Willy Seidel Schattenpuppen Ein Roman aus Java Albert Langen, München 1927   Seinem lieben Schwager Anthony van Hoboken     Vorwort Javanisch – malaiische Schattenpuppen sind kunstvoll aus Leder geschnittene Silhouetten, deren Schema vorislamischen Zeiten angehört. Halb karikiert und halb dämonisch, streng stilisiert, verblüffen sie als Zeugen einer ehemals heroischen Triebhaftigkeit, die verloren ging. Von verstecktem Regisseur an Hornstielen bewegt, regen sie spinnenfeine Glieder. Ein spitznasiger Götterhimmel der Hindu-Mythe mit Ogern, Fabelprinzen, drolligem Gezwerg wird schattenhaft hinter bestrahlter Leinwand lebendig. Und bei leiernd gesungenen Dialogen, im Dunkel der Tropennacht, vertieft sich eine kindliche Menge in das Drama ihres Geblütes. So gleicht auch alles, was sich in jenen Zonen abspielt, den zuckenden Schatten solcher Puppen und gewinnt, trotz altbekannter menschlicher Verstrickung, etwas Unglaubhaftes, Unwirkliches, Verschollenes. Und alles Exotische ist nur ein Gleichnis. 9 Die Scheidewand Djodok schließt die weißbewimperten Augen und fährt noch einmal mit seinen Armen, die doppelt so lang sind als sein Kinderkörper, wie ein erschöpftes Klageweib durch die Luft, als wolle er Unnennbares abwehren. Dann sackt er zusammen, entschlummernd, und läßt noch ein zufriedenes Schmatzen hören, das wie »ok, ok« klingt. Zuweilen zucken seine schwarznägeligen Finger wie tastend, als suche er Zweige um sich zu gruppieren. Solche fehlen auf dem üppigwarmen Schoß der Mevrouw Kehmerdill, und bald tritt völlige Ruhe ein. Der fette elfenbeinfarbene Arm mit den vielen Goldketten schließt sich mütterlich um den warmen Tierleib; man kann den Puls darin spüren wie ein hastendes Uhrwerk. Und der Kopf der Frau mit den kurzen Zottellocken neigt sich nach vorn. Hierdurch tritt ein Doppelkinn hervor. Sie atmet wie ein langsam bewegter Blasebalg und ihre großen dunklen Augen starren an Djodoks schwarzbesträhntem Rücken vorbei auf den gedeckten Abendtisch. Der Gibbon hat seine zwei in Milch geschnittenen Bananen artig verzehrt. Es geht ihm also relativ gut. Für Otto zwar ist der Affe ein tragischer kleiner 10 Phtisiker und nur ein hoffnungsloses Zerrbild der menschlichen »Fälle«, deren er übergenug in Behandlung hat. So delikat ist Djodok, daß ihm allein schon der Sprung aus der Treibhausluft der Tenggerberge in das Seeklima Batavias die Lunge bedroht. So äußerst delikat ist er! – Und wenn man ihm fremde Gesichter zeigt, so regt ihn die eigene Gastgeber-Rolle so auf, daß er es mit den Nerven bekommt und stundenlang schluchzt . . . Wie lang die Frau so dahockt, den Affen umschlungen, in ihrem enganliegenden rohseidenen Kleid, weiß sie selbst nicht. Sie hat sich dies leere Starren angewöhnt; – schon seit Monaten. Prall in den Korbstuhl geschmiegt, sitzt sie schnaubend; ihr Herz kämpft ein wenig unter der Last von Kummer und unter dem massiven Polster, das Herkunft und Klima erzeugt. Die linke Hand, mit klirrenden Bracelets, kraut träge in den Fellsträhnen Djodoks; stumpf blitzen daran einige schlechtgeschliffene Rubine. Draußen hinter den Hibiskus-Sträuchern des Gartens, im »Pavillon«, brutzelt das Abendessen. Es ist längst gar; die Babu sorgt dafür, daß es nicht erkaltet. Die Gonguhr schlägt halb zehn. Plötzlich wendet sie den Kopf nach der Veranda. Sie hat das wohlbekannte Knirschen der Autoreifen auf der kieselbestreuten Einfahrt gehört und das leise Ächzen der Steuerung; Nas, der Chauffeur, lenkt den Wagen zur Garage. Diese Geräusche sind ihr vertraut von ungezählten Abenden her; selbst der soeben einsetzende pladdernde Regen kann sie nicht verwischen. Gleichzeitig ertönen langsame, wie 11 vorwärtsfallende Schritte, und der Doktor Kehmerdill tritt in Erscheinung. Er kommt über die Strohmatte der Veranda und geht mit einem Grunzlaut, der die Begrüßung ersetzen soll, zunächst in den Ordinationsraum, wo er seine Instrumente deponiert. Man hört Wasser brausen; er wäscht sich die Hände. Mit noch feuchten Fingern bietet er den ihren einen matten Druck. Die Babu, eine duldsam lächelnde Matrone, in bedrucktes Kattun gewandet, und der weißgekleidete Boy Mahil mit genähter, blauer Turbankappe, bringen die Suppe. Während das weiche Geräusch ihrer nackten Sohlen im Raum lebendig ist, schweigt der Doktor. Als sie verschwinden, hebt er sein zerfurchtes Gesicht in den Schein der Hängelampe und seine regenfarbenen Augen öffnen sich angestrengt, während er sie auf die Frau heftet. »Du bist müde, Otto,« stellt sie mit ihrer etwas kreischenden, metallischen Stimme fest. Mit dieser Bemerkung eröffnet sie die »Unterhaltung« dreihundertfünfundsechzigmal im Jahr. Er nimmt hastig, als versäume er etwas, ein paar Löffel Suppe. Es ist ein maschinenmäßiges Auf und Ab der feingegliederten dickgeäderten Hand. Langsam wischt er sich den aschblonden Schnurrbart. Dann schenkt er ihr einen gläsernen Blick. »›Müde‹ ist schon längst kein Ausdruck mehr,« sagt er endlich mit farbloser Stimme. »Täglich fünfzehn Stunden, und das nun seit Jahren . . .« Sein Unterkiefer fällt herab. Sein Mund bleibt halb offen stehn, als sei er erschrocken wie über eine Entdeckung. »So nimm dir doch den Assistenten von Hamburg,« 12 sagt sie gelangweilt. »Riskier' es doch, in Gottes Namen; die Referenzen sind doch glänzend . . .« Die Babu und Mahil haben inzwischen das Fleischgericht gebracht, und der Doktor schiebt die Antwort auf. Es gilt ja auch, das halbe Frühstück und das Mittagessen nachzuholen; er ißt mit zäher Hingabe, und wenn er zuweilen an dem Bordeaux-Glas nippt, so nimmt er kauend Gelegenheit, ihr einen nachsichtigen Blick zuzuwerfen. Erst als der Teller geleert ist, läßt er sich zu einer Äußerung herab. »Jawohl! – Der ›Assistent aus Hamburg‹! – Begreifst du immer noch nicht, daß ich keinen Schmarotzer brauchen kann? – Denn darauf läuft es doch hinaus . . . Ein junger Kerl, der zunächst einmal drei Monate klimaschlapp macht . . . prompt tut er das. Und bis er dann im Training ist . . . Und die Kosten? Wer bezahlt die? Etwa deine Alte mit ihrer Blumenzucht? Ich danke schön; ich danke  . . . Einstweilen bleibe ich hier mein eigener Herr!« – Er holt sich eine Eingeborenen-Zigarette aus der Tasche, eine »McGillavry«, von denen er täglich sechzig Stück konsumiert. Der Boy stürzt lautlos herzu und bietet ihm mit demütig eingezogenem Bauch das Streichholz. – »Vorläufig bin ich mein eigener Herr!! Und wenn ich fünfzehn Stunden schufte, dann will ich es wenigstens zu Hause gemütlich haben! Und kein fremdes Gesicht bei Tisch sehn! – Auch keinen Affen! « Es ist klar, daß eine dumpfe Irritation ihm diesen Ausbruch diktiert. Eigentlich interessiert ihn Djodok, und er hat das Geschöpf – (als es noch gesund war 13 und noch nicht Sklave seiner Nerven) – gern als Auto-Maskot auf seine Krankenbesuche mitgenommen. Die Frau, wie unter dem Dampfstrahl eines jäh gelösten Ventils, läßt den Kopf sinken. Das feiste Madonnenantlitz wird vom Doppelkinn gebremst. Sie starrt mit ihren dunkelbraunen Augen wie ein beschämtes Kind unter den Tisch . . . Eine Röte tritt in ihr Gesicht. Diese unschöne Blutwelle gemahnt den Doktor an verhaßte Fiebersymptome aus seiner Praxis. Sein Ausdruck ist nicht übermäßig liebenswürdig. Der schwarz umzottelte Kopf drüben erhebt sich nach einer Pause wieder; die Augen treffen ihn runder als sonst, und greller. Sie ist gründlich aufgerüttelt! – Gleichviel, er wagt heute eine Szene; ja, er wünscht sie als erlösendes Gewitter in dieser Atmosphäre von Arbeit, Nervosität, Schweiß und verregneter Zukunft. Wenn zwei sich in den Tropen streiten: wer hat schuld? Wer nicht? – in diesem Land der winzigen, penetranten Ameisen, des Schimmels, der allgemeinen Klebrigkeit von Dingen und Gedanken? – Der Affe schiebt sein samtschwarzes, drollig von weißem Bart umrahmtes Greisengesicht spähend unter der Achsel der Frau hervor. Die engsitzenden Augen flackern erwartungsvoll. So der grellen Betrachtung von Weib und Tier ausgesetzt, denkt der Doktor: »Djodok hat weiß Gott ihre Augen. Vielleicht sind sie doch auf keinem allzulangen Umweg miteinander verwandt . . .« – Und schier unbewußt machen seine Finger eine kleine Kletterbewegung an der Blumenvase . . . Klar ist eins: Doktor Otto Kehmerdill hat 14 nicht allzuviel übrig für Mevrouw Kehmerdill. Dabei denkt er an seinen Freund Heyermans. Sie würgt nach Worten; ihre Kehle bläht sich. – Dann stößt sie hervor: »Mißgönnst du mir auch Djodok? « »Du sprichst,« erwidert er mit einer Stimme, die ihn selbst an knarrendes Blech erinnert, »als ob ich dir je etwas mißgönnt hätte. Du hast es sehr bequem; billiges Personal, mit dem du dich – außerordentlich gut verständigst . . .« Er vergewissert sich, daß der Sundanese nicht in der Nähe ist. Man kann nie wissen, wie weit dessen holländischer Sprachschatz inzwischen gediehen ist. »Du hast einen Haushalt, hast europäische und amerikanische Schmöker; neulich habe ich wieder einen Haufen zerlesener Magazine-Novellen – du kannst dir ausmalen, wo – gefunden . . . Lektüre und Reistafel; der gleiche gesunde Appetit. Wenn du willst, kannst du ja auch deiner Mutter in der Pension helfen; andrerseits steht es dir genau so frei, im Korbstuhle zu liegen und zuzunehmen, während ich beschäftigt bin. Mißgönnt ist dir nichts . . .« Ihre Kehle wandert; sie schluckt. Der Doktor sitzt steif; seine Stimme hallt lauter. »Und das Vieh gehört in seine Koje!! « ruft er mit sinnlosem Aufwand. Zur Unterstreichung klopft er mit der Gabel auf den Tisch. »Ich sehe genug von Krankheit; ich verzichte darauf, daß man mir einen siechen Affen zur Gesellschaft gibt . . .« Abschließend, beginnt er mit nervösen Griffen eine Banane zu häuten. 15 »Du sagst also,« bringt sie endlich heraus, »daß du mir allerlei gönnst, Otto. Jawohl! Fünfzehn Stunden Einsamkeit täglich, und wenn du heimkommst, deine zerrüttete Person und einen Scheffel Grobheit. Ich will doch . . .« – sie tastet mit allen zehn Fingern beschwörend in die Luft –: »ich will doch – Unterhaltung von dir! Ich bin sechsundzwanzig und du stellst mich kalt . . . Was soll ich denn tun? Du willst mich ja nicht . . . Auch meine Mutter sagt, du bist verstockt. Und noch mehr. – Du bist kein– Mann .« »Aha!« »Das steckst du ein?! – Wenn ich meinem Bruder sagte: ›Du bist kein Mann‹ – er risse mir die Haare aus . . .« »Und zöge den Kris!« (Eingeborenen-Dolch.) Mit einem Schlag sitzt sie still und ihre Röte weicht gelblicher Blässe. »Wie billig!« stöhnt sie dumpf. »Aber denkbar,« ergänzt er gelassen. Das ist das böse Etwas zwischen ihnen; die Scheidewand aus zähem Kautschuk, die man nie durchbohrt. »Denke nicht,« sagt sie auf einmal hitzig, »daß ich deine geschmacklosen Anspielungen auf meine Familie überhöre. Es gibt eine Grenze! – Ich weiß, wer dich gegen uns aufhetzt! – Aber . . .« Und sie reckt ihre starken Brüste vor, daß sie den leichten Stoff spannen – »ich bin nicht schuld daran, daß du kein Mann bist!« Sie bricht lauernd ab und beobachtet ihn. Hofft sie, ihn zu reizen? – Kehmerdill lächelt wegwerfend. Er steht auf, um auf die Veranda zu gehen, 16 und bestellt sich bei Mahil einen »Split« (Whisky-Soda). Er läßt also auch heute, wie immer, das Gespräch auf seinem dramatischen Höhepunkt ohne Grazie und ohne Echo verpuffen! Sie fällt in sich zusammen und sitzt eine Weile apathisch. Dann löst sie sich aus dem Korbstuhl und führt Djodok an der Hand in den Garten zurück, zu seinem Bambusverschlag. Der Doktor sitzt auf dem Verandasessel und saugt an dem eiskühlen Getränk. Dabei zittert seine Hand . . . Er flucht, als er etwas verschüttet, flüsternd vor sich hin. Schleppenden Schrittes geht er in den Ordinationsraum und schließt die Tür hinter sich. Als er heraustritt, scheint er munterer: so, als sei ein Teil der tödlichen Erschöpfung von ihm abgefallen; ja, es ist irgendein Zug um seinen Mund, als habe er seiner Umgebung schnell ein verschmitztes Schnippchen geschlagen . . . Doch bald zeigt sich wieder die Falte des Ekels, als das Tischtelephon schnurrt. Widerwillig tastet er zum Hörer. Er vernimmt eine deutsche Stimme: »Herr Doktor! – Man hat Sie mir empfohlen . . . Könnten Sie wohl herüberkommen, – zu ›Daendels Hotel‹? Meine Frau ist nicht wohl . . . Eine Vergiftung vermutlich . . .« Elastisch, als sei er froh, noch einmal seinem »Heim« zu entkommen, steht der Doktor auf und ruft nach dem Chauffeur Nas. 17 Europäisches Nas ist dreimal geschieden, das gehört sich so für einen Küstenmalaien, der auf sich hält. Wo unter der Sonne dieser Insel seine verflossenen Gattinnen schwere Palmbastkörbe voll Durianfrucht oder singend empfohlene Limonaden schleppen, ist ihm unbewußt. Ebensowenig ahnt er, in welchem Kampoeng seine von Reisschlamm geschwärzten Kinder sich balgen. Wenn er sich auch dreimal beim Kadi losgekauft, so übernimmt eine nebelhafte Person, gemeinhin Allah genannt, die sich aus seiner animistischen Seele hervorschält, weitere gütige Verantwortung für sein Schicksal. Zurzeit ist er mit der Babu des Doktors vermählt. Nun hockt er, wie immer mit aufgerecktem Oberkörper, angespannt, auf dem Führersitz. Drei seinesgleichen würden, trotz der Kleinheit des Chevrolets, vorn noch Platz finden. Seine nackten Füße sind am Beschleuniger tätig, und seine kleinen Hände, nervig, Stahlklammern voll Feingefühl, spielen mit gewagtem Griff am Lenkrad. Der Wagen fegt um den Koningsplein herum; rings an den Seiten des ausgedehnten Wiesenquadrats blitzen die Lichterschnüre und erzeugen einen helleren Dunst unter dem schwarzblauen Himmel. Die Hupe 18 grölt und kläfft. Fünf Minuten schnurrender Raserei vergehen, begleitet vom Glockenlärm der einrädrigen Ponydroschken, von aufkreischenden Unterhaltungsfetzen, vom Gelächter und Zungenschnalzen abendlich flanierenden Pöbels . . . Dann schwingt sich der Wagen in die Einfahrt von »Daendels Hotel«. Der Doktor steigt aus. Im Hintergrund des bestrahlten Ganges, der zum Speisesaal führt, lauert schon ein Boy, der eilig herzurennt und ihm eine Zimmertür zeigt. Auf sein Klopfen wird sie von einem sehr großen Herrn geöffnet, der den Doktor unweit des Bettes zu einem Stuhl bittet. – »Erdbrink, aus Hamburg,« stellt er sich mit monotoner Stimme vor. »Es ist offenbar, wie ich schon sagte, eine Vergiftung . . .« Er schiebt die Falten des Mückennetzes, dessen kahler weißer Würfel dem halbbeleuchteten Raum etwas Totes gibt, auseinander und rafft sie über die Hornhaken: da liegt in braunseidenen Pyjamas das reizvollste Geschöpf, auf das der Doktor je Augen legen durfte. Er hebt den federleichten Arm und tastet daran entlang wie am Hals einer Violine. Der Puls ist schwach und intermittierend. Die Frau, mit geschlossenen Augen, atmet hoch und schnell; zitternd regen sich die mädchenhaften Brüste unter dem nachgiebigen Stoff, unter dem sich der Körper deutlich abzeichnet. Ihr Alter muß zwischen 25 und 30 liegen. Dieser Leib ist jung; die Erfahrung hat ihn verschont und sich nur mit einer kleinen Falte zwischen den Brauen eingezeichnet, einer leichten Verfinsterung . . . Die 19 Gesichtshaut, mit einem Hauch von Honigfarbe, ist zart geschminkt. Das Antlitz ruht mit trotzigem Ausdruck, den Mund an den Winkeln gesenkt, in einer Masse ungebärdigen, braungoldnen Haars . . . Die Nüstern der feingebogenen Nase hauchen leicht und schnell unregelmäßigen Atem über die Oberlippe. Man ist versucht, an einen hübschen Knaben zu denken, einen übermüdeten Kammerpagen etwa, der in bleiernem Schlaf ertrunken ist . . . Die schmalen Hüften verstärken den Eindruck. Der Doktor zeigt bei der ersten Untersuchung nichts als Sachlichkeit. Und doch ist dies ein Ansturm von Lieblichem; das schöpferische Europa in bester Laune, das sich hier unter dem Mückennetz eines tropischen Hotels entpuppt. – »Speisenvergiftung?« fragt er. »Möglich,« klingt die Stimme des anderen aus der Ecke des Raumes, monoton, in völliger Hoffnungslosigkeit. »Aber auch möglich, daß es hiermit zusammenhängt . . .« Er zieht eine leere Glasröhre aus der Tasche und reicht sie dem Doktor. »Ich fand dies unter dem Bett.« – Hastig nimmt Kehmerdill die Röhre entgegen. »Veronal!! – Wieviel Tabletten waren noch da?« »Mir unbekannt,« flüstert Erdbrink und stößt einen ungeheuren, hohlen Seufzer aus, der einen leisen Dunst nach Alkohol herüberträgt . . . »Es ist nicht das erstemal, daß sie mir einen derartigen Streich spielt. Sie will mich damit necken.« Seine Stimme klingt zerborsten. »Logik ist nie ihre Stärke gewesen . . . Schauerlich extrem ist das alles . . .« 20 »Lieber Herr, wir dürfen jetzt nicht philosophieren. Wir müssen retten.« »Gut,« sagt Erdbrink brüsk. »Retten Sie.« Der Doktor starrt ihn kurz an: er erkennt seinen Zustand. »Setzen Sie sich ins Nebenzimmer; ich werde Maßnahmen treffen.« Und nachdem er den Djonges nach der Apotheke geschickt, setzt er sich wieder an das Bett und versucht, das heisere Flüstern des weißblonden Riesen, das aus dem Nebenzimmer dringt, zu verstehn. Diese Bemühung gibt er bald auf. Seine Jacke beengt ihn. In Hemdsärmeln sieht er aus wie ein Mann, der sich zum Ringkampf rüstet; diesmal gilt es einer ihm vor zehn Minuten noch völlig Unbekannten, die er seit seiner Jugend kennt; ja, ein geheimster, ältester, brünstigster Wunsch hat Fleisch und Bein gewonnen und ist im Bereich seiner Hände . . . Hier liegt nun dieser Page in Pyjamas, im Veronalstupor, und beschert ihm Rätsel über Rätsel. Er faßt wieder nach dem fadendünnen Puls. – »Ein knappes Rennen wird das,« murmelt er und verflucht sich, daß er es versäumt hat sich gegen die äußerste Eventualität hinreichend zu rüsten. Erdbrinks Worte am Telephon haben ihn den Ernst nicht ahnen lassen. – »Meine Frau ist nicht wohl . . .!« – Wie oft hat er in seiner Praxis diesen gleichen Satz gehört! Und fast immer war es Konstipation oder ähnliches; zu wenig Bewegung; zu fettes Essen . . . Ja, die Unbehaglichkeiten dieser Holländerinnen sind ziemlich eindeutig. Er springt nach bestem Gutdünken mit ihnen um; er legt ihnen Pferdekuren auf oder jagt sie für vier Wochen ins Gebirge . . . Doch das Geschöpf 21 hier neben ihm erfordert mehr Verständnis; das ist kein Fall für Aspirin; eine finstere, eine radikale Angelegenheit ist es. Während er sie anstarrt, dämmert Vergrabenstes, Tiefstes auf und wird plastisch. Ein Kontakt schließt sich zu einer Leitung, deren Draht ins Unterbewußte mündet. Ein magischer Strom trifft die Wurzeln seines Daseins. Ist sie nur ein kindliches Weib, ein kostbares Spielzeug, mit ihrer Atmosphäre stets bereiter und stets zurückzuckender Körperverheißung? Oder ist sie mehr? Ja, sie muß mehr sein, woher käme denn sonst die kühle Süße einer halbbegriffenen Verwandtschaft und des Heimatlichen, das ihn anweht über Jahre hinüber voll greller Sonne und Tropenmüdigkeit? Kalter Schweiß bricht ihm aus, und sein Herz schlägt dumpfe Warnung. Wieder schließt er die Finger um das seine Handgelenk; fern, wie unter Watte, rieselt das Leben. Er reißt die Augen weit auf. Unter dem Baldachin des Moskitonetzes kreist eine eherne Stille. Großer Gott, warum hört er nichts? Wo bleibt das Bimmeln der Sados draußen, das Röhren der Hupen? Ihr Gesicht leuchtet wie eine weiße Tulpe. Zwei, drei Minuten sind nötig für dies Rezept; nun dauert es schon Äonen . . . Er flößt ihr Whisky ein, den er in einer halbleeren Flasche auf der Konsole findet. Gottlob, ein paar Schluckbewegungen; der Körper zittert. Es kann sein, daß sie die Krise übersteht. – Endlich kommt der Boy zurück; Kehmerdill füllt die Spritze und drückt die Nadel 22 in die Vene. Erdbrink kommt schlürfend aus dem Nebenzimmer und stiert herüber. »Ich denke, wir können hoffen,« spricht Kehmerdill dürr. »Sie wird jetzt einen Dauerschlaf halten; die Injektion wirkt gut. Bei Komplikationen rufen Sie mich . . . Wenn sie aufwacht, Bouillon mit Kognak. Eiswickel, zweistündlich erneuert . . .« Er geht, kühl grüßend. Im Auto entnimmt er seiner Tasche ein gelbseidenes Tuch, das er aus der Gürtelfalte des braunseidenen Pyjamas entnommen – schlechthin gestohlen! – hat; er drückt es an den Mund und schlürft den Duft. 23 Das Mischlingstribunal »Kollege van Affelen? – Hier spricht Kehmerdill. Sie staunen wohl über Ihren Zulauf in den letzten Tagen? – Ja; ich schicke Ihnen meine Patienten. Ich bin erledigt. Ich denke, es wird noch einige Zeit dauern, bis ich die Fälle wieder übernehmen kann. Liefern Sie mir die Patienten dann wieder aus; womöglich im › status quo ‹ . . . Na; Späßchen. Der Raden Nongkalam ist ein kitzlicher Herr; läßt sich schon den dritten Monat um Operation bitten. Mit dem werden Sie energisch. Stellen Sie ihm vor, sein prospektiver Sitz im Volksraad sei vorgewärmt und in Gefahr, zu erkalten. Mit de Vries springen Sie grob um; edler Hiesiger, aber feig; Wassermann positiv. Daß ich Seow Lik Sen loswerde, ist mir erwünscht; behalten Sie den. Aber die alte Quick Bok Aij brauche ich noch. Na, viel Glück, Kollege.« Kehmerdill hängt den Hörer ein; es ist günstig, daß er den anderen Arzt von seiner Praxis mitprofitieren lassen kann, schlägt dieser sich doch mit sechs Kindern ohne viel Glück durchs Leben. Der Doktor hat um sieben Uhr die Veranda von Patienten säubern lassen. 24 Am Frühstückstisch, beim Tee, empfindet er ein Übermaß von Sonne im Zimmer und kommt nach einem trägen Gedankenprozeß zum Bewußtsein des leeren Stuhls ihm gegenüber. Schon seit Tagen steht er leer. Er empfindet weder Frohsinn noch Schmerz. Seine Wehmut stammt aus anderer Quelle: er denkt an ein Hotelzimmer und an ein trotziges kleines Gesicht mit dunklen Wimpern. Und diese gesenkten Mundwinkel fragen ihn, etwas verächtlich: »Was hast du mit deinem Leben gemacht?« Vor dieser Frage verblaßt alles, woran er sich klammert; sein Haus, mit all dem östlichen Porzellan, den Soembawadecken, dem Palembangsilber; sein ganzes Leben verblaßt und seine ganze mit Schweiß und Nervenverfall ausgebaute Karriere. »Eigentlich,« denkt er, »sind achtunddreißig Grad Fieber ein idealer Zustand.« Er spürt eine schwebende Leichtigkeit; seine Stirn ist heiß wie ein sonnbestrahlter Ziegel. In diesem irrseligen Zustand zieht er ein gewisses Taschentuch aus der Pyjamajacke und schnuppert daran; ein Rüchlein wird lebendig, das in seiner schwachen Mahnung die schaurigsüße Kraft besessen, die letzten Nächte in Orgien von unklarer Sehnsucht und glimmenden Wandelbildern umzuschaffen! Er setzt sich in den Korbstuhl der glasgedeckten Vorhalle, die den inneren Teil der Veranda bildet. Um ihn dreht sich das sanfte Karussell des Fiebers. Djodok klagt draußen »Wuh, wuh« und rüttelt an den Stäben. Er vermißt seine Morgenpromenade an der Hand der Hausfrau. 25 »Bleib nur, wo du bist,« denkt Kehmerdill gehässig. Er will diese ungewohnte Ruhe ausbeuten, diesen halben Schlummer seiner Hände, und die Ausschweifungen seines schwimmenden Hirns . . . Von draußen quillt Sonne herein, die wütende Dezembersonne der Regenzeit, die vormittags, vor dem Zwei-Uhr-Gewitter, erbarmungslos sticht. Agaven und Fächerpalmen der Einfahrt stehen reglos. Das näselnde »Quä, Quä« eines Kuchenhändlers verliert sich im staubigen Schwarzgrün der blanken Fikusblätter, zwischen denen der karminrote Schirm eines Flamboyant-Baumes grell und still leuchtet . . . Fernes Dröhnen, Karrenquietschen, Ponytrappeln: ein Vormittag wie tausend andere. Die Tschitschaks (Eidechsen) an der Verandawand rascheln um die Bilderrahmen und schnalzen ihr »Tjak, tjak«. Plötzlich surrt das Telephon. Er fährt zusammen und nimmt den Hörer. Doch statt der Stimme Erdbrinks trifft ihn ein holländisch gesprochener Satz. »Otto,« spricht ein unreines, schwankendes Organ, »hier ist Mevrouw de Ruyter. Meine Tochter ist bei mir. Um vier Uhr, heute nachmittag, erwarten wir dich zum Tee.« Die Schwiegermutter! . . . Zwischen seine zottigen bleichblonden Brauen tritt eine Grübelfalte . . . Ach – es muß ja sein. »Jawohl, Mevrouw,« sagt er höflich. »Ich denke, ich kann es einrichten.« 26 Was man in Europa Privatleben nennt, spielt sich in Weltevreden fast auf der Straße ab. Von vorn bis hinten stehen die Häuser offen; blankgeputztes, tadelfreies Familienleben wird dem Volk oder dem Nachbarn demonstriert. Der Holländer sehnt sich selbst aus der Phantasiearmut der für wenige Jahre zusammengekauften Magazinmöbel heraus und starrt mit seinen müden Bureauaugen in das »vorüberbrausende Leben« . . . Für Mevrouw de Ruyter gibt es keine Wechselbeziehung zwischen Straße und Veranda. Sie verbaut sich den Vorgarten mit dichten Schattensträuchern; jawohl, die ganze Schleife der Einfahrt entlang stellt sie chinesische Blumenkübel auf, und um ihrem exzentrischen Wesen die Krone aufzusetzen, verkriecht sie sich, wie eine Hexe, die verschmitzte Gewebe spinnt, hinter das Haus und empfängt ihre Besuche dort. Doch ist das Garn harmlos, das sie spinnt, denn sie gibt einen Pensionstisch an sechs bis acht Leute, ohne sie gerade zu überfordern. Eigentliche Quelle ihres Einkommens ist Blumenzucht. Zu jeder Gelegenheit in erreichbarer Nähe schickt sie ihre Produkte. So hat sie nicht schlecht zu leben. Ihrem längst verstorbenen Mann hat sie eine Reihe verwegen blickender Söhne und bildschöner Töchter geboren. Bis auf Mevrouw Kehmerdill sind diese Töchter nach auswärts verheiratet; von den in Batavia ansässigen Söhnen ist Hendrijk Lehrer in der »Stovia«, dem medizinischen Lehrinstitut für Eingeborene, und Peter Notar im Vorsitz des »Indoeuropäischen Verbandes«. 27 Kehmerdill durchschreitet den Gang zum Speisezimmer. Es ist lange her, daß er sich hier nicht mehr gezeigt. Ist die dämmrige Wohnung ohnedies schon vollgepfropft mit Europa-Möbeln der schlimmsten Periode – schon Mijnheer de Ruyter, der sein »van« gegen ein »de« eingetauscht, hat zu seiner Zeit einer eleganten Lebensführung gehuldigt –, so wirkt der Reichtum an Blumenvasen vollends erdrückend. Auf jedem Mahagonibord, jeder Kredenz, jeder Kommode blitzt Messing, drängt sich chinesische Dutzendkeramik an deutsches Fabrikporzellan, und diese Deckchen überall! Diese Amoretten in Perlstickerei! Dieser zersetzte Orient, der ihm entgegenquillt! Ha! Diese Öldrucke: Orgien von Rosa unter Zephirschleiern und »südlichen Himmeln«! Und dazwischen wieder etwas Schönes, Echtjavanisches . . . Qualvoll zwecklos . . . Er muß eine Beklemmung überwinden, denn es steht ihm ein Kampf bevor mit Leuten, in deren Köpfen der Begriff »Behaglichkeit« solche Form annehmen kann. Wind muß er hineinblasen in diese unsauber-altmodische Würde, das gespreizte Milieu der füufundsechzigjährigen indischen Matrone. Wie kam es nur, zum Teufel, daß er dies vor zehn Jahren so wenig empfand! Er hat Antja herausgeholt und auf eigene Füße gestellt, doch es hat nichts geholfen; mit allen Fasern ihres Wesens ist sie hier hängen geblieben. Er schreitet aus der Glastür in den Hintergarten. Auf der Treppe drängen sich Blumentöpfe, stapeln sich Kränze. In der feuchten Glut hier gedeiht ein Farbenwirrwarr. Rabattenförmig geordnet strecken 28 sich parallele Bambusgestelle in die Gartentiefe. An den Drähten hängen breitmaschige Bastkörbe oder schimmelnde Rindenbündel voll weißer, gelber oder violetter Orchideen. Aus all dem quillt ein Duft, der Schwindel erzeugt; ein Gemisch von Humusmoder und penetranter Süße. Als er das Labyrinth ganz durchdrungen, steht er vor einer Gruppe von Menschen, die unter dem Wellblechdach, am Beginn des asphaltierten Ganges zur Küche, Tee zu sich nehmen. Das erregte Gespräch verstummt flugs, als sie ihn sehen. Kehmerdill erkennt die gesamte in Batavia ansässige Familie. Aha, er soll also heute vor ein Tribunal kommen. – Peter und Hendrijk sind breitschultrige Menschen mit massiv geschnittenen gutmütigen Gesichtern. Wären sie blond und weiß, sie würden als »Pioniergestalten« Aufsehen erregen. Die schwarzen Haare jedoch, die schlaffe Attitüde, das fahle Kaffeebraun der Hautfarbe, die weichen, entgleitenden Händedrücke sagen dem Kenner sofort, daß er es hier mit »Indos« zu tun hat, mit Mischlingen, die mindestens zur Hälfte malaiisch sind . . . Der Großvater de Ruyter hat sich seine Frau aus Soerakarta geholt, und da die dortigen Javanen Urabkömmlinge von Hindus sind, so ist es ja eigentlich (wie Kehmerdill damals meinte, als er Antja zu sich nahm) eine »arische Familienangelegenheit« gewesen . . . Diese Auffassung hat sich bei ihm verloren. Als er Antja heute bei ihresgleichen sitzen sieht mit flammenden Augen, die mattweißen Hände im breiten Schoß geballt, wird ihm ihre Ähnlichkeit mit Brüdern 29 und Mutter deutlich wie nie. Sie ist einfach die weibliche Ausgabe der hübschen, großen, schlaffen, feisten Männer. Und während er sich kopfnickend niederläßt, denkt er blinzelnd: »Das hat nun jahrelang neben mir Fett angesetzt, und ich hab' es ertragen, wie ein schlechtes Bild im Zimmer. Das Bild gefiel mir anfangs; längst aber mußte es vom Haken herunter. Hier ist sie zu Hause.« »Eh . . .!« – Die Alte gibt ein zerborstenes Lachen von sich und reicht ihm ihre Hand hinüber, an deren verrunzeltem Mittelfinger ein dicker Schlangenring sitzt. Kehmerdill beugt sich vor und überwindet sich zu einem Handkuß. »Ist das auch noch eine Hand?« denkt er. »Das ist ja ein Tschitschak!« Die kleine Hand entgleitet ihm glatt und kühl, und nun reichen die Brüder ihre großen warmen Pranken herüber. Antja begrüßt ihn kaum. Mit hochgezogener Kopfhaut und großen Augen, die leblos, wie gemalt im gepuderten Gesicht sitzen, starrt sie ihn an. Man lächelt von allen Seiten; überall trifft der Blick Kehmerdills auf sonnig gelüftete Gebisse. »Prächtige Zähne habt ihr,« denkt er verdrießlich. Er versucht zurückzulächeln, doch dieser schwache Abglanz wird von seinem hängenden Schnurrbart halb versteckt. »Da ist er ja, der böse Mann!« spricht die Alte endlich, und ihre Augen verkriechen sich hinter geschwollenen Lidern. Es gibt Schnitzereien ans Seifenstein, die ihr ähnlich sehen. Ein Wölkchen zieht über die Szene, das Lächeln ringsum erlischt. Die Alte räuspert sich unrein und schlürft ein Schlückchen Tee, 30 das nach Jasmin riecht. Sie bewegt den Kopf wie eine witternde Schildkröte. Kehmerdill gibt sich einen Ruck, bietet Zigaretten an und bringt ein Gespräch in Gang. Man spricht über Politik. Peter, als »Vollholländer«, verteidigt die Regierung und hat wenig Verständnis für » Home Rule «. Hendrijk jedoch schwört auf Limburg-Stirum und auf eine fortschrittliche »christlich-ethische Innenverfassung«. Sie schnauben und geraten sich darüber, unter großem Wortschwall und vielen Gesten, fast in die Haare. Kehmerdill wirft ab und zu ein Wort hinein, das beiden Standpunkten gerecht zu werden scheint. Er sitzt ja selber am Pulverfaß und hat kein Interesse daran, den Gegensatz zu schüren. Der »Vollholländer« Peter beschlagnahmt ihn bedingungslos für sich; das fühlt er und spürt einen faden Geschmack im Mund. Immer heißt es »wir« dabei, oder »uns«. – Plötzlich geschieht ein Knall. Eingeschüchtert blickt man auf die Matrone. Sie hat wie ein Zeremonienmeister zur Eröffnung des offiziellen Teiles der Sitzung ihren Malakkastock auf die Fliesen gestoßen. Ihr Kiefer schiebt sich vor, ihre Augen sind trüb glitzernde Ritzen. »Wir sind nicht zusammengekommen,« spricht sie mit wankender Stimme, »um zu politisieren. Oder denkst du, Otto, es sei nur ein hübscher Zufall, daß meine Söhne zugegen sind? – Denkst du, ich hätte telefoniert, damit der Verkehr nicht einschläft?« Kehmerdill pafft stark. »Ich habe Fieber, Mevrouw,« erwidert er fast schmeichelnd. »Ich freue mich, daß 31 Sie sich meiner erinnern. Eine Tee-Einladung ist nicht problematisch. Daß Peter und Hendrijk hier sind, tut mir wohl, ohne mir den Kopf zu verdrehen.« Die Männer schnalzen leise mit den Zungen und wiegen die schwarzen Scheitel. »Ha! – Du willst es glatt und schön, und bringst Handschuhe mit. – Wir wollen Tee trinken, gewiß. Wir lieben uns alle untereinander. Das ist doch so, nicht wahr, Otto?« Kehmerdill schweigt. Er kratzt sich mit dem tabakgelben Nagel des Zeigefingers an der Rinne der Oberlippe. Die Alte bewegt sich heftig im Korbstuhl; dieser kracht. Sie hebt den Krückstock und deutet damit auf Antja. »Da sitzt deine Frau,« spricht sie, und ihre Stimme geht modulierend in ein leises Kreischen über – »da sitzt eine gebrochene Frau, Otto . . . und diese ist – meine Tochter!!« Kehmerdill schweigt weiter. »Wer sind diese Leute?« muß er plötzlich denken . . . »Was wollen sie eigentlich von mir?« Endlich sagt er kurz: »Sie erzählen da nichts Neues, Mevrouw. Es scheint, man hat vor, theatralisch zu werden. Also nehmen Sie kein Blatt vor den Mund.« Die Alte atmet stark. Ihre Zehen krümmen sich in den offenen, mit schillernden Metallplättchen bestickten Sandalen. Tastend streicht sie sich den Sarong glatt, den sie innerhalb des Hauses zu tragen pflegt – eine Ranken- und Blätteraffäre in Ziegelrot und Ocker – und bringt die Hand mit ratlos bebenden Fingern 32 an den mächtigen Schildpattkamm am Hinterkopf. Sie blickt um sich; aber die Söhne springen ihr nicht bei. Sie schnalzen nur wiederum leise mit den Zungen. Plötzlich sagt Antja: »Er hat keinen Respekt vor Ihnen, Mama. Dabei ist er aber fast noch höflich. Sie sollten ihn nur hören, wenn er . . .« Sie gerät ins Schlucken, und ihre gemalten großen Augen verschleiern sich. Der Doktor begreift immer deutlicher die Harmonie in dieser Verschwörung. »Wenn er was?« schnauft die Alte. »Wenn er mich anfährt, Mama, ohne Grund und Sinn . . . Oh, er macht mit mir, was er will. Weil ich zugenommen habe, weil ich mit Djodok spiele, weil ich eine schlechte Hausfrau bin und seine Gäste nicht unterhalten kann. Weil ich ungebildet bin. Weil ich keine Kinder kriege.« Dies alles stößt sie ruckweise hervor. »Du hast vorhin gesagt, daß ich theatralisch bin, Otto,« beginnt die Alte nach unreinem Räuspern. »Du bist salopp . . . aber ich will dir ruhig erklären, was uns an dir nicht mehr gefallen will. Du besuchst uns nie. Vom Koningsplein zum Waterlooplein ist es nicht bis zum Ende der Welt. Auch deine Schwäger vernachlässigst du, besonders Hendrijk, an den dich doch gleiche Interessen fesseln . . . Und daß Antja keine Kinder kriegt, ist nicht ihre Schuld . . . Du näherst dich ihr nie in zärtlicher Absicht, das ist es!« – »Ich habe keine Zeit, Mevrouw. Ich bin übermüdet.« 33 »Seit zwei Jahren schlägt man dir vor, einen Assistenten zu nehmen. In Europa gibt es genug.« »Der Assistent kostet zweitausend Gulden Überfahrtsspesen und tausend Gulden Gehalt monatlich.« »Wenn ich an meinen seligen Korneelis denke, der hätte sich nicht besonnen. Der war großzügig . . .« »Sie werfen mir Geiz vor, Mevrouw. Aber das ist es nicht. Ich kann es ja schaffen ohne Hilfe.« »Aber deine Frau, Otto, geht darüber zugrunde!! « stößt die Alte höchst erregt hervor und deutet wiederum mit dem Krückstock nach der Tochter. – Kehmerdill sieht sich diese Frau an, die zehn Jahre neben ihm gelebt, mit ruhiger Abschätzung, als betrachte er ein Möbelstück. Das Fieber stimmt ihn gleichgültig und verhindert, daß er über sich selbst erstaunt. Das sanfte Karussell beginnt wieder; die ganze Gruppe auf ihren Korbstühlen bewegt sich sprunghaft nach links, und die alte Frau, über Meilen hinweg, aus fremder Sphäre, deklamiert eine eingelernte Rolle. Es ist ja alles restlos logisch, was sie vorbringt. Aber kann dies animalische Geschöpf dort drüben, Antja, mit ihrer elfenbeinfarbenen Haut, mit ihren runden Armen, mit dem Doppelkinn und den rollenden indischen Augen wirklich »zugrunde« gehen? Die Vorstellung kommt ihm plötzlich spaßhaft vor. Er lacht. »Damit hat es noch gute Weile, Mevrouw. Antja ist gesund und noch jung. Sie kann sich amüsieren, soviel sie will. Peter und Hendrijk werden sich ein Vergnügen machen, sie ins ›Des Indes‹ zu nehmen, oder ins ›Koningsplein‹ . . .« »Aber sie will mit dir gehen,« spricht die Alte 34 knarend und mustert ihn aus ihren trüben Chinesenaugen. »Und sie will in die ›Harmonie‹.« »Sie wissen selber ganz gut, Mevrouw,« spricht Kehmerdill kühl, »daß das seine Schwierigkeiten hat. Selbst wenn ich Zeit und Lust hätte, – es gibt da gewisse Vorurteile . . .« Peter und Hendrijk fahren zusammen, wie von Nadeln gestochen; ihre Gesichter werden zu ausdruckslosen Masken. Die Alte scharrt mit dem Stock; Antja bläst kurze Luft durch vibrierende Nüstern. Kehmerdill merkt den Aufruhr. In der Hemmungslosigkeit des Fiebers, das leise in seinen Ohren singt, steht er auf, steckt die Hände in die Hosentaschen, und sieht immer noch kühl auf die Gruppe hinunter. »Ja, – ist denn das etwas Neues für euch? Ihr zerrt mich hier vor euer Tribunal, ihr sitzt zu Gericht über mich, ihr schreibt mir allerhand vor, und ich soll zu allem Ja und Amen sagen . . . Geiz werft ihr mir vor, schlechte Behandlung Antjas . . . Mevrouw, ich glaube, Sie verkennen Ihre Lage.« Die Alte sinkt wie geschlagen in ihren Stuhl zurück. »Das geht zu weit, mein Lieber,« sagt Peter. Antjas Oberlippe hat sich gelüftet, ihre Zähne sind aufeinandergesetzt, als wollten sie etwas zerknacken. Sie zischt: »Ihr habt es mir ja nicht glauben wollen. So ist er. So sind seine Freunde. Das ist seine Meinung von euch und mir.« Die Alte öffnet die Augen, die sie geschlossen hat. »Ausreden sind das,« murmelt sie, »für seinen eklatanten Egoismus, für seine Bequemlichkeit, für seine Verantwortungslosigkeit . . .« Sie sieht sich hilflos um 35 und schenkt dann dem Doktor wieder einen Blick, in den ein Ausdruck des Bettelns, des Überwundenseins tritt. »Ich weiß ja, er ist kein schlechter Mensch . . . Er ist nicht geizig; übertrieben sparsam, kommt mir vor . . . Man hat ihm Dinge in den Kopf gesetzt . . .« »Heyermans!« zischt Antja. »Dinge hat man ihm suggeriert, sage ich . . . Ich bin fünfundsechzig, ich durchschaue die Naturen . . . Ich will, daß meine Tochter Freude vom Leben hat, ich will Enkelkinder . . .« Und ohne sich aufhalten zu lassen, überraschend elastisch, steht sie auf und humpelt ins Haus. Mit einem Entschluß schlägt sie sich gleichsam eine Bresche durch all dies widrig Unverständliche hindurch. Die vier Menschen rühren sich nicht. Als sie wiederkommt, hält sie etwas mit ihrer altersfleckigen Faust umschlossen. »Hier, nimm! – Damit du nicht sagen kannst, daß alles von dir kommt! – Hier hast du den Assistenten! – Das macht dir deine Frau wieder schmackhaft! – Hier hast du Kinder! – Hier hast du Zeit!« Drei Tausendguldenscheine entblättern sich zwischen ihren halbgeöffneten Fingern. Kehmerdill weicht zurück und faßt sich an die Stirn. Dies ist mehr als unerwartet, es ist pathetisch. Wollen diese Leute nicht begreifen? Endlich bringt er hervor: »Setzen Sie sich doch, Mevrouw. Es ist nicht das Geld. Sie zwingen mich ganz offen zu sein. Nun also: ich glaube nicht, daß ich auf die Dauer mit Antja glücklich sein kann. Es ist das beste, wir trennen uns. – In Güte.« Das gefürchtete Stichwort ist gefallen. Antja steht 36 auf und geht ins Haus. Drinnen entlädt sich ihr Jammer in langgezogenen Tönen. »Und was – –« fragt die Alte mit zerborstener Stimme, »hast du ihr vorzuwerfen?« – Die Geldnoten flattern langsam unter den Tisch, niemand hebt sie auf. »Nichts,« spricht Kehmerdill. »Und ich übernehme die Folgen für meinen Entschluß.« Die Alte blickt stumm, wie lauernd, ihre Söhne an. Doch deren Gesichter sind völlig eingefroren. Hendrijk sagt leise: »Nun ist es ja klar, aus welcher Ecke der Wind bläst.« Kehmerdill geht ohne sich umzusehen. Er hat die Brücke zertrümmert; und in seinem Rücken, in der süßdumpfen Atmosphäre dieses Gartens, grübelt das Verhängnis. – 37 Koos Lackpumps an weißbesockten Füßen, in makellos gestärktes Leinen gekleidet, entsteigt der zwei Meter hohe Beamte der » Secretarie «, Heyermans, seinem »Fiat«. – Hände in den Hosentaschen, wandelt er ins Haus des Doktors. Daß er nicht als Patient kommt, sieht man ihm an: er setzt dem Klima eine strotzende Gesundheit entgegen. So blond ist Heyermans! – Eine weißblonde Haarkappe schimmert über dem roten rasierten Gesicht; blondes Fell trägt er auf den Handrücken und sogar noch auf den Fingern. Seine saphirblauen verschmitzten Augen im langen Gesicht und seine pferdeartig lange Oberlippe machen ihn zum typischen Vertreter eines rauflnstig-bequemen, vollblütigen Patriziertums. Indem er sich in den krachenden Korbstuhl wirft, bestellt er sich eine Erfrischung beim aufwartenden Mahil, als sei er hier zu Hause. Kehmerdill ist mit den Vorbereitungen für seinen späteren Gesellschaftsabend fertig geworden und kommt aus dem Hintergrund. Seine Augen blitzen hektisch im kalkfarbenen Gesicht. Nicht über Mittelgröße, wirkt er auf den ersten Blick neben seinem hünenhaften Freund fast belanglos. Sieht man aber genauer zu, 38 so erkennt man, daß das Leben seine Züge bedeutend schärfer gezeichnet hat, als die des harmlosen »Pionierpatriziers«. Gleicht nämlich das Gesicht Heyermans' einer Delfter Landschaft, schlecht und recht, mit friedsamen Windmühlen, so bietet das Kehmerdills den Anblick eines verstürmten Gebirgstales. Der Doktor hat es mit seiner Karriere ziemlich schwer gehabt. Deutsch geboren, hat er eine stets wachsende Konkurrenz niederkämpfen müssen, bis er beschloß, sich naturalisieren zu lassen. Hätte er es nicht getan: der Krieg, anstatt ihm nur vorübergehend einige anglophile Patienten zu rauben, hätte ihn weggefegt. Heyermans, dem sein Heimatländchen zu eng gewesen, hat die Sprossen in dieser Militärbürokratie unbehindert, voll breiten Humors trotz Hitze und verworrener Innenpolitik, erklettert – Hände in den Hosentaschen, genau so wie er heute daherkommt. Kehmerdill setzt sich nicht, sondern nach einer zerstreuten Begrüßung fährt er fort, auf und ab zu wandern. Der Himmel draußen sticht grell orangefarben durch das Laub: es schlägt sechs. Die Gäste sind auf neun gebeten, – die offizielle batavische Besuchszeit. So hat er drei Stunden frei, um sich die Seele mit Hilfe des hereingewehten Freundes zu entlasten; bei Heyermans, dem guten Zuhörer, kommt es sicher dazu; das ahnt er. Das periodische Fieber ist überwunden; zur Vorsicht nimmt er noch Chinin und hat sich heute sogar ein gewisses Stärkungsmittel gestattet, dem er in letzter Zeit verdächtig häufig unterliegt. Es gehört kein großer Scharfblick dazu, um ihm einen ungewöhnlichen Zustand anzusehen; so schlägt denn 39 auch Heyermans auf die Stuhllehne und spricht: »Gottverdammich . . .« Kehmerdill macht halt. »Aha,« sagt er mit farbloser Stimme, – »du merkst was.« »Ich merke bloß, daß du gegen den Strich gekämmt bist. – Wo steckt Antja?« »Antja? – Ho, Antja . . . Gratuliere mir. – Ich bin sie los.« Heyermans macht eine Bewegung, als wolle er aufstehen, und pfeift durch die Zähne. – »Gutwillig?« »Nun, es gab natürlich ein Theater. – Ich hab' sie einfach in den Schoß ihrer farbigen Familie abgeladen. – Du siehst ja, ich bin kaputt.« Er blickt etwas schief und lauernd zum Freund hinüber. »Das ist bös,« murmelt Heyermans. »Warum hast du es ihr nicht langsam, stufenweise, abgewöhnt, mit dir zu leben? So aber, von heute auf morgen . . . Du wirst es auszubaden haben.« Kehmerdill stellt sich vor ihn hin und sieht ihn aus seinen fiebrigen Augen an, beide Fäuste gegen die Schläfen gepreßt. »Koos,« sagt er mit heller Stimme – »was habe ich nicht alles versucht, damit sie meiner satt wird! – Aber es ist phantastisch, welch dicke Haut diese Indos haben! – Ich habe sie, Gott verzeih mir's, en canaille behandelt. Immer hoffte ich und hoffte, sie würde mir den Fehdehandschuh hinwerfen – aber ich muß dir sagen: das ganze Weibsstück besitzt nicht mehr Selbstachtung als ein Rikschakuli. Eine andere wäre schon Jahre vorher weggelaufen. Aber 40 diese Antja ist blind . . . Oder will blind sein . . . Also sie bleibt, sie lutscht Pralinés, sie sieht ein wenig nach dem Rechten, nach meiner Küche, ja . . . sie sitzt hilflos vor guten Büchern, und schläft ein, wenn man Ansprüche an ihr Hirn stellt. Aus ihrem täglichen Kino, wo sie des Denkens enthoben wird, bringt sie keine Anregung mit. Auch nicht aus dem Badetümpel. An amerikanischen Magazineschmökern findet sie vielleicht noch träges Gefallen und schwatzt dann unsicher darüber . . . Über dem Modespiegel brütet sie stundenlang . . . Jedes Gespräch endet in einer Blamage für meine Hoffnungen. Da kannst du säen, jahrelang, und erntest Lava. Das Weib ist steckengeblieben, sag' ich dir . . . Schauerlich ist sie im Rückstand. Seit ihrem neunzehnten Geburtstag hat sie keinen Schritt vorwärtsgemacht, und was mir damals entwicklungsfähig schien und hurtige Intelligenz, war nur Zweck und Schauspielerei. Da hast du den ›Labetrunk meiner Seele‹, da hast du meine Erholung und Zerstreuung; das ist sie. Und deswegen mußte ich Schluß machen.« »Vielleicht hast du dich doch zu wenig mit ihr abgegeben . . .« »Zwei Jahre lang hab' ich's probiert, weiß Gott, ihr Interessen beizubringen . . . aber sie reagierte nur – mit dem Körper.« Er lacht tonlos. »Du warst eben ein Esel,« sagt Heyermans beruhigend. »Es ist schade, daß wir uns damals nicht kannten. Ich hätte mich sonst wohl rechtzeitig mit dem Holzhammer eingefunden und dich aufgeklärt. Du gibst also zu, daß sie verdammt hübsch war, und 41 daß du in das Projekt ihrer Familie hauptsächlich deswegen hineingestolpert bist. Jetzt kennst du diese Rasse; spät genug bist du dahintergekommen. Ziemlich schwimmen lassen hast du dich, mein Lieber. Deine Beweggründe in Ehren – aber diese gewaltsame Regulierung, die du arrangiert hast, ist verkehrt. Schließlich hast du sie doch geheiratet.« »Was blieb mir übrig? Du kennst doch selbst die Konventionen in eurer Krämerkolonie. Aber sie war zu hitzig; sie wollte unbedingt Kinder. Das bekam mir nicht. Ich habe immer gebremst.« »Toll aggressiv, das sind sie ja; da hast du recht. Das verstehe ich.« Heyermans lacht ein großes gesundes Gelächter. »Die wissen, was sie wollen . . . Deshalb haben sie uns auch die vielen Kuckuckseier hineingesetzt. Die Kolonie geht noch darüber kaputt, wenn ich und meinesgleichen nicht dauernd dagegenbohren . . . Wir sind hier schon mit allen Nuancen von Braun schattiert. Wenn das nicht anders wird, sind wir in fünfzig Jahren dauernd blamiert und können unseren östlichen Verwandten endgültig das Feld räumen. Schließlich soll dieser schönbestellte Garten kein Mischlingsparadies werden, mit all der Verfahrenheit und moralischen Zersetzung wie in Saigon und Macao . . . Reinlich, zum Teufel, muß das nebeneinander hausen, Weiß und Braun. Es ist eine Gemeinheit, wie wir uns verzetteln und unsere guten, soliden Pioniernamen bis in die Kampoengs tragen . . .« Sein Kiefer schiebt sich vor; seine prächtigen Zähne setzen sich hart aufeinander. »Ich hab' ja nichts gegen das Volk. Gott will es so, wie es ist; und 42 sympathisch ist es mir auch in seiner Art. Aber wir dürfen uns das Heft nicht so schlapp aus der Hand winden lassen, wenn das auch bei achtunddreißig Grad Celsius und hübschen Weibern schwer ist. Die Engländer bringen es fertig, einen Punkt zu machen; warum nicht wir? Das ist keine saubere Sache mehr; das bringt uns in die beliebte schiefe Lage. Wenn unsere Eingeborenen als unverfälschte Patrioten, wenn auch mit drolligen Mitteln, ihre Interessen wahren, so begreife ich sie vollständig; ich hätte auch eine Wut, wenn man mich enteignete, kontrollierte, mit lächerlichen Taschengeldern abspeiste . . . Ich bin aber europäischer Kapitalist, ho, ho, Kulturträger, Eckpfeiler; was soll ich machen gegen mein besseres historisches Selbst . . . Wenn man einen fragwürdigen Indo gegen mich ausspielt, der womöglich auch Heyermans heißt und von der ›Heimat an der Schelde‹ faselt, dann wehre ich mich.« »Erfrischend bist du, Koos . . . Schenk' dir ein. Also ich freue mich, daß ich schließlich in deinem Sinn gehandelt habe. Einen Indo namens Kehmerdill gibt es nicht. Jetzt ist alles in schönster Ordnung.« Heyermans starrt ihn an. »Mann,« bellt er plötzlich, »schmeichle doch den Tatsachen nicht so greulich! Den Fuß hast du herausgezogen – aber es hängen noch Widerhaken genug an deiner Hose. Meinst du etwa, man kehrt dort drüben friedlich zur Blumenzucht zurück?« – Er deutet mit dem Daumen in die Richtung des Waterlooplein. – »Laß dir das Essen vorschmecken, wenigstens für die nächste Zeit, und sei mir nicht bös, wenn ich meinen Whisky selber 43 mitbringe . . . Nun, werde nicht nervös, sie heißen ja schließlich de Ruyter‹ und sind ›Europäer‹ –.« Seine Stimme lenkt ein. »Daß du keine Kinder hast, ist eine Mischung von Egoismus und Dusel. Denn im Bett wirst du dir kaum politische Skrupel gemacht haben. Jetzt wollen wir aber zur Hauptsache kommen. Wenn ich nicht Heyermans wäre, so würde ich mir sagen, du hast mir alles zufriedenstellend motiviert. Ich bin aber schlauer. Du hast mir schon einmal mit deinem Serum über den Berg geholfen. Du darfst ruhig mit der Sprache herauskommen. – Was ist denn der eigentliche Anlaß zu dieser ganzen Geschichte?« Kehmerdill blickt hurtig auf. Die Zigarette entgleitet seinen Fingern und glimmt auf der Bastmatte weiter. Heyermans' mächtiger Fuß kommt herüber und tritt sie tot. Wie mit gelähmten Lippen wiederholt der Doktor: »Der – eigentliche Anlaß?« »Das meine ich,« bestätigt Heyermans gemütlich. »Man wirft doch eine Frau, mit der man zehn Jahre zusammenhaust, nicht so halsüberkopf hinaus. Dazu hat man schon einen ganz speziellen triftigen Grund. Von dem hast du noch nichts gesagt.« Kehmerdill erhebt sich, rennt dreimal um den Eßtisch, und setzt sich dann, zitternd wie im Frost, wieder hin. Seine Augen wandern langsam, prüfend über den Freund, um sich wie beruhigt wieder zu schließen. Er atmet aus, als stoße er mit diesem Atemzug eine Last von sich. »Weiß Gott,« flüstert er, »du bist ein Satanskerl, Koos.« Er nimmt einen großen Schluck unverdünnten 44 Whiskys. Erwärmt, schier munter, beugt er sich vor und spricht mit dozierendem Zeigefinger: »Wenn du zehn Jahre lang geschuftet hast, und man hat dir Scheuklappen vorgeschnallt, und du hast dein Menschentum eingebüßt in dieser Tretmühle von Klebrigkeit und Hitze und du bist ganz verödet, verblödet, und jämmerlich anspruchslos, und auf einmal kommt jemand mit einem Spiegel, und zeigt dir die Kreatur, die du bist . . .was tust du dann? Du haust um dich, wie? –« »Wo kann man diesen Spiegel zu sehen bekommen?« gibt Heyermans zurück. »Gib mir doch bitte die Adresse . . .« Kehmerdills Gesicht überzieht sich mit gleichmäßigem Scharlach, seine Augen blinzeln. »Das sieht dir ähnlich. Immer der große Draufgänger . . .« Er lacht, mit gleichsam wegwerfendem Humor, und patscht sich mit der flachen Hand aufs Knie. – »Als alter Pionier gehst du aufs Ganze. Sie wohnt übrigens im ›Daendels‹; seit einer Woche ist sie hier. Wie es weiter sich entwickelt, weiß niemand. Soviel weiß ich aber –« und er zupft am Strohgeflecht des Stuhles – »daß die Frau mir bitter nötig ist; daß sie um meinetwillen herkam. Das ist die höhere Absicht, verstehst du; wir kennen sie nicht. Sie trieb hier an Land, weil ich sie brauche. Und wenn sie nicht mein wird, so ist das radikal falsch; so liegt das unmöglich in der höheren Absicht.« Er beginnt zu stottern und zupft heftiger am Stuhl. – »– Und heute abend hab' ich beide eingeladen; heute kommt sie hierher . . .« Heyermans' mächtige weißblond bewachsene Pranke 45 landet auf seiner Schulter. Er hat etwas nie Geschautes in der Miene des Freundes gemerkt. Er erhebt sich. » Cheer up , Alter,« sagt er voll Bonhomie. »Ich denke, du willst dich noch ein wenig vorbereiten auf deinen Besuch, und ich lasse dich lieber jetzt allein . . . Morgen überfalle ich dich wieder. Sag deinen Patienten ab; ich will dich nach Buitenzorg schleifen auf einige Tage . . . Ich habe sowieso Urlaub fällig. Ausspannung brauchst du, gottverdammich. Ausspannung für –« (er schlägt sich auf den Brustkasten, daß es knallt) – ». . . für das hier.« 46 Der Raden Kusuma Eigentlich – (und hier ergreift der Berichterstatter von des Doktors Verwirrungen selbst das Wort) – müßte man dem Raden Kusuma den ganzen Schwanz von Titeln gönnen, den er als Erbe des ausgemerzten Fürstentums in Westjava hinter sich herschleppt. Er hat ein halbes Dutzend von Namen, die sich künstlerisch steigern, um in Mangoenkoesoema auszuhallen. – Nun, der Einfachheit halber: nennen wir ihn »Kusuma«. Kein weißer Tropfen rinnt in ihm. Er ist ein schlanker Mann von etwa Dreißig, mit einem Schauspielerkopf. Sein hellbraunes Gesicht ist von Natur bartlos. Mit seines Schöpfers feinstem Pinsel hingesetzte Brauen steigen rund in die glatte Stirn; seine Augendeckel, bläuliche Blätter, sind leicht bepudert, und unter diesen feindurchbluteten seidigkrausen Kapseln rollen Augen von flüssiger Schwärze. Ihr Dunkel verschmilzt mit dem Wimpernkranz, wenn er lächelt; dann zieht er gleichsam den Vorhang zu einer Ritze, hinter der die schwebend grübelnde, selbstbeherrschte Anmut seiner Rasse wetterleuchtet. Sein Wagen ist leise knirschend vorgefahren; jetzt tritt er ins Haus. Er ist europäisch, in einen 47 rohseidenen Anzug, gekleidet. Seine Hauptfrau, die ihm alle Nebenfrauen ersetzt, anscheinend sein Augapfel, wandelt ihm seitlich voran – leicht schwellen die Hüften unter dem kaffeebraunen Sarong, fallen die winzigen Füße in ausgeschnittenem Brokat auf die Stufen . . . Sie trägt eine gestickte Bluse und streckt die beweglichen Finger an steif gehaltenen Armen von sich, als raffe sie einen Rock. Sie wandelt im Dunst eines stillen, starken Parfüms, und ihre Augen leuchten wie Lampen. Dies liebenswürdige Ehepaar kommt pünktlich um neun Uhr. Kehmerdill begrüßt sie; man nimmt Platz. ›Es ist heute,‹ denkt er, ›vielleicht zweckdienlich, den Großhändler mit diesen Leuten bekannt zu machen. Das wird ihn absorbieren.‹ – Mahil und Nas, der heute mitserviert, bringen allerhand angeschleppt auf Silberschalen: Nüsse, Krokant, Pralinés und Käsestangen, und Kusumas Frau, die Ratu, bedient sich wie ein Eichhörnchen. Ihres Gatten Zähne zermalmen eine kandierte Mandel, und als er sie artig geschluckt, – (eine Zeitspanne, die er zum Beobachten ausnützt und mit sonnigstem Lächeln füllt) setzt er zu der Frage an, wo Mevrouw Kehmerdill sich befinde. Der Doktor hat diese Frage vorausgeahnt und beantwortet sie frischweg damit, daß »Antja krank sei auf unbestimmte Zeit und von ihrer Mutter verpflegt werde; dort sei sie ja auch am besten aufgehoben.« Bedauerndes Zungenschnalzen. Die Ratu läßt ihre Lampen leuchten; ein leiser tragischer Zug – ist es Mitgefühl? – umwittert ihr Näschen und kraust die niedere Stirn unter dem blauschwarzen Scheitel. 48 Der Doktor ist außerordentlich nervös. Jeden Augenblick gibt er den Djonges neue Befehle. Feuchte bedeckt sein Gesicht; seine Rede ist sprunghaft. Sein eines Ohr, das der Straße zugewandte, streckt sich gleichsam, und wird zu einer empfindlichen Muschel, in der alle Geräusche von draußen Stelldichein halten. Die Eidechsen schnattern; im Garten grunzt ein Gecko. Wenn der Raden sein sanftes, gutturales Gespräch unterbricht, entstehen kleine Verlegenheitspausen. Er weiß viel zu erzählen; er ist ein gutunterrichteter Mann und in Innenpolitik versiert, wie kaum ein zweiter. Er hat mit dem Doktor schon manchen Spaß gehabt auf Kosten von Dingen, die Kolonial-Bureaukraten ehrwürdig sind. Der Doktor erkennt, daß Heyermans außer seinem Taktgefühl noch einen anderen Grund hatte, heute frühzeitig aufzubrechen; er wollte nicht in die Lage kommen, mit dem Raden diskutieren zu müssen. Endlich ist es zehn Minuten nach neun Uhr, und der schicksalhafte Moment ist da. Der Doktor läßt mit Getöse das silberne Schutzdeckelchen seines Whiskyglases fallen. Ein Moskito mästet sich an seinem Nacken; er merkt es nicht. Während er das Deckelchen aufhebt, blickt er schnell auf und sieht Kusumas Augen auf sich geheftet mit dem leeren Ausdruck, der beim Orientalen ein Zeichen plötzlicher Nachdenklichkeit ist. ›Der Raden merkt etwas,‹ denkt er und beschließt sich zusammenzunehmen. Es ist auch die höchste Zeit, denn Nora Erdbrink betritt soeben, von ihrem Mann gefolgt, die Veranda. 49 Mit kleinen leichten Schritten in perlgrauen Schuhen geht sie auf den Doktor zu und berührt mit ihrer zarten schmuckbeschwerten Hand seine fiebrige feuchte, an der nichts sitzt als ein rohgearbeiteter »Schlangenring«, ein Amulett seiner Verwandten. Er hat vergessen ihn abzuziehen. ›Im Lauf dieses Abends noch,‹ denkt er und starrt halb abwesend auf die stumpf blitzenden Steine, ›ziehe ich ihn ab, sonst bringt er Unglück . . .‹ – Nora blickt lächelnd auf die anderen Besucher und flüstert mit ruckweisen Bewegungen des Köpfchens: »Also sind wir doch nicht die Ersten, wie?« Kehmerdill stellt vor. Er entwickelt überstürzte Geschäftigkeit. »Gute Freunde,« bemerkt er, »von denen Sie, Herr Erdbrink, manches Passende erfahren können . . .« – Nora setzt sich. Das mattblaue Seidenkleid spannt sich an den Knieen. Die perlgrauen Strümpfe sind bis zu der Grenze sichtbar, die eine freigebige Mode gerade noch gestattet. ›Sie ist doch fünfundzwanzig,‹ denkt der Doktor. »Sehr erfreut,« spricht Erdbrink und reicht seine große Hand umher. Er lächelt und der Ausdruck seines grobgeschnittenen Gesichtes wirkt melancholisch, weil die traurigen Augen unbeteiligt bleiben. Sie verlieren kaum etwas von dieser rätselhaften Unbeweglichkeit, als er sie in die funkelnden Pupillen der Javanerin senkt. Nur ein paar Fältchen in den Winkeln deuten kümmerliches Interesse an, das sich kaum unterscheidet von mattem Wohlwollen . . . Alle folgen dem Beispiel Noras und setzen sich. Mit ihrer melodischen, raschen Stimme erklärt sie: »Paul hatte sich verspätet. Die Chauffeure hier sind so schwer 50 von Begriff. Wenn man ihren Jargon nicht kennt, darf man ihnen keine richtigen Straßennamen nennen. Man muß sich, glaube ich, in Beziehung setzen zu ihren Ställen oder Bambushäuschen . . .« »Man braucht natürlich,« sagt der Doktor, »für die erste Zeit einen Dolmetsch.« »Nicht bloß für die Kutscher!« fügt der Raden hinzu. Er schmückt seine Einfälle, mögen sie auch sachlicher Natur sein, mit einem perlenden Gelächter. Kehmerdill kennt die tiefe Bedeutungslosigkeit solchen Scheinhumors. Die sprudelnde Lebensfreude, die scheinbar aus jeder Belanglosigkeit Honig saugt, ist Teil des »Adat«, der javanischen Sitte. »Es ist angenehm, Herr Kusuma,« sagt Erdbrink und meint es sehr nett, »daß bei Ihnen kein Dolmetsch nötig ist. Ich beneide Sie um Ihr Sprachtalent. Ihr Deutsch ist fast akzentfrei . . . Erstaunlich.« »O lala,« sagt der Raden und fächelt die Bemerkung mit gespreizter Hand hinweg, als enthalte sie eine gewaltige Schmeichelei; ja, er krümmt sich fast im Stuhl. Sein Gelächter perlt. »Akzentfrei . . . nun ja, man gibt sich Mühe. Mein Freund Kehmerdill sorgt dafür, daß ich das Stottern verlerne.« – Plötzlich umspringend: »Ich kenne Ihr großes Land, Herr Erdbrink. Ich bewundere es.« Nora nimmt ihr Taschentuch vor den Mund. Mit einer Stimme, in der verschlucktes Lachen bebt, wendet sie sich, beherrschte Weltdame, an die Ratu. »Sie sind beneidenswert; Sie haben einen begabten Mann . . .« Die kleine Ratu weiß, da sie deutsch angesprochen wird, einen Augenblick nicht Bescheid. Immerhin 51 strahlt sie auf, und sagt auf holländisch: »Sie sind sehr gut, Mevrouw.« Ihre Augen ruhen versonnen auf der Europäerin. Ein Gemisch von Gefühlen beherrscht sie. Kehmerdills Blick, der sich zuweilen an der deutschen Frau geradezu festsaugt, entgeht ihr nicht. Das Klappern des silbernen Deckelchens, jenes kleine schicksalhafte Geräusch, hatte die Ratu zusammenzucken lassen. Sie ist mit Antja befreundet. Ihr feines Näschen wittert Unrat; doch alle Schlüsse, die zu ziehen wären, sind noch wolkig. – »Der Raden,« fährt sie tapfer fort, »spricht sechs Sprachen.« Nora mustert den munteren Herrn in seiner gebatikten Turbankappe mit etwas respektvollerem Interesse. Die kleine Ratu folgt ihrem Blick und sagt fast entschuldigend: »Das kam ganz von selbst; er war jahrelang in Europa.« »Nun,« meint Nora, »dann hat er ja seine Zeit ausgenutzt. Paul spricht nur Englisch. Das hält er aber für gut.« »Es ist passabel,« murrt Erdbrink. »Man versteht mich.« Alle lachen, doch weiß keiner so recht warum. Man ist von der Sonnigkeit des eingeborenen Pärchens angesteckt; das wird es sein. Und außerdem ist das Prinzip » Keep smiling « bei der Unterhaltung wie Öl für einen Motor. Der Doktor beglückwünscht sich insgeheim zu seiner Idee. Er verkündet: »Kusuma hat eine große Karriere vor sich. Hier kann er sich aussprechen; er ist hier auf ganz neutralem Gebiet . . . Bei uns ist alles gut aufgehoben, was? – Deine Rede neulich im Volksraad war glänzend.« 52 »Herr Kusuma ist so bescheiden,« zwitschert Frau Erdbrink. In der Tat: Kusuma hat sich vor lauter Bescheidenheit soeben erst die zweite kandierte Mandel genommen und zerknuspert sie. Er scheint nicht willens, über sich selbst zu reden. Er macht eine Geste, die dies dem Doktor überläßt. »Sehr witzig warst du,« sagt der Doktor. »Kein Mensch verübelt dir die Prätendenten-Seele, die neben der sozialdemokratischen in deinem Busen haust. Deine Welfenbestrebung mit Hilfe der Freisinnigen . . . das darf ich doch erzählen?« »Du wirst es zwar ganz falsch erzählen,« sagt der Raden und senkt seine Lider auf halbmast; »aber wer fällt dem Gastgeber gern ins Wort? – Wenn es deine Gäste amüsiert . . .« »Wie bescheiden!« seufzt Nora noch einmal; wendet sich aber, da sie ihren Blick von des Javanen schläfrigem Lid ertappt fühlt wie von einer Falle, ostentativ dem Doktor zu . . . »Es ist im Volksraad,« verkündet Kehmerdill. »Der Oberstkommandierende verteidigt die Flottennovelle. Kusuma erhebt sich darauf und hält eine Rede, die gewissen europäischen Berufskollegen größte Ehre gemacht hätte; eine Rede, man denke sich, die mit dem Passus beginnt: ›Die seltsame Sorge, die den Vorredner bedrückt, scheint dieser mit wenigen in diesem Haus zu teilen . . .‹ – Eine Rede, die von Sarkasmen trieft . . .  ›Zahlt eure Flotte selber,‹ ruft er, ›wir geben kein Geld dafür her . . .‹ Und dies von Kusuma, dem sequestrierten Sultan von Bantam, man denke sich, den ganzen holländischen Militärs und 53 Buitenzorg-Chefs ins Gesicht gesagt, im blendendsten Parlamentsjargon . . . und dann der Höhepunkt! Als jemand die Möglichkeit von Krieg erwähnt, ruft er: › La guerre... c'est une affaire trop sérieuse pour la laisser au militaire! ‹ – Ruft es aus und setzt sich. Prägt ein neues nie dagewesenes Schlagwort, wischt sich den Schweiß ab und schweigt. Verblüffung, Wut. Lachen links. Und das Flottengesetz fällt durch . . .« Alle applaudieren. Erdbrink, schmunzelnd, wendet sich mit plötzlich erwachtem Interesse dem Raden zu. Nora sitzt, halb zu Kehmerdill gedreht; geschützt vom drüben beginnenden Gespräch zwischen den Männern, spricht sie leichthin, etwas gedämpft: »Ihr javanischer Freund hat es hinter den Ohren . . . Sie haben ihn ausgezeichnet kopiert . . .« Sie wirft dem Doktor einen schnellen Blick zu; streichelt ihn gleichsam mit dunkler Wimper. Noch vermeidet er es, sie zu betrachten. Er erwidert nachdenklich: »Oh, wir haben manches Mal zusammen gelacht; – über die ›Unterlegenheit der bellenden Krämer‹ zum Beispiel – so drückt Kusuma sich aus – der ›schleichenden Beharrlichkeit des Ostens gegenüber, die sich sacht zum Sieg hindurchwurme‹ . . . Stück nach Stück würden die Volksraadmänner ihre Unabhängigkeit einheimsen, wie man ›Manggafrüchte mit dem Ketscher heimse‹ . . . So gibt es da eine Geschichte von Propaganda in seinem Stammdistrikt, wo er mit Impfkommissionen arbeiten ließ . . .« »Das ist nicht interessant,« schneidet ihnen plötzlich überraschend der Raden ins Gespräch. Er wirft dies so nebenhin über den Tisch. 54 Kehmerdill blickt erstaunt auf. Doch schon führt der erstaunliche Mann einen für Erdbrink begonnenen Satz ruhig zu Ende. Das kleine Veto bleibt in der Luft hängen: winziges Blitzen und Verschwinden einer Klaue. Der Doktor und Nora sehen sich an. Es dauert nur einige Sekunden, doch es genügt für beide, um zu ahnen, woran sie sind. Sie werden belauscht . – Schon jetzt. Kehmerdill lacht, schenkt ein und findet ein anderes Thema, was nicht mit dem Raden zusammenhängt – Djodok, den Gibbon. – Doch in Noras Augen sitzt tastende Neugier, mit ein wenig nervösem Schreck gemischt. Jetzt , da jemand kleine kontrollierende Gebärden macht des Inhalts: ›Ihr sprecht miteinander . . . Darf man fragen, worüber?‹ –, kommt es scheinbar ganz zusammenhangslos zum Vorschein, daß sie einander ganz nah sind, verhängnisvoll nah . . . Wo steckt die Ursache? – Ist es (Gott verzeih' es seiner dumpfen Eitelkeit) der Raden, der sie stört? – Ist es Erdbrink, der Mann, dessen Frau Veronal nimmt? – Oder ist es die kleine Ratu, die sich mit der ganzen Zierlichkeit ihrer Rasse steif im westlichen Sitz aufrecht hält und dem Ende dieses Abends entgegenlächelt . . .? 55 »O Katharina . . .« Der langjährige Chefkoch und jetzige Manager des »Des Indes«, Herr Salbeiblatt, steht, Hände im Rücken verkettet, in der Vorhalle und gibt trotz sanfter Aussprache abgehackte Befehle an die geschäftigen weißgekleideten Sundanesen, die ihn umschwirren. Bildhaft betrachtet gleicht er Bonaparte: die steifgestärkte Leinenjacke mit dem hochgeschlossenen Kragen, jene hemdersparende Tropenuniform, umpanzert ihn wie die Schale einen Weichkrebs. Er hat ein rundes Gesicht mit edlen Zügen und einen Frauenmund. Sein blonder Kopf ist rasiert, und obwohl die dunkelbewimperten farblosen Augen das Bühnenhafte stärken, verwässern sie den Gesamteindruck, weil sie vor jedem Herrenblick abirren. Dazu kommt der Speckglanz seiner Haut, gleichmäßig überall verteilt, wo die barmherzige Uniform ihn nicht verhüllt. Ist auch ein früheres Leiden Salbeiblatts ungewöhnlich diskreter Natur gewesen, so ist die Anhänglichkeit an seinen damaligen Arzt mächtig zurückgeblieben – für seine Natur allzu mächtig. Er kann sie nicht stilvoll bändigen; der »Manager« verdunstet aus seinem Gehaben. Langjährige Komposition anspruchsvoller Gerichte hat zudem sein an sich 56 konziliantes Wesen gesteigert und mit einer Süße übersättigt, die schwer erträglich ist. Gemessen und doch eilend tritt er ans Auto heran, beide Hände vorgestreckt. »Herr Doktor Kehmerdill,« spricht er melodisch, etwas stockend vor so viel Glück – »ich darf Sie begrüßen – nein – welch unerwarteter Besuch – Gott, als ich denke . . .« Mit diesem letzten Ausruf legt er gespreizte Finger vor den Mund und betrachtet den Arzt mit einer Miene verschämter Schelmerei . . . »Es heißt ›wenn‹, und nicht ›als‹,« sagt Kehmerdill kurz angebunden. Er ist ausgestiegen; dem ihm folgenden Manager voranschreitend nimmt er die paar Stufen zu den Cocktailtischen. »Immer so streng, Herr Doktor! – Gott . . .« atmet es in seinem Rücken. Kehmerdill dreht sich brüsk um und sagt scharf: »Lassen Sie die Faxen, Salbeiblatt. – Wo ist der bestellte Estradentisch?« Sofort wechsele des Guten Schelmerei mit sachlicher Würde. Er ist indigniert. Er schnaubt leise aus der römischen Nase und bemerkt: »Sie mißverkennen mich, Herr Doktor. – Ich bitte hier – Tisch sechzehn«. Er arrangiert mit wegwerfenden Bewegungen, unter Schonung des geschmückten kleinen Fingers, einige karminrote Hibiskusblüten auf der sorgfältig ausgelegten Tafel. – Lang gewinnt er's aber nicht über sich, zu grollen; sein Plauderton bricht durch und er fragt, weiterzupfend: »Es sind deutsche Herrschaften, die Sie erwarten?« »Großhändler Erdbrink mit Frau, Mijnheer Heyermans – vielleicht noch andere . . .« 57 »Ah – Herr Doktor . . .« Wieder führt er die gespreizten Finger an den Mund. \>Sie scherzen: wirklich ein Großhändler? – Nun, das ist besser als ein Kleinhändler.« Und nach diesem unsagbar platten und unangebrachten Witzchen wandelt er mit einer Verbeugung weiter . . . Boys, längst von ihm entsandt, kommen schon mit Glas und Flasche, jedes einzelne Ding getrennt auf Tabletten balancierend. Kehmerdill bestellt sich einen »Martini« und dann noch einen. Es ist ganz ungewöhnlich, gegen alle Naturgesetze, daß er sich zu so früher Abendstunde (es ist kaum acht) und in so prächtigem Rahmen Cocktails gönnt . . . In der Ferne, auf dem weiten Tanzparkett, steht Salbeiblatt wie der Turm eines Scheinwerfers im Roten Meer und wirft ihm einen berechnenden, trotz leichter Gekränktheit sieghaften Blick zu . . . Denn Salbeiblatt wundert sich ein wenig. »Gott,« denkt er und die kleine Amorette, die im Panzer seines Busens sitzt, seufzt auf – »als ich sage . . . Der Doktor hier im ›Des Indes‹!« Er bleibt andauernd neugierig und die scheinschläfrige Sieghaftigkeit seiner Blicke ruht auf den Eingängen, bis die Gesuchten auftauchen. Da wird der Leuchtturm lebendig und geht ihnen, runde Arme schwenkend, schnurstracks entgegen. Sein Busen hebt sich. Er nähert sich dem großen Gast auf Flüsterweite. »Mijnheer Erdbrink?« »Der bin ich,« sagt der große Mann. »Darf ich bitten – Tisch sechzehn –, Herr Doktor warten bereits.« »Es ist gut,« sagt der große Mann. 58 Nichts gleicht der von Respekt gedämpften Berechnung, mit der Salbeiblatt die Frau mustert. »Sehr europäisch,« denkt er, – »sehr eigenartig.« – Und als er das gedacht hat, merkt er, daß man ihn nicht benötigt, und zieht sich auf seinen Scheinwerferposten zurück. Nora trägt heute ein pfauenblaues Kleid und schwarze Wildlederschuhe mit Goldschnallen. Unter ihrem goldbraunen Pagenhaar pendeln gelbe Diamanten an Platinschnürchen; sie glimmen bei steter Bewegung des Halses in wechselnden Fünkchen. Ihre Haut ist hell wie Reis und matt wie Meerschaum. Gewölbte Schultern lassen Grübchen entstehen und vergehen, über deren Betrachtung man melancholisch werden könnte. Ihr Körper, von der blauen Seide eng umsponnen, scheint unaufhörlich bewegt; kaum zu bändigen; jeder Schritt verrät Schule. – Kehmerdill sieht, wie sie noch zweimal vor Spiegeln haltmacht und den Hünen hinter ihr dadurch zwingt, ebenfalls stehenzubleiben. Dieser trägt ein weißes in die Taille geschnittenes englisches Dinnerjäckchen, was seinen athletischen Brustkorb betont und ihm etwas von einem gelegentlichen Militär gibt. Er hält den Blick auf die farbige Niedlichkeit gerichtet, die er seine Frau nennt; schräg von oben herab blickt er in ihren Nacken, in das weiche Tal des tiefentblößten Rückens, wie ein Bär etwa, der aus dem Zwinger in etwas Blendendes blinzelt. Kehmerdill betrachtet sich die Ankunft der beiden. Heute wirft er kein Deckelchen auf den Boden und bemeistert das Zittern seiner Hände. Es ist doppelt 59 geboten sich zu beherrschen; neben ihm, im weiten Umkreis der Estrade, vor und hinter den spiegelbelegten Säulen, haben sich nun die Tische mit blankäugigen und auf Stadtklatsch erpichten Leuten gefüllt. Ein stetig anschwellendes Stimmengemurmel regt sich in der großen hölzernen Halle. Alle Birnen flammen auf am weißlackierten Deckengebälk. Die Ventilatoren drehen sich droben wie gespenstische Riesenmotten und quirlen die stagnierende Luft. Um die ganze Halle herum hängt die Nacht ihren schweren schwarzen Vorhang. Dieser wird von den Lichtern der Autolampen auf dem Molenvliet durchquert wie von schwirrenden Leuchtkäfern. Die Kapelle beginnt, und dies ganze Panorama von reflektiertem Weiß und von Farbspritzern schreiend bunter Toiletten dreht sich langsam nach rechts – hol's der Teufel, schon wieder das Karussell! Er klammert sich mit den Händen an die Tischplatte; der Druck macht die Finger weiß. Er sieht Nora und nichts als Nora – den leicht geschürzten Mund, die kapriziöse kleine Nase, das zurückgeschüttelte Haar, die fein sich abzeichnenden elastischen kleinen Brüste, die schwingenden nackten Arme . . . Nun lächelt sie etwas konventionell; auch der Bär mit Taille verliert das Hornige im Blick und schmunzelt auf ihn herab. Er reißt sich zusammen und erhebt sich. »Guten Abend, lieber Doktor,« sagt sie, »das ist ja ein reizender Tisch, den Sie da reserviert haben . . .« – Sie sieht sich, mit halbgeöffnetem Mund, stehend um. Der Schildpattfächer schlägt mit leichtem Klappen an ihre knappe Hüfte. 60 »Gute Aussicht,« bestätigt Erdbrinks Baß. Beide lassen sich nieder. Der Doktor sitzt zwischen ihnen am Kopf des Tisches. Beim Platz nehmen streichelt ihr kleiner Fuß den seinen; leise klirrt das Glas an seinen Zähnen. »Was ist das nun . . .« denkt er trotzdem ganz logisch und amüsiert sich über sich selbst – »bin ich tatsächlich behext?« – Allerhand Vorstellungsfetzen seiner Knabenzeit tanzen durch sein Hirn. Ein Gefühl unendlicher Geborgenheit geht von dem Geschöpf neben ihm aus. »Aha – das ist Europa; es scheint doch, daß ich kein abgebrühter ›Blijver‹ werde. Dies Ländchen Java hat mir falsch gesungen. Ja, das ist's; Europa gibt sich Mühe, mich zurückzuholen. Ein auserlesener Köder . . .« Die Erdbrinks trinken sich soeben zu und leeren im Akkord ihren Cocktail bis auf die Kirsche. Nora feiert das Gelingen ihres tapferen Schluckes mit einem kleinen Triumphschrei. »Runter mit dem ersten Glas, heißt es bei mir,« scherzt Erdbrink. »Tempo im Anfang, und die Bremse am Schluß. Das ist viel praktischer als umgekehrt. Außerdem braucht man nicht so lang auf Stimmung zu warten.« »Paul kommt schwer in Stimmung,« erklärt Nora. »Besonders wenn ich dabei bin . . .« » Trotzdem du dabei bist,« gibt der große Mann zurück. »Das Geschäftliche läuft nicht so geschmiert, Herr Doktor, und meine Frau verträgt Hitze besser als ich.« Er wischt sich mit einem gewaltigen Taschentuch übers Gesicht. »Nun, ich hoffe,« meint der Doktor, ganz 61 Gastgeber, »Sie werden sich amüsieren. Mein Freund Heyermans ist auch geladen, der kann Ihnen gute Tips geben. Bringen Sie das Gespräch auf die › Porte ouverte ‹, er vertritt diese Politik mit großem Eifer. Er ist für jeden Kapitaleinschuß hier zu haben. Nur japanisch paßt ihm nicht. Er erlaubt Ihnen ganz Borneo zu kaufen, vorausgesetzt. daß Sie keine Pickelhauben dort anpflanzen. Besonders keine Herzoglich-Mecklenburgischen . . .« Erdbrink lacht prustend und schlägt ihm auf die Schulter. »Nun, nun, ich bin bescheidener,« ruft er. »Ich bin nur ein kleiner Grossist in Tee, sozusagen päckchenweise.« In diese großzügige Heiterkeit hinein gerät Heyermans, der heute, das muß man ihm lassen, seinen guten Tag hat. Auch er hat ein Taillenjäckchen, und da ihm das Ausladende des Hamburgers fehlt, er vielmehr seine ihm gleichfalls beschiedenen zwei Meter mit jagdhundschlanker Geschmeidigkeit trägt, wirkt er wie ein Ausbund von Eleganz. Man wittert schon von fern den Seifenschaum. Fast stößt er ein leises Pfeifen der Überraschung aus, als er Nora erblickt. Seine blauen Augen gehen jedoch unbefangen von einem zum anderen; er ist voll kleiner Höflichkeiten. Der Doktor ertappt ihn bei einem Zucken des rechten Augendeckels, das besagen will: »So steht also die Sache, alter Freund. Nicht übel!« Man beginnt zu tafeln, man scherzt, man trinkt Chablis und dann Sekt. Nora pickt von den indischen Gerichten, die von einer exakt servierenden Kolonne 62 sanfter Djonges gereicht wird, wie ein Vogel, und macht bei jeder neuen Entdeckung drollige Glossen . . .   Die Tische leeren sich und dafür füllt sich das Parkett mit schreitend tanzenden Menschen. Die weißen, gelegentlich westlich schwarzen Smokings der Herren beherrschen das Bild; dazwischen mengen sich die grellfarbigen Backfischkleider der Frauen. Blickt man schräg von der Estrade, so hat man den Eindruck, daß die Welt aus Beinen jeden Formates bestehe. Das Auge wird verwirrt von soviel kupfer- und fleischfarbener Strumpfseide; die Mode schreibt kürzesten Rock vor; hier in der Wärme verkuppelt sich ihr noch das Naturbedürfnis, es möglichst luftig zu haben. Deshalb sind auch die Frauen halb entkleidet. Feiste Matronen stellen sieghafte Fleischmassen zur Schau und schreiten einher in den grünen oder gelben Abendkleidern der Sechzehnjährigen. Indoschönheiten jeden Alters schmiegen sich durch die spärlichen Tanzgassen, die sich bilden und schließen. Kornblonde Holländerinnen mühen sich verbissen ab um den Rhythmus, der ihrem Schaukeln die Erdenschwere nehmen soll – vergebens. Immerhin kommt alles vom Fleck und wogt gemessen. Behutsam mutet es an, dies festliche Getue; jeder nimmt Rücksicht auf seinen Nächsten; man weiß, ein einziger Grad von Beschleunigung würde den Körper in Schweiß tauchen, die weißen Jacken, die Chiffonwolken in Lappen verwandeln: so fassen sie sich gleichsam mit den Fingerspitzen an, stoßen einander elastisch ab und lassen doch zwischen sich eine Hochspannung entstehen, die nach einer 63 phantastischen Erlösung schmachtet. Diese in ihren Bureaus verstumpften Männer, diese fettbeschwerten Frauen fühlen sich von Asthma und Sehnsüchten geplagt, jetzt, da die Nacht – nur durch ihr Dunkel – ihnen das Gefühl falscher Kühle erzeugt. Der träge Luftstrom der Ventilatoren umfächelt sie; sie werden wieder Menschen. Dinge fallen ihnen ein – halb vergessene europäische Dinge . . . Wäre die Musik nicht, die gerade den neuesten Schlager von Rotterdam: »O Katharina –« spielt, so wäre man versucht, an ein Aquarium zu denken, in dem grotesk gefärbte Fische pärchenweise durcheinander spielen. Und in all dem heftiger atmenden Flüstern, dem Knirschen der schweren Stoffe an den massiven niederländischen Hüften, den wechselnden Parfüms, die aus schwarzen Locken und blonden angeklatschten Strähnen steigen, drehen sich Nora und Kehmerdill. Sie ist kleiner als die meisten Frauen. Sie wird aus wasserblauen, aus dunklen Augen mit verblüffter Frage begrüßt, die man aber nicht zu Ende denkt. Dazu ist es zu warm. Während der Blick sich in leichtem Schwindel verschleiert und man die lang fortgehaltene, mit Puder weggezauberte Feuchte unwiderstehlich hervorbrechen fühlt, sieht man in ein kühles, launisches kleines Gesicht. Dies blickt durch die massive Menschheit hindurch wie durch Glas. Es ist keins von ihren eigenen Gesichtern – ein importiertes Gesicht ist das; es hat nicht vor, sich hier einzuleben und in irgendeiner Veranda Weltevredens oder Buitenzorgs wie eine fahle Papierlampe zu schaukeln, bis ein Fieber es rötlich färbt oder ganz verlöschen läßt. 64 So völlig beziehungslos dreht sich das Köpfchen hin und her, als sei ein regsam hübscher Vogel plötzlich unter die Gesellschaft überfütterter Tauben geraten. Sie umtrippeln ihn und gurren. Doch der Vogel stößt nur eine perlende Klangfigur aus, die man nicht im Notenbuch der Tauben findet, und ist auf und davon wie ein blauer Blitz. Nora fühlt, daß sie Aufsehen erregt. Es macht ihr spitzbübischen Spaß – oh, dies ist eine Plattform, auf der man sie nicht greifen kann und kein Recht hat, sie zu tyrannisieren. Und merkwürdigerweise empfindet Kehmerdill die Tatsache, daß er in dieses Aufsehen gewaltig mit hineinbezogen wird, und daß das große Klatschmaul der weißen und farbigen Fama sich schon erwartungsvoll die Lippen leckt, lediglich als Erhöhung seines eigenen Lebensgefühls. Er grüßt, den fremden Vogel gleichsam präsentierend vorgeschoben, mit fast aggressivem Gleichmut bekannte Gesichter, die aus dem Strudel tauchen. Kaum lächelt er dabei. Da plötzlich sieht er in Hendriks fahlbraunes, langnasiges Gesicht . . . Es ist schier dumm vor Feindschaft; die dicken Lippen zittern darin. Während er sich dieses Gesicht innerlich vervielfacht, wird wieder das Tribunal daraus, das sich unverständlich ziert, leidet, und auf ihn losfährt wie eine Rotte aufgehetzter Kinder. In flammender Sonne sitzt eine Alte mit einem Gesicht aus Seifenstein und kreischt . . . Plötzlich findet sein Blick Noras Augen, und er sinkt darin unter wie in einem Schacht von Geborgenheit. »Sie sind blaß, Herr Doktor,« spricht sie klug und schnell. »Hören wir auf?« 65 »Nein, beileibe nicht,« flüstert er heftig zurück. »Ich bin immer blaß. – Das ist Indien.« »Indien . . .« echot sie, eine kleine Grübelfalte in der runden porzellanweißen Stirn. – »Sind wir auch in diesem Moment – in Indien?« Sein Gefühl der Geborgenheit wächst, und damit seine Angst, sich um Gottes willen nicht zuviel in diese launischen kleinen Glossen hineinzudenken. Eine Täuschung wäre unerträglich. Die Kapelle trommelt weiter im Takt eines verblutenden Pulses. Irgend jemand singt mit: flache Stimmen steigen dort hinter den Instrumenten auf. Sie beten, die Halbblut-Musikanten, zu ihrer Gottheit, die »Katharina« heißt; in der Mitte eines Taktes, beim Verstummen der Synkope, schluchzt ein brünstiges »Och!« – Vielleicht hat diese Gottheit, der sechs Gesichter huldigen mit hurtig rollenden Sammetaugen, blondes, kurzgeschnittenes Haar und weißes niederländisches Fleisch; höchstwahrscheinlich hat sie das. Aber Kehmerdill hat den Typus »Katharina« von jeher abgelehnt. Er liebt den Klang der Holzpantinen nicht, der durch die Äußerungen solcher Frauen klappert. Rings um sie ist trotz aller Vorsicht – schon durch den Takt der neuen Piece – eine Beschleunigung in die Leute geraten. Ganz aus der Seele ist es ihnen gesungen, dies Gassenhauerchen aus Rotterdam. Wären sie, in all ihrem verpflanzten Bürgertum, um einen Pahit-Tisch versammelt, das fühlt man, so ergäbe sich großes Lustgekreisch und sinnenfreudiges Tohnwabohu . . . Die Gesichter röten sich. Gespräche 66 werden gewagter, sichtbare Transpiration setzt ein. Und mittendrin fühlt Kehmerdill sich wie auf einer Insel. »Sie haben recht,« flüstert er nach zwei Minuten. »wir sind in Europa. Sie sind Europa.« »Also die Quintessenz von Vollkommenheit,« sagt der spöttische kleine Mund (etwas geschürzt wie bei jener noch stummen, aber schon geformten Frage: »Was hast du mit deinem Leben gemacht?«): »Das wollten Sie doch damit sagen? – Apropos,« sagt sie plötzlich mit veränderter Stimme, »wie geht es Ihrer Frau?« Ein Zufall will, daß sich in diesem Augenblick Hendrijk wieder vorüberschiebt. Kehmerdills Augen verengen sich; ihn erfaßt leidende Wut. Nora folgt seinem Blick und fängt den Ausdruck jenes fahlbraunen Gesichtes auf. Ihr ist als werde sie angesprungen. Es ist nur eine Sekunde. Sie hat den Eindruck einer großen Silhouette, eines seltsamen Schmelzprodukts aus gewohnter gesellschaftlicher Gebärde und aalgleicher Glattheit der Tropen. An diese dunkle Figur wie gekreuzigt, in gelbe Rohseide gekleidet, perlblaß vor Anämie, hängt eine Jungfrau, der das Klima nicht bekommt. »Wer war das?« fragt Nora fröstelnd. »Der Bruder meiner – früheren Frau.« »Ah! – Ihrer ›früheren‹ Frau?« »Ja. – Wir leben bereits getrennt. – Es ist nur Formsache, daß wir uns scheiden lassen.« »Sieht – jene Dame ihrem Bruder ähnlich?« »Sehr! – Es herrscht in ihrer Verwandtschaft –« Kehmerdill wird plötzlich fast schwatzhaft, – »eine 67 ausgesprochene Familienähnlichkeit . . . Man kann fast sagen, sie gleichen einander wie Eier. – Wie Krokodilseier.« »Man soll,« sagt Nora mit rätselhaftem Ausdruck, »von den Abgeschiedenen nur Gutes reden. Denn für Sie scheint sie doch gewissermaßen tot zu sein.« »Für mich ja . . . das heißt hoffentlich. Für ihre Welt ist sie sehr lebendig – schauderhaft lebendig.« » Wie sagten Sie? . . . Die Musik . . .« »Ich sagte: ungewöhnlich lebendig, denn sie verkörpert das akuteste Problem, das wir hier haben: – das Mischlings-Problem. Man hätte schon längst zu englischen Methoden greifen müssen. Aber dafür ist man hier zu uninteressiert.« »Also haben auch Sie zu den Uninteressierten gehört. Die ehelichen Folgen solch mangelnden Interesses sieht man ja hier. Bis zwanzig sind sie ganz reizvoll, diese Mädchen; geradezu hübsch, nein?« »Ich war zehn Jahre jünger . . .« »Und vor zehn Jahren waren Sie sehr stürmisch und unbedenklich . . . Und jetzt sind Sie seit Monaten – oder Wochen? – getrennt . . . Sie Armer . . . Das war wohl eine lange Zeit . . .« »Der Zufall wollte, daß meine Trennung – zeitlich mit – Ihrer Bekanntschaft zusammenfiel.« Nora dreht ihr Köpfchen ruckweise umher; ihm scheint, als atme sie stark aus und schmiege sich dabei um einen winzigen Grad weniger elastisch an seinen stützenden Oberarm. Dann beugt sie den Kopf, so daß er sehen kann, wie sich das goldbraune Haar mit feinflimmerndem Flaum in die weiche Nackenrinne hinei 68 nverliert. Und die gelben Brillanten pendeln gewaltig schnell, wie kleine Uhrenpendel, die diesen köstlichsten aller Momente abmessen und zerspalten. Er kann nicht darauf schwören; er hört's nur mit dem ganzen ihr entgegendrängenden Wesen, daß sie zum Parkett hinunterflüstert: »So so – wirklich der Zufall? « 69 Der Schatten an der Treppe Kehmerdill bringt Nora an die Estrade zurück. Die paar hundert Menschen laufen auseinander. Aus dem verschlungenen Wirrwarr lösen sich die Farbflecke und streben, von Schwarz oder von Weiß eskortiert, den Tischen wieder zu, wo neuer soeben ausgeschenkter Champagner in den Gläsern siedet. Herr Salbeiblatt hat sich diese Fürsorge angelegen sein lassen. Während man tanzte, ist er von Tisch zu Tisch geschlichen, mit einem versonnenen Lächeln, dem die napoleonische Position nichts von der ranzigen Süße nahm; leicht mit prallen Hüften bebend, ist er umhergeschlichen. »Noch ein Fläschchen?« hat er gesungen, wenn er den betreffenden Tisch noch besetzt fand. »Wie man sich echauffiert! – Gott! – Als ich sage . . . Nun, ich würde nicht tanzen wollen; besser gar nicht, so denke ich, als ungraziös . . . Ich wäre eine Blamage, ach Gott! – So ist es!« So hat er auf der Estrade seine platten Scherzchen getrieben und das Heer der braunen Djonges in steter Bewegung gehalten. Nun nimmt er gedankenvoll wahr, wie der Doktor sich um des Großhändlers Frau bemüht. Auch sieht er, daß sie stehend ein Spitzglas hinuntergießt; daß es drüben zugeht wie in Old 70 Holland. Sie setzt sich nicht einmal, sondern nimmt sofort den Arm des anderen Kavaliers, der dies sympathische Taillenjäckchen trägt, um sich in den neuen Step hineinzustürzen. »Eigenartig,« denkt Salbeiblatt und seine Augen, farblos wie Stanniol, verzehren die Gruppe. Die scheinbare Entlegenheit seines Reptilblicks ermöglicht es ihm so auszusehen, als blicke er ziellos ins Universum; die heimliche Neugier verrät sich dadurch, daß er den Daumen an der Hüfte wetzt und an der Unterlippe knabbert . . . Nun steht der Doktor auf, aha, er geht allein. Hinter der spiegelbelegten Säule auf der Lauer liegend, fängt Salbeiblatt ihn bei seiner Rückkehr ab. Den lachsfarbenen rasierten Kopf auf die Schulter gelegt, kommt er mit Trippelschritt hervor . . . »Sie sind –« beginnt er in singendem Plauderton, »ja in scharmanter Gesellschaft, Herr Doktor. Mundete das Diner?« »Ganz tüchtig gekocht, Salbeiblatt,« sagt Kehmerdill, der haltgemacht hat und dem dieser Überfall nicht ganz unerwünscht kommt. Jedenfalls nutzt er ihn dazu aus, um, ohne den Verdacht seines Tisches zu erregen, unauffällig in den Saal zu spähen. Leicht gekränkt merkt Salbeiblatt, daß man ihn als Paravent mißbraucht; er leistet sich daher selbst einen Blick ins Lokal und erkennt, was es da im besonderen zu sehen gibt und was den Doktor so interessiert. Das ist ein blonder Kopf, der beträchtlich höher schwebt als die Menschheit, plaudernd herniedergeneigt zu einer braungoldenen Pagenfrisur. »Tja –,« sagt Kehmerdill, der sich schon ein wenig 71 ärgert, daß er sich ertappt fühlt – »das Diner war eßbar. – Was ich sagen wollte . . .« »Eßbar –,« hakt Salbeiblatt ein. »Und hoffentlich bekommt es den Herrschaften besser als die Küche im ›Daendels‹. Gott, wie kann man im ›Daendels‹ wohnen!« »Sie scheinen gut informiert, Salbeiblatt –« »So ist es, Herr Doktor.« »Ist denn die Küche dort wirklich so schlecht?« »Sie dürfen mir nicht übelnehmen, Herr Doktor, daß ich die Küche indiskutabel finde. – Eine indische Dame hat die Leitung . . . Sie faulenzt, verstehen Sie, und kauft billig bei ganz kleinen Chinesen . . . Nun, Herr Doktor; ich kenne meine indischen Damen. – So ist es.« »Vielleicht auch ich, Salbeiblatt,« sagt Kehmerdill; stellt eine kleine zerstreute Zustimmung in die Luft. Doch dieser unausstehliche Mensch holt sich das absichtslose Wörtchen sofort herab, bespeichelt es meckernd und zerrupft es unter vielen gedämpft jauchzenden: »Ah's,« – »als Sie sagen . . .,« – »so ist es –« . . . Wie in aller Welt kann er schon etwas über Antja wissen?! – Mit diesem zweiten Ertapptsein wächst der kleine Anfangsärger des Doktors. »Sie sind doch ein insinuanter Mensch!« fährt er ihn an und badet den blanken Chefkoch a. D. in Tabaksqualm. Doch dieser kommt nicht aus der Fassung; im Gegenteil: er deutet mit dem Goldfinger auf die Zigarette und spricht: »Aber Herr Doktor! Bei Ihrem Einkommen eine McGillavry! – Ich schicke Ihnen eine Büchse 72 Abdullah . . . als Präsent . . . Sie dürfen sie ruhig rauchen. Ich vergifte niemanden, hehe . . . Das ist das Privileg der – indischen Damen .« Zum Satan! Auch davon weiß er! Wie ein Weichtier sitzt er auf den faulen Fehlgeburten von Klatschgerüchten und saugt sie aus; ja, er leckt sich die Lippen dabei, dieser Bastard der Fama und des Momus . . . Kehmerdill will ihm zu Leibe, beherrscht sich aber. Er ist ihm irgendwo unterlegen. Dieser lachsfarbene Schleicher hat ja auch nützliche Information, wenn es nottut; also baut er vor und geht ihm nicht zu Leibe. »Diesmal raten Sie falsch, Salbeiblatt . . . Frau Erdbrink hatte keine Speisenvergiftung. Eine Verwechslung von Medizinen. Hier muß ich die Daendels-Indo in Schutz nehmen.« »Nun,« erwidert der Manager, »das ändert die Sache. Aber Herr Doktor –« (und sein blankes Gesicht, das stete halb ekstatische Grinsen weggewischt, wird plötzlich verblüffend ausdruckslos wie eine jener japanischen Tempelmasken aus fleischfarbenem Lack) – »im allgemeinen greifen die Indos so gern zum Gift wie die Inlanders. Ja. – So ist es!!« – Kehmerdill starrt ihn an. Er hört Heyermans' Worte im Hirn: »Laß dir das Essen vorschmecken . . .« Der hat es unter breitem Lachen gesagt, und ist für gewöhnlich ernst. Dieser hier ist für gewöhnlich albern, und sagt es ihm emphatisch ernst, soweit das seiner Clownhaftigkeit gelingt. Das ist bedenklicher. Er kneift die Augen zusammen. Soll er diesem Reptil den Triumph gönnen einen Ratschlag anzubringen? 73 Soll er es in sein Inneres hineinlassen und es neu gemästet mit einem Streichelklaps in die Welt entsenden? »Ich gebe Ihnen,« sagt er pointiert, »in Zukunft meine Gerichte vorzukosten. Keine Angst, Sie kommen bestimmt mit dem Leben davon. Darauf wette ich einen Kranz für Sie. Sie haben genug Gegengift.« Und er tippt ihm auf den Bauch. Der Manager kreischt gekitzelt auf wie ein Weib. Dann sieht er dem Doktor kopfwiegend nach, als dieser sich an seinen Platz zurückbegibt . . . Erdbrink sitzt, mit dem Arm eine zweite Stuhllehne umschlingend, eine erloschene Havanna zwischen den Zähnen, und lauscht einigen Äußerungen Heyermans', der sein bestes Deutsch hervorholt. Nur mit »Sie« und »Ihnen« hapert es, was aber drollig klingt. – » . . . da haben wir noch die Partikulier-Plantagen. Wir haben englisches Kapital, Hammond in Cheribon . . . Aber Sie werden Ihnen wohl zweifellos am meisten für die deutschen Unternehmungen interessieren . . . Das Straits- und Sunda-Syndikat ist deutsche Gründung . . . Besonders übersichtlich ist da Tjikopo . . .« »Wo ist das?« »Bei Buitenzorg, ganz bedenklich nah bei der Regierung also, Herr Erdbrink . . . Man hat sie nicht gern, die Partikuliers, und kauft sie auf, hast du nicht gesehen; schnappt sie weg . . . Doch in diesem Falle hat es keine Gefahr. Fremdes Kapital kann man immer weniger entbehren. Sehen Sie's an; inspizieren Sie, bestellen Sie, erfreuen Sie Ihnen an den Büchern, an 74 der Fabrik . . . Investieren Sie! Jawohl!! Es rentiert sich! Wir haben jetzt wieder Hausse. Sie wissen, wie viel bei uns verfault ist während des Krieges . . .« ». . . Ja; hier herrscht volle Erholung,« bestätigt Erdbrinks Baß. »Wirtschaftliche Erholung . . .« Und sein Auge bleibt sinnend an den mächtigen Formen einer blonden Matrone hängen, bei deren Schritten man das leise Gläserklirren erschütterter Tische hört. Heyermans lacht sein lautes sonniges Lachen. Sie sind beide nicht mehr ganz nüchtern. »Ich muß selbst zurück nach Buitenzorg. Ich habe mich das vorgenommen. Ich nehme mich schon jetzt den Urlaub voraus . . . Zurück muß ich, sonst merkt es der G. G. . . . Ich versprach es Kehmerdill, ihn hinauszuschleifen. Machen wir doch eine Partie zu viert daraus!« Noch liefert Kehmerdill keinen Beitrag zur Unterhaltung. Er hat den seltsamen Blick aufgefangen, den Erdbrink auf Nora wirft. Was in dessen großem, dünnbehaartem Schädel nistet, kann man nur vermuten. Es ist dieser Bärenblick. Man muß ihn schonen. Dies denkt Kehmerdill keineswegs wortwörtlich so, wie es hier steht. Er fühlt nur etwas Unbestimmtes, und der kühle Arm Noras streift seine fiebernde Hand. Er beugt sich also vor und sagt: »Ich danke dir, Koos. – Du hattest meine Zusage aber noch nicht. – Ich komme vielleicht später nach.« »Tut uns leid,« sagt Erdbrink, als sei er das Mundstück für den ganzen Tisch. »Sehr schade. – Patienten?« »Ja . . .« sagt Kehmerdill. »Patienten.« Er fühlt, 75 daß es seine Gastgeberpflicht ist, ein paar Löffel Geplauder beizusteuern. – »Ich habe die Patienten ja eigentlich zeitweilig an van Affelen abgeschoben, weil ich dies periodische Fieberchen habe, meine Herrschaften . . . Ich brauche wirklich Ausspannung. Da hat Koos recht. Aber morgen muß ich unbedingt noch eine phänomenale Wahrheit vom Stapel lassen, sonst habe ich kein reines Gewissen. Da gibt es die alte Kwik Bok Aij – die Frau des Zuckerchinesen. Die Familie ist aufgeklärt und sonst sehr kulant . . . Doch diese Wahrheit muß ich in die Seide der blumenreichsten Worte packen, um sie genießbar zu machen.« »Nanu?« dröhnt Erdbrinks Baß. Er entzündet den Havannastummel und pafft; sein mächtiger Brustkorb dehnt sich wie ein Blasebalg. »Ein Mysterium . . .« »Eigentlich keines, sondern ein gutartiges Geschwür – ein Prachtstumor, erlauben Sie . . . Sie kennen diese Orientalen. Mit einer einfachen Operation würde die Alte noch doppelt so alt. An sich ist sie zäh wie Leder. Aber sie läßt einen nicht heran . Nicht einmal abtasten! Hände weg! Ich soll einfach zaubern. – Und morgen, vor einer schluchzenden Familiendeputation soll ich erklären, daß ich nicht zaubern kann.« » Habeant sibi... « grunzt Erdbrink. »Hier stehe ich nun,« fährt Kehmerdill fort, »mit dem hübschen handlichen Messer, vollkommen schafsgeduldig, und sage: ›Erlauchte Stammutter, erhabene Beschließerin der siebenundsiebenzig Himmel, schwinge deine Lilienfüße auf das handliche Rädertischchen deines unwürdigen Sklaven,‹ – oder so ähnlich. Nichts 76 da. Alles prallt zurück. Die ganze Familie, Räucherkerzchen gebrauchsfertig, protestiert. Eine glatte Wand. Sie können nicht, mein Gott; sie können nicht. Kein Hund kann auf den Hinterbeinen laufen.« »Von selber nicht,« grunzt Erdbrink »Und man kann sein Bestes nicht tun . . .« »Nicht Ihre Sache,« entscheidet der Gewaltige. »Was, Nora?« »Nein, Herr Doktor,« stimmt Nora bei. »Niemand kann Ihnen einen Vorwurf machen. Niemand.« Ihre Augen sind ganz groß. »Und man versteht, daß Sie deshalb noch hier bleiben müssen. Dann aber müssen Sie sich ausspannen. Hören Sie?« »Ich höre und gehorche.« Er stürzt ein Glas hinunter. »Ich glaube, Koos, das ist wieder mein Tanz?« Er deutet nach dem Orchester und erhebt sich. »Der Anfang der Ausspannung . . .« sagt er scherzhaft zum Tisch und reicht Nora den Arm. »Bald wieder da, meine Herrschaften. –« Und sie gleiten die Stufen hinab. »Leistungsfähig, dieser Doktor,« hört er Erdbrinks Stimme hinter sich, schon halb verschlungen von benachbarten Gesprächswellen. Nun kommt ein endloser, dumpfer Jazz, der eine einzige Melodie mit größtem Aufwand von Blech und Pauken ausschlachtet; in den man sich hineingleiten läßt wie in ein laues Bad, das seine Wellen in betäubendem, einlullendem, monotonem Rhythmus an die Wände dieser gewaltigen Dampfbad-Wanne sendet . . . Er schiebt Nora in der Diagonale durch den Saal. Sie werden von den tanzenden Paaren ganz 77 verschlungen. Der samtene Vorhang der Nacht hat aus seinen Falten mehr Leute geboren und immer mehr: aus den Pensionen und kleineren Hotels kommen sie, wo es keine Musik gibt. Nora hält die Augen geschlossen; wieder scheint sie voller Hingabe an die sanfte Bewegung, friedlich wie ein Wiegenkind, das im Banne fragwürdiger Klänge schaukelt . . . Sie atmet aber nicht leise: sie stöhnt mit halboffenem Mund; dann reißt sie die Augen auf. Ihr erster Blick sucht den Tisch; der ist unauffindbar. Dann sagt sie: »Es ist barbarisch schwül hier, ich bekomme kaum Luft. Wollen wir etwas spazieren geben? Zehn Minuten, nein? . . .« Und ohne seine Antwort abzuwarten, ergreift sie seinen Arm und zieht ihn zum Eingang des Hotels hinaus. Sie hat recht. Hier geistert ein Lüftchen. Sie gehen die Stufen hinab. Der vom Licht vereinzelter Bogenlampen bestrahlte Kanal blänkert stumpf. Vom Hotel fällt eine Lichtflut bis auf die Straße gerade zwischen den beiden Waringinbäumen hindurch. Das Wurzelgeflecht dieser mächtigen Wächter weicht schwarz und geheimnisvoll in den Schotten zurück. Die Finsternis gebiert verdrehte Taue, steile Schäfte, strotzende Säulen und verschlingt sie wieder. So steht dies verkrümmte Holz spukhaft erstarrt und drohend im Dunkel. Erst droben, in gewaltiger Höbe, verschmilzt das wuchernde Tasten zu harmonischem Stamm, um sich dann kaum mehr erkennbar zu einem Dom schwarzer Blättermassen zu entbreiten. Abgesehen von dieser Lichtstraße ist der Vordergarten finster. Nur wo das Wurzelgewirr sich öffnet, 78 sprenkeln gleißende Flecke den Boden und heben Bedeutungsloses hervor: das Stück eines feiernden Wagenrades, das Kopftuch eines bei seiner Zigarette träumenden Kutschers, oder das Gelb eines vorüberschwebenden Katzenleibes. Hinter dem Zaun schimmert der von Gummireifen polierte Asphalt bis zur Mauer des Kanals hinüber. Alle zehn, fünfzehn Sekunden fährt eine Autolampe in Begleitung eines grölenden Hupenschreis mit einer Flammensichel von draußen herein und mäht die Finsternis ab, die schwer in sich zusammenstürzt. Der Himmel ist schwärzlich kobaltblau; die Sterne flimmern spitz; blickt man schräg zum Hoteldach hinauf, an der Fahnenstange vorbei, so sieht man den Mond: einen zitronenfarbenen Kahn, der fast wagrecht schwimmt. Die Lust ist still wie Stoff; der Mond sitzt brütend in seinem kupfernen Hof. Ihre Füße treten vorsichtig auf, zwischen den Kieseln tastend; dann gibt sie es auf und bleibt stehen. Sie legt ihm die Hand an den Arm; er steht dumpf, wie mechanisch, ebenfalls still. – »Ich kann mir denken,« sagt sie plötzlich mit ihrem schnell konstatierenden Ton, »daß Sie es hier in Indien nicht gut gehabt haben.« Macht sie eine Anspielung auf Antja? Schon wieder? Sein Gesicht ist ein blasser, verwischter Fleck. – »Sie sind sich nicht klar,« kommt es heiser von ihm, »was Sie angerichtet haben – will sagen, was Ihr Mann angerichtet hat. – Eigentlich sollte er mir eine Leibrente zahlen.« Er räuspert sich wegwerfend und steckt eine Zigarette an. Sprühend glüht sie auf; an seiner schwankenden Hand malt sie langsame sinnlose Leuchtrunen in die Luft. 79 »Doktor!! – Mein Mann . . . Er ist kein Erzengel, nein. Aber was hat er mit Ihnen angestellt?« »Er kann natürlich nichts dafür,« kommt nach einer Pause die heisere Stimme zurück. »Er hätte ja ebensogut van Affelen anrufen können oder einen anderen Kollegen . . . Nehmen Sie sich Zeit; vielleicht kann ich's erklären. Sehen Sie, hier in Weltevreden, sind die Kampoengs zwischen die weißen Stadtteile eingeklemmt; im Kebon Sirih ist ein Hotel, wo ich oft Patienten hatte. Ich saß stundenlang bei Halbirren, die fieberten; bei chronischen Tropenfällen; und hinter ihrer Zimmerwand war das Kampoeng. Das klingt sehr harmlos? Es ist ungeheuerlich. Die Verkäufer gehen vorbei, morgens drei und abends drei Stunden. Man sieht sie nicht, da die Wand nur eine Ventilierklappe oben hat wie ein Zellenfenster. Man hört sie nur. Einen halben Meter entfernt gehen sie am Bett vorbei; nur die hingepustete Wand ist dazwischen. Und sie schreien. Auch die Kinder der Inlanders schreien den ganzen Tag. Das sind Weinerlichkeiten, Späßchen, kleine Dramen genau wie bei uns. Doch diese Verkäufer schreien gellend und hoch wie Vögel. Man hört sie schon in der Ferne. Dann kommen sie näher . . . Sind sie am Zimmer angelangt, dann zerspalten sie buchstäblich das Trommelfell. Man krümmt sich und ist vollkommen machtlos. Ermorden kann man sie nicht. Polizeilich kann man sie nicht zum Schweigen bringen. So toben sie sich aus. Und blickt man auf der anderen Seite hinaus in den Hotelgarten, da sieht man weißes Licht und scharf 80 gezackte Schatten. Ach, diese Sonne, die das halbe Jahr hindurch ihr loderndes Perpendikel hinunterhängt . . . Sie verbrennt einem die Energie. Alles gerinnt; alle freudigen Entschlüsse, munteren Vorsätze, behaglichen Menschlichkeiten gerinnen. Es gibt ein charakterloses Ineinandersickern halber Gebärden – sowie auch die vier Jahreszeiten hier verschweißt sind zum sinnlosen lebenslangen Hochsommer . . . Das ist das Hotel im Kebon Sirih, das ist jedes Hotel, das ist Indien, das sind zehn Jahre meines Lebens. Die letzten zehn Jahre . . . Wissen Sie das? Wundert es Sie nicht, daß ich noch Mensch bin?« – Er bringt die letzten Sätze stockend hervor. Es ist, als schwanke er hin und her. Sie steckt den kühlen Arm durch den seinen und sagt hastig, als befürchte sie sein gänzliches Verstummen: »Und Ihr Beruf! Sie sind doch mit Leib und Seele dabei! Sie haben doch diese Menschenliebe . . . Ich denke an die alte Chinesin . . .« »Mein Beruf. Ganz recht.« Er tut, als besinne er sich plötzlich auf etwas, was immerhin noch in Frage komme. »Das sollte man meinen, nämlich, daß Tätigkeit einem darüber weghilft . . . Hören Sie. In den letzten Monaten habe ich fünfzehn Stunden täglich gearbeitet, wie ein Sklave geschuftet, so daß selbst mein Chauffeur zwischendurch schlappgemacht hat. Geld kommt herein . . . Jawohl. Aber es ist doch nicht das Geld, dem man im Grunde nachjagt. Es ist Sucht nach Betäubung, ich meine den eigentlichsten Wortsinn: taub sein. Es ist ein Gezappel, eine stete Flucht. Wovor? Vor diesem Schrei, der einem gellend 81 folgt. Vor der Sonne. Vor Indien. Wir werden den Platz räumen müssen. Jawohl . . . Dies gehört uns alles nicht.« »Sie schweifen ab . . .« »Nein . . .« sagt er heftige »wir bauen hier allerhand hin, wir erziehen, wir peitschen Geld hervor. Ein ziemlich roh gezimmertes Tischleindeckdich . . . Ein Sommerhäuschen stülpen wir auf die dünne Lava. Jeder rechtschaffene Vulkan muß sich darüber amüsieren! Es ist nicht bloß das Volk, das sich siegreich hineinwurmt in unser Dasein, – so hieß doch Kusumas Ausdruck? – Es ist die Natur hier, die nicht mit sich spaßen läßt. Es ist die Einheit, Indien genannt; auch das Volk gehört zur Natur, zur tückischen, schönen: wir sind kleine wesensfremde Schmarotzer; man unterminiert uns . . . Man haßt uns hier. Wir paffen nicht hier her. Wir nähren den spekulierenden Zorn uns unfaßbarer Gedankengänge; je mehr wir auftrumpfen, desto sieghafter wimmeln sie hervor; weiße Ameisen. Kusuma selbst ist so ein Ameisennest . . . Es rächt sich, es rächt sich.« »Aber wir wollten von Ihnen sprechen!« ». . . Also ich betäube mich; dann halte ich's aus. Es ist ein Affentheater; man geht dem Osten mit der letzten Wissenschaft zu Leibe; und der Osten läßt sich impfen und verarzten mit der lähmenden Freundlichkeit, die immer fern sitzt, immer ungreifbar; und dann wird Geld auf die Bühne geworfen. Hilft es, dann war es im östlichen Sinn nicht die Medizin, sondern die Besprechung ; die Andacht, die guter Wille mit schweißtreibender Geschäftigkeit erzeugt; 82 die Andacht des Publikums in der Opera Stamboel . . . Das Amüsement am westlichen Eifer . . . Aber ich war relativ glücklich. Die Zufriedenheit des Berufssklaven. – Ihr Mann – mit dem fing ich doch an? – ist mir also eine Leibrente schuldig. Ich bin kein Arzt mehr, seit er anrief.« »Deutlicher, Doktor; deutlicher . . .« »Nun – ich sah Sie. Und seitdem bin ich nicht mehr ganz einverstanden mit mir. Ich kann nicht mehr.« »Um Gottes willen . . . Was ist das für ein Unsinn . . . Sie sind verwirrt.« »Nein, ich bin nicht verwirrt . . .« sagt er abwesend, »ich bin Mensch.« Sie ergreift ihn heftig am Arm und sieht ihn starr an. »Es ist gut. Bleiben Sie Mensch. Spannen Sie sich aus. Ich helfe Ihnen.« »Sie helfen mir . . .?« – – In diesem Moment prallt sie zurück. Sie steht ganz einsam da. Ihr Blick ist auf den Eingang des Hotels geheftet. Ein schwarzer Schattenriß steht dort, halb im Dunkel seitlich aufgepflanzt, an der untersten Stufe. Er steht bewegungslos da und scheint zu spähen. Und es kommt ihnen beiden zum Bewußtsein, daß die Musik, dieser letzte, besonders ausgedehnte Jazz, seit mehreren Minuten verklungen ist. Kehmerdill hat einen Laut von Nora gehört, ein plötzliches Einsaugen der Luft durch geschlossene Zähne. Sie steht wie im Krampf. Der Schildpattfächer rasselt, von ihren Fingern mißhandelt, an der Hüfte. 83 Dann sagt sie tonlos: »Kommen Sie – wir müssen zurück.« Und mit leicht gesenktem Kopf geht sie ihm voran, tritt in die grelle Lichtstraße aus der Finsternis des Waringinbaumes hervor, geht tastend, mit kleinen unlustigen Schritten, der dunklen Figur entgegen, die immer noch, als sie jetzt weiß aus dem Schatten tritt, wie eine Ausgeburt dieses Schattens wirkt. 84 Nächtliches Zwiegespräch Der Doktor Otto Kehmerdill, wie seit Jahren in jeder Nacht, wandelt in Pyjamas in seinem Schlafzimmer umher und raucht. Heute sind es schon drei von diesen Schlummerzigaretten geworden, seit er seine paar Kleidungsstücke vom Leib gezogen hat. Er hat dem Spiegel einen Blick geschenkt; mißmutig hat ihn der eigene Anblick gestimmt. Er ist unterernährt, obwohl kein Grund dafür abzusehen ist. Schnell hat er sich abgekehrt von der deprimierenden Vision. Die Devise heißt: nicht philosophisch werden! Denn, den Teufel, man kann dieser chronischen Melancholie nicht mit den ewigen Schlafmitteln beikommen! Das »periodische Fieberchen« rumort sacht in seinem Kopf. Er fürchtet sich vor der Finsternis. Der zweite Atem – im Nebenzimmer – fehlt. Ob es nun Antja wäre oder ein anderes Lebewesen, wäre einerlei. Immerhin – er hat sie davongejagt. Wer es jetzt besser hat, ist sicherlich Kusuma; dessen Haus ist zu dieser Stunde von vorn bis hinten mit menschlichen Murmeltieren angefüllt. Ob nun deren Schlaf leer ist oder voll ehrgeiziger Träume: auf jeden Fall hat Kusuma Gesellschaft. 85 So geht denn Kehmerdill ruhelos durchs Haus als weißer Geist. Überall knipst er Beleuchtung an; heute haßt er das Dunkel. Er tritt auf die Veranda. Es herrscht die gleiche Nacht wie vorgestern vorm Hotel: stumpfes Kobaltblau mit spitzen Sternchen. Der kupferne Mond ist breiter; langsam wird der Kahn zur Orangenschnitte. Wie mit Tusche unendlich sorgsam auf dies Kupfer gepinselt, filigranfein, steht ein regloser Palmwedel. Brütender Orgelton von Millionen Moskitos schwingt in der Schwärze. Zuweilen zirpt eine Fledermaus. Ganz in der Ferne, in einem Kampoeng jenseits des Tjiliwoeng, schluchzt eine leise Trommel, als poche ein zager Finger ans Tor des Schlafes. Das Licht baut Brücken über die Einfahrt und hebt gleißend einige Gegenstände hervor – hier einen rotblumigen Strauch, der verzaubert wird zu weißen Blättern und schwarzen Blüten, dort den lichtbraunen Rindenbast einer jungen Kokospalme. Ein Gemisch von Staub, Benzin und Pflanzenparfüm schwängert die Luft. Mahil liegt bis zum Kinn in bunte Decken gehüllt nächst dem Verandageländer auf einer Strohmatte. Kehmerdill betrachtet ihn nachdenklich, als sehe er das breitnasige Gesicht, das öligbraun glänzt, zum erstenmal. Mahil liegt zusammengezogen in der Haltung eines keimenden Menschleins – in der Ruhepose kindhafter Völker. Der Kopfzipfel ist von der Stirn gerutscht. Kehmerdill verhüllt ihm vorsichtig die strähnigen, schwarzen Haare. Mahil mummelt und schmatzt wie ein Säugling. Ob das die Leute in Kusumas Hause jetzt auch tun? Nein, die werden sicherlich im 86 Traum mit der Hand nach der Kreuzgrube zucken, wo tagsüber der Kris sitzt. Nas ist bei der Babu. Sonst ist alles wie ausgestorben. Denn wer sonst noch zur Hilfe im Haushalt erscheint, geht abends ins Kampoeng Lima zurück. Wie weggeblasen sind die unzähligen alten und jungen Weiber, die zwischen den Büschen erscheinen und verschwinden, Küchengewürze feilbieten, Früchte, Sarongs, Tragtücher . . . Manchmal sitzen sie dicht aneinander auf dem Treppenabsatz an der Küche. Sie kolportieren Stadtklatsch; Fäden spinnen sie von Haus zu Haus. Stundenlang hört man sie lachen und murmeln – doch jedesmal, wenn man sie verjagen will, wittern sie die Absicht und verduften geräuschlos. Beim Sonnenuntergang scheiden die letzten. Kehmerdill holt sich seine Taschenlaterne und macht sich auf, um aus der Unterkellerung der Küche das kühle Sodawasser zu holen. Er geht selbst! Heyermans würde in diesem Fall ohne Skrupel den Djonges auf die Beine bringen . . . Aber muß man immer tun, was Heyermans täte? Der Doktor rumort also, bis er das Gewünschte mit Rücksichtnahme auf etwaige nervöse Skorpione herausgefischt hat. Als er zurückkommt, begrüßt ihn ein leises »ok« aus dem Bambusverschlag. Djodok! – Gott zum Gruß, alter Freund, du würdiges Vermächtnis meiner zertrümmerten Ehe . . . Im Speisezimmer hebt der Doktor in der festlichen Beleuchtung ein goldiges schottisches Getränk von der Kredenz und mischt sich bedachtsam die sorgenlösende Flüssigkeit. Der gläserne Quirl hallt wie ein 87 Glöckchen. Er blickt starr vor sich hin. Mahil schläft so still, daß er tot sein könnte. Zuweilen rauscht ein matter Windstoß – saftgefüllte Stengel knirschen. Ein großer Atlasspinner flattert herein und hängt sich braun und violenfarben mit vielem Schwingenzittern an einen Bilderrahmen. Es ist das halblebensgroße photographische Porträt Antjas. Einige Eidechsen belauern den Falter ruckweise pirschend, doch lassen sie ihn in Ruhe. Er ist zu groß für sie. »Meine Ausspannung hätte ich jetzt,« denkt Kehmerdill. »Es ist ja ganz schön, so allein.« Das Glas wird leer; er schenkt sich nach. »Mir scheint, in letzter Zeit entwickle ich Talent zum Alkohol . . . Was sagst du dazu?« Seine Augen drehen sich grell ins Leere. Djodok draußen im Gerten, als höre er die einsamen Worte, rüttelt an seinen Stäben. Die Stille vergrößert die Geräusche. Kehmerdill lauscht auf und geht in den Garten. Auf dem Rückweg führt er den Gibbon an der Hand, der dankbar glucksend neben ihm herwatschelt. An der Treppe läßt er ihn los. Djodok beäugt Mahil, begreift mit dem Einverständnis indischer Kreatur dessen Schlaf und folgt dem Doktor ins Eßzimmer. So ist dieser nicht mehr allein. Er gibt Djodok eine Bananentraube und weist ihm einen Korbstuhl an. Dann setzt er sich wieder an den Eßtisch unter die Alabasterampel. Djodok ist glücklich, weil er ins Licht kommt, weil man sich um ihn kümmert. Sein Betätigungsdrang flaut ab; wie ein kleiner Schiffergreis mit weißem Kehlbart sitzt er dort und zieht mit den langen Fingern Fasern aus den Fruchthäuten. 88 Bisweilen schickt er einen braunen Blick, treuherzig, freundlich alert, zum Doktor hinüber: den Blick Mahils. »Was hat Antja ein Wesens gemacht mit diesem schwindsüchtigen Affen! Verständlich ist das ja; – welch' behagliche Zeitausnützung kurz vor dem Verlöschen!« In der Tat läuft die Lebensuhr des kleinen Greises aus den Tenggerbergen bald ab; hinter ihm steht schon sein Tod, ein Affenskelettchen vielleicht mit einer Sense; die wird schon die nötige Schwungkraft haben, um Djodok schmerzlos zu köpfen. So beschließt sich harmonisch ein tragisches kleines Dasein. Nichts bleibt von ihm übrig als das Echo vieler »oks«, wie Regentropfen verhallend. Der Korbstuhl knarrt. Die Blätter draußen klingen wie das Rauschen eines pfauenblauen Kleides. Ununterbrochen geht, im Knacken der Dielen, ein leichter launischer Schritt hin und wieder. Goldbraunes Haar, zurückgeschüttelt von weißer Stirn . . . Ganz große, graublaue Blicke, Mutterblicke, Geborgenheit. Weiße Haut, kühl wie die Schale einer Mangga. Warmer Celloklang einer Stimme, kurzes Stakkato verständnisvollen Lachens . . . Nora. »Was meinst du?« fragt Kehmerdill in die Luft hinein. »Ok,« sagt Djodok und fährt mit den Armen durch die Luft wie ein erschöpftes Klageweib. Der Doktor hält eine Rede. Er nimmt einen Schluck, wischt sich mit einem gewissen gelbseidenen Taschentuch den Mund und dreht sich mitsamt dem Stuhl nach der Richtung des Kameraden. Djodok 89 erduldet die Ansprache mit abirrenden Augen. Er gerät über die Stuhllehne und demoliert sie bedächtig mit der Miene eines Mannes, der sich am Telephon Notizen macht. »Du verzeihst, Verehrter, eine gewisse Zurückhaltung. Wie du begreifst, spricht man sich ungern Unbeteiligten gegenüber aus . . . Aber der Grad deines Desinteressements bürgt mir dafür, daß du mit einem Geständnis keinen Mißbrauch treibst. Du willst doch nicht, sollt' ich denken, die Schuld der Taktlosigkeit mit ins Grab nehmen. Ja, deine Auflösung naht! Du bist ein hoffnungsloser Phtisiker; also diene als Schallmuschel.« »Ok!« sagt Djodok. Seine wandernden Augen haben einen Gegenstand entdeckt und heften sich daran. Kehmerdill lächelt schlau. »Du betrachtest jetzt dies gelbe Taschentuch in meiner Hand. Deine Vermutung, es sei diskreter Herkunft, trifft fast zu. Es erübrigt sich aber, daß du das Objekt persönlich untersuchst. Bleib sitzen – sitzen!! –; es ist schon wieder in meiner Tasche. Ein Damentaschentuch, wirst du dir jetzt sagen; eigenartig. Es duftet nach einer Dame. Stimmt. Es duftet nach einer gewissen Frau Erdbrink, mit Rufnamen Nora. Sie hat es mir geschenkt. Es ist ein Zauber.« »Ok, ok,« sagt Djodok. »Wie, bitte? Du zweifelst? Nun ja, ich habe renommiert. Die Dame hat mir noch nichts geschenkt, obwohl ich sie ungewöhnlich schätze. Sie ist sozusagen mein erstes Erlebnis. Diese Tatsache – meinst du nicht auch? – legt ihr gewisse Verpflichtungen, oder 90 wollen wir sagen: Rücksichtnahmen auf! Es hätte also nichts geschadet, wenn sie's mir wirklich geschenkt hätte . . . Keinen Augenblick wäre ich verblüfft gewesen! Kassiert hätte ich's. Aber man muß ihr was zugute halten. Sie hat an eine Menge Sachen zu denken. Zum Beispiel an ihren Mann. Da wird sie zerstreut; neulich hat sie sogar aus lauter Zerstreutheit eine halbe Röhre Veronal geschluckt. Kann passieren . . . So hab' ich das Taschentuch einfach stibitzt, während sie ihren Dauerschlaf schlief.« »Ok, ok.« »Ja, das sagst du  . . . Nun, siehst du, in menschlichen Sachen muß man nicht alles so auf die Wagschale legen. Das verführt zur Spitzfindigkeit. Was ich sagen wollte – (neuer Schluck) – du warst mir bisher unsympathisch. Heute hast du mich bekehrt; du bist ja ziemlich verständnisvoll. Deine Besitzerin verdarb mir den Geschmack an dir. Man machte zuviel Geschrei um deine Person, und ich bildete mir ein, du stecktest dahinter . . .^ Kehmerdill lacht kurz durch die Nase. »Jawohl: Du und dein Wohlergehen – das war wichtiger als ich.« Halb ist er sich dabei bewußt, daß er diesmal ein wenig schwindelt. Denn Antja hat sich schließlich Müh genug gegeben auf ihre ungeschickte Art. Aber irgendwie muß man sich doch rechtfertigen! Es ging doch so nicht weiter! Ein leerer Teetopf war sie mit verdorrtem seelischem Bodensatz! Wenn man daran pochte, klang er hohl! Ein Kind war sie, nun ja; aber ein unbegabtes! Und das kann kein Mensch vertragen! Allzu lang hat er diese dicken Arme voller Goldspangen, diese träg 91 rollenden Augen, diese metallisch-monotone Sprache um sich erduldet! Ist er brutal? Nein, er ist es nicht, er kann es nicht sein: ein Mensch, der solcher Leidenschaft fähig ist, wie soll der brutal sein? Haßt er nicht das Brutale? . . . Seine Augen verschleiern sich. Die Ansprache an Djodok ist längst verklungen. Der Doktor sitzt reglos und seine Lippen flüstern unhörbar, als formuliere er mühsam eine Vision. Ein großes Gespenst ist da, das Erdbrink gleicht. Und eine vollkommen liebenswerte, verwöhnte Frau, zierlich an Geist und Leib, tappt willenlos mit kleinen nachtwandlerischen Schritten in die Umarmung dieses Gespenstes hinein und in eine Buhlschaft, die Alpdruck ist und Selbstvernichtung. Er steht kerzengerade auf. Schweiß bedeckt seine fahle Stirn. Als er gegen den Korbstuhl rennt, ermannt er sich. Djodok, mittlerweile entschlummert, erwacht und turnt mit gellendem Schnattern über das Geländer. Auch Mahil schreckt auf und starrt schlafblöde herüber. Als er seinen Herrn erblickt, kriecht etwas wie abergläubische Furcht in sein Auge. 92 Beichte »Höre mal, Koos –« sagt Kehmerdill übers Telephon – »ich hätte jetzt gute Lust ein wenig zu dir herauszukommen . . . Die Geschichte mit der alten Chinesin hat sich zur Zufriedenheit gelöst.« »Du hast sie operiert?« – Wie angenehm, dies gedehnt gemütliche Holländisch wieder zu hören! »Nein, ich habe sie zu Hendrijk de Ruyter geschickt, in die Stovia; der verständigt sich besser mit ihr. Ich bin Arzt. Hendrijk kann aber zaubern.« »Warum lachst Du? – Gewiß wird er zaubern! Ich kenne meine Indos.« »– Du holst mich ab, Koos? Ich komme mit dem Zwei-Uhr-Zug.«   Auf der Plattform in Buitenzorg steht die große makellose Gestalt des Freundes, eine Ledermappe unter dem Arm. Vom Kopf zum Fuß Beamter der »Secretarie«, der weiß, was er seiner Stellung schuldet. Ohne ein Wort zu sprechen, nimmt er Kehmerdill am Arm und bugsiert ihn in das wartende Auto hinein. Er benimmt sich etwas eigentümlich, dieser korrekte Koos; er sagt nicht hü und nicht hott; er schweigt einfach. 93 Kehmerdill ist es zufrieden. Das Auto läßt die weite schmiedeeisern umfriedete Wieseneinfahrt, die sich vor dem Palast des »G. G.« (Gouverneur Generaal) breitet, an der nächsten Kurve hinter sich. Der saubere Park entfaltet sich mit grasendem Damwild unter pappelartigen Bäumen und schließt sich wie ein zusammenklappender Fächer, – so schnell geht die Fahrt. Sie sausen in jenem schwebend federnden Tempo, das ein guter »Fiat« gestattet, die Hauptstraße hinunter, dem Gitter des botanischen Gartens entlang; Bambus und Baumfarn, durchbrochen von herrisch hervorgewölbten Teakholz- und Mahagonistämmen säumen den Weg zur Linken, bis das Auto mit einem Ruck vor dem Haupttor hält. Koos winkt seinem Freund schnell und unauffällig auszusteigen, da er gegenüber an den Limonadetischchen des Toko Rikkers gewisse Leute entdeckt hat. Seine Furcht ist aber überflüssig, weil die Blumenkübel an der kleinen Terrasse im Wege sind. Koos zieht Kehmerdill in den Eingang hinein und sie schlagen sich gleich rechts in die Bambusbüsche. Sie folgen einem kleinen Pfad, der in die Schaftbündel hineingehackt ist. Schon schwanken die Lanzenspitzen der Blätter in Schulterhöhe. Die Sonne malt Runen auf den Weg: ihr uraltes Palimpsest. Hoch oben wütet sie in kleinen Gassen von Weißblau. Hier ist man wie in einem Kraal, denn die runden, knotig beringten Röhren, diese Orgelpfeifen täglicher Gewitter, umrahmen das Fleckchen wie ein Palisadenzaun. Stumpf knirschend reiben sie sich 94 aneinander. Mitten auf der Lichtung spielt ein grüngesprenkelter Schwalbenschwanz. Im Schatten liegt ein niedergebrochener Stamm wie ein gelblackiertes Kanalrohr. Koos setzt sich und Kehmerdill nimmt neben ihm Platz. Koos spuckt nach dem Schmetterling und stopft sich seine Pfeife. Und als sich der bläuliche Tabakrauch langsam in der stagnierenden Luft verbreitet hat, bricht er das Schweigen. »Gottverdammich«, sagt er. Seine Aktentasche hat er neben sich geschleudert; seine korrekte Haltung ist gelockert; er sitzt gelöst, perlenden Schweiß im geröteten Gesicht, Hände in den Hosentaschen und flucht. »Es war diplomatisch von dir, daß du nicht gleich mitgekommen bist. Wie die Sache liegt, traf es sich günstig, daß du selber anriefst. Deine Ausspannung ist ja ohnehin vorbereitet . . . Bei denen dort.« Er weist mit der Pfeife nach der Straße hin. Man merkt, es fällt ihm schwer, sich deutlich auszusprechen. »Du gesellst dich jetzt ganz zufällig zu uns, wie? Du trollst dich herzu . . . Das macht sich am besten. Du kannst dann selbst sehen, wie die Sache steht.« »Wie die Sache steht? – Was meinst Du damit?« Kehmerdill steht auf. »Abgesehen vom nackten Gewicht kann man sich diesem Erdbrink kaum unterlegen fühlen. Du am wenigsten!« Koos lacht trocken. »So sieht es aus. Geistig hat er einem nichts entgegenzusetzen. Aber wenn es je ein primitives Vieh gab, so ist es dieser Mann. Ich will deinen Landsleuten nicht nahetreten . . . .« 95 Kehmerdills Gesicht läuft purpurn an. »Eure Mastbürger sind auch keine Edeltypen!« »So schlimm wars nicht gemeint,« ruft Koos, fast erschrocken. »Dadurch aber, daß unsympathische Menschen vereinzelt sind, werden sie nicht sympathischer.« »Ausstehn konntest du ihn ja von vornherein nicht; das habe ich dir angesehen, schon im »Des Indes« . . . Daß er dir aber so erzfatal ist, muß doch einen besonderen Grund haben. Sonst lassen dich Leute kalt, die dir nichts bedeuten.« »Er bedeutet mir auch nichts. Er nicht.« »Aha,« sagt Kehmerdill. »Er nicht.« Er blickt abwesend drein mit dem etwas ältlichen Kopfwiegen, was er manchmal hat. »Merkwürdig, wie unser Geschmack sich begegnet.« »Ich will beileibe nicht gesagt haben, daß sie mein Fall ist, obwohl ich sie sehr reizvoll finde . . .« »Ganz richtig. Sehr reizvoll. Doch du bist meiner Frage ausgebogen. Ich meinte, ob was Bestimmtes passiert ist, das ihn dir so verekelt hat.« »Allerdings.« Heyermans sieht den Doktor von der Seite an. Er pfeift und bemäntelt damit seine Niederlage vor dem Problem, etwas erzählen zu müssen, was seiner biederen, prächtig gebügelten und gestärkten Seele stark gegen den Strich geht. Vielleicht hat er geplant, eine dramatische Schilderung des Vorkommnisses auf Tjikopo zu entwerfen, bei der man unter Unbeteiligten wohl ein derbes Wort verträgt. Doch dieser Doktor ist zu beteiligt. So will es ihm nicht über die Zunge; außerdem behindert ihn bei seinem trockenen kaufmännischen Idiom 96 Mangel an Ausdrucksmitteln für jenen tollen Fall, der ihm vorschwebt. Kehmerdill sieht ihn an, mit dürrem Hunger im Blick. »Sag mal Koos: hat sie nach mir gefragt?« »Ich habe natürlich nicht aus der Schule geschwätzt,« sagt Koos. »Ich kann dir die Versicherung geben, daß sie sich was aus dir macht. Wenn das irgendwie gegenseitig ist, so wirst du wohl bald genug über Erdbrink Bescheid wissen. Das heißt: die Gelegenheit wirst du nicht nehmen, sondern sie wird sich dir ganz zwanglos präsentieren. Genau wie mir. Er gibt sich sehr natürlich. Beinahe wie ein Russe.« – Er lacht sonnig. »Koos!!!« »Sitzen geblieben, Doktor; was echauffierst du dich . . . Gottverdammich, das ist zum Lachen. Du bist mein Freund und kannst den Mund halten. Alle Welt nimmt sich Provision. Unser Salär ist nicht gerade erschütternd. Ich werde furchtbar angehaucht und fliege ein paar Sprossen auf meiner Leiter hinunter, wenn es bekannt wird, daß auch ich den Export melken will; aber, was ein Chinese kann, kann ich auch und habe doch gerade für Tjikopo diese Prachtsbestellung vermittelt . . . Meine Kollegen sind ja auch nicht gerade unbegabt darin, aus der Kolonialkarriere einen sorgenfreien Ofensitz herauszudrücken. Nun, da nimmt man, was einem zugeschwommen kommt. Schließlich hat man doch der Wirtschaft des Landes einen Dienst erwiesen . . . Also Mijnheer Erdbrink und ich klapsen uns auf die Schultern, das kannst du glauben; er hält mich für einen Naturmenschen, 97 naiv, schlicht und habgierig, und hat keine Angst wegen seiner Frau . . . Gut für dich. Blendend für dich. Denn darin hat er recht: in bezug auf Mevrouw habe ich Scheuklappen.« »Mir ganz angenehm.« »Daß du ein ganz temperamentloser Fisch bist, das weiß er schon und das gefiel ihm sehr. Ha! Arzt in Indien, das ist so etwas wie Zugochse, sage ich. (Bei Erdbrink fallen mir immer landwirtschaftliche Vergleiche ein.) Das hat ihn schon sehr beruhigt. Wenn du nach Buitenzorg kämst, so wäre es ausschließlich meinetwegen; du erholtest dich immer am besten in meiner Gesellschaft. – Ob die damalige Hoteleinladung für dich etwas Besonderes gewesen wäre? – Du lieber Gott, Mijnheer Erdbrink, sage ich, es gehört zu seinen Lieblingsgewohnheiten, daß er ab und zu ein paar Leute aufliest. Dabei hat er vielleicht einen Voyeurspaß . . . Voyeurs, sagt er drauf, sind aber nicht so – aktiv bei der Sache. Ach, sage ich, Sie meinen, weil er ein paarmal getanzt hat. Das tut er aus Höflichkeit, und innerlich flucht er. So, sagt er und lacht, na ja; war nett von ihm. – Damit war die Sache erledigt.« Hier steht Kehmerdill auf. In leichtem Winkel, den der Größenunterschied nötig macht, in die treuen flämischen Augen hinaufblickend, schüttelt er die warme Pranke; sein Schnurrbart zittert; seine Wangenmuskeln zucken. Dies gibt ihm etwas Rührendes, und Koos ist es peinlich. Dazu kommt, daß ihm die Sonne auf den Scheitel sticht. Es ist, als hocke jemand mit einem Kodak 98 im Dickicht und zische ihm zu: »Einen Moment bitte, Mijnheer . . .« Er kann das leise Nebengefühl nicht unterdrücken, daß er sich in dieser unerquicklichen Angelegenheit ziemlich edel benimmt. Und es ist gerade wegen dieses Nebengefühls, daß er an ein blondes weibliches Gegengewicht denken muß, das man in die Schale werfen könne gegen das leicht Fragwürdige, was? das Grazile, Brünette, Allzuschlagfertige . . . Kehmerdill hat sich beruhigt, zumal ihm die leise Befangenheit Heyermans nicht entgeht. Das Beste ist, er steckt eine McGillavry in Brand und räuspert sich. Möglichst begeistert sagt er: »Das war verflucht anständig von dir, Koos.« »Das war gar nichts,« erwidert Koos. »Das ist selbstverständlich die nötige Regie. – Ich vermute,« setzt er behäbig hinzu und wandelt langbeinig auf den Pfad zurück, wobei er halb über die Schulter spricht: »Ich vermute doch, daß du mit dieser Dame durchbrennen willst?« Kehmerdill steht wie gelähmt. Krusten schmelzen, Schicht nach Schicht, von Stumpfsinn, Blindheit, Ermattung und Selbstbetäubung; Krusten von faulen Phrasen, die er auf den eigenen Zustand gehäuft, um seine fiebrige Seele vor dem Frosthauch der Verarmung zu schützen. Und wer bringt dies fertig? Dieser nüchterne Holländer mit einem einzigen kaufmännisch-saloppen Wort. Dies Wort! Es hat einen Begriff zum Explodieren gebracht, der noch nicht einmal im festen Denken eine Formulierung gefunden! Es hat den Begriff beim 99 Schopf gepackt und ihn mit allen Wurzeln in die Sonne gerissen . . . Noch tropft er von Herzblut, und dem guten Doktor verschlägt es die Sprache. Koos merkt, daß er ihm nicht folgt; er dreht sich um. »Na?« fragt er an seiner Pfeife vorbei – »das ist doch wohl das Naheliegendste?« Kehmerdill atmet aus. »Selbstverständlich. Das Naheliegendste. Denkst du vielleicht, ich hätte was anderes vorgehabt?« 100 Flucht »Gut, Doktor, daß du pünktlich zur Stelle bist. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie ich das Bureauschwänzen bemänteln soll. Die einzige Ausrede, flau genug, wäre: »Gefälligkeiten für einen Kapitalgewaltigen . . .« Ich fürchte, ich hole mir doch einmal den Schnupfen bei diesem Portierdienst an der › Porte-ouverte ‹.« Diese Äußerung tut Heyermans in den Motorkasten seines Fiat hinein, den er mit Hilfe Darmawans, seines Chauffeurs, auf Schäden hin gründlich inspiziert. Er läßt ihn aufschnurren und zündet ab. Puterrot im Gesicht fährt er fort, sich mit seinem Hintergrund zu unterhalten. »Du siehst, ich gebe mir Mühe für diesen Trip . . . Vielleicht erweist sich das Vehikel noch als sehr brauchbar. Es geht zum Tjibodas, mein Lieber. Ein Berg, auf dem es spuken soll.« Heyermans ist angeregt. Seine Augen blitzen. Er zieht den Doktor auf die Seite und unterhält sich des längeren mit ihm im Flüsterton. Plötzlich schnellt er herum. Eine kleine zweirädrige Droschke taucht bei der »Allgemeinen Secretarie« auf und hält vor der kleinen Villa Heyermans', die an derselben Straßenseite steht. 101 Das große Gewicht Erdbrinks löst sich unter dem abgeschabten, schwarzen Lederverschlag hervor und gewinnt über die Eisensprosse den Boden. Der Gaul vorn spitzt das Ohr, als fürchte er, von der Deichsel emporgezupft zu werden. Solchermaßen gibt das Gefährt Herrn Erdbrink nach. Dann federt es zurück und Nora läßt sich heraushelfen. Das in verschwimmenden Farben gehaltene Chiffonkleid steigt dabei bis über das Knie, so daß die breite smaragdgrüne Bandrosette sichtbar wird. Das wundervoll geformte, fleischfarben bestrumpfte Bein schwebt tastend in der Luft; dann springt sie elastisch herab. Sie trägt eine grüne Toque aus Crèpe Georgette mit einer kleinen Agraffe aus kupfernen Kolibrifedern. »Sie haben, Herr Heyermans,« zwitschert sie, »offenbar noch nicht das nötige Vertrauen zu Ihrem Fiat. Denn ich möchte nicht hoffen, daß Mangel an Galanterie Sie abgehalten hat, uns abzuholen!« Heyermans pustet; seine blauen Augen blicken mit besinnlichem Wohlwollen auf das erstaunliche Geschöpf herab, das ihn jedesmal, wenn er es sieht, in Verblüffung setzt. Denn sie ist immer anders; man hat das Gefühl, ihre Seele müsse genau so schillern, wie ihre Kleider. »Mein Fiat war bis jetzt Patient; als er Sie aber kommen sah, Mevrouw, begann er gleich wie eine Katze zu schnurren.« (Vertrackte Farben trägt sie, immer apart; man muß sagen, das ist doch einmal was anderes! Eigentlich hat er recht, dieser Teufelskerl von Doktor, so etwas verspricht mehr 102 Unterhaltung als das Gewöhnliche, was man so in den Hotels sieht.) Er vergißt fast, auch Erdbrink die Hand zu reichen. Überstürzt holt er es nach. Kehmerdill, der seiner Figur nach wirkt wie ein Jockei zwischen robusten Trainern, wird von Erdbrink mit einem Händedruck vergewaltigt, der einer Naturgewalt gleicht. – Nur ein ganz kleiner Funke von Überraschung, ihn hier zu sehen, dämmert in den traurigen, farblosen Augen auf. »Gut, daß Sie also doch ausspannen, Doktor,« sagt er in seinem rollenden, renommierenden Baß. »Hätte das fast nicht erwartet. Tatsache.« Während er dies spricht, blickt er über Kehmerdills Kopf hinweg ins Leere. »Na, jeder sucht sich natürlich die Ausspannung, von der er sich am meisten verspricht.« »Du wirst originell, Paul,« zwitschert Nora. »Übernimm dich nicht.« »Eine Menge Ausspannung,« spricht Kehmerdill pointiert, »verspreche ich mir hier.« »Mehr als Ausspannung,« lacht Heyermans sonnig auf. »Kapitale Erholung, hoffen wir, was Doktor?« Kehmerdill ist etwas bleich und sein Schnurrbart zittert. »Man erfährt viel Neues . . .« Man erschöpft sich in Höflichkeiten. Etwas wie leise Ungeduld meldet sich im Pendeln von Noras Ohrgehängen. Plötzlich wendet sie sich an Kehmerdill und lächelt ihn an, verteufelt gleichgültig gegen die Wirkung dieses Lächelns. »Wie gönne ich 103 Ihnen das, daß Sie jetzt einmal – Mensch sein dürfen!« Darauf dreht sie sich dem Gatten zu. »Er kam uns neulich schon recht abgespannt vor; was, Paul?« »Erledigt, trotzdem er sich zweimal fürs Tanzen opferte . . . War wacker von ihm. Na, Doktor, und jetzt ist es unsere Sache, Ihnen Mark in die Knochen zu filtern . . .« »Das ist mir schon zum Teil gelungen,« sagt Koos weich. »Und um abergläubische Leute aufzuheitern, hat ja auch Mevrouws Hütchen die Couleur der Hoffnung.« Kehmerdill sucht blitzschnell seinen Blick (er muß, wegen der lähmenden Süße jenes Frauenlächelns, heute doppelt so schnell denken, als er's gewohnt ist). »Ich denke, wir haben es alle nötig, davon zu profitieren.« So geht es noch eine Weile hin und her, ein Florettgetändel ohne Ernst. Dann schnurrt das Auto auf: die Gatten im Fond, und vor ihnen, mit einiger Mühe installiert, der langbeinige Heyermans, den furchtbare Gunst der Umstände zwingt, den Druck von Noras Seidenbein zu ertragen; immerhin findet er sich, mit einem kernigen inneren Kompromiß, damit ab. – Vorn neben Darmawan sitzt der Doktor.   Der Tjibodas ist ein Hügel, den ein feuerschnaubender Maulwurf in der Urzeit mit Riesenschaufeln aufgeworfen. Eine abgestumpfte rhombische Pyramide, 104 die dem Beschauer die Schmalseite zeigt. Er steigt in der Hochebene von Bantam auf hinter einer Gummiplantage; er ist ein Landweiser ähnlich den gewaltigen Silhouetten der Vulkane und ihren welligen Vorbergen, deren Flanken von Reisterrassen bedeckt sind wie von Wespenwaben. Der Fiat passiert Brücken, deren Bambuskonstruktion merklich schwankt. Darauf gebettete Bretter klappern scharf hinterdrein. Beim ruckweisen Beschleunigen speit der Auspuff blaue Wölkchen in die grüntröpfelnden Schluchten ziegelroter Erdrisse, die wie Wundränder das Gesicht der Landschaft durchpflügen. Dort bleiben sie schweben und lösen sich langsam, von funkelnden Sonnenflecken durchstochen. Zwischen Mauern von Pisangstauden geht es dahin; zuckerrohrgedeckte Hütten schlummern hinter Bambustoren von wechselnder Ornamentik. Eine Welle von Hahnengeschrei läuft mit im Schnurren des Wagens. Wie auseinanderspritzende Farbenflecke zerstieben gackernde Hühnergruppen. Blaubehoste Bauern mit geflochtenen Schirmhüten, Lasten schleppend am Rand der Straße, stocken in ihrem elastischen Dauertrab. Ja, sie ist mächtig nah, die Natur; sie nimmt das blitzend dahingewirbelte Spielzeug auf ihren Handteller und betrachtet es mit dem Lichtauge. Die Sonne ist keine Lockung mehr, keine säuselnde Wärme. Sie ist wabernde Lohe. Ein Feuerschwert ist sie, steil in den Bauch der Erde gerammt. Sie glotzt. – Der grüne Schirm Noras wirft einen Pflanzenschatten auf die Gruppe im Auto. Sie stemmt ihn schief nach vorn des Luftzugs halber. Koos hat die 105 Stimme erhoben, um verständlich zu sein; denn ständig geht es durch Kampoengs, in denen der Schall des Motors blechern rasselnd zurückspringt. Eingeborene Familien hocken auf schmalen Veranden vor geflochtenen Wänden. Lange Ketten schwarzer Augen, nach derselben Richtung gedrehter Köpfe . . . Zuweilen verklingt ein Schrei hinter ihnen, wie vielstimmiger hohnvoller Triumph. Hunderte von Jahren haben noch nicht vermocht sie gleichgültig zu stimmen gegen den Europäer. Noch immer, in Kind und Kindeskind, schrein sie auf voll boshafter Neugier. Schwer schuftet das braune Volk und sein Schweiß düngt die Scholle. Was erntet es? Automobile, die stinkend durch seine Dörfer schnurren. Die paar Kupfermünzen seiner matten Arbeitsmuße blinken spöttisch und tanzen in wenigen Nachträuschen davon. Endlich öffnen sich die Kampoengs; weite Reisebene tut sich auf, bestanden von einzelnen uralten Schattenspendern. Diese stemmen mit ihren verkrümmten sandgelben Ästen schwarze Schirme empor, aus denen schmarotzende Lianen wie Vorhangfetzen herabwimpeln. Rudel von Raubvögeln treiben trillernd im Weißblau. Kraniche heben sich, plumpe Schwingen rührend. Finkenwolken versinken lärmend hinter nächster Bodenschwelle. Speckige Büffel stehen reglos im Schlamm. An leiterförmigen Kapokbäumen hängen Webernester wie aufgereihte Strickbeutel. Ferner, wo die sanften Hänge der Vulkane ins Land hinabschmelzen, ruht dunkler Urwaldteppich, von steilen Rauchfahnen brennender Rodungen gesprenkelt. 106 Wohin man blickt, blüht, keimt, welkt das ewige Sumpfgras, die Brotquelle der Millionen. Der Tjibodas rückt näher und hebt sein stumpfes Haupt. Schwarz klettert er über eine Plantage junger Gummibäume. Sie entschleiern ihn, hell und blankblättrig, wie eine finstere Mahnung an etwas, das nie zu erobern war. Denn er ist unentweihter Bezirk in all dem hundertfach angeschlürften Boden; er ist noch das Alter der Insel selbst; voll wilder Unschuld. Darmawan, nach ein paar letzten halsbrecherischen Kurven, stoppt. Der Weg verliert sich auf einer Wiese voll drolliger langohriger Ziegen. Nora nimmt beim Aussteigen Kehmerdills Hand. Der Duft eines gewissen gelbseidenen Taschentuchs vereinigt sich mit seinem Ursprung, der leise von ihrer ganzen Person ausgeht; das versetzt ihn in sanften Schwindel. Sie schließt den Sonnenschirm, ein kurzes, keulenförmiges Ding, und klemmt ihn unter die Achsel. Sie ist die erste, die auszuschreiten beginnt, und er hält sich an sie. Erdbrink bleibt zurück, denn es ergibt sich, daß Heyermans (»Regie!«) recht fesselnde Dinge über Kautschuk zu berichten weiß. Kehmerdill betrachtet Noras Rücken. Nur unmerklich wölben sich die Hüften hervor. Die Schuhe tragen diesmal niedrigere Absätze. Ihr Gang erscheint wie das Schlendern eines Hirtenjungen. Heyermans examiniert: »Wie schneidet man den Rubber?« »Quer durch, was?« 107 »Von links oben nach rechts unten, Mijnheer.« – Er tritt an ein Bäumchen und demonstriert. Erdbrink tippt an den Aluminiumbecher. Dahinein quillt der Bäumchen fadenziehendes, weißes Blut. Klaglos stehen sie, Reihe an Reihe, und geben ihr Herzblut her. »Trotz der Schröpfung sind sie ganz gesund,« sagt Nora weiterwandernd. »Es gibt ja auch Menschen, die das nötig haben, um sich wohl zu fühlen.« »Manchen bekommt es schlecht.« »Es braucht ja nicht immer Blut zu sein. Auch der Humor läßt sich abzapfen.« »Durch falsche Behandlung.« »Billiger Ausdruck »Sie atmen so hastig. – Gehen wir zu schnell?« »O nein.« Sie dreht sich um und wartet. »Nun sind wir am Eingang dieses verzauberten Berges. Da muß unser Cicerone wohl voran, und er muß galant genug sein, mir diese Ranken aus dem Weg zu räumen. Das Hütchen darf nicht leiden; es hat ein Sündengeld gekostet.« »Ja,« spricht Erdbrink aus seiner Gummidebatte heraus – »um seiner Frau so etwas zu schenken, muß man ein halber Halsabschneider sein.« »Man kann sich nicht leicht vorstellen, Mijnheer, daß Sie irgendetwas halb machen . . .« sagt Koos.   Von Kalksteinklötzen besät windet sich der Weg vor ihnen empor. Nach einem Präludium von Büschen 108 beginnt das Maestoso des Urwalds. Noch prallt die Sonne herein, färbt längere Strecken mit schattenloser Lohe und zwingt den kleinen Sonnenschirm sein grünes Rad über den nackten weißen Schultern zu drehen. Kehmerdill geht als letzter und paßt seine Schritte den ihren an. Heyermans hat Erdbrink an die Spitze placiert und redet von hinten auf ihn ein. »Ihren Beruf in Ehren. Aber Sie sind Importeur, Mijnheer Erdbrink, da schlagen wir in Buitenzorg gewöhnlich drei Kreuze. Ich kann in Teufels Küche kommen, weil ich mit Ihnen plaudere. Wir leben keusch in Klausur, und müssen uns strikt unabhängig halten vom Export. Das ist Order.« »Wer hat denn davon gesprochen, daß eine Provision dabei abfällt!« Erdbrink hat einen Einfall. »Wenn man über etwas, was von Wert ist, zufällig stolpert, wie Sie, mein guter Heyermans, so hat man Anspruch auf Finderlohn. Das Geschäftchen hatte den Daseinszweck, auf mich zu warten. Sie haben mir den Fundort gezeigt . . . Auf der Teeplantage . . .« Koos schiebt ihn sanft weiter. Erdbrink hat die Neigung, zu häufig stehenzubleiben. »Tjikopo,« bestätigt Heyermans, ohne sich Mühe zu geben, sein taufrisches Organ im Zaum zu halten, »ist überhaupt eine Fundgrube für alle möglichen Entdeckungen . . . nichts für ungut, Mijnheer Erdbrink. Also taufen wir das Baby ›Finderlohn‹, wenn es überhaupt nötig ist. Am besten scharren wir es geschwind ein und sprechen Sela darüber.« 109 »Schließlich geht ja doch alles über meine Adressen.« »Das hoffe ich. Das Industriedepartement bei uns ringt sich ohnedies die Hände wund, wie wir direkt an den Konsumenten gelangen. Braucht man in den englischen Kolonien Importeure? Na, also, brauchen wir sie dann? Gott schütze den Konsumenten . . . Was tue ich charakterfester Mensch? Ich ringe mir auch die Hände wund! Aber zuerst halte ich sie hohl . . .« Erdbrink, ganz schmunzelnder Partner, recht eingenommen von Heyermans, lacht Beifall. Das Echo keucht zurück. »Und ich träufle was hinein. – Eine Hand wäscht die andere.« Nach hinten dringen Bruchstücke dieses Gespräches. Nora hat die Lippen zusammengekniffen. Plötzlich sagt sie: »Ihr Freund ist sehr ehrgeizig, wie?« »Koos hat nur Sinn für das Reale.« »Ich will mich nicht beklagen. Er ist nicht höflich, er ist nicht unhöflich. Ich bin nicht sein Typ. Was kann man mehr verlangen.« »Er ist,« meint Kehmerdill behutsam, »vielleicht gebunden; verankert an jemanden, verstehen Sie?« »O Katharina . . .« summt sie melodisch. Nach einer Pause: »Das versteht man ja. Aber mit Ihren – Scheuklappen ist es wohl nicht weit her?« »Neulich im Hotel hab ich sie endgültig abgestreift.« »Vielleicht, lieber Doktor, hab ich das auch so gemacht . . . Ich muß mich erst vergewissern. Sie sind nur im Wege, wenn man sich wirklich helfen will.« 110 Man ist an einer Lichtung und Koos sondiert das sumpfige Terrain. Der ausgebleichte Leib eines Baumes lastet quer darüber. Sein Wurzelteller, im Durchmesser mehrerer Meter, hat zentnerschwere Klötze emporgerissen, sie noch umklammernd in seiner Erstarrung. Sein peitschender Wipfel hat eine lange Bresche geschlagen in einen Hain dreieckiger Kallablätter, die ihre weißen Trichterblüten zwischen Lanzenschäften entrollen und aus safrangelben Schlünden mephitische Dünste hauchen. Eidechsen schießen raspelnd vom Leib des Riesen. Schwarzblaue Hummelfliegen suchen neue Wachtposten; bös rasselnd lassen sie sich auf Blätterspitzen nieder und beglotzen die Eindringlinge mit bronzenen Facettenaugen. Wie kleine Raubtiere sitzen sie da; ihre Hinterleiber beben. Nora läßt sich von Kehmerdill stützen und wandelt den Stamm entlang. An einer trockenen Stelle springt sie ab und flüchtet in den Schatten. Die Sonne vermag hier nicht durchzusickern; nur zuweilen zeigt sie sich als Pfützen geschmolzenen Messings in den Gründen. Die Treibhausluft einer Kirchendämmerung nimmt sie auf zwischen Strebepfeilern aus turmhohem Holz. Heyermans Stimme verklingt allmählich. Ganz einsam erscheinen noch einzelne Worte . . . Hält die Schöpfung den Atem an? Da gehen sie, die beiden großen Männer, und ihre Bambusstöcke klirren rhythmisch auf den Steinen. Bei den Wegbiegungen wenden sie halbzerstreut ihre 111 blonden Köpfe um, um im Grün zu verschwinden. Ruckweise steigend tauchen die Schultern empor. Erdbrink geht mit verbissener Gründlichkeit. Auf seinem Rücken hat sich ein feuchter Fleck entbreitet; die Rohseide saugt ihn auf wie Löschpapier. Er atmet hörbar, es klingt wie leises Schnarchen. Auf einmal sagt Nora: »Es ist ermüdend«. »Wollen Sie ausruhen?« »Ja. – Von allem.« »Was sagen Sie da? – Sie sind jung . . .« »Nicht jung genug für ihn.« Sie deutet nach vorn. »Und für das da . . .« Sie umfaßt mit den Armen den nächsten Bereich: »für das Gewaltsame . . .« Sie läßt die Arme fallen und steht mit gesenktem Nacken. Es ist etwas rührend Hilfloses in der Haltung. – »Kommen Sie, Doktor,« sagt sie plötzlich eifrig, »da steht so ein alter Bursche mit Luftwurzeln, wie vor dem Hotel in Weltevreden, der flößt mir Vertrauen ein. Mein Gatte unterhält sich mit Heyermans. Er vermißt mich nicht. Setzen wir uns . . .« Sie wählt eine Wurzel, die wie eine Schlange in ein Gewirr gelbblühender Leguminosen kriecht. Sie streichelt die kaffeebraune Rinde. Hunger in den Augen, hockt sie mit hochgezogenen Knien. Ihre Blicke verlieren sich in den brütenden Gründen. Ist es noch Erdbrinks fernes Keuchen, das wiederum anschwillt? – Nein, die Zikaden sind's, die man auf einmal hört; der Urwald hat sich von seiner Atempause erholt; das Orchester hebt die Fiedeln 112 wieder ans Kinn. Das sind fragende, wütend wiederholte Klangfiguren, wie von einer höllischen Kinderknarre. Ein schwarzgelber Vogel entschwingt sich einer elastischen Ranke, unter aufgestörtem Beben rotgeäderter Blätter, und trägt seinen hellen Metallton ins Dickicht. Er läßt sich langsam neben ihr nieder. Sie zieht ihr Hütchen mit einem Ruck herunter; die goldbraunen Locken sind zusammengeballt von Feuchte; ihr Kopf sieht aus wie der eines rassigen Knaben. An ihrem weißen Hals bebt der Puls; die Brust atmet bedrängt. Sich zur Seite drehend, streckt sie die Beine; die Brauenfalte, die kleine Verfinsterung, entsteht auf der glatten Stirn. Ihre großen grauen Augen suchen schier starr die seinen; es ist, als wachse sie ihm langsam entgegen . . . Und diesem starren prüfenden Blick verfällt er, das spürt sie; schon tastet seine Hand zu ihr hinüber . . . Sacht drängend schiebt sie sie fort und sagt mit kleiner Stimme: » Kann man einander helfen?« »Das war abgemacht . . . als der Schatten erschien.« »Der Schatten?« »An der Treppe. – Im Hotel . . .« »Vielleicht . . . kann ich jetzt einen Entschluß fassen,« murmelt sie. »Nora!!« »Ja . . . Nennen Sie mich Nora!« »Sagen Sie . . . Was ist vorgefallen? – Ich möchte Ihnen helfen! – Was hat es gegeben dort droben . . . auf Tjikopo?« 113 Sie zuckt zusammen und setzt sich halb auf. – »Hat Heyermans Ihnen –?« »Nur eine Andeutung,« spricht er mit seiner ärztlich-beruhigenden, leicht ältlichen Stimme; doch verrät ihn das fortwährende Zittern seiner Hände. – »Ich kann mir ja denken; ich kann mir's ja so gut denken . . .« »Auch das Un vorstellbare?!« fragt sie schneidend. »Das auch? – Sagten Sie nicht vorhin: ›Koos hat nur Sinn für das Reale‹? – Nun, ich glaube, daß er es Ihnen sachlich genug berichtet hat. Mein Gatte und er passen, scheint es, gut zueinander . . . Man versteht sich glänzend.« – Sie fühlt sich auf einmal nackt und ausgeliefert. Sie beginnt heftig zu schluchzen; die Steine an ihren Ringen werden blind von Tränen. Und gleichzeitig schleicht sich in dies Gefühl der Nacktheit ein lässiges Behagen daran, sich ausgeliefert zu wissen; die Möglichkeit zu haben, zu sprechen ; der behutsamen Ergebenheit des Menschen hier neben ihr alles aufzubürden. Sie setzt mehrmals zum Sprechen an, doch die Wollust des erlösenden Weinens ist so groß, daß sie zunächst nur Unartikuliertes hervorbringt. Kehmerdill betrachtet sie bleich und angespannt. »Sie tun Heyermans unrecht« sagt er hastig; er fühlt, noch ein Strom angedämmter Worte will sich aus ihm lösen. »Er hat das . . . Vorkommnis ganz flüchtig umschrieben . . . Ich weiß nichts . . . ›Russische Methoden‹, wie? . . . Daß er jetzt mit Ihrem Gatten geht, war vorgesehn, damit ich mit Ihnen sprechen kann . . . Hören Sie auf zu weinen, Nora. Ist es 114 das Weinen wert? Sagten Sie nicht noch eben etwas von einem – Entschluß?« »Ist es die Tränen wert? . . . War es die – Schlafmittel-Kur wert? – Ich hatte doch die Falltür schon aufgehoben, um hinunterzusteigen. In Daendels Hotel.« »Und ich habe Sie zurückgeholt. – Für mich.« ». . . Für mich . . .« kommt ein Echo. Ihr Schluchzen versiegt. Heiß und wirr blickt sie auf. Er hat sich von ihr zurückgezogen, mit großer Überwindung, und ist aufgestanden. Seine weiße Gestalt, sein bleiches Gesicht schwanken vor ihr wie hinter einem Schleier, wie verzerrt durch zitternde Treibhausluft, vor einem Hintergrund von grellem Grün. Seine Stimme wandert auf und ab, werbend, an ihr zerrend; und dahinter steht das Orchester der Zikaden: »Nora . . . Ich hab' mich Ihnen anvertraut, dort im Hotel . . . Süße Kameradschaft bieten Sie mir; kühler Trost, Befreiung ist das für mich; tief verpflichtet bin ich Ihnen . . . und nun wollen Sie sich nicht von mir helfen lassen? Nora, haben Sie Vertrauen . . . Sehen Sie den Sonnenstrahl dort? – Senkrecht, steil? – Er sticht uns allen, aller Kreatur, ins Mark . . . Einige Menschen verdummen davon und laufen weg; andere zeigen sich nackt . . . Das Licht will es nicht anders. Der Firnis schmilzt und so, wie er ist, zeigt sich der Mensch . . .« Sie lächelt mit zuckenden Lippen zu ihm hinauf. »Doktor! – So kenne ich Sie noch gar nicht! – Welch ein Tempo!« »Ja,« sagt er mit singender, ungewohnter 115 Heiterkeit, »so kann ich noch sein! Ich sah einmal in Penang, wie sich Schildkröten bissig um das Futter rauften, das man unter sie warf. Bedenken Sie! Die trägsten aller Geschöpfe! Das Zenithlicht macht sie beweglich . . . Und wenn es bei solchen so wirkt, wie dann erst beim Menschen! Nora . . . Ich bin nicht so gänzlich erledigt und zermürbt; es ist nur das Zuviel, dieses ständige Lichtbad, dieses Überschwemmtwerden mit gierigem Anspruch, was mich sinken läßt . . . Geben Sie mir weiter Ihren kühlen Trost! – Geben Sie mir – Ihre Liebe! – Ich brauche sie!« Er spricht es halb ekstatisch; seine Worte schwingen noch nach und sickern dann in die Feuchte; sie verhallen, überbraust von einem Chaos knarrender und siedelnder Geräusche, die der Wald unablässig gebiert. Sie läßt sein Bekenntnis auf sich niederströmen. Und plötzlich entsteht in ihrem Hirn ein Klang wie ein altes zartes Motiv . . . Einige verwischte, synkopierte Takte . . . Sie hält Hochzeit; sie ist sechzehnjährig; junger Himmel schillert zwischen turmhohen Häusern. Sie trällert wie damals; sie findet keine Worte . . . Sie glaubt an etwas; sie hat das große Vertrauen. Und wieder würgt sie ein Schluchzen. Kehmerdills Gestalt verwischt sich ganz zwischen ihren Wimpern, ausgelöscht von funkelnden Tränen. Große Hingabe spürt sie. Mag es denn sein! Sie hat zu geben diesmal; dieses erste Mal; sie ist die Schenkende. Welch ein Gegensatz zu jenem Triebmenschen, der wie ein Mörder auftaucht in ihrem Herzen, die Fetzen ihrer besudelten Träume zwischen den Fingern! Sie spürt ihres Leibes Haß und Widerstand, und gleichzeitig, gebettet in dies kochende, brodelnde Wachstum des Urwalds, ein schier unersättliches Bedürfnis sich diesem andern zu schenken und den stark zu machen, der Stärke von ihr erfleht. ›Freiwillig‹, denkt sie, ›will ich dir geben, was jener mir roh entriß . . .‹ Mitten unter den rings verstreuten Teezupferinnen, schamlos vor den verschmitzten Augen dieser Insel, dort oben auf der Höhe, in der kühleren Klarheit, unter den Pisangs am Saum der Pflanzung, unter einer feierlichen Parade zerschlißner grüner Fahnen hat Erdbrink sie niedergezwungen; es ist trüb gewesen und unausdenkbar brutal . . . Hat es getan unter den zerklirrenden Scherben alles dessen, was sie noch für einen Rest von Liebe gehalten . . . Sie wirft den Kopf zurück und stößt zwischen den Zähnen hervor: »Ja!!« – Die Gestalt vor ihr nähert sich: wie leicht kann sie ihn herabziehen zu sich! Wie schwach ist er! – Ihr kraftvoll-spröder Arm umfängt seinen Kopf, der schwer auf ihre Brust schlägt. Sie stützt sein Gesicht empor: noch hat es diesen ekstatischen Ausdruck . . . Es ist zuviel für ihn. Seine Hände sind kalt. Sie küßt ihn mit zartem, heißem, hingehaltnem Kuß. Da kehrt ihm Wärme zurück; sein Zittern verliert sich in wohliger, unendlicher Ruhe. Regen auf ausgedörrtes Feld: so rauscht es in seinem Kopf. Und das Licht hat aufgehört, ein Fluch zu sein. 117 Plötzlich ertönt ein Krachen hinter ihnen. Sie fahren auseinander und starren nach der Richtung: ein toter Urwaldbaum ist in sich zusammengestürzt. Noch während er seine stolze Form, jahrzehntelang vielleicht, in die Lüfte steilte, war seine Substanz zerwühlt und verdaut von Milliarden weißer Ameisen. Auch Schritte hätten so krachen können . . . und dann? Irgendwo gibt es ein Loch voller Grauen. Sie packt seinen Kopf mit beiden Händen und sieht ihn mit weiten Augen an: »Du wirst mich nie schlagen, nein?« Und ehe er einer Antwort mächtig ist, hört man durch das Rieseln des verwesten Holzes hindurch, das der geplatzte Urwaldriese als gelben Nebel von sich spie, kurzes, fernes, rhythmisches Klirren . . . »Sie kommen zurück,« flüstert sie bebend. »Ich kann nicht – standhalten . . . Nimm mich fort . . .« In stürzenden Schritten, die halben Sprüngen gleichen, eilen sie talabwärts. Die Hitze der Lichtung überfällt sie. Sie springt auf den ausgebleichten Stamm; sie läuft schier tanzend darauf entlang und schwingt die Arme beim Absprung. Endlich haben sie die Gummiplantage erreicht, durchqueren sie und veratmen dann ihre Erregung eng aneinandergepreßt. Fünf Minuten gönnen sie sich, bis der Tumult ihres Blutes sich legt. Dann langen sie bei Darmawan an. »Nach Weltevreden!« ruft Kehmerdill. – »Die Nonna ist krank.« Und wie ein Geschoß, das aus Pulverdunst 118 hervorzischt, schleudert der »Fiat« seine Staubwolken hinter sich. In sein Geknatter mischt sich das leise Brodeln des Mittagsgewitters, das hinter dem Tjibodas bleigrau in den Glast emporquillt. 119 /d Die kleine Wissenschaft Grauer Graphit ist der Himmel; lappig hängen die Blätter, schwer von Tau. In der Morgendämmerung Weltevredens, um fünf Uhr, gleitet der Raden Kusuma unter seinem Mückennetz hervor und geht unter die Dusche. Dann wechselt er das Hüfttuch mit frischen Pyjamas aus leichter Baumwolle; er vagiert im Hause umher, lauscht ein wenig, schnuppert: endlich geht er in den Garten und späht in den Himmel. Steigen die Töne des Subh, des Morgenanrufs herüber vom Westen, über Meere voll glutflüssiger Öde? – Hat er sonst einen Grund zur Unruhe? Was treibt ihn dazu, über die Einfahrt zu gehen und den ausgestorbenen Parapatan hinabzuspähen, den Wänden von gezackten und gefiederten Blättern entlang? Die Sterne sinken blinzelnd ins Nichts. Die Luft ist noch voll von Fledermäusen und vom Singsang irrender Moskitos. Er schleicht zurück. Mit leisem Zungenschnalzen weckt er die Murmeltiere in seinem Haus. Bei jedem dritten Schritt stößt er flüsternde Befehle hervor. Er geht durch die drei Zimmer der Frauen: aneinandergepackt, dunkle Klumpen, liegen sie unter den 120 Netzen. Sein Durchgang bringt einen Luftzug in die Schwüle. Leises Gurren erhebt sich; man blinzelt, man rührt sich. Wasserhähne brausen. Dann wählt Kusuma einen Sarong und eine Tuchkappe gleichen Musters aus dem Kampferholzverschlag, kleidet sich mit drei Handgriffen an und setzt sich auf die Veranda, wo bereits der Kaffeextrakt nebst heißer Büffelmilch auf ihn wartet. Er nippt und starrt in den Garten. Seine Pupillen sind ganz groß; seine Lider schwer. Verwüstet sieht er aus; die Frühe kleidet ihn nicht. Es wird heller. Schale Wärme treibt vorüber, die sich unter den Schirmblättern verfangen hat; die abgestandene Hitze von gestern. Sie duftet nach gärendem Abfall, nach Staub. Doch mit dem zarten Hellblau, das fächerhaft in die Szene dringt, springt die morgendliche Brise auf: tönendes Rascheln. – Lauschend fährt der Kopf Kusumas empor. Das Schnurren eines einsamen Autos mischt sich in das Flöten der rotbeinig umherstelzenden Starvögel. Plötzlich ist es da und schwenkt scharf gedreht in die Einfahrt ein. Kusuma ist flugs im Hause verschwunden. Man überrumpelt ihn: gut; man soll warten. Und wie überrumpelt man ihn! Denn nicht nur die Besuchszeit ist eigenartig. Es handelt sich um einen stadtbekannten Mischling: den Doktor med. Hendrijk de Ruyter . . . Ist nicht die unendliche Reserve sprichwörtlich, die Kusuma sich Halbblütlern gegenüber auferlegt? Und 121 was tut nun Herr de Ruyter? Er bricht mir nichts, dir nichts durch den Zaun . . . Kusuma beobachtet den Besucher durch die Jalousienritze. Da sitzt der große Tölpel; er schnaubt und fächelt sich mit der Visitenkarte. Inzwischen hat er auch festgestellt, daß die Kaffeetasse noch heiß ist; daß mithin der Hausherr zugegen sein muß. Da steht das Auto. Wenn es dem Hausherrn gefällig ist, kann er Notiz davon nehmen. Kusuma erscheint mit einem offenen Lächeln. Seine Abwesenheit war eine Kaprice! Was bedarf es törichten Versteckspiels! Er legt seine feingegliederte Hand in die weiche Pranke des Riesen, der sich erhoben hat – übermäßig schnell, möchte man meinen, für seine Größe. »Ah . . .,« sagt der Raden. »Man ist sich schon begegnet, wie? – Mijnheer de Ruyter . . . Bitte, bleiben Sie bequemstens sitzen.« – Er klatscht in die Hände und wirft über die Schulter: »Kaffee . . .« – Der Schritt eines Dieners verlischt im Hintergrund. Kusuma fragt durchaus nicht: »Was führt Sie her?« So ungeheuer plump ist man hierzulande nicht. Er sitzt freundlich da und seine ganze Person atmet: »Ich bin geschmeichelt, daß Sie hier sind. Ich bin, mein Herr, ein unbeschäftigter Tagedieb; Sie dagegen stecken voll nützlicher Arbeit. Verfügen Sie über mich.« Er zieht die Brauen hoch. Mit etwas belegter Stimme sagt Hendrijk: »Eigentlich sollte ich jetzt, um halb sechs, schon in der ›Stovia‹ sein, Raden. Doch mein Weg führt in Ihre Nähe . . . 122 Weil ich den ganzen Tag beschäftigt bin, und Sie abends politischen Gesprächen beiwohnen, so nehme ich mir den Mut zu einem fliegenden Besuch . . .« »Sie sind stets willkommen, Mijnheer.« Hendrijk erhält seinen Kaffee, mischt ihn und schlürft das Schälchen in einem Zug leer, wobei seine Unterlippe sich schöpflöffelähnlich vorstreckt. Dann raucht er gedankenvoll und auf seiner Stirn bilden sich Wülste. Kusuma wartet voll Freundlichkeit. Hendrijk gibt sich einen Ruck. »Eine alte chinesische Dame hat sich in meine Privatbehandlung gegeben. Sie erklärt, von meinem Schwager geschickt zu sein. Der Fall ist interessant.« »Gewiß auch einträglich.« Hendrijk sieht etwas verdutzt drein. »Auch das. Es ist eine wohlhabende Dame. Man einigt sich. – Mein Schwager kränkelt und hat den Fall deshalb nicht selbst übernommen. – Fiel Ihnen in letzter Zeit nichts an ihm auf?« »Mir? – Wir sehn uns nicht häufig.« »Doch Sie sind mit ihm befreundet.« »Gewiß.« – Der Raden prüft den Besuch aus den Liderritzen. »Nun gut. Ich stelle die Frage nur, weil Sie neulich bei ihm waren.« »Ah . . .« »Die chinesische Dame hat einen Tumor. Ich bedarf einer Rücksprache mit Doktor Kehmerdill darüber. Ich weiß aber nicht, wo er seinen Erholungsurlaub verbringt. Gewiß können Sie mir seine Adresse geben.« 123 »Ich erfahre von Ihnen, daß er fort ist. Ich bedaure.« Hendrijk sieht grübelnd, mit leicht schielenden Augen, auf die Tischplatte. »Vielleicht wenden Sie sich an Doktor van Affelen?« »Das war das Nächstliegende. Er konnte mir nicht dienen.« »Wie bedauerlich für die alte Dame! Ich kann mir denken, daß das Schicksal dieser Patientin Sie schwer belastet; die Vorgeschichte des Falles ist sicher von größter Wichtigkeit . . . Nun, und Mijnheer Heyermans?« Eine seltsame Veränderung geht mit Hendrijk vor. Seine Augen treten kugelförmig heraus; die dunkle Tönung seines schlaffen Gesichts nimmt Aschenfarbe an. Er schwitzt vor Anstrengung sich zu beherrschen; er schluckt mehrmals hinunter. Als er damit fertig ist, sagt er weltmännisch: »Sie haben recht, Raden. Es ist denkbar, daß Mijnheer Heyermans Bescheid weiß. Doch von meinem Standpunkt aus betrachte ich ihn als Exponenten der – Reaktion. Abgründe trennen uns. Es ist keine persönliche Antipathie, beileibe nein. – Aber das Prinzip.« »Nur das Prinzip,« pflichtet der Raden verständnisvoll bei. »Und Sie vermuten, daß ich . . .« »Daß Sie, Raden, in der Lage sind, Heyermans um die Adresse zu bitten. Das wäre nicht auffallend, da auch Sie mit dem Doktor befreundet sind.« »Ich begreife. Die alte Dame besteht energisch auf schleunigster Hilfe.« Alle Nerven zucken in Hendrijks Gesicht. Er hat es wahrhaftig nicht leicht. 124 »Mijnheer de Ruyter,« spricht Kusuma gelassen, – »ich werde an Ihren Wunsch denken.« Hendrijk schnellt empor. Er hat sich wiedergefunden. Man schüttelt einander die Hände; ja, Kusuma hilft ihm persönlich ins Auto hinein.   Ganz ohne Grund ist die witternde Unruhe des frühen Morgens nicht gewesen. Befremdend war der Einbruch des Indos; ganz und gar aus dem Rahmen fallend. Irgendwo, auf der Bühne hinter dem Tuch, hat man schon die Schattenpuppen aus ihren Gestellen hervorgeholt; soll er, Kusuma, der Regisseur sein, der ihre Stiele erfaßt? Schon zuckt es in seiner Hand. Noch aber fehlt der Deklamator, und mit ihm der eigentliche Sinn des kommenden Dramas. Grübelnd steht er da, dann verschwindet er wieder im Haus. Der volle Vormittag ist da mit schluchzenden Verkäuferschreien, mit Ponygetrappel und Hitze.   Die Hitze! – Sie nistet wieder auf dem Koningsplein. Jetzt, um elf Uhr, zittert sie wellig über den flachen Baumkronen am Saum. Was stellt jene Anordnung hölzerner Bungalows vor, die um ein sparsam lackiertes Blechdach gruppiert sind? Ist das ein Camp? Eine Minenstadt? Es ist ein Hotel: das zweite beste in Weltevreden. – Es ist teuer und hat den Vorzug Fremde von Distinktion zu beherbergen. So verpflegt es auch seit gestern abend einen Hamburger Großhändler namens Erdbrink, der in etwas 125 nervöser Verfassung in einem Mietauto noch spät von Buitenzorg eingetroffen ist und bis drei Uhr nachts auf der Terrasse eine erstaunliche Menge hochprozentiger Getränke zu sich genommen hat. Seit sechs Uhr früh ist er schon wieder munter. Zunächst steuert er auf das Deutsche Generalkonsulat zu. Im Begriff, dem sehr aufgeweckten und trotz Beleibtheit ungeheuer tätigen Machthaber des »Auswärtigen Amtes« seine Karte zu schicken, zögert er plötzlich. Seine feuchte fahrige Hand zerknüllt die Karte. Schwer läßt er sich ins Polster zurückfallen. Es hat keinen Zweck, gewisse Dinge an eine Glocke zu hängen, die zwar nicht groß ist, doch immerhin hinreichend penetranten Schall besitzt. Auch wäre das (ist er denn ganz von Gott verlassen?) Teufel ja, viel zu überstürzt . . . Ohne Beweise kann man hier nicht kommen. Warum ist er nicht sofort auf das Naheliegendste geraten? Überrumpeln muß man! Er hat Angst gehabt, Angst vor dem eigenen Körper, der auf eine unüberlegte Tat zuschnellen würde; Angst vor der Wirkung der eigenen rotgeränderten Augen! . . . Aber er ist ein Kraftmensch! Er hat sich in der Hand! Gewitterwolke wird er sein; gewiß. Aber es wird leise aus ihm donnern; spärlich blitzen. Das Geschöpf, dem er nachjagt, hat einfach den Sonnenstich. Zuerst hat sie sich vergiften wollen und nun brennt sie durch . . . Wohl ist sanfte Gewalt nötig, um sie von hier wegzuschaffen. Doch wenn man sie auf dem Schiff hat, dann schont man sie, ist reizend, macht es anders in Zukunft, ganz anders . . . Das kleine verrückte 126 Tierchen! Das außer Rand und Band geratene Herz! – »Nora!« flüstert er gekränkt. Feuchte dringt in seine entzündeten Augen. Diesem Schleicher, dem Doktor, wird er ganz gemütlich die Meinung sagen; ho, ja. »Nichts für ungut, Verehrter,« wird er sagen. »Sie waren so nett, meiner Frau Gesellschaft zu leisten. Nun, mit Verlaub, nehm' ich sie wieder weg. Sagten Sie etwas, bitte? Denn adjüs, bis auf weiteres . . .« Es ist ihm leider nicht vergönnt, die gewünschte Szene zu arrangieren. Denn auf des Doktors Veranda steht Nas, der Chauffeur. Und Nas wiederholt auf sechs atemlos hervorgestoßene Fragen immer nur sein sanftes papageienhaftes: »Tuan Kehmerdill? Tida ada.« (Ist nicht da.) Das wiederholt er in ganz entrüstet hellem Ton, als der gewaltige Tuan Erdbrink ihn einfach beiseite schiebt und ins Haus einbricht. – Erdbrink geht mit wuchtigen Schritten durch alle Zimmer der Villa. Bald sieht er die Sinnlosigkeit der Suche ein; er versucht es bei Nas mit einem Trinkgeld. Zwar gefällt diesem ein Zehnguldenschein, der ihm gezeigt wird; er glänzt übers ganze Gesicht. Doch das ändert nichts daran, daß er durchaus unausgiebig bleibe und keine Ahnung von der Adresse hat. Nach einem langen stotternden Palaver in seinen dreieinhalb malaiischen Worten, verfällt Erdbrink darauf, Doktor van Affelen anzurufen. Van Affelen ist höflich aber bestimmt. Und als Erdbrink ihn, wieder erregt, schlechten Willens bezichtigt, hängt er einfach ab. Erdbrink grübelt; dann fährt er zum »Des Indes«. 127 Er setzt sich auf ein Korbstühlchen an den Cocktailtischen und verlangt den »Tuan besar«, den Manager, zu sprechen. Eilig nähert sich ihm dessen Schritt durch die Halle. Die Hände im Rücken verkettet, verbeugt sich Salbeiblatt und blickt ihn dann langwimprig an voll schlehenäugiger Demut, wie ein belgischer Rammler während seiner Salatsiesta. Sein Gesicht aus rosa Lack verrät die überrumpelnde Ehre kaum, mit der er ja auch schließlich fertig wird. Ehre, wem Ehre gebührt, drückt seine Miene aus. Dies ist Großhändler Erdbrink. Man entsinnt sich seiner aparten Frau. Nun hat er ein großes Geschäft gemacht und gönnt sich ein Schnäpschen. – Allmählich kann es ihm jedoch nicht entgehen, daß der Großhändler stark erregt ist. Enorme Sorgen müssen das sein, wenn so ein Mann aus der Balance kommt. Um Millionen von Gulden handelt es sich. Da kann man gar nicht mitreden; das entzieht sich einem . . . »Und womit darf ich dienen, Herr Erdbrink?« Er haucht es hin. »Ah . . . Herr Direktor,« sagt Erdbrink, »ich möchte nur eine kleine Frage stellen. Ist Ihnen der jetzige Aufenthalt von Doktor Kehmerdill bekannt?« »Doktor Kehmerdill . . .« Salbeiblatt zerkostet den Namen auf der Zunge; sein Blick wandert ins Leere. »Ist er verreist?« »So sieht es aus,« grunzt Erdbrink und trommelt auf das Tischchen. »Das gönne ich ihm,« spricht Salbeiblatt gütige »Er hat Urlaub genommen; so wird es sein. Gewiß bei Mijnheer Heyermans.« 128 »So schlau bin ich auch,« sagt Erdbrink streng. »Aber nun ist er fort.« »Sind Sie krank, Herr Erdbrink? Oder gar die gnädige Frau?« Erdbrink lacht unmotiviert auf. »Sie könnten recht haben. Anfangs bildete ich mir zwar ein, meine Frau vertrüge das Klima besser als ich. Doch das beiseite: Wissen Sie nichts? Er hat seine Adresse nirgends hinterlassen.« Hier kommt Leben in Herrn Salbeiblatt. Er gestattet sich, neben dem Großhändler Platz zu nehmen; den lachsfarbenen Kopf wiegend, spricht er sinnend: »Als ich sage . . .« Er schnalzt mit der Zunge, tuk, tuk; ein Blinder kann sehen, daß er etwas auf der Pfanne hat. »Mein Gott. Herr Doktor Kehmerdill ist also verduftet; gänzlich unauffindbar . . . Sehr interessant, Herr Erdbrink.« Er legt die Hand gespreizt vor den Mund. »Nein, diese Weiber!! « ruft er endlich voll gedämpfter Schelmerei . . . Erdbrink dreht sich ihm massiv drohend zu. Er ist grau; seine Augen sind gläsern. »Was wollen Sie damit sagen?!« stottert er mit rauher Stimme. Schleunigst nimmt Salbeiblatt die Hand wieder vom Mund. »Nein . . . ist es möglich!« klagt er mit sanfter Stimme. »Wie man hier nervös wird, wenn man erst kurz im Land ist! Es ist ja schrecklich! Beruhigen Sie sich doch, Herr Erdbrink, es gibt andere Ärzte . . . Tuk, tuk! – Und Herr Doktor Kehmerdill liegen in Scheidung . . .« »Was??« »Seine Frau ist eine Indo, Gott schirme ihn. Diese 129 Leute sind skrupellos. Ich will nichts gesagt haben, der Himmel ist mein Zeuge. Aber es wäre nicht das erste Mal, daß . . . Gott; Sie kennen Indien nicht, Herr Erdbrink. – Sie kennen Indien nicht!« Erdbrink entspannt sich. »Weiter, weiter! Das ist ja interessant.« »Morden Sie mich, aber schweigen Sie!« – Salbeiblatt blickt sich um, ob kein Djonges in der Nähe ist. »Herr Doktor Kehmerdill sind sehr erholungsbedürftig! Diese Mischlingsweiber sind hartgesottene Töchter Satans und schaufeln manch entzückendem (– er sagt: ›ensöckendem‹) Mann sein frühes Grab. Sie stellen Ansprüche, verstehen Sie, plündern und saugen aus. Die ganze Manneskraft, ich bitte, verdunstet. So ist es. Und bei dieser Hitze . . . Oh, man muß sich schonen. Ich habe die Liebe immer abgelehnt und mich konserviert. Jetzt hat der Doktor auch Schluß gemacht, aber falsch hat er es angefangen. Es kostet Geld. Und das hat er nicht daran wenden wollen. Hinausgeschmissen hat er das Geschmeiß. Ich habe gewarnt!! Als der Doktor das letztemal hier war, in Ihrer und Herrn Heyermans Gesellschaft, da trat ich herzu mit warnendem Finger. Aber eigenwillig sind die Herrschaften; nichts sagen lassen wollen sie sich; und was ist man selbst? Unke, heißt es; marsch in die Küche! – Bambushärchen sind noch das Mildeste auf seinem Menu! Er hat sich aus dem Staub gemacht. Die Indos spionieren; Luchsaugen haben sie; Gott gebe, daß er dem Schicksal entgeht . . . Da haben wir den Indoeuropäischen Verband; sein Schwager sitzt im Vorstand; da haben wir diesen Arzt de Ruyter; überall, 130 Gott, ist es so farbig, daß einem die Augen flimmern. Sicherlich hat er sich sehr gut versteckt. Ich kann ihn nicht finden; Sie können ihn nicht finden. – Ein Wespennest . . .« Er seufzt. Erdbrink versucht klar zu denken. Ihm wirbelt der Kopf. »Nun, lassen wir das,« beschließt er und erhebt sich. »Auf alle Fälle wäre es für den Doktor besser gewesen, er hätte durch dick und dünn zu seiner Indo gehalten . . .« »Wie meinen Sie das?« hört er die singende Frage im Rücken. »Wegen der Bambushärchen?« » Auch deshalb,« sagt Erdbrink achselzuckend und spaziert hinaus. Er leistet sich diese Zweideutigkeit; er wirft Salbeiblatt Gedankenfutter hin; er ist so groß, daß ihm das nichts ausmacht. Ein großes Kind ist er. Denn in jenem lachsfarbenen Kopf beginnt es bereits zu kombinieren. »Als ich sage . . .« flüstert Salbeiblatt. »Ist es möglich!« – Nach einer längeren Pause dreht er sich mit einem Ruck um und geht armschwenkend zu seinen Obliegenheiten zurück. Erdbrink landet in seinem Hotelzimmer und läßt sich aufs Bett fallen. Er ist gewohnt, auf die Dinge loszugehen sie mit einem Hammer in die gewünschte Form zu schlagen. Doch jetzt? Er weiß nicht wie er das Gefühl beschreiben soll. Alles zerrinnt ihm, als greife er in einen Korb voller Aale. Es gibt hier Leute, die haut man auf die Schulter, genau wie zu Hause; sie lachen und trinken einem zu; dann aber laufen sie auseinander und intrigieren. 131 Schakalmäßig hat man ihm sein Besitztum vom Leib gerissen, ohne Federlesen. Wenn man nur hier Bescheid wüßte . . . Vorgestern war er noch reich. Heute hat er die große offene Wunde, und niemand gibt ihm ein Pflaster. Es ist ein blutiges Mißgeschick. Den Kopf durch die Knierolle hochgestützt, liegt er da, und seine grauen Augen voll triebhafter Trauer starren ratlos auf die eigenen Hände, die er auf der Brust gefaltet hält. Blondbeflaumte Seemannshände sind das, einschaufelnd und grobknochig. Kein Wunder, wenn etwas Feines zwischen diesen Fingern zerbricht. Muß er sich selbst denn immer unterliegen? Müssen seine Scherze denn immer vierkantig bleiben? Und klingt die Munterkeit in ihm an wie ein verstohlenes Menuett: hat es zur Verlautbarung wirklich nur diese unmäßige Schallmuschel seines von Reue und schwer erfaßlichen Eindrücken belasteten und beengten Brustkorbs? Herr Erdbrink herbergt einen kleinen Finken in sich, der munter zirpt und klug zu lieben verstünde. Der hüpft auf den Sprossen seiner ungefügen Seele umher und sticht ihm – wie mit seiner Sonde – mit seinem süßen Piepton quer durchs Herz. Das peinigt; das ist ein Übermaß. Das ist wie zartes Gift. Dann randaliert Erdbrink und treibt rauhe Späße mit seinem liebsten Eigentum. Dann setzt er den kleinen Finken unter eine Dusche. Wie oft hat dieser sich schon schütteln müssen! – Aber jetzt hat er endgültig die Mauser. Erdbrink erhebt sich vom Bett und rennt in dumpfer Pein im Zimmer hin und her. Er gerät an den 132 Spiegel, und als er sich sieht, wünscht er wohl, etwas mehr Anmut zu besitzen. Dann paßte er besser in die Welt hinein, besonders in dies Land. Plötzlich bleibt er stehen und haut sich mit der Faust vor die Stirn. Schemenhaft bewegt sich vor ihm ein feingeschnittenes Profil unter schmetterlingsbuntem Kopftuch, mit dunklen wissenden Augen: Kusuma. Diese Gestalt scheint ihm zuzuwinken. Ist dieser Eingeborene nicht mit dem Doktor befreundet? – Ha, dieser könnte etwas wissen; muß es wissen . . .   Es ist sieben Uhr abends. Kusuma hängt den Hörer des Tischtelephons ein, in das er lange und eindringlich hineingeflüstert hat. Es war nicht einfach, die Verbindung mit dem Chauffeur von Heyermans herzustellen. Darmawan ist instruiert worden, des Doktors Adresse zu stehlen. Noch hat Kusuma sie nicht; doch alles ist gut unterwegs. Da wird ihm Besuch gemeldet. Er dreht die Karte zwischen den Fingern. Aha, das ist dieser Deutsche, den er neulich beim Doktor getroffen. Offenbar ein Höflichkeitsbesuch. Er blickt durch die Jalousienritze: auch dieser ist ein Riese wie de Ruyter. Ein mächtiger Pionier ist das, ein westliches Trampeltier. Wie aufmerksam ihm dieser neulich gelauscht hat, als der Witz aus dem Volksraad fiel. Doch wo steckt die Frau? Kusuma trägt sich diesmal europäisch, in Rohseide. Seine Füße stecken weißbesockt in Pumps. Gespannt und witternd tritt er aus dem Hintergrund. Erdbrink sieht das Männchen kommen. Sie begrüßen 133 sich: der Javane reicht ihm knapp bis zur Krawatte. Verbindlichkeiten zischelnd, schmiegt sich Kusuma in den Stuhl. Hat er bei Hendrijk noch einen Rest von autochthonem Mitgefühl empfunden, so gibt es diesem wildfremden Kapitalisten gegenüber keine Brücke. – Seine schwarzen Augen warten. Aber der Herr findet den Faden nicht. Er scheint sehr erregt. Offenbar kommt der Mensch, je größer er ist, desto leichter aus dem Konzept. Dann platzt er mit derselben Frage heraus, die auch den ersten Besucher heute drückte: nach der Adresse des Doktors. Wider Willen lächelt Kusuma in die traurigen wühlenden Augen hinein. Da muß ein Zusammenhang sein! Man ist Kehmerdill hart auf den Fersen. Zuerst kommt sein Schwager und zerrt die alte Chinesin an den Haaren herbei, um eine Absicht zu kachieren; nun kommt dieser Herr, der nur flüchtig mit dem Doktor bekannt ist, der Mann einer aparten Frau, die ihm, Kusuma, beunruhigend im Blute gespukt hat seit der damaligen abendlichen Unterhaltung . . . Einstweilen, denkt er, bleibe ich im Mittelpunkt. Statt eines gierigen Reflektanten auf die kleine Wissenschaft, die ich vielleicht in kürzester Zeit in Händen halte, gibt es jetzt bereits deren zwei . . . Er schüttelt langsam und bedauernd den Kopf. Die Frage wird heiser wiederholt, doch es hilft nichts. Wenn man die halbe Nacht nach einer Bergbesteigung gezecht hat und den ganzen Vormittag auf atemraubender Suche war, und dies alles bei 38 Grad Celsius im Schatten, so ist solche Strapaze geeignet, noch stärkere Leute umzuwerfen. Kusuma sieht, wie 134 sein Besucher ein paarmal die Luft heftig einzieht und zur Seite des Stuhles langsam hinuntergleitet. Blitzschnell ist er bei ihm, um den Sturz zu bremsen. Dann klatscht er in die Hände und ein Schwarm von Dienern bemüht sich um den ohnmächtigen Tuan. Sie sind eine gute Anzahl, und doch stöhnen sie, während sie sein Gewicht auf die Couchette neben Kusumas Arbeitsraum verfrachten. Der Gang nach hinten füllt sich mit den Silhouetten flüsternder Frauen, die sich zum Schauspiel drängen. Von diesen löst sich die Ratu ab, zierlich, vogelfüßig, und bringt ein Flakon mit Riechsalz. Kusuma nimmt es und winkt ihr ab. Voll gruselnder Neugier, die prächtigen Augen zurückgewandt, verschwindet sie zögernd. Kusuma löst Erdbrinks Kragen und schiebt ihm das Salz unter die Nase. Ist ein Arzt nötig? – Intuitiv durchschaut der Javane den Zustand. Bis sich Erdbrink erholt, wird höchstens eine Stunde vergehen. Er stellt den Ventilator an und legt ihm eine kalte Kompresse auf die Stirn. Dies hat zur Folge, daß Erdbrink bereits nach fünf Minuten die Augen öffnet. Noch ist ihm sehr übel. Kusuma legt seine Hand wie ein fallendes Blatt auf Erdbrinks Stirn. Dieser sieht nichts als zwei Augen, groß und schwarz. Wenn auch alles um ihn verschwimmt: diese Pupillen, die ihn völlig ausfüllen, bleiben bestehen als ruhende Pole. – »Es geht Ihnen gut, Mijnheer,« hört er wie aus weiter Ferne eine tröstend rieselnde Stimme. »Sie sind etwas müde . . . Sie wollen schlafen.« – Und langsam legt sich ein Druck auf seine Glieder, der sacht wächst; eine 135 geruhige purpurne Finsternis öffnet sich. Kleines fragendes Klopfen bleibt noch lebendig. Aber das ist nicht lauter als eine Trommel im Kampoeng. Kusuma löst die Finger von Erdbrinks Lidern, fährt streichelnd über die Brust – welch eine Brust! – dann an den Armen entlang, und fühlt das Wiedererwachen des Pulses. Ein tiefer fauchender Atemzug. Erdbrink schläft. Da schnurrt das Tischtelephon. Der Raden geht hinüber und lauscht hinein. Dann sagt er kurz: »Gut.« 136 Steinernes Lächeln Die Landschaft Kedoe in den Vorstenlanden träumt unter steiler Sonne. Es ist vormittags; die Reisfelder schillern unter sanften Brisen, und über ihnen schwebend, auf einer Schicht von violettem Dunst, träumen die Kegelschatten der Vulkane. An der Spitze des Merapi, wie ein Flöckchen Schafwolle, hängt eine schlohweiße Wolke. Nora und Kehmerdill schreiten den von silbrigem Wurzelwerk durchflochtenen Weg hinan. Ein Gambang klimpert im Palmenhain und begleitet sie mit melancholischem Ton. Aufatmend stehen sie still. Sie sind auf dem Plateau der Hügelkuppe angelangt und vor ihnen, kaum mit einem Blick umspannbar, dehnt sich ein Ziergarten aus greisenhaftem Gestein: die altersgraue Masse des Borobudur. »Schon der Name klingt wie dunkle Zauberformel,« spricht Nora. Schlank und weiß ist sie wie eine Schwanenfeder. Nur der Sonnenschirm, mit einem Schildpattgriff, ist grün. (Einen anderen ebenso grünen hat Mijnheer Erdbrink bei einem gewissen überstürzten Abstieg kürzlich aufgelesen.) Sie trägt einen Panamahut mit weit herabgebogener Krempe; 137 gerade noch sieht man das Näschen über einem sehr roten kurzlippigen Mund. Wenn sie ihren Freund anblickt, mit ihren beweglichen Augen, so geschieht es tief aus dem Schatten der Krempe heraus. Eine steile Treppe, fünf Terrassen der pyramidalen Basis überschneidend, eröffnet den schmalen Zugang. Nach Überschreiten der mächtigen Sockelfläche stehen sie vor dem ersten Spitztor, von dem ein Dämonenkopf auf sie hinunterglotzt. Dann sind sie mitten hineingeworfen in ein tumultuarisches Geschehen, in eine so mannigfache Geberdenwelt von Gott, Mensch und Fabeltier, daß sich Nora mit leisem Schrei des Erstaunens an Kehmerdills Schulter schmiegt. Der ganze Daseinsring des Erleuchteten rollt sich ab. Bild reiht sich an Bild. Von den Wandflächen strebt es zur Form: Zierhafter Elefantenrüssel, entspreiztes Pfauenrad, springendes Jagdgetier . . . Gewänder wallen, Kniee wölben sich und Hüften, stumm schreiende Münder klaffen, Augengruben lauern im Schatten. Und nicht nur die Wände leben, sondern jeder Blick scheucht neues steingewordenes Leben auf an Simsen, Friesen und Paneelen. Nora sieht sich scheu um. Auch noch in den höheren Umgängen dringt mystischer Schrecken auf sie ein. Drei fratzenhafte Tore werden noch durchklommen und auf einmal öffnet sich ein Wunder. Die wirre Stufenpyramide weicht zurück. Drei runde Terrassen, von großen gegitterten Steinglocken umkränzt, münden in die Spitze aus: in ein Gebilde von klarer Stupaform. Der ganze Spuk versinkt in der Tiefe; die Umgänge werden licht; der Wind weht 138 frei über reine Fliesenflächen. »Siehst du,« sagt sie und deutet hinab: »Nun haben wir uns durch den Wirrwarr hindurchgefunden. Nun sind wir im Weihebezirk. Komm ganz mit mir hinauf!« Sie ergreift seine Hand und zieht ihn bis zur obersten Stufe. »Nur wir zwei,« fährt sie fort, »hören uns noch. Darf es immer so bleiben?« »Es muß so bleiben,« sagt er heftig. »Ja, das kann man nicht ausdenken, das darf man nicht . . . Was hast du selbst durchgemacht! An einen Menschen warst du angebunden, der hätte dich fast zerstört, und bei mir war's ähnlich . . . Wie schön, daß wir das gleiche Schicksal haben! Glaubst du übrigens, daß sie sehr leidet?« »Menschen wie Antja de Ruyter leiden nicht. Sie sind nur verblüfft.« »Man hat es natürlich blutig schwer, mit dummen Menschen zusammengespannt zu sein . . . Erdbrink ist nicht dumm, aber für seine dicke Haut kann ich einstehn. Kannst du dir vorstellen, wie er jetzt poltert?« Sie spricht es mit eingezogenen Lippen, ohne Humor. Ihm ist, als stehe ein Riese am Horizont, der in fruchtloser Wut Wolkenbänke schiebe. – »Ha, ich bin ihm entwischt,« sagt sie schier mechanisch, mit scharfem Unterton. »Gewiß rast er noch herum und stöbert nach uns. Aber er findet uns nicht! Er stört uns nicht! Ist das nicht herrlich?« Sie gleitet herüber und umschlingt ihn mit bebenden Gliedern. Sie bohrt ihren Kopf in seine Schulter, sie lacht stoßweise. 139 »Wir sind in Indien. Ob wir ganz sicher sind?« »Sicher? – Ich kenne ihn gut genug. Wenn er sich müde gerast hat, setzt er sich ins Hotel und überlegt sich die Scheidung. Mit einer großen schwarzen Zigarre tut er das. Er soll sie haben, die Scheidung, und noch mehr dazu . . . Ich werfe sie ihm nach . . . dem Dickhäuter . . . Und schließlich, was liegt schon dran, wenn er uns findet. Er wird etwas Besseres zu tun haben, als dich über den Haufen zu schießen. Ich werde ihm schon meine Meinung sagen! – ›So und so ist die Sache, mein Herr; ich hab' es nicht gut bei Ihnen gehabt . . . Diesen Doktor raunzen Sie mir nicht an, wenn's gefällig ist. Den hab' ich mir genommen, weil er mich versteht. Weil er mich innerlich versteht.‹ Sie tippt an ihre runde Stirn. – ›Hier, jawohl. Und nun marsch zurück nach Hamburg, und besorgen Sie die Scheidung.‹ Und was dich betrifft, so bleibst du im Hintergrund. Hast du dich mit deiner Mischlingsgattin ähnlich auseinandergesetzt? War es eine Szene?« Sie grübelt. Plötzlich schüttelt sie ihn. »Hast du eigentlich Mut?« »Denkst du, es war eine Kleinigkeit mit diesen Leuten . . . Mit zwei haushohen Brüdern und einer Schwiegermutter, die Kieselsteine zerbeißt und Tausendguldenscheine schwenkt?« »Gut; ich will dir den Mut glauben. Doch du hattest mich damals schon gekannt!« Sie zuckt in erhabener Weise die Schultern. »Kein Wunder, daß du Mut hattest . . . Vielleicht hast du mich damals schon ein wenig gern gehabt? Und ich dummes Frauenzimmer lag wie ein Stück Holz im Bett und war 140 ganz schwach und benebelt . . . Erdbrink hatte an dem Abend getrunken, verstehst du, und wieder seine Scherze mit mir getrieben. Und es hatte so gar keinen Sinn! – Da hab' ich ihm den Streich spielen wollen, mit dem Veronal . . . Hast du nicht vielleicht mehr Takt als Mut? Takt fehlt ihm, notorisch taktlos ist er. Deshalb stichst du so ab von ihm.« »Ich hoffe, du hast nicht vor, auch mir einen Streich zu spielen . . .« » Dir!! « – Sie zieht die Hutkrempe herunter, als schäme sie sich der Wärme der eignen Augen, und beginnt zu rauchen. Der Rauch hängt pinienartig in der Luft und zerquillt in Kaskaden auf den Fliesen. Sie pustet den Buddha an, der in seiner zerborstenen Steinglocke moosfleckig neben ihnen sitzt; sie badet das altersgraue Antlitz aus Trachyt mit Qualm; so sitzt er in bläulichem Weihrauch. »Es ist schon lange her,« lächelt sie dabei, »daß er Weihrauch genossen hat . . .« Plötzlich springt sie auf, reckt den geschmeidigen weißgewandeten Körper an dem Steinleib in die Höhe und steckt die Zigarette in den Mundwinkel des sanft dozierenden Idols. »Denke dir, Otto, wenn er jetzt zugriffe!« – Die Vorstellung davon springt, phantastisch deutlich, in Kehmerdills Hirn: das Steinbild rührt sich plötzlich und zieht die atmende, pulsierende Kostbarkeit zu sich hinein in die Glocke. – Ein weißes Seidenbein zappelt noch hervor und dann erlischt ihre Angst wie ein Schwalbenschrei . . . »Ärgere ihn nicht,« sagt er leise. »Sie sind scheintot, diese Herren hier. Wenn du Blasphemie treibst, könnte es dir schlecht bekommen. So vieles in Indien 141 ist gefährlich. Du gleitest auf den Stufen aus und brichst dir den Fuß, oder das Spitztor dort fällt uns auf die Köpfe . . . Komm herunter, Nora.« Sie sieht mit steigendem Unbehagen an dem mächtigen Bild herab. Langsam schwingt sie das Bein aus der Glocke; es hebt sich feinmodelliert durchs Blau, wie das einer Tänzerin. Bevor sie die Kniee schließt und sich in die Arme des Doktors zurückgleiten läßt, nimmt sie die Zigarette aus den spöttisch gekräuselten, steinernen Lippen und gibt dem Buddha einen Backenstreich. Da, im Augenblick, wo ihre profane Hand die Wange des Erleuchteten berührt, geschieht etwas Unerwartetes und Beklemmendes. Die Sonne erlischt. Die Wolkenvorhut des Zwei-Uhr-Gewitters hat sie mit einer vorquellenden Spitze erreicht wie eine ausgestreckte Faust, die eine Manggafrucht zerquetscht. Die Sonnenseligkeit ist weggeblasen; schattenloses Halblicht macht sich breit. »Tempelschänderin!« sagt Kehmerdill und lacht etwas trocken. – »Merkst du, wie prompt er seinen Unmut zeigt?« Sie blickt sich scheu um. »Trage mich die Stufen hinunter,« flüstert sie. »Vorsichtig . . .« Er faßt sie um Taille und Kniekehlen; langsam und bedächtig steigt er herab. Leicht ist sie, leicht wie eine Schwanenfeder. Auf der großen Sockelterrasse angelangt, setzt er sie zögernd und zärtlich ab. Die Wolken, die bislang als brütende Linie im Süden den Horizont gesäumt, haben nun mehr als die Hälfte des Himmels überschwemmt. Zusehends 142 schieben sie ihre funkelnden Ränder weiter und fressen sich hinein in das vertiefte Blau der anderen Hälfte. Dort heben sich die Mendorehberge spukhaft weiß empor, als sei dort oben ein zweiter gigantischer Borobudur, von verscheuchten Göttern belebt. 143 Ein Brief Buitenzorg, 18. Dezember 192* Allgemeene Secretarie WelEdelGestr. Heere Dr. Otto Kehmerdill c/o Mijnheer van Kersten Residentielaan         Solo Mein teurer Doktor! Nun bist Du also durchgebrannt. Ich habe es auszubaden. Doch das liegt in der Logik der Umstände. Ich mische mich nicht gern in innerdeutsche Angelegenheiten. Wir waren ja auch schon während des Krieges neutral. Haben wir nicht jede Medizin schlucken müssen, die uns von rechts oder links gereicht wurde? Wir verdauen ja aber auch die Rijstafel, selbst wenn man sie überwürzt, zum Beispiel mit Volksraadreden, Christlicher Ethik oder Indopropaganda. Natürlich probierte ich Erdbrink zu beruhigen. Zuerst glaubte er an einen Sonnenstich Mevrouws und war Dir fast dankbar, daß Du sie so schnell entschlossen zurückschafftest. Doch als von Buitenzorg statt meines Fiat das Mietauto zurückkam, wurde er 144 bedenklich. Ich sagte ihm, es müsse wohl eine Panne passiert sein. Ich hätte ja den Fiat morgens schon wegen seiner Mucken inspiziert. Schon auf der Rückfahrt war er ganz still. Wir kommen bei meiner Villa an: kein Darmawan, kein Fiat. Erdbrink saust ins Haus, ich hinterher. Kein Doktor, keine Mevrouw Erdbrink. Ich bin ganz aufgeregt, g–ch, ist das ein heißer Tag! – ›Am Ende,‹ sage ich, ›hat er Ihre Frau ins Hotel zurückgebracht. Sie ist keine Akrobatin, sie ist überanstrengt von Indien und zusammengeklappt . . . Was weiß ich . . .‹ ›Die Nummer! Die Nummer!‹ schreit er und zerreißt mir das halbe Telephonbuch. Während er sich aber die Verbindung geben lassen will, fällt ihm der Hörer aus der Hand und er starrt mich an. – ›Ja,‹ sagt er, ›dann müßte aber doch der Doktor wenigstens ein paar Zeilen . . . eine Nachricht . . .‹ ›Ganz recht,‹ sage ich. ›Eigenartig. – Das sollte man annehmen.‹ – Du hättest ihn sehen sollen. – ›Mr. Erdbrink‹ sage ich, ›ich vermute, es hat keinen Sinn, wenn Sie ans Hospital telephonieren. Ihre Frau hat sich wahrscheinlich bei dem Doktor in Privatbehandlung gegeben.‹ – Er sackt zusammen. Ich gebe ihm einen Whisky, dann ermannt er sich und hält mir eine Rede. Ob ich glaubte, daß man ihm Sand in die Augen streuen könne. Er wollte mir darauf um jeden Preis Deine Adresse abpressen, er wollte mir sogar die Provision erhöhen, aber das gelang ihm nicht. Dann schwor er, er wolle es schon herausfinden und wenn er alle Welt 145 kompromittieren müsse, sich einbegriffen; bis zum deutschen Konsulat wolle er es tragen, ja bis zum G. G. . . . ›Mr. Erdbrink,‹ sage ich, ›das werden Sie nicht tun. Sie werden sich nicht die Hoffnung verscherzen, Mevrouw wiederzubekommen.‹ – Dann ist er wie ein Verrückter fortgestürzt und am selben Abend noch nach Weltevreden gefahren. Das ist alles, was ich weiß. Ich wünsche Dir einen recht schönen Aufenthalt, teurer Doktor, und gute Erholung in Solo. Meine Grüße an Kersten. Teile mir bald Deine fürderen Pläne mit. Wie immer Dein alter Heyermans         P. S. – Dieser Brief verspätet sich um einen Tag. Ich hatte Deine Adresse augenscheinlich verlegt und fand sie, trotz vorbildlicher Ordnung auf meinem Büroschreibtisch, erst heute wieder. Du kannst daraus ersehen, daß die Geschichte selbst mich ein wenig konfus gemacht hat. – 146 Die Schildpattdose Es geht hoch her bei Mijnheer van Kersten. In den Kelchgläsern siedet Sekt; man ist in Solo, Soerakarta, mitten im Herzen der Vorstenlanden, im Zentrum von Altjava; und Kehmerdill fühlt sich wohl. Der stiere Blick und das ältliche Kopfwiegen haben ihn verlassen. Er spannt mächtig aus, den Teufel ja. Hier kann man es tun, wer will ihn hindern? Alles befördert und schürt ein rosiges Behagen. Tritt eine Pause im Mahle ein, so hört man leises Sohlenplatschen auf den Fliesen. Die zwanzig Weiberchen, die für das Behagen des Gastgebers sorgen, sind voll alarmierter Geschäftigkeit und kredenzen. Sie rennen nicht; es ist eher ein schnelles Wandeln mit eingezogenem Kreuz, vorgeschobenem Schoß und ständigem Beben der Hüften. Verschämt und leicht nervös, wollen sie es um keinen Preis mit dem Hausherrn verderben, der trotz Behäbigkeit ein scharfes Auge hat. So tragen sie ihre Schüsseln mit schier ritueller Geste und wenn sie servieren, ziehen sie die Lippen ein und die großen Augen flackern angstvoll, während die Finger scheu zittern und die kleinen Brüste von stockendem Atem schwellen. Haben sie nichts zu tun, dann sinken sie im Hocksitz nieder, schlagen 147 gedämpft kichernd ihre dunkelblauen Sarongs in stramme Falten und ziehen die runden Schultern in die bunten Jackenärmel. Das Luncheon erreicht sein Ende. – »Sie werden sich jetzt niederlegen wollen, Madame?« fragt Mijnheer van Kersten. Und Nora, mit einem Blick auf Kehmerdill: »Sie haben nur zu befehlen, Herr van Kersten.« – »Also gut, ich wünsche Ihnen eine gesegnete Siesta; um fünf wird auf der Veranda Tee serviert.« Nora und Kehmerdill, beide mit Zigaretten versehen, betten sich auf zwei Strohcouchetten der Halle nächst der Veranda. Die Jalousien sind heruntergelassen. In der Halle steht ein großer eingelegter Tisch, umringt von Strohsesseln. In einem Paar mächtiger chinesischer Blumenkübel wuchern großblättrige Gewächse. Bis auf müßiges Droschkentrappeln ist es draußen still. Mitten in dieser sumpfigen Stille hört man ganz ferne Böllerschüsse. Als Echo klingt nadelfeines Singen im Porzellan. Das ist das tägliche Gewitter, das sich meldet. Ein gelbblühender Baum schickt Vanilleduft herein. Zuweilen braust eine blauschwarze Hummel durchs Haus, das ganz erfüllt ist vom leisen Schnalzen der Tschitschaks. Von Schlaf ist noch keine Rede. Man duselt ein wenig; aber die Gedanken sind aufgestört wie ein Ameisennest. Erst gestern sind sie von Djokjakarta angelangt, und es ist gewesen, als habe ihnen bei der Bahnfahrt ein Dritter Gesellschaft geleistet; als habe dieser Dritte sie mit verständnislos wühlenden Augen verzehrt, so daß sie nicht recht Atem schöpfen 148 konnten. Nun sind sie ja im Schlupfwinkel. Und die Stimme des Gewitters: ist es das leise Schnarchen des Mannes, der keuchend in fruchtloser Wut die Wolken schiebt? Kehmerdills Stirn ist heiß wie ein sonnendurchglühter Ziegel. Natürlich ist es bloß der Sekt, der ihn nicht schlafen läßt!! Denn eigentlich ist er übermüdet. Die Ereignisse der letzten Tage tanzen unter seinen Lidern wie ein stummes Gewühl von Farben und Menschen. Er sucht die Bilder zu erhaschen. Doch da verschmilzt alles zu opalfarbenen Höhenzügen, die sich schwellend verändern und Gefahr bedeuten. Dann wieder tritt junges funkelndes Reisgrün, überwirbelt von Benzinwolken, in den Vordergrund, und er sieht aufgepeitschte Staubfahnen unter endlosen Schattenalleen . . . Er reißt die Augen auf. Nora dort drüben ist gänzlich im Schlaf ertrunken. Der eine Arm hängt von der Couchette, der andere ruht friedlich im Schoß. Ihr Gesicht ist nicht leidvoll wie damals im »Daendels Hotel«; keine Verfinsterung trübt die eirunde Glätte der Stirn. Ganz in diesem keuschen Weiß liegt sie mit ihren goldbraunen Locken. Zuweilen zuckt ein Nerv an ihrem Bein oder an ihrer Hand . . . Wie er sie so liegen sieht, ist ihm, als hätten sie beide qualvolle Dinge durchkämpfen müssen mit dem Endzweck, einander am Tag der Erfüllung so weiß gegenüberzuliegen, zusammengehörig und erlöst von der Hetze irregeleiteter Wünsche. Die Rolljalousie aus Bambus legt ein Flammengitter auf die Fliesen. Sie knarzt leise, denn ein 149 Lüftchen stiehlt sich herein aus dem hohen Blau. Kehmerdill denkt an die Hotels seiner Jugend; er denkt daran, wie damals in Genua – verschollene Welt! – seine Mutter in solchem Sonnendämmer ihren letzten Atem verhauchte. Dumpf findet er sich zu Ausgangsorten, und seine Brust ist beklommen wie von vergessener Musik. Und da es nun so still ist bis auf das ferne Donnern im Blau, kriecht seine Seele ganz zurück. Seine Lider fallen wieder zu. Er wandelt auf dem milchigen Saumpfad von Träumen; er weiß nicht mehr, wie alt er ist. Nur darüber ist er verdutzt, daß alle beschützenden Hände entgleiten. Das verschollene Leben vor seiner indischen Zeit wird wach; in Verkleidungen rührt sich Totgeglaubtes mit all dem Moderduft des längst Versäumten. Nun wird der Traum deutlich. Da ist wieder das funkelnde Reisgrün. Er sitzt am Steuer seines Autos, doch der Zünder versagt, und er hat keinen Ersatz. Verzweifelt müht er sich ab, den Motor in Gang zu bringen. Da kommt Kusuma. Er schnalzt bedauernd mit der Zunge und wandert die endlose Sykomorenallee hinunter; zwischen den Stämmen sieht man sein schmetterlingsbuntes Kopftuch rhythmisch auf- und untertauchen. Schon ist er weit fort; doch als der Doktor seinen Namen schreit, wirbelt er mit dem Stöckchen und winkt anheimstellend zurück. Koos erscheint, Hände in den Taschen. Er sagt: »Gottverdammich! – Das ist dumm, Doktor.« Er versucht zu helfen; er bastelt, schnauft, flucht vor sich 150 hin. – »Ich muß dich verlassen,« meint er schließlich. »Du weißt, wir alle müssen fort . . .« Und auch er geht weiter; ab und zu klingt sein Lachen noch auf, wie verhallendes Gebell. Ein mattes Licht legt sich auf die Szene. Gurrend erscheint Salbeiblatt; er wiegt sich gefallsüchtig in den Hüften. Als er den Doktor bei so schweißtreibender Arbeit sieht, legt er die gespreizten Hände vor den Mund und läßt ein übles Lächeln hindurchsickern. Kehmerdill denkt entsetzt: »Zehn Jahre nun schon müh' ich mich ab; und keiner hat mir geholfen. Jetzt ist die Zeit um. Wenn ich nicht vom Fleck komme, geschieht etwas Furchtbares.« Auf einmal sieht er Nora neben dem Steuerrad im Auto sitzen. Hat er sie denn die ganze Zeit übersehen? Und wiewohl er so beschäftigt ist, spürt er hemmungsloses Mitleid mit ihr. – »Ich hätte dir schon geholfen,« flüstert sie und deutet listig auf ihr eigenes blasses Gesicht, »aber ich konnte nicht. Ich bin zwar ganz gesund, verstehst du. Nur das ewige Veronal macht mich so müd.« Zusehends verfärbt sie sich. Da sieht er eine düstergelbe Windhose von hinten herannahen. Vor dieser anrückenden Wand bewegen sich Menschen, die ihm übelwollen; Erdbrink ist an der Spitze, er überragt sie alle. Neben ihm, zeternd, humpelt mit schauderhafter Behendigkeit die alte de Ruyter und schwenkt einen Fächer aus Banknoten wie ein corpus delicti erster Klasse. Dann kommt Hendrijk, dann Peter; sie schleppen die atemlose und kreischende Antja zwischen sich. Eine ganze Phalanx ist es von herzuschnellender Erbitterung, und hinter ihnen wälzt sich das 151 graugelbe Ungemach, das ihn unwiderruflich verschlingen wird. Schon ist Erdbrink in nächster Nähe und seine traurigen Augen dringen lähmend auf den Doktor ein. Und während dieser sich keuchend mit letzter Raserei am Motor abmüht, fühlt er: »Dies ist der Tod.« – Sein Herzschlag donnert. Schon kommt der Moment, wo die Verfolger zu pfeifenden Ratten werden und ihn anspringen. Ahrrr . . . Er schnappt nach Luft und fährt in die Höhe. Sein Kopf ist in kühlen Duft gebadet. Eine Stimme fragt: »Liebster, was stöhnst du so?« Hinter dieser Stimme steht der Nachhall eines Donnerschlages und anschwellendes Rauschen von Regen. Nora kniet an seiner Couchette und hält den Arm um seinen Hals. Noch spinnt sich die gräßliche Vision, buntverblassend, auf dem weißen Regenschleier weiter. Er starrt in das kleine angespannte Gesicht; das fahle Phantom tritt zurück; die Wirklichkeit behauptet sich lächelnd und gesund. Da atmet er tief beruhigt auf und stößt hervor: »Gott sei Dank, daß du mich geweckt hast!« »Du hast dumm geträumt. Ich bin bei dir! Was war es denn? Ich hatte fast Angst. Mir war zumute, als zerrte mich jemand von der Couchette herab.« In seinem Blick ist noch der Nachschimmer des Entsetzens. »Ich war steckengeblieben, Nora,« stammelt er, »gänzlich steckengeblieben. Kennst du das Gefühl? Ich kam einfach nicht vom Fleck. Und niemand konnte mir helfen.« »Auch ich nicht?« Er schweigt. – – Sie streichelt seinen Kopf. In 152 ihren Blick tritt eine Fremdheit; sie sieht ihn aufmerksam an. Aus einmal meint er ganz lustig: »Es ist ja gerade, als wollten wir ins Orakeln verfallen. Wenn man so träumt, so sind das die Nachklänge von früher, die einem zusehen . . .« »Otto, ich bitte dich, schwatze keinen Unsinn. Im Traum kommt einfach heraus, daß du meiner nicht sicher bist. Innerlich sitzt dir noch ein Zweifel. Da muß ich noch einmal gründlich durchfegen. Bildest du dir ein, ich hätte alles aufs Spiel gesetzt, wenn ich meiner und deiner nicht sicher wäre? Solange ich noch ein Wörtchen mitzureden habe, bleibst du nicht stecken. Natürlich sind deine Nerven kaputt, und ich reiße dich noch vollends aus dem Geleise. Bist du aber nicht, wenn man an deine vorherige Einbalsamierung denkt, schon recht beweglich geworden?« Sie lacht. »Ich werde dir noch beweisen, daß ich dir auf die Beine helfen kann . . .« »Bin ich das wirklich wert?« »Eigentlich nicht, wenn du so albern träumst. Aber schließlich kann der Mensch nichts dafür, was er träumt, nach Sekt und bei 38 Grad Hitze. Dein Kopf war ganz vom Kissen heruntergerutscht . . . Ich glaube, du bist immer empfindlich gewesen! Und bei deinem weichen Gemüt, geschätzter Freund, hast du allerhand ausstehen müssen! Wie deine Halfcastegattin dir auf die Nerven fiel, kann ich mir sehr gut vorstellen. Deswegen hast du auch wie eine Maschine geschuftet. Daß du nicht zum Misanthropen oder Trinker geworden bist, macht dir alle Ehre. Das imponiert mir.« 153 Er beißt sich auf die Lippen. Sein Gesicht wird vorübergehend fleckig. Er schluckt hinunter. »Vorläufig bin ich ein undankbarer Kerl und stecke deine Güte ein wie ein Trinkgeld.« »Nett gesagt. – Aber schließlich gestatte ich es dir ja auch.« Sie erhebt sich aus der knieenden Stellung und setzt sich neben ihn; sie beugt sich über ihn mit einem langen Kuß. Er sinkt zurück. Die eine Hälfte seiner Jacke steht offen und hängt auf der Seite herab. Er versucht sie an sich zu ziehen. Der Brief von Heyermans ist in der Tasche und auch eine gewisse kleine Schildpattdose. »Ich will aufstehen,« sagt er mit belegter Stimme. – Sie erhebt sich; er rafft den Zipfel an sich und knöpft sich die Jacke zu. Das Papier knistert. »Es ist Zeit zur Dusche,« sagt sie plötzlich. »Ich lass' dich bald in die Kammer . . .« – Ihm zunickend verschwindet sie. Er sieht ihr nach; mechanisch lächelt er den leeren Gang hinunter. Es ist kein ganz offenes Lächeln. Wenn er sich jetzt im Spiegel sähe . . . Aber wiewohl Mijnheer van Kersten über eine Menge der schönsten Prunkspiegel (Marke Warenhaus) verfügt, befindet sich gerade dort, wo Kehmerdill steht, keiner; und das ist auch vielleicht gut so. Langsam schlendert er auf die Veranda. Im Garten steht ein weißgetünchter Elefant aus Plastilin, halblebensgroß. Der Hausherr hat wohl von einer gewissen westlichen Gepflogenheit gehört, tönerne Rehe oder karrenschiebende Zwerge zur Belebung des Gartens anzubringen und wollte, in Anpassung an 154 indische Verhältnisse, offenbar ein übriges tun. »Das ist immerhin rührend,« denkt der Doktor. »Gipsgöttinnen, bronziert, leuchten mir zum Speisezimmer, und wohl nie werde ich herausbekommen, ob der Messingfrosch dort hinten eine Sparbüchse oder ein Spucknapf ist. Guter van Kersten. Du kennst Europa nicht. Du bist hier geboren und hier geblieben. Nymphen in Seerosen und Öldrucke, in Hirschhorn gerahmt, bedeuten dir mehr als uns. Trächtig sind sie dir von allem Reiz der Fremde. Auch du hast dein zweites Leben, guter Greis. Sechsundsechzig Jahre in Indien!! Großer Gott.« Diese Beobachtung formt Kehmerdill in leisem Selbstgespräch. – »Zwerge!!« flüstert er noch einmal und schüttelt ältlich den Kopf – »Schubkarrenzwerge . . .« – Doch es läßt sich nicht übertäuben und nicht anhalten, was in ihm wächst und ihn durchschüttelt. Er versucht, sich über Mijnheer Kersten zu amüsieren; es gelingt ihm nicht. Es ist eine zu bittere Pille, die hemmungslose unfaßbare Güte dieser Frau. Kaum verdaulich. Er schluckt Speichel. Jetzt steht sie unter der Dusche; er hört das Plätschern des Wasserschöpfers. Durch und durch sauber ist die Frau – klar an Geist und Leib. Auch über sich selbst ist sie sich klar. Wenn er das von sich behaupten wollte, so würde er, um mit dem Referendaris zu reden, den Tatsachen »greulich schmeicheln«. Und doch! – Nora hat ihn soeben hübsch charakterisiert. Glauben wir einmal, zum Spaß, an die gütige Meinung der Frau! Was man fest genug glaubt, tut einem vielleicht den 155 Gefallen und wird zur Tatsache! Sie glaubt, ich sei ihrer wert! Wo ist da ein strikter Beweis, daß sie sich täuscht? Hat sie nicht auch vor sich davonrennen wollen? In »Daendels Hotel«? Er fährt mit dem Finger an der Nase herab. Mit diebischer Bewegung stiehlt sich seine Hand in die Tasche und umschließt die kleine Dose. Noch zögert er. Verdammt, daß er sich immer um die Stimmung bringen muß mit faulen Sophismen! Das Schildpattdöschen brennt ihm in der Hand, die Finger zucken. Zwanzig Gramm sind es noch . . . Das genügt für einige Zeit. Langsam gewöhnt man sich's ab, ökonomisch muß man sein. Zwischendurch schlürft man Gesundheit aus der prachtvollen Kameradschaft, stärkt sich den Widerstand gegen das Döschen, borgt sich Kraft aus dem reinen Körper . . . Denn immer noch spürt er, trotz des tollen Erlebnisses, trotz der Erfüllung, die wie eine Rakete den Dunst seines Daseins zerriß, diese Lähmung! Die stechende kleine Schwäche an der Wurzel der Schwinge, die man entbreiten will! Psychisch ist das nicht, bewahre!. »Das periodische Fieberchen« ist es . . . Haben wir dies Indien einmal abgestreift, dann sind wir auch davon befreit! Zwischendurch muß man sich helfen; ich möchte doch, Mevrouw Erdbrink, Ihrer würdig sein! Sacht bremse ich ab, passen Sie auf; peinlich schraube ich die Dosierung herunter, und während Mijnheer Erdbrink sich an unserem gemeinsamen Puffer den Kopf einrennt, werde ich Vollmensch . . . Mit schneller Bewegung führt er das weiße Pulver 156 zur Nase. Süßlicher Druck beginnt im Hinterkopf. Der »Vollmensch« rührt sich bereits, und preßt in schönen Pumpstößen das Blut durch die Venen. Die Augen tränen, dann kommt das herrlichste Behagen, die große weiche allumfassende Toleranz . . . 157 Intermezzo In eine offene Haustür, die eine Füllung von vergoldetem Schnitzwerk trägt, schiebt sich ein junges Weib. Die lackroten Lippen öffnen sich; zwei große weichgeschlitzte Augen, blinkend in purpurbrauner Iris, starren auf Nora wie auf einen Geist. Tiefverblüfft steht die junge schmalhüftige Person, voll unklarer Andacht; die schlanken Beine beben in schwarzseidenen Hosen. Unter dem straff nach hinten geklebten Haar zittern die Ohrdiamanten; beklommener Atem drängt die Knospenbrüste heraus . . . Nora schenkt ihr einen kurzen Blick. Sie spürt die Betrachtung wie eine Berührung. Die kleine Chinesin lächelt nicht zurück; kein Grübchen tritt in die hochrot geschminkten Wangen; eine Weile noch starrt sie auf die Europäerin mit schlaffen Lippen . . . Dann, wie ein Geist so schnell, huscht sie zurück ins Dunkel. Kaum hört man das Klappen ihrer Pantöffelchen. »Sahst du sie?« flüstert Nora und packt Kehmerdill am Arm. » Sahst du sie?« »Jawohl!« erwidert Kehmerdill und bleibt stehen. »Freilich sah ich sie. – Nur zu gut!« »Einen Malaien,« flüstert Nora erregt, »kann ich verstehen. Aber diese hellen Gesichter schaff' mir weg, 158 Otto. Du findest nicht mehr menschlichen Ausdruck darin wie in Eierschalen.« Ihre Augen tauchen, während sie weitergehen, rastlos in die Krämerbuden. »Spürst du nicht auch, daß ein Hauch von Sinnlichkeit aus diesen lautlosen Schacherhöhlen weht? Mir wenigstens ist so, als würde ich in Gedanken vergewaltigt . . . Ich kann's nicht definieren . . . Wie ein Brand im Kohlenflöz ist das; die Leute kontrollieren sich. Sie machen es mit dem Hirn . . . Es ist nicht mehr triebhaft; es ist ein schlemmerhaftes Taxieren . . .« »Gewiß, sie taxieren dich,« sagt Kehmerdill, »aber ich weiß nicht, warum du dich beklagst. Wir beide haben doch so viel Triebhaftigkeit zu kosten bekommen, daß eine Abwechslung uns doch nur angenehm sein müßte! Freilich, Antja oder Erdbrink sind keine Chinesen.« Sie sieht ihn groß an; sie ist erschrocken, daß sie sich plötzlich mit ihrem kleinen Bonmot so wichtig genommen sieht. Denn er hat fast heftig gesprochen . . . »Aber,« stammelt sie, »ich will ein offenes Feuer; ein gesundes Feuer! Es gibt doch noch ein Zwischending! Läßt du mir denn keine Wahl als Brunst oder Brutalität? – Gibt es nichts Drittes? « »Du verstehst sie nicht. Was mir an Chinesen gefällt, ist ja gerade ihre Kontrolle über den Trieb. Deshalb setzen sie sich überall durch . . . Sie zerlegen die Weißglut ihrer Sinnlichkeit ins Spektrum; sie stehen neben sich selbst; sie verwandeln ihren Trieb in Kunst, in Zeremonie, in Lebensführung.« – »Und das Endresultat?« stößt sie mit großen Augen hervor. »Du beschaust deinen Nabel, mein Freund, 159 und bist reif für den Borobudur. Erinnerst du dich an den moosfleckigen alten Herrn, dem ich neulich meine Zigarette gab? – Der war scheußlich allwissend, und hat sein Gemüt verschluckt. Brrr, diese Temperamentlosigkeit . . . Geistig abgeschlachtet hat er seinen Körper, öd und dünnlippig grinst er hinter einem drein; in vertrackter Heiterkeit schwelgt er und Selbstberäucherung . . . Da hast du dein Ideal.« Er stampft mit dem Stock auf. Er fühlt sich vor das Forum gezerrt. Verteidigen muß er sich, und weiß dabei: er wird Sachwalter des Ostens . . . »Nein, nein!! – Bei dem, was die Chinesen betreiben, kommt eine selbstgeschaffene andere Welt heraus! – Ein raffinierter Protest ist das, weiter nichts, gegen die wirkliche Welt! Denn so, wie wir Europäer sind, müssen wir unterliegen, weil wir noch nicht so weit sind, daß wir die Dinge beseelen können! Die haben's besser! Die ganze Dämonenhorde der eigenen Brust stellen sie aus sich heraus! Ach, unsere ›Menschlichkeiten‹! Der Chinese entgiftet sie. Er haucht sie auf die Vase; er schnitzt sie als Figürchen, grotesk und lieblich; die Empfindungen kramt er heraus in einen Spielzeugladen und malt sie höllisch oder zärtlich an. Auch für die Erlösung hat er seine Madonna, die mondene Kwannon.« – Schweigend gehen sie eine Weile nebeneinander. »Nein, Otto, deine Predigt hat zwar viel Bestechendes, aber ich glaube dir nicht. Für jedes Gefühl eine Puppe zu haben, die man tanzen läßt, ist greisenhaft. Du gehörst nicht zu dem Volk, dessen Kinder fertig auf die Welt kommen mit Haaren und Zähnen. Ich 160 halte nichts von den blumigen Phrasen, die sie an sich verzetteln; ich für meine dumme Person lehne den Osten ab. Ich will leben, leben!« – Wieder packt sie ihn am Arm und späht in seine abirrenden Augen. »Ich fühle mich so lebendig, und möchte auch dich in dies wundervolle Lebensgefühl hineinreißen! Wir haben ja doch schließlich auch unsere kleine Konvention! Genügt dir die nicht? Aber dabei lassen wir uns doch die Zügel locker, wenn wir lieben  . . . Man findet das doch natürlich. Was ist denn schon an so einer zweibeinigen Tafelwürze, wie der Puppe vorhin in der Haustür!« Es gelingt ihr, seinen Blick zu finden; halb überzeugt sie ihn, das merkt sie. Er ist ja auch absolut nicht rechthaberisch! Er hat nur in diesem Augenblick, und das weiß sie nicht, an die kleine Dose in seiner Tasche gedacht . . . Sie durchschaut es nicht. Sie weiß nicht, was so tief vergraben in ihm sitzt und ihn lockt. Sie kennt die saugende Schwäche nicht. Abhängig ist er, ausgeliefert an die Züge, die er in jener Tür erlöschen sah. Und der Geruch, der sengerig hinter jenen leeren Gesichtern aufsteigt und die Schleimhaut kitzelt mit tückischer Süße, ist das feindliche Prinzip. Und die Hingabe daran, an die schwüle Trunkenheit, ist Selbstaufgabe und Tod. 161 Schweres Geschütz Es ist wohl eine Woche verflossen seit der Raden Kusuma zwei überstürzte Besuche erhalten hat – den einen am frühsten Gottesmorgen, und den anderen abends. – Er versieht sich keiner Überraschung mehr. – Da, parbleu! – bricht man wieder durch seinen Zaun. Es ist der große westliche Kapitalist, der damals bei ihm vom Stuhl gefallen ist; – der ein solches Wesen gemacht hat wegen des Doktors Adresse . . . Es gibt diesmal kein so hervorragend herzliches Begrüßungs-Hinundher. Dazu ist man beiderseits viel zu sehr auf der Lauer. Trotz solcher Vorsicht weicht Kusuma zwei Schritte zurück; wird gleichsam hinweggepustet von der maßlosen Gradlinigkeit, die der Kapitalgewaltige diesmal zeigt. Denn Erdbrink ist in der Offensive. Er hat Verdacht geschöpft; er gibt sich keine Mühe, ihn zu verbergen. Er steht halb über den Tisch gebeugt, auf den er seine mächtigen Fäuste stemmt, und lästert ohne Hemmung, in deutlichen, groben Worten. Zwei scharfe Falten haben sich in seinem früher gutgepolsterten Gesicht eingenistet; das gleichmäßige Grau der Haut glänzt wächsern. Auch ist er schlanker geworden. Seine Bewegungen lassen das schaukelnd 162 Seemannsmäßige vermissen; – er bewegt sich schnell und knapp. Kusuma nimmt dies alles mit Erstaunen wahr. Seine zischelnden Verbindlichkeiten sprühen heute nicht wie aus kleiner Gartenfontäne, die bunte Bälle schleudert. Nein, das Brünnlein versiegt vor dem grellen Blick Erdbrinks; nur ein paar schnell verdunstende Tropfen kann es geben . . . Und der Raden wird diesmal wirklich böse. Sein Lächeln, das er bis jetzt erstaunlich unbefangen festgehalten, erlischt. Er senkt die Augen. Seine feingezeichneten Brauen steigen zum erstenmal tief herab und vermählen sich über der Nasenwurzel. Einen einzigen dunklen Strich bilden sie; die eine Hand Kusumas schiebt sich in den hochgeschlossenen Jackenkragen, wie um diesen zu lockern. Alles an ihm ist gestrafft. »Neulich,« sagt er (in Lauten, die immer noch gurren, aber trotzdem etwas drohend Langgezogenes haben), – »wurde hier festgestellt, daß ich nichts weiß. Doch man scheint sich nicht zu beruhigen. Man kommt ein zweites Mal, man bricht hier gleichsam ein. Wie ist das, Mijnheer Erdbrink! – Würden Sie zu Hause ähnlich handeln? Man erzählt mir, daß man in Hamburg auf Form gibt . . .« Erdbrink, den grellen Blick ständig auf das hellbraune Gesicht gerichtet, zwischen dessen geschürzten Lippen, aus dem Glanz der Zähne hervor, diese Worte fallen, läßt sich nach hinten in den Stuhl sinken. Der Korbstuhl kracht in allen Fugen. Herr Erdbrink sitzt und hat auch die Absicht, sitzen zu bleiben. Langsames Lächeln schleicht sich in Kusumas Züge zurück. – »Es ist immerhin dankbar, daß man sich 163 ausspricht,« flötet er und gleitet, den Sarong raffend, auf die Kante des Stuhles gegenüber. »Wenn ich Ihnen mit etwas anderem dienen kann, Mijnheer, so stelle ich anheim . . . Fragen Sie; plaudern Sie. Aber das bewußte Thema . . .« »Gerade auf dieses Thema,« spricht Erdbrink mit derselben atemlosen Heiserkeit, »lege ich besonderes Gewicht.« »Aber ich nicht. – Ihr Gewicht . . .« Der Raden schmiegt den Kopf an die emporgezogene Schulter und öffnet die Hände. Große Ansammlung von Energie tritt in die wächsernen Züge. Wieder schiebt Erdbrink die Fäuste vor sich her. »Wenn man sie doch packen könnte, die Aale!« sagt er dumpf. – »Sie wissen die Adresse. Sie sind ein Schuft; ein Lügner.« Nichts gleicht der panterartigen Geschmeidigkeit, mit der Kusuma von der Stuhlkante gleitet und, die Hände in die Hüften gestemmt, auf leisen Sohlen zurückweicht. Das bunte Batikmuster seiner Kappe leuchtet auf, während er den Kopf dreht und einen leisen Schrei nach dem Inneren des Hauses ausstößt. Von allen Seiten beginnt es zu rascheln und wie mit einem Zauberschlag ist der ganze Hintergrund der Veranda gefüllt von offenlippig grinsenden, sehr handfesten Bedienten. Erdbrink lehnt sich im Stuhl zurück und mustert dies lautlose Panorama. »Sie wollen wohl Zeugen,« fragt er endlich. »Zeugen,« flüstert Kusuma, »für Ihren Abschied, Mijnheer.« 164 Erdbrink beißt sich auf die Lippen. »Ich gebe zu,« sagt er dumpf, »ich habe mich übertrieben ausgedrückt. – Schicken Sie die Leute weg.« »Sie geben es zu. Gut. – Bringt Tee,« wendet sich der Javane an den Hintergrund. »Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Mijnheer Erdbrink,« fügt er gleichsam nebensächlich bei und geht wieder an den Tisch heran. Da sagt Erdbrink tonlos: »Raden! – – Es handelt sich um meine Frau.« Kusuma schnalzt ein wenig mit der Zunge am Gaumen. Empfindung tritt in seine schwarzen Augen. Es ist wie ein gütiges, fast kränkliches Lächeln, was über sein glattes Gesicht wandert. Erdbrink stiert ihn an: ist es Mitgefühl? »Die Frauen!« sagt Kusuma. – »Ja, sie sind nicht leicht zu behandeln.« Tee wird serviert. – Der Raden nippt bloß davon, während Erdbrink das fast kochendheiße Getränk in gewaltigen Zügen zu sich nimmt, so daß ihm Röte aufsteigt und die Augen tränen. »Es ist,« fährt er fort und stiert: »ein Gebot allgemeiner Menschlichkeit . . .« »Ja. – Und doch,« flüstert Kusuma und wird auf einmal sehr munter, »– sind die Menschen so verschieden . . .!« »Wie meinen Sie das?« »Nun, Herr Erdbrink, sehen Sie mich an. Sehen Sie sich selbst an. Gibt es größere Gegensätze? Wer bin ich? Sie sind ein großer, ein gewaltiger Mann; sehr reich und verwöhnt. Sie haben Inseln gekauft, 165 wie? Sie haben noch viel mehr gekauft; überall spürt man Ihren großen Daumen. – Aber der Unterschied zwischen uns läßt sich vielleicht überbrücken!« Erdbrink ist kein Mann der Umschweife. »Gewiß,« sagt er schnell und zieht ein Scheckbuch aus der Tasche. – »Der Unterschied läßt sich überbrücken.« – Kusuma verschwindet im Haus und kommt nach einer Minute wieder. Er tut, als bemerkte er das Formular gar nicht, das Erdbrink mit großer kratzender Schrift bedeckt. Wenn der Herr sich Notizen machen will, so ist das seine Sache; daß er das Blatt dann auf dem Tische liegen läßt, ebenfalls . . . Wer wird ihm Vorschriften machen wollen? – Kusuma trägt ein Zettelchen, das er, spielerisch zögernd, in der Hand behält; er will Erdbrink nicht stören, bis dieser mit seinem Kritzeln fertig ist – dann, mit einem kleinen Vorstoß, überreicht er ihm die Adresse. Erdbrink reißt sie an sich und buchstabiert sie mit bebenden Lippen, als wolle er sie auswendig lernen. Kusuma nimmt zwischendurch den Scheck, faltet ihn mit abwesender Miene säuberlich zusammen und läßt ihn verschwinden. Viele Fältchen zucken in seinem Gesicht; er denkt angestrengt nach. »Es war nicht leicht, Mijnheer,« sagt er endlich, »die Adresse zu beschaffen. Sie fahren nun sofort nach Solo?« »Mit dem nächsten Zug.« »Er geht um fünf Uhr morgen früh. – Es trifft sich zufällig, –« und Kusuma leistet sich ein perlendes kleines Lachen, – »– daß auch ich nach Solo fahren 166 muß. Ich bin beauftragt, eine kleine Vermittlung zu regeln zwischen Buitenzorg und dem Susuhunan . . .« »Wem?« »Dem Sultan von Soerakarta. Eine Sache, die Takt erfordert. Übrigens . . . warum sollte ich nicht noch einen weiteren Privatauftrag übernehmen, nachdem ich nun einmal dort bin . . .?« Erdbrinks Augen verengen sich. Gar nicht so aus der Luft gegriffen ist dieser Vorschlag! Eigentlich überlegenswert! Wer weiß; dieser Javane wurmt sich überall hinein; man könnte ihn gut verwenden . . . Mit seinem Spürsinn für das Praktische greift er es auf. »Gut,« sagt er langsam, »Herr Kusuma. – Sie kennen diesen . . .« – er buchstabiert aus dem Zettel – »Hofarchitekten van Kersten?« »Er ist ein intimer Freund des Sultans. Ich bin ein Vetter zweiten Grades Seiner Hoheit. Es ist wie eine Familie . . .« »Sie werden das Terrain sondieren?« »Gewiß.« – »Ganz gut. – Sie sind schon lange mit dem – Doktor bekannt?« »Wir sind befreundet.« »Befreundet? Wo bleiben da meine Interessen?« Kusuma betrachtet sich diese Unbeherrschtheit, die sich vor ihm entfaltet; er schüttelt langsam den Kopf. »Die Nerven laufen mit Ihnen davon,« sagt er bedauernd. Erdbrink besinnt sich. Dies verdammte Indien! Alles ist »befreundet« miteinander . . . 167 »Nun, Mijnheer, ich will Ihre Erregung Ihrer Unkenntnis der Landessitten zugute halten. Verstehen Sie nicht, daß gerade ich ihn am besten beobachten kann, weil ich mit ihm befreundet bin?« Erdbrink denkt gradlinig. Aufseufzend sagt er: »Nun gut. – Folgen Sie Ihren . . . Landessitten.« »Immer Späßchen, Mijnheer; immer Späßchen . . .« ..Ich spaße absolut nicht!!« Erdbrink geht steil in die Höhe. »Ich habe meine Meinung von diesem Doktor, meine festbegründete Meinung, Herr! – Er hat mich bestohlen; da ist schließlich jedes Mittel am Platz!« – »Jedes Mittel? – Nun! Nun!« gurrt Kusuma. »Aber, Mijnheer, bezähmen Sie sich und folgen Sie meinen Ratschlägen. In Ihrem Interesse. Wenn Sie immer ›Buh – buh‹ sagen: wen verscheuchen Sie damit? – Nur mich? . . . Nicht auch . . . Mevrouw?« 168 Reistafel in Solo Ein Papagei, auf dessen entspreizten Schwingen alle Palettenfarben flammen, krallt sich an Noras Schulter. Man ist im verwunschenen Hintergarten der Villa in Solo, wo Mijnheer van Kersten seine Menagerie untergebracht hat. In Korbkäfigen gackert, kreischt, pfeift und flötet es von allerlei talentierten Vögeln; einige knarzen in Sundadialekten, hüsteln oder lachen häßlich –: zur steten Freude der kleinen Dienerinnen oder zum kläffenden Ärger einer zitterbeinigen Rotte von Rehpinschern. Der Papagei hängt flatternd an Noras Hals. Er will ihr Ohrgehänge stehlen und gurrt in eigensinniger Habgier. Kehmerdill befreit sie von dem Untier, und während er den kleinen Krallenriß an ihrer Schulter mit kölnischem Wasser reinigt, umfängt jene wirbelnde Willenlosigkeit, jene wunschlose Schwäche seinen Kopf, die ihn jedesmal bei der Berührung ihres Leibes überwältigt. – Sein Mund sinkt mit einem tiefen Kuß in ihre Halsgrube, und seinen Kopf umfassend erschauert sie und blickt mit verschwimmendem Ausdruck in die Hecke aus zerfetzten Pisangblättern, durch die das Blau des Vormittags lodert . . . Dumpfer Duft treibt herzu . . . Ist es der 169 Blumenduft der alten de Ruyter? Das kommt von den Orchisrabatten, die auch der Hofarchitekt züchtet. Kehmerdill klammert sich an seine Freundin mit einem tastenden Schutzbedürfnis. Das Frühere war so häßlich und singt noch in seinem Blut wie Gift. Hier aber ist er versteckt, ist er geschützt; hier kann nichts an ihn heran; gut und unauffindbar hat er sich verkrochen; und diese seltenste Frau steht in der Bresche der Schutzwehr und läßt niemanden herzu. Ganz und gar geborgen sind sie beide . . . Zwei mächtige Ulmer-Doggen gibt es hier, zwischen denen Nora sich zuweilen niederläßt. Diese betten die silbergrauen Köpfe in ihren Schoß und grübeln löwenhaft, während die Frau ihnen spielerisch mit der Hand über die Schnauzen fährt . . . Die Kreatur fühlt sich verstanden, wo sie weilt. Der ganze Haushalt liegt ihr zu Füßen, einschließlich des Hausherrn. Denn auch mit Mijnheer van Kersten steht es so, daß er es ohne Unterlaß »müllernd« und fingerspreizend betont, wie Nora ihm ans Herz gewachsen ist! Wann tut er das? In den Pausen, die sein onkelhaftes Regime zuläßt, das er über seine zwanzig kleinen Dienerinnen führt. Zum größten Teil stehen diese im zartesten Alter . . . Die Babu, die Beschließerin und drei ältere Matronen kontrollieren den menschlichen Vogelstall. So huscht und purzelt das kleine Weibsvolk, trägt Tabletts, putzt den Messingfrosch und die Gipsgöttin und weiß sich kein Ende des flüsternden Staunens und Tuschelns im Winkel . . . Mijnheer in seinen gebatikten Hosen ist ein gutgemischter menschlicher Cocktail, in dem die Bläschen der Lebensfreude 170 sieden. Fröhliche hellblaue Schlitzaugen glänzen aus rundem tropengelben Gesicht. Haar und Schnurrbart sind eisengrau, und sein Format deckt sich mit dem seines Mäzens, des Susuhunan. Während jedoch der Herrscher über ein dreifaches Kinn und vierzig Orden verfügt, besitzt Mijnheer nur ein Doppelkinn und den »Nassau-Oranien«. Auch ist sein Wanst bescheiden, während Seine Hoheit fünf Meter Sarongtuch benötigen. Der Susuhunan hat seinem Freund auch den Direktorposten des Vergnügungsparkes geschenkt. Nicht zuletzt ist es das Gefühl dieser wasserdichten Sinekure, was die Lebensfreude des guten Greises dauernd auf dem Siedepunkt hält. Daher sein ständiges glucksendes Glücksgeschrei und dabei, gleichsam aus Selbsterhaltungstrieb in Überfülle, die Geschäftigkeit im Hause; ja, er ist ein rechter Haustyrann, und das Weibsvolk muß dran glauben. Oft auch säuselt der Zephir und er patscht auf ein niedliches Hinterteil, krault unter kicherndem Kinn . . . So ist es klar, daß er trotz seiner Jahre noch keiner Auffrischung bedarf. Nur die Leber rührt sich zuweilen. Das sind die vielen Reistafeln . . . Darin verläßt er sich auf Kehmerdill; dieser legt die Grenzen der Diät weitherzig aus . . .   Der Hofarchitekt ist zwischen den Rabatten aufgetaucht und nähert sich ihnen, – zwei, dreimal über die Schulter spähend. Bei ihnen angelangt, dämpft er seinen Diskant zum Flüstern. 171 »Es ist Besuch da; – Besuch aus Batavia.« Kehmerdill kramt umständlich eine Zigarette hervor. Noras Lippen werden blutleer. – Doch der Hofarchitekt zwinkert vergnügt. »Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, meine Freunde. – Ich habe kein Wort davon gesagt, daß Sie hier sind. Ich will mich nur bei Ihnen vergewissern, daß ich ihn empfangen darf. – – Es ist der Raden Kusuma.« Blitzartig tritt eine Szene in Noras Gedächtnis. Es ist bei der »Soirée« des Doktors, und sie fühlt ihren Blick von dem scheinschläfrigen Lid eines Inders ertappt wie von einer Falle. – Sie hört sein Wort, das er wie einen Pfeil in ihre Unterhaltung sandte. Und sie denkt an ein Auge, das die Kraft hat sie zu entkleiden. Nein; sie kann ihn nicht sehen; sie will ihn nicht sehen. Kehmerdill sieht sie erstaunt an. »Warum nicht? – Er ist ganz uninteressiert. – Er ist diskret.« »Er ist nicht uninteressiert! Ich habe das Gefühl, er intrigiert . . .« »Du tust ihm unrecht . . .« »Otto, im Moment, wo der Mann uns hier sieht, weiß er Bescheid. Du kannst dich schon verlassen auf meine Intuition . . .« Sie sieht ihn großäugig an. »Ich spür's . . . Immer hab' ich es gespürt, wenn ein Unglück begann . . . Laß Kersten ihn fortschicken; Du kannst deiner Freunde nicht sicher sein. Es gibt keine Freundschaft in diesem Land.« 172 »Phantastin! – Nun gut, Mijnheer, lassen Sie uns in den Zimmern servieren.« »Er hat ohnedies wenig Zeit,« meint Kersten. – »Er sagt, er sei in dringenden politischen Angelegenheiten hier. Er wird wohl im Hotel speisen; und Sie, meine Freunde . . .« Jäh schnappt er ab; sein Tonfall schraubt sich höher und wird zu einem Trällern; sein Schritt zum kleinen Step. Denn im Dämmerlicht der Rabatten, zwanzig Schritte hinter ihm, steht reglos eine in Rohseide und schmalkrempigen Panama gekleidete mittelgroße Gestalt. Kurz nur dauert diese Reglosigkeit; dann kommt Kusuma, die Augen mit der Hand schützend, in weißen Schuhen schlendernd näher. Herzlich breitet er die Hände aus. »Wie ist das!« ruft er. – »Du hier, Doktor?« Er bettet des Doktors Hände zwischen seine weichen, leicht gehöhlten; dann wendet er sich Nora mit emporgezogenen Schultern zu: »Mein Kompliment, Mevrouw!« »Mein Erholungsurlaub, Kusuma. – Welch ein Zufall!« »Ist es nicht ein wenig heiß hier, Doktor, für einen Urlaub?« »Man kennt mich zu gut in Garoet. – Ich wollte einmal gänzlich für mich sein.« »Für dich. – Sehr verständlich.« Kusumas schwarze Augen wandern zwischen dem Freund und der Frau hin und her. – »Du verfluchst wohl nun unser Zusammentreffen?« – Sein Lachen perlt. – »Nun, ich will dir nicht lästig sein; Freude und Überraschung, 173 dich hier zu sehen, reißen mich hin . . . Ich darf mich zurückziehen?« »Sie haben gewiß dringende Geschäfte hier?« fragt Nora leise und spielt an ihren Ohrgehängen, während ihre Augen die goldene Kette an seiner Jacke nicht verlassen. »Gewiß,« erwidert er sanft. »Ich hatte einen Auftrag auszurichten an Mijnheer van Kersten; nun ist das erledigt . . .« Der Hofarchitekt springt endlich ein. »Sie bleiben selbstverständlich zu Mittag hier, Raden,« ruft er lustig aus und schlägt ihm auf die Schulter. »Ich muß Ihrer Bescheidenheit noch rechtzeitig den Riegel vorschieben . . . Was faseln Sie von ›Zurückziehen‹ und ›dringenden Geschäften‹? Der Susuhunan ist daran gewöhnt, daß nicht alles im Eiltempo geht. Das haßt er selber. Kommt, meine Freunde, mit mir auf die Veranda; dort trinken wir ein ›Pahitje‹ . . . Und beim Essen feiern wir diesen einzigartigen Zufall!« Nora geht automatisch mit. Als Kehmerdill sie fragend ansieht, zwingt sie sich ein Lächeln ab. »Glaubst du,« fragt sie flüsternd, »an diesen Zufall?« Während des Essens ist Kusuma sehr lebhaft. Steigt ihm der Sekt zu Kopf? Er ist schelmisch; er steckt seine sieben europäischen Jahre heraus, spreizt einen kleinen blendenden Fächer von sieben Sprachen. – »Für jedes Jahr eine, meine Herrschaften!« – Man lacht, kauderwelscht, ist animiert; und Noras Verdacht 174 schläft ein. Es ist wirklich ein origineller Zufall. Derlei ist möglich. Auch Kehmerdill schwatzt. Mau hechelt den Susuhunan durch. Der Raden ist vollendeter Weltmann; er weiß ein Witzchen zu schätzen; er ist nicht umsonst bereist wie kaum ein Zweiter. Mehrmals sagt er: » Oh là-là « und » Je m'en fiche «. Kein Zweifel, der französische Sekt . . . »Du bist in Form heute. Wie im Volksraad.« » C'est ça . – Ich bin unter Freunden, Doktor. Es ist eine öde Beschäftigung, immer die Ohren zu spitzen, das muß man in Batavia.« »Als Arrivé . . . Als künftiger Regent . . .« »Du scherzest. Mevrouw hört dich gern scherzen? Sieh doch, wie sie lächelt . . . Wie pass' ich in so einen Käfig, den mir der Doktor zuweist? Regent von Batavia . . . Oh là-là  . . . Es ist sehr nahe bei Buitenzorg . . . Doch immerhin: Der Käfig ist vergoldet.« »Besser als Bantam?« »Mehr Platz, Doktor. Die Regie . . . Aber Pardon; ich gerate ins Schwatzen. Das macht Mevrouws Freundlichkeit. Vorhin war sie etwas zerstreut. Wie?« »Man hat an viel zu denken, Herr Kusuma.« »Das ist keine Antwort für eine schöne Frau.« Nach diesem Geschäker leitet er sofort wieder auf sein Lieblingsthema über, nämlich auf sich selbst. »Du fragst, Doktor, ob mir die Idee von Bantam gefällt . . .« »Nun, das wäre nicht übel! Meinen Segen hast du zum Sultanat. Aber das wäre hoffnungslos antiquiert.« 175 »Sage das nicht,« winkt Kusuma ab und in seiner Schelmerei schwingt ein ernsterer Unterton. »Ich wäre sogar ein leidlich moderner Monarch; das kannst du glauben. Mein Vetter, Seine Hoheit von Solo, spricht allerdings, Gott behüte, nur die Landessprachen. Orientiert ist er nicht; es dauert zu lang, bis eine Information durch sein Fett sickert. Wie soll er auch Luft bekommen, wenn er ein halbes Dutzend Translateurs bezahlt und für eine Spazierfahrt Eingaben nötig hat? Wenn er seine Apanage bilanzieren muß bis zum Quartjes genau? Wenn er wegen eines Diamanten, den er braucht, sich mit dem Residenten herumraufen muß? Was wäre da die Rettung? Taschengeld, und wieder Taschengeld . . . Es ist ein Jammer, Herrschaften; es ist eine Blamage . . . Um diesen Preis, Doktor, schenke ich dir Bantam.« »Ich nehme es mit Handkuß samt der Zauberpraxis meines Schwagers. Und du bleibst Beamter und auf deinem Posten.« Kusuma hat sich warm geredet. Unbeirrt fährt er fort: »Ja; der Anblick der Fürsten . . . Ist er nicht tragisch? Es ist eine Zwickmühle. Sie sind wie bunte Fische in der Reuse; wann es dem fröhlichen Kaufmann gefällt, zieht er das Netz in die Sonne. Ein bißchen pumpen sie noch mit den Kiemen und werfen Farben . . . Das dauert aber nur noch ein paar Jahrzehnte . . .« Hier merkt er, daß er zuviel sagt. Man lauscht ihm zu aufmerksam. So stopft er das Loch im Gespräch mit ornamentalem Gelächter. 176 »Mijnheer van Kersten,« fügt er an, »sorgt schon dafür, daß es noch länger dauert. Er ist unsterblich und meint es gut mit uns. Er ist kein Kaufmann mit der Zange. Er ist ein Hofmann.« »Wie du lügen kannst,« denkt Kehmerdill. Laut sagt er: »Aber der Holländer wird die Insel nicht erben. Eher schon ein Indo mit mongolischem Typ.« »Späßchen, Doktor,« gurrt Kusuma halb perplex. »Gottverdammich,« kräht der Gastgeber. »Was soll diese Politik! Wir sind eine Familie.« Dies sagt er mit Brustton. Es herrscht sonniger Familiensinn. »Ich möchte Seine Hoheit sehen,« meint Nora lüstern. Kusuma ist sehr gefällig. »Noch heute,« verspricht er, »werden Sie meinen Vetter sehen! Noch heute! Ihr Wunsch ist mehr als Befehl; er ist Lebenszweck . . .« »Sie zaubern?« »Was denn! Kersten und ich arrangieren das während Ihres Mittagsschläfchens! – Und morgen? Morgen werden Sie ihm vorgestellt! Dem ›Zehnten Nagel der Welt‹!« Die beiden haben sich wieder auf ihren Strohcouchetten ausgestreckt. Sie hören das Gespräch Kusumas mit dem Gastgeber aus dem Speisezimmer dringen als eintöniges Gemurmel. Dann entschlummern sie. Es ist schwüler heute als sonst. Es wird vier Uhr, und es hat noch nicht geregnet. Der Doktor erwacht zuerst. Er fühlt eine ungeheure 177 Mattigkeit. Er setzt sich auf und beschließt, heute und morgen »auf dem laufenden« zu sein. Einen schiefen Blick schenkt er der schlummernden Nora. Langsam zieht er die Dose hervor und nimmt seine Prise. Noch halb schlafblind ist er; so sieht er nicht, daß er beobachtet wird. Im Gang hinter ihm steht Kusuma. Dieser nimmt mit tiefem Interesse davon Kenntnis, daß der Doktor das Prischen genehmigt. Auch dies ist ein origineller Zufall. Jetzt erst beginnen heute die fernen Böllerschüsse im Blau. Nicht lauter als das Klirren im Porzellan bewegen sich Kusumas Segeltuchschuhe . . . Er hält die Arme vor der Brust gekreuzt und starrt auf Noras Bein. Der Rock entblößt es bis weit übers Knie. Es ist ein vollendet schönes Bein und steckt bis zur Hälfte des Schenkels in weißer Seide. Kusuma steht reglos; kaum atmet er. Sein Gesichtsausdruck ist der eines sprungbereiten Tieres. Der Doktor blickt hinaus und schnuppert. Hinter den Sykomoren huscht das Netz eines Blitzes über den ganzen brütenden Horizont. Merkwürdig, – denkt er – daß das Zucken in der Wolkenwand trotz des Sonnenscheins sichtbar ist, rötlich wie der Schimmer eines Pulses. – Dann dreht er sich um und sieht Kusuma. Ein überraschter Ausruf entfährt ihm. – Kusuma lächelt. »Ich wollte dich soeben wecken, Doktor,« flüstert er. »Dich und Mevrouw. Es kann jeden Augenblick geschehen, daß die Pangérans kommen . . .« 178 »Die Prinzen! – Welch ein Aufsehen! Du übertreibst . . .« »Für dich, mein Freund, ist dieser Aufwand gut genug . . . Ich habe heute Audienz. Morgen vormittag werde ich euch dem Sultan präsentieren. Er wird ein Tänzchen, ein Wajang-Orang geben . . . Lebe wohl!« Er legt einen Regenmantel um die Schultern und schlüpft, ihn mit den Händen vor der Brust zusammenraffend, zu seinem Sado zurück, der hinter dem Plastilinelefanten wartet . . . Nora sieht ihn gerade noch durch ihr Gesichtsfeld schweben. Mit einem Griff nach ihrem Rock schnellt sie empor. Kehmerdill fingert in der Tasche nervös an der Dose. Hat Kusuma es bemerkt? Ach, es ist ja belanglos, ob er's weiß oder nicht . . . 179 Beim Bilderbuch-König Drei phantastische Leutchen steigen die Stufen zur Vorhalle hinan. Sie sehn aus, als seien sie aus dem Traumschirm Ole-Luk-Oies zum Leben erwacht. Man erhebt sich, um ihnen entgegenzugehn; der Hofarchitekt stellt vor. Als erster nähert sich der Älteste, Soerjobroto, ein zwerghafter Dreißiger. Er hebt das flache, bartlose Gesicht mit einer Liebenswürdigkeit empor, die an Schwärmerei grenzt. Als habe man einem rollenden Figürchen einen sachten Stoß versetzt, bewegt er sich auf rund entfalteten Zehen. Kaum kommt die Schoßfalte des ockergelben Sarongs dabei ins Wallen. Sein Gesäß wird, gleich einem Cul-d-Paris , drollig betont durch den Krisgriff, der ihm unter der feingestreiften Jacke steckt. Einschmeichelnd zaghaft und doch voller Würde streckt er die Hand aus, an der ein großer Siegelring sitzt. Er spricht auf Holländisch – es klingt wie Taubengurren aus einem Reisschober –: »Ich freue mich, Sie durch den Kraton geleiten zu dürfen . . .« Van Kersten – sehr wenig zeremoniell, da zur »Familie« gehörig – klopft ihn auf den Rücken. »Die Herrschaften wollen einen hübschen Nachmittag 180 bei Ihnen verleben, Pangéran. – Und morgen vormittag stellt Kusuma sie Seiner Hoheit vor.« » Moie, moie! « sagt Soerjobroto mit Gluckslauten. »Schön, schön! – Der Susuhunan wird tanzen lassen!« Mit Goldplomben grinsend, unter kurzer Oberlippe, kommt jetzt der Zweite näher: Pangéran Djatti. Hier muß man hinauf lächeln, denn sein Format erfordert es. Seine Stimme kommt pfeifend aus magerer nackter Brust; – eine ausgemachte Kastratenstimme. Der überzüchtete Herr bewegt sich wie ein alter Flamingo und verteilt herzlich schlenkernde Händedrücke. Da er nur malaiisch spricht und zum smaragdgeschmückten Kris ein kurzes Stoßschwert in goldner Scheide trägt, bleibt er, ganz ungezwungen, wirkungsvolle Staffage. Der Erfreulichste des Kleeblatts, der Jüngste, ist ebenfalls in Hoftracht. Er ist fünfzehnjährig, mit einer Haut wie braunes Gold. – Van Kersten bedenkt auch ihn mit einem Klaps auf den nackten Rücken und schwatzt mit ihm; der kleine Spaßvogel prustet heraus . . . Er zappelt vor Neugier; welch ein Abenteuer! – Seine schwarzen Augen fressen die weiße Frau mit dem Hunger der Jugend; verschmitzt und keck . . . Soerjobroto schenkt ihm einen Blick pädagogischen Bedauerns. »Er freut sich,« sagt er voll Demut. – »Vergeben Sie ihm. Er ist sehr laut. Wir schelten ihn . . . Was macht er sich daraus! – Er ist jung; – unser Brüderchen . . .« »Wie heißt er denn?« 181 Der Name wird ausgesprochen, doch nicht verstanden. Vielleicht ist es der verschollne Lockton der toten Mutter. Van Kersten läßt es sich nicht nehmen, seinen Gästen und deren prinzlichen Begleitern sein Auto zur Verfügung zu stellen. Auf dem Verschlag glänzt die Initiale »P.B.X.« – also ist auch dies ein Geschenk Seiner Hoheit . . . Als Prunkstück reiht es sich würdig dessen Sänften und verstaubt feiernden rotgoldnen Kutschen im Marstall an . . . Marke Mercedes ist's aus der Jugend dieser Fabrik; Museumszauber umwittert es. Und das Erstaunlichste ist, daß man wirklich damit vom Fleck kommt. Es hat das Tempo des verschlafenen Fürstentums. Man sitzt erhöht und wird pomphaft dahingetragen. Unter mächtigem Gerassel und Benzingestank zerteilt man die bunte Menge, die auf Stöckchen gestützt feiernd rastet, um die Majestät der grünlackierten Straßenwalze in kinnschlaffer Andacht anzustaunen . . . Und so stößt man ins Märchen vor; wie ein schimmerndes Rieseninsekt kriecht man unter vorbeischwebenden Waringinbäumen über den großen Platz. Und dann ist man im Labyrinth weißer Mauern, das zehntausend Menschen faßt, – dem drohnenerfüllten Bienenkorb, dem grünüberdachten einzigartigen Schlupfwinkelsystem: – dem Kraton des Herrschers von Solo. –   182 Das Gewitter hat sich verspätet; nun holt es doppelt nach, was es versäumte. Zwei Reihen geschnitzter Säulen mit goldenen Drachen, die sich schnappenden Mauls in ewig fruchtloser heraldischer Empörung an roten Trägern emporwinden, stützen ein gewaltiges Wellblechdach. Die Wände ringsum sind gläsern. Auf den grauen blanken Marmorfliesen, in der Regendämmerung verschmolzen zur dunklen Masse, bemerkt man einen Wirrwarr stummer Instrumente. Nora schmiegt sich in einen leeren Sessel. Kehmerdills Gesicht neben ihr bewegt sich wie ein blasser Fleck, in dem ein roter Funke glüht. Er raucht schweren, süßlichen Tabak. Ihr wird benommen zumut. Da sind wuchtige Gongs, groß wie Wagenräder, und kleinere tellergroße. Da stehen enorme Pauken. Da blinkt die metallene Tastatur der Gambangs auf orgelpfeifenhaft gestuften Bambuszylindern. Und was lehnt dort, von Soembawadecken verhüllt? Soerjobroto zupft eine der Decken weg und entblößt eine einsaitige Violine auf feingedrechselter Elfenbeinstütze. Dann lassen die drei Prinzen sich im Hocksitz nieder. Nicht wie das Volk mit dem Gesäß auf den Fersen: nein! Sie arrangieren sich blitzschnell mit einem Handgriff an den eigenen Sohlen . . . Ihre Sarongs kriechen im Kreuz empor, ihre Krisgriffe glitzern stumpf; so sinken sie zwischen die Instrumente. Und während draußen die weiße Wassermauer steht, während die ganze Halle erfüllt ist vom Regengetöse, spielen sie. Ihre weißen Gebisse leuchten. Schräg spähen sie hervor, wie ertrinkend hinter den Gestellen. Sie sind heute auf Urlaub; vornehmen Fremden haben sie 183 den Kraton gezeigt . . . Das Waffenarsenal, die Geschirrkammern, den Marstall, die Brautgemächer, die Pavillons, das Haus der Ratu . . . Ein Andersen-Bilderbuch haben sie aufgeschlagen mit zögernden Fingern; mit gespitzten rötlichen Nägeln hingewiesen auf Bedeutsames: auf goldene Bäumchen in Silberkübeln, auf Plüschsesselpracht, auf Prunkaufnahmen der Sultane von Lippe-Schaumburg und Mecklenburg; dazwischen hingen farblosere Sultane in schwarzen Gewandungen, die gleichwohl ziemlich mächtig schienen . . . Die Fremden haben sich sehr gefreut und viel gelacht; sie sind zufrieden. Nun dürfen die Prinzen auch ihre Gedanken auf Urlaub schicken. Der öde Hofdienst gibt sie nun frei. Welcher Art diese Gedanken sind, weiß nur Gott, der im Regen ist und im Großen Gamelang. Draußen paukt Er Seine Gongs, bläst Er Seine Vogeltriller. Tiefer Metallton schallt. Quintenfolgen wandern hinab, vogelfüßig in Viertelstönen auf klimpernder Leiter, um dann aufs neue begleitet von leisen näselnden Stimmen ihren Irrlauf tonaler Inbrunst anzuheben . . . »Penk-Zink« macht das Gambang. Es schollert das Doppelgong. Der mächtige Bogen rührt sich: süß zirpt das Monochord. – Und dahinter donnert der Regen. – – – Nora schlüpft vom Sessel und tritt an die gläserne Zwischenwand, die zur nächsten größeren Halle, der Audienzhalle, führt. Fast fährt sie zurück. Wie gemalt, sieht sie dort Figuren. Zuweilen laufen Tropfen über die Scheiben und trüben das Bild. Sie sieht eine Vitrinenfigur, einen Pagodengott. Und 184 dieser, dick und amüsant, weißgolden uniformiert, gibt von einer Treppe herab Audienz. Der Mund klappt auf und zu wie der eines Korallenfisches: die drei Kinne beben wie Kiemenspalten. Er sitzt an einem Tisch; rezitiert er eine Begrüßung? Keilförmig drunten in die Halle vorgeschoben hockt eine kleine Besuchergruppe in javanischer Hoftracht, die Krisgriffe aufgestellt im nackten Kreuz, mit weißen Kegelhüten . . . Plötzlich spürt Nora ein kindlich zartes Zupfen am Arm. Der zwerghafte Soerjobroto steht neben ihr. – »Kusuma!« flüstert er. Gleichzeitig dreht der Mann, der an der Spitze der Gruppe hockt, den Kopf und starrt sie an. Sie nickt langsam: Erkennt er sie? Die Tropfen rinnen übers Glas. – Ist dies Kusuma? Eine nackte Brust mit hellen Warzen? Glatte leuchtende Haut? Harmonisches Muskelspiel und rassigstes Ebenmaß . . .? – Er hockt sehr gerade; auf seinem gebauschten Sarong, der die gespreizten Knie verhüllt, verästeln sich mattblaue Muster. Sein einer Arm stützt sich auf die Fliesen; seine Haltung ist von ungezwungenster Grazie; und immer noch starrt er herüber. Dünnlippig, schattenhaft lächelt er. Welch ein wissender Kopf ist das! Diese feingezeichneten Brauen sind doppelt so alt als sein Leib. Schimmer von Zähnen erscheint und verschwindet . . . Gleich darauf gefriert wieder seine Miene; die Hand tastet nach dem Fuß und bettet ihn bequemer; sein Gesicht dreht sich ins Profil . . . Aber Nora hat noch dies langgezogene Lächeln gesehen, dies etwas spöttische Lächeln 185 unerhörter Selbstgefälligkeit und triebhaften Behagens, das von ihr zurückglitt auf seine eigene Person, auf seine Juwelen und seinen halbnackten Leib . . . Nun sitzt er wieder wie eine Puppe, wie ein Bild, gebändigt vom Rituale, das der Wanst in Weißgold dort oben verzapft. Schwäche gleitet in ihre Knie. Dieser Mann hat sie mit einem Blick zu entkleiden vermocht. Sie setzt die Zähne in die Lippe. Und nun merkt sie, daß sie auch von anderen Blicken betastet wird. Kaum fünf Meter vor ihr hinter der Glaswand hocken zwanzig Frauen. Sie sind in dunkelblaue Tücher gewickelt und sehr schön. Sie ordnen mit doppeltgeknickten, beweglich entspreizten Fingern prachtvolle Haarknoten, stecken Brillanten um, betasten Schildpattkämme, zupfen hier, zupfen dort. Zuweilen dreht sich ein feingeformter Nacken, wandern Blicke herüber voll lüsterner Neugier. Noras Augen irren zwischen ihnen umher und bleiben wieder an Kusuma haften. Dieser hockt reglos. Auf einmal wirft er, unvermutet, seinen Kopf herum wie ein Falke. Ihr ist, als werde sie angesprungen. Das Blut steigt ihr ins Gesicht. Da fühlt sie, daß Kehmerdill neben ihr steht. Sie tastet nach seiner Hand. Es ist eine kalte Hand, mager, schwach, feucht von Schweiß. Ihr schaudert; sie hat einen warmen Griff erwartet. Schweigsam und forschend sieht sie ihn an. Dort drüben hinter der Glasscheibe, steht der 186 Susuhunan auf. Leicht fällt es ihm nicht, seines Bauches wegen. Er spreizt die Fingen, hebt die Arme: das mohammedanische: »Geht mit Gott!« Kusuma löst seinen Hocksitz auf und erhebt sich. Hinter ihm verlassen seine Verwandten den Saal, im Krebsgang schreitend, die Gesichter stets im Antlitz des Erhabenen, der dümmlich auf sie herabglotzt aus eingefrorenen Liderritzen. Auch die Hofbeamten verschwinden. Kusuma geht langsam zum Herrscher. Während dieser ihn begrüßt und in seiner Gesellschaft mit rundgebognen Armen schlenkernd unbeholfnen Schritts den hinteren Türen zustrebt, erheben sich auch die Frauen; fast gleichzeitig. Weitausholend raffen sie ihre Gewänder um Schultern und Brüste und folgen den beiden, hüftenwiegend hintereinander schreitend. »Er hat es leicht,« sagt Nora. »Er kann aus dem vollen schöpfen.« »Das kann er wohl,« sagt Kehmerdill. »Aber das verschmäht er. Er benutzt sie nur zum Zweck, um sich das Essen vorschmecken zu lassen . . .« 187 Beginn des Dramas Noch nie gab es eine brausendere Unterhaltung bei Mijnheer van Kersten, als während der heutigen Abendtafel. Besonders Kusuma ist in seinem Element. Altholländische Kolonialmöbel stehen schwarz und wuchtig an den Wänden. Nur der Tisch ist beleuchtet. Im Schatten rührt sich das lautlos hantierende Hin und Her der kleinen Dienerinnen. Durch die glaslosen Fenster haucht die Nacht schwere Düfte. Wie süßes Gas kriecht es von den Orchisrabatten und von den weißen Trompetenblüten der Büsche. Kusuma trägt jetzt wieder Anzug und Käppchen. Der Märchenprinz, der heute früh noch Führer war durch eine verwunschene Welt, ist zum springlebendigen Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts geworden, dessen animierter Sprachenmischmasch sich drollig überpurzelt . . . Was soll man denken von diesem Proteus? Kehmerdills Gesicht ist gerötet. Er lacht und wechselt Scherze mit dem behäbigen Hausherrn. Der Sekt, mit Burgunder gefärbt, sprudelt; das erhitzte Blut treibt die vier Leutchen zu unaufhörlichem Geplänkel. Es ist, als wolle man eine breite Wand von 188 Lustigkeit gegen Dinge errichten, die vielleicht in der Schwärze draußen weben. »Nun, Herrschaften,« fragt van Kersten in eine plötzliche Pause hinein, »wie gefiel Ihnen das Wajang-Orang? Bei mir ist es Stück meines Daseins; ich bin sechsundsechzig Jahre hier . . . Aber der kleinen Frau war es neu . . .« Der Doktor hebt die Stimme. »Eine merkwürdige Sache ist das, Kersten! Zehn Jahre – und das ist auch ein Zeitchen! – schufte ich schon auf dieser Insel, klein, eingespannt und erbärmlich. So stumpf wird man, daß man nicht einmal mehr weiß, wie nahe man dem Wunder haust . . . Lachen Sie mich aus? – Kann man überhaupt mit Worten an dies Wunder tasten? An diese Bühnenträume, diese Singpantomimen voll phantastischer Bildhaftigkeit? Bezauberung ist das . . . Oh, und das Gamelang! Man schmilzt ganz dahin in den wachsenden und löschenden Fugen, im süßen Gesumm und Messinggepolter, in der Einheit von Geste, Rhythmus und Apostrophe; köstlich wohl fühlt man sich bei dem Kunstgepurzel krähender Clowns . . .« » Moie –, moie! « ruft van Kersten mit Stentorstimme. Noras Hand sucht die seine. »Gut gebrüllt, Löwe,« lächelt sie. Kusuma sieht mit runder Braue herüber. Wartet er? »Der Sultan« fährt der Doktor halb abwesend fort – »hat Geschmack, Kersten! Ich sitze zu seiner Rechten, Nora zu seiner Linken. Von Enthusiasmus sprudelt er über wie eine umgekippte Geneverflasche. 189 Ein Kind im Zirkus könnte nicht glücklicher sein. Er bläht sich vor Stolz in seiner violetten Samtjacke; er unterhält sich köstlich! Er applaudiert im höchsten Diskant! – Vergebung, Kusuma, wenn ich Ihren erlauchten Vetter zu drastisch schildere!« »Der Susuhunan durfte sich diesmal gehen lassen,« fügt Kusuma ein. »Ich hatte sein Geschäftchen geregelt. Das machte ihn froh. Außerdem war der Besuch nur halboffiziell. Er ist sehr stolz auf seine Tanztruppe.« »Und die Hauptszene?« fragt Kersten. »Ha! . . . Die Klimax . . . Nun, es ging um eine geraubte Kostbarkeit, ein Kind von hoher Geburt. Eine funkelnde Puppe, große Augen und Vogelstimme; jammernd protestiert sie. Denn ein Waldmensch, spreizbeinig, grölend, seiner Elefantenkräfte sich bewußt, beansprucht sie. Er zittert mit Schulter- und Nackenmuskeln, so daß seine teuflisch lackierte Maske wackelt, und sein ganzer Schmuck blechern rasselt. Und als sie schon ganz vernichtet ist von dem groben Gebrüll und sich am Boden windet, springt der Retter herzu. Ein schlanker Prinz, dünnarmig, schier spinnengliedrig von Rasse, und das Letzte an Eleganz; er kämpft mit gewandtem Wort; setzt Geist neben Plumpheit; Kris gegen Keule; Ironie gegen Gebrüll . . . Das ist die Szene. Eine unerhörte Szene.« Er wiegt begeistert den Kopf. »Kennst du dies Drama?« fragt Kersten zu Kusuma hinüber. Kusuma spricht überraschend ein paar schnelle javanische Sätze, und Kersten lacht. »Was war das? Kennt er es?« 190 »Er sagt, Mevrouw,« erklärt der Hofarchitekt behaglich, »daß es nur eine einzeln herausgerissene Szene aus einem längeren Stück war. Der Prinz besiege, sagt er, den Waldmenschen nur für kurze Zeit. Dann erhole dieser sich wieder, und der Prinz ziehe den kürzeren.« »Und die Prinzessin?« »Versöhnt sich,« greift Kusuma lächelnd das Gespräch auf, »mit ihrer neuen Situation. Der Stoff stammt aus der Hindumythe. Er ist sehr alt; sehr beliebt. Der Prinz ist nur ein Schwächling, wie soll man sagen? Ein Bluff . . . Er ficht mit Worten.« »Ein sehr interessanter Stoff,« sagt Nora singend. Plötzlich lacht sie auf und wendet sich dann bittend an Kersten. »Wenn nicht alle Fenster offen stünden, könnte man denken, man säße in einer Zelle. Es ist heute schauderhaft schwül.« »In der Tat?« fragt der gute Alte bestürzt. »Sie sehen etwas erschöpft aus, Kindchen. Ich will sehen, ob ein Fächer zu finden ist . . .« Seine verschmitzten Äuglein wandern über die Gruppe; dann erhebt er sich und verläßt den Tisch. Nach seiner Schilderung hat Kehmerdill ein Glas hinuntergegossen. Seit Kusumas Antwort ist er schweigsam. Seine Augen glänzen hektisch. Jetzt sagt er brüsk und ungehobelt: »Was hast du hier Anzüglichkeiten zu reden?« Der Javane zuckt im Stuhl zusammen. Dann lächelt er und sagt: »Anzüglichkeiten, Doktor? – Woran denkst du?« 191 »Nun, an den Fortgang der Wajang-Orang-Komödie. Das hast du glatt erfunden.« »Dann wäre ich vielleicht ein . . . gewissenloser Prophet . . . Aber ist es jetzt an der Zeit, sich damit aufzuhalten?« Er blickt sich schnell überall um und flüstert rapid über den Tisch: »Doktor, man sucht dich! Man weiß nicht, wo du steckst! Man tritt mit Fragen an mich heran . . .« Seine Augen flackern auf und heften sich verzehrend auf Nora. »Du und Mevrouw, ihr verkennt mich! Ich bin euer Freund! Ich meine es gut mit Mevrouw!« Nora zieht die Schultern zusammen und reckt sich im Stuhl. Ihre Augen sind geschlossen. »Du meinst es sogar vielleicht zu gut mit Mevrouw,« sagt Kehmerdill. »Aber du bist überflüssig.« »Doktor!!« zischt Kusuma und lauscht wieder nach hinten. »Diesen Ton wirst du bereuen . . . Nur ein Wort von Mevrouw, dann behalte ich die Adresse . . . Ich habe zwei Offerten für die Information . . . Es ist nicht nur Mijnheer Erdbrink, der euch sucht. Dein Schwager . . .« »Siehst du!« schreit Kehmerdill auf mit einer zerborstenen, doch weithin schallenden Stimme. »Heyermans hat recht, wenn er euch und die Indos in einen Topf wirft! Einen netten Freund stellst du vor! Dem Höchstbietenden verkaufst du mich! Wenn man euch zehnmal als Menschen behandelt und euch den primitivsten Anstand zutraut, den wir verkorksten Europäer uns noch gerettet haben – ihr könnt die Schleichwege nicht lassen!« 192 »Otto! Mäßige dich!« ruft Nora. »Kersten kommt!« Sie zerrt an seinem Arm . . . Der Hofarchitekt hat Platz genommen und Nora einen rotgolden bemalten chinesischen Fächer überreicht. Sie entfaltet ihn mit schußähnlichem Geräusch und fächelt sich heftig. Doch Kehmerdill schweigt nicht; er will es einmal heraussagen, Kersten hin und her – – – er will diesen vertrackten Fuchs Kusuma in den Bau verfolgen . . . »Provisionen hast du verdient,« schreit er in derselben Stimmlage, »Tausende von Gulden hast du eingesackt für deine politischen Schachergeschäfte . . . Gut; das machen andere auch. Aber wenn man hinabsteigt, um seine eigenen Freunde zu erpressen, so ist das Mischlings manier . . . Das hätte ich dir nicht zugetraut. Aber ich habe jetzt meine Lehre weg!« – – »Aber Herrschaften!« sagt Kersten. »Was zankt ihr euch! – Noch ist die kleine Frau hier! Noch bin ich hier!« Kusuma schlüpft hinter die Lehne des eigenen Stuhles, halb in den Schatten. Von dort tropfen seine Worte herüber wie Öl. »Wie tölpelhaft, Doktor. Du empfindest dich ganz als Europäer? Jahrelang hast du uns geneckt. Wir haben stets Spaß verstanden. Du gehörst ja zu uns.« »Zu euch!!« – Eine Blutwelle steigt in Kehmerdills Kopf. »Sachte, mein Freund. Du wirst es merken. Auch jetzt verstehen wir noch Spaß. Willst du uns insultieren? Arm in Arm mit Mijnheer Buh-Buh? Oder 193 Heyermans? Doktor, du dauerst mich. Du weißt selbst nicht, wohin du gehörst. Nimmt man dir –« beschließt er zynisch, »– das weiße Pulver weg – was bleibt dann von dir übrig?« Ein kleiner Laut der Qual steigt aus Noras Kehle. Sie knallt den Fächer auf den Tisch. »Schweigen Sie!« Kehmerdill greift nach vorn; ein Wurfgeschoß wirbelt durch die Luft. Mit hartem Splittern zerkracht eine Flasche auf den Fliesen. »Ziele besser, Doktor,« tropfen die sanften Worte aus etwas größerer Entfernung. » Mich triffst du nie. « Der Doktor stöhnt auf und will, trotz Noras Umklammerung, um den Tisch herum und dem Inder zu Leibe. Da sinkt er auf seinen Stuhl zurück. Denn plötzlich spricht eine andere Stimme aus derselben Richtung weiter, tief und metallisch: »Das geht ja lebhaft hier zu, ho, ja. Ganz gut, daß man den Intriganten hinausjagt.« Im Gang steht Erdbrink in voller Größe. Kusuma ist verschwunden. 194 Von Prinzipien Kehmerdill sitzt allein mit Kersten an der Tafel. Für eine ganze Minute herrscht jene unheimliche Stille, wie sie nach großen verwüstenden Explosionen erfolgt – voll jenes noch ungesagten Grauens, das sich erst langsam, ruckweise, rührt und meldet . . . Und doch ist alles wie sonst. Die Flaschenscherben sind von den nacktfüßigen, stets vorhandenen kleinen Dienerinnen zauberhaft schnell beseitigt worden. Im Garten gackert und zirpt verschlafenes Vogelwesen. Matte Luftzüge treten ins Haus und ganz in der Nähe hinter schwülen Mauern klimpert ein Gambang. Vom Aloen-Aloen, nicht lauter als den Puls im eigenen Ohr, hört man das rhythmische Pochen einer Trommel. Ein tiefer ruhiger Baß, von einer hellen Stimme kurz unterbrochen, tönt von der vorderen Veranda leise den Gang bis zum Speisezimmer hinab. Kehmerdill weiß, es ist sein Schicksal, was dort verhandelt wird. Kersten wirft auf einmal beide Arme in die Höhe und ruft unter lebhaftem Händespreizen: »Das ist sehr bös! Doktor, das ist sehr bös!« – Seine 195 Äuglein fahren haltlos, wie gejagt, umher; jede Behäbigkeit ist weggeblasen aus seinem Wesen. »Aber Sie wissen, Kersten, daß Erdbrinks Besuch über kurz oder lang erfolgen mußte. Wie Sie sehen, nimmt diese Aussprache (auch zu meiner Erleichterung) vernünftige Formen an. Erdbrink ist nicht umsonst Kaufmann, der mit einem fαιτ-αχχομπλι zu rechnen weiß.« »Sie verstehen nicht, Doktor. – Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet. Ich kann wohl sagen, Sie haben mir einmal das Leben gerettet. Aber Sie haben das Gastrecht verletzt! Ich bin ganz außer mir!« »Man schnüffelt mir hier nach! Ich wehre mich!« »Sie haben es schlimm verletzt, das Gastrecht . . . Den Krach dieser Flasche hört man im Kraton! Man hört ihn in Batavia! Er ist in meinem Haus erfolgt! Mann! Sie sind zehn Jahre hier. Sie müßten Bescheid wissen. Indien ist ein Land der Worte, nicht aber der Fäuste. Kusuma ist kein kleiner Kutscher. Selbst bei einem solchen noch wäre es nicht unbedenklich gewesen. Ich muß mit dem Susuhunan sprechen. Mein Gott, welch ein Skandal! Sechsundsechzig Jahre lebe ich in Indien, und nun dies . . .« Kehmerdill dreht sich mitsamt seinem Stuhl herum und sieht sich den Hofarchitekten voll an. »Mijnheer van Kersten! Sind Sie Holländer?« Der Greis streift ihn mit seinen huschenden Augen; mehrmals setzt er zum Sprechen an; sein Händezappeln wächst . . . »Eine Frage! Eine verdammt seltsame Frage! 196 Was wollen Sie damit sagen! Meine Eltern sind aus Nymwegen, aus Utrecht . . . Ich bin hier in Java geboren . . .« »Und gerade das meinte ich!« sagt Kehmerdill mit Betonung. »Daher meine Frage.« »Ändert das etwas daran, gestatten Sie?« »Es ändert viel,« sagt der Doktor erblassend. »Gewöhnlich zieht man das nicht ganz in Rechnung.« Er vergräbt den Kopf in den Händen. – Plötzlich berührt ihn die kleine rötliche, blondbeflaumte Hand ganz zart am Ärmel. »Sie hatten recht mit Ihrer Frage, ob ich noch Europäer bin,« sagt der Hofarchitekt mit sehr leiser Stimme, fast liebkosend. »Ich weiß nicht, wie es in Rotterdam ist; aber ich sehe meine Landsleute (wenn ich sie so nennen darf!) frisch importiert, fröhlich, ein wenig rauflustig . . . Und was sind ihnen diese dreißig Millionen Menschen hier? Besiedlungsmaterial, woran man achtzig Prozent Arbeitsgewinn verdient . . . Bestechung, Wucher, Provisionen, – damit regiert man, und eine Tasche füllt die andere, bis zum Dorfschulzen hinab. Und die Chinesen machen es genau so! So setzt man diese Malaien, das nette törichte talentierte Volk, unter zwei Daumenschrauben, und weiter tändelt es, singt, träumt, hungert und stiehlt . . . Und Sie nehmen es diesem Kusuma übel, wenn er unsere Praktiken kopiert? Was müßte der für ein Engel sein, der nicht zugriffe! Er hat keine mächtigen Tatzen und keine grobe Stimme, nein. Er hat nur Händchen; damit fischt er kleine Vorteile und versetzt uns Nadelstiche. Vergessen Sie nicht, daß er letzten Endes Volksmann ist und zum 197 Volk gehört. In Bantam reden sie ihn nicht stehend an. Nur sitzend. – Das machte den Residenten dort zu nervös; so hat man den Raden nach Batavia geholt; dort fällt es weniger auf. Und diesen Mann haben Sie bei mir hinausgejagt! Bei mir!! « Noch immer hat Kehmerdill den Kopf nicht erhoben. »Verzeihen Sie, Mijnheer,« sagt er endlich und schüttelt langsam den Kopf. »Ich bin ein Esel.« »Sehr richtig! Das heißt, Sie waren ein Esel!« kräht Kersten auf einmal ganz lustig, und schenkt nach . . . »Nicht an sich, teurer Doktor, waren Sie das . . . Aber in bezug auf Indien . . . Sie werden dies Land nie begreifen; nie! – Zur Gesundheit!« Und während sie anstoßen, kommt Nora langsam den Gang herabgeschritten, dem Speisezimmer zu. Sie geht sehr aufrecht und ist sehr blaß. »Sie sind lustig . . .« sagt sie mit wankender Stimme. »Ich freue mich, Otto, daß dein Humor nicht gelitten hat! – Erdbrink ist fort. – Gib mir dein Glas.« Sie nimmt einen großen Schluck. Es ist etwas ungeheuer Pathetisches in dem Lächeln, mit dem sie das Glas niedersetzt. »Komm . . .,« sagt sie mit einem Blick des Abschieds auf den Gastgeber, »wir wollen in unser Zimmer gehen.« »Mach kein Licht,« sagt sie. »Ziehen wir uns aus. Es ist furchtbar schwül.« Das Fenster, das die ganze Breite der Außenwand einnimmt, steht offen. Und doch stagniert die Luft in dem geräumigen Gemach wie in einem Keller. 198 Vor der fahlen Himmelshelle bewegt sich leise knirschend ein ungeheures Bananenblatt. Die weißen Mückennetze leuchten wie große Würfel in der halben Dunkelheit. Vom Aloen-Aloen schluchzen ununterbrochen wie gequälter Herzschlag die Gamelangpauken. Die Luft siedet von Moskitos. Ihr mattweißer Leib, der sich aus den weißen Kleidern schält, schimmert wie Kalk. Es ist, als habe er sein eigenes Leuchten. Sie bewegt sich still wie ein Geist; sie salbt sich mit einer harzig riechenden Flüssigkeit, die ihre Haut vor den Blutsaugern schützen soll. Er starrt sie an. Das blasse Wunder regt sich langsam und geschmeidig geraume Zeit. Dann reicht sie ihm das Fläschchen und er sieht ihre Glieder langsam erlöschen: sie zieht die braunseidenen Pyjamas an, die sie damals trug; – in »Daendels Hotel« . . . Dann sinkt sie mit hochgezogenen Knieen in einen breiten Korbstuhl. Er folgt ihrem Beispiel. Sein Blut ist beklommen wie von schwerer Musik. Zunächst verschränkt sie die Arme im Nacken und grübelt; dann fühlt er ihr kleines blasses Gesicht starr auf sich gerichtet. Einer ihrer Arme streckt sich plötzlich aus. »Gib mir deine Hand!« Er tut's. »Wie gut, daß deine Hand warm ist. Gerade jetzt ist das gut,« flüstert sie. »Vor allem mußt du mir jetzt aber einen Eid schwören. Wirf das . . . weiße Pulver weg!« Er zuckt zusammen und will seine Hand aus der ihren lösen. Sie hält sie fest mit erstaunlicher Kraft. 199 »Du mußt nicht denken, daß ich blind bin. Ich verstehe gut, wie du dazu gekommen bist. Kusuma hat mir keine Neuigkeit gesagt. Aber ich wenigstens glaube, daß von dir noch eine ganze Menge übrig bleibt, wenn man es dir wegnimmt. Ich glaube, wenn man dir Indien wegnimmt, kann ein sehr schöner Mensch aus dir werden. – Gib es mir, Otto.« Er nimmt die Dose aus der Jackentasche und reicht sie ihr herüber. Sie steht auf und geht zum Fenster. Dort schüttelt sie sie aus. »Ein elegantes Döschen,« sagt sie und befühlt den Gegenstand. »Du erlaubst, daß ich mir ein Puderbüchschen daraus mache?« Halb vom Fenster zurückgekehrt, zögert sie. Dann sinkt sie ihm plötzlich auf die Kniee. »Ich liebe dich,« flüstert sie. Aneinandergepreßt, atmen sie schwer. »Schwörst du mir den Eid?« »Ja,« haucht er heiser. »Es ist nicht leicht, du Armer,« beschwichtigt sie ihn und streichelt seinen Kopf. »Aber ich muß dich schon so haben, wie ich dich will. Es macht nichts, daß du in den nächsten Wochen Hunger verspürst, großen Hunger. Du kannst ihn dir mit Alkohol kurieren; in Gottes Namen! Irgendwas muß der Mensch hier haben; das sehe ich ein. Und den Alkohol kurierst du dir dann mit der Seeluft weg, mit den fünf Wochen Seeluft . . . In Hamburg setze ich dich schon auf eine vernünftige Ration.« Sie schlüpft plötzlich von seinem Schoß und begibt sich wieder zum Stuhl zurück. 200 »Jetzt höre einmal, wie die Sache steht. Der große Kapitalmonarch ließ mit sich plaudern; er war sogar fast menschlich. Auf jeden Fall riß er mir nicht gleich zu Anfang den Kopf ab. – Zunächst stellte ich einmal fest, daß ich mit dir durchgegangen sei, und nicht du mit mir. – So behielt er, wenn er einen Revolver trug, diesen gleich in der Tasche. Er trug aber keinen. Das wäre ja auch schließlich nicht nötig gewesen. Er kann ja boxen. Zwischen zwei Fingern kann der Mann einen Menschen zerquetschen. Ich muß es wissen. So ein Stündchen im Bärenzwinger ist kein Vergnügen. Doch er machte keinen Gebrauch von seinen Pranken. Ich denke, ich kann jetzt mit ihm fertig werden. Und deshalb ging ich auf seinen Vorschlag ein.« »Einen Vorschlag machte er dir?« »Geduld! – Er sähe ein, er wäre nicht der Richtige für mich. Er hätte das klar erkannt. Nicht zu deuteln sei daran, nicht zu rütteln. Er wolle nicht riskieren, daß ich es noch einmal mit einer Schlafmittelkur versuche. Aufreibend sei das und ermüdend. – Ich sagte ihm in aller Freundschaft, sein Typ sei sicher das Massive. Es gäbe nette kräftige Frauen (ich dachte dabei an die blonden breithüftigen im »Des Indes«), die an seinen Methoden Gefallen finden würden. Ich wolle deshalb seinem Glück nicht im Wege sein. Das Gleiche aber erwarte ich von ihm, dann sei alles in Ordnung. – – Was ich da sage, hätte was für sich, meinte er. Also er erkläre sich bereit, in die Scheidung zu willigen. Die Schuld sei auf beiden Seiten; auch das sei ihm recht. Er 201 bäte mich nur darum, gemeinsam mit ihm zurückzufahren und die Fassade zu wahren. Darin hätten wir ja auch früher schon einiges geleistet. Er verschwöre sich, mich gänzlich in Ruhe zu lassen. Es sei aber seinen Geschäften hier unzuträglich und verderbe ihm sein gesellschaftliches Renommee, wenn er allein abdampfe und mich hier als Freundin eines gewissen Haut- und Nervenarztes zurücklasse. In Hamburg arrangiere er dann unauffällig die Trennung und das äußere Drum und Dran. – Er ist nobel, er macht Halbpart. – Schließlich bin ich das ja auch wert gewesen für ihn.« Sie lacht merkwürdig kindlich und froh. »Also es war alles so logisch, daß ich einverstanden war. Er war seiner Logik so sicher, daß er in Soerabaja schon telegraphisch zwei Plätze belegt hatte. Getrennte Kabinen. Ich war starr. – Aber reg' dich nicht auf, Otto! Wir beide trennen uns nicht lang'! Morgen fahre ich von hier weg. Aber ich gehöre dir, das weißt du.« In ihrer Stimme ist auf einmal eine tiefe schwingende Wärme und überflutet ihn; er stürzt zu ihr hinüber und vergräbt seinen Kopf in ihren Schoß. Elastisch und stark fühlt er ihre Mütterlichkeit ihn umfangen. Sie beugt sich herab; er küßt ihre Brust. »Weißt du, was er tat?« flüstert sie. »Er brachte mir meinen Sonnenschirm. – ›Apropos,‹ sagte er, ›du hast deinen Schirm stehen lassen auf dem Tjibodas. Habe auch oft meinen Stock vergessen. Nichts zu danken.‹ – – Das war nun eine ganz perfide Dickhäuterei, eine grundalberne Angelegenheit, und ich 202 warf den Schirm übers Verandageländer. Ich weiß ganz gut, daß er mich damit wieder kleinkriegen wollte. Solche Sachen hat er früher oft gemacht. Zuerst haust er wie ein Berserker, und dann bläst er ein Tönchen auf der Schalmei und wundert sich, daß das Opfer nicht tanzt. – Doch was schwatze ich da! Er ist es nicht wert, daß man so viele Worte darüber verschwendet.« »Wie werde ich es aushalten, dich so lange nicht zu sehen . . .« »Es sind nur zwei Monate, Otto. Nach drei Wochen geht dein Schiff. Und wenn du ankommst, gehöre ich dir. Auch jetzt schon . . . Für immer! Für immer!« Sie versinken in ein zeitloses Schweigen, in tiefste Hingabe, in einen dumpfen, qualbefreiten, grundlosen Schacht voll unausgesprochener Worte und tastender Empfindung. Um sie herum ist Indien. Es huscht, wispert, singt näselnd, schlüpft vogelfüßig, stöhnt und träumt. Es ist unsagbar fremd. Es pocht verlockend mit endloser Trommel an die Wand ihrer Seelen. 203 Abrechnung Wieder ist ein Vormittag wie tausend andere mit Verkäuferschreien, Ponygetrappel und Hitze . . . Aus dem wimmelnden Ameisenhaufen Batavias nehmen wir zwei, drei Exemplare heraus und folgen ihrem Tun und Treiben. Das ist zunächst der Doktor Hendrijk de Ruyter, der in der »Stovia« überraschenderweise ans Telephon gerufen wird. Er seziert soeben einen Affen. Man hat diesen, auf vitaminlosen Reis gesetzt, langsam zum Tod befördert. – Er reinigt sich die Hände vom Blut und ergreift den Hörer. »Mijnheer de Ruyter?« hört er. »Sie waren neulich bei mir! Sie wollten eine gewisse Adresse erfahren . . .« »Ah! Raden Kusuma! Allerdings, allerdings!!« »Nun, ich habe einige Unkosten gehabt. – Lassen Sie zweihundert Gulden auf mein Konto deponieren. Danach rufen Sie mich an.« Nach einer Stunde ruft Hendrijk wieder an. »Alles in Ordnung, Raden.« »Gut. Der Doktor ist hier.« 204 Hendrijks Augen werden tellerrund, fast läßt er den Hörer fallen. »Hier in Weltevreden? In seinem Haus?!« »In seinem Haus. Jawohl.« Etwas sehr Eilfertiges schnattert Hendrijk noch in die Muschel; etwas recht Verblüfftes und Erbostes – doch es hilft nichts. Die Stimme Kusumas ist erloschen. Was die alte Frau de Ruyter anlangt, so haben bei ihr die Orchideen ungestört weitergeblüht. Von Zeit zu Zeit sind die Häute einer Knolle geplatzt und neue gesteckte Lanzenblätter haben sich hervorgeschoben, aus denen dann, wie tastende Vipern, neue Dolden sich entrollten. Viele der leuchtenden Insektenfallen sind abgewandert, zu Buketts verbunden oder zu Sträußen in Stengelgläsern für Hochzeitstafeln . . . Sonst hat sich in jenem mauerumschlossenen Garten nichts geändert. Auch die alte Frau ist dieselbe, die in ihrem bunten Sarong auf der Küchenterrasse hockt und mit schlaffen Lippen einem Plan lauscht, den ihr Sohn Hendrik ihr auseinandersetzt. »Gut,« sagt sie und zieht die Lippen zusammen wie einen Saffianbeutel. Ihr Malakkastock nimmt teil an diesem Abschlußlaut und setzt sich hart auf die Fliesen; ihr Kopf wiegt sich sinnend. Hendrijk wartet, bis die mütterliche Zustimmung sich restlos ausgependelt hat. »Sie werden sehen, Mama,« sagt er, »wir erreichen es. Wir bekommen ihn klein. Die Blamage bleibt uns erspart.« 205 Er steht auf und küßt der Mutter die Hand. Bald darauf setzt sich eine Ponydroschke in Bewegung, von zwei gewichtigen Menschen befrachtet: Hendrijk und Antja. Beide sind in Weiß gekleidet, beide sind sie massiv und wissen, was sie wollen. Es ist nicht weit vom Waterlooplein bis zum Koningsplein. Vor der Einfahrt zum Kebon-Sirih tippt Hendrijk dem Kutscher mit dem Stock an die Schulter. »Halte hier.« Er hilft Antja heraus. Sie zwängt sich über die Stufe hinab und als sie den Asphalt berührt, läuft die Erschütterung des kleinen Sprungs wie eine Welle über sie. Sie hat sich nicht verändert; ein reifes und straffes Weib ist sie. Nur hat der Kummer, ohne ihr gerade den Appetit zu nehmen, ihre Züge geschärft. Aus dem regelmäßigen mattweißen Oval ihres Gesichtes starren die braunen Augen mit diffusem Glanz aus Lidern, denen der Puder die Röte nicht ganz nimmt. Das Doppelkinn deutet sich noch an durch eine Rille im Speck des Halses. Sie geht wie jemand, der des Gehens völlig entwöhnt ist, mit leicht nach auswärts gesetzten Füßen; ihr molliger Arm, an dessen Handgelenk sich goldene Armbänder schichten, hängt in dem des Bruders. Vor der Villa des Doktors angelangt, fangen sie Mahil ab und geben ihm einen Gulden, um zu verhindern, daß er sie anmeldet. Sie wollen den Doktor überrumpeln. Hendrijk geht voran und späht in die Glasveranda. Dann winkt er Antja herzu. Diese schleiche über die Wiese, um den knirschenden Kies zu vermeiden, und folgt ihm die drei Stufen hinauf. Hinter dem großen Bruder fühlt sie sich geborgen. Sie setzt sich in einen Korbstuhl. Von ihren breiten Schenkeln auseinandergezwängt, kracht er häßlich auf. Beide halten den Atem an. Doch es hat nichts geschadet. Sie hören die Stimme des Doktors. Offenbar telephoniert er. Hendrijk nimmt diese gedämpfte Stille zunächst als Geräusch hin, dessen Ablauf man geduldig abwarten müsse. Plötzlich aber ergreift er den Oberarm Antjas so heftig, daß seine Finger sich in ihrem Fleisch vergraben und sie beinahe aufschreit. Beide starren sich an. Die dicken Lippen Hendrijks bilden lautlos das Wort: »Heyermans!« Drinnen verklingen die Schlußworte eines Gespräches. Kehmerdill sagt soeben: »Ja, ich glaube dir. Natürlich! Auf dich kann man sich verlassen! –Also stell' dir vor, er hat daraufhin bei uns herumgeschnüffelt; er hat es natürlich auf Schweigegelder abgesehen. Wie er zu der Adresse kam, ist mir ein Rätsel. Vielleicht war es auch nur ein toller Zufall. Drollig, daß die großen Politiker hier sich nicht entblöden, so kleine Privatgeschäftchen zu machen. Doch es kommt ja nur auf den Maßstab an, den man an eine Sache legt, das weißt du selber am besten . . .« »Kusuma!« sagt Hendrijk ebenso lautlos und starrt seine Schwester blankäugig an. »Sie ist jetzt im Hotel,« beschließt Kehmerdill. »Mit 207 Erdbrink. – Jawohl. Weiteres mündlich. Ich komme morgen zu dir.« Man hört das Einhängen des Hörers, und ein leises Pfeifen. Ein paar Schritte, und Kehmerdill steht vor den beiden. Sein Gesicht wird fleckig. Er unterdrückt einen Ausruf. »Was soll das bedeuten?« sagt er gereizt. »Seit wann überfällt man mich so?« Antja glotzt ihn demütig an. Prall in den Korbsessel geschmiegt, sitzt sie schnaubend da und ihr Herz kämpft ein wenig unter den massiven Polstern. Die linke Hand, an deren Fingern schlechtgeschliffene Borneodiamanten und Rubine stumpf blitzen, schließt sich knirschend um die Lehne. Das Gesicht unter dem schwarzen zerzausten Haar rötet sich unschön. Die dunklen Augen, die ihn jahrelang mit ihrer stählern blanken Dümmlichkeit verfolgt, sind greller und runder als sonst. Kein Zweifel: bei der damaligen Aussprache ist ein Peitschenhieb in dies animalische Wesen hinabgefahren und hat seitdem nicht aufgehört zu schmerzen. Hendrijk zieht die Brauen hoch und leckt sich die Lippen, gleichsam, um es den kommenden Worten zu erleichtern, mit der nötigen sanften Glätte hervorzuschlüpfen. Schnell und leise sagt er: »Doktor, sei nicht ärgerlich. Du mußt einsehen – du bist ein vernünftiger Mann –, daß es mit deiner Erklärung und den Papieren, die du mir durch Peter zur Unterschrift geschickt hast, nicht sein völliges Bewenden haben kann. Man setzt eine Frau wie Antja de Ruyter 208 nicht ohne weiteres auf die Straße. Das kann die Reputation unserer Familie nicht vertragen. Ich habe mich in letzter Zeit redlich bemüht, dich zu erreichen . . . Es war vergebens. Erst heute erfahre ich, daß du zurückgekehrt bist – – – aus deinem Urlaub. Ich hoffe, du hast dich gut erholt.« »Danke,« sagt Kehmerdill trocken. »Setz' dich und sei kurz.« Beide lassen sich nieder, und der Doktor entzündet seine McGillavry. Hendrijk zuckt mit seinem Etui nach seiner Richtung, doch der Doktor sieht das Etui nicht. Er ist – so kann man wohl sagen – ausbündig grob. Diesen Fall hat Hendrijk vorausgesehen und sich daher mit dem nötigen Vorrat von Sanftheit gepanzert. Er läßt seine Worte hervorspazieren; irgendwie wird das schon flecken. Es steht zuviel auf dem Spiel. Er will die Explosion hinausschieben, solange es geht. »Es ließe sich nun ja,« fährt er darum fort, mit kränklichem Versuch zu scherzen, »mit Geld manches regeln. Gesetzt den Fall, ihr hättet notorisch in Unfrieden gelebt, man wüßte das . . . Bon . Eine Scheidung, nun ja. Du zahlst, und die Sache ist in Ordnung. Wir hätten uns verständigt. – Aber unsere Mutter hat exklusive Begriffe. Antja hat dich nie betrogen. Sie liebt dich – auch jetzt noch, und ist noch jetzt bereit, zu dir zurückzukehren. In Harmonie und Frieden hat sie zehn Jahre bei dir gelebt. Sie ist bereit, dein Verhalten deiner Überarbeitung zugutezuhalten. Sie sträubt sich; es will nicht in ihren 209 Kopf, daß sie dich verlassen soll. Sie will dir dienen wie bisher. Und meine Mutter läßt dir sagen, daß sie trotz alledem nicht aufhört, dich für einen Ehrenmann zu halten.« »Nichts ist mir momentan wichtiger, als zu wissen, daß Mevrouw de Ruyter den Glauben an mich nicht verliert.« »Du bist sarkastisch. – Aber glaube mir, Doktor, dein Sarkasmus ist unangebracht. Du hältst den Ruf unserer Familie in der hohlen Hand . . .« sagt Hendrijk mit aufreizender Sanftheit. Antja schluchzt plötzlich auf. Sie erhebt sich und geht ein paar Schritte auf den Doktor zu. Und vor ihm – es ist keine Täuschung; es ist wirklich wahr! – läßt sie sich auf die Knie nieder. Seitwärts geneigt stützt sie sich mit steifem Arm auf die Strohmatte wie eine Flehende im Wajang-Orang; ihr Mund ist herabgezogen in die Hufeisenform eines tödlich beschämten Kindes, und ihre Tränen träufeln gleichmäßig wie aus einem lockeren Wasserhahn . . . Kehmerdill starrt auf sie herab; die Seide spannt sich an ihrer Croupe; er sieht die bepuderten Brüste wild gehoben und gesenkt wie einen Blasebalg. »Mein Gott!« denkt er. »Ist dies möglich!« Aufs äußerste gereizt ergreift er sie unter den Achseln und schiebt die ihm Entgegenquellende mit sanftem, aber unwiderstehlichem Nachdruck zurück. Sie preßt die Arme an den Leib, um seine Hände festzuhalten; mit hartklammernden Fingern ergreift sie seine Ärmel und hat dann plötzlich, mit elastischem Griff, seinen 210 Kopf herabgezogen. Wohin es treffen will, bedeckt sie ihn mit durstig saugenden Küssen. »Laß das!!« brüllt er und befreit sich mit einem Ruck. Er fährt sich über die Haare und begibt sich wirr auf seinen Stuhl . . . »Otto,« heult sie. »Stoß mich nicht von dir!« Hendrijk greift nicht ein. Er fährt sich mehrmals hastig über den lackschwarzen Scheitel und leckt sich nervös die Lippen. »Pardon,« bringt er hervor. »Ich werde Zeuge einer Szene . . . Was ist das, Antja! Was tust du! – – Aber du siehst daraus, Doktor, wie sie dich liebt . . . Sie ist fassungslos . . .« Kehmerdill starrt die beiden an. Hendrijk ist einen Kopf größer als er, eine Pioniergestalt. Auch Antja (das hat er gerade gespürt) hat ihr Gewicht. Es ist eine geschlossene Phalanx; ein Alpdruck. – Er steht auf; er geht in sein Laboratorium. Er schließt die Tür und läßt sich auf einen Stuhl fallen, neben den Tisch mit den Instrumenten. Es flimmert ihm vor den Augen. »Was tue ich nur,« geht es ihm durchs Hirn. »Wie werde ich sie los . . .« Mit einmal spürt er die kleine saugende Schwäche. Wie ein Brodem, wie ein Gift ist es aus dem gelösten Körper dieser Frau gestiegen. Ein Duft wie aus den lautlosen Schacherhöhlen Solos. Er klammert sich in Gedanken an Nora. Kristallklar dringt es auf ihn ein. »Mach dich frei,« hört er sie sagen, unberührt, keck und kühl. »Mach dich frei von Indien . . . Folge 211 mir und alles ist gut.« – – Ha, was macht das aus! Sie können ihm nichts mehr anhaben! In drei Wochen sitzt er auf dem Schiff! Aber einstweilen steht ihm noch ein Kampf bevor, ein verdammter Kampf . . . Den Teufel! Ist er Herr in seinem Haus oder ist er's nicht? – – Fiebernd sucht er nach Kokain. »Otto!« hört er eine feine Stimme und graue Augen sehen ihn durchdringend und beschwörend an. »Tu's nicht, Otto! Du hast geschworen!« Er schließt die Augen, Schweiß bricht ihm aus. Von draußen hört er murmelnde Stimmen. Dort überlegt man, plant, intrigiert; dies alles war bloß eine Einleitung, eine captatio benevolentiae  . . . Diese Indos haben noch mehr auf der Pfanne! Ah! Es muß gehen . . . Er darf nicht nachgeben! Sonst wird er klein, sklavisch, geschmacklos, dumm . . . Mit verzerrtem Gesicht gibt er das Suchen auf; dann ergreift er die Whiskyflasche und nimmt einen gewaltigen Schluck. Der rohe Alkohol brennt ihm in der Kehle. Sein Herz tut ein paar vereinzelte heftige Schläge. »Ich werde euch schon zeigen,« murmelt er, »wo ihr hingehört . . . Ihr werdet was erleben . . .« Das blonde Gesicht des Referendaris lächelt ihm zu; er hört sein sonniges Lachen. »Gib's ihnen, Doktor! – Gottverdammich! Bist du nicht Manns genug, um fertig zu werden mit dem Geschmeiß!! « Elastisch strafft er sich; der Puls durchdringt ihn mit vollen kraftspendenden Stößen. Er bleibt einen 212 Augenblick stehen; dann reißt er die Tür auf und geht mit schier schlendernden Schritten zur Veranda zurück. Nonchalant setzt er sich auf den Stuhl. Mit einer gewissen Verschmitztheit blickt er in die zwei Gesichter, deren Augen an seiner Miene saugen. »Nun?« würgt Antja hervor. »Hast du dir überlegt, Otto?« »Ich habe mir inzwischen überlegt, wie ich diesen Unerquicklichkeiten gründlich den Riegel vorschieben kann. Ihr seid doch Holländer, he? Europäer, was?« Seine Oberlippe kräuselt sich; er zupft sich am Schnurrbart. »Ihr stammt aus einer Pionierfamilie . . . das ist Empfehlung genug.« »Was willst du damit sagen?« erkundigt sich Hendrijk. Sein fahles, langnasiges Gesicht gewinnt denselben Ausdruck, den Kehmerdill schon erlebt hat, als sie sich während des Balles im »Des Indes« fast streiften . . .: es wird dumm vor Haß. »Nun gut . . . Ich will damit sagen, daß man unsere schwebende Frage nach europäischen Gesichtspunkten regeln muß, und nicht nach Landessitten . Man hockt sich bei uns nicht auf den Boden, wenn man plaudert. Man hat einigen Stolz im Leibe, sozusagen Selbstachtung, und die laßt ihr mächtig vermissen.« Hendrijk zuckt zusammen wie unter Peitschenschlägen. Trotzdem bleibt er sitzen. Antjas Gesicht ist ausdruckslos. »Wenn wir genau wüßten,« sagt endlich Hendrijk, »daß du ganz unbeeinflußt handelst, wäre die Sache anders. Du gibst uns Anstandslektionen. Das stecken 213 wir ein. Doch man hat dich im vornherein gegen uns aufgehetzt!« »Wieso? Ich wünsche euch das Beste! Aufgehetzt soll ich sein? Von wem? Gegen euch? Warum? Ich bin ein Mann meiner eigenen Entschlüsse.« »Aber vorher läßt du sie dir abstempeln. In Buitenzorg. Wir wissen; woher du deine Entschlüsse beziehst.« Hendrijks Stirn wird wulstig, er hat einen Trumpf ausgespielt. »Jener Mann –« fährt er satt fort, »hat es darauf angelegt, Antja und dich auseinanderzusprengen. Das ist nicht nur persönliche Bosheit. Das ist Prinzip! « Er lacht auf; es klingt nicht hübsch; es ist ein hohes Kreischen in Fisteltönen. »Aber es wird ihm nicht gelingen!« »Meinst du etwa Heyermans?« fragt der Doktor mit farblos schleppender Stimme. »Mein Lieber, du bist auf dem Holzweg. Heyermans hat sich nie in mein Verhältnis zu Antja gemischt.« »Nicht zu Antja? . . . Aber hat er nicht dein Verhältnis zu uns allen verdorben? Ah! Auf ein Piedestal hebt er dich, und du schiebst ihn noch höher; und da thront ihr Reinblütler und macht den großen Fischzug. Und wir, wir, in unserer Heimat, sind minderwertiges Kroppzeug! Ganz minderwertig! Von uns schöpft ihr den Rahm ab! Unsere Frauen schmeißt ihr uns entwertet wieder nach wie ausgelutschte Manggas! Mit einem Trinkgeld!« Er schnaubt schwer und zückt sein Taschentuch. »Minderwertig . . . das war dein Ausdruck, wie?« »Schuft!« schreit Hendrijk. Er tobt. Er neigt den Kopf wie ein Stier. Kehmerdill hebt den Korbstuhl. 214 »Hendrijk!« kreischt Antja. »Vergreife dich nicht! Du siehst ja, er ist krank!« Erschlaffung kommt über den Riesen. Seine braungelben Augen sind kugelförmig hervorgedrungen. »Otto,« sagt Antja sanft, »warum reizest du ihn so?« »Ich . . . reize . . . ihn?« – Kehmerdill hält sich an der Wand fest. Dann steckt er die Hände in die Taschen und wiegt ältlich den Kopf. »Was für große Kinder ihr seid!« Hendrijk verzieht plötzlich den Mund zu einem breiten Grinsen. »Kinder, was? Ungezogene Kinder . . . Mucken sie auf, dann schickt man sie heim. Ich sehe, Doktor, du hast deinen Urlaub zu kurz bemessen. Erhole dich ganz! Sonst leidet deine Praxis.« »Soll das eine Drohung sein?« »Was macht man sich schon aus den Drohungen von Kindern . . . Äußerst du dich noch schriftlich?« »Ja, recht bald. Dieser Unfug muß ein Ende haben.« »Unfug . . . Nimm dir einen anderen Notar als Peter, der kommt dich zu teuer.« Sie gehen. 215 Der Tritt auf die Viper Es ist in Buitenzorg auf der Veranda des Referendaris. »So ist das also, Doktor. In drei Wochen fährst du ihr nach,« sagt Heyermans und saugt höchst gedankenvoll an seiner schwarzgerauchten langen Pfeife. Ein hellblonder Haarbausch sitzt über seiner Stirn; sein gesundes rotes Gesicht ist in Falten zerlegt und seine blauen Augen grübeln. »Du hältst mich mächtig in Atem; das muß ich sagen. Du bist ein verdammt glücklicher Hund. Aber wie alle Menschen, denen alles gerät, bist du ein wenig blind dafür, was du anrichtest. Du gehst los wie Napoleon; doch in deinem Kielwasser schwimmt Pech. – Na, prost.« Er schwenkt sein Glas, leert es und stellt es grimmig auf den Tisch. »Koos,« sagt hier der Doktor etwas pikiert, »ich bin mir nicht bewußt, dir je mit Absicht Unannehmlichkeiten . . .« Heyermans schlägt eine seiner sonnigsten Lachen auf. Er haut sich auf die Schenkel, er krümmt sich im Stuhl; seine Augen tränen. Lange kann er sich nicht beruhigen; endlich gelingt es ihm. Kehmerdill sieht sich dies Gehaben mißtrauisch an. 216 »Ich freue mich, dich bei so wundervollem Humor . . .« Heyermans winkt mit der Pfeife ab. »Der ist da. Gott sei Dank.« »Ja, aber zum Teufel . . .« Koos schüttelt sein blondes Haupt und wird etwas fachlicher. »Ich habe mit keinem Sterbenswort behauptet, Doktor, daß du mir je mit Absicht an den Karren gefahren bist. Du hast vorhin sehr drollig erzählt, wie Kusuma zu deinem früheren Patienten, van Kersten, kam, und gebrauchtest in diesem Zusammenhang den Ausdruck: Origineller Zufall. – Mein Freund; in Indien gibt es keinen Zufall. Originell ist oft nur die Weise, wie er arrangiert wird. Die Adresse hattest du mir auf einem Wisch notiert; und dieser (das schrieb ich dir) verschwand vorübergehend von meinem Schreibtisch. So wahr es weiße Ameisen hier gibt . . . Nun, ich dachte nicht daran , und am allerwenigsten an die langen Finger dieses Herrn Kusuma. Und nun kommt ein Punkt . . .« – er wird plötzlich todernst, – »wo ich mir verdammte Vorwürfe mache. Ich war ein trauriger Esel.« »Bist du nie. Trotz Herrn Erdbrinks wohlwollender Meinung.« »In diesem Fall leider ja. Mein Chauffeur Darmawan ist sonst ein nüchterner Bursche. Er war drei Tage lang voll Genever und fuhr da draußen die halbe Kanarienallee kaputt, und das unter der Nase des G. G., der gerade einen Ausflug machte. Blendend für meine Chancen. Und woher stammte das 217 Geld für diesen Rausch? Wer finanzierte diesen Tornado durch die Paragraphen? – Unser Freund Kusuma . . .« Kehmerdill starrt ihn an. »Jawohl, – das ist aber noch nicht so schlimm. Ich hätte Darmawan nach seiner Beichte schlicht entlassen können. Aber ich sah rot; ich prügelte ihn. Dafür könnte ich mich selber prügeln. Ich habe ohnedies nicht die Reputation, besonders lieb Kind bei den Inlanders zu sein. Du verduftest in drei Wochen, du Satanskerl. Du kannst es dir sogar leisten, Volksraadmänner mit Sektflaschen zu bombardieren; du bist Privatmann . . . Ehrlich gesagt, ich säße an deiner Stelle längst in Singapore oder sonstwo. Ich kann aber nicht fort. Ich bin ein Rädchen der Verwaltung, bin ›Kolonialregierung, aus der Drachensaat der Ostindischen Kompanie, ein fröhlicher Sklavenhalter von Anno 50‹ – – und wenn ich's noch nicht bin, so machen mich meine Indo-Journalisten, dein liebwerter Schwager im Vorsitz, im Handumdrehen dazu. Persönlich ist es ja erfreulich, daß dieser Darmawan seine Keile bekommen hat. Aber auf Tjikopo, auf der Teeplantage, hat er schon einen netten kleinen Stunk gemacht; ein Revolutiönchen; es fehlt nur noch, daß er zu seinem Hadji rennt. Die ganze Nacht haben sie da oben im Kampoeng getrommelt. Protestgetrommel. Keine Festlichkeit.« In der Unterhaltung entsteht eine gedankenschwangere Pause. Auf einmal sagt Koos: »Doktor, malträtiere deinen Schnurrbart nicht so. Reiß ihn nicht aus, es wäre 218 schade. Er ist ein bewährter Herzensbrecher; laß ihn stehen.« »Koos! Versprich mir eins!« »Nun?« »Nimm dich in acht! – Wer kocht dein Essen?« Koos wedelt mit der Hand. »Alles ist in Ordnung.« »Nimm dich in acht!! – –« Kehmerdill geht in furchtbarer Unruhe hin und her. »Doktor, fasele nicht. Ich passe auf. – Aber eins sehe ich ganz klar.« »Daß du nach Holland . . .?« »Unsinn. Mein Platz ist hier. Aber ich sehe ganz klar, daß du reif bist für Europa. Du bist ein Nervenwrack. Du hast Indien in den Knochen. Du verträgst es nicht, mein Lieber; glaube mir. Ich vertrage es. Ich wickele deine Geschäfte ab, aber mach, daß du fortkommst. Du hast genug gehamstert, um anständig drüben zu leben. Und außerdem . . .« »Koos!« ». . . diese kleine Frau Erdbrink wartet auf dich. Sie braucht dich! – – Das kommt noch dazu.«   Singapore, Anfang Februar 192* An Mevrouw de Ruyter, Weltevreden, Batavia . Waterlooplein.         Madame! Auf dieser Zwischenstation meiner Europareise, die ich seit nunmehr zwei Wochen angetreten, nehme ich 219 Gelegenheit, Ihnen noch einmal zu schreiben. Ich habe das Gefühl, daß zwischen uns noch ein wichtiger Punkt klarzustellen ist. Leidenschaften lähmen die Logik bei mündlichen Aussprachen, besonders wenn auf einer Seite ein fester Entschluß herrscht, und auf der anderen Eigensinn und mangelndes Verständnis. Eine Beruhigung kann man sich daher höchstens vom sachlichen Brief erwarten. Gänzlich unerwartet und unangemeldet machten mir kurz vor meiner Abreise Antja und Hendrijk einen Besuch. Der Zweck war, mich zu überrumpeln und mich zum weiteren Zusammenleben mit Ihrer Tochter zu veranlassen. Es war nicht ungeschickt inszeniert; man warf mir vor, ich habe durch meine langjährige intime Freundschaft mit Heyermans gewisse Rassenvorurteile eingesogen, und dies sei nun der Grund, weshalb ich mich scheiden lassen wolle. Daher auch Hendrijks Aufregung, als ich Antja durch Peter die Scheidungsformulare zustellen ließ. Daher sein Bemühen, mich persönlich zu sprechen und sein endlicher Überfall. Daß Antja mitkam, mit einer fertigen Rolle, war Teil der Regie; – Madame! Ich durchschaue das. Man ließ mich sofort erkennen, daß es in Ihrem Einvernehmen, ja mit Ihrer Ermunterung geschähe. Daß zwei Menschen den seelischen Kontakt verlieren, ist in Ihren erregten Augen an sich schon eine Katastrophe, während es doch nur eine Belanglosigkeit ist in diesem Lande halbzersetzter Beziehungen. Weit wichtiger aber noch erscheint Ihnen die Vorstellung, die Ehre Ihrer Familie werde angetastet; man desavouiere und schädige Sie gesellschaftlich; 220 man erschüttere, nicht ohne Absicht, die Stellung Ihres Sohnes unter seinen ärztlichen Kollegen in der Stovia; und die Ihres anderen Sohnes im Indoeuropäischen Verband untergrabe man politisch. Mit dieser fixen Idee behaftet, suchen Sie nach meinen eigenen Gründen, finden keine nach Ihrem Geschmack stichhaltigen, und laden Ihren ganzen Groll auf Heyermans ab, in welchem Sie den Vater des ganzen teuflisch ausgeheckten Planes erblicken. Madame! – Ein solcher Plan existierte nie. – Und Heyermans, trotz seiner politischen Einstellung, hat sich nie in meine Privatangelegenheiten gemischt. In der Tat: er widerriet mir. Dies wird Ihnen vollends glaubwürdig erscheinen, wenn Sie den echten und eigentlichsten Grund erfahren, warum ich mich von Antja trennte. Diesen lüfte ich nur, um jeden Schatten von Schuld von Heyermans zu entfernen. – Sie werden, Madame, bereits erraten haben, daß es sich um eine andere Frau handelt. Der Zweck meiner jetzigen Reise ist, an der Seite dieser Frau glücklich zu werden. – Ich hoffe, daß man nun ein Einsehn zeigt und aus dieser Tatsache die Konsequenzen zieht. Ich trage niemandem Groll nach, Madame. Ich werde Antja eine Rente aussetzen, die es ihr ermöglicht, den Ansprüchen ihrer und meiner früheren Kreise zu genügen. – Mein Haus in Weltevreden steht ihr nach vollzogener Scheidung ebenfalls zur Verfügung. Ich bin, Madame, der Ihre. Dr. med. O. Kehmerdill         221 Dieser in elegantem Französisch abgefaßte Brief ist ins Haus geflattert, als Mevrouw de Ruyter mit ihrem Sohn Hendrijk auf der Küchenveranda ihres Hintergartens beim Tee sitzt. Sie hat ihn mit ihren welken Fingern hastig aufgerissen und dann knarzend vorgelesen, unter vielen »E–e–eschs« und sonstigen wegwerfenden Keuchlauten. Sie ist so absorbiert in den Brief, daß sie das Mienenspiel ihres Sohnes gar nicht beachtet. »E–esch!« krächzt sie und wiegt den Kopf. »Er schreibt flüssig. – Auch mein seliger Korneelis schrieb ein ähnlich flüssiges Französisch, wenn er auch, Gott behüte, seiner Lebtag kein derartiges Thema aufs Tapet brachte. Wer hätte das gedacht! – Er verliebt sich, der böse Mann! – Was hilft es da, zu debattieren . . . Eine Affäre! – Sieh, sieh! Du mußt Antja abraten, zu jammern; er war und ist ihrer nicht wert . . . Wie sieht sie denn aus, diese ›andere‹ Frau?« – Ihre chinesisch geschnittenen Augen verengen sich zu Ritzen . . . »Kennst du sie? – Ist sie hübsch?« Hendrik ist während der Verlesung des Briefes unbeweglich dagesessen. Auch jetzt schweigt er. Erst als die Alte ihn mit der Krücke ihres Stockes an der Schulter berührt, fährt er auf, als erwache er aus einer Trance. »Hendrijk,« sagt die Alte und beugt sich spähend etwas vor . . . »Was fehlt dir, mein Sohn? – Woran denkst du?« Sein Gesicht zeigt jenen erdigen Ton, der bei bräunlicher Hautfarbe an die Stelle des Erblassens tritt. Er bohrt beide Fäuste unters Kinn, seine Stirn ist 222 dick gewulstet, er stiert. – Auch diesmal tritt eine Pause ein. Die Alte stößt mit dem Stock auf den Boden. »Hendrijk!« bemerkt sie in leicht erhöhtem Organ, – »sagt dir der Brief Neues? – Was ist das für eine Kopfhängerei! Was da! Du sitzest und schneidest Gesichter! – Merzen wir seinen Namen aus . . . Antja ist noch jung . . . Er ist es nicht wert, eh! – und nun ist Schluß . . .« Sie lehnt sich zurück und schlürft ein Schlückchen Tee. Er dreht den Kopf langsam auf den breiten Schultern und starrt zu den Rabatten hinüber. Wie eine gelbe, violettgesprenkelte Riesenspinne hängt dort eine Blüte; ganz lebendig wirkt sie im leisen Luftzug. Trotz vieler anderen, die im lederblanken Grün verdämmern, fesselt sie den müßigen Blick wie etwas Drohendes. Sie sieht aus, als könne sie kriechen – – von ihrem Stengel herabsteigen und sich herübertasten über seine beklommene Brust. Ein Ton bricht aus seiner Lunge, unartikuliert, wie ein Röcheln. Seine dicken Lippen zittern, als mühten sie sich Worte zu formen. Plötzlich senken sich seine Augendeckel, und seine Miene wird tierhaft vertrauensvoll. »Der Brief . . .« stammelt er endlich, und der dickbelegte Klang des Wortes erschreckt die Alte. Sie zieht den Mund zusammen und zupft rastlos mit den welken Fingern am bunten Sarong. »Hat er dich so erschüttere? – Du bist ein guter Sohn. Hier erkenne ich Korneelis.« 223 »Der Brief hat mich frappiert . . .« »Das ist denkbar, denn du selbst machst ja in solchen Affären aus deinem Herzen keine Mördergrube . . . Ich denke an die kleine Cora Rikkers; zänkisch ist sie und blutlos; aber wenn es nach dir geht, so ist sie ein völliger Engel . . . E–esch! – Du schilderst sie; man sieht sie, man fühlt sie, man riecht sie . . . Auf alle Fälle weiß es die Welt, daß sie dein Geschmack ist. Aber der Doktor ist anders.« »Nicht bloß anders, Mama. Er ist ein Monstrum. Er rauft seinen Schnurrbart; man friert. Und was verursacht er? Endloses Rätselraten und Wolken von Argwohn. Es war ein Verbrechen, daß er schwieg. Er ist der wahre Schuldige. Er läßt es zu, daß aller Verdacht auf Heyermans . . . Welch eine Verwirrung! Und nun – opfert er Heyermans . . .« Er dämpft die Stimme und sieht sich scheu um. Die Alte beugt sich wieder vor. »Wie das? . . . Opfert . . .?« Man sieht seine Lippen sich bewegen. Ein halbes Lesen wird für die Alte daraus; das spitze Kinn der lauschenden Greisin hebt und senkt sich . . . Hendrijks dicke Zunge zischelt . . . Plötzlich kreischt die Alte auf; sie kann es nicht unterdrücken; ihre Schlitzaugen werden zu Kreisen, in denen die schlehenschwarzen Papillen umherjagen . . . »Seien Sie leiser, Mama!« steht Hendrijk. »Du gabst seinem Chauffeur Geld??« »Ja, ich gab ihm etwas . . . Aber Gott soll mich erschlagen, wenn ich meinen Wunsch formulierte . . .« »Rase nach Buitenzorg . . . Nimm ein Auto . . .« 224 kommt ein behindertes Schluchzen zurück . . . »Es muß noch verhütet werden, noch verhütet . . .« »Reden Sie leiser, um Gottes willen . . . Es geht nicht. Es ist zu spät.« »Es ist zu spät . . .?« »Van Affelen behandelt Heyermans. – Ich habe telephoniert. Die Symptome haben begonnen.« »Grauenvoll! Grauenvoll! Oh Hendrijk, was hast du gedacht!« »Der Haß, Mama . . . Ich kannte mich nicht mehr; es ist ja für uns  . . . Und nun war es gar nicht Heyermans. Es war diese deutsche Frau.« »Mich, dich, Antja, Peter . . . Unser ganzes Schicksal legst du in die Hände eines Giftmischers . . . Für einen Quartjes verkauft er uns . . .« »Das tut er nicht. Heyermans hat ihn geprügelt; sein Motiv ist klar. Man wird ihm nicht glauben . . .« Die Babu watschelt in diesem Augenblick von der Küche in das Haus hinüber, um den Pensionstisch zu decken. Die beiden sitzen wie versteinert. Die Sonne wankt wellig in Lichtsäulen aus kochendem schwerem Duft. Ein grüngesprenkelter Falter, hindurchtreibend, flammt auf und erlischt. 225 Das Stigma Indiens Der große Passagierdampfer des Norddeutschen Lloyd schraubt sich aus dem Hafen von Singapore in den offenen Indischen Ozean. Der schweigsame Arzt aus Batavia hält sich nie im Rauchzimmer auf. Er verbringt den Tag an Deck. Gewöhnlich trägt er eine Brille aus Rauchglas, als ob das Starren auf die funkenwimmelnde Wasserwüste seinen Augen weh tue, er es aber trotzdem nicht lassen könne, nach Westen zu spähen. Nur, wenn der maßlose Wolkenprunk in der Malakkastraße den Beginn des Abends kündigt, nimmt er die Brille ab und steigt auf opalfarbenen Stufen tief in Noras mütterliches Herz. Er weiß, daß sein Leben eine unerhörte Wendung erfuhr. Hinter ihm, im wesenlosen Scheine, verdämmert Indien. Meilen nach Meilen mühen sich ihn zu trennen von der saugenden Kraft dieser dunkelbelaubten Ufer, dieser glutgebadeten Höhenketten. Noch sitzt ihm der Hunger in der Brust. Doch ist das Verlangen nach dem Gift keine vergewaltigende Faust mehr, die ihn im Nacken packt und zum Pfuhl niederbeugt. Der hämische kleine Dämon aus der Schildpattdose zupft nur noch, wenn auch peinvoll, in Abständen an seinen Nerven. Er gibt sich noch 226 nicht ganz zufrieden. Aber Kehmerdill weiß, daß die Zuckungen allmählich einschlafen; gelindert werden und gelöst vom großen, allumfassenden Glücksgefühl. Die Etappen der Reise reifen langsam ihrem Ende zu. Lärm und Geschwirr der Häfen versinkt. Jene ödesten Träume werden durchsteuert: das Rote Meer, das Brackwasser der Welt. An Abenden steigt, aus deutlicher Dämmerung, deren Dauer wächst, scharf das staubige Orangerot kahler entgleitender Ufer. In den Dunkelheiten webt es fern von Türkis, bis das grelle Gefunkel der sich wandelnden Sterne entsteht: als habe man eine Handvoll Juwelen hinaufgeschleudert, die seltsam körperlich hängenbleiben im Raum. Und tagsüber – nach Suez – öffnen sich die tiefsten Verschwiegenheiten sandiger Welten neben totem Quallenwasser. Im weißen Morgenlicht rühren sich seidene Kamele. Violette Salzlaken funkeln in unerhörter Wüstenklarheit . . . Und diese Klarheit erfüllt auch ihn. Das Klima wechselt; kühler Nordwind braust; Februarwind; man sucht europäische Kleidung heraus, man fröstelt . . . Denn die alte Heimat kommt näher, die Mutter allen erstickten Empfindens, das nun siegreich hervorbricht mit verwunderten Fragen, mit süßem Erschrecken: – Europa.   Im Hause Erdbrinks in Hamburg, in einem Palais, das wie eine kleine Sandsteinfestung in den Gärten an der oberen Alster steht, wartet Nora. 227 Es ist in einem hohen Raum zu ebener Erde, dessen französische Fenster, mit weißen Mullvorhängen verhängt, in den nebelerfüllten Garten blicken. Es ist kalt; so brennt ein Feuer im geräumigen Kamin. Der Raum enthält mehrere große zwanglos hingestreute Fauteuils; ein Messingtischchen für Tee steht in der Nähe des Kamins. Das Parkett ist seiner ganzen Breite nach von einem Smyrna mit verschwommenroten Mustern bedeckt. Es wird keine halbe Stunde mehr dauern, dann steht er vor ihr. – Sie trägt ein dunkelblaues Kleid aus feinster Wolle; oben teilt es sich; die Brust ist halb bedeckt von einem Einsatz aus Goldbrokat. Um den offenen Hals schlingt sich eine Kette milchweißer Perlen und pendelt bis zum Schoß herab. Seit sie heute auf ihn wartet, hat sie das Sofa nicht verlassen. Die Brust über die Seitenlehne geschmiegt, starrt sie in die knackende Glut. Auf ihrer Stirn nistet die Brauenfalte. Sie ist von ungeheurer Nachdenklichkeit; ihre Lippen bewegen sich flüsternd, als ziehe sie die Bilanz mit Erdbrink; ein paar Wochen noch, dann muß ein fetter Schlußstrich daruntergezogen werden von einer Hand, die nicht zittern darf. Dann wird das Hauptbuch zugeklappt mit einem Knall, und man nimmt ein neues mit blütenfrischen Blättern. – Aber ihre Hand darf nicht zittern! Die Klingel draußen schrillt. Nach einer Pause, die von aufgestörten Herzschlägen durchbebt wird, meldet der schwarzgekleidete Diener in den Raum hinein: »Herr Doktor Kehmerdill.« 228 »Ich lasse bitten,« tönt es zurück wie aus einer Gruft. Ein einsames Sätzchen! Sie hat es in den Samt der Polsterung hineingesprochen. Der Diener hört mit geschärftem Ohr die Zustimmung heraus. Zunächst sieht der Doktor nur das Licht, das die Stores erzeugen, und eine Dämmerung, die auf den Sesseln dort am Ende des großen Raumes nistet und mit den zuckenden Flammenschatten auf dem weiten Teppich kämpft. Dann aber sieht er das kleine blasse Gesicht, das unter der goldbraunen Pagenkappe hervor über die Lehne des Sofas lugt, und den leuchtenden Hals. »Nora,« sagt er und geht etwas zögernden Schrittes auf sie zu. Sie kommt ihm nicht entgegen. In ihrem Blick ist ein Staunen. Sie läßt sich von ihm küssen und gibt den Kuß wieder. Sie will nicht, daß er sieht, daß sie staunt. Um ihn noch besser betrachten zu können, schiebt sie ihn an den Schultern von sich. Er trägt einen Anzug aus gutem Stoff, etwas forsch Englisches, sportlich Betontes; daran, daß sich da und dort Falten bilden, wo sie nicht hingehören, sieht man, daß er fertig gekauft ist. Einen hohen Hemdkragen trägt er und eine erstaunliche Krawatte von grellem Blau. Die Strümpfe harmonieren nicht damit. »Dies sind ja Äußerlichkeiten . . .,« denkt sie verbissen. »In ein paar Tagen gewöhnt man ihm das ab.« – Sie hat ihn bisher nur im makellosen Weiß eines zweimal täglich gewechselten Leinenanzuges gesehen. – – Und jetzt, zum erstenmal, sieht sie auch, 229 daß seine Gesichtsfarbe und seine Hände gelb sind. Es ist nicht auffallend; bewahre; es ist nur ein Ton der Haut, ein Hauch von Gelb, der seltsam absticht von dem Teint anderer Leute, unter denen sie vorher lebte und jetzt wieder lebt. Es ist nur ein Hauch . . . Und doch wirkt es wie das Symptom eines Lasters, als komme dieser Mensch aus einer gefährlichen abseitigen Atmosphäre . . . Sie ist fast untröstlich darüber, daß sie dies gerade in diesem Augenblick bemerkt. »Das ist ja alles belanglos!« wiederholt sie formelhaft bei sich. »Es ist mein Freund; es ist der Mann, den ich liebe . . .« Ihre Augen verschleiern sich. »Setze dich doch, Otto. Nun bist du also da. Nun bist du da!« Er läßt sich auf dem Sessel ihr gegenüber nieder. Seine Erregung nimmt ihm die Worte; nach alter Gewohnheit läßt er die Schnurrbartspitzen durch die Finger gleiten . . . Durch Finger, die ebenso wächsern sind und zittern wie bei einem Genesenden. Der Blick, mit dem er sich umsieht, hat etwas Unsicheres. Er bemüht sich, diese Unsicherheit durch ein Lächeln zu verdecken. Auf einmal wird ihr seltsam klar, was sie empfindet. Es ist nicht Kehmerdill, der sich verändert hat. Er bringt dies unsäglich Fremde mit sich, das er in sich aufgesogen hat zehn Jahre lang, das ihn in den Klauen hatte, und strahlt es aus. Er kann nichts dafür! Aber aus jeder seiner Bewegungen steigt äffend dies Fremde auf wie ein Gespenst . . . Wie ein zweites schemenhaftes Gesicht, eine zweite Kontur, in der er steckt; eine Hülle . . . 230 Grelle Farben entrollen sich vor ihrem inneren Auge; geisterleis dringt Geschrei an ihr Ohr, ihre Brust wird beklommen vom Gedächtnis an eine fragwürdige Schwüle, an ein Asthma . . .: Indien . Sie kämpft. Sie atmet tief auf. »Otto!« sagt sie. »Sprich, Otto!« Sie gleitet hinüber, und wühlt mit ihren Augen in den seinen . . . Er blinzelt; sein Lächeln wird zur pathetischen Grimasse. Sie faßt sich und geht an den Teetisch. Sie schenkt ein und bringt ihm die Tasse. Er schlürft sie gierig hinunter, als sei es etwas Berauschendes. – Und endlich findet er Worte. »Ich habe deinen Brief nach Port Said erhalten. Es ist also noch nicht ganz so weit?« (Ist seine Stimme auch verändert? Ist das die alte Stimme von damals auf dem Tjibodas, die Stimme des trostreichen Freundes? Ach was, sie ist ihrer nur entwöhnt, dieser leicht schleppenden Akzente, dieser netten kleinen Sprachschnitzer, die sie damals völlig überhörte!) Sie rafft sich zusammen. – »Noch nicht ganz; nein,« sagt sie ruhig. »Die Formulare sind noch nicht unterschrieben.« – (»Meine große Liebe, meine einzige und letzte,« betet sie dabei, als wolle sie sich an ein Stichwort klammern . . .) »Wie lang' dauert das noch?« »Vielleicht drei Wochen, Otto . . . Du wohnst im Hotel?« Ja. – Er wohne im Atlantic. – Man sei dort leidlich aufgehoben. Das Groteske der Situation überwältigt sie plötzlich. Hier sitzen sie beide nach einem unerhörten Erlebnis, das sie sprunghaft einander schenkte wie 231 zusammenschießende Kristalle und wechseln konventionelle Redensarten wie im Coupé. – – Sie lacht hell auf. »Otto!« ruft sie, »was sind wir doch für Menschen . . . Denke dir, hier habe ich gewartet und gewartet, mein Lieber . . . Auf dem Atlas habe ich die Tage markiert, bis du kommen würdest. – Wenn er sich nur nicht den Schnupfen holt! habe ich gedacht, als du aus dem Suezkanal hervorkrochst und deine Nase in den Nordwind stecktest . . . Er kommt aus der Hitze; man muß ihn in Wolle wickeln und gut behandeln! – Du bist wohl ein wenig konfus, wie? Ich kann's mir denken; zehn Jahre sind ja eine so lange Zeit in dem schrecklichen Land. Aber wart' nur. Ich pflege dich! Ich modele dich um! Ich mache dich gesprächig! Du findest dich schon hinein in unser altes Europa. Dir ist alles fremd geworden, wie? Das ist so begreiflich . . . Siehst du! Nun faßt du schon Vertrauen.« Es zuckt in seinem Gesicht. Dann macht er eine Gebärde, als wische er mit der Hand etwas von der Stirn, und lächelt wieder. Doch ist es kein Krampf der Wangenmuskeln mehr; es ist das Lächeln eines Menschen, der sich seiner Genesung bewußt wird. Und nun macht er einen Anlauf zur Gesprächigkeit, der alles wettmachen soll –: »Du hast ganz recht, Nora. – Es hat tausend Gründe, warum ich dir jetzt schwerfällig erscheine. War ich die heiße Tretmühle da drüben auch sterbenssatt, so war sie mir doch zu einer Sorte übler Gewohnheit geworden . . . Du kamst und rissest mich heraus. Gabst meinem Dasein andern Sinn. Heyermans, der herrliche Kerl – (ich glaube fast, er war selbst ein wenig in dich verliebt!) – hat noch das Seinige getan, um mir die Scheuklappen herunterzureißen. Ihr zwei wurdet die Pole, ihr wart das Trockendock, und da zog man das Wrack hinauf und firnißte und takelte es neu . . .« »Es sieht schon ganz passabel aus,« pflichtet Nora bei. – »Ich lege noch letzte Hand, du erlaubst, an die Takelage . . .« »Nun der zweite Punkt. Geschmacksfragen. – Man ist ein wenig Outsider geworden; wie? – Die weißleinene Menschheit dort braucht weder Krawatten noch Hemden. – Doch man versiert sich . . . Du schwelgst hier im Zentrum der Kultur; das sieht man. Ich nehme an, das sind deine Einfälle . . .« – er blickt sich um. – »Das heimelt mich derartig an, daß ich fast verwirrt bin. – Dritter Punkt: Du weißt, ich bin so ziemlich gewohnt gewesen, der Menschheit drüben meine Wünsche zu diktieren. Sie heißen Mahil, oder Nas, oder sonstwie; das sind verständliche Namen. Man pfeift; sie kommen. – Hier aber gibt es die große Höflichkeit. Kellner, Zimmermädchen, Liftboy, Portier – alles macht leere Phrasen . . . Jedem hängen Spruchbänder zum Mund heraus. Ich werde wie ein Patient behandelt. Ich bin der Nabob.« Nora lacht schallend und befreit auf. »Weißt du was, Otto? – Eröffnen wir doch einen Toko Bombay hier, einen Kramladen, und kleiden sie indisch ein . . . Den Liftboy vom Atlantic im Sarong! – Dann fühlst du dich hier zu Hause! – Nein, mein Lieber, du redest Unsinn. Du mußt solche Hemmungen beseitigen. Zunächst einmal die Angst vor mir.« 233 Sie steht wieder auf, zieht auch ihn empor und preßt sich an ihn. Ein Strom von Kraft geht von ihr zu ihm über. »So ein Unsinn,« flüstert sie. »Behandle sie ruhig wie Mahil und Nas. Und was bin ich? Deine Nonna. Nur das Kostüm ist anders, an Kulissen gewöhnt man sich. – Und was deinen Urlaub betrifft, arbeite ruhig weiter hier, mach' eine Praxis auf, für Seeleute . . . Die brauchen deine Tropenkenntnis, sollt' ich meinen! Ich passe schon auf, daß du des Guten nicht zuviel tust. Bücher . . . Kunst . . . Es ist ja alles da, um dir das Leben zu verschönern.« Plötzlich ist es, als werde sie matt in seinem Arm. Mit schmerzlichem Lächeln: »Es ist fast zuviel für mich, verzeih. – Du wirst ein ganz gesunder Mensch, du brauchst nur zu wollen. Bemüh' dich nur, Indien hinauszuwerfen aus dir. Das geht hier in Hamburg gut; ein normaler Prozeß . . . Ein paar Wochen, und du kennst dich selbst nicht wieder . . . Komm morgen! Komm jeden Tag! Du wirst sehen, alles wird gut!« Er ist gegangen und sie steht noch mitten auf dem Teppich. »Es wird noch alles gut, wie?« fragt sie laut in die Stille hinein. Kein Echo kommt. Sie setzt sich wieder aufs Sofa und grübelt. Plötzlich wie eine Stahlfeder, mit einer entschlossenen Bewegung, richtet sie sich auf und ballt die Hände. 234 Weiße Ameisen Die Formalitäten, die Herrn Erdbrink von seiner Frau trennen sollen, nähern sich allmählich dem Abschluß. Täglich nimmt er seine Mahlzeiten bei seiner Frau ein, läßt sich aber sonst nicht blicken. Als der Doktor an einem Märztage von Nora ins Atlantic zurückkommt, bittet man ihn, die Postquittung für einen ziemlich gewichtigen Brief zu unterzeichnen, der soeben von Holländisch-Indien eingetroffen ist. Es muß diese Scheidungssache sein, denkt er; ich habe ja so eine Schaubudenangelegenheit laufen, irgendwo am Ende der Welt . . . Unsäglich fremd und ferngerückt kommt es ihm vor, wie ein schlechtes Drama, das man mit umgedrehtem Opernglas betrachtet. Mit zwei Fingern nimmt er den Brief, wie einen verdächtigen Gegenstand, und legt ihn im Hotelzimmer auf den Tisch. Er geht ans Fenster und starrt über die Außenalster. Ein lauer Wind herrscht draußen; Wellchen zerrieseln auf der Fläche. Kahle Baumkronen schwanken. Schon ist es Abend; Lichterketten säumen die Ufer. In das verworrene Hupengetöse, das gedämpft aus der Richtung von Schwanewik dringt, braust zuweilen, rhythmisch abgedrosselt, eine heulende 235 Hafensirene. Der Himmel ist zitronengelb. Kehmerdill rührt sich nicht vom Fenster. Er denkt an die hingelagerten Wolkenprächte auf einem Meereshorizont, an eine große Sehnsucht . . . Nun ist diese Sehnsucht erfüllt. Und was nun? Er ist äußerst distinguiert gekleidet in breitgeschnittenes helles Grau. Sein Gesicht ist voller geworden; nur der gelbliche Teint ist nicht gewichen. Zu schwarzweißer Krawatte, mit einer Perle, trägt er unauffällige Socken mit Halbschuhen. Sein Gang enträt jetzt des schleichend Fahrigen; seine Hände des Zitterns. Seine Augen sind nicht mehr trüb und zwinkernd. Im ganzen ist er ein verwandelter Mensch. Es ist dunkel geworden; er dreht sich ins Zimmer zurück. Da leuchtet dieser Brief vom Tisch, bunt und marktschreierisch beklebt. Der Brief drängt sich auf wie ein stummer Schrei. Kehmerdill macht Licht, läßt sich aufs Sofa fallen und klingelt; er ist so versonnen, daß er dem Mädchen das malaiische Wort: » Ajer blanda! « hinwirft, bis sie begreift, daß er Sodawasser will. Er mischt sich seinen Abendtrunk, den zehnjährigen . . . Zwischendurch schielt er nach dem Brief. Endlich ergreift er ihn und reißt ihn zornig auf. Es sind einige eng beschriebene Blätter, die er zunächst hervorzieht. Er vergewissert sich: ah, das ist Doktor van Affelen, der Mann, der ihm zu Dank verpflichtet ist; an den er damals seine Patienten gewiesen hat; sein damals in Not verstrickter, nun aber hoffentlich prosperierender Kollege! Es ist rührend, dieser denkt an ihn; dieser erstattet ihm, aus einer 236 inneren Verpflichtung heraus, trotz der Hitze ausführlichen Bericht. Da fällt ein anderer Brief zwischen den Blättern hervor: ein geschlossenes Kuvert mit der Adresse in Heyermans' Handschrift, er öffnet ihn und liest:   Teurer Doktor! Nur ein paar Zeilen! Diesen Brief wollte ich zuerst durch die Agentur schicken, aber van Affelen tut ihn mit seinem eigenen zusammen, den er an Dich schreiben will, ich glaube wegen einiger Krankheitsprotokolle, die er von Dir braucht und nicht finden kann. Also, mein Lieber, seit wir uns getrennt haben, ist unser gemeinsamer Freund Kusuma, der seit einer Woche seine Ernennung zum Regenten von Batavia bestätigt erhalten hat, hier in Buitenzorg gewesen. Er hat mit den Christlich-Ethischen konferiert, auch mit einigen sozialdemokratischen Volksraadgrößen, und dann hat er mir die Ehre geschenkt. Ich war perplex. Ich habe schließlich Respekt vor souveräner Keckheit. Politische Gegner, selbst in ausgesprochen sprichwörtlichen Fällen, wie bei ihm und mir – so flötete er – könnten sich doch in persönlichem Verkehr vertragen. Im englischen Parlament beschimpfe man sich ja auch nach Art von Rohrspatzen; zwischendurch aber verbringe man die Weekends friedlich miteinander. So sollten wir es auch halten. Ich mußte sehr lachen und sagte: ›Top, Raden. Aber dann lassen Sie mir in Zukunft keine 237 Information mehr durch meine Dienstboten stehlen.‹ Er lächelte mächtig und gab es glatt zu. ›Es war eine Entgleisung,‹ sagte er, und versprach Besserung. ›Wie geht es übrigens dem Doktor?‹ – So ging es hin und her; Du habest viel Temperament, er müsse bezweifeln, ob Dir Indiens Klima auf die Dauer gut bekommen wäre; es sei vielleicht ganz günstig, daß Du durch Deine entschlossene Abreise Deiner Gesundheit einen Dienst erweisest und dadurch ›Dein Leben verlängertest.‹ – Es klang ungemütlich, gottverdammich, wie er das so ölig dahinplauderte. Am Schluß erkundigte er sich noch nach meiner eigenen werten Gesundheit und empfahl sich. Ich war froh, als er draußen war. Teurer Doktor, Du hast vielleicht doch das Richtige getroffen damit, daß Du nach Europa übergesiedelt bist. Seit Du weg bist, fühle ich mich nicht zum besten. Eine bloße Magenerkältung, an der ich seit einiger Zeit laboriere, macht mich so schlapp, wie es in anderem Klima nie der Fall wäre. Van Affelen behandelt mich; er sagt, ich solle Geduld haben; es sei ein hartnäckiger Darmkatarrh. Gegen Alkoholdiät hat er nichts; das ist die Hauptsache. Na ja, es muß durchgemacht werden. Sobald ich auf dem Damm bin, reise ich nach Holland zu einem längeren Urlaub. Von dort aus besuche ich Euch in Hamburg. Mit Euch wird dann alles ins reine gekommen sein. Mach' sie glücklich, die kleine Person. Bis auf weiteres Dein alter Heyermans   238 Der Doktor faltet den Brief zusammen und wirft ihn auf den Tisch. Dann nimmt er einen Schluck und macht sich an die Lektüre von van Affelens Schreiben. Schon nach den ersten Worten stößt er einen heiseren Schrei aus und wälzt sich nach der Wand hinüber. Die Blätter flattern zerstreut ins Zimmer. Zusammengekrümmt und schwer atmend liegt er wohl zwanzig Minuten so da, wie ein angeschossenes Tier. Es klopft bescheiden an der Zimmertür: das abendliche Signal zum Umkleiden. Es ist sieben Uhr. Er antwortet nicht. Langsam richtet er sich endlich auf und gleitet vom Sofa. Mit torkelnden Bewegungen sucht er die Blätter zusammen. Mit schwankenden Händen und gläsernen Augen beginnt er aufs neue:   Lieber Kollege! Ihr armer Freund Heyermans ist, wenn Sie dies lesen, nicht mehr unter uns. Er ist einem Schicksal zum Opfer gefallen, das gottlob immer seltener wird, dessen Möglichkeit aber immer noch besten Nährboden hier hat, wird es durch Unvorsichtigkeit, sei sie noch so gutgläubig und berechtigt, heraufbeschworen. Da er über starke Magenschmerzen klagte und kolikartige Indigestionen, behandelte ich ihn zunächst auf akuten Darmkatarrh. Schließlich wurde die Sache so schlimm, daß er mich bat, täglich nach Buitenzorg zu kommen. Die Symptome wurden bald genug eindeutig. Ich sagte nichts, verabreichte Opiate und 239 gestattete Alkohol. Er war ganz heiter und arbeitsam, nur die ständig wachsenden Verdauungsschwierigkeiten schwächten ihn. Er behielt auch seinen Humor, bis ich ihm den Vorschlag machte, ins Hospital zu gehen. Möglicherweise sei es eine Magenfistel; er müsse sich durchleuchten lassen. Ich habe ihn, Herr Kollege, nicht aufgeklärt. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Wenn er seelisch litt, so lag es daran, daß er sich ganz von selbst die Überzeugung bildete, vergiftet worden zu sein. Diesen Verdacht mußte ich ihm schließlich bestätigen, ließ ihm aber tunlichst die Hoffnung offen, daß eine geschickte Operation ihn retten könne. So habe ich wenigstens die Gewißheit, ihm seinen Zustand bis zum Schluß relativ erträglich gemacht zu haben. Die Operation zeigte den Verdauungstrakt derart resorptionsunfähig, daß Heyermans höchstens durch anale Aufnahme einige Wochen noch hätte vegetieren können. Der Befund ergab solche Mengen von Bambushärchen, daß an eine wirksame Reinigung nicht zu denken war. Der Arme muß mindestens eine Woche damit gefüttert worden sein. Die Entzündung hatte an zehn verschiedenen Stellen Platz gegriffen. Seinen früheren Chauffeur, der Drohungen gegen ihn ausgestoßen hatte, hat man verhaftet. Man vermutet, daß die Angelegenheit noch weitere Kreise zieht. So soll der Bruder Ihrer früheren Frau hineinverwickelt sein. Die Motive sind noch nicht geklärt. Ich habe Heyermans gekannt und geschätzt, Kollege. Er war ein offener, ehrlicher Charakter. Vielleicht war er kein guter Politiker. Wir können selbst 240 mit den Methoden, die uns unser Gerechtigkeitsgefühl vorschreibt, nichts mehr gewaltsam erzielen. Das war früher anders. Daß solche Dinge möglich sind, beweist, daß die Kontrolle über Indien im einzelnen uns allmählich zu entgleiten droht. So muß Jeder noch sehen, wieviel er für sich persönlich herausholt. Das ganze Land wimmelt von Leuten, die mich, Sie – ja, vielleicht Seine Exzellenz den G. G. mit Handkuß vergiften würden, wenn etwas wirklich Umwälzendes im Moment damit geschähe. Sie haben das bessere Teil erwählt, Kollege. Die Banküberweisungen nach Hamburg und die notarielle Übertragung Ihres Hauses auf Ihre frühere Gattin, womit Sie Ihren armen Freund betrauten, habe ich für Sie erledigt. Es ist nur ein Geringes, womit ich meine Dankesschuld abtragen kann. Durch Übertragung Ihrer Praxis haben Sie mir auf die Füße geholfen. An Ihrem Hause fahre ich ungerne vorüber. Man erkennt es kaum wieder. Ihre Gattin züchtet dort künstliche Tiere und Schubkarrenzwerge, und auf der Veranda sieht man nur noch schwarze Köpfe. Peter de Ruyter und sein Anhang, sagt man, sind ständig dort, zu »Konferenzen«. Nun muß ich schließen und wünsche Ihnen recht von Herzen alles Gute zu Ihrem neuen Dasein. Vicisti, Domine. Ihr Thomas van Affelen, Dr. med.           241 Kehmerdill faltet die Blätter zusammen und steckt sie ins Kuvert. Lange Zeit sitzt er völlig bewegungslos und starrt vor sich hin. Dann beginnt die Unruhe, die fürchterliche Unruhe. Heyermans . . . Das gewaltige, unbekümmerte Lachen klingt ihm im Ohr. »Hab' ich ihn nicht gewarnt?« flüstert er vor sich hin, mechanisch immer und immer wieder . . . »Hab' ich ihn nicht gewarnt?« – Sinnlos. Dieser große Mensch. Ekelhaft. Mit Bambushärchen! – – Mein Gott. Er preßt die Fäuste in die Augen. Er rennt hin und her. Jedesmal rennt er sich im Schrankspiegel entgegen. Es geht gegen elf Uhr nachts und der Doktor hat das Zimmer nicht verlassen. Die Whiskyflasche ist leer. Er hat ein Rezept ausgeschrieben und den Hotelboy damit zur Apotheke geschickt. Er hat daraufhin ein Pappschächtelchen erhalten; es geht nicht anders; wie soll er die schauderhaften Gedanken los werden! Vergraben muß er sich, gänzlich vergraben in Betäubung, in Ablenkung und Zerstreuung, in krachender Musik. Er öffnet eines der dreieckigen Papierchen und schnupft das flimmernde Pulver. Sein Schnurrbart wird halb davon bestäubt. Während er sich vor dem Spiegel reinigt, grinst ihn eine Larve an. Er ergreift Hut und Mantel und stürzt hinaus. Ein Auto bringt ihn zur Reeperbahn. Hier hat man Lichter, Gedudel. Schlanke Kokotten streifen ihn . . . In der »Großen Freiheit,« in Altona findet er, was er will. Ein Lokal, von Chinesen betrieben, von Matrosen aller Weltteile überschwemmt. Er geht stracks hinein; o, er hat alle Scheu vor Europa verloren; heut will er vergnügt sein, der blasse. gutgekleidete Herr, und fröhlich sein unter Fröhlichen . . . Gegen halb sechs Uhr kehrt er ins Hotel zurück. Der Nachtportier, mit gemessenem Unmut, öffnet; – seine Miene erhellt sich, soweit eine Hamburger Miene dies fertig bringt, als ein fürstliches Trinkgeld seine Handfläche schmückt. Der Herr aus Indien hat ein Schnäpschen genehmigt; das sieht man. Er lallt in fremden Zungen. – Plötzlich aber sieht er den Portier grelläugig an und spricht merkwürdig vernehmlich und deutlich: »Carstens . . . Sie glauben doch nicht etwa auch, daß ich daran schuld bin?« Carstens putzt ihm, mit breitem biederen Zeigefinger, eine weiße Bestäubung von der Weste. – Sie flimmert. »Woran,« fragt er, »mein Herr?« »An dieser ganzen – – furchtbaren – – Schweinerei,« stammelt Kehmerdill und sieht aus wie ein Fisch. »Beileibe nein. Auf keinen Fall. mein Herr. Belieben Sie, sich auf mich zu stützen.« »Es kam zu plötzlich, wissen Sie, Carstens . . . viel zu plötzlich . . .« »Sehr wohl, mein Herr. – Hier sind wir. Zimmer 218. Darf ich Ihnen beim Auskleiden behilflich sein?« 243 »Unterstehen Sie sich!« sagt Kehmerdill. – Dann ist er allein. Er dreht das Licht nicht an. Er fällt, so wie er ist, aufs Bett.   In seinem Hirn flammt es und rotiert es; Ketten von Lichtern wandern unaufhörlich vorüber wie erleuchtete Bahnzüge, die nach banalen Melodien über stählerne Brücken poltern. Raketen schießen hindurch, die Garben von bunten Funken versprühen. Allmählich schläft das Grelle ein; doch das Hirn, in einer fiebrischen Schöpferlaune, baut und modelt weiter. Es ist von einer unheimlichen Geschäftigkeit; es ist ein gärender Hexenkessel von dunkelwogenden Bildern. »Das periodische Fieberchen!« denkt der Doktor. »Eine hartnäckige Angelegenheit!« Seine Augen starren blind auf die nackte Zimmerwand. Und während sein vom Kokain wüst beschleunigtes Herz wie ein Pumpwerk donnert, vertieft und verändert sich dieser kahle Ausblick und wird plastisch von Gegenständen, die es in keinem Hotelzimmer Hamburgs oder Europas gibt. Er setzt sich halb in die Höhe. Es ist keine Wand. Es ist ein großes ausgespanntes Leinentuch, hinter dem es sanft glüht. Und nun entstehen Schatten darauf, scharfgezeichnete, feingegliederte, groteske, voll schwellender Ornamentik. Sie nicken mit lächerlich spitznasigen Köpfen; sie bewegen sich spinnengliedrig um eine Figur im Mittelpunkt, die doppelt so hoch und so breit ist. 244 Es ist ein Wajang-Kulit, ein malaiisches Schattentheater. Irgendwo hinter dem Tuch erklingt eine Melodie, eine aufreizend monotone Folge von klimpernden Fugen. Die größte Puppe erhebt nun deutlich einen im Ellbogen nach innen geknickten Arm und streckt ihn wagrecht von sich, in beschwörender Geste. Gleichzeitig deklamiert eine Stimme, die den Doktor seltsam bekannt trifft. Sie spricht javanisch, die Stimme; sie erklärt. Es ist eine lange Erklärung. Dann hebt sich die Stimme ein wenig, spricht abrupter; die kleineren Puppen treten in Aktion. Jetzt weiß der Doktor deutlich, daß der Regisseur dieses Schattenspiels und der Deklamator nur einer sein kann: Kusuma . Es ist seine sanfte Stimme, die Worte rollt voll zwingender Logik. Eine der spitznasigen Figuren erhebt jetzt einen winzigen Bogen und schießt. Der Pfeil wandert langsam über die Leinwand und landet in der großen Puppe. Diese rückt schwankend nach rechts. »Jetzt wird sie gleich hinter dem Tuch hervorkommen,« denkt der Doktor entsetzt. Die Aussicht verdunkelt sich und plötzlich bricht das Gambang ab und läßt eine metallen schwingende Stille zurück. Aus dieser Stille gebiert sich ein Laut wie ein Röcheln in maßloser Pein. Und der Doktor sieht Heyermans, den blonden Referendaris, vor sich stehen. Er erscheint ihm riesig groß. Sein weißer Anzug leuchtet wie Phosphor. Und das Merkwürdige ist, 245 daß er sprechen kann; daß man ihn versteht. Denn unter dem Hemd, das er auf der Brust aufgerissen hält, öffnet sich ein Loch. Ein tiefes grauenvolles Loch. »Heyermans!« will der Doktor stammeln . . . »Was ist dir, Alter?« »Weiße Ameisen,« flüstert Heyermans in zerborstenen Lauten. Kaum sieht man seine gespaltenen Lippen sich regen. »Was?!« » Weiße Ameisen ,« wiederholt der Referendaris. Es ist, als schnurre ein rostiges Uhrwerk ab. »Gottverdammich; ich bin ganz hohl. Ich kann nicht leben und nicht sterben. – Du hast sie mir auf den Hals gehetzt.« »Koos! . . . Nicht ich! Nicht ich!! . . . Der dort, der! « Heyermans wendet sein erdfahles Gesicht halb zur Seite. Dort steht eine dunkle Figur im Sarong. Der Riese macht, mit matt erhobenen Armen, zwei, drei Schritte auf diese Figur zu. Doch bevor er sie erreicht, stürzt er zusammen. Alles verschmilzt zu einem einzigen schwülen Tumult . . . 246 Fazit »Du kommst spät heute, mein Lieber,« begrüßt Nora ihn aus ihrer Kaminecke heraus. »Und doch ist heute ein wichtiger Tag.« »So?« fragt er mit tonloser Stimme, auf halbem Weg über den Teppich. – »So?« »Morgen unterschreiben wir beim Notar. – Es wäre da vorher noch einiges Wichtige, was uns betrifft . . .« Er sitzt ihr gegenüber. – »Du mußt verzeihen, Nora; ich wurde verhindert früher zu kommen.« »Gib mir doch wenigstens die Hand!« Er reicht sie hinüber. Sie ist kraftlos, kalt und feucht. »Du hast gebummelt, mein Lieber,« sagt sie mit munterem Vorwurf. »Auch an den Augen sieht man es dir an. Ist das die Verhinderung?« »Ja,« sagt Kehmerdill. »Und vermutlich ein Dauerkater.« »Was soll das heißen?« – Sie wird aufmerksam. »Das soll heißen, daß ich deiner nicht wert bin.« »Was ist das jetzt wieder für ein Unsinn!« – – Plötzlich, mit kleinerer Stimme: »Du hast Kokain gekommen.« 247 »Ja.« – Sie zieht die Kette, Perle nach Perle durch die Lippen. Sie sieht ihn grübelnd an; sie schweigt. – Endlich sagt sie mit zuckendem Mund: »Du hast dein Versprechen gebrochen. – Doch du lebst jetzt allein, im Hotel. Bald leben wir zusammen. Dann wird es dir schwerer fallen, untreu zu werden. Du bist schwach in diesem Punkt! Indien hat dich geschwächt. Wir versuchen dann beide – nicht wahr, Otto? – ob wir dieser scheußlichen Sache nicht Herr werden . . . Und wenn auch das nichts hilft, wenn die Entwöhnung dich zu sehr herunterbringt . . . Es gibt ja Sanatorien, wo man das machen kann . . .« Sie redet weiter, mit Tränen in der Stimme. Immer dieselben Worte wiederholt sie aus ihrer Angst heraus . . . Sein Kopf ist nach vorn gefallen. »Nora,« sagt er, »– es ist nicht nur das Kokain.« »Und was ist es sonst? Was kann es denn sein? Hab' doch Vertrauen, Otto; sag mir's . . . Du bist so seltsam verändert; ich fürchte mich fast vor dir . . .« »Es ist Angst ,« sagt er und hebt plötzlich den Kopf. Sein Zeigefinger streckt sich dozierend; seine Stirnhaut schiebt sich empor. »Angst vor einem Besuch .« »Eine Erpressung, Otto? – Etwas von früher?« »Keine Erpressung,« sagt er mit eigentümlichem Akzent auf jeder Silbe. »Damit würde man leicht fertig. Aber du weißt vielleicht, was weiße Ameisen sind.« Redet er irr? Sie weicht etwas zurück; sie beobachtet ihn. 248 »Denke nicht, ich flunkere. Als du mir damals auf dem Tjibodas . . . (trugst du nicht ein Hütchen aus Kolibrifedern? Ich hab' ein Gedächtnis für solche Einzelheiten) . . . also als du mir deinen Bericht gabst, was Erdbrink sich mit dir leistete . . .« »Schweig doch. Otto! Warum wühlst du jetzt darin! « »Sei nicht böse, Nora. Als wir damals plauderten, fiel hinter uns ein Baum um. Ein haushoher Baum, fast hundertjährig. Es gab mächtiges Getöse. Man hatte ihm gar nichts angemerkt. So ein Baum steilt seine stolze Form empor; plötzlich platzt er und überschüttet alles mit einer Kaskade von verwestem Holz. Mit Häusern geht es dort so; mit Möbeln . . . und auch mit Menschen! Glatt aufgefressen! Sie merken es oft selbst nicht einmal! Manchmal merken sie es aber, und dann ist es zu spät; dann gibt es niemanden und nichts, was ihren Sturz aufhält »Nimm Tee, Otto. Beruhige dich doch! Bildest du dir ein, du seiest solch ein Baum? Vielleicht können wir doch noch einen schönen Ableger aus dir züchten!« »Meinst du?« fragt er mit leerer Stimme, immer noch mit dieser dozierenden Haltung. »Das wollen wir dahinstellen! Aber . . . du kannst die Angst vor dem Besuch nicht beseitigen!« »Ja, um Himmels willen . . . wessen denn?!« »Er kann jede Nacht wiederkommen . . .« In seinem Blick ist das Flackern eines Gehetzten. »Er wird dann immer behaupten, ich sei schuld! Und ich kann ihn nicht widerlegen!« stöhnt er auf . . . »Ich bin 249 schuld! Schuld daran, daß Heyermans aus die gemeinste, die hinterlistigste, die erbärmlichste Weise ums Leben gekommen ist! – – Hier, lies!« – – Er reißt die Briefe heraus und reicht sie ihr. Dann springt er auf und vollführt, während sie liest, eine irre Zickzackwanderung durch das ganze Gemach. »Der Ärmste,« sagt auf einmal die kleine Stimme. Tränenspuren verzweigen sich auf ihren Wangen. »Das ist furchtbar . . .« Er hört am Rascheln der Blätter, daß sie zu Ende ist. Sie sitzt da und sieht ihn stumpf an. Endlich sagt sie tonlos: »Ich kann dich frei sprechen, Otto. Du bist nicht schuld! Es ist sehr verwickelt! Aber ob du es hättest verhindern können? Die Ursache ist doch klar! Was deutet da auf dich? « »Begreifst du nicht?« – Er gestikuliert und stößt die Worte keuchend hervor . . . »Ich, ich selbst bin schuld daran!! Ich habe ihn hineingezogen in mein trübes Dasein, und der gesunde große Mensch wollte mir helfen und machte es falsch! Er konnte nicht anders, denn er war ohne Falsch! Er war diesem Sumpf nicht gewachsen, den man Indien nennt; diesem Sumpf aus verfälschtem Blut, halben Wahrheiten, glatten Phrasen, anrüchigen Praktiken . . . Ich konnte mein Bein herausziehen, er nicht!! Er hat es gut gemeint; aber letzten Endes hat ihn die Freundschaft zu mir geliefert! Ich habe für das Land Partei ergriffen; mit billiger, charakterloser Neutralität trieb ich mich im Indolager herum . . . Alles wollte ich; 250 ›Gegensätze überbrücken‹ wollte ich an meinem Tisch; ich setzte den Mischling neben den Javanen und den Europäer . . . Was kam dabei heraus? Was entstand? Ein Schwall von faulem Parfüm; Scheinbehagen schlimmster Sorte; ein Wellchen im Sumpf . . . Ein Giftmord! « »Du glaubtest an Menschen. Mach' dich nicht schlecht.« »Ich mache mich nicht schlecht. Ich bin schlecht. Ich passe herrlich in jene Gesellschaft. Idealismus ist da ein Verbrechen. Man dient sich nicht damit; es ist falsche Chemie. Heyermans war anders. Der wollte keine Kompromisse. Er war gerecht und harmlos. Seine Schlauheit war keine Verschmitztheit; sein Herz war schlau.« Die Stimme versagt ihm. »Er wußte um mich Bescheid, Nora. Vielleicht so gut wie du. Aber bei ihm war ich's nicht wert, und bei dir noch weniger. Ich kann nicht zurück. Es ist zu spät. Du verschwendest dich. Auch ich bin ausgefressen, bin nur noch meine Form . . . Verstehst du das? « »Es ist nicht so! Du bist verrückt! Es ist nicht so!« »Doch!!« – eifert er. – »Es ist so! Ausgehöhlt bin ich! Eine wandelnde Verlogenheit! Der Motor hat abgeschnappt, der Zünder versagt! Niemand kann mir helfen!« Sie tut einige Schritte nach vorn, dann hält sie an einem Sessel an und gleitet in halber Ohnmacht darauf nieder . . . Singend steigt ihr Weinen auf im Raum. Er zuckt 251 zusammen und lauscht auf, als höre er einen Vogel. Langsam wiegt er den Kopf, in sein Gesicht tritt ein Zug von schlimmer Ekstase. Auf den Fußspitzen nähert er sich ihr. »Sei nicht bös, kleine Nora!« flüstert er. »Nun, nun!« Er tappt mit der Hand nach ihrem Nacken. Es ist große Verwunderung darin und Hilflosigkeit, wie er sie betrachtet. Plötzlich irren seine Augen ab und bohren sich auf den Teppich. Liegt dort nicht eine Gestalt? Ja, bei Gott! dort liegt Heyermans! Der zerrt mit beiden Händen das Hemd von der Brust, und wieder öffnet es sich, dies grauenhafte Loch, dies absolute Nichts . . . und die entfärbten Lippen flüstern: »Mach' sie glücklich . . . die kleine Person . . .« Er kreischt und taumelt nach der Tür. Hinter ihm verklingt das Schwirren einer zersprungenen Saite.   Wie lange sie so, auf den Stuhl hingeschleudert, liegt, weiß sie nicht. Ihr ist, als habe man vor ihr eine Tür zugeschmettert; – als sitze der Hall davon ihr noch im Ohr wie eine Wunde. Sie ist betrogen; – ausgeliefert an die Verneinung alles Menschlichen; – nun ist ihr das Letzte unter den Füßen weggerissen. Sie sieht nun, sie kann ihm nicht helfen. Dieser Mann ist verloren. Sie sieht, sie kann sich selbst nicht helfen; er reißt sie mit in seinen Sturz, in seine 252 Umnachtung; – – sie hat ihm ja alles gegeben; restlos alles, was sie noch zu vergeben hatte . . . Da fühlt sie sich von einer großen warmen Hand an der Schulter berührt. Erdbrink steht hinter ihr. »Ich sah ihn fortlaufen, den – armen Kerl . . .« murmelt er, mit der alten grabenden Trauer in den grauen Augen. – – »Was gibt es, Nora?« Ganz langsam hebt sie den Kopf und sieht ihn leer an. – Dann spricht sie tonlos: »Verloren.« Er bückt sich und hebt sie behutsam auf. Dann bettet er sie mit einer ihr völlig neuen und unbekannten Bewegung an seine Brust. Sie begreift ihn dumpf. – Sie überläßt sich ihm wie ein Kind, das nach einem langen Alpdruck die Heimat eines Armes um sich spürt.   Ende