sag' ich Ihnen! Womit haben Sie geschossen?« »Mit diesem hier«, sagte Warberg und richtete den Revolver auf ihn. Herr Bigum ging im Polkatakt rückwärts zur Tür. Einige der Knaben begannen zu lachen. »Stille!« befahl Warberg. Und da er fand, daß der Spaß ein Ende haben müsse, fügte er hinzu: »Übrigens will ich Ihnen sagen, Herr Bigum, daß ich vorher Herrn Möllers Erlaubnis eingeholt hatte.« Herr Bigum spielte eine Sonate. »Möllers Erlaubnis!« zischte er, »hö! Dazu gehören wohl wir beide! Und ich verbiete es Ihnen ... sowas!« »Ja, dann schieße ich natürlich nicht mehr«, sagte Warberg ruhig. Die Glocke rief zur Frühstückspause hinunter, und der Erzürnte verschwand. Gunnar hatte heute fünf Stunden Unterricht. Und er wanderte von Klasse zu Klasse, und erzog die Jugend in Geschichte, Geographie, Naturgeschichte, Dänisch und Zeichnen. Sein mitgebrachtes Frühstück verzehrte er auf dem Hofe oder im Flur, gemeinsam mit den anderen Lehrern, verkommenen Zigeunerexistenzen wie er: gescheiterte Leutnants, »außer der Liste«, einem alten lebensmüden Übersetzer, einem hergelaufenen ehemaligen Leiter einer Dorfschule, einem »Magister«, der vor dreißig Jahren eine bändestarke dänische Geschichte herausgegeben hatte, jetzt aber in einer Dachkammer auf Nörrebro lebte und seine Freistunden und Sonntage damit verbrachte, Hechte im Damhaussee zu fischen. – Einem Gemeindeschullehrer, der acht Tage lang Herrn Bigums Duz- und Busenfreund, aber den ganzen übrigen Monat mit ihm verfeindet war, infolge von Streitigkeiten, die es stets zwischen ihnen gab, wenn sie »Sechsundsechzig« oder »Kamerun« im »Elefanten« spielten. Ja, und da waren da nach ein »Fräulein«, ein Turnlehrer und Gunnar Warberg. Die Bezahlung betrug fünfzig Öre die Stunde für die Männer, und das Fräulein bekam wohl fünfunddreißig. Es war Herr Bigum, der die Gagen festsetzte. Und der Markt wäre überfüllt, sagte er. Vier Jahre lang war Gunnar nun Woche für Woche zu dieser Schule hinausgewandert und hatte seine Stunden gegeben. Hatte sein Mettwurstfrühstück in der Pause gegessen, im Winter gefroren und war im Sommer vor Hitze und den Ausdünstungen der Kinder beinahe erstickt. Wenn er nach beendigter Schulzeit nach Hause ging, war er oft müde und schlapp, wie nach der härtesten körperlichen Arbeit. Aber er mußte ja froh sein, daß er etwas »Festes« hatte. Und er blieb, während die anderen Lehrer kamen und gingen wie ein stets wechselnder Pilgerzug hungriger und liederlicher Menschen, hielt er aus und suchte sich zu Hause in seiner »wahnsinnigen Stube« bei seinen Büchern und Papieren das Rückgrat zu stärken, so gut es nur gehen wollte. Das Leben ist doch nun einmal nicht lauter Schokolade!   In der großen Zwölf-Uhr-Pause ging Warberg auf den Spielplatz zu den Kindern hinunter. Herr Möller stand in der Tür. Er hatte die Inspektion. Warberg konnte es ihm ansehen, daß ihm der Leichenräuber wegen des Schusses einen Anschnauzer gegeben hatte. Und er hatte großes Mitleid mit ihm. Er fühlte, wie peinlich es diesem guten, liebenswürdigen und feinfühlenden Menschen sein mußte, zu jeder Stunde des Tages die Schlächterfaust des Leichenräubers über seinem Haupte schweben zu wissen, von seinen Launen abhängig, ihm dankbar und geduldig zu sein, sich in sein bestialisches Kläffen zu finden, weil er nicht selbst soviel Brutalität und seelische Verderbtheit besaß, wie notwendig war, um zu gleicher Zeit Leiter einer »christlichen« Schule und Mitbesitzer eines grünvergitterten Freudenhauses zu sein. Gunnar empfand Mitleid mit Herrn Möller und sich selbst. Und er wandte den Kopf ab und lächelte betrübt: »Es sind immer die besten Menschen, die sich hier auf Erden beugen müssen«, murmelte er. Aber bald darauf fügte er hoffnungsvoll hinzu, indem er einen Bissen von seinem Mettwurstfrühstück nahm und den Blick nach oben richtete: im Jenseits soll es ja anders zugehen. »Herr Warberg ...« »Ich möchte gern ...« »Na, was gibt's? Heraus mit der Sprache, Thomas?« Der Knabe stand verlegen vor ihm und trat sich selbst auf die Zehen. Es war einer der großen Knaben aus der vierten Klasse. »Ich möchte Sie gern bitten, dies zu lesen.« Der Knabe reichte Gunnar ein zusammengefaltetes, aus einem Schreibheft gerissenes Blatt. »Ist das ein Liebesbrief?« »H – nee«, lächelte der Knabe und blickte zu ihm auf. Sie gingen in den Turnsaal hinüber, und Gunnar stellte sich mit dem Rücken gegen die Mauer und las: »Geehrte Kameraden! Einige von uns sind übereingekommen, ja, haben den Gedanken gekriegt, einen Gedanken, der nun realisiert worden ist; diesen Gedanken hat schon vorher ein Mann gehabt, wir schmeicheln uns sagen zu können, ein Mann, dieser Mann ist einer unserer Lehrer, nämlich Herr G. Warberg, der Gedanke, der uns so sehr beschäftigt hat, ist nämlich die Errichtung einer Schulbibliothek. Auf Grund der Schwierigkeiten dieser Sache gab Herr Warberg diesen Gedanken auf, aber wir haben ihn nun, wie gesagt, realisiert. Dieser Plan ist von der vierten Realklasse ausgegangen, und wir hoffen, daß wir großen Beifall in den anderen Klassen finden mögen. Im Dezember erging ein Aufruf an die Knaben in dieser Klasse, und ob sie Bücher für eine solche Bibliothek hergeben möchten, und es scheint, daß das kein schlechter Gedanke gewesen ist, und daß dieser Plan großen Beifall gefunden hat, denn es kamen von der vierten Realklasse allein dreißig Bücher ein; viele von euch, Kameraden, schütteln wohl den Kopf, besonders die unter euch, die Romanfresser sind, die ungefähr drei – vier Bücher des Abends lesen. Aber wenn auch, Ihr könnt ja, meinen wir, wenn Ihr auch die ganze Bibliothek in einer Woche auslesen könntet, und Ihr nicht darauf abonnieren wollt, so gibt es doch trotzdem eine andere Weise, die Sache zu stützen. Denn wenn Ihr ein paar alte gebrauchte Bücher habt, aus denen Ihr Euch nichts macht, so wird alles mit der größten Dankbarkeit angenommen. Bedenkt nur das eine, daß in der vierten Realklasse zwölf Schüler sind, und von da kamen allein die dreißig Bücher ein. Bücher, die gut und zerrissen, interessant und uninteressant waren. Aber ist es nicht trotzdem ein gutes Resultat, daß eine Klasse, noch dazu eine kleine, daß sie ganz allein dreißig Bücher schaffen konnte. Wir wollen die Geber nicht persönlich nennen, aber alle, die uns Bücher gegeben haben, haben unsere Achtung und Dankbarkeit, wenn nun bloß von jeder der anderen drei Realklassen, die viel größer sind als die vierte Realklasse, bloß fünfzehn Bücher einliefen, so wären das im ganzen fünfundsiebzig Bücher. Kameraden, außerdem finde ich, müßte es ein stolzer Gedanke sein, sagen zu können, ich habe mitgeholfen, die Bibliothek zu begründen und zu stützen. Die Bibliothek begann am 6. Januar 1890. Es macht fünf Öre Beitrag. Diese fünf Öre werden aufbewahrt, bis sie zu einer so hohen Summe angewachsen sind, daß neue Bücher dafür gekauft werden können. Es kostet nur zehn Öre, darauf zu abonnieren, also fünf Öre billiger als die Volksbibliothek. Alle Bücher, die wir geschenkt bekommen, werden schnell eingebunden und instandgesetzt, wir haben nur wenig Abonnenten. Aber kein Unternehmen gedeiht, ohne auf Widerstand zu stoßen. Zehn Öre ist außerdem auch nicht zu viel, wenn man berechnet, was Bücherreparationen kosten. Man wende sich an                 Th. P. Friis, zu sprechen in der Schule 4. Real, 1. Abteilung do. zu Hause Amagerbro Nr. 1. »Stützt« die Bibliothek »Stützt!«                 Nur zehn Öre! »Stützt« die Bibliothek »Stützt!« »Ja, das ist doch sehr gut so«, nickte Gunnar und gab Thomas das Papier zurück. »Und dann war's noch was anderes«, sagte der Knabe. »Na, und was denn?« »Ja, wir möchten gern Herrn Warberg fragen, ob Sie uns das Vergnügen machen möchten, unser Bibliothekar zu sein? Herr Möller hat uns erlaubt, daß wir die Bibliothek oben bei der Sammlung aufbewahren dürfen.« »So, das dürft Ihr? Gewiß werde ich euch helfen.« »Danke«, sagte der Knabe froh und ergriff Gunnars Hand mit solidem Druck. »Wir haben jetzt Naturgeschichte bei Ihnen«, meinte er dann mit fröhlichen Augen. »Ja, das stimmt«, sagte Gunnar. – »wobei sind wir eigentlich?« »Wir haben jetzt alles über den Menschen. – Das ist so schwer.« »Freilich«, lächelte Gunnar. »Das ist ein Tier, mit dem man schwierig fertig wird. Aber wir müssen doch repetieren, Thomas.« »Gewiß«, nickte der Knabe, »das müssen wir.« Und dann läutete die Glocke zum Hinaufgehen.   Warberg hatte eine Vorladung vom Kriminal- und Polizeigericht erhalten, sich gefälligst am nächsten Montag zwischen zwölf und zwei Uhr oben einzufinden. Und nun stand er an den anberaumten Montag um halb eins auf dem Neumarkt und betrachtete das Rathaus, als ob er es niemals vorher gesehen hätte. Er sah, daß es alt und grau und baufällig war. Und er wünschte aus rein ästhetischen Gründen – daß man die Verfolgung seiner Sache bis zur Vollendung des neuen Rathauses aufgeschoben hätte. Ein Schutzmann in Helm und weißen Handschuhen stand drüben im Torweg, zwischen den Kolonnaden und der alten Schweinefleisch-Waage. Gunnar ging zu ihm hinüber. »Würden Sie nicht die Güte haben, mir zu sagen, wo hier das Kriminal- und Polizeigericht ist?« Der Beamte führte die behandschuhte Rechte an den Helmrand: »Der Herr können hier durch den Torweg und dann über den Hof und dann die Treppe da hinauf gehen. Im ersten Stock links.« »Ich dachte, alle richterliche Autorität läge auf der rechten Seite«, sagte Warberg bitter-geistreich. »Nee, es ist links ... die Treppe hinauf und dann links ...« Und Warberg ging über den Hof und die Treppe hinauf. Er wunderte sich im stillen, daß er nicht die geringste Spur von Nervosität oder Beklemmung empfand, die ihn sonst stets überfielen, wenn ihm etwas Ungewöhnliches bevorstand. Er war bloß neugierig und interessiert. Oben im ersten Stock wandte er sich links und stand dann vor einer hohen Flügeltür, auf der in schwarzen Buchstaben zu lesen stand: Kriminal- und Polizeigericht. Er klopfte an und trat ein. Es war ein großer dreifenstriger Saal. Vor den Fenstern standen Pulte, und an den Pulten saßen alte und junge Männer und lasen Zeitungen. Einer aß sein mitgebrachtes Frühstück. Rechts, hart an der Tür stand ein langer von Stühlen und Bänken umgebener Holztisch. An dem Tisch saßen zwei uniformierte Beamte und protokollierten, was zwei armselig gekleidete und verhungerte Männer ihnen flüsternd anvertrauten. Über einem Wandschirm am Ende des Tisches ragte ein kauendes Gesicht hervor, hin und wieder kam auch ein Arm zum Vorschein und steckte ein Stück grobes Schwarzbrot mit Käse in den zu dem Gesicht gehörenden Mund. Unter dem letzten Fenster stand eine Bank, auf der an vier, fünf Frauen in damenhafter Kleidung saßen. Einige von ihnen gestikulierten heftig und schwatzten ununterbrochen, aber mit gedämpften Stimmen. Andere saßen starr und unbeweglich mit bleichen, wie aus Wachs geformten Gesichtern. Ganz am Ende der Bank, in der Nähe einer geöffneten Flügeltür, die auf einen breiten halbdunklen Flur hinausführte, in dem ein Schutzmann wie ein Wachtposten auf und ab spazierte, saß eine kleine schwarzgekleidete Frau und starrte vor sich hin. Alle Augenblicke führte sie ihr zerknülltes Taschentuch an die verweinten Augen, sie schien die Menschen in ihrer Umgebung nicht zu beachten, nur von einem einzigen Gedanken erfüllt zu sein. Gunnar ging auf einen langen mageren Beamten mit einem Gesicht wie ein beutewitternder Iltis zu und präsentierte ihm seine Vorladung. »So«, sagte der Beamte und beguckte den Delinquenten von oben bis unten. »Bitte warten!« Und dann nahm er die Vorladung und verschwand durch den halbdunklen Flur, an der schwarzgekleideten Witwe vorbei, die ihm mit erschreckten Augen nachstarrte, als ob sie dächte: »Jetzt kommt es!« Warberg begann langsam in dem Räume auf und ab zu wandern. Hin und wieder öffneten sich die verschiedenen Türen des Lokales und ein Beamter trat heraus und rief mit lauter Stimme einen Namen, einen Frauen- oder Männernamen. Und der Betreffende erhob sich still von seinem Platz und schlich scheu durch die Tür, die hinter ihm geschlossen wurde. Oder es wurde geantwortet: Hier! und der Angerufene fuhr mit einem Ruck und einem nervösen Zittern in die höhe, als erwache er aus einem Traum. Die Tür zum Treppenflur ging unaufhörlich auf und zu, und immer neue Gesetzesverächter schlichen hinein, sahen sich verzagt um und sanken still auf die nächste Bank nieder oder blieben mit dem Hut in der Hand an der Wand stehen. Plötzlich ertönten die Schritte vieler Füße in dem halbdunklen Flur. Gunnar wandte sich um und sah hinein: Eine Menge barhäuptiger Männer und Frauen in Gefängniskleidung scharte sich unruhig in einer Ecke zusammen. Einige starrten versonnen zu Boden. Andere warfen die Köpfe zurück und sahen sich trotzig um. Vorn in dem Schwarm stand ein kleiner, kräftig gebauter junger Mensch, ein Knabe von sechzehn, siebzehn Jahren. Sein Gesicht war bleich, und sein blondes Haar fiel ihm wirre in die Stirn. Aber seine Augen leuchteten vor Trotz. Er blickte gleichgültig durch die Tür und in den Saal. Aber als sein Blick auf die kleine schwarzgekleidete Frau draußen fiel, glitt es wie ein Schleier darüber hin, er errötete und wandte das Gesicht ab. Aber die Frau preßte verzweifelt das Taschentuch zwischen den Fingern und rückte auf der Bank hin und her, während ihr große stille Tränen über die Wangen rannen. Auch Gunnar wandte den Kopf ab und mußte plötzlich, ganz unmotiviert, wie es ihm schien, an seinen Vetter Benjamin denken. Jetzt kam der lange magere Beamte zurück mit der Vorladung in der Hand. »Bitte schön«, sagte er höflich, »wollen Sie sich hier an den Tisch setzen.« Und er stellte ein paar Stühle an den langen Tisch, wo schon die anderen Beamten saßen und die geflüsterte Beichte der beiden armselig gekleideten und verhungerten Sünder niederschrieben. Gunnar nahm Platz, und der Beamte setzte sich neben ihn. »Was haben sie gemacht?« fragte er schnell und leise und streckte seine Iltisfratze vor, Warberg direkt ins Gesicht. Gunnar blickte ihn verständnislos an. »Ja, wir fangen am besten gleich an«, sagte der andere, ohne sich genieren zu lassen, legte einen Bogen Papier vor sich hin und tauchte die Feder ein. »Was wünschen Sie zu wissen?« fragte Warberg. »Ihr vollständiges ›vita‹, mein Herr ... Ist es ein politisches Verbrechen?« »Wie beliebt?« »Ihren ganzen Lebenslauf muß ich aufschreiben.« Gunnar lächelte. »Das ist ein bißchen viel!« »Tja, aber billiger können wir's nicht machen! ... Doch nur so im großen und ganzen, natürlich!« »Wollen Sie mich nicht examinieren, mein Herr? Denn so, glaube ich, wird es besser gehen.« »Ja, mit Vergnügen! ... wann sind Sie geboren?« »Achtzehnhundertundachtundfünfzig!« »Und Datum und Geburtsort?« Warberg gab beides an. »Getauft und konfimiert ebendaselbst?« »Ja.« Der Mann schrieb: »Na ... Und dann?« »Dann kam ich zu einem Buchhändler in die Lehre, erst in Nakskov und dann hier.« »Jahreszahl?« »Die weiß ich wirklich nicht mehr.« »Ja, aber, das müssen wir unbedingt erfahren! ... Na, das kriegen wir schon heraus! Und dann?« »Und dann bereitete ich mich zum Abiturium vor und fiel durch, und dann ging ich als Hauslehrer aufs Land ...« »Wo?« »Auf Fühnen.« »Bei wem?« »Bei Graf Mangletrae in Broby ... Und dann arbeitete ich bei einem Rechtsanwalt und wurde als unbrauchbar entlassen, und dann versuchte ich mich als Schauspieler, und dann wurde ich wieder Buchhändler, und dann ...« »Hui! Hui! Die Jahreszahlen, lieber Herr!« »Ich kann mich nicht auf die Jahreszahlen besinnen. Die habe ich nie behalten können!« »Dann müssen wir uns zu helfen suchen ... Sie wurden also mit vierzehn Jahren konfirmiert! ... Das wären also ... vierzehn und ... acht ... und fünfzig ... das wären ...« Und nun begannen sie gemeinsam die verschiedenen Jahreszahlen auszurechnen. Plötzlich veranlaßte der Laut klappernder Pantoffeln Gunnar, sich nach dem Saale umzuwenden: Durch die Tür zu dem halbdunklen Flur, wo die schwarzgekleidete Witwe saß, trat ein junges Mädchen ein, hinter ihr ein Mann in einer Art Wächter- oder Pförtneruniform und mit einem großen Schlüsselbund in der Hand. Das Mädchen trug Pantoffeln und weiße Strümpfe. Ihr Kleid ließ einen großen Teil des Knöchels frei. Es war aus hellem Schirting, die Taille dagegen war grellrot mit schwarzen Punkten und stand vorn offen. Und an dem bloßen Halse hing ein goldenes Medaillon an einem blauseidenen Bande. Das Haar fiel ihr lang und ungekämmt in blauschwarzem Gewirr ins Gesicht. Binse! ... Das heißt, es glich Binse, wie Gunnar sie zuweilen in seinen Träumen gesehen hatte. Sie ging lächelnd und mit lebhaften Augen durch den Saal und nickte den an den Pulten vor den Fenstern sitzenden Männern vertraulich zu. Und manche von ihnen nickten wieder und lachten: »Guten Tag, Marianne!« Plötzlich begann sie sich in den Hüften zu wiegen und zu summen: O Sophus, o Sophus, du bist mein bester Freund, du lehrtest mich, wie solch ein Herze lieben muß ... Und als sie durch die zum Treppenflur führende Tür hinausging, stieß sie mit dem einen Fuß nach hinten aus, daß man ihre dünnen Waden sehen konnte. Und dann schloß der Gefangenenwärter die Tür hinter ihr. Gunnar sah den Beamten fragend an. »Tja«, sagte dieser und zuckte die Achseln. »Ist sie irrsinnig?« »Och nee, sie ist bloß jemütlich! Sie ist zum fünften Male hier ... Nächtlicher Unfug, Diebstahl! ... übrigens ein flottes Mädel! ... Und siebenundachtzig wurden Sie also Kandidat der Philosophie?« »Ja, und seit der Zeit bin ich als Lehrer an der Schule von Möller und Bigum draußen in Amager angestellt.« »Dann wären wir also fertig«, sagte der Iltis. »Bloß noch eines« (er kniff ein Auge zu und gab sich Mühe, verschmitzt auszusehen) ... »ja, entschuldigen Sie, aber ich muß Sie danach fragen ...« »Fragen Sie nur!« »Sind Sie ... sind Sie niemals ... Sind Sie etwa schon mal im Zuchthaus gewesen?« Der Beamte lächelte und schien außerordentlich zufrieden mit der humoristischen Form, die er für seine delikate Frage gefunden hatte. »Nein, noch nicht«, lächelte Gunnar wieder. »Hi, hi!« »Ha, ha ... Kann ich nun gehen?« »I bewahre, nein! Sie müssen erst herein und dem Assessor präsentiert werden! ... Sagen Sie mal, was haben Sie getan?« Der Mann war jetzt wieder Iltis vom Scheitel bis zur Sohle. Seine Nasenflügel dehnten sich vor Begierde, der Leute auf die Spur zu kommen. »Soll das auch in die Personalakten?« fragte Gunnar. »Nein, das nicht ...« »So ... Ja, ich kann es Ihnen schließlich ebensogut sagen ... Sie erfahren es ja doch ...« »Ja ...« Warberg beugte sich zu dem Mann hinüber und flüsterte hastig: »Ich soll meinem Onkel Gift gegeben haben.« Der Beamte blickte ihm einen Moment starr in die Augen. Dann brach er in ein Gelächter aus. »Das ist recht«, sagte er, »immer jemütlich! Es kommt ja doch, wie es kommen soll!« Und dann stand er auf und ging, Warbergs Lebenslauf in der Hand schwingend, durch die Tür neben der Delinquentenbank. Er kehrte gleich wieder zurück. »Sie werden sofort herankommen«, sagte er und stieß einen langen Zeigefinger in Warbergs Schultern, während er an ihm vorbeiging und durch die gegenüberliegende Tür verschwand. Warberg sah auf seine Uhr: »Zwanzig Minuten nach Zwei! ... Sie geht ein bißchen langsam, diese Dreschmaschine der Gerechtigkeit!« Und er begann wieder im Saale auf und ab zu wandern. Die Schreiber an den Pulten unter den Fenstern warfen ihm neugierige Blicke zu. Einer von ihnen hatte den »Kopenhagener« vor sich ausgebreitet, deutete darauf und sprach flüsternd mit seinem Nachbar. Es stand gerade an diesem Tage eine Novelle von Gunnar in der Zeitung. Man wußte also, wer er war. Infolgedessen streckte er die Brust heraus, setzte die Füße auswärts und schritt majestätisch umher wie ein Hahn auf einem gräflichen Misthaufen. Er sah sich nach der kleinen schwarzen Dame um. Sie war fort. Nun saß sie wohl zu Hause und weinte. Er blieb stehen und blickte durch die Tür in den dunklen Flur. Auch der Knabe mit den trotzigen Augen war nicht mehr da. Dafür hatte sich ein Haufen anderer trister Sünder eingefunden ... Plötzlich sah er einen Beamten eine Schranktür in der Wand öffnen und einen alten gebeugten Mann herausziehen: »Hier entlang!« sagte der Beamte. Und der Alte folgte ihm mit unsicheren Schritten und mit einem Blick wie ein Hund, der Prügel erwartet. Warberg schüttelte den Kopf. Ein tiefes niederdrückendes Mitleid erfüllte ihn. Nicht gerade Mitleid mit diesem einzelnen Mann, sondern mit allen. Mit der kleinen schwarzgekleideten Frau, mit dem trotzigen, halbwüchsigen Knaben, mit dem frechen, singenden Mädel – mit sich selbst, mit der ganzen Menschheit. Und es entstand in ihm ein brennender Drang, allen zu helfen (und dadurch natürlich auch sich selbst), sie von Not und Schande und Kummer zu erlösen und zu frohen und glücklichen Menschen zu machen ... Aber dann lächelte er: »Nur nicht sentimental, Alter! Wenn du erst in deiner Sofaecke oben im »Schweizer« sitzest, dann ist alles vergessen ... Du hast Hunger!« Ein kleiner Mann kam ihm entgegen mit dünnen Beinen, strammen Hosen, glattrasiertem Gesicht und die einzelnen Haupthaare in einem pomadisierten Scheitel über den Kopf verteilt. Der kleine Mann blieb plötzlich stehen, wandte sich dann rasch ab, ehe er Gunnar erreicht hatte und verschwand eiligst durch eine Tür im Hintergrunde des Saales. Auch Warberg stutzte: »Zum Kuckuck, wer war das?« Dann glitt mit einem Male ein breites Lächeln über sein Gesicht. »Kammerjunker Torskemund! ... Das war ja der kleine Kammerjunker Torskemund!« Und nun entsann sich Gunnar deutlich, ihn während eines Ferienaufenthaltes zu Weihnachten drüben auf Broby kennengelernt zu haben, wo sie Abend für Abend ihre drei Partien Whist mit dem Grafen und der »Gnädigen« gespielt hatten. Der Kammerjunker hatte sich jammernd bei Warberg beklagt, wenn sie unter vier Augen waren, daß er immer verlor; denn Torskemund war geizig wie eine Stiftsdame. »Das steckte den Torskemunds im Blute«, sagte die Gnädige. Und dann sein Bericht über den Schloßbrand von Kristiansborg! (Gunnar lachte in sich hinein.) Der Kammerjunker wohnte damals bei seinem Vater, der eine Hofcharge bekleidete und seine Wohnung im Schlosse hatte. »Der Ausbruch des Feuers versetzte meine Familie in die größte Verwirrung«, erzählte er mit seiner lispelnden Stimme. – »Aber ich eilte in mein Schlafzimmer hinauf und hatte das Glück, meine Uniform zu retten. Und mit dieser unter dem Arm begab ich mich nach Amalienborg. Dort kleidete ich mich in den Zimmern des Kavallerieleutnants Nelkenwurzel um. Und während der ganzen Katastrophe verweilte ich bei den Damen des Hofes. Man konnte ja bei den damaligen radikalen politischen Verhältnissen nie wissen, was passiert ... dieser Berg und seine Bande!« Und Gunnar entsann sich ferner darauf, was die alte Gräfin Thrane, die Mutter der Gnädigen, ihm erzählt hatte: Torskemund hatte sich dreimal zur juristischen Staatsprüfung gestellt. Aber er hatte kein Glück. Da hatte seine bekümmerte Mutter »höheren Orts« eine Audienz nachgesucht und sich über die hartherzigen Professoren beschwert. Und als das Examen sich zum vierten Male näherte, hatte man von oben her den Herren bedeutet, daß man es gern sähe, wenn der junge Torskemund reussierte. Und der junge Torskemund reussierte. Und ein Jahr später würde er zum Kammerjunker ernannt und erhielt eine Anstellung an einem der Gerichte. Auf die Art »macht man Karriere«. »Sind Sie noch nicht drin gewesen, Herr Warberg?« »Nein.« »Hm! ... Das heißt wirklich, die Geduld des Publikums auf die Probe stellen!« Es war der Iltis, der auf seiner Reise durch den Raum Gunnar wieder angelaufen war. Warberg setzte sich auf die Delinquentenbank unter dem Fenster. Es war nun drei Uhr, und das Lokal war ziemlich leer geworden. Die Schreiber an den Pulten schienen ans Mittagessen zu denken, denn sie sahen alle sehr tiefsinnig aus. In weiter Entfernung wurden in dem großen Gebäude Türen geöffnet und geschlossen, und auf den Treppen draußen erklangen hastige, enteilende Schritte. Aber in dem halbdunklen Lokal rechts von der Bank, auf der Gunnar sah, war immer noch ein ununterbrochenes Kommen und Gehen von bejammernswerten Männern, Frauen und halbwüchsigen Kindern, die unter Bewachung uniformierter Mummelgreise abgeführt wurden, um hinter geschlossenen eichengestrichenen Flügeltüren ihrer von Gott eingesetzten irdischen Obrigkeit zu beichten. Und Warberg sah die Schranktüren drinnen sich öffnen und schließen für diese tristen Menschenwracks. Und er empfand wieder dieses niederdrückende Mitleid mit der ganzen Erde. Aber zugleich ertappte er sich auf einer aufreizenden Neugierde nach den Stimmungen, die in ihm aufkommen würden, wenn er drinnen stand und der Schlüssel umgedreht wurde. »Wissen Sie, Herr Warberg, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich einfach gehen!« Der lange Beamte, der sich in ihn verliebt zu haben schien, hatte sich über Gunnar gebeugt und flüsterte ihm erregt diese Worte ins Ohr. Warberg lächelte: »Ach nein?« »Ja, wahrhaftig, das würde ich! Ich würde, weiß Gott, meiner Wege gehen, wenn ich eine Privatperson wäre!« Und dann war der Iltis wieder weit fort, durch eine andere Tür verschwunden. Was hat er wohl, zum Kuckuck, hier immer herumzutrieseln? dachte Gunnar. »Wenn ich fragen darf ... Herr Warberg ...?« »Ja.« »Jetzt sind Sie daran – Bitte ...« Der Mann öffnete eine Tür in dem dunklen Flur, Gunnar trat ein, und die Tür wurde hinter ihm geschlossen. Er stand in einem geräumigen Zimmer, das durch eine dunkle Mahagonischranke, die sich durch das ganze Zimmer von einer Wand zur anderen erstreckte, in zwei Teile geteilt war. Hinter der Schranke saßen an einem großen, mit grünem Tuche bezogenen Schreibtisch zwei jüngere Männer, die ihre neugierigen Augen auf den Eintretenden hefteten. Vor der Schranke auf einem Stuhl hart an der Wand saß eine alte zusammengesunkene Männergestalt, deren Gesicht wie verstaubt aussah, und in deren Auge kein Fäserchen von Interesse für das, was ringsum vorging, zu merken war. Es war ein alter Beisitzer, der vermutlich hier auf diesem Stuhl gesessen hatte, seit das Reich unter Gorm dem Alten gesammelt worden. »Herr Gunnar Warberg?« fragte der Ältere der beiden hinter der Schranke, ein mild und freundlich aussehender Mann von sechs- bis siebenunddreißig Jahren. »Ja.« Dann wurde der draußen angefertigte Rapport verlesen, Gunnar bestätigte ihn, und das wurde von dem anderen Beamten zu Protokoll genommen. »Ja, dann sind Sie für heute fertig, Herr Warberg«, sagte der milde Mann höflich. »Aber ich muß Sie bitten, sich wieder hier heraufzubemühen am ... wollen sehen ... am Donnerstag nächster Woche zum Beispiel, wir müssen ja den Rapport mit Attesten belegen, und das wird wohl reichlich eine Woche in Anspruch nehmen.« »Soll ich um dieselbe Zeit kommen wie heute?« »Ja, danke, um dieselbe Zeit ... Und dann werden Sie schon etwas schneller expediert werden, wir hatten heute eine Sache, die sich länger hinzog als ich gedacht hatte ... Sie können einem der Beamten Ihre Karte geben und ihn bitten, sie mir zu bringen, dann werden Sie sofort expediert.« »Danke«, sagte Gunnar und verbeugte sich. »Adieu.« Die beiden Herren hinter der Schranke erhoben sich höflich. Aber der uralte eingestaubte Beisitzer hockte unbeweglich auf seinem Stuhl, krumm und vornübergebeugt und starrte wie ein Buddha der Gerechtigkeit auf seinen eigenen verschimmelten Nabel ...   Warberg stand wieder draußen auf dem Markt vor dem Rathaus. Es war vier Uhr. Eine Abteilung Arbeitshäusler zog gerade mit präsentierten Besen ab, nachdem sie den Platz von den Halmstümpfchen und Pferdeäpfeln des Markttages gereinigt hatte. Zwei große schwere Omnibusse rumpelten aneinander vorbei. Droschken sockten davon. Und geputzte Menschen plauderten und lachten und sahen lebensfroh und vergnügt aus in dem Sonnenschein und der klaren Herbstluft. Ein Taubenschwarm tummelte sich hoch oben über den Häusern, und ein Barbierschild blinkte schelmisch und kreischte vor Freude auf seiner Stange. Das war ein Leben hier, nach vierstündiger Einsperrung in einer Katakombe. Gunnar bog in die Nygade ein. Und in Vimmelskastet lief er eiligst in den »Schweizer« hinauf, wo er eine Portion »Labskow« zu fünfzig Öre verschlang. Dann jagte er wieder davon, den Amagermarkt und die Östergade entlang. Er wollte zum St. Annae-Platz hinaus. Sobald er den Kammerjunker dort oben auf dem Rathause gesehen, hatte er Lust bekommen, seiner alten Freundin, Gräfin Thrane, einen Besuch zu machen, vermutlich war es der Gegensatz zwischen den »Schränkchen« und den gemütlichen Salons der Gräfin, der ihn anspornte. Er war ja ein bißchen hysterisch und jagte nach Extremen. Und dann erinnerte ihn die Gräfin so sehr an seine Mutter. In der großen Strandstraede nickte er seinem Onkel zu, dem Fuhrherrn Andersen, der dick, aufgeblasen und unbeholfen hinter dem Fenster seines kleinen Verschlages neben der Haustür saß – eingesperrt und apoplektisch, wie eine Blutwurst in einer Mausefalle. Und der Onkel nickte wieder, langsam und zögernd, als ob er Angst hätte, daß er den Kopf nie wieder auf den richtigen Platz zurückbringen würde, wenn er sich zu höflich zeigte. Na, Gunnar hatte sich außerdem schon seit anderthalb Jahren nicht mehr dort in der Familie sehen lassen. Sankt Annaeplatz Nr.34! Warberg ging durch die Haustür und die Treppe hinauf zum ersten Stock. Dort befand sich an der Tür eine große leuchtende Messingplatte: Gräfin Thrane. Er läutete, und ein Mädchen in weißer Latzschürze öffnete. »Ist die Frau Gräfin zu Hause?« »Ja.« »Empfängt sie?« »Das weiß ich wirklich nicht.« »Wollen Sie ihr meine Karte bringen.« Das Mädchen verschwand mit der Karte und Gunnar befand sich allein in dem großen geräumigen Entree mit den eichenen Wäscheschränken und der alten Messinglichterkrone an der Decke. Eine Krone aus einer Kirche. Er wartete gern so ein paar Minuten in dieser Umgebung. Es versetzte ihn in Stimmung: Diese alten wurmstichigen Schränke, die steifen hochlehnigen Stühle, die Lichterkrone an der Decke und die verblichenen Kupferstiche in den Stuckrahmen an den Wänden. – – – Er hörte die Türen im Innern des Hauses sich öffnen und schließen, hörte Schritte und ferne Stimmen. Es war, als ob man in der Vorhalle einer alten Burg verweilte, in der die Dienerschaft still umherpusselt ... Mein Gott, wenn man eine solche Burg besäße, welche Geschichten könnte man darüber schreiben! »Ja, Frau Gräfin empfängt. Bitte ...« Das Mädchen öffnete die Tür des Empfangszimmers, und Gunnar trat ein. Auch dieser Raum war ein Fest für seine Phantasie. Die Wände waren mit Jahrhunderte alten Tapeten aus Goldleder bekleidet, lebensgroße Bilder von Ahnen in voller Rüstung und rundbusigen Weibern mit weißen ringgeschmückten Fingern über spitzenbesetzten Taschentüchern gefaltet. Da standen steife Rokokomöbel mit geschnörkelten Beinen und Truhen mit Beschlägen von Silber und leuchtendem Messing. Zärtliche Hirten und Hirtinnen schäkerten auf den Etageren und an der Decke hing eine Krone aus milchfarbigem Glas. »Frau Gräfin ist im Wohnzimmer.« Gunnar klopfte an und öffnete die Tür. Die alte Dame saß am Schreibtisch unter dem Fenster. Sie wandte dem Eintretenden den Rücken zu. »Sind Sie's, Herr Warberg? Bitte, nehmen Sie Platz! Ich will bloß diesen Brief hier adressieren.« Gunnar setzte sich in einen der weichen Lehnstühle, die um den Tisch in der Mitte des Zimmers standen. Dieses war etwas moderner möbliert. Tiefe Lehnstühle und Decken und Blumen und Portieren. Über dem Sofa hing ein großes Gemälde von dem Hauptgebäude des Rittergutes Thraneborg, wo jetzt der älteste Sohn der Gräfin residierte. »Na, Warberg, Sie haben Ihre alte Freundin also doch nicht ganz vergessen.« Die Gräfin wandte sich dem Gaste zu und lächelte. Ihr Gesicht sah frisch und jugendlich aus unter dem weißen Haar und ihre Augen waren klar und freundlich. »Nein, Ew. Gnaden, aber ...« »Aber Er hat ein böses Gewissen gehabt«, nickte die alte Dame und drohte mit einem erhobenen ringgeschmückten Finger. »Was sind das auch für fürchterliche Geschichten, die man von Ihnen hört ... und liest!« »Geschichten ...?« »Ja. Sie sollen ja die fürchterlichsten Dinge in den obskursten Blättern schreiben, erzählt man mir. Und nun sollen Sie ja noch dazu mit der Polizei in Konflikt geraten sein. – hören Sie, mein Lieber, es tut mir aufrichtig leid um Sie. Was sind das für Räuber, denen Sie in die Hände gefallen sind. Mit wem verkehren Sie? Wie kann dieser nette bescheidene, poetisch veranlagte junge Mensch, den ich seinerzeit in Broby traf und wirklich besonders hoch schätzen lernte, wie kann er sich so verändert haben? Noch im Sommer sprach ich mit meiner Tochter darüber, und sie bedauert das ebensosehr wie ich. Sie haben unser Vertrauen getäuscht, mein Lieber! Sie haben eine mütterliche Freundin in meiner Tochter verloren, Warberg! Es tut mir leid, daß ich es Ihnen sagen muß. Sie schrieb mir gerade gestern, wenn Julius heimkehrt, so müsse ich es auf jegliche Art und Weise verhindern, daß er irgendwie mit Ihnen zusammenkomme. Und der Junge stellt Sie doch so hoch; ja, ich kann sagen, er liebt Sie. Und wir waren alle so froh darüber, denn er ist ja stets ein schwieriges Kind gewesen, und Sie hatten einen großen Einfluß auf ihn. Aber jetzt!« Die Gräfin faltete die Hände im Schoß und blickte elegisch zur Decke. Warberg hatte still und zerknirscht gesessen und sie angehört. Er wußte, sie mußte löschen, bevor ein anderer laden durfte. Sie war ja ein Weib trotz ihres »Blutes« und ihrer Ahnen. Und außerdem: Sie meinte es so gut mit ihm, die alte Rokokofrau. Er hatte ihr gegenüber ein ähnliches Gefühl wie seiner Mutter gegenüber, er liebte sie. Und dann findet man sich geduldig in manches Wort. »Na«, fragte die Gräfin, »schämt Er sich?« »Ich bin tief niedergedrückt«, lächelte Gunnar. »Er ist den Teufel! Er setzt natürlich eine Ehre in seine Schande!« »Und Ihre Frau Tochter hat Julius wirklich verboten, mich zu besuchen?« »Ja, mein guter Warberg. Und ich muß meiner Tochter recht geben. Wir können das Kind doch, bei Gott, nicht mit einer bestraften Persönlichkeit umgehen lassen.« »Ich bin doch noch nicht bestraft, Frau Gräfin.« »Nein, aber Sie werden es.« »So ... ich werde es?« »Ja, das hat man mir aus zuverlässiger Quelle berichtet.« »Und finden Frau Gräfin, daß ich es verdient habe?« »Unbedingt.« »Haben Sie gelesen, was ich geschrieben habe?« »Ja ... meine Tochter hat es mir geschickt, es war widerwärtig!« »Richtig, ja! Aber das war es ja gerade, was ich ausdrücken wollte. Ich wollte den Leuten die Augen öffnen ...« »Danke, wir wissen's schon.« »Sie wissen es? Und trotzdem ...?« Man schafft den Schmutz nicht aus der Welt, wenn man eine Geschichte in einer Zeitung schreibt!« »Dann schreiben wir zwei!« »Und wenn Sie hundert schrieben, lieber Warberg ... Aber lassen wir das. Ich sah Sie neulich draußen auf der Promenade mit einer gewissen Dame ...« »Ich hatte nicht die Ehre, die Frau Gräfin zu sehen.« »Sind Sie mit dem Geschöpf verlobt?« »Verlobt? Mit wem?« »Ach, tun Sie nicht so scheinheilig! Mit diesem Fräulein Möller natürlich!« »Nein.« »Ihr seid Arm in Arm gegangen!« Gunnar senkte die Augen und zuckte die Achseln. »Sie ist ein einfaches Frauenzimmer, eine ... eine Soubrette! Wissen Sie, daß sie sich von dem Diener Niels karessieren ließ? Nein, das wissen Sie natürlich nicht! ... Um Gottes willen, mein lieber Warberg, denken Sie nicht daran, da irgendeine legitime Verbindung anzuknüpfen!« »Daran denke ich auch nicht.« »Ist sie Ihre Geliebte, Warberg? ... Ja, ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist, und ich glaube nicht an platonische Verhältnisse!« »Ich auch nicht.« »Und sie könnte doch Ihre Großtante sein! Lassen Sie die Verbindung nicht zu alt werden. Man reißt sich so schwer los. Und sie sieht mir aus, als ob sie eine wahre Klette werden könnte. Ja, verzeihen Sie, Herr Warberg, daß ich mich so in Ihre Herzensangelegenheiten hineindränge ...« »Wir sind nur gute Kameraden, Frau Gräfin!« »Ja, danke, das Lied kenne ich! ... Nein, aber sehen Sie, mein lieber Warberg, ich schätze Sie sehr hoch und möchte gern, daß Sie reussieren. Sie sind fein und nobel und klug, aber es fehlt Ihnen vollständig an Willen. Und gewiß hauptsächlich Frauen gegenüber ... Sie sehen, ich habe Ihre Geschichten gelesen ... und verstanden! ... Sagen Sie sich los von all dem Schmutz, in den Sie hineingeraten sind! Haben Sie nicht Lust, etwas Sicheres zu ergreifen? Ich habe gute Verbindungen. Es würde mir Freude machen, etwas für Sie zu tun. Was sagen Sie zu einer Stellung an einer der Bibliotheken?« »Ja – a, gnädigste Gräfin, Dank für Ihre Freundlichkeit, aber ich glaube, ich eigne mich nicht dazu!« »Und warum nicht?« »Ich habe zuviel Zigeunerblut im Leibe. Ich liefe in den ersten Tagen davon.« »Ach, Schnickschnack! Jugendlichkeit! Einbildung! Das soll nun genial sein, das mit dem »Zigeunerblut«! Mein Gott, jeder vernünftige Mensch ist doch zu guter Letzt froh, wenn er in geordneten Verhältnissen leben kann!« »Nein!« »Sie sagen: Nein!« »Ja, das tu' ich. Ich habe es schon ein paarmal versucht, aber es ging nicht. Ich lief jedesmal aus der Lehre.« »Schnickschnack!« sagte die Gräfin und stampfte mit dem Fuß auf den Teppich. – »Was sind das doch für Proletarier-Ideen, die Sie sich zugelegt haben, mein Guter! Dann haben Sie wohl auch angefangen, den Fisch mit dem Messer zu essen?« »Hä – nä ...« »Ja, es ist also bei Gott Ihre Schuld!« fuhr die alte Dame eifrig fort. »Entweder – oder, mein Lieber! Ich weiß noch, was für Furore Sie auf Rudersholm machten, als sie die Gabel mit der Linken handhabten. Es war wirklich allerliebst! Aber: Entweder – oder!« Gunnar rückte seinen Stuhl näher an den der Gräfin heran. »Ich darf wohl von der Leber weg reden?« »Ja, mein Kind, sprechen Sie nur ... Ich habe immer Ihre bescheidene natürliche Art, sich zu geben, goutiert.« »Glauben Sie nicht, Frau Gräfin, daß diese Herren und Damen, die in den so hochgepriesenen geordneten Verhältnissen leben – daß sie die allerschönsten Bohêmiens sind, wenn die Sonne zur Ruhe gegangen ist?« »Ja«, weiß Gott, das glaub' ich, mein Lieber! Aber sie tun es hübsch insgeheim. Sie schämen sich ihrer kleinen oder großen Ausschweifungen und gehen nicht mit ihren Liebhabern oder Geliebten am hellichten Tage auf der Promenade spazieren ... Und dabei hat der Monsieur doch den Blick abgewendet, um mich nicht grüßen zu müssen!« »Ich habe Sie nicht gesehen, Frau Gräfin!« »Hätten Sie sonst gegrüßt?« »Ja!« »Gott steh' Ihnen bei, hätten Sie's getan, mein Lieber!« Gunnar lachte: »Na, aber, Frau Gräfin meinen, es sei besser, im Dunkeln auszuschweifen,?« » Parfaitement , ja! Denn dann sieht es niemand! Glauben Sie, ich weiß nicht, daß wir alle die Lust und den Drang empfinden, alle Gesetze und alle gesellschaftliche Konvenienz zu durchbrechen? Doch! Und wir tun es auch mehr oder weniger. Aber die Klugen schlagen den Landauer auf, mein Lieber, und huldigen weder Venus noch Bacchus im offenen Char- à -banc! Und ich glaubte einst, daß Sie zu den Klugen gehörten!« »Frau Gräfin meinen: daß ich zu den Lügnern gehörte!« »Ho! Ho! Sollen wir im großen Stil reden!« lachte die Gräfin. »Die Lügner! Mein Gott, lieber Warberg, was nützt es, die Welt reformieren zu wollen! Sie ist Euch zu stark, sie lacht Euch nur aus! Und sie lacht am besten, denn sie lacht zuletzt! Ich habe alles gelesen, was Sie in Ihrem Blatt geleistet haben. – Ich halte nämlich dieses Blatt, aber meine Tochter weiß es nicht – und Sie und die anderen jungen Menschen haben recht mit allem, was Sie da schreiben. Aber was will das sagen? Ihr bekommt ja doch nicht recht! Na, lieber Gott, Ihr seid jung und freut Euch eine Weile an Eurem eigenen Kikerikigeschrei! Aber früher oder später lernt Ihr die Pfeife einstecken. Aber seht, mein guter Warberg, dann wird es schwieriger für Euch, in die Gesellschaft Eingang zu finden. Und man muß in die Gesellschaft aufgenommen werden, wenn man mit zu Tisch kommen will ... Ach, tun Sie mir den Gefallen, diesen Brief mitzunehmen, wenn Sie gehen, und ihn in den Briefkasten in der Köbmagergade zu stecken. Ich möchte gern, daß er mit dem Abendzug mitkommt.« Die Gräfin hatte sich erhoben und reichte Gunnar den Brief, der auf dem Schreibtisch gelegen hatte. Sie nickte freundlich und fuhr fort: »Es war hübsch von Ihnen, Warberg, einmal nach mir zu sehen. Sie wissen, ich halte große Stücke auf Sie. Dank für Ihren Besuch!« Gunnar stand auf, ein bißchen verwirrt. Er hatte über einen langen Gegenstoß gebrütet, aber nun sah er ein, daß die Audienz ein Ende hatte. Er verneigte sich und nahm den Brief. »Er soll besorgt werden.« »Und Sie kommen bald wieder herauf?« »Ja, danke, aber geniere ich die Frau Gräfin nicht?« »Durchaus nicht ... Ich habe Mathilde Ordre gegeben, Sie nur einzulassen, wenn ich allein bin ... Ja, sie mißverstehen mich doch nicht ... ich ...« »Nein, keineswegs! Frau Gräfin praktizieren ja bloß Ihre eigene geheime »Lebensphilosophie«.« »Na also! Adieu, lieber Warberg!« »Adieu, Frau Gräfin!« »Sie sind mir doch nicht böse?« fragte die Gräfin plötzlich und ließ ihre weiche kleine Hand über Gunnars Wange gleiten. »Nein, im Gegenteil, gnädige Gräfin, ich bin ganz verliebt in Sie!« Die alte Dame lachte: »Und nun versprechen Sie mir, daß sie diesem Fräulein Binse den Abschied geben«, sagte sie. »Binse!« rief Gunnar – – »woher wissen denn ...« »Ach, man weiß alles in dieser Stadt! ... Sie sind viel zu gut und lieb für sie!« Und wieder glitt die seine weiche Hand über seine Wange. » Au revoir, mon ami !« Warberg verneigte sich schweigend und ging. Aber als er auf die Straße kam, sang er laut: »Die Welt ist rund und muß sich drehn, Rund ist die Welt und muß sich drehn.« Vetter Benjamin war bei Warberg zu Besuch. Er tat Gunnar von Herzen leid: Fadenscheinig, schmutzig und schlapp war er anzusehen, schlapp trotz seines Fettes, als ob er mit Wasser gefüllt wäre. Die unsterblichen Hosen, die er trug (Gunnar hatte ihn nie in anderen gesehen), waren zerrieben, faserig, unten zerfranst und auf den Knien blank. Dem Rock, ein etwas zu kleiner »Diplomatenrock« mit zu kurzen Ärmeln, fehlten ein paar Knöpfe; und den Hut, Gunnars ausgedienten Filzhut mit rundem Kopf, hatten Sonne und Wasser grün gefärbt und sein Rand war abgegriffen vor lauter Höflichkeit ... Ach, Herrgott, wie schwer doch mancher Mensch zu Verstand zu bringen ist! »Setz' dich, Benjamin! Willst du eine Pfeife haben? Ich habe keine Zigarren.« »Danke, ich habe selbst Zigaretten. Du weißt, seit ich in Rußland gewesen bin, rauche ich nur Zigaretten ... Darf ich bitten ...?« Mette holte ein Päckchen dicker untersetzter Zigaretten (»Elefantenzigaretten«, zehn Öre das Päckchen) aus der Innentasche seines Rockes und präsentierte: » S'il vous plaît ...« »Danke, ich halte mich an die Pfeife! – Hör' mal, Benjamin«, fuhr es Warberg plötzlich heraus, »du mußt sehen, daß du etwas zu tun bekommst!« Mette wurde rot bis zum Halse hinunter und wandte den Blick ab. »Aber ich bitte dich, Gunnar«, sagte er scheu, »ich gebe mir wirklich soviel Mühe wie ich nur kann. Ich komme eben von der Berlingske Tidende. Ich habe in der Haustür gestanden und nachgesehen, ob sich nicht irgendetwas finden will.« »Und war gar nichts Passendes?« »Nein. Aber es wird schon kommen; es wäre ja sonst ganz merkwürdig.« Warberg dachte einen Augenblick daran, ihn zu fragen, wovon er lebte und Miete bezahlte, unterließ es aber. »Und dann habe ich an Frau Hartmann geschrieben, du weißt, bei der ich drüben in Schonen war, ob sie mir nicht helfen könne; und sie schickte mir zehn Kronen. Ach, sie ist so ein guter Mensch, Gunnar!« »Schrieb sie etwas von einer Anstellung für dich?« »Nein ... sie sandte nur die zehn Kronen und ihre Visitenkarte.« »Hm ...« »Ja, aber, das war doch nett, Gunnar!« »Ja, wahrhaftig!« »Es liegt auch zum großen Teil daran, daß ich nicht so oft zu dir hinaufkomme, Gunnar«, fuhr Mette fort und machte seine Taubenaugen, »denn du wirst immer so traurig, wenn du mich siehst!« »Na – aa, wenn du zufrieden bist, dann ...« »Ja, das bin ich, Gunnar, das bin ich wirklich! Denn es gibt in der Tat doch trotzdem so viele gute Menschen!« Mette legte mit einer Schillerschen Handbewegung den Rest seiner Zigarette fort und steckte sich eine frische an. »Und du bist einer der besten«, sprach er weiter. »Bei dir finde ich viel Trost. Und du hast doch eigentlich mit dir genug zu tun. Wie geht es mit der Novelle, wegen deren du angeklagt bist? Das ist auch ein Hauptgrund, weshalb ich zu dir hinaufgekommen bin, denn ich weiß ja, du hast viel zu tun. Meinst du, daß du verurteilt wirst?« »Weißt du, was ich an deiner Stelle tun würde, Gunnar?« »Na?« »Ich würde zu allen Richtern gehen und sie begrüßen ...« Warberg lächelte. »Ja – a, du«, nickte der Vetter. »Ich bin sicher, wenn sie dich sähen, dann würden sie dir nichts tun, du kannst ja die Leute gewinnen, wenn du willst. In der Hinsicht gleichst du mir.« »Nee, ich gehe zu gar keinem«, sagte Gunnar. »Wollen sie mich verurteilen, dann mögen sie's tun.« »Ja, aber, wenn du nun ins Gefängnis kommst!« »Ach, so schlimm kommt es wohl nicht. Und selbst, wenn sie es täten, so wäre es ja ganz interessant, auch das mal zu erleben.« »Du hieltest es nicht aus, Gunnar! ... Gott sei Dank, daß man nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt hat!« Warberg blickte ein bißchen überrascht zu dem Vetter empor, der unschuldig-sorglos dasaß und seine Zigarette dampfte und die Hotelgeschichte von Helsingör total vergessen zu haben schien. Der Teufel lasse sich von Mitleid verzehren, dachte Gunnar. Der Mann gehört ja zu der Kaste der Allerglückseligsten! Unsereiner zerbricht sich oft den Kopf über alles mögliche! Was tut es, Schwerenot, daß die Hosen Fransen haben, wenn nur die Laune heil ist! »Ja, mein »berühmter Prozeß« geht flott vorwärts«, sagte er laut und lebhaft. »Die Sache ist schon bis zur Beratung des Urteilsspruchs gediehen. Hör' mal übrigens die Erwiderung meines Verteidigers; sie ist glänzend. Werde ich daraufhin nicht freigesprochen, dann – werde ich verurteilt!« »Ja, laß hören«, sagte Mette vergnügt, und schlug ein Bein über das andere. Seine Schuhe hatten keine Sohlen, und seine Absätze sahen aus, als wären sie jahrelang den schiefen Turm von Pisa auf und ab gerutscht. »Hier ist sie«, sagte Warberg und holte einen Brief in Großoktav aus seiner Schreibtischlade. »Der Mann schickte sie mir für den Fall, daß ich irgendwelche Bemerkungen hinzuzufügen wünschte; übrigens sehr anständig von ihm. Aber das ist ein so prachtvolles Document humain , daß es Blasphemie wäre, auch nur ein Komma daran zu verbessern ... Jetzt höre: »An das Kopenhagener Kriminal- und Polizeigericht. Indem ich mich als Verteidiger des Angeschuldigten Gunnar Johannes Warberg präsentiere, lege ich meine Bestallung vom 23.v.M. vor. Wie der hochgeehrte Ankläger schon erwähnt, hat der Angeschuldigte bei der Veröffentlichung der betreffenden Novelle die Absicht gehabt, die Aufmerksamkeit der Eltern darauf hinzulenken, wie vorsichtig man bei der Wahl seiner Kindermädchen sein soll, da diese häufig durch unzüchtige Behandlung die Sinne der Kinder erwecken, und hat mir der Angeschuldigte geschrieben, daß er die Schilderung auf eigenen Erlebnissen aufgebaut hat, indem er Zeuge eines Attentates wie des dargestellten seitens eines Kindermädchens gewesen ist, und fügt er ferner hinzu, daß verschiedene ältere sowie jüngere Personen ihm ganz ähnliche Erlebnisse berichtet haben. Der Angeschuldigte hat deshalb nicht im entferntesten die Absicht gehabt, mit seiner Schilderung die Sinnlichkeit der Leser zu wecken, wie er auch der Ansicht ist, daß diese sich nicht als unzüchtige Schrift charakterisieren läßt. Dagegen ist es, wie schon erwähnt, seine Absicht gewesen, den Eltern einen höchst notwendigen Fingerzeig in bezug auf bessere Beobachtung ihrer Kinder zu geben, und da dies nach der Ansicht des Angeschuldigten eine Sache von größter Wichtigkeit ist, so hat er, um seine Warnung möglichst deutlich und eindringlich zu machen, ein wenig starke und grelle Farben angewandt, aber daß er hierdurch die Freiheit überschritten haben sollte, die der Literatur bei der Behandlung derartiger Themata eingeräumt worden ist, kann ich nicht einräumen, und möchte ich nicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen, daß die neuere Literatur, gestützt auf die größten Schriftsteller des Auslandes, eine stets wachsende Neigung zeigt, die geschlechtlichen Verhältnisse mit größerer Freiheit und Offenheit zu behandeln als bisher, um dadurch besser zum großen Publikum reden zu können, und ich möchte in der Beziehung darauf hinweisen, daß selbst ein so angesehener Schriftsteller wie Daudet in seiner »Sapho« diesen Weg eingeschlagen hat, und zwar, ohne daß irgendein Land, so viel ich weiß, Veranlassung zum Einschreiten genommen hat. Ich möchte deshalb prinzipiell beantragen, den Angeschuldigten freizusprechen und ihn subsidiär dem mildesten Urteil des geehrten Gerichtshofes empfehlen. Was mit dem Ersuchen um Salär hierdurch anheimgestellt wird. Kopenhagen, im November 18.. Sören P. Golther. Scholz, Bürovorsteher.« »Das ist wirklich gut geschrieben!« rief Mette bewundernd aus. »Großartig!« nickte Gunnar. »welche Beredsamkeit! Welche Stilkunst, klassisch wie eine lateinische Übersetzung in Meisterlektionen!« »Du kommst ganz gewiß um die Strafe herum, Gunnar!« »Aller Wahrscheinlichkeit nach, ja! ... So ein Gedanke, einen alten sechzigjährigen Geschäftsjuristen zum »Verteidiger« einer »unzüchtigen« Schilderung eines jungen Mannes von fünfundzwanzig zu bestellen! Das ist dasselbe, als ob man einen pensionierten Barbier zum Mitgliede eines Komitees zur Errichtung eines Kunstgewerbe-Museums ernennt.« »Du bist witzig, Gunnar.« »Nee, ich bin wütend!« Warberg schmiß das Papier in die Schreibtischlade und schloß sie zu. Mette begriff seine Wut nicht, denn Mette erschien es im großen ganzen famos, verteidigt zu werden. Und nun saßen die beiden Verwandten eine Weile schweigend und kauten jeder an seinen Gedanken. Endlich sagte Benjamin: »Ich kann dich von Binse grüßen, Gunnar; ich sah sie gestern abend im »Tannhäuser«, aber sie sah mich nicht.« »So, du warst gestern abend im Theater?« »Ja, ich bekam doch das Geld von Frau Hartmann; und dann hatte ich so lange keine gute Musik gehört. – Oh, die Ouvertüre, du! Ich wünschte, ich könnte an einem solchen Abend im Theater sterben, wie Andersen!« »Es war aber Thorwaldsen.« »So, war es Thorwaldsen?« Neue Pause, während deren Warberg nervös mit einem Fuß auf den Boden klopfte. Dann sagte er plötzlich: »Hör' mal, Mette, du mußt mir's nicht übelnehmen, aber du mußt jetzt gehen! Ich stecke mitten in einer Sache, die fertig werden muß. Du darfst mir's nicht übelnehmen! ... Du kannst ja ein andermal wiederkommen ... nicht?« Der Vetter erhob sich sofort: »Ja, aber, lieber Gott, das hättest du mir doch sagen können, Gunnar! Ich habe dich doch gefragt, ob ich dich nicht störte, und du sagtest nein!« »Ja, ja, aber ...« »Du weißt doch, daß ich dich nicht gern störe«, fuhr Mette fort und klopfte Warberg auf die Schulter. »Aber, du bist ja der einzige, zu dem ich kommen kann ... der einzige gebildete Mensch, mit dem ich sprechen kann. Aber ich weiß auch sehr wohl, daß ihr Dichter eure Ruhe haben müßt ...« Er stand schon an der Tür und hatte sie geöffnet: »Ja, dann adieu, Gunnar, dann komme ich ein andermal wieder ...« Und er glitt still hinaus und zog vorsichtig die Tür hinter sich zu. Aber als Gunnar allein war, streckte er in komischer Verzweiflung beide Arme in die Luft und sagte: »Herr, du mein Gott, Herr, du mein Gott, ich kann doch nicht mein ganzes Leben lang die Wärterin dieses guten Mannes bleiben!« Und dann setzte er sich an die Arbeit. Aber er sah doch in Gedanken Mette scheu und abgeschabt und armselig und einsam an den hohen Häusern der Straßen entlangsocken auf seinen schiefen bodenlosen Schuhen.   »Wollen wir beide?« »Was?« »Wollen wir beide, Herrchen? »Nee, weiß Gott, wir wollen nicht!« sagte Gunnar und lachte. »Warum nicht, Herrchen ... Ach, doch ... kommen Sie!« »Nein!« sagte Gunnar hart. »Dann hol' Sie der Deuwel«, sagte die Dame und setzte ihre Route auf den Fliesen des Bürgersteiges fort. Warberg war auf einem abendlichen Spaziergang in der Stadt in eine der kleinen Gäßchen in der Umgebung von Vartow gelangt. Und er sah nun dem Mädchen nach, das geputzt und sich in den Hüften wiegend gerade eine Gaslaterne passierte, unter der sie stehen blieb, um einen leuchtenden hochroten, langen Schal zu ordnen, den sie um den Hals trug. »Kennst du Jesus?« fragte da plötzlich eine tiefe Stimme dicht an seinem Ohr. Warberg wandte sich überrascht um. Es war ein großer nachlässig gekleideter Mann mit wildwachsendem Bart und großen brennenden, geisteskranken Augen. »Armes, bedauernswertes, elendes Menschenkind«, fuhr der Mann fort und legte seine Hand auf Gunnars Schulter, »was willst du tun! Du willst deine unsterbliche Seele für eine kurze Lust verkaufen!« »Mein Lieber«, sagte Warberg, der nun die Situation begriffen hatte. »Du zerbrichst dir den Kopf über alles mögliche ... kümmere dich um deine Sachen!« Der Fremde fixierte ihn scharf. »Es ist unser Los, daß man uns verhöhnt«, sagte er dann. »Aber mir nehmen das Martyrium auf uns wie unser Herr Jesus Christus.« »Mit Ch?« »Wie beliebt?« »Christus mit Ch oder mit K? ... Ja, denn es gibt nämlich zwei dieses Namens, einen milden und guten und menschenfreundlichen, das ist der mit K; und einen drohenden und harten und bösen, das ist der mit Ch. Welchen von beiden meinst du nun?« »Mit jeder Schale des Spottes, die über unser Haupt ausgegossen wird«, sagte er, »wachsen wir im Reiche Gottes.« »So ist die Sache«, nickte Gunnar. »Was bekomme ich dann von dir, mein guter Mann, wenn ich hier stehe und dich ein Stündchen verhöhne?« »Lieber junger Freund«, begann der Missionär, »ich will dir eine Geschichte erzählen von ...« »Danke«, sagte Gunnar, »aber gestatten Sie, daß ich Ihnen erst eine berichte? ... wissen Sie, was Sie durch Ihre Aufdringlichkeit bewirkt haben? Daß ich nun gerade mit dem Mädel nach Hause gehe ...!« »Mathilde, oder wie du nun heißest«, rief er das Mädchen an, das sich auf seiner Wanderung hin und zurück wieder der Laterne näherte, »komm hierher, mein Kind. – Ich gehe doch mit dir ein zur ewigen Freude!« Die Dame kam eiligst auf sie zu. »Ich heiße Laura«, sagte sie. »Uff, Sie, Johannes der Täufer!« Sie stieß mit dem Fuß nach dem Missionär. »Alle Abende geht er hier herum und stört uns in unserem Geschäft.« »In Jesu Namen müssen alle ...« »Ach, halt's Maul!« Sie packte Warbergs Arm mit ihren beiden Händen und wollte ihn mit sich ziehen; aber der Missionar hielt ihn bei dem anderen fest. »Bedenke doch, du verblendeter ...« Gunnar wußte nicht recht, sollte er weinen oder lachen; er riß sich los und wollte beinahe von allen beiden weglaufen. Aber plötzlich kam ihm die Erkenntnis: Das Mädel hat recht! Sie wird wirklich in ihrem gesetzlichen Geschäft gestört von diesem ... Schwärmer! Und er legte seinen Arm in den Lauras und folgte ihr. Sie führte ihn in eines der nächsten Häuser und eine schmale dunkle Treppe hinauf, wo am Absatz der ersten Treppe eine kleine blakende Petroleumlampe an der Wand hing. »Hier wohne ich«, sagte sie und, öffnete die Tür rechts. Warberg trat ein: Es war ein außerordentlich gemütliches Zimmer mit Gardinen, Portieren und Möbelbezügen von gleicher Farbe. Und an den Wänden hingen herrliche Öldruckbilder und Messingschüsseln und eine gestickte Zeitungsmappe mit dem »Familienjournal« darin. Und ein Klavier stand da. Und zwischen dem Klavier und dem Fenster thronte auf einer Säule Gott Amor in Gips mit Pfeil und Bogen. »Sieh, sieh«, lächelte Gunnar und deutete auf den Gott in der Ecke, »der Herrscher des Hauses!« Laura lachte gellend. Sie war im Begriff, Hut und Mantel abzulegen. Der lange Schal hing schon über einer Stuhllehne. Er betrachtete das Mädchen: groß und stattlich und kräftig war sie und gesund und frisch ... anzusehen. Aber ihr Gesicht war bleich und gepudert; und ein paar gierige, etwas herausquellende Augen leuchteten darin. In diesen Augen lag etwas, das an Binse erinnerte. »Na, Kleiner, willst du nicht den Rock ausziehen? Hier ist eingeheizt!« Sie stellte sich vor Gunnar auf, der in einem »Faulenzer« saß. »Hier wohnen Sie ja nett«, sagte er und deutete umher. »Ja, das muß man«, sagte sie, »hier kommen viele bessere Herren her.« »Sind das Ihre eigenen Möbel?« »Ich glaube wahrhaftig, er sagt Sie! Schäfchen! Nein, sie gehören der Wirtin. Ziehen Sie nun den Rock aus.« Sie half ihm den Überrock ablegen, den sie auf einen Haken an der Tür hing. »Setz dich auf die Chaiselongue«, sagte sie dann. »Danke, ich sitze hier ganz gut.« »Ja, aber ich will neben dir sitzen.« »Daraus mache ich mir gar nichts.« »Wozu bist du dann heraufgekommen?« »Um ein bißchen mit dir zu plaudern ... und dann übrigens auch, um den Prediger da unten zu foppen.« »Der!« lachte sie gellend auf. »Der Schafskopf! ... wenn ich nur ein Mann wäre, ich würde die Mädels gehörig lieben, hoho! ... Wollen wir wirklich nicht?« »Nein, bestimmt nicht«, lächelte Gunnar. »Sie sollen mir ein bißchen erzählen, wie Sie leben, und ...« »Glauben Sie, ich lasse mich zum Narren halten?« sagte sie und stand auf. »Gott bewahre, nein! Sie sollen natürlich Ihre Bezahlung haben!« Er nahm sein Portemonnaie und legte etwas Geld auf den Tisch. »Sie sind doch ein merkwürdiger Dummkopf«, sagte sie besänftigt. Dann nahm sie das Geldstück, spie es an und steckte es in die Tasche. »Das ist das Handgeld für heute abend«, sagte sie. »Was liegt da für ein Brief?« fragte Gunnar und deutete auf ein auf dem Tisch liegendes Kuvert. »Der ist von meinem Bruder.« »Darf ich ihn lesen?« »Hä ... was haben Sie denn davon?« »Ja, es macht mir Spaß ...« »Ja, bitte schön, aber ein bißchen fix, denn ich muß wieder herunter.« Das Mädchen setzte sich ans Klavier und tastete ein paar Liedchen zurecht: patriotische Gesänge, Couplets und Bruchstücke von Psalmen. Und Warberg nahm den Brief und las: »Holbaeck, den 18. November 18.. Meine innig geliebte Schwester Laura! Gestern abend erhielt ich Deinen Brief, ich sage Dir Dank dafür, daß Du meinen so schnell beantwortet hast. Mit großer Verwunderung las ich Deinen Brief, aber sein Inhalt erzürnte mich freilich sehr, da ich erfahre, auf welchem Platz Du angelangt bist; nun sehe ich ein, liebe Laura, daß alles für Dich verloren ist, Glück und Wohlfahrt Deines ganzen Leben sind vernichtet. Du bist ja nun in eine Stellung eingetreten, wo Dir nur Scham und Schande folgen werden. Du hast nun Deinen Körper jedem Menschen preisgegeben, was soll daraus werden, hat es denn für Dich keine andere Stellung gegeben, liebe Laura, wo Du als ein ehrliches und anständiges Mädchen hättest dienen können. Du mußt mir wirklich glauben, meine liebe Laura, daß es mir um Dich leid tut, denn ich weiß genau, daß ich nie soviel auf eines meiner Geschwister gehalten habe, wie auf Dich, und Dich dann in einer solchen Stellung zu wissen, wo Du jeden Augenblick der rohen Behandlung jedes Mannes ausgesetzt bist, das sei sicher, geliebte Laura, das tut mir sehr weh; aber ich sehe ja freilich jetzt, daß es zu spät ist, trotzdem es mir scheint, als ob noch Rat wäre, aber ich habe längere Zeit sehr für Dein Schicksal gefürchtet, denn eine bange Ahnung hat sich stets meines Inneren bemächtigt, weshalb, das habe ich nicht gewußt, aber ich kann mir jetzt selbst den Grund erklären, aber darüber habe ich im übrigen so lange nachgedacht, und ich habe eingesehen, daß das aus Deinem Leben werden mußte, liebe Laura, denn Du mußt ja doch zugeben, daß Du schon in so jungen Jahren einen sehr ausschweifenden Lebenswandel geführt und auch Deinen eigenen Wandel befleckt hast. Glaube mir, meine innig liebe Laura, diesen Brief schreibe ich Dir als eine Strafpredigt, denn Du hast sie gewiß verdient. Du schreibst in Deinem Brief, Du glaubst, ich werde Dich hassen für das was Du betreibst, nein im Gegenteil, ich liebe Dich herzlich und brüderlich und werde Dein Betragen niemals wieder tadeln als nur diesmal, aber diesmal sollst Du es dulden. Ich habe einen Brief von Mutter erhalten, sie schmäht und lästert Dich in so hohem Grade, wie ich es Dir nicht sagen kann, aber sie und Hanne haben sich ja auch gegen Dich verschworen. Aber vielleicht fügt es das Glück, daß sie eine Range zu behüten kriegen, dann werden sie wohl andere Sorgen haben, denn der Schwede sitzt gewiß Tag und Nacht bei ihnen im Hause, und es wäre merkwürdig, wenn das ohne Folgen bliebe. Ich will nun heute schließen mit einem liebevollen Gruß an Dich, Laura, in der Hoffnung, daß Du diese Zeilen mit dem Gedanken liesest, daß sie in einer guten Absicht und aus einem liebevollen Herzen geschrieben sind, das versichere ich Dir, und hoffe ich, daß Du mir bald wieder schreibst und nun lebe wohl, geliebte Laura, und sei geküßt von mir und der kleinen Julle. Schreibe Deine Adresse deutlich. Dein ergebener J. G. Petersen.« Warberg saß eine Weile mit dem Briefe in der Hand, nachdem er ihn gelesen hatte ... Laura saß noch am Klavier und klimperte. Es waren ein paar Takte aus »Schön ist die Erde« ... von der Straße her ertönten Schritte und Stimmen. Und es war ihm, als könne er des Missionars »Kennst du Jesus?« deutlich hören. Dann erklang lautes Gelächter und Plaudern unten von der Haustür her und Schritte kamen die Treppe hinauf. »Jetzt hat Theodora auch einen Happen bekommen«, sagte Laura und hielt mit Musizieren inne. Warberg legte den Brief wieder auf den Tisch: »Das ist ja ein hübscher Brief«, sagte er. »Ja, es ist ein guter Junge«, nickte das Mädel. »Wir beide haben immer zusammengehalten.« Und sie sagte das warm und menschlich, wie eine »unschuldige« Schwester, die von ihrem liebsten Bruder spricht. Gunnar erhob sich. Ach, was geht mich das an, dachte er. Ein kluger Mann hat hier auf der Welt nichts weiter zu tun als den Zuschauer zu spielen. »Ja, dann will ich gehen«, sagte er laut und nahm seinen Überrock. »Hätten der Herr nicht Lust, die ganze Wohnung zu besehen?« »Ja, danke, das möchte ich gerne. Aber halte ich dich nicht auf?« »Ach, das ist ja bald gemacht!« Sie öffnete eine Tür im Hintergrunde der Stube. »Hier ist das Schlafzimmer, hübsch, was?« Da stand ein großes Himmelbett mit blauen Gardinen mit breiten Spitzen. Und eine Waschtoilette war da mit Marmorplatte und geblümter Waschgarnitur. Der Teppich reichte über den ganzen Fußboden, und unter der Decke hing eine hellrote Ampel, die einen dämmerigen rosenroten Schein im Zimmer verbreitete. »Und hier ist die Küche.« Sie machte eine Tür sperrangelweit auf. »Nein, wie niedlich!« entfuhr es Gunnar unwillkürlich. Es war eine winzig kleine Puppenküche, mit Tellern, Schüsseln, Kasserollen und leuchtend blank geputzten Kupfersachen rings an den Wänden. Und vor dem Fenster hing eine hochrote, oben umgeschlagene Gardine mit weißer gehäkelter Spitze. Laura stand und sah sich mit hausmütterlichem Stolz um. »Ja, man hält ja seine Sachen in Ordnung«, sagte sie. »Man ist doch nicht geradezu zum Schwein geworden! Und dann kommen doch auch manchmal Herren, die hier frühstücken wollen.« All das Zynische und Freche, das das Mädchen an sich gehabt, war verschwunden. Sie machte auf Gunnar den Eindruck einer jungen Hausmutter, die stolz und froh ist, ihr nettes kleines Heim vorzeigen zu können. Als sie ins Wohnzimmer zurückkehrten, sagte sie: »Wollen Sie so gut sein, mir meinen Mantel anziehen zu helfen?« (Jetzt sagte sie die ganze Zeit »Sie«.) Warberg half ihr. »Mußt du nun wieder fort?« »Ja, ich muß doch herunter!« Sie öffnete die Tür und ließ Gunnar vorangehen. »Adieu«, sagte er. »Adieu. Und kommen Sie bald einmal wieder! ... Sie sind so gemütlich und ... anständig!« Sie war immer noch die Hausfrau, die Besuch empfängt. Aber in demselben Augenblick kam ein Mädchen die Treppe hinauf, einsam, ohne Begleiter. Da fuhr Laura hastig mit der Hand in die Kleidertasche, holte Gunnars Geldstück vor und hielt es der Konkurrentin unter die Nase: »Die zwei Kronen wären verdient!« sagte sie und knipste übermütig mit den Fingern.   »Das kannst du nicht im Ernst meinen, Gunnar!« »Doch! ... Aber wozu alle diese Erklärungen und ›Abrechnungen‹! Entsinnst du dich des Morgens der Zeiten? Damals sagtest du selbst: Wenn einer von uns den anderen nicht mehr liebt, dann sagen wir es offen und trennen uns still und ruhig und freuen uns der Zeit, in der wir uns gekannt haben!« »Ja ... darauf besinne ich mich noch; aber damals wußte ich doch nicht, daß du es sein würdest, der des Verhältnisses zuerst überdrüssig wäre. Damals wußte ich nicht, wie unlösbar ich mich an dich gebunden fühlen würde ... Ich kann nicht leben ohne dich, Gunnar, ich kann es nicht! Alles wird mir düster und tot und trist erscheinen! ... Du darfst nicht von mir gehen! Auch wenn es jetzt nicht werden kann wie früher ... , dann können wir doch Freunde sein, wir können ja zusammenkommen, miteinander plaudern, Gedanken austauschen ... Du hast selbst einmal gesagt, daß du viel von mir gelernt hast ... Denn du bist doch nicht etwa in eine andere verliebt?« Warberg wandte das Gesicht ab. »Gunnar, du bist in eine andere verliebt!« »Nein ... nein ... Ich versichere es dir!« Sie saßen in Warbergs Zimmer, Binse auf der Chaiselongue und er auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch. Sie hatte den Kopf erhoben und blickte ihn mit einem sogenannten tränenumflorten Blick an. Aber hinter den Tränen leuchteten die Pupillen wie Feuer hinter betauten Fensterscheiben. »Es ist doch keine andere, Gunnar? Ich frage dich im Ernst.« »Ich habe dir doch gesagt, nein!« Das Feuer erlosch, die Augen wurden lauter Tau, und ein Siegeslächeln glitt über ihre Lippen. Sie streckte die Hände nach ihm aus: »Mein Geliebter! Mein bester Freund! Mein Einziger! Ich bin dein bis zu meiner Todesstunde!« Warberg strich sich nervös über die Stirn. »Herrgott, Binse«, sagte er, »nun wollen wir uns doch betragen wie zwei erwachsene Menschen! Wir spielen ja hier nicht Theater ... Es sind doch keine Zuschauer hier! Soll ich wiederholen, was ich dir vor einem Augenblick sagte: Es ist nun Schluß zwischen uns, und es muß Schluß sein! Und damit basta! ... Ja, es ist deine eigene Schuld, daß ich harte Worte brauche; ich wäre froh, wenn ich es nicht brauchte! das weißt du«, fügte er hinzu, als Binse die Hände vors Gesicht schlug und schluchzte. Er empfand Mitleid mit ihr, obwohl er wußte, daß ihr Kummer Heuchelei war, vielleicht unbewußte Heuchelei; aber, du lieber Gott, er hatte sie ja schon so oft vorher Trost und Linderung finden sehen. »Ja, dann ist es eben vorbei«, sagte sie demütig und still, indem sie sich die Augen mit ihrem duftenden Taschentuch trocknete. »Dank für alle die köstlichen Stunden, die wir mitsammen gehabt haben, Gunnar! Wenn ich nun allein zu Hause sitze, während mich die Entbehrung von allen Wänden anstarrt, dann will ich die Erinnerungen vorholen und sie immer wieder durchleben ... Nein, nein!« rief sie plötzlich aus und fuhr von ihrem Sitz auf. – »Es kann nicht möglich sein! Sage, daß es nicht wahr ist! Sage, daß du mich nur prüfen willst, daß du mich nur auf einige Zeit los sein, in Ruhe arbeiten willst ... Oh, ich werde so gut sein, so gut! Ich will nicht zu dir kommen, wenn du mich nicht rufst, ich werde dir nicht schreiben, dich nicht stören, nur zu Hause sitzen, Tag für Tag, Stunde für Stunde und warten und lauschen ... wie Solvejg, Gunnar wie Solvejg! ...« Warberg erhob sich ungeduldig, ging ans Fenster und starrte über die schmutzigen Dächer der Häuser hinaus. Er stand mit geballten Fäusten: »Wie hart bist du geworden!« sagte sie. »Ja ... Und gehe jetzt ... oder ich schlage dich, Binse ... bei Gott im Himmel, ich schlage dich! Niemand kann mich so reizen wie du!« »Schlage mich nur, wenn du mich nur gern hast, Gunnar!« Er wandte sich hastig um: »Schämst du dich nicht?« »Nein«, flüsterte sie mit niedergeschlagenen Augen. »Denn ich liebe dich, Gunnar, ich liebe dich!« Warberg ergriff sie beim Arm und rüttelte sie, daß sie schwankte: »Das ist ja gelogen, Mensch ... Du lügst ja! ... Ach, pfui Teufel, hier zu stehen und Schiller zu spielen! Vergiß nicht, daß ich dich vier Jahre lang gekannt habe! Du hast mich vielleicht ›geliebt‹, wie du sagst; aber jetzt willst du mich heiraten! Und wenn eine Geliebte erst von Ehe zu sprechen beginnt, dann ist es mit der Liebe aus!« »Oh, Gunnar, wenn ich bedenke, wie mild und gut du in der allerersten Zeit unserer Bekanntschaft gewesen bist!« »Ja, man entwickelt sich!« »Gunnar ...« »Nun ...?« » ... Ich will nie mehr von Heirat reden, wenn ich bloß bei dir bleiben darf. Ich will dein Dienstmädchen sein, deine Strümpfe stopfen und deine Schuhe bürsten, Gunnar ...« Warberg lächelte – ein Lächeln, das sich ihm wider Willen auf die Lippen zwang, ein übermütiges Lächeln, denn er genoß seine eigene Größe, seine eigene Kraft und Stärke. »Höre, Binse«, sagte er plötzlich gutmütig und legte ruhig seine Hand auf ihren Arm, diesen runden weichen Arm, dessen gelblichweiße Sammethaut er sooft mit seinen Küssen rot gefärbt hatte, »hör', Binsechen, wo ist dein ehemaliger Stolz geblieben, dein ›Trotz‹ und dein Pochen auf die ›Ehre‹: Nie werde ich um eines Mannes Liebe betteln, sagtest du einmal! Nie sein Mitleid ›fordern‹.« »Da wußte ich nicht, was Liebe war, Gunnar!« »Na na na ... soll ich wirklich der erste gewesen sein?« »Aber Gunnar!« »Sag' mir doch einmal, was findest du eigentlich an mir so berückend?« »Alles«, lächelte Binse. »So war's recht«, nickte Warberg. »Laß nur die Sonne scheinen! Was sollen wir mit all dem Wasser!« »Nein ... hi ... nun will ich ... auch nicht ... mehr ... weinen, Gunnar, denn du kannst es ja nicht leiden!« »Uff nein ... na, nun sind wir also wieder gut Freund, Madame Binse?« »Ich werde dich immer lieben, Gunnar, das weißt du doch!« »Freilich, freilich! ... Und nun vergessen wir das Gewesene und alles ist wieder neu!« »Vergessen gleicht dem Heidekraut ... es wächst nur von selbst.« »J. P. Jacobsen, ja ... Dann komme ich bald und besuche dich eines Tages, Binse. Es ist so lange her.« »Ja ... aber Gunnar ...« »Na? ...« »Es ist ... darf ich ... du mußt nicht böse werden ...?« »Nein, nein!« »Du bist doch ... du liebst doch keine andere?« »Was geht das eigentlich sie an, Fräulein?« »Nein, gib mir nun eine richtige Antwort, Gunnar. Hast du eine andere?« »Nein ... vorläufig nicht.« Binse nickte und lächelte. Ein seltsames krampfartiges Lächeln, denn sie hatte wirklich geweint, ihr Gesicht war steif und aufgequollen. »Und dann noch eines, Gunnar ...« »Nun?« »Darf ich ... darf ich dich küssen, ehe ich gehe!« »Nee, nee!« »Nur einen letzten Kuß, Gunnar!« »Unter keinen Umständen, meine liebe Frau!« lachte Gunnar und hielt die Hand vor den Mund. »Das Alte ist alles vorbei!« »Ach, Gunnar!« »Nein, Liebe, wie ...« Aber Binse machte eine hastige Bewegung, warf die Arme um seinen Hals und drückte heftig ihre Lippen gegen die seinen. Warberg schob sie behutsam von sich fort. »Jetzt ziehen wir uns an und gehen«, sagte er. »Ja! ... Gehst du mit?« »Nein.« »Ach, doch!« Er trommelte mit dem Fuß auf dem Fußboden. »Nein! Nein, nein!« sagte Binse hastig. »Ich gehe schon allein!« Und sie ging zum Spiegel und zog Mantel und Hut an. Aber ehe sie den Halbschleier über Augen und Nase zog, holte sie eine kleine Elfenbeindose aus der Tasche und puderte sich sorgfältig. »Adieu, Gunnar«, sie reichte ihm ihre behandschuhte Rechte. »Adieu, Binse, adieu ... Laß dir's gut gehen!« Er schloß die Tür hinter ihr und hörte sie langsam die Treppe hinabgehen. Wie alt sie aussah, das arme Ding, dachte er. »Alt und häßlich und – verbraucht! ... Ach ja!« sagte er dann und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Aber er empfand doch ein gewisses Mitleid mit ihr. Dieselbe Art des Mitleides, das man einem Geschäft gegenüber empfindet, mit dem es anfängt zurückzugehen. »Schwester! Du nennst mich falsch! Habe ich Dich nicht geliebt und liebe ich Dich nicht bis dato mit einer Liebe, die es in ihren heißesten Augenblicken bewirkt, daß es mich an mehreren Stellen kalt überläuft? Und habe ich Dir nicht Beweise dieser meiner Liebe gegeben? Bin ich nicht in ganz besonders geisteskranken Augenblicken zu Dir gekommen und habe, mit dem Kopf in deinem Schoß placiert, Trost und Minderung gesucht? Und habe ich nicht an Deiner Seite gesessen, Stunde für Stunde, und milde und tröstende Worte zu Dir gesprochen, wenn Du an der Reihe warst, wahnsinnig zu sein? Und haben wir nicht »Politiken« zusammen gehalten? Aber so ist es, wenn man sich in ein Verhältnis mit einem Weibe einläßt! Es fordert ewig Kniefall, ewig heiße Worte und zärtliches Händeauflegen, bis man zusammenbricht, geistig und körperlich ausgehöhlt. (Ich lebe, Gott steh' mir bei, mitten in der Erfahrung!) Wehe, Wehe, Wehe, tausendmal Wehe über die Weiber! Ich liebe sie bis zur Raserei. Aber ich verachte sie bis zum Ekel. Amen. Wachet und betet, schreibst Du, und arbeitet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Und das sagst Du mir! Mir, der schuftet, daß ihm die Haare ins Gehirn hineinwachsen! Daß meine Nächte schlaflos und im Kampf mit allen den scheußlichsten Nachtmaren und anderen weiblicher Teufelei verstreichen! O Schwester, Schwester, Du liebst mich nicht mehr! Nee, nee, mein Kind! Es hätte gar keinen Zweck, wenn selbst Du an der Spitze sämtlicher »Sie's«, die es auf der Welt gibt, vor meinen Fenstern aufmarschiertest, um Protest zu erheben gegen mein Urteil über die Menschen im allgemeinen und über die Sie's im besonderen. Es hatte gar keinen Zweck, denn ich weiß, was ich weiß! Kann ich dafür, daß ich weniger kurzsichtig bin als ihr anbeten? Ihr verlangt Vergewaltigung und heimliche Geburten und Flucht auf nächtlichen Strickleitern, um euch eine Überzeugung zu bilden. Ich brauche nur einen Blick, einen Augenaufschlag, ein einzelnes Wörtchen, um den ganzen Roman lesen zu können! Schwester! Du weißt sehr wohl, daß ich nicht zu denen gehöre, die die guten Seiten der ›Frau‹ ableugnen! Sie ist außerordentlich gut zu dem und jenem zu gebrauchen – wenn sie bloß taubstumm wäre! Ihr Satansmundwerk, ihr unlogisches Alleszusammenmischen zu einem gottgefälligen Milchbrei, kann einen klugen Mann soweit bringen, daß er stille seine guten Sachen nimmt und verschwindet, wenn sie ›auftritt‹. Denn die Frauen ›treten‹ immer ›auf‹. Und der Himmel bewahre uns vor den ›Was-Wir-Wollenden‹! Ja, gerade das seid ihr! Ihr seid Idioten! Und zwar von der allergefährlichsten Sorte. Ihr lauft nämlich herum und haltet euch selbst für normal – und werdet von manch einem frauenfreundlichen Mann dafür gehalten. ›Ihr Männer habt stärkere Triebe‹, sagst Du. Jawohl! Und dieser ›Trieb‹ macht es, daß die Dümmsten von uns wirklich glauben, ihr seid der Gipfelpunkt der Schöpfung. – Und die Klugen tun, als ab sie es glauben, um zu erreichen, was sie wünschen. Und nun geschieht es, daß eure geniale Idiotie ihre stolzesten Triumphe feiert, da ihr den Klugen und den Dummen glaubt! Liebe, erspare es mir doch endlich, diese infame Beschuldigung zu hören, ich sei von Strindberg angesteckt worden. Ich kann aus meinen Notizen nachweisen, daß ich so wie ich heute urteile, schon vor Jahren geurteilt habe, als ich noch kein Tüttelchen von Strindberg gelesen – geschweige denn Duzbrüderschaft mit ihm getrunken hatte! Und wärest Du kein Frauenzimmer, dann würdest Du es einsehen können, daß Strindberg die Frauen au serieux nimmt – während ich sie auslache! Aber trotzdem bin ich Dein Gunnar.« PS. Die Tasmanier hatten eine gute Sitte: Waren ihre Frauen dreißig Jahre alt und wütend, so wurden sie geschlachtet, gebraten und verspeist. An einem Sonnabendnachmittag hatte Warberg seinen alten Freund und Schulkameraden Alfred Hein oben im »Schweizer« getroffen. Sie hatten einen Grog mitsammen getrunken und Warberg hatte Hein nach langem Zögern versprochen, ihn in seiner Villa in Frederiksberg zu besuchen. Nach langem Zögern, ja; denn als Hein sich vor sechs, sieben Jahren verheiratete – er war etwas älter als Gunnar –, hatte Warberg sich von ihm zurückgezogen. Oder richtiger: er war ausgeschlossen – beiseite gestoßen worden – von der Frau natürlich. Denn wenn sich unsere Freunde verheiraten, kommt Polen unter Rußland. Die Hausfrau, die als junges Mädchen noch Macht und Autorität seufzend umhergeht, beginnt ihren Regierungsantritt stets damit, den Jugendfreunden ihres Mannes heimzuleuchten. Sind sie verheiratet, so mag es noch angehen, denn dann findet sie Bundesgenossinnen in ihren Frauen. Sind sie aber Junggesellen – dann ad undas mit ihnen! Ach, ihr freien, frischen, kecken, zukunftsreichen Burschen, was wird aus euch, wenn der Priester seinen Ehefluch über eure armen Häupter ausgesprochen hat! Warberg hatte ein halbes Jahr oder so ausgehalten. Er hatte sich dem Hause fast aufgedrängt. Er wollte seinen Freund nicht eines launenhaften Weibes wegen aufgeben. Aber er mußte natürlich zuletzt die Waffen strecken. Man ist ja leider zu ritterlich, um es auf die Dauer mit einem Weibe aufnehmen zu können – man ist nicht taktlos genug! Er konnte steif werden wie eine Blindschleiche vor Erbitterung und Kummer, wenn er manchmal so daran denken mußte, wozu Frau Hein ihren Mann umkalfatert hatte! Dieser frische, kecke, lebensfrohe Bursche, der in seinen Studienjahren der Anführer, der Ausgelassenste unter den Ausgelassenen gewesen war, er ging nun still, nervös und leidend in seinem eigenen Hause umher. Und um sich vor Frau und Kindern, Tanten, Schwiegermutter und Freundinnen (einem ganzen Hunnenzuge von Frauenzimmern!) Frieden zu schaffen, mußte er zuzeiten Kopf- und Rückenmarkschmerzen simulieren und mit nassen Umschlägen auf Stirn und Nacken liegen. Oder er konnte wie in Hysterie auffahren, mit der Faust auf den Tisch schlagen und Frieden verlangen – in Dreiteufels Namen! Doch das Weib, die Hausfrau, »des Hauses Zier«, »des Mannes Stütze«, stand kalt und ruhig und betrachtete ihren lieben Ehekrüppel mit sanften Stahlaugen. »Zier dich nicht, Alfredchen«, sagte sie und kommandierte alle Kinder hinein, auf daß ihr Lärmen die Nerven des Vaters stärke. Alfred Hein war Rechtsanwalt, und ein tüchtiger Rechtsanwalt, der schon ein großes Bureau hatte. Aber, du lieber Gott, weshalb sollten seine Energie und seine Tüchtigkeit sich nicht innerhalb der eigenen vier Wände zeigen können, wenn es nicht gerade seine angetraute Hauskatze war, die ihm Gehirn und Rückenmark aus dem Leibe spann. Warberg hatte weit mehr Sympathie mit den Männern, die im Notfall ihre Frauen prügelten, als für die, die sich von ihnen tyrannisieren ließen – wahrscheinlich weil er selbst zu den letzteren gehörte. Das beste wäre es natürlich, wenn sich alles in Ruhe und Frieden abwickelt, aber soll es unter den Eheleuten Krieg geben – und das scheint ja beinahe ein Naturgesetz zu sein – , dann müßte auch der Mann infolge seiner höheren Intelligenz und seines feineren Gehirns Sieger bleiben. Aber gerade in den Ehen, wo der Mann in ganz auffälliger Weise die Intelligenz, das Feingefühl, den Takt und die Bildung repräsentiert, da führt die Frau meist ein uneingeschränktes Regiment infolge ihrer angeborenen Roheit, ihres Mangels an Empfänglichkeit für Kultur und Zivilisation. Das ist, was man die verkehrte Welt nennt. Sie leben wie Hund und Katze, sagt man oft. Jawohl: die Frau ist die böse, heimtückische, verlogene, unintelligente, schlangenschlaue, niedrigdenkende Katze. Der Mann, der gute, ehrliche, kluge, wahrheitsliebende, lernbegierige, entwicklungsfähige, edelmütige Hund. Puh! Deshalb wird, so wahr die Niedrigkeit immer, immer über die Großmut siegt, der Mann für ewige Zeiten der Prügeljunge der heiligen Ehe sein! Die Weiber sind es, die die Ehe erfunden haben! Ach, man braucht ja nur darauf zu achten, welche kindliche Freude in einer Schar von Ehemännern herrscht, die, dem Gesichtskreis ihrer geliebten Gattinnen entrückt, eine kleine Festlichkeit begehen – mein Gott, das ist, als sähe man eine Schar vierzehnjähriger Knaben am ersten Tage ihrer Sommerferien!   Na, Warberg hatte also Hein versprochen, in die Villa zu kommen und den »ganzen Tag« bei ihm zu verbringen. Das heißt vom Frühstück um zwölf Uhr bis zum Abend um zehn–elf Uhr. Seit seinem letzten Besuch draußen waren ein und ein halbes Jahr verstrichen; infolgedessen war er wohl etwas nervös, aber doch auch von einer gewissen Neugierde beseelt, zu sehen, wie die Situation sich in diesem Zeitraum entwickelt hatte. Als er am Sonntagmorgen seinen selbstbereiteten Kaffee getrunken und seine »Politik« gelesen hatte, setzte er sich an den Schreibtisch, um zu arbeiten. Aber es wollte heute gar nicht gehen. Da fiel es ihm plötzlich ein, daß er ja ausgehen und Tage Banner besuchen könne, ehe er zu Heins ging. Tages Verlobung hatte es natürlich bewirkt, daß er und Gunnar bei weitem nicht mehr sooft zusammenkamen wie früher. Gunnar hatte Tages Braut eines Abends bei dem Freunde getroffen und sich ein Urteil über sie gebildet. Sie war ein kleines mageres Mädel mit kalten braunen Augen in einem harten, ganz hübschen Gesicht. Er konnte den Typus nicht leiden. Und dann hatte Banner sie noch dazu als seine »Traute« vorgestellt und sie hatte ihn im Verlaufe des Gespräches als ihren »Trautesten« tituliert. Dies hatte hingereicht, um Warberg begreiflich zu machen, daß auch in dieser Gemeinschaft das Weib die Oberhand hatte; denn nie wäre es dem gesunden natürlichen Tage eingefallen, aus eigenem Antrieb diese scheußlichen, affektierten und tantenhaften Bezeichnungen auszutüfteln. Dazu gehörte ein Frauenzimmergehirn. Warberg hatte nicht an sich halten können, sondern eine Bemerkung fallen lassen, daß es in Tages hellen Räumen jetzt sehr »traut« geworden wäre. Tage hatte verlegen gelächelt und war errötet, aber Pernille, oder wie sie hieß, hatte einen ärgerlichen Ton ausgestoßen, gerade wie eine Schreipuppe, die man auf ihre empfindlichste Stelle drückt. Und bald darauf hatte man einen kühlen Abschied genommen.   Aber nun stand Gunnar wieder im vierten Stock der Valdemarsgade, an dessen linker Tür die Karte mit Tage Banner, stud. jur. angebracht worden war, die sich einst an der fröhlichen Mansarde auf dem alten Kongevej befand. Er läutete, es ertönten schleppende Schritte im Korridor. Die Tür ging auf, und Witwe Petersen zeigte ihr freundliches, etwas müdes Gesicht! »Sind Sie es, Warberg! Guten Tag, guten Tag!« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Ja, sie ist ein bißchen naß«, sagte sie. »Ich bin gerade beim Aufwaschen. Die Mädels sind weggegangen.« Warberg drückte ihre feuchte rote Pfote: »Na, Frau Petersen, wie geht's uns? Lieben Sie mich noch?« »Ja – a, manchmal«, nickte die Frau. »Ach, es geht übrigens so schlecht mit meinem Kopf, Warberg.« »So – o? Das ist traurig! ... Ist Tage zu Hause?« »Gott, wissen Sie das nicht?« sagte sie und lebte merkwürdig auf bei dem Gedanken, daß sie eine Neuigkeit zu erzählen habe, »wissen Sie das nicht? Tage wohnt nicht mehr hier.« »Was tut er nicht? – Seine Karte steckt ja da an der Tür.« »Ja – a, ja, er hat auch noch seine Zimmer hier ... Aber, bitte, kommen Sie herein, Gunnar ... ja, ich sage Gunnar, das bin ich doch von den Mädels so gewöhnt, und Sie sind ja auch halb und halb mein Pflegesohn!« »Ja, natürlich, geliebte Frau Petersen, sagen Sie nur Gunnar!« Warberg ging durch den Korridor in das Wohnzimmer der Familie. Und hier begann die Frau nun zu erzählen, daß Tages Husten sich verschlimmert, und daß der Doktor gesagt hätte, er solle zu Bett gehen, und daß es eine langwierige Geschichte und »gefährlich« werden würde. Und Frau Petersen könnte es bei Gott nicht schaffen, noch seine Pflege mit zu übernehmen; sie hatte doch ihren Kopf und ihre »eigenen«. Und zu Hause bei der Mutter machten doch die Kleinen immer solchen Lärm, und da hatte Tages Traute ... »Braut!« »Was sagen Sie, Warberg?« »Braut, sage ich! Sind Sie auch von dem Quatsch mit der ›Trauten‹ angesteckt worden – –?« »Aber, Herrgott, Warberg, darüber braucht man doch nicht wütend zu werden! und dann finde ich wirklich, daß Traute so schön ist; das hat was Poetisches an sich. Und wissen Sie, Gunnar, die Poesie ...« »Jawohl, ja, geliebte Frau ... Aber wo ist denn nun Tage geblieben?« »Er ist in die Villa der Professorin nach Ordrup gebrach! worden, damit die Trau ... ä ... die Braut ihn selbst pflegen kann. Finden sie nicht, daß das von ihr reizend ist?« »War er denn wirklich so krank?« »Ja–a, der arme Tage! Oh, er hustete! Aber weshalb sind Sie auch solange nicht hier gewesen? Ich glaube nicht, daß er es übersteht; die eine Lunge ist angegriffen.« »Hat das der Arzt gesagt?« »Ja ... Und in der Familie ist ja die Brustkrankheit erblich ...« »Das könnte Ihrem Herrgott wirklich ähnlich sehen, ihn totzuschlagen!« »Aber, Gott, Warberg, ich bitte Sie! Sie sind ein fürchterlicher Mensch!« »Ja, aber finden Sie denn nicht, daß es sinnlos ist, diesen lebensfrohen und vergnügten Burschen totzuschlagen?« »Es ist doch schrecklich, wie Sie sich ausdrücken, Gunnar! Wir müssen doch kommen, wenn uns der Herr ruft. Sie wissen, ich habe immer große Stücke auf Sie gehalten, aber Christ sind Sie nicht!« »Nein.« »Ja, aber, das müssen wir doch allesamt sein, Warberg.« »So – o, wer sagt das?« »Wer das sagt! Aber, Gott, das tut doch wirklich unser eigenes Gewissen!« »Dann habe ich keins! ... Na, adieu, Frau Petersen!« »Wollen Sie nicht warten und den Mädels guten Tag sagen? Sie sind nicht weit gegangen.« »Ich pfeife auf Ihre Mädels!« »Heute sind Sie doch ganz und gar toll!« »Jawohl ... Und bitten Sie Ihren Herrgott, mit Tage ein bißchen manierlich umzugehen!« Gunnar lief durch den Korridor und schlug die Tür hinter sich zu. Aber langsam ging er die Treppen hinab und auf die Straße. So, nun mußte Tage sterben? ... Ja, weshalb nicht! Es ging ihm natürlich zu gut ›hienieden‹, er war zu glücklich. Und die Götter sind ja neidisch ... die Teufel! Und er fühlte einen schweren erdrückenden Kummer auf sich niedersinken, den Kummer darüber, ein Mensch zu sein. Es war wie eine physische Last, wie eine Lähmung, die alle Glieder bleischwer machte. Er ging krumm wie ein alter Mann. Aber plötzlich richtete er sich mit einem Ruck in die höhe und drohte mit seinem Stock in die Luft, daß das Sonntagspublikum ihn für betrunken hielt: »Nee, nee«, murmelte er, »nicht sentimental, alter Freund! Die Freude wollen wir Vater Zeus doch nicht machen! Komm nur her, du uralter Hampelmann der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Güte!« Gunnar machte einen langen Spaziergang durch die Vesterbrogade und Söndermarken und zurück durch den Frederiksberggarten und die Allee, ehe er sich zum Frühstück bei Heins einfand. Es war ein schweres tristes Herbstwetter mit plötzlichen Windstößen und wirbelnden Staubschichten. Die sonntagflanierenden Herren und Damen hatten sich in Winterkostüme gesteckt und schritten rasch aus, die Hände in den Rocktaschen oder in kleinen schleifengeschmückten Muffen. Nur einzelne junge Frauen flatterten noch im Schmetterlingsgewande dahin, leichtsinnig an Seele und Leib. Und viele Blicke folgten ihnen. Söndermarken lag leer und kahl, mit welkem raschelnden Laube auf allen Wegen. Zuweilen fuhr ein Windstoß heulend durch die Bäume herab, fegte einen Haufen Blätter zusammen, wirbelte sie in wahnsinnigem Tanz über die Rasenplätze und schleuderte sie gegen einen Busch oder einen Baum, daß die Blätter sich wieder zischelnd und raschelnd nach allen Seiten verstreuten. Im Garten von Frederiksberg war es wärmer und nicht ganz so öde. Man hörte Plaudern und Singen und das Lachen fröhlicher Kinder. Warberg ging um die Quelle herum, wo die Kuchenfrau noch an den Sonntagen ihr Standquartier aufgeschlagen hatte mit ihren Lebkuchen, Zuckerstangen und den kleinen knorrigen Biergläsern, die sie für zwei Öre an durstige Seelen verlieh. Er setzte sich auf die Bank vor den Kanal, und blickte über den wilden Wein hin, dessen wachsgelbe und blutigrote Blätter wie bunte Lampen zwischen den graubraunen Zweigen der großen entblätterten Esche hingen. Sie spiegelten sich leuchtend im Wasser des Kanals, diese Blätter, und ab und zu löste sich eines oder zwei auf einmal von ihrem Stengel und senkten sich wiegend und schnurrend durch die Luft zur Erde. Und er mußte wieder an Tage Banner denken, mit dem er oft an warmen ruhigen Sommerabenden hier gesessen und über alles Mögliche zwischen Himmel und Erde gesprochen hatte: über Leben und Tod und Frauen und Liebe, über Vorbereitung zum Philosophicum und den Preis für Tabak und Zigarren. Und hier draußen war es, wo Tage eines Abends in jugendkräftiger Uberhebung und Freude am Leben gesagt hatte: daß es ein heller Unsinn wäre, das mit dem Sterben! Wenn auch alle anderen sterben müßten, er, Tage Banner von Gottes Gnaden, er würde ewig leben! Und nun lag er wohl müde und hilflos auf seinem Lager draußen auf dem Lande, unbeholfen, Frauen und Priestern preisgegeben! Denn mit Frauen und Priestern geht es wie mit Raben und Krähen: Sie wittern Leichen! Nein, nein und abermals nein! Sterben mußte man, das war sicher und gewiß; aber wenn die Stunde sich näherte, dann sollte man in seine Höhle krabbeln, seine Tür schließen und nach seinem Revolver greifen, auf daß nicht Vater Zeus und seine ganze aufgeblasene Sippschaft von Weibern und Priestern Gelegenheit bekäme, sich damit zu brüsten, das Sprungbrett zurechtgelegt zu haben zum »letzten großen Sprung«. Einsam muß man sterben wie man einsam gelebt hat.   Heins Villa lag warm und gemütlich geborgen in einer der Nebenstraßen von Frederiksberg. Aber was, zum Teufel, nützt das! Als Warberg durch den kleinen Garten zur Entreetür ging, hörte er laute Rufe und Tumult und Kinderlärm drinnen im Hause. Er wollte schon umkehren; besann sich aber und läutete. Ein nettes und adrettes Mädchen öffnete ihm. Sie war mit einem Hamburger Häubchen und weißer Latzschürze ausstaffiert. Auch sehr allerliebst. Im ganzen genommen war der äußere Apparat in musterhafter Ordnung. Doch während er im Korridor stand und seine Sachen ablegte, hörte er die Stimme des Hausvaters flehend und nervös (eine ganz andere Stimme, als wenn er in seinem Büro oder auf der Straße sprach): »Ach, liebe, süße Kinder, könnt ihr nicht ein bißchen ruhig sein! Vater hat Kopfweh!« Und eine weibliche Stimme erwiderte in echt gattinnenhaftem Tonfall: »Du hast auch immer Sonntags Kopfweh, Hein! Die Kinder müssen sich doch rühren!« Warberg klopfte an und trat ein. Hein sprang von der Chaiselongue empor, auf der er gelegen hatte. Er sah müde und fast schlaff aus. Aber sein feines freundliches Gesicht erhellte sich, als er den Freund erblickte. Er ergriff seine Hand und drückte sie herzlich. »Das ist schön, daß du pünktlich bist«, sagte er, »denn ich habe Hunger. Nun wollen wir es uns heute so recht gemütlich machen. Da steht meine Frau!« Die Frau stand groß und schlank und schön an den Rahmen der Wohnstubentür gelehnt. Ihr rotblondes Haar war im Nacken zu einem Knoten zusammengenommen. Sie hatte sich zu Ehren des Tages mit einem weichen Kleide aus hellblauer Wolle geschmückt, das den Hals völlig, die Arme bis zu den Ellenbogen frei ließ und in der Taille von einem leuchtenden Stahlgürtel zusammengehalten wurde, an dem ein Schlüsselbund hing, sie sah stattlich aus. Aber Gunnar gefielen ihre Augen nicht, die grau und blank waren wie der Stahl um ihre Taille. »Willkommen, Herr Warberg!« Ihre Hand war kalt und feucht und knochig. Man setzte sich und sprach über das Wetter. Du lieber Gott, wovon soll man anders sprechen, solange es den Weibern freisteht, sich in die Konversation zu mischen. Wetter, Kinder, Dienstmädchen, Toilettenangelegenheiten und Schauspielkunst – voilà tout! »Wollen mir nicht bald essen, Juliane? Ist der Tisch nicht fertig?« »Dein Freund mußte doch erst kommen!« Frau Hein erhob sich beleidigt und ging hinaus. Der Schlüsselbund klirrte an ihrer Seite. Ein nervöser und gequälter Ausdruck glitt über das Gesicht des Mannes: »So«, sagte er und legte die Hand an die Stirn, »so, Gunnar, wovon sprachen wir doch eben! Na, wohl eigentlich von nichts, nein, ... nein ...! Hast du etwas über deine Sache gehört?« »Ja, sie ist zur Beratung vorgelegt – heißt es nicht so?« – »Ja.« »Werde ich verurteilt?« »Ja ... Du kriegst wahrscheinlich eine Geldstrafe ... Aber wozu mußt du dich auch auf solche Art von Schreiberei einlassen?« »Auch du, mein Sohn Brutus«, sagte Warberg lächelnd. »Ja, ich sage es deinetwegen!« »Natürlich, ja! Aber siehst du, alter kluger Alfred, ich bin so unglücklich gewesen, mir eine kleine Flamme des heiligen Jugendfeuers zu erhalten! Weißt du noch, wenn wir in alten Tagen über Literatur und Kunst sprachen?« »Ja, damals! da war man ja verrückt?« »Ja, ich bin noch fast genau so kreuzverrückt«, lächelte Warberg. »Ich glaube immer noch daran, daß die gesunde Vernunft siegen wird. Es wird langsam gehen, ungeheuer langsam, natürlich ... denn es gibt ja leider mehr Frauen als Männer auf der Welt.« »Hoho! Auch in dem Punkt keine Veränderung? ... Hör' mal, Kai, geh' doch hinaus und frage Mutter, ob wir denn nicht bald essen? Der fremde Herr hat Hunger.« Kai war das älteste der Kinder. Ein wunderschöner großer Knabe von sechs Jahren. Er hatte die sanften blauen Augen und das lockige Haar des Vaters. »Nun wird deine Frau böse auf mich sein«, sagte Gunnar, als der Knabe hinaus war. »Ach nein, sie ist nicht so schlimm!« »Das kann ich eben nicht verstehen«, nahm Warberg das Gespräch wieder auf; er wünschte seinem Freunde auf den Zahn zu fühlen (das soll man nun sein lassen). »Das kann ich eben nicht verstehen, warum man mit aller Gewalt die Signale ändern soll, sobald man sich den Dreißigern nähert!« »Weil man einfach nicht sein ganzes Leben lang zigeunern kann, mein Lieber.« »Zigeunern ... na, warum nicht?« »Warum nicht! ... warum nicht! Einfach, weil man in einer Gesellschaft leben muß, weil man sich verheiratet und Kinder bekommt und ...« »Ich prügelte meine Frau oder liefe ihr davon, wenn ich merkte, daß sie den Versuch machte, mich zu idiotisieren oder mich gesellschaftsfähig zu machen, oder wie du es nun nennen willst!« »Ach nein, du bist schon nicht so dickfällig, wie du dich hinstellst, Warbergchen!« »Ich glaube es, Alfred, ... ja, ich weiß es, daß ein bösartiges Weibsbild mich in Raserei versetzen kann!« »In einer Ehe muß man sich einander anzupassen verstehen«, dozierte der Freund. »Anpassen!« ahmte Warberg nach. »Anpassen! Und wer ist es, der sich hier auf Erden immer ›anpassen‹ muß? Es sind die Intelligentesten, die Feinfühligsten, die ›Guten‹, wenn du es so nennen willst! Und da der Mann in der Regel stets besser ist, als die Frau, so ist er es, der immer und ewig nachgeben und sich ›anpassen‹ muß, bis ihm, Gott steh' mir bei, vom Mann weiter nichts bleibt als die ... Fortpflanzungswerkzeuge!« »Du bist doch ein reiner Satan!« fuhr es dem Rechtsanwalt heraus. »Aber ich kann dich trotzdem gut leiden! Du hast etwas Ursprüngliches an dir, etwas, wenn ich mich so ausdrücken darf, auerochsartiges! ... Aber Gott schütze mich davor, zu sein wie du!« Warberg richtete sich auf. Er hatte heute seinen bösen Redetag! »Ich habe einmal einen jungen Menschen gekannt«, sagte er, »es mögen wohl ungefähr an die hundertundfünfzig Jahre her sein. Du hättest sehen sollen, wie er auf Tische und Bänke sprang und uns andere beschwor, nie von den Idealen zu lassen, wie es damals hieß, niemals auch nur den winzigsten Krämersamen in unseren Gehirnen keimen zu lassen! Ich entsinne mich eines Abends oder richtiger einer Nacht, als wir von einer Kneiperei bei einem Kameraden heimgingen, wie er plötzlich einen fetten alten kurzatmigen Großhändler, dem wir begegneten, um den Leib packte und mit ihm auf der Straße herumzuwälzen begann. Der Großhändler schrie und stöhnte, er solle ihn zufrieden lassen. Aber der junge Galgenstrick sauste nur noch wilder davon und sang in lauten Tönen, nach irgendeiner selbstfabrizierten Melodie: so, Freunde, so, Brüder, solle die Jugend herumwirbeln, brausen, sieden, umhertummeln und auf den Kopf stellen das engbrüstige, podagristische, geldscharrende und widerstrebende Alter ...« »Und dann kam die Polizei«, unterbrach Hein lachend Gunnar in seiner Wölsungssage. »Und man brachte uns zur Wache und wir mußten Polizeistrafen bezahlen ...« »Ja, natürlich«, nickte Warberg, »natürlich! ... Und der junge Mann bezahlte seine Strafe, verheiratete sich, zeugte Kinder und bekam das Zipperlein in Füßen und Gehirn wie jeder bestallte Gesellschafts-Hyronismus mit Allongeperücke und gesetzmäßig silberknaufigem Stock! ... Mein Gott, daß auch so frisches und lebendiges Menschenfleisch in Fäulnis übergehen kann ... Ehefäulnis!« »Hör' mal, Gunnar, du hast eine ganz einseitige und verrückte Auffassung von dieser Sache«, sagte Hein nervös und schüttelte den Kopf. »Wollen wir nicht lieber von etwas anderem sprechen? Was du da sagst, mag viel für sich haben, aber es ist zwecklos; unsere Ansichten sind zu verschieden.« Warberg schlug verlegen die Augen nieder und schwieg: Teufel auch, daß man sein Pulver nicht für seine Bücher aufheben kann, dachte er. Nun hast du den Mann traurig gemacht, statt ihn ein wenig aufzumuntern. – Du bist und bleibst ein Stockfisch, Gunnar! »Mutter sagt, die Beefsteaks sind noch nicht gebraten«, meldete der kleine Kai, der aus der Küche hereinkam. »Ich glaube wahrhaftig, wir kriegen vor eins keinen Bissen zu essen. Bist du nicht hungrig, Gunnar?« »O ja ... etwas!« »Ja, aber, das ist auch ganz unzulässig!« rief Hein aus und erhob sich. »Juliane!« rief er durch die Wohnstube, »Juliane! wir verhungern!« Seine Frau kam stramm und feierlich mit ihrem klirrenden Schlüsselbund. »Kriegen wir denn nicht bald etwas zu essen, Juliane?« »Gewiß, aber du weißt doch, daß Katrine ihren Ausgehtag hat!« »Auch eine Manier, das Mädchen ausgehen zu lassen, wenn du weißt, daß wir Besuch kriegen!« »Es war einmal ihr Tag; und ich liebe keine Änderungen in der Beziehung.« »Ist sie schon weg?« »Sie ging um neun. Sie mußte zur Kirche.« »Die geht in Dreiteufelsnamen nicht in die Kirche! ... Still, Kinder, was ist das für ein Spektakel!« Die Kinder hatten begonnen, drinnen im Eßzimmer um den Tisch herum kräftig Haschen zu spielen. »Kannst du sie nicht von Stine ins Kinderzimmer holen lassen, Juliane?« »Stine hilft in der Küche.« »Geht ihr alle drei draußen herum und braut und backt?« »Ja, das Essen sollte doch im Augenblick auf dem Tisch stehen!« Und Frau Hein machte kehrt und schritt davon. »Das ist die passive Kriegsführung dieser Frauenzimmer«, sagte der Freund. »Manchmal hätte ich wirklich die größte Lust auszugehen und im Restaurant zu speisen! ... Na, aber Juliane ist ja nicht die Schlimmste«, fügte er besänftigend hinzu, »hier im Hause gibt es ja viel zu tun.« Warberg hatte still dagesessen, beobachtend und peinlich berührt. Er hatte die harten kalten Gesichter der Gatten gesehen und den bebenden Unterstrom ihrer Worte gehört. Und er hatte sich für sie verlegen und geniert gefühlt und gewünscht, er säße wieder wohlgeborgen daheim in seiner friedlichen Kabuse. Punkt halb zwei kam die Hausfrau und meldete, daß serviert sei. »Na, das ist ja schön«, lächelte Hein und legte versöhnlich den Arm um die Taille seiner Frau. Aber sie riß sich unsanft los und ging voran ins Eßzimmer. Und so sockten die Männer hinterher. Beefsteak mit Spiegeleiern. Vier kleine Beefs für fünf Personen. (Die beiden ältesten Kinder saßen mit am Tisch.) Eine halbe Dose Sardinen. Schlackwurst und Rauchfleisch in schleierdünne Scheiben geschnitten und sporadisch auf großen Schüsseln ausgebreitet, (sie glichen den zerstreuten Inselgruppen im Großen oder Stillen Ozean.) Und dann waren da ein Stück Schweizerkäse unter einer Glasglocke, sowie ein paar lange bleichsüchtige Selleriestiele in einem Wasserglase. Aber mitten auf dem Tisch standen eine blühende Pelargonie und eine silberne Menage. Und da waren silberne Gabeln und Messer mit plattiertem Schaft, und Tischtuch und Servietten waren blendend weiß gewaschen. Das Ganze sah schmuck aus, aber etwas mager – ungefähr wie die Frau des Hauses ... Das Beefsteak wurde herumgereicht, und Gunnar und Hein nahmen jeder ihr Stück. Der Rest wurde zwischen der Frau und den Kindern geteilt. Dann war die Schüssel leer. »Ist noch mehr draußen?« fragte der Rechtsanwalt. »Nein.« »Aber, Herrgott, liebe Juliane, wie bietet man erwachsenen Männern so etwas an! Dann laß uns den Braten von gestern hereinbringen! wir müssen doch, weiß Gott, etwas zu essen haben!« Seine Frau läutete schweigend mit einer kleinen silbernen Glocke, und das Mädchen mit dem Spitzenhäubchen und der Latzschürze trat ein. »Wollen Sie drei, vier Scheiben Rinderbraten schneiden, Stine!« »Nein, hallo! Laß uns den ganzen Braten hereinbringen!« sagte Hein. »Und das Vorlegemesser!« »Ich finde, du ißt immer so viel, Hein, wenn wir Besuch haben«, sagte die Frau spitz. »Ja, denn du hungerst mich aus, Juliane!« Der Braten arrivierte. »Darf ich dir ein Stück schneiden, Gunnar?« »Ja, danke ... zwei!« »So ist's recht! Und dir, Juliane?« »Nein, danke!« »Ja, sieh, das ist so merkwürdig bei dir, Frauchen, weil du selbst wie ein Vogel ißt, so denkst du, wir anderen brauchen auch nicht sehr viel! ... Willst du noch, Kai?« »Ja, danke.« »Mir auch, Vater«, sagte Klein-Ester. »Wir essen wahrhaftig den ganzen Braten, Juliane!« lachte Hein und säbelte drauflos. Aber Juliane saß bleich und starr wie ein Altarlicht. »Der Kaffee wird wohl in mein Zimmer gebracht?« »Willst du Kaffee haben? Daran habe ich nicht gedacht. Das ist ja sonst nicht Mode bei uns.« »Ja, wir müssen wirklich Kaffee haben, Duchen! Nicht wahr, Gunnar? Kaffee und eine Zigarre!« »Ja – a!« nickte Warberg. Er hätte zu allem Möglichen Ja genickt, blaß um die Fee des Hauses zu necken. Und dann lenkte er ja auf die Weise einen Teil des zweifellos kommenden Zornes auf sich ab. »Und einen kleinen Kognak?« »Ich bin mehr für Chartreuse.« »Gut, dann nehmen wir Chartreuse. haben wir etwas oben, Juliane?« »Nein.« »Ja–a, wie? Steht nicht eine Flasche dort im Schrank?« »Richtig, es ist ja wahr!« Nach dem Braten aß man die Sardinen. Darauf die verschiedenen salzigen und süßen Inselgruppen und den Käse mit Ausnahme der Glasglocke. »Wir bekommen morgen gutes Wetter«, sagte Hein. Auf dem Barometer seiner Frau sah es wahrlich nicht danach aus. Dann ging man in das Zimmer des Hausherrn. Nach einer halben Stunde wurde der Kaffee serviert. Niedliches Service mit diminutiven Tassen und feinen Likörgläsern. Die Zigarren waren angesteckt und die beiden Freunde wollten es sich gemütlich machen. Aber da wurden alle Kinder hereingelassen. »Nein, die können wir nicht brauchen«, sagte Hein – »Juliane!« »Weshalb rufst du heute so laut, Hein?« »Ach, nimm die Kinder zu den Mädchen hinaus, Kleinchen! Und komm dann selbst hinein zu einer Tasse Kaffee und einer Zigarette.« »Können die Kinder nicht hier drin bleiben, dann muß ich sie beaufsichtigen; die Mädchen haben genug zu tun.« »Dann laß sie in Gottes Namen bleiben! Aber setz' dich nun und ... und tu, als ob du zu Hause wärest!« Die Hausfrau setzte sich in einen Lehnstuhl, wo sie thronte steif und stramm wie eine Herbstaster, die Sommertod und Kälte und Sturm und Regen und Vernichtung ankündigte! Es gibt Hauselfen, die verprügelt und darauf in die Ecke gestellt werden müßten! »Wie befinden sich Ihre Eltern, Herr Warberg?« »Ja, danke, gnädige Frau, ausgezeichnet!« »Ist Ihre Frau Mutter immer wohlauf?« »Ja, danke.« »Und Ihr Herr Vater?« »Ja, danke ... Und meinen Tanten und Onkels und Vettern und Cousinen geht es auch allesamt sehr lieblich ...« Ein mächtiges Geheul unterbrach dieses, wenn man es so nennen darf, Gespräch. Es kam von dem vorletzten kleinen Hein; er war auf einen Stuhl geklettert, der plötzlich umfiel, daß das Kind ein paar Ellen weit über den Fußboden kollerte. Das Geheul wurde vom Wohnzimmer her durch ein Gebrüll beantwortet, das dem ersten Laut an Fülle und Wohlklang nichts nachgab. Es kam von dem allerkleinsten Hein, der in seiner Wiege geweckt worden war und wahrscheinlich vermutete, daß der Untergang der Welt bevorstehe. Der eine schrie immer wilder als der andere und gleichzeitig läutete die Korridorglocke. Die drei anderen kleinen Heins standen einen Augenblick ratlos; dann aber warfen sie sich alle auf den Teppich und heulten zur Zimmerdecke empor wie Hunde. Die Korridortür ging auf, und herein stürzte mit Hut und Pulswärmern eine Schwiegermutter an der Spitze zweier mittelalterlicher unabgesetzter Tanten! »Süßeste Juliane, was ist denn hier los?« »Die prächtigen Kinder! Die prächtigen Kinder!« »Die reizenden, göttlichen, entzückenden kleinen Seelchen!« Und Eltern und Verwandte stürzten sich mit einem Überfluß von Worten und Gebärden des Trostes und der Beruhigung auf die wehrlosen Nachkommen. Und während Weinen und Küsse und Kosenamen und Wiegenlieder und Jammern und Geschrei und Heulen und Zähneklappern volltönig und ungezwungen zum klaren Gotteshimmel emporstiegen, geschah es, daß Warberg sich zu einem Unternehmen hinreißen ließ, das ihn für ewige Zeiten in den Herzen und Nieren aller guten Menschen brandmarken wird: Er schlich in den Korridor hinaus, zog sich heimlich den Überrock an, öffnete die Flurtür ganz wenig und floh adieulos das heilige Familienleben.   Der Wind arbeitete sich mühsam vom Boulevard vorwärts und bohrte sich durch Torwege und Türen, zerrte an Fenstern und Schildern und Aushängeschränken und klapperte mit den losen Dachsteinen auf den Häusern. Papiere, Strohhalme und Straßenschmutz führten auf dem Straßenpflaster und die Treppen hinauf und hinab den wildesten Galopp auf, während die Menschen, geblendet von dem wirbelnden Staub und Pulver, sich an den vorspringenden Mauerkanten festhalten mußten, wenn sie die Straßenecken passieren wollten. Der Himmel war freundlich genug anzusehen, ja gewiß, die Sterne blinkten klar und schelmisch oben über den Häusern. Aber der Wind heulte; die Telephondrähte brummten und die Flammen in den Gaslaternen zischten und streckten die Zungen heraus. So ein Spektakel wirkt lächerlich und aufreizend zugleich; lieber Gott, wir sind ja alle fest davon überzeugt, daß die Natur mächtig ist; aber, zum Kuckuck, sie könnte sich doch wirklich auch ein bißchen ruhig anstellen! Warberg kam von Kongens Nytorv durch die Gotersgade. Es war zehn Uhr und Sonnabend. Er machte gern abends einen Spaziergang, um sich die Phänomene des Lebens zu betrachten ... Man soll ja lernen, solange man lebt; und man muß das Leben leben, um davon erzählen zu können! Er ging mit gebeugtem Kopf und kämpfte sich gegen den Wind vorwärts. Neben ihm torkelte ein betrunkener Mann in Arbeiterkleidung. Warberg war ihm von Kongens Nytorv an gefolgt. Er war dadurch auf den Burschen aufmerksam geworden, daß er einen unaufhaltsamen Wortstrom von seinem Munde ausgehen hörte. Der Arbeiter sah nichts und hörte nichts, torkelte nur immer davon, der Nase nach wie ein Hund, der nach Hause trottet. Ein paarmal hatte Gunnar ihn vor dem Überfahren gerettet, indem er ihn am Arm packte und zur Seite zog. Der Betrunkene murmelte immer weiter in seinem Monolog und setzte seinen Weg fort, den ihm der energische Gegenwind noch erschwerte. Er wollte wahrscheinlich nach Nörrebro hinaus, denn ganz instinktmäßig, ohne Zögern und Zweifeln, war er in die Gotersgade eingebogen. Er hielt sich in der Mitte der Straße, und Warberg ging neben ihm. Er hatte ihn untergefaßt. Sie hielten sich übrigens, hol's der Kuckuck, nicht in der Mitte der Straße, denn der Mann war schwer zu lenken, wollte dem Ruder nicht gehorchen und zuweilen schwenkten sie in einem Ruck von einem Rinnstein zum andern. Gunnar hatte ein paarmal ein Gespräch mit seinem Jonathan anzuknüpfen versucht, aber der Bursche achtete nicht auf seine populären Bemerkungen über Wetter und Pflaster. Er ahnte wohl kaum, daß ein Menschenfreund sich seiner Angelegenheiten angenommen hatte. Er paddelte schlapp vorwärts und murmelte vor sich hin. Warberg mußte sich zu ihm hinüberbeugen, um im Lärm der Straße und im Heulen des Windes die Worte aufzufangen: »Laßt meine Mutter in Ruhe«, murmelte der Betrunkene mit belegter Stimme, »laßt ihr in Ruhe, sage ich, denn sie is'n armes Weib, das sich mit seine Kinder hat schwer jenug quälen müssen! ... Auf'm westlichen , verstanden, da liegen sie alle miteinander! Aber ich bin sechsundzwanzig jeworden im Sommer, an'n siebzehnten Juni! ... da is der erjebenst Unterzeichnete sechsundzwanzig Jahre jewor'n! Mouritzen! Un ich habe anjefangen als siebzehnjähriger Straßenjunge ... Wie ich siebzehn Jahre alt war, bin ich ins Leben 'jausjetreten und habe jleich zwanzig Tage Wasser und Brot jekriegt ... Dis is rückwärts, verstanden! ... un bis is vorwärts ... verstanden! (Hier torkelte der Mann einen Schritt zurück und wieder einen vorwärts. Und dann setzten sie ihre Segelpartie fort.) Aber er hat mir unrecht verurteilt, verstanden, denn ich habe mir doch wehren müssen! ... Ihr Labane! Ich bin ein organisierter Kohlenmesser, verstanden! Aber der is nich unter'n Schutz von achtzehnhundertsechsunachzig, oder was dis for Quatsch sein soll! nee, nich mit'n Zollstock, hä! ... mit 'ne Kohlenschippe! Un nu geh' ich nach Hause zu meine Frau ... Na, was wollt ihr nu machen? Un ich habe 'n kleinen Jungen, der is man so hoch (Hier bückte er sich und deutete mit der Hand die Größe des Kindes an, eine Elle über dem Steinpflaster) ... un wenn er sich nich ausziehen kann, denn is der erjebenst Unterzeichnete immer derjenige welcher, der ihn auszieht ... Ihr Kicherfritzen, Mouritzen! Un bei noch viel mehr bin ich derjenige welcher, wenn sie ausjezogen wer'n müssen, denn meine Frau is wieder in die Umstände ... un mit'n Zollstock ...« Der Mann blieb plötzlich vor einem der kleinen niedrigen Häuschen ganz unten in der Gotersgade stehen. »Hier wohne ich«, sagte er ... »über den Hof ... in der Dachstube übern Hof, verstanden, da habe ich so mein kleenes Heim! ... Aber zu April ziehen wir runter in die Parterrewohnung in die Vognmagersgade! ... fünfunddreißig, eine Treppe, denn meine Frau is aus 'ne feine Familie ...« Warberg hatte den Arm des Mannes losgelassen und stand nun draußen auf der Straße und sah ihn über den schmalen Bürgersteig und eine klapprige, enge drei-, vierstufige Steintreppe hinauftappen. Die Tür war geschlossen, aber der Betrunkene bastelte am Schloß, bekam es endlich auf und betrat den Hausflur. Und ein gewaltiger Windstoß knallte die Tür hinter ihm zu. »Er wollte also nicht nach Nörrebro hinaus«, dachte Gunnar. Und das war zunächst der einzige Gedanke, den diese Begegnung in ihm erzeugte. Darauf wandte er sich um, oder richtiger wurde vom Wind umgeblasen und ging wieder Kongens Nytorv zu. Und der Wind stieß drauflos, daß Gunnar einen ganz krummen Rücken bekam, weil er immer Widerstand zu leisten versuchte. Er schlug den Rockkragen in die Höhe: »Satan auch, wie es in diesen Reichen und Landen toben kann ... Mouritzen!« Und plötzlich mußte er wieder an den Mann denken, den er nach Hause gebracht hatte: Herrgott ... die arme Frau, die ihn in der Verfassung nach Hause kriegt, dachte er. Und sie ist schwanger! Sie sind wohl schon ein paar Jahre verheiratet. Sechsundzwanzig war er. An die sieben, acht Kinder können sie wohl noch leisten. Du lieber Gott, wie sollte das enden! Der Mann fing damit an, eines Sonnabends mal betrunken nach Hause zu kommen. Dagegen wäre nichts zu sagen. Branntwein und Sinnengenuß sind ja die einzigen Vergnügungen des Arbeiters. Aber je mehr Kinder kämen, desto mehr würde er trinken, denn der Tagelohn würde ja doch nicht ausreichen. Daß nicht ein kluger und mutiger Mann es unternahm, diese Leute darüber zu belehren, daß man wohl einander lieben könne, ohne deshalb Kinder zu bekommen. Und die Familien würden weit glücklicher und friedlicher – und würdiger leben! Das war doch sonnenklar; wenn nur gerade soviel Brot verdient wurde, um drei bis vier Münder zu sättigen, so mußte man sich um das Brot raufen, wenn die Münder und die Mägen auf sechs und acht stiegen! Quatsch, das mit der Enthaltsamkeit und Nüchternheit! Ein Arbeiter mit einer großen Familie konnte eben nicht genug verdienen! Diese moralpredigenden Herren und Damen (Ja, denn die Frauenzimmer hatten natürlich ihre Nase auch darein gesteckt!), die hatten gut Reden-halten und Ermahnungen-schreiben! Sie saßen daheim in ihren Lehnstühlen mit ihren Beamtengehältern oder sicheren Renten und wollten das »Volk«, die »große Menge« reformieren, die sie nicht mehr kannten, und in deren triste Lebensweise sie keinen tieferen Einblick hatten als das Basarkomitee der Heidenmission in die »Sittlichkeitsbedürfnisse« der Australneger und Hottentotten! Pfui, was für ein Humbug! Und dann bildeten diese Wohltäter und Wohltäterinnen sich ein, daß sie sich ein Parkettbillett zum Himmelreich sicherten, wenn sie zwanzig Silberkronen für irgendeine Volksküche gaben! Ganz zu schweigen von den großen nordischen telegraphierenden und bierbrauenden Kirchenbauern; denn die würden natürlich zur rechten Hand des Vaters sitzen, von wo aus man das Recht hat, über alles Lebende und Tote zu Gericht zu sitzen. Gunnar fauchte im Winde. Nein, liebe Leute, dachte er weiter, jetzt will ich euch sagen, was zunächst geschehen muß, wenn ihr etwas für die »Kleinen« im Lande ausrichten wollt. Branntwein und Liebe zerstören kein Land, aber Mangel an Brot, um die hungrigen Münder zu sättigen; das ist der große Generalnenner aller Sorgen und allen Unglücks! Hört hier, was ich euch gebiete. Ihr sollt einen mutigen und beredten Mann hinaussenden, der alles Volk um sich versammelt, und er soll zu ihm sagen: Ich will euch nicht verbieten, zu lieben und zu trinken, denn Liebe und Trunk geben Freude und Glück. Und ohne Freude und Glück ist das Leben nicht wert, gelebt zu werden. Aber ich will euch verbieten, Kinder zu zeugen! Zwei Kinder dürfen in einer Ehe gezeugt werden, und was darüber ist, ist vom Übel! Und er soll verlangen, daß aus den Eheformularen die wahnsinnigen Worte ausgestrichen werden: »Werdet fruchtbar und vermehret euch!«, indem er die klare Wahrheit nachweist, daß wo es Nahrung und Kleidung, Frieden und Freude für drei oder vier gibt, da gibt es nur Hunger und Kälte, Schande und Sorge und Not und Elend für den Fünften, Sechsten und Siebenten! Und er soll zu ihnen sagen: Wollt ihr Hilfe, ihr Kleinen, so helft euch selbst, denn die Hilfe der Großen ist wie ein Scheiterhaufen im Regen, der mehr prasselt und raucht und schwelt als er leuchtet! So dachte Gunnar, als er an jenem Abend im Unwetter heimwanderte. Und er meinte, das wäre schön gedacht und gut gedacht!   Das Urteil war gefällt und lautete auf eine Geldstrafe von hundert Kronen und »Gerichtskosten«. Das Ereignis wurde im »Kopenhagener« in folgender Weise publiziert: Ein Urteil! Gunnar Warbergs: Alte und Junge. Das Kriminal- und Polizeigericht hat dem Lorbeerkranz, den unsere Gerichte in den letzten Jahren der dänischen Gerechtigkeit um die Schläfe gewunden, ein neues Blatt hinzugefügt: Gestern vormittag hat das Gericht ein Urteil gefällt, demzufolge Herrn Gunnar Warberg für eine Erzählung »Alte und Junge«, die wir die Freude hatten, zu veröffentlichen, eine Geldstrafe von hundert Kronen auferlegt wird. Nach der Ansicht des Gerichtshofes ist nämlich diese Erzählung eine unzüchtige Schrift und Herr Warberg folglich ein unzüchtiger Schriftsteller. Es mag Herrn Warberg zum Trost gereichen, daß das Urteil der Menschen von Allgemeinbildung über seine schriftstellerischen Leistungen ein bißchen mit dem des Kriminal- und Polizeigerichts kontrastiert. Wenn das Kriminalgericht sagt, daß Herrn Warbergs Novelle unzüchtig sei, so sagt jeder allgemein gebildete Mensch, daß sie ein kleines Meisterwerk schildernder Kunst ist. Und wenn das Kriminalgericht sagt, daß Herr Warberg ein unzüchtiger Schriftsteller sei, so sagt jeder allgemein gebildete Mensch, daß er zu den nicht sehr zahlreichen gehöre, auf denen sich die kommende dänische Literatur aufbauen wird. Herr Warberg soll sich deshalb nicht einschüchtern lassen, weder von der Geldstrafe noch von dem Prädikat, mit dem ihn ein brutales Urteil bedenkt. Nie hat ein Urteil über Literatur einen Mann zu beflecken vermocht, und Herr Warberg ist heute ein ebenso guter und ebenso talentvoller Schriftsteller wie an dem Tage, ehe ihn das Kriminalgericht für eine seiner besten und feinsten Skizzen unzüchtig nannte. Herr Warberg ist nicht der erste Schriftsteller, der im letzten Jahre die Ehre hatte, infolge jenes berüchtigten Paragraphen des Strafgesetzbuches verurteilt zu werden. Herr Warberg ist nicht der erste und darf glauben, daß er auch nicht der letzte sein wird. Denn die infame polizeiliche Auffassung von Literatur und Kunst, die nun in Dänemark zum geltenden Gesetz erhoben werden soll, wird vermutlich reiche Gelegenheit erhalten, um sich zu schlagen, so wahr wie es der guten Literatur niemals beikommen wird, auf polizeiliche Bestimmungen Rücksicht zu nehmen. Herr Warberg kann also seine hundert Kronen mit Ruhe hinnehmen, wie es sich für einen jungen Mann geziemt, der gewiß täglich Gelegenheit hat, privater und öffentlicher Dummheit und Brutalität von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Das Urteil, das ihn betroffen hat, wird von der gesamten jungen dänischen Literatur als eine persönliche Kränkung empfunden werden. Und alle Freunde seiner freien und starken Begabung werden sich vereinen in der Entrüstung über ein Gesetz und ein Urteil, das keinen Unterschied zu machen weiß zwischen Literatur und unzüchtiger Spekulation. Wie es heißt, will Herr Warberg indessen dem Oberappellationsgericht in dieser Sache das letzte Wort überlassen. Warberg lächelte, als er dieses Aktenstück gelesen hatte: Ach ja, »die junge dänische Literatur«! Nein, die geriet wohl nicht so leicht in Entrüstung! Keiner entrüstete sich mehr in diesem Lande, wo alles zu einem großen gemütlichen, mittelvergnügten, glatten Brei verschmolz! Leben und leben lassen, das war der Refrain. Zehn Jahre später, so saß wohl der Mann, der so harte Worte für Gesetz und Recht in Dänemarks Reichen gebraucht hatte, als eifriger Mitarbeiter in der Redaktion des konservativen »Berlingischen Politischen und Annoncenblattes« ... Na, aber was ging das ihn an! Und es war ihm wirklich, als ob die Sache ihn nichts anginge! Ja, doch vielleicht noch angehen würde, denn, wurde er nun vom Oberappellationsgericht zu Gefängnis verurteilt, so mußte er ja seinen Stab ergreifen und hinter Schloß und Riegel wandern. Aber er fühlte sich doch mehr als Zuschauer, hier wie sooft im Leben. Es kam ihm vor, als führe man das ganze Schauspiel zu seiner speziellen Unterhaltung auf. Das einzige, was ihn so recht gründlich anging, waren seine Bücher, seine schriftstellerische Tätigkeit, und da sollte ihn nichts hindern, zu schreiben, wie er nun einmal schreiben zu können und zu müssen glaubte! Aber das war vielleicht nur eine fixe Idee! Versuchen wir es nur mit der höchsten Gerichtsbarkeit und Gerechtigkeit, dachte er. Es kann ganz interessant werden, zu erfahren, wie sie über die Sache denkt! Und er fügte den Kehrreim seiner privaten Weltanschauung hinzu: »Man soll lernen, solange man lebt! ... Und dann im übrigen mag der Teufel die ganze Geschichte holen!« Er setzte sich an den Schreibtisch, tauchte die Feder ein und schrieb auf sein Löschpapier: Mich affiziert auf Erden nichts weiter mehr als meine Hühneraugen! Gunnar Warberg, cand. phil. Aber dann fuhr er auf: »Na, zum Satan, soll ich denn keine Ruhe mehr haben!« Es hatte jemand an die Tür geklopft. Er ging hin und öffnete. Der Briefbote war es, der ihm einen Brief in einem großen blauen Kuvert überreichte. »Ämenäi«, sagt er; »hm, hm! ... ich sehe, daß der Herr verurteilt worden sind.« »So, das sehen Sie, Petersen?« »Ja, hm, hm, und wenn ich dem Herrn einen Rat geben darf, dann sollen der Herr man ja nich ans Appellationsgericht gehen mit die Geschichte!« »Also nicht?« »Nein, denn die auf dem Postamt sagen, dann, hm, hm, – dann kriegen der Herr erst richtig was aufgebrummt.« »Soo – oo, ja ...« »Ja, dann äjä, sehen Sie, ämenäi, ... die, die da oben beim Oberappellationsgericht sitzen, die sind noch viel älter als die, die beim Gericht sitzen! Und das weiß man doch, äjä, je älter man wird, desto strenger wird man auch gegen die Jugend!« »Es ist etwas dran, Petersen!« »Und mir lesen alle da auf dem Postamt die Geschichten, hm, hm, die der Herr schreibt!« »So, tut ihr? Und was sagt ihr dazu?« »Ja, äjä, so geht's ja natürlich zu in der Welt, aber, ämenäi, was ich sagen wollte, die Leute machen sich bloß nichts daraus, es gedruckt zu sehen, Herr! Und ich finde auch, äjä, und das sagt der Postassistent Finsen auch, wenn man so klug und begabt is wie der Herr, dann müßte man doch am Ende was dichten können un, äjä, un brauchte nich sich so einfach bloß damit zu begnügen, aufzuschreiben was passiert! – ... Un äjä, wenn es nu noch dazu, hm, kremenell is, Herr!« »Ja, gewiß, Petersen, ja gewiß, das ist dumm von mir!« »Ja, ja«, nickte der Briefbote und begann die Treppe hinunterzugehen, »der Herr lachen; aber äjä, es is drum wahr, was ich sage!« »Ich lache durchaus nicht über Ihre Wahrheiten, mein guter Petersen, ich weine!« »Ja, ja ... Adieu, Herr!« »Adieu, adieu, Petersen! ... Ich werde es mir schon überlegen, was Sie gesagt haben!« »Puh!« blies Gunnar, als er ins Zimmer zurücktrat. »Immer und ewig das alte Geschwätz! ... Aber wenn auch drei Generalpostdirektoren mit ihren Direktricen in meine Tür träten, und ... Na, Teufel! ich spucke auf die ganze Geschichte, wie der Russe sagt!« Er öffnete das Kuvert und nahm ein ungeheuer großes Dokument daraus hervor. »Ho, ho – o«, sagte er, nachdem er es gelesen hatte. »Das ist ja toll, wie sich die höchste Gerechtigkeit auf die Strümpfe macht! Sie will uns wohl, ämenäi, zuvorkommen! Ach ja, selbst göttliche Institutionen können an menschlichen Schwächen leiden!« Das Dokument lautete: Kopenhagener Polizei. Polizeibehörde. d.. Dezember 18 ... Das Justizministerium hat mir unter dem 15. d. M. folgenden Auftrag zugehen lassen: Daß in dem Prozeß gegen Gunnar Johannes Warberg mit dem heutigen Tage noch einmal beim Oberappellationsgericht Berufung eingelegt worden, sowie daß die Rechtsanwälte beim Oberappellationsgericht Petersen und Sörensen beordert sind, die erwähnte Sache zu bearbeiten, dieser als Ankläger und jener als Verteidiger, das solle man anläßlich des geschätzten Schreibens der Kopenhagener Polizeibehörde vom 9. d. M. zur geschätzten Kenntnisnahme und weiteren Bekanntmachung hiermit auf dienstlichem Wege melden. Was Ihnen hiermit auf dienstlichem Wege gemeldet wird. Hansen. An Herrn cand. phil. Gunnar Johannes Warberg. Kronprinsensgade Nr.87, 4.Etage, Kopenhagen. »Doch ärgerlich, daß man nun verhindert worden ist ... als eine schöne Nummer eins durchs Ziel zu gehen!« murmelte Gunnar.   Dies geschah am Vormittag. Am Nachmittag kam Ämenäi-Petersen wieder. Er brachte diesmal zwei Briefe. Das Format war nicht besonders groß, aber der Inhalt ermangelte keineswegs des Interesses: Amager, 16. Dezember 18 ... Herrn cand. phil. G. Warberg. Es tut mir leid, Sie hiermit davon benachrichtigen zu müssen, daß ich Sie in meiner Schule nicht mehr gebrauchen kann. Ich habe wohl nicht erst nötig, Ihnen den Grund zu erklären, da Ihnen die heutigen Tageszeitungen genügend Aufklärung geben werden. Das Renommee einer Schule duldet keinen solchen »Mitarbeiter«. Da die Weihnachtsferien so nahe bevorstehen, bemühen Sie sich, bitte, nicht mehr hierheraus. Ihr Guthaben für den ganzen Monat Dezember werde ich Ihnen morgen per Postanweisung zugehen lassen. Achtungsvoll ergebenst Niels Peter Bigum, Schulvorsteher. Warberg stand wie zur Bildsäule erstarrt mit dem Briefe in der Hand. »So«, sagte er, »so! Ja, dazu läßt sich ja nichts sagen! Dazu – läßt – sich – ja – nichts – sagen! Isch!« knurrte er und schleuderte das Schreiben auf den Fußboden. »Gesindel!« Dann öffnete er den zweiten Brief: Lieber Warberg! Ich konnte es nicht verhindern. Sie wissen, in welchem Verhältnis ich zu Bigum stehe. Komme morgen nachmittag zu Ihnen, um mit Ihnen zu sprechen. Freundlichen Gruß von meiner Frau und Ihrem ergebenen Harald Möller. Zwei documents humains , dachte Gunnar ruhig und bückte sich und hob Herrn Bigums Schreiben vom Boden auf. »Man muß sich an eine rein zoologische Auffassung der Verhältnisse gewöhnen: die großen Hechte fressen die kleinen, das ist das Ganze ... Aber wo zum Teufel soll ich nun was zu essen hernehmen? Diese dreißig – vierzig Kronen monatlich ... Na, die ersten paar Monate helf' ich mir schon durch. Und dann komme ich wohl eine Zeitlang ins Zuchthaus ... und dann ... Na, bleiben wir, vorläufig beim Zuchthaus stehen! Nach dem Zuchthaus le deluge! ... Armer Möller«, murmelte er dann halblaut, »nun hat er gar keinen, der ihm dem Leichenräuber gegenüber ein wenig das Rückgrat stärkt! ... Heilige Mutter Gottes, wie schlecht wird die Welt administriert!«   Es war abends so zwischen fünf und sechs in der Östergade. Der Lichtschein aus den Läden legte sich breit über die Straßen, wo das Menschengewirr vorwärts wimmelte und sich drängte und stieß wie Fische in einem Aquarium. Warberg kam aus der Köbmagergade, den Stock unter dem Arm und den Rockkragen um die Ohren hochgeschlagen. Er wollte hinaus und die Tiere in Freiheit dressiert sehen. Das war seine beste Stunde, wenn das Gas angezündet wurde und die Dunkelheit wie eine große schwarze wollene Decke über Straßen und Häusern hing ... und alle Fischlein mit ihren Flossen spielten. Er betrachtete die Roggenfische, die behende und zierlich im Aquarium umherstrichen und sich einbildeten, daß sie draußen im großen freien Meere seien, wo man sich mit dem paart, für den das Fischherzchen im Augenblick am heftigsten hämmert. Und er betrachtete die Mischfische, die Männlein, die langsam auf- und absegelten und nach den Appetitlichsten von den Kleinen Umschau hielten. Da waren große fette Großhändlerfische mit Gold auf dem Bauche und gewürzten Speiseresten zwischen den Zähnen; sie drängten sich in ihrer ganzen Breite durch wie Rotzungen und Flundern und patschten mit Flossen und Schwänzen weit umher. Und da waren kleine magere Studentenfische, spitznäsig und neugierig, eben aus der Brutanstalt gekommen. Und Kommisfische mit geputzten und blanken Schuppen. Und Journalistenfische, die umherschwirrten und nach Neuigkeiten fragten. Und Schriftstellerfische, mit Dichtertang im Gehirn und Tiefsinn in den Augen ... Aber sie alle lauerten doch nur auf eines: sich einen Roggenfisch für die Nacht zu kapern! »Bist du's, Gunnar! Ich wollte gerade zu dir hinauf!« Linse stand vor Warberg, atemlos und eifrig. An ihren Fingern baumelten allerhand Paketchen. »Was willst du?« »Ach, bitte, du mußt heute abend zu mir kommen! Frau Kröyer kommt und dann noch ... und noch jemand anders!« »Was für einer?« »Jemand, der dir Spaß machen wird ... Er ist Jockei gewesen!« »Was ist er gewesen?« »Ja, jetzt ist er Sänger, aber er ist Jockei gewesen. Ich spiele mit ihm. Er hat ziemlich sichere Aussichten auf ein Debut in der Königlichen. Oh, er ist so merkwürdig; er spricht kein Wort. Aber er singt großartig.« »5o ... Und was hat er für Beine?« Binse überhörte Gunnars Frage oder tat wenigstens so, und sagte: »Du kommst also ... ja?« »Ich kenne ja keinen von ihnen ...« »Was tut das! Frau Kröyer ist famos, so nett und amüsant! Ihr Mann ist auf der Reise, er ist Handelsreisender, und sie lebt vollständig en garçon !« »Du hast ja erzählt, daß sie zwei Kinder hat!« »Ja – a, aber die versieht das Mädchen.« »Ich mag wirklich nicht, Binse!« »Ach doch, ja? Es kommt denen zu Hause auch so merkwürdig vor, daß du mich nie mehr besuchst! Komm nun, ja ... um meinetwillen!« »Na, ja, ja!« »Du bist süß«, sagte Binse und kniff ihn in den Arm. »Ich könnte dir ganz gern einen Kuß geben! ... Oh, Gunnar, wenn du nur ein wenig gut gegen mich sein wolltest! Ich bedarf gerade jetzt eines guten Freundes, mit dem ich sprechen ... Nein, nein, ich schweige schon still! Dann kommst du also?« »Ja.« »Um acht Uhr. Ihr müßt zu Hause essen. Bei mir bekommt ihr nur Konfekt und Wein. Das ist so nach französischer Art, weißt du.« »Geh' jetzt, Binse!« »Du kommst also?« »Ja, in drei Teufels Namen! ... Aber geh' jetzt, ich kann dich nicht hier haben!« »Gehst du und schaust nach Mädels um?« fragte sie mit einem häßlichen Lachen. »Ja. Ich will sehen, daß ich eine neue ... eine neue Jockeireiterin finde.«   Um halb neun Uhr läutete Warberg an der Flurglocke des kleinen Häuschens, in dem Binse mit Mutter und Schwester wohnte. Sie kam selbst hinunter und öffnete. »Wir gehen gleich zu mir oben«, sagte sie in flüsterndem Tone. »Die drinnen sind muffig« (sie deutete auf die Tür zur Wohnung der Mutter). »Warum kommst du so spät?« »Ach, da war ein Mädel ...« Sie gingen die Treppe zur Mansarde hinauf, wo Binse ihr Zimmer hatte. »Herr Gunnar Warberg – Frau Kröyer – Herr Magnus ...« Warberg nahm die beiden Gäste in Augenschein. Am meisten interessierte ihn Herr Magnus, »mein Nachfolger«. Es war ein großer, kräftiger, junger, etwa fünfundzwanzigjähriger Mann, von herrlichem Wuchs. Aber sein Gesicht war nicht ansprechend: ein breiter brutaler Mund und hellblaue hervorquellende Augen. Es fiel Gunnar auf, daß eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und Binse bestand. Ob das nur an dem Mund oder an dem blauschwarzen krausen Haar lag, konnte er im Augenblick nicht sagen, vielleicht lag es hauptsächlich an diesem etwas gierigen Ausdruck in den Augen. Frau Kröyer war eine mittelgroße wohlgenährte Dame mit blondem Kraushaar und einem netten Puppengesicht. Aber ihre Wangen waren zu groß, Warberg konnte sich nicht entsinnen, jemals solche Areale von Fleisch in einem Gesicht gesehen zu haben. Na, weshalb dieses Kapitel noch länger ausdehnen! Diese vier Menschen verbrachten also den Abend miteinander und fühlten sich äußerst mollig beim Plaudern und Trinken, bei Gesang und Musik, Knackmandeln und kandisierten Birnen. Die Beine des Jockeis sowie seine übrigen Qualifikationen schienen im Verlaufe des Abends immer mehr Eindruck auf Binse zu machen, so daß sie schließlich Gunnar gegenüber viel Würde entwickelte – – ungefähr wie wenn man im Whist mit dem Trumpfaß in der Hinterhand sitzt. Und Warberg seinerseits bot Frau Kröyer den Arm und begleitete sie nach Hause. Und als sie in dem dunklen Torwege des Hauses in der Spaldergade, in dem sie wohnte, voneinander Abschied nahmen, küßte er sie zärtlich auf beide Areale ... Hurila, hurila, hei!   Es regnete ganz unvernünftig. Das Wasser fiel platschend und spritzend auf Straßen und Märkte hinab, als ob es unablässig aus einer großen Tonne gegossen würde. Alle Dachrinnen liefen über und bildeten sich ein, Sturzbäder zu sein, und alle Rinnsteinbretter bekamen Freiheitsgelüste und schwippsten fröhlich von Bürgersteig zu Bürgersteig davon. Und ringsum in Torwegen und Haustüren hatten sich Menschen zusammengeschart, die standen und verblüfft auf diese Mauer von Wasser starrten. Auch Warberg hatte Schutz gesucht. In einem Torwege auf dem Höibroplatz. Er war oben gewesen und hatte sein Fünfzigpfennigdiner an seinem »Mittagstisch« in der Pilestraede eingenommen und wollte sich von dort zum »Schweizer« hinaufbegeben, wo Vetter Benjamin mit ihm ein Stelldichein verabredet hatte; aber da begann das Wasser, mit Respekt zu melden, aus den Wolken herunter zu pladdern. Es hatten sich eine Menge Menschen im Torweg unten zusammengestopft. »Das ist der dollste Regen, den ich solange wie ich lebe observiert habe!« sagte ein alter Maurer mit einer tief in den Nacken geschobenen kalkbespritzten Kindermütze. »Naa – a, weißt du, Markussen«, erwiderte ein kleiner Mann, der neben ihm stand »im November achtundsechzig hatten mir mal einen hier, der hatte sich, weiß Gott, auch gewaschen!« »Soo – o?« »Ja, denn wir wohnten draußen im Keller in der Borgergade vierundvierzig, verstehste, hörste, da wo jetzt Madame Engelsen ihre Kneipe hat; un wir wachten, hol mich der Deuwel, mitten in der Nacht dadurch uff, daß die Kissen unter uns anfingen naß zu werden!« »Das konnte ja ooch am Ende sozusagen uff andere Umstände beruhen, Jakob Sörensen«, bemerkte Markussen trocken. Ein junges Mädchen im Hintergrunde des Torweges begann zu kichern, und Jakob Sörensen sagte entrüstet: »Man sollte wirklich nicht einen gebildeten Menschen in dich vermuten, Markussen; denn du kannst dir nie zügeln, wenn Damens dabei sind.« Markussen brummte, antwortete aber nicht. »Gott, und wo ich's doch so eilig habe!« rief plötzlich eine ältere fette Frau, die in der Nähe von Gunnar stand und transpirierte und wütend aussah. »Kann ich nich die Ehre haben, Madamchen nach Hause zu fahren?« fragte ein Droschkenkutscher und lüftete die Mütze. »Wieviel nehmen Sie?« »Kommt darauf an, wo die Gnädige wohnen.« »Petersens Passage Nummer vierzehn.« »Eine Krone.« »Beutelschneiderei, un – nee, Danke!« sagte die Dame und wandte den Kopf ab. »Vielleicht ist die Madame gewohnt, gratis ohne Bezahlung zu fahren?« fragte Markussen, den das Fett der Frau vermutlich ärgerte. »Stecken Sie Ihre Nase in Ihre eigenen Sachen«, sagte die Frau spitz. Plötzlich gerieten die vordersten Reihen nach der Straße zu in Bewegung. Ein Herr wollte sich durchbohren, um ins Trockene zu kommen, was man nicht erlauben wollte, da er einen klatschnassen Regenschirm aufgespannt hatte. »Sie müssen mich hineinlassen«, bat er. »Das ist nun die dritte Haustür!« »Erst den Regenschirm zu«, gebot eine Stimme. »Ja, ja, gleich! Aber lassen Sie mich doch erst ins Trockene! Ich werde ja sonst pudelnaß!« Kaum hatte der Mann sich unter die Wölbung des Torweges hineingepreßt und seinen Schirm zugemacht, als der Regen aufhörte, eben so unmotiviert wie er angefangen hatte. »Nu is es knochentrocken«, sagte Markussen. »Jetzt gehen wir, Sörensen, ehe der Alte da oben wieder'n Katarrh kriegt!« »Die Krone wäre gespart«, nickte die fette Dame mit einem Seitenblick auf den Droschkenkutscher. Gunnar hatte schon ein ganzes Stück der Straße hinter sich. Das Wasser strömte noch in den Rinnsteinen, und er mußte zwischen den in den Höhlungen der Trottoirfliesen wie große blanke Seen stehenden Pfützen herumhüpfen und springen. Aber die Flammen der Laternen und die Lichter der Ladenfenster spiegelten sich munter in den nassen Steinen, die Droschken rollten flott davon, und die Menschen plauderten und lachten und kreischten, wenn sie in eine Wasserpfütze traten oder von den Rädern eines vorüberrollenden Wagens bespritzt wurden. Es war eine gewisse Festivitas über das ganze Straßenleben gekommen, jetzt da der Regen aufgehört hatte und man den engen Türen und Torwegen entschlüpft war. Oben im »Schweizer« war es warm und gemütlich wie immer. Die Gäste saßen rings in den Ecken unter den leuchtenden Gaskuppeln und lasen tiefsinnig ihre Zeitungen. Ein paar Journalisten vom »Kopenhagener« saßen im vordersten Lokal und spielten Domino. Gunnar nickte ihnen zu und ging ins Hinterzimmer, um zu sehen, ob der Vetter schon da wäre. Nein, noch nicht. Es saßen nur zwei Herren drinnen, ein dicker und ein dünner. Sie saßen und sprachen ganz laut, als wären sie in einem Privatkontor. Gunnar wurde geradezu gezwungen, ihr Gespräch zu belauschen, wenn er auf seinem »Sofa« drinnen sitzen wollte – und das wollte er: »Der Kuckuck mag wissen, wo er das Geld herkriegt!« sagte der Dicke. Er hatte rotblonde »Whiskers«, tief ausgeschnittene Weste und eine breite goldene Uhrlette. »Tscha – a«, sagte der Dünne und sah tiefsinnig aus. Er glich einem »abgeschabten« Bürovorsteher aus einem Ministerium oder einem fallierten Großhändler, der jetzt als Agent arbeitete. »Tscha, das kann man ja nicht so leicht wissen.« »Denn er wird es doch nicht etwa stehlen!« platzte der Dicke heraus. »Stehlen?« »Ja, so was hat man schon erlebt! Und irgendwo muß er es doch hernehmen!« »Ja – a ...« »Wie groß ist sein Gehalt, meinen Sie?« »Oh, so an die dreitausend Kronen ...« »Kann man dafür Pferd und Wagen halten?« »Ja – a –« »Und die Villa?« »Er tut es doch!« »Und seine Mittage! ... Ich kann es, bei Gott, nicht mit ihm aufnehmen; und ich habe doch gegen sechs ...« »Sie verkehren dort im Hause, Herr Schleiermacher?« »Lieber, Sie gehören zu meinem nächsten Verkehr! ... Kennen Sie die Frau?« »Nein ... ja, das heißt von Ansehen ...« »Allerliebst! ... Und die Töchter! ... Tut mir leid um die Familie?« »Soo – oo?« »Ja, denn das muß doch mal zum Klappen kommen, mein lieber Krohn! Es muß ja mal zum Klappen kommen! ... Hier vor ein paar Jahren war so 'ne faule Geschichte gelegentlich einer Kassenrevision bei ihm, aber er kam ja noch mit einem blauen Auge davon ... Ich zog mich natürlich gleich zurück, sowie ich davon hörte ... Man kann doch bei Gott nicht mit all und jedem verkehren!« »So, Sie verkehren nicht mehr dort im Hause?« »Doch, doch! Die Sache verlief sich ja im Sande! ... Und dann war es doch schade um die Familie!« »Ja.« »Na, aber, was ich sagen wollte! Dreitausend Kronen! Was sind dreitausend Kronen!« »Nee«, sagte der Dünne und seufzte sehnsüchtig. »Aber hat er keine Nebeneinnahmen?« »Keine Spur! ... Keine Spur! ... Und Frau und drei Töchter! Und flott angezogen gehen sie allesamt! ... Und jetzt, Donnerstag, schicken wir zu ihnen, ob sie nicht Lust haben, abends bei uns ein einfaches Butterbrot zu essen. – Da müssen sie ins Theater! Alle fünf! Erstes Parkett natürlich! Mindestens fünfzehn Kronen! Und das Restaurant hinterher!« »Na ja«, meinte der Dünne und schob die Brust heraus. »Und das ist keine Ausnahme«, fuhr der Dicke eifrig fort. »Das ist keineswegs eine Ausnahme, mein guter Krohn! Alle Augenblicke sind sie im Theater! ... Was, meinen Sie nicht, kostet das?« »Ja – a, natürlich ... eins kommt zum andern ...« »Na aber, Sie sollen sehen, das kommt zum Klappen! ... Und an der Familie ist eigentlich auch nicht viel dran! Klatschhaft! Und die Töchter – sehr leicht! Aber sie ist ja auch von ziemlich einfacher Herkunft. Der Vater war wohl Portier! ... Und seine Familie! Na ja, sie mag ja sehr respektabel sein, gewiß! Aber wissen Sie: ein Lehrer in einer Kleinstadt ... was?« »Nee ...« »Es ist nun merkwürdig mit diesen Leuten, die so von unten kommen, die meinen Geld und Geld, das ist alles! ... Und es ist doch eigentlich rein Nebensache!« »Ja – a ...« »Jetzt sind wir morgen dort zu Mittag geladen. Ich bin sicher, sie fahren sechs, sieben Gerichte vor! Wozu ist das, wenn man nachweisbar nicht die Mittel hat? ... Na, mich geht's natürlich nichts an! Aber ich meine, es ist Sünde wegen der Familie! ... Kommen Sie ein bißchen mit auf die Straße? Es ist schon spät!« »Ja«, sagte der Dünne, »mit Vergnügen!« Und dann gingen sie. Bald darauf kam Vetter Benjamin, steckte atemlos den Kopf zwischen die Portieren und sah sich um: »Ach, verzeih, Gunnar ... aber das Regenwetter ... ich konnte nicht ausgehen ... meine Sachen ...« Warberg blickte ihn aufmerksam an und stutzte, denn Mette hatte eine funkelnagelneue Jacke, Weste und Hose an. Und einen reinen Kragen und reine Manschetten hatte er auch. Nur die Schuhe waren die alten vom Turm zu Pisa: ebenso schief und ebenso unvergänglich! »Das ist ja großartig, wie fein du bist, Mette!« »Ja«, sagte Mette und sah stolz an sich herunter. »Wo hast du denn all den Staat herbekommen?« »Frau Hartmann hat mich zu einem Schneider mitgenommen ... Ach, sie ist so gut, Frau Hartmann, ich liebe sie!« »Ja, sie muß famos sein! ... Na, setz dich! ... Was wolltest du mit mir besprechen?« »Wünschen die Herren etwas?« Es war der Wirt, Herr Federschlag, der auf einem Bein stand und in der Tür zum Büfettzimmer Schwimmübungen machte. »Nein, danke, vorläufig nicht ... Oder möchtest du etwas, Benjamin? Vielleicht eine Bayrische?« »Ja, danke, wenn ...« »Wollen Sie uns eine Bayrische bringen, Herr Federschlag ...« »Mit Vergnügen ...« »Na, was hast du nun auf dem Herzen?« fragte Warberg wieder. »Ja, siehst du, Gunnar, ich möchte dich um einen großen Dienst bitten.« »Na, wenn er nur nicht allzu groß ist ...« »Nee«, lächelte Mette nervös. »Aber ... aber könntest du nicht ... Nun habe ich ja diese Sachen hier bekommen und sehe ganz fein aus, da meinte ich ... da würde es doch für mich so gut sein, wenn ich in eine nette Stellung hineinkönnte ... und du hast ja solch großen Einfluß bei allen Blättern ...« »So – o?« »Ja, Gunnar, den hast du, denn was du schreibst, ist ja das Allerbeste! ... Und da meinte ich, ob du nicht glaubtest, daß du mir eine Anstellung bei einer Zeitung verschaffen könntest!« »Eine Stellung? Als was, wenn ich fragen darf?« »Ja, sieh mal, das weiß ich selbst nicht so recht ... Hör mal: ich hatte ja eine Annonce in die Berlingsche einrücken lassen wegen einer Stellung als Journalist!« »Hm ... Hast du darauf Antwort bekommen?« »Ja – a«, sagte Mette verlegen. »Ich bekam freilich ein Billett ...« »So?« »Es gibt so viel schlechte Menschen, Gunnar ...« »Oh ja ...« »Ja, das ist wahr«, sagte Benjamin eifrig. »Sieh bloß das Billett.« Er zog ein Stück gelbes Konzertpapier aus der Tasche und reichte es Warberg. »Lies!« Und Gunnar las: Mein Herr!!! Sie können sehr wohl bei mir Beschäftigung als Journalist finden, aber Sie müssen wirklich vorher ein paar Jahre Unterricht in dänischer Rechtschreibung nehmen, denn in Ihrer Annonce heißt es »an einer unserer Hauptstadts- oder Provinzzeitungen«, der Bindestrich hinter »Hauptstadts« zeigt die Verbindung mit »Zeitungen« an, also steht da »an einer unserer Hauptstadtszeitungen!« hahaha, ist das Dänisch? Wie? Wissen Sie, was das ist? Das ist mallebarisch! Ich reflexiere nicht auf Ihre Kenntnisse des Englischen, Französischen, Deutschen, Russischen, Lateinischen und Chinesischen. Ergebenst X. Gunnar mußte lächeln. »Ist das nicht schlecht?« fragte Benjamin betrübt. »Nein, das ist dumm, mein Junge!« »Und er kann ja auch nicht Dänisch«, fuhr Mette fort. »Es heißt doch reflektieren.« »Es heißt reflektieren, ja! Aber was hattest du denn in dieser Annonce geschrieben?« »Ich hatte geschrieben, daß ich gern eine Stellung als Journalist an einer Zeitung haben möchte, und daß ich Deutsch, Schwedisch und Russisch könne.« »Ja, aber, das kannst du doch nicht, lieber Mette!« »Oo – oo, ich kann doch wohl mehr als die meisten hierzulande«, sagte Mette verletzt. Warberg antwortete nicht. Aber wie schon so oft erfüllte ihn ein bitteres und erdrückendes Mitleid mit diesem großen unmöglichen Kinde an seiner Seite, von frühester Kindheit an hatte man ihn verwildern lassen und vernachlässigt. Niemand hatte sich seiner angenommen, niemand ihn geleitet. Die Mutter fürchtete seine Geburt, und den Vater hatte er nie gekannt. Und als die Mutter sich dann verheiratete, wurde der Knabe bei fremden Leuten untergebracht, und nie hatte er ein freundliches Wort gehört, und nie hatte wohl eine liebevolle Hand ihm die schweren salzigen Kindertränen aus den Augen gewischt ... »Puh, man sitzt schließlich hier und wird sentimental wie eine Stiftsdame!« »Was sagst du, Gunnar?« Warberg richtete sich auf und blinzelte, bis die Augen wieder ihren richtigen Blick hatten. »Was ich sage? ... ich frage, ob du dich auf die Verse besinnen kannst, die ich dir schickte, als du in Rußland warst?« »Du hast mir niemals Verse geschickt, Gunnar.« »So, nicht? Ja, dann habe ich sie einem andern geschickt. Er hatte Liebeskummer! Hör' zu! Lieber Freund, greife frisch zum Pokale, Was, zum Teufel, bist du so bange? Oh, bedenk' doch, es dauert nicht lange, Bis der Sensenmann bläst das Finale Und löscht aus diesen Blick, Diesen strahlenden Blick, Der bezaubert dich so viele Male! Wie sollt' sie dir anders erscheinen Als reizend, die kleine Lisette, Mit der Haut, der blendenden reinen, Und den Füßen so nett und adrette, Und der Taille so dünn! Ach ja, unser Ruin Sind die Satansmädel, die kleinen! Selig warst du, als sie im Getümmel Jenes Tages die Hand dir zart drückte. Als 'nen andern sie gleich drauf beglückte, Fielst du wieder, pardauz, aus dem Himmel. Doch sie schäkerte froh. Glaub' mir, alle sind so, Jede einz'ge im holden Gewimmel! Rauch ist all unser Streben und Träumen, Deshalb laß die Zigarre nur glühen, Um so lange es geht dran zu ziehen. Denk', wie bald kann das Leben verschäumen! Und dann ist es zu spät. Du bist spurlos verweht, Wie des Lenzwindes Spiel in den Bäumen! ... Na! Nicht wahr, Alter, so ist's recht! Wollen wir ein paar Butterbrote essen? Du ißt doch wohl ein paar Butterbrote mit? He, Lauritz! ... Ach, es ist wahr, er ist ja nicht mehr hier! Siehst du, da wollte ich auch helfen! Es war gut gemeint, aber es wurde nichts daraus! ... Herr Ober, wir möchten sechs Belegte und zwei Glas Tee! ... Gläser, aber ohne Zitrone! Das Leben ist so schon sauer genug! ... Vielleicht trinkst du lieber Bier, Mette?« »Ich danke.« »He ... Herr Ober, der eine Tee soll ein Bier sein!« »Ich möchte nun auch gerne Bier haben, Gunnar!« »Gut! ... Herr Ober! ... Noch mal! Beide Tee sollen Tee sein, und dann noch ein Bier! ... Siehst du, so war man damals gelaunt!« schloß Warberg seine Suada und schlug dem Vetter auf die Schulter. »Da waren die Stämme noch heil, alter Holzhacker! ... Aber nun die Sache hier mit der Journalistik, liebes Mettchen«, fuhr er in einem ernsteren Tone fort, »das hat ja nichts auf sich, davon verstehst du nichts, und ich nebenbei gesagt auch nichts! Es ist also das beste, wir lassen den Gedanken fahren! Zerreiße den dummen Brief, dann ist die Geschichte vergessen! ... Aber warum in aller Welt strebst du nicht mit ganzer Kraft danach, dir eine Stellung in dem Fach zu schaffen, in dem du ausgebildet bist! Ich habe es dir wohl schon früher einmal gesagt, und ich mache dir durchaus keine Vorwürfe, jeder muß es ja schließlich einrichten wie es ihm paßt. Aber ich kann's nicht begreifen, daß du hier in der Stadt herumgehen und dir die Absätze schief laufen magst, du, der du warm und gemütlich auf dem Lande in einem kleinen Forsthause sitzen könntest mit weißen getünchten Mauern und Stockrosen und Sonnenblumen, die bis zum Strohdach hinaufreichen! Denk' dir, abends aus dem Walde heimzukommen, die Büchse und das Hirschgeweih in deinem Kontor zu hängen, wo das Feuer im Kamin flackert und auf dem Teppich spielt, und »Diana« legt sich lang hin, um sich von der Wärme durchbacken zu lassen, alle viere von sich gestreckt. Und dann wechselst du deinen Rock; den, den du anziehen willst, hat deine Frau zum Wärmen an einen Nagel in der Ofenecke aufgehängt, und du ziehst dir den warmen Rock an und setzest dich in den Schaukelstuhl mit der Lampe auf dem Tisch neben dir, während du an einer gutgestopften Meerschaumpfeife mit silbernen Beschlägen dampfst, die du am letzten Weihnachtsabend vom Baron erhalten hast! Und du liest deine Zeitung und rauchst und reckst dich und bist im siebenten Himmel! Und dann kommt deine kleine Frau und sagt, daß der Tisch gedeckt sei. Und du legst deinen Arm um ihre Taille und gehst hinein und ißt ein paar weiche Eier und eine kleine Hasenkeule vom Mittag, oder am Ende ein paar Schnepfen. Und dann nimmst du wieder deine Pfeife, und die Frau bereitet dir einen Grog, und du liest ihr aus meinem eben erschienenen Roman vor ... Oder, es ist wahr, du kannst ja singen und spielen, da müßt ihr natürlich ein Klavier haben, und deine Frau singt und spielt am Ende auch. Dann kann der Abend ja sehr angenehm verstreichen. Und wenn es dann auf zehn geht, dann steht ihr auf, küßt euch und sagt: Dank für heut' abend; und dann geht ihr zu Bett und schlaft und träumt liebliche Träume, während der Wind draußen in den großen dunklen Wäldern rings ums Haus seine stillen Orgelmelodien saust und brummt ... wie?« Vetter Benjamin hatte dagesessen und andächtig auf Warbergs Gemälde gelauscht; und als dieser endlich aufhörte, blickte er ihn mit tränenverschleierten Augen an und sagte: »Oh, Gunnar! Ach, wenn man es so haben könnte!« »Das könntest du wohl«, sagte Warberg voller Überzeugung, »wenn du bloß wolltest!« »Ich will morgen eine Annonce in die Zeitung einrücken lassen, Gunnar!« »Ja, das tue ...« nickte Warberg müde. »Und dann sollst du kommen und uns besuchen ... für den ganzen Sommer! Da wirst du doch in Ruhe sitzen und dichten können!« »Wo meinst du, würde das Fremdenzimmer am besten liegen? Meinst du oben im Giebel mit der Aussicht auf den Garten?« »Ja, oben im Giebel ist es gewiß am besten ...« »Ja, denn da muß es am ruhigsten sein, Gunnar! ... nach dem Hofe zu ist ja immer so viel Lärm ...« »Bitte, iß, Mette ...« »Danke«, sagte Benjamin und blickte verwundert zu Warberg empor. Aber er nahm doch ein Stück mit Lachs. »So ein feines Essen habe ich schon lange nicht bekommen«, sagte er. »Willst du noch einen Schnaps haben?« »Nein, danke.« »Ja, trinken wir einen Schnaps.« »Ja–a, danke ...« »Ach, Herr Ober, zwei Schnäpse!« Sie aßen schweigend, und als sie fertig waren, erhob sich Gunnar. »Willst du gehen?« fragte Benjamin. »Ja, ich habe jemand versprochen, um neun Uhr bei ihm zu sein ... Aber du kannst ja hierbleiben. Hier ist es so gemütlich ... Du kannst ja sitzen und an die Annonce denken, die du morgen schreiben willst ... Und daran, wie du das Forsthaus da oben auf dem Mo.. drüben in Fühnen oder Jütland, wo es nun sein mag, einrichten willst ... Willst du nicht einen Grog haben? Dabei denkt sich's so schön ...« »Ja, danke ... Ach, ich sitze abends so gern in so einem Café.« »Was soll es für ein Grog sein?« »Danke, am liebsten ein Rotweingrog.« »He, Herr Ober! ... Wollen Sie dem Herrn einen Rotweingrog bringen ... und dann ein paar Zigaretten ... russische!« Mette lächelte unter Tränen: »Wenn alle Menschen so gut wären wie du, Gunnar!« »Ja, dann wäre die Welt schön heraus! ... Na adieu, alter Waldmensch, und laß dir's gut gehen!« »Adieu, Gunnar, und Dank für heute abend!« »Hab' selbst Dank!« Man tut was man kann, dachte Warberg, als er draußen in dem vordersten Lokal stand und sich seinen Überrock anzog. Nun ist er wenigstens für heute nacht getröstet! Aber ach, aber ach! Morgen ist wieder ein Tag! Na, aber, wir sollen ja auf Erden ausharren!   Tage Banner mußte sterben. Die Krankheit hatte sich zur Schwindsucht entwickelt. Und dagegen ließ sich nichts tun. Das letztemal, als Warberg draußen in Ordrup gewesen war, um nach ihm zu sehen, kannte er schon nicht mehr sprechen. Er lag nur mit großen, glasklaren Augen und lauschte auf das, was der Freund von dem Leben drinnen in der Hauptstadt erzählte; und wenn er irgendetwas mitzuteilen wünschte, dann nahm er mit zitternder Hand eine kleine, vor ihm auf der Bettdecke liegende Tafel und schrieb die Worte mit unbeholfenen, allzu großen Kinderbuchstaben auf, die wie im Fieber schwankten. Er ruhte in einem nach Süden gelegenen Giebelzimmer in der Villa seiner Schwiegermutter. Weiße leichte Gardinen hingen vor den beiden niedrigen, kleinscheibigen Fenstern, daß die Sonne an klaren Tagen gerade zu ihm auf das Bett scheinen konnte. Und zwischen den Fenstern lagen auf einem Tisch eine Menge Bücher aufgestapelt, in denen er nicht mehr las. Seine Braut pflegte ihn, tüchtig und sorgfältig, doch mit einem seltsam starren und harten Ausdruck in den Augen. Und wenn Gunnar sich zeigte, betrachtete sie ihn mit fast feindlichen Blicken, und Tage mußte sie jedesmal bitten, das Zimmer zu verlassen, damit die beiden Freunde ungestört miteinander plaudern konnten. Sie ging dann auch, aber zögernd und unwillig. Gunnar setzte sich gewöhnlich auf einen Stuhl neben dem Bett und beide begannen von entschwundenen Zeiten zu sprechen, als sie sich auf dem Treppenflur kennen lernten und Warberg Tage Tabak geliehen hatte – eine Krone das Pfund! Und sie sprachen von ihren Wanderungen in der Umgegend von Kopenhagen, in Sondermarken, in dem Garten von Frederiksberg, und an dem alten Eisenbahnwall draußen bei Valby entlang. Die ersten Male, als Warberg zum Freunde hinauskam, lachten und scherzten sie viel; und Tage plante Spaziergänge, die sie im kommenden Frühjahr miteinander machen wollten. »Aber wir wollen unsere Bräute nicht mitnehmen«, sagte er und blinzelte schelmisch zu Gunnar empor. »Die Frauenzimmer sind Gesindel!« Und ohne Übergang erzählte er dann, daß seine liebe Schwiegermutter, seine Braut und Schwägerinnen ihm abwechselnd Vorlesungen aus der Bibel und anderen frommen Büchern hielten, um ihn zu dem alleinseligmachenden Glauben zu bekehren, auf den sie das Patent genommen zu haben glaubten. »Sie sind ja ein bißchen heilig«, lächelte er. »Aber, lieber Gott, laß ihnen doch das Vergnügen! Weiber müssen ja nun einmal rettende Engel sein, um sich richtig in ihrem Element zu fühlen, ich liege nur ganz stille und laß sie schwatzen. Ich mag wirklich nicht mehr über all das reden, womit ich schon längst fertig bin! Es ist viel hübscher, mit halbgeschlassenen Augen dazuliegen und zu träumen, während sie lesen! ... Aber warte nur, bis ich gesund bin«, nickte er energisch. »Dann werde ich ihnen doch ein für allemal Bescheid sagen!« Aber bald kam die Zeit, da auch Tage selbst einsah, daß er nie mehr gesund werden würde. Und da konnten ihm Tränen in die Augen kommen, wenn Warberg an seinem Bett saß, und er konnte sich darüber beklagen, daß er schon all das Schöne und Herrliche verlassen solle, das es hinter den kleinen Scheiben des Krankenzimmers gab! »Ich möchte so gern, so gern leben, Gunnar!« sagte er. »Weißt du noch, wie du über mich lachtest, damals, als ich sagte, das wäre Quatsch, das mit dem Tode? Daß ihr anderen vielleicht sterben müßtet, aber ich nicht! ... Weißt du, was mir einfiel, während ich hier so allein gelegen habe ...? Denn mit denen drin (er deutete auf die Tür) kann man ja nicht reden ... so richtig!« »Nein?« »Es fiel mir ein, daß es schrecklich sein müsse, zu den großen Begabungen auf der Welt zu gehören, ein so entwickeltes Gehirn zu haben, daß man hinter alles, was gesagt, und alles, was geschieht, auf den Grund sehen könnte! ... Nein, nicht auf den Grund sehen, denn dann würde man ja Gewißheit haben. Aber doch sehen könne, daß alles, woran man glaubt, alles, worüber man sich froh und stolz fühlt, weil man ein Mensch ist, daß all das miteinander vielleicht Taschenspielerei und Blendwerk ist, etwas, was man sich selbst einbildet oder sich von anderen einbilden läßt ... Du verstehst mich wohl ...?« Gunnar nickte. »Denn es ist doch so merkwürdig, das Ganze!« fuhr Tage fort. »Wir wissen über gar nichts Bescheid! Wir wissen nicht, warum wir geboren sind, nicht, warum wir sterben, nicht, warum wir leben sollen ... Und Gunnar (hier ergriff er die Hand des Freundes und blickte ihm starr ins Gesicht), wir wissen auch nicht bestimmt, ob unser Dasein mit dem, was wir Tod nennen, vorüber ist ... wissen wir das? ... wissen wir das?« »Nein«, sagte Warberg, »noch nicht.« »Du glaubst also, daß eine Zeit kommen wird, da wir das erfahren?« »Ich glaube, daß man einmal beweisen können wird, daß, was für Hunde, Affen und Neger gilt, auch für uns gilt, die wir mehr gelesen haben als Luthers Katechismus, nämlich: daß tot tot ist! ... Denn du mußt wohl bemerken«, fuhr er eifrig fort und vergaß völlig, zu wem er sprach, »daß gerade die ›christlichen‹ Menschen unter sich eine stillschweigend akzeptierte Theorie zur Herrschaft gebracht haben, daß man um so ›unsterblicher‹ wird, je höher man in der Bildung steigt ... oder es richtet sich vielleicht eher nach dem Staatskalender«, fuhr er fort. »Meinst du zum Beispiel nicht, daß ein ›gläubiger‹ Gutsbesitzer im tiefsten Innern seiner Seele fest davon überzeugt ist, daß er ›seliger‹ werden müsse als sein Viehknecht? Oder meinst du vielleicht nicht, daß eine Kammerherrin äußerst pikiert sein würde, wenn ihr Seelsorger im vollen Ernst behauptete, daß sie mit ihrer Waschfrau gemeinsam zum Himmel fahren solle? Na, aber das tut ein vernünftiger Seelsorger ja auch nicht«, schloß er. » Summa summarum ist, daß ›Heiden‹ wie du und ich das Leben lassen müssen, so gut sie es verstehen – daß wir ›unseren dunklen Pfad‹ allein gehen müssen.« Warberg schwieg und blickte den Freund an, um Beifall zu ernten; aber Tage hatte den Kopf auf die Kissen zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Das Sonnenlicht drang spielend durch die Scheiben und legte sich auf seine bleichen eingefallenen Wangen und mageren gelblichweißen Hände. Im Hause war kein Laut zu hören, nur ein schwaches Sausen der kahlen Bäume des Gartens konnte Gunnar vernehmen, und dann einen Holzwurm, der irgendwo in der Mauer nagte. »Tage ...« Der Kranke schlug die Augen auf und blickte Warberg mit schwerem, betrübtem Blick an. Gunnar lachte still, wie man lacht, wenn einem plötzlich etwas Lustiges einfällt. »Kannst du dich noch besinnen, Tage«, begann er, »kannst du dich noch auf den Abend besinnen, als du oben in unserer Mansarde auf dem alten Kongevej Geburtstagsgäste geladen hattest? Der Punsch stand in einer großen irdenen Schüssel mitten auf dem Tisch, und wir tranken ihn aus Teetassen, die wir uns von Frau Petersen geliehen hatten. Du hattest uns geschrieben, wir sollten uns im Frack und mit Ordensbändern einfinden, und wir kamen allesamt mit den prächtigsten Kotillonsorden auf der Brust.« »Ja«, lächelte Tage und lebte sichtlich auf, wie ein betrübtes Kind auflebt, wenn man ihm zum siebzehntenmal dieselbe lustige Geschichte erzählt. »Ja – a, das war damals, als der dicke Nielsen sich den ganzen Bart abnehmen ließ und frisiert, mit dem Haar in die Stirn und tiefgescheitelt ankam, daß ihn keiner von uns wiedererkannte.« »Ja, richtig, ja, er war großartig! Aber, aber, besinnst du dich dann noch auf den kleinen Vejbel, den kurzsichtigen kleinen Lümmel, den keiner von uns leiden konnte, den du aber eingeladen hattest, weil du damals in seine Schwester verliebt warst? Weißt du noch, wie er plötzlich den Kopf zur Tür hineinsteckte und fragte, ob hier der Student Banner wohne. Da rief einer von den anderen: Nein, das ist drüben am Vaernedamsvej, in der Schule, Nummer vier, Mansarde links! Und da ging der Schafskopf hin und rumorte drüben auf dem Schulboden eine halbe Stunde lang herum und wurde zuletzt vom Pedell hinausgeworfen!« »H – ja – a, er war ein richtiger Idiot, der Vejbel«, lachte Tage. »Aber die Schwester war wirklich niedlich!« »Ja, aber, weißt du dann noch«, fuhr Warberg fort, »damals, als wir die Gäste nachts nach Hause begleiteten, da kroch Pontoppidan in einen Lichtkasten in der Vesterbrogade, und war fast gar nicht wieder herauszukriegen!« »Ja, und als wir dann nach Hause kamen, du – das kommt mir nun fast am allerlustigsten vor, ... da hatten wir beim Gehen vergessen, die Tür zuzumachen, und da fanden wir den großen, scheußlichen schmutzigen Hund des Kohlenhändlers ganz gemütlich in deinem Bett liegen. Und mir konnten es nicht übers Herz bringen, ihn hinauszujagen, sondern legten ihn aufs Sofa und breiteten die Bettdecke über ihm aus, damit er nicht friere!« »Ja, denn wir waren ja gutmütig ... und betrunken!« lachte Gunnar. Und so fuhren sie eine Zeitlang fort, alte Erinnerungen aufzufrischen; und Tage vergaß seine Sorgen, und es kam ein schwacher rötlicher Schimmer auf seine Wangen und Licht in seine Augen, bis er dann plötzlich sagte: »Nun, glaube ich, mußt du gehen, Gunnar, denn ich fange an, so merkwürdig müde zu werden; ich glaube, ich möchte ein wenig schlafen.« Und dann stand Warberg auf und sagte adieu, ... und wünschte gute Besserung und versprach bald wiederzukommen. Aber als er dann das nächstemal kam, konnte Tage nicht mehr sprechen. Und das letztemal, als er draußen in der Villa war, hatte er nur ein paar Minuten bei dem Freunde sein können. Tage hatte seiner Braut gewinkt, man solle ihm mit dem Freunde allein lassen. Und als sie gegangen, hatte er etwas auf die Tafel geschrieben und sie Gunnar gereicht, während er ihn mit demütigen und flehenden Augen ansah. Auf der Tafel stand: »Ich habe gestern das Abendmahl genommen. Du darfst mir nicht böse sein.« Und Warberg hatte sich über ihn gebeugt und seine Hand geküßt und war dann eiligst aus dem Zimmer und die Treppe hinunter- und zum Hause hinausgegangen.   Seht ihr, nun kann man ja Gunnar freilich Vorwürfe machen, daß er zehn – zwölf Tage verstreichen ließ, ehe er wieder die Villa in Ordrup aufsuchte, um nach seinem kranken Freunde zu sehen. Aber wäre es nicht Tage Banner eine Qual gewesen, Warberg an seinem Bett zu sehen, jetzt, da die Weiber draußen die Macht in die Hände bekommen hatten und er dort lag, auf Gnade und Ungnade ihren Psalmen und Gebeten preisgegeben ... und vielleicht eine Art Trost, Beruhigung darin fand? Würde nicht der Anblick des Freundes alte aufrührerische Gedanken und »Standpunkte« wie verglimmendes Feuer in seinem müden, wehrlosen Gehirn aufflackern lassen, das nur noch Ruhe und Frieden verlangte? Müßte man nicht einen Menschen in der Überzeugung und mit den Gedanken und Stimmungen sterben lassen, die am besten imstande sind, ihm alle Angst und alle Fragen in friedliche Ruhe einzulullen? Diese tiefsinnigen Reflexionen hatten Warberg ferngehalten ... Und nun stand er doch an einem Spätnachmittag vor der Haustür der Villa und pochte an. Tages Braut öffnete. »Ich wollte nur fragen, wie es geht«, sagte Gunnar. »Es ist bald vorüber«, sagte sie und streckte ihm freundlich die Hand entgegen. »Dank für Ihre große Freundlichkeit ... wollen Sie nicht hinauf und von ihm Abschied nehmen?« Warberg stand einen Augenblick, ohne zu antworten. »Nein«, sagte er dann. »Aber wollen Sie ihn innig, innig grüßen; ich werde ... ich werde niemals ...« Er biß sich auf die Lippen und schwieg; er merkte, wenn er weiter spräche, würde er anfangen zu weinen, und er kannte nichts Lächerliches als einen weinenden Mann. »Sie sollten doch hinaufgehen«, fuhr sie milde fort. »Sie brauchen ja nur den Kopf zur Tür hineinzustecken und ihm zuzunicken ... Er hatte Sie so lieb!« »Nein ...« wiederholte Gunnar. »Nein ... ich kann nicht!« Und er wandte sich hastig ab und verließ das Haus, ohne ein Wort zu sprechen und ohne zu grüßen.   Eine Stunde später saß er oben in dem Restaurant an der Station Charlottenlund. Es brannte nur eine Gasflamme über dem Büfett, und das Lokal war trist und kalt. Er saß an dem einen Ende des Saales mit einer Tasse Kaffee vor sich. Der Kellner hatte gefragt, ob er die Flamme über dem Tisch anzünden solle, doch Gunnar hatte es nicht gewünscht. Ein Zug aus Kopenhagen kam angepoltert, die Waggontüren wurden auf- und zugeschlagen, die Lokomotive kreischte und der Zug bullerte weiter. Dann wurde die Tür des Restaurants aufgerissen, und ein Herr und eine Dame traten ein. Sie lachte und schwatzte und gestikulierte, er grunzte und nickte blaß und folgte ihr bis zum entgegengesetzten Ende des Saales, wo beide auf einem Sofa Platz nahmen. Warberg hatte sie sofort erkannt: es waren Binse und ihr Jockei. Sie trug einen Mantel aus gepreßtem Sammet mit Pelzverbrämung und dazu passender Mütze; er war im Pelz und Zylinder. Der Kellner sprang eiligst herbei. »Pasteten und Portwein!« wollte Binse haben. »Soll ich Licht machen?« »Nein«, sagte Binse. »Doch«, brummte der Jockei. »Ich finde, wir könnten es im Dunkeln viel gemütlicher haben«, sagte Binse. »Wir können ja den Mund nicht finden, Fernanda«, brummte der Jockei. Und die Lampe wurde angezündet. Gunnar mußte unwillkürlich lächeln: da saß sie, Binse, jung und behende und mit strahlenden liebeskranken Augen, wie am Morgen der Zeiten, als sie ihm ihre »Ehre« opferte! Sie lächelte und lachte und schwatzte und kitzelte ihren neuen Freund mit einem Handschuhfinger unter der Nase. Aber er wandte mürrisch-unempfänglich das Gesicht ab. »Laß das!« »Oh, du bist ein lieber, himmlischer, kleiner, süßer Stockfisch!« lachte sie und zupfte ihn an dem Schnurrbart. »Laß das, Fernanda«! Bedenke doch: Wir sind nicht allein!« »Meinetwegen mögen alle Menschen sehen, daß ich dich liebe!« lächelte sie mit zärtlichen weißen Zähnen und lehnte ihren Krauskopf an seine Hemdenbrust. »Kellner!« rief Gunnar. Binse fuhr zusammen, richtete sich auf und spähte ins Dunkel. Als der Kellner kam, zahlte Gunnar und ging. Unten an der Tür blieb er stehen und sandte dem Paare auf dem Sofa einen tiefen und ehrerbietigen Gruß. Aber er sah nicht, wie es seinen Gruß beantwortete, denn er wandte sich sofort ab und verließ das Lokal. »Wer war das?« fragte der Jockei. »Das war doch ... das war doch Gunnar Warberg.« »Ach ja, mir kam's ja so vor ... Der war ja fürchterlich höflich!« »Ja«, sagte Binse pathetisch. »Er nahm Abschied von seiner goldenen Jugend.« »Ist was zwischen euch gewesen, Fernanda«?« »Ja, wir sind sehr gute Freunde gewesen ... aber rein literarisch, verstehst du ... von meiner Seite wenigstens!« »Untersteh' dich, mit ihm zu techtelmechteln!« »Mein Othello!« lächelte Binse und sank wieder an der Hemdenbrust des Jockeis zur Ruhe. Und dann kamen die Pasteten.   Auf der Station erfuhr Warberg, daß der Zug nach Kopenhagen erst in anderthalb Stunden abginge, und er entschloß sich, den Strandweg entlang nach Hause zu gehen. Für Binse hatte er keinen Gedanken mehr übrig. Es war wieder Tages Bild, das sich in den Vordergrund drängte. Tage, den er in des Vaters gemütlichem Zimmer auf Frederiksberg sitzen und mit einem funkelnden Schelm in den Augen über die kleinen Brüder Gericht abhalten sah ... und Tage, der jetzt draußen in dem Giebelzimmer der Villa in Ordrup lag, bleich und müde und erloschen, den Tod erwartend. Und als er spät abends nach Hause in sein Zimmer kam, setzte er sich und schrieb an ihn und bat um Verzeihung, weil er nicht heraufgekommen war, um ihm zum letzten Male Lebewohl zu sagen; er könne es nicht und wage es nicht, weil er fühle, daß er seiner selbst nicht Herr sei.   Am Abend des nächsten Tages erhielt er Antwort von Tage. Es war nur ein abgerissenes Stückchen Papier, auf dem mit großen unsicheren Buchstaben stand: »Leb' wohl, Gunnar, und Dank für die vielen glücklichen Stunden, die wir mitsammen verlebt haben. T.« Und vier Tage darauf starb Tage Banner. Er wurde auf dem Kirchhof von Gentofte begraben; aber Gunnar fehlte bei dem Begräbnis. Er hatte sich in seine Zimmer eingeschlossen, wo er auf der Chaiselongue lag und Tabak rauchte ... wohl an die zwanzig Pfeifen ...!   Eines Tages erhielt Warberg den nachstehenden Brief: Montag, den ... 18 .. »Lieber Gunnar! Gestern vor acht Tagen war ich an Deiner Tür, traf Dich aber nicht zu Hause und legte ein »Morgenblatt« in Deinen Briefkasten, darin stand etwas über »König Midas« und Frau Hennings Spiel, das mich interessierte, doch Du verfolgst natürlich die Artikel in den anderen Zeitungen über das glänzende Schauspiel. Ich war in der Premiere und werde sie nie vergessen. Nirgends habe ich etwas Besseres gesehen, weder in Berlin noch in St. Petersburg, ich konnte in der folgenden Nacht nicht schlafen und dachte ein paar Tage lang an weiter nichts als an Frau Hennings. – – – Hiermit etwas über »Strindberg«, ich meine, Du mußtest ein paar Worte aus Schweden haben, während ich hier bin; Ende dieser Woche siehst Du mich gewiß wieder. – Schonen ist nun einmal mein Lieblingsaufenthalt, ich muß hin und wieder hierher, gestern war ich auch auf »Kullen«, großartige Natur. Gruß an Binse und Dich mein Junge von Benjamin.« Und darauf liefen allmählich folgende Episteln bei Gunnar ein: Helsingör, Montag, den ... 18 ... »Lieber Gunnar! Ich meine, ich bin es Dir schuldig, Dir mitzuteilen, was sich, seit Du das letztemal von mir hörtest, mit mir ereignet hat. Ja, Du, ich bin tief gesunken, habe ein Verbrechen begangen, habe Frau Hartmann in Schweden ein paar Sachen gestohlen, ihr, zu der ich wie zu einer Gottheit aufgesehen habe, gerade das ist so fürchterlich, hätte ich noch jedem anderen etwas fortgenommen, hätte ich nicht so sehr darunter gelitten wie ich jetzt leiden muß. Nun muß ich für mein Vergehen hart büßen, indem ich im Gefängnis schmachte, allein mit meinen Gedanken, mit einem ewig bitter nagenden Schmerz in meiner Seele, der drinnen schreit und heult, daß ich nie mehr Ruhe habe. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich eine entehrende Strafe erleiden müssen, Frau Hartmann hätte es vielleicht verhindern können, ich schrieb deswegen an sie, aber sie ließ den Brief unbeantwortet. Daß mein Name gebrandmarkt werden wird und ich selbst für ewige Zeiten verurteilt bin, ist für mich ein so schrecklicher Gedanke, daß ich ihn gar nicht auszudenken wage. – Weshalb kam ich nicht zu Dir und vertraute mich Dir völlig an, Du, der Du mich doch gern hast und weißt, daß ich kein schlechter Mensch bin. Nicht wahr, Gunnar, Du wirst mich trotzdem nicht verachten oder hassen? Du, der Du es verstehst, Dich in solche Situationen hineinzuversetzen, wo ein Mensch sich zum Allerschlimmsten verleiten lassen kann, und Binse wird es auch nicht, ich weiß voll und ganz, daß ihr mich lieb habt, wenn dies auch für euch sehr schwer zu hören sein wird. Inwieweit unsere übrige Familie davon verschont bleiben wird, entweder durch Frau Hartmann oder durch die Polizei von der Sache etwas zu erfahren, weiß ich nicht, doch bitte ich Dich, wenn es sich vermeiden läßt, keinem Mitgliede der Familie etwas zu sagen oder zu schreiben. Gut, daß Mutter tot ist. Schreibe nicht an meine Brüder, Gunnar, ich bitte dich darum, ich glaube, sie würden mich in Acht und Bann tun. Das Allertraurigste ist, daß ich doch wahrscheinlich die verlieren werde, die mir so innig lieb war und ist. Das ist ein grausamer Schlag für mich, ich werde den Aufenthalt in Kopenhagen oder hier im Lande nach verbüßter Strafe nicht aushalten können, ich muß wenigstens für ein paar Jahre Dänemark verlassen, ein Bruder meines Prinzipals in Zinten wohnt in Hamburg, er hat mich früher einmal gebeten, ihn zu besuchen, möglich, daß er mir doch in Zukunft mit einer Stellung hilft. Noch einmal bitte ich Dich, Gunnar, an mich zu denken, habe Mitleid mit mir, die Strafe, die ich erhalte, wird kaum so hart werden wie die Qualen, die ich erleiden muß, Binse die herzlichsten Grüße, ihr kannst Du die Sache getrost erzählen, sie hat mich auch gern, das weiß ich – wie wirst Du die Ausgaben für das Klavier bestreiten können? Schicke es lieber Ende des Monats zurück. Ich glaube, man wird es mir nicht verweigern, ein Buch zu lesen, hast Du ein Herz für mich, dann schicke mir eines. Hast Du »König Midas«, ja »König Midas« und »Frau Hennings«, meine einzige Rettung! Dein unglücklicher Vetter Benjamin. Dies ist mit Bewilligung des Polizeimeisters geschrieben, nachdem er den Inhalt gelesen hat, ebenso wie Briefe an mich erst von dieser höheren Stelle gelesen werden.« Helsingör, den 28. ... 18 ... »Lieber Gunnar! Wie Du siehst, bin ich noch hier und erwarte mit Sehnsucht den endgültigen Abschluß der Sache. Noch weiß ich gar nichts in bezug darauf, wie lange Zeit ich hier sitzen soll oder was für ein Urteil mich erwartet. Deinen freundlichen teilnehmenden Brief habe ich erhalten, der mir wirklich eine Freude bereitete – daß Du soviel Güte mir gegenüber hättest, dachte ich wohl, da Du doch weißt, wie hoch ich Dich schätze, indem Du diese Sache so auffaßt, wie Du es getan hast. Indessen fürchte ich doch, daß ich in Deinen Augen nie mehr werden kann, was ich früher war? Dies hier ist ja etwas, das sich nie vergessen oder begraben läßt, es ist etwas, das mich stets quälen und an mir zehren wird. Ja, könnte Frau Hartmann mir nur verzeihen, so wäre es eine andere Sache, aber das kann sie wohl kaum. Übrigens erwartete ich eine Fortsetzung Deines Briefes, die Du mir versprachest, ich zweifle fast daran, daß das Gespräch, das Du mit der Frau gehabt hast, wenn sie Dich überhaupt angenommen hat? so verlaufen ist, wie Du erwartetest. Sie hat ja auch vollständig recht, wenn sie zornig und erbittert ist. Also hast Du mir nichts Gutes von ihr zu melden, schone mich deshalb wenigstens, bis ich einmal unter vier Augen mit Dir spreche. Mit einem einzigen großen Trost will ich Dich doch erfreuen, es ist der, daß sie, die für mich über allen anderen steht, selbst über Frau Hartmann, noch nichts ahnt, und hoffentlich nie etwas von dieser Sache erfahren wird, dank dem heimlichen Verhältnis, das zwischen uns und unseren Verwandten bestanden hat – deshalb, Gunnar, Dank für Dein Anerbieten, zu der Betreffenden zu gehen und für mich zu sprechen, zum Glück ist es nun nicht nötig, den Göttern sei Dank, an die ich doch nicht glaube, aber trotzdem ist es geordnet. Nach dem Örstedsvej brauchst Du auch nicht zu gehen. Ich habe an ›die Frau‹ geschrieben, und sie weiß nicht das geringste. Eines will ich Dir doch sagen, ich nehme nie Geld von Dir an, Du sollst keinerlei Opfer bringen, da Du alles allein brauchen kannst, nein, ich muß mich demütigen und die um Hilfe bitten, denen ich bisher nichts von der Sache gesagt habe oder richtiger von meiner augenblicklichen Situation in pekuniärer Beziehung. Lieber Gunnar, ich habe nun in den vier Wochen, die ich hier allein sitze, so viel gedacht, daß mein Gehirn bald nicht mehr kann, es ist eine fürchterliche Strafe, geistig sterben zu müssen, das täte ich ja, wenn dies noch lange dauerte. Warum hast Du so lange geschwiegen, wenn wir uns auch nicht in richtiger Weise aussprechen können, hätten doch ein paar Zeilen von Deiner Hand mich erfreut. – Versetze Dich in meine Lage, ja, Du müßtest früher zugrunde gehen als ich, geistig, glaube ich ganz bestimmt. In ein paar Tagen hast Du Geburtstag, ich will die Gelegenheit benutzen, Dir zu gratulieren, es wird mir nicht vergönnt, Dir die Hand zu drücken oder Dir ein Geschenk zu senden, im vorigen Jahre konnte ich es tun, in diesem Jahre kommt es später. Ich möchte wünschen, daß Du das Klavier behältst, vielleicht kann ich Dir später die Sache ersetzen. Du kannst ja nicht gut ohne Musik leben. »Moritz« ist zweifellos bei Dir gewesen, ich sehe sein Papageiengesicht, er hat mich ja vergebens erwartet. Binse darfst Du nicht vergessen mit einem freundlichen Gruß, sowie Dich selbst von deinem Vetter Benjamin.« Helsingör, den ... 18 ... »Lieber Gunnar! Unter einer Bedingung will ich meines »Bruders« Jesper »Reisegeld« annehmen. Bleibt es mir erspart, mich persönlich bei ihm zu bedanken? schriftlich oder mündlich, gleichviel, ich werde das Geld nur annehmen, als ob es von Dir käme, auch später, wenn ich es Dir wiedergeben werde. Ich will nun einmal nichts mit Jesper zu tun haben, er haßt mich, das weiß ich, und ich liebe ihn auch nicht, ich weiß ja so genau, wie er mir gegenüber auftreten könnte in diesem Augenblick, wenn er nur könnte, oder wie er sich in einem Schreiben an mich ausdrücken würde, wenn er es nur wagte, er würde in priesterlicher Salbung donnern, und dabei hat er doch, das weiß ich ganz bestimmt, ein uneheliches Kind mit einem Hausmädchen, damals als er Kaplan auf Falster war. Ich sehe sein Gesicht deutlich vor mir, sehe sein Mienenspiel, sehe seine Augen, diese Augen, die so widerwärtig sind, fühle seine zornigen; meist von Rücksicht und Takt entblößten Bemerkungen, die tiefer verletzen und treffen als er es glaubt; ja, ich weiß wohl, daß er in diesem Fall recht hat, und hätte aufzubrausen und mit den Zähnen zu knirschen und daß er gewiß im Urteil aller anderen Menschen tausendmal besser ist als ich selbst, aber ich möchte doch trotzdem nicht mit ihm tauschen, ich will nichts von ihm als ein Gnadengeschenk annehmen, um später seine feinen christlichen Anspielungen spüren zu müssen, in denen er seine Force hat. Leider sind ja nicht alle Menschen wie Du, es gibt ja unter hundert nicht einen wie Du, hättest Du nicht existiert, wären diese Aussprüche kaum jemand von den Meinen zu Ohren gekommen, wenigstens nicht von meiner Seite. Verbrecherische Gedanken sind ja nicht kriminell, wenn es überhaupt ein Verbrechen genannt werden kann, zu hassen, aber jetzt will ich nicht mehr darüber sprechen, sonst könnte es kommen, daß ich allzu böse würde, als ob ich das nicht schon genug bin. Es ist eine strenge und entsetzliche Zeit für mich gewesen, seit Du zuletzt von mir hörtest, endlich kann ich nun das Ende dieses geistigen Begräbnisses absehen, indem ich Montag meine Strafe verbüßt habe. Meine arme O ... , die so lange auf mich gewartet hat. Verreisest Du? Ich hoffe vorher noch ein paar Worte von Dir zu erhalten. Grüße Binse und drücke ihre liebe Person in meinem Namen an Deine dito. Grüße den Garten von Frederiksberg, grüße die Lange Linie, grüße meinen »Bruder« Gunnar von seiner reuevollen ›Mette‹.« Helsingör, den ... 18 ... »Lieber Gunnar! Ich kann nicht zu dem Mann reisen, von dem ich früher gesprochen habe, da es mir nachher eingefallen ist, daß er gewiß aus Hamburg verzogen ist, seit ich ihn kannte, und vorher wußte ich seine Adresse auch nicht genau –, aber ich weiß nicht, ob Du meinst, daß ich wieder einmal an meinen alten Prinzipal in Zinten schreiben sollte? Er hat sich mir ja öfter gut und freundlich erwiesen, ob er mich jetzt aufnehmen oder etwas für mich tun könnte? – Sonst hätte ich die Absicht, aufs Geratewohl nach Deutschland zu reisen, wenn es sich nicht lohnen sollte, hier zu bleiben; – wenn doch nun die Möglichkeit vorläge, irgendeine Arbeit in Kopenhagen zu bekommen, weshalb sollte ich sie da nicht nehmen? Jedenfalls muß ich in die Stadt, glaubst Du, ich kann sie und die, die mir lieb sind, verlassen? ohne die Betreffenden zu sehen oder von ihnen Abschied zu nehmen, ehe ich reiste? Und gesetzt, ich könnte die Verbindung zwischen mir und O ... zustande bringen jetzt im Laufe des Winters, trotzdem gegen den Willen der Tante »Constance«? Aber ich gebe Dir doch recht, das Vernünftigste wäre es vielleicht, das Ausland aufzusuchen, wenn auch nur, um dort die Gemütsruhe wiederzufinden. Ja, ich weiß nicht, wieviel Geld ich zur Reise brauche, sollte es der Fall sein, daß ich aufs Geratewohl reiste, müßte ich wohl mindestens an die fünfzig Kronen haben. Gefällt Dir der Vorschlag, nach Zinten zu schreiben, so bitte ich Dich, in meinem Namen zu schreiben, vergiß nicht, es ist Ostpreußen – übrigens würde ich ja leicht eine Stellung in Deutschland erhalten können, wenn ich vorher in der Deutschen Zeitung annoncierte, die ich, wie Du Dich wohl entsinnst, einmal hielt. Mit Geld kann man ja alles erreichen, damals als ich die Zeitung hielt und darin annoncierte, erhielt ich ja massenhaft Angebote, meinst Du, ich sollte das Blatt auf ein Vierteljahr abonnieren und darin annoncieren? und dann ein Weilchen abwarten, das Ganze würde ja kaum zehn Kronen betragen. – – Ich bitte Dich also noch einmal um einen Brief, ich halte es für das Richtigste, wenn Du Jesper schreibst, ich reise ins Ausland – – am allerliebsten, wie Du schreibst, reiste ich direkt von hier fort aus dem Lande, um zu sehen, ob ich diese fürchterliche Zeit vergesse – aber das kann ich nicht – das sage ich Dir bestimmt, Gunnar, ich kann es nicht, ich muß erst nach Kopenhagen, wie wir uns auch entschließen. – – – Und dann bitte ich Dich flehentlich, komme nicht nach Hölsingör zu mir, das will ich ungern, sehr ungern haben, damit ich doch mein Äußeres ein bißchen in Ordnung bringen kann, daß ich Dir nicht wie ein Räuber entgegentrete, denkst Du an die Reisekosten, so sende mir ein paar Kronen zu dem Zweck – übrigens habe ich einen guten Menschen schon vor ein paar Tagen gebeten, meine Reise von hier nach Kopenhagen zu bezahlen, weiß aber doch nicht bestimmt, ob der Mann mir das Billett senden kann oder will. – Also komme nicht, lieber Gunnar, laß mir Zeit, meine Kleidung und mein Äußeres zu ordnen, ehe ich Dir begegne, laß mir Zeit, mit meinen Gedanken ein Weilchen im Freien allein zu sein, darum bittet innig Dein dankbarer Vetter Benjamin.« Dienstag, Mittags zwölf Uhr, den ... 18 ... »Lieber Gunnar! Ich verließ den Zug in »Holte«, ich kann nicht in die Stadt fahren, ehe Du mir heute umgehend auf dieses geantwortet hast. – Du schriebst, wie ungern Du es hättest, daß ich nach Kopenhagen käme, – hast Du einige Vermahnungen für mich, so sage mir nun geradeheraus welche? daß ich mich danach richten kann, ehe ich in die Stadt gehe. Kann ich es vermeiden, Jesper zu begegnen, darum bitte ich sehr. Die frische Luft hat mir gut getan, aber meine Seele ist krank. ›Das Grab‹ wäre das einzige, wo meine Schande verborgen wäre, vielleicht würde das das Richtigste sein, indessen erwarte ich Deine Antwort heute, wenn Du gleich schreibst, kann ich sie vor Abend haben, in der Zwischenzeit gehe ich nach »Havarthigaard« – schicke Deine Antwort mit der Adresse so: – Herr Warberg, Lyngby Station. Ich habe mit dem Postvorsteher in Lyngby gesprochen, komme selbst gegen Abend nach der Antwort. Dein Benjamin.« Kopenhagen, Mittwoch, den ... 18 ... Viereinhalb Uhr nachmittags. »Lieber Gunnar! Deinen Brief erhielt ich doch erst heute morgen, aber das machte gar nichts aus – ich war froh, als ich ihn erhielt, froh, als ich den Inhalt las. Du bist und bleibst ja der beste Mensch, den ich gekannt habe, wenn ich bloß ebensoviel von Jesper halten könnte, aber das ist mir eine Unmöglichkeit. Die Nacht verbrachte ich im Walde von Sorgenfrei, es war ein bißchen kalt, und Du kannst glauben, es gab einen Kampf in meinem Innern, den ich nicht noch einmal erleben möchte – zuletzt siegte ich jedoch, und als die Sonne aufging, scheint es sich auch in meinem Innern ein wenig aufzuklären – ich habe Grund, nicht allein an das Geschehene, sondern auch an das »Nachspiel« zu denken, ich würde ja verhärtet sein, wenn ich dies leicht nähme, als ob es Bagatellen wären – das würdest Du doch auch nicht richtig finden? An einem der ersten Nachmittage zwischen zwei bis vier Uhr komme ich zu Dir. Dein Benjamin.« Aber es kam kein Benjamin. Erst nach vierzehn Tagen lief ein aus London datierter Brief von ihm ein; er war auf dem Wege nach Amerika. »Das ist das beste für mich, Gunnar, in der alten Welt habe ich meine Rolle ausgespielt.« Nach drei Jahren erhielt Warberg dann folgendes Schreiben: Neuyork, Sonnabend, den ... 18 ... »Mein teurer lieber alter Freund und Vetter! Noch lebe ich heute, aber morgen kann ich tot sein. Aber ich will doch vorher an den Menschen schreiben, dem ich mich eine Reihe von Jahren hindurch am meisten angeschlossen und den ich schätzen und lieben gelernt habe. – Ja, Du, ich bin krank, bedenklich krank, soll nachmittags ins Krankenhaus gefahren werden, und wer weiß, ob ich lebend wieder herauskomme? Einen letzten Brief sollst Du deshalb haben, mein liebster Freund. Ja, auch Du weißt, daß Du der bist, den ich von meiner Familie am liebsten habe. Wir haben das Leben in derselben Perspektive gesehen, gemeinsame Interessen, gemeinsame Gewohnheiten gehabt, und unsere Sym- und Antipathien sind gemeinsam gewesen und dann, was der Freundschaft von meiner Seite Dir gegenüber die Krone aufsetzte, war Dein nobles, feines und durchaus einzig dastehendes Benehmen mir gegenüber in Kopenhagen und besonders bei der Katastrophe in Helsingör kurz vor meiner Abreise nach Amerika. – – Wer anders als Du könnte derselbe liebevolle, gute, liebenswürdige Freund bleiben? Ein anderer hätte gescholten, geflucht und gerast, wogegen Du derselbe warst wie immer, der durchweg Taktvolle und Feinfühlende. – Ist es da ein Wunder, daß ich Dich liebhabe und Dir dankbar und ergeben bleibe bis zum letzten Tage, den ich noch zu leben habe. – Ich habe mir eine Blutvergiftung zugezogen, wie, kann ich nicht begreifen. Der linke Arm und die linke Hand und das rechte Bein sind angeschwollen und die Schmerzen sind groß. Ich merkte es gestern abend, nahm aber keine Notiz davon, bis ein Arzt kam und die Wirklichkeit konstatierte. Vielleicht ist Heilung möglich, aber ich muß auf das Schlimmste vorbereitet sein. Auf alle Fälle will ich Dich bitten, bei den wohlhabenden Mitgliedern meiner Familie ein gutes Wort einzulegen, mir eine kleine Summe Geldes zu senden. Ich besitze nichts, habe keine Arbeit gehabt, seit Du im Sommer von mir hörtest. Ich möchte so gerne ein bißchen anständig begraben werden. – – Ja, es ist seltsam, dem Ausgang seines Lebens gegenüberzustehen, ohne doch Furcht zu empfinden. Ich sterbe ohne an irgendetwas zu glauben, ich kann ›die Heiligen‹ nicht vertragen, ich habe im letzten Jahre viel mit ihnen verkehrt und habe versucht, mich mit ihren Ideen und ihrem Kurs zu versöhnen, aber sie sind mir direkt widerwärtig, ich habe gar keine Luft holen können, wenn ich in eine Kirche oder in eine Mission trat. – Ein guter Mensch ist der, der seinen Nächsten liebt und der so große Liebe erzeigt, daß er sein Leben für einen anderen einsetzen könnte, das ist meine Religion. Ich will Dir eines sagen, sterbe ich, so verlierst Du einen guten Freund, aber im übrigen die Welt nichts an mir – das Leben hat absolut keinen Wert für mich mehr nach dem Kampf der letzten Jahre. – Und doch, vielleicht muß ich es von neuem aufnehmen, alles schwebt ja in Ungewißheit zwischen Leben und Tod. – Leb wohl, mein alter treuer Freund. Dein bis zum letzten Augenblick dankbarer Vetter Benjamin.« Vierzehn Tage »einfaches Gefängnis bei gewöhnlicher Gefangenenkost«, so lautete das Erkenntnis des Oberappellationsgerichtes. Warberg erwartete, daß augenblicklich ein Regiment Polizeibeamte kommen und ihn abholen würden. Aber es verstrich eine Woche, es verstrichen anderthalb Wochen und er verspürte nicht das geringste von den Behörden. Vielleicht bedeutete dies eine feine Aufmerksamkeit. Aber dies Warten hatte nur die Folge, daß der Verbrecher mit jedem Tage, der verstrich, nervöser wurde. Er konnte sich kaum auf der Straße zeigen, da er in jedem Augenblick erwartete, daß schwere Hände sich ihm auf die Schultern legen und ihn davonschleppen würden. Da ging er eines schönen Tages selbst zum Rathause, um zu fragen, was denn das heißen solle. Dort oben lächelte man verschmitzt und sagte: »Na, sind Sie da?« Und man verwies ihn an den Inspektor der Sittenpolizei, was einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Bei diesem Beamten wurde er mit demselben Lächeln und derselben Frage empfangen. »Na, da haben wir Sie? Wann haben Sie gedacht, Ihr Engagement anzutreten?« »Je eher, je besser!« »Gut, dann sagen wir also morgen nachmittag um vier Uhr!« Und es wurde ihm erlaubt, Tinte, Feder, einen Löffel und einen Stuhl mitzubringen. »Wir sind nicht so hart wie wir aussehen!« nickte der Inspektor und übergab Warberg einen versiegelten Brief, der ihm freien Zutritt zu dem Etablissement sichern sollte ... »Zum Gefängnis von Kristianshavn, Eingang Prinzessegade!« Der Kutscher drehte sich auf dem Bock um und warf einen forschenden Blick auf Gunnar, der sich mit seinem kleinen Handkoffer in die Droschke gesetzt hatte. »Zum Gefängnis?« Sie fuhren die Raadhusstraede entlang, über den Schloßplatz von Kristiansborg, an der Börse vorbei und über die Knippelsbrücke, Gunnars altem Schulweg, als er in der Villa hinter den Seen wohnte – vor einem Menschenalter! Die Sonne schien, die Luft war hoch und klar, und es lag eine feine Schneeschicht auf den Dächern der Häuser und in den Ecken und Winkeln der Straßen. Die Menschen sahen fröhlich und vergnügt aus, die Pferde der Straßenbahnen läuteten mit ihren Glocken, und Warberg dachte unwillkürlich, daß es eine Lüge sei, daß er jetzt ins Gefängnis führe. Endlich bog der Wagen in die Prinzessegade ein und hielt vor dem Torwege des Gefängnisses. Warberg stieg aus, bezahlte den Kutscher, der bedächtig sein Fahrzeug umlenkte und fortrollte. Dann läutete Gunnar und gab den Brief ab, den er im Rathause von dem Inspektor erhalten hatte. »Hier werde ich wohl eine Weile bleiben müssen«, sagte er zu dem Pförtner, der ihm öffnete. »Wollen Sie warten?« Er setzte sich auf eine Bank im Vestibül. Und wieder kam es ihm vor, als ob das ganze Ereignis: der Prozeß, die Verurteilung und jetzt die Verhaftung ihn nichts anginge, ihn persönlich, sein allereigentlichstes Ich nicht berührte. Es war, als betrachtete er die ganze Geschichte aus der Vogelperspektive von einem frei schwebenden Ballon aus; die Erscheinungen da unten interessierten ihn, und er war gespannt auf die Fortsetzung, wie wenn man einen richtigen Roman liest oder ein vernünftiges Theaterstück sieht, in dem etwas geschieht! »Wollen Sie, bitte, mitkommen.« Der Pförtner stand oben an einer Glastür im Hintergrunde des Lokales und winkte ihm zu. Und Warberg nahm seinen Koffer und folgte ihm. Sie betraten eine Art Kontor, in dem einige Männer an einem Pult saßen und schrieben; und dort am Fenster stand eine pastorenähnliche Gestalt mit über dem Bauch gefalteten Händen. Alle hatten sie ein neugieriges Lächeln in den Augen, mit Ausnahme des Pastors, der durch und durch schwarzgraue Düsterkeit war. »Sie sind Herr Gunnar Johannes Warberg?« fragte der Älteste der am Pult Sitzenden. »Ja.« »Wollen Sie so gut sein, Ihre Taschen zu entleeren.« Gunnar lächelte und entleerte sie. »Ich muß Sie darauf aufmerksam machen«, fuhr der Mann fort, »daß Sie, sobald Sie in Ihrer Zelle angelangt sind, ausgekleidet und untersucht werden, daß es also zwecklos wäre, wenn Sie irgendetwas bei sich behielten.« Gunnar fuhr unwillkürlich mit den Händen auf den Boden seiner Taschen und fand eine Nagelfeile, die er neben die übrigen Sachen legte. »Ist das alles?« »Ja.« »Sie möchten wohl sehr gern Ihr Messer behalten, da Sie sich sonst oben mit einem hölzernen begnügen müßten?« »Ja, danke, das möchte ich freilich gerne ...« »Aber Sie müssen versprechen, weder sich selbst noch zum Beispiel mich damit zu verletzen, wenn ich hinaufkomme und nach Ihnen sehe.« »Jawohl«, sagte Gunnar lachend. Der Mann gefiel ihm, denn es blitzte stets ein Schelm in seinen Augen. »Stecken Sie dann die Sachen wieder in Ihre Taschen. Das heißt Portemonnaie und Brieftasche behalten wir. Sie brauchen ja vorläufig kein Geld. Das Reinigen Ihrer Zelle wird von einem der Mitgefangenen besorgt, den Sie mit einer kleinen Summe wöchentlich bedenken können, jedoch nicht über fünfzig Öre.« Der Inspektor (Warberg erfuhr später, daß dies sein Titel war) drückte auf einen elektrischen Knopf, und gleich darauf trat ein Mann ein. Er trug ein ungeheures Schlüsselbund in der Hand. »Wollen Sie diesen Gefangenen nach Flur eins expedieren und ihn an Hansen, Zelle Nummer vierundfünfzig, abliefern.« »Jawohl.« »Nehmen Sie seinen Koffer.« Der Mann nahm den Koffer, den einer der anderen Bürobeamten und seine Ehrwürden, der Prediger, untersucht hatten. »Es kommt noch ein Stuhl für mich«, sagte Gunnar, »und ein kleiner Tisch.« »Ich weiß«, nickte der Inspektor. »Die Sachen werden Ihnen hinaufgebracht, sobald sie da sind ... Nun sind Sie fertig ... Es ist wahr, Christophersen, sagen Sie Hansen, daß der Gefangene nicht untersucht zu werden braucht.« »Jawohl.« »Ich werde schon hinaufkommen und sehen, wie es Ihnen geht, Herr Warberg«, fuhr der Inspektor zu Gunnar gewandt fort. »Und haben Sie eine Beschwerde, so können Sie den Wärter bitten, daß er Sie hier ins Büro führt ... Adieu! ... und schlafen Sie gut!« »Danke«, nickte Gunnar und folgte Christophersen, der mit dem Koffer voranging. Treppauf und treppab trabten sie und durch lange halbdunkle Gänge mit Türen an den Seiten und Fenstern hoch unter der Decke, über gepflasterte Korridore und dann Flure und Treppen und dann wieder Flure; und vor jeder Treppe und jedem Gang und jedem Korridor waren Schlösser, die Gunnars Begleiter öffnete und mit Schlüsseln von den verschiedensten Formen wieder sorgfältig verschloß. Die armen Menschen hier drinnen, die Lust bekommen könnten, auszubrechen, mußte Gunnar unwillkürlich denken. »Ist schon jemals ein Gefangener von hier fortgelaufen?« fragte er laut. »Nicht zu meiner Zeit«, sagte Christophersen, und danach sah er auch aus. Eine neue Tür wurde geöffnet und Christophersen stellte den Koffer hin. »Reistrup!« »Hier!« sagte ein Mann und trat aus der Dunkelheit heraus. »Ein Gefangener für Hansen, Flur eins, Nummer vierundfünfzig! Wird nicht untersucht!« »Schön!« Und weiter ging es mit Reistrup (jetzt mußte Gunnar seinen Koffer allein tragen) treppauf, treppab, bis sie an eine eiserne Tür kamen, wo Gunnar einem neuen Schließer ausgeliefert wurde. Und wieder hieß es: »Ein Gefangener für Hansen, Flur eins, Nummer vierundfünfzig! Wird nicht untersucht!« Warberg hatte das Gefühl, als sei er von einer Maschine ergriffen worden, die ihn vorwärts führte, von Zahnrad zu Zahnrad. »Kommen wir nicht bald in mein ... äh ... Gastzimmer?« fragte er. »Hi! Hi!« lachte der Cicerone, eine kleine rothaarige, gemütliche Person. »Ja, nun sind wir gleich da! Wie lange sollen der Herr sitzen?« »So lange der Herr Lust haben.« »Hi, hi, Sie sind wahrhaftig anders bei Laune als die anderen alle! ... Jetzt sind wir da!« Er öffnete eine eiserne Tür mit zwei Schlössern davor und wiederholte mit lauter Stimme: »Ein Gefangener für Hansen, Zelle Nummer vierundfünfzig! Wird nicht untersucht!« Sie befanden sich am Ende einer langen schmalen Galerie oder wohl eher eines Balkons, der sich durch das ganze Gebäude erstreckte. Es war im zweiten Stock. Die Galerie war auf der einen Seite von einem soliden Eisengeländer, auf der anderen von einer weißgetünchten Mauer begrenzt, in der sich breite und niedrige Türen mit großen Schlössern und starken Angeln aneinanderreihten. Warberg stand und blickte über das Geländer in die Tiefe hinab. Es waren einzelne zerstreute Gasflammen da unten angezündet, und Männer in Kitteln gingen herum und beschäftigten sich mit rasselnden und klirrenden Eimern und Schüsseln. Alle arbeiteten sie schweigend. Gunnar mußte an die Werkstatt eines mittelalterlichen Alchimisten oder eines modernen Falschmünzers denken. »Wollen Sie so gut sein, mir zu folgen«, sagte plötzlich eine tiefe Stimme dicht an seinem Ohr. Gunnar wandte den Kopf und sah einen großen kräftig gebauten Mann neben sich stehen, der ein ungeheures, an einem Ledergürtel hängendes Schlüsselbund trug. »Heißen Sie Hansen?« »Ja ... Wollen Sie gefälligst mitkommen, dann werde ich Ihnen Ihre ...« Es war, als ob es dem Mann peinlich sei, das Wort »Zelle« auszusprechen. Warberg blickte lächelnd zu ihm auf, aber der Mann verzog keine Miene. Es war ein Gesicht, dessen sich ein Gefängniswärter vom seligen »Blauturm« nicht zu schämen gehabt hätte: hart, blaßgelb, eckig und unbeweglich. Aber nie mehr konnte Gunnar die Augen des Mannes vergessen. Sie sagten, daß seine ganze wuchtige Gestalt, seine derben Glieder und sein steifes knochiges Gesicht logen. Diese Augen waren so klar, milde und schwermütig wie die Augen eines brustkranken Kindes. »Wir müssen hier hinauf«, sagte er und nahm Warbergs Koffer. Und sie gingen die Galerie entlang, an den vielen verschlossenen Türen vorbei. Bei der vorletzten blieben sie stehen, er setzte den Koffer ab und öffnete die Tür. »Bitte!« Warberg trat ein und der Gefängniswärter schloß hinter ihm zu ... Seht ihr, das war ja sehr feierlich, all dies! Doch als Gunnar sich umsah, mußte er lächeln, denn er schien sich in einer freundlichen Milchkammer eines kleineren Landgutes zu befinden: vier nackte ockergelbe Wände, Fliesenfußboden und hochsitzendes rundbogiges Gitterfenster. Das Mobiliar bildeten anstelle der Kübel ein kleineres in die Wand eingelassenes Brett, das war der Stuhl, und daneben, eine halbe Elle höher, war ein größeres Brett eingemauert, das war der Tisch. Und dann hing ein Bett an der entgegengesetzten Wand, und in der Ecke hinter der Tür war ein Wasserhahn über einer eingemauerten Waschschüssel. Punktum. Warberg stand mitten in der Zelle, mit Hut und Überrock (den Stock hatte man unten im Büro behalten); er stand und blickte sich ernsthaft und tiefsinnig im Lokal um. Aber plötzlich begann ihn ein stilles und unwiderstehliches Zittern zu durchlaufen; es fing zuerst unten im Magen an und arbeitete sich dann nach und nach hinauf. Hätte man ihn von hinten gesehen, man hätte geglaubt, er schluchze. Aber es war Lachen, ein lautloses, glucksendes, unbezwingliches Lachen! Er fand die Situation so ganz unbändig lächerlich! Da hatte man ihn in eine Milchkammer eingeschlossen, in das »schwarze Loch« gesteckt, in die Ecke gestellt, wie man es mit unartigen Kindern tat. Du Allmächtiger, daß man auch nur einen Augenblick hatte glauben können, ihn dadurch zum »Ernst« und zum »Nachdenken« zu bringen! Aber das glaube man ja auch nicht, denn sie lachten ja allesamt mit; rings in den Büros oben im Rathause hatten sie mit drei bis vier Schelmen im Auge gesessen; und hier draußen waren sie auch verschmitzt. Und er selbst war derjenige, der die Sache am wenigsten au sérieux nahm, davon konnten sie überzeugt sein! Und um seine Lebensfreude zu manifestieren, erfaßte er die beiden vorderen Zipfel seines Überrocks und begann auf dem Fliesenboden der Milchkammer eine Mazurka von zwei Schritten zu tanzen.   Die Dunkelheit war hereingebrochen ... Es mochte wohl fünf, sechs Uhr sein. Das Gitterfenster unter der Decke erschien wie eine viereckige grüne, von schwarzen Streifen in Scheiben eingeteilte Fläche. Gunnar saß auf seinem eingemauerten Stuhl und starrte vor sich hin. Es war nun doch nicht so schrecklich lustig, in dieser Weise eingesperrt zu sein! Aber deshalb war es nicht weniger sinnlos! Er konnte es auch dem Gefängniswärter ansehen, daß er sich für seine Vorgesetzten schämte! ... Wie hatte er diesen Gefängniswärter mit den milden schwermütigen Augen schon lieb gewonnen! Ihn vorhin zu sehen, als er mit dem Knubben Schwarzbrot angesockt kam, war geradezu ein Gottesdienst, so verlegen und geniert war er und unglücklich darüber, nichts anderes anbieten zu können! Wie in aller Welt war er wohl darauf gekommen, eine solche Stellung zu suchen! Er sah ja aus, als gehöre er zu der Sorte Menschen, die eine tote Fliege sorgfältig aus ihrer Biersuppe herausfischen und sie in den Sonnenschein setzen, damit sie wieder ins Leben zurückgerufen werden könne ... Was war das! Warberg erhob hastig den Kopf und sah zum Fenster empor. Ein seltsamer strahlenförmiger Lichtschein flackerte dort draußen ganz oben auf den Wolken umher. Bald breitete er sich aus und bald zog er sich zusammen; er tastete gleichsam nach dem Gegenstande, den er beleuchten wollte. Und plötzlich sah Gunnar das Bild eines Mannes mit einer Fahne in der Hand gerade in der Luft draußen stehen. Alles war schwarze Finsternis um das Bild, das mit einem bleichen und matten Glanz leuchtete wie Phosphor. Nun verschwand es wieder, und der Lichtschimmer oben tastete wieder in den Wolken herum. Warberg erhob sich von seinem Sitz, faßte sich an die Stirn und starrte anhaltend auf das Fenster: Und wieder war der Mann mit seiner Fahne da. Diesmal stand er auf einer Kugel oder auf einem Globus, oder was es nun war: und es erschien Gunnar, als nicke er ihm zu und käme näher. »Hansen! Hansen!« Warberg lief zur Tür und hämmerte dagegen. Draußen auf der Galerie ertönten hastige Schritte, ein Schlüsselbund rasselte, ein Schlüssel wurde ins Schloß gesteckt und die Tür ging auf. Der Gefängniswärter kam herein mit einem Licht in der Hand. »Was ist denn, Herr Warberg?« Gunnar ergriff ihn beim Arm: »Was ist das?« sagte er ... »Das draußen ... das da vor dem Fenster?« »Wo ... was?« fragte Hansen erschreckt. »Das draußen!« sagte Gunnar und zeigte es ihm. Der Gefängniswärter guckte durch die Scheiben. »Ach so«, sagte er beruhigt. »Das ist ja bloß der Mann auf dem »Erlöserturm«.« »Sie können es also auch sehen?« »Ja, gewiß kann ich es sehen!!« »Ja, aber, wie kommt es, daß er so leuchtet?« »Das hat er in der letzten Zeit alle Abend getan; sie probieren wohl das elektrische Licht draußen auf der Reede.« Warberg fühlte sich so seltsam geniert. Und doch konnte er die mißtrauische Frage nicht unterlassen: »Kann man ihn auch am Tage sehen?« »Ja, gewiß«, nickte Hansen, »er ragt gerade über dem Dach des Weibergefängnisses drüben auf der andern Seite des Hofes empor.« »Hä«, nickte Gunnar blöde, »ich war gewiß beinahe ... wie, Hansen?« (Er machte mit dem Zeigefinger ein paar Kreise auf seiner Stirn.) »Ach ja, das ist doch auch nicht so leicht, wenn man nicht daran gewöhnt ist«, sagte der Gefängniswärter tröstend wie zu einem Kinde, »jetzt stecke ich gleich das Gas an.« Und er schraubte den Hahn eines kleinen Gasarmes ab, der über dem Tisch aus der Wand hervorragte. »Wollen Sie nicht ... speisen?« fragte er dann und deutete auf den Brotkanten. »Nein, danke, ich habe keinen Hunger ... Bekomme ich nicht bald Tee oder dergleichen?« »Tee? nein ...« »Was denn?« »Nichts – bis morgen.« »So ... wann geht man hier in diesem ... Hospiz zu Bett?« »Um sechs Uhr; und um sieben Uhr müssen Sie aufstehen.« »Und was wird dann genossen?« »Warmbier.« »Hm.« Warberg blickte auf seine Uhr, die er ebenfalls hatte behalten dürfen. »Ja, dann ist Schlafenszeit«, sagte er. »Ja, ich klappe gleich das Bett herunter.« Hansen suchte einen Schlüssel aus dem Bund heraus und öffnete das Schloß des wunderbaren Bettes, das an der Wand hing, Boden und Leine dem Lokal zuwendend. »Warum muß es so aufgehängt werden!« »Man darf am Tage nicht darauf liegen.« »Hm ...« Der Gefängniswärter pusselte an Laken und Betten, bis sie in Ordnung waren. »Bitte«, sagte er dann und ging zur Tür. »Ich komme wieder und drehe das Gas aus.« Als Warberg allein geblieben war, entkleidete er sich sofort und legte seine Sachen auf die eingemauerte Bank. Dann kroch er ins Bett und zog die Decke, eine dicke, wollene Pferdedecke, die nach Karbol roch, unter die Nase. Die Unterbeinkleider behielt er an, denn das Gewebe des Lakens war etwas grobkörnig. Und wie er dalag, zu einem Klumpen zusammengekrochen, denn er fror, mußte er wieder lächeln: Möchten nur ein paar seiner Bekannten in die Tür treten, daß sie allesamt einmal so recht herzlich lachen könnten! Um sechs Uhr zu Bett! hä! das war, als ob man wieder Kind würde! Der Schlüsselbund rasselte unaufhörlich draußen in der Galerie. Erst weit entfernt und undeutlich, dann immer näher! Türen wurden geöffnet und zugeschlagen, das ging fast wie auf Kommando. Man hörte Hansens tiefe Stimme Gute Nacht sagen und dann einen dumpfen Schlag der Tür, die geschlossen wurde. Er ging wohl jetzt herum und schloß seine Küken über Nacht ein ... »die große, stille Nacht« und drehte die Gasflammen aus, seltsame Gasflammen, die wie umgekehrte Zungen aus der Wand hervorragten, schmal nach innen und breit nach außen; und dann zischten und siedeten sie in einer stillen, verbissenen Weise ... Jetzt war der Gefängniswärter bis zur Zelle nebenan gelangt. Gunnar hörte ihn über den Steinfußboden und wieder zurückgehen. In der Tür sagte er Gute Nacht, eine andere Stimme brummte ebenfalls einen Gruß, und dann wurde geschlossen. Der Schlüsselbund rasselte vor Gunnars Wigwam, und seine Tür wurde geöffnet. »Na, sind Sie im Bett?« »Ja ...« »Wie fühlen Sie sich auf dem Lager?« »Vortrefflich!« Hansen stand neben dem Sitz in der Wand und tastete an Gunnars Sachen herum. Er räusperte sich und wollte etwas sagen, schien es aber nicht herausbringen zu können. Endlich kam es, leise und verlegen: »Ja, ich muß doch Ihre Hosen mitnehmen ...« »Meine Hosen?« fragte Gunnar verwundert und richtete sich halb auf dem Ruhebett empor. »Was, zum Teufel, wollen Sie denn damit?« »Es steht im Reglement.« »Ja, aber, was wollen sie damit?« »Sie müssen hier vor der Tür angehängt werden, damit die Nachtwache sehen kann, in welchen Zellen sich Gefangene befinden.« »Das ließe sich am Ende auf andere Weise andeuten«, meinte Warberg. »Aber in Gottes Namen, nehmen Sie die Hosen, Hansen; ich brauche sie ja vorläufig nicht ... Sie wollen doch am Ende nicht auch die Unterhosen? Denn die habe ich an.« »Nein, ich muß bloß die Oberhosen haben.« »Ja, ja, das ist auch genug ...« »Es ist unsere Vorschrift, Herr Warberg« ... sagte der Gefängniswärter entschuldigend. »Ja, nehmen Sie sie nur, Hansen, nehmen Sie sie nur!« Und Hansen nahm die Hosen und drehte das Gas aus. »Ja, dann gute Nacht, Herr Warberg ... und schlafen Sie wohl!« »Danke, gleichfalls!« »Danke!« In der Zelle war es jetzt dunkel, aber Gunnar konnte in dem Lichtschimmer, der durch die halbgeöffnete Tür fiel, den Gefängniswärter mit den Hosen davontraben sehen; und er wurde ganz gerührt, als er sah, wie vorsichtig und sorgfältig er sie trug, wohl ungefähr so, wie der Kammerdiener Friedrichs VI. die feinsten Staatshosen seiner Majestät getragen haben mochte. Dann wurde die Tür geschlossen, und der Verbrecher war der Dunkelheit und seinem Gewissen überlassen.   Es war noch ganz dunkel in der Zelle, als er von einem fernen klirrenden Laut und von dumpfem, weichem Dröhnen geweckt wurde, das sich anhörte, als käme es von weit her. Er fuhr auf seiner Ruhebank in die Höhe und starrte und lauschte, was war das? Wo war er? ... A–ach, ach, er war im Gefängnis! ... Die Läuterei draußen, das war der Gefängniswärter mit seinem Schlüsselbund. Nun ging er wohl von Zelle zu Zelle und weckte die schlummernden Missetäter zu den trübseligen Gedanken des Tages ... War es denn schon sieben? ... Das war doch eine famose ruhige Nacht gewesen! Nein, es ist wahr, sie war ja nicht ruhig gewesen! ... In der ersten Hälfte der Nacht war draußen einer auf Filzschuhen herumgeschlichen; alle Viertelstunde war er angeschlichen gekommen, lautlos und vorsichtig; aber was, zum Teufel, nützte das, wenn er jedesmal dabei gehustet hatte wie ein erkälteter Büffel! Es hatte in der Galerie geschallt, und von allen Mauern war das Echo gekommen ... Ach, daß es nicht einmal in einem Zellengefängnis Nachtruhe gab! ... Das Grab war wohl der einzige Ort, wo eine Menschenseele Frieden fand! ... Wenn man kein Gespenst wurde! ... Warberg sank wieder unter die Pferdedecke und schloß die Augen. Aber das Klirren des Schlüsselbundes und das Gedröhne der Türen erklang näher und näher, daß von einem letzten Nickerchen gar keine Rede sein konnte ... Nun steckte der Gefängniswärter den Schlüssel in die Tür und trat ein. Er ging zur Gasflamme und steckte sie an: »Guten Morgen«, sagte er dann mit seiner tiefen brummenden Stimme, die aus der Tiefe eines Brunnens zu kommen schien, »wie haben Sie heute nacht geschlafen, Herr Warberg?« »Danke, gut ... nein, es ist wahr: faul: Was für ein Paar haben Sie denn da in der Hand?« »Aber das sind ja Ihre?« »Soo – oo, ja ... ja! Nee, ich habe wirklich sehr schlecht geschlafen, lieber Hansen!« »Soo–oo?« sagte der Gefängniswärter und sah betrübt aus. »Ja, wahrhaftig! Denn hier ist die ganze Nacht ein alter Büffel herumgeschlichen und hat geniest und gehustet und gespuckt! ... Jedesmal, wenn ich gerade einschlafen wollte, stellte er sich vor die Tür und bekam einen Anfall.« »Lieber Gott«, sagte Hansen, »das ist die Nachtwache, der alte Mittelsen! Er ist ja so sehr brustkrank; aber nun fehlen nur noch zwei Monate daran, daß er voll pensionsberechtigt ist, und da will er sehen, ob er sie noch aushält.« »Er stirbt unbedingt vorher«, sagte Warberg entschieden. »Ja – a ...« »Wie lange ist er hier gewesen?« »Dann ist er fünfzehn Jahre hier gewesen.« »Wie hat er das nur aushalten können?« »Ja, Sie haben gut reden, Herr Warberg, man muß sich doch mit etwas sein Brot verdienen.« Dies wurde in einem so unendlich betrübten Ton gesagt, daß Gunnar unwillkürlich zu dem Manne aufblickte, der dort unter der Gasflamme stand, still und gedankenvoll, den Kopf auf die Brust gesenkt und mit starr vor sich hinblickenden Augen. Aber plötzlich richtete er sich auf, warf einen scheuen Blick auf Warberg und verließ die Zelle ohne ein Wort zu sagten. Gunnar stand auf und zog sich an. Und er bürstete sich die Zähne und Nägel und machte sich fein wie gewöhnlich. Aber einen Spiegel hatte er nicht. Als er mit seiner Toilette fertig war, begann er in dem Raum auf und ab zu wandern, die Hände tief in den Taschen seines Überrockes vergraben und den Kragen um die Ohren in die Höhe geschlagen, denn ihn fror. Bald darauf wurde die Tür wieder geöffnet und Hansen streckte die Hand hinein und gab ihm einen Kanten Schwarzbrot. »Bitte«, sagte er in einem harten und kalten Ton, ganz anders als gewöhnlich. »Und wollen Sie dann Ihren Krug herbringen.« Gunnar nahm seinen Wasserkrug und ging zur Tür. Dort stand Hansen und noch eine andere Person. Diese mit einem großen Blecheimer, wie man ihn sonst zu Spülicht oder Schmutzwasser gebraucht. »Den Krug herhalten!« gebot der Gefängniswärter. Gunnar gehorchte, und der andere goß ihm den Krug voll Warmbier. Dann wurde die Tür wieder geschlossen. Warberg setzte sich auf den Bettrand mit dem Bierkrug in der einen und dem Schwarzbrot in der andern Hand und begann seinen Morgenimbiß einzunehmen. Das schmeckte ein wenig seltsam, wäre wenigstens noch etwas Zucker darin, dachte er, dann wäre es so ähnlich gewesen wie die Biersüppchen in meiner Kindheit.   Lächerlich, es eingestehen zu müssen, aber Warberg wartete mit Sehnsucht und Spannung darauf, daß es draußen hell werde. Alle Augenblicke sah er zum Fenster empor, um zu sehen, ob nicht der Tag bald anbräche. Und als endlich die Gasflamme vor dem aus dem Gitterfenster kommenden Licht zu erblassen begann, stellte er sich mitten ins Zimmer und starrte anhaltend zu den kleinen viereckigen Scheiben empor. Aber das Wetter war bedeckt, und er konnte nur einen dichten grauen Nebel sehen, der wie eine weiche unbewegliche Decke vor dem Fenster hing. Der Gefängniswärter kam herein und drehte das Gas aus. Es war halb neun. »Sie haben ja nichts gegessen, Herr Warberg?« sagte er jetzt, da er ohne Zeugen war, mild und freundlich. »Nein ... ich kann nicht ...« »Sie müssen doch aber essen!« »Bekommen wir Mittagbrot?« »Ja, natürlich – ... um zwölf! Wissen Sie, was ich mir so oft gedacht habe, Herr Warberg?« fragte Hansen und setzte sich plötzlich auf Gunnars eingemauerte Bank. »Nein?« »Ja, ich habe daran gedacht, daß es eigentlich grausam ungerecht ist, daß Leute von Ihrer Sorte sich mit derselben Kost begnügen müssen wie andere Gefangene.« »Ach ja, das ist richtig ... aber wenn es nun das Urteil bestimmt?« »Ja, gewiß, ja ... Aber hier kommen viele herein, die schon acht Tage lang keinen Bissen gegessen haben, und für die ist die Kost ja ein Hauptvergnügen, und sie sind doch zu derselben Strafe verurteilt.« »Freilich, da haben Sie recht, Hansen.« »Ja, aber, auf diese Weise wird es doch zu einer Ungerechtigkeit!« »Hören Sie, Hansen, wollen wir das Denken nicht lieber sein lassen?« »Wa ...?« sagte der Wärter verwundert. »Ich sage: Wollen wir das Denken nicht lieber sein lassen? Es ist viel besser für uns, wenn wir das Denken sein lassen! ... Sehen Sie, da ist er!« rief Gunnar plötzlich froh und deutete zum Fenster empor. Der Nebel war einen Augenblick zur Seite geglitten, oder vielmehr geplatzt, denn es bildete sich nur ein großes längliches Loch in ihm, durch das man den so berühmten Mystiker sehen konnte: den Mann auf dem Erlöserturm! »Es ist doch gut, daß er wirklich da war!« sagte Warberg, »ich hatte schon Angst ... Ach, Quatsch!« »Wovor hatten Sie Angst?« »Nichts!« Es klopfte an die Tür. Hansen ging und sah hinaus: »Ach, Sie sind's! Kommen Sie nur herein ... Hier ist ein Mann, der Ihre Zelle reinmachen wird, Herr Warberg.« Ein junger Mensch von siebzehn, achtzehn Jahren trat ein. »Zunächst das Bett machen«, sagte Hansen. Und der Bursche ging gleich an die Arbeit. Er trug Gefangenenkleidung: kurze schwarzwollene Beinkleider, ebensolche Jacke, weißwollene Strümpfe und Pantoffeln. Sein Gesicht war rot und angeschwollen und den Hals hatte er mit weißer Watte umwickelt, die vermittels eines blauen Tuches festgebunden war. Er hatte den »Ziegenpeter« und konnte den Kopf nicht bewegen, nur die Augen; aber die waren auch so lebhaft wie die Augen einer Eidechse. Er schielte neugierig zu Gunnar hinüber, während er mit den Bettüchern herumwirtschaftete, und als der Gefängniswärter auf einen Augenblick die Zelle verließ, plinkte der Bursche Warberg vertraulich-gemütlich zu, wie ein Schuljunge seinem Mitschuldigen. »Was hast du ausgefressen?« fragte er mit einer Stimme, die so heiser klang wie das Zischen einer Gans. »Falsche Wechsel geschrieben!« sagte Gunnar. »Ach!« machte der andere und schnalzte mit der Zunge. »Du bist mir ein Kerl!« »Ja–a ... und was hast du ausgefressen?« »Nichts«, zischelte er. »Ich bin bloß verdächtig ...« Da kam der Gefängniswärter wieder und der Bursche machte hastig kehrt und arbeitete voll Eifer. Hansen brachte den erwarteten Lehnstuhl mit, der neben den eingemauerten Tisch gestellt wurde. Und als Gunnar allein geblieben war, setzte er sich bequem zurecht, in seinen Überrock eingewickelt, hätte er jetzt nur eine Pfeife Tabak gehabt ... und wäre satt gewesen, dann hätte er sich ebensowohl befunden, wie man sich, der Sage nach, in Abrahams Schoß fühlen soll. Er saß eine Weile und starrte vor sich hin, dann sanken ihm die Augenlider zu, und er schlief ein und träumte: Er war zu Hause auf dem väterlichen Gut, da unten in Lolland. Es war Sommer, und es war Sonntag mit warmem, strahlendem Sonnenschein, und es sollte drüben in der großen Laube unter dem Hagebuttenbaum zu Mittag gegessen werden. Alle Kinder waren emsig beschäftigt, Teller, Messer und Gabeln und Servietten aus dem Eßzimmer hinauszutragen. Das Allerkleinste kam mit dem großen scharfgeschliffenen Vorlegemesser in der einen und dem Brotkörbchen in der andern Hand angewackelt. Vor Entsetzen laut aufkreischend stürzte die Schwester aus dem Gartenzimmer und nahm dem Knaben das Messer fort, der in Weinen ausbrach. Aber dann durfte er drei silberne Löffel und das Salzfaß tragen und war getröstet. Es sollte Backhühnchen und rote Grütze zu Mittag geben! Backhühnchen und rote Grütze und dann kleine Kuchen zum Kaffee, weil Sonntag war! Und wie hungrig sie alle waren! Sechs große Hühnchen wurden gegessen und ein ganzer Scheffel neuer Kartoffeln. Und als sie an die rote Grütze kamen, sagte Vater, dazu könnte ein Gläschen Sherry fein schmecken. Und dann mußte die Schwester hineingehen und die Karaffe aus dem Ständer und drei Sherrygläser aus dem Eckschrank holen. Und Vater und Mutter tranken jeder ein ganzes Glas voll, und die Kinder durften an dem dritten Glase nippen, das bei ihnen die Runde machte. Aber der kleine Jens leerte das ganze Glas, als es an ihn kam; und da lachten sie alle miteinander. Und dann wurde wieder eingeschenkt ... Aber wie die Backhühnchen schmeckten mit der Petersilie und der braunen Butter und den kleinen runden »Damenkartoffeln«! ... Auf der ganzen Erde wuchsen keine Hühnchen mit so weißem und süßem Fleisch wie die zu Hause: »Sie müssen in den Hof hinunter, Herr Warberg ...« »Wa ... was sagen Sie? ... Ich muß in den Hof hinunter? ... Nee, fällt mir gar nicht ein!« »Ja, jetzt ist Ihre Ausgehzeit.« Gunnar rieb sich die Augen und stand auf. »Na ja ... ist sie jetzt? ... Ja, dann muß ich wohl hinunter.« »Sie haben wohl ein Nickerchen gemacht, Herr Warberg?« fragte der Wärter milde und legte seine Hand leicht und vorsichtig auf Warbergs Arm. »Wie sind Sie hereingekommen, Hansen?« »Ich bin doch ganz richtig durch die Tür hereingekommen.« »Ja, das sind sie wohl ... Oh, Hansen, ich habe so wunderschön von jungen Hühnchen geträumt!« »Lieber Gott ...« »Was gibt's zu Mittag?« »Etwas, was sie russische Suppe nennen!« »Ist sie von Nihilisten gekocht?« »Das weiß ich nicht. Ich habe nichts mit dem Essen zu tun.« »Oh, Hansen, wenn Sie mir ein Backhuhn mit viel Petersilie verschaffen könnten ...« »Nee, das kann ich wirklich nicht!« »Nur ein halbes, lieber Hansen! Ich habe ja seit gestern um zwei Uhr nichts zu essen bekommen!« »Ich kann wirklich nicht, Herr Warberg! Könnte ich's, dann würde ich's weiß Gott gerne!« sagte der Gefängniswärter, dem die innigste Betrübnis von dem knochigen Gesicht abzulesen war. Er sah aus, als ob er niesen wollte. Warberg lächelte und klopfte ihm tröstend auf die Schulter. »Na ja«, sagte er. »Es kann ja sein, daß die gekochten Russen womöglich gar nicht so schlimm sind. Lassen Sie mich nur kosten.« Und er nahm seinen Überrock und setzte seinen Hut auf, um zur Promenade hinunterzugehen. »Warten sie ein bißchen«, sagte der Gefängniswärter, »die andern können vorher gehen; dann brauchen Sie nicht mit ihnen zusammenzugehen.« Gunnar nickte anerkennend, nur um dem Mann eine Freude zu machen, denn er wäre nun am liebsten mit »den andern« zusammen gegangen. Als Hansen die Zelle verließ, um die Türen der Gefangenen zu öffnen, ließ er aus Vergeßlichkeit oder Wohlwollen die Tür angelehnt, Gunnar stellte sich hin und sah hinaus: Und bald begann ein seltsamer Zug vorbeizuschreiten: grauhaarige gebückte Greise mit gesenkten Köpfen und schielendem Blick; junge kräftige Männer, die sich trotzig umsahen, um zu zeigen, daß sie sich den Teufel an die ganze Geschichte kehrten, und kleine zehn- und zwölfjährige Knaben mit blassen, angsterfüllten Gesichtern und einem unruhig flackernden Blick. Einer nach dem andern wanderten sie davon in ihrer schwarzen Gefängniskleidung und ihren klappernden Pantoffeln. Und alle trugen sie in den ausgestreckten Händen mehr oder weniger intime Urnen vor sich her, die sie in den Hof mitnehmen und dort reinigen und spülen sollten. Und Gunnars Gedanken schweiften zu Vetter Benjamin, der wohl auch an einem ähnlichen Pilgrimszug hatte teilnehmen müssen. Als der letzte Gefangene vorbei war, kam der Wärter zurück. »Bitte, Herr Warberg, wollen Sie dort links die Treppe hinabgehen, und wenn sie herunterkommen, ist es die erste Tür rechts.« Gunnar ging, und als er zu der angegebenen Tür gelangt war, stand ein anderer Wärter da und sagte: »Bitte, Sie müssen da hinein.« Und Warberg trat durch eine Gittertür, die in ihren rostigen Angeln kreischte, und befand sich in einem dreieckigen asphaltierten Bauer, das von zwei Zeiten von hohen gelben Steinmauern und auf der dritten von einem massiven Eisengitter umgeben war. Gunnar begann sich Motion zu machen. Er wanderte auf und ab an dem eisernen Gitter, das die längste Seite des Dreiecks bildete, und starrte stumpf zwischen den Stäben hinaus. Und je mehr er wanderte und je mehr er starrte, um so deutlicher erinnerte er sich eines alten friedlosen Eisbären, den er als Kind draußen im Zoologischen Garten gesehen hatte, als er zum ersten Male in Kopenhagen war. Der Mann, der ihm seine Promenade angewiesen, hatte sich selbst in den Schutz eines kleinen bienenkorbartigen, steinernen Häuschens begeben. Dieses Haus hatte sechs Fenster, und jedes Fensters lag einem Bauer gleich dem Gunnars zugewandt, und in jedem Bauer wanderte ein Eisbär umher. Durch die Fenster sollte der Wärter die Bewegungen der Tiere beobachten. Hierzu gebrauchte er jedoch nur ein Auge, während er für das andere in einem Buche oder in einer Zeitung Verwendung fand. Warberg hatte auf seiner Wanderung entdeckt, daß er, wenn er in dem entferntesten Winkel des Dreiecks stand und den Kopf tüchtig zurückbog, über den Bienenkorb des Wärters und ein entfernter liegendes Gebäude hinweg auf ein einzelnes Dachfenster oben in der Mansarde eines hohen Hauses auf der andern Seite einer ihm unbekannten Straße sehen konnte. Dieses Fenster bereitete ihm viel Freude. Hinter den Scheiben sah man eine hochrote, mit weißen Spitzen abgesetzte Doppelgardine und da standen Topfpflanzen, und in einem Bauer hing ein munter hüpfender Kanarienvogel. Und hin und zurück, hin und zurück wanderte Gunnar. Und jedesmal, sobald er in den entferntesten Winkel kam, lehnte er den Kopf hintenüber und betrachtete seine Aussicht. Und als dann ein Gesicht zwischen den Blumen zum Vorschein kam, ein altes runzliges Mütterchengesicht mit weißen Haaren und weißer Haube, ertappte er sich dabei, daß er vor Angst zitierte, sie möchte ihn am Ende nicht bemerken. Er wollte ihr zunicken! Zuerst blickte sie in die Höhe, vielleicht um nach dem Wetter zu sehen, aber dann glitt ihr Blick in den Hof des Gefängnisses hinab, und Warberg begann eifrig zu nicken. Die Alte schien zu erschrecken und zog sich ein wenig zurück. Aber als der Mann da unten immer weiter lächelte und nickte, nickte sie wieder und redete ein paar Worte ins Zimmer hinein. Und gleich darauf sah Gunnar, wie die Blumen an dem andern Fenster zurückgebogen wurden und eine junge Frau oder ein Mädchen mit einem Kinde von drei oder vier Jahren auf dem Arm zeigte sich. Gunnar lächelte, nickte und winkte, und die ganze Familie oben beantwortete seinen Gruß, ja, das Kind begann sogar ihm Kußhändchen hinabzuwerfen. Es war reizend! »Was machen Sie da?« Warberg fuhr zusammen; er hatte völlig vergessen, wo er war. Der Zerberus stand an der Gittertür und betrachtete ihn verwundert und mißtrauisch. »Ich ... schaue nur den Vögeln des Himmels nach!« sagte Gunnar. »Hm ... Jetzt müssen Sie nach oben!« Und Warberg beugte demütig seinen etwas müden Nacken und gehorchte der Ordre. Und es ward Mittag, und die Russensuppe wurde serviert. Sie wurde in einem zinnernen Napf aufgetragen, in dessen Rändern die Strafgefangenen seit Jahrhunderten ihre Namen eingeritzt hatten, das ganze Alphabet durch. Einige mitteilsamere Naturen hatten auch ihren Gefühlen Luft gemacht in Sentenzen wie »Immer rauf mit der Spieldose, Marie!« oder »Was ist das Leben!« oder »Hurra, jetzt muß ich runter und kriege fünfzehn Rutenschläge!«. Die Suppe war grau und trist anzusehen wie ein Novembertag und mit dem Geschmack war es nicht besser bestellt; und Gunnar brachte nicht viel davon hinunter. Auf dem Boden der Flüssigkeit lagen ein paar Kartoffeln und einige Fleischklumpen, diese verzehrte er mit Schwarzbrot und Wasser. »Sie haben ja nichts gegessen«, sagte der Wärter, als er den Napf abholte. »Nein«, sagte Gunnar. »Es ist mir zu gewürzt.« »Ja, aber Sie müssen wirklich essen. Wie wollen Sie es sonst überstehen?« »Ach, mein guter Hansen, ich bin ein standhafter Zinnsoldat!« Aber als der Wärter gegangen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, sank der Soldat doch in seinen Lehnstuhl mit der Hand unter der Wange. Und der dritte Tag brach an und ging zu Ende, und ebenso der vierte, fünfte, sechste, siebente und alle vierzehn Tage. Und die Zeit verrann gleichmäßig und ruhig, wie sie wohl den frommen Brüdern in einem schirmenden Kloster verrinnen mag, fett wurde er allerdings nicht, aber das Getöse der lärmenden Welt draußen quälte sein Ohr nicht und beunruhigte sein Herz nicht, und das ist schon viel für einen Menschen, der sich gegen die Gesetze der Gesellschaft vergangen hat. Und einsam war er auch nicht. Der Gefängniswärter sah häufig nach ihm, und sie plauderten über alles zwischen Himmel und Erde, denn Hansen war Denker und Naturfreund. Er war auf dem Lande geboren wie Warberg, und sein Ideal war, als herrschaftlicher Kutscher zu enden. »So herumzugehen und für ein paar Pferde zu sorgen«. sagte er, »sie striegeln und waschen und den Dung auf einer Schubkarre hinauszufahren, des Morgens, wenn die Sonne aufgegangen ist und die Vögel in den Bäumen zu piepen beginnen!« Und er erzählte Gunnar von seinem Leben draußen auf dem Lande, wo er von seinem siebzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre bei einem Prediger gedient und es »unglaublich gut« gehabt hatte. »Aber dann wurde ich doch Soldat, wissen Sie, und dann kam ich hier nach Kopenhagen, und da war ein Mädchen in einer Kneipe in der Kleinen Kongensgade, und mit der hatte ich Pech, und wir mußten heiraten. Und da verschaffte mir unser Hauptmann diese Anstellung hier – denn zuverlässig bin ich ja immer gewesen. Aber das ist ein schreckliches Leben, Herr Warberg, wir haben es wirklich viel schlimmer als die Gefangenen, denn die meisten von denen kommen doch wieder heraus. Ach, manchmal, wenn ich meinen Ausgehsonntag habe und einen Spaziergang nach Amager hinaus mache und die Felder und die Gräben und die Bäume draußen ansehe, dann sehne ich mich so ganz schrecklich nach der Zeit drüben im Predigerhause, wo ich herumging und meine Pferde besorgte und pflügte und erntete und den Prediger und seine Damen ausfuhr! Es kann mir direkt die Brust beklemmen, daß ich darüber seufzen muß. Und wäre ich nicht verheiratet und hätte Frau und Kinder, dann würde ich auch gewiß meinen Posten hier aufsagen und ginge wieder aufs Land, wenn ich auch manches durchmachen müßte, ehe ich eine Stelle bekäme. Denn wenn man auch draußen hungert, so hat man doch die Freiheit und die Natur.« Gunnar saß still und andächtig und lauschte der Klage des Mannes, und hin und wieder gab er ihm ein gutes Wort oder gaukelte ihm eine ferne Hoffnung vor, wie man es eben macht, wenn man den Sorgen eines andern Menschen ratlos gegenübersteht. Und Hansens blasses Gesicht klärte sich auf, seine furchtsamen Augen faßten Mut und er ging getröstet fort – um am nächsten Tage wiederzukommen und von vorn zu beginnen.   Auf dem Lande! Es war am Spätnachmittag und Halbdunkel herrschte in der Zelle. Gunnar saß in seinem Lehnstuhl, den Kopf gegen dessen Rücken gelehnt und die Augen geschlossen, als ob er schliefe. Auf dem Lande! Ja, er wollte aufs Land ziehen, wenn er nun morgen mit der Geschichte hier fertig war! Er wollte sich in einem kleinen Bauernhause einmieten und alle seine Möbel und seine Scharteken mitnehmen und sich ein Arbeitszimmer in der niedrigen, nach dem Garten gelegenen Stube einrichten, wo Bäume und Büsche und Rasen bald im Schmuck des lichten, lenzlichen Pfingstgewandes stehen würden. Er wollte den Wald knospen sehen, was er schon viele Jahre nicht gesehen hatte, wenigstens nicht so richtig! Und an den Windungen des Baches entlang wollte er wandern und das glucksende Rieseln des Wassers zwischen Röhricht und Schilf hören. Und im Tal zwischen moosigen Hügeln wollte er liegen unter dem alten Eichbaum und die Störche auf ihren roten Stelzen herumtraben sehen. Und wie er arbeiten wollte! Ein Buch nach dem andern wollte er fertig machen, und sie sollten alle erfüllt sein von der Freude über das Leben, und alle sollten sie Meisterwerke sein! Und wenn er müde vom Schreiben war, wollte er seinen Hut und Stock nehmen und seinen Freund, den Dorfschulzen, auf die Felder begleiten, wo die Kühe standen und den hohen Klee in sich hineinschlangen, wo die Knechte hinter dem Pfluge sangen und die Mädels die Schürzen voll himmelblauer Kornblumen und scharlachrotem Mohn pflückten. Und auf weidenumsäumten Wegen wollte er zu Besuch fahren und in gemütlichen niedrigen Stuben sitzen, wo süßduftender Goldlack und Geranien in den blaugestrichenen Fensterrahmen standen, und wo man einander die schwieligen Fäuste drückte und sich Guten Tag und Gottesfrieden wünschte ohne Falsch in Mund und Herzen! Und in den mondklaren Nächten wollte er auf langen weißen Pfaden wandeln und den gedämpften Tönen der Nacht lauschen. Und in duftenden Heuschobern wollte er schlafen und voller Spinnen und Ungeziefer aufwachen und seinen Morgenkaffee in unbekannten Dorfwirtshäusern trinken, bedient von einem rotwangigen, blauäugigen Bauernmädchen, das munter lächelte mit gesunden Zähnen hinter dem purpurfarbenen Blütenzweige der schwellenden Rosenblätter ihrer frischen Lippen ... und das Mädchen hatte drei Kinder, jedes mit einem andern Vater, und ihre Hände waren schmutzig und ihr Haar ungekämmt, und ihre Kleider stanken von Schweiß und Schmutz und Speiseresten und Petroleum und Hühnermist ... Amen! Gunnar schüttelte den Kopf, holte tief Atem, fast stöhnend, und träumte weiter: Der Gefängnisprediger, den er Sonntag unten in der Kirche von dem Kampf zwischen dem Katholizismus und dem Luthertum hatte reden hören, saß im Stuhl, während Warberg selbst todmüde stand und sich an die Wand lehnte: »Ich sah Sie in der Kirche ...«! »Ja ...« »Sie wollten sehen, wie so ein Gottesdienst abliefe ..« »Ja, und dann wollte ich die Rede des Herrn Pastors hören.« »Sie hat Ihnen wohl nicht gefallen?« »Ach ja, aber ich glaube nicht, daß diese Gemeinde ...« »Nein, Sie haben recht, lieber Freund ... Aber was für Stoff soll man sich austüfteln! Diese Menschen sind so mißtrauisch! Nimmt man Worte wie Diebstahl, Verbrechen, Mord oder dergleichen in den Mund, gleich denken sie, es ist auf sie gemünzt. Es ist wirklich nicht leicht!« »Nein, das mag es nicht sein ...« »Na aber, der Dienst hier ist ja auch nur eine Art Vorbereitung für mich. Ich halte später dieselbe Rede vor meiner Pfarrgemeinde.« »Ja, die kann sie natürlich besser goutieren ...« »Ja ... aber, um von Ihnen zu reden, lieber Freund, wie bekommt Ihnen der Aufenthalt hier?« »Ja, danke, mir geht es sehr gut.« »Aber irgendeine Veränderung in Ihrer literarischen Auffassung wird diese Begebenheit wohl kaum bewirken ...« »Kaum ...« »Ihrer Überzeugung nach ist Ihnen wohl ein Unrecht widerfahren?« »Na – aa ...« »Aber sagen Sie mir nur, was gedenken Sie zu erreichen, wenn Sie so schreiben? Nach welchem Ziel streben Sie? Welches Resultat bezwecken Sie?« »Ach, das weiß ich wirklich nicht. Ich will den Menschen zeigen, wie sie sind.« »Ja, aber lieber Freund, das wissen wir doch selbst ganz gut!« »Den Eindruck habe ich nicht ...« »Meinen Sie nicht, Sie würden der Welt und den Menschen mehr nützen, wenn Sie ihnen irgendein Ideal vor Augen hielten? Wenn Sie ihnen nach besten Kräften zeigten, wie sie sein müßten ...?« »Dazu bin ich nicht klug genug, Herr Pastor.« »Oder dumm genug«, sagte der Pastor mit seinem Lächeln. »Ja, so kann man es auch nennen ...« »Sagen Sie mir, können Sie von Ihrer literarischen Wirksamkeit existieren?« »Nein.« »Weshalb wählen Sie kein Brotstudium? Sie haben doch studiert?« »Bin noch dazu cand. phil .« »Weshalb wählen Sie kein Brotstudium?« »Ich bin zu alt.« »Wie alt sind Sie?« »Zweihundertvierundfünfzig Jahre ...« »Aehae ...« Plötzlich war der Pastor verschwunden und Gunnar befand sich wieder draußen auf dem Land, wo er auf dem Grabenrande ausgestreckt unter einer alten morschen Weide lag und mit dem Viehknecht Jens plauderte, der die Kühe und Ochsen des Gutes hütete. Jens saß neben ihm auf der äußersten Spitze seines mageren Hinterteils. Die Beine hatte der Alte unter das Kinn hinaufgezogen, und die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, saß er und starrte über das grüne Feld hinaus, wo das Vieh in Reihen stand und wiederkäute. »Ja«, sagte er und nickte still vor sich hin, »ich bin verheiratet gewesen, und ich bin Witwer gewesen. Und ich habe Kinder gehabt, und sie sind von mir fortgegangen, als sie groß waren. Und ich bin selbst einmal jung gewesen, Gunnarchen, und ich bin Soldat gewesen und habe den Krieg mitgemacht. Und ich habe mein Lebelang viel gesehen, Gutes und Böses. Und ich bin mit vielen Menschen zusammengewesen zu Hochzeiten und Kindtaufen und Erntefesten und Begräbnissen; und es mag ja ganz pläsierlich sein, hin und wieder mit Leuten zusammen zu sein, um zu sehen, wie sie sich in der Welt drehen und wenden; aber es ist doch trotzdem eine ewige Wahrheit: wenn der Mensch einmal ein gemütliches Weilchen, eine Stunde oder anderthalb haben will, wo Frieden und Ruhe ihm gleichsam Brust und Herz von innen heraus erfüllen, dann muß er alles sein, mutterseelenallein mit sich selbst! Das ist nun meine Meinung!« Warberg nickte, und der Alte fuhr fort: »Denn was nützt das, Gunnarchen, frage ich, daß man eine Frau hat und Kinder hat, oder ich will mal sagen, Freunde – – – und wer, hol's der Henker, hat Freunde, wenn's darauf ankommt! Das mag ja sehr gut und schön sein, und sie können einem ja doch so über dies und das und kleine Verlegenheiten und so was forthelfen, wovon es ja auch genug in der Welt gibt; aber das sind doch immer Backentellen, wie es heißt; und sie lassen sich durch Geld oder eine Mahlzeit oder einen guten Rat oder freundlichen Verkehr ordnen, der ja natürlich begreiflicherweise nicht zu verachten ist. – Aber wenn der Mensch betrübt ist, so recht herzinnig schwermütig, und der ganzen Geschichte satt und überdrüssig ist, so als ob er immerweg mit einem Sack voll Korn auf Brust und Rücken ginge, dann kann ihm keiner helfen ... dann gibt es auf der ganzen Gotteswelt keinen Menschen, der ihm helfen kann, Gunnarchen!« Der Alte drehte langsam den Kopf und blickte auf Gunnar herab, der unbeweglich mit geschlossenen Augen dalag und seinen Worten lauschte, die ihm aus dem Stamm des alten morschen Weidenbaumes selbst zu dringen schienen. »Ja, aber, was soll er denn tun, Jens?« fragte Gunnar. »was soll er denn tun? Es kann's doch kein Mensch aushalten, Zeit seines Lebens herumzugehen und betrübt zu sein?« Auf diese Frage erhielt Warberg nie eine Antwort; denn als er die Augen öffnete, um zu dem Alten emporzublicken, war er verschwunden; und der Grabenrand mit dem Weidenbaum war verschwunden; ebenso das Feld mit der langen Reihe der Kühe. Und er saß wieder in seinem Lehnstuhl in der engen Zelle. Es war Dämmerung. Die wenigen zerstreuten Gegenstände drinnen, der Ofen, das Bett, die Bank, standen mit vagen, zerfließenden Umrissen wie im Nebel. Nur der Plankentisch in der Wand neben Gunnar war deutlicher zu sehen, da der Tagesschimmer von dem Gitterfenster unter der Decke her sich um das seltsame Wesen zu sammeln schien, das zusammengekrochen darauf saß: ein kleiner verwachsener Knirps mit einem altklugen Gesicht –, kleinen blinzelnden Augen und einem breiten beweglichen, lachlustigen Munde. Er saß an die Wand gelehnt, das spitze Kinn auf den Knien ruhend, und betrachtete Warberg mit einem zwinkernden Blick. Keiner von ihnen sprach, keiner von ihnen rührte sich. So saßen sie lange und betrachteten einander unverwandt. Endlich verzog der Mund des Kleinen sich zu einem breiten Lächeln: »Na, Gunnar«, sagte er, »woran denken wir nun?« »An die kommenden Zeiten«, antwortete Gunnar. »An die kommenden Zeiten«, wiederholte der Knirps mit Grabesstimme und brach in Lachen aus. »Oh, wir werden uns wohl schon zu helfen wissen, mein Junge! Morgen haben mir ein Martyrium hinter uns!« »Wer, glaubst du, hält dies für ein Martyrium?« »Nee ... Aber ich glaubte, du glaubtest es!« »Du siehst so reizend boshaft aus, Sören Überschlau!« »Hä, und das gefällt dir nicht, was? Dann lasse ich es natürlich! ... Na aber, nun reisen wir also bald aufs Land!« »Ja.« »Ist es da draußen besser?« »Es ist jedenfalls etwas anderes, etwas Neues!« »Ja ... Veränderung macht Freude! ... Soll Binse mit?« »Binse und ich sind fertig miteinander!« Der Kleine kniff schelmisch das eine Auge zusammen, nahm aber sofort wieder eine ernsthafte Miene an und sagte: »Mir ist so dunkel ... ich entsinne mich nicht mehr recht genau, aber ... aber seid ihr das nicht schon ein paarmal gewesen?« »Ja, aber jetzt ist es ganz bestimmt vorbei!« »Gratuliere! ... Dann willst du also niemand mitnehmen?« »Aber Männer? Na, na, immer ruhig, mein Lieber! Ich will jedenfalls keine Weiber mitnehmen! Herrgott, du hast doch früher einen Spaß goutieren können! Warum sollen wir das nun so ernsthaft nehmen?« »Ach nein ...« »Na, siehst du! Zwei so alte Freunde müssen doch frisch von der Leber weg miteinander reden können! ... Du willst also wirklich nichts mehr mit den Weibern zu tun haben! In der Tat, ein sehr vernünftiger Entschluß! Wann hast du ihn gefaßt?« »Gestern.« »Schon seit so langer Zeit? ... Aber sage mal, was wollen wir denn draußen auf dem Lande tun?« »Arbeiten, schreiben, denken ...« »Ho, ho, nimm den Mund nicht so voll!« »Man wird ein besserer Mensch auf dem Lande!« »Ja, natürlich, ja! Gottes freie Natur! Pferde, Kühe und Schafe!« »Hier drinnen in der Stadt rennt man herum und schleift sich alle Kanten scharf!« »Ja, pfui Teufel, es gibt viel Bosheit in den großen Städten ... Aber hör' mal, sind wir nicht auf dem Land geboren?« »Gewiß.« »Das glaub' ich auch. Aber alle die geriebenen Bauern und all die »ausgetragenen« Kindermädchen und Tanten und Freundinnen, von denen wir in unseren Büchern so viel Wesens machen, sie sind am Ende aus der Stadt?« »Nein.« »Also nicht? Das ist doch wirklich sehr fatal, sehr ... denn dann hat es ja da draußen auch seinen Haken ... Aber wir wollen vielleicht dort herumgehen und unsere Dichtwerke vorlesen, zum Abschrecken und zur Warnung?« »Ich will mich gar nicht mehr mit dem Bösen und Garstigen auf Erden abgeben.« »Ja – so! Sieh – sieh!« »Denn es gibt ja so viel Schönes!« »Ja, wahrhaftig!« »Und das will ich studieren, und darüber will ich schreiben!« »Ja ... das bezahlt sich auch besser.« »Ich schreibe nicht, um Geld zu verdienen.« »Nein ... Gott bewahre, nein ... Pardon! Aber ...« »Es ist immer so gewissermaßen dein besonderes Talent gewesen, alles lächerlich zu machen!« »Mein gesundes Talent, ja! Das Talent, das du bisher einigermaßen zu schätzen gewußt hast, mein Lieber! – Na, von jetzt ab machen wir also in Schönheit? ... Wie? Wie sagst du? ... In Schönheit, Wahrheit und Güte!« »Ich mag nicht mit dir sprechen!« »Aber was ist denn nun los?« »Gott gebe, daß ich dich zur Tür hinauswerfen könnte!« »Na, nee – ee, das ist ja nichts dein Ernst! Wir beiden alten Freunde!« »Oh, mit unserer Freundschaft ist es wohl nie so weit her gewesen!« »Aber, lieber Freund, du hast doch nicht Morphium genommen?« »Bist du es nicht, der meine besten Augenblicke zerstört hat?« »Deine ›besten‹ Augenblicke! Ich glaube, du wirst ein bißchen schillerisch! Haben wir vielleicht nicht schon manchmal tüchtig miteinander gelacht?« »Das ist's ja eben! Nie habe ich mich dem Genuß eines Kunstwerkes, eines Buches, eines Bildes, eines Verhältnisses zu den Menschen ernst und voll hingeben können, ohne daß du gleich deine widerwärtige Galgenphysiognomie herausstrecktest und mir die Freude verdorben hast!« »Macht denn das Lachen keine Freude?« »Halt den Mund!« »Wie Sie befehlen!« »Lachen, sagst du? Ja! Aber du grienst!« »Das ist nur ein höherer Grad!« »Du grienst boshaft!« »Immer aufwärts!« »Du hast mich vertrieben vom Ernst, von der sicheren Ruhe, der stillen Freude, dem tiefen Gefühl, der reinen ... reinen ...« »Dummheit!« »Ja, so weit ist es mit mir gekommen, daß ich keine Trauer mehr empfinden kann, nur Verdruß!« »Ho, ho, du machst mich ja zu einem reinen Mephisto! ... Ohne daß du selbst dadurch etwa ein Faust würdest! ... Darf ich fragen, ist der Herr vielleicht fertig mit seiner › harangue ‹? ... Gut! Dann will ich nur sagen: Danken solltest du mir, weil ich dich lachen gelehrt habe! ... Man soll hier auf der Welt lachen, siehst du, über sich und über andere! Über das Ganze! Denn das ist die einzige Auffassung von der großen Maskerade des Lebens, die sich konsequent durchführen läßt! Keiner kann ›bei jedem Ereignis‹ den Grabesdüsteren herausstecken, mein Lieber! Aber lachen kann man über alles, weil es nichts auf der Welt gibt, das nicht seine lächerliche Seite hätte. Nehmen wir zum Beispiel den Tod, der bei der ganzen Gemeinde für ein höchst ernsthaftes Ereignis gilt. Stimmt er immer ernst? Keineswegs! Aber vermagst du bei einem Todesfalle oder einem Begräbnis auch keine Träne zu vergießen, lachen wirst du immer können! Es wird an die tausend Dinge geben, über die du lachen kannst: die feierlichen Mienen, die schwarzen Handschuhe! Die florumwundenen ›Kerzen‹! Der emsige Leichenbitter! Die Salbung des Predigers! Die Lügen der Leichenrede! Eine Fliege, die ihre Bedürfnisse auf der Nase des Toten verrichtet! Und zuletzt aber nicht zum wenigsten über die betrübten Hüte und freudestrahlenden Herzen der Erben! Ach ja, ach ja, glaube nur, Gunnarchen, der ›Schöpfer‹ selbst auf seinem himmlischen Sitz amüsiert sich königlich, wenn er auf uns Menschen heruntersieht und sich um so besser amüsiert, je ›ernsthafter‹ die Dummheit und Heuchelei sich gebärden! Und weshalb sollen nun nicht wir beide, du und ich und die paar anderen Menschen, deren Köpfe etwas von seiner göttlichen Lustigkeit abbekommen haben, weshalb sollten wir es nicht machen wie er? ... Na, aber das tun wir ja auch! Und wir wollen darin fortfahren, so lange unsere Maschinerie in Ordnung ist. Denn daß du augenblicklich an einer hoffnungslosen Liebe zu Heulen und Zähneklappern zu leiden scheinst, das schreibe ich ausschließlich auf Rechnung deines gegenwärtig etwas diffizilen Magens; Gefängniskost verdirbt gute Sitten, mein lieber Gunnar, und ...« Der Schlüsselbund klirrte draußen auf der Galerie, ein Schlüssel wurde ins Schloß gesteckt, die Tür ging auf und der Wärter kam mit seinem Licht, um das Gas anzustecken. »Heute ist es also der letzte Abend, Herr Warberg«, sagte er. »Ja, das stimmt, Hansen ...« »Sie freuen sich wohl darüber?« »O ja ...« »Gewiß, ich kann es mir sehr wohl denken, daß Sie froh sind ... Und nun will ich Ihnen also vielmals danken für Ihre Freundlichkeit und für all die guten Worte, die Sie für mich gehabt haben! ... Ich habe Sie fürchterlich schätzen gelernt, ja!« »Ja, lieber Hansen, ich bin es doch eher, der Ihnen zu danken hat.« »O nein, o nein«, sagte Hansen eifrig. »Ich weiß sehr wohl, wer hier danken muß. Sie sind der feine und gebildete Herr, der geruht hat, mit einem einfachen Mann gemütlich zu sprechen, und das vergesse ich Ihnen nie! Wir laufen ja sonst hier herum und reden mit keinem anderen ein Wort als mit unsereinem und mit den Gefangenen, die nichts weiter zu erzählen wissen, als daß sie nichts getan haben und was für eine Strafe sie bekommen haben und so etwas. Es ist also ein reines Extravergnügen, wenn hier der Zufall so einen von Ihrer Sorte hineinplumpsen läßt. Und ich möchte wirklich wünschen, daß Sie noch einen ganzen Monat hier säßen!« »Ja–a, danke, das ist in der Tat nett von Ihnen, Hansen, aber ...« Der Wärter stand und fingerte verlegen an seinen Schlüsseln. Dann machte er plötzlich die Tür fest zu. Darauf wandte er sich zu Warberg und sagte, ohne ihn anzusehen: »Und dann hätte ich noch eine Bitte an Sie ...« »Eine Bitte, Hansen? Ja, wenn ich kann, will ich sie gern erfüllen.« »Ach, Dank, Dank, Herr Warberg! ... Ja, sehen Sie ... es war ... es wäre nur das ... wenn Sie hören sollten, daß ... daß eine Herrschaft einen zuverlässigen Mann als Kutscher brauchte ... dann ... am liebsten draußen auf dem Lande. ... einen verheirateten Kutscher ... dann ...« Gunnar stand einen Augenblick unschlüssig, ob er dem Mann anvertrauen solle, daß er keine »Herrschaften« kenne, gar keine Herrschaften: und daß, selbst wenn er ein paar gekannt hätte ... Aber dann streckte er ihm entschlossen die Hand hin und sagte: »Das will ich, Hansen! Es ist nicht ausgeschlossen, daß es mir gelingt, Ihnen eine Stelle zu schaffen. Ich werde wenigstens versuchen, was ich kann!« Der Wärter ergriff dankbar die ausgestreckte Hand und drückte sie kräftig: »Dank!« sagte er. »Dank! Nun habe ich doch eine kleine Hoffnung, die ich hier drinnen mit mir herumtragen kann!«   Aber in der Nacht, als Gunnar auf seinem einsamen Lager ruhte, hatte er wieder einen Traum: ... Binse und er gingen zusammen in einem Walde spazieren ... Sie hatte ihr Kind mitgenommen, ein kleines Mädchen von drei, vier Jahren. Aber Gunnar war nicht des Kindes Vater. Und er ging schweigend an ihrer Seite, denn er war ihrer überdrüssig. Da stolperte die Kleine über einen Stein, fiel und schlug sich ein klaffendes Loch in die Stirn, weinte und klagte. Aber Binse riß sie von der Erde empor, drohte ihr und prügelte sie, bis sie schwieg. »Willst du schweigen, du scheußliches Mädel!« Und das Kind schwieg unter stillem, jammerndem Schluchzen. Aber Gunnar ergriff Binse hart am Arm und machte ihr Vorwürfe wegen ihres Betragens. »Wer ist der Vater des Kindes?« fragte er. »Weiß nicht!« sagte Binse und lachte mit ihren leuchtenden Augen und weißen Zähnen. »Aber du kannst die Range gerne haben! – Bitte!« Und sie legte ihm die Kleine in den Arm und ging fort. Und ringsum aus den Zweigen der Bäume erklang höhnisches Gelächter, und Frauengesichter lugten schadenfroh, verzerrt und triumphierend hervor ... Aber er ging weiter durch den Wald, das Kind an sich gedrückt. Er suchte nach Wasser, um es zu waschen, denn das Blut lief ihm aus der Stirnwunde über die Brust. Da lachte das Kind plötzlich ein gluckerndes Lachen mit seinem breiten Munde, und er sah, daß es seiner Mutter leuchtende, begehrliche Augen und seiner Mutter schwarzes lockiges Haar hatte. Und er wollte es von sich schleudern, konnte es aber nicht. Es schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte ihm mit der Stimme seiner Mutter unzüchtige Worte ins Ohr. Und er wurde von nagendem Schmerz ergriffen ... Sie standen in einem großen gewölbten Torweg, gemauert aus blutroten Steinen mit schwarzen Fugen, Gunnar und Binses Tochter. Und der Torweg war angefüllt mit alten und jungen Frauen und Kindern. Und sie dufteten nach Blumen und Brunst. Und sie lachten und sangen und umtanzten ihn mit wilden unschönen Tänzen: ... Seht, seht! Er schleppt sich zu Tode an des andern Kind! Hurila, hurila, hei!« Und sie zerrissen ihre Gewänder, die Frauen, und entblößten Rücken und Brust und Bauch und alles, was Frauen sonst gern verbergen. Und draußen auf dem offenen Platz hinter dem Torbogen wogte eine dichte Schar von Männern jeden Alters. Sie wüteten gegeneinander und drohten und schrien und schlugen sich um der Frauen Gunst und Gabe, wie die Hunde sich beim Nahen des Frühjahrs auf Straßen und Märkten beißen ... Und die Bejahrten nahmen am liebsten die Kinder in ihre Arme. Hurila, hurila, hei! ... Aus dem Torweg hinaus wurde Gunnar gedrängt, mitten unter sie. Und er sah, daß in einer Ecke des Platzes ein Altar errichtet war. Und er sah, daß an die oberste Spitze des Altars, wo ein goldenes Kreuz wie Feuer lohte, Männer und Frauen gefesselt waren, sie hingen Seite an Seite, ein Mann und ein Weib, und waren mit um den Hals gebundenen Stricken an dem Fuß des Kreuzes befestigt. Aber nur an den Gesichtern konnte man ihr Geschlecht erkennen, denn ihre Körper glichen Katzenleibern. Und während sie sich unter Schreien und Jammern paarten, zerfetzten sie einander und suchten sich aus den drückenden Banden zu befreien. Nackte Satyre und Mänaden umtanzten den Altar im Kreise und sangen: Seht, seht! Hurila, hurila, hei! Gunnar schauderte und drückte das Kind fester an sich, wie um es zu schirmen. Aber da fühlte er plötzlich, daß es seinen Armen entglitt. Und er sah es als eine große schwarze Katze mit blutunterlaufenen, begehrlichen Augen an seiner Seite entlang gleiten. Und er wurde von Entsetzen ergriffen und rief: Nach Hause! Nach Hause! und entfloh ... Und er stand im Garten des väterlichen Gutes, ein geöffnetes Messer in der Hand. Vor ihm, gegen einen Baum gelehnt, stand sein Vater. Auch er war mit einem scharfgeschliffenen Messer bewaffnet. Aber zwischen ihnen, gleich einem Zeichen des Friedens, stand seine Mutter. Und Gunnar erhob sein Messer und verwundete den Vater ringsum, auch an den Armen und Händen. Aber jedesmal, sobald der Alte auf ihn eindringen wollte, schob die Mutter ihren Körper dazwischen wie eine Schutzwehr. Plötzlich sank sie kraftlos in die Knie und flehte um Gnade und Gnade! Aber Vater und Sohn stießen sich gegenseitig ihre Messer in Arme, Brust, Hals und Hände! Und Gunnar sah das Blut aus seinen Wunden fließen. Er verlor das Messer, wollte um Hilfe schreien, streckte die Arme flehend aus und sank zu Boden. Und da lag er eine Weile bewußtlos mit geschlossenen Augen. Aber dann fühlte er plötzlich einen stillen, erquickenden, schmerzlosen Frieden seinen Körper durchziehen. Es war wohl seine Mutter, die neben ihm kniete und ihre milden Hände auf die Wunden legte, die der Vater geschlagen hatte. Und er schlang dankbar die Arme um ihren Hals und bot ihr die Lippen zum Kuß. Aber da sah er zwei leuchtende stahlgraue Augen brennen unter rabenschwarzem Haar. Ein blutroter Mund sog sich an dem seinen fest. Ein Körper, weich und geschmeidig und lind, schmiegte sich an ihn. Und während er sich wollüstig zitternd wand und bog wie unter einer Umarmung, hörte er Binses Stimme dicht an seinem Ohre flüstern: »Mein herrlicher kleiner Junge, so will ich dich haben!« Und er fuhr auf, tastete mit den Fingern nach ihrem Halse, um sie zu erwürgen ... und erwachte! Und er hörte einen entschwindenden, weichenden Chor singen: Lieb' ist des Menschen köstlichste Gabe; Lieb' ist der Erde holdeste Blüte! hurila, hurila, hei! Am nächsten Vormittag um zehn Uhr entführte eine Droschke mit einem buglahmen Pferde Gunnar aus dem Gefängnis. Es war regnerisch, trübe und neblig. Und ihm gegenüber im Wagen, tief in eine Ecke gebohrt, daß nur der Kopf zu sehen war, saß sein treuer kleiner Freund und unzertrennlicher Begleiter. Er hatte das eine Auge verschmitzt zugekniffen, der Knirps, und die Lippen schief in die Höhe gezogen. Und stoßweise, von seinem eigenen glucksenden Gelächter und dem Rumpeln des Fahrzeuges unterbrochen, sagte er: »Ja, ... von jetzt ab ... machen wir also ... in ... Schönheit ... Güte ... und Wahrheit ... Gunnar Warberg!«