August Stöber 1808 – 1884 Die böse Stiefmutter Die böse Stiefmutter sitzt und spinnt und drüber manch böse Mär ersinnt. Das Knäblein springt lustig zur Tür herein: »Frau Mutter, schenkt mir ein Äpfelein!« »Du weißt, in der Kammer da steht die Truh, da liegen viel Äpfel so rosig wie du.« Das Knäblein hebt auf den Deckel schwer; die böse Stiefmutter ist hinter ihm her. Da hört man's dumpf rollen hinab in die Truh, der schwere Deckel klappt drüber zu. Die böse Stiefmutter sitzt und spinnt und drüber manch böse Mär ersinnt. Das Mägdlein springst lustig zur Tür herein: »Frau Mutter, wo ist mein Brüderlein?« »Dein liebes Brüderlein nascht allein in der Kammer die süßen Rotäpfelein.« »Frau Mutter, möcht' auch ein Äpfelein süß!« »So schau, was dein Brüderlein übrig ließ!« Das Mägdlein hebt auf den Deckel schwer; die böse Stiefmutter ist hinter ihm her. Da hört man's dumpf rollen hinab in die Truh, der schwere Deckel klappt drüber zu. Die böse Stiefmutter sitzt und spinnt, am Rocken blutige Fäden sie spinnt. Der Vater tritt spät zur Tür herein: »Wo sind meine lieben zwei Kinderlein?« »Die Kinderlein liegen in guter Ruh, sie schlafen selbander in einer Truh.« Es flattert, es pickt ans Fensterlein, zwei schneeweiße Vöglein schauen herein. »Frau Mutter, habt Dank für die Äpflein rot! Frau Mutter, habt Dank für den süßen Tod!« Die fällt vom Sessel zu Boden schwer; der Platz ist hinter dem Rocken leer. Ein schwarzer Vogel die Kammer durchirrt und ächzend, krächzend durchs Fenster schwirrt.