Jura Soyfer Briefe, Gedichte, Kurze Prosa Briefe 24. Juli Mein Liebling! Diesen Brief schreibe ich Dir auf der Maschine des Sigi , einen Tag, nachdem ich in Berlin angekommen bin. Ich hatte ursprünglich die Absicht, von Braunschweig ins Rheinland zu fahren, weil dort immer was los ist, aber ich hielt es einfach nicht länger ohne AZ und Nachrichten von Ludwig aus, da ich niemals sicher war, einen Bericht zu schreiben, den Ludwig noch nicht geschrieben hatte. Die Artikel Ludwigs habe ich inzwischen gelesen und habe festgestellt, daß es Artikel sind, wie sie typisch nur er als entsandter Sonderkorrespondent schreiben konnte, während ich als gelegentlicher Berichterstatter unmöglich so allgemeine Sachen schicken kann. Die Frage, auf die ich besonders neugierig war, nämlich, wie er seine politische Kritik der jetzigen Ereignisse bei der AZ, die doch unmöglich ihre deutsche Bruderpartei beflegeln kann, anbringen wird, hat sich meiner Erwartung gemäß gelöst: er schreibt nämlich überhaupt keine politische Kritik. Die kritischen Glossen eines vernünftigen Menschen zur Taktik der SPD können heute bloß in einer Reihe von wilden, nicht salonfähigen Flüchen bestehen, die in keiner Tageszeitung ihren Platz finden könnten, was ja auch das heutige Verbot der Roten Fahne bewiesen hat. Ludwig selbst habe ich noch nicht sprechen können, da er den Kanitz, der hier in SAJ-Versammlungen spricht, nach Chemnitz begleitet hat. Deine Gefühle bezüglich der bisherigen praktischen Erfolge meiner Reise teile ich einigermaßen. Nur darfst Du nicht vergessen, daß ich bis jetzt erstens nie wußte, was ich eigentlich zu schreiben hätte (Ludwig), und zweitens durch das prachtvoll vonstatten gehende, aber Tage in Anspruch nehmende Tippeln samt unbequemen Übernachtungen wenig zum Schreiben kam. Ich habe bis jetzt nur einen Artikel an die AZ über den Naziüberfall auf das Gewerkschaftshaus in Halle geschickt. Hoffentlich bringen sie ihn. Heute und morgen will ich, da es reichlich spät ist, mich wild in die Arbeit für Kleines Blatt , AZ und wenn möglich Kuckuck stürzen, um nach Möglichkeit vor dem 31. noch viel anbringen zu können. Ich lebe hier bei Sigi, der wirklich sehr nett ist. Gestern habe ich den Abend mit seinem Kreis, oder besser gesagt einem Teil desselben (denn sein Kreis besteht aus 20 Mann, die Freien Soz. Schüler Berlins, ist sehr lebendig und hat dreimal sympathischere erotische Formen als der unsere), verbracht. Berlin ist eine derart entmutigend große Stadt, daß die drei Gänge, die ich gestern tagsüber zu erledigen hatte, mir den ganzen Tag verschlangen. Die Stimmung hier ist mies und interessant. Die SP hat, Deinem frommen Wunsch nicht folgend, schmählich kapituliert und eine große Gelegenheit versäumt, da der Staatsapparat und die Ideologie der Arbeiter relativ günstig für ein Losschlagen waren. Die Arbeiterschaft Deutschlands ist durch und durch revolutioniert, und es kommen einem Tränen in die Augen, wenn man sieht, wie diese prachtvollen Proleten mit ihrer ganzen Kampfenergie an den Stempelstellen verrecken müssen, weil Wels Wels und Thälmann Thälmann ist. In Braunschweig habe ich Hitler gehört (die Unkenrufe Sigis bezüglich Gefährdung meiner Person als Jude haben sich endgültig als Bluff erwiesen) und war über die Geistlosigkeit und Brutalität dieses Massenbezauberers baff. Warum meine Mama entsetzt war, ist mir ein Rätsel. Ich habe ihr ziemlich regelmäßig geschrieben. Um auf das Thema »schreiben« noch mal zurückzukommen: Mehr als drei oder vier Artikel per Zeitung hätte ich ohnehin nicht gebracht, und dazu habe ich jetzt noch, wenn auch knapp, Zeit. Das nebenbei. An eine Tippelei mit Mitza denke ich nicht. Das Tippeln als solches macht mir, trotz meiner hiesigen Tagesleistungen von 350 km, keinen großen Spaß, und meine Sehnsucht nach Dir nimmt störende Dimensionen an, Liebling. Ich bleibe zwar vielleicht ein wenig länger in Berlin, komme aber dann nach Wien. Ich hoffe, daß die Briefzensur des militärischen Befehlshabers Berlins keinen Anstand an der Versicherung nehmen wird, daß ich Dich sehr liebhabe und mich furchtbar auf Dich freue, Liebling. So sicher wie ich weiß, daß der ADGB keinen Streik proklamieren wird, so sicher weiß ich, daß ich Dich gern habe, und das will etwas heißen. Ich hoffe, daß Du mich auch noch magst, obwohl ich nicht einen Leitartikel in der AZ hatte, übersende Dir hiemit einen größeren Posten von langen Küssen und warte auf Deine Antwort, mein goldener Liebling. Jura. Meine Adresse: Berlin-Halensee, Johann-Georg-Straße 11, bei Eisenberg. * Berlin, Freitag Liebster Liebling! Jetzt stell Dir einmal vor, daß wir an einem Kaffeehaustisch sitzen, einander gegenüber, und sehr vernünftig sind. Und ich streichle Deine Hände, soweit es der gegebene Ort erlaubt, und halte Dir ein Referat über meine innerpolitische Lage. »Mein Fräulein!« sagt Redner. »Ich bin in einer ganz besonders dreckigen Situation. Ich habe die Zeit meines Aufenthaltes in Deutschland trotz der verlängerten Aufenthaltszeit nicht auszunützen gewußt. Ich habe durch die Nichtannahme meines zweiten und dritten Artikels in der Arbeiterzeitung, die mich durch Warten auf ihr Erscheinen eine ganze Woche vertrödeln machte, durch die unberührbare Keuschheit des Kleinen Blattes, die besonders enervierend wirkt, weil Verbindung zu ihm nicht zu erreichen ist, durch meine Unerfahrenheit in der Art, journalistisches Material zu sammeln (und Unwissenheit, daß es überhaupt gesammelt und erarbeitet zu werden hat), durch den Mangel an Energie, der einer so riesenhaften weiten Stadt mit so netter enger Gesellschaft gegenüber verhängnisvoll werden mußte, durch viel Leichtsinn und Unkonsequenz kostbare vier Wochen verstreichen lassen. Ich habe allerdings nach Ablauf dieser Zeit hier in Berlin drei Artikel in Vorbereitung, die bestimmt angenommen werden, davon einen so gut wie fertig und den zweiten ganz fertig vorbereitet, habe einigen Stoff für BlöKlöBlö und etwas eingesandt, das wahrscheinlich dem Ausch endlich behagen wird, habe mich, wie immer während meines ganzen Lebens im allerletzten Moment, das heißt, hier in den allerletzten paar Tagen an eine wirkliche Arbeit gemacht, aber ich habe auch schon ein goldenes Mäderl voll berechtigter Wut auf mich in Wien sitzen, rasende Sehnsucht nach diesem Mädel und sehr sehr viel schlechtes Gewissen über einen Aufenthalt, über den ich einstens vor dem Ewigen keine Rechenschaft werde ablegen können. So steht die Lage. Dienstag früh muß ich endgültig von diesem immer wieder verlängerten Berlin weg. Soll ich nun nach Wien fahren? Mit einem Erfolg von drei oder vier Artikelchen? Mit schlechtem Gewissen und Angst, vor Dich hinzutreten ohne mich schämen zu müssen. Soll ich jetzt, 300 km von Hamburg, nach Wien zurück? Wo ich immerhin schon einiges gelernt habe und – denn so faul war ich denn wieder nicht – mich eingehendst wirtschaftspolitisch mit den Gebieten Norddeutschland und Rheinland befaßt habe? (Nebenbei werde ich vielleicht Wiener Korrespondent der dänischen Zeitung Politiken .) Also: soll ich nun nach Wien oder nicht, mein goldenes Mäderl. Werden wir's noch ein wenig aushalten?« Ich schicke den Brief noch nicht ab. Ich warte auf Deinen morgigen Brief, der mir indirekt oder (bei unserer Telepathie ist ja alles möglich) direkt Antwort auf die Frage bringen wird. Eines sage ich Dir schon jetzt. Wenn ich irgendwie herausfühlen würde, daß Deine Liebe zu mir durch meine Abwesenheit irgendwie in Gefahr kommt, schmeiß ich den ganzen Krempel hin und fahre nach Wien. Warum antwortest Du mir nicht mit Flugpost? Ich schreibe Dir doch immer mit Flugpost. * Samstag vormittag: Na, Liebling, das ist ja reizend von Dir. Daß Du mir überhaupt nicht mehr schreiben würdest, habe ich nicht geglaubt. Was ist denn los? Stellst Du Dich darauf um, mich ganz zu vergessen? Wenn dem so ist, dann teile es mir wenigstens mit, damit ich die Reise um einige Wochen verlängern kann. Liverpool hat mich immer interessiert, und auch Island ist herrlich. Schene Mädeln gibt's überall, sagt Schwejk sehr richtig. Solltest Du noch Wert auf meine Anwesenheit legen, dann komme ich in ungefähr drei Wochen zurück, da ich noch über Hamburg ins Rheinland will. Ich wollte Dir noch eine Menge Nettigkeiten schreiben, die mir auf dem Herzen liegen, aber vielleicht kommen sie nicht mehr an die richtige Adresse. Darum in aller Kürze: Hochachtungsvoll Jura Wenn Du mir sofort augenblicklich mit Flugpost antwortest, kriegst Du mich noch in Berlin. Einen Kuß schicke ich Dir auf jeden Fall. Vielleicht weißt Du doch noch was damit anzufangen. * ... Na, mein Liebling, sei mir wegen meines etwas dummen Briefes bitte nicht böse. Ich war dumm, mich zu ärgern, wie es immer dumm ist, sich zu ärgern. (Dieser Satz ist ein richtiges dumm-dumm-Geschoß.) Um vom Ernst des Lebens zu sprechen: Morgen, d.i. Dienstag (vielleicht schicke ich Dir den Brief erst morgen, aus Gründen, die Du sofort hören wirst) in der Frühe bzw. zu Mittag, verlasse ich im Zustande latenter Selbstunzufriedenheit das gastliche Berlin. Unzufriedenheit ließe sich noch ertragen. Was aber viel ärger ist: ich bin stier. Stier? Was heißt hier noch stier? Ich habe genau 30 Pfennig in der Tasche, mit denen ich zum Ludwig in den Vorwärts fahren werde, um zu versuchen, mir 10 RM zu pumpen. Was ich tue, wenn er sie nicht hat, ist mir ein Rätsel mit sieben Siegis. (Und wenn er sie auch hat und wenn es mir gelingt, mir von meinen übrigen Bekannten 5 bis 10 RM zusammenzuscharren, bin ich trotzdem sehr stier.) Na ist das nicht reizend? So im Herzen Deutschlands, zwei Wochen vor dem Fascismus, einige Stunden vor einer zweiwöchigen Reise ohne einen Pfennig dazusitzen? Ich kann mich eines herzlichen Lächelns nicht erwehren. Eine verdammt teure Stadt, Berlin. Zu meiner Reise, die über Hamburg, Düsseldorf, Ruhrgebiet, irgendwie Bauch Mitteldeutschlands, Prag, Wien führen soll, bin ich trotz bisheriger Dornen in bester Energiestimmung. Es läßt sich nicht leugnen, daß ich vieles gelernt habe. (Gefällt Dir »Herbstoffensive des Kitsches!«? Was sagt Papachen dazu? Will er mich bei der Gaby engagieren?) Ich habe zum Beispiel gelernt, daß zwischen einem revolutionären Sozialisten und den Aparatschikis keine Versöhnung, nur Kampf bis aufs Messer möglich ist. D.h., ich habe sämtliche Vorwärts- Redakteure zu Feinden; warum? weil ich immer in guter Stimmung bin, wenn ich in den »V.« komme. Und wie ich dem Redaktionssekretär (hohes Viech) auf seine Frage, wer ich sei, antwortete »und wer sind denn Sie ?«, so behandelte ich auch die anderen Insassen des Reichsbannerbewachten Affenkäfigs in der Lindenstraße. Zum Glück sind obige Idioten und ich nicht aufeinander angewiesen. Wenn wir schon von S.P. reden – ich glaube fest, daß die Theorie »ich weiß, daß ich nichts weiß« die einzig richtige f.d. Auffassung der deutschen Politik von heute ist. Ich meine damit, daß es sehr naiv wäre, zu glauben, daß etwa der Hitler weiß, was er tun wird, geschweige denn, was kommt. Die »Faktoren« der deutschen Politik, vom alten Teppen Hindenburg (wenn ich das hier laut sage, hat mich der nächste Schupo im Nu festgenommen) bis zum zerstreuten Degenerierten v. Papen und dem armen Pathologen Adolf sind sehr ratlos und würden gerne mit mir tauschen. (Weil ich weiß, wo ich in drei Wochen sein werde, und sie nicht.) Sie sind die ziemlich willenlosen Exponenten der Fraktionen der Bourgeoisie, Papen der Großbourgeoisie, Hitler der Kleinbourgeoisie, die ihre Rechte als Gläubiger fordern kommt; als solche handeln sie auf der Jammerbude, die sich heute Bühne des geschichtlichen Geschehens nennt. Das Tragische ist allerdings dabei: wer die Oberhand im Kampfe behalten wird, ob mehr auf Braun oder mehr auf Schwarzweißrot regiert wird, ob man Ausnahmezustand gegen Bankspekulanten macht oder nicht, das ist ungewiß. Gewiß ist aber, daß das deutsche Proletariat heute kein Faktor ist, mit dem man in Deutschland zu rechnen hat. Gewiß ist, daß die Fascisierung, ob nun in Dur oder Cis, langsam, unaufhaltsam über dieses Land kommt wie ein graues Verhängnis. Es ist nicht sehr erheiternd, dies erkennend mitzuerleben, Liebling, nicht sehr beruhigend, daran zu denken, daß diese Hunde heute nicht vorhanden wären, wenn man sie 1918 abgeknallt hätte, nicht sehr erfreulich, mit so viel kampfbereiten, prachtvollen Proleten (glaube mir, das ist doch der prächtigste Menschenschlag) zu sprechen, und das immer mit dem Bewußtsein: die sind lebenslänglich verurteilt. Ja, hier ist schwüle, deprimierende Gewitterstimmung. Den blitzgeladenen fascistischen Himmel über mir, das felix austria, das sich Sorgen wegen gefälschter Heinlbriefe macht, hinter mir, die Ostsee vor mir, eine große, ewige Liebe zu Dir, Liebling, in mir, starte ich morgen in die Richtung, die genau entgegengesetzt der nach Wien ist. Bitte schreibe mir sofort! Dein Jura Adresse: Hamburg, hauptpostlagernd. (Das ist nicht Größenwahn. H. ist nur 250 km von Berlin = 1 Tag.) * Mein liebes, gescheites, goldenes, herziges einziges und furchtbar geliebtes Mäderl. Dienstag. Ich versuche, mir 10 RM zu pumpen. Ludwig ist stier. Wenn nicht, geht es mit RM 1,– in die weite Welt hinein. Ahoi! Ich habe heute Deinen Brief bekommen, Liebling; schreibe mir bitte weiter so konstant, und seien es nur kurze Briefe. Doni lass' ich grüßen. Dich hab' ich sehr lieb. Ich hoffe, daß in Hamburg ein Flugpostbrief (für andere wärs zu spät) auf mich wartet. Meine vorletzten 45 Pfennige sind das Porto dieses Briefes. Was sagst Du zu der abermaligen Übereinstimmung unserer Briefe? Schreib mir lieber nach Bremen. * Berlin, 6. August Mein süßes Mäderl! Ich bin gestern zum erstenmal, seit ich in Berlin bin, in einem wirklich interessanten Kreis gewesen. Ich kam mit Ludwig und nebst einigen anderen Leuten mit einem Gewerkschaftler zusammen, der sehr viel Interessantes von der deutschen Partei erzählt hat. Mit solchen Leuten hätte ich seit Anfang meines Aufenthaltes zusammen sein müssen, anstatt mich mit dummen Jungen und Gören herumzukugeln. Ich kann nicht leugnen, daß ich hier in Deutschland sehr viel für mich gelernt habe. An meinem vorläufigen Krach bei der AZ habe ich sehr vieles über journalistisches Verantwortungsgefühl gelernt. Der Grund, warum meine Artikel nicht erschienen sind, ist nämlich, wie sich nach Gesprächen mit Pollak herausgestellt hat, der: in meinem 3ten Artikel habe ich, wie ich gestehen muß (aber nur Dir gestehe, mein Liebling), in ziemlich journalistisch unreifer Weise manches zusammengelogen. Pollak ist darob zuhöchst verärgert und hat, wie ich herausgefunden habe, auch meinen zweiten Braunschweiger Art. zurückgehalten. Auf meine, ihm durch Ludwig überlieferten konkreten Vorschläge weiterer Artikel, sagte er: »Ja, aber sie werden sehr kritisch betrachtet werden.« Eine größere Mißstimmung hätte ich nun, wenn ich selbst ein hochbegabter Masochist wäre, bei meinem zukünftigen (?) Chef nicht erregen können! Gut gemacht, was, Liebling? Andererseits hat der Schülerkreis, der mich gestern wieder mit einer langen Gruppendiskussion (quousque tandem, intellektueller Jugendlicher??) belästigt hat, mir klar gezeigt, worüber ich schon hinausgewachsen bin. Eine so klare Überlegenheit meinerseits über die persönlichen Wühlprobleme des Sekundaners, eine solche kritische Einstellung zu der sehr kindlichen journalistischen Arbeitsart eines Sigi hatte ich bei mir nicht vermutet. Ich merke hier sehr deutlich, wie ich zwischen dem unreifen Jungen und dem reifen, schaffenden Menschen in mir baumle. Sitze ich auf einem Diwan mit einer komplex zerfegten Lyzeumsschülerin, dann überkommt mich ein großes innerliches Gähnen der Langeweile, und ich fühle mich weit, weit voraus. Sitze ich am Kaffeehaustisch mit geistig arrivierten (das heißt nicht vertrottelten) Männern, dann fühle ich mich gegen meinen Willen viel zu oft als Junge. Wie Du siehst, werde ich hier in Deutschland vom Schicksal durch eine harte Schule gejagt, in der die Prügelstrafe nicht abgeschafft ist. Und weil ich draufgekommen bin, daß ich hier viel lerne, wenn auch nicht viel drucken lasse, ist mir etwas leichter ums Herz. Aber weil ich wirklich nur dann von den Prügeln etwas habe, wenn ich dem Lehrer eine zurückdreschen kann (und weil ich nebstbei in meiner Überzeugung, daß die Menschen allesamt nicht viel wert sind, und mit einigem Fleiß für mich unter ihnen eine Bahn ist, der gestrige Gewerkschafter, der, man denke! Rechtsberater des deutschen Metallarbeiterverbandes ist, hat keine anderen pol. Theorien entwickelt, als es unter uns üblich ist), habe ich mir fest vorgenommen, nicht vom Schlachtfeld zu weichen, bevor ich mich beim Pollak rehabilitiert habe und dem keuschen Kleinen Blatt Ausch auf den Leib gerückt bin. Du brauchst keine Angst zu haben, Liebling – (hoffentlich hast Du sie) ich werde mich schon durch dieses schwierige, aber rasend interessante journalistische Deutschland durchbeißen! Bisher habe ich mir mit bewunderungswürdiger Konsequenz eine versalzene Suppe eingebrockt – (ich glaube stärker mit dem Pollak zerkrachen, den Ausch vor sein Kleines Blattköpfchen stoßen, mich mit Leuten bekannten, allzu bekannten Schlages unnötigerweise einzulassen hätte ich beim schlechtesten Willen nicht können) – aber ich werde sie (die Suppe) schon auslöffeln. Dem Mitja schreibe ich nicht. Man kann doch seine in unendliche Satzperioden geschachtelten Zores nicht in doppelter Auflage in die Welt schicken. Du bist mir mehr als bloß Freund – Du bist mir ja (hoffentlich noch immer) Freundin. In diesem Zeichen wollen wir siegen. Schreibe mir bitte jeden Tag, auch wenn ich mal einen Tag nicht dazukommen sollte. Denn ich habe trotz alledem viel zu tun. In denkbar miesester Lage, in undenkbar kampfbereiter Stimmung Dein Jura. * Essen, 26. August Lieber Genosse Pollak! Soeben erhalte ich Ihren Brief vom 23. d. M., die Unrichtigkeiten in meinem Ufa-Artikel betreffend. Da ich nun nichts so fanatisch vermeiden möchte wie irgendwelche journalistischen Unkorrektheiten, selbst in den Nebensätzen meiner Artikel, bitte ich Sie sehr, den Korrekturen des Gen. Rosenfeld, der selbstverständlich von diesen Dingen 100mal mehr versteht als ich, gegenüber, immerhin folgendes zu bedenken: Die Angaben meines Artikels holte ich mir aus Zeitungsartikeln, die in der Zeit vom Kriegsende bis heute erschienen waren und im Archiv der Forschungsstelle für Wirtschaft in Berlin gesammelt sind; so stammt die Angabe, daß die Ufa 1917 gegründet wurde, aus dem Bericht eines ihrer Direktoren, der anläßlich des Systemwechsels bei der Ufa Rückschau über ihre Entwicklung hält; er ist, glaube ich, aus der Frankfurter Zeitung gewesen. Daß die Ufa ein Abkommen mit der »Lux« hat, habe ich einer Notiz im »Vorwärts« entnommen; daß die Tobis die einzige Tonapparaturgesellschaft ist, entnahm ich einem für die »Forschungsstelle« verfaßten Gutachten eines Rechtsanwalts. Was den Fridericus-Rex-Film und den Blücherfilm betrifft, so mag ich mich geirrt haben, da ich mich auf die Quellen dieser Nachrichten nicht mehr besinne. Daß aber die anderen Angaben, zumindestens in den Zeitungen bzw. Berichten, denen ich sie entnahm, vorhanden sind, können Sie jederzeit vom Ludwig, der ja noch in Berlin ist, überprüfen lassen. Natürlich mögen, was ja im Hinblick auf die fachlichen Kenntnisse des Gen. Rosenfeld das Wahrscheinlichste ist, meine Quellen Falschmeldungen sein. Jedenfalls möchte ich Sie aber bitten, mir zu glauben, daß ich nicht nur nach bestem Gewissen, sondern auch nach bestem subjektivem Wissen berichtet habe und mich niemals zu etwas, was man mit »Schmus« zu bezeichnen pflegt, verstiegen habe. Ich bitte Sie also meine inzwischen eingelaufenen Berichte unter Berücksichtigung des oben Gesagten betrachten zu wollen. Entschuldigen Sie die langen Erklärungen und das Papier, das im Verlauf meiner Reise, die alles eher denn eine Luxusreise ist, zerknittert wurde. Viele Grüße Ihr Jura Soyfer. * Mein einziges Mäderl! Wenn es sich zeittechnisch auszahlt, dann bitte sende mir die Antwort auf diesen Brief mit der Flugpost. Ich brauche Deine Briefe. Na, mein Liebling, unsere Trennung zieht sich ja greulich in die Länge. Ich habe hier in Berlin wahnsinnig viel Zeit verpulvert, auf eine Art, die für einen Ferienreisenden höchst angenehm, für einen Journalisten verderblich ist. Warum ziehe ich meinen berliner \& deutschen Aufenthalt immer mehr in die Länge, obwohl ich nach Dir rasende Sehnsucht habe? Immerhin hat sich hier schon einiges eingerenkt. Ich habe von Pollak erfahren, daß mein Braunschweiger Artikel nur wegen Platzmangels (also Ludwig) nicht erschienen ist. (Er sagte: glatter Verlust.) Daß meine 3. Reportage nur zu einem dezenten Teil erlogen ist, habe ich ihm glaubhaft gemacht. Wir sind versöhnt, und er erwartet Artikel von mir. Allerdings war idiotisch, daß ich mich durch den Konflikt eine Woche lang so aus der Fassung habe bringen lassen, daß ich sie verstreichen ließ. Auch das unbenutzte Kleine Blatt liegt mir wie ein schwerer Alpdruck auf der Seele: Ich werde hier überhaupt von den Furien der versäumten Chancen – Psychose – gehetzt. Ich habe von heute an die Stelle eines ständigen Wiener Berichterstatters die hiesige S. P. Korrespondenz bekommen. 100 S im Monat mehr – kein Hund. Trotzdem habe ich mich hier schweinemäßig unzielbewußt benommen. Es ist so furchtbar schwer, in eine fremde Stadt hineinzuschlüpfen, Liebling meines Herzens, Du kannst Dir das kaum vorstellen. Alles muß gelernt sein. Wie Du siehst, bestehen meine Briefe an Dich einfach aus hingeworfenen Zores. Ich hoffe, Du bist mir deswegen nicht böse. Es ist, wie ich bemerke, doch schön, sich in zahllosen Variationen zu schreiben, wie gern man sich hat. Die Politik hier beginnt zum Lokalbericht herabzusinken. Tote überspringe ich schon in der Zeitung. Warum die Attentate? willst Du wissen. Nun, darüber gibt es 30 Theorien, ich glaube, die richtigste kennt nicht einmal Hitler. Wer regieren wird? willst Du wissen. Wenn das der Papen wüßte, dann würde er mich nicht einmal mehr anspucken. Das einzige, was sicher ist, ist, daß es morgen oder übermorgen zum Fascismus oder zur Diktatur des Prol. kommen wird. Also ist das Unsicherste das Sicherste, was Du Dialektik nennen magst. ... Ich hoffe, daß Deine Liebe noch ein wenig halten wird, bis ich zurückkomme, dann werden wir beide schon dafür sorgen, daß sie nicht flötengeht. Ich bleibe bis Montag in Berlin ... Ungeheure Mengen von unerhörten Küssen sendet Dir Jura. Ich warte auf Antwort, mein liebster, einziger Liebling. * Wien, 21. Februar 1938 Meine Lieben, infolge weit wichtigerer und verhängnisvoller Ereignisse durfte ich vor einigen Tagen das Licht der Welt erblicken. So kann ich erst jetzt auf Eure drei Briefe antworten, von denen mir einer noch immer von Helli mittels beharrlichen Vergessens vorenthalten wird. Was aber nicht wichtig ist, da bei einer Postwechselzeitdauer von einem Monat eine Antwort sowieso keine ist und man sich einfach drauf beschränken muß, ungeordnete Notschreie über den Ozean hinweg auszutauschen. Zuvor aber eine große, gellende Lache, meine Milchgeschwister, bitterer als das Wasser des Atlantik! Denn nun ist wirklich eingetroffen, was Ihr und alle Wohlmeinenden mir – (ohne meinen Widerspruch) – immer prophezeit haben: der Roman ist futsch. Heute sind es ja schon drei Monate her, daß mir der Verlust klar wurde; alle meine diesbezüglichen Gefühle sind durchkostet und eingeordnet. Ihr könnt Euch ungefähr vorstellen, wie sie ausgeschaut haben, daher sich jede Beschreibung erübrigt. Eingestellt hat sich zum Abschluß ein ambivalentes System, wie es wahrscheinlich nach einem schmerzlichen Todesfall eintritt: man ist traurig und befreit zugleich. Was aber war eigentlich mit mir los? Etwas fürchterlich Komisches. Ich wurde mit einem gewissen Herrn Seidel verwechselt! Infolgedessen mehrere Wochen beobachtet und auf der Straße verhaftet. Man fand in meinem Zimmer mehrere Exemplare der in Österreich verbotenen Baseler Rundschau und einen Artikel über die nationale Frage. Resultat: obwohl ich Herrn Dr. Hackel nach einigen Verhören zu beweisen vermochte, wie fatal er sich vergriffen hatte, bekam ich nicht nur 4 Wochen Polizeistrafe, sondern ein Untersuchungsverfahren auf Presse, Hochverrat und Staatsschutz § 4 \& 5. Wahrscheinlich hätte der Staatsanwalt von alledem kaum etwas aufrechterhalten können, und nach weiteren 4–8 Wochen Untersuchung wäre die Sache schlimmstenfalls auf eine kleine Gerichtsstrafe hinausgelaufen; wozu es aber nicht kam, da ich amnestiert wurde. Voilà. Jeder Kommentar erübrigt sich und geht in einer abermaligen gellenden Lache unter. * Wenn Ihr im Sommer wirklich herkommt, wird es mich bestialisch freuen; falls man sich dann noch überhaupt an irgend etwas auf der Welt wird freuen können. Diesbezüglich seid Ihr, wie ich höre, sehr pessimistisch. Die letzten zwei Wochen werden Euch kaum optimistischer gemacht haben, und Ihr giert sicherlich nach Nachricht von hier. Was aber, meine Lieblinge, soll ich Euch sagen? Die Arbeiterschaft hat auf die letzten Ereignisse sehr lebhaft reagiert. Die Wiener Vertrauensleute, die Linzer \& Klagenfurter Arbeiterkammer haben Resolutionen für die Unabhängigkeit Österreichs beschlossen, die zu verteidigen sie »leidenschaftlich« entschlossen seien; sie »wollen den Frieden, aber nicht den Frieden um jeden Preis«. Es gab einige Streiks: Fiat, Saurer, Siemens-Schuckert, Provinz. Die vorigen Wochen, also die Zeit bis zum 12. Februar, waren von erfreulichen Verständnisversuchen erfüllt: eine Demokratisierung der S. A. G. stand bevor, die Frage eines partiellen allgemeinen Wahlrechts (also »eine gewisse Allmacht«) wurde ventiliert; anderseits war die illegale Nazizentrale in der Teinfaltstraße ausgehoben worden, der Ton wurde scharf etcetera. Vielleicht wird die Linie einer Heranziehung der Arbeiterschaft (die nun schon völlig frei von Nazieinflüssen ist), ihrem Druck entsprechend, fortgesetzt werden, da sie ja das einzige Gegengewicht bilden kann. Vielleicht kann von hier aus ein Widerstand kommen. Aber er wird ohne Englands \& Frankreichs Interesse (wir sagen nicht mal: Hilfe) sicher nichts nützen. Und wie es da aussieht, wißt Ihr. Ebenso wißt Ihr wahrscheinlich, daß der Grundton des arab. Rundfunks pessimistisch in dieser Beziehung ist. Und so, Lieblinge, kann ich, wiewohl nicht so weit vom Schuß wie Ihr und daher weniger dem Pessimismus der Vereinsamung ausgesetzt, mit Euch höchstens über den Prozentsatz diskutieren, zu welchem Bitter sich mit Finster mischt und ob ersteres oder zweiteres überwiegt. Daß Ihr weit von obengenanntem Schuß seid, kränkt Euch sichtlich. Ich will nun nicht so weit gehen, um diese Sorgen als seidene zu bezeichnen. Sicher würde ich, nach Cincinatti verpflanzt, ebenso die eine Kehrseite der Lage als schmerzlich empfinden. Aber vergeßt nicht, daß sich mir Mitteleuropäer die andere Seite aufdrängt, die nicht weniger Kehr ist. Im Ernst, im bittersten und finstersten: vergiß doch nicht, Mitzinka, daß Du seit Jahren Dich mit vollem Recht als Chemiker betrachtest so wie ich (ich hoffe, auch mit Recht) als Scribent. Und sei froh, daß Dir der Konflikt, in welchem unsereins jetzt schmerzlicher als je schwebt, gewaltsam, aber restlos in der Praxis gelöst wurde. Bedenke, Menschenskind, wie mir jetzt zumute ist: zum erstenmal im Leben werde ich von einer politischen Wendung nicht allein ideologisch, sondern materiell im armseligsten Sinn getroffen. Ich muß befürchten, persönlich in jene Probleme gedrängt zu werden, in jene Verteidigungsstellung, wo zu kämpfen uns so scheußlich mißbehagt. Ich werde mir vielleicht wirklich morgen die Frage vorlegen müssen: Was tut ein jüdischer Schriftsteller, wenn...? Mensch, ist das nicht grauenhaft? Anderseits: soll man die Schriftstellerei zum Teufel schicken und arbeiten? Das wäre ein schöner, klarer Weg, der einem dergleichen ersparen könnte. Wenn sich die Schriftstellerei (Chemie!) zum Teufel schicken ließe! Das tut sie nicht. Also? Ja, es gibt natürlich auch so einen anständigen Weg trotz wirtschaftlicher Emigration, etcetera, nämlich Heines Weg. Und den wird man ja auch einschlagen, wenn's soweit kommt. Aber mit wieviel gar nicht zu stillenden Selbstvorwürfen angesichts der Lage im Lande, angesichts jedes Franz! Mit wieviel Gefahren, den Geist, statt ihm zu dienen, in irgendwelchen erzwungenen Kuliarbeiten in Paris oder sonstwo erst recht zu verlieren! Mitzinka, ginge es Dir hier \& jetzt nicht ähnlich durch den Kopf? Glaub mir, es ginge Dir. Zwar: vor einer Stunde hat mich ein Freund besucht, den ich auf dem Land kennengelernt habe; er kam aus Favoriten, wo es am favoritensten ist; und als ich ihn fragte, was er gegebenenfalls tun würde, sagte er mir einfach das Zitat: wir haben nichts zu verlieren als ... etc. Und solche kräftigenden Dinge zu hören bleibt Euch jetzt versagt. Aber erspart bleibt Euch auch eben dieses Andere: unsere alten Intellektuellenkonflikte in einer Schärfe zu erleben, die noch nicht da war und einen geradezu krank macht. Das zum Kapitel Elfenbeinturm. Was ich zu schreiben jetzt vorhabe, werde ich Euch bei anderer Gelegenheit sagen, wenn ich weiter bin ... Jura Adresse, wiewohl ich natürlich wieder bald mein eigenes Zimmer haben werde: Wien 2, Heinestraße 4/1. * Dr. M. Rapoport c/o The Children's Hospital Research Foundation Cincinnati , Ohio Vienna, April 12th 1938 Dear Marika: – It was extremely nice of you two to send our sunny boy your invitation last week. Unfortunately the poor fellow had no chance of seeing your letter as he has fallen ill again in the same way as last winter, which I trust you will still remember. The fact is that he went away for a vacation only a month ago to gain good health and enjoy winter sport in the mountains which he missed so much during those long three months of his sufferings. And the way he soon came back from this trip where he took his skies along with another chap, was by no means as we expected him to return. May be his illness is of the same kind as before – but this time we don't know exactly, since at present it is no use asking a doctor to see him. So you will understand that we are very anxious indeed on his account; whoever would have supposed a boy to have such weak constitution and to enjoy so little sunshine in his life. Of course his mother is more upset than ever; so much so, that your letter had moved her to tears, when I found her brooding over it – poor old soul. But as for my part I dare say there is never a thing as bad that there couldn't be anything worse, am I wrong? It is a poor way of imagining things of course, and especially when you remember him so »full of beans« and good spirit, looking like the very prospect of a grand future. Well, so here you have all the news in a nutshell, and don't bother too much either, when he gets well again we are sure to look after him in the proper way. It will be very nice of you to keep in touch with us, that is to say with the boy's mother who always communicates with me. – Trusting that you and your husband are fine, and that these lines find you both enjoying humour and health, I am with many kind and personal regards Yours Helli. * Wien, 12. April 1938 Liebe Marika: – Es war reizend von Euch beiden, unserem sunny boy vorige Woche Eure Einladung zu schicken. Leider hat Euer Brief den Armen nicht erreicht, da er wieder krank geworden ist, genauso wie im vergangenen Winter, woran Ihr Euch ja bestimmt noch erinnern könnt. Vor einem Monat wollte er auf Urlaub fahren und in den Bergen, die ihm in den langen drei Monaten seiner Leiden so sehr gefehlt hatten, Wintersport treiben. Aber bald kam er von seinem Schi-Ausflug, den er zusammen mit einem Freund unternommen hatte, wieder zurück, und zwar ganz anders, als wir erwartet hatten. Es scheint, als sei es dieselbe Krankheit wie vorher – aber diesmal wissen wir gar nichts Genaues, weil es gar keinen Sinn hat, einen Doktor zu ihm zu schicken. Ihr könnt Euch also vorstellen, daß wir große Sorgen um ihn haben; wer hätte auch gedacht, daß ein junger Mensch so kränklich sein kann und daß ihm in seinem Leben so wenig Sonnenschein vergönnt ist. Natürlich ist seine Mutter aufgeregter denn je; dies so sehr, daß Euer Brief sie zu Tränen gerührt hat; ich sah selbst, wie sie sich darüber den Kopf zermarterte – die arme alte Frau. Ich muß allerdings sagen, daß nichts so schlimm ist, als daß es nicht noch etwas Schlimmeres geben könnte, habe ich nicht recht? Natürlich kann man sich das alles nur schwer vorstellen, besonders wenn man sich daran erinnert, wie kraftstrotzend und voll Optimismus er war, die lebende Aussicht auf eine große Zukunft. Nun, das ist alles, was es an Neuigkeiten gibt, in einer Nußschale, sobald er wieder gesund ist, werden wir schon alles Nötige unternehmen. Es wäre sehr lieb von Euch, wenn Ihr in Kontakt mit uns bleiben würdet, das heißt mit seiner Mutter, die immer weiß, wo ich zu erreichen bin. – In der Hoffnung, daß es Dir und Deinem Mann gut geht, und daß diese Zeilen Euch in guter Stimmung und Gesundheit antreffen, bin ich mit vielen herzlichen und innigen Grüßen Eure Helli. * 6. 3. 39 Liebe Marika: – Ich habe versprochen, Dir zu schreiben, sobald Jura frei ist. Nun ist er frei, aber auf andere Art. Er ist nach seiner Entlassung am 24. I. 39 mit Typhusfieber dort in Weimar ins Spital gekommen \& am 15. II. daran gestorben. Ich weiß nicht, ob seine Mutter es weiß, schreib ihr nicht. Ich bin vorläufig auch noch am Leben, aber hoffe es ebensoschnell abzuschütteln Helli Gedichte Das Lied von der Ordnung Daß wir Hunger haben, ist nicht wichtig, Nebensache, daß wir betteln gehn, Unsere Klagen weist man ab als nichtig, Hauptsache: Die Ordnung bleibt bestehn! Wer's noch nicht gemerkt hat, mag's jetzt hören: Eine Ordnung gibt's auf dieser Welt, Sie ist da, damit wir sie nicht stören, Und wir halten sie, weil sie uns hält! Die Erde ist von Ost bis West, Von Singapur bis Budapest, Glänzend organisiert! Dreißig Millionen gehen stumm In Reih und Glied vor Hunger krumm, Wer nicht mehr gehen kann, fällt um, Das klappt, als wär's geschmiert! Gibt's zu viel Brot? Dann heizt mit Brot! Gibt's zu viel Menschen? Schießt sie tot! Die Ordnung schuf der liebe Gott, Wir frieren, krepieren in Tritt und Trott, Die Ordnung funktioniert! Ach, man merkt von ihr oft Jahr für Jahr nichts, Manchmal glauben wir schon, sie wär hin, Ihr habt alles, und wir haben gar nichts: Ist das die Ordnung oder hat das Sinn? Aber schreien wir das in die Straßen Von Neuyork, von London, von Schanghai, Wollt ihr uns nicht länger zweifeln lassen, Und es bleut uns ein die Polizei: Die Erde ist von Ost bis West, Von Singapur bis Budapest, Glänzend organisiert! Dreißig Millionen gehen stumm In Reih und Glied vor Hunger krumm, Wer nicht mehr gehen kann, fällt um, Das klappt, als wär's geschmiert! Gibt's zu viel Brot? Dann heizt mit Brot! Gibt's zu viel Menschen? Schießt sie tot! Die Ordnung schuf der liebe Gott, Wir frieren, krepieren in Tritt und Trott, Die Ordnung funktioniert! Alles geht in schönster und in bester Ordnung! Und wir müssen mit ihr mit – Doch je mehr wir werden, desto fester Dröhnt auf allen Straßen unser Tritt! Gestern hielten wir noch fromm die Ordnung. – Heute wankt sie. – Wird sie morgen stehn? Und wir fragen: Muß es stets in Ordnung, Muß es stets in dieser Ordnung gehn? Wir fragen euch von Ost bis West, Von Singapur bis Budapest, Trotz Knüppel und Gewehr! Wir, die wir hungern überall, Weil Ordnung auf dem Erdenball, Wir fragen euch, wie es einmal Mit einer andern Ordnung wär? Heut gehn wir mit der Ordnung mit, Doch morgen fallen wir aus dem Schritt, Wir fallen aus dem Hungertrott, Trotz Fabrikant und liebem Gott. Und morgen, und morgen, Da wird in Front marschiert!   An alte Professoren Ihr wißt ja nicht, ihr strengen, starren, Ihr würdigen, ihr weisen Narren, Ihr wißt ja nicht, wie weh ihr tut. Ihr kennt nicht unsere stumme Wut, Ihr hört nicht unsre Zähne knirschen – Stolz, steif unter dem schimmelgrünen Doktorhut. Ihr ahnt nicht, wieviel Knabenträume Sich schwingen aus den dumpfen Räumen Zur himmelblauen Freiheit auf – Und wie ihr kalt und dumm den Jubellauf Zurückreißt in methodenöden Alltag. Und schmiert sarkastisch kluge Worte drauf. Ihr habt doch alle längst die Zeit vergessen, Da ihr noch selbst in eurer Bank gesessen, Da euch noch lockten weite, blaue Fernen, Da ihr noch aufwärts wolltet zu den Sternen, Da ihr noch Mädelnamen in die Bank gekratzt Und aufs Katheder streutet Apfelsinenkerne. Wir wissen wohl, das ist für euch vorüber, Wir wissen wohl, die Zeiten wurden trüber. Ganz fern und nebelig, schon sehr weit, Ihr alten Herrn, ist eure Jugendzeit. Darum könnt ihr die unsere nicht begreifen, die gegenwärtige Vergangenheit. Nur manchmal – es sind seltne Augenblicke, Da ruhn durch Brillen eure Blicke Auf uns so eigentümlich: anderswo und starr, Als wenn ein wilder Ruf, ein flatternd Haar In euch was Fernes, Zartes rühre, Das lange, lange her schon war.   Schlaflied für ein Ungebornes »Halt die Ehe hoch in Ehren, Wenn's nicht anders geht, im Prater! Denn mein Volk soll sich vermehren Wie der Weizen in den Meeren!« Sprach der Staat zu deinem Vater. Schlaf, Kindlein, schlaf. Dich schützt der Paragraph. Dich treibt die Mutter schon nicht ab, Dich braucht der Staat fürs Massengrab Im Wasgenwald, am Piave. Schlaf, Kindlein, schlafe. »Die Maschine, die Kanone Brauchen Futter, brauchen Futter. Bei dem Menschen geht's auch ohne, Denn er ist der Schöpfung Krone.« Sprach der Staat zu deiner Mutter. Schlaf, Kindlein, schlaf. Dich schützt der Paragraph. Einst bringt der Staat viel Disziplin Dir bei. Und wenig Vitamin, Damit du still und brav ... Schlaf, Kindlein, schlaf. »Ist kein Platz für dich im Leben, So doch im Geburtsmatrikel. Paßt's dir nicht, trag doch ergeben Dieses Leben. Es ist eben Nur ein Konfektionsartikel!« Singt der Paragraph. Schlaf, Kindlein, schlaf.   Kommentar zur Weimarer Verfassung Uns ist in alten Mären Wunders viel geseit Von der Verfassung und deren Bedrohter Sicherheit. Sie und den etwas geschmeidigen Boden, der sie trug, Schwor man zu verteidigen Bis zu ihrem leidigen Letzten Atemzug. Da stand eines Tages im Deutschen Reich Die Staatsmacht ergriffen da. Und zwar von Hitler. Sie wußte nicht gleich, Ob's ihr legal geschah. Doch Hindenburgs Jawort verlieh diesem Akt Die Weimarer Garantie – Ein altes Berliner Wahrwort fragt: Nu rin mit der Verfassung oder raus mit der Verfassung, Oder wie? Es sagte Herr Hindenburg: »Amen ...« Der Spruch des Verfassungsgerichts Verschwand vor seinem Namen Zu einem glatten Nichts. Dann seufzte Herr Hindenburg: »Bitte ...« Schrieb einige Zeilen, und Der Presse von links bis zur Mitte Knebelte Hitler den Mund. Drauf stöhnte Herr Hindenburg: »Bitte sehr, Mir bleibt nichts erspart«, schrieb »m. p.«, Und Papen diktierte in Preußen, als wär Es so seit Anno Schnee. Da staunt der Laie: »Die Freiheit ging Ja futsch. Das sowieso. Man jagte sie weg, wie den Severing, Aber – innerhalb der Verfassung oder außerhalb der Verfassung, Oder wo?« Auf, auf, schmeißt Blumengarben Und eure Beine im Takt! Die IG-Landesfarben Laßt steigen! Die Häuser beflaggt! Klopft im Kasernenhof Griffe! Friede ist Hirngespinst! Hoch die Gasoffensive! Nieder die Lohntarife, Her mit dem Arbeitsdienst! Demokratie? Faschistischer Trupp? Wer hat gewonnen das Spiel? Herr Oldenburg-Januschau und Herr Krupp, Die fragen danach nicht viel. Sie sitzen im Herrenklub am Kamin Und träumen von Stahlbad und Kolonien, Gott, Kaiser, Somaliland. Und Herr Papen hält auf dem Knie Der deutschen Verfassung erneuten sowie Verbesserten vierzehnten Band. Es gähnt ein Papierkorb, empfangsbereit, Es gähnt mit sprichwörtlicher Höflichkeit Herr Papen: »Was meinen Sie? Nu rin mit der Verfassung oder raus mit der Verfassung. Oder wie?«   Wahlen im Dritten Reich Das ist die Zeit der großen Wahl. Der vielgeliebte Führer nimmt Zuflucht beim Volke wieder mal Und spricht, das Herz rein wie Kristall: Wir wolln mal sehn, wo wer nicht stimmt! Der heldische Säbelschüttler Will nichts sein als Willensvermittler. Er fragt, von Rechtsgefühl beseelt: Wollt Adolf ihr oder Hitler? Deutsche, wählt! Das ist die Wahl der großen Zeit. (Die Zeit ist groß. Die Wahl ist klein.) Weil ihn Diktieren nicht mehr freut, Wird Hitler voll Entschlossenheit Ein Demokrat auf »ja und nein!«. Er stutzte der Freiheit die Flügel, Jetzt lockert er wieder die Zügel, Daß jeder frei die Entscheidung fällt! Wollt Hitler ihr oder Prügel? Deutsche, wählt! Das ist die große Zeit der Wahl: (Auch Krupp wählt sorgsam schon für euch Den allerbesten Mörserstahl.) Die Wahl ist listenarm? Egal: Herr Goebbels macht sie listenreich. Wähl: Krieg oder Frieden! Doch lerne Jedenfalls töten! Nicht ferne Steht dein Heldengrab, längst bestellt. Sterbt ungern ihr oder gerne? Deutsche, wählt! Das ist die große Wahl der Zeit: Tragt ruhig ihr das braune Joch, Steigt morgen unsagbar das Leid Der Welt – und treibt die Kurse hoch. Doch lernt ihr zur Zeit euch empören, Ist Deutschland euer und unser die Welt. Verrecken – oder euch wehren: Deutsche, wählt!   Krupps Morgenliedchen Die Hoffnungen schießen empor, froh und frisch, Gleich Flugzeugabwehrgeschützen! Hurra! Ich freue mich mörderisch, Die Hoffnung ist grün wie der grüne Tisch, An dem sie in Genf jetzt sitzen! Die Krise ist tot, mit der Krise ist Schluß, Man braucht schon wieder Kanönchen! Bald gibt's ein Stahlbad von frischem Guß. Kopf hoch! Und Kopf ab, wenn's so sein muß! Seid nur keine Muttersöhnchen! Vom Osten her weht frischer Wind. Heil Japans wackrer Truppe! Bis zum letzten Hauch von Mann und Kind! Ob's Kaiser oder Mikados sind, Das ist mir völlig schnuppe! Im Westen sorgt man sowieso (Heil Hitler, Tardieu und Thyssen!) Dafür, daß Volksgenossen en gros Gegen den Erbfeind, für Krupp und Creuzot Ihr nordisches Blut vergießen. Amerika sammelt Kreuzer (gut Glück!), Der Papst zum Beten die Kräfte, Doch drahtet Gott ihm nicht zurück. Gott weiß: Er versteht nichts von Politik, Er verdarb uns nie die Geschäfte. Glück auf! Eine neue Genesung winkt! Krank ist die Welt, seien wir offen, Doch weil sie schon nach Kadaver stinkt Und Blaukreuzgas aus dem Leichnam dringt, Laßt uns das Beste hoffen!   Liebesgeflüster in der NSDAP Wenn ich mal Hitlers Stabschef bin, Dann halt ich mich an Negerknaben, Solange ich als SA-Mann dien, Hab Weib und Nachwuchs ich zu haben! Der Rhein ist Deutschlands Fluß, nicht Grenz, Drum setzet Kinder, setzet Taten, So komm Brünhild, es ruft der Lenz: Und Adolf Hitler braucht Soldaten Und die Polacken ihre Keil, Heil! Mich reizt die schwarze Baker nicht, Kein jüdischer Kultusvorsteher, Ich tu des Rassenbullen Pflicht, Drum, Mädchen, rück doch etwas näher; Die Nachtigall schlägt hold im Busch, Wir wollen siegreich Frankreich schlagen, Sei lieb, Brünhild – husch – husch, husch – husch, Dein Sohn wird einst sein Leben wagen Für Deterdings Shell Motor Oil, Heul! Zeig mir noch schnell den Rassenschein, Spürst du den Duft der Fliederblüten? Es ruft der Kuckuck aus dem Hain, Es ruft der Krupp nach Kriegsprofiten. Im Dritten Reich heiraten wir, Dann webst du Rosen mir ins Leben, Und schaltest still und wäschst Geschirr, Und kuschst du nicht, so werd ich dir Wohl ein paar in die Fresse geben – Auf, Mädchen, werd mein Eheteil, Heil!   Rassische Liebesballade Es waren zwei Nazikinder, Die hatten einander so lieb. Sie konnten zusammen nicht kommen, Denn sie war ein ostischer Typ. Ihr Schädel nämlich war rundlich, Ihr Busen hingegen oval, (Statt umgekehrt) – rassenkundlich War dieses Weib ein Skandal. Sein Haupthaar war siegfriedisch, Sein Auge preußischblau: Kein Partner für die negroidisch- Mongolisch gemixte Frau. Und als er trotzdem dämlich Beim Rassenamt angesucht, Da hieß es: »Du bist unabkömmlich Als Bulle für arische Zucht.« Sie weinten sehr selbander, Die Lage war äußerst trist. Da plötzlich – ha! – erfand er Eine echt nordische List. Er ließ sich die Haare schwärzen Und kräuseln, dann – husch – husch – Strich, wenn auch mit blutendem Herzen, Den Leib er sich mit Tusch. Dann trat er zum Bürotisch Im Rassenamt und bat Sehr höflich auf hottentottisch Um ein Ehezertifikat. Er frug: »Stört die Herrn meine Rasse?« Da schrien sie höhnisch: »Nein! Ihr Glück, daß Sie keine blasse Und nordische Wunschmaid frein!« So fanden die beiden sich eh'lich. Und weil er sich fleißig wusch, Verschwand mit den Jahren allmählich Von seinem Leibe der Tusch ... Nun frage ich euch auf Ehre, Ob das, was jener getan So kühn, gelungen wäre Einem mischrassigen Mann? Nein! – Also: Die Rassenlehre Ist doch kein leerer Wahn!   Besucht den Reichstagsbrandprozeß! Das wird ein Theater! Das wird ein Tamtam! Was wird da an Prunk man entfalten! Denn das Festprogramm war das einzge Programm, Das Hitler je eingehalten. Und das einzige Werk, das in Gang er gesetzt, War doch das Feuerwerk bis jetzt. Das wird ein Theater! Die Rollen sind schön Verteilt von Lübbe bis Papen. Kein Mensch wird hinter die Bühne sehn, Die Kulissenregie wird klappen! Denn reicht die Naziromantik nicht mehr, Dann muß die Pyromantik her. Göring, Spielleiter und Dramaturg, Wird die Heldenrolle erhalten. Lübbe den »Schurken«. Und Hindenburg Gibt prächtig den »komischen Alten«. Wenn ein Intrigant den Faden verliert, Dann wird nachdrücklichst ihm souffliert. Beifall klatscht zu dem Stück die SA Mit Peitschen auf Arbeiterknochen. Herr Goebbels ist als Claquechef da Und hat auch Kritiklob versprochen. Ein Welttheater, wie's Salzburg nie sah! Ausverkauft ist seit Wochen! Welch Galapremiere! Heil und hurra! Doch, Pardon, ich hätte vergessen beinah Eine Kleinigkeit. Welche? Na ja: Es wird nebenbei Recht gesprochen.   Prozeßergebnisse Vorbemerkung: Die ganze Reichstagsbrandgeschichte Ist nunmehr allen völlig klar. Wir halten uns bei dem Berichte Streng an den Akt vom Reichsgerichte. (Unser Bericht ist trotzdem wahr.) I Finster war's, der Mond schien' helle, Während zögernd und sehr flink, Langsam und mit Blitzesschnelle Torgler aus dem Reichstag ging. Van der Lübbe sprach indessen, So bezeugte ein Passant, Fließend und wie immer stotternd: »Heut noch gibt's 'nen Reichstagsbrand!« In der Tasche trug er tausend Kilogramm Brandmaterial, Und weil dieses so geruchlos, Stank es ganz katastrophal. II Torgler aber, der besprochen Schon den ganzen Reichstagsbrand (Vorsichtshalber nur mit Taneff, Weil der ja kein Deutsch verstand), Saß, aus voller Kehle flüsternd, Seltsam ruhig, aufgeregt In dem Restaurant, von wo aus Dieser Schuft den Brand gelegt. III Als allein nun van der Lübbe, Unterstützt von fünfzehn Mann, Die Aktion beendigt hatte, Kam der zweite Teil vom Plan: Es verschwanden alle roten Schwerverbrecher nach der Tat, Durch den Gang, zu dem nur Göring (Welch ein Glück!) den Schlüssel hat. Und um zu kompromittieren Mit dem Brande die SA, Blieb (Verruchtheit!) van der Lübbe Mit dem KPD-Buch da! IV Hätt den Brand nicht eine Stunde Vorher Helldorf schon gesehn (Zollt der Schneid des Braven Ehre!) – Dann – wer weiß? – kann sein, dann wär Die Geschichte nicht geschehn! Nachbemerkung: Die Fakta, die daraus erhellen, Gestand van der Lübbe voll sofort. Drum tut es not, hier festzustellen: Daran stimmt trotzdem jedes Wort!   Reformiertes deutsches Kirchenlied Wir stehen in Dachau beim Prügeln, habt acht, Wir kleben in Tegel Tüte um Tüte ... Bis hierher hat uns Gott gebracht In seiner großen Güte. Halleluja! Wir trotten in Feldgrau, Schub um Schub Zum Arbeitsdienst, Werke des Friedens zu schaffen ... Ein' feste Burg ist unser Krupp, Ein' gute Wehr und Waffen. Halleluja! Wir sprachen am Wahltag mit frohem Gesicht, (Denn unsere Häscher standen daneben): Hitler meine Zuversicht Und mein Heiland ist im Leben. Halleluja! Wir stehen habt acht, wir gehen in Reihn Am Henker vorüber, verzerrten Gesichtes, Zum Letzten entwürdigt, in Schmach und in Pein, Die Letzten werden die Ersten sein, Am Tage des Gerichtes. Amen.   »Volkszählung« nannte der Berliner Polizeipräsident v. Levetzow eine nächtliche Razzia in Straßen und Parkanlagen, die er mit Hilfe von Spürhunden durchführte. Was glänzt dort vom Park her im Mondenschein Und streift durch nächtliche Gassen? Bluthunde mit vier Beinen und zwein, Sie schnüffeln in jedes Strauchwerk hinein, Verborgenes Rotwild zu »schassen«. Und wenn ihr die braunen Gesellen fragt: Das ist Levetzows wilde, verwegene Jagd! Seht, Bolschewiken! Huß, dran und drauf, Ihr Sturm- und Statistikkolonnen! Die große Volkszählung nimmt ihren Lauf: Zählt diesem Völkchen mal zwanzig auf! Laßt toben SAdistische Wonnen! Und wenn ihr die braunen Schergen fragt: Das ist Levetzows wilde, verwegene Jagd! Es fressen alles leer und kahl In Hitlers Jagdreviere Die Schlachtfeldhyäne, der Börsenschakal, Zinsgeier, Osthilfeschweinestall – Man schont diese hohen Tiere. Die Schwachen sind's, an die man sich wagt: Das ist Levetzows wilde, verwegene Jagd! Mit nordischem Mäntelchen, blauem Dunst, Mit Zöpfen, gleich Phrasen gewunden, Mit Stoffen für Kleider und völkische Kunst Verhüllen Herr Goebbels und Ehegespunst Deutschlands blutende Wunden. Doch das Dritte Reich, wahr, wirklich und nackt, Das ist: Levetzows nächtliche Menschenjagd.   Zeitungsmeldungen »Es braust ein Ruf wie dazumal In allen deutschen Gauen! Deutschlands Stationschef gibt Signal Zur fröhlichen Fahrt ins Grauen. Es gibt Spione, die Gift verstreun Am Brunnen vor dem Tor. Und gar in puncto ›Wacht am Rhein› – Lieb Vaterland, magst ruhig sein, So ruhig wie nie zuvor! Wir wollen uns siegreich ins Stahlbad stürzen!« Stammt diese Meldung vom Jahre vierzehn? Fehlgeraten! Die Nachricht wird Vom Jahre dreiunddreißig datiert. »Von neun guten Deutschen sind durchschnittlich acht Soldaten, und der letzte, Der für die Front nicht kommt in Betracht, Der ist der Vorgesetzte .. 's ist höchste Zeit, daß die große Zeit Über Deutschland komme! Der gute Deutsche ist bereit Zu kämpfen mit Beharrlichkeit Um seinen Platz an der Somme! Schwarzweißrot sind Fahnen und Schürzen ...« Stammt diese Nachricht vom Jahre vierzehn? Fehlgeraten! Die Meldung wird Vom Jahre dreiunddreißig datiert. »Der nationale Stiefel gellt Im Rundfunk, auf der Straße! Der Führer ruft hinaus in die Welt: Der Freiheit eine Prügelgasse! Man machte in Elbing zwei Rote kalt (Man hat auf der Flucht sie erschossen), Der eine lief weiter beim Zuruf: Halt! Der andre (war schon doof und alt) Blieb stehn wie angegossen ...« Stammt die Meldung vom Balkan? Gestern kam sie aus Deutschland an ... Es tönt aus dem Rundfunk zum erstenmal Über Land und Stadt: »Schluß mit Faschismus und Kapital! Am Wort ist das Proletariat! Uns macht kein Friedensversprechen mehr dumm Und kein Offiziersehrenwort! Achtung, wir reißen das Steuer herum, Die Menschlichkeit geht über Bord!« Würde die Meldung von achtzehn stammen, Wären wir wie sie so hart Gewesen, als wir an die Reihe kamen, Hätten wir uns Herrn Hitler erspart ... Genossen vom Reich! Wann ruft ihr »Halt!«? Datiert die Meldung auf möglichst bald!   Kapitalistischer Segensspruch In Leoben fror man heuer, Weil für Kohlen kein Bedarf; Und man schreit nach Brot in Steyr, Und der Winterfrost ist scharf. Fünfmal hunderttausend Hände Liegen still. Kein Rad mehr rollt. Sei gesegnet ohne Ende. Heimaterde, wunderhold! Hohe Seelenhirten hüten Treu der Bankenjuden Geld, 's gibt faschistische Banditen Von der Etsch bis an den Belt. Daß man die Verfassung schände, Sind fünf Schilling fixer Sold. Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde, wunderhold! Dieser Staat läßt sich nicht lumpen, Wenn er sich belumpen läßt: Einer kriegt das Gold in Klumpen, Euch, euch gibt man bald den Rest! Rufet: »Hoch die Dividende!«, Wenn ihr euch zum Stempeln trollt. Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde, wunderhold! Was mir recht ist, ist dir billig! Freie Bahn für jeden Schuft! Halt zusammen, treu und willig, Deinen Mund und leb von Luft! Freundlich schimmert das Gelände, Ehrenfest und Hengelgold, Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde, wunderhold!   Nachruf Stavisky hat gute Geschäfte gemacht, Er betrog diese Welt des Trugs. Ihr aber fuhrt hinab in den Schacht, Und um euch war tagtäglich die gleiche Nacht, Kumpels von Dux. Hitler hat Deutschland zum Schweigen gebracht, Aus Blut die Profitrate wuchs. Ihr aber fuhrt hinab in den Schacht Und rangt mit dem Berg die tagtägliche Schlacht, Kumpels von Dux. Genf hat geschlafen, Tokio gewacht Im Rausch des Eroberungszugs. Ihr aber fuhrt hinab in den Schacht, Und euch drohte tagtäglich der Fels, den ihr bracht, Kumpels von Dux. Sie zahlten im Spiele um Ruhm und um Macht Millionen für mördrischen Jux. Doch wo ihr für sie fuhrt hinab in den Schacht, Da waren sie täglich aufs Sparen bedacht, Kumpels von Dux... Wenn es wahr ist, was sie jetzt erzählen Euren Weibern: daß die Seelen Sich zum Himmel drängen Jähen Flugs – Wann, wann werdet ihr die Felsen sprengen, Die den Sturm zum Paradies beengen, Kumpels von Dux?   Galgenfrist bewilligt Im Fernen Osten hat's Schüsse gegeben, Doch Genf hat nur von Ausschüssen gewußt. Ach, weißt du, wieviel Sternlein kleben Auf der Generäle Brust? In Komitee und in Kommission Wird beraten, beraten, beraten, Und in aller Welt marschieren schon Soldaten, Soldaten, Soldaten. Und ein Kriegsgrund ist ja leicht zu besorgen. Heut nicht mehr? Dann morgen! Was ist des Deutschen Vaterland? Bankrott vom Brenner zur Memel! Da beißt in Granit der Gläubgerverband Und wir in die letzte Semmel. Dies kündet Papen mit Heldenpos', Und Dollfuß macht schön »bitte, bitte«, Doch sie sprechen dasselbe: »Es helfen bloß Kredite, Kredite, Kredite!« »Doch wir verhungern, auch wenn sie uns borgen?« »Heut nicht mehr! Erst morgen...« Herr Hitler greift bereits nach der Macht Und dem deutschen Prolet an die Kehle. »Das Deutschland Wilhelms ist wiedererwacht!« Schreien Stahlherrn und Generäle. Ihr Herrn, eure Welt ist todgeweiht. Schafft Kriege, Kredite, Faschisten. Dadurch gewinnt ihr nur wenig Zeit, Nur kurze Galgenfristen. Wir werden euch stürzen, macht euch keine Sorgen. Heut nicht mehr? Dann morgen!   Einheitsfront Die Sowjets bedrohen, wie jeder weiß, Den Klassenfrieden, den Erdölpreis, Die Baumwollkurse, die Religion, Moral und Zündholzproduktion! Drum reichen Deterding, Vanderbilt, Ford, Morgan und Thyssen einander die Hände: »Hoch die Kultur, die's zu schirmen gilt, Dreimal so hoch die Dividende!« Um Leichenbeute wird später gestritten – Jetzt feiern die Herren Honigmond. »Auf denn«, ruft Krupp, »gen Ostland geritten, Es lebe die goldene Einheitsfront!« »Ich träumte einst von Arbeiterpartei«, Sprach Hitler, »doch das ist längst vorbei. Mögt ruhig sein, die ihr schafft und rafft: Fest steht und treu die Zinsknechtschaft!« Und neue Aufschläge gab es im Nu Zu Uniformrock samt Hose, Und neue Anschläge gab es dazu Auf Krüppel und Arbeitslose. So einten sich Hitler und die Barone. Schon steigen glorreich am Horizont Hohenzollernschnurrbart und Krone. »Es lebe die braune Einheitsfront!« Von Warschau bis Schanghai, von Süd bis Nord, Von Essen bis Neuyork, von Thyssen bis Ford, Von Hitler bis Horthy steht er geeint, Der imperialistische Klassenfeind! Sie greifen an, sie marschieren geschlossen! Können denn wir nicht, was die gekonnt? Die Zeit ist knapp. Zeit ist Blut, Genossen! Genossen, schließet die Einheitsfront!   Simmering »Klassenkämpfe, Klassenhaß – Ach, Mama, was ist denn das? Ist's nicht unanständig?« Stets schrieb so Herr Schattenfroh Samt Herrn Lippowitz u. Co. Und schämten sich unbändig! »Prolet und Unternehmer sind Im Grund wie Vater doch und Kind Und tun sich nie was Args! Wie 's eigne Kind behandelt schon Den Arbeitnehmer Herr Busson!« Doch wenn's mal wo zum Krachen kommt, Verstummt das Friedenssäuseln prompt, Dann schließt sich jäh im Hasse Die Front der Bürgerklasse. Ach, Weltanschauungen gibt's viel, Es spieln sie aus, wie im Kartenspiel, Die Herren allzusammen: Herr Lippowitz zum Beispiel hat Den König stets in seinem Blatt Und eine Menge Damen. Der Nazi setzt in Saus und Braus Auf Hitler, denn es teilt ihm aus Rothschild aus zweiter Hand; Ein andrer Trumpf heißt »liberal«, Ein dritter »christlich-sozial«, Ein vierter »tolerant«. Doch nimmt das Spiel mal nicht den Lauf Der Polizeigewehre, Dann decken sie die Karten auf! Und als ob's längst so wäre Steht in der Drischützgasse Die Front der Bürgerklasse! Seht: Aus den vielen Mäulern gellt Dieselbe Lüge, Genossen, Von Nagelstock bis Frauenfeld Hat sich die Front geschlossen! Daß wir von ihnen zu lernen verstehn, Werden die Herren morgen sehn, Wenn wir auf der Straße Stehn: Klasse gegen Klasse.   Vertrauenskundgebung für Herrn Fey Eiapopeia alala, Was rasselt im Stroh? Man macht auf Waffen Razzia, Und darum rasselt's so. Proleten, wir wollten die rote Partei Und die Verfassung bewachen? Ach, überlassen wir das Herrn Fey Und seiner braven Polizei; Die werden die Sache schon machen. Alle sind gleich vor dem Gesetz, Vor dem Gesetz dieses Staats, Doch hinter dem Gesetz ist stets Für Heimwehr reichlich Platz. Ja, dazu sagten wir allerlei, Als unzensuriert wir noch sprachen – Jetzt überlassen wir alles Herrn Fey Und seiner braven Polizei; Die werden die Sache schon machen. Es ist nicht leicht für die Gendarmerie, In unbekannten Verstecken Stets unsere Waffen und niemals die Der Heimwehr zu entdecken! Sie haben wohl viel Plage dabei. Sie schwitzen – wir können lachen! Drum überlassen wir alles Herrn Fey Und seiner braven Polizei; Die werden die Sache schon machen. Oh, sein wir doch nicht destruktiv! Vertrauen wir ihnen! Auf Ehre: Sie sind entwaffnend objektiv! Brauchen wir da noch Gewehre? Wir wollten uns schützen vor allerlei Grünen und braunen Apachen. Ach, überlassen wir das Herrn Fey Und seiner braven Polizei; Die werden die Sache schon machen. Grab weiter, wertes Staatsorgan! Und gib uns keinen Pardon! Denn sieh: Wir zogen die Massen heran Gegen die Reaktion. Und schaut euch bloß ein wenig um, Bei euren Waffensuchen! Stehn da nicht Massen rundherum, Die Fäuste geballt, und fluchen? Und Arbeitslose in dichter Reih Hinter Gendarmenwachen: Viel hundert Münder – ein Zornesschrei? Sind wir's, die den Haß entfachen? Wir überlassen das Ihnen, Herr Fey, Und Ihrer braven Polizei, Sie werden die Sache schon machen.   Die Mühlen der Gerechtigkeit Der liebe Gott sprach klipp und klar: »Punkt fünf: Du sollst nicht töten!« In Graz sprach man das Kommentar: »Und wenn, dann nur Proleten!« In Arbeiterlokalen Kriegt erst Justirias Säbel Schneid: Dann mahlen, mahlen, mahlen Die Mühlen der Gerechtigkeit. Wer »Hunger!« brüllt, den muß man fest An seiner Kehle packen. Man heilt die Not in Budapest Mit Polizeiattacken. Und gibt's in Polen Wahlen, Wird mancher stumm gemacht, der schreit: Es mahlen, mahlen, mahlen Die Mühlen der Gerechtigkeit. Vergebens haben einst gehofft Sacco und Vanzetti. Der Nigger stinkt; man hängt ihn oft Und jagt ihn durch die Getti. Zäunt die Kultur mit Marterpfählen Sorgfältig ein. Mord? Tut uns leid: Es mahlen, mahlen, mahlen Die Mühlen der Gerechtigkeit. Wer in Italien frei sein will, Verreckt in Tropenschwüle. In SHS krepiert er still In eines Kerkers Kühle. Standrecht und Folterqualen, Hochspannungsstrom und Zwangsarbeit: Es mahlen, mahlen, mahlen Die Mühlen der Gerechtigkeit.   Uralte Silvesterlegende Die Menschheit sah: Ihr altes Jahr War schäbig und war dreckig. Die Menschheit sah: Vom Blute war, Vom Schweiße war es fleckig. Die Abbau trifft im Januar, Die fanden es zu kurz. Und bang Schwor ihr die Arbeitslosen schar, Es sei zu lang! Es sei zu lang! Die Menschheit sah, daß ihr Gewand Mehr keinem wollte passen, Weshalb sie es für gut befand, Ein neues sich nähn zu lassen. Die Nacht war kalt. Die Menschheit stand Halb hoffnungsglühend und halb nackt. Es flog des Meisters flinke Hand Im Uhrentakt, im Uhrentakt. Die Uhr schlug zwölf. Der Meister rief, Zur Erde tief sich bückend: Das Jahr – ich spreche objektiv – Steht Ihnen ganz entzückend! Die Menschheit lachte, trank und schlief. Und schlief die Nacht ganz wunderbar. In ihren Träumen froh sie lief Im neuen Jahr! Im neuen Jahr! ... Die Menschheit fühlte sich sehr krank, Als Frühfrost wach sie rüttelte, Und als sie von der Stadtparkbank Ein Mann, der's durfte, knüttelte. Sie sagte ihm gleich frei und frank, Daß sie kein Bettelweib doch sei! Ob er nicht sah: Ihr Jahr sei blank Und frisch und neu! Ganz frisch und neu! Der Mann verzog zum Spott den Mund. Die Menschheit aber blickte Aufs neue Jahr. Erhob sich und – Das Jahr, das neue, drückte! Es drückte Hals und Schultern wund! Es hing herab, ein Lumpenschurz! Es war zu lang oder im Grund Vielleicht zu kurz? Vielleicht zu kurz? Es trug sich schwer! Ein freier Schritt In ihm hieß Weh und Wimmern! Durch seinen Stoff von schlechtem Schnitt Sah bloß man Flecke schimmern! Ja, brauner Schimmer Blutes glitt Durch sein Gewebe, dünn und glatt. Es krachte dumpf wie Dynamit Des Jahres Naht, des Jahres Naht ... Ein neues Jahr? Nein, das war's nicht. Die Menschheit war verblendet: Man hatte ihr bei Sternenlicht Den alten Rock gewendet! Den alten Rock, der würgt und sticht, Sie wenden ihn ohne Ende. Die Menschheit aber sah es nicht. Sie schleicht mit gläubigem Gesicht Zur nächsten Jahreswende.   Zehn Tage neues Jahr Ein neues Jahr ist durchaus kein Hund! Die Zeitungen drucken Neujahrsgrüße Vom Buresch und vom Hoover, und Man faßt die löblichsten Entschlüsse. Die Herren der Wirtschaft und Politik Schworen heilig bei den Banketten, Mit Frieden, Krediten, Vertrauen und Glück Diesmal sicher die Welt zu erretten. Und die Japaner begrüßten das Jahr Mit ein paar lauten Ehrensalven, Die vor den Mauern von Tsitsikar Zweihundert Chinesen ins Jenseits halfen. Das Jahr ist funkelnagelneu! Die Maschinengewehre der englischen Herren Knallen in Bombay. Die Polizei Beginnt die Führer einzusperren. In Washington war man sehr gereizt, Weil Arbeitslose nach Essen riefen. Es dampfen, mit Kaffee geheizt, In Brasilien die Lokomotiven. Und während der Weizen zum Himmel stank, Erschoß man Menschen, die Hunger hatten. Die Rüstungen aber, Gott sei Tank, Gehn nach wie vor in Frieden vonstatten. Das neue Jahr ist noch sehr jung. Doch habt zu den Herren der Welt nur Vertrauen, Es kommt schon noch alles gehörig in Schwung: Ein Jahr noch Krise. Dann sollt ihr schauen!   Ein Täuberich belehrt seinen Sohn Und die großen Vögel ohne Schwingen, Die sich immer gar so wichtig machten, Weil sie uns das bißchen Futter bringen – Die, mein Junge, sollst du stets verachten. Glaube nicht, sie hätten uns so lieb! Nicht einmal, wir täten ihnen leid! »Dienst und Gegendienst« ist ihr Prinzip; Wer uns nährt, nährt seine Eitelkeit. Ihre Weibchen streuen Semmelkrumen, Lassen uns auf ihren Schultern hocken, Um mit diesem (nebstbei ziemlich dummem) Mittel ihre Männchen anzulocken. Männchen aber spreizen sich gleich Pfaun, Schenken sie uns was, und ihre Brut Läuft verzückt herbei, um zuzuschaun: »Ach, er füttert Tauben! Er ist gut!« Daß noch kleine Tiere existieren, Die nicht ängstlich flüchten, wenn sie kommen, Scheint die Flügellosen tief zu rühren. (Ihr Gewissen ist wohl sehr beklommen.) Und wir schmücken jeden Liebesbrief! Und es knipst uns jeder Amateur! Und wir sind ein dichtrisches Motiv! Schwer verdient man sich sein Brot, sehr schwer! Schau, die drei, die eben debattierten, Streun uns Körner. Komm, wir wollen klauben! Welch ein Bild für alle Illustrierten: »Diplomaten füttern Friedenstauben!« Los, mein Junge! Sei ein kluger Esser! Friß dich satt, doch lach aus vollem Kröpf chen! Und zum Dank: ein wohlgezieltes Tröpfchen! Glaub mir: Sie verdienen es nicht besser!   Nur die Ruhe ... A: Deutschland aus dem Völkerbunde Waffen klirrend ausgetreten! Jetzt, Proleten, nicht verspäten: Schlaget zu in letzter Stunde, Denn sonst schlägt sie euch, Proleten! B: Freund, Sie sind zu pessimistisch. Neurath und selbst Hitler sprachen Doch so rührend pazifistisch! Nur die Ruhe wird es machen. A: Japan droht, denn Gier macht mutig: »Rußland hat die Bahn zu räumen!« Raus, Proleten, aus dem Träumen! Säumt ihr jetzt, so werdet blutig Ihr Europas Felder säumen! B: Freund, Sie sehn die Welt zu trübe! Roosevelt wird die Ruh bewachen Und Macdonalds Friedensliebe – Nur die Ruhe wird es machen. A: Hell klingt beim Champagnerglase, Aber hohl auf Panzerwänden Englands, Frankreichs Friedensphrase. Seid nicht blind, auf daß die Gase Euch nicht gründlicher bald blenden! B: Freund, die Herren sind schon pleite. Sollen sie nun ganz verkrachen? Nein, an Krieg denkt keiner heute. Nur die Ruhe wird es machen. A: Nur die Ruhe wird es machen? Wüßten Sie, wie wahr Sie sprachen! Wenn einst, wund im tiefsten Schöße, Diese Erde, eine große Dichtgefüllte Leichentruhe, Wird tief unten und hoch oben Lange Zeit die Hölle toben, Aber dann herrscht Friedhofsruhe. Und wen Worte nicht erschreckten, Wird die Ruhe graunvoll schütteln! Wenn euch Worte nicht erweckten – Diese Ruh wird wach euch rütteln! Gegen eure Blindheit fochten Laute Worte – und zerbrachen. Und was Worte nicht vermochten – Nur die Ruhe wird es machen!   Genfer Abrüstungsrede Messieurs! Die Welt hört ab Montag bereits Außer dem faden Schlachtengetümmel Lieblich aus der französischen Schweiz Unserer Friedensglocken Gebimmel. Verehrte Herren! In heißem Dank Wird die Menschheit auf uns schauen: Wir werden der Welt, die vom Rüsten so krank, Endlich das richtige Pulver brauen! Wir sitzen bei trautem Kanonengebrumm, Und in den Lüften (Sie werden's kaum glauben) Flattern. Bombenflugzeuge herum Und gurren wie richtige Friedenstauben! Die Friedenspalmen schütteln sich leis ... Prosit, meine Herren, Sie sollen leben! (Der Toast gilt zwar nicht den Toten Schanghais, Doch würde auch sie dieser Anblick erheben.) Ein Halleluja dem Völkerbund! Die Kommission wirkt energisch im Osten, Sie macht bei Gefallnen den Leichenbefund Und berechnet bei Bombardements die Kosten! Schluß mit den langen Kriegen ab heut! Ich höre die Englein Schalmeien blasen ... Bald ist der menschliche Fortschritt so weit, Daß wir, meine Herren, mit Sicherheit Die Menschheit in sechzig Minuten vergasen ...   Heldensage, gleichgeschaltet Deutschland baut unterirdische Flugzeughäfen Der alte Barbarossa, Der Kaiser Friederich, Im unterirdschen Schlosse Hält er verzaubert sich. Sein Bart ist jetzt von Flachse, Er bleicht ihn täglich frisch, Und läßt ihn nicht mehr wachsen Um Genfs Verhandlungstisch. Von Stahl ist Helm und Krone, Der Reichsapfel brisant, Die Panzerplatten am Throne, Auch die sind allerhand. Sein Speer ist dreizehnschüssig. Im Fliegeroverall Nährt er sein Schlachtroß flüssig Mit Shell-Öl und Benzol. Sprich: Bleibt der alte Kaiser Dort bis zum Jüngsten Tag? Nein! Ihn hält im Kyffhäuser Nur der Versailler Vertrag. Er schickt einen Hitlerknaben Wohl aus, auf daß er merk, Ob schon genügend Raben Umkreisen seinen Berg. Und sind genügend Raben In Deutschland einst gebaut, Steigt er aus seinem Grabe Und bläst ins Hifthorn laut. Wenn Barbaro-SA dann marschiert Gen Ost oder zum Rhein, Heiho und horrido, das wird Ein Hakenkreuzzug sein!   Das Dachaulied (Über dem Eingang zum KZ Dachau stand die Inschrift: »Arbeit macht frei«) Stacheldraht, mit Tod geladen, Ist um unsre Welt gespannt. Drauf ein Himmel ohne Gnaden Sendet Frost und Sonnenbrand. Fern von uns sind alle Freuden, Fern die Heimat und die Fraun, Wenn wir stumm zur Arbeit schreiten, Tausende im Morgengraun. Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt, Und wir wurden stahlhart dabei. Bleib ein Mensch, Kamerad, Sei ein Mann, Kamerad, Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad: Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei, Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei! Vor der Mündung der Gewehre Leben wir bei Tag und Nacht. Leben wird uns hier zur Lehre, Schwerer, als wir's je gedacht. Keiner mehr zählt Tag und Wochen, Mancher schon die Jahre nicht. Und so viele sind zerbrochen Und verloren ihr Gesicht. Doch wir haben ... Heb den Stein und zieh den Wagen, Keine Last sei dir zu schwer. Der du warst in fernen Tagen, Bist du heut schon längst nicht mehr. Stich den Spaten in die Erde, Grab dein Mitleid tief hinein, Und im eignen Schweiße werde Selber du zu Stahl und Stein. Denn wir haben ... Einst wird die Sirene künden Auf zum letzten Zählappell! Draußen dann, wo wir uns finden, Bist du, Kamerad, zur Stell. Hell wird uns die Freiheit lachen, Schaffen heißt's mit großem Mut. Und die Arbeit, die wir machen, Diese Arbeit, sie wird gut. Denn wir haben ...   Sturmzeit! Der Weg ist weit Und fern die Rast, Es pfeift die Zeit, Vom Sturm erfaßt, Dir gellend um die Ohren. Ein Flügelschlag Streift dir durchs Haar, War das ein Tag? War das ein Jahr? Verflogen und verloren ... Was du getan, Geht über Bord, Der Hurrikan Reißt alles fort, Er reißt dein Kleid in Fetzen. Was rings geschieht, Ist schnell verweht, Du hörst das Lied, Hörst das Gebet Kaum im Vorüberhetzen. Zum Himmel stieg Ein Mutterschrei. Das war ein Krieg, Nun ist's vorbei. Weh allen, die's erwähnen! Im Tod verklingt Ein »Ça ira!«, Ein Stern versinkt, Er schien so nah. Nun regnet's bittre Tränen. Das Sterben jagt Dem Leben nach, Ein Morgen tagt ... Ein Mensch zerbrach ... Es blühn und dorren Saaten, Es treten ab Und fallen hin Ins Massengrab Die Kompanien Der ewigen Soldaten ... Der Weg ist weit Und fern die Rast, Und Müdigkeit Hat euch erfaßt. Ihr wollt die Augen schließen. Und dennoch schließt Die Augen nicht! Dem Sturme blickt Ins Angesicht, Denn ihr sollt alles wissen!   Lied des einfachen Menschen Menschen sind wir einst vielleicht gewesen Oder werden's eines Tages sein, Wenn wir gründlich von all dem genesen. Aber sind wir heute Menschen? Nein! Wir sind der Name auf dem Reisepaß, Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas, Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls Und Widerhall des toten Widerhalls. Längst ist alle Menschlichkeit zertreten, Wahren wir doch nicht den leeren Schein! Wir, in unsern tief entmenschten Städten, Sollen uns noch Menschen nennen? Nein! Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt, Wir sind die Nummer im Katasterblatt, Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt Und unsre eignen Schatten allesamt. Soll der Mensch in uns sich einst befreien, Gibt's dafür ein Mittel nur allein: Stündlich fragen, ob wir Menschen seien? Stündlich uns die Antwort geben: Nein! Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt. Ein armer Vorklang nur zum großen Lied. Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit! Kurze Prosa Verzweiflung der Jugend Die Welt befindet sich in einer Übergangsphase und ist darum qualvoller und widerspruchsvoller, als je eine Zwischenzeit es war. Der Kapitalismus steht in einer Krise von unerhörter Schärfe. Doch trotz alledem: Die äußere Macht des Systems ist unerhört stark. Denn je größer die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Bürgertums werden, desto mehr wird die Last der Krise auf die Arbeiter abgewälzt, desto schwerer wird diese Last. Je tiefer die Zweifel des Bürgertums an der inneren Berechtigung seiner Herrschaft sind, desto brutaler werden seine faschistischen Offensiven, desto rücksichtsloser seine Herrschaftsmittel. So sieht die Welt aus, in die die Jugend hineingewachsen ist. Diese Jugend wollte sich mit der Zeit auseinandersetzen, feurig und tatkräftig, wie es die Art der Jugend ist; aber die Zeit hat ihr Feuer erstickt und ihre Tatkraft gelähmt. Sie bekommt die Unzulänglichkeit des Systems am schärfsten zu fühlen: »Ihr seid jung und kräftig?« spricht die Zeit. »Ihr wollt arbeiten und schaffen? Es ist keine Arbeit für euch da, weil zu viel Kleider und Brot da sind. Ihr wollt essen und euch kleiden? Hungert und geht in Fetzen, denn für euch ist keine Arbeit da ...« Und auf der Jugend lastet das Bewußtsein der Unerträglichkeit eines Kerkers, zu dem sie von einem ungerechten, unverständlichen Richterspruch verurteilt ist. Dieses Gefühl aber wäre der stärkste Ansporn zu revolutionärem Willen, zu Begeisterung, zu Pathos und Tatkraft, es gäbe der Jugend die Überzeugung, Träger einer Schöpfungsaufgabe zu sein, wenn ihre erste Empörung nicht sofort auf die tödliche Enttäuschung stieße. Die drückende, würgende Not der Krise nagt an der Tatkraft der Jugend und pflanzt ihr immer tiefer den Gedanken ein: Es ist mehr als ein Kerker, zu dem wir verurteilt sind, es ist lebenslänglicher Kerker. Alles, was diese jungen Menschen tun, tun sie, um der Zeit zu entfliehen, in der sie keinen Inhalt für sich finden können. Die einen berauschen sich auf jede mögliche Weise. Manche versuchen in die romantische, idealerfüllte Jugendbewegung zurückzufliehen, aus der sie eben, ohne jede Vorbereitung, in das Leben getreten sind. Aber die Kreise dieser jungen Leute werden schließlich von selbst zerschlagen, und sie treiben zerrissen und seelisch zerrüttet im Dasein umher. Dann gibt es die mühelose Betäubung des Jazz und des süßen Kitsches. Dann gibt es das herrliche Opium des krankhaft gesteigerten Sports. Viele erliegen der leeren Lockung: Hakenkreuzfahnen wehen; verzweifelt suchen sie das, was ihnen fehlt; die vermeintliche zielbewußte Persönlichkeit, den starken, sicheren Charakter, den ganzen Kerl. Und manche werfen einfach das Leben von sich. Neunzig Prozent der Briefe jugendlicher Selbstmörder lauten: Das Leben hat für mich keinen Sinn ... Welche Ironie, bei all diesem Umsichschlagen sieht es aus, als wäre die Jugend von heute besonders radikal und ungeduldig, als hätte sie den stürmischen Willen, endlich zu handeln. Es ist nicht so; diese Zeit des Widerspruches, diese Zeit, in der wir so nicht mehr weiter und doch nicht anders können, diese Zeit der Halbheit hat die Jugend hart und erbarmungslos gepackt und ihr ihren Stempel aufgedrückt: Sie hat aus ihr eine Jugend der Halbheit und des Widersinns geformt. Es bleibt immer hinter all der Begeisterung ein Rest von Unsicherheit, eine Spur von Unglauben zurück, die den Jungen sehr oft bewußt wird, wenn sie dem Taumel ihrer Massenerlebnisse entrückt sind. Eine Ungeduld der Jugend gibt es heute nicht; leider. Leider ist diese Jugend nicht tatkräftig, nicht zielstrebend, nicht ungeduldig. Sie ist nicht revolutionär und nicht reaktionär; nicht ganz gläubig und nie ganz zweifelnd; sie ist wie ganz und immer halb. Sie ist nicht einmal ganz unglücklich. Die Neurose der Zwischengenerationen hat die Jugend von heute gepackt. Diese Krankheit als Ungeduld, als stürmisches Vorwärtswollen zu sehen ist gefährlich. Vor allem darum, weil dann eintreten würde, was um keinen Preis geschehen darf – daß die Alten in lächelndem Wohlwollen erstarren und die Jungen in müßiger Selbstgefälligkeit eine weitere Zuflucht vor dem Leben suchen und nicht an ihre Pflicht denken würden: alle Kraft daranzusetzen, sich zu retten. Denn es gibt auch in dieser Zeit Aufgaben für die sozialistische Jugend, und wenn man lernt, ihn zu finden, auch einen Weg aus Halbheit und Verzweiflung zu neuem Ziel- und Selbstbewußtsein.   Alma mater Rudolphina Studentenleben 1936 Liebe Mutter! Ich habe also inskribiert. Der Vorgang war sehr kompliziert und ehrfurchtgebietend; nichts als lateinische Namen auf dem ganzen Amtsweg: Quästur, Dekanat, Immatrikulation, Juxte und so weiter. Ich habe zwei geschlagene Vormittage gebraucht, um das alles hinter mich zu bringen. Dann erst bin ich dazu gekommen, mir etwas anderes anzuschauen als die Rücken von Kollegen, die sich mit mir in endlosen Schlangen vor den Schaltern anstellten. Die Alma mater Rudolphina ist ebenso schön und ehrwürdig wie ihr Name. In der Aula: marmorene Ehrentafeln und ein Denkmal des kriegsgefallenen Studenten. Im Hof Kolonnaden rund um eine Statue der Weisheit und in endloser Reihe die Büsten berühmter verstorbener Professoren. Auf Schritt und Tritt weht einem der Hauch einer großen akademischen Tradition entgegen. Ich kann sehr gut verstehen, daß dieses Gebäude bis vor einigen Jahren seine Autonomie besaß, und als ich einen Vormittag in der Bibliothek verbracht hatte, wo ich in ziemlich ungeregelter Weise allerhand Bücher, Zeitschriften, Spezialarbeiten und so weiter aufgeschlagen und wieder stehengelassen habe – da begriff ich vor diesem Berg von Wissenschaft, woher die Studentenverbindungen im Jahre 1848 eigentlich das Selbstbewußtsein schöpften, sich zu Führern des Volkes aufzuschwingen und ... Ja, richtig, bei einer Verbindung bin ich auch schon. Der Kollege, der mich gekeilt hat, hat mir versichert, daß unter den Alten Herren des Korps sich viele gutsituierte und einflußreiche Persönlichkeiten befinden, die mir später einmal kameradschaftlich weiterhelfen können. Jeden Mittwoch und Samstag werde ich beim Farbenbummel mittun. Du kriegst ein Foto. Außerdem werde ich mich an ein streng geregeltes System von Frühkneipen, Abendkneipen, obligaten Ausflügen mit Korpsdamen und so weiter gewöhnen müssen. Gar nicht zu reden vom dicken Ehrenkodex, den ich werde auswendig lernen müssen, um nicht ewig ein krasser Fuchs zu bleiben. Aber da schreibe ich Dir von tausend Dingen und vergesse das eigentlich Wichtigste! Du weißt ja noch gar nicht, was ich inskribiert habe! Ohnehin hast Du Dich die ganzen Ferien hindurch gewundert, warum ich so scharf aufs Studieren war, ohne überhaupt noch genau zu wissen, was! Und ich kann Dir auch jetzt diese Unentschlossenheit nicht richtig erklären und Dir nur wiederholen, daß sechs von meinen zwanzig Maturakollegen sie genau so empfunden haben. Wir haben eben sozusagen Angst gehabt, so aus der Achten Realgymnasium direkt ins Nichts umzusteigen – na, egal, jetzt hab' ich mich entschlossen. Nicht für Medizin, wie Du immer wolltest – zum Arzt muß man eine Berufung fühlen, da können die Mediziner Lechner und Steiner grinsen, soviel sie wollen –, sondern fürs Lehramt . Und zwar Germanistik und Geschichte. Da glaube ich, wie unsere Verhältnisse liegen, werde ich schon unterkommen, und außerdem, es sind bis zu diesem Problem noch vier, fünf lange Jahre Zeit. Ich habe auch schon die ersten Vorlesungen besucht. Es war natürlich sehr interessant, und ich habe fleißig mitgeschrieben. Und doch war es irgendwie anders, als ich's erwartet habe. Wie soll ich Dir's erklären? Ich habe geglaubt, hier, wo man für seinen Beruf vorbereitet wird, wird alles irgendwie Beziehungen zum Leben haben. Was vorgetragen wird, ist aber eine Welt für sich, so wie der Lehrstoff der Mittelschule, nur selbstverständlich viel detaillierter und exakter. Von dieser Ähnlichkeit war ich im ersten Moment betroffen. Allerdings habe ich jetzt, nach einer Woche, meine falschen Vorstellungen schon korrigiert. So ist eben die Wissenschaft. Kollegen aus höheren Semestern, die ich kennengelernt habe, verstehen gar nicht mehr, wie man einen Prüfungsstoff überhaupt so betrachten kann, wie ich's in den ersten Tagen getan habe. Ich habe sie zum Beispiel eine Stunde lang bei einem Kollegium fließend über Goethes Humanitätsgedanken Auskunft geben hören, worauf sie dann auf dem Heimweg ganz entgegengesetzte Themen anschlugen. Es gibt auch andere, die sich in den Seminaren eingescharrt haben und alles in der Welt vom Standpunkt ihrer Spezialuntersuchungen sehen. Sehr strebsame junge Leute und mit zweiundzwanzig schon richtige uralte Privatgelehrte! Die imponieren mir eigentlich mehr. Denn während die erstgenannte Majorität zum Beispiel bei Diskussionen merklich wahllos mit Satzfragmenten Nietzsches, Treitschkes, Austin Stuart Chamberlains oder gar Platos herumwirft, sind die anderen gleich mit so viel gelehrten Details zur Hand, daß man als Ungelahrter sofort den Boden unter den Füßen verliert und die ganze Welt geradezu verkehrt sieht. Aber die wichtigste Frage ist ja für Dich momentan, wieviel Du mir für die Kollegiengelder schicken mußt. Ich weiß ja genau, liebe Mutter, daß Ihr Euch gewaltig abschindet, um mir das Studium zu ermöglichen und damit unsere Familie endlich auch einen Akademiker aufzuweisen hat. Nun, ich kann Dir noch keine Summe nennen. Ich habe um Kollegiengeldbefreiung eingereicht, habe mit meinem Vorzugsmaturazeugnis gute Aussichten, aber sicher ist nichts. Neulich ist ja in der Zeitung gestanden, daß von zirka 12 000 Studenten zirka 7000 als mittellos zu betrachten sind. Warum wir jungen Akademiker so schlecht dran sind und so miserable Aussichten haben – darüber hab' ich in der Verbindung schon sehr viel gehört. Wie ich ja überhaupt in Gesprächen mit den Kollegen, besonders mit den obengenannten Seminarkanonen, meine Weltanschauung immer mehr vertiefe und ausbaue. Als Historiker hoffe ich, die politischen Ansichten, die ich schon in der Mittelschule gewonnen habe, durch eine wohlfundierte biologische Geschichtsauffassung solid untermauern zu können. Aber ich will Dich nicht mit Fachsimpeleien belästigen, sondern Dir lieber zum Schluß noch kurz von einigen Studienkollegen erzählen, die Du persönlich kennst. Weißt Du zum Beispiel, was der Sohn des Apothekers studiert? Der magere, kleine Zehetner, der ein Jahr vor mir nach Wien gefahren ist? Du wirst es nicht glauben: Bodenkultur! Erst hat er Jus probiert, hat aber dann umgesattelt. Nun, die Bodenkultur schlägt ihm sehr gut an. Er hat sich mit einigen Gutsbesitzersöhnen angefreundet, wird im nächsten Sommer eine bezahlte Ferialpraxis kriegen und braucht auch keine Angst vor der Zukunft zu haben. Das ist einer, der genau weiß, was er will. Lechner und Steiner, die drei Jahre vor mir maturiert haben, sind im schönsten Medizinstudium drin. Sie haben so viel zu stucken, daß ihnen gar keine Zeit bleibt, an die Zukunft zu denken. In ihrer überheizten Bude verbringen sie qualmend schlaflose Nächte, treten mit irren Blicken zu Rigorosen an, sausen durch, treten wieder an und kommen gar nicht dazu, zu überlegen, ob sie's gern tun oder wider Willen. Wer ihnen begegnet, dem werden aus dem Stegreif ein Dutzend tödlicher Krankheiten auf den Kopf zugesagt oder schweinische Witze serviert. Verstuckte, aber unterhaltsame Patrone. Angeblich entschädigt die Spitalpraxis reichlich für durchbüffelte Monate. Ich habe da viele heitere Episoden gehört. Ich habe auch den Hans Eilinger getroffen. Ich weiß nicht, ob Du Dich an ihn erinnern kannst, das ist der Wiener, den ich als kleiner Bub in Holland, im Lager der Kinderhilfsaktion, kennengelernt habe. Also dem geht es ganz dreckig. Sein Vater ist arbeitslos. Der Hans studiert Chemie und muß jedes zweite Semester wegen Geldmangels überspringen. Weiß Gott, wann der überhaupt Zeit zum Studieren findet: Vormittags agentiert er mit Staubsaugern, nachmittags gibt er Nachhilfestunden um 1,50 S. Er und seinesgleichen sind massenweise in den Hörsälen und Laboratorien zu finden. Mit ihren schäbigen Knickerbockern und durchgewetzten Hemden schauen sie sehr unakademisch aus. Wie überhaupt die Mehrzahl der Hörer und Hörerinnen ganz anders aussieht, als Du es Dir vielleicht auf Grund von Alt-Heidelberg-Filmen vorstellst. Nur wenn Farbenbummel ist, erstrahlt die Aula, der Hof von unzähligen bunten Kappen, die ununterbrochen zum Gruß gelüftet werden. Auch wenn ein Doktorand von seiner Verbindung in vollem Wichs, mit Stulpstiefeln, Pluderhosen, weißem Wams, Federhut und Rapier aus dem Promotionssaal abgeholt wird, hat man wieder voll und ganz das Gefühl: Alma mater Rudolphina! Ich wohne um 45 Schilling in einem sehr netten Kabinett, kümmere mich, Deinen Beschwörungen folgend, überhaupt nicht um das schöne Geschlecht und esse, wie Du mir empfohlen hast, viel Obst. Wenn die Sommerbilanz von Papas Gasthaus günstig ausgefallen ist, könntest Du mir vielleicht ein paar Hemden mit steifem Kragen schicken. Ich bin ja doch kein Hans Eilinger und muß in der Verbindung standesgemäß auftreten. Liebe Mutter! Du weißt, daß ich mir vorgenommen habe, brav zu studieren, um was Besseres zu werden. An Euch alle die herzlichsten Grüße. Euer Akademiker   Motorräder Neulich begegnete ein Reporter einem Märchen. Nicht einem solchen, in dem das »r« ein Druckfehler ist und richtig »d« heißen sollte; sondern einem regelrechten Märchen, das von einem modernen, motorisierten Andersen zu stammen schien. Ein sogenanntes »Märchen der Wirklichkeit« also. Wenigstens sah es anfangs ganz danach aus. Der Reporter schlenderte ohne vorgefaßte Absicht durch die Straßen eines Arbeiterbezirks. Er blieb zufällig vor der Auslage eines großen Motorradgeschäfts stehen. Blitzend vor Lack und Chrom glotzten da reihenweise die eleganten Maschinen mit ihrem Einaug auf die Straße heraus. Die Sättel harrten einladend des Käufers, es ragten die weichen Soziussitze, und die edlen Renner duckten sich ungeduldig zum ersten Sprung auf die Glocknerstraße. Vor der Auslage standen ein stämmiger Fleischhauergehilfe, ein Angestellter mit Aktentasche und ein junger Arbeitsloser. Ihre Blicke streichelten schüchtern die Maschinen, ihre Träume saßen im Sattel und rasten donnernd auf den Alpenstraßen umher. Vor dieser Auslage, dachte der Reporter, ziehen täglich Scharen von geheimen Wünschen vorbei. Tausende Träume von Gehaltsaufbesserung, Erbschaft, Lotteriegewinn, Sparbuch münden in dieses Einfahrtstor. Wenn hinter dieser Auslage keine Romantik zu finden ist, dann ist sie nirgends in der Welt zu finden. Er trat ein und durchquerte mehrere Hallen, voll von ratternden, summenden, dröhnenden, neuen, gebrauchten, ganzen und zerlegten Motorrädern. Er stellte sich dem Chef, einem jungen Mann, vor. Der Chef zeigte ihm den Käuferkataster: »Beamter, Spengler, Gewerbetreibender, Beamter, Mechaniker, Bäcker, Selchermeister, Tapezierer, Beamter ...« »Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen erzählen, wie mein Bruder und ich zu dem Geschäft gekommen sind«, sagte der Chef. Und das Märchen lief vom Stapel. Es waren einmal zwei Brüder. Der ältere zählte 19 Jahre und studierte Technik, der jüngere war 16 und ging aufs Gymnasium. Eines Tages schenkte der Vater dem älteren Bruder ein Motorrad. Damit es ihn billiger komme, versuchte der junge Mann, andere Maschinen derselben Marke zu verkaufen. Er hatte einen guten Onkel auf dem Land, der kaufte ihm ein Motorrad ab. Da schwoll den beiden Brüdern der Kamm, und sie rasteten nicht eher, als bis sie im selben Jahr noch ein zweites Motorrad an den Mann gebracht hatten. Im nächsten Jahr, 1926, fuhren sie abwechselnd des Sonntags durch das Land und priesen den Bauern die Technik an. Und ehe das Jahr verstrichen war, hatten sie 60 Motorräder verkauft. Da vergaßen sie alles andere auf der Welt, und der Ältere verließ die Hochschule, und der Jüngere lernte nur mehr selten Vokabeln, und sie zimmerten einen kleinen Schuppen von zwei Meter im Quadrat, wo je zwei kommissionsweise übernommene Maschinen garagiert wurden. So verkauften sie im nächsten Jahr 80 Motorräder. Sie mieteten ein kleines Geschäftslokal. Sie hörten, eine Lampenfabrik erzeuge Doppelscheinwerfer für Motorräder. Ein Motorrad mit zwei Scheinwerfern sieht bißchen mehr nach Auto aus als ein gewöhnliches. Die Brüder verkauften im nächsten Jahr Doppelscheinwerfer und dazu 600 Motorräder. Das war ihr großer Aufschwung. Sie durchbrachen die Wände des Nachbarlokals, vergrößerten das ihre und verkauften 800 Maschinen. Die Krise kam. Der kleine Mann wurde ärmer und den Banken gegenüber mißtrauischer. Aber die Brüder gewährten ihm Raten bis zu 24 Monaten und »Kredit ohne Bank«. Sie kannten ihn und wußten, daß er ein wenig Hilfe im richtigen psychologischen Augenblick mit hundertfachem Vertrauen lohnt. Darum schickten sie jeden Sonntag einige Mechaniker durchs Land, die den gestrandeten Motorradlern ihre Pannen behoben, wenn nötig gratis. Sie verkauften 1300 Motorräder. Die Krise wuchs gewaltig. Der kleine Mann verelendete noch mehr. Aber seine Träume wurden nur um so üppiger. Sie hießen: gesicherte Existenz, Eigenheim, Wochenende im Grünen, Glück zu zweit und mit Familie im eigenen Winkel. Und diese Träume des zeitlebens verhinderten Autobesitzers sind es, die ihn in den Motorradladen treiben. Im Jahr 1935, zehn Jahre nach dem ersten verkauften Rad, haben die Brüder einen jährlichen Umsatz von 2000 Stück, das sind drei Millionen Schilling. Sie haben alle Rivalen niederkonkurriert, sie nehmen für ihr Geschäft ein ganzes Haus mit Vorder- und Hinterhof in Anspruch, sie beschäftigen 60 Angestellte, beherrschen den Markt, genießen das restlose Vertrauen aller verhinderten Autobesitzer und solcher, die es werden wollen. Und trotz der Krise sind sie nicht gestorben und leben heute noch.     Ein Märchen der Wirklichkeit! dachte der Reporter. Rockefeller-Karriere gibt's nicht nur in Amerika, sondern in entsprechend bescheidenen Ausmaßen auch bei uns! »Und Sie haben also ganz ohne Geld angefangen?« fragte er abschließend und schüttelte dem 26jährigen Chef die Hand zum Abschied. »Nicht ganz ohne Geld«, antwortete der junge Mann. »Die Eltern haben uns zum Glück anfangs mit ein paar tausend Schilling aushelfen können.« Der Reporter stand auf der Straße und war ein wenig enttäuscht. Wieder einmal stimmte etwas nicht an der Heldenlegende »Vom Zeitungsjungen zum Millionär«! Nicht einmal im stark verkleinerten Verhältnis New York zu Wien. Ein verhindertes Märchen also. Aber irgend etwas daran war doch wert, erzählt zu werden. War es in Wirklichkeit eine moralische Geschichte? »Energie setzt sich durch?« – »Ehrlich währt am längsten?« – »Freie Bahn dem Tüchtigen?« Vor der Auslage stand nur mehr der Arbeitslose. Der Fleischhauer und der Beamte hatten weiter müssen, er aber hatte Zeit. Er war jung, wie der Chef von derselben sportgehärteten und krisengeschulten Jugend. Er sah auch recht energisch aus, recht ehrlich, recht tüchtig. Er studierte einen Prospekt für Motoröl, auf dem es in grellen Buchstaben hieß: »Ein richtiger Start ist entscheidend!« Das ist es, dachte der Reporter. Diese Generation kann allerhand leisten. Aber ein richtiger Start und ein gleicher Start für alle Fahrer – das wäre entscheidend. Somit war er nicht einem Märchen begegnet, sondern bloß wieder einmal der alten Wahrheit, die ihm an jeder Straßenecke in die Arme lief.   Die Goldgräber von Ottakring Als vor etlichen Jahrzehnten durch alle Welt die Kunde ging, in Kalifornien sei Gold zu finden, da setzte ein gewaltiger Andrang abenteuerlustiger armer Teufel ein. Wahrscheinlich waren ihre Bemühungen etwas karger an spannenden Abenteuern und etwas reicher an verdammt eintöniger Arbeit, als Karl May es der reiferen Jugend zu berichten weiß. Aber gewiß ist, daß sie, wenn auch nicht immer und überall, so doch echtes Gold fanden; daß sie, hungernd und schuftend, die Pioniere einer neuen Zivilisation wurden und daß diese Zivilisation, im Guten wie im Grauenvollen, sich als vergrößertes Ebenbild jenes Goldgräberdaseins gestaltet. Sie war ein Kampf aller gegen alle, und der Tüchtigere setzte sich auf eigene Faust durch. Zu wieviel Prozent sich diese berühmte Tüchtigkeit aus Gier, Skrupellosigkeit, Brutalität und ähnlichen Eigenschaften zusammensetzte, sei dahingestellt. Unbestreitbar ist: Wenn die Lobpreiser der amerikanischen Wirtschaft damals den Zeitungsjungen zu Sparsamkeit und den (zeitweiligen) Arbeitslosen zu Geduld rieten und darauf hinwiesen, auch in der Zeitungs- und Autoindustrie könne jeder eines Tages die große Goldmine entdecken, wenn das Märchen vom Tellerabwascher, der Millionär wurde, weithin über den Erdball tönte – so gab es in diesen Ratschlägen, in diesem Märchen ein Silberkörnchen, einen Goldschimmer von Wahrheit. »Die große Chance für jedermann« war eine winzige Chance – aber sie existierte... Als vor etlichen Tagen durch ganz Ottakring die Kunde ging, auf einer Gstetten in der Nähe des Johann-Nepomuk-Berger-Platzes sei Alteisen zu finden, da war der Andrang (im Verhältnis Ottakring – Erdkugel) relativ weit größer als der Rush zu den kalifornischen Goldgebieten. Zu der Entdeckung ist es folgendermaßen gekommen: Kinder haben auf einem Baugrund gespielt, wo sich einst eine Fabrik befand; beim Aufgraben des Bodens entdeckten sie Eisenstücke, aus denen sich schließen ließ, daß nach dem Demolieren der Fabrik Maschinenbestandteile in der Erde zurückgelassen wurden. In der Umgebung aber gibt es eine Anzahl von Altmetallhändlern, die beim Abwiegen großzügig, beim Auszahlen vorsichtig, im großen und ganzen aber kaufwillig sind. Die Gewinnchance für entdeckungslustige Alteisensucher liegt auf der Hand. Am nächsten Tag wurde an einem Dutzend verschiedener Stellen gleichzeitig mit dem Graben begonnen. Die Arbeit ist nicht leicht. Was hier gefunden werden kann, sind alte Leitungskabel, alte Rohre oder (wenn man besonders viel Glück hat) irgendein verrosteter, kaum mehr identifizierbarer Gußeisenkoloß. Diese Schätze liegen zwei Meter oder noch tiefer unter dem Erdboden. Viel Klugheit und Instinkt sind erforderlich, um solche eisenhaltige Stellen zu erraten. Und auch den Klügsten kann es passieren, daß sie einen Tag lang arbeiten, um eine Rohrleitung auszuheben, dann aber bemerken, daß ihr Graben viel zu lang geraten ist, weil die Leitung nicht gerade verläuft, sondern unvermutet abbiegt; drei Viertel der Arbeit sind beim Teufel. Die Sonne brennt, im Magen rumort es, der Zigarettenvorrat ist erschöpft und kann nicht mehr erneuert werden; denn daß es nicht gerade Generaldirektoren und nicht einmal fixangestellte Hilfsarbeiter sind, die sich hier abplagen – das bedarf keiner Erwähnung. Die Arbeit hat auch ihr Schönes. Nicht nur, weil sie möglicherweise ein paar Schillinge einbringt (und möglicherweise gar nichts, was ihr nebenbei den Reiz der Abenteuerlichkeit verleiht). Nicht nur, weil es nach unendlicher Arbeitslosigkeit wieder einmal irgendeine Arbeit ist, sondern weil man hier als Fachmann wirklich zeigen kann, was man von seiner Sache versteht. Ja, mit nacktem Oberkörper oder im altgedienten, ehrenvoll zerfetzten Schlosseranzug pflanzt man sich breitbeinig im Gelände auf; die Augen der zwei oder drei jungen ungelernten Burschen, mit denen man sich zur Ausbeutung des Bodens vereinigt hat, sind erwartungsvoll auf einen gerichtet; ringsherum die Kiebitze harren stumm als müßige Gaffer oder als hilfsbereite Gratishandlanger, die Gelüste tragen, sich an einem gewaltigen gemeinsamen »Ho ruck!« zu berauschen; und nun, vor diesem Publikum, erklärt man klipp und klar, als gelernter Metallarbeiter, dem vier Jahre Arbeitslosigkeit innerlich nichts anhaben konnten, warum das Kabel rechts ums Eck verlaufen muß und nicht links ums Eck. Eine Debatte entbrennt. Der Fachmann setzt sich durch. Dann beginnt die Arbeit unter seiner Leitung, und alles ist, wie es einst in den stolzen Zeiten war, da er noch nicht stempeln ging. Hier ist es wirklich der Tüchtige, der sich durchsetzt. Und ein überwältigender Wille zum Tüchtigsein ist es, der sich hier auf dem Grabe der toten Fabrik offenbart! Frauen und Kinder haben Schaufeln und Spitzhacken zur Hand genommen, und ganz Kleine, denen man kein Werkzeug anvertraut, scharren mit kleinen Eisenstücken die Gruben zu, aus denen die Funde schon entnommen sind. »Daß sich niemand aufregt...!« Drei Männer sind besonders eifrig am Werk. Neben ihrer Arbeitsstätte ist sogar ein Feldbett aufgestellt, so entschieden haben die drei sich hier festgesetzt. Der erste in diesem Trio ist einbeinig. Der zweite taub. Der dritte zwar völlig gesund und kräftig, aber hundsjung. So ergänzen sich Erfahrung, Geschicklichkeit und Kraft. Die Zuschauer, die die Funde taxieren und die Stimmung mit Ratschlägen und Witzen beleben (unter anderem wird auch gemutmaßt, ob sich hier nicht wirklich Gold finden ließe), betrachten wortlos zwei Blechtafeln, die der Einbeinige ausgräbt und lächelnd auf einem Haufen alter Ziegel aufpflanzt. Auf der einen Tafel steht: »Lohnbureau« und auf der anderen »Zur Kassa«. Das sieht ein wenig gespenstisch aus... Wie frei früher einmal die »freie Bahn« für den wirklich Tüchtigen war – das ist eine Frage von früher einmal. Heute ist es so wie auf der Gstetten in Ottakring. Allein, zu zweit oder zu dritt werden die Tüchtigen auf keine Goldgrube mehr stoßen. Bestenfalls auf einen Abfall aus den Restbeständen der zerstörten Fabrik. Heutzutage müssen die Tüchtigen wohl bleiben, was sie sind: arme Teufel! So lange nämlich, als nicht alle zueinanderfinden.   Scharlach, Diphtherie und andere lustige Dinge Man kriegt heutzutage in jedem dritten Kino kindliche Grazie zu sehen, die mit Stargagen bezahlt wurde; es gibt so viele Muttertränen aus Glyzerin, so viel Liebe aus Zelluloid, so viel papierene Gefühle, daß man seinem Herzen und den Herzen anderer gegenüber ganz mißtrauisch geworden ist. Darum lohnt es die Mühe, eine Stunde in einem Wiener Kinderscharlachspital zu verbringen, auch wenn man keinen der kleinen Patienten speziell zu besuchen hat. Die kranken Kinder dürfen wegen Ansteckungsgefahr nicht in den Sälen besucht werden. Sie werden während der Besuchsstunden auf die Fensterbretter gesetzt, und Väter, Mütter, Geschwister scharen sich im Hof. Ein Dutzend Fenster voll Kinder, ein Hof voll Eltern. Und alles, was für gewöhnlich in der flüsternden Heimlichkeit um das Bett eines kranken Kindes erblüht, ist jetzt der Öffentlichkeit ausgesetzt, muß sich den Weg bahnen, durch soundso viel Kubikmeter feuchtkalter Winterluft, durch die Glasscheiben des Spitalfensters, vom Erdboden ins Parterregeschoß und sogar in den ersten Stock hinauf. Die Eltern haben mancherlei mitgebracht, um die Macht des trennenden Raumes zu überwinden: Operngläser, Schultafeln und Schultaschen, auf die mit Kreide ein Bruchteil von alldem geschrieben werden kann, was sie zu sagen, zu fragen, zu wünschen haben: Bist du brav? Was bekommst du zu essen? Sprichst du noch durch die Nase? Willst du Mandarinen? Kann man der Schwester Blumen bringen? Nicht weinen! Am bequemsten haben es die, deren Kinder im Parterre untergebracht worden sind. Mit Geschrei, Gesten, Mienenspiel läßt sich eine Verständigung erzielen. Am schwersten geht es, wenn die Kleinen, die im ersten Stock sind, noch nicht lesen können. Einen überglücklichen Ausnahmefall stellt jene Mama dar, die so klug gewesen war, die Stummerlsprache zu lernen. Ohne Stocken unterhält sie sich mit ihrem Sohn mittels geheimer Fingerzeichen. Die Kinder aber deuten ja und nein. Sie weinen bitterlich und beginnen dann plötzlich zu lächeln, überraschend wie Frühlingswetter. Sie erhellen ein ganzes Fenster mit ihrem Lachen, bis eines unvermittelt losschluchzt, worauf die anderen der Reihe nach einfallen. Sie erweisen sich jedes als schon ziemlich eigenartige Persönlichkeit. »Wie geht es dir?« fragt man, und der Stoiker antwortet: »Schau dir das Schwanzerl von meinem Hunderl an«, während die Sanguinikerin erwidert: »In unserem Saal gibt's a Hetz!« »Soll ich dir ein Hahnderl bringen?« fragt man den Gierigen, und er erklärt: »Na, später, zu Hause. Weil, wenn ich da wegkomm', müßt' ich's dalassen.« Es gibt Kinder, die die ganze Zeit über vor Sehnsucht weinen. Es gibt andere (besonders Mädel), die, geschmeichelt, vor so großem Publikum zu stehen, unausgesetzt kokett winken, Bussi in die Welt schicken, Tänze vorführen. Es gibt ganz zusammengebrochene kleine Menschen, den Kopf bandagiert, zermürbt von den Schmerzen der Mittelohrentzündung. Es gibt robuste, scheinbar pumperlgesunde Kämpfernaturen mit blitzenden Augen und kräftigen Fäustchen, die sich die besten Plätze erobern. Da steht eine Mutter und schaut zum oberen Stock hinauf. Irgendeines der Kinder dort oben ist das ihre, niemand außer ihr weiß, welches. Es scheint noch ein kleines Kind zu sein, denn die Frau hat keine Schreibwerkzeuge mit. Ein Fernglas besitzt sie auch nicht. Sie steht da, den Kopf erhoben, und spricht ganz leise, als säße sie am Krankenbett, spricht ununterbrochen, obwohl das Kleine oben sicherlich kein Wort versteht. »Bist brav? Was bekommst du zu essen? Sprichst du noch durch die Nase? Nicht weinen!« Erst als das Kind weggenommen wird, die Besuchsstunde aus ist, verstummt sie. Ungefilmt und ungelogen: Dabei wird einem ganz sonderbar zumute.   Junge Autoren Was sich im Vorraum des Vortragssaales in der Gegend der Garderobe drängt, gehört zumeist zu den respektabel betagten oder zu den respektabel jungen Jahrgängen: Es sind einerseits die Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel und anderseits die Freunde, Studienkollegen, Rivalen der jungen Autoren. Es gibt auch einige wenige Fünfunddreißig- bis Vierzigjährige: Das sind die Freunde der Häuser der Eltern der jungen Autoren. Und es gibt ein paar verhalten Aufgeregte, sehr Bewegliche: Das sind die jungen Autoren selbst, und man sieht es ihnen an der Nasenspitze an. Ich werde gelesen! denken sie. Heute abend werde ich gelesen werden. – Ein gewöhnlicher Sterblicher darf das ebensowenig sagen wie! »Ich werde geregnet!« oder »Ich werde geregnet werden!« Ihnen aber ist heute dieses seltene Präsens passiv erlaubt. Und keiner der jungen Autoren ist ein genügend alter Autor, um gegen den geheimen Rausch dieser kühnen Konjugation unempfindlich zu bleiben. »Was wollt ihr von mir?« sagen hingegen die Kollegen. »Werde ich heute gelesen?« Und darin steckt weniger Unbekümmertheit und mehr Neid, als sie es zeigen möchten. Die Eltern aber, die Onkel, Tanten und Freunde der Häuser bewegen sich noch ganz in den Bahnen ihrer Bridgestubengespräche. »Sie haben im Sommer abgenommen, Frau Direktor!« – »Fahren Sie im Winter wieder nach Gastein?« – »Die Kinder ...« – »Diese Dienstboten ...« – »Die Geschäfte heutzutage, Herr Kommerzialrat ...« Und die zwei bis drei nicht verwandten und nicht befreundeten Besucher des Abends hören dies, werden von der Vorstellung ergriffen, daß mitten in so ein Gespräch ein junger Autor unversehens mit der Bemerkung hineinplatzen könnte: »Mama, ich möchte ein Sternlein am Himmel sein ...« Und empfinden wieder einmal die ganze wunderbare Rätselhaftigkeit der Poeterei. Dann geht es los. Man spreche nicht von der Zersetzung der Familie: Der Saal ist voll. Biedermeiergeist strömt aus allen Wänden, die Büsten großer Toter blicken ernst und prüfend auf die jungen Autoren. Diese, rechts vom Podium geschart, nehmen nicht mehr von der Welt wahr als das eine: Mit meisterlicher Stimme rufen Burgtheaterschauspieler ins Leben, was einst (wahrscheinlich nachts) zu Papier gebracht worden ist. Unbewegt bleiben die Mienen der jungen Autoren, auch wenn der Beifall der Menge erklingt. Je tiefere Gefühle ihres Seelenlebens preisgegeben werden, desto kühler werden ihre Gesichter. Sie lächeln nicht, sie zeigen nichts von Stolz und Freude. Der, dessen Werk eben gelesen wurde, rührt keine Hand zum Beifall. Was übrigens den weder verschwägerten noch befreundeten Besucher sehr bald erraten läßt, »wer wer« ist. Die jungen Autoren, so fieberhaft beweglich zu Beginn, als sie dem Herrn Hofrat und dem Herrn Kommerzialrat vorgestellt worden waren, sind von einer Art Starrkrampf befallen. Ihre Erregung in Ehren; ihre Schöpferqualen in Ehren; trotzdem haben sie es gut. Ein kultivierter, freundlicher Saal; Eltern und Freunde, die ihn füllen; ein Ministerialrat, der Conférence macht; Burgschauspieler als Interpreten; und was viel mehr ist: eine humanistische Erziehung; die Schätze Georges, Rilkes, Hofmannsthals, Wildgans' in müheloser Reichweite, von mußevoller Kindheit an – nicht jedem jungen Autor in dieser Zeit ist das beschieden.     Diese jungen Wiener Bürger haben es nicht sehr schwer, zu dichten. Davon zeugen ihre Werke. Nicht, daß sie sich's zu leicht gemacht hätten – fast allen hört man an, daß sie sich um strenge Formen, um Rhythmus und Wort bemühen. Fast allen auch, daß sie bestrebt sind, etwas zu sagen. Aber die Form, die sie zum Teil erstaunlich gut beherrschen, ist erlernt. Nur erlernt, wenn auch von den großen Meistern. Nur erlernt, weil eigene Form sich nur um eigenen Gehalt schließen kann. Gehalt aber läßt sich überhaupt nicht erlernen, am wenigsten von Rilke, der gesagt hat: »Gedichte sind Erfahrungen.« Man muß nicht alt sein, um Erfahrungen zu haben. Diese jungen Autoren würden eigentlich nur eines dazu brauchen: mehr Mut. Was sie erlernt haben, sollten sie wohl als einen großen Schatz, hüten. Aber auch kräftig nach dem greifen, was ihnen nicht so leicht erreichbar ist: das widerspruchsvolle, problemerfüllte, lebendige Leben von heute. Gingen sie auf solchen Wegen – sie würden glaubhaftere Worte sprechen als jetzt, da sie in den versunkenen Gärten eines gottsucherischen Mystizismus wandeln. Dann erst würden sie das Erbe der Väter erworben haben, um es zu besitzen. Einem der Dichter hörten wir an, daß er wirklich und wahrhaftig nach Erlebniswerten in sich sucht. Einem anderen, daß er beherzt nach den Problemen der Zeit greift. Aber auch die anderen, deren kosmische Empfindungen ein bißchen nach Planetarium riechen, deren toll-tolle Liebeslieder auf der Heide durch zu gute Kinderstuben gehandikapt sind, die »sorgen, was morgen werden wird und übermorgen«, ohne daß man ihnen die Sorgen recht glauben könnte – sind zum Glück jung genug, um weiterlernen und umlernen zu können. Dichterische Kraft steckt in fast allen. Jetzt mehr Mut! Mehr Kontakt mit jenen jungen Autoren, die von diesen die Lehren der Literatur empfangen und ihnen zum Tausch die Lehren des Lebens näherbringen könnten! Dann könnte in der Wiener Dichtkunst über Nacht ein kräftiges, zukunftverheißendes, neues Leben erstehen.   Hugo von Hofmannsthal Inmitten der trachtenreichen Verzückung der Salzburger Season, im gewaltigsten Rummel des triumphierenden Fremdenverkehrs, wurde ihm ein Denkmal errichtet. In einer Enthüllungsrede sprach ein Freund die ungeteilte Überzeugung aller aus: daß Hofmannsthal sich wie kaum ein anderer um die Festspiele verdient gemacht hat. Ob die Festspiele ebenso um ihn – das würde der feine Ästhet selbst am besten erkennen, wenn er noch lebte. Er hat ja einst von sich gedichtet, ihm wäre, als hätten seine Augen keine Lider. Und so hätte er die Augen nicht verschließen können ... Sosehr es ihn stach und schmerzte – er hielt sie immer offen. Nicht den brennenden Tagesproblemen seiner Zeit zugewendet, sondern den Regionen der Mystik. Dort war er ein um so leidenschaftlicherer Sucher. Er suchte die letzte Wahrheit, die Schönheit, suchte in »verknüpfenden Gefühlen« die Zusammenhänge einer Welt, die er nicht begriff. Denn als er, ein achtzehnjähriger Meisterschüler Stefan Georges, berühmt wurde und in diesem Alter gar nicht achtzehn war, sondern ein gelehrter, feinsinniger, gereifter Mann, da bildete er unter seinen Freunden, Sprossen des alten Wiener Bürgertums, eigentlich keine Ausnahme. Sie alle waren nicht jung und nie jung gewesen, sondern, solange sie denken konnten, belastet vom »abgelebten Leben«, ermüdet von der harten Aufbauarbeit ihrer geschäftskundigen Väter. Sie hatten, wie Hermann Bahr damals sagte, »feine Gaumen, aber keine Fäuste«. Sie verstanden, das Ererbte zu genießen, Gefühle auszuloten, Farben, Melodien, Wörter, Gerüche bis in die feinsten Nuancen auszukosten. Und »empfindlich bis in die Fingerspitzen«, hörten sie nicht auf, daran zu leiden. Auch das Leiden kosteten sie aus: Hofmannsthal erhob es in einer theoretischen Schrift zur wichtigsten Voraussetzung der Dichternatur. Aber woran sie litten, das verstanden diese »Erben« nicht. Und so gingen sie, ausgerüstet mit ihren zufeinst empfindsamen Gefühlen, auf die Suche. Hofmannsthals Weg, von dem seine Freunde uns in diesen Tagen wieder so viel zu berichten wissen, könnte er uns nicht um ein Stück klarer werden, wenn man ihn einmal sorgfältig als den Weg dieser Suche betrachtete? Als er vor wenigen Jahren beim Begräbnis seines Sohnes zusammenstürzte, war ihm der Tod längst kein Fremder mehr. Er hatte ihn als den Tod des jungen Toren erforscht und als den Tod des reichen Jedermann. Denn nichts sah er so klar wie den Untergang. Noch einmal: Er war einer, der die Augen nicht verschließen konnte...   Vom lebendigen Nestroy Zum 75. Todestag Ein so springlebendiger Toter ist Johann Nestroy, daß auch das Trommelfeuer gelehrt-nichtssagender Nekrologe, welche derzeit auf seinen Geist niederprasseln, ihn gewiß nicht umbringen wird. Er wird's überstehen, wird weiterleben und – weiterwarten. Nämlich darauf, wieder debütieren zu dürfen. Was er von seinen Theaterstücken jetzt hier und da zu sehen bekommt, scheint ihm ein wenig abgeschmackt. Nicht den auswendig gelernten, entseelten Wortlaut dieser oder jener ausgegrabenen Posse möchte er zu hören bekommen. Sich selbst möchte er wieder auf der Bühne sehen, in seiner ganzen hinreißenden Aktualität und Volkstümlichkeit, belacht, bejubelt und ausgezischt (ja, warum denn nicht auch manchmal herzhaft ausgezischt?) von einem Publikum, das genau weiß: Diese Theaterspielerei geht uns an, von unserem Leben ist sie erfüllt, unsere Probleme stehen zur Diskussion, über unsere Sache wird hier verhandelt! Daß Karl Kraus in seinen unvergessenen Vorlesungen Nestroy ins rechte geistige Licht gestellt hat, war eine große Leistung, die aber nicht genügen konnte. Derzeit ist der Herr Akteur wieder beschäftigungslos. Wer ihm zu einem längst verdienten ewigen Engagement am österreichischen Theater verhelfen könnte – sind nur seine Zuschauer von Anno dazumal. In einem Leichenzug, der anderthalb Stunden lang vor einem dichten Spalier Trauernder vorbeizog, haben sie ihn 1862 zu Grabe getragen. Also haben sie ihn offenbar gern und sind ihm ein dankbares Publikum. Ob sie selbst noch leben? Gewiß leben sie noch und denken nicht dran, auszusterben, die kleinen Kaufleute, die Handwerker, die Lohnarbeiter der äußeren Wiener Bezirke! Nicht allein die kleinen Leute besuchten Nestroys Theater. Auch die höheren Stände waren zahlreich vertreten. Unstreitig aber war seine Gesamtleistung, theaterhistorisch betrachtet, eine Leistung für die Menschen der Vorstadt, für die, die schlecht und recht »zur ebenen Erde« wohnten und nicht »im ersten Stock«. Denn Nestroy hat damals – wenn auch nicht für immer – das volkstümliche Theater aus einer tiefgehenden inneren Krise gerettet. In seiner jahrhundertelangen Entwicklung hatte dieses Theater drei schauspielerische Haupttypen geschaffen: den Hanswurst, den Kasperl, den Thaddädl. Über ihre Verschiedenheiten hinaus wiesen die drei Hauptspaßmacher unverkennbare Verwandtschaftsmerkmale auf. Und im Grunde gemeinsam war ihnen dieses: ob der Hanswurst Stranitzky in einem stereotypen Salzburger Bauerngewand auf der Bühne vom Fressen und Saufen träumte, ob der Kasperl Laroche als eine Art Sancho Pansa, seinem Ritter durch einen Gespensterwald folgend, vor Angst weinte und schrie wie ein Kind, ob der Thaddädl als Müllerjunge vor einem »Adaxl« zu Tode erschrak – stets war es das »niedere Volk«, welches sich in dieser komischen Figur verkörperte: Bauern, Handwerker, Dienerschaft. Sie schnitten gar nicht gut ab dabei, sondern wurden so gezeigt, wie die großen Herren im Feudalstaat sie zu verhöhnen liebten. Völlig unempfindlich für höhere Bestrebungen, kindisch, gefräßig, besoffen, geil, feige, dummfrech und dabei doch gehorsam, so stolperten die Kasperln durch die edlen, kühnen und höchst gruseligen Haupt- und Staatsaktionen ihrer Herrschaften. Daß das gemeine Volk an diesen Karikaturen seiner selbst Gefallen fand und sie immer stärker zu Hauptpersonen der Stücke machte, mochte vielleicht von einer Lust an der Selbstpersiflage kommen; sicherlich auch daher, daß der Hanswurst, wenn auch ewig verprügelt, hier und da in seiner infantil-dreisten Manier eine derbe und gute Wahrheit auszusprechen wußte, die etwa den wirklichen Salzburger Bauern aus dem Herzen kam. Um die Jahrhundertwende aber wurde es merkbar, daß die Zeit des Kasperls vorbei war. Zumal in der großen Stadt änderte sich die Gedankenwelt des Volkes rapid. Stegreifkomödien mit ihren traditionell wiederholten rohen »Lazzis« konnten dem Publikum nicht mehr recht gefallen. Es stellte kompliziertere Ansprüche an die künstlerische Form der Stücke, an die schauspielerischen Leistungen. Daß es den Hanswurst nicht mehr haben wollte, hieß aber im Grunde: Es wollte nicht mehr der Hanswurst sein. Den Verlauf dieser Theaterkrise auch nur annähernd zu schildern, ist an diesem Platz selbstverständlich nicht möglich. Festgestellt soll nur werden: Nestroy war es letzten Endes, der für das Wiener Volk und aus diesem Volk das Theater schöpfte, welches es nunmehr brauchte. Er war ein durch und durch moderner Mensch. In seiner eigenen Persönlichkeit lebten stürmisch alle Gegensätzlichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft. »Je tiefer ich in meinen Ideen das Senkblei auswerfe«, sagt er einmal, »desto mehr finde ich in mir den Abgrund der Widersprüche.« Und ein jammernder Kasperl war er nicht, dieser Nestroy, der sein Publikum erst erkämpfen mußte, weil es zuerst zurückschreckte vor der nüchternen, verdammt gescheiten, fanatischen Bissigkeit der zaundürren, zappligen Longinus. Ein Theaterkritiker nannte den Nestroy dieser ersten Periode »das Urbild eingefleischter, schonungsloser Satire«. Der nüchterne Fachausdruck für das, was Nestroy damals aufführte, lautet: »Outrieren.« Er outrierte geradezu diabolisch! Doch er konnte auch anders. Reifer geworden, zeigte er seinem Publikum einen Schauspielerstil, der damals sehr neu und sehr nötig war: Realismus. Aber ob realistisch oder nicht: er sagte die Wahrheit, und zwar die seines Publikums. – »Weiß er, Plebejer, daß ich von Rittern stamme?« – »Meine Voreltern waren Bandlkramer. Die Ritter haben vom Stegreif gelebt, den Krämern Zoll abgenommen, auf deutsch, sie ausg'raubt! – Jetzt frag' ich also: Warum is das edler, wenn man von die Räuber als wenn man von die Beraubten abstammt?« Zwischen Nestroy und seinen Zuschauern gab es recht oft Meinungsdifferenzen. Über obige Frage niemals.     Nicht nur im Jahre 1848 blieb der große Dichter und Komödiant bei dieser seiner Grundanschauung, sondern auch in der Folgezeit. Zwar wurde er, als die Märzstürme verweht waren, allmählich gemäßigter, um sich schließlich zu der Meinung zu bekehren (der auch Grillparzer anhing), eine zentralistische Monarchie sei der beste Schutz der deutschen Kultur unter den zu assimilierenden Slawenvölkern. Aber diese Ansicht hatte bei ihm nichts mit Liebedienerei zu tun. Er wurde loyal, aber mit keinem Atemzug servil. Und daß er unmittelbar nach der »Freiheit in Krähwinkel« (von der Zensur ausdrücklich als »berüchtigtes« Stück gebrandmarkt) die Posse »Lady und Schneider« schrieb, um sogleich nach der Revolution den revolutionären Gschaftlhuber zu verspotten – ist nicht nur auf den seelischen Schock zurückzuführen, den er in den blutigen Oktobertagen erlitt. Nestroy litt auch unter der Unzulänglichkeit der liberalen Bewegung: Ganz klar sah er die unrühmlichen Halbheiten des Wiener Vormärz-Bürgertums, welches seine eigene Revolution verriet. Stellt man gegenüber, was er in der Zeit des großen Freiheitsrausches schrieb und was in der nachfolgenden Zeit der Reaktion, so ergibt sich immer noch und immerhin eine gewisse Linie. Vorher: »Ein Zensor is ein menschgewordener Bleistifter oder ein bleistiftgewordener Mensch, ein fleischgewordener Strich über die Erzeugnisse des Geistes. Die Zensur is die jüngere von zwei schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition.« »... die Reaktion ist ein Gespenst, aber G'spenster gibt es bekanntlich nur für die Furchtsamen; drum sich nicht fürchten davor, dann gibt's gar keine Reaktion!« Nachher: »Ein seidener Schnupftücheldieb kommt auf drei Monat' ins Zuchthaus, nacher scheint er frei zu sein, bleibt aber zeitlebens an den Schandpfahl der Verachtung geschmiedet. Dem politischen Verbrecher gibt man für einen kurzen Freiheitsrausch zehn, fünfzehn Festungsjahre, aber an der Ehre verliert er deswegen keine Viertelstund'; die Achtung, die man jedem zollt, der seine Meinung vertritt, der sein Leben an sein Glaubensbekenntnis setzt, die muß ihm ewig bleiben, und das ist für den schwersten Kerker eine unendliche Erleichterung.«     Sein Lebenswerk ist ein unverlierbares Erbgut österreichischer Kultur. Aber wie müßte ein Theater beschaffen sein, um heutzutage Nestroy in dessen lebendigem Geiste spielen zu können? Im allgemeinen ist darüber schon sehr viel und sehr fruchtlos geredet worden. Um so wertvoller muß ein konkretes Beispiel sein, zumal wenn es aus Nestroys Zeit stammt. Es ist ein schlagendes Beispiel dafür, wie ein solches Theater auf der ganzen Linie nicht aussehen dürfte. Nestroy arbeitete jahrelang unter der Direktion eines geschäftstüchtigen Chefs und großen Angestelltenschinders, der geradezu das Urbild des Theaterverderbers ist: nämlich unter dem Direktor Carl. Carl kam aus Deutschland, um die Direktion des Theaters an der Wien zu übernehmen. Eines der wesentlichsten Merkmale seiner Theaterführung war seine skrupellose Knickrigkeit. Nur hier und da, wenn er eines seiner großen Ausstattungsstücke lancierte, schwang er sich zu teuren Dekorationen auf. Vor der Literatur besaß er nicht für einen Kreuzer Respekt: Schillers »Räuber« wurden unter großem Hallo mit einem Riesenaufwand an Statisterie zu Fuß und zu Pferde als »Roßkomödie« aufgeführt. Carl hat eine Entwicklung beschleunigt, die trotz Nestroys genialen Retterleistungen schließlich nicht mehr aufgehalten wurde: Er war es, der das Wiener volkstümliche Theater zum Untergang führte. Über dieses sein Henkerwerk an der Kultur sind sich die Theaterhistoriker heute ziemlich restlos einig. Er wurde zwar reich, aber sein Reichtum war nur der aus dem Untergang des Korsarenschiffes gerettete Schatz. Nestroy stellte fest: »Jetzt spiel'n s' auch an der Wien, Aber 's is kein Mensch drin; Es zeigt sich kein Hoffnungsgrün, Da wird's klar mir im Sinn, Es steckt nicht an der Wien, Im Kopf müßt's sein drin, Sonst wird man auch hin Draußt an der Wien.« Von Nestroy hingegen – der später selbst Direktor wurde und dabei keineswegs etwa verarmte, sondern im Gegenteil – meldet ein »konfidentieller Bericht der Polizeidirektion über die Vorstadttheater Wiens, Nr. 3566, Präs. I: Prius 101, 680 pr. I, Wien, 25. Dezember 1857«: »... einen üblen Ruf. Die Disziplin ist so gelockert, daß dem Direktor mehr aus Kollegialität und Dankbarkeit als aus Schuldigkeit gehorcht wird.« Ein guter Tip! Wie wär's heutzutage mit einem Versuch, gerade diese Art Disziplin einzuführen? Wie wär's mit dem Schlachtruf: »Nieder mit Carl! Hoch Nestroy!«   François Villon Der unsterbliche Lump Das war vor rund fünfhundert Jahren. Frankreich seufzte, stöhnte, brüllte in Wehen, die – von fernher erst – die Geburt einer neuen Ordnung ankündigten. In einem schier endlosen Krieg gegen England hatte das Rittertum Wunden empfangen, von denen es nicht mehr genas. Im Verfall der adeligen Grundherrschaft wurde der Weg für das erstarkende städtische Gewerbe, für den neureichen »bourgeois-gentilhomme«, für die Macht einer zentralisierten Beamtenschaft und für jene absolutistischen Könige, die jahrhundertelang zu Häupten des neuen Systems thronen sollten. Der Weg wurde gangbar. Aber er war mit Leichen und Ruinen übersät. In Paris waren Tausende von Häusern verödet und alle Friedhöfe überfüllt. Mord, Brand, Pestilenz besaßen das Bürgerrecht. Menschen jeden Schlages, jeder Abstammung, Entwurzelte dieses gewaltigen sozialen Umbruchs füllten in ungezählten Scharen die Gefängnisse und die Bettlerkolonien. Im volkreichsten Teil der Stadt befand sich der Friedhof »des Saints-Innocents«. Weil in den Gräbern kein Platz mehr blieb, lagen in den Arkaden ringsherum Skelette und Leichen aufgeschichtet. Und ebendort war der sonntägliche Korso der Lebenden, wurde tagsüber Jahrmarkt abgehalten, wurde nachts gerauft und geliebt. So stand es um dieses Paris des fünfzehnten Jahrhunderts: Aufstieg und Untergang, Prunk und letztes Elend, Leben und Tod wohnten Tür an Tür. Tür an Tür wohnten in der Seele des Menschen die Weltanschauungen der vergehenden und der kommenden Zeit. Noch lebte und dozierte die Scholastik des Mittelalters. Sie betrachtete die Erde als eine Durchzugsstation via Jenseits. Was dem sterblichen Teil des Menschen hienieden an Lust und Qualen widerfahren mochte, schien bedeutungslos in einem gewaltigen, bis ins kleinste ausgeklügelten System von Hölle, Fegefeuer und Paradies. Aber schon regten sich die Gedanken einer sinnenfreudigeren Epoche. Einer Epoche, da das Lächeln der Mona Lisa und die Künste der doppelten Buchführung die Welt erobern sollten ... Und was vorderhand herrschte, war das wüste Chaos einer Zwischenzeit. In dieses Chaos hineingeboren, fand François Villon sich nicht zurecht. Sein Vater war einer jener armen Pächter, die, um Land und Vieh geprellt, in die Stadt zogen, bettelnd, hungernd, einer schlechtbezahlten Arbeit nachjagend – die ersten Elemente des künftigen Proletariats. Sein Adoptivvater hingegen, ein wohlhabender Kaplan, lehrte François lesen, schreiben, biblische Geschichte und Latein, sandte ihn auf die Universität, wo François jenes theologische Weltbild des Mittelalters studierte, wollte aus François einen braven Geistlichen machen. François wurde kein braver Geistlicher. Ein lang andauernder Studentenstreik warf ihn aus der Bahn des Studiums. In Schenken und Freudenhäusern lernte er höchst unheilige Dinge. Sehr bald zählten zu seinen Professoren nicht nur Säufer und Dirnen, sondern auch Diebe und Mörder. Manchmal, sein Wams vom Dreck dieser untersten Schichten reinigend, betrat er zwischendurch den Salon eines Aristokraten, wo feinsinnige Komplimente und gelehrte Dispute durcheinanderschwirrten. So durchmaß er, unaufhörlich umhergeschleudert, das wüste Gefilde seiner Zeit kreuz und quer, zur Höhe und zur Tiefe – ohne Halt und Ziel. War ein Günstling erlauchter Fürsten; Mitglied von Räuberbanden; Herzliebster von Dirnen; Opfer von Folterknechten. Wie er geendet hat, wissen wir nicht. Keineswegs war Villon in seiner Zeit eine Einzelerscheinung. Solcher armen Scholaren, schwankend zwischen Himmel und Hölle, gab es Tausende. Was ihn einzigartig gemacht hat und unsterblich, ist, daß er für sie alle gesprochen hat. Und für alle jene Scholaren, die ihnen im weiteren Verlaufe der Geschichte nachfolgen sollten.     Denn es ist kein Zufall, daß Villon, durch viele Jahrhunderte vergessen, gerade um die Wende des unseren wieder bekannt wurde. Kein Zufall, daß seine große Auferstehung in deutscher Sprache (in der »Dreigroschenoper«) im fieberhaft bewegten Berlin des Jahres 1927 erfolgte. Bert Brecht, an einer alten Welt verzweifelnd und noch nicht auf einer neuen gelandet, konnte in seiner damals noch ratlosen Skepsis auf keinen besseren Kumpan stoßen als Villon. Alles, was der entwurzelte Intellektuelle in einer Zeit zwischen zwei Zeiten durchmachen kann, hat dieser vor einem halben Jahrtausend ausgesprochen. Woran sich halten, wenn das bestehende Begriffssystem zusammenbricht und ein neues noch nicht greifbar geworden ist? Nichts war dem Mittelalter selbstverständlicher als ein Fortleben nach dem Tode mit genauester Abgrenzung des Aufenthaltsortes. Aber den armen Villon quält schon die Frage nach dem Schicksal der Toten: Heilge Jungfrau, sag, wo sind sie bloß? Ja, wo ist der Schnee vom vorigen Jahr? Und wenn man so fragt – kann man noch an die Wertlosigkeit irdischer Dinge glauben? Nein: Da merkte ich, wie man dem Gram entkam – Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm. Verzeihe deinen Feinden, und auch dir wird verziehen werden, lehrte man den Theologiestudenten Villon. Er predigt es ein wenig anders weiter: Man schlage mit gezackten Hippen, Bleikugeln, Eisenhämmern drein, Zerdresche ihnen alle Rippen! Doch bitt ich sie, mir zu verzeihn. Aber ach! Ihm ist gar nicht wohl bei solch verbrecherischen Reden. Ein ungeheurer Katzenjammer ergreift zuweilen den armen Ketzer. Er sinkt in die Knie: Du Königin des Himmels und der Erde, Hoch über Höllen thronst du wunderbar, Oh, gib mir, daß ich aufgenommen werde, Ich armes Christenweib, in deine Schar Erwählter – wenn ich's auch nie würdig war! An Gnade reicher du als ich an Sünden, Die Seele kann ins Himmelreich nur münden, Wenn dein Erbarmen es der armen bot. Und dein Erbarmen muß auf Wahrheit gründen, Das glaube ich im Leben und im Tod. Wie aber löst sich dieser Widerspruch? Welcher Villon hat recht: der saufende Halsabschneider oder der zerknirschte Büßer? Er weiß es selbst nicht. Er findet nicht die Lösung. Alles, was er vermag, ist, seinen unlöslichen Widerspruch hinauszusingen, weinend, grinsend, übermannt von der eigenen Ratlosigkeit: Nichts ist mir sicher, als das nie Gewisse, Und dunkel nur, was allen andern klar; Und fraglich nichts, als das für sie Gewisse, Denn nur der Zufall meint es mit mir wahr, Gewinner stets, verspiel ich immerdar ... Fünfhundert Jahre sind vergangen. Es geht um andere Probleme als die, die Villon zerfraßen. Aber wieder überschneiden zwei Zeitalter einander. Wieder schwanken auf der Grenzlinie Tausende von armen Scholaren hin und her: leidend an der eigenen Skepsis, mit zynischem Lachen ihre Seelennot maskierend, alles und nichts wissend, spöttelnd und erschreckend über den sonderbaren Hang, der sie, wie jeden Entwurzelten, zur Sympathie mit dem Verbrecher treibt, die Erlösung verhöhnend und um Erlösung betend. Ihr Vorfahre ist Villon, der genialste Bohemien aller Zeiten.   Ein Sowjetrusse sieht uns an Der russische Schriftsteller Alexej Tolstoi hat sich Berlin angesehen und skizziert seine Eindrücke in der Moskauer »Iswestija« unter dem Titel »Reise in die andre Welt«. Daß Westeuropäer über Rußland berichten, geschieht häufig, daß ein Russe über Europa schreibt, ist selten. Zwei Jahre Wirtschaftskrise haben nicht vermocht, der öffentlichen Meinung der kapitalistischen Welt, insbesondere Deutschlands, ihre erhabene Überlegenheit in der Betrachtung der Sowjetunion zu nehmen. Im Namen einer Kultur, die mit den steigenden Arbeitslosenzahlen immer mehr zur jämmerlichen Farce herabsinkt, wird die russische Unkultur verdammt. Der Schriftsteller Alexej Tolstoi, gestern noch durch die Gassen Moskaus streifend, wo die Menschen in schäbigen Kleidern vor den Geschäften Schlange stehen, sieht sich heute auf dem lichterfüllten Kurfürstendamm in Berlin. Die westliche Zivilisation präsentiert sich ihm zuallererst verlockend in den prunkvollen Schaufenstern der Warenhäuser. Wenn man in Moskau ein paar Stück Waren ins Schaufenster legt und einen Zettel hinaushängt: »Hier zu verkaufen«, dann stürmen die anspruchslosen, warenhungrigen Menschen den Laden. Wie ist in Berlin alles feiner und vornehmer! Hier wird das Schaufenster nach den letzten Forschungsergebnissen der psychologischen Reklametechnik feenhaft beleuchtet, hier hängen Preiszettel mit den alten durchgestrichenen und den neuen reduzierten Preisen, hier wird der Vorübergehende per du und per Sie kategorisch und einschmeichelnd gebeten, doch ohne Kaufzwang einmal einzutreten. Hier offerieren Kunst und Wissenschaft eines hochkultivierten Volkes, in Licht, Marmor und riesige Glasscheiben gebannt, dem Käufer ein Paar Halbschuhe. Der Sowjetbürger betritt, von so viel Glanz geblendet, das Geschäft. Das Geschäft ist bis auf drei Verkäufer, einen Empfangschef und eine Kassiererin leer. Der Besucher läßt sich vom psychoanalytisch geschulten Personal Verschiedenes aufschwatzen, erhält zu seiner Verwunderung zu einem Paar Schuhe gratis Schuhstrecker und verläßt das Warenhaus. Er betritt ein andres, nicht minder prächtiges. Es ist leer. Und ein drittes, in dem er in einem Kasten aus Nickel und Glas stockauf, stockab saust. Überall häufen sich Massen von Waren, die die Moskauer Proleten jubelnd an sich reißen würden. Die Waren sind billig. Lampen strahlen. Pinienschlanke Mannequins stehen in allen möglichen Posen erstarrt. In der Parfümerieabteilung sitzt eine ausgesucht schöne Dame, die den Vorübergehenden aus ihren ausgesucht grünen Augen Blicke zuwirft. (Das nennt man erotische Reklame.) Aber sie sitzt allein zwischen Kristall und Marbelstein. Nur hier und da ist ein Besucher zu sehen, der die Waren begutachtet, den Kopf schüttelt und wieder abzieht. Der Käufer ist eine aussterbende Menschengattung. Die Reklame, in deren Dienst sich der vieltausendkerzige Glanz der deutschen Zivilisation gestellt hat, ist für die Katz'. »Niemand will hier Waren«, notiert der Russe. Gleich darauf wird er auf der Straße von einem jungen Mann angehalten, der ihm klipp und klar erklärt: »Ich habe Hunger.« Und nach zwanzig Schritten von einem nächsten, der ihm aus demselben Grund Schuhbänder verkaufen will. Diese jungen Leute aber gehen an den Schaufenstern der Warenhäuser vorüber, ohne auch nur aufzublicken. Und obwohl sie auch obdachlos sind, beachten sie nicht die Täfelchen, die an den Toren der Prachtgebäude hängen: »Zehnzimmerwohnung zu vermieten«, »Zwölfzimmerwohnung, komplett möbliert, zu verkaufen«. Der Russe schreibt: »All die Prachtwohnungen scheinen ebenso wie die herrlichen Waren für die Menschen Deutschlands nur unerreichbare Fata Morgana in den Wüsten ihrer Städte zu sein.« Und er weiß, daß die Leser der »Iswestija« den Vergleich ziehen werden zwischen Moskau, wo in jeder Wohnung mehrere Familien in furchtbarer Enge hausen müssen, und den Städten des Kapitalismus, wo es Riesenwohnungen gibt – an denen die Obdachlosen vorüberschleichen, ohne aufzublicken ... Alexej Tolstoi sieht sich die Gesichter der Vorübergehenden an: Spießerfratzen, Maklerschnauzen, Couleurstudentenvisagen. Gepflegte, schmutzige, rasierte, stoppelige Gesichter, Bourgeois- und Prostituiertengesichter. Er bemüht sich, eines dieser Antlitze im Gedächtnis zu behalten, doch er vermag es nicht. Sie verschwimmen sofort. »Und das«, schreibt er den Moskauer Proletariern, »sind also Individualisten. Der ganze Sinn ihrer Kultur ist die Entwicklung der freien Persönlichkeit ...« Nur hier und da sieht Tolstoi auf dem Kurfürstendamm andre, klarblickende, sonngebräunte Gesichter. Der Sowjetrusse fährt nach Spandau, wo die riesigen Fabriken der Siemenswerke liegen. Die Höfe sind fein säuberlich ausgekehrt, die Tore gesperrt, die Maschinenhallen stumm. Vor dem Ort »Siemensstadt«, dessen Werkswohnungen und Direktionsgebäude leer sind, wohnen die ehemaligen Arbeiter in hundehüttenähnlichen Bauten. In der Sowjetunion ist eine stockende Fabrik eine neue Schlappe und eine neue Aufgabe. Hier ein neues Monument der Hoffnungslosigkeit. In der Sowjetunion kämpfen zwei Generationen freiwillig oder widerwillig mit Einsatz von Gesundheit und Leben für Produktionssteigerung und kommenden Wohlstand. Hier hocken zwei Generationen in Zinskasernen und Hundehütten und warten auf das Ende der Krise. Der Sowjetrusse fährt ins Varieté. Am Tisch des Russen sitzen zwei Mädchen. Wie sich in einer Pause nach schnell angeknüpftem Gespräch herausstellt, ist die eine Büroangestellte, die andre arbeitslos. Nach zehn Minuten allgemeiner Unterhaltung stützen sie die Ellbogen auf den Tisch und diskutieren leise und sachlich über Selbstmordpläne. Vergleiche, auch solche, die hier gezogen wurden, spricht Alexej Tolstoi nicht aus. Er überläßt sie seinen Lesern, und mit seinem Bericht lehrt er die Proletarier der Sowjetunion das, was die Journalisten und Wissenschaftler Europas bis heute nicht gelernt haben: zu unterscheiden zwischen den Zersetzungserscheinungen einer verfaulenden und den Wehen einer gebärenden Welt.   Die Fotografien oder Ein Stück deutschen Landesverrates Die Zukunft Deutschlands ist nicht nur grau, sie ist feldgrau. Die kleinbürgerliche und die großbürgerliche Fraktion des Faschismus, die heute noch in manchem Gegensatz zueinander stehen, werden sich wahrscheinlich auf der Linie der chauvinistischen Außenpolitik, der Aufrüstung, der Kriegsvorbereitung treffen. Die Interessen des verunglückten Mussolini-Hitler und des »kommenden Napoleon« Schleicher werden unter einen Hut gebracht werden, und das wird ein Stahlhelm sein. Die Zukunft des deutschen Faschismus ist eng mit der Reichswehr verknüpft. Darum ist in Deutschland viel mehr als anderswo ein aktiver Gegner der Reichswehr durch seine pazifistische Betätigung zugleich der aktivste Antifaschist. Für die Justiz aber gilt er damit als vogelfrei. Denn es gibt im Deutschland der Nazibarone ein Majestätsschutzgesetz der Reichswehr; das ist das Gesetz über Landesverrat. Unterlasse alles, was zwischen der Propagierung des fünften Gebotes und der Aufdeckung der Pläne Schleichers liegt! Es wäre Landesverrat und würde dementsprechend geahndet werden! »Ich schrieb früher«, so sagte in Berlin ein pazifistischer Schriftsteller, »die Zeile – dreißig Pfennig. Jetzt schreibe ich die Zeile – drei Monate.« In der Parochialstraße in Berlin erfuhr ich, an der Tür des sonderbaren, einstöckigen Häuschens, dessen Fassade die Aufschrift Antikriegsmuseum trägt und dessen unterer Teil ganz von einem heruntergelassenen Rollbalken eingenommen wird, daß der Schriftsteller Ernst Friedrich, der Verwalter der Sammlung, nicht anwesend sei. Auf meine Frage, ob er verreist sei, erhielt ich von dem jungen Mädchen, das mir geöffnet hatte, die sonderbare Antwort: »So halb und halb.« Die Zeile drei Monate ... »Kann ich das Antikriegsmuseum besichtigen?« »Das Antikriegsmuseum ist geschlossen. Das Material wird morgen fortgeschafft. Das Museum ist nicht länger zu halten: An der Ecke ist ein Verkehrslokal der Nazis, und da schlägt uns die SA die Fensterscheiben ein. Außerdem ist es bei der politischen Entwicklung wahrscheinlich, daß das Material beschlagnahmt werden wird.« »Kann ich es nicht doch noch sehen, bevor es weggeschafft wird?« Da wurde ich in einen kleinen Saal geführt, wo ich die Stücke eines der merkwürdigsten Museen, die Corpora delicti eines der bestsortierten Anklagemateriale gegen den Krieg zu sehen bekommen sollte. Fast nur Fotografien lagen in jenem Saal. Viele Hunderte von Fotos, zufällig oder für den Zweck aufgenommen, von Menschen aus aller Welt eingesandt, gefundene, hervorgekramte Aufnahmen aus dem großen Krieg. Von jungen Nationalsozialisten, die Remarques Buch gelesen hatten, habe ich das übereinstimmende Urteil gehört: »Daß der Weltkrieg eine Hölle ist, wußten wir auch ohne dieses Buch. Wir wissen aber auch, daß wir fähig sind, einen Weltkrieg körperlich und geistig zu bestehen, weil wir nicht degeneriert, sondern rassisch hochstehend sind. Stahl auf Stahl.« Stahl auf Stahl? Hart auf hart? Die Kriegsfotos in jenem Berliner Hause erlauben nicht eine solche Flucht in die Romantik des Kriegs. Sie flößen nur ein Gefühl ein, das einzig richtige, dem Krieg gegenüber: Ekel. Kann man aber Ekel romantisieren? Sehen Sie her: Da liegen drei Menschen, von Flammenwerfern verbrannt, ihre Glieder sind verkohlt, eingeschrumpft, verkrampft, ihre Gesichter sind ganz klein und schwarz geworden. Und hier ist ein Mann zu sehen, der an einem Herzschuß fiel – das heißt, »fiel« ist nicht der richtige Ausdruck: er ist infolge Starrkrampfes in Schützenstellung im verlassenen Graben stehengeblieben. Sein Gewehr hält er noch immer im Anschlag; seine Leiche wurde von Kugeln durchsiebt, der tote Schütze beginnt schon aufzuquellen. Hier das Bild eines Massengrabes aus dem deutschen Gefangenenlager in Bunzlau; dieses Massengrab faßt dreihundert bis fünfhundert Tote; im Gefangenenlager gab es Typhus und Cholera, darum mußten monatlich zwei oder drei solcher Gräber gegraben werden. Auf diesem Bild sehen Sie nicht Skelette, sondern die nackten Leichen von Armeniern, die von den Türken aus der Heimat vertrieben wurden und verhungerten; ihre Zahl betrug Hunderttausende. Dieser Mann, der im Rollstuhl, mitten auf der Straße, den Kopf zurückgebeugt sitzt, ist ein Kranker gewesen; er wurde in eben diesem Rollstuhl während der Beschießung von Ostende getötet. Hier ist ein aufgehängter Priester, dem man ein Kreuz in die Hände gesteckt hat und den man als Schießbudenfigur benützt. Hier ist der geschändete Friedhof von Nesle; die deutschen Kreuze sind umgeworfen, die deutschen Gräber aufgerissen, die Leichen verstreut. Hier ist ein russischer Friedhof; die Höhe der Kreuze entspricht dem militärischen Rang der Toten. Der Tote auf diesem Bild war, als er noch lebte, ein typhuskranker Soldat; da er ohnehin sterben mußte, warf man ihn nackt in eine Grübe und ließ ihn verhungern. An seiner Stellung sieht man deutlich, wie er noch in seinen letzten Augenblicken aus der Grube hinauskriechen wollte. Hier ist eine Reihe von sieben Galgen, von Soldaten des Erzherzogs Friedrich aufgerichtet; nach einer Statistik hat die Armee dieses Habsburgers 11 400 Menschen gehenkt, nach einer andern 36 000 Menschen; den Toten auf dem Bilde wurden spaßeshalber steife Hüte aufgesetzt. Hier ist die Betriebsordnung eines belgischen Garnisonsbordells; ein Kulturdokument: Jedes der Mädchen empfängt soundso viel Mann je Tag, dies innerhalb gewisser Betriebsstunden; Taxe ist fünf Reichsmark, Aufenthaltsdauer höchstens eine Viertelstunde; ein Turnus nach Kompanien ist organisiert. Hier sind Soldaten zu sehen, die, vom Giftgas zerfressen, zu Tausenden im Sonnenbrand sterben. Dieser Mann wird durch einen Gummischlauch ernährt, da sein Mund nur ein Fleischklumpen ist. Diesem wurde die Nase in fünfundzwanzig Operationen durch Fleisch aus dem Oberschenkel ersetzt. Und nun erblicken Sie Kaiser Wilhelm, wie er bei der Besichtigung eines Schlachtfeldes über einen eigens für ihn erbauten Holzsteg schreitet, um sich nicht die Stiefel zu beschmutzen. Hier aber ist zu sehen, wie er eine Rede hält, in der er von Gott und Vaterland spricht ... Das sind die Fotografien, die in einer kleinen, winkeligen Nebengasse Berlins zu besichtigen waren. Man hätte sie in tausendfacher Vervielfältigung in allen Schulen, in allen Kinderzimmern, bei allen Abrüstungskonferenzen der Welt ausstellen sollen. Aber statt dessen wurden sie einmal von der Polizei mit den Säbeln vom Schaufenster heruntergekratzt und beschlagnahmt, und jetzt müssen sie versteckt werden, weil sie morgen für landesverräterisch erklärt werden können, weil die SA die Scheiben einschlägt, weil für sie kein Platz ist in einem Deutschland, das sich von seinem Schleicher Zeiten entgegenführen läßt, die noch herrlicher sind als jene.   Bericht aus dem deutschen Bürgerkrieg Zeitungsmeldung: Am 16. Juli versuchten Nationalsozialisten das Gewerkschaftshaus in Halle zu stürmen. Sie wurden mit blutigen Köpfen heimgeschickt. Ob es viele Hakenkreuzler in Halle gibt? Nun, es sind ihrer immerhin 58 000. Aber sie rekrutieren sich hauptsächlich aus den Gewerbetreibenden und aus den Studenten der Hallenser Universität. Darum konnten sie aus ihrer 58 000köpfigen Masse nur etwa vierhundert SA-Leute aufstellen. Diese vierhundert, das sind die wenigen Proleten der »Arbeiterpartei«. Sie sind es, die für Hitler prügeln und schießen, die sich für ihn schlagen und erstechen lassen, während die andern im Hintergrund bleiben. Sogar im Wahl- und Straßenkampf Hitlers und Prinz August Wilhelms gibt es also Frontschweine und Etappenhelden. Und weil die Nazis bei der letzten Löbe-Versammlung, die sie sprengen wollten, so mächtige »Senge« gekriegt haben und weil es für sie nicht ratsam ist, mit Abzeichen durch die Arbeiterviertel zu gehen, weil bei Eiserner Front und »Kommune« nicht krampfhafter Führerglaube, sondern Klassenbewußtsein und starker Wille zur Einheit herrschen, spielen die Hallenser Nazis eine recht klägliche Rolle, obwohl sie zahlreicher sind als die Roten zusammengenommen. Das ist eine ermutigende Lehre.     Der Fiedler hatte einen höchst rührseligen Schmachtfetzen zum besten gegeben, und einer, der die Gitarre eine halbe Stunde lang mit überflüssiger Sorgfalt gestimmt hatte – er hatte ja bis zum Morgen Zeit –, legte mit der Arbeitermarseillaise los. Freitag nacht wurde das Hallenser Gewerkschaftshaus mit Musikbegleitung bewacht, weil der Spielmannszug des Reichsbanners Bereitschaft hatte. Ungefähr zwanzig Mann saßen im Wachzimmer, rauchten, spielten Karten, musizierten – Singen ist bei der Wache verboten. Zum Ausschlafen hatten die Reichsbannerleute am nächsten Tag Zeit, denn sie sind alle zwanzig arbeitslos. Draußen hing über Halle der Nachthimmel dunkelgrau. Drüben im Leunawerk rauchen zwar nur noch die Hälfte der Schlote, aber das genügt, um einen richtigen, trostlosen Fabrikhimmel zu schaffen. In den das Gewerkschaftshaus umliegenden Straßen streiften verstärkte Patrouillen umher. Tagsüber hatte es nämlich Stänkereien zwischen Nazis und Arbeiterturnern, die zu einem Sportfest gekommen waren, gegeben. Auch die fünfzehn Jungbannermänner, die bei Anbruch der Dämmerung von einer Landpropagandatour auf Fahrrädern zurückgekommen waren, hatten, heiser und schweißgebadet – sie hatten zwölf Stunden lang geradelt und Sprechchöre gebrüllt –, zu berichten gewußt, sie seien in der Stadt von Hakenkreuzlern angestänkert worden. Und so saß in Erwartung kommender Ereignisse der Spielmannszug des Reichsbanners Halle im Gewerkschaftshaus, drosch Skat, soff elenden Zichorienkaffee. Der Gitarrespieler aber summte, obwohl es verboten war: »Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet, zu unserer Fahne ström' zuhauf!« Schlag neun wurden von draußen plötzlich Laufschritte hörbar. Eine Patrouille stürmte von der Straße in den Hof. Und gleich hinterher eine andre. Ein Mann blutete am Kopf. »Alles heraus«, brüllten die Patrouillen, »die Nazis kommen!« Die zwanzig im Wachlokal hatten gerade noch Zeit, ihre Lichtknüppel – schwere, stabförmige Lampen, die gut leuchten und auch andre Dienste tun – zu packen, für alle Fälle ein paar Stühle mitzunehmen und auf die Straße zu laufen. Draußen kam schon ein Lastwagen herangesaust: das Rollkommando der braunen Mordpest. In halber Fahrt sprangen fünfzig SA-Leute heraus und stürmten mit Totschlägern und Ochsenziemern auf das Haus zu. Die Schlacht von Austerlitz läßt sich beschreiben, da damals zumindest Napoleon angeblich wußte, was los war. Was aber Freitag den 16. um 21 Uhr in der spärlich beleuchteten Straße vor dem Hallenser Gewerkschaftshaus zu sehen war, war ein auf und ab wogender Haufe von Grün- und Braunhemden. Was zu hören war, war das Krachen von Schlägen, das Krachen von Blumentöpfen und Geschirrstücken, die aus den Fenstern der Häuser auf die Köpfe der Nazis flogen, war unbeschreibliches Gejohle. Aber als das Überfallkommando der Polizei nach zehn Minuten erschien, blieb ihm nichts mehr zu tun übrig, als zwei schwerverletzte Hakenkreuzler wegzuführen. Die übrigen waren mit Vollgas ausgerissen. Nach weiteren zehn Minuten war die »Kommune« (die Kommunisten) in einer Stärke von hundert Mann da, um das Gewerkschaftshaus schützen zu helfen. Sie besetzten das Nebenhaus, und ein Einkreisungsplan wurde mit ihnen vereinbart, für den Fall, daß die Hakenkreuzler wiederkommen sollten. Doch zur allgemeinen Verwunderung holten die Nazis nicht ihre Reserven aus den umliegenden Dörfern. Sie mobilisierten nicht einmal die SA der Stadt. Sie hatten den Bereitschaftsdienst der Kommunisten wohl ausspioniert; sie gingen schlafen. Auch hier haben sie wieder einmal einen Vorgeschmack der proletarischen Einheitsfront zu spüren bekommen, der Einheitsfront, die sich, trotz allen Schwierigkeiten, vom Willen der Masse getragen, in Deutschland zu bilden beginnt. Um 10 Uhr saßen die Spielleute des Reichsbanners wieder im Wachlokal. Der Gitarrespieler hatte eine blutige Bandage um den Kopf. Er fing die Arbeitermarseillaise von vorn an. Und obwohl es verboten ist, sangen alle mit, als die Stelle kam: »Stehet fest, stehet fest und wanket nicht ...«   Der Kluge baut vor? Seit der Vorkriegszeit hat sich in der Welt und in der Inneren Stadt von Wien vieles geändert. Man denke nur an die vielen modernen Geschäftsportale in der Kärntner Straße! Man betrachte zum Beispiel die Auslage des Parfümgeschäftes »Guerlain«, wo sich in zarten Flakons alle Wohlgerüche der Welt vereinigen! Wie weit ist doch eine Kultur, die so gut zu duften versteht, von den Schrecken des Krieges entfernt! Wie weit? Etwa zehn Schritte! Etwa zehn Schritte von jenem Parfümladen ist seit kurzem im Herzen von Wien ein Gasmaskengeschäft errichtet. Jeden Abend um halb acht zeigt die Auslage dieses Lokals den neugierigen Passanten vermittels eines sehenswerten Puppenspielmechanismus gratis und zollfrei die Bombardierung der Stadt Salzburg. Dies geschieht zum Zweck der Warnung: Im spannendsten Moment des Fliegerangriffes senkt sich über die Festspielstadt ein Vorhang, und auf diesem steht zu lesen: »Der Kluge baut vor!« Der Kluge, der vorbauen will, kann dies täglich zwischen acht und sechs besorgen, indem er daselbst eine Gasmaske kauft. Verschiedene Typen werden ihm vorgelegt. Eine brauchbare Durchschnittsgasmaske kostet komplett 57 Schilling. Sie schützt vor sämtlichen militärischen Giftgasen; außer vor Senfgas, welches die Haut selbst zerfrißt; außer vor den staubförmigen Reizgasen, welche durch jeden Filter dringen und, an sich ungiftig, den Menschen zwingen, die Maske abzuwerfen; und außer vor jenen Gasen, welche bisher von den Armeen geheimgehalten werden konnten. Viel mehr als diese 57-Schilling-Maske könnte auch die allerbeste Spezialausführung nicht leisten. Wer ein übriges für sich tun will, kann noch einen Gummianzug kaufen, der zirka zwei Stunden lang dem obenerwähnten Senfgas Widerstand leistet. Aber das wäre – wenn der Ausdruck gestattet ist – schon übertriebene Vorsicht. Denn Senfgas schlägt sich in Tropfenform nieder und verdunstet so langsam, daß das betroffene Bevölkerungsgebiet auch für die angreifenden Truppen tagelang unbetretbar bleibt. Es ist also sozusagen derart tödlich, daß es dadurch an strategischem Wert verliert. Nur wer keinen anderen Zweck verfolgte, als einfach alles Lebendige auszurotten, würde einen Stadtteil mit Senfgas belegen. Für ein derartiges Vorgehen wäre der Ausdruck »Barbarei« ein sanftes Kompliment. Aber wer weiß? Ernstfall ist Ernstfall! In der Kärntner Straße kann der Kluge für diese Eventualität vorbauen. Aber mit dem Vorbauen ist noch lange nicht genug getan. Man muß auch unter bauen! Hat der Kluge nämlich das irdische Geschäftslokal besichtigt, so wird er zwei Stock tief unter die Erde geführt. Dort hat die Firma einen Mustergasschutzkeller eingerichtet. Der Zugang zu diesem Raum wird von zwei aufeinanderfolgenden hermetisch schließenden Eisentüren geschützt. Diese Wunderstücke sind erstaunlich gut dressiert: Sie können vermittels sinnreich angebrachter Angeln sowohl nach links als auch nach rechts geöffnet werden. Für den Fall aber, daß die linke wie auch die rechte Seite durch Bombeneinschläge bereits verschüttet sein sollten, besitzen die Türen noch spezielle Hebel, und falls diese Hebel nicht verschüttet sind, läßt sich die ganze Tür mit einem Griff entfernen. Immer klüger werdend, betritt der Kluge nun den Gasschutzkeller. Was er sieht, ist – zusammenfassend gesagt – eine Zelle, ausgestattet mit Hilfsmitteln, um darinnen nicht zu ersticken und nicht zu verhungern. Es gibt da zwei Luftregeneratoren: einen mit Handbetrieb und einen, der wie ein Fahrrad betätigt wird. Weiter einen Schrank voll Gasmasken und Konservenbüchsen; einen Feuerlöschapparat; ein spezielles, vorschriftsmäßiges Gasschutzkellerklosett mit Torfbehälter; Schaufeln zum Ausgraben bei Verschüttung; eine Lichtanlage, gespeist aus einem Reserveakkumulator, für den Fall, daß das E-Werk zerstört sein sollte; und für den Fall, daß der Reserveakkumulator verschüttet wäre, zwei phosphoreszierende Tafeln, die grünlich im Finstern schimmern. Lauter reichsdeutsche Patente. Ja – fast hätten wir's vergessen, auch ein Telefon ist da! So daß man im Ernstfall einer völlig verschütteten und zerstörten Welt immer noch die Möglichkeit zu einem Fernruf hätte: »Hallo! Ist dort die Steinzeit? Hier zwanzigstes Jahrhundert! Wir bitten um einige technische Ratschläge zur Wiederherstellung des Friedens! Wie? Ihr wundert euch, daß wir als Zeitalter der Technik ...? Ja, aber liebe Freunde, wißt ihr denn nicht, daß unsere Technik andere Sorgen hat? Fast zur Hälfte ist sie damit beschäftigt, Mittel zur Zerstörung des Lebens zu entdecken; fast zur anderen Hälfte plagt sie sich ab, um die nötigsten Gegenmittel zu finden; dazwischen hat sie noch gerade ein bißchen Zeit, um neue Guerlain-Parfüms zu ersinnen. Aber um das menschliche Leben dauernd vor Gewalt zu sichern oder gar um es lebenswerter zu machen – nein, dazu haben wir unsere Gasschutzpatente nicht, liebe Freunde und Schicksalsgenossen aus der Steinzeit!« Trotzdem: Wie die Dinge nun einmal stehen, mag jeden Moment der Fall eintreten, daß eine gute Gasmaske und ein bombensicherer Keller hundertmal wichtiger sind als alle prinzipiellen Erwägungen. Und für diesen Fall kann selbstverständlich nicht einmal der Klügste auf eigene Faust vorbauen, sondern die nötigen Maßnahmen müssen gemeinsam und öffentlich organisiert werden. Diesem Zweck dient ja auch eigentlich das beschriebene Geschäft in der Kärntner Straße, wo außer einem sehr reichen Grafen und einem halben Dutzend ebenso gutsituierter Interessenten bisher noch niemand eine Gasmaske wirklich gekauft hat. Das sehenswerte Lokal soll vornehmlich der Propaganda des Luftschutzgedankens dienen, soll mithelfen, die Bevölkerung auf das kommende Luftschutzgesetz vorzubereiten. Ein solches Gesetz wird wahrscheinlich die Österreicher von einer gewissen Einkommensgrenze an zum Kauf einer Gasmaske verpflichten und wird den Bau einer genügenden Anzahl von Luftschutzkellern vorsehen. Hoffentlich wird die Einkommensgrenze hoch genug gesetzt sein! Hoffentlich werden die Österreicher unter dieser Einkommensgrenze im Ernstfall nicht zugrunde gehen müssen, hoffentlich werden unter dieser Grenze Gasmasken gratis verteilt werden! Und hoffentlich wird das Gesetz dafür sorgen, daß der Luftschutz nicht in erster Linie dem geschäftlichen Interesse von Privatpersonen dient, sondern der relativ größten Sicherheit aller Österreicher.