Der Buschhahn Ein Roman von Willy Seidel *   1921 Im Insel-Verlag zu Leipzig     Inhalt Vorklang: Gerhart Ollendiek     Die Eltern     Die zweite Stimme     Vom kleinen Niklas     Der Mann mit dem Schlüssel Erster Teil: Ein Tag aus dem Leben Grothusens     Die Matronen     »Ebbe am Nachmittag«     Das Huhn     Maggie     Der tote Hund     Heimkehr     Der Pa‘alagi     Von der Sina und vom Tulivaipupūla Zweiter Teil: Das Geheimnis des Buschhahns     Begegnung     Ein Stück vom Anfang     Totentanz     Vom ewigen Lächeln     Das Geheimnis des Buschhahns     Die Pflanzung des Misi Kuma     Preisung der Matten von Tanumalēto     Mond in Tufu     »Uma« Dritter Teil: Die Entlarvung des Buschhahns     Zank mit Moso     Schwerer Gang     Bruchstück eines Briefes     Botschaft durch den Regen     Das Phantom mit der Häkelspitze     Intermezzo     Beschluß eines Briefes     Die Entlarvung des Buschhahns Nachwort   Vorklang Gerhart Ollendiek       Da ihn der Aufschlag junger Augen rief, fiel hell in ihren Grund der Morgenstern. Kein Berg war uns zu steil; kein Strom zu tief; und keine hohe Wolke war zu fern. Das blieb uns; und wir haben neue Fracht hinzugesammelt. – Diese Welt ist weit. Doch mündet alles, was wir je bedacht, ins Morgendunkel; – in die frühste Zeit. Die Eltern Siehst du den grünen Schatten vor dem tiefen Blau? Der spiralige Ausläufer einer Schlingpflanze tastet dir entgegen . . . Ihre Wurzeln haben am Rande der Lava ihr Heim; und das Endglied des Wesens, das mit prangendem Willen zum Leben Tellerblätter über toten Grund entbreitet, zittert leicht bewegt . . . Der grüne Finger pocht forschend an die schwarze Härte: – Ist es der Wind, der ihn schwanken läßt? – Nein, sein Puls ist es, sein eigener Puls . . . Siehst du nicht, wie seine Spirale sich öffnet? Wie die winzige Drohung, unendlich vervielfacht, groß und brausend wird –: Drohung des ringsum anrückenden Waldes? O, nur noch ein paar tausend Jahre; nur noch ein paar Risse und regenmürbe Spalten; – und der Wurzeldrang des Lebens zersprengt dies harte Schrecknis zu Humus, um unzerstörbar darin zu wuchern. Und in letzter Stunde behält das Wachstum den Sieg und lächelt ob der höhnischen Verneinung des Lebens; lächelt mit unendlicher saftprangender Bejahung. So auch pochtest du, Gerhart, mit leiser Frage an die höhnende Härte der Dinge, um sie dir zu öffnen; mit zäher Treue triebst du deine Wurzeln in Risse, die du unbeirrbar wittertest; und die Rätsel, an denen andere ächzend verzagten, öffneten sich dir und gaben dir widerwillige Fruchtbarkeit zurück. So zaubertest du Gärten aus dem Stein 4 und legtest den Teppich von kühlen Blättern über die Teerwüste; und deine Sohle vergaß der spitzen Härte und blieb kühl und frei.   Es gibt ein Labyrinth, das endet in plötzlichen blinden Gängen oder führt statt in einfache Zirkel nach krausen Fahrten in stille Winkel, in denen man säumt und fast vergißt, daß man zum Mittelpunkt gelangen wollte . . . Je heimlicher sie werden, desto blendender, ablenkender, verwirrender sind die Wege des deutschen Herzens. Sein innerstes Kleinod, einmal entdeckt, verkündet sich mit keiner südlichen Fanfare, sondern liegt schwer darin wie formloses Gold oder ruht als tiefer Grundakkord unter lärmenden Worten, von denen das Herz nichts weiß. Etwas Dumpfes ist darin, etwas unendlich Trächtiges und Vielfältiges, das die Brust beklemmt; etwas, das in Nacht, in Weite, in Wind verwandte Stätten findet; das gewaltig genießen und leiden kann, aber ewig unübertragbar bleibt . . . weil es selbst die sanfte Helle der Lampe auf dem Papier als grell empfindet; – weil selbst fließende Rede von Lippe oder Feder nur blasses Symbol für seine Rede ist.   Wiewohl Gerhart stets eine südliche Leichtigkeit und Heiterkeit zur Schau trug, lag tief in ihm jenes »große Ungenützte«, wie er es selbst taufte; jene ewig unzufriedene, nimmerruhende, immerfragende Sucht nach Vervollkommnung des Gemeinen; das stachelnde Bewußtsein, jede Erkenntnis sei, wenn auch eindrucksvoll, nur die Stufe zu einer größeren. – Dinge und Menschen – was sind sie wert ohne Beseelung? Die lange Kette der Motive abwandeln, als deren Endzweige sie dastehn; nackte Formen, nackte Gesichter von innen heraus mit Dasein und Gehalt füllen –: das will das deutsche Herz. Ein Gesicht ist nichts; – auf einmal beugt es sich über ein 5 Buch; – starrt in die Tiefe einer spiegelnden Tischplatte: da glänzt es von Inhalt; denn aus der gleichgültigen Form wird das Gefäß eines Gedankens. Ein Mann an einer Krücke wird übersehn wie ein Baum; – setzt er sich aber und wirft die Krücke weg, um dich aufächzend anzusehn, so ist seine Geschichte da; auch die des Baumes findest du, wenn du seine Brüder wegdenkst und es ihn vor deinen Augen nach seiner unschuldigen Pflanzenvollendung drängt. Diese Gabe, die Dinge mit Sinn zu füllen, anstatt sie nur hinzunehmen, wie er sie sah, war Gerhart eigen wie eine Besessenheit; und seit er geistig mündig war, mühte er sich ab, sie zu seinem Weltbild zu verweben. Schmerzlich war diese Mühe, denn vieles trat wieder auseinander wie glänzende, sich wesensfremde Bilder, von denen jedes das andere störte. Aber er wußte: es gibt eine Verwandtschaft; diese muß aufgefunden werden, und die schreienden Mißklänge müssen in einen reichen Akkord münden, bei dessen Ton ich niedersinken werde, schluchzend vor Frieden und endlicher Erlösung.   Es ist ein leichtes, einen Zug zu besteigen und mit der Fahrkarte in der Tasche die Reisezeit zu verschlafen. Tausende tun das in jeder Minute. – Doch ein Verhängnis ist's, wenn ein Traum, in dem klirrende Ungeheuer schreien, Dampf vor gläserner Wölbungsferne sich ballt, tiefe Sprache des Eisens unter grünerhelltem Polster surrt – durch den die Stille großer Wartesäle murmelt – wieder und wieder kehrt, wie geheim gekostetes Gift mit pressendem Erwartungsschmerz des Ungewissen . . . Weißt du noch, Gerhart, wie über einen Berg von schottischen Plaids – inmitten einer donnernden Schwärze, die dir dennoch kein Leid tat – jene lautlosen Ameisen stiegen, fett und groß von der Angst deines sechsjährigen Herzens? – Wie sie wimmelten und sich flüsternd verständigten, um dich in Bann zu schlagen? – Und wie dann, als du stöhnend emporfuhrst, die magere kräftige Hand deines Vaters vom 6 gegenüberliegenden Polster sich löste und die bösen Kolonnen verscheuchte, gelbschimmernd unter der verdeckten Gasampel? – Das war im Riviera-Expreß zu zweiter Stunde nach Mitternacht auf einer gemeinsamen Fahrt in einen schwarzen Abgrund . . . Diese Feierlichkeit schwankender Gänge und samtener Zimmer, die eine Fracht von Stille durch die Zeit trugen, überschattete ihn seitdem jedesmal gedämpft, wenn er die Augen schloß und auf das Schluchzen einer Maschine horchte, die als Puls in einer heimlichen Welt wirkte und seinen Umkreis erschütterte – sei es in einer Kabine auf einem Dampfer, wo ein weites Sieden vor der Luke herrschte und er sich im Takt der dumpfen Pleuelstangen niedergelassen fühlte, ruckweise und ohne Widerstand zum Schoß der Erde; – oder sei es in einem Badegemach, wo geheimnisvolle fernabdröhnende Klänge in den Röhren erwachten und sein Knabenhirn ihm eine Stadt vorspiegelte mit Metallmauern und Sälen von maßloser Höhe; und er durcheilte diese Säle und suchte ein tiefbefreundetes Wesen, das einen Namen aus dunklen Vokalen trug . . . Ja; die Beklemmungen aus der Zeit der Ameisen unter der Ampel blieben ihm treu, wenn sein Körper auch reifte und sein Sinn sich helläugig entwickelte. Noch trat ein kurzer lächerlicher Schreck an sein Herz, wenn er in einem Turmhaus in New York den Aufzug betrat; wenn in der Untergrundbahn farbige Signale vorüberschwirrten; wenn Hafenlichter mit weitflimmerndem Griff ihn hereinzogen nach Malaga oder Santiago; oder wenn er große Bahnhöfe der Neuen Welt zu später Stunde betrat. Solches Gefühl glich einem dumpfen Sträuben; einem Bedürfnis zu bleiben, wo er war; in Ruhe gelassen zu werden, und sich nach einer wirren Flucht wechselnder Breitengrade im Anschaun von etwas Geliebtem zu bescheiden. 7 Ein Heim kannte der Knabe nur für Monate. Meistens war es eine Hotelzimmerflucht mit fremden Stimmen und dem Kommen und Gehen von Kellnern; Kellnern aller Völker; melancholisch-tückischen oder heiteren, die zum Leben zu gehören schienen wie unaustilgbare Schatten. Die Eltern waren beständig auf der Reise, und das gehörte sich so. Sechsmal haben wir die Fahrt von London nach Chile gemacht; das bedeutet, wir haben länger als ein Lebensjahr das Parkett des Promenadendecks für die Welt erklärt und Intimitäten von den buntesten Leuten entgegengenommen. Es gab ja außer den Hotels noch viel, was man nebenher erlebte; auf Tennisplätzen unter Buchen und unter Palmen; mit steifen blonden Kindern und weichen südlichen –: kurze Freundschaften, deren Duft noch lange über den Zaun drang, mit dem man die Stationen dieses exklusiven Zigeunerlebens umgab . . . Wenn es doch immer so geblieben wäre wie in der seligen frühsten Zeit, als der Vater das geschenkte Gut in Thüringen ohne Glück betrieb; als man noch mit Dolores, der Schwester, die Wissenschaft teilte, daß die zwei schwarzen Hühner draußen nachts ein Doppelleben führten: Juan in der Sonne und Kleinhuhn im Monde! – Als Sir Austen Cholmondeley von Brighton herüberkam und sich im Schwarm der Gäste neben dem Großvater aus Köln noch öfters Donna Carolina zeigte! – Wollte Gott, man wäre auch fernerhin unter der schläfrigen Zucht zweier Kinderfrauen friedlich weitergediehn wie eine Pflanze; – mit dem Blick auf Kornfelder zwischen den mächtigen Buchenkronen der weiten Einfahrt hindurch! Aber es kam anders, dank dem Blut der Donna Carolina Velez. Sie gab ihrem Sohn die grünen Augen mit . . . Heinrich Ollendiek-Velez hatte eine Unabhängigkeit, die undeutsch war, und jene stille pantherähnliche Energie, die unter seiner ruhigen Haltung verborgen lag wie ein Degen in samtener Scheide. Sohn eines rheinländischen Kaufmanns und jener Dame 8 von Santiago, vereinigte er bestes Blut beider Rassen; zu seinem deutschen Humor kam eine leidenschaftliche Abneigung gegen Seßhaftigkeit, gegen kleine Ziele und Freuden engen Kreises; so gab es eine wunderliche Mischung . . . Entfernungen gab es nicht für ihn; seine Sprachbeherrschung ließ ihn überall zu Hause sein. Ein plattdeutsches Wort traf ihn mit der gleichen Schärfe wie die Rufe der » Rottos « in der Morgenfrühe, wenn sie ihre Esel nach der Plaza trieben . . . Er verstand mit seltener Hellhörigkeit die Komik des Einfachen so gut wie ein feines Witzwort in Kastilianisch. Selbst in Zeiten, wo er verhältnismäßig mittellos war, trug er solchen Zustand mit der Miene eines Grande, der sich zum Scherz in ein Poncho hüllt, das doch weder seinen geraden Rücken noch seinen Gang verbergen kann. Sein kurzgehaltener Kinnbart war etwas, wovor die Friseure aller Zonen zitterten; denn ein Millimeter daran, falsch geschnitten, trug ihnen einen grünen Blick ein, der auf eine unheimliche Weise ihren ganzen Beruf in Frage stellte. Seine Stiefel kaufte er nie fertig, sondern ein bestimmter Schuster in einer bestimmten Straße in London stellte sie ihm nach peniblen Angaben her und sandte sie ihm nach, wo er sich auch befand. Für seine Kragen, seine Leibwäsche beanspruchte er nie das betreffende Gewerbe, sondern Spezialisten; so daß er auch in lang getragenen Anzügen immer eine distinguierte Erscheinung bot . . . Diese Sorgfalt in Kleinigkeiten trieb er bis zum Fanatismus; trieb sie wie eine Religion. Auch in großen Dingen verstand er zu rechnen, ohne je einer Spekulation zu erliegen. Ein Pfau, dessen törichtes Geschrei ihn dreimal gestört hatte, ärgerte ihn, als er Buch über jenes wenig einträgliche Gut führte, das er aus Pietät für seinen Vater betrieb; er nahm seinen Revolver und erschoß ihn durch die 9 Fensterscheibe. Einen zudringlichen Reisenden warf er wie ein Bündel über die Gartenmauer. Den Besitzer eines Frankfurter Hotels, der sich gegen Donna Carolina unehrerbietig betrug, stieß er die Treppe hinunter; dieser, ein Tyrann, statt nach deutscher Gepflogenheit die Polizei zu beanspruchen, kam wieder herauf und entschuldigte sich. Er tat Dinge mit einer Schnelligkeit und Grandezza, gegen die das dickere Geblüt sich sträubte, der es aber rätselhaft unterlag . . . Er hatte Geld in der Banco de Santiago. Als deren Direktoren sich zu den Einlagen der Teilnehmer verhelfen wollten, warf er die chilenischen Herren heraus – fette angesehene Bürger mit Namen wie Balladenstrophen – und übernahm selbst die Bank. Man versuchte, als er nach dem Landgute in Placilla zu seinen Verwandten ritt, ihn hinter Kakteen hervor anzuschießen; ein Priester kam und warnte ihn. Überallhin folgte ihm eine unerklärliche Sympathie, die alle Anschläge, allen Haß überdauerte. Dieser Mann besaß die Stärke einer Stahlfeder. Auch später von seinem eindringlichen Empfinden gebeugt, dem Erbteil Gerharts, dem »Ungenützten« – der Schwermut, die sich wie ein Rost an den Stahl setzte – er gab nicht nach; man sah es ihm nicht an . . . Das war dein Vater, Gerhart, dem der Präsident Don Fernando Alamos einen Extrazug anbot, nach dem dürren Iquique zur »Emma Luisa«, der Salpetermine; das war dein Vater, dem derselbe Präsident seine Privatjacht schickte, »der Abwechslung halber«, um ihn nach Valparaiso zurückzuschaffen . . . Das war dein Vater, der sich sechsmal mit kalter Tapferkeit operieren ließ, sich sechsmal wieder aufrichtete, wie eine Spirale, deren Stemmkraft auch Tonnenlasten nicht erdrücken können, und der um einen Stuhl kämpfte, um aufrecht zu sterben . . . Und was waren seine letzten Worte? – »Ruft sie mir nicht, Kinder; macht keine Szene daraus . . . Sie leidet an Kopfweh.« 10 Wer war diese »sie«? Wann sah man sie überhaupt? In der Tat, man sah sie nie; und doch war sie auf eine unerklärliche Weise mit seinem schnellen und aktiven Leben verkettet, schob sich stets dahinter, auf lautlosen Rollen gleitend, wie eine Kulisse von Grau, hinter der es nach Medikamenten duftete. Sie war immer zugegen und doch selten sichtbar, wie der Ahnenschrein eines reisenden Japaners. Daß sie existierte, kam den Kindern dann und wann ins Bewußtsein, wenn man eine dämmrige Zimmerflucht in einem Hotel oder einem dunklen englischen Privathaus vor ihnen auftat und sie über zwei kahle Schwellen schritten, wie über Vorhöfe zum Allerheiligsten; ganz hinten gab es dann ein Arrangement von Kissen, zwischen denen sich etwas Blondes, Weißes mit dunklen Augen regte – und sanftes Deutsch mit ihnen sprach, seltsam durchsetzt mit spanischen Kosenamen. Es waren kurze Interviews, und sie endeten gewöhnlich damit, daß einige Anordnungen wegen der Lichtverteilung fielen oder eine klagende Suche nach einer verlegten Patience-Karte anhob. Ein anderer Beweis für die Existenz dieser Begleiterscheinung war die Tatsache, daß Gesetze und Verbote, ihr Kinderleben regelnd, dick in der Luft lagen, ohne daß der Vater etwas damit zu tun hatte. Später, als man in Santiago wohnte, geschah es ungemein häufig, daß der Vater sich für die Stunden, während der man ihn früher in der Bank gewähnt, in jene abgeblendete Atmosphäre begab; und man erkannte, daß man ihm und einer langen Reihe anderer Leute – von dem stets vorhandenen Doktor an, dem ewigen Verwalter jener mysteriösen Räume, bis zu Carmen, der alten Pflegefrau – lange Unterhaltungen gönnte. Allmählich begriff man: all der schweigsame Aufwand, der neben ihrem Leben herlief, abgegrenzt und schallsicher von ihnen getrennt, war die Mutter . Der Vater führte ein Doppelleben . . . »Mutter«: was 11 bedeutete das? – – – Umsturz des Bestehenden, grübelnde Eifersucht auf etwas Unberechtigtes, was ihnen die Hälfte des Vaters raubte . . . Die Großmutter, Donna Velez, war zwar auch ein Alpdruck, aber sie hatte Fleisch und Bein. Ja, sie gewann eine gewisse prickelnde Unheimlichkeit, als sie eines Tages darauf verfiel, ihre Kinder ihre »sieben Todsünden« zu nennen; und da der Konvent sie nicht aufnahm, machte sie aus ihrem Haus ein Privatkloster, worin sie jedoch fortfuhr, unter ihrem härenen Nonnenhemd täglich die seidene Wäsche zu wechseln . . . Als sie starb, saßen zwei Jesuitenpater wie brütende Geier über sie gebeugt; und sie hatten, als die alte Dame mit einigem Lärm gestorben war, als Beute fast all ihre Hinterlassenschaft erschnappt . . . Ja, diese spanische Matrone verursachte Aufruhr, und ihre Launen waren menschlich faßbar; ihre Tyrannei schlug Beulen; während die jener jüngeren Frau ganz anders geartet war: sie bedrückte moralisch. Denn da gab es ein Ablehnen aller Lebenspflichten, einen naiven Egoismus, der etwas ungeheuerlich Zwingendes hatte, wohin er seine sanften Finger legte . . . Der Vater sah das nicht. Er fand es vollkommen in der Ordnung. – – – »Stört sie nicht,« sprach er, als er starb; »sie hat Kopfweh.« Im oberen Zimmer vielleicht, nach dem ersten taumelnden Schreck vor dem schwarzen Loch, das man ihr vorsichtig aufdeckte, setzte sie sich mit matter Hand eine Märtyrerkrone auf das Haupt; und darunter erwachte der Gedanke: »Wie dankbar bin ich dir, Enrique, wie dankbar, daß du mir dies erspartest . . .« Darin war er konsequent. Er ersparte ihr alles . . . Andere Leute handelten in seinem Geiste. Selbst ein Erdbeben meinte es gut mit ihr in Placilla, als die Marmorplatten in der Halle auf die Wanderschaft gingen und ein mächtiger Eukalyptusbaum am hellen Mittag den Einfall hatte, sich auf das Dach zu begeben . . . In ihrem Zimmer fiel nicht einmal eine Arzneiflasche auf den Boden. 12 Und so lebte sie weiter, beschäftigte sich damit, in regelmäßigen Abständen auf die Uhr zu sehn . . . Die Tage gingen vorüber, eindruckslos mit dem Geknarr von Fensterjalousien; mit dem Kommen und Gehen des » Mosso «, der das Zimmer in Ordnung hielt; mit Audienzen, die sie der zahlreichen chilenischen Dienerschaft gewährte, und dem Beichtvater, der das blasse Gespenst einer noch blässeren Gedankensünde mit leisem Lächeln von hinnen bannte, um ihr dann die letzten Neuigkeiten vom Asphalt der Plaza auf die passendste Art zu hinterbringen . . . Er wußte Skandale; doch hatte er sie präpariert wie Falter unter dem Glas; und selbst herb Aktuelles hatte bei ihm jene sanfte Lichtbrechung, die es historisch und gleichsam entschuldbar macht. Was sich mit Donna Errasurez oder mit Alfonso La-Rein-Claro begeben, selbst wenn es erst Tage alt war, hätte ebensogut die Sanktion von Monaten oder Jahren haben können. Würde darum – so fragte sich der philosophische Priester – jene Fensterjalousie nicht genau dasselbe zeitlose Knarzen und Singen vollführen?   Endlich, nach gewaltsamem Kampf mit dem Entschluß, bereitete die Mutter eine Reise vor und zog nach Weimar; der Kinder wegen, deren Alter eine bessere Erziehung heischte. Dort erwarb sie ein solid gebautes Ziegelhaus mit einer hochgetürmten Mauer um den Garten und lebte im allgemeinen dasselbe Leben weiter . . . Man achtete das; man ersparte ihr Katastrophen. Zudem bezahlte sie gut dafür, daß man ihr mit Rücksicht alles abblendete, was Augen- und Sinnenschmerz bereiten konnte. Sie nährte sich von Teilnahme; sie bezahlte für Bedauern wie für guten Wein; und das konnte sie sich gestatten. Denn ein Punkt, in dem sie der Welt nie entfremdet ward, blieb die Verwaltung der Geldinteressen; und die 13 tägliche Morgenbeschäftigung mit den Kursen zahlreicher Papiere blieb bei ihr bestehn als eine äußerst rege Passion. Die zweite Stimme Gerhart war damals vierzehn Jahre alt. Er wurde in einer Privatschule auf dem Land in der Nähe von Heidelberg untergebracht; und da dies ein Leben war, das an Beständigkeit und Regelmäßigkeit von allen Zuständen, die er bis jetzt gekannt, einem Heime am ähnlichsten sah, so fühlte er sich zum ersten Male wunschlos. Nach englischem Vorbild wurden ihm genug körperliche Erholungen gegönnt, so daß er mit gesunder Müdigkeit und einem dumpfen Frieden im Hirn die Nächte verbrachte. Zuweilen jedoch legten sich die Eindrücke jüngerer Jahre auf seine gepreßte Brust. Von diesem Haufen farbiger Phantome lösten sich einzelne, sanft leuchtend, und besprachen sich mit ihm in fremden und bestrickenden Zungen. Sie führten ihn durch lange Gänge, durch ein Labyrinth matterhellter Räume, oder durch Riesensäle, in denen ein immerwährendes Dröhnen herrschte. Eines Nachts – und nie konnte er es später vergessen – ging er durch die Korridore eines gewaltigen Passagierschiffes, langgestreckte grüne Läufer entlang, deren Ende sich in Dunkelheit verlor; – und er konnte seine Kabine nicht finden. Kein Steward zeigte sich; keine Menschenseele nahm sich seiner an; und doch wußte er: es gab diese Kabine; der Vater saß darin, mischte seinen Scotch mit Soda, stopfte seine Pfeife und erwartete ihn. Auf einmal geriet er an ein rundes niedriges Gitter: da sah er unter sich einen Kerker voll gleißender Schlangen, eine röchelnde Kluft voll träg blitzender, rhythmisch bewegter Tonnenlasten; Stahlglieder, die sich durcheinanderschoben mit stiller mörderischer Wucht. Dumpf schütternd pochte das Urherz. Er starrte hinab; dann riß es ihn zurück: er war allein. Sein Schrei verlor 14 sich, von den Pleuelstangen wie zermalmt. Gefühl ungeheurer Einsamkeit ergriff ihn; schon wollte er sich ratlos gleiten lassen, in das blitzende Chaos hinein – da sah er den Vater plötzlich fern, fern mit ruhigem Schritt den Gang durchqueren, ihm winken und in einer der Hunderte von Türen verschwinden. Er stürzte ihm nach; unzählige Wandspiegel narrten ihn. Endlich hörte er leises Pochen; hier war es: hier klopfte der Vater seine Pfeife aus. Er öffnete die Tür – doch wohin geriet er? – Auf den Balkon seines Hauses in Santiago! Der Duft erhitzten Asphalts wehte von der Plaza in die Calle-del-Estado. Er starrte durch das gebauchte Prunkgitter hinab; das einzige, was ihn fast wunderte, war der Mangel an Lärm; die seltsame Stille, mit der da unten auf dem holprigen Pflaster die Rottos ihre Maultiere vorübertrieben und die Mädchen, ganz in ihre seidenen Mantos gewickelt, sich mit den hellgekleideten Bankangestellten trafen und Arm in Arm entfernten. Dort an der Ecke warf ein Kerl auf einem hohen schwarzen Gaul sein Lasso nach zwei zusammenbrechenden Trambahnpferden und zerrte sie mit Gewalt in die Höhe . . . Der schneidende Schrei des einen war wie das Knattern einer hohen rot aufblitzenden Flagge. Auf einmal bog ein Mann um die Ecke und ging unter dem Balkon hindurch. Er hob den Kopf mit ruckweiser Bewegung und sah herauf. Die breite Hutkrempe gab große graugrüne Augen frei: es war der Vater. »Ich kann nicht heraufkommen, mein Sohn,« sagten diese Augen. »Aber ich bin noch da, wie du siehst; ich bin noch da.« – Er trug einen Anzug aus makellos weißem Linnen und hielt sich sehr gerade. Dann verschwand er als weißes Pünktchen, das noch lange sichtbar blieb, über die Plaza . . . Gerhart erwachte mit der Überzeugung, daß der Vater nicht tot sei, sondern irgendwo auf der Welt noch ein halbverstecktes Leben führe. »Er ist nicht tot« dachte er; »er besucht mich, wann er will.« 15 Eine schwere Gewißheit erfaßte ihn, für immer unter der Kontrolle des geliebten Mannes zu stehn; ein traumhaftes Verantwortungsgefühl vor jenem Fernen. Und diese Träume wurden eindringlicher mit den Jahren; – wie sein äußeres Leben sich auch wandelte: die Schauplätze dort, tief innen, blieben bestehn und glühten von geheimem Leben. In seinen Träumen, noch lange hernach, kam er sich nie gealtert vor: blond, rein, voll inniger Knabenunterwürfigkeit unter das stärkere Leben, dem er entsprungen war.   Er hatte die bräunliche Blässe von Kindern, die auf tropischem Grund erwuchsen; vielleicht war es auch das spanische Blut, das ihn so färbte; denn bis auf die zarten Schatten unter den graugrünen Augen, die er nie verlor, und die fast schwarzen Wimpern und Brauen hatte sein Gesicht durchaus den herzförmigen deutschen Schnitt. Er war schlank, doch sehr muskulös, weshalb auch Krankheiten, die anderen gefährlich wurden, nur einen kurzen glühenden Atem über ihn hauchten und ihn gleichsam aus der Feuerprobe gehärtet entließen. Seine Blutmischung schien ihn immun zu machen. Seine Phantasie, verbunden mit steter Rastlosigkeit, stetem Hunger nach Neuem, gab der schwerfälligen Fassungsgabe der Lehrer manch unliebsam ablenkendes Rätsel auf. Sie hatten ihr »festgestecktes Erziehungsziel«; dem folgten sie mit der Treue großer Doggen. Dichtwerke zogen ihn mächtig an; besonders jene, deren Handlung nur Schale ist; deren Worte jenen volleren zweiten Sinn bergen, den das harmlose Hirn des Durchschnittslesers nicht erfaßt. Ein Wort, wie es dastand, sagte ihm nichts; aber seine Symbolik im Satz; der innere Rhythmus; leuchtender Erkenntnisvorgang, der sich des Gestammels, des Wortes bedient; die innere Wahrscheinlichkeit, die das Wort zum blutvollen Bilde macht und deshalb wiedergeträumt vom Leser: – das waren Dinge, die ihm auch in akademischer Vers- und Prosadürre einen 16 unfaßbaren, unheimlichen Genuß verschafften. Andere sahen nur die Gesten der Buchgestalt; er war die Buchgestalt selbst. Don Quichote und Simplicius – sie waren nur zwei von den vielen Rollen, in denen Gerhart sich heimisch fühlte: er selbst war es, der einen bestrickenden Traum hindurch tausend Abenteuer des Herzens erfuhr; in seiner Brust saßen die Urbilder dieser Rassetypen. Da ihm kein Gefühl zu exzentrisch schien, wenn nur innerlich wahr, erfaßte er gerade die absurden Gestalten mit Humor; denn je absurder sie waren, desto tiefer betonten sie die Möglichkeiten der Durchschnitts-Menschlichkeit. Was aus dem Rahmen der Alltäglichkeit fiel, schien ihm das einzig Bemerkenswerte. Das Extreme, scheinbar Sinnlose war ihm erst recht ein Beweis für die Schöpferkraft des Herzens und tief sinnvoll gerade deshalb, weil es die einfache Form dadurch, daß es sie wuchernd verzerrte, hervorhob und unvergeßlich machte. Daß Gerhart das Klima fast jeden Buches, das er las, nachtwandlerisch sicher erfaßte, fiel neben seinen Kameraden auch den Lehrern auf, deren Horizont nicht über das engere deutsche Wesen hinausgedieh und die ihren Begriff vom Ausland und von andersgearteten Rassen an Photographien und Zeitungsausschnitten wie einen spärlichen Zimmerkaktus züchteten. Mit Statistiken, die man hatte – so dachten sie – erschöpfte sich die Notwendigkeit tieferer Betrachtung. Im großen ganzen sei sich die Menschheit gleich; dessen waren sie ziemlich sicher. Brach nun an der Zimmerpflanze, wo man es gar nicht vermutete, eine ganz unwahrscheinliche rote Blüte hervor, so akzeptierte man zwar das ausländische Benehmen des Gewächses, aber man war verblüfft und brauchte einige Zeit, bis man sich nach deutscher Art durch eine neue »Feststellung« beruhigte. So erklärte man sich auch den Fall »Gerhart« als das Ergebnis seiner Blutmischung und durch die Annahme, daß ihm von seinen Reisen als jungem 17 Knaben Verschiedenes im Unterbewußtsein hängen geblieben sei. Dies traf zu; doch in viel tieferem Sinne, als sie glaubten. Das ruhige Benehmen Gerharts, seine blonde rundköpfige Gründlichkeit ließ sie zuweilen ganz vergessen, daß fremde Stimmen in ihm sprachen; er schien ihnen durchaus deutsch unter den Händen zu geraten; ja, das ahnten sie nicht, wie diese Seele schillerte! Hatte er sich etwa sichtbar je gebäumt, wenn sie ihre trockenen Zeigefinger in sein Gemüt bohrten? Bewahre; sie konnten sich doch auf ihre scharfen Augengläser verlassen! Oder fühlte er sich etwa hier nicht ganz am Platze? – Aber durchaus; wenn ihre Psychologie auch nur das Geringste taugen sollte! – Es ist gut; der Knabe hat Phantasie, dachten sie. Aber was an uns liegt, so werden wir einen Kern-Germanen aus ihm machen, auf daß er die »Selbstzucht« besitze, um die Ventile jener übrigens dankenswerten (dem Idealen förderlichen) Eigenschaft »Phantasie« stets unter Gegendruck zu halten. Er ist sich der fremden Tropfen selbst wohl kaum bewußt. Der Vater ist tot, der ihm offenbar – als zweideutiges Erbteil – einen unabhängigen Charakter vermacht. Mit der Mutter verband ihn, nach der Laxheit der Korrespondenz zu schließen, kein sehr vertrauensvolles Verhältnis. – Welch ein Experiment! Welch ein Feld der Betätigung! Es hätte jedoch nicht des Unbehagens bedurft, das ihm das rege Wohlwollen seiner Erzieher bereitete, um Gerhart auf sich selbst zu lenken. Diese Bekanntschaft vollzog sich auf eigenartige Weise. Hier stehe ich in meinem »Vaterlande«, dachte er und sah sich im Spiegel einer Schrankscheibe an. Seine graugrünen Augen prüften den dort, der in nüchterner Blondheit und blaß am Pulte lehnte. Ich, Gerhart Ollendiek – war ich denn je anderswo heimisch als hier, in diesem sanften Lande mit Kirchtürmen über Kornfeldern, wo jeder Stein 18 sich erinnert, was ihm seine Form gab; und jeder Buche einzelner Jahresring von einer Sage trächtig ist? – Ob ich nach einer kleinen Stadt des Schwarzwalds gehöre, – ob nach dem Süden oder nach dem Norden, das bleibt mir noch vorbehalten; aber Deutschland, das muß es sein . . . Absurd, der Gedanke, ich könne je etwas anderes sein als deutsch; bin ich nicht ganz und gar einer von diesen hier, rede, denke und benehme ich mich nicht genau wie sie? Ein gütiges Gesicht, geneigt auf eine strenggeknüpfte Halsbinde zwischen den braunseidnen Aufschlägen eines Beamtenrocks, überschattete ihn: – die geistige Hoheit jenes Größten, den die Rasse, der Gerhart sich eingliederte, als lauterstes Gefäß ihrer Tiefe und Vielfalt erzeugt. Diesen Augen konnte man sich anvertraun; dieser gereiften Weisheit mit all ihren liebenswürdigen Eitelkeiten und der fürstlichen Selbstverschwendung, die nie wankte, weil sie auf dem Fundament der treuesten aller Erden stand. Denn, auch wenn die Wucht der Erkenntnisse durch keinen Humor gelindert ist: welche Größe im Zusammenbruch unter dem Mühlstein bei Hebbel, bei Kleist! – Und dagegen das Schauspiel Rousseaus, der seinen Mangel an Humor durch unendliches Geschwätz, durch ermüdendes Zermeißeln dieser Last ersetzen muß, während er unter einem hohlen Flitterkragen selbstgefällig altert . . . Ja, nur der Humor ist es, der eine Erkenntnis vollkommen reinigt. Die Argumente Gerharts sahen zwar kindlicher aus; aber das war der Inhalt. Sein Vater hatte einmal gesagt, er könne nur mit Leuten verkehren, die eine gewisse › vagueness ‹ besaßen; den Deutschen fehle diese Eigenschaft; nur bei ihren Diplomaten finde man sie bisweilen. Die deutsche Gemütstiefe sei etwas, über das man stets unliebsam stolpere. Bester Beweis für ihren Mangel an › vagueness ‹ sei, daß sie nicht einmal ein Wort dafür hätten. »Eure Mutter« – sagte er einmal, ganz vergessend, daß 19 er mit jungen Kindern sprach – »seht sie euch an. Sie ist herrlich › vague ‹! Werdet wie sie; dann habt ihr's gut!« Er hatte einen Seufzer hinterhergeschickt, der gar nicht zu der munteren Bemerkung paßte; doch Gerhart und Dolores hatten sich den Ausdruck gemerkt und ihn im allgemeinen angewandt, um ihren Beifall an Menschen auszudrücken . . . »Bin ich › vague ‹?« – fragte sich Gerhart. »Bitte, bin ich . . .? Ich will nicht, daß man über mich stolpert.« Sei ruhig, sagte der Spiegel, du bist es zur Genüge. Schon dadurch, daß du die leise Lächerlichkeit an den Schicksalen der Plumpen empfindest. Du bist kein schwerfälliger Gemütsriese, der im Stacheldraht des Alltags verblutet. Deine Nase hat nicht umsonst die feine Biegung, dein Körper nicht umsonst diese gespannte Geschmeidigkeit. Du bist bestes Blut; deine Heimat ist hier; wachse hier auf; gedeihe hier; zeige den Leuten, wessen deutsche Talente fähig sind, wenn man sie nicht nach Tabellen ausnützt, nicht nach berechnetem Ertrag wie eine Mine, sondern wenn man sie mit Humor und mit Kenntnis der Herzen verwaltet! Vom kleinen Niklas Das Ende seiner Schuljahre näherte sich, als Gerhart – war es in Hamburg? – die Vorstellung einer großen wandernden Varieté-Truppe besuchte. Hier geschah es, daß er den kleinen Niklas traf. Der junge Artist reckte seinen schwarzgelockten schmalen Kopf über die Logenbrüstung, dehnte seine mit einem Schuppenpanzer bedeckten Glieder und schlug die kindlichen Arme über den Sammet. Gerhart bot ihm ein Glas Sodawasser an und beobachtete, wie die gepuderte Kehle beim Trinken auf- und niederstieg – dann machte der Junge verschmitzte Augen, um seinen Dank auszudrücken; sagte etwas Heiseres, Rauhes in nasalem Englisch und lächelte, 20 wobei er schlechtgepflegte Zähne zeigte. Kümmert sich je ein Held um seine Zähne? Er ließ sich halb zurückgleiten . . . Ein Schimmer von der Bühne kroch kalkblau herüber, rückte über die reihenweis zerteilte Menge, deren Geräusch wie das einer großen schweratmenden Bestie in den Raum trat und ließ den kleinen Niklas für einen Moment ganz sichtbar werden. Halb stehend, die Füße auf kleine Stützpunkte im Ornament gebettet, hing er mit schlangenhaft gebogenem Kreuz und gewölbtem Brustkorb silbern unterhalb der Loge. Neben ihm gähnte die schwarze Tür der Artistengarderobe. Wie er so sein Gesicht beugte und ein seltsam altes Lächeln an seinen Lippen stand, bemerkte Gerhart, daß er auffallend kleine Ohren hatte: runde Mausohren, die rötlich schimmerten. Seine Augen glichen Löchern; sie blinkten schwarz und verengt durch langwimprige Lider – und die Brauen, hochgezogen, gaben ihm den Ausdruck eines dauernden Erstaunens. – So, als sei es gar nicht wahr, daß er hier sei . . . Als grübele er, woher doch das kalkblaue Licht stammen könne, das ihn streifte; als sei er eigentlich nur in einer einzigen Rolle heimisch, die er, kaum wußte er, wann – gespielt –: weitab von Signalpfeifen und schattenlosen Kulissen; nicht in der Rolle eines abgehetzten Artisten, sondern in der eines bunten Tanzknaben, – voll von der Inbrunst des Ritus , irgendwo in der Nähe von Java, in der Nachbarschaft eines erhitzten Meeres . . . Und dann verschwand er und tauchte in die Tür, völlig lautlos. Die Lichtgeschehnisse wickelten sich weiter ab: verschiedene Farben überschwemmten die Bühne. Ein Rot hielt sich plötzlich und füllte die fernsten Winkel des Raumes mit Blutgerinnsel. Drüben stiegen, wie eine leichte Fontäne, leuchtende Reifen empor, und ein kleiner Arm, der sich wie ein Uhrwerk rührte, erhielt den strömenden Kreis. Hölzernes Händeklatschen erhob sich, und der Vorhang schoß herab . . . Während er fiel, entstand das nackte und grelle Pausenlicht. 21 Gerhart rief den Kellner und ließ dem kleinen Niklas ein Glas Portwein in die Garderobe schicken. »Nun hat er Angst,« dachte er, »wie eine kleine silberne Schlange, die man zum Scherz in eine Kiste sperrt . . .« Es ward wiederum halbdunkel, und der Lärm verebbte. Ein kleiner trotziger Schrei kam aus der Kulisse; dann folgte der kleine Niklas. Er spazierte auf den Händen herein. Er war wie ein zappelnder Ball von Silber; er schnellte sich durch zwei papierverklebte Reifen, die rechts und links von unbeweglich hingepflanzten grotesken Clowns gehalten wurden. Es gab ein krachendes Geräusch wie von berstender Seide; die Reifen rollten hinaus. Der kleine Niklas stand auf einem exponierten Holzgestell; frei und federleicht. Er bog die Knie – und während ein langer Trommelwirbel das Orchester erschütterte, stieß er sich ab, überschlug sich zweimal und hing an einem kaum sichtbaren Seil. Vom Anprall seiner treffsicheren gepuderten Handteller bäumte es sich; in weiten Pendelschwingungen fuhr es auf und nieder . . . Doch der Springer wiegte sich wie ein Fabelwesen; wie ein Falter über der Schlucht des Todes –: Tyrann des Raumes, den er mühelos zu meistern schien! – Den Kopf reckte er nach der Sonne: der Bogenflamme unter der Höhe des Bühnendachs, die ihre leise siedenden Fixsternhymnen sang. Das Publikum lag im Bann. Nur mühsamer Atem bewegte die Tiefe. Endlich, sieh: – lief jener wie ein leuchtendes Wiesel die Leiter herab; löste die schwindelnde Spannung; glitt aus seiner entrückten Region auf das zurück, was ihm gesicherter Boden, was ihm Erde und Welt war . . .   Woran lag es nun, daß Gerhart den kleinen Niklas in der Folgezeit nicht aus seinem Blute brachte? Weiß der Himmel, dachte er, – was für eine 22 Rassenmischung dazu gehört, um diese gummigliedrige Tierhaftigkeit, diese löcherartigen Augen, diese phantastischen Spaziergänge im Raum zu ermöglichen! Eins war jedenfalls klar: der silberne Knabe verstand sich auf Heimatlosigkeit. Er hatte die Allerweltsfreundschaft, die seinesgleichen beschert ist, aufgesogen und gab sie wieder ab; er ging auf die Dinge los in jedem Kontinent und bemächtigte sich ihrer, wenn sie ihm gefielen; und wenn man ihm ein Spielzeug versagte, wandte er seine blicklosen blinzelnden Augen einfach auf die Seite – ohne Enttäuschung und ohne Freude. Ja, sein ganzes Leben war nichts anderes als ein Hängen im Raum; nur ferne Beifallsbrandung zeigte ihm, daß er da war, daß er gefiel. Deshalb empfand er auch nichts – nur dann vielleicht, wenn er einen Zweiten traf, dessen Schicksal seinem eigenen irgendwie ähnlich sah, rührte sich ein unerkannter Drang . . . Und dieser Zweite – war der etwa ich? – Es überlief Gerhart seltsam. Kam jener nur zu ihm herübergeklettert, um seinen Durst mit einem Glas Sodawasser zu löschen? Nein; es muß etwas an mir gewesen sein; es muß ihn magnetisch angezogen haben . . . War es vielleicht der Instinkt einer – Verwandtschaft?? Gerhart suchte mit allem Gleichmut, dessen er fähig war, den kleinen Niklas ins Wesenlose zu bannen. Er versuchte ihn mit deutscher Geduld in seine Bestandteile zu zerlegen und ihn dadurch abzutun. Aber jedesmal war das Phantom wieder da; drang auf eine rätselhafte Verständigung; kam von allen Plätzen der Erde zugleich; trug dasselbe viel zu alte, viel zu mechanische Lächeln am dünnlippigen Mund – ein Lächeln, das dem der Mittagssonne auf Bahnschienen oder auf endlosen Messinggeländern glich. Überall blitzte es mit tödlicher Einförmigkeit; sein Stumpfsinn lastete betäubend auf dem Herdenantlitz aller Massen. Es war unmöglich, irgendeine Deutung hinter diesem Ausdruck zu finden; entweder war es Resignation des 23 Durchschnitts; Fratze der Unterwürfigkeit – oder es war die einfache Torheit eines Gassenjungen, der nie auf Güte trifft, sondern immer nur auf die abstumpfende trockene Hetzpeitsche des Broterwerbs. Von dieser Zeit ab spürte Gerhart die erwachende Unruhe. Er ward sich bewußt, und zum erstenmal mit aller Deutlichkeit, daß zwei verschiedene Stimmen in ihm sprachen. Die Grenzen Deutschlands verwischten sich wieder für ihn; was das Deutsche nach Rasse und Sprache von anderen Völkern trennte, wurde überspringbar; ein Buch in fremder Sprache – und Sprachen fielen ihm wie seinem Vater leicht wie Spielerei – veranlaßte ihn nicht bloß zu den lebhaftesten Tagträumen, sondern brachte ihn sogar dazu, Menschen und Dinge, die ihm von Natur aus heimisch und selbstverständlich erscheinen sollten, mit den Augen des Auslands zu bewerten. Vachells »Hill« drängte ihn stürmisch nach Gemeinschaft mit dem Kreis von Harrow; seine deutschen Lehrer muteten ihn an als unfreie Gesellen, deren ganzes Benehmen am Asthma der Überbürdung mit unverwendbarem Wissen litt. Es fiel ihm schmerzlich auf, daß sie ihre körperliche Reinlichkeit nur zu gewissen Grenzen trieben; daß Erziehung bei ihnen Theorie war und dumpfe Pultangelegenheit, nie aber ein freundschaftlicher Schlag auf die Schulter von einer Hand, die vielleicht besser mit dem Kricketstock Bescheid wußte als mit Kalligraphie. Hatte er es längere Zeit mit romanischer Lektüre zu tun, so fiel ihm die Schwerblütigkeit, die mangelnde Grazie der teutonischen Männer doppelt auf. Den Herrn mit den braunseidnen Rockaufschlägen – ja, den ließ er noch gelten. Aber er drängte ihn weiter nach hinten in die Kammern seiner Seele; dort gab er ihm ein Postament; dort beließ er ihn. »Es ist immer noch Zeit,« dachte er, »auf ihn zurückzukommen, wenn ich gerade in der Laune bin . . . Schwere Schätze sind da vorhanden; aber wie zähflüssig! Wie beklemmend zähflüssig!« 24 Im Vordergrunde seiner Seele tummelte sich buntes Volk, sie verdeckten mit ihren farbigen Gewändern das strenge Gesicht dessen in der Nische; mit diesen abgeschlossenen Zügen war keine Vertraulichkeit möglich. Statt seiner trat ein Mann hervor, zwar äußerlich steif, doch bei einem Glase Wein schnellster Witzworte fähig; ein Mann, der an Schwermut litt, aber lachte; ein Mann, der überreich vom »Ungenützten« war, und den doch vornehme Scheu hinderte, es auszuspenden; den ein lebenslanges Heimweh trieb, ohne daß er wußte wonach und wohin . . . Der hatte nie einen Vers gelesen; selten ein Buch beendet; schwere Musik als bedrängend empfunden. Er war durch und durch Mensch . . . Aber du, erhabene Vollkommenheit, ruhe nur weiter auf deinem Postament; glänze spätesten Geschlechtern! Pflege deine Starrköpfigkeit; bewahre dein köstliches »Gleichgewicht des Innern«; verwalte dich weiterhin selbst, du deutsche Seele; niemand wird dir dein Verdienst nehmen! Und niemand wird dir die Genugtuung neiden, bei lebendigem Leibe klassisch zu verknöchern! Ich stehe mit einem Fuße außerhalb; mir ist es nicht beschieden, ganz deutsch zu sein. So glücklich es mich machen würde: ich kann mich nicht auf das Deutschtum beschränken. Andere Stimmen dringen zu mächtig auf mich ein. Ist es – Chile? – Ach Gott, was jenes Volk anlangt, so hatte Dolores recht, wenn sie nie vom ersten Stock herunterkam, wenn die Eltern im Erdgeschoß Besuch empfingen . . . Auch mir graute vor jenen Papageienstimmen. »Überlaß sie sich selbst,« sagte der Vater einmal – »und übermorgen sitzen sie wieder auf den Bäumen . . .« Spanien –? Muffig, unausgelüftet, voll von totem Prunk! Der Blasebalg, der Leben in diese Gesellschaft pumpen könnte, hat Löcher und Risse . . . Und wenn man ihn treten könnte – wo nähme man lebensfrische Gedanken her, um ihn zu füllen –? Jene Menschen sind wie die Fassaden ihrer leeren Paläste, in deren Hinterzimmern sie 25 hausen; würdig, aber hohl . . . Sie riechen zu sehr nach Alter. Wenn ich siebzig bin, wird es mir vielleicht Spaß machen, zwischen den Kulissen jener bunten Tradition friedlich zu vermodern. Aber dafür bin ich nicht geschaffen, mich bei jungen Jahren im achtzehnten Jahrhundert zu begraben . . . Wohin zieht mich also die andere Stimme? Woher kommt mir dieser tiefe, dieser fragwürdige Ansporn, zu wandern, zu suchen, die Seele fremder Rassen zu belauschen? Irgendwo, dachte er fieberhaft, irgendwo gibt es einen Platz, ein Volk, aus dem mir jene Stimme wie eine brausende Begrüßungssymphonie entgegenschallen wird – wo ich hören werde: Sei gegrüßt, du gehörst zu uns; wir haben auf dich gewartet; wir wußten, du würdest kommen! Wieder und wieder, in seinen Träumen, traf er den Vater. Dieser ging rastlos durch Schiffskorridore; seine Sohlen knarrten einen schnellen sehnsüchtigen Takt auf endlosen Läufern. Er schritt steif und scheinbar zielbewußt durch den Asphaltdunst fremder Städte an Gerhart vorüber; sein Stockgriff funkelte; seine Augen unter der Panamakrempe schienen halb erloschen . . . Er blinzelte den Sohn vertraulich an und zog die Brauen in die Höhe, so als sei ein wortloses Einverständnis zwischen ihnen . . . Oder er lag, wie vor alters, auf den Polstern von Luxuszügen während brausender Fahrten ins Schwarze und starrte in halbverdeckte Ampeln. Bei alledem – so dünkte es Gerhart – schien ein Gespenst an des Vaters Fersen geheftet, dem er, ohne Hoffnung, zu entkommen sich mühte. Es war ein kaum greifbares Gespenst. Es nahm verschiedene Formen an . . . Etwa war es eine Leere im Gedränge wie eine kleine kreisende Wüste –, oder es war das Echo eines Schluchzens, dessen Ursprung dunkel blieb, zwischen widerhallenden Gassenwänden. 26 Einmal glaubte er den Vater zu sehn, wie er eine langem Reihe von Rohrjalousien hinunterschritt. Sie bewegten sich wechselnd in einem totenstillen Wind . . . Der Vater suchte nach einem bestimmten Fenster und fand es nicht. Die Sonne brütete . . . Der Mann kehrte um, scheinbar gleichmütig; doch aus seinem gehetzten Blick sprach eine tödliche Sucht nach Kühle. So schritt er auf und nieder, vielleicht seit Äonen; und die Schatten der Dinge, tiefschwarz, behielten dieselbe Länge und dieselbe Breite, als sei etwas eingeschlafen; als sei etwas ungeheuer Wichtiges, Lebenspendendes ganz erstarrt . . . Mit Herzklopfen fuhr Gerhart empor. In der Stille des Schlafraums verdämmerte die Grimasse eines Tieres. Der Mann mit dem Schlüssel Als Gerhart im Schlußexamen der Privatschule Rechenschaft darüber abgelegt, daß ihm › multum, non multa ‹, also eine große Masse von Entbehrlichem, geläufig sei, hatte er eine kurze Audienz bei seiner Mutter, die einen unbegrenzten Universitätsbesuch mit liberalen Bankanweisungen regelte. Deshalb besuchte er in der Folgezeit Freiburg und München, wo ihm die Pflege von Bekanntschaften mit einheimischen und ausländischen Studenten wichtiger erschien als die trockenen Statistiken, die ihm von leberleidenden Männern verabreicht wurden. Eine tiefere Gründlichkeit entfaltete er nur im Studium der Naturwissenschaften und in Literatur – doch auch hier traf er eine fast absurde Auswahl. Von den Klassikern bevorzugte er weniger die mit penibel sauberen Rockaufschlägen, als jene mit weinfleckigen Halsbinden. Urmaßgebliches, Fundamentales – das schreckte ihn ab. Aber die Spätlinge; die tändelnden schrankenlosen Einheimser – die liebte er. Und hier interessierten ihn – peinlich zu bekennen – auch weniger ihre Werke, als ihr Leben; ihre Physiognomie; 27 ihre Herzensaffären und sonstigen rügenswerten Ausgelassenheiten . . . Sachen, die der Literaturbeflissene zwar flüchtig notiert, die ihm aber im Interesse der »Textkritik« belanglos erscheinen. Ähnlich hielt er sich in der Naturwissenschaft mehr an das Aktuelle. Die Tatsache, daß es fliegende und kletternde Fische gab – und sie erfaßte ihn später wie ein Gebet – kam ihm schier wichtiger vor als deren Verdauungssystem. Das Vorhandensein fressender Pflanzen, der weltabgewandte, einsam-sinnlose Prunk der Victoria Regia , das farbenschwirrende Schwanzgebilde eines Paradiesvogels waren wesentlichere Erkenntnisse für Gerhart Ollendiek als die exakte Anzahl von Staubfäden oder Kiemenlappen. Es fiel auf, daß er die Vorlesungen eines Botanikers, Ehrendoktors dreier Reiche, wissentlich schwänzte; dagegen nie fehlte, wenn ein munterer Österreicher seine wöchentlichen Mitteilungen über – Tiefseefische vorbrachte; impulsive Schilderungen mit Lichtbildern (– ! –), die jener junge Dozent aus eigener Tasche bestritt – wo doch für die Unwissenschaftlichkeit des Mannes schon allein bürgte, daß er sich die Marotte leistete, jeden Abend ohne zwingenden Grund eine schwarze, gleichsam feierliche Tracht – salopp und undeutsch »Smoking« getauft – anzulegen . . . Ja, hierin hatte Gerhart seine eigenen beklagenswerten Liebhabereien; und besonders unberechenbar wirkte der blonde Jüngling, als er begann, sich plötzlich mit internationalem Recht zu beschäftigen, und seine menschlichen und gesellschaftlichen Qualitäten dem Auswärtigen Amte anbot. – Man machte insofern von ihm Gebrauch, als man ihm einen Attachéposten versprach, wenn er sich zuvor mit dem juristischen Lehrgang abfinde. Er kämpfte sich nach angemessener Zeit durch ein Examen, das schlichteren Köpfen den Rest ihrer Elastizität kostete, mit der zweiten Note. Dies war vorläufig das letzte, was man von ihm hörte. Denn er hatte die Eigenschaft, sich immer da aufzuhalten, wo man ihn nicht vermutete. 28 Er wich einer festen Anstellung noch aus unter dem starken Zwang der Idee: eine Weltreise, in gleichsam wahllosem Zickzack die Brennpunkte aller Kontinente streifend, sei erforderlich zum letzten äußerlichen und noch mehr innerlichen Schliff. Seine Schwester führte in der Schweiz als Musikschülerin ein unabhängiges Dasein; verschönert durch die Anwesenheit einer sklavisch ergebenen irischen Anstandsdame, die den Kaffeegenuß wie ein Laster betrieb. Er besuchte sie zunächst, tat einen Überblick über ihre Freunde, unter denen er viel sympathische Seelen entdeckte, und traf von dort – zu Anfang Mai – in Genua ein. Noch bevor er auf den Dampfer übersiedelte, in einem Hotel zweiten Grades, begegnete ihm etwas Besonderes; und er war geneigt, es als eine Bestimmung anzusehn. Er befand sich in einem hohen weißgekalkten Zimmer mit zweischläfrigem Mahagonibett und marmornem Waschtisch. – Das Fenster war halb verhüllt; orangefarbene Glut überschwemmte die enge Gasse, und über die flachen Dächer schossen Tauben. Die Luft war von jenem leisen Duft nach Hammelfett beschwert; jenem stagnierenden Brodem, der von jedem italienischen Pflaster steigt . . . Zirptöne von Musik und gutturales Schwatzen webten darin. Gerhart zog sich zum Abendessen um; doch während er halbbekleidet auf der Kante des Bettes saß, traf ihn das Leuchten der Tüllgardinen plötzlich wie ein magischer Spuk. Er mußte grübeln. »Ich sitze hier in einem Hotel zu Genua,« dachte er. »Mir ist, als sei ich hier schon gewesen; als hätte ich schon Bekanntschaft mit dem breiten Bett in diesem gekalkten Raum, mit diesem marmornen Waschständer gemacht. – Ob ich hier bin oder nicht – die Sonne wird jeden Abend, aber auch jeden einzelnen hammelfettdurchschwängerten Abend hier ein kleines Flammennest baun; und dieses ferne albern-melodische Stimmengewirr ist Jahrhunderte alt und wird 29 weiterklingen, wenn ich längst vermodert bin . . . Ich ziehe mich um; ich betreibe meinen kleinen Daseins-Ritus. Ein anderer wird kommen; wird auf seinen Dampfer warten, auf dieser selben Bettkante sitzen . . . Es ist eigentlich schauerlich eintönig. Aber ich unterscheide mich von den Früheren und Kommenden. Ich habe nicht vor, die Levante mit Perlmutterkästchen zu überschwemmen oder einen Moselwein in Omdurman heimisch zu machen – das wäre zwar eine Aufgabe; aber jeder Einsichtige mit fertig erstandenem Flanellanzug wäre ihr besser gewachsen. – Auch wäre ich zunächst noch zu einfach, zu stürmisch, um unter der Maske des Lobby-Philosophen den politischen Zwischenträger zu spielen; vielleicht geht das später besser, wenn ich meine – Friedlosigkeit – oder wie ich das verdammte Gefühl taufen soll! – losgeworden bin . . . Nein; ich müßte eine Aufgabe haben, einfach und viereckig wie meinen Kabinenkoffer. Etwa: ›Plaudereien eines Globetrotters, in Form einer Korrespondenz‹? – Ach Gott; was ich sehe und erlebe, steht nicht im Handbuch eines liebenswürdigen Landschafts- und Sittenschilderers; warum soll ich die Unbekümmerten schädigen, die ihr tägliches Brot im Rauchzimmer von Dampfern sammeln, die Teufelskerle der ›Sonntagsausgabe‹, die dem›brausenden Leben die Brust bieten‹? – Nein; alle diese Beschäftigungen sind nichts für mich . . .« Doch ganz im Hintergrunde seiner Grübelei saß etwas und leuchtete mit der Wärme eines Entschlusses. Was es war, konnte er nicht formulieren; er fühlte viel ungenützte Kraft und Güte in sich. Er sah, wie der Schein in der Gardine schwächer wurde und wie die Silberspuren der Tauben zu schwarzen Strichen erloschen. – Langsam kleidete er sich völlig an und ging hinunter. Er hatte keinen Appetit; trank aber mehr als er gewohnt war von gutgelagertem Chianti. Dann ging er in ein Volkstheater. 30 Ein gepudertes Mädchen sang kreischende Lieder im Dialekt. Sie schien populär zu sein, was Gerhart daraus schloß, daß sofort ein Strom von flüssigen Augen seinen Tisch umringte, als sie nach der Vorstellung zu ihm herunterkam. »Ich sitze in einer Menagerie,« mußte er denken, als er die Halbseelen mit ihren bunten Krawatten sah, die in gestikulierende Klumpen zerteilt die Halle erfüllten. »Nur Schicklichkeitsregeln verhindern sie, herüberzusteigen und dieses Weib in ihren Dunst zurückzutragen, aus dem sie sich unbewußt verirrt.« –Sie sei aus der Lombardei, teilte sie ihm mit; das fiel ihm nicht auf, weil sie aschblond war und blaue Augen hatte. »Du bist wenigstens aus Europa, und noch dazu aus Italien,« dachte er. »Ich aber habe eine Mischung in mir, einen Zusatz aus Chile; und das ist viel abenteuerlicher, als du dir ausmalen kannst . . . Doch das findest du nie heraus; das geht nicht in deinen Kopf. Übrigens: wer weiß, ob du überhaupt eine Ahnung davon hast, wo Chile liegt . . .« Er sah ihren Bemühungen zu mit jener freundlichen Gleichgültigkeit, wie man irgendein Tier betrachtet. – Sie starrte ihn plötzlich an, hörte auf, sich anzubieten; war es der Blick, den er auf sie richtete? – Seine Augen waren von einer unzuverlässigen Farbe; beinahe grün. Sie zog sich zurück, schob sich tändelnd zwischen den nächsten Tischen umher und verschwand im Hintergrund . . . Dort stand ein Junge und bot mit tonloser, wüster Stimme Zigaretten zum Kauf. Er war mißbraucht, umhergestoßen, zerlumpt; er paßte überall hin. Er glich dem kleinen Niklas. Gerhart, im Hinausgehen, nahm ihm ein Päckchen ab und gab ihm ein größeres Geldstück. Der Junge lächelte, und ganz Genua lächelte mit. Es war wie das Blitzen von Quarzstückchen auf holprigen Pflastersteinen; Licht, das den Dunst von versteckten Küchen mit dem des Abfalls auf steile Straßen drückt; es war das ermüdende stechende Blau, das auf jeder Hafeneinfahrt zittert . . . Als Gerhart heraustrat, war es dunkel, und er begab sich 31 durch enge Gassen in sein Hotel zurück. Flüchtig wunderte er sich darüber, was wohl das Mädchen so plötzlich von ihm vertrieben haben mochte. »Vielleicht habe ich den Bösen Blick!« – meinte er zu sich selbst. »So gibt es auch gewisse Halbedelsteine, vor denen einfache Gemüter ein unüberwindliches Grauen haben.« – In seinem Zimmer angelangt, verfiel er wieder, statt sich energisch auszukleiden und ins Bett zu gehn, in jenen halbapathischen Zustand, der weder Schlaf noch Wachen ist. Ein Buch, das er begann, sagte ihm nicht zu; so legte er sich endlich, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, auf das Kissen zurück.   Nach einer Weile Grübelns kam es ihm so vor, als sitze er mit seiner Mutter und Dolores am gedeckten Tisch. Man war bereit zu beginnen, aber es fehlte jemand, auf den man mit einer leisen Spannung wartete. Es war, als habe das Gong schon zweimal vergeblich getönt; worauf die Mutter sprach – und es mehrmals wiederholte –: »Enrique kommt nicht; aber ich weiß, er ist da; ich weiß bestimmt, er ist im Hause . . .;« darob er, Gerhart, und Dolores, eine große und süße Erleichterung spürten. Denn sie hatten beide, sie wußten nicht warum, das Gefühl, dem Vater sei irgend etwas Unheimliches zugestoßen . . . Gerhart ging nun auf die Suche nach ihm und sah hierbei ohne Verwunderung, daß das Haus gläsern war. Humus dunstete; Tau sammelte sich und kehrte netzartig zurück wie ein lebendes Gitter. Und in einem Winkel lag der, nach dem ihn verlangte; große Blattgewächse, zierlich zerteilte Farne und eine vielgestaltige Menge anderer fremdartiger Pflanzen breiteten ihre Schirme über ihn gleich pomphaften Wedeln über einem Paradebett. Er schien zu leben; doch eine magische Fessel schien ihn zu binden. Sein Gesicht ruhte streng und knöchern mit gekrauster Stirn und halbgeöffnetem Mund auf einem gelben Kissen. Sein graumelierter kurzgehaltener Kinnbart bohrte sich in das gewellte Hemd. Die mageren Hände ruhten 32 friedlich gekreuzt . . . Seine Kleidung war makellos weißes Linnen; eine dünne Goldkette schlängelte sich aus seinem Gürtel. – Er schlief einen bekümmerten Schlaf; einen Schlaf der Sorge. Hinter den großen Blattgewächsen herrschte Gemurmel wie die gedämpfte Unterhaltung versammelter Menschen. Es konnte aber auch das Rieseln von Wasser sein, das sich mit tiefem Glucksen, mit weichem Röcheln durch Röhren preßte: Geräusch gebundener Dämpfe, die vor Befreiungsdrang schwitzten. Unerlöstes, Dumpfes und Schweres plauderte. Auf einmal kam eine Welle von Geschrei von irgendwoher – anscheinend von außen; von jenseits der gläsernen Gruft. Der Liegende ballte die Fäuste und öffnete die Augen, drehte sie langsam hin und her –: Ein Tier war draußen; groß und schattenhaft. Es konnte nicht herein; es strich längs der Wände. Man sah es plumpe Sprünge machen; eckige Pranken heben und senken: es war unzufrieden. Das Geschrei wuchs; knarrende Tonwellen entstanden. Das Geräusch der Gewässer verstummte, und die Blätter erbebten, in zartesten Pflanzenpulsen getroffen . . . Da sah Gerhart die Mutter in derselben abwartenden Haltung am Tische sitzen und atmete entsetzt einen wirren Bericht über das Tier und über die Gefahr, in der der Vater schwebe . . . Die Mutter hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu; dann schob sie wie ein nervöses Kind das Silber auf dem Damast hin und her, und ihm war, als hörte er sie sagen, mit hoher und verwöhnter Stimme: »Das ist alles wohl möglich, aber ich will es nicht wissen, verstehst du! – Ich will es nicht wissen; – es regt mich auf! . . .« Dann befand sich Gerhart außerhalb des Glashauses, wo sich das Pflanzenwesen mit derselben Üppigkeit fortzusetzen schien. Dort sah er einen schwarzen Schatten durch das funkelnde Grün springen. Maßloses Grauen kam ihn an, als drohe auch ihm eine unergründliche Gefahr von diesem 33 Schatten. Er war in ratloser Angst und unfähig zu fliehen . . . Da sagte eine tiefe Stimme neben ihm: »Beruhigen Sie sich. Ich weiß Bescheid.« Unter zwei mächtigen Bananenblättern hockte kreuzbeinig eine weiße Gestalt. Sie saß wie eine Buddha-Figur; statt des Gesichtes trug sie einen verschwommenen weißen Fleck, der sich hin und her bewegte. »Mit dem Tier haben wir alle zu tun,« klang es weiter. »Aber ich habe es in der Tasche.« Es lasse den Vater nicht schlafen, klagte Gerhart. Eine brutale Abhilfe sei nötig; aber der Vater könne nicht mehr; er habe zuviel geleistet . . . Sein Kraftüberschuß habe Berge versetzt; nun sickere er in blinde Kanäle . . . Er speise nurmehr jenes Treibhaus; doch das sei nicht genug, denn das Tier müsse dort einbrechen, früher oder später . . . Da erwiderte das sitzende Orakel in Form eines Menschen: »Er fühlt sich schlecht, wissen Sie. Er ist nämlich nirgendwo zu Hause; hat sich zwischen zwei Stühle gesetzt; nichts Solides, verstehn Sie. Keine Beziehung. Aber er soll das Tier loswerden; und dann sind Sie es auch los; automatisch gewissermaßen . . . Ich bin das Bindeglied. Ich bin der Mann mit dem Schlüssel!« . . . Und er zog einen Schlüssel hervor; groß wie eine Waffe. Das Tier schrie penetrant und schwoll auf und ab. Dann lief es mit großer Eile herzu; doch trotz wirbelnder Schritte kam es nicht näher, sondern schrumpfte zusammen und verschwand im Boden. Ein unsägliches Glücksgefühl pulste durch Gerharts Seele. Und anstatt des weißen Menschenphantoms saß dort plötzlich ein nackter Knabe mit goldig brauner Haut und den schwarzen Kopf geneigt . . . Oder war es nur der zersplitterte braune Strunk einer Wurzel –? Und war das ein Windstoß, oder ein mächtiger Atemzug der Erlösung, der aus dem Glashause drang –? Alles schien geordnet, tief und schön.   34 Gerhart erwachte; sein Herz klopfte heftig. An der weißgekalkten Decke gab es noch ein Flimmern wie von Grün. Langsam erinnerte er sich der Einzelheiten des bizarren Traumes. Oft schon hatte sich jener Tote, dem er das Leben verdankte, aus dem Zwischenreich emporgerichtet, hatte dunkle Handlungen begangen und dann wieder das Pfadlose gesucht . . . Er war gekommen, erhellt von einem dunklen Blitz im Blut, aus Landschaften, deren Prunk verwirrte oder deren zwielichthafte Starre entsetzte; war entstellt gekommen und vermummt in dunklen Symbolen. Nun war das Rätsel gelöst; der Bann gehoben. Er durfte zurücksinken. Das Scheinleben, das er in den blutvollen Herzensgründen des Sohnes weitergeführt, war beschlossen durch den seltsamen Unerkannten, der den Schlüssel trug; der das Tier, das von Heimatlosigkeit gehetzte, in den Boden hineinverbannte. So endlich durfte der Vater ganz entschlummern im Anschaun gerippter Blätter, schlanker Stengel und hochzeitlicher Blütentrauben; so durfte er zurücksinken zu zweckvoll-gedankenlosem Schöpfertum von einer Hand in die andere; ins Allgrüne, aus dem wir alle kommen und zu dem wir kehren nach gemessener Zeit.   Singen, Johlen und Schwatzen entstand auf der Gasse und zugleich auf dem Korridor vor der Tür. Gerhart schrak auf. Es waren noch drei Stunden bis Tagesanbruch; er ging nicht völlig zu Bett, sondern blieb wach bei einem Kognak, den er seinem Handkoffer entnahm; demselben Koffer, den er von seinem Vater geerbt und der sechsmal von Chile nach England gewandert war . . . Auf die zahllosen Hotelmarken starrend, nahm er in regelmäßigen Abständen einen Schluck, bis die schmutziggelbe Frühe langsam heraufkroch; die alte beklemmende Reisefrühe, bei der er als Knabe – ach wie oft! – einen ganz bestimmten bitteren 35 Geschmack am Gaumen und einen weichen Druck in der Magengrube, dicht unterhalb des Herzens, gespürt. Und seine Reise ging vonstatten. Er sah Schwärme von schöngezeichneten Bussarden auf öligen Wassern flattern, inmitten einer unbegrenzten siedenden Kahlheit: Aden . Er saß in einem Korbstuhl, und zwanzig große Ventilatoren rührten sich über seinem Scheitel wie die nächtlich ermatteten Schwingen gespenstischer Falter –: Colombo . Die Luft war voller Gase; voll stechender Süße und vom Schweiß von Bäumen und Tieren. Menschen gingen gleich flimmernden Bildern durch einen Schleier von Kopfweh. – Sie gingen behutsam lächelnd langwierigen Geschäften nach, die sich leise abrollten an zeitlosen Spindeln. Mount-Lavinia: Flußtäler taten sich auf; ein Grün von giftiger Leuchtkraft sprühte aus einer ockerroten Erde. Puppenhafte Hindufrauen, klirrend von Silber, bewegten sich nacktfüßig an ihm vorbei. Nächtens hantierten lange Reihen von Schatten vor schwach erhellten Türen; der Atem eines menschlichen Zugtiers röchelte, und ein schweißblankes Rückgrat tauchte wechselnd von einem Laternenbezirk in den nächsten . . . In der Loftusstreet in Sydney, über einer Bar, saßen zwei grasgrüne Papageien und schrien. Es drang deutlich in den klirrenden Straßenlärm . . . Und eines Tages fühlte Gerhart, als habe er ein Ziel erreicht, nach dem ihn dunkel verlangt –: Ein Akkord klang auf wie der einer Orgel; und er wußte, daß er rasten dürfe. Hügel traten aus blauem Wasser; eine Kuppe, schwarzgrün und smaragden gefleckt, nach der anderen; eine Kette von Kuppen dann, sich gruppierend und still die Weite bevölkernd in rätselhafter Schöpfungsinnigkeit . . . 37 Erster Teil Ein Tag aus dem Leben Grothusens     Kreuzbeinig hockst du und gelassen vor schwarzem Grün des Blätterwalls. Da zuckt dein dürrer Vogelhals, und jählings sehn wir dich erblassen: Dünkt dich, kalkfarbenes Phantom, daß wiederum der Buschhahn brülle? – – Hoch über dir in alter Stille hängt tropfenschwer der Pflanzendom.     O Mann der ziegelroten Pocken, des fruchtlos witternden Gehörs! Im Zwielicht dumpfen Ungefährs bist ewig du verdammt zu hocken, behängt mit deinem Haushahn-Makel: bis dich ein letzter Schrei verhöhnt; bis dir das ferne Busch-Orakel krächzend den letzten Bannfluch tönt!     So heiß du Jenen auch umwirbst: Sein Schrei wird nimmer dich erlösen; und an der Erde zu genesen wird dir versagt sein, bis du – stirbst. 39 Die Matronen O ihr alten Frauen von Upolu und Sawaii! – Ihr Schatzhalterinnen und weisheitsschwangeren Sybillen! – Wenn die Frühe graut, seid ihr die ersten auf dem Plan. Ihr erfüllt keinen tätigen Zweck im Leben mehr; aber ihr seid da, als Ecksteine im Rahmen des Ganzen; unvermeidlich und nicht wegzudenken, wie lebendiges Gewissen. Feierlich und bescheiden hockt ihr auf den Matten, mit aufrecht getragenen Matronengesichtern. Eure Milch ist versiegt; doch zeigt eure Haut noch keine Schrumpfung an den rundlichen Gelenken. Wie in einer Hülle von schwerem kaffebraunem Kautschuk, der sich anfühlt wie Sammet und matt von Öl glänzt, stecken eure seinen Knochen, zärtlich eingebettet und verwahrt in dem dauerhaften Fett, das ihr mit Taro und Brotfrucht, lebenslänglich genossen, an euch erzeugt. Nur im höchsten Alter schrumpft ihr zusammen; dann wittern tausend spinnwebfeine Fältchen über eure edlen Stirnen; dann bleibt euer Lächeln erstarrt an den Lippen hängen; dann gilben eure Zähne, und fremde Geräusche erwachen in euren Ohren unter den eisgrauen Strähnen. Ja, beim ersten Blick ins Grab werdet ihr eitel, und man findet euch besorgt um eure Erscheinung; ihr zieht die Leinentücher bis unters Kinn und dreht die Augen mit trüber tastender Scham nach dem Gast. Und dennoch bleibt alles würdig an euch, bis ihr wieder in die Erde 40 dieser Inseln zurücksinkt; in die saugende Erde, mit der ihr euch vermählt und mit der ihr verwachsen wart wie die Brotfrucht mit dem Schatten ihrer Äste.   Schon in der fahlsten, in der ersten Frühe taucht ihr unter den Mückennetzen hervor wie schlaflose Geister. Denn der Schlaf ist in eurem Alter zu einem ganz leichten Schleier geworden, einer kurzen Lähmung gleichsam nur des Sprechvermögens: irgendwann, um Mitternacht herum, bei der Beleuchtung der einzigen Lampe Man läßt zur Nachtzeit stets eine Lampe brennen; dieser Brauch diente ursprünglich dazu, um böse Geister fernznhalten. , die die weite Zuckerrohrwölbung der Hütte erhellt, schlägt er euch vorübergehend in Bann. Dann wickelt ihr euch zusammen, umhüllt euch bis zur Stirn hinauf, ja bis zur letzten Strähne eurer graphitschwarzen, graudurchschossenen Schöpfe und bettet eure Köpfe auf das Bambus-Schlafrohr Werden als Kissen benutz; teils der Kühle halber, teils um die Frisur zu schonen; ähnlich wie in Japan. . Euer Einschlafen ist so, wie wenn einer allmählich, von einem seltsamen Gedanken überwältigt, vergeblich zu grübeln habe, kurze Stunden hindurch . . . Dann auf einmal – die Sonne ist noch kaum geahnt – hebt ihr das Haupt und nehmt den alten Schwatzfaden von gestern wieder auf. So schlaft ihr, und so erwacht ihr. Wenn noch all die Jugend in der Hütte schnarcht, treibt ihr euer geisterhaftes Wesen zwischen den weißen, durchscheinenden Riesenwürfeln, den Netzen, die die Hütte erfüllen bis dahinauf, wo der kleine Lampenschimmer vom geheimnisvollen Dunkel des Dachraumes aufgetrunken wird. Ihr orakelt mit leisen Zischelstimmen, ohne Faden, ohne Ziel; ihr sitzt einander gegenüber wie unkörperliche Schatten, und es klingt so, als versenktet ihr euch in die tiefsten Probleme des Seins, von denen des Windes Sausen unablässig tönt; Geheimnisse, die im Rascheln der Palmenwedel zur Nachtzeit wohnen. Dabei hängen euch die Suluis würdevoll aus den Lippen, genährt vom trägen Atem eurer mürben Lungen; sie glühen 41 durch das Morgendunkel wie rote Punkte, und ihr Aroma füllt die taufeuchte Luft. Zwischendurch, in regelmäßigen Pausen, spritzt ihr euren Speichel durch die Spalte zwischen Zeige- und Mittelfinger, mit denen ihr die Lippen wie eine Geschützöffnung zusammenpreßt, und ihr trefft immer den Lavakies, immer die schmalen Räume zwischen den Matten, soweit entfernt davon ihr auch sitzen mögt . . .   Ja, ihr zischelnden und hüstelnden Matronen von Samoa – eure Gespräche während des Zwielichtes haben etwas Ursprung- und Wesenloses; sie sind ein Geräusch, das so ewig und so voll sachtabklingender Ruhe ist, wie das Zischen und Verlöschen der Gischtblasen auf den Korallenbänken zur Zeit der Ebbe. Selbst wenn ihr ganz allein seid, findet ihr nur kargen Schlaf nach dem ersten Traumschrei der Hähne; dann sprecht ihr mit den Geistern derer, die in der Nacht geschäftig sind und die in euren Herzen unzählige Tode starben noch jahrelang nach dem Tod, dessen schreiende und brüsteschlagende Zeuginnen ihr wart. Ihr habt Zeit. Wie lange noch? Wehrt ihr ab? – Lauscht ihr? Ihr schließt die Augen; ihr hockt stumm und gerade. Doch euch zeitlich entlegen, im Schoße der Ungeborenen, regt sich und ächzt ein kleines Schemen; euer Kindeskind –: der Halb blütige; ein Wesen ohne Heimat und Bestimmung; es wird sich mehren wie der palmenzerstörende Käfer und eure Gräber besudeln. Kennt ihr es schon? . . . 42 »Ebbe am Nachmittag« Das war im glücklichen Upolu, und bei tiefstem Zwielicht. Noch war der Himmel schwarz. Aber schon rauchte die See am Riff, und ein sachter Wind blies die Sterne aus. Innerhalb des Palmengürtels klapperte es, wie wenn man eine Matte klopft. Dann folgte ein gurgelnder Schrei, der bald seine Antwort fand, und nun sangen alle Hähne von Mata‘utu , den weiten Strand hinab: »Ü – ü – ü.« Wie um sich zu beweisen, daß sie noch lebten, und unermüdlich lebten, ließen sie ihre Stimmbänder gellen. Sie taten es dreimal des Nachts, um zwölf, um zwei und um vier Uhr. Zwischendurch saßen sie, farbig und stumm, als schlafende Tropenvögel, auf den obersten Zuckerrohrverschalungen der Hütten oder in den Ästen der Brotfruchtbäume. Sie träumten sich Jahrhunderte zurück . . . Damals gab es noch keine Bretterverschläge, in denen sie mit den Hennen kampierten. Traumstolz blähten sie sich, lüfteten unter derbem Gerassel den Brustkorb mit den Schwingen und schrien ihren alten Urwaldschrei in die Blätter hinein. Die Luft spaltete mit leisem Hauch ihre bunten Schwanzfedern . . . Und als das Halsstrecken, das gelbe Augenrollen, das Röcheln der blutvollen Vogellungen und die Eifersucht der Stimmen nachließ – da tönte ein einzelner Schrei noch nach wie ein ungenügsames Echo. Es war, als käme er als ein ferner Triumph von dem letzten Fixstern, der noch glänzte . . . Das war ein Blauer Hahn im Busch , ein wilder Vetter; und der behielt das letzte Wort.   Stille herrschte, halberwachte, ächzende Dämmerstille. Ein großes Rascheln geschah in den Kokuswedeln, und harte Schläge fuhren dazwischen wie dumpfe Schüsse. Der 43 Seewind hielt seine Ernte und warf die reifen Nüsse in den Sand. Minutenlang dauerte dies ungeheure stroherne Rascheln, diese sanftausteilende Bewegung der Tausende von elastischen Stämmen, langsam fortschreitend, bis der Wind erstarb. Es begann schwach zu blitzen. Das Geräusch des Meeres war ein feines Sieden in der Luft, hinter den nun erwachenden kollernden und schwatzenden Vogelstimmen in den Bäumen, und die Brandung pulsierte, als ein weißes, schlangenhaft zitterndes Band am Riff, eine Meile vom Strand entfernt. – – –   Grothusen kannte das; er war längst wach. Diese ganze Skala morgendlicher Eindrücke wiederholte sich; war alt, uralt. Nur bisweilen, wenn es regnete, hörte man nichts als Wasser, und dahinter den Schrei der Hähne dünner und unlustiger. Doch heute war es ein flaumleichter Morgen nach einer langen Reihe von trockenen Tagen. Den Übergang zum Erwachen spürte Grothusen kaum; er merkte es höchstens daran, daß mit einem Male das bösartige Gefühl wieder da war, das ihn stets befiel, sobald er sich seiner Umgebung bewußt ward. Er trat aus dem Fliegennetz hervor und ging auf die Wiese vor der Hütte, um sich auszuräuspern. Im blauen Hüftentuch Kattuntücher von verschiedener Farbe, sam. Lavalavas , werden auch von den Eingeborenen jetzt allgemein statt des früheren Blätterschurzes getragen. stand er zwischen den Hibiskussträuchern. Wie schimmerte sein nackter Oberleib, um dessen hervortretende Knochen sich die schlohweiße Haut spannte! Das Tuch fiel bis zu den Fußknöcheln; das verlieh seinem Gang eine holprige Würde. Bisweilen, bei einer launigen Brise, entblößte sich eines der Beine in seiner blinkenden Magerkeit . . . Wäre nicht alles ringsumher so strotzend grün und lieblich gewesen – hätten nicht überall, wo Grothusen seinen Rachen säuberte, halbzertretene Brotfrüchte und Bananenschalen gelegen – man hätte sich versucht gefühlt, ihn für einen Asketen, vielleicht gar für einen puritanischen Novizen 44 zu halten, der sich um der fleischlichen Entsagung willen in die Einsamkeit geflüchtet. Jetzt wanderte er langsam auf den Strand zu und verschwand eine kurze Weile hinter niedrigem Gestrüpp. Dann erschien er wieder, öffnete mit feierlicher Gründlichkeit von außen mehrere der geflochtenen Jalousien und trat gebückt in die Hütte zurück. Noch war es halbdunkel. Grothusen ging nacktfüßig und lautlos wie ein Geist auf den Matten, die den Lavakies des Bodens bedeckten, hin und her; die Hände hielt er flach zwischen Hüfttuchknoten und Bauch geschoben. Sein Räuspern war zarter geworden. Es hing mit einem Kehlkopfübel zusammen, das ihn in grauer Vorzeit befallen hatte, als er noch Europäer war. Das Halsübel hatte sich weder verbessert noch verschlimmert, und Grothusen war darüber in die Jahre gekommen.   Er fügte seiner Toilette nun noch ein Hemd hinzu. Dann ging er an den Tisch, der vor den vier Mittelstützpfosten der Hütte stand und von einer braunen schwarzbemalten Tapa bedeckt war. Diese Tapa war Grothusens Leidwesen; denn alles, was er darauf suchte, zeigte eine heimtückische Mimikry. Lediglich ihre beschränkte Anzahl und ihre nackte Zweckmäßigkeit machte ihn zum Herrn über die Gebrauchsartikel, mit denen er seinen Haushalt bestritt. Er war nämlich abscheulich kurzsichtig, so daß er – um ein Beispiel zu nennen – von den Zeitungen gewöhnlich nur die Kopfinschriften las, wonach sich denn auch – wie man später bemerken wird – sein Weltbild lediglich nach dem Fettgedruckten zusammenstellte. Leise in den struppigen fuchsroten Schnurrbart schnaubend, stand er gebückt über dem Tisch, und seine Augen wölbten 45 sich milchigblau hervor wie die eines Pferdes, das mit den Lippen ein Kopraschnittchen vom Boden nimmt. Dabei wiegte er den von roten Löckchen bedeckten Kopf auf dem steifen rissigen Nacken, der die Farbe von Büchsenlachs hatte. – Endlich fand er die goldgefaßte Brille und setzte sie auf. Nun ging das andere rasch vonstatten. Das abrupte Tasten wurde zur zielbewußten Handhabung vertrauter Dinge. Er setzte seine Pfeife in Brand und holte die Regenwasserkanne und ein Glas herbei. Hierauf war er eine Zeitlang in verschiedenen Winkeln der Hütte geschäftig und kam mit einer Flasche wieder zum Vorschein. Er füllte das Glas zur Hälfte mit ihrem goldigen Inhalt und verdünnte die Flüssigkeit mit Regenwasser. Dann überzeugte er sich, daß das vierte Bein des Stuhles, das seit zwei Jahrzehnten locker saß, in gewünschter Richtung stand, ließ sich nieder und nahm seinen Augenöffner . Heitere Vorstellungen begannen sich in seinem Geist zu regen. Er blickte schlau nach dem Hintergrund der Hütte, wo eine menschliche Gestalt unter Leinentüchern vergraben schlummerte, und lächelte dann mit zurückgelegtem Kopf und schwellendem Hals vor sich hin wie ein Honigkuchenpferd. Diese tägliche Zwielichtheiterkeit – sie hatte Beziehung sowohl zu der Flasche wie zu der schlummernden Gestalt in der Ecke. Die alte Gewohnheit trug noch dazu bei, daß das Hirn des alten Buchhalters um diese Tageszeit am regsten reflektierte; und heute hatte nur eine einzige Vorstellung darin Platz. Denn er war sich gut bewußt, sein fünfzigstes Wiegenfest zu begehen. Die Augen hinter der spiegelnden Brille sinnend bald auf das Glas, bald auf die Etikette der Flasche geheftet, sprach er dämmerhafte Worte zu seinem Herzen. – – –   46 Mittlerweile kam die Sonne ganz herauf. Zarte und schlanke Schatten legten sich draußen wie hauchfeines Spitzenwerk über den grellgelben Weg. Die Laute des vollerwachten Lebens schwirrten durcheinander. Die Hähne hatten die leichte Erschöpfung, die ihnen die Inbrunst des letzten Kreischens gebracht, abgeschüttelt und flogen rauschend von den Bäumen und Hütten herab. Glucken führten ihre Völker spazieren. Eine schwarze robuste Sau, gefolgt von sechzehn bunten Ferkeln, rannte windschnell über die Wiese und stieß mit dem Rüssel in einen Berg von leeren Kokusschalen, die porzellanspröd erklirrten. Zahllose Hunde brachen aus den Hütten hervor, kläfften freudetanzend auf der Wiese oder liefen ans Meer, um dem sanften Wellenschlag und dem erwachten Tag mit Gebell zu huldigen. Die Hundestimmen pflanzten sich fort wie eine Kette, bis in die fernsten Winkel der Sicht, als ein rauher taktfester Lobgesang der Kreatur. Gerade jetzt, als Pakali, ein kleiner seidenohriger Terrier, sich freudestöhnend und morgenfrisch mit großem Gezappel zwischen Grothusens dürre Schenkel drängte, erwachte Tai‘afi‘afi, die »Ebbe am Nachmittag«. Sie bewegte den Kopf auf der Bambusstütze, warf die Leinentücher auf die Seite und erhob sich. Sie zählte sehr beträchtlich zum Haushalt mit. Sie war nicht wegzudenken. Grothusen lebte nun schon an die zwanzig Jahre mit ihr zusammen, und das gab ihr ein Recht, eine Rolle zu spielen. Und sie spielte die Rolle! – Obwohl er sich nicht umdrehte, gewahrte er doch – wie Argus, der Augen auf dem Nacken trug – die unheilschwangere stille Regsamkeit in der Ecke, die rüstige Inangriffnahme des Tages seitens jenes vierzigjährigen verblühten Samoaweibes . . . Und es stand fest, daß seine stille Heiterkeit nun Schiffbruch leiden würde. Denn sie hatte viele Nadeln, mit denen sie ihn zu reizen pflegte. Ja! Sie bemerkte die Flasche und brachte es unverzüglich zum Ausdruck. Dann verfiel sie in ein scharfes 47 Selbstgespräch. Wenn sie leise sprach, war ihre Stimme weich und nicht unschön, und wenn sie über etwas Bedauerliches mit sich verhandelte, setzte sie sich schwermütig und gründlich mit dem Universum ins Benehmen und begrub mit jedem Wort eine Hoffnung. Doch ihre leisen Glossen waren beizende Tropfen, die Steine höhlen konnten, Spritzer von Säure, die Grothusens Seele verbrannten. Man war gezwungen, hinzuhören. Sie hatte die Flasche gestern versteckt; sinnreich hatte sie sie verborgen; doch es hatte nichts geholfen. Er war dahinter gekommen. Immer kam er dahinter, wo jene Flasche steckte. Er solle doch Kawa trinken! Oder Kaffee! Westhope ziehe doch so guten Kakao auf seiner Privatpflanzung und gebe ihn so billig ab! Schade, schade! Und nun verdiene er schon wieder seit einem Monat nichts, und er dächte überhaupt nicht an die Aiga , und wenn sie ihre Butter nicht besäße und die zwei Kinder nicht zur Hilfe . . . »R–ruhe!!« brüllte er. Sein Gesicht zerknitterte sich wie Käsepergament. Ihr Selbstgespräch rann noch eine Weile weiter, doch traten jetzt wohltuende Stockungen ein, da die Entfachung des Holzfeuers in der alten Biskuitblechschachtel, die als Ofen diente, ihre Aufmerksamkeit und ihre Lunge in Anspruch nahm. Aus Trotz nahm er noch ein Glas zu sich und stellte die Flasche dann mit Aplomb auf den Querbalken, der die Tragepfeiler verband. Das war ein geheiligter Platz, der in jedem Samoahause die Bedeutung des Stapelortes für unantastbaren Hausrat hatte. Grothusen war immer noch Manns genug gewesen, um den Kampf mit der alten Hexe durchzufechten . . . Er warf muntere und aufgeräumte Blicke um sich, ungeachtet dessen, daß der Stuhl sich auf einmal wiederum nicht bewährte und seine Würde flüchtig erschütterte. – – – Die Frau hatte ihr Gespräch ganz eingestellt. Sie ergriff ein rechteckig geschnittenes Bergbananenblatt, tat Tabak hinein und rollte es stramm. Dies geschehen, preßte sie das Mundende platt und nahm es zwischen die schlohweißen Zähne. Dann griff sie seitwärts in den »Ofen«, nahm einen glimmenden Kienspan heraus, blies ihn an und bediente sich mit einem Quentchen Glut. Sie warf den Span zurück und stützte mit aufrechtem Oberkörper die rundlichen Arme, die selbst in ihrem Alter noch etwas kindlich Eingeknicktes hatten, zu beiden Seiten auf die Matten. Da das Hängekleid aus Kattun sie ganz bedeckte, erschien sie zwerghaft klein. Doch über diesem Kinderkörper schwebte ein schwerer Kopf mit breiten Lippen und großer, gebogener Nase; einer Nase, wie man sie, brutal gekraust, an Fürstenköpfen bemerken mag; an Tai jedoch wirkte sie wie eine anmutige Hügelscheide zwischen zwei sanften Regentümpeln. Spitzte sie den breiten Mund, so liefen seine Fältchen an den Nüstern herab, und ihre Stirnhaut warf unendliche Rinnen. Ja, ihr Kopf war schwer und geheimnisvoll. Das Haar verdeckte die Ohren nicht und ließ die heller gefärbten Muscheln sichtbar. Hinten stand es, mit einem albernen rosa Bändchen zu einem graumelierten Rattenschwanz gebunden, steif vom Kopfe ab. So saß sie, still mit ihrem kleinen Umkreis beschäftigt, unauffällig da, wie ein großer gütiger Affe. Jetzt kam der Fuß unten hervor und wippte rhythmisch über dem Knie des andern. Dies war das Zeichen, daß sie grübelte. Von jeher hatte sie bei innerem Zwiespalt mit dem Fuß gewippt. Grothusen starrte sie die Zeit über grell an. »Mama!« schrie er jetzt, befriedigt durch ihr Schweigen. »Eh?« kam nach einer Weile ein Kehllaut zurück. »Mach Kaffee!« Sie blieb sitzen. Die Sului war ihr ausgegangen; deshalb langte sie sich zuvor ein zweites Mal den glimmenden Kienspan heran. Und leise sprach sie zwischen den Zähnen hervor in ihren Schoß: 49 »Schlecht ist der Whisky.« Grothusen schwieg finster. Die kurze Pfeife stellte sich aufrecht in seinem Munde auf. Ein trüber Glanz trat hinter der Brille in seine blaßblau vorquellenden Augen. Er nahm die Gläser ab und rieb sie an seinem spitzen Knie. Wenn er so, böse grübelnd, den Unterkiefer vorschob, erwartete man von ihm im nächsten Augenblick eine Tat, die Tat eines gereizten Mannes in der Blüte der Energie: zerfetzte Siapos , umherfliegende Töpfe, zerschmetterte Lampen oder Schlafschemel; kurz ein zürnendes Herrentum und die Posaune des Weißen  . . . Tai‘afi‘afi sah, unter krauser Stirnhaut, besorgt zu ihm hinüber. »Schlecht ist der Whisky,« wiederholte sie, »tk, tk, tk.« »Wirst du schweigen!« – brüllte er. Geschäftig den Lavalavaknoten zurechtzerrend, erhob er sich vom Stuhl und ging stracks auf sie zu. Sein Gesicht erschien wie von Puder befleckt, und der rote Schnurrbart leuchtete funkenknisternd. Sie rührte sich nicht. Sie sagte nur: »Ui, ui –«, und dabei lächelte sie halberschrocken, mit einem freundschaftlichen Licht in den moorbraunen Augen. Grothusen schlug nicht zu. Er klappte zusammen, knapp vor ihr, in die gleiche Hockstellung, die sie innehatte. Seine zermalmende Gebärde löste sich auf wie bei einer knochenlosen Jahrmarktspuppe. Er war gegen die Scheidewand gerannt. Er hatte sich eine neue Beule geholt; die Beule an dem Vollkommenen, gegen das er machtlos wetterte. Einmal, vor vielen Jahren, hatte er ihr einen Stoß in den Magen gegeben, der sie fast getötet hätte. Damals hatte sie nicht geschrien. Sie hatte ihn nur mit den Augen jener sagenhaften Sina angesehen, von der sie stammte, – der Mutter des »Schwarzen und Braunen Schweines«. Ihre ganze, im Dämmer des Urwaldes sich 50 verlierende Ahnenkette, alt und verzweigt wie ein Fikusbaum, hatte ihm gedroht. Die Fonoti-Familie aus dem Buschdorf Matalaoa, jene edelste Sippschaft, hatte mit diesem Blick schweigend auf den vermessenen Weißen gestarrt. Die »Weiche Pandanusfrucht«, ihre Mutter, hatte sie gepflegt, war – schon damals ein uraltes Weib – herübergekommen und hatte sich so absonderlich, mit so majestätischer Korrektheit gebärdet, daß völlige Verzeihung ein Ding der Unmöglichkeit schien und der Tyrann sich, leicht wie Luft und Gestank, hinwegverbannt fühlte in eine ganz dunkle und sonnenlose Gegend. Deshalb schlug Grothusen diesmal nicht zu, sondern bat sehr mürrisch noch einmal um Kaffee; und Tai erhob sich und bereitete ihn auf dem Spirituskocher mit gemessenen Bewegungen. Wiewohl sie sich schon zwanzig Jahre lang mit Papalagi gerätschaften abgab, bediente sie sich immer noch dieses Kochers wie ein Kind, das vorsichtig frisch erlernte Handgriffe ausübt und sich fast gütig daran ergötzt, daß das Ding seine Wirkung tut. Grothusen erhielt blassen Kaffee in einer Tasse ohne Henkel und Untersatz. Er schluckte ihn ohne abzusetzen und geriet in einen munteren Schweiß. Tai, den Löffel selbstvergessen in der Hand, sah zu, wie es ihm schmeckte. Dann ging sie hinaus und verschwand in dem funkelnden Grün, um Reisig und Brotfrüchte aufzulesen. Aus dem ehemals reichen Besitz ihrer Familie – von Mata‘utu bis Mulinuu – war ihr noch ein Stück Land geblieben; doch bestellte sie es nur so weit, als es für die Kopra-Abgabe an die Regierung und ihren häuslichen Appetit reichte. Das übrige beschied sie in die Hut derjenigen der zwölf samoanischen Vorsehungen, die den Namen › London mission ‹ trägt. Grothusens Mißempfindung war jedoch noch nicht ganz 51 verschwunden. Er glotzte auf das ungeheure zerrissene Bananenblatt, hinter das sie getreten war. Ein Ferkel rannte grunzend in die Hütte und blieb dann angewurzelt stehen, von fremden Eindrücken getroffen. Grothusen entsandte einen Stein aus dem Lavakies; jedoch erreichte er das Ferkel nicht mehr. Es hatte ein leises Schnalzen von draußen vernommen; es war das Schoßschwein Tai‘afi‘afis. Der Stein zertrümmerte die Weckuhr auf der Waschkiste. »Nun ja,« dachte Grothusen tyrannisch. »Das schadet nichts. Die alte Hexe kann die Scherben auflesen.« Er strengte die Augen an, um die Stellung der Zeiger zu erkennen. »Fünf Minuten auf acht . . . By Jove! – Wie die Alte mich verhätscheln würde, wenn sie wüßte, daß ich Geburtstag feiere! Meinen fünfzigsten Geburtstag! – Aber ich sage es ihr nicht! Das geschieht ihr ganz recht!« Und er dachte mit Galle daran, daß sie ihn heute wieder wegen des Whiskys geärgert hatte. O, ihre leisen Selbstgespräche von heute morgen waren es nicht allein, nicht das war es, was ihn so zerrieb – es waren die vielen Unterhaltungen, die ihnen vorausgeklungen jeden Gottesmorgen – sie hatten das ätzende Gewicht von nunmehr fast zwanzig Jahren! Aber ein Entschluß stand auf, fiebernd und riesengroß: Heute war ein Markstein! Heute war es genug! – Und Grothusen, erhitzt wie er war, bezweifelte nicht, daß er dieser Alten bis an den Hals überdrüssig sei, daß der Punkt endlich gekommen sei, ein neues Regiment einzuführen! Die plötzliche Begeisterung für Klärung der Luft war heute nicht bloß ein alkoholisches Feuerchen, wie er deren schon unzählige entfacht, sondern hatte tiefere Beweggründe, hatte irgendwie etwas mit seinem fünfzigsten Geburtstag zu tun. Ha, heute sollte sie einmal klein werden! Ganz klein! Wie sie sich schämen würde, in ihre zeremoniengläubige 52 Seele hinein, wenn er diesen Trumpf: seinen Geburtstag, vor sie hinwarf! »Eh! so bist du! Da hast du's! Solchen Tag vergißt du!« Daß Grothusen nötig gehabt hatte, sie auf seine früheren Geburtstage mit Pomp hinzuweisen – worauf sich denn immer eine große Verwandtenansammlung mit Geschenken einzustellen pflegte – war ihm soeben wohl klar; er hütete sich aber wohl, Teufelskerl, der er war, es diesmal zu sagen! Er wollte sich vernachlässigt vorkommen, wollte sich großmachen, wollte sich einen prächtigen Grund zu einer großen Geste sichern, zu Lamento und Vergeltungsgeschrei . . . Demütigen wollte er die Alte, zerschmettern wollte er sie für Wochen! Das war sein Plan. Zwei hochgeschraubte Weiberstimmen, eine fragende aus der Pflanzung und eine erwidernde, begegneten sich draußen. Tai hatte ihrer Base, die in der Hütte nebenan bei der alten Mutter Ta‘ēle Ulamamai, der »Weichen Pandanusfrucht«, lebte, etwas mitzuteilen. Ach, der Klang dieser Weiberstimmen! Diese zum Erbrechen reizende Welle von trübster Alltäglichkeit, die an Grothusens Ohr treffen mußte! Wider Willen, wie immer, lauschte er, sog jedes Wort in sich, als ob sein eigenes böses Gewissen, getrennt von ihm, eine unschöne Fistelstimme da draußen erhebe; und als er den Sinn des Klagedialoges erfaßte, der sich draußen mit quälender Monotonie abspann, wurde er geradezu unwahrscheinlich büchsenlachsrot, als verteile sich die Farbe seines Nackens plötzlich über sein ganzes leidendes Gesicht. Er stand heftig auf und schwenkte schweigend seine schwache bleiche Faust mit den violetten Adern darauf auf und nieder, in die Richtung jener Stimmen zunächst, dann im Kreis umher, wie jemand, der mit letzter Kraft Kerkermauern bedroht. Seine Augen blitzten unheilvoll. Er ging zu der Whiskyflasche, goß sich noch einen derben Schluck ins Glas und zog 53 sich dann mit entschlossenen Bewegungen Strümpfe, Stiefel und einen verwaschenen, von Bügelflecken besäten Leinenanzug an. Sein Sohn Petina , dieser Fratz, war natürlich heute wieder nicht da, um ihm die Sachen zu reichen und ihn zu bedienen. Immerhin – diese Tatsache paßte in den Rahmen der Stimmung.   Als Grothusen nun vor dem zerbrochenen Spiegel stand und sich den fuchsroten Schnurrbart mit der Hälfte eines Kammes striegelte, fügte es das Schicksal, daß Tai‘afi‘afi noch gerade auf dem Schauplatz erschien, ehe er ging. Er band sich soeben eine schwarze Schleife um den ausgefransten Kragen, als sie, ihr Schoßschwein im einen Arm, ein Bündel Reisig im anderen, lautlos in die Hütte trat. Ohne ihm einen Blick zu schenken, aber für das soeben beendete Zwiegespräch draußen unerwartet zart, sprach sie: »Entschuldige, bringe Geld, Kotūsa. Das Geld ist zu Ende, ganz zu Ende. Du hast in der letzten Woche kein Geld gebracht, und nun gehst du in das Trinkhaus und kommst betrunken nach Hause. Und es ist so schlecht von dir, Papá, und es ist eine Schande in der ganzen Familie, einen solchen Mann zu haben . . .« Es war dasselbe Thema, das sie vorhin beim Reisigpflücken mit ihrer Base ausgetauscht, die im Hause zwischen den fünf Hunden der Großmutter gesessen und gebetet hatte. Es war ein Thema, das ihrer ganzen Aiga – den zehn Familien im Umkreis –, dem Dorf Mata‘utu, ja, jeder samoanischen Seele den Strand herunter bis Saluafata geläufig war, so daß man nicht einmal mehr die Köpfe wiegte, sondern nur »tk, tk« sagte und lächelte. Grothusen wollte sich nicht mehr reizen lassen. Er spürte wieder, wie die Röte über sein Gesicht kroch; doch sein Grimm saß so tief, war so entschlossen, daß sogar eine Art von Humor sich diesmal regte. Er antwortete nichts und 54 warf ein Zweimarkstück auf die Matte. Sie blieb versteinert stehen; ihr Mund klaffte. Der Arm löste sich; das Ferkel glitt zuckend auf den Boden. Sie bückte sich und hob das Geldstück auf. »Danke sehr, Kotūsa; danke recht sehr und viele Male . . .«, sagte sie bestürzt. Und was da seinen Abgang hielt, war ein Weißer, der Geld hatte, ein Weißer, der sie, Tai, in seiner Hütte duldete  . . . Als Grothusen, seinen Regenschirm trotz des wundervollen Wetters unter den Arm gepreßt, die Wiese überquerte, stand sie noch immer da und blinzelte. Das Huhn Er erreichte den Weg, der den Strand entlang führt, und schritt behende gen Apia. Sein Gang hatte etwas Aufgeräumtes; denn sobald er sich außerhalb der häuslichen Sphäre, mithin auch aus der Klangweite von Tais Stimme wußte, war eine allumfassende herzliche Leutseligkeit an ihm bemerkbar, die ihm ein ganz anderes Gepräge gab. Das blühende Sonnenlicht ließ seine Kleidung von ferne adretter erscheinen als sie war, sogar noch in Grußdistanz; trat man freilich näher an ihn heran, so bemerkte man, daß sein forscher Schritt eigentlich mehr Wirkung der Schwerkraft war als etwa Muskelarbeit an strammen Schenkeln. Auch sah man, daß der dürre Mensch seine Geschwindigkeit der Maßlosigkeit der Knochen und dem Schwund aller Fettsubstanz verdankte, so daß er von der morgendlichen Brise gleichsam vorwärts geweht ward. Immerhin, er ging gut in seinen Stiefeln, von denen der Glanz längst abgebröckelt war, und unterschied sich in nichts von einem Mitteleuropäer, der andere Mitteleuropäer soeben aufsuchen will, vermutlich in profitlichen Geschäften, die man munter anpacken muß. Als er den Kricketplatz vor 55 der katholischen Kirche überschritt, schob sich der englische Konsul auf seine Gartentür zu. Dieser dauerhafte kleine Mann trug einen schwarzen breitkrempigen Filzhut und sah aus wie ein Pilz. Er hatte drei Regierungswechsel erlebt und war demnach verschlossen und stumm wie eine vergrabene Kassette. Er war einer der Ältesten am Platz, ging immer zu Fuß, und die wenig schwankende Temperatur der Inseln sowie ein fußlanger Mantel, den er selten abtat, befähigten ihn ohne Zweifel, drei weitere Regierungswechsel zu überleben. Grothusen, wiewohl schon fast zwanzig Jahre hier, war demnach immer noch ein Neuling für den englischen Konsul. Versuche, mit ihm in Beziehung zu treten, waren an der unveränderlichen Verschlossenheit des kleinen Greises gescheitert. Grothusen grüßte ehrerbietig und machte trotz des geräumigen Weges einen halbkreisförmigen Schritt auf die Seite. Für diesen Augenblick war er Clerk. Der Konsul deutete schwach nach der Pilzhaube; in seinen engstehenden erloschenen Augen regte sich nichts. Daß er die Absicht hatte, einen hörbaren Laut von sich zu geben, ließ sich höchstens daraus vermuten, daß der Unterkiefer in eine mahlende Bewegung geriet.   Grothusen grüßte gern; er grüßte lärmend, wohlwollend; oder er grüßte offiziell, mit gedämpfter Hast. Heute grüßte er, wen er traf; der festliche Tag schwellte sein Gemüt. Heute würde man ihn, so war er sich klar, zweifellos verwöhnen; ach, er wollte einmal vergessen, daß es eine Tai, eine samoanische Häuslichkeit und Kanaker auf der Welt gab, die Ansprüche stellten, ihn aussogen und ihm Nadelstiche versetzten! Der Tag war, wie fast jeder andere, prangend und bunt. Doch schien es Grothusen, als bemerke er irgendwie eine besondere Note in der Umgebung: etwas weniger Träges, etwas weniger Sattes, Anheimstellendes, als sonst; als erschienen die Stimmen der spielenden Kinder nicht mehr 56 kreischend, sondern lieblich wie Gezwitscher; und als sei das » Talōfa !« der ihm begegnenden Leute von einer schmelzenden, geradezu vertrackten Freundschaftlichkeit. »Das sind meine ›Kinder‹!« dachte Grothusen, wenn die Leute ihm zeremoniell entgegenpilgerten und er die strammen bebenden Waden sah mit ihrem goldigen Braun. Der Häuptling von Solosolo, in einem Schwarm von jungen »Bullen«, war soeben an ihm vorübergewallt. Er hatte breit und schier sinnig gelächelt, während er den Blick auf die auffallende weiße Narbe am Bauche, dicht oberhalb der Schamtätowierung, senkte. Diese Narbe hatte eine Geschichte, die Grothusen erheiternd durch den Kopf ging. Er lächelte verschmitzt-mitwisserhaft und sah nach der Gruppe zurück; er sah das weich und wuchtig gleitende Spiel der nackten Rücken und Gesäßmuskeln, die ruckweise unter den Hüfttüchern auf und nieder stiegen, bis das alles hinter der nächsten Wegbiegung verschwand. Eine einzelne Stimme, in zitternder Fistel und rapid herabsinkend, intonierte ein Lied, und die »Bullen« fielen, nach fünf Takten, inbrünstig mit einem sonoren Refrain ein. Orgelhafte Akkorde erklangen, immer traumhafter, immer gedämpfter, bis nur mehr das Gedächtnis an ihren Rhythmus im Lauscher lebendig blieb. Der englische Konsul trat aus Grothusens Hirn zurück wie ein unlauterer Zwerg, der ihm irgend einmal am Rand des Weges gedroht hatte; ein Mann, der eigentlich nur Wert besaß durch den Schabernack, den man bisweilen mit ihm trieb . . . Grothusen preßte die Lippen zusammen und knöpfte die Jacke zu. Munter schritt er weiter, an dem Kohlenschuppen vorüber, und sah mit seinen kurzsichtigen Augen vor sich hin auf den Weg. Über dem großen Hügel von nachlässig aufgeschütteten Kohlen, unter dem Schatten breiter Mangobäume hervor gleißte es stumpf wie schmelzendes Metall, 57 schaukelten die verankerten Dampfer und Zweimaster wie zarte Schatten, die gleichwohl zum Greifen deutlich ihre vom Spinnweb der Taue umstrahlten Maste und ihre kelchartig gespaltenen Löschkräne in die flimmernde Luft hoben. Die Bucht öffnete sich bis Mulinuu, bekränzt vom Weiß der Häuser, das in einen Gürtel wimmelnder Palmen hineinkroch, und hinter dem allem, mächtig und unbezwungen, dunkelte der Urwald. An Grothusens Hirn, wie immer, prallte der Farbenreiz dieses Panoramas ab, sein Sinn war auf Faßbares eingestellt, auf Naheliegendes. Mit zugekniffenen Augen gelangte er an die Vaisigano-Brücke, und hier war es, wo er Petina traf. Er traf nicht Aug' in Auge mit ihm zusammen, denn der Sohn machte, als er den Vater auftauchen sah, ein paar scheinbar indolente und sonnentrunkene Schritte auf die Seite und hing sich mit geknicktem Leib über das Geländer, am Stengel einer Pua blüte kauend. Er kehrte dem kurzsichtigen Vater die mit einem blauen Lavalava bekleidete Rückseite zu; gleichwohl aber erkannte Grothusen sein eigen Fleisch und Blut. Er blieb stehen und schrie wie ein Sklavenhalter: »Ferdinand!« Petina schob das schmalwangige Gesicht mit der baumelnden roten Blüte darin über die spitz emporgehobene Schulter. Seine langen schwarzen Augenritzen drückten keinerlei Interesse aus. – – Dann, als er die Stellung und den Blick des Vaters wahrnahm, kam ein schwacher Grad von Straffheit in seine aufgelösten Glieder; er fingerte an der Blüte, und seine Augen wurden scheu. Grothusen stand spreizbeinig vor ihm und stemmte den Schirm vor sich hin. Petina wußte, daß etwas Halbverständliches, aber immerhin Bedrohliches im Anzug war. Er sollte Rechenschaft ablegen, und das war etwas, wofür die Landessprache nicht einmal ein Wort besaß. Der Vater pflegte, wenn er zornig war, korrektes Deutsch zu sprechen 58 und dabei allerlei neue befremdliche Begriffe in die Unterhaltung einzuflechten. »Spuck das Ding aus, wenn dein Vater mit dir spricht!« Die Blüte fiel herab. »Stell dich anständig hin! Himmel, was ist das überhaupt für eine Haltung!« Der Junge löste sich vom Geländer. Sein schmales Gesicht wurde dumm und leer. Er blinzelte die lichtumflossene steifleinene Figur an, die, mächtig vor ihm aufgepflanzt, sein Geschick bestimmte – wenigstens immer dann, wenn er allein mit ihr war. In solchem Falle glich Petina einer Saite, die wohl schwirrte, wenn man sie anstieß, aber nie einen Ton zurückgab. Wenn Grothusen sich in kampflustiger Laune befand, so war ihm dieser Mangel an Resonanz peinlich. Er wußte genau, daß Petina sich in Tais Nähe heftige Erwiderungen erlaubte; daß die Mutter stets bereit war, den Knaben in Schutz zu nehmen. Faßte er aber seinen Sohn allein ab, war eine Situation gegeben, wo er ihn prügeln konnte, ohne daß das halbe Dorf gegen ihn Partei nahm – so gab ihm Petina einfach keinen Anlaß dazu, indem er schwieg. Grothusen hatte eine dumpfe Vorstellung davon, daß seine Pflicht als Vater dieses Menschen es ihm auferlege, Erziehung zu üben, und unter Erziehung verstand er immer etwas Aggressives. Mit hervorquellenden Augen, die roten Brauen leidend zusammengezwängt, schrie er: »Wo warst du wieder heute nacht?« »Bei Samusamu,« kam nach einer Weile ein Atemzug zurück. »Schämst du dich denn nicht? Bei dieser Familie hast du wieder geschlafen? Weißt du denn nicht, daß sie unter deiner Mutter steht? Donnerwetter, wie oft muß ich dir sagen, daß du das nicht nötig hast!« Petina schwieg und schluckte. »Und deinen Vater vernachlässigst du! Nie bist du da, 59 wenn man dich braucht! Von heute ab schläfst du wieder zu Hause! Hast du mich verstanden?« »I,« hauchte es zurück. Und dann, sehr schnell und plappernd, auf samoanisch: »Wir haben gesungen. Der Misi Etimano hat neue Lieder gebracht, und wir haben bis zwölf gesungen. Und dann war es sehr spät, und ich kam nicht zurück. Die Mutter hat schon geschlafen, und du hast auch schon geschlafen.« Petina war des Erfolges so sicher, daß er sich bückte, den Stengel aufhob, weiterkaute und den Vater erwartend ansah, die Brauen in die weiche Stirn geschoben. Die Erklärung traf jedoch in ein Pulverfaß. Grothusen riß ihm die Blume aus dem Mund und drückte ihn an das Geländer. Petina schützte sich mit dem Ellenbogen, doch half es nichts; denn der Vater schnarrte ihm ins Gesicht: »Bis zwölf habt ihr wieder geplärrt! Natürlich, und der liebe Gott kommt nicht zur Ruhe! Donnerwetter, ist es nicht genug, daß bei uns zu Hause schon gebetet wird! Was deine Mutter und deine Großmutter zusammenplärren, ist genug, um das Seelenheil von allen Kanakern auf der Welt zu retten! Schulaufgaben hätten dir besser genützt! Und nun meinst du, du kannst mit Plärren etwas nachholen! Großer Gott, Mensch, reiß dich zusammen und werde endlich ein Mann!« Grothusen schrie markig. Er sprach mit korrektem norddeutschem – schier hamburgischem – Akzent, eine Sache, die stets geeignet war, Petina gänzlich einzuschüchtern und zu verdonnern. Denn Petina schwatzte meistens samoanisch und fühlte sich an seine erfolglos verlaufenen vier Jahre in der Regierungsschule erinnert, wenn man ihn deutsch ansprach. Es war etwas Hehres um jene Sprache – das hatte man ihm zur Genüge erläutert –, etwas Gewaltiges; aber er konnte es nicht hindern, daß sie ihn feindlich berührte, weil sein Hirn allen abstrakten Begriffen hoffnungslos widerstand. Er schwieg und blinzelte. Der Vater hieb ihm mit dem Schirm an die Beine. 60 »Und jetzt mach, daß du nach Hause kommst und sag der Mutter, sie soll ein Huhn für heute mittag kochen! Verstehst du? – – Was soll die Mutter kochen?« »Ein Huhn,« stammelte Petina. »Marsch!« schrie Grothusen und vergewisserte sich, daß Bewegung in Petina geriet. Dann schritt er weiter. Mit Genugtuung dachte er daran, daß er auch dem Sohne seinen Geburtstag verheimlicht hatte und an die Wirkung, die sein extravaganter Befehl haben werde. Tai würde wahrscheinlich streiken – denn ein Huhn war zurzeit Luxus bei ihr –, und er hatte, für später, neues Material, um sie klein zu machen. Nach dieser boshaften Abschweifung dachte er mit weniger Vergnügen an seinen Sohn, so etwa wie man an ein nützliches Möbel denkt, dessen altgewohnten Gebrauch man verliert. Die Sache war die, daß Grothusen auf die › London Mission ‹ ohnedies nicht gut zu sprechen war. Sorge für das Seelenheil des halbwüchsigen Halfcastes sprach weniger bei dieser Abneigung mit. Da er vom Innenleben Petinas nicht viel hielt, so genügte es ihm, wenn man es christlich beeinflußte. Doch die in Frage stehende Glaubensgenossenschaft war ihm fatal; man wird später inne werden, warum. Im besonderen war ihm dieser Missionar Edmund, ein eingeborener Hilfsprediger, gründlich zuwider. Er hieß Sevāo und hatte Sprecherrang in der Familie des Schwarzen Schweines. Dies war der männliche Zweig der Sippschaft Tais; und Sevāo hatte bereits die Familiengüter, die sich noch in Apia befanden, der › London Mission ‹ zugeschanzt. Der Entgelt hatte – zur unauslöschlichen Schadenfreude der weiblichen Linie, also Tais und Grothusens – mehr aus himmlischen Anteilscheinen und Kalikos, als aus barem Geld bestanden. Als hohe Taupou besaß Tai Verfügungsrecht über den Nachlaß des Braunen 61 Schweines, nämlich ihre Pflanzung von 200 Ackern und zwei Hütten; doch nur so lange, als sie unverheiratet blieb. Grothusen wußte, daß die Mission es sich angelegen sein ließ, Tais Verlangen nach Heirat und kirchlicher Habilitierung verschmitzt zu nähren. Ein Hauptschachzug war, daß sie ihr das Abendmahl verweigerte. Aber Grothusen war weit entfernt, sie zu heiraten! Den Teufel auch, es war viel bequemer so! Er wußte schon, daß sie gegen ihn wühlten und nach der Taro- und Brotfruchtpfründe schielten; und daß sie sich allmählich Petinas versichern wollten, um ihm die traurige Immoralität des elterlichen Lebenswandels zum Bewußtsein zu bringen! Aber er, Grothusen, fiel nicht aus dem Rahmen! Breit saß er da und ließ sich nicht vertreiben! Starrköpfig saß er da mit seiner goldenen Brille, und die Kanaker tanzten nach seiner Pfeife! Er hatte die Fäden in der Hand! Tai war an ihn mit ihrem dumpfen Pflichtbewußtsein geschmiedet; denn er hatte dafür gesorgt, in Zeiten, wo sie jünger war und abzuspringen drohte, daß sie immer schwanger blieb. So hatte er sie an der Kette einer demütigenden und abstumpfenden Mutterschaft kurz gehalten. Und jetzt gewann der Zustand durch ihr Alter die unverletztliche Sanktion, die nur die Zeit verleihen kann. Und immer hoffte sie noch auf Heirat, und das war gut so. Solang sie hoffte, war er Meister. Nur war es ihm fatal, wenn die englischen Herren ihm durch ihr Werkzeug Sevāo in die schwebende Politik hineinpfuschten. Dann besann sich die Frau; dann kam ein ekstatischer Zustand über sie, eine Mischung von Fanatismus und Entäußerungssucht; zu gleicher Zeit wurde sie befehlshaberisch und kampfbereit, erinnerte sich ihrer Rechte, tat den Born einer unerschöpflichen Suada auf und machte 62 ihm das Leben zur Hölle. Es war nicht möglich, solche Stimmungen auszurotten; aber seltener machen konnte man sie. Sie flammten jedesmal wieder auf, sobald eines der Kinder die latente Religiosität der alten Frauen aufstörte; daher Grothusens Wut über Petina und die neuen Lieder des Misi Etimano. Er knirschte mit den Zähnen. Die Zeiten durften nicht wiederkommen, wo Tai ihn mit dem Besen um die Hütte herumjagte, wo er um des Friedens willen klein beigab und krebsrot am Schnurrbart kaute; wo ihm ein Gemisch von Whisky und Scham im Busen brannte. Zuviel kleine Menschlichkeiten und – er gestand es ungern zu – auch Verpflichtungen fesselten ihn an das samoanische Weib – – soweit er geneigt war, die Belastung mit neun Kindern – und zwei davon lebten noch – als Verpflichtung anzuerkennen. Er mußte sich von Zeit zu Zeit als den Herrn zeigen, und heute war er entschlossen, wieder einmal einen wuchtigen Trumpf nach dieser Richtung auszuspielen. Er streckte die Faust aus, so daß der alte Leinenanzug unter der Achsel krachte.   Diese Geste sah Petina noch, der mittlerweile an das Ende der Brücke getrabt war, es nun aber für weiser hielt, anzuhalten. Er war an unverständliche Befehle des Vaters gewöhnt, und es war zu bezweifeln, ob ihre Ausführung immer nützlich sei. Nur wo sie von Gewaltanwendungen unterstützt wurden, schien es ratsam, sie auszuführen. Zum Beispiel war man folgsam, wenn man Stiefel reichen, einen Knopf annähen oder ein reines Hemd ausfindig machen sollte. Denn trotzte man dann, so wurde die leichte Mühe, die das Abreißen des Lavalava kostete, und das Vorhandensein eines handfesten Mautofustockes in der Nähe des nackten Sitzteils zu einem bedenklichen Faktor. Erstreckten sich aber die Befehle auf das dämmerhafte Gebiet allgemeiner Winke, wurden sie somit zur Frage von Tagen oder Wochen, so hatte die Praxis ergeben, daß man sie am klügsten vergaß. 63 Wie es sich nun mit dem Huhn am Mittag verhielt, wußte Petina zunächst nicht recht. Der Befehl war neuartig und der Vater noch nüchtern. Er war eine Sache von Stunden. Petina befand sich im Zwiespalt, und er beschloß, das Huhn wenigstens zu erwähnen, wenn er nach Hause kam. Wie er so dastand, schien er nicht dazu angetan, sich »zusammenzureißen« oder ein »Mann« zu werden. Wenigstens versprach sein Äußeres vorläufig noch wenig davon. Was Grothusen bei dieser Sentenz vorgeschwebt haben mochte, war vielleicht ein großer Pa‘alagi, ein bronzefarbener blonder Riese, der vertrug, was er trank, mit dem der Gouverneur sprach, wie mit seinesgleichen, und der noch gröber schreien konnte, als es der Vater vermochte. So dachte Petina. Seine Vorstellungsgabe versagte bei dem Worte »Mann«. Vielleicht fing der Mann schon an, wenn die Missionsmädchen einem Blüten ins Gesicht warfen, oder wenn man Sonntags Hosen anzog und sein Bedürfnis nicht mehr auf dem offenen Strand verrichtete, sondern zu diesem Behufe in die Pflanzung ging. Petina hatte einen hellolivfarbenen weichen Körper. Wiewohl schlank, schien er nicht sehr kräftig und hatte Bewegungen wie ein müdes Tier. Keine Spur von jugendlicher Frische war an ihm. Wenn er unter Eingeborenen hockte, war er kaum von ihnen zu unterscheiden; höchstens dadurch, daß er um einen Schatten heller gefärbt war als die meisten. Seine Hand war schmal mit langen Fingern. – Überhaupt besaß er eine feine Knochenbildung. Wenn er raufte, zog er den kürzeren; zumal da er nie aus Streitlust oder echtem Zorn eine Prügelei einging, sondern weil er kitzlig war und sich gern herumrollen ließ wie ein junger Hund. So machten es alle Knaben; Blut floß selten, wenn sie sich bissen oder boxten; ein anfängliches Wutgezeter pflegte sich in atemloses Gelächter aufzulösen. Petinas Gesicht war eine seltsame Wiederholung von Tais Zügen. Es hatte breite Backenknochen, stumpfe Nase und 64 einen hervortretenden unfertigen Mund, dessen Lippen stets nach einer Beschäftigung zu verlangen schienen. Nur war alles darin, was bei Tai von erfahrungsharter Würde sprach, bei ihm noch weich, im Keim. Wenn er lächelte – er tat es gern –, zeigte er breite, trockene, weiße Zähne. Die dichte Haarkappe, die er trug – roßhaarstarke Strähnen von glanzlosem Schwarz – bedeckte mit polsterartiger Wölbung die weichgekrauste Stirn und die schön gezeichneten Brauen. Sie gab ihm etwas Verschlafenes; die Augen darunter, weich geschlitzt und moorbraun, waren ahnungslos. Er pflegte sie häufig zusammenzukneifen, als ob er kurzsichtig sei. Eine Weile stand er noch ans Geländer gelehnt. Dann turnte er träumerisch hinüber und begab sich ins Wasser. Er tat es so langsam und selbstvergessen wie eine Krabbe, die vom Sand herab in die Flut spaziert und dabei nicht einmal zu merken scheint, daß sie ein Element mit dem anderen vertauscht . . . Der Abfluß des Vaisigano hier unter der Brücke war so träge, daß er einen Teich erzeugte, der an den Abenden vom Aufruhr vieler Badenden und von den Wäscherinnen lehmbraun gefärbt ward. Heute jedoch war das Wasser noch klar, denn Petina war der erste. Er lag ruhig auf dem Bauch; sein Hüfttuch blähte sich als kleiner Ballon und trug ihn wie einen Kork. Unter ihm, über verschleimte Korallenstümpfe, zogen kleine kobaltblaue Fische. Petina verhielt sich still wie ein junges Flußschwein; zuweilen spie er Wasser aus. Seine schiefen vergnügten Augen waren das einzig Lebendige an ihm; nur wenn er von der Brücke herab von spärlichen Passanten angerufen wurde, kam er in Bewegung. Die Sonne stach bereits mit Macht; es war an zehn Uhr, und die abgescheuerten Tropenhelme, die Petina dort droben knapp über dem Geländer vorüberschweben sah, wurden immer häufiger. Am Meer, zwischen den Riffen bei Mulinuu, kam ein großer Segelschoner herein; und der Motor des patrouillierenden Hafenbootes 65 surrte wie eine große morgenfrische Biene. Vom Schoner pfiff es dreimal, sehr scharf und gellend. Petina wandte den Kopf. Dann trat er auf den Grund und holte sich seine Armada, die unter den Luftwurzeln eines Mangrovebusches verankert war. Es waren zwei Dreimaster aus Kokusfasern und ein Kriegsschiff: das Wrack einer Zigarrenkiste. Petina führte eine Kollision herbei und summte dabei das Lied von dem Häuptling Laiafi, der seine zehn Freundinnen im Stiche ließ, um die Taupou von Solosolo zu heiraten. Es war eins der unzähligen, mit reichem Refrain bedachten Liedchen, die er in den Hütten seiner Bekannten erlauscht. Sie entstehen und vergehen wie die roten Strauchblumen, die nach wenigen Wochen dahinwelken trotz ihrer einschmeichelnden Pracht, um neuen Platz zu machen das liebe Jahr hindurch; und es handelte von eben jenem Laiafi, dem Grothusen in der Morgenfrühe begegnet war, und dessen Anblick auch Petina hatte genießen dürfen. Das Lied vom Lai-afi ist nach sam. Text wiedergegeben. »Der Rücken schmerzt mich, das Herz hat Kummer, Das Ohr erklingt mir von schlechter Kunde! Oft schicktest du eitle Liebesschwüre: Nun tu und lasse, was dir beliebt! Morgen am Montag Kommen wohl wieder zwei eitle Briefchen Mit dem Bescheid von Meafaifua: Hab deinen Willen, Und tu und lasse, was dir beliebt! O schlechter Laiafi! Du jammerst nach einer Häuptlingstochter: Hast breite Wahl doch an hübschen Mädchen: Ach freilich, nur niedren Samoadirnen! Drum tu und lasse, was dir beliebt! Ach weh! wir erkennen: Zu spät bemerkt ist's; zu spät die Reue! 66 Doch insgesamt springen wir bei der Abfahrt Zu dir aufs Schifflein, dich zu ersäufen: Dann tu und lasse, was dir beliebt!« Gerade als die zehn Frauen gemeinsam ins Wasser sprangen und auf den Treulosen, als mithin auch die zwei Dreimaster in dem Gischtwirbel von Petinas Handfläche untergingen –, kamen droben auf der Brücke zwei Kontraktarbeiter, »schwarze Jungens« von Buka , vorbei. Sie waren stockdürr, schieferschwarz und rauchten Calabash-Pfeifen . Sie lehnten sich über das Geländer und betrachteten Petina. Plötzlich sagte der eine verschmitzt: »Big fellow ship – make plenty bum-bum – make all house belong withemen finish!« Petina lachte beglückt auf. Sein herzförmiges Gesicht war eitel Seligkeit. Die beiden Schwarzen grinsten; uch! wie konnten sie grinsen! Der eine schrie rauh: »Lele‘i kama‘iki Kotūsa! Plenty ka‘ele! »Brav ist Grothusens Junge! Badet reichlich!« (Mischung aus ›Pidgin‹ und Samoanisch.) Dann wanderten sie, einander umschlingend, im Gleichschritt weiter. Vor dem Warenschuppen der Hamburger Firma harrte ihrer ein Stapel Balken, den sie umzuladen hatten. Das war eine anheimelnde Beschäftigung für die nächste Woche; und sie beeilten sich nicht. Petina wiederholte das krause ›Pidgin‹ andächtig für sich, und während er jetzt herausstieg und sein nasses Hüfttuch ausquetschte, lachte er noch mehrmals vor sich hin, so innig, daß es wie Schluchzen klang. Er begab sich auf den Heimweg, schob sich an den weißgestrichenen Zäunen vorbei, neckte den Hund des englischen Konsuls – eine übelwollende, zottige Bestie, deren Charakter vom Klima gelitten hatte – und befand sich endlich auf der Wiese vor der mütterlichen Hütte. Schon in einiger Entfernung vernahm er eine nörgelnde hohe Stimme und wußte, daß Maggie, seine Schwester, zugegen sein mußte. 67 Maggie In der Tat, sie war da. Sie hatte sich soeben, auf dem Rand des einzigen Bettes hockend – und das Bett war, abgesehen von dem unzuverlässigen Stuhl und dem Tisch, das einzige europäische Möbelstück in der Hütte – die weißen Strümpfe abgezogen und stand nun in ihrem taillelosen Kattunkleid vor dem zerbrochenen Spiegel. Sie kämmte sich ihr seidiges, spröd knisterndes Haar mit der Ruine des väterlichen Kammes und äußerte sich in einer gewissen monotonen Weinerlichkeit. Daß ihre Rede nach einer bestimmten Richtung ging, ließ sich nur daraus entnehmen, daß die Mutter während der spärlichen Pausen kleine Bemerkungen einflocht. Tai hockte, mit einer Handarbeit beschäftigt und eine Hornbrille von seltener Größe dabei benützend, auf den Matten irgendwo hinter dem Mittelpfosten. Sie nähte mit tödlichem Ernst. Ihre zierlichen Finger mit den rosa glänzenden Nägeln handhabten Schere und Nadel mit der gleichen würdigen Sachlichkeit, die sie im Gebrauch aller von Weißen stammenden Gegenstände entfaltete. Hätte man sie auf einen sechs Fuß hohen Paradethron gesetzt, sie hätte sich nicht aristokratischer gebärden können. Eine Atmosphäre von leidenschaftsloser Ruhe ging von ihr aus. Um sie her lagen drei Bibeln in verschiedenem Druck, hinter denen sie sich gleichsam zu verbarrikadieren pflegte, wenn sie Sorgen hatte. Da die Kirchenschule heute wegen Krankheit einer Lehrerin geschlossen war, war Maggie unvermutet früh erschienen, und Tai war dadurch abgehalten worden, in die kleine englische Kirche in Mata‘utu zu gehen, wo man jeden Tag Bibellesen hielt. Um sich einigermaßen für die Störung zu entschädigen, hatte sie, während die Tochter die Werkzeuge ihrer Hoffart – ein rosa Mousselinkleid, eine Korallenkette und die erwähnten weißen Strümpfe – gegen ein 68 schmuckloses Kattunhängekleid vertauschte, noch einen Blick in das Hohelied Salomonis getan. Diese Dichtung war ihr, als sie ihr Zusammenhausen mit Grothusen begann, als besonders treffend von diesem ans Herz gelegt worden. Sie handelte – wie es auch die Missionare erläuterten – von der Unterordnung der Gattin unter den Gatten. Tai bevorzugte das Hohelied jedoch nur aus dem Grunde, weil es ihr am geläufigsten war und der Dialog der herzhaft sinnfälligen Episode ihrer Anschauung einleuchtete. Die von Grothusen bezweckte Moral daraus abzusondern, war sie freilich nicht in der Lage. Das gehörte auch in den Bereich der Schwarzgewandeten, der Eindrucksvollen, deren Beruf es war, Unzufriedenheit zu äußern, und deren Lächeln man mit Mühe erobern mußte, als eine Kostbarkeit, die unberechenbare Heilwirkung in sich schloß. In andere Kapitel der Bibel vertiefte sie sich ungern und mehr aus Pflichtgefühl. Denn Grothusen pflegte ihr, sooft sie wegen des Abendmahls unruhig wurde und deshalb mit Andeutungen an die Heirat rührte, kurzerhand die Gesetze Mosis zu empfehlen. Wenn sie gegen eines verstoße – pflegte er zu sagen –, verstoße sie gegen alle . . . Doch diese Lektüre war ein Unterfangen, dem ihr Kopf nicht gewachsen war, und voll von Zwiespalt und Grimm ging sie in die Kirche. Sobald ihr das kleinste gegen den Strich ging, behalf sie sich mit einem Kirchenbesuch; das war eine Zwangsmaßregel gegen die eigenen Gewissensnöte und hatte den Erfolg, daß sie gegen ihren Willen für eine Weile von der Heirat schwieg . . . So stand es mit Tai. Als sie jetzt die Hornbrille abnahm und die Näharbeit in ihrem Schoß glattstrich, war etwas Ratloses in ihren Augen und in der ziellosen Gebärde ihrer Hand. Maggie hatte ihr Haar ausgekämmt und band es jetzt in einen Zopf möglichst glatt an den Kopf, der klein und gespannt hervortrat und gleich dem Petinas die Züge 69 Tais trug. Ihre Haut hatte helle Elfenbeinfarbe und war glatt und kühl. Füße und Hände waren unbeschreiblich zierlich. Ihre Ellbogen schoben sich, während sie den Zopf band, ganz spitz aus der halblangen Ärmelöffnung. Man erriet aus ihren Bewegungen trotz des unschönen Kleides die wie aus klarem Wachs modellierte Bildung ihres Körpers, eines mageren, blutarmen, hinfälligen Körpers. O Maggie, du lebensarme Schattenblüte! Möge dich die Sonne heilen, die das Bananenblatt, das gewaltige, grün erglühen macht! Denn du brauchst Sonne, viel Sonne! Du hast zu wenig Blut, du junge Jungfrau du! Was Wunder, wenn du nörgelst und klagst, wenn dein Gesicht, trotz deines unerschlossenen Leibes, schon alt scheint wie nach den Drangsalen vieler Geburten! Deine Haut ist so glatt wie die einer Pflanze. Und diese Pflanze schießt, vom gewaltsamen Hauch der Naturgesetze berührt, im feuchten Schatten empor und kann ihre Bestimmung nicht erfüllen, weil sie das Licht durch das erdrückende Dickicht kaum ersaugen kann. Du hast deinen schmächtigen Stolz, deinen dünnen Ehrgeiz zu wachsen und deine Bestimmung abzurunden . . . Keime deuten sich an, schmale Blätter vielleicht tasten in die Runde, eine Blüte gar, von schwacher Farbe, müht sich zu prangen . . . Bald aber ergreift dich die tödliche Müdigkeit des verfehlten Beginnens, der mangelnden Kräfte, und du verschmachtest am reichen Tisch des Lebens. Aber trotzdem, Maggie, ist etwas in dir tätig, das dich hindert dich hinzulegen und auf das Dasein Verzicht zu leisten mit einem Blick in die flammenden Dachritzen; dich der Natur zurückzuliefern, eben der Natur, die dich wider ihre Absicht bestehen ließ. Denn sie hat auch dich nicht übergangen mit der Begierde, dich an das Leben der Starken anzuschmiegen. Was sie anderen gab, es freudig auszuspenden, gab sie auch dir. Doch du hast die Kraft nicht, es zu bändigen. Die großen Gesetze fassen auch dich, doch sie machen dich 70 nicht stolz; kein Segen bleibt zurück von ihrem Tun. Sie hausen in deinen blassen Adern als Gift, als fremde Gewalt, als zehrend ermüdendes Feuer; sie schütteln und beugen dein schmächtiges Skelett und wühlen wie mit Messern in deinem Leib. Die Mutter, die dir das Leben gab, nahm fremdes Blut in sich auf, nährte und mehrte es ergeben, bis es deine fragwürdige Form gewann, und wurde seiner wieder ledig. Sie ist stärker als du. Sie ist Tausende von Jahren alt; in ihrem Blut sind keine Erinnerungen fremder Tropfen, keine dumpfen Bilder von Städten, Unnatur und Saftverrottung. Sie nahm dich an und stieß dich ab. Sie ist die alte geblieben. Doch was ist's mit dir? Wirst du dem Joch je gewachsen sein? Du trägst ein rotes Mousselinkleid und weiße Strümpfe; doch statt zu blenden, erregst du Mitgefühl. Du quälst dich, im Sitzen gekrümmt, mit einem absurden deutschen Brief, worin du einer Freundin in Europa, das du nie sehen wirst, die Wonnen des Kilikiti ausmalst, das du nie spielen konntest, weil deine Arme zu schwach sind. Die französischen »Schwestern der Barmherzigkeit« sehen dich an, wenn du dasitzest, in aufgelöster Haltung, die Stirn ganz von Falten zerquält. Sie nennen dich: Armes Kind. Sie machen einen kleinen Mund und lächeln beziehungsvoll unter ihren schlohweißen Leinwandhauben. Du wirst mit einer Art von flüssiger Güte behandelt, die ohne Spuren an dir abrinnt, während die anderen handfesten Mädchen deutlichen Gewinn davon ziehen . . . Kommst du dann heim, so siehst du der Mutter in die moorbraunen Augen. Dann schleuderst du die Strümpfe weg, hockst dich auf die Matten und sprudelst erregt deine Erlebnisse in der Sprache deines Volkes hervor, ganz besessen von Verworrenheit und blindem Unmut. Und das 71 sind die Stunden, wo du nörgelst und unausstehlich bist, wo du alles willst und alles verabscheust!   Tai setzte jetzt die Brille wieder auf. Sie sagte nicht viel. Ein großes Rätsel lag auf ihr. Und dieses Rätsel war gewachsen mit Maggie, siebzehn Jahre hindurch; es lähmte und beengte; und Tai war es fast sterbensmüde, dem Rätsel zu Leibe zu gehen. Es war ein Gespenst mit kranken Augen und bleicher Haut. Es war fremd, bedrückend und stark, denn es entschlüpfte jeder Beschwörung. Es saß auf ihrem Herzen und auf ihrem Magen; es fraß ihre Kinder auf, Stück nach Stück . . . Sie wußte, was es war! Ein A‘itu hatte ihre Milch verhext, als der Pa‘alagi sie zu sich nahm und sie ihm diese Kinder gebar . . . Maggie war ihrem Bruder um drei Jahre voraus. Doch trat er bereits als Beschützer auf und nahm als rechtschaffenes Männchen ein eindringliches, wenn auch noch reichlich instinkthaftes Interesse an ihren Angelegenheiten. Er hatte wenigstens schon einen deutlichen Begriff davon, welche Bedeutung Männern beizulegen war, wenn man sie mit Maggie in Beziehung setzte. Und Maggie, das fühlte er, hatte es schwer, denn daß es Männer gab, war eine Tatsache, die sich nicht aus der Welt schaffen ließ. Ein Mann, der sich mit Maggie abgab, hätte unbedingt auch mit Petina Freundschaft schließen müssen . . . Maggie mußte einen Pa‘alagi heiraten, das stand fest. Und wenn das nicht anging, dann wenigstens einen Kuatakasi . Da er sich aber zu den waschechten Samoanern vorläufig noch am stärksten hingezogen fühlte – er also nur Freundschaft bei diesen genoß – und die Halfcaste -Herren und die Weißen ihn noch übersahen, so war er wie ein kleiner mißtrauischer Hund hinter der Schwester her. Denn Maggie gehörte zu jenem Schwarm von Mädchen, 72 die gern in die Läden von Hopkins und MacFarlan gingen und sich von den Clerks hinter der Auslage küssen ließen. Maggie ging in ein derartiges Paradies von buntbeklebten Konservenbüchsen und billigen Schmucksachen wie in ein Bad hinein. Sie verkaufte ihre Küsse – saugende durstige Küsse ohne Wahl des Objekts – für falsche Ringe, für ein Pfund Salzfleisch oder Lachs, für gläserne Ohrringe oder Schuhe, die sie meistens qualvoll drückten. Wenn sie mit solch nutzlosem Tand behaftet des Weges kam, nahm Petina ihn ihr fort, auch wenn sie zeterte, und brachte ihn in den Laden zurück. Mit einer seelenlosen Miene legte er alles auf den Zahltisch, geräuschlos wie ein regulierender Geist; und diesen oder jenen Verkäufer pflegte zuweilen darob ein kleines Unbehagen anzuwandeln. Auch pflegte Petina Maggie von der Kirchenschule abzuholen. Dort vor dem Tor sammelten sich immer einige Halfcaste -Jünglinge an, sowie junge »Bullen«, die ergeben am Boden hockten, trotzdem sie von den Halbweißen mit » Mea uli « geneckt wurden. Die Halbweißen waren von einer Eleganz, die von Petina Seelenstärke erforderte. Doch blieb er treu trotz dem Wall von schimmernder und kraftschwellender Männlichkeit, der sich ihm entgegen stemmte. Die Mädchen brachten Blumen aus dem Pensionatsgarten mit und erwarteten Parfüm oder Zopfbänder dafür zurück. Sie ließen sich dann nach Hause begleiten; auch für die »Bullen« fiel eine Erlaubnis ab. Diese spielten eine platonische Rolle; sie waren dumpfe und willige Instrumente. Die Dosis weißen Blutes, über die unsere Damen verfügten, wirkte wie eine geheimnisvolle, wenn auch unübersteigbare Schranke. Petina ging stracks auf Maggie zu und nahm sie bei der Hand. Er war so entschieden und so zäh, daß sie ihm nie widerstrebte . . . Sie nörgelte, sie riß sich los; er folgte ihr. Sie lief davon, und er tauchte am Rand des Weges auf. Er war immer da . . . 73 Was war nun heute ihr Leidwesen? – Sie war beleidigt worden; man hatte das Mütchen an ihr gekühlt. Da keiner sie, Petinas halber, bis jetzt hatte begleiten dürfen, war man gereizt und spöttisch geworden. Man hatte sie belästigt und sie gefragt, wo ihr Liebhaber sei. Dann hatte man ihr, als sie sich böse und jähzornig losriß, zugerufen, sie solle doch zu Hause bleiben; ihr Vater sei ein heilloser Trunkenbold, ein Hampelmann, der kein Geld verdiene und sich aushalten lasse; und dann hatte man gelacht, daß man es die halbe Strandstraße entlang hören konnte. Das war es also gewesen. Sie war fertig damit und setzte sich hoffnungslos auf die Matte. Tai stand auf, rollte sich eine Sului, steckte sie an und setzte sich wieder. Auf einmal sagte sie leise und bekümmert: »Kalōfa!« Tal ōfa , gesprochen oft Kalōfa : in diesem Zusammenhang Ausdruck des Bedauerns. – kurz, mit einem kleinen Schnalzlaut am Gaumen. Ihre Augen wußten nichts von der Umgebung. Petina witterte das Unheil und sprudelte hastige Fragen hervor, doch erhielt er keine Antwort darauf. Während Maggie Fasern aus der Matte zupfte, passierte etwas: Eine einzige Träne kroch an Tais breiter Nüster herab, ohne daß sich auch nur ein kleiner Zug in ihrem rätselhaften Gesicht verändert hätte. Maggie sah die Träne gedankenlos, wie man auf eine Spinne sieht. Dann aber begriff sie mit ihrem Vogelhirn und kroch auf das Bett. Dort bäumte sie sich auf und nieder, daß die alte Lade in den Fugen knarrte. Sie stieß kein Geschrei aus; sie erlöste sich nur in pfeifenden Atemzügen. Draußen vom Meer aus dem Riffgürtel tönte ein Rudergesang aus fernen Kehlen, taktfeste warme Akkorde vibrierten wie Bienensang in der Luft; sie schwollen orgelhaft an, während sie sich näherten, und erstarben dann, in der Richtung nach Saluafata leise verhallend. Der Mittag umglühte das Haus, durchklungen von Kindergeschrei und 74 schläfrigem Hundegebell. Ein Hauch wie aus einer Kloake stahl sich, kaum fühlbar, unter dem hitzeknisternden Dach hindurch; und ganz in der Nähe wurde eine Maulbeermatte gehämmert; das war ein metallisches »pinkpink« von Holzschlegeln auf der tönenden Lava. Man schwieg. Auf einmal sagte Petina schnell und hastig, als fiele es ihm gerade ein: »Vater will ein Huhn zu Mittag.« Das Schweigen war ausgelöscht. Man lebte, dachte, handelte wieder. »Ein Huhn!« stieß Tai hervor, hell und erschrocken. Petina lachte hölzern und sprudelte hervor, mit allen Gesten der Eingebornen: »Ja . . . der Vater ging in die Stadt . . . Er schimpfte und sagte: ›Geh nach Hause und sage der Mutter, ich will ein Huhn!‹ . . .« In die Dämmerung hinein glitt ein Sonnenstrahl, wo sich ein Zuckerrohrblatt im leisen Hauch vor einer Ritze bewegte . . . Auf dem Querbalken blitzte es auf. Dort stand, abgesondert und einsam, wie ein verfemtes, unabwendbares, prahlerisches Symbol – die vierkantige Flasche . Der tote Hund Wiewohl ihn die Hitze beträchtlich anfocht, befand sich Schlick, der Wirt des Tivoli-Hotels, auf dem ihm von der Vorsehung zugedachten Platz. Er lag auf einem für ihn gebauten Stuhl hinter dem Bartisch am Fenster, blickte ab und zu aus seinen entzündeten Augenritzen nach der Ifi‘ifi-Straße hinaus und fächerte sich. Schlick war ein Monstrum. Man hatte ihm ozeanisches Klima angeraten, und so hatte er Auckland vor kurzem mit Samoa vertauscht. Eine schweigsame verkniffene Frau und eine etwas stierblickende Tochter bemühten sich, die Lebensfunktionen in diesem Berg von ungesundem Fett nicht erlöschen zu lassen. Wenn Schlick sich fächerte – mit einem samoanischen 75 Palmblattfächer – so gab es ein knisterndes Geräusch, das meistens von einem rasselnden Atemzug begleitet war. Riesig lag er da – die Tonnenwölbung seines schwer in Asthma ringenden Leibes überquoll den Bartischrand, und seine von Flecken besäte Leinenweste bäumte sich unter den Achseln in wagerechten Falten auf. Wenn auf dem blauroten Gesicht nicht ab und zu ein Muskelzucken stattgefunden hätte, das den dünnen grauen Schnurrbart in verschiedene Richtungen riß, so hätte man vermutlich nie entdeckt, daß man es mit keiner wächsernen Jahrmarktsattraktion, sondern mit dem lebenden Schlick zu tun habe. Immerhin, es dachte, es träumte in diesem kürbisrunden Kopf, in dieser Stirn zwischen den dicken Adersträngen; verhaltener Gram bebte in dem Kiefer, der irgendwo zwischen den Wampen des Halses begraben lag. Aus den zuweilen speckig und blutgesprenkelt hervorglotzenden Augen sprach eine bohrende Schwermut, und aus der von Zentnerlasten bedrückten Brust stieg ein Aufschnappen nach Luft in tierischer Sehnsucht. Es war still, aber das Asthma ließ Schlick heute nicht schlafen. Die Fliegen summten. Da erspähte er draußen auf der Straße eine dürre, weißleuchtende Gestalt, die gerade auf die Bartür zuhielt und ihre Schritte wie ein Hampelmann schleuderte. In den zerrissenen Zügen leuchtete ein roter Schnurrbart. Die Gestalt stellte sich im Barraum auf und sagte lehrerhaft korrekt: »Guten Tag, Herr Schlick!« Schlick musterte sie mit seinen entzündeten Augen. Er zeigte keinerlei Emotion. Der Fächer bewegte sich weiter. Endlich brach er in ein bellendes Lachen aus und sagte atemlos und speichelspritzend: »Na, Grothusen, was ist Ihnen denn heute verhagelt? Sie sehen ja aus wie drei Tage Regenwetter!« Tiefe Gramfalten entstanden an Grothusens Mund. Er pflanzte den Schirm vor sich hin. Dreieckig und schmerzhaft den Mund öffnend, erwiderte er bedeutsam: 76 »Ich weiß, Schlick, daß mein Kommen Ihnen kein Glück bringt.« »Wenn Sie bezahlen, was Sie saufen, immer,« sagte Schlick rasselnd und sachlich. Er blickte leer im Raum umher. Grothusen putzte seine Brille. Schlick zeigte nervöse Unruhe. Er wurde langsam blaurot. »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich Ihren Blick nicht vertragen kann, Mensch!« pfiff er atemlos. »Ich habe doch, weiß Gott, nichts an mir, weswegen Sie mich so anstarren müssen. Was denken Sie sich eigentlich dabei? Das ist keine Lebensart . . .« Grothusen grinste befriedigt, wobei er das Kinn einzog. Daß Schlick eine Menschlichkeit zeigte – seinen Aberglauben, bei dem man ihn packen konnte – bereitete ihm eine vertrackte Genugtuung. So sagte er langsam und versöhnend: »Sie sind doch eine reizbare Bestie! Fallen Sie doch nicht gleich aus dem Rahmen!« Schlick wedelte den Fächer heftig, daß er fast zerbrach. »Man könnte sich vor Ihnen fürchten,« sagte er wegwerfend und blickte nach der Ifi‘ifi-Straße; immer noch lief ein leichtes Zittern über seine Umrisse. Man konnte es ihm schließlich nicht verübeln! Was ist das da auch für ein Mensch! Äußerlich sah er ganz reputierlich aus, wie ein Mann von akademischer Bildung . . . Aber dennoch graulte man sich vor seinen Hanswurstereien und seiner bleichen Spiritusfratze . . . »Wissen Sie, Schlick,« fuhr Grothusen fort. »Sie sind noch reell. Mag sein, weil Sie hier neu sind!« Schlick wischte sich die Sodaperlen aus dem Schnauzbart und machte sich an ein Lachen. »Was haben Sie denn früher für Erfahrungen gemacht?« »Erfahrungen? – Ach, mein Lieber, wenn ich von Erfahrungen . . . wissen Sie, was man einem alten Samoaner wie mir zugemutet hat? Auf den Hintern haben sie mich setzen wollen, ausziehen haben sie mich wollen . . . 77 sehen Sie bloß mal bei MacGrew im Keller nach! ›Unicorn‹! nichts als ›Unicorn‹!« »Was soll es da geben?« Es schimmerte feucht in Grothusens Augen. »Nicht einmal destilliert!« – Schwere Erinnerungen machten ihm zu schaffen. Er schluckte und fuhr nach einer Pause fort: »Ihr ›Dewars‹, ja, das ist etwas anderes. Auch der ›Haig \& Haig‹ ist prächtig, bei dem können Sie bleiben! Aber vor dem ›Special‹ warne ich Sie, ich bin Ihr Freund, Schlick. Fallen Sie auf keine Bestellung herein! ›Nichts zu machen!‹ sagen Sie, wenn man Ihnen den ›Special‹ offeriert!« »Nichts zu machen!« schrie Schlick aufgeräumt. »Der ›Special‹ kommt mir nicht herein!« – Plötzlich gedämpft: »Sie haben zu zahlen vergessen.« Blitzartig verzog sich Grothusens Miene zu einem traurigen Ernst. Er legte eine Mark auf den Tisch. Es mußte nicht die einzige sein, die er besaß, denn beim Griff nach der Tasche klimperte es beträchtlich. Dies Geräusch machte Schlick der Zukunft gegenüber gelassen. Grothusen füllte sich mit ernster Miene ein zweites Glas und begab sich vom Bartisch in eine Ecke, die durch ein Holzgitter halb vom Raum getrennt war. Dort stierte er durch seine Brille die Bläschen an. Dies plötzliche Schweigen machte Schlick zu schaffen; er schnaufte abgrundtief auf und sprach in die Luft hinein: »Sie kommen mir sonderbar vor.« »So? – Komme ich?« Schlick fuhr zusammen. »Krächzen Sie doch nicht so!« »Warum soll ich keinen ausgeben? – Man wird nicht jeden Tag fünfzig Jahre alt.« »Was nicht gar! – Da haben Sie auch einen mit mir!« Ein fröhliches Geräusch geschah. »Das ist recht, Schlick,« schrie er. »Sehen Sie, ich habe mich doch nicht in Ihnen getäuscht! Freilich nehme ich einen mit Ihnen! Zwei, 78 drei, vier, mir kommt es nicht drauf an! Auf den Hintern will ich mich heute setzen, hier vor Ihren Augen!« »Einen kriegen Sie; das übrige wird bezahlt.« »Sie sind ein Erpresser . . .« Der Bauch amüsierte sich, daß der Bartisch ins Zittern kam. »Sie haben ja die ganze Tasche voll Geld! Man hat Sie ja schon auf der Straße damit rasseln hören!« Da geschah etwas Unvermutetes. Ein tiefes Räuspern brach los. Die weiße Gestalt in der Ecke erhob sich ruckweise und stemmte, vorgebeugt, die Hände auf den Tisch. Der Mund spaltete sich schmerzhaft. »Geld! sagen Sie? Und gerasselt hätte ich? Mir geht es gut, mir geht es vorzüglich; he he! Ich habe ja nichts zu tun als auf der Beach herumzulaufen und mit Geld zu rasseln, wie? Wissen Sie, was das Geld da ist?« Er klatschte sich auf die Hosentasche. »Almosen ist das, Schlick, Almosen! Almosen von MacGrew!« »Psch, Psch . . .« machte Schlick und sah sich um. Er war sehr feige. »Ich kann es nicht hören, daß Sie so schreien, Grothusen. Sie wissen, ich mag es nicht, wenn Sie Leute in den Mund nehmen.« »Keine spezielle Geschichte,« sprach Grothusen etwas gedämpfter. »Nur eine kleine Gemeinheit . . . Wissen Sie, Dankbarkeit gibt es auf der Welt nicht mehr. Wie ich für MacGrew gearbeitet habe! Er hatte immer ein Auge auf mich gehabt, und voriges Jahr, ja, da konnte es ihm wohl passen, daß er mich nach Sawaii mitnehmen konnte für eine Inspektionsfahrt auf die vierzig Stationen! Ich bin kein Neuling mehr, ich bin eine bewährte Kraft! Und vierzig Stationen auszukehren ist keine Kleinigkeit! Die Abrechnung, die ich ihm von Falealupo mitbrachte, hätte er einrahmen lassen können – und was, glauben Sie, tut dieser eiskalte Amerikaner? Wie ich Weihnachten nach Hause gehe, um hier bei meiner Familie das Fest zu feiern, ergreift er die Gelegenheit, ja, das tut er, weil er einen Kerl besäße, der in der Regenzeit billiger wäre, Neckerwein 79 heißt er, ein Kontordiener; ist nichts als Etikettenlecker und Briefausträger. ›Gucken Sie mir nicht immer in die Bücher, Grothusen‹, sagte dieser Mensch, wenn ich einen Laden inspizierte. ›Sie sind nur Expedient, wohingegen ich längst Buchhalter bin und in solcher Eigenschaft bei Herrn MacGrew eingetreten.‹ – Fallen Sie da nicht auf den Rücken, Schlick? Und dabei ist der Kerl noch keine zwei Jahre hier!« »Das kommt vom Saufen,« meinte der Wirt schlicht. »Was?« »Daß Sie Expedient sind. Ein so gebildeter Mann!« »Ja, glauben Sie, daß Neckerwein nicht säuft?! – Deswegen hat man ihn ja früher an die Luft gesetzt! Man hat ihn kurieren wollen und ihm seinen Gin mehrmals mit Wasser nachgefüllt . . .« »Haha!« schrie Schlick entzückt. »Eine Flasche Schnaps ausgießen, das gibt's in Samoa nicht!« »Da haben Sie sehr recht . . . Nach dem letzten Krach mit dem Chef kam er in der nächsten Nacht nicht ins Kontor – und was fand man in seiner Bude? Sechs Flaschen Bier im Bett und darunter ein schwarzes Weib von Neubritannien, das wie ein Fliegender Hund roch. Einmal hat man ihn auch mit der Moa auf dem Kohlenhaufen erwischt! – Nach Honolulu hätte er gehört! Nach Queensland als Viehfarmaufseher! Dazu ist er gut genug! Und der drängelt mich auf die Seite und unterbietet mich?« »Ja, Grothusen, Sie treten eben nicht auf!« » Well , ich trete nicht auf – unter gebildeten Leuten tritt man eben nicht auf! Damals warf ich MacGrew seinen Bettel vor die Füße. ›Mr. MacGrew,‹ sage ich, ›ich wette Ihren Kopf, Sie rufen mich zurück! Dieser Herr Neckerwein mag gut sein für die Regenzeit, er hat aber keine Qualitäten für die Saison! Ich kenne jede Dorfschaft um Sawaii herum!‹ – Aber dieser Neckerwein war wie eine Klette. Er blieb. Heute war ich nun da, um wegen des 80 Kontraktbruchs meine Vergütung nachzufordern. MacGrew hockte mit Neckerwein beim Sekt und schlug mir's ab. Und dieser Streber, dieser junge Mensch, feixt noch dazu! Ich könnte nicht auftreten, sagen Sie, Schlick? – Hingestellt habe ich mich vor MacGrew und gesagt: ›Wollen Sie mich wie einen toten Hund auf die Straße schmeißen, daß ich nachher vor Ihrer Tür stinke?‹« Grothusen hatte sich wieder erhoben. Seine Stimme hatte etwas Prophetisches – sie dröhnte jetzt durch den Barraum bis in die Veranda hinüber. Schlick rutschte hin und her. Grothusen tat einen Schluck, knallte das Glas auf den Tisch zurück und klappte wieder zusammen. Er strich seinen Schnurrbart; er schwoll an voll grimmiger Heiterkeit. »Das war ein Wort am Platz, was, Schlick?« knurrte er. »Man weiß schon, was ich wert bin! Gegrüßt hat er mich, als ich ging!« Schlick grunzte geringschätzig. »Jeder kann Sie um den Finger wickeln,« sprach er hoch und speichelspritzend. »Sie sind doch ein besserer Charakter als die ganze Gesellschaft, und trotzdem verlieren Sie Ihre Stellungen. Natürlich, es braucht Ihnen einer nur zu winken . . .« Damit schloß das Gespräch, denn eine Antwort erfolgte nicht. Dagegen kam die weiße Gestalt nach einer Pause hervor, verlangte die ganze Flasche und zog sich damit wieder in die Ecke zurück. Man hörte dort nur zuweilen ein krächzendes Räuspern und ein Klirren von Glas. Schlick wandte seine Aufmerksamkeit jetzt der Veranda zu, von der aus man in den Barraum spähen konnte. Dort hatten sich einige Gäste eingefunden, junge Angestellte, die lebhaft schwatzten. Schweratmend, von dem mattlächelnden Barkeeper unterstützt, verließ Schlick den Stuhl und begab sich auf seinen umwickelten Beinen auf den Veranda-Überwachungsplatz, um sich dortselbst die tägliche Beinmassage mit Franzbranntwein – ausgeübt von 81 seiner stierblickenden Frau – angedeihen zu lassen. Unter den jungen Leuten bemerkte er einen, der abstehende Ohren hatte und einen glattgeschorenen runden Kopf. Dies war, erinnerte er sich, ein Herr namens Neckerwein. Ein leichtes Unbehagen überkam ihn. Doch drüben, in jener anderen Ecke, blieb es still.   Grothusen saß vornübergeneigt an dem runden Tisch und stippte seinen Zeigefinger in eine Lache von Sodawasser; er saß irgendwo inmitten einer sausenden Stille. Der Tisch, stark vergrößert, drehte sich träge und schleppte an seinem Rande schillernde Pfützen mit. Fern am Horizont, groß und behaglich, mußte Schlick thronen . . . Grothusen sandte seinen Blick mühsam ins Weite; aber Schlick, der ruhende Pol, war nicht mehr da, und der ganze Umkreis schien dadurch, daß er fehlte, auf eine beklemmende Art aus den Fugen geraten. »Heda! Schlick!« schrie Grothusen rauh, denn das Sausen um ihn nahm zu. Da erhob sich, wie herübergeweht über einer aufschwellenden Gesprächswoge irgendwo an einem anderen Horizont, ein meckerndes Gelächter. Dieses Gelächter gehörte nicht dem Asthmatischen, dem Friedespendenden, in dessen dumpfem Dunst man alle Pein vergaß. Scharf klang's, wie eine plötzliche brutale Attacke, jeder Laut daran ein Messerhieb. Das Feindliche war in der Nähe . . . Eine große Machtlosigkeit fesselte Grothusen an seinen Platz. Plötzlich sah er sich wieder vor der Schwelle des dämmrigen Kontors auf der sonnengrellen Straße. Drinnen in der Ecke saß der dicke Amerikaner mit dem hechtgrauen Schnurrbart und wandte ihm das porphyrfarbene Gesicht zu. Und noch ein anderer hockte dort drinnen, ein Kleiner, Dicknasiger, Rundköpfiger, mit einem runden Specksteinprofil. Was für eine Farbe hatte dieser geschorene Schädel? Sehen nicht neugeborene Hunde im Wasser ähnlich aus? – Die beiden bewegten mattschimmernde Riesenarme, tranken Sekt und glotzten ihn 82 böse an. Siehe da: Auf einmal lachte der Rundköpfige und bewegte voll alberner, hohnerfüllter Heiterkeit seine abstehenden Ohren. Schrill und beizend war dieses Gelächter. Und das Steingesicht des Amerikaners verzog sich, bis die kleinen Augen ganz unter eisgrauen Wülsten verschwanden. Er schlief ein. Er schlief ihn – Grothusen – gleichsam an; Grothusen fühlte mit Entsetzen, daß dies die äußerste, die tückischste Form der Verachtung, der Gleichgültigkeit sein müsse. »Vierzig Stationen,« dachte er; »und ich bin nur eine Fliege, eine summende Schmeißfliege. – Oh . . .« Das Leid bohrte in seiner Brust. Er fuhr auf und ermannte sich. Er sah, daß die Flasche fast geleert war, und fühlte einen leichten singenden Schwindel an den Trommelfellen und im Hinterkopf. Dieser altgewohnte Zustand versetzte ihn allgemach in ein gewisses halbschmollendes, klebriges Behagen. MacGrew und sein Kontorist traten zurück, einer ungewissen Zukunft vorbehalten, wo man sich innerlich mit ihnen würde auseinandersetzen können; wo man ihn nebst seinem Handlanger – sei es auf joviale, sei es auf demütige Art – menschlich würde zu fassen bekommen. Lieber Gott, MacGrew wird schon mit sich reden lassen! Man hat ihm ja heute gezeigt, daß man aufzutreten versteht! Vielleicht reut ihn sein Benehmen schon, den alten Sünder! Etwas Gewissen hat doch jeder Mensch im Leib! Nein, nicht wahr, Mr. MacGrew, wenn Sie auch Amerikaner sind und hart auf Ihr Geschäft sehen – Sie dürfen nicht übersehen, daß man doch im Grunde ein reputierlicher Mensch ist, der seine soliden Grundsätze hat . . . Hab ich Sie früher nicht gern gehabt, nicht verstanden in Ihrer Kurzangebundenheit? Wie? hehe, ich kenne Sie ja . . . Die Arme auseinander, sehen Sie: Da ist man wieder! Ich kenne ja Ihre kleinen Tricks, ich mache Ihnen aus zweimal zwei auch gerne mal fünf und gönne es Ihnen ja, wenn Sie verdienen, bis Sie platzen! Die Buchhaltung 83 kenne ich aus dem f-f! Und nun soll mich da ein junger Mensch bei Ihnen herausdrängen, der eine ganz grüne Praxis hat? Ich bin ja auch kein Heiliger; aber weiß Gott, auf einem Kohlenhaufen hat man mich dennoch nie erwischt; und noch dazu mit der Moa . . . Der Tisch, wiewohl am Rande noch leicht wellenartig bewegt, hatte seine frühere Proportion wiedergefunden. Die nüchterne Wirklichkeit sprang auf einmal wie ein schmerzhafter Blitz aus allen Gegenständen. Alles um Grothusen war unheimlich deutlich. Da war der Bartisch. Da war Schlicks leerer Stuhl. Da war der Flaschenaufsatz, und dort das fast offene Viereck des Fensters, durch das hier und da die braunen Gestalten vorüberwandelnder Eingeborenen glitten. Das alles war so unbeschreiblich nackt . . . Sein Hirn grub zurück . . . Auf alles gepfiffen habe ich; von jeher auf alles gepfiffen! Diese letzten zwanzig Jahre – Donnerwetter! viel Schicksal ist mir dabei durch die Finger gelaufen! Jetzt werde ich als Ratgeber gesucht. Ich habe verschiedene Prachtstitel; man gibt mir Respekt und Vorrang. Ich kenne alle diese verzwickten Zeremonien fast noch besser als mein Geschäftsbuch. Ich rede mit den Häuptlingen in ihrer Sprache; ich rede mit dem Durchschnittsvolk in seiner Sprache. Ich kann diese unzähligen alten Weiber behandeln, daß sie auf mich schwören, und darauf kommt es an . . . Hat etwa jemand mehr Kopra eingeheimst als ich? Dunkelblaue Kopra, auf der Lava getrocknet, zum Einrahmen schön? Ich kenne alle ihre Stammbäume, ihre Lumpereien, ihre Familieneitelkeiten – von der Geburt bis zum Grabe; durch und durch kenne ich sie; ich bin einer der Ihren . . . In gewissem Sinne habe ich diese Inseln in der Tasche! In jedem Dorf sitzen meine Freunde! Ich, Patuitui, der »Stacheldrahtzaun«, wo werde ich nicht gekannt! Laß sehen! Ist mir nicht jede Einzelheit erinnerlich; ist mir nicht jedes Gesicht vertraut? 84 Grothusen sitzt plötzlich aufrecht da. Sein Puls fliegt, er sitzt blaß wie ein Geist. Etwas Fremdes hat ihn überrumpelt. Er schiebt die Brille in die Stirn und massiert sich krampfhaft die Augendeckel. Aus roten Liderrändern starrt er blind in den Raum. Pflanzer, Händler, » Beachcomber « Lump; eigentlich einer, der mit den Zehen den Sand nach Abfall durchkämmt. Stevenson belegte als erster den Halfcaste Tailor (Karl Schneider) mit diesem Titel, als dieser in der »Samoa Times« Indiskretionen über des Dichters Familienleben veröffentlichte. treten in die Bar, trinken, unterhalten sich und schreien scherzhafte Bemerkungen zu ihm herüber. Grothusens Stimmbänder rühren sich. Und mechanisch spricht er vor sich hin, mit einer veränderten, läppischen Stimme: »Bitte, womit kann ich dienen?« – – – Eine Pause folgt. Was ist das? – – – Vor ihm schaukelt ein Porzellangesicht, klein und spitznasig, wie eine weiße Papierlaterne, vergessen nach einem ärmlichen Fest. Er wehrt sich; er darf das nicht sehen; und doch starrt er hin . . . Auf einmal sagt er höhnisch: »Keck bist du nicht, by Jove! Eher zart, verdammt zart . . . Glotz mich nicht so an; ich kann nichts dafür! – Was lallst du da? – Vor einem Schulmeister fürchtest du dich? Hast du ganz vergessen, daß du keine Häkelspitzen mehr trägst? Daß du ein ganz großer Lümmel geworden bist?!« Er erhebt sich schweißbedeckt und versucht zu singen. Statt eines gläsern reinen Klanges, eines Celloklanges, quillt das alte rauhe Krächzen aus seiner Kehle. »So! Du kannst nicht mehr singen?! Ich weiß, was dir fehlt! – So schmeiß es weg, so ersäuf es doch, dein verfluchtes Europa!! – – – Ah! – Nun bist du wieder in Form. Was faselst du da von einem Schulmeister? – Das ist ja Schlick, und mit dem läßt sich reden . . . Beruhige dich! Du brauchst ihm nur mit dem Finger auf den Bauch zu tippen; er ist kitzlig. Ich wette, er platzt wie ein Bovist. 85 Auch deine Stimme ist gut, beruhige dich, dein Bariton ist prachtvoll . . . Gutes Mittel für die Zukunft, dich zu rächen . . . Momentan bist du zwar heiser, doch das hat nichts zu sagen. Du hast nur wieder einmal geträumt; ich kenne deine Träume!« – – – Er legt sich die flachen Hände an die Stirn. Da drinnen beginnt es zu bohren – es ist der kleine, alte, unermüdliche Stich. Und es hilft nichts, er sieht es; er muß sie sehen, die alte Hetzjagd von Bildern: Dort hockt Folau, der alte Sünder! Dort Meaola! Dort Fiamē! Und dort Malietoa selbst, der Verstockteste, der Fürstlichste unter den Lächlern . . . He, Piu! – Heraus mit der Farbe! – Du bist noch mit der Kopra im Rückstand! Und sie alle lächeln wie Kerzen, die man nacheinander ansteckt. Ihr Lächeln ist durch nichts zu erschüttern; es ist Mitleid. Und man tanzt am anderen Rand der Kluft und friert in der weißen Haut! – Gott verdamme sie, diese Kanaker, die ihm das Blut aus den Adern und das Mark aus den Knochen lächeln! – – Kinder schreien, Hunde bellen, und Matten werden geklopft. – Aller Orten klopft man sie; hat man denn je in der Welt etwas anderes getan! »Beeilen Sie sich, Grothusen, Sie haben noch vierzig Stationen abzulaufen! Hurry up , oder ich ersetze Sie durch eine frische Kraft, Sie Säufer!« Er rennt. Traumhaft wirbeln Gesichter an ihm vorbei. Die Angestellten lächeln der Reihe nach in ihren Läden hinter den Auslagetischen. Die Holzhäuser, in denen sie stecken, scheinen aus Glas zu sein: man kann sehen, wie sie mogeln und mit falschen Gewichten hantieren. Er rast weiter. Er soll noch heute von Faga nach Tufu-Tafoi, aber der Weg ist inzwischen ganz verwachsen. Er kämpft sich keuchend 86 durch Lianenstränge, die wie Schlangenbündel von den Stämmen wuchern. Da – ein Aufatmen: der Strandsand. Der Weg wird frei. Er rast um die ganze Insel herum. Oder hängt er nur in der Luft und dreht sich die Insel wie ein Karussell, mit ihren fünfundsiebzig Dörfern und ihrem Palmensaum? Er weiß es nicht. MacGrew steht hinter ihm, die Hände in den Taschen der weiten Hosen, und sagt: » For heaven's sake , tun Sie doch Ihre Pflicht!« Und er will es, und doch kann er nicht über einen schmerzenden Punkt hinweg, über ein Hindernis, das er zu nehmen hat. Schluchzend kämpft er sich ab. Aber wo, wo ist ein Ausweg?? Luft! Hilfe! – Zwanzig Jahre sind das nun; zwanzig Jahre! Eine leere Flasche segelt quer durch den Barraum, aus der Ecke hervor, und zerschellt an Schlicks Stuhl. Heimkehr Vor dem Tivoli-Hotel herrschte abendlicher Tumult, der schalkhafte Tumult einer kurzen tropischen Dämmerung. Die Missionsschule hatte ihre Abendandacht beendet und ihre Pforten geöffnet; nun waren die Schönen durch den Garten herausgekommen, um unter den Zitronen- und Fikusbäumen, auf dem Steinfundament des eisernen Zaunes hockend, die Huldigungen ihrer Liebhaber entgegenzunehmen. Eine einzelne kleine Gestalt kam zögernd herangeschritten, von spitzen Reden verfolgt, die sie mit Schulterzucken ablehnte. Es war Petina. Er sah nachdenklich und matt besorgt aus, wenn man den Ausdruck auf seinem glatten Gesicht so deuten wollte. Wie stets kaute er an einer Puablüte. Er stellte sich vor dem Hotel auf. Jetzt hielt er den Mund offen; der Stengel hing ihm zwischen den Zähnen heraus. Da fiel etwas: ›Klick!‹ durch ein Stückchen samtblauen Abendhimmels und landete gerade vor seinen Füßen. Es war ein Schirm. 87 Gleich darauf folgte der Vater, von einer Macht, über die er offenbar keine Kontrolle besaß, durch die Bartür befördert. Eine Welle von Geschrei und Gelächter flutete hinter ihm her. Petina hob den Schirm auf und faßte den Vater am Arm. Grimmig heraustaumelnd, von kriegerischem Geist erfüllt, erfaßte Grothusen zunächst seine Umgebung nicht; seine blutgesprenkelten Augen stierten in die Runde, das ganze friedsame Hafenpanorama entlang, wie um ein neues Objekt zu erspähen, auf das er sich stürzen könne. Endlich ward er sich bewußt, daß ihn jemand am Arme hielt, und er erkannte in den zögernd klammernden Fingern die seines Sohnes. Er riß sich los. »Ha!« schrie er, »Respekt! sage ich, Respekt! – Welches Recht, sage ich, nimmst du dir heraus, Sohn des weißen Mannes! Faßt seinen Vater am Ärmel! Du Bestie du!– Cut it out !! – – Geh hinein! – Schnurstracks geh hinein,« gröhlte er, »und zerschlage ihnen den ganzen Ausschank!« Er riß Petina den Schirm fort. Breitbeinig hingepflanzt und dennoch schwankend, schleuderte er Drohungen zurück. Er wäre hingefallen, wenn Petina, eifrig und besorgt wie ein Wiesel, sich nicht um ihn herumgeschlängelt und seinen Sturmlauf verhindert hätte. Über den Kopf des Sohnes hinweg trompetete er. Sein Hals blähte sich; seine weiße Gestalt reckte sich prophetisch. Endlich erhielt er durch Petinas Bemühungen wieder eine Art Gleichgewicht. Helles Gelächter rann den Missionszaun herab. Samoaner, die vorbei gingen, sagten: »Tk, tk«, und grinsten bis zu den Ohren hinauf. Da schien Grothusen plötzlich zusammen zu fallen, plötzlich etwas zu bemerken. In der Tat: um die Ecke, in die Ifi‘ifi-Straße hinein, war ein blitzender Kraftwagen geglitten. Ein Stulpenhandschuh an einem rohseidenen Ärmel hatte sich von dem Lenkrad gelöst und 88 irgendwo einen Gruß erwidert. Grothusen stierte auf den Punkt in der Luft, wo der Stulpenhandschuh geschwebt hatte, und mit dem Nachklang des taktfest versickernden Geräusches in den Ohren, sprach er träumerisch wie ein Kind: »Guten Abend, Exzellenz.« »Komm nun, komm, Vater,« sagte Petina und zerrte an ihm. Er sammelte sich, und die imaginäre gerade Linie, in die ihn Petinas leiser Fingerdruck wies, starr fixierend, gab er seinen Beinen einen Antrieb. Sie fielen vorwärts. Er ging und sprach mit krauser Stirn: »Der Gouverneur ist ein höflicher Mann. Er hat mich gegrüßt. – – Ich habe in Vailima gesungen!« schrie er markig und sah seinen Sohn drohend an. »Bei dem Herrn Amtsvorgänger! Der wußte mich auch zu schätzen! Aug' in Auge hab ich ihn gefragt: ›Welches Lied belieben Sie, Exzellenz?‹ ›Die Müllerlieder!‹ pflegte er zu sagen. ›Singen Sie mir die Müllerlieder, Grothusen, das erinnert mich an die Heimat.‹ Und alle hab ich sie ihm heruntergesungen; er konnte sich nicht satt hören. Das war ein Mann! ›Zwei so alte Samoaner wie wir,‹ pflegte er zu sagen, ›wir kennen uns, was?‹ – Gold in der Kehle!« Grothusen krächzte den Beginn einer Opernarie. Petina blickte ihn aufmerksam an, dann lächelte er selig übers ganze Gesicht. Seine schwarzen Augen verkrochen sich ganz vor Vergnügen. Grothusen stolperte plötzlich und setzte sich hin. In diesem Augenblick kam der englische Konsul. Diesmal faßte er nicht nach seiner Pilzhaube, sondern er schob sich vorüber, als ob es durchaus niemand sei, der da auf der Straße säße. In seinen engstehenden Augen regte sich nicht einmal der Schatten eines Grußes . . . Seltsame Gedanken nahmen von Grothusen Besitz. Er saß wie ein Insekt am Grunde eines Sandtrichters, kam es ihm vor; und am Rande entfernte sich der Ameisenlöwe, der diesen gleitenden Schacht verschmitzt gebaut, und der sich oben in freier Luft bewegte. Ja, dort oben intrigierte und wühlte er gegen ihn, wie es ihm beliebte . . . Die Strandstraße 89 zeigte eine Neigung, sich in einer weichen Kurve himmelwärts zu heben. ›Ach,‹ dachte Grothusen, ›wie komme ich da hinüber!‹ Doch auf einmal sah er an einer kleinen Gestalt herauf, einem Bäumchen, einem Wächter. Zwei treue staubige olivbraune Kniee, und ferner am Himmel ein halbdunkles Gesicht mit Grübchen und mit Zähnen, die blitzten. Dies nun, er mochte wollen oder nicht, heimelte ihn an. ›Allein bin ich nicht,‹ dachte er. ›Diese beiden Beine, diese staubigen klaffenden Zehen sind für mich geschäftig. Großes Unrecht geschieht mir, aber etwas kommt und reißt mich heraus. Ein Junge kommt, stellt sich hin, nennt mich Vater, und hilft mir davon. Geräuschvoll und widrig ist die Welt, voll von übelwollenden Fratzen . . . Selbst ein feister Baumpilz, der sich gebildet nennt, und der platzt, wenn man ihm bloß mit dem Finger droht, kann Schindluder mit mir treiben. Hier aber kommt ein junger Bote aus einer friedlichen Ecke, trägt keine Häkelspitze, und ist nicht jämmerlich oder gemein, sondern geht treuherzig, halbnackt und einfachen Geistes durch die Welt und verleugnet mich nicht. Bleibt Wache stehen, wenn ich mich hilflos auf den Hintern setze, rümpft nicht die Nase, spottet meiner nicht, sondern ist zäh und geduldig und ehrt in mir seinen Erzeuger . . .‹ Staubbeschmutzt auf dem Boden hockend, empfand er weichen Vaterstolz. – Die Grübchen verschwanden aus Petinas Gesicht, und es ward glatt und dumm vor Widerwillen. »Auf!« schrie er auf samoanisch. »Auf! Du setzt dich hier auf die Straße! Man wird lachen! Auf! Du sollst heim!« Er stieß mit dem Knie an Grothusens Schulter, die haltlos nachgab. »Petina!« sprach Grothusen schnarrend vor sich hin. »Liebst du deinen Vater?« Die Kniee rieben sich unschlüssig aneinander. »I,« klang es nach einer Pause zurück. Grothusen starrte mit gläsernen Augen an ihm herauf. 90 »Du hast mich zu lieben!« schrie er ächzend und erbost. »Das ist's, was du zu tun hast, verstehst du? Wenn du mich fürchtest, das macht nichts! Fürchte mich nur, die Liebe kommt ganz von selbst! – Wo sind wir denn jetzt?« Petina lachte hölzern. »Auf dem Weg nach Hause. Mutter wartet.« Grothusen erhob sich torkelnd und schlang den Arm um Petinas Schulter. Die Schirmstücke ließ er liegen. »Gut!« knurrte er hochbefriedigt. »Gut! nach Hause! Die Mutter wartet!« Unklare Vorstellungen kamen ihm. Plötzlich lallte er: »Was sagst du? Sie wartet? Auf was wartet sie?« Petina antwortete nicht. Er war zu sehr damit beschäftigt, über das Gleichgewicht des Vaters zu wachen. Da tönte es weiter: »Deine Mutter ist eine Hexe, das weißt du wohl!« Grothusen stieß auf. »Wenn dein Vater seinen Geburtstag hat, seinen fünfzigsten, so schläft sie nicht! Freilich schläft sie nicht! Sitzt und wartet, und dann geht das Gezeter los! Dann piekt sie mir Nadeln in die Haut! Ein herrlicher Geburtstagsfraß war das heute mittag! Taro und Tinfleisch! Aber ich bin die Gans mit den goldenen Eiern! Ihr schneidet mir noch den Bauch auf vor Habgier! Seht nur nach, was ihr findet, und steckt eure Nasen hinein! – – Aber die Gans ist dahin, und ihr habt sie in die Grube gebracht!« Petina machte den Mund auf. Er verstand gar nichts, aber seine Arbeit focht es nicht an. Immerhin war es erstaunlich, was er im folgenden zu hören bekam, und er begann aufzuhorchen. »Aus Dreck ist der Mensch gemacht,« – ging es weiter. »Aber du bist eine bessere Mischung, mein Sohn, hast ein gutes Herz und hilfst deinem alten Vater davon. Man wird nicht alle Tage fünfzig Jahre alt. Siehst du, und du weißt wohl, dein Vater nimmt einen › Nip ‹, und dann noch 91 einen,weil es ihm nicht gut gegangen ist. Ein toter Hund, ja, das ist dein Vater, aber du bist ein verflixter Bastard, was?« Petina grübelte ein wenig. »Was ist das?« fragte er dann wißbegierig. Da Grothusen nicht antwortete, hielt er es für eine Schmeichelei und trabte befriedigt weiter . . . »Kommst her«, fuhr Grothusen fort, »und hilfst deinem Vater auf die Socken . . . Du bist mir zu gut für die ganze Gesellschaft!« schrie er rauh. »Aus dir muß was werden! Sollst es besser haben als ich! Hast du den Dreimaster bemerkt, der heute mittag gekommen ist? Das ist die schwedische Bark ›Thorna‹, Captain Rosenqvist! Das nächste Mal gehe ich hin und sage: ›Captain, hier ist mein Sohn, Ferdinand Grothusen, nehmen Sie den als Schiffsjungen, sage ich, Sie wetten Ihren Kopf, er ist anstellig! Muß hier heraus aus der verdammten Insel! Muß nach Europa, sage ich, muß nach Hamburg und eine Erziehung genießen, eine Prachterziehung, soll es besser haben wie sein Vater!‹ Raus mußt du, Donnerwetter, weg von hier, auf ewig und immer weg! Aussaugen, ja, das könnt Ihr einen! Und wenn ich ein Huhn bestelle und komme zu Mittag nach Hause, an meinem fünfzigsten Geburtstage: Ja, dann ist keins da! Das ist unerhört, das gibt es nicht bei deiner Kanaker-Mutter! Bist ein Weißer, mein Sohn, und steckst hier immer unter Kanakern!« Grothusen gröhlte es vor sich hin, mit scharfem Akzent auf jeder Silbe, und dabei packte er des Sohnes Schulter wie eine eiserne Klammer. Allmählich begriff Petina den Inhalt der Drohung. Die Hand des Vaters fiel herab, brutal fiel sie auf eine ganze Welt von braunen, schwarzhaarigen Köpfen, die Petina anverwandt waren; auf seine gesamte Vetternschaft, die lächelnd in den Dörfern saß und deren behutsames Zeremoniell ihn als gleichberechtigt und begrüßt in ihrer Mitte hocken ließ: die Beine unter sich und das Hirn voll einfacher Freuden. Sie alle zählten nicht; wurden ausgelöscht wie Geschmeiß samt ihrer Zuvorkommenheit, ihrer gütigen 92 Toleranz, ihren ellenlangen Titeln. Ein betrunkener Fremder kam und zerrte ihn heraus. Stummer Widerstand erwachte in ihm, mit der lautlosen Vehemenz seines eigentlichen, seines echten Herzens. Eine tierische Zärtlichkeit zu Tai‘afi‘afi war es, eine Flucht in ihren Schoß; er sah sie mit Abwehrgebärden diesem Menschen gegenüber, der auf samoanisch zu fluchen verstand, und sah sie schwach vor ihm, als vor einem, der das Lächeln dieser Inseln erlernt hatte und sie immer wieder samt ihrer A‘iga in die Fesseln einer künstlichen Gemeinschaft schlug. – Er machte sich plötzlich mit einem Ruck frei, mit einer Schlangenbewegung seines glatten, geschmeidigen Körpers. – Der Vater verfolgte die Richtung noch einige Schritte; dann lehnte er sich gegen einen Palmenstrunk. Mühsam drehte er sich um und sah den Sohn hinter sich auf dem Weg stehn wie ein böses Holzbild; tückisch und reglos . . . Der Knabe hatte die Augen, halb geschlossen, nach oben gedreht. Für die Dauer eines Blitzes war sein schmales Gesicht die Maske eines ganz frühen Menschen, dem die Leidenschaft den Herzschlag raubt. Empörungen blinder Völker verdichteten sich blutschwellend in dem Endzweig – dem vor Wut gesteiften Leib dieses Knaben – und drückten ihm ein bösartiges, viel zu starkes Symbol auf; – zu stark für das verfälschte Blut und die kaum erwachte Männlichkeit, in deren erstem schwachem Morgenschatten er stand. Mutter und Schwester waren beschimpft; roh ward er ergriffen und in einen Zwiespalt geworfen, zwischen rufende Stimmen, unter denen er fror. – Auf einmal riß er sein Hüfttuch empor, wies mit einer aufreizenden höhnischen Bewegung dem Vater die nackten Hüften und zischte, auf dem Platz emporhüpfend: »Fang mich! – Schlag zu, wenn du kannst! . . . Schlag zu!« – »Komm her, du verfluchter Kanaker!« . . . Grothusen setzte sich schwer auf die spitzen Bastkanten des Strunkes; es tat ihm weh. – »Du kommst jetzt her, oder ich prügele dich, bis du nach Luft schnappst!« 93 » Soia! « – kam es hart zurück, mit der Stimme Tais. Petina zeigte die Zähne und rührte sich nicht. Minuten vergingen.   Endlich trat er zögernd herzu und half dem Vater auf. – Es geschah nicht aus Kindesliebe. – Es war die Angst vor der Schmach der künftigen Morgensonne und dem Gelächter über ein Mitglied seiner Familie, das hohen Titel trug und desperat am Wege sitzen würde ohne Dach über dem Kopf. So trieb er ihn weiter, Stück um Stück, wie ein Moskito plagte er ihn. Immer wieder schwirrte er heran, mit kleinen Stößen, Umklammerungen und Hinweisen auf die Wirkung, die es haben werde, wenn er hier wie eine gestrandete Meerschildkröte zappelnd liegen bleibe, dem Gelächter und dem Schnabelhieb der morgendlichen Möwen verfallen . . . Es war dunkler geworden. Eine feine, tiefe und gleichwohl noch durchsichtige Dämmerung herrschte. Der Himmel hatte sich mit Wolken bezogen. In die harten Atemzüge der beiden hinein sprach das gleichmütig plätschernde Meer. Es war ganz nahe, und weiches Pfeifen von Riffvögeln drang darüber hin. Palmenrascheln erhob sich in der Abendbrise. Der Widerschein der halbgesunkenen Sonne lag eigelb und begrenzt ganz fern im Westen. Grillen feilten zu dem Takt monotoner Gesänge. Die Hüttenhauben lagen friedlich wie brütende Hühner über traulich blinkenden, verstreuten Lampenlichtern. Ein glucksendes geiles Gelächter ward irgendwo wach und endete in einem erstickten Kreischen. 94 Der Pa‘alagi Daß Grothusen Geburtstag habe – hatte es der Wind umhergeflüstert oder hatten es die Hähne weiter gekräht? Wie sollte sonst Malietoa Tanu Malietoa Tanu wurde als Knabe 1898 vom Oberrichter Chambers als Gegenkönig Mata-afas befürwortet. Näheres siehe Dr. Reinicke, »Samoa«. es erraten und am Nachmittag bei Tai, seiner weitschichtigen Cousine, mit seinem Ratgeber Piu vorgesprochen haben? Tai und Maggie konnten ihre Freude über den hohen Besuch nur durch die Hast kundgeben, mit der sie Sitzmatten hinschleuderten und zurechtrückten. Der hübsche junge Prinz hatte unter seinem dünnen schwarzen Schnurrbart bezaubernd gelächelt, und seine moorbraunen Emailaugen hatten vor Teilnahme an Grothusens Geburtstag gesprüht. Sein Ratgeber sagte, ›man freue sich in der Brust, gar sehr und rundherum freue man sich, es sei unbeschreiblich, wie man sich freue, nämlich darüber, daß Grothusen ein Jahr älter geworden sei! – Und traurig sei man, ganz verwildert, ganz schmutzig und alt vor Trauer, Bestürzung und Scham, daß man ihn nicht in der Hütte treffe! Denn weil er fort sei, könne man ihm auch nicht sagen, wie so sehr und von Herzen man sich freue! Ja!‹ Tanu, schmuckvoll dasitzend, hatte lächelnd und leer teils in die Luft, teils auf seine wohlgebauten Kniee gestarrt. Zuweilen, während der ausgedehnten Rede seines Ratgebers, hatte er bekräftigend, wenn auch halb geistesabwesend, mit der Handfläche zur Seite auf die Matte gehauen. Eine Sului, von Tai verfertigt und von Maggie in Brand gesteckt, wippte zwischen seinen Lippen. – Nach zwei Stunden war er aufgestanden und gegangen; langsam, die Füße sehr nach auswärts gesetzt und den Ratgeber mit dem Fliegenwedel neben sich, hatte er sich in seine Behausung zurückbegeben, die in einer der Bananenplantagen am Vaisigano lag. Und andere waren gekommen und geblieben. Ein Pulenuu vonTanumalēto, Folau-Papalii mit seiner Nichte, 95 der Taupou Manumā, die er gerade auf Besuch bei sich hatte, um sie auf Umwegen dem künftigen Bräutigam entgegenzuführen, der in Tufu-Gataivai auf Sawaii wohnte. Familienrücksichten wie auch eine kleine Geschäftsverlegenheit hatten ihn bewogen, vorzusprechen. Dieser Besuch war ihm hoch anzurechnen, denn sein wohlgebildeter Körper ruhte auf zwei Säulen, deren Haut wie bei Schmoräpfeln zum Platzen gespannt schien; knieabwärts war er nicht mehr er selbst, war er etwas, das er mit Mißtrauen betrachtete. Eine langsame Verwässerung kroch ihn an, doch nur von außen und schmerzlos; denn seine Seele war scharf und geschäftsklug. Jene Entartung störte ihn nicht mehr als ein Mückenstich; denn er konnte gehen; war er nicht heute die fünf Viertelstunden von Tanumalēto herunter gekommen? Seine Sohlen hatten im Schlamm Spuren hinterlassen wie die eines vorweltlichen Dickhäuters. Der Himmel wußte jedoch, für welche Sünden er Folau strafte; und außer ihm wußten es noch alle, die mit der Habgier des Pulenuu in Berührung gekommen. Was war der Pfahl in seinem Fleisch, warum wucherte es, überhandnehmend, als böses äußeres Symbol? Das war Folaus seelische Entartung: die Durchbrechung des Kommunismus. Er leistete sich ein privates Lächeln neben dem bekannten, allgemein anerkannten und geübten, und das strafte sich. Ja, Folau war ein Samoaner, der Geld besaß und bei der großen Firma ein Konto hatte. Was war das! Wie unterstand er sich! Was wollte er damit? Kein Samoaner, der sich respektiert, besitzt Geld! Er besitzt Quadratmeilen strotzenden Pflanzungsgrundes, aber doch kein Geld! Er greift wohl ab und zu in diesen üppig aufgestapelten Haufen, aber doch immer nur, um einige Dutzend Mägen für ein paar Tage vollzustopfen! Er schneidet seine Kopra, um sich dafür australische Konserven einzuhandeln; und was er darüber einheimst, das schneidet er nur um eines törichten 96 Pa‘alagi-Gesetzes willen und nur damit man ihn in Ruhe läßt! Aber um Geldes willen? Tat Tai das etwa? Ja, dachte sie überhaupt daran? Tat das irgend jemand im Umkreis? – Kurz, Folau tat es, und er nahm seinen Lohn hinweg . . . Sonst war noch die alte Ta‘ele zugegen, Tais Mutter, mit Tais Cousine, der jüngeren Faga‘afi – dem »Feuerrohr« – ein Name, der sich von den unzähligen zärtlichen Balgereien herleitete, die sie in der entlegenen Zeit ihrer Körperblüte hinter den Fliegennetzen von Saluafata ausgefochten. Diese Cousine war immer noch drall, doch ließ sich ihre Würde durch eine Zweideutigkeit leichter erschüttern, als die Tais. Sie hatte einen rostroten Tituskopf mit palmfaserdicken Haaren, die nach fauligem Limonensaft rochen; sie sprach tief wie ein Mann und schielte, was ihren sonst scharfen und sympathischen Zügen keinen Eintrag tat. Übrigens wußte sie viel, unerschöpflich war sie wie ein Brunnen. Sie hatte zwei Kinder mitgebracht, die von verschiedenen Vätern stammten, keinesfalls aber unter ihrer Familie standen, ein zehnjähriges Mädchen Lepeki und einen achtjährigen Jungen Tiatia, die ihre hübsch rundgemästeten Tarobäuche, sphärisch und blank, mit Bescheidenheit auf sanft nach seitwärts geknickten Kinderbeinen einhertrugen. Diese lebten sonst unter den Hunden der Ta‘ele dahin; heute saßen sie als Verwandtschaft großäugig und angenagelt an ihren Plätzen. Sie waren tiefbraun, mager, wirrhaarig und an Beinen und Hüften von rosa Flecken gesprenkelt. Zwei Zinklampen –Ta‘ele hatte die ihre beigesteuert – standen in der Mitte des schmatzenden Kreises. Man beschäftigte sich eben damit, die im Steinofen gebackenen irdischen Reste eines Ferkels – war es etwa Tais Schoßschwein? – zu vertilgen. Beträchtliche Teile davon hatte man gespart, sowie man auch ein nahrhaftes Huhn, das zubereitet war, noch nicht angerührt hatte. Beides lag für Grothusen aufgehoben auf einem Eßmättchen in der Mitte, 97 und Pakali und drei gelbe Hunde wurden durch Steinwürfe daran gehindert, es öfter als nötig zu beschnuppern. Man war besorgt und tat ein übriges. Maggie saß, die Kawabowle zwischen den Knieen, im Hintergrund. Sie hatte, nachdem sie das Getränk streng der Rangfolge nach ausgeschenkt, eine gebackene Banane verzehrt und das Haar gelöst, das glatt an ihrem schmalen Gesicht herunterfiel. Ihre Lippen waren rosa; ihre schiefen Augen, halb zugekniffen, blinzelten in eine Wolke von Dunkelheit. Irgend etwas, plump und schwarz, in dessen Schoß sie mattfarbig zurückgesunken schien, hockte brütend hinter ihr.   Jetzt warf man Knochen und Knorpel zusammen und schwieg; denn vor der Hütte wurden Geräusche laut. »Kotūsa!« sagte Tai, und ihre Hände schwankten unschlüssig nach Grothusens Geburtstagsmahl. Eine kindliche Freude belebte ihr altes Gesicht. Jetzt konnte sie den Herrn und Gebieter versöhnen. Er würde sich niederlassen, mit einem Ruck, und dem Huhn voll grimmiger Genugtuung zu Leibe gehen. O gewiß, sie war eine schlechte, eine grundschlechte Frau. Sie hatte ihm das Huhn heute mittag nicht zubereitet, sie hätte wissen müssen, daß er Geburtstag habe; es war ihre Schuld; und als er nach Hause kam, war er sehr traurig gewesen; er hatte geschimpft, daß man es zwölf Hütten weit hörte; das tat er immer, wenn er traurig war. Er hatte ihr dann mitgeteilt, was er von ihr halte; und das war nicht viel gewesen. Taro und Tinfleisch hatte sie ihm gegeben – trotzdem er ihr und aller ihrer Ernährer war und ihr heute morgen noch zwei Mark geschenkt hatte! Er hatte alte Zeitungen hervorgeholt, von Siamani, sie oben gelesen, wo sie besonders schwarz waren; hatte ihr dann gesagt, daß er gar nichts essen werde, daß sie lieblos und ein unbrauchbares Weib sei, weil sie alles vergesse. Aber er sei das gewohnt, und jetzt gehe er und feiere seinen Geburtstag anderswo. Dann war er gegangen; und sie 98 hatte geweint, Maggie hatte geweint, und schließlich hatte sie alles darangesetzt – selbst ihr Schoßschwein – und Petina geschickt, um ihn wieder herzuholen. Und nun kam er, und nun traf er sie alle, und er würde sich auch freuen, daß Tanu dagewesen sei. Tanu entschloß sich sonst nicht kurzerhand, Besuche zu machen. – – –   Eine der geflochtenen Jalousien wurde plötzlich zurückgerissen. Etwas Weißes, Schmutzfarbenes, Rothaariges taumelte groß herein, auf die gedämpft aufkreischende Gruppe zu, wurde durch eine schattenhaft nachspringende nackte Knabengestalt gebändigt, in eine andere Richtung gelenkt, und fiel dann mit einem Krach, wie ein Stück Holz, auf eine Matte im Hintergrund der Hütte neben das Bett, woselbst sie regungslos liegen blieb. Der Pulenuu stand stöhnend auf und hob sie mit Petinas Hilfe auf das Bett herauf. Dieser Liebesdienst fiel ihm nicht leicht, da er jedesmal, wenn er aufstand, eine umständliche Neugruppierung jener graugelben Schwämme vorzunehmen hatte, die ehemals seine Waden gewesen. Grothusens Schädel, mit verwildertem Schnurrbart, blieb schief und locker, wie der einer Leiche, auf der Bettkante hängen. Man nahm ihm die Brille ab und legte sie sorgsam auf den Tragbalken. Dann kehrte man zurück. Es ärgerte den Pulenuu, daß Grothusen betrunken war und er nicht mit ihm reden konnte. Es ärgerte ihn, daß seine dralle Nichte heute ein vergeudeter Köder war. Aber er zeigte es nicht. Er lächelte. Alle lächelten, selbst Maggie und Petina. Geister der Wirklichkeit, blast den Firnis dieses Lächelns weg! Ein Windstoß saust herein, die Lampen flackern auf, und man lächelt weiter. Beharrlich, satt, genügsam. Und doch sinkt vor Folau ein silberner Schatz von neugeprägten Zweimarkstücken in den Boden, bleibt das schwarze Etwas 99 hinter Maggie hocken, tappt Tai in eine große Hoffnungslosigkeit hinein wie in ein Loch, zwickt Petina die Scham am ganzen Leib. Nur Manumā, die Taupou von Tanumalēto, bleibt unbefangen und zieht sogleich nach Grothusens verunglückter Ankunft den übrig gebliebenen Eßvorrat in den Kreis ihrer Betrachtungen. Halbgebückt und vergnügt sitzt sie da, ein kompaktes Polster von Haaren auf einem blanken Kinderrücken. Sie ist rührend jung, nicht älter als Maggie; doch ist sie echt und schmuck; reinstes polynesisches Blut aus dem stillen Tanumalēto, wo die Zahntaube wohnt. Sie besitzt eine leuchtend braune Haut; die Schultern glänzen wie polierte Kugeln. Ihr herzförmiges Gesicht mit den aufgestülpten Lippen wirft die seidige Last krauser Haare bei jedem Gelächter pompös hintüber. Ihre Brustknospen, starr wie Kautschuk, knicken das unschöne Missionskattunkleid in rechtem Winkel ab. Um und um rund ist sie, elastisch, selbstzufrieden, naiv wie ein Tier. Sie lacht gurrend; sie blinzelt vor haltloser Schelmerei mit heruntergeklappten Wimpern. Ihr wunderbarer Fuß mit der zarten fleischfarbenen Sohle wippt wie ein gesundes Uhrwerk auf dem anderen Knie, dessen frisch eingeätzte Kobaltsternchen leuchten. Tai greift vorwärts und wirft Petina einen Ferkelschinken, in ein Bananenblatt gewickelt, vor die Nase. Er ergreift den Knochen und ißt, sachlich und gründlich, wie einer, der Schweres hinter sich hat. Dann, durch die gezähmte Erwartung der Augenpaare beunruhigt, erzählt er, und man merkt, schon bei den ersten Worten, daß er etwas auf dem Herzen hat. Mit fetttriefenden Fingern gestikuliert er und hält eine sehr lange samoanische Rede, eine jener Reden, die keine Zäsuren haben und sich, ehe sie den Gegenstand berühren, um ihn herumschlängeln wie endloses Regengerinnsel. Die Mutter habe ihn beauftragt, fing er an, den Vater zu holen. Er sei aufgestanden. Er sei gegangen. Ans National-Hotel sei er gegangen, und Grothusen sei nicht 100 dagewesen. Ans Zentral-Hotel sei er gegangen, und auch dort sei er nicht gewesen. Dann habe er nachgefragt bei MacFarlan, Westhope, Hopkins, und dann habe man ihm gesagt, Grothusen sei im Tivoli. Da habe er sich hingestellt und habe gewartet, lang, lang . . . Bei seinem Mangel an Phantasie gewann von jetzt ab die Wahrheit bei Petina, er mochte wollen oder nicht, tyrannisches Übergewicht. Er setzte sich schlank über die Kardinalforderung des Verkehrs, die Lüge, hinweg und verblüffte peinlich damit; er erzeugte einen Bruch in der Stimmung und zerstörte die Weihe, die ein halbverdautes Huhn und ein Ferkel hervorgerufen hatten. Er tat also alles von sich, wovon sein Herz zum Zerspringen bedrückt war. Zunächst sei er, hieß es, von den Missionsmädchen am Zaun und den Halfcaste -Gentlemen verspottet worden. Dann sei der Vater ganz betrunken aus dem Tivoli herausgekommen, und er habe schwere Mühe gehabt, ihn heimzubringen. Er sprach von dem Vater nur mit dessen Nachnamen und entwickelte, trotzdem seine Rede voll kindlicher Stockungen war, bemerkenswerte Schauspielergabe. Alle saßen stumm im Kreise. Nur der Pulenuu unterbrach zuweilen, sich eine Sului wickelnd, den Bericht mit einem herzlichen Brustgelächter, wobei der pralle Speck auf seinen Schulterblättern hüpfte. Die kreischende, monotone Stimme des Knaben füllte die Hütte bis zum Dach. Je drastischer die Schilderung wurde, desto runder stülpte er die Lippen heraus, desto flinker wanderten seine Augen. Maggies Gesicht blieb ausdruckslos, keine Furche störte den Wachsschimmer ihrer Züge. Lepeki und Tiatia, die Jüngsten, waren in einen stillen Ringkampf versunken; Tai sammelte verstreute Steinchen zwischen den Mattenfasern, hielt die Augen gesenkt und sagte nur bisweilen leise: »Kalōfa!« – Die alte Ta‘ele vollends schien entschlummert zu sein, denn sie hielt die Lider ganz geschlossen. Sie saß wie eine Mumie, über Zeit und Raum erhaben, während die schielende 101 Cousine Tais, das Gesicht ganz in Tabaksqualm gebadet, ihre Hunde lauste. Und Manumā? – Ja, sie war die einzige, die munter blieb . . . Sie kaute an einer Strähne ihres Haarballens, der ihr halb übers Gesicht gefallen war. Ihr Verständnis – das einer jungen Kuh, die noch nie geworfen hat – schlug nicht die leiseste Brücke zu dem Vorgang. Auf einmal schien Petinas Bericht einem Höhepunkt zuzusteuern, denn er krauste die schmale Stirn in drei dicke Falten, und seine Sätze wurden kürzer und bellender. Dabei zuckte er, nach dem Hintergrund deutend, unzählige Male mit dem Nacken, wie ein junger Vogel, der Drohendes hinter sich spürt. Dort hing, verwischt im Halbdunkel, der rothaarige Kopf auf der Bettkante. Ein schweres, mattes Schnarchen trat aus ihm hervor; ein Schnarchen, das plump und dominierend im Winkel brütete wie ein klebriges Gas. Alle blickten auf und sahen diesen Kopf an, wie ein fremdartiges Ding, das Unheil brachte. » Pepēlo !« fiel Tai in Petinas Rede ein, tief entrüstet, atemlos und zugleich angstvoll. »Nein, nicht Pepēlo!« kreischte Petina, ohne seinen Hocksitz zu verändern. »›Da ist das Schiff‹, sagt er. ›Welches Schiff?‹ sage ich. ›Dort das Schiff!‹ sagt er. ›Morgen gehe ich zu dem Schiffsherrn und verkaufe dich! Ich verkaufe dich nach Siamani ! Nach Ambuka !‹« Petina sammelte seine Erinnerung an die Schule, wo man ihn oft am Haar gerissen; doch seine verhetzte Phantasie spiegelte ihm bereits sehr viel schmerzhaftere Torturen vor. Er plapperte immer hastiger: »Ja! Er will mich wegschicken! Von Samoa will er mich wegschicken! Er sagt: ›Petina, du sollst weg! Du bist schlecht, und die Mutter ist schlecht; schlecht ist die Schwester, und schlecht ist die A‘iga!‹ Er hat mich geschlagen! Er ist sehr böse! Böse ist Kotūsa! Ich will nicht! Ich bleibe hier! Ja! ich bleibe hier!« 102 Sein Gesicht, von Angst verkniffen, hatte sich zur Decke gehoben, hatte sich schier parallel mit dem Dachgebälk bewegt. Bei dem Schlußwort hackte er mit dem schmalen Kinn nach der Brust. Von einer erstaunlichen Ausdruckslosigkeit getroffen, blitzschnell gelähmt und verwandelt, riß er alsdann eine Mattenfaser heraus und reinigte sich seine porzellanweißen Zähne. Er war wie ein Mann, der anderen Gedankenfutter vorgeworfen hat und es ihnen nun ganz überläßt, sich nach Belieben damit zu befassen. Die alte Ta‘ele Ulamamai öffnete blinzelnd ihre verklebten Augen. Sie begriff noch nicht recht, was sich begeben hatte. Die Base sagte, scharf und knarrend wie ein Mann: » Leaga! « und stieß ihre Hunde vom Schoß. Die Kinder kreischten weiter. Und Tais braune Augen waren keine sanften Regentümpel mehr, sondern trocken und groß. Die Pupillen lagen starr darin, wie hineingepinselt. Ihr Gesicht gewann schmerzhafte Größe; ihre fürstliche Nase krauste sich mit erweiterten Nüstern; plötzliche Sprungspannung trat in ihren gelassenen Hocksitz, und die Kopfhaut zerknitterte sich häßlich, wie Rinde: das Muttertier war da. Der Pulenuu setzte zum Sprechen an, unterließ es aber höflich, da Tai den Vorrang hatte. Er machte nur, humoristisch blinzelnd, eine bezeichnende Bewegung mit dem Finger, zuerst nach dem Bett und dann nach der Stirn. Tai war so fassungslos, daß sie hundert ziellose Griffe mit den Händen und jene zitternde Pendelbewegung des schweren Kopfes vollführte, wie sie nur große Gemütsstürme hervorrufen. Und sie blickte in angstvollem Wechsel zwischen Petina und Maggie hin und her, immer rascher hin und her. Petina, den man rauben und verschachern wollte, gehörte nicht Grothusen! Er gehörte der A‘iga! Grothusen sollte es nur wagen! Er sollte sich unterfangen! Man gestattete 103 ihm – jawohl, das tat man und mehr nicht! – man gestattete ihm hier den Herrn zu spielen, ja, wenn er so wollte, den Vater, der Geld brachte; aber nichts weiter! Keinen Schritt weiter! – Und auf einmal wallte die Tradition, das Häuptlingsblut, durch das zitternde alte Geschöpf. Mitten in dieser ärmlichen Umgebung, in ihrem schmutzigen Hängekleid, ranziges Nußöl auf den Fingern, tippte sie gebieterisch vor sich hin auf die Matte, und ihr mächtiges Gesicht schien frei auf den schwachen Schultern zu beben, da der dürre Hals vom Schlagschatten der Lampe ganz verschlungen ward. Dies alles um sie herum war Samoa, diese Matten, diese hockenden Anverwandten. Ja, sie alle billigten und bestätigten ihre Ansprüche, wie die vierundzwanzig Pfosten, die das solide hundertjährige Dach trugen; das Dach, vom Regen vollgesogen und von der Sonne, vom Klang der rieselnden Schwatzereien, der Gebärschreie, der weitausholenden verschmitzten Rednerkünste, der Hochzeits- und Begräbnisgesänge vieler Menschenfolgen . . . Von der Sina und vom Tulivaipupūla Das Märchen von der Sina, dessen Thema hier verwendet wird, lautet nach der Übersetzung aus dem mündlich berichteten Urtext: » Tuimatui «. Tafitofau und Ogafau, ein Ehepaar, hatten zehn Söhne namens Tui und eine Tochter, die Sina hieß. Sie saßen eines Tages beisammen, und eine Möwe kam zu ihnen geflogen. Das Mädchen sah diesen Vogel zuerst. Weil die Möwe so hübsch aussah und dicht über dem Platz kreiste, wollte Sina sie haben. Die Möwe – hatte sie geträumt – sei ein verwunschener Prinz ( manaia ), der zu ihr kommen würde. Sie forderte ihre Brüder auf, die Möwe zu fangen; sie wolle sie zum Gatten. Die zehn Brüder machten sich auf die Suche. – Sina saß im Hause, als ihre Brüder fort waren, fühlte sich einsam, da jene so lange wegblieben, und rief in den Wald hinein nach ihnen: »Tui tui tui!« – Es stellte sich ein fremder Mensch ein, der auf den Ruf antwortete und sprach: »Ich heiße Tui.« – Er hieß aber Tui-le-tafoe und war ein Wald-Aitu. Er vergewaltigte die Sina. – Als es Abend wurde, kamen die zehn Brüder wieder. Der älteste kam zuerst und sah, daß ein fremder Mensch auf dem Schenkel seiner Schwester ruhte. Er blieb draußen sitzen und weinte sein Klagelied: »Komm Mädchen Sina, komm Mädchen Sina: du Häuptlingstochter, der weiblichen Königsfamilie entstammt; es schreit dein Gatte, die Möwe, nach dir. Sieh, wie er balzt und brünstige Bewegungen macht. – Wir sind Schluchten auf- und abgeklettert . . . Hier ist der Vogel; gib acht, daß er nicht böse wird und wieder wegfliegt; sonst müssen wir wieder in die schwindelnden Abgründe steigen und ihn unter Lebensgefahr noch einmal fangen.« (Freie Sinnwiedergabe.) Die Antwort der Sina lautete: »Bruder Tui, komm ins Haus; Tui, du, komm ins Haus; rufe all meine Brüder, und kommt alle heran; es ist ein anderer Tui hier; Tui-le-tafoe schläft auf meinem Schenkel; – Tui, ach, komm ins Haus herein.« (Freie Sinnwiedergabe.) Darauf fanden sich die neun Brüder aus dem Busch ein und sangen dasselbe Klagelied mit dem ersten, worauf sie dasselbe erwiderte. Der jüngste Bruder sah, daß der Aitu in tiefem Schlaf lag; er ging ins Haus und band dessen lange Haare an den Pfosten fest. Dann nahm er seine Schwester und brachte sie zu den Brüdern heraus. Sie gingen alle in den Wald, zu einem anderen Haus, wo Sinas Brüder schliefen. Da erwachte der Teufel. Er versuchte sich loszumachen; doch in seiner Wut, da er die Jungfrau nicht fand, stieß er so lange mit dem Kopf an den Pfosten, bis er starb. Die Möwe aber und Sina heirateten sich im Haus der Brüder. Es gibt einen Vogel, der hoch in den Kronen der Banianbäume sitzt, wenn die schräge Sonne die Wand des Urwaldes vergoldet; dieser Vogel ist nie sichtbar, kaum weiß man von ihm Federfarbe oder Gestalt; er besteht nur aus einem langgezogenen Pfiff, der tief beginnt und anderthalb Oktaven hinaufklettert, um in einem seltsam verhallenden Mißklang zu enden, einem Endton, der keine Beziehung zum Anfang hat und in Hoffnungslosigkeit verschwebt . . . Dieser selbe Pfiff wiederholt sich noch, wenn die Dämmerung in Nacht übergeht; und je dunkler es wird, je wilder, zackiger, grundloser die Welt am Fuß des Eisenbaumes, desto trostloser spinnt sich diese Folge von 104 fragenden Pfiffen weiter, um zu schwarzer Stunde in einer umgekehrten Tonfolge melodisch zu ersterben. Kurz danach folgt noch ein »Zuk, zuk, zuk« jedem der langgezogenen Pfiffe, wie Herzschläge des unsichtbaren Vogels. Doch wer ist es, er, den niemand sah? Ist es der Geist, der einsam in der überquellenden Schöpfung sitzt? Sein Pfiff: Ist es die Qual über das sinnlose Aufeinanderstapeln von tastenden Klettersträngen, zitternden Blättern, sprossenden Stengeln, aufgähnenden Kronen? Ist es die schwermütige Gier von Stämmen, von Mauern glatter Stämme nach Luft, nach Licht und Erfüllung? Ist es der Seufzer der Überbürdeten unter dem Übermaß, unter dem funkelnden, dem triefenden Allzuviel? Am Rande der Insel, in der Nähe der geräuschvollen menschlichen Niederlassungen, ist der Pfiff nicht zu hören, aber Meilen drinnen im Inland, da erwacht er an verlorenen Stätten, wo rohgezimmerte, längst verlassene Regenhütten an verwilderten Pflanzungen liegen; er tönt von dorther, wo Träume dieser ungeheuren Pflanzenverwesung entschweben. Und die Samoaner, die Kopra am Wege hacken und murmelnd um ein Bastfeuer sitzen, fühlen zuweilen die ungeheure Stille, die um sie heranschwillt; fühlen den Tropfen, das Blatt und die nahegeschwungenen und doch unerreichbaren Hügelkämme, die noch keines Menschen Fuß betrat. Sie fühlen all die dunstig brauende Geschäftigkeit, wenn die Schatten fallen, und blasen in das Feuer, daß es nicht erlischt. Zur Stunde des Pfiffes werden ihre Augen matt, als trete eine flüchtige Verzauberung sie an. Sie sind hineinversetzt in zehn Urkörper, sich ähnlich wie Bananen an einer Traube; verhext und sehnsüchtig sind sie; die Tui sind sie geworden, die den Ruf der Sina hören. Irgendwo geht ein verworrenes Geschehnis vor, ein mystisches Verbrechen am reinen Stamm; und sie sehen sich an, abgesperrt von der klagenden Schwester, in Irrsal verstrickt und beschämt. Und Sina sitzt jenseits der Kluft, hinter nebelnassen 105 Kulissen, hinter einer Decke von herzförmigen Blättertellern. Jedes Blatt bettelt und spreizt sich, saugt sich voll und schwankt von Unersättlichkeit. Jedes Blatt ist tückisch und lügt; es zeigt seine breite Form und lädt den Fuß: Tritt auf mich, ich bin wie feingeflochtene Matte unter deiner Sohle! – Doch unter ihm sind tückische Spalten, unter ihm schwärt der ewige Moder. Das Häßliche lauert darunter. Das Zweideutige, Lebensfeindliche lüftet die grüne Decke und lugt hervor. Dämmerungsgeschehen geht um, und der Walda‘itu, der falsche Tui, hat sich losgekettet. »Schweige, Sina,« spricht die Angst der zehn echten Tui, »schweige, du Einsame in der Hütte! Rufe nicht unablässig unsere Namen! Wir sind Schluchten hinab und Schluchten hinauf geklettert . . . Schweige und harre aus, denn bald sind wir bei dir!« Doch weiter tönt der schwermütige Ruf . . . ist er fern hinter dem Hügel, ist er nah? Angst ergreift die Verirrten vor dem großen Unbestimmten. Und immer lauter, dringender tönt der Ruf; er zieht und zerrt an den zehn ratlosen Herzen, und schließlich dröhnt er darin wie das Logo , wenn es plötzlich, sinnberaubend, in der Schlafstille gerührt wird. Sie blicken auf die perlmutterglänzende Möwe, die gefesselt in ihrer Mitte liegt und in deren blanken, beerenschwarzen Augen sich ihre dunklen Gesichter spiegeln: vom Gesicht des Jüngsten an, des Schlankschultrigen, der noch keine Tätowierung trägt, bis zu dem des Ältesten, dem rötlich-schwarzes Haar die Wangen umrahmt. Plötzlich geschieht ein Windstoß, und alles ist schwarz. Halbverkohltes Reisig glüht, und die Möwe bebt. Sie denken: »O du schöner Manaia! – Noch Tagereisen haben wir zu wandern, Schlucht auf und Schlucht ab, Schritt nach Schritt haben wir zu klettern, und die Sohlen sind uns zu Horn geworden auf der spitzen Lava! Pflanzenunmut hat unsere Schultern gegerbt! Verhungere uns nicht, du schöner Manaia: Seevogel, willst du dich begnügen, kurze Zeit noch, an 106 Waldtaubenspeise? Silberbrüstige Sehnsucht der Sina unserer Schwester, halte aus, bis wir dich zu ihr gebracht!« – Der Vogel zuckt und krächzt leise. Sie freuen sich. Und sie wissen nicht, daß inzwischen, zur selben Stunde, der falsche Tui in die Hütte der Schwester tritt, mit Beerenketten behangen und in bunten Maulbeermatten, die leise und traulich rascheln. Sie fühlen nur, daß der ferne Ruf der Sina ächzend erstirbt, wie unter lauteren Herzschlägen. Unbestimmte Angst ergreift sie, es möchte zu spät sein. Denn jener lacht und gurrt. Er spricht: »Ich heiße Tui.« Er hat in sich die Zehn zusammengezogen und strahlt ihre einfachen Seelen aus. Er trägt Puablüten hinter dem Ohr und blaue Ringe an den Handgelenken. Er spricht die Sprache der Brüder, und Sina ist getäuscht. Sie weist ihn nicht seines Weges. Doch Tui‘le‘tafoe haucht sie fremdartig an und betastet sie: Das sind keiner Brüder Hände. Und plötzlich stürzt er sich auf sie und vergewaltigt sie. Bezauberung hält sie in Bann. Ein Mond wechselt, und nun kommen die Brüder wieder aus dem Busch. Sie finden den Teufel, der mit dem Kopf auf dem Schenkel der Schwester ruht. Der Jüngste tritt ein, knebelt den Schlafenden und bindet sein langes Haar an dem Mittelpfosten der Hütte fest. Da liegt er: Häßlich wird seine Farbe, wie die toten Gesteins. Er erwacht, und in seiner Wut, da er das Weib nicht findet, schlägt er so lang mit der Stirn, der zerrütteten Stirn, an den Pfosten, bis er stirbt. Die Möwe aber flattert silbern in Sinas Schoß, sie wird zu dem schönen Manaia, von dem sie geträumt, als sie Umschlingung ersehnte; das Blut ist geläutert, und die Mühsal des Verlangens kommt zu ihrem Recht . . . Dies ist das Ende jenes verschollenen Geschehens; doch zuweilen scheint es unvollendet, und im Lauf der Zeiten steht die Angst der Sina wieder auf in den zahllosen Geschlechtern, deren Muttergrund ihr Schoß war. Das Echo 107 ihres Rufes lebt in dem einsamen kummervollen Pfiff, und so eindringlich war ihre uralte Angst vor der Einsamkeit und ihr Verlangen nach Begattung mit der Möwe, daß man jetzt noch, wenn man den Pfiff hört, das Haupt bergen möchte und das Feuer nicht verlöschen läßt. Sei heiter, Sina! Sei getrost, Tai‘afi‘afi, in deren Blut du klagst! Rufe nicht so bekümmert in den Wald hinein – sie werden ja kommen, die echten Tui, einer nach dem andern! Sieh dich um – schon sind sie da! Sie werden dich verteidigen und das fremdartige Scheusal vertreiben, das dir wie eine Last auf der Brust liegt! Das die Kinder aus deinem Leibe verschachern und von dir reißen will! Ängstige dich nicht, du fürstliche Vogelseele! – – Der A‘itu schläft. Geknebelt ist er von der eklen Flüssigkeit, die ihm aus allen Poren der Haut dampft und diese Haut beschmutzt, so weiß, so schimmernd sie auch scheinen mag!   Es ist stockfinster draußen geworden. Die Jalousien der Hütte bewegen sich leise im Nachtwind, mit einem trägen Schürfen, als schreite draußen jemand von Pfosten zu Pfosten. Die Fliegenden Hunde zwitschern und fauchen in den Bananenstauden. Ihre Flughäute klatschen zwischen den lappigen Schirmblättern in schnell verrinnenden, geisterhaft erbosten Kämpfen. Ein Hund knurrt und heult kurz auf. Das monoton sägende Schnarchen, das von der Bettlade dringt, verbindet die Geräusche und fängt sie wie in einem klebrigen Netz, das auf dem Grund einer wuchernden Stille dahinschleift. Nur wenige Minuten sind es, daß der Kreis von Leuten in der gelben Lichtsphäre der Lampe geschwiegen, daß sich Unmut und Bestürzung still verhalten. Auch Folau trotz seines wassersüchtigen Phlegmas rührt sich jetzt. Er weiß von der herzbeklemmenden Hilflosigkeit und den fürchterlichen Schweißausbrüchen dieser Mutter, die ihr Werk neunmal treu getan und um sieben ihrer 108 dünnblütigen Kinder bereits durch den Tod betrogen worden ist. Ex ist nie geneigt gewesen, Grothusen recht zu geben, wenn dieser es den zahllosen schwarzen Suluis zuschob, die Tai rauchte. Die Geburten, deren hilfreicher Zeuge er gewesen, gehen ihm durch den Kopf; und er sieht Tais Augen unter der zerrissenen Stirn dunkel auf sich geheftet. »Wo wäre ich hingekommen vor Grübelei,« sprachen diese Augen, »wenn ich nicht Nacht für Nacht hätte schmauchen dürfen, bis die Hähne krähten!« Er weiß es besser, er und die alte Ta‘ele und Faga‘afi: Die Milch ist verhext gewesen! Selbst die Kuhmilch hat der A‘itu verhext, damals in Sawaii, als Maggie zur Welt kam! Und gerade diese hat es überlebt! Man hat nach Apia geschickt und zwanzig Dosen schlechte Milch beschafft aus dem großen Handelshaus, bläulich und verkäst, und das blasse, durchscheinende Geschöpf hat hilflos in dem Kranz von blinkenden Zauberbüchsen gelegen und nach Nahrung geschrien, während der Magen auf und nieder zuckte wie ein Hämmerlein! Fremde Hände haben hineingegriffen in die Geburtenkette, boshafte Geisterfinger haben Kind nach Kind erwürgt. Petina hat sich gewehrt, und Toieolesāsa, »das Ende der Peitsche«, hat ihm an ihren straffen Brüsten davongeholfen, obwohl auch sie von jeher geraucht hat wie ein Mann. Also sind es nicht die Suluis gewesen! – Der A‘itu, der in diesem weißen Manne steckt, das unergründlich Unbekannte, das kein Insulaner durchschauen kann trotz größter Verschmitztheit – das fremdartig Zerstörerische, das zuweilen in ihn tritt und ihn zur Puppe seltsamer Triebe macht – das alles, wovon er besessen ist, wovon er in fremder, prahlerisch-wüster Zunge redet: das war aus ihm hervorgebrochen, das haßte diese seine Kinder der ozeanischen Erde, diese bleichen Pflanzen, deren Wurzeln verkettet liegen in altem Stamm. Nun will er diese Wurzeln herauszerren und übers Meer schleudern, verkaufen, von sich 109 tun – obwohl er weiß, daß er mit jedem Griff neue Wunden aufreißt und Blut vom teuersten Blut verspritzt! Und der Pulenuu räuspert sich und hält eine zornige Rede. Er weist mit dem Kinn nach Grothusen. Er schlägt mit der Hand auf die Matte und spricht sein: » Leai! « Danach gibt sich die alte Ta‘ele einen Ruck: ein hüstelnder Faden von quäkenden Worten folgt. Maggie hat ihre Kawabowle verlassen und schiebt ihr gespannt lauerndes Gesicht in den Lichtkreis. Sie blinzelt nach dem Kopf in der Ecke, voll Furcht und Ekel. Auch Petina nähert sich der Mutter. Aus den schiefen Augen der beiden, unter ihren schwarzen Wimpern hervor, glimmt der Widerstand verscheuchter Tiere, wobei Verachtung ihre Nacken zurückstrafft. Ein Dunst von Widerwillen macht sich breit, steigt aus Worten, verächtlichen Schnalzlauten und Gebärden der hockenden Menschen auf. Tai zieht ihre beiden Kinder an Hüfttuch und Haaren näher zu sich heran, und ihre mageren Finger fahren liebkosend an ihnen herab. Manumā, unendlich verdrossen, schiebt die Unterlippe vor. Grothusen ist ausgelöscht; er ist nicht mehr da; und seine Pläne werden zerstückelt, zerbrochen und ihm wie schlechter Abfall in die verschwimmende Fratze geschleudert. In diesem Augenblick hat die stumme Streitbarkeit der beiden Kleinsten im Kreise ihren Höhepunkt erreicht, und sie rollen als lebender Ball, aus dem scharfe Laute dringen, in den Lichtkreis. Sie sind in eine verkreuzte Form geraten: Lepeki beißt Tiatia in die Beine, und dieser, wütend auf die strampelnden Glieder der Schwester einhauend, schreit tief mit Brustton: »Ui!« – mit einem »i«, das schneidend und zeternd die Nachtstille stört. Man schenkt endlich dem Unwesen Beachtung. Tai ruft unwillig: »Usch!«; doch ist sie nicht ganz bei der Sache. Der Pulenuu zischt ärgerlich: »Ja soia!« – Doch lächelt er entschuldigend hinterher, denn 110 es sind nicht seine Kinder; und Kinder sind doch eigentlich, wenigstens in diesem Alter, wie Hunde oder Fliegen; man vergibt sich etwas, wenn man sie bemerkt; noch dazu, wo es nicht die eigenen sind! Auf einmal sagt das schielende »Feuerrohr« ganz tief: »Laupanīni ma Laupanāna!« Die Kleinen halten inne, ein Lächeln läuft im Kreise um. Die Gesichter verziehen sich nacheinander in zerstreut-phlegmatischem Vergnügen. Petina macht einen runden Mund, wiederholt die Namen und lacht hölzern. Sie alle sind mit einem Schlag zu Kindern geworden, zu einer drohenden Kohorte von Altersgenossen, losgelassen gegen die Jüngsten. Diese sitzen plötzlich – mit eigenen Waffen bekämpft – kreuzbeinig und mit riesigen schwarzen Pupillen da. O Anhauch des Unerforschten, des kindlich Feindseligen, des ewig Jungen, ewig Schauerlichen! Geister der Klüfte, ihr Nachtmahr von den Hügeln, – laßt eure quälenden Pfeile gegen das Volk am Strande los! Die instinkthafte Furcht vor den warnenden Namen, die drohend und dunkel in der Luft hängen, lähmt die beiden Menschlein. Die Natur schafft solche Silben, wie sie Schreckfarben an Tieren erzeugt. Die schielende Base Tais greift in den Brunnen der eigenen Brust, gräbt darin mit kundigen Händen, läßt, runenhaft raunend, Geschehnisse entstehen, so gewaltig und naiv, daß allen der Atem stockt. Sie lauschen; ihre Seelen sind zu weißen Maulbeermatten geworden, auf die sie die dunklen Pflanzenfarben ihres Wissens pinselt. Und alle denken sich – sie geben sich keine Mühe; es kommt ganz von selbst – in die sieben- und achtjährigen Seelen hinein, in den empfindlichen Schauder der weichen Membranen, der fröhlichen Sonnenpflanzen, die man plötzlich zu kurzer Strafe mit Nacht und Schrecken umgibt. Ja, die Nacht ist tief und der Schrecken groß. Er wächst aus der Erzählung hervor, setzt sich vor die Kinder und lächelt ganz breit mit messerscharfem Mund. 111 Der Schrecken heißt: »Tulivaipupūla!« Das Märchen Laupanīni ma Laupanāna ist wörtlich wiedergegeben. Er hat weitauseinander stehende Augen, halb geschlossen aus tückischem Behagen an der eigenen Macht. Und Faga‘afi weiß mehr von ihm als von sich selbst. Sie läßt ihn auferstehen, raschelnd, von dumpfen Lichtern glimmend – wie man sie in Regennächten im Unterholz erblickt – atemraubend, groß und gefräßig. »Ja!« beginnt sie. »Tafitopiūa und Ogapūa, ein Ehepaar! – Sie lebten zusammen. Das Weib ward schwanger. Sie gebar. Ein Sohn war's: Er hieß ›Laupanīni!‹ Der Alte kroch wieder zu seinem Weib. Sie ward schwanger und gebar. Es war noch ein Sohn. Er hieß ›Laupanāna!‹ – – Die Eltern wollten in der Pflanzung arbeiten. Sie ermahnten die Söhne: ›Laßt die Jalousien des Hauses herunter, so als ob niemand daheim wäre! – Geht nicht an die Schöpfstelle, und macht das Wasser nicht trüb! – Bewegt das Zuckerrohr hinter dem Hause nicht, um es abzubrechen und zu raspeln!‹ – Dann gingen die Eltern in den Busch auf die Taroplantage. Die beiden Knaben erfüllten den Auftrag nicht, zogen die Jalousien auf, sammelten die heruntergefallenen Blätter, machten das Wasser trüb, raspelten Zuckerholz. Da näherte sich ein A‘itu vom Walde her: ›Was macht ihr Knaben hier?‹ – ›Wir sitzen hier und machen nichts.‹ – ›Wo sind eure Eltern?‹ – ›Im Busch zur Feldarbeit‹ – ›Wenn eure Eltern wiederkommen, sollen sie mir meine Herkunft sagen, und findet ihr's nicht heraus, so hole ich euch alle.‹ Die Eltern kamen nach schwerer Arbeit zurück. Sie sahen, daß die Söhne nicht gehorcht hatten. – ›Warum habt ihr nicht gehorcht?‹ – Sagten die Knaben: ›Der A‘itu Tulivaipupūla ist aus dem Wald gekommen und hat schrecklich ausgesehen‹ – und sie erzählten, er habe gedroht, sie alle aufzufressen, wenn sie ihm nicht seine Herkunft sagten. Beide nahmen ihre Jungen vor und prügelten sie durch. 112 Ihre Beine zitterten, und sie liefen fort in die Richtung nach Mulifanūa. Die Eltern verfolgten sie, Tag und Nacht, Nacht und Tag. Auf der Straße packten sie sie und sangen ein Klagelied: ›Laupanīni und Laupanāna! Laupanīni und Laupanāna! Kommt zurück, kommt wieder zurück, unsere beiden Kinder! Kommt, eßt aufgewärmte Yamswurzeln mit Fischen, die wir gestern nacht bei Fackellicht fingen.‹ Die Knaben erwiderten: ›Tafitopūa und Ogapūa! Tafitopūa und Ogapūa! Kehrt um und geht allein zurück; geht eueren Weg, und lasset uns unseres Weges gehen; wir gehen jetzt nach Mulifanūa; dort wohnt der Teufel Tulivaipupūla, der uns fressen wird!‹« Alle dröhnen den Refrain, klatschen in die Hände und trommeln auf die Matten. Manumā, die Taupou, färbt den Gesang mit ihrer hellen Stimme. Das »Feuerrohr« tut einen gemächlichen Zug aus der Sului. Ihr linkes Auge ist starr auf die armen Sünder gerichtet, das rechte bohrt sich in die Dunkelheit. Sie hat die Verslein gesprochen, hart und heiser. Nachdem man sich Genüge getan, spült sie sich die Kehle mit einem Schluck Kawa frei, denn der Napf geht wieder herum. Tiatia trägt ihn von Mund zu Mund; und als er die schreckliche Sibylle versorgt, zittert seine Hand vor Schreck. – Sie fährt fort: »Die Eltern gingen zurück. Sie ließen die Kinder weiterziehen. Die Knaben kamen nach Mulifanūa, wo der A‘itu wohnte. Der Teufel sah sie: ›Wer seid ihr?‹ Sie sagten: ›Wir sind die und die‹ – und dann wohnten sie mit ihm zusammen. Er forderte sie auf, ihm den Kopf zu krabbeln, und schlief ein. Der A‘itu hatte so große fremdartige Läuse, daß sie eine Holzschüssel holten und sie hineintaten. Die Schüssel ward voll. So füllten sie eine Schüssel, eine zweite und eine dritte. Laupanāna ward durstig. ›Ich kratze den Kopf – ich bin 113 durstig.‹ – Der A‘itu erwachte. Er fragte Laupanāna: ›Warum weinst du?‹ – ›Ich bin durstig.‹ – Der A‘itu sagte zu Laupanīni: ›Klettere auf den Baum vor meinem Hause und hole Nüsse.‹ – Als der Junge hinaufkletterte, wuchs der Baum. Er kletterte den ganzen Tag und erreichte die Krone nicht. Abends erreichte er die Krone und warf Nüsse herab. Er kam herunter, machte die Fasern ab und brachte sie ins Haus: ›Trinke, Laupanāna.‹ – Der trank und trank, und immer mehr Saft war in der Nuß. ›Ich kann nicht mehr, ich platze!‹ – Der A‘itu drohte: ›Wenn du sie nicht austrinkst, mußt du sterben!‹ Der A‘itu sah, daß der Junge nicht mehr trinken konnte. Er ließ ab, und die Nuß ward leer. Nun sagte Laupanāna: ›Ich bin hungrig!‹ – Der A‘itu sagte: ›Kocht euch was auf dem Samoa-Ofen!‹ – Die Jungen gingen hin, machten Feuer, erhitzten Steine. ›Mit welchen Blättern sollen wir den Ofen bedecken?‹ – Der A‘itu sagte: ›Kämpft, und wer stärker ist, wirft den Schwächeren über den Ofen.‹ – Die beiden kämpften, und der Ältere fiel auf die heißen Steine und ward gebraten. Da sagte Laupanāna zum A‘itu: ›Was hast du gemacht? Nun ist mein Bruder tot!‹ Da fraß der Teufel den Laupanāna‹.« Das »Feuerrohr« schnalzt mit der Zunge. Dies tun alle und klatschen entzückt auf die Matten. Doch weder die Gebärden noch das Händeklatschen vermögen es, die beiden Jüngsten aus der Erstarrung ihres Grauens aufzureißen. Auf einmal beginnt Lepeki zu weinen. Es ist ein elementares Weinen, ein Schluchzen, das ihre Naslöcher und Augenhöhlen in Nässe badet. Was aber geschieht mit Tiatia? Sein Grauen ist nicht geringer als das der Schwester; doch er findet einen männlichen Ausweg, um es zu bekämpfen. Er steht auf und bohrt die Hände, zu Fäusten geballt, rechts und links des Nabelknopfes in seinen vorstehenden Kugelbauch. Die Angst erzeugt an ihm, in possierlichster Verkleinerung, das Bild eines erzürnten Mannes. Dann tut er kriegerische Schritte mit rechteckig 114 gebeugtem Knie und völlig auswärts gedrehten Füßen nach beiden Seiten. Gesten uralter Tänze bewegen seine Glieder, schier unbewußt, mit jener täppischen Grazie, die alles Junge, alles Tastende an sich trägt: so als lausche sein Gehör fernen Kampfgesängen, dem Gestampf, dem Geklapper langer Reihen rhythmisch bewegter Männer. Ja, dies Herausstechen der Ellbogen, dieser Handgelenke, in spitzem Winkel nach innen geknickt – waren sie nicht ein Erbe heftiger Zeiten? Der Vorväter Geist zupft an ihm, läßt ihn agieren wie eine seltsame Schattenpuppe, wie einen kleinen Dämon, der plötzlich dem übersatten Blute seines Volkes entsprang: ein drolliges Bild atavistischen Trotzes. So bekämpft er sein eigenes Grauen. So bekämpft er, tanzend und höhnend, schluchzend vor Angst und Wut, den mächtigen Schatten des Waldteufels und scheucht ihn zurück. Und während sein kleiner Körper sich krümmt, strafft und bäumt, schreit er: ›Puii!‹ mit rundem Mund, runden Augen, runden Backen, und faucht dazu wie eine Katze. Der Pulenuu belebt sich. Vermöchte er es ohne Schaden, er stände und brächte die Hütte, mit seinen Elefantenfüßen stampfend, dem Einsturz nahe. So aber begnügt er sich, mit hohem Tenor in das melodische Gelächter der Runde einzufallen; und nach den ersten Silben begreift man: dies ist das Preislied für die Einweihung der Taupou von Matafagatēle, »Lepeki-le-malō«  . . . »Von allüberall hör ich Lärm und Geschrei; Hier sitzt der Löwe furchtlos und treu. Lärm ist nichts Neues in diesem Land, Ihr Tiere, kommt eilends herbeigerannt! Tumoa! Ihr seid unser bestes Blut! O Löwe, wirf eine gute Brut! Wenn Knabe, soll er am Kampf sich laben, Wenn Mädchen, sollt ihr's im Busch vergraben – 115 Lärm ist nichts Neues in diesem Land, Ihr Tiere kommt eilends herbeigerannt!« Dies politische Lied, das dem Pulenu-u in den Mund gelegt wird, stammt aus der Zeit der Wirren von 1898 und bezieht sich auf die drei Parteien Tuiana, Tuiatua und die mittlere: Der Löwe . Zum Verfasser hat es Tauaa La-ulu . Frei übersetzt lautet es: »Lärm hier und Lärm dort; der Löwe sitzt und wartet und fürchtet nichts. Hier in diesem Lande sind wir an Lärm gewöhnt. Kommt nur heran, ihr Tiere, kommt. – Wir überlassen es der Tumuapartei, wozu wir gehören. O Löwe, gebier; und wenn das Junge weiblich ist, begrabt es sofort im Busch; wenn es aber männlich ist, lehrt es kämpfen. Kommt nur heran, ihr Tiere, kommt.« › »Alo mai mānu savāli valīe!« – orgelt der Refrain der Runde. Noch hierher, dorthin, unter Bruchstücken hellen Geschwätzes, fahren die Hände, tappen erregte Finger. Dann begreift man, daß es Nacht und daß man müde ist. Maggie ist geschäftig, Schlafgelegenheiten zurechtzubauen. Matten und Leinentücher stapeln sich in den Ecken auf. Es ist ein Auseinandergehen, als ob sich nichts ereignet habe. Tai legt sich auf den Boden in der Nähe des Bettes. Die alte Ta‘ele, die Base, und die Jüngsten schieben die Jalousien auseinander und schreiten, gefolgt von ihren schläfrigen Hunden, zur anderen Hütte hinüber. Die Nacht ist feucht. Ein Regen kommt hernieder und trommelt monoton, alle Laute verschlingend, auf dem Hüttendach. Und mitten durch dieses Regengeräusch bohrt sich das klebrige Schnarchen von der Bettlade seinen Weg, das schwere, erschöpfte Schnarchen des halb hängenden rothaarigen Kopfes wie ein fremdartiger, großer Holzwurm. Ein Weinen zieht von der anderen Hütte herüber und darauf ein tief beruhigender, gesangähnlicher Satz, wie orphische Formel: » Pepe schlafe, Pepe schlafe schön, Nacht ist lang und will nicht gehn – Warum säugst du nicht dein Kind? Mutter Mele, komm geschwind! Tag ist lang und Nacht ist lang; Schlafe, Pepe, sei nicht bang . . . Mutter Mele draußen steht, Bläst auf ihrer Bambusflöt'!« Freie Wiedergabe eines Wiegenliedes nach altsamoanischer Melodie. 117 Zweiter Teil Das Geheimnis des Buschhahns An Gerhart Es dehnte sich das Ungewisse, von Blut geschwängert; unbeseelt. Da glänzte plötzlich die Kulisse, mit seiner Lichtgestalt vermählt. Er spielte auf der Bühne Zeit den Helden auserwählt in Ahnungslosigkeit. Sandalen dämpften seinen Schritt auf den Verandaplanken. Die hohen Farne bebten mit und fuhren fort zu schwanken; es neigte sich wie Pflanzenschaft im Ansturm der Gedanken gebräunten Halses junge Kraft. Er sah sein plötzliches Geschick, das Ende seiner Spiele; es mühte sich sein grauer Blick verschleiert nach dem Ziele; er hob den Kopf und sah uns an aus seiner klaren Kühle: wir lauschten, wie der Regen rann. 119 Begegnung Das war im Amtszimmer der Regierung in Fagamalu, Sawaii: da wählte sich Mr. Harrigan, der »Kaiserliche Amtmann«, die Pfeife Nr. 5 vom Fensterbrett und sprach seufzend zu einer im Raum hockenden Gestalt: »Ja! – Es ist gut, Suisala!« – Und der Häuptling erhob sich mühsam und ging nach Händeschütteln und wiederholtem Dank hinaus. Er ging ein wenig schwankend, als ob er am Fieber leide. Die Pfeife entzündend und stark aus ihr paffend, ließ der Amtmann seine unter rosigen Hautwülsten – er besaß keine Brauen – hervortretenden blaßblauen Augen auf der riesigen Ananas ruhen, die Suisala auf dem Amtstisch zurückgelassen. – Das war denn doch des Teufels! – Seine runde weiße Faust landete hörbar auf dem Tisch. Seinen Suisala, seinen treuen Ratgeber und Freund, loyal seit er ihn als kraftstrotzenden jungen Manaia zu Fagamalu gekannt – Suisala seinen Prachtsprecher – den sollte er krepieren lassen wie einen Hund an diesem leicht kurierbaren Wechselfieber, weil die Regierung zu schäbig war, Chinin zu beschaffen? Einen Arzt zu bezahlen oder die Missionare mit den einfachsten Hausmittelchen zu versehen? – Bis man den Patienten ins Hospital nach Apia schaffte, lebte er vielleicht nicht mehr; wo sollte man auch schnell ein Boot auftreiben, nachdem das »Kaiserliche Motorboot« sich gerade auf einer speziellen Sendung befand? – Feder her! – Eingabe gemacht! – Er griff nach einem 120 Aktenbogen; die Stirn zornig umwölkt und schnaufend preßte er sein mächtiges Körpergewicht näher an den Tisch heran und überlegte . . . Während er so überlegte, ließ er seine Blicke durch den kahlen Raum streifen. Die Messinglampe ihm zu Häupten schütterte leise. Ihm gerade gegenüber zwischen den Fenstern, durch die das bunte Grün flammte, hing eine Aufnahme mit einer flott und zugleich energisch darunter gesetzten Unterschrift. Zwei schläfrige Augen aus einem maskenartig glatten Beamtenkopf trafen in die seinen . . . Ja, wenn der von Vailima einmal herüberkäme, zu einer Inspektion . . . Mündlich würde sich das alles besser machen . . . Dem Format nach paßten sie zusammen, der joviale Irländer und der fette preußische Titelträger dort im Rahmen . . . Aber täuschen Sie sich nicht, Mr. Harrigan! – Eine mündliche Aussprache würde nichts helfen . . . Es muß seinen »Instanzenweg« gehn; das heißt, Suisala wird das Zeitliche segnen, bevor die Nummer auf der Eingabe trocken ist. Ihre Treuherzigkeit wird in einen bureaukratischen Kühlkeller geraten; Sie bejahrter Enthusiast! – Die Feder entsank dem Amtmann. Er fühlte einen Frosthauch im Nacken, denn noch ein anderer war im Zimmer zugegen, als lebensgroße Photographie in einen zweiten Rahmen gezaubert; der ließ machtvolle Blicke an seinen runden Rücken prallen. Und die Messinglampe, die von der Erschütterung des Stuhlrückens noch schwang, schien einen geisterhaften Laut von sich zu geben: – das Klirren ferner, immer lockerer . . . Säbel . . . Suisala, der mit so einsamer Eindringlichkeit hier sein Schausterben vollführte, sank zur unsäglichen Nichtigkeit herab. Der Raum war voll von entrücktem stählernem Prunk, der jedes kleine Sentiment zermalmte. Geistesabwesend schrieb Mr. Harrigan noch seinen Namen unter die Eingabe eines Paters Kummer von Safotulafai, der um die Erlaubnis bat, Destillierapparate benutzen zu 121 dürfen – und zwar zur Herstellung von »Blumenparfüms«. Diese Eingabe vermochte nicht einmal, ihn zu schwacher Heiterkeit zu reizen. Abgrundtief ächzend erhob er sich, rief nach seinem Buggy und schickte einen Leoleo nach einem jungen Mann, einem gewissen Herrn Gerhart Ollendiek, der sich seit Sonnenaufgang in der Nähe befand und auf unauffällige Weise darauf wartete, daß er, der Amtmann, etwas für ihn tue. Gerhart war bald zur Stelle. – Der Amtmann saß bereits, Zügel in der Hand, auf dem Buggysitz, den er erschöpfend auszufüllen schien. Die heruntergeschlagene Krempe des Panamahutes ließ ein Stück des rosigen Nackens frei und gab der runden mit schneeweißem Linnen bezogenen Gestalt das Gepräge eines wohlbekömmlichen Pilzes. Doch da die Körperlichkeit Mr. Harrigans ebenso elastisch war wie sein irisches Herz, fand Gerhart Platz neben ihm. Der Amtmann schnalzte leise, mit freundlichem Geräusch, und das Pferdchen zog an. Unter dem Topfhut hervor betrachtete er seinen jungen Begleiter von der Seite. Dann sagte er – in anheimelndem breitem Brogue –: »Füllen mir mal meine Pfeife; eh? Kann die Hände nicht freibekommen.« – Die erste Furt von Sale‘ia kam; da hieß es aufpassen. – Gerhart pflückte die Pfeife vorsichtig ab, klopfte sie aus, stopfte sie neu und setzte sie an ihren Platz zurück, während das seichte Wasser der Furt an den Rädern emporspritzte. Auch das Entzünden gelang ihm; unter der Pilzhaube qualmte es auf. In Sale‘ia rannten halbnackte Kinder herzu und hängten sich an die Speichen. Der Amtmann entfernte fünf mit dem Peitschenknopf und winkte zwei herauf. Das ältere, ein Mädchen, setzte sich Gerhart auf den Schoß; das jüngere verkroch sich zwischen den Knieen Mr. Harrigans. Es war, was auffiel, blond zu braunem Teint; – er behandelte es auf väterliche Art, und es wollte Gerhart scheinen, als habe dies irgendwie eine tiefere Berechtigung . . . Latū 122 hingegen, das kleine Mädchen mit ungekämmtem Struwwelkopf, duftete restlos nach Samoa. »Wissen Sie: Sie gefallen mir,« sprach Mr. Harrigan plötzlich. »Ich meine die Weise, wie Sie sich eingestellt haben. – Ich kriege sonst immer Leute mit ›Empfehlungen höheren Orts‹ auf den Hals geschickt; verdammt, diese ›Empfehlungen‹. – Ich bin ein alter Mann.« – Und er dachte daran, daß er in ein oder zwei Jahren die Füße auf ein Kamingitter in Auckland legen werde, in Gesellschaft seiner Freunde O'Leary und Kirkpatrick. – »Ich habe immer meine Pflicht getan; Straßen und Brücken gebaut, in Letui, in Tufu . . . Immer ein menschliches Regiment geführt . . . Aber zum Teufel, ich kriege keine Subsidien mehr. Man wird schauderhaft stramm in Berlin. Was soll ich jetzt nicht alles vorstellen: Jurist, Doktor, Seelsorger . . . Bin ich ein Vogel? – Kann ich überall auf einmal sein? Mr. Harrigan kopiert hier das irische Parlamentsmitglied: »Am I a bird who can be at two places at once??«  . . .«   Das Buggy rollte jetzt auf der Strandstraße, deren rechte Seite, von einer niedrigen Tonganer-Mauer gesäumt, steil ins Meer abfiel. Links zog sich ein schmaler Gürtel von Palmen entlang, der sich verwildernd mit dem Busch vermählte; und hoch darüber dunkelte der Urwald, hinansteigend zum Tolua‘i‘ava. Man fuhr eine gute Strecke im Schatten dahin. Safotu war still, als sie anlangten; kaum aber ward das Knirschen der Räder auf dem Sand vernehmbar, als sich in allen Hütten eine lange Reihe herausgewandter lächelnder Gesichter zeigte, die in der Dämmerung unter den Dächern wie helle Flecke schwankten. Ein großer Mensch trat an das Buggy heran; sein Gesicht war wie aus Teakholz geschnitzt. Ein eisengrauer tabakgelber Schnurrbart, durch ein chronisches Nervenzucken gleichsam aus der Balance gebracht, füllte den Raum unter einer Habichtsnase mit messerscharfem Sattel. Die Gestalt stand zunächst eckig und unbeteiligt da; dann lehnte sie sich gegen die Wagendeichsel. 123 Damit, daß Kehllaute unter dem Schnurrbart entstanden, trat ein Mund in Erscheinung, dessen Kleinheit ein seltsames Mißverhältnis zum Kinn hatte; – dies Kinn, groß und knochig, wirkte als viel zu mächtiger Hebel, verglichen mit den ärmlichen Lauten, die es hervorbrachte . . . Die Unterhaltung war beendet. – Der große Mensch trat von der Deichsel zurück; es sah dabei aus, als setze er jedes Glied einzeln in Tätigkeit; gruppiere sich gewissermaßen um . . . Zum Abschied nickte er kurz; doch nicht in vertikaler Richtung, sondern indem er mit dem mächtigen Kinn nach seitwärts in die Landschaft fuhr. Dann, schlendernden Ganges, verschwand er wankend zwischen den Palmen. Mr. Harrigan fuhr weiter. »Der alte Stubbs«, meinte er, »hat anscheinend schon wieder einmal zu tief ins Glas geblickt; dabei ist und bleibt er aber vollkommen Gentleman. Er tut mir jedesmal leid, wenn ich ihn sehe. – Er überwacht hier gerade die Ablieferung eines Kirchendaches im Auftrag von MacGrew. Der hat jetzt amerikanisches Wellblech eingeführt, um die Gegend zu verschönern.« Er grunzte. »Aber was will man . . . es gibt dem Manne zu tun . . .« Er sah betrübt aus und verlor in der Folge kein Wort mehr über Mr. Stubbs. Überhaupt trug er eine Nachdenklichkeit zur Schau, die sich durch keinen Zwischenfall lüften ließ; nur ab und zu richtete er ein samoanisches Wort an den blonden Kinderkopf, der zwischen seinen Knieen hervor mit weltenschwerer Eindringlichkeit an ihm emporstarrte, und an die braunen Finger, die seine Uhrkette am Gürtel mit zäher Geduld zu enthaken suchten – oder er drehte die runden wasserblauen Augen auf die Seite, versteckt unter der Hutkrempe, und versenkte sich mit seltsamem, fast schwermütig-erzürntem Ausdruck in Gerharts Profil. In Fatavalu, Safune, befand sich eine Süßwasserquelle am Strand; die hatte Mr. Harrigan durch sinnreiche Anordnung von Lavabrocken und Bestreuen des Bodens mit 124 Korallenkies zum bequemen Bassin umbauen lassen. Er deutete mit der Peitsche darauf. »Dort ist mein Badezimmer,« sagte er. – »Wir sind am Ziel.« – Die Kinder blieben im Buggy, während er, von Gerhart unterstützt, herabkletterte. Die Ankunft des »Kovana Aligano« hatte sich mit schier elektrischer Schnelligkeit herumgesprochen. Er fertigte eine Gruppe von grinsenden Dorfältesten ab, die sich zur Begrüßung herbeimachten, schüttelte da und dort eine Hand und begab sich unverzüglich zum Baden. Diese Erholung des Amtmanns war zwar eine ziemlich regelmäßige Angelegenheit, wurde aber jedesmal wieder wie ein öffentliches Schauspiel genossen, das immer neue Überraschungen versprach. Deshalb war der Stamm der umgestürzten Palme in der Nähe dicht besetzt von Kindern, Jungfrauen und alten Vetteln. Voll kichernder Vorfreude, erschüttert von Albernheit, drängten und zwängten sie sich um die besten Sitze. Eine unsichtbare Linie, von Höflichkeit gezogen, verhinderte die Zuschauerschaft, sich mehr als etwa zwanzig Schritte dem erwarteten Schauspiel zu nähern. Nur eine von den Alten schien ein Privileg zu genießen. Sie erschien mit zwei schneeweißen Badetüchern und zwei Lavalavas und breitete sie sorgsam auf den runden Steinen aus. – »Diese Dame wird uns bedienen,« schmunzelte der Amtmann. »Sträuben Sie sich nicht; es ist die einzige Freude ihres Alters. Seit zehn Jahren tut sie das . . .« Die Greisin wurde jovial begrüßt und ließ die Augen unter einem Gewimmel von Runzeln versinken; nahe der eingefallenen Nase geriet ein tabakgelber Zahnstumpf in einsames Entzücken. Sie war uralt . . . Die Sage ging, daß die Berührung mit der märchenhaft rosigen Haut Mr. Harrigans, die abzutrocknen ihres Amtes war, ihr jedesmal neue Lebenskraft einflöße; daß sie sich dadurch seit langem künstlich am Leben erhalte . . . Dieser Glaube mochte berechtigt sein; denn sie glich einer 125 krummen Wurzel, in der sich rätselhaftes Leben regte, und warf den Schatten eines zwölfjährigen Kindes . . . Gerhart und der Gouverneur entkleideten sich. Mit erwartungszitterndem Ernst paßte die Alte den Moment ab, wo sie ihnen die beiden violetten Lavalavas reichen durfte –eine eindrucksvollere Szene wäre keiner erprobten Hofdame gelungen, der solche Funktionen lebenslang vertraut sind. Mr. Harrigan hockte wie ein großer weißer Frosch auf dem Grunde des kristallklaren Beckens, während Gerhart noch auf dem Steinwall sitzen blieb. Von der Flut zurückgebliebene oder verirrte Meerfische, purpurn, grün und blau, schossen in ratlosem Zickzack an den Rändern des Bassins umher. Mr. Harrigan lachte und deutete nach der umgestürzten Palme: wo soeben noch eine Reihe von Brüsten gewesen, zeigten sich jetzt runde, von stoßweißem Prusten erschütterte Schultern. – Sobald aber die Augen, verstohlen zurückrollend, von dem Anblick der beiden Pa‘alagi naschten und auf Gerhart trafen, blieben sie gleichsam im Nacken stehn . . . Des Kovanas altvertraute Fülle hatte einen neuen Hintergrund erfahren; – Gerharts schlanker, mattweißer Körper erregte mehr Bewunderung als Humor. Er ließ sich hineingleiten; und eifriges Flüstern trat an die Stelle haltlosen Kicherns. Mr. Harrigan winkte, und ein halb Dutzend Kinder, die darauf gelauert zu haben schienen, purzelten Gerhart nach. Es war ein maßloses Gejubel und Geplantsche; ein Wirbel von elfenbeingelben oder kaffeebraunen Gliedmaßen und schwarzen Lockenstrudeln, aus denen Silber spritzte . . . Und dieser Wassertanz hüllte Gerhart ein wie eine Welle von betäubendem Leben. Er fühlte glatte Leiber eidechsenartig zwischen seinen Knieen hindurchschlüpfen und sich über seine Brust winden; es umzappelte ihn, stieß ihn, rieb sich an ihm von allen Seiten . . . Hier, zum erstenmal, lüftete sich die Nachdenklichkeit des eirunden Kopfes mit der rosigen Haut, und er gab ein 126 beträchtliches weithindröhnendes Gelächter zum besten. Darauf erließ er einen samoanischen Befehl, und die Kleinen knüpften ihre Lavalavas ab, bliesen sie auf, bis sie wie Ballons auf dem Wasser schwammen, betteten sich darauf und ließen sich strampelnd treiben. Die Sonne lockte zarten Dampf aus den nackten geschmeidigen Kinderkörpern . . . In einer Sprühwolke von Gekreisch und funkelndem Tau stiegen die beiden Pa‘alagi aus dem Bade. Die alte Person hatte die Frottiertücher in Bereitschaft und machte sich alsbald über den Amtmann her. Mit zärtlicher Gründlichkeit glitten die runzligen Finger über die gepolsterten Schultern und den breiten Rücken des Machthabers . . . Dann, unaufhaltsam wie das Verhängnis und gleich einem Kobold grinsend, ging sie daran, sich mit Gerhart zu befassen. – »Lassen Sie ihr den Spaß,« sprach der Amtmann und zwinkerte ihm zu. Die Alte war wie außer sich. Sie stimmte, während sie das Tuch um Gerharts Schultern legte, mit verrosteter Stimme einen Singsang an. – »Das Lied ist ausgestorben; altsamoanische Melodie,« erklärte der Amtmann. »Wenn sie sich aufregt, bekommt man noch allerhand interessante Sachen aus ihr heraus; aus der Zeit, wo man noch die Flöte blasen konnte . . . Sie erklärt Ihnen gerade ihre Liebe.« – Gerhart spürte eine Beklemmung. Die graugelben Arme, wie verschrumpfte, auf schauerliche Art lebendige Wurzelstränge, preßten sich um seine Brust, und die tastenden Knochenfinger jagten ihm Frost durchs Gebein; so erklärte er sich sehr bald zufriedengestellt . . . Der Amtmann übersetzte ihr: ›Man sei entzückt über die Bedienung; man fürchte jedoch sie zu ermüden und es sei gut!‹ – worauf die Greisin widerwillig abließ und sich kreuzbeinig auf den Boden hockte. – Als sei ein jahrzehntelang verspätetes Feuer mit verzehrender Heftigkeit in sie gefahren, ließ sie ihre Augen affenartig flink über jede Bewegung Gerharts wandern; kratzte sich im dünnen eisgrauen Haar und nahm die Badetücher zu sich, die sie abwechselnd 127 entfaltete und zusammenlegte. Dann begann sie mit näselnder Stimme Verse zu singen, zwischen die sie lange Tiraden flocht . . . »Wenn Sie wüßten, was sie sagt,« meinte Mr. Harrigan, »würden Sie eitel werden; sie hat in ihrem Leben noch keine so ausgiebigen Komplimente hervorgeholt wie Ihnen gegenüber . . . Damit verglichen hat sie selbst mich wie einen Waisenknaben bedacht.« Sie waren angekleidet und gingen zum Buggy zurück. Die Alte blieb hocken. Es war etwas Unheimliches in der uhrwerkhaften Art, mit der sie fortfuhr die Tücher zu entfalten und wieder zusammenzulegen. Sie glich dem Gebilde eines Traumes, der Zerrbilder von Menschen entstehen läßt, die ähnlich sinnlose Gebärden machen – und wir, im Innersten, glauben sie dennoch schaudernd zu begreifen . . .   Der Amtmann war weit besserer Laune, als man zurückfuhr. Die beiden Kinder nahm er wieder mit, um sie nach ihrer Spazierfahrt in Sale‘ia abzusetzen. Dann, endlich, brach er seine Einsilbigkeit mit einer Ankündigung, auf die Gerhart geduldig gewartet hatte. – »Zurückkommend auf die ›Empfehlungen‹ von denen ich vorher sprach, – so sind in den letzten Jahren dann und wann Leute zu mir gekommen, ›Ethnologen‹, wie sie sich nannten; ›interessiert für Sitten primitiver Völker‹; auch ›Gelehrte‹, wenn Sie wollen, die in schöner Harmonie mit diesem ›sanften Volke hier zu wirken‹ gedachten; schlechtangezogene ahnungslose Stubenfiguren mit fertig erstandener Tropenausrüstung . . . Mein lieber Herr Ollendiek, was für eine Menagerie beherbergt doch Ihr Vaterland! – – Sie hatten zu Hause die ›samoanische Sprache‹ erlernt; selbstverständlich gab ich ihnen zwei farbige Boys mit; die machten ihre eigenen Preisaufschläge und ließen ihre Verwandtschaften in den Dörfern profitieren bis zu 128 Vettern sechsten Grades . . . Als die › Malaga ‹ zu Ende war, hatten die Herren Kiefernstarrkrampf vom ewigen Grinsen; von Gebräuchen und Gepflogenheiten waren ihnen nur die bekannt geworden, die mit dem Schwund ihrer Kasse zusammenhingen. In den Artikeln blieb Samoa die ›Perle der Südsee‹. Andere kamen, denen ging's genau so. – Jedesmal gab ich ihnen dieselben Boys mit . . . In Ihrem Falle jedoch mache ich eine Ausnahme; Sie bekommen einen Fachmann. – Er ist zwar auch nicht geradezu das, was man Altruist nennt; aber ich esse meinen Kopf darauf, daß er ein Fachmann ist. – Er wird heute Abend in Fagamulu sein . . .« »Wie sieht er denn aus?« »Er trägt rote Haare und ist auffallend dürr . . . Er ist aber recht amüsant; und wenn ich mich einmal gut unterhalten will, dann bitte ich ihn auf Besuch. – Er ist dem Whisky nicht abgeneigt; das schadet aber weiter nichts im persönlichen Verkehr mit ihm; nur freilich in seinen Stellungen hat er sich nie lange gehalten, und das ist auch der Grund, weshalb er ab und zu einen kleinen Nebenverdienst brauchen kann . . . Wenn ich mir für Sie jemand heraussuche, dann weiß ich, wen . . .« »Sie verwöhnen mich, Mr. Harrigan . . .« »Verwöhne ich Sie, so verwöhne ich Sie . . . Tragen Sie darüber keine Sorge. – Übrigens: der Mann redet gern und viel; mein Gott, kann der Mann reden. Er braucht nur jemand, der ihm zuhört; also wenn Sie das tun, haben Sie ihn in der Tasche. – Um sieben Uhr, schätz ich, kommt er an; ich habe das Motorboot heute früh herübergeschickt.« Gerhart machte einen Anlauf, zu danken . . . »Erwähnen Sie das nicht, Herr Ollendiek. – Ich bin nicht umsonst die Regierung hier; und glauben Sie mir: ich mache mir ein Privatvergnügen daraus, etwas für Sie zu tun . . .« 129 Nach der Rückkunft in Fagamalu begab sich der Amtmann in das geräumige Samoahaus, in dem er zu schlafen und sich umzukleiden pflegte. Gerhart hielt sich auf der Wiese vor dem Amtshaus auf.   Was Grothusen betraf, so war er am Morgen desselbigen Tages in einer Verfassung erwacht, die ihn noch um einen Grad weniger tolerant mit seiner Umgebung stimmte als gewöhnlich. Zum Teil kam das daher, daß der reichliche Alkoholgenuß des vorhergehenden Geburtstages es ihm zwingend nahelegte, von dem täglichen »Augenöffner« abzusehn und sich mit schlichter Kawa zu behelfen. Mr. Harrigans Brief, durch einen mit den Reichsfarben beschärpten Leoleo überbracht, fiel dämpfend in eine Stimmung, die sich in fliegenden Gegenständen, besonders in einer krachenden Wiederbelebung des altersmüden Stuhles äußerte. Tai, den Kopf witternd gebeugt, wagte sich nach einer lebhaften Umkreisung der Hütte wieder in des Hausvaters Nähe. Denn er stand, sein zerknülltes Lavalava mit abwesenden Gebärden ordnend, seltsam besänftigt da und nahm Kenntnis von einem Handschreiben, auf dem ein rotes Siegel prangte. Rasche Entschlüsse schienen ihn zu durchzucken. Er kleidete sich unverzüglich an und ging hinweg. Den Brief hielt er in der Hand, während er munterer denn je dahinschritt; und in der Tat bewährte sich dies Papier als ein Sesam . . . Im Laden von Hopkins ließ er fallen, ›sein Freund, der alte Harrigan, beanspruche ihn einmal wieder mit dem Ersuchen um eine Gefälligkeit, deren diskret-politischer Charakter ihm leider eine nähere Erläuterung erschwere. Doch zwinge ihn ihre Wichtigkeit, sich mit einem neuen Anzug auszustatten‹. Der Händler sah das ein. Von dem Regierungssiegel hypnotisiert, rechnete er sich's zur Ehre, ihm jeden Kredit aufzutun . . . 130 So verließ Grothusen – Gegenstand kinnschlaffer Andacht für zehn schwarzhaarige Köpfe, die Türen und Fenster füllten – gehüllt in strahlendes steifgebügeltes Linnen, den Laden und verfügte sich, prächtig unterstützt von zwei buntbeschärpten Leoleos, von der »Bismarckbrücke« herab in das harrende Motorboot. Auf der Überfahrt überlas er den Inhalt des Schreibens zum drittenmal. – Demnach sei ein junger Herr von Distinktion auf Sawaii eingetroffen; derselbe beabsichtige, mit Hilfe eines kompetenten Führers, eine Fußwanderung um die Insel zu unternehmen. Beim Lesen dieses Briefes kamen Grothusen verschiedene Gedanken. Wiewohl er gänzlich damit einverstanden war, daß man so beträchtlichen Apparat seinethalben in Bewegung setzte, erfaßte ihn doch eine etwas unbehagliche Neugier, was der alte Harrigan diesmal bezwecken möge. Frühere Mitteilungen zwischen den beiden hatten sich auf ganz informelle Weise erledigt. Wenn er ihn jetzt durch zwei Leoleos und jenes prächtig lackierte Beförderungsmittel der Regierung abholen ließ, so wollte er jedenfalls damit andeuten, daß man an den offiziellen Menschen in Grothusen, an den Europäer, appelliere. Man mutete ihm also eine Rolle zu, die er ja zweifellos glänzend beherrschen würde; aber trotzdem . . . Ein klein wenig bessere Vorbereitung darauf hätte immerhin nichts geschadet! Um den Kern der Sache zu treffen: man erinnerte sich höheren Orts an ihn. Ha, wäre es nicht auch auf die Dauer schwierig gewesen, ihn zu ignorieren? – Was? – Ob es nun in diesem Falle ein preußischer Regierungsrat war, einer von denen, die mit abgehackt-gequetschter Stimme tieferen Kreaturen überrumpelnde Schicksale zumessen; etwa mit der Begründung: »Na, Sie könnten sich auch mal nützlich machen . . .« – oder ein jovialer alter Irländer, der selber darüber erstaunt war, wie er zu dem Titel: »Kaiserlicher Amtmann« kam, das verschlug nichts. – Es war »höheren Orts«. – Sein Wesen trug daher den Stempel 131 des Empfangenden. Im Unterbewußtsein des Buchhalters rührte sich das dumpfe Gefühl des Durchschnittsdeutschen, selbst Fußtritte, »höheren Orts« korrekt verabreicht, seien unter Umständen eine Schmeichelei; ist dies doch schließlich auch ein Beweis, daß »man« sich seiner »erinnert« . . . Auf der andern Seite erkannte Grothusen das Praktische an der Angelegenheit. Er hatte zwar noch nie mit Touristen näher zu tun gehabt, sagte sich aber, daß er diesmal mit Hervorkehrung einer gewissen Würde und Entfaltung seiner geheimeren Inselkenntnisse genug Pfunde Sterling einheimsen könne, um sich seine Bärenhaut und seinen täglichen Magentrost für ein weiteres halbes Jahr sicherzustellen. – Ach, diese Firmenchefs! – Diese wabblig-gedunsenen Bierschwämme! – Diese Halfcaste-Snobs ! – Dieser Amerikaner mit dem steinernen Herzen! – Er würde nicht mehr nötig haben, ihnen mit der Bitte um das Almosen einer Anstellung die Türen einzurennen . . . Seine magere weiße Faust schloß sich krampfhaft um die Geländerstange. – Nur herausholen, dachte er dabei, was herauszuholen ist . . .   Durch die Reihe der Leoleos, die sich auf einer Bank vor dem Amtshaus von der Abendsonne bescheinen ließen, ging eine Bewegung. Einer erhob sich und deutete mit dem Ausruf »Kotūsa!« aufs Meer hinaus; Gerhart erspähte auf dem funkelnden Horizont ein schwarzes Pünktchen, das sich schnell wachsend näherte. Fernes Summen schwoll zum Knattern an, verlangsamte sich und starb dahin. Ein Motorboot schoß mit weicher Gleitkraft durch die Lücke des Riffs und bremste in der Mitte des Hafens. Die Leoleos stürzten sich selbsechst auf ein Ruderboot am Strande, machten es flott und gingen gleichsam zu einer wilden Attacke über. Ein Lied sprang auf; befördert von seinem sonoren Refrain eroberten sie ihr Ziel und halfen einer weißen Gestalt, spinnengliedrig zu ihnen herüberzusteigen. 132 Als der Erwartete an den Strand stieg, ging Gerhart ihm entgegen. Die Gestalt streckte die Brust heraus, schritt stelzend heran, schleuderte, mit der umfassenden Herzlichkeit zweier nach oben gedrehter Handteller, beide dürren Arme wagerecht nach vorn und sprach mit eingedrücktem Kinn und einem tiefen Baß, der vor Leutseligkeit bebte: »Mein junger Wandergefährte . . .?« – Die ganze Betonung schien auszudrücken: »Nur keine Sorge; zwei Kerle wie wir, die werden sich schon vertragen; was?« Gerhart erwiderte den Händedruck. Ein unbestimmtes Frösteln kam ihn an und eine Art von blitzartiger Ahnung: Wo habe ich dich schon gesehen? . . . Doch überwand er das Gefühl so schnell, als es ihn streifte. Mr. Harrigan indessen, ausgeschlafen und wie aus dem Ei gepellt in einem Abendanzug aus gelber Rohseide, tauchte schmunzelnd zwischen den Palmen auf und begrüßte den Kömmling. Grothusen setzte zu demselben leutseligen Krähen an, dämpfte sich aber in der Folge zu einer leicht mit Vertraulichkeit gemischten Bescheidenheit, die offenbar doch besser am Platze war . . . Hierauf überließ der Amtmann die beiden einander; er müsse noch einen Blick auf die Vorbereitungen zur Mahlzeit werfen . . . Er verfügte sich in das weitläufige Bungalow, das in der Nähe des Amtshauses lag und zum Empfang von Gästen diente. Er prüfte die Temperatur einer sehr alten Flasche Chateau-Lafitte, entstaubte ihre Etikette und blickte dabei aus dem Fenster. Er hatte einmal den Schwur getan, diese Flasche nur zu einer ganz besonderen, einer umwälzenden Gelegenheit hervorzuholen. Fern auf dem Weg leuchtete Gerharts blonder Kopf, getroffen von einem letzten Rest des Lichtes. – Des Amtmanns runde blaßblaue Augen blickten starr hinüber. »Wer ist es,« dachte er – »der zu so später Unzeit in mein Leben einbricht – und mich wünschen läßt, er wäre mein Sohn . . .?« Er zog den Kork aus und schnupperte an der Blume. Die 133 Zikaden draußen hoben ihr messerscharfes Schrillen an. Hier war es warm um ihn; hier hatte er seine inhaltlose warme Sicherheit . . . Und wenn diese Wärme einmal nicht mehr stichhielt, dann gab es ja immer noch den Kamin in Auckland . . . Ein Stück vom Anfang Wann ich noch Schullehrer in Falealili war, Herr Ollendiek? – Kürzlich, meinen Sie? – Mein Gott, nein, täuschen Sie sich da beileibe nicht! – Es ist an die zwanzig Jahre her . . . Nicht mehr aktuell, sagen Sie? – Kommt mir wie gestern vor; das Leben ist hier wie ein Tag, wie ein Sommertag, sozusagen . . . Die Samoaner glauben, ein Jahr Bildung genügt, und holen ihre Bambusen nach dieser Frist wieder ab. Ein Jahr lang hat man sich nun heiser geschrien und doziert, und übermorgen steht der Naturmensch in nackter Schlichtheit wieder da. Ihre Köpfe haben drei Löcher wie Kokusschalen; da bläst man hinein. Es dröhnt gewaltig für den Augenblick; dann aber herrscht wieder die alte sommerliche Dummheit. Es ist kein dankbares Geschäft, unter diesen Umständen Schullehrer zu sein. Außerdem sah ich bald genug ein, daß es auch ein vollkommen überflüssiges Geschäft sei. Ich hatte meine individuelle Auffassung: Anpassungstheorie an das Inselhirn oder wie Sie's nennen wollen; da hieß es denn bei den frisch importierten deutschen Bierbankpaukern: ›Der Grothusen fällt aus dem Rahmen des Lehrplans, folgt den Vorschriften nicht, usw. . . .‹ – – Und je mehr die Bengel an mir hingen, desto mehr Berichte liefen gegen mich ein. Auf Samoa hat man Zeit, Berichte zu verfassen . . . Kurzum: der Kram wurde mir verekelt. Fremde Sprachen sind überhaupt ein Irrsinn. Es macht die Leute nur aufsässig, wenn sie europäische Zeitungen in die Hand kriegen und daraufhin halbverdaute Artikel in Form von phantastischen Sagen durch die Dörfer wandern . . . 134 Ich tat mich in der Folgezeit mit einem kräftigen Menschen zusammen; hieß Schütte; war Zeitgenosse der drei Regierungen und 'n ehemaliger Bankangestellter; hatte sich Geldbeutelschwindsucht geholt an Mitinhaberschaft des Zentralhotels, der alten Teufelsbude . . . Nach der Sturmflut verkrachte er sich mit seinem Kompagnon und fristete sein Leben als Hilfsarbeiter am Zollamt und an wilden Schweinen, die er im Busch bei Tanumalēto schoß . . . Durch ihn lernte ich meine Haushälterin kennen, die jetzt alle Rechte einer richtiggehenden Frau hat –: straf mich Gott! Er war nämlich befreundet mit einem gewissen Capt'n Baldamus; und der hatte 'n Verhältnis mit der Witwe des Yankee-Konsuls Poe – Tonga-Samoa-Mischung und entzündbar wie Schießpulver. – Capt'n Baldamus baute damals die Regierungsjacht O-le Aeto ; steckte aber die Gelder dafür in die Ausstattung der Konsulin-Witwe, wurde erwischt und brachte sich um . . . Trauriger Fall . . . Auf die Freundin nun dieser Dame warf Schütte ein Auge. Hieß ›Ebbe am Nachmittag‹; grundanständiges Weib mit sagenhaftem Stammbaum; – fünfmal so alt wie die Tonganerwälle. War dreißig Jahre alt und gefiel mir durch ihr ruhiges Wesen. Alles Gute an Schütte zugestanden: er war doch 'n ordinärer Geselle, zeigte keine Spur von Bildung und wollte immer gleich aufs Ganze. Trank stark. – Wer ihn aber durchschaute, war Tai‘afi‘afi. Sie gab mir den Vorzug; keine Feindschaft drum mit Schütte; der half sich anderswo. Tai hatte Blick für Familie. Ich konnte ja auch nicht mit ihr konkurrieren; aber ich hatte Bildung genossen; 'ne Prachterziehung in Hamburg; und so was verliert sich nicht; das hält wie doppelt genäht . . . Meinerseits reizte mich ihre Häßlichkeit. Häßlich war eigentlich nicht das richtige Wort für sie; sie hatte ausgesprochene Rasse in ihrem Gesicht. Mich stieß das nicht ab; hatte meine Gründe; 135 schwerwiegende Gründe. Davon später vielleicht einmal, wenn überhaupt . . . Heiratet man fa‘asamoa das heißt, zieht man zusammen nach ein paar Runden von Begrüßungstoasten, ausgiebiger Fütterung eines halben Dorfes und dicken Schwurleistungen, unterstützt von zwei Salzfleischfässern, Stapeln von Lavalavas und sonstigem Ladenkram – so tut man gut, die Mitglieder der A‘iga zu zählen; denn die heiratet man auch. Insofern nämlich, als sie einem später ständig auf dem Halse liegen. Bei Tai lag die Sache günstig. Ihr einziger Bruder Toomalaitai war bei der Verteidigung des Lootanuu von der Mataafa-Partei geköpft worden. Es gab noch zwei Kinder dieses Bruders und Tais alte Mutter, für die ich aufzukommen hatte; – der eine Bursche hat sich seitdem in der Fika‘fika-Truppe 'nen Sonnenstich geholt, und der andere ist heilig geworden und fällt von selbst weg. Das war also alles. Sobald ich die Sache überschlagen hatte, machte ich mich an die ›Werbung‹. – – Glauben Sie aber nicht, Herr Ollendiek, daß das ein Kinderspiel gewesen wäre. Als die alte Ta‘ele hörte, daß Tai sich mit einem Weißen einlassen wollte, warf sie mit schweren Töpfen um sich, und die Kinder weinten. Ich kam in die Hütte; das Stimmenkonzert vergesse ich heute noch nicht. Tai, trotzig und tapfer, saß hinter dem Moskitonetz. Sie schwieg und blickte zu mir heraus durchs Gewebe; das machte mir Mut, so daß ich das Schlachtfeld behauptete, bis die Alte mit den Kindern vor Wut die Hütte verließ. Wir sprachen wenig und sahen uns nur an; ich hockte draußen und sie drinnen. Nach zwei Stunden kam die Alte zurück, begrüßte mich freundlichst, als ob sie mich nie gesehn habe, gebrauchte Ausdrücke, wie: ›Worte machen kein Loch in den Leib‹, und: ›Möge dein Sinn wie kühles Wasser sein‹ Die Redensarten: »Worte machen kein Loch in den Leib« und: »Möge dein Sinn wie kühles Wasser sein« erlaubte ich mir dem köstlichen Werkchen von Dr. Schulz, »Sprichwörtliche Redensarten der Samoaner« zu entnehmen. ; und dann befahl sie der Tochter, die Kawa zu machen. – Ich hatte gesiegt. 136 Weil ich sah, daß das Weib es ehrlich meinte, zog ich in die große Hütte um und blieb da zwei Wochen, während welcher Zeit wir uns miteinander ›befaßten‹ und gut bekannt wurden. Ich hatte inzwischen auch bei Gravenhagen eine Stellung gekriegt und konnte den Ansprüchen, die man an mich als ›Ehemann‹ stellte, gut genügen. Dann wurde ich nach Sawaii versetzt, nach Fagamalu zunächst; und Sie irren schwer, wenn Sie glauben, daß ich etwa die ›Ebbe am Nachmittag‹ mitgenommen hätte! – Nein, mein Lieber; das hätte gegen Grundgesetze der Inselpolitik verstoßen! Man muß von Zeit zu Zeit einmal so tun, als ob man sie entbehren könnte; dann sieht man, ob die Weiber gute Rasse sind . . . Außerdem mußte ich erst mal sehn, was für eine Position ich ihr bieten könne. Als die älteste hübsche Halfcaste -Tochter des alten Nelson sich an mich ›ranmachte‹ – und kein Wunder das, insofern ich ein strammer Kerl war – merkte ich, daß ich die gute Tai nicht vergessen konnte und fest entschlossen war, sie nachkommen zu lassen. Mittlerweile wanderten Briefchen mit der Adresse: I lana Afioga Tai‘afi‘afi i Matautu wöchentlich zweimal mit dem Postmotorboot von Fagamalu nach Apia. Waren in musterhaftem Samoanisch abgefaßt; Talent für Sprachen hab ich ja immer gehabt . . .   Unter den Leuten, die ich da in Fagamalu traf, gab es liebe Menschen. Zwei davon waren noch von der alten Garde; noch aus jenen Zeiten, wo sie von der Tokelaugruppe auf einem Floß herübergeschwommen kamen und ein unvergeßliches Schnaps- und Pascharegiment gründeten . . . Sie waren graubärtig, Brunnen an Weisheit und das, was man ›akklimatisiert‹ nennt . . . Sind aber keine Patriarchen geworden . . . Hatten so eine Art Unruhe im Blut, die sie mit Rum oder Gin glätten mußten; irgendwo haperte es bei ihnen; war etwas faul . . . Was meinen Sie da . . .? – ›Das ewige Lächeln?? ‹ – Lassen Sie 137 sehen . . . Drücken das gut aus; by Jove !! – Das war's! – Krause Ausdrucksweise zwar, Herr Ollendiek . . .« Gerhart erinnerte sich später noch, daß Grothusens Augen bei diesem knarrenden Ausruf gläsern wurden und daß er etwas wie Entdecker-Enthusiasmus zeigte. »Da hatten sie sich nun gerade in Fagamalu versammelt, um den Geburtstag vom alten Nelson zu begießen. Zunächst war da der Capt'n Lundt, Yardinspektor bei der Hamburger Firma; hatte die schwarzen Jungens Der Ausdruck wird nur von melanesischen Kontraktarbeitern gebraucht. von Buka unter sich. Der Lundt . . . wie soll ich Ihnen den schildern? – Seit ich ihn kannte, trank er täglich seine halbe Flasche Gin . . . zuweilen auch eine ganze; da passierte ihm denn manches Denkwürdige . . . Er kippte einmal mit seinem Walboot um und setzte sich auf den Kiel; er hatte gründlich vorgesorgt; so war er der einzige, der nicht an Land schwamm. Als er an Solosolo vorübertrieb, saß da der Häuptling Laiafi in seinem Hochsee-Fischkanu. – › Fia ola! ‹ schrie Lundt. › Efia le totogi? ‹ schrie Laiafi zurück . . . Ist 'ne böse Verletzung der einfachsten Etikette, müssen Sie wissen; aber Laiafi war damals noch ein dummer junger Bulle, und sein Kanu-Kommando mochte ihm zu Kopf gestiegen sein. Lundt fluchte und nannte den anderen ein ›Schwein von einem Nigger‹ und sagte, er wolle lieber versaufen, als sich von ihm helfen lassen. Er trieb bei Tiavea ans Land; dreiundzwanzig Meilen entfernt. Hat aber seine Genugtuung gekriegt . . . Noch kürzlich bin ich dem Häuptling begegnet und hab mich erinnern müssen . . . Laiafi kriegte eine Blinddarmentzündung und kam ins Hospital zum Doktor Säuerlich. Lundt war gerade – faute de mieux – dort Helfer und stülpte ihm die Maske übers Gesicht. Laiafi erkannte ihn und wurde grün. › Fia ola!! ‹ stöhnte er. – › Efia le totogi? ‹ meinte jetzt Lundt . . . Kein Mensch hat herausbekommen, wie das 138 zuging; aber Lundt bekam später eine große Bananenparzelle in Papa‘uta für einen Pappenstiel . . . Einmal kam der Leutnant vom ›Bussard‹ mit der Pinasse an die Werft und schnauzte ihn an: ›Sind Sie der Kerl, der die Kohlen ausliefert?‹ – Lundt, der gerade schläfrig am Strand stand, sah sich die schimmernde preußische Autorität an und fragte: ›Und sind Sie der Kerl, der die Kohlen holen soll?‹ – – Er schluckte, wie gesagt, nichts 'runter. – Nur Gin. Für den Fall seines Todes machte er aus, wir sollten ihm sein Grab mit leeren Flaschen umrahmen; wir brachten drei Reihen zustande; der Vorrat war groß . . . Übrigens starb er an seinem Posten. Er bekam das Patent für Ewer, für kleine Fahrten, und betrieb Gewehrschmuggel nach Sawaii . . . Meine Station ist dadurch traurig berühmt geworden! – Als ihm nun der ›Sperber‹ einmal hart auf den Fersen saß und er wieder nicht schwimmen konnte, kriegte er das D. T. im Schiff; die Samoaner schmissen die ganze Ladung Munition über Bord und rissen aus . . . So fing man ihn ab . . . Schade . . . Dann war noch einer da, Rasmussen, Pflanzungsverwalter für dieselbe Firma in Leutu Saovā, Mulifanūa; Inselkapazität ersten Ranges . . . Der steckte gewöhnlich mit einem Chinesen-Kommissar zusammen, einem Schweizer von der Station Pa‘epa‘ealā . . . Ähnliche Charaktere . . . Die beiden machten einmal aus, es solle ihre Sache sein, wie sie das Geld für die Firma verrechneten. Ich selbst war immer 'n strammer Kerl und kein Spielverderber; nun gab es aber damals – genau wie heute; God damn – streberhafte junge Dachse, ›Buchhalter‹ grün von Hamburg; und die schnüffelten anderen Leuten von grauer Südseeerfahrung gern in die Bücher. Da kam nun so einer an, fand nur den Schweizer vor und sprach von ›saumäßiger Kladde‹, und wo das ›Soll‹ wäre, und wo das ›Haben‹ wäre; und auf einmal kam Rasmussen von der Wildschweinjagd zurück. Nun müssen Sie wissen, daß er 'ne imponierende 139 Erscheinung war und einen Großvaterbart bis an den Gürtel trug. Als er den grünen Buchhalter sah, fragte er, was los sei; und der Schweizer berichtete: ›Der Herr verlangt doppelte Buchführung‹. Rasmussen ließ sich das wiederholen. Dann wurde er violett im Gesicht. ›Was?‹ schrie er. ›Der junge Mensch verlangt, daß ich alles zweimal aufschreiben soll?‹ – Der Buchhalter sah die Winchesterbüchse zum Vorschein kommen, erkannte, daß er aus dem Rahmen fiel, und bestand nicht weiter darauf . . . Mit dieser fünfschüssigen Büchse pflegte er noch andere Scherze zu machen. Wenn er eine Gesellschaft in seiner Samoahütte gab, hockte er sich mit der Büchse in die Mitte, und die Gäste saßen an die Pfosten verteilt. Jeder kriegte sechs Flaschen Bier vorgesetzt, und Rasmussen kommandierte, Finger am Hahn: ›Wer aufsteht, ehe die sechs Flaschen Bier bis auf den Nagel geleert sind, hat im Leben keine Sorgen mehr . . .‹ – Von der Kingsmillgruppe, von Tapituea, wo er zuerst geheiratet hatte, besaß er eine Tätowierung, und das war vielleicht der Grund, daß er keine Kleider an sich vertrug, wenn er besoffen war. Dann schoß er auch grüne Nüsse von den Palmen. Er konnte gefährlich werden . . .   Doch ich merke, Herr Ollendiek, ich schweife ab; ich will ja in der Hauptsache von mir reden, was? Sie sehen also, die drei waren scharfe Köpfe und verdienten bis zu 'nem gewissen Grade Respekt; verlangten auch von mir als von 'nem Neuling, daß ich ihren Ratschlägen lauschte. Ich kam mir aber bereits mächtig gerissen vor und ließ fallen, ich hätte da und da eine ›Haushälterin‹ die wollte ich mir nachkommen lassen. ›Soo . . .‹ hieß es dann; und die drei sahen sich an. – Wer das sei? – Als ich ihnen den Namen nannte, fiel ihnen zwar nichts Nachteiliges ein; aber dann ging es los. Man suchte mir im allgemeinen davon abzuraten. Lundt schwur darauf, ich sei schon im vornherein ruiniert, 140 wenn ich sie kommen lasse. Ich würde die ganze A‘iga auf dem Hals haben; und ob mir klar sei, was das heiße? Geschenke hier und Geschenke da; schon manch eine Karriere, vergnügt und unbefangen begonnen, sei in der Knospe auf diese Weise sozusagen erstickt worden. Geschäftsinteressen heischten, daß man ewig grinse; das reibe auf; das mache früh alt und mürrisch; sie ihrerseits hätten das Grinsen nie mitgemacht. Famoser Ausdruck, das da vorhin von Ihnen, Herr Ollendiek, vom ›Ewigen Lächeln‹; erstaunlich, wo Sie das her haben . . . Stimmt; stimmt ganz genau . . .« Pause. In Grübeln verloren reinigte sich Grothusen seine Brille und sah dabei wie ein blindes Pferd in die Tiefe der Pflanzung hinein. – Dann fuhr er fort: »Rasmussen meinte, er wäre zwar immer auf seine Kosten gekommen, wenn er gewollt hätte; auch hätte er immer ein Weib in der Bude gehabt; aber unverbindlich, Schwerenot, unverbindlich! . . . und es hätte ihm nie einen Pfennig an sie oder andere Kanaker gekostet. Er schrieb, das beste wäre, eine so zum Hausgebrauch zu nehmen; aber nichts Dauerndes! – Nur nichts Dauerndes!! – Und keine Kinder! – Und dann wieder 'raus damit! – Das sei sein Prinzip. Behandle man eine mal anständig, dann sei sie wie eine Klette; dann sitze man in der Patsche; dann kämen Ansprüche, Verpflichtungen und alle verdammten Konsequenzen . . . Er wurde geradezu wild über meinen Plan, Tai nachkommen zu lassen. Gäbe ich solchen Weibern den kleinen Finger, so nähmen sie schwaps den ganzen Arm; – ja die ganze Person. – Er war ein guter Kerl, der Rasmussen; aber doch ein wenig roh in seinen Ansichten. Dann kam der alte Nelson zu Wort. ›Sehen Sie, Grothusen‹, so etwa sagte er, ›Ihr Plan, sich da mit einer hohen Taupou zusammenzutun, ist ja schön und gut; kann Ihnen nützlich sein im Geschäft; und Gravenhagen wird nichts dagegen haben. Nun aber habe ich hier einen Freund, 141 heißt Paape, hat es genau so gemacht; und Paapes wegen würde ich Ihnen nicht gerade dazu raten! Hatte keine Psychologie im Leib! Verstand nicht so viel – und Nelson schnippte mit den Fingern – von dem Volke hier! – Sonst wär's ihm nicht im Traum eingefallen, die Tochter des Tuli‘ma‘le‘Alii‘Fanu von Falelatai zum Weib zu nehmen . . . Er krähte absolut falsch! – genau so, Herr Ollendiek, drückte Nelson sich aus; t-k, t-k – und er wußte nicht, daß sie als höchste Taupou das Vorrecht genoß, sich jeden heranzuholen, den sie wollte. – Paape wollte, genau wie Sie, seine grinsende Verwandtschaft auf Herz und Nieren prüfen und danach behandeln. Aber in seiner Biederkeit – war 'n junger Mensch – zog er überall seine europäischen Meßinstrumente heraus und machte sich falsche Notizen in seinem gutgläubigen Schädel. –Die Le‘uta ist keine, die sich dreinreden läßt. ›Die sollten Sie kennen!‹ – drückte Nelson sich weiter aus: ›Da hatten sie vor ein paar Wochen‹ – sagte er – ›eine Versammlung in Mulinuu; es sollte entschieden werden, ob der ältere Malietoa oder Mataafa Majestät bleiben solle . . . Nachher gruppierte man sich, um 'ne Aufnahme zu machen; war unumgänglich; hehe! – Und den letzten Stuhl, der frei war, den kriegte Frau Doktor Säuerlich; straf mich Gott; sie gehörte zur weißen Gesellschaft! – Auf einmal – wer erscheint? – Die Le‘uta. Was tut sie? – Geht stracks auf sie los und fordert sie leise auf, ihr den Stuhl zu geben . . . Ganz natürlich das; denn die andere war nur 'ne Sprechertochter von Matafagatēle . . . Als sie nicht pariert, packt Le‘uta sie samt ihren hohen Hacken und ihrem Seidenkleid, schubst sie vor den drei Konsuln auf den Boden und setzt sich selber auf den Stuhl . . . Kam alles auf die Aufnahme; hehe . . . Um nun auf Paape zurückzukommen, so ist es bei ihm längst Gewohnheit, daß er nichts sieht. Ist 'n Schlappschwanz; vielmehr ist einer geworden; und verdient's. 142 Die Kinder . . . Lieber Himmel!! – Beachcomber! – Das bißchen Geld, was die Le‘uta und seine Kinder ihm noch übrigließen, das hat er auf die ›Erziehung‹ seiner Enkel verwandt . . . Sind ganz niedliche Quartercastes . . . Aber die Tochter! – Die erstattete ihm sein Schwiegersohn, Spechtschnabel, mit Dank wieder zurück . . . Den hat später die Taupou von Manono erledigt . . . Der ältere Sohn von Paape mußte weg von hier wegen einer Messeraffäre im Tivoli; ist jetzt Buchmacher auf dem Turf in Sydney oder hat 'n ähnlichen Gaunerberuf . . . Der Jüngere ist noch hier; ich trau ihm nicht übern Weg . . . Paape vegetiert so weiter und läßt sich von seinen Verwandten in Falelatai füttern, trotzdem er weiß, daß die Le‘uta hier irgendwo in Sawaii steckt und die Bullen ihr auf Befehl zur Verfügung stehn . . . Ja, glauben Sie etwa, Grothusen, die Prospekte sind für Sie um ein Haar besser als für Paape? – Lassen Sie sich warnen, junger Mann! – Gewöhnen Sie sich an kein Weib hier! – Gewöhnen Sie sich nicht! . . .‹ Soweit Nelson.   Die Rede ging hin und wieder; – andere Beispiele kamen aufs Tapet: eins abschreckender als das andere. Man kam auf einen gewissen John Stubbs in Falefā zu sprechen; und hier wußte Rasmussen Bescheid. Er war schon ganz heiser. Stubbs – meinte er – sei'n Vater, mit dem es seine Richtigkeit habe. Korrekter alter Kerl; habe sich im Maorikrieg 'ne Medaille verdient . . . Aber dann sei er ausgerechnet darauf verfallen, sich eine Wald- und Wiesensamoanerin, nicht mal 'ne Sprechertochter, als Weib zuzulegen. Ordinär dick sei sie und heiße U‘ufanua, ›Ich umfasse alle Länder‹; Stubbs behauptete nachher, der Name hab's ihm angetan . . . Zum Teufel; man verkauft doch sein Seelenheil nicht wegen eines Kanakernamens . . . Er habe schwer Geld in Fiji gemacht, in Bananen, und sei dann mit dreihundert Dollar per Monat nach Samoa übergesiedelt. 143 Doch die ›Länderumfassende‹ habe sich so unmöglich benommen, daß er sein Familien-Idyll satt bekommen habe und der Betäubung halber von Faleapuga nach Falefā gegangen sei, auf eine Station von MacGrew; und da säße er noch . . . Sei selber dran schuld . . . Habe sein eigenes gutes Blut mit ordinärem Inselblut versetzt – schloß Rasmussen – und habe seitdem den Fuselgeruch der eigenen Familie in der Nase . . .« Grothusen dachte ein Weilchen nach. »Gibt hier 'nen amerikanischen Trader; man hat mich erst kürzlich sozusagen mit der Nase darauf gestoßen; der Kerl mischt seinen guten Scotch mit Unicorn . . . Das Zeug ist nicht einmal destilliert; der Mann hat 'ne gewisse Ähnlichkeit mit Stubbs; so muß es der auch gemacht haben . . . Rasmussen erzählte noch weiter, Stubbs habe 'ne Tochter; die habe er der Mission von London ans Herz gelegt; doch trotz des Scharfblicks dieser Pfaffen habe sie Hals über Kopf 'n Kind gekriegt; und von wem? – – – Vom Manaia von Falefā! – Er habe sie 'rausschmeißen müssen . . . Mit dem Beispiel von Stubbs warnte Rasmussen mich schwer. – ›Wechseln Sie!‹ schrie er. ›Wechseln Sie! Verdammt noch mal; binden Sie sich an keine! – Gute Absichten, was? – Europäisches Benehmen? – Familie? – Zartgefühl? – Weg damit! – Kratzen Sie nur die oberste Schicht ab bei Ihrer ›Ebbe am Nachmittag‹; Sie werden ja sehn! – Die Kanaker sind alle gleich! – Stecken alle unter einer Decke!‹ So ähnlich redeten alle auf mich ein. Später kam noch ein katholischer Pfaff dazu, Laienbruder noch damals, mit dem Namen Kummer – trug den Namen mit Recht, denn er hatte so was Kummervolles, vielmehr Kümmerliches in seinem Wesen. – Den hatte ich schon auf dem Hopfenmarkt bei der Nikolaikirche in Hamburg als Kuratenschüler getroffen. Trank 'n Schnäpschen mit; keinen Gin; hatte 'ne sanfte Art von Likör bei sich; den zog er – so sagte er – aus Blumen. 144 Der ließ sich vernehmen –: Es sei nicht Gottes Plan, daß Europäisch und Samoanisch sich vermische; geschehe es aber dennoch, so sei es nur statthaft auf kirchlicher Grundlage. Ehen fa‘asamoa geschlossen seien verwerflich, und er erkenne sie nicht als bindend an. Ihm gefiele mein Vorsatz; es stecke Charakter drin; wenn ich aber meine Haushälterin herüberkommen lasse, so erwarte er zuversichtlich, daß wir ohne Verzug in die Arme des Père Chouvier steuerten und uns trauen ließen. – Wenn nicht, dann ›Anathema‹.   So! – Da hatte ich also eine hinreichende Blütenlese von Meinungen beisammen. Mucker oder grüne Köpfe hätten sie abgeschreckt; nicht so mich. Im Gegenteil. – Ich hatte die Sache einmal arrangiert; und der Grothusen fällt nicht aus dem Rahmen . . . War zwar noch jung; kam mir aber den Herrschaften gewissermaßen überlegen vor . . . Das Paschamäßige, was sie so an sich hatten, gefiel mir nicht. Von Nelson abgesehn, hatte es nämlich keiner fertig gebracht, 'n Weib zu erziehen; das heißt sich 'n wenig nach ihrem Geschmack umzumodeln; benahm das Weib sich natürlich und zeigte kleine Eigenheiten, du lieber Gott, samoanische Charakterzüge, dann schrien sie: ›Aha, der Pferdefuß‹ – und warfen sie 'raus. – Jeder von ihnen machte zwar ein paar Versuche, sie in seine Sphäre zu heben; mit der ›Sphäre‹ war es aber nicht weit her; mit dem ›Heben‹ noch weniger; 's war eher der Niedergang so 'nes urwüchsigen Inselweibes, wenn sie in ihren Dunstkreis geriet. Die Mädels amüsieren sich, wo sie's unbeschadet können, mit einer fröhlichen Tierhaftigkeit sozusagen; absolut unschuldig; gewisse Elemente brachten ihnen aber Verzwicktheiten bei, die nicht von Samoa stammten; und so ist das nachher oft keine reine Freude mehr mit ihnen. Denken Sie an die Le‘uta und die U‘ufanua und Fama‘ile von Lotofaga, die den Spechtschnabel bis auf die Haut auszog . . . Der Grothusen, Herr Ollendiek, durchschaute das und sagte 145 sich im vornherein: Nicht heben wollen! – Heruntersteigen! – Und wenn du heruntersteigst, Sprache lernst, fa‘asamoa lebst – nimm Gift darauf, sie erkennt das an! Dann kommt sie dir auf halbem Weg entgegen! – Schmeiß Europa über Bord, wenn du mit ihr zusammen bist! – Das ist die richtige Weise, die Sache anzupacken! – Dann wirst du glücklich hier, und andrerseits: dann hast du die Inseln in der Tasche! Die Idee schien neu für Samoa; keiner von den Alten hatte nach diesem Prinzip gelebt. – Nach drei Monaten schwatzte ich samoanisch genug für den Hausgebrauch. Nach einem Jahr hatte ich die Häuptlingswörter Das Samoanische enthält viele Wörter, die nur in bezug auf höhergestellte Personen angewendet werden dürfen. am Schnürchen und wandte sie bei meiner Frau an, was ihr mächtig gefiel . . . ›Frau‹ sage ich aus Gewohnheit . . . sind nicht getraut; ich weiß Bescheid, warum . . . Ist aber trotz alledem mein treues Weib; treu und gut und anhänglich wie Gold ist das Weib . . .  ›Ebbe am Nachmittag‹ . . .   Kinder? – Ob ich Kinder habe? – Ha, freilich habe ich Kinder! – Pr–a–chtkinder! – Zwei Stück! – Keine Beachcomber wie die von Paape oder Stubbs – aufgeweckt, verstehn Sie; solid, begabt . . . 'nen Jungen von vierzehn und 'n Mädel von siebzehn . . . Helfen ihrem alten Vater . . . sind zur Hand, wenn man sie braucht . . . Bin auch immer nett zu ihnen; erkennen das an . . . ›Liebe und Furcht‹; meinen Sie? – Nichts zu machen! – Menschliches Regiment! Absolut menschlich! – – –«   Hier übermannte Rührung den Erzähler. Sein Mund gewann die Form eines Dreiecks. Ein Schlucken geschah, und der Kehlkopf stieg auf und ab. – Es hörte sich an, als zerlege und koste er eine sehr reife und sehr buttrige Baummelone . . . 146 Totentanz Als Vorlage für die Schilderung diente mir der folgende mündliche Bericht: »In Safa-i, Matautu, Gagaemauga, auf Sawaii, einer Dorfschaft, die im Jahre 1895 Hauptstadt von Sawaii wurde, da der Häuptling Suisala von den drei Mächten (Deutschland, England und Amerika) zum Gouverneur ernannt war und dort seinen Wohnsitz hatte, starb dessen Tochter, die Taupou Bimatatetele, »Das Große ABC«. – Sie wurde auf altsamoanische Weise beerdigt. In Samoa hat die Dorfschaft Fasito-o alte Vorrechte; so erfreut sie sich der Beerdigungsprivilegien bei angesehenen Häuptlingen, deren Frauen und den Dorfjungfrauen. Nach dem Tode der erwähnten Taupou wurde die Beerdigungsmannschaft benachrichtigt – sie kommen aber auch ungerufen, wenn sie die Nachricht aus anderem Wege rechtzeitig empfangen; – worauf sie von Toapaipai, das jetzt vom Vulkan verschüttet ist, im Aufzuge geschmückt erschienen. – Voran schritt der Manaia von Fasito-o, ein hoher, schlanker, tadellos gebauter junger Mann, total nackt, mit Halsschmuck aus Walroßzähnen ( ula lei ) und den Körper glänzend mit Kokosöl eingeölt. In der Hand hielt er einen am einen Ende zugespitzten und am anderen Ende halbrund geschärften Hartholzstock ( melei ), der gewöhnlich zum Entfasern von Kokosnüssen gebraucht wird. Die Leiche lag in der großen Häuptlingshütte; diese diente vorher der Taupou und ihrer Auluma zur Wohnstätte. (Diese»Unterhaltungsmädchen« sind zur Bedienung der Taupou und der Gäste da; gewöhnlich sind unter ihnen mehrere, die entweder schon einmal mit einem Mann durchgebrannt sind oder bereits verheiratet sind und Kinder haben – solche »Heiraten« werden nicht anerkannt –; die beiden letzteren Kategorien sind in fast allen Fällen für den Beischlaf da und werden › pate ‹ genannt.) – Bei der Taupou waren die engeren Familienmitglieder: Männer, Frauen, Mädchen und Jungen zu ehrlicher Trauer versammelt; gerade wie bei uns zu Hause wurde der Wert der so früh Dahingerafften gepriesen und dem Elternpaar kondoliert. Plötzlich spitzte alles die Ohren. Es ertönte ein dumpfer Gesang von ferne; und wer war es? – Die herannahenden Fasito-o-Leute; sie kamen von Toapaipai, Salago und Saleaula her. Ich wußte nicht, was es bedeuten sollte, daß die Leute sich so bestürzt ansahen. Seltsamerweise leerte sich das Haus mehr und mehr. Lauter und näher kam der eintönige Gesang. Fast alle Leute hatten das Haus verlassen; es blieben tatsächlich nur zwei uralte Weiber zurück, die furchtbar laut jammerten. Die eine fächelte, der Fliegen wegen, die Leiche, die andere räumte im Hause auf und legte Matten und Blumen bei der Entschlafenen zurecht. Währenddessen langte der Zug auf dem Dorfplatz ( malae ) an; ich erklärte mir jetzt auch, warum die Familienmitglieder bis auf die alten Weiber ausgerückt waren. Scham vor dem Gesang der Totengräber hatte sie fortgetrieben. Das Lied ist kurz und lautet in freier Sinnwiedergabe: »Schade, schade ist's um den Schoß dieser Häuptlingstochter, der unfruchtbar hier in der Erde verrotten muß, ach, auf ewig uns entzogen!« Rings im Halbkreis standen die Fasito-o-Leute; der Manaia, ganz nackt, erklomm den am dichtesten beim Hause stehenden Kokosbaum und warf die grünen Nüsse herunter. Wieder unten angelangt, stieß er den Hartholzstock in die Erde und begann die Nüsse zu schälen. Die grünen Teile der Faserhüllen warf er auf den Leichnam unter Scheltworten, daß sie, die Taupou, so früh von ihnen geschieden sei. Er fing an, die Nüsse zu trinken; und als er nicht mehr konnte, bespritzte er den Körper mit Saft, kaute nach Belieben von den weichen Kernen und beschimpfte und bespuckte den Leichnam. Hierauf näherten sich Leute der Familie, die in der Zwischenzeit die größten Schweine, die fettesten Hühner und sonstige samoanischen Delikatessen zubereitet hatten und kündigten das Mahl an. Der Fasito-o-Manaia band sich ein Lendentuch um und ging mit den Beerdigern ins Haus. Es erfolgte die übliche Dank- und Begrüßungsrede mit Antwort und Kawa. Das nächste war ein opulentes Essen, wobei die Tugenden der verstorbenen Jungfrau gepriesen wurden. Die alten Weiber und Mädchen reinigten den Körper, salbten ihn mit Öl, zogen ihm das feinste Kleid an und versetzten ihn in völligen Brautschmuck mit Kopfaufsatz und allem, was dazugehört. Nach dem Gelage wurde der Leichnam aufgefordert, der Gesellschaft einen Tanz zu geben , da sie doch so schön tanzen könne. Da eine Antwort der Toten ausblieb, so wurde sie von zwei jungen Leuten unter der Behauptung, sie sei ja gar nicht tot; sie schlafe nur , auf den freien Dorfplatz gebracht. Bei den üblichen Liedern entwickelte sich, unter der Leitung des Manaia, der Tanz. Die Tanzbewegungen der Taupou wurden durch die den Leichnam tragenden beiden jungen Männer erzeugt. Es sah scheußlich heidnisch und barbarisch aus, als der Körper mit hin- und herschlenkernden Armen und Beinen diese tollen Bewegungen vollführte. – Darauf folgte eine längere Pause, während der Leichnam entkleidet ward und seine gewöhnliche reinliche Kleidung wieder erhielt. Später erschien ein Faifeau, ein samoanischer Missionar der londoner Missionsgesellschaft, und machte den Leuten einige leise Vorwürfe über die eben stattgefundenen heidnischen Gebräuche; er wurde stillschweigend angehört. Sicher wurden diese Vorwürfe auch nicht sehr ernst von ihm gemeint, besonders da so leckere Bissen für ihn übrige blieben; diese Faifeaus sind Hypokriten erster Klasse. Auch bin ich überzeugt, daß die Leute seine Mahnungen in diesem Sinn auffaßten. Für sie alle, die Familie, war die ganze Prozedur ja eigentlich nur eine Ehrung der Leiche. Unter einem protestantischen Gebet fand die Grablegung statt. Das Grab war am Grunde wie an den Seiten mit großen flachen Korallenplatten ausgelegt. Der Leichnam wurde hineingebettet und nach abermaligem Gebet und vielem Weinen mit ebensolchen Platten zugedeckt, so daß er in einem geschlossenen Steinsarkophag ruhte. Die Zeremonie war zu Ende. Bevor die Gäste Abschied nahmen, wurden sie noch reichlich mit Speisen und Geschenken bedacht. Ächzend fuhr Gerhart aus dem unruhigen Schlaf . . . Schwache Schatten, wie winkende Finger, webten vor der einzigen offenen Jalousie in der Hütte. Die Palmschößlinge, die die Pflanzung draußen umrahmten – voll von haarigem Bast, gleich dem Jugendflaum an Tieren – schienen lebendig zu sein. Die Triebkraft der Schäfte spaltete sie mit leisem Knirschen. Zärtlich eingebettete Bündel von künftigen Wedeln träumten von glorreicher Entfaltung in Lichtbädern, die höher waren, als sie ahnten; doch noch fern in mütterlicher Nacht vergraben. Für einen Augenblick hatte Gerhart das seltsame Gefühl, das plötzlichem Fallen durch den Raum gleicht: nicht zu wissen, wo er war. Dann ward er sich bewußt, daß ein fremdartig trillerndes Geschrei aus der Schwärze hervordrang, untermischt mit taktmäßigem Klappern. Um ihn herum, jenseits des Lichtkreises der Nachtlampe, blähten sich Fliegennetze, von schlaftrunkenen Gliedern bewegt, kam zischelndes Flüstern und eine allgemeine weiche und unvollkommene Bewegung. Grothusen, der zwei Schritte entfernt von ihm lag, sprach vor sich hin in die Dunkelheit: »Nichts von Bedeutung. – Bleiben Sie ruhig liegen! Ein Begräbnis.« Er sprach wie ein alter Arzt, der eine alltägliche Tatsache von sich gibt, die nichts Erstaunliches an sich hat. Gerhart setzte sich halb auf. Das klang wie elementares Weh, das aus vielen nachtgepreßten Lungen plötzlich einen Ausweg suchte und schnob und schluchzte . . . Es hielt sich auf unverminderter Höhe . . . Unruhe ergriff ihn. Wie fremdartig waren die Palmwedel, die da draußen nickten und winkten! – Jedes Ding, ja selbst die Erde, atmete anders, so als ob mit jenem sinnlosen Geplärr das letzte Band zur Heimat zerreiße; als ob alles jener leichten Verzerrung verfalle, die plötzlich einsam 147 macht wie die Gegenwart dunkler Gefahr, deren Wesen man nicht erkennt. Der Lärm stockte jäh. Nur das Gebell der aufgeschreckten Hunde blieb zurück, ein Kläffen, das nach beiden Seiten des Strandes verebbte. Ein zwitschernder Tumult rollte unfern vorbei: die Fliegenden Hunde, aufgestört, taumelten erregt in dunklen Gruppen durch die Pflanzung. Eine seltsame Innigkeit des Gehörs befähigte Gerhart, kleinsten Lauten zu folgen, wie sie in die Schwärze entschlüpften.   Grothusen machte eine hastige Bewegung. Irgend etwas schien ihn zu verblüffen, und sein roter Kopf, witternd bewegt wie der eines Fuchses, schimmerte kupfern, sooft das Licht auf ihn fiel – das winzige Glühwurmlicht, das die Geister scheuen. Dieser Mann da – dachte Gerhart – ist erstaunlich. Er liest im Buche der Nacht; er versteht jedes Wort, jede Silbe dieses barbarischen Aufstöhnens, dieses erbarmungslosen Bestattungs-Zeremoniells. Geheime Wissenschaft ward ihm zuteil . . . Ob er auch die Sprache der Vögel kennt? – Den schallenden Zank der Hautgeflügelten? – Das rhythmische Sieden der Zikaden? – Oder gar den seltsamen Zischlaut der großen Meerschildkröte, wenn sie unter den Mangroven stecken bleibt, wenn sie sieht, daß die Welt sinkt, daß es Ebbe wird, daß ihre königlichen Paddelruder nur Schlamm aufwerfen statt grünen Gischtes, der ihre Seele war –? Und er gedachte, er wußte nicht wie, jenes Schildkröten-Schicksals . . . Hinter dem Tivoli-Hotel in Apia hatte sie auf dem kurzen Gras gelegen, wie gekreuzigt in ihrer mächtigen Plattheit: ein Opfer für die Schlachtbank. Die Sonne wütete auf ihren feuchten Fibern; sie litt alle Urschmerzen der Kreatur. Senkrecht gestellte Augenlider, wie bläuliche Schiebetürchen, trennten und vereinten sich zu krampfhaftem Zwinkern. Ihr horniger Papageienkiefer hackte Mulden in den dürren Sand. Blutige Bläschen zerplatzten auf 148 ihren Naslöchern. Ihr Wesen, aus grünem Gischt, aus klarem Silber, dampfte auf, wand sich in Qual und Feuer. Sie war unvergeßlich . . . Es gibt so vielerlei Sprachen – dachte Gerhart. – Wenn Grothusen den Sinn der Vokale erhaschte, der Silbenketten, die ihm aus der Nacht zugeschleudert wurden, dann verstand er auch die Sprache der Tiere bis hinunter zu jenen stummsten Äußerungen, die aus der Pflanze treten. Nur das Herz versteht solche Sprachen . . . Er kennt jenes ewig Unverstandene und ewig Neue in östlichen Dingen; er ist unter diesem Volk in seinem Element! – Er durchschaut diese einfachen Seelen; weiß Bescheid um ihre Stärken und Schwächen . . . Was für eine beneidenswert-allumfassende, ja geradezu gigantische Leutseligkeit gehört dazu!   Doch jetzt geschah etwas dort draußen. Das auf- und abschwellende Murmeln, das rinnende Versgespräch wurde zu gedämpftem Zanken. Plötzlich drang eine einzelne wütende Stimme aus dem Schoß der Nacht. Sie sprach mit monotonem und rapidem Tonfall. Grothusen setzte sich ganz auf und rief leise: »Milikini!« Die Dunkelheit gebar einen lautlosen nackten Jüngling, dessen Augen glitzerten. Grothusen hatte ein scharfes, hastig flüsterndes Gespräch mit ihm, worauf der Jüngling wieder zurücktauchte. Grothusen dachte nach und lauschte noch eine Weile, dann schlug er mit leisem Meckern, in dem noch halbe Ungläubigkeit nachbebte, auf seinen Schenkel. Seine Stimme war weich, o so voll von Verständnis und Schelmerei; dabei voll Vergnügen am Aktuellen, am Seltenen. »Milikini sagt's und schwört's, und nach dem, was ich da höre, hat es seine Richtigkeit –«, sprach er leise und schob sich hockend in die Nähe Gerharts. – »Sie schlagen den Pfaffen von der London Mission ein Schnippchen – oder auch den katholischen Maristen von Safotulafai . . . Sie 149 begraben den alten Suisala fa‘asamoa ! – Das Echte . . .« fügte er bei, mit langgezogenem Kennerlächeln.   »Das Echte . . .« tönt es nach. Dies eine Wort gibt dem Raum ein anderes Gepräge. Das Echte prangt in nächster Nähe, und doch darf man nicht daran rühren. Selbst die Bewegungen Milikinis . . . zucken sie nicht mimosenhaft in das Dunkel zurück? – Ringsum atmet das Echte. Und dieser Mann scheint befreundet mit dem Mystischen; er spielt damit und gruppiert es wie ein Adept in zaubrischer Höhle. Und diese Echtheit der einfachsten Dinge raubt ihnen zugleich ihre Faßbarkeit. Alles wird nackt und fremd; ohne einen Schimmer, ohne die entlegenste Spur von Heimatlichem und nach fremden Gesetzen gebildet. Ein Bann fällt hernieder; gewohnte Augenmaße verzerren sich launenhaft . . . Wie ist das? – – Geht es ihm, Gerhart, wieder so, daß er Wirkliches mit Unwirklichem vermischt? – Daß der farbige Schatten der Dinge, den sein Hirn bewahrt und vertieft, ihm wichtiger, ja wertvoller dünkt als die Dinge selbst? – Und doch – was gibt es Besseres, als Visionen reifen zu lassen zum Gedächtnis leiblicher Erlebnisse? – Und ist der kurze Schreck vor dem Abgrund nicht einschneidender und sinnlicher als das körperliche Erlebnis des schnellen Sturzes?   Gerhart ermannte sich. Er hörte, daß Grothusen weiterredete; trocken und sachlich. »Suisala,« sagte er, »um den ist's schade. – Sie konnten ihm kein Chinin verschaffen; und nun ist er am Wechselfieber gestorben. Lieber Freund, sehr gefällig; hat mir früher hier sehr geholfen, als ich den Laden in Samalae‘ulu aufmachte. Er war an die Fünfzig und noch stark; sie hätten ihn leicht durchgebracht . . . Aber Apotheken sind unerschwinglich . . .« Sarkastisch: »Weg damit aus dem Budget! – Die Kolonie erhält sich selbst . . . Und Mr. Harrigan ist immer noch naiv und macht Eingaben . . . Was jetzt gerade 150 vor sich geht, fragen Sie? – Ist Ihnen hier in Fagamalu nichts aufgefallen, bevor ich kam?« Gerhart nickte; er entsann sich: da war ein Sandweg, der sich in ferne Baumgruppen schlängelte: schimmernd und leer in einem schnell sich vertiefenden Zwielicht. Wo die Hütten von Satoalepai begannen, traten Eingeborene in seinen Weg; pflanzten sich schweigsam in seine Bahn. Sie lächelten; doch hatte ihr Lächeln etwas Maskenhaftes. Hinter ihnen sah er ein Haus mit einem enormen kreisrunden Dach, das einzeln stand. Das Haus sog das Zwielicht schneller ein als die anderen; es schien ein Hort von Dunkelheit. Hinter den wenigen Jalousien, die noch offen standen, bewegte sich ein stummer Kreis kalkbeschmierter Köpfe. Nach einer Weile, als es schon ganz finster war, erhoben sich Rufe, quollen ihm nach – als richte man kreischende Fragen in ein Loch, aus dem keine Antwort kam. »Sehen Sie, das ist's!« rief Grothusen. »Man setzt ihn, schon am frühen Morgen, an den Mittelpfosten und redet mit ihm; rechtet mit ihm; man zählt ihm seine sämtlichen Sünden auf, das ist leicht; jetzt findet man den Mut dazu! Zu seinen Lebzeiten wagte man's nicht. Man erhitzt sich förmlich: Hören Sie nur! Das ist jemand, den er besonders kräftig übers Ohr gehauen hat! Temperament, was?!« Grothusens Augen glitzerten. Er sprach mit scheuem Humor; sein ganzes Benehmen ging auf den Zehenspitzen. O, der Druck der Stimme da draußen, deren Tonwellen unablässig gegen das weiße Herz stürmen! – O der Wut des kindlichen Dämons, der keinen Einlaß findet; dessen täppische Hautflügel fruchtlos flatternd verbluten! . . . Weiß Gott – denkt Gerhart – wo habe ich das selbst gesehen; selbst erlebt? . . . Von allen Formen des Todes war dies die farbigste! – – – Saß ich im Dachgestühl einer Samoahütte oder wohnte ich im Baum? – Es ist Äonen her . . . Hießest du nicht Fama‘ile, von Lotofaga, und liegst auf Manono begraben? – Doch nein – du 151 warst Bimatatetēle , die Taupou von Safai, und eine Kolik an verdorbenem Büchsenlachs raffte dich hinweg . . . Und ihm war, als lande er mit einem Sprung im Unerforschten. – Wo bin ich? dachte er . . . Bin ich noch hier? – Oder habe ich mich verwandelt . . .?   Ich trage krauses Südseehaar, und die Tätowierung brennt frisch an meinen Schenkeln. Sie ist tags zuvor eingeätzt, und ich spüre die Frühlingsfieber der Mannbarkeit. Du liegst unter einer Tongamatte; dein Haar ballt sich wie ein Kissen unter deinem Kopf. Ich erstaune ob der Masse deines Haares. Als ich sehen wollte, wie man dich wusch, verjagte man mich; nun bin ich wieder hier, bescheiden, stumm und ein wenig lüstern; einer von vielen, und ich höre zu, wie man über deine Tugenden schwatzt. Ich habe ein scharfes Auge auf die Schweine und Hühner; ich bin immer zugegen, wo es Kettenmahlzeiten gibt, die Tage dauern können. Vier Großmütter bedienen die Kawabowle; sie schlürfen gurgelnd der Rangfolge nach. Dann beginnen sie zu plärren, monoton, endlos, auf und niederwippend, in der weinerlichen Ekstase ihres blinden Alters . . . Und jetzt geschieht etwas. Es ist schwer zu sagen, was es ist; ich höre nicht nur mit meinen eigenen Ohren, sondern mit dem vereinigten Gehör der ganzen Verwandtschaft; so plötzlich streift es mich, wie der hüpfende Vorschatten eines Gewitters. Der Gesang der vier Großmütter erlischt zu einem dünnen Winseln; ihrer Inbrunst ist das Mark entzogen. Und jetzt, jetzt entsteht ein dumpfes, taktmäßiges Geräusch. Man redet erregt und stellt die Richtung fest: es kommt von Toapaipai, vom Fuß des Mauga‘afi. Ich starre durch die Hüttenpfosten, die eine Schlucht von Grün umrahmen: Dort taucht ein Mann auf, ein zweiter, ein dritter, bis 152 ein Zug von zwanzig Leuten sich entwickelt hat . . . Sie kommen langsam in Sicht. Der weiße Sandweg ist von den Schatten der Palmstämme gesprenkelt und gitterartig von Licht durchbrochen. Ein brauner Körper bewegt sich hindurch; zögernd und ruckweise. Ab und zu erblitzen Glanzlichter auf seiner Haut: sie ist geölt. Um seinen Hals starrt ein Kragen aus Haifischzähnen. Die Tätowierung strotzt unter dem Öl in sattem Blau. Er tanzt an der Spitze der anderen, die Maulbeermatten tragen; die Matten schwanken wechselnd bei der Arbeit der Hüften. Die Weise, wie der Führer sie leitet, in gebändigtem Vortanz, der alle Muskeln erschüttert, ist das Höchste an animalischer Eitelkeit . . . schamlos naht er sich, unwiderstehlich, warm und widerlich: der Manaia von Fasitoo. Er erreicht den Dorfplatz. Die Hütte leert sich; ich werde verscheucht mit den übrigen; denn die Worte des dumpfen Gesangs sind vernehmlich. Aber wenn mein Körper auch entwichen ist, meine Seele harrt weiter am alten Platze aus; meinen dummen Körper sehe ich, kreuzbeinig und ein wenig lüstern, aus einer der halbgeschlossenen Nebenhütten lugen; und ich lache dazu. Ich sehe den schimmernden Zug von Jünglingen um die Hütte wandeln; meine Seele ist allein darin mit der toten Taupou. » Mau mau le fu tele, « dröhnt es zu mir herein. » Lea pala vale i le ele-ele, le momogo iai e matou ule tetele «; und jedesmal, wenn das dumpfe » Mau mau « wieder einsetzt, klingt es in mir mit; statt schamverbrannt zu sein, kichere ich in mich hinein . . . Grüne Nüsse regnen draußen von der Palme in den Sand; der Manaia hat sie erklettert. Jetzt sitzt er wieder am Boden; siehst du ihn? Er schreit im höchsten Falsett des Ärgers; er spaltet die Nüsse auf dem Hartholzstab und 153 entfasert sie mit der Kraft der Leidenschaft; wie gut verstehe ich seinen Zorn, du tote Taupou! Wie unterfingst du dich, zu sterben, bevor du so leuchtendem Mannestum deinen Tribut entrichtet! Sieh, er speit nach dir, er verachtet dich; begreifst du das? Du regst dich nicht. Die Nußmilch läuft dir übers Gesicht; du blinzelst nicht einmal. Du verschläfst deine tiefste Schande. Deine Sippschaft ist gewichen; sie wurde zu Erde, Baum und Strauch. Du kennst keine andere Verwandtschaft mehr; der Manaia mag sich heiser schreien! –   Nun spürt mein Körper, der junge Samoaner im Nebenhaus, ein festliches Verlangen nach den Hühnern, und er stiehlt sich herüber. Die anderen folgen ihm, und bald ist die Hütte wieder voll. Ich schmause eine gebackene Banane und ein Hühnerbein, doch in tiefer Meditation sitzt meine Seele darüber und staunt ihr Idol an: die tote Bimatatetēle. Man hat sie geschmückt und aufgesetzt. Sie sitzt am Mittelpfosten, kreuzbeinig; die Hände, voll von Schildpattringen, ruhen im Schoß. Ihr Haar steht wie ein Dach vom Kopfe ab. Auf ihm lastet ein Bambusgestell, der Aufsatz der Braut . . . Quasten roter Federn schwanken daran, weinroter Flaum, gerupft aus den Brüsten von Honigsaugern. Ockergelbe und schwarze Maulbeermatten umbauschen ihre Hüften. Der Manaia erhebt sich; zwei Jünglinge greifen ihr unter die Schultern. Und das Fabelhafte, das Bejubelte geschieht: die Taupou steht auf. Man singt leiernd und leise; man pocht und trommelt. Die Taupou stolpert ein wenig; man muß ihr helfen. Sie fällt fast der Länge nach hin, doch man ergreift sie sicher. Sie ist nicht lustig; sie scheint nicht aufgelegt zum Tanzen, denn ihr Kopf, mit einer schleudernden Bewegung, wirft 154 den Turm aus Bambus voll Unmut nach vorn. Sie macht einen ungeschickten Schritt über die eirunden Steine, die die Hütte umrahmen. Doch draußen angelangt, fällt sie dem Manaia in die Arme, fällt sie auf ein Polster warmer Muskeln, in eine warme Sicherheit, an das Herz des keuchenden Lebens. Der Manaia tut zuckende Schritte; das Gefolge gliedert sich an. Der Takt des Siwa wird wilder. Kaum streift sie den Boden mehr; ihre Füße fahren rhythmisch durch die Luft. Gellende Verse lohnen ihr; es dröhnt: » Mali‘e , Mali‹e!« Ihre Muschelketten klirren; ihre Mattenröcke rascheln; ihre Glieder baumeln und schlenkern. Der Manaia schwenkt sie herum, sie wirbelt in der Flamme seiner tierischen Kraft wie eine bunte Puppe, von fremdem Blut, von fremdem Puls wild und zündend getroffen: gleich als wenn sie bei sengender Sonne in blendendem Grün von Pein nach dem schändlich Geraubten geschüttelt ein ärmliches, letztes Mal noch nach Wärme gierte; nach Wärme, Luft und Licht, nach Gastereien, Gesprächen im Dunkel, Umarmungen und schwellenden Atemzügen bis in ein leidloses Alter. So tanzt sie ihren letzten Tanz, Bimatatetēle, nach schrillem, hoffnungslosem, verzücktem Takt. So tanzt die Taupou von Safai ihren Totentanz.   Gerhart zuckte zusammen, wie nach einem Albdruck, der die Grenze der Beklemmung erreicht. Er hörte Grothusen banale Worte äußern, hörte ihn sprechen: »Wissen Sie, das war, als ich noch für Gravenhagen meine Station hatte, vor dem letzten Ausbruch des Matavanu . . . Die Person war wirklich Goldes wert.« Er krauste die Stirn. »Ihre ganze Auluma schickte sie mir in den Laden; 155 achtundvierzig kauflustige Mädchen; jetzt ist das vorüber, – das Echte, meine ich; – bis auf den schwachen Versuch dort drüben.« Er deutete rückwärts in die Dunkelheit. »Sie sehen, die Leute haben zu starke Angst vor den Missionaren; sie rühren sich nicht mehr aus den Häusern. Sie halten deshalb ihren Spektakel nur des Nachts ab; nicht mehr am hellen Mittag wie damals; die schönen Zeiten haben aufgehört . . . Doch ich habe Sie ermüdet; versuchen wir zu schlafen.« Er rollte sich zusammen und verstummte. Gerhart blieb noch lange wach. Zwei beerenschwarze Augen, voll der tödlichsten Gleichgültigkeit, starrten ihn an aus der Nacht, verfolgten ihn, ob er auch die Lider schloß. Es sind die Augen, deren ich viele Tausende gesehen habe, dachte er: die Augen des heißen Ostens. Ich gehe durch jene Hirne wie ein Vogel oder ein Hund. Wäre ich turmgroß und hätte sechs Hände und sechs Füße, ich wäre schon nach der nächsten Wegbiegung nichts als eine lächerliche Legende. Die Stimme aus der Nacht wütete weiter, ohne Pause, ohne Erschöpfung. Und wieder trat ihm sein Morgengang vor Augen; jenes aufreizende, nichtssagende Lächeln der Gruppe, die ihm den Weg verstellt. Und er gedachte des Hauses, aus dem jetzt, zur Nachtzeit, die Brunst der Trauer hervorbrach. Dort drinnen also hatte einer gehockt, der nicht hatte erwarmen wollen, und die Sonne hatte ihn umsonst mit goldenen Pfeilen gesucht! Dort hatte der Tod gesessen, mitten im bunten Alltag; dort hatten seine schlaffen Kiefern ins warme Blau gegähnt, und er hatte es nicht geahnt! Und jetzt? Was wird jetzt geschehen? Wird jenes Gesicht auf den Brustkorb sinken? Man peinigt ihn mit Insulten wie mit sausenden Steinen. Wird er nicht plötzlich vornüber fallen und um sich schlagen, gespenstisch belebt, mit unheurem Ächzen, wie ein faulender Urwaldbaum, der alles um sich zerdrückt? 156 Vom ewigen Lächeln Gerhart erwachte, bevor noch jemand in der Hütte sich regte. Leise stand er auf und ging über die kleine Brücke zum Strand herab. Satoalepai und Fagamalu schliefen noch; hier und da nur sah man ein Feuerchen, flackernd rot im grauen Licht, hinter durchlässigen Jalousien. Die schlaflosen Matronen waren erwacht; oder waren sie noch wach? Das Haus Suisalas lag geschlossen wie eine kalte Zwingburg. Es hauchte Dämmerung aus. Verblaßte Nachtgeschehnisse lagen versteinert umher, hingen tot an den Sträuchern. Da und dort nickte ein Kopf von matten Schultern, ein weißer Kalkkopf, von Erstarrung überrumpelt. Gerhart entkleidete sich und schritt ins Meer. Und während er sich vorsichtig seinen Weg bahnte, geschah der Morgen, kaum wußte er wie. Der Grund war soeben noch voll grauen kalten Moders, voll toter Korallenstöcke gewesen; jetzt auf einmal glich er einem grün durchblühten Kristallhaus. Farben entwickelten sich auf ihm, weiß, gelb, grün und rostrot; der Sand lachte schimmernd herauf. Bizarre Lagunenfische, zwischen Schwärmen blauer Seestichlinge, stoben davon. Früheste Morgenfarben glommen. Schatten gliederten sich ab; der Kuß der Sonne streifte weihend, erlösend, pulserweckend die Ufer; finstere Baumgruppen, träge vom Schlaf zusammengekoppelt, traten weich auseinander und wurden gesellig. Die starren Stämme der Palmenhaine schwankten knarzend in erster Brise, und jenes ungeheure Rascheln entstand gleich dem auf der Schwesterinsel. Es lief, tausendblättriges Rieseln, von Fagamalu nach Sasina und rund um die Ostküste; ein Baum weckte den anderen mit der Schnelligkeit des Gedankens. Das weiche Kullern und Trillern der Vögel drang ohne Ende aus den Pflanzungen, durchbrochen vom scharfgellenden Ruf und Echoruf der Hähne. Das Meer lag rauchend wie ein konkaver Spiegel, wie eine mächtige 157 Linse voll weißen Funkelns. An den Riffen war ein Tanz von keuschem Gischt, eine Kette von hüpfendem Silber. Weiter draußen brannte ein heftiges Rosa, das in Weiß zerflammend die Himmelsgruft erhellte; blaue Glut entstand darüber und als Widerschein ein breiter Ring von Türkis auf den Wassern, deren Kontur horizontklar hervortrat. Das Sausen verstärkte sich; die silbernen Spritzer wurden zu Fontänen, die in lautlosem Spiel emporwankten; zu einem Spiel diamantener Hunde, die mit unerhörter Eile Wache hielten, in meilenweiten Sätzen sich überstürzend und überkugelnd. Plötzlich erkannte das Ohr, daß die Luft voll ihres Kläffens war, voll Siedens und glockenstimmigen Gedröhns. Wo war das Bollwerk, das sich dort ohne Lücken erstreckte? Wälle von steinernen Blumen blühten starr durch die Zeit. Wann war das gewesen, daß jene Nuß kam, jener Ball Lebenswillens, herschaukelnd aus Tausenden von Meilen? War es gestern? Oder war es, als jener Küstenstrich noch ein siedender Tumult von Lava war, eine Stunde, die jenen Hügelkuppen »gestern« hieß? Wann war es, daß der grüne Dämon Einzug hielt in seinen unzerstörbar-nachgiebigen Kerker? Daß er nicht mehr – ob sich und unter sich – das Grundlose spürte, sondern Halt? Fiebernd durchbrach er das Keimloch; aus zerfetztem Bast spreizte er drei ungeheuer starke Finger, Ankerfinger, dürstend und bohrend. Und die Palme erwuchs, rührend schlank. Der Wind haßte sie. Er peitschte, peinigte sie. Doch siehe: das gefiederte Leben, in Neigen und Beugen, gab nach und erklomm Vollendung. Der Wind wurde zum Sturm, grollend warf er sich auf das Leben zum letzten Anprall. Da schleuderte es, schimmernd vor Trotz, anderes Leben herab. Dumpf knallten sechs Nüsse auf den harten Stein, und das Meer, in kochender Wut, übersprang die Bollwerke. Es begann einen tödlichen Tanz mit den Kindern des Lebens. Es saugte den spärlichen Sand unter den 158 Wurzeln der Mutter hinweg: sie wankte, sank, doch schlammbegraben lächelte sie, mit letzter schwankender Fieder. Und ihre Kinder enteilten höhnend. Sie ließen sich nicht ertränken, nicht zerschmettern; elastisch taumelten sie vom Seichten ins Tiefe und vom Tiefen wieder ins Seichte. Auf einmal, nach einer Spanne Zeit, die den Korallen nicht länger dünkte als ein Windstoß oder der Satz einer Woge, lächelten alle Gestade: grüner Triumph von Tausenden schwankender Wedel. Keines Fußes Breite, die nicht von Leben trächtig war; keines Schrittes Spanne, die nicht lächelte!   Eine Weile noch hielt sich Gerhart nackt am Strande auf; jede Fiber seines jungen, leuchtenden Körpers trank die sonnige Morgenwollust des Seins . . . Dann zog er sich langsam an und ging zur Hütte zurück. Sie war voll Glanzes und prächtiger Sauberkeit. Grothusen hockte beim Frühstück. Er schwatzte samoanisch, und ein entzückter Kreis von Bengeln in jedem Alter, bis zu Milikini herauf in seiner frisch tätowirten Würde, kicherte Beifall. Sie trugen jetzt Lavalavas, geschmückt mit Tapetenmustern. Im Hintergrunde saß Te‘ula-Eneliko, der Alte, und eine Gruppe junger Weiber. Alle kauten und machten kleine Augen, sooft Grothusen ihnen ein munteres Scherzwort zuwarf. ›Wie wohl fühlt er sich, und wie gut weiß er sie zu behandeln!‹ dachte Gerhart. »Ha, Doktor!« rief Grothusen, als er seiner ansichtig ward. »Das Bad wird Ihnen Appetit gemacht haben. Schöner Morgen, wie? Ist nichts Besonderes! Haben hier das liebe Jahr hindurch schöne Morgen! Kawa und kaltes Huhn von gestern: das ist das Menü. Versuchen Sie warmen Taro; empfehlenswert. Meine Freunde hier kennen Sie noch nicht alle, wie? Alles Jungens von dem alten Herrn da hinten . . . Und dieser hier ist mein besonderer Freund Milikini. Als ich noch Schulmeister in Falealili war, hatte 159 ich drei Dutzend von solchen Bengeln und sollte sie Deutsch und Englisch lehren! Ich sage Ihnen, das war des Teufels! Aber wenn man sie samoanisch behandelt, hat man sie in der Tasche . . .« Gerhart sah sich die Gesichter suchend an. Gelächter barst aus der Reihe, als er versuchte, seine Beine in den ungewohnten Hocksitz zu zwängen. Acht schwarzbraune Augenpaare hüllten ihn in einen Dunst von Neugier ein, machten ihn zum Zentrum erbarmungsloser Betrachtung. Diese atmende, o so junge Inselseele! Dieses Urbehagen am selten Geschauten; zögernde Sympathie, scharf und sicher witternd wie die edler Hunde; schneller Haß, oder mit einem Blick für immer erkauftes Besitztum! Ein bedauernd klingender Zischlaut geschah; Eneliko hatte ihn ausgestoßen. Aufgesperrte Münder schlossen sich, die Neugier der Augen erlosch wie mit einem Zauberschlag, und die jungen Glieder, soeben noch von einer elementaren Heiterkeit aufgelöst, zogen sich stramm zusammen. Milde gesetzte Höflichkeit waltete. »Man hat hier Lebensart,« sagte Grothusen ernst. Es lag nicht eigentlich Anerkennung in der Bemerkung, sondern einfach Feststellung. »Dies ist eine gute Familie.« – – Und mit einer Bewegung, als bürge er mit seiner ganzen Reputation dafür, reinigte er sich den Schnurrbart mit einem Stück Bananenblatt. »Jetzt gehen wir,« meinte er. »Stehen Sie beileibe nicht auf, bevor ich dem Alten das Signal gegeben.« Und er hielt eine kleine Rede. Es war viel Untröstlichkeit darin, viel Beteuerung, viel blumige Wiederholung. Eneliko nickte mehrmals Beifall, und nach einer höflich durchgelächelten Pause erhob er sich plötzlich mit Milikini; er gab dadurch den Gästen die Erlaubnis, ebenfalls aufzustehen. Die ganze Hütte blieb sitzen und rief: » Tofā! Tofā Kotūsa! « – Und die Weiber, den tiefen Brustton des Alten hell überschreiend: » Ja manuia le malaga! « 160 Gerhart wandte den Kopf noch einmal zurück: Welch ein Schlag von Menschen! Welch schöner Wendungen waren diese Hälse fähig! Wie spielten die Muskeln unter samtener Haut; wie strafften sich die Rücken! Und wie schlank und elastisch ruhten die Kniee auf den schön geformten Waden! Und dort hinten entdeckte er noch, mit letztem Blick, ein Brüstepaar; Arme, die sich hinter einer seidenen Mähne wie ein Rahmen verschränkten, zogen es empor, so daß die beiden blühenden Bälle wie eine sanfte unwiderstehliche Verlockung für alles Unmündige prunkhaft zitterten . . . Grothusen war ihm schon vorangegangen. Er folgte der weißen dürren Gestalt, die in der Weise, wie sie ausschritt, etwas vom Wesen einer Maschine zeigte. Grothusen überquerte jetzt das Brückchen über den Bach, ein hübsches und sorgsames Werk aus Palmstämmen. »Eine von Mr. Harrigans Ideen,« meinte er und schlug lobend auf das Geländer. – Sie kamen noch an mehreren Hütten vorüber; in allen Häusern nahm man jetzt die Fliegennetze herab. Überall, in der halben Dämmerung unter den Haubendächern, schwammen jetzt Gesichter, die ausdruckslos unter Polstern verfilzter Haare vom Schlummer erschlaffte Züge herauswandten, zuweilen grell erweckt blinzelnd, wenn die Sonne sie traf.   Als sie eine Viertelstunde gegangen waren, veränderte sich die Szene mit sprunghafter Plötzlichkeit. Als der Urwald sie freigab, waren sie zwei winzige weiße Milben, die am Rand einer kohlschwarzen Wüste krochen. Der Teertod brütete sie an. Er dehnte sich vor ihnen, plump, erloschen; er hatte sich inmitten der schwellenden Üppigkeit ein Loch gefressen; einen geräumigen Tummelplatz von Meilen im Umfang. Der Wind brachte den immerwährenden, den weiten Schrei des erwürgten Lebens: eine sausende Stille. Das Summen und Sieden des lebendigen, unablässig schöpferischen Pflanzentums verlosch wie mit einem Seufzer; wie 161 abgehackt in einer mächtigen Kurve unter einem schwarzen Alpdruck. Und doch: auch diese toten Massen von Lava sind einst lebendig gewesen, von wüsteren und primitiveren Kräften gereizt als den zartstarken, die Zelle an Zelle gliedern. Die Tonnenlasten von Zement sind gewandert, von fernem, feuerfauchendem Antrieb befördert; sie haben geschwankt, knirschend, ätzend, zermalmend, an Hindernissen sich türmend; haben sich ein riesiges Bett gegraben; und in diesem Bett quoll das trübe Verderben herab, zäh und unaufhaltsam im Schwefeldunst fürchterlichen Triumphes. Da stehen Hütten, Palmen: die kochende Lava rückt auf sie zu, langsam, langsam, als eine Wand, eine schwarze Woge, die von ihrem eigenen Gewicht gebändigt statt Schaumes träg platzende Blasen wirft, und die statt vom Tang der Tiefe von glühenden Schlacken schillert . . . Der Finger des Todes rührt an die Pfosten. Vierundzwanzig Hartholzstämme, für die Ewigkeit errichtet – an denen Nägel sich krümmen, die der Sonne, des Wassers spotten – sie spüren stumme Wut an ihrem Fuß, die einsickert in ihr zähestes Wesen; flammende Säure, der sie sich beugen müssen. Sie wollen nicht; sie recken sich in krachendem Trotz; die Fasern umarmen sich brünstig im Krampf tödlichen Widerstandes. O Seele des Eisenbaumes: gib nicht nach! Denkst du noch, du behauener Stumpf, der Zeit, da du ganz warst, da Tage um dich schwirrten wie Mücken und Jahre wie Brisen von der Küste, da deine Krone, steil und hoch, einzelner Prachtschirm stand, der seinen Schatten wie ein Spielzeug in ein formloses Gewimmel verächtlichen Grüns warf? Dich niederzuhacken, dich zu vergewaltigen waren zwanzig braune Leiber durch Wochen geschäftig, und weitere Wochen, bis du ächzend gelüftet in böser Arbeit, in Straucheln und Stolpern den Weg zu Tal gefunden . . . und da zerteilten sie dich mühsam, mühsam, denn deine Unzerstörbarkeit sollte ihnen dienen. Du dientest. Und jetzt gibst du nach? jetzt verleugnest du dich? 162 Der Finger des Todes rührt an die Pfosten . . . sie wollen nicht weichen! Doch siehe da: Als der Widerstand sie strafft, ist der Wille, der sie spannt, so ungeheuer, daß er sie wie mit einem Kanonenschuß zerreißt. Das Organische trennt sich unter kreischendem Schmerz. Verklammerte, verschweißte Zellen bersten. Die Seele des Baumes, zur Unzeit befreit, glüht, raucht, kohlt. Ein Zittern pflanzt sich fort; die Füße der Pfosten werden zu Wachs. Sie schmelzen. Die Lava gräbt; sie quillt in alle Spalten; sie macht es sich bequem. Matten schmelzen, auf die sie sich bettet; sie achtet dessen nicht. Sie zischt leise und füllt als böser Gast aus der Tiefe das ganze Oval der Hütte an. Und ihr Zischen lockt das Dach herunter. Das Dach sehnt sich nach der Erde; es sinkt ruckweise herab. Es will Erde werden; es liebt dieses urvertrauliche Zischen. Es taucht in den Werdezirkel fernster Äonen ein. Und in gierigem Prasseln, in einer einzigen Lohe, die plötzlich aufschießt und plötzlich verschwindet, sinkt es dahin. Der Teertod frißt seine Spuren . . . Den Palmen graut es. Sie neigen sich zueinander und küssen sich mit den Wedeln; und die grünen Fiedern erbleichen vor Entsetzen zu Stroh. Und dann beben sie und fallen in Reihen wie Halme vor einer langsamen tückischen Sense. Es dauert noch Tage, noch Wochen: plötzlich geschieht etwas an der Küste. Das Meer brüllt auf vor Schmerz: Feuer tastet an die kristallne Kühle. Angegriffen durch das Wesensfremde, durch eine, durch zwei Meilen wütend siedenden Teers, wird die Kühle trüb und sucht die Luft in rasender Zersetzung. Sie krümmt sich unter dem Zwang; sie bedeckt sich mit toten Fischen, mit blauem stinkendem Silber; sie läßt tausend Dampfpfeifen dröhnen durch die Löcher, durch die sie noch atmen kann; und eine riesige weiße, unablässig neu genährte Wolke ballt sich auf, unter der ein Kampf von Sein und Nichtsein brodelt . . . Und wie ist es heute? Ist der Kampf erloschen? Es ist 163 still. Heftige Bewegung ist erstarrt. Quillt es noch? Nein – es ruht . . . es ruht mit der Maske des Kampfes. Alles hat das geisterhafte Angesicht von Kolonnen, von Klumpen bewegter Scharen, die ein plötzlicher Tod erschütterte und stehen ließ in all ihren wilden Gesten. Das ist das Drama des Matavānu; das ist das Schicksal von Toapaipai, das unter der Lava liegt . . . Und dies Schicksal, mit dem süßen Zirpen von Schwalben, geistert noch darüber, fernes Gedächtnis von Mattenpreisungen und von Gesängen in Tarofeldern, die tief verschüttet sind.   Die Lava ist schwarz und porös; von gelben Flecken besät. Lange Barrieren von zerbröckeltem Teer stauen sich auf. Zuweilen kommen glatte Stellen, mit großen Platten gepflastert, die porzellanspröd erklirren. Dann öffnen sich zickzackförmige Ritzen; Eingänge zu Labyrinthen, an deren Rändern Schwefel blüht. Turmtiefe Höhlen, domartig überdachte Schächte schrecken den Schritt; und in ihnen hat sich die Stille gefangen: als sei alles lebendige Geräusch gefiltert und steige als kriechender vergänglicher Dampf empor, von Sehnsucht befangen, wieder im Blatt und im Wasser zu flüstern. Gedächtnisse von urtiefen Donnern leben auf als hallendes Echo einsamer Schritte. Und über dem ganzen Gebäude des Todes, über dieser unzerstörbarsten aller Sterbestätten waltet die alte Sonne. Sie steht jetzt nahe der Hälfte des Morgenumlaufs und flimmert weit auf der zerbröckelten Kruste. Nun wird sie, befreit von Dunstschleiern, zu einer Welt von tanzender Glut. Sie speit Wärme über die Wasser. Sie haucht ihre Hitze aus der Lava und zerbirst in ein Übermaß von Licht. Sie ergreift Besitz vom Leben, erbarmungslosen Besitz. Es ist ihre Domäne, breit wirft sie sich auf die Hügel. Sie umfaßt alles und nagt an den Schatten der Dinge, die zusehends schrumpfen. Die Schwingen der Morgenbrise regen sich matter, erlahmen und schlafen ein . . . Der Kranz von Urwald, der sich oben zu einem toten 164 weißen Gürtel gebleicht um die Lava zieht, steht dunkel, strotzend und blank. Die Sonne legt sich breit in die grünen Betten, deren Kanäle durchleuchtet schwellen; sie spreizt sich auf geäderten Tellern und häuft sich an. Wollüstig saugt sie den Schweiß der Pflanzen und wird machtvoll und groß. Gerhart entsinnt sich seines Morgenbades, der Entkettungen der Bäume, des sanften Aufglänzens; entsinnt sich des weichen Getrillers der Vögel . . . Ist das noch jenes Morgenlächeln? Jenes Schöpfungslächeln? Es hat sich verzerrt und prangt gedankenlos. Da haben wir sie, die große polynesische Hure! Sie ist erwacht und begattet sich mit der Sonne. Sie ist nimmersatt. Sie hat nicht genug am zarten Kuß der Frühe: sie will mehr, mehr. Die ganze lodernde Brunst ist nicht genug für ihren Schoß. Das jungfräuliche Lächeln, mit dem sie dem Weckschrei der Hähne gelauscht, scheint von Sättigung vergiftet. So liegt sie da und starrt blinzelnd vor sich hin. Sie läßt die Sonne über sich ergehen, neuer endloser Schwangerschaften gewärtig . . . Und der Widerschein ihrer unablässigen Empfängnisse glänzt überall auf. So lächeln auch die Menschen hier, sobald der Strahl sie trifft. – Es ist kein Lächeln der Seele. Es ist der Sonnenkitzel; ein Grinsen, erzeugt von Blau und Grün; vom ewigen Blau und Grün . . . Ein intensiver Asphaltgeruch quoll Gerhart entgegen. Es flimmerte vor seinem inneren Blick; für einen Augenblick war er ein Knabe, von Schlaf und Hitze betäubt, der durch das Prunkgitter eines Balkons herab nach der leeren Plaza sah . . . Ein Knabe in blaugestreiften Pyjamas, der aus dem sonnendumpfen Schatten einer träg flatternden Markise hervortrat, um fünf Uhr morgens, und den nackten Fuß an eine Eisenblume stemmte; dessen Nüstern einen leichten Kloakendunst empfanden, den die frühsten Strahlen befreiten mit einem Nelkenparfüm, das dazwischen drang . . . 165 Und der sich sagte: »Ein anderer chilenischer Tag ist da!« – Ein anderer Tag einer seltsam entgleitenden Jugend . . .   Über die Lava des Mauga‘afi lugten schon die Haubendächer eines Dorfes aus dem Busch. Unten, wo die Schwärze abrupt ins Meer stürzte, strahlten türkisblaue Lagunen, wie Farbspritzer, die in dunklen Tinten zerlaufen. Das Meer wanderte sanft in die Höhe –: ein grausilberner Riesentrichter. Das Geheimnis des Buschhahns Glauben Sie nicht auch, Grothusen, es geht diesen Menschen hier um einen Grad zu gut? – Selbst der Tod kommt hier in heiterer Aufmachung: man nimmt ihn nicht ernst. Seine Besuche werfen keine Schatten voraus; und wenn er da ist, nimmt man ihn für eine Gelegenheit mehr zu tanzen und sich mit einer Doppelmahlzeit vollzustopfen. Mir scheint überhaupt, man kommt ihm hier nicht geziemend entgegen.« Gerhart blickte auf den heftigen Zusammenprall der leuchtenden Farben an der Küste. »Ich stelle mir vor, er sitzt an einem eirunden Regensee in einem nie betretenen Innental und spinnt mürrische Moderträume . . . Das wissen die Menschen hier, und das macht sie verstockt. Ihre Reden sind Lüge und deshalb so melodisch. Ihren Handlungen setzt die Zeit keine Grenze. Sie sind mit allem verschwistert und verwachsen, was wächst und stirbt wie sie. Für jeden, der kämpft, der tiefe Leiden und tiefe Freuden hat, sind sie hassenswürdig. Zum Teufel mit dieser paradiesischen Verantwortungslosigkeit . . . Sie kennen keinen Wettstreit und keine Unbill des Alltags. Sie ererben einander die Maske ihres aufreizenden Lächelns – diese stumpfe Behaglichkeit des ewigen Sommers! Sie hocken sich vor dich hin, locken dich zu Versuchen, hinter die Maske zu spähen, erlauben dir gar, sie lüften zu wollen, 166 und steigen mit gurrender Teilnahme in deine Brust – ha, es ist nichts damit! Du merkst auf einmal, daß sich die Maske um keines Haares Breite gelüftet hat! Daß sie fest vor den braunen Gesichtern sitzt, fester denn je! Und was tut so ein armer Europamann? Er sitzt da wie ein gerupfter Vogel. Er humpelt kläglich vor ihnen umher, nackt und durchschaut. Eine Belustigung mehr für ihre beerenschwarzen Augen. Was ist deine ganze Tradition? Was sind deine Werte, deine Begriffe? Ein dämmerhafter Witz . . . Es gibt kein Echo!« Eine seltsame Verwandlung ging mit Grothusen vor. Seine Züge fielen schlaff auseinander, als ob er mit erhobenem Haupt entschlummere: wie ein alter Gaul. Dabei verzog sich seine Stirn zu Falten. Es waren drei dicke, hellziegelfarbene Wülste, drei feiste Gedankenstriche, und sie besagten: ›Hinter uns sitzt ein Kummer‹. Sein übriges Gesicht, von der Hitze rosa gefleckt, erblaßte zu der Farbe von Pergament. Er sah für einen Augenblick alt aus, als schwanke er, halb betäubt, von einem Keulenschlag vor die törichte Stirn getroffen oder plötzlich mit allen Sorgen der Menschheit behängt und belastet . . . Gleichwohl aber blitzte seine Brille scharf wie immer, und die Spiegelung ließ keinen Schluß darüber zu, was hinter ihr vor sich ging. Und ehe Gerhart sich eine Meinung über den vorübergehenden Gesichtsausdruck bilden konnte, saß der alte Grothusen wieder da, um kein Tittelchen verändert, und sprach mit seltsamer Energie: »Es gibt ein Echo.« Er blickte sich um, kampfbereit; er wiegte leise den Kopf. Dann nahm er die Brille ab und reinigte sie mit dem Taschentuch. Sein Gesicht war auf einmal nackt. Seine Augen, blaßblau, glotzten Gerhart an. »Ist das Kurzsichtigkeit?« dachte Gerhart; »oder ist es der Blick eines Fanatikers?« »Es gibt ein Echo,« wiederholte Grothusen mit derselben knarrenden Energie. 167 Dann blinzelte er; sein Blick verlor das forschend Eindringliche. Er setzte die Brille wieder auf. Es war, als habe er ein fremdes Wesen losgelassen, das nun wieder hinter dem Schutz der spiegelnden Gläser verschwand. »Sie werden sehen . . .« sagte er rauh; fast geheimnisvoll. »Sie werden sehen . . .«   Sie überquerten den Hauptplatz des Buschdorfes Samalae‘ulu. Der Boden war mit Korallenkies bestreut; die Hütten mit runden Lavasteinen zierlich garniert. Doch Grothusen schenkte sich keine Muße, das freudige »Talōfa«, das ihm aus allen Hütten entgegenklang, mit einem kleinen Gespräch zu belohnen. Er ging unaufhaltsam weiter. »Wir haben noch sechs Stunden bis Faga,« meinte er. »Es ist eine wüste, unerquickliche Strecke; aber schattig . . . Es ist besser, wir halten uns hier nicht auf; dann haben wir für lange Zeit das schlimmste hinter uns.« – Er bog irgendwo in ein Loch der kompakten Urwaldwand ein; verschwand, vom Grün verschluckt. Es war, als sei er nie gewesen, so durchaus löschte ihn die mächtige Schöpfung aus. Ehe Gerhart ihm nachtauchte, hörte er noch einen durchdringenden Hahnenschrei vom Dorfe her. Es war ein bunter Hahn, der in einem kleinen Tarofeld pickte. Es war ein strammes und häusliches Tier; es war, als ob mit seinem Schrei das letzte Gedächtnis an Menschen verschwinde. Noch als Gerhart tiefer in den Wald gedrungen war, hörte er den fernen Schrei, spitz und schrill, durch die Laubmassen dringen. Der Weg wand sich ziellos im Zickzack durch den Wald; er bestand lediglich aus einer Betreuung von Lavabrocken und Kieselsteinen. Es war noch kühl; kellerkühl; doch zuweilen strich ein wärmerer Hauch herein, von Feuchte beladen, wie aus einem Treibhaus. Das Licht schwamm droben in breiten Schwaden; es tröpfelte spärlich in die Gründe, und wo es hintraf, erzeugte es ein diamantenes Blitzen. 168 Grothusens weiße Gestalt tauchte auf und ab, verschwand bald und erschien bald plötzlich wieder in der grünen Dämmerung. Er schien nie zu stolpern. Er ging sacht und ruhig wie eine für Stunden angedrehte Maschine, während Gerhart Mühe hatte, seine Schritte auf feste Punkte zu lenken. Auf einmal blieb Grothusen stehen. Die Sonne brach an jener Stelle durch und setzte ihn in eine Glorie, als ob auf einer halbverdunkelten Bühne plötzlich ein bengalischer Strahl auf ihn gerichtet werde. Gerhart blieb gleichfalls stehen, da Grothusen den Finger hob. »Lauschen Sie,« sprach der Finger. Ein schauerliches Brüllen geschah im Walde, als sitze irgendwo ein Fabeltier und röchele. Es kam aus der Höhe und geschah im Takt mit bestimmten Pausen, die bekannt anmuteten. »Ein Buschhahn,« sprach Grothusen. »Der antwortet auf den Schrei vom Dorfe her. Sie haben ein feines Gehör und eine fabelhafte Eifersucht.« Das »Grru-Grru-Grru« des Buschhahnes röchelte weiter, noch lange hörbar, während sie sich entfernten. In der tröpfelnden Stille, in dem Wirrwarr der mächtigen, schweigsamen, von gigantischen Lianen umketteten Stämme hatte dieser einzelne Laut etwas Gespenstisches. ›Wie seltsam ist es,‹ dachte Gerhart, ›daß hier die abgesonderte Kreatur sitzt und über den meilenfernen Schrei einer zweiten, mit der sie nichts zu tun hat, in eine einsame Entrüstung verfällt. – Oder ist es dieser Hahn hier, der den Handschuh hinwirft, der sich unerreichbar brüstet, und ist es der ferne im Dorf, der die Forderung wütend erwidert?‹ Noch lange folgte ihnen der Schrei des Buschhahns. »Im Dorf hat man längst aufgehört zu krähen,« meinte Grothusen. »Aber das Vieh hier gibt noch immer nicht nach. Sein Ehrgeiz ist angestachelt, und es will sicher gehen, daß ihm das letzte Wort gehört . . . So brüllt es noch eine Weile weiter; es steckt eine ganz gewaltige Hartnäckigkeit darin, was?« Wieder wunderte sich Gerhart, daß Grothusen so selten 169 stolperte, daß er, nur mit seinem Bambusstock bewaffnet, so unfehlbar die trugvolle Schrift dieses Bodens las. Es war, als sei er hier schon unzählige Male hin und her gelaufen, als sei ihm jeder Stein bekannt. Er strahlte eine schier schlafwandlerische Sicherheit aus, die sich seinem Begleiter unwillkürlich vermittelte. Ja, war es nicht überall, wo sie Eingeborene trafen, so als sei Grothusen der eigentliche Wirt, der gastliche Geist hinter jeder kleinen Gefälligkeit? Und wo die Natur Gerhart zum Aufatmen trieb – war es da nicht gewesen, als husche über Grothusens Züge ein schattenhaftes, halbgeschmeicheltes Lächeln, als wolle er sagen: ›Freut mich, daß Ihnen das kleine Arrangement gefällt!‹ –? »Ja,« sprach Grothusen vor sich hin, »da kräht ein Hahn von der Pflanzung, einer, der nicht höher kommt als bis aufs Hüttendach; und der andere, vom Urwaldbaum herab, antwortet ihm. Und das domestizierte Vieh empfindet sich als den originalen Singvogel und will dem anderen zeigen, daß sein Kikeriki ein schauerliches Gebrüll ist; es ersehnt einen Wettkampf auf der flachen Tenne, um ihn auszustechen; aber der andere läßt sich auf nichts ein. Er kommt nicht herab. Er kann fliegen; das kann der Dorfhahn nicht. Er wird nie herunterkommen, nie sein Element verleugnen; er hat, vielleicht schon in seinen Vorvätern, Sklaverei durchgekostet und ist gepanzert mit einem kräftigen Erfahrungsinstinkt . . . Und das ist das Geheimnis des Buschhahns!   Doch der Haushahn begreift das nicht. Er sitzt unten an der Leiter, und der andere hoch oben; doch der Haushahn hat eine importierte Begriffsverschiebung im Kopf und glaubt, er könne den anderen herunterlocken . . . Er will singen wie er; doch er kann es nicht und singt falsch. Plötzlich hat er dann die eigenen Noten verlernt, ohne doch die anderen zu beherrschen. Es ist ein trauriges Schauspiel. Der Buschhahn ist tückisch und äfft ihn nach, um ihn 170 in seinem törichten Falsett zu bestärken. Plötzlich fliegt er auf und davon, und das zurückgelassene Vieh hat nur noch einen blassen Begriff vom Echten, nur noch einen gelegentlichen Bewußtseinsblitz. Es bleibt zurück, angewidert von der eigenen Sippschaft, verhöhnt von den Buschhennen, innerlich zerrissen und uneins mit sich selbst . . . Das moralische Niveau sinkt . . . Kenne solche Haushähne, junger Mann! – Doch es kommt vor,« sagte Grothusen jetzt bedeutungsvoll und bohrte seinen Stock ins Moos, »es kommt vor, daß sie sich auf der halben Leiter treffen . . . Sie zanken sich zunächst, singen ein kriegerisches Duett – doch dann, nach Drücken und Zwängen finden sie Platz auf derselben Sprosse, bleiben vielleicht sogar darauf sitzen, he he . . . Doch dieser Fall ist meines Wissens nur zweimal vorgekommen, nämlich daß sich Haus- und Buschhahn ein Rendezvous auf derselben Sprosse gaben – bei Stevenson, – und bei mir!« Grothusen wandte sich um. Er blickte seinen Begleiter starr aus seiner spiegelnden Brille an. Es war, als ob sich sein Kopf leise wiege. Weitausholende Wellen feierlicher Teilnahme gingen von ihm aus. ›Seht,‹ sprach seine Haltung. ›Hier stehe ich, alt, aber immer noch ganz rüstig; immer noch großer Eindrücke fähig. Ich habe mich konserviert, den Teufel auch, und habe sie alle in der Tasche . . .‹   Von Zeit zu Zeit öffnete sich der Wald. Der Weg schlängelte sich halsbrecherisch bis ans Meer. Von der Kante der schwarzen Lavaküste herab, die mit bizarren Brücken, mit scharf gezackten Türmen unter dem Humus hervorbrach, sah man durch die äußersten lichten Stämme ein blaues Leuchten. Trat man näher, schob man den letzten Blättervorhang hinweg, so blickte man in einen Tumult von silbernem Gischt. Zehn Meter steil unter dem Fuß sah man das gefangene Wasser rasen, in Gefängnissen kochen, aus Löchern sprudeln und schießen: einen Hain von 171 funkelnden Fontänen, die für eines Augenschlusses Dauer ihre Form behielten. Ein paar Schritte weiter, und ein Regen fiel in den Wald. Er kam nicht vom Himmel. Ein Brandungsgeiser in der Nähe, wachsend und verblühend in siedendem Takt, stob mit einem gewaltig hohen Schaumfächer durch die Bäume; quellendes Wachstum folgte dem Schritt des Schauers. Die Wanderer eilten hindurch; der Wald verschlang sie wieder wie ein grüner Kerker. Das kristallene Poltern der Brandung verklang wie traumferne Erregung. Hier war es kühl, innerlich und still; die Dinge lagen oder hingen in dunkelgrünen Gruppen. Stein bettete sich an Stein; Lianenstränge wurden zu Hängematten, in denen die tiefe Pflanzenruhe sich schläfrig dehnte und tönende Tropfen, einsilbige Schreie kleiner Vögel zählte . . . Fikusstämme auf zahllosen Wurzelsäulen schoben graue, drohende Kulissen hinter eine Fülle zierlicher Farne; mannshohe Tore taten sich auf zu Andachtsplätzen aus lebendem Holz. Wie mächtige Krallen, wie im Krampf versteinte Tentakeln von enormem Umfang, drangen die kantigen Wurzeln aus dem Stamm, diametrisch sich ausbreitend; sie schickten neue gierige Sauger aus, die sich senkrecht in den Humus bohrten; Kolonien knorriger Rüssel, deren Kanäle schluckten, schluckten . . . Und dies ganze Säulenhaus lüftete mit tauschwitzendem Ächzen das maßlos kraftbeschwerte Gebilde aus Stammholz, Ästen und lederblankem Laub: so daß die Krone hoch mit den Schichten ihres fabelhaften Doppelschirms über dem Urwald hing! . . . Tief unter ihr regte sich das geringere Bemühen, schwach und vergewaltigt . . .   Auf einem Stück bleicher Wurzel, einem natürlichen Stuhl, von Blättern geschmückt, ließ Gerhart sich nieder. – – Grothusen zog es vor, sich kreuzbeinig auf den Boden zu setzen; er klappte zusammen wie ein Meßinstrument. Zunächst sah Gerhart nur einen manierlichen, etwas umständlichen Schulmeister da am Boden sitzen. Plötzlich fiel ihm 172 auf, wie Grothusen dasaß. Seine fragwürdigen Stiefel standen unter dem dürren Gesäß hervor in die Luft . . . Es war etwas ungeheuer Selbstverständliches in dieser Sitzmethode; – schien es nicht, als vermittle die Stellung ihm irgendeine mystische Bedeutsamkeit? – – Wie vom Himmel gefallen saß er vor einem Hintergrund von edelgeschweiften Bergbananenblättern, halb zerfaulten Baumstrünken und einem Blau darüber von fast schwermütiger Leuchtkraft. Wiederum – zum zweiten Mal – schoß es Gerhart durch den Kopf: Wo habe ich dich schon gesehen? . . . »Ja, ich habe sie alle in der Tasche . . .« schrie Grothusen plötzlich mit schier bösartiger Fröhlichkeit. – »Sehn Sie sich einmal das Volk an, Herr Ollendiek, das jetzt herüberkommt! Das kommt mit Vorsätzen Kolonialarbeit zu betreiben und Geld mitzunehmen . . . Die richtige Idee haben sie ja und behandeln den Samoaner als ›gleichgestellt‹; wäre auch verdammt verkehrt, wenn sie's anders vorhätten . . . Dabei verlangen sie aber, er solle ihre Töne krähen, statt daß sie seine krähten. Der Samoaner hat ein subtiles Gefühl dafür, wenn jemand aus dem Rahmen fällt. Natürlich wird er da tückisch und kräht absichtlich nach ihrer Weise – aber nur aus Schauspielerei; – denn ein Eingeborener denkt trotz Englisch und Deutsch immer samoanisch! – Das macht die Sache gefährlich. Praktische Psychologen wollen sie sein, die weißen Herrschaften, – und treten von einer Fußangel in die andere . . .« »Merkwürdig gerade in dieser Umgebung . . .« meinte Gerhart. »Man sollte denken, sie müßten Wiegenkinder werden, Ihre Psychologen; – oder als Patriarchen ihre Tage in friedlichem Hocksitz beschließen – vereinfacht und wunschlos. – Statt dessen, was herrscht? – Gereiztheit, Unrast, Zerrissenheit. Die Menschen haben anscheinend keinen Spiegel hier; sonst würden sie sehn, wie planlos und verstümmelt ihr Dasein ist . . . Die Selbstachtung sickert in diese Schwamm-Erde . . . Sie sprachen vorhin vom 173 ›Echo‹. Gibt es denn keins für die andern? – Haben Sie etwa ein Privileg?!« Grothusen starrte ihn stumm an. – »Ja!« sagte er schwer. »Das habe ich« – Er erhob sich. –Spreizbeinig stellte er sich hin; die dürre Faust fuhr wagerecht und beschwörend in die Luft. Seine Stimme, seine Haltung hatten etwas Prophetisches. »Ich bin weiß und braun; beides in einer Person! – Bin so weiß wie Sie, mein Lieber; brünstig europäisch! – Habe akademische Bildung im Leib und hatte eine große Karriere vor mir; als Opernsänger; straf mich Gott . . . Schwaps! – mache ich mich zu und sperre Europa hinaus; bin braun, Samoaner, Lebenskünstler, und lächle in Gemeinschaft mit all diesen Genußvirtuosen! Sie lieben mich, und ich liebe sie. ›Patuitui,‹ sagen sie zu mir, ›du bist höflich, du verstehst uns!‹ Jede Hütte gehört mir; ich kann mich breitmachen, wo ich will; hier ist die Heimat meiner Sinne!« Er streckte die Hände in eine Lichtsäule, so daß sie kalkfarben aufschimmerten. »Da, diese Sonne hier . . . sie wärmt mich, die ewige Sonne! Diese unerschöpfliche Behaglichkeit! Sie beliebten etwas zu bemerken von ›gerupftem Vogel‹, von ›kläglicher Durchsichtigkeit‹ vom ›Verblassen aller Werte‹. Dieses Gepäck läßt man überhaupt ganz zu Hause. Natürlich setzen sich unsere weißen Freunde hin und schwatzen samoanisch. Dadurch, denken sie, haben sie sich an den ozeanischen Herzen angeheimelt, an diesen uralten Sonnenherzen, die einen ganz anderen Rhythmus schlagen! Man zeigt ihnen hier aber nicht, was man von ihnen denkt. Je mehr man verachtet, desto größer wird die heitere Zuvorkommenheit. Was aber mich betrifft, so bin ich der einzige hier, nach dessen Weggang kein Unmut herrscht, sondern nur das Gefühl: ›Er kommt wieder, es ist schön gewesen, lafaïga! 174 Er ist ein Pa‘alagi, aber das wissen wir nicht, wenn wir die Augen schließen . . .‹ Sehen Sie, ich halte eine Rede. Sie schlafen ringsum ein. Scheinbar, scheinbar! Ich orakele, lüge, trage Blumen zusammen. Ich kenne ihre Titel und erfinde neue dazu. Es geht ihnen wie Butter ein. Sie hören die Seele sprechen; ihre eigene Seele spricht. Und wenn sie reden, nehmen sie sich zusammen. Andere, verstehen Sie, werden scharf abgeschätzt, ohne daß sie's merken . . . Ich nicht. Sie starren auf einen Punkt im Raum; sie haben sich so an mich gewöhnt, daß meine Brille sie nicht mehr aufregt, als etwa mich der Klumpfuß meines Freundes Folau . . . sie nennen mich Matafā, Vierauge, das ist der ganze Kommentar.. Genau so wie sie Matasesēpa, die »Schieläugige«, sagen . . . Ich bin ein Bestandteil ihrer Phantasie; während die anderen nichts sind als störende Insekten. – Die Missionare sagen Sie? – Denen folgen sie nur aus Trägheit und Aberglauben . . . Ich bin ihr Freund; nur ihr Freund. Da gibt es ein dummes Sprichwort: ›Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen . . .‹ Ja freilich, es kommt ganz darauf an, wie man wandelt! Man muß sich mächtig in die Sache vertiefen, so daß man am Schluß die Palmen für die einzig mögliche Umgebung hält. Mir stehen die Palmen gut; ich passe darunter; danke . . . Daß Sie die Sache philosophisch betrachten, gefällt mir. Die anderen – ach Gott! – keine Ahnung hat die Bande. – ›Der Grothusen‹, meinen sie, ›ist uns zu beliebt hier; 'n gerissener Kumpan; politisch gefährlich‹ – ›Gefährlich‹ ist gut; wie?« Er lachte krähend und schritt weiter . . . Der Strandweg in Lago tat sich auf. Bevor sie noch den weichen Sand betraten und sich wieder menschlichen Stätten näherten, dort –: den Urwald hinter sich und von unbehindertem Licht gebadet, – drehte sich Grothusen plötzlich 175 um, als wolle er seinen Begleiter zurückdämmen. Es war eine Bühnengeste; eine Art stilvoller Abwehr . . . Da aller Widerstand ausblieb, schien es, als habe er sich an der mächtigen Pose gleichsam überhoben. – Er sank zur Schlichtheit zurück. Rauh und vertraulich flüsternd sprach er: »Einer verstand mich; – und der ist tot . . . Liegt bei Vailima  . . . auf dem Va‘ea-Hügel . . . Der wußte, wer ich bin. – Wissen Sie's?« Er warf den Kopf zurück und sprach fanatisch, mit schwellendem Hals: »Ich bin der Mann mit dem Schlüssel! – – Ich bin das Bindeglied! – Ich bin die Brücke zwischen Westen und Osten!« Gerhart prallte zurück. – Sein Gesicht überzog sich mit Blässe. – Hatte er nicht, vor nicht allzu langer Zeit, diese selben, aber auch genau dieselben Worte vernommen? Und war es nicht, als dröhne ihr schlummernder Tonfall seltsam verstärkt wiederum in sein inneres Ohr? . . . Ganz tief aus dem Schoße des Waldes hervor, meilenfern hinter wuchernden Blätterwällen vergraben – klang es ein wenig höhnisch? – brüllte der Buschhahn . – – Die Pflanzung des Misi Kuma Als sie Faga durchschritten, gab Grothusen mit Händeschwenken und kurzen Zurufen Proben seiner Beliebtheit zum besten. Graubärte im Hause des Dorfschulzen, entzückt aufächzend, sahen kopfwiegend hinter ihnen her; man hörte das Peitschen ihrer Fliegenwedel auf den Matten. Primitive, weißgekalkte Kirchen glänzten aus dem Grün der gut gehaltenen Kokuspflanzungen. »Diese Gegend ist ein wahrer Tummelplatz für die unglaublichsten Sekten,« schnarrte Grothusen kurz. »Wo früher der amüsanteste 176 Unfug herrschte, ist jetzt ein reiner Kirchhofsfrieden.« Er spuckte aus. Auf einmal ertönte das Knirschen eines Buggys hinter ihnen, und eine weiche, das R rollende Stimme erkundigte sich: » Want a lift, Mr. Grothusen? «‹ – »Hallo, Joe!« schrie Grothusen. – Zu Gerhart gewandt: »Dies ist mein Freund Godinet.« Beide kletterten auf den Sitz und nahmen den Halfcaste in die Mitte. Grothusens Laune war glänzend. »Bequem, bequem!« rief er auf englisch, wobei er Godinet einen väterlichen Klaps auf die Schulter gab. »So kriegen wir unser Frühstück in Safotulafai.« Der Halfcaste versank in ein langgezogenes Lächeln, das eine Reihe fabelhafter Zähne entblößte. Sein Benehmen Grothusen gegenüber war unterwürfig mit einem Stich ins Tastend-Vertrauliche. Er war mattweiß, und die Hände, die die Zügel hielten, ließen den Wunsch in Gerhart reifen, ihn etwas weiter entfernt von sich zu halten, was aber der enge Sitz verhinderte. Es waren Finger, deren jeder eine kleine Rückenbürste von schwarzen Härchen trug bis herab zu den bläulichen Nägeln, und die die Eigenschaft zu haben schienen, sich um die Gegenstände, die sie faßten, herumzuwickeln. Die Kniee Godinets stachen spitz aus verflickten Hosen von grauem Flanell. An den Füßen trug er Sandalen. Sein Gesicht war glatt; seine braunen Augen schliefen unter glanzlosen Wimpern von ordinärer Schwärze. »Sicher hat er verfilzte Haare,« dachte Gerhart; »sicher hat er jene Art von Scheitel, der sich wie ein nackter Streifen bis zum Hinterkopf windet.« Godinet trug jedoch einen Topfhut aus Palmfasern und zeigte seinen Scheitel nicht. Mit der Zeit geriet er ins Schwatzen: Geschäftsaffären. Seine Sprache wimmelte von einheimischen Ausdrücken. Sobald er englisch sprach, rollten alle Konsonanten, alle kurzen Worte darin von seinen Lippen, als trennten sich die Kinder seines Hirns widerwillig von einem Daunenpolster und plumpsten auf den Boden, wo sie feist und träge 177 weiterspielten. Er gab der Sprache einen ganz neuen Charakter. »Ein Staatsstreich, Doktor!« schrie Grothusen und schlug Godinet klatschend auf die Kniee. »Ich erfahre da eben, daß McGrew hereingelegt worden ist – von Waldemar Zierlich in Vaipouli! Der alte Yankee stinkt von Geld, hat vierzig Stationen hier . . .« Er strahlte und wandte den Kopf mit seligem, scharlachfarbenem Gesicht ruckweise hin und her, wobei er seine Brille wie gewöhnlich an seinem Knie putzte. »Es herrscht ein übler Favoritismus bei ihm; ein Tyrann ist er auch . . . ha, das gönne ich dem alten Gauner!« Er setzte die Brille auf, sie blitzte. Der Halfcaste drehte, während er die spärlichen Lebensgeister des Pferdes mit Zungenschnalzen anregte, seine Pupille auf die Seite und zwinkerte Gerhart mit dem linken Auge zu. Es war kaum bemerkbar; ein schattenhaftes Zucken des Augendeckels. Dann kroch die Pupille wieder langsam an ihren Platz zurück. Das Pferdchen lief emsig weiter, doch merkte man ihm Ermüdung an. Es hatte Mustangblut in den Adern, doch seine Ausdauer litt darunter, daß man seine Ahnen seit Generationen auf eine wenig wählerische Art durcheinander gezüchtet. ›Ich passe nicht hierher,‹ sagte sein plumper Kopf. Sein dicker Wildpferdpelz war schweißgetränkt. Es war ihm zu bunt hier, zu heiß. Es beugte sich und schnob zwei Mulden in den allzu weichen Sand. Es stand zitternd und glotzte halb erblindet in das Farbengetümmel. ›Ich müßte Steppe haben, harte Steppe und Sturm . . .‹ ahnte es mit dem Rest seiner kümmerlichen, von Lauheit umschnürten, von dickem Blut erstickten Seele . . . Sie waren in Safotulafai. Der Halfcaste sprang geschmeidig ab und lenkte das Buggy zu einem kleinen Bungalow, in dem sich ein Laden mit allerhand billigen Waren befand. Ein halb Dutzend Samoanerinnen saßen darin vor dem Verkaufstisch auf dem Boden, in billige Buntdruckkattune gewickelt, und betrachteten ein Kind, dem die eine die Brust 178 gab. Godinet trat ein und räumte dabei drei der Weiber mit dem Fuß auf die Seite. Spitzes Schimpfen erhob sich, das in ein breites Lächeln überging, als man Grothusen und Gerhart gewahrte. Die jüngste Person zog die Brust aus dem Mund des Kindes, mit einem Geräusch, als ziehe sie einen Stöpsel aus einer Flasche. Sie starrte töricht auf die Fremden und verhüllte sich halb. Auf einmal prustete sie mit einem albernen Kichern heraus. »Meine sechste Frau,« sagte Godinet auf englisch. »Tuaoloa.« »Der ›Passatwind‹!« bestätigte Grothusen. »Und das Kind da? Ist das deins, Joe?« Godinet hatte sich hinter den Ladentisch begeben und klapperte mit Konservenbüchsen. Jetzt bückte er sich und wurde unsichtbar. » Sure! « erwiderte er, »ich glaube, das fünfzehnte.« Grothusen brach in ein krachendes Gelächter aus. »Sehen Sie sich den Kerl an, Doktor!« schrie er aufgeräumt auf deutsch. »Der verliert keine Zeit, sich fortzupflanzen. Als ich ihn kennen lernte, waren es schon zwölf. Na, er schlägt wieder ganz auf die farbige Seite zurück . . .« Das Kind begann zu jaulen und sah ihn mit einem großen Auge an. Es war braun, nur das Auge war hellgrau. » Soia! « zischte der ›Passatwind‹. » Soia Kotūsa! « – Das Kind verstummte, und der Halfcaste richtete sich wieder auf. »Mit Kotūsa bist du nicht gemeint, Grothusen,« erklärte er mit bescheidenem Zögern. »Sie spricht mit dem Kind. Das Kind heißt Kotūsa – nach dir. Ich habe es so genannt. Du hast mir einen Dienst geleistet, und ich habe damals geschworen, meinen nächsten Sohn nach dir zu nennen . . .« Er blickte mit einem wesenlosen Blick nach der Richtung, wo sich das Baby befand. Grothusen schien betroffen. Dann, als er schwarzen Tee, zwei große › Mammy-apples ‹ und eine geöffnete Büchse mit Lachs vor sich sah, schienen ihn Erinnerungen zu 179 bewegen, und eine Miene nahm den Ausdruck würdevoller Zufriedenheit an. »Sehen Sie, Herr Ollendiek,« rief er plötzlich, während er auf eine gefräßige und einheimsende Weise kaute, – »sehen Sie, das ist das Schöne hier in Samoa: Eine gute Tat fällt nicht unter den Tisch! Goldene Herzen überall!« Er spülte sich die Kehle mit Tee frei. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, wie populär ich hier bin?!«   Das ist im Schulhaus der katholischen Maristenbrüder in Safotulafai. Es ist vier Uhr nachmittags. Die Schüler sitzen der Größe nach: ganz vorn die Kleinsten, dann die Vierzehn- bis Sechzehnjährigen, und ganz hinten die langen, Ungeschlachten, die schon Tätowierung tragen. Vorne steht ein junger Mensch, ein Bruder mit einem Gesicht wie Milch und Blut, und schreibt Buchstaben auf die Tafel. Er trägt eine schwarze schmutzige Soutane, die bis zu den Knöcheln reicht. Er ist schläfrig; es ist nicht viel Feuer in seinen Bewegungen. Das Schulzimmer, lang und flach, ist nach allen Seiten offen und von einer breiten Veranda umgeben. Auf der linken Seite ist ein breites Glänzen, durchschnitten von drei Balken, die als Säulen dienen. Die Zuckerrohrjalousien sind ganz in die Höhe gezogen und rascheln leise mit ihren toten Blättern. Denn es kommt eine Brise aus dem Glänzen, es sind weiße lodernde Flammen, die statt Hitze paradiesische Kühle hereinhauchen. Macht man die Augen zu, so ist alles hell purpurn. Öffnet man sie und wendet sie zum Licht, so tritt es eins nach dem anderen hervor: Zunächst die gelben Strohfiedern der Jalousie, dann ein paar junge oder halbverkrüppelte Strandpalmen, dann zwei oder drei zackige Lavafelsen und dann – dann das ätherischzitternde, kristallen im Sonnennebel schwimmende Wasser. Vom dunkleren Türkis, von einem blau durchstrahlten Rand, in dem weiße, schneeige Flocken wimmeln, erblaßt es wachsend zu einem zarten Grün; aus 180 Funkenschwärmen keimen silberne Silhouetten: Apolima und Manono. Und ganz am Rand eine Kette von weichen Hügeln: Upolu. Das ganze Bild flimmert, als sei es zauberhafter Augentrug; als weiche es bei schärferer Betrachtung zurück. Es ist ein Traum, der da draußen webt, ein brünstig nach Stoffwerdung ringender Wunsch, der auf einer seligen Übergangsstufe zögernd flimmert, als sei er bereit, sich sogleich wieder in Licht aufzulösen; als hasse er es, zu nackter Form zu gerinnen, als scheue er die abschätzenden Sinne, scheue Entkleidung und Entzauberung. Und die hundert Schüler, die auf ihren Holzbänken hocken, sind nicht in der Schule. Ihre halbnackten, braunen Körper sind wohl da; und ihre Zehen, unbeschäftigt, krümmen sich und spielen miteinander. Wie schlankgliedrige sammethäutige Tiere, die man in Bretterverschlägen fing – so hocken, lehnen, singen und schnauben sie in ihren Bänken. Man hört, wie die silbernen Schaumünzen mit dem heiligen Aloisius, der Mutter Gottes, oder sonst einer Pa‘alagi-Gottheit mit hellem Klang an die Bänke schlagen; wie die silbernen Ketten von den vorgeneigten Brüsten baumeln. Man sieht ihre schwarzen Zottelköpfe zucken und ihre Schultern erschüttert von verschlucktem Gelächter. Und doch sind sie nicht da. Denn ihre Seelen, die Seele des ganzen Raumes ist ein Abbild jenes verschwimmenden Funkelns da draußen, und ihre Gedanken zeichnen sich unbestimmbar ab, wie die silbernen Schatten der kleinen Inseln. Es ist eine bunte Folge. Topu denkt: Der Kovana Aligano , als er kürzlich der Mission einen Besuch gemacht, ist beim Absteigen vom Buggy gefallen, und beim Bad in der Süßwasserquelle am Strand hat er das Hüfttuch verloren und ist in eine spitze Koralle getreten. Er ist weiß und sehr fett, er hat große Verwünschungen ausgestoßen, und drei Männer haben Mühe gehabt, ihn herauszuheben . . . 181 Dem Voli fällt ein: Im Hause des Famasino hat man vorgestern ein reizendes Gesellschaftsspiel getrieben. Sein Neffe Keisali ist unter das Fliegennetz zur Mali‘e gekrochen und hat in ganz tiefem Baß gesagt: » Tā te mo‘ë totōlo «, und sie hat erwidert: » I-o-e «; das hat sich zehnmal wiederholt, und das halbe Dorf ist gekommen. Sie haben Beifall geklatscht, und der Kopf, dann die Arme und zuletzt die Beine Keisalis sind unter dem Netz verschwunden . . . Keisali hat immer tiefer gelockt wie ein Kater, und sie hat immer langsamer gesungen: » I-o-e «. Das Fliegennetz hat wie ein Schiff geschwankt. Auf einmal hat sie erschrocken geschrien: » Ui, Ui «. Da hat man in der Runde mitgeschrien und vor Entzücken um sich geschlagen; alle haben das getan, auch ich. Plötzlich ist aber der Misi Kuma vorbeigekommen, und Keisali hat sich wie eine Eidechse auf der anderen Seite herausgewunden. Der Misi Kuma hat zornige Worte gesprochen, von Sünde und Buße, und sie haben an Ort und Stelle, wie sie dasaßen, zwanzig Rosenkränze beten müssen. – Ich aber singe lieber hundertmal: » O le pule lelei mali‘e « nach dem Kilikiti und haue dabei auf die Matte. Das darf ich beim Rosenkranzbeten nicht . . . Bama erinnert sich: Als sich die Mele neulich im Sili wusch, hat sie einen Gecko in ihrem Lavalava gefunden; da hat sie das Tuch von sich geschleudert und ist nackt in ihre Hütte zurückgestürmt. Dort haben der Alfosio und die anderen mit ihr das Steinchenspiel gespielt –, und niemand hat es erfahren . . . Uelese denkt: Usu Amosa hat neulich geschworen, er gehe nicht mehr auf dem Waldweg nach Tufu Gataivai; dort sei ein A‘itu. Der Misi Kuma hat ihm angeboten, mit ihm nach Tufu 182 zu gehen, wenn er nächstens Kollekten macht; aber Usu hat ein Kanu gekauft und glaubt nicht mehr an das Amulett von der Mission . . . Lea träumt: Den alten Pe‘i, gegenüber von der Kirche in Neiafu, haben sie betroffen, wie er sich zwei Kampferholzkisten vom Dachboden geholt hatte und die Gebeine seines Sohnes mit Öl putzte Wenn ein angesehener Samoaner außerhalb seines Heimatdorfes stirbt und der Körper nicht transportierbar ist, wird er vorläufig dort eingegraben, und nach drei Jahren werden die Knochen ausgebuddelt und abgeholt, wobei die Familie seine Matten bringt. Die Dorfschaft übt reiche Gastfreundschaft und gibt ein fast vollständiges Begräbnis-Festmahl. Die Gebeine werden sorgfältig gereinigt, in Tapas gewickelt und nach Hause genommen. – Heutzutage werden sie wieder begraben; früher wurden sie in Kampferholzkisten gelegt, wöchentlich mit Öl geputzt und andächtig aufbewahrt. So traf ich einen murmelnden Alten in Alepata, der die Gebeine seines Sohnes liebkoste, ausschalt und um Verzeihung bat. ; wie er sie ausschalt und um Verzeihung bat. Der Sohn ist vor zehn Jahren auf Upolu gestorben. Wenn Pe‘i nicht ein so alter Mann wäre, müßte er eine schwere Abgabe in Sisipenis zahlen. Und vorgestern und gestern haben sie den Suisala in Fagamalu auf alte Weise bestattet; das haben die Schwarzröcke hier in Safotulafai heute herausbekommen und sind böse, sehr böse . . . Solcher Art sind die Gedanken, die im Sonnennebel schwimmen, der auf der Schülergruppe ruht. Ihre dunklen Augen wandern ziellos auf den Rücken der Vorderen spazieren, scheinen deren weich hervortretende Wirbel zu zählen; oder sie prüfen, ob die blauen Kreuzchen und Wellenlinien an den Schenkeln der Mannbaren gut geheilt sind; stumme Bewunderung waltet. Sie sind Knaben, blank und dumm. Aber die Älteren sind für sie ein erhabenes künftiges Stadium ihrer selbst. Die brauchen nicht zu schweigen, wenn alte Tulafale reden, sondern dürfen selbst ihren Senf dazugeben zu einem Thema, das schon von zehn anderen der Reihe nach abgewandelt ist. Die Finger schreiben mechanisch die steifen Striche nach, die der Laienbruder da vorn an die Tafel malt; aber manchmal werden Hütten daraus, manchmal eine Haifischangel, ein Tapamuster oder eine Kawabowle. Von dem, was sie schreiben, denken sie nicht viel. Sie schreiben: »Braust« und »Donnerhall« und »Vaterland«. Sie setzen Mißgeburten von Begriffen aufs Papier, die ihnen ewig unverständlich sind, und deren Schall an ihren Südseeohren 183 blechern vorüberklirrt wie der von leeren buntbeklebten Büchsen, die man auf den Abfallhaufen wirft. – – Da plötzlich geschieht etwas.   Veränderung tritt ein, wie ein plötzlicher Windstoß, der den Nebel zerreißt. Jäh schreckt die Inselseele aus dem Schlummer. Schritte werden draußen auf der Veranda laut, und geführt von Misi ›Kuma‹ treten zwei Pa‘alagi in die Stube. Und die Inselseele, aus hundert dunklen und unschuldigen Augenpaaren, brennt wie gemeinsame Flamme auf zu brünstiger Betrachtung. Es ist nicht der Pater, dessen Kommen sie erregt. Es ist auch nicht Kotūsa, denn er ist bereits ein Bestandteil ihrer Phantasie – darin hat er recht gehabt! – Es ist der Anblick eines neuen Pa‘alagi, der erstaunliche Merkmale an sich trägt. Käme er wirklich »aus dem Himmel«, sie wären nicht erstaunter. Er paßt nicht in das gewohnte Schema ihrer Hirne, nicht in das geläufige Bild, das sie in sich tragen. Er hat keinen Bauch, ist aber auch nicht dürr. Er trägt keine schmutzbespritzten Leinwandhosen, doch auch nicht steife, makellose, so von Stärke getränkt, daß man sie bei Bedarf in die Ecke stellen kann. Nein, er ist angetan mit Wollstrümpfen, niedrigen schwarzen Schuhen und seltsamen kurzen Hosen mit einer Garnitur von Knöpfen am Knie und an den Seiten gebauscht – nie zuvor erblickt! Aus dem weichen gelben Hemd kommen zwei eiserne gebräunte Arme mit weißen Händen. Und das Rascheln der Hüfttücher, das Winden der hundert aufgescheuchten Körper, der rastlosen Hände wächst: Ist das der Kopf eines Pa‘alagi? Wo ist der harte kalkulierende Blick; wo die feisten Backen, der zusammengepreßte Mund? Wo die starrende Bürste auf dem kokusnußrunden Schädel, der ohne Übergang in einen wulstigen Nacken versinkt? Wo das Gebell, wo der finstere Unmut? Der rätselhafte, halb tückische, halb verlegene Unmut? – 184 Sein Hals steigt schlank und kräftig mit unbehinderter Bewegung aus der Öffnung des Hemdes. Die Arme sind nicht eckig nach innen gebogen oder »ordnungssüchtig« schlenkernd, sondern voll beherrschter Kraft. – Nein, das ist keine dieser vertrauten Erscheinungen, die mit verheerendem Lärm »Inspektionsfahrten« halten, und wo sie einherziehen, sich zuvor eine Bresche schlagen mit zwei Hämmern, »Furcht« und »Respekt«. Das ist kein Wesen, das mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks den finsteren Gesetzen eines drolligen und mehr noch: beklemmenden Daseins folgt. Wer da steht, ist ein freier Mensch, einer wie sie, und doch schöner als sie. Sein weißes Gesicht zeigt einen leichten Schimmer von Braun; gesundem Sonnenbraun auf einer damastenen Haut. Eine schön gesetzte Nase springt energisch hervor. Seine großen grauen Augen nehmen, wie gewisse Edelsteine, je nach der Laune des Lichtes eine dunkelgrüne Färbung an. Ganz dunkle Brauen hängen strähnig darüber, scharf abgezeichnet gegen eine weiße Stirn. Und diese ist halb verhüllt durch einen Büschel üppigen blonden Haares. Und es ist nichts Befehlendes in diesem Antlitz, eher etwas Scheues, Gedankenbeschwertes, mit dauernder Einzelfreundschaft Vertrautes. Er steht da und lächelt über sie hin; dabei sieht er keinem von ihnen ganz ins Auge. Er nimmt die Gesamtheit mit einem langen Blicke auf, und für jeden fällt ein Teil dieses Blickes ab. Dabei scheint es, als ob er an einem unverständlichen Bedauern trage. Er lauscht weder auf das krächzende Gespräch Kotūsas noch auf die sanften Erklärungen des Misi Kuma, der den Schulplan erläutert. Er scheint von einem ganz abliegenden Gedanken befangen; und unter der geheimen Kraft dieses Gedankens scheint alles für ihn wesenlos zu werden und zu verblassen. Auf einmal ermannt er sich, spricht und lacht. Sie verstehen es nicht; nur einzelne Worte schnappen sie auf, auf die sie sich keinen Vers machen können; doch es muß etwas 185 Freundliches sein. Sie wollen ihm Dankbarkeit beweisen; sie zappeln danach, ihm aufzufallen, jeder einzelne. Einer von den langen Kerlen, die ungeschlacht und finster hinten hocken, beginnt mit zitternder Fistelstimme: »Ambuk is ein seenes Steedchen . . .«, und der junge Laienbruder verfällt in Unruhe und macht »Husch, husch!« Der gute Jüngling mißversteht das; er brüllt lauter. Jauchzend fallen die Kleineren ein, mit Trommeln und Pfeifen. Es ist eine Ovation für den neuen Pa‘alagi, und sie geben sich Mühe. Die Worte entgleiten ihnen, sie wissen nicht, was sie singen, aber so viel wissen sie, daß sie ihn ehren wollen mit dem Bootsgesang seines eigenen Volkes. Der junge Laienbruder läßt es geschehen, wie man mit gefaßter Miene eine unabwendbare Katastrophe abrollen sieht. Der Vater Kummer streicht seinen strohblonden, fadenscheinigen Vollbart. Seine zurückliegenden Augen, voll von einer milchigen und stereotypen Güte, ruhen auf dieser Schar junger erregter Samoaner und wenden sich Gerhart zu, als wolle er sagen: »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie singen!« Und um den Eindruck des »schönen Städtchens Hamburg« zu verwischen, heißt es: »Beten!« Von frischen Muskeln angespannte Körper werden schlaff und vom Rhythmus des Anrufs an die Jungfrau bewegt. Wie das Bild der Gottesmutter aussieht, das sich in ihren Köpfen niedergeschlagen, muß ein Rätsel bleiben; jedenfalls aber wissen sie genau, wie man sich auf samoanisch zu ihr in Beziehung setzt, und kommen diesem Bedürfnis mit vorbildlich gedrillten Stimmbändern nach. Aufatmend schweigen sie dann, und einer der frechsten Halbwüchsigen schickt noch ein unpassendes » Ususū « hinterher. Zur Strafe wird ihm verboten, sich am Kricket nach Stundenschluß zu beteiligen. Das macht ihm nichts, er hat ohnedies vorgehabt, nach Sapapalii zum Taubenschießen durchzubrennen . . . Noch Verschiedenes wird produziert: Rechnen, 186 Schönschreiben und deutsche und englische Sprache; es geht alles zu des jungen Laienbruders leidlicher Zufriedenheit. Immerhin kann er eine leichte Nervosität nicht verbergen. Vater Kummer hat sich aufs Pult begeben. Die Art, wie er die Hände reibt, wie er sich mit seinen blutlosen Fingern die bleiche niedrige Stirn über den tiefliegenden Augen massiert, deutet an, daß er seinem Beruf ein gesundheitliches Opfer bringt. Aber er ist eingesessen hier und pflegt die Pflanzen der Seelen, versorgt sie ununterbrochen mit dem Gnadenwasser seiner schlichten Erziehung – sich kaum bewußt dabei, daß er Danaidenkrüge schleppt; daß die Schwammerde dieser Inseln die Hälfte mindestens des Segens wie ein Filter schluckt und nur spärliche und vergängliche Pflänzchen daraus erzeugt. Aber das will er niemand wissen lassen; am allerletzten dem Fremden, vor dem er heute seine Resultate aufweist und an dessen Beifall ihm – er weiß nicht ganz weshalb – besonders gelegen ist. Er hat die Kunst, hinter Gesichtern zu lesen, ganz verlernt – wenn er sie überhaupt je besessen hat! Seit drei Jahrzehnten ist die Fa‘asaleleaga sein etwas monotoner Wirkungskreis. Von jeher glaubt er an Gesichter, wie er sie sieht; glaubt an das samoanische Lächeln wie an eine Naturerscheinung. Seine Harmlosigkeit, in ihrem Selbsterhaltungstrieb, hat nie an den Kulissen gerückt. Und die weichen, aufgeweckten Knabengesichter mit ihrer beweglichen Witterung bedeuten für ihn ein ebenso offenes Buch, wie das Entzücken in den Zügen eines alten gerissenen Sprechers, den er für treuen Kirchenbesuch gelegentlich mit einer Havanna belohnt. Er weiß, der Vater Kummer, daß die Welt um ihn wanken würde, wenn er das Mittel besäße, die Geheimschrift, die in Vexiertinte gebunden schlummert, auf den weißen Blättern hervorzulocken. Deshalb, wenn er auch das Mittel besäße, er würde es nie benutzen. Fanatisch dagegen sträuben würde er sich. Er will die 187 Blätter weiß; er will nichts sehen, als die unschuldige, eckige, einfache Schrift, die er selber darauf malt, und will seine eigene ehrliche Tinte gebrauchen, um sie aufzufrischen, wenn sie verblassen sollte . . . Solang er das tut, weiß er, hält er die Schlange aus diesem Paradiese fern und aus dem eigenen Herzen; gleich wie er sich selbst zuliebe anschleichende Zweifel am Dogma erdrosselt hat.   Die Schulstunde ging zu Ende, und man nahm zu dritt das Abendessen in einem hohen, luftigen Saale ein. Auf die Wände, bis zum einfachen Deckengebälk hinauf, malte grüner Schimmel seine Fresken. Ein großer Kruzifixus an verrosteten Angeln beugte sich in blinder Qual in den Raum . . . Es war ein häßliches Idol; ein schlechtmodelliertes, marktschreierisches, furchteinjagendes Stück Holz. Es schien, als wolle er sich losreißen und mit den flachen Händen wie mit Schaufeln in die Erde wühlen; als bäume er sich stumm vor dem warmen, schwermütigen Blau in den glaslosen Fenstern. Vater Kummer hätte nie zugelassen, daß man diesen Kruzifixus durch einen kleineren und weniger peinvollen ersetze. – Lebensgroß, wie das Holzbild war, hatte es eine schlagende Wirkung auf die Samoaner – mochten sie nun Schüler sein oder erwachsene Besucher. – Wenn Vater Kummer sich mit einer Verneigung gegen die Ecke bekreuzigte, so zog er sozusagen einen Dritten ins Gespräch; – und weil man die Stärke des Zaubers nicht kannte, wußte man nicht, ob man diesem Dritten trauen durfte. Es war dann besser, wenn man nicht auf dem Stuhl sitzen blieb, auf dem man sich mit fröhlicher Unverschämtheit niedergelassen, sondern wenn man herabrutschte und das Gespräch vom Boden aus – in Hockstellung – fortsetzte. Dies mußte man ruckweise und unauffällig tun; dann dachte der Blutbespritzte in der Ecke vielleicht, man sei schon, seit man eingetreten, auf dem Boden gesessen . . . Ebenso empfahl 188 es sich, ihm hohe Häuptlingsehren zu erweisen und ihn auf seine private Art zu begrüßen; nach Misi Kuma zu urteilen, schien dies ein unumgänglicher Punkt des Pa‘alagi-Zeremoniells . . . Perez, ein eurasischer Knabe von der Tokelau-Gruppe, bediente bei Tisch und räumte ab. – Nach kurzem Dankgebet begab sich der Pater an ein Grammophon . . . Ein paar spitze Töne fuhren messerscharf hervor und sanken in ein röchelndes und brodelndes Geräusch zurück . . . Dann kamen sie wieder, wie schrille Hilferufe – oder war es der schmetternde Schrei nach dem »Mann von Alcalá«?– begannen leiser zu wimmern und schnappten ab. Perez nahm in größter Ehrfurcht die abgeleierte Platte herunter, worauf der Pater verschwand und eine Flasche mit zwei Gläschen zum Vorschein brachte. »Ich habe versucht, den Geschmack der Ananas rein einzufangen,« erklärte er. »Es gibt vielerlei Gerüche und Blumen hier . . . Unbekannte ätherische Öle . . . Auch gehe ich daran, neue Parfüms zu destillieren . . .« Dies regte Grothusen an; er berichtete von seinem Freund Grafen Wurmbrand, der im Serbenkrieg die Angewohnheit erworben habe, Eau-de-Cologne aus Fingerhüten zu genießen. Nach dieser Abschweifung schenkte er seinem Gläschen einen starren Blick. Er trank nicht eigentlich, insofern er schluckte kaum; er schien den ganzen Inhalt schnell und spurlos zu assimilieren. Mit tödlichem Ernst strich er sich den Schnurrbart glatt; die Gebärde, wie er das Gläschen zurücksetzte, hatte etwas Rituelles. »Ich würde mich ganz auf diesen Schnaps verlegen,« meinte er. Des Paters weißliche Wangen bezogen sich mit einer leichten Röte; dies ward ersichtlich, als er eine Lampe entfachte. Das Bananenblatt vor dem Fenster hing plötzlich schwarz vor einem stumpfen Blau. Die Kalkfarben auf der 189 Holzfigur in der Ecke zerliefen weiß und braun. Durch das Fenster auf der anderen Seite sah man in die Kakaoanlage hinein: stumme Klumpen von Gold lagen dort, die sich langsam schwärzten. Die Ananasstauden trotzten nicht mehr mit feindlichen Speeren; sie begaben sich zueinander unter einen runden Schatten. Das Licht der Palmwedel erlosch und hinterließ dunkle Zackenlinien; stumpfes Blau schmolz und wurde fern und grün. Hinter einem Gitter von schlanken Stämmen sank zögernd ein durchscheinender Vorhang herab; und gedämpfte Orgelklänge – Bootsgesänge – drangen aus ihm hervor . . . Mit der Zeit behielt die Lampe den Sieg. Sie hatte das Leben in allen Fenstern getötet und die leeren Rahmen mit Schwärze gefüllt. – – –   Die Unterhaltung kam auf das Begräbnis Suisalas. Der Pater nannte es einen schweren Unglücksfall; das Missionswerk an den Seelen sei ihnen umgeworfen worden wie ein Kartenhaus – ein Standpunkt, den Grothusen nicht teilte. Er sprach von »harmlosem Spektakel« und »nächtlicher Ruhestörung«; er rief, man müsse tolerant sein, und alte Sitten seien alte Sitten . . . Und man solle, hier in Samoa, über niemanden so leichthin den Stab brechen, auch wenn es ein so ausgemachter Schuft sei wie ein gewisser Godinet . . . »So kennen Sie den verdüsterten Mann?« klagte Vater Kummer. »Man kann nicht sagen, daß er ein christliches Dasein führt . . . Ich sehe ihn siechen, denn er lebt in loser Gemeinschaft mit armen Frauen, die das Heil nicht erkennen . . .« Grothusen meinte, seiner Ansicht nach sei Godinet ganz gesund und noch keineswegs verdüstert. Und wenn er gesagt habe: ›Schuft‹, so wolle er damit nicht andeuten, sie seien sich feindlich. Als er hier für McGrew gearbeitet, habe Godinet ihn zwar einmal bös hereingelegt, er habe seine ganze Kopra in Sasina unter der Hand an einen Engländer Rea verkauft, der aus schmutziger Konkurrenz 190 von Avau seinen Kutter dorthin geschickt . . . man stelle sich vor! – Und er, Grothusen, nahm ganz harmlos Inventur auf mit Godinet in Leagi‘age und Safune, während die Dorfschaft Sasina ahnungslos dem Rea, der Kreatur, zwanzigtausend Pfund an Bord verstaute – dunkelblaue Kopra, auf der Lava getrocknet, zum Einrahmen schön! – Aber das sei nun geschehen, und er habe Godinet nicht angezeigt –: »Der Mensch hatte zwölf Kinder zu versorgen; da hat man Vaterpflichten, zum Donnerwetter! – Aus Dankbarkeit hat er seinen fünfzehnten nach mir benannt. Hab es heute erfahren,« beschloß er blitzend. Vater Kummer hatte dem entgegenzusetzen, daß alles Halbblut vom Übel sei; es sei nicht Gottes Plan, daß Weiß und Samoanisch sich vermische; und wenn es Ausnahmen gebe, so sei es die Güte Gottes, die sich auch derer erbarme, die seinen Zwecken zuwiderhandelten . . . »Sache von Erziehung!« – schnarrte Grothusen. »Ja freilich – in vielen Fällen, da ist der Vater faul oder die Mutter faul . . .« Er geriet in Hitze, bediente sich unter gewaltsamen Bewegungen mit einem vierten Gläschen Ananasgeist und schrie, indem er sich den Schnurrbart am Ärmel trocknete: »Sind aber beide das, was ich Charaktere nenne, dann garantier ich Ihnen, dann wird die Mischung gut! – Dann haben wir die richtige Erziehung! – Dann gibt es eine gute neue Rasse, die Rasse der Zukunft hier! – Europäische Kapazität!« – Er hieb sich gegen die Stirn . . . »Und Immunität – absolute Immunität gegen das Klima!« – Er hieb sich auf den Magen; dann sank er zurück und sah sich kampflustig um. Der Pater wurde unruhig, als habe er eine Wirtespflicht versäumt; plötzlich trug er die Flasche behutsam ins Dunkel zurück. – Grothusen schickte sich eben an, weiter zu dozieren – mit jener lispelnden Korrektheit, wie sie Leuten aus Hamburg eigentümlich ist – als er etwas bemerkte und 191 verstummte. Seine Augen suchten etwas auf dem Tisch, vermißten das Gesuchte und wurden farblos. Nicht lange darauf stand er auf, um sich ins Bett zu begeben. Man hörte ihn die Treppe gewinnen, heulend gähnen und langsam auf unsicheren Füßen in der großen Kammer unter dem Wellblechdach landen. Von dort her drang noch einige Male ein dumpfes Poltern oder das Bruchstück eines Fluches . . . Bis alles mit einem Krach erlosch und unbehinderte Stille herrschte.   Unwillkürlich lauschten die beiden Zurückgebliebenen auf . . . Von der See kam das Gespräch der schlafmatten Schaumkämme; zuweilen ein fernes Tosen unter dem Sternenlicht: die Brandung vom Riff. Und hinter dem Haus zankten sich, wie immer zur Nachtzeit, die Fliegenden Hunde. Es war ein harter, herzloser Zank. Dort stand ein Mangobaum. Man sah, daß seine Blätter sich trotz der Windstille wie im Sturme regten. Dunkel und rund stand er da; hitziges Zischen flitzte aus ihm hervor; plump schwappten schwere Schwingen. Er stand wie eine Quelle übler Gedanken, über deren ruhelosen Ansturm das Herz erschrickt. Der Pater schritt gleichmäßig, die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt, hin und her. Da das Licht der Lampe scharfe Schlagschatten auf sein Gesicht warf, so war die Farbe seiner Augen, der milchiggütigen, nicht mehr ersichtlich. Die tiefliegenden Höhlen schienen veränderte Augen zu beherbergen, als sei ein zweites Gesicht aus dem ersten getreten. Auf einmal erkannte Gerhart: der Pater konnte hassen, und in diesem Augenblick haßte er, stark wie alle Schlichten. »Ich warne Sie,« sprach der Pater, ohne ihn anzusehen. »Ich warne Sie vor jenem Mann. Gott hat ihm leider Macht über die einfachen Gemüter hier gegeben, ja in der Tat, sein Einfluß ist groß, und oft mußte ich ihm in meinem 192 Werk begegnen. Der Widersacher nimmt oft Gestalt und Züge an, die bestechen . . . Tun Sie ihn ab, mein Freund! Bannen Sie ihn! Jener junge Bruder, den Sie heute unterrichten sahen, wird Sie gern um die Insel führen gegen ein kleines Entgelt. Er versteht genug von der Sprache der Leute, um Ihnen Bekanntschaften zu vermitteln. Es wird Ihnen eine hohe Freude sein, zu bemerken, welch gute Früchte unser Liebeswerk gezeitigt hat . . . Und seine Gegenwart wird Sie davor bewahren, Szenen beiwohnen zu müssen, die die Moral verletzen . . . Sie werden die Sonnenseite dieses Lebens hier kennen lernen. Morgen früh werden Sie ein Zwiegespräch mit dem Bruder Aloisius haben und zugleich jenem Grothusen zu verstehen geben, daß Sie seiner Dienste – übler Dienste, wahrlich! – nicht mehr bedürfen . . .« »Ihre Abneigung gegen Grothusen muß tiefere Beweggründe haben.« Der Pater blieb stehen, wie angewurzelt. Dann sagte er mit sehr hoher Stimme: »Tiefere Beweggründe? Ha! Beweggründe tief genug, um mich wünschen zu lassen, der HErr hätte ihn scheitern lassen, noch ehe er seinen Fuß auf diese unschuldige Insel setzte . . . Verteidigt er nicht alles, was wir auszurotten wünschen? Und wenn das Heidentum die Sinne dieser armen Menschen verdunkelt, was tut er? Statt mich entsetzt zu beschwören, ihnen zu Hilfe zu eilen, steht er nicht lästernd auf ihrer Seite? Ist nicht der weiße Mann berufen, seinen Brüdern den Pfad zu weisen? Von ›nächtlicher Ruhestörung‹ spricht der Verblendete? Ein ›Spektakel‹ ist es für ihn? Ja wahrlich, Spektakel ist es, aber an einer Stätte, wo kein Schlummer ist, wo jener Suisala im Fegefeuer wimmert . . . Aber auch ihm, auch ihm werden einst die Ohren gellen!« Gerhart bohrte sich die Pfeife aus. »Ich übertreibe nicht,« klagte die hohe Stimme weiter. »Da sind Gesetzesbrecher wie dieser Godinet, Paape, Stubbs oder wie sie heißen; sie umgehen das Band der Ehe; sie 193 hecken ihre Brut in unlauteren Winkeln und setzen ein verruchtes Beispiel, und wenn es ihnen genehm ist, verlassen sie die Insel, und jene Halbblütigen irren umher ohne Namen und ohne Familienbande; ihr Volk kennt sie nicht, ihre Erzeuger kennen sie nicht! So ist ihr Herz offen für böse Saat! Sprach nicht der Unselige von ›Charakteren‹?« Der Pater schob ein wehmütiges und höhnisches Gelächter ein. »Wissen Sie, daß auch er das Band der Ehe mit Füßen tritt –? Daß er seit Jahren in lockerer Gemeinschaft mit einem armen samoanischen Weibe lebt –? Daß sie ihm sieben Kinder geboren, von denen fünf durch Gottes Gnade erlöst wurden? – Die zwei, die er noch hat, kenne ich und betrauere ihr Los . . . Meine Amtsbrüder vom Londoner Glauben haben sich heilig bemüht, das Band der Ehe um die beiden zu schlingen. Doch der Unselige hat mit der Geschicklichkeit eines Teufels Dornen in ihren Weg gestreut, und so haben sie sich blutenden Herzens gezwungen gesehen, der Frau das Abendmahl zu verweigern, wenn auch zu hoffen steht, daß Gott sich der armen Heidin erbarmt. Doch lassen Sie mich nicht von den weiteren Taten des Menschen reden; wie er seine Fallstricke legte und viele schuldlose Jungfrauen, kaum daß sie meiner Hut entwuchsen, darin fing und zu Fall brachte! – Und wie er trotzdem mit der Gabe der Rede – er bedient sich der Eingeborenen-Zunge fließend – der übel gebrauchten Gabe den gerechten Stachel, der sich wider ihn kehrte, abzustumpfen wußte . . .« Gerhart steckte seine Pfeife in die Tasche und erhob sich. Der Pater nahm sich resigniert zusammen und trat lautlos in die Dunkelheit zurück. »Ich fürchte, ich fürchte,« drang es aus der Ecke –, »daß Ihnen ein Missionswerk, wenn Sie es an jenem versuchen, zum Spott werden wird; denn er ist zu besessen von seiner Sünde; zu tief im Pfuhl . . . tief im Pfuhl . . .« Er murmelte weiter. Man sah ihn undeutlich vor dem Holzbild stehen; seine 194 Rede, aufgenommen von der Routine des Gebetes, verlor sich im leisen Klappern des Rosenkranzes. Gerhart ging hinauf. Droben brannte ein Lichtchen. Es war so aufgestellt, daß es das Profil Grothusens, zum Gebirge vergrößert, an die weißgekalkte Wand warf. Sammetschwarze Ordensbänder, dunkelviolett gezeichnet, saßen sinnend mit glühenden Augen auf Tisch, Stuhl und Bett oder tappten töricht mit den Köpfen an die Decke. Plötzlich erlosch die Kerze unter zappelnden Schwingen. Und in der Schwärze, vom Zauber des Lichts entbunden, erhob der ganze Schwarm ein dumpfes Surren. Gerhart ging im Dunklen zu Bett. Zwei Moskitos sangen und malten eine haardünne Tonschleife, wie das Symbol für die Unendlichkeit, auf die schwarze Tafel seines Hirns. ›Sie singen genau in einer Quinte . . .‹, dachte er.   Zusehends entstand ein grünes Leuchten auf dieser Tafel; sie wurde zu einem vertieften Bild, das jedes Hälmchen, jede Fieder, jedes spitze oder runde Blättlein zeigte. Er vermeinte noch nie empfunden zu haben, welch unendliche Befriedigung, welche leuchtende Wollust im Lichte webt, wenn es in einem satten, jubelnden Grün geläutert ruht. Auf einmal trat ein Schatten herein und machte die Farbe tot, wo er stand. Es schien ein Loch zu sein, wo sein Umriß sich abhob. Vor der Lebendigkeit des Grüns ward das Schwarz der Figur doppelt schwarz. Er sprach sanft rezitierend; dabei hielt er mit den blutlosen Händen ein beschädigtes Buch umschlungen. Der Klang seiner Rede war farblos wie der Text einer verschimmelnden Postille. Brüchig und durchsichtig schien er zu sein, ein Erbauungsjournal in Form eines Menschen, dessen trübe Mühe es ist, alte Schlagworte wieder aufzuputzen, die dennoch nimmer glänzen wollen. Oder er schüttet Krüge aus, voll vom Absud einer sonnenfeindlichen 195 Tradition, und die Flüssigkeit verschwindet spurlos oder spritzt ihm vom harten Grund, vom Lavagrund entgegen und besudelt ihn. Der schwarze Rock, der den Körper verneint, wandelt vor dem Grün einher, in dem der Körper seine Heimat hat.   Doch wenn auch zehnmal die tiefe Augenhöhle der Entsagung sich auftut, aus der die stumme Wut, der gebändigte Fanatismus starrt – das Tier, das schöne, nackte, sammethäutige, schlankgliedrige, braune Tier bleibt unangefochten in seinem prangenden Trotz. Es läßt sich häßliche Kattunkleidung überwerfen, es läßt sich in seinen Liebesspielen behindern, es ahmt die weinerlichen fremden Gesänge nach, in denen die eigene wohllautende Sprache auf einem Prokrustesbett ächzt. Irgendwie aber ahnt es, muß es ahnen, daß hinter all diesen zähen und nutzlosen Bekehrungs- und Entstellungsversuchen nichts steckt als Neid, dumpfer, Jahrhunderte alter, dem Leben feindlicher und doch von Gier nach dem Leben verschmachtender Neid, der es unterdrücken will! Deshalb fährt es fort zu lächeln. Und in den wenigen Stunden, wo es den Schatten vergißt, befreit es sich von all dem aufgezwungenen »Heil«, wie ein Knabe häßliches Spielzeug zertrümmert, und steht da in warmer und strotzender Nacktheit. Wo sind hölzerne Baracken, wo weiß gekalkte Bethäuser, häßlich wie Ställe für Vieh mit Wellblechdächern, dem gleißenden Sklavenzeichen einer rohen, herzlosen Vergewaltigungssucht?   Es war Gerhart, als stehe er irgendwo auf einem weiten jungfräulichen Strand, Freund und Führer für ein Häuflein starker und empfindsamer Kinder, deren Leben nach keinen anderen Gesetzen verlaufen durfte als nach denen eines gütigen Himmels. 196 Preisung der Matten von Tanumalēto Siehe Krämer über Stellung und Bedeutung der Matten . Meine Schilderung baut sich auf mündlichen Berichten auf. Vom samoanischen Text einer solchen »Mattenpreisung« habe ich eine freie Übertragung verwendet. Hier liegt Tufu-Gautaivai, durch einen Alia, ein kristallklares Bergflüßchen, von Tufu-Gataivai getrennt, das als spitzer Vorsprung, von silberner Brandung bestürmt, ins Meer ragt: ein sanfter Hügel, auf dessen geschützter Platte Dach an Dach sich drängt, durchsetzt von lichtgrünen, sternartig strahlenden Wedeln. Es herrscht Sonntagsstille in Tufu-Gataivai. Ein mäßig großes Schwein, schieferschwarz und rosa gefleckt, belebte den breiten Platz in der Mitte des Dorfes. Es sucht leise grunzend nach Abfällen; dabei hat es sich, vermöge einer sprungfederhaften Bewegung des Rückens, mit einem zerschlissenen Palmblatt bekränzt und schleift es weiter, einsam und festlich. Plötzlich gibt es ein lautes Gedröhn: eine leere Cornedbeefbüchse wird in die Luft geschleudert. Dann wieder rasselt es, wie die Fruchthülsenklappern an den Füßen tonganischer Tänzer: der Rüssel macht Tumult mit ausgebohrten Nußschalen. Das Schwein ist keine plumpe Walze aus Fett – – es ist ein regsam trippelndes Haustier. Es hat die Schlankheit und die pfeilschnelle Zielbewußtheit seiner schwarzen Brüder im Busch. Die windstille Luft ist von einem vibrierenden Klang erfüllt . . . Der Klang steigt und fällt; zuweilen bohrt er sich korkzieherartig in die Höhe. Ist es das Gezeter einer gepeinigten Seele? – – Nein; der Londoner Pastor predigt. Der Klang ist stärker als das metallische Poltern der Brandung, die die Höhlungen der Lavafelsen mit Echo füllt. Feierliches liegt im Schoß der nächsten Zukunft. Das Gekeif aus dem weißgekalkten Kirchlein schallt herüber bis nach Tufu-Gautaivai, bis zu dem Hügel, auf dessen Spitze das Bungalow von »Sale Kuka« liegt . . . Das Schwein gerät jetzt an eine Stelle, wo Gewohnheit es zurückprallen läßt. Spürt es einen Hagel kleiner Steine, von geisterhafter Hand geschleudert? – – Doch solchen 197 Empfang träumt es nur; ohne Widerstand zu finden, betritt es das große Häuptlingshaus des Leituala . . . Seine Klauen trommeln rhythmisch auf den Matten. In ruckweisen Vorstößen beschnopert es die roten Wolltroddeln und die achtzehnfüßige Kawabowle; es windet sich durch Eimer, Kisten, geflochtene Körbe . . . In halber Höhe der Mittelpfeiler, mit Kokusseilen befestigt, hängen Querbalken, von denen aus dicke Bambusstäbe über den Radius des Daches reichen; auf diesen aufgestapelt liegen tausend Sachen, verführerisch dazu geeignet, mit dem Rüssel in die Luft geschleudert zu werden – – wenn man sie nur erreichen könnte! – – Welch ein Reichtum, in unscheinbare Maulbeermatten geschlagen, läßt sich da oben noch vermuten! – – Da gibt es Reihen von Tabakwürsten, in Pandanusblätter gerollt; und Schlafschemelchen gibt es – kleine klotzige für Kinder, und lange elastische für Erwachsene und schnäbelnde Paare . . . Das Schwein steht lautlos in der großen Hütte. Seine Augen mit der gelben Iris starren ins Leere. Der Boden der Hütte ist so glatt und weit, und dennoch begrenzt: denn sechsundvierzig Tragepfeiler, mit Bastgirlanden geschmückt, stehen drohend und stumm am Horizont. Es grunzt und wirft vier bauchige Zinklampen um; dann erschüttert es den Tisch. Der Spiegel der Taupou kommt ins Wanken und klirrt leise. Es ist plötzlich sehr still geworden; es herrscht die Stille, die dem Schicksal vorangeht. Der Londoner Pastor draußen hat seine Predigt beendet und schweigt gleichsam durch die Kirchenmauer hindurch . . . Was nun folgt, ist jäh; ist überrumpelnd grausam. Schauerlich dröhnend und schrill wütet Gebrüll durchs Dorf. Eine Minute lang wütet es; dann schnappt es ächzend ab. Man erkennt Tigilau und Fagalele, die jüngeren Söhne Leitualas, wie sie sich in der Nähe des Samoa-Ofens an der offenen Feuerstelle munter schwatzend mit dem kaum gemordeten Kadaver des Schweinchens befassen . . . 198 Eine festliche Woche steht dem Dorf bevor; eine Woche schwer und saftig gleich einer Traube von sieben vollreifen Königsbananen: jede rotgelb, dick und eine Last für den Magen. Denn heute beginnen die Zeremonien vor der kirchlichen Trauung des Vave, des ältesten Sohnes Leitualas und Manaias von Tufu-Gataivai – –, mit der Manumā, der Taupou von Tanumaleto. Leituala tritt aus der Kirche. Er steigt etwas gebückt heraus, etwa wie man ein schweißtreibendes Bad verläßt. Dabei ist es drinnen aber keineswegs heiß gewesen, sondern angenehm kühl; – – man hat jedoch für anderthalb Stunden auf ihn eingeschrien, ohne Distanz und Respekt; hat seine Seele geknetet und unliebsame Bilder aus einer wohlassortierten Pa‘alagi-Hölle vor ihm aufgerollt. Solange diese Kur dauert, pflegt seine sonst gesunde Skepsis zu versagen; denn das Geschütz der Schwarzröcke ist etwas, gegen dessen Wucht selbst die feinsten samoanischen Argumente den kürzeren ziehen . . . Doch wenn er freie Luft atmet, hat er die Gabe, sich innerlich der lästigen Begleiterscheinung – der Kirche – durchaus zu entledigen; sich sozusagen sechs Tage breit daraufzusetzen, bis wieder die nächste Verpflichtung kommt. Obschon also nur ein armer Heide von trauriger Gemütsflachheit, fühlt sich Leituala in Harmonie mit seiner Umgebung, besonders weil er gegen etwaige Unstimmigkeiten im Himmel – seine Seele betreffend – pünktlich Jahr für Jahr an das » Mē « Der Name stammt von den Prüfungen, die meist im Monat Mai ( May ) abgehalten wurden, verbunden mit einer Geldkollekte unter den Eingebornen für die übrigen Missionen. Die London Mission fischt dabei sehr beträchtliche Summen für sich heraus; so ist ein Fall bekannt, wo der Bezirk von Falaelili allein 4425 Mark aufbrachte, als Zuschuß zur »Bekehrung der armen unerleuchteten Brüder in Neu-Guinea«. eine beträchtliche Zahlung leistet. Er ist fett und so hell olivbraun, daß er aus der Entfernung gut für weiß gelten kann. Die Tätowierung sticht grell gegen das weiße Polster der Kniee ab und gemahnt fast an eine feingeflochtene Garnitur von blauen Spitzen . . . Er trägt ein violettes Lavalava und eine offene schwarze Alpakajacke, unter der seine haarlose Brust beim Gehen schüttert wie die eines Weibes. Ein Fliegenwedel pendelt in seiner Rechten; mit der Linken streicht er zuweilen den weißen 199 Schnurrbart, dessen Spitzen nach unten deuten, oder kraut sich in der kompakten weißen Haardecke, die seinen schönen schläfrigen Kopf verziert . . . Er geht sehr langsam; die Füße so nach außen, daß die fetten Waden leicht geknickt erscheinen. In der Hütte angelangt, setzt er sich an den ihm zustehenden Pfosten; da sitzt er, die Füße unter den Schenkeln; sitzt, wie selten ein Mensch sitzt –: hingepflanzt für ungezählte kommende Stunden. Seine schwarzen samtenen ausdruckslosen Augen beherrschen das Haus. Wer ist das große Frauenzimmer dort von fürstlicher Haltung, die hinter ihm eintritt? Le‘uta ist's, auffallend mit allen Merkmalen reifster Weiblichkeit ausgestattet. Sie trägt ein weites braunes Kattunkleid ohne Ärmel; zwischen den Brüsten baumelt, vierfach geschlungen, eine rote Korallenkette in Gemeinschaft eines silbernen Kreuzchens an einem schwarzen Schuhsenkel. Ihr Haar ist stark mit Grau durchschossen; doch wiewohl über die Vierzig, zeigt sie kein Fältchen, weder im vollen Gesicht noch an den gutgepolsterten Armen. Elastisches Lebensgefühl strafft ihren strotzenden Körper. Steht sie aufrecht, so hebt sich im Rhythmus ihrer tiefen Atemzüge das Kattunkleid vorn in die Höhe, während es hinten glatt herabfällt und in eine kleine Schleppe endigt. Mit greller Stimme Befehle entsendend, die an niemand und alle gerichtet sind, wirft sie schwere Matten zurecht wie Spielzeug, räumt mit dem Fuß verirrten Lavasand auf die Seite und sinkt dann – am mittleren Häuptlingspfosten, der dem Leitualas gerade gegenübersteht – federnd in den Hocksitz. Sie kennt ihren Platz . . . Was treibt aber Vave, der Bräutigam –? – Angetan mit einem weißen Lavalava – das sich bei näherem Zusehen als Badetuch entpuppt, erstanden für sechs Pfund Kopra im Laden von »Sale-Kuka« – begibt er sich mit anderen »Bullen« und Knaben in die Pflanzung, um ein paar Brotfrüchte zu holen nebst Reisig, denn das ist nötig, um dem Schweinchen nunmehr und einem halben 200 Dutzend Hühner einzuheizen. Sie sind nicht gerade fieberhaft geschäftig; es wird viel gelacht, geschrien, mehrstimmig gesungen; doch ist genug Methode darin, um die Grundlagen für ein verlängertes Mahl zu legen. Mehrere Großmütter schieben grinsend ihre gekalkten Köpfe zwischen den Pfosten herein. Sie haben nach dem Gottesdienst ihre wuchtigen Bibeln in den umliegenden Hütten deponiert; nun kriechen sie nacheinander herzu. Vier etwas jüngere Weiber, Fapusi, Masagi, Fa‘asua und Eli, gruppieren sich um Le‘uta und bedienen sie mit Tabak; danach heben sie an, eine mächtige Kawawurzel auszukämmen und Wasser hindurchzuseihen, das in gebührenden Mengen in die altersschwarze ehrwürdige achtzehnfüßige Bowle plätschert. Leituala sieht niemanden an. Seine samtenen Augen schlafen. Zuweilen, seine götzenähnliche Ruhe plötzlich unterbrechend, peitscht er sich die Schultern mit seinem schwarzen Roßhaar-Fliegenwedel; es knallt stark auf dem leichten Jackenstoff. Er sitzt hoch entrückt ob dieser festlichen Geschäftigkeit; er schenkt der Gegenwart nur verschwommenes Interesse. Indessen lauscht man auf: das längst Erwartete geschieht. Tigilau und Fagalele laufen an den Strand. Wo der Alia ins Meer mündet, gibt es eine kurze Strecke Sand. Der Fluß ergießt sein Wasser in ein weites Becken von halbkreisförmig vorgelagerten Korallenbänken, die auf einer Seite eine flache Öffnung lassen. Die beiden Jünglinge stürmen hinein, so daß der Schaum silbern an ihren goldbraunen Waden in die Höhe spritzt. Kaum ritzen sie die hornigen Sohlen, als sie über die spitzen Korallenstöcke turnen; dann, wie zwei Fische, schießen sie ins offene Meer. In einiger Entfernung vom Riff schwankt ein vollbeladenes Samoaboot; da die Dünung mäßig ist, erreichen sie es mit ein paar mächtigen Schwimmstößen und schwingen sich auf entgegengesetzten Seiten hinein. Tigilau stellt sich an das Steuerruder und Fagalele an den Bug. Er wartet die fünf großen Wellen ab; dann schreit er: » Mao! « 201 und vier Ruderpaare peitschen das Wasser. Mit den drei kleinen Wellen saust das Boot wie ein Pfeil in scharfem Winkel durch die enge Einfahrt, knapp an den starrenden Felsen vorbei, deren vielverzweigte Krallen vergebens nach dem flachen Boden greifen . . . So schön gleitet es herein; so glatt! – – Es scheint, vom Land aus betrachtet, als tue das schwere, lustig bemalte Boot einen munteren Satz über den Wall; als schmelze das schwarzgrüne Riff, an dem sich hüttenhohe Wogen ächzend zertrümmern, wie beim Nahen eines Zauberschiffs und gewähre ihm Eingang wider Willen . . . Der Orgelton des Bootsgesangs, den man vorhin vernommen, scheint noch in der Luft zu schweben; indem man das Boot auf den Strand zieht, summt man ihn leise, bis der Takt in begrüßendes Geschrei und Gelächter zerbricht. Die Großmütter machen sich auf und gehn der Manumā entgegen, um sie ins Haus zu geleiten. Manumā schüttelt ihre enorme Frisur – ganz bespickt mit Puablüten – so daß feuerrote Blättchen ihren Weg bestreuen. Ihre jungen Brüste durchbohren schier das dünne rote Kattunkleid, über dem sie eine flammend bemalte Matte trägt; das Haar in der Stirn ist peinlich zurückgekämmt. So kommt sie heran, die schiefen Augen zu Schlitzen verengt, unter deren langen Wimpern Verschmitztheit lauert. Die aufgeworfenen Lippen heben sich lüstern lächelnd von schlohweißen Zähnen. Drei Mädchen ihrer Auluma folgen ihr: – Matasesepa, die stark nach innen schielt; Alisi, mit rostrotem Haar und blassen Augen, und zum Beschluß Emi, der man den Kopf noch unlängst eines Fiebers halber kurz geschoren – so daß sie völlig einem fetten Jungen gleicht, mit dem man sich einen Spaß macht . . . Manumā weiß, warum sie sich gerade diese drei ausgewählt; auf diesem Hintergrund hebt sie sich selbst um so appetitlicher ab. Schweres Schnaufen ertönt; Folau-Papalii tritt in 202 Erscheinung. Er ist am Ende seiner Mission. Halb gestützt hat man ihn und halb getragen, bis dahin, wo der Weg flach genug ist und man ihn sich selber überlassen kann. Nun arbeiten seine Klumpfüße wie schwere Stampfhämmer; sein Gesicht schwelgt in ekstatischem Grinsen: endlose Stunden werden ihm blühen voll Geschwätz und Labung des Magens! – – Das Boot fährt fort sich zu entleeren. Sich bei den Händen haltend, steigen zwei ehrwürdige Matronen aus: Faga‘afi, das »Feuerrohr«, und das »Ende der Peitsche«, Toieolesāsa. Die Kinderglieder, die ihnen nachpurzeln, gehören Lepeki und Tiatia. Den Beschluß bildet eine schwarze Gestalt, deren Gewandung sich seltsam zu den bunten Rindenmatten und Kattunhängern gesellt: ein dürrer Mensch in einer Soutane, die schaumbenetzt an seine nackten Waden klatscht – –: es zeigt sich das von der Krempe eines Filzhutes beschattete tiefbraune Bulldoggesicht eines Samoaners mit albernem Mund, an dessen Lippen die Löckchen eines gebleichten Kräuselbartes hängen – –; das ist der Misi Etimano, oder – der Mensch nackt und für sich genommen – Sevao, Sprecher in der Familie des »Schwarzen Schweines« . . . Die Hände über dem Bauch gekreuzt, geht er als letzter Effekt ins Haus. Samusamu, Folaus Neffe, und Piu mit zwei Knaben, die in dumpfer Unterwürfigkeit auf dem Sande hocken, bleiben am Boot zurück. Wo aber ist Tanu? – Wird man ihn nicht vermissen? – Ach, er ist doch nur dekorativ, und so kann er es Piu überlassen, ihn zu vertreten . . . Zudem, – wie man verstehen wird – entschließt sich O Lana Afioga o Malietoa Tanumafili, Lilomaiāva, Gatoaitēle, Tamāsoali‘i, Tafaifā – um ihm wenigstens eine kleine Auslese unter seinen Titeln zuzugestehen – nicht so ohne weiteres und kurzerhand, Besuche zu machen; nun erst gar in Sawaii bei Leituala, der einige zehn Rangstufen unter ihm figuriert . . . Nein; darüber Gedanken zu spinnen verlohnt sich nicht. 203 Das Haus ist gut gefüllt; jeder hockt an seinem Platz. Andächtige Stille herrscht. Eine einzige Stimme spricht leise quäkend; flicht Satz an Satz. Denn ein Herkommen heischt: je bedeutender die Gelegenheit, desto leiser, desto mehr nebenhin geschieht die Eröffnungsrede. Das fette hellfarbene Götzenbild spricht; Leituala trägt Blumen zusammen. Er holt seine Wendungen aus dem dunkelsten Winkel der Hütte; seltsam zuweilen aufbellend, hascht er prächtige Wortfloskeln aus dem Wesenlosen. In Starrkrampf versetzt durch das Gefühl der eigenen Nichtigkeit, betont er fröstelnd, wie sehr er sich freue; wie außergewöhnlich, ja, wie haltlos aufgeräumt, vergnügt und munter er sei. Die Rede klingt, als halte er Zwiesprache mit seinem Bauch, der durch den Ritz der Jacke hervorschimmert. Es ist, als könnten diese babbelnden Lippen nie zur Ruhe kommen; nie und nimmer. Die Welt wird versinken; das Meer wird dies Eiland zernagen; Grauen der Vernichtung wird wüten –: Leituala wird weiterbabbeln; – – immer leiser und leiser vielleicht; aber man wird es noch hören, wenn man das Ohr ganz nahe an diese zitternden Lippen, diesen wehmütigen Schnurrbart hält . . . Immerhin; auch dies hat ein Ende. Ein Peitschen des Fliegenwedels geschieht; man murmelt: »Mali‘e!« – – Dann schweigt man wieder allgemein; denn der zweite Teil des Programms muß nun erfolgen. Der Pulenuu räuspert sich tönend. Wo sitzt er? – Warum findet man ihn nicht am Sprecherpfosten, der ihm zukommt? – – Der Platz dort ist leer; die sechsfach aufeinandergeschichteten Matten würden eine so weiche, so elastische Unterlage bieten für seine Klumpfüße! – – Nein, Folau sitzt halb draußen; am Rand zwischen zwei Pfosten; und es ist eine förmliche Wanderschaft für Fapusi gewesen, ihm den geschnitzten Kawabecher zu überbringen. Er sitzt auf dem harten Lavakies; es ist, als lege er sich selbst 204 eine Pönitenz auf . . . Seltsam; seltsam . . . . Dabei späht er hinaus. Sieh da! – – An der Wegbiegung erscheint eine kleine Prozession. Vorn von Piu und Samusamu gestützt, und hinten von den beiden Jungen, die vorhin scheinbar unbeteiligt am Strand gehockt, schwankt ein Gestell aus Bambus heran. Die Jungen sind wahre »Larkins« geworden; vergnügte Tongateufel; statt Hüfttüchern tragen sie jetzt funkelnd neue Maulbeermatten, rotbraun mit gelben, frech darauf geklexten Sternen; die stehen so steif nach den Seiten ab, daß sie sich bei der langsamen Regung der Schenkel knirschend aneinander wetzen. Das Gestell ist mit roten Bastflittern geschmückt, die lustig wimpeln. – – Und was liegt darauf? – Was wird mit so zärtlichem Pomp einhergeschleppt? – Was nähert sich, befördert von behutsamer Andacht, flaumleichten Gewichtes, mit roten und blauen Daunenfedern gesäumt – – so leicht, so ätherisch und kostbar, daß die Last nicht im mindesten auf die blanken samtenen Schultern drückt –? – – Und doch meinen die Schultern einen Druck zu spüren –: Anbetung von Generationen hurtiger oder schläfriger Augen, die je darüber geglitten, ruht auf dem seidenweichen Wunder; Mühe von tausend Tagen rastlosen Knüpfens und von strenger Zeremonie des Feuchtens und Trocknens nach jeder frischvollendeten Phase . . . Auf dem Platz vor dem Hause angelangt, setzen die vier Träger das Gestell auf den Boden und hocken sich daneben. Ist dies ein Zeichen für den Pulenuu? – – Ja, in der Tat – er sitzt noch nicht im Hause; sitzt auf halbem Wege; ist einer von denen, die dort hocken in Demut – einer von dem Gesindel, das die Stirn hat, in Riechweite dieses erlauchten Kreises herumzulungern . . . Seine hohe Fistelstimme steigt auf. » Amata le solo... « beginnt es vibrierend. »Etwas Dummes ist's, das wir gesammelt; etwas Graues! Es beginnt die wörtliche Wiedergabe einer »Mattenpreisung« und ihres Antwort-Gesanges. 205 Ach – wie verächtlich ist das Gestell da mit seinem Inhalt; das Zeug – – wer bin ich überhaupt, es euch anzubieten in meiner Keckheit! – – Umsonst geben wir des Fischzugs Fische weg . . .« Folaus Augen werden klein. Es ist klar; der Fischzug ist elend. Auswurf wie wir kann zwar froh darum sein; Leute wie euch wird er höchstens zum Niesen reizen – – habt Nachsicht! – Ah, man könnte sich selbst zerreißen, weil man nichts Besseres bringen kann . . . »Blickt hin – –« geht das Näseln weiter »– auf die Toitoipflanze; – sie stirbt ab!« – – Sein Blick gleitet zu Piu hinüber. Und doch – ist es nicht eine Schmeichelei für das Kraut, das sich so kümmerlich fortfristet auf der Lava zwischen Aopo und Asau, mit dem wohlgenährten Piu verglichen zu werden? – – »Blickt hin auf den Pandanus, wie welk seine Blätter hängen!« – – Hier streift sein Blick Samusamu . . . »Kommt es vom Spritzschaum des Seewassers? – Kommt es vom kalten Nachtwind, der darüberfährt? Oder . . .« (hier wird Folaus Stimme vollends verzagt) »sind vielleicht die Pflänzchen immer traurig und sehnen sich nach dem Urwald zurück und seiner fetten Erde –?« Ja, eine so erbärmliche, so ärmliche Gesellschaft wie sie – der Sänger seufzt – muß sich gut mit erlauchten Personen stellen! – »Des Fischzugs Fische – wir schenken sie euch! – – Warum kamen wir nicht schneller? – Ach, wer sind wir! – Blutarm ist unsere Familie; dem Aussterben nahe! – Doch: so läppisch die – Matten da auch sind –: wir mußten weit laufen!« Ein nachträglich beklemmendes Erstaunen über die Strapazen, die sie erlitten, scheint den Sänger zu erfassen; seine Augen wandern wie nach stärkeren Vergleichen dürstend . . . »Wie Fischer mühten wir uns ab, die mittags einen Schwarm von Bonitos fangen wollen!« Man murmelt Beifall. Am Mittag spielen die Bonitos 206 brünstig an der Oberfläche und denken nicht an die Köder. Folau, ermutigt, verfällt in steigende Wut über die Matten. »Wie schlecht sind sie!« – fährt er höhnend fort. »Wie wenig euch angemessen! – Ein allzu kurzer Graslendenschurz für eine mannbare Jungfrau! – Ein viel zu kleines Muschel-Stirnband!« Der Beifall verstärkt sich. Daß die Matten eine Zumutung sind – und welch eine Zumutung! – ist klar genug erwiesen. Und doch – es ist ein Schimmer von guter Absicht dabei, der nach Anerkennung seufzt; den muß man gelten lassen . . . Wenn der Sprecher auch für eine Familie das Wort führt, die nicht wert ist, sich in die Leitualas zu drängen, – – er meint es gut! Veredeln will sich die Sippschaft von Tanumalēto durch das Blut, dem sie bittet sich verschwägern zu dürfen! Und ist die Angelegenheit nicht reif genug? – Hat man nicht schon vorher Monate hindurch Reden gehalten und Geschenke hin und her geschickt? – Haben sich nicht die Sprecher beider Familien zur Genüge in den Ohren gelegen? – Darum beschließt Folau in einer Kaskade von Versen, in einem Strudel von Worten mit einem langen Triller auf jedem Reim: »Nimmt man dem alten Palmbaum die Wurzeln und flicht Körbe daraus für Fische: so braucht ein neuer Zeit, um zu wachsen! – Und es nimmt Zeit, ihn zu pflegen und zu düngen! – Solche Zeit hat es gekostet, diese Matten zu sammeln! Klein, erbärmlich sind die Nüsse des schlechtgedüngten Baumes! – Doch gibt es nicht Reihen von Stapelstöcken, gut gefüllten, wenn man ihn gut pflegt und seiner acht hat? Darum, ihr Herren – laßt uns in Eintracht beisammen sitzen! – Es gefällt uns bei unserer neuen Familie! Wir dürfen hier bleiben, bis man unserer überdrüssig ist! – Kommt nun; wir wollen der Reihenfolge nach die Hütte betreten!« – – Folau schweigt. – » Tu‘ulagi ane! – Sing weiter!« – 207 dröhnt es heraus. Doch dieser Aufforderung folgt man nicht. Auch bleiben noch alle sitzen, wie vorher; Piu mit seinen Trägern draußen und Folau im Rahmen der Pfosten . . . Und als das »Mali‘e!«, laut und leise, sich gelegt hat, entsteht eine Pause, während der die Erwiderung im Schoß des Hauses sich vorbereitet. Dann steigt eine näselnde Stimme drinnen in die Höhe; sie ähnelt der Leitualas . . . » Sa tutūli taliga... « beginnt es. »Wir waren taub; kaum konnten wir hören!« Und während die Betonung steigt, geht ein langsames Erwachen aus dem bestrickenden Traum vonstatten. »Jetzt können wir plötzlich wieder hören! – Es war wie liebliches Vogelgezwitscher! – Ihr seid uns angenehm; schenkt ihr uns nicht eine vollreife Jungfrau aus feiner Familie? – Schande über uns, wenn wir solche Gäste schlecht bewirteten! – Schande über alle, deren Querholz leer steht! – Leider haben wir nichts, aber auch gar nichts anzubieten an diesem herrlichen Morgen!« Als diese fabelhafte Wendung geschieht, von trauernder Überzeugung gesättigt, erschallt draußen der Todesschrei des sechsten Huhnes, das an einem Palmstrunk enthauptet wird; und bläulicher Rauch aus dem Backofen schwängert die Luft . . . »Ihr seid kein schlechter Besuch für uns! – Wir kennen den Besuch! – Wir wissen, daß der Besuch Matten bringt! – Es ist kein Kriegsbesuch – –« wiederholt die Stimme und kann sich nicht genugtun – – »es ist ein Besuch, der köstliche Matten bringt! – Oh; welch eine Pracht an Matten! – Ja, sie sind so kostbar, daß ihretwegen, bei der Verteilung in Mali‘e, zwischen Pule und Tomua, Blut geflossen ist! Ah – – die schönen, die ausgesucht kostbaren Matten! Seid gepriesen, ihr Herren und Familienhäupter nebst euren Schößlingen; gepriesen, ihr Titelträger, und bedankt, ihr titellosen Alten! Unser Herzenswunsch ist – und es ist kein schlechter Wunsch –: gesellt sich Bein zu Bein im 208 Dunklen . . .« Entzücktes Prusten, mühsam unterdrückt, entsteht im Haus . . . »und trägt es Frucht, so ist die Freude groß. Merkt auf, ihr alle, laßt die Kunde in große und kleine Häuser dringen: wir haben Besuch, der sich unsere Gegend betrachten will. Unsere Herzen sind erfreut, und eure Rede klingt für uns wie das herrliche Zirpen der Ligo Ligo !« Beifallstrommeln bricht los. Der Pulenuu erhebt sich und kriecht ächzend an seinen leeren Platz am Sprecherpfosten, an die Seite Le‘utas. Vave und Manumā hocken sich gegenüber und blinzeln sich an. Sie schätzen sich gegenseitig ab. Da es auf beiden Seiten – dank der Art der Bekleidung – für das Vorstellungsvermögen wenig zu ergänzen gibt, sind sie bereits in schönem Einverständnis. Vave schiebt verschmitzt seinen Fuß herüber und tritt seiner Braut an das Knie, worauf sie den Kopf vor Albernheit so weit nach hinten wirft, daß die kaffeebraune Kehle, geschwollen von verschlucktem Kichern, reizend hervortritt und die seidige Last ihrer Haare fast den Boden peitscht . . . Le‘uta betrachtet das Paar.– Auf einmal stößt sie gellend hervor: »Fe‘epō klatscht in die Hände! – Hört den Fe‘epō!« Wie Dr. Schulz anläßlich des von ihm gebrachten Sprichworts: › Ua patipati ta-oto le Fe-epō ‹ (F. klatscht liegend in die Hände) bemerkt, spielt der blinde Aitu Fe-epō eine bedeutende Rolle in der samoanischen Mythologie als Ahnherr der Malietoafamilie. Die zugrunde liegende Märchenversion dort ähnelt der von mir gebrachten. Alle wenden sich um. Ein heißes Lüftchen scheint ins Haus zu fächeln, das die Pulse beschleunigt. Und in aller Hirne tritt ein Bild, gleich einem Blitz, der eine Gruppe beleuchtet. Die Unterhaltung verstummt für ein, zwei Minuten. Leituala, mit schwachem Lächeln, knarrt ein fettes: » O lele‘i « denn der Einfall Le‘utas gefällt ihm . . . Wer aber ist Fe‘epō? – Und warum hat er in die Hände geklatscht? Das Inselhirn hat ihn geboren, und er ist so lebendig wie ich und du! – Man berichtet, daß er – ein verkleideter Teufel – mit seiner Frau Tauvasa‘i-Upolu in der Dorfschaft Tomua lebte . . . Andauernder Trockenheit halber gab es eine gewaltige Hungersnot; und zur selben Zeit entzweite Fe‘epō sich mit seiner Frau. Sie verließ ihn, 209 doch ihr einziger Sohn, der Knabe Ati‘ati‘oni‘e, folgte ihr nach . . . Sie sagte: »Kehr um und geh zu deinem Vater zurück!« – Doch der Sohn verfolgte sie weiter, bis er auf eine wilde Batatenwurzel traf. Sofort begann er, sie auszugraben; sechs große Knollen waren daran und eine Handvoll kleinerer Sprossen. Die Mutter sprach: »Jetzt geh zurück!« Der Junge nahm die Bataten und kehrte um. Fe‘epō war blind; doch als sein Sohn zurückkam, erkannte er ihn am Schritt. Er rief: »Bist du da?« – »Ja,« erwiderte Ati‘ati‘oni‘e. – »Wo hast du deine Mutter gelassen?« – »Sie ist weitergegangen.« – – »Was hast du mitgebracht?« – – »Batatenwurzeln.« – – »Bring sie mir.« – – Fe‘epō zählte mit den Fingern; es waren sechs Wurzeln und ein Säckchen aus Blätterknollen. – »Bereite sie zu.« Der Sohn ging zum Samoa-Ofen; doch buk er die Wurzeln nicht auf einmal, sondern sparsam einzeln an jedem Tag, bis Fe‘epō die sechs verzehrt hatte; nachträglich buk er für sich selbst die ganz kleinen Knollen. Da dachte der Vater: »Jetzt habe ich alles gegessen; was hat der arme Junge gegessen?« – – und ließ ihn kommen. Er sprach: »Mein Sohn: ich sehe nun, daß du mich liebst; bereite dich vor; von jetzt ab sollst du mein Erbe sein; es ist Zeit, daß du eine Frau nimmst und daß ich Enkel bekomme . . . Hole mir Wasser.« Der Junge nahm die Kokusflasche, beschmierte sich im Kochhaus mit Asche und ging an die Seeseite, wo die Quelle war. Dort wohnte die Taupou Telesa. Der Junge, anstatt seinem Vater das Wasser zu bringen, ging zu ihr ins Haus. Ihre Auluma war dort, und sie trieben verliebte Scherze . . . Telesa fand Gefallen an Ati‘ati‘oni‘e und sagte zu ihren Mädchen: »Greift mir diesen Knaben; er ist ein Häuptlingssohn.« – Sie haschten und ergriffen ihn; und weil er so schmutzig von Asche war, wuschen sie ihn sauber im Badeloch. Da sah die Taupou, daß er ein herrlicher Junge war. Der Teufel Fe‘epō, wenn auch blind, konnte doch alles 210 genau aus der Entfernung erkennen. Und als die Taupou mit seinem Sohn ihre Liebesspiele trieb, saß Fe‘epō allein in seinem Hause und klatschte in die Hände. Von diesem Tag an hörte die Hungersnot auf. Die beiden bekamen viele Kinder; und als die Sippschaft das hörte, kam man von weit her und brachte der Malietoa-Familie Matten . . . Geht Fe‘epō noch heute um? – Hat Le‘uta sein Klatschen vernommen? – – Hört man nicht ein fernes geisterhaftes Zusammenklappen zweier mächtiger Hände, warmer Handteller, aus denen Segen gequollen ist von Urzeiten her? – – Oder ist es nur das Bersten der Brandung, das herüberklingt? Gewiß, Fe‘epō sitzt allein in seinem Haus und freut sich des Vave und der Manumā; freut sich der beiden, die sich mit täppischem Scherz betasten und aus deren Lebenskraft neue Geschlechter von reinstem Blut entsprießen sollen. Doch das Haus Fe‘epōs ist größer als dieses. Sein Dach ist der Himmel; und seine Pfosten beschützen, fern und groß, die ganze samoanische Welt.   Eßmättchen werden verteilt, und Segen ergießt sich darauf; zwiefach und dreifach. Denn es hat an zwei Stunden gedauert, die Matten zu bewundern und die Verschmelzung der beiden Familien herbeizuführen. Die Mägen beginnen zu knurren; man ist gerüstet. Alles erscheint gebacken –: Brotfrucht, Taro, Yams, Bananen, Esi, Huhn und Ferkel. Für Liebhaber gibt es Büchsenlachs und Cornedbeef. Leituala spricht einer Tasse Kaffee zu; vielmehr einem schleimigen Absud aus grünen Bohnen, den er aus einem enormen Steingutbehälter schlürft. Auf diesem Topf prangt ein goldenes, mit Dornen zierlich umwundenes Kreuz nebst der deutschen Inschrift: Zum Gedächtnis an den Tag deiner Konfirmation. Malua. Leituala kann viel verzehren. Er hat ein Hühnerbein mit seinen prächtigen Zähnen glatt abgenagt; während der 211 Erholungspausen kratzt er sich damit im Haar und stößt kräftig auf. Jedesmal, wenn er das Gefäß mit der sinnigen Inschrift beansprucht, tränkt er den weißen Schnurrbart und zieht ihn in der Folge durch ein Bananenblatt. – – Auch das Brautpaar gibt sich dem Essen mit so ungeteilter Andacht hin, daß alle anderen fleischlichen Gelüste für den Augenblick in den Hintergrund treten. Inzwischen verfließen weitere zwei Stunden, und der Schmaus erreicht sein mähliches Ende. Zunächst beginnt man einzeln und dann allgemeiner im Kreise zu schwatzen. Da fällt es auf, daß wohl das »Feuerrohr« zur Stelle ist, nicht aber Tai‘afi‘afi, deren Base, mit ihren Kindern. – Warum sei Tai nicht mitgekommen? – Habe sie etwa Angst? – Und wenn ja, wovor habe sie Angst? Das »Feuerrohr« wickelt sich recht umständlich eine Sului, bedient sich mit einem Streichholz – die Schachtel wird ihr von Leituala über zehn Köpfe hinweg zugeschleudert – und saugt heftig, indem sie scharf auf das brennende Ende schielt. » Kotūsa ,« sagt sie endlich mit ihrer knarrenden Männerstimme. Dies und nichts mehr. Man denkt ringsum nach; endlich, aus Höflichkeit, überläßt man es dem Zufall, das Problem zu lösen. Tai ist von Vaters Seite Cousine ersten Grades des Häuptlings von Saluafata, und mütterlicherseits gehört sie nach Faleasiu zu der Familie Laaupepe; und wenn es in diesen erhabenen Häusern ein Skelett gibt, so muß es von hinten herum und mit der äußersten Diskretion ausgegraben werden. Leituala ist keiner, der plump darauflos frägt. Da er gern einen Skandal hört, so zwickt ihn Neugier. Trotzdem drückt er sich lediglich dahin aus, daß er von Herzen traurig sei; daß der Kummer, Tai heute nicht zu sehen, sein Wohlbefinden langsam untergraben und ihm ein verfrühtes Grab bereiten werde . . . Leituala hat immer zu Kotūsa gehalten, wenn er es diesem auch zu verdanken hatte, daß er sich mit Tufu-Tafoi überwarf, eines Koprahandels halber, und um der 212 Seelenruhe willen eine Frau aus Tufu-Gataivai nahm und dorthin übersiedelte . . . Das »Feuerrohr« fühlt, sie müsse sich zu Aufklärungen bequemen. Warum Tai nicht mitgekommen sei? – – Eh? – – Sie wendet sich an den ganzen Kreis; an das weit offene Riesenohr des Hauses. – »Kotūa ist hier in Sawaii! –Kotūa ist auf dem Weg! – Er nähert sich, er kommt! – Er wird bei Sale-Kuka wohnen; plötzlich ist er da! – Hier in Tufu!« – – Wiederum beweist das »Feuerrohr«, daß sie voll tiefen Wissens ist und unerschöpflich wie ein Brunnen. Die alte Sybille gebärdet sich schier erregt und stößt ihre Sätze kurz und heiser hervor. – Kotūa, fährt sie fort, habe Petina an den Schiffsherrn verkaufen wollen, nach Ambuka in Siamani. – Dies Vorhaben ist geradezu schwanger von Mysteriösem und erhebt sich in der Schilderung Faga‘afis zur Bedeutung eines verzwickten Mordanschlags auf den armen Knaben. – Warum habe er ihn verkaufen wollen? Natürlich um viele Sisipenis für Whisky zu bekommen . . . »T-k, t-k, t-k,« erklingt es. Die Runde ist ganz voll von diesen leisen »t-k, t-k's«, so als ob sich ein Dutzend Kokusflaschen entleere. Vor einer Woche nun sei Kotūa von Mata‘utu nach Sawaii gefahren. Der Kovana Aligano habe ihm einen Brief geschickt, und zwei Leoleos im Va‘amotoa Kaisalika hätten ihn abgeholt. Er habe sich stolz in das Boot gesetzt und habe zum Abschied noch sehr kränkend mit Tai gesprochen und seine Absicht wiederholt, daß er Petina nach Ambuka schicken wolle. Dann sei er – das habe man erfahren – mit einem jungen Pa‘alagi auf die Wanderschaft gegangen. Der Pa‘alagi sei sehr weiß und jung und habe große Augen. –Faga‘afi deutet mit einer Kreisbewegung der Handflächen an, wie groß die Augen des jungen Pa‘alagi seien. – 213 War verschwommene Kunde davon aus Safotulafai zu ihr gedrungen –? Dann sei das große Dampfschiff Navua nach Apia gekommen, auf dem Weg nach Ausetalia ; und Tai habe Petina auf das Dampfschiff gesetzt, und der Misi Etimano habe es gutgeheißen – hier nickt Sevao innig bestätigend und nimmt den Hut herab – und das Reisegeld für Petina gezahlt. Und Petina sei nach Fiji gefahren, nach Levuka, zu Laumata, einer Base Tais, die dort mit einem Händler verheiratet sei. Und Kotūsa wisse das nicht, und sein Zorn würde keine Grenzen kennen, wenn er es erfahre. Und bald werde er hierher nach Tufu kommen; deshalb habe man Tai widerraten, nach Tufu zu gehen. Er werde fragen: Wo ist Petina? – Und Tai werde sagen: Kein Petina! – Petina ist weg! – Ist auf und davon! – In Fiji! – Und Kotūsa werde sie töten; stracks ermorden ohne Federlesen! – – Das sei Ta‘eles Ansicht; und es sei ihre eigene, Faga‘afis, Ansicht; und auch das »Ende der Peitsche« zweifle nicht daran; zu dritt hätten sie Tai ausgeredet, nach Tufu zu kommen; und das sei die Geschichte; und es sei eine traurige Geschichte – ja! –« Soweit das »Feuerrohr«. Die Mitteilung macht großen Eindruck. Die erste, die sich hören läßt, ist Le‘uta; und sie bringt Grothusen sofort in Gedankenverbindung mit dem längst verblichenen Paape. » Leaga le pa‘alagi! « zischte sie. – Ja, man kann die Weißen betrachten, von welchem Gesichtswinkel man will – sie sind nichts wert. An ihre beiden Söhne denkt sie nicht einmal – über Bord damit! – Was die Freuden des Liebeslebens anlangt, so gibt sich Le‘uta seit Paape überhaupt nicht mehr mit Weißen ab . . . Wiewohl sie nun alle mit Zungenschnalzen ihre Mißbilligung, ja ihren Abscheu vor dem Benehmen Grothusens kundgeben, so ist die Sympathie durchaus nicht ungeteilt auf Tais Seite . . . O nein! – Es wird zwar noch nichts 214 gegen sie geäußert, doch in den Herzen der jüngeren Weiber blüht die Schadenfreude üppig auf. Vergeltung für Früheres kommt nicht wie die Landkrabbe, die hurtig im Zickzack rennt, sondern wie die Seekrabbe, die langsam bei Ebbe durch den Schlamm watet –: sieht man sich aber ihren Weg an, so führt er schnurgerade zum Wasser. So kommt die Vergeltung; man kann ihre Spur überblicken: die pfeilgerade Linie über all die verflossenen Jahre hinweg, die hier endet . . . Fapusi und Masagi klopfen Kawa vor der Hütte, als ihnen das drohende Mißgeschick Tais zu Ohren kommt. Sie ziehen die Köpfe zwischen die Schultern und kichern in den Napf hinein . . . Das »Feuerrohr« fühlt, daß sie an Boden verliert. Grothusen, der ringsum durch die Hirne stelzt; der Reden webt aus Wendungen, die körperlich behagen wie rieselndes Gefallen an kluger Massage –: er bleibt Sieger; und von den Weibern wird ihm keine ihre Kundschaft entziehen . . . Es ist, als sei jeder Fehltritt des schwächeren Geschlechtes nur üblem Ausgang vorbestimmt. Wurde nicht auch jene sagenhafte Pau‘ila‘ila, die von den verbotenen Früchten des Gogofiafia-Baumes naschte, obwohl sie nur über ein Bein und einen Arm verfügte, trotz dieser Kletterleistung von ihrem Mann auf den Bauch geschlagen, bis sie starb? – Und obwohl der Mann so kümmerlich war, daß man ihn Gape‘i‘le‘ofe, den »Abgestorbenen Bambusstock«, nannte– gab man ihm nicht recht? Das Märchen vom Gogofiafiabaum bringt Anklänge an das Eva -Motiv und wurde mir folgendermaßen berichtet: › Gape-i-le-ofe ‹ (Abgestorbener Bambusschößling), war der Name eines Mannes; und der einer Frau › Pau-ila-ila ‹, die ›Heruntergefallene, die alles aus Versehen zeigt‹. Sie lebten friedevoll zusammen. Er trug seiner Frau auf, gut auf das Haus aufzupassen. Er verließ das Haus und ging zur Feldarbeit. Das einzige, was er ihr ans Herz legte, w^ ein Gogofiafiabaum mit roten Früchten, den er selbst gepflanzt hatte. Sie solle aufpassen, daß niemand diese Früchte stehle. Das Weib versprach's. Sie hatte nur einen Arm und ein Bein. Sie war selbst hungrig und kroch zu dem Baum, der die schönen Früchte trug; kletterte hinauf, schüttelte Früchte herab, kletterte wieder hinab und aß sie. Da kehrte ihr Gatte zurück. Die Frau sang ein Klagelied des Inhalts, fünf junge Leute hätten sie gezwungen, ihnen zu Willen zu sein, und die Früchte geraubt. Der Gatte glaubte seiner Frau und witterte keine Lüge in dieser Erzählung. Nachdem er gegessen hatte, ging er auf die Feldarbeit. Sobald er wieder bei der Arbeit war, bekam die Frau erneutes Gelüsten nach den Früchten des verbotenen Baumes, kletterte wieder hinauf, warf reife Früchte herab und aß sie; die Früchte aber waren fast zu Ende gegangen. Wie der Mann zurückkam, fand er seine Frau hochbefriedigt vor. Sie sang dieselbe Entschuldigung. Doch diesmal glaubte der Gatte seinem Weibe nicht. Er ärgerte sich, daß sie sich mit den Früchten vollgestopft hatte, während er zweimal zur Arbeit gegangen war und nichts zum Essen gefunden hatte. Die wiederholte Erzählung seiner Frau, fünf junge Leute seien auf der Wanderschaft vorbeigekommen, hätten sich mit ihr belustigt und die Früchte geraubt, kam ihm immer mehr verdächtig vor. Diesmal versteckte er sich hinter den Bananen, um ihr aufzulauern; da fand er heraus, daß seine Frau auf den Baum kletterte und die Früchte herunterschlug. Sie drang sogar bis in die höchste Spitze des Baumes vor und warf die allerletzten Früchte herab. Ihr Bauch war inzwischen so voll geworden, daß sie neben den Früchten herunterfiel. Da hustete der Mann und sagte: »Ich komme gerade von der Feldarbeit.« Als er ins Haus trat, sang ihm seine Frau dasselbe Liedchen ein drittes Mal. Da sprach er: »Jetzt habe ich dich erkannt, du Schwein. Dreimal belogen, zweimal aufgelauert, jetzt habe ich die Beweise; möchte dich töten.« Er nahm einen großen Stock und schlug das Weib auf den vollen Bauch. Der Bauch platzte, und das Weib starb. Uma le tala. (Finis.) – Schreiende Unbill ist's – das fühlt Faga‘afi – doch die ist so alt wie die Welt; es ist hoffnungslos, dagegen ankämpfen zu wollen. Sie blickt nach dem Misi Etimano, der salbungsvoll das Haupt schüttelt, als wolle er sagen: Ich wasche meine Hände . . .   Zwei Ameisen, Siloi und Siloata, gingen einst auf die Wanderschaft mit Teve, dem Baum, und Manualii, dem Hahn mit den blauen Federn. Unterwegs zankten sie sich wegen Ebenbürtigkeit und gerieten in großen Streit. Teve 215 drohte, den anderen würden die Mäuler anschwellen vom Gift seiner Früchte; die Ameisen verhießen schmerzhafte Bisse, und Manualii wollte seine mächtige Stimme gebrauchen, um ein Heer ungebundener Vögel mit spitzen Schnäbeln herbeizulocken. Wer aber kam da und stiftete Frieden? – Die Yamswurzel. »Ich bin am mächtigsten von euch,« sprach sie. »Ich habe Knollen und Nebenwurzeln; die will ich ausgraben und euch zu essen gebend Und alle aßen und vergaßen ihren Zank . . . Das Märchen › O le loi ma le loata ‹ lautet vollständig: Zwei Ameisen machten Freundschaft miteinander. Siloi hieß die eine, die andere Siloata. Sie gingen auf die Reise. Unterwegs sprach ein Baum zu ihnen, der hieß Teve; er rief aus: »Wo geht ihr hin?« – Sie sagten: »Wir gehen auf die Reise.« – »Wie wär's, wenn ich mitginge?« meinte Teve. –»Erzähle uns, woher du stammst; und wenn du ebenbürtig bist, nehmen wir dich mit.« – Teve sprach: »Ich bin euch ebenbürtig; ich komme von dem Baum, von dem ihr stets Früchte pflückt und von dem ihr lebt.« – – Sie nahmen ihn mit und setzten zu dritt die Reise fort. Dann kam ein Manuali-i (wilder Hahn mit blauen Federn) herangeflogen und fragte: »Wohin geht ihr Herren?« – »Wir gehen spazieren.« – »Wie wär's, wenn ich mitginge?« – »Wir wissen nicht, ob du ebenbürtig bist.« – »Wenn ihr wissen wollt, woher ich stamme: auf der Rückkehr werdet ihr's erfahren.« Teve sagte: »Ja,« – und zu den Ameisen: »Wenn wir zurückkommen, finden wir schon heraus, woher er kommt.« – Sie waren's zufrieden und nahmen ihn mit. Unterwegs trafen sie eine Yamspflanze. Sie rief aus: »Wohin geht ihr Herren?« – Sie sagten: »Wir gehen spazieren.« – »Wie wär's, wenn ich mitginge? Laßt uns zu fünfen gehen.« – Die vier sprachen: »Wir wollen uns vergleichen, ob du unserem Rang entsprichst.« – Die Yamspflanze unterbreitete ein Gnadengesuch und wurde mitgenommen; sie reisten weiter zu fünfen. Doch bevor sie weggingen, kam in die Herzen von einigen ein Mißtrauen, und sie sagten: »Wir wollen uns hier zuerst ausruhen.« Die Ameise Loi sagte: »Ich will zuerst sagen, warum ich mitgekommen bin.« Sie stieß einen Stein um und sagte: »Hier habt ihr meine Larven und meine Eier.« – Loata sagte: »Ich will dir nicht zurückstehen; ich beiße euch, daß es euch schmerzt.« – Teve sagte: »Der Biß von Teve ist giftig; den Menschen sollen die Mäuler anschwellen von meinem Gift.« – Der Vogel sagte: »Ich habe eine starke Stimme, und ich werde alle Vögel zusammenrufen, um Frieden unter euch zu stiften.« – Da sprach die Yamswurzel: »Ich bin nicht allein, ich bin die Mächtigste, da ich Nebenwurzeln und Knollen habe; die werde ich ausgraben und euch zu essen geben.« – Darauf gab sie sämtliche Wurzeln her. Alle aßen. – Gefüllter Magen bringt Frieden. Uma le tala. Ja, solchen Zank – den darf man wohl über einer Mahlzeit vergessen. Doch eine Unstimmigkeit wie diese – darf sie unter sommerlichem Geschwätz, bei einer alltäglichen Festlichkeit begraben, zwischen Backenzähnen zerkaut und ausgespien werden wie ein Sandkorn beim Krabbenschmaus? Jede Teilnahme an dem drohenden Schwert, das über Tais Haupte hängt, ist zwischen all dem Gesottenen und Gebackenen jämmerlich erstickt; es herrscht der faule Frieden vollgestopfter Mägen. Die Ohren, die des »Feuerrohrs« Bericht soeben noch gierig aufgesogen, lassen ihn wieder hinausflattern; man entkräftet ihn durch das flüchtige Lächeln der Schadenfreude; man löscht ihn aus mit Zungenschnalzen. Und doch – hat Faga‘afi nicht erwartet, Brennpunkt großer Erregung, Zielscheibe herabhagelnder Fragen zu werden? – –   Der Abend neigt sich hernieder. Das »Feuerrohr« und das »Ende der Peitsche« fühlen sich vom gleichen Kummer zueinander hingezogen; sie hocken sich zusammen. Faga‘afi richtet zuweilen eine leise Bemerkung an ihre Gefährtin. Sie kratzt sich den rostroten Tituskopf, aber nicht aus dem herkömmlichen Grund, sondern um den trägen Fluß der ungewohnten Gedanken zu stacheln, die sich formlos darunter regen und sie dunkel beunruhigen. Dabei schielt sie stärker als gewöhnlich. Toieolesāsa nickt wie eine Pagode. Beide paffen stark. Inmitten der allgemeinen Heiterkeit, 216 die sich mit dem Nahen der Nacht immer zwangloser gebärdet, schaffen sie einen ablehnenden, ja feindlichen Dunst um sich. Da räuspert man sich ringsum. Von sechs Stimmen getragen und leise von Händepochen auf die Matten begleitet, steigt ein Gesang in der Hütte empor – jener unsterbliche Liebesgesang, dessen Melodie von Hawaii herüberwanderte bis nach Tonga, mit Worten, die in der Bibel heimisch sind und im ganzen Orient: »Meine Blume im Haar, meine goldene Kette, Du Edelgestein, das ich versteckt hielt – Die Worte dein beweg ich im Herzen; Des wahren Freundes vergeß ich nicht. Komm zu mir, ach komm, meine Augenweide; Du meines Busens geheimste Freude; Wovon ich träume, kann jetzt nicht geschehen; So harre aus, bis die Lampe erlischt . . .« Gerade will man den dritten Vers beginnen Die dritte Strophe des Liebesliedes lautet in freier Übersetzung: »Wir wollen uns vertragen und uns die Hände schütteln; Und wenn ich schlafe, vergess' ich dich nicht; vergiß du mich auch nicht. Behalt' du im Herzen, was wir abgemacht haben, Bis die Stunde kommt, wo ich dir alles gewähre.« , als ein schriller Ausruf ertönt. Faga‘afi sitzt gekrümmt da, den Kopf lauernd geneigt. Hat sie diese Bewegung den Hunden zu Mata‘utu abgelauscht? Es ist sogar, als ob die schielende Pupille sich heftig mühe, der anderen für einen Augenblick zu folgen . . . Der Zeigefinger sticht wagerecht durch ein Loch zwischen den Pfosten. Alle blicken hinaus. Nichts ist jenseits des Hügels zu sehen, als das Grün einer kleinen Bananenpflanzung und darüber das Dunkel des Urwalds. Sieht Faga‘afi Gesichte? – Fast scheint es so . . . Doch nein; etwas bewegt sich dort; in der Entfernung nicht größer als eine Spinne. Weiß bewegt es sich, gefolgt von etwas Braunem; das ist ein Mensch, der einen zweiten nach sich zieht. »Kotūsa!« – spricht das »Feuerrohr« wiederum; doch diesmal mit bösartiger Betonung und mit Triumph in der Stimme. Die beiden Pa‘alagi indessen kriechen – das ist ersichtlich – 217 geraden Wegs auf das Bungalow von Sale-Kuka los. Eine Begrüßung findet dort oben statt. Oder täuscht man sich? – Ist es das ferne Gekräh eines Hahnes? – Die beiden verschwinden in der Tür. – – Eine vorübergehende Stille, wie der kaum wahrnehmbare Druck vor einem kommenden Wirbelsturm, zieht im Hause Leitualas ein. Dann, als ob nichts geschehen sei, singt und plaudert man weiter. Mond in Tufu Chartes Bartley, genannt » Charles the Cook « oder »Sale-Kuka«, hatte früher ein Bäckergeschäft in Apia betrieben. Diese an sich dursterregende Beschäftigung, beschienen von der stets heiteren ozeanischen Sonne, hatte einen treuen Freund des Alkohols aus ihm gemacht. Mit dieser Freundschaft mochte es auch zusammenhängen, daß er jahrelang nichts davon merkte, wie ihm die Eingeborenen in Salea‘ula seine Kopra-Wiegeschalen um sechs Pfund verstellten. Er hatte jedoch einen sanften Charakter und fing nach dem Bankrott von neuem an; mit einem kleinen Trödelladen, der McGrew gehörte. Als Gerhart und Grothusen eintrafen, war Charles noch nüchtern genug, um bei seiner samoanischen »Haushälterin« eine kleine Abendmahlzeit zu bestellen; der Tisch war jedoch noch nicht gedeckt, als er – das kupferrote Gesicht der Wand zugekehrt – anhub, ein größeres Quantum Whisky abzuarbeiten und die Welt für ihn ins Wesenlose sank. Mit dem friedevollen tierischen Röcheln des Händlers als Tafelmusik, nahmen die Wanderer ein herzhaftes Mahl zu sich. Der Rest, den Charles in der Flasche gelassen, zog alsbald Grothusens Aufmerksamkeit an; es überraschte, wie schnell und systematisch er ihn verminderte. Man hatte von der Veranda Aussicht auf die beiden Tufu; über das Flüßchen und die ganze Landzunge bis zur Mündung ins Meer reichte der Blick. 218 Das strotzendwarme Gelb der Abendsonne, die jene Lücke der Lavaküste füllte, wurde zusehends kälter. Eine Brise brauste und bewegte die Palmenkronen, deren Umrisse sich im Grün des Himmels schwärzlich vertieften. Immer mehr von ihrem Gelb nahm die Sonne aus den blänkernden Wellen des Alia, der das Licht ruckweise hinwegtrug; immer ferner geschah das Lodern; immer begrenzter zeigte sich die Flammenscheibe. Das Grün erlosch und wich einer zögernd wachsenden nebligblauen Helle –: der Mond war da. Scharf hoben sich sechs Fliegende Hunde vom Himmel ab, die träge landeinwärts ruderten. Die Schatten drunten traten hervor. Der Weg über das Zementbrückchen leuchtete. Vor dem auf- und abschwellenden »Sch–sch–sch–« der Brandung standen klar die Stimmen der Leute; gelb funkelten Lampen durch die Stämme. Durch letzte Äußerungen, dem scheidenden Bewußtsein »Sale-Kukas« abgerungen, hatte man von der Hochzeit im Dorf erfahren; Grothusen zeigte großes Interesse an der Festlichkeit. Während des Mahles hatte er über jede noch so bescheidene Bemerkung Gerharts krähend gelacht; diese Heiterkeit wurde gleichsam stereotyp, ohne daß es weiterer Scherze bedurfte, um sie anzuregen. Als daher Grothusen sich plötzlich erhob und seinen ganzen Menschen dabei gewaltsam glättete, war Gerhart etwas überrascht; umso mehr, als jener mit gesetzter Miene sprach: »Sie entschuldigen. – Muß mich da unten sehen lassen; man weiß, daß ich hier bin. – Alter Freund von mir; edler Charakter; Leituala . . . Hat keinen Sinn, Sie mitzunehmen; muß geschäftlich reden, auf samoanisch . . . Komme wieder, in ein, zwei Stunden.« Es traf sich kurios, daß Grothusen sich gerade eine Festlichkeit ausersah, um »Geschäfte« abzuwickeln; doch Gerhart unterdrückte eine Andeutung. – »Viel Vergnügen,« meinte er . . . »Und gute Unterhaltung mit . . . den anderen Buschhähnen.« – – Grothusen schlug sich die Schenkel mit den Handflächen und lachte leise . . . Klang das nicht wie der 219 Beginn eines schmetternden Krähens; wie knatterndes Flügelschlagen vor einem letzten blutvollen Schrei?   Grothusen stieg stelzend den Hügel hinunter; seine weiße Gestalt bewegte sich über die Brücke und verschwand dann in den samtenen Schatten des Dorfes auf der Landzunge. ›Er geht schnurstracks in diese warme Schwärze hinein . . .‹ dachte Gerhart mit leisem Neid. ›Und der Osten hockt dort im Dunkel, vielköpfig, braun, nackt, verschlagen, – und bietet ihm gurrende Begrüßung. Er setzt sich in die Mitte jener Menschen und gehört zu ihnen von dem Augenblick ab, wo er die Beine in Kreuzform schlägt; wo er einen Spritzer der Kawa opfert; wo er den ersten samoanischen Satz ohne Zäsuren aus der Kehle hervorstößt . . .‹ Die verstreuten stillen Lampenlichter glühten herüber wie fremde Augen aus einem fremden Dunstkreis. Eines erlosch – – dann erschien es wieder an anderer Stelle. Das Dorf lag kompakt und schwarz. Der silberne Mond hing gleichmütig über dem tiefgeheimnisvollen Vielerlei von fremdartigen Dingen. Eine Lampe wurde von Gliedern verdunkelt; ihr gelber Strahl kroch wieder hervor. – – ›Es ist wie eine Bestie, die blinzelt . . .‹ dachte Gerhart. ›Aber es gibt einen, der geht stracks auf sie los; der hat sie in der Tasche . . .‹ Noch eine Weile saß er dort oben und horchte auf die Geräusche der Nacht. Das Rauschen des Flusses lockte ihn . . . Er klopfte seine Pfeife aus und stieg den Hügel hinunter. Er ging jedoch nicht über die Brücke, sondern tastete sich etwa dreißig Schritte davon landeinwärts am Ufer entlang, bis er an ein paar breite Bananenblätter kam, die man als Korb benützt und zerschlissen hatte liegen lassen. Der Fluß bildete hier ein tieferes Becken, so daß die am Grund liegenden Steine, die sich im Mondschein deutlich abzeichneten, den Spiegel nicht störten. Lautlose silberne Schlangen stahlen sich zuckend vorbei, flüssig verknäult zu wechselnden Arabesken. Zuweilen, für einen 220 Augenblick, hielt sich die Scheibe: ein bebendes verzerrtes Oval, das funkelnd auseinanderriß. Gerhart zog sich langsam aus und legte seine Kleidung auf die glatten runden Steine. Nackt ließ er sich auf den kühlen Bananenblättern nieder; mit leisem Knirschen barsten die saftvollen Rippen unter seinem Gewicht. Er riß einen länglichen Streifen heraus und stellte sich spielerisch, indem er ihn verknotete, eine grüne Kopfbinde her. Das Blatt lag kühl um seine erhitzte Stirn. Ein leichter Wind, das Flußbett herab geisternd, umfing seinen Körper; es war Duft darin all der Klüfte und Schluchten; der stagnierenden Regensümpfe unter dem Geflüster triefender Baumfarne; Duft von fernem Humus, seit Jahrtausenden gespeichert und schwärend von verwesendem Wurzelwerk. Der Fluß brachte lange Sagen mit; dunkel raunende Handlung; aufzischende Katastrophen. Drinnen im schwarzen Wirrwarr der Bergkuppen hatte sich – – wer weiß – – Ungeheuerliches ereignet; schaumschwirrendes Echo drang hervor; Botschaft aus der Urwelt für die, deren Ohren der Erde nahe sind. Ein Banianbaum, viele Meilen entfernt, ist unterwühlt gestürzt; es hat tief und schwer gedonnert; seine Krone hat einen Pfuhl gegraben; Tonnen von Wasser gestaut – – davon schwatzen die Wellen, seit sie Himmel über sich haben und nicht mehr die tiefe Regennacht zehnfach übereinandergeschichteter Blättermassen; nicht mehr das Lianengetümmel, das alle Laute zerquetscht. Sie schwatzen davon, wie sie gepeitscht wurden von scharfen Ästen und erschrocken zu Tale stürzten. Die Wellen wissen noch mehr, noch Dunkleres. Sie wissen, daß irgendwo in der erloschenen Kraterkette, aus ringförmigen Wällen wuchtiger Bäume hervor, im Siope oder Te‘elani, Murren und Poltern dringt; daß Mafuite, der Gott des Bebens, halb vom Schöpfungsschlaf gefesselt sich unmutig rührt; daß er die Wasser zwingt, einen neuen von tiefen Abenteuern schwangeren Weg zu graben oder in ein Loch zu stürzen, das keinen Boden hat; ein Loch so tief, 221 daß die silbernen Fälle brodelnd zerrauchen und ihr Dampf wieder zu Wasser wird, eh er den Ausgang findet . . . Davon reden sie und daß sie sich dem großen Wasser-All, dem Meer, vereinigen wollen; sich hineinwühlen in einen salzigen grenzenlosen Traum . . . Erwachen sie, wird ungeheure Läuterung geschehen in Sonnenwollust; als weiße Wolken werden sie wiederkehren in jene fernen nimmersatten Kraterringe und neue dunkle Irrgänge wandern . . . Irrgänge durch glühende Blütenfarben, die Klauen schnüffelnder Wildschweine netzend; – eindringend in Tempelhallen aus Wurzeln; begrüßt von den Pfiffen scheuester und verstecktester Vogelschwärme . . . Und in diesen Fluß trat Gerhart. Der Umriß seines schlanken leuchtenden Körpers stand verdunkelt gegen das Abbild des matthellen Himmels im Wasser. Er blickte den Fluß hinauf gegen die weiche Wellenlinie der Berge von Sawaii, gegen den schwarzen Bereich, den niemand betreten hatte und an dessen Saum sich doch so gastliches Leben rührte, so lächerliche Schicksale vollzogen . . . Wo käme ich hin, dachte er, wenn ich jetzt weiterwatete? – Immer weiter hinauf? – Würde der Erdgeruch stärker werden und mich übermannen? – – Er ließ sich gleiten, und ihm war, als sinke er machtlos und doch voll Glück einem großen Unerforschten an die Brust. Das Wasser plauderte an seinen Ohren; es löste das Blatt von seinem Kopf, breitete sein wirres Haar aus, umspülte seine Brust – – von der das zwiefach geteilte Silber rann, wenn ein Atemzug sie hob – – und staute sich in kleinen kühlen Wirbeln an seinen Knieen. Das dunkle Wasser trug den Körper leicht wie ein Spielzeug; Steine, an die er streifte, stießen ihn sanft; angeschwemmte Wurzeln umwanden ihn wie flüchtige Umarmung und ließen ihn wieder frei. Da trat ihm ein größerer Lavablock entgegen, wider den er die Füße stemmte; er kreuzte die Hände unter dem Kopf und lag still. Unendliches Geschmeide durchwirkte den Himmel und 222 dämmerte als blaue Masse glitzernd hernieder . . . Hier liege ich wie am Tag meiner Geburt, nackt und der Erde so nah, wie ich nur sein kann; so eng an ihr und so ihr verwandt wie ein Tier in einem fremden fernen Regenstrom – – wer findet mich auf? – – Und doch: welch eine Kluft trennt mich von denen, die diese Ufer ihre Heimat nennen! – – Weil meine Haut weiß ist, wie das Fleisch der Nuß, und die ihre braun wie Erde? – – Ist dies alles, was mich trennt? – Könnte ich nicht einfach denken wie sie? – Könnte ich nicht Wörter sprechen, die Klang bedeuten und selbst der Klang sind? – Wörter für Regen und Wind, die regnen und säuseln? – Und wenn ich schlafen will – – könnte ich nicht: » Fia mo‘e « sagen? – Denn dieser dunkle Laut ist der Schlaf selbst . . . Was hindert mich, ganz ein Stück dieser Natur zu sein? Wonach dein nimmerruhendes Heimweh dich trieb, mein Vater – – ich weiß es jetzt! – – Nach diesem selben Lavablock, an den ich meine Füße stemme! – Nach dieser selben Pflanze, die sich anfühlt wie meine eigene Haut! – Nach diesen Steinen, die meinen Körper stützen; nach diesem Wasser, das um meine Ohren plaudert und meine Nüstern mit Erdgeruch füllt. Ich weiß nun, mein Vater, warum ich dich im Grün liegen sah; warum deine Erlösung sich vollziehen soll im Bezirk großblättriger Pflanzenschäfte . . .   Schläfst du nun in mir den Schlaf, der sättigt und kein Erwachen kennen will? – Oder ist es noch der Schlaf der Sorge? – Darfst du dich noch nicht ganz dahingeben? darfst noch nicht ganz versinken in die Einheit des Unbewußten Lebens zu zweckvoll-gedankenlosem Schöpfertum? Ist das Übel noch geschäftig, das dich heimatlos macht und sich drohend zwischen dich und das Leben stellte, so daß du letzten Endes die Verständigung nicht fandest und keinen Platz auf der weiten Erde, dein Haupt zu betten? – Und nun? – Höre ich dich Schlaflosen noch immer seufzen? Oder sprichst du: Hier ist gut sein? – Hier bringe ich den 223 Zwiespalt der Stimmen in mir zum Schweigen – –? – Hier gibt es die große Verwandtschaft, und sie macht uns alle einander ähnlich und verschwistert mit tieferem Gleichklang des Pulses als mit Banden von Sprache oder Sitte? – Plötzlich, über diesen Träumereien, vernahm Gerhart die Stimme Grothusens. War das aber Grothusen, der sprach? – Ein Samoaner schien dort zu sprechen, lange und melodisch; schien seine Rede auszuspenden wie eine glucksende Süßwasserquelle in der Abendschwüle. Eine erstaunliche Verwandlung war vor sich gegangen –: der ›Mann mit dem Schlüssel‹ war geschäftig, die Südseeherzen aufzuschließen. Daß es ihm glückte, glaubte Gerhart aus den vielen hellen oder tiefen Beifallsrufen zu erkennen, die seine Rede unterbrachen. – Er wird auch mich dies Geheimnis lehren, dachte Gerhart; – er reißt Breschen in diesen Wall von Fremdartigkeit. Ich werde nicht mehr frieren, wenn ich den Osten lächeln sehe; ich werde die warme Einheit ihres und meines Lächelns erlangen. Dann wird sich in mir vollziehen, wonach der Tote vergebens gestrebt; und er wird endgültig in mir zur Ruhe kommen. Ein zorniger Entschluß war's, der ihn überkam. Hier und nirgends anders werde ich sie verscharren, diese zudringliche Maske, deren verhetzter Blick aus wimperlosen Augen mir überall entgegenstarrt; verscharren mein zweites Ich, diese Einbildung, die mir längst zum Überdruß, ja Ekel gediehen . . . Ist dieser Fluß, in dem ich liege, nicht mein Fluß? – Und ist er's nicht – – ich mache ihn dazu . . . Ich erkläre ihn zu meinem Eigentum! – – Das Dasein dieser Wellen ist nur berechtigt, weil ich ihnen verstatte, meinen Leib zu wiegen; das ist der vorbestimmte Zweck, der dich zu Tale hasten läßt, du zischendes Urwald-Regenwasser! – Du spielst mit den strotzenden Sonnenpflanzen; du besprühst die Glieder deiner braunen Kinder – ich reihe mich ihnen an! – Schon dadurch, daß ich mich so brünstig an dein Element schmiege, bin ich eines der ihren . . . Stufe nach 224 Stufe, so erobere ich euch, ihr Riffe, Sandflächen, Bäume und Menschen; Schleier nach Schleier reiße ich euch herab! So verjag ich all die europäischen Gedanken, die sich wimmelnd hinter euch drängen und in Hütten, Gesichtern, Früchten nisten – – – verjage sie und habe dies alles um mich als vertraute, leuchtend durchschaubare Begrenzung eines Daseins, das ich einfacher erfasse und tiefer mit mir selber füllen kann als je eines zuvor.   Und er sah sich selbst, sah sich dann auf der Veranda eines großen einstöckigen Hauses, vor sich einen weiten Acker segenbeladener Nutzsträucher. Reihe nach Reihe durchdrang sein geschultes Auge und freute sich kommenden Gewinns. Er sah sich tief verbrüdert mit allem, was da wuchs und reifte; und Europa war abgetan wie eine Sage. Zuweilen würde ihn Unrast packen; Sehnsucht nach Bogenflammen, Lärm, hohen Hotelhallen, bunter Bewegung und Rede, die im Geistigen spielt . . . Er würde sich verirren; sich treiben lassen; monatelang durch den Raum spazieren wie der Knabe mit der silbernen Schuppenhaut, der im Grundlosen zu Hause war . . . Doch er würde wissen: in einer Wüste von Wasser gibt es irgendwo einen Winkel in einem smaragdenen Treibhaus; vor seinen Augen, auf dem purpurnen Grund der geschlossenen Lider, wird es anheben grün zu funkeln. Und dort muß einer zu finden sein, dessen Kommen er erwartet; nackt und schlank wird dort einer an verlorenem Kreuzweg hocken; winzig unter turmhohen Bäumen. Zuerst wird es vielleicht wohl so aussehen, als sei jener der braune Strunk einer geborstenen Palme; doch bald wird er sich zu einem Körper entgliedern, sich erheben und ihm voranschreiten, den schwarzen Kopf bisweilen zögernd zurückgewandt . . . Das wird Er sein, die Verwandlung des Meisters; die Frucht der Tat mit dem Schlüssel; – – das wird Er sein: Verschmelzung allen Zwiespaltes im Blut, Akkord früher 225 hadernder Stimmen, überreicher Lohn für den Sieg über das . . . »Tier« . . . Plötzlich stockte Gerharts Puls: hatte ihm Grothusen nicht gesagt, er besitze einen Sohn? – – Einen Sohn namens Petina? – – Erwartungsvolle Erregung ergriff ihn, als habe eine Erkenntnis ihn überrumpelt. Er setzte sich im Wasser auf; dann erhob er sich, umging den Lavablock und ließ sich weiter hinuntertreiben. Grothusens Stimme, in krähender Heiterkeit aufgelöst, drang jetzt wieder aus dem Schoß des Dorfes. Das Ufer – so schien es dem Treibenden – wurde langsam vorübergetragen, bis er merkte, daß er die Landzunge fast umschwommen hatte. Der Boden wurde tiefer; er sank in eine flaumweiche Liebkosung. Kühlere Strömung umspülte seine Schenkel; seine tastenden Füße fanden Halt in einem flachen Wirbelloch, und er stand bis zu den Schultern im Wasser, die Arme entbreitet. Seine Gedanken wanderten den vergangenen Tag zurück.   Vom Hause des eifernden Priesters quer über die Insel nach Palauli –: welch eine Straße! Zwischen den Dörfern, durch die sie kommen, strecken sich Meilen von Einsamkeit, kaum unterbrochen durch bananenblattbepackte Trüpplein, die am Wege rastend bei der Begrüßung starr und verschwiegen lächeln, als hüteten sie Kostbares oder seien auf geheimer Sendung. Pomphaft ist die Straße gesäumt –: begrenzt von Melonenbäumen, an denen gärende Früchte hängen, die niemand pflückt, windet sie sich durch ein Meer von blanken Blättertellern. Unendliche Schlingpflanzen, zum Teppich verknotet, soweit man sieht, halten alles Leben erdrosselt und zittern gluthaft darüber. Die Hitze wimpelt mit weißen Schleiern; kein Lüftchen regt sich. Wo der Urwald beginnt, heben die Schlingpflanzen an 226 zu klettern. Zäh haben sie mit geiler Inbrunst der grün durchleuchteten, endlos entrollten Tentakeln das buschige Unterholz überwunden. Dann haben sie die Stämme umsponnen; die konnten sie nicht erwürgen; die waren eisenhart. Sie schleppen lange Ketten von saugenden Fächern mit, in denen die Küsse der Hitze brennen; höher dringend flechten sie Hängematten, schlingen sie Girlanden dicht unter den Kronen, so daß eine kompakte Wand entsteht; sie bauen ansteigende Kulissen, deren höchste Stufe, mit schwarzem Grün über dem helleren der Parasiten, den Himmel zu stützen scheint. Gesprenkelt von runden Schatten und stagnierenden Lichtern, prangen die plumpen Pflanzenmauern; laufen zackig und zuweilen von steilsten Fikus oder Baniankronen zersprengt als brütende Linie den Horizont entlang . . . Das Auge dürstet nach einem Zeichen von Leben. Siehe: da rührt es sich gespenstisch in steiler Höhe; drei langsam rudernde Hautschwingen Ich habe tatsächlich Fliegende Hunde am hellen Mittag über den Wald fliegen sehen. entwinden sich der ehernen Hitze. Und dort, im matten Zickzack wie in trostloser Suche nach Kühle über die blanke Blätterwüste taumelnd ein irrendes Geistchen –: der sammetschwarze Schwalbenschwanz . . . Der Weg verengt sich und führt durch Zuckerrohr und Kakaopflanzungen; die Berge wandern mit. Urwald verschlingt die Wanderer; dämmernde Stille mit Tropfen und Vogelstimmen. Dann ein Rauschen –: der Sili. Zwei braune Leiber sind erbötig, sie hinüberzutragen; federnde Schultern raffen sie wie Spielzeug empor. Bei leisem Gesang, der den Rhythmus der elastischen Muskelberge begleitet, schweben sie über die Stromschnellen. Grothusen reitet Gerhart voran auf einem jungen Riesen. Es scheint, als unterjoche er sich, wie »Der Alte vom Meer« den Sindbad, das warme goldbraune Leben; doch nicht mit roher Kraft, sondern List und kluger Zunge; – und ist es nicht, als ernte der bleiche Mensch dafür neue Kraft, gesogen aus dem Duft reinen Sonnenschweißes, der dem 227 schenkelstarken strotzenden Inselkörper entsteigt –? Er hockt auf dem lebenden Thron; der Bambusstock hängt zur Seite herab und schlägt leise gegen die Flanke des jungen Trägers, die von flüchtigem Keuchen schwillt. Als er den Kopf nach Gerhart wendet, blitzt seine Brille triumphierend . . . Bis zu den Brustwarzen steigt den Samoanern das Wasser; die Füße der Reiter werden vom Strom umspült. – – Dann geht es aufs Land; der Manaia verschlingt die hohlen Hände, und Grothusen steigt prächtig herab. Es ist Demut darin, wie die Jünglinge sich ihrer seltenen Last entledigen. Sie sind sehr geschmeichelt; noch hastig atmend bringen sie gesetzte Höflichkeiten hervor. Sie erhalten etwas Geld und Zigarren; noch lange stehen sie und blicken den beiden Pa‘alagi nach. Man dreht sich um und erblickt sie, verweilend am Ausgang eines grünen Tunnels; die Sonne blitzt aus der Nässe ihrer nackten Glieder wie aus Tautropfen an schwellenden, von krausem Basthaar umsponnenen Palmschößlingen und badet sie in Regenbogenfarben. – Dann folgt man einem Weg, der sich an einer Kurve des Sili entlangschlängelt, eine Kette von Schleierfällen zur Seite . . . Und aus dem Mittagsschweigen von Palauli; – aus den vielfältigen Lauten des Waldes; – aus dem bald nahen, bald fernen Brandungsgetöse und dem Rauschen des Flusses und der Fälle dringt Grothusens Stimme; sie ist nicht wegzudenken; sie ist immer da wie Geräusch des Pulses in den Ohren; wie das leichte Raunen des Wanderfiebers im Hirn beim Durcheilen dieses Landes, wo eine urweltliche Überraschung nach der anderen das Herz bestürmt. Und was berichtet diese überhebliche, banale Stimme? – Sie formt rohe Umrisse von Bildern; diese tauchen nun wieder auf; Gerharts Herz unter dem Sternenhimmel, gewiegt von den liebkosenden Lauten des Regenstroms, füllt sie mit neuem Leben. – – Diese Bühne ist nicht fern; sie ist drüben im Upolu; doch welch ein Schicksal spielt sich darauf ab! – Aufgerissene Augen gibt es da und zuckende Hände; 228 Verschmelzung sich feindlichen Blutes; Wehen wie die der Erde, wenn sie Lava gebiert; und endlich, aus der Zwangshochzeit der beiden Metalle die Entstehung eines neuen; wird es zerbröckeln oder die anderen überdauern? – –: Petina . . . Gerhart schließt die Augen. Wie klar formt es sich nun vor ihm! »Ebbe am Nachmittag!« – Welch ein Name! – Welch hohe Zeitlosigkeit in dem einen Namen! – Wer sagt, du seist feige? O großes Gesetz, dem du dich so tapfer beugtest! – Schmerzenreiche Mutter, ich habe dich nicht gesehen; doch ich kenne dich . . . »Uma« Es ist fünfzehn Jahre her. Deine feinknochigen Glieder sind rund und zäh; deine Haut ist noch glatt; keine Falte stört dein Antlitz, du uraltes Inselblut. Wer sagt, du seist feige? Kotūsa sagt es? Glaube ihm nicht; er ist feige. Du hast ihm einen Boten geschickt, um ihn dir nahe zu haben, und er ist nicht gekommen. Er hat gedankenlos seine Lust gebüßt und den Antrieb gegeben; nun geht das große Rad über dich weg. Du kannst es nicht aufhalten; du erwartest es, leise klagend, und deine braunen Augen irren in der halbverdunkelten Hütte rastlos von Pfosten zu Pfosten. Der Gluthauch erneuten Werdens haucht mit sengenden Atemstößen über dich hin. Er dringt aus demselben Dämon, der die Nuß spaltet und die drei grünen Finger hervorzerrt, die sich im Humus verankern; nun reißt er grausam an dir, sich bäumend in rotem Dunst. Aus den Zahnwunden deiner rötlichbraunen Lippen saugt er Blut; sie werden grau wie Leder. Du kannst ihm nicht standhalten im Liegen; er zwingt dich in den Hocksitz empor. Auch so ringst du vergebens; endlich, mit den festen Griffen Toieolesāsas, 229 die dir beisteht, drückt er dich halb stehend an eine Kiste, und du wirst seiner Herr. Er weicht wie ein Mörder, bei der Tat ertappt; seine heißen Atemzüge schwellen ab; ihr grausamer Takt ermattet; kühlere Brisen drängen sich lindernd herzu. Da liegt der Tribut, den du ihm zolltest –; weiß mit rötlichem Haar . . . Doch dein Haar ist schwarz; deine Haut ist braun. Du starrst es an. Gehört es dir? – Ist es dein Kind? – Diese fremdartig-rothaarige, schwachzappelnde Form, bleich wie Pflanzen, die unter Steinen keimen – –? Schwer grübelnd befaßt du dich mit dem Wesen. Es weigert sich, deine Brust zu nehmen; es weigert sich, an den strotzenden Quellen, die das »Ende der Peitsche« ihm bietet, zu Gaste zu sein. Es will hier nicht zu Gaste sein. Es hat aus Versehen Gestalt gewonnen; – mit der mystischen Scham des Bastards tappt es blind zurück zum Anfang des Kreises und verscheidet. Tai sieht es trockenen Auges sterben. Es ist nicht ihr Kind. In ihrem Schoß schon hat man es verzaubert; – – weg damit. Doch Kotūsa kommt und schwört und lästert –: »Deine Milch ist mit Tabak verseucht! – Du bringst meine Kinder um!« – – Raucht nicht Toieolesāsa ihre Suluis vom Morgengraun bis in die Nacht und hat sechs lebende Kinder? – – Nein; ich bin verhext; nehmt das bleiche Ding weg von mir und versenkt es im Meer . . . Es bringt Unglück – – es ist zu weiß! – – Denn um deinen Sohn zu gebären, der deine Züge trägt und dein Haar und die Farbe deiner Haut, mußt du größere Schmerzen erdulden und länger mit dem Feuerdämon ringen. Der kleine Pa‘alagi, der deinem Schoß entsprossen, muß einen stärkeren Bruder haben. Der darf kein Gast an dieser Tafel sein, der seine Lippen tödlich enttäuscht zur Seite wendet, sondern muß einer sein, der den Kreis vollendet; den Kreis, den die schwachen Füße jenes anderen kaum eines Atemzuges Dauer lang beschritten. – – Und Gerhart fröstelt. – Die Bühne, die er sieht, verdunkelt sich. 230 Eine weiße Gestalt geht rastlos in der Hütte hin und her. Es ist Grothusen. Warum war der erste Knabe damals gestorben? – Weil er, der Vater, damals in Sawaii, im Haus von Fu‘e hockte, – und die Taupou Pa‘epa‘e ihm die Füße knetete? – Die A‘iga seiner Frau schwört, daß dies der Grund sei; und sie wollen ihm übel. – Deshalb muß er diesmal bei der Geburt zugegen sein. – – Vier Frauen sind in der Hütte. Grothusen hockt sich auf die Matte; und als der Feueratem anfängt, in langen zunächst und dann in kürzeren Pausen über das arme Weib zu spielen, nimmt er einen Schluck von der goldigen Flüssigkeit, die auf dem Querbalken steht, und sein Gesicht wird scharlachfarben von der Energie, diesmal zu siegen . . . Dabei scheint es, als sickere ihm die Kraft langsam aus den Knieen; er muß sich niederhocken. Für eine Minute bewegt sich die Hütte um ihn wie ein Karussell, aus dessen Mittelpunkt als Musik das Wimmern Tais dringt –: immer dieselbe pfeifend nach oben gedrehte Klangfigur . . . Man sieht ihm nichts an. Seine Augen, starr hinter der goldenen Brille hervordringend, ruhen auf dem leidenden Weib. Er hat dies alles veranlaßt; er muß es ertragen. Sie dreht die Augen im Kopf herum; sie spricht: »Ich sterbe.« – Der Wirbel der Urqual der Kreatur schließt ihn ein; er tappt herüber und legt ihr die Hand auf die Stirn. Nie zuvor und nie nachher waren sie einander näher. Von diesem kümmerlichen, flüchtigen Strahl von Einheit, der damals von seiner mageren Hand, von seinen roten zerknitterten Brauen fiel, zehrte sie später die vielen Jahre, als in der Stumpfheit der Gewöhnung aneinander die Kette wieder klirrte; als beider Stimmen sich in täglichem Unmut gegenseitig erschöpften. Von diesem katholischen Gebet – was verschlug es, wenn die London Mission es nicht anerkannte! – das er auf samoanisch sprach, kam ihr eine innere Unterwürfigkeit unter ihn. Es war ein Gebet, ihr fremd; ein neues Gebet von stärkster Wirkung. Es war vielleicht das Letzte, Äußerste, was die Pa‘alagi 231 an Beschwörung gebrauchten, wenn alle anderen Mittel versagten . . . – – Die vier Weiber! – Sie fangen plötzlich an, sinnlos zu plärren; Grothusen wirft sie hinaus. – Die Gefahr steigt. Da erscheint als Retter Folau; er geht, die Arme von Nußöl triefend, ans Werk. Und dann tritt Er ins Dasein, mit der Haut der Mutter, mit den Haaren der Mutter . . . ganz und gar ihr Sohn . . . Sie indessen, mit halbem Leibe schon, hängt über dem Rand der dunklen Kluft, in der ihre Schreie ersterben. Ihre Ohnmacht dauert zehn Minuten. Folau hat sein Werk beendet; er geht an die Süßwasserquelle. Den Jungen baden sie im Haus des Konsuls Poe. Da schleppt Tai sich mühsam, mühsam von der Kluft zurück, auf sicheren Boden. Ihre Stimme gewinnt wieder Klang. Sie wacht auf, sieht Kotūsa an und spricht: »Ich bin hungrig!« – – Man bringt ihr zunächst starken Kaffee und dann eine Suppe aus gekochten Papayen. Die Weiber kommen wieder herein, um mit ihr zu beten; Grothusen weist sie ab. Toieolesāsa sieht ihn scharf an. Er hockt still und starrt auf das Kind. Es ist schwarzhaarig und braun; er ist überzeugt, es wird leben. Seine Rede, auf dem Urwaldweg von Palauli nach dem Sili, kommt Gerhart fast wörtlich in den Sinn zurück. »Ich glaube an die große Regulierung. – – Der Frühere war uns entschlüpft, trotzdem er Ich Selbst war auf einer neuen Erdensendung; aber es hätte eine monotone Wiederholung meiner Ängste und Unbequemlichkeiten gegeben, denn er war absolut und radikal weiß . . . Ich hätte ihn zwar lieber besessen wie den Zweiten; ihm Erziehung gegeben, was ich unter Erziehung verstehe . . . Er entschlüpfte uns trotz großer Mühe. So nimm denn deinen Lauf, Schicksal; tu mit diesem, was dir gut dünkt. – Wir wollten das Nötigste dazu tun, ihn aber sonst der Sonne überantworten; wie eine Pflanze sollte er gedeihen. Das hat er getan; er ist 232 gediehen . . . Lapa‘ina, die bucklige Hebamme, hat ihn aufgebracht. Ob ich ihn in die Schule gegeben habe? – – Was wollte ich machen? – – Man zwingt einen dazu . . . Diese ›Pädagogen‹ haben keine Ahnung von Psychologie; kommen her, um ihren Gehalt zu ziehen und harmlose Inselhirne mit überflüssigem Zeug vollzustopfen . . . Als ich noch Schulmeister in Falealili war, ich hatte die richtigen Ideen; aber natürlich –: ich fiel aus dem Rahmen . . . Und dabei gibt es keinen, der so gut Bescheid weiß mit dem Volke hier als ich; ich kann Ihnen versichern, mein lieber junger Herr, daß ich im kleinen Finger mehr habe als diese ganzen Schematiker; ich kenne das große ozeanische Sonnenherz, und die anderen sind Stümper und tappen an der Oberfläche herum . . . Dann kommen sie und sprechen: ›Ja, Grothusen, Ihr Petina, alias Ferdinand. – Begabter Knabe. –Aber er demoralisiert die ganze Schule.‹ – – ›Was???‹ sage ich. ›Demoralisiert??? – – Sache von Standpunkt!!!‹ – – ›Ja,‹ sagen sie mit hundsföttischem Grinsen, ›er steckt zuviel mit Kanakern zusammen.‹ – – Scheußliches Wort das, Kanaker; zeigt so recht das Niveau. ›Gut,‹ sage ich, ›meine Herren. – Sie belieben,‹ sage ich, ›meine Verwandtschaft und meine Familie »Kanaker« zu nennen. Unter Pädagogen, die das Haus beschimpfen, bleibt mein Junge keine zwei Minuten mehr. Von heute ab bestimme ich die Erziehung des Jungen.‹ Das tue ich seitdem. Sobald ich das Geld für die Reise habe, kommt er mir auf ein paar Jahre nach Hamburg; – der Balance wegen –; soll eine Prachterziehung genießen. Dann soll er wiederkommen zu seinem Volk, das auch meines ist, ein reines Medium sein zwischen Weiß und Braun . . . Wandlungsfähig, verstehen Sie! – Sozusagen Grundstein für eine Rasse von Helfern, von Vermittlern, dazu bestimmt, Gegensätze zu löschen, diese Inseln zum Paradies zu machen für die Abgehetzten von da drüben, die hier Frieden suchen und sich wärmen wollen 233 am samoanischen Herzen. – – Ach, dies wolkenlose Herz!« – – Grothusen streckt beide Arme aus; der Bambusstock kreist pfeifend in der Luft. Vier weitere Geburten sind erfolgt im Laufe von dreizehn Jahren; doch all diese Kinder haben das Schicksal des ersten Sohnes geteilt. Diese Geburten sind leichter vonstatten gegangen, – – offenbar, da Grothusen sehr gelegentlich darüber hinweghuscht. Seinen Glauben, daß Petina der Auserwählte sei, haben sie gestärkt. Maggie zählt nicht mit; sie kommt nicht in Betracht. – – Ein Prophet hat keine Geschwister; er muß frei sein.   Komm, mein kleiner Bruder, du Eng-Verwandter; du Zweiter, in dem die doppelte Stimme spricht; laß mich dein Schicksal mit dir tragen. Wir wollen einander helfen, ich und du; wir sind vom selben Los aneinandergekettet. Doch freilich mag es sein, daß du einfacher bist; daß du schlicht deine Wahl triffst, dich zur einen Seite kehrst, der anderen völlig dich enthaltend, und glücklich wirst. Vielleicht wählst du die, zu der deine Hautfarbe dich bestimmt. Vielleicht aber weilt dein Hirn, trotz deiner schwarzen Haarkappe, an fernen Gestaden, bei ungekosteten Freuden des Geistes, voll Drang, sich zu erweitern und zu verfeinern, und will sich abkehren vom ewigen Sonnengrün, in dunkler Furcht zu erblinden. – – Doch eins weiß ich: auch mir wird es, über kurz oder lang, vergönnt sein zu wählen; und wir beide werden unserer Heimatlosigkeit ledig werden. Gerhart empfindet eine mystische Liebe. – – Vom Kreuzweg ab, wo er gesessen, reglos gleich dem Strunk einer Palme, schreitet der seltsame Knabe ihm voran, den Kopf fordernd halb zurückgewandt. – Und dann? – Er steht still; er dreht sich um. Sein hellbrauner Leib flammt auf in einer Lichtsäule, die senkrecht durch eine turmhohe Baumkrone fällt. Seine Augen, nächtlich braun, glimmen voll Wärme. Gerharts und seine Blicke treffen sich und 234 verschmelzen zu tiefer Einheit. Wie in einer Umschlingung schweigt aller Zwiespalt des Blutes, wie Saft aus einem großen All, dem der Erde, der rein in Bäumen kreist, gleichviel aus welch trüben unverquickten Stoffen ihn auch die Adern des Stammes sogen . . . Und aller Stimmenwirrwarr schweigt, denn es gibt keine Stimme mehr als die eine allumfassenden Menschentums, das seine Heimat überall hat, wo man seiner Umarmung sich bewußt ist. Bald werde ich dich sehen, dich mit Augen abschätzen, mit Händen greifen können; und dann wird sich zeigen, ob ich dir zu folgen bestimmt bin oder du mir.   Die Nacht war vorgeschritten; das laue Wasser ward kälter. Alte Sternbilder tauchten hinter die Lavaküste, und neue rückten langsam über den dunklen Saum der Hügel. Im Haus des Leituala herrschte ununterbrochenes Gekreisch und Gelächter; ein Sprühregen von weich klingenden Worten drang von der Quelle des Lampenlichts in die Nacht. Weiter entfernt sangen die Hunde zum Mond empor, der auf der Hälfte des Umlaufs hing und die beruhigten Riffwasser versilberte. Sein Licht war ganz aus dem Fluß getreten; der Fluß war schwarz. Gerhart schwamm und watete auf das Zementbrückchen zu, um sich anzukleiden – – da hielt er inne. Eine abrupte Stille war eingetreten. Eine weibliche Stimme wiederholte ein einzelnes Satzgebilde; und wenn Gerharts Ohr sich nicht täuschte, flocht sie den Namen Petinas hinein. Eine heftige Männerstimme fuhr hinterher; warf, auf samoanisch, scharfe Fragen in das Dunkel. Die Weiberstimme verlor ihre sanfte Färbung. Sie wurde kreischend und gab Antworten zurück, Schlag auf Schlag. Und dann, wie ein Beilschlag, hackte die Männerstimme die Unterhaltung ab. – – Sie sprach nicht; sie dröhnte. Ein einziges Wort war's, das sie dreimal dröhnend wiederholte –: wie das kurze wütende Murren eines großen Hundes. 235 Gerhart strengte sein Gehör an. Das Wort hieß »Uma«. Es wurde ganz tief in der Kehle gesprochen. Er wußte nicht, was es bedeutete – – er hörte nur, daß das Wort etwas Verwüstendes hatte, endgültig Zertrümmerndes. Es zuckte wie ein kurzer Schreck durch die Nacht. Ein scharfer Wind fuhr den Flußlauf herab und füllte den Raum mit Kälte, Kellerkälte aus den Bergen. Ein Zittern überlief Gerharts nackten Körper; er trat heraus und zog seine Pyjamas an. Gerade als er sich anschickte, ins Haus zu gehen, erschien Grothusen am Ausgang des Dorfes, schritt über das Brückchen und entdeckte ihn. Er beugte sich übers Geländer. »Was!« – rief er forsch hinunter –, »noch immer beim Baden?« – Gerhart dachte –: ›Es kann nicht seine Stimme gewesen sein . . .‹   Als die beiden sich wieder auf Sale-Kukas Veranda niederließen, scholl das stöhnende Schnarchen des Händlers in gleicher Tonlage aus dem Hintergrund. Grothusen schien völlig nüchtern. Er war einsilbig, dachte aber offenbar noch nicht ans Schlafen. Drunten im Dorf schwatzte man weiter; ein neuer Gesang wurde intoniert. Grothusen murmelte etwas; es klang wie ein entzweigepreßter Fluch. Er war bemerkenswert still und beschäftigte sich damit, seinen Schnurrbart zu raufen. Endlich meinte er: »Sie haben nichts verloren, Herr Ollendiek, dadurch, daß Sie im Fluß gesessen sind. – – Sehen wir mal nach, ob der alte Schuft uns noch was zum Trinken übriggelassen hat. – Zwei Salzfleischfässer kann sich die Bande holen . . .« hörte Gerhart ihn murmeln, während er in den Hinterzimmern des Bungalow herumtappte – – ». . . auf meine Rechnung zwei Salzfleischfässer . . . Zinnochsen, Sixpence das Stück . . . Was unseren Drink anlangt, so verhelfen wir uns einfach dazu . . . zwei gute Kunden wie wir . . . wozu braucht er seinen Kram . . .« Er erschien wieder, im Arm eine Gin- und zwei 236 Sodawasserflaschen. »Nur 'runter mit dem Fusel!« murrte er. – »Wär ne Schande, nüchtern zu bleiben bei diesem Mondschein . . . Solang es nur kein Unicorn ist . . .« – Er goß sich ein. »Da sitzen Sie, so blond und jung. – Ach, Sie junger Gentleman!« Erstaunt horchte Gerhart auf. Grothusens hagere Finger tippten auf dem Tisch umher; sie schimmerten im Mondlicht weiß wie Kalk. »Könnten mein Sohn sein . . . blond . . . jung . . . hol Sie der Teufel!« Gerhart wußte Bescheid. Mit einer ermunternden Bewegung, die Pfeife im Mund, legte er den Kopf im Korbstuhl zurück und bettete die Beine bequem auf dem Tisch. – Grothusen lachte krähend auf. »Passen zusammen!« rief er lustig. – Dann mit veränderter Stimme: »Aber ich brauche Sie nicht . . . Haben Sie aufgepaßt? – Dann wissen Sie's . . . Hab's genügend in Ihren werten Kopf hineingehämmert . . . Habe schon einen Sohn! – Heißt Ferdinand Grothusen; vierzehn Jahre alt! – Warmherzig! – Waarrm–herzig! – Wenn ich mich jämmerlich auf den Hintern setze –: dann ist er da! – Hilft seinem alten Vater auf die Beine!« – – »Stimmt.« – Grothusen blieb eine Weile still. Plötzlich stieg seine dürre Gestalt kerzengerade am Tisch in die Höhe und sein Kopf beugte sich vor. Seine Hände fuhren im Zickzack herüber; er packte Gerharts Fußknöchel mit hartem Griff. »Stimmt? – –« flüsterte er heiser. »Was soll da stimmen? – Nichts stimmt! – – Ich habe Sie angelogen! – Die Jacke hab ich Ihnen vollgelogen! – Mein Sohn! –Ha ha . . . Eigenes Fleisch und Blut; was? – Selber gezeugt! – Selber großgezogen! – Ich sage Ihnen, Herr Ollendiek, das macht mir keiner nach, mir altem Esel! – » Pa‘alagi valea! « – Einen Samoaner hab ich da auf die Welt gesetzt; einen ganz gewöhnlichen Wald- 237 und Wiesensamoaner! – Pläne hab ich gehabt? – Was aus ihm machen wollen? – Du großer Gott, was geht mich der Samoaner an, und wenn er zehnmal Petina heißt! – Was geht er mich an!« Gerhart zog die Füße herab. Grothusen benahm sich sehr ungewöhnlich. Er schrie noch mehrmals, daß ihn ein gewisser Samoaner, namens Petina, durchaus nichts angehe; daß er jeden Anspruch auf ihn aufgebe; daß man ja sehen werde, daß man ihm so nicht kommen dürfe, wie man ihm gekommen sei; daß der erwähnte junge Südseeinsulaner jedem zur Verfügung stehe, der ihn haben wolle; er wolle ihn mit Dank abgeben und seiner ledig sein für nun und immer. – – Dies alles verkündete er mit erhöhter Stimme, während er Gin mit Sodawasser trank; endlich beruhigte er sich und sank in den Stuhl zurück. »Ich nehme Ihr Angebot an,« sprach Gerhart tastend. »Schenken Sie mir Ihren Petina mit Haut und Haaren; vielleicht habe ich mehr Glück mit ihm.« »Vollmacht dazu haben Sie,« erwiderte Grothusen scharf und wurde aufmerksam. »Väterliche Vollmacht . . . Nur dankbar, ihn loszuwerden. Holen Sie ihn in Fiji ab auf Ihrer Heimreise. – Er ist nicht mehr in Samoa.« »Seit wann – –?« – fragte Gerhart und spürte etwas wie einen schweren, ganz unverhältnismäßigen Schreck. Eine Aufklärung erfolgte nicht. »Er ist nicht mehr hier,« wiederholte Grothusen. »Und wenn er es wagt, wiederzukommen, dann . . .« Sein Gesicht zerknitterte sich; seine Hände umkrallten das Glas. – Dann nahm er einen abschließenden Schluck, erhob sich und ging ins Haus. Gerhart blieb draußen sitzen. Nach einer Weile rief er leise: »Grothusen!« Ein tiefes Grunzen, in ein halbes Gähnen versinkend, kam aus der Dunkelheit. »Was heißt ›Uma‹?« Pause. –Dann sprach eine kellerhohle Stimme drinnen: »Aus! – – Fertig! – Schluß! – –«   238 Das Geländer der Veranda steht schwarz gegen die flimmernde Landschaft. Gerhart bleibt reglos sitzen und starrt hinüber. Nur das leise Rauschen des Flusses dringt jetzt herauf; die Lampen im Dorf blinzeln schwächer. Auf einmal scheint sich eine Gestalt aus dem Flimmern zu formen. Sie vollführt zögernde, langsame Bewegungen, als ob sie ihre stille Mühe habe, sich aus dem Wesenlosen zu befreien und Umriß zu gewinnen; es scheint immer dasselbe matte Auf und Nieder zweier schattenhaften Arme . . . Ein Kopf löst sich ab. Ein schmaler Leib hebt sich über das Geländer; zwei schlanke Beine gleiten darüber – –: all das geschieht mit der gleichen wie verstümmelten Bewegung – – wie bereit, sich flugs wieder aufzulösen . . . Dort steht Grothusens leerer Stuhl. Auf einmal scheint er nicht mehr leer; jemand sitzt darin. Eine dunkle, jugendliche nackte Gestalt. Und der Kopf beugt sich mit unendlicher Langsamkeit nach vorn, bis er über der Tischkante schwebt. Gerhart glaubt ein weiches, herzförmiges Gesicht zu erkennen, mit etwas schiefgestellten Augen, vortretenden Backenknochen, vollen Wangen und breitem Mund. Der Mund ist zum Strich geschlossen; die Augen blinzeln, als erwachten sie aus längerem Schlaf. Zwei nackte Arme, dunkelgelb im Mondschein, mager, doch wohlgeformt, schieben sich wie suchend über den Tisch, seinen eigenen Händen entgegen. Zwei blanke Schultern treten hervor; tiefe Schatten nisten in den Gruben zarter Schlüsselbeine. Eine junge hagere Brust, mit hellen Warzen und weicher Andeutung der Rippen, hebt und senkt sich gegen die Kante gepreßt. Die Hände kriechen näher und näher. Weiße Nägel glänzen daran. Und Gerhart greift danach. Fühlt er sie? – Er spürt nichts als eine kleine Wärme und den Puls des Blutes in den eigenen Fingerspitzen . . . Das Gesicht drüben beginnt zu lächeln. Schimmer von 239 Zähnen erscheint. Dunkle Augen – unter einer tintenschwarzen Haarkappe, die dicht darüberhängt – tun sich auf . . . Zuerst gleichen sie zwei Löchern; doch dann . . . Gerhart sucht darin, wühlt mit den eigenen Blicken . . . Ein Ausdruck tritt hinein; ein schwaches Blinken . . . Geist, Herz aus einer ruhevollen Pupille . . . Ein Glimmen, das mit seinem eigenen Blick verschmilzt . . . »Du gehörst mir,« flüstert er vor sich hin. »Ich habe dich gesucht. – Einzeln sind wir ruhelos. – Vereinigt finden wir Frieden.« Drüben lächelt es; eine silberne Reihe von Zähnen . . . Der schattenhafte Leib erhebt sich, wird sichtbar bis zur Hüfte, scheint sich über den Tisch herüber recken zu wollen . . . Ein Akkord entsteht in der Luft, wie ein langgehaltener Strich auf den dunklen Saiten des Cellos. Und dazwischen spricht eine ferne, ferne Stimme, kaum vernehmbar, wie erstickt hinter den gläsernen Wänden eines Treibhauses . . .: »Es ist vollbracht.«   Plötzlicher rauher Tumult geschieht; lärmendes Gurgeln und Aufächzen. Das weiche Gesicht drüben wirft sich witternd auf der Schulter herum, der schlanke Körper zuckt zurück wie von einem Peitschenschlag gestreift, und die geöffneten Arme gleiten blitzhaft schnell vom Tisch. Der Stuhl gähnt leer. – – – Gerhart fährt zusammen; er ermannt sich; das Mondlicht dämmert wie Nebel um sein Hirn. Grothusen, im Hause, grunzt und spricht mit sich, dreht sich ruhelos hin und her; keucht heisere Worte, unverständliche, hervor. – Gerhart lauscht ihm; schwer aus Traumbefangenheit erwachend, starrt er hinaus. Dort nickt ein Palmenblatt im Nachtwind. Seine Bewegung gleicht dem zögernden, immergleichen Auf und Nieder zweier schattenhaften Arme. Der Fluß rauscht. 241 Dritter Teil Die Entlarvung des Buschhahns         »Ich habe ein Vaterland, mein Herr. Das heißt ich .«                 Herman Bang, Die Vaterlandslosen. Zank mit Moso Ausbrüche von Hysterie bei Frauen, wie sie im kritischen Alter zwischen 50 und 60 Jahren vorkommen, werden bei den Samoanern übelwollenden Dämonen zugeschoben. Moso ist ursprünglich der originale Kriegsaitu; seine Bedeutung ist jedoch, in langer Ermanglung solcher Verwendbarkeit, zu der eines Unruhestifters innerhalb der Familie herabgesunken. – »Das Wort Moso dient gleichbedeutend mit der Verwünschung: Hol dich der Teufel! als Fluch und Verwünschung; in dem Ausruf: A-ina o-e a Moso! « (Dr. Reinicke, »Samoa«) – Ebendort heißt es: »Wie bei uns das Volk die bösen Geister fürchtet, ist auch heute noch, besonders des Abends in der Dunkelheit, im Walde und in den Bergen, der Ruf der Samoaner: E Moso, e Sepo etc. als gruselnder Ausruf noch ziemlich häufig.« Die Hähne krähen auf – – um vier Uhr morgens, in der bleichen toten Frühe  – –; da geschieht es, daß Tai den Kopf von der Bambusstütze hebt, das Leinentuch von sich wirft und sich aufsetzt. Sie ist in der Hütte ihrer Mutter Ta‘ele Ulamamai. Die Greisin, umringt von ihren schlafenden Hunden, schickt mit klaffendem Mund ihr zittriges Schnarchen zum Hüttendach empor. Die Hunde, je nach ihrer Größe, atmen ihren eigenen Rhythmus. Das Innere der kleinen Hütte ist voll riesiger erstarrter Schatten. Tai steht auf und zieht eine Jalousie halb in die Höhe. Ein milchiges Grau quillt herein und löst die drohenden Schatten in friedliche Pfosten und Kisten auf. Man kann Grothusens Hütte, auf der anderen Seite der Wiese, unterscheiden. Sie ist leer, und die Totenstille tritt dort aus und ein. Gegen den schwärzlichen Himmel erscheint das runde Dach zackig von den Konturen schlummernder Hühner. Im reglosen Nichts hängen Sterne – –: verblassendes Gewimmel von ersterbenden Nachtgedanken; weißen Gedanken, die zu Grau zergehen . . . Tai tritt zurück und steckt eine Sului in Brand. Sie richtet sich häuslich ein auf einem Raum, der nicht größer ist als vier Tapamuster, und hüllt sich bis zum Hals in das Linnen. So auf dem Dreieck ruhend, das ihre gekreuzten Beine bilden, versteckt sie ihre Hände, saugt den Qualm ein und speit lautlos mit einer Vogelbewegung über die Schulter 244 auf den Lavakies. Sie gebraucht nicht einmal ihre Hände mehr, um die Sului herabzunehmen, wenn sie sich des Speichels entledigt; sie wälzt sie mit der Zunge in den linken Mundwinkel und hat damit den anderen zur Benützung frei . . . Während sie die kleinen Handlungen begeht, sind ihre Augen halb geschlossen; ihre Hände wissen ohne Mitwirkung jener sanften Pupillen, was sie tun; finden die Plätze der Gegenstände, ertasten ihre Formen – –: nun sinken die dünnen Ritzen wieder zu, als habe Tai nichts gesehen oder getan; als habe sie seit Äonen auf diesem beschränkten Platz gesessen, von der Größe von vier Tapamustern, und habe der Zeit schlafende Züge gewiesen. So reglos sitzt sie. – Und doch laufen über dieses große hellbraune Gesicht eilige Fältchen, kaum wahrnehmbar, nur wie um Kunde zu geben, daß dies Holzbild lebe . . . Die Fältchen sind letzte Ausläufer von Furchen, die böse Sorge geprägt; letzte Wellchen von dem Aufruhr eines roh gestörten Wasserspiegels. Die winzigen Nerven beben noch nach vom Druck eines wuchtigen Grams, der den dünnen Schleier ihres Morgenschlafes zerrissen; der sie angesprungen durch jenes flaumleichte Fliegennetz, hinter dem sie sich, umringt von ihrem halbanimalischen schlichten Tausenderlei, vor der scharfen Wirklichkeit zu verschanzen suchte . . . Die Sului steht wagerecht aus den zusammengepreßten Zähnen; nach ächzenden Pausen füllt sich die Lunge, und Qualm tritt aus dem Mund. Die Welt mit ihrer lärmenden kreischenden Tätigkeit, ihrer Angst vor dem Heute und ihrer Wut auf das Heute –: die Welt hinter dem Rand des ungeheuren Wassertrichters dreht sich mit langgezogenem Gesamtschrei – dem schwachen Sausen in den Ohren Tais– ganz fern und nichtig um sie herum. Was sich mit Masten und Hügelgruppen hinter den Horizont vergräbt, dient ihr und kreist fern, ohne ihr zu nahen. Denn sie sitzt im Mittelpunkt und löscht es aus. Jenseits einer bestimmten Strecke 245 gibt es gar nichts mehr; ihr Hirn ist nicht mehr fähig, es zu erschaffen. Was aber da drinnen zur Form gerinnen darf, was ihr vertraut ist, geschieht und hat glühendes Leben. Wo ist ihr irrendes Gesicht; wohin ist es gewandert? Sie sitzt vollkommen steinern da. Pakali erwacht; geht, mit den Klauen hart auf die Matten pochend, herüber und beschnuppert sie. Zwinkernden Auges geht er dreimal um sie herum, reibt sich an ihr und legt sich dann mit einem Seufzer der Enttäuschung vor ihr nieder. Eine kleine Rolle heißer Tabakasche fällt ihm auf die Schnauzenspitze; er grunzt auf. Doch nichts geschieht, was einem Kampfe gleicht. Es ist wie der Angriff eines Baumes, der einen Zweig herabschleudert . . . In der Folge erkaltet die Sului und hängt tot herab. Auch der Atem wird lautlos; scheint es nicht, als sei er ganz erloschen? – – Ist das noch Tai, die lebende Tai? – – An diesem Morgen ereignet sich Außerordentliches. Farben kriechen herauf, Vögel kullern, Hähne singen ihren schmetternden Sonnensang, Leute gehen hin und wieder – aber in der Hütte der »Weichen Pandanusfrucht« bleibt es still.   Was ist das Weiße, das vor dem Dunkel der Wälder dahineilt in silberner Wellenlinie, die Küste von Upolu herab? Es ist ein Tropikvogel. Die beiden Schmuckfedern seines Fächerschwanzes wimpeln. Er steuert über das tröpfelnde Schweigen der Wälder, hoch dahin über strotzenden Riesenschwämmen, deren Poren smaragden schimmern. Weiße Straßen krümmen sich unter ihm, an den Rändern besät mit braunen Eiern: Hüttenhauben. Die Küstenlagunen wandern mit wie eine ungleiche Ader von Lapislazuli; bald füllen sie Buchten aus, prächtig spiegelnd, bald verengen sie sich – gleich den Steinpfaden, in denen die Straße halberstickt weiterrinnt – zu leuchtenden Schnüren, die längs der schwarzen zerfressenen Lavasäume laufen. Dann kommt ein grünblauer Teller, in dem zwei 246 Felsenschiffe schwimmen, gesprenkelt von Palmen: Apolima und Manono. Sawaii kommt in Sicht: eine zweite Welt. Der Tropikvogel hält sich nach Westen und folgt der Küste noch kurze Zeit; späht in das Geschmeide der Farben, in den Schmuck, der dort in der Mitte des graugrünen Meerestrichters unzerstörbar schimmert. Dann wendet er sich dem Wasser zu. – – –   Tai sieht Meer unter sich; gekräuseltes Meer; einen weiten Bereich von rosa durchfunkeltem Grau. Gefühl köstlicher Leichtigkeit treibt sie dahin. Sie sieht, in dem Funkeln, einen schwarzen Punkt den Wellen entgegenlaufen und sie durchschneiden; und doch scheint der Punkt immer schräg unter ihr an derselben Stelle zu bleiben; wiewohl er zu hüpfen und zu eilen scheint. Ist das ihr Schatten? – Plötzlich sieht sie ein silbernes Ungetüm mit zwei schiefen Schloten; pechschwarze Qualmfetzen segeln ihr entgegen und unter ihr weg. Möwen treten neben sie, die knarzend und heftig mit den Flügeln rudern. Albatrosse mit senkrecht nach unten gedrehten Köpfen und halbgeöffneten Schnäbeln, die schwarzen Füße locker hängend, treiben vorbei gleich herangewehten Schirmen aus weißen Daunen; ihre Augen tauchen, unabhängig voneinander bewegt, scharf und lüstern in die Tiefe. Und das graue Ungetüm wird farbig, wächst und wandert ihr entgegen. Es blitzt von Metall; und die Sonne saugt schwankende flüssige Funkenbündel aus den Messinggeländern. Es drängt Tai zu dem Schiffe; das Schiff wächst immer mehr; und sie sieht hellgekleidete Gestalten, Gruppen von Pa‘alagis, die andauernd in unverständlichen Zungen schwatzen und dabei heftige und sinnlose Bewegungen machen . . . Ein weißes Kindergesicht blickt herauf; ein Mund, rot wie eine Puablüte, entsendet einen hellen erstaunten Schrei in die Höhe. Es ist zum Betasten schön; doch schiebt sie es von sich in die Tiefe; späht weiter in die 247 Löcher und Irrgänge, die voll hin- und hereilender Pa‘alagis sind . . . Sie blickt in eine Vertiefung zwischen Mitte und Bug des Schiffes. Dort, um die eisernen Winden für die Löschkräne herum, hocken Leute aus Suva; die Pa‘alagi lehnen über ihnen am Geländer und blicken herab; und die Leute von Fiji grinsen herauf. Es sind Umlader; sie haben Kisten voll von bunten Blechbüchsen, roten Lavalavas und weißen Mousselingewändern, wie man sie zur Kirche anzieht, aus dem Bauch des Schiffes hervorgeholt und auf die Werft der Hamburger Firma gebracht . . . Sie haben eckige Waden – keine runden, sanftgepolsterten Samoawaden, sondern harte, eisengraue Muskeltürme, die bei den Schritten angriffslustig schüttern. – Mittlerweile fahren sie nach ihrer Heimat zurück und glupen unter bösen Brauen herauf wie Kinder der Tiefe; kleine Augen, glänzend aus Schächten von brauner und schwarzer Kohle, regen sich unter überhängenden kugelrunden Wollfrisuren, überwimpelt von Kränzen aus farbigen Sägespänen. Sie rauchen Pfeifen aus Maiskolben, – spucken weit, wo sie auch sitzen mögen, über die Köpfe der anderen hinweg ins Meer, johlen, singen zu zweit und kochen sich Kartoffeln in einem kleinen Ofen, in den sie abwechselnd blasen wie Dämonen, die einen Sünder rösten . . . Tais Blick irrt weiter durch die Tiefe des Schiffes –: den sie sucht, sieht sie nicht; ja, der, den ihre Seele sucht, ist nicht da! – – »Petina!« – gellt ein Pfiff. Zirpend, krächzend, wimmernd schallt es um das Schiff, aus den Lüften und vom Heck bis zum Bug: – »Petina! . . .« – Die Albatrosse lassen die Augen wandern und die Köpfe zwischen den Schirmschwingen herabhängen; sie spreizen und schließen die Klauen. Auf einmal gibt es ein Gewimmel in der Luft; ein Zusammenschießen von Schwarz und Silber im Raum; einen Klumpen aus wild hauenden Schwungfederspitzen, der aufs Wasser sinkt . . . Und auf dem Zwischendeck in einem Eckchen, hinter der leeren 248 Schafhürde und getrennt von den Fiji-Leuten, steht er und wirft Überreste von Tellern ins Wasser. Sein herzförmiges Gesicht ist halb verdeckt durch einen zerfransten Topfhut, den Tai nie zuvor an ihm erblickt. Die Füße kommen aus grauen Drillichhosen hervor. Sie tasten nun unruhig auf dem glatten Boden des Schiffes umher, diese staubigen Füße mit den treuherzig auseinandertretenden Zehen, gewohnt, sich um Steine und Wurzeln zu schmiegen; und sein ganzer Körper steckt in Kleidung, in einer häßlichen Jacke, die viel zu groß ist und an ihm schlottert . . . Was Wunder, daß Tai ihn so spät erkennt! Jetzt dreht Petina das Gesicht nach der Seite und blickt über die Köpfe der Fiji-Leute hinweg nach dem Bug. Dort, auf der zusammengerollten Ankerkette, die wie eine warme große Schlange ihre Glieder aufeinandertürmt, sieht er einen Tropikvogel sitzen. Der Vogel sitzt still, er scheint ganz zahm zu sein. Oder ist er müde? – Ist er verletzt? Die schneeigen Schwanzfedern streicheln das harte Eisen mit zarter Liebkosung. Petina wird magisch von dem Vogel angezogen; ein unwiderstehliches Verlangen erfaßt ihn, ihn zu haschen. Ein seltsam brennendes, schier törichtes Heimweh kommt ihn an; ein Drang, aus diesem lärmerfüllten Schiffsgefängnis zurückzueilen; mit dem Wind sind es wohl nur zwei Tagereisen! – – Oh – – sich unter die Brücke verkriechen zu dürfen, hineinzuschlüpfen in den warmen Tümpel des Vaisigano und der Welt zu vergessen! – – Nackt dort zu liegen, wo er die Zeit nach der Höhe der Sonnenkringel an den Pfosten bemißt und der duftumsponnene Va‘ea-Berg wie ein ferner Magnet seine Gedanken schluckt – – in einem Mantel von Frieden und schwarzblauer Blätterfülle! – – Doch plötzlich taucht ein Kopf vor seinem inneren Auge auf –: rothaarig, wachsam und bedacht darauf, ihn zu verjagen; ein Kopf mit 249 dreieckig gespaltenem Mund, der auf jener Brücke ist und auf allen Stellen des Ufers zugleich. Grübelnd hockt er sich hin, durch den Topfhut geschützt vor dem Anprall der Blicke vom Geländer herab –: nackter Blicke aus grauen, aus blauen Augen in weißen Gesichtern. Sein Herz ist voll dumpfer Erwartung, was mit ihm geschehen soll . . . Als er aufsieht, ist die Ankerkette unheimlich leer und feindlich gleißend, und der Tropikvogel ist fort.   Es ist Mittag, Strand- und Wellenmittag; Apia liegt unter seinem weißen Bann. Hier und da wirft ein Buggy Staubwölkchen auf, die sich am selben Fleck wieder legen. Fauliger Dunst dringt von den Abfallstellen der Strandhäuser und Firmen. Zwei Dampfer liegen reglos im Hafen; das Knarzen der Löschkräne tönt gleich rasselnden Atemzügen aus gepreßter Brust. Tropenhelme bewegen sich schläfrig schmale Schattenbänder entlang. Allerhand Ladenbesitzer hocken auf den Eingangstreppen ihrer Veranden. Geklapper von Küchengeräten kommt aus den Hotels. Zuweilen schwimmt Gebrüll durch die Luft, durch ein krachendes Geräusch oder heulendes Gähnen beschlossen. Es sind deutsche Pflanzer, in Siestagesprächen begriffen. Tai schrickt auf. Blind starrt sie eine Zeitlang vor sich hin. Dann erkennt sie Ta‘ele, die wach in ihrer Nähe sitzt und an einer Brotfrucht kaut. Die Greisin hat sich leise gerührt, die Jalousien aufgezogen und die Hunde, dürr und emsig, mit dem Fuß hinausgejagt. Eine Viertelstunde lang hat sie mit einer Bambusstange nach der Brotfrucht geangelt, die sie jetzt gebacken verzehrt. Sie kaut langsam; die Hautfalten ihres Halses regen sich träge durcheinander. Mit ihren Knochenfingern bricht sie zuweilen ein Stück ab und stopft sich die Backentasche voll; seltsame Verschiebungen gehen dabei in ihrem scharfen Gesicht vor. 250 Als Tai erwacht, zieht Ta‘ele die noch schwarzen Brauen so in die Höhe, daß ihre Stirnhaut tiefe Rinnen schlägt und die ganze kurzgeschnittene schneeweiße Haardecke herabschiebt. Sie will ihr Erstaunen bezeigen, daß Tai solange geschlafen hat – wenn man jenes im Tiefsten tätige Versunkensein Schlaf nennen will. Tai schüttelt ihre bleischwere Befangenheit ab und öffnet sich die Haare. Sie zieht das rosa Bändchen aus dem Rattenschwanz. Als sie zu Grothusens Hütte herübergeht, um sich den Kamm zu holen, wird sie angerufen. Sie späht den Weg hinab: zwei Frauen wandern langsam heran, begleitet von einer schwarzen Gestalt. Es sind das »Feuerrohr« und das »Ende der Peitsche«, mit dem Misi Etimano; gefolgt von den beiden Kindern. Tai vergißt den Kamm zu holen. Sie ahnt, daß etwas im Anzug ist. Die Basen wiederzusehen, ist erfreulich und verspricht Neuigkeiten; doch der Anblick Sevaos bringt ihr Peinliches ins Gedächtnis zurück, das sich vor einer Woche ereignet . . . Man begrüßt sich und setzt sich im Kreis in der Hütte nieder. Zunächst klopft Lepeki die Kawa; nachdem diese herumgegangen ist – gefolgt von einem frugalen Mahl, das man den Hunden noch rechtzeitig vor den Nasen wegschnappt – beginnen die Hirne langsam zu arbeiten und Berichte zu formulieren. Tai versteckt ihre Ungeduld vollkommen. Man schweigt sich lächelnd, spuckend und besinnlich an. Dann nimmt man Anläufe, mit Umwegen von der Entlegenheit des Mondes. Irgendwann im Laufe des Nachmittags, dessen ist man sicher, wird man zur Sache kommen. Nichts läuft der samoanischen Seele so grundzuwider, als mit Peinlichem ins Haus zu fallen. Man schleicht lieber sechsmal ums Haus herum und drückt sich dann verstohlen zur Hintertür herein. Besonders Sevao überlegt sich gründlich, was er sagen will. Er lächelt deshalb stereotyp und albern und wickelt sich 251 die Löckchen seines Kräuselbarts um die Finger. Er ist höheren Orts, von Malua aus, instruiert, was er zu tun hat. Die Angelegenheit, mit der man ihn betraut, ist kirchenpolitisch; er ist sich dessen brünstig bewußt. In Grothusens Abwesenheit hat er freies Spiel; welcher Umstand wäre besser geeignet, um die kitzlichen Beziehungen zwischen dem Schwarzen und dem Braunen Schwein wieder einzurenken? Die London Mission ist mächtig und Sevao einer ihrer verschmitztesten Spione. Der farbige Viertels-Gottesmann hat genügend Intelligenz, um sich zur Intrige gebrauchen zu lassen; das hat er schon früher bewiesen. In diesem Fall steckt auch ein handfester Gewinn dahinter, neben Erleichterungen im Jenseits – mit denen jene zu seiner Genugtuung besonders liberal waren, und womit er durchaus als mit praktischem Vorteil rechnet. Die Hoffnung, zwischen Grothusen und Tai das Band kirchlich-legitimer Ehe zu schlingen, hat man inzwischen aufgegeben; – – somit sind auch Tais zweihundert Acker Land, die Sevao in solchem Fall erhalten und der London Mission zur Bewirtschaftung überlassen würde, zum schönen Traum verblaßt. Was nützt es, Grothusen gütlich zuzureden? – – Er weiß »schwer Bescheid«. – – Heran also jetzt, hinter seinem Rücken, und einen anderen Plan ins Werk gesetzt . . . Kaum hat Sevao davon Wind bekommen, welches Entsetzen Grothusen mit seiner Drohung hervorruft, Petina nach Hamburg zu verbannen, so ist er geeilt und in den Chorus eingefallen. Hat das warme Eisen mächtig geschmiedet. Voll Mitleid hat er Tai Geld geboten, um den Jungen zu flüchten; sie hat es zu Wucherzinsen unterschrieben . . . Wußte sie denn, die gute Seele, daß sie eine Hypothek aufnahm auf ein verwildertes Gebiet, aus dem sie bisher nur den Lebensunterhalt für ihre engste Familie hatte quetschen können? Doch Grothusen wird es wissen; wird erkennen, daß 252 vielleicht schon nach Ablauf von zehn Jahren das Braune Schwein nicht mehr sein eigen nennen wird als ein Stück fragwürdiger Pflanzung, über das man eine Whiskyflasche schleudern kann. Nichts wird er retten können; gar nichts. Sevao wird triumphieren; chinesische Kulis werden geschäftig sein, und die Pfaffen werden sich die Taschen füllen . . . Grothusens Benehmen vollends in Sawaii gibt einen wundervollen Schlußstein zu dieser Intrige ab. Sevao gedenkt der Verabreichung der Nachricht beizuwohnen wie ein Künstler, der ein vielleicht gerade noch erwünschtes Glanzlicht auf ein Gemälde setzt. Er kennt seine Base Tai. Es wird eine Szene geben . . . Aber zu dritt wird es ihnen schon gelingen, sie ganz von Grothusen abspenstig zu machen. Sein Haß gegen diesen und die gemeinsame Entrüstung der Weiber wird schon für die richtigen Ausdrücke sorgen. Daß er Grothusen haßt, ist er sich klar; spricht nicht dieser immer von »untergeordneter« Familie? Obwohl er doch wissen muß, daß die Linien sich aufs Haar gleich stehen? – Und hat er nicht Petina damals mit Strafandrohungen verboten, bei ihm, dem Misi Etimano, und bei Samusamu nächtlicherweise geistliche Erbauung zu schöpfen? – – Man geht sehr sangsam zu Werk. Tai und ihre Mutter hocken dicht zusammen. Daß Tai auf einem Folterstuhl von Spannung sitzt, erkennt man daran, daß ihre Hände in steter zielloser Unruhe sind. Doch Ta‘eles Augen, vergilbt, blinzeln diesmal kaum; sie gleichen Bernsteinknöpfen, in deren stumpfem Glanz die Geschehnisse einen Spiegel suchen. Tais Blicke, sonst sanft und still, hüpfen hurtig von einem Gesicht zum anderen; sie stellt hastige Fragen nach der Hochzeitszeremonie in Sawaii. Faga‘afi, in treffender Sprache, zaubert ein Bild der verflossenen Woche hervor; weist ihr im Geist jene Traube aus sieben vollreifen Königsbananen, die man gleichsam wieder einzeln durch die Finger gleiten läßt, sehr streichelt 253 und lobt . . . Leituala schicke seine Grüße; Gram darüber, daß er Tai nicht habe begrüßen dürfen, werfe ihn aufs Siechenbett. – – Die beiden Matronen lächeln starr; Leituala ist sehr höflich. Danach zeigt Tai das tiefste Interesse an den Matten. Sie werden ihr geschildert; nie zuvor, so alt man ist, hat man solche Matten gesehen. Faga‘afi zeigt sich nur äußerlich davon geblendet; Toieolesāsa hingegen weiß Bedeutsameres; weiß über den Stammbaum der Matten Bescheid. Sie liest ihn eintönig aus ihrem Gedächtnis herunter; nach jeder Ahnenstufe, die das Familiensymbol in die Jahrhunderte zurücksinkt, stößt Tai ein bewunderndes » O lele‘i « hervor, und die Greisin schnalzt mit der Zunge. Und als man gar die Speisenfolge zum besten gibt und den Scherz vom Fe‘epō wiederholt, scheint die Genugtuung kein Ende zu finden . . . Suluis werden verteilt; man raucht. Im Qualm geht, trotz allen harmlosen Geschwätzes, eine üble schwere Frage um wie ein dunkles drohendes Tier. Alle wissen das; und alle werfen farbige Schleier darüber. Keiner scheint es zu beachten. Nur eine Hand, ein leiser Ausdruck braucht es anzutasten; plötzlich wird es da sein . . . wird sich fauchend in die Höhe richten und die Schleier zerfetzen . . . Es wird nichts helfen, daß man ihm fünf lächelnde Zahnreihen entgegensetzt . . . Wer wird es zuerst wagen, die Hand auszustrecken? Es ist Tai. Sie fragt leise – und sieht dabei aus, als dächte sie an Nebensächliches –: »Und Kotūsa –? – – Habt ihr von Kotūsa gehört? – – Weiß er . . .?«   Am Mittag ist man gekommen; und jetzt ist es hoher Nachmittag. Vier Stunden lang hat man geschwatzt, obwohl man wußte, daß man wegen dieses Themas, und nur dieses einen Themas kam. Nun ist die Frage gefallen; sie ist nicht mehr zu umgehen; nackt hängt sie in der Luft. Man bereitet sich sehr zögernd auf die Antwort vor. 254 So heißt es denn zunächst –: ja, man habe von Kotūsa gehört. Er gehe mit einem jungen Pa‘alagi, der Augen habe groß wie Baummelonen, um Sawaii herum. Zu welchem Zweck er diese äußerst atemraubende und schwierige Reise unternehme, sei dunkel. Ebenso unverständlich sei das Gehaben des jungen Pa‘alagi. Er schaue alles aus der Entfernung an, verteile überall Geld und sei äußerst unwissend und stumm wie ein Fisch. Ein Mormone sei er nicht, weil er nie bettele. Er habe sich nackt in den Fluß gelegt; mindestens zwanzig Weiber könnten dies aus eigenem Augenschein bekräftigen. Er sei verrückt. Und Kotūsa sei auch verrückt; vollkommen verrückt. »Warum?« – – fragt Tai. Da kommt es heraus. Er sei in das Haus Leitualas gekommen und habe gescherzt; und man habe sehr gelacht. Auf einmal habe er gefragt: » Ifea le Tai? Wo ist Tai?« »Tai ist in Mata‘utu,« habe sie, Fage‘afi, erwidert. »Warum ist sie nicht mitgekommen?« »Bitte, sie ist krank.« »Warum ist sie krank?« »Bitte, sie hat Angst.« »Warum hat sie Angst? – Hat sie Angst vor mir?« »Ja, sie hat Angst vor Kotūsa.« »Warum hat sie Angst vor mir?« Maggies wegen, habe man zuerst gesagt. Maggie sei seit seinem Geburtstag nicht mehr in das Haus zu ihrer Mutter gekommen. Maggie sei eine »Taupou Sā«, eine Nonne, geworden und habe sagen lassen, sie bleibe bei den Schwestern. Daraufhin sei Kotūsa sehr rot geworden und habe etwas gemurmelt, was man nicht verstanden habe. Er habe Fapusi angesehen, und Fapusi und Masagi hätten sich geschämt und den Kopf verborgen. Alle hätten gelacht; aber Kotūsa habe nicht gelacht. Dann habe man Lieder gesungen, und Kotūsa habe sich beteiligt; aber seine Stimme habe geklungen wie Eulengekrächz. 255 Plötzlich habe er weitergefragt: »Wo ist Petina?« Die Sului Tais fällt auf den Boden. Ihre Finger tanzen. Das »Feuerrohr« nimmt sich Zeit; sie entfacht ihre Zigarette mit größter Umständlichkeit. Sie tut einige Züge und wiederholt dann, indem sie, ihrer Gewohnheit gemäß, scharf auf das brennende Ende schielt –: »Wo ist Petina?« – – Dies habe Kotūsa gefragt. – – Da habe sie, Fage‘afi, erwidert: »Petina ist weg, ganz weg. Petina ist in Fiji. Tai hat Petina nach Fiji geschickt. Deshalb hat Tai Angst vor dir« Da sei Kotūa aufgestanden und habe gesagt: »Sie braucht keine Angst vor mir zu haben. – Ich komme nicht mehr zu ihr. Ich kenne Tai nicht. – Ich kenne Petina nicht. – Ich kenne Maggie nicht. – Uma!« – – Und er habe wiederholt, daß er niemals wiederkommen werde; und habe häßliche Worte gesprochen und sei ohne Abschied aus der Hütte gegangen; er sei sehr unhöflich und verrückt, vollkommen verrückt. Es sei eine traurige Geschichte. – –   Alle blicken auf Tai. Sie hat das rosa Bändchen in der Hand und versucht, sich die ungekämmten Haare damit zu binden; aber es ist, als gehorchten ihr die Finger nicht. Zwischendurch spricht sie leise und seltsam hell: »Uma – –?« Das Zopfband fällt herab. Sie tastet sich, ohne es zu bemerken, im Haar umher; es ist etwas Blindes in ihrer Bewegung. Auf einmal steht sie auf und geht aus der Hütte heraus. Man sieht ihr verblüfft und zungenschnalzend nach. Sie geht zu Grothusens Hütte herüber; man folgt ihr mit den Augen, bis sie verschwindet. Man begreift, daß sie allein sein will; der Misi Etimano ahnt, er weiß nicht warum, ein Mißlingen seiner Pläne und gerät in Bedenklichkeit . . . Stille herrscht. 256 Plötzlich knurren die Hunde. Die Hütte dort drüben ist leer; man kann jeden Gegenstand und den Umriß Tais deutlich unterscheiden. Da hört man sie sprechen. Mit leiser, monotoner, dann anschwellender Stimme erwidert sie Fragen, die leise zischend an sie gerichtet werden. Ein seltsamer Laut steigt auf. Kommt er aus der Pflanzung? – Kommt er aus dem Haus? – – Die Hunde ziehen die Schwänze ein; ihre Rückenhaare richten sich auf . . . Das ist nicht Tais Stimme! – – Mit wem redet sie? – Wer ist dort zugegen? – – Aufs höchste erschrocken blickt man sich an. » Moso !« fährt es dem »Feuerrohr« heraus. »Sie zankt mit dem Moso!« Ein Kreischen dringt herüber; das ist keines Menschen Stimme. Quäkend wirft sich die alte Ta‘ele, beide skelettdürren Arme ausgestreckt, über das heilige Buch. Die Weiber beten heftig, laut, leiernd, und bekreuzigen sich unablässig. Moso wütet dort drüben hinter den Pfosten; zerrt Tai an den Haaren; zerreißt ihr das Hängekleid; preßt sie zu Boden; zieht sie empor in stetem schauerlichem Auf und Ab . . . Gegenstände poltern und rollen heraus; eine Zinklampe, ein Waschbecken, ein Schlafschemel . . . Er faucht und trillert in höchstem Ärger; er schilt mit vollem Hals aus den Lungen Tais heraus . . . Von sämtlichen Bibeln, die in der Hütte sind, hat man eine Barrikade gebaut; mit ratlosen Fingern reißt man die Blätter auseinander und rezitiert näselnd jeden beliebigen Text, den die gehetzten Augen zufällig erhaschen . . . Da blitzt dem Faifeau ein früheres Erlebnis durch den Kopf. In Eva hatte er vor Jahren ein Weib besucht, das in 257 einem Zank mit Moso begriffen war; man hatte ihr mit einem Knüppel die Schulter ausgerenkt, und es hatte nichts geholfen. Moso hatte gekichert und ihr befohlen, nackt den Siva zu tanzen. Da hatte er, Misi Etimano, ihr Brüste und Kniekehlen mit glühenden Holzstücken verbrannt, worauf Moso ausfuhr und einen Gestank zurückließ wie von Fliegenden Hunden . . . Bei hohen Fieberfällen, wenn der Mensch deliriert (bei samoanischen Weibern nach der Geburt, wenn Stücke der Nachgeburt zurückbleiben), wird behauptet, daß der Teufel seine Hand im Spiele habe. Es wird dann dazu geschritten, den Teufel, der im Distrikt ansässig oder zugereist sein kann, mit allen Mitteln auszutreiben. – Ein Herr in Apia berichtete mir ans eigener Erfahrung folgendes: In Eva saß das Weib da und phantasierte in dem Haus, wo sich die Familienmitglieder befanden. Sie riß sich das Zeug vom Leibe, tanzte umher und sprach mit verschiedenen Teufeln, u. a. mit dem Moso. Die Älteren redeten ihr zu, was sehr komisch war –: Teufel, verlaß dies Weib; bist du ein Guter oder Böser? – Sie befragten das Weib nach dem Teufel; oder sie beschimpften ihn und flehten ihn an: Alu ese, o le Aitu – Dies taten sie eine Stunde lang. Als alles nichts half, sprang ein großer Mann herzu mit einem Knüppel und schlug unter fortwährendem Schimpfen auf das schreiende Weib ein, wodurch ihr eine Schulter ausgerenkt wurde. Sie wehrte sich nach Kräften; suchte zu entfliehen. Hierauf trat ein samoanischer Faifeau (Pastor) ein und flehte den Teufel im Namen Jesu Christi und des lieben Gottes an, daß er nach Hause gehen solle. Er ging dann weg; alles war vergebens. Nun wurden glühende Holzstücke geholt, und sie wurde an den Kniekehlen, an den Schenkeln, an den Brüsten und an der Stirn gebrannt. Sie brüllte. Man schalt und flehte dabei. Als sie nicht mehr schreien konnte, fiel sie halbtot auf den Matten zusammen, wurde mit Kräutermedizin eingerieben, verbunden und zugedeckt. Als ich mich am nächsten Morgen nach ihrem Befinden umsah, fand ich, daß sie sehr geschwitzt hatte und auf bestem Wege war; – sie hatte nackt den Siva vor dem Pastor getanzt. Soll er es tun? – – Soll er es wieder tun? – – Er greift in den Ofen, wo die Kohlen glühen, und schaufelt sie in ein Bananenblatt. Sie zischen auf. Unter Anrufung Jesu schließt er das Bündel und schreitet, sein silbernes Kreuzchen daraufgelegt, langsam auf die Wiese heraus. » Alu ese! « singt er dabei. » Alu ese o le A‘ïtu! « Noch bevor er hinkommt, erfolgt ein Sturz. Das Geschrei erlischt. Tai liegt besinnungslos auf den Matten. Das Innere der Hütte sieht aus, als habe ein Sturm darin gehaust. Schwerer Gang Als Tai aus ihrer Ohnmacht erwacht, ist sie vollkommen ruhig. Sie tritt aus der Hütte heraus und sammelt sorgfältig alle Sachen, die draußen verstreut liegen. Man ist sehr besorgt um sie; man gibt ihr starken Kaffee zu trinken. Dann steht sie plötzlich wieder auf und breitet ein Stück Kattun auf den Matten aus: ist es etwa Maggies weltliche Gewandung? Sie legt eines von den kleineren Büchern hinein: » O le Tusi Paia ma le Viiga « – den halbzerbrochenen Kamm darauf, ihre Hornbrille und ihr Nähzeug. Dann verschwindet sie wieder und erscheint mit einer Konservenbüchse, in der es klappert. Es ist ihr Geld. Sie macht aus allem ein Paket und verschnürt es mit einer Bastschnur. 258 Man sieht diesen erstaunlichen Vorbereitungen mit schlaffen Kinnen zu. Langsam begreift man, was sie vorhat. Es ist so außergewöhnlich, so unaussprechlich erniedrigend, was sie vorhat, daß die alte Ta‘ele sich jedes Wortes enthält. Es kommt nicht häufig vor, daß ein samoanisches Weib handelt; wenn sie aber handelt, vollzieht es sich wie eine Naturerscheinung. Und darüber verliert man keine Worte, keine Vermutungen oder Ratschläge. Tai sagt: » Tofā! « – – Und die anderen hinter ihr rufen: » Tofā soifūa! « – – Weiter nichts. – Es ist still hinter ihr. Vier Händepaare raffen gleichsam Stille zusammen und schleudern sie ihr nach; baden sie darin; umhüllen sie. – – So geht sie davon wie ein Nichts, denn alles hinter ihr ist taub geworden. Mit jedem Schritt, den sie tut, vergrößert sie die Kluft zwischen sich und der A‘iga. Die vier strohgelben Hunde sitzen auf der Wiese. Selbst sie geben keinen Laut von sich; sie wedeln wie hinter einem Nebel.   Tai geht über die Vaisiganobrücke nach Apia hinein. Es ist lange her, seit man sie auf der Hauptstraße gesehen hat. An den Läden von Hopkins und McFarlan wandelt sie stracks vorbei, ohne den bunten Auslagen einen Blick zu schenken; dann biegt sie bei McGrew ein. Der Gewaltige hat den Vormittag über, das kupferrote Gesicht bedeckt vom »Sydney Morning Herald«, wie ein weißes Gebirge von Leinwand auf einer Strohcouchette geschlummert; nun sitzt er vor einem Bureautisch und klimpert auf einer winzigen Schreibmaschine. Tai läßt sich lautlos in der Ecke der verdunkelten Stube auf dem Boden nieder, so daß es ziemlich lange dauert, bis McGrew sie bemerkt. Er fragt, was er für die »Dame« tun dürfe. Er ist immer außerordentlich höflich mit Eingeborenen; er hat seine sehr bestimmten Gründe dafür. Es dauert lange Zeit, bis Tai ihm erklärt hat, was ihr Anliegen ist. Obwohl es in drei Worten hätte gesagt werden können, hört McGrew ihr geduldig zu. Sie will 259 mit dem Abend-Motorboot, das die Post für Sawaii bringt, nach Fagamalu mitgenommen werden. Sie erklärt sich bereit, dafür zu zahlen; das Geld habe sie da. McGrew sagt, er wolle keinen Vorteil aus ihr ziehen. Er fühle sich geschmeichelt, daß sie sein fragwürdiges Beförderungsmittel für ihre erlauchte Person in Anspruch zu nehmen gedenke; und dann verlangt er zwei Dollars. Tai reicht ihm die Büchse, die sie inzwischen umständlich herausgewickelt hat; und McGrew bedient sich daraus mit acht Reichsmark. Sie solle am Platze sein; um fünf Uhr gehe das Boot von der Bismarckbrücke. Tai dankt bilderreich und wickelt die Büchse wieder ein. Der Händler wartet geduldig, bis die leise Rede mit einem » Tofā Mekulu « im Rahmen der Tür erlischt . . . Tai geht zur Bismarckbrücke, setzt sich hinter einem rundgehauenen Pfosten nieder und wartet. Um halb sechs endlich geht das Boot. Ein herkulischer Halbweißer, einer der Söhne McGrews, steht am Steuerrad in der Mitte. Drei blaugekleidete Chinesen hocken auf dem Boden und schwatzen mit hellen meckernden Stimmen. Sie essen Reis aus einem gemeinsamen Topf mit Stäbchen, die sie scherengleich öffnen und schließen. Ein vierter ist bei der Maschine.   Man kommt ins offene Fahrwasser, und das Boot beginnt gleichmäßig zu rollen. Die Küste von Upolu wandert langsam vorüber. Süßlicher Duft von Petroleum verseucht die Luft und füllt Tais Hirn wie mit einer Wolke. Ihr wird übel. Die meckernden hellen Stimmen schwimmen leise auf dem Rauschen des Schaums ihr zur Seite; es klingt wie Gemurmel ferner begrabener Völker. Und mit der Übelkeit, die sie spürt, verknüpft sich in lähmender Süße der Druck, der von jeher um ihr Herz gesessen und von dem sie glaubt, er habe ihre Kinder erwürgt, eins nach dem anderen; – und vor dem sie sich gleichwohl beugt . . . Denn letzten Endes ist es ein 260 freiwilliges, dieses fremde Joch, das sie sich auferlegt; und ihr Leben, aus tausend Widerwärtigkeiten zusammengestückelt, läßt eine gute Fessel durchschimmern, die so stark ist, daß auch er, Kotūsa, sie nicht zerreißen kann. Bei jeder Geburt, nach der Maggies, hat er ihr die Hand auf den Kopf gelegt. Seine Beschwörungen sind wirksamer gewesen als die Gebete der Schwarzröcke. Nicht seine Schuld war's, wenn die anderen Kinder starben; denn war er nicht später immer zugegen? – Und wo ist ein Beweis, daß er Ehebruch getrieben habe, während sie schwanger war? – War sie nicht dumm gewesen – – oh wie dumm! – – als sie glaubte, sie habe ihn mit Eli am »Sandy Cap« auf der Tat ertappt? – Und wenn dem auch so gewesen wäre: welches Recht hätte sie, Tai, gehabt, die Großtochter des Alii‘sili Mataafa zur Rechenschaft zu ziehen? – – Selbst ihm hätte sie keine Szene machen dürfen . . . So sagt ihr Verstand; doch irgend etwas in ihrer Brust streitet dawider an; und das Etwas ist häßlich, schwerblütig und tappt ihm entgegen mit gealterten Gliedern, die ihre Rundung dennoch nicht eingebüßt; das heftet dunkle Blicke, braun gleich Regentümpeln, die von einsamen Himmeln träumen, auf jene schimmernd kalkweiße Haut, die nach streichelnden Händen verlangt; auf jene goldene Brille; auf die rötlichen Haare, röter als Kupfer; von einer Farbe einzigartig hierzulande und nie zuvor erblickt. – – Ist er nicht durch lange Jahre ihr Ernährer gewesen? – Hat er ihr nicht am Morgen seines Geburtstages Geld geschenkt? – Und hat sie, undankbares Weib, sich nicht verleiten lassen, heimlich eine Verschwörung einzugehen und seine Kinder ihm böswillig zu entrücken – so daß er, wenn er nach Hause käme und fragte: »Wo ist meine Familie?« – er nur Schweigen zurückerhalten würde; Schweigen in Scheffeln gemessen –? Und niemand würde ihm die Stiefel reichen; niemand würde da sein, den er würde anraunzen können zu seines schweren Herzens 261 Erleichterung . . . Und Tai weiß, wie wichtig es ist, daß man das Herz zuweilen durch Keifen erleichtert! Tai erinnert sich an eine Photographie. Sie hängt überm Bett in ihrer Hütte und ist vom Klima zu einer gelben Rolle gedörrt. Da stehen sie beide: er in der Mitte im schneeweißen, frischgebügelten Anzug, und hinter ihm sie selbst in beblümtem Kattun, vorgestreckten Leibes und eine Kette auf der Brust. Sie lächelt; doch der Mund ist mißraten; der ist nie so groß gewesen, wie er dort aussieht. Und rechts und links vom Vater stehen die beiden Kinder, in europäischen Gewandungen, die der Photograph für diesen Zweck hervorgeholt, – glanzlosen Blicks . . . Auf der ganzen Gruppe ruht dasselbe angestrengte Lächeln, als ob jedem die Stirnhaut schmerze . . . Aber für Tai ist es ein schönes Bild. Es stammt von früher. Nein; das Bild ist nicht mehr wahr. Tai hat eine Lüge daraus gemacht. Maggie ist heilig, und Petina ist tausend Meilen überm Meer.   Der Petroleumduft wird stärker; Tai krümmt sich zusammen und zieht ein Tuch übers Gesicht. Das Boot schlingert; die Mittagssonne brennt. Der Mischling am Steuerrad schreit ihr zu, sie solle sich in den Schatten legen, in die Mitte; dort werde ihr besser werden. Sie gehorcht und kriecht an den Planken entlang bis an die winzige Kajüte. Feuchter Wind hüllt sie ein. Und während die Übelkeit ihr im Halse sitzt, kommen die Gedanken wieder wie ein Rad: . . . Die jungen Mädchen von Papa‹uta sind von der London Mission in die Ferien entlassen worden. Drei davon kommen nach Fagamalu; und Kotūsa verkuppelt eine an seinen weißen Freund Soli. Sie hat später ein Kind mit ihm gehabt . . . Zwei von den Mädchen kommen in die kleine Samoahütte, die Kotūsa neben seinem Pa‘alagi-Haus bewohnt. Sie übernachten . . . Es kommt etwas vor; ja, Tai möchte darauf schwören, daß etwas vorkommt. Sie ist noch in den Wochen und sehr 262 schwach; aber sie findet Kraft genug, ein Stück Mousselin im Dunkeln mit den Fingern zu zerreißen . . . Die Papa‘uta-Mädchen gehen noch vor Tagesanbruch. Sie sind aus guter Familie, und Kotūsa schimpft. Tai schämt sich, aber es hilft nichts mehr; die Mädchen sind gegangen . . . Tai, mit vorgestrecktem Zeigefinger, beschreibt Kreise auf dem Fensterglas der Kajüte. Der Motor schüttert. – – Wer bin ich, denkt sie, daß ich immer mit ihm hadern muß voll Eifersucht. Es gibt so viel schönere Weiber als mich . . . Er hat am Schluß immer recht gehabt, oder recht behalten . . . . . . Tai ist in Tufu-Tafoi . . . Er ist lange fort gewesen; es ist nach Maggies Geburt . . . Da kommt er durch die Buschwege. Tai geht ihm freudestrahlend entgegen. »Du bist ein schlechter Mensch; du hast mich lang allein gelassen . . .« »Ich habe eine neue Frau mitgebracht.« Tai steht wie vom Blitz gerührt. – »Wer ist das –?« fragt sie. Nur die eine Frage. »Talāla, Tochter von Suatēle.« Sie ist über ihr. Sie beugt sich und spricht: »Dann gehe ich.« Sie will ihm nicht im Wege stehen; Talāla ist über ihr. –– Und Kotūsa sagt zu einem Jungen, der im Hause sitzt: »Geh hin und hole meine neue Frau; sie wartet am Außenrand des Dorfes.« – – Sie kommt. Wer ist's? – Latu, eine Base Tais. Sie fallen sich in die Arme. Kotūsa erhält freundschaftliche Klapse . . . Der Motor tut langsamere Stöße. Das Riff von Fagamalu kommt in Sicht; mit einem Schlag werden die Wasser ruhig. Sie blickt hinaus, während die Wiese mit den buntbeschärpten Leoleos und dem weißen Amtshaus ihr entgegenwandert; dann steigt sie aus, ein Stückchen noch watend. Sie geht langsam auf die Straße zu: die Füße auswärts gesetzt, das Leinenbündel auf dem Kopf und den Bauch 263 mit ruhevoll wiegender Bewegung vorgeschoben. – – So tritt sie ihren schweren Gang an. Nach drei Stunden, in Sasina rastend, erfährt sie, daß Grothusen und sein Begleiter am Morgen Asau verlassen haben und sich wohl gerade auf dem Bergpfad befinden, der vom Buschdorf Aopo herunterführt. Die vergangene Woche lag hinter Gerhart wie ein Traum, erfüllt von der bunten Bewegung verschiedenartigster Menschen; solche, die er wirklich gesehen, mengten sich unter ein Rudel von anderen, die Grothusens Erzählergabe greifbar vor ihm heraufbeschwor . . . So ertappte er sich darauf, etwa zu fragen: »Wann war es doch, daß Sie den Streit mit dem alten Nelson hatten? . . .« Oder: »Wann war es, daß Gravenhagen den alten Malietoa Laupepa chokierte, indem er dessen Tochter mit Hilfe der Kupplerin Le‘uta zur dritten Frau verlangte? . . .« Seit jenem Abend in Tufu schien Grothusens Laune jedoch verdorben; er schien viel zu grübeln und machte die Besuche bei all den Dorfältesten ab wie eine Verpflichtung, die bezahlte Routine ihm auferlegte. Gerharts kleine Ungeschicklichkeiten Eingeborenen gegenüber waren sogar zuweilen Anlaß für ihn, ironisch zu werden . . . Aber Gerhart war so tief in Nachdenken versunken, daß er gewisse Nadelstiche seines Begleiters nicht empfand. Eins fiel ihm trotzdem auf: Fragen, Tai und Petina betreffend, beantwortete Grothusen so ungeduldig, scharf und abrupt, daß er weiteres Forschen aufgab. Es fiel ihm schwer, denn seine Gedanken befaßten sich seltsam eindringlich während der ganzen Wanderung mit der rätselhaften samoanischen Matrone . . . In einem Pandanushain hinter Taga, der dicht bis zum Rand der Steilküste wucherte, begann sie neben ihnen herzugleiten; Gerhart fühlte sie. Sie drängte sich und glitt schattengleich unter grellem Himmel durch den kargen Schutz der zeltförmig emporstrebenden Luftwurzeln. Sie 264 schritt ruhig, ohne Hindernisse zu spüren, mit leicht vorgeschobenem Leib durch die Landschaft und wiederholte mit hoher Stimme endlose Strophen, die scheinbar an ihn gerichtet waren . . . Oder täuschte sich Gerharts Ohr? – War es der gläserne zarte Aufschrei der leichtbewegt verebbenden Riffwasser an den spitzen Blöcken, mit denen die Küste beschüttet war? – Und das trockene Rascheln: kam es von ihrer Gewandung oder der Reibung langer, schmaler Blätter? – Farbflecke flammten auf, die der Zeichnung auf einer Tapa glichen: oder lagen dort nur seltsam gegitterte Schlagschatten wie Muster auf der hitzeschwelenden Lava? – Sie wollte etwas von ihm; das fühlte er. Es war eine drängende Absicht in ihrem Gehaben . . . Es schien, als sei sie durch eine unsichtbare Linie gebannt und gezwungen, stets in Entfernung zu bleiben, wie ein scheues Wild, aus dessen braunen Augen nimmersatte Neugier blinkt . . . In einer enormen Kokuspflanzung vor Saleilua verblich sie; rannte am Rand des fernen Urwalds entlang, huschend und in Eile wie ein Windstoß, der flüchtigen Tumult in die Blätter bringt. Sie hatte den Umweg gutzumachen . . . Dann war sie wieder da; Gerhart fühlte es. Von Saleilua ab, auf der Urwaldstraße, verschmolz ihre mitwandernde Stimme mit der siedenden, brütenden Stille, deren schwerer Atem mühsam hauchte, verseucht vom schrillen Aufschrei zahlloser Zikaden. Taudicke Lianenstränge wurden von ihr entwirrt wie Spinnennetz. Gerhart fühlte ihre Augen im Nacken; doch wenn er sich umsah, hingen zwei glänzend schwarzbraune Beeren im Unterholz und rührten sich mit kaum wahrnehmbarem Schaukeln . . . Ob Samata gab es tiefe Einschnitte in der Küste, in denen das grüne Meer gefangen donnerte. Die Wanderer badeten in einem Strudelloch. Der Wirbel erlaubte ihnen gerade noch, sich aufrecht zu halten; dann kletterten sie wieder auf den Küstenrand hinauf, um sich anzukleiden. Gerhart spähte, noch nackt, zurück: tiefrote Blüten nickten aus den 265 Rissen der Schlucht. Und dort unten: was war das? – Etwas Braunes tastete sich an der Wand des Wasserloches entlang bis zu den runden schleimigen Steinen, auf denen kletternde Fische, glänzend schwarzgrün, wie Heuschrecken durcheinanderschnellten . . . Etwas Erdfarbenes reckte sich entrückt in emporspähender Betrachtung verlängerten Halses hinauf, blinkenden Blickes; verharrte einen Atemzug lang unbeweglich und verlosch, von der plötzlich aufschießenden Schaumgarbe einer benachbarten Woge verschlungen . . . Gerhart fuhr sich mit der Hand über die schweißfeuchte Stirn. Seltsame Tagträume besaßen ihn; doch fand er nicht die Kraft, sie abzuschütteln. – Dorf nach Dorf zog an ihm vorüber. Überall flammte Grün auf; überall lächelte es. Eine unendliche Kette lächelnder Zahnreihen in Kinder-, Männer- und Weibergesichtern. Das weiche Gurren ihrer Reden verließ ihn nicht; saß ihm ewig im Ohr. Hahnenschreie klangen auf, schriller Brüllton zu seinen Ehren gehetzter Schweine. Es gab pompöse Empfänge; rieselnde Ansprachen; schöne, gemessene Linien ruhevoller Körper; junger und alter . . . Grothusen war immer zur Hand; er war sein Sprecher. Man erwartete keinen Ton von Gerhart. – Er sagte vielleicht: »Machen Sie's kurz, und bringen Sie die Gesellschaft bald dazu, uns was anzubieten; ich habe Hunger . . .«; und Grothusen, auf samoanisch, teilte dem aufhorchenden Kreise mit, man sei rüstig, satt und erwarte durchaus keine Bewirtung; man wolle es durchaus nicht darauf anlegen, Umstände zu verursachen! – Übrigens sei der junge Pa‘alagi, wiewohl für sein zartes Alter sehr gelehrt und unter seinesgleichen ein weitbeschriener » to‘oto‘o uli‘uli «, arm wie eine Kirchenmaus und ein ausgesprochener Mädchenhasser . . . Solche Rede, mit Inbrunst hervorgestoßen, dauerte vielleicht eine Viertelstunde, und es zeigte sich, daß Grothusen wie immer »schwer Bescheid« wußte. Denn mit allem, was er sagte, meinte 266 er nach samoanischer Art das pure schlichte Gegenteil; und so hatte er den Erfolg, daß sofort an die Bereitung eines ausgedehnten Mahls gedacht ward; daß nebst der Kawa auch Kokusmilch erschien und später Kaffee . . . Die braunen Herren verfielen der Reihe nach in eine entzückte Selbsterniedrigung und machten sich im Handumdrehen noch zehnmal belangloser als ihre Gäste. Wer sei Kotūsa? – Ihr Freund und Bruder . . . Und wen er bringe, sei im vornherein auch ihr Freund und Bruder! – Wer dagegen seien sie selbst –? – Prasser, faule Bäuche und Tunichtgute; minderwertig und kaum einer Rücksicht wert! – So fürstlicher Besuch falle als Sonnenstrahl in ihr nächtliches Dasein, das Dasein von Käfern! – – Und es sammelten sich Mädchen an; die ganze Hütte war voll von seidigen, schwarzen, schwankenden Mähnen. Sie hockten sich nieder und starrten. Der junge Pa‘alagi hatte ganz weiße Haut; weiß wie Porzellan; » pa‘epa‘e «; so weiß war sie; so weiß! – Und seine Lippen waren rot wie Strauchblumen! – Gerhart lächelte; schwirrende Ausrufe entstanden . . . Dann ward er geknetet von vier neugierigen Händepaaren, die sich bisweilen verschmitzt verirrten; Brust, Schultern und Schenkel kneteten sie ihm. Heiß und eifrig waren sie bei der Arbeit . . . Grothusen, auf deutsch, gab ihm indes einige Anweisungen, mit dem Erfolg, daß der Duft dieser spröden dunklen Mähnen durch Gerharts Schlummer drang; daß sie ihm die Welt und die schwacherleuchtete Hütte verhängten, deren Pfosten in grausamer Weise beklebt waren mit alten Zeitungsbildern, amerikanischen Reklamen und dem wesleyanischen Samoablatt: › O le fetu Ao ‹ . . . Es war gut, daß ihm die Aussicht darauf versperrt war; denn wohin er tastete, drängten sich nackte warme Glieder herzu . . . Überall, wo man einkehrte, gab es ein neues Examen nach dem Woher und Wohin. Gerhart erhielt Geschenke. Da Grothusens Schilderungen großen Glanz auf ihn warfen, versah man ihn mit zwei ungeheuren 267 Roßhaarfliegenwedeln, braun und schwarz, die er abwechselnd gebrauchte und die er zur Bestätigung unverstandener Behauptungen seines »Sprechers« durch die Luft pfeifen ließ. Von Neiafu ab überblickten sie den letzten nördlichen Zipfel von Sawaii wie einen Garten; sie durchquerten ihn, und ein schöner langer Sandweg, durch das reinliche Tufu-Tafoi, führte sie nach Falealupo. Auf dem Weg nach Asau begegneten sie dem Laienbruder Aloisius von Safotulafai, der sich auf der Sendung befand, neue Knabenseelen für die Pflanzung des Misi Kuma zu ködern. Er errötete, grüßte mit herabgeklappten Wimpern und schritt rüstig aus, die Soutane über den Knieen in die Höhe gerafft und festgesteckt. – »Ist auf der Jagd nach Schülern . . .« sprach Grothusen grimmig. »Und kriegt sie, kriegt sie, trotz des schwachatmigen ›Unterrichts‹, den Sie neulich selbst erlebt . . . Als ich noch Schullehrer in Falealili war . . .« Weiter ging's durch Sataua und Vaisala, wo Gerhart einige Matten und das Miniaturmodell eines Hauses erstand . . . Rechterhand blickte man auf Buschland und Berge; links eröffneten sich tiefer liegende Meeresbuchten. Die Hütten von Vaisala spiegelten sich in einem kleinen Binnensee, palmenüberschwankt und von ungebrochener Ruhe. Das Brückchen – Palmstämme, quer über eine Einschnürung gelegt – führte auf einen steinigen Weg, der mäßig anstieg. – »Einzige Chance der ›Gerechten‹, in den Himmel zu kommen,« fluchte Grothusen. »Ist auch 'n Weg, mit Glasscherben gespickt; aber noch Parkett gegen diesen hier.« – Mit zerrissenen Sandalen und blutenden Füßen langten sie in Asau an, wurden im Bungalow eines eingeborenen Händlers mit Tee erquickt und genossen dann unter dem Sternenhimmel einen Siva, den die graziösen Silhouetten nackter halbwüchsiger Kinder tanzten . . . Mit Sonnenaufgang weckten sie die Klänge einer Mundharmonika, von einem verschmitzten Knaben gemeistert; und zu guter Letzt blies ihnen der Pulenu‘u des Dorfes 268 noch ein Trompetenstücklein vor, worauf die gesamte Bevölkerung zwischen den großen schwarzen Blöcken auftauchte und ihnen » Tofā « nachschrie. Lange noch folgten ihnen abgerissene Töne, bis der Urwald sie wieder ganz mit seiner Stille umfing. Die Stunden vergingen . . . Nach Überwanderung asphaltglatter Lavastrecken erreichten sie das mauerumgebene vereinsamte Buschdorf Aopo, dessen vernachlässigte Hütten wenige Figuren beherbergten, die herauslugten wie verscheuchte Hunde und die Gerhart irgendwie häßlicher dünkten als die Leute am Strande . . . Dann bogen sie scharf nach links und trafen bei Letui auf die breite Chaussee Mr. Harrigans, eine wahre Prachtstraße, glatt und sauber . . . Dann und wann kam ein Trüpplein Eingeborener an ihnen vorüber, oder ein Buggy, mit dessen Insassen Grothusen Grüße wechselte . . . Auf einmal ward es still; nichts zeigte sich mehr. Die Sonne, auf halber Vormittagshöhe, begann ihr unbehindertes Spiel. Grelle Flecken entstanden im lichten Morgendunst und krochen wachsend über die Straße.   Grothusen blieb stehen und zeigte nach vorwärts; Gerharts Augen folgten der Weisung des Fingers. Eine Viertelmeile weiter unten, wo die Straße eine leichte Biegung machte, stand die plumpe Zementeinfassung einer Brücke. Die Hälfte wurde von der Sonne beleuchtet; doch auf dem schattigen Teil saß eine Gestalt. Sie saß reglos und gebeugt, kaum erkennbar gegen das rieselnde Spiel der Laublichter hinter ihr. Grothusen putzte seine Brille und setzte sie wieder auf. Die blaßblauen Augen quollen hervor mit fast wütender Konzentration. – »Donnerwetter,« sagte er, tief überrascht, – »es sollte mich nicht wundern, wenn das . . .« Er vollendete nicht. Sein Gesicht wurde scharlachfarben. Ein unerklärlicher Schreck, als habe etwas Mystisches plötzlich über ihn Gewalt – wie bei der Erscheinung des 269 körperlosen Knaben in Tufu Gataivai – durchzuckte Gerhart: sein seltsamer Tagtraum hatte Form gewonnen; deutlich erkennbaren Umriß. Das flüchtige Wild, das ihm in geisterhafter Weise den Weg über gefolgt, dessen unverständliche Fragen er um sich schwirren fühlte wie Ton von Insektenflügeln, ungreifbar und in Pein, hatte die Bannlinie durchbrochen und sich in den Kreis der Sinne begeben. Dort saß sie. Niemand anders konnte das sein als sie. – Und diesmal floh sie nicht zurück; verschmolz nicht wieder mit dem Wald, sondern blickte ihnen – scheinbar ohne Unruhe – entgegen. Jetzt glitt sie sogar von ihrem Sitz und schritt langsam heran; winzig zunächst, dann schaukelnden Ganges mählich sich vergrößernd . . . »Bleiben Sie hier!« sprach Grothusen gebieterisch. – »Es ist meine Frau. – Ich habe mit ihr zu reden.« – Gerhart gehorchte zögernd; und Grothusen ging resolut vorwärts. – Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis jene sich trafen. Endlich standen sie Aug' in Auge. Eine weibliche Stimme von unendlich sanftem Tonfall sprach zuerst. Die Wellen dieser Stimme schwammen gleichmäßig zu Gerhart herüber. Dann sprach Grothusen; er stieß sechs, sieben rauhe Fragen hervor. Auf keine dieser schneidenden Fragen schien eine eigentliche Antwort zu erfolgen; nur immer ein fast besinnungslos gesungenes: » Fa‘amolemole Kotūsa ... « Da erdröhnte – ein zweites Mal für Gerharts Ohren – das böse Wort: » Uma! « – Die Gestalt sank auf der Straße zusammen; ihre bettelnde Stimme wurde schrill. Grothusen beugte sich spreizbeinig über sie und sprach kurze, heisere, verächtliche Sätze. Mit jedem Satz, den sie wie einen Peitschenschlag zu empfinden schien, schrumpfte sie gleichsam zusammen und wurde kleiner. Dabei begannen die Hände des dunklen Weibes nach vorwärts zu tappen . . . Sie kroch auf ihn zu . . . 270 Und jetzt geschah es, daß Grothusen ihr den Absatz seines Stiefels an die Schulter setzte und sie zurückschleuderte. Der Stoß war so heftig, daß sie sich überschlug und auf den Rücken fiel; dann, in äußerster Eile, rollte sie sich nach seitwärts, sprang auf und entwich. Grothusens Bambusstock landete pfeifend im Graben zur Seite der Straße. – Ein heller Schrei, wie der eines davonstiebenden Vogels, zerging in der Luft; es raschelte im Dickicht . . . Dann war es still. – . . . Der Mann hatte den Stock wieder aufgerafft und wollte gerade mit vorgestrecktem Kopf wütend ins Unterholz nachbrechen, als Gerhart herzugerannt kam und ihn erreichte. Er packte ihn an der Schulter und riß ihn herum. – – Das Gesicht des Buchhalters war stockfleckig; er blickte ihn blind an und atmete schwer. Nach halbwegs wiedererlangter Fassung glättete er den Jackenstoff an der Stelle, wo Gerhart ihn gegriffen, und sprach dann – kellerhohl und schleimig; in einem Tonfall, der noch durchaus neu für seinen jungen Begleiter war –: »Herr, lassen Sie Ihre Finger gefälligst aus dem Spiel! – Hab ich Ihnen nicht gesagt, Sie hätten zurückzubleiben?« »Sind Sie verrückt, Grothusen?« fragte Gerhart ruhig. – »Was haben Sie vor?« »Mir Ihre Einmischung zu verbitten; – das habe ich vor! – – Wenn ich hier in überflüssiger Weise Ihren Führer zu spielen habe, so gibt Ihnen das noch lange kein Recht, sich in meine Privataffären zu drängen! – – Wie stolz wir auf einmal sind!« – Das Hamburger »st«, in schönster Schärfe, zischte auf. »Wenn ich mit der – Person da eine Auseinandersetzung habe – wenn ich ihr einen Denkzettel verabreiche –: dann steht er da, der junge Gentleman! – Dann ist er zur Hand und spreizt sich! – Schwingt sich zum Ritter auf für ein – Kanakerweib! –« Grothusen flötete mit rundem Mund. Seine Augen waren klein; Speichel tränkte seinen roten Schnurrbart. Er schwankte etwas hin und her, als ob er betrunken 271 sei; doch war es nur ein grotesker Tanz der Überlegenheit, den er vollführte. – Gerhart sah ihn ruhig, fast aufmerksam an. – Ein Faustschlag unters Kinn – das fühlte er – würde diesen ausgemergelten Menschen tödlich schädigen; so begnügte er sich damit, ihn zu ergreifen und wie ein Bündel von alten Lumpen auszuschütteln. – Er fühlte, wie das dürre Skelett, im innersten Aufbau erschüttert, fast aus den Fugen ging; – – in seinen eisenharten Fingerspitzen hatte er die Empfindung, als müßten die Sehnen sich ungebührlich dehnen und die Gelenke auseinanderschnappen, um einen hilflosen, gummigliedrigen Krüppel zurückzulassen. – Schließlich gab er ihm noch eine kreiselförmige Drehung, und Grothusen gelangte, sich diesem Antrieb überlassend, sechs Schritt von ihm auf den Boden. – Dort saß er, mit hochgezogener Stirnhaut. »Sachte,« pfiff er atemlos. – »Sachte, sachte . . .« Es sollte drohend klingen; doch seine Stimme war zerbrochen durch ein klebriges Keuchen. »So,« sagte Gerhart befriedigt; – »jetzt haben Sie einmal ein Stück von meiner Meinung. – – Wenn das allerdings Ihre Weise ist, hier ›Bindeglied‹ und ›Brücke‹ zu spielen, so ist sie weniger originell, als ich dachte. – Man braucht nicht weit zu suchen in einer deutschen Kolonie, um andere Leute zu finden, die das gerade so gut, wenn nicht noch besser können. – Wenden Sie sich nur an Ihre Freunde, zu denen Sie gehören; Sie wissen schon: die mit den Bürstenhaaren und den abstehenden Ohren . . .« Grothusen stand auf; Glied nach Glied. – Er säuberte sich; die magere Hand mit den blauen Adersträngen darauf war auf eine absurd eitle Art bemüht, den Schmutz abzustauben. – Sodann, um Haltung zu zeigen, drückte er das Kinn ein und machte den Rücken steif. Noch sagte er nichts; nur seine Lippen gerieten in die Form eines Dreiecks. – Seine Augen glotzten Gerhart blutdurchschossen 272 und mit blindem Ausdruck an; sein Kehlkopf stieg schluckend auf und nieder. – Endlich schob sich seine offene Hand mit gekrümmten Fingern nach vorwärts, und mit einem Ton, der Gerhart zurückprallen ließ – im gemeinen, näselnden Slang amerikanischer Werftarbeiter – kam es gurgelnd aus seiner Brust: » Now cut it out and come across! « Gerhart warf ihm den vereinbarten Lohn vor die Füße und ging. – Bruchstück eines Briefes Montag. Dieser Brief, Dolores, ist nach der Schweiz gerichtet und wird deshalb wohl noch keine ablenkenden Erlebnisse unterwegs erfahren. Ob ihr in Deutschland bleiben werdet? – Aber soweit ich unsere Mutter kenne, wird sie sich nicht von Wiesbaden rühren; und selbst ein Weltkrieg wird in bedrohliche Nähe kommen müssen, ehe sie die Qual eines Umzugs auf sich nimmt . . . Teile ihr bitte mit, ich würde vorläufig nach Chile gehen, und von dort aus wenn möglich nach Vigo. Einstweilen bin ich hier festgesetzt und warte auf eine Gelegenheit, mich zu entfernen. Das ist nicht so einfach, denn wir haben bisher nur die»Manua« von der Oceanic Steamship Co. hier gehabt; und der amerikanische Konsul hatte nichts Gescheiteres zu tun als sie wegen eines kranken Niggers in Quarantäne zu erklären. – Es ist zweifelhaft, ob sich unsere Verbindungen mit der Außenwelt nicht ganz auf das Postmotorboot nach Tutuila beschränken werden, das jetzt schon unregelmäßig kommt. – Mein Freund und Herbergsvater, der alte Carlson, hat sich anerboten, mich rechtzeitig zu benachrichtigen . . . So habe ich nichts zu tun als Grillen zu fangen, samoanische Grillen von einer besonders lauten und unangenehmen Sorte –, und auf dieses Motorboot zu warten; diesen Brief nehme ich dann gleich in Person mit an Bord. 273 Im Juli umwanderte ich die Insel Sawaii in Gesellschaft eines Menschen aus Hamburg. Er war rothaarig und zu Radomontaden geneigt; hatte jedoch eine gewisse groteske Art an sich, die mich amüsierte. – Kurz, ich sehe den Juli nicht als verloren an. – Kaum war diese Wanderung beendet, als der drahtlose Apparat begann, seltsame Zeichengruppen zu ticken. Irgendwo im Westen hatte eine mächtige Bestie aufgebrüllt. Die Tonwellen richteten Verwüstung in den fernsten Empfängern an. Erinnerst Du Dich, wie der Seismograph in Valparaiso einmal von einem einzigen Erdstoß in Valdivia zertrümmert wurde? – – In der kurzen Zeit seines Bestehens fing der »Drahtlose« hier das Gewisper ungeheurer Gerüchte auf und bebte von Sensationen. Sie kamen Schlag auf Schlag. Er verdaute und gab sechs kompakte Kriegserklärungen auf einmal ab; und das Resultat war ein Hühnerstall bei Feuersbrunst. Das Bild, das unsere Halb-Landsleute hier in Samoa boten, war in den Augen eines Weltkundigen nicht erbaulich. In den bisherigen Stumpfsinn ihrer Lebensführung kam eine unbeherrschte Note. Man ließ die Pflanzungen in den Händen unbeaufsichtigter Kontrakt-Chinesen – die sich natürlich sofort aufs Glücksspiel und die Auffrischung alter Scherze mit dem Messer verlegten – und strömte in Apia zusammen. Von überall fanden sich die Herren ein; und die fleißig mit Bier und dem beträchtlichen Restbestand an Spirituosen genährte Konfusion fraß um sich wie ein epidemischer Tropenkoller. Die letzten heroischen Versuche einiger Leute, bessere Manieren, ja Rücksichtnahme zu erzwingen, wurde durch diese Panik erfolgreich unterdrückt. Kaltes Blut; Humor – unsere » vagueness « – gehören nun einmal im entscheidenden Augenblicke nicht zu ihren Eigenschaften. Das Ellenbogen-Regiment, unter dem man letzte Schäfchen ins Trockene raffte, wurde derart unerträglich, daß ich – natürlich ein ausgemachter »Spion« mit fragwürdigen Existenzquellen – mich hierher in die Berge zum alten Carlson 274 zurückgezogen habe. Ich wäre vielleicht trotzdem unten geblieben; aber ein weiterer Grund für meine Abwesenheit ist: – ich will vermeiden, daß mein Gesicht da unten zu populär wird. Auf diese Weise wird es weniger auffallen, wenn ich mich einschiffe.   Mittwoch. Kaum kam ich von Sawaii, so erhielt ich ein Schreiben aus dem Gebäude der Zivilverwaltung, worin in knapper Wortfolge vermerkt stand, ich hätte mich »baldmöglichst zum Zweck meiner Identifizierung usw. auf Amtszimmer soundsoviel einzufinden«. Ich geriet, nach Erklimmung einer Treppe in der phantasielosen Holzbude, in einen großen kahlen Raum. Ein Mensch mit glattgeschorenem Schädel bedeutete mir, der Geheime Regierungsrat von – ich habe den Namen nicht gegenwärtig – werde in ein paar Minuten erscheinen. Es wurde eine halbe Stunde daraus. Ich setzte mich aufs Fensterbrett und blickte auf die Straße herab, die seit Kriegsausbruch stärker als gewöhnlich von Samoanern und arbeitslosen Chinesen belebt war. Ein messerscharfes Räuspern ließ mich zusammenfahren. – »Man« saß dort; war in Erscheinung getreten; hatte hinter dem Schreibtisch Platz genommen. Zwei pinselförmig arrangierte Bürsten aus den Winkeln eines knappen Mundes steil nach oben wachsend; ein Spitzbart; ein mathematischer Scheitel, mit Pomade – wie mit Zement – an einen Beamtenkopf gekittet; – und dazu jene braunen, kreisrunden, hervorquellenden Augen, die sich bemühen, scharf zu sein; das Individuum vor sich zu erschüttern – und die doch nichts sind als zwei abgequälte Gallertkugeln, übermüdet von der Arbeit, Rechtecke dahin zu sehen, wo keine sind . . . Eine überraschend hohe und trotz ihrer Abgehacktheit beinahe schwachatmige Stimme ertönte plötzlich: – dies mußte eine neue Laune sein, in der die Machthaber der 275 Insel sich gefielen. Ich hatte klirrendes Metall erwartet, und man gab mir Eisen in Pillenform. – Gleichzeitig zogen die Augen sich hinter Ritzen zurück, ohne dabei viel von ihrer glotzenden Natur einzubüßen. »Nehmen Sie Platz,« wurde mir bedeutet. – Ich hatte mich nämlich halb erhobeu: aufgejagt von jenem ersten enormen Geräusper, dessen Schall in gar keinem Verhältnis zu den folgenden Klängen stand. – Ich sank aufs Fensterbrett zurück. – »Da . . .« atmete er; schwach zurechtweisend –: ». . . der Stuhl . . .« – Natürlich; da war ja ein Stuhl. Ich machte Gebrauch von ihm, wobei es mir vorkam, als habe mein übergeschlagenes Bein ein weiteres leichtes Bedauern zur Folge. Übergeschlagene Beine zerstören einen rechten Winkel, der anderenfalls da wäre. Amtspersonen empfinden das. »Ihr Name?« inquirierte er. Ich überreichte ihm meine Karte. – Er warf einen Blick darauf; tändelte damit; plötzlich, mit exaktem Griff, fuhr er in die Innentasche seiner engsitzenden Palmbeach-Jacke und vergalt mir, sich erhebend, mit der seinen. Aus den folgenden Sätzen hörte ich den Schatten eines – wie soll ich sagen? – Meckerns heraus, das vielleicht darauf berechnet war, mir Mut einzuflößen. Offenbar war er auf den Verdacht gekommen, daß man – wenigstens für den Augenblick – von seiner sozialen Höhe zu mir herab ohne ernstere Folgen eine Notbrücke schlagen dürfe. – Dies versetzte mich in gute Laune; besonders da er die Gewohnheit hatte, in alle Endwörter – mochte es nun Sinn haben oder nicht – eine gewissermaßen unterstreichende, ja fragende Betonung zu legen. »Sehe da . . .« sprach er, weiter mit der Karte tändelnd, – »daß Ihr Name den Zusatz ›Velez‹ trägt. – Zu schließen also, daß spanisches Blut in Frage . . .« »Mein verstorbener Vater war Chilene.« »Wa . . .? – So. – Ja. – Sa'en Sie –: – Haben in Deutschland dauernden Wohnsitz?« – 276 »Seit den letzten zehn Jahren.« Dies gab ihm Anlaß zu einer längeren Erklärung, aus der ich entnahm, daß »meine Ei'enschaft als chilenischer Staatsan'ehöri'er« verfallen sei; daß ich demnach, dank meiner physischen Verfassung, als Bestandteil der deutschen Wehrmacht in Frage komme, und daß ich mich zu stellen habe, und zwar unverzüglich, um die am Platz gebildete Patrouillier- und Verteidigungstruppe von dreißig Mann mit meiner martialischen Person auf einunddreißig Mann zu verstärken. Diese Aussicht dämpfte meine aufkeimende Heiterkeit für den Moment. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß er sich hinsichtlich meiner Staatsangehörigkeit täusche, und daß ich Chilene bleibe, solange ich meine deutschen Papiere nicht herausgenommen habe. Zudem – führte ich aus – sei es offensichtlich hoffnungslos, die Insel mit dreißig Mann verteidigen zu wollen und diese Krieger zwangsweise hierzubehalten, anstatt ihnen die Gelegenheit zu geben, sich anderswo nützlich zu machen. – Eine einzige englische Schiffskanone würde das demonstrieren. – Was mich betreffe, so würde ich mit der nächsten Gelegenheit nach Chile gehen und »mich dort nützlich machen«, insofern ich in diplomatischer Hinsicht – etwa durch Aufrechterhaltung der dortigen Neutralität – Lorbeeren zu ernten gedenke. – Er ärgerte sich beträchtlich. – Selbst schüchterne Anzeichen von Unabhängigkeit wirken auf Amtspersonen wie ein rotes Tuch; nun vollends, als ich ihm sein Monopol auf »Mitteilungen« und »Plauderton« wegnahm, zog er die soziale Notbrücke brüsk zurück. Er fühlte sich auf dem Trockenen. Zudem konnte ihm sein Hirn nicht genug Menschenkenntnis vermitteln, um festzustellen, ob ich die Wahrheit sprach oder mich nur »meiner Militärpflicht entziehen« wolle. – Den Ausweg aus diesem Dilemma fand er in plötzlichem Umschlag des Tones. – Von jetzt ab gab es klirrendes Metall. – – »Danke,« sagte er scharf. – 277 »Sie haben natürlich keine Papiere zur Hand, um nachzuweisen, daß Ihre Angaben auf Tatsachen fußen. – Jedenfalls habe ich Ihnen mitzuteilen, daß Ex'lenz jedem deutschen Staatsan'ehöri'en verboten haben, die Kolonie zu verlassen. Sie haben sich demnach hier zu verhalten, bis Ihr Status festgestellt ist, will heißen bis man Gelegenheit gehabt hat, die Richtigkeit Ihrer . . . Ausführungen auf telegraphischem Wege nachzuweisen . . . Sie haben demnach eine diesbezügliche Eingabe einzureichen. – Der Erfolg dieser Eingabe wird sich unter den ge'enwärtigen Umständen begreiflicherweise etwas verzögern.« Ich starrte ihn an. – War der Mann bei Sinnen? Dann packte mich die Heiterkeit in einer nicht mehr zu unterdrückenden Form; ich platzte heraus. »Eingabe!« schrie ich selig; mehr noch: sang ich. – »Telegraphisch! – ›Angaben nachzuweisen‹!« – – Ich erstickte fast; ich fiel nach vorwärts und hielt mich am Tisch fest. – Er schnellte krebsrot empor. »Ich danke!« – schrie er schneidend. – »Da ist die Tür! – Das Weitere werden Sie hören!!« – – Ich ging. – Du wirst begreifen, daß ich es mir ersparen will, das »Weitere zu hören«.   Ich ging sofort nach der Firma, an die ich mein Geld hatte anweisen lassen, und zwar ging ich mit der Absicht, die ganze Summe abzuheben. – Für meine »Flucht« brauchte ich Betriebskapital. Stelle Dir ein großes Kontor vor, erfüllt von gelangweilten – zum Teil frisch importierten – Buchhaltern. In der Ecke dieses Kontors war ein kleinerer Holzverschlag mit einer Art von Schiebefenster; in Grün gehalten und mit Landkarten bedeckt. – Dieser Verschlag ermöglichte es Herrn Ohlsen, dem Chef, sich privatim zu langweilen, ohne seiner Würde zu vergeben. Der Ausbruch des Krieges hatte Verwirrung in den Büchern angerichtet; da sie alles in Kalligraphie umschreiben mußten, hatten die Jünglinge die 278 Möglichkeit, noch für die nächste Zeit den Schein einer Tätigkeit aufrechtzuerhalten und Gehalt zu beziehen. Ich hatte diesen Herrn Ohlsen schon häufig gesehen – oder wenigstens seinen Typ –: – Gesicht flach wie eine Backpfanne und Hautfarbe gleichmäßig rosa wie bei beschäftigten Köchen. – Im gewöhnlichem Leben sind die Herren Ohlsen menschlich vielleicht zugänglich; – werden sie jedoch von Umständen belagert, die sich selbst der Kontrolle ihrer »Höherstehenden« entziehen, so kommt auch bei ihnen ein ganz netter runder Plebejer zum Vorschein. Wie viele dicken Leute, deren Lebensweise jäh unterbrochen wird, hatte Herr Ohlsen seinen Humor eingebüßt. Er behauptete, der Umstände halber müsse er das Geld in Ermanglung anderer Einzahlungen zur Verfügung haben und werde mir meinen Teil monatlich in Papier verabfolgen. –Als ich ihm nahelegte, ich müsse auf Ausbezahlung der ganzen Summe bestehen, erhob er zunächst ein gequetschtes Protestgeschrei. Dann wurde er obstinat; etwa in amerikanischem Stil: › What are you going to do about it? ‹ – »Wir tun Ihnen«, rief er mir nach – »überhaupt einen Gefallen, wenn wir Ihnen einen Pfennig ausfolgen. – Der Krieg macht unsere Verpflichtung hinfällig.« Da saß er in seinem schneeweißen neugestärkten Leinenanzug, babbelnd vor Irritation über das Schicksal und über den aufdringlichen Ausländer. Die Angst vor der unbestimmten Zukunft; die rohe Unterbrechung seiner Eß-, Schlaf- und Bierroutine zog seine Mundwinkel schlaff herab. Ein Vergleich mit dem ähnlich gestalteten Mr. Harrigan fiel durchaus zuungunsten Herrn Ohlsens aus. Schlimmstenfalls konnte es ihm passieren, daß man ihm seinen künftigen Aufenthalt in Auckland oder Sydney anwies, unter Akkommodationen bis zum Ende des Krieges und bei freier, wenn auch sehr gepfefferter australischer Verköstigung, gewürzt mit der bezaubernden Möglichkeit, daß seine »Höherstehenden«, alsdann in gleicher Lage, ihn als Whistpartner 279 dauernd in ihre Sphäre heben würden . . . Als ich ging, lief ein Grinsen der Schadenfreude durch die Reihe der Hamburger Jünglinge. – »Auch festgeleimt?« fragte einer singend und bewegte abstehende Ohren . . . Ich beschloß, Herrn Ohlsen lästig zu fallen; ich wurde Stammgast in seiner Firma. Er lamentierte, quiekte, drohte. – Endlich hatte ich den Erfolg, ihn zu ermüden, und erpreßte ein paar tausend Mark in Papier, die bis Südamerika und weiter reichen müssen . . . Beide Vorfälle haben jedoch in der Kolonialbevölkerung eine gewisse Stimmung gegen mich gemacht. – Ich höre gerade, daß in der übernächsten Woche die »Navua« erwartet wird, und will des Teufels sein, wenn ich nicht an Bord komme . . .   Donnerstag. Afiamalu ist in etwa einer Stunde Fahrt von Vailima zu erreichen und liegt an dreihundert Meter über dem Meeresspiegel. Ein angenehmer, mäßig breiter Fahrweg führt hinauf; unmittelbar hinter dem Hause jedoch verengt er sich zusehends und wird zum unbequemen Buschpfad, der zur anderen Seite der Insel – nach Falealili – leitet. – Ein großes Stück ist hier in den Urwald gehackt, das man zu einer ausgedehnten Wiese umgewandelt hat; auf dieser weiden rotbraune Kühe in Gesellschaft eines unzurechnungsfähigen Stiers. Von der Veranda aus läßt sich dies Stückchen Pseudo-Holland ganz überblicken. – Seltsam melancholisch schwebt das Muhen der Tiere durch die feuchte Luft. Das geile giftgrüne mannshohe Gras wird von ihren Bäuchen ruckweise gespalten; so stecken sie mitten im fetten Allzuviel und rupfen matt und wählerisch. – Sie passen nicht hierher, diese Kühe; – aber der alte Carlson und zwei bleiche weißblonde Töchter – die einzigen von seinen vierundzwanzig Kindern, die kein Inselblut haben – ziehen ihren Lebensunterhalt von ihnen. Auch diese Töchter passen nicht hierher. Sie sind hier aufgewachsen; aber die Tropenmüdigkeit steckt in ihren trägen 280 Bewegungen. Ihr Wortschatz besteht aus einem halbhundert heller Laute, die, in der Entfernung gehört, keiner europäischen Sprache ähneln. Sie treten nicht viel in Erscheinung. Ich habe irgendwie das Gefühl, daß die Geistesfunktionen bei beiden im Rudimeut verblieben sind, und daß sie mehr und mehr den Kühen gleichen werden. Es ist sehr einsam hier oben. – Zweimal in der Woche setzt der alte Carlson einen (der Altersschwäche halber sehr zart behandelten) Gaul in Tätigkeit, nachdem er sein morsches Buggy mit Eiern, Schlachthühnern, Bananen und Milch vollgeladen hat, die er in Apia verkauft. – Sonst steigt er, immer mit irgendeiner Bastelei beschäftigt, auf seinen wiegenden Seemannsbeinen ziemlich grotesk durch die Landschaft und singt »M–m–m« an seiner Maiskolbenpfeife vorbei. Er ist nah an achtzig. – Sein mit Kellerräumen versehenes Bungalow nennt er in der Samoa-Times »Erholungsheim Höhenblick« und hat dann und wann einen Pensionär, trotzdem es mit dem Höhenblick seinen Haken hat, denn der ist schlechterdings nicht da. Immerhin hat man die Empfindung, den Strand tief unter sich zu haben. – Die kühlere, nachts sogar ausgesprochen kalte Temperatur läßt einen selbst zuweilen träumen, man erlebe einen verregneten Sommer in England –: Dann aber sieht man die kompakte schwarzgrüne Tropenvegetation vor sich, die um die Wiese läuft wie eine Mauer, über die es kein Entrinnen gibt; sieht die riesigen Baumfarne nicken gleich Wächtern vor dem Eingang zum Unergründlichen; hört seltsame Laute in der Luft, scheinbar aus dem Nichts entstehend; und man weiß wieder, wo man ist –: verloren und winzig hingeschleudert zwischen die Zeugen mächtigen und primitiven Lebens; einsam inmitten schweigsam-starrer, unheimlicher Formenfülle. Der alte Carlson hat sich auf seine halberloschene Art an mich angeschlossen. Er strömt Ruhe aus wie ein alter Baum, der seinen Kreis vollendet hat und sich in langsamer feierlicher Zersetzung wieder der Erde nähert. Seine Augen 281 sind flach und meergrau; doch blickt man länger in sie hinein, so ist es als schaue man durch das » Bull's-eye « in die Luxuskabine eines Wracks, das irgendwo auf sanftbespülter Bank gestrandet ruht –: es ist noch voll von halbzerstörten Spiegeln, Teppichen und Bildern . . . So schimmern Bruchstücke und Fetzen von bunten Erlebnissen hervor, verknüpft mit dem magischen Namen des Gentleman-Freibeuters Bully Hayes. Er erzählt sehr pittoresk; sein Deutsch ist voll englischer und schwedischer Brocken; und er versinkt nach jedem dritten Satz in ein langgezogenes »M–m–m . . .«, bei dem man die Zeit förmlich zurückrinnen hört durch vierzig oder fünfzig Jahre. Ich baue mir aber – und etwas Phantasie habe ich ja – sehr deutliche Bilder aus diesen Vergangenheitsblitzen auf, die unser nachmittäglicher Whisky-Soda heraufbeschwört. Mit einem englischen Auswandererschiff, wo man ihn zu niedrigsten Diensten zwang, kam er als Junge nach Littletown. Dort floh er mit seinem Busenfreund, einem Finnen, und sie bettelten sich 140 Meilen bis nach Dunedin durch; unterwegs machten sie harte Straßenarbeiten. Zurückgekommen hörten sie von Tunnelarbeitern bei Christchurch, daß eine Gerichtsverhandlung in Littletown sei; mit einem Pfund in der Tasche dort angelangt, brachten sie weiter in Erfahrung, daß der Stewart eines gewissen Bully Hayes von einem Fiji-Hindu-Mischling erschlagen worden sei; m–m–m . . . Sie warteten am Gerichtsgebäude, bis jener Kapitän – ein prächtiger Mann von sechs Fuß drei, mit einem schwarzen Vollbart von einem Fuß fünf – herauskam. Er brauchte gerade Ersatz und nahm sie vom Fleck weg – nahm sie, obschon sich an tausend beschäftigungslose Seeleute damals in Littletown herumtrieben . . . Mit einem Schlag nun, wie das Glück es wollte, tappten diese zwei ahnungslosen Kreaturen in das wildeste Abenteuer hinein, jahrelang als die einzigen Weißen zwischen 282 Farbigen aller Schattierungen, die es zwischen Manila und Tahiti gibt; zeigt mir die Insel im Pacific, die der Hundertfünfzigtonnen-Segler nicht angelaufen hätte, von der ihm nicht Flüche nachgeschwirrt wären in allen westlichen und polynesischen Sprachen! – – So fing die große Glanzperiode in Carlsons Leben an. Er wurde Maat und lebenslänglicher Freund des Berühmten. – Ob der auch damals hierhergekommen sei? – Solange er mit ihm gefahren sei, nie; doch später, etwa anno  '68 – als er, Carlson, soeben seßhafter Pflanzer geworden – habe jener sich erinnert, daß er irgendwo in Samoa Frau und Kinder besitze . . .   Doch ich will Dich nicht länger mit dieser etwas staubigen Romantik ermüden; ich überlasse das besser dem Schöpfer des ›Captain Kidd‹ . . . Auch bin ich nicht in der Verfassung dazu. –Wenn der alte Carlson mit einer solchen Reminiszenz fertig ist – deren Jargon ich leider unmöglich kopieren kann – werden seine »M–m–m–'s« immer häufiger; seine meergrauen Augen mit den ausgebleichten Pupillen vergrößern sich und suchen, mit Gewalt in meine Seele dringend, jeden kleinsten Schatten von Zweifel zu vernichten. Man treibt drunten viel Unfug mit ihm; er ist das Gelächter der Bummler . . . Ich aber: ich weiß es besser und glaube ihm jedes Wort. Denn in jedem Fall erlebt er es alles in dem Augenblick, wo er mir's erzählt; und darum ist es wahr. Der alte Kerl hat eine wunderbar kindliche und anständige Seele bewahrt. – Wenn er von den Gaunereien jenes Bully Hayes berichtet; wenn sie sein erlöschendes Leben noch mit Glanz füllen –: was ist es anderes, als die unwillkürliche Duldung, ja Zärtlichkeit, die jedes einfache Gemüt für die Ausbrüche eines Temperamentes bewahrt, in dessen brutalen und witzweckenden Strudel es einmal gerissen wurde –: gleichviel, zu welchem Ende es geschah –? 283 Botschaft durch den Regen Ein eintöniger Regen trommelte auf das Wellblechdach. Die Hügelkuppen waren wolkenverhangen, soweit das Auge reichte. Gerhart saß, halb in ein schottisches Plaid gewickelt, reglos an dem einfachen Tisch auf der Veranda des Hauses in Afiamalu.– Neben das Glas Portwein, an dem er zuweilen nippte, hatte er ein Buch zurückgelegt, das ein früherer Gast – seltsam genug – hier oben zurückgelassen haben mochte. Es waren die Erzählungen Stevensons; er hatte eben jenes unvergleichliche Prunkstück von Prosa, Ollala, beendet . . . Zu welch einem Instrument des Ausdrucks, dachte er, kann die englische Sprache werden, wenn sie in der Hand eines musikalischen Meisters ruht! –Seine Sätze haben den Rhythmus einer weich dahinrauschenden, in kühler Sonne glitzernden Brandung . . . Gefühl äußersten Isoliertseins; Einsamkeit, in immer neu andrängenden Bildern sich um ihn türmend; Grundton der Melancholie gebundener Dinge, anschwellend, bis er in letztem Aufschrei birst –: dies alles stieg aus diesen Blättern auf, diesem schlechten Druck auf dem billigen Papier . . . Vereint mit der grauweißen Wasserdämmerung, umhüllte ihn die Betäubung des tiefen Eindrucks wie eine Wolke. Der Nebel unter dem Regen legte sich in Stufen auf die abfallende Wiese; schwarzgrün nickten ungeheure Blätter, sprangen steile Stämme ertrinkend hervor. Neue Nebelbänke rollten ab; zerflossen und gruppierten sich um in tiefster Stummheit; es war ein langsamquellendes Prallen an lebende Hindernisse; ein Kampf weichen Erdrosselns . . . Gerhart nahm einen Schluck von dem Wein; die innere Wärme breitete sich aus und zauberte Bilder aus dem Nebel. Seine Hände befühlten das Plaid, und es stieg sanft glühend und trächtig von Süße, Knaben-Schwermut empor –: dumpfes Eisensurren klang auf und metallisches 284 Dröhnen aus einer Welt, die nicht mehr Platz einnahm als zwei Sammetpolster einander gegenüber . . . Oder gab es noch, wie vor alters, einen Smyrnateppich, der in die Weite wucherte und unter einer dunkelgrünen Seidenportiere sein Ende fand –? – Und hinter dieser: – gab es noch die alte leise vertraute Stimme, und die müde nervöse Stirn mit graumelierten Schläfen, die unablässig rastlose, erdumfassende Pläne spann –? – Und jenseits der dicken Mauern des schmalen Hauses –: donnerte da noch das dunkle London –? Er war nicht älter geworden. Er hatte Muskeln von Stahl, fand sich, wie man wohl sagt, in der Welt zurecht und beherrschte Situationen als Mann gegen Mann. Aber doch war er nicht älter geworden seit damals, als er zwölfjährig auf jenem Teppich lag, den Kopf in die eine Achselhöhle gesenkt, und sein Gesicht ihm aus der polierten Eichenstanduhr entgegenschimmerte als runder weißer Fleck. Er traf wohl auf Roheit und rang sie lachend nieder; traf auf Dummheit und Herzensträgheit und stieß sie mit dem Fuß beiseite . . .: aber tief in ihm, anderen nie ersichtlich, fuhr der blonde behütete Knabe vom Teppich empor mit Abwehrgebärden; war in ihm Wut, Entsetzen und schrille Furcht vor etwas Unreinem , an dem er sich wider Willen besudeln müsse . . . Wer war der Mensch dort mit dem Gesicht wie Käsepapier? – Mit der Kloakenseele? – Du Bestie; – wage dich nicht in den Zirkel meiner Teppichträume! . . . Der Schutz des Mannes hinter dem Vorhang fehlt; auf denn, ihn wieder zu suchen! – Er bricht an einer Bahre zusammen in einem gläsernen Haus; immer führt dorthin der Weg zurück . . . Der im Spitzbart öffnet die Augen und blinzelt ihm liebevoll zu. »Mein junger Gerhart,« hört er ihn sagen; »fürchte dich nicht . . . Noch sind sie in der Überzahl; sie reißen dich hin und her, und noch hast du keine Heimat gleich mir . . . Aber 285 sei getrost; du wirst den mit dem Schlüssel finden; dann wird Frieden sein für dich und Unantastbarkeit. Mein armer blonder Sohn; ich mußte von dir gehen; doch ich bin überall und werde wachsen . . .«^ Wenn er sich nur immer an diesen Gedanken klammern könnte! – – Durfte es sein –: ja, war es überhaupt möglich, daß es einer rothaarigen Fratze gelingen konnte, diesen Glauben zu erschüttern? – – Gerhart ermannte sich und starrte in den Nebel. Der Widerwillen, mit dem er Grothusens gedachte, nahm die Form des Hasses an. »Den Teufel . . .« meinte er zu sich, – »wie in aller Welt komme ich nur dazu, auch nur die flüchtigste Betrachtung an diesen ordinären Kerl zu verschwenden? – – Was hat er mir angetan? – Bin ich behext? – Wie hat er es überhaupt zuwege gebracht, selbst noch in meiner Antipathie einen Platz zu finden? . . .« Von einer Möwenschwinge läuft das Wasser ab; – – auch wenn er sich im tiefsten Schlamm des Hafens getummelt, erhebt sich der Vogel wie ein Silberblitz . . . Hier aber wollte es scheinen, als sei es der Schwinge vorbestimmt, Spuren von Schmutz zu tragen; . . . als wirke die Besudelung strahlenförmig, und jede kleinste Daune fühle sie und spreize, plustere sich in Abwehr . . . »Es scheint, ich bin ein wenig zu zart geraten für meine Jahre,« unterhielt sich Gerhart mit seinem jüngeren Ich. Und dieses erwiderte: – – »Mein lieber Freund Gerhart Ollendiek: – just das befürchte ich auch . . . Du bist jetzt mehr als eine Dekade älter! – – Deine Haltung ist lebensfeindlich! – – Ich warne Dich! . . .« »Ich weiß das . . .« gab er zu. – – Er grübelte . . . Doch keine Hoffnung; keine Lösung stellte sich ein, der es sich verlohnt hätte nachzuforschen . . .   286 Der Regen trommelte unablässig auf das Wellblechdach. Der alte Carlson bewegte sich als krumme Silhouette auf einem Vorsprung umher, um die letzte Kuh hineinzutreiben; die Stimmen der beiden Mädchen klangen wie Frage- und Antwortruf der kleinen flüchtigen samoanischen Papageien zirpend vom hinteren Teil des Hauses und gingen in den Regengeräuschen unter. Die Sonne verblutete mit maßlosem Prunk hinter einer Wolkenlücke; Widerschein einer Brunst von Rot und Gold, wie vom Brand mächtiger Traumstädte, hing fransig über den tiefsten Bäumen und versank in des Urwalds samtener Schwärze. Noch herrschte Helle, fahle Halbhelle, in der alles erkennbar aufschwankte, von der Abendbrise bewegt; Gerhart wußte: der Tag, hier oben schon auf dem Sprung, zögerte unten noch am Strande. Plötzlich hatte er das dunkle unabweisbare Gefühl, daß jemand auf dem Weg sei zu ihm. Das Gefühl ward so stark, daß er sich erhob und nach der Richtung der Straße spähte . . . Verwundert über die seltsame Anwandlung, für die er sich keine Rechenschaft geben konnte, trat er zurück und setzte sich wieder, in Sinnen versunken. Tap, tap, tap kam ein Schritt, ein weicher Schritt, geradeswegs auf ihn zu . . . Doch nein; das war der Regen, der mit weichem Glucksen in die überfüllte Tonne lief. Es huschte ums Haus. – Auf einmal klang der Takt des Schrittes wieder auf, fern und verweht; wurde undeutlich; nahm längere Pausen; rannte dann in schnellerer, immer leiserer Lautkette; verwirrte sich und verstummte. – Die Nacht war da; tintenschwarz und sternlos. Aus dem Hause schoß der gedämpfte Strahl einer Lampe. Eines der Mädchen kam und setzte sie auf den Verandatisch. Mit unendlich trägen Bewegungen brachte sie ein karges Abendessen, Stück nach Stück; als Gerhart sie mit einer Bemerkung belohnte, lächelte sie töricht und sprach drei unverständliche Worte – auf schwedisch, wie ihn dünkte. Jeder Versuch zur Verständigung war nutzlos; das sah er 287 ein. Als sie fertig war, strich sie sich das fettige weißblonde Haar aus der Stirn und wartete. Er nickte, und sie zog sich schlürfend zurück. – Darauf hörte er einen eintönigen Singsang; ein langgezogenes »M–m–m« aus dem Kellerraum des Hauses und wußte, daß der alte Carlson nicht mehr zu ihm kommen werde. Es klang wie das Summen eines großen Käfers; auf einmal verirrte sich dieser Käfer; geriet in eine dunkle Gruft, an deren Wände er rasselnd prallte, und fiel, gleichmäßig weiterrasselnd, auf den Rücken. Der Greis hatte sich in den Schlaf gelullt; vielleicht an der Hand einer stillen sanften Trunkenheit. Die Einsamkeit schwoll wieder um Gerhart auf; er aß wenig. – Was bleibt mir übrig, dachte er, als dem Beispiel des alten Mannes zu folgen . . . So saß er da vor dem schwarzen Vorhang der Nacht. Zuweilen blähte sich dieser Vorhang, und Perlenschnüre blitzten weiß daran auf: der Regen. Allerhand Farben schwammen quirlend mit; dann und wann fiel ein verschwommenes Gesicht mit den Tropfen herab, das er nicht erkennen konnte. Eines, das immer wiederkehrte, hielt sich einen Pulsschlag lang zitternd; ein gespaltener Mund stand darin wie ein Dreieck . . . Gerhart kniff die Augen zusammen, nahm einen Schluck und öffnete sie wieder. Eine leicht grünliche Farbe hatte auf diesem Gesicht gelegen, an die er nicht denken wollte; ein Ausdruck von grotesker Pein . . . A bas! – – Nichts war da. Er war nervös geworden wie ein Weib . . . Jetzt jemand zu haben, dachte er, mit dem man sprechen könnte! Er erinnerte sich des jovialen Mr. Harrigan . . . Es ist dumm, daß ich mich nicht länger bei ihm aufgehalten habe; er hatte Humor und Güte. Ich glaube, er hatte mich gern . . . Er sann nach, und das Bad mit den Kindern in Safune fiel ihm wieder ein. Es funkelte und leuchtete vor der 288 Wand der Nacht. Wie schön war das: schwarze Lockenstrudel, aus denen Silber spritzte . . . Und da, als könne es nicht anders sein, gebar sich etwas aus der Nacht; entsprang etwas Faßbares dieser Regengruft . . . Zwei braune Hände schoben sich auf das Geländer. Sie verloschen nicht; sie blieben da. Gerharts Pfeife, die er gerade entzündet, fiel auf den Boden und sprang auseinander. Und so – mit denselben Bewegungen des Schattens, den er in Tufu erblickt, glitt dieselbe Form herüber. Ein Kopf erschien; eine junge hagere Brust, weich von Rippen gezeichnet, und zwei schlanke, kräftige Beine, die sich schnell über das Geländer schwangen. Es lebte, atmete hastig, sprühte und tropfte von kalter Nässe. Ein nackter brauner Knabe stand auf der anderen Seite des Tisches. Es war Petina. – Er hatte ein beschmutztes und nasses Stück Papier in der Hand.   Sich ermannend sah Gerhart, daß der Junge – überronnen von den Strömen, die aus der schwammartig getränkten Haarkappe quollen – vor Kälte bebte, und daß die weißen Zähne, im Lächeln entblößt, sich aufeinander rieben. So lockte er das junge Urwaldtier zu sich heran, knöpfte das naßkalte Hüfttuch auf, nahm das warme Plaid und rieb den zitternden Leib kräftig damit ab. Dann hüllte er es bis zum Hals hinein und bot ihm einen Schluck Portwein an. Zunächst zuckte Petina vor dem Glas zurück wie ein Fohlen, das seine weiche Nüster an einer Distel zersticht; dann wurde er zutraulicher und tat einen kleinen Schluck. – »Sei begrüßt, Petina!« sprachen Gerharts Augen. – »Ich wußte, daß du kommst, mein kleiner Bruder; ich habe dich erwartet! – Wie gefiel dir die Wanderung im Regen?« Und dies war's, was Petinas Augen zu erwidern schienen: »Der Regen begann bei Tanumalēto; hinter Vailima . . . Am Strand hatten wir nur ein kurzes Pladdern; schnelles 289 Herabzischen weißer Tropfen . . . Die Sonne ist zu mächtig – dort am Strande. »Aber steigt man, steigt man . . . dann greifen die krausen Wipfel nach den Wolken und lassen sie nicht los; und die Wolken vergessen es, zu segeln; sie betten sich, wälzen erdmatte Schwaden herab; spitze Wipfel durchbohren sie, und aus den Löchern quillt ihr graues Blut in stetem, endlosem Rieseln. »Nicht schütteln sie wilde, flüchtige Wassermengen aus, in silberner Unbeirrtheit des Weges wandernd, Spritzer von Segen schleudernd nach sonnigen Flachgefilden –: in die Hügel hängen sie sich und rasten in der großen Schwermut unendlicher Wiederkehr . . . »Warum ich die Stirn krause, willst du wissen, mein weißer unwissender Bruder? – Weil ich dir etwas berichten will, was du nicht glauben wirst – und doch war es so: »Meine Freunde, die Bäume, sind mitgewandert. »Wenn ich schnell den Kopf drehte, um sie zu ertappen, war ihre Bewegung erstarrt, und sie neckten mich mit ihrem Stillstand; wandte ich aber die Augen ab, so versichere ich dir: sie huben hinter mir zu wandern an . . . »Der Wald dröhnte; er donnerte von Regen; und wenn du Gießbäche zu hören meintest, so war's die Summe der schluchzenden Geräusche aus nah und fern – – monotones Trommeln war's und spritzender Triumph. Dabei verschlangen sich die Rinnsale rostrot in der grauen Wasserdämmerung; Dickichte schluckten den gelben Sturz. Lichter verloren ihre Bedeutung; da war nicht dunkel noch hellgrün mehr; alles ward regenfarben. »Mein Freund der Aoa wiegte in seiner Krone eine kleine Wolke ganz für sich und saugte sie auf; jede Fuge seines gelbgrünen Leibes schwitzte rinnende Perlen. »Das eisenharte Holz des Poumuli trank; ich, Petina, habe es trinken hören. Es ist, wie wenn man den Mund spitzt und die Luft einzieht: ein feines tausendfaches Sieden. »Fau war wild erregt; seine herzförmigen Blätter 290 schwankten im Tumult und peitschten die gelben Blüten; seine hastigen Atemstöße schickten Vanilleduft herab; den halben Weg über drohte er mir und spornte mich an, ähnlich wilde Gebärden zu machen. »Und der hochstämmige Farn! – »Er spreizte sich; jede Fieder lechzte an seinem kostbaren Schirm! »Er ist von allen der Lebendigste, daß ich dir's anvertraue; – Gatai mit seinen Dornen und A‘ute, im Brautschmuck zu purpurnen Schnüren gereihter Kandelaberblüten, sind stummes Holz an ihm gemessen; sind tot trotz kletternder Stränge und Zweigglieder! »Denn der Farn schießt empor, schlank und schnell bis zu meiner sechsfachen Länge; seine Kinder am Boden reichen kaum bis zur Höhe meiner Scham: auf einmal steht er da; mächtig und vom Stammumfang meiner Schenkel; und seine Blätter, in die man mich wickeln könnte, spotten meiner Knabenstärke! »Jede Fieder schleudert der anderen einen Tropfen zu; wechselnd wogen sie auf und nieder im entfalteten Schirm; stören Brisen ihn auf, so spreizt er sich höher und eitler; unerreichbar schwankt die hellgrüne Sternform, während das Seidenhaar der Rippenkeime von zerstäubtem Geschmeide funkelt! . . . »Durch all das Getümmel kämpfte ich meinen Weg. – Tausendfache Form raunte um mich . . . Es wurde schwarz, und der Kampf nahm zu. Die Herzen der Bäume begannen zu sprechen . . . Sie sprachen: ›Was eilt dort, erdfarbene Form, winzig und tief unter uns, den Turmhohen, dahin?‹ . . . »Die Schöpfung spähte mir nach. Stumme grüne Blicke trafen mich: phosphorleuchtende Pilze blinkten im Unterholz. Die Bäume neigten sich, mich zu betasten. Schlinggewächse zielten nach meinen Waden, als ich mich von der Straße auf die Seite verirrte. »Samtene Blätter tasteten über meinen feuchten Leib; 291 meine Kniee zerrissen die Verkettungen schleimiger Zellenbrunst; meine Hüfte spaltete Klumpen von Knospen und brach sie knirschend auseinander. Tote Äste stachen nach mir und krachten unter meiner nackten Sohle; Krallen griffen aus dem Dunkel und zerrten an meinem Lendentuch . . . »Doch ich fand mich auf den Weg zurück. Und dann sah ich das Licht, und das Licht lockte mich an . . . Die Bäume hinter mir klagen nach demselben Licht; hörst du sie klagen? – Aber sie können mir nicht nachschreiten hierher; ihre Bahnen sind vorgezeichnet; ihre Körper gebunden, riesenhaft gebunden dort im Dunkel . . .« Solches las Gerhart aus den dunklen Augen, die ihm verloren und scheu entgegenstarrten . . .   Nun sah sich Gerhart den Zettel, den Petina gebracht, näher an. Die Schrift war in Bleistift; die Buchstaben vom Schwung altgeübter Kontorkorrektheit. Doch hatte die beabsichtigte Kalligraphie, besonders wo sie zu Schnörkeln gedeihen wollte, mehrfach Schiffbruch gelitten. – Die Mitteilung selbst lautete: »Schicke erwähnten Sohn Ferdinand – Wird Sie morgen nach Mata‘utu begleiten – Wichtig für Sie – Bin krank – Nichts für ungut – Was? Gustav F. Grothusen.«   »Was habe ich mit ihm zu schaffen . . .« dachte Gerhart, und der Widerwille zwang ihn, das Papier fahren zu lassen, es schaudernd meidend wie die Berührung einer unreinen Hand. Er blickte auf und sah zwei weichgeschlitzte braune Augen – glänzend gleich regenfeuchten Beeren im Unterholz – erwartungsvoll auf sich geheftet. Petina hatte sich auf dem Boden niedergelassen. Das Plaid war von den kreuzförmig verschlungenen Beinen herabgeglitten; die schlanken Schenkel öffneten sich glänzend und glatt, von der rauchigen Farbe alten Elfenbeins. – Halbgetrocknete 292 dicke Büschel von Strähnen standen ungebändigt gleich einer wilden Gloriole vom Haupte ab. Das kecke Gesicht mit den weichen Backenknochen, besetzt von tiefschwarzer Wimpernseide, hob sich, die Witterung prüfend, in den goldenen Lampenstrahl. »Verstehst du deutsch?« fragte Gerhart. Ungeheure Konzentration vollzog sich in dem kleinen Gesicht; auf der weichen Stirn, die dicke Falten warf. – Ein Examen stand bevor; eine Untersuchung, geführt in erhabenen, fürchterlich abstrakten Begriffen, denen sein Hirn hoffnungslos widerstand . . . »I,« stieß er hervor. – Seine Kehle schwoll; seine Hände tasteten auf der Brust umher. – »I–ch . . . splä–ch . . . deits.« – Er lächelte atemlos und wartete die Wirkung ab. – Die »ch's« sprach er rauh; fast mit dem Wert »k«. Die Zunge des Samoaners bewegt sich ganz vorn zwischen den Zähnen; da ist ihr eigentlicher Tummelplatz; »r's« und »ch's« hingegen setzen Organe in Tätigkeit, deren Dasein sie neu entdecken müssen. – So schien die Tatsache, daß man den Schlund auch zum Sprechen gebrauchen könne, dem Knaben auch jetzt nur zögernd einzuleuchten. – Zunächst nahm er weiteres vorweg, indem er sprach: »I–ch . . . pitte . . . kofe.« Gerhart bereitete sofort auf dem Spirituskocher eine Portion Kaffee für sich und seinen jungen Gast. Petina schlürfte das heiße Getränk ohne Zucker und Milch aus einer großen Tasse, die ihm sehr gefiel. Er betrachtete sie lange und setzte sie dann neben sich hin; mit ritueller Bewegung. – Nun war er warm und zu Aufklärungen über das Tun und Treiben seiner gesamten Mitwelt erbötig – wenn es nur – gütiger Himmel! – mit dieser Bereitschaft sein Bewenden gehabt hätte! – Er vergaß sich und schwatzte eine lange Mitteilung in seinen gurrenden Mutterlauten; dann, die Ratlosigkeit Gerharts begreifend, lachte er halb belustigt und halb gelangweilt auf. 293 »Der . . . Vater . . . ist . . . klank,« buchstabierte er, wie aus der Fibel. »Was fehlt ihm denn?« Petina faßte nach seiner Kehle und schnitt eine Fratze. »K–l–a–n–k,« wiederholte er. Er deutete Luftmangel an; dann lächelte er wieder erwartungsvoll. – » Fiva, « setzte er hinzu. – Da er Gerhart nachsinnen sah, nahm er an, dieser habe ihn immer noch nicht verstanden; so gab er eine kleine Vorstellung. Er rollte sich auf dem Boden umher und schlug mit dem Kopf rhythmisch nach rechts und links auf die harten Bretter auf. »Sieh da,« dachte Gerhart. » D. T. – Das war zu erwarten. Was habe ich damit zu schaffen?« – Und laut sagte er – mehr bestätigend als fragend: »Ich weiß. – Zu viel Whisky.« Doch Petina hatte offenbar eine ganz andere Wirkung seiner kleinen Schauspielerleistung erwartet, denn er setzte sich straff auf, schüttelte heftig den Kopf und rief scharf, beinahe gellend: » Leai!! – Leai le Viski! « – Ja; es war erstaunlich; er nahm Partei! – Partei für seinen Vater! – Dahinter mußte etwas Bedeutsameres stecken. Gerhart war über den Erfolg seiner Äußerung immer verblüffter; denn Petina fuhr fort, Grothusen gegen die Zumutung in Schutz zu nehmen. Erstand auf – indem er das Plaid nach Art eines Lavalava mit einer Hand wieder um seine Hüfte drapierte – und näherte sich Gerhart stolpernd, als wolle er das Spiel: »Wettlauf im Sack« gewinnen. Um seinen Protest zu bestärken, versuchte er Gesten mit beiden Händen zu machen; dabei glitt er aus und wäre mit dem Kopf gegen die Tischkante gefallen, wenn Gerhart ihn nicht aufgefangen hätte. – » Leai le Viski! « wiederholte er dabei unablässig. » Fiva! Fiva! « – –; und schüttelte sich im Eifer der Demonstration. Gerhart strich ihm über den Scheitel und beruhigte ihn. 294 Allmählich glättete sich Petinas Stirn, und er klappte neben dem Stuhl im Hocksitz zusammen. Die Zigarettenschachtel erregte seine Aufmerksamkeit; er blinzelte verliebt nach dem bunten Deckel; Gerhart bemerkte es und gab ihm davon. So schmauchte Petina mit schnalzenden Anzeichen des Wohlbehagens; lockerte seine Stellung bequem, indem er den Rücken gegen das Geländer lehnte; stocherte sich zuweilen mit dem Streichholz zwischen den porzellanweißen Zähnen und gab zu erkennen, daß er zu allen weiteren Erläuterungen erbötig sei – nach wie vor. Zuweilen – aus einer leichten Verlegenheit vor dem beklemmend liebenswürdigen Pa‘alagi – krauste er die Nase. So vollführte er sein bildhaftes Gebaren eine Weile ganz für sich; und Gerhart betrachtete ihn gedankenvoll. Mit Englisch – dachte er – ist vielleicht mehr aus ihm herauszuholen; versuchen wir es einmal! – – In der Tat fiel es dem Jungen viel leichter, zusammenhängend zu antworten. Es ergab sich, daß Petina – wie zu erwarten stand – gar nicht nach Fiji gelangt war, sondern von Tonga mit dem nächsten Dampfer wieder zurückgefahren war. – Die Art, mit der des Vaters Arm plötzlich unsichtbar übers Meer schoß und ihn zu sich holte, war zu mysteriös gewesen, um ihm nicht erschrockenen Respekt einzujagen; offenbar war der Vater auf Tonga ebenso heimisch wie auf Samoa; denn ganz fremde und sehr heitere Leute hatten sich um Petina bemüht und ihn mit sanftem Zwang auf die »Manua« gesetzt, die gerade kohlte. –Dies war das Wesentliche, was Gerhart aus dem Schwall von Pidgin und Samoanisch, das Petina über ihn ergoß, herauslas. Was noch dazukam, verstand er nicht; doch Petina erleichterte ihm das Raten.   Er hatte auf Nukulaofa ein buntes, trommelndes, jauchzendes, mächtig entfaltetes Abenteuer erlebt: den Geburtstag des Königs Siaosi Tupou. 295 Tonga kam nicht aus den Wellen hervorgekrochen mit einem Halbdutzend Hügelspitzen, sondern schwamm auf dem Wasser als schnurgerade Linie von Palmenhäuptern; als flacher Hain, der mit weitem Schwung seine Arme öffnete. Ähnlich wie in Apia glitt man an der rotbraunen Leiche eines gestrandeten Schiffes vorbei. Und doch war es eine andere Welt . . . Sträucher gab es dort mit karminroten Blättern und kleine gestreifte Eidechsen mit grünblau schillernden Schwänzen. Die Leute erschienen schlanker als die zu Hause; ihre Stimmen klangen höher, und die Sprache, gewebt aus vielen ihm halbfremden Worten, sank auf ihn wie ein verwirrender Schleier. Als er eintraf, schien die ganze Insel durchklungen von leisen Akkorden, festlich heiteren. Die Pa‘alagi gingen an Land, und Petina folgte ihnen. Die Wege waren bestreut von überreifen Orangen, die puren Zucker schwitzten. Was er im Vorbeigehen auflesen konnte, hatte er gierig ausgeschlürft; Gesicht, Brust und Schoß dufteten ihm nach dem Saft . . . Da war eine große Mauer, und die Pa‘alagi gingen zum Tor hinein. – Gegenüber einer weißgetünchten Holzkirche mit Schnitzereien am Dach stand der »Palast« des Königs, ein geräumiges Bungalow, und die doppelte Veranda samt ihren Stufen war ganz mit Leuten besetzt. In der Mitte auf einem vergoldeten Schaukelstuhl, feist, kurzhaarig und kupferfarben, saß der König in einem Kranz von Familienmitgliedern und Räten; die Weißen nahmen sich sehr kümmerlich aus auf dem Hintergrund so strotzenden Prunkes; die beiden Malietoa gar erst, Tanu und Laupepa, wären von ihm – dessen war der Knabe sicher – behandelt worden wie die Bettelsippe von Salelesi! Die Sage lautet: In alter Zeit strandeten schiffbrüchige Südsee-Insulaner in einem gebrechlichen Boot in Saluasata. Sie setzten sich neben das Boot und wußten nicht, wo sie waren. Sie wurden gefangen und vor den Häuptling Mata‘afa gebracht (den Urvorfahr des jetzigen), den sie um Schutz baten. Er sagte: Ich gebe euch ein Stück Land und gewähre euch Essen an meinem Tisch. – Sie ließen sich in Salelesi nieder. Nach Geschlechtern vermehrten sie sich und bauten sich eine hübsche Dorfschaft. Doch keiner von ihnen vergaß je, daß der König ihren Vorfahren das beste Stück versprochen hatte von seinem Tisch. Seitdem hat sich diese Sitte so zäh erhalten, daß sie selbst heutzutage von keinem Häuptling verletzt wird. Wenn ein Salelesi-Mann in eine Hütte kommt, so setzt er sich in die hinterste Ecke, tut kleine Dienste, wie Anbieten der Kawa, und wenn sie getrunken ist, schreit er: »Ui-hai-ho« und nimmt das Beste mit. – Um die Sitte nie in Vergessenheit geraten zu lassen, landen sie jedesmal, wenn es irgendwo eine große Festlichkeit gibt, nackt in einem lecken Boot und mimen den sagenhaften Schiffbruch. Der Alte Mann von Salelesi ist seit Mata‘afas Zeilen sozusagen der Hofnarr jeder Königsfamilie. Sie hocken sich nackt auf den Strand, und um sich als Schiffbrüchige zu zeigen, pissen sie nach rechts und links. Wenn man sie zugelassen hat, nehmen sie immer die schönsten Tapas und Schweine mit. – Auf dem Rasenplatz vor der Kirche, hufeisenförmig, waren die Tänzer gruppiert: hinten war eine Reihe von Männern aufgestellt, und vor ihnen hockten die Mädchen. 296 Petina erläuterte das, indem er mit dem Finger auf dem Tisch Linien zog . . . Dann begann der Tanz. Die Mädchen blieben sitzen und machten sehr schöne Hand- und Fußbewegungen; das zeigte Petina, indem er mit den Fußsohlen wippte und dazu klatschte. Gleichzeitig – hier sprang er auf – taten die Männer ihre Tanzschritte: – er machte, das Tuch von seiner Hüfte schleudernd, wiegende Ausfälle nach beiden Seiten; und vor Gerharts Augen wogte die rhythmisch bewegte Reihe. Dazu sangen sie . . . Petina begann in dunkler, dann hellerer Stimme zu singen; jeder Vers endete in drei langgezogenen, von scharfen Zäsuren zerteilten Trillern. Das schwache Echo des Liedes klang wie ein melancholischer Käuzleinpfiff und sickerte taub in die Feuchte; doch in Gerharts Ohren erwachte ein Orgelton . . . Immer schneller geschahen die Ausfälle mit rechtwinklig gebeugtem Knie; der junge Tänzer stemmte die Hände in die Hüften und feuerte sich selbst an, »jach, jach, jach . . .« dazu keuchend . . . In seinem Kopf begannen die Töne, die er gehört, zu rumoren; die Farben durcheinander zu fließen. In sein Gedächtnis trat die lange Reihe rundlicher Mädchen, ihre Sammet- und Seidenkleider in Bastmatten gewickelt und mit Blätterbüscheln und scharf riechenden Blumen bis an die Hälse besteckt wie Kühe bei malaiischen Hirtenfesten; flammende Buntheit war's und rasselnder Takt von Fruchthülsenbündeln an fetten, nackten, hellkaffeebraunen Waden . . . Immer irrer, immer maschinenhafter wogten die Reihen vor des Knaben geschlossenen Augen, bis sich zuletzt eine einzige Farbenwoge mit durchdringendem Gesamtgeschrei auf ihn stürzte . . . Er taumelte, setzte sich hart auf den Boden, mit einem Ruck, mit einem letzten schrillen » Jach! « – – und wartete, bis der Aufruhr seiner Lungen sich legte. Der Schweiß seiner bebenden Flanken schimmerte matt im Lampenlicht. Dann blinzelte er, fand sich zurecht, lächelte und zog eine Falte des Plaids über seine Scham. 297 Gerhart erinnerte sich von Sawaii her im glücklichen Moment eines samoanischen Wortes. – » Mali‘e! « rief er und trommelte auf den Tisch. Der Junge geriet sofort in ein fassungsloses Entzücken. » Mali‘e! « prustete er und fiel der Länge nach auf den Rücken. » Mali‘e Petina! « – Als er sich erholt hatte, gab er an, dasselbe hätte der Hauptsprecher Siaosis gerufen, ein Mann mit einer ungeheuren krummen Nase, und habe sich ganz heiser geschrien, so oft die Tanzfiguren wechselten . . . Der König jedoch, im Rahmen der offenen Tür auf seinem Paradesessel, habe nur gegrunzt. Die Pa‘alagi hätten » Blavo « gerufen; und die Pa‘alagi-Frauen hätten kleine schwarze Kästen in die Luft gehalten – was an sich betrachtet ein seltsames Gebaren gewesen sei von seiten der Pa‘alagi-Frauen. Nachher seien die Engländer zum König gegangen, hätten ihn »Pita« genannt und zum Abendessen eingeladen; – ihn selbst, Petina, hätten sie nicht eingeladen, sondern ihm gesagt, sein Vater habe ihm befohlen zurückzufahren. – Er habe nicht gewollt und wäre gern länger bei den Tonganern geblieben; aber nach zwei Tagen sei die »Manua« gekommen, und er sei trotz Strampelns und Schreiens auf diese verfrachtet worden . . . Sein Vater sei stark; stark sei Kotūsa. Er habe gerufen: Petina komm zurück! – und seine Stimme habe bis nach Tonga geklungen. Er, Petina, habe eingesehen, daß es nicht gut sei, sich ihm zu widersetzen. Er gehe auch nicht mehr zum Misi Etimano, sondern schlafe beim Vater; – sein Mund ward ganz rund; offenbar hatte ein gewichtiger Respekt neuerdings in seinem Herzen Einzug gehalten. – Und der Vater schreie nicht mehr, noch mißhandele er ihn. Er habe ihm sogar ein grünseidenes Taschentuch geschenkt, das er in Ermangelung einer Brusttasche auf der Strandstraße um den Hals gewickelt trage; und es gebe Leute, die sich im Zweifel darüber seien, ob er nicht ein englischer Soldat geworden sei . . . Gerhart wartete, bis Petina mit seiner Jagd nach Worten 298 und mit seinem Gestikulieren fertig war; plötzlich sagte er langsam, ihn dabei scharf betrachtend: »Ich gehe nicht mit dir. – Ich gehe nicht zu Kotūsa. – Er ist schlecht . . . no good « Und er machte eine kurze Gebärde, die Grothusen dahin schaffte, wohin er ihn haben wollte; nämlich: ins Nichts. – Petina tat den Mund auf, angestrengt denkend; dann begriff er. Sofort nahm er den Zettel vom Tisch und hielt ihn Gerhart so dicht als tunlich vors Gesicht. – »Du sollst gehen! . . .« stieß er dabei hervor, voll Energie. Und als Gerhart den Kopf schüttelte, deutete er mit dem Finger auf die halbverwischte Bleistiftschrift und stampfte mit der nackten Sohle auf, daß der Verandaboden dröhnte. »Du mußt! . . .« rief er schrill. Die Welt konnte untergehen; aber hier lag etwas Geschriebenes vor! – Und Petina hatte gelernt, daß Mißachtung von Geschriebenem, von Schwarz auf Weiß, sehr böse Folgen nach sich zog! Da Gerharts ablehnende Haltung andauerte, wurde Petina tätlich. Er griff mit beiden Händen nach dem weichen Hemdkragen des Widerspenstigen und machte alle Miene, die Knöpfe abzureißen. Gerhart faßte ihn um den Leib, hob ihn wie eine Feder empor und setzte ihn an seinen Platz zurück, voll sanfter Entschiedenheit. Petina, seine Ohnmacht erkennend, warf ihm unter düsteren Brauen herauf durch die Schwärze seiner herabgefallenen feuchten Strähnen düstere Blicke zu. Plötzlich bekam er einen Anfall von Wut und hieb mit der Stirn gegen das Geländer. Er wußte, daß der Vater nicht anstehen würde, den Mautofu-Stock an seinen nackten Beinen zu zersplittern, wenn die Sendung nicht die gewünschten Früchte trage; ferner war Kotūsa krank, und Tai war krank, und es schien eine Sache auf Leben und Tod zu sein, daß der junge Pa‘alagi komme. Auch war dieser großäugig und freundlich und für Petina just der richtige Umgang, wie ihn dünkte . . . Gerhart fühlte die Dringlichkeit, mit der man ihn wünschte. So sagte er: »Komm her!« – Petina näherte sich zögernd, 299 und Gerhart zog ihn auf die Kniee, ihn leicht liebkosend. – »Ich will mir's überlegen . . . bis morgen früh. – – – Denken . . . denken . . .« fügte er hinzu und deutete nach seiner Stirn. Petina war erstaunt. – » O lele‘i « meinte er und schmiegte sich befriedigt an ihn. Plötzlich sprach er mit schöner Einfachheit: » Fiamo‘e «. Gerhart trug ihn lachend wie ein Spielzeug ins Zimmer. Petina lehnte es nachdrücklich ab, auf dem Bett zu schlafen, und ließ sich durchaus mit einem Kissen am Boden und dem Plaid begnügen. Gerhart zog sich aus und legte sich nieder. Die Lampe stellte er auf den Nachttisch. Er war nicht schläfrig, denn die widersprechendsten Gedanken bewegten ihn. – Die Kraft des Regens hatte sich aufgelöst; es rieselte dünner und ferner; zuweilen bei einem Windstoß traten Pausen ein . . . Gerhart blickte nach dem schwarzen Kopf dort am Boden, der gerade noch aus der Umhüllung des Plaids herausstak. Eine lange Kette von Minuten glitt zögernd mit leisem Klirren ins Nichts. Die Lampe blakte auf und brannte um einen Grad trüber. – Auf einmal stöhnte Petina, murmelte und warf sich herum. Das Plaid glitt von seinem hellen Leib. Seine schlaftrunkene Hand zuckte umher, als ob er jemand suche, und blieb dann auf der Hüfte liegen. Ein Schenkel lag im Dunklen; der andere, halb aufgerichtet, schob sich mit mattblinkendem Knie ins trübgoldene Licht. Der Atem ließ die Schatten auf seinem schmalen Bauch wachsen und schrumpfen. Er lag da, vollkommene Form, mit all der unbewußten Grazie des schlafenden Tieres. Gerharts Augen ruhten auf ihm wohl durch die Dauer zweier Stunden. – Und je länger er starrte, desto fremder, abweisender, entrückter erschien ihm die vollkommene Form dort am Boden. Die Vorstellungen, die jenes schlummernde Inselgesicht kreuzten mit leisem Zucken der Wangen, entschlüpften seinem Griff unter siebenfache Siegel; – da war keine Brücke; nicht einmal die des Blutes. Wo gab es 300 da den leisesten Anschein einer weißen Vaterschaft, die leiseste Möglichkeit eines Nährbodens für Dinge, unzugänglich für Sicht und Gefühl schwarzer Augen, olivbrauner Glieder? – Ja, auf dem Gang von Palauli nach dem Sili – da hatte er diesen selben Petina mit allerhand schimmernden Attributen behängt; hatte ihm einen Schrein errichtet, darin jener hockte wie ein vergnüglicher, allwissender kleiner Gott . . . . Er hatte ihn sich weise gedacht darum, daß das Blut zu gleichen Teilen aus ihm sprach; hatte ihn sich verwandt geträumt als einen, der sich ungebunden auf der Grenzscheide zweier Rassen tummelte – –: suchenden Verständnisses voll und doch zerrissen in sich, weil er nicht wußte, in welche er tauchen solle mit Leib und Seele, des Friedens halber. – Sieh da: – dieser kleine Schrein stürzte zusammen. Der nackte Knabe dort, derselbe Petina, war nimmer ein Gefährte für ihn; nimmer einer, dem dieselben Unruhen die Brust beengen würden. Das Problem ging in Rauch auf; ein wenig Lächerlichkeit war alles, was zurückblieb. Keine tragische Puppe der Umstände war's, die dort ihr Los im Schlaf vergaß; das war keiner, dem eine »Erziehung« – noch dazu nach Grothusenschem Muster – zur Vollkommenheit fehlte. Der dort war bereits vollkommen; mit allen Reizen seines Volkes bedacht. Der war kein Halbweißer, der etwa in Seelenpein an seine Brust gesunken wäre, die eigenen Eltern bilderreich verwünschend; der war ein ganz eindeutiger, beschränkter, erdgebundener, liebenswürdiger Samoaner – aber eben doch nur – – ein Samoaner! – Man konnte sich wohl Verschiedenes in ihn hineindenken; weder seine schöne Körperform noch sein munteres Auge verwehrten das; man konnte ihn lieben oder geringschätzig überblicken – das verschlug nichts; was gilt es dem Farnbaum, ob du ihn betrachtest? Er hat das vollkommene Dasein: die große Unabhängigkeit des Pflanzlichen. Er sieht das Meer nicht: so gibt es kein Meer. Für ihn gilt 301 der Umkreis, an den seine gefiederten Blätter stoßen, und das Stück blauer Tiefe über ihm. Seine Gemütsbewegungen sind Windstöße, gelindert durch eine Mauer von eifersüchtig-strotzendem Laub. Was gilt diesem samoanischen Knaben ein Meer von Empfindungen, von »Ausbildungs-« oder gar »Rettungs-«versuchen? . . . Störe sie nicht auf, die wenigen weißen Tropfen, die schlummernd durch das Dunkel rollen. Überlaß ihn der Rasse, die er sich erwählt; willst du ihn seiner Heimat entreißen wollen, weil du die deine nicht finden kannst? . . . Die Nacht schritt vor. Kein Schlaf kam in Gerharts Augen; er spürte die Einsamkeit stärker denn je, weil er keine Brücke zu dem seltsamen Leben fand, das neben ihm atmete. – »Ich werde morgen mit ihm nach Apia gehen,« beschloß er. – »Wenn mein rothaariger Buchhalter auch nichts anderes verspricht –: für eine Abwechslung steht er gut.« Er sah nach Petina herüber, und eine Trauer, gemischt mit dumpfem Erschrecken, kam ihn an. – »Sollte dies alles«, dachte er, »wirklich so ernüchternd, so widerlich durchschaubar sein –?« Das Phantom mit der Häkelspitze Grothusen war erhöht worden. Er saß auf einem Thron, in Erhabenheit und mit einer Weisheit begabt, die nicht von dieser Welt war und über allem Irdischen waltete. Gebückte Sklaven näherten sich und reichten ihm kühlende Getränke. Von den fernen Stufen des Thrones kam ab und zu ein Windhauch wie aus einem Backofen; es mußte dort, wo die Gestalten hantierten und hin und her eilten, eine beträchtliche Hitze herrschen. – Was focht ihn die Hitze an! – Hoch saß er und lächelte die Glut nieder, die an ihm emporzulecken suchte . . . Man hatte die eigensinnige 302 Beharrlichkeit, die roten Wände des großen ovalen Saales, den er überblickte, wie Vorhänge auseinanderzuschlagen und zu verschwinden; jedesmal, wenn man das tat, kam ein Stück Weißglut zum Vorschein; es tat ihm ungeheuer weh, so als zwinge man ihn mit verstümmelten Augendeckeln auf die Kohlenstäbe einer Bogenflamme zu starren . . . Doch geschah dies immer seltener, da er das Verbot erließ, jene Wände nicht zu stören, sondern sie unbehindert ihre langsame Kreisbewegung vollführen zu lassen. Das Fieber hatte in Grothusens ausgemergeltem Körper vor fünf Tagen ein hitziges Nest gebaut und eine seltsame Brut in seinem Hirn ausgeheckt, die an jedem hohen Nachmittag halbflügge über den Bettrand kroch, heruntertaumelte und unter zuckenden Verwandlungen die Hütte bevölkerte. Er sah den Schemen mit einem gewissen Interesse und munter zu; jeden Nachmittag um sechs Uhr. Es wurden ihrer immer mehr, und er hatte eine Art entrückten Gefallens an ihnen; nur beunruhigte es ihn, wenn ihre wachsende Anzahl die kompakteren Figuren, die er in hellen Momenten Tai und Petina nannte, zu verdunkeln suchte. – – – Einmal war der Doktor Säuerlich gekommen und hatte – schadenfroh, wie ihn dünkte – geschrien: »Was saufen Sie denn da?! – Kawa und Whisky? – Eine nette Diät für Typhus! – Marsch mit Ihnen ins Hospital! – –« Was darauf erfolgte, das gab der Doktor einem gewissen Herrn Ollendiek – der ihn Grothusens halber später aufsuchte und sich anerbot, für dessen Verpflegung zu zahlen – unwirsch mit diesen Worten zu verstehen: »Zeugt von Großherzigkeit und ehrt Sie, junger Mann, daß Sie sich unseres Freundes annehmen wollen. – Kenne ihn aber besser als Sie. – Patient ist Säufer seit Anbeginn. Diagnose des Falles: ›Hoffnungslos‹. – Der Mann brennt aus, verstehen Sie; – brennt aus wie der letzte Fetzen Docht in einem Talglicht. Nicht für einen Nickel Widerstand im System; Sache von Tagen; Tropenleiche . . . Herr! – 303 Natürlich weiß ich Bescheid; wo zum Teufel soll ich aber jetzt Beef-Tea und kalte Bäder hernehmen? Und das farbige Personal ist mir weggerannt . . . Die Engländer kommen jeden Moment . . . Habe alle Hände voll . . . Und dann noch eins: wenn der Arzt aus Menschenliebe kommt, und er wird zum Dank tätlich hinausgeworfen, dann wäscht er seine Hände und übergibt den Fall dem allerhöchsten Kollegen. Ich weiß selbst nicht, wo ich übermorgen bin; und da soll ich das obstinate Vieh wohl noch bitten, sich herabzulassen; was? – Gnädigst zu gestatten, daß man es behandelt; he? – – Nichts zu machen!« Dies sprach Doktor Säuerlich.   Um zu Grothusen zurückzukehren, so saß er auf dem Bett, dessen altersmorsche Lade zuweilen wehmütig aufknarzte, und fuhr fort, Befehle an teils imaginäre, teils reale Personen zu erlassen. Gelegentlich einer Weißglutaffäre, die länger dauerte als gewöhnlich und ihn schmerzte, nahm er die Silhouette einer ihm bekannt scheinenden Person wahr. Als der Lichtüberschuß wieder abgedämpft war, bemerkte er die Gegenwart Gerharts. Zudem traf dessen Ankunft in den Vormittag, also in eine Zeit, wo Grothusen imstande war, halbwegs klar zu denken. Er bemerkte daher auch, daß der Besucher bei seinem Anblick zusammenfuhr, und er verfiel mit der Absicht, heiter zu wirken, in ein schwachatmiges Gekräh – es gemahnte an jene schauerlichen Gurgellaute, die ein Hahn ausstößt, wenn man ihn zu Schlachtzwecken in eine dunkle Regentonne sperrt. Er saß kreuzbeinig auf einer harten Matratze, mit einem Kissen im Rücken, dessen Überzug von Tai frisch gestärkt war und von Sauberkeit leuchtete. Die Farbe seines Gesichtes, von verwildertem Haupt- und Schnurrbarthaar rostrot überschattet, hob sich kaum von diesem Kissen ab. Eine zitternde, ätherisch leichte Hand, weißblau und spinnenfingrig, streckte sich zur Begrüßung vor. Gerhart ließ sie 304 eine Weile in der Luft schwanken, ehe er sie flüchtig berührte. Ihn schauderte. »Freut mich; freut mich,« schallte es ihm entgegen. – »Geht mir nicht zum Besten; kann keinen festen Fraß verdauen . . . Säuerlich war hier; polizeimäßig; verstehen Sie . . . Wollte mich arretieren; fürs Hospital . . . Aber ich weiß schwer Bescheid! – Durchsichtige Finte! – Unschädlich wollen sie mich machen; traue Säuerlich nicht über den Weg! –« Mit heiserem Flüstern: »Morgen oder übermorgen . . . da kommen die anderen . . . Ich kann es fühlen; in allen Knochen fühl ich's . . . Passen Sie auf: ein graues Pünktchen . . . noch ein graues Pünktchen . . . Ha: und dann eine Breitseite; eine gesunde Breitseite! – Die schießen nicht mit Erbsen! – – Nehmen Sie Platz.« Da er Gerhart zögern sah, schrie er heiter: »Nur keine Umstände! – Der Grothusen mag nicht ganz auf dem Damm sein: der Alte ist er aber immer noch! . . . Das heißt –« und er sank etwas zusammen – »neulich ist er bös aus dem Rahmen gefallen. – Das erstemal.« Er blickte grübelnd und finster auf; dann rief er mit Stentorstimme: » Sau ia! « Gerhart bemerkte erst jetzt, daß Tai zugegen war. Sie saß im entferntesten und dunkelsten Winkel der Hütte, unauffällig mit sich selbst beschäftigt. Ihr schwerer Kopf mit gelöstem Haar hing über der schmalschultrigen Figur; ihre große Nase war gekraust; sie erweckte irgendwie den Eindruck, als friere sie. Ihre moorbraunen Augen wanderten mit der gleitenden Entlegenheit, die höheren Affen eigentümlich ist, auf der Matte umher. Als Gerhart eingetreten war, hatte sie ihn gemustert; doch war weder das leiseste Zeichen der Erkenntnis in ihren dunklen Pupillen aufgeglommen, noch hatte ihre Haltung sich im geringsten verändert. – Als Grothusen nach ihr schrie, zuckte sie heftig auf, als habe man sie aus dem Schlaf geweckt; dann sammelte sie eilfertig 305 die Falten des Tuches, schlug sie um sich herum und schritt herüber. Ein großer Aufwand von Stirnfältchen und der erwartungsvoll geöffnete Mund gab ihrem Gesicht den Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit . . . Grothusen deutete nach seiner Kehle. – » Fia‘inu, « erklärte er. Sie starrte ihn angestrengt an. – » I, « flüsterte sie dann und schritt eilig in den Winkel zurück. Dort stand die halbgefüllte Kawabowle. Sie ergriff den Kokusbecher, doch etwas Außerordentliches geschah: – Statt ihn zu füllen, hielt sie ihn eine Weile in der Hand. Dann drehte sie ihn langsam hin und her, in tiefste Betrachtung der eingeritzten Muster versunken. Mit der größten Gleichmütigkeit, immer noch mit dem Becher spielend, ließ sie sich auf dem Boden nieder; und nach einiger Zeit begannen ihre Augen das alte ruhevoll-entlegene Wandern. Grothusen richtete sich mühsam höher und versuchte über den Rand der Bettlade zu spähen. Ein fahler Schatten von Blut ging über sein Gesicht; doch was Gerhart in diesem Moment erwartete – ein erneuter Befehl, etwa verstärkt durch einen silbenreichen Fluch – geschah nicht. Mit allen Anzeichen von Ratlosigkeit sank der Kranke in seine hockende Stellung zurück. Seine zitternde Hand suchte die Brille zu ertasten; Gerhart glitt herzu und reichte sie ihm. – »Danke,« flüsterte Grothusen. »Sehen Sie mal nach, was sie da macht . . . dort hinten . . .« Gerhart blickte hinüber. – »Sie hat den Becher weggelegt. – Sie sitzt und zupft Fasern aus den Matten heraus.« »So, so,« sagte Grothusen tonlos. – – – »Donnerwetter.« – – Gerhart trat zu Tai, nahm ihr sanft den Becher aus der Hand und füllte ihn. – Sie lächelte gütig. – Dann brachte er ihn zu Grothusen . . . Kurz darauf geriet Tai plötzlich in 306 Bewegung, als wolle sie Versäumtes nachholen; ihre Augen suchten ruhelos auf der Waschkiste umher. Dann ergriff sie eine leere Cornedbeefbüchse, die als Zahnputzglas diente, trug sie herüber und setzte sie mit freundlich-nachsichtigem Lächeln und unendlicher Vorsicht auf die Bettdecke an die Seite des Kranken. – Grothusen sah ihr verblüfft zu, murmelte: » Fa‘afetai « und blickte ihr lauernd nach, als sie zurückschritt. –Dann sprach er kaum hörbar, – zum zweitenmal –: »Donnerwetter . . .« Tropfen erschienen auf seiner mißfarbenen Stirn. Ein großes grünseidenes Tuch war zur Hand – offenbar das, mit dem er Petina beschenkt –; er trocknete sich nachdenklich ab. Ein schiefer Blick – so, als wolle er sich über Peinvolles Rats erholen, schrecke aber noch halb davor zurück – glitt auf Gerhart. Diesem gelang es nicht, seine Züge zu bemeistern. Mit dem Scharfblick des Kranken nahm Grothusen das schnelle Mienenspiel in dem jungen Gesicht wahr. Er tat ein längeres Räuspern und begann mit Überwindung: »Bin 'n roher Mensch; ja, das bin ich; und wenn Sie zehnmal sagen: nein« – Gerhart deutete ihm durch nichts an, daß er ihm nicht vollkommen beistimme; trotzdem erhöhte Grothusen beteuernd seine Stimme – »ich bin 'n roher Mensch; verroht, verstehen Sie . . . Die besseren Gefühle sind zum Teufel . . . Ganz recht haben Sie gehabt, daß Sie mich in Letui angepackt haben und mir die Standrede gehalten haben . . . Meinen Sohn Ferdinand hab' ich mir telegraphisch von Tonga zurückbeordert; die in Suva wollen auch keinen Schmarotzer auf der Pelle; kann ihn selber jetzt besser brauchen . . . Wenn ich dahin bin, und das dauert nicht mehr lang, vererb' ich ihn Ihnen; das hab' ich Ihnen versprochen und dabei bleibt's; 'ne Prachterziehung sollen Sie ihm geben; 's ist der Sohn des Weißen Mannes; und ich hatte 'ne große Zukunft vor mir . . . 'ne Künstlerzukunft, straf mich Gott . . . 307 »Vergessen Sie die Szene in Letui! Bin böse aus dem Rahmen gefallen; sehe das ein. –Tai hat zwar ihr Geld – meiner Kinder Geld – an die Pfaffen von der London Mission verschenkt; ist aber 'n treues Weib; wie Gold ist das Weib . . . und ich kriegte wieder meinen Tropenzorn und machte ihr die Hölle heiß und sah weder rechts noch links . . . Sollen sich deswegen aber kein falsches Bild vom Grothusen machen! . . . Da ist die Strafe!« – Er reckte sich plötzlich auf, mit einem schneidend emporgewundenen Schrei, und deutete mit schwankender Hand nach dem Winkel in der Dunkelheit . . . »Da ist die Strafe! – Da sitzt sie und zupft Fasern aus der Matte! – Bringt mir leere Cornedbeefbüchsen, wenn ich Kawa verlange! – Das habe ich nicht gewollt; weiß der Himmel; das habe ich nicht gewollt! . . .« – Seine Stirnhaut, in tiefe Rinnen zerlegt, sprach von übermächtiger Sorge. Uralt sah er aus, von Runzeln bedeckt; und die matten Gesten seiner Arme krochen das Leinentuch entlang. Dann, sich bäumend im Fieberschweiß, knickte der schwache Körper kraftlos im Kreuz. Gerhart sprang herzu und richtete ihn wieder auf. Die Berührung seiner Hände schien Grothusen zu beruhigen; er schloß die Augen und saß eine Weile still. – Mit scharfem Blick und dem Pathos eines Pedanten, der einen unterbrochenen Vortrag aufnimmt, hob er wieder an: »Trage selber die Schuld . . . Wie 'n Pascha bin ich hier gesessen, und sie hat nach meiner Pfeife getanzt . . . Sieben Kinder hat sie mir geboren; positiv hat sie das; meine was ich sage: mir . . .« Er nahm einen Schluck ›Scotch‹, legte die Flasche wie ein saugendes Kind an seine Seite und beschloß mit leicht geröteten Zügen: »Eine Leistung! – Gebären Sie mal sieben Kinder! – – – Und was tue ich –? . . . Fußtritte geb' ich ihr . . . »Eins hab' ich Ihnen erklären wollen: eins ist von Wichtigkeit in meinem Brief . . . Es hat seine Gründe, weshalb ich so geworden bin; schwere Gründe . . . Mächtig flink 308 sprang sie neulich in den Busch; nicht wahr? – – Wer kennt so 'ne Seele . . . Auf einmal zerreißt was, und die Kontrolle ist weg . . . Jetzt sitzt sie da und zupft Fasern aus den Matten! . . . Es ist ein blutiges Mißgeschick . . .« Er murmelte weiter. Sein Kopf sank nach vorn; die fieberglänzenden Augen, mit ihrem trockenen verwaschenen Blau, starrten auf die Kniee herab . . .   Petina drückte sich vorsichtig mit einem dampfenden Blechgefäß herein. Es war die Suppe aus einem von Gerhart gestifteten Huhn; er hatte jedoch dem Jungen befohlen, die Herkunft des Geschenkes zu verheimlichen. – Als Grothusen die Brühe schlürfte, erfuhr er deshalb, sie stamme von Tanu. Dies schien ihn zu rühren. »Edles Volk,« ließ er sich, munterer geworden, vernehmen. – »Hat Rasse im Leib, dieser Tanu; erst kürzlich hat er mir eine Staatsvisite gemacht; traf mich leider nicht zu Hause . . . Hat immer auf Etikette gehalten; genau wie der alte Herr Laupepa . . . Den besuchte ich mal an einem verregneten Tag, als noch schlechte Fühlung war unter den Gegenparteien; war damals noch jünger; habe aber immer Sinn für Stil gehabt! – Der Palast war 'ne traurige Hütte, wie diese hier; und für meine erste ›Königskawa‹ holte mir der Alte 'ne Kokusschale von der Feuerstelle, pustete hinein und kratzte den Hühnerdreck heraus . . . Die Soldaten flirteten im Mädchenhaus; er klatschte in die Hände: da kamen sie mit wackelnden Knieen und wurden zu zwei Wochen verdonnert . . . Dabei hatte er nicht einmal seinen Ipu  –! . . . Aber Höflichkeit; Rasse; Form! – Das hält Stich! – ›Ich sitze nicht gut auf meinem S-tuhl‹, sagte er; genau das waren seine Worte. – Haha! –: ›Ich sitze nicht gut auf meinem Stuhl!‹ –« Grothusen begeisterte sich. – Sein Geist begann zu wandern. 309 »Ja, das sagte er mir, und das sagte er aus Höflichkeit . . . ›Bisch 'n feiner Kerl, Patuitui,‹ sagte er; und da hatte er recht . . . Ich war jung, verstehen Sie; und wenn's auch jetzt vorbei ist: fühle mich immer noch der Sache gewachsen . . . Hab' auch mein Preislied gehabt; als junger Bulle hab' ich mir das gesungen; war der Hahn im Korb . . . Von Wurmbrand meinte, es sei tadellos; hat mir bei der Melodie geholfen . . .« Und Grothusen begann seinen »Manaia-Sang«. – Es klang wie keines Menschen Stimme; eher wie eine Art animalischem Plärrens . . . Rote Flecken erblühten auf seinen Backenknochen. Er schrieb den Rhythmus mit magerem Zeigefinger in die Luft. Petina platzte heraus; konvulsivisches Gelächter erfaßte ihn; er warf sich auf den Boden und schrie ganz hoch: » U–i–i « . . . Grothusen ließ sich das nicht anfechten; er plärrte weiter . . . Gerhart ging. – Wie aus dem Inneren eines Tollhauses scholl es hinter ihm drein: » O‘ute pa te fatāū... « Noch als er die Wiese überschritten hatte, erreichte in kurzen Abständen ein bellendes » āū « sein Ohr . . . * Grothusen richtet sich auf. – Es ist sechs Uhr. Die Hütte wimmelt von Schemen. Halb vorgebeugt und böse glupend, wie ein Fuchs, starrt er in das Treiben. – Auf einmal packt er seinen Fliegenwedel und saust mit einem Satz aus dem Bett. Der Roßhaarschweif zuckt pfeifend durch die Luft; es bildet sich eine Gasse. – Zwischen Tisch und Mittelpfosten wird der Weg frei; er taumelt auf einer schnurgeraden Linie bis zum Ende der Hütte; seine nackten Füße klatschen auf den Matten. – Blitzschnell dreht er sich um . . . Eine 310 Kette von Fratzen verdämmert hinter ihm; scheint sich aufzulösen . . . Doch da steht noch ein Kerl, mit den Händen im Hosensack: – der Mann mit dem Starken Kiefer. Der rührt sich nicht und wälzt mit der Zunge die Zigarre in den anderen Mundwinkel; wo der schwarze Stummel sich einklemmt, entsteht eine runde Falte im unrasierten Backenfleisch. – » You're fired, « sagt er gurgelnd. – » There's your pay. « – Zwei, drei dreckige Dollarscheine flattern aus seiner haarigen Tatze. Dem Mann ist nichts anzuhaben; wie ein Block zerquetscht er jedes Argument. Er ähnelt McGrew . . . Oder ist es der Manager von den ›Dakota-Flats‹? . . . »Hundelohn«, denkt Grothusen, »dafür, daß ich mich eine Woche lang auf zwanzig giftgrünen Läufern abgehetzt . . .« – – Er versucht vergeblich, die Scheine in seine Pyjamas zu stopfen; er findet keine Tasche und gibt es auf. Er wandert auf den Tisch zu; es dauert zehn Jahre, bis er ihn erreicht. Der unzuverlässige Stuhl sinkt seufzend zusammen; so landet er auf dem Boden unterhalb des Tisches. – »Warum geht das so langsam?« sinniert er dabei . . . »Das ist die verdammte . . . Einförmigkeit; die hängt mir wie Blei am Kreuz.« Er faßt sich in den Rücken, massiert sich und grübelt. Dabei blickt er böse und glanzlos unter dem Tisch hindurch. – »Ach . . .« ächzt er, »wir wollen doch einmal sehen, wer hier Herr im Hause . . .« Die Hütte ist totenstill. Es knistert im Dach. – Auf einmal: »W–i–i–i . . .« kommt ein Windstoß. Eine Jalousie schwankt und läßt einen messerscharfen Strahl durch; dann hängt sie wieder reglos. Grothusens Augen wandern ruhig lauernd umher. Der kurze Windstoß wiederholt sich nicht; das befremdet ihn. Mehr noch: er spürt, daß etwas wie eine böse Erwartung zitternd in der Luft liegt . . . Plötzlich wird es ihm zur markerstarrenden Gewißheit: er ist nicht mehr allein in der Hütte. Seit der Manager von den ›Dakota-Flats‹ verschwunden ist, hat ein anderer Einlaß gefunden, den er ungleich tiefer haßt und 311 verabscheut. Dünn zischelnd hat jemand die Jalousie zurückgeschlagen; ist jemand hereingeschlüpft. Grothusen stemmt sich mühsam am Tisch in die Höhe und lehnt den Rücken gegen den Mittelpfosten. – So ist er hinten sicher, und nach vorn zu hat er Hände; Augen. – Doch sieht er nichts. Schweiß bricht ihm aus. Der Feind ist da, und er kann ihn nicht sehen. Und diese schauderhafte Spannung zupft an ihm; pflückt dünne Mißtöne aus den zum Platzen gezogenen Saiten seiner Seele: kleine hohe Seufzer, die ihm wider Willen entfahren . . . Da! – – Er sieht den Besucher. Halb durchsichtig wächst er auf und ab; bald sich verknäuelnd, bald entrollend wie ein lichtscheuer Schatten, hantierend hinter schmutzigem Glas in trübem Regennebel . . . Leise pfeifend, gewinnt er Form. Er wird zu einem langgliedrigen, blassen, rothaarigen Bengel, und er schickt, an der spitzen Nase vorbei, einen stieren Blick über den Tisch herüber . . . Es ist etwas Verlassenes, hilflos Verhetztes in seinen Gebärden; die Kniee wachsen wie bleiche Knoten aus seinen schwankenden Beinen, und seine Ellbogen dringen bläulich aus zerscheuerten Ärmeln . . . Die Hände, von derselben Farbe, schwenkt er spinnenfingrig, eckig, und preßt sie abwechselnd vor den dünnlippigen Mund, als wolle er ein töricht-verlegenes Kichern verhüllen; irgendwie hat diese Geste etwas Lasterhaftes. Doch dringt das Grinsen wie eine scharfe Säure zwischen den Fingern hervor. Seine Kleidung ist ein Sammetkittel; ein viel zu kurzer, fleckiger, zerriebener Sammetanzug; um die zuckenden, knochigen Schultern schlingt sich, halb zerrissen herabbaumelnd, eine Häkelspitze. Die Spitze ist ein stoffgewordenes Schluchzen; sie hängt an der Figur wie Fetzen besudelter Träume aus frühester Zeit . . . Grothusen brüllt heiser auf und fällt quer über den Tisch, die Hände um die Kanten gekrallt. – »Du kommst mir 312 hier nicht herein! – Du verfluchtes Aas! – – Du kommst mir hier nicht herein!« – Zitternd tappt er nach der Whiskyflasche und schleudert sie nach der Gestalt. Sie zersplittert mit dumpfnassem Ton; Sprühregen pladdert auf die Matten. Für einen Augenblick ist die Luft leer; dann erscheint das Gespenst wieder. Es ist kleiner geworden; hat an Proportion verloren; sein perlblasses Gesicht hängt dort in der Luft – – etwa wie eine weiße Papierlaterne, erloschen nach einem ärmlichen Fest . . . Ist das nicht dasselbe Gesicht, das ihm vor kurzem noch bei Schlick erschienen war?! – Mit einem Ausdruck verblüffter Enttäuschung legt es den Finger an die spitze Nase und beginnt zu sprechen. Was es spricht, ist im Anfang unverständlich, doch fühlt man diese gezischelten Worte; – mit dem Geräusch kurzer Windstöße fallen sie als eisige Tropfen hart plumpsend herab; als erklängen sie im stagnierenden Grundwasser gemiedener Schächte . . . Träg rinnende Laute weben ein Netz von Verlorenheit; kein Bäumen hilft wider den klebrigen Druck; kein Aufstöhnen erblindender Lebenstriebe . . . Die Sätze werden schärfer; – – er versteht sie. Das Phantom sprüht Fragen von sich. Bei jeder Frage wirft es den Kopf ruckweise nach vorn; die Stirnhaut, überwimmelt von Sommersprossen, verzerrt sich häßlich über dem törichten Tanz der rötlichen Brauen.   »Weißt du noch? – – Hoboken, die Werft, und die grellen Blicke? – Und die Züge an der Hochbahnkurve? – Wie die kreischten? – Tagaus, tagein? – . . . Und die S-traßen . . . Die parallelen S-traßen! – Sie schnappten nach mir . . . Eine Nummer nach der andern! – – So kalt war es da . . . kalt und naß . . .« Grothusen sucht wild umher. Er packt das Stuhlbein und haut es über den Tisch. Er will das nicht hören . . . 313 Doch das Gezischel triumphiert wie das Schicksal. Es dringt durch den dröhnenden Krach. »Ach, und dann in Savannah! – – Da habe ich schwitzen müssen! – – Der Laderaum . . . Die Orangen . . . Weißt du noch, die Orangen? – – Rollende Hügel! – – Sie verseuchten die Luft; ja, das taten sie: wie süßes Gas! – – Wie? – Genau wie süßes Gas! . . . Und der Leim . . . Der s-tank . . .« »Ruhe!« – Grothusen zittert am ganzen Leib. Er schleudert das Stuhlbein mit aller Wucht nach vorn . . . Es geht glatt durch den jämmerlichen Umriß der Figur hindurch und landet klirrend zwischen den Flaschenscherben. »Und dann: weißt du noch? – habe ich Albums gemacht . . . Beschläge von Bronze . . . Schöner Sammet und Goldbronze . . .« Die Stimme klingt lüstern; wie behindert durch Speichel. – »Dutzendweise! – – Und auf der ›Polaria‹ hab' ich den Reis aus den Tellern gekratzt . . . Die Chinesen ließen ihn übrig . . . Der schmeckte fein . . .« – – Kichern erschallt hoch und leise; die Figur schwankt wie in torkelndem Tanz . . . »Chinesenreste! – – Erinnerst du? – . . . Und die Lobbywände in den ›Dakota-Flats‹! . . . Die Adern im Marmor! . . . Genau wie im Schlachthaus! – – Genau wie im Schla . . .« Grothusen klappt zusammen. Er kniet neben dem Tisch. Der rote Nebel vor seinen Augen versickert in eine Flut von Grau. Eine Stille entsteht. – – – – – – Jäh bläst ihn ein kalter Odem von der Seite an. Er fährt auf. Es klingt dicht an seinen Ohren . . . Wie Nadelstiche ins Hirn . . . »Die Nacht! – – Wie? – – Der Frost vom Hudson! –Weißt du noch: der S-treik? In den pennsylvanischen Minen? – – Da s-tand ich neben dem Kohlenhaufen! –– Wie 'n verlorenes Pferd neben dem umges-tülpten Wagen . . . Ich lief nicht weg, weil ich so . . . gründlich war! – – 314 So deutsch! – – Aber dann haben sie mich gemein behandelt! – – Geprügelt haben sie mich . . . Und meine Häkels-pitze . . .« – hier hebt sich die Stimme klagend und schrill – ». . . meine schöne Häkels-pitze . . . die haben . . . sie . . . ganz . . . zerrissen . . .!! – – –« Schluchztöne zerbersten in der Luft. Blauweiße Finger tappen herzu. Eckige Arme schieben sich aus dem Wesenlosen. Geschundene Kniee reiben sich aneinander; und wie schutzsuchend neigt sich die spitze Nase nach Grothusens Händen, voll verhetztem Drang nach Ruhe in zielloser Mühsal . . . Grauen reißt den Knieenden empor; er weicht zurück, bis er am anderen Ende der Hütte steht. Und was er sieht und hört, steigert sein Entsetzen . . . Das Phantom hockt dort noch kurze Zeit still am Boden, das Gesicht auf die Beine gebeugt und mit seiner Qual beschäftigt; – dann aber scheint es, als gehe eine äußerst fragwürdige, eine schleichende Verschiebung in seinem Wesen vor . . . Als sei die Haltung kein Hinbrüten mehr in Verzweiflung, sondern als sammle es Kräfte – sie dämonisch dem Umkreis entsaugend – um zu springen . . . Es zieht die Lippen zurück, ganz in den Winkeln . . . Es speit nach ihm; speit zerbrochene Sätze . . . »Du läufst mir davon? . . . Mich loswerden willst du? . . . Mich? . . . Willst mich wieder verjagen? . . . Weil's hier warm ist? . . . Gönnst mir's nicht? . . . Du Narr! . . . Bist zweimal um die Erde gerannt, und willst dich verkriechen! . . . Verkriechen vor mir! . . . Aber jetzt s-telle ich dich, vers-tehst du: jetzt s-telle ich dich!« Es setzt sich in Bewegung; es pflanzt sich ruckweise von Ort zu Ort . . . Seine Augen starren pupillenlos in den Raum, wie Knöpfe von Milchglas . . . Grothusen haut um sich; er will hinaus. Sinnmordendes weißes Feuer flammt hinter den Jalousien auf und schlägt ihn zurück. Er stolpert zum Bett; er wälzt sich hinüber . . . 315 Da kommt das Phantom auf ihn zu. – Humpelnd kommt es; in schauderhafter Eilfertigkeit trotz halbgelähmter Glieder. »Ah!« – kreischt es gellend. – »Was hast du mit mir gemacht!« Und es stößt die bläulichen Hände vor; die Fetzen der Häkelspitze baumeln an den Fingernägeln . . . »Du bist schuld! – – – Du allein! – – – Zehnmal gemordest hast du mich! – – –Ersäuft, mißhandelt, zers-tampft, zerschlagen hast du mich! – – – Ah! – –« Unsinnige Angst drosselt an Grothusen: die Angst vor der Tiefe. Wehren will er sich; wehren . . . Da springt es ihn an. – Er heult auf. Ein klirrendes Tier, wie eine Katze gestaltet, hängt ihm an der Brust; würgt ihn wie Blei. Es wird schwarz um ihn. – – –   Sevao hatte sich schlechthin geweigert, diesmal den Teufel auszutreiben; – und um Folau in Bewegung zu setzen, hatte es langer Überredung bedurft. – Denn das Schwierigste, was dieser bisher unternommen, waren vorübergehende Besessenheiten gewesen, wie sie etwa mit Geburten zusammenhingen . . . Kaum waren Tai, Petina und Folau in der Hütte angelangt, so traf auch Gerhart ein. Petina übernahm es, ihn mit Folau bekannt zu machen; es gab ein mächtiges Händeschütteln. Des Knaben Rede war wohlgefügt und lang; voll schwärmender Attribute, mit denen er den tief verehrten weißen Freund bedachte . . . In zehn Minuten wurde Gerhart zum Papst der Heilkunst; und Folau, der erleichtert begriff, daß man seine Anwesenheit unter diesen Umständen nur noch als Dekoration benötige, ließ sich auf seine natürlichen Polster nieder und lächelte mit zweiunddreißig Zähnen. – – Stumm sah man zu, wie Gerhart 316 den Kranken mit einem Gemisch von Kaffee und Whisky belebte. Im Lauf einer halben Stunde endlich hatte Grothusen sich so weit erholt, daß er kreuzbeinig auf dem Bett sitzen konnte. – – Gerhart zündete, da es dämmrig geworden, zwei Zinklampen an. – – Grothusen schien ihn zu erkennen, obschon er sich jeder Bemerkung enthielt; er sah ihm scharf und aufmerksam zu. Auf einmal, mit brüsker Stimme, verlangte er: »Wann kommt der Sekt?« Gerhart kam langsam mit der Lampe herüber und leuchtete den Kranken ab . . . Dann stellte er das Licht zurück und erwiderte mit Gleichmut: »Ist heute zu spät. – Aber morgen vielleicht. – Bin fast sicher.« Eifrig fragendes Geflüster erhob sich in der dunklen Ecke, wo das samoanische Trio hockte . . . » Allright, « grunzte Grothusen; befriedigt. – – »Wenn er nur unterwegs ist. – Famose Idee das vom Gouverneur, he? . . . Nur wegen der paar ›Müller-Lieder‹ . . . Der Mann kennt Kunst, wenn er sie hört. Gebildete Menschen verstehen einander.« Gerhart nickte bestätigend. – »Das tun sie.« Eine Pause entstand. Das fragende Getuschel in der Ecke verstärkte sich; ward deutlich hörbar. – – – Grothusen grübelte. Plötzlich schrie er hastig: »Wer steckt dort hinten?« Gerhart hob die Lampe und ließ einen Strahl auf die Gruppe fallen. »Keine Aufregung nötig,« sagte er dabei. – »Es ist nur Ihre Familie.« – – – Drei Gesichter – das grinsende Folaus und die angstvoll spähenden Tais und Petinas – lösten sich von der Wand der Dämmerung . . . »Was ›Familie‹?!« Ein erboster Aufschrei . . . Gerhart setzte die Lampe hastig zurück; sie klirrte und blakte auf. 317 »›Familie‹ nennen Sie das? – –Sind Sie verrückt? – – – Jagen Sie die Kanaker dort weg!« Der Laut einer getretenen Schlange kam aus dem Dunklen. Petinas Ohr hatte das Wort erhascht, das alte üble Wort; das Wort, das er haßte . . . »Jagen Sie sie weg!« – – – Blutunterlaufene Augen, voll Wut und Ekel, glommen aus der matten Kalkfarbe des Gesichtes dort im Bett . . . Das offene Dreieck eines Mundes stand darin, geformt von grotesker, rätselhafter Pein . . . Und hohl verröchelnd dann, ein drittes Mal, in ersterbender Beschwörung klang es auf: »Jagen. . . . Sie . . . die . . . verdammten . . . Kanaker . . . hinaus . . .!«   Die Bettlade brach knirschend zusammen. Im Rahmen der Bretter tobte ein dürrer Körper, wie ein gefangenes Tier. Und in das unablässige rhythmische Knirschen hinein sprach es langsam, warnend, mit klarer, wohllautender Männerstimme: »Moso.« – – – Jalousien klappten. Geräusch enteilender Schritte verklang in der Nacht. Intermezzo Es geschah an einem sonnigen Tage zu Ende des Monats August, daß der Mann, der drei Regierungswechsel überlebt hatte, einen vierten zu seinem Rekord versammeln sollte . . . Er tat seinen fußlangen Mantel an, bedeckte sich mit der Pilzhaube und kroch schleichenden Ganges die Strandstraße herab, der »Bismarckbrücke« zu. – Dort stellte er sich auf. Eine schwarzgerauchte, kleinköpfige Pfeife, steilgestellt, zuckte zwischen den mahlenden Kiefern. Die flachen, 318 engstehenden Augen – leicht nach innen geschoben von der Intensität der prickelnden Erwartung – grasten den Wasserhorizont ab; und als ein Dampfklumpen erschien wie ein graubäuchiges Tier, das über die Scheide der Welt mit lüsterner Vorsicht heraufkroch, nahm der verfrorene Greis ein enormes Teleskop aus den Tiefen seiner Manteltasche und verfiel der Andacht entrückten Starrens . . . So als erlebe er eine der hirnlähmenden Phasen des englisch-protestantischen Gottesdienstes; durchdulde sie mit Anstand und Haltung . . . Immerhin; diesmal fiel es ihm leicht . . . Ein winziger Union-Jack, in Form eines diskreten Knopflochschmuckes, setzte einen Farbfleck auf seine öde Person. Es mußte etwas Außergewöhnliches in der Luft liegen. Es war nicht die Gewohnheit des Eremiten, hervorzukriechen, wenn man ihn schlummernd vermutete, und sich von der samoanischen Sonne bescheinen zu lassen – der schamlosesten und nacktesten aller Sonnen. Es war nicht seine Gewohnheit, kleine Union-Jacks in derselben Sonne auszustellen. Dementsprechend sammelte sich Publikum hinter ihm an und gab sich Vermutungen hin. Der hamburgische Akzent, auf große Entfernungen kenntlich, herrschte vor. Die schneidende Präzision dieser nördlichen Sprachweise ermöglichte es dem grauen Pilzträger, einige Worte wider Willen zu erhaschen – wiewohl er die deutsche Sprache im allgemeinen bisher mehr als Geräusch denn als menschliches Idiom empfunden. – Deshalb lächelte er auch flüchtig – was ebenfalls eine bizarre Ungewöhnlichkeit bei ihm war –; lächelte mit dreieinhalb dürren Muskeln. – Diese Muskeln waren durch seltene Inanspruchnahme fast verkümmert. – – – Er hatte erhascht, daß man den fraglichen Rauchklumpen für ein . . . deutsches Kriegsschiff hielt . . . 319 Beschluß eines Briefes Der welthistorische Tag war gekommen. Sonnabend morgen erreichte die Panik im Hühnerstall ihren Höhepunkt. Auf der Lotsenstation war ein kleiner Kreuzer gesichtet worden, als er seine Spürnase vorstreckte. Hinter ihm tauchten fünf andere Schiffe und zwei Transportdampfer auf. Darunter war ein alter französischer Blechkasten, die »Montcalm«, mit sieben Metern Zielfläche über dem Wasser; das Geschwader hatte sie in Neukaledonien aufgegabelt. Ich vermute, man brauchte sie nicht zu überreden; sie schloß sich nur allzu gern an – der bewußten sieben Meter wegen. Es war ein fabelhafter Aufwand für das bißchen bewachsene Lava. – – Die »Schrecklichkeit« unserer Verwandten zweiten Grades war in diesem Winkel der Welt offenbar überschätzt worden; – – eine einzige Breitseite des schmächtigen Kreuzers hätte genügt, um diese Handvoll Teutonen ins Nichts zu blasen – – wodurch die Welt in diesem speziellen Falle nichts Wesentliches verloren hätte. Einige Leute, die mit »Schreckfarben« angetan herumstanden – die dreißigköpfige Verteidigungsmannschaft, von der ich Dir bereits berichtet – wurden gebeten, »abzulegen«. Dies; das Herunterholen der Fahne in Mulinu‘u, in deren Seil man einen kunstreichen Knoten fand, und die 21 Böllerschüsse zu Ehren des amerikanischen und des englischen Konsuls, die an Bord des Kreuzers gingen, waren die ersten militärischen Maßnahmen. – Sie waren mild; das Symbolische überwog. Weniger symbolisch war, was dann erfolgte: die Requirierung aller Gäule und Fuhrwerke, die Okkupierung der Hotels und »Saloons« und die rüde Behandlung der Leute von der Funkenstation. Diese Station war mit größter Sachkenntnis demoliert worden. Immerhin wurden die Experten nicht erschossen – wie man ihnen zunächst versprach – sondern nach Suva transportiert. 320 . . . Ein schwermütig blickender Mischling, Olfers, der die Angewohnheit hatte, vom Balkon des »International« herabzuspucken – – die Füße auf dem Geländer und nichts als einen schwarzseidenen Kimono zwischen der Welt und seiner Blöße – – erinnerte sich auf einmal gewisser preußischer Methoden, die er erlitten. – Sein Geschäftspartner, ein polnischer Friseur mit der Kraft eines Zirkus-Athleten, hatte sich bisher harmlos damit ergötzt, Fußball mit ihm zu spielen; den Gästen mußte etwas geboten werden. – – Olfers hatte das lächelnd mit sich geschehen lassen; doch saß er wie eine Klette auf seinem Geschäftsanteil und vertrank ihn in pittoresken Posen auf Korbstühlen. – – Nun hatte er einen lichten Moment. Er sprengte aus, das Hotel sei voller Waffen. Zu früher Nachtstunde, als der Lärm am höchsten flutete, erscholl draußen ein leises » High up! « – – 150 Gewehre richteten sich klappend in die Höhe . . . Etwa dreißig konsternierte Patrioten, der scherzhafte Athlet an der Spitze, wurden roh in ihren Gesängen gestört und zu Paaren getrieben. Der Mischling, in seinen Kimono geschlungen, eine Zigarette zwischen den feinen Fingern drehend, wohnte wie ein befriedigter Regisseur dieser Szene bei. Man stülpte das ganze Hotel um und fand keine Schrotkugel. – – Der Mann wurde später als unheilbar säuferkrank erklärt; jedoch geriet er unter andere Methoden: nämlich unter die Rauheit der australischen Jungen, in der ein Schatten Gefühl steckt. – Er wandelte umher als Plakat für einen Vater, der ohne Zweifel einen edlen Kopf besessen hat. Mich interessierte der Kerl. – Er war eine vollkommene Schale von einem Gentleman, gleichsam ein Abguß in Braun, aus dem man die innere Füllung herausgeschlagen hat . . . Er soll seitdem ein kindliches Glück zur Schau getragen haben. – Eine erschöpfende Genugtuung wie die seine ist beneidenswert! – – . . . Während all die deutschen Beamten vorläufig suspendiert und die öffentlichen Sitze mit englischem Personal gefüllt wurden, verbreitete sich 321 das Gerücht, daß auch die gewöhnlichen Pflanzer und Kontoristen als Kriegsgefangene abgeführt werden sollten. Man stellte sich so eine Art Prozession mit Ketten und Nackenhölzern vor . . . Die Straße wimmelte von Samoanern, die sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. Aus fernsten Dörfern wallten sie herzu, begeistert bereit, tagelang auf dem Strand zu hocken, nur um auf ihre Kosten zu kommen. Sie sind ein undankbares Gesindel; man hatte sie nie schlecht behandelt; doch glaube ich nicht, daß sie ausschließlich aus Schadenfreude kamen. Selbst wenn man eine halbnachsichtige Überlegenheit über Autoritäten als Praxis übt, ist es immer eine Sensation, die man nicht versäumen darf, wenn eine Autorität wechselt. Auch gibt es unendlichen Geschwätzstoff in den Dörfern . . . Die Chinesen waren es nun, die ihnen alles verdarben; denn diese kamen von den Pflanzungen herunter, und es wurde ihrer eine unheimliche Menge. Der Reis war wegen Knappheit der Furagezufuhr wochenlang ausgeblieben; es war eine Reisnot ausgebrochen. – – Alles, Mangel an Weibern und Opium, läßt sich vertragen; nur das nicht. – Sie glaubten jetzt, die Zeit zu einer Revolution sei gekommen; so stellten sie sich hin und machten ein stereotypes Geschrei vor dem Bezirksgericht. Da wurden die »Leoleos« beauftragt, die Gelben wegzuschaffen. Es war sehenswert, wie sie die dürren Kerle, die nichts wogen, an ihren blauen Kitteln packten – bündelweise, hätt' ich fast gesagt – und sie über den Zaun schmissen; sie direkt im Schoß der Vergeltung landen ließen. Nichts erinnert mehr an das Geschrei von Truthühnern, wie Angst- und Wutausbrüche von Chinesen . . . Die Samoaner fühlten ihre Würde bedroht und wallten wiederum heimwärts – – zu » vague « jedoch, um enttäuscht zu sein . . .   . . . Am Montag ging ich zum Provost-Marshal, namens Tottenham, um meinen Reisepaß zu holen. Er hatte den Lagerraum des Postgebäudes – eines grasgrün lackierten 322 Bungalows noch aus den Tagen des »Bloody Eagle« – für sich und seinen Stab für die Dienststunden belegt. Als ich eintrat, hatte ich den Eindruck eines großen und allgemeinen Transpirierens. – Du mußt nämlich wissen, daß all diese Leute für eine Reise ins nördliche Frankreich und für den Herbst ausgestattet waren: mit dicken Stoffen, dicken Gamaschen, mächtigen wassersicheren Stiefeln und Wollshawls aus dickstem Homespun, gegen die eine Boa constrictor um den Hals – im Moment des Erdrosselns – noch ein Aufatmen bedeutet hätte. Order, die Südsee zu erobern, war erst im letzten Augenblick gegeben worden; und die guten Jungen, konserviert in neuseeländischer Kühle, langten mit krebsroten Gesichtern an . . . Selbst ihr Maori-Schlachtgesang: » Komati komati kaura kaura... « sowie ihr trillernder Liebes-Lockruf: » Come down the W-a-n-g-a-n-u-i, floating in my c-a-n-o-e-i... « hatten keinen rechten Zug hier; ich verstehe den Verdruß. Man kam in der besten Absicht, das »Tier von Potsdam« mit Kugeln zu durchlöchern, wenigstens seine Abbilder, in effigie sozusagen – und geriet statt dessen auf ein Häuflein eingeschüchterter Weißer, gegen die ein bescheidener Straßenauflauf zu Hause wie Umsturz alles Bestehenden gewirkt hätte. – Und unter diesen Weißen waren noch dazu Neutrale, die McGrew oder Van der Gracht hießen, oder sogar mit halbspanischen Namen herumliefen (wie der Verfasser dieses Berichts); Leute, denen man nicht einmal mit gutem Gewissen versichern konnte, »Bill« sei mit einer Mine in die Höhe geflogen . . . Die übrige Armee, mit der man fertig zu werden hatte, waren dreißigtausend wohlgenährte Samoaner, die nichts mehr schätzten, als daß man sie in Ruhe ließ. Und die Maschinengewehre? – – Was fing man nun mit den Maschinengewehren an? – – Man schoß die Korallenriffe kaputt und wettete. Dabei 323 war es warm; scheußlich und unveränderlich warm. – – Wahrhaftig; ich verstehe ihren Verdruß. – Tottenham, ein bronzefarbener Hüne in Khaki von über sechs Fuß, wischte sich gerade sein großes gutgeschnittenes Gesicht mit einem seidenen Taschentuch von der Ausdehnung eines Frottiertuchs, als ich eintrat. Er hat eisengraues Haar, natürlich gehalten; es war eine Erholung nach all den Bürsten- oder Pomadestrukturen, die mir die andere Rasse geboten . . . Ich vermute, er ist Schotte. Die Augen liegen etwas tief, sind stahlgrau und schwarzbewimpert. Zuerst blinzelte er teilnahmlos herüber; dann aber, nach kurzer Überlegung in diesen tiefliegenden schottischen Augen, erhob er sich – es dauerte beträchtlich, bis er stand – und reichte mir ohne weitere Vorstellung eine mächtige Hand, in der die meine fast verschwand. Hierauf befahl er einen Stuhl und drückte mich mit einer Gebärde hinein; höflich lächelnd; – worauf er selbst zurücksank. »Sie brauchen einen Dolmetsch?« »Nein.« »Dachte das . . .« meinte er, und ließ mir Zeit, darüber nachzudenken, warum er das dachte. – – Als er fragend die Brauen hob – er hatte mich inzwischen wohlwollend betrachtet – erklärte ich ihm, ich wolle einen Paß nach Santiago, mit der »Navua«. – – »Ich bin Chilene,« fügte ich bei; – »ich bin nicht deutsch.« Er nickte langsam. » You don't quite look it – « bestätigte er ebenso unvermittelt wie unsachlich. Hierauf ließ er mir wieder etwas Zeit darüber nachzudenken, ob er eine Schmeichelei beabsichtige oder sein Bedauern ausdrücken wolle. – Ich neige jetzt der ersten Annahme zu. – Papiere hätte ich keine zur Hand; erklärte ich weiter. Mein Name sei meine einzige Legitimation. Die Wirkung dieser letzteren Erklärung war selbst für mich verblüffend. Ich hatte keinen preußischen Bureaukraten erwartet, das ist wahr; aber auch keinen, dem schon die 324 bloße Erwähnung von Papieren Heiterkeit verursachen würde. »Higgins!« – – rief er gedämpft. – Ein Jüngling erschien und deutete Salut an. »Stellen Sie Herrn . . . Ollendiek-Velez? . . . einen Erlaubnisschein aus . . . nach Santiago? . . . Santiago zu fahren. Mit der ›Navua‹, ja.« Ich mußte es mir mit der größten Mühe verkneifen, nicht albern zu werden; aber diesmal aus einem anderen Grund wie während meines Interviews mit dem Geheimrat . . . Ich konnte nicht umhin, Tottenham eine kurze Schilderung jener Schwierigkeit zu entwerfen. – Er zuckte die Achseln; dann sagte er: »Mein lieber Herr, wir haben kein Interesse daran, Sie mit Gewalt hier festzuhalten. Erstens sind Sie Chilene; es würde uns mehr Mühe machen, die Beweise dafür zu bekommen, als Sie nach Sydney zu transportieren. – – Zweitens . . .« In diesem Augenblick drang ein Geräusch herein. Es kam aus dem »Zentral-Hotel«; es war »Donnerhall«, von Klappern untermischt . . . Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, daß es sich eigentlich um Dinge handele, die man besser mit schweigendem Widerstand, schweigender Selbsterkenntnis und Kraft vertrete, als mit aufreizendem Gebrüll unter den Ohren einer bis dahin leidlich toleranten Kriegsbesatzung. Tottenham unterbrach sich und lauschte. – Dann näherte er sein Gesicht dem meinen, sah mich mit stahlgrauen erfahrenen Augen an und fuhr in gleichem Tonfall fort: ». . . Zweitens sind Sie nicht der Typus, der eine Gefälligkeit mißbraucht. – Wünsche angenehme Reise!« Er reichte mir den Paß, nahm meine Hand noch einmal in seine ungeheure Flosse und begleitete mich zur Tür. 325 Die Entlarvung des Buschhahns Unter dem Himmel, gestirnt und weit, grabt mir die Kammer der Ewigkeit. Da ich des Lichtes mich gefreut und willig den Tod verträum', wähl' ich den Spruch (er daure gut): »An tiefersehntem Ort er ruht; »Der Seemann kehrte von der Flut, »Der Jäger vom Hügel heim.« Nach R. L. Stevenson. Das Requiem von Stevenson lautet: Under the wide and starry sky, Dig the grave and let me lie. Glad did I live and gladly die, And I laid me down with a will. This be the verse you grave for me: Here he lies where he longed to be; Home is the sailor, home from sea, And the hunter home from the hill! Die Notsegel lagen dick zusammengerollt auf dem Hinterdeck. Zwischen ihnen kletterten und jagten sich nacktbeinige amerikanische Kinder. Hagere, gutangezogene Männer lagen Gummi kauend da und dort auf Deckstühlen. Eine Gruppe Weiber in Waschblusen schwatzte in einer Ecke; ihr schleimiger Tonfall floß wie ein verpestender Strom von Alltäglichkeit über das ganze Schiff. – Und während diese nacktbeinigen Kinder sich zeternd über Ballen von Teertuch rollten und die Weiber in Waschblusen ihre Stimmen an den Themen der Mutterschaft wetzten, ging – mit einzigartigem Gepränge – der Tag zur Rüste. – – – Gerhart lehnte sich über das Geländer und verlor sich in der Aussicht. – – Einmal wurde er noch durch einen der gutangezogenen Männer mit näselnder, belangloser Bemerkung gestört; erwies sich jedoch als wenig mitteilsam. – Dann verloren sich die Geräusche hinter ihm; – offenbar leerte sich das Deck. Tutuila, aus Gold und Kupfer, prunkte zackig über dem siedenden Dunkelblau der Wasser. Immer höher kroch das Kupfer an den Spitzen der Felsengruppe, bis die Silhouette zu Violett erblindet gegen den grünlichen Himmel stand. Dann schwärzte sich ihr Umriß; kleinste Spitzen stachen deutlich empor; entferntere Kuppen traten zusammen; Schluchten verschmolzen zu tintenschwarzen 326 Flächen. Währenddessen stahl sich das Grün zögernd aus der Welt, und der blaue Abgrund schloß sich auf, bestreut mit Massen südlicher Sterne. Schwärze floß in Schwärze, und die Silhouette sickerte hinein . . . . Des Schiffes ruhevolle Schaumfächer zerrieselten opalgrün; dann und wann schleppte der Salzhauch schläfrige Möwenschreie herzu. – – Alles funkelte von zögerndem Silber; die Nacht war da. – Gerhart zog sich einen Liegestuhl ans Geländer und bettete die Füße gegen die Stäbe. Er brannte sich seine Pfeife an, verschränkte die Arme unter dem Kopf und blickte ziellos in die Nacht. – Tot und fern kreisendes Silber taute herab; das Takelwerk seufzte; die Maschine pochte. – Es war Gerhart, als belausche er sein eigenes Herz –: da war ein tiefes, urvertrautes Dröhnen aus einer Welt, die ihm zu entschlüpfen drohte. Auf einmal packte es ihn wie ein Ekel, der ihm fast den Atem nahm. Da, da . . . auf dem Grund der Nacht zuckte es wieder auf mit verstümmelter Bewegung, rothaarig, weiß wie Kalk; winkend . . . Und jetzt, zum erstenmal, glaubte er zu wissen, warum er jene Fratze nicht aus seinem Blute brachte. Sie war es nicht allein, wovor er zurückwich. Sie war das Sinnbild für eine ganze Klasse; für eine allzu laute, allzu zahlreiche, allzu rohe und zugreifende Gruppe von Menschen, die, von seelenloser, absurder Disziplin zusammengeschlossen, eine fürchterliche Macht bildete: – eine Macht, die die Erde zu veröden drohte. Denn sie erklärten ein bastardhaftes Nebenprodukt des Geistes – den Glauben an das nackte Rechteck – für den Geist selbst. Gerhart setzte sich auf. Er schloß die Faust hart um das Geländer. Doch dies Surrogat – so fett es wuchert; so pomphaft es gedüngt und gepflegt wird –: sie können es nie auf Kosten des Mutterbodens großzüchten und sprechen: »Wir haben das Wahre gefunden.« – – – Sie sollen es nur 327 versuchen. – – – Denn der mißhandelte Geist bringt Gegenkräfte hervor; namenlos starke, die nicht mit sich spotten lassen; Kräfte stark gleich Freudentränen, vergossen über den Bau eines jungen Leibes, über eines Farnblatts Fiederung vor dem Morgenhimmel, über Dichtwerke von großer Kindlichkeit und Tiefe; – die ätzend wie heilsames Gift den rohen Stolz des Bastards brechen. – Und wenn es Leute gibt an jenem Strand und anderswo, die sich in seinem unfruchtbaren Schatten spreizen; denen wohl ist in Gemeinschaft des wuchernden Dornengewächses mit metallenen Spitzen: – die Zeit beginnt schon sie hinwegzuschwemmen . . . Andere werden kommen; vielleicht von derselben Rasse, vielleicht von einer anderen . . . Etwas muß reifen; etwas Besseres, Duldsameres, Gütigeres . . . Der Anfang ist da; seit drei Wochen ist der Anfang da!   Plötzlich bemerkte er, daß eine Gestalt neben ihm am Geländer lehnte; er sank zurück, wieder an seiner Pfeife saugend. Aus den Augenwinkeln betrachtete er die Erscheinung. Sie trug einen Mackintosh und die Schiffsmütze tief ins Gesicht gezogen; doch als sie den Kopf halb nach ihm drehte, fiel ein trüber Lichtstrahl aus dem Speisesaalfenster auf ihr Gesicht. Es war ein rotes, feistes, bartloses Antlitz mit einer aufgestülpten Nase. Gerhart stieß einen Laut der Überraschung aus. »Verzeihung,« sagte Doktor Säuerlich. – Er ging ohne Formalität aufs Ganze. – »Ich höre Sie da murmeln . . . Worüber regen Sie sich auf? . . . Sie haben doch wahrhaftig keinen Grund . . .« – Er blickte sich kurz um und zog die Mützenkrempe etwas tiefer. Gerhart überlegte sich, ob es nicht besser sei, kurz und höflich abzuwinken; dann aber überwog die Neugier. »Sie haben mich überrumpelt.« »Glaube ich; glaube ich. – Promeniere mit Vorliebe 328 nachts auf Deck. – War zuerst Postpaket nach Pago-Pago unter dem Öltuch, bei all dem Benzingestank; – aber von da ab: Kapitänskajüte! –Distinguiert; verstehen Sie. – Nicht angenehm das alles, bei meinem Alter; – aber wer weiß, ob sie einen nicht noch unterwegs abfangen; – da vermeidet man Popularität.« – Er holte sich einen Stuhl heran und ließ sich schwer schnaufend neben Gerhart nieder. »Sie haben's besser,« fuhr er fort und steckte sich eine enorme Zigarre an. – »Mit Ihrer englischen Aufmachung . . . da geht das. – Jung und keck und drei Sprachen abgewickelt. So hat's manch einer fertig gebracht.« »Ich bin neutral; Chilene.« Doktor Säuerlich nahm die Zigarre aus dem Mund; er hielt ihn gerundet. »Tü, tü,« sagte er. Dann füllte er das Loch wiederum und ließ in tiefstem Basse folgen: »So-o-o.« Eine Pause entstand. »Übrigens,« ließ der Doktor sich wieder vernehmen . . . »Sie haben mich neugierig gemacht. Ich stand vorhin 'ne ganze Weile hinter Ihnen und sah Ihnen zu . . . Erleichtern Sie sich.« Gerhart lachte. »Wenn Sie's wissen wollen –: Ich dachte an den rothaarigen Buchhalter. Sie wissen den, der am Typhus starb.« Doktor Säuerlich fuhr auf. – »Tot?!« – – rief er heftig. »Sie sagten doch selber, es wäre nichts zu machen . . .« »Freilich nicht; mit der Diät . . . Kawa und Whisky! – – Genug um ein Nashorn umzubringen . . . Nun ja; 's ist vielleicht ganz gesund für ihn, daß es 'rum ist. Ob sie ihn dort einbuddeln oder sonstwo: wen in aller Welt kümmert das. Immerhin; ich dachte, es würde noch ein paar Wochen dauern. – Sie waren dabei? – Was passierte? –« Gerhart sann nach. »Das ist keine sehr erquickliche Geschichte. – Ich war am Freitag da. Am Vormittag war er ganz vernünftig; gegen 329 Abend aber kriegte er's mit der Tobsucht und zertrümmerte das Bett. – Das war eine gute Idee von Ihnen, mir für den Notfall Morphin zu geben; ich spritzte ihm's ein und bekam ihn ruhig. – Am Samstag früh sah ich noch einmal nach; er war wie fast immer im Delirium. »Da kam sein Halfcaste-Junge hereingerannt und schrie: ›Zwei Dutzend Kriegsschiffe sind da; gespickt voll Kanonen!‹ »Das regte ihn mächtig auf und machte ihn mit einem Schlag nüchtern. – Er hielt mir große politische Reden, und am Schluß prophezeite er. Er stieg sogar von seinem Bett herunter und schwenkte die Faust. – ›Was der Amerikaner –‹ schrie er, – ›von der Zinne seines Dollarhauses posaunt . . . Was der Engländer laut in der Bar bespricht . . . Das darf der Deutsche nicht einmal im Keller denken! – –‹ – – Ich führte ihn auf sein Bett zurück; er schnappte nach Luft. Ich sah, daß es zu Ende ging. – – ›Das ändert sich jetzt –‹ flüsterte er noch, – ›nehmen Sie mein Wort drauf . . . Das ändert sich jetzt . . . Ganz gewaltig ändert sich das . . .‹« »Und dann . . .?« »Zwei Stunden lang gab er keinen Laut von sich. – Dann fuhr eine englische Patrouille auf Rädern vorbei; das Haus kam ihnen irgendwie verdächtig vor, denke ich . . . Sie erschienen plötzlich und rissen ein paar Jalousien in die Höhe. – Ich merkte nichts, bis es zu spät war; sonst hätt' ich ihnen abgewunken . . . Nun hätten Sie aber Grothusen sehen sollen. Ich hab' noch nie einen Menschen so hirnlos entsetzt gesehen. »Sauste ganz unvermittelt in die Höhe und schrie auf mich ein: ›Nehmen Sie das Licht weg! – – – Nehmen Sie um Gottes willen das verfluchte Licht weg!‹ – – Dann fiel er zurück. – Und dann war's aus.« – – – Doktor Säuerlich räusperte sich. – »Gab mal jemanden . . .« fügte er bedachtsam ein – »der wollte mehr davon, vom Licht, meine ich; – – bei 'ner ähnlichen Gelegenheit. – Weiter.« 330 »Die Tommies fuhren ganz erschrocken zurück. – Natürlich merkten sie sofort, was vor sich ging und drückten sich. – Ich deckte ihn dann noch zu und gab dem Jungen ein paar Pfund für die Bestattung. – Erinnern Sie sich an die samoanische Frau, mit der er zusammenlebte? – Die kam gerade, als es vorüber war. – Ich suchte ihr klarzumachen, was vorgefallen sei. – Sie hatte sich in letzter Zeit etwas merkwürdig benommen. Er hatte sich wie ein Vieh gegen sie aufgeführt. Zunächst schien sie nichts zu begreifen; hockte sich neben ihn; faßte ihn an; streichelte ihn. »Der Anblick war zu viel für mich, und ich ging. – Bei der Abfahrt brachte mir der Junge Petina das Gepäck mit aufs Motorboot und erzählte mir, daß seine Mutter spurlos verschwunden sei. – Man habe sie in der Pflanzung umherirren sehen; von da ab sei sie offenbar in den Busch gegangen. Einfach wie weggeblasen sei sie. – Der Junge sagte noch, er wolle sie suchen gehen; doch er tat so anheimstellend dabei, als ob er selbst nicht daran glaubte, daß man sie finden könne.« Tiefstes Stillschweigen folgte. – – – Endlich, nach der Vertilgung eines guten Stücks seiner Zigarre, sagte der Doktor mit heiserer Stimme: »Als Sie mich baten, den Mann zu behandeln, gab ich ihm über Ihre Adresse nur ein paar Grobheiten zurück, die er mir vorher hatte angedeihen lassen. – – Will Ihnen was sagen: wäre ich auch noch einmal gekommen, der Mann hätte mich wieder herausgeworfen. Ich tat die Andeutung schon das erste Mal in meine Pfeife. Der Mann wollte sterben. – – Denken Sie nicht, ich fasele. – Er hatte es satt; bis zum Hals. »Waren früher besser bekannt – – als er noch 'n Mensch war. – Erzählte mir allerhand damals. – Der Vater hatte 'nen Winkelpapierladen in der Altstadt, in Hamburg; ist nicht gerade die appetitlichste Gegend. Unser Freund war schüchtern, und in der Schule gab's keine Rücksicht. Mit sechzehn setzte der liebevolle Erzeuger ihn vor die Tür. 331 Dann kam 'ne Masse übler Beschäftigungen: Schiffsjunge, Faktoreigehilfe, Liftboy, Hilfs-Clerk; dreimal kam er um den Globus herum; und überall putzte sich das düsterste Gesindel die Stiefeln an ihm ab. »Da kam er einmal wieder nach Hamburg, und jemand entdeckte, daß er einen tiefen Tenor besaß. Der steckte ein paar tausend Mark in die Ausbildung, und alles machte sich ganz rosig. – Karriere, Zukunft und so weiter. Das blendete nun ein Fräulein vom ›Pulverteich‹, und sie verlobten sich. – Kurz bevor es passierte, heirateten sie . . .« »Was? – – Heira . . .« »Nie davon die Rede gewesen; – m – m? –– Also kurz bevor es passierte, nämlich das ›Kehlkopfübel‹ . . . Ihr Alter zahlte 'ne Seereise; warum nicht nach Samoa? . . . ›Perle der Südsee‹ . . . Es war die einzige Chance. – Sie kam mit. – Unterwegs wurde gepokert, und ein paar australische Gauner nahmen ihm das ganze Geld zur Rückreise ab. – So blieben sie in Samoa hängen. »Für weiße Frauen ist überhaupt das Klima nichts; – werden anämisch. Besonders wenn der Mann säuft. Die Stimme war endgültig futsch; – das sah er ein. – Nach Hamburg zurück wollte er nicht; 's wäre ihm zu polizeimäßig da, sagte er. – Begreiflich. – Ihr Alter schickte noch Geld; – er probierte es mit einer Seifenfabrik; die ging schleunigst bankrott. Das Fräulein vom Pulverteich wurde hysterisch. Begreiflich. – Dann fuhr sie weg und besorgte ihre Scheidung. – – Mit ihm ging's natürlich seitdem bergab. Das ist die Vorgeschichte, mehr als zwanzig Jahre her. – – Was Sie erlebt haben, war der Aktschluß. – – Solche Fälle passieren. »Mit diesem Bericht hat mir der Mann damals 'nen Schlüssel gegeben . . . Na, was ist Ihnen denn? – – Schaun mich ja ganz entgeistert an? . . . – 'nen Schlüssel, sage ich, den ich hiermit Ihnen überreiche. Werden vieles begreifen.« 332 Doktor Säuerlich warf seinen Zigarrenstummel übers Geländer. »Empfehle mich.« Er entschwand, nach einigem Klettern, in der Tür der Kapitänskajüte. – –   Und Gerhart begriff. Er sah sogar noch tiefer; sah mehr als nur die vielleicht banalen Phasen jenes Passionsgangs. »Das Geheimnis dieses ›Buschhahns‹,« erkannte er, – »ist, daß er keines besitzt. – Er ist entlarvt. – Nun kann ich ihn begraben. – Es steht so mit ihm, daß er trotz alledem doch nur ein kläglich flügellahmer Dorfhahn blieb. Der Dorfhahn, der deutsche Dorfhahn, will dienen, und dient gern; doch diese Bereitschaft macht ihn zum Sklaven . . . Sie wächst ihm über den Kopf; er tauft sie um und nennt sie Freiwillige Unterwerfung . . . Unter was?! . . . Nun, unter das unentbehrliche Ding, genannt ›Autorität‹ . . . unter die beweglichste, die ansteckendste aller selbstgeschaffenen Qualen.   »Autorität . . . Er findet sie im Winkelladen; in der trüben Regendämmerung hinter dem Schaufenster; im schweren Schritt des Vaters . . . aber er flieht nicht. Er wartet, bis sie ihn mißbraucht und auf die Gasse wirft. In der Schule findet er sie, und sie vergewaltigt ihn . . . Doch im geheimen liebäugelt er mit ihr – so gänzlich besitzt sie ihn –; und um sie um keinen Preis zu vermissen, beschenkt er jeden damit, den er trifft. »Ein schmutziger Heizer handhabt sie; ein Werftarbeiter, ein Schutzmann, ein Hotelbesitzer, ein Kohlenlieferant. Er sieht nicht das Vulgäre dieser Menschenklasse; nicht das Lächerliche und Belanglose . . . er sieht die Autorität. Und der schlechtgenährte junge Mensch dient und schweigt. Es genügt, daß man brüllt. Er will es nicht anders. Ehrfurcht vor Leuten, die brüllen, ist ihm angeboren, 333 anerzogen, eingebläut und eingebrannt wie der Hürdenstempel bei Schafen. »Dann erwacht die Seele; der Gesang kommt; die Kunst. – Auch sie erhebt er – ohne Zögern – zur Autorität. – Ihre Macht ist weicher; sie hetzt ihn nicht; sie lenkt. Er dient mit Inbrunst; nie hat er sich bedingungsloser unterworfen. Da, in einer Laune, stößt sie ihn zerbrochen von der Bühne. Er schmäht sie nicht; er fährt fort sie zu vergöttern. Und doch erkennt er: – er hat ihr zuviel gegeben, und sie hat zuviel genommen. Die Spuren ihres Joches, empfangen in süßer Beklemmung, zeigen sich nicht in Mißhandlung mehr seines Körpers, sondern brennen weit schmerzlicher als Sklavenzeichen, unvertilgbar, auf seiner Seele. – Und sie beginnt zu schwärmen, die Seele; ihr ist, als sei sie von buntumkränzten Stelzen gestürzt und als müsse es ihr gelingen, humpelnd noch Schritt zu halten . . . Da gerät sie an eine Kluft und grübelt. – Sie wartet; sie lauert darauf, daß die Kunst sich wieder erbarme. Doch statt ihn wieder in Glorie zu tauchen, äfft sie ihren Sklaven mit Mißton aus verbrauchten Instrumenten; mit einem . . . ›Kehlkopfübel‹ . . . »So sitzt sie da, die Seele, und spielt eigensinnig, matt mit verblichenen, entwerteten Wünschen. Währenddessen wird sie tückisch und beginnt dumpfen Haß zu nähren gegen alle Autoritäten . . . Sie fährt zwar fort, ihnen zu dienen, aber tief innen erwacht ätzende Kritik. Was hilft es? – – Die Kraft ist fort. »Das eiserne Joch ist unverrückbar; – Gedanken haben es geschaffen; aber kein Gedanke schafft es wieder weg. – Gelegentlich rennt man noch dagegen an und macht die alte Gebärde des Kriechens . . . Doch innen gärt es von unbefriedigten Wünschen. Sie verpuffen in Ratlosigkeit oder Brutalität. »Halbverstandene Gelüste erwachen; kleine törichte Rachepläne, die alles Harmlose wahllos gefährden. Man hat den Tyrannen, den Idolen, die Gebärden abgelernt – 334 o, man kennt sie gut genug! – und übt sie aus, nicht ohne Wollust; – kehrt sie gegen ein Geschöpf, das man an sich gefesselt wähnt; – gegen kindliche Insulaner, die keinen Zwang über sich anerkennen als die eigenen heiteren Zeremonien; als die nackte sanfte Natur. ». . . Und dabei, trotz allen pompösen Stolzierens, trotz allen Prunkens mit ›Freiheit der weiten Welt‹ wird er umsponnen, und der Boden wird ihm weggezogen. Etwas ist da, das ihm bald droht, – bald ihm erbarmend brennende Blüten über den Pfuhl streut: – der Whisky. Und er braucht ihn, um sich zu wehren. – »Denn in seinem Versteck, in seinem schlauen, fernen Versteck wittert ihn ein böser Gast und findet ihn heraus –: – seine Jugend; seine von Knuten zerschundene Jugend, die sich an seine Fersen heftet; die ihm über die Meere folgt und nach ihren zertretenen Rechten wimmert . . . statt jene anderen zu peinigen, denen er sie hinwarf; sie zu peinigen und aufkreischend aus ihrem ›gepanzerten Schlaf‹ zu jagen: – die harten kalkulierenden – Autoritäten! – – –« Und weiter begriff der junge Chilene: »Der Deutsche hat die meisten Möglichkeiten, die ein Mensch sein eigen nennen kann. Darum, wenn er sich unterordnet, ist seine Entsagung auch die größte . . . Zu viel Triebe werden da gelähmt; im Wachstum behindert; in Entfaltung gewaltsam gehemmt. Das Opfer ist zu groß; er leidet. »Er kopiert das Gehaben scheinbar freierer Menschen und täuscht sich damit vor, er sei frei. Wo die bequeme Beschränktheit anderer Rassen munter zugreift, voll natürlicher Skrupellosigkeit, greift auch er zu. Doch seine Hände sind ungeschickt. Ein Schatten liegt darauf: der Schatten der Spekulation. – – – Man sieht den schweren Nacken; das Zögern; den scheuen Blick, der Erlaubnis heischt; – man sieht die gefurchte, willensstarke Stirn, die so wenig zu diesem Blicke passen will – – – und man lächelt, 335 stutzt, mißtraut. – – Verdacht schießt auf und steigert sich zum Haß. »Wann wird er Harmonie bringen in seine Möglichkeiten? – »Wann wird er die Selbstbeschränkung erlangen, die nur das fördert, was wert ist zu blühen? – »Wann wird er das Prokrustesbett zertrümmern, auf das er die Seelen von Kindern zwängt; – wann der Berechnung Einhalt tun, die Raubbau an ihnen treibt; – sie großzüchtend zu Rädern an der Maschine, die ihn selbst bedrückt wie ein Alb –? – – »Wann wird er die Treibriemen zerhacken an dem von Spitzen starrenden Schwungrad, dessen Fron ihn zum Zerrbild macht vor aller Welt; – – das er hätschelt und von dem er sich zermalmen läßt –: nur, weil es seine eigene wundervolle Maschine ist? – – – ». . . Hat er ganz vergessen, daß er die Kraft hat, diese Maschine niederzureißen, wann er will, und statt ihrer einen Tempel hinzubauen, in dem seine Möglichkeiten wetteifern in schönem Gleichklang . . .? – – – Tut er das, dann gesellt er sich als wahrhaft Freier neben scheinbar Freie; ungleich freier als sie, weil er bewußt zurückdämmt oder bewußt da wirken läßt, wo die Empfindungen und Kräfte anderer bestenfalls nur glücklichem Instinkte folgen! – – –«   Während feuchter Salzwind ihn dumpf umbrauste, erkannte Gerhart, daß all die wirren Fäden von früher hier, in dieser Erkenntnis, erlöst zusammenströmten. Zuerst in ahnungsvollem Traum ersehnt; plötzlich mit unterdrücktem Jubel scheinbar entdeckt; wieder halb verloren dann, versunken in die Schatten aufspringenden Ekels – war »der Mann mit dem Schlüssel« zu dieser beschließenden Stunde ganz enthüllt worden und trat klar hervor. Die Besudelung verblich; Mitleid überglänzte sie. Und im Testament des erbärmlichen dunklen Lebens, das Gerhart mit Abscheu 336 hatte erlöschen sehen, hatte jener Grothusen ihm den Schlüssel vermacht. Und damit war ihm jetzt der Beruf gegeben, das Tier zu bekämpfen, dessen drohende Gegenwart seinen Vater zur Heimatlosigkeit verdammt; dessen gehetzten Atem auch er im Nacken gespürt, seit er dem Schatten der Maschine aus dem Wege zu gehen suchte; – – das Tier, das in Zahlen träumt; das Gefühle frißt und entwertet von sich speit; das Tier, das giftiges Grubengas durch die Goldschächte haucht, an deren Wänden die deutsche Seele pochen und schürfen will. – Und wenn Gerhart den Vater in einem Scheinfrieden ruhend gewähnt: – sie war nur künstlich, die üppige Pflanzenfröhlichkeit des zerbrechlichen Glashauses; war nur eine der vielen Selbsttäuschungen des deutschen Herzens. – Der Vater kannte nur die Sonne, die wütend von Teerpflastern zurückprallt; wird der Sohn Ruhe finden unter der, die sanft aus den Lachen eines Sommerregens lächelt? – – –   . . . Der braune Knabe glitt durch Gerharts Gedächtnis. Er sah die kleine Figur am Strande stehen, fast nackt, mit dem grünen Seidentuch um den Hals. Im letzten Augenblick war ihm ein flüchtiger Impuls gekommen, ihn zu sich zu rufen; ihn mit sich zu nehmen als dauerndes Eigentum. Doch plötzlich wuchs Wasser, Wasser zwischen sie beide; die Häuser, der Strand und die Straße mit dem Knaben wurden verschlungen und ausgelöscht von schwarzem Grün. Die Kette der Kuppen, die still die Weite bevölkerte in rätselhafter Schöpfungsinnigkeit, ward ärmer; die Hügel Upolus, smaragdgrün gefleckt, schoben sich wie Kulissen zusammen und sanken nacheinander ins blaue Wasser zurück . . . Und ein Akkord, wie der einer Orgel, starb leise dahin.   So wie des Knaben Mutter sich verkroch in den heimatlichen Urdunst der Wälder nach zwei Jahrzehnten 337 Gemeinschaft mit dem Mann vom fremden Blut – so, unverfälscht, wich Petina zurück in seine wahre Heimat. Gleich ihm – und er begann es zu ahnen – glitt auch Gerhart seiner Heimat zu – –: nicht einer Heimat, die er kannte und verlassen hatte; – nicht einer gemiedenen oder lächelnd verleugneten, auch seiner Namensheimat nicht: sondern einer, die sich erst bildete und bereitete, jetzt, während ihm die erste zögernde Gewißheit kam.   Ende .     Nachwort Der Roman »Der Buschhahn« entstand nach einem viermonatigen Aufenthalt in der Südsee, der zunächst auf Fiji und Tonga, dann aber längere Zeit auf Samoa verbracht wurde. Auf Sawaii wurde ich vom Ausbruch des Krieges überrascht. Im September 1914 gelang es mir, mich der englischen Kontrolle zu entziehen und nach den Vereinigten Staaten zu entkommen, wo das Buch in den Jahren 1915 und 1916 konzipiert und beendet wurde. Mehrfache Versuche, es früher zum Druck gelangen zu lassen, scheiterten an den Kriegsverhältnissen. Das Buch baut sich durchweg auf eigenen Beobachtungen auf. Die Texte der Märchen, Lieder und »Mattenpreisungen« verdanke ich der leutseligen Bereitwilligkeit der ehrwürdigen Matrone Fa‘a‘ui-Sā, Tochter des Tuao und der Telega aus Lotofaga. Um die deutsche Sinnwiedergabe machte sich Herr Neffgen, Apia, verdient. München, Herbst 1920 Willy Seidel .