Korfiz Holm ich – kleingeschrieben Heitere Erlebnisse eines Verlegers Albert Langen / Georg Müller / München 6.–8. Tausend Copyright 1932 by Albert Langen, Munich Printed in Germany     Meinem Freund und Weggenossen durch bald fünfunddreißig Jahre, Reinhold Geheeb. Liegt uns auch schon im Weiten Das junge Flügelspreizen, Und ob der Sturm der Zeilen Uns noch so schnöde packt – Im gleichen Jahr geboren. Zur gleichen Fahn' geschworen: Wir halten steif die Ohren Und gehn im gleichen Takt.     Lieber Leser! Damit wir uns gleich recht verstehn: der Titel dieses Buches ist mir nicht durch die Koketterie geheuchelter Bescheidenheit diktiert. Er will nicht sagen, daß ich gar nichts von mir hielte; nein, ich weiß schon, wer ich bin und was ich kann. Aber so wenig ich mich selbst als Mittelpunkt auch nur der eignen Kleinwelt fühle, so fern lag mir die Absicht, mich zum Mittelpunkte der Erlebnisse zu machen, von denen man auf diesen Blättern lesen mag. Ich bilde mir nicht ein, diese Geschichten, deren Wert vielleicht in ihrer Lebenstreue liegt, könnten um ihres Erzählers willen irgend jemand fesseln. Wenn ich sie niederschrieb, geschah es nicht aus dem Bedürfnis, meine Wenigkeit dem Volke darzustellen, sondern nur, weil meine Jahre mich mit vielen merkwürdigen und auch ein paar bedeutenden Persönlichkeiten in Berührung brachten, und weil ich für das Wunderliche an Menschen, Schicksalen und Dingen von jeher einen liebevollen Blick besaß. Liebevoll – ich unterstreiche dieses Wort und bitte den geneigten Leser sehr, sich seiner überall dort zu erinnern, wo es ihm scheinen sollte, daß ich des geziemenden Respektes vor Berühmtheiten ermangle und mich gar zu unbekümmert auf die Bank der Spötter setze. Denn aus dem Herzen – und ich darf wohl sagen, dankbar – über die Eigenheiten eines Großen lächeln ist etwas anderes, als hämisch grinsend an verdientem Lorbeer zupfen. Daß ihm das Menschliche nicht fremd war, schändet keinen Mann; und eben diese durch das Schrullige hineingeprägten Runzeln überliefern ein Gesicht der Nachwelt mit dem Schimmer atmender Lebendigkeit. Ich gebe da Theodor Fontane recht: mir sagt das barfuß durch frischgrüne Wiesen springende Histörchen mehr als die auf erhabenen Kothurnen über trockne Bretter schreitende Historie – vielleicht weil es, bei aller Pointiertheit, ehrlicher ist. Historie will, wie andre Wissenschaften auch, etwas beweisen und aus den Voreingenommenheiten ihrer Priester »ein System bereiten«, wobei denn Tatsachen, die sich vertrackterweise nicht in das wohlausgewogne Schema fügen lassen, hartherzig in die Wüste der »Legende« abgeschoben werden. Was ich erzähle, mag, wer es nicht glauben will, getrost Legende schelten, weil es allein aus der Erinnerung zurückgerufen wurde und keine Quellenforschung wichtigtuerisch dahinter steht. Da Systematik ohnehin mein Fall nicht ist, muß ich mir's ja wohl oder übel an dem Anekdotischen genügen lassen. Doch am Ende liefre ich damit trotzdem den künftigen Geschichtschreibern, die uns ein treues Abbild jener Zeit um die Jahrhundertwende aufzurichten planen, ein paar Steinchen für den stolzen Bau. Denn mag man auch von diesen in des Wortes strengstem Sinn versunknen Tagen denken, wie man will – zwei Dinge sind gewiß: alles, was seitdem auf unsre Welt hereingebrochen ist, und was wir heute und hinfort erdulden müssen, wurzelt in dieser Vergangenheit, und ewig währt es nicht, bis keiner mehr aus klar bewußtem Miterleben über sie berichten kann. Ich kann das, und ich tu es jetzt, weil niemand weiß, wie lange er das Licht noch sieht, und tu es im Plauderton, weil mir der Schnabel so gewachsen ist. München , im Frühjahr 1932 K. H. Wie ich zu Albert Langen kam und Björnstjerne Björnson kennen lernte Wenn ich zurückblicke, erscheint es mir als das bedeutsamste Kuriosum meiner Tage, daß ein sehr komisches Versehen meiner Mutter, ein reiner Zufall also, dazu dienen mußte, mich gerade an den Iden des Märzes 1896 Albert Langen in den Weg zu führen. Da ich dem Langenschen Verlag, der mich am ersten Oktober eben jenes Jahres als Volontär aufnahm, heute seit reichlich sieben Lustren angehöre, könnte man den Zufall wohl auch eine Fügung nennen. Freilich dürften rührigere Leute mitleidig behaupten, ich wäre sicherlich bei jeder Firma, einmal dort eingewöhnt, auf Lebenszeit geblieben. Für eine solche Deutung sprechen allerdings auch andere Belege, von denen ich hier nur den sehr auffälligen erwähnen will, daß ich mich mit einer einzigen Ehe zu begnügen wußte, die jetzt nach mehr als einem Menschenalter noch so gut wie neu ist und, wenn man's erlebt, leicht auch ein weiteres halten kann. Wohl also bin ich seßhaft von Natur, ich glaube aber doch, daß ich in dem Verlag von Albert Langen nicht nur deswegen Wurzeln schlug – o nein, ich fand hier auch den richtigen Platz für mich, eine Aufgabe, der ich freudig meine Kräfte widmen konnte, und Arbeitskameraden, mit denen es sich hausen ließ. Bevor ich nun berichte, mit welch harmlosem Gesicht sich diese wegweisende Fügung meines Lebens das Kleid eines fast lächerlichen Zufalls lieh, muß ich bis 1890 rückwärtsschweifen, wo ich für mein Teil noch in meiner Vaterstadt, dem alten Riga, als meinen Lehrern wenig teurer Schüler eine Bank des Stadt-Gymnasiums drückte. Die Ehe meiner Eltern, die unglücklich gewesen und schon, als ich zwölf Jahre zählen mochte, in eine Trennung ausgelaufen war, wurde zu jener Zeit geschieden, weil mein Vater eine andere Frau heiraten wollte. Eine Scheidung aber galt den Spießbürgern am Dünastrand als schweres Ärgernis, und eine, wenn auch schuldlos, geschiedene Frau trug einen Makel aus der Sache fort. Dem «Mitgefühl» der wackeren Rigenser als Zielscheibe zu dienen, lag meiner Mutter nicht, und so ging sie für eine Weile in das «Ausland», wie die Balten jener Zeit die Heimat ihrer Vorfahren zu nennen pflegten. So kam sie 1890 auch nach München und lebte sich dort so vortrefflich ein, daß aus den Monaten, die sie ihren Landsleuten hatte fernbleiben wollen, Jahre wurden und ich sie erst 1892 wiedersah, als ich selber auch nach Deutschland übersiedelte. War sie dadurch, daß sie von jung auf Verse machte und diese «sogar» drucken ließ, in Riga bei gar vielen in den Geruch höchst alberner Exzentrizität geraten, und hatte ihr der eigne Bruder dort einmal zu Neujahr mit herzlichem Händedruck gewünscht, es möge dieses Jahr nicht wieder schon ein Buch von ihr erscheinen, so diente es ihr bei den Münchner Künstlern und Kunstfreunden vielmehr zur Empfehlung, daß sie dichtete. Ihr, wenn sie wollte, hinreißender Scharm, ihre bei gebotenem Anlaß originell hervorplatzende Naivität und die ihr trotz allem innern Selbstbewußtsein eigene fast kindliche Bescheidenheit in dem Verkehr mit Menschen, die ihr etwas zu bedeuten schienen, taten das übrige, sie bei den neugewonnenen Bekannten beliebt und ihr das Leben unter ihnen angenehm zu machen. Und diese Freunde nun ermunterten sie immerfort, doch etwas für die Veröffentlichung ihrer «Mutterlieder« zu tun, die, im Laufe langer Zeit entstanden, damals als in sich abgeschlossener Zyklus handschriftlich vorlagen. Auf den Rat erfahrenerer Leute bot sie, die in solchen Dingen völlig unbeholfen war, die Lieder nun zunächst Zeitschriften an und hatte bei mehreren Blättern Glück damit, so auch, wenn ich mich recht erinnere, beim «Daheim», wo eines der Gedichte mit einer Zeichnung von Carl Marr erschien. So lernte sie diesen jungen Deutschamerikaner kennen, der seine künstlerische Schulung in München genossen hatte und hier ansässig geworden war; er schlug ihr vor, eine von ihm illustrierte, wie man damals sagte, Prachtausgabe ihrer Mutterlieder zu veranstalten. Er wußte ihr auch gleich den richtigen Verleger: Theo Stroefer in Nürnberg, mit dem ihn schon von früher her Beziehungen verbanden. Stroefer und meine Mutter stimmten freudig zu; so hätte einem baldigen Erscheinen nichts im Weg gestanden, wäre Carl Marr nicht eben damals ein Haupttreffer in der Lebenslotterie geglückt. Ein figurenreiches Riesenbild von ihm, »Die Flagellanten«, erregte Sensation und machte ihn mit einem Schlag berühmt. Daß Marr es in der Folgezeit zu allen akademischen und offiziellen Ehren brachte, die ein Maler überhaupt erreichen kann, ist ja bekannt. Doch schon sein erster richtiger Erfolg ließ seine Zeit für die Bebilderung von Liedern viel zu kostbar werden. Als ich im Frühling 1895, nur um hier ein Semester lang die Rechte zu studieren, nach München kam und meine Mutter, die inzwischen ein paar Jahre mit mir in Lübeck und Berlin verbracht hatte, mir bald hierher folgte, war es noch genau so ungewiß wie Anno 1891, wann denn Carl Marr nun endlich Pinsel oder Stift für die Prachtausgabe ihrer Mutterlieder in Bewegung setzen würde. Meine Mutter hatte Geduld gelernt und alles dies schon lange tatenlos dem Glück anheimgestellt; ich aber, der der Abklärung noch sehr entbehrte, schärfte ihr immer wieder lebhaft ein, daß hier etwas geschehen müsse. Ohne die rechte Freudigkeit gab sie mir recht, wollte dabei selbst aber keineswegs mit Hand anlegen, sondern ermächtigte statt dessen mich, Carl Marr das Nötige zu sagen. Dies wiederum ließ mir die Angelegenheit auf einmal gar nicht mehr so vordringlich erscheinen. Es war doch leichter, meiner Mutter mit den größten Tönen darzutun, wie sie das Leben zwingen müsse, als eigenfüßig das Atelier Carl Marrs zu stürmen und diesem sozusagen die Pistole meiner sittlichen Forderung auf eine Brust zu setzen, die durch den Erfolg so fest gepanzert war. Da fand ich denn natürlich immer wieder Gründe, diesen schweren Gang hinauszuschieben; und so kam der Hochsommer heran. Nun wollte es das Schicksal, daß wir beide Marr auf einem Sonntag-Nachmittagstee bei Frau Josefa Dürck, der jüngsten Tochter Wilhelm Kaulbachs, trafen. Der Künstler zeigte sich von dem Wiedersehn mit meiner Mutter sehr erfreut, und sie stellte mich ihm vor. Ich fühlte mich vom Mute der Verzweiflung angepackt und fragte ihn sofort beim Händeschütteln, ob überhaupt noch Aussicht sei, daß er die »Mutterlieder« illustrieren könnte. Und schon sah ich auch meine Mutter am andern Ende der Gesellschaftsräume eifrig auf irgendeine alte Dame einsprechen. Marr musterte mich überrascht und sagte höflich, ja, die Aufgabe sei nach wie vor von großem Reiz für ihn. Ich neigte dankbar meinen Kopf und mutete ihm zu, er möge sich dann aber doch gefälligst fest verpflichten, seine Zeichnungen bis zu einem bestimmten, nicht zu fernen Tage abzuliefern – meine Mutter, die ja schon jahrelang gewartet hätte, könnte das so ins Blaue hin jetzt nicht mehr tun. Marr gab recht kühl zurück, er könne leider keine Bindung übernehmen, weil seine Zeit durch eilige Arbeit sehr beansprucht sei. Dann allerdings, erklärte ich, würde wohl meine Mutter Stroefer bitten müssen, sich nun nach einem andern Illustrator, der nicht gar so überlastet wäre, umzutun. «Wenn Ihre Frau Mutter glaubt, daß sie dadurch ihren Interessen dienen kann – oh, bitte sehr!» warf Marr hochmütig hin und wendete sich mit flüchtiger Verbeugung gegen mich einer der Dürckschen Töchter zu. Heute weiß ich genau, daß es mir da nur aus dem Wald zurückklang, wie ich selbst hineingerufen hatte. Ich war bei dieser kurzen Unterredung sicher nicht so liebenswürdig und respektvoll aufgetreten, wie es ein in zwei Weltteilen berühmter königlicher Professor der Kunstmalerei von einem unbedeutenden Studentlein wohl erwarten durfte, sondern hatte jenes rauhaarige Urburschentum hervorgekehrt, das bei gar vielen meiner jungen Landsleute zu jener Zeit im Schwange war, trotzdem sie doch im Grunde meistens über das verfügten, was man die gute Kinderstube nennt. Erwuchs dieses herb männliche Gebaren bei ihnen meist aus starkem Selbstbewußtsein und einer innigen Durchdrungenheit davon, daß sie als Balten ihren Brüdern aus dem Reiche und der ganzen Welt entschieden überlegen wären, so lag bei mir sein Quell vielmehr in einer Schüchternheit, die äußerst quälend war. Erst viele Jahre später brachte ich es langsam fertig, diese Hemmung auszuschalten, sie wenigstens so täuschend zu maskieren, daß Leute, deren Blick nicht tiefer dringt, es heute lediglich für einen schlechten Witz zu halten pflegen, wenn ich etwas von der mir angebornen Schüchternheit erwähne. Zu jenen Zeiten aber brauchte ich, um über dieses Hindernis hinwegzukommen, stets einen so krampfhaften inneren Anlauf, daß ich leicht auch gleich die Grenze der geziemenden Bescheidenheit mit übersprang. Heute begreife ich es also gut, daß mir Carl Marr, den ich, nebenbei bemerkt, seit jenem Tage mit Bewußtsein niemals wiedersah, solch eine kühle Abweisung zukommen ließ. Und meine sittliche Entrüstung über seine Saumseligkeit verstehe ich vollends nicht mehr. Ich hatte mich inzwischen als Verleger und als Redakteur so viel mit Künstlern abzugeben, daß ich mir solche Wallungen in meinem eigensten Interesse schon lange nicht mehr in die Tiefe gehen lasse. So ärgert man sich langsam alt und mild ... Damals aber kaute ich hart an meinem Zorne über die erlittne Kränkung. Und ich gab keine Ruhe, bis meine Mutter an Herrn Stroefer in dem Sinne schrieb, wie ich es dem Professor Marr verheißen hatte. Da ich schon bald darauf eine Ferienreise nach Riga antrat, bekam ich erst dorthin Bericht über die Antwort des Verlegers. Stroefer erklärte kurz und unverblümt, ihn interessiere die Herausgabe der Lieder vor allem wegen der Zeichnungen von Marr; doch wenn Frau Holm auf diese nicht mehr warten wolle, sei er zur Lösung des Vertrags bereit. Ich schrieb an meine Mutter, daß sie sich ihr Werk freigeben lassen solle, und machte mich in meiner Unerfahrenheit anheischig, ihr, sobald ich erst wieder in München wäre, gleich einen anderen Verleger zu besorgen. Da bis dahin noch eine Reihe Wochen vor mir lag, erschien es mir nicht gar so eilig, mich zu fragen, ob ich der rechte Mann sei und die Gaben dazu hätte, mit einem Manuskripte bei Verlegern zu hausieren. Denn daß man durch persönliche Besuche viel eher etwas ausrichte als durch die schönsten Briefe, hatten mir sich wohlerfahren dünkende andre junge Schriftsteller schon öfters mitgeteilt. Es fügte sich jedoch, daß diese Probe auf meinen Mut und meine diplomatische Gewandtheit mir erspart blieb. Und das kam so: ich kehrte lange vor Semesterbeginn schon in den letzten Tagen des Septembers nach der Isarstadt zurück, weil der in früherer Zeit erwirkte Aufschub abgelaufen war und ich mich vor dem ersten Oktober 1895 zum Einjährigendienste melden mußte. Daß ich genommen werden könnte, glaubte ich nicht einen Augenblick: ein medizinischer Kommilitone, der das Physikum schon hatte und sich offenbar nicht früh genug in falschen Diagnosen üben konnte, war nach sachkundigen Messungen zu dem Resultat gekommen, mein Brustumfang entspräche meiner Körperlänge keineswegs. Ich ging also am letzten Tage des Septembers, ohne nach dem Truppenteile, der dort lag, zu fragen, in die mir am bequemsten liegende Kaserne, und das war jene an der Türkenstraße, wohin seit einiger Zeit das Infanterie-Leibregiment von der scharlachverseuchten Hofgartenkaserne her übergesiedelt war. Der Stabsarzt untersuchte mich, erklärte mich zu meiner Verblüffung für diensttauglich und entließ mich mit der Weisung, am nächsten Morgen schon in aller Frühe meinen Dienst als einjährig-freiwilliger «Leiber» anzutreten. Das ging mir, ich gesteh es offen, mächtig gegen den Strich. Erst später sollte ich erkennen, daß der Soldatendienst – ob ich gleich nichts weniger war als ein Athlet – nicht das Martyrium zu bedeuten brauchte, als das ihn schriftstellerische Zunftgenossen von mir gar oft empfunden und geschildert haben. Das Jahr im bunten Rocke stählte meinen Körper sehr und brachte mich geborenen Großstadtmenschen, den im Baltenland die andre Sprache und die sozusagen koloniale Ständeschichtung gegen das arbeitende Volk beinah hermetisch abgeschlossen hatten, in zwanglos fröhliche Fühlung mit den Bauern, aus denen sich das Leibregiment ausschließlich rekrutierte. So machte mich mein Jahr beim Militär in München und in Bayern heimisch. Die dünkt mich nicht so wenig, und ich denke gern daran zurück. In jenen ersten Oktobertagen 1895 freilich erschien es mir als einziger tröstlicher Lichtblick in der Trübe meines Rekrutendaseins, daß ich nun durch die harte Notwendigkeit selber gezwungen war, an meiner Stelle meine Mutter auf die Rundreise zu den Verlegern zu entsenden – welcher Umstand übrigens die Wucht der Argumente verzehnfachte, die ich ins Feld zu führen wußte, um nun die Sache als höchst dringend darzustellen. Aber es brauchte noch Monate, und der Dezember 1895 oder gar – ich weiß das nicht mehr so genau – der Januar 1896 kam heran, bevor sich meine Mutter mit dem Manuskripte auf die Wanderung machte. Ich hatte ihr die Namen und Adressen von lauter Kunstverlegern aufgeschrieben, weil uns merkwürdigerweise überhaupt nicht der Gedanke kam, die Mutterlieder könnten auch in andrer Form als der des sogenannten Prachtwerkes erscheinen. Die alphabetische Anordnung meines Verzeichnisses war schuld daran, daß sie sich zuerst nach der Kaulbachstraße 51a, begab, wo im Erdgeschosse die Büroräume und in einer Hofbaracke die Druckerei des Kunstverlages Josef Albert lagen, der sich zu jenen Zeiten, nebenbei bemerkt, wohl nur noch mit der Herstellung und der Herausgabe von sogenannten Ansichtspostkarten beschäftigte, also für den Verlag der Mutterlieder überhaupt gar nicht in Frage kam. Ob sich nun eine Ahnung hiervon meiner Mutter bemächtigte, oder ob ihr die Tür im Erdgeschoß aus einem andern Grunde nicht vertrauenweckend schien – sie musterte sie jedenfalls nur oberflächlich und bemerkte, kurzsichtig, wie sie war, gar nichts davon, daß ihr dort ein riesiges emailliertes Schild den Namen Josef Albert gradezu entgegenschrie, sondern setzte nach kurzem Zögern ihren Fuß entschlossen auf die unterste Stufe der weiter hinaufführenden Treppe und tat damit den Schritt, der über ihres Sohnes Lebenslauf entscheiden sollte. An der Flurtür im ersten Stock schien es ihr aber doch geraten, ihre Lorgnette vors Gesicht zu halten. Sie stellte mit einem zerstreuten Blicke fest, daß dort auf einem kleinen Messingschilde jedenfalls auch irgendwas wie «Albert» stand, und sprach zu sich: «Ja, hier bin ich am rechten Ort. Wie peinlich das doch ist!» Und es erfaßte sie eine so starke Angst vor dem, was ihr bevorstand, daß sie erst wieder halbwegs zu sich kam, als sie auf einem dämmerigen Flur an eine Zimmertüre klopfte. Drinnen rief eine Männerstimme forsch: «Herein!» und dann noch einmal laut und voller Ungeduld: «Herein!» Sie drückte auf die Klinke, streckte zaghaft ihren Kopf in einen Büroraum, wo vier Leute paarweis einander gegenüber an Stehpulten arbeiteten, und brachte in dem unverfälschten Baltischdeutsch, das ihr bis an ihr Ende treugeblieben ist, die in durchaus verkehrtem Sinne suggestive Frage vor: «Pardon, Jedichte werden hier wohl nich jenommen?» Ein langer, blonder Mensch, der wohl «der oberste» von den vier Angestellten war, sah prüfend auf die kleine, asketisch schwarz und mit einer Art Trotz gegen die herrschende Mode angezogene Dame und gab obenhin zurück: «Nein, ich glaub nicht.» Da erklangen aus dem Zimmer nebenan ganz kurze Schritte, die vor Eile förmlich prasselten; ein mittelgroßer, eleganter junger Mann mit dunkelm Spitzbart und blitzenden Kneifergläsern schoß herein und sagte schnell: «Warum denn nicht!» Er reichte ihr die Hand, oder in seiner hastigen Art vielmehr bloß seine Fingerspitzen und deutete einladend auf die Türe, durch die er hereingekommen war: «Treten Sie, bitte, näher, gnädige Frau!» Die Unterredung, die dann folgte, nahm einen durch ihre Rapidität für meine Mutter fast betäubenden Verlauf. Sie war in der Erklärung dessen, was sie wollte, kaum bei der Hälfte angelangt, als schon der junge Herr erklärte, er sei jetzt ganz im Bild, und eine Antwort auf sie niedersprudeln ließ, von der nun wieder sie die Hälfte nur verstand. Unter anderem erzählte er von einer Zeitschrift, die ihm glänzende Beziehungen zu einer Menge der genialsten Zeichner schüfe. Wenn also ihre Lieder, wie er hoffe, meisterhaft zu nennen wären – an ihrer Illustrierung durch den Pinsel eines Meisters würde dann bei ihm gewiß kein Mangel sein. «Also bitte, lassen Sie Ihr Manuskript nur da!» schloß er und sprang, als er kaum zwei Minuten stillgesessen hatte, wieder auf. «Frau ... wie ...? Pardon! Frau Mia Holm, jawohl. Und wie ist die Adresse? So? Aha! Ja, danke! – Wassermann!» rief er hinüber in ein kleineres Nebenzimmer, wo ein brünetter Jüngling zigarettenrauchend hinter einer Schreibmaschine saß und interessiert herübersah. «Notieren Sie! – Wie? – Nein, Theresienstraße! Ja. – Wir schreiben Ihnen, gnädige Frau. Es war mir ein Vergnügen ... Ja, und hoffentlich: bis bald!» «Ja, danke», sagte meine Mutter, die gleichzeitig mit ihm aufgestanden war, und erhaschte flüchtig seine wohlgepflegten Fingerspitzen. «Ach, ich weeiß schon, daß Sie es nich nehmen werden.« «Da wissen Sie mehr über meine künftigen Entschließungen als ich», lächelte er. «Bitte, ich bringe Sie ...» Und er geleitete sie manierlich bis ins Treppenhaus. Als sie dort langsam wieder zu sich kam, bewunderte sie sich beinah dafür, daß sie so dreist durch diese Tür hineingegangen war. Sie machte sich zwar keine Hoffnung, ihre Lieder könnten Gnade vor den Augen eines Herrn mit so modernem Tempo finden, buchte es aber schon als recht beachtlichen Erfolg, daß sie sie nicht sofort zurückbekommen hatte und also immerhin eine gewisse Zeit verstreichen müsse, bevor ihr zuzumuten wäre, den nächsten sauern Gang von dieser Art zu tun. Am Abend gab sie mir Bericht im gleichen Sinn und hob dabei die Kultiviertheit und das unbedingt gesellschaftsfähige Benehmen des Herrn Albert so erfreut hervor, als müsse einen das an so einem Verleger höchlichst wundernehmen. Mein grüner Optimismus sah darin, daß man die «Mutterlieder» prüfen wollte, beinah schon die Gewähr der Annahme. Ich ahnte ja noch nicht, wieviel Gedichtbuch-Manuskripte abgewiesen werden, bis eines Unterschlupf bei einem mutigen Verlag erlangt. Doch diesmal sollte die Erfüllung meine kühnste Hoffnung glorreich übertreffen. Denn daß die Antwort mindestens so drei, vier Wochen würde auf sich warten lassen, hatte ich bestimmt geglaubt; und darum war ich sehr erstaunt, als mich am nächsten Abend schon bei meiner Heimkehr aus dem Dienste meine Mutter mit der Mitteilung empfing, es sei ein Brief von dem Verleger Albert eingetroffen: er würde ihre «Mutterlieder» drucken, sie solle ihn recht bald besuchen, um die Einzelheiten mit ihm festzulegen. «Siehst du! Was hab ich dir gesagt!» rief ich und nahm den Brief. «Ja, da steht aber: Albert Langen drunter?» rief ich dann beim ersten Blick auf das Papier. «So?» fragte sie verständnislos. Ihr sagte dieser Name nichts. Ich musterte den Briefkopf und fuhr fort: «Natürlich: Albert Langen! Ja, und Kaulbachstraße 51a, das stimmt. Er hat also im gleichen Haus wie Josef Albert sein Büro.» «Fui neein, wie dumm!» wehklagte meine Mutter, da sie ihren Irrtum nun begriff. «Dann jing ich also falsch. Nu hab ich mich schon so jefreeut, und nu is wieder nichts.» Ich mußte über diese Logik lachen und erklärte ihr, daß ihr Versehen höchst wahrscheinlich nicht so unvorteilhaft gewesen wäre. Denn mir sagte dieser Name Albert Langen allerhand. Ich weiß es noch genau, wodurch und wo und wann der Ende 1893 in Paris gegründete Verlag zum erstenmal mein Interesse auf sich zog. Es war ums Frühjahr 1894 zu Berlin in der damals für sehenswürdig geltenden Passage, die von der Behrenstraße zu den Linden führt. Ich habe diesen Durchgang seit der Zeit trotz häufigen Besuchen in der Reichshauptstadt nie mehr betreten, und es mag wohl sein, daß er sich mittlerweile vorteilhaft verändert hat. Wie er sich damals präsentierte, steht mir gleich einem bösen Traum in der Erinnerung. So etwas von Geschmackverlassenheit wie diese Schaufenster malt sich wohl niemand aus, der sie nicht selbst gesehen hat. Da lockte ein Panoptikum die Leute durch das Wachsbild eines schwerverwundeten Zuaven, dessen Brust ein Uhrwerk krampfhaft wogen ließ und dessen Augendeckel qualvoll langsam auf und nieder klappten. Daneben pries ein findiger Geschäftsmann eine Spezialität unter seinen in knalligem Brustzuckerrosa, giftigem Grün und andern wüsten Farben prangenden Bonbons als «frische Kaiserküsse» an. Wenige Schritte weiter spreizte sich hinter Spiegelscheiben ein so ungeheuerlicher Kitsch von Reiseandenken, daß man fast meinen konnte, in dem feinsten Luxusbadeort zu sein. So ging es munter weiter; es war schlichthin schauderhaft ... Und hier in der Passage hing dann plötzlich eines Tages irgendwo an einer Wand ein sehr bescheidner, knapp dreiviertel Meter hoher, halb so breiter flacher Schaukasten, der mir sofort ins Auge sprang und mich, weil, was er hinter seiner Scheibe zeigte, alle paar Tage wechselte, von da ab oft gefesselt stehenbleiben hieß. Es waren aber Bücher des Verlages Albert Langen darin ausgestellt, und zwar jeweils sechsmal, drei hoch, zwei breit, das gleiche Buch. So durch die Wiederholung eines Eindrucks ihn verstärken, ist ein Trick, den heute jeder Werbefachmann kennt. Zu jener Zeit war er noch neu. Und neu, für Deutschland wenigstens, war auch das äußere Gewand, das die broschierten Bände in dem Kasten für gewöhnlich trugen: mehrfarbig vom Stein gedruckte Umschläge von Künstlerhand, die kräftige Wirkung in die Ferne übten, und die man wohl plakathaft hätte nennen können, wäre bei uns damals eine Plakatkunst schon am Werk gewesen. Ich habe den Franzosen Jules Chéret, den in Paris seßhaft gewordnen Schweizer Steinlen und den Deutschen Thomas Theodor Heine zuerst in diesem kleinen Schaukasten bewundern lernen. Unvergeßlich bleiben mir die modisch graziöse Colombine in starkem Blau und Gelb, mit der Chéret Marcel Prévosts «Pariserinnen» schmückte, Steinlens durch ausgesparte hellere Figuren auf dunkelm Grund von weitem schon den Blick einfangende Zeichnung zu dem Roman «Asche» von Vandérem und Heines etwas ins Perverse stilisierte Biedermeierphantasie zu Prévosts «Demivierges», die wohl sein schönster Buchumschlag geblieben ist. Es läßt sich denken, daß so gute Kunst bei der scharf kontrastierenden Umgebung, die die Passage für sie lieferte, doppelt ins Auge fiel. Doch ihre Wirkung übten diese Zeichnungen auch sonst und überall. Sie haben sicher viel dazu getan, die Firma Albert Langen, schon bevor sie mit dem «Simplicissimus» hervortrat, schnell bekannt zu machen. Das erste aber von den Büchern des Verlags, das ich erstand und las, trug kein in edeln Farben prunkendes, von Künstlerhand entworfnes Kleid, sondern einen schlicht blaugrauen Umschlag mit ganz herkömmlich und also gar nicht schön gesetzter Schrift. Ich weiß nicht, ob tatsächlich meine gute Nase mich nach diesem Band eines mir sonst ganz unbekannten Skandinaven greifen ließ, oder ob dabei die Empfehlung eines Kritikers mit in die Waage fiel – eins ist gewiß, die Wahl war gut und traf gerade auf das Werk, das Albert Langen eigentlich den Anstoß zur Begründung des Verlags gegeben hatte: Hamsuns «Mysterien». Mein Gott, mehr als drei Dutzend Jahre sind dahingegangen, seit ich diese Geschichte von dem sonderbaren Fremden Johan Nilsen Nagel zum erstenmal mit heißen Backen in einer fieberisch durchwachten Nacht verschlang! Wie jung war ich damals, wie alt geworden bin ich seit der Zeit! Und er, Hamsun, der starke Zauberer aus dem Norden, der schon mit fünfzig Jahren voll Melancholie von seiner «letzten Freude» schrieb, wie jung und schöpferisch geht er den Achtzigern entgegen, wie groß und schlackenrein gehämmert sind die Eisen noch, die er zum Glühen bringt! Man wird mir glauben, daß ich auf den Eindruck der «Mysterien» hin die Tätigkeit des Langenschen Verlags schon deshalb fest im Auge hielt, weil ich kein neues Buch Knut Hamsuns übersehen wollte. In dem Jahr, das hinging, bis der Zufall meine Mutter ins Büro von Langen führte, hatte ich noch sehr gefesselt «Neue Erde», ein mehr zeitbedingtes Werk, das deshalb altern mußte, und mit Begeisterung die ewige Dichtung «Pan» und darin Hamsuns eigentlichen, tief an die Natur gebundnen Helden kennen lernen, zu dem der Johan Nilsen Nagel der «Mysterien» nur die Vorstudie gewesen war. Ich las zu jener Zeit unendlich viel, und es wird sicher noch so manches Werk aus dem Verlag von mir verschlungen worden sein, bevor ich in persönliche Berührung mit ihm kam – geblieben ist mir nichts davon. Deutlich erinnern aber kann ich mich an allerlei Notizen, die schon vom Herbste 1895 ab des öftern in der Zeitung standen und dem Publikum die Kunde einzubläuen strebten, daß der erst jüngst in München ansässig gewordne Langensche Verlag eine ganz moderne, bunt illustrierte Wochenschrift als populäres Zehnpfennigblatt herauszubringen plane. Anfangs war dessen erste Nummer für das Neujahr 1896 angekündigt, später hieß es, daß das Blatt der umfangreichen Vorarbeiten wegen, die es nötig mache, erst zum April ins Leben treten könne. Ich weiß es nicht genau, doch scheint mir die Wahrscheinlichkeit dafür zu sprechen, daß pekuniäre Gründe von sehr wenig komplizierter Art die Schuld an der Verschiebung trugen. Sonst hätte wohl der gleiche Tag der Welt die Münchner «Jugend» und den «Simplicissimus» geschenkt; so aber kam der Doktor Georg Hirth mit seinem Blatte Albert Langen um ein Vierteljahr zuvor. Doch konnte ich an jenem Winterabend, da ich zum erstenmal ein Schreiben des mir nachher so nah getretenen Verlages in den Händen hielt, es meiner Mutter noch in das Gedächtnis rufen, daß wir beide von dem Inhaber dieser jungen Firma ja schon früher hatten reden hören, und zwar vor einem guten halben Jahr bei einem Abendessen in dem schönen und gastfreien Hause des Mathematikprofessors Alfred Pringsheim. Ernst von Wolzogen hatte uns dort etwa dies erzählt: «Ja, denken Sie sich, was man doch erleben kann! Ich schreibe meine Sachen nie mit eigner Hand, sondern diktiere sie gleich in die Schreibmaschine. Kürzlich meldet sich nun auf ein Inserat, mit dem ich jemand dafür suche, ein blutjunger Mensch aus Fürth, dem es ersichtlich schlecht geht, und der einen äußerst reduzierten Eindruck macht. Ich engagiere ihn, und er kommt wochenlang und tippt geduldig, was ich ihm diktiere. Eines Tages aber rückt er damit heraus, daß er auch selber schreibt. Er hätte hier das Manuskript eines Romanes ‹Melusine›; ob ich den nicht lesen und ihm sagen wollte, was ich davon hielte. Nun, der arme Bursche tat mir leid, und ich versprach es ihm, obwohl ich nicht gerade viel erwartete. Als ich dann aber anfing, ließ mich diese Geschichte einer Liebe nicht mehr los, bis ich am Ende war. Ein echter Dichter sprach daraus. Ich fühlte mich beschämt und fast bedrückt, daß mir ein Mann als Schreiber hatte dienen müssen, der selber literarisch etwas so viel Stärkeres geben kann als die bescheidene Erzählung, die ich ihm diktierte. Merken Sie sich den Namen: Jakob Wassermann! Er wird berühmt. Und ist er es, dann denken Sie daran, daß ich es Ihnen heute sagte!» Dieser Bericht erregte bei der Tafelrunde auf der Pringsheimschen Veranda lebhaftes Interesse, und man wollte wissen, ob es dem jungen Wassermann denn immer noch so elend ginge. Wolzogen sagte nein; er hätte seinen Schützling dem Verleger Albert Langen vorgestellt und dem die «Melusine» warm empfohlen. Langen sei von dem Roman entzückt und bringe ihn demnächst heraus. Er habe Wassermann auch gleich als ständigen Mitarbeiter für seine künftige Zeitschrift angeworben, so daß der junge Dichter jetzt doch wohl von seiner Feder zu leben in der Lage sei. Auch nach diesem Verleger Albert Langen fragte irgendwer. Wolzogen gab sehr gern Bescheid und wußte über ihn gleichfalls das Beste zu berichten. Er sei noch ziemlich jung, klug, liebenswürdig, voll Temperament und Unternehmungsgeist und hätte als ein Sohn aus reicher rheinischer Familie sicherlich die Mittel, seine interessanten Pläne auch erfolgreich durchzuführen. In Paris, wo der Verlag gegründet worden sei, hätte er viel gelernt, was ihm in Deutschland wohl zustatten kommen würde. Ganz besonders das geplante Blatt verspreche allerhand. Kurzum, es sei erfreulich, daß sich hier in München ein so frisches und modernes Unternehmen seßhaft mache, das bestimmt viel »Leben in die Bude« bringen werde. Dies alles, was sie seinerzeit ja selber aus dem Munde Wolzogens vernommen hatte, fiel meiner Mutter wieder ein, als ich sie jetzt daran erinnerte. Ich konnte ihr aber noch mehr vom Hörensagen über Langen mitteilen, weil ich inzwischen Jakob Wassermann – wann und wo, weiß ich nicht mehr – persönlich hatte kennen lernen. Auch er, der kürzlich wohlbestallter Redakteur für die geplante Zeitschrift »Simplicissimus« geworden war, sang seines Brotherrn Lob, begründete es hauptsächlich damit, wie enthusiastisch Langen sein Talent zu schätzen wisse, und ernannte ihn, von dessen günstigen Verhältnissen schon Wolzogen geredet hatte, zum mehrfachen Millionär, welche sicher gutgläubige Umkehrung der Wirklichkeit man Wassermann wohl um so weniger verübeln darf, als es ihm selbst noch kurz vorher sehr schlecht gegangen war und auch im Augenblick kaum so besonders glänzend ging. Denn eigne Armut zeigt der Phantasie die Mittel anderer zu gern durch ein Vergrößerungsglas. Ich hatte damals keinen Anlaß, Langen für weniger glänzend situiert zu halten, als Wassermann behauptete. Nun ja: zu allem anderen noch märchenhafter Reichtum und die Fähigkeit, sich auch für bisher unbekannte Dichter maßlos zu begeistern – das sind Eigenschaften, die selbst ein den Geschäften völlig fremder Autor an dem Mann begrüßen muß, der sein Verleger werden soll. Und darum sagte ich zu meiner Mutter, dieser Zufall, der sie irrtümlich eine Treppe höher hatte steigen lassen, als vorgesehen war, sei ein besonderer Glücksfall; und sie freute sich mit mir, wenn ihr auch dieses jungen Mannes Tempo immer noch unheimlich blieb, und ließ sich gern von Zukunftshoffnungen umgaukeln. Am nächsten Tag ging sie zu Langen, der ihr hohes Lob für ihre Lieder spendete. Dann hatten sie in fünf Minuten alles festgemacht. Vereinbart wurde, daß die Buchausgabe ihres Werkes, durch den jungen Maler Adolf Münzer illustriert, erst kurz vor Weihnachten erscheinen solle. Vorher aber wollte Langen die Gedichte einzeln oder, je nachdem, zyklisch zu mehreren vereint in seiner neuen Zeitschrift drucken; er bat sie ferner, ihm doch für sein Blatt zu bringen, was sie sonst Geeignetes in Versen oder Prosa hätte. Und so machte sich's, daß sie nun öfter im Verlag erschien, um weitere Manuskripte von sich anzubieten. Da nun zu jener Zeit ich ebenfalls sehr produktiv in lyrischen Gedichten war – als «Sohn der Mutterlieder» hatte ich mir das so eingewöhnt –, und da besagte Reimereien wenigstens mir selbst und meiner Mutter recht bemerkenswert erschienen, wird es wohl niemand wundern, daß sie eines schönen Tages ihrem freundlichen Verleger auch ein Päckchen meiner Verse auf den Schreibtisch schob. Verwunderlicher scheint mir heute ihr Erfolg damit: daß ungefähr die Hälfte dieser Jugendsünden von der Redaktion erworben wurde. Sechs Gedichte auf einmal, und gegen Honorar – was das für einen bisher kaum gedruckten, keineswegs je honorierten, ruhmerpichten jungen Strophendrechsler zu bedeuten hat, sieht ohne weiteres jeder ein. Auch daß ich Langen jetzt für einen Riesen an Verstand und Urteil ansah, wird mir niemand übelnehmen, dem schon ein Schriftsteller in diesem kaulquappigen Stadium in den Wurf gekommen ist. Kurze Zeit nach diesem mich höchst wichtig dünkenden Ereignis traf ein Brief an meine Mutter ein, der sie ersuchte, tags darauf in den Verlag zu kommen und sich Münzers erste Zeichnungen zu ihren Liedern anzusehn. Ob's nun ehrlicher Zufall war, oder ob Langen ihm ein wenig nachgeholfen hatte, jedenfalls traf sie ihn diesmal nicht allein an, sondern in Gesellschaft eines schlanken, sehr graziösen rothaarigen jungen Mädchens, das ihr als die Braut ihres Verlegers und das jüngste Kind des großen Norwegers Björnstjerne Björnson vorgestellt wurde. Der helle Stolz auf seine Braut und den berühmten Schwiegervater strahlte Langen vom Gesicht. Und meine Mutter fühlte ihm das nach, zumal ja schon die eigne Abstammung in ihr besondere Sympathie für alles weckte, was da skandinavisch hieß. Ihr Vater zwar, Heinrich von Hedenström, hatte sich schon ganz deutsch gefühlt und war in Riga deutscher Prediger gewesen, die Grabsteine seiner Eltern aber auf dem rigischen Jakobikirchhof trugen den Familiennamen in der Fassung «af Hedenström» und überhaupt schwedische Inschriften. Es hätte aber dieser Blutverbundenheit mit Skandinavien kaum bedurft, ihr sehr begeisterungswilliges Gemüt für die norwegischen Dichter jener Tage zu entflammen – schaute doch die ganze Welt, und namentlich die deutsche, voll Begeisterung auf diese Männer hin. Bei ihrem ersten Münchner Aufenthalt war meine Mutter, der Zudringlichkeit sonst wirklich fern lag, bis in Henrik Ibsens Wohnung vorgedrungen, weil sie es ihm einfach sagen mußte, wie sie ihn verehrte. Zu begreifen ist wohl, daß ihr Herz beinah noch wärmer für Björnstjerne Björnson schlagen mußte, den keineswegs bedeutenderen, aber entschieden dichterischeren der zwei skandinavischen Rivalen. Darüber nun sprach sie sich vor der Tochter des Bewunderten so lebhaft aus, daß Langen sie auf einmal fragte: «Möchten Sie Björnstjerne Björnson nicht persönlich kennenlernen?» «Weei, das wär schön!» rief sie. «Nun, dafür könnte Rat geschaffen werden.» Er verneigte sich und deutete auf seine Braut. «Wir heiraten in ein paar Tagen; meine Schwiegereltern werden nach der Hochzeit eine Zeitlang bei uns wohnen. Und da laden wir Sie bald einmal zum Abendessen ein.» «Herzlichen Dank!» Sie drückte beiden warm die Hand, fügte dann aber unschlüssig hinzu: «Das heeißt ... Ich weeiß nich, ob ...» Und plötzlich fuhr es ihr heraus: «Meein Sohn würde Herrn Björnson sicher auch sehr jerne kennen lernen.» «Also ...!» lachte Langen. «Bringen Sie ihn ruhig mit! Wir machen ihn schon auch noch satt.» «Dann komm ich», sagte sie, gleichsam beruhigend. Ja, sie verstand es doch bei aller Bescheidenheit recht gut, da, wo es ihr der Mühe wert schien, ihren Willen durchzusetzen. Ich freute mich natürlich sehr, als meine Mutter mir verkündete, welch hohe Ehre mir in Aussicht stand – war Björnstjerne Björnson doch die erste Weltberühmtheit, der ich persönlich vor die Augen treten sollte. Freilich haben es zwei damals noch sehr junge Dichter, die ich schon vor Björnson kannte, später auch so weit gebracht; ihr Weltruf aber lag zu jener Zeit doch erst, wenn ich so sagen darf, als hoffnungsvoller Säugling in den Windeln. Diese beiden Dichter waren der bereits erwähnte Jakob Wassermann und Thomas Mann, mit dem ich Anno 1892 auf dem lübecker Gymnasium, das er in den Buddenbrooks nachher so lieblos porträtieren sollte, erstmals in Berührung trat. Und es ist wohl das einzige, was mir Unsterblichkeit verbürgt, daß ich – sein Vorturner gewesen bin. Nun glaube aber niemand, ich erzählte dies, um mich als ungewöhnlich talentierten Nacheiferer des alten Vater Jahn herauszustreichen. Nein, ich bleibe bei der Wahrheit und gestehe: jedem der Primaner wurde eine Riege aus den andern Oberklassen zugeteilt; und daß ich eben die bekam, der Thomas Mann, nicht seinem eignen Trieb gehorchend, angehörte, wirft kein sehr vorteilhaftes Licht auf mein gymnastisches Talent. Denn Thomas Mann als Turner war, was Können und Wollen anbetrifft, ein Fall für sich: er übte diesem Unfug gegenüber souverän passive Resistenz, er faßte Reck und Barren nur gleichsam symbolisch mit den Fingerspitzen an und streifte dieses seiner unwürdige Gerät mit einem vor Verachtung förmlich blinden Blick, der schon den künftigen Olympier ahnen ließ. Nun, einen künftigen Olympier ahnen ist schon was, doch einen ausgewachsenen und reellen sehen bleibt trotzdem das größere Erlebnis, wenigstens solange man in dieser Hinsicht noch ein Neuling ist. Denn heute könnten Größen aller Art gleich rudelweise aufmarschieren, ohne daß ich mich, wenn ich nicht muß, dadurch nur einen Schritt aus meiner Klause locken ließe. Damals aber schaute ich lebhaft gespannt der zugesagten Einladung entgegen und war, als sie dann eintraf, sehr betrübt, daß ich ihr nicht in dem erwünschten Zustand geistiger Frische würde folgen können, weil ich mit meiner Kompanie am Tag vorher auf Wache kam, wo mich das harte Pritschenlager und die schauderhafte Luft nie auch nur einen Augenblick des Schlafes finden ließen. So war ich also schon seit vierzig Stunden ohne Unterbrechung wach und hatte ein Gefühl, als sei mein Hirn vor Abgespanntheit durchsichtig geworden, als ich an jenem für mich folgenreich gewordenen Märzabend mit meiner Mutter vor die Tür von Langens Wohnung trat und nach einem beklommenen Zögern tapfer auf den Knopf der Klingel drückte. Langens Einrichtung war dazu angetan, den Ruf des Millionärs, in dem er stand, zu stärken: an den Wänden auf dem Vorplatz echte Gobelins und in den Zimmern alte Ölgemälde, die so dicht gedrängt wie Pflastersteine saßen; auf Simsen, Tischchen, Postamenten Bronzestatuetten, Porzellane und Fayencen, unter letzteren sehr schöne lebensgroße farbige Büsten; das Mobiliar, ein wenig bunt gemischt, aus allen Perioden von der Renaissance bis zum Empire ... Das Ganze hatte trotz einer gewissen Überfülltheit etwas Behagliches und sah dabei sehr prächtig aus. Ich, der in solchen Dingen noch ein blutiger Laie heißen durfte, erkannte doch, daß hierin eine Menge Geld zu stecken schien. Wir waren, wenn ich mich richtig erinnere, an jenem Abend nur zu sieben: Langen und Frau, Björnson und Frau, eine aus Mecklenburg gebürtige, nicht mehr ganz junge Münchner Malerin, meine Mutter und ich. Den Mittelpunkt für das Interesse aller gab natürlich Björnson ab, dem diese prunkerfüllten Räume bestens zu Gesichte standen. Ich weiß es aber noch, wie es mich anfangs recht enttäuschte, daß er keineswegs als Hüne wirkte, wie ich es mir nach seinen Brustbildern erwartet hatte. Er war statt dessen bloß gut mittelgroß, trug ein gewölbtes Bäuchlein vor sich her und dünkte mich für einen Wikinger, den man sich über jede Eitelkeit erhaben ausmalt, gar zu wohlgepflegt, ja, in verschiednen Einzelheiten seiner Kleidung fast kokett, so in der dunkelseidenen geblümten Weste, den desgleichen buntgeblümten Seidensocken und den ausgeschnittenen Lackschuhen, sogenannten Pumps, die er beim Gehen zierlich auswärts stellte. Aber als er dann, das Kinn emporgereckt, bei Tische saß, da dachte ich an diese Kleinigkeiten überhaupt nicht mehr, sondern fühlte mich ganz im Banne seines kühn umrissenen, wahrhaft königlichen Kopfes, seiner vor Eindringlichkeit geradezu federnden Redeweise und der knappen Gesten seiner schöngeformten großen Hände, die einem seine Sätze gleichsam in den Sinn zu hämmern trachteten. Er sprach beinah allein, die andern, seine Tochter und der Schwiegersohn, die Malerin und meine Mutter, brachten ihm sozusagen nur die Stichworte und ließen hie und da Ausbrüche der Bewunderung hören. Völlig stumm verhielten sich Björnsons in jenen Jahren schon fast taube Frau und ich, doch übte unser Schweigen sicher sehr verschiedne Wirkung aus. Denn sie, Frau Caroline, eine schöne alte Dame von genau so fürstlicher Erscheinung wie ihr Mann, hielt immerfort ihr Hörrohr gleichsam hungrig gegen diesen hin, und ihre Augen strahlten vor lebhaftem Interesse, ob sie auch von diesem schwierigen Deutsch, das ihr Björnstjerne heute sprach, kein Wort verstand. Ich wiederum schien wohl vor Übernächtigkeit blasierter, als ich war; und wenn das unterdrückte Gähnen meine Nüstern auch bestimmt in einem fort erbleichen ließ, so hörte ich doch aufmerksam und ohne eine Silbe zu verlieren zu. Björnson schien hiervon aber nicht recht überzeugt zu sein – er schaute mich des öfteren kopfschüttelnd an und sagte endlich mitleidig: «Der arme junge Mann! Nein, wie er müde ist!» «Ach», rief ich und wand mich heimlich unter all den Augen, die sich prüfend in mich bohrten, «das ist nur, weil ich auf Wache war und darum heute nacht nicht schlafen konnte.» «Ja, dieser preußische Militarismus ist was Schreckliches!» Der große Björnson nickte würdevoll. «Oh, skrecklich!» fiel Frau Caroline ein, strahlend vor Stolz, weil sie jetzt endlich doch etwas verstanden hatte. «Ja, aber ...? Preußisch ...?» wendete ich zaghaft ein. «Ich weiß, daß wir in Bayern sind», gab er zurück, «aber dies Preußen steckt mit seine harte Art ganz Deutschland an.» Ich öffnete den Mund zu einer Antwort, schloß ihn aber wieder, jäh von meiner Schüchternheit gehemmt. Und Björnson, der mich abwartend gemustert hatte, lenkte, da ich schwieg, die Rede auf ein andres Thema hin. Ich weiß nicht mehr, wer bald darnach die alte und in der Konversation von je beliebte Frage aufwarf, welche unter den modernen Sprachen sich des größten Wohllauts rühmen dürfe. «Deutsch!» erklärte Björnson fest und schaute sich herausfordernd im Kreise um. – Wer wagt daran zu tippen! fragte dieser Blick. Aber wir Nicht-Skandinaven an der Tafel hätten ja wohl keine Deutschen sein dürfen, wenn sich jetzt nicht trotz allem heiligen Respekt vor dem berühmten Mann lebhafter Widerspruch erhoben hätte. Meine Mutter und die Malerin verteidigten den edeln Klang des Italienischen, Langen erkannte dem Französischen die Palme zu, und ich hielt es für meine Schuldigkeit, ein gut gesprochenes Russisch für die schönste aller Sprachen auszugeben, wenn ich auch damals schon bestimmt nicht weniger gut als heute wußte, daß unser angeblich so rauhes Deutsch unter den Händen eines Dichters, etwa eines Goethe oder Storm, so schmelzend süß und voll wie eine Stradivarigeige singen kann. «Ich habe es doch selbst gehört!» antwortete uns Björnson unbeirrt. «Es war in Rom, und mehr wie dreißig Jahre sind es her. In Rom, da gibt es am Pfingstsonntag jedes Jahr ein Kirchenfest, was zur Erinnerung davon gefeiert wird, wie die Aposteln in Jerusalem zu Pfingsten seinerzeit in Zungen redeten. Da treten abgesandte Geistlichen aus alle Ländern auf, wo Katholiken sind, und jeder lobt in seine Muttersprache Gott und huldigt Rom und seinen Papst. Und das ist eine großartige Demonstraschon von des Katholizismus Ausbreitung. Dies hörte ich im Jahre fünfundsechzig zu, in eine Zeit, als ich, das soll Gott wissen, nicht parteiisch for die Deutschen, sondern rasend auf das mächtige Deutschland war, weil es das arme kleine Dänemark so ohne Großmut vergewaltigt und verstümmlet hatte. Und ich weiß die Zahl von Sprachen es da gab nicht mehr. So fünfzig, sechzig waren es vielleicht. Das aber weiß ich noch: die schönst klingende Sprache ich in diese Kirche hörte, das war Deutsch. Und da hilft nichts: was wahr ist, das bleibt wahr!» Bekräftigend ließ Björnson die geballte Faust schwer auf das Tischtuch sinken und sah uns triumphierend an, als ob er fragen wolle: Nun, was sagt ihr jetzt! Wenn ich auch eure Fehler sehe und das harte Preußentum nicht liebe – bin ich nicht gerecht! Fühlt ihr euch nicht, fühlt nicht ganz Deutschland sich beschenkt dadurch, daß es in manchen Punkten meine Anerkennung hat! Ist das nicht eures Dankes wert! Nun, wenn ein Dank mit solcher Sicherheit erwartet wird, zwingt er sich einem auf. Wir Deutschen rings im Kreise freuten uns des Lobes, das der große Ausländer dem deutschen Worte zollte, und glitten über seine abfällige Kritik an deutscher Tat hinweg. Nichts wirkt so suggestiv wie starkes Selbstbewußtsein. Und daß es Björnson hieran nicht gebrach, dafür blieb seine römische Erzählung nebst der stummen Folgerung, die er daraus gezogen hatte, an dem Abend nicht das letzte Dokument. Um jene Zeit beschäftigte der Spiritismus meine Mutter sehr. Kein Wunder, daß sie gleich die erste Pause im Gespräch benutzte, ihren berühmten Tischnachbarn zu fragen, wie sich denn er zu den okkulten Dingen stelle. Seine Antwort war verblüffend björnsonisch. «Das gibt es nicht», erklärte er, «daß Tote wiederkommen und sich uns als Geister offenbaren können. Davon hab ich absolütt den sicheren Beweis. Denn hätte er gekonnt, dann wäre mir mein Vater nach dem Tod bestimmt erschienen und hätte mich – um Verzeihung gebeten. Ja!» Und wieder sank seine geballte Faust bekräftigend auf den Tisch. «Erbarmung!» sagte meine Mutter ganz entsetzt. Doch Björnson gab nicht acht darauf und wiederholte: «Ja! Ich war for ihm doch immer so ein guter Sohn, und er war einmal kurz vor seinem Tode gegen mich so ungerecht.» Ich, der in einem Alter stand, das solche kühle Objektivität den eigenen Erzeugern gegenüber im Prinzip stets billigen wird, hatte mein schmunzelndes Vergnügen sowohl an des alten Björnson merkwürdiger Abführung des Spiritismus als auch an der Trauermiene meiner Mutter, die sich in ihrer Elterneigenschaft verletzt fühlte und mich wohl auch zu jung fand, so von jeder Kindespietät verlassene Worte ohne Schaden für die Seele anzuhören. Und so groß auch ihr Respekt vor Björnson war, ganz unterdrücken konnte sie den Vorwurf, den sie ihm zu machen hatte, nicht. Sie fragte zaghaft tastend: «Guter Sohn? Heeißt guter Sohn nich – liebevoller Sohn?» Hoho! Da mußte aber Björnson wirklich lachen! Nein, da kannte man ihn falsch, wenn man sein Herz in Zweifel zog, das doch viel eher zu empfindsam und dadurch schmerzhaft verletzlich war. Ja, konnte man denn überhaupt ein Dichter sein wie er, wenn man nicht alle Leiden dieser Welt als seine eignen Leiden mitempfand! Und er erzählte, uns das recht sinnfällig zu belegen, was ihm vor Jahren einmal in Tirol geschehen war. Er hatte mit den Seinen mehrere Sommer in dem Städtchen Schwaz verbracht. Da war, wie man das ja bei Bauersleuten manchmal findet, ein gewisser Ort mit lauter Holzschnittbildern aus Zeitschriften tapeziert gewesen. Eines nun davon, das ihm beim Sitzen ganz genau in Augenhöhe gegenüberhing, hatte ein Nest mit jungen Hasen dargestellt, die ahnungslos im Kornfeld saßen, während hinter ihnen schon ein Fuchs die Zähne fletschte, drauf und dran, die Ärmsten zu verschlingen. Diese fürchterliche Szene hatte Björnsons weiches Herz so sehr bedrückt, daß er schon aus gesundheitlichen Gründen eine Vorkehrung dagegen treffen mußte. Denn das Bild so einfach von der Wand zu reißen, ging nicht an, weil das die Wirtsleute beleidigt hätte. Was war da zu tun! Er dachte lange nach, und eines Morgens kam ihm die Erleuchtung – er zog seinen Bleistift aus der Tasche und schrieb auf den Rand des Holzschnitts die drei Worte: «Sie werden gerettet!» Damit war der Bann gelöst. Die Tafelrunde hatte dem Bericht des großen Mannes atemlos gelauscht. Sein zartbesaitetes Gemüt fand allgemein, besonders bei den Damen, lebhafte Bewunderung. Nur ich, der innerlich nicht ganz so schüchtern als mit Worten war, blieb stumm und dachte mir mein Teil. War denn an der Geschichte eigentlich nicht nur der Bleistift als so eine Art von Morphiumspritze gegen Mitleidweh originell? Pflegten im übrigen nicht auch viel weniger berühmte Leute ihr zu weiches Herz bei fremder Not in eben dieser Art zu trösten, ja sogar die soziale Frage für ihr Teil nach dem System zu lösen? Wer sich hierin vollkommen schuldlos fühlt, werfe getrost den ersten Stein auf die, die solches tun! Ich habe nun erzählt, was mir aus Björnsons Tischgesprächen jenes Abends in Erinnerung geblieben ist. Natürlich hat sich mir da das Kurioseste besonders eingeprägt. Man glaube deshalb aber nicht, er hätte nur dergleichen vorgebracht, und ich respektverlassener junger Bursche hätte immerzu über naive Explosionen seines Selbstbewußtseins innerlich gelacht. Oh, weit gefehlt: er hatte viel erlebt mit offenem Sinn und Herzen, und er redete voll Temperament, Klugheit und Geist davon, er wirkte als ein ganzer Kerl mit allem Zauber, den Persönlichkeit verleiht, und imponierte mir – was etwas heißen will – genau so sehr wie sich. Gegen den alten Björnson traten alle andern Leute, die ich an jenem Tage kennenlernte, in den Hintergrund, auch Albert Langen, der mir übrigens sehr gut gefiel. Anders als Ludwig Thoma, der zwei Jahre später nicht sogleich die Brücke zu ihm fand, weil Langen ihm bei einer ersten flüchtigen Begegnung lediglich als übereleganter, etwas hochnäsiger, geschäftlich äußerst smarter Herr erschien, sah ich in ihm zunächst nur einen netten jungen Mann, der alles, was ihm durch den Kopf schoß, ohne einen Schatten weder von Befangenheit noch von Berechnung kindlich frisch hervorzusprudeln liebte. Man sieht, auch ich beurteilte ihn anfangs falsch, weil einseitig. Hätte in ihm nicht außer dem, was ich so an der Oberfläche spürte, ziemlich viel gesteckt – wie hätte er damals mit fünfundzwanzig Jahren sein können, was er doch war, trotzdem die Welt noch nichts von seinem «Simplicissimus» gesehen hatte. Übrigens war dessen erste Nummer, die nachher Anfang April so eine Menge Staub aufwirbeln und zum Teil Begeisterung, zum Teil lebhaften Widerspruch entfachen sollte, an dem Märzabend, über den ich hier berichte, schon gedruckt, und zwar in einer Auflage, die des Verlegers tapfrer Zuversicht viel Ehre machte, deren Höhe aber künftighin das Blatt auch zu den besten Zeiten niemals wieder zu erklettern in der Lage war. Da Langen uns nun diese Nummer gleich nach Tisch, strahlend von Vaterfreude, präsentierte, lernte ich den «Simplicissimus» noch sozusagen in den Windeln kennen, bevor er seine ersten Schritte tat. Auch hier schon an dem Beispiel der Familie Holm erwies es sich, daß man sehr, sehr verschieden, aber anscheinend nicht gleichgültig lauwarm von der jungen Zeitschrift denken konnte. Meine Mutter nahm recht starkes Ärgernis an manchem, was sich ihr da bot, und fühlte sich bedrückt, weil sie auch ihren eignen Namen unter einem kleinen Prosabeitrag las; ich aber fand die Nummer wundervoll, und wenn ich doch etwas darin vermißte, war es höchstens – ein Gedicht von mir. Am nächsten Tag ging ich zur Buchhandlung von Rieger am Odeonsplatz und abonnierte mir die Luxusausgabe des «Simplicissimus» gleich auf ein Jahr, wohl als der erste Abonnent, den sie gefunden hat. Es fiel mir jedenfalls recht schwer, die Riegersche Gehilfenschaft davon zu überzeugen, daß eine Luxusausgabe dieses neuen Blattes überhaupt in Aussicht stand. Die Zeit verrann. Anfang April erschien die Nummer eins des «Simplicissimus», und jeden Dienstag, wenn ich mich des Tages recht erinnre, folgte ihr von da ab eine neue nach. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, mit welcher Spannung sie erwartet wurden, nicht zuletzt von mir. Auch meine Mutter, der die Zeitschrift nach wie vor nicht sehr sympathisch war, gewöhnte sich daran, in ihr gedruckt zu werden, was ja in der ersten Zeit beinah allwöchentlich geschah. Mir wurde dieser Vorzug nicht so oft zuteil, doch oft genug, daß ich mich dem heftig umstrittenen Blatte zugehörig fühlen durfte. So kam mir der Gedanke nah, mich ihm noch zugehöriger zu machen, zumal ich in dem Studium der Rechte längst ein Haar gefunden hatte. Und darum bat ich meine Mutter, als sie wieder einmal in Geschäften auf die Redaktion zu Langen ging, sie möchte diesen fragen, ob er mich nicht von dem Ende meiner Dienstzeit ab zunächst als Volontär bei sich beschäftigen wolle. Langen zeigte sich dem Plan geneigt und ließ mich bitten, ihn gelegentlich zu mündlicher Besprechung aufzusuchen. Ende Mai, an einem sonnenhellen Samstagnachmittag, begab ich mich zum erstenmal auf das Büro meines zukünftigen Prinzipals. Und Langen führte mich sogleich, damit wir ohne Zeugen unterhandeln könnten, in ein ziemlich großes Zimmer, das der Arbeitsraum des damaligen Lektors für den Buchverlag, Sven Lange, war und öde und sehr ungemütlich wirkte, weil in ihm nichts stand als ein mit Manuskripten überhäufter schmaler Tisch sowie ein sogenannter Wiener Stuhl. Auf diesen wurde ich genötigt, während Langen selbst sich eine Tischecke zum Sitz erwählte. Doch wir hatten kaum die einleitenden Sätze ausgetauscht, da klopfte es, und Jakob Wassermann schaute herein und meldete, Herr Heine wäre da. Langen sprang von seinem Sitz und rief mit der ihm eignen Hast: «Ach, einen Augenblick, Herr Holm! Sehr wichtige Konferenz! Gedulden Sie sich fünf Minuten! Dann ... Ach ja ...!» Er lief hinaus und kam gleich wieder angestürzt. «Hier, bitte, sehn Sie sich so lange mal die nächste Nummer an.» Und draußen war er schon. Es ist die Nummer neun des «Simplicissimus» gewesen, die ich da in Händen hielt, das kann ich heute noch ganz sicher feststellen, weil ich Gelegenheit bekam, sie in der größten Muße auswendig zu lernen. Ich las sie Wort für Wort mit allen Inseraten durch und fing von vorn an, wenn ich fertig war, ich rauchte eine Zigarette nach der anderen und wartete und wartete. Kein Langen zeigte sich, und meine Schüchternheit verbot es mir die längste Zeit, mich selbst zu melden. Endlich riß mir die Geduld, das heißt: bis sieben wollte ich noch aushalten, dann aber ...! Nun, auch sieben wurde es, und niemand rührte sich; selbst eine Schreibmaschine, die ich hatte klappern hören, war verstummt. Da öffnete ich denn, noch immer etwas scheu, die Tür und fand im Nebenzimmer Jakob Wassermann schon mit dem Hute auf dem Kopf. «Ja, Himmel ...!» sagte er verblüfft. «Sie sind noch da?» «Aber ... Herr Langen bat mich doch, auf ihn zu warten? » «Langen?» Und er schüttelte den Kopf. «Der ist mit Heine fort, vor einer guten Stunde schon. Gut, daß Sie mich noch grad erwischten. Denn ich wollte eben gehn und zusperren. Und dann ... Die Putzfrau kommt, glaub ich, erst Montag früh um sechs.» Meine Erregung über diese harmlose Geschichte war viel größer, als man sich denken kann. Ich hatte nämlich, jung und leicht verletzlich, wie ich war, die seltsame, mir heute selber unbegreiflich scheinende Idee, daß Langen mir mit Absicht durchgegangen sei. Ich stürmte also in das Café Stephanie, bestellte Schreibzeug und Papier und schrieb, bevor mein erster Zorn erkaltete, an Langen einen Brief, den ich damals schlagend ironisch fand und heute sicher ganz, ganz anders nennen würde. Ich sagte ihm darin, es sei sein gutes Recht, mich trotz der Zusage an meine Mutter, wenn es ihm so besser schiene, abzuweisen, aber mutiger gewesen wäre es, mir das aufrichtig Aug in Auge zu bekennen, statt sich so heimlich seitwärts ins Gebüsch zu drücken. In diesem Tone ging es fort. Als dann mein Schreiben in den Kasten plumpste, stand es bei mir fest, daß nun das Tischtuch zwischen mir und Langen endgültig zerschnitten sei. Aber ich hatte diesen unterschätzt. Ich sollte hier zum erstenmal eine besondre Tugend von ihm kennenlernen, die ich späterhin noch oft an ihm bewundern durfte: daß er nicht empfindlich war. Dies sprach von einer ruhigen innern Überlegenheit des äußerlich so zappeligen jungen Herrn. Sein Antwortbrief behandelte die Sache elegant und nett, glitt über meine Schnödigkeiten schlank hinweg und bat mich, ihm zu glauben, daß nicht eine Spur von böser Absicht mit im Spiel gewesen sei. Natürlich tue es ihm leid, daß ich so stundenlang umsonst auf ihn gewartet hätte, aber zu besprechen sei ja eigentlich nichts mehr. Er nehme an, wir wären uns doch nach wie vor darüber einig, daß ich gleich nach der Beendigung meiner Militärzeit bei ihm einträte. Da fiel mir freilich ein gewaltiger Stein vom Herzen. Und so kam es denn, daß ich am ersten Oktober 1896 nach meiner Entlassung aus der Kompanie geradeswegs zum Langenschen Verlage ging; und da bin ich nach jetzt bald sechsunddreißig Jahren heute noch. Was ich nun dort erlebte und, besonders in der ersten Zeit, an Lehrgeld zahlen mußte, steht auf einem andern Blatt. Nur soviel sei hier noch gesagt: ich stellte mich nicht gar zu töricht an und leistete schon bald etwas. Das erste Zeugnis, wodurch mir etwa zwei Monate nach meinem Eintritt dies bestätigt wurde, kam aus des alten Björnson Mund. Wenn ich nun aber diese Anekdote noch erzähle, so geschieht es nicht, um mich an seinem Lob zu sonnen, dessen Licht ja übrigens auch einen kohlpechrabenschwarzen Tadelschatten warf, sondern weil dabei der große Norweger besonders scharf umrissen in Erscheinung tritt. Es war Ende November, schätze ich, als Albert Langen eines Morgens schnell wie immer ins Büro geschossen kam und lebhaft einen Aufsatz Björnsons über die Neutralität der kleinen Staaten pries, der in der neuen Nummer der «Frankfurter Zeitung» stand. Ich müsse ihn gleich lesen, sagte er und warf ihn mir aufs Pult. Ehrlich gesprochen, überflog ich diese vier, fünf Spalten unterm Strich sehr flüchtig nur, weil ich viel Arbeit hatte, weil der Dichter Björnson mir stets lieber war als der Politiker, und weil ich nicht so richtig daran glauben konnte, daß eine Neutralisierung aller kleinen Staaten ganz von selbst den ewigen Frieden im Gefolge haben müsse. Also machte ich mich schleunigst wieder an die Korrektur des nächsten «Simplicissimus», worüber ich den Aufsatz Björnsons bald vergaß. Nun wollte es das Schicksal, daß mich Langen, wie in meinen Junggesellenzeiten oft, an diesem Tag aufforderte, ich möge doch bei ihm zu Mittag essen, und daß ich dort auch seine Schwiegereltern traf. Björnson hatte mich noch kaum begrüßt, da fragte er mich schon: «Nun, Holm, was sagen Sie zu mein Artikel in die Frankfurter?» Ich fuhr zusammen, weil mir das höchst überraschend kam, und stammelte verwirrt: «O ja ... sehr nett!» «Sehr nett, sagt er von das!» Björnson schoß einen Feuerblick nach mir. Nachher, beim Essen, sah er mich in einem fort mitleidig zungenschnalzend und kopfschüttelnd an und wiederholte hie und da halblaut: «Sehr nett ... sehr nett ...» Nach Tische feilte ich mit Langens Frau noch eine kleine Stunde lang an einer Übersetzung aus dem Norwegischen, die ein wenig holprig war, und dann begab ich mich zu meiner Mutter, wo ich täglich Kaffee trank, bevor ich wieder an die Arbeit ging, Sie machte heute ein bekümmertes Gesicht und fuhr gleich mit der Frage auf mich los: «Erbarm dich, Korfiz, was hast du denn mit dem alten Björnson vorjehabt?» «Ich? Vorgehabt? Wieso? – Gar nichts«, gab ich zurück, »ich war vor einer Stunde noch mit ihm beisammen und ...» «Neein, er is doch eben hierjewesen», seufzte sie, «und was er von dir sagte, macht mich so betrübt ...!» «Von mir?» rief ich. «Ja, was zum Kuckuck hat er denn gesagt?» Doch meine Mutter scheute sich, das Fürchterliche auszusprechen, und es brauchte lange Zeit, bis ich das harte Wort erfuhr, das über mich gefallen war: «Liebe Frau Holm, Ihr Sohn, er ist so ein begabter Mensch, ein anständiger, tüchtiger, geschickter Mensch, und ich bin froh, daß ihn der Albert hat, aber er hat – die Begeisterung nicht.» Man wird mir glauben, daß ich über dieses Urteil und die Trübsal meiner Mutter damals nur von Herzen lachen konnte. Heute aber scheint mir doch, daß da auf irgendeine Art ins Ziel getroffen war. Vielleicht liegt hier der Grund, warum aus mir nicht recht etwas Besonderes geworden ist, während es Björnson zu den höchsten Ehren brachte, die ein Schriftsteller auf sich versammeln kann: zum Nobelpreis, zu einem Denkmal noch bei Lebzeiten, und nach dem Tod zu einem Ehrengrab auf Kosten der Nation – er hatte die Begeisterung, mit der ein Mann praktischerweise selbst das gute Beispiel geben muß, wenn ihm daran gelegen ist, daß sich die Welt für ihn begeistere. Noch zwei Björnson-Anekdoten Heiliges Pathos der Gewohnheit Einer der liebenswürdigsten und feinsten alten Herren, die ich kennenlernte, und die bescheidenste von allen Weltberühmtheiten, die mir in den Weg gekommen sind, war Edvard Grieg. Er selbst erwartete niemals Bewunderung, gab sie jedoch mit vollen Händen her, wenn er vor einem stand, der ihm ein Großer schien. Auch seinen alten Freund Björnstjerne Björnson schaute er gleichsam als höheres Wesen an und liebte und verehrte ihn von Herzensgrund. Das hinderte ihn aber nicht, mit stiller Ironie feinschmeckerisch zu schmunzeln, wenn er an ihm gelegentlich auch etwas komisch fand. Oh, ein Feinschmecker war er überhaupt, der alte Grieg, auch in unübertragnem Sinn. Und ich gedenke eines Abends, da wir beide, er und ich, es uns als Gäste Albert Langens in dem besten Hotel von Kopenhagen wohl sein ließen: wie er da genoß! Mich aber überraschte es, daß Grieg, dem es sein ganzes Leben knapp gegangen war und der sich kaum sehr häufig teure Leckerbissen hatte leisten können, es etwa einer Auster ganz genau anschmeckte, in welchem Fjorde von Norwegen sie gefangen war. Und das sagt immerhin schon manches über einen Mann! Am gleichen Abend nun erzählte er uns folgendes: «Das letztemal, wo ich jetzt bei Björnstjerne Björnson war auf Aulestad, da saßen wir an einem Morgen früh auf die Veranda beim Kaffee, und Björnson war ganz voll von Politik und die Dreyfusaffäre – nun, Sie kennen das ja auch. Nach unser Frühstück mußten wir nun beide jeder auf eins von jene zwei geheime Örtchen gehn – Sie, Langen, wissen es ja, wo sie sind. Und wie wir so zusammen wandern, redet Björnson immer noch mit sein vor Intensität wie explosibles Pathos von die Politik: daß es ein Schmach und eine Schande for Europa ist, wie dieser Dreyfus unschuldig auf seine Teufelsinsel leiden muß, und daß er, Björnson, seinen ganzen Schatz von popularité , was er als Dichter sich gewonnen hat, gern als Politiker in Kleingeld wieder ausgibt und verscherzet, wenn er so die Menschheit etwas vorwärtsbringen kann auf ihren Weg zum Licht. – Nun aber waren wir zu jenen Platz gekommen, wo wir uns dann trennen mußten; jeder ging auf seiner Seite hin. Dann – zehn Minuten Pause, wissen Sie. – Nun gut, wir treffen uns nachher, und da sagt Björnson zu mir noch mit ganz dasselbe explosible Pathos, was er früher hatte: ‹Jetzt ist es nicht gegangen, aber vielleicht, daß es dann heute nachmittag noch gehen kann.›» Unter Dichtern Henrik Ibsen und Björnstjerne Björnson mochten sich bekanntlich nicht gerade sehr. Was Ibsen anbetrifft, so weiß ich das zwar nur vom Hörensagen, Björnson aber hat es mich des öfteren sehr deutlich merken lassen, wenn die Rede auf seinen ganz besonderen Rivalen kam. Zum Beispiel weiß ich noch, wie er mir einmal Ibsens den seinigen weit überlegene dramatische Erfolge so erklärte: «Holm, haben Sie beachtet, wie der kleine raffineerte Apotheker, was er ist, in jedes von die neuen S-tücke, was er schreibt, nur fünf bis sechs Personen auf der Szene bringt, weil er genau weiß, daß es in die ganze Welt kein einziges Theater gibt, was mehr als so viel wirklich tüchtige Aktören hat. Ich aber kann mir, wenn ich meine S-tücken dichte , freilich nicht durch solche kalte Rechnungen in die Inspiraschon beengen lassen. Finden Sie nicht auch?» Nun, künstlerische Sticheleien wiegen ja nicht schwer; bezeichnender für Björnsons Stellung gegen Ibsen ist ein winziges Bild aus dem Familienleben, das er mir einmal mit geschwindem Strich umriß. Die Sache spielte um die Zeit, als Ibsens einziger Sohn Björnstjerne Björnsons Schwiegersohn geworden war und die aus diesem Anlaß äußerlich versöhnten Dichter sich als Verwandte nun auch innerlich ein wenig näher kommen wollten. Man lud sich also gegenseitig zu Familienessen ein. Bei einem solchen nun im Hause Ibsen soll sich das ereignet haben, was ich hier mit Björnsons eigenen Worten wiedergeben will: «Sie müssen wissen, Holm, wir kriegten da sehr guten Wein und auch Champagner. Nun, und Ibsen wurde etwas animeert und ganz gemütlich und sprach mehr, wie sonst in seine Mode war. Ja, und so sagte er zu mir: ‹Wenn ich bei meine Arbeit manchmal müde werde, gehe ich dort zu den Wandschrank hin und frische mir mit einem Gläschen Kognak auf.› Da aber fuhr Frau Ibsen stramm empor und rief mit solche tiefe Falten auf die Stirne: ‹Heinrich, nein, das tust du nicht!›» Mir aber ging es wie ein guter alter Kognak ein, daß Björnson, der sich auch im Deutschen auf Nuancen gut verstand, seinen intimsten Feind nicht Henrik, sondern Heinrich nannte. Welch eine Übersetzerbosheit lag darin! Geschichten um Frank Wedekind Er und der «Simplicissimus» Ich war gerade vor acht Tagen Volontär beim Langenschen Verlag geworden und wurde, weil der Inhaber der Firma sich auf einer Reise durch Italien befand, von Jakob Wassermann in meine Arbeit eingeführt. Da der mir nur das Subalternste zuzutrauen schien, konnte mich meine eigentliche Tätigkeit zunächst nicht so besonders reizen; und wenn ich den Entschluß, es hier bei Langen zu versuchen, trotzdem keinen Augenblick bereute, lag dies nur daran, daß ich beinahe täglich einen der Hauptmitarbeiter des «Simplicissimus» kennenzulernen die Gelegenheit bekam – war ich doch ein Bewunderer ihrer Kunst und bei den vierundzwanzig Jahren, die ich zählte, Optimist genug, mir auch von ihrer Menschlichkeit das Höchste zu erwarten. So stand ich denn an einem schönen Nachmittage des Oktobers 1896 vor meinem Pult und legte recht gelangweilt Briefe ab, da klopfte es energisch an die Tür: ein mittelgroßer Herr von grobem Knochenbau und seltsamer Erscheinung trat ein, kam auf mich zu, sah mich wildfremden Menschen staunend an und sagte in gewählter Redeweise, die einem keinen Buchstaben unterschlug, aber dem R – einem theaterhaft hervorgerollten Zungen-R – noch eine ganz besondere Sorgfalt widmete: «Ich möchte gern Herrn Albert Langen sprechen.» «Bedaure sehr, der ist verreist.» «O Sakrament, das ist mir ja ganz neu! – Und für wie lange, wenn man fragen darf?» «Ja, zwei, drei Wochen ...» «O verflucht! – Nun denn ... Herr Jakob Wassermann wird aber wohl die Gnade haben, anwesend zu sein?» Ich zeigte nach der Tür zum Allerheiligsten der Redaktion. Dort war inzwischen der Verlangte auch schon aufgetaucht und rief: «Grüß Gott, Herr Wedekind! Treten Sie, bitte, näher! – Darf ich Ihnen meine neue Hilfskraft vorstellen, Herrn Korfiz Holm?» «Es ist mir eine Freude.» Wedekind reichte mir seine kühlfeuchte, plumpe und brutale Hand. «Ich kenne Ihre Verse aus dem ‹Simplicissimus› und finde sie reizvoll und stark.» Dies Lob klang mir jedoch so konventionell und wenig überzeugt, daß ich nicht fähig war, die Schmeichelei geziemend zu erwidern, sondern mich nur stumm verneigte. Die beiden andern achteten auch weiter nicht auf mich und gingen zur Besprechung dessen über, weswegen Wedekind gekommen war. Worum es sich da handelte, weiß ich nicht mehr, doch wird es sicher Geld gewesen sein. Viel lebhafter als diese Dinge fesselten mich Frank Wedekinds Erscheinung und seine Art, sich selber darzustellen. Dies also war der Dichter, dessen Beiträge dem «Simplicissimus» vor allen anderen das literarische Gesicht verliehen und von gar vielen mit moralischer Entrüstung, von den Hellhörigeren aber mit Begeisterung aufgenommen wurden. Ich hatte mir zwar den Verfasser dieser genialischen Novellen und der grimmig witzigen Bänkelsänge und Gedichte anders gedacht, doch kam mir bald die ahnende Erkenntnis, daß der Mann, der diese Dinge schrieb, gewiß am passendsten so aussah, sich so kleidete und so benahm, wie er es tat. Frank Wedekind, den man sich heute wohl nur glattrasiert vorstellen kann, trug zu der Zeit noch seine – ihm zwar nicht ohne einige Übertreibung nachgesagten – «sieben Bärte», die ihm etwas vom Mephistopheles und auch etwas vom Bock verliehen. Es stand mit dem wie jenem aber höchstens halb so schlimm, als er die Leute glauben machen wollte. – Seine sehr ansehnliche Nase war zwischen den Augen eingesattelt und lief weiter unten erst zu einer kühn gewölbten Krümmung aus, so daß sie etwa einem Geierschnabel glich; die hell blaugrauen Augen hatten von Natur wohl einen sanft verträumten Blick, er gab sich aber Mühe, einen damit herausfordernd und stechend anzusehn; der an sich feingeschnittene Mund schien durch das künstliche Gebiß entstellt, das er mit seinen zweiunddreißig Jahren damals schon trug, und das ihm keineswegs durch einen Meister seines Faches angemessen war. Da es sich immerfort vom Gaumen loslöste, zog Wedekind, es wieder an den rechten Platz zu bringen, seinen Mund minütlich in die Breite und die Oberlippe stramm, baute jedoch, daß man den Zweck dieser Grimasse nicht so merke, sie geschickt zu einem lästerlichen Grinsen aus. Auch seine Zungenspitze wurde häufig bei der Bändigung des Gebisses mit bemüht; dies zu maskieren, leckte er sich dann frivol die Lippen wie ein blutdürstiger Tiger der Erotik und schuf sich so aus dieser Not zwar keine Tugend, aber eine Dämonie und eine Glorie von Lasterhaftigkeit. Desgleichen war er auch in seiner Rede, wie ich später bald bemerken konnte, unentwegt bemüht, besonders Frauen gegenüber dies «Prestige» zu wahren. Aber die von ihm zur Schau getragene «Verruchtheit» war – mag nun die Psychoanalyse dazu sagen, was sie will – kein Durchbruch dunkler Kräfte, die chaotisch in ihm gärten, sondern einfache Angst, es könnte jemand meinen, daß er in vielen Stücken schlichterdings ein Mensch wie andre sei. Ich wenigstens bin überzeugt, daß, wer sich solche Mühe gibt, in Wort und Wandel den nun einmal festgesetzten Regeln der Gesellschaft ins Gesicht zu schlagen und damit den «Bürger zu erschrecken», selbst noch mit einem Fuß im Philisterium stecken muß. Wir solcher Haft völlig entronnen ist, weiß ohne allen Krampf, was er von sich zu halten hat. So glaube ich denn auch, daß Wedekind – dieser, ich darf wohl sagen, Moralist mit negativem Vorzeichen – im Grund viel bürgerlich normaler war, als er der Welt, und am erfolgreichsten sich selber, vorzutäuschen liebte. Dies Urteil über ihn ist nicht herabsetzend gemeint. Es steht mir fest, daß er als Mensch und Dichter einen Fall für sich und etwas durchaus Ungewöhnliches bedeutete. Ich weiß, welch leidenschaftlicher, zuweilen allerdings verrannter Ernst trotz dem skurrilen Komödiantentum, in dem er sich gar oft gefiel, ihm Herz und Geist beflügelte. Und um die neue Wege weisende Genialität besonders seiner frühen Werke abzuleugnen, müßte einer wohl ein geistverlassener Banause sein. Nicht minder auffallend als seine leibliche Erscheinung war die Art, wie Wedekind sich kleidete. Er trug sich in den Jahren völlig schwarz. Der Anzug mit weitausgeschnittener Weste war gleichsam von fadenscheiniger Konfirmandeneleganz. Um den niedrigen Stehkragen schlang sich ein zum lotterigen Querschleifchen geschlungener schmaler Schlips, wie ihn schon seit den ersten Jahren nach dem siebziger Krieg bestimmt kein andrer Mensch mehr trug. Als Kopfbedeckung diente ihm – mag man es glauben oder nicht – ein an den Nähten ziemlich abgeschabter Chapeauclaque. Von meinem ersten Beisammensein mit ihm blieb mir auch noch ein kleiner Dialog, ich darf behaupten, wörtlich im Gedächtnis. «Ach, Sie, Herr Wassermann, was ich noch fragen wollte», begann Frank Wedekind. «Ich war da gestern nachmittag bei den Bernsteins zum Jour. Wer ist denn eigentlich diese Frau Frida Strindberg? Hat sie mit August Strindberg irgendwas zu tun?» «Das will ich meinen!» sagte Wassermann. «Seine geschiedene, ich glaube, zweite Frau. Eine geborne Uhl aus Wien.» «Teufel, Teufel», gab Wedekind zurück, «als Strindbergs ‹Nachtigall› kann ich mir diese ‹Uhl› ja allerdings nicht vorstellen. Aber sie hat entzückende Details: die Hand, das Ohr ...!» In vollem Umfang wird die Komik hiervon freilich nur verstehen, wer da weiß, wie heftig hingenommen Wedekind schon kurz darauf von dem Ensemble dieser Einzelheiten war, und welche engen Beziehungen ihn jahrelang mit dieser Frau verknüpfen sollten, deren entschieden in das Überlebensgroße verzeichnetes Porträt uns Strindberg in der Dramenreihe «Nach Damaskus» hinterlassen hat. Nun gab sich Wassermann auf einmal einen Ruck und ließ schüchtern die Frage hören: «Ach, Herr Wedekind, und haben Sie inzwischen Zeit gefunden, Einblick in mein Stück zu nehmen?» «Sakrament, das hätte ich beinah vergessen!» rief der so Gemahnte und griff in die Tasche seines Havelocks. Gleichzeitig läutete draußen auf dem Gang das Telephon, und ich lief hin. Während ich noch telephonierte, ging dann Wedekind an mir vorbei und grüßte mich zum Abschied feierlich durch Lüften seines Claques. Später fragte mich Wassermann so gleichsam nebenbei: «Interessiert es Sie vielleicht, mein Schauspiel ‹Hockenjos› zu lesen?» Er reichte mir das Manuskript. «Frank Wedekind hat es mir grad zurückgebracht; und ob er recht hat, weiß ich nicht, aber er war vor ehrlicher Begeisterung, ich muß schon sagen, fassungslos.» Na, dachte ich, er hat ja immerhin noch in halbwegs gefaßter Haltung das Lokal verlassen. Aber ich bezweifle es nicht, daß er dem Autor ins Gesicht seine Komödie übers Bohnenlied gepriesen hat. Wie ehrlich die Begeisterung gewesen war, erfuhr ich erst nach einiger Zeit; und Wassermann wird es wahrscheinlich heute noch verborgen sein. Einige Wochen gingen hin. Inzwischen war auch Albert Langen aus Italien zurückgekehrt und wußte andere Beschäftigung für mich als Briefablegen. Ich kam nun schnell in Schwung und fühlte mich bald wie zu Hause auf der Redaktion. Wedekind ist während dieser Zeit wohl öfters dort erschienen, doch haftet mir davon in der Erinnerung nur eine hübsche Antwort, die er einmal Frau Langen, der blutjungen Tochter Björnsons, gab. Diese las bei Gelegenheit auch Manuskripte für uns, sprach gern in solchen Dingen mit und ließ sich nicht so selten bei uns sehn. Nun hatte Wedekinds jüngerer Bruder Donald, der auch schrieb und seine Ehre darein setzte, den bedeutenderen Frank, da ihm das sonst nicht glücken wollte, wenigstens durch äußerste Gewagtheit der Sujets zu übertrumpfen – Donald Wedekind also hatte uns für unser Blatt eine Geschichte angeboten, die in der Richtung sämtliche Rekorde schlug, und deren Abdruck völlig ausgeschlossen war. Als kurz darnach Frau Langen und Frank Wedekind auf der Redaktion zusammentrafen, redete sie, die aus der Größe ihres Vaters für sich das Recht ableitete, das, was sie meinte, unverblümt zu äußern, ihn mit diesen Worten an: «Wedekind, ich las Ihres Bruders Donald letzte Novelle auch. Sagen Sie ihm von mir: er ist ein Schwein.» Er aber holte Block und Bleistift aus der Tasche und erwiderte mit steinernem Gesicht im Ton korrektester Verbindlichkeit: «Ich will es mir sofort notieren, gnädige Frau.» Wenige Tage später gab es zwischen Wedekind und Langen einen Krach – den ersten, aber keineswegs den letzten, den ich mit erlebte. Wedekind war, wie das des öfteren geschah, brieflich ersucht worden, als Text zu irgendeiner Zeichnung für den «Simplicissimus» einige Verse von sich beizusteuern. Er erschien auch pünktlich in der Redaktion, und Langen schoß, wie immer eilig, auf ihn zu: «Nun, wo ist das Gedicht?» «Gedicht?» Und Wedekind warf aus dem Augenwinkel einen bösen Blick nach ihm. «Glauben Sie, daß es mir Vergnügen machen kann, den geistesarmen Elaboraten Ihrer Zeichner, die Sie phantastisch honorieren, durch meine Verse überhaupt erst Wert und Resonanz zu geben.» «Na, Sie haben das bisher ganz gern getan», war die Erwiderung Langens, der im Gegensatz zu Wedekinds getragenem Ton in einem blitzschnellen Stakkato sprach. «Wenn das auf einmal unter Ihrer Würde ist, dann müssen Sie es eben lassen; nicht?» «Die Überlegenheit des Geldsacks!» höhnte Wedekind. «Wollten Sie mir die ernsten Werke, die ich schreibe, nach Gebühr bezahlen, dann kriegten mich zu solcher Schusterarbeit nicht zehn Pferde.» «Haben Sie schon einmal nicht Ihr ausgemachtes Honorar bekommen?» fragte Langen. «Und bin ich Ihnen etwas schuldig, oder umgekehrt?» «Barmherziger Heiland! Dieses bißchen Vorschuß wird wohl keine Rolle spielen!» «Doch! Ich schwimme auch nicht so im Geld, wie Sie sich einbilden.» «Haha!» «Gar nicht: haha! Wenn ich es sage, ist es so.» «Soll mich doch Wunder nehmen», grinste Wedekind, «ob Sie vielleicht schon einmal haben hungern müssen?» «Nein. Ich bestreite auch, daß ich dazu verpflichtet bin.» «So, so? Für andre aber ist das Nagen am blutigen Hungertuch verdammte Pflicht?» «Ja, schaffen wir doch gleich mal schnell die Armut aus der Welt!» rief Langen, plötzlich wieder gutgelaunt. «Dazu soll jeder nur an seinem Platz das Seine tun», erklärte Wedekind. Und Langen lächelte: «Ich sehe Ihren Vorschlägen gefaßt entgegen, lieber Wedekind.» «Nicht mal ein Holzhacker kann dichten, wenn ihm der Magen knurrt.» «Muß er auch nicht», rief Langen frisch. «Sie aber müssen! Sein Sie nun vernünftig, Wedekind! Hier: Bleistift und Papier! Und dort im Zimmer von Sven Lange sind Sie völlig ungestört. In zehn Minuten ist dann das Gedicht geschafft, Sie kriegen Ihr fürstliches Honorar ...» «Da lachen ja die Hühner! Fürstliches Honorar ...! Ich habe Ihnen, dächt ich doch, schon mitgeteilt, daß es mit diesem Dichten gegen Einwurf eines Zwanzigmarkstücks endgültig geschnappt hat. Wenn ich mich prostituieren will, dann prostituiere ich doch lieber etwas anderes als meinen Kopf. Das scheint mir erstens weniger unanständig und trägt zweitens sicher mehr.» «Na dann: gute Geschäfte!» sagte Langen gleichsam Abschied nehmend und wendete sich wieder dem Arrangement der neuen Nummer zu, hob aber, da der Dichter starr und stumm am gleichen Platze blieb, nach einiger Zeit den Kopf und fragte so ganz nebenbei: «Sonst noch etwas gefällig?» «Naive Frage!» Wedekind verdrehte seine Augen gegen den Plafond. «Ich habe ja mit aller Deutlichkeit schon darauf hingewiesen, daß ich Vorschuß brauche, und zwar, damit ich nicht jeden zweiten Tag einen Bittgang von dieser widerlichem Art zu machen habe, mindestens zweihundert Mark.» «Bittgang ist großartig! Bittgang ist wundervoll! rief Langen. «Vorschuß worauf denn, wenn ich fragen darf? Sie haben mir doch erst vor zwei Minuten Ihre Mitarbeit gekündigt; nicht?» «An Ihrem elenden Zehnpfennig-Witzblatt – allerdings. Von meinen ernsten Werken wird nach tausend Jahren noch die Rede sein!» «Ach, das erleb ich doch nicht mehr», rief Langen. «Überhaupt, es geht nicht, lieber Wedekind, tut mir sehr leid. – Wir müssen aber schleunigst an die Nummer gehn! Mit dem Gedicht für unsere letzte Seite ist es also nichts. Holm, machen Sie schnell einen Witz!» Wedekind aber wich und wankte nicht und redete auf Langen ein, bis dieser dessen endlich müde wurde. Er zog seine Schlüssel aus dem Hosensack, schoß auf den Geldschrank zu, öffnete ihn und griff suchend hinein. Man kann nicht sagen, daß das Goldgeklimper, das sich dabei erhob, besonders üppig klang; es war denn auch nur ein Zehnmarkstück, das er dann Wedekind mit spitzen Fingern in die aufgehaltene Rechte legte. «Wenn Ihnen damit für den Augenblick gedient ist – bitte sehr! Mehr geht für heute wirklich nicht.» «Das wagen Sie mir anzubieten!» brüllte Wedekind. «Der Teufel soll mich gleich vom Fleck weg holen, wenn ich jemals wieder über diese Schwelle trete.» Sprach's, knallte sich den Claque aufs Haupt und gleich darauf die Türe hinter sich ins Schloß. «Bis übermorgen also! Wiedersehen!» rief ihm Langen lächelnd nach. Damit man diesen nun nicht für zu kleinlich halte, möchte ich betonen, daß jene zehn Mark wohl einen größeren Prozentsatz vom damaligen Inhalt des bewußten Kassenschranks ausmachten, als man ohne weiteres glauben würde. Langen galt, wie ich ja schon berichtet habe, allgemein für einen Millionär, obgleich er das nicht einmal zu der Zeit gewesen war, als er mit seiner Mündigkeit das väterliche Erbe angetreten hatte. Dieses gewiß nicht unbedeutende Vermögen aber ließen ein paar lustige pariser Jahre wie die Butter an der Sonne schmelzen, dank dem Umstand, daß der Maler Willy Grétor den jungen Langen unter seine Flügel nahm. Dieser nach mancher Richtung hochbegabte Däne – übrigens ein naher Freund Frank Wedekinds und als «Marquis von Keith» durch ihn in die Unsterblichkeit versetzt – fand, daß es eigentlich ein Unsinn sei, sich mit der Kunst mühselig durchzuschlagen; weit bequemer schien es ihm, durch allerhand Manipulationen von fragwürdigster Natur im Eiltempo zu Reichtum zu gelangen. Dieses freilich hat er nie erreicht und ist zuletzt, da nach dem großen Krieg geschäftlich gnadenlosere Zeiten kamen, in dem größten Elend umgekommen – wie es denn Leuten dieses Schlags kaum jemals glückt, sich selber ein Vermögen zu erwerben, während es ihnen immer leicht fällt, die Vermögen andrer klein zu kriegen, die sich von ihnen leiten und beraten lassen. Wozu nun alles Grétor den vertrauensseligen jungen Langen breitgeschlagen hat, darüber weiß ich in den Einzelheiten nicht Bescheid. Ein Beispiel aber kann ich hier erwähnen, wovon mir Langen selbst mit fröhlichem Humor berichtet hat: sein «Mentor» ließ ihn eines schönen Tages für sein teures Geld ein Schloß in der Stadt Cognac kaufen, weil er es für ein großartiges Unternehmen hielt, dort «echten» Kognak aus – Kartoffeln zu erzeugen. Das Resultat all dieser Spekulationen aber war, daß Langen dann mit fünfundzwanzig Jahren außer einer schönen Wohnungseinrichtung aus alten Möbeln sowie einer ihm ebenfalls um viel zu teures Geld durch Grétor aufgehängten Bildersammlung überhaupt nichts mehr besaß und für die Gründung wohl schon seines Buchverlags, ganz sicher aber des «Simplicissimus» auf Darlehen seiner Geschwister, besonders seiner jüngsten Schwester, und auf die «Nachsicht» seiner Lieferanten angewiesen war. In meinen ersten Jahren bei der Firma herrschte eigentlich fast immer Ebbe in der Kasse, und ich befand mich noch nicht einen Monat auf der Redaktion, als Langen schon allwöchentlich mit mir die Frage zu erörtern anfing, ob man die nächste Nummer überhaupt noch bringen oder dem Blatte lieber gleich den Garaus machen solle. Dieses erwies sich nämlich anfangs, obgleich es die Gemüter stark bewegte und man sehr viel von ihm sprach, kaufmännisch als entschiedener Mißerfolg. Denn Langen hatte mit einer viel höheren Auflage, als zu erzielen war, und außerdem – falsch kalkuliert. Bei dem Zehnpfennigpreis hätte der «Simplicissimus», auch wenn der Absatz ins Phantastische gestiegen wäre, niemals seine Kosten eingebracht. Was Wunder, daß es Langen manchmal lockte, sich auf das ruhigere und sichrere Geschäft des reinen Buchverlags zurückzuziehen, aber er brachte das dann doch nicht übers Herz. So hielt er durch und hat es endlich auch geschafft. Jeder Wechsel, dessen Einlösungsdatum drohend näherrückte, warf damals seine Schatten tagelang voraus, und ich erinnere mich gut, wie oft wir am Nachmittag vor dem Verfall solch eines querbeschriebenen Papiers im Fenster liegend auf den Geldbriefträger lauerten. Und dieser joviale Graukopf – Kleebauer hieß er, so was prägt sich ein –, dem wohl die Gründe unserer Sehnsucht nach ihm kein Geheimnis bleiben konnten, brachte dann oft statt den paar hundert, die wir dringend brauchten, vielleicht nur fünfundzwanzig oder dreißig Mark, versüßte uns die Pille aber durch die nette Art, wie er uns deshalb gleichsam um Entschuldigung bat und stumm sein Beileid fühlen ließ. Nun ja, und da nichts andres übrig blieb, nutzte man eben die Respektfrist aus, und Langen schaffte irgendwie noch den Betrag herbei. Aber wir waren jung – mein Chef selbst auch zwei Jahre älter nur als ich – so ist es trotzdem eine lustige Zeit gewesen, die ich in meinem Leben nicht gern missen möchte. Langen, gewohnt, die pekuniären Enttäuschungen, die ihn betrafen, humoristisch anzusehn, nahm auch Frank Wedekinds Empörung über den mißglückten Pump nicht ernst. Der kommt schon wieder! dachte er. Doch siehe da, die Tage gingen hin, sie reihten sich zu Wochen, und kein Wedekind erschien. Nun fragte Langen sich besorgt, ob da kein anderer Verlag dahinterstecke, und faßte den Entschluß, dem Dichter eine goldne Brücke für die Wiederkehr zu bauen. Er bot ihm brieflich die bisher stets abgelehnte Übernahme seiner Jugendwerke «Liebestrank» und «Junge Welt» aus einem kleineren berliner Verlage an und forderte ihn auf, er möge wegen Festsetzung der Einzelheiten nächster Tage doch einmal auf dem Büro erscheinen. Wedekinds Antwort hierauf war ein phantastisch grober Brief, der jeden Friedensschluß weit von sich wies. Die schönste Stilblüte daraus lautete etwa so: «Für Ihren mühelos ererbten Mammon kaufen Sie sich die größten Künstler und die schönste Frau, aber unter Ihren Metzgerhänden wird alles zunichte: Künstler, Frau und Geld.» Es war recht kühn von Wedekind, der doch beim Schreiben seine eignen plumpen Finger nah genug vor Augen sah, Langens sehr wohlgeformte und gepflegte Hände so zu titulieren. Und dieser Brief zeichnete sich gewiß auch sonst nicht eben durch Geschmack und Takt zu seinem Vorteil aus. Wer hätte Langen wohl das Recht bestreiten können, darob wild zu werden! Aber er amüsierte sich vielmehr aufs höchste über die Epistel, las sie jedem, der ihm in den Wurf kam, vor und ahmte dabei Wedekinds gezierten Tonfall glänzend nach. «Jedenfalls wälzt das mir einen kleinen Stein vom Herzen», sprudelte er dann wohl hervor. «Frank Wedekind bleibt uns erhalten; wetten wir? Mit solchen Kanonaden leitet er gewöhnlich Pumpversuche ein. Das hält er für Diplomatie.» Trotzdem fand er es angebracht, diese Entwicklung noch ein wenig zu beschleunigen, und wählte mich als Werkzeug dafür aus. Ich machte mich denn auf den Weg, und er entließ mich mit den Worten: «Na, viel Glück! Und ruhig weiterbohren und sich nicht verblüffen lassen, wenn er auch im Anfang heftig auf mich schimpft! Da ich Ihr Prinzipal bin, freut Sie das vielleicht noch außerdem, und mir tut es nicht weh. Er schimpft ja doch auf jeden; nicht?» Hier meldete sich Wassermann zum Wort: «Am Ende doch mit Unterschied ... Daß Wedekind auf mich nie schimpfen wird – dafür will ich die Hand ins Feuer legen.» «Also dann auf jeden – außer Ihnen», sagte Langen trocken; und ich ging. Wedekind bewohnte damals ein in dem sonderbaren Renaissancestil jener Zeit möbliertes Zimmer, das irgendwo am alten nördlichen Friedhof lag. Ich kam um etwa zwölf Uhr hin, ließ mich durch seine Wirtin melden und wurde gleich vor ihn geführt. Er lag trotz dieser mittägigen Stunde noch mit offener Männerbrust im Bett, hatte sich, wie ich aus dem Geschirrtablett auf seinem Nachttisch sah, eben das erste Frühstück einverleibt und rauchte jetzt die unvermeidliche Virginia, was übrigens die Luft im Zimmer höchstens angenehmer machen konnte. Er reckte mir die Rechte hin und rief erfreut und doch mit einem Unterton von Ironie: «Herr Holm! Nein, was mir das für eine Überraschung ist!» Und diabolisch fügte er hinzu: «So hat die Bombe also doch gewirkt.» «Darf ich mir eine Zigarette anzünden?» war alles, was ich mich im Moment hervorzubringen in der Lage fühlte. «Bitte sehr! Ich selbst hab leider keine da. Nehmen Sie, bitte, auf dem Sofa Platz. Das Beste ist dann wohl, Sie schenken mir die Gunst, meinem Lever, wenn's Ihnen recht ist, anzuwohnen, und wir gehen dann zusammen irgendwohin Mittag essen?» Lieber Gott, es mußte mir wohl recht sein; und mein Trost war der Gedanke, daß ich meinen Stab bald würde weitersetzen dürfen. Wedekind stand also auf und ging an seine Toilette, die ja Gott sei Dank nur wenig Zeit verschlang. «Man mag von Albert Langen sagen, was man will», erklärte er – «daß er gerade Sie zu seinem Boten wählt, ist wieder mal verteufelt klug von ihm.» «Ich weiß das Kompliment zu schätzen, das Sie damit meinen ›schönen Augen‹ machen», gab ich zurück. «Hätte er diesen Jakob Wassermann geschickt – er wäre einfach nicht empfangen worden.» «Ach?! Warum denn?» fragte ich und schmunzelte dazu nur innerlich. Wedekind, der sich gerade wusch, kehrte mir sein eingeseiftes Antlitz zu und sagte scharf: «Der Mensch hält es ja neuerdings für unter seiner Würde, mich, wenn ich dort erscheine, überhaupt zum Sitzen aufzufordern.» «Nun», schlug ich erheitert vor, «da würde ich mich ruhig trotzdem setzen.» «Das tu ich aber auch beim nächsten Mal!» rief Wedekind und trocknete sich mit dem Handtuch die von den Bärten freigelassenen Stellen seines in Tatbereitschaft leuchtenden Gesichts. – «Und sagen Sie, Herr Holm, will Albert Langen denn im Ernst dies Stück von ihm verlegen?» «Weiß nicht. Sie verhandeln noch. Wär Ihnen dabei irgendwas nicht recht?» «Im Gegenteil! Ich gönne ihnen beiden die europäische Blamage, die das gibt. Das Stück ist doch ein Plagiat. Glattweg geklaut!» «Ach was? Von wem denn, wenn ich fragen darf?» «Von Shakespeare», sagte Wedekind. «Von Shakespeare?» Ich war nun noch überraschter als zuvor. «Und welches Stück von Shakespeare haben Sie dabei im Sinn?» Hierüber nun schwieg Wedekind sich aus, und nicht ganz ohne Grund, wenn es – was übrigens nicht feststeht – Wahrheit war, was er mir einige Jahre später selbst erzählte. Er lag damals mit einem kompliziert gebrochnen Bein im Bett und suchte mich, als ich eine Krankenvisite bei ihm machte, durch die Mitteilung zu verblüffen, er hätte jetzt zum erstenmal in seinem Leben Zeit gefunden, sich etwas von Shakespeare anzusehn: den «Hamlet», und sei überrascht, daß er dies Stück doch recht talentvoll finden müsse. Um aber wieder auf meinen ersten Besuch bei Wedekind zurückzukommen, möge nur noch kurz erwähnt sein, daß es mir nachher beim Mittagessen ohne Schwierigkeit gelang, das zwischen Dichter und Verlag gerissene Band neu anzuknüpfen. Insofern hatte Langen recht behalten, dagegen war es eine Illusion von ihm gewesen, daß Wedekind nur anfangs auf ihn schimpfen würde – nein, er schimpfte munter fort; und Langen wurde dabei je nach Bedarf in einem Augenblick als Millionär, im nächsten schon als bankerotter Bettler vorgeführt; eins aber blieb er doch in allen Lebenslagen: ein «Rasiermesser». Unter dieser dichterischen Umschreibung war ein scharfer und gerissener Geschäftsmann zu verstehen, der um seines eignen Vorteils willen kaltblütig über Leichen geht. An Tatsachen, die dieses harte Urteil stützen könnten, wußte Wedekind mir aber nur die eine anzugeben, daß ihm Langen für das Abdrucksrecht von, wenn ich mich nicht täusche, zwanzig seiner Gedichte im «Simplicissimus» den «einfach witzigen» Betrag von hundert Mark bezahlt hätte. Nun ist dies ja gewiß nicht großartig, doch es erscheint sofort in milderem Licht, wenn man vernimmt, daß dieser Abschluß gut ein Jahr zurücklag, also einer Zeit entstammte, als es noch sehr im Ungewissen schwebte, ob das geplante Blatt wirklich jemals erscheinen würde. Es handelte sich da für Langen also um einen Kauf auf Risiko, für Wedekind hingegen um «gefundenes Geld», weil damals keine Zeitschrift Deutschlands für die Annahme dieser neuartigen und «gewagten» Verse überhaupt in Frage kam. Doch wollte dies dem Dichter, als ich es ihm zu bedenken gab, durchaus nicht einleuchten; und auf die Frage, warum er denn Abschlüsse mache, die ihn nach einem Jahre reuen müßten, entgegnete er mir: «Sie hat die nackte Not noch niemals angegrinst.» Natürlich hätte er es Langen später oft genug ans Herz gelegt, ihm die der Situation entsprechende Nachzahlung zu gewähren, aber von diesem Menschen nichts als die «frivole» Antwort eingeheimst, hier sei ihm nun das einzige Mal in seinem Leben mit einem Dichter ein für ihn rentables Geschäft geglückt, und das erfülle ihn mit einem Stolz, den er sich nicht nachträglich rauben lassen wolle. Dies hat Langen nur so leicht im Scherz dahingesagt, aber es lag, ihm selber unbewußt, hierin auch etwas Ernsteres versteckt. Langen war alles andre eher als ein richtiger Geschäftsmann. Er rechnete nicht ängstlich, und er hatte – wenigstens Leuten, die er schätzte, gegenüber – eine flotte Hand im Geldhergeben, wenn ihm die Barmittel gerade halbwegs reichlich zur Verfügung standen. Dabei sprach vielleicht auch ein leiser Hang zur Renommage mit. Trat in der Kasse wieder Ebbe ein, dann regte sich wohl das ererbte Kaufmannsblut in ihm, er machte sich Vorwürfe ob der eigenen Noblesse, fand, daß er immerfort der Ausgenützte sei, und faßte den Beschluß, sich selber und der Welt zu zeigen, daß trotz allem doch ein Kaufmann in ihm stecke. Da er jedoch als solcher eigentlich nur dilettierte, gelang ihm das nicht eben immer meisterhaft. Wer ihn bei solcher Laune antraf, konnte ihn in Geldsachen zuweilen etwas kleinlich und merkwürdig versessen auf geringer Nutzen finden. Weil nun die Leute so etwas, ganz anders als das Gute, das sie ihm zu danken hatten, nie vergaßen, ist über Langen häufig ungerecht geurteilt worden. Wenn ich an jenem Tag auch Wedekind auf keine Weise davon überzeugen konnte, daß Langen nicht das Ungeheuer sei, das er in ihm erblicken wollte, so war doch offiziell der Friede wieder hergestellt und hatte bis auf weiteres Bestand. Einige Zeit danach erschien es Wedekind auf einmal dringend wünschenswert, für einige Monate nach Berlin zu übersiedeln. Er hoffte, durch persönliche Verhandlungen mit den Theaterdirektoren Annahmen seiner Dramen zu erreichen. Um ihm die Mittel für die Reise zu verschaffen, schlug ihm Langen vor, ein neues Buch von ihm herauszugeben und ihm das Honorar dafür sofort bei Abschluß des Vertrages zu bezahlen. Das Manuskript zu diesem wahren Feuerwerk aus Genialität und Witz, zu diesem großartigen Buche, das «Die Fürstin Russalka» hieß und willkürlich und bunt Gedichte, mehrere Novellen und drei Pantomimen unter einen Deckel brachte, schickte Wedekind erst aus Berlin an den Verlag. Langen war verreist, ich gab das Werk in Satz und las nach Wedekind die Korrektur davon. Als Langen wiederkam, war es gedruckt; er ließ sich die Aushängebogen geben und nahm sie zur Lektüre mit sich heim. Am nächsten Morgen machte er mir mündlich und Wedekind in einem Briefe nach Berlin die bittersten Vorwürfe, weil die Ballade von der «Keuschheit» in dem Band enthalten war – wohl zweifellos der beste, freilich auch der stofflich kühnste Bänkelsang Frank Wedekinds. «Das weglassen?» rief ich empört. «Ich bin doch nicht verrückt! Ja, finden Sie denn das Gedicht nicht gut?» «Ach, darum dreht es sich doch nicht!» schrie er zurück. «Das Buch wird uns ja glattweg konfisziert. Dann hab ich den Salat! Ich danke schön dafür!» Langens Befürchtung hat sich nicht erfüllt. Diese Ballade muß den Sittenschnüfflern jener Zeit durch Zufall irgendwie entgangen sein. Und jetzt ist es zu spät dafür, sie noch zu packen: heute gehört sie schon zum klassischen Bestande unserer Literatur. Wedekind aber antwortete damals Langen auf seinen Brief mit einer mitleidigen Ironisierung seines «Angstanfalls». Eine Konfiskation sei doch die herrlichste Reklame, die sich Verlag und Autor irgend wünschen könnten. Ebenfalls aus Berlin schickte ein wenig später Wedekind dem «Simplicissimus» unaufgefordert und aus freiestem Entschluß sein erstes politisches Gedicht, das, nebenbei bemerkt, ganz allgemeinen Inhalts und in keiner Weise konfiskabel war. Es ging im Ton und Versmaß der «Jobsiade», und als Verfassername stand darunter «Hieronymus». Langen las es, war begeistert, schickte dem Dichter das nach dem Maßstab jener Zeiten glänzende Honorar von fünfzig Mark und sicherte ihm den gleichen Betrag für jedes weitere Gedicht politischen Charakters zu. Nun hat Frank Wedekind zwar später Langen diese freigebige Bezahlung ebenso gehässig ausgelegt wie die zu sparsame von einst – damals jedoch, da all sein Werben um die Gunst und Gnade der berliner Bühnenleiter fehlgeschlagen war und er für sich nichts andres wußte, als enttäuscht nach München heimzukehren, kam dieses Angebot ihm sehr gelegen und regte seine Schaffenslust gewaltig an. So konnte nun der «Simplicissimus» beinah in jeder Nummer ein «Hieronymusgedicht» von ihm veröffentlichen. Und Deutschland horchte auf, dergleichen hatte es seit Heinrich Heine nicht gehört; und hier war mehr: hinter der scharfen Witzigkeit der Verse stand Wedekinds seltsame Fähigkeit, auch Dinge, die die anderen nur lachen machten, ganz verzweifelt ernst zu nehmen. Hier liegt ja überhaupt das innerste Geheimnis seiner dichterischen Wirkungskraft. – Je kecker diese Verse nun ins Heute griffen, je stachliger sie sich an den das Steuer führenden Machthabern und Gewalten rieben, desto lauter wurde der Beifall um sie her. Dies – und nur dieses – reizte Wedekind zu immer schärferer Angriffslust. Und nun geschah es, daß im Herbst des Jahres 1898 Kaiser Wilhelm auf die bekannte Palästinareise ging, die Mißfallen bei allen andern Mächten weckte, und über die man auch in Deutschland sehr geteilter Meinung war. Besonders die großartige «Aufmachung» – ich weiß kein passenderes Wort dafür –, die der prunkliebende Monarch der Sache gab, erregte Kopfschütteln und Heiterkeit. – Das mußte für den «Simplicissimus» ja ein gefundenes Fressen sein. Er brachte also eine Palästinanummer heraus. Und jetzt zog das Gewitter auf, das wir solange schon am Horizonte hatten drohen sehen, ohne uns in unserm jugendlichen Leichtsinn viel darum zu scheren, und der Blitz schlug ein, und zwar gleich zweimal, Krach auf Krach. Die Palästinanummer wurde am Druckort Leipzig bei Erscheinen konfisziert, die Nummer, die ihr hätte folgen sollen, vorsorglich schon in der Schnellpresse. Der Majestätsbeleidigung verdächtig schienen der Anklagebehörde die von Th. Th. Heine stammenden Titelbilder dieser Nummern und in jeder außerdem, und wohl vor allem, ein Hieronymusgedicht von Wedekind. Die beiden Heinebilder darf man wohl auch für damalige Begriffe harmlos nennen; man versteht es kaum, daß sie so streng geahndet werden konnten, wie es ihrem Zeichner widerfuhr. Dagegen wirkten die Gedichte Wedekinds stark aggressiv, obgleich wir das gefährlichere von den beiden nach der Meinung seines Autors schon durch Milderungen «hoffnungslos verwässert» in die Druckerei gegeben hatten. Denn es war Langen so gewagt erschienen, daß er die Aufnahme in die Palästinanummer von einem Gutachten seines Rechtsbeistands abhängig machte. Dieser erfahrene Jurist von großem Ruf hielt sich den Bauch vor Lachen über die ja freilich schlagend witzigen Verse und ließ sich durch seine Freude an der Sache wohl zu einer gewissen Unbesonnenheit verführen. Er fand, man könne das Gedicht in seiner Originalform allerdings nicht bringen; wenn man jedoch ein paar der schärfsten Spitzen behutsam abfeile – und er besorgte das zur Sicherheit gleich selbst –, hätte der Staatsanwalt das Nachsehen und wurde uns gewiß nichts tun. So folgten wir nun diesem Rate guten Muts und fühlten uns gedeckt durch die rechtskundige Autorität. Selbst die Konfiskation der beiden Nummern machte uns naiven Jünglingen den Ernst der Lage keineswegs in vollem Umfang klar. Wir hatten an Beanstandungen ja schon allerhand erlebt, und es war immer noch ganz glimpflich abgegangen. Darum begrüßten wir den uns von früher wohlbekannten schwabinger Kriminalkommissar mit dem gewohnten lächelnden Humor. Voruntersuchung war eröffnet gegen Albert Langen als verantwortlichen Redakteur, gegen den Zeichner Th. Th. Heine und gegen «Unbekannt»: den pseudonymen Dichter Hieronymus. Daß Wedekind dahintersteckte, hätte keinesfalls für längere Zeit Geheimnis bleiben können. In Leipzig wußten dies vielleicht nur wenige, in München aber fraglos beinah jeder Leser des «Simplicissimus». Die erste Frage des Herrn Kommissars zielte natürlich auf den wahren Namen dieses Herrn Hieronymus. Langen und wir andern lehnten es natürlich ab, ihn anzugeben. Als zweites wurde uns dann die Herausgabe der beiden Manuskripte zugemutet. Wir lächelten in stillem Hohn, und Langen sagte, er bedaure sehr, daß er damit nicht dienen könne: alles Handschriftliche würde bei uns prinzipiell gleich nach Erledigung der Korrektur verbrannt. Warum? Mein Gott, es sei von je so eingeführt; und wie sich heute zeige, hätte dies System ja auch wohl seine Vorteile. Zwar die Arrangements der Nummern behielten wir zu unserer eignen Orientierung immer noch ein Weilchen da, doch Manuskripte könne keine Haussuchung darin finden. Und Langen trat an ein Regal, zog dort aus einem Fach ein solches Arrangement, schlug dieses auf und – schleunigst wieder zu und rief, etwas verlegen lachend, aber schnell gefaßt: «Dies Beispiel allerdings ist nicht so recht geeignet; aber hier ...» Er griff nach einem zweiten Arrangement. Doch schon war ihm das erste aus der Hand gerissen, bevor er sich's versah. Wir standen starr vor Schreck, als wir erkannten, welch guter Fang damit der Polizei gelungen war: sie hatte sämtliche Manuskripte unsrer Palästinanummer erwischt, darunter das Gedicht von Wedekind, genoß ihren Triumph und unsere Betretenheit und fand, nun dürfen wir ihr den Verfasser ruhig nennen. Da sie jetzt seine Handschrift hätte, würde er ihr ohnehin nicht lange mehr verborgen bleiben. Also, dann brauchte die Behörde uns ja um so weniger dazu, erklärten wir mit etwas mühevoller Ironie. Man wird nun wissen wollen, wie so etwas möglich war. Da schlage ich mir reuig an die eigne Brust und kann unsere Unvorsichtigkeit mit weiter nichts entschuldigen als dem recht jugendlichen Alter, in dem wir alle damals ja noch standen. Jeder von uns war überzeugt gewesen, daß jenes Manuskript vernichtet sei, und jeder hatte sich dabei stillschweigend auf den anderen verlassen. Sträflichem Leichtsinn war das zweifellos; dies aber Albert Langen, wie es späterhin geschah, als arglistige Denunziation des Pseudonymen Dichters auszulegen – dazu gehörte schon Frank Wedekinds manchmal befremdend üppige Phantasie. Schon tags darauf erhielten Langen sowie Th. Th. Heine ihre Ladung vor den leipziger Untersuchungsrichter. Langen lief sogleich zu seinem Rechtsbeistand. Der aber sah die Sache plötzlich in verblüffend neuem Licht und sagte ihm, daß er ihm gar nichts andres raten könne, als die deutsche Grenze schleunigst hinter sich zu bringen. Denn wenn er das nicht täte, käme er bestimmt ins Loch, und auf zwei Jahre mindestens. Langen hielt das erst für einen Witz und machte, als er dann erkennen mußte, wie durchaus ernst der Rechtsanwalt es meinte, diesem einen tollen Krach. Das mag ihm für den Augenblick das Herz erleichtert haben, viel nützen konnte es ihm aber nicht, noch etwas daran ändern, was auf des hochwohlweisen Fachmanns Gutachten hin einmal geschehen war. Langen hat, bevor er sich zur Flucht entschloß, schwer innerlich gekämpft und sich bei seiner Frau und mir Rats eingeholt. Wir beide kamen, ganz wie er, zu der Erkenntnis, daß er sich hier in einer Zwangslage befand. Es ist nicht, wie man glauben könnte und geglaubt hat, Angst vor der Gefängnishaft an sich gewesen, was ihn von hinnen trieb, sondern ganz etwas anderes. Ich habe schon erzählt, daß bei der Mittelknappheit seiner Firma Langen selbst es war, der sich um die Beschaffung der notwendigen Darlehen und Kredite kümmern mußte. Hierin konnte ihn kein anderer vertreten; und seine Lahmlegung auf Jahre hätte den Ruin und die Zerstörung seines Lebenswerks bedingt. Dagegen traute Langen es mir zu, Verlag und »Simplicissimus« in Deutschland halbwegs selbständig zu leiten, wenn er nur in der Lage bliebe, immer rechtzeitig für Geld zu sorgen und mir bei wichtigeren Dingen aus der Ferne Weisungen zu geben. Ich nahm die Bürde wohlgemut auf mich – ein Sechsundzwanzigjähriger traut sich ja eine Menge zu. »Ich mach es schon!« so tröstete ich als neugebackener alleiniger Prokurist des Hauses Albert Langen meinen Prinzipal, als der mit sorgenvoller Miene Abschied nahm, um über Osterreich nach der Schweiz zu gehen, weil zu befürchten stand, daß der direkte Weg dahin für ihn schon nicht mehr offen sei. Als letztes war noch zwischen uns vereinbart worden, daß ich nach Langens Flucht sofort Frank Wedekind aufsuchen, ihm die Entdeckung seines Manuskriptes durch die Polizei mitteilen und ihn bereden sollte, gleichfalls Deutschland zu verlassen und zunächst in Zürich Langen aufzusuchen. Dafür, daß ihm kein Schaden aus der Angelegenheit erwüchse, und für sein weiteres Fortkommen würde unbedingt gesorgt. Viel Hoffnung setzte ich nun freilich nicht in das Gelingen dieser Mission – wußte ich doch, daß endlich eine Bühne, und zwar das Münchner Schauspielhaus, den »Erdgeist« zur Uraufführung angenommen hatte. Wedekind erträumte sich davon den jeden Widerstand umreißenden Erfolg, der ihn mit einem Ruck zur Weltberühmtheit und zum reichen Manne machen müsse. «Ja, das könnte euch so passen!» höhnte er, als ich ihm Langens Vorschlag übermittelte. «Er läuft davon, der Held! Ich habe jahrelang um seinetwillen Hungerpfoten saugen müssen – jetzt, wo ich es mir aus eigener Kraft errungen habe, daß ich im Brennpunkt des Interesses von ganz Deutschland stehe, soll ich mir diese sichre Zukunft um die Ohren schlagen, damit Herr Albert Langen beinah kostenlos die ihm so bitter nötige Reklame für sein im Absterben begriffenes Witzblatt kriegt! Nimmt mich nur Wunder, daß er mir nicht gleich den eingeseiften Strick schickt, um mich aufzuhängen. Das gäbe ja noch eine größere Sensation!» In dieser Art ging es gut eine halbe Stunde weiter; ich merkte bald, daß jedes Wort von mir verschwendet war, und ging. Mittlerweile war Th. Th. Heine der Ladung des Gerichts gefolgt und nach Leipzig gereist. Auch er hatte die Anregung, es Langen nachzumachen, abgelehnt – er glaubte wohl, es könnte ihm für seine Zeichnungen nicht viel geschehen, und sagte sich wahrscheinlich nicht, daß er durch das Verschwinden Langens der Behörde gleichfalls fluchtverdächtig scheinen mußte. Er wurde also nach der ersten, sehr ausführlichen Vernehmung kurzerhand in Untersuchungshaft gesteckt und bis zur Urteilsfällung darin festgehalten. Man hat ihm später – wie ich gleich an diesem Ort berichten will – sechs Monate Gefängnis zudiktiert, ihn aber dann zu halbjähriger Festungshaft begnadigt, die er in seinem Heimatlande Sachsen auf dem Königstein verbüßen mußte. Am zweiten Tag nach der Verhaftung Heines saß ich früh morgens im Büro, die eingelaufene Post vor mir, und hatte eben Langens ersten Brief aus Zürich aufgeschnitten, doch noch nicht aus dem Kuvert geholt, da klopfte es, ins Zimmer trat ein höchstens dreißigjähriger eleganter Herr, und hinter ihm erblickte ich durch die offne Türe den mir so gut bekannten Schwabinger Kriminalkommissar und einige von dessen Schergen. Schon stand der Fremde dicht vor mir, legte die Hand gebieterisch auf meine Post und sagte schneidigen Tones: «Doktor Mittelstaedt. Ich bin der leipziger Untersuchungsrichter. So, Sie sind der Herr Holm? Niemand, der das Geschäftslokal betritt, darf es verlassen, ohne mich zu fragen. Ferner darf in allen diesen Räumen nicht ein Schriftstück angerührt, geschweige denn beseitigt werden, bevor ich die Mitglieder der Redaktion verhört und Haussuchung gehalten habe! Wollen Sie dem Kriminalkommissar, den Sie ja kennen, und der Ihnen, wenn gewünscht, bestätigen wird, daß ich im Einverständnis mit der hiesigen Justizbehörde handle ...» Und er schaute Antwort heischend nach der Tür. «Jawohl, Herr Untersuchungsrichter», rief der Kommissar, sah aber, als sich der Gestrenge wieder von ihm abgewendet hatte, mich hinter dessen Rücken traurig an und hob die Hände leicht zu einer mutlosen Gebärde, die zu sagen schien: «Na haben mir die Sachsen da! Jetzt spuckt's! I steh für nix.» «Sie bleiben hier, Herr Holm!» bestimmte Dr. Mittelstaedt. «Rufen Sie jemand, der dem Kommissar vor allem sämtliche Registratormappen und Kopierbücher der Firma unterbreitet! – Herr Kommissar, und was auch nur entfernt auf eine Spur hindeuten könnte – nun, Sie wissen ja –, wird mir persönlich vorgelegt.» «Jawohl, Herr Untersuchungsrichter!» klang es stramm zurück. Und dann verließ, geleitet von dem schnell herbeigerufnen Schreibfräulein, der Kommissar mit seinen Leuten mein Gemach, um draußen eine Durchstöberung sämtlicher Behältnisse ins Werk zu setzen, die kein Papierstück auf dem andern ließ. Inzwischen hatte Dr. Mittelstaedt nun Langens Brief aus dem Kuvert gezogen. «Ah!» kam es triumphierend über seine Lippen. Er las das Schreiben aufmerksam einmal und noch einmal und steckte es hierauf in seine Aktentasche. «Beschlagnahmt!» stellte er gelassen fest. Und dabei ist es bis zum heutigen Tag geblieben. Ich habe nie die ersten Weisungen, die Langen mir aus der Verbannung gab, nach ihrem Wortlaut kennen lernen. Dann hoben die Verhöre an, die sich tief in den Nachmittag hinein fortsetzten. Was dabei der Untersuchungsrichter ganz besonders gern herausbekommen wollte, war der bürgerliche Name des Gedichtverfassers Hieronymus. Wir aber zeigten uns verstockt und ließen ihn uns nicht entreißen. Auch die Haussuchung fahndete vor allem scharf nach Briefen, die die gleiche Schrift aufwiesen wie das in die Hand der Polizei gefallene Manuskript. Da mochte man nun freilich lange stöbern; daß man dergleichen nicht entdecken konnte, dafür war gesorgt. Auch Briefe Th. Th. Heines gab es sonderbarerweise keine unter unserer Korrespondenz; das Unglück wollte nur, daß irgendwo im Winkel einer Schublade ein unserer Aufmerksamkeit entwischter Zettel ausgegraben wurde, auf dem uns Heine seinen Text zu einem schon vor längerer Zeit ohne Beanstandung veröffentlichten Bilde mitteilte. Dies schien dem Untersuchungsrichter den Verdacht zu stärken, jener sei, was er bisher hartnäckig abgeleugnet hatte, auch der geistige Urheber der Legenden zu seinen Zeichnungen. Heine gestand das dann, durch die plötzliche Vorweisung dieses Zettels überrumpelt, leider ein, und das mag zu dem harten Urteil gegen ihn mit beigetragen haben. Aber mit dieser Beute seines Husarenritts nach München mußte sich Dr. Mittelstaedt begnügen; alles andre wog gewiß nicht schwer. Die bayrische Justizverwaltung ließ sich durch des Untersuchungsrichters unerwartetes Erscheinen offenbar viel heftiger verblüffen als wir Leute vom Verlag, sonst hätte sie wohl seinen Wünschen kaum so leicht willfahrt. Und diese Nachgiebigkeit tat ihr, wie ich annehmen darf, bald wieder leid. Sie wurde ihr nämlich in Bayern auch von Leuten verdacht, die unserm «Simplicissimus» durchaus nicht wohlwollten. Die Volksseele geriet ob dieses Attentats auf die bayrische Justizhoheit in Zorn, der Landtag redete vielleicht nicht ganz so kräftig, wie es sich geziemte, aber immerhin Fraktur dazu. Die angegriffene Behörde verteidigte sich lahm und mit ersichtlicher Verlegenheit und half sich praktisch dadurch, daß sie den weiteren Ermittlungen der Leipziger nur widerwillig Vorschub leistete. Beweisen kann ich dies ja nicht, ich schließe es aber aus der Art, wie sich der Kommissar von Schwabing fernerhin verhielt. Ihm schien es trotz der leipziger Ungeduld setzt mit der Dingfestmachung des geheimnisvollen Hieronymus nicht im geringsten zu «pressieren». Er hatte diese Sachsen offenkundig dick und fand uns Münchner Inkulpaten viel sympathischer. Ich unterrichtete natürlich Wedekind sofort von dieser Haussuchung und legte es ihm eindringlich ans Herz, er möge sich über die Gefahr nicht täuschen, die jetzt nach der Verhaftung Heines ihn genau so gut bedrohe. Doch mein Reden war umsonst. Die Premiere seines «Erdgeists» hielt ihn gebieterisch in München fest. So kam der Tag herbei, an dem die Lulu Wedekinds zum erstenmal im Rampenlichte wandeln sollte, und verlief für mich bis nach der sechsten Abendstunde ungefähr wie jeder andre Tag; dann aber brach ein toller Wirbel los. Das Personal des Langenschen Verlages war schon heimgegangen, auch mein Freund Geheeb und ich wollten gerade das Büro verlassen, uns für die Premiere umzuziehn – da schellte es noch einmal, und ich öffnete geschwind. Der späte Gast war unser schwabinger Kommissar. Was er zunächst von mir erfahren wollte, überraschte mich durch seine Nebensächlichkeit – deswegen hätte er um diese Stunde wohl nicht eigens herzukommen brauchen. Dann aber schaute er mich plötzlich sehr bedeutsam an und warf scheinbar beiläufig hin: «Daß Sie sich fei net täuschen, gel: heut wissen mir's noch net, von wem daß die Gedichte sind. Aber bis morgen mittag wissen mir's bestimmt. Es wird auch Zeit: die von da droben setzen uns so zu.» Ich horchte auf und hätte dem strengen Diener des Gesetzes gern die Hand gedrückt. Äußerlich aber blieb ich bei dem einmal eingeführten Ton und warnte ihn mit leisem Spott: «Na, wenn Sie da bloß nicht den Falschen packen!» «Wird sich ja zeigen! – So, das war's! – Wünsch guten Abend. Hab die Ehr. Grüß Gott, Herr Holm!» Kaum war er draußen, als Geheeb und ich hastig begannen miteinander Rats zu pflegen. Ich erklärte, daß ich diese heilige Hermandad ganz einfach rührend fände. Denn sie kenne den Verfasser selbstverständlich auch schon jetzt und vielleicht längst, hätte jedoch den Grund erfaßt, weswegen er noch nicht auf- und davongegangen sei, und wolle ihm die Uraufführung seines Stückes nicht mißgönnen. Liebe, gute Polizei! Nun müsse aber Wedekind auch unbedingt noch heute nacht dem Wink gehorchen und verschwinden. «Wenn's ein Erfolg wird, tut er das auf keinen Fall», wendete Geheeb kopfschüttelnd ein. «Es wird ja kein Erfolg!» behauptete ich mit der größten Sicherheit. «Na, du bist gut!» rief er verblüfft. Ich aber hatte meine Freundschaften in Bühnenkreisen und wußte wohl, warum ich dieser Meinung war. Dann wurde erst das Kursbuch gründlich durchstudiert und der Beschluß gefaßt, daß Wedekind, da sich vorher keine Gelegenheit mehr bot, in aller Morgenfrühe, zwischen fünf und sechs, mit einem Bummelzug, der vom Ostbahnhof abging, erst einmal nach Kufstein flüchten und durch Osterreich nach Zürich weiterreisen solle. Denn ihn am Hauptbahnhof in den direkten Schnellzug nach der Schweiz zu setzen, schien uns zu gewagt. So, das stand fest und war damit so gut wie schon geschafft! Nun aber hatten wir noch ein recht schwieriges Problem zu lösen. Die Kasse des Verlages war geschlossen, und ich konnte nicht in sie heran. In unsern eignen Taschen herrschte nicht gerade Flut, und dabei brauchten wir doch Reisegeld für Wedekind. Ich überlegte schnell, wer etwa anzupumpen wäre, und fuhr sofort mit einer Droschke los. Zum Glück befand sich gleich der erste Mann, bei dem ich vorsprach, im Besitze von zweihundert Mark und lieh sie willig her. Ich fuhr befriedigt heim, ließ meinen Wagen warten, zog mich um und war zwanzig Minuten vor dem ersten Glockenzeichen im Theater. Das Münchner Schauspielhaus hatte damals seine Zelte im dritten Stockwerk der Zentralsäle an der Neuturmstraße aufgeschlagen, und die Verhältnisse der jungen Bühne litten an der äußersten Bescheidenheit. Das oberste Podest der Treppe, vor dem Eingang zum Zuschauerraum, trug nun als Zier eine verstaubte große Fächerpalme, soweit man diese nicht gerade zur Verschönerung der Szene brauchte. Dies war heute offenbar der Fall: als ich heraufkam, packten eben zwei Theaterdiener das Gewächs und zogen damit hinter die Kulissen ab, und eine Dame, sicher Stammgast dieses Hauses, sagte neben mir zu ihrem Mann: «Die Palme wird hineingebracht. Dann wird es also wieder ein Salonstück sein.» Na, du wirst dich ja wundern! dachte ich und sollte damit just das Richtige getroffen haben. Nicht nur, daß sich das Publikum sehr wunderte – es war sogar empört und gab das stürmisch kund. Die Schuld daran trug vielleicht weniger das Stück, obgleich es ja den Rahmen des Gewohnten sprengte, als die fragwürdige Art, wie man es spielte. Direktor Stollberg, der es anfangs selber inszenieren wollte, hatte dem Dichter, als ihm der bei der Austeilung der Rollen eigensinnig widersprach, schlankweg erklärt, dann solle er nur die Regie und die Verantwortung in seine eignen Hände nehmen. Wedekind war überzeugt, daß er das alles sehr viel besser als der Fachmann könne, und stimmte mit Begeisterung zu. Nun gab's am Schauspielhaus in jenen Zeiten sicher mehr als eine Künstlerin, die die Lulu zum mindesten ganz leidlich hätte spielen können. Da diese aber unter anderm einmal im Ballettkostüm erscheint, fand Wedekind, daß, um ihn selber zu zitieren, Lulus Unwiderstehlichkeit vor allem in den Beinen liegen müsse. Er suchte sich die Darstellerin also nicht nach der Begabung, sondern nach der Schönheit ihrer Waden aus; und so verfiel er auf ein hübsches Mädel, das sich bisher nur schlecht und recht in kleinen Zofenrollen beim Theater hingefrettet hatte. Bei dieser Lulu, die fast nichts für den weiblichen Erdgeist mitbrachte, der in elementarer Selbstverständlichkeit und einer Art von Unschuld Männer konsumiert, durfte sich Wedekind vor allem für den Durchfall der Tragödie bedanken. Aber auch die an sich begabten Kräfte, die die andern Rollen spielten, waren bei der Eigenart des Schauspielhauses ganz auf den Naturalismus eingeschult und fanden sich nicht in den neuen Stil. So ging der stärkste darstellerische Eindruck dieses Abends von dem Dichter aus, der selbst den Doktor Schön zu spielen übernommen hatte. Zwar körperlich erschien er steif und unbeholfen, auch fehlte jedes Mienenspiel, doch wie er seine Sätze stark und aus tiefinnerer Überzeugung sprach – das ließ aufhorchen und vermittelte ein Ahnen, daß hier etwas Bedeutendes geschah. Erstaunlich wirkte es, wie wenig er sich durch die Hohnrufe des Publikums und das so oft am falschen Ort einsetzende Gelächter stören und beirren ließ. Ernst und verbissen redete er weiter, sein Organ hielt durch und trug, es übertönte jeden Lärm. Und mit dem gleichen steinernen Gesicht stand er am Schlusse da, quittierte jedesmal, wenn sich der Vorhang hob, mit einer kleinen linkischen Verbeugung für den Beifall und den Widerspruch und schaute anscheinend unbewegt in den dort unten tobenden Skandal. Als der verebbt war und er hinter die Kulissen kam, stieß er dort schon auf mich. Er gönnte mir aber nicht das erste Wort, sondern fing selber an: «Ein Sieg nach hartem Kampf! Haben Sie bemerkt, wie ich die Bande jedesmal, wenn sie aufmucken wollte, mit einem Blick in das Parkett zur Ruhe zwang?» Ich mochte ihm die Illusion nicht rauben, ob ich auch im stillen bei mir dachte: Himmel, wenn er das für Ruhe hält, dann möchte ich gern den Spektakel hören, den er anerkennt! – So sagte ich ihm lieber schnell und ohne Umschweif, was geschehen war, und daß er ungesäumt das Land verlassen müsse. Im Anfang zeigte er gar keine Lust dazu, und erst als der Direktor Stollberg mir zu Hilfe kam und ihm versicherte, daß nach diesem unzweideutigen Durchfall jede Wiederholung seines Stückes ausgeschlossen sei, stimmte er meinem Vorschlag zögernd zu. Und, sonderbar, sobald das einmal feststand, wurde er sogar vergnügt und sozusagen Feuer und Flamme für den Plan. Er dachte sich vielleicht, es wäre nicht so dumm, wenn man die Absetzung seiner Tragödie mit etwas anderem als ihrem Mißerfolg begründen könnte, auch mochte ihn das Abenteuerliche solcher Flucht bei Nacht und Nebel reizen, und nicht als letztes die zweihundert Mark, die ich in meiner Rechten schwenkte, und die für ihn damals noch eine Art von fürstlichem Vermögen darstellten. Nach der Premiere traf man sich, wie üblich, in der Jahreszeiten-Bar, und heute bildete dort Wedekind zwiefach den Clou des Abends und den Mittelpunkt: als durchgefallner Autor und als fast schon durchgebrannter Majestätsverbrecher. Denn natürlich war unser streng gehütetes Geheimnis nach der ersten Viertelstunde für dieses ganze kleine, wunderbar akustische Lokal eine sehr öffentliche Angelegenheit. Der Dichter badete sich wohlig in dem allgemeinen Interesse, das er fand, und er erklärte, da sein Zug vor sechs Uhr ginge und er es nicht gewohnt wäre, bei tiefer Nacht schon wieder aufzustehen, müsse heute durchgesoffen werden. Ich bestärkte ihn darin, weil dies auch mir nur ratsam schien, und alles stimmte jubelnd ein. So hob ein zu dem Äußersten entschlossenes Pokulieren an, das sich dann aber leider als – wie soll ich's sagen – ökonomisch falsch erwies. Schon gegen zwei Uhr wurde alle Welt des deutschen Sektes satt und fing sich nach dem Bett zu sehnen an. Und einer um den andern drückte sich; auf einmal saßen nur noch Wedekind, Frau Frida Strindberg und ich selbst am Tisch. Der Mittelpunkt des Abends gähnte und teilte mir dann mit, er wolle jetzt auch heim, Frau Strindberg müsse ja noch seinen Koffer packen. Als er trotz meinem Widerspruch darauf bestand, erklärte ich: nun gut, ich ginge aber mit. So pilgerten wir denn selbdritt nach Wedekinds möblierter Bude hin. Das Köfferchen war bald gepackt, und immer lagen noch drei Stunden Wartezeit vor uns. Wir saßen schläfrig da und nippten freudlos von dem Inhalt einer Flasche, die unser Wirt hinter dem Muschelaufsatz seines Kleiderschranks hervorgezogen hatte. «Crême de Cacao» hieß der Trank und schmeckte eklig süß und parfümiert. Die beiden andern schauten mich mit dumpfem Widerwillen an, und ihre Blicke flehten stumm: – So geh doch endlich einmal fort! Ich aber zeigte mich so taktlos dickfellig, wie mich vor dieser Nacht und später hoffentlich kein Mensch gefunden hat. – Nach einer Weile riß ich mich dann aus dem Halbschlaf los, der mich immer von neuem überfiel, und sah auf meine Uhr. «Beinah zwei Stunden noch!» rief ich. «Ach, fahren wir zum ‹Donisl›! Lechzt Ihre Seele denn nicht auch nach Weißwürsten und Bier?» Dies Zauberwort erweckte Wedekind und seine lahmgewordne Energie. «Teufel, daß wir daran jetzt erst denken!» stimmte er ein, und schleunigst fuhren wir zum «Donisl». Als Wedekind die erste Halbe fast in einem Zug hinabgegossen und die erste Weißwurst mit viel süßem Senf verschlungen hatte, kriegte er auf Vorschuß Heimweh nach der münchener Gemütlichkeit und wurde sentimental, was sich auch darin äußerte, daß er den Arm zärtlich um meine Schultern schlang und mich als seinen besten Freund in diesem Jammertale pries. Nun, Gott sei Dank gelang es mir, den Sturm seiner Gefühle nach der andern Seite abzulenken, wo Frau Strindberg saß. – Ich darf schon sagen, daß ich mich von Herzen freute, als ich endlich doch am Ostbahnhof dem Zug nachwinkte, der den Majestätsbeleidiger entführte – diese Nacht war mir verzweifelt lang geworden. Ich brachte Frida Strindberg mit der Droschke noch vor ihre Pension, fuhr heim und fiel um sieben Uhr ins Bett, war aber pflichtgemäß um neun Uhr wieder auf dem Büro. Am Nachmittag um drei erschien dann, längst von mir erwartet, unser Kommissar und fragte mich mit strenger Miene: «Sie, Herr Holm, wo steckt denn der Herr Wedekind? Frank Wedekind? Das soll wohl heißen: Franz.» «Nein: Frank. Ja, und was wollen Sie von dem?» «A, tun S' net so! Verhaften soll ich ihn.» «Na, also glücklich doch den Falschen!» grinste ich. «A was! Mir kennen uns einander doch! Ich möchte wissen, wo er steckt!» «Tja, gestern ist er noch im Schauspielhause aufgetreten.» «Gestern ...! – Nein: zur Zeit?» «Bei sich daheim vielleicht ...?» Ich gab diensteifrig die Adresse an. «Da is er net.» «Ach was?! Ja, aber suchen müssen Sie ihn dann schon selbst. Bin ich der Kriminaler, oder Sie?» «Ja, bloß ... Da dürft ich lang hersuchen, und derweil ...» Hier drückte der Kommissar sein linkes Auge zu und schaute mir mit dem rechten mißtrauisch prüfend und doch irgendwie ermunternd ins Gesicht. Da er nun gestern abend wirklich nett zu mir gewesen war, tat er mir leid. «Ob Sie ihn freilich finden ...?» warf ich achselzuckend hin und lächelte ihm listig zu. «Na weiß ich schon Bescheid!» rief er und kratzte sich hierauf bedenklich hinterm Ohr. «Die von da droben werden schaun! A, Herrschaft nein! Was ich zu hören krieg, das wünsch ich Ihnen net! – Ja, weiter war es nix. Grüß Gott, Herr Holm!» Ich durfte ihm den kleinen Wink getrost erteilen. Denn in meiner Tasche knisterte ein Stück Papier, ein Telegramm aus Innsbruck an Frau Strindberg, das lakonisch meldete: «Franziska glücklich niedergekommen. Ferdinand.» Der Hochschwung von Gefühlen, der die letzten Münchner Stunden Wedekinds durchleuchtet hatte, hielt auch stand, solange er es sich als Langens Gast im «Baur au lac» zu Zürich wohl sein ließ. Einige Wochen später – inzwischen hatte Wedekind sich nach Paris davongemacht – besuchte ich dort Langen selbst und hörte ihn von seinem alten Feind mit ungewohnter Wärme reden: er sei doch eigentlich ein netter Kerl, sie hätten hier zusammen eine schöne Zeit verbracht. Nun hatte Langen allerdings sich diese Liebe etwas kosten lassen und Wedekind ein überaus anständiges Monatsfixum zugesagt, wogegen dieser dem ‹Simplicissimus› allwöchentlich ein sogenanntes Hieronymusgedicht zu liefern sich verpflichtete – die Arbeit eines Tages höchstenfalls, so daß für seinen Unterhalt gesorgt war und ihm zwischendurch doch immer noch sechs Tage für sein freies dichterisches Schaffen blieben. Wedekind schien dessen anfangs auch sehr froh, und seine Verse liefen Montags pünktlich bei uns ein. Sie dünkten uns nur oft so scharf, daß wir uns nicht getrauten, sie zu bringen, weil gebranntes Kind das Feuer scheut. Zu diesen durch uns honorierten, aber niemals abgedruckten Beiträgen gehörte auch die witzige Ballade von dem Zoologen in Berlin, der wegen der streng wissenschaftlichen Feststellung, daß ein Ochs ein Rindvieh sei, zu einem Jahre Haft verurteilt wird – woraus der Dichter dann die weise Lebensregel schöpfte: «Darum vor Zoologiestudieren Hüte dich, o Jüngling, wenn du jung, Denn es schlummert in den meisten Tieren Eine Majestätsbeleidigung.» Man sieht, daß Wedekind sein Herz für das monarchische Prinzip noch immer nicht entdeckt hatte, doch sollte es in Kürze überraschend anders kommen. Das blinde Wüten sächsischer Behörden gegen den mißliebigen ‹Simplicissimus› erreichte nämlich den Erfolg, daß unsere Auflage binnen vier, fünf Wochen von fünfzehntausend auf, ich glaube, fünfundachtzigtausend Exemplare stieg. Das freute uns, wie man sich denken kann, obgleich das Blatt auch jetzt noch nur gerade knapp die Kosten deckte. Der Verdienst für Langen stellte sich erst später nach der ersten Preiserhöhung ein. Da wir nun das Anwachsen unseres Leserkreises selbstverständlich nicht verheimlichten, erfuhr dies auch Frank Wedekind. Und seine Phantasie malte ihm gleich die Riesensummen aus, die Langen jetzt in seinen Geldschrank schaufle, indessen er, dem doch das alles eigentlich zu danken sei, sich mit ein paar ihm lässig hingeworfnen Gnadenbrocken kümmerlich durchhungern müsse. Sofort verwechselte er dann auch die Wirkung mit der Ursache; und Langen war hier nur ein hinterlistig vorbedachter Plan geglückt. Er hatte diese ganze Strafverfolgung aus Gründen der Reklame provoziert, um sich auf Kosten eines unschuldigen Dichters reich zu machen. Das Loch in dieser Rechnung: daß bei solcher Absicht Langen ja wohl kaum die konfiszierten Nummern selbst verantwortlich gezeichnet hätte, übersah Frank Wedekind. Und so entschloß er sich denn schnell, brach in Paris von heut auf morgen seine Zelte ab, reiste nach Leipzig hin und stellte sich. Der Untersuchungsrichter mag beinah vom Stuhl gefallen sein, als der steckbrieflich Verfolgte vor ihn trat und ihm pathetisch meldete, er sei Frank Wedekind, ihn treibe ehrliche Reue her und das tiefinnere Bedürfnis, sich mit Deutschland und mit seinem Kaiser zu versöhnen. Das letztere wirkte dadurch ganz besonders pittoresk, daß Wedekind damals noch schweizer Bürger war. Im übrigen spielte er vor Gericht den reinen Toren und das Unschuldslamm, das Langen «durch die Hungerpeitsche» rücksichtslos gezwungen hätte, sich als Tiger aufzutun. Die guten Honorare, die wir ihm für die politischen Gedichte zahlten, legte er als eine Art Bestechung aus: sie wären allsogleich versiegt, wenn er sich je geweigert hätte, Majestätsverbrechen zu begehn. So malte er sich weiß und Langen schwarz. Mag sein, daß, was er gegen diesen sagte, seine Überzeugung war – er hatte sich nun einmal dahinein verrannt –, das andere, was er von seiner eigenen Person erzählte, konnte wohl auch er nicht für die Wahrheit halten. Er fand wahrscheinlich, daß hier alle Waffen helfen müßten; und wie ihn im Verkehr mit Langen Grobheit, so dünkte ihn den Richtern gegenüber schlichte Demut die geschickteste Diplomatie. Nun ist Diplomatie ja leider häufig schlauer, als es ihren Zwecken frommt. Das hat uns die Geschichte unserer Tage oft gezeigt, und das erfuhr auch Wedekind. Wenn es ihm darauf an kam, Langen bei Gericht zu schaden, hat er dieses Ziel gewiß erreicht; daß er sich selber nützte und der Richter Herzen rührte, läßt sich aus dem Urteil, das sie fällten, schwerlich folgern. Denn ihm wurden sieben Monate Gefängnis zugemessen, also um einen Monat mehr, als Th. Th. Heine ohne jedes Buhlen um die Gunst der hohen Obrigkeit erhalten hatte. Auch er wurde zu Festungshaft begnadigt, kam auf den Königstein und durfte einen Teil der Strafzeit noch in der Gesellschaft Th. Th. Heines dort verbringen. Im ganzen ging es Wedekind, wenn er auch seine Freiheit und das altgewohnte Nachtleben vermißte, in der Gefangenschaft recht gut, zu gut vielleicht – er sah mit Schrecken, daß bei der ausgiebigen Kost und bei dem Mangel an Bewegung seine Schlankheit offenbar zum Teufel ging. Die hohlen Backen seines, seit er den Schauspieler in sich entdeckt hatte, völlig entbarteten Gesichtes wurden langsam rund, und auch das Bäuchlein wölbte sich von Tag zu Tage mehr. Das kränkte ihn, weil aus der Bühne ja Tournure und Figur beinah so viel bedeuten wie Talent. Da kann es sich wohl jeder vorstellen, wie hart ihn eine Zeichnung Heines treffen mußte, die, als er wieder draußen war, im «Simplicissimus» erschien. Sie zeigte ihn porträtgetreu, wie er, mit nichts als seinem Embonpoint und Hausschuhen bekleidet, vor dem Spiegel stand und grimmig seufzte: «Das verfluchte Fett verdirbt mir meinen ganzen Satanismus!» Weil er von jeher keinen Spaß verstand, hätte schon dieser «Angriff» ausgereicht, ihm jede weitere Mitarbeit an unserem Blatte zu verbieten, ganz abgesehen von den Wahnideen über Langen, die während seiner Festungsmuße erst so richtig wild ins Kraut geschossen waren. Dem Buchverlage, der dem gleichen Mann gehörte, blieb er sonderbarerweise treu, und Werk um Werk von ihm kam dort heraus. Doch in der Hauptsache verdiente er sich Brot und Abendtrunk, bis später die Erfolge kamen, auf den Brettern oder Bretteln, die die Welt bedeuten möchten: erst an der Wanderbühne des Direktors Dr. Heine, die auch seinen «Erdgeist» recht erfolgreich spielte, dann am Münchner Schauspielhause und späterhin als meisterhafter bänkelsängerischer Interpret der eignen Verse bei den «Elf Scharfrichtern». Um «das verfluchte Fett» zu bändigen, gewöhnte er sich damals auch das Radeln an; und es ist mir in lebhafter Erinnerung, wie er mir das erstemal, ich glaube, in der Ludwigstraße, hoch zu Rad entgegenkam. Sehr stolz auf dieses neue Können, sprang er ab, von mir den Zoll sprachlosen Staunens einzuheimsen. Wie gewöhnlich, trug er sich in Schwarz, auch eine Art von schwarzer Jockeymütze und lange schwarze Strümpfe fehlten nicht, nur die Pumphose strahlte in dem reinsten Weiß, desgleichen war das Rad schneeweiß lackiert. Ich fragte ihn: «Was haben Sie sich da für einen Milchwagen zugelegt?» «Ach so? – Ja, daß es weiß ist, hat natürlich seinen Grund», erklärte er. «Es wird zu Hause im Schlafzimmer abgestellt; und da ist alles weiß.» «Ah: und die Hosen wieder sind in der Farbe zu dem Rad gestimmt. Ich muß schon sagen: sinnig raffiniert!» erwiderte ich ernst und stellte bei mir fest, daß er's auch ohne sieben Bärte gut verstand, unter dem Schwarme der Banausen aufzufallen. Schon bald erhielt ich die Gelegenheit, dies weiße Schlafzimmer persönlich zu betreten. Denn das Fahrrad mochte finden, daß sportliche Betätigung nicht recht im Stil dieses dämonischen Poeten lag. Es warf ihn also eines Tages ab, und Wedekind brach sich das Bein. Nun pflegt ein Beinbruch meist ja nicht den Tod herbeizuführen. Doch besondre Leute müssen alles auf besondre Art erleben. So wurde Wedekind schwer krank, lag fest im Gipsverband, nahm weiter zu, fand diesmal aber, daß er immer weniger würde, und bereitete sich heldenhaft zum Sterben vor. Alle Welt lief hin, ihm einmal noch die Hand zu drücken; und auch ich schloß mich nicht aus. So lernte ich dabei denn seine neue Wohnung kennen. Das Arbeitszimmer stach nicht sehr von seinen früheren Buden ab, nur war darin die eine Wand, um seine Schaffensstimmung anzuregen, mit einer wahren Bilderfülle zugedeckt: aus Zeitschriften geschnittenen Aufnahmen aller weiblichen Varieté- und Zirkussterne jener Zeit, man konnte ruhig sagen, einer Orgie aus Trikot und ödester Geschmackverlassenheit. – Gott, dachte ich, was so ein Pegasus doch alles frißt! Aus diesem Venusberge aber trat man dann in ein wahrhaft jungfräuliches Schlafgemach. Wedekind hatte nicht gelogen: alles weiß! Nur eine Gipsstatuette der bekannten Lourdes-Madonna, die als einziger Wandschmuck hoch und schlank auf einer gleichfalls gipsernen Konsole stand, gab etwas Rosa und Hellblau dazu. Nun male man sich aus, wie durch die keusche Kühle ringsumher das feuerrote Nachthemd leuchtete, in dem der schwergeprüfte Dichter seiner Auflösung entgegensah. Da sich nun diese keineswegs programmgemäß vollziehen wollte, wurde die Sache dem Patienten langweilig. So kam es, daß er in den Abendstunden öfters einen Freundeskreis zusammenrief und sich sein Sterbezimmer dick mit Alkohol- und Tabakdunst erfüllte. Der Arzt sah dem ein Weilchen zu, dann jagte er seinen Patienten, dem es damit jetzt gar nicht so zu eilen schien, durch einen Machtspruch aus dem Bett. Wedekind aber schleppte sich dann noch monatelang schwerfällig an zwei Stöcken hin, hinkte ungemein dekorativ und schob den Augenblick nach Möglichkeit hinaus, da er doch wieder gehen müßte wie andre Leute auch. In diesem Stadium sah er zum erstenmal seit Zürich Albert Langen wieder, der eben nach fünfjähriger Verbannung begnadigt worden und in München eingetroffen war. Der kaum vom Tod erstandene Poet zeigte sich mild gestimmt und reichte seinem alten Widersacher mit der größten Herzlichkeit die Hand, doch gleich danach trat eine Katastrophe ein, die den traditionellen Haß heißer denn je entbrennen ließ. Neben dem Schreibtisch Langens stand ein Klubsessel für seine Gäste. Mehrere hundert Leute haben sich vor jenem Tag und später dahineingesetzt, ohne ihm etwas Besondres anzumerken. Es war ein ganz normaler Stuhl, nur hatte er als Sitz ein ziemlich nachgiebiges Daunenpolster. Langen nun wies darauf hin und sagte: «Nehmen Sie doch Platz! Man sieht, wie schwer das Stehen Ihnen wird.» Wedekind humpelte an seinen Stöcken vor den Stuhl und ließ ein bißchen gar zu plötzlich sein Gewicht von ziemlich hoch her in den Sessel sinken. Der Fall ging aber tiefer, als er wohl erwartet hatte – er wurde käseweiß vor Schreck, starrte mit wilden Augen um sich her und streckte das gebrochne Bein steif in die Luft hinaus. Das wirkte so unsagbar komisch, daß mein Prinzipal und ich hell lachen mußten. Dies war vielleicht nicht hübsch von uns, aber als unwillkürliche Zwangsreaktion gewiß nicht schlimm gemeint. Des Dichters Blick durchbohrte uns mit kalter Wut, er rappelte sich mühsam auf und schrie: «Das ist ein dummer Witz!» «Witz? Ja, wieso denn?» stammelte Langen ganz verblüfft. «Der Stuhl ist etwas weich ...» «Ich glaubte, es mit ernsten Männern zu tun zu haben, und sehe nun, daß es Popanze sind! Adieu!» schrie Wedekind. Und – sonderbar – er war plötzlich ganz gut zu Fuß, da er nunmehr den Staub von seinen Sohlen schüttelte. Und wieder einmal knallte hinter ihm die Tür des Langenschen Verlages hart ins Schloß. «Wir hätten doch nicht lachen sollen», meinte Langen, als der Empörte draußen war. «Wer – c'était plus fort que moi . Peinlich – die Sache, und er tut mir leid! Holm, Sie müssen gleich zu ihm und ihn versöhnen! Er kann doch wohl nicht ernsthaft glauben ... Denn was wär das auch schon für ein Witz!» «Schön! Aber morgen erst», erklärte ich. «Denn heute schmeißt er mich noch glatt hinaus. Er hält's für einen Witz! Sie unterschätzen seine Phantasie. » Am nächsten Tag brachte ich Wedekind nach vielem Reden denn so weit, daß er den wahren Sachverhalt anscheinend begriff. Ich ging zufrieden heim, und Langen freute sich mit mir, daß diese nicht sehr angenehme Episode abgetan und hoffentlich vergessen sei. Doch darin sollten wir uns täuschen: Wedekind vergaß sie nie. Was er sich einmal eingeredet hatte, konnte ihm nicht wieder ausgeredet werden. Wenn es zu weiteren persönlichen Zusammenstößen zwischen ihm und Langen nicht mehr kam, lag es wohl nur daran, daß Wedekind schon bald darauf München für längere Zeit verließ. Max Reinhardt hatte ihn an seine berliner Bühnen engagiert. Dort holte er sich als Schauspieler und mit seinen Dramen – «Erdgeist» und vor allem «Frühlings Erwachen» – den entscheidenden Erfolg und war nun endlich weltberühmt und eine Größe, die sich vor keinem mehr zu bücken brauchte. Hier in Berlin fand er auch seine Frau und kehrte, da sich späterhin seine Beziehungen zu Reinhardt lockerten, als ein gesetzter, wohlsituierter Gatte und Familienvater nach der Isarstadt zurück. Seit jener Klubsesselgeschichte bohrte er die ganze Zeit daran, von Albert Langen loszukommen. An Verlegern, die ihn gerne haben wollten, fehlte es jetzt selbstverständlich nicht. Doch Langen, der bei seinen Büchern über ein Jahrzehnt lang ständig draufgezahlt hatte, begriff nicht recht, warum er einen anderen die Ernte seiner Mühen in die Scheuern fahren lassen solle. Er lehnte also diesen Wunsch des Dichters immer wieder ab und stand auf seinem Schein. Nun hatte Wedekind es sich in dem Vertrag, der ihn an Langen band, vorsorglich ausbedungen, daß er eine von ihm geplante Komödie «Oaha» anderwärts erscheinen lassen dürfe. Da dieser Titel ihm nichts sagte und er die ganze Klausel mehr für eine Dichterlaune hielt, war Langen lächelnd darauf eingegangen. Aber im Jahre 1908 kam dieses Stück «Oaha» bei Bruno Cassirer in Berlin heraus. Und es entpuppte sich als bissige Satire gegen Albert Langen, den «Simplicissimus» und seine Leute; selbst Langens Frau und deren Vater Björnstjerne Björnson waren keineswegs verschont. Wedekind stellte darin seine Beziehungen zum «Simplicissimus» einschließlich der berühmten Majestätsbeleidigungsaffäre dar, wie er sie sah. Des näheren auf den Inhalt der Komödie einzugehen, darf ich mir ersparen, weil es nicht der Mühe lohnt. Aus blinder Wut allein wird nie ein gutes Stück. Den Ernst des Hasses, der den Dichter trieb, verspürt man in «Oaha» wohl, doch kaum den nötigen Ernst zum Werk. Übrigens spielt hier – und dieses sagt vielleicht genug – auch der von Wedekind so falsch verstandene Klubsessel eine große Rolle, und zwar als pfiffig konstruierte Menschenfalle, deren Zweck nun freilich dunkel bleibt. Man kann nur ahnen, daß sie dazu dient, harmlose Dichter zu erschrecken, damit man sie nachher in ihrer Fassungslosigkeit geschäftlich leichter übertölpeln kann. Nimmt mich fast Wunder, daß sich seit der Zeit noch kein Verleger dies moderne Folterwerkzeug patentieren ließ! Mit diesem Stück gewann sich Wedekind, ob es auch auf der Bühne glatt versagte, einen Erfolg von andrer Art, der ihm wahrscheinlich überraschend kam: das Tor, an dessen Klinke er so lange Zeit unmutig und umsonst gerüttelt hatte, sprang von selber auf. Langen hielt ihn nicht mehr und gab ihm freien Weg. Und das geschah nicht etwa aus persönlicher Empfindlichkeit – hatte er sich doch bereits in mehr als einem Drama Wedekinds, besonders in «Hidalla», blutig karikiert gesehen und dazu mit dem heitersten Humor gelacht. Was ihn hier ärgerte, war die Verunglimpfung der Björnsons, und besonders seines Schwiegervaters, auf den er menschlich wie künstlerisch die allergrößten Stücke hielt. Und darum nahm er kurzerhand ein früher abgelehntes Kaufgebot Bruno Cassirers nun nachträglich an. Wedekind würdigte den Brief des Langenschen Verlages, der ihn von dieser Wendung unterrichtete, nicht eines Wortes der Erwiderung. So wurde es ein wahrhaft schlichter Abschied ohne Lebewohl. Die beiden alten Feinde sollten sich nicht wiedersehen. Eine anfänglich zu leicht genommene tückische Erkältungskrankheit raffte im Frühling 1909 den noch nicht vierzigjährigen Albert Langen viel zu früh dahin. Nach seinem Tode hat Frank Wedekind es einmal Ludwig Thoma gegenüber mit manchem schönen Wort bedauert, daß er den Frühverstorbenen noch zuletzt durch die Komödie «Oaha» hätte kränken müssen. Thomas Erwiderung, es sei mit der Gekränktheit Langens gar nicht so weit hergewesen, wurde aber nicht gerade froh begrüßt. Es gibt indessen über Langen noch ein Zeugnis Wedekinds, das vielleicht schwerer wiegt, weil es mir ein ganz Unbeteiligter berichtet hat. Dr. Georg Hirth, der sich sowohl mit vielen aus der Schar des «Simplicissimus», vor allem Ludwig Thoma, als auch mit Wedekind freundschaftlich stand, schlug diesem vor, er wolle zwischen den zwieträchtigen Parteien eine Aussöhnung vermitteln, erhielt jedoch abweisenden Bescheid. «Ich wüßte nicht, wozu mir dieses dienen sollte!» sagte Wedekind. «Der einzige von der Gesellschaft, der mich interessieren konnte, die einzige Persönlichkeit dabei war Albert Langen. Und der lebt nicht mehr.» Krach und Versöhnung mit dem großen Frank An einem Maiabend im ersten Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts sagte meine Frau zu mir: «Weiß nicht: ich hab heut keine Lust, daheim zu bleiben. Essen wir in der Jahreszeiten-Bar!» Ich prüfte mit gewohnheitsmäßiger Sorge erst den Inhalt meines Portemonnaies; und weil es noch recht früh im Monat war, vermochte ich den Plan zu billigen. Der Weg zur nächsten Trambahn-Haltestelle führte uns an der Wohnung eines uns befreundeten erfolggekrönten Schriftstellers vorüber, den ich, weil sein wahrer Name nichts zur Sache tut, hier Conrad Sieben nennen will. Er hatte schon als blutjunger Student ein schönes, nebenbei durch einen hellen Kopf und fröhlich derben Witz geziertes Mädchen aus dem Volk geheiratet. Weil er auf diese Art darum gekommen war, sich vor der Hochzeit auszutoben, holte er die üblichen Jungmännerdummheiten als Ehemann mit desto heiligerem Eifer nach, ja, fast in einer Art von Pflichtgefühl. Es sah so aus, als wolle er sich selbst dadurch beweisen, daß er ein Künstler sei. Und da gerade ein Poet nicht gern mit seinem eignen Beifall vorlieb nimmt, waren die Seitensprünge Conrad Siebens eine öffentliche Angelegenheit und der Gesprächsstoff Schwabings. Als erste aber wußte sonderbarerweise immer seine Frau darum Bescheid. Inzwischen wird sie sich infolge steter Übung mit den Eigentümlichkeiten ihres Gatten abgefunden haben – damals war sie noch schwer von Eifersucht geplagt und machte hieraus ganz gewiß kein Hehl. Im Frühjahr 1901 nun spielte solch ein Fall, den sie besonders tragisch nahm. Ihr Conrad weilte schon seit Wochen fern von ihr in einer Großstadt Norddeutschlands und lag dort zu Füßen einer Tänzerin, an der das Interessanteste wohl war, daß sie, sei es mit Grund, sei es nur so zur Zierde, einen spanischen Namen adligen Gepräges führte. Und nebenbei half sie ihrer Bedeutung dadurch auf, daß sie sich als das gab, was man im Filmjargon von heute einen «Vamp» zu nennen pflegt. So reizte sie den Dichter denn nicht nur als Weib, sondern auch als Modell. In seinen viel gelesenen Romanen nämlich stellte er den Helden – Blut von seinem Blut und Geist von seinem Geist – gern mit zerrissenem Herzen zwischen zwei polar verschiedene Frauen: hie – um es kulinarisch auszudrücken – solid nahrhafte Hausmannskost, hie gaumenkitzelnder Kaviar-Ersatz! Mag also sein, daß die Betrübnis seiner treuen Jette diesmal besonders hohe Wellen schlug, weil sie schon ihres Mannes nächstes Buch vorausahnte – eins ist gewiß: sie litt, und Schwabing wußte um ihr Leid. Als wir uns nun an jenem Abend ihrer Wohnung näherten, sagte infolgedessen meine Frau zu mir: «Was meinst du: wenn wir Jette Sieben fragten, ob sie mitgehn will? Daß sie doch mal auf andere Gedanken kommt! Er läßt es sich bei seinem ausländischen Flitscherl wohl sein, sie darf verlassen Trübsal spinnen, und kein Mensch bekümmert sich um sie.» «Recht hast du!» gab ich zu. «Hungrige speisen, Dürstende tränken und Strohwitwen trösten ist ja Christenpflicht.» Gesagt, getan! Knapp eine halbe Stunde später saßen wir selbdritt in Münchens hübschestem Weinlokal und ließen es uns schmecken. Auch Jette Sieben wurde, nachdem sie sich erst wieder einmal richtig über ihren Conrad ausgesprochen hatte, kreuzfidel. Als wir dann schon an das Bezahlen und den Aufbruch dachten, öffnete sich die Tür, und es erschienen Frank Wedekind und Eduard von Keyserling. Spricht einer heute von dem Grafen Keyserling, so denkt zunächst wohl jeder an einen anderen als den zu Unrecht fast vergessenen Dichter Eduard. Damals aber war er der Berühmte; und ich weiß genau, was er mir sagte, als sein junger Neffe Hermann, der noch an keine Weisheitsschule dachte und von dem man nur mitunter Glossen in der «Neuen Rundschau» las, zuerst in München auftauchte. «Neein, lieber Korfiz», sagte dieser Rabenonkel in dem schönsten Kurisch-Deutsch, «ich find es wirklich unerfreulich, daß nun jeder Keeyserling sich eeinbildet, er muß auch schreeiben.» Wedekind also und Eduard von Keyserling begrüßten uns und setzten sich an unsern Tisch. Und damit durften wir drei andern uns gewiß sein, daß wir noch einen ebenso langen wie kurzweiligen Abend vor uns hätten. Denn ausdauernd beim Weine waren diese zwei sonst sehr verschiednen Freunde gleichermaßen, und jeder war auf seine Art interessant und geistreich im Gespräch. So zeigten sie sich denn auch heute, bis dann gegen zwei Uhr Keyserling, schon damals keineswegs ein Riese an Gesundheit, vom Trinken und vom Reden etwas müde wurde und mählich verstummte. Ganz anders Wedekind, der sich in jener Lebensperiode erst nachmittags um vier aus seinem Bette zu erheben pflegte und ein entschiedener Nachtmensch war. Ihm löste sich erst jetzt so recht die Zunge, und er hielt uns eine Art von Vortrag über sein Lieblingsthema: den genialen Wedekind. Nachdem er mancherlei ins Licht gestellt hatte, was ihm an seiner eigenen Person im Gegensatz zu andern Leuten aufgefallen sei, erzählte er, daß er nach seinem späten Mittagessen, bevor er sich über die abendliche Dichterarbeit hermache, ein halbes Stündchen auf der Chaiselongue zu liegen und sich in schwelgerische Träume zu versenken pflege. Er stelle sich zum Beispiel vor, daß er drei Töchter hätte, von denen die erste eine große Künstlerin, die zweite Lehrerin, die dritte aber Dirne würde. Die Ausmalung des Werdeganges und der erlebten oder unterdrückten Abenteuer dieser drei befruchte mächtig seine Phantasie und rege ihn aufs glücklichste zum Schaffen an. «Da würd ich mir doch lieber», fiel ich ein, «sechs Töchter ausmalen, die alle Lehrerinnen würden – das kostet auch nicht mehr und scheint mir viel phantastischer.» «Herrrr Holm, es überrascht mich nicht», klang es gereizt zurück, «daß Sie gerade auf die – Lehrerinnen fallen.» «Na, oder auch sechs Dirnen, wenn das Ihnen besser liegt», erwiderte ich nachgiebig. «Mir kam es nur auf das Moment der Häufung an.» «Was werfen Sie denn eigentlich den Dirnen vor?» rief Wedekind herausfordernd. «Ja, wann denn?» fragte ich. «Das ist der ranzige Pharisäerstandpunkt!» grollte er. «Meinen Sie etwa, diese Mädchen hätten einen leichten und erfreulichen Beruf?» «Nein. Aber darum mal ich mir für meine Töchter lieber andere Beschäftigungen aus. Na, überhaupt, ihr Theoretiker von Junggesellen redet euch da leicht!» «Wenn ihr die Prostitution so sehr verachtet, warum schafft ihr Praktiker sie dann nicht schleunigst ab?» erkundigte sich Wedekind. «Nach Ihnen!» sagte ich bescheiden. Er aber warf sich in die Brust. «Sie glauben mich damit wohl in Verlegenheit zu setzen, Herrrr Holm!? Zufällig aber weiß ich einen Weg, wie man nicht nur die Prostitution sofort beseitigen, sondern zugleich mit einem Schlag die soziale Frage lösen kann.» «Erbarmung, Frank», rief Keyserling, der schon seit einer Weile wieder hellwach geworden war, «da bin ich aber doch jespannt.» «Dazu gehört nur ein Gesetz», erklärte Wedekind, «wonach in Zukunft jeder Mann auch für die legitime Gunstbezeugung seiner Frau den angemessenen Barbetrag erlegen muß.» «Zahlungserleichterung wird nicht gewährt», warf ich dazwischen. «Euch noch was pumpen ...!» sagte Jette Sieben voller Ironie. Doch der von seinem großen Plan gepackte Reformator beachtete uns überhaupt nicht und fuhr fort: «Wenn der Verkehr mit jeder Frau zu honorieren ist, entfällt doch automatisch das Odium, das heute Millionen arme Mädchen deswegen außerhalb der Gesellschaft stellt. Und überschlagen Sie sich mal den ungeheueren Betrag, zu dem sich das im Deutschen Reiche binnen Jahresfrist summiert! Den zieht der Staat durch seine Kassenboten ein und hat dann größere Mittel, als er braucht, um aller Not im Volk ein Ziel zu setzen.» «Schön gedacht!» gab ich beifällig zu. «Nur ... Haben Sie noch nie was von dem populären Sport gehört, der ›Steuerhinterziehung‹ heißt? Wer wird fatieren, was man ihm doch kaum nachweisen kann!» «Herrrr Holm!» Und Wedekind verachtete mich tief. «Kein schöpferischer Gedanke der Menschheitsgeschichte wäre jemals Tat geworden, wenn man sich von den armseligen Bedenken trockener Vernünftler hätte hemmen lassen. Taugt die Idee etwas, dann halten technische Schwierigkeiten sie nicht auf.» «Sie meinen», sagte ich, «man soll den jungen Frauen bei der Hochzeit statt des Traurings einen rentamtlich plombierten Taxameter anmontieren?» Keyserling und die beiden Damen mußten lachen, und das reizte Wedekind noch mehr als meine Worte, zumal da er im Augenblick nicht die erwünschte überlegne Antwort darauf fand. So witzig er ganz ohne Zweifel war, wenn er seine Bonmots in Ruhe prägen konnte – die sprungbereite Schlagfertigkeit, die eine Stichelei, bevor sie wirksam wird, mit flinkem Gegenstich pariert, ging ihm vollkommen ab. Er half sich dann durch Grobheit aus der Klemme. Und so fauchte er mich jetzt entrüstet an: «Man scheint mich hier nicht ernst zu nehmen. Aber das charakterisiert nur Sie !» Ich tat bereits den Mund zu einer Antwort auf, ließ die dann aber unterwegs, weil meine Frau verstohlen mahnend mit ihrem Knie an meines stieß. Ich hatte es ihr schon vorher ein paarmal angemerkt, daß die mein eignes dickes Fell nur leise prickelnden Giftpfeilchen Wedekinds sie ärgerten. Ich lächelte also nur leise vor mich hin und sagte – nichts. Dies aber kam den andern völlig unerwartet und brachte es mit sich, daß Wedekinds ergrimmter Ausfall gegen mich nachträglich wie ein Stoß ins Leere wirkte, der irgendwie ein Loch in das Beisammensein gerissen hätte. Das Schweigen, das wohl fast eine Minute lang über der Tafelrunde lag, wurde von jedem als merkwürdig tief und hohl empfunden; und Jette Siebens Stimme klang erschreckend laut, da sie es mit den Worten unterbrach: «Wedekind hat ganz recht.» Sämtliche Köpfe fuhren jäh empor und musterten sie neugierig. Man fragte sich, ob diese Beifallskundgebung aus heiterem Himmel ein scharfes Urteil gegen mein frivoles Witzeln in sich schließe, oder ob sie nur den von Wedekind skizzierten Plan zur Lösung der sozialen Frage billigen wolle. Aber es erwies sich, daß sie unserem Gespräch nur noch mit halbem Ohr gelauscht hatte, seitdem das Dirnenthema angeschlagen worden und ihr dabei ihr Eheunglück wieder aufgestoßen war; denn sie fuhr fort: «Saudumm ist man! Er gibt sich mit dem Weibsbild ab – das Richtige wär, wenn ich ihm täglich Hörner aufsetzte! Ich hab nur leider Gottes den Moment verpaßt! Wenn man so lang wie ich eine anständige Frau geblieben ist, kann man mit dem schon nicht mehr anfangen. Aber meine Trude, dafür sorg schon ich, darf nicht so blöd sein und soll ganz bestimmt ne Dirne werden!» Der ganze Kreis sah sie und sah einander betreten an. Denn jeder wußte, daß die kleine Trude Sieben kürzlich erst ihr fünftes Jahr vollendet hatte. Und zum Schluß gab meine Frau der Meinung aller, oder doch der Mehrheit, mit den Worten Ausdruck: «Liebe Jette, wart doch ab, ob denn das Mädel, wenn es so weit ist, auch Lust dazu verspürt.» Nun aber warf Frank Wedekind mit kühnem Ruck das Kinn empor und redete Frau Jette feierlich so an: «Gnädige Frau, Sie sind eine Tragödin, aber Sie finden heute nur Salonmenschen als Gegenspieler.» Keyserling und ich wechselten heimlich einen Blick, denn wir genossen es mit reiner Künstlerfreude, wie sehr hier Wedekind sich wieder einmal selber glich. Merkwürdigerweise aber nahm meine Frau, die sonst doch Eleganz für keine Schande hielt, ihre Einreihung unter die Salonmenschen entschieden krumm. Dies war der Tropfen, der den schon zuvor allmählich bis zum Rande vollgeronnenen Becher ihres Zornes überlaufen ließ. Sie teilte Wedekind ihre Mißbilligung unverblümt und deutlich mit. Was er dagegen vorzubringen hatte, klang noch viel gereizter; und es entspann sich eine jener Kontroversen, bei denen jeder Teil im Grunde immerfort das gleiche wiederholt und dessen nur nicht müde wird, weil er dem anderen das letzte Wort nicht lassen mag. Nach diesem Maß gemessen, muß ich sagen, wirkte Wedekind hier zweifellos als der Weiblichere von den zwei Kämpen. Ich merkte bald, daß meine Frau den Tränen nahe war; und darum griff ich ein: «Herr Wedekind, Sie scheinen zu vergessen, daß Sie eine Dame vor sich haben. Hören Sie gefälligst auf!» «Aufhören? Ich? Sie glauben offenbar: wenn jemand weiter nichts als eine Dame ist, gibt ihm das schon das Privileg, einen, der doch am Ende etwas mehr sein dürfte, straflos zu beleidigen? Und ich soll alles schweigend einstecken und dazu wohl noch einen Kratzfuß machen und verbindlich grinsen?» «Sie brauchen gar nichts schweigend einzustecken. Kommen Sie morgen zu mir aufs Büro und reden Sie dort, bis Ihr Drang gestillt ist! Halten Sie sich an mich!» Doch daran dachte der erboste Dichter nicht im Traum; er wendete sich vielmehr ungesäumt wieder zu meiner Frau: «Gnädige Frau, es ist zwar das Bequemere für Sie, sich hinter Ihr Geschlecht und Ihren Gatten zu verschanzen ...» Ich fiel ihm aber kräftig in den Satz: «Herr Wedekind, verlassen Sie jetzt, bitte, meinen Tisch!» «Den Tisch verlassen?! Ich?! Wieso? Warum?» «Weil Sie sich schlecht benehmen!» sagte ich und wußte, kaum daß mir dies Wort entschlüpft war, was ich angerichtet hatte. Gerade Wedekind ließ es sich ja unendlich viel Nachdenken kosten, wie er sein Benehmen zwar abweichend von der Norm, doch streng in seinem eignen – und etwa noch des großen Casanova – Stil zu ziselieren hätte, um da die Krone der Vollendung zu erringen. Er wurde also kreidebleich, und seine ohnehin sonore Stimme ließ die erschrockenen Wände widerhallen: «Ach?! Ich benehm mich schlecht? Ganz, wie Sie meinen, Herrrr Holm! Ich aber, sollte ich doch glauben, habe Sie noch nicht dem münchner Polizeipräsidium denunziert!» An diesem Ausfall war mir nur das eine neu, daß Wedekind mir hier urplötzlich etwas in die Schuhe schob, dessen er zwar häufig Albert Langen, aber bisher noch niemals mich bezichtigt hatte, auch hinter meinem Rücken nicht – sonst wäre es mir in dem lieben Schwabing sicher zugetragen worden. Da ich mich nun gar nicht getroffen fühlte und auch wußte, daß Wedekind das nur so in der Wut hervorschrie, ohne selbst daran zu glauben, erregte mich die ehrenrührige Beschuldigung weit weniger, als man annehmen sollte. Sie aber einfach auf mir sitzen lassen konnte ich nicht gut. Und so erhob ich mich zu meiner ganzen Länge, holte eindringlich warnend mit der Rechten aus und rief: «Nun aber schnell! Sonst helf ich nach!» «Jetzt wird's gemütlich!» feixte Wedekind, indessen er geduckten Nackens in die Höhe kam. «Es ist mir selber lieber. Glauben Sie mir das?» Hierauf verneigte er sich leicht: «Frau Jette Sieben ...! Graf Keyserling ...!» Warum er seinen Duzfreund plötzlich mit dem Grafentitel ehrte, weiß der liebe Gott. Zum Schluß noch ein mir lässig an den Kopf geworfenes: «Sie werden von mir hören!», und er begab sich stolz erhobnen Hauptes in das Nebenzimmer. «Weei, schade», sagte Keyserling mit einem Schmunzeln, das sich über uns alle gleichermaßen lustig machte, «zu schade, daß der sonst beei Gott jelungene Abend dies vorzeeitije Ende fand. – Tja, leeider muß ich aber wohl ... Da ich nu mal mit diesem Herrn jekommen bin ...» Auch er stand also auf und folgte Wedekind – wahrhaftig kein Adonis und kein Elegant, und trotzdem Graf und Weltmann von den Fersen bis zum rauhaarigen blonden Schopf, ein seiner Sicherer, der sein Benehmen längst auswendig weiß – par cœur , wie der Franzose sagt – und ihm gewiß keine Gedanken schenkt. Gehört hab ich von Wedekind in dieser Sache niemals wieder eine Silbe, weder aus seinem eignen Mund, noch durch Vermittlung eines anderen. Er grüßte einfach meine Frau und mich nicht mehr, sah krampfhaft weg, wenn wir uns irgendwo begegneten, und zeigte uns mit jeder Miene und Gebärde, daß an unsere Todfeindschaft nicht zu tippen sei. Nun gut, wir tippten also nicht daran. Eine etwas verzwickte Lage schuf es bloß, daß ich ja Wedekinds Verleger war, und daß er mich deshalb des öfteren in Geschäften aufzusuchen hatte. Aber er bezwang das schwierige Problem mit Leichtigkeit und zeigte mir, wie sich ein in Gedankenglut gehärteter Manieren-Fachmann zu benehmen weiß. Es war mir jedesmal ein kostbares Erlebnis und ein Studium, wie reinlich er da den Verleger, den er mit kühler, peinlich korrekter Höflichkeit um Vorschuß bat, vom Menschen Korfiz Holm zu trennen wußte, dem er durch einen starren Blick in seine Augen zeigte, daß er ihn überhaupt nicht sah. Ich konnte dabei häufig nur mit knapper Not mein Lachen niederzwingen, er jedoch saß mir in seinem Ernste unerschütterlich wie eine altägyptische Granitbildsäule gegenüber. Daß sich dies strenge Antlitz ohne Gnade mir je wieder freundlich lächelnd neigen könnte, glaubte ich nicht. Es wäre auch ganz sicher nie geschehen, wenn nicht einige Zeit, ein Jahr, vielleicht auch zwei, nach unserem Krach der Hofrat Rosenberg aus Rußland – Kiew, Charkow oder sonst woher – am Himmel Schwabings aufgegangen wäre wie ein feuriger Komet. Gleich einem solchen lenkte dieser Mann, von dem zuvor kein Mensch ein Wort vernommen hatte, die Augen dieses sonderbaren Stadtteils mit magnetischer Gewalt auf sich. Sein Äußeres schon schien diese Wirkung zu rechtfertigen: er hätte gut und gern für einen Revenant des seligen Grafen Trast von Sudermann passieren können – so ungemein ausführlich wallte ihm der lange schwarze Bart auf die gewölbte Brust, solch weltmännisches Air lieh ihm das vor sein rechtes Auge hingeklemmte Einglas. Diese auffällige Erscheinung aber und der Umstand, daß er darauf versessen war, sich in verschiedenen Künsten dilettantisch zu betätigen, waren den Schwabingern noch nicht das wichtigste – viel interessanter war das elegante Handgelenk, das dieser offenkundige Millionär beim Geldverschwenden sehen ließ. Man witterte in ihm die «Wurzen», wie der Münchner sagt, um ein organisches Gebilde zu bezeichnen, das sich bequem «ausziehen» läßt. Der Hofrat wurde sicher ununterbrochen angepumpt; ob mit Erfolg, das weiß ich nicht – ich hab es nicht probiert. Mir scheint es auch recht fraglich, ob ein Herr mit einem solchen Propagandabart darauf erpicht sein kann, Wohltaten im verborgenen zu üben. Doch ließ er sich stets gern dafür gewinnen, durstige Künstlerseelen freizuhalten, sonst nicht verkäufliche Gemälde gegen bar an sich zu bringen, Abfassung und Druck von literarischen Erzeugnissen zu finanzieren, die ihm dann allerdings gewidmet werden mußten, und dergleichen mehr. Besonders die «Elf Scharfrichter», die es auch ehrlich brauchen konnten, erfreuten sich seiner tatkräftigen Protektion; und der Scharfrichter Heinrich Lautensack hat zu der Zeit sogar ein kleines Werk unter der schönen Überschrift «Der Hofrat erzählt» aus den gepreßten Tiefen seiner Dichterseele auf den Büchermarkt geschleudert. Er war den Schwabingern mithin ein Born der Freude und ein Wender mancher Not. Zum Danke dafür raunten sie einander, sowie jedem, der es hören wollte, streng diskret ins Ohr, der Hofrat sei bestimmt ein russischer Spion, und nur aus diesem Grund verfüge er über das klotzige Geld. Natürlich war das nur Geschwätz. Denn für so ahnungslos darf die zaristische Regierung doch wohl nicht gehalten werden, daß sie ihre Spione mit den Goldfregatten just auf das liebe Schwabing losgelassen hätte. Zudem verdankte Rosenberg den Hofratstitel gar nicht Rußland, sondern Preußen, wie denn auch das Bändchen, das sein Knopfloch vor Nacktheit behütete, dem Roten Adlerorden vierter Kasse angehörte. Für welche Verdienste um den oder welche Stiftungen für den Staat der Gute sich besagte Auszeichnungen zugezogen hatte, weiß ich nicht; aber ich nehme an, daß sie ihm nicht gerade für die erfolgreiche Ausschnüffelung politischer Geheimnisse des Deutschen Reichs verliehen worden sind. Nun, diesem Hofrat also fehlte es an Leuten, die sich in seinen Dunstkreis drängten, sicher nicht. Aber mit diesen kleineren Göttern umzugehen, schien ihm doch erst das halbe Glück. Sein Ehrgeiz war, die «Prominenten» Schwabings, wie man heute sagen würde, die Leute, die ihm nachzulaufen weder Lust noch Anlaß hatten, ebenfalls in seinen Kreis zu ziehen. Und darum lud er eines Tages alles, woran ihm aus diesem Grund gelegen war, für nächsten Donnerstag zu einem feierlichen Frühstück auf sein Atelier. Ob er in diesem, das bestimmt eines der größten von ganz München war, je einen Strich gemalt hat, weiß kein Mensch. Ich nehme aber an, daß er es mehr für seine Mäzenatenpflicht erachtete, in einem Raum mit Nord- und Oberlicht zu wohnen. Jedenfalls waren alle Wände dort mit prunkvoll goldgerahmten Ölgemälden buchstäblich gepflastert – Kunstwerken von der Art, die man in Schwabing «Atelierscheps» nennt. Ohne zu wissen, was er dafür ausgegeben hatte, durfte man getrost behaupten: «sie sind überzahlt», weil etwas andres schlichterdings unmöglich war. An einem strahlenden Herbstvormittag um elf Uhr also versammelten sich hier die schwabinger «oberen Fünfunddreißig oder Vierzig». Kaum einer hatte abgesagt, weil man sich ja nach dem, was man vom Hofrat wußte, an Speis und Trank Erlesenes versprechen durfte. Und er bewies es, daß er in der Tat begriffen hatte, was er uns schuldig war. Es liegt mir fern, die Gänge dieses Frühstücks aufzuzählen – ich erwähne nur, daß es mit einem Kaviar begann, wie ich ihn sonst in Deutschland nie gegessen habe, und den sich Liebhaber aus ungeheuren Suppenterrinen pfundweise auf den Teller schaufeln konnten, und daß nach den köstlichen russischen Schnäpsen, die es zu dem Kaviar gab, das einzige Getränk, das überhaupt serviert wurde, ein trockener und äußerst rassiger französischer Champagner war. So raffiniert sich unser Wirt nun auch in der Zusammenstellung des Menüs und in der Wahl des Weins erwiesen hatte – in der Platzanweisung für die Gäste zeigte er, zumal was meine bescheidene Person betrifft, nicht diese unfehlbare Hand. Es waren lauter kleine Tische aufgestellt, und diesem Unglückshofrat mußte es passieren, daß er dabei Frank Wedekind und mich nebst einer einzigen, übrigens sehr netten, jungen Frau zusammenbrachte. Wir beiden Feinde saßen uns, natürlich ohne uns zu sehen, Aug in Auge gegenüber, die Dame zwischen uns. Sie schaute uns des öfteren in bangem Zweifel an und schien uns nicht für ganz normal zu halten, was wir ihr schließlich nicht so sehr verübeln konnten. Wir beiden Kavaliere richteten, der eine von der rechten Seite, der andere von links, das Wort allein an sie und schwiegen das männliche Gegenüber steinern an. Daß da die Unterhaltung etwas kompliziert und mühsam war, kann man sich denken. Darin zu pausieren, ging aber auch nicht recht. Wenn man in einem Raum, wo so viel Zungen lebhaft schnattern, selbst verstummt, fühlt man sich von dem Lärm der andern gar zu bald betäubt und blöd gemacht. Und «Lärm» ist ein zu schwacher Ausdruck dafür, was hier im Gange war. Vormittags macht der Alkohol, wie jeder weiß, die Stimmung ganz besonders schnell vergnügt und führt die Leute auf dem nächsten Weg in die Gefilde nur noch halb bewußter seliger Entrücktheit. So kann auch ich nicht mehr im einzelnen genau berichten, was in den nächsten ein, zwei Stunden alles vor sich ging. Ich weiß noch, daß im Anfang von den Nachbartischen her so mancher, der um unsere Feindschaft wußte, amüsiert herüberlächelte, und daß sich besonders Eduard Keyserling und auch Max Halbe ein Vergnügen daraus machten, immerfort Frank Wedekind und mir in schnellem Wechsel zuzutrinken. Und dann erinnere ich mich klar an gar nichts mehr. Das erste, was dann wieder scharf umrissen aus dem Nebel tritt, sind ein kohlschwarzer Vollbart und ein blitzendes Monokel, und dazu noch etwas Rotes, Glänzendes: des Hofrats Rosenberg zu mir herabgebeugtes freundliches Gesicht. Und während er die Hand begütigend auf meine Schulter legt, raunt er mir leise und auf russisch zu: «Erbarmen Sie sich, Korfiz Dmitrytsch, ich bin désolé ! Ich habe nicht gewußt, bei Gott, daß Sie mit diesem andern Herrn verfeindet sind.» Ich aber lehnte mich in meinem Stuhl zurück, lächelte unsern Wirt gemütlich an und sagte laut und ungeniert auf deutsch: «Teuerster Hofrat, Ihre Verzweiflung kommt zu spät: jetzt haben Wedekind und ich gerade – Brüderschaft getrunken.» Verhängnisvoller Fettfleck Ich will, und nicht etwa, weil mich anständigerweise Reue plagt, sondern ganz einfach, weil es mich so freut, hiermit vor Gott und aller Welt bekennen, daß ich einmal sehr stark an einer zum Glück inzwischen längst verjährten Dokumentenfälschung beteiligt war. Und das kam so: Im Spätherbst 1898 hatte das leipziger Gericht, wie ja der Leser dieses Buches weiß, dem Zeichner Th. Th. Heine wegen Majestätsbeleidigung sechs Monate Gefängnis zuerkannt. Man legte es dem Künstler nah, er solle um Begnadigung bitten. Er lehnte dieses ab, und wir, die Redakteure des «Simplicissimus», gaben ihm darin recht, empfanden es aber als unsere Pflicht, alles dafür zu tun, daß diese übertrieben harte Strafe wenigstens zu Festungshaft gemildert werde. Das beste Mittel zu dem Zweck erblickten wir in einem Gnadengesuch, das von recht vielen und nach Möglichkeit berühmten Malerkollegen Heines unterzeichnet werden müsse. Ungesäumt entwarfen wir den Text dazu und ließen ihn auf einem Büttenbogen von dem vorgeschriebenen Kanzleiformat sehr schön ins reine schreiben. Und weil es der Beherrscher aller Sachsen war, der das Begnadigungsrecht zu üben hatte, schien es uns vorteilhaft, dafür zunächst ein paar Kapazitäten zu gewinnen, die ihre Kunst im Schatten seines Zepters übten. So fuhr ich denn nach Leipzig und trug dort mein Anliegen Max Klinger vor. Der marmorstaubige Meister sagte mir höchst schmeichelhafte Dinge über Th. Th. Heine und den «Simplicissimus» und gab mir seine Unterschrift bereitwilligst, erklärte aber, als ich mich nach weiteren Künstlern von Bedeutung hier in Leipzig oder auch in Dresden erkundigte, im schönsten Sächsisch: «Nee, da gibt es keenen außer mir. Fahren Se ruhig wieder heeme! Sind bei Ihnen unten ja genug.» Was blieb mir übrig, als dem Rat zu folgen! Hier in München nun schien es uns richtiger, nicht selber zu den, wie man an der Isar sagt, Großkopfeten der Kunst zu gehen, sondern den königlichen Hofschauspieler Alois Wohlmuth damit zu betrauen. Gehörte er doch der volkreichen Zunft der «Skizzenmarder» an und war in dieser Eigenschaft auf allen Ateliers bekannt und in so manchem beinah wie daheim. Vielleicht sprach bei uns auch die Hoffnung mit, der oder jener Maler würde schon aus froher Überraschung unterschreiben, wenn er merkte, daß der tüchtige Besucher dieses Mal kein «kleines, kleines Schkizzerl» von ihm wollte. Wohlmuth selbst war schon aus ehrlicher Begeisterung für die Sache zu der Rundreise bereit und hoffte außerdem im stillen wohl, es möchte nebenher auch hier und dort ein hübsches Stück für seine Sammlung dingfest zu machen sein, auf alle Fälle aber könnte Heine selbst sich schwerlich darum drücken, ihm für seine saure Arbeit mit der Tat zu danken. Als ersten suchte Wohlmuth Lenbach auf, einmal, weil der ja doch am meisten von sich reden machte, dann aber auch, weil er ein ganzer Kerl war und zu viele Majestäten schon persönlich hatte kennen lernen, um noch vor Thronen untertänigst zu ersterben. Er malte seinen Namen ohne Zögern neben den von Klinger hin, und damit war die Sache schon geschafft. Denn hinter seinem breiten Rücken fühlten sich auch weniger mutige Naturen gut gedeckt, ja, wagten seinem Beispiel gegenüber gar nicht Nein zu sagen. So hatte Wohlmuth denn die ihm gestellte Aufgabe bereits am zweiten Tage seiner Wanderung glücklich erfüllt, das heißt: glücklich bis auf ein recht fatales Pech, das ihm begegnete, als er dem königlichen Akademieprofessor Wilhelm von Diez als letztem in der Reihe auf die Bude stieg. Dieser, der eben am Verspeisen seiner Frühstückssemmel war, nahm gleich die Feder in die Hand und unterschrieb; doch da nun Wohlmuth, der einfach nicht anders konnte, ihn sofort darnach mit dem charakterspielerischen Händereiben und dem höchst verdächtigen Grinsen, das er sich für seine Rollen auf der Bühne angeeignet hatte, um eine «so, so winzige, klitzekleine Bleistiftzeichnung» bat, fiel dem erschrocknen Diez die Semmel aus der Hand und selbstverständlich mit der Butterseite auf das Bittgesuch. Man kann sich also vorstellen, in welchem Zustand sich das Ding befand, als Wohlmuth es uns strahlend übergab. Ihm selber schien die Sache nicht so schlimm, er sagte kühn, der Fettfleck würde überhaupt kaum noch zu sehen sein, wenn wir nur das Papier mit einem heißen Eisen zwischen zwei Löschblättern bügelten. Aber das war umsonst: das Unglück wurde dadurch eher sichtbarer. Nein, so ließ sich das Gesuch nicht an das kleinste Amtsgericht, geschweige denn an einen König senden. Was war da zu tun! Noch einmal zu Max Klinger fahren und hernach den braven Wohlmuth noch einmal durch alle Ateliers von München laufen lassen, um zuschlimmerletzt das neue Dokument auch wieder butterfleckig in die Hand zu kriegen? Dafür war erstens schon die Zeit zu knapp; und wußte man es ferner so genau, ob nicht inzwischen dem oder jenem Kunstprofessor seine eigne Tapferkeit höchst unheimlich geworden sei, so daß er sich jetzt lieber unter irgendeinem Vorwand drückte! Nein, so ging das nicht. Es gab nur einen Weg: wir ließen uns von dem Klischeur des «Simplicissimus» den besten Lithographen schicken, den er hatte, und trugen ihm die Sache vor. Der Mann verstand uns gleich, packte das Dokument in seine Mappe und verschwand. Am zweiten Tag darnach kam er und gab es uns verdoppelt wieder, in zwei Exemplaren, deren ganzer sichtbarer Unterschied nur in dem Fettfleck lag, der eins von ihnen schändete. Berechnet wurden uns für diese Hilfe nur der übliche Stundenlohn, ein Büttenbogen im Kanzleiformat, sowie fünf Fläschchen Tinte in den Farben hellblau, dunkelblau, rötlich, grün und violett. Das Dokument war nämlich nicht nur strichgetreu, sondern auch völlig farbentreu kopiert; das Duplikat schlug in bezug auf Echtheit fast das Original. Auf die Gefahr hin, daß nun mancher Ehrenmann vielleicht nicht mehr mit mir verkehren wird, bekenne ich: wir machten uns nicht einmal ein Gewissen daraus, dem Landesvater Th. Th. Heines diese Fälschung zuzuschicken, nein, im Gegenteil, wir freuten uns wie Lausbuben und fragten uns in unserm Übermut, ob man denn nun nicht noch ein halbes Dutzend große Namen widerrechtlich für die gute Sache kapern solle. «Nehmen wir doch einfach Dürer, Holbein, Raffael und Michelangelo!» schlug ich, der damals jung und frech war, vor. «Die Sachsen droben werden höchstens sagen: ‹Na nu nee, mir hätten doch geschwor'n, die sin schon ä baar Jahre dot.›» Wir sahen bei genauerer Besinnung aber doch von solchen Bocksprüngen ab; und dieser Rest von Schamgefühl wurde denn auch belohnt: das falsche Dokument erfüllte seinen Zweck, und Heine kam statt in das leipziger Gefängnis auf den Königstein. Die Autographensammler aber sind gewarnt! Das Geheimnis des Erfolges Lovis Corinth, der sich zwar damals noch nicht Lovis nannte, sondern nur von Freunden so gerufen wurde, weil er seinen Vornamen Louis gern in altrömischen Versalien (LOVIS) schrieb, erzählte mir einmal – es war in einem von den ersten Jahren unseres Jahrhunderts – eine Geschichte, so aufhellend für das Wesen des Erfolges, wie der Umstand, daß er dies wohl jedermann zum besten gab, bezeichnend für ihn selber war: für seine unverdorbne Klugheit, die das eigne Werk, auch wenn es ihm Erfolg errungen hatte, sachlich ansah, und für seine jedem geschwollenen Getu entschieden abgeneigte Ehrlichkeit. Corinth, den eigentlich die münchner Maler wegen seines Mangels an Routine nie so richtig ernst genommen hatten, war das Jahr vorher durch die Ausstellung seiner «Salome» in der berliner Sezession mit einem Schlag berühmt geworden. Er hatte daraufhin, zum Teil aus Dankbarkeit, zum größeren Teil aus praktischen Erwägungen, sein Arbeitsfeld von München nach Berlin verlegt. Nun kehrte er, zum erstenmal als einer, der «was vorstellte» – so drückte er es selber mit naiver Freude aus –, für ein paar Sommermonate in seinen alten Münchner Kreis zurück. Als ich ihm da beim Wiedersehen herzlich gratulierte, lachte er und sagte in dem breiten Ostpreußisch, das er sich über die pariser und die münchner Jahre unverfälscht hinweggerettet hatte: «Nu, es war sehr nett und hat mich auch jefreeut. Das Sonderbare aber daran is doch, daß ich den Erfolg nich dem verdanke, was an Können in dem Bilde steckt, sondern – passen Sie mal auf! – dem Jejenteeil. Sie wissen ja, daß meeine Salome dem Haupte des Johannes mit dem Zeeijefinger an dem eeinen Augenlide pulkt. Nu war das Bild vorijes Jahr in allem übrijen längst fertig, als ich immer noch auf Deeiwel komm heraus am Blick der Salome herumzupinkern hatte. Denn das Luder sollte den Johannes dabeei ankucken, aber das bekam ich eeinfach nich heraus, solang ich auch probiert hab und probiert. Immer kuckte die Marjell so schepp darüber weg, weeiß Gott wohin. Ich war direkt verzweeifelt und manchmal vor Wut schon drauf und dran, den ganzen Schinken wieder abzukratzen. Aber da, an eeinem schönen Tage im April, klopft's an die Tür von meeinem Atelier – und wer tritt eein? Keein anderer als Walter Leeistikow von der berliner Sezession mit seeiner Frau, die ich schon von jeher als sehr jescheeite Dame schätze, und die den berliner Rummel aus dem Eff-eff kennt. Nu schön, ich zeeije ihnen meeine Salome, und – denken Sie mal an! – das erste, was die Leeistikow davon zu sagen weeiß, is: ‹O, famos! Eein starkes Bild! Das Feeinste aber daran is, wie sich die Salome trotz all ihrem Sadismus doch nicht überwinden kann, den Kopf des Jochanaan auch richtig anzukucken, obgleich sie ganz entschieden will, daß es so wirkt.› – Da sah ich aber Land und dachte mir: Schluß, weeiter setz ich keeinen Pinsel an – soll's jehen, wie es jeht! – Und ... hat sie nu nich recht behalten, die Frau Leeistikow? Was ich für ne Verzeeichnung hielt, jerade das hat den Erfolg jemacht. Ich hab ihn also nich jezwungen, sondern bin hereeinjetappt, weeil – es mich zwang, nich wahr?» Venedig durch die Lupe Unter der ‹Lupe› will ich hier ein Instrument verstanden wissen, durch das einer begierig sucht, was an der Stelle, die er sich betrachtet, nicht vorhanden ist und nicht gefunden werden kann. Das Leben wäre reicher, wollte man bei jedem Ding das Gute und das Schöne, das es hat, mit offnem Sinn und Herzen dankbar schätzen, statt zu vermissen, was nach unserer dummen Meinung daran fehlt. Daß mir Venedig zum Beweise dafür dienen muß, wie fern solch unbefangene Aufnahmefähigkeit den meisten Menschen liegt, hat seinen Grund in dem Besonderen dieser Stadt, das jedermann zur Stellungnahme reizt, und in Zufällen des persönlichen Erlebens. Denn all die sonderbaren Äußerungen, den ich hier verzeichnen werde, hab ich mit eignem Ohr gehört; und man wird sehen, daß es wenig sagt, ob einer eine Weltberühmtheit ist oder ein namenloser Durchschnittsmensch – im Mißbrauch ihrer inneren Lupe geben sie einander gar nichts nach. Als junger Ehemann wollte ich Pfingsten 1900 meiner Frau Venedig zeigen, das ich selbst von früher her schon kannte. Kaum dort angekommen, trafen wir auf dem Markusplatz den damals äußerst populären berliner Journalisten Alfred Holzbock, einen besonderen Liebling August Scherls sowie der Leser des «Lokalanzeigers». Er reiste für sein Blatt viel in der Welt herum; wo etwas los und wo es schön war, traf man ihn und konnte später seine, wie er selber fand, «urwüchsigen» Berichte darüber lesen, die sich, von Sachkenntnis ganz ungetrübt, als sogenannte Stimmungsbilder gaben. Weil er bei unserer Begrüßung darauf hinwies, daß er bereits zum elften Male in Venedig sei, versah ich mich von ihm ganz raffinierter Winke für die Besichtigung der Stadt. Er aber wußte dafür ein Rezept, das jedenfalls den Vorzug großer Kürze hatte: «Gnädige Frau sind hier zum erstenmal? Dann darf ich Ihnen vielleicht einen Rat erteilen: Nur ja nicht zuviel ansehn! Wer den Dogenpalast von innen und die Markuskirche von außen kennt, der kennt Venedig ganz. Von innen, da enttäuscht die Markuskirche.» Das ist nun heute gut ein Menschenalter her, und immer noch zerbreche ich mir ganz umsonst den Kopf darüber, was sich Alfred Holzbock von dem Inneren der Markuskirche eigentlich versprochen haben mag. Die andern Leute, deren Äußerungen ich hier wiedergeben will, gaben mir Gott sei Dank nicht solche schweren Rätsel auf. So sagte mir der namentlich als Maler von bewegtem Wasser hochgeschätzte Norweger Fritz Thaulow einmal in Venedig, es könnte ihn schon reizen, hier etwas zu malen; aber nur bei Regenwetter. Denn die ewige Bläue, in der Meer und Himmel hier erstrahlten, irritiere ihn. Ein völlig davon abweichendes Urteil fällte meine gute Tante Lina aus dem Baltenlande, die nach ihrer ersten Italienfahrt in München zu mir kam. «Und wie gefiel dir denn Venedig?» fragte ich. «Weei, davon war ich wohl entteeuscht», erklärte sie mit einiger Bitterkeit, «es is ja nich mal halb so blau, wie man sich vorstellte!» Sie hatte sich ihr Wunschbild der Lagunenstadt nach Öldrucken und Ansichtskarten koloriert. Und eine Geistesgröße wie Frank Wedekind mißbilligte Venedig nach seinem ersten Aufenthalte dort, weil es so «ungepflegte» Häuser hätte und kein so bewegtes Straßenleben wie Paris. Den schönsten Ausspruch aber von der Art verdanke ich einer mir sonst ganz unbekannten Sächsin, die bei einer Dampferfahrt über den Gardasee durch Zufall ganz in meiner Nähe stand. Wir machten eben in Gardone halt, da sagte sie zu ihrem zweckmäßig in Lodenstoff gehüllten, rucksackbeschwerten Mann: «Du, hier gefällt es mir viel besser als wie in Vened'ch: man sieht doch etwas Grienes.» Und dabei trug diese Dame außer der unsichtbaren Lupe eine grüne Sonnenbrille im Gesicht! Könnte Venedig noch Venedig sein, wenn alle Wünsche seiner kritischen Besucher sich erfüllten? Mainberger Erinnerungen Wer hätte nicht von Schloß Elmau gehört, dem gastlichen Haus am Fuß des Wettersteins, das Dr. Johannes Müller denen offen hält, die sich bei ihm in seelischen oder praktischen Lebenszweifeln Rats erholen wollen, und allen, die es freut, den Dunst verstaubter Konvention für ein paar Wochen unter sich im Tal zu lasten und einmal den Nächsten unbefangen zu genießen, ohne sich darum zu scheren, was er im Leben draußen vorstellen und bedeuten mag! Den vielen, die sich dort Erfrischung holten, mag es nicht unwillkommen sein, von einem, der dabei war, zu erfahren, wie es vor einem Vierteljahrhundert ungefähr auf dem Schloß Mainberg ausgesehen hat, der Keimzelle von Schloß Elmau. Hier war es ja, wo Dr. Müller damit begann, seine Gedanken über eine neue, persönlichere Lebensformung, für die er früher schon durch Vorträge und seine Vierteljahrsschrift «Grüne Blätter» eingetreten war, am lebenden Subjekte zu erproben. Nun ist es nicht verwunderlich, wenn sich gerade in den Anfängen eines solchen Unternehmens der Hang zeigt, das erstrebte «Neue» auch nach außen sichtbar darzutun. Während man jetzt auf Schloß Elmau nicht anders angezogen geht als überall, war bei den richtig zielbewußten «Mainbergern» jener Zeit eine Art Wandervogeltracht im Schwang. Wer etwas auf sich hielt, ging in Sandalen ohne Strümpfe, die Männerwelt war auf den Schillerkragen eingeschworen, die Damen, und zumal die jungen Helferinnen, zogen zeitlose «Gewänder» richtigen Kleidern nach der Mode vor. Im nahen Schweinfurt schüttelte die Bürgerschaft den Kopf ob dieser höchst auffälligen Gestalten («mit nix an die Füß und ä Kränzel im Hoor») und sah Schloß Mainberg allen Ernstes als so etwas wie ein Irrenhaus für nicht direkt gemeingefährliche Patienten an. Dies war gewiß eine Verkennung der Wirklichkeit, doch läßt sich's nicht bestreiten, daß es unter den Gästen dort auch sonderbare Käuze gab, und mehr davon, als man gemeinhin sonst in Sommerfrischen kennen lernt. Dafür bekam ich schon sehr bald nach meiner Ankunft auf Schloß Mainberg einen bündigen Beweis. Ich hatte mich im Sommer 1896 von einer mir verwandten Johannes-Müller-Enthusiastin überreden lassen, für ein paar Ferienwochen hinzugehen, obgleich ich vor den «neuen Menschen», die dort hausen sollten, eine leise Scheu empfand. Ich traf gerade recht zum Abendessen ein, verhielt mich während dieser ersten Mahlzeit, bei der ich zwischen zwei gleichfalls nicht redseligen Damen saß, recht still und ließ nur meine Augen prüfend über die Tafelrunde gleiten, ohne daß sich die mitgebrachte Scheu merkbar vermindert hätte. Nach Tisch standen die Gäste gruppenweise lebhaft plaudernd auf dem Schloßhof herum. Ich armer Neuling setzte mich mit dem Gefühl vollkommener Verlassenheit in einen Gartenstuhl zu Füßen eines riesigen Platanenbaums, zündete mir zum Troste eine Zigarette an und musterte den Hauptbau des vor Zeiten fürstbischöflichen Schlosses, dessen drei Giebel in der Abendsonne glühten. Das war Architektur nach meinem Sinn, doch trotzdem fühlte ich mich fehl am Ort. Da knarrte neben mir ein andrer Stuhl, ich wendete den Kopf: zu meiner Rechten saß ein vierzigjähriger Herr und starrte mir so deutlich staunend ins Gesicht, als wäre ich ein Wundertier. Ich aber fand, daß eigentlich wohl ich mehr Grund zum Staunen hätte. Denn die Erscheinung und vor allem die Gewandung dieses Fremden war nicht alltäglich. Er hatte nichts am Leib als vorne offene Sandalen, eine wie ausgewachsen wirkende Hose aus gelblichem Zwilch, eine Netzjacke und darüber ein hellgraues, kurzes Schoßröckchen, das weit offen stand. Man war dem mächtigen Vollbart, den er trug, dankbar dafür, daß er ihn doch ein bißchen weniger unbekleidet wirken ließ. Dieser Mitmensch also wippte lebhaft mit den gewaltigen großen Zehen auf und nieder, drehte die Daumen und begann: «Sie sind zum erstenmal in Mainberg; nicht, Herr Holm?» «Ja», gab ich kurz zurück. «Da werden Sie sich an so manches erst gewöhnen müssen.» «Kommt mir fast auch so vor.» Ich gönnte ihm nur einen flüchtigen Seitenblick. «Sie sind, wie ich vernehme, Schriftsteller, Herr Holm?» «J–ja.» «Was pflegen Sie denn so zu schreiben?» «Je nachdem, wie es sich trifft.» «Was haben Sie denn beispielsweise jetzt zuletzt verfaßt?» «Einen Roman», warf ich gelangweilt hin. «Mit Müllerschen Ideen?» forschte er. «Weiß nicht. Ich kenne die Ideen Doktor Müllers nicht.» «So? Also ohne Weltanschauung!» Und er schüttelte mitleidig seine braungebrannte Glatze. Nun muß ich diesen sonderbaren Herrn wohl zu belustigt angesehen haben, denn er verlor auf einmal seine schöne Unbefangenheit. Dies zu verbergen, stand er nun von seinem Stuhle auf, sah eine Weile zögernd in die Luft und sagte dann: «Ich will noch ins Licht-Luftbad. Gehn Sie mit, Herr Holm?» «Danke. Ich seh so schon genug», lehnte ich höflich ab. Der Mann entfernte sich und hat mich hinfort nur aus der Ferne stumm gegrüßt. Das zweite Original, diesmal ein weibliches, erlebte ich am nächsten Mittag schon bei Tisch. Zu meiner Linken saß da eine ältere Dame von auffälliger Häßlichkeit, die dicke Gichtknoten an allen Fingern hatte, obgleich sie sich «vernunftgemäß» ernährte und, wie ich bald erfuhr, einem erbitterten Vegetarismus huldigte. Sie wies die Fleischbrühe, die es an diesem Tage gab, weit von sich und erteilte mir, als ich sie mit Behagen aß, den freundlich zarten Wink: «Nein, ich begreif es nicht, wie einer diesen ekeln Leichensaft genießen mag!» «Ich find es immer schön», antwortete ich, «wenn einer sich so ausdrückt, daß man ganz genau weiß, was er meint.» Sie musterte mich mißtrauisch und würdigte mich eine Weile keines Blickes mehr. Erst als ich dann beim Braten war und sie ihre Kartoffeln zerdrückte und mit dem Spinat vermischte, fragte sie mich so plötzlich, daß ich fast erschrak: «Sind Sie schon – wiedergeboren?» «Weiß nicht. Ich glaub kaum. Ich habe nichts davon gemerkt. – Und Sie?» «Ich – ja!» «Dann würd ich mich noch einmal wenden lassen», riet ich ihr. Sie funkelte mich mit empörten Augen an, sorgte dafür, daß sie beim Abendessen nicht mehr meine Nachbarin war, und hat sich außerdem bei Doktor Müller über mich beschwert. Er aber gab ihr den Bescheid, wenn sie so wenig Spaß verstehe, sei sie für das persönliche Leben noch nicht reif. Ich fürchte sehr, er hat des öfteren noch Anklagen gegen mich vernehmen müssen. Denn es gab hier in Mainberg zu viel Zeitgenossen, die voll Eifer das betrieben, was ich «sich selbst und andern in der Seele bohren» nennen will. Da ich es gar nicht liebe, wenn mir bei Tisch jemand das sozusagen dampfende Gekröse seines inneren Menschen neben den Suppenteller legt oder mit zudringlichen Fingern gar in meine eigenen Tiefen langen will, so mußte ich mich eben wehren; und das geschieht am wirksamsten durch Spott. Ich war damals noch jung – mag sein, daß mich der Beifall, den ich dafür bei Gleichgesinnten fand, zuweilen weiter führte, als gerade nötig war –, eins ist gewiß: mein ‹böses Maul›, das es zumeist doch nicht so böse meinte, machte mich bei vielen unbeliebt. Ich hätte einen schweren Stand gehabt, wenn Doktor Müller, der diesen Leuten als unfehlbares Orakel galt, nicht immer freundlich für mich eingetreten wäre. Selbst schlagfertig und witzig, schätzte er den Witz bei anderen auch, und mochte der sogar im Übermut auch seinen Schnabel an ihm selber wetzen. Mir ist noch ein feuchtfröhlicher mainberger Abend im Gedächtnis, an dem die Rüstkammer des Schlosses ihre Urständ als Trinkstüberl feierte. Ein junges Mädchen, das mich recht bacchantisch aussehen machen wollte, hatte sich an der Schloßmauer eine Efeuranke abgepflückt und die als Kranz um meinen Kopf gewunden. Lange nun hielt sich dort oben das Gebilde nicht, die Ranke sank mir auf die Schultern nieder, und ich dachte gar nicht mehr an sie. Und plötzlich zeigte Doktor Müller auf diesen sonderbaren Kragenschmuck und fragte mich: «Was haben Sie denn da?» Ich faßte hin. «Ach so? Sehn Sie denn nicht: die ‹Grünen Blätter› wachsen mir zum Hals heraus!» Es ist mir unvergeßlich, wie es bei diesem schlechten Witz verschiedne «Mainberger» vor Schreck beinah rücklings von den Stühlen warf. Daß einer ihrem «Propheten» so etwas zu bieten wagte, war zuviel für sie. Johannes Müller aber hat aus vollem Hals mit freiester Überlegenheit dazu gelacht und so bewiesen, daß ihm diese Art Prophetentum erfrischend ferne liegt, weil er auf festen Füßen im realen Leben steht. Was ich bisher von den mainberger «Gästen» sagte, könnte aber leicht die falsche Ansicht wecken, es wären dort vor allem Leute hingekommen, deren einziger Reiz in unfreiwilliger Komik lag. Auch dafür, daß dies ganz und gar nicht zutrifft, bekam ich noch am ersten Abend den Beweis. Der luftdurchlässig angezogne Herr, der mich so gründlich ins Gebet nahm, war offenbar schon andern Neulingen mit seiner Wißbegierde störend auf den Leib gerückt. Aus einer Gruppe, die in unserer Nähe stand, streifte mich, während ich seine Ansprachen über mich ergehen ließ, manchmal ein Blick, in dem sich Anteilnahme mit Belustigung zu paaren schien. Kaum hatte sich der Sonderling davongemacht, da löste sich aus diesem Kreise eine junge Frau und schlenderte zu mir herüber. Ich erhob mich, wie es sich gehört, war aber etwas bang, was diese Fremde wieder über meine privaten Angelegenheiten würde wissen wollen. In der Tat: sie fragte mich sogleich: «Sie sind wohl kein Antialkoholist?» «Nein», konnte ich erwidern, «mir genügt's, wenn meine Zigarette alkoholfrei und, was ich trinke, nikotinfrei ist.» «So?» nickte sie befriedigt. «Hätten Sie dann Lust, sich uns zu einer kleinen Bowle auf der Mainterrasse anzuschließen? Ein Herr, der morgen abreist, stiftet sie. Es werden lauter nette Leute sein. Vielleicht kommt Doktor Müller auch. Dann sind Sie hier gleich eingewöhnt. Denn das fällt vielen anfangs etwas schwer.» Nun, das war eine liebenswürdige Art, einem die mainberger Honneurs zu machen. So sagte ich denn zu und habe es auch nicht bereut. Es wurde ein vergnügter Abend ohne jede Seelenbohrerei; und als wir auseinandergingen, hatte ich ein Dutzend neue, sehr sympathische Bekannte, von denen mir so mancher später noch in Freundschaft näher trat. Und all die vielen Male, die ich zwischen 1906 und dem Kriegsausbruch nach Mainberg kam, habe ich regelmäßig Menschen von besonderem Gehalt und ungewöhnlich angenehmer Art dort kennen lernen dürfen. Dasselbe war auch stets von der Elmau zu sagen, nur daß hier trotz aller Mannigfaltigkeit der Stände und Berufe das gesellschaftliche Niveau gleichmäßiger ist und man Gestalten wie etwa jenem wißbegierigen Vollbartträger und der wiedergebornen Dame kaum begegnen wird. In Mainberg war die Mischung sehr viel pittoresker. Die soziale Spitze bildete wohl der mit Doktor Müller eng befreundete Prinz Max von Baden, nach unten zog kein Vorurteil engherzig einen Strich. Und Standesdünkel ist mir dort bei niemand aufgefallen, außer einmal bei einer nürnberger Fabrikarbeiterfrau, die gar zu dick mit ihrer mangelhaften Bildung tat. Eins der erfreulichsten menschlichen Erlebnisse waren mir auf Schloß Mainberg wie auch in der Elmau immer die Helferinnen. Unter den Hunderten, die ich in all den Jahren kennen lernte, waren merkwürdig wenige, von denen das nicht gilt. So manchem Gast erscheinen sie in ihrer notgedrungenen Zurückhaltung vielleicht ein wenig hochmütig, aber ich glaube, das ist selten ihre Schuld. Denn viele Gäste finden nicht den Ton, wie man mit Damen umgeht, die den Dienst von Zimmermädchen oder Kellnerinnen tun. Wer den gehörigen Takt dafür besitzt, der wird an diesen meist sehr lebhaft geistig interessierten und dabei frischen jungen Dingern seine helle Freude haben. So ging es auch besonders vielen Junggesellen, die nach Mainberg kamen; und erstaunlich viele dieser Helferinnen zogen als verlobte Bräute wieder heim. Unter den Fragen, die dort damals zur Debatte standen, war das seitdem durch Wandlungen der Sitte glücklich gelöste Problem der Freundschaft zwischen Mann und Weib für viele ganz besonders interessant. Denn es gehörte zu der angestrebten neuen Lebensformung, daß sich die Geschlechter unbefangen nähertreten müßten, ohne gleich an Flirt und Liebelei zu denken. Doch angesichts der Resultate solcher Näherungsversuche, die ich vor Augen sah, kann ich nur sagen, daß von diesen Freundschaften gewiß ein paar auch glücklich endeten, die meisten aber doch zur Ehe führten. Der wunderlich gemischte Gästeschwarm in Momberg gab den Helferinnen oft willkommnen Anlaß zur Belustigung: das wird wohl niemand wundern, der da weiß, wie kritisch solche jungen Mädel sehen und wie lachlustig sie sind. Gar mancher von den würdigen «neuen Menschen» bekam von ihnen, ohne daß er es erfuhr, seinen mit treffsicherem Witz geprägten Spitznamen. Um nur ein Beispiel zu erwähnen: ein frischgebackener Stuttgarter Oberlehrer, der immerfort dozierend weise Reden schwang und nebenbei sehr heftig auf die Preußen schimpfte, hieß bei den Helferinnen «Der süddeutsche Aufsatz». Im Sommer 1906 kam bald nach mir mein Freund Max Dauthendey mit seiner Frau für ein paar Wochen auf das Schloß. Und ihm als Liebesdichter ging das ewige Gerede von der Freundschaft zwischen den Geschlechtern heftig wider den Strich. Als Gegengift verehrte er verschiedenen Helferinnen sein gerade erschienenes Versbuch «Die ewige Hochzeit». Das war für diese Töchter aus soliden Häusern Lyrik von ganz neuer Art und wurde ihnen zur halb ernsten und halb heiteren Sensation. Als wunderlich und kühn bestaunten sie besonders das Gedicht: Ich schlug vom Weltenbaum ein Brett Und zimmerte dir und mir ein Bett. Die Betten wuchsen glühend zusammen, Und drinnen wiegen sich lauter Flammen. Nicht Eisen, nicht Zeit kann die Betten je trennen, Sie werden hell durch die Ewigkeit brennen. Die Helferin aber, die das Zimmer des Dauthendeyschen Paares aufzuräumen hatte, sagte mit einem Seufzer voll Humor: «Und diese brennenden Betten muß ich nun jeden Morgen machen,» Ich hoffe, daß ich in diesen zwanglos Hingeplauderten Erinnerungen wenigstens einen Abglanz jener längst versunkenen Tage auf Schloß Mainberg eingefangen habe, und daß man es danach versteht, warum fast jeder, der dort erst einmal warm geworden war, so oft wie möglich wiederkam. Als Doktor Müller dann sein Schloß Elmau in größerem und eleganterem Stil eröffnete, habe ich mich durch viele Jahre nicht entschließen können, auch dorthin zu gehen. Ich hatte die Empfindung, etwas so Eigenartiges und Intimes könne sich an einem andern Ort nicht wiederholen, und fürchtete, mir eine schöne und lebendige Erinnerung durch einen abgeschwächten Eindruck zu verderben. Doch endlich überwand ich dieses Vorurteil und – war sogleich vom Zauber der Elmau gepackt. Denn ich erkannte, daß der gleichsam unterirdische Einfluß einer starken Persönlichkeit auch einen größeren Kreis von Leuten zur Gemeinschaft formen und ein Gebirgshotel zum Heim für Menschen werden lassen kann. F. Gräfin zu Reventlow Intimitäten aus dem Leben Fanny Reventlows mag, wer sich dafür interessiert, in ihren der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Briefen oder Tagebüchern suchen, wo sie, die mehr als andere den klar bewußten Mut zur eigenen Persönlichkeit besaß, über sich selbst Gerichtstag abgehalten und sich freigesprochen hat. Wer das aufrichtig und mit unbeschwerter Seele kann, besteht auch vor der höheren Instanz. In diesen Zeugnissen sachlicher Selbsterforschung liegt ihr Leben vor uns wie ein offenes Buch; nichts ist verheimlicht, was noch zu enthüllen bliebe. Und Klatschgeschichten über sie, die mir von anderen zugetragen wurden, aufzuwärmen, liegt mir fern. Ich könnte deren Wirklichkeitsgehalt auch nicht bestimmen; denn ich gehörte nie zum Kreis der schwabinger Meister und Adepten, unter denen sie, umworben und verlästert, als so eine Art von Bürgerschreck ihr amüsant verrücktes, aber ganz gewiß nicht leichtes Dasein führte. So habe ich mit ihr fast nur geschäftlich auf dem Büro des Langenschen Verlages verkehrt, sie aber dabei doch in mehr als zwanzig Jahren wahrscheinlich besser kennen lernen als mancher der Genossen ihrer Abenteuer. Zum erstenmal begegnet bin ich Fanny Reventlow lange vor ihrer und vor meiner Münchner Zeit. Und das geschah in Lübeck, wo ich meine letzten beiden Gymnasiastenjahre hinter mich zu bringen hatte, und wo ich noch mit mehr als einem anderen jungen Menschen in Berührung trat, der, wie es sich nachher erweisen sollte, den Marschallstab oder doch wenigstens die Gefreitenknöpfe der deutschen Literatur im Schultornister trug. In unserer lübecker Schülerpension nun gab es eine junge Hamburgerin, die ein privates Lehrerinnenseminar besuchte; und die erzählte uns einmal beim Mittagstisch: «O Gott, nein, s-tellen Sie sich vor: heut is die Komteß mit einem schwarzen und mit einem gelben Schuh zum Unterricht gekommen.» Auf nähere Erkundigung hörte man dann, es handle sich um eine Komtesse Reventlow, die überhaupt «fubba» exzentrisch sei. Ich, damals in meiner Maienblüte selbstverständlich von blasiertem Skeptizismus angefressen, dachte mir in meinem Sinn: Na ja, man kann es statt exzentrisch wohl auch schlampig nennen. Aufregend finde ich es weiter nicht. Aufregend fand ich auch das blonde junge Mädchen nicht, das ein paar Tage später jene Hamburgerin besuchen kam, und dem dabei zufällig ich die Haustür öffnete. Es war ein zierlich gewachsenes, knapp mittelgroßes Ding mit einem feingeschnittenen Gesicht von, wie mir schien, nicht mehr als durchschnittlichem Reiz. Einzig die großen und gescheiten blauen Augen, in denen etwas Schwärmerisches brannte, ließen sich als schön bezeichnen. Gekleidet war sie wie ein norddeutsches Gutsbesitzerstöchterlein aus vornehmer Familie, in der man streng auf Striktheit der Gewandung sieht und jede Hervorhebung weiblichen Körperreizes als unpassend gilt. Nur sprach vielleicht aus der Zerzaustheit ihrer Löckchen, aus dem Schwung, den sie dem Rande ihres Huts gegeben hatte, und daraus, daß sie ohne Handschuhe daherkam, heimlicher Protest gegen die Grundsätze, die ihres Vaters Haus beherrschten. Meine Pensionskollegin klärte mich nachher darüber auf, dies wäre jene Komteß Reventlow gewesen und fügte, höchst geschmeichelt durch den adligen Besuch, verzückten Tons hinzu: «Is sie nöch süß?!» Ich werde ihr vermutlich, borstig, wie ich damals war, erwidert haben, Süßigkeiten seien nicht mein Fall. Nach dieser flüchtigen Begegnung habe ich in Lübeck Fanny Reventlow nicht mehr gesehen, noch von ihr gehört, welch letzteres mich heute wunder nimmt. Klatschmäuler waren nämlich dort nicht seltener als anderswo, und die – igitt, igitt! – schon damals durch Teilnahme an einem «Ibsenklub» und Stelldicheins mit Männern aus der Art geschlagene Komtesse mußte ja für solche Menschenfreunde das gefundene Fressen sein. Es war bestimmt nur Zufall, daß gerade mir von dem entrüsteten Getuschel nichts zu Ohren kam. So vier, fünf Jahre gingen hin, bis ich als frischgebackener Redakteur des «Simplicissimus» der Gräfin Reventlow auf dem Büro des Langenschen Verlags zum erstenmal wieder begegnete. Sie hatte in der Zwischenzeit sehr viel erlebt: Heirat, um aus dem Elternhause fortzukommen, Scheidung, den väterlichen Fluch, ernste und flüchtigere Liebesabenteuer, Krankheit, Leid und Not, und sah von Angesicht trotzdem fast aus wie einst. Wer es nicht anders wußte, hätte sie auch jetzt noch für ein unschuldiges junges Mädchen aus norddeutschem guten Hause halten können, allerdings für eines, das, wie man hierzulande sagt, «unter die Malweiber gefallen» sei. Denn daran, wie sie sich trug, erkannte man sofort die «Schwabingerin». Man möge deshalb aber ja nicht glauben, daß sie etwa ihr Künstler- und Bohemetum durch Gewänder, die der Mode spotteten, zu plakatieren suchte – nein, es lag an allerhand von ihr schwerlich bewußt gewollten kleineren Nuancen und an der zu geringen Pflege, die sie ihrer Kleidung widmete, wenn sie einem schon auf den ersten Blick völlig unbürgerlich erschien. Es gibt wohl Freunde Fanny Reventlows, die hinterdrein behaupten wollen, sie hätte zeitweise durch die «gepflegte Vornehmheit» ihrer Erscheinung als Dame großen Stils gewirkt, doch dürfte es sich da um eine verklärende Gedächtnistäuschung handeln – ich habe nie etwas davon bemerkt. Das Damenhafte streite ich ihr, wie man noch sehen wird, durchaus nicht ab, nur wirkte es sich auf ganz anderen Gebieten bei ihr aus als dem der Eleganz. Um elegant zu sein, nahm sie Toilettenfragen viel zu wenig ernst. Und selbst wenn sie sich einmal etwas Mühe damit gab, kam nichts recht Überzeugendes dabei heraus. Ich seh sie noch, als sei es gestern erst gewesen, auf einem Faschingsfest vor mir, von dem ihr Tagebuch berichtet, sie hätte sich an diesem Abend als «die Wildeste und Schönste» im ganzen Saal gefühlt. Den ersten dieser Superlative auf seine Berechtigung hin zu prüfen, bin ich nicht kompetent. Aber die Schönste? Lieber Gott, nicht nur nicht schön – geradezu bejammernswürdig sah sie aus. Sie prangte in einem, wie sie stolz betonte, «echten» türkischen Kostüm, das ihrer deutschen Blondheit auch nicht hätte zu Gesichte stehen können, wenn es für ihren Wuchs nicht viel zu weit und groß gewesen wäre, und wenn sie dies von ihr wahrscheinlich auf einem kleinasiatischen Trödelmarkt erstandene Gewand vor der Benutzung wenigstens erst hätte reinigen und bügeln lassen. Um ihren Kopf war, andeutungsweise turbanartig, ein blauer Fetzen Crêpe de Chine gewürgt, große in Halbmondform aus Messingblech gestanzte Scheußlichkeiten trug sie an Schlingen von schwarzem Zwirn über die Ohrmuscheln gehängt. Das Tollste aber war die Art, wie sie dem Übelstande abzuhelfen suchte, daß ihre goldgestickten türkischen Pantoffeln sich beim Tanz in einem fort selbständig machten und in alle Ecken des Lokales sausten: sie band sie einfach mit zwei Herrentaschentüchern, die sie sich von irgendwem entliehen hatte, an den Füßen fest. Als dieses auf die Dauer auch nichts nützte, tanzte sie für den Rest der Nacht vergnügt in Strümpfen weiter. Nun konnte ich an Fanny Reventlow ja nie etwas von dem, wie man es heute nennen würde, «sex appeal» bemerken, der so viel andre Männer ohne Widerstand gefangen nahm. Ich hätte mich viel eher kameradschaftlich mit ihr befreunden als in sie verlieben können, weil der geistige Scharm bei ihr den leiblichen entschieden überwog, in meinen Augen wenigstens; doch mögen die vielleicht zu kurzsichtig oder – wer weiß! – zu scharf gewesen sein. Denn selbst an jenem Abend, wo sie mir in ihrem türkischen Kostüm beinah als eine Art Karikatur erscheinen wollte, flog so manch ein Männerherz ihr zu. Und eins davon gehörte einem meiner Freunde, der dazu auch mein Verlagskollege war. Er durfte als ein Mensch von mustergültigen Manieren gelten; nur bisweilen, wenn ihm ein zu großes Quantum Sekt die Fesseln der Erziehung lockerte, wurde er plötzlich zu der ersten besten Dame, die ihm der Zufall in den Wurf geraten ließ, so feurig, daß es zum Erstaunen war. Bei jenem Feste nun entbrannte er auf diese Weise für die Gräfin Reventlow, die er ja vom Verlage her gut kannte, ohne daß ihr Anblick jemals seinen Puls beschleunigt hätte. Und sie, die sich aus ihm ganz sicher auch nichts machte, nahm seine stürmische Stegreifwerbung zwar nicht ernst, hätte es aber wohl für spießig angesehen, sich seine unerwünschten Zärtlichkeiten zu verbitten. So saß sie denn ein Stündchen lang, von seinem Arm umschlungen, Wange an Wange mit ihm geduldig da, trank Sekt aus seinem Glas und ließ sich sehr ausführlich von ihm küssen, bis sich ihr die Gelegenheit ergab, ihm unauffällig dahin zu entschlüpfen, wohin das Herz sie trieb. Am nächsten Morgen litt mein Freund, wie stets nach solchen Abweichungen von dem Weg der Tadellosigkeit, an einem heftigen «Moralischen»; und als einige Tage später dann die Gräfin Reventlow bei uns auf dem Büro erschien, bat er sie de- und wehmütig, sein ganz unmögliches Benehmen auf jenem Faschingsfeste zu entschuldigen. «Entschuldigen? Wieso?» Sie schaute ihn mit ihren blauen Augen groß und kindlich an. »Wo ich Ihnen dafür doch so von Herzen dankbar bin ...!« Er wurde puterrot und starrte ihr verwirrt und hilflos ins Gesicht. «Ja», fuhr sie fort, »es gab da nämlich einen Mann, der einmal eine große Liebe von mir war und sich das absolut nicht abgewöhnen wollte. Lästig – was? Dem hat zum Glück der kleine Flirt mit Ihnen meine abgrundtiefe Frivolität so klar bewiesen, daß er endgültig mit mir gebrochen hat. Und das vergeß ich Ihnen nie!« Zeigt sich hier hinter der Bohemienne nicht die Dame in der Art, wie sie das Peinliche durch Bagatellisierung aufzuheben wußte! Und so war sie überhaupt. Ich wenigstens, zu dem sie doch so oft unter dem Drucke böser Schwierigkeiten kam, erinnere mich nicht, daß ich sie jemals ernsthaft hätte klagen hören. Von ihren Sorgen redete sie nur, als hätte sie mir einen Schwank aus ihrem Leben zu berichten; und dabei am Ende das Wort »Not« im Mund zu führen, das wäre ihr ganz einfach kitschig vorgekommen, schien es ihr doch beinah schon zu pathetisch angehaucht, wenn sie die trübe Lage ein »Schlamassel« hieß. In einem meiner ersten münchener Jahre hatte sie sich, zum zweitenmal bereits, einer sehr ernsten Operation zu unterziehen und dann noch wochenlang im Krankenhaus zu liegen. Als sie nachher, entsetzlich blaß und klapperig, auf unserer Redaktion erschien und wir sie fragten, ob das denn nicht eine schauderhafte Zeit für sie gewesen sei, erklärte sie, sie hätte sich im ganzen so auf Urlaub von den Alltagssorgen wie im Paradies gefühlt, zu halben Leichen wäre alle Welt sehr nett, und die Gerichtsvollzieher hätten keinen Zutritt in dies Friedensland. Ein bißchen monoton sei allerdings die ewige Leibaufschneiderei und immer wieder das Zusammennähen. Sie habe deshalb ihren Arzt ersucht, die Wunde mit Druckknöpfen zu montieren, weil er sich dann beim nächsten Mal viel leichter täte. Obgleich sie innerlich nicht frei von einem Hang zum Schwärmerischen war, hätte sich Fanny Reventlow eher die Zunge abgebissen, als einem ihr nicht auf das innigste Verbundenen ihr Gefühl und ihre Herzenswärme offenbart. Man weiß, mit welcher Seligkeit trotz Not und Sorgen sie ihrem Kind entgegensah und was für eine gute Mutter sie dann ihrem Sohne war. Sie meldete ihn auf dem Standesamte mit dem Familiennamen ihres geschiedenen Mannes an und fand es kleinlich und nicht hübsch von diesem, daß er sich das verbat. Als sie mir dies erzählte, fragte ich beiläufig, wer eigentlich der Vater sei, da zuckte sie die Achseln: »Lieber Gott, ein fremder Herr – so wie ich heute zu ihm stehe. Den geht der Bub nicht das geringste an. Ich würde es mir schön verbitten, wenn er sich um ihn bekümmern wollte.» Mit ein paar Wochen schon im Kinderwagen brachte sie den Jungen zu mir aufs Büro und kam von da ab jahrelang kaum jemals ohne ihn. Der kleine Rolf wuchs frisch und munter auf, er wurde sechs, er wurde sieben Jahre alt und hätte eigentlich längst in die Schule müssen. Da ich jedoch darüber gar nichts hörte, erkundigte ich mich gelegentlich bei seiner Mutter, wie es damit stünde, und sie antwortete, sie hätte ihn auf ihren Antrag freibekommen, weil sie ihn als geprüfte Lehrerin fürs erste selbst zu unterrichten in der Lage sei. «Ja, tun Sie das denn auch?» fragte ich, etwas philiströs vielleicht. «Denk ja nicht dran», gab sie zurück. «Muß er denn ein Gelehrter werden? Die sind doch meistens furchtbar blöd.» «Gelehrter – nein. Nur: Lesen, Schreiben, Rechnen mindestens braucht einer doch», gab ich, recht schwerfällig noch immer, zu bedenken. «Denn was sollte er sonst später einmal werden?» «Nun, warum nicht Liftboy?» Und die Gräfin sah mich ernst aus großen Unschuldsaugen an. «Ich stell mir das ganz lustig vor.» Ich wußte damals schon, daß sie das nicht so zynisch meinte, wie es klang. Aus ihren Tagebüchern aber geht hervor, mit welcher warmen Freudigkeit sie ihren Buben zwar nicht systematisch, aber ungemein anregend unterrichtet und ihm schon früh und gleichsam wie im Spiel den eigenen Besitz an Bildung überliefert hat. Ganz Dame und, hier darf man's sagen, große Dame war Fanny Reventlow darin, wie sie zum Gelde stand. Ob auch die Not sie zwang, ununterbrochen auf der Jagd darnach zu sein, bewahrte sie ihm gegenüber stets die innere Überlegenheit. Meine Erfahrung als Verleger hat es mich gelehrt, daß man von keinem Menschen sagen soll, man kenne ihn, bevor man weiß, wie er sich bei Geschäften zu benehmen pflegt. Die Gräfin habe ich nach dieser Richtung wahrhaft gründlich kennen lernen und stelle ihr hierin das beste Zeugnis aus. Nicht einmal ihre Vorschußwünsche gingen einem auf die Nerven, und man tat bereitwillig sein möglichstes, sie zu erfüllen. Es gibt ganz unausstehliche und es gibt wirklich nette Pumpgenies – die Gräfin war nicht mehr als ein bescheidenes Pump talent von großer Liebenswürdigkeit. Im Schuldigbleiben durfte sie wohl eher ein Genie geheißen werden. Es ist durch über zwei Jahrzehnte nur ein einziges Mal passiert, daß wir im Geldpunkt miteinander «böse waren» – wenigstens sie mit mir. Und das kam so: sie, die bis dahin neben Übersetzungen nur kürzere Skizzen für den «Simplicissimus» und andre Zeitschriften geschrieben hatte, kam eines Tages zu uns aufs Büro und sagte mir, sie arbeite zur Zeit an einem dickleibigen Roman, der ihre eigene Jugend schildern solle. Hier in dem münchener Trubel komme sie aber nicht vom Fleck damit. Sie müsse sich also wohl oder übel, um ihn zu vollenden, für ein paar Monate auf der kleinasiatischen Insel Samos niederlassen. Der Knabe Rolf ginge natürlich mit. – Nur der? dachte ich still bei mir und war mir klar, daß hinter dieser sonderbaren Wahl des Reisezieles unbedingt noch ein erwachseneres Mannsbild stecken müsse. Aber was kümmerte das mich! – Kurzum, sie brauchte einen größeren Vorschuß zur Verwirklichung des Planes, und Albert Langen, als ich ihm die Sache unterbreitete, sagte ihr den auch zu, nachdem sie sich verpflichtet hatte, den Roman bei ihrer Heimkehr nach, wenn ich mich recht erinnere, einem halben Jahre fertig abzuliefern. Ende Mai 1900 begab sie sich auf ihre Fahrt. Dann hörten wir recht lange kaum etwas von ihr, wenn sie nicht eben einen kleinen Nachschuß zu dem größeren Vorschuß brauchte. Erst ein paar Tage vor Weihnachten erschien sie überraschend bei mir im Büro: «Da bin ich wieder.» «Na, wie war's auf Lesbos?» fragte ich. «Nein, Samos», widersprach sie. «Ich bin überhaupt mit einem Mann gereist.» «Sollt man es glauben!» staunte ich. «Na, und wie steht's mit dem Roman? Ich seh kein Manuskript.» «Ja, damit ist mir etwas Schreckliches passiert. Es steckt in meinem großen Koffer, und der liegt noch in Venedig auf dem Zoll, und ich bekomm ihn nicht heraus. Wir hatten nämlich da auch einen geladenen Revolver mit hineingepackt, der offenbar nicht gut gesichert war. Denn, stellen Sie sich vor: gerade wie ihn die Facchini vor die Zöllner niedersetzen, geht ein Schuß drin los. Na! Haben Sie schon Italiener kreischen hören? Selbstverständlich fiel es uns nicht ein, uns zu dem Unglücksmöbel zu bekennen. Sie wissen doch, wie rigoros Italien in bezug auf Waffen ist. Man hätte uns ganz sicher ein paar Jahre eingesperrt. Und wie ich nun zu meinen Sachen und zu meinem Manuskripte kommen soll, ist mir vollständig schleierhaft.» «Ja aber, liebe Gräfin», sagte ich, belustigt halb und halb verstimmt, «wäre die Mühe denn so groß, sich wenigstens etwas um eine Kleinigkeit Wahrscheinlicheres auszudenken?» «Sie glauben mir das nicht?» Und ihre Augen sprühten hellen Zorn. «Bedaure, nein. Ich hab zu wenig Phantasie.» «Nun ja, dann, dann ... Ich wollte eigentlich ... – Das hat jetzt keinen Zweck! Adieu!» Sie neigte, ohne mir die Hand zu geben, kühl die Stirn und ging. Na, die beruhigt sich sehr bald! lächelte ich in mich herein. – Das, was sie «eigentlich gewollt» hat, führt sie morgen oder übermorgen wieder her. Doch darin sollte ich mich diesmal täuschen: es vergingen Monate, bis das geschah. Inzwischen hatte sie, dem Rat von Freunden folgend und in der Erwägung, daß sich bei uns nun weitere Anzahlungen auf den Roman wohl schwerlich würden holen lassen, über ihn mit einem kleineren Verleger abgeschlossen. Als sie uns das dann zaghaft beichtete, drehten wir ihr aus unsern älteren Rechten keinen Strick. So kam ihr Erstling «Ellen Olestjerne» erst viel später in den Langenschen Verlag. Das Schönste aber ist, daß sich jene phantastische Geschichte mit dem zur Unzeit krachenden Revolver in Wirklichkeit so zugetragen hat, wie es mir von der Gräfin berichtet worden war. Dies konnte allerdings nur ihr passieren, in deren Leben Zufallsspuk von solcher Art merkwürdig oft sein Wesen trieb. Und gar zu schweres Unrecht hatte ich ihr mit der Bezweiflung ihrer Wahrheitsliebe auch nicht angetan: ihr Tagebuch erweist es klar, daß damals höchstens ein ganz winziges Stück von «Ellen Olestjerne» in dem verhängnisvollen Koffer stak. In dieser Hinsicht also war ihr der Revolver sehr gelegen losgegangen. Doch möge man hieraus nicht schließen, daß sie sonst ihrem Verlag mit übertriebnen Vorschußwünschen lästig gefallen wäre und Unmögliches von ihm gefordert hätte. Bitten und Betteln widerstand dem Aristokratischen in ihr; bevor sie sich dazu entschloß, versuchte sie erst alles andere, darunter die erstaunlichsten Spekulationen. Daß man sich seinen Unterhalt am Ende auch durch ausdauernde Arbeit sichern könne, leuchtete ihr nicht ein. Nach ihrer Überzeugung brauchte es verschmitzte Winkelzüge, um das Geld, diese ihr feindlich abgeneigte heimtückische Bestie, zu bändigen und es sich Untertan zu machen. Gelungen ist ihr dieses freilich nie, denn Geld läßt sich zur Liebe nicht vergewaltigen – nein, lieben muß man es, damit es einen wiederliebt. Und das lag Fanny Reventlow sehr fern. Wenn sie, bei allen ihren Schulden, einmal zwei Hunderter im Beutel hatte, gab sie den einen leichter Hand an einen noch bedrängteren armen Teufel weg und brachte dann den Rest vielleicht großzügig durch. Sie hatte keine Achtung vor dem Geld, das sie gelegentlich besaß; und wenn die Not sie zwang, mit Angst und Gier nach neuen Mitteln auszuspähen, kam ihr das fast wie eine psychische Erkrankung vor: sie sprach von ihrem «Geldkomplex». Wer so veranlagt ist, wird gewiß nicht reich. Halbwegs bezahlt gemacht hat sich für sie nie etwas andres als das Schreiben und das Übersetzen. Gerade aber diesem Schaffen mit der Feder, wozu sie eigentlich geboren war, stand sie mit Widerwillen gegenüber. Die meisten ihrer Bücher hat wohl nur die Not ihr abgedrängt, sie warf sie unter Stöhnen ob der Frönerarbeit aufs Papier, wenn sonst kein Weg zum Geldverdienen offen schien; und man begreift es kaum, daß hieraus so Vollendetes entspringen konnte wie etwa «Von Paul zu Pedro», dies anmutige Meisterwerk von freiester Überlegenheit. Weit eher glaubte sie, daß sie es in der Malerei oder Schauspielerei zu etwas Großem bringen könne, und hat deswegen diese beiden Künste jahrelang mit an ihr ungewohnter Ausdauer umworben und sich darin unterrichten lassen; doch da sie nach den Früchten solchen Eifers, die ich sehen durfte, für diese Dinge nicht die Spur Talent besaß, kam nichts dabei heraus. Ihre Versuche, sich durch Unternehmungen «geschäftlicher» Natur auf einen grünen Zweig zu bringen, waren Legion. Sie alle aufzuzählen, fehlt es mir an Kenntnis und Raum. Erwähnen aber muß ich als besonders lustig und naiv die Pachtung eines Milchladens durch sie. Weil sie die Ware, die sie dafür brauchte, und die Pacht, wenn ich mich recht erinnere, immer erst am nächsten Monatsanfang zu bezahlen hatte, erschien ihr das als ungemein bequemer, sicherer Brotberuf; sie wunderte sich nur, weshalb sich denn nicht jeder in Verlegenheit Geratene auf diese leichte Art rangiere. Und es war wohl ihr besonderes Pech, daß sie am dritten Tage schon beinah in unverkauft gebliebener Milch ertrank und bald darauf der ganze schöne Traum zerplatzte und nur neue Schulden übrig ließ. Alle aufopfernden Bemühungen ihres Bekanntenkreises, den überschüssigen Segen in Gestalt von Milchpunsch aus der Welt zu schaffen, hatten diese Katastrophe nicht verhindern können. Auch die einige Jahre später durch sie ins Werk gesetzte Fälschung von bemalten alten Gläsern machte sie nicht reich. Ob, was sie lieferte, zu wenig täuschend wirkte, oder ob es an andern Gründen lag – der Antiquar, mit dem sie diesen pfiffigen Plan geschmiedet hatte, nahm ihr die Ware schließlich doch nicht ab; und so blieb ihr, damit sie sich in ihrer Wohnung wieder rühren könne, nichts übrig, als die ganze Kollektion, an der die emsige Arbeit vieler Wochen hing, bei Starnberg in den Würmsee zu versenken. Daß sie auf diesen kuriosen Ausweg kam, entsprang zum Teil gewiß dem Wunsch, die Zeugnisse einer sie hinterdrein blamabel dünkenden Verirrung auf Nimmerwiedersehen loszuwerden. Blamabel aber schien ihr nicht etwa das immerhin ans Kriminelle streifende Unternehmen selbst, sondern allein ihr Mißerfolg dabei. Sie hat in ihrem Leben ja noch öfter allerhand getan, was eine Dame sonst «nicht tut», aber ich möchte meine Hand dafür ins Feuer legen, daß sie nie etwas gegen ihr Gewissen tat. Weil sie sich, ohne auf dies Prädikat je den geringsten Wert zu legen, ganz als Dame fühlte, stand sie für ihr Empfinden über dem Gesetz, das Bürger und Philister bindet, und konnte trocknen Fußes selbst durch Sumpf und Pfützen gehen, ohne auch nur ihren Kleidsaum zu beschmutzen. Der Richter, dem uns zu verdammen oder freizusprechen Macht gegeben ist, wohnt ja nicht auf den Zungen fremder Leute, sondern in der eignen Brust. Im Jahre 1909 verließ die Gräfin München – es war eine Flucht vor ihren Gläubigern – und siedelte sich in Ascona an, wo sie dann während der sechs letzten Jahre ihres Lebens alle ihre Bücher, außer «Ellen Olestjerne», schrieb. Schon diese an ihr ungewohnte schriftstellerische Fruchtbarkeit zeugt davon, daß es ihr auch dort im Geldpunkt meistens schlecht gegangen ist. Vom Herbste 1910 bis in das Frühjahr 1914 aber erhellte ihr die Not ein Hoffnungsstern, der ihr ein sorgenfreies Alter zu versprechen schien. Sie hatte aus spekulativen Gründen eine Scheinehe mit einem alkoholverseuchten und etwas verdrehten baltischen Baron von Rechenberg geschlossen, der sich durch solche «standesgemäße» Heirat vor seiner wohlhabenden Familie rehabilitieren und auf diese Art sein volles väterliches Erbe sichern wollte. Die Hälfte des Vermögens aber sollte nach dem Tode des bald achtzigjährigen, schon sehr hinfälligen Vaters Rechenberg als Lohn für ihren «guten Dienst» der Gräfin zufallen. Das war vertraglich festgelegt und ihrer Ansicht nach ein sicheres Geschäft. Doch ging es aus gleich allen ihren Unternehmungen ähnlichen Stils. Erst mußte sie ermüdend lange warten, denn der Schwiegervater zog es vor, nicht ganz so schnell zu sterben, wie sie sich's berechnet hatte; und als er es dann endlich tat, erwies es sich aus seinem Testament, daß ihm der tiefere Sinn der Heirat seines Sohnes für die Dauer nicht verborgen geblieben und der ungeratne Sprößling durch ihn auf den Pflichtteil gesetzt worden war. Der Gräfin fiel also nicht das erhoffte stattliche Vermögen, aber immerhin eine für ihre Begriffe märchenhafte Summe zu. Das Unglück wollte nur, daß sie sie niemals in die Hand bekam. Und wieder trug ein Zufallsspuk die Schuld, nur war es diesmal kein Revolver, der da krachte, sondern eine Bank, und zwar gerade die, auf die sie sich den ganzen schönen Mammon hatte überweisen lassen. So blieb ihr statt des erhofften Glanzes der Wohlhabenheit nur die sehr ungewohnte und dadurch pikante Genugtuung, einmal in ihrem Leben Gläubigerin zu sein, wenn auch nur gegenüber einer Konkursmasse. Und frischen Mutes und mit zwingendem Humor ging sie daran, dies ganze Abenteuer in ihrem witzigen Roman «Der Geldkomplex» zu schildern. Ein Autorhonorar sah also wenigstens dabei heraus. Dann brach der Weltkrieg los, und Fanny Reventlow litt seelisch schwer an ihm, besonders seit er ihren jungen Sohn auch in den Schützengraben zwang. Ich habe sie in jenen Jahren nur ein paarmal flüchtig begrüßt, wenn sie nach München kam, eins ihrer Bücher beim Verlage einzureichen. Ich kann daher über die letzten Jahre ihres Lebens auch nicht mehr berichten, als man aus ihren Briefen weiß. Am 27.Juli 1918 raffte sie der Tod hinweg, und man wird sagen dürfen, daß er es ihr freundlich meinte. Sie war nicht die Frau, die in gelassenem Verzicht und ruhiger Abgeklärtheit hätte altern können, und es stand eine Zeit bevor, zu ernst und streng für ihre Art, das Leben anzupacken. So ging sie wohl im rechten Augenblick dahin, und die Boheme ist ihr ins Grab gefolgt. Peter Altenbergs münchner Gastspiel Ich lernte Altenberg persönlich am Silvesterabend 1900 kennen und trat also Seite an Seite mit ihm über die Schwelle unseres zwanzigsten Jahrhunderts. Der Schauplatz der Begegnung war das lange, schmale, knapp hundert Leute fassende Lokal des besten deutschen Überbrettls, das es jemals gab, der münchener «Elf Scharfrichter». Die standen just in ihrer schönsten Blüte, und niemand ahnte noch, wie kurz die dauern sollte. Die «Scharfrichter» nun hatten den ziemlich geschlossenen Kreis, der ihren Erstaufführungen beizuwohnen pflegte, zur Silvesterfeier eingeladen. Man war dem Ruf gefolgt und fand auch keinen Grund, dies zu bereuen. Das nur für diesen Abend einstudierte Programm, das es an Anspielungen auf den großen Zeiteinschnitt, an dem man stand, nicht fehlen ließ, beflügelte die Stimmung schnell. Das Publikum, in dem fast jeder jeden andern kannte, wurde beim Sekt schon nach der ersten Stunde warm, Scherzworte flatterten von Tisch zu Tisch, der ganze Raum war bald in einem schwimmenden Rausch der Seligkeit vereint, dem keiner sich entzog. – Der Abend rückte vor, zwölf tiefe Gongschläge verkündeten die Mitternacht. Der erste wirkte wie ein Kurzschluß: alle Lampen gingen aus, stockfinster war's für einen Augenblick, im nächsten aber leuchteten Glühbirnen auf, die im Verborgnen unter den Tischplatten saßen, und ließen geisterhaftes Licht durch die Tischdecken strömen; der Schattenwurf von unten her gab den Gesichtern etwas sonderbar Verwandeltes ... Man hat seitdem dergleichen Kunststückchen in technisch abgefeimterer Form zum Überdruß gesehen – damals war dies neu und weckte heitere Sensation. Beim zwölften Gongschlag rauschte der grausamtene Vorhang auseinander, auf der winzigen Bühne standen die Scharfrichter, mit roten Mänteln und Kapuzen; die rote Larve vorm Gesicht, im Halbkreis um den schwarzen Block, ließen die blanken Richtschwerter auf diesen niederklirren und sprachen feierlich im Chor einen gereimten Gruß an das beginnende Jahrhundert, der uns für dieses Zeiten einer glorreich erhöhten Menschlichkeit und ewigen Völkerfriedens prophezeite. Wir aber, die wir noch nicht ahnten, was die Zukunft für uns in Bereitschaft hatte und wie penetrant es in ihr «menscheln» würde, sprangen freudig auf, ließen die Gläser klingen und fühlten uns für diese Nacht den Göttern eines neuen Erdentages gleich. Ein Enthusiast wie Peter Altenberg hätte sich keinen günstigeren Augenblick erwählen können für seinen Einzug in den Kreis der münchner Künstlerschaft; denn diese zeigte sich an diesem Abend von der besten Seite. Und daß wir unsern wiener Gast mit ehrlicher Begeisterung willkommen hießen, versteht sich eigentlich von selbst. Wir liebten seine schönen Bücher «Wie ich es sehe» und «Was der Tag mir zuträgt», deren zweites erst vor wenigen Monaten erschienen war, mithin uns noch als frischer Eindruck im Gedächtnis lebte; wir wußten aus Erzählungen von Leuten, die ihn kannten, daß er für einen angenehm verdrehten, genialischen und liebenswerten Menschen galt. Als solchen zeigte er sich denn auch uns und wußte unsere Herzen schon beim ersten Sehen zu gewinnen, zumal da seine Originalität in jener Zeit noch nicht, wie späterhin wohl doch, bewußt und fast zu einer Art Beruf geworden war. Er mußte sich aus irgendeinem Grund gerade über seine Vaterstadt geärgert oder sie wenigstens für eine Weile satt bekommen haben. Denn er fand – was uns natürlich schmeichelte – in München alles schöner als in Wien. Solch eine fesselnde Geselligkeit und eine so sehr aller Erdenschwere ledige Stimmung gebe es dort in der «Raunzermetropole» einfach nicht. Besonders aber schwärmte er von unsern Schaufenstern, oder, wie er statt dessen sagte, den «Vitrinen der münchener edlen Magazine», und von der Schönheit unserer münchener Frauen. Er hatte damit auch so unrecht nicht: in dieser Hinsicht konnten wir uns um die Wende des Jahrhunderts hier wahrhaftig sehen lassen. Denn München, dessen Künstlern das Dekorative ja von jeher liegt, besaß auch schon zu Zeiten, als man anderswo auf solche Dinge noch recht wenig gab, eine Kultur des Schaufensters. Und dazu kam, daß eben damals hier ein neues Kunstgewerbe gleichsam aus dem Nichts erwuchs. Man hat das späterhin mit einem Beiklang lächelnder Verachtung «Jugendstil « genannt, und es ist ja verständlich, daß der Mensch von heute vor diesem mühsam ausgedachten und oft gar zu reich mit Ornament bepackten Hausrat Bauchgrimmen bekommt. Doch sieht man es historisch an, wird man verstehn, wie stark und neu auf uns diese Erlösung aus der Muschelrenaissance und dem Gekröserokoko der achtziger und neunziger Jahre wirkte. Auch darf man den Bahnbrechern der Bewegung nicht zu Lasten schreiben, was ihre ebenso talentlosen wie fingerfertigen Nachläufer und namentlich die pfiffig auf Gewinn bedachte Industrie aus ihren Anregungen werden ließen, weil ihnen klar war, daß man die geschmacklich ahnungslose Masse mit modern frisiertem Kitsch am besten fängt. Und nun die Frauen! Ja, es gab damals tatsächlich sehr viel reizvolle junge Weiblichkeit im münchener Künstlerkreis. Fern sei es von mir, jene Zeit deswegen als »die gute alte« zu bezeichnen – das wäre unhöflich gegen das heute im Zenite stehende Geschlecht, auch könnte man mir mit gewissem Recht erwidern, ich hätte eben eine rosigere Brille aufgehabt, weil ich um soviel jünger war als jetzt. Es wäre Torheit, zu behaupten, daß inzwischen Frauenschönheit ausgestorben oder auch nur seltener geworden sei, und ich verschließe mich der Einsicht nicht, daß sich die Damenmode, allgemein betrachtet, in diesem Menschenalter nach Geschmack und Stil veredelt hat. Nur herrscht auch hier ein Drang vom Einzelwesen hin zum »Kollektiv« und äußert sich darin, daß eigentlich das gleiche Kleid herhalten muß für jung und alt, für dünn und dick. Vor dreißig Jahren gab es, wenn man auch mit der Mode ging, noch nicht diesen Uniformierungswahn, und namentlich in München nicht – das merkte jeder, der aus anderen Städten hierher kam. Man kleidete sich mannigfaltiger, man wählte sein Gewand nach der Erscheinung aus und paßte nicht statt dessen die Erscheinung dem Gewande an. Nicht, daß der Frau von damals Schminke, Puder und dergleichen fremd gewesen wären, aber man verwendete sie nicht so unorganisch und pastos, wie man es heute tut, man trug noch seine eignen Augenbrauen, überhaupt das eigene Gesicht, und man verließ sich auf den eignen « sex appeal », statt dem von Greta Garbo oder einem andern Filmstar nachzueifern. Und daß man damit leicht zum mindesten den gleichen Zweck erreichte, zeigt die Begeisterung, die unsere Münchner Damenwelt bei einem Frauenlob wie Peter Altenberg erregte. Auch sonst war er entzückt von München, und es sah fast durch ein halbes Jahr so aus, als wolle er hier für die Dauer Wurzeln schlagen. Er wohnte in dem mittlerweile längst zu einem Warenhause umgebauten Hotel Stachus, weil es, wie er behauptete, sonst nirgends die vollkommen ungestörte Stille gäbe, die eine Grundbedingung seines Wohlbefindens sei. Wir lächelten dazu, denn dieser Gasthof lag an der lärmumtostesten von Münchens Straßenecken. Und Lärm gab es doch immerhin schon damals, wenn auch noch nicht der Mörder unseres Schlafes, das Motorrad, nachts mit offnem Auspuff durch die Gassen knallte. Da er als Wiener ohne Kaffeehaus nicht leben konnte, fand man Altenberg an jedem Nachmittag im Café Stephanie, wo sich die schwabinger Boheme zusammenfand. Sein stärkstes, übrigens ganz sicher nur platonisches Interesse galt dort während einiger Wochen einer Maid, die er sich – das war evident – nicht nach der Leibesschönheit auserlesen hatte. Man darf wohl auch vermuten, daß er mehr Erdulder als Eroberer dieser Freundin war. Es handelte sich um ein stakiges und kümmerliches junges Ding aus Norddeutschland, das unter einem männlichen Pseudonym ein bißchen dichtete und sich, da keiner diesen Männernamen drucken wollte, nun wenigstens im Leben bei ihm rufen ließ. Sie hatte ihren unglückseligen alten Vater, einen pensionierten Oberlehrer oder so etwas, nach München mitgebracht, und er war anfangs hie und da auch in das Café Stephanie gekommen. Bald aber blieb er aus: er fühlte sich hier fehl am Ort, wie wohl im Leben überhaupt. Sein Schicksal war, daß er dies aus dem eignen bürgerlichen Gleis geratene Kind abgöttisch liebte und zugleich doch irgendwie unheimlich fand – mit den Gefühlen eines braven Huhns, das Entenküken ausgebrütet hat. Die Tochter nun bestritt ihre den Vater so verstörende Originalität vor allem durch ihr kurzgeschnittenes Haar – denn damals wirkte das noch originell – und durch Bekenntnisse von dieser Art: «Ich bin sehr einsam: meine Mutter ist gestorben, mein Vater ist mir unsympathisch.» Fragte man, was sie denn gegen ihren Vater hätte, er sei doch ein so netter alter Herr, dann gab sie in getragnem Ton zur Antwort: «Soll man es nicht müde werden, ewig die schwere Kugel der Vergangenheit an einer langen Kette nachzuschleifen?» Der Literat von heute würde hinter einem solchen Wort nach den »Komplexen« suchen, denen es entsprungen sei. Wir primitiven Haftelmacher von Anno dazumal erklärten dieses Mädchen still bei uns für eine »g'schupfte Ziefern«. Nur Peter Altenberg – Phantast und Seher – lebte seiner Zeit voraus und spürte hier Abgründe einer Seele, in die hinabzuklettern sich am Ende doch verlohnen möchte. Ich weiß nun nicht, was er darin gefunden hat, ich weiß nur, daß er einige Zeit daraus von weiterem Suchen Abstand nahm. Die Welt erfuhr das eines Faschingsabends im Cafe Luitpold, wo dies wunderliche Zweigespann in einem größeren Kreis beim Weine saß. Das Fräulein, das sich von der übrigen Gesellschaft nicht ganz nach Verdienst gewürdigt fühlen mochte, entschloß sich schon um zwei Uhr morgens, heimzugehen, und hielt es für ganz selbstverständlich, daß sich Peter Altenberg zugleich mit ihr empfehlen wurde. Ihm aber war es hier recht wohl zumut, er sagte kühl: »Adieu!« Er bliebe noch. Gereizten Tones stellte sie darauf an ihn die Forderung, sie wenigstens durch das Gewühl der Masken noch bis an den Ausgang zu begleiten. Da rief er voll Indignation: «Weib, warum hab ich deine Seele befreit, wenn du nicht einmal allein durch das Lokal gehn kannst!» Sie zog beleidigt ab, und er erklärte sie den andern gegenüber kopfschüttelnd für eine blöde Gans. Der Zauber war gewichen, und die beiden blieben sich von Stund an abgeneigt. Wer nun die nächste Angeschwärmte Peter Altenbergs in München war, und wieviel weitere ihr während der fünf Monate, die er im ganzen hier blieb, folgten, weiß ich nicht. Ich bin ihm in der Zeit auch nicht gerade oft begegnet. Der Zufall aber fügte es, daß ich nicht nur an seinem ersten, sondern auch an seinem letzten Münchner Abend bis zur Morgendämmerung mit ihm zusammensaß. Im Mai des Jahres 1901 aß ich einmal mit meiner Frau in einem Weinrestaurant zur Nacht. So gegen zehn Uhr ging die Türe auf, und es erschienen Peter Altenberg und Eduard von Keyserling, die sich in irgendeinem andern Wirtshaus zufällig getroffen hatten und nun auf der Suche nach Gesellschaft waren. Sie setzten sich an unsern Tisch und wurden sehr erfreut von uns begrüßt. Denn diese beiden starken Dichter leiser Dinge, menschlich so verschieden sonst in ihrem Wesen, glichen sich darin, daß sie hinreißend plaudern konnten. Altenberg wirkte dabei durch seine Naivität, durch sein Erfassen der Geheimnisse des Lebens rein aus den Sinnen und aus dem Gefühl heraus, Keyserling durch ein klug lächelndes Durchschauen der Zusammenhänge, eine ganz leise wehmütig getönte Ironie, durch Takt so sehr gedämpft, daß sie auch dem Empfindlichsten nicht wehtun konnte. Enthusiast und Skeptiker, und beide doch verliebt in dieses Leben, vielleicht jeder auf seine Art ein bißchen unglücklich darein verliebt, und eben deshalb beide dankbare Genießer jeder guten Stunde und in solchen auch für andre ein Genuß. Worüber alles wir uns während dieser so langen wie kurzweiligen Nacht in muntrer Laune unterhalten haben, davon könnte ich heute nur noch wenig wiedergeben. Denn der Reiz solch einer Tafelrunde liegt ja nicht in Pointen und Gedankenblitzen, sondern in der geistigen Atmosphäre, die um sie ist; und deren Duft verspüre ich nach über dreißig Jahren immer noch ganz frisch und stark. Was kommt es da auf Einzelheiten an! Aber ein Wort, das Altenberg damals zu mir gesagt hat, klingt mir noch im Ohr, und ich will es hier der Vergessenheit entreißen, weil es zeigt, was für ein graziöser Scharmeur und Schelm zugleich er war. Als meine Frau sich im Verlauf des Abends einmal gerade mit Keyserling sehr lebhaft unterhielt, stieß Altenberg mich an, wies mit dem Kopf nach ihr und flüsterte mir zu: «Stammt Ihre Gattin wohl von Königen ab? Sie sitzt so schön, als hätten Generationen ihrer Ahnen das auf einem Thron gelernt.» Der Zufall wollte es, daß eben da in dem Gespräch der beiden andern Tischgenossen eine Pause eintrat und sie das allein für mich Bestimmte auch vernahmen. Meine Frau errötete, geschmeichelt halb und halb geniert, und steckte mich mit der Geniertheit ob solch hoher Töne an. Um mir darüber fortzuhelfen, sagte ich: «Herr Altenberg, Sie sehen alles so romantisch an. Das Sitzen kann einem ja auch wo anders zur Gewohnheit werden als auf einem Thron.» «Sie sind ein fürchterlicher Mensch!» rief Altenberg empört. «Ja, Korfiz! Fui, wie kann man nur!» so mischte sich nun Keyserling in das Gespräch. «Lassen Sie sich durch den Desillusionisten nicht beirren, lieber Altenberg! Das paßte gut und war sehr hübsch gesagt. Ein Kompliment im besten wiener Stil!» «Erstens war es Feststellung einer Tatsache und kein Kompliment», erklärte Altenberg. «Und zweitens leg ich nicht den geringsten Wert auf wiener Stil.» «Ja, warum schreeiben Sie ihn denn dann beeispielsweeise?» fragte Keyserling. «Wer? Ich? Sie wollen mich beleidigen, Herr Graf!» «Ich werd nu Peter Altenberg beleeidijen wollen! Ganz im Jejenteeil! Ich hab in Wien zweei wirklich schöne Jugendjahre zujebracht und liebe es. Und sehe es jerade immer um diese Jahreszeit vor mir: im Mai. Der Abend wird beei langsam schummerig, und die Kastanienblüten leeuchten rot. Ja, das ist Wien!» «Und Kitsch ist Trumpf!» schrie Altenberg. «Ich hasse Wien und geh in meinem Leben nicht mehr hin!» «Nur nichts verschwören!» mahnte Keyserling und lächelte, um seine leisen Zweifel auszudrücken. Nun, und deren völlige Berechtigung sollte eine viel nähere Zukunft schon beweisen, als Altenberg sich's träumen ließ. Es hätte ihn ja früher oder später unbedingt in seine Vaterstadt zurückgeführt, die er zu hassen glaubte, und in der sein Wesen doch zutiefst verwurzelt war – daß es hiermit so schnell ging, daran trugen meine Frau und ich ganz unschuldig die Schuld. Wir hatten uns in dieser Nacht so glänzend unterhalten, daß wir Lust empfanden, bald wieder zu dem gleichen kleinen Kreis vereint zu sein. Deshalb lud meine Frau, als wir uns gegen Morgen trennten, die beiden Dichter für den nächsten Tag zum Abendbrot in unsere schwabinger Mansarde ein. Das wurde mit Begeisterung begrüßt, und beide sagten zu. Am späten Nachmittag jedoch erhielten wir von Peter Altenberg ein Telegramm aus – Salzburg. Er bedauerte darin unendlich, daß er unsrer Einladung für morgen doch nicht folgen könne, da er «aus dringender Veranlassung» ganz plötzlich dorthin hätte reisen müssen. Was der Grund zu dieser überstürzten Flucht gewesen war, erfuhren wir am nächsten Tag von Keyserling, der damit freilich eine kleine Indiskretion beging. Altenberg hatte ihn zu einer für ihn noch nachtschlafenden Zeit am Vormittag in der Bodega aufgesucht und ihm gestanden, daß er über seine uns in der Weinseligkeit erteilte Zusage schlechterdings verzweifelt sei. Er könne unsrer Einladung unmöglich folgen, weil er grundsätzlich nie im Beisein einer Dame esse. Dazu sei er sich seiner Eßmanieren viel zu wenig sicher; unverblümt herausgesagt, er esse einfach wie ein Schwein. Uns aber hier von München aus unter erlognem Vorwand abzusagen, verböten ihm sein Takt- und Feingefühl. So bliebe ihm nichts übrig, als die Stadt, in der er doch so gern auf ewig bliebe, dauernd zu verlassen: ein kurzer Ausflug wäre keine triftige Entschuldigung für einen Wortbruch, wie er ihn nun zu begehen durch die Not gezwungen sei. Ungefähr vierzehn Tage lang schrieb Altenberg dann täglich aus verschiednen Orten Österreichs Karten von größtem dichterischen Reiz an meine Frau. Die letzte kam aus Wien. Und dann verstummte er. Es fügte sich, daß wir ihn nie mehr wiedersahen und von ihm direkt nie wieder etwas hörten. Doch was tut es! Altenbergischer als damals hätte er sich uns wohl später auch nicht zeigen können. Und so steht er uns, wie er zu seinen besten Zeiten war, in freundlicher Erinnerung – ein geniales großes Kind. Würzburger Tage mit Max Dauthendey Wer in sich den Probierstein für künstlerische Echtheit trägt, der muß es den Gedichten Max Dauthendeys anmerken, wie elementar sie ihm vom Herzen kamen ohne den Umweg über den Verstand, wie jeder Zweckbewußtheit fern, wie ungewollt selbst die Originalität seines Frühwerkes «Ultraviolett» ist, das anfangs den Zeitgenossen als Muster ausgeklügelter «Verrücktheit» galt. Fühlen wird das jeder hellhörige Leser – wer Dauthendey persönlich kannte, weiß es auch. Denn mit der gleichen wundervoll naiven Phantasie, die in seinen Gedichten blüht, sah er die Wirklichkeit, stand er auf Schritt und Tritt den wundersamsten Abenteuern gegenüber, wo nüchternere Augen nichts Auffälliges erblicken konnten, genoß er voller jeden Sonnenstrahl und litt er tiefer unter jedem rauhen Wind als andre, denen die Natur derbere Nerven und eine solidere Haut verliehen hat. So sehr ihn auch die Not des Daseins zauste, abhärten und verhärten konnte sie ihn nicht, er blieb an Aufgeschlossenheit für alles Schöne wie an Schmerzempfindlichkeit sein Leben lang ein Kind. Auch so hinreißend liebenswürdig war er wie ein Kind von guter Art; ich habe keinen zweiten Mann gekannt, der solchen Scharm wie er besessen hätte. Zum erstenmal begegnet bin ich ihm im Frühjahr 1901. Wir waren uns sympathisch auf den ersten Blick, und da auch unsere Frauen sich verstanden, wob sich bald ein Freundschaftsband, das später manchen tüchtigen Zerreißproben erfolgreich widerstanden und bis an seinen Tod gehalten hat. Schon daß wir überhaupt einander nahekamen, ist ja fast als Wunder zu bezeichnen bei unserer Verschiedenheit: er immer sanft und fein, voll beinah ängstlicher Rücksicht und Manierlichkeit, ich gern in meiner Rede etwas derb und geradezu; er allezeit der in Gefühlen schwelgende Enthusiast, ich – jedenfalls von außen angeschaut – der Skeptiker, der als ein richtiger Balte seine Ironie und Necklust schwer bezähmen konnte. Zwar spürte ich gar bald, wie leicht verletzlich seine Seele war, und mühte mich, ihm ja nicht weh zu tun, er aber konnte schon darunter leiden, wenn man «Lyriker» zu ihm sagte und dies Attribut auch nur der Tonnuance nach gewissermaßen zwischen Gänsefüßchen setzte. Weil mir das manchmal unterlief, widmete er ein Exemplar seiner in Mexiko gedruckten Miniaturausgabe des Gedichtbuches «Reliquien» ausdrücklich: «Frau Holm (nicht Herrn Holm)». Doch Abbruch tat das unserem Einvernehmen nicht. Obgleich es mir nicht lag, meinem Empfinden Ausdruck zu verleihen, spürte er, wie gut ich es ihm meinte, und wie nah er meinem Herzen stand. Und mußte man ihn denn nicht lieben, wenn man ihn genauer kannte, ja, fast auf den ersten Blick? Seine Erscheinung schon zog jeden unwillkürlich an – er sah so nett, wenn mir das Wort gestattet ist, so «lecker» aus in seiner gepflegten Sauberkeit, daß man schon dadurch gleich gewonnen wurde. Sohn eines Norddeutschen und einer Deutschrussin, hatte ihn der Zufall seiner Geburt in Würzburg und der dort verbrachten jungen Jahre nach seiner Wesensart zum richtigen Unterfranken werden lassen, aber dem Typus nach hätte ihn wohl, wer es nicht besser wußte, eher für einen Inder als für einen Deutschen angesprochen. Sein sanft gerundetes Gesicht unter dem dunkeln Lockenwald war tief brünett, die Stirne hoch und klar, die Nase kurz und fein geformt, der etwas üppige Mund zeigte in einem Lächeln, das bezaubern konnte, gern die hübschen weißen Zähne, wobei lustige Grübchen in den Backen spielten. Das Schönste aber waren seine braunen Augen mit dem kindlich reinen Blick, der mehr als der Herr Jedermann erschauen konnte, und der so viel zu sagen wußte, was der Mund verschwieg: von Freude an den Menschen und der Welt und Scheu vor ihrer klobigen Körperhaftigkeit. Doch zeugte sein wohlausgebildetes und festes Kinn für Selbstbewußtsein und wenigstens passive Energie, die sich nicht leicht vom einmal eingeschlagenen Wege drängen ließ. Er war kaum mittelgroß und zierlich von Gestalt; und seine übrigens durchaus proportionierte Körperkleinheit hat ihn heimlich irgendwie bedrückt. Das geht daraus hervor, daß er es wohltuend empfand, wenn ihm, zum Beispiel in Max Reinhardt, ein Mann entgegentrat, der auch etwas bedeutete und – kleiner war als er. Und seine Frau, eine sehr hochgewachsene rotblonde Schwedin, wußte das: wenn sie zusammen gingen, trat sie gern vom Bordstein auf den Straßendamm und suchte sich im Rinnstein ihren Weg, ja, machte noch dazu die Kniee krumm, damit er neben ihrer Länge nicht zu winzig wirke. Ich stand Max Dauthendey seit Jahren nah, bevor ich ihn für den Langenschen Verlag gewann. Daß ich so spät erst Schritte dazu tat, mag ihm als Unterschätzung seines dichterischen Werts erschienen sein, aber es hatte einen andern Grund. «Mir ist Max Dauthendey als Mensch so lieb», erklärte ich dies Zaudern meiner Frau, «daß ich dieses Verhältnis ungern durch Geschäftsbeziehungen gefährde.» Und meine Ahnung trog mich nicht: es hat, seit ich dann sein Verleger wurde, zwischen ihm und mir des öftern einen Strauß gegeben, der unsere Freundschaft manchmal zu bedrohen schien; und schuld daran trug immer nur das leidige Geld. Daß dieses seit seiner Erfindung wenig Glück und sehr viel Leid auf diese Erde brachte, weiß man ja. Doch schwerere Stunden als dem armen Dauthendey hat es wohl wenigen beschert. Geld ist nur ein Symbol und doch ein Wesen von dämonischer Natur, rachsüchtig ist es und verzeiht es einem nie, wenn man es nicht gebührend ehrt: den Groschen ehrt, wie es im Sprichwort heißt. Und daran ließ Max Dauthendey es zu sehr fehlen, als daß sich diese Nonchalance nicht durch beständige Sorgen, durch Lebensangst bis zur Verzweiflung hätte strafen sollen. Er mußte sich recht viel von anderen helfen lassen, und mancher, der sich vorsichtig nach seiner Decke streckt, fühlt sich darum berechtigt, ihn mit Pharisäerstolz als eine Art Schmarotzer zu bezeichnen. Er war das Gegenteil: er war ein Grandseigneur, der aber leider nicht als Erbe des dazu gehörenden Vermögens dieses Dasein angetreten hatte. Nach seiner Überzeugung bedeutete die Hilfe, die ihm andere gewährten, keine Erniedrigung für ihn, sondern vielmehr für jene andern eine Auszeichnung und angenehme Pflicht. Er fühlte sich mit vollster Sicherheit als Dichter; und von einem solchen zu verlangen, daß er sich, was er zum Leben brauche, selbst verdiene, sei törichte Philisterei. Von Rechts wegen hätte eigentlich der Staat dafür zu sorgen, und wenn der in unserer kunstverlassenen Zeit noch nicht begriffe, was er seinen Künstlern schulde, nun, so müßten halt die reichen Leute mittlerweile in die Bresche treten. Ich weiß, daß inan über die Pflicht des Vaterlandes gegen seine Dichter, und umgekehrt, auch anders denken kann als er. Doch jedenfalls war dies bei ihm ehrlicher Glaube an sich und eine höhere Gerechtigkeit; und wer nach seinem Glauben handelt, sündigt nicht – er setzt sich höchstens recht viel Unannehmlichkeiten aus. Nun legte ihm die Schwere dieses Daseins freilich immer wieder den Gedanken nah, er müsse, wie die Welt jetzt einmal sei, aus eigner Kraft sein Leben so gestalten, daß er als Dichter völlig frei von Rücksicht auf Erfolg und wie der Vogel in den Zweigen singen könne. An Plänen, dieses zu erreichen, fehlte es ihm nicht, nur hatte diese nie der praktisch rechnende Verstand gezeugt, sondern die Phantasie, die zwar mit Schwung den Himmel stürmte, sich aber an den Kanten dieser Erdenwelt gar bald die Flügel blutig stieß. Daß er wie andre einen der üblichen bürgerlichen Berufe wählen könnte, um sich durchzuschlagen, leuchtete ihm nicht ein. Und seine Frau war darin völlig gleichen Sinns mit ihm. Als eine Freundin ihn einmal durch Ratschläge von solcher Art belästigte, wehrte er mürrisch und verlegen ab: er wäre dafür zu verträumt und zu zerstreut, das läge ihm ganz einfach nicht. Sie aber ließ nicht nach und suchte es ihm klar zu machen, daß ein Mann, der durch die Ehe die Verpflichtung übernommen habe, auch für seine Frau zu sorgen, sich zu so manchem zwingen müsse, was ihm kein Vergnügen sei. Da fuhr Frau Dauthendey empor und rief erregt: «Mein Mann ist doch kein Mann – er ist ein Dichter!» Er aber sagte später an dem Abend ärgerlich zu mir: «Was gibt denn der Person ein Recht, mir Predigten zu halten, instinktlos, dumm und grob! Ich kenn sie zwar von dieser Seite schon: sie ist mir einmal auf den Fuß getreten, daß ich drei Wochen krank im Bette lag!» «Doch nicht mit Absicht!» wendete ich lächelnd ein. «Jedenfalls so brutal, daß mir sofort das ganze Bein bis an die Hüfte schwoll und einfach schwarz geworden ist!» Ihn schüttelte ein Schauder beim Zurückdenken daran. Ich habe mich persönlich von dem Krankheitszustand dieses Beins nicht überzeugt und weiß nicht, wie es mir erschienen wäre, zweifle aber keinen Augenblick daran, daß er es selber in der Tat kohlschwarz gesehen hat. Obgleich am häufigsten wohl München der Schauplatz unserer Begegnungen gewesen ist, steht mir Max Dauthendey in der Erinnerung doch stets von unterfränkischer Luft umflimmert vor den Augen. Denn diese weiche, sonnentrunkene Luft, darin der Steinwein reift, gibt seinem Bild erst die lebendige Kontur. Es war durch Jahre eine liebe Gewohnheit der Familie Holm, die Pfingsttage mit der Familie Dauthendey in Würzburg zu verleben – seit diese dort wieder seßhaft geworden war und eine Wohnung hatte, selbstverständlich bei ihr zu Gast. Aber schon als wir noch in dem Hotel zum «Schwanen» Einkehr hielten, fühlte sich Max hier auf dem Heimatboden ganz als unser Wirt. Und was für ein besorgter, liebenswürdiger, nobler Wirt er war, malt, wer es nicht erlebte, sich schwer aus. Es fing schon damit an, daß er uns vierzehn Tage vor der kleinen Reise liebreich eingehend schrieb, mit welchem Zug wir fahren sollten, und wann der sein Ziel erreiche, beinah, als glaube er, wir hätten früher nie ein Kursbuch noch auch eine Eisenbahn gesehn. Genau wurde desgleichen festgestellt, an welcher Stelle des Würzburger Bahnhofes er uns erwarten würde, und wo wir jedenfalls doch seiner Frau begegnen müßten, falls wir den von ihm angeratenen Ausgang und damit ihn selbst verfehlten. Er lohnte unseren Kofferträger ab, wenn es mir nicht gelang, ihm durch Gewalt und List zuvorzukommen; und als mir das bei unserm ersten Besuch auch mit der Droschke zum Hotel geglückt war, stand künftig immer ein von ihm bestellter Wagen da und hatte die Bezahlung für die Fahrt vor unserer Ankunft schon empfangen. Es kostete mir stets die größte Anstrengung, in seiner Gegenwart dort überhaupt das Portemonnaie zu ziehen; und sogar wenn Dauthendeys im «Schwanen» bei uns aßen, mußte ich rechtzeitig dem Kellner sagen, daß er von dem andern Herrn nichts nehmen dürfe und das ganze Mahl für meine Rechnung gehe. War er etwa zu Mittag so auf meine Kosten satt geworden, suchte sich Max gleich ausgiebig zu revanchieren. Vor Augen steht mir noch, welche phantastische Menge Spargeln er uns so einmal zum Abendbrot auftischen ließ. Er hatte sie mit eigner Hand vom Markte heimgetragen, und sein Sinn für gutes Essen und Getränk war nicht gering. Sie sahen nach nichts aus, wie sie sich da auf der gewaltigen Schüssel türmten, klein und dünn und krumm, aber sie hatten es in sich, ich schmecke ihre seine Erdenfrische bis zum heutigen Tag. Dauthendeys waren damals nur für die Sommerzeit in Würzburg eingekehrt und wohnten bei Bekannten auf der «Neuen Welt», einem Gutshofe am Leutfresserweg, der zwischen Käppele und Festung bergwärts führt. Dort oben war des Dichters Mutter an der Auszehrung hingesiecht und jung gestorben, dort oben hatte er als Knabe schöne Ferientage zugebracht, dort oben saßen wir unter blühenden Bäumen, von Fliederduft umweht, das mächtige Gemäuer des Marienbergs vor Augen, und legten tapfer Bresche in den Spargelberg, aßen köstlichen fränkischen Schinken und tranken edeln Frankenwein dazu. Und als der Berg bezwungen war, da fragte unser freundlicher Wirt, und es klang ängstlich und besorgt: «Seid ihr denn nun auch wirklich satt?» Mein Gott, nein, essen konnten wir nicht einen Bissen mehr, aber der Wein, der mundete uns noch, noch stundenlang. Das Abendrot verdämmerte, still zog der Mond herauf und machte alles weich und groß. Wir ließen unsere Gläser aneinanderklingen, und Max hob zu erzählen an, von seiner Jugend und von seinen Fahrten durch die Welt. Und wie mitreißend er erzählen konnte! Das war eine von den Nächten, die man nicht vergißt. Auch in den späteren Jahren, wenn wir als Logierbesuch in seiner Mansardenwohnung am Sanderring einkehrten, konnte sich Max Dauthendey mit unserer Bewirtung kaum Genüge tun und fürchtete dabei noch stets, daß es nicht fein genug und viel zu wenig sei. Uns wiederum schien dieses Auftafeln bedrücklich, waren wir doch um seinetwillen und nicht um hier zu schwelgen da, auch wußte ich, besonders seit uns engere geschäftliche Beziehungen verknüpften, wie wenig glänzend es ihm ging, und konnte es fast auf den Tag berechnen, wann mich nach meiner Heimkehr wieder ein Brief an den Verlag mit anschaulichen Schilderungen seiner Not erreichen und um Vorschuß bitten würde. So wiesen wir denn wenigstens nach Möglichkeit den uns von ihm stets dringend angebotenen Wein und Sekt zurück und baten ihn um ein Glas Bier. Natürlich wurde unser Wunsch sofort erfüllt, ich nahm den ersten Schluck und fragte ihn: «Warum trinkt ihr nur immer dieses schwere Kulmbacher?» «Ist es nicht gut?» rief er entsetzt. «Ich finde, daß es doch so ölig sanft und gütig schmeckt?» «Das schon!» beruhigte ich ihn. «Nur bei der Hitze für den Durst, da täte es ein weniger dickes, leichteres ebenso. Auch kostet es doch sicherlich viel mehr?» «Oh, ganz im Gegenteil!» fuhr's ihm heraus, und als ich ihn ungläubig ansah, wurde er zunächst verlegen, ließ dann aber gleich ein Lächeln sehen, das bezaubernd war, und löste mir das Rätsel so: «Das heißt ... in dem Delikatessengeschäft, dem ersten hier am Ort, wo wir auf Rechnung holen lassen können, gibt es kein andres Bier.» Nun wußte ich Bescheid um seinen Kassenstand, sowie darüber, weshalb, ganz abgesehen von dem Streben, uns was Gutes anzutun, in diesem Dichterhaushalt so feinschmeckerisch gegessen wurde. Max fühlte sich verpflichtet, seinem freundwillig borgenden Hoflieferanten, wenn er schon lange bei ihm schuldig bleiben mußte, wenigstens was den Umsatz anbetraf als schätzenswerter Kunde zu erscheinen. Auch noch direktere Beweise dafür, in was für Sorgen er fast immer stak, erlebten wir bei unsern Würzburger Besuchen oft. So bleibt mir unvergeßlich seine Todesangst vor einem «Mann von Cook», die ihn zu Pfingsten 1907 kaum zur Ruhe kommen ließ. Max Dauthendey war es das Jahr vorher durch Unterstützung seiner Schwiegermutter ermöglicht worden, den seit langer Zeit gehegten Traum von einer Reise um die Erde wahrzumachen. Er hatte sich zu diesem Zwecke einer Cookgesellschaft angeschlossen. Der Grandseigneur in ihm litt es natürlich nicht, unter dem reichen Volk, das mit ihm fuhr, als armer Teufel dazustehn. Er schloß sich also von nichts aus, was extra zu bezahlen war, er hielt wohlhabendere Leute frei, er kaufte fremdartige Dinge ein – denn alle andern taten es ja auch –, und so geschah's, daß er sich bald am Ende seiner Mittel sah. Was seine Frau von ihrer Mutter noch erlangen konnte und ihm telegraphisch schickte, reichte auch nicht weit; kurzum, er kam in San Franzisko mit einem Haufen Schulden an den Manager der Fahrt und ohne einen roten Heller an. Was war zu tun! Der unglückliche Cook-Beamte brachte unsern Dichter in die dortige Niederlassung seiner Firma, hieß ihn im Vorraum warten und ging selbst hinein und meldete den Fall. «Und stell dir diese Unverschämtheit vor», erzählte mir Max Dauthendey, «wie ich dann zu dem Cook-Vertreter eingelassen wurde, grinst dieser Mensch ganz frech mit seinem amerikanischen Geschäftsgesicht und sagt: ‹Sie also sind der Mann, der ohne Geld rund um die Erde fährt?› So einen deutschen Dichter zu behandeln! Sag, ist das nicht stark!» Und, was noch schlimmer war, er durfte dem Banausen seine ehrliche Entrüstung gar nicht zeigen, sondern mußte ihn vielmehr schön bitten, ihm doch noch das Geld für den Besuch der schönsten Punkte von Amerika, ohne den es ja gar keine richtige Weltreise geworden wäre, und für die Heimfahrt vorzustrecken. Dies hatte der Agent dann gegen die Zusicherung, daß der Gesamtbetrag ihm von Europa aus gleich nach der Ankunft dort zurückerstattet würde, schließlich auch getan – woraus wohl klar hervorgeht, wie schwer sogar ein Yankeeherz Max Dauthendeys scharmantem Wesen widerstand. Nun wurde es mit der versprochnen schnellen Tilgung dieser Schuld aus durchsichtigen Gründen nichts. Auf seine Mahnungen erhielt der Amerikaner bloß flehentliche, dann mit der Zeit schon etwas ungehaltne Bitten um Geduld. Im Frühjahr 1907 schrieb er endlich an Dauthendey, er mache jetzt einen «Europatrip» und wolle bei den Gelegenheit den längst schon überfälligen Betrag in Würzburg selber einkassieren. Von Stund an sah der arme Max Gespenster, hielt auf der Straße jeden dritten Mann, der um die Ecke bog, zunächst für seinen Gläubiger aus «Frisco», rief jedesmal, wenn es an seiner Flurtür schellte, schreckensbleich: «Das ist der Mann von Cook!» und warnte dann im Flüstertone seine Frau und mich: «Sei leise, Mulde, und schau erst durchs Guckloch; und wenn er es ist, dann mach nicht auf! – Korfiz, verzeih, aber lach, bitte, nicht so laut, damit er uns nicht hört!» Ja, er hat mich in allem Ernst gefragt, ob er denn seine Weltfahrt-Dichtung «Die geflügelte Erde», an der er damals schrieb, nicht lieber «Cook-Passagier rund um die Welt» betiteln solle. Er hoffte wohl, durch diese «unsterbliche» Reklame für sein Reisebüro den unbarmherzigen Kalifornier mild zu stimmen. Stellte sich dann heraus, daß nur der Briefträger oder sonst jemand Harmloses an der Tür geklingelt hatte, dann packte den stets rücksichtsvollen Max etwas wie Reue, weil wir als seine lieben Gäste Zeugen seiner Lebensangst geworden waren. Er suchte dies dann durch besondre Heiterkeit, die ihm in der Erleichterung seines Herzens ja nicht schwer fiel, wieder gut zu machen. Denn seine Wirtespflicht, die er so rührend ernst nahm, schloß seiner Meinung nach die Sorge dafür in sich, daß wir nur freundliche Eindrücke zurück nach München brächten – nicht nur von seinem Heim, nein, auch von Würzburg und der näheren und weiteren Umgebung seiner Vaterstadt. Wenn wir den Blick auf deren Turmwald hoch vom Käppele herab genossen oder die winkeligen Gassen unten nach verborgnen Schönheiten durchforschten, wenn wir im Parke von Veitshöchheim Sonne kneipten oder ein verträumtes Frankennest besichtigten, dann ging Max Dauthendey, der anregendste Führer, den sich einer denken kann, neben uns her, als wäre alles dies sein Werk und er verantwortlich dafür. Und seine Augen forschten aufmerksam, ob ich denn auch zufrieden sei und nicht ironisch meinen Mund verziehe. Und tat ich dieses nicht, so fühlte er sich geehrt und still beglückt, obgleich das ja im Grund nicht mehr als selbstverständlich war. Daß man die Menschen manchmal spöttisch von der heiteren Seite nimmt, hilft einem doch, nicht an der Menschheit zu verzweifeln – wer die Natur und gute alte Kunst ironisierte, müßte schon ein öder Bursche sein. Mit ganz besonderer Begeisterung erzählte uns Max Dauthendey einmal zu Pfingsten, es sei an der Neumünsterkirche kürzlich ein lang vergessener, wundervoller Kreuzgang aufgefunden worden, der in seinem Hof das Grab des Minnesängers Walter von der Vogelweide berge. Der Eindruck, den das auf ihn machte, war so groß, weil er als fränkischer Liebesdichter in Walter seinen geistigen Ahnherrn sah. Sein Frühlingsliederbuch aus Franken nannte er ja auch das «Lusamgärtlein», weil dieser Kreuzgang so im Volksmund hieß. Dies Lusamgärtlein nun hatten die Würzburger im Hofe ihres Luitpoldmuseums wieder aufgebaut. Herr Walter liegt da nicht, aber ein sarkophagähnlicher Gedenkstein symbolisiert sein Grab. Der erste Weg, den Dauthendey uns dieses Mal in Würzburg führte, ging dorthin. Mir klingt es noch im Ohr, mit welcher Schwärmerei er uns den Kreuzgang zeigte und erklärte. Für sein Gefühl lag Walter unter jenem Stein, und er, so innig er am Leben hing, beneidete ihn fast darum. Dies Grab sei wahrhaft eines Dichters würdig und das schönste Grab der Welt. Wer auch so ruhen könnte, hätte nicht umsonst gelebt. Und heute ist ihm dieser Traum erfüllt, vielleicht als einziger seines Lebens, der sich ihm ohne Rest verwirklicht hat. Erfüllung bringt uns allen nur der Tod. Die Erde Javas, die den Leib Max Dauthendeys zwölf Jahre deckte, hielt ihn nicht. An einem regengrauen Maientag des Jahres 1930 stand ich vor seinem offenen Grab im Lusamgärtlein, und die Erinnerung daran stieg auf, was er vor mehr denn zwanzig Jahren hier zu mir gesprochen hatte. Auch diesmal blieb er mir nicht stumm. Als manche Rede ihm zu Ehre und Gedächtnis, die schönste aus dem Munde seiner Frau, verklungen war und nun die Menschen einen Augenblick gesenkten Hauptes schwiegen, brach die Sonne durch, und es erhob in dieser Stille eine Amsel ihren flötenden Gesang. Wie oft hat Max gesagt, daß er nach seinem Tode als Singvogel weiterleben werde. Und so hörte ich mit einemmal ihn selbst und war ihm nah wie einst. Eduard von Keyserling Eduard von Keyserling ist schon ein paarmal auf den Seiten dieses Buches flüchtig aufgetaucht, doch er verdient es wohl, daß ich ausführlicher und wärmer von ihm spreche, als es bisher geschah. Ich denke, es muß kurz vor der Jahrhundertwende gewesen sein, als er, der vorher eine Reihe Jahre in Italien verbracht hatte, nach München kam, wo er dann bis zu seinem Ende blieb. Denn hier fand dieser kurländische Graf, dem es unter den heimatlichen Standesgenossen nie so richtig warm geworden war, den ihm gemäßen Freundeskreis und seine zweite Heimat. Er mietete sich eine Wohnung in der schwabinger Ainmillerstraße und führte dort ein sehr harmonisches Zusammenleben mit zwei oder drei älteren, gleich ihm ledig gebliebenen Schwestern, die ihn vergötterten und alles für ihn taten, was sie ihm an den Augen absehn konnten. Sie glichen ihm im Äußeren sehr und waren also keineswegs das, was man hübsch nennt, wirkten aber in ihrer beabsichtigt unmodischen Gewandung aristokratisch durch und durch. Daß sie auch ihres Bruders große Liebenswürdigkeit besaßen, weiß ich von meinen damals noch recht kleinen Kindern, mit denen die Komtessen Keyserling auf dem Habsburgerplatz, der ihrer wie auch meiner Wohnung nahe lag, die freundlichste Verbindung pflegten, und die sie oft mit Schokoladenplätzchen, einer typisch baltischen Delikatesse, fütterten. Ich habe keine von den Schwestern je persönlich kennen lernen und glaube, daß es andern Freunden Keyserlings genau so ging. Die alten Damen – denn sie wirkten alt, wenn sie es auch vielleicht an Jahren noch nicht alle heißen durften – verdachten ihrem Bruder keineswegs seine erklärte Vorliebe für den Verkehr mit Literaten, Künstlern und Boheme, legten aber ihrerseits nicht den geringsten Wert auf Umgang dieser Art; denn ihr Interesse galt der evangelischen Bewegung und der Heidenmission. Eduard von Keyserling, der allerdings vor langer Zeit einmal einen inzwischen längst verschollenen Jugendroman hatte erscheinen lassen, war damals literarisch noch ein unbeschriebenes Blatt, und in der Hinsicht wußte keine Seele etwas Näheres über ihn. Sein Erstlingsdrama «Frühlingsopfer» erlebte seine Uraufführung, als er schon einige Zeit in München war, die früheste seiner leisen und doch so lebensvollen Erzählungen aus adeligen Häusern, das kleine Meisterwerk «Beate und Mareile», wird wohl erst hier entstanden sein und kam im Jahre 1903 heraus. Die lange Schaffenspause war dadurch bedingt gewesen, daß er mitten in seinen wiener Studienjahren heimberufen wurde, die Oberleitung eines großen Gutsbetriebes für einen minderjährigen Verwandten in die Hand zu nehmen. Als dieser Pflicht genügt war und er die Arbeit, die ihm wenig lag, dem nun erwachsenen Majoratsherrn auf die eignen Schultern bürden durfte, hielt es ihn länger nicht daheim, und er zog in die Welt hinaus, dort fürder nur noch das zu tun, wonach der Sinn ihm stand. Und das war Schreiben. Er fühlte sich, wahrlich nicht ohne Grund, als Dichter und suchte darum Fühlung mit einem Kreis, darin er Leute von der gleichen Art und gleichem Streben treffen könnte. So fand er denn in München bald den Weg zum Café Stephanie, wo die Boheme Schwabings, untermischt mit mancher schon berühmten Größe der Feder und des Pinsels, täglich anzutreffen war. Wer ihn dahin gebracht und seine Bekanntschaft mit einigen Stammgästen des Lokals vermittelt hat, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß Max Halbe sich auf die Frage eines dieser Leute, ob er ihm nicht den Herrn da hinten in der Ecke vorstellen dürfe – es sei ein netter Kerl, ein kurischer Graf Keyserling –, zunächst entschieden ablehnend verhielt. Nett, meinte er, sei wohl ein bißchen viel gesagt, der Mensch sehe ja aus wie einer, der vor hundert Jahren als Siebzigjähriger gestorben wäre und seitdem bis heute nachmittag im Grab gemodert hätte. Nun glich ja Keyserling beim ersten Blick wohl in der Tat von Ferne dem auferstandenen Lazarus, den ich mir auch nur wenig reizvoll denken kann. Die lange, schmale, etwas schlottrige Figur, das kränklich bleiche, faltige Gesicht, die müde Haltung ließen ihn, der etwa fünfundvierzig Jahre zählte, fast als Greis erscheinen. Er war ja damals schon ein kranker Mann, sein Leiden, das sich schlecht verbergen ließ, so sehr er sich auch darum Mühe gab, verstärkte noch den Eindruck der Hinfälligkeit. Wie seine Füße sich unsicher tastend vorwärts schoben, so konnte seine Hand gar oft das Glas, das er so gern zum Munde führte, erst auf den zweiten und dritten Griff erhaschen, behutsam und mit List, wie einer eine Fliege fängt. Und in den Zügen seines schmalen Kopfes gab es manche Zeichen von Überzüchtung und Degeneration: den Mund, der durch den Bau der oberen Zähne meistens offen stand, das Kinn, das in beinah gerader Linie von der Unterlippe gegen den Kehlkopf floh, die vorstehenden lebhaft blauen Augen, die ein wenig blöde blicken konnten und ja auch nicht lange Zeit darnach erblindeten ... Hübsch war sein rauh gewelltes Haar von ganz apartem Blond; und daß in diesem armen Lazarus ein Freund des Lebens, ein Genießer steckte, bezeugten seine brennend roten Lippen, die von der sonstigen Blässe seiner Haut geradezu befremdend abstachen. Im ganzen wirkte er, wenn man ihn, ohne ihn zu kennen, flüchtig sah, als Mensch von ausgesprochener Häßlichkeit, doch gleichzeitig als Mensch von Stil und, ob er auch auf Kleidung und auf Pflege seines Äußeren wenig hielt, entschieden als Aristokrat. Doch kam man ins Gespräch mit ihm, dann schien es einem sonderbar, wie man ihn jemals hätte häßlich finden können – so sehr belebte und verschönte die ihm eingeborene Liebenswürdigkeit sein von verschwiegenem Leid gezeichnetes Gesicht, und so bezaubernd war der Geist, der hinter jedem Worte funkelte, das er nachlässig fallen ließ. Das merkte auch Max Halbe, als er ihn trotz seiner ja wohl schwerlich ernstgemeinten Weigerung kennen lernte, schon sehr bald, und er und seine Frau Louise sind dann die besten münchener Freunde Keyserlings geworden. Was den an diese beiden Menschen band, war sicherlich vor allem auch der Reiz des Gegensatzes. Sein Wunschtraum galt ja der Gesundheit und derber Lebenstüchtigkeit – sonst gäbe es in seinen Werken nicht neben den ein wenig müden adeligen Damen mit ihrer ererbten und anerzogenen Verfeinerung die herrlich unkomplizierten, durch keine Tradition und Konvention gehemmten Mädchen aus dem Volk. So viel er still bei sich von seinem Dichten hielt, er hätte sein Talent wohl leichten Herzens hingegeben um den Preis, zu sein wie sie. Er glaubte auch, daß solche Leute, wenn sie nur gescheit und mutterwitzig wären, eigentlich sehr fesselnd müßten schreiben können. So redete er denn Frau Louise Halbe dringend zu, ein Tagebuch zu führen und schenkte ihr dafür ein schön in Leder gebundenes Buch, auf dessen Deckel goldgeprägt die Inschrift glänzte: «Hundert Jahre einer Realistin.» – Von allen Grübeleien freier Realist sein und gesund bis an die Hundert leben dünkte ihn, wie er es selbst wohl ausgedrückt hätte, «kein Hund». Ich für mein Teil traf Eduard von Keyserling zuerst in dem gastfreien Hause Halbe, und ich fühlte mich ihm von der ersten Stunde an in Freundschaft zugetan. Wir tauschten bald das brüderliche Du, mit dem er übrigens nicht sparsam war, und mir wird heute noch sehr warm ums Herz, wenn ich des lange Abgeschiedenen gedenke. Seine bereitwillige Zugänglichkeit für jedermann, weil jedermann ihm interessant war und zu Beobachtungen Anlaß gab, ging Hand in Hand mit keuschester Zurückhaltung in jeglichem, was seine eigene Person betraf. Die Tiefen seines Inneren hat er keinem gezeigt, die schweren Schmerzen der Entsagung, die ihm seine Krankheit auferlegte, litt er stumm, und niemand sah ihm je etwas von Mißgestimmtheit an. Er trug sein Leben, das man wohl noch mit mehr Berechtigung als sonst langsames Sterben nennen durfte, tapfer und mit Heiterkeit. Ein Zug von Größe lag darin. So sehr ich seine Bücher liebe – wer sie gelesen hat, kennt ihn noch lange nicht so, wie er war. Sein Wesen übertraf sein Werk, und was er sprach, riß stärker hin, als was er schrieb. Er war ein Plauderer von seltener Art, und dabei doch kein Witzbold oder Pointenhascher, er zeigte sich nicht eifervoll bestrebt, die Leute gut zu unterhalten – das alles sprudelte von selbst und mühelos hervor als Ausbruch eines wohlwollenden und kultivierten Herzens, und seine Ironie war niemals bitter, sondern hatte helle Freude an den Menschen und den Dingen, denen sein stilles Lächeln galt. Derartige Causerien lassen sich natürlich nicht nach Jahren wiedergeben, weil ihnen jene Ecken, jene Stacheln fehlen, daran Erinnerung sich haken kann – sie sind zu flüchtig und zu fein dazu. Doch manches hübsche Wort aus seinem Munde haftet noch in mir, das einer Niederschrift wohl würdig ist. Besonders warm gedachte er seiner einst in Wien verbrachten wenigen Semester, die sicher eine Sonnenzeit für ihn gewesen sind. Von dort hatte er wohl auch die Wendungen «Grüß Gott» und «Küß die Hand» mit heimgebracht, die neben seinem sonst so unverfälschten Kurländisch höchst wunderlich anmuteten. Er schwärmte oft vom wiener Frühling und den kleinen Wienerinnen und erzählte gern von einem bürgerlichen Studienfreund, der furchtbar wütend wurde, als sich ein Dritter unterfing, zu ihm zu sagen: «Du, vorhin grad sind mir deine Kleine und die Mätresse des Grafen auf der Ringstraße begegnet.» – «Er hätte ihn beeinah jefordert», lachte Keyserling in fröhlichem Zurückdenken, «weeil dieser Schuft seeinem Verhältnis den Mätressentitel nich verjönnte». Eine Justizrätin, die jederzeit über den letzten münchener Klatsch Bescheid wußte und alles dazu tat, ihn zu verbreiten, redete Keyserling gelegentlich mit schwärmerischem Augenaufschlag «Scheherezade» an. Auf ihre halb geschmeichelte, halb mißtrauische Frage, warum er sie so nenne, gab er zurück: «Weeil Sie so schön erzählen können.» Eines schönen Tages tauchte hier in München ein junger baltischer Schriftsteller auf, der stolz ein «von» vor seinem Namen führte. Darüber sagte Keyserling zu mir: «Weei, lieber Korfiz, daß die kurischen Pastorensöhne in Deutschland plötzlich alle adlig sind, daran bin ich ja schon jewöhnt. Aber Jefängnisinspektorensöhne auch – das is mir neeu.» Als Wedekind in der Reichshauptstadt seine ersten Triumphe feierte und plötzlich zu Berühmtheit kam, sagte mir Keyserling: «Der gute Frank hat unverschämtes Glück: er is jetzt in Berlin mosaischer Kultjejenstand jeworden.» Anläßlich eines münchener Gastspiels von Max Reinhardt lernte Keyserling auch dessen Leute kennen. Bald darnach bekam ich aus dem Bad Heilbrunn, wo er die Kur gebrauchte, eine Karte, die unter anderm meldete: «Vorigen Tag besuchte mich hier hoch zu Rad Eduard von Winterstein – ganz Sportsmann und Wangenheim.» Am Isarstrande weilte zu den Zeiten der deutschrussische Hofrat Rosenberg, von dem ich schon an einer anderen Stelle dieses Buchs gesprochen habe. Diesen selbstgefälligen Herrn begrüßte Keyserling einmal, als er im Café Stephanie an seinen Tisch trat, so: «Grüß Gott, meein lieber Hofrat, nehmen Sie doch Platz! Tja, morgen haben wir Jom Kippur.» Als was für ein galanter Schmeichler sich der Ironiker zuweilen zeigen konnte, das beweist die Widmung, die er meiner Frau in ein Exemplar seiner Erzählung «Beate und Mareile» schrieb. Sie lautete: «Frau Annie Holm, dem unerläßlichen Studium für jeden, der über schöne Frauen schreiben will.» Zur Zeit der russischen Revolution von 1905 berichtete uns Keyserling, wie diese auf seinem väterlichen Gut die ersten Wellen schlug. Die Leute rotteten sich vor dem Schloß zusammen und vollführten einen Heidenlärm. Keyserlings Bruder, der Majoratsherr, kam auf die Freitreppe heraus und fragte, was sie wünschten. – «Nu, Err Greif, weeil Rewluzion is, muß man doch ...» – «Was muß man? Wollt ihr weniger Arbeit?» – «Nee, Err Graf, arbeeiten soll der Mensch, wie es in Bibel drinsteht, und das weeiß man ja.» – «Na, dann wahrscheinlich höheren Lohn?» – «Ach nee, Err Graf, Lohn is ganz gut, und man is auch nich unverschämt.» – «Dann also mehr zu essen?» – «Nee, Err Graf, mehr wie sattessen kann man nich.» – «Dann wollt ihr wohl im Schlosse Wohnung haben?» – «Weei, was sollen wir in Schloß, Err Graf! Das is ja unjemietlich, und es paßt sich nich.» – «Ja, weiter weiß ich nichts. Dann müßt ihr mir schon selber sagen, was ihr wollt.» – Der Sprecher der Revolutionäre kratzte sich in einiger Verlegenheit den Kopf und zögerte ... Da raunte ihm ein anderer etwas zu, ein Leuchten ging in seinen Zügen auf, und er rief wie erlöst: «Freßpreeiheeit wollen wir!» – Nun lächelte der Majoratsherr fein und sagte: «Gut! Preßfreiheit könnt ihr haben. Die bewillige ich euch.» – «Nu, denn danken wir Err Graf auch schön.» Und damit zogen die Aufrührer tiefbefriedigt ab. – Nun kann man wohl nicht daran zweifeln, daß die Leute später wiederkamen, und daß es die nächsten Male schwerlich wieder so idyllisch abgegangen ist. Doch hiervon hat uns Keyserling kein Wort erzählt, und das erscheint mir ungemein bezeichnend für ihn und seine Sinnesart. Ich habe ihn, wie ich hier nebenbei bemerken möchte, über Fragen der Politik nie eine Ansicht äußern hören und kann mir auch nicht denken, daß er, der Skeptiker, in dieser Hinsicht auf ein Dogma eingeschworen war. Was andere hierzu zu sagen hatten, hörte er sich ruhig an und ließ es gelten, einerlei, ob da ein völkisch Orientierter für seine Überzeugung eintrat oder Erich Mühsam, der Anarchist. Er achtete den fremden Glauben und ließ ihn sich sogar geduldig predigen, vorausgesetzt, daß ihm der Mensch hinter dem Prediger gefiel. Aber auch Leute, die ihm kaum gefallen konnten, lehnte er nicht kurzweg ab, noch mied er sie. Er hatte viel zu viel Vergnügen an unseres Herrgotts Tiergarten, und auch das kümmerlichste Menschenkind gab seinen schlechten Augen, die noch mehr als andre sahen, irgendeine Weide. Kein Wunder also, daß Geselligkeit ihn lockte und er sich dabei immer glänzend unterhielt, vor allem, weil er selber unterhaltend war. So ging er denn in seinen ersten münchner Jahren, trotz den körperlichen Beschwerden, die ihm das bereiten mußte, gerne aus und dachte nachts auch nicht an Aufbruch, bis die letzten aus der Tafelrunde heimwärts strebten. Ich weiß es noch, wie er nach einer Abendeinladung bei uns, als sich der Kreis der Gäste längst gelichtet hatte, mit meiner Frau und mir und drei, vier anderen Seßhaften unermüdlich weiterplauderte. Tief in den Lehnstuhl hingekuschelt, ließ er seinen Blick durchs Fenster schweifen und philosophierte so: «Durchsaufen muß der Mensch manchmal, sonst sieht er nie, wie blau die Luft beei langsam in der Morjenschummerstunde wird, und hört auch nie, wie schön so in der Früh die Amselväter ihren Damen etwas pfeeifen.» Und als dann kurz vor acht Uhr unsere Kinder in das Zimmer kamen, sich vor dem Schulgang zu verabschieden, bemerkte er: «Jugend hat Tugend, wie Figura lehrt. Das Alter tröstet sich mit Lasterhaftigkeit ... Sag, Korfiz, is noch etwas in der Bowle drin?» Ein wenig Alkohol, nicht gar zu wenig, aber niemals mehr, als er vertrug, gehörte nebst der heißgeliebten Zigarette zu seiner irdischen Glückseligkeit. Wer mag's ihm auch verdenken, daß er, dem sonst soviel versagt blieb, und den, wenn er mit sich allein war, sicher häufig grauer Trübsinn überkroch, zu diesen Stimmungsförderern seine Zuflucht nahm! Und nebenbei war er doch Kurländer, gehörte mithin einem Stamm an, der von jeher trinkfest ist. So traf man ihn bereits um elf Uhr vormittags in der »Bodega«, wo er genießerisch einige Gläschen Wermut schlürfte. Ihn zu begrüßen, ging auch ich zuweilen hin, wenn mich gerade ein Geschäftsgang nach der Gegend führte. Und eines Tages fand ich ihn ganz gegen seinen Brauch mit düstrer Miene hinter einem Whisky-Soda sitzen. «Ja, du wunderst dich?» Er zeigte auf sein Glas. «Ich auch! Meein Arzt behauptet, Wermut is für mich nich gut. Wojegen mir eein kleeiner Whisky noch zur Not jestattet is.» Ich lachte: «Na, Antialkoholist scheint ja dein Doktor wenigstens nicht unbedingt zu sein.» – «Im Jejenteeil: er seeuft ja selbst. Nur steeijert das für mich die Unbegreeiflichkeeit. Nee, ausjerechnet Whisky! Das is schon das zweeite Glas von diesem Zeeugs, und ich komm eeinfach nich auf den Jenuß! Schmeckt wie Odol! – Findest du nich: mit dieser scheeußlichen Kasteeiung hat man sich schon etwas Besseres verdient. – Herr Oberkellner, eeinen Wermut, aber möglichst schnell!» Und als er dann den ersten Schluck von dem gewohnten Trank genommen hatte, nickte er: «Na ja: Italien! Und England – pah! Der Arzt mit seeinem: unjesund! Ganz eeinfach lächerlich! Und wenn! Wer alles Unjesunde meeiden will, kann das doch nur im Grabe. Leben überhaupt is unjesund.» Den Abendtrunk nahm Keyserling ein paarmal wöchentlich im sogenannten Halbe-Kreis, der eine bunte Schar von Schriftstellern und Künstlern in sich schloß, die alle gerne becherten. Die Säulen der Gesellschaft waren neben ihm Max Halbe und Frank Wedekind, das heißt, nur dann, wenn sich die beiden halbwegs miteinander standen. Denn sie verzankten und versöhnten sich alle paar Wochen umschichtig. Und dies hat Keyserling, ich glaube wohl, das einzige Mal in seinem Leben, dazu geführt, mit einem guten Freund zu «brechen», was er jedoch ganz ohne Zorn und sicherlich mit innerer Belustigung tat. Zwischen Wedekind und Halbe hatte es gerade wieder einen Krach gegeben, und Halbe war am Tag darauf zur Uraufführung eines seiner Stücke nach Berlin verreist. Am Abend trafen sich nun Keyserling und Wedekind nebst ein paar anderen beim Wein und zechten bis zum Hahnenschrei. Dann nahmen sie sich für die Heimfahrt miteinander eine Droschke, die sie in kleinem Trab nach Schwabing trachte. Unterwegs fiel es Frank Wedekind auf einmal ein, dem darob baß erstaunten Keyserling energisch klarzumachen, daß er zwischen ihm und Halbe wählen müsse. Wer Halbes Freund sei, gelte ihm als Feind. Das legte er pathetisch und ausführlich dar, wobei er Halbe, wie die Münchner sagen, »in der Luft zerriß«. Keyserling lauschte diesem Redestrom ergeben und schwieg sich selber völlig aus, bis ihre Droschke dann vor seinem Hause hielt. »Hast du geschlafen?« fragte Wedekind. – »Neein, lieber Frank, wie stellst du dir das vor?« – »Wie ist es also, Keyserling? Entscheide dich: ich oder er?« Keyserling, der inzwischen mühselig ausgestiegen war, reichte dem stürmischen Frager ruhig seine Hand: »Ich schätze es im Grunde mehr, wenn man mich nich vor solche Alternativen stellt. Und Halbe hat es nich jetan. Sagen wir also: er! Und nun, meein lieber Frank: auf ewig lebe wohl!« Mit leisem Lächeln wendete er sich ab, – er wußte ja, daß eine Ewigkeit in Schwabing ihre Grenzen hat. Wedekind aber rief ihm wütend nach: »Ist mir sehr recht! Es ist mir immer eine Überwindung, mit Leuten zu verkehren, die so häßlich sind!« Keyserling erwiderte in ruhigem Ton: »Ich hab mir dich natürlich nach der – Schönheeit ausjesucht.« Aber krummgenommen hat er dieses Wort von Wedekind im tiefsten Herzen doch. Ich zweifle nicht daran, daß er sich selbst für ungewöhnlich häßlich hielt; doch wer ist völlig frei von Eitelkeit! Es gibt Belege dafür, daß Keyserling sich selbst besser gefiel als manchem anderen. Lovis Corinth malte ihn einmal draußen in Tutzing am Starnberger See auf der Veranda von Max Halbes Sommerwohnung. Dieses Werk, das heute in der Staatsgalerie zu München hängt, ist sicher eines der bedeutendsten und bestgetroffenen Bildnisse, die Corinth gelungen sind. Als ich mit Keyserling vor dem beinah vollendeten Porträt stand und dieser Meinung, die ich auf den ersten Blick gewann, sehr lebhaft Ausdruck gab, rümpfte er leicht die Nase und erwiderte: «Es mag, trotz der Brutalität, die drinsteckt, gut jemalt seein, und gut unterhalten hat er mich dabeei. So aussehn aber möcht ich lieber nich .» Von Stund an hatte er nicht die geringste Lust mehr, irgendwem für ein Porträt zu sitzen. Als der blutjunge Albert Weißgerber, damals der ‹Sezessionsfuchs› zubenannt, ihm einmal sagte: «Ach, Herr Graf, ich würde Sie zu gerne malen. Sie haben solch eine blödsinnig noble Haut: ganz wie verknittertes Papier!», lehnte er lächelnd mit den Worten ab: «Nee, lieber Freeund, dann malen Sie doch lieber die ‹Münchner Neeuesten› von vorjestern!» Was ich bisher erzählte, stammt aus den guten münchener Tagen Keyserlings. Dann aber kam die Zeit, da es bei ihm mit der Gesundheit reißend abwärts ging. Man hörte eigentlich nichts Näheres davon, man sah ihn nur nicht mehr in den Premieren, deren treuester Besucher er gewesen war, er fehlte auch im Künstlerkreis, wo er den Becher so vergnügt geschwungen hatte. Nur bei Gesellschaften im Hause Halbe erschien er hie und da, doch nicht zum Essen, sondern erst nachher. «Ja, Keyserling kommt später», sagte Halbe, ohne Gründe dafür anzugeben. Und stand man dann vom Tische auf und ging ins Wohnzimmer hinüber, fand man ihn dort bereits auf seinem Stammplatz, einem tiefen Klubsessel. Er streckte jedem, der, ihn zu begrüßen, vor ihn trat, erfreut die Hand entgegen und war ganz wie sonst – vergnügt und amüsant. Wenn er nach seinem Glase griff, haschte er wohl ein wenig länger noch als ehedem danach, bis er es fing, aber das fiel nicht weiter auf. Erst als ich ihm einmal für seine Zigarette Feuer geben wollte, schlug die Erkenntnis dessen, was geschehen war, blitzartig in mich ein: er sah die Streichholzflamme überhaupt nicht mehr, er war vollkommen blind. Und Halbe, der mir im Gesicht gelesen hatte, blinzelte mir warnend zu. Denn Keyserling, der nichts so sehr wie Mitleid scheute, wollte nicht, daß man von seinem Unglück wisse. Daran hielt er zäh noch immer fest, als es schon längst für alle Welt ein offenes Geheimnis war. Gar oft, wenn ich mit meiner Frau durch die Franz-Joseph-Straße heimwärts ging, ist er uns dort begegnet. Denn dies war sein ständiger Spaziergang um den Block, wo seine Wohnung lag. Alt, hinfällig und leichenblaß kam er daher, auf seines jungen Dieners Arm gestützt. Von weitem sahen wir dann schon, wie dieser ihm etwas zuflüsterte, und wie zwischen den beiden einige kurze Sätze eilfertig gewechselt wurden. Zehn Schritte vor uns zog dann Keyserling den Hut, wir blieben bei ihm stehn und reichten ihm die Hand. Nach der Begrüßung sagte er galant: «Ja, liebe gnädige Frau, Sie blühen wieder wie der Tag! Ach, und das schöne blaue Kleeid!» Und immer hatte er für uns noch einige gute Worte in der alten Art, voll Geist und Heiterkeit. Auf der Franz-Joseph-Straße habe ich ihn denn auch wohl zum letzenmal gesehn. Wir zogen 1908, des Trubels müde, vor die Stadt hinaus und schlossen uns, wie es so geht, dort von der Welt allmählich ab. Für Keyserling hingegen kam die Zeit, wo er die Wohnung überhaupt nicht mehr verließ. Da wird es denn um ihn, dem nichts über ein munteres Geplauder ging, auch langsam still geworden sein. Nur die getreuen Halbes kamen sicher oft. Daß ich es in dem Drang der Arbeit niemals tat, reut mich nachträglich sehr. Für das, was einem wirklich wertvoll wäre, hat man nicht die Zeit, bis es zu spät ist, sie sich noch zu nehmen. Und dann kam der Krieg, und mit ihm wuchs die Einsamkeit um Keyserling. So mancher Freund von ihm zog mit ins Feld, so mancher fand da draußen ein Soldatengrab; und wer daheimblieb, der verbohrte sich in die Not der Welt und eigne Sorgen. Von solchen hat bestimmt auch Keyserling sein Maß gerüttelt voll gesehen. Denn die Revenuen aus der Heimat waren ihm gesperrt. Er aber blieb der Alte und trug seine Lasten als ein stiller Held; auch damals hat ihn niemand klagen hören oder mißgestimmt gesehen. Der Blinde rettete sich in sein Schaffen, dichterisch war dieses seine fruchtbarste Periode. Es blieb ihm für die Arbeit jetzt ja Zeit genug – mehr, als ihm lieb war, fürchte ich –, auch hatte er die Einnahmen daraus wohl bitter nötig. Was er so in schwerer Not des Leibes und der Seele schuf, stand völlig auf der Höhe seiner früheren Werke, bei denen noch die eigne Hand die Feder hatte führen können. Ende September 1918 erlosch sein Leben still wie ein herabgebranntes Licht. Wenn Tote sprechen könnten, hätte er vielleicht gesagt: «Ich hab mir den Moment zum Sterben nich jerade jünstig ausjesucht.» Denn alle Augen hingen an der Westfront, die dem Druck der Feinde wich. Sein Scheiden wurde außer von den wenigen, die ihm näherstanden, kaum bemerkt. Und auch die harte Zeit seither hat seinem Nachruhm nicht gedient. Sein fünfundsiebzigster Geburtstag ist fast unbemerkt vorbeigegangen. Ihm ist das einerlei, er fragt nicht mehr danach. Wir aber – sind wir denn so reich an echter Dichtung feinster Art, daß wir's uns leisten dürften, Eduard Keyserling, von dessen im tiefsten Sinne adeligem Menschentum auch seine Bücher so lebendig Zeugnis geben, leichten Herzens zu vergessen! Winterfrische in Finsterwald Ludwig Thoma war es, der das Dörfchen Finsterwald, im tegernseer Land gleich oberhalb von Gmund gelegen, für den Kreis des ‹Simplicissimus› entdeckte. Dort beim Sixbauern brachte er seinen Bruder Peter unter, als der, von weiten Fahrten durch die Welt zurückgekehrt, nicht so recht wußte, was jetzt in der Heimat tun; er selbst verlebte dann unter dem gleichen Dach den Sommer 1902 und führte seine Komödie ‹Die Lokalbahn› hier zu Ende. Ihm folgten Rudolf Wilke, Bruno Paul, Ignatius Taschner und noch andre in das stille Dorf. So lernte denn auch ich den Ort bei einem Sonntagsausflug kennen, und weil es sich da fern vom Fremdenstrome nett und billig leben ließ, verbrachte ich mit Frau und Kindern meinen nächsten Sommerurlaub dort. Wir wurden richtig heimisch in dem bäuerlichen Austragshäusl, das wir uns gemietet hatten, und gingen deshalb über Weihnachten 1903 und Neujahr 1904 wieder zur Winterfrische hin. Als unser Kostgänger folgte uns diesmal Olaf Gulbransson nach Finsterwald, um dort nach Herzenslust ‹auf Ski zu stehen›. Er lebte kaum seit einem Jahr in München, und es erschien noch ungewiß, ob er hier Wurzeln schlagen würde. Albert Langen, der zu jener Zeit seiner bekannten Majestätsbeleidigungssache wegen außerhalb der deutschen Grenzen bleiben mußte, hatte Zeichnungen von ihm in skandinavischen Witzblättern entdeckt und war sich gleich darüber klar gewesen, daß damit eine urwüchsig geniale Kraft für seinen «Simplizissimus» gefunden war. Obgleich sein Schwiegervater Björnson, auf dessen künstlerisches Urteil er die größten Stücke hielt, seine Begeisterung nicht so recht teilen wollte, lud er sich Olaf Gulbransson auf den Björnsonschen Gutshof Aulestad zu Gast und hatte auch an ihm als Menschen seine Lust. «Sieht er nicht ganz so aus wie seine Zeichnungen?» fragte er den alten Björnson, worauf dieser kopfschüttelnd zur Antwort gab: «Ich finde: nur zu sehr!» Doch Langen ließ sich nicht beirren, sondern verpflichtete Gulbransson unter Zusicherung eines Monatsfixums von zweihundert Mark, dauernd in München Aufenthalt zu nehmen und dort für den «Simplicissimus» zu zeichnen. So wurde es gemacht; doch hatte Langen seine neueste Entdeckung damit keineswegs schon durchgesetzt. Denn die deutsche Sprache und die deutsche Art verschlossen sich zunächst vor Olaf Gulbransson, oder vielleicht auch umgekehrt: er gegen sie. Sein Strich und seine Typen wirkten noch zu ungewohnt und norwegisch, als daß er hierzulande das Herz des Publikums im Sturme hätte nehmen können. Ja, selbst der klügste und bei Langen einflußreichste unter den künstlerischen Mitarbeitern des «Simplicissimus» verkannte Gulbranssons Bedeutung, als der bereits seit einem halben Jahre für das Blatt gezeichnet hatte, noch so sehr, daß er an Langen nach Paris brieflich den Rat ergehen ließ, den unglückseligen Nordländer schleunigst wieder heimzuschicken: es sei doch schade um das schöne Geld, das diesem Menschen jeden Monat nachgeworfen würde. Ich sehe den besorgten Warner noch mitleidig lächeln, als Langen ihm darauf erwiderte: »Ach, lassen Sie dem Olaf ruhig Zeit! Wir werden alle noch viel Freude an dem Mann erleben« – womit er wieder einmal klar bewies, welch sichres Urteil er in solchen Dingen hatte. Denn die rechten Leute finden und zu ihnen halten – ist es nicht das, was dem Verleger eigentlich die Anwartschaft auf Größe gibt! Ins Auge springen mußte Olaf Gulbransson wohl jedermann, als er in München seinen Einstand hielt – schon seiner eigenwilligen Gewandung nach durchaus ein Kerl für sich. Den untersetzten Leib umspannte, darf man da wohl sagen, ein graugrüner Anzug von der Mode völlig abgewandtem Schnitt, an dem der lange, in die Taille geschnittene Schoßrock vor allem wunderlich erschien. Vereint mit einem sehr breitkrämpigen Schlapphut, hätte ihm diese Tracht vielleicht etwas von einem Ouäkerprediger gegeben, wäre der Mensch, der darin stak, nicht solch ein muskelstarrender Athlet, und wäre sein nach seinem eignen Ausdruck ‹eskimoisches› Gesicht mit den temperamentgeblähten Nüstern nicht so ungeistlich gewesen, wie man sich's irgend wünschen mag. Ich konnte es ja kaum verstehn, daß Gulbransson in seiner ersten münchener Zeit bei vielen sonst durchaus nicht urteilslosen Leuten für eine Art von primitivem Wilden galt. Halbwegs erklären läßt sich das wohl nur mit seiner damaligen Unfähigkeit, in deutscher Sprache mehr als das Notdürftigste zu sagen. Mir kam der «norwegische Norweger aus Norwegen», wie ich ihn zu nennen pflegte, unter viel günstigeren Bedingungen als den meisten anderen nah. Weil meine Frau und ich schwer mit ihm reden konnten, zogen wir bei unseren häufigen Zusammenkünften eine schwedische Freundin als Dolmetscherin mit heran. Diese gescheite und kunstsinnige Frau war ohne weiteres hingerissen von seiner sehr persönlichen, so geistvollen wie bildhaft starken Ausdrucksweise und wußte uns natürlich das ihr selbst zu Herzen Gehende auch trefflich zu verdeutschen. Auf die Art wurde mir bald klar, daß hinter diesem Skandinaven eine Menge steckte, ja ich ahnte gleichsam unbewußt auch die Entwicklung seiner Kunst zu dem voraus, was man an seinen ersten Zeichnungen, die er in Deutschland machte, noch nicht sah: seinen zukünftigen holbeinisch reinen Strich, wie er in solch erlesener Delikatesse nur einem seinen Kopfe glücken kann, der eine Faust von sicherer Kraft regiert. Übrigens zeigte sich's in dem ersten Münchner Fasching, den Olaf Gulbransson begeistert mitmachte, wie wenig sich die Frauen daran stießen, daß die Sprache zwischen ihm und ihnen höchstens einen Notsteg schlug. Sie spürten ohne Worte, daß hier etwas vor ihnen stand, was, mag auch die Bevölkerungsstatistik andrer Ansicht sein, viel seltener ist, als man gemeinhin glaubt: ein Mann. Sie «flogen», wie man sagt, auf ihn, und sie verziehen ihm sogar, was eine Frau sonst wenig schätzt: daß er das Fremdartige seines Äußeren bewußt ins fratzig Komische zu steigern liebte. Er trug bei diesen Maskenfesten gern ein sonderbares Clownsgewand: unendlich weite, um die Knöchel zugebundne Hosen, die ihm bis an die Achselhöhlen reichten, dazu als Jacke nur eins jener spitzenbesetzten Damenunterhöschen, wie man sie damals trug, und auf dem runden Kahlkopf einen durch ein Gummischnürchen festgehaltenen winzigen Zylinderhut. So ausstaffiert, brach er in München Herzen, dieser ‹Zugereiste› mit dem dröhnenden Barbarenlachen. Als Gegendienst für die Verköstigung in Finsterwald sollte mich Gulbransson in die Geheimnisse des Skilaufs einweihen, der damals hier noch etwas Neues und Besonderes war. Er suchte mir, sehr kritisch wählend, selbst die Brettel vom besten Eschenholz mit schnurgerader Faserung aus und gab auch einem Sattler an, wie er die Bindung darauf anzubringen hätte, die höchst einfach war und nur aus einem Stückchen Treibriemen und etwa einem halben Meter kleineren Riemenzeugs bestand. Ich fuhr zuerst mit Frau und Kindern allein voraus nach Finsterwald und schnallte mir, kaum daß ich draußen war, die Bretter an, um auf der hügeligen Wiese dicht bei meines Bauern Hof mir schon ein wenig Übung zu erwerben, damit mein Lehrer, wenn er morgen käme, mir nur noch den letzten Schliff zu geben hätte. Solange ich auf ebenem Boden blieb, ging es ganz gut, wenngleich ich nicht so recht begriff, wie man für diese Art von Fortbewegung schwärmen könne. Doch als ich mich nun hügelan begeben wollte, kapierte ich die Reize dieses Sportes überhaupt nicht mehr. Ich ging nämlich, die Skier sorgsam parallel gerichtet, geradeswegs bergauf, was sich nur durch verzweifeltes Nachstemmen mit den Stöcken leisten ließ. Trotzdem war es so selten wie ein Lotteriegewinn, daß ich bis oben kam; meist rutschte ich schon vorher rücklings ab und wälzte mich im Schnee. Dann wieder aufzustehen, war nicht leicht, und ich kann es den Bauernburschen, die die Straße nach Kaltenbrunn hinuntergingen, nicht verdenken, daß sie meine Bemühungen zur Zielscheibe ihres Spottes machten. Heute ist jeder kleine Bub am Tegernsee ein Kenner und ein Könner des Schneeschuhlaufs, ja kommt beinahe schon mit Skiern auf die Welt, damals sah es noch völlig anders aus. So mußte denn mein Ohr recht schnöde Redensarten schlucken, etwa von dieser Art: «Ja, den schaugts o'! Daß oana auf de Schwartling umanandspazier'n mag! Und soll dös eppa praktisch san?» Man wird begreifen, daß mich das nicht freute, recht geben aber mußte ich den schlichten Volksgenossen doch: nein, praktisch waren diese Dinger wirklich nicht. Ein kleines Licht ging mir dann auf, als nächsten Tages Olaf Gulbransson erschien und mich ein bißchen in die Lehre nahm. Er brachte mir sehr schnell die Anfangsgründe bei, so daß ich nun bescheidne Höhen mühelos ersteigen und von dort vergnügt zu Tale rutschen konnte, wobei ich hie und da zu meiner Überraschung auf den Füßen blieb. Ich war darob sehr stolz und übte eifrig fort. Dem Tatendrange Olaf Gulbranssons konnte solch dilettantische Betätigung natürlich nicht genügen, Und deshalb lieh er sich von meinem Bauern ein Dutzend lange zweizöllige Planken aus und schleppte sie im Schweiße seines Angesichts den steilen Hang empor, mit dem die Hainzenhöhe gegen Finsterwald herunterfällt. Am Waldrand oben baute er sich aus diesen Planken einen «S-pring», wie er das nannte, also das, was man bei uns eine Sprungschanze heißt, und breitete ausgiebig Schnee darüber hin. Ich sah mit Staunen zu, wie er dann auf den Skiern aus dem Wald hervorgeschossen kam, sich plötzlich in die Luft vorschnellte und dann, alle Viere steif von sich gestreckt, am Hange förmlich Räder schlug. Denn ein «gestandener» Sprung ist ihm hier nicht ein einziges Mal geglückt, dafür war ja der Auslauf viel zu steil. «Jetzt, Olaf», sagte ich zu ihm, «ist es mir klar, warum dich deine Haare schon so früh im Stich gelassen haben: du hast sie dir beim Springen abgewetzt.» Er ließ sein Kannibalenlachen hören und packte meine Hand: «Nun aber, Korfiz, sollst du mit mir oben kommen, das weiß Gott!» – «Nein, lieber Freund, das täuscht», gab ich zurück, «da kann ich mich beherrschen, kann ich mich.» – «Geh!» drängte er, «nicht auf dem S-pring! Nur oben klattren, unten kommst du dann von selbst! Es ist ja leicht, ich geb dir freilich meine Hand.» Dies «freilich», das ihm wohl besonders deutsch erschien, war zu der Zeit sein Lieblingswort, bloß wendete er es mit Konsequenz am falschen Platze an. Und siehe da: von seiner starken Rechten unterstützt, zwang ich nicht nur den Aufstieg, sondern auch die Abfahrt tadellos. So brauchte es kein langes Zureden, bis ich das gleiche ohne fremde Hilfe schnell noch einmal zu versuchen willig war. Hinauf zum Waldrand kam ich wieder wunderschön und drehte mich auch oben wie ein Alter um; dann aber kämpfte ich ein Weilchen bang mit dem Entschluß, mich auf den fremdländischen Brettern dem Gesetz der Schwerkraft willenlos anheimzugeben. Da gab mir Olaf, hilfreich, wie er war, ermunternd einen kräftigen Schubs. Ich sauste los, sah noch gerade, wie die Spitzen meiner Ski sich kreuzten, und – wußte überhaupt nichts mehr von mir, bis ich, ein Häufchen Unglück, doch sonst wohlbehalten, unten lag und Olaf neben mir mit einem eleganten Telemark zum Stehen kam. «Fors erstemal – famos!» fand er. «Du sollst nur deine Ski mehr grade halten. Also komm!» Er zeigte einladend bergan. «Ach nein, ich glaub, für heute langt es mir», erklärte ich genügsam. Man behauptet gern, wen man ins Wasser schmeiße, der hätte dann das Schwimmen gleich heraus; fraglich ist nur, ob er es künftig mit Begeisterung tut. Die meine für die Skier jedenfalls hatte sich durch diese Sturzfahrt abgekühlt, und als uns tags darauf zufällig Bruno Paul in Finsterwald besuchte und von den Künsten Olaf Gulbranssons begeistert und nur traurig war, daß es ihm an dem Nötigsten gebrach, es ihm ohne Verweilen nachzutun, da trat ich ihm meine so gut wie neuen Bretteln käuflich ab und habe mir seitdem nie wieder welche angeschafft. Denn alles muß der Mensch ja schließlich auch nicht können. Gulbransson aber verfolgte mich die nächste Zeit mit Hohn ob meiner sportlichen Untüchtigkeit, bis dann zum Glück ein andrer auf der Bildfläche erschien, der mich in dieser Hinsicht überbot und hier ganz ohne Zweifel sämtliche Rekorde schlug. Wer ihn gekannt hat, wird sich nicht besonders wundern, daß dies Otto Julius Bierbaum war. Der nämlich kam nach Weihnachten auch an den Tegernsee heraus, und mit ihm kam Franz Blei. Die Freunde – denn das waren sie, wenn sie auch hinterm Rücken heftig aufeinander schimpften – nahmen in Gmund Quartier, verlebten aber ihre Tage und Abende zum größten Teil bei uns in Finsterwald. Der lange, hagere Blei und der rundliche, kleine Bierbaum wirkten, wenn sie beisammen standen, wie Don Quixote und Sancho Pansa, was durch die Tracht, die ihnen für winterliche Ausflüge ins Gebirge passend schien, noch unterstrichen wurde. Blei war sonst noch halbwegs praktisch angezogen, hatte aber der Originalität zuliebe ein kariertes, reich befranstes Plaid höchst malerisch um sich drapiert. Dadurch kam etwas verwegen Trapperhaftes in seine sonst nicht eben heldische Gestalt, die ihrer ganzen Haltung nach aufs Haar an den Privatgelehrtenvogel Marabu erinnerte. Bierbaum trug Pumphosen und einen kurzen Jagdpelz, die seine Korpulenz ins Unwahrscheinliche zu steigern schienen, dazu bis an die Kniee reichende dünnsohlige Reitstiefel und auf dem Kopf eine grasgrüne sogenannte Spessartmütze, deren nach vorne spitz auslaufender Schnabel sein rosiges Gesicht mit den vergnügten Wangengrübchen breiter als lang erscheinen ließ. Die beiden hatten ihre schöneren Hälften mitgebracht, welche Bezeichnung hier kein Mensch als nur vergleichsweise gedacht auffassen oder gar für eine Phrase halten möge: die zwei Frauen waren wirklich Schönheiten von edelm südländischem Typ. Denn Frau Maria Blei sah aus wie eine Spanierin, obgleich sie mit dem Mädchennamen Lehmann geheißen hatte und Offenburg in Baden ihre Heimat nannte; Frau Gemma Bierbaum, übrigens eine der scharmantesten und in ihrer schlichten Natürlichkeit vornehmsten Frauen, die mir je begegnet sind, war Florentinerin und trug den schönsten Frührenaissance-Prinzessenkopf, den man sich denken kann, auf ihrem schlanken Hals. Sie trat zum erstenmal der Schneefülle in unsern Bergen gegenüber, und da konnte es nicht wundernehmen, daß auch ihre Kostümierung nicht recht wintersportlich wirkte. Jacke und Hut aus grauem Eichhornpelz verliehen ihrer oberen Hälfte etwas städtisch Damenhaftes, die untere Hälfte paradierte, ganz wie bei ihrem Mann, in Pumphosen und hohen Stiefeln, nur daß dies sie, die von ephebenhafter Schlankheit war, im Gegensatz zu ihm vortrefflich kleidete. Ihr Erscheinung wirkte auf uns alle, einschließlich der Frauen, stark, auf niemand aber stärker als auf Olaf Gulbransson. Er dampfte gleichsam aus den Nüstern vor Entzücken, als er sie zuerst erblickte, und belegte sie von Stund an mit einem Trommelfeuer explosiver Huldigungen, wie er sie damals doch schon, in freilich immer noch recht eigenwilligem Deutsch, treffsicher zu verfeuern wußte. Sie, der bei aller italienisch naiven Ungeniertheit ihrer Rede innere Sauberkeit etwas zutiefst in ihrer ganzen Art Verankertes und somit selbstverständlich war, stand halb verwirrt und halb belustigt vor diesen Kapriolen losgelassener Männlichkeit. Daß dieses ihr etwas verblüffend Neues war, begreift sich leicht; ihr «Giulio», wie sie Bierbaum nannte, hatte sie in dieser Hinsicht sicher nicht verwöhnt. So ließ sie sich das zur Abwechslung mit Humor gefallen und suchte nur zuweilen etwas scheu durch flüchtige Seitenblicke festzustellen, ob nicht ihr Gatte Anstoß daran nahm. Dies tat der aber nicht, vielmehr schien es ihm völlig recht zu sein, daß ihm ein anderer – und welch ein Kerl! – so sinnfällig die Reize seiner Frau bestätigte. Die übrige Gesellschaft aber fand in diesem Spiel vollgültigen Ersatz für die versäumten städtischen Theaterfreuden und amüsierte sich von Herzen über Olaf auf der Balz und Otto Julius, den «lustigen Ehemann». Die ersten Touren, die wir miteinander machten, durfte man eher als Spaziergänge bezeichnen; dann aber schwang sich unser Kreis zu einer nach damaligen Begriffen größeren Unternehmung sportlichen Charakters auf: einer Rodelpartie vom Wallberghaus hinunter in das Tal. Am Tage vor Silvester bestiegen wir in Finsterwald ein paar zweispännige Schlitten und fuhren unter lustigem Schellenklingeln durch Tegernsee und Egern bis zum Glaslwirt. Bierbaum trug dazu über der Spessartmütze als Ohrenschutz ein riesiges bastseidnes Biedermeiersacktuch, dessen Zipfel unter seinem Doppelkinn verknotet waren. Frau Gemma, die zuerst mit ihm in solchem Aufzug gar nicht hatte fahren wollen, nahm dann die Sache von der heiteren Seite und rief den biedern Ökonomen, die uns unterwegs begegneten, auf ihren Giulio deutend zu: «Daß Sie nichts Falsches glauben: dies ist meine Großmutter!» – «Von mir aus!» hörten wir den einen von den Bauern antworten, und auch die andern dachten sich wohl etwas Ähnliches; doch an des wohlbeleibten Dichters reifer Weiblichkeit zu zweifeln, fiel nicht einer Seele ein. Als wir nachher zu Fuß, den weitgeschwungenen, sanften Serpentinen folgend, gemächlich wallbergaufwärts schlenderten, entrang sich Bierbaums Brust ein Seufzer der Erleichterung. «Gefährlich kann das Rodeln aber hier nicht sein», stellte er fest und knüpfte daran einen farbigen Bericht über das tolle Tempo, das er einst daheim als Schuljunge beim «Schlitteln» angeschlagen hätte. Die Leute wären schreckensbleich nur so nach rechts und links aus seiner Bahn «gespritzt». Wie er das auf dem nicht gerade hügeligen Boden Leipzigs fertig brachte, ist mir heut noch rätselhaft. Doch plötzlich – wir erstiegen eben eine kürzere und steilere Kehre – wurde er selbst vor Schrecken bleich, schrie auf, entwich zur Seite und stand bis an den Bauch im Schnee. Von oben nämlich kam ein Rodler angesaust, der offenbar ein Landsmann von ihm war und sich zum erstenmal in diesem Sport versuchte. Er klebte mit dem Rücken auf dem Schlitten, hielt sich krampfhaft daran fest, streckte die Beine in die Luft und sauste steuerlos, helle Verzweiflung in den wasserblauen Augen, an uns vorbei bergab. Er ist vermutlich wohlbehalten unten angelangt, passieren konnte ihm auf dem glatten Fahrweg mit den hohen Schneewällen zu beiden Seiten kaum etwas. Bierbaums lebhafte Phantasie jedoch sah ihn gewiß dort in der Tiefe irgendwo zerschmettert liegen, und seine gute Laune war dahin. Auch die gewandteren Rodler, die uns noch begegneten, erschreckten ihn nur immer wieder und spendeten ihm keinen Trost. Die fürchterliche Vorstellung, er solle morgen selbst auf solch einem Gestell zu Tale jagen, ließ ihn nicht mehr aus ihrem Bann. Am Abend noch beim Wein im Wallberghaus, wo jeder bis auf ihn von einen! Lachen in das andere fiel, blieb er merkwürdig still und grüblerisch. «Was hast du, Giulio?» fragte seine Frau des öfteren besorgt. «Laß mich! Die ekelhafte dünne Luft bekommt mir nicht», erwiderte er barsch. Und dabei war die Luft vom Rauchen wirklich dick genug. Den nächsten Vormittag benutzte er, während die übrige Gesellschaft auf den Wallberggipfel stieg und sich sonst in der Gegend umsah, zu Rodelübungen; bloß suchte er sich dafür eine Strecke von so unbedeutendem Gefälle aus, daß er beständig mit den Füßen nachzuhelfen hatte, um seinen Schlitten überhaupt in Fahrt zu bringen. Bei Tisch verkündete er dann, er habe dabei viel gelerrt und sei sich über die Gesetze dieses Sports nun völlig klar. Er sagte das wohl weniger, um es uns mitzuteilen, als um sich selber seelisch für das Kommende zu stärken. Trotzdem fiel ihm das Herz schon wieder in die Hosen, da es nun ernsthaft an den Aufbruch ging. Nach einigem Schwanken hatte er sich glücklich seinen Platz in unserer langen Reihe ausgesucht. «Als erster – nein!» erklärte er, «ich mag mich nicht von allen andern hetzen lassen – das hat keinen Sinn. Als letzter – das ist auch nicht schön. Als vorletzter – jawohl, am liebsten das, wenn Sie, Herr Holm, den letzten machen wollen; denn Sie sind sicher der Vernünftigste.» Das hieß auf deutsch, daß er mich für den Feigsten hielt. «Schön! Ihr Vertrauen ehrt mich», sagte ich ergeben; «also los!» Und die Kolonne kam nun schnell in Fahrt, voran Frau Blei, die bei dergleichen Leibesübungen draufgängerischer als ihr Gatte war. Bald waren alle unserm Blick entrückt, Bierbaum jedoch rang immer noch mit dem Entschluß, es ihnen nachzutun; ich hockte hinter ihm und wartete. «Nun», fragte ich zuletzt, «wie wird's mit uns?» – «Nur einen Augenblick», bat er und schaute sich befangen lächelnd nach mir um, «damit die andern erst den richtigen Abstand haben.» – «Ach, Sie fahren sicher keinen tot», sprach ich ihm tröstend zu. «Nun denn, mit Gott!» stieß er hervor; «aber Sie warten doch, bis ich dort um die Ecke bin?» Und endlich fuhr er denn im Leichenwagentempo und trotz der schwachen Neigung, die der Weg hier hatte, erbittert mit den Hacken bremsend ab. Ich ließ mir Zeit, bis er nicht mehr zu sehen war, und setzte mich dann seufzend auch in Schwung: großen Genuß versprach ich mir von dieser Art des Rodelns nicht. Wie ich nun um die erste Kurve kam, saß Bierbaum da und hatte Halt gemacht. «Ich glaube doch wohl, daß ich praktischer als letzter fahre», druckste er hervor; «am Ende ist es Ihnen selbst auch angenehmer.» – «Ach, warum? Aber für Sie tu ich's natürlich gern», erwiderte ich heuchlerisch und machte, daß ich weiterkam. Wir langten in geringen Abständen unten an. Frau Blei, die sportlich Ehrgeizigste, hatte acht Minuten bloß dazu gebraucht, wir andern zehn bis elf. «Ja, wo ist Giulio?» rief Frau Bierbaum unruhig, als ich zu der Gesellschaft stieß. Ich gab Bescheid und sprach die Meinung aus, daß wohl noch einige Zeit vergehen könne, bis er unten sei – er rodele sehr vorsichtig. «Und ich bin froh !» gab sie ein wenig scharf zurück – ich hatte bei dem Worte «vorsichtig» ganz unwillkürlich lächeln müssen. Nun, man faßte den Beschluß, beim Glaslwirt inzwischen einen Glühwein zu bestellen; bis dieser heiß sei, käme Bierbaum sicher auch. Solch optimistische Berechnung stellte sich dann allerdings als trügerisch heraus. Wir saßen schon vor dem dritten Glas des dampfenden Getränks, ohne daß unser Nachzügler erschienen war. Da sprang Frau Gemma plötzlich auf und rief: «Wo bleibt nur Giulio? Ihm ist was passiert!» Und damit war sie auch zur Tür hinaus. Als wir ins Freie traten, sahen wir sie in einiger Entfernung schon dem Wald am Wallbergfuß entgegenhasten. Und wir folgten ihr ein bißchen langsamer. Sie kam gerade zu den ersten Bäumen, als der Vermißte zwischen deren Stämmen hervor in unseren Gesichtskreis trat. Er tappelte mit seinen kurzen Beinchen schnell heran und zog den Schlitten wie ein Hündchen hinter sich am Seil; Frau Gemma, die erst lebhaft auf ihn eingesprochen hatte, ging nun strahlend neben ihm. Ich konsultierte meine Uhr. «Siebzig Minuten», stellte ich belustigt fest; «was haben Sie denn eigentlich so lang gemacht?» – «Die ganze Zeit gerodelt», behauptete er kühn, «nur mit Vernunft! Ich halte Rasen für Plebejerstil. » – «Oh, danke für das Kompliment!» sagte Frau Blei pikiert, und Olaf Gulbransson brach in sein wildestes Barbarenlachen aus, wofür er von Frau Gemma zum erstenmal, seit sie sich kannten, einen bitterbösen Blick empfing. «Lachen Sie doch nicht so!» fuhr sie ihn an. Doch trug sie ihm seine unpassende Vergnügtheit keine Viertelstunde nach und war gleich wieder gut mit ihm. Am Abend dieses Tages gab es im finsterwalder Wirtshaus einen fröhlichen Silvestertanz. Wir alle gingen hin und hatten unsre Freude an den schönen Bauernburschen, die ihre stilvoll schmalgesichtigen Mädel flott im Kreise schwenkten. Die Tegernsee! sind ein eleganter und tänzerischer Menschenschlag von starkem rhythmischen Gefühl. Man merkt es ihnen an, daß ihre Heimat sie mit harter Ackerarbeit hinterm Pflug verschont. Von bäuerlicher Ungeschlachtheit zeigen sie wahrhaftig nichts, nicht körperlich und geistig noch viel weniger. Um die Kultur, die ihnen eingeboren ist, zu leugnen, muß man schon ein bildungsarroganter Leipziger sein. Auf jeden Fall sah Bierbaum in den Leuten bessere Wilde, billigte sie jedoch als solche immerhin und strahlte überhaupt vor Wohlwollen. Daß er lebendig und mit ganzen Gliedern von der verwegnen Rodelei zurückgekommen war, machte ihn froh, und er genoß sein Dasein frisch, gleichsam als ein nachrägliches Weihnachtsgeschenk. Mit seiner Frau zu tanzen und sich dabei gleich einem Pfau zu drehen, wie er es in seinem populärsten Lied beschrieben hatte, fiel ihm aber doch nicht ein; das überließ er Olaf Gulbransson, und der besorgte es denn auch mit unermüdlicher Begeisterung. Da er bald merkte, daß sein dicker Skianzug nicht ganz das Richtige für solche Zwecke war, zog er den jungen Wirt des Gasthofes beiseite und verschwand mit ihm für kurze Zeit. Als er dann wieder in die Stube trat, erblickten wir den norwegischen Norweger aus Norwegen zum erstenmal in der «kurzen Wichs». Heute nimmt sich die Tracht der bayerischen Gebirgler an ihm aus, als hätte er von klein auf drin gesteckt, damals erregte er damit bei uns und bei den Bauern große Heiterkeit. Freilich war dies Gewand nicht dem Athleten auf den Leib geschnitten, sondern dem viel schmächtigeren Wirt, und darum saß die Lederne ihm stramm wie eine Wursthaut an den Beinen, und ein Versuch, das grobe Hemd vorn zuzuknöpfen, hätte es im Rücken sicherlich entzweigesprengt. Doch das Gelächter, das er rings entfesselte, genierte Olaf nicht, er lachte mit, quittierte den «Erfolg» mit einer großartigen Handbewegung, um die ein Filmheld unserer Tage ihn beneiden könnte, ging geradeswegs auf Gemma Bierbaum los und holte sie zum Tanz. Sie zauderte, bevor sie sich erhob, ließ sich dann aber willig von ihm in den Wirbel ziehn. Als sie an unsern Tisch zurückkam, leuchteten die Zähne vergnügt aus ihrem schöngeschnittenen großen Mund; sie rief: «Nein, dieser Gulbransson! Er transpiriert beim Tanzen, daß es einfach spritzt!» Er aber sagte mir, als er mich einmal abseits von den andern traf, dampfend vor Leidenschaft: «Das soll Gott wissen: diese Bierbaum ist das schönste Frauenzimmer ich freilich in mein ganzes Leben noch begegnet bin. Und daß das alte Weib ihr haben soll, was siebzig Minuten von den Wallberg unten rodlet – ist das nicht zum verrückt zu bleiben! Oder was heißt es in Deutsch? Wie man nur solch ein Versendrechseler heiraten kann!» Vergnügte Tage waren das, und jeder von uns, der sich ihrer noch erinnern darf, spürt wohl, daß er in dem seitdem verschlossenen Menschenalter nicht jünger wurde und nicht lustiger. Bierbaum ist tot, die schöne Gemma folgte ihm zu früh aus dieser Zeitlichkeit. Wir andern alle wandeln noch auf Erden, selbst Franz Blei, obgleich er uns in seinen Lebenserinnerungen den eignen Freitod und die Gefühle seiner Angehörigen vor seinem letzten Lager minutiös beschrieben hat. Daß Selbstmörder aus Überzeugung praktisch fast unsterblich sind, hat Hamsuns «Letztes Kapitel» uns gelehrt. So, denke ich, wird Blei, wenn einst uns alle schon der Rasen deckt, als letzte Säule, die geschwundene Pracht bezeugt, als ein Fossil verklungener Lebenslust, gen Himmel ragen. Ich aber liege dann im Grab und habe meine Ruh und lächle still und – gönn es ihm.