Arthur Holitscher Politische Essays Ideale an Wochentagen Man traut sich kaum mehr recht, es so einfach hinzuschreiben: »Ideal«, dieses Wort, an dem herumgedoktert wurde wie an keinem zweiten im Wörterbuch, bis es etwas Vages, Hybrides geworden ist, eine schale Abstraktion, gut genug, das wahrhafte Ding, das es bezeichnen soll, irgendwohin weit weg von uns zu praktizieren, in eine respektvolle Entfernung zu schieben, wo es möglichst harmlos wird und lieblich anzuschauen. Wohin man mit seinen naturgemäß schwachen Menschenkräften gar nicht mehr langen kann. Und von wo aus es einem überdies auch nichts mehr anzuhaben vermag. Setzt man ein etwas näherliegendes, verständlicheres Wort an Stelle von Ideal, etwa: »Menschlichkeit«, »Würde« oder »Pflicht«, so sieht sich das Ganze gleich vertrauter an. Nicht mehr wie ein uneinlösbares Versprechen, nicht mehr wie ein kindischer Wahn oder ein Kindheitstraum, auch nicht mehr wie eine in der Tasche geballte Faust. Sondern schon eher wie ein solider und ehrenwerter Gebrauchsgegenstand, an den wir uns getrost halten können. Der uns zu unserer Existenz dient. Den wir anziehen können, wenn's uns friert, mit dem wir uns säubern können, wenn wir uns beschmutzt fühlen. Den wir meinetwegen wegschenken können wie ein Stück von unserem Mantel oder wie ein Stück Seife von unserem Waschtisch. Hat man eine Zeit gelebt und doch noch etwas für die Menschen übrig, so ist da weit und breit kein betrüblicheres Schauspiel als dieses: wie fast jeder irgendwo sicher verborgen etwas Hohes und Reines in seinem Innern herumträgt, diesem Idealen aber, wenn man es so nennen darf, täglich und stündlich zuwider lebt. Frierend und beschmutzt läuft einer einher zwischen Frierenden und Beschmutzten, daweil der Mantel im Schranke hängt und von der Seife die eingeprägte Fabrikmarke noch nicht abgewaschen ist. Die paar über die Stadt verstreuten Springbrunnen und die spärlichen offenen Kohlenbecken, an denen wir Obdachlosen vorbeilaufen, belehren uns nur um so schmerzlicher darüber, wie schmutzig wir sind und wie kalt es um uns herum ist. Eine Zeitung zu halten, die unsere eigene politische Anschauung vertritt, aus der Leihbibliothek die Bücher jener Autoren zu holen, die annähernd unsere eigene Sprache sprechen – wenn das genügte! Vielen genügt es. Aber Menschen, die einen Diätfehler als strafwürdiges Verbrechen an ihrer Gesundheit erachten, werden schon, nach ihrem Umgang befragt, staunend entgegnen: »Was hat das damit zu tun?« Und andere, mit dem Nimbus des Wohltäters um die erhobene Stirn, stehen unbekümmert bis an die Kniee im Schmutz, woher ihr Geld kommt. Alle aber haben, das ist das Merkwürdige, das ist das Niederdrückende, etwas Hohes, Reines, Unbefleckbares und Unerreichliches, daran sie glauben, ohne daß ihr Lebensgefühl dabei irgendwelchen Schaden erlitte. Wer von uns, die wir um des Lebens Notdurft zu sorgen und zu kämpfen haben, findet den Mut: die äußeren Formen einer Existenz durch das enge Sieb der inneren Pflicht rinnen zu lassen? Man ist abhängig . Konfrontiere doch diesen Begriff Abhängigkeit zu Hause, wenn du allein bist, mit deinem Ideal! Abhängigkeit ist das gangbarste Argument gegen die Betätigung des Ideals. Um nicht zu sagen: sein wirksamstes Gegengift. Man soll von Menschen, die schlecht und recht ihr Leben fristen, Erwerb, Sorge und Demütigung kennen, keinen Heroismus verlangen. Ich will das wiederholen: man soll doch von uns keinen Heroismus verlangen! Heroismus soll das Vorrecht einer kleinen begnadeten Schar bleiben, die exaltiert, selbstbewußt und befriedigt zugrunde gehen mag. Dem Mann der breiten Masse, dem Mann des großen Demos, auf den alles ankommt, soll man keinen Heroismus zumuten. Ebensowenig, wie man ihm die Waffe zum Selbstmord in die Hand drücken soll, denn auf wirtschaftliche Ausrottung des Helden und seiner Nächsten dürfte es dabei wahrscheinlich ankommen. Hier erlaube ich mir einzuschalten, daß ich bei diesen Ausführungen ästhetische Ideale nicht im Sinne habe. Stellen Sie sich bitte einen Mann vor, der in der belagerten Stadt Adrianopel ein Schaufenster nach künstlerischen Prinzipien aufbauen wollte. Der Mann müßte standrechtlich erschossen werden. Nicht anders sollte es uns hier oben in den westlichen Ländern der gesicherten Zivilisation ergehen. Mit was für Fragen verzetteln wir unsere Energie und Daseinslust! An was für Läppereien hängen wir unsere Herzen! Während blutiger Hohn von dort unten herauf- und über unser glorreiches Jahrhundert hinweggellt, etwas Ungeheuerliches, Unermeßliches, ein Jammer ohne Namen aus ermordeten Ländern zu uns herüberstöhnt, gedenken wir unserer, leider im Argen liegenden Kultur durch russisches Ballett und futuristische Sudeleien und Spielopern vorwärtszuhelfen. Gerade um diese Zeit herum würde es sich empfehlen, etwas vorsichtiger mit dem gefährlichen Wort »Ideal« umzugehen. Es womöglich gar nicht auszusprechen, wenn nicht aus anderem Grund, so doch aus Schamgefühl. Anderthalb Tagereisen weit im Südosten unseres Weltteils zeigt es sich, wie Großes und Mächtiges das vielgepriesene europäische Gewissen in den letzten vier Jahrhunderten geleistet hat. Dieses Gewissen, das wir heute in die Ferien zu allerhand Firlefanz schicken dürfen, nicht wahr? Tausend Pioniere an der Front der Menschheit dahinmarschierend, die Erwählten der Generationen, die Fackelträger und besorgten Hüter von allem, was hoch und rein war in der Vergangenheit und hoch und rein bleiben soll in aller Zukunft. Man erkennt wohl heute den Geist dieser Auserwählten in den Geschehnissen der Weltgeschichte, die wir miterleben, oder etwa nicht? Es würde sich wahrhaft empfehlen, reumütig den Blick von jenen Höhen abzukehren und lieber zuzusehen, was der gar nicht Besondere, der Mann des Durchschnitts in seinem kleinen Werkeltag tun und erreichen kann. Vielleicht liegen die Ideale da verborgen. Gerade dies: diese Distanz von unserem Alltag, dessen Sklaven wir sind, bis zu unseren Idealen, zu denen wir nicht hinaufreichen, beweist, daß wir an beiden verzweifeln dürfen, so wie sie heute gegeneinander stehen. Wenn's heute eine Pflicht, ein Göttliches, das heißt Menschenwürdiges gibt, so ist es dies: die abgrundtiefe Ungerechtigkeit in den Ursprüngen und Schichtungen unserer Gesellschaft zu erkennen und sie auszugleichen zu suchen. Sein Leben so einzurichten, daß man nicht in einem Atemzuge bürgerliches Behagen von sich bläst und im nächsten Atemzuge die Not und Pein um sich beseufzt. Daß man nicht mit der geübteren Rechten Profit einsackt und dann mit der anderen Hand ein wenig Wohltätigkeit zwischen den Fingerspitzen zerkrümelt. Daß man nicht zweierlei Lächeln um seine Mundwinkel feilhält, ein geschmeicheltes und ein leutseliges. Daß man sich nicht daran gewöhnt, aus seiner Zeitung, die des wunderbaren, betörend vielfältigen Lebens Spiegel ist, Erschütterndes und den Kitzel gleich oberflächlich auf sich wirken zu lassen. Man möchte heute, durch die Gegenwart belehrt, behaupten, daß der treuer dem Ideal dient, der seinem Alltag eine Reihe von verschwindend kleinen Opfern auferlegt, als der, der mit großen Phrasen in die Luft sticht. Immer mehr lernen wir ja einsehen, daß von oben herab, wo die Auserwählten der Macht, des Geistes und der Schönheit stehen, wenig an dem Lebensunrecht geändert wird, das sich täglich aufs neue vor unserem empörten Sinn abspielt. Man kommt auf den Gedanken, daß die Kultur ihre treuesten Hüter vielmehr an jenen hat, die in kleinem, hartnäckigem, bewußtem, kaum bemerktem Wirken die große Ungerechtigkeit kleinweise auszugleichen suchen. Die Rücksicht auf ihre Nächsten nehmen. Ihren Mitmenschen an winzig kleinen, aber fortgesetzten Beispielen zeigen, daß etwas lebt, was Güte und Milde heißt, Pflichtbewußtsein gegen sich selbst und Respekt vor der Würde des anderen. Gewiß, so zu handeln bedeutet eine schwere Sorge, die man sich auferlegt. Aber man sehe nur zu, wie diese eine neue Sorge die anderen, die man schon vorher auf dem Rücken trug, leichter macht. Eine kleine Anleitung, wie man sich anstellen soll dabei, wird hoffentlich nicht als Anmaßung gedeutet werden. Sie bezieht sich auf die ersten Stunden des Tages. Beim Frühstück, während man Butter auf sein Brötchen streicht, darf man sich vielleicht vornehmen, im Laufe des Tages Namen und Adresse des armen Schulkindes auszukundschaften, das vor Morgengrauen dies Brötchen vom Bäcker in dem Frühstücksbeutel gebracht hat. Beim Fortgehen mag man im Vorzimmer selbst in seinen Paletot schlüpfen und dem Dienstmädchen ein freundliches Danke sagen, während man ihr diese kleine Mühe abnimmt, für die sie ja doch bezahlt wird. Dafür Sorge tragen, daß dieses Mädchen in Zeiten, da es sich schonen muß, die Hauswäsche nicht zu waschen, keine Kohlen zu tragen, das Teppichbürsten nicht zu besorgen habe. Im Geschäft hinter die Verkaufspulte Stühle hinstellen, damit die bleichsüchtigen Ladenmädchen sich setzen können mitten in ihrer Arbeit. Und übrigens auch in den späteren Stunden des Tages, wenn mit der Frische die guten Vorsätze erlahmen und fremde Böswilligkeit es einem nahelegen will, daß man lieber selber hart und rücksichtslos sein sollte – sich zum Gegenteil zwingen. Mit aller Gewalt zwingen. Wie zu einem Sport, den man der Mode wegen mitmacht, sich zur Güte und Nachsicht trainieren. An dem Anblick eines ausruhenden Arbeitsmenschen gleiches Entzücken finden wie an der Schnellkraft eines graziösen und geschmeidigen Ballettänzers. Vielleicht kommt man den Idealen auf diesem Wege etwas näher. Es ist leider wieder Herbst Die Zeit ist um, alle Züge sind zurückgekommen, alle Wohnungen sind wieder aufgesperrt, man hat sich für den Winter eingerichtet; ein neues Arbeitsjahr beginnt. Der Städter pflügt seinen Acker im Herbst, sät im Winter und erntet, wenn's was zu ernten gibt, im Frühjahr. Es ist jetzt an der Zeit, mit aufgekrempten Ärmeln an die Arbeit zu gehen, die ausgeruhten Muskeln anzuspannen! Da aber nur wenige Wochen verflossen sind zwischen dieser neuen Arbeit und der Arbeit, die wir im Frühjahr abgeschlossen haben, einige wenige Wochen der Ruhe, des Ausschnaufens, der Sammlung, so werden wir uns wahrscheinlich noch recht gut an unsere Gemütsverfassung zu Ende des letzten Arbeitsjahres, so um Mitte Juni herum, erinnern. Mit ein wenig Ehrlichkeit werden wir es uns gestehen dürfen, daß diese Gemütsverfassung nicht allein von der gesunden Müdigkeit nach getaner Arbeit bestimmt und getönt gewesen sei, sondern: daß wir gewissermaßen erleichtert aufgeatmet haben, im Bewußtsein, daß Gott sei Dank wieder eins von diesen verschobenen Ernte- und Arbeitsjahren überstanden sei und daß wir aus dem Geschrei in steinernen Straßen in die Stille der Wälder und der Dünen entlassen worden sind. Wen nicht die Fülle der Zerstreuungen, die die kühler und kühler werdende Jahreszeit verspricht, in die Stadt zurücklockt, sondern Arbeit und Anstrengungen daheim erwarten, der wird sich, o ganz gewiß, an den bitteren Geschmack erinnern, der um die Zeit des Ferienbeginns seine Zunge belegt, seinen (seelischen) Gaumen ausgepicht hatte. Je intensiver einer heute, Anfang September 1913, an die Arbeitssumme denkt, die er bis Juli 1914 zu bewältigen haben wird, um so intensiver wird er sich wahrscheinlich an den Überdruß, die Müdigkeit, das bittere Genughaben erinnern, die wie ein Gift im Herzen und Sinn zu Ende Juni 1913 das letzte Arbeitsjahr in ihm hinterlassen hat. Seine Sommererholung war vermutlich so beschaffen: die ersten zwei Wochen vergingen damit, dies Gift mittels der Bergluft oder der Seebrise aus sich herauszuspülen, die letzten zwei Wochen aber damit, seufzend und zähneknirschend ein Gegengift in sich hineinzupumpen, in der Ahnung, der Erkenntnis, das Resultat des bevorstehenden Jahres werde ja doch wieder eine ähnliche Vergiftung sein, wie sie das Ergebnis des verflossenen gewesen ist. Es dürfte daher vielleicht an der Zeit sein, heute, Anfang September 1913, schon vorzubeugen; zu versuchen, ob man die kommenden Wintermonate nicht doch noch um einen Grad hygienischer verleben könnte, damit man ohne das erwähnte homöopathische Verfahren seiner nächsten Ferien, Sommer 1914, froher werde. Man wird guttun, heute schon über die Ursachen jener Vergiftungserscheinungen nachzudenken; vielleicht wird dann vom Sommer 1914 weniger für die Kur draufgehen und mehr reine und ungemischte Daseinsfreude in uns sich entwickeln. Was einer auch schafft und treibt, sein Arbeitsjahr wird von denselben Quellen gespeist: von der Freude an der eigenen Arbeit, der Genugtuung über die Wirkung der eigenen Arbeit und von dem Respekt vor fremder Arbeit. Man sage nicht: zur Not könnte die dritte, zuletzt genannte Quelle verstopft sein und die beiden ersten würden genügen! Eher könnte man noch die Wirkung der eigenen Arbeit missen. Es gibt Fälle, ich habe mir's sagen lassen, in denen ein arbeitender Mensch der Anerkennung entraten, ja sogar (wenn auch unter Herzleid und beträchtlichem Zusatz von Nervensubstanz) durch diesen Mangel nur noch fanatischer sich seinen Bestrebungen hingeben kann. Es ist aber keine ersprießliche Tätigkeit ohne Freude an fremdem Beginnen denkbar. Wie wir am Ende dieses Arbeitsjahres dastehen werden, das hängt von dem Gleichgewicht jener Triebkräfte, die beide Zwillingskinder des Selbsterhaltungstriebes sind, ab – man kann, man hat das Zeug in sich, vorzusorgen, daß dieses Gleichgewicht hergestellt werde, man soll es beizeiten tun. Konzentration ist ja alles. Konzentration ist das große Heilmittel, die zehn Gebote in einem, das Sesam, das die Pforte zum Glück öffnet. Nie wurde einem die Konzentration erschwert wie heutzutage. Die Welt posaunt, mindestens zweimal am Tage, ihren verworrenen, verwirrenden Schall in die luftdichteste Arbeitsstube hinein; wer könnte sich dem Schall der Welt verschließen? Sobald wir uns eingestanden haben, daß nicht in der passiven Beschaulichkeit, sondern gerade im Gegenteil: im Mittun der Wert des Lebens beschlossen ist – in der Förderung dessen, was man als das Gute und Wahre, in der Bekämpfung dessen, was man als schlecht und falsch erkannt hat – sobald wir uns dies eingestanden haben, müssen wir auch eine zielbewußte Sammlung all unserer Lebensenergien beginnen. Dann werden wir bald eingesehen haben, die Vergiftung zu Ende des letzten Arbeitsjahres sei einfach damit zu erklären, daß wir zu viel von unseren Lebensenergien vergeudet haben!   Ruft Euch doch einmal ins Gedächtnis zurück, welche Ereignisse Euch im verflossenen Arbeitsjahr in Eurer Arbeit, in Eurem Glauben an die Welt bestärkt haben, welche Euch von Eurer Arbeit abgelenkt und, statt Euch zur Tätigkeit anzuspornen, mutlos gemacht und bewirkt haben, daß Ihr einfach die Hände in den Schoß legtet: ich mache nicht mehr mit! Ruft Euch ins Gedächtnis zurück, welcher Geschehnisse Zeugen und welcher Geschehnisse Narren Ihr wäret! Man nehme doch das große öffentliche Leben eines Jahres, wie es einem die Zeitung vermittelt, her und schreibe, wie in ein Kontobuch, auf zwei gegenüberliegende Seiten die Ereignisse ein, an denen Interesse zu nehmen man gezwungen war, an denen Interesse zu nehmen einem zugemutet wurde, von denen Kenntnis zu nehmen man nicht umhin konnte, weil sie mit dem ganzen ungeheuren Apparat der Publizistik vor uns aufmarschiert sind. Man schreibe, was einen vorwärtsgebracht hat, auf die Kreditseite, was einen gehemmt hat auf den Wegen des Lebens, auf die Debetseite der Welt sozusagen, und man wird Wunderliches erleben. Es soll dabei gar nicht von der Vergeudung fremder Energien an Dinge, die wir als falsch und schlecht erkannten, die Rede sein (denn dies schlüge ins Kapitel Weltschmerz), sondern von der systematischen Herabstimmung, die unser eigener Lebenstrieb angesichts der Weltereignisse erfährt. Von der Verzweiflung bis hinab zum Ärger, dem täglich in kleinen Portionen verabreichten Ärger, der sich am Ende vielleicht zu einer gewaltigeren Ziffer zusammensummiert haben wird, als die Verzweiflung vorstellt, die Verzweiflung angesichts der Dinge, die diese Regung verdienen. Ja, schalten wir besser gleich die großen Ursachen der Verzweiflung aus, den Krieg, die Politik, die wirtschaftlichen Probleme und bleiben wir beim Ärger, beim Ekel, der uns, ob wir wollen oder nicht, in kleinen Gaben alle Tage lang eingeflößt wird. Wie können wir dem entgegenwirken? Zu Beginn dieses Arbeitsjahres sollten wir uns vornehmen, vor allem das Bedürfnis nach Sensationellem aus uns hinauszuwerfen: das Interesse an dem Tun und Lassen bestimmter Personen, von ganz oben bis hinab ganz tief unten auf der untersten Sprosse der Leiter. Wir wissen, daß dies Tun und Lassen ja zum größten Teil nur durch die Trägheit der Masse und durch die schlechte Gier des Durchschnitts nach nichtsnutzigem Klatsch ermöglicht wird. Das ist kein schlechter Anfang. Zudem ist er hierzulande nicht schwer. Denn wenn man zusieht, mit welchen Nachrichten aus der »Gesellschaft« ernsthafte Blätter Englands, Frankreichs und Amerikas ihre Spalten vollstopfen, dann lernt man unsere deutschen Zeitungen loben. Sind wir erst auf diesem Wege, so müssen wir lernen, das Wichtigere zu vollbringen: nämlich Geschehnisse zu ignorieren, die dem fundamentalen, verbrecherischen Widersinn unserer wirtschaftlichen Zusammenhänge ihr Dasein verdanken. Dies ist kein Quietismus, keine Erziehung zum Vogel Strauß, sondern ein Behelf der Notwehr. Es ist aber schon ein fortgeschrittener Jahrgang, dem man mit solcher Zumutung kommen darf. Vorerst handelt es sich darum, uns aufzulehnen gegen die Zumutung, daß wir an den Eitelkeiten, den trüben Machenschaften, kurz, allen Äußerungen der Selbstüberhebung der unproduktiven Klassen – der Repräsentierenden, der Unternehmer, der Amüseure – teilnehmen, daß wir sie durch unser Interesse unterstützen und fördern vom September bis zum Juli. Es ist uns gar nicht sehr schwer gemacht, unserem Bedürfnis, zu bewundern, anzuerkennen, aufzublicken, nach Herzenslust frönen zu dürfen. In dieser Stadt, in diesem Lande, in dem wir leben, wird so ernst, angestrengt und schwer gearbeitet wie kaum in einer zweiten Stadt, einem zweiten Land der Erde. Energien und Leben opfern sich für die größten Dinge – und für die notwendige Fülle der kleinsten –, von denen die Menschheit lebt und an denen sie sich vorwärts entwickelt. In Laboratorien, Seziersälen, in Schreibstuben, Fabrikhallen, in Theatern, Redaktionen kann man Selbstaufgabe, Zukunftsglauben, ungenannte und wahrhaft namenlose Anstrengungen am Werke beobachten, die die Welt vorwärtsbringen. Diese Art von Arbeit ist es, auf die wir unser Interesse und unsere Sympathie konzentrieren sollen; der wir mit aller Kraft der Seele, die unsere eigene Arbeit in uns frei und übrig läßt, Zuspruch zollen müssen. Dem Scharlatan in jeder Form, der durch seine prunkende Macht, seinen Zynismus, seine Eitelkeit zu verblüffen sucht, ihm muß der Boden weggezogen, der Schall vom Munde weggerissen werden. Gewiß sind ihm seine Taten und alle Äußerungen seines Instinkts in der Seele ebenso wichtig, wie dem Ernstesten sein Glaube, gewiß ist sein Trieb ebenso von seiner Natur bedingt, wie der Trieb, sich in der Stille zu opfern, dem Edelsten von seiner Natur in die Seele gepflanzt wurde. Und sicher ist es, daß ein Lebenswerk die breite Öffentlichkeit ebenso benötigt, wie ein anderes sie zu meiden und zu scheuen hat. Sicher aber ist der, von dem viel die Rede ist, noch lange nicht zu verwechseln mit dem, der viel von sich reden macht. Jeder, der arbeitet und nicht gestört werden will in seinem Tun, muß sich trainieren, zu sichten, zu sondern, an dem Flüchtigen ohne vieles Gefackel vorüberzugehen, vor dem Bleibenden zu verweilen. Die Arbeit der im wahren Sinne Arbeitenden ist es, auf die sich jeder, der Bescheid weiß, zu konzentrieren hat. Das Unernste, das Verwerfliche, die Mache, wenn noch so viel Geschrei um sie herum und aus ihnen heraus erschallt, wenn sie sich noch so interessant und spannend geben, sie sollen verachtet sein und bleiben. Auf solche Weise allein kann man Herz und Hirn rein erhalten, sein Arbeitsjahr erquicklich zu Ende leben, sich auf sein nächstes Arbeitsjahr einen Sommerurlaub lang freuen, statt vor ihm einen Sommerurlaub lang Grauen und Angst zu hegen. September ist es wieder, schon erheben sich die wohlbekannten Stimmen schrill im Chor der Ereignisse! Nun die Ohren zugestopft und die Zähne zusammengebissen. Mehr anonyme Briefe! Wohl dem, der auf seinem Frühstückstisch neben den nahrhaften Dingen, die ihm die Arbeit der Morgenstunden erleichtern helfen sollen, noch ein Päckchen Briefe vorfindet, ein hübsches Häuflein von Briefen, die nicht allein deswegen an ihn gerichtet wurden, weil sein Name im Telephonbuch steht. Frohgemut wird er die Adresse auf den Umschlägen besehen und wahrscheinlich zuerst jene Briefe öffnen, deren Umschlag eine ihm unbekannte Handschrift trägt. Auch wenn auf einem oder dem andern Umschlag sein Name von der vertrautesten Freundeshand geschrieben steht, wird er wahrscheinlich jene zuerst öffnen. Und vielleicht wird sich zwischen jenen Briefen einer finden, der keine Unterschrift trägt und der doch von Freundeshand geschrieben ist. Es werden viel zuwenig anonyme Briefe geschrieben. Große Verschlossenheit, über die man nicht laut genug klagen kann, trennt die Menschen voneinander. Alles, was man sich gegenseitig sagen möchte und sagt, kommt leicht schief oder um einige Grade kühler, als es gefühlt wurde, über unsere Lippen. Es braucht nicht gerade die Trägheit des Gefühls hieran schuld zu sein. Viel öfter tragen irgendwelche Vorurteile die Schuld, anerzogene Vorurteile, landesübliche Schranken zwischen den einzelnen Schichten der Bevölkerung, schlimme Erfahrungen, aber vielleicht auch große Innigkeit, die sich schämt und verbirgt, Wahrhaftigkeit, die unfruchtbar bleibt, weil sie sich nicht auch in Taten Luft zu machen versteht. All diese und tausend andere Ursachen tragen zur baren Veroberflächlichung unserer Beziehungen bei. Wie oft nimmt man wahr, daß eine Unterhaltung gerade an dem Punkte, an dem sie die intimsten Lebensfragen zu berühren verspricht, plötzlich in entgegengesetzter Richtung abschwenkt, haltlos und seicht über unwichtige Dinge hinwegplätschert, daß man zu schwätzen anfängt, wo man sich und den anderen eine Lebensstunde verschaffen könnte, an der die Erinnerung lange noch zu zehren hätte! Auch um schriftlichen Verkehr vom Menschen zum Menschen: wie viele Hemmungen, wieviel Angst, welches Hin und Her zwischen Halbgesagtem, welches Herumschleichen um das Gefühlte, welch ein ängstliches Suchen nach dem Ausdruck – andererseits im Empfänger welches Unbehagen, welche Beschämung und Unsicherheit, wenn sich die Empfindung einmal in einer allzu heftig scheinenden Intensität des Ausbruches zeigt. Alle unsere Beziehungen zueinander tragen den Fluch einengender gesellschaftlicher Form mit sich herum, einer Form, die zu Unrecht als Zeichen für Kultur gilt. Es ist nicht nur Neugierde, die einem die Hand führt, wenn man aus der Morgenpost die Briefe mit unbekannter Schrift heraussucht. Auch nicht allein die Erwartung von etwas Außergewöhnlichem. Eine Äußerung, die uns aus lauer Lethargie aufrüttelt, Wahrheit erkennen läßt, zur Aktion aufmuntert, wird unserem Leben auf alle Fälle, mag sie kommen, woher sie will, Gewinn bedeuten; unserem Leben, das ja doch mit so vielen bleiernen Nieten der Gleichgültigkeit und lahmen Gewohnheit belastet, in seinem Tempo beeinträchtigt, durch die Jahre dahingeht. Es wäre gewiß zuviel gesagt, wollte man behaupten, daß es der Instinkt der Selbsterhaltung sei, der uns nach den unbekannten Briefen zuerst greifen läßt, sicherlich aber ist es derselbe Instinkt, aus dem uns Hoffnung und Daseinslust und ähnliche schöne Dinge erblühen. Vielleicht ist's nach dem schon Niedergeschriebenen überflüssig, zu bemerken: daß hier nicht von jenen Briefen gesprochen werden soll, an die man gemeinhin zu denken pflegt, wenn man die Worte »anonyme Briefe« hört, das heißt von Briefen, die verleumdungssüchtige Feigheit diktiert hat. Ebensowenig soll hier von Leuten die Rede sein, denen der Empfang solcher anonymer Briefe weiter nichts bedeutet als einen gar nicht unangenehmen Kitzel. Ich kenne Leute, die sich damit gebrüstet haben, daß sie täglich ein halbes Dutzend oder mehr von offenkundigster Mißgunst und Gemeinheit eingegebener anonymer Briefe auf ihrem Frühstückstisch vorzufinden pflegten, und die sich dann baß grämten, als diese Briefe ausblieben: weil dies ihnen ein Beweis dafür schien, daß die Öffentlichkeit sich mit ihnen weniger und weniger, zuletzt gar nicht mehr befaßte. Von solchen Fanatikern der Eitelkeit sei hier nicht die Rede, sondern von jenen, die ernsten Sinnes nach dem Widerhall hinhorchen, den ihr Dasein in der Welt hervorruft.   Eines der schönsten Geschenke, das die Welt dem arbeitenden Menschen machen kann, ist: daß sie ihn spüren läßt, wie er wirkt. Daß seine Arbeit nicht im Leeren verpufft. Daß seine Arbeit, die sein Schicksal ist, das Schicksal fremder Menschen beeinflußt und fremde Tatkraft anspornt. Daß aus seinem eigenen Wesen heraus sich Kreise in der Welt ziehen, und was er fühlt und äußert, der Welt nicht sozusagen zum einen Ohr hinein- und zum anderen hinausgegangen ist. Freunde und Gleichgesinnte aus dem nächsten Umkreis können dieses Gefühl der Freude und der Selbstbestätigung nicht in dem Maße vermitteln wie der erste beste Unbekannte. Freund eines Freundes sein bedeutet ja schon Übereinstimmung, Einfluß aufeinander, demselben Willen und Gesetz gehorchen. Das ist ja gerade das Edelste an jedem Streben, dessen Ziel nicht in der eigenen Tasche liegt: ein vages Hinausschleudern der Sehnsucht ins Unbekannte. Darum bringt eine Stimme, die aus dem Unbekannten zurückschallt, den besten Lohn, den die Welt zu vergeben hat: das Positive, das kein Streben auf die Dauer zu entbehren vermag. Jawohl, aus dem Unbekannten. Und man darf füglich bemerken, ein wenig beschämt und ein wenig traurig, daß jenes reine Gefühl der Freude und der Selbstbestätigung um so stärker und befreiender wirkt, je weniger sich die Stimme aus dem Unbekannten herauslöst. Ein Unbekannter, der sich plötzlich als Freund und Gesinnungsgenosse entpuppt, zu erkennen gibt, sich auf die Brust schlägt, hier wohne ich, so und so lautet mein Name, dies meine Beschäftigung und so weiter, begeht die Indiskretion, etwas für sich persönlich in Beschlag zu nehmen, was eigentlich an die Allgemeinheit gerichtet war. Er nimmt einen beim Wort, das man ihm gar nicht gegeben hat. Mit einemmal sind die Rollen vertauscht: der Unbekannte ist einfach dadurch, daß er nicht mehr unbekannt ist, ein Gläubiger dessen geworden, dem er Dankesschuld abtragen wollte. Dieser hat wohl einen Freund gewonnen, aber die Erfahrung hat ihn ja gelehrt, was das bedeutet, »ein neuer Freund«! Ein neuer Freund, das bedeutet: Befangenheit am Anfang, Mißverständnisse im Weitergehen, Paktieren, sich mühsam aufeinander Einstellen, Ernüchterung, vielleicht Feindschaft am Ende. Der Anonyme hingegen, der nur Freundlichkeit erweisen will, ohne die geringste private Genugtuung davon zu erwarten und einzustecken, lediglich um der Freundlichkeit willen, das ist der richtige Wohltäter, der reinste und treueste unter den Freunden. Denn unendlich mehr als das Bewußtsein, diesen und jenen und noch hundert andere zum Freunde gewonnen zu haben, unendlich kostbarer ist es, die Atmosphäre um sich von einer freundlichen Strömung angefüllt zu empfinden. Deshalb sag ich, daß viel zuwenig anonyme Briefe geschrieben werden. Es ist wahrscheinlich zu viel Egoismus und zu wenig Freundlichkeit in uns Menschen vorhanden. Wie viele hunderttausend anonyme Kräfte wirken rings um uns in der Welt, um uns zu unserem Leben zu verhelfen? Auf allen Gebieten des menschlichen Wissens wirken Scharen uneigennütziger und opferwilliger Helfer im Dunkeln, das um ihre persönliche Existenz niemals gelichtet wird. Es ist ein großer und verhängnisvoller Fehler geschehen dadurch, daß die Anonymität gerade in den geistigen Berufen aufgehoben wurde. Daß gerade in den Berufen, deren Zweck es ist, der Allgemeinheit die Bahn zu zeigen, das Gefühl sich sofort durch einen Namen, der darüber gebreitet oder darauf geklebt ist, sozusagen bar bezahlt macht; auf alle Fälle sich durch diesen persönlichen Umriß, in den es hineingezwängt wird, vor der Öffentlichkeit automatisch abschwächt. Wie die Dinge liegen, ist das persönliche Interesse an dem Träger eines Gefühls, das aufs Allgemeine gerichtet ist, vom Übel und rächt sich ja auch oft genug in grausamster Weise. Das beste und wirksamste Mittel gegen das Überwuchern des Persönlichen in dieser Beziehung ist daher, daß sich wenigstens die Allgemeinheit anonym verhält. Aber es gibt noch eine Art von anonymen Briefen, die in beträchtlicher Höhe über jenen steht, in denen sich lediglich freundliche Zustimmung und Ermunterung kundgibt. Das sind die seltenen und kostbaren Schreiben, deren Absender richtig helfen wollen. Nicht durch freundliche Zustimmung und Ermunterung allein, vielmehr durch uneigennützige Hingabe einer reellen Kraft. Wieviel Erfindungsgabe, Gedankenreichtum geht in jedem von uns einfach verloren, weil sie nicht dazu gebraucht werden können, unserem eigenen Gewerbe zugute zu kommen. Weil sich kein System hinter ihnen erhebt. Weil unser Egoismus von ihnen nicht direkt profitieren kann und weil es obendrein noch mit Mühe verbunden ist, sich ihrer zu entledigen. Im Theater fällt uns, die wir keine Schauspieler sind, eine kleine Nuance ein, durch die der Mann oder die Frau, die eben auf der Bühne stehen, ihre Rolle wirkungsvoller pointieren könnten. Warum setzen wir uns, zu Hause angelangt, nicht einfach hin und schreiben dem Schauspieler einen anonymen Brief in der Absicht, ihm diese kleine Wirkung zu schenken? Es ist von einer großen Arbeit die Rede, die unternommen wird, um eine Erfindung für die Allgemeinheit in nützlichster Weise ausbeuten zu können. Warum setzen wir uns nicht hin und machen den Männern, die sich irgendwo in einem Bureau die Köpfe zerbrechen, Mitteilung von einer praktischen Wahrnehmung, die wir gemacht haben und die jenen Männern vielleicht ein Stück Arbeit ersparen könnte? Wenn mehr Hilfsbereitschaft in der Welt wäre, ein innigeres Gefühl für das Zusammengehen aller mit allen, wenn nicht jeder so ingrimmig auf seinen eigenen Nutzen, sondern vielleicht etwas mehr auf den Nutzen der Gesamtheit bedacht wäre, dann würde die Post vermutlich mehr anonyme Briefe befördern, als sie es heutzutage tut. Aber in einer Gesellschaft, wie die unsere es ist, in der jeder sich in einer Arbeit spezialisieren muß, in der jeder einen scharf umgrenzten Posten ausfüllen muß, um zu gelten, ja um existieren zu können: da liegt die Gefahr nahe, daß solche Briefe von dem Empfänger in heller Entrüstung in Stücke gerissen und in die Ecke geworfen werden. Wer in unserer heutigen Gesellschaft einen Posten auszufüllen hat, sitzt sozusagen bis an die Zähne bewaffnet auf diesem Posten und wird jede Einmengung in seine Angelegenheit als eine Anmaßung auffassen, als arrogantes Besserwissen, ja als persönliche Beleidigung! Hilfsbereitschaft und ähnliche freundliche Tendenzen gelten dort, wo sie unaufgefordert zu betätigen sich erfrechen, als Übergriffe und können natürlich nicht schroff genug zurückgewiesen werden. Der unaufgefordert Hilfsbereite aber, der weiße Rabe, der seltene Vogel, der hoffnungslose Sonderling, der wahre Christ läßt sich dadurch nicht beirren. (Zum Glück schützt ihn ja gerade seine Anonymität davor, die größte Genugtuung zu erlangen: nämlich für das Gute, das er tat, Böses einzuheimsen.) Vielleicht gelangt sein Brief gelegentlich doch an die richtige Adresse. Wer das tiefe Glück genossen hat, daß ihm solch ein weißer Rabe, solch ein Mitmensch sein Vorhandensein in dieser Welt durch Schriftzeichen auf einem Stück Papier am frühen Morgen kundgab, der hat wahrhaftig auf seinem Frühstückstisch eine nahrhaftere Speise als Hafergrütze vorgefunden. Den freut die Arbeit, die er am Morgen leisten wird, noch einmal so sehr. Er schaut aus seinem Fenster auf die Straße hinunter: die Menschen unten gehen in einem Glanz. Die Generation nach uns Was ich hier niederschreibe, ist eine Totenklage, nicht nur eine Klage um einen jungen Menschen und die vielen Hoffnungen, die mit ihm aus der Welt geschieden sind, nicht nur um manche Erfüllung, die das junge Leben schon zur Reife gebracht hatte, um vieles mehr noch: um einen jungen Menschen, der einem Alternden Freund war und Kamerad hätte werden können – das ist viel in unserer Zeit, ein seltenes Geschenk des Schicksals. Ein sicheres Zeichen dafür, daß man altert, ist: man hätte eigentlich nichts mehr dagegen, sich mit den Menschen zu vertragen. Ein Leben lang hat man ja Zeit gehabt, an sich selber all die Fehler, Unzulänglichkeiten, Unvereinbarkeiten zu beobachten, die einen so zornig machen, nimmt man sie an anderen Menschen wahr. Man beschließt also, sich mit den Menschen zu versöhnen zu guter Letzt. Manchmal, das heißt mit manchen gelingt's, mit anderen nicht. Es kommen einem bei solcher Gelgenheit verschiedene niederdrückende Tatsachen zum Bewußtsein. Zum Beispiel die, daß man mit diesem und jenem Menschen auf keine Art in Kontakt geraten kann. Nicht etwa aus einem oberflächlichen oder einem nicht gar tief unter der Oberfläche verborgenen, vielmehr aus den wahrhaft rätselhaften, tiefen Gründen, die schon so etwas wie einen Organisationsfehler in der Natur vorstellen. Solch eine Erfahrung ist die, daß eine Freundschaft zwischen älteren und jungen Menschen zu den Seltenheiten gehört. Denn gerade das edelste Motiv solch einer Freundschaft, nämlich: daß der Ältere dem Jungen helfen könnte vermöge seiner Erfahrungsüberlegenheit – gerade das betont den Unterschied, schließt gemeinsame Gefahr aus, verringert gemeinsame Chance, und auf dieser Basis erhebt sich ja das Zusammenstreben von Gleichem und Gleichem. Dazu kommt noch der Unterschied in der Stellung zum äußeren Leben, der zwischen zwei aufeinanderfolgenden Generationen klafft. Die heutige versteht selten die gestrige. Noch seltener aber versteht die gestrige die heutige. Man weiß nicht, soll man das mangelndem Gedächtnis auf der einen, mangelnder Ehrerbietung auf der anderen Seite zuschreiben? Es ist schon das Beste, man redet sich aus: die Welt sei eben weitergegangen. Wir bilden uns weiß Gott was darauf ein, Gerechtigkeit gegen die Vergangenheit, unsere eigene und fremde, in uns gehütet und bewahrt zu haben. Wie schwer ist es aber da, gegen die Zukunft gerecht sein zu können! Mißverständnisse zwischen Eltern und Kindern, zwischen Kindern und Eltern sind nur die geringste Bestätigung des Gesagten. Eltern werden es sich hoch anrechnen, wenn sie ihren Kindern Streiche verzeihen, die ihren eigenen Jugendstreichen ähnlich sehen. Fehlt dieses Vergleichungsmittel, dann tritt in den meisten Fällen Entfremdung und Haß zwischen das Alter und die Jugend. Ja, – wer im eigenen Ringen die Erfahrung gewonnen hat, wie schwer es sei, Gerechtigkeit gegen Gleichaltrige zu üben, der wird zugeben müssen: es ist ein hoher Grad und volles Maß von Weisheit vonnöten dazu: gerecht zu sein gegen Junge. Manche, die das eingesehen haben, simulieren Verständnis, manche (nicht eigentlich geborene Pädagogen ) haben sich darin eine gewisse Routine angeeignet. All dies ist nichts wert, ja von Übel. Etliche wähnen schon genug zu tun damit, daß sie die Jungen sentimental um ihre Jugend beneiden, weil diese sie an ihre eigene Vergangenheit erinnert. Solche Toren konstruieren sich aus ihrem baren Egoismus heraus etwas, das in ihren Augen nach einer Tugend ausschauen soll. Die Jungen aber täuscht man nicht so leicht. Sie, die Beneideten, durchschauen den Trug gar bald, und die Folge ist Mißtrauen, das Ende Spott.   In der ersten Hälfte der Vierziger fällt es schwer, sich in die Sinnesverfassung der Menschen hineinzudenken, die zwanzig Jahre alt sind. Was vor allen Dingen diese Absicht erschwert, fast vereitelt, ist eine auf den Alternden peinlich wirkende Sicherheit oder Weitläufigkeit., die Überlegenheit, besser gesagt, der Aplomb, der dieser jungen, durch zwanzig Jahre getrennten Generation zu eigen zu sein, sie zu charakterisieren scheint. Manche unter den Vierzigjährigen erinnern sich gewiß noch deutlich an die Not und Scheu, die Befangenheit und Angst vor dem Leben, die ihnen vor zwanzig Jahren den Horizont verdüstert haben. Diese Verdüsterung übertrugen sie nur zu bereitwillig auf die Einschätzung der damals Vierzigjährigen, die ihr Leben vorgelebt hatten. Es kann sich gewiß jeder von den heute Vierzigjährigen auch noch an eine einigermaßen zornige Stellungnahme gegen die in jenen Jahren Alternden entsinnen. Mit Recht oder Unrecht schöpften die Jungen von dazumal den zornigen Mut zur Überlegenheit aus der Erkenntnis, daß ihr Leben einen Kampf bedeuten wird, einen Kampf gerade dagegen, was die Alternden sicher und überlegen gemacht hatte. Es gälte bedenklich in jungen Köpfen, und es war bedenklich klar in alten. Die Alten schienen es sich leicht machen zu wollen, wo die Jungen schmerzlich genau wußten, welche Schwierigkeiten die Zeit ihrem Leben bereiten wird. Die Jungen hatten nicht ganz unrecht, mit der Art herumzufuchteln und sich auf ihre jugendliche Kraft und jugendliche Not etwas zugute zu tun, angesichts der bequem selbstgefälligen Erstarrung, in der so viele unter den Alten zu verharren liebten. Was uns an der heutigen Generation verstimmt, ist: wir wissen nicht, woher ihr Aplomb stammt. Besser gesagt: wir wissen recht gut, er stammt nicht aus der Quelle, aus der die Überhebung jener vor einer Generation Zwanzigjährigen herkam, nämlich aus der Kampfbereitschaft gegen lähmende Traditionen und aus der Erkenntnis einer großen Aufgabe, die zu bewältigen ist. Vielleicht erleidet die heutige Jugend auch nicht den gehässigen Widerstand mehr, der vor zwanzig Jahren den Vorwärtsstürmenden entgegengestellt wurde. Zur Stärke und wahren Kraftentfaltung gehört Widerstand oder Isolierung; Erben macht hochnäsig, und vielleicht scheinen uns die heute Zwanzigjährigen darum so selbstsicher und im reinen mit der Welt zu sein, weil wir wissen: sie sind die Erben von Pionieren. Wobei gar nicht behauptet werden soll, daß das Erbe verschwendet wird. Es ist wahr, in den letzten zwanzig Jahren hat die Eroberung der Welt durch die Technik solch ungeheure Fortschritte gemacht, daß der Sinn der Jugend wahrscheinlich durch diese Errungenschaften von den mehr innerlichen Gebieten abgelenkt ist, die zu erobern die Jugend vor einer Generation vorfand, ethische und ästhetische und soziale Gebiete. Man braucht gar nicht tief zu schürfen. Betrachtet man einfach die Form, die es vor zwanzig Jahren zu finden galt für das Leben unter seinesgleichen und für den Ausdruck dessen, was man sah und empfand – und vergleicht sie mit der Form der heutigen Jungen, die das Leben meistern, zum Teil sogar sozusagen von oben herab im Jargon: dann darf man vielleicht ohne Seufzer getrost und guten Mutes sich für rückständig erklären, unbeirrt in der eigenen Richtung weitermarschieren, wird der Winkel zum Weg der Nachstrebenden auch immer breiter und breiter. Das Gefühl der Einsamkeit aber begleitet einen auf dem Marsch. Mit so vielen aus der eigenen Generation hat einen das Leben auseinandergebracht, mit so vielen aus der nächsten Generation das Befremden über ihr Wesen. Man möchte sich, wie gesagt, gern vertragen. Man wirbt fast. Man möchte gern Seelen gewinnen. Man sucht Verständnis aufzuwenden, Verständnis aufzufinden. Man greift in die Luft. Wie glücklich darf man sich da schätzen, findet man einen Gleichgesinnten in einer fremd anmutenden Generation. Einen, in dem man verjüngt die eigene Richtung und die eigenen Perspektiven wiedererkennt, in einer Zeit, in der es seine Altersgenossen eigentlich gar nicht der Mühe wert finden, nach jener Richtung zu leben, jene Perspektiven im Auge zu behalten. Man ist dankbar dafür, daß man zusehen kann, wie ein junger Mensch, dem es die Zeitströmung doch leicht zu machen scheint, sich in den Daseinsformen zurechtzufinden, sein Leben dennoch auf Ringen und Qual einstellt. Dem schweren Kampf treu bleiben will, wo Siege doch leicht zu erringen wären. Wie in einer Natur der Respekt vor denen, die sich durchgekämpft haben und wahrscheinlich noch im Kampfe stehen, den eigenen jugendlich animalischen Trieb zur Überlegenheit niederhält, fast erstickt. Wie eine Natur, rein und hingegeben an das Gute, mit einem wachen, an der Welt leidenden Gewissen, sich auf das Schicksal vorbereiten möchte. Wie ein Gewissen den Willen, Unrecht gutzumachen, in sich nährt – das Unrecht, das die Welt den Menschen angetan hat. Das Unrecht, das junge Menschen vor allen anderen zu übersehen pflegen, weil sie es ja als ein gegebenes Faktum in der Welt vorfinden. Das Unrecht, das aber manchen jungen Menschen gerade dazu anspornt, es aus der Welt zu schaffen – wo der Durchschnitt nur darauf bedacht ist, es sich vermöge seiner jugendlichen Kraft erst recht zunutze zu machen. Denn unter denen, die bloß an ihre Jugend denken, findet sich schon in frühesten Tagen einer oder der andere, der es kaum erwarten kann, ein Mensch zu sein.   Jugend ist schon Erfüllung. Wenn diese Jugend gar mit Talent gesegnet ist, das von den günstigsten äußeren und inneren Umständen gehegt zu werden verspricht, durch liebevollen Stolz von Eltern, durch kundiges Urteil berühmter Lehrer, durch die Teilnahme freundlich gesonnener wertvoller Menschen – dann darf es nicht befremden, wenn ein gesteigertes Selbstbewußtsein aus der hell daliegenden Zukunft ihre Strahlen auf die Gegenwart herüberwirft. Der Neunzehnjährige, den das Leben vor solch eine Bahn gestellt hatte und in dem ich und mit mir einer und der andere meiner eigenen Generation heute einen verblichenen Freund betrauern muß, er hat mit seinem früh erstaunten, ernsten Blick nicht vor sich hin auf seine helle Bahn geblickt, sondern über all das hinweg zurück, hinter sich. Was dort hinten lag, war der Kampf der anderen, dessen Ergebnis ihm und seinen Altersgenossen als selbstverständliches Erbe zugefallen zu sein schien. Von dem Anblick dieses Kampfes, an dem er kein Teil mehr zu haben brauchte, fasziniert, ist seine junge Seele erstarrt. Uns spiegelte sein junges Auge nicht den Glanz des frohen Überwinders zurück, sondern in seinem Auge war der Schein von erstauntem Begreifen zu sehen. Gelächter hörten wir selten, ach wie selten! von seinen Lippen, um so öfter blieben sie, noch ehe ein Ausruf, ein schnellfertiges Urteilswort über Dinge dieser Welt zwischen ihnen hervorgekommen wäre, halb offen, doch stumm, wie die Lippen eines Menschen, dem eine innere Stimme das Wort jählings verschlagen hat. Auch im Tode sahen wir diese Lippen auf dieselbe Weise offenstehen, erstaunt, nachdenklich, erstarrt. Leicht zieht man das Fazit eines Lebens, dem Entfaltung beschieden war. Leicht, wie leicht, wiewohl das wahrscheinlich die schwerste Sache der Welt ist. Um wie vieles fragwürdiger ist es dann, das Fazit eines Lebens ziehen zu wollen, das nicht gelebt werden durfte. Jeder alternde Mensch mag seinen Doppelgänger irgendwo in der Generation, die ihm gefolgt ist, finden. Es wird wohl gegen das Leben sprechen, das einer erlebt hat, wenn er seinen Doppelgänger unter den Stillen, den Wunden, den mit Nachdenklichkeit schon in früher Jugend Schwerbeladenen sucht. Aber gerade nach diesen auszuschauen bedeutet uns, die wir uns unter den Sicheren und Überlegenen der Generation nach uns nicht wohl fühlen, Erholung und Trost. Da war nun ein Mensch, gesonnen aus seiner eigenen mitgeborenen Fähigkeit bei den sprödesten Klassikern seiner Kunst, der Musik, von früh an anzufangen, schwer zu erringen, statt sich flink und geschickt anzueignen. Vom Reichtum, der ihn umgab, schöpfte er die bittere Scham ab, durch diesen Reichtum so vielen Gleichaltrigen im Lebenskampf überlegen zu sein. Die Sympathien wertvoller Menschen, die mit kundigen Augen hinter dem liebenswerten und bescheidenen Wesen den Kern der jungen Natur erkannten, bezog er nicht auf sich. Eine innige Scheu hinderte ihn daran, es war die Erkenntnis der Pflicht, die jene Menschen erfüllt hatten und die zu erfüllen ihm bevorstand. Mancher unter den Jungen erfährt es erst spät, daß es die Mühe lohnt, alle schwere Last, alles schwere Leid der Welt zu schleppen, nicht der eigenen Welt, sondern gerade der Welt der anderen. Aus manchem Gespräch, das ich mir treu in der Erinnerung aufbewahrt habe, aus Tagebuchaufzeichnungen, die er verschämt und doch hingegeben hergezeigt hat, sprach das Erschrecken, die Erschütterung angesichts dieser Welt. Dem Neunzehnjährigen schien der Ernst derer, die sich von früher Jugend an durchzukämpfen berufen fühlen, eingeboren zu sein, auf seinen weichen Zügen stand deutlich und schmerzensreich der Kampf dieses Ernstes mit der jugendlichen Heiterkeit aufgeprägt. Wir Alternden erkannten den Zug in dem jungen Gesicht – hier war ein Verbündeter, mehr noch: Ablösung. Der große Feind hat all das zunichte gemacht. Ihn, der ein Kamerad hätte werden können manchem unter uns, haben wir Alternden zu Grabe getragen. Früher Tod ist kein Argument gegen jene, die das Leben schon in ihrer Jugend ernst und unfroh gemacht hat. Die Leichten, die Heiteren, die Überschwänglichen, die sich jubelnd und siegreich über die Hindernisse hinüberschwingen, die bleiben länger leben, gewiß. Aber was manchem jungen, tiefen und redlichen Menschenkind dieser Zeit die Daseinsluft unterbindet, das Wort verschlägt, den Puls stocken läßt, das überlebt die Generationen. Die Macht der Friedfertigen Wer hat es in den verflossenen Kriegsjahren nicht aussprechen gehört: Käme doch ein Apostel, der Gerechte und Heilige, der die Menschheit aus dieser Not und tiefen Schmach hinausführte ins Bessere, Höhere, in die wirkliche Freiheit! Der Schrei nach dem Heiligen ist an vielen Orten laut geworden, und auch solche haben ihn ausgestoßen, deren Sehnsucht nach Hohem und Heiligem eigentlich überraschen mußte, denen man eine Sehnsucht dieser Art gar nicht zugetraut hätte ... Aus Millionen geängstigter Seelen klang dieser Ruf nach dem Heiligen zusammen; wie würden die Menschen ihm danken, mit welcher Inbrunst seinen Spuren folgen, dahin stürzen den Weg entlang, den seine Füße vorwärts geschritten sind ... Gewiß, die Sehnsucht nach dem Heiligen, dem reinen, liebenden Menschenbruder und Messias ist in der Welt, latent und offenbar, immer vorhanden gewesen, aber keine Zeit vermag sie zu solcher Macht zu erwecken wie eine, in der alles versagt und alle verzagen müssen. Es wäre irrig, wollte man annehmen, daß allein die Sehnsucht noch dem höheren Leben diesen Schrei nach dem Heiligen ausgelöst habe, das inbrünstige Gebet, er möchte aufstehen mitten unter den Menschen, damit sich alle um ihn erheben könnten. Auf dem Grund dieser Sehnsucht liegt der ewige, unausrottbare Wunsch der Menschen verborgen: Jemandem Gefolgschaft zu leisten, irgendeine Autorität willig anzuerkennen, sich für jemand begeistern zu dürfen, der eigenen Initiative und Anstrengung wieder einmal enthoben zu sein – es ist der ewige Herdentrieb der Menschen, der in diesem erhabenen Wunsche zutage tritt, diesmal nur mit dem Unterschied gegen den Alltag: daß die Menschen jetzt die Sehnsucht verspüren, statt ihren Verderbern nachzurennen, einem Auserwählten in die Höhe zu folgen. Unter der Härte des Daseins haben nicht wenige schon in der Zeit vor dem Kriege unmäßig gelitten. Diesen hat der Krieg Prüfungen ungewöhnlicherer Art auferlegt, als sie jene Menschen zu ertragen hatten, die, mit der Welt und ihrem Lauf zufrieden, einst ihre behaglichen Tage dahingelebt haben. Durch die Dauer des Krieges haben sich ihre Leiden vervielfacht, ihre Prüfungen einen Grad erreicht, bei dem der Glaube an das Wunder und das Erhoffen des Wunderbaren als einziger Rettung sich auch des nüchternen Tatsachenmenschen bemächtigen kann. Das Weiterleben vieler Menschen nach dem Kriege muß darum eine Form annehmen, die mit ihrer Existenz vor dem Kriege wenig oder gar nichts mehr gemein hat. Wenn erst die unerhörte Spannung des Zustandes im Kriege nachläßt, erweist sich für sie die Notwendigkeit, eine Form für ihren Alltag zu finden, in der ihre vom Grund aufgewühlte Natur im Einvernehmen mit einem überwachen Gewissen vorwärts zu gehen vermag. Über die Möglichkeiten einer solchen Daseinsform wären einige Worte zu sagen. Vor dem Kriege habe ich auf Reisen durch England und Nordamerika hier und dort Kolonien besucht, von Kolonien Kenntnis erhalten, mich über die innere Struktur von Kolonien belehren lassen, die sehr wohl als Beispiel dafür gelten können, wie ich mir die Daseinsform jener durch den Krieg im Innersten Getroffenen und Umgewandelten vorstelle. Natürlich scheiden aus dem Kreise der Betrachtung die Niederlassungen aus, in denen sich Menschen mit ganz ausgesprochenen Sonderideen zusammengefunden haben: Gemeinschaften wie die der Theosophen von Point Loma in Kalifornien, der Spiritisten am Südufer des Eriesees, der kommunistischen Urchristen in Delaware und bei Boston; ihm näher kommen schon die Anhänger Thoreaus in den Neuengland-Staaten, auch die in der Nähe von Brighton an der englischen Ostküste, deren Mitglieder vor dem Kriege die Ideen Tolstois in die Tat umzusetzen bestrebt waren. Auch wäre hier etwa noch die Kolonie Letchworth, die Gartenstadt an der Great Northern-Linie, eine Stunde Weges von London, zu nennen, obzwar die Bewohner dieser Niederlassung ihr Leben mehr nach ästhetischen Prinzipien eingerichtet hatten. (Ebenezer Howard, der Schöpfer der Gartenstadtbewegung, wohnte unter ihnen.) Eines hatten all diese Kolonien miteinander gemein, ebenso wie die Kommunen und Reservationen von Sektierern aller Art: sie hatten den politischen Gedanken aus ihrem Gemeinschaftsbewußtsein ausgeschaltet – schon mit Rücksicht auf den Staat, der ihnen seinen Schutz zugesichert hatte und in dessen Schatten sie ihre Ideen oft mit der Leidenschaftlichkeit von Monomanen betätigten. Ich denke aber hier an keine Kolonien mit ausgesprochen religiösen, sozialethischen oder utopischen Grundprinzipien oder Beweggründen für die Absonderung von der großen Allgemeinheit, sondern eher an eine Sekte der Menschlichkeit, deren Mitglieder einen innigeren Zusammenhang mit ihresgleichen zu erlangen wünschen, als er in dieser zerklüfteten Welt möglich ist. Die Individuen, die sich unter solchen Gesichtspunkten von der Gesellschaft entfernen, werden es keineswegs nötig haben, außer Landes zu gehen, wie es religiöse Schwärmer und Utopisten vergangener Zeiten, die Ikarier, Quäker, Mennoniten und Duchoborzen getan haben, die auch den Traum einer besseren und gütigeren Welt träumten. Sie werden weder das Land verlassen, in dem sie leben, noch auch die Stadt, an die sie ihre äußeren Existenzbedingungen fesseln. Wohin sollten sie auch gehen? Nord und Süd, Ost und West, dieser ganze, in tausend Scherben zerschlagene Erdball ist heutigentags in Wahrheit verschmolzen in einer internationalen, grenzenlosen Solidarität des gemeinsamen Entsetzens. Sie werden Cäsar geben, was Cäsars ist; was ihrer Seele not tut, hat mit den Befugnissen, Verboten, Bestimmungen und Verfügungen, die den Bürger treffen werden, nichts zu schaffen. Sie werden den weitergehenden Kampf jenen überlassen, die zu solchem Kampfe befähigt sind, wohl auch berufen – jenen, die zu solchem Kampfe noch den gehörigen Mut werden aufbringen können. Unter keinem der üblichen Faktoren wird sich die Kristallisation um den Kern des inneren Zusammenhanges vollziehen. Es wird da nichts zu »verdienen« geben; es werden da Menschen sein und nicht »Beziehungen«; es wird keine Macht nach außen erstrebt werden noch zu erlangen sein; man wird nichts von alledem erringen wollen, was Menschen offen oder insgeheim anstreben und begehren, wenn sie sich bewußt zu einer besonderen Gemeinschaft, in einem besonders umzirkelten Glaubenssatz, einem ausgesprochenen Anderssein zusammenschließen. Mancher müdegekämpfte Krieger wird sich in der Mitte dieser Menschengruppen finden und mancher zum Denken erwachte Bürger. Mancher an der Welt endgültig irre Gewordene, manch einer, der sich diese verlorene Welt, den verlorengegangenen Glauben an den Mitmenschen wiedererobern will, damit seine Seele weiterleben könne. Es müßte ja eine wunderbare Beruhigung sein, nach der Mühe und Not des Tagewerkes für Stunden, ja den Bruchteil von Stunden nur, friedlich und freundlich beisammen sein zu dürfen mit ernsten Menschen, die in solchem Beisammensein weiter nichts suchten als das Bewußtsein, daß andere Menschen da sind, vereint mit ihnen in derselben Gesinnung gegen den Mitmenschen. Je länger der Krieg dauerte, um so unabweisbarer hat sich für eine Kategorie von Menschen die Notwendigkeit erwiesen, fernab von den Versammlungsorten der politischen Parteien und Interessengemeinschaften, den verwüsteten Straßen und Vierteln, in denen die elende Unterhaltungsindustrie dieser Zeit ihr grelles Lager aufgeschlagen hatte, einen Platz zur ruhigen Sammlung zu finden. In gereinigter Atmosphäre sich zusammenfinden zu können – nicht um sich von der Anspannung zu erholen, sondern um sich gleich für eine bevorstehende Kräfteentfaltung vorzubereiten, zu organisieren, zu disziplinieren und zu stählen; nicht um sich zu zerstreuen, sondern um sich zu besinnen; um zu lernen, was nirgendwo gelehrt wird und doch nötiger zu wissen ist als alles, was Wort und Schrift den Menschen beizubringen suchen. Hinter jedem, der Macht besitzt und entfaltet in der Gesellschaft der Gegenwart und wohl auch künftiger Zeiten, steht die Masse. Es kann das eine Menschenmasse sein und eine Masse Geldes. Hinter den Friedfertigen steht nichts als ihr Gewissen. Sie werden niemandem Gefolgschaft leisten, denn wer Gefolgschaft leistet, schließt sich, ob er will oder nicht will, doch nur der Macht an, hilft die Macht verstärken, liefert sein Gewissen bedingungslos und ohne Widerrede einem Mächtigeren aus, der nur in den seltensten Fällen Rücksicht auf das Einzelgewissen nimmt. Die Friedfertigen, die sich abseits und zu ihresgleichen begeben, werden damit den anderen aus dem Wege gehen. Sie werden sich vor der Berührung, ja vor dem Anblick jener flüchten, die durch den Krieg nichts gelernt haben oder die der Krieg allzu Handgreiflicheres gelehrt hat. Die Katastrophe dieses Weltunglückes hat in manchen Schwingungen, Erkenntnisse, Gelüste entfacht, die noch lange nachhallen und vorherrschen in den Zeiten des Friedens. Manche haben im Krieg erst ihr wahres Lebenselement gefunden, und die stehen zwischen denen, die geblutet haben, und denen, für die das Blut geflossen ist, mit dem Stahl in der Faust und dem Gold in der Tasche. Die die Macht besitzen, werden in künftigen Zeiten vermutlich ebenso in einem Doppelpanzer von Stahl und Gold dastehen müssen; ein Panzer wird ihre Glieder umgeben, vor dessen Gleißen mancher die Augen zudrücken und sich abseits begeben wird. Der Krieg hat vielen eine Umwandlung ihrer innersten Daseinsbedingungen gebracht. Gewiß hegen diese den Wunsch nach einem Zusammenschluß mit Gleichgearteten. Nicht nur hier und dort versteckte Unzufriedene, Vergrämte, Einsame, auch solche, die in Gemeinschaften mitteninne stehen, tätig sind, die sie doch durchschauen und in tiefster Seele verwerfen. In der so oft und mit solcher Nachhaltigkeit ausgedrückten Sehnsucht nach dem Heiligen, der aus der Mitte der Menschheit aufstehen soll, gibt sich dieser Wunsch heiß kund. Während des Krieges ist in aller Stille bereits hier und dort eine und die andere Gemeinschaft zusammengetreten, haben sich Menschen gefunden, die gemeinsam ihres Weges weiterzuziehen gesonnen waren. Der Friede hat die Zahl dieser Gemeinschaften vervielfacht. Von ihnen wird eine die Welt durchstrahlende Wärme ausgehen, die Kraft und Macht, die man von dem so oft herbeigewünschten Heiligen erhofft hat, der nicht kommen mochte, weil sein Tag noch nicht erschienen ist. Das Unvernünftige in den Weltgeschicken Es ist nicht von heute, dieses Wort. Man ist ihm oft begegnet und erinnert sich seiner. Es sind wahrscheinlich schon Bücher über das Irrationale in seiner Verbindung mit den Schicksalen der Menschheit, der Nationen und des Einzel-Individuums geschrieben worden. Und in der Teufelsküche der Weltgeschichte steht gewiß von Anbeginn her eine Büchse mit diesem Ingrediens oder diese Würze auf dem verqualmten Bord. Man kann nicht sagen, daß die Speise, von der sich das Menschengeschlecht seit seinem Bestehen nährt, schmackhafter geworden sei durch diese Zutat. Seit einiger Zeit begegnet man aber dem Worte und dem gefährlichen, dehnbaren, uferlosen Begriff, den das Wort nur ungenügend deckt, oft und öfter, ja schon allzu oft. Es wird zitiert, beschworen, als eine der Hauptkräfte der Weltgeschichte angesprochen. In dem Urteil eines sozialdemokratischen Politikers (dem der Begriff des geschichtlichen Materialismus doch bekannt sein dürfte) über das zeitgenössische Werk eines anderen Sozialdemokraten habe ich jüngst gar den Vorwurf gelesen: der Autor versage dem Irrationalen den ihm gebührenden Platz in den Äußerungen menschlichen Gemeinschafts- und Gesellschaftslebens! Es ist nicht zu leugnen, daß uns Heutige, die eines der furchtbarsten Stücke der Weltgeschichte aller Zeiten miterleben, das Unvernünftige im Weltgeschehen näher angeht, als es die glücklicheren Menschen späterer Zeiten angehen wird, die von diesen Zeiten aus Büchern und Traktaten Kenntnis erhalten werden. Gerade darum müssen wir uns mit diesem Unvernünftigen, auf das wir in natura und in gedruckten Formeln immer wieder stoßen, eingehender beschäftigen, um uns, wenn auch nicht über den Begriff selbst, so doch über seine Bedeutung für unser eigenstes, persönlichstes Schicksal klarzuwerden. Was ist das Unvernünftige? Sollen wir es uns aus den Vermächtnissen erlauchter Denker zusammensuchen? Das wäre ein langwieriges Verfahren, und das Ergebnis wäre Null. Denn jedes philosophische System rechnet mit einem anderen Irrationalen. Sollen wir's aus den Geschichtsbüchern herausdestillieren? Ich fürchte, man wird dabei Wesentlicheres über den Charakter des Geschichtsschreibers als über den Charakter der Weltereignisse, das bewußte und unbewußte Element, die Rolle des Vernunftgemäßen und des Unvernünftigen in der Weltgeschichte erfahren. Einfacher ist es, sich sein eigenes Leben daraufhin zu betrachten, wie auch das öffentliche Leben im näheren und weiteren Umkreis um das eigene herum; sowohl das Leben vor der Zeit des Krieges wie während der Kriegszeit. Man wird da Beispiele genug für Geschehnisse finden, für die es schwerfallen dürfte, eine vernunftgemäße Erklärung zu erlangen. Wie kommt es zum Beispiel nur, daß der Wahrheitsapostel und Menschheitsfanatiker auf seine alten Tage zum Lügner wird und gerade vor jenen Leuten zu katzbuckeln anfängt, die er in seinen guten Tagen am heftigsten gehaßt und befehdet hat? Daß sich in der Zeit ärgster Not Machtzusammenrottungen unter denselben Voraussetzungen bilden, die zur gegenwärtigen Katastrophe geführt haben? Daß der Verleumder Freunde findet und der Aufrichtige beiseite geschoben wird? Daß der Redliche und infolge seiner Redlichkeit arm Gebliebene geringgeschätzt wird und der Spitzbube, dem die Hand locker auf dem Geldbeutel sitzt, wenn er seine Eitelkeit befriedigen will, angesehen ist und sich ausbreiten darf, statt unschädlich gemacht zu werden? Wir brauchen die Dimensionen des Widersinns, der in der Bewertung solcher Faktoren im privaten und öffentlichen Leben liegt, gar nicht zu vergrößern, um dem ungeheuren Begriff des Vernunftwidrigen irgendwie beizukommen. Beim näheren Betrachten unseres eigenen kleinsten Daseins und seines geringen Umkreises werden wir schon die Grenzen erkennen, die das Vernunftwidrige im Geschehen und in den Schicksalen der Menschheit umzäunen. Das Unvernünftige in der Weltgeschichte hat eine bedeutsame Parallele in den Elementarkatastrophen, denen die Menschen von seiten der unbegriffenen Naturgewalten ausgesetzt sind. Auch das wird nie und nimmer in unser Gehirn hineingehen: daß unser eigenes Schicksal Erklärung und Rechtfertigung finden soll durch den Hinweis auf das Schicksal niederer Lebewesen; daß aus dem gleichen Grund, aus dem diese fressen und gefressen werden, wir Höchstentwickelten und mit dem höchsten Maß von Bewußtsein und Gewissen Begabten nun gleichfalls unseresgleichen fressen und von unseresgleichen gefressen werden sollen! (Wie wir schon beschaffen sind, werden wir indes das Irrationale sicherlich in den Unbegreiflichkeiten, die uns Schaden zufügen, emsiger suchen und auffinden als in denen, die uns fördern. Diese letzteren werden wir als uns von Rechts wegen zukommend, vernunftgemäß befinden – sollten sie auch tausendmal vernunftwidriger sein als jene, die uns in der Form von Unglücksfällen zustoßen.) Unter »Zivilisation« mag man den fortschreitenden, erfolgreichen Kampf gegen das Unvernünftige verstehen, das uns von den Elementen her bedroht. Mit unserer Vernunft haben wir uns Schutz geschaffen vor der Gewalt der blinden Naturmächte, und in unserer Religion haben wir Schutz gegen das Unvernünftige gefunden, das in uns selber und in unseresgleichen mächtig ist und das uns und unseresgleichen bedroht. Die Übereinstimmung der Grundbegriffe von Gut und Böse in den bekannten Religionen der Erde beweist es ja, daß das Gewissen der Menschen in den verderblichen Elementen der Menschennatur das Unvernünftige erkannt hat. Das Unvernünftige also ist das, was wir in tausendjähriger Entwicklung bekämpft haben, immer mehr und mehr einzuschränken, immer weniger schädlich zu machen suchten. Das Wort, das uns jetzt in den Berichten, Erörterungen und Betrachtungen über diese Zeit so oft begegnet, birgt, wie ich schon sagte, eine beträchtliche Gefahr in sich. Wer dem Unvernünftigen einen Platz im Weltgeschehen allzu willig einräumt, ist verdächtig. Mit diesem Wort kann ein Mißbrauch getrieben werden wie mit wenigen anderen, die uns über unsere Schicksale aufzuklären vermögen. Der Verdacht liegt nahe, daß sich der, der sich allzu willig auf das Unvernünftige im Weltgeschehen beruft, damit über unbequeme, peinliche und wohl auch den eigenen, privaten Zwecken hinderliche Feststellungen leichter Dinge hinwegsetzt. Es dürften sich auch in den Geschichtsbüchern vergangener Epochen nicht wenige Ereignisse finden, für die der Geschichtsschreiber keine andere Erklärung als das Unvernünftige gelten läßt und für die doch recht positive Kräfte und treibende Motive gefunden werden könnten, z. B. Übermut, Prahlsucht, leichtfertige Selbstüberhebung, Habgier auf der einen Seite, Gleichgültigkeit, träges Sichbescheiden und knechtisches Mitsichgeschehenlassen auf der anderen Seite. Das sind Elemente menschlichen Handelns, die sich hart an der Grenze des scheinbar Unvernünftigen bewegen und deren Konsistenz deutlich herüberschillert in den nebligen Bereich des Begriffes. Dieses öftere Wiederkehren des Begriffes »das Unvernünftige« soll gehemmt und eingeschränkt werden. Das Unvernünftige ist, auf der trotz allem beträchtlich hohen Stufe, die die Zivilisation in den Zeiten der bewußten, friedlichen und ungefährdeten Entwicklung erreicht hat, kein unumgänglich notwendiger Bestandteil der Weltgeschichte mehr geblieben. War unsere Zivilisation nicht stark genug, dieses Element vollständig auszumerzen, war die Religion, das Gewissen des Menschengeschlechtes nicht stark genug, dieses neblige Gebiet vorzeitlicher, wilder und katastrophaler Dumpfheit zu durchdringen und aufzuhellen, dann muß die Zivilisation das nach dem Austoben des gegenwärtigen Rückfalles in einer hoffentlich besseren Zukunft besorgen. An dieser Aufgabe wird es sich erweisen, wie weit die Menschheit 2000 Jahre nach der Bergpredigt gediehen ist. In seinem eigenen Leben muß sich jeder mit dem Irrationalen in seinem inneren Wesen und seinen äußeren Schicksalen auseinandersetzen und abfinden, wie er es eben vermag und solange es angeht. Auch muß jeder sein eigener Richter sein über das, was ihm als vernunftwidrig erscheint und wogegen er den Kampf aufzunehmen hat. Aus dem Leben der Völker aber, aus dem Schicksal der Menschheit muß das Unvernünftige ausgetilgt werden; auf Nimmerwiedersehen aus den Geschichtsbüchern verschwinden, sollen diese die Chroniken des vorwärtsschreitenden Menschengeschlechtes sein und nicht die Behältnisse, in denen Entschuldigungsgründe und Präzedenzfälle aufbewahrt werden für Irrtümer und Katastrophen der Art, wie wir sie in dieser Zeit erleben. Wie die Leute von Oneida sich vertrugen Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich an dem Oneida-Bach im Norden des Staates New York eine Sekte niedergelassen. Erst waren es nur wenige Menschen, ihre Zahl stieg aber bald und betrug schließlich dreihundert. Sie nannten sich die »Perfektionisten«, liebten es aber auch, sich das »Bibelvolk« zu nennen. Diese Bezeichnungen künden die sozialen und religiösen Bestrebungen der Sekte. Die Oneida-Leute hatten die Grundpfeiler ihres Zusammenlebens auf den Lehren des Apostels Paulus und auf der wirtschaftlichen Doktrin des Kommunismus errichtet. Von anderen Sekten ähnlicher Richtung unterschieden sie sich durch geringere dogmatische Verbohrtheit. Sie bewilligten dem Individuum innerhalb der Grenzen ihrer Überzeugungen weitgehende Freiheit. Am Oneida-Bach durfte ein jeder nach seiner Fasson selig werden. Die Zehn Gebote galten keineswegs als eherne Gesetzestafel. Noch weniger galten die papiernen Gesetzestafeln der Vereinigten Staaten. Der Sonntag wurde nicht mehr geheiligt als welcher andere Arbeitstag immer. Die Ehe nicht mehr als irgendeine andere Form für das Beisammenleben vernunftbegabter Menschen. Das Prinzip des Kommunismus aber schloß, wie sich das von selbst versteht, den Begriff des Privateigentums aus dem Kreise der Lebensbedingungen aus. Die Oneida-Leute waren durchaus ehrenhafte und charakterfeste Menschen, die in gemeinschaftlicher Arbeit und vollem Einvernehmen auf ihrem Stück Land eine Fabrik nach der anderen errichteten, und die Erfolge ihrer Obst- und Gemüsezucht waren im weitesten Umkreise berühmt. Sie hausten, alle dreihundert, in einem Hause beisammen, alle unter einem Dach. Daß sie, bei ihrer fundamentalen Mißachtung der bürgerlichen Gesetze und Einrichtungen, etwa fünf Jahrzehnte lang in der denkbar sichersten Gemeinschaft beisammenbleiben konnten, das beweist den gesunden Kern ihrer moralischen Anschauungen. Und den Beweis für das praktische Denken erbringt die Tatsache: daß die Erzeugnisse der Oneida-Fabriken (Seidengewebe, Konserven, Ketten, Wildfallen, silbernes Tafelgerät) heute über Nord- und Südamerika verbreitet sind, daß diese Fabriken ihren Betrieb stetig erweitern mußten und daß in der Direktion noch heute Kinder und Kindeskinder des »Bibelvolkes« sitzen. Derselben Leute, die auf die Fahnen ihrer Sekte am liebsten Leitsprüche dieser Art geschrieben hätten: »Gesetze sind für Sünder da, wir aber sind Heilige! Tragen daher das Gesetz in uns! Unsere Natur heißt uns das Gute tun, das Böse lassen, der Herr lebt gewaltig in uns!« Ich muß es wiederholt betonen: sie waren weder Heuchler noch verstiegene Träumer, diese Leute von Oneida, sondern eminent praktisch denkende Menschen. Andere Sekten, die um die gleiche Zeit in Amerika ihre Sonderbündlerei betätigten, die Ikarier nach den Lehren Cabets, die Jünger Owens und Rapps: alle mußten gar bald von der Bildfläche verschwinden. Oneida aber kennt drüben jedes Kind. Die Idee der Oneida-Leute, von der hier die Rede sein soll, läßt sich nun wie folgt formulieren. Menschen, die sich frei vom Gesetz erklären, können ihre Gemeinschaft unter einem und demselben Dach Jahrzehnte hindurch nur aufrechterhalten, wenn starke, immer wieder erneute Sympathie sie zusammenhält. Der Mensch ist eine Kreatur aus Gut und Falsch zusammengesetzt, aber als einer Kreatur Gottes ward ihm die Befugnis, zu sein, wie er geschaffen ist. Will er in einer engen Gemeinschaft mit seinesgleichen an einer gemeinsamen, ersprießlichen Arbeit teilnehmen, so muß er seiner Fehler und Vorzüge inne werden und den immer erneuten Versuch unternehmen, seine Fehler zu korrigieren, seine guten Eigenschaften zu fördern. Diese Tendenz soll in ihm nicht durch irgendwelchen äußeren Zwang, sondern allein eben durch Sympathie geweckt werden. Die Leute von Oneida hatten nun allabendlich nach ihrer gemeinschaftlichen Mahlzeit einige Stunden der Erholung und Erhebung. Jemand las aus den heiligen Büchern vor oder aus den Werken der Dichter; es wurde Kammermusik gemacht; eine Orgel war in den Saal eingebaut; ein junges Mädchen stand auf von den weißen, blumengeschmückten Tischen und sang. Von Zeit zu Zeit wurde in diesen Abendstunden einer oder eine aus der Gemeinschaft vorgenommen und der Charakter dieses einen Menschen von all den anderen Genossen analysiert und ausgelegt. Der auf solche Weise Kritisierte mußte es stillschweigend anhören, wie seine Taten, seine Äußerungen, sein innerstes Wesen sich in den Seelen der Brüder und Schwestern malten. Einwände durfte er erst Tage später äußern. Dann stand der vor den weißen Tischen und las von einem Blatte ab, was er sich in einsamem Nachdenken, in tiefer und inniger Einkehr aufgeschrieben hatte. Aus zeitgenössischen Chroniken ist zu ersehen, daß die Kritik, die die Gemeinschaft an dem Einzelnen übte, zuweilen die denkbar schärfste war. Die Liebe zur Gemeinschaft aber nahm der Kritik ihr Persönliches. Auch die schonungsloseste konnte nicht verletzen. Es handelte sich ja um eines allein: wieweit nützten die guten, wieweit schadeten die schlechten Eigenschaften des einen der Gemeinschaft? In Kritikern und Kritisierten lebte als das große Gemeinsame diese hohe Sympathie. Unter den Leuten von Oneida hatte keiner den Beruf eines Rechtsanwaltes. Niemals entfremdete ein Zwist die einzelnen Brüder und Schwestern einander. Und sie lösten schließlich ihre Gemeinschaft auch nicht infolge persönlicher Streitigkeiten auf, sondern kapitulierten vor dem übermächtigen Staatswesen, vor dessen Gewalt auf die Dauer kein Gebilde der Utopie standzuhalten vermag. Man kann sagen: die Idee der Oneida-Leute bestand darin: man muß Menschen, die in einer Gemeinschaft leben und sie aufrechterhalten wollen, von Zeit zu Zeit Gelegenheit geben, einen neuen und besseren Lebensabschnitt zu beginnen. Die Anhänger Freuds werden in dieser Idee eine geniale Form des »Abreagierens« erkennen. Und wer diese Stunde der Prüfung mit Szenen Tolstois vergleicht, in denen geschildert wird, wie der einzelne, schuldbeladene Mensch vor die Gemeinschaft hintritt, bekennt, sühnt und von der Gemeinschaft nun heißer geliebt wird als je, der wird in dem Vorgehen der Sekte einen tiefen, im wahrsten Sinne menschlichen Vorgang erkennen. Warum sollte sich diese Idee nicht auf das Leben der Völker anwenden lassen? Sie wohnen ja so eng beisammen mit all ihren Eigentümlichkeiten, Traditionen, die das Beisammenhausen unter des gemeinsamen Vaters Dach auf die Dauer erschweren und untergraben müssen. Bis heute hat die internationale Diplomatie die geheime Mission gehabt, Fehler und Schwächen des Nachbarn dem Sondervorteil der eigenen Regierung nutzbar zu machen. Die Nachbarn verharrten in höflicher Scheinfreundlichkeit, schwiegen, lauerten. Hinterhältigkeit erzeugte Mißverstehen, Haß, Neid. Das Resultat ist bekannt. Wäre nicht eine weitaus glücklichere Form der Gemeinschaft zu erzielen gewesen dadurch, daß von Zeit zu Zeit die Besten und Wahrsten der Völker zusammengekommen wären und die Fehler und Vorzüge des Nachbarn im Hinblick auf die Gemeinschaft ruhig und freundlich erörtert und durchgesprochen hätten? Wirtschaftliche Unstimmigkeiten zwischen den Völkern sind durch friedliche Übereinkunft geschlichtet worden. Warum sollten fundamentale Gegensätze, die aus der Natur der Rassen und ihren Existenzbedingungen, dem Maß ihrer Freiheit herkommen, sich nicht durch die wahre »Politik« der Offenheit aus dem Wege räumen lassen? Zwang von außen her und ungebetene Einmischung sind da ausgeschlossen. Einigung kann gemeinsamen Fortschritt erzeugen, während ohne gegenseitige Hilfsbereitschaft heillose Zerklüftung eintritt, furchtbare Katastrophen alle schädigen und vernichten. Einmal kommt es ja doch zur ungeschminkten Meinungsäußerung über den Nächsten! Nur ist es dann mit dem Frieden meistens leider schon vorbei – es geschieht im Krieg. Da kriegt denn ein jeder zu hören, was der höfliche Nachbar schon immer von ihm gehalten hat. Und es nimmt keiner mehr ein Blatt vor den Mund – das weiß Gott! Die Menschen des Erdballs müssen ja doch daran glauben lernen, daß Verständigung allein ihre Existenz fördert, daß es für die Völker keine anderen Interessen gibt als solche, die die Gemeinschaft fördern. Der geheime, tückische Kampf in der Friedenszeit wirft gerade das Sonderinteresse jeder einzelnen Nation, jeder Rasse aus ihrer Bahn und weit zurück. Nach dem alten Sprichwort soll der Kampf das treibende Element im Menschen sein. Seit zweitausend Jahren aber wiederholt dieses Menschengeschlecht: sein Heil sei im Mitleiden und in der Brüderlichkeit beschlossen. Und es erlebt seine furchtbarsten Katastrophen und Niederlagen in den Zeitläuften, in denen es sich am weitesten von dieser Erkenntnis der Wahrheit entfernt hat. Hin und wieder ist es dann an einen Scheideweg gestellt. Welchen Weg wird es nun vorwärts gehen? Die Wahl kann so schwer nicht fallen, wenn die Vernunft, der bare Selbsterhaltungstrieb den Schritt lenkt, nicht der Trieb zur Selbstzerstörung. Den Oneida-Leuten wurde neben ihrem hochentwickelten Sinn fürs Praktische große Herzensgüte nachgerühmt. Aber vom Herzen sei heute ganz geschwiegen. Das Herz der Menschen! Es ist wahrscheinlich nicht an der Zeit, mit solch pathetischen Worten um sich zu werfen. Wäre das Herz der Menschen nicht so verkrampft und erstarrt, man könnte es heute anrufen. Die Sympathie der Völker füreinander ist auf unabsehbare Zeit zerstört. Allein die wiederkehrende Vernunft könnte das Herz der Menschen aus seinem Starrkrampf erlösen. Feuertaufe der Religionen Der vorige Papst, Pius, ein gütiger, einfacher alter Mann, den sein Glaube aus dem Volk hinauf auf den Thron gehoben hat, ist an Verzweiflung gestorben, glaubt es nur! Die Verzweiflung ist eine Krankheit, die zu einer schlimmen Seuche werden kann. Wenn Ströme der Verzweiflung durch die Welt gehen, gehen mit ihnen Krankheitskeime über die Welt und schlagen sich zu den Krankheitskeimen, die jeder einzelne Mensch in sich trägt, die den Organismus jedes einzelnen Menschen bedrohen, wenn nicht schon untergraben haben. Und vor allem sind es die gläubigen Menschen, die von der Seuche der Verzweiflung betroffen werden können. Elf Jahre lang hat der gläubige Bauer aus Riese auf dem Thron gesessen, der der Thron der Seelen genannt wird. Am Ende des elften Jahres hatte er noch so viel Glauben in sich bewahrt, daß er an der Verzweiflung sterben konnte! Vor wenigen Wochen, im ersten Monat des Krieges, war ich auf der Fahrt von England nach Berlin einige Stunden in Osnabrück. Es war ein sehr heißer Tag, in der Stadt war kaum ein Zivilist mehr zu sehen, Truppentransporte hielten und sammelten sich auf allen Plätzen und Straßenecken. Vor einer Kirche stand eine Gruppe Infanterie, daneben waren Wagen mit Fourage, Wagen mit Lebensmitteln, Wagen mit Verbandstoffen und Tragbahren. In der Kirche lagen Soldaten auf den Knieen vor den Bildnissen des Gekreuzigten, Mariä, des Schutzheiligen der Kirche, junge und ältere Menschen in derselben Uniform, die Rosenkränze wanderten Kugel um Kugel durch die andächtig zusammengepreßten Finger an inbrünstigen Lippen vorbei. In meinem von Übermüdung und Trauer zermarterten Gehirn war kein Platz für Sammlung und Beschaulichkeit, aber meine Augen sahen scharf und ungetrübt. In solchen Augenblicken kann es geschehen, daß man einen Eindruck empfängt, daß sich in einem ein Bild festsetzt, so deutlich umrissen und schwer versenkt, daß man es nicht wieder loswerden wird, und lebte man hundert Jahre. Nie werde ich das Bild des Soldaten loswerden, der der Stelle zunächst kniete, wo ich saß. In Dorfkirchen habe ich in früheren Jahren solche Hingaibe, solche Haltung, solches Ineinandergeschmolzensein mit dem Höchsten an einfachen Menschen beobachtet, wie es sich mir jetzt darbot in dem blassen blonden Gesicht, der zur Seite geneigten Wange, den zum Rosenkranz vorgeschobenen Lippen des knieenden Soldaten. Ich war nicht fähig, mich auf etwas anderes zu konzentrieren als auf das Bild des Beters, aber das genügte. Und wenn ich einen Altar oder ein wundertätiges Gnadenbild vor meinen Augen gehabt hätte, ich hätte in dem Augenblick nicht tiefer und wahrer glauben und lieben können, als ich es tat, da ich auf den Soldaten blickte. Ich war auch dabei, wie er dann draußen vor der Kirche seine Pfeife anzündete, sein Pferd streichelte und ruhig mit seinen Kameraden sprach, die alle auf das Kommando zur Abfahrt warteten. Ich sah neben seiner Waffe die Leinwandtasche an seiner Seite, in der er seinen Rosenkranz verwahrt hatte. Wohl dem, der in solchen Tagen einen Rosenkranz in seiner Tasche mit sich führen kann. Es muß gar kein Rosenkranz sein und gar kein geweihtes Stückchen Symbol, und es ist einerlei, ob einer an ein Alleinseligmachendes glaubt, ob er an die Transsubstantiation glaubt oder sie leugnet, ob er vor Bildern liegt oder vor ungeschmückten Säulen, ob er sich gegen Osten auf einen Teppich hinkniet oder ob er die Gebetriemen sich um die Handgelenke und die Schläfen bindet. Alles kommt darauf an, wie er aus seiner Kirche tritt, in welchem Zustand der seelischen Ruhe und seligen Sicherheit er sich von seinem Teppich erheben, die Lederstreifen, die seine Adern umpreßt hatten, wieder verwahren wird. In solchen Tagen kommt es nicht darauf an, zu leben oder zu sterben, es handelt sich darum, in Hoffnung zu leben und zu sterben. Auf den Stärkegrad der Seele, die die Ströme der Verzweiflung parieren, abhalten, an dem einzelnen Menschen vorüber ins Nichts lenken kann, in eine atmosphärische Schicht hinweg, in der sie kein Unheil mehr anstiften können, in der sie sich auflösen, weit weg von den zarten und leicht beeinflußbaren Gebilden, als die wir die Menschenseele erkannt haben. In Prüfungen, wie der Krieg sie uns auferlegt hat, müssen wir nicht nur den Grad unserer körperlichen Widerstandsfähigkeit zu erkennen suchen. Jeder muß vor allen Dingen seinen Gott ins Feuer schicken können. Jeder muß seinem Gott nachstürmen, der die Attacke gegen die Verzweiflung führt und leitet. Rings blitzt und donnert es von Haß, Mord und Zerstörung. Nun stürme jeder voran, seinen Gott im Herzen. Nun sehe jeder sich vor, daß ihm sein Gott nicht abhanden komme im Ansturm. Es ist nicht nötig, daß einer seinen Gott von seinen Vorfahren mitbekommen habe, daß sein Gott groß und fertig dagestanden habe seit Jahrtausenden, daß er in dem Nacheinander der Generationen seinen Mann gestellt, sein Haupt wolkenhoch erhoben bewahrt habe durch alle Kämpfe hindurch, die um seine Herrschaft oder seine Niederlage gefochten worden sind, seit wir Kunde von unseresgleichen auf Erden haben. Wir, die wir um das Jahr siebzig, das letzte große Kampfesjahr dieses Landes, oder später geboren sind, die heute vierzigjährig sind und jünger, haben ja Religionen entstehen sehen, an Götter glauben gelernt, selber Lehren aufgerichtet, von denen die vor uns nichts gewußt haben – vielleicht nur hier und dort ein erlauchter Geist, ein erlauchter Prophet und Märtyrer, verstreut über viele Jahrhunderte. Aus Wissenschaften und Erkenntnislehren, aus den Retorten der Chemiker und den Gleichungen der Mathematiker, aus Geschichtsbüchern und von Philosophenkathedern herab sind Götter unter die Menge gestiegen und dichte Scharen von Menschen haben sie auf die Schultern gehoben. Es gibt monistische, pragmatische Götter, es gibt den Christus der christlichen Wissenschaftler, es gibt den Menschengott, der ein moderner amerikanischer Enkel des Menschensohnes ist, es gibt Götter der Friedenszeit, die noch nie im Kriege gestanden, die Feuertaufe noch nie empfangen haben. Götter gibt es, deren Existenz von einem Zustande des Friedens geradezu bedingt ist! Und diese Götter vor allen, diese jungen Götter haben den Beweis zu erbringen, daß sie standhalten können im Feuer. Im Kriege gilt es, die Verzweiflung an dem Menschengeschlecht von der Seele wegzuhalten. Und das vermag Gott allein, kein Mensch. Keine der guten Eigenschaften, die in solcher Zeit mit den schlechten Eigenschaften um die Herrschaft ringen, ist stark genug, die Seele vor dem Untergange zu erretten. Der Glaube allein kann dieses Wunder bewirken. Hat einer ihn von seinen Vorfahren mitbekommen auf den Weg, oder hat er ihn selbst erworben, nun ist es an der Zeit, daß er ihn hinausstelle vor sich. Ist er einem abhanden gekommen, so ist der Augenblick günstig, in die Stille zu gehen und sich zu besinnen. Rüste ein jeder seinen Gott mit allem aus, was an Kraft der Seele in ihm lebendig ist. Dann schicke er ihn ins Feuer. Auf allen Höhen brennen die Feuer. Kenntnis fremder Völker Dies steht fest: die Völker kennen einander nicht. Kennen sie sich etwa selber? Davon aber ist hier nicht die Rede. Allmählich beginnt die Wahrheit in breite Massen durchzusickern: daß Mißverständnisse zwischen den Völkern obwalten, tiefgründige Mißverständnisse in bezug auf Charakter, Anschauungsweise und Sitten der Völker. Daraus allein läßt sich der Haß erklären, der heute wie eine Chinesische Mauer zwischen Volk und Volk aufgerichtet steht. Haß ist Mißverständnis. Nun hört man aber auch dort, wo die Haßtrompete eben noch laut erscholl, das stillere Bedauern sich regen: daß man vom Mitvolk so wenig gewußt habe. Die Reue regt sich, darüber, daß man auf jene, die das eigene Volk über Art und Sitte des fremden Volkes, seine Kräfte und Energien hätten belehren können, zu wenig oder zu oberflächlich gehört habe. Da fragt es sich: wer war im Frieden eigentlich dazu berufen, einem Volke die Kenntnis der anderen, der Mitvölker zu vermitteln? Wohlgemerkt: nicht einer dünnen intellektuellen Oberschicht, sondern dem Volk. Diplomaten sicherlich nicht. Die lebten in ihrer Gesellschaftssphäre, im Dunstkreis ihres Ehrgeizes, nicht mit dem Volke noch unterm Volke, zumeist gegen das Volk. Reisende Gelehrte, Austauschgrößen etwa? Die Mehrzahl kam mit einem Kopf voll Wissen, das heißt fremder Erfahrung daher, mit fertigen Systemen, denen sich das fremde Volk auf Gnade oder Ungnade zu fügen hatte, fand Bankette, vorbereitete Auskünfte, Potemkinsche Dörfer von Theorien und Einrichtungen vor, erfuhr vom wirklichen Volk wenig. Zudem gibt die Spezialisierung des Wissenschaftlers keine geeignete Grundlage für das Erfassen eines Volkskörpers – mit der Lupe in der Hand kann wohl die Gesteinsart festgestellt werden, aus der die Kathedrale gebaut ist, nicht diese, das ganze komplizierte Kunstwerk selbst. Der Kaufmann vollends lernt nur ein Segment des Volkes kennen und begreifen, einen Teil seines Charakters und seiner Entwicklungsfähigkeiten. Er ist kein verläßlicher Kundschafter. Seine Erfahrungen dürfen nicht generalisiert werden, wie dies jetzt zuweilen mit Vorbedacht geschieht. Welche Gefahr solche Einseitigkeit in sich birgt, erfahren wir heute. Es gibt überhaupt keinen bürgerlichen Beruf, der seinen Träger zum Vermittler zwischen den Völkern prädestinierte. Wohl aber gibt es einen seelischen Beruf, eine Veranlagung, die das tut. An ernsten und objektiven Schilderungen fremder Völker war ja im Frieden kein Mangel. Warum nur hassen und verkennen sich die Völker heute so intensiv? Zwischen dem Betrachter und seinem Objekt stand nur allzu oft der einheimische Kirchturm aufgerichtet. Resultate wurden zwar vermerkt, Vorbedingungen in Betracht gezogen, aber wie oft wurde Berichten das bewußte patriotische Mäntelchen, das pharisäische »Wir danken dir, Gott, daß wir nicht sind, wie diese!« umgehängt. Noch in den freudigsten, von Sympathie erfüllten Schilderungen gab sich der Beobachter gern als erkorener Herold und Wortführer der heimischen Zivilisation; dem vollen Drange, sich dem Fremden hinzugeben, zu lieben, erwuchsen Hemmungen und Hindernisse aus falsch verstandener Pflicht. Ja, zu lieben. Verstehen ist wohl eher Lieben als Verzeihen. Der sich in fremdem Lande glücklich gefühlt hat, in sich eine stumme Saite plötzlich schwingen, erklingen hörte, der sich nach jenem Lande, nach jenem Klang zurücksehnte, kann ein besserer Patriot sein, als der seinen Geburtsort nie verlassen hat, körperlich, geistig, in politischer Hinsicht. Unter fremdem Volk zu reisen, sein Leben zu teilen ist ja nicht Sache der Wanderlust, der Sucht nach Neuem, nach Abwechslung, ja sogar nicht des Wissensdurstes – es ist eine wichtige Mission, eine verhängnisvolle Aufgabe. Auch wer mit der ernstesten Absicht reist, das fremde Volk zu verstehen, lernt das Volk nur verstehen, wie sich ihm seine Sprache durch die Grammatik erschließt, selten durch die Aussprache der Worte; wie schwer wird es ihm, sich hüben und drüben verständlich zu machen. Gehört zu werden verdient vor allem der Kosmopolit . Er ist der berufene Vermittler zwischen den Völkern. Das hauptsächlichste Wesensmerkmal des Kosmopoliten ist zuverlässige Weltfreundschaft. Die Fähigkeit, sich überall einleben zu können, die Gabe, scharf und doch instinktiv gerecht zu unterscheiden. Jedem Klima gewachsen zu sein ist das Vorrecht stumpfer Nerven und verschlafenen Intellekts. Der Kosmopolit aber verfügt über den tätigsten, differenziertesten Gefühlsapparat, den die berauschende Welt nicht zu überrumpeln, zu betäuben, wohl aber vielfach in Schwingungen zu versetzen vermag. Die Welt tönt aus ihm; sie hat sich ihr Instrument gut gewählt; der Ton klingt rein. Die Grenzen zwischen den Völkern sind nun einmal da. Es sind nicht nur Sprachgrenzen, Temperamentsgrenzen, sondern Grenzen, schärfer gezogen als jene, für Systeme, die diesseits der bunten Pfähle ein Volk verdumpfen, jenseits ein anderes übermütig machen können. Aufgabe des Kosmopoliten ist es nicht: mit einer gewissen innerlichen Belustigung diese Kontraste zu genießen und mit Behagen und Ironie herauszuarbeiten, noch: sich zum Richter aufzuwerfen über hüben und drüben, ein Volk gegen das andere auszuspielen; sondern seine Aufgabe ist, kraft seines Gefühls für Welt und Menschheit, ungeachtet der Gegensätze, die so verschiedenen Völker einander näherzubringen. Sie zur Einsicht etwaigen Widersinns in ihren eigenen Existenzbedingungen und zur Nachdenklichkeit über die Rechte, Errungenschaften ihrer Mitvölker zu leiten. Der Kosmopolit hat die Aufgabe, das Leben der Menschen auf diesem Erdball erträglicher zu gestalten. Besitzt er die Fähigkeit, durch die Schrift zu wirken, so ist ihm diese Aufgabe zugefallen, und er muß sie so auffassen, daß er die Verpflichtung habe, möglichst tiefen Schichten des Volkes die Lehre und Verheißung zu vermitteln. Alles andere ist Sport, Selbstbespiegelung, toter Wissensballast oder bare Unterhaltungslektüre. Ich möchte die Behauptung wagen: die Echtheit des Kosmopolitentums verrate sich im sozialen Gefühl, in der Erhebung des Individuums über die Klassen. Schroffer als dem Ewig-Einheimischen gibt sich dem Manne, dem der Erdball sich erschließt, der Widersinn der Klassen-Gegensätze, Klassen-Absonderungen kund; er gewinnt auch ein besseres Urteil über die im ewigen Schwanken befindlichen Begriffe arm und reich, deren Maßstab ja ebenfalls nach der Verschiedenheit der Grenzpfähle wechselt, und ebenso über die Begriffe der politischen Macht und Demütigung. Im Grunde ist keiner besser befähigt, die Zustände seiner eigenen Heimat, des Volkes, in dessen Mitte er lebt, zu beurteilen, als der Kosmopolit. In Ländern ohne politische Gleichheit, in Ländern ungeheuerlichster Gegensätze zwischen arm und reich ist die Atmosphäre rettungslos infiziert. Dies erkennt, empfindet niemand intensiver als der Kenner fremder Völker und ihrer Daseinsbedingungen. Er sieht, er durchschaut Kultur, Wissenschaft, ästhetische Werte in der Kunst, in den Zusammenhängen der Gesellschaft, den Dingen der inneren und der täglichen Existenz, mit freierem und sicherem Blick als der in engem Kreis Befangene. In Zeiten des Hasses, der kleinlichen, verlogen-rechthaberischen Einstellung auf den eigenen Standpunkt sollte man überall der Stimme des Kosmopoliten mehr Beachtung schenken, als es geschieht. Daß dies im Frieden nicht genügend geschah, sehen die Völker der Erde jetzt ein – im Maße, wie die Verblendung von ihren Augen zu weichen beginnt. Das kommt daher, daß man nur allzu leicht gewillt war, den Kosmopoliten mit dem Globetrotter zu verwechseln – einem Produkt der erhöhten Verkehrsmöglichkeiten, den die Sucht nach Abwechslung aus seiner Langeweile in die Welt trieb. Der Kosmopolit aber, den Weltliebe in die Ferne zog, ist in mancher Beziehung ein Menschheitspionier zu nennen, ein wahrer Kreuzfahrer dieser Zeit. Der Weg zur Zukunft Ja, es läßt sich nicht leugnen: in manchem Menschen ist in diesen Kriegstagen der Wunsch laut, in die Zukunft zu flüchten, in eine sagenhafte, ferne Zukunft – und man kann nichts Besseres tun, als diesen Flüchtlingen aus dem zerstörten Heim der Gegenwart den Weg zu weisen, damit sie nicht irregehen und in den Wäldern der Verzweiflung umkommen müssen. Wie wird es in jener erträumten Zukunft aussehen, die wir fern von all den wirren Tatsachen und Spekulationen der Gegenwart mit den Bausteinen unserer übriggebliebenen Hoffnungen aufbauen möchten? Welt und Menschheit befinden sich in einer steten, folgerichtigen Entwicklung, und Zeiten, wie diese gegenwärtigen, vermögen sie wohl zu hemmen, zurückzuwerfen, vernichten aber können sie sie keineswegs. Darum ist es das Einleuchtendste, auf die jüngste Vergangenheit, die vom Krieg jäh unterbrochene Epoche, zurückzugreifen, um ein Bild der Zukunft mit allen Zügen der Wahrscheinlichkeit gestalten zu können. Es ist gefährlich, sich hierbei auf seine eigene rein persönliche Anschauung zu verlassen. Es handelt sich ja darum, den breitesten Massen das Heim der Zukunft zu bereiten. Ihr Standpunkt und ihre Einschätzung der Vergangenheit müssen Maßstab und Anhaltspunkt bieten. Die Wenigen finden sich schon selbst zurecht. Die jüngste Vergangenheit, der Zeitabschnitt vor dem Kriege, hat Lobpreiser und Tadler. Ja sogar Lobhudler und Verleumder. Es ist aber weder die Vergangenheit, die die Lobpreiser und die Lobhudler, noch die Vergangenheit, die die Tadler und die Verleumder meinen, nach deren Bild die Zukunft gestaltet werden soll. Die Tadler der Vergangenheit lieben es, uns die wohlige Sicherheit vorzuwerfen, in der wir uns in der verflossenen Friedenszeit gewiegt haben. Diese Leute gefallen sich in der Wiederholung der Phrase vom »langen Frieden«, der als Rache für seine eigene Lebensdauer den Krieg hervorrufen mußte. Es ist erstaunlich, wie gedankenlos solche unsinnigen Redensarten von jung und alt nachgebetet werden! Als ob der Friede zu lange währen könnte! Als ob es einen wirklichen Frieden geben könnte, der mit Notwendigkeit seine Vernichtung im Schoß trüge! Hätten diese Leute recht, die Weltgeschichte würde nur Waffenstillstände kennen. Ja, ist denn der Frieden nicht der ursprüngliche Zustand, in dem das höher entwickelte Geschlecht der Menschen seine angemessene Daseinsform zu erblicken hat? Das einzige Argument, das gegen sein Erscheinen ins Treffen geführt werden kann, ist: daß wir sein Herannahen und seinen Triumph nicht eifrig und freudig genug vorbereitet haben. Wer den Frieden als ein Prinzip auffaßt, das, wenn auch nur zeitweilig, durch das Prinzip des Krieges vernichtet werden muß, verdient, daß sich das Schwert zu allererst gegen ihn selbst kehre. Vertraget euch miteinander, helfet einander, erweiset einander Vertrauen und Ehrerbietung – seid gut und gerecht – das ist das einzige Gebot, das der Menschheit bisher ihren Weg zur Vervollkommnung gewiesen hat, und wer die Weltgeschichte nicht mit der Nase auf dem Buchstaben, sondern in großem Zug zu lesen versteht, wird hinter all den Mäandern die gerade Linie dieses Urgesetzes und ersten, höchsten Gebotes verfolgen können. Sie wurde den Menschen von ihren edelsten Träumern und Lehrern vorgezeichnet und führt eisern und mit unbeirrbarer Beharrlichkeit zu der Höhe hinauf, auf der jene Gesetzgeber gestanden haben. »Si vis pacem, para bellum« – auch eines jener Paradoxe, die, von den gefährlichsten Feinden der Menschheit geschmiedet, sich durch den fortgesetzten Gebrauch als ihr sicherster Schild bewährt haben. Es ist schon so: nur durch Frieden entsteht Frieden; friedfertige Gesinnung ist die beste Gewähr für dauernden Frieden; das fortgesetzte zielbewußte Denken an die Möglichkeit des Krieges aber muß ganz gewiß den Krieg herbeiführen. Erst wenn es gelungen sein wird, den Gedanken an die Notwendigkeit des Krieges aus dem Intellektleben und dem Instinktleben der Menschheit auszuschalten, wird sich der Frieden als die absolut naturgemäße Lebensatmosphäre der Menschheit und nicht als ein Stadium in dem Auf und Ab ihrer Entwicklungsgeschichte darstellen. Der Weg zu einem solchen Ziel mag noch lang sein, aber er ist vorgezeichnet und wird einmal gegangen werden. Auch dieses Bild stammt von den Verleumdern der Vergangenheit: die Friedenszeit, die wir alle erlebt haben, sei ein großes stagnierendes Gewässer gewesen, das sich zu einem alles verpestenden Morast verwandelt hätte, wenn nicht plötzlich durch höhere Fügung Granaten und Schrapnelle hineingeflogen wären, die den trüben Tümpel von unterst zu oberst gekehrt haben. Den Lobhudlern der Vergangenheit kann man es vorwerfen, daß sie eben diesen Zustand der weichlichen Versunkenheit als etwas Kostbares, unwiederbringlich Verlorenes beweinen. Jawohl, in jener Zeit, auf die der Krieg folgte, war allerdings eine Lust an Plunder und Firlefanz, die Überschätzung von Belanglosigkeiten unverkennbar. Und mancher von uns hat sich aufgebäumt dagegen, daß allerhand Verrottetes ernst genommen werde, noch dazu im Namen der Kunst oder unter der Maske irgendwelcher ethischen Tendenzen! Es war also bereits damals ein wohlangewandter und energischer Widerstand gegen jene Auswüchse und Wucherungen vorhanden, und darum ist es albern, zu behaupten: daß der Krieg als Strafe kommen mußte oder um die Menschheit von dem Übel zu erlösen. Ja, es war Kampf genug vorhanden, aber er war darauf gerichtet, die Atmosphäre zu säubern und den Lungen der Gegenwart, das heißt der Friedenszeit, gesunden Lebensstoff zuzuführen, der ihre Dauer gesichert hätte. Es war ein Kampf um wirtschaftliche und moralische Dinge, der die Schäden an ihrer Wurzel angriff, nicht bei ihren Auswüchsen packte. Auch in der Zukunft, die sich heute mancher Sehnsüchtige erträumt, wird es nicht ohne Kampf abgehen. Ja, der Kampf ist sogar ein wichtiger Bestandteil in dem Gebilde und Gebäude jener Zukunft, und unter den Bausteinen, aus denen wir es aufführen wollen, befinden sich etliche, die unsere Hoffnung mit Glut- und Blutfarben bemalt hat. Der Kampf jener Zukunft wird also derselbe sein, den der Krieg unterbrochen oder vereitelt hat, das ist sicher. Er wird der Kampf gegen Faktoren sein, die die Ideale des Friedens an ihrer Entfaltung gehindert haben. Von Lobern wie Tadlern kann es der Klarsichtige in gleicher Weise erfahren, welcher Art die Faktoren und Elemente gewesen sind, von denen wir die Zukunft befreien müssen, so daß es sich in ihr zu leben lohnen soll. Jeder von uns hat solch einen Lober und Tadler in sich sitzen. Beide hat die Erfahrung der Kriegszeit gründlich auf den Mund geschlagen. Nun müssen wir unsere Natur daraufhin prüfen und durchforschen, was in ihr stichhält und was an ihr absurd geworden ist. Immer wieder müssen wir uns sagen, daß die Zeit, die wir erleben, keine Parallele in der Weltgeschichte besitzt; daß uns Leiden auferlegt sind, wie sie keiner Menschengeneration vor uns beschieden gewesen sind; daß auf uns heutigen Menschen darum eine schwerere Verantwortung lastet, als sie Menschen vergangener Zeiten auf ihren Schultern gefühlt haben. Es muß ein jeder, der nicht resignierend die Hände in den Schoß legt und sich abseits begibt, die Arbeit an der Zukunft schon in dieser Stunde, mit diesem Atemzug und Herzschlag beginnen, und zwar an sich selber beginnen. In der Umwelt, den näheren und entfernteren Umkreisen der Gesellschaft, des Staates, der Menschenrassen wird so unendlich vieles zu erwirken, umzugestalten, zu erreichen sein, wenn eine Weltkatastrophe wie die gegenwärtige sich nie mehr wiederholen soll. Deutlicher als je zeigt sich gegenwärtig in der Welt die Abwesenheit der Macht, die der Einzelne auf die Allgemeinheit auszuüben vermag; die Zerklüftung der Menschheit; das Hinhorchen nach verschiedenen Seiten der zersplitterten Gruppen; das finstere Mißtrauen, das ingrimmige eigensinnige Beharren auf dem eigenen Standpunkt. Es kann keiner in die Breite wirken, er stößt sich an Grenzen. Darum muß jeder bei sich selber beginnen. Das Haus der Zukunft kann nur von innen aufgebaut werden. Jeder hat schuld an dem Geschehen, das über alle hereingebrochen ist, sei es durch sein tätiges Mitwirken oder durch seine Passivität. Glauben wir nur nicht an Schuldige und Unschuldige – jeder trägt auf irgendeine Weise, sichtbar oder unsichtbar, die Schuld an dem Weltgeschehen. Ebenso ist jeder verantwortlich für die Zukunft, verantwortlich durch seine Hilfe und durch sein Abseitsstehen. Enger, als es sich Menschensinn auszudenken vermag, hängt von unserer Selbsteinkehr und Selbstschau, von der Erziehung jedes einzelnen Individuums dieser wach gewordenen, ernüchterten Menschheit die ganze geahnte, erträumte, hinter den fernsten Nebeln wartende Zukunft ab; die Zukunft der Tausende von Generationen nach uns, die ewiger Frieden heißen wird. Der neue Intellektuelle Aus einer Ansprache vor der Internationalen Studentenvereinigung, Berlin, gehalten am 4. Mai 1931, an der Universität Berlin – – – Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, etwa 80 Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte durch die französische Revolution und etliche Jahrzehnte nach dem Aufstand der Dekabristen, junge Studenten russischer Universitäten, die in der Geschichte der geistigen Umwälzungen unserer Zeit unter dem Namen der »Narodniki« fortleben, sich unter das Volk, das bedrückte, niedergehaltene und leidende Volk Rußlands begaben, da war zum erstenmal eine Bresche in die Mauer geschlagen, die den Intellektuellen vom körperlich arbeitenden Volk trennt. Diese jungen russischen Studenten wollten die breiten Massen in ihren Lebensbedingungen, Wünschen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Resignationen durch eigene Anschauung, durch Mitfühlen, Mitleiden, Gemeinschaft erkennen. Hilfsbereitschaft, tätige Arbeit, Aufopferung war das Wesen dieser Suche nach Erkenntnis. In der Tat mengten sich die »Narodniki« vorerst unauffällig unter die Schichten des niederen Volkes; Söhne aus vornehmen Familien, aus den bevorzugten Klassen nahmen die schweren Arbeiten von Dorfbewohnern auf sich, unauffällig, da ja die Staatspolizei wachte und jeder Versuch, die unteren Massen aufzuklären, den unteren Massen Hilfe zu leisten, als Staatsverbrechen geahndet und bestraft wurde. – Ich brauche Ihnen, die Sie die Not und auch den Elan unserer heutigen Tage kennen, nicht länger zu erklären, was es mit dem Gebilde des »Werkstudenten« auf sich hat. Ich habe vor dem Krieg in den Vereinigten Staaten viele solcher Werkstudenten kennengelernt, die sich, um das Lehrgeld und die Gebühren des bevorstehenden Semesters an den Universitäten bezahlen zu können, im Sommer auf Farmen als Erntearbeiter verdangen, auch in kleinen und größeren Städten Kellnerarbeit, Kutscherarbeit und ähnliches leisteten. Meines Wissens haben sich europäische Studenten, um die Zeit, in der die Amerikaner mit solchen Ausübungen nichtintellektueller Arbeit begonnen hatten, diesen Gedanken noch nicht zu eigen gemacht. Erst die veränderten Verhältnisse nach dem Krieg, der die Klassen erschüttert und durcheinandergerüttelt hat, schufen in Europa den Werkstudenten. Er unterscheidet sich von jenen Pionieren, den »Narodniki«, eben durch die ökonomische Ursache und Bedingtheit seiner Aktion, während ja die »Narodniki« aus rein geistigen, dem Gewissen und Gefühl entsprungenen Motiven handelten. Es gibt nun eine dritte Form dieser Vereinigung des Intellektuellen mit dem körperlich Arbeitenden. In seiner reinsten und dem Ideal am nächsten entsprechenden Form hat sich diese Vereinigung in den letzten Jahren, im Laufe der Pjatiletka, des Fünfjahrplans des russischen Aufbaus, gezeigt. Ich werde im Laufe meiner Ausführungen auf diese Form der Arbeit intellektueller Kreise an dem technischen und wirtschaftlichen Aufbau Sowjetrußlands, insoweit sie physische Betätigung erfordert, zurückkommen. Unsere bürgerlich-kapitalistisch eingestellte europäische Gesellschaft ist in Schichten getrennt. Diese Schichten werden durch geistige und körperliche Arbeit gekennzeichnet. Der geistige Arbeiter, besonders der akademische Bildung genossen hat, befindet sich hier in einer höheren Schicht als der körperlich Arbeitende, der Proletarier. Die Möglichkeit zur geistigen Ausbildung ist ja bereits ein Privileg, wenn nicht Monopol der oberen Schichten dieser Gesellschaft. Die Vorrechte der Geburt, der Familien- und Standestraditionen schaffen ein Privileg, ja Monopol. Selbst in unserer Zeit, in der der russische Gedanke schon eine Spaltung, eine sichtbare Bresche in die traditionellen Schichten der bürgerlichen Gesellschaft, nicht allein in Europa, geschlagen hat, ja in manchen Ländern bereits diese Schichtungen aufgehoben hat, selbst in dieser Zeit betrachtet in Ländern, die unter bürgerlich-kapitalistischen Gesichtspunkten regiert werden, die akademische Jugend ihre intellektuelle Sonderstellung innerhalb des Volkes noch als etwas Selbstverständliches, ja Unerschütterliches. Der Krieg, der die Klassen durcheinandergerüttelt hat, hat die neuen Reichen geschaffen, die, ohne Tradition zu besitzen, doch für sich und ihre Nachkommen das Privileg der Bildung als selbstverständlich in Anspruch nehmen, weil sie dies ja vor sich gesehen hatten. Und gerade diese neu emporgekommenen Schichten der bürgerlichen Gesellschaft sind es, die wir das Privileg der akademischen Bildung am hartnäckigsten verteidigen sehen. Dabei geht die Rückentwicklung des bürgerlichen Staates, der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsform, ohne nach dem Willen des Einzelnen zu fragen, ihren Weg. Die internationalen Krisen, die sich auf dem Markt der Werte stürmisch folgen, beschleunigen die Rückentwicklung. Was Sowjetrußland in einem machtvollen Ansturm erobert hat, das bereiten eben diese internationalen Krisen in peinlicher Langsamkeit, aber stetig und ständig deutlicher vor. Was Sowjetrußland in seiner Oktoberrevolution mit einem Satz erreicht hat, dem steuert die Umwelt in einer unaufhaltsamen Auflösung, langsam und widerwillig entgegen. Wir wissen, daß in Sowjetrußland die Trennung der Klassen aufgehört hat; daß eine Gemeinschaft des ganzen Volkskörpers vorbereitet und erreicht worden ist, die ohnegleichen in der Geschichte des menschlichen Fortschrittes dasteht. Damit ist aber natürlich keineswegs gesagt, daß die Trennung der Arbeit in körperliche und geistige in Sowjetrußland aufgehoben sei! Nur das ist der Fall, daß geistige wie körperliche Arbeit, vom Gesichtspunkt der gemeinsamen Anstrengung zum Volkswohl, diesem gleichwertig dienstbar gemacht sind. Im Fünfjahrplan, der seiner Vollendung entgegengeht, sind technische und kulturelle Ziele als Aufgabe der Gemeinschaft hingestellt. Wo es den Anschein hat, als ob das Technische überwöge, ist dieses Technische doch als Grundlage des allgemein kulturellen Aufstieges des Volkes genau erkennbar. Geistige Arbeit vereint sich mit körperlicher in diesem Aufbau. Aber, und nun komme ich auf die Andeutung, die ich vorhin getan habe, zurück: es erweist sich für den geistig Arbeitenden, den an den staatlichen Lehranstalten, den Volksuniversitäten ausgebildeten russischen Studenten oft die Notwendigkeit, ausgesprochen körperliche Arbeit zu leisten, zu der er jedoch nicht durch Regierungsverfügungen, sondern allein von seinem jugendlich stürmischen, beseelten Drang geleitet wird. Der ungeheueren Aufgabe, die sich Sowjetrußland in diesem Augenblick gestellt hat, bewußt, begibt sich eine Schar junger Studenten (wie ehemals an jene ewig denkwürdige Perikopfront, die mit der Liquidation des Wrangelfeldzuges zugleich die Konterrevolution in Rußland ein für alle Male beendet hat,) an die am stärksten gefährdeten, höchstes Maß der Energie und Aufopferung erfordernden Stellender Aufbauarbeit. Im Bergbau des Donezgebietes, auf den weiten Ebenen, auf denen der Traktor an dem Ertrag des Bodens arbeitet, an ungezählten anderen Stellen hat sich der Student, der geistig arbeitende Russe freiwillig eingefunden, um den Aufbau zu Ende zu führen. Hier erst, in dieser dritten Form der Vereinigung geistiger mit körperlicher Arbeit, sehen wir den Bann gebrochen, die letzten Trümmer der Schichtungen niedergerissen. Hier steht, zum erstenmal vollständig klar und scharf umrissen, das Beispiel des ungetrennt im Dienste einer Idee arbeitenden Volksganzen vor den Blicken der zivilisierten Welt. Hier ist von der Not, der Verzweiflung, die in den Ländern des kapitalistischen Niederganges geistige Arbeiter zwingen, in das Proletariat »hinunter zu steigen«, keine Spur mehr zu finden. Je eher die Depression, die sich des europäischen Studenten bei solchem eingebildeten Abstieg bemächtigt, überwunden ist, um so besser. Wissen, akademische Ausbildung, hebt seinen Träger nicht mehr oder wird ihn nicht lange mehr aus dem Volksganzen hervorheben. Er täte gut daran, sein Wissen beizeiten, nicht demütig, nicht bescheiden, sondern der Zeit und ihrer Strömung bewußt, der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Wissen hebt nicht mehr hervor, Wissen soll aufgelöst werden im Dienste der Gesamtheit. Ich sage Ihnen nicht: Sie haben die Wahl, wählen Sie! Wollen Sie eine privilegierte Schicht der Gesellschaft bleiben, oder wollen Sie sich aus freiem Antrieb Ihres eingebildeten Vorrechtes begeben? Ich sage Ihnen das nicht, denn das Leben wird es Ihnen sagen. Das Leben wird Sie zwingen, zu erkennen, was ein großer Teil der Studenten heutigen Tages, wahrscheinlich auch unter Ihnen, schon weiß und erfahren hat: Sie werden die Früchte Ihres Studiums nicht in der bisher üblichen, hergebrachten Weise ernten können – nämlich durch eine Sonderstellung in der Gesellschaft! – Jawohl: Sie haben heute vielleicht noch die Wahl, freiwillig auf eine solche Sonderstellung zu verzichten; morgen aber schon wird Ihnen das Leben bewiesen haben, daß Sie diese Sonderstellung nicht mehr einnehmen. Ein Wort Nietzsches kommt mir in die Erinnerung: Was fällt, das soll man auch noch stoßen. Ihnen ist die Wahl geblieben, zu stoßen oder – gegen Ihren Willen! – in den Trümmerhaufen der heutigen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft mitgerissen und unter diesen Trümmern zermalmt zu werden. Die nichtrussische Studentenschaft, der nichtrussische Intellektuelle hat die erwähnten drei Etappen: die Etappe der Narodniki, die Etappe des Werkstudenten, die Etappe des Arbeitsfreiwilligen für die Gesamtheit nachzuholen. Je eher die nichtrussische Studentenschaft sich mit dem Gedanken an die Volksgemeinschaft, die von Schichten nicht mehr durchzogene, einheitliche Gemeinschaft, die keine national begrenzte, sondern eine Menschengemeinschaft ist, vertraut macht, um so besser. Wenn die Narodniki in die Schichten der Gesellschaft als erste eine Bresche geschlagen haben, so heißt es heute für die Träger der geistigen Arbeit, besonders der jungen Generationen: durch dieses breite Tor, das durch die Trümmer der Schichten gebildet ist, in die Zukunft zu schreiten. Das Taylor-System und der Sozialismus Lenins Bemerkung in den »Nächsten Aufgaben der Sowjet-Macht«: daß der Akkord-Lohn, die Anwendung von vielem, was von Wissenschaftlichem und Fortschrittlichem im Taylor-System vorhanden ist, usw., auf die Tagesordnung der nächsten Zeit gestellt, praktisch angewandt und versucht werden müsse, hat jeden befremdet, der die Wirkungen des Taylor-Systems an Ort und Stelle, nämlich in der amerikanischen Industrie, in den amerikanischen Großstädten, in den Irren- und Zuchthäusern, den Schlupfwinkeln des Elends und den Landstraßenherbergen der Heimatlosen Amerikas zu beobachten Gelegenheit hatte. Lenin bemerkt auch sogleich nach dieser Kundgebung seines Programmes: daß der Russe im Vergleich mit den vorgeschrittenen Nationen ein schlechter Arbeiter sei und zu arbeiten erst lernen müsse. Auch diese Beobachtung kann der vollinhaltlich unterschreiben, der im Geburtslande des Taylor-Systems die statistischen Tabellen in Fabriken, in den »Settlements« der Newyorker, Chicagoer und Torontoer Ostseite, in den Redaktionen der großen sozialistischen Fach- und Tageszeitungen betrachtet hat. Daß eine Theorie wie die von Taylor in Zeiten der völligen Deroute der Arbeitsleistung, in Zeiten der erschrecklich zurückbleibenden Produktion ihr Bestechendes hat, ist begreiflich. Bedauerlich ist es nur, daß ein Wort, ein Vorsatz, eine programmatische Kundgebung wie die Lenins das System Taylor in den Vordergrund schiebt zu einer Zeit, in der alles eher als eine solch gewaltsame Methode zur Erhöhung der Leistung des erschöpften und verbitterten Proletariats am Platze wäre. Manches hat die Sowjet-Regierung schon in der Theorie aufgenommen und in der Praxis bald abgeschafft. Es ist an der Zeit, einen Warnungsruf vor Taylor ertönen zu lassen. Wenn auch das Eingeständnis verhängnisvoller Irrtümer keine Regierung diskreditiert, so ist es doch am Platze, die russische vor dem Begehen neuer, verhängnisvollster zu bewahren. Experimente wie die mit Taylor könnten Ärgeres als lediglich Enttäuschung hinterlassen. Nun ist der Vorsatz Lenins in das soziale Bewußtsein Deutschlands eingedrungen. C. E. von Kühlmann bespricht im »Sozialist« vom 28. April die Bedeutung des Taylor-Systems für die Wirtschaft und Produktion der Gegenwart und nächsten Zukunft, durchaus im Sinne Lenins und unter Hinweis auf diesen. Ich erinnere mich an die letzte Gelegenheit, bei der ich aufgefordert wurde, mich über die Durchführbarkeit und Notwendigkeit der Einführung des Taylor-Systems in extensivster Form in der deutschen Industrie zu äußern. Das geschah im Winter 1917, und die Aufforderung erging an mich von einem Sendboten oder literarischen Handlanger der Schwerindustrie. Er hatte augenscheinlich nur oberflächliche Kenntnis von der Tendenz meines Buches über Amerika, sonst hätte er mich wahrscheinlich nicht dazu auserlesen, als literarischer Speedboß, das heißt Hetzvogt, für ein rascheres und ausgiebigeres Granatendrehen herzuhalten. Mit begreiflichem Befremden finde ich jetzt Fürsprecher des Taylor-Systems innerhalb der Reihen der deutschen Sozialdemokratie. Wer die Symptome und offenkundigen Ergebnisse der Arbeitsunlust, der freiwilligen und erzwungenen Arbeitslosigkeit dieser Tage miterlebt, wird sich darüber klar sein, daß, wenn es schon maßlos schwer sein muß, die Arbeiter in die Werke zu treiben, es eine an Wahnwitz grenzende Unmöglichkeit sein dürfte, sie zur Aufnahme des rigorosen Taylor-Systems zu bestimmen. Denn dieses System ist ein drakonisches; jede Beschönigung ist vergeblich. Frederick Taylor stellt sich in seinem Buche als ein ergebener und begeisterter Diener und glaubensstarker Bejaher des kapitalistischen Wirtschaftssystems dar. In Amerika ist es keine vereinzelte Erscheinung, daß das über alle Maßen starke und gebietende Kapital wissenschaftliche Theorien gebiert, die es sozusagen heiligsprechen. Von all diesen Theorien aber dürfte keine so bewußt und ausgesprochen dienend und ergeben dem Kapitalismus zur Seite stehen wie das Taylor-System. Seine gediegene wissenschaftliche Fundierung läßt den Kern nicht vergessen, der direkte schonungslose Ausbeutung heißt. Neben diesem verschwindet das rein Wissenschaftliche und Fortgeschrittene, wovon Lenin spricht, zu untergeordnetster Bedeutung. Schon die Verlockung, daß der Arbeiter für seine erhöhte Leistung Prämien zu gewärtigen habe, zeigt den Pferdefuß des ganzen Systems. Denn ein System, das auf Hinaufschrauben der Leistungsfähigkeit basiert, weiß mit der Normalleistung des Arbeiters selbstredend nichts anzufangen; es scheidet den nur zur Normalleistung befähigten Arbeiter automatisch aus. In den Theorien Taylors steht nichts von den mittelbaren, das heißt nicht sofort wahrnehmbaren Wirkungen des Systems auf den Arbeiter verzeichnet. Die muß der Beobachter, der teilnehmende und gewissenhafte Beobachter der amerikanischen Zustände aus eigener Anschauung ergänzen. Er wird es nicht schwer finden, diese Beobachtungen anzustellen und aufzuzeichnen. Neben den schon erwähnten mehr oder weniger menschenfreundlichen Institutionen wird ein Gang durch die Werkstätten, die Arbeitsnachweisämter und nicht zuletzt das Bild der Straße zur Zeit der »Breadline«, der allnächtlichen Bettlerpolonaisen vor den Hintertüren der großen Speisehäuser, Suppen- und Brotanstalten, über die Kehrseite des glorreichen Systems belehren, und darüber: wo der amerikanische Arbeiter nach der »wissenschaftlichen Ausnutzung der menschlichen Kraft« bleibt und endet. – Wenn die Revolution einen Sinn gehabt hat, so ist es dieser: die Arbeit soll aufhören eine Strafe zu sein. Sie soll ein Fest werden. Das Wort Marxens, das sich auch im zweiten Artikel der Verfassung der Russischen Sowjetrepublik findet: daß die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt werden müsse, soll den alttestamentarischen Fluch von der Arbeit heben; die Arbeit soll vom Menschen nicht mehr im Schweiße seines Angesichtes verrichtet werden. Die Seele ist nicht beteiligt an der Arbeit im Sinne Taylors. Taylor tötet die Seele, er kann nur mit der physischen Kraft etwas anfangen. Er hat eine Theorie der Zwangsarbeit erfunden, die den letzten Rest von Liebe zur Arbeit aus dem elenden Fronsklaven peitscht, dem das System aufoktroyiert wird. Mit 35-40 Jahren bleibt der wissenschaftlich ausgebeutete Arbeitsmann als ein physisch ausgepumptes, seelisch längst verkümmertes Wrack auf der Straße liegen, nachdem er seine sämtlichen »Prämien« für die Herztätigkeit erhöhende Arsenik-, Alkohol- und ähnliche Präparate ausgegeben hat. Vor den amerikanischen Fabriktoren hängen Tafeln: Wir stellen keinen Arbeiter über 40 ein! Damit hats keine Not. Es kommen wenige über 40 mehr an. Das Kriegshandwerk hat genial und spezifisch veranlagte Gehirne hervorragender Techniker, Chemiker, Strategen zu äußerst ingeniösen wissenschaftlichen Erfindungen angeregt. Unterseeboote, Fliegerbomben, Gelbkreuzgase wurden der Menschheit beschert, um nur die populärsten zu nennen. In einem Zeitalter kommender, hoffentlich nah bevorstehender Menschlichkeit wird man diese genial erdachten Errungenschaften der Zivilisation vielleicht in den Archiven des dunklen Mittelalters aufbewahren, wird man in den gesetzgebenden Körperschaften die Menschheit vielleicht vor ihrer Ausnutzung zu beschützen wissen. In die Nachbarschaft dieser von hoher Gelehrsamkeit erzeugten und zeugenden Geistesprodukte wird man dann vielleicht auch die Schriften Frederick Taylors, Gilbreth' und seiner anderen Schüler und Kommentatoren verbannen. Wir wollen aus der Arbeit ein Fest, ein seelisches Bedürfnis des Menschen, einen erhebenden Dienst der Gemeinschaft machen. In der heutigen Entwicklung haben die Methoden der kapitalistischen Produktionsweise nur so weit Raum, als sie diesen neuen Sinn der Arbeit nicht verzerren und fälschen. Ich für meine Person kenne keinen grimmigeren Hohn auf das religiöse Element, das der Arbeit des Menschen für die Gemeinschaft innewohnt, als die Empfehlung und Einführung der seelenlosesten Mechanisierung, der wahnwitzigen Ausnützung und Überspannung der menschlichen Kraft, wie sie das System Taylor erstrebt. Auch wir, deren Stimme nicht weit reicht, deren Absicht aber gut und deren Erfahrungen definitiv sind, haben das Recht, über unsere Warnung das Wort der Proklamation Lenins zu setzen: »An Alle!« – – – Politische Feiertage der Überkonfessionellen Häuser der Friedensidee sollen errichtet werden. Ein »Bund der Überkonfessionellen« hat sich zu diesem Zweck gebildet. Er schreibt zu seiner Begründung: Die konfessionellen Häuser (Kirchen, Synagogen, Moscheen) waren Stützen der Militärkaste im Frieden und Brutstätten der Schlachtenfurie im Krieg! Die konfessionellen Häuser tragen zur Trennung der Menschen voneinander bei; sie pfropfen ein: Überhebung und Mißtrauen im Frieden, Haß im Kriege. – Dem stellen wir entgegen: Überkonfessionelle Häuser mit ihrer besonderen Architektur, Malerei und Plastik, die das konfessionell Trennende beim Anblick nicht aufkommen lassen und in denen 1. das Edle aus der Gesamtliteratur und aus allen Religionsbüchern vorgelesen, 2. das Menschliche in Form einer kurzen Ansprache nahegebracht wird und 3. Musikwerke vorgeführt werden. – Die überkonfessionellen Häuser sind Stützen des Guten im Menschen und des Weltfriedens. Der Bund zählt zu seinen Mitarbeitern bereits eine Reihe namhafter Künstler und sonstiger hervorragender Persönlichkeiten, von denen uns genannt werden: Axel von Fielitz, Hans Friedenthal, Aug. Gaul, Hermann Gura, Carl Hauptmann, Otto Hettner, Arthur Holitscher, Willy Jaeckel, César Klein, Arno Nadel, Bruno Paul, Bruno Taut, James Simon, Kurt Walter Goldschmidt. Es wird unsere Leser interessieren, aus dem vorliegenden Aufsatz Arthur Holitschers über die Ideen des Bundes näher unterrichtet zu werden. Die Geschäftsstelle des Bundes befindet sich in Charlottenburg, Kantstraße 91, Telefon: Wilhelm 1242. Der Begründer des Bundes: Dr. Philipp Katz. Das Bedürfnis, Feste zu feiern, aus festlichem Anlaß sich mit Volksgenossen zusammenzufinden, ist in der menschlichen Gesellschaft unserer Zeit im allgemeinen stärker entwickelt als der Drang, religiöse Hingabe zu betätigen. Durch die Befriedigung dieses Bedürfnisses lassen sich Gedenktage anderer Art als die, die im Bewußtsein der Menschen bisher als Festtage konfessioneller Norm gegolten haben, zu Feiern religiöser Andacht erhöhen. Das überkonfessionelle Andachtshaus könnte und soll diesem Zwecke dienstbar gemacht werden. Der Raum, in dem sich Feierliches zuträgt, hat ja von jeher auf den Grad der Verinnerlichung in dem primitiven, dem Schein unterliegenden Gemütsleben der breitesten Masse bestimmend eingewirkt. Ja, ich wäre versucht zu erklären, daß sich aus dem Bankrott der Kirche dieser Tage die hergebrachten Riten, wie sie in den Andachtshäusern der bestehenden Konfessionen zelebriert werden, allein gerettet haben. Der Einwand, daß sich Gedenktage politischer Ordnung nicht zur Feier gemeinschaftlicher Andacht eignen könnten, ist hinfällig. Die fundamentale Umwandlung unserer gesellschaftlichen Einstellungen, die aus der Arbeit des Menschen ein Fest, aus dem alttestamentarischen Fluch des im Schweiße des Angesichtes verrichteten Frondienstes eine Lust gemeinsamer Hingabe an den Dienst des Nächsten zu machen bestrebt ist, diese Umwandlung wird es zuwege bringen, daß im Bewußtsein der Menschheit politische Ereignisse jener Art, wie wir sie in unseren Tagen erleben, das heißt Ereignisse, die Marksteine auf dem Wege zur Befreiung des Menschengeschlechts vorstellen, religiöse Feste des Menschheitsdienstes bedeuten werden. Wie Weihnachten und Ostern, gibt es im Leben der sozialen Massen Feste des Jubels und der Trauer. Tage, an deren feierlichem Begehen Erwachsene wie Kinder gleichen Anteil haben, ihrer Freude und ihrer Klage auf verschiedene Art Ausdruck zu geben veranlaßt werden sollen. Neben den Festtagen der Erinnerung gibt es sodann feierliche Anlässe der Vorbereitung. Tage, die jeden zur Einkehr in sich und zur Stärkung des Gemeinschaftsgedankens mahnen; Tage, die Ereignissen vorangehen, in denen sich schwerwiegende, das Schicksal Aller treffende Entscheidungen spiegeln werden. Um mich verständlich zu machen, will ich auf Ereignisse dieser Art hinweisen, die sich in den Tagen, da ich diese Zeilen schreibe, vorbereiten: das Volk Deutschlands wird sich bemüßigt sehen, zur Frage des Friedens und der Annahme oder Ablehnung der Friedensbedingungen Stellung zu nehmen; Teile des Volkes werden durch Abstimmung ihren Willen kundgeben müssen, der angestammten Nation weiter anzugehören oder einer fremden sich anzuschließen; ein Wechsel in der Regierungsform mag eintreten, der die Grundfesten der Gemeinschaft erschüttern wird. Ereignisse dieser Tragweite wären wohl geeignet, Empfindungen religiöser Art in dem Volk hervorzurufen. Und es gibt noch eine dritte Kategorie von zur Andacht mahnenden Tagen: solche, die Ereignissen voll tragischer Wucht folgen mögen, dem Märtyrertode von Volksgenossen, die das Opfer für die Gemeinschaft gebracht haben, auch dem seligen Entschlafen großer Männer und Frauen der Wissenschaft, der Kunst, deren Lebensfunke das Feuer auf dem Altar dieser Andachtshäuser wachgehalten hat, die wir jetzt errichten wollen. Ein Tag der Freude ist der erste Mai. Er ist ein Gedenktag internationaler Gemeinschaft, ein Feiertag der überkonfessionellen Gemeinde. Tage der Freude sind auch: der deutsche 9. November, der russische 15. März und 7. November, wie der französische 14. Juli, der amerikanische 4. Juli. Die Literatur für diese Feiertage ist vorgezeichnet: der 1. Mai kann nicht würdiger gefeiert werden als durch den Vortrag von Stellen aus dem Werk von William Morris – besonders dem utopischen Roman: »News from Nowhere« (Kunde von Nirgendwo), von Gedichten aus Walt Whitmans »Grashalmen«, Horace Traubel: »Chants Communaux«, aus dem Kommunistischen Manifest von Marx-Engels, dem »Contrat Social« von Rousseau, aus Kant: »Zum ewigen Frieden«; Schillers »Lied an die Freude«, aus der Bergpredigt. An Gedenktagen der Revolution: Dichtungen von Freiligrath, Karl Henckell, Heine, Werfel, John Henry Mackay. Aus der Diedrichschen Anthologie. Aus Béranger, Robert Burns, Shelley, Petöfi. – Auszüge aus Tatsachenberichten: über die Vorgänge in Kiel, München, Berlin. Aus Manifesten von Kurt Eisner. Aus Landauers »Aufruf zum Sozialismus«; Briefen und Aufrufen von Karl Liebknecht; aus der Verteidigungsrede von Friedrich Adler. –Aus Werken und Reden von Jaurès, Jean Grave: »La Société Mourante«; aus Babeuf; aus der Verteidigungsrede von Emile Henry. – Aus den Schriften der »Fabian Society«; aus van Eedens »Glücklicher Menschheit«; aus Thomas Payne. Tucker, William Godwin. – Aus den Schriften von Ferrer. – Aus den Manifesten von Tscheidse an das Russische Proletariat, von Lenin an die Arbeiter Amerikas; aus dem Referat des Volkskommissars Lunatscharski über die Kultur des Proletariats; aus Kropotkins »Gegenseitiger Hilfe«, aus Herzen, Bakunin, aus Tolstois letzten moralischen Schriften, Aufrufen und Dialogen. – Aus Berichten über das Leben der russischen revolutionären Frauen: Breschkowskaja, Vera Figner. Maifeiern der Kinder könnten neben den Gesängen des jungen Volkes Erzählungen aus dem Leben großer, durch eigene Kraft emporgewachsener Männer wie Abraham Lincoln, Wilhelm Liebknecht, Gorki das nötige Gepräge verleihen. Ein Tag der internationalen Trauer, den die Gemeinde der Überkonfessionellen in ihren Kalender aufzunehmen hätte, wäre der 4. August. Dieser Tag bietet in mancher Hinsicht eine Analogie zum jüdischen Trauertag der Zerstörung des Tempels. Die Feier des 4. August müßte eine Mahnung an das Volk erfüllen, seine Geschicke nie mehr der brutalen Gewalt der Waffen anzuvertrauen. Die Feier müßte eine Totenfeier sein, ein Gedenktag der Gefallenen und des Todes der alten Form unserer auf Kapitalismus basierenden Zivilisation. Die Literatur, die für die Feier dieses Tages verwendet werden müßte, würde sich aus Jeremias, Jesaja, Daniel und der Apokalypse zusammensetzen, aus Dokumenten des Russisch-Japanischen, des Balkan- und des Weltkrieges. Solche Dokumente wären: der Aufruf Tolstois von 1912; der Bericht von Lepsius und des internationalen Komitees über die Austreibung des armenischen Volkes; der Aufruf der Quäker Englands gegen den Krieg; Berichte von Kriegsteilnehmern und Gefangenen aus den Schweizer Zeitungen 1914-18; Auszüge aus pazifistischen Schriften von Foerster, Fried, Rolland und anderen; Fords: »Pflugschar oder Kanone«; das Manifest der deutschen sozialistischen Minderheit, Stockholm 1917; Dichtungen lyrischen und epischen Charakters, die den Abscheu vor dem Krieg und die Mahnung zur Menschlichkeit als leitenden Grundgedanken tragen; Autoren: Verhaeren, Franck, Ehrenstein, Leonhard, Rubiner, Duhamel und andere.   Tage der Vorbereitung auf bedeutungsvolle politische Ereignisse, wie ich sie oben skizzierte, könnten die Gemeinde im Andachtshause um eine Tribüne vereinen, von der herab ernste und bewährte Mitglieder der Gemeinschaft ihre Volksgenossen belehren, aufrichten, sie für das große gemeinsame Ziel stärken sollten. Die Kanzel würde durch diese Verwendung als Tribüne nicht herabgewürdigt sein, auch wenn jedermann aus der Versammlung sie besteigen dürfte, um die Redner zu widerlegen, seinen Zweifeln wie seinem Glauben Ausdruck zu verleihen. Aber auch zu Stunden tiefsten Schweigens müßte die Gemeinde gelegentlich zusammengerufen werden. In Amerika gibt es solche Kirchen des Schweigens. Das Andachtshaus wird dann für Stunden eine Stätte der Konzentration auf die tiefe Stimme des Gewissens, die aus dem stummen Gebet oder Besinnen jedes einzelnen sich über die Gemeinschaft höbe, zu einem Fluidum, einer Wolke der Zusammengehörigkeit, des Einverständnisses im gemeinsamen Guten zusammenschlüge. Es mag geschehen, daß sich gelegentlich überraschende und für die Gemeinschaft bedeutungsvolle Ereignisse abspielen, wie etwa die Bekehrung einer repräsentativen Persönlichkeit des öffentlichen Lebens zu neuen Prinzipien in bezug auf weltliche und geistige Strömungen der Macht und des Glaubens. Auch bei solchen Anlässen wäre das Andachtshaus der Überkonfessionellen Gemeinde der Ort, an dem sich das Volk vereinigen sollte, um zu dem Ereignis, das sein eignes Schicksal bedeuten könnte, Stellung zu nehmen.   Aufgabe ständiger lokaler Kommissionen wie auch einer großen internationalen Zentralkommission wäre es, zu Ereignissen des öffentlichen Lebens Stellung zu nehmen, ihre Bedeutung für die Überkonfessionelle Gemeinschaft abzuwägen und festzustellen. Diese Körperschaften könnten eine große kulturelle Mission erfüllen, wenn sie durch ihre Einstellung auf das seelische Moment der Verbrüderung aller Menschen – Ereignisse, die der verwirrende Tag notwendig verschleiern, fälschen, verzerren muß – den ihnen gebührenden Rang im Bewußtsein der Massen zuwiesen. Es würde sich hieraus ein Kampf gegen Lüge und Partei ergeben, dessen Ausgang für das große Gemeinsame, das die Menschen über allen konfessionellen und nationalen Hader hinaus untereinander verbindet, bestimmend werden, auf die Gesinnung der Massen klärend und erhebend wirken könnte. Zu den Obliegenheiten dieser Kommissionen zähle ich die Herausgabe eines Kalenders der Überkonfessionellen, der die Arbeit und die Errungenschaften der verflossenen Jahre hinüberleiten sollte in und nutzbar machen für die Arbeit des bevorstehenden Jahres. Ein Kalender, in dem um bestimmte Gedenktage sich bestimmte Komplexe von Ideen und positivem Material (für den Vortrag, die Vorführung von Werken der bildenden Künste, der Tonkunst) sich gruppieren müßten, etwa in der Art und Weise, wie das Kalenderwerk Tolstois »Für alle Tage« diese Aufgabe löst. Der große Name Tolstoi soll am Schlusse dieser Ausführungen stehen, wie er unsichtbar über der Pforte des Tempels der überkonfessionellen Gemeinschaft schweben muß. Als ein Symbol für den Willen zum Höchsten, Gottähnlichsten im Menschen, in dem sich alle edlen Regungen des Menschenherzens, der Trieb zur Kunst, zur Befreiung des Nächsten vom Druck des Unrechts, der Trieb zur Andacht und Hingabe an das Unbegreifliche, zu einem einzigen, machtvoll rauschenden Strom vereinen. Spiegelgasse 14 / Zürich Vom Gewerkschaftshaus »Zur Eintracht«, in dem sich auch die Redaktion unseres Schweizer Bruderblattes »Kämpfer« befindet, steigt ein enges, schmales Gäßchen schräg den Berg hinauf. Große kahle Häuser, eng einander gegenüber, die Giebel berühren sich fast. Es sind Häuser, wie man sie in italienischen Hafenstädten antrifft. Armer Leute Häuser, man sieht es gleich. Das Viertel beherbergt Arbeiter, kleine Leute. Im schmalen Gäßchen ein dumpfes Geratter, Tag und Nacht – eine Wurstfabrik arbeitet dort und stößt den Lärm ihrer Maschinen gegen die engen Mauern; die Häuser erschüttern davon. Auf der Höhe des Anstieges öffnet sich plötzlich ein kleiner Platz. In einem ebenerdigen Hause hat ein Buchhändler seine alten, abgegriffenen Bücher ins Fenster gelegt, auf Tischen vor seiner Schwelle ausgekramt. Ein Student steht in der Tür und liest in einem aufgeschlagenen Schmöker. Hinter seinem Kopf hängt eine Papptafel an der Mauer. Ich lese die groß gemalten Buchstaben Karl Ma ... – Klassiker. Ich denke, es wird wohl Karl Marx heißen. Aber als der Lesende sich zum Büchertisch hinunterbeugt, sehe ich, es heißt Karl May. Gegenüber von diesem Häuschen blickt ein kahles, vier Stock hohes Gebäude auf den kleinen Platz nieder. Im Erdgeschoß ein Wirtshaus. Die Tafel besagt »Restaurant Zum Jakobsbrunnen«. Es ist Nr. 14 – Spiegelgasse Nr. 14 –. Hier also wohnte er. Die kleine dunkle Treppe knarrt unter den Füßen, wie ich zum 2. Stockwerk hinaufgehe. Sie ist eng, schmal, scheint mir die Jakobsleiter aus dem Traumbild der Schrift. Im 2. Stock schelle ich an einer Glastür, es wird mir aufgetan, dann trete ich in das niedrige, weißgetäfelte Zimmer, in dem zwei riesige Betten fast den ganzen Raum wegnehmen. Sie lassen kaum Platz genug übrig, um zwischen Tür und Fenster auf und nieder zu gehen. In diesem Zimmer wohnte Lenin und seine Frau eineinhalb Jahre lang, 1916/17. Aus dieser engen Stube hinaus fuhr er durch das Schweizer Land, durch Deutschland, in versiegeltem Wagen, geradenwegs in das Ungeheure, das seit seiner Ankunft in Rußland die Welt überflutet hat. Es stehen nicht mehr die Möbel in diesem Raum, die Möbel von damals, und auch die gegenwärtigen Mieter sind nicht mehr dieselben, die Lenin seinerzeit beherbergt haben. Die Sonne scheint in den weißen Raum. Er ist spiegelblank. Hier wohnte er. – Schuster Kammerer, Lenins Hausherr, hat seinen Laden im anstoßenden Hause. Schuster Kammerer war in jenen Tagen Lenins Wirt. Er ist ein kleiner, still bescheidener Mann. Im Arbeitskittel, das rote Haar über die zerarbeitete Stirn gestrichen, sitzt er mit seinem Sohn im Laden und bessert einen Stiefel aus. Er ist mit seinen drei Söhnen Lenins Hausgenosse gewesen und hat an seinen Mieter freundliche Erinnerungen bewahrt. Ich befrage ihn über die Zeit, von der man eigentlich zu wenig weiß und deren sich die Weltgeschichte eines Tages doch erinnern wird, denn es sind nicht nur die großen, überwältigenden Geschehnisse, und auch nicht die inneren Dinge allein, die die Weltgeschichte aufbewahrt und die die Nachwelt angehen. Man kann von dem kleinen Flickschuster ebenfalls Dinge und Einzelheiten erfahren, die die Menschen in vielen hundert Jahren angehen und die sie vielleicht erzählen und wiederholen werden. Es sind oft gerade die geringfügigen, unwesentlichen Einzelheiten, die das Bild eines Lebens enthüllen und die ihr Teil dazu beitragen, einen Menschen zu erkennen, weil es menschliche Züge sind, die Größe verklären, nicht überschatten. Diese kleine Stube dort oben ist geheiligt durch Armut. Der kleine Flickschuster hat in seinen Wänden ein an Entbehrungen und Bedrückung reiches Leben beherbergt, das Leben eines unsterblichen Kämpfers für das an Entbehrungen reiche, bedrückte Proletariat.   »Genosse Lenin war sehr einfach in seiner Lebensführung«, erzählt Kammerer. »Er und die Genossin Lenin hielten nichts auf gute Kleidung und Essen. Im ganzen zahlten sie mir 28 Franken monatlich für Miete. Im Winter mußte ich ihm ein Paar schwere Bauernstiefel machen, die ich mit dicken Nägeln beschlug. ›Genosse Lenin, in diesen Stiefeln werden Sie aussehen wie ein Bauernsekretär‹, sagte ich ihm, aber er trug den ganzen Winter über dasselbe Paar. Die Genossin war längere Zeit krank, da gingen sie hier weg in die französische Schweiz. Als sie zurückkamen, warf ich meinen Mieter hinaus und nahm sie wieder in die Wohnung. Wir haben immer gute Kameradschaft gehalten, und so ist es auch geblieben. Waren Sie um die Ecke in der Parteibuchhandlung? Dort können Sie in einem Buch noch seine Unterschrift sehen. Jetzt wohnt er ja im Kreml. Wie sieht es dort aus? Er wohnt wohl jetzt in schönen, hohen Zimmern?« Ich antworte: »Er arbeitet heute, wie er damals bei Ihnen gearbeitet hat, hier in der Spiegelgasse. In seinem äußeren Leben hat sich nicht viel geändert; er arbeitet.« Beim Abschiednehmen frage ich den Schuster: »Haben Sie von dem Genossen Lenin seit 1917 etwas gehört?« Kammerer antwortet: »Nein, er hat mir nicht mehr geschrieben. Nur aus den Zeitungen habe ich erfahren, wie es ihm geht.« »Nun auf Wiedersehen, Genosse Kammerer!« »Auf Wiedersehen, Genosse.« Ich sehe mir das Haus Nr. 14 noch einmal an. Gehe dann in den Laden zurück und frage den Schuster: »Was würden Sie sagen, wenn eines Tages unter dem Fenster im zweiten Stock eine Marmortafel oder eine Tafel aus Erz in die Mauer eingelassen würde?« Kammerer sieht mich an: »Eine Tafel? Zu welchem Zweck?« – »Zur Erinnerung, daß Lenin 1916/17 in diesem Hause, in dieser Stube gewohnt hat.« Der Schumacher und sein Sohn sehen sich an und brechen in ein Gelächter aus. Es will ihnen nicht in den Kopf, daß da eine Tafel in die Mauer eingelassen werden soll. Aber es wird kommen, das Erinnerungszeichen. An ein großes Leben erinnern sich Jahrhunderte und Jahrtausende. In einem großen Leben gibt es nicht wichtige und unwichtige, nicht wesentliche und nicht unscheinbare Dinge. So wird die Erinnerung an dieses Haus weiterleben in den Herzen der Menschen, solange die Worte Freiheit, Recht und Menschheit nicht aus dem Gedächtnis der auf Erden Lebenden ausgestrichen sein werden. Lenin spricht Kongreß der III. Internationale, Moskau, November 1922 (Geschrieben Dezember 1922) Eine Woche lang hatten wir vergeblich erwartet, daß er unter uns erscheine. Am Abend der Eröffnung des Kongresses, im Großen Theater Moskaus, war die Erwartung auf ihren Höhepunkt gestiegen. Sie erfüllte die Tausende in allen Rängen mit einer Spannung, die sich in Wellen der Begeisterung zu lösen, überzuströmen begehrte, aber es mußte erst eine Spanne Zeit vergehen, eh' er zu uns kam. Es war im Kreml. Ja, wir werden uns an den Tag erinnern, an dem Lenin zu uns gesprochen hat. Tags zuvor hatte Sinowjews Schlußwort die wichtigen Debatten über die taktischen Probleme der Exekutive abgeschlossen. Die Tagesordnung zeigte nun Punkt 5: Fünf Jahre russischer Revolution und die Perspektiven der Weltrevolution. Als Referenten waren genannt: Lenin, Trotzki, Zetkin, Kun. Am 13. November, einem Montag, war der riesige, goldstrotzende, goldüberladene Andreassaal des Kremlpalastes frühzeitig von den Massen der Delegierten, der Gäste, des Publikums überfüllt. Zwischen den hohen Säulen, auf der roten Estrade, Kopf bei Kopf, Menschen aus 47 Nationen zusammengeweht, von einem Willen, der gleichen Erwartung gepackt und zusammengeschmiedet – ein Brausen war über den Köpfen der Versammelten, wie Flügelschlag von gewaltigen Schwärmen kriegerischer Vögel, die ihren Flug nach Norden nehmen. Es war der Wolkenflug schwärmerischer Gedanken, die zu einem Pol hingerissen wurden. Wir standen und warteten. Mit einemmal erhob sich, vom Ende des Saales her, ein Aufschrei. Ich erinnere mich gut, es war ein Aufschrei, plötzlich emporwirbelnder Donner. Die noch saßen, sprangen von ihren Stühlen empor. Betäubendes Händeklatschen übertönte die Rufe, das Stimmengetöse. Eine kleine Gruppe bewegte sich sehr rasch durch den Seitengang hinter den Säulen der Estrade zu. Aus der Gruppe löste sich ein Mensch, untersetzt, von unscheinbarer Gestalt, in grauer fest anschließender Joppe, trat eilig an das Rednerpult heran und blieb dort stehen. Er war es. Ich stand vorne bei der deutschen Delegation. Zur Linken waren die Franzosen. Einige Tische hinter ihnen die Italiener. In erschütterndem Chor tönten Rufe von jener Seite her. Heißblütige Menschen stürzten nach vorn. Wie zum Schwur emporgeworfene Hände schienen nach dem Menschen zu greifen, dort oben hinter dem Rednerpult. Die Deutschen standen wie eine Mauer, regungslos, bleich, und sangen. Sie sangen die Hymne der Internationale. »Wacht auf ...« Ich habe unseren alten Kampfgesang nie aus tieferer Inbrunst singen hören. All die Worte des tausendmal gehörten, gesungenen Liedes schienen plötzlich mit neuem Sinn bis an den Rand gefüllt. Einen Augenblick später sang der ganze Saal. In allen Sprachen der Erdenvölker tönte die Hymne der Befreiung dem Befreier entgegen. Lenin stand auf der Estrade und wartete. Er zog sein Tuch aus der Tasche, schneuzte sich, suchte unter den Papieren, die er aufs Pult gelegt hatte, wendete sich rasch zum Sekretär, der neben ihm stand (Max Lewien), blickte in die Papiere, blickte dann zur Seite, als suche er dort etwas. Sein Gehaben war das eines einfachen, vielbeschäftigten, vielleicht überbürdeten Menschen, der besorgt ist, ja sozusagen unmutig darüber, daß aus seiner karg bemessenen Zeit kostbare Minuten unnütz verstreichen. Sein Gehaben war aber auch das eines befangenen Menschen, der sich angesichts von Ehrungen, Ovationen, begeistertem Lärm nicht recht zu verhalten weiß. Er stand da, sichtlich ungeduldig, und wartete ... Etwa zehn Minuten dauerte der Gesang, dauerten die immer erneuten Rufe: »Lenin!« an. Das Händeklatschen. Das stärker und stärker emporwallende Entzücken der Hunderte im Saal. Dann wurde es still, und Lenin sprach. – Ich will nicht berichten, was Lenin gesprochen hat. Es ist bekannt, ist in der ganzen Welt gehört und vermerkt worden. Ich will nur wiederzugeben versuchen, wie dieser Mensch spricht, das äußere Gehaben dieser großen historischen Gestalt, dieses Menschen, der heute das Geschick der Erdenvölker verkörpert, die Fahne der Weltzukunft voran trägt. Nur so viel über die Rede: sie gab eine kurze Darstellung der neuesten, schmerzlichen Phase in Rußlands ökonomischem Kampf, die mit der Politik des »Nep« eingesetzt hatte. Lenin ist von seiner langwierigen Krankheit, die die Krankheit eines von übermäßiger Arbeit und Verantwortung erschöpften Mannes war, scheinbar wieder völlig hergestellt. Seiner Blässe, der Fahlheit seiner Wangen sieht man die vergangenen Wochen und Monate, schlaflosen Nächte noch deutlich an. Lenin gehorchte seinen nächsten Freunden und Mitarbeitern darin, daß er nur kurz sprach. Seine Rede währte nicht länger als eine Stunde. Er hielt sie in deutscher Sprache. – Lenin spricht fließend Deutsch. Sein Deutsch hat eine leichte Beimengung französischen Akzents, wie das bei Russen zu bemerken ist, die neben ihrer Muttersprache die französische beherrschen, ehe sie Deutsch sprechen lernten. Hie und da, nur ganz selten, fehlte ihm ein Ausdruck, dann sagte er das Wort rasch auf russisch dem neben dem Pult sitzenden Sekretär, der gab ihm das deutsche Wort. Wohl wurde ihm auch ein deutsches Wort aus den ersten Reihen des Saales souffliert. Aber Lenin benützte selten das ihm zugerufene Wort. Er suchte und fand leicht selber den prägnanten Ausdruck, der seinen Gedanken wuchtiger, unzweifelhaft formulierte. Es war die Klarheit und Geradheit in seiner Rede, die den Menschen der Berufung und des starken, unumstößlichen Willens kennzeichnet. Seinem Wesen, das sich in seinem äußeren Benehmen widerspiegelt, fehlen die sonst bei den Herren, den Handhabern der Macht üblichen Attribute; sein Wesen ist vielmehr das eines schlichten, gütigen, unauffälligen Menschen aus der Menge. Er neigt sich beim Sprechen gern nach vorn, fast um körperlich näheren Kontakt mit den Massen zu gewinnen, von denen ihn die Estrade trennt. Er spricht eindringlich, aber nicht autoritär, als ob er jeden Einzelnen von der Stichhaltigkeit dessen, was er, ein Mensch unter vielen, für die Vielen, die Gesamtheit getan hat, tun will, überzeugen möchte. Er hat nicht die Gewohnheit manches berühmten Redners: auf einen Punkt in der Luft loszusprechen. Er spricht zu jedem einzelnen Menschen, als wollte er den Widerhall vernehmen, der aus jedem Einzelnen in der Menge ihm entgegenschlüge. Manchen Satz, manches Wort begleitet er mit einer formenden Geste seiner energischen, aber dabei auffallend kleinen Hände, die Hände eines Arbeiters oder Ackerbauers, aber aus guter Rasse, sein könnten. Er baut seine Sätze, seine Gedanken sozusagen aus der lebenden Materie auf, sichtbar vor den Augen der Hörer, wie er die Zukunft der Welt aus diesem unendlich lebendigen, wunderbaren Ton des russischen Volkes aufgebaut hat. Sein Wesen ist ganz umwittert von dem Unerklärlichen, dem Magnetismus der gewaltigen schicksalhaften Persönlichkeit. Dieses Unerklärliche ist es eben, in seinem Wesen begründet, was die Masse, die zu ihm aufblickende Masse bestimmt, an ihn zu glauben. Wenn er sich zu uns niederneigt, strömen ihm die elementaren Kräfte unserer Seelen gesammelt entgegen. Und die Gemeinsamkeit der Willensanspannung, der Hoffnung und der Gewißheit des Triumphes tönt das Körperliche dieses auserwählten Mannes mit ihrer Essenz, umkleidet es mit dem Widerschein der Einzigkeit, des in höchstem Sinne Einmaligen, Niewiederkehrenden, der Vollkommenheit. Wer seine körperliche Nähe nie gespürt hat, vermag sich von dem Eindruck seiner gewaltigen, in ihrer Einfachheit bezwingenden Persönlichkeit keine Vorstellung zu machen. Auch wenn er einen scherzhaften Vergleich, ein schlagend witziges Wort gebraucht, verläßt ihn dieser Schimmer nicht. Ein Leuchten, Aufflackern des Vergnügens an den heiteren Dingen des Daseins geht jäh über sein Gesicht. Dieses lustige Flackern, das mancher im persönlichen Gespräch mit Lenin wahrgenommen hat, aufzeichnete und der Nachwelt vermittelte. Alle bildlichen Darstellungen seines Gesichtes, seiner Gestalt, seiner körperlichen Gegenwart geben den Lenin, wie er in Wirklichkeit ist, nur unvollkommen wieder. Im besten Falle den äußeren Schein. An seine Gestalt heftet sich der Nimbus, das Unerklärliche, Einmalige, das Rätselhafte, das jedem Menschen eigen ist – diesem aber millionenfach. Nach einer Stunde rafft Lenin die Blätter auf dem Pult zusammen, schließt rasch und wendet sich zum Gehen. Wieder brausen Rufe, der Gesang ertönt aufs neue, schwillt wuchtig empor zwischen den Säulen des goldenen Saales; einige Minuten noch verweilt Lenin auf der Estrade, von den Freunden, den Mitarbeitern, dem Präsidium der Exekutive umdrängt, dann geht er den Weg zurück, den er gekommen, rasch, wie einer, der Versäumtes nachholen muß, oder wie einer, der nicht mehr viel Zeit zu verlieren hat. Hunderte stoßen nach vorn, um ihn noch einmal zu sehen, ein Wort, einen Blick, vielleicht einen Händedruck von ihm zu empfangen. Es sind Menschen aus allen Gegenden des bewohnten Erdballs, junge und alte, sie wollen den Führer, den brüderlichen Genossen sehn, sie werden das Gedenken dieser Stunde, dieser Augenblicke in alle fünf Weltteile mitnehmen. Unauslöschbar wird es in unseren Seelen fortleben, wirken, was wir in diesen Augenblicken erlebt haben. Dieses Gedenken an Lenin. Er ist unter den heute Lebenden der am innigsten, mit schwärmerischster Hingabe, der am stärksten geliebte Mensch. »... Des Heil'gen Stromes Well'n ...« Frühmorgens, wenn in den Kasernen der englischen Garnison die Reveille geblasen wird, geht die Sonne auf über dem flachen, rechten Ufer des Ganges – hier aber, am linken, hoch gebauten, steigen über viele Treppen der heiligen Stadt Benares die Scharen der Frommen zum Strom hinab, um in ihm zu baden. Vor Dasasamedh-Ghat, der Stelle, an der Brahma dem Strome sein Zehn-Pferde-Opfer dargebracht hat, wartet das Boot, das uns gangesaufwärts die vielen Badeplätze entlang führen wird, bis zum Chauki-Ghat mit dem Feigenbaum, unter dem, auf hohem Säulenbau, der aus dem Wasser emporragt, unter großen gelben Bastschirmen in sich versunkene Mönche und Pilger, gelbgewandet, aschebestreut sitzen – sodann gangesabwärts, den Ruderern des schweren Bootes willkommen, bis zu den spitz und hoch in die Luft stechenden Minarettnadeln der Aurengzeb-Moschee, einem kecken, aufreizenden Bau, der über Pantschganga-Ghat, dem heiligsten Badeplatze, zur Demütigung der Hindus erbaut worden ist – von eben demselben üblen Burschen Aurengzeb, der, aus Mumtaz i Mahals Flanken geboren, seinen Vater einsperren ließ, ein gewaltsamer Eroberer wurde, Herrscher über das gewaltige Mogulenreich, das nach seinem Tod bald auseinanderfiel. – Pantschganga-Ghat ist die Stelle, durch fünf riesige, aus der Stadt herabführende Treppenfolgen bezeichnet, wo sich der Hindusage nach unterirdisch fünf Ströme im Ganges begegnen. Alle Ghats, das heißt Badestellen, haben ihre Legenden. Über die abschüssigen Stufen der in weitem Bogen an den heiligen Strom hingebauten Stadt steigen, in bunten Gewändern, am kühlen, golddurchwirkten Morgen unzählige Menschen, Pilger und Einheimische, Heilige und Sünder, Greise, Witwen, Kinder in das noch dunkle Wasser hinab, nur die Sonne aus den Fluten heraus zu begrüßen, das Leben eines Tages zu weihen. An einen Ghat jedoch, von dem immerfort Rauch sich erhebt, steigen Pilger nicht mehr hinunter, sondern werden, in Tücher gehüllt, unter Gesängen und Geschrei getragen: das ist der Verbrennungs-Ghat der Glücklichen, die ihre irdische Pilgerfahrt in der heiligen Stadt beenden durften. Ihre Leichen werden, ehe sie, auf den Scheiterhaufen gelegt, lodern, glimmen und in Asche zerfahren, hier noch einmal bis an die tote Brust in die Fluten des Ganges getaucht, worauf sie das höchste Wesen stracks zu sich in den Himmel emporzieht, an der Meinen, zierlichen Haarsträhne, dem Mementomori-Zöpfchen, das jedem gläubigen Hindu am Hinterkopf baumelt. Glücklich, glücklich der Hindu, den der Tod in Benares ereilt. Stracks gelangt er in den begehrten Himmel, dem jeder vom Tage seiner Geburt an entgegenlebt. – Wenn in den Kasernen der englischen Garnison dann mit Schießübungen begonnen wird, sind die Hindu mit Baden fertig und haben, im gelben Wasser stehend oder auf den Steinplattformen der Ghats regungslos sitzend, mit der Anbetung der Sonne, des Stromes, der vielgestaltigen, bedeutenden Gottheit begonnen. Prunkend in majestätischem Leuchten steigt die Sonne über dem Ganges empor. Der Strom führt in seinen schlammig-gelben Gewässern Silberwellen, Goldsträhnen, Blumen, Kränze und Gewinde bunter Tempelblüten mit sich. Zwischen den braunen Leibern der Badenden, der Untertauchenden, der mit über den Kopf emporgereckten gefalteten Händen aus den Fluten Auftauchenden schwimmen und treiben die frischen Blumen den Strom hinab. Von der Sonne geblendet, fasziniert, hypnotisiert – geblendet nicht minder vom inneren Licht, steigen die Andächtigen in das seichte Uferwasser des Stromes hinunter, das sich wenige Schritte weit von den Treppenstufen zu gefährlich reißenden Wirbeln verschlingt. Die verschiedenen Uferstellen, an denen gebadet wird, haben besondere Bedeutung, sind aus bestimmten Gegenden eintreffenden Pilgern vorbehalten, verschiedenen Gottheiten geweiht. Nicht weit vom Zehn-Pferde-Ghat ist Manikarnika-Ghat gelegen, so genannt nach dem Ohrring, den Schiwa hier in den kleinen Teich oberhalb des Ufers geworfen hat. Die Fußspur des Gottes bewahrt den Stein. Dieser Ghat ist heute, am Neumondstage, besonders belebt. Die Badenden haben ihre Gewänder unter den Bastschirmen der Priester gelassen oder in den Strom mitgenommen, um sie vom Wasser heiligen zu lassen. – An einer besonderen Stelle baden die Witwen. Sie stehen im Wasser, angetan mit ihren armen, dürftigen Tüchern, die um ihre traurigen, abgemagerten Körper klatschen. Sie haben die Augen geschlossen, die Hände gefaltet, sie müssen die Schuld ihres Lebens vor der Geburt büßen: hätten sie in einer früheren Existenz nicht fremde Ehen gestört, Gott hätte sie in dieser nicht Witwen werden lassen. Diese armen Frauen tragen ihr Haar ganz kurz geschoren, man sieht neben alten ganz, ganz junge, Kindwitwen; 1924 zählte man: 2 500 000 Ehefrauen unter 10 Jahren, 112 000 Witwen unter 10 Jahren. das Los dieser ist besonders trostlos; sie sehnen sich nach dem Flammentod an der Seite ihres toten Gatten, der ihrem leidzerwühlten, elenden Dasein wenigstens ein rasches Ende bereitet hätte. Die fremden Usurpatoren haben den Sutties, von denen rote Gedenksteine und Kapellen am Ufer Kunde geben, wohl ein Ende gemacht, der Barbarei der Kinderehen, der furchtbaren Lage der Witwe in Indien aber haben sie keinen Riegel vorgeschoben! Langsam streuen die armen Frauen aus kupfernen Schalen Blüten, Blüten in die Fluten vor sich hinaus, neigen den Kopf hinter den betend vorausgestreckten Händen, ihre Lippen bewegen sich leise, ihre Augen sind zu, blind ist ihre Seele ... Das Bad der Männer vollzieht sich heiterer im kraftgebenden Element. Manche wagen sich weit hinaus in den Strom; kräftig vorwärts stoßend, zerteilen sie die heilige Flut. Ein Blinder tastet sich an langem Bambusstab hinaus, mit emporgewandtem, lächelndem Antlitz singt er laut, daweil sein Körper immer tiefer im Wasser versinkt. Hier säubern Brahminen, an der Schnur um ihren Leib erkennbar, ihre Gewänder, wringen sie aus, bearbeiten sie mit Klöppeln, ziehen trocknend die Schnur durch die Finger. Erstarrt und aufrecht, geblendet von der Sonne, den Wasserfluten standhaltend, stehen hier und dort Verzückte, Gebete murmelnd, ganz nahe vor den Rudern unseres vorbeistreichenden Bootes. Nach dem Gebet waschen sich welche mit Seife aus Kokosfett – Seife aus animalischen Substanzen ist verpönt, das Tier ist ja heilig! Auch sieht man hier und dort Männer und Frauen, die sich über und über mit Gangesschlamm bestrichen haben, die kleine Holzstäbe in den Schlamm stecken, um sich dann damit die Zähne zu putzen. Wie im Teich der Goldlilien im Tempel von Madura tauchen die Frommen zehnmal, hundertmal unter, kommen immer wieder mit einem neuen Namen des höchsten Wesens auf den Lippen, in der gurgelnden Kehle an die Oberfläche. Erst der hohe Mittag verdrängt die Andächtigen aus dem Wasser – oder auch die Sorge um den leiblichen Tag jagt sie in die Stadt zu ihren Geschäften zurück, nachdem sie für vierundzwanzig Stunden die Heiligung ihres Körpers und ihrer Seele vollzogen haben.   Hoch sind die Ufer der heiligen Stadt, tief reichen die Abhänge zum Strom hinunter. Riesige Paläste stehen über den Ghats, Herbergen für Pilger aus allen Teilen Indiens, zumeist von den Maharadschas der Provinzen gebaut. Man sieht auf den offenen Altanen, Terrassen und Erkern dieser Paläste nackte Männer turnen, Keulen schwingen, Ringkämpfe, allerlei Körperübungen vollführen. Viele Paläste sind geborsten mit den Umfassungsmauern, den Fundamenten, mitsamt den Kapellen und Türmen, die sich unter ihrem Wall befanden, ins Wasser gesunken, im Ganges versunken. Zur Monsunzeit schwillt der Strom mächtig an, braust stürmisch die Treppen empor, höher zur Stadt und reißt, wenn er zurückweicht, festen Stein, Stockwerke, Hügel, Bäume, Menschen und Tiere mit sich in die donnernde Tiefe. Aus Höhlen, zwischen den Treppenfluchten, Kanälen, die in die Fundamente der Paläste gebohrt sind, sprudelt es grau hervor, Kaskaden von Abwässern der Stadt; Unrat, tote Katzen stürzen zwischen den Badenden am Fuß der Treppe in den Strom hinunter. Zwischen den Säulenplattformen, die die Treppen und Ghats voneinander trennen, sind Kapellen errichtet, in denen Ganescha, Hanuman, dem dreieinigen Gott Brahma-Wischnu-Schiwa geopfert wird. Die meisten dieser Kapellen sind dem Urgott Lingam, dem Symbol der Zeugung, geweiht. In hundert Varianten, blutrot bemalt, aus schwarzem, aus weißem Marmor, Eisen, Messing, wiederholt sich Lingam das Ufer entlang über alle Ghats, alle Treppenfluchten, Säulenplattformen. Verborgen unter dem Dach eines kleinen nepalesischen Tempels mit Skulpturen obszöner Geschlechtsakte erhebt sich ein kurzer, grauschwarzer Granitlingam, auf den sich unfruchtbare Frauen mit gespreizten Beinen niederhocken, betend, Blumen zwischen den Fingern zerkrümelnd. Eine Kapelle unter dem Palast des Maharadscha von Gwalior tönt laut von Glockenschlag und Hörnerschall – dort schwingt ein Sadhu, ein nackter Riese mit langem, dickem, rötlichem Haupt- und Barthaar, sein ganzer Körper ist weiß vor Asche, den Klöppel der ehernen Glocke zu Ehren Lingams, der, mit Blumen und Laub über und über bestreut, sich im Allerheiligsten emporreckt: ein abgeschliffener Säulenstumpf, in das kreisrunde Loch des Altars hineingebohrt.   Aus einem hohen, buntbemalten, ganz neuen Haus über dem roten Tempel des Ganesch tönt betäubender Lärm bis an unser Boot herab; Geschrei, Gekreisch, Gesang schriller Frauenstimmen. Seit Wochen sitzen dort oben, in den leeren, eben fertig gewordenen und frischgetünchten Wohnräumen des Hauses, das sie durch den Gesang heiliger Weisen weihen sollen, fromme Weiber, arme Witwen. Der reiche Hausherr, ein Juwelenhändler, wird mit seiner Familie in das Haus einziehen, sobald diese religiösen Trockenwohner ihr gottgefälliges Werk vollbracht haben. Dann wird der Gesang, das Gekreisch aus einem anderen Neubau ertönen ... Viele Hunderte armer Frauen leben von diesem absonderlichen Geschäft.   An einem Ghat schwingen auf den Spitzen hoher, dünner, schwankender Bambusstäbe viele kleine Bastkörbe im Morgenwinde hin und her – die Akasdeas. Zu Ehren der Gottheit, die ihnen himmlisches Licht spenden wird, zünden Gläubige in besonderen Nächten kleine Laternen in den Körbchen an.   Ein Feigenbaum, ein Bô, hier Pippel genannt, wächst, breit und mit herrlichem Laub, hoch oben an der Umfassungsmauer eines Palastes. Eine Prozession hellblau, hellrot, hellgelb gekleideter Frauen, Pilgerinnen aus dem südlichen Madras, kreist unaufhörlich um den Stamm des heiligen Baumes, Gebete singend, mit zarten, andächtigen Stimmen, die wie Vogelgeschrei zu uns auf das Wasser herunter tönen!   Die Sadhus, oft zweifelhafte Gesellen, graubemalte Scharlatane, die es auf Bakschisch und nicht auf jenseitige Seligkeit abgesehen haben, sitzen auf Matten, in Häusernischen, murmeln von Rosenkränzen die heiligen Namen ab, haben Schalen mit Reis und Kupfermünzen, ein kleines Messinggefäß fürs heilige Gangeswasser, kleine Laterne, seltsam geformten Knotenstock vor sich hingestellt. Um sie herum Volk. Naht ein Fremder, so grinst ihm das hellgrau bemalte Gesicht des »Heiligen«, mit aschgrauen Wimpern unter dem dicken, gedrehten, pudelartig langen Haar, gierig entgegen. (Einen Sadhu sah ich in Kalkutta, er hatte einen kleinen Schiebkarren, der mit aufrecht hineingepflanzten Nägeln bespickt war, neben sich stehen. Als ich meine Nickelmünze in die Reisschale geworfen hatte, erhob sich der Sadhu von seiner Matte, setzte sich mit seinem hellgrauen Hintern auf die Nägel und blieb so lange sitzen, bis ich den Bakschisch verdoppelt hatte. Dann begab er sich ganz pomadig auf seine Matte zurück, nahm eine kleine Eisenröhre, stopfte sie mit glühendem Holz und fing–ich glaubte schon, jetzt wird er die Nägel erhüben – zu rauchen an. Als er bemerkte, daß wir Umstehenden zu lachen anfingen, legte er seine Zigarre weg, faltete die Hände und fing energisch zu beten an.) Einen anderen Sadhu sah ich, noch in Benares: ein ganz normal entwickelter Männerkopf mit langem schwarzem Haar und Bart saß auf dem nackten, grau bestrichenen Körper eines zwei Jahre alten Kindes. Dieser Heilige, der mit Augenliderblinzeln und Lippenbewegungen fromme Gebete von einem Rosenkranz, der ihm (...) zwischen den winzigen Kinderfingern tief fallen ließ, saß auf einem Holzstühlchen, von Blumen umgeben, mitten auf dem Fahrdamm, der zum Manikarnika-Ghat führte, und hatte einen Manager, der die Bakschischmünzen in Empfang nahm. Er hatte großen Zulauf, war vierzig Jahre alt und kam von der hochberühmten Pilgerstätte Rameschwaram. Auch einen weiblichen Sadhu bemerkte ich, ein fettes, noch jugendliches Frauenzimmer, das das Gesicht reichlich mit Asche bestrichen hatte, im übrigen aber ganz dezent angezogen war. Auf Almosen reagierte sie wenig. Arme Bauersfrauen hockten vor ihr und flehten ihren Segen auf kranke Kinder nieder. – Das Volk nimmt diese Fakire nicht ernst. Die wirklichen Sadhus wohnen ja in den Wäldern. Wunderwirkende, wie jene weitbekannten, die einen Zwirnknäuel in die Luft werfen und an ihm in die Höhe klettern, sind von smarten Unternehmern längst nach Amerika hinübergeführt worden und geben in Chikago und Los Angeles Privatstunden. –   Khaschi, die Geliebte – dies ist der Hinduname für Benares –, zieht aus allen Teilen Indiens Gelehrte, Weise, Heilige heran, die einen hohen Grad von Vollendung, Verklärtheit erreicht haben, in Betrachtung der Gottheit versunken, in Unbeweglichkeit angesichts des heiligen Stromes die Tage ihres Lebens verbringen. Diese Sanyasins sind an ihren ockerfarbigen Gewändern (ähnlich denen der Buddhapriester) zu erkennen, an ihren langen, dünnen Bambusstöcken, von deren Spitze ein ockerfarbiges Fähnchen weht. Sie rühren kein Geld an. Haben keine Wohnstätte. Führen eine Messingschale mit sich, die sie jeden Tag, den ihnen Gott schenkt, nacheinander vor fünf Türen hinhalten. Fünf, nicht mehr. Aber schon an der ersten wird der Napf mit Reis gefüllt–denn der Schenkende ist besorgt, seine Tür könnte die fünfte sein, und wenn nach der fünften der Napf leer ist, muß der Sanyasin den Tag hungern. An vielen Stellen der Ghats sieht man diese Menschen, diese Vollendeten, Wunschlosen sitzen. Unter Bastschirmen hocken sie auf Bastteppichen. Sie haben glattgeschorene Köpfe, rasierte Gesichter, Gesichter von oft durchdringender Schönheit, erhabener Ruhe. Mit untergeschlagenen Beinen hocken sie über dem Strom, stumm, man kann nicht sehen, daß sie beten. Wäre ihre Kleidung nicht, ihre Schönheit, der tiefe Schlaf ihres Körpers, in dem die Seele wach ist, verriete sie dem Schauenden dennoch ihr rätselhaftes, unergründliches Wesen. Einem Sanyasin sah ich eine ganze Stunde zu. Um ihn nicht zu stören, stand ich abseits, von Bakschischjägern umschwärmt. Der Heilige saß allein auf einem hohen Säulenstumpf. Unter seinem Sitz war in Riesenlettern EDDIE POLO zu lesen, ein Kinoplakat. Die Brahminen haben viele Gebärden, um die Gottheit anzubeten. Es sind unter den am Strome hockenden viele sehr alte, viele auch sind noch sehr jung. Mit reglos der Sonne zugewandtem Gesicht sitzen sie da und murmeln. Die rechte Hand steckt in einem roten, einem Strumpf ähnelnden Beutel, darin sind Körner, jedes einen der heiligen Namen der Gottheit bedeutend, ohne Ende; die Rechte ballt sich um ein Büschel heiligen Grases, Kuß genannt. Mit über dem Kopf gekreuzten Händen wird die Sonne, mit weit ausgebreiteten Armen Wischnu angebetet. Den heiligen Strom Ganges betet man an, indem man auf einem Bein steht, die Ferse des anderen ans Knie gepreßt, und sich mit der linken Hand die Nase zuhält. Das Gesicht ist dem Stromlauf nach seiner Mündung zugekehrt. Ich sprach gelehrte Hindus in Universitäten, Ämtern und Würden, die verlegen wurden, wenn sie auf Benares zu sprechen kamen. Ich erfuhr, daß sie zuweilen doch nach der heiligen Stadt reisten, um sich in den gelben Fluten zu heiligen, Opfer zu bringen, dem Strom, der, aus Wischnus Haupt entsprungen, in mächtigem Bogen sich hier noch einmal dem Himalaja zukehrt, sich an ihn erinnert, ehe er südwärts, ostwärts dem Brahmaputra zustrebend, in tausendfach zerfasertem Delta das Bengalische Meer erreicht.   Gestern sah ich durch die Basarstraßen einen Leichenzug sich bewegen. Laut singende Männer trugen auf ihren Schultern eine Bambusbahre rasch, fast laufend dahin. Auf der Bahre lag, in Purpurtücher gehüllt, der Körper einer Frau. – Heute liegt dieser Körper am Verbrennungs-Ghat, Pari Jalsai, auf einem hochgeschichteten Holzhaufen und brennt. Die Flammen haben schon das dünne Tuch, das die Füße bedeckte, verbrannt. Die hellen Fußsohlen sind zu sehen. Die großen Zehen sind unnatürlich gedunsen, die Haut halb verkohlt, halb glänzend und geborsten über dem Fleisch. Oben auf der Höhe über dem Ghat schreien, scherzen, balgen sich schmutzige, in Lumpen gekleidete Menschen, es sind die Parias , die niederste Kaste. Sie verkaufen das Stroh, womit die Scheiterhaufen angezündet werden. Auch eine Stelle, unten an der Treppe, beim Ghat, dürfen sie betreten, dort füllen sie dann, wenn die Leiche mitsamt dem Holz verbrannt ist, Kohle und Asche in Säcke und verkaufen sie in der Stadt. Die Wasserpfeifenraucher bevorzugen diese Kohle für ihren Tabak. Um die Aschensäcke scherzen, schreien, balgen sich die Parias und die Kinder der Parias. In schneeweißem Trauergewand schürt der Gatte der Brennenden, ein junger Mensch, mit einem Bambusstock den Scheiterhaufen. Sein Haar ist, bis auf die kleine Strähne am Hinterkopf, wegrasiert. Nicht weit vom Scheiterhaufen rasiert ein Barbier dem kleinen Sohn der Brennenden das Kopfhaar weg. Langsam steht der Gatte auf, holt ein irdenes Töpfchen, wickelt einen langen Blumenkranz darum und legt es der Brennenden auf den Kopf, dorthin, wo sich unter dem Tuch der Mund befinden muß. Dann trägt er fünf dünne Scheite herbei und legt sie umständlich an das Kopfende. Eine von den umherstreunenden weißen Kühen kommt heran und frißt die Blumen vom Mund der Brennenden weg. Ihr Maul verfängt sich im Purpurtuch, eine Flamme schlägt unter dem Tuch in die Höhe, brüllend galoppiert das Tier davon. Auf einer Stufe, über dem Verbrennungs-Ghat, betet ein junger Sadhu, grau, von weißen Kühen umgeben. Ein totes Kalb liegt in der Nähe des Scheiterhaufens. Nicht weit davon schabt sich ein Aussätziger mit zertrümmertem Gesicht, abgefaulten Fingern, mit einem Holz seinen blutigen Armstumpf. Um ihn herum Leere. Die tote Frau brennt jetzt lichterloh. Der Gatte hat sich weit weg, auf eine Stufe gesetzt. Er hat den Bambusstab zwischen den Knien, blickt auf den brennenden Haufen hinüber. Neben ihm andere Leidtragende; der kleine Sohn, in sich gekauert, mit glänzendem Schädel, im Sonnenlicht. Während unser Boot hält, bringt man von oben aus der Stadt, singend und schreiend, eine neue Leiche herbei. Die Träger lassen den mit blauem Seidentuch zugedeckten Kadaver, der auf die Bahre gebunden ist, bis an die Brust in das Gangeswasser gleiten, wickeln dann die Hülle vom Haupt des Toten, es ist ein alter Mann mit grauem, fettem Gesicht, weißem Bart, Glatze; der Kopf ruht auf der linken Wange, das Gesicht blickt flußabwärts. Die Träger besprengen das tote Gesicht mit Wasser aus dem heiligen Strom, zehnmal, zwanzigmal. Daweil wirft man von den oberen Stufen schon Holzscheite herunter, für den neuen Scheiterhaufen. Bei den Strohbündeln oben schreien und gestikulieren die Parias zu den Parias unten um die Aschensäcke hinunter. Die Sonne brennt bereits glühend auf das Verdeck unseres Bootes, auf dem wir in bequemen Korbsesseln gesessen haben. Es ist Zeit, heimzukehren.   Mächtige Ströme sah ich in vielen Ländern, die Donau, den Rhein, den breitrollenden Mississippi, den Nil, den schäumenden Frazer Britisch-Kolumbiens. Keiner ergriff mein Herz wie der kleine Jordan. Keiner aber erschütterte mich tiefer wie dieser hier, der erhabene Strom, Ganges, der heilige Strom eines der alten Völker dieser Erde. Reißend und furchtbar strömt er an der geheimnisvollen Stadt vorbei. Und doch unaufhörlich und wunderbar tönen und klingen mir jene so zarten, so lieblichen Verse Heines, jene Takte Schumannscher Musik im Ohr, zu den schrecklichen, räselhaft fremden Visionen, die das Ufer an mir vorbeigleiten läßt ... Dieser Glaube der Hindus, brausend und tief, schwer und ungelöster Schauer voll, hat dem Menschengeschlecht eine neue Offenbarung geschenkt, den großen seligen Menschen dieses neuen, unseligen Zeitalters, den Liebenden, Zartesten, den aufs neue wiedergekehrten Avatara Wischnus, wie Rama Krischna, ja, wie Buddha und Jesus, den Erlöser des Volkes aus dem Banne der Finsternis: Mahatma Gandhi. – Besuch bei Gandhi (Sabarmati, 7. November 1925) Sanfter als eine Blume, Härter als der Diamant. Ich werde die folgenden Zeilen niederschreiben, wie die Erinnerung sie mir eingibt. Die spärlichen Stichworte, die ich niederschreiben konnte, während ich vor ihm saß, werden den Gang dieser Zeilen zu lenken suchen, aber ich werde keine Sorgfalt daran verwenden, wie ich diese Zeilen nacheinander aufs Papier bringe. Am liebsten schriebe ich sie gar nicht auf, sondern spräche alles vor mich hin, bei besonderen Gelegenheiten, im Kreise von Freunden, auserwählten Menschen, mit geschlossenen Augen, wie im Traum. Darum: wer Ohren hat, höre. –   Ein Bekannter in Bombay, der Kaufmann Trivedi, beförderte meinen Brief an die ihm bekannte, gegenwärtige Adresse des Mahatma, der seit Wochen das Gebiet Cutch an der Nordwestküste Indiens bereiste. Mahatma Gandhi fuhr dort, wie die Zeitungen berichteten, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, weil das Volk dieser armen und verlassenen Gegend schon lange nach ihm verlangt hatte. Am 2. November, einem Montag, brachte mir Herr Trivedi das Telegramm ins Hotel; es war im Ort Bhuj aufgegeben und lautete: »German friend can see me Sabarmati saturday 4 pm. Gandhi.« In den folgenden Tagen blieb ich meist im Hotel, ich las das Buch Romain Rollands über Gandhi wieder, dieses Buch der Liebe und Andacht, das ein wunderbarer Mensch geschrieben hat und das mir seit einem Jahr bekannt war. Ich las es diesmal in der englischen Übersetzung von L.%nbsp;V. Ramaswami Aiyar, in einer von einem Verleger in Madras besorgten Ausgabe. Außerdem las ich eine Sammlung von Aufsätzen des Mahatma aus seiner Zeitschrift »Young India« wieder und zuletzt noch eine Reihe von Zeitungsausschnitten, die sich mit der Propagandareise des Mahatma durch den Cutch, das heißt mit der jüngsten Phase seiner Tätigkeit befaßten. Rollands Buch schließt mit dem Märztag 1922, an dem der Mahatma seine mit sechs Jahren bemessene Strafe im Gefängnis von Sabarmati antrat. (Sabarmati ist ein kleiner Ort, fünf Meilen vor Ahmedabad gelegen; er ist nach dem breiten, meist ausgetrockneten Fluß benannt, an dessen Ufer auch die Aschram, das heißt der Wohnsitz und die Lehrgemeinde des Mahatma, sich befindet.) Wie bekannt, wurde der Mahatma im Winter 1923 durch die Arbeiterregierung Englands, an deren Spitze Ramsay MacDonald stand, aus dem Gefängnis befreit. Er hat sich seither in seiner agitatorischen Tätigkeit mehr und mehr dem »konstruktiven« Teil seines Programms zugewandt, dessen Befolgung er seinen Anhängern als letzte Mahnung und Vermächtnis auftrug, ehe sich das Gefängnistor hinter ihm schloß. Dieser »konstruktive« Teil umfaßt: die häusliche Spinnarbeit auf dem primitiven, aus Holz gezimmerten Spinnrad, der Scharka , um durch selbstgefertigte Kleidung, den Kaddar , die englische Textilindustrie aus dem Feld zu schlagen (und daneben dem im Winter untätigen indischen Bauer eine lukrative Beschäftigung zu verschaffen), 2. die Schonung und Verehrung der Kuh, wie sie der Hinduglaube vorschreibt, die Bekämpfung und Beseitigung der »Untouchability« , das heißt der Vorstellung, daß ein Mensch höherer Kaste durch die simple Berührung eines Paria bis zum Verlust seiner Kaste unrein werden muß (also im Grunde Kampf gegen das Sektenwesen, das der indische Mohammedaner und Buddhist nicht kennt). Den »destruktiven«, besser gesagt – politisch-revolutionären Teil seines Programms – Satyagraha , wörtlich: Streben nach Wahrheit, im speziellen Falle aber: Ablehnung des Zusammenarbeitens mit den Engländern, der englischen Regierung, durch stillen, gewaltlosen, passiven Widerstand bzw. aktives Opfer seiner selbst, Verweigerung des Eintritts in Regierungsstellen , in von Engländern geleitete oder beaufsichtigte Schulen und Universitäten, Verweigerung der Steuern – hat Gandhi persönlich aufgegeben; er hat die Behandlung dieser wichtigen Materie der indischen Freiheitspartei, der Swaraj-Partei, überlassen, als deren Führer gegenwärtig, nach dem Tode C.R.Dass', der Pandit Mohillal Nehru gilt. Die Swaraj-Partei, von der noch die Rede sein wird, ist im ganzen bestrebt, die Lehren Gandhis unter der Devise: Swaraj durch Swadeschhi, das heißt Freiheit durch ökonomische Befreiung, womit auch die Rückkehr zur primitiven Bedürfnislosigkeit gemeint ist, durchzusetzen. Allerdings unterscheidet sie sich von dem ursprünglichen Vorsatz der Non-Cooperation wesentlich dadurch, daß sie ja wohl Zusammenarbeit mit den Engländern sucht, aber nur, um die Institutionen von innen zu zersprengen. (Ähnlich lautete das Programm Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs in bezug auf den Standpunkt der Spartakusgruppe gegenüber dem Reichstag, auf dem Gründungstag der Kommunistischen Partei Deutschlands, Dezember 1918 – bei welcher Gelegenheit diese beiden Führer von den orthodoxen Revolutionären der Gruppe überstimmt wurden.) Eigentlich hatte Gandhi die Non-Cooperation in ihrer schroffsten Form schon vor seiner Verurteilung aus taktischen Gründen aufgegeben; C. R. Dass hatte dann das Parteisystem dazu geschaffen. Seit 1923 also befaßt sich Gandhi nicht mehr mit direkter politischer Arbeit. Doch seine ungeheure Gestalt wird jedesmal deutlich sichtbar, sobald eine wichtige und entscheidende Aktion, sei es in aufsteigender Linie, sei es in der Richtung des Nachgebens, Zurückweichens, des zeitlichen Kompromisses, notwendig wird. Da ist dieses Menschengewissen das lebendige Feuer des Glaubens, die läuternde Flamme, in der alles Zweifelhafte, Zweideutige, Falsche verbrennt. Er selbst ist, wie jener andere Große, Lenin, es war, jederzeit bereit, der Notwendigkeit zu gehorchen. Wenn er in seinem Programm, das ganz auf Ahimsa , das heißt Gewaltlosigkeit beruht, die unmittelbare Gefahr radikaler, stummer Weigerung erkennt, ist er der erste, die Hand zu erheben, die die Weichensteller zur Umstellung der Richtung ermahnt. Lord Readings, des soeben abtretenden Vizekönigs, Vorgänger, Lord Chelmsford, war es, der dem Mahatma vorstellte: die Verweigerung der Steuern werde Indien in ein Schlachtfeld verwandeln. Aber vielleicht war, so versicherten mich Eingeweihte, die Erkenntnis wichtiger: daß die großen Textilindustriellen Indiens, die Spinnereibesitzer und Baumwollzüchter ihrerseits die Steuern ja wohl bezahlen würden und es in ihrer Macht stünde, die von ihnen abhängigen, armen Befolger der Lehre des Mahatmas einfach auszuhungern. Sogar den Studenten, die auf sein Geheiß aus den Universitäten ausgetreten waren, gab der Mahatma den Rat, ihre Studien an den gleichen Anstalten wieder aufzunehmen, bis die Zeit reif sei. Wann wird die Zeit reif sein? Sobald in Indien die Hindus mit den Mohammedanern sich zu einer kompakten nationalen Einheit zusammentun; diese beiden grundverschiedenen, physisch und geistig elementar divergierenden Energien und Intelligenzen. (Die Zeit ist ferne, versicherten mich gelehrte Hindus. Die Zeit ist nah, versicherten mich Politiker.) Sicherlich hat der Mahatma unter den Hindus und den sanften Jains die übergroße Zahl seiner Anhänger. Das Problem des Kalifats geht die Mohammedaner näher an; sie studieren noch Fragen des westlichen Asiens. Dafür aber muß Gandhi europäisch gebildeten und gerichteten Indern gegenüber seine Taktik nicht mehr ändern. Sie stehen unter dem Banne. Ich sage meinen Freunden in Bombay, später in Ahmedabad, Benares und Kalkutta: ich kann das Zurückweichen eines praktischen Politikers (wie Lenin in Fragen der neuen ökonomischen Politik zum Beispiel) vor der Notwendigkeit gut verstehen, nicht so gut aber das Ausweichen eines religiösen Führers, Instrumentes einer höheren Macht, eines vom Glauben, überrationalen Gewalten Gelenkten, Beseelten, Besessenen! Darauf wird mir erwidert, daß er selber , wenn er von Sorge und Schmerz über die Gefahr, in die seine Lehre seine Anhänger bringen kann und bereits in vielen Fällen gebracht hat, bedrängt und zur Änderung seiner Direktiven entschlossen sei, von seinem selbst vorgezeichneten Weg kein Haar breit abweiche und die Kraft zu seinem eigenen Tun wie zum Lassen der anderen durch Askese, Gebet, übermenschliches Fasten zu erlangen suche. Und tatsächlich schwebt dieser zarte, schwächliche Körper, diese überirdisch hell leuchtende Seele jede Sekunde lang ihres Verweilens in irdischen Bezirken in der Gefahr des Verlöschens, des Entrücktwerdens aus dem Bereich der Menschen, die er so tief liebt.   Ahimsa steht zwischen ihm und Lenin. Wenn dieser die Zögerer, die Kompromißler von Natur und Veranlagung, die »Menschewisten«, mit eisernem Besen aus den Reihen seiner Mitkämpfer fegte, so hat Gandhi für solche keine Waffe, nicht einmal die der schweigenden Verachtung. Seine einzige Waffe ist die, die er gegen sich selbst wendet. Und tatsächlich, die Spitze dieses Dolches zielt unablässig gegen das eigene Herz des am tiefsten Geliebten, von dreihundert Millionen Menschen abgöttisch Verehrten, den Gottähnlichsten unter den heute auf Erden Wandelnden, den Mahatma. –   Am Rande der Stadt Ahmedabad erhebt sich die Nationale Universität, in der nach den Lehren des Mahatma unterrichtet wird, in der der Mahatma selbst zuweilen zu den Studenten spricht. Und in der, in den Pausen des Unterrichts, die Scharka, das Spinnrad, und der Webstuhl die friedliche Waffe des weißen Tuches, des Kaddar, bereitet. Die Unterrichtssprache ist der Guscheratdialekt, das Vernakular dieser Gegend, die vom Dekkan im Süden, Sindh im Norden und der Radschputana im Osten begrenzt ist (die alle ihre eigene Sprache haben). Die Schüler der Universität, etwa 150, stammen zum überwiegenden Teil aus dem Guscherat. Die Flagge des Mahatma weht vom Dach: Weiß-Grün-Rot: weiß die Verschmelzung aller Religionen Indiens, grün die mohammedanische, rot die der Hindus bedeutend. Das Symbol des hölzernen Spinnrades geht über alle drei horizontalen Felder. – Mit meinem jungen Freund, dem Arzt Dr. Manohar Kawi, einem Jain, bin ich öfters in die Universität hinausgefahren und habe mit den jungen, europäisch gebildeten Professoren der Anstalt über diese eine und einzige Angelegenheit: die Persönlichkeit des Mahatma und sein Wirken in Indien, gesprochen. Vieles habe ich hier gehört, erfaßt und verstanden. Vieles ist im Schweigen, im Beisammensein mit diesen reinen und schönen Menschen von indischer Seele in meine beunruhigte, zerrissene, europäische herübergeflossen. Am 7. November, noch eine Stunde vor der mit dem Mahatma verabredeten Zeit, war ich Gast der Universität. Auf dem siebensaitigen Settar, dann auf dem einer bosnischen Guzla ähnlichen Instrument Bin wurden mir von jungen Künstlern die klagenden, melancholisch immer wiederkehrenden, zuweilen sich zu stürmischem Pochen aufraffenden Rhythmen der Hindumusik vorgespielt, die, zumeist auffallender Weise auf einem einzigen Ton verweilend, die Melodie nur wie eine Fioritur über diesen spinnen, wie Wellengeriesel über ihn davoneilen, sich kräuseln, und die mich, seltsam, mehr an russische, ukrainische und polnische Bauernweisen erinnerten als an östliche, arabische, ägyptische oder in Palästina vernommene. Ich mußte vor den Schülern auch sprechen, und ich sagte ihnen, was es für mich Europäer, für mich, der ich diesen 7. November, den Jahrestag der russischen Revolution, schon wiederholt in Rußland verlebt habe, bedeute, an der Schwelle dieser heiligen Stunde meines Lebens einen Augenblick verweilen zu dürfen. –   Punkt vier Uhr trat der Mahatma in den hohen kahlen Vorraum seines Hauses in Sabarmati ein, in dem ich mit Dr. Kawi auf einer Bank wartend saß, während zwei Schüler des Mahatma – sein Sekretär und ein junger Maler – auf Inderweise mit untergeschlagenen Beinen auf dem blauen Tuch hockten, das den Ziegelboden bedeckte. Eine weiße, dünne Matratze war vor einem ganz niedrigen Schreibpult ausgebreitet, auf dem Briefe, Telegramme, eine abgenutzte Schreibmappe aus Papier, eine Metallhülse und einige Bücher lagen. – Der Mahatma kam aus der Stadt, in die er vor einer Stunde im Automobil gefahren war. – – Gandhi ist ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit kleinem Kopf auf dünnem Halse. Der Körper ist jetzt infolge der anstrengenden Fahrt durch das Cutch-Gebiet besonders abgemagert. Gandhi trägt einen kurzen Lendenschurz aus weißer Leinwand, ist im übrigen vollkommen nackt. Der Oberkörper, tief braun, der Brustkorb mäßig gewölbt, mit dünnem, schwarzem Haarwuchs. Die Hände und Füße sind von etwas hellerer Färbung. Das Gesicht zeigt eine breite, abgeplattete Nase, die den kurzgeschnittenen Schnurrbart über den breiten, dünnen Lippen halb verdeckt. Die Kinnpartie ist klein im Vergleich zur oberen, voll entwickelten Hälfte des Gesichtes. Im Unterkiefer fehlen die mittleren Zähne. Die Stirn ist nicht auffallend, wie überhaupt an der ganzen Gestalt, an dem ganzen Gesicht, das nicht schön genannt werden kann, nichts Auffallendes zu bemerken ist. Die sehr großen, doch normal gebildeten Ohrmuscheln stehen weit vom Schädel ab. Die linke ist oben, nahe beim Rande, durchbohrt. Dort hat Gandhi als Kind den bei den Hindus üblichen Ohrring getragen. Das Haupthaar ist – bis auf die einzige lange Haarsträhne, die jedem gläubigen Hindu vom Hinterhaupt herabhängt – wegrasiert. Die Augen blicken sanft, schwarz in gelblichem Schimmer, fast in jugendlicher Frische, das ist das Charakteristische an der sonst so unauffälligen Erscheinung: ein jugendlich frisches Leuchten über dem Gesicht des Sechsundfünfzigjährigen. Seine Stimme ist angenehm, ohne sonoren Klang. Er spricht halblaut, in sehr gutem, gewähltem Englisch. Ein gütiges, oft naives Lächeln belebt das Gesicht, wobei die Zahnlücke zum Vorschein kommt. Wenn das Gespräch auf heitere Dinge kommt, ein herzliches, halblautes Lachen. Keine Zurückhaltung, ganz freies, ungezwungenes Wesen, ohne »Würde«; hie und da kleine, wie erläuternde, formende Bewegungen der Hände; Verlangsamen der Worte, sobald ich etwas aufschreibe; freundlich wartender Blick, vorgeneigter Kopf, wenn ich spreche. Wir sprechen über eine Stunde lang. Mein Begleiter, die beiden Schüler des Mahatma auf dem Boden derweil ohne Regung, ohne Laut, wie erstarrt. Die Briefe, Telegramme liegen unbeachtet da. – Nachher bedient sich Gandhi einer Hornbrille zum Lesen; beim Schreiben – mit der linken wie mit der rechten Hand – eines Füllfederhalters. Die ganze Zeit lang sitzt er mit untergeschlagenen Beinen hinter dem niedrigen Schreibpult auf der Matratze, sein Lendenschurz bedeckt den Unterleib vom Nabel bis an die Knie. Die Schüler tragen weiße Jacken, das weiße, um die Beine geschlungene Tuch, die weiße Kappe, die die Anhänger Gandhis in ganz Indien als solche kennzeichnet – es ist die Sträflingskappe, die der Mahatma im Gefängnis trug. –   Ich habe sofort nach seinem Eintreten, sofort nachdem wir uns die Hände gereicht haben, Kontakt mit ihm, obzwar eine ganze Weile vergeht, ehe ich zu sprechen imstamde bin.   Dies ist, was ich zu sagen habe: Die Völker Europas haben aus dem Kriege keine Lehre gezogen. Den Völkern Europas ist der Glaube abhanden gekommen. Sie glauben an nichts. Gott hat sie verlassen. Die Völker des Ostens, deren Leben durch die Religion bestimmt ist, sind durch den Krieg aufgewacht. Die Freiheitsbewegung von Marokko bis China ist Beweis. Es gibt in Europa wohl eine Bewegung, die eine religiöse Bewegung genannt werden kann: es ist der Kommunismus. Doch sie wird verkannt, mißdeutet, und zwar, was am schmerzlichsten zu beobachten ist, von den Leuten, die sich als die reinen Demokraten ausgeben, die aber an einem leeren, formalen, seelenlosen Begriff der »Demokratie« festhalten, im Kommunismus nur die Methode, die zu seiner Herbeiführung dienen soll, die Diktatur des Proletariats, zu erkennen behaupten und die, wie bei uns in Deutschland, wohl die Tatsache nicht leugnen, daß es eine von Proletariern geschaffene Revolution war, die die feudale Herrschaft des Kaisers umgestoßen hat, jetzt aber der Bewegung ein »Halt!« zurufen, weil sie sich den Genuß der Früchte dieser Revolution nicht gefährden wollen. Verzweiflung an dem Prinzip der Demokratie, an der Haltung des von der bürgerlichen Demokratie infizierten Sozialismus, an dem Pazifismus, der zu feig ist, zu Ende zu denken, das ist es, was den Europäer aus Europa treibt. Was soll man tun? Was soll geschehen? Der Mahatma hat mir zugehört und sagt: »In Europa wartet jeder mit der Reform seiner eigenen Zustände, bis alle anderen bekehrt sind. Man will gern abrüsten, aber vorher sollen alle anderen abgerüstet haben. Keiner will es sein, der der Katze die Schelle umbindet. Ich glaube: ich selber muß mit Abrüstung beginnen, ehe ich es den anderen zumuten darf, daß sie ein gleiches tun. Dieser Tage erhielt ich aus Polen den Brief eines Professors, der mir schreibt: Meine Lehre (Gandhi sagt konseqent ›my preachings‹, meine Predigten) könne in Indien vielleicht befolgt werden, für Europa aber, wo jetzt jeder gegen jeden sei, sei sie unmöglich. Ich aber bin der Ansicht: ihre Anwendbarkeit für Europa, für die ganze Welt sei über jeden Zweifel erhaben.« »Ihre Lehre«, bemerkte ich, »setzt wie die Lehre des primitiven Urchristentums günstige Bedingungen der Rasse, des Klimas, der Bedürfnisse voraus. Sie kann schwerlich in großem Maßstabe, von vielen Menschen befolgt werden, wenn diese Vorbedingungen fehlen. Der Hinduglaube, die Milde des Jain, seine Liebe zum Tier, die verminderten Bedürfnisse, durch die Gunst des tropischen Klimas bedingt: Nahrung, Kleidung, Behausung auf ein Minimum reduziert! – unser Norden dagegen fordert warme Kleidung, Fett für den frierenden Körper, ein Dach über dem Kopf – durch Vermehrung der Lebensnotwendigkeiten erhöhten Kampf ums Dasein ...« »Ich glaube an absolute Einheitlichkeit der menschlichen Natur (»absolute identity of human nature«). Wenn in Europa Schwierigkeiten für die Befolgung der Gewaltlosigkeit bestehen, so sind sie gewiß nicht im Klima begründet: der Hindu ermangelt des Selbstvertrauens, daher das übermächtige Festhalten an seinem Glaubensbesitz (»devotional asset«); dasselbe kann man vom Europäer nicht sagen: der Europäer hat Selbstbewußtsein und kann daher die Doktrin (der Gewaltlosigkeit) bewußt befolgen. Was Europa fehlt, ist die lebendige Verkörperung (»living embodiment«) der Doktrin – ein Mensch, der sie in jeder kleinsten Einzelheit seines Lebens lebt.« »Einen Menschen gab es«, sagte ich, »der eine für Europa anwendbare Doktrin auf diese Weise gelebt hat: Lenin. Heute, am 7. November, schwingt in Millionen junger, gläubiger Menschen der ganzen Welt die Begeisterung für seine Lehre und für sein Leben, das ebenfalls das Leben eines Armen, sich Offenbarenden, eines Befreiers war. Ich kenne Ihre Meinung, Mahatma, über den Bolschewismus ...« »Können Sie mir sagen, was der Bolschewismus Gutes oder Großes geleistet hat?« »Um nur eines zu nennen: im Südosten Rußlands gab es unter den Zaren die wildesten Religionsfehden zwischen den zersplitterten Völkerscharen – sie haben seit der Novemberrevolution aufgehört. – Die Kasten, die Klassen, die ›Untouchables‹ – jede bürgerliche Gesellschaft hat ihre ›Untouchables‹ – haben in Rußland aufgehört oder sind doch im Schwinden begriffen. Es ist das Werk Lenins ...« Nun sagt der Mahatma etwas Seltsames: »Was ich predige, ist revolutionärer Evolutionismus . Die Lehre des Bolschewismus beruht auf Absolutismus. Aus Absolutismus aber führt kein Weg heraus. Das einzige Hindernis zur Erreichung meines Zieles liegt in mir selbst. Wenn es mir gelänge, das volle Maß von dem zu erreichen, was ich von mir fordere – ich würde nicht verzagen. Aber ich verzage ja auch nicht, obzwar ich das volle Maß nicht erreiche.« »Wie wollen Sie dem Kapitalismus beikommen, dem Grund des Übels, ohne ihn gewaltsam zu zerstören? An ihm geht die Welt zugrunde. Ich sehe keine Methode.« Nun gebraucht der Mahatma ein Gleichnis, das er, so glaube ich, öfter schon gebraucht haben muß, dem man in seinen Schriften begegnet (das vielleicht ein geheiligtes Symbol des Hinduglaubens ist), wenn von irgendeinem Bösen, einem Erbfeind der Menschennatur, dem Zerstörungswillen, der Mordsucht, dem Instinkt der Ausbeutung des Nächsten die Rede ist: »Mein Glaube verbietet es mir, eine Schlange zu töten. Damit ist aber nicht gesagt, daß es mir verboten ist, zu erschrecken, wenn ich einer Schlange ansichtig werde. Ich werde mit ihr nicht spielen, sie nicht liebkosen (»I shall not hug the snake«), aber ich werde ihr das Vertrauen zu mir beibringen, daß ich ihr nichts zuleide tue, und sie wird mich verschonen. Dadurch, daß ich den Kapitalismus zerstöre, verändere ich nur seine zeitliche Form – sein Wesen aber kann ich zerstören, indem ich ihm keinen Widerstand entgegensetze.« (»By destroying Capitalism, I can only change his timely being . I can destroy his very substance by non-resistence.«) Und nach einigem Nachdenken: »Das Böse nährt sich vom Guten. Aus sich selber hat es kein Leben.« (»Evil feeds upon good; by itself it has no life.«) »It requires adulteration of good!« Wörtlich übersetzt: »Man muß das Gute verfälschen« (etwa wie man ein Nährmittel fälscht) – um seinen Nährwert dem Bösen zu entziehen. – Ich erwähne die Rote Armee, die ein Instrument gegen den Militarismus, gegen den eroberungssüchtigen Imperialismus der kapitalistischen Völker ist. Der Mahatma erwidert: »Ich kann das nicht einsehn. Kanonen vergrößern nur die Zahl der Kanonen. Sicher ist es, daß heute die auf Zerstörung bedachten Energien der Menschheit größer sind denn je – wenn aber ein Mann seine ganze Seele gegen diese Aktivität stemmt, so wird er diese Zeit zähmen !« (»Tame the time.«) Ich erlaube mir nun eine Bemerkung in bezug auf den Rückzug des Mahatma von der Politik der Non-Cooperation, die ich seiner Sorge um das gefährdete Leben seiner Anhänger zuschreibe. Die traurigen, blutigen Ereignisse des Jahres 1921, erst in Assam, dann in Bardoli bei Bombay, zuletzt in Chauri-Chaura (die man in Rollands Gandhi-Biographie nachlesen mag), hatten ihn ja, wie es historisch feststeht, zur Aufgabe der Parole »Civil Disobedience«, Gehorsamverweigerung gegenüber den Behörden, bestimmt. »There is no such thing as dying.« – »Leiblicher Tod ist kein Argument. Alles ist nur eine Frage der Zeit. Ich nähre den lebendigen Glauben an den endlichen Sieg der Non-Cooperation, obzwar so viele Anhänger dieser Doktrin heute Cooperators geworden sind, aus einem oder dem anderen Grunde. Als ich aus dem Gefängnis kam, sah ich ein, daß die Organisation einiger Landesteile zur Durchführung der Non-Cooperation nicht stichhielt; sie war erst zu schaffen (Gandhi meint hier moralische Organisation durch vorbildliche Menschen); wenn es aus nationalen Gründen eine Notwendigkeit war, die Non-Cooperation für eine Zeit aufzugeben, so hege ich die sichere Hoffnung, daß ich die Nation eines Tages mit der Idee der Non-Cooperation aufs neue infizieren (wörtlich!) werde.« In Wirklichkeit hat Gandhi, nach jenen Ereignissen 1921,durch den Rückruf der Parole »Civil Disobedience« seinen direkten Einfluß auf die ihm blind ergebenen Massen derartig geschwächt, daß die Regierung den Mut fand, ihm den Prozeß zu machen. »Dasselbe hoffen die Bolschewisten, wenn sie erklären, daß sie im geeigneten Augenblick der neuen ökonomischen Politik den Hals umdrehen und den Kapitalismus aus Rußland definitiv verjagen werden.« »Ein Geist, der von der Wahrheit erfüllt ist, darf das Unvermeidliche zugeben und muß sein Handeln auf das Endziel richten. Sie werden sehen«, sagt der Mahatma, »wie düster auch die Aussichten heute sind, eines Tages wird Europa von selber zur Ahimsa (Ablehnung der Gewalt) gelangen; es wird dorthin gestoßen, geschwemmt werden, wie es zur Satyagraha, der Ausscheidung des Bösen aus dem öffentlichen Leben der Völker, gestoßen werden wird. Die Völker müssen dahin gelangen, oder sie werden vernichtet werden, untergehn.« (Hier ist in meinen Aufzeichnungen eine Lücke. Auch zum nachfolgenden fehlt der Übergang: »Ein verhängnisvolles Verbrechen haben die Franzosen begangen, als sie im Kriege afrikanische Truppen verwendeten.« – – »Ich halte mich für einen mangelhaften Vertreter meiner eigenen Doktrin.« –) Es sind während unseres Gesprächs wiederholt Menschen in den Raum getreten, in dem wir sitzen. Der Mahatma aber unterbrach unser Gespräch nicht, so daß wir bald wieder allein gelassen wurden. Zuletzt war es eine Gruppe von Hindufrauen, die, wie erschrockene Schatten, sich lautlos an die Wand gedrückt hielten und dann mit einemmal fort waren. Ich hatte noch einige Fragen notiert und sagte dem Mahatma, da ich von seiner Ablehnung einer Einladung nach Amerika gehört hatte: welch unendliche Stärkung seine Idee unter den vielen Tausenden ernster und überzeugter Anhänger seiner Lehre in Europa durch sein persönliches Erscheinen erführe. Er erwiderte darauf: »Ich könnte nach Europa nur kommen, wenn Indien meine Doktrin als Richtschnur seiner nationalen Politik angenommen hätte. Solange dies nicht der Fall ist, könnte eine Europareise nur meiner Eitelkeit schmeicheln.« (!!) »Überdies wäre durch meine Anwesenheit für Europa nichts erreicht. Das einzig Notwendige für Europa wäre: stünden dort Menschen von höchstem Intellekt auf, um tiefste Demut zu üben, und Menschen, die die Kunst des Mordens am besten beherrschen, um die mildeste Lehre zu verkünden und auszuüben! « Ich wage die Behauptung, daß hierzu nur geringe Aussicht bestehe, daß aber dafür die Gefahr um so größer sei, daß sich eine Schar weichlicher, energieloser, dem sozialen Kampf untätig zuschauender Snobs mit dem Nimbus seiner Lehre schmücken würde, wie sie das mit der Lehre Buddhas getan habe ... da sehe ich den Mahatma zum erstenmal herzlich lachen. Er lacht fröhlich und lange, wie ein Kind, sagt dann ernst: » Ahmisa ohne Gefahr – Feigheit – das ist nicht der Sinn; – Opfer, das ist der Sinn. « Und nun habe ich eine letzte Frage; ich frage den Mahatma, ob er mit dem Gebot des Schutzes der Kuh seinen Lehren die notwendige Verknüpfung mit religiösen Vorstellungen des Hinduglaubens geben wolle, mit anderen Worten: ob er damit die Verbundenheit seines Denkens und Wirkens mit dem Orient, ihre Lokalisierung auf Indien sozusagen zu unterstreichen suche? »Nein«, antwortet der Mahatma, »dies ist nicht der Fall. Die Schonung der Kuh, die sich im Hinduglauben zur Vergöttlichung der Kuh steigert, gilt mir als Symbol ! Siehe in einem folgenden Kapitel die Äußerung Rabindranath Tagores zu dieser Auffassung Jesus macht bei der Heiligkeit des Menschenlebens halt; der Hindu umfaßt mit dieser Vorstellung das Leben aller Kreaturen. Der Respekt vor dem Leben des nützlichsten Haustiers ist der Beginn der Schonung alles erschaffenen Lebens, des Lebens überhaupt .« Da ich eine Weile schweige, sieht der Mahatma nach seinen Briefen und Telegrammen. Ich bitte ihn, er möge mir erlauben, daß ich noch eine Weile in diesem Räume sitzen bleibe. Er nickt mir mit freundlichem Lächeln zu. Der Sekretär steht auf, bringt ein Heft, Papier. Der Mahatma setzt seine Brille auf, legt die Mappe auf seine Knie, beginnt, langsam und mit zierlichen Schriftzeichen, einen Brief zu schreiben, indem er sich der linken Hand bedient. Ich verständige mich leise mit Dr. Kawi, entnehme meiner Brieftasche einige Postkarten, Lichtdrucke mit Gandhis Bild, die ich in Ahmedabad auftreiben konnte, und wie der Mahatma mit Schreiben fertig ist, legt Dr. Kawi all diese Blätter aufs Pult vor ihn, trägt ihm meine Bitte vor: er möchte auf zwei dieser Blätter seinen Namen schreiben – ein Blatt für mein Buch, das zweite für den Klub der »Liga für Menschenrechte« in Berlin. »Was ist das!« ruft der Mahatma aus. »Das sind ja Karikaturen!« Besonders eine Photographie, nach einer Zeichnung, die ihn als in sich versunkenen Yogi zeigt, erregt seine Heiterkeit. Er nimmt aus seiner Schreibmappe eine kleine Radierung heraus (der behende Kopf mit der Zahnlücke), sucht unter meinen Postkarten eine aus und setzte dann unter diesen beiden Blätter wie auch unter einen großen kolorierten Druck, den sein Schüler, der Maler, verfertigt hat, in Guscheratschrift seinen Namen: Mohamdas Gandhi, und das Datum, 7. XI. 1925. – Dann nehme ich Abschied. Wieder halte ich die Hand dieses Menschen zwischen meinen Händen. Aus nächster Nähe begegnen sich unsere Blicke. Dann gehe ich. –   Der Raum neben dem Empfangszimmer ist die Küche. Die Frau des Mahatma kommt uns vom Herd, auf dem sie in einem Kupferkessel Tee gekocht hat, zur Tür entgegen, trocknet sich die Hände. In einer Pfanne brodelt eine weiße Flüssigkeit, Reisbrei. Ein kleines Kind steht beim Herd, sieht uns an. Die Frau des Mahatma, Kasturibai, ist klein von Wuchs und so zart wie ein Kind, wie ein ganz junges Mädchen. Sie wurde ihm angetraut, als sie beide noch Kinder waren. Es ist, als wäre sie im Wachstum stehengeblieben. Sie ist in die rote Sari gekleidet, ein Tuch, das um ihren zierlichen Kinderkörper geschlungen ist. Sie faltet zum Gruß ihre kleinen, noch nassen Hände vor dem lächelnden Mund – das ist die unsagbar rührende Gebärde, mit der die Hindus sich begrüßen. Dasselbe junge Aufflackern der leuchtenden Seele in ihren Augen wie in den seinen. Dieselbe unnennbare Süße in diesem alten Kindergesicht wie in dem des Menschen, den ich eben verlassen habe. Wir wechseln einige Worte. Ich frage sie, wie es um die Gesundheit des Mahatma stehe, nach den Aufregungen seiner Reise durch den Cutch. Sie dankt mir. Wofür? Für Freundlichkeit, gute Gesinnung – –. Wir sprechen noch eine Weile. Hinter den wie zum Gebet gefalteten kleinen Kinderhänden lächelt das holde Gesicht der alten Frau zum Abschied. Die leuchtenden braunen Augen im dunklen, lieblichen Antlitz strahlen Güte, Liebe. Dann verlasse ich die heilige Stätte. –   Jünger des Mahatma zeigen mir die Aschram, einen Komplex ebenerdiger Häuser. Die Wohnhäuser der Familie, der Schüler. Auf einer Veranda indische Musikinstrumente, ein Bin, eine Art Harfe, Saiteninstrumente. Bei der Mauer sind Ställe, in denen Kühe stehen. Obstbäume, Baumwollstauden, ein Gemüsegarten mit einem alten Ziehbrunnen, Blumenpflanzungen reichen bis zur steilen Böschung des trockenen Flußbettes des Sabarmati. Wo der Garten sich zum Ufer neigt, drei abfallende, mit Ziegeln gepflasterte Terrassen. Hier hält der Mahatma mit seiner Familie, seinen Schülern, dem Hofgesinde die Morgenandacht. In einem weiten, mit Stroh gedeckten, offenen Schuppenzimmer Arbeiter an Spinnrädern, der Scharka. In einer anderen sehr umfängreichen Scheune stehen sehr viele kleine Scharkas, aus Holz gebaut, wie kleine Windmühlenräder oder Schiffsschrauben in Spielzeugformat anzusehen, auch große Webstühle mit angefangenen Tüchern; alles steht still, es ist Feierabend. Wie wir an dem Gebäude vorübergehen, in dem die ausländischen Schüler des Mahatma wohnen, tritt ein junger Chinese aus einer der Türen, ein sehr schöner, vornehmer Mensch, der schon lange hier wohnt, wie ich höre. Sonst sind noch Engländer da; ein Amerikaner; die Tochter eines englischen Admirals, die ständig in der Nähe des Mahatma leben will, ist vor einigen Tagen eingetroffen; eine junge französische Frau kommt mit einem Inder vom Garten her auf uns zu. Wir geraten ins Gespräch: Europa; die Schwere, die Unerträglichkeit des Lebens auf dem zerwühlten, von Lüge, Irrwahn, Gier und Ohnmacht besessenen Kontinent. Wo habe ich solche Augen, auf denen eine Seele in die Weite treibt, solche suchend ratlosen, durstigen Augen gesehen? Zuletzt in Adyar ...   Draußen, gegenüber dem Tor der Aschram, an der Landstraße, erhebt sich ein großer, unfertiger Bau. Hier wohnt die Mehrzahl der Schüler des Mahatma, die den Tag über in der Aschram arbeiten, etwa hundert. Ein Trupp Hindus kommt uns entgegen, tritt in den Garten der Aschram ein, eine schweigende Schar. Es sind Männer, die von einem Begräbnis herkommen, zum Fluß hinuntersteigen wollen, um zu baden. Mein Begleiter zeigt mir ein breites rotes Gebäude, einen Turm, plump und rot, der hinter Bäumen an einer Wendung der Landstraße sichtbar wird. »Sabarmati Jail.« Es ist das Gefängnis, in das der Mahatma gebracht wurde, an jenem Märztag. An der Landstraße lagen, die Stirnen in den Staub gedrückt, betende Menschen. Eis steht da, dieses Gefängnis, wenige Schritte weit von Satyagraha Aschram, der Lieblingsstätte des Mahatma. – Während wir, es dunkelt bereits, zur Universität zurückfahren, wo ich noch mit den Professoren beisammen sein will – die Straße ist uralt, verfallene Moscheen, eingestürzte Brunnen –, denke ich an das Schicksal des Menschen, den ich eben verlassen habe, dessen Blick mir noch in der Seele leuchtet. Der Richter, der ihn zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt hat. Mr. Broomfield. Ein höflicher, etwas befangener Mensch, der sich mit traurigen Gesten, bedauernden Worten bei dem Angeklagten entschuldigte, darum, daß er ihn nun, leider, dem englischen Gesetz gehorchend, für die drei Delikte zu je zwei Jahren verurteilen müsse. Mr. Broomfield. – Hätte er sein Amt hingeworfen, hätte er gesagt: »Ich will es nicht sein, Herr, ich nicht!« – sein Name wäre in die Unsterblichkeit eingegangen, wie der des Pontius Pilatus, der auch nur ein kleiner Beamter der damaligen größten imperialistischen Regierung war, aber sich im entscheidenden Augenblick die Hände wusch. Mr. Broomfield. Nun, er trinkt gemächlich seinen Tee im Kreise seiner Familie, avanciert, seine Karriere ist gesichert; Gott hab ihn selig. Doch gab's in ganz Indien keinen Eingeborenen, keinen Hindu, keinen Muselman, aber auch keinen Weißen, der ausrief, wie einst in jenem kleinen Land am Mittelländischen Meer: »Wir wollen den Barrabam! Gib uns den Barrabam!!« Keiner auch fand sich unter den Landsknechten, den khakifarbigen Söldnern des Heeres, der, wie in jenem hochzivilisierten Land Europas, in jener hochzivilisierten Stadt, aus der ich komme, in der sich vom Hotel »Eden« zum Landwehrkanal der Kurfürstendamm hinzieht, jenseits des Kanals aber der Tiergarten, den Apostel der Menschheit auf eigene Faust mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen hätte. Keiner. Der Mahatma lebt . Der Gedanke hat seine zeitliche Inkarnation nicht verlassen müssen.   Und auch an mein Leben denke ich, während wir stumm in die sinkende Sonne zurückfahren. Es ist begnadet vor vielen, dieses Leben, obzwar es einsam, nicht sehr froh, bedrängt und gequält ist von Kummer, mancherlei Wissen, unendlichem Zweifel. Eine kleine, flackernde Flamme brennt hier innen, schwach und nicht vielen sichtbar. Aber sie brennt, hier innen. Und auch ein Wille brennt hier, nicht groß, überrannt, verdrängt oft von Gewaltigerem. Aber es ist der Wille. Was bin ich denn, was sind wir? Winzige Fragmente, Partikel von jener Größe, Reinheit, Kraft und Ewigkeit, die ich herrlich und blendend, die Jahrtausende überstrahlend, an der Schwelle der Menschheitszukunft stehen sah, mit diesen meinen Augen stehen sah: den Harten und den Milden, die irdischen Verkörperungen Gottes, an den zu glauben ich nie aufgehört habe: Wladimir Iljitsch Lenin, Mahatma Mohandas Karamtschand Gandhi. Nächster Krieg und nachher Eine Ansprache an bürgerliche Intellektuelle Der Weltkrieg, den wir erlebt haben, war im November 1918 zu Ende. Der Weltkrieg, den wir erleben werden, hat im November 1918 begonnen. An dem Tage, andern nach dem Aufhören des Völkermordens neues Kriegsgerät, neue Munition fabriziert, in Auftrag gegeben oder entworfen wurde, Friedensbedingungen festgestellt, aufoktroyiert, Entschädigungen nach der traditionellen Schablone dieser Art von Geschäften diktiert wurden, begann der neue Weltkrieg. Seit November 1918 konnte man, in steigendem Maße, die gleichen Symptome fortleben, wiederkehren sehen, zuerst sporadisch, sodann gehäuft, in stürmisch drängender Aufeinanderfolge, die die Zeit vor dem letzten Weltkriege charakterisierten und die uns allen noch in Erinnerung geblieben sind. Krisen des kapitalistischen Systems, der imperialistischen Weltbeherrschung beweisen die Brüchigkeit, fortschreitende Auflösung von Strukturen ökonomischer und politischer Gebilde, die durch den letzten Weltkrieg ihren entscheidenden Hieb erhalten haben. Das Überwuchern des Nationalismus, in kleinen und kleinsten Splittern ehemals notdürftig geeinter Staatengebilde künstlich entfacht und vervielfacht, verdeckt, enthüllt aber auch gleichzeitig den Todeskampf, in dem sich jene dem Untergang geweihten Systeme befinden. Tatsache ist, daß die nationalistische Idee niemals so schamlos über die primitiven Instinkte, deren Ausdruck der Kapitalismus und sein Zwillingsbruder, der Weltimperialismus, sind, gebreitet worden sind, heroischen Faltenwurf abgegeben haben wie jetzt. Willkür, Unterdrückung, Verelendung ganzer Klassen, Unschädlichmachung der Besten und Integersten unter den Empörern beweisen das Herannahen jenes »letzten Gefechts«, von dem das Kampflied der »Internationale« seinen Refrain herhat. Die Moral der Welt gibt vor, diese Vorgänge zu übersehen, rechtfertigt sie womöglich. Indes, dies bewirkt nur Irrewerden der Massen, der Individuen, an der Konsistenz dieser Moral selbst. Nüchtern und kühl betrachtet, besteht bei der Vorbereitung des nächsten Völkermordens, dem unaufhaltsamen Heranschreiten auf diese Katastrophe zu, eine Alternative. Werden die Völker sich wieder im Dienste des kapitalistischen Systems auf die Schlachtbank treiben lassen, oder wird Klassenkampf, der die werktätigen Scharen der Welt mit der bedrohten Sowjetrepublik der Arbeiter und Bauern in jähem Sturm zusammen- und ineinanderschweißt, einen Welt-Bürgerkrieg entfachen? Das ist die Alternative. In beiden Fällen werden Millionen fallen. Wird sich, nach dem amerikanischen Wahlspruch, daß der Weltkrieg 1914/18 derjenige Krieg wäre, der den Krieg überhaupt zu beenden berufen sei, durch die Tatsache des Weiterbestandes der Kriegsidee überholt und vergessen, der Wahlspruch der »Internationale« von dem »letzten Gefecht« als stichhaltiger erweisen? Das Resultat des jüngsten Völkermordens ist, zumal durch die ungeheure ökonomische Umwälzung, die die U.S.A. gegenwärtig durchmachen, besonders scharf und klar zum Bewußtsein der Welt gelangt: der Krieg ist ein schlechtes Geschäft. Was Norman Angell vor Jahrzehnten mathematisch vorgerechnet hat, wurde durch die Praxis des Erlebnisses bestätigt. Der Krieg kann nichts mehr schaffen, er kann nur zerstören. Jedermann weiß heute, mit welchen Mitteln des Angriffs der nächste Krieg geführt werden wird. Die Menschenzerstörungsindustrie hat seit dem letzten Kriege – durch die ins Maßlose überwucherte Gier, Erobertes zu behalten, Verlorenes wiederzugewinnen, Begehrtes sich anzueignen – so ungeheure Dimensionen angenommen, daß es für das schwerfälligste Fassungsvermögen klar und evident dasteht: welcher Art der nächste Krieg sein wird. Von Vaterlandsliebe und -verteidigung wird angesichts der Fortschritte der chemisch-technischen Kriegsindustrien kaum mehr mit sittlichen Gedanken und Vorstellungen die Rede sein können. Um an dem sich vorbereitenden Weltverbrechen keinen Anteil zu haben, um den in jedem mit Vernunft begabten Wesen vorhandenen Willen, seine eigenen Arbeitsmöglichkeiten zu retten, diese Arbeitsmöglichkeiten im Dienste der Menschheit zu bewahren, sich nicht zerstören zu lassen, betätigen zu können, wird sich jedes mit Vernunft begabte Wesen, das menschliches Antlitz trägt, beizeiten vor der Zerstörung in Sicherheit bringen müssen, ohne dadurch mit seiner Weltanschauung, seiner noch so tiefen, im Hergebrachten wurzelnden Moral in Konflikt zu geraten. Einen der deutlichsten Beweise dafür, in welchem Maße die Moral der Welt, die Kultur und der Kulturwille eines großen Volkes seinen tödlichen Stoß erhalten hat, lieferten die Wahlen zum deutschen Reichstag. Eines der tüchtigsten, bestgebildeten Völker unter den Kulturvölkern der Welt hat seine Unfähigkeit bewiesen, die Prinzipien des moralischen und sozialen Fortschritts zu begreifen. Man mag einwenden, der Bolschewismus sei ja auch dem im Sozialismus mündenden Nationalbewußtsein der Russen, ihrer Sendung unter den Völkern entsprungen. Rußlands Kommunismus ist eine logische Weiterentwicklung der panslavistischen Idee der Vorkriegszeit, einer Idee, die ihren Ursprung jenseits aller rein nationalistischen Vorstellungen, im religiös-mystischen Grundcharakter des großen Apostel- und Märtyrervolkes besitzt. Die Voraussetzungen dieser Mission wurden zudem gefördert und genährt aus der abgründigen Weltfremdheit der breiten, systematisch unterdrückten und zu klarem Denken umerzogenen Massen, aus der aus europäischen wie asiatischen Quellen geheimnisvoll gemischten Mentalität der Russen. Wie aber konnte es in einem Lande wie Deutschland geschehen, daß 6 ½ Millionen einer Partei zuliefen, die ohne positive Anschauung von den Möglichkeiten der Weiterlenkung eines leidenden und entwaffneten Volkes, nur durch das Hervorkramen atavistischer Vorstellungen von bereits lange als untauglich erkannten Methoden zu wirken sucht? Die schreckhaft unermeßliche Ignoranz der Massen, dieser 6 ½ Millionen Wähler – in Deutschland, das, was die Mittel der Volksbildung, die Organisation der sozialen Belehrung und Aufklärung der Massen anbelangt, an oberster Spitze der Kulturvölker marschiert! Das den Maßstab und Pegel für die allgemeine Erziehung der werktätigen Massen zum Sozialismus geliefert hat! Das Land, das dem Schulkind, dem Berufsschüler, dem organisierten Arbeiter die vollendetsten Bildungsmöglichkeiten bietet! Und als Resultat: diese Ignoranz, bodenlose Verkehrtheit der Vorstellungen von Nationalismus, Sozialismus, Arbeiterschaft, Marxismus, Rasse. Die Roheit und Verdummung, in die wir die Kultur breiter Massen allmählich versinken sehen, bedeutet aber mehr als ein lokales Symptom des Niederganges, der Zersetzung. Sie bedeutet im Allgemeinen: den Bankrott einer Zivilisationsepoche unserer heutigen Welt. Was wir gegenwärtig voll Schrecken und Entsetzen erkennen, ist nicht allein die Katastrophe eines Volkes, ja der Völker Europas, des Machtprinzips und des Prinzips der Erziehung, es ist mehr: ein riesiges völkerphysiologisches Geschehen, riesige kosmische Welle, eine jener ungeheuren Strömungen, die ihre Parallele in dem Untergang bedeutungsvoller Kulturepochen der Vergangenheit, dem Zersplittern und Zerfall festgegründeter Weltreiche, Ninives, Babylons, Roms und Spaniens hat. Können Völker, Klassen, Individuen etwas ausrichten gegen Strömungen von ähnlicher Gewalt? Weltorganisationen zerschellen an dem katastrophalen Vorwärtstreiben solcher Entwicklung. Am deutlichsten beweist dies die Ohnmacht und der Zusammenbruch einer der machtvollsten Organisationen der werktätigen Massen, der evidente Bankrott der II. Sozialistischen Arbeiterinternationale. Ohne auf die Fehler, die Schwächen der durch ihre Führerschaft überorganisierten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands einzugehen – diese Führer haben die Macht fortgeworfen, als hätten sie sich die Hände an ihr verbrannt, worauf sie dann eben jene Partei der töricht widerspruchsvollen Parolen vom Boden aufgehoben hat –, ich sage: ohne auf das Exempel der S.P.D. einzugehen, beweist etwa die Haltung der englischen Labour-Regierung nicht zur Genüge, wie die Macht, der Besitz sogar, in den Händen fortschrittlicher Organisationen und bestgesinnter, bewährtester Arbeiterführer seine korrumpierende Gewalt erweist? Die fortschrittlichste Partei eines freiheitlich gesinnten Volkes stemmt sich der Weltentwicklung, dem erwachten Freiheitsstreben höchstkultivierter Orientvölker entgegen, scheinbar ohne Verantwortungsgefühl für die eigene Überzeugung, den Leitsätzen konservativer und reaktionärer Vorgänger in der Regierung gehorsam. Trifft sinnlos und verstört Maßnahmen, entschlossen, sich erst nach zähem, blutigem Kampf das entreißen zu lassen, was sie doch in ihrem eigenen ethischen Programm als oberstes Postulat aufgestellt hat: die Befreiung der arbeitenden Massen der Erde! Indien! Gandhi und die Seinen! Dieser Prozeß, der mit dem Untergang der Edelsten, Verantwortungsvollsten der morgenländischen Welt beginnt, dem moralischen Tode einer der mächtigsten, ehrwürdigsten Organisationen der abendländischen Welt weitergehen wird, um in seinem Verlauf den Tod zahlloser Millionen Menschen, in einem Jahrhundert des Mordens und der Zerstörung zu bewirken. – Das Versagen des Pazifismus ist ein weiteres Symptom des Auflösungsprozesses. Das Emporschießen der nationalistischen Kriegstendenzen hat die abgründige Verkehrtheit und Ohnmacht, wenn nicht die heillose Feigheit innerhalb der Formationen europäischer Friedensgesellschaften bewiesen. Wir sehen heute den Welt-Pazifismus, angesichts der immensen Gefahr, die den Frieden bedroht, den Kopf in den Sand stecken. Die bürgerlich-kleinbürgerlichen, von jedem wahrhaft sozialistisch Gesinnten längst – und wie man sieht, mit Recht – scheel angesehenen, wenn nicht offen verachteten Elemente, die die überwiegende Masse pazifistischer Vereinigungen bilden, verschanzen sich vorsichtig und ängstlich hinter Schlagworten, wie dem von der Heiligkeit des Lebens, philanthropischen Phrasen, die den Verderbern die Bahn freigibt, um sich selbst an den Wänden entlang zu drücken, womöglich unterwegs in einem und dem andern Haustor zu verkrümeln. Welcher Pazifist würde sich vermessen, heute laut zu verkünden, daß Männer, die Kriege zu entfachen gewillt sind, Köpferollen versprechen, Rizinus und Liparische Inseln mobilisieren und mobilisieren wollen, selbst zertreten werden müssen, damit Millionen ins Verderben zu Treibender, von Tanks zu Zerquetschender, von Gasschwaden zu elendem Sterben Geweihter am Leben bleiben! Es gibt innerhalb des Pazifismus selbstverständlich Bewegungen und Aktionen, die aktivem Widerstand ähnlich sind. Da ist die Ponsonby-Aktion zur Verweigerung des Kriegsdienstes, besonders im Falle einer Mobilisierung. Da ist die Aktion Professor Quiddes gegen die Wiedereinführung der Dienstpflicht in Deutschland. Ehrlichkeit und Geradlinigkeit der Tendenzen solcher Aktionen ist unbezweifelbar. Jedoch sie richten einen zu dürftigen Damm gegen die schrankenlos heranbrechende Flut auf, die sie niederreißen und zermalmen wird, ehe man sich dessen versehen kann. Der Bankrott des Pazifismus ist nicht umsonst dem der II. Internationale eng verbunden, deren kleinbürgerlich gewordene Führerschaft vor den Konsequenzen der Macht zurückzuckt, deren Selbstbewußtsein sich allein in der Denunziation und Verächtlichmachung der Sowjetrepublik der Arbeiter und Bauern stärkt, von der Unantastbarkeit des Privateigentums durchdrungen, gegen den ersten großartigsten Versuch der Weltgeschichte, die Macht des Kapitals radikal zu stürzen, Front macht. Selbst in Ratlosigkeit zwischen den Klassen hin- und herirrend, dem Arbeiterproletariat entronnen, in kleinbürgerliches Bonzentum emporgestiegen, bekämpfen diese Führer den ersten entscheidenden Versuch zur Auflösung der Klassen, negieren wütend die heroisch konstruktive Politik der Sowjets, verstärken und verzehnfachen durch ihren Widerstand die Härten jener konstruktiven Idee des russischen Aufbaus. Die Leiden des russischen Volkes rühren zum großen Teil vom stumpfen Widerstand der in der Defensive träg und durch Kompromisse korrupt gewordenen Massen des außerrussischen Proletariats her. Die Krisen allein, die heute die Fugen der alten Ordnung sprengen, besorgen das, wozu die historische Mission des Sozialismus die Führer der II. Internationale drängen sollte. Die Leiden ihrer eigenen Massen, von Angriffsmethoden des bedrohten Kapitals entfacht, wollen diese Führer kaum wahrhaben. Die Irregeleiteten werden dafür eines Tages, vermutlich zu spät, Rechenschaft fordern.   Wäre eine Einigkeit der Werktätigen der Welt nicht unmöglich gemacht, so würde die Welt vielleicht von der nächsten entsetzlichen Katastrophe verschont bleiben können. Längst glauben die Gläubigsten unter den aufrichtigen Sozialisten der Welt nicht mehr an das unmittelbare Eintreten der Weltrevolution. Hat der letzte Weltkrieg den Bolschewismus gezeugt, so ist damit noch keineswegs gesagt, der nächste werde den Sieg des Sowjetgedankens über die ganze Welt hervorrufen. Nicht die Weltrevolution wird im Gefolge des nächsten Weltkrieges eintreten, sondern die Weltanarchie. Wenn die Giftschwaden sich von den großen Zentren, den Kapitalen Europas verzogen haben werden, wird eine irrsinnige Welt in Erscheinung treten. Banden preisgegeben, ohne systematische Führung, vollends entgöttert, aus Hunger, Vernichtung und Seuchen emporröchelnd mit wolfähnlichem Geschrei durch entvölkerte Gebiete, beherrscht von dem Schrecken allein eines hoffnungslos vernichteten Daseins. Auf dem Trümmerfeld des alten Europa, aus Irrsinn und Verzweiflung, aus dem Grauen über das Versäumte, die Schuld, den paralysierten Willen, aus der Erkenntnis, daß es wieder die Verderber sind, die Nutznießer der Zerstörung, die die Trümmer der Welt nach Macht durchsuchen, wird erst eine kleine schüchterne, schmale Flamme sich erheben – das Wahrzeichen der Gerechtigkeit, die wahrscheinlich heute schon in einigen verstreuten Herzen unter den noch Lebenden brennt.   Ich sprach im Vorhergehenden resigniert über die Unwirksamkeit jedes individuellen, in besonderer Hinsicht auch jeglichen kollektiven Willens zur Ablenkung jener destruktiven Entwicklung, über die schmerzhafte Ohnmacht des Individuums, das das Versagen der kämpferischen Organisationen miterlebt und das Umsichgreifen der unabwendbaren Strömung, die heute, mit Europa beginnend, die Länder der Welt nacheinander mitreißt und umstößt, tatenlos ansehen muß. Die Erkenntnis dieser Ohnmacht lastet auf denen, die Verantwortung gegenüber der Gesamtheit fühlen, am schwersten. Die Wissenschaft hat als erste begonnen, das Ende des Zeitalters zu verkünden. Besonders die Mathematik hat den entscheidenden Vorstoß und Hieb gegen die Grundlagen unseres heutigen Wissens geführt, unsere Vorstellungen, unverrückbar scheinende Gesetze von Zeit, Raum, Zahl und Maß erschütternd. Nicht der Dichter hat sich in dieser Zeit als Seher erwiesen, sondern der Gelehrte. Schritte Tolstoi, lebte er heute noch, an der Spitze der Entwicklung? Das ist mehr als fraglich. Noch vor kaum zwei Menschenaltern hat die Dichtkunst einen Seher hervorgebracht, den großen, vielfach verkannten Victor Hugo. Der sprach bereits 1870 von der Weltumwandlung, von den Vereinigten Staaten Europas, als Vorläufern der unter dem Sozialismus vereinigten Völker des Erdballs. Seit Lenin hat die konstruktive Politik dieses Großen wohl Nachfolger, doch keinen Führer mehr hervorgebracht. Auf die Weltmoral aber scheint, tödlicher als je, das pessimistische Wort Renans zuzutreffen: daß die Moral keinerlei Fortschritte kennt. Es mangelt ja nicht an Vorschlägen umfassenderer, offensiverer Art, als es jene Ponsonbys und Quiddes sind: H. G. Wells zum Beispiel hat in einer beachtenswerten Schrift: »The open conspiracy«, Gedankengänge klargelegt, die beherzigenswerte Einzelheiten enthalten. Ideen allerdings ausgesprochen reformistischer Art, die eine längere Periode geordneter Verhältnisse zur Voraussetzung haben. Wells meint: wohlmeinende und ihrer Verantwortung gegenüber der Zukunft bewußte Funktionäre der staatlichen und gesellschaftlichen, der ökonomischen Einrichtungen und so weiter sollten zu einer offenen Verschwörung zusammentreten, um die unter ihrer Führung stehenden Organisationen im Sinne ihrer eigenen innerlichsten Sauberkeit weiterzuführen. Das Buch, das vor 3 Jahren erschienen ist, scheint heute, angesichts der in so rapidem Tempo fortschreitenden Auflösung des Gesellschaftsgebildes, offensichtlich überholt, fast Dokument einer Zeit des Friedens geworden. Es wirkt heute bereits naiv optimistisch, als ob diese veraltete Form, dieses brüchig und baufällig gewordene Gebäude noch durch Stützbalken gefestigt werden könnte. Zwischen diesen Vorstellungen und dem entschlossenen und entschiedenen utopischen von Unten-auf-Bauen, das sich gegenwärtig in Rußlamd vollzieht, klafft ein unüberbrückbarer Spalt. Das Ausmaß des bevorstehenden Völkermordens und der Zerstörung der Grundfesten unserer Gesellschaftsordnung, die dadurch hervorgerufene Weltanarchie zu überblicken vermag nur revolutionäre Phantasie. Es lohnt sich, dieser Phantasie einmal Spielraum zu gewähren, indem man die wirre Periode der Auflösung und der endlichen Katastrophe einfach überspringt und sich vorzustellen sucht, wie nach ihrer Überwindung der Aufbau einer neuen Ordnung unter den Menschen in die Wege geleitet werden könnte.   Sinn und Leitsatz der hier folgenden Ausführungen kann am besten durch das erhabene Wort Tolstois geklärt werden: »Widerstrebe nicht dem Übel!« Dieser Satz trifft besonders im Hinblick auf die Katastrophe zu, deren erste Anzeichen wir erleben und die aufzuhalten, wie bereits betont wurde, menschliche Energie unfähig ist. Ich spreche im folgenden absichtlich von einem Orden, weil es sich um Neuordnung des Weitgefüges handelt. Die Bezeichnung ist übrigens nebensächlich. Sie soll einen religiösen Sinn erlangen, zum Unterschied von jenen in ihrem Streben ähnlich gerichteten Gruppen zukunftsbewußter, Verantwortung in sich tragender Menschen, die hier und dort unter dem Druck der Erkenntnis des Bevorstehenden zusammengetreten sind und zusammentreten. Was auf dem Grunde einer »Brüderschaft«, deren Bindung und Zusammentritt in diesen Zeilen erörtert werden soll, zu ruhen hat, ist: gefälschten, durch langen Gebrauch und Mißbrauch bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Begriffen wie: Demokratie, Pazifismus, Nationalismus, Gleichheit, Freiheit, Religion zu ihrem reinen Sinn wieder zu verhelfen, sie in kristallklarer Wahrheit und Aufrichtigkeit hinüberzuretten, zu schmuggeln in eine Zeit, in der von Neuem anzufangen sein wird, weil sich die Fälschung und Prostitution der Grundbegriffe des Menschendienstes eben durch die vorhergegangene Katastrophe in schreckhaftester Weise geoffenbart haben wird. Eine Sammlung jener Geister ist zu versuchen, die von dem tiefen und wahren, keiner Fälschung zugänglichen Inhalt der Ideen, die jene erwähnten Begriffe und Worte (es gibt deren noch manche) verkörpern sollten, heute schon erfüllt sind. Menschen sind zu sammeln, die, frei von Lüge, von Eigennutz, von der Schlauheit, die aus Werten zweckdienliche Werkzeuge zurechtzimmert, Kraft und Ausdauer genug an den Tag legen, ohne Feigheit und Kompromiß, ohne Erlahmen hinüberzugelangen in jene Zeit des Alles-Neuaufbauenmüssens; die ihren Schatz unbefleckt bewahren wollen und es sich zutrauen, daß sie dies auch erreichen werden, ihr Verantwortungsgefühl gestählt, rein, dem Gebot gehorsam. Heute schon ist die Sammlung solcher Menschen, die es hier und dort in der Welt auch gibt, notwendig. Denn die Arbeit, die sie zu leisten haben werden, beginnt schon heute. Ehe aber von den Stadien der Aktivität einer solchen »Brüderschaft« vor, während, nach der Katastrophe, dieser »apokalyptischen Zeit«, die uns bevorsteht, geredet werden darf, ehe von ihren Pflichten und Zielen ausführlich geredet werden soll, muß ein Hinweis auf die Elemente erfolgen, aus denen sich diese »Brüderschaft« zusammensetzen muß. Auf die Menschen, die ihr angehören, und die, die ihr fernbleiben mögen. Die Brüderschaft soll, wie gesagt, ein Orden sein. Keine Trennung ephemerer Klassen, keine Trennung von »Gebildet« und »Ungebildet« soll für ihre Formation maßgebend sein. Im heutigen Stadium der Entwicklung kommt es unter Menschen, die sich in einer radikalen Aufgabe zusammenfinden, nur darauf an: ob sie die Zeit begreifen oder nicht begreifen. Es kommt in diesen Zusammenhängen kaum auf die Jugend an, die ihrer eigenen Wege gehen muß und wird, sondern mehr auf Menschen mit Erfahrung und Distinktionsvermögen, die Lebensepochen überschauen können, die Erkenntnis nicht pessimistisch gestimmt hat, sondern klar und konsequent. Auf solche, in denen die Flamme lebendig, nicht von der Asche der Einsicht zugedeckt und erloschen ist. Wie jene flämische Brüderschaft, die sich besonders während schrecklicher Epidemien bewährt, ist die »Brüderschaft« gemeint. Sie hat, unähnlich jener Wellsischen konspirativen Gemeinschaft, die Tradition ausgeschaltet. Ihre Erfahrung wird kontrolliert durch das innere Gesicht – nicht allein jener bevorstehenden Zukunftsepoche, sondern einer Vollkommenheit des Gesellschaftsgefüges überhaupt. Es ist gleichgültig, ob unsere gegenwärtigen Begriffe von Schönheit, Lebensfreude, Komfort (Begriffe einer versinkenden Welt), ob unsere Vorstellungen von der Wichtigkeit, ja der Unumgänglichkeit technischer Errungenschaften, die sich ja bis zur völligen Mechanisierung unseres Lebens (die nur Rekorde beleben) gesteigert haben, ob unsere heutigen Vorstellungen von der Notwendigkeit und überhaupt von der Rolle der Kunst in der Menschengemeinschaft der Zukunft perpetiiert werden sollen oder nicht. Ob etwas von diesem Hab und Gut einer untergehenden Zivilisationsepoche hinübergerettet werden soll in eine neue, die emporsteigen wird aus Blut, Schlamm und Tränen. Es ist unnütz, darüber nachzugrübeln, ob wir selber, die eine solche »Brüderschaft« formen wollen, unser physisches Leben in der Katastrophe verlieren werden oder nicht. Die Verantwortungsvollsten, die Mutigsten und Reinsten werden vermutlich schon vor der Katastrophe fallen von der Hand jener, denen Reinheit und Opferwille ein Dorn im Auge ist, ein störendes Element ihrer Geschäfte. Das Wort von »Toten auf Urlaub« wird sich diesmal in ungeheurem Maßstab bewahrheiten, in einer Verbrecherherrschaft, von deren Ausmaß noch kein Begriff besteht. Die kosmische Furcht vor dem Weltgeschehen muß überwunden werden durch strenge Einsicht in dieses selbe Geschehen, ohne Beschönigung, ohne Übertreibung, durch klare Kontemplation einer von Irrtümern zu verschonenden Zukunftsepoche, der Auflösung des Individuums in einem höheren, heute noch in seinen Konturen kaum erkennbaren oder umreißbaren, vollendeten Typus der verantwortlichen, kollektiven Gemeinschaft. Dies ist eines der Ziele. Dieses Ziel erreicht man durch theoretische Erörterungen, praktische Vorschläge, Darstellung von Erkenntnissen und der Wege, auf welchen man zu ihnen gelangt ist. Durch offen propagandistisch die Kritik herausfordernde, an Kritik lebendig lernende, revolutionäre Studiengenossenschaften, die nicht zurückschrecken auch vor der Kritik jener Institutionen politischer Parteien, die in ihren Intentionen heute schon dem erwünschten Zustand der zukünftigen Gesellschaft Vorbereitung leisten, in ihrem Zusammenschluß ihnen am nächsten gelangt zu sein scheinen. Mehr oder weniger sind ähnliche Institutionen und Parteien doch nur in der Vorstellung heutiger Zustände, unter den gegenwärtig gegebenen Bedingungen erreichbarer Zustände befangen, während die »Brüderschaft« ja eben die Zeit, in der wir leben, wie auch ihre unmittelbare Folge, die Zeit der Katastrophe bewußt überspringt. Phantasie ist vonnöten. Ein sich Hineinversetzenkönnen in die Erfordernisse postapokalyptischer Zeitläufte. Die moralische und physische Depravation der Menschen durch das Bevorstehende vernichtet gewiß nicht die Grundlagen der ursprünglichen Anschauung von Gut und Böse, Göttlich und Untermenschlich, denn das Fortwirken und die Unerschütterlichkeit dieser Begriffe, durch die Struktur des menschlichen Fassungsapparates gewährleistet, hat ja bereits Epochen katastrophaler Erschütterungen des Menschengeschlechtes überstanden und überdauert. Ist man erst von dem Gedanken beseelt, unter den Lebenden Ausschau zu halten nach Menschen, die einer Gemeinschaft wie dieser hier dargestellten angehören dürfen, so ist man niedergeschlagen durch den Mangel an der klaren Vorstellung der bevorstehenden Periode, besonders bei den Menschen des engsten Berufskreises, der sich um den seine Zukunftsidee Propagierenden erstreckt. Eine Ahnung jenes Willens zur nächsten Kulturepoche findet sich bei spärlichen vorwärtsblickenden, vorwärtsschreitenden, religiösen Menschen, einem Fähnlein rebellischer Namen, die hier und dort wohl Geltung besitzen mögen – aber wie niederdrückend: die Schar der Beharrenden, durch die Routine Erstickten, in der Vergangenheit Zurückgebliebenen, jener Vergangenheit der im heutigen, stürmisch drängenden Leben besonders bemerkbar werdenden Reaktion – die Schar Jener ohne Pflichtbewußtsein, kaum für Heute, viel weniger für Dereinst Dahinlebenden. Wie bedrückend: der Anblick so vieler Starker und Dienstwilliger, die durch die Parteimaschinen gegangen sind, von der Disziplin Zermürbter, die im Zwang von Verordnungen, Vorstellungen der Notwendigkeit solcher Maßregeln vollständig gefangengenommen sind. Menschen der »Brüderschaft« haben sich von Vorurteilen (...), von dem Recht, über Menschenleben frei zu verfügen, aber auch von der Heiligkeit des Lebens jeglichen lebenden Individuums, des politischen Schädlings ebensosehr wie des Zukunftträgers, des »bewaffneten Propheten« (von dem Macchiavelli spricht); Gegenwartsanschauungen von der Verpflichtung gegenüber der Nation, der eigenen Klasse, der man nicht gesinnungsgemäß, sondern durch Geburt angehört, der Rasse, in der man wie in der eigenen Familie aufgehoben ist, der göttlichen und ephemer menschlichen Gerechtigkeit, gegenüber der eigenen Generation, dem eigenen Leben. Mißverständnisse, Schwankungen, Unstimmigkeiten, Denkfehler können nur ausgeglichen und beseitigt werden durch intensivste, beständige, gegenseitige Fühlung, Verständigung einer immer aufs neue, strenger und strenger durchsiebten Gruppe, die ihre Stimme schonen, ihre Wirkung nicht aufs Spiel setzen, vermindern wird, wenn der Orkan braust, den Sinn ihrer Arbeit erst erweisen soll, wenn der letzte Windstoß vorübergezogen, das letzte Gewitter verrauscht ist. Daß die Welt der Übriggebliebenen, derer, die das Gewitter überdauert haben, nach der Vernichtung dieser heutigen, in Schichten, Rassen, Interessen- und Instinktgemeinschaften zersplitterten und auseinandergerissenen Gesellschaft, nach Ablauf der unbestimmten Epoche jener bevorstehenden Welt-Anarchie kommunistisch sein wird, diese Überzeugung muß als Voraussetzung für die innere Treue einer »Brüderschaft«, wie der hier skizzierten, angesehen werden. Nur unter diesem Gesichtspunkte vermag Jeder, der ihr angehören darf, auf dem ihm zugänglichen Studien- oder Berufsgebiet Nachforschungen anzustellen über die lebensfähigen und -trächtigen Keime einer zukünftigen Kultur. Die Vereinigung aller arbeitenden, gleichberechtigten Menschen der Erde ist Voraussetzung dafür, daß eine auf Menschheitsgläubigkeit zurückgeführte Religion entscheidende Macht über die Zukunft erlangt. Und noch Eines ist dabei zu betonen. In unserer Epoche erlebten wir die »Ächtung des Krieges«. (Welch schamlose Phrase.) Was aber geschah zur Ächtung des Krieges? Ist etwa die Soldatenkaste, die Kaste der berufenen Gewalt-Gläubigen, die durch Blutlust und Blutbürokratie gekennzeichnet ist, als menschlich minderwertig erkannt, geächtet oder unterdrückt worden? Sind Triebe, die auf gewaltsame, blutige Erkämpfung irgendwelcher national oder kulturell drapierter Vorteile innerhalb der menschlichen Gesellschaft als atavistisch, als »moral insanity« erklärt worden? Sind Individuen, in denen solche Gelüste alle übrigen Motive des Tuns dominieren, unterdrückt und paralysiert worden? Die Räuber und Mörder, nicht der Friedenszeit allein, sondern vornehmlich jene, die sich im Kriege betätigen, durch Drill und Zucht diese Instinkte des Krieges wiedererwecken und großziehen? Das Mittelalter wird erst nach der Weltkatastrophe des nächsten, schrecklichsten aller Kriege liquidiert werden können. Wenn die Gasschwaden sich verzogen haben werden, wird, mitsamt dem Kriege, noch Manches liquidiert werden müssen, mancher heute herrschende Begriff fallen. Ich habe es betont: daß das verschüttete, vergessene Grundwesen zahlreicher Begriffe, die heute als ethisch, religiös, als Spitzenbegriffe der Menschheit angesehen sind, gereinigt, erneut, seinen Klang wiedergewinnen soll. Millionen werden untergehen. Die folgenden, nachher, sollen leben. Gleichgesinnte Menschen, die unter der Einsicht der Unmöglichkeit, dem Übel zu widerstreben, dem Schicksal in die Speichen zu fallen, ohnmächtig und unglücklich, isoliert und ohne Hoffnung dastehen, jeder in seiner Sphäre isoliert und verzweifelt, sie mögen sich von der Verantwortung der Tatenlosigkeit durch Brüderschaft entlasten und befreien. Gullivers Reisen zu den Blähariern Der Verfasser schildert die Schwierigkeiten der Einreiseerlaubnis – streift geschichtliche Voraussetzungen – und gibt sodann Bericht vom Reich der Bläharier, einer Insel inmitten Europas – sowie von seinen Beobachtungen in bezug auf Klassen, Sitten und Gebräuche der Nation der Bläharier. Wie allgemein bekannt sein dürfte, ist es äußerst schwer, sich eine richtige Vorstellung von Menschen und Geschehnissen im Reich der Bläharier zu machen. Die Beamten des Rassen-Bestimmungs-Instituts, das dort über den Reichsbehörden und sogar der politischen Polizei rangiert, haben es bereits im Jahre II herausgebracht, daß die Großmutter des Erfinders der Buchdruckerkunst, Johannes Gutenbergs aus Mainz – mit richtigem Namen Gänsfleisch – eine Prager Jüdin war, die ihren Lebensunterhalt durch das Stopfen von Gänsen und den Verkauf derselben erworben hatte. Infolgedessen war die Buchdruckerkunst als jüdisch erklärt worden; und da im allgemeinen zur Verächtlichmachung dieser Kunst bereits durch das Propaganda-Ministerium sowie die Professoren und Studenten der Universitäten des Reichs gewissenhaft vorgearbeitet worden war, wurden die Druckerpressen des gesamten Reiches auf Kriegswaffen-Produktion umgestellt, die vorhandenen Typen zu Munition umgeschmolzen und die Runenschrift als obligatorisch eingeführt. Da diese Runenschrift aber ausschließlich in der Rinde der Bäume des Reiches Verwendung findet, sind die Berichte über Land und Leute der Bläharier-Insel natürlich durch persönliche Besichtigung zu erlangen. Meine Auftraggeber hatten vergeblich versucht, bei den obersten »Osafen« der Bläharier die Erlaubnis zur Einreise für mich zu erlangen. Vergeblich war ihre Beteuerung, daß ich als der erste und älteste Reporter meines Landes zu betrachten sei, daß die Berichte über meine Reisen Weltgeltung besäßen und daß es nur im Interesse des Reiches liegen könne, wenn ich über seine Grenze gelangen würde. Alle diese Versuche scheiterten an einem Punkte, den ich erwähnen muß, weil er mir als charakteristisch für die Gesinnung der Bläharier erscheint. Mein, wie ich zugebe, etwas absonderlicher Vorname Lemuel hatte die Vermutung aufkommen lassen, daß er eine Zusammensetzung aus den Worten Lehmann und Samuel vorstellen könnte: ein belastendes Moment, welches ich durch die Beteuerung zu zerstreuen suchte, daß ich mich den üblichen Formalitäten zur Erlangung eines Visums trotz meines hohen Alters getrost unterwerfen wolle! Wie bekannt, hat das Reichs-Rassen-Paß-Amt die Einsendung einer Blutprobe zur Bedingung für die Erlaubnis, das Reich aufzusuchen, gestellt. Ich hatte diesem Amt nun in Anbetracht der außerordentlich verlockenden Einmaligkeit der Aufgabe, die alle meine bisherigen Reiseerlebnisse und Erfahrungen sicherlich in den Schatten stellen würde, sogar angeboten, daß ich mich einer Sterilisierung unterwerfen wolle, was mir aber von dem genannten Amt erlassen wurde, da diese Prozedur bei einem zweihundert Jahre alten Mann nicht mehr nötig sei. Nach langem Warten erhielt ich meine Papiere vom Reichs-Rassen-Paß-Amt mit dem Vermerk »Genehmigt!« zugestellt. Eine ganze Seite meines Passes nahm das Hoheitszeichen des Reiches der Bläharier ein, der Hakenkreuz-Stempel, braun auf schwarzem Grunde. Wie bekannt, haben sämtliche dem Reich der Bläharier benachbarten Kulturstaaten um das Reich einen tiefen, mehrere Kilometer breiten, mit Wasser gefüllten und mit Schutz- und Isoliervorrichtungen neuester Konstruktion wohl versehenen Graben gezogen, welcher das Reich wie eine Insel im Herzen Europas erscheinen läßt. Kenner meiner Schriften dürften sich erinnern, daß ich alle meine Reiseerfahrungen auf Inseln gesammelt habe. Sehr verlockend erschien es mir deshalb, die Insel der Bläharier aufzusuchen, zu der schon längst alle Brücken abgebrochen worden waren und die man also nur durch Flugzeuge erreichen konnte. Ein Flugzeug setzte mich denn auch über den nordwestlichen, zwischen Belgien und dem Reich sich hinziehenden Wassergraben ab. Mein erster Eindruck von dem Reich waren unendliche grüne, systematisch mit Kohlrüben bepflanzte Felder; die Kohlrübe bildet ja seit Bestehen des Reiches die ausschließliche Nahrung von etwa 80 Prozent der Bevölkerung. Die Grenzwache ist wie das Militär des Reiches braun uniformiert und trägt ein Hakenkreuz in schwarzer Bemalung auf Brust und Rücken, von weitem sichtbar. Die Landesfarben sind braun und feldgrau. Die rote Farbe, die noch die alte Flagge geschmückt hatte, ist verschwunden. Nur auf den Landkarten des Reichs kommt sie noch als Bezeichnung der zahllosen, über das Gebiet Blähariens verstreuten Konzentrationslager vor. Sonst sind die Farben dieser Landkarten grün, soweit es sich um Kohlrübenfelder, und braun, soweit es sich um die Wälder handelt. Die Städte sind im Reich vollständig verschwunden. An ihrer Stelle hat man Eichenhaine gepflanzt, die, vom Teutoburger Wald ausgehend, mit dem Schwarzwald, dem Odenwald und dem Harz verbunden, ein einziges kompaktes Gebiet im innersten Bezirk des Reichs bilden. Es ist nicht jedermanns Sache, besonders wenn er aus den Kulturländern und -Städten Europas kommt, sich gleich an den Aufenthalt in diesen drei Bezirken: den Kohlrübenfeldern, den Konzentrationslagern und gar dem Wald des Reichs zu gewöhnen. Indes, was bleibt unsereinem zu tun übrig, wenn er seine Pflicht erfüllen will. Seit jeher war es ja mein Bestreben, mich den Lebensbedingungen der Länder anzupassen, die ich auf meinen Irrfahrten entdeckt habe. Von diesem Prinzip bin ich auch bei dieser letzten prüfungsvollen Fahrt nicht abgewichen. Ich habe nach wochenlangen Wanderungen durch das Reich der Bläharier drei Klassen unterscheiden können. Die herrschende Klasse des Reiches bilden die sogenannten »Osafs«, das sind die eigentlichen Bläharier, eine kleine Elite von Menschen, die in den Wäldern und auf den Bäumen wohnt. (Ich werde später zu schildern versuchen, wie diese Aristokratie aussieht.) Die nächste Schicht und Klasse ist die der »Heiloten«, ein Wort, das aus dem treudeutschen »Heil« und dem altgriechischen »helotes« (Sklave) zusammengeschweißt sein dürfte. In der Tat stellen die Heiloten den ehemaligen, heruntergekommenen Mittelstand vor, der durch lange geübtes »Heil«-Rufen sich zur Heilotenklasse entwickelt hat. (Einer Klasse, die auf keinen Fall mit dem Begriff »Proletariat« verwechselt werden darf!) Dem verpönten »Proletariat« stehen die Bewohner jener umzäunten Gebiete näher, die auf der Landkarte mit roten Flecken bezeichnet sind; dort sind sie untergebracht, besser gesagt, eingesperrt, noch besser gesagt: zu beschleunigtem Aussterben verurteilt. Es sind dies die »Konzentral-Europäer«. Sie leben unter strengster Zucht. Der Gebrauch des Alphabets wird mit dem Tode bestraft. Die Runenschrift, zu deren Ausübung ja griffeste Messer benötigt werden, ist ihnen, den Waffenlosen, untersagt. Die Runenschrift ist Vorrecht der beiden höheren Klassen, die diese griffesten Messer tragen dürfen, mit denen sie sich gegeneinander wehren, die Rinden einkerben, ihr Fleisch zerschneiden und sich gelegentlich in den Zähnen stochern. Die Sprache, in der sich die Konzentral-Europäer verständigen, wenn Bläharier zugegen sind, ist von äußerster Dürftigkeit. Ich habe als die Grundelemente dieser Sprache mir die Worte »hinlegen«, »marsch, marsch« und »Schnauze halten« notiert. Unter sich sollen sie eine Geheimsprache, die an die Taubstummensprache erinnert, eingeführt haben. Wer aber mit einem Schicksalsgenossen bei einem solchen stummen Gespräch ertappt wird, verfällt der Auspeitschung, die regelmäßig mit dem Tode endet. Die meisten Konzentral-Europäer, die mir zu Gesicht gekommen sind, hatten kahle Wasserköpfe auf verkümmerten Körpern ohne nennenswerte Behaarung. Sie schlichen trübselig wie im Halbschlaf an mir vorüber. Kein Wunder, denn wie ich erfahren konnte, ernähren sie sich mühselig von Kohlrübenstrünken sowie von Abfällen und Exkrementen geschlachteter Tiere, die sie mit Häcksel, Baumrinde und Erdschollen untermengt zu sich nehmen und die ihnen gelegentlich über die Drahtzäune ihrer Lager hinübergeworfen werden. In den Stunden zwischen dem gezwungenen Exerzieren, dem Heil-Unterricht und Kiesschleppen sah ich zuweilen Scharen von Konzentral-Europäern sich gierig über Pfützen niederbeugen und ihren Durst an dem dort befindlichen Regenwasser stillen. Manche standen auch abseits mit gekreuzten Armen und ließen ihre Blicke mit philosophischer Ruhe über ihre Schicksalsgenossen streifen ... Die nächsthöhere Klasse ist, wie erwähnt, die der Heiloten. Die Männer dieser Klasse sind blond, blauäugig, über und über rot behaart, mit langen, wirren Barten und Haarwuchs, bekleidet mit einem leinenen Lendenschurz von brauner Farbe. Hätten sie statt dieses Schurzes Felle um den Leib gewickelt, könnte man sie für Germanen halten. (Doch das Felletragen ist Vorrecht der obersten Klasse.) Die Heilotinnen schleifen lange Zöpfe hinter sich her. Sie tragen außer dem Schurz noch einen aus braunem Leinen zugeschnittenen Büstenhalter. Wenn sie ihre Kinder säugen, schieben sie den Büstenhalter zum Hals hinauf, den sie mit Ketten aus eingeschlagenen Zähnen ihrer Feinde kokett geschmückt haben. Ihre Brüste sind vom Kinderkriegen und Säugen überaus stark entwickelt. Ein letzter Rest ehemaliger Gebräuche zeigt sich in der Behandlung ihrer langen Nägel, die sie mit roter Farbe bemalen, ganz wie das dem Geschmack unserer westlichen Damen genehm zu sein scheint. Männer und Frauen dieser Klasse leisten produktive Arbeit auf den Rübenfeldern, im Gegensatz zu den Konzentral-Europäern, deren Tätigkeit von anderen Gesichtspunkten bestimmt ist. Äußerst sonderbar war es für mich, besonders während der ersten Zeit meines Aufenthaltes in Bläharien, unter den Heiloten Typen gänzlich unarischer Art zu entdecken! Mir wurde dann von meinem Begleiter, der mich seit dem Überfliegen des Grenzgrabens Tag und Nacht nicht aus den Augen gelassen hatte und der, wie ich bald bemerkte, in der Tasche seines Wamses neben meinem Paß die Glasröhre mit meiner Blutprobe bei sich führte, die Erklärung gegeben: die Heiloten seien nicht durchweg Arier, hätten sich aber den Blähariern in so bedingungsloser Weise assimiliert, daß sie in ihrem Gehaben, ja sogar in ihrer körperlichen Struktur und den primären und sekundären Merkmalen ihres Aussehens bei weitem arischer wirkten als ihre Herren, jene im Inneren der Wälder, der heiligen Haine, der Druidenhügel und der unterirdischen Kneiplokale wohnende Elite der Osaf-Arier. Nach langer und ermüdender Fahrt gelang es mir endlich, zu den Herren der herrschenden Kaste des Blähariertums selber vorzudringen. Ich bin durch meine früheren Fahrten an Überraschungen in bezug auf Typen menschlicher Art, ja sogar außermenschlicher Art, wie das in dem vierten Teil meines Buches: »Eine Reise in das Land der Houyhnhnms« nachzulesen ist, gewöhnt. Jedoch ergriff mich, als ich mich zum erstenmal unter diesen außerordentlichsten Zeitgenossen des gesamten Erdenrundes befand, zuerst ein an Entsetzen grenzendes Erstaunen. Ich könnte hier, wäre ich nicht der erste Reporter der Welt, eine kleine Sensationspause einschalten. Da ich aber diese Mätzchen gern meinen Nachfolgern überlasse, will ich sogleich die Ursache meines Entsetzens niederschreiben. Mit Mühe nur konnte ich beim ersten Anblick der höchsten Aristokratie der Bläharier einen Ausruf unterdrücken, der, in der Sprache meines Landes ausgestoßen, ja doch von niemandem verstanden worden wäre: »By God, they are Jews!!« Mein Begleiter gab mir, nachdem ich mich von meinem ersten Schrecken auf einem moosbewachsenen Stein notdürftig erholt hatte, sichtlich belustigt und aus vollem Halse lachend Auskunft. Die Osafs des Blähariertums haben sich nämlich durch fanatische und jahrelang systematisch betriebene Judenfresserei (Völker der Südseeinseln, die ihre Ahnen fressen, bilden eine Analogie, diese ist aber auch in den Schriften Siegmund Freuds aufzufinden) selber in ihrer physischen Konstitution fast gänzlich zur Form ihrer vernichteten Feinde verwandelt! Ich sage »physisch« – geistig verhält sich die Sache nicht in derselben Weise. Wenn sie nämlich die gehaßten Juden fraßen, gehörte es zu ihrer Gepflogenheit, deren Gehirne mit den Eingeweiden und Exkrementen auf einen Haufen zu werfen, welcher dann, wie erwähnt, mit anderem ungenießbaren Zeug über die Drahtzäune der Lager den Konzentral-Europäern als Nahrung zugeschleudert wurde ... Die eigentlichen Bläharier, unumschränkte Herren des Reichs, sind also in ihrem Aussehen richtig jüdisch zu nennen. Von den zeitgenössischen bildlichen Darstellungen blicken uns ja bereits die unsterblichen Gründer des Reichs, z. B. der Dr. Goebbels, der Dr. Ley, ja in mancher Beziehung sogar der Oberste Erlöser mit typisch jüdischen Zügen an! Die Behaarung der Osafs ist schwarz. Ihr Bart und ihr Haar, das unter dem hörnerbewehrten Helm hervorquillt, ist von schwarzer Farbe. Die Locken, die sie sich an beiden Seiten ihrer Stirn lang wachsen lassen und die sie mit verliebten Fingern zu kräuseln pflegen, sind blauschwarz. Ihre Füße, stark, groß und platt, sind einwärts gebogen. Ihre Handflächen nach außen. Ihr Gang ist kräftig wackelnd. Bei leidenschaftlichen Erörterungen pflegen sie den Kopf heftig zu schütteln, wobei ein zischendes Geräusch ihren gedunsenen roten Lippen entquillt. Zumal ihre stark gewölbten, knochigen Nasen erwecken die Vermutung in dem fremden Beschauer, daß er einen verlorenen Stamm des Volkes Israel vor sich habe! Seit sie fast alle verfügbaren Juden des Reiches verzehrt haben, befassen sie sich mit Viehzucht. Ungegerbte Häute dienen ihnen zur Kleidung, und es böte für den, der nicht Bescheid wüßte, einen sonderbaren, belustigenden Anblick, in Felle gekleidete Juden auf den Bäumen herumklettern zu sehen. Es ist anzunehmen, daß, wenn sich das Rinderessen (die Bläharier verschmähen die Schweinezucht) eingebürgert haben wird, der heutige Typus der aristokratischen Osafs sich zum Ideal der blonden Vorfahren im Teutoburger Wald zurückentwickeln wird, den vorläufig nur die Heiloten repräsentieren. Lassen Sie mich noch rasch einige Bemerkungen hinzufügen, die mir besonders als Schiffsarzt wissenswert erschienen sind. Bestimmte Organe der Bläharier, die schon durch ihre Bezeichnung den kriegerischen Charakter des menschlichen Körpers kennzeichnen, sind bei ihnen hypertrophisch entwickelt, so die Schilddrüse und der Schwertfortsatz. In manchen besonders feudalen Familien hat sich das Blähariertum bis zum Kropf entwickelt. Diese Familien bilden die unbestrittene Elite. Die Zähne der Bläharier sind stark und stehen nicht gerade in den Kiefern. Bei manchen zeigen die Eckfahne die Form von Eberhauern. Da sie das Fleisch roh essen, nachdem ihre Frauen es durch langes Draufsitzen weichgedrückt haben, sind sie vollblütig und brauchen starke Met-Zufuhr, welche in den unterirdischen Kneiplokalen vor sich geht. Bei einem solchen Gelage soll sich die erste verhängnisvolle Spaltung unter den Blähariern vollzogen haben. Der oberste Osaf der Reichs-Rassen-Behörde hatte erklärt, Berthold Schwarz, der Erfinder des Schießpulvers, könne nicht nur, weil er einen kompromittierenden Vor- und Vatersnamen trüge, sondern vor allen Dingen, weil er das Schießpulver erfunden habe, kein reinrassiger Vorfahr des Blähariertums gewesen sein. Daß man daher wieder zur alten Form der Kriegführung mit Pfeil und Bogen, Katapult und brennendem Pech zurückkehren müßte! Es wird berichtet, daß die Austragung dieser fundamentalen Streitfrage ein großes Morden im Reich der Bläharier hervorgerufen habe. Viele Hunderttausende von Konzentral-Europäern und Heiloten seien bei diesem Streit ums Leben gekommen. Doch im Gegensatz zur Druckerpresse haben sich die modernsten Kriegsmittel im Reich der Bläharier schließlich doch durchgesetzt und behauptet. Lassen Sie mich bitte für heute meinen Bericht schließen. Sollten Sie auf weitere Einzelheiten neugierig sein, so bitte ich Sie, mich dies durch Rundfunk wissen zu lassen. Bedenken Sie dabei, daß ich ein 200 Jahre alter Mann bin, daß dieses Abenteuer für mich ein so erschreckendes und anstrengendes ist, daß ich es gar nicht mit meinen früheren Reisen nach Lilliput, Brobdingnag, Laputa, Luggnagg, zu den Houyhnhnms und so weiter vergleichen kann. Und auch den Umstand bitte ich Sie zu berücksichtigen: von allen meinen früheren Reisen konnte ich Erfahrungen mit nach Hause bringen, die mir im Interesse einer Fortentwicklung der Menschheit wertvoll erschienen sind. Diese Bedingung ist bei meiner gegenwärtigen Reise zu den Blähariern nicht erfüllbar. Mit ergebensten Grüßen verbleibe ich Ihr Lemuel Gulliver. Antworten auf eine Enquête der Moskauer »Literaturzeitung« Vorbemerkung der Redaktion: Die »Literaturzeitung« in Moskau richtet an verschiedene namhafte Schriftsteller Deutschlands die folgenden vier Fragen: Wie verhalten Sie sich zur Oktoberrevolution? Welchen Ausweg sehen Sie aus der gegenwärtigen wirtschaftlichen und kulturellen Krise in Europa? Welches ist Ihre Einstellung zur Sowjetliteratur? Arbeiten Sie gegenwärtig an einem Werke, und welche Probleme werfen Sie darin auf? 1. Ich war schon 48 Jahre alt, als die Revolution des Oktjabr das russische Proletariat befreit und den ersten gewaltigen Schritt zur Befreiung des Weltproletariats getan hatte. In diesem meinem vorgeschrittenen Alter habe ich die Verwirklichung all jener Arbeit, Wünsche und Hoffnungen gesehen, die mein Leben bis zur Oktoberrevolution geführt hatten. Seither bin ich ohne nennenswerte Schwankungen mit dem, was in Rußland die Revolution geschaffen hat, im Einverständnis und in tätigem Kontakt geblieben und werde es bleiben, solange ich arbeiten, denken und fühlen kann. 2. Ich sehe in Europa und Amerika die Vorbereitungen zum entsetzlichsten Krieg der Weltgeschichte. Ein Vorgang, welcher durch Protestkundgebungen und vereinzelte Aktionen nicht aufzuhalten ist. Es handelt sich darum, durch Revolutionen den noch immer in seiner Agonie schwer bezwingbaren Kapitalismus zu zerschlagen. An eine Evolution glaube ich nicht. Halbe Maßregeln und sozialdemokratische Paktiererei sind zu nichts nütze. Der große kommende Krieg wird überall den Nationalismus zerstören und sich in Klassenkrieg umwandeln. Der Ausgang dieses Weltschicksals wird in den Weltkommunismus führen. 3. Ich halte die Sowjetidee für dermaßen gefestigt, daß die Sowjetliteratur (die kommunistische Literatur aller Länder) den Kreis ihres Betätigungsgebietes über das rein propagandistische hinaus spannen darf. Die Sowjetdichter haben durch die von Sieg zu Sieg der Sowjetidee schreitende Epoche von 15 Jahren diese Idee dermaßen in ihr Fleisch und Blut aufgenommen, daß die entlegensten Gebiete der Phantasie und der Realität in den Kreis der Sowjetdichter ohne Schaden für die Idee des Oktjabr einbezogen werden können. 4. Ich habe soeben ein Buch: »Die Legende Morosoff« beendet, das in rhythmisch gehobener Prosa das wunderbare revolutionäre Leben des noch heute in Leningrad wirkenden Astronomen Nicolai Alexandrowitsch Morosoff sowie seiner heroischen Gefährten der »Narodnaja Wolja«-Bewegung behandelt. Der Verleger meiner Bücher S. Fischer in Berlin glaubt, dieses Buch den deutschen Zeitumständen gemäß gegenwärtig nicht veröffentlichen zu können. Ich rechne für die Veröffentlichung dieses für mein Gefühl gelungenen und bedeutsamen Buches auf die tätige Hilfe meiner russischen Genossen. Grußschreiben an den Kongreß der sowjetischen Schriftsteller Einen Gruß, Genossen, aus dem untergehenden Europa. Wir haben unsere Arbeit unterschätzt. Unsere Arbeit ist noch zu tun. Ein Wort Nietzsches besagt: Was fällt, das soll man auch noch stoßen. Dieses Wort ist falsch, wie so viele Worte des am meisten mißdeuteten Moralisten der jüngstvergangenen Epoche. Unsere Aufgabe steht noch ungelöst und ungetan vor uns. Was aufgerichtet werden soll, das muß bereits vor dem Chaos vorbereitet werden. Das Chaos wird bald über uns herein stürzen. Alle Formen der Gemeinschaft unter Menschen werden unter diesem Chaos begraben liegen: Parteien, Staatengebilde, Rassen und Klassen. Unsere Aufgabe ist es, zu verhindern, daß aus dem Chaos sich als Überlebende Jene wieder aufrecken, die den Zusammenbruch verursacht haben. Wir müssen heute schon Jenen das Feld bereiten, die wir in der Zeit vom Oktober 1917 bis heute ihren eisernen Weg vorausschreiten sahen. Möge der Kongreß die Parole ausgeben und möge sie befolgt werden. Juni 1934 Der Stierkampf Max Kesselring kommt nicht zurück. Max Kesselring bleibt hier. Wenn du nach Aschaffenburg kommst auf Urlaub, so geh einmal zur Nacht, wenn dich niemand sieht, zum Schornsteinfegermeister Kesselring in der Äußeren Angergasse und sage dem Meister einen Gruß von mir. Aber sieh dich gut um, ob niemand anders es hört, denn der Befehl ist: niemand darf es erfahren, wie unsereiner dahier zum Teufel geht! Und Maxe Kesselring ist auf eine besondere Art zum Teufel gegangen, das kann ich woll sagen. Nicht so wie die meisten von uns, abgeschossen und zerschmettert und verbrannt, oder hinter der feindlichen Linie an die Wand gestellt, sondern auf eine Art und Weise, die die Frau Meisterin Mutter ihrem Mäxele gewiß nicht in die Wiege gesungen haben wird. Du mußt wissen, Max Kesselring war Mechaniker in unserer Staffel: Hauptmann von Sommerwitz, Pilot Ingenieur Weber. Als wir bei Nacht und Nebel 11 000 Meter hoch über die Wolken flogen, so hoch wie wir noch nie bei einem Übungsflug geflogen waren, und es sich herausstellte, daß es gar kein Übungsflug war, sondern daß es nach Spanien ging, damit wir dort für den General Franco gegen die Bolschewisten kämpfen sollen, die »die deutsche Kultur ausrotten wollen« – da hatte Maxe, kaum waren wir angekommen, nur die eine Idee gehabt: Spanien – Stierkampf! Einen Stierkampf erleben, einen Stierkampf! In seiner Jugend hatte er im Katholischen Wochenblatt gelesen, wie ein solcher Stierkampf aussieht: der Stier aus hundert Wunden blutend, mit gesenktem Kopf anrennend gegen den Toreador – du weißt doch: tamtaa-deramtam–Carmen, letzter Akt! –, der Toreador mit dem waagerecht gezückten Degen erwartet den Stier gleichmütig und elegant, um dann, wenn der Stier ganz nah herangekommen ist, ihm den Degen bis an den Griff zwischen die Hörner zu stoßen. Das wollte er sehn, Maxe; dann hatte es sich gelohnt, sagte Maxe. Diese Geschichte, wie der Toreador dasteht und den Stier erwartet, gleichmütig und elegant, hatte er uns so oft erzählt, wieder und wieder, wenn wir in der Kantine saßen oder im Quartier nach der Arbeit, daß wir am Ende den Alten selber darum baten, er möchte doch Maxe endlich seinen Wunsch erfüllen, damit wir das ewige Lamentieren nicht mehr zu hören brauchten: nun hat man uns in dieses stinkende Scheißland fliegen lassen, wo wir nichts zu suchen haben und alles nach ranzigem Öl duftet, die Ruinen sind noch voll von diesem Gestank, und wenn man einen von den Bolschewisten noch lebend in einem Keller erwischt, so haucht er dir seinen Ölgestank in die Nasenlöcher, daß du tot umfällst. Und wir sind doch auch nicht dazu in dieses Scheißland geflogen, damit man uns Nacht für Nacht Tänze von den paar an-da-lu-sischen Huren vorführt, die wir in Aschaffenburg im Eldorado und in jedem Kintopp besser zu sehn bekommen können. Wenn man uns nicht endlich einen richtigen Stierkampf vorführt, so türme ich, das kannst du mir glauben, heilige Mutter Gottes, umsonst bin ich nicht 11 000 Meter hoch über dem Mont Blanc geflogen, ich will einen Stierkampf sehen, einen Stierkampf , das kannst du von mir dem Alten sagen!! Und wirklich, nachdem wir Guernica genommen hatten und auch noch Amorebieta und ein paar Dutzend solcher Nester und die Hälfte von uns abgeschossen war und von der übrigen gebliebenen Hälfte die Hälfte erklärte, sie wollte nicht mehr, man möchte sie nach Hause schicken, sie seien zur Übung aufgestiegen und nicht hierher, wo wir Deutsche doch nichts zu suchen hätten und wo man uns Nacht für Nacht diese Huren und Zigeunerinnen tanzen ließ, daß man den Tripper bekam schon allein vom Zusehen, da genehmigte der Alte schließlich, was man von ihm verlangte, denn wenn man droht, dann wird man nicht immer erschossen, besonders wenn es in dem Abschnitt nicht mehr genug Mechaniker gibt – und so wurde also, als wir Bilbao erobert und besetzt hatten, endlich ein freier Feier- und Festtag anberaumt und bekanntgegeben, und in der Arena (das Wort bedeutet Sandhaufen), in der Arena ein Stiergefecht angesetzt für die deutsche Besatzung, und die italienische und auch für die spanische, die der neue General Sowieso, ich weiß nicht, wie das Biest heißt, früher war es leichter zu merken, da hieß er Mo-la, befehligte. Ein richtiger Stierkampf mit richtigen Stieren und dem berühmten marokkanischen Toreador Sidi Mohammed ben Scheiße; bei Gott ein wunderbares Programm! Und außerdem sollte es noch einen Glanzpunkt geben, aber den kannte Maxe allein, und den wollte er für sich behalten, damit sein Verdienst größer aussehe, denn von ihm ging ja die ganze Geschichte aus, obzwar wir es waren, die das Ding bei dem Alten durchgesetzt hatten! Die Requetes wurden gleich dazu kommandiert, die Blutklumpen und Überreste aus dem Sand fortzuschaffen, denn dort hatten wir ja tags zuvor einen überraschten Haufen von solchen Bas-ken-bol-schewisten zusammengeknallt, und so wurde die Arena instand gesetzt für die große Haupt- und Staatsaktion, mit der man uns Deutsche für die tüchtige Arbeit zu belohnen gedachte, die wir doch geleistet hatten, Donnerwetter nochmal oder etwa nicht, und bei der die größere Hälfte von uns Übriggebliebenen in den Sand gebissen hatte, denn Gras gabs weit und breit keines mehr, das hatten die Baskenschweine weggefressen, als die Hungersnot in der Stadt anfing.   Schon am frühen Morgen stelzte Maxe Kesselring im Quartier vor uns allen herum, als Macher vons Janze – aber das muß ja zugegeben werden, er war es, der diese Idee, man müsse die Deutschen durch einen Stierkampf belohnen, uns als Floh ins Ohr gesetzt hatte, so andauernd, bis es also nicht mehr ging und alles nach dem Stierkampf schrie und man ihn uns versprach. Denn bei dem Leben, das unsereiner so führt – aber das brauchst du dem Schornsteinfegermeister nicht wiederzuerzählen! –, da kann es leicht zu einer Rebellion kommen: man weiß nicht wie – einer kriegt, wenn man ihm einen Wunsch abgeschlagen hat, hastenichtjesehn, den Koller und geht los, entweder auf die Motore oder noch besser auf einen von den hochmögenden B. M. F. – und dann gibt es Krach, ein Schwarm macht nicht viel her, sondern läuft mitsamt dem Maschinengewehr zu den Roten über, die uns ja im Grunde nichts getan haben, und das ist tunlichst zu vermeiden. Also Maxe Kesselring lief herum und erzählte, daß es nicht nur den berühmten marokkanischen Toreador wohl geben wird, sondern vor allem einen ebenso, wenn nicht noch berühmteren To-ro, einen Stier, dessen Auftritt eine ungewöhnliche Sensation geben wird, von der nicht nur die baskische Provinz, sondern bald das ganze Spanien erzählen wird. Voll von seinem Geheimnis, stelzte Maxe vor uns auf und nieder, als wüßte er etwas geradezu Staatsgeheimnisvolles, aber es war ja doch bloß der Stier, von dem die Rede war, denn der General Mola war schon seit einigen Wochen krepiert und den neuen General Sowieso kannte bei uns kein Hund. Also wozu das Aufsehen? Er war eben ein Wichtigtuer, Maxe, wenn du ihn gekannt hast, muß dir seine dummdreiste Fresse im Gedächtnis geblieben sein. Aber die Erwartung war bei uns geweckt, und jeder versprach sich von dem Abend etwas Außergewöhnliches, davon man zu Hause, wenn man einmal gefragt würde, und auch ungefragt, noch lange erzählen können wird, eine richtige Cor-ri-da, noch dazu noch mit einem berühmten richtigen Toro, der schon in manchem Kampf seinen Stier gestellt haben sollte – obzwar ich nicht weiß, wie? denn sonst kommt doch kein Stier lebend aus einem Kampf in den Stall zurück? Aber darauf hatte Maxe nur ein Lächeln. Ihr werdet schon sehen!! Nach einigem Hin- und Herreden erklärte er dann geheimnisvoll, daß es sich nicht um einen richtigen Stier handele, sondern um »El-To-ro!« , den weithin bekannten, jetzt bei der Einnahme des Ortes Lar-ra-bu-e-za gefangengenommenen Baskenführer Lar-di-a-za-bal , einen gefährlichen Bolschewistenteufel, der seit Beginn des Bürgerkrieges an allen Fronten gekämpft hatte und auf dessen Kopf ein Preis gesetzt war – jetzt hatte man den »El-To-ro« endlich erwischt und man würde ihn am Abend in der Arena in Lebensgröße zu sehen bekommen! Das war die Extrawurst, die man uns Deutschen gebraten hatte und servieren wollte, um unsern Hunger nach außergewöhnlichen spanischen Gerichten zu stillen; denn das Bombardieren von armseligen zerschossenen Nestern und das Querfeldeinverfolgen von fliehenden Weibern und humpelnden Greisen und quäkenden Kindern, die sich in die Hosen machten, wuchs manchem unter uns schon lange zum Halse heraus. Am Abend also zogen wir mit klingendem Spiel durch die eroberte Stadt Bilbao, hinaus in die Arena, Plaza de toros genannt, wo das Schauspiel für uns abgehalten werden sollte. Von der Zivilbevölkerung war kaum mehr etwas zu sehen. Nur aus einigen Fenstern sah man sone alte abgehärmte Weiber ihre Säuglinge in die Höhe heben. Das galt aber nicht unserer siegreichen Staffel, sondern den paar elenden Kühen, die wir mit uns führten, um sie in der Arena beim Stiergefecht »Stier« spielen zu lassen. Die Weiber meinten, jetzt habe die siegreiche Franco-Armee also Milchkühe in die Stadt getrieben, die Stadt hatte seit Monaten keine Milch mehr gesehen, und jetzt hatte der große General Franco also Milch für die Säuglinge mitgebracht. In Friedenszeiten muß das schon ein großartiger Anblick gewesen sein, fast so schön wie unser Stadion im Grunewald, dieses riesige Rund, wohl von 50 000 Zuschauern besetzt, Sonntag für Sonntag! und bumsvoll bis auf den letzten Platz. Diesmal waren wir aber kaum 200–300, bis auf eine Handvoll Requetes hatten sich die Spanier nicht sehen lassen, die Marokkaner waren dagegen fast vollzählig, dazu saßen die Anwesenden gar nicht beisammen, sondern: die Requetes und die Marokkaner möglichst weit weg von uns weg und von den Faschisten – Katzelmachern. Und diese und wir auch möglichst weit voneinander weg. Denn was hatten wir auch mit diesen da zu tun! Diese Provinz hatten wir erobert und nicht sie. Jetzt kamen sie daher und setzten sich in die Arena, um den Stierkampf zu sehen, der doch auch von uns gestartet worden war und nicht von ihnen. – Um gut zu sehn, wie zwei armselige Ochsen und ein paar schlappe Milchkühe von den Marokkanern mit krummen Säbeln zerfleischt wurden – schöner Stierkampf das –, hatten sich die Zuschauer in die oberen Sitzreihen begeben. Nur Maxe Kesselring mit seinem Busenfreund Mietze Huber aus Landshut hatten sich ihre Plätze hart an der Barriere ausgesucht; kein Wunder: die beiden, Maxe und Mietze, hatten ja ihre glorreiche SA-Dienstzeit im Dachauer Lager abgedient und wollten jetzt gern wieder einmal Blut sehen, nicht weit von oben, sondern gleich hier in greifbarer Nähe! Wie die Zuschauer, die nichts von dem Geheimnis wußten, das Maxe, der doch kein Geheimnis bei sich behalten kann, ein paar Leuten von unserer Staffel ausgeplaudert hatte, und die nur das Abschlachten der armseligen Kühe und Ochsen durch die marokkanischen Scheißhunde mit ihren krummen Säbeln, das, als Stierkampf frisiert, sich vor uns abgespielt hatte, mit angesehen hatten und nun genug davon hatten, na also, ich sage: es war eine ziemliche Unruhe unter den Anwesenden ausgebrochen. Besonders die Katzelmacher gaben sich empört; also, es hallten Rufe, Pfiffe und Geschrei von den Bänken wider, Maxe war wie ein beleidigter Schaubudenbesitzer auf seinen Sitz gestiegen und schrie unverständliche Worte nach rechts und links hinauf, wobei er mit den Händen Gebärden machte, die man als Beschwichtigungsversuch auffassen konnte, oder für: wartet, es kommt noch! Er wußte ja, daß alles nur Vorspiel gewesen war und daß der versprochene Stierkampf erst noch bevorstand. – Nach der letzten Kuhabschlachtung begannen denn schon etliche von den Plätzen der Requetes aufzustehen und zu den Ausgängen zu drängen, als sich plötzlich die Tore zu den Ställen in der Barriere weit öffneten und statt einer Kuh, eines Ochsen oder eines Stiers ein Mensch auf den Sand hinausgestoßen wurde, ein lebender Mensch, kurz und breit gewachsen, wie es die Basken allgemein sind, schwarzbärtig, stiernackig und mit kurzen krausen Haaren, über denen eine Mütze saß, aber keine Baskenmütze, sondern eine aus Leder mit zwei richtigen Hörnern, vorne auf der Stirn versehen, und unter dem Kinn und hinten am Halse mit einer Schnalle zugebunden. Dieser Mensch war Lardiazabal, »El-Toro«, wie es Maxe Kesselring verkündet und versprochen hatte, und viele von uns erkannten auch in der Verkleidung den aus illustrierten Zeitungen und an die Mauern angeschlagenen Steckbriefen bekannten Kopf des wilden Führers der baskischen Revolutionäre. Man hatte dem Zabbel, wie wir ihn nannten, seinen Bauernkittel gelassen, der war über und über mit Blut besprenkelt und vollgesogen, wie auch die Hände und die nackten Füße und das Gesicht des Mannes. Hände und Füße waren fest mit engen Stricken gebunden, so daß der Mann bei jedem Schritt auf die Knie und auf alle Viere fallen mußte, den Kopf mit den Hörnern nach vorn, ganz wie ein kleingeratener Stier anzusehn, mit seinen starken Beinen und hilflosen kurzen Armen. Mit gewaltsamen Stößen gelang es ihm immer wieder, sich aufzurappeln, er wurde aber sofort von Kerlen mit Pieken, spitz zulaufenden dünnen Eisenstäben, gestochen, gepiekt und verwundet, so heftig, daß Zabbel immer wieder nach kurzem Aufrechtstehen wieder auf alle Viere niedergehen mußte, den Sand unter sich mit frischem Blut tränkend. Aber der Bursche war ja ein Bulle, ein Büffel ... Wir sahen dieses Schauspiel an; direkt zum Kotzen war das. Man konnte sehen, worauf es hinausging, denn schon war in der offenen Tür zu den Ställen der riesige vielgenannte maurische »Toreador« Sidi Ben Mohammed sichtbar. Stolz und mit verschränkten Armen wartete er auf das Zeichen, das ihm die Kerle mit den Pieken geben sollten. Zabbel versuchte immer wieder, eine von den Eisenpieken mit den gebundenen Händen zu erwischen, aber die Burschen waren natürlich im Vorteil, denn sie hatten ja die Hände frei, dem Zabbel seine aber konnten sich nur zusammen und zwar nur einige Zentimeter weit bewegen. Doch trotzdem versuchte Zabbel immer wieder mächtig eine von den Pieken zu fassen. Maxe Kesselring war ganz außer sich geraten. Er stand auf seinem Sitz und fuchtelte mit den Händen in die Arena hinunter. Wahrscheinlich waren ihm die Kerle mit den Pieken zu schlapp; er feuerte sie an, die aber blickten nur hinauf zu Maxe, spuckten aus und taten weiter wie ihnen befohlen war. Der Sidi trat jetzt vor und näherte sich Zabbel. Sidi hatte ein großes rotes Tuch zwischen den Fäusten, ein solches Tuch, wie es bei richtigen Stierkämpfen vor dem zu Tode gereizten Stier hin- und hergeschwungen zu werden pflegte, um aus dem sterbenden Biest noch den letzten Funken von Wut herauszulocken, ehe ihm der Garaus gemacht wurde. Das Tuch aber, das der Sidi in großen Schwüngen vor Zabbel hin- und herschlenkerte, war kein gewöhnlicher roter Fetzen, sondern es war zu sehen, daß es von einer benagelten Stange heruntergerissen worden war: es war ein rotes Fahnentuch, mit dem Sichel- und Hammer-Zeichen von diesen Bolschewisten bemalt! Als er bemerkt hatte, was da vor ihm hinund hergeschwungen wurde, da wurde der Zabbel plötzlich ganz still. Mit stierem Blick, auf allen vieren unbeweglich, sah er zu dem Mauren und seinem Tuch auf. Von den Rängen waren hier und dort Schreie zu hören, Rufe: »Arriba, arriba España«, am lautesten von Maxe und seinem Freund, der eine schrille Weiberstimme besaß und wie ein tollgewordenes Marktweib keifte. Der war woll geil geworden von dem Blut, das unter seinem und Maxens Platz von dem Körper des »El Toro« in breiten Bächen herunterfloß. »Arriba!« »Arriba España!« so scholl es von den Rängen, wo die Requetes saßen und die Katzelmacher. Aber ich muß sagen, dieses Geschrei währte nicht lange, schließlich waren es nur noch Max und Mietze, die weiter kreischten und zeterten. Zabbel blutete so stark, daß man jeden Augenblick erwarten konnte, er werde sich auf die Seite legen und der Sidi wäre um seine Arbeit betrogen. Aber nein, es schien, daß Leben in den blutenden Körper kam, sogar gelang es ihm, die Hände aneinander zu reiben, um den Strick zu lockern oder zu zerscheuern, die Hände, die nur mehr zwei blutige Klumpen waren, wie auch die Füße und das Gesicht, kaum zu erkennen. Er stieß, ganz wie ein Stier, ein tierisches Gebrüll aus, reckte sich auf, fiel wieder nieder und versuchte nun, genau wie ein verendender Stier, mit zuckenden Sätzen sich in die Nähe des offenen Tores zu bewegen, zu den Ställen, um nicht vor den Augen der Zuschauer zu verrecken. Da stand aber der Sidi schon. Er hatte das Tuch weggeworfen, und darunter kam ein kurzes Messer zum Vorschein. In unmenschlicher Freude oder Begeisterung beugte sich Maxe ganz tief über die Barriere, um nur keinen Augenblick zu versäumen. Er schrie zu Lardiazabal Worte hinunter, die kein Mensch verstehen konnte; es war ein tierisches Geheul, aber nicht so wie das, das Lardiazabal von sich gab; ein Geheul, das sich überschlug und das grauenhaft war, man konnte es gar nicht mehr anhören, es hallte wider in dem riesigen weiten Raum. Da aber geschah folgendes. Ehe man sich recht versehen konnte, wie und auf welche Weise er das zuwege gebracht hatte, wie er das zuwege bringen konnte , hatte sich Lardiazabal mit einem Schwung gegen die Barriere geworfen. Wahrscheinlich hatte er, ohne daß es jemand bemerken konnte, den Strick, der seine Hände gefesselt hielt, schon vor einigen Minuten zerrieben, vielleicht auch mit einer Pieke halb aufgerissen, kurzum, er hatte plötzlich die Hände frei und schwang sich mit einem wilden Schwung hinauf zum Rande der Barriere, wie ein Turner, die Füße gebunden, aber der Körper von unmenschlicher Kraft erfüllt – schwang sich hinauf und rannte eines seiner Hörner Maxe Kesselring in den Bauch. In der Arena war es ganz still geworden. Von außen her, aus der Stadt, hörte man vereinzelte Schüsse, eine Explosion. Von dem Platz über der Barriere war Röcheln zu hören. – Mietze keifte weinerlich irgendwo unter einem entfernten Sitz – das Röcheln aber, das wir zu hören bekamen, kam nicht von einem einzelnen Menschen oder Tier, sondern es waren Maxe und der Zabbel, die, zwei Sterbende, einen einzigen Laut zusammen ausgestoßen hatten. – Tags darauf erfolgte der Appell, und Hauptmann von Sommerwitz hielt über dem Sarge Maxe Kesselrings die Totenrede. Sie war kurz und kernig und schloß mit dem Satz: »Ruhe stolz, Kamerad! Du bist auf dem Felde der deutschen Ehre gefallen.« Auf dem Marsch durch die besiegte Stadt Bilbao sangen wir das Deutschlandlied, den »Guten Kameraden« und den Horst Wessel.   Erzähle das, Kamerad, wenn du bei Meister Kesselring vorsprichst, sein Sohn, ein kühner Flieger, wurde im Tode durch den Hauptmann von unserer Staffel geehrt und mit militärischen Ehren begraben. Der Heldenfriedhof der deutschen Besatzungsarmee in Bilbao wurde durch seine Bestattung eingeweiht. Wir werden Maxe Kesselring nicht vergessen. Sage das dem Meister, seinem Vater, und auch der Meisterin. Sie sollen aber beide reinen Mund halten! Sage ihnen das! Sage dem Meister auch, daß ich wahrscheinlich nicht mehr in die Heimat zurückkehren werde. Aber das steht fest: was auch kommen mag, ich werde, wie Maxe Kesselring es tat, bis zum letzten Atemzuge meine Pflicht gegen Führer, Heer und Vaterland erfüllen.